MMÜlM Dem Manne gleich. Novellette von E„,it Maniok. ^Nachdruck verboten.^ ar sie besser oder schlechter als die übrigen Mädchen der kleinen Stadt? Eins nur stand fest, nämlich daß sie anders war als die anderen. Zwar konnte man ihr nichts vorwerfen als höchstens, daß sie ein hochmüthiges Ding wäre. Vielleicht war sie das auch in ihrer Art, obwol sie niemand damit beschwerlich fiel, weil sie mit keinem Menschen verkehrte. Jedoch gerade dieses Selbstgenügen däuchte der Gesellschaft ein schweres Verbrechen, und sie konnte der armen Betty nicht vergeben, daß diese sich nichts aus ihr machte. Uebrigens war Betty's Leben ein recht trauriges. Eine Näharbeit im Schose, saß sie Tag um Tag am Fenster und sann über Leben und Jugend nach, welche so reizlos verliefen, und welch ein anderes Ding es sein würde, wenn sie als Knabe auf die Welt gekommen wäre; dann hätte sie lernen und etwas rechtes werden können, aber so! Sie war ein stolzes und zugleich ungemein scheues Geschöpf, das aus Furcht, es könnte zu rauh angefaßt werden, sich ängstlich in sich selbst zurückzog. Jedes an anderen verübte Unrecht empörte sie, als ob es an ihr oder einem ihr theuern Menschen begangen worden wäre, und da man im Leben täglich und stündlich Ungerechtigkeiten begegnet, befand sich das arme Mädchen in einem beständigen Kampf gegen alle Welt; zudem waren die Verhältnisse, in welchen sie sich seit ihrer Kindheit bewegte, nicht danach angethan, ihr eine freundlichere Ansicht von den Menschen beizubringen. Diejenigen, welche in einer Großstadt leben, können schwerlich einen Begriff davon haben, was für eine demüthigende Stellung ein junges Mädchen in einer kleinen Provinzstadt einnimmt, wenn es zu den Armen zählt. Nun hätte Betty sich allerdings in die Gesellschaft eindrängen und als eine der Unbemitteltsten und wenigst Angesehenen ihre kleine Rolle dort spielen können, hätte auf den leidigen Casinobällen in einfacher Kleidung bescheiden in einer Ecke sitzen und warten können, bis es einem der jungen Herren gefällig sein würde, sie zum Tanze aufzufordern; nebenbei hätte sie freilich allen den Vätern, Müttern und Schwestern besagter junger Herren benotest die Courmachen und den Fräulein aus besseren Häusern in allem und jedem den Vortritt lassen müssen; vielleicht hätte sie es dann dahin gebracht, sich ein bescheidenes und nettes Mädchen nennen zu hören und am Ende sogar von einer der ehrsamen Damen, nach dem üblichen und gewöhnlich fruchtlosen Widerstand, mit sauersüßer Miene als Schwiegertochter ans Herz gedrückt zu werden. Aber nach alledem gelüstete es das junge Mädchen keineswegs; was in ihrem Kopfe spukte, waren Wünsche ganz anderer Art. Nur fort von hier,fort aus diesen kleinbürgerlichen, engbrüstigen Verhältnissen! fort von einemOrte,wo alle so fromm und ehrbar thun,weil einer sich vom anderen gekannt weiß und keiner den Muth hat, fein wahres Gesicht zu zeigen; fort von einer herzlosen Philistergesellschaft, nach welcher das liebe Geld den Werth eines Menschen bestimmt und der Arme vor dem Reichen Bücklinge zu machen hat, bloß aus Respect vor dem Gelde; wo man sich gegen die Strömungen der Zeit verschließt und den althergebrachten Weg, welchen schon die Großväter gegangen, gemächlich weitertrabt, der darin besteht, daß die Söhne das Gewerbe des Vaters weiterführen und die Töchter sich bemühen, unter die Haube zu kommen. Das mag gut sein für euch, sprach es in Betty, mir aber taugt es nicht. Wenn man sie nun gefragt hätte, was sie eigentlich wollte, hätte sie schwerlich eine bestimmte Antwort darauf geben können. Sie hätte ein Mann sein mögen, sie fühlte sich unzufrieden, sehnte sich nach einem Wirkungskreis. In ihr regten sich eben alle jene Krankheitskeime, welche die Menschen des neunzehnten Jahrhunderts kennzeichnen, und von welchen auch die Frauen ergriffen worden sind. Alles will frei, unabhängig, selbständig sein, jedermann strebt aufwärts, und so auch die arme Betty. Als sie fünfundzwanzig Jahre zählte, starb ihre Mutter, und mit dem Tode der Frau erlosch die kleine Pension, welche den Unterhalt der Witwe und des Kindes bestritten hatte. Betty stand nun gänzlich verarmt und einsam in der Welt. In ihrer Noth erinnerte sie sich einer hochgestellten Dame, in deren Hause die Mutter, da sie noch ein junges Mädchen war, viele Jahre gedient hatte. Persönlich kannte Betty