Wien den 24 Februar 1858 Mein verehrtester Herr Director! Ihre beiden Briefe vom 3. u. 17 d. M. liegen mir vor Augen, und es freuet mich aus beiden zu entnehmen, daß es Ihnen u. den Ihrigen wohl gehet; ja, daß sogar eine neue Familien Vermehrung durch Frau Schindler erfolgte, wofür ich auch Namens meiner Frau Ihnen, der Wöchnerin und dem Neugebornen vom Herzen Glük wünsche. Lachen muß ich auf eine, seit bald 20 Jahren fast [sternotige] Stelle Ihrer lieben Briefe: sie ziehen sich eben seit 20 Jahren von Ihren Geschäften zurük weil die Kräfte immer zu Nachlassen anfangen; u. Sie merken kaum, wie Sie leicht arbeiten, und immer thätig sind. Beweis davon der letzte Sommer wo Sie hier waren, und wo Sie vor lauter Geschäften nicht einmal die Zeit fanden die [Suhle] bei uns einzunehmen. Gott erhalte Ihnen diese schöne Thätigkeit, die so ganz unvermerkt an Ihnen vorüber gehet noch viele Jahre; nur theilen Sie dieselbe so ein, daß wenn Sie wieder nach Wien kommen, Sie uns auch einen halben Tag schenken können. Wir haben jetzt eine sehr schöne, sonnige Wohnung, und der schönste Blumen[flor] erfreut unsern Blik. Für den Suezer Canal hoffe ich Gutes zufolge vom Palmerstons Sturze: nur darf Lord Stratford nicht ins Kabinet oder Ministerium kommen, sonst würden wir vom Regen in die Traufen fallen. Lesseps ist guten Muthes in Constantinopel u. hofft seine Sachen dort noch vor Ende Monats in Ordnung zu bringen, u. Anfangs März reißt er nach Egypten, wohin der Vicekönig, der immer warm für den Canal ist, berufen hat. Der Plan zur Stadt Erweiterung macht mir viel Freude. Ich beschäftige mich damit in den freyen Stunden, wobei die in Zürich gesammelten Erfahrungen mir von Nutzen sind. Ueber das schweizerische Eisenbahnwesen- wie es jetzt stehet- drängen sich mir große Bedenken auf- u die Centralbahn wird Mühe haben, einige Zinsen für das ausgelegte Capital zu erhalten. Die Anstrengungen die sie macht, um den Tunnel am Hauenstein durchzuschlagen, zeigen deutlich daß dieser Eisenbahnzug ein unnatürlicher war. Ihnen zu lieb, und weil der gemeinschaftliche Freund Oberst Ziegler es wünscht- schike ich anmit aus meiner Sammlung von Radetzkis Briefe einen, den er mir am 19. Aug. 1853, aus Monza nach Verona schrieb. Ich wollte ihn durch Ausschneiden der Unterschrift nicht verstümmeln- u hoffe, daß die Dame, welche den Autograf Radetzkis zu besitzen wünscht, lieber den ganzen Brief als die bloße Unterschrift haben wird. Ich bin sehr verbunden für die Mitteilung der freundlichen Zeilen Negrellis in [unleserlich] Mit viele Grüße an Ihre Gesammtfamilie, an Oberst Ziegler, an H. Ott Imhof, an Stoker v. Orelli, an H. Vögelin Wieser et zeichne ich stets freundschaftlich Negrelli