^VVisnsi- 8tM-8iblio1li6lL. 41283 ^ des Irauen -Unterrichtes. Boetvag gehalten bei der dritten General-Versammlung des Wiener Frauen-Erwerb-Veremes von Fra» Marianne Hainisch. Wen. 1870. Im Selbstverlag des Vereines. Erste Wiener Vereins-Buchdruckerei. Geehrte Anwesende! Es ist das erste Mal, daß ich zu einer größeren Versammlung spreche, es ist das erste Mal, daß ich eine meiner Ideen öffentlich vorbringe. Verzeihen Sie mir daher, wenn ich nicht so deutlich und nicht so zur Sache spreche, wie Geübtere und Kräftigere es thun würden. Ich trete heute mit einem Antrag an Sie heran, der den weiblichen Unterricht betrifft. Ich stelle diesen Antrag an Sie, die Förderer weiblicher Ausbildung und weiblichen Erwerbes, weil ich die Hoffnung hege, daß in Ihren Händen die mir heilige Idee Fleisch und Blut werde. Im §. 2, Buchstabe 6, unserer Statuten heißt es, daß wir durch Unterricht für Berufs-, Gewerbs- und Handelsgeschäfte der Frauen dem Zwecke unseres Vereines zu entsprechen gedenken. Es wurden Hiebei jedoch nur die Fachschulen erwähnt, und ich wüßte in der That nicht die Berechtigung zu meinem Antrag an Sie zu finden, wenn mir der Z. 1 dieselbe nicht gewähren würde, indem er als Zweck des Vereines die Unterstützung der wirthschaftlichen Thätigkeit der Frauenwelt überhaupt betont. Ich gehe nun von der Ansicht aus, daß Vorschulen die Mittel sind, um die wirtschaftliche Thätigkeit zu erweitern und daher zu fördern, und bitte Sie, aus diese Ansicht gestützt, meinen Erörterungen Gehör zu schenken. Was ich beantrage, das ist die Errichtung eines Unter-Real- Gymnasiums für Mädchen. Die Idee einer solchen Schule wird gewiß von Manchem gehegt, ihre Veröffentlichung ist aber in Oesterreich neu, und daher geeignet, schon um des Neuen, Ungewohnten willen auf Widerstand zu stoßen; sie ist 4 aber auch geeignet, um ihrer Tendenz willen, die Erwerbsfähigkeit der Frauen zu fördern, vielfaches Widerstreben und mannigfachen Tadel zu erfahren. Ich verhehle mir diesen Umstand nicht, und er allein ist es, welcher mich zwingt, Ihre Aufmerksamkeit länger als die Rücksicht für Sie es mich wünschen läßt, in Anspruch zu nehmen. Ich möchte nämlich erstens zeigen, daß durch die Errichtung solcher Schulen die Zwecke unseres Vereines wesentlich gefördert werden, und zweitens einige von den Gegnern der freien weiblichen Arbeit zu erwartende Einwände beleuchten und vielleicht entkräftigen. Zum ersten Theil meiner Aufgabe übergehend, gestehe ich es, mein Vorschlag hat insoferne Revolutionäres an sich, als er Hergebrachtes zu bekämpfen bestimmt ist. Diese Revolution ist jedoch von sanfter, humaner Art, denn sie bezweckt nicht die Beeinträchtigung fremder Interessen, sie rührt nicht an dem Rechte, an dem Eigenthume Anderer, sondern sie wünscht und fordert für das weibliche Geschlecht nur die Möglichkeit, einen besseren Unterricht zu erhalten! Geehrte Frauen! Sie opfern sich in der humansten Art um mittellosen Mädchen und Frauen Quellen der Existenz zu eröffnen. Außer der Handelsschule jedoch, so nützlich und vortrefflich auch die übrigen von Ihnen gegründeten Anstalten sind, ist nicht eine derselben geeignet, die Bildung des Mädchens aus dem intelligenten Mittelstände zu erhöhen, und damit ihnen ergiebige Erwerbsquellen zu eröffnen. Glauben Sie nicht, daß ich es nicht würdige, daß Sie das Haus vom Grunde ausbauen, daß ich es nicht weiß, wie schwer Sie mit der öffentlichen Meinung und den beschränkten Mitteln kämpfen, daß ich die Thätigkeit gering halte, welche armen Handarbeiterinnen Unterstützung und Fortkommen verschafft. Ich wende jedoch meinen Blick auch auf Mädchen aus andern Ständen oder besser gesagt, auf die weibliche Intelligenz aus allen Ständen, und da ist es gerade die Theilnahme, welche die Handelsschule findet, die mich ermuntert, Sie aufzufordern, eine Schule für Mädchen zu gründen, auf deren Basis sie sich nicht nur dem einen, sondern vielfältigen Erwerbszweigen zuwenden können. Mit den Kenntnissen eines Unter-Real- Gymnasiums ausgerüstet, werden die Schülerinnen entweder die Handelsschule besuchen, welche ihnen bei größeren Vorkenntnissen auch ein größeres Feld eröffnen wird, oder sich dem Lehrfache zuwenden, oder werden sie den Weg der praktischen Lehre antreten, wie er jetzt von unseren Knaben genommen wird. Sie werden bei Goldarbeitern, Graveuren, Uhrmachern. Vergoldern, Buchbindern, Drechslern, Färbern, Optikern, Gärtnern, Emailleuren, Apothekern u. s. w. als Lehrlinge oder Praktizirende eintre- 