Dampfschiff auf dem Nil 26 Nov. 1855. Liebste Lotti! Wie ich dir heute schrieb, reißten wie um 2 Uhr von Cairo ab- und nach einer Stunde hatten wir die Stelle erreicht, wo die Tochter Pharaoes den Moses an das Ufer retten ließ. Da ist ein KoptenKloster nun gebaut den die Stelle bezeichnet. Hingegen bestehet von dem alten Memphis gar nichts mehr als Ruinen, u einige Pyramiden, welche ehemals als Necropole dienten. Unser Schiff ist mit allem Comfort ausgestattet, und jeder hat eine eigene Cabine auf dem Verdek, worin ein Bett, ein Sopha u ein Waschtisch ist. Mein Koffer dient mir als Schreibtisch, u habe ihn vor mir am Sopha beim Fenster. Die Ufer des Nil sind beständig mit Palmen Wälder, mit Sikomoren, u [Gazien]bäume dann mit Mais, Zukerrohr, u [Dourra]felder eingefaßt, u Tausende von Pelicane, Schwanen, wilde Gänse, Enten, Ibis, und andere seltener Vögel umschwärmen die Luft. Auf den Nil 27. Nov. 24 grad Wärme. Heute fuhren wir neben einem Koptenkloster vorbei. Es liegt hoch auf einem Felsen am Saum der Wüste Arabiens. Die Mönche stürzen nakt über einen mehr als 300 Fuß hohen Felsen in den Nil herab, und betteln schwimmend um ein Bakschis /Almosen, oder auch Trinkgeld. Palmen, u [Gazien], und Gummibaumwälder, dann Baumwollpflanzungen und Zukerrohr umzirten den Nil. Aber diese Ueppigkeit beschränkt sich nur im Nilthal: denn gleich jenseits des Inundationsgebiethes ist die starre Sandwüste! 28. Nov. vor [Siont], das alte Sycopolis. Wir kamen ohne neuere Beobachtungen eben jetzt, Abends 7 Uhr hier an. Es wurde soeben das Diner servirt. Beiliegend hast Du das heutige Speisezettel, u wirst daraus ersehen, daß der Vicekönig uns nicht Hungers sterben läßt. Es sind drollige Speisen! Doch schmekt Alles gut, u mit [Medera], Sauterne, [Chahean] Lafitte, [Thei]wein u Champagner läßt sich Alles abschwemmen! So eine Prosesion ist mir noch nicht vorgekommen. Gute Nacht meine liebe Lotti! Gott segne Dich u die Kinder. Soll u Haben habe ich gelesen: Es ist gar nicht übel! Addio 29 Nov. 2 Uhr Nachm. Wir brachen heute Morgens um 7 Uhr zu Pferde auf, u ritten nach [Siont], Hauptstadt v. Hochegypten hinein, mit 36000 Einwohner. Der Gouverneur holte uns am Bord ab, u die Wachen tratten vor uns ins Gewehr, was überall geschieht, wo wir den Fuß ans Land setzen. [Siont] liegt eine ½ St. vom Nil entfernt. Wir ritten durch die Stadt, jeder seinem Laufer voran: es war eine stattliche Reiterei u Pferde alle prächtig barirt!- Wir besuchten die alte u die neue Necropolis, u fingen an, einen Begriff von der Größe der alten Egyptier zu bekommen! 30. Nov. 20 Grad Wärme in Schatten! Wir kamen heute in Dendera, /Tantyrus an, u gingen gleich über den Fluss hinüber, an die Ruinen des herrlichen Athors Tempels zu Dendera, am Saume der Wüste von Libien, zu besichtigen. Es bestehen noch 3 Stadtthore, u der Tempel der Athor, nebst 3 Kleineren Tempel u. Wohnungen der Priester. Welche Größe, welche Majestät, welch immense Solidität, u welche Verschwendung! Ich habe schnell eine Skitze entworfen, die ich dir zeigen werde. Ich sehne mich unendlich nach Nachrichten von Euch— sonst ginge es mir herrlich! 1. Dezember. Erst heute Abends 7 Uhr gingen wir vor Luxor zu Theben von Anker. Die Hitze steigt täglich mehr, je weiter man gegen das tropische Zeichen der Ranker schreitet, doch ist die Spitze, bei der Rheinheit der Luft, nicht so drükend wie bei uns. Nur die Fliegen sind impertinent. Die Ruinen von Luxor leuchten uns in hellen Mondschein entgegen. Welche Größe!