Wien den 10 April 1855. Liebste Lotti! Ich habe die Briefe des Michele, Niccoletto u. Lisi erhalten: von dir aber nichts als die Adressen, u. die Versicherung aber daß du u. die lieben Kinder am 5. dieß beim Schlafengehen gebetet habt- auf daß es mir auf der Reise gut gehe- u. so ging es auch- denn Gott hat mich offenbar begünstiget. Die Engel hört Gott immer an! Hingegen ist hier seit meiner Ankunft immer Regen! Gestern war es gar arg- u. der Rükzug aus dem Prater um 6 Uhr als ein Plazregen eintrat, glich einer wilden Flucht! Ich hatte Gestern um 3 Uhr Conferenz bei Baron Bruck, wo ich den erst einberufenen Professor Stein aus Kiel kennen lernte. Es handelte sich um Suez. Der Minister will, daß der Gegenstand in den Friedensconferenzen mit einbezogen, und von allen europeischen Mächte garantirt werde. Nächstens wird ein längerer Artikel in der Allg. Zeitung darüber erscheinen, den Professor Stein verfaßt u. Gestern beim Minister vorgelesen hat. Um 5 Uhr bin ich erst zu Tisch gekommen, u. habe sehr schlecht zu essen bekommen- Alles aufgewärmt. Dann ging ich zu [Heiller]. Danke Dir! Morgen heirathet er- eine gewiße Carli, beamtenstochter, 31 Jahre alt, arm, u. schwächlich! Seine Kinder sehen gut aus. Er war verblüfft als er mich sah!- Wenn Baron Bruck mir eine neue Stellung in Wien verschaft /sehr stille darüber, sonst ist Alles gefährdet!/ so ist mir die Hofnung auf diesen alten See und dadurch benommen. Die schwächliche Frau wird krank- er-maßleidig [unleserlich]! Heute sah ich C. Er ist schon vertragen mit dem Minister- u mußte heute 2 volle Stunden antichambriren. Darum schnaumbte er vor Zorn- indem er alles aufbot, um selbst Minister zu werden. S. M. hat aber der Intrigue durch: wollte weder G. noch B. noch C. u wählte Toggenburg. Wenn du Gelegenheit hättest S. D. den Feldmarschal, unsern erhabenen Herren [Gewatten] zu sehen, so bitte ich dich doch ihn zu fragen, ob es wahr sey, daß er eine Piemontesische Eisenbahn von Vigevano nach Mailand zugegeben habe! Ich halte es für unmöglich! C. sagte mir, Graf Pachta habe es beim Feldmarschal durchgesetzt- u. ich wurde gar nicht mehr gefragt! Daher könnte es wohl seyn, daß es wieder auf eine Intrigue ausgehet! Von den Conferenzen verlautet gar nichts! Drouin de Lhuys ist der Lion des Tages - er hat Gestern bei Grafen Buol in der Soiree förmlich imponirt mit seinem Aeußeren u. seinem Benehmen- u. hat John Russel völlig zur [Melle] gemacht. Die italienische Oper ist ganz durchgefallen. Es war zuerst der Trovator, dann Lucretin wiegesagt- u. das Publicum bekam den Barbiere aufgeführt! Erb war bei mir, traf mich aber nicht- denn ich war bei Bruk. Mit Theodor bin ich unzufrieden. Er ist ganz exaltirt u. kann seine EntHebung nicht vergessen! 11. 4. 8 Uhr Früh. Gestern Abends war ich bei Erb. Der Arme! er sieht nun ganz gespensterartig aus! Er hält sich immer in [Anmentinens] Zimmer auf u. sagt er könne sich seit jener Catasrophe nicht mehr erholen- er scheint ganz untröstlich zu seyn. Die Fini ist bald ganz ausgewachsen u. zu ihrem Vor theil. Buol, Buolin, und Tochter sind am Samstag vor der Chorwoche über Triest und Ancona nach Rom. Heute habe ich wieder Conferenz bei Baron Bruck, u. arbeite unabläßig für ihn, in Einverständniß mit Toggenburg. Bruck läßt richtig seine Frau u. Familie kommen- worüber die Frau seelig seyn soll. Die Madame B. bleibt also in Triest und wird gleich malaisen bekommen. Küße mir herzlich die lieben Kinder, u. grüße Pepi u. sey guter Erwartung u. segne Euch Alle der liebe Himmel. Addio Dein Louis