5 ten, oder werden sie endlich nach Erwerbung gehöriger Fachkenntnisse Verwendung in den verschiedenen Fabrikszweigen suchen. — In manchen der genannten Zweigen, werden Viele sagen, wirken Frauen ohnedieß schon. Ja, geehrte Frauen, sie wirken, aber wie wirken sie? Als Taglöh- ncr, als Handlanger! Es gilt aber eben den Frauen durch guten, gründlichen Unterricht eine anders geartete Wirksamkeit zu verschaffen. — Es wäre unrichtig, wollte ich behaupten, das weibliche Geschlecht fände heute nicht die Gelegenheit, für seinen dürftigsten Unterhalt zu sorgen, denn in der That finden Mädchen beinahe immer Unterhalt, wenn sie in Familien und Fabriken um geringen Lohn niedere Dienste ansuchen. Aber, geehrte Anwesende, ich frage Sie, strebt eine Mutter aus dem Mittelstände es an, die Tochter in solcher Weise beschäftigt zu sehen, glauben Sie, daß ein Vater aus dem Bürgerstande, aus dem Beamtenstande ruhig die Augen schließt, wenn er für die Tochter keine andere als eine solche Zukunft sieht! Läßt ein Vater sein Kind um solchen Lohn aus seinem Hause, ehe die größte Noth zwingt? Die Stellung und der Lohn, das sind zwei Bedingungen, die sich wesentlich anders gestalten müssen, ehe die Frauen aus besseren Familien sich einem selbstständigen Erwerbe widmen können. Aber Stellung und Lohn hängen in unserer modernen Gesellschaft wesentlich von der Intelligenz des Individuums, von seinen geistigen Fähigkeiten ab, und diese wieder werden durch gute Schulung geweckt, gepflegt und erweitert. Lassen Sie mich einen Augenblick bei dem, was wir Stellung nennen, verweilen. Es mag der Werth, den die Gesellschaft darauf legt, überhaupt ein unbegründeter sein, diese Untersuchung würde uns aber weit abführen, und es genügt, wenn wir die Thatsache konstatiren, daß sie ihn anerkennt. Jedes Ding, das aber die Gesellschaft zu einem Werthe macht, wird von dem Einzelnen angestrebt und demnach auch eine Stellung im Leben, die deßhalb nicht zu den fiktiven und überlebten Werthen gehört, weil sie wirklich Einfluß und Ansehen mit sich bringt. Sehen wir jedoch zu, wie Frauen aus dem Mittelstände sich in ihren Kreisen eine Stellung verschaffen können, so finden wir immer nur den einen Ausweg für sie, nämlich den, daß sie sich verheiraten. Die Erwerbszweige nämlich, welche ihnen bei ihren geringen Kenntnissen offen stehen, würden sie in der Gesellschaft weit unter ihre männlichen und nicht arbeitenden weiblichen Verwandten und Bekannten stellen. Und das möchte ich stark hervorgehoben haben, denn meiner Ansicht nach, liegt hier der Kernpunkt der Frage. Man will, wie begreiflich, aus dem Kreise der Standesgenossen nicht treten, auch die Möglichkeit einer Partie aus der- 6 selben nicht verscherzen, und so opfert man die weibliche Arbeit den Standesinteressen. Der geringe Lohn für die geringe Arbeit thut freilich noch das Seine. ^ Man rührt jetzt an der Frage der Volksschulen, und sie werden sich heben, die Mittelschulen werden von den Knaben der kleinsten Handwerker besucht, überall zeigt es sich, daß die Erkenntniß von der hohen Wichtigkeit des Unterrichtes an Boden gewinnt, nur für unsere Mädchen wird nicht gesorgt, an sie wird nicht gedacht. Man begnügt sich, sie von Gou- ^ vernanten unterrichten zu lassen, oder wenn man sehr viel für sie thun will, sie zwei oder drei Jahre in ein Pensionat zu schicken, wo sie in der kurzen Zeit mehrere Sprachen, das Zeichnen, Musik, das Tanzen, alle weiblichen Handarbeiten und etwas aus allen Geistesgebieten lernen sollen. So kommt es denn auch, daß sie gewöhnlich von der Mathematik, der Physik und anderen Naturwissenschaften nur so viel wissen, daß diese Wissenschaften überhaupt existiren, von Geschichte und Geograsie so viel erlernt haben, daß sie in Gesellschaft mitreden können. Darauf kommt es aber ja vielen Eltern auch bei der Erziehung ihrer Töchter allein an. Die Mehrzahl unserer Mädchen wird erzogen, damit sie in Gesellschaft gefallen und einmal einen Mann bekommen. Dabei braucht man nun freilich nicht viel in die Tiefe zu gehen, etwas von Allem zu wissen genügt, nur in den Sprachen und jenen Talenten, die Gelegenheit geben, in Gesellschaft zu glänzen, müssen sie besser ausgebildet sein. Wundern wir uns daher nicht, da wir wissen, daß die Eltern an Mädchenschulen solche Anforderungen stellen, daß ihnen auch von den meisten solches geboten wird. Auch Institute brauchen des Marktes, und kein Jnstitutsvorsteher konnte das Wagestück unternehmen, eine Schule zu gründen, wo die