Alexandrien den 18te Nov. 1855. Liebste Lotti! Endlich erreichten wir gestern Abends 4 Uhr das Gestade Egyptens nach einer 8tägigen stürmischen Fahrt, wodurch wir um 3 Tage verspätet ankommen, während der französische Dampfer aus Marseille, welcher am 8. auslief, erst heute Morgens hier eingelaufen ist. Paleocapa und Rappel mußten wegen Uebelseyns, in Malta zurükbleiben, und werden also nachkommen. Wie Du aus meinem Brief aus den Wäßern von Corfu ersehen haben wirst, ging es mir bis dahin ganz gut, während Ganz und Josef her und her an der Seekrankheit gelitten haben. Auch Kubli war mit mir immer wohl, und alle haben wir uns oft mit unseren Lieben in Europa beschäftiget. Obschon der Himmel nicht immer rein war, haben wir die ionischen und die griechischen Inseln alle gesehen, und in Navarino, am Gestade Moreas, mußten wir beilegen, um dem Sturm zu entgehen. Wir blieben 17 Stunden in jenem, von der Natur gebildeten weltberühmten, jetzt aber ganz öden Hafen, ohne jedoch ans Land zu gehen. Welche Illusion ist Navarino! Ein solcher Namen, und dabei solches Elend! Es ist ein elendes, kleines, unregelmäßiges Dorf zwischen Steinen wie am Karst doch ist die Gegend von Karst viel Schöner, und cultivirter. Ueberhaupt biethet die ganz Küste Albaniens und Moreas bis gegen Cerigo ein trauriges Bild von Vergangenheit, u gegenwärtigen Elends. Wir sahen in der Ferne die Olimpe, den Egato bei Sparta, Modon, Coron, Itaca, Patmos, u unzählige andere Inseln und Eilande- und bei Candien, wo wir bei Blitzenschein den Monte Ida bewunderten, wurde das mitel: ländische Meer in 42 Stunden traversirt bis hieher! Alexandrien bietet einen, den Europaer frappirenden, traurigerhabenen Anblick— doch ist ein gewißes Aufblühen dieser großen Handelsstadt unverkennbar. Wie wurden auf Befehl des Vicekönigs mit allen Egards u Zuvorkommenheiten empfangen, und in das große Hotel de l'Europe bequartiert, wo ein Secretaire des Vicekönigs die Honneurs macht. 19. November 1855 Heilige Elisabeth, cara mia, bet für uns! Hoch meine theuere unvergeßliche Mutter! Gestern um 10 Uhr Vormittags ist endlich auch der franz. Dampfer eingelaufen, und hat H. de Lesseps, und alle übrigen Mitglieder der Commission— Paleocapa, und Lenze /Preuß/ ausgenommen, mitgebracht. Während der Ausschiffung sind wir, vom Consular Kanzler Schaefer begleitet, in die kath. Kirchen dei Lazaristi, u der Kapuziner gegangen und fanden dort mehr Messen als man zuweilen in Europa an einem Ort findet. Der Gottesdienst hat mich tief ergriffen! So schön wird es abgehalten. Um 11½ Uhr war Begrüßung der Commission durch alle Consule, minus H. Huber der in Cairo ist. Darauf war Sardunapalisches Dejunèr, dann Gagenvisiten bei den Consuln, dann eine Sitzung der Commission, und um 4 Uhr eine Fahrt zur Colonna di Pompeo, und zur Guglia de Cleopatra— herrliche u. wohl erhaltenen Ueberreste einer großartigen Vergangenheit. Hier ist Tag u Nacht fast gleich lang. Um 6 Uhr stehet die Sonne auf und gehet um 6 Uhr Abends unter. Ich schreibe bei ofenen Fenstern, u bedaure, zu wenig leichte Kleider mitgenommen zu haben. Dämmerung giebt es hier keine, sondern es ist gleich Tag oder Nacht. Der Mond scheint beim durchsichtigen Himmel viel heller als in Europa. Wo kein Wasser hinkommt, ist das Land ganz kahl und sandig u macht einen sehr traurigen Eindruk— und die Wohnungen der Araberstämme die hier die Hauptzahl der Bevölkerung ausmachen sind wahre Höhlen des Schmuzes u des Elends. Die Weiber gehen ganz maskirt auf die Gasse, u aermliche Hunde giebt es unzählige. Esel zum reiten giebt es unzählige- zu Fuß darf kein Herr ohne ausgelacht zu werden, ausgehen. Fahren kann man nur im Frankenquartier u in der Umgebung, die Straßen sind aber entsetzlich schlecht. Heute erwarten wir die Visite des Gouverneurs, u der Vicekönig erwartet uns in Cairo, wo wir Uebermorgen reisen werden. Die Eisenbahn gehet bin zum Nil, u dort erwartet uns ein Dampfer. Und nun Gottessegen über Dich u über alle unsere Lieben! Gott erhalte Euch gesund, und fröhlich noch 50 Tage! u dann kehrt mit Gotteshilfe gesund u vergnügt in Euere Arme dein Louis. Mordelli, Ganz, u Giuseppe[unleserlich] Grüße! Küße alle Kinder, u grüße die Mutter u Theodors.