Liebste beste Lotti! Suez den 19. Dez. 1856. Wie ich dir endlich aus Cairo schrieb, sind wir am 15. D. von dort aufgebrochen, und durch die Wüste bis zur 8. Station vorgedrungen, wo wir vortrefflich übernachteten. Am 16. sind wir um 8 Uhr wieder aufgebrochen, und sind hier um 3 Uhr Nachmittage eingerükt. Vom Südost-Thor zu Cairo bis Suez ist Alles Wüste- und eine Unzahl Skelette und Aase crepirter Kameele bezeichnet den Weg durch die Wüste. Der verstorbene Vicekönig hatte eine wahre Passion für die Wüste, indem er schon zu Cairo, mit immensen Aufwand, seine Residenz, in der Wüste östlich von Cairo neu bauen ließ, und bei Dar el Beida ließ er ein Schloß, gewaltig schön bauen, wo kein Tropfen Wasser, kein Baum, u keine Blume vorkommt. Es ist auf einer Bergkette mitterwegs zwischen Cairo und Suez ungefähr 1000° von der Carawanenstraße entfernt. Nun geräth seit seinem Tode alles in Verfall, da es wahnsinn wäre, eine solche Residenz aufrecht zu erhalten. Suez ist eine Stadt von 5000 Einwohner. Als wir einrükten, flaggten die Consulate u. österreichs Banner nahm sich zu meiner Freude am Liebe Grüße an Theodor u. Gabrich, Gräfin Haller,[unleserlich], Trotters et, Heidler etc,.... stattlichsten aus. Weder in Suez noch in der Umgegend erblikst Du einen Baum, ein Graßhalm, irgend eine Blume, u das Wasser wird aus der Ferne, und aus Mosesquellen geholt. Das Gasthaus ist ganz herrlich ausgestattet worden, u der Vicekönig fährt fort uns mit königlicher Munificenz zu bewirthen. Wenn Du Gelegenheit hättest, S. E. Baron Bruck zu sehen, könntest Du ihm sagen, daß die Commission, selbst der englische Commissär, über die Herrlichkeit der Rhede von Suez, die wir nun ganz durchforscht haben, ganz erstaunt war! In Europa sind wenige Rheden, die der Rhede von Suez gleich kommen! Wir sind immerwährend beschäftiget die Entwiklung unserer Aufgabe dem Ziele näher zu rüken- und mit einem Blike glaube ich die Ursache los gekriegt zu haben, durch welche das rothe Meer vom Lac Thimsah abgeschnitten wurde! Gestern haben wir Moses-Quellen besucht. Sie liegen am asiatischen Ufer des rothen Meeres in der Wüste östlich von Suez, ohngefähr 1000 Klfr vom Meere entfernt in einem, durch Sandhügeln gebildeten Kessel von 1000° Durchmesser. Die Quellen sind artesischer Art, und entspringen dem Boden in einer Höhe von 5 bis 6 Klafter vom Meere. Es sind deren 12- und an einer davon befindet sich noch der Dattelpalmenstock, vor dem Moses saß als der die Quelle dem Boden entsprießen ließ. Aus diesem seenlören Stock entspringen 4 herrliche dieser Palmen in malerischen Gruppe die ich gezeichnet habe, damit auch Du Dich von dem Anblick taben kannst. Selbst die Türken die Araber nennen diese Palmen den heiligen Baum der Tradition! Seit ohngefähr 15 Jahren haben einige christliche Kaufleute von Suez einige Gartenanlagen in dieser Quellengegend errichten lassen, und Herr Costa, unser Consularagent, hat die schönste vor. Alle zusammen messen ungefähr 3 Joch, und in jedem ist ein orientalisches Hauß gebaut. Im Hause des H. Costa fand sich das Bild unseres Kaisers die Kaiserin am Arm, vor, was mich sehr erfreut hat. Auch in diesen Gärten blühen die Mairosen, die Gazien, u. andere Blumen, wovon ich dir einige mitbringen werde. Auch mit herrlichen Rettig wurde uns aufgewartet, u. ein von Vicekönig angeordnetes Dejuner a la fourchette, wobei viel Champagner floß, hat uns erpuckt. Sonderbarer Contrast! Moses war vor 2500 Jahren sehr froh um die Quelle, zur Labung seiner dürstenden Schaaren u. wir, armselige Jetztmenschen, laben uns an gleicher Stelle mit Champagner! Während wir mit unseren Geschäften uns befassen, suchen Ganz u. Kubli Conkilien, wovon das hiesige Meeresufer voll ist. Ich werden den lieben Kindern viele mitbringen. Seit 11½ Monaten hat es hier nicht geregnet, gar oft vergehen 3 Jahre ohne Regen, u. am Sinai sogar 7 Jahre! Es ist unglaublich wie die Leute leben können. Bei Tag mäßiget jetzt ein kühler Nordwind die Hitze, u. Abends ist die Temperatur unter sternbesaeten Himmel sehr angenehm. Feuchtigkeit giebt es keine: die reine Luft absorbirt u. troknet jede Feuchtigkeit aus. Meine Gesundheit ist gottlob so gut wie sie seit vielen Jahren nicht war. Kein Husten hat sich eingestellt und da kein moralischer Verdruß mich quält u. kein grobes ämtliches Schreiben, oder keine Schlechtigkeit der Menschen mich plagt, und mit einer der herrlichsten Aufgaben der Welt beschäftiget bin, so ist es kein Wunder, daß auch die Gesundheit diesem glücklichen Zustand entspricht. Du u. all die Lieben die mir am Herzen liegen seyd mir immer gegenwärtig u. oft möchte ich Euch gegenwärtig, wenn etwas großartig Schönes oder Heiliges vor Augen liegt. Heute reiten wir nach dem Frühstück zum Berg Ataka westlich von Suez um Steinbrüche und Kalk für die hiesigen Bauten aufzusuchen. Morgen gehet die Untersuchung nördlich vor, und Uebermorgen werden wir gegen Pelusium vorrüken, wenn wie durch den Isthmus gegen Neujahr zu gelangen gedenken. Nun lebe wohl liebste Lotti! Gute Weihnachten, u. gutes Neujahr Dir, den Kindern u. Anverwandten! Schreibe doch der Mutter in meinem Namen! Vielleicht kommt dir dieser Brief noch vor Neujahr zu, da das Schiff aus Indien mit dem berühmten Tahleisen noch nicht eingetroffen ist, u. somit unser Schiff von Alexandrien nicht abgehen konne.- Gott segne Dich u. alle, sogenannten guten Dinge, laß die nichts abgehen u. denke zuweilen an deinen alten treuen Louis.