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Russland : Bericht / von Wilhelm von Lindheim
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RUSSLAN D.

Bericht von

WILHELM VON LINDHEIM.

Klimatifches.

Das ruffifche Reich fetzt den einen Fufs in Europa, den anderen in Afien nieder; feine mächtigen Arme breitet es von Norden nach Süden und von Often nach Weften aus, einen Längenraum von nahe an 2100 Meilen umfaffend. Wenn es bei den Bewohnern des weftlichften Punktes diefes riefengrofsen Reiches 12 Uhr Mittags ift, fo zählen die des öftlichften 11 Uhr 15 Minuten Nachts. Das Uralgebirge trennt das europäiſche Rufsland von dem afiatifchen. Erfteres ift gröfstentheils eben, nur füdlich und öftlich erheben fich grofse Gebirge; die in der Mitte des Landes befindlichen find wenig beträchtlich. Im Norden trifft man grofse Seen; im Süden endlofe Steppen. Sowohl nördlich gegen das Baltifche und Eismeer. wie füdlich gegen das Schwarze und Cafpifche Meer fenkt fich der Boden. Das afiatifche Rufsland bildet eine unermessliche Ebene, die nur hin und wieder durch Gebirge unterbrochen wird. Flach gegen das nördliche Eismeer erhebt es fich allmälig gegen Süden bis zu den hohen Gebirgen, welche Rufsland von China fcheiden. Beide grofsen Ländertheile kann man ihrem Klima nach in folgende vier Regionen theilen:

Nord- oder Eisregion. Im europäifchen Rufsland umfafst fie einen Theil der Gouvernements Archangel und Finnland; im afiatifchen einen Theil der Gouvernements Perm, Tobolfk und Irkutfk. In diefen Gegenden, über den 67. Grad nördlicher Breite hinaus, zeigt die Natur eine gar traurige Monotonie. Kein Baum, ja felbft kein Strauch ift hier zu erblicken; moosbedeckte Steppen und Moräfte werden am äufserften Ende nordöftlich durch einen Aft des ochotfkifchen und nordweftlich durch den lappländifchen Gebirgszug begrenzt. Im Innern diefer Gegenden thaut der Boden, jedes Anbaues unfähig, niemals auf; nur mage­res Geftrüpp bedeckt ihn; die Thiere bleiben klein und fchwächlich, und auch der Menfch fteht auf einer fehr niedrigen Stufe. Nomadifirende Völkerftämme friften in diefen unwirthlichen Gegenden kärglich ihr Leben; Jägerei und Fifcherei, fowie ihr treuer Gefährte: das Rennthier, erhalten fie. In Sibirien beginnt die Eis­region vom 62. Grade nördlicher Breite, und hier erfcheint die Natur noch ftief­mütterlicher als im höchften Norden von Europa. Vom September an wird die Kälte fo heftig, dafs das Queckfilber zum Hämmern gefriert. Alljährlich bleibt vom Ende September bis Anfang Juni das Weifse wie das Eismeer mit dickem Eife bedeckt. Die Ströme, welche fich nach dort ergiefsen, frieren noch eher und thauen noch später auf. In dem kurzen Sommer, welcher das Eis der Sümpfe kaum

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