diese Dame nicht, wußte jedoch, daß sie reich, verwitwet und kinderlos wäre und auf die liebe Verstorbene große Stücke gehalten hätte. In einem langen Briefe setzte Betty der Dame ihre traurige Lage auseinander und bat sie, sich der Todten zu Liebe ihrer anzunehmen; sie begehre nichts als Arbeit, doch würde sie eine Stellung, welche sie ver- hältnißmäßig unabhängig ließe, einer dienenden in einem Privathause bei weitem vorziehen. Die Antwort blieb lang aus, endlich aber traf sie ein und brachte die erfreuliche Nachricht, daß es der Schreiberin gelungen wäre, eine Stelle in einem Postamte für das junge Mädchen ausfindig zu machen, sie möge also ungesäumt nach Wien kommen. Der Bries war kurz und sachlich abgefaßt und mit einem Namen unterzeichnet, welcher Betty fremd war; sie schloß daraus, daß die schon alternde Witwe sich zum zweiten mal vermählt hätte, doch machte sie sich darüber keinerlei Gedanken, sondern schnürte ihr Bündel und reiste nach Wien. Nach ihrer Ankunft war ihre erste Sorge, jener Dame eine Tankesvisite abzustatten. Sie fand eine überladene, ganz neu eingerichtete Wohnung, welche nichts trauliches an sich hatte, und die Dame empfing sie, ohne sich zu erheben oder eine theil- nahmvolle Frage an sie zu richten. Sie musterte das junge, in Trauer gekleidete Mädchen von oben bis unten, und zwar mit einem Blicke, welcher jedes Schimmers von Wohlwollen entbehrte, theilte ihr mit, daß sie vor Antritt ihres Postens sich einer leichten Prüfung zu unterziehen habe, und fragte sie, ob sie schon eine Wohnung hätte. Als Betty dies verneinte, ließ die Dame das Gespräch fallen und betrachtete den buntgestickten Teppich, welcher unter ihren Füßen lag. Sie machte dadurch, daß sie trotz ihrer vorgerückten Jahre mittels Heller Kleidung und anderer Toilettenkünste bestrebt war, noch jung zu erscheinen, einen beinahe widerlichen Eindruck. Ihr Haar schien gefärbt, die Wangen waren stark geschminkt, und ihr Anzug trug den Stempel einer jeune mariös. Ihre Augen waren halb geschlossen, sie wußte vor lauter Vornehmheit nicht, ob sie sich herablassen sollte, noch ein paar Worte zu sprechen, und ließ der armen Betty ganz unverhohlen merken, daß sie sich langweile. Einen Augenblick nur belebte sie sich, fuhr in die Höhe und blickte nach der Portiere, durch welche man ins anstoßende Gemach gelangte. Dann winkte sie mit der Hand, als ob sie jemand, den Betty nicht sehen konnte, weil sie der Portiere halb den Rücken zukehrte, veranlassen wollte, sich zu entfernen. Wirklich rauschte es hinter der Portiöre, und es schien, als ob jemand sich behutsam zurückzöge. Nun war die Dame vollends verstimmt, gähnte verdrießlich und blickte das junge Mädchen argwöhnisch an. Betty erhob sich, nahm in aller Eile Abschied, und die Dame entließ sie, ohne sie auch nur mit einem Worte aufgefordert zu haben, wiederzukommen. Diese kleine Scene und besonders die Episode mit der Portiere waren an sich ganz unbedeutend, machten jedoch auf Betty einen ungewöhnlich tiefen Eindruck. Es schien dies eine Vorahnung dessen zu sein, was kommen sollte; damals aber glaubte das arme Mädchen, daß nur die Empfindung über die ihr zutheil gewordene unfreundliche Aufnahme ihr so weh gethan hätte. Dieser erste Schritt ins selbständige Leben war übrigens nur der erste Ring zu einer langen, langen Kette von Widerwärtigkeiten. Die Prüfung ging besser von statten, als Betty erwartet hatte; einige Tage später saß sie schon in dem geräumigen Postamt und hatte das wohlthuende Bewußtsein, ihr Brot selbst zu verdienen. Aber die Bezahlung war, wie es bei Frauenarbeit gewöhnlich der Fall, eine schlechte, und Betty mußte genau wirthschaften, um mit dem Gelde auszukommen. Indeß war sie daran von klein aus gewöhnt und wußte sich nach der Decke zu strecken; einen weit größeren Verdruß bereitete ihr die Wahrnehmung, daß es für ein alleinstehendes Mädchen ungemein schwer sei, eine passende Wohnung zu finden. In den meisten Häusern hatte man keine Lust, ein Frauenzimmer als Mietherin aufzunehmen; fast überall suchte man nach Ausflüchten, gab vor, daß Damen viel anspruchsvoller wären als Herren, auch weit mehr Arbeit verursachten, und nicht selten ließ man durchblicken, daß man allein wohnenden Frauen gegenüber nicht vorsichtig genug sein könne. Und während alle diese bedenklichen Leute es bei der Aufnahme von männlichen