Dem Herrn k. k. Rathe und Inspector der Staats-Eisenbahnen Alois Negrelli. Mit Ihren Berichten vom 17. und 21. März d. J. hatten Sie mir angezeigt, daß Sie, nach dem Mißglücken der Versuche, die Beurlaubung einiger k.k. österreich. Officiere behufs einer Reise im Interesse der Societé des Etudes du Canal de Suez zu erwirken, sich veranlaßt sahen, die Ihnen übertragenen Vorarbeiten durch Civil Ingenieure anfertigen zu lassen, und daß Sie hiezu die Ingenieure Junker und Maier wählten, denen als Sekretär zur Führung der Correspondenz und Besorgung der ökonomischen Verhältnisse ein gewisser Jassnüger beigegeben wurde. Obwohl die ganze Unternehmung des projektirten Suez Canals eine reine Privatangelegenheit ist, und auch von hieraus stets als solche betrachtet wurde, so glaubte ich doch – schon wegen des Antheils, welchen die österr: Regierung durch Ihre Absendung dem Projekte bewiesen hat, noch mehr aber, weil die von Ihnen nahmhaft gemachten Individuen, dem Schutze und der Unterstützung des k.k. Generalconsulates in Alexandria besonders empfohlen worden sind, über die letzteren auch meinerseits im unaufsichtigen Wege Erkundigungen einziehen zu sollen. Auf diese Weise sind mir nun rücksichtlich eines derselben – des Jassnüger – Notizen zugekommen, welche – wenn nicht etwa eine Verwechslung der Person obwaltet, – höchst beunruhigend lauten, und seine Verwendung in der ihm anvertrauten Stellung und unter österr: Schutze sehr bedenklich erscheinen lassen. Diesen Auskünften zufolge ist Ludwig Jassnüger – zu Wien am 1. Juli 1810 geboren – der Sohn des verstorbenen Dr. der Medizin und Professors Joh. Jassnüger. Nach einer im Löwenburgischen Convicte und in der Wiener Neustädter Militär Akademie erhaltenen Vorbildung wurde er mit 20 Jahren als Expropriis-Gemeiner zum Militär assentirt, und am 27. April 1839 als RealInvalide angeblich wegen periodischen Asthma's entlassen. Während seiner Militärdienstleistung wurde er 20 mahl wegen Dienstesvergehen mit Profossen- und Kasern-Arreste bestraft, und zuletzt wegen Desertion zum Gassenlaufen verurtheilt, welche Strafe jedoch aus Gnade in Einmonatlichen Stockhaus Arrest verwandelt wurde. Im Herbste 1839 nach Wien zurückgekehrt, machte er sich mehrerer Betrügereyen schuldig, flüchtete im März 1840, ward mit Steckbriefen verfolgt, eingebracht und zu zweyjährigem schweren Kerker verurtheilt. Nach seiner Entlassung aus der Strafe reiste er, angeblich in Frankreich, Großbrittannien und Spanien, diente als Officier in der Carlistischen Armee, hielt sich dann wieder abwechselnd in Wien und in Ungarn auf, wo er theils von schriftstellerischem Erwerbe, theils von der Gastfreundschaft verschiedener Cavaliere lebte, bis er durch Zudringlichkeit und unanständiges Benehmen in Gasthäusern die Aufmerksamkeit der Polizey auf sich zog, und wegen entdeckter Betrügereyen von dem Wr. Criminalgerichte abermahls mit sechsmonatlicher Kerkerstrafe belegt, und nach deren Vollstreckung am 9. October 1846 wegen Mangel an Unterstand und Subsistenz Mitteln in die freiwillige Arbeitsanstalt abgegeben wurde. Er wird übrigens als ein Mann von Talent und imponirendem Äusseren geschildert, der mit sehr viel Eigendünkel und Zuversicht auftritt, alle lebenden europäischen Sprachen zu kennen vorgibt, und seine eingebildeten Kenntnisse in jedem Fache des Wissens großsprecherisch geltend macht. Ich theile Ihnen diese, aus ganz verläßlicher Quelle stammenden Angaben mit der Aufforderung mit, diesem Gegenstande Ihre besondere Aufmerksamkeit zuzuwenden, da Sie selbst ermessen werden, daß – wenn, wie gesagt, die Identität der Person sich erweiset – die Verwendung eines Individuums mit solchen Präzedentien sowohl im Interesse der Gesellschaft, als um der Ehre der österreich: Regierung willen die größte Vorsicht erheischt. Die letztere Rücksicht bestimmt mich auch, von obigen Notizen dem Gen. Consul Laurin, dessen besonderem Schutze Jassnüger als Mitglied der technischen Expedition empfohlen ist, vertraulich Kenntniß zu geben, damit er auf seiner Huth sey, und möglichen Conflicten oder Compromittirungen vorbeuge. Wien am 8. Juli 1847. Kübeck