Verona den 16. 8ber 1848. Lieber Freund! Ich wollte Dir eben vorlängst die erfreuliche Kunde bringen, daß die wenigen Wochen Ruhe in Paris u. in Wien hingereicht hatten, die Suezer Canal-Angelegenheit in eine neue Phase zu bringen; daß Enfantin bei Cavaignac, ich bei Wessenberg eingeschritten waren u. daß dieser Gegenstand mit einer derjenigen gewesen wäre, welche bei den bevorstehenden [Friedensaushandlungen] in Erwägung gezogen hätte werden sollen- damit bei eintretender Verständigung im Congresse unverweilt zur Ausführung geschritten- und dem Pariser- so wie dem Wiener- Proletariate ein Weg zur Ableitung angebohrt worden wäre. Allein keinen Tag, keine Stunde kann man mehr auf den vergangenen Tag rechnen! Wessenberg ist flüchtig- u. in Wien- ich schäme mich es zu sagen- herrscht Anarchie! Die Wiener Aula- von einigen teutschen u. polnischen Propagandisten verblendet- hat die große, herrliche Monarchie, die biederste, gerechteste der [Direction] am Rande des Abgrundes gebracht u. der Bürgerkrieg hat bereits mit den scheußlichsten Meuchelmorde der edelsten Menschen begonnen! Was wird daraus werden— wer wird in Wien zur Stunde, wo ich schreibe, die Oberhand haben! Seit dem 28. August von dort abwesend, u. mit der wichtigen Mission der Reorganisirung des Bauwesens im lomb. venet. Königreich beauftragt, bloß um mich vom [Ruder] der Geschäfte in Wien zu entfernen- wie man mit Nichtbeliebten in constitutionellen Staaten zu thun pflegt, ist mir seither die Freude zu Theil geworden- den Minister v. Schwarzer- welcher mich nicht verstund u. nicht verdauen konnte- ganz aus dem öffentlichen Dienst zurüktreten zu sehen. Dies machte sich aber friedlich- u. seither ist es anders geworden! Alles flüchtet aus Wien was flüchten kann - denn ein Bombardement schien unvermeidlich! Arme, beklagenswerthe, aber aus eigener Schwäche der Anarchie anheimgefallene Kaiserstadt! Ihre Glorie ihre Blüthe, ihr Wohlstand sind wohl für immer dahin! Meine arme kreuzbrave Lotti war gerade am 4. vom Lande in die Stadt gezogen- u. mußte sich schon am 7. und mit Lebensgefahr mit den Kindern flüchten! Sie richtete sich nach Baden- u. ist nur auf den Weg nach Innsbruk begriffen - denn dort gilt noch das Recht, die Treue, und der Verstand ist noch nicht zu Grabe getragen. Auch begreift man dort, daß Anarchie nicht Freyheit ist! Armes, junges Weib! ganz allein mit 4 Kindern in die weite Welt- u. ich entfernt, u. nicht in der Lage sogleich zu ihr fliegen zu können! Der Insassenstillstand mit Piemont ist bald abgelaufen- u. von Frieden hört man gar nichts! Unsere Armee hier ist furchtbar aufgereitzt! Sie bestehet aus 180 000 Mann, welche den Mördern Lambergs u. Latours [Sache] u. die Aufrechthaltung des [Thrours] geschworen haben. Wir sind hier furchtbar gerüßtet-u. hätten wir(d) nicht den Krebsschaden im Herzen der Monarchie, so würden wir uns nicht fürchten- u wenn auch Obrist Savici aus Tessin, Mazzini, Gioberti e tutti quanti mit der franz. Alpenarmee vereint uns aus dem schönen Lande hinaus jagen wollten! Wer es noch einmal versucht, wird jedenfalls eine harte Nuß zu knaken bekommen! Unsere Arme ist jezt zum Kampfe gerüßet- sie ist siegestrunken- u. unsere Festungen sind auf Jahr und Tag verproviandirt. Aus Veronas wällen allein starren 360 Mündungen dem Feinde entgegen. Allemal, wo mir ein schönes altes Hauß, oder eine Kirche, oder die [Arane] vor Augen tritt- stellt sich auch gleich mein alter guter Kubli vor das innere Gesicht wie er leibt u. lebt- u. glücklich wäre ich wenn er an meiner Seite die alte Stadt durchwandeln würde. Morgen fahre ich nach Vicenza, Padua und Mestre-blicke auf das (...) unglückliche Venedig hin, kehre in ein Paar Tage zurük u. gehe dann nach Mailand zu Radetzki wieder- wo ich indessen nur kurze Zeit bleiben werde. Der alte Held ist eben so bescheiden als groß in seinem Handeln, obschon von Statur kaum mittelmäßig. Auf ihn, Windischgrätz u Jellachich ruht nun der letzte Hofnungsanker für die Rettung der Monarchie u. der wahren Freyheit! Lebe wohl Freund Kubli! Ihr, die Ihr voriges Jahr Krieg hattet zu dieser Zeit lebt wohl im tiefsten Frieden- u. wir, die wir die Ruhe so gewohnt waren müßen jezt unter dem Druke der Anarchie schmachten. Grüße mir deine Karoline u. die Deinen überhaupt, u. denke zuweilen an Consiliere Direttore Cavaliere Sebregondi! ach gute alte Zeit, wo uns dieser Tibel so wohl gefiel!