Miethern durchaus nicht genau nehmen und ohne viel zu forschen und zu fragen ihre Zimmer dem ersten Besten willig überlassen, stellte man an Betty tausend Fragen, welche mitunter recht beleidigend waren. Sie mußte Auskunft geben über ihre Vergangenheit, wo sie bis zu dieser Stunde gelebt, weshalb sie nach Wien gekommen, ob sie hier Bekannte oder Verwandte hätte, viele Besuche mache oder empfange, und vor allen waren es die Frauen, welche ihr mit dem größten Mistrauen entgegenkamen. Das also war eine Schattenseite des freien Alleinlebens; eine andere trat im Postbureau zu Tage. Betty staunte oft, wie ruhig ihre Colle- ginnen sich Frechheiten oder Unhöflichkeiten des Publikums gefallen ließen, wie unhöflich diese Damen selber waren, namentlich gegen Frauen, wie oft sie gelassen weiterschwatzten, während Leute auf Abfertigung warteten, wie redegewandt und schnippisch sie den ihnen feindlich gesinnten männlichen Collegen begegneten. Diese Frauenspersonen, entweder Witwen oder verblühte Mädchen, brachte nichts außer Fassung, weder großer Andrang an den Schaltern noch ein Verweis ihres Vorgesetzten noch Unverschämtheiten fremder Männer. Hinter den Fenstern der Postschalter saßen sie, Briefe in Empfang nehmend und abstempelnd, mit ihren vor der Zeit welken Gesichtern, wie man sie nur in einer Großstadt findet, mit ihren modischen Frisuren und an der Stirn rund abgeschnittenen Haaren; warfen einander kurze Sätze, im wiener Jargon gesprochen, zu, gähnten verdrießlich und dankten selten, wenn jemand sie beim Kommen oder Gehen grüßte. Gleich einer Uniform trugen alle den Stempel der Frau, welche das schützende Haus mit dem öffentlichen Leben vertauscht hat, errötheten niemals, wußten nichts von Scheu oder Verlegenheit. Betty flößte ihnen einiges Mitleid ein, welchem jedoch eine Art Geringschätzung beigesellt war. „Daran müssen Sie sich gewöhnen," sagten sie zu ihr, wenn das junge Mädchen über irgend eine Unhöflichkeit, die sie nicht verdient zu haben glaubte, die Farbe wechselte. Allein Betty gehörte zu jener Gattung Frauen, welche sich an derlei Dinge niemals gewöhnen. Die Schlagfertigkeit der Rede war ihr versagt, auch wäre es ihr wie Selbsterniedrigung vorgekommen, wenn sie sich mit einem Manne, dem es an Ritterlichkeit gegen ein schutzloses Weib gebrach, in einen Wortwechsel eingelassen hätte. So also sieht die heißbegehrte Freiheit aus? mußte sie oft denken. Die alte Geschichte: eine Straßenbekanntschaft, welche zu einem Liebesverhältniß wurde. Er war so recht der Mann nach ihrem Herzen: zartfühlend, ritterlich und herzensgut. Sie wußte, daß er Bankbeamter war, eine Mutter und zwei junge Schwestern besaß, welche sich, da die Mutter beständig kränkelte, derzeit in Meran aufhielten, und auch er kannte ihre ganze, einfache Geschichte und wußte, daß sie allein stand in der Welt und keinen anderen Beschützer hatte als sich selbst. Sie liebten sich, und doch vermochte Betty ihres Glückes niemals recht froh zu werden. Wie erleichtert würde sie sich gefühlt haben, wenn eine Familie in Wien gewesen wäre, wenn seine Mutter und Schwestern um ihr Geheimniß gewußt hätten. Schwer fiel ihr bei solchen Besorgnissen auf die Seele, daß Mann und Weib doch nicht ein und dasselbe wären. Ihn beunruhigte nichts, er brauchte keinen Zeugen, um seines Glückes sicher zu sein. Er war eben ein Mann und sie ein Mädchen; daran lag es. Als er einmal — der Hochsommer neigte sich dem Ende zu — in Betty drang, sie möchte doch ihren Beruf aufgeben, er hätte Geld genug, um für sie zu sorgeu, er würde ihr eine Wohnung aus dem Lande miethen, wo sie allein und unbehelligt leben könnte, und er wollte täglich ein paar Stunden bei ihr verweilen, da starrte sie ihn mit fremdem und erschrecktem Blick an und erwiderte kein Wort. Und als er zu sprechen fortfuhr und ihr sagte, daß es ihn unsäglich quäle, sie in der schönen Frühlingszeit in ein dumpfes Bureau eingeschlossen zu wissen, und daß sie sein Anerbieten, welches im Vergleiche zu allem, was sie ihm gegeben, unendlich armselig wäre, ohne Bedenken annehmen könnte, gebot sie ihm mit rauher Stimme, den Gegenstand fallen zu lassen und nie wieder darauf zurückzukommen. Ein Etwas in ihrem Herzen sagte ihr, daß sie einander schon zu nahe getreten, daß sie vor der Welt ja doch nicht seine Braut wäre, wenn er sie im geheimen auch so nannte, und daß