geselligen Künste und Talente Nebensache gewesen, und nur reales Wissen gepflegt worden wäre. Ich wünsche aber unseren Mädchen eine ernste Schule, eine Schule, in der sie hauptsächlich denken lernen, wie unsere Knaben es lernen müssen. Ich habe schon früher erwähnt, daß der Unterricht in Oesterreich jetzt einen großen Aufschwung zu nehmen beginnt, die segenbringende Folge davon wird sein, daß selbst die Kleinbürger und der bessere Ar- beiterstand unterrichtete Leute sein werden. Wie groß wird aber bei der ^ Verallgemeinerung der männlichen Bildung die Kluft zwischen Mann und Weib, zwischen männlichem und weiblichem Erwerb noch werden, wenn wir nicht suchen auch unsere Mädchen besser zu erziehen. Daß Stehenbleiben Rückschritt ist, erfahren wir Frauen leider an -H- uns, denn im Lause der Zeiten haben wir nicht nur keinen Fortschritt gemacht, sondern der Kreis unseres Wirkens hat sich nur noch verengert. Ich verweise darauf daß Griechenland seine Priesterinnen, Deutschland 7 seine mächtigen Alraunen hatte, daß die Heilkunst in ihrer Kindheit häufig von Frauen geübt wurde, daß die Spindel, das Weberschifflein, die Braupfanne u. s. w. ihre Anfänge in Frauenhänden nahmen. Frauen- namen stehen in der Geschichte des Alterthums neben den hervorragendsten ihrer Nationen, während wir in der Neuzeit vergebens nach Frauen suchen, welche in tausendjähriger Geschichte neben unseren männlichen Größen auch nur den bescheidensten Platz einnehmen könnten. Wenn nun in einer Zeit, wo die Frau mehr als jetzt in die engen Grenzen der Häuslichkeit gebannt war, in einer Zeit, wo Christenthum und Humanität noch keinen Einfluß übten, wenn in einer solchen Zeit doch verhältnißmäßig mehr Frauen rühmlich wirkten als jetzt, so kann ich für meinen Theil den Grund nur darin finden, daß der Culturunterschied der Geschlechter damals kein so großer war als jetzt. Weder Mann noch Frau fußten aus geschultem Wissen, wie es die Neuzeit kennt, und es gab daher die natürliche Anlage mehr den Ausschlag. Wir Frauen nun sind stehen geblieben; während die Männer die Erfahrungen ihrer Vorgänger benützten und benutzen, stehen wir, was Wissen und geistige Ausbildung betrifft, noch immer auf dem Standpunkt der Inspiration. Und dabei nehmen wir Frauen heute noch eine Stellung in der Gesellschaft ein, welche ich die traurige Folge der Minne nennen möchte. Der Minne, welche den Standpunkt der Geschlechter vollends verrückte, der Minne, welche der Frau statt dem Brote der Achtung die Süßigkeit der Bewunderung und Verehrung gab und sie damit zu einem Wesen machte, das nicht Gott und nicht Mensch war. Aus diesem Zwittergeschöpf nun machte aber die Neuzeit das Schlimmste: ein Spielzeug, das keinen Selbstzweck hat. Wollen wir uns die Lehre der Geschichte zu Nutze machen, wollen wir unsere Mädchen zu Wesen bilden, die für sich selbst einen Zweck haben, so müssen wir sie zwei Dinge lehren: 1. daß sie weniger Gefallen als Achtung erringen wollen, und 2. daß sie Praktisches, Tüchtiges lernen müssen, damit sie ihr Brot nicht von der Laune des Glückes erwarten dürfen, sondern es sich selbst schaffen können. Dann werden Schopenhauers Worte: „daß die Natur die Mädchen auf Kosten ihrer ganzen übrigen Lebenszeit mit einer Fülle von Reiz und Schönheit ausstattet, damit sie in den wenigen Jahren sich der Phantasie eines Mannes in dem Maße bemächtigen, daß er hingerissen wird, die Sorge für ihr ganzes Leben zu übernehmen," dann, sage ich, werden die Worte des Philosophen ihre Schärfe verlieren. Ja, geehrte Frauen, jede Mutter würde es als eine Sünde an ihrem Knaben ansehen, ließe sie ihn nicht Praktisches lernen, unbemittelte Leute geben den letzten Pfennig, um den Sohn erwerbsfähig zu machen, 8 und doch sind diese Mütter grausam genug, ihre Töchter zur Unwissenheit, das heißt zu ewiger Abhängigkeit zu verdammen! Diese Mütter sind aber nur grausam, weil ein Vorurtheil sie besangen hält, suchen wir dieses Vorurtheil zu bannen, und die mütterliche Liebe wird auch das Glück vieler Töchter gründen. Wir werden dann manche Väter nicht mehr mit Bedauern auf ihre begabten Töchter, als aus brach liegende Kräfte blicken sehen, und wir werden auch nicht mehr den Ausspruch hören: „Schade, daß es kein Knabe ist." Ich habe mich bemüht, zu begründen, warum ich ein Realgymnasium für Mädchen beantrage, und komme nun zum zweiten Theile meiner Aufgabe, zur Vertheidigung des höheren Unterrichtes für Mädchen und der freien Arbeit der Frauen gegen die geläufigsten