iiaiiüiina Technisches Museum Wien Bibliothek 5094/1 iTUltÜil.jlUllbiiiitilhii DIE GROSS-INDUSTRIE OESTERREICHS. FESTGABE ZUM GLORREICHEN FÜNFZIGJÄHRIGEN REGIERUNGS-JUBILÄUM SEINER MAJESTÄT DES KAISERS FRANZ JOSEF I. DARGEBRACHT VON DEN INDUSTRIELLEN OESTERREICHS 1898 . UNTER DEM HOHEN PROTECTORATE SEINER K. UND K. HOHEIT DES DURCHLAUCHTIGSTEN HERRN ERZHERZOGS FRANZ FERDINAND. - 7 \' të9w®rfc®-#83&«n» , WIEN WIEN, 1898. VERLAG VON LEOPOLD WEISS. I., LOTHRINGERSTRASSE i5. Technisches Museum Wien Bibliothek 5094/1 EURE MAJESTÄT, ALLERGNÄDIGSTER KAISER UND HERR! D ankerfüllten Herzens nahen wir den Stufen des allerhöchsten Thrones, um Eurer Majestät ehrfurchtsvoll ein Werk zu unterbreiten, welches, nach Form und Inhalt eine österreichische Arbeit, für die heimische Arbeit Zeugnis o-eben soll. O Was in fünfzig Jahren voll Freud und Feid Millionen geschäftiger Hände über und unter der Erde aus lebloser Masse geschaffen, um Oesterreich auf den Höhen des culturellen Fortschrittes zu erhalten, sei Eurer Majestät in Wort und Bild getreulich geschildert. Die fürsorgliche Hand Eurer Majestät hat die österreichische Industrie zu ihrer heutigen Stufe grossgezogen, hat sie aus allen Stürmen der Zeit ehrenvoll hervorgehen lassen. Unvergessen wird es bleiben, wie Eure Majestät an bedeutsamen Wendepunkten der österreichischen Wirth- schaftspolitik thatkräftig zu Gunsten der Production eingegriffen haben. Diese Blätter seien der Ausdruck unseres allerunterthänigsten Dankes, zugleich aber des innigsten Wunsches: Möge es der Himmel Eurer Majestät vergönnen, noch ungezählte Jahre die Geschicke Oesterreichs zu lenken, zum Wohle aller Völker, zum Wohle unserer Industrie! Wien, 2. December 1898. m DIE CURATOREN DES WERKES: Anton Dreher, Gross-Industrieller, Klein-Schwechat. Guido Elbogen, Präsident der Nordböhmischen Kohlenwerks-Gesellschaft, Wien. Carl von Faltis, Präsident des Verbandes der österr. Flachs- und Leinen-Interessenten, Gross-Industrieller, Trautenau. Willy Ginzkey, Präsident des Nordböhmischen Gewerbe-Museums, Gross-Industrieller, Maffersdorf. Julius Ritter von Gomperz, Mitglied des Herrenhauses, Präsident der Handels- und Gewerbekammer in Brünn. David Ritter von Gutmann, Gross-Industrieller, Wien. Dr. Hermann Hall wich, k. k. Hofrath, Wien. Johann Graf Harrach, Geh. Rath, Kämmerer, Mitglied des Herrenhauses, Gross-Industrieller, Neuwelt. Julius Ritter von Kink, Reichsraths-Abgeordneter, Präsident des Vereines der österr.-ungar. Papierfabrikanten, Wien. Oscar von Klinger, Gross-Industrieller, Neustadtl bei Friedland. Arthur Krupp, Mitglied des Herrenhauses, Gross-Industrieller, Berndorf. Adalbert Ritter von Lanna, Mitglied des Herrenhauses, Prag. Heinrich Graf Larisch-Mönnich, Geh. Rath, Kämmerer, Mitglied des Herrenhauses, Landeshauptmann in Schlesien, Präsident des Vereines der Montan-, Eisen- und Maschinen-Industriellen, Solza. Friedrich Freiherr von Leitenberger, Mitglied des Herrenhauses, Präsident des Central-Verbandes der Industriellen und des Verbandes der Baumwoll-Industriellen Oesterreichs, Josefsthal-Cosmanos. Alfred Freiherr von Liebieg, General-Consul des Deutschen Reiches, Präsident des Vereines der österr.-ungar. Zuckerraffinerien, Wien. Dr. Andreas F'ürst Lubomirski, Mitglied des Herrenhauses, Präsident der Galizischen Zucker-Industrie-Actien- gesellschaft, Przeworsk. Max Mauthner, Reichsraths-Abgeordneter, Präsident der Handels- und Gewerbekammer in Wien. Albert Mayer Edler von Gunthof, Gross-Industrieller, Wien. Maximilian Graf Montecuccoli-Laderchi, Geh. Rath, Kämmerer, Mitglied des Herrenhauses, Gouverneur der Länderbank, Präsident der Oesterreichisch-Alpinen Montangesellschaft, Wien. Alois Neumann, Präsident der Handels- und Gewerbekammer in Reichenberg. D r. Alexander Peez, Präsident des Industriellen-Club, Gross-Industrieller, Wien. Dr. Andreas Graf Potocki, Kämmerer, Reichsraths-Abgeordneter, Krzeszowice. Carl Freiherr von Reinelt, Geh. Rath, Mitglied des Herrenhauses, Präsident der Handels- und Gewerbekammer in Triest. Franz Freiherr von Ringhoffer, Mitglied des Herrenhauses, Gross-Industrieller, Prag. Albert Freiherr von Rothschild, Gross-Industrieller, Wien. Hugo Leopold Fürst und Altgraf zu Salm-Reifferscheidt, Kämmerer, Mitglied des Herrenhauses, Blansko. Paul Eduard Ritter von Schoeller, königl. grossbrit. General-Consul, Gross-Industrieller, Wien. Franz Schreiner, Präsident der Handels- und Gewerbekammer in Graz. Emil Ritter von Skoda, Gross-Industrieller, Pilsen. August Freiherr Stummer von Tavarnok, Präsident des Central-Vereines für Rübenzucker-Industrie, Wien. Jakob Thonet, Gross-Industrieller, Wien. Carl Weinrich, Gross-Industrieller, Syrowatka. Josef Wohanka, Präsident der Handels- und Gewerbekammer in Prag. Für die Administration: Verlagsbuchhändler Leopold Weiss. Für die Redaction : Professor Dr. Josef Grunzei. IV und die actuelle Lage und Bedeutung aller wichtigeren Industriezweige, und jedem Fachauf- satze folgen monographische Darstellungen hervorragender industrieller Firmen und Etablissements in Oesterreich. Durch diese Selbstschilderungen, welche in künstlerisch ausgeführten Illustrationen der Etablissements und ihrer Betriebseinrichtungen eine willkommene Erläuterung erfuhren, sollte das Prachtwerk einen besonderen Werth erhalten. Sowohl die Fachaufsätze als auch die Monographien werden als wichtige Beiträge zur Industriegeschichte Oesterreichs ein bisher vielfach unbekanntes und hochinteressantes Material für den Forscher auf diesem Gebiete liefern. Die Vollständigkeit des Gesammtbildes beruht natürlich auf den Fachaufsätzen und nicht auf den Monographien. Aus dem doppelten Bestreben, sich selbst und dem Landesfürsten Rechenschaft zu geben über das bisher Geleistete, entstand dieses Werk — ein Ehrenbuch der vaterländischen Arbeit und eine Ehrengabe für den Kaiser! Der Plan, die noch ungeschriebene Geschichte der österreichischen Industrie anlässlich des Regierungsjubiläums des Kaisers in Wort und Bild zur Darstellung zu bringen, fand in den Kreisen der österreichischen Industrie sympathische Aufnahme. Die hervorragendsten Repräsentanten derselben traten zu einem Curatorium zusammen, um dem Unternehmen mit Rath und That zur Seite zu stehen. Eine aussergewöhnliche Anerkennung und Ermunterung erfuhr jedoch das Unternehmen dadurch, dass Se. kaiserliche Hoheit, der durchlauchtigste Herr Erzherzog Franz Ferdinand die besondere Gnade hatte, das Protectorat zu übernehmen. Die Redaction des Werkes hatte das Glück, aus allen wichtigen Industriezweigen hervorragende Fachmänner zu gewinnen und schliesslich an hundert Mitarbeiter zu vereinen, deren Namen in weiten Kreisen einen guten Klang haben und die Gewähr bieten, dass das Werk noch lange über den feierlichen Anlass hinaus, dem es seine unmittelbare Entstehung verdankt, einen dauernden Werth behalten wird. Wir unterlassen es, die Namen der Mitarbeiter an dieser Stelle anzuführen, nachdem sie alle im Werke selbst in ihrer vollen Individualität zur Geltung kommen. Die Redaction des Werkes leitete bis zu seiner am i. August 1898 erfolgten Ernennung zum Ministerialsecretär im k. k. Handelsministerium Herr Dr. Hugo Bach, worauf Herr Dr. Josef Grunzei, Secretär des Centralverbandes der Industriellen Oesterreichs und Professor an der k. u. k. Consularakademie, das Werk zu Ende führte. In der künstlerischen Ausstattung dürfte das Werk zu einem ganz neuen Genre die Anregung gegeben haben. Die schablonenhafte Linienführung und die starren Formen, welche die bisher üblichen Fabriksansichten so kalt und abstossend erscheinen Hessen, haben vielfach einer freien künstlerischen Auffassung Platz gemacht, welche über diese Welt der schaffenden Arbeit einen Schimmer der Poesie gebreitet hat. Als künstlerischer Beirath des Werkes fungirte Herr Hofrath Josef Ritter von Storck, Director der Kunstgewerbeschule des Oesterreichischen Museums für Kunst und Industrie. Der Meisterhand des Herrn Professors W. Unger verdanken wir eine prächtige Radirung des Bildes unseres hohen Protectors, Sr. kaiserlichen Hoheit des Erzherzogs Franz Ferdinand. Die anziehenden Bilder und Illustrationen aber sind Werke einer Reihe hervorragender Künstler, wie R. Bernt, A. Castelliz, H. Charlemont, C. Damianos, F. Gareis, A. D. Goltz, A. Heilmann, O. Hesse, H. Kratki, K. Lederle, E. Pendl, L. E. Petrovits, R. Raschka, O. Richter, F. Sko- palik, J. Varrone, A. Zehle, A. Zdrazila u. A. VI Ein wichtiger Grundsatz galt für das Werk: die Festgabe der österreichischen Industriellen sollte durchaus ein Erzeugnis österreichischer Arbeit sein, und sie ist denn auch österreichische Arbeit, nicht bloss bezüglich des Inhaltes, sondern auch bezüglich der ziemlich schwierigen technischen Herstellung. Durch die rege Betheiligung der industriellen Firmen ist das Werk auf fünf starke und reich illustrirte Bände angewachsen, zu deren Fertigstellung die Druckereien und Kunstanstalten alle Kräfte aufbieten mussten. Es sei an dieser Stelle anerkennend gedacht der Mitwirkung der Buchdruckereien von Adolf Holzhausen und Friedrich Jasper und der Kunstanstalten von Angerer & Göschl, S. Czeiger und M. Jaffé. Schliesslich kann die Rédaction nicht umhin, dem Verlagsbuchhändler Herrn Feopold Weiss ein ehrendes Zeugnis an die Spitze dieses Werkes zu stellen, welcher die erste Anregung zu dem Unternehmen gab und es mit bedeutenden Kosten auf eigene Gefahr einem glücklichen Ende zuführte. Möge dieser seltene Beweis heimischen Unternehmungsgeistes im österreichischen Buchhandel zur Nacheiferung anregen ! Die thatkräftige Mitwirkung aller genannten Factoren hat uns in den Stand gesetzt, mit einem Werke an die Oeffentlichkeit zu treten, wie es in unserer Industriegeschichte und wohl auch in derjenigen anderer Staaten unerreicht dasteht. Wenn sich die Industrien der mächtigsten Staaten an der Wende des Jahrhunderts auf der Pariser Weltausstellung in Wettbewerb stellen werden, kann die österreichische Industrie auf ein interessantes Document hin- weisen, welches Kunde gibt von ihren Mühen, aber auch von ihren Erfolgen. Auch die weiten Kreise der heimischen Bevölkerung werden daraus Belehrung schöpfen und zur Einsicht gelangen, welch’ bedeutsamer Factor die Industrie im Wirthschaftsleben des Staates ist. Den Industriellen selbst aber möge dieses ehrenvolle Denkmal einer ruhmreichen Vergangenheit ein neuer Ansporn sein, den heimischen Unternehmungsgeist auf allen Gebieten des gewerblichen Schaffens walten zu lassen und ihn immer mehr und mehr über die Grenzen des Vaterlandes zu leiten. Möne ihnen dabei die Unermüdlichkeit und Pflichttreue Seiner o Majestät des Kaisers als Beispiel voranleuchten, möge ihnen sein väterliches Wohlwollen auch künftighin erhalten bleiben, so wie in den letzten fünfzig Jahren! DIE REDACTION DES WERKES: DIE GROSS-INDUSTRIE OESTERREICHS». INHALT DES ERSTEN BANDES. Allgemeiner Theil. Seite Anfänge der Gross-Industrie in Oesterreich. Von Dr. Hermann Hallwich, k. k. Hofrath. 3 Die österreichische Industrie einst und jetzt. Von Dr. Alexander Peez, Präsident des Industriellen-Club . 43 Der Aussenhandel der Monarchie und die Stellung der österreichischen Industrie im Weltmärkte. Von A. G. Raunig, Secretär des Industriellen-Club.61 Das Wachsthum der österreichischen Industrie und die Wandlung des Arbeitsverhältnisses in den letzten fünfzig Jahren. Von Dr. F. Mig-erka, k. k. Ministerialrath und Central-Gewerbeinspector a. D. ... 127 Kunst und Industrie. Von Bruno Bücher, lc. k. Hofrath, Director des Oesterr. Museums für Kunst und Industrie i. R.i 47 Specieller Theil. I. Bergbau, Hüttenwesen, Erdölgewinnung. Die Montan-Industrie Oesterreichs. Von V. Wolff, kaiserl. Rath, k. k. Commerzialrath.171 Oesterreichisch-Alpine Montangesellschaft, Wien.185 K. k. priv. Graz-Köflacher Eisenbahn- und Bergbau-Gesellschaft, Graz.209 Von Löbbecke’sche Gruben und Hüttenwerke, Niedzieliska.212 Miröschau-Libuschin-Schwadowitzer Steinkohlenbergbau - Actiengeseilschaft, Rokitzan.214 Heinrich Mitsch, Berg- und Hüttenwerke, Gradenberg.2x8 Gräfl. Andr. Potocki’sche Berg- und Hüttenwerke in Galizien.220 Fürst Adolf Josef zu Schwarzenberg’sche Montan-Industrie-Werke in Böhmen und Steiermark.232 Trifailer Kohlenwerks-Gesellschaft, Wien.235 Das nordwestböhmische Braunkohlenbecken. Von Wenzel Poech, Director der Gewerkschaft Brucher Kohlenwerke in Teplitz.237 Britannia- Gewerkschaft, Seestadtl.257 Gewerkschaft Brucher Kohlenwerke in Bruch . 259 Brüxer Kohlen-Bergbau-Gesellschaft, Brüx.262 Nordböhmische Kohlenwerks-Gesellschaft in Brüx.268 Franz Freiherr Mayr von Meinhof, Braunkohlenbergbau, Tollinggraben bei Leoben.272 Das Ostrau-Karwiner Steinkohlen-Revier. Von Wilhelm Jiüinsky, k. k. Bergrath und Central-Director in Mähr. - Ostrau.273 Ostrau-Karwiner Steinkohlen-Revier.291 Entwicklung der Petroleum-Industrie in Galizien. Von Stanislaus Prus Szczepanowski.321 Galizische Creditbank, Erdwachsgruben, Borysiaw.329 Galizische Karpathen-Petroleum-Actiengeseilschaft, vorm. Bergheim & Mac Garvey, Gorlice. 