Kalksburg. d. 23. Oct. 58. Vielen Dank liebste Mutter für den brief welchen Du mir durch die G. Haller gesendet! ich beantworte ihn noch von Kalksburg aus, da wir länger hier festgehalten werden als wir beabsichtigten. Victor hat nehmlich Louis's Papiere zu ordnen übernommen was ihn bisher veranlaßte fast täglich in die Stadt zu fahren. Die wichtigsten Papiere sind nun unstreitig die über die Suez Angelegenheit; da man darauf Forderungen an die Gesellschaft für die Wittwe u. Kinder basieren kann. Victor hat sich deshalb nach Rücksprache mit Baron Bruck entschloßen in dieser Angelegenheit nach Triest zu reisen um dieselbe mit Revoltella (welcher Negrelli's Stellvertreter für Oestreich ist) zum Besten der Familie in Ordnung zu bringen. Revoltella hatte schon einen Advocaten nach Wien geschickt um die Papiere in Empfang zu nehmen da sie ihm zu der bevorstehenden General-Versammlung in Paris unumgänglich nothwendig sind. Darauf ist Victor aber nicht eingegangen da mündliche Besprechungen dabei nothwendig sind, wenn Lotty einen namhaften Vortheil davon haben soll u. so wird er Mittwoch d. 27st. auf wenige Tage nach Triest reisen u Emilie Negrelli mitnehmen welche seinen Schutz dem des Bruders Louis vorzieht. Ich bleibe indeßen noch hier in K. um den Umzug nicht allein machen zu müßen u. habe dabei den Vortheil Lotty's Installierung beizuwohnen, die am 30st. statt finden soll. Es wird mich nehmlich freun zu sehn wie sie sich wöhnlich einrichtet u. ein neues Leben anfängt.- Du hast mir einen recht trüben Brief geschrieben liebe Mutter u. scheinst dir um Lotty Sorgen zu machen. In Deiner Stelle würde ich jedoch froh sein Lotty von Verwandten umgeben u. von 2 Brüdern unterstützt zu wissen, die gewiß alles thun was in ihrer Macht steht um ihr die schwere Veränderung in ihrem Leben weniger fühlbar zu machen. Selbst die Minister Bruck u. Toggenburg die (besonders Ersterer) ihr die lebhafteste Theilnahme schenken verweisen sie einfach auf ihrn Bruder u sagen, daß sie sich keinen beßeren Rath geber wünschen könne. Auch siehst du daß es nicht beim Rath stehen bleibt da Victor seine eigenen Angelegenheiten ganz in den Hintergrund schiebt u. vom Morgen bis zum Abend in Lotty's Interesse arbeitet. Theodor ist auf einer Geschäftsreise nach Italien [begriffen], die sich bis nach Mailand ausdehnt. Er wird daher in Verona den August besuchen u auf der Rückreise dürfte er mit Victor in Triest zusammentreffen u vielleicht mit ihm zusammen zurückkehren. Die beiden Brüder verstehen sich trotz ihrer Verschiedenheit u. wißen sich gegenseitig zu schätzen. Unser Umzug wird unter besagten Umständen nicht vor dem 4ten - 5ten Nov. von sich gehn. Lotty war vorgestern hier um die Knaben ins Convict zu bringen sie klagte sehr über Mangel an Nachrichten von Dir; wir 2 speisten allein zusammen, da Victor noch nicht aus Wien zurück war. Es ist ihr glaub ich schwer genug geworden auf's Land hinaus zu ziehen, sie schwankte lange in ihrem Entschluße u. man kann ihr darin nicht den Vorwurf machen daß sie zu selbstständig ge handelt habe, denn sie hat sich darin einestheils von Deinem Urtheil bestimmen laßen, daß das Linzer Collegium für ihre Söhne nicht zu empfehlen sey u. andererseits von der Ansicht ihrer Brüder welche nach genauer Einsicht in ihre Verhältniße diesen Schritt für das zweckmäßigste gehalten haben. Mein Mann hat ihr auch ganz offen seine Befürchtung wegen der Beppi ausgesprochen u da hat sie uns versichert sie sey u müße der Beppi sehr dankbar sein für die physische Pflege ihrer Kinder aber was ihre sonstigen Entschlüße anbeträfe so ließe sie sich in nichts von der Beppi bestimmen. Letztere hat sich auch ganz gut ins Hinausziehn gefunden obgleich sie anfangs sehr unzufrieden damit war. Ich weiß nicht ob die Nähe der Mutter den Kindern nicht nützlich sein wird wenigstens in Betreff der [Scheinlichkeit] u der guten Haltung.Lotty darf sie zwar nur einmal in der Woche besuchen, doch die Buben wißen sich von dem Mutterauge auf Spaziergängen u. d. Spielplatz beobachtet u. das kann ihnen nicht schaden. Außer Lotty sind noch 2 Wittwen in Kalksburg etabliert die Jede 2 Söhne im Convict haben. Die F. v. Bauer u. Roretz geb. Schäffer. Die Schwester der Letzteren war Kammerfräulein bei der Erzh. Margaretha u.