Thineh am 16ten Juni 1847. Societe d'Etudes du Canal de Suez Groupe Allemand Vienne, Herrengasse No. 27 Euer Hochwohlgeboren! Ungeachtet ich mit größtem Verlangen einem Schreiben von Euer Hochwohlgeboren entgegensehe, ist meine Hofnung, wenigstens für diesen Posttag leider wieder getäuscht, und ich muß eilen meine Berichte fortzusetzen, damit mein Bothe noch vor Abgang des Dampfbootes von Alexandrien nach Europa, dort anlangen kann. Die technischen Arbeiten sind so weit vorgerückt, daß sie in 8 Tagen als beendet betrachtet werden können. Die ersten Sondagen, welche westlich von der Kanalmündung vorgenommen werden, stellten sich nicht als so günstig heraus, wie ich erwartet hatte, so daß wir erst auf eine Entfernung von 4000 W. Klafter 27' Tiefe fanden. Je näher wir jedoch der Stelle kamen, wo nach Linant Bei die Ausmündung des Kanals projectirt wurde, desto günstiger stellten sich die vorgenommenen Sonden dar, so daß durchschnittlich auf 3 Seemeilen Entfernung, und auch bei 100 Klafter darüber, 27' Tiefe anzutreffen sind. Eine Seemeile gleich 1000 Klafter. Oestlich von der Stelle der Kanalmündung gegen das Cap el [Has] vergrössert sich die Entfernung vom Ufer in der 27' Tiefe anzutreffen sind, auf 3500 bis 3700 Klafter und bleibt sodann constant. Die Abdachung des Meeresgrundes bis zur Tiefe von 27' verhält sich wie 1': 800', so daß auf 100 Klafter, 9 Zoll Gefäll anzunehmen sind. In dem ganzen weiten Halbkreise der Bucht, in der die Sondagen vorgenommen wurden, sind weder Sandbänke noch Felsen u. d. Gl. anzutreffen, und die Abdachung nimmt bis zu dem Punkte der 27' Tiefe, um abgedachte Verhältnisse zu. Es ist sehr erwünscht, daß die Arbeiten in der Wüste endlich beschlossen werden, da unsere [Leistung] von Tag zu Tag unangenehmer, ja sogar gefährlicher wird. Die Hitze steigt den Tag über bis auf 33 Grad, wodurch sich der Sand bis auf 41 Grad erwärmt, und es ist kaum möglich mehrere Minuten auf einem Platze zu stehen. Aus der Erde, in der, wenn man gräbt schon auf 3 Schuh Tiefe Meerwasser zu treffen ist, dringen in der Nacht feuchte ungesunde Dünste empor, welche die Luft im Zelte verpesten. Da die Hitze den Tag über so sehr zunimmt, müssen die Arbeiten schon vor 3 Uhr Morgens begonnen werden. Eine Plage mehr sind die Heuschreckenschwärme, welche der Südwind manchmal bringt, und die uns die kurze Nachtruhe, die uns vergönnt ist, rauben. Wir erfreuen uns bis jetzt einer befriedigenden Gesundheit, wenn auch unsere Augen etwas angegriffen sind, doch 2 Figuranten erkrankten so plötzlich, daß einer derselben dem Ende nahe war, denn an eine aerztliche Hülfe ist hier gar nicht zu denken. Doch alle diese Strapatzen sind für jetzt bald überstanden und wir fühlen uns neu gestärkt bei dem Gedanken, die uns durch Eure Hochwohlgeboren gestellte Aufgabe gewiß zur Zufriedenheit vollkommen gelöst zu haben, der Wellt beweisen zu können, daß Euer Hochwohlgeboren sich nicht täuschten, als Sie uns dieselbe vertrauten. Die Instruktionen haben ihre Trefflichkeit bewährt und wurde Punkt für Punkt bis ins gerichte Detail befolgt. Das Cap el [Has] bildet das östliche Ende der Bucht von Thineh; wenn man dasselbe umschifft, was nur 1 Stunde Zeit erfordert, kömmt man in eine zweite Bucht, el [Machadep] genannt, in welcher eine durchschnittliche Meerestiefe von 8 Klfter zu treffen ist, so daß Schiffe, welche hier einlaufen bis auf 1 Seemeile zur Küste anfahren können und selbst da noch 6 Klafter Tiefe finden. Ich werde hierüber noch nähere Forschungen anstellen. Wenn mir nicht während meines Aufenthaltes bei Thineh bestimmte Verhaltungsbefehle von Euer Hochwohlgeboren zukommen, so reise ich mit meinen 3 Begleitern nach Beendigung der technischen Arbeiten über Damiette nach Cairo, wo ich Linant Bei die Pläne vorzeige, und die nöthigen und versprochenen Auskünfte über Material [ut] erhalte. Von da gehe ich nach Alexandrien um mit dem nächsten Dampfer nach Europa zurückzukehren. Von unsere Arbeiter werde ich weder Mehemed Ali, noch Linant Bei Copien übergeben, außer Ihr ausdrücklicher Befehl erwartet mich bereits in Alexandrien, und ich glaube eher die geringste Vorzukömlichkeit diesen Wunsch des Paschas geschickt zu umgehen. Verhältnisse, die ich Euer Hochwohlgeboren mündlich mitzutheilen die Ehre haben werde, bestimmen mich zu dieser Handlungsweise. Ich hoffe den mir erbethenen Kredit bei meiner Ankunft in Alexandrien eröffnet zu finden, da ich das Geld praes. 10. Juli 1847. zu den Auszahlungen dringend benöthige. Wie werden in den ersten 3 Tagen August's in Wien eintreffen, und ich tröste mich mit der Ueberzeugung, daß indem ich diesen Brief absende, bereits Nachrichten für mich in Alexandrien angekommen sind. Ich verharre mit dem Ausdrucke der größten Hochachtung Euer Hochwohlgeboren ergebenster Diener Karl Jaßnüger