332 «Schodnica», Actiengeseilschaft für Petroleum - Industrie, Wien. 33 4 Adam Graf Skrzyüski’sche Petroleum-Raffinerie und Erdölwerke, Libusza. 338 W. Wolski & K. Odrzywolski, Montan- und Industrie-Werke, Lemberg.342 Dalmatinische Asphalt-Bergwerke Ludwig König & Sohn, Wien.. 347 b Die Gross-Industrie. I. ix ALLGEMEINER THEIL. Die Gross-Industrie. I. I ANFÄNGE DER GROSS-INDUSTRIE IN OESTERREICH. VON D R - HERMANN HALLWICH. und Handelsplätze Wien, Rosdorf, Linz, Eperasburch (Ebelsberg) und Mautern. Die angesehensten Bewohner der Provinz beschworen in Gegenwart der kaiserlichen Abgesandten auf die Frage des Markgrafen Aribo, dass seit den Zeiten der Könige Ludwig (des Deutschen) und Karlmann in der Ostmark folgende Zollabgaben bestanden: Schiffe, welche den «Passauerwald» passiren und irgendwo anlegen, zahlen eine halbe Drachme und dürfen alsdann nach Belieben Handel treiben. Schiffe, die bis Linz hinab fahren, geben vom Salze drei halbe Metzen oder drei Scheffel; «von Sclaven und anderen Waaren wird dort kein Zoll bezahlt.» Baiern und Slaven, welche Lebensmittel einhandeln, sind mit- sammt ihren Pferden und Ochsen zollfrei. Die Mährer und Böhmen geben von einem Saum Wachs einen Scoter (= '/ 2 Drachme). Eine Sclavin wird einem männlichen Pferde gleich geschätzt; man bezahlt bei ihrer Einfuhr einen Drittelschilling, von einem Sclaven oder einer Stute eine «Saiga» (= 3 Denare). Wer mit den Mährern Handel treiben will, zahlt von jedem Schiffe einen Schilling. «Jüdische Kaufleute, sie mögen woher immer kommen, zahlen von Waaren und Sclaven einen billigen Zoll» u. s. w. Man sieht hierin ein ganz beiläufiges Bild der uranfänglichen Verhältnisse, aus denen sich der Industrialismus unserer Länder emporarbeitete. Er hat ein mehr als tausendjähriges, mühseliges Wachsthum aufzuweisen. Unzählige Hindernisse waren zu überwinden, bevor sich der unscheinbare Sprössling zum kräftigen, ansehnlichen Stamm entwickelte. Seine Geschichte ist noch nicht geschrieben; auch die nachfolgenden Blätter wollen sie nicht bieten. Es mag genügen, an jenem Stamm einige Jahresringe zu zählen. Das Mittelalter sah in Handel und Gewerbe so recht eigentlich die «bürgerliche Nahrung.» Ihr Werden und Wachsen war bedingt durch die Entstehung und Förderung städtischer Gemeinwesen. In der Ostmark waren es die Babenberger, in Böhmen die Premys- liden, in Carentanien die steirischen Ottokare, die sich als Städtegründer die grössten Verdienste erwarben. Also entstanden die wohlprivilegirten Städte Mauthausen, Melk, St. Pölten, Stein, Tulln u. A. m. Das 1212 der Gemeinde Enns verliehene Stadtrecht wurde das Mutterrecht für die späteren österreichischen Stadtrechte; selbst das von Wien (1221) fusst auf demselben. Bereits um die Mitte des 12. Jahrhunderts nahm Graz einen gewissen Aufschwung. Der damalige Handel Wiens mit Italien gieng durch die Steiermark, entweder über Enns, Steyr, Rottenmann nach Judenburg oder über Wiener-Neustadt und Bruck eben dahin. Weiter zurück reicht die erste Blüthe der Stadt Prag. Deutsche Kaufleute, die dorthin kamen, Hessen sich dauernd nieder, so auf dem Wyschehrad und in der Vorburg unter dem Hradschin am rechten und linken Moldauufer, wo schon im Jahre 1039 von geräumigen Marktplätzen die Rede ist. Der erste König des Landes, Wratislaw II., gab den neuen Ansiedlungen, besonders auf dem Poric, die ersten Privilegien, die von seinen Nachfolgern bestätigt und erweitert wurden. Wenzel I. gründete im Prager Burgflecken die sogenannte Neustadt bei St. Gallus; es folgte jenseits des Flusses die «Neue Stadt unter der Prager Burg» oder «die Kleinere Stadt» (Kleinseite). Allmälig entwickelte sich in der Altstadt ein eigenes Recht, das Prager Stadtrecht. Nach dem Muster dieser Schöpfungen wurden in einzelnen Vororten königlicher Schlösser auf dem Lande deutsche Städte ins Leben gerufen. Unter Ottokar I. entstanden nachweislich die Städte Grätz (Königgrätz) und Kladrau; unter Wenzel I. Budin, Kommotau, Leitmeritz, Saaz; unter Ottokar II. aber Aussig, Beraun, Brüx, Budweis, Czaslau, Chrudim, Hohenmauth, Hirschberg, Kaaden, Kaurim, Kolin, Kuttenberg, Melnik, Mies, Nimburg, Pilsen, Pölitz, Policka und Taus. Nicht viel später erscheinen die Städte Laun, Leitomischel, Rackonitz, Jaromier, Wodnian u. s. w. Das Beispiel der Landesherren wurde in der Folge von den Klöstern und sonstigen Grossgrundbesitzern nachgeahmt; neben den landesherrlichen Municipien erstehen zahlreiche, gleichfalls privilegirte, doch nicht völlig freie Klöster- und Herrenstädte. In ihnen allen bildeten Handel und Gewerbe die Hauptbeschäftigung ihrer Bewohner. Sie zu stützen und zu fördern, kannte die Zeit, von der wir sprechen, wieder nur Mittel einer Art: Stapel- und Meilenrechte u. dgl. Es ist ein ernstes Wort aus würdigem Munde, dass «die Fürsten älterer Zeiten nicht nach weisen Grundsätzen der Gerechtigkeit und Billigkeit, sondern grösstentheils nach dem Inhalt vorhandener Privilegien ihre Völker regierten, ohne zu bedenken, dass sie ihre Machtvollkommenheit weit besser dazu verwendeten, diesen alten Sauerteig gänzlich abzuschaffen, als ihn noch länger beizubehalten und zu schützen.» 1 ) Der Handel war und blieb ein ausschliessliches Befugnis der Bürger. Dem Stapelrechte zufolge musste jedwede Waare, bevor über sie weiter verfügt werden konnte, eine Zeit lang im Kaufhause den einheimischen Bürgern feilgeboten werden. Vermöge des Meilenrechtes aber durfte im Umfange einer Meile um den privilegirten Ort* niemand eine «bürgerliche Nahrung», insbesondere die Braugerechtigkeit, betreiben. Neben den ältesten handwerksmässigen Gewerben der Müller, Bäcker und Fleischer, der Schuhmacher und Schneider, der Maurer, Zimmerleute und Schmiede, der Gerber, Kürschner, Weber u. s. w. gedieh denn in den meisten Städten namentlich das der Mälzer und Bierbrauer, das allen voran den ersten Anlauf nahm, zur Industrie zu erstarken und sich auszubreiten. Auf Grund religiöser Vereinigungen fanden sich frühzeitig einzelne Handwerke in Innungen und Zünften zusammen. Unter ihnen gelangte die der Tuchmacher zu rascherem Ansehen; zunächst in Böhmen. Schon König Ottokar I. privilegirte die Wollenweber zu Braunau; flandrische Tücher wurden von Ottokar II. ins Land berufen und liessen sich in Braunau, Friedland und Nimburg nieder. Neben der Tucherzeugung that sich auch bald die Leinweberei hervor, vorzugsweise wieder in Böhmen und der Nachbarschaft. Wohl unterliegt es ebenso keinem Zweifel, dass die erste Errichtung von Glashütten in Böhmen und Mähren weiter zurückreicht, als nach den vorliegenden urkundlichen Nachrichten bisher angenommen werden wollte. Der Handel Böhmens mit seinem südlichen Grenzlande und dessen Hauptstadt gewann immer grössere Bedeutung. Von Herzog Leopold VI. (1198 fg.) erzählt man, dass er der Wiener Kaufmannschaft zu ihrem besseren Fortkommen die Summe von 3 o.ooo Mark geliehen habe. Der Waarenverkehr auf der Donau erreichte im 1 3 . Jahrhundert eine ungeahnte Höhe. Von Constantinopel kamen griechische und indische Producte aller Art, aus Ungarn aber Wolle, Getreide, Schlachtvieh und’Wein, während Deutschland mit Einschluss von Böhmen, wie angedeutet worden, zumeist Tuche, Leinwänden, Glas, Bier und Meth lieferte. Eisen und Eisenwaaren bezog Wien notorisch bereits damals aus den uralten Fund- und Schmelzstätten des «norischen Eisens», Vordernberg und Innerberg (Eisenerz), am Fusse des steirischen Erzberges. Gleichwie die Babenberger wussten die Habsburger, deren Erben, der Stellung Wiens als Handelsstadt gerecht zu werden. Die Söhne Rudolfs von Habsburg wurden für Oesterreich und die mit ihm bereits vereinigten Ländereien von Steiermark, Krain und Pordenone, Ü Worte des regulirten Chorherrn und Pfarrers zu St. Florian, Franz Kurz, in seinem dankenswerthen Buche «Oesterreichs Flandel in älteren Zeiten» (Linz 1822), S. 181. « 7 was die ersten Luxemburger für Böhmen. Ein Privilegium Ludwigs des Baiern (i33o) hatte den Prager Bürgern Zollfreiheit im Handel mit dem deutschen Reiche gewährt. Die Könige Johann und Karl IV. beeilten sich, die erworbene Freiheit mehr und mehr zu erweitern. Dem Handel aber immer wieder neuen Nährstoff zuzuführen, war Karl IV. wie keiner vor ihm darauf bedacht, nicht nur die schon bestehenden Gewerbe zu organisiren und dadurch zu vervollkommnen, sondern auch neue, bisher völlig unbekannte Betriebe ins Land zu ziehen und daselbst einzubürgern. Nachweisbar erstanden unter seiner Herrschaft in Böhmen die Handwerke der Zinngiesserei, der Färberei und der Papiererzeugung. Die Kunstgewerbe der Maler, der Goldarbeiter, der Steinschleifer und Gürtler wurden von ihm, ebenso wie die Waffenschmiede und Glaser, mit besonderen Vorrechten ausgestattet. Als deutscher Kaiser ertheilte Karl IV. (i368) den österreichischen Kaufleuten die Freiheit, den Weinhandel durch Mähren nach Böhmen und Polen ungehindert zu betreiben, wogegen es den Bewohnern jener Länder zu gestatten sei, in Oesterreich Getreide einzuführen. Schon früher (1351) hatten die Grafen Meinhard und Heinrich von Görz allen Kaufleuten der österreichischen Provinzen, als unter ihrem Schutze stehend, sicheres Geleite verheissen. Einen noch weitergehenden Schutzbrief verlieh Meinhard von Görz im Jahre 1369 den «ehrbaren Kaufleuten von Wien.» Sie verstanden es vortrefflich, diese und andere Gnaden sich in ausgiebiger Weise nutzbar zu machen. Trotzdem ist anzunehmen, dass, wie an gewerblicher Thätigkeit Böhmen schon damals die eigentlich österreichischen Länder unstreitig überragte, dasselbe ihnen gar bald auch in Bezug auf Ausdehnung und Intensität des Handels den Rang abgelaufen hätte, wäre nicht ein Ereignis eingetreten, das jenes mächtig aufstrebende, hochentwickelte Land um viele Menschenalter in seiner Cultur zurückwarf. Die furchtbaren, langwierigen Hussitenkriege zer- störten die erste grosse, schöne Blüthe des Handels und der Gewerbe in Böhmen, und zwar so gründlich, dass beide für lange Zeit von aller Concurrenz sich völlig ausgeschlossen sahen. Ein Ueberblick der gegenwärtigen Verhältnisse industrieller Production Oesterreichs bietet vor Allem eine auffällige, merkwürdige Thatsache. Der nackten statistischen Zahl nach weist unter sämmtlichen Königreichen und Ländern dieser Monarchie Böhmen allein weitaus die grösste Zahl selbstständiger gewerblicher Unternehmungen auf. Der dritte Theil aller industriellen Betriebsstätten Gesammt-Oesterreichs entfällt ziffermässig auf Böhmen, zunächst auf Nordböhmen. Unter ihnen, wohlgemerkt, erscheinen aber auch alle bedeutendsten und leistungsfähigsten Etablissements fast jeder Branche ohne Ausnahme. Für dieses hochbeachtenswerthe Factum suchen wir nicht vergebens nach der Erklärung. Sie dürfte zum Theil schon in dem Gesagten unschwer zu finden sein; weitere Aufklärungen werden folgen. Die Industriegeschichte Böhmens ist zugleich das gewichtigste, werthvollste Stück Geschichte österreichischer Industrie; Blatt für Blatt kommt sie auf jene zurück. Die bleibende Vereinigung Böhmens mit Innerösterreich (1526) war, wie in jeder anderen Hinsicht, so auch in industrieller Richtung ausschlaggebend. Nichtsdestoweniger wäre es verfehlt, bei der Beurtheilung der Wechselwirkung der vereinigten Ländergebiete in dem fraglichen Punkte allzuweit zu gehen; sie trat keineswegs sofort zu Tage. Jene Vereinigung blieb geraume Zeit eine mehr äusserliche; es fehlte vorerst das Band, das allein im Stande ist, wirthschaftliche Theile in ein organisches Ganzes zusammenzuschweissen: das ist der einheit- 8 !