Thineh am 19. Mai 1847. Euer Hochwohlgeboren! Mit Beziehung auf meine früheren ergebensten Berichte erlaube ich mir Euer Hochwohlgeboren anzuzeigen, daß wir am 9. Mai Damiatte verlassen haben, nachdem ich mit dem dortigen Consul, H. Cahil, die schnellste Expedition der Briefe verabredet hatte und der Gouverneur von Damiatte mir die Versicherung gegeben, uns Alles, was wir benöthigen sollten, in die Wüste nachzusenden. Ungeachtet der genauesten Forschungen war es mir unmöglich Näheres über Thineh zu erfahren, denn diese Gegend ist für die Bewohner des Landes im wahren Sinne des Wortes terra incognita. Endlich gelang es einen Lootsen zu finden der frü(her) Fischer war, und dieser gab an, daß er die Gegend von Thineh (...). Ich nahm denselben für kürzere Zeit in meinen Dienst, unter der Bedingung uns ungesäumt an den Ort unserer Bestimmung zu geleiten. Die Entfernung von Damiatte bis Thineh beträgt bei 46 Seemeilen und die Tiefe des Fahrwassers 8–10 Klafter. Da wir bei Nacht in die Nähe von Thineh kamen, und die Bucht dem Capitain unseres (Schi)ffes unbekannt war, lavirten wir die Nacht über außerhalb derselben. Am 11. d. M. gingen wir an der Bucht, 5 Seemeilen von der Küste mit 5 Klafter Meerestiefe von Anker, verliesen das Schiff und fuhren mit der Imbarkation ans Land. Die Ueberfuhr vom Schiffe bis an's Land dauerte 2 Stunden. Thineh ist gar keine Ortschaft, sondern die ganze Gegend um die Bucht und bis auf eine Stunde in die Wüste wird Gun el Thineh |:Bucht bei Thineh:| genannt. Die Gegend ist Durchaus unbewoht, und es kommen nur selten Schiffer und Fischer hieher, welche sich wenige Tage in der Bucht aufha(lten). Die Form der Bucht und der Insel, welche nach Herrn Linants (...) als der Punkt bezeichnet wurde, wo der projectirte Kanal in das (...) münden soll, wird in der von den Ingenieurs zu verfassenden Karte (ent)halten sein, un wird mit H. Linant's Angabe zimlich genau übereinstimmen. Nachdem die Zelte aufgeschlagen waren, begaben wir uns in das Innere der Wüste bis auf 1 Stunde Entfernung, wo in südlicher Richtung von der Küste die Ruine des alten Pelusium, auf einem die [Umgegend] etwas dominirenden Punkte liegt. Die einst berühmte Stadt Pelusium (ist) bereits so zerstört, daß man kaum Ruinen findet, und es ist nur noch ein Gebäude, eine dem gänzlichen Verfalle nahe Ruine, dem Baue nach, nicht ein Tempel, zu sehen. Dieser Ort ist gegenwärtig der Aufenthalt von Hiänen, Schakals, Geiern und anderen wilde Thieren der Wüste. (...) sich, wie nothwendig in solcher Nachbarschaft die Bewaffung unserer (Expe)dition war, um so mehr, als die Hiänen bereits 2 mal (...) getrieben, Speise witternd, bis an unser Lager kamen. Als wir (...) Ruine näher untersuchten, fanden wir einen halbverwesten Leichnahm (...) die morschen Fetzen, welche den untern Theil des Körpers halb bedecken scheinen der [unleserlich] eines Beduinen gewesen zu sein. Diese Ruine wird es den französischen Ingenieurs erleichtern, die 3 Punkte zu finden, welche den Ort bezeichnen, wo (sie) ihre Aufnahme der unsern anzuknüpfen haben. Auf Anrathen de(s) Schas und [unleserlich] von Damiatte, habe ich dem Beduinenhäuptling (...) Wüste einen Tribut bezahlt, wogegen sich derselbe verpflichtet hat, uns alle [Herden] der Wüste ungestört unsere Arbeit verrichten (...) ja, im Falle des Bedarfes sogar zu unsern Diensten stehen würde. Jeder Reisende muß sich dieser in Egypten tollerirten Räuberei ge(...) willig unterziehen, für uns hatte aber das uns nun erwachsende Freundschaftsverhältniß mit den Beduinen noch einen weiteren Vortheil. Diese