dieses Verhältniß nicht vertraulicher werden dürfte, so lange niemand als sie beide davon wüßten. Sie konnte ihm nichts vorwerfen; daß er zärtlich gegen sie war, darin lag nichts ausfallendes, aber das verborgene Liebesglück fing an, sie gleich einer Sünde zu drücken. Wie, wenn er es nun doch nicht ehrlich mit ihr meinte? Wer bürgte ihr für die Echtheit seiner Gesinnungen? Sie nannte ihr Mistrauen ein schändliches und durch nichts gerechtfertigtes, war jedoch unvermögend, es zum Schweigen zu bringen. „Wenn seine Mutter zurückkehrt, wird alles klar werden," suchte sie sich zu beschwichtigen. Aber der Sommer verging, der Herbst kam und nahte seinem Ende, von der Rückkunft der Mutter und Schwestern verlautete kein Wort. An einem unfreundlichen Octobertage mußte Betty eine erkrankte Collegin besuchen, um einen dienstlichen Auftrag an sie zu bestellen. Die Kranke wohnte in einem Stadttheile, wohin Betty sich selten verirrte, da sie niemand dort kannte und auch sonst dort nichts zu suchen hatte, es wäre denn, daß sie auf den Einfall gerathen wäre , die geschminkte Dame, welcher sie ihre Anstellung bei der Post verdankte, und die in dem besagten Stadttheile wohnte, wieder einmal auszusuchen, was ihr jedoch in Anbetracht der Aufnahme, die sie dort gefunden, sehr fern lag. Ihr Weg führte sie sogar an dem ungastlichen Hause vorbei, und im Vorübergehen that sie einen gleichgültigen Blick hinein und blieb plötzlich wie angewurzelt stehen. Aus dem Hause trat ein seltsames Paar: ein altes, lächerlich und widerlich aussehendes Weib in jugendlicher Kleidung, das am Arme eines eleganten jungen Mannes hing und mit schmachtend verliebten Blicken zu ihm aufsah. Betty kannte den Mann und kannte die Frau. Im ersten Augenblick dunkelte es vor ihren Augen, und ihr war, als wenn ihr Herz zu schlagen aufhörte, dann aber ermannte sie sich und vertrat den beiden den Weg. „Guten Abend." Sogar zu sprechen vermochte sie und sah auch alles: daß er um einen Schatten bleicher wurde und die Zähne in die Unterlippe grub und sie einen halb abweisenden Blick über des Mädchens abgetragenes Trauerkleid schweifen ließ. Und dann standen sie sich gegenüber und schauten sich gleich Feinden in die Augen. „Wer sind Sie? was wollen Sie?" fragte die Frau mit barscher Stimme. „Ach, Pardon, Fräulein; ich erkannte Sie nicht sogleich, wie geht es Ihnen? " Sie warf dabei einen ängstlichen Blick auf ihren Begleiter; der aber hielt die Augen zur Erde gesenkt. Betty vergaß,die Frage,welche an sie gerichtet worden war, zu beantworten. Sie wollte nur eins, wollte Gewißheit haben. Die Alte hatte sich zum zweiten mal vermählt. Betty erinnerte sich an die ihr fremd klingende Unterschrift, welche ihr im Briefe der Frau aufgefallen war, erinnerte sich auch an die kleine Episode während jihres ersten und letzten Besuches im Hause dieser Frau, wie die Alte nach der Portiere geblickt und mit der Hand gewinkt, und wie jemand, den Betty nicht gesehen, sich vorsichtig zurückgezogen hatte; das war wol er gewesen, der 464 Illusirirle Zeitung. 2210. 7. November 1885 jugendliche Gemahl der alten Frau, dem diese den Anblick eines jungen und hübschen Mädchens entziehen wollte. Und er, er, ihr Abgott, der Mann, den sie liebte, führte das alte Weib am Arme. Sie sah das, sah es mit eigenen Augen. Es war kein Traum. „Meine selige Mutter wußte nichts davon, daß gnädige Frau sich wieder vermählt hatten," sprach Betty mit einer Stimme, welche so fremd und rauh klang, daß der Mann zusammenfuhr und scheu das Gesicht abwandte. „Ohne Zweifel... ist dieser Herr ... Ihr Gemahl?" Die Dame schien dieses Sicheindrängen in ihre Privatver- hältnisse Höchst unpassend zu finden. Wenigstens kniff sie die Lippen ein und nahm eine hochmüthige Miene an. „Ja, mein Fräulein. Dieser Herr ist mein Gemahl. Wünschen Sie sonst noch etwas zu erfahren?" „Nein," sagte Betty in einem Tone, welcher der Frau vielleicht zu denken gegeben haben mochte. „Leben Sie wohl." — Klug genug hatte der Mann es angestellt, um das wehrlose Mädchen zu täuschen. Jetzt erst fiel ihr auf, daß er ihr kein einziges mal geschrieben, daß er selbst die unbedeutendste Botschaft an sie auf mündlichem Wege bestellt hatte. Sie sollte nichts in Händen haben, was eine Waffe gegen ihn hätte werden können. Eine ihr selbst unerklärliche Neugierde trieb sie an, zu erforschen, wie weit