- ,-.. r -pnV-*vU' ■.V=fVi^Trä{ liehe Geist, der die verschiedenen Gliedmassen eines Staatskörpers durchdringt, die gemeinsame wirthschaftliche Gesetzgebung, der Kern jeder gesunden Staatsidee. Sie kam in Oesterreich nur langsam zur Reife. Der erste Schritt zu ihrer Verwirklichung war die Creirung einer Hofkammer in Wien (1527) zur obersten Verwaltung der Staatsfinanzen, zugleich als Centralstelle für die Provinzialbehörden (Kammern). Emsig bauten die Könige, zugleich Kaiser, Ferdinand I. und Maximilian II., an der inneren Organisation. Industrielle Pflanzungen, an denen es auch fernerhin nicht fehlte, blieben nach wie vor so ziemlich ganz sich selbst überlassen; nicht sowohl nach einem bestimmten Plan in sorgfältig gepflegten Gartenanlagen, vielmehr wie wilde Schösslinge im Walde wuchsen sie auf, allen Unbilden der Zeit fast schutzlos preisgegeben, um grossen- theils bald wieder abzusterben und zu verschwinden, da und dort aber dennoch, allerdings zumeist nur vereinzelt, Wurzel zu schlagen und der Zukunft entgegenzureifen. Eine verhängnissvolle Umwälzung vollzog sich für die kaiserlichen Erbländer im Laufe des 16. Jahrhunderts in Folge der Entdeckung Amerikas und des neuen Seeweges nach Ostindien: die Ablenkung des einen Hauptstromes im bisherigen Welthandel, der, wie wir gesehen, von Constantinopel längs der Donau und von den italienischen Städten über Wien nach Mittel- und Norddeutschland sich bewegt hatte. Der Handel Deutschlands sowie Oesterreichs begann zu sinken. Kleine Erfolge im Gewerbsleben konnten den Niedergang des grossen Ganzen nicht auf halten. Beinahe in allen österreichischen Provinzen fand die Erfindung des Jürgen’schen Spinnrades schon unter Ferdinand I. Verbreitung; sie hob die Weberei jeder Art mit vielem Nachdruck und brachte der ärmeren Bevölkerung beiderlei Geschlechts nicht nur auf dem flachen Lande, sondern auch und ganz besonders im Gebirge eine dauernde, bescheiden lohnende Nebenbeschäftigung. Speciell dem böhmischen Erzgebirge kam die gleichzeitige Einführung der Spitzenklöppelei durch Barbara Uttmann zu Gute. Als wesentliche Förderin der böhmischen Glas-Industrie erscheint um 1 53 o die aus Sachsen eingewanderte Familie der Schürer von Waldheim, zuerst im sogenannten böhmischen Niederland (Falkenau, Kreibitz u. s. w.), dann im Iser- und Riesengebirge, endlich im Böhmerwald. Zur selben Zeit entstanden in Böhmen die ersten Alaunwerke, als deren Gründer der tüchtige Berghauptmann Christof von Gendorf (f 1563) zu betrachten ist. Er betrieb die Alaungewinnung in Schasslowitz und brachte diese Werke zu hoher Blüthe, besonders als im Jahre 1549 ein Einfuhrverbot von Alaun und Vitriol erlassen wurde, Gendorf dagegen zu seiner Fabrication mehrfache Privilegien erhielt. Nicht nur für Böhmen, auch für Mähren und Oberösterreich erliess Maximilian II. einzelne Verfügungen zur Hebung des Wollengewerbes. Eines besonderen Aufschwunges erfreute sich in der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts der Leinenhandel Schlesiens, dessen Mittelpunkt das Städtchen Jauer bildete. 1 ) Noch vor Ausgang des Jahrhunderts kam in Niederösterreich, Böhmen, Mähren und Schlesien der von William Lee erfundene Strumpfwirkerstuhl in häufigere Anwendung;. Rudolfs II. Augenmerk war fast ausschliesslich auf Böhmen gerichtet. Mit lebhaftem Interesse verfolgte er dort besonders die Ausbreitung des Bergbaues; ihm dankt die Steinschleiferei, die Bearbeitung edler und halbedler Steine, ihre Wiederbelebung. Damit im Zusammenhänge steht, dass in den Jahren 1570—1580 in Böhmen, auf der Herrschaft Radnitz, x ) Dr. Alfred Zimmermann, Blüthe und Verfall des Leinengewerbes in Schlesien (Breslau 1885). kieshaltige Steinkohle zur Alaunfabrication Verwendung fand; ebenso, dass bereits damals in Nordböhmen, im Eibogner Kreise, der Bau auf Braunkohle betrieben wurde. Des Kaisers ausgesprochener Kunstsinn rief eine Menge Künstler — Maler, Bildhauer, Baumeister, Mechaniker u. s. w. — an seinen Hof in Prag, der eine Zeit lang einer grossen Kunstakademie sehr ähnlich sah. Auch an Adepten, an Alchimisten und Astrologen fehlte es nicht. Die Hofhaltung verschlang Unsummen. Die wichtigsten Verwaltungszweige schädigte eine empfindliche Geldnoth. Die sonst erhebliche Ausbeute der königlichen Bergwerke sank in Folge dessen immer tiefer. Die Regulirung der Moldau und Elbe und die Befreiung der Elbeschiffahrt von allerhand drückenden Lasten wurde wiederholt angeregt. Der Landtag setzte seit 1576 fast alljährlich eigene Commissionen zu diesem Zwecke ein; mit den übrigen Uferstaaten, den Regierungen von Brandenburg, Celle und Lüneburg, den Städten Magdeburg und Hamburg wurden bis 1596 ununterbrochen Verhandlungen gepflogen — doch gleichfalls ohne den rechten Erfolg. Es «wird vermuthlich», sagt ein späterer Bericht, «der damals fürgewährte heftige Türkenkrieg, dann Ihro Majestät Rudolphi bald darauf erfolgter Todfall und ferner die hungar- und böhmische Unruhe das Werk unterbrochen haben.» Trotz unleugbarer Fortschritte im Einzelnen bot zur Zeit Böhmen im grossen Ganzen keinen erhebenden Eindruck. Karl von Zierotin, der mährische Patriot, der im Jahre 1590 Böhmen bereiste, spricht sich mit Offenheit folgendermassen aus: «Das Volk in Böhmen hat keine Industrie; es liebt nur dasjenige, was von selbst und ohne Mühe producirt wird. Ich glaube, dass, wenn das Land nicht so fruchtbar wäre, ein grosser Theil des Volkes Hungers sterben müsste. Es lebt in den Tag hinein und kümmert sich nur um die Gegenwart. Die böhmischen Städte, Prag ausgenommen, können mit den Städten Deutschlands nicht verglichen werden; nur der Marktplatz wird mit mittelmässigen Gebäuden geziert, sonst haben sie nichts Sehenswerthes.» Ein hartes, leider aber zutreffendes Urtheil, wenigstens in Bezug auf die slavischen Landestheile. Rudolf fiel als das unblutige Opfer einer Verschwörung der Länder Niederösterreich, Böhmen, Mähren, Schlesien, Ungarn und Siebenbürgen mit seinem eigenen Bruder Mathias. Bald aber richtete sich die Verschwörung gegen ihren Urheber. Vor seinem Ende sah Mathias einen neuen schweren Kampf entbrennen, der alle seine Länder mitsammt dem ganzen deutschen Reiche, namentlich aber Böhmen, der Plünderung, Zerstörung und Verwüstung preisgab: den dreissigjährigen Krieg. Das Wort sagt Alles. Was der Krieg verschonte, verschlang die ihr auf dem Fusse folgende Gegenreformation, die grausame Verjagung der protestantischen Bewohner in Stadt und Land, meist Handel- und Gewerbetreibender. . . . Hier ist der Ort, für die oben festgestellte Thatsache der eigenartigen, man ist versucht zu sagen: souveränen Stellung der Industrie des nördlichen Böhmen gegenüber jener aller anderen Kronländer des heutigen Oesterreich den tiefer liegenden Erklärungsgrund näher nachzuweisen. Dazu ist unerlässlich, in Details einzugehen. Dasselbe nördliche Böhmen, das gegenwärtig als der Hauptsitz österreichischer Industrie zu gelten hat, bildete zu der Zeit, von der wir sprechen, seiner grössten Ausdehnung nach ein von dem übrigen Lande vollständig losgelöstes, selbstständiges Staatswesen: das Herzogthum Friedland, die eigenste Schöpfung Wallenstein’s, des grossen Lleerführers und grösseren, erfolgreicheren Landesfürsten. Er muss in erster Linie als der geistige wie materielle Urheber der nordböhmischen Industrie im modernen Sinne dieses Wortes erkannt und anerkannt werden. Hier die Belege. * ❖ IO Befehle wiederholen sich oft. Die eigene Leinwand reichte so wenig aus wie die eigene Wolle oder der Vorrath eines grossen fürstlichen «Gerbhauses» in Gitschin. Im August 1627 wurde der Kriegszahlmeister nach Gitschin verschickt, mit dem Aufträge, «um i3.ooo Reichsthaler Schuhe, Strümpfe und Kleider vor die Armee machen zu lassen.» «Assistirt ihm fleissig in Allem», wird der Landeshauptmann angewiesen; «die 4000 Kleider, die Ihr vorm Jahr habt machen lassen, dass er Euch bezahlt, was sie mich kosten.» — Man kann gegen das Aerar nicht redlicher handeln. Aber auch nicht gegen die eigenen Unterthanen. Denn ausdrücklich erklärt der Fürst: «das Tuch zu den Kleidern, wie auch die Schuh, sollen im Herzogthum erkauft werden, denn ich will kein anderes Interesse haben, allein dass um die Waaren das Geld unter die Leute kommt.» Fast mit denselben Worten wiederholte er später: «Ich will zwar keinen Schaden leiden, begehre aber auch keinen Gewinn, sondern hab kein anderes Interesse, als dass um die Waare Geld unter die Leute kommt.» Und wenige Tage darauf: «dem Feldzahlmeister helft, dass er Schuh und Strümpf kann vor die Armee in meinem territorio machen lassen, auf dass das Geld daselbst bleibt. Darum seht, wo er das Tuch in meinen Städten bekommt, denn es darf nicht Alles einerlei Färb sein.» Bald waren im ganzen L T mfange des Herzogthums alle Gewerbe vollauf beschäftigt. Vorzüglich Friedland, Reichenberg, Leipa und Aicha gaben das Tuch; Hohenelbe, Arnau und Pilnikau die Leinwand; Turnau, Münchengrätz u. s. w. das Schuhwerk. In Friedland wurden ausserdem die im Heere benöthigten Rüstwagen, Kaleschen und Pferdegeschirre verfertigt. Erstere waren mit rothledernen Decken beschlagen, die Kaleschen aber mit einer «Scheitrocken» versehen — «wir Deutschen», meint die Gitschiner Kammer, «nennen es eine Kölle» — «dass man allerhand Sachen darin führen kann.» Auch für die Ausrüstung im engeren Sinne, für Munition u. dgl., musste das Herzogthum Friedland aufkommen. Noch vor dem Abgänge zum Heere, im Juni 1625, schreibt Wallenstein an Taxis, «dass Ihr in meinem ganzen Gebiet eine gute Anzahl Saliterhütten sollt machen lassen; damit werde ich mein Einkommens grösser machen und itzunder mir sehr gelegen sein, dass ich meine eigenen Pulvermühlen hab.» In Gitschin, Turnau, Münchengrätz und Hofitz wurden solche Pulvermühlen angelegt. Das genügte aber nicht. Wieder nach Jahresfrist wurde eine Vermehrung dieser Mühlen anbefohlen. Taxis war ausser Stande, dem Befehle nachzukommen. Da schrieb Wallenstein abermals nach einem Jahre: «Lasst alle anderen Sachen eher stehen und liegen und richtet die Saliterhütten auf. Spart keine Unkosten darüber und seht, dass von heut in einem Jahre Ihr mir 1500 Centner Pulver liefert von dem, so daselbst gemacht wird — koste es nun, was es will, denn ich thue es nicht ohne Ursach.» So ergieng denn durch Taxis namens des Herzogs ein Patent, des Inhalts, «dass man in dero Herzogthum allerorten, wo die Materie fürhanden, Saliterhütten und Pulvermühlen aufbauen und darinnen Saliter sieden und Pulver machen solle», zu welchem Zwecke Lucas Neyse, «kaiserl. Pulvermacher», und zwei andere Sachverständige entsendet wurden, das Geeignete zu veranlassen. Nach Hohenelbe und Gitschin kamen, vom Friedländer verschrieben, Waffenschmiede und «Gewehrmacher» aus fernen Ländern. «Die, so das Gewehr machen werden, lasst auch kommen und spart wiederum keine Unkosten,» so lautet ein Schreiben; ein zweites: «Seht mir die, so von Seiden arbeiten, auf Gitschin aus Welschland bringen zu lassen, wie auch, die Waffen machen, aus Niederland.» Ein drittes: «Bitt Euch, lasst incontinenti die kommen, so Waffen machen, und dass sie’s machen, sei’s nun in Gitschin oder zu Friedland» u. s. w. Als Lieferanten von allerhand Eisenwaaren erscheinen die Hammerwerke in Hohenelbe, Friedland und Raspenau. Die gewaltigen Feuerballen, mit denen der Mansfelder beim 12 — Dessauer Brückenköpfe unsanft genug empfangen und nach hartem Kampfe aufs Haupt geschlagen wurde; die Kartaunen- und Kettenkugeln, die bei Wismar, Aalborg und Hobro die Dänen, vor Nürnberg und Lützen die Schweden, vor Prag, Schweidnitz und Steinau die Sachsen und Brandenburger, vor Neuhäusl, Tyrnau und Neograd die Türken und Tataren mit Tod und Verderben überschütteten, sie waren in den genannten Werken gegossen und geschmiedet. «Lasst die Kugeln giessen,» heisst es, «dass sie geschmiedet werden, und schickt bald eine Anzahl auf die Neiss (nach Neisse), nicht vor die Singerinnen, sondern vor die Quartierschlangen.» Bald wieder folgt die Bestellung von 1000 Stück zehnpfündigen Kugeln und abermals eine solche auf 4000 Stück, und zwar für die «Singerinnen». Der Flösser, der sie von Tetschen aus verfrachtet, nimmt auch 1200 Centner Lunten und 796 Stück «Eisenwerk vor die Artillerie» mit. Die Lunten kamen regelmässig aus Arnau. Die bestehenden Eisenhämmer vermochten den Bedarf an Guss- und Schmiedeeisen nicht mehr zu decken. In Friedland wurde deshalb schon 1627 ein zweites Hammerwerk errichtet. Sämmtliche Hämmer standen im Pachtbetrieb. Die Pächter aber wurden übermüthig und stellten unverschämte Preise. Wallenstein machte kurzen Process. «Sonsten will ich nicht», eröffnet er Ende des Jahres 1628 Taxis, «dass Ihr was mehr vor den Kaiser machen sollt lassen, insonderheit von Eisenwerk, denn es ist so überaus theuer, dass man’s anderswo um den dritten Preis kaufen kann, dahero Ihr nichts mehr machen lasst, denn auf solche Weise hätten die Kerls, so die Hammer in Bestand haben, eine gute Sach.» Erst im Winter i63i/32 wurden die Hämmer, und zwar in eigener Regie, wieder für die Armee in Betrieb gesetzt, und empfing der Friedländer Hauptmann die Weisung, er möge, «so bald es nur möglich sein kann, den hohen Ofen zu Raspenau anlassen und anrichten, wie denn die Kugeln hier müssen gegossen werden.» Ebendaselbst wurden die Hufeisen und Hufnägel für die gesammte Reiterei der zweiten grossen Armee des Friedländers geliefert. Auch die Gewerbe zu friedlichen Zwecken fanden unausgesetzt sorgsame Pflege und Förderung. So ist der Fürst bedacht (1624), «einen guten französischen Schneider» für Gitschin aufzutreiben, «auf dass man nicht dürfe über Land schicken, Kleider zu machen, dieweil nicht allein alle meine expeditiones allda sein werden, sondern auch ein Studium (eine Hochschule). Ich wollte ihm auch alle meine Kleider, sowohl auch die Livreen machen lassen — denn sollen mir Fremde stehlen, so will ich’s lieber den Einheimischen zulassen.» Es lobt der Herzog (1625) die gute Verwahrung der Maulbeerbäume in Gitschin, deren Pflanzung er anbefohlen, und verlangt, dass man sich «um dergleichen Leute bemühe, welche von allerlei Künsten und gute Hantierungen führen und die arte della lana daselbst treiben, auf dass die Stadt dadurch in desto mehr wachsendes Aufnehmen gelange.» Es ist ein ständiger Befehl durch geraume Zeit: «Wegen der arte della seda seht, dass ins Werk gerichtet wird; die Leder lasst auch arbeiten.» Es wurde zur Erbauung