Söhne der Wüste sind mit allen Theilen derselben ganz vertraut, und von ihnen habe ich erfahren, daß 3 Stunden von Pelusium ein See zu treffen ist, der Süßwasser enthält, und wenn dasselbe auch nicht so gut ist, ich habe heute einen Versuch gemacht, wie das Nilwasser bei Damiatte, so kann es doch gewiß trinkbar gemacht werden. Ich werde nächstens eine Reise zu diesem See unternehmen, um die Gegend genauer zu untersuchen. Außer diesem See soll in den ganzen Wüste kein trinkbares Wasser zu finden sein, das Wasser des See's Menzalek aber ist ganz unbrauchbar. Der See communicirt an mehreren Stellen mit dem Meere und sein Wasser ist ganz gleich dem Meereswasser. Wir müssen unsern Wasserbedarf aus Damiatte bringen lassen was mit Unzukömlichkeiten verbunden ist, und Wasser ist hier das nothwendigste Bedürfniß, denn Alle leiden fortwährend an kaum zu löschenden Durste. Ich habe die Vorkehrung getroffen, daß nie Wassermangel eintretten könne. Die Sonne geht um 4 Uhr 45 Minuten auf, der Stand des Thermometers ist um diese Zeit durchschnittlich 16 Grad, um 8 Uhr bei 24 bis 26 Grad, um 9-10 Uhr erhebt sich ein kühlender Nordwest- oder Nordostwind |: die hier beinahe einzigen Windstriche :| und um 12 Uhr fällt dadurch die Hitze wieder auf 22-23 Grad, und bei Untergang der Sonne um 6 Uhr 00 Minuten, auf 20-21 Grad. Diese Hitzegrade sind erträglich, doch die Erde, trockener [lockerer] Sand, fängt die Strahlen der Sonne auf, und macht die Hitze sehr fühlbar, der lockere, heiße Sand aber ist sehr ermüdent. Die technischen Arbeiten der 3 Ingenieurs haben bereits am 14. d. Mts. begonnen, und werden mit vielem Eifer fortgesetzt; sie halten sich genau an die von Euer Hochwohlgeboren gegebenen Instruktionen, deren Trefflichkeit sich bei der practischen Ausführung erweiset. Im nächsten Berichte, werde ich mich beehren Euer Hochwohlgeboren einen Rapport, Auszug aus dem Tagebuche, über die bereits fertigen Arbeiten der 3 Herrn zu unterlegen; für dießmal wurde derselbe, da erst seit wenigen Tagen gearbeitet wird, noch etwas schmal ausfallen. Unter Einem hoffe ich sodann die Zeit genau bestimmen zu können, in der unsere Aufgabe gelöst sein wird, ich glaube, wenn die Herrn fleissig sind; und nicht sehr ungünstige Witterungsverhältnisse eintretten, in den ersten Tagen July. Pottika ist, obwohl nicht ernannter Oberingenieur, der Leiter der technischen Arbeiten, er benimmt sich mit vieler Umsicht, arbeitet rastlos und es zeigt sich, daß die Art, wie er die Arbeit angreift, immer am schnellsten das erwünschte Resultat bringt. Junker ist sehr thätig, und folgt Pottikas Beispiel, (...) practischeres Wissen er anerkennt. Maier hatte anfangs, wenn es zu arbeiten galt, immer viel aber und wenn, brachte weitläufige Theorien vor, deren Ausführung unseren Aufenthalt sehr verlängert hätten, und sprach die Meinung aus, wie er es gerne sehen würde, wenn die Aufnahme recht lange dauern könnte. Von den beiden andern jungen Männern überstimmt, trachtet er jetzt mit Eifer hinter den Leistungen derselben nicht zurückzu bleiben. Unter diesen Verhältnissen habe ich mir erlaubt, gewiß im Sinne Euer Hochwohlgeboren, H. Pottika darauf aufmerksam zu machen, welches Vertrauen Euer Hochwohlgeboren besonders in ihn setzen, der das Glück hat, seit längerer Zeit von Euer Hochwohlgeboren gekannt zu sein, und daß besonders er den größten Theil der Verantwortung tragen würde, daß Euer Hochwohlgeboren seine Leistungen anerkennen werden, wenn die technischen Vorstudien schnell, und den Wünschen entsprechend be endet sind. Er wird gewiß Alles