sein Betrug gegangen. Auf Umwegen zog sie Erkundigungen ein, ob in dem Bankhause, in welchem er, wie er sagte, beschäftigt war, sich wirklich ein Mann seines Namens befinde. Das war nun allerdings der Fall, aber er und der Träger des Namens waren zwei verschiedene Menschen; vielleicht hatte er vorausgesehen, daß sie auf den Einfall kommen könnte, sich näher über ihn zu erkundigen, und hatte aus Vorsicht den Namen eines gefälligen Collegen geborgt, ihn vielleicht in den sauberen Handel eingeweiht; wer weiß! Alles war Lüge gewesen; vom ersten bis zum letzten Worte; das rührende Märchen von der kranken Mutter und den Schwestern war eine Erfindung gewesen, um das betrogene Mädchen hinzuhalten und für die Heimlichkeit des Verkehres eine Erklärung zu finden, der liebevolle Sohn, der gute Bruder, der Mann mit dem sanften und zartfühlenden Wesen, durch welches er sich in ihr argloses Herz eingeschmeichelt, er hatte sie sehr gut durchschaut und erkannt, auf welche Weise sie am leichtesten zu bethören wäre... Alles war Lüge gewesen. Er hatte sie damals hinter der Portiere im Hause seiner Frau gesehen, sie ausgekundschaftet, sich ihr genähert, und dies war jetzt das Ende. * * Daß Menschen einander betrügen, ist nichts neues und geschieht alle Tage. Darüber würde Betty hinweggekommen sein wie andere, vielleicht ein wenig schwerer, als dies allgemein der Brauch ist, da sie ihr Ein und Alles aus den Einzigen gesetzt hatte; indeß verachtete sie den Mann, welcher seine Jugend und Schönheit an eine alte Frau des Wohllebens halber verkauft hatte, so sehr, daß ihn vergessen ihr nicht schwer däuchte. Aber eine andere Erkenntniß drängte sich ihr auf: ihr war zu Muthe, als ob von ihrem geistigen Auge ein Schleier sänke und sie mit furchtbarer Klarheit in einen Abgrund schaute, den nichts auf Erden mehr jemals würde überbrücken können. Ein betrogener Mann hat tausend Mittel in der Hand, sich zu rächen; er kann die Schande eines schlechten Weibes an den Pranger stellen und des Weibes Ruf untergraben. Welche Rache aber steht dem alleinstehenden Mädchen zu Gebote? Und gleichzeitig drängte sich Betty die Frage auf: Würde irgendein Mann so gewissenlos an dir gehandelt haben, wenn dir ein Beschützer, ein Vater, ein Bruder zur Seite gestanden hätte? Würde er es dann auch gewagt haben, dich so schnöde zu belügen und zu täuschen? In ihrer kleinen, armseligen Stube, auf den Knien liegend und die gerungenen Hände an das Gesicht gedrückt, kam sie zu dem trostlosen Schlüsse, daß die Frau im Kampfe wider den Mann ewig ohnmächtig bleiben würde. Ja, dachte sie mit bitterem Lächeln, ja, wenn der Mann edel, gerecht und großmüthig veranlagt wäre, wenn überhaupt der Mann den Schwachen gegenüber es als seine heilige Pflicht erachtete, die Schwäche zu ehren und zu schützen. Aber dem ist nicht so. Einem Mädchen vermag nichts den Blütenstaub des freudigen Vertrauens, der ersten, arglos gegebenen Küsse zurückzugeben, sie kann auch nicht als Klägerin auftreten, die Angst um ihren guten Ruf, die Furcht vor einem Skandal werden ihr immer unverbrüchliches Schweigen auferlegen. Nie wird sie dem Manne gleich sein, denn was für ihn werthlos ist, wie etwa die Nachrede der Leute, ob man ihm eine Liebschaft nachsagen könne, ist für das Weib alles. Ihr kann im Laufe der Zeiten die Möglichkeit geboten werden, sich alle Kenntnisse anzueignen und alle jene Plätze einzunehmen, welche heute nur dem Manne erreichbar sind; ihr Los wird sich deshalb nicht ändern. Die engen Grenzen, welche die Natur um sie herum gezogen hat, werden sich nicht niederreißen lassen; niemals wird sie dem Manne gleich sein, nicht nur, weil sie physisch schwächer, sondern auch, weil sie dazu verurtheilt ist, durch die Liebe in ewiger Abhängigkeit vom Manne zu bleiben. Ihre Schwäche, welche jedem Buben die Macht gibt, sie zu beleidigen und zu verletzen, wird stets nach einem Beschützer verlangen, und das alleinstehende Weib, es mag noch so viel gelernt haben, wird, solange es jung und begehrenswert!) ist, stets von der Gnade des Mannes abhängig sein. Sie wird sich auch niemals rächen können, denn je inniger sie einen Mann geliebt, je mehr sie ihm gegeben, um so härter wird die Welt sie richten, und um so weniger werden die Menschen geneigt sein, mild über sie zu urtheilen. Nur der Tod versöhnt. Wenn die Verrathene mit einem Selbstmorde