einer grossen Gerberei geschritten. '«Dass der Jud zu Gitschin trafikiren will,» antwortet der Fürst auf eine Anfrage des Landeshauptmannes, «höre ich gern; lasst’s ihm nur zu.» Später (i632) wurde «der Röm. kaiserl. Majestät Diener und Hofhandelsjuden» Jakob Bassevi von Treuenberg, der sich mit seinem Vetter Leon Bassevi bereit erklärte, sich in Gitschin niederzulassen, um «alldort seine Commerzien und Handlung anzustellen, zu führen und zu treiben», ein ausgiebiger Freiheitsbrief verliehen und «zu meh- rern Aufnehmen ihrer Plandlung» ein Betrag von 3o.ooo fl. vorgestreckt. Schon vor Jahresfrist w r ar an die Hauptleute des Herzogthums die Weisung ergangen: «Weil so viel hochansehnliche Grafen und Herren anitzo zu Gitschin sein und kommen, als soll ein freier, öffentlicher Markt zu Gitschin gehalten werden,» wozu die Kaufleute von allen Herrschaften berufen werden mögen. i3 Der Maulbeerbäume wird fleissig gewartet, meldet Taxis (September 1625), und hofft der Wärter, «auf’s Jahr, will’s Gott, etwas wenig von Seiden auch zu machen zur Proba»; er hat Aussichten, im Frühjahr aus Italien «gute laboratori dell’ arte della lana» zu bekommen; «es werden sich auch zwo Eisenhändler hier niedersetzen», und «die Gerberei ist auch allbereit in gar guten terminis.» Besonders für die Seiden-Industrie erwärmt sich der Fürst, weshalb er Maulbeerbäume in immer grösserer Menge zu pflanzen befiehlt, «denn das wird ein gross Einkommens bringen.» Zehn neuerbaute Häuser in Gitschin will er «durch lauter Plattner bewohnen lassen.» Er schickt den Saganer Baumeister dahin in Begleitung eines gewissen Beato Beati aus Brescia «wegen Einführung des Gewerbes der Plattner.» Nach Tausenden zählen die Erlässe Wallenstein’s zur Einführung und Hebung der verschiedensten Gewerbszweige in seinem Herzogthum. Mit Eifersucht wachte er, wie in allem Uebrigen, so auch hier auf das ihm vom Kaiser eingeräumte landesherrliche Selbstbestimmungsrecht. Die Aeltesten der Tuchmacherzünfte zu Friedland, Reichenberg und Leipa gedachten um Confirmirung ihrer Privilegien bei dem Kaiser einzuschreiten und trugen darum an, ob es gestattet wäre, «dass sie, wie von ihnen begehrt wird, mit dem Handwerk im ganzen Lande diesfalls heben und legen möchten.» Darauf folgte (1628) die Entschliessung: «Wenn wir denn zuzulassen nicht gemeint, dass unsere Unterthanen gleichsam von den anderen Meistern in dieses Königreiches Städten dependiren sollen, sondern wir selbst die Macht haben, ihnen privilegia zu geben: Als werdet Ihr ihnen anbefehlen, die Artikelsbriefe, die sie haben, nach Gitschin förderlichst einzuschicken; so sollen sie nach Ersehung derselben ihrer freien Nahrung halben genugsam versorgt, auch dabei gebührlich geschützt und gehandhabt werden.» Im gleichen Sinne ergieng an die Zünfte der Fleischer, der Barettmacher u. s. w. in Leipa die Weisuner: «Weil das Herzogthum Friedland vom Königreiche Böhmen diesfalls anderer- gestalt privilegirt und anjetzo keinem Handwerk in demselben vonnöthen, sich zuvor bei der Pragerischen Hauptzeche, wie sonst geschehen, anzumelden oder deren Verordnung zu ge- warten: Also mögt Ihr es damit anstellen, wie sonsten gebührt und bei Euch bräuchlich ist, ausser Vermittlung der Prager Hauptzeche, wie denn auch in Kurzem die Handwerke und Zechen dieses Herzogthums deswegen Privilegien erlangen werden.» . . . Der einst sehr ergiebige Bergbau an vielen Orten des Iser- und Riesengebirges wurde nach gründlicher Durchsuchung durch Bergverständige aus Prag und Kuttenberg allmälig wieder aufgenommen: in Neustadtl bei Friedland, in Semil und Eisenbrod, in Hohenelbe, Rochlitz u. s. w. Bei dieser Gelegenheit suchte Landeshauptmann Taxis vergebens seinen Privatvortheil. Er meldete dem Herzog, dass auf der Herrschaft Sehmül (Semil) sich «eine rothe Färb befindt, welche man Zinnober nennen thut, welche doch mit grosser Mühe, in schlechter Quantität, mit Graben und Waschwerk bis dato allda gefunden worden ist.» Er bittet um eine Bergfreiheit, des Inhalts, dass er allein «Macht und Gewalt in derselben Herrschaft Sehmül Zinnober graben und waschen zu lassen habe»; der Zehnt solle dem Herzog Vorbehalten bleiben. Wallenstein ging nicht darauf ein, wie begreiflich. «Haltet mich vor kein solchen Narren,» lautete die Erledigung; «ich weiss wohl, was Zinnober ist — lasst solchen vor mich arbeiten.» — Ein in Gitschin aufgerichtetes Münzamt war ununterbrochen in Thätigkeit, Gold- und Silberstücke in solche Wallenstein’schen Gepräges umzumünzen, auch Groschen und Kreuzer. «Ich thue es nicht des Nutzens, sondern der Reputation wegen», war die Antwort, als der Vetter Max daran erinnerte, dass Münzen mit dem Gepräge des kaiserlichen Adlers einen grösseren Nutzen abwerfen würden. Fortwährende grosse Baulichkeiten auf fast allen Punkten des Fürstenthums — Kirchen und Klöster, Paläste und Schlösser, Spitäler und Armenhäuser u. s. w. — gaben unzähligen Handwerkern dauernde und lohnende Beschäftigung. Ein Privilegium vom 8. Mai 1628 erhob die Städte Gitschin, Friedland, Arnau, Leipa, Turnau, Böhmisch-Aicha und Weisswasser zu einem «freien Landstand» und räumte ihnen das Recht ein zur Vertretung auf einem durch besondere Landesordnung nach Gitschin zu berufenden Landtage. In Reichenberg wurde ein neuer, geräumiger Stadttheil, die Neustadt, angelegt (r63o) und den dortigen Tuchmachern ein «Meisterhaus» und ein «Knappenhaus» erbaut und später um mässigen Preis käuflich überlassen; auch ein grösseres «Färbehaus» sollte ihnen aus herzoglichen Mitteln errichtet werden. «Zur Verbesserung der Strassen» wurde derselben Stadt die Befugnis eingeräumt, von jedem Wagen Getreide und jedem Scheffel Salz einen Zoll von 3 Kreuzern einzuheben. Ein Decret verordnete in allen Städten und Märkten des Herzogthums, die «alten Lumpen, woraus man das Papier zu machen pflegt», fleissig zu sammeln und «dem Papiermacher zu Friedland, Caspar Zimmermann, gegen Abforderung und Bezahlung» einzuliefern. Aus der durch Melchior von Redern (1590) «zum Behufe der Schule» erbauten Friedländer Papiermühle wurden im Jahre i63o auf Wallenstein’s Geheiss zu wiederholten Malen an Johann Kepler, der sich zu Sagan aufhielt, grosse Mengen Druckpapiers gesendet — «zu Beförderung des Tychonis de Brahe mathematischer Bücher», zu deren Herausgabe Kepler in seinen letzten Lebenstagen Anstalten traf. Am 12. Mai i633 wurde der Grundstein zu einer neuen Stadt Gitschin gelegt, zu deren Neubau der früher kaiserliche Architekt Giov. Pieroni den Plan entworfen hatte. «Es wird eine grossmächtige Stadt daraus werden,» berichtet ein Augenzeuge. Der Stadt schien eine Zukunft bevorzustehen, nur jener der königlichen Landeshauptstadt vergleichbar. War für die Schulen allerwärts in ausreichender Weise gesorgt, um so mehr in Gitschin. Das Gleiche galt von der Sanitäts- und Armenpflege. Selbst eine allgemeine Feuerlöschordnung war nicht vergessen worden und wurde auf herzogliche Anordnung in Dorf und Stadt mit Strenge durchgeführt und gehandhabt. Das Brauwesen des Herzogthums erreichte eine Vervollkommnung wie nie zuvor. Dasselbe warf auf den herzoglichen Kammergütern in einem einzigen Jahre (1633) 76.438 fl. 20 kr. ab. Erzeugt wurden 14.123 Fass Bier (Mutter-, auch Land- oder Doppelbier, Gersten- und Weissbier). Die Einkünfte des Herzogthums schätzte Wallenstein selbst, «wenn auf den Herrschaften die Wirthschaften wohl und fleissig getrieben werden, mit den Contributionen bis in die 700.000 Gulden». Und diese Rechnung stimmte vollkommen. In seinem Testamente vom 26. Mai i633, in welchem Wallenstein über die Erbfolge in seinen Herzogthümern Friedland, Sagan und Grossglogau verfügte, wehrte er keinem Nachfolger, «dem Allmächtigen zu Ehren oder um seiner Seelen Heil und Seligkeit willen zu Gottesgaben, Almosen, Kirchengebäuden und dergleichen von seinen eigenen Gütern zu verschaffen oder zu stiften», so viel ihm beliebte — doch mit der weisen Beschränkung, dass «das baare Geld, so also gegeben werden möchte, allein ausser Landes ausgeliehen werden solle und nicht von den Ständen dieser Herzogthümer, damit dieselben nicht in schwere Schuldenlast verfallen.» . . . Man sieht, welche gesunde Finanzpolitik der Testator verfolgte, der mit dieser letztwilligen Weisung gewisse vielgerühmte «landesökonomische Hauptregeln» späterer Volkswirthe bereits anticipirte. Bis zu Wallenstein’s Tode betrat mit einer einzigen Ausnahme kein feindlicher Fuss den friedländischen Boden. Selbst während der Occupation des Landes durch die kursächsische Armee im Winter i 63 i /32 wurde kaum eine Klage laut über feindliche Bedrückung oder gar Plünderung, Mord und Todschlag, wie sie sonst allerwärts an der Tagesordnung 15 waren. Auch Wallenstein liess sich des Kaisers Wunsch und Willen nach Rekatholisirung der Bewohner des Landes angelegen sein — jedoch in seiner Weise. «Die Reformation halte ich vor gut,» erklärte er; «die Violenzen vor bös. Drum will ich, dass man discreta- mente procedirt.» Und nochmals: «Mit Assistenz meines Vettern (Max von Waldstein) fahrt mit der Reformation fort, aber seht Discretion zu gebrauchen, denn die Violenzen taugen nichts. Mein Vetter hat schon einen Befehl, was vor Manier drin soll gebraucht werden.» Als dennoch nicht wenige seiner Unterthanen es vorzogen, den Reformationscommissären sich durch die Flucht zu entziehen und über die Grenze zu wandern, rief sie ein herzogliches Mandat in aller Form zurück, mit dem Bedeuten, «dass alle diejenigen, so aus angezogenen L'rsachen sich absentirt, damit sie sich wieder erholen und zu Kräften kommen mögen, von dato in dreien Jahren aller Contribution und Gaben, wie auch aller Dienst und Roboten befreiet und deroselben gänzlich enthoben und geübrigt sein sollen, da sie sich nur sonsten, wie getreuen, gehorsamen Unterthanen geziemet und gebühret, erzeigen und beweisen; welches Jedweder zu erkennen und zu seinem Grund und Boden wiederzufinden wissen wird.» Der Landeshauptmann aber, wegen Anwendung von Militärgewalt bei der Reformation gehörig verwarnt, gab die Verwarnung an die Flauptleute der einzelnen Dominien weiter, nicht ohne beizufügen — «denn man viel besser wird thun, wenn man die Reformation ganz unterlasse, als mit so grossem Detriment und Schaden propagiren sollte.» . . . Also entfaltete sich im böhmischen Norden während des allgemeinen Niederganges ringsum im Lande ein allerdings beträchtliches, vielgliederiges, blühendes Gemeinwesen und durfte es seine Kräfte sammeln, um die nun bald auch über diesen Landestheil hereinbrechenden Drangsale zu überdauern. Dass der Fürst seine grosse Vorliebe für Werke des Friedens nicht auf den eigenen Besitz beschränkte, sondern nach besten Kräften auch anderweitig bethätigte, versteht sich von selbst. Fhefür aus zahllosen Beweisen nur einen. Es war im Jahre 1625, als in Innerberg (Steiermark) durch Vereinigung der dort schon seit Jahrhunderten bestehenden neunzehn einzelnen Schmelzöfen oder Radwerke zum gemeinsamen Betriebe die Innerberger Hauptgewerkschaft gegründet wurde. Sie litt, wie sich leicht denken lässt, durch die kriegerischen Zeitverhältnisse und die hierdurch bedingten vielen Hemmnisse des Verkehres ausserordentlich. Ihr griff denn Wallenstein mit einem geharnischten «Passbriefe», der auch dem Kaiser überschickt wurde, «zu freier Fortstellung ihrer Handlung ins Reich und anderswo» unter die Arme. Zur strengen Darnachachtung wurde das Patent am 19. April i633 den hervorragendsten Führern der Friedländischen Armee, den Generalen Aldringen, Gallas, Holk und Schauenburg, besonders eingeschärft. Die steirischen Gewerken wussten diese werkthätige, kräftige Intervention zu schätzen. Aehnliche Schöpfungen wie jene Wallenstein’s in Friedland-Reichenberg, Gitschin, Leipa, Aicha, Hohenelbe, Arnau u. s. w. hatte keiner seiner Zeitgenossen im Bereiche unserer Monarchie auch nur beiläufig aufzuweisen. Unseres Wissens hat in Böhmen ausserhalb des Herzogthums Friedland ein einziges grösseres Industrialunternehmen den Sturm des «grossen deutschen Krieges» überdauert, das im Jahre i63o zu Lukawitz (Herrschaft Nassaberg im Chrudimer Kreise) von Franz von Cu vier errichtete, nachweisbar älteste «Mineral werk» Oesterreichs, das heute noch besteht. Bei allem Stoffwechsel im Reiche der Materie geht doch bekanntlich kein Atom jemals verloren. So darf vielleicht auch behauptet werden: Wohlthäter, wirkliche und wahrhafte Wohl- thäter der Menschheit, verfehlen nur selten oder niemals ganz ihren Zweck, ob sich nun ihre Unleugbar: Kaiser Leopold I. war redlich bemüht, dasselbe Verdienst, das sich der Träger des Namens Friedland um dieses Fürstenthum erworben hatte, um seine Erbländer insgesammt beanspruchen zu können. . . . «Weichergestalten wir von Zeit unserer angetretenen Regierung uns nichts mehrers und eifrigers angelegen sein lassen, als dass die allgemeine Wohlfahrt und Aufnehmen unserer Königreiche, Lande und Leute befördert, sonderlich aber solche jederzeit in gutem Wohlstand erhalten und zu Aufnehmung derenselben einige Manufacturen introducirt werden mögen: wie dann bei deren Einführung viel tausend Menschen ihre ehrliche Nahrung überkommen, die rohe Waare im Lande erhalten, solche von denen Unterthanen verarbeitet, die Leute von dem Müssiggang abgehalten und zu ehrlicher Unterhaltung gebracht, mithin durch selbe die auftragende Contribution leichtlich gereicht, auch das sonst hievor hinausgeschickte Geld im Land verbleiben und solches sehr populos und nahrhaft gemacht werden möge.»