An Baron Wessenberg kk. Minister des Aeussern u. des [Haupts] in Wien. Euere Excellenz! Es ist Euerer Excellenz die Angelegenheit des Suezer Canals s. z. aus den öffentlichen Blättern gewiß bekanntund geworden, und einige hierüber verhandelten Acten werden sich in der kk. Staats-Kanzley vorfinden. Von Seite der deutschen Groupe des dißfälligen französisch-englisch-teutschen Vereins wurde mir die Leitung des Geschäftes übertragen- und die Vorstudien zur Bildung einerAn Gesellschaft für die wirkliche Ausführung des Kanalbaues liegen bereit vor. Allein die, seit dem Februar dieses Jahres eingetretenen, politischen Ereigniße haben auch hierin eine Stokung im Vorgange hervorgebracht. Diemitbetheiligten Führer derfranzösidrey schenundderenglischen Groupen haben aber die Sache nicht fallenfort lassen, und warten nurdieLegungderpolitischen den günstigeren Augenblik AufregungMitteleuropas ab- um neuerdings dem Ziele ihrer Strebungen zuzusteuern. Inzwischen sind mir, leider wegen meines unsteten Aufenthaltes, erst dieser Tage, die beiliegenden zwey Briefe aus der Feder zweyer französischer Notabilitäten, Enfantin, und Arlès-Dufour eingegangen, welche ich mich beeile, ihrer Eigenthümlichkeit wegen, Er. Excellenz hiermit zu unterbreiten. Sie dürften um somehr die hohe Aufmerksamkeit Er. Excellenz in Anspruch nehmen, als sie nicht nur die Suezer-Angelegenheit mit unter den Verhandlungen der vermittelnden Mächte als ein glänzendes Werk des Friedens aufgenommen wissen möchten, sondern auch darum, daß sie ein Licht über dieFra Auffassung der italienischen Frage in Frankreich warfen, welches von den österr. Abgeordneten zu den dißfälligen Conferenzen zu beherzigen seyn dürfte. Meinerseits bedaure ich, daß derdißfällige Congres über die Ausgleichung der obschwebenden, politischen Differenzen dem Anschein nach, nicht hier, und nicht in Mailand abgehalten werden will - dennversuchthätteichesbeidenenglischen undfranzösischen hiedurch ist mir die Gelegenheit benomen, auf die Anregung der von meinen Collegen aufgeworfenen Idee einzuwirken. Wenn es sich gleichsich beim ersten Anblik als ungerämt ungereimt darstellt, in dieser von politischen Leidenschaften aufgeregten Zeit, und bei der FinanzlagedesLandes der verschiedenen Staaten Mittel Europas eine solche Angelegenheit zur Sprache zu bringen, so kann von der anderen Seite, und in Betracht der Theilnahme welche derselben vor noch nicht langer Zeit von allen Völkern Mittel Europas gewidmet wurde, nicht verkannt werden, daß dieselbe nicht + + nur eine Ableitung der Leidenschaft, unddeseuropaeischenProletariats, sondernselbst selbst einen Ankerpunkt zur Anknüpfung von Unterhandlungen über anderweitige Ausgleichungen bieten kann- und wenn man bedenkt, daß auch dem überhandnehmenden Proletariate Europasvon Mitteleuropas + + durch die dabei nothwendigen Arbeiten zugleich eine Ableitung eröfnet würde, so stehet man um so weniger an diese Angelegenheit als beherzigenswerth anzusehen zurSprachezubringen, als die finanzielle Frage /100 Millionen fr. Franken/ eine ganz untergeordnete ist, indem ein Krieg, auch von noch so kurzer Dauer, noch weit größere Summen verschlingt um Menschen und Sachen zu Grund zu richten, während aus diesem durchdieses Werke des Friedens nur Segen entspringen kann. Verona den 3. 8ber 1848. Negrelli