Einwände. Ich glaube im ersten Theile meiner Ansprache gekennzeichnet zu haben, daß es mir nicht um die äußerste Frauen-Emancipation zu thun ist, ich will diesen Gegenstand jedoch hier noch kurz berühren. Ich gestehe, daß ich das Wort Emancipation stets ungerne für meine Sache angewendet sehe, da sich mit diesem Worte gewöhnlich Ideen verbinden, welche ich nicht hege. Nach dem, was ich über die geringe Ausbildung der Frauen gesprochen habe, wird man mir nicht zumuthen, daß ich heute an ein politisches Wirken derselben denke, man wird mir ferner auch nicht zumuthen, daß ich als Oesterreicherin zu allen übrigen Fragen noch eine politische Frauenfrage auf die Tagesordnung setzen möchte. Gleichzeitig möchte ich aber darthun, daß ich mit den sogenannten emancipirten Damen nichts gemein habe, mit Damen, welche es sich zur Lebensaufgabe machen, die Luxusgewohnheiten der Herren nachzuahmen, oder gar das Streben haben, es diesen darin zuvorzuthun. Ich möchte die Frauen nur durch ihre Arbeit Selbstständigkeit und einen befriedigenden Wirkungskreis erringen sehen. Einen Wirkungskreis, meinen Viele, hätten Frauen ohnedies schon, und es wäre schädlich, sie von dem Beruf, Gattinnen und Mütter zu sein, abzuhalten. Nun, ich weiß das Familienleben gebildeter, liebender Frauen zu schätzen, ich weiß, daß es für ein Weib keine höhere Aufgabe geben kann, als an der Seite eines geliebten Mannes zu leben, seine Freundin zu sein, seine Leiden zu theilen, seine Freuden zu erhöhen, Kinder ihr eigen zu nennen und all' die Tausend Seligkeiten des Mutterseins zu empfinden. Ja, ich weiß, daß es für ein Weib ein Herrliches ist, in all' seinem Thun und Handeln von dem Gefühle getragen zu sein, daß es, obgleich Glück und Liebe empfangend, doch noch mehr davon gibt. Nicht wahr, geehrte Frauen, wir Alle erkennen in einem solchen Wirken das Ideal weiblichen 9 Seins? Ich kann aber trotzdem nimmermehr zugeben, daß die bloße Möglichkeit einer glücklichen Ehe für das Weib schon den Wirkungskreis biete, und so lange unsere Gesellschaft nicht allen wie Verlobten erzogenen Mädchen achtenswerthe und geliebte Männer bieten kann, hat sie die Pflicht, ihre weiblichen Angehörigen zu schützen. Wer Achtung und Liebe zu den gesellschaftlichen Einrichtungen haben soll, muß nebst dem Zwang auch die Wohlthaten derselben erfahren. Man wirft uns Frauen freilich vor, wir wollten in unserem jetzigen Streben Alles, nur keine Frauen sein, und darüber hätten wir blos mit dem Schöpfer zu rechten, denn Niemand hindere uns, jedweden Beruf zu ergreifen, und die Klagen über die Unterdrückung der Frauen seien ganz unberechtigt. Mir klingt das wie bitterer Hohn! Seufzen nicht so viele Witwen und Mädchen nach der Emancipation der Arbeit blos um des Brotes willen?! Seufzen nicht so viele Frauen, welche unter dem verschuldeten oder auch nicht verschuldeten Schicksal ihrer Männer leiden, nach der Befreiung der weiblichen Arbeit nur einzig und allein, damit sie in ihr Geschick mit eigener Hand eingreifen und Wohl und Wehe nicht allein von ihrem Gebieter zu erwarten haben!? Ja, mir klingt das wie bitterer Hohn, denn während man unsere Fähigkeiten in das kleinste Licht setzt, muthet man uns zu, daß wir, die wir den Hauch der öffentlichen Meinung zu scheuen haben, den Muth und die Kraft besitzen sollen, der Mehrzahl ihrer männlichen Vertreter, welche der weiblichen Arbeit nur Spott und Verachtung bieten, zu trotzen. Man muthet uns wohl auch zu, daß wir gleich Minerva mit vollem Rüstzeug zur Welt kommen, da Oesterreich auch nicht eine Schule besitzt, wo die Mädchen sich höhere Kenntnisse erringen könnten, und es doch nur ihre Schuld sein soll, wenn sie nicht jeden beliebigen Beruf ergreifen. Die Männerwelt, so glücklich, zugleich Partei und Richter zu sein, schelte uns daher nicht ungerecht, wenn wir gegen die öffentlichen Einrichtungen klagen, und erlaube uns Hippells Worte zu den unserigen zu machen: „Daß es scheine, der Staat sei ein moralischer Mann, statt eines moralischen Menschen." Man sagt, die freie Arbeit der Frauen werde sie den Beschäftigungen des Hauses entfremden und die Familie und die Kinder darunter leiden. Lassen Sie mich, geehrte Anwesende, damit ich diesem Einwände recht begegnen kann, unsere dem Mittelstände angehörende Frauenwelt, wie sie heute ist, betrachten, heute, wo sie weder durch besseren Unterricht, noch durch die freie Arbeit berührt ist. Da sehen wir zuerst die große Zahl der Frauen, die Väter und Gatten haben, welche