Verona der 30. Xber 1854. Mein Verehrtester! Vor Ablauf des alten Jahres erfülle ich eine alte Schuld- nemlich die Beantwortung Ihrer 2 Schreiben vom 7. Nov. u. 4. l. M., die mir beide vor Augen liegen, und wegen lauter ämtlichen Schreiberagen, und Dienstreisen nicht früher beantwortet werden konnten. An Herrn Arlès-Dufour habe ich nach Paris geschrieben, u auch wieder Antwort aus Lyon erhalten. Mit Suez hat es wieder einen Schritt vorwärts gemacht- denn die an Herrn de Lesseps ertheilte Concession für den Suezer Canal ist auf Rechnung unserer alten Societé d'Etudes erfolgt. Wir wollen sehen was die Zukunft bringen wird- u jedenfalls wäre es für mich eine große Befriedigung, wenn ich meine Laufbahn an diesem großen Werk schließen könnte. Es freuet mich der Beschluß rücksichtlich des Bahnhofes: es ist doch so leicht von dort aus längs dem Thalweg die Eisenbahnverbindung mit dem See mit geringen Auslagen zu bewirken. Wenn eine franz. Gesellschaft eine Eisenbahn durch den Bötzberg bauen will, nichts beßeres für die Zürcher-bahn: doch glaube ich daß die Bahn nach Waldshut dabei nicht zu vernachläßigen wäre. Der Antrag der Brüke bei der Neumühle sollte auch allseitig unterstützt werden, und es wird mich freuen, wenn dareinst der Beschluß darüber gefaßt wird. Die erfolgte neuerliche Einzahlung von 50 Fr. per Actie nehme ich zur Nachricht u bitte Sie fortzufahren bis der Fond von 5000 Fr für die volle Einzahlung der 10 Action erschöpft seyn wird. Für Ihre dißfällige Mühe danke ich herzlich.- Es wird mich freuen wenn in März 1855 die Streke Romanshorn-Winterthur, und im März 1856 die ganze Streke bis Zürich eröfnet wird. Während sie über verfrühten Winter klagen, haben wir hier das herrlichste Wetter, und nur zur Nachtzeit fällt zuweilen der Termometer auf Nulle. Doch kaum erscheint die Sonne, so schwindet der leichte Frost wieder, u dient nur die Vegetation zurükzuhalten, was eben sehr gut ist. Hingegen habe ich von 20 d. M. in Bologna und Modena Schnee gehabt, u am Apennin ist er eben auch knietief. Herbst haben wir hier, schon zum viertenmal, keinen gehabt: das Modenesische war hingegen beßer daran u hat schweres Geld verdient. Meine Familie ist gottlob ganz wohl, hingegen haben wir den am 24: d. M. in Wien erfolgten Verlust meiner Schwägerin, der Hofräthin Erb, Schwester meiner Frau, zu betrauern. Meine beiden großen Knaben sind schon seit mehreren Monaten zu Officiere arangirt u sind beide recht brav, gottlob! Louis, der ältere, ist in Venedig, Oscar hingegen in Galizien u hat bisher mit seiner Compagnie Eisenbahnen gebaut. Beide sind frohen Muthes, u erwarten mit Spannung der Dinge, die da kommen sollen. Emilie ist noch im Erziehungshause zu Padua u fällt, gottlob, ganz nach Wunsch aus, so wie die 3 kleinen ganz nach Wunsch gedeihen. Und so habe ich auch im ablaufenden Jahre dero hiemal für tausend Wohlthaten zu danken! und getrost dem Jahreswechsel entgegen zu sehen. Diesen wünsche ich Ihnen u. der Ihrigen in allen Beziehungen glüklich, und indem ich um die Fortdauer Ihres freundschaftlichen Wohlwolles bitte, schließe ich mit festem Handschlag An Herrn Ott-Imhof, an Stoker, an Mögeli, e tutti quanti, vor Allem aber Ihrer verehrten Familie alles Erdenkliche zum Jahreswechsel. Ihr altergebener Negrelli