Am Bord der egyptischen Kriegsfregatte Nil den 1. Jenner 1856 Angesichts von Abukir und Rosette Meine liebste Lotti! Obschon ich dir und Allen den Unsrigen schon aus Suez das Neujahr abgewonnen habe, seyen die ersten Züge meiner Feder in diesem neuen Jahre Dir geweiht! Gott möge Dich schützen und leiten, alles Böse von dir entfernt halten, und uns in diesem Schaltjahr endlich jene Ruhe u Frieden finden lassen, ohne welchem die Existenz eine Last ist! Möge Gott unsere Neider u. Verfolger unschädlich machen, und uns die Kraft und die Ausdauer schenken, unsere lieben Kindern eine möglichst gute, vornehmlich christliche Erziehung zu geben! Wir haben ein böses Jahr durchgemacht, liebste Lotti! ... ein Jahr an dem ich ewig denken werde! ... Doch Gott wollte in den letzten Monaten des bösen Jahres wiederbelebenden Balsam auf die tiefe Wunde gießen, die mir in der Heimath zu einer Zeit geschlagen wurde, wo mir das [bewußt seyn] treu erfüllten Pflicht u nützlichen Leistungen auf Anerkennung rechnen ließ! ... Aber lassen wir die traurige Seite! Du wirst, liebste Lotti! alle meine Briefe, den letzten aus Suez, erhalten haben! Ich freue mich unendlich auf Alexandrien, wo heute oder Morgen der Lloyddampfer aus Triest eintreffen muß u mir sicherlich Briefe von dir, u vielleicht auch andere aus Europa bringen wird! Die Sonne stehet hinter Abukir rosig auf! Der Anblik erquikt nach der stürmischen Nacht, und verheißt wieden einen schönen Tag! Alexandrien 1. Jenner 1856 8 Uhr Abends Wir sind um 11 Uhr hier eingelaufen. Die Fregate begrüßte uns mit 17 Canonenschüße, und das Fort erwiederte dieselben, während der Vicekönig uns seine [Imbarcation] in gala schikte uns ans Land zu bringen. Am Molo fanden sich die Wägen bereit uns in das Hotel zu führen. Ich war hocherfreut unter den vielen Schiffen die hier flaggten, auch die öst. Fregate [Wien] 3 die du kennst, zu treffen. Obstlt. v. Willerdorf schikte gleich eine [Imbarcation] mit einem Officier an Bord, mich zu begrüßen u. mir Nachrichten von S. K. H. dem Erzherzog Max zu bringen. Das Diner war brillant. Während der Tafel brachte mir der Dragoman des öst. Consulats eine Depesche des Ministers v. Toggenburg von 17. v. M. u einen Brief des Victors und der Lisi aus Constantinopel vom 27. Morgen hoffe ich wird der Dampfer aus Triest mir gute Nachrichten von dir bringen- u dann kann ich wohl sagen, daß der Jahresanfang für mich ein guter war! in dieser angenehmen Erwartung sage ich dir gute Nacht, u segne dich u die Kinder! 2. Jenner Alexandrien. Leider wurde ich in meinen Erwartungen getäuscht! Der Calcutta kam heute Mittags aus Triest - brachte Briefe an Alle, nur ich erhielt keinen, gar keinen! was mich überrascht, und mit Besorgnißen über deine Gesundheit erfüllt! Was wird wohl die Ursache dieses allgemeinen Stillschweigens seyn? ... habt Ihr denn meine Briefe nicht erhalten? .. Bist du etwa krank? ... u konnte Emilie nicht schreiben? ... ich kann nicht begreifen, warum mir gar Niemand schreibt! Wir hatten heute Sitzung bis 10 Uhr, dann große Auffahrt beim Vicekönig, der über den Erfolg unserer Mission ganz entzükt ist. Nach der Auffahrt war wieder Sitzung, da wir hoffen und wünschen, mit dem Calcutta nach Europa zurückzukehren. Die Reise nach Jerusalem unterbleibt, weil dort die collera herrscht, u dann Anstände bei der Rückkehr seyn würden. Dann kann ich nicht länger ohne Nachrichten von Euch seyn! Seit 7. Dezember gar keine Nachricht! Um 3 Uhr haben wir die Prachtfregate des Vicekönigs, u dann die öster. Fregate Venus besucht. Beide begrüßten uns wieder mit Ehrensalven! Mir schien in der öst. Fregate, die du auch in Triest besuchtest, dich überall zu sehen! Willersdorf benimmt sich überhaupt ganz brav, u. hat viel mit mir über seinen neuen Stihfvater, den er sehr liebt, gesprochen. Bei Tisch war er unser Gast d. h. mit uns Gast des Vicekönigs. Ob den Erfolg unserer Reise ist ganz Alexandrien entzükt- u auf Samstag ist großer Ball [pari] uns zu Ehren angesagt. Ich hoffe daß wir bis dahin am Bord des Calcutta seyn werden! Gute Nacht liebe Lotti!