aus der Welt geht, wird ihr Name im Munde aller sein und durch alle öffentlichen Blätter geschleift und der Mann, der sie in den Tod getrieben, in sittlicher Entrüstung gebrandmarkt werden. Auch diese öffentliche Genugthuung, von welcher die Todte nichts weiß, wird nichts anderes sein als das alte Lied in neuer Variation: der Triumphgesang von der Macht und der Unwiderstehlichkeit des Mannes. Und ganz abgesehen von der Liebe: die Frau, dem Manne hinsichtlich des Rechtes auf Arbeit gleichgestellt, wird vom Manne gehaßt sein; vermöge ihrer größeren Genügsamkeit und Bescheidenheit wird sie ihre Arbeit stets unter dem Preise hergeben und dadurch den Lohn des Mannes Herabdrücken. Und wenn sie auch alles gelernt hätte und wie ein Mann arbeitete, frei kann sie nun und nimmer werden, es müßten denn weibliche Scheu und Zurückhaltung ganz verschwinden und aus den Frauen eine Schar Courtisanen werden, welche, ohne Rücksicht aus ihren Nus und ihr Geschlecht, so leben, wie es der Mann thut und thun dars. Dazu aber wird das echte Weib niemals Herabsinken. „Eine verlorene Sache!" dachte Betty. „Dieser ganze Emancipationskamps mag einen Broterwerb für uns bedeuten, wahre Freiheit aber könnte uns nur dann werden, wenn wir unsere Schwäche, unsere Abhängigkeit und Ohnmacht abzuschütteln vermöchten; und weil die Natur dazu nein sagt, wird unser Los sich ewig gleich bleiben." -—— Emil Marriot (Lmilie v. Mataja). Verfasserin der vorstehenden Novelle. VMM 2öer Emil Marriot's „Familie Hartenberg" gelesen hat, einen Roman, der die Lasterhaftigkeit und Verworfenheit der sogen, besseren Gesellschaft mit erschreckender Naturtreue und scharf pessimistischer Tendenz in packender Anschaulichkeit schildert: der kommt sicher nicht in Versuchung, die Autorschaft des mit männlicher Kraft und Rückhaltlosigkeit geschriebenen Buches einer weiblichen Feder zuzuerkennen. Und dennoch verbirgt sich hinter dem Pseudonym Emil Marriot eine Frau oder richtiger gesagt ein Fräulein, die Wienerin Emilie v. Mataja, das — ein Blick auf ihr Porträt beseitigt jeden Zweifel — noch in so jugendlichem Alter steht, daß man sich verwundert fragen muß, wie so tiefe Kenntniß des menschlichen Herzens und der gesellschaftlichen Verderbniß, so kalter Pessimismus und so kühne naturalistische Darstellungskunst sich mit solcher Jugend paaren. Der Fall ist psychologisch um so räthselhafter, als Emilie v. Mataja's ganzes Dasein sich ohne besondere Zwischenfkille im Elternhause in behaglichen bürgerlichen Verhältnissen abgespielt hat. Sie konnte sich ungestört und unbeeinflußt dem ihr angeborenen dichterischen Geftaltungsdrang hingeben. Schon als zwölfjähriges Mädchen schrieb sie Gedichte und Tragödien. Ihrer frühzeitigen Beschäftigung mit Schopenhauer verdankt sie die pessimistische Weltanschauung, die wie ein rother Faden durch ihre ersten Arbeiten zieht, aber, wie es scheint, mit der zunehmenden Reife ihres Geistes einer weniger herben und verbitterten Lebensauffassung zu weichen beginnt. Die unreif gedachten und mangelhaft ausgeführten Erstlinge ihrer Feder — Novellen und Skizzen — blieben unbeachtet in der Masse der Erzeugnisse, welche jahraus jahrein in unversiegbarer Flut den litera- rischen Markt überschwemmen. Selbst die erste Arbeit in Buchform „Egon Talmors" (1880) fiel ab. Fehlte ihren Gestalten auch die scharfe Charakteristik, und machte sich auch die Phrase und der doktrinäre Pessimismus in ihr etwas allzu breit, so zeigte sie doch schon deutliche Spuren jenes eigenartigen Talentes, das mit der „Familie Hartenberg" die allgemeine Anerkennung seiner Bedeutung mit einem Schlage erringen sollte. Wesen und Werth dieses „Sittenbildes" von echtester wiener Lokalfarbe charakte- risirt Paul Heyse folgendermaßen: „Ein so entschiedener Wahrheitsdrang den Problemen des wunderlichen Menschenlebens gegenüber, eine so schlichte und doch nicht cynische Rücksichtslosigkeit des Ausdruckes, so viel gereifte und sichere Kraft der Darstellung — mir ist nie ein dichtendes Fräulein begegnet, das diese männlichen Gaben in so hohem Grade besessen hätte, ohne aus den Schranken ihres Geschlechtes herauszutreten. Es weht freilich eine herbe Luft in dem Buche, und die Zärtlinge werden sich dadurch unsanft berührt fühlen. Aber der Ueberschuß persönlicher Kraft und künstlerischer Energie, die all diese peinlichen und unerquicklichen