*) So declarirte Leopold in einem Ausschreiben am Ende seiner langjährigen Regierung; er durfte so sprechen. Bereits ein kaiserliches Patent vom i. Mai 1660 legfte die volkswirtschaftlichen Inten- tionen des Monarchen in unzweideutiger Weise dar. Bei deren Durchführung standen ihm Männer wie Johann Joachim Becher und Philipp Wilhelm von Hörnigk treulich zur Seite. Am 22. Februar 1666 genehmigte Leopold das von Jenem ausgearbeitete Project eines neu zu schaffenden «Commercien-Collegiums» zur «Einführung der Manufacturen und Vermehrung der Commerden.» * 2 ) Die «vornehmste Verrichtung» der Mitglieder dieses Collegiums sollte sein, «dass sie sich des Zustandes und der Beschaffenheit Handels und Wandels roher Waaren und Manufacturen, so hinein als hinaus gehend, in den kaiserlichen Erblanden erkundigen, die Ursachen deren Auf- und Abnehmen gründlich erforschen, den Lauf und Veränderung des Preises und der Consumtion der Güter aufmerken und auf alle und jede so in- als ausländische Handels- und Handwerksleute der Compagnien und Zünfte ein wachendes Auge haben und inquiriren, damit die schädlichen Monopolia, Polypolia und Propolia abgeschafft und die Commerden Land und Leuten zum Besten in besseren Stand und Flor gesetzt und darin erhalten werden.» Dieselbe Aufgabe war bereits vierzig Jahre früher einem in Frankreich creirten «Conseil de commerce» gestellt worden, dessen Einrichtung ohne Zweifel Becher als Muster vorgeschwebt hatte. Der eminent praktische Werth dieser Institution aber bestand darin, dass sie keineswegs nur aus Beamten, sondern vielmehr hauptsächlich aus Vertretern des Gewerbe- und Handelsstandes zusammengesetzt war. Als erster Präsident des Commercien-Collegiums fungirte der Hofkammerpräsident Georg Ludwig Graf Sinzendorf. Man schritt sofort zur Verwirklichung des Programmes. Nur wurde dabei leider zu einseitig verfahren. Sinzendorf misbrauchte seine Stellung, um als selbstthätiger Industrieller auf Staatskosten Geschäfte zu treiben. Er gründete mit Hilfe eines kaiserlichen Privilegiums eine «Seiden-Compagnie» zur Einführung der Seidenmanufactur und errichtete thatsächlich auf seinen Herrschaften in Niederösterreich zu Walpersdorf und Trais mau er Seidenfabriken, in welchen «allerhand seidene Strümpfe und anderes Gestrickwerk» erzeugt werden sollten. Beide Unternehmungen waren von kurzer Lebensdauer und giengen wieder ein. Dr. Becher aber war unerschöpflich in neuen Vorschlägen. Im Jahre 1668 erschien aus seiner fruchtbaren Feder eine ausführliche nationalökonomische Denkschrift: «Politischer Diseurs von den eigentlichen Ursachen des Auf- und Abnehmens der Städte, Länder und *) Codex Austriacus, I (Wien 1704), 271. 2 ) Dr. Franz Martin Mayer, Die Anfänge des Handels und der Industrie in Oesterreich (Innsbruck 1882). 18 Republiken, in specie wie ein Land volkreich und nahrhaft zu machen und in eine rechte Societatem civilem zu bringen» — sein später als «Commercientractat» vielgenanntes und wiederholt aufgelegtes cameralistisches Hauptwerk. Mit vielem Verständnisse betrieb Becher die Hebung des Handels. Es «hilft einem Lande», führte er aus, «wenn einige Güter in die Fremde geführt, allda versilbert und das Geld aus der Fremde ins Land gebracht wird, denn also wird ein Land geldreich und kommt Nahrung unter die Unterthanen; wo aber Geld und Nahrung leicht zu haben ist, da laufen von allen Orten Menschen hinzu, und also wird ein Land auch volk- und geldreich, welches denn der scopus oder maxima Status aller Länder.» Als besonders geeignet für die Ausfuhr aus Oesterreich bezeichnete er Leder, wollene und leinene Tücher, Safran, Kupfer, Quecksilber, Eisen und Stahl, vor Allem aber Wein. Und noch im Jahre 1671 wurde die erste Probe auf diese Behauptung durchgeführt. Im selben Jahre (12. Januar) approbirte Leopold I. die von Becher entworfene, von der niederösterreichischen Regierung «eingerathene» Errichtung eines Zwangsarbeitshauses oder «Zuchthauses» in Wien, mit dem Versprechen, «zur Fortsetzung dieses heilsamen Werkes einiges Subsidium zu leisten.» In dieses Zuchthaus sollten «nicht allein das herrenlose und starke Bettlergesinde, sondern auch die trutzigen Dienstboten männ- und weiblichen Geschlechts, desgleichen die unbändigen Handwerksburschen neben anderem schlimmen Gesindel, in specie aber die leichtfertigen Weibspersonen, wie auch derselben Kupplerinnen» gebracht, «dabei aber dahin gesehen werden, dass allein die Schuldigen, deren Unthat offenbar, und zwar bei Anfang dieses Werkes und noch nicht vorhandenen genügsamen Mitteln, mehrentheils solche Leute, welche mit ihrer Arbeit sich selbst gutentheils ernähren können, mit dieser Strafe belegt werden mögen.» Ueberhaupt sollen alle «in das Zuchthaus genommenen Leute zu allerhand Arbeit auf das Strengste angehalten» werden. 1 ) Im nächstfolgenden Jahre kam auf Antrag der Stände Oberösterreichs ein «Manufactur- haus» zu Stande, das als förmliche Fabriksanlage für dieses Land eine nachhaltige Bedeutung gewinnen sollte. Mit kaiserlicher Entschliessung vom ii.März 1672 wurde dem Rathsbürger und Handelsmann in Linz, Christian Sind, das Privilegium zur Etablirung einer Fabrik verliehen «behufs Fabricirung der auf engel- und holländische Art gemachten feinen Tuche, Cronrasch, Scodi, Cadis, Scharschett und anderer ganzwollener Zeuge.» Bald war die Linzer Wollenzeugmanufactur eine Berühmtheit, nicht nur in Oberösterreich. Sie ging mit Patent vom 14. Mai 1682 auf des Begründers Tochtermann, Mathias Kolb, über. Schon 1674 (20. September) hatte Leopold I. zu fernerem Schutze der einheimischen Industrie ein «Warnungspatent» erlassen gegen die Einfuhr «aller und jeder französischer Waaren, sie mögen Namen haben, wie sie wollen»; die Warnung musste 1688 erneuert werden. Wie weit bei alledem J. J. Becher betheiligt war, ist nicht sicherzustellen; wahrscheinlich stand der Urheber des Wiener Arbeitshauses auch hier nicht ferne. Das Arbeitshaus war aber nur die erste Stufe zu einem grösseren und ungleich höhergestellten Gebäude, das Becher vor Augen hatte. Wie das Zuchthaus dem Ueberflusse an arbeitsscheuen Individuen, so sollte ein zweites Unternehmen dem herrschenden Mangel an Arbeitsgelegenheit, zunächst in der volkreichsten, «nahrhaftesten» Gemeinde des Reiches, der Haupt- und Residenzstadt, abhelfen: das kaiserliche Kunst- und Werkhaus oder Manufacturhaus. 2 ) p Codex Austriacus, II, 545t. 2 ) Dr. Hans J. Hatschek, Das Manufacturhaus auf dem Tabor in Wien (Leipzig 1886). 3 * 19 Der Grund zu diesem Hause wurde zu Anfang des Jahres 1675 gelegt; im März des nächsten Jahres war es im Bau bereits nahezu vollendet. Es repräsentirte eine Lehrwerkstätte für alle heimischen Gewerbetreibenden, einen vollkommenen Fabriksbetrieb, d. h. einen Grossbetrieb mit ausreichendem Material, den vollendetsten Maschinen jener Zeit und den geübtesten Handwerkern, die im In- und Auslande zu finden waren. Das Kunst- und Werkhaus enthielt der Reihe nach ein grosses chemisches Laboratorium mit verschiedenen Destillir- und Schmelzöfen, eine Werkstatt zur Erzeugung von Majolicageschirr, eine Apotheke, eine Werkstätte zur Herstellung guter-Hausgeräthe, eine Seidenmanufactur mit drei «Bandmühlen», eine Wollmanufactur, sowie ausser dem «Häuslein zur Wohnung des Directors» nebst einem kleinen Laboratorium für «Präparation der Tinctur» und «Transmutation der Metalle» eine Art Hochofen, die Schellenbergische Schmelzhütte genannt, und eine venetianische Glashütte. Ein weitaussehendes, vielversprechendes Industrialwerk, wie es später nicht wieder erstehen sollte. Trotz vielseitiger, heftiger Anfeindung offener und geheimer Gegner stand Becher selbst zehn Jahre lang seiner Schöpfung vor, um sich sodann ins Ausland zu begeben, in Westdeutschland und Holland neue tüchtige Manufacturmeister eben für das Kunst- und Werkhaus anzuwerben. Er kehrte nicht mehr zurück. Ein Jahr nach seinem Tode aber, während der furchtbaren zweiten Belagerung Wiens durch die Türken (1683), wurde mit dem grössten Theil der Stadt und ihrer Vorstädte auch das kaiserliche Kunst- und Werkhaus in der Leopoldstadt gänzlich niedergebrannt. Spätere Versuche eines Wiederaufbaues blieben erfolglos. Nach Möglichkeit war Leopold I. bemüht, die Wunden zu heilen, die der «Erbfeind der Christenheit» seinen Ländern geschlagen hatte. «Und ist leider Jedermänniglich von selbst bekannt,» besagt ein Patent vom 12. Februar 1684, «wie dass durch den feindlichen türkischen Einfall das Land Oesterreich unter der Enns dermassen verwüstet und depopulirt worden, dass an der Mannschaft, sonderlich der Handwerker, ... ein grosser Mangel bei der Stadt Wien und auf dem Lande erscheinen wird; wie dann die meisten, so entweder von dem grausamen Erbfeind nicht niedergehauen oder in Dienstbarkeit hinweggeführt worden, nach und nach dahingestorben sind oder sich sonst auf eine Zeit verloffen haben, also dass bei künftiger Sommerszeit mit den Gebäuen schwer fortzukommen sein wird. ...» Dem Mangel abzuhelfen, wurden geeignete Massnahmen getroffen. Doch nur allmälig ging der Wiederaufbau vorwärts, zumal mit dem Entsätze Wiens der Türkenkrieg keineswegs schon beendet war, gleichzeitig aber Frankreich und sein «allerchristlichster» König die Gelegenheit benützten, Deutschland wieder unter den nichtigsten Vorwänden räuberisch in den Rücken zu fallen. Man muss die ganze Grösse der herrschenden Drangsal und Gefahr sich vor Augen führen, um zu ermessen, welcher immense Muth der Ueberzeugung und welcher glühende Patriotismus dazu gehörte, unter solchen trostlosen Verhältnissen das Wort zu finden und der Welt zu verkünden, das schöne, seither unzählige Male wiederholte Kampf- und Trostwort: «Oesterreich über Alles — wenn es nur will!» Unter diesem Titel liess Philipp Wilhelm von Hörnigk, vormals Geheimer Rath und Gesandter des Cardinalbischofs von Passau, im Jahre 1684 ein Buch erscheinen, von welchem hundert Jahre später berufenerseits behauptet werden konnte, «dass Oesterreich den grössten Theil seines heutigen Wohlstandes diesem Buche zu danken hat — denn es machte bei seiner Erscheinung so viel Aufsehens, wurde so oft aufgelegt, so begierig gelesen und enthält so kenntnisvolle Anleitungen, dass derselben Ausführungen eine natürliche Folge war.» 1 ) r ) Benedict Franz Hermann, Herrn Johann von Hornek’s Bemerkungen über die österreichische Staatsökonomie (o. O. 1784). — Vgl. H. J. Bidermann, Die technische Bildung im Kaiserthume Oesterreich (Wien 1854), S. 22 f. 20 Bei aller Bedeutung des Buches selbst erscheint aber an ihm wohl am bedeutsamsten für uns eine Bezeichnung, die im gleichen Sinne bis dahin nie und nirgends gebraucht worden war — die Bezeichnung «Oesterreichs» als eines Staatsganzen. «Durch vorangesetztes mein Oesterreich,» erklärte Hörnigk, 1 ) «verstehe ich nicht blosser Dinge das weltbelobte, zu beiden Seiten des Donaustromes erstreckte Erzherzogthum dieses Namens, sondern anbei alle und jede des deutschen österreichischen Erzhauses, es sei in- oder ausserhalb des Römischen Reiches gelegenen Erbkönigreiche und Länder, demnach Ungarn mit darunter begriffen.» In dem Augenblicke, in dem man daran gieng, das industrielle Leben in den habsburgischen Ländern zu wecken, sie durch Industrie und Handel mächtig und nach dem Beispiele Frankreichs zu einem Einheitsstaate zu machen, fasste die Publicistik diese Länder auch schon zu einem Ganzen zusammen, «gleichsam wie ein einiger natürlicher Leib» nur einem einzigen Oberhaupte unterthan. . . . 