sogenannte bürgerliche Gewerbe treiben. Die Frau des Bäckers, Spenglers, Gastwirthes 10 ist ihrem Manne eine geschäftliche Nothwendigkeit. Bei gewerblichem Betrieb ist der Aufwand von Directoren und Comptoiristen, wie ihn die großen Fabriks- und Handelsunternehmungen haben, eine Unmöglichkeit. ^ Der Gewerbsmann bedarf jedoch eines Compagnons, der den Verkauf leitet, und dieser ist ihm am besten in der Frau geboten. Indem er heiratet, gründet er sich eine Familie, er kann diese Familie aber nur gründen, sofern ihm die geschäftliche Theilnahme seiner Frau gesichert ist. Diese Frauen arbeiten oft angestrengt in den Geschäften ihrer Männer, und ich , wüßte nicht, daß ihre Hauswesen und Kinder so sehr darunter litten, daß sie wesentlich hinter den Hauswesen zurückständen, wo die Frauen sich nur der Familie widmen. Ich weiß aber, daß, wenn selbst da oder dort an der Erziehung der Kinder etwas vernachlässigt würde, die Gesellschaft doch gewiß den Vortheil erfährt, daß die Ehen dieser Staatsbürger eine geschätzte, gepflegte, eheliche Generation erzeugen, während die pecuniäre Unmöglichkeit des Eheschließens die Gesellschaft stets entweder an unglücklichen Namenlosen bereichern oder nützlicher Staatsbürger berauben muß. Viele gewerbetreibende Witwen endlich liefern den Beweis, daß sie in Werkstätte und Kinderstube gleich gut zu regieren verstehen. Sie sehen, wie gerade die Frauen aus dem Gewerbestande das Streben unseres Vereines begründen, und wie sich aus der Thätigkeit dieser Frauen schließen läßt, daß auch die Thätigkeit der Frauen aus den sogenannten höheren Ständen segenbringend würde, wenn diese Frauen erst durch höhere Kenntnisse die Fähigkeit besäßen, an den Geschäften ihrer Väter und Männer theilzunehmen, selbstständig Geschäfte ihrer Kreise zu betreiben oder Berufe auszuüben. So ist es aber heute nicht, es gilt vielmehr für den Mann als Ehrenpunkt, daß seine Frau und Töchter nur verzehren, was er erwirbt. Unter diesen an den Orient etwas erinnernden Verhältnissen werden nun die Mädchen aus den wohlhabenden Ständen erzogen, und die Frauen aus diesen Kreisen gehören der häuslichen Thätigkeit ganz allein an. Die Mädchen gehören den Familien an, wo die häusliche Arbeit ohne empfindlichen Mehraufwand von gemietheten Leuten vollbracht wird, ihnen bleibt also nur die Sorge für ihre Toilette und Pflege der Talente als Beschäftigung. Heiratet ein Mädchen früh, so hat es von der Schule bis zur Ehe nur einige Jahre auszufüllen. Unterstützt von dem Reiz, welchen Bälle, Theater und Gesellschaften gewähren, genügt für diese kurze Zeit das Beschäftigen mit Musik, Sprachen, Toilette, ohne das Gefühl besonderer Leere in dem Herzen des Mädchens aufkommen zu lassen. Und das um so mehr, da gewöhnlich in diese Zeit der erste geträumte kleine Roman fällt. Gehört das Mädchen jedoch zu denen, welche nicht nur 11 einen Mann wünschen, der sie ernähren, der ihnen eine Stellung bieten kann, sondern einen Mann heiraten wollen, den sie lieben, dem sie vertrauen können, so ist es ein besonderer Zufall, wenn sie früh heiraten, in der Regel heiraten aber diese Mädchen lange nicht und oft auch dann nur, weil der Zustand ihrer Unthätigkeit und gänzlichen Zwecklosigkeit ihnen noch unerträglicher ist, als die Ehe mit einem gleichgiltigen Manne. Viele von ihnen bleiben aber doch unverheiratet und vergrämeu ihr nutzlos dahinfließendes Leben, wenn sie Vermögen haben, allein, noch Unglücklichere aber, welche kein Vermögen besitzen, werden die Geißel der Familie. Das, geehrte Anwesende, ist die prosaische Version der höchst poetischen Erzählungen vom bescheiden um seiner selbst willen duftenden Veilchen, das bescheiden und unberührt am Büchlein verblüht. Folgen wir aber nun den Mädchen, welche sich verheiraten, so sehen wir, daß ihre Ehen gewöhnlich auf Anrathen der Eltern geschlossen werden, entweder weil der Mann angesehen, reich oder erwerbfähig ist. Die Existenzverhältnisse sind in der That schwierig, und die Eltern haben gewöhnlich nur die Wahl das nur für die Ehe bestimmte Mädchen zu Hause unglücklich zu sehen oder es an den ersten Mann zu verheiraten, der die gewünschte Stellung oder eine anständige Existenz bietet. Kurz, die Liebe flicht selten den Brautkranz, und daß unsere Bräute weniger traurig aussehen oder es auch sind, als sich bei diesem Umstände erwarten ließe, findet wohl darin seinen Grund, daß das Schicklichkeitsgefühl oftmals ihre Traurigkeit zurückdrängt, daß der Zug der Geschlechter sich iu