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S. Goldfchmidt.
gezahlt werden. Wir müffen hier J. Orlowsky in Petersburg erwähnen, der eine neue Erfindung ausgeftellt hatte, nämlich eine Art Doppelfohlen von vulcanifirtem Kautfchuk, die an dem Stiefel befeftigt werden und eine aufser ordentliche Widerftandsfähigkeit gegen Abnützung haben follen. Sind felbe auf einer Seite abgetreten, fo follen fie umgedreht und mit wenig Mühe wieder als neu benützt werden können. In der Ausstellung des Kaukafus waren einige Paar, ziemlich plump gearbeitete, Reiterftiefel zu fehen.
Wenn wir nun das Wenige übergehen, welches Rumänien, das feinen Bedarf an modernem Schuhwerk zumeift aus Oefterreich und Frankreich bezieht, und als volksthümlich Sandalen ausftellte, die den Daciern noch von den Römern überkommen fein mögen, fo kommen wir nun nach Griechenland, von deffen Schuhinduftrie nur fpärliche Mufter ausgeftellt waren, während auf diefem claffifchen Boden die Fufsbekleidungskünftler bei den Alten eine grofse Rolle spielten, da an 60 verfchiedene Sorten von Fufsbekleidungen von alten griechifchen Schriftftellern angeführt werden. Manche Städte Griechenlands waren dazumal ihres Schuhzeuges wegen berühmt, wie Sikyon, auch die tyrrhenifchen Schuhe hatten. einen weit verbreiteten Ruf.
Die Türkei mit ihren landesüblichen Formen und Sorten kann von unferem Standpunkte nicht beachtet werden. An den ausgeftellten Figurinen bemerkten wir im Allgemeinen, daſs, je mehr fich das Coftüm dem europäiſchen nähert, die Schuhe nach den Zehen zu breiter werden und fich dadurch unferen Formen nähern; dafs hingegen, je mehr es den rein afiatifchen Typus beibehalten hat, die Fufsbekleidungen desto mehr nach den Zehen zu in eine nach oben gebogene Spitze auslaufen.
The laft but not the leaft haben wir auf der Rundfchau europäiſcher Schuhfabrikation England. Nur von einem Schuhmacher vertreten, aber von einem der erften der Welt, brauchte man auf der Ausftellung nur den Namen Lobb zu nennen, um das Höchfte zu bezeichnen, was in der Schuhmacherei geleiftet werden kann. Die fonft auf der Ausftellung faft gänzlich unvertretene Schuhobertheil- Fabrication war hier durch das koloffale Gefchäft von W. Rabbits in London in feiner Specialität in gefteppten Schuhobertheilen für Herren in würdigfter Weife repräfentirt.
Die amerikanifche Schuhinduftrie macht fo viel von fich reden, dafs man erwartet hätte, die Amerikaner würden durch riefige Maffen ihre zweitbedeutendfte Induftrie vertreten, um ihre foviel gerühmte Suprematie auf diefem Felde zu wahren und zu beweifen, welche Vortheile ihre foviel gerühmten Mafchinen für diefen Erwerbszweig bieten.
Mit Recht hätte man hier eine grofse Anftrengung erwartet, und war fehr überrafcht, in der ganzen amerikanifchen Ausftellung nicht mehr als vier kleine Kaften mit Schuhzeug zu finden, wovon dasjenige für Männer wohl Anfpruch auf folide Arbeit und Feftigkeit, das für Damen aber kaum auf befondere Eleganz Anſpruch machen konnte. Eigenthümlich ift die vorn bei den Zehen fpitzzulaufende Form, die für uns als ungewohnt etwas Befremdendes hat.
Das mächtig auf allen Gebieten der Induftrie vorwärts ftrebende Kaiferreich Brafilien war durch drei Ausfteller in verdienftlicher Weife vertreten.
Was die Fufsbekleidungen der Chinefen und Japaneſen betrifft, fo ziehen wir diefe nicht in den Kreis unferer Betrachtung, da in dem zweiten Theile des Ausstellungsberichtes die Ausftellungen der orientalifchen und oftafiatifchen Völker ausführlich befchrieben werden follen.
Wir kommen nun zu dem zweiten Theile unferer Aufgabe der Anführung der in der Ausstellung vertreten gewefenen Hilfsmafchinen für die Schuhmacherei. Bei dem eigenthümlichen Standpunkte, den die Berichterftattung auf der Wiener Weltausftellung einnahm ohne Unterſtützung officieller Behelfe auf den eigenen Fleifs und Forfchung angewiefen, mufsten die überall zerftreuten Objecte, die in
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