Wien, 25. November 1858. Liebste Mutter, Ich danke dir sehr für deinen Brief, den wir dieser Tage erhalten haben. Seither bekamen wir auch Nachrichten über dich durch Theodor, der von seiner Reise zurückgekehrt uns vorgestern besuchte. Vor acht Tagen erwarteten wir Lotti herinnen, die aber nicht kam. Mittags hatten wir Profeßor Fick bei uns, der vom Stellwagen die Nachricht mitbrachte, daß die kleine Marie gefährlich krank wäre; man hatte ihm sogar vom Typhus gesprochen, du kannst dir denken, wie wir erschrocken waren. Ich wollte des andern Tages hinaus; da kamen aber schon bessere Nachrichten von Lotti selbst u. dann war ich bei ihrem Arzte Professor Mayer, der zwar nicht selbst draußen gewesen war, aber von seinem Aßistenten, den er geschickt hatte, beruhigende Rapporte erhalten hatte. Lisi fürchtete sich vor Ansteckung u. wollte mir das doch unnötige Hinausfahren nicht erlauben. Theodor brachte dem Dienstag noch beßere Nachrich ten u. gestern kam Dr. Bauernfeind, Mayers Aßistent direkt von Kalksburg zu uns uns zu sagen, wie es geht. Es hätte das Ganze wirklich einen typhösen Charactor u. er meinte, daß doch noch acht Tage vorübergehen würden bis man sagen könnte, daß Alles vorbei sei. Lotti, meinte er, sei ganz ruhig u. besonnen.- Heute suchte ich Theodor, fand ihn aber nicht; er war schon wieder hinaus u. da er nicht zu uns gekommen war so vermuthe ich daß es wieder beßer ist. Die Sache war hauptsächlich deßwegen beängstigend weil dieses Jahr so viele Krankheiten herrschen u. fast alle bedrohenden Character annehmen. Sonst soll sich Lotti in ihrer ländlichen Einsamkeit ganz gut befinden. Du fragst wegen Emilie's hieherkommen? Ich glaube für meinen Theil es wird beßer sein, wenn sie noch zuwartet. Lotti wäre es zwar wie sie sagt, ganz erwünscht, wenn sie käme, aber ich denke daß sich beide beßer befinden werden in ihrem Zusammensein, wenn Lotti ihr Hauswesen mehr in Ordnung gebracht haben wird. Ich denke dann doch zu deinem Geburtstag nach Linz zu kommen, da können wir das beser besprechen u. vielleicht kann Emilie dann mit mir herunter kommen. Wart Ihr auch unter denen, "die trotz der bedeutenden Kälte" Sonntags den ersten Zug im Bahnhofe erwarteten. Ich kann mir die Linzer nach diesem bedeutenden Ereigniße vorstellen u. möchte sie alle einzeln Männlein u. Weiblein, unter das Maß stellen können, sie sind gewiß alle um ein paar Zoll höher geworden. Wir haben uns schon ganz heimlich in unserer Wohnung gemacht; ein Zimmer könnten wir noch brauchen u. eine beßere Stiege wäre auch nicht zu verachten. Ist man einmal oben so ist sie freundlich helle u. gut eingetheilt u. heizt sich vortrefflich. Ich bin hier ziemlich in Bewegung so daß ich kaum begreife, was ich draußen mit der Zeit gemacht. Ich erhalte jeden Tag Brief u. Telegramme über die Suez Angelegenheit u. sehe jeden Tag Minister Bruck u. jeden anderten Tag Toggenburg oder der Fürsten Metternich Nachmittags u. Abends verarbeite ich, was ich den Tag über gethan u. schleuder jeden Abend ein geschwollenes Schreiben in den Briefsammelkasten. Dabei mache ich noch außerdem bei [Koch u. Lieder] Besuche u. tummle mich daher nicht wenig herum. Für Residenzbewohner gehen wir freilich etwas früh /:wenn niemand da ist um 10 Uhr:/ zu Bette, aber was wir darin gegen die Residenzsitte verstoßen, thun wir ihr wieder des Morgens durch möglich spätes Aufstehen gut. Gestern sprach ich Baron Czörnig der mich seit 53 nicht gesehen u. sich nicht genug über mein jugendliches unverändertes Aussehen wundern konnte. Ich schreibe das hauptsächlich dem zu, daß ich immer viel auf meinen Schlaf gehalten habe. Heute kam der Kaiser zurück, so daß ich glaube, Lotti wird mit ihrem Bittgesuche um Pension wohl heute über acht Tage vorkommen können. [Wo] ich deshalb anklopfte erfuhr ich, daß sie gut bedacht werden dürfte. Die Wittwe des Statthalters Emminger bekam 2400 fl. Pension. Weder die alte Haller noch Gabriele sind seit unserm Hiersein herinnen gewesen, daher ich dir von ihnen nichts melden kann. Was ich von Dominiks Zeugnißen habe, daß was ich seit fast einem Jahre von Lotti erhalten, sende ich Dir in einem abgesonderten Pakete. Es soll mich freuen, wenn er einen Platz erhält, damit er mich nicht weiter plagt; ich habe nicht gern mit Leuten zu thun, die immer betteln u. was man ihnen auch zu wege bringen mag von sich weisen. Mich bei den Fräulein Geschwistern für die unsern Briefen zu gedachten Complimente bedankend, sie herzlich grüßend u. dir die Hand küßend bin u. bleibe ich dein dankbarer Sohn Viktor.