dem ersten näheren Verkehre mit einem Manne geltend macht, oder daß die Aussicht auf das vergnügte Frauenleiden bei ihnen keine Traurigkeit aufkommen läßt. Solchen Brautschaften folgt dann die Ehe und das vielgepriesene Familienleben, das man mit der freien Arbeit der Frauen zu stören fürchtet. Wie traurig sieht es aber oft mit dem Familienglücke, und gerade in den Familien aus, wo die Gedankeuarmuth der Frau sie zu dem strebensarmen, um Leben und Menschheit ganz unbekümmerten Wesen macht, das man so oft echte Weiblichkeit nennen hört. Dem Hause vorzustehen in allem, was des Hauses ist, dem Manne Freundin und den Kindern Erzieherin zu sein, diese wichtigen Pflichten werden von den sogenannten geselligen Pflichten nur zu oft verdrängt. Theils ist es Unvermögen, theils Bequemlichkeit, daß die Kinder Fremden überlassen werden, und während jede Mutter eifersüchtig über dem Erziehungsrechte wachen sollte, empfangen die Kinder ihr eigentlich menschliches, ihr geistiges Sein von dem guten Glück fähiger und gewissenhafter oder untauglicher Erzieher. Zu diesen Unterlassungssünden tritt aber noch eine active. In der ausschließlichen Hingabe an das Treiben der 12 großen Welt verflacht auch der kräftigste Geist, und das Streben nach Tand und Aeußerlichkeit gewinnt die Oberhand. Ruhm und Ehre des Hauses werden nur in dem Umgänge mit Reicheren, Angeseheneren, wohl auch Adeligen gesucht, es gehört zum guten Ton, ihnen in Allem zu folgen, und man frägt sich nicht, ob nicht der Wohlstand der Familie und die geistige Kraft der Kinder dabei Schaden nehmen, — ob die Kinder, welche an Tausend Bedürfnisse gewöhnt werden, und deren schassendes und erhaltendes Talent sich noch nicht erprobt hat, nicht traurigem Proletariat entgegengeführt werden. Ich sage nicht, daß es nicht viele ehrenwerthe Ausnahmen gibt, daß unsere Gesellschaft nicht viele Frauen von ehrlichem, hohem Wollen und Wirken hat. Das Wirken eben dieses Vereines gibt von dem ernsten Streben vieler Frauen Zeugniß. Aber die große Zahl der Frauen aus den wohlhabenden Ständen lebt, wie ich es geschildert habe, das Leben einer Sultanin. Und um solchen Wirkens willen sollen die Frauen keiner Arbeit pflegen? Ich bin freilich weit davon entfernt, die oftmals schlechte Verwerthung des weiblichen Pfundes blos auf Rechnung der Frauen zu setzen, denn Druck, Unfreiheit und mangelhafte Erziehung haben es verschuldet, daß Viele davon den Sinn vom Würdigen und Ernsten so sehr abgewendet haben, daß sie selbst da nicht mehr wirken mögen, wo sie wirken könnten, und unseres Dichters Worte passen vollkommen auf uns: „Im engen Kreis verengert sich der Sinn, es wächst der Mensch mit seinen höheren Zwecken!" Man wendet ferner ein, das Leben in der Öffentlichkeit beraube die Frau ihrer herrlichsten Reize, ihrer Reinheit und Unschuld. Ich glaube dagegen, daß Unthätigkeit, mit dem Lesen frivoler Romane verbunden, die Frau weit mehr entsittlichet, als der Verkehr mit Menschen, welche ihr nur nahe kommen, um Zwecke des Berufes zu erfüllen. Man rühmt mit Recht die Reinheit unserer Mädchen, welche inmitten der Entsittlichung unberührt davon bleiben, und fürchtet, daß sie diesen Werth im Leben verlieren werden. Ich will nun nicht behaupten, daß nicht das eine oder andere Mädchen unter dem freieren Leben leiden würde, die Gesammtheit würde aber gewiß keinen Schaden nehmen. Ich möchte sogar im Gegentheil den Grundsatz aufstellen, daß die Sittlichkeit durch die größere Freiheit der Mädchen, einen Aufschwung nehmen müßte, da die Mädchen durch die Frage der Stellung oder der Existenz weniger zu den entsittlichenden Ehen ohne Neigung gezwungen würden, und andererseits besser geeignet wären, zu entscheiden, ob dieser oder jener 13 Mann geeignet ist, sie dauernd zu fesseln. Heute ist unseren Mädchen eine solche Prüfung gar nicht geboten, Mann und Frau kennen sich oft kaum, da sie die Ehe schließen, indem man den socialen Verkehr der Geschlechter möglichst beschränkt; ich fürchte daher auch, daß die Reinheit unserer Mädchen manches von der Natur der Treibhauspflanzen an sich hat, da es sonst bei der sittlichen Schönheit derselben ganz unerklärlich wäre, wie doch zuweilen Unschönes an den Frauen vorkomnien kann. Ich glaube nun, dargethan zu haben: 1. daß von einem höheren Standpunkte aus betrachtet, das Menschen recht, vom Standpunkte des augenblicklichen Bedürfnisses aber die größere Schwierigkeit des Eheschließens selbstständige Frauenarbeit fordert, und die Gesellschaft, wenn