2 ) Gesammt-Oesterreich erhielt seine Taufe von dem industriellen Gedanken; er gab ihm den Namen. Hörnigk, ein Schwager Bechers, war aus dessen Schule hervorgegangen. Er predigte den nackten Mercantilismus wie dieser. Seine «Grundregeln einer allgemeinen Landes- Oekonomie» boten an sich nichts Neues. Mit solchem Freimuth und Wohlwollen zugleich hatte aber noch Keiner die staatswirthschaftlichen Zustände Oesterreichs dargelegt, in solcher Bündigkeit und Klarheit noch Keiner die geheischten Verbesserungsmittel auseinandergesetzt. Den Kern seines industriellen Schutzsystems fasst er in die Worte zusammen: «. . . Denn besser wäre, es komme auch einem Uebelberichteten so seltsam vor, als es wolle, für eine Waare zwei Thaler geben, die im Lande bleiben, als nur einen, der aber hinausgeht.» Von allen Zeitgenossen wird bezeugt, dass Hörnigk’s Buch auf die nun folgenden Ent- schliessungen Leopolds I. von massgebendem Einflüsse wurde. Die Zahl kaiserlicher Verordnungen gewerbe- und handelspolitischer Natur, aller im Geiste Hörnigk’s, wuchs von Jahr zu Jahr. Ebenso aber stieg gegen Ausgang des Jahrhunderts die Zahl der «Niederlags-Verwandten» und der «hofbefreiten Handelsleute» namentlich in Wien und mit der Zahl auch deren Ansehen und Bedeutung, dass dort bald wieder von einer gewissen Wohlhabenheit gesprochen werden konnte. Die Einsetzung von «Cameral-Deputationen» nach dem Muster des seither aufgelösten Commerden-Collegiums trug auch in den Provinzen, obschon nur vorübergehend, zu einem mässigen industriellen und mercantilen Aufschwünge bei; so in Böhmen. Mähren, Schlesien, Oberösterreich und Steiermark. Gegen den Willen Hörnigk’s fand unter seinen Augen die Verarbeitung der Baumwolle, die nach seinen Worten «nun so viel Wesens in Europa macht», immer mehr Ausbreitung, zunächst in den böhmischen Leinenbezirken, im Riesengebirge, bald aber auch auf dem flachen Lande. In aller Stille vollzog sich im böhmischen Niederlande (in Kreibitz, Blottendorf, Steinschönau u. s. w.) durch den Zusammenschluss der dortigen Glasarbeiter in «Compagnien» und sonstige Vereinigungen eine Reform des Glashandels, dass sich derselbe über Norddeutschland, Polen und Russland, ebenso aber auch nach Holland, Italien, Ungarn und Siebenbürgen ausdehnte. 3 ) p «Oesterreich über Alles, wann es nur will; Das ist: Wohlmeynender Fürschlag, Wie mittelst einer wolbestellten Landes-Oeconomie die Kayserl. Königl. Erb-Lande in kurzem über alle andere Staaten von Europa zu erheben, und mehr als einiger derselben von denen andern independent zu machen. Durch einen Liebhaber der Kayserlichen Erbland Wohlfahrt. Gedruckt im Jahr Christi 1685», S. 2. 2 ) F. M. Mayer, a. a. O., S. 16. 3 ) Dr. Edmund Schebek, Böhmens Glasindustrie und Glashandel. Quellen zu ihrer Geschichte (Prag 1878). 21 Durch den Abt Benedict Li t wer ich entstand (1691) in Ossegg die erste Wollenzeugfabrik in Böhmen, die noch heute besteht. Durch denselben Priester wurde in der Gegend von Ossegg, Dux, Oberleutensdorf u. s. w. die Strumpfwirkerei eingeführt, die nach kurzer Zeit auch in Kaninitz und Bensen heimisch wurde. In Bensen aber gründete die Familie Ossendorf eine der nachmals renommirtesten Papiermühlen, nachdem Christof Weiss (1667) eine Fabrik dieser Art in Hohenelbe angelegt hatte. Eine von Leopold I. für Neuhaus in Niederösterreich privilegirte venetianische Spiegelfabrik trat erst nach seinem Tode ins Leben. In Schlesien aber, dem alten Sitze des Leinenhandels, insbesondere von J au er und Greiffenberg aus, entwickelte sich zu seiner Zeit bereits ein umfangreicher Veredlungsverkehr mit Böhmen und der Lausitz, von wo die rohen Leinen zollfrei eingeführt wurden, um nach vollendeter Appretur in den schlesischen Bleichen und Färbereien ebenso frei wieder ausgeführt zu werden. Die Anlage des «Neuen Grabens», des später sogenannten Friedrich Wilhelm-Canals (1668), hatte den grössten Vortheil für den schlesischen Handelsverkehr mit Hamburg und von dort mit Holland, England, Spanien und Portugal. Man rühmt in Schlesien noch jetzt gebührend die «sehr verdienstliche wirthschaftspolitische Thätigkeit» Kaiser Leopolds I. und seines Rathes J. J. Becher. 1 ) Ein grosses Hindernis stand der rascheren Entwicklung dieser vielverheissenden Anfänge allerorten entgegen: die Erbsünde der Gegenreformation, die von der hartnäckig festgehaltenen religiösen Unduldsamkeit der leitenden Kreise untrennbare geistige Absperrung Oesterreichs vom «unkatholischen» Ausland. er langwierige spanische Erbfolgekrieg und die gleichzeitigen kriegerischen Unruhen in Ungarn unterbrachen nach Leopolds Tode neuerdings das Wachsthum der sich regenden wirthschaftlichen Keime empfindlichst. Handel und Wandel lagen wieder gänzlich darnieder. Von allen Unternehmungen Wiens, wird versichert, hatte damals keine auch nur annähernd einen so lebhaften Zuspruch aufzuweisen wie das dort im Jahre 1707 errichtete kaiserliche — Versatzamt. Den groben Misbräuchen, die in allen Zünften und Zechen der Handwerker eingerissen waren, einen Dämpfer aufzusetzen, wurde für sämmtliche Erbländer die beachtenswerthe Verfügung getroffen (1. October 1708), dass künftighin dem Regenten allein das Recht zustehen solle, Zechen und Zünfte einzuführen, ihnen Privilegien zu verleihen u. s. w. Die Zahl der Zünfte sollte von nun an nicht vermehrt werden. Von eigentlichen Fabriken entstand in Wien im Laufe zweier Jahrzehnte nur eine solche zur Erzeugung von Oel aus Traubenkernen (1709). Dagegen gründete Johann B. Fremmrich, einer der tüchtigsten Wollindu- striellen seiner Zeit, 1710 mit Hilfe des Grafen Adolf Bernhard Martinitz im Städtchen Planitz in Böhmen eine grössere, besteingerichtete Tuchfabrik, die erste im Lande. Ihr folgte durch denselben Unternehmer ein gleiches Etablissement in Leipa, schon 1715 aber ein solches zu Oberleutensdorf, welches, von dem Grafen Johann Joseph Wald st ein materiell genügend ausgestattet, sich durch Menschenalter einen namhaften Ruf zu erhalten wusste. Eine von der Kärntner Landschaft in Klagenfurt etablirte Tuchfabrik musste nach kurzem Bestände wieder aufgelassen werden. p A. Zimmermann, a. a. O., 12 f. — Vgl. Hermann Fechner, Die handelspolitischen Beziehungen Preussens zu Oesterreich (Berlin 1886), S. 3 f. klärt, in welchen fremde Kaufleute die Waaren, die in den Erbländern bisher nur aus zweiter oder dritter Hand zu kaufen waren, aus erster Hand erwerben konnten. Allen Kaufleuten solle gestattet sein, in diesen Häfen ein- und auszulaufen, zu kaufen und zu verkaufen, wogegen sie nur von den thatsächlich veräusserten Waaren ein halbes Procent Consulats- und Admiralitätsgebühr zu entrichten hätten; sie dürfen Grundstücke erwerben, Häuser errichten und geniessen volle Real- und Personalfreiheit. Die Errichtung von Contumazanstalten, Magazinen, Banken und Wechselgerichten wurde in Aussicht gestellt. 1 ) Ein reges Leben erwachte in den neuen Emporien, das die frühere Alleinbeherrscherin der Adria, Venedig, mit scheelen Blicken verfolgte. Es gewann allen Anschein, als sollten Triest und Fiume die beiden Brennpunkte der commerziellen Zukunft Oesterreichs werden — ohne die Centrale Wien zu schädigen; im Gegentheil. Für das Centrum wurde zugleich gesorgt durch Gründung der kaiserlich privilegirten Orientalischen Compagnie in Wien, einer für jene Zeit zweifellos grossartigen Gesellschaft, die mit Patent vom 27. Mai 1719 die Allerhöchste Genehmigung erlangte. Sie sollte vorerst zu Land mit allen Kaufmannsgütern, ausgenommen Contrebande, auf der Donau aber ausschliesslich «privatim» nach der Türkei und von dorther Handel treiben dürfen, doch nur «all’ ingrosso», während andere Unterthanen Waaren aus den Niederlagen der Compagnie um baares Geld beziehen können. Die Gesellschaft darf in Wien, Belgrad oder wo immer sie es für gut findet, Niederlagen, Magazine, Packhäuser und Krahne errichten und auf den Flüssen Marktschiffe halten, die jedoch auch andere Private gegen Entgelt benützen dürfen. Sie geniesst das Recht des Verkaufes und hat das alleinige Privilegium, neue, in den kaiserlichen Ländern noch nicht bestehende Manufacturen und Fabriken aufzurichten, die darin erzeugten Waaren zu verschleissen u. s. w. Der Kaiser selbst erklärt sich als den «supremus protector» der Gesellschaft und verspricht, deren Privilegien allerorten Respect zu verschaffen und dieselben bei ihrer Prosperität noch zu vermehren. Unterm 29. December 1719 sanctio- nirte Karl VI. die innere Organisation der Compagnie. 2 ) Dabei liess es der Kaiser nicht bewenden. Ein Privilegium genügte nicht; es zu ver- werthen, mussten dem Privilegirten buchstäblich erst «die Wege geebnet» werden. Die Com- municationen, vorzüglich aber die Strassen, Hessen in Oesterreich noch unendlich viel, ja Alles zu wünschen übrig. Mit Triest und Fiume bestand für Wien so viel wie keine gangbare und gefahrlose Verbindung. Karl VI. baute neue Strassen über den Semmering, den Loibl und andere bisher unwegsame Gebirge, so insbesondere die grosse «Karolinerstrasse». Den Verkehr mit Ungarn von der See aus zu heben, legte er den Hafen Por- tore an, womit er auch politische Absichten zu erreichen hoffte. 3 ) Daher gehört auch die vielfach hocherspriessliche Thätigkeit Karls VI. auf dem Gebiete des Mauth- und Zollwesens, auf dem bislang ein völliges Chaos geherrscht hatte. Auf den Rheden von Triest und Fiume wurde der Bau von Handelsschiffen, in Portorö sogar der von Kriegsschiffen eifrig betrieben. Schon 1719 eröffnete die Orientalische Compagnie zwei Magazine für «deutsche Waaren», in Constantinopel und Belgrad. Gleichzeitig wurde das erste Schiff, das die Gesellschaft auf eigene Rechnung baute — «II Primogenito» — vom Stapel gelassen. Mit diesem und drei anderen Schiffen begann sie 1720 ihre Handelsthätigkeit zur See, nachdem sie in Fiume, Triest und Messina Comptoirs angelegt hatte. Der Levante- J ) Ernst Becher, a. a. O., S. 45 f. 2 ) F. M. Mayer, a. a. O., S. 36 f. 3 ) J. M. Schweighofer, Abhandlung von dem Commerz der österreichischen Staaten (Wien 1785), S. 3o6. 24 handel erreichte bereits seine frühere Bedeutung. Wien wurde der Stapelplatz des mitteleuropäischen Baumwollhandels. Die sächsischen Landesversammlungen der Jahre 1722, 1728 u. s. w. remonstrirten dagegen, dass die Wirkereien und Webereien des Landes «ihre Baumwolle von Wien beziehen.» Doch nicht auf einzelne Punkte war die Aufmerksamkeit des Kaisers gerichtet; er hatte das Ganze im Auge. Ihm dankt die erste Porzellanfabrik Oesterreichs in Wien ihre Entstehung, die 1718 mit einem fünfundzwanzigjährigen Privilegium versehen wurde und berufen war, durch ein Jahrhundert und darüber hinaus für unsere keramische Industrie als Musteranstalt zu wirken. 1 ) Gleichfalls im Jahre 1718 erschien ein neuer (protectionistischer) Zolltarif für Schlesien, der aber in Breslau mannigfache Klagen hervorrief. Schon im nächstfolgenden Jahre wurde Abhilfe zu schaffen gesucht, und bereits 1721 traten Ermässigungen des Tarifs ein, bis nach eingehenden, sorgfältigen Untersuchungen über die Bedürfnisse Schlesiens 1739 für dieses Land abermals ein Zolltarif erschien, der demselben im Vergleiche mit den anderen Provinzen grosse Begünstigungen einräumte, so zwar, dass letztere nach mehr als einer Richtung in eine gewisse Abhängigkeit von Schlesien geriethen, namentlich Böhmen, dessen Textilindustrie, und zwar schon nicht mehr blos für Leinen, sondern auch für Tuche, Halb- und Baumwollstoffe, Strümpfe und Hüte, die Dienste Schlesiens stark in Anspruch nahm. Schlesien wurde für Böhmen, und bald nicht für Böhmen allein, sozusagen der Grosshändler. Der Kaiser bewirkte, dass Russland verstattete, den dreizehnten Theil seiner Handelswaaren nach Schlesien auszuführen; der Export schlesischer Leinen nach England wurde schwunghaft betrieben, so dass er unter Karl VI. seinen Höhepunkt erreichte; die Tuchindustrie des Landes aber vermehrte in den Jahren 1720—1735 ihre Production von 59.000 auf 95.700 Stück. 2 ) Die «General- Zunftsartikel» für die «böhmischen Provinzen» vom 3 o. November 1731 stellten, so wie diejenigen für Ober- und Niederösterreich und Tirol, dann die für Innerösterreich vom 19. April, beziehungsweise 21. Juni 1732 3 ) in den Handwerken aller dieser Länder grössere Ordnung her und trugen zugleich bei, die Freizügigkeit der einzelnen Gewerbetreibenden mehr und mehr zu fördern. In Triest wurde im Jahre 1731 eine oberste Commerz-Intendanz bestellt, welcher sämmtliche auf den Handel bezügliche Angelegenheiten, die sonst stets als landesherrliche Reservate betrachtet worden waren, zugewiesen wurden. 4 ) Unausgesetzt war Karl VI. bei alledem auf die weitere Ausgestaltung seiner Lieblingsschöpfung, der Orientalischen Compagnie, bedacht. Welche weitgehende, vordem nicht geträumte Perspective sich für sie eröffnete, ergibt sich aus der wenig bekannten Thatsache, dass Karl VI. allen Ernstes an die Verfolgung einer Colonialpolitik, ganz nach unseren heutigen Begriffen, dachte und. nicht blos dachte. Mit seinem Zuthun ergriff für ihn, als Kaiser, Capitain de la Merveille, ein Franzose in belgischen Diensten, am 23 . August 1719 Besitz von dem Hafen von Cob 1 on (Sadatpatnam) an der Küste von Coromandel, fünf Meilen von Madras, nachdem die Abtretung des Hafens durch den Nabob oder Vicekönig des Grossmoguls erfolgt war, unter ausdrücklicher Zusicherung, zur Gründung anderer Factoreien in jenem Lande seine Unterstützung gewähren zu wollen. 5 ) Jede Bedingung schien geboten, Oesterreich im Verein mit den Niederlanden den ersten Handelsstaaten der Welt an die Seite zu stellen. 9 Prof. Dr. Ottokar Weber, Die Entstehung der Porzellan- und Steingut-Industrie in Böhmen (Prag 1894), S. 7. 9 Adolf Beer, Die handelspolitischen Beziehungen Oesterreichs zu den deutschen Staaten unter Maria Theresia (Wien 1893), S. 3 f. — Vgl. H. Fechner, a. a. O., S. 5 f. 3 ) W. Gustav Kopetz, Allgemeine östreichische Gewerbs-Gesetzkunde (Wien 1829), I, S. 15f. 4 ) Ernst Becher, a. a. O., S. 24. 