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Der Pavillon des kleinen Kindes : Bericht / von Ferdinand Stamm
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Der Pavillon des kleinen Kindes.

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Die Kinder- Spielwaaren.

Das Spiel ift der Anfang der Arbeit. Die Kinderfpiele follen daher gepflegt und geleitet werden, denn bei einem zweckmäfsigen Spiele entwickelt das Kind feine Kräfte, feine Sinne und feinen Verftand.

Die Kinder, welche gern und anhaltend fpielen, werden als Erwachfene gern und fleifsig arbeiten. An der Art wie ein Kind ſpielt, kann man auf feine Naturanlagen fchliefsen, aus denen fich der Charakter entwickelt. Die Eltern und Erzieher follen daher wohl Acht haben auf die Spiele ihrer Kinder und fie leiten, um ihre leiblichen Kräfte gleichmäfsig zu entwickeln, ihre Sinne auszubilden, den Verftand zu üben, fie an eine geregelte Thätigkeit zu gewöhnen und zu verftändiger Arbeit heranzuziehen.

Arme Kinder fpielen mit den Dingen, wie fie ihnen die freie Natur auf dem Lande bietet mit Sand und Steinchen, mit Blumen, Weidenruthen und Mufcheln. Ein Grashalm, einige Binfen genügen ihnen.

Können fie ein Meffer handhaben und fchnitzen, dann machen die Kinder fich ihr Spielzeug in unerfchöpflicher Menge; meift ahmen fie das Handwerk oder die Kunft ihres Vaters nach der Sohn des Tifchlers fchnitzt Bänke, Seffel und Tifche, der Müllersfohn baut Wafferräder, der Sohn des Bildhauers.fchnitzt Thiere erft aus Krautftrünken und Rüben, dann aus Holz, der Fuhrmannsfohn baut aller­lei Wägen, Futterkrippen und andere Stallgeräthe. Die Eltern follen diefe Ver­fuche begünftigen und nicht ängftlich dem Kinde das Schnitzmeffer aus der Hand nehmen, wenn es auch fich einmal in den Finger fchneidet, es lernt nur mit Wun­den fchnitzen, wie es nur mit Fallen gehen lernte; hat es aber in der Kindheit Luft und Gefchick zum Schnitzen und Bauen, fo wird es fpäter praktifch" werden.

Die Mädchen armer Leute greifen am erften nach den Blumen als Spiel­zeug und binden fie zu einem Straufs oder Kranz. Hier foll die Mutter in der früheften Jugend ihr Töchterlein auf die Farben aufmerkfam machen, fie nennen und ihr zeigen, welche Farben im Kranze zufammenftimmen und welche nicht. Der aufserordentliche Nutzen davon wird fich fpäter zeigen, wenn das Kind mit der Puppe fpielt und fie kleidet, und noch später, wenn die Tochter in die Schule geht und Nähen und Sticken lernt und Farben auswählen foll.

Für die Kinder wohlhabender Leute und namentlich für alle Kinder in den Städten, denen die Natur ihre grofse Spielwaaren- Bude verfchliefst, forgt der Markt der Kinder- Spielwaaren.

Viele Handwerke betheiligen sich an ihrer Erzeugung: Schneider und Schuh­macher, welche Puppenkleider machen, Porzellanfabriken, welche Puppenköpfe erzeugen, Lederarbeiter für Puppenglieder, Drechsler, Tifchler, Glafer, Zinngiefser, Spängler, Töpfer, Wagner, Mufik- Inftrumentenmacher, Buchbinder u. f. w.

Auch Fabriken find für die Erzeugung von allerhand Kinder- Spielwaaren entftanden wie zu Nürnberg und Sonnenberg in Deutfchland, Oberleitensdorf in Böhmen, ferner in den meiften Hauptftädten. Der Handel mit Spielwaaren ift ein fehr ausgebreiteter. Europa exportirt maffenhaft über die See. Die Stücke zu einem Kreuzer, die Pfennig- und Pennywaare ift am reichften vertreten; es gibt aber auch in diefen Waaren viel Luxus und manche Puppe und manche Puppen­equipage koftet wohl hundert Gulden. Ueberblickte man die Spielwaaren, wie fie in dem grofsen Saale des Kinderpavillons ausgelegt waren, fo konnte man glau­ben, man betrachte den Weltmarkt durch eine Concavlinfe, und fie erfcheine ver­kleinert, in Miniatur. Alles wird zur Spielwaare, der Wagen, das Pferd, der Krug und das Haus, wenn man es in einem Modelle darftellt, das drei, zehn und hun­dert Mal kleiner ift als in der Naturgröfse.

Es gibt aber auch Spielzeug im engeren Sinne, dahin gehört das Stecken­pferd, der Ball, der Springreif, der Kreifel.