sie ihrer sittlichen und beglückenden Mission eingedenk ist, diese Forderung nicht iguoriren darf, sondern unterstützen muß, zumal in einer Zeit, wo die Maschine so entschieden zur Herrschaft gelangt und 1000 Frauenhände verdrängt; 2. daß die heute in den Geschäften ihrer Gatten arbeitenden Frauen ihre Familien nicht wesentlich vernachlässigen; 3. daß viele Mädchen ihre Kräfte der Arbeit widmen, und darin Befriedigung und Lebenszweck finden könnten; 4. daß gerade die nicht arbeitenden Frauen der höheren Stände ihre Kinder Fremden überlassen; 5. daß die Sittlichkeit, welche möglicher Weise an einzelnen Mädchen verloren ginge, durch die sittlicheren Ehen im Allgemeinen jedenfalls wieder gewonnen würde. Dabei möchte ich noch hervorheben, daß geistige Fähigkeiten die Frau nicht störrisch und herrisch machen. Der Denkende beugt sich vor dem Gesetz, weil er dessen Nothwendigkeit erkennt, und die denkende Frau fügt sich in den Willen des Mannes, weil sie den Werth der häuslichen Eintracht kennt. Mir bleibt nur noch die Furcht vor unserer Concurrenz zu besprechen. Daß sie existirt, könnte uns stolz machen, existirte sie nicht blos unter solchen Männern, welche Concurrenz überhaupt schwer aushalten. Vätcr und Gatten können überdies bei näherer Ueberlegung für sich in der Arbeit der Frauen keinen pecuniären Nachtheil sehen, da ja auch ihre Frauen und Töchter dann verdienen werden. Es könnte sich daher nur der einzeln stehende Mann dadurch benachtheiligt sehen. Aber, geehrte Frauen, wenn unsere Arbeit auch wirklich den schwächeren Männern Schaden brächte, welches Recht hat denn die Gesellschaft, daß sie den Mann auf Kosten des Weibes begünstigt? Man lasse uns in die Schranken mit der Männerwelt treten! Ein Vorurtheil vcr- 14 sperrt uns aber die Schule und ein Vorurtheil vertritt uns den Weg in's Leben. Das Beseitigen von Vorurtheilen stößt immer auf Widerstand, ich weiß es, man sieht Gespenster von allen Seiten auftauchen, und doch sind diese Gespenster noch immer geflohen, wo das Licht der Aufklärung heran- brach. Es ist nicht lange her, daß in Oesterreich ein Vorurtheil bestand, welches in der Patrimonial-Gerichtsbarkeit die beste Justizpflege, und in Robott und Zehent keine entwürdigende Besteuerung sah. Es ist noch nicht lange her, daß ein Vorurtheil bestand, welches den Jsraeliten jeden Grundbesitz verwehrte, ja es ihnen verbot, in mancher Stadt ihr Nachtlager zu nehmen. Diese Reste des Mittelalters sind glücklich gefallen und das Reich hat nicht Schaden gelitten, und Oesterreich wird kräftiger blühen, wenn Tausende fleißiger Arbeiter ihm erstehen und die Mütter die Gefühle der Jugend nicht mehr mit finsterem Aberglauben, aber mit der Liebe zur Wahrheit nähren werden. Dann werden unsere Kinder schon dort stehen, wo wir erst nach schweren Kämpfen hin gelangen. Die Frauenwelt krankt jetzt an vielen Fehlern und wenngleich die Quelle derselben weniger in uns, als in unseren socialen Verhältnissen zu suchen ist, so ist es doch unsere Pflicht, unsere Mädchen davor zu bewahren. Lehren wir sie vor allem denken! — Ich spreche aber aus innerster Ueberzeugung, wenn ich sage, daß wir da mit der Schule beginnen müssen. Ob unsere Mädchen Gattinnen und Mütter werden, ob sie ihr Leben in anderer Weise zu ihrem und zum Nutzen der Gesellschaft verwenden werden, die gute Schulung wird sie zu Allem tüchtiger machen. Ich stelle nun meinen Antrag, welcher dahin lautet: „Der geehrte Frauen-Erwerb-Verein möge zunächst der Gemeinde Wien eine Petition überreichen, welche um die Errichtung von Parallelclassen für Mädchen an einem der Realgymnasien Wiens nachsucht. Für den Fall jedoch, daß die Gemeinde Wien diese Bitte abschlägig beantwortet, schlage ich weiter vor, bei der hohen Regierung um die Bewilligung zur Errichtung eines Unter-Realgymnasiums für Mädchen einzuschreiten und eine solche Schule dann in eigene Verwaltung zu nehmen." Die pecuniären Verhältnisse unseres Vereines lassen es mir in diesem letzteren Falle geeignet erscheinen, die Theilnahme an der Schule durch eine in Umlauf zu setzende Subscription zu sichern, da sonst der Preis des Schulgeldes bei diesem Privatunternehmen ein verhältnißmäßig hoher werden müßte. Ich würde zwar selbst dann an der Theilnahme, die diese Schule finden würde, nicht verzweifeln, glaube aber diesen Vorschlag den weniger Zuversichtlichen schuldig zu sein. Geehrte Anwesende, ich fühle es, diese Anträge sind roh und nicht so präcis, als sie sein sollten; ich maße