Scenen überwiegt, hebt diesen Roman für mein Gefühl hoch aus der Masse der landläufigen pessimistischen und naturalistischen Produktionen heraus, die sich mit der Photographischen Schilderung der menschlichen Armseligkeit befassen." Die Begabung Emil Marriot's beschränkt sich indeß nicht bloß aus die haarscharfe Schilderei von Menschen mit bösen Leidenschaften, von unerquicklichen Verhältnissen und moralisch häßlichem Getriebe auf dem Hintergründe einer pessimistischen Weltanschauung, sie hat sich, es mag ihr im Anfange schwer genug geworden sein, zu einer reineren, höheren und edleren Gestalten- sphäre emporgearbeitet, in der sie mit nicht geringerer künstlerischer Meisterschaft ihren Stoff beherrscht. Sie hat sich der Schilderung reiner Menschlichkeit, edler Empfindungen und Theilnahme erweckender Seelenkämpfe und Pflichtconflicte zugewendet. Ihre naturalistische Darstellungsgabe verleiht ihren Zeichnungen guter und sympathischer Menschen einen erhöhten Reiz und der Durchführung ihrer Probleme einen bis zur vollsten Glaubwürdigkeit und inneren Wahrheit gesteigerten psychologischen Gehalt. Die Novellen „Der geistliche Tod", .Auublisnia sib" und „Johannes" sind die Ergebnisse dieser neuen Richtung, die bei ihr unter dem Eindrucke der gewaltigen Alpennatur Tirols und durch den Verkehr mit dem naivgläubigen Volke dieses von den Strömungen des Zeitgeistes noch nicht erfaßten Landes entstand. Die Helden dieser Erzählungen sind Priester, und die Handlung dreht sich um den Cölibat. Mit Unrecht sieht man in ihnen einen Angriff aus dieje kirchliche Institution, auf die katholische Kirche und ihre Diener. Emil Marriot will nur gegen jeden Berufszwang als solchen zu Felde ziehen und die fürchterlichen Eonsequenzen ausmalen, welche ein solcher zur Folge haben kann und in der That oft genug hat. Emil Marriot steht erst am Anfang ihrer dichterischen Laufbahn; die bisherigen Leistungen der hochbegabten und hochstrebenden Naturalistin geben der begründeten Hoffnung Raum, daß wir von ihr noch reichere und glänzendere Gaben erwarten dürfen. — Die archäologischen und botanischen Werke sind gewöhnlich nuo für die Fachgelehrten geschrieben und haben nur für diese Interesse, während sie den Laien und vollends der Frauenwelt meistentheils als eine äußerst trockene, ungenießbare Lectüre erscheinen. Um so angenehmer muß es überraschen, wenn ein demnächst zur Herausgabe gelangendes Buch von Franz Woenig über: „Die Pflanzen im alten Aegypten", das Ergebniß zehnjähriger fleißiger Studien des Autors, nicht allein höchst werthvolle Aufschlüsse in wissenschaftlicher Beziehung gibt, sondern dieselben auch in so anziehender Weise vorzutragen versteht, daß jede gebildete Dame mit Vergnügen das von vielen interessanten Mythen und Schilderungen durchwobene und mit zahlreichen Illustrationen geschmückte Buch zur Handnehmen wird. Zum Beweise, daß dieses Lob ein wohlverdientes ist, lassen wir einige Stellen aus dem Werke folgen: „Unter den Repräsentanten der ägyptischen Flora", sagt der Autor unter- anderem, „sind es hervorragend zwei Eharakterpflanzen, die alle Wandlungen der Cultur Jahrtausende hindurch überdauert haben: Lotus und Papyrus, die heiligen Blumen des Nils. Der Lotus, welcher aus den stillen spiegelnden Fluten des breiten majestätischen Stromes seine Blätterteller und Blüten entfaltet, harmonirt so ganz mit dem Charakter der imponirenden feierlichen Ruhe des alten Wunderlandes. Nil und Lotus sind in Mythe und Poesie zu einem unzertrennlichen idealen Gedanken verschmolzen und sind in Wahrheit auch unzertrennlich, denn wenn der Nil zu schwellen beginnt, erwacht der Lotus im tiefen Grunde zum Leben; wenn der Strom seinen Segen spendet, steht die Pflanze in voller Blüte, und wenn der Strom allmählich zu sinken beginnt, stirbt sie langsam ab. . .. In welcher Ausdehnung und Ueppigkeit einst der Nymphäenflor im Nil aufgetreten ist, künden unzählige Abbildungen auf und in allen Werken der ägyptischen Kunst. Immer finden wir dieses Symbol der höchsten Gottheiten in reicher Fülle vor, an tausend und abertausend Gebilden der Architektur, Malerei, Sculptur und den verschiedensten Erzeugnissen des Kunstfleißes erkennt man, daß der Lotus als Sinnbild der Fruchtbarkeit und unvergänglichen Naturkraft die höchste Verehrung genoß und dem religiösen Cult, der Kunst und dem socialen