5 ) Alfred R. v. Arneth, Prinz Eugen von Savoyen (Wien 1864), III, 129f. Die Gross-Industrie. I. 4 25 Am 20. Mai 1722 erhielt die Orientalische Compagnie zu den bisherigen vier neue Privilegien. Der Gesellschaft wurde der Bau von Schiffen in der Länge von mehr als sechzig Fuss sowohl in Triest und Fiume als auch in Buccari gestattet; ebenso die Erzeugung aller zum Schiffsbetrieb erforderlichen Gegenstände, wie Tauwerk, Segeltuch, Theer, Anker, ja selbst eiserner Kanonen. Damit war die seit Langem in Oesterreich unerhörte Erlaubnis verbunden, «Meister, Künstler und Handwerker» — auch protestantische — aus Holland, Schweden, Hamburg u. s. w. herbeizuziehen. Der Compagnie wurde ferner die Errichtung einer Zuckerraffinerie in einem beliebigen österreichischen Hafen gestattet, mit dem Bedeuten, dass, falls diese P'abrik zur Blüthe käme, die Einfuhr fremdländischen raffinirten Zuckers nurmehr mit Zustimmung der Gesellschaft bewilligt werden solle. Aehnlich lautete ein Privilegium auf Fabrication von Kupfergeschirren. Wie nach der Levante sollte aber die Orientalische Compagnie künftig mit Producten und Manufacturen der Erbstaaten auch nach Portugal und den westlichen Ländern Handel treiben dürfen. Im Laufe weniger Jahre schritt sohin die Gesellschaft zur Etablirung einer ganzen Reihe, zum Theil ausgedehnter Industrialwerke. Sie errichtete in Fiume eine Kerzen- und eine Tau- und Strickfabrik, sowie später eine Zuckerraffinerie. Am 3 o. November 1722 erwarb die Compagnie mit kaiserlichem Consens die Linzer Zeugfabrik um den Preis von 240.000 Gulden, die sie ratenweise abzahlte. Zur selben Zeit entstand in Böhmen, in Grottau, auf Betreiben Elias Kessler’s, genannt Sprengseisen, eine Fabrik für «Tuche, Zeuge, Strümpfe und Canevas», letztere «aus gesponnener Baumwolle», dergleichen nach Aussage des böhmischen Commerz-Collegiums «im Königreiche Böhmen bisher nicht gewesen.» Ihr wurde das nachgesuchte Privilegium ertheilt. Das hinderte die Wiener Compagnie aber nicht, im Jahre 1723 mit der Anlage eines gleichartigen Fabriksunternehmens in Schwechat vorzugehen. Nachdem der Bau bereits beinahe vollendet war, stellte sie im September 1724 bei der Regierung das Ersuchen um ein Privilegium auf die Erzeugung von Baumwollwaaren für die Dauer von zwanzig Jahren. Die Verhandlungen zogen sich in die Länge. Endlich am 8. Januar 1726 erfolgte die Verleihung des gewünschten Privilegiums, zunächst für fünfzehn Jahre. Noch in demselben Jahre begann die Arbeit der neuen, weitläufigen «Zitz- und Cottonfabrik» zu Schwechat, mit der, wie schon ihre Bezeichnung sagt, auch eine Färberei und Druckerei verbunden war. Die Grottauer «Canevasfabrik» gieng ein. Trotz Privilegiums erfuhr aber auch die Schwechater Neugründung bald grossen Eintrag, als in ihrer nächsten Nähe, in Pottendorf, Trumau und nicht weit davon, doch schon auf ungarischem Boden, in Sassin (1736) Concurrenzunternehmungen erstanden. Das Beispiel der Gesellschaft regte auch anderwärts an. Die innerösterreichische Com- mercien-Commission in Graz legte der Kammer bereits 1721 verschiedene Pläne zur Hebung der Industrie und des Handels vor. Es handelte sich um die Errichtung einer Societät, deren Aufgabe es sein sollte, den Fabrikanten Geld vorzustrecken; ferner um eine Fabrik seidener Strümpfe, eine Leinwand- und eine «weissirdene Geschirr-Fabrik», endlich eine Tuchfabrik in der Karlau bei Graz. 1 ) Alle diese Projecte aber waren nicht vom Glück begünstigt; ebenso wenig der Plan der beiden Unternehmer Reigersfeld und Mühlbacher, eine Tuchfabrik in Laibach aufzurichten. Wie in Wien, war Karl VI. auch in Ostende zur Schaffung einer grossen Handelsgesellschaft geschritten, die als «Ostindische Compagnie» mit dem Rechte, Handel nach x ) F. M. Mayer, a. a. O., S. 63 f. 26 Ost- und Westindien, sowie nach der ostafrikanischen Küste zu treiben, aller Eifersucht der Seemächte ungeachtet, zur Durchführung gelangte. Politische Verhältnisse zwangen jedoch den Kaiser bereits 1727, das Privilegium dieser Gesellschaft zu suspendiren, 1731 aber gänzlich aufzuheben. Die Fragmente einer Kriegsflotte, die man zum Schutze des überseeischen Handels, wie erwähnt, zu Portorö zu bauen begonnen hatte, wurden 1736 an Venedig verkauft. 1 ) Der Traum eines Colonialbesitzes aber war, wie wir noch sehen werden, darum nicht ausgeträumt. Mehr als äussere widrige Umstände hemmten innere Calamitäten die weiteren Fortschritte auch der Orientalischen Compagnie. Die specifisch Wiener Kaufleute hatten sich nie für sie begeistern können, sondern ihr vielmehr von vornherein grosses Mistrauen entgegengebracht und waren die Hauptgegner der einheimischen Fabriken überhaupt, sowie jener der Compagnie insbesondere. Bevor noch Karl VI. die Augen schloss, begann auch schon der Verfall der Orientalischen Compagnie. Sie musste die meisten Fabriksanlagen wieder auflassen; im Jahre 1740 ging die von Schwechat in das Eigenthum des Wiener Handelsstandes über. Seitdem war die Thätigkeit der Gesellschaft ein allmäliges Absterben. Der Ruhm ihres «obersten Protectors» bleibt dennoch ungetrübt, der unleugbare Ruhm, eine handelspolitische Organisation nicht blos versucht, sondern in Wirklichkeit auch ins Heben gerufen zu haben, wie sie ähnlich nur die westeuropäischen Grossstaaten aufzuweisen hatten. Die schwerste Schuld an ihrem Niedergange traf, wie gesagt, die Kaufmannschaft der Reichshauptstadt, deren Speculationsgeist allerdings «keinen hohen Flug» nahm. «Kaum irgend einmal,» erklärt mit Recht der verdienstvolle Geschichtschreiber jener Gesellschaft, 2 ) «war die Zeit so günstig, den Markt im Orient zu gewinnen, und niemals hat sich die Vernachlässigung der Industrie und des Handels so gerächt wie damals, als alle Bemühungen der Regierung, das Versäumte nachzuholen, nahezu fruchtlos blieben.» ir haben gesehen, welche hohe Bedeutung unter Karl VI. das Fand Schlesien erlangt hatte, so zwar, dass es thatsächlich in gewerblicher und noch mehr in mercantiler Hinsicht als die fortgeschrittenste und darum auch ergiebigste und blühendste Provinz Oesterreichs, ja selbst als eines der wichtigsten europäischen Handels- und Industriegebiete gelten konnte, hiedurch aber selbst Böhmen in den Schatten zu stellen drohte. Man schätzte die Ausfuhr Schlesiens im letzten Regierungsjahre Karls VI. auf acht Millionen Thaler. Der erste grosse Verlust, den Maria Theresia, die Erbin Karls, im österreichischen Erbfolgekriege zu erleiden hatte, war der des grössten und bevölkertsten Theiles von Schlesien. Man kann nach den früheren Andeutungen ermessen, welchen Rückschlag dieser Verlust auf Handel und Gewerbe Oesterreichs, insbesondere aber Böhmens, ausübte. In den Traditionen ihres Vaters erzogen, hatte Maria Theresia von Anfang an ihr ganzes Augenmerk auf «Verbesserung des inländischen Nahrungsstandes und Verbreitung der Manufacturen und des treibenden Commerzes» gerichtet. Ihr musste der Verlust eines ihrer industriellsten Fänder unverwindlich erscheinen. «Ersatz für Schlesien» war ihr erstes und letztes Dichten und Trachten. Dieser Ersatz aber sollte — ohne Anwendung von Waffengewalt, im Wege heilsamer, wirthschaftlicher Reformen — in Böhmen gefunden werden. Von allen Ivronländern war Böhmen ausersehen, im Wirthschaftsleben der Monarchie den Platz einzunehmen, den bisher Schlesien errungen hatte. r ) Ernst Becher, a. a. O., S. 24h 2 ) F. M. Mayer, a. a. O., S. 38. 4* 27 Bleichen Versehenen im Geheimen und per privatas zu eröffnen.» Eine directe Folge davon war die Errichtung einer grossen Anzahl «Commercialbleichen» in den verschiedensten Gegenden des Landes, insbesondere in Schönlinde. Eine im Jahre 1755 erlassene «Schleierordnung» gab eine genaue Anleitung zum Betriebe auch des schwierigsten, doch ungleich lohnendsten Zweiges der Leinenweberei, der Erzeugung von Battisten, Schleiern u. dgl., die seither in Böhmen heimisch wurde. Eine «PapierOrdnung» desselben Jahres förderte ebenso diesen ansehnlichen Industriezweig, besonders in Böhmen, wo man bald mehr als 90 grössere und kleinere Papiermühlen zählte, von denen die in Trautenau, Hohenelbe, Bensen und Prag die beste Waare lieferten. Schon 1753 war in Prag neben dem Commercien-Consesse ein besonderes Manu- factur-Collegium angeordnet worden. Beide Körperschaften wurden 1757 zu einem «Con- sessus in commercialibus et manufacturisticis» vereinigt, als dessen erster Präsident Graf Franz Josef Pachta fungirte, dessen vornehmste Mitglieder aber die Grafen Sinzendorf und Chamare und Otto Ludwig von Loscani waren. Leider starb Loscani noch im Jahre 1757. Die durchgreifendste Wirksamkeit entfaltete der «Consessus» unter dem Nachfolger Pachta’s, dem hochverdienten Grafen Joseph Maximilian Kinsky, vormals Oberamtsrath, dann Com- merzienrath im Herzogthum Ober- und Niederschlesien, Geheimrath u. s. w., einem schwärmerischen Anhänger der wirthschaftlichen Ideen Maria Theresias, zugleich ausübenden Industriellen. Doch nicht Böhmen allein erfreute sich der Fürsorge der Kaiserin. Die Tochter eines Karl VI. hatte die Grenzen ihrer Thätigkeit weiter gezogen. Bereits mit Resolution vom 9. Jänner 1745 bestätigte sie die städtischen Privilegien von Triest, «wie es das wahre Aufnehmen der Stadt und eines Porto franco erfordert»; ebenso wurden dieser Stadt neue Begünstigungen ertheilt. Einem eigenen Hafencapitanat wurde die unmittelbare Beaufsichtigung des Hafens anvertraut. Die Küstenorte wurden in einer besonderen Küstenprovinz vereinigt und der Obersten Commerzintendanz in Triest die Vollmachten einer Provinzialbehörde übertragen. Vornehmlich um Triests willen wurden in den Jahren 1748 und 1749 Friedens- und Handelsverträge mit Tunis, Tripolis und Algier geschlossen. 1 ) Gleichfalls im Jahre 1749 wurden Tucharbeiter aus Verviers nach Iglau berufen, die dortige, wie früher erwähnt, herabgekommene Tucherzeugung durch «niederländische Manu- factursart» wieder zu heben. Es sollten feinere Tuche als bisher in Oesterreich eingeführt werden. Unter den Eingewanderten that sich Bailloux besonders hervor; allein Zwistigkeiten mit der Zunft nöthigten ihn, Iglau wieder zu verlassen, und bestimmten Kaiser Franz, den Gemahl Maria Theresias, deren lebhaftes Interesse an wirthschaftlichen Dingen er theilte — er war unter Anderem Gründer von Sassin — durch Bailloux auf seiner Herrschaft Kla- drub in Böhmen eine Tuchfabrik nebst Spinnerei und Färberei zu errichten. 2 ) Damals bestand in Mähren, und zwar in Olmütz, eine einzige Tuchfabrik, von Reichel begründet, den die Regierung 1752 zu deren Fortsetzung aufforderte. 1755 etablirte Staatskanzler Graf Kaunitz gute Tuchfabriken in Wiese. Der Einladung der Regierung nachkommend, schuf nun der mährische Adel ausgedehnte Fabriken meist in Wollzeugen und Leinen zujanowitz, Namiest, Lettowitz, Ziadlowitz, Neuschioss, Neu-Rauss- p Ernst Becher, a. a. O., S. 27. — N. Ebner von Ebenthall, Maria Theresia und die Handelsmarine (Triest 1888), S. 3, 23 f. 2 ) Adolf Beer, Studien zur Geschichte der österreichischen Volkswirthschaft unter Maria Theresia: I. Die österreichische Industriepolitik (Wien 1894), S. 11g. 29 — nitz, Pernstein, Rossitz, Tulleschitz und Mähr.-Neustadt. In Brünn, heute der ersten Fabriksstadt Mährens, waren Fabriken damals gänzlich unbekannt. Im Jahre 1763 wurde dahin, in die Vorstadt Grosse Neugasse, die Kladruber Tuchfabrik verlegt, welche die mährische Lehenbank zum Betriebe übernahm. Fast gleichzeitig errichtete dort de Vaux eine Plüschfabrik, die Tabakpachtungs-Gesellschaft aber eine Tabakfabrik. Seit 1767 unter Köfil- ler’s, dann Schweikhart’s Leitung, gewannen die Tuch- und Plüschfabriken eine ansehnliche Ausdehnung und legten damit den Grundstein zur Stellung Brünns als Fabriksstadt. 