mir aber bei einer so wichtigen Einrichtung kein entscheidendes Urtheil an, und will mit dem Vorgeschlagenen nur die groben Umrisse angegeben haben, die weniger auf reiner Inspiration Fußende besser ausarbeiten mögen. Verzeihen Sie mir nun, daß ich in dieser Ansprache weiter als zur Sache zu gehören scheint, ausgeholt, ja selbst es gewagt habe, das sociale Gebiet zu betreten. Ich that es, weil ich von der Ansicht ausgehe, daß jede Schule todt ist, welche nicht auf das Bedürfniß der Gesellschaft gegründet ist. Es ist jedoch so leicht nicht, dieses Bedürfniß nur annäherungsweise zu erkennen, und dieses Erkennen ist nach meiner Ansicht nur möglich, wenn wir uns in der Gesellschaft genau umsehen, die Schäden derselben aufdecken und an diesen zu ergründen suchen, was bisher an dem Unterrichte versäumt, welchen Forderungen er nicht gerecht wurde. Indem ich Sie zur Gründung eines Unter-Realgymnasiums für Mädchen auffordere, gehe ich von zwei Grundsätzen aus, von der Nothwendigkeit der besseren weiblichen Schulung zu Zwecken des Erwerbes und von der Nothwendigkeit einer gründlicheren Bildung der Frauen überhaupt. Geehrte Anwesende, machen Sie mir wegen des letzteren Motivs nicht den Vorwurf, daß ich von dem Vereine eine humanistische Leistung fordere, die über die Grenze seiner speciellen Aufgabe hinausreicht. Wir Frauen haben von der Verallgemeinerung der weiblichen Bildung Alles zu erwarten, denn unser vereinzeltes Streben, so eifrig und ehrlich es ist, wird das Vorurtheil gegen höhere weibliche Arbeit nicht überwältigen. Damit unser Wollen That werde, müssen wir die Strömung des Massen für uns haben. Und nun, geehrte Anwesende, schrecken Sie vor den Schwierigkeiten nicht zurück, die uns bei Errichtung der besprochenen Schule in den Weg treten können. Die Sache ist gut, wir dürfen uns derselben nicht schämen, wir kämpfen um das höhere Glück und um den höheren Werth unserer Töchter! Schrecken Sie nicht zurück, wir werden unsere Sache durchsetzen, wenn wir nur recht wollen. Die Gewalt ist freilich nicht für uns, wir haben als einzige Waffe die Idee. Aber die Ideen sind mächtig, wenn sie in tiefster Ueberzeugung wurzeln und dem Bedürfnisse der Zeit entgegenkommen. Mittheilungen über die dritte ordentliche Generalversammlung des Wiener Frauen-Erwerb-Vereins am 12. März 187«. Die Vorsitzende, Frau Gabriele von Neuwall, begrüßt die sehr zahlreich besuchte Versammlung und ladet die Vereinssekretärin Frau Aglaia v. Enders ein, den von ihr verfaßten Rechenschaftsbericht zu verlesen. Die Versammlung ertheilt dem Berichte und dem Rechnungsabschluß ihre Zustimmung, welche sohin als angenommen erklärt werden. Die Vorsitzende ersucht Frau Marianne Hämisch, den von ihr angekündigten, auf der Tagesordnung befindlichen Antrag wegen Errichtung weiblicher Mittelschulen zu begründen. Frau Marianne Hämisch entwickelt in freier, von wiederholtem Beifall begleiteter Rede ihren Antrag auf Errichtung eines Unter-Real- Gymnasiums für Mädchen, welcher von der Versammlung angenommen und an dem Ausschuß zur weiteren Behandlung mit Zuziehung der Frau Antragstellerin und von Sachverständigen überwiesen wird. Ueber einen aus der Mitte der Versammlung gestellten Antrag wird Frau Marianne Hämisch mit allgemeinem Zurufen zum Ehren-Mitgliede des Ausschußes ernannt. Bei Vornahme der hierauf folgenden Wahl der neuen Ausschußmitglieder übernehmen die Frauen v. Martini und Wcinzierl das Scrutinium. — Es werden 48 Stimmzettel abgegeben und erscheinen als gewählt: die Frauen B. v. Hohenbruck, v. Eitelberger, Koppel, v. Littrow-Bischof, B. v. Kalchberg, Kompcrt, Groß Martha, Schmidt-Zabierow und Cohen. In Folge des von Herrn Custos Falke ausgesprochenen Wunsches wird der von ihm angekündigte Vortrag „über den Beruf der Frauen zur Förderung des Schönen" wegen vorgerückter Zeit auf die nächste Versammlung vertagt. Schluß der Sitzung. Zur Kenntniß der geehrten Bereinsmitglieder! Der Frauen-Erwerb-Vereiu hat die Leitung und Aufsicht der vorn n. ö. Landesausschusse iu's Leben gerufenen Fortbildungsschule für Lehrmädchen und gewerbliche Arbeiterinnen (Neubau, Zieglergasse 49) übernommen, in welcher Sonntag Vormittags und dreimal die Woche Abends unentgeltlicher Unterricht im Zeichnen, Schönschreiben, gewerblichem Rechnen, in deutscher Sprachlehre, Buchführung, Geschäftsaufsätzen und den Anfangsgründen der Physik und Chemie ertheilt wird. 'k ^ ,E .'7 - .< 'M»^ O » ^ -Wt-. ^-r< '.'>. f.'L >- < M N wie^s>sl-io7^e»< ^-ÖV^ölOISVSOZ Ä-