Leben der Aegypter den eigenartigen Schmuck, die Weihe und ideale Schönheit verlieh." — Weiterhin heißt es: „War der Bedarf an Lotus, den die gottes- dienstlichen Funktionen im Pharaonenreich forderten, schon ein sehr starker, so wurde derselbe noch enorm gesteigert durch die mannigfachste Verwendung im geselligen Leben des Volkes. Wie bei uns feit alter Zeit die Rose, so blieb in Aegypten Jahrtausende hindurch der Lotus die Königin der Blumen. Ihr Bild gilt unter den Hieroglyphen als Determinativum der Freude und des Vergnügens, und Auszüge, Volksfeste, öffentliche und private Festlichkeiten ohne- den Blumenschmuck des Lotus waren eben gar nicht denkbar. Man verkaufte die Blüten aus den Straßen und Märkten, pflegte sie in Kübeln und Thongefäßen, stellte sie als Zimmerschmuck in zierlichen Vasen auf und erfreute sich an ihren lichten Farben und dem zarten zimmtartigen Geruch. Lotusblumen waren das bevorzugte Geschenk der Liebenden. Es galt als Zeichen feiner Sitte, nicht nur bei großen öffentlichen Festlichkeiten, sondern auch in Privatgesellschaften mit einer Lotusblüte in der Hand zu erscheinen. Auch da, wo uns die altägyptischen Künstler das heitere gesellige Leben ihres Volkes zur Anschauung bringen, beobachten wir, wie die zierlichen Ständer und Blumentische, die Vasen, Schalen und Weinkrüge mit langgestielten Lotusblüten und Knospen umwunden werken. Sklaven und Sklavinnen überreichen den eintretenden Gästen als Zeichen des Willkommens eine einzelne Blume oder einen Blütenstrauß. Der Lotus schmückt bei den Gastereien jede Tafel. So figurenreich auch von den Künstlern die Scenen über Gelage, Fest und Spiel componirt sind; keinem der Gäste fehlt in der Hand die Lotusblüte, die er graziös an die Nase führt. Nach herrschender Sitte durfte die Blume während der Unterhaltung nicht entfernt werden, wurde aber zeitweilig von den Dienern durch eine frischere, duftvollere von dem auf großen Ständern aufgeschichteten Vorrath ersetzt." Abbildungen des weißen und blaublühenden Lotus sowie Darstellungen alter in Theben und Karnak aufgefundener Gemälde und Reliefs geben die nöthigen Erläuterungen zu diesen und ähnlichen Mittheilungen. — Blumen und Lieder — welch unmuthigere Gabe ließe sich wol der sinnigen Frauenwelt darbringen? Selten findet man aber beide in so herzerfreuender Weise vereinigt wie in dem bei Meißner u. Buch in Leipzig soeben erschienenen Prachtwerk „Blüten der deutschen Heimat", gemalt von Rose Qßmann, geb. Freun v. Beust, mit Poesien von Frida Schanz. Hier haben sich zwei ebenbürtige Talente zusammengefunden, um etwas wahrhaft schönes zu schaffen, das für Auge und Geist gleiche Erfrischung bietet. Zu den zwölf Blättern mit entzückend zusammengestellten Blütensträußen, welche in meisterhafter Chromolithographie wiedergegeben sind, hat Frida Schanz zwölf ebenso reizende Gedichte verfaßt, zart und duftig wie die Blumen, welche sie besingen. Wir greifen aufs Gerathewohl eins derselben heraus, welches einem herbstlichen Bouquet von Rosen, Reseda und wilden Weittranken gilt: „Ueber der Tage herbstlicher Helle Schwebt es zitternd in blauer Luft, Schwimmt es daher auf des Windes Welle Wie Reseda- und Rosenduft! Wie, vom schmelzenden Hauch geküßt. Das Erinnern mir wach geworden! — Daß ich heut zu der Heimat Borden Noch die Pfade zu finden müßt'! Eh' am Gesteine die Ranken sich färben. Ehe der Reif noch die Blüten umwebt. Ehe die Rosen, die leuchtenden, sterben, Ehe der Winter mein Eden begräbt!" — Cultur» die alle Welt beleckt, beginnt sich jetzt sogar schon in bedenklicher Weise auf die Rothhäute zu erstrecken, und man liest in einer zu Portland im Staate Oregon erscheinenden Zeitung; „Eine feierliche öffentliche Prüfung hat neulich in der Indianer- schule zu Salem stattgefunden, und von den Kindern der Wildniß, die bei ihrem Eintritt in die Schule keiner anderen Sprache als ihrer eigenen Gutturallaute mächtig waren, hat fast jedes nach fünfjähriger Schulzeit hochtönende phrasenhafte Aufsätze und- Reden in bestem Englisch von sich gegeben. Die rothen jungen Damen ließen sich sogar auf dem Klavier hören, und eine derselben trug das so viel geleierte Salonstück „krtörs st'nns viorxo" vor, auch Sologesänge, Duette und Quartette wechselten miteinander ab, und die Vortragenden wie ihre Lehrer schienen nicht wenig stolz auf diese Erfolge zu sein."