Wien, 9. November 1858. Liebste Mutter, [Es] ist schon sehr lange her, daß ich dir nicht geschrieben habe. Ich tröste mich damit daß du gesehen, wie, wenn es noth thut, ich meinen Mann stelle. Ich habe auch viel in der letzten Zeit zu thun gehabt. die Papiere Louis's zu ordnen war keine Kleinigkeit, dabei mußte ich eine eben nicht leichte Arbeit unternehmen, um den Weg zu einer Entschädigung Seitens der Suezer Gesellschaft zu bahnen. damit verknüpfte sich die Triester Reise, die mich zwang unserer Übersiedlung nach der Stadt aufzuschieben. diese hatte dann endlich Freitags Statt; aber mit welchen Schwierigkeiten. Über meine Reise war das schlechte Wetter gekommen; der Möbelwagen sollte donnerstag früh in Kalksburg sein. Er hatte auf der Hinausfahrt einen Unfall; wir warteten warteten u. er kam nicht. Nun schneite es die ganze Nacht u. statt daß er um 6 Uhr da gewesen wäre wurde es 8, 9 Uhr; mir war's recht; ich glaubte er komme nicht mehr u. war froh im Bette bleiben zu können, nach dem es mich verlangte, denn ich war mit furchtbarem Schnupfen aus Triest gekommen u. das tägliche Fahren nach u. aus der Stadt bei so schlechtem Wetter hatte ihn eben nicht verbeßert. da kam der Wagen um 11 Uhr, um 3 Uhr hatte er erst fertig gepackt; von einem Ankommen in der Stadt am selben Tage war keine Rede; wir überließen ihn seinem Schicksale u. zogen in die Stadt Frankfurt; erst Samstags um 10 Uhr traffen ein das gab durch zwei Tage eine wahre Hetze; mit all unseren Sachen, einer brummigen [Kidie] u. einem neuen Bedienten uns in die kleine Wohnung einschachtete, war nicht leicht; jetzt ist's durch; u. heute schon gehen wir wieder auf u. davon, Theodor gratuliren, u. draußen eßen. Sie wolsen uns auch zu Nacht haben, aber das geht nicht. Lotti ist recht gut draußen untergebracht. Ich kann dir nicht Alles so in einem Briefe wieder geben, aber es ist ganz gewiß, daß sie sich da draußen sehr wohl befinden wird, u. vielleicht besser als zu früher. Dem kleinen Max, der mit seinem freundlichen Lachen sein Verständniß des Verhältnißes in dem wir zu einander stehen, so oft er mich sieht kund zu geben beliebt, haben die Paar Tage guter Luft schon sichtlich wohl gethan.