1 ) Geräuschlos, aber energisch wirkte Maria Theresia für die fortschreitende Verstaatlichung der Gewerbegesetzgebung. In diesem Geiste gehalten, gleichzeitig aber von grossem Belange für die Qualität der Erzeugnisse der Industrie und des Gewerbes jeder Art waren die von ihr erlassenen vielen «Beschauordnungen». Ebenso wohlthätig nach anderer Richtung wirkten die durch sie verfügten Milderungen des Zunftzwanges einzelner Handwerke. Im Jahre 1755 wurde den Leinenwebern erlaubt, sich «auszuzünften»; bald sollte jeder Zwang überhaupt beseitigt werden. Von nicht geringerer Tragweite erwies sich der Entschluss der Kaiserin, einen Bruch mit dem bisherigen Privilegiensystem, das einzelne Gesellschaften oder Fabriksbesitzer ausserordentlich begünstigt und jeden Mitbewerb zumeist unmöglich gemacht hatte, herbeizuführen. Die Privilegienfrist, die den Kattunfabriken zu Schwechat und Sassin eingeräumt war, gieng zu Ende. Man bat um Verlängerung dieser Frist. Die Kaiserin aber erklärte, ein Privilegium exclusivum ferner nicht ertheilen zu wollen, «da die exclusiva höchst schädlich sind und in Ansehung derer Fabricaturen auf die möglichste Vermehrung im ganzen Staate das Augenmerk gerichtet werden müsse.» Alle Gegenvorstellungen blieben erfolglos. Ein kaiserliches Rescript vom 15. December 1761 gemahnte alle Interessenten, dass vom Jahre 1763 ab der Errichtung von Kattunfabriken in der ganzen Monarchie keinerlei Hindernis mehr entgegenstehe, sondern «fiirohin Jedermann freistehen wird, nicht nur die Cottone in Unseren gesammten Erblanden zu fabriziren, sondern auch in Jegliches derselben und also ebenfalls in die österreichischen mit Entrichtung der alleinigen erbländischen Mauthgebür einen freien Handel zu führen.» Die Erwartungen, die sich an diese Verfügung knüpften, wurden glänzend gerechtfertigt. Sie bezeichnet recht eigentlich den Zeitpunkt, in welchem der damals jüngste, relativ noch kümmerliche Zweig der sonst so grossen, vielverästeten Textil-Industrie in Oesterreich alle übrigen zu überragen, ja zu überwuchern begann. Der Ersten einer bemächtigte sich der gegebenen Anregung Graf Joseph M. Kinsky, der früher in Haida und Bürgstein zahlreiche Industrialwerke der mannigfachsten Art geschaffen hatte und nun daran gieng, dieselben um eine Kattundruckerei zu vermehren, ebenso aber seine Gutsnachbarn, die Grafen Vincenz Waldstein in Münchengrätz und Joseph Bolza in Cosmanos zu bewegen suchte, seinem Beispiele zu folgen. Bereits im Jahre 1763 erbaute denn Graf Bolza in der That mit einem Aufwande von 500.000 fl. das später grösste Unternehmen seiner Art, das weltbekannte Etablissement Josefsthal-Cosmanos. Graf Vincenz Waldstein that ein Uebriges und errichtete in Gemeinschaft mit dem Grafen Franz Kinsky — allerdings erst nach Ueberwindung vieler Schwierigkeiten — nach dem Muster des dereinstigen kaiserlichen Kunst- und Werkhauses in Wien ein neues stattliches Manufactur- und Arbeitshaus in Münchengrätz. 2 ) p Christian d’Elvert, Die Culturfortschritte Mährens und Oesterreichisch-Schlesiens (Brünn 1854), S. mf. p Dr. Adolf Demuth, Das Manufacturhaus in Weisswasser (Mittheilungen des Vereines für Geschichte der Deutschen in Böhmen XXVIII [1890]), S. 293 f. 3o In Prag, wo seit Jahrzehnten der Industrielle Hergott den Kattun- und Leinwanddruck mit Oelfarben betrieb, gieng man nunmehr zum eigentlichen Kattundruck über und erhoben sich binnen kurzer Zeit mehrere solche Fabriken. In Warnsdorf und im Gebiete von Eg er und Asch mehrte sich die Zahl der Baumwollmanufacturisten von Jahr zu Jahr. Alle diese Concurrenten aber fanden ihren Meister, seitdem Johann Joseph Leitenberger (geb. 1730, gest. 1802), Inhaber einer Färberei in Wernstadt bei Auscha, der gelehrigste Schüler Joh. Heinrich Schüle’s in Augsburg, des «glänzenden Sternes am Horizonte dieses Industriezweiges», sich ebenfalls der Druckerei zuwandte, um später von Wernstadt aus in Neu-Reichstadt eine zweite grosse Fabriksanlage zu begründen, dann aber die von Josefs- thal-Cosmanos, die Graf Bolza nicht zu halten vermochte, erwarb und zur Blüthe brachte. Auch in Wien gedachte man bei Zeiten, dem Rescript vom 15. December 1761 nachzukommen. Hier war es einer der grössten, umsichtigsten und erfolgreichsten Unternehmer seiner Zeit, der voranging. Johann Fries, in Mühlhausen im Sundgau 1719 geboren, stand schon im Jahre 1748 in Diensten Maria Theresias und erhielt nach dem Friedensschlüsse von Aachen die Mission, in London eine ansehnliche Summe Geldes zu erheben und nach Wien zu geleiten. Dort liess er sich, von der Kaiserin «in mildester Rücksicht seiner für das Aufnehmen der hierländigen Handelschaft bezeugten redlichen Gesinnung» zum Commerzienrath ernannt, 1752 als «Niederlagsverwandter» bleibend nieder. In demselben Jahre erwarb er ein Privilegium protectorium zur Errichtung einer Fabrik für Barchent-, sowie halb- und ganzwollene Zeuge auf den Herrschaften Fried au und Rabenstein in Niederösterreich, Artikel, welche die Orientalische Compagnie nicht erzeugte. Gleichzeitig übertrug ihm Graf Chotek die Direction der kaiserlichen Seidenmanufacturen, die er bis zu ihrer Aufhebung gratis führte; ebenfalls noch im Jahre 1752 übernahm er von der Regierung den Thalerhandel, aus dem er der Commerzcasse bedeutende Erträgnisse zuführte. Bald darauf errichtete er eine Fabrik für Sammt- und Seidenwaaren, eine Halbrasch- und Halbcastorfabrik in Niederösterreich und bürgerte die Fabrication Nürnberger Messinggusswaaren ein. 1 ) In Anerkennung seiner ausserordentlichen Verdienste erhob ihn Maria Theresia im Jahre 1757 in den Ritterstand, schon 1762 aber in den Freiherrnstand. Die Firma Fries & Co., deren ergiebigste Quelle ein schwunghaft betriebenes Bankgeschäft bildete, war durch ein Menschenalter die Seele fast aller — hier nicht zu zählenden — kaufmännischen und industriellen Schöpfungen, die von Wien ausgingen. So war denn auch sie es, auf deren Betreiben Baron Joh. Georg von Grpchtler die Friedauer Barchentfabrik in eine Kattundruckerei umwandelte, zu deren Leitung kein Geringerer als der schon genannte und rühmlichst bekannte reichsdeutsche Industrielle Joh. Heinriph Schüle aus Augsburg berufen wurde. So liess sich auch Baron Konrad von Neffzern zur Einrichtung einer Druckerei, sowie einer Boy- und Kotzenfabrik in Heraletz und Humpoletz (Böhmen) bewegen. Die Gründungen der «k. k. privilegirten Zitz- und Kattunfabriken» zu Kettenhof, Ebreichsdorf und St. Pölten folgten rasch nach einander. An Stelle des Systems der Privilegien setzte Maria Theresia das der Prämien und E i n f u h rverbote. 2 ) Gewerbsunternehmungen wurden künftig unter gewissen Bedingungen vom Staate subventionirt, insbesondere wenn es sich um Einführung noch nicht vorhandener Industrialien handelte. Die Commerzialcassen bekamen reichliche Arbeit. Während des dritten 9 Adolf Beer, Studien etc., S. 105 f. — Vgl. August Graf Fries, «Die Grafen von Fries», eine werthvolle Monographie. 2 ) Ad. Beer a. a. O., S. 7, 67h u. ioif. 3i schlesischen Krieges wurden vertraute Personen nach Sachsen und der Lausitz abgesendet, um allen Jenen, die in Oesterreich Fabriken gründen wollten, Unterstützungen zuzuführen. Aus Preussisch-Schlesien nach Mähren eingewanderte Zeugmacher fanden bereitwillige Aufnahme und wurden den Zünften unentgeltlich einverleibt; auch erhielten diese «Transmigranten» fünfjährige Befreiung vom Manufacturbeitrag. Eine kaiserliche Entschliessung des Jahres 1766 bestimmte: «In jenen Künsten und Manufacturen, welche zur Vollkommenheit noch nicht gelangt sind, seien einige Prämien für fremde Gesellen von Zeit zu Zeit auszusetzen, so den Vortheil der Künste an Hand zu geben wissen.» Franzosen, Engländer und Niederländer Hessen sich in Wien und anderen hervorragenden Industrieorten nieder. Nach wie vor war es besonders der Adel, der sich die Errichtung neuer Fabriken angelegen sein liess. Der Prälat von Braunau in Böhmen, sowie die Grafen Schaffgotsch und Piccolomini riefen im Königgrätzer Kreise Wollzeugfabriken ins Leben, ebenso Graf Har rach in Namiest, Graf Kolo wrat eine Kurzwaarenmanufactur und Hutfabrik in Swietla bei Prag, Graf Ul fei d eine Bandfabrik in Jenikau, Graf Chamare eine Baumwollfabrik in Pottenstein, Graf Waldstein eine Strumpfwirkerei in Dux, Fürst Kinsky eine Leinwandweberei in Kamnitz u. s. w. Man wird müde, die Neuschöpfungen zu nennen; jede einzelne wurde für die Gegend, der sie angehörte, eine Wohlthat. Diese der Bevölkerung zu erhalten, wurden unter Anderen dem Erbauer einer Bandfabrik in Penzing, Namens Kaemel, ein Betrag von 3 o.ooo, dem Begründer einer Tuchfabrik in Klagenfurt, Thys, sogar die Summe von 100.000 Gulden vorgestreckt. Zur Förderung der Spitzenklöppelei empfieng Graf Clary 12.000, Graf Waldstein zur Fortführung seiner Oberleutensdorfer Tuchfabrik einen Vorschuss von 10.000 Gulden u. s. w. Grosse Schwierigkeiten verursachten die vielseitigen Begehren der sich mehrenden Industriellen nach Einfuhrverboten. Nicht selten verlangte ein Erbland Schutz gegen ein anderes. Unmöglich konnte allen Anliegen entsprochen werden, zumal aus den Kreisen der Kaufmannschaft und auch von einigen Verwaltungsbeamten lebhaft remonstrirt wurde. Mit desto grösserer Sorgfalt galt es, die verschiedenen Zollordnungen, insbesondere jene für Niederösterreich, Mähren und Böhmen zu revidiren. Das Zollpatent vom 24. März 1764 fasste endlich alle Waaren zusammen, deren Einfuhr in den letzten Jahren in einzelnen Ländern verboten war und welche nun in allen deutsch-slavischen Erbländern, ausgenommen Tirol und Vorarlberg, nicht mehr aus der Fremde eingeführt werden durften. Das System der Verbote wurde durch Gewährung von Pässen zur Einfuhr bestimmter Artikel wohlweislich vorübergehend oder auf die Dauer wieder durchbrochen. Die grössten Segnungen danken die Länder Oesterreichs Maria Theresia als Reformatorin auf dem Felde der Schule; sie können hier selbstverständlich nur gestreift, unmöglich aber übergangen werden. Denn nicht nur mittelbar kamen sie auch dem Gewerbe, der Industrie und dem Handel in reichem Masse zugute. Bereits 1755 wurde zur Förderung namentlich der Spinnerei — die sich fortwährend steigernde Aufnahme aller Textilgewerbe hatte sehr bald allerwärts eine ständige, höchst empfindliche Garnnoth hervorgerufen — aber auch zur Vervollkommnung in der Verwebung der verschiedenartigen Spinnstoffe für die Errichtung von Spinn- und Webeschulen Instructionen ausgearbeitet. Eine Verordnung vom 5. Juni 1765 besagte, «dass jede Person männlichen oder weiblichen Geschlechts, die tauglichen Kinder 32 inbegriffen, welche binnen dreier Jahre von dem Tage der Publication in eine Fabrik oder öffentliche Spinnschule zur Erlernung der Flachs-, Flanf-, Baumwoll- und Wollspinnerei eingestellt werden, durch vier Wochen zwei Kreuzer täglich aus der Commerzialcasse und, wenn sie die Fähigkeit vor dieser Zeit erlangen würden, den auf vier Wochen entfallenden Betrag als Prämie erhalten.» Im selben Monate wurde die erste Spinnschule in Böhmen, in Zwikowetz eröffnet, welche sich derart erprobte, dass schon im nächsten Jahre in den Orten Zbirow und Kozlan ihr zwei Filialen angereiht werden konnten. Sie blieben nicht vereinzelt. Das Spinnpatent vom 7. November 1765 war vorzugsweise der Ermunterung zu weiteren Gründungen nach dieser Richtung gewidmet. Durch Patent vom 1. September 1766 wurde in Niederösterreich eine Art Schulzwang eingeführt. «Nicht den Eltern, welche die Kinder der Schule zu entziehen trachten, sondern den Obrigkeiten, Magistraten und Commerzialbeamten sollte die Entscheidung überlassen bleiben, ob und welche Kinder für die Hausarbeit entbehrlich seien; die Eltern sollen in angemessene Strafen verfallen, die über geschehene Erinnerung die Kinder nicht zur Schule schicken.» — Dem Allen entsprach die Gründung einer «Real-Handelsakademie» (1770) in Wien nach dem Vorschläge des badischen Schulmannes J. G. Wolf. Die Gesinnung, die solche Verfügungen athmen, lässt es als begreiflich erscheinen, dass nunmehr auch die Zeit herangekommen schien, in welcher der auf Oesterreich lastende con- fessionelle Zwang gebrochen werden sollte. Maria Theresia befreundete sich mehr und mehr mit der Zulassung von Lutheranern in ihre Erblande, die, wie bemerkt wurde, bereits ihr Vater angebahnt hatte. Die böhmischen Stände waren es in erster Reihe, die sich dagegen stemmten und auf die «Schädlichkeit der Religionsvermischung» hinwiesen, nicht ohne sich dabei auf «die alte, von der Kaiserin eidlich bestätigte Landesverfassung» zu berufen. Graf Bolza, der zur Besserung seiner Wirthschaftsverhältnisse in Cosmanos einen erprobten «akatholischen» Fachmann aus dem Auslande hatte kommen lassen, wurde trotz wiederholter Vorstellung gezwungen, denselben wieder «abzuschaffen», obgleich sich derselbe nach kurzer Verwendung vollkommen erprobt hatte. So geschehen im Jahre 1761. Es darf nicht Wunder nehmen, dass, als die Kaiserin durch die Vorstellungen der böhmischen Stände in ihrer toleranten Auffassung sich nicht beirren liess, die böhmische Geistlichkeit ihre Stimme erhob und der Erzbischof von Prag entschieden geltend zu machen suchte, dass «freie Religions- übungf sre^en die fundamentalen Grundsätze des Königreiches verstosse.» Die Monarchin ver- harrte auf dem eingeschlagenen Wege; die Wohlfahrt ihrer Länder war für sie das Entscheidende. Die erste Theilung Polens (1772) vergrösserte den Umfang Oesterreichs um das Königreich Galizien und Lodomerien; drei Jahre später kam bekanntlich durch einen Vertrasf mit der Türkei der Besitz der Bukowina hinzu. Auf die industriellen Verhältnisse o des Reiches übten diese Ereignisse vorerst keine nennenswerthe Wirkung. Die Salzwerke von Wieliczka und Bochnia so viel wie möglich dem Staate nutzbar zu machen, mussten kostspielige Strassenbauten und sonstige grössere Investitionen vorgenommen werden. Mit vielem Aufwande liess es sich Maria Theresia ebenso angelegen sein, die Spinnerei und Weberei in jene Länder einzuführen. 1 ) Die Firma Fries & Co. versuchte auch dort ihr Glück und errichtete mit 100.000 fl. die Fabriksstadt Ederov. Um jene Zeit war es, dass noch ein anderes Kronland der Industrie erobert wurde: Vorarlberg. Bereits 1753 Hessen vereinzelte Schweizer Firmen auf ihre Rechnung Sticke- p