aufbiethen, um dieser Gnade würdig zu sein. Wie viel wurde noch während meines Aufenthaltes in Wien, sogar von Männern, denen ich wegen ihrer Stellung mehr Wissen zugetraut hätte, über die Unmöglichkeit der Ausführung des Canals von Suez nach Thineh, gefaselt, welche aus [fabelhaft] gränzenden Schwirigkeiten erzählte man mir in Triest, Alexandrien, Cairo und selbst [noch] auf der Reise bis Thineh- und wie ganz anders stellen sich gegenwärtig uns, die wir an Ort und Stelle untersuchen und prüfen, die Verhältnisse dar. Die Möglichkeit des Canal-Baues, ja sogar die [leichte] Möglichkeit, im Verhältnisse zur Großartigkeit des Baues und des unberechenbaren Nutzen, den der Canal einst den ganzen Welt biethen wird, tritt mit jedem Tage klarer hervor. Die Hitze ist erträglich und erreicht im ungünstigsten Falle nur in den Monathen, Ende Juni, July, und Anfangs August über 30-34 Grd., woran man sich jedoch hier viel leichter, als im gemäßten Klima, w. z. b. Oesterreich, gewöhnen kann; in allen anderen Monathen des Jahres ist das hiesige Klima milde zu nennen. Man hatte uns die furchtbarsten Siroccos, hier Camsin genannt, prophezeiht, und seit unserm Aufenthalte, in Egypten hatten wir nur 1. Mal leichten Camsin, während ich in Cairo war, seit dieser Zeit aber weht immer ein kühlender Nordwestwind, und doch ist gerade die jetzige Zeit, als die der Camsins bezeichnet werden; mit Ende Mai aber kommen diese Winde gar nicht mehr vor. Statt einer Küste voll Klippen und Gefahren finden wir eine mäßig flache Küste und bisher immer günstigen leichten Nordwestwind und sehr ruhiges Meer, und ich zweifle nicht, daß die Sandungen an den ungünstigsten Stellen auf höchstens 3 Seemeilen die erwünschte Tiefe von 27 Fuß ausweisen. Hierüber hoffe ich nächstens günstig berichten zu können. Geschieht der Bau durch den Pascha- oder was das Wahrscheinlichste ist, im Einverständniß mit dem Pascha, so werden Leute genug zu geringem Arbeitslohn zu bekommen sein, und wer die Genügsamkeit, der gemeinen Volksklassen hier gesehen hat, wird einsehen, wie leicht die Herbeischaffung des Proviantes für die Arbeiter ist. Ein Schiffszwiback, ein paar Oliven, oder Zwibel und im günstigsten Falle Reis oder Bohnen und das nöthigste Trinkwasser befriediget alle Bedürfnisse des Arabers. So eben komme ich von einer Rekognoszirung aus dem Inneren der Wüste zurück. Auf 3/4 Meilen östlich von der Ruine Pelusium erhebt sich eine Hügelreihe, welche sich in einer beinahe geraden Linie von Süden gegen Nordosten zieht und am östlichsten Ende des Ufers, welches die Bucht von Thineh begränzt, ins Meer ausläuft. Auf diesen Hügeln liegen die Ruinen der Stadt Faramah del Machsan di Karais. Man sieht beinahe durchgehends nur Schutthäuser, welche den Ort bezeichnen, der einst durch den Reichthum seiner [Bewohner] bekannt war. Noch jetzt findet man 8 schöne Säulen aus demselben herrlichen Granit, wie die Pompeus-Säule in Alexandrien am Boden umgestürzt. Mein Tagebuch enthält detaillirte Nachrichten über diesen Gegenstand. Ich erwarte mit großer Spannung Briefe von Euer Hochwohlgeboren, welche mir die Ueberzeugung verschaffen, daß meine bisherige Handlungsweise in den Suez-Canal-Angelegenheiten den Ansichten entsprechen kann, und die mir [Verhaltungs] Befehle für die Zukunft bringen. Ich habe leider die letzte Post noch nicht erhalten und sende diesen Bericht durch einen eigenen Bothen nach Alexandrien. Ich habe die Ehre mit besonderer Hochachtung zu verharren Euer Hochwohlgeboren ganz ergebenster Diener Karl Jassnüger Egypten Tineh 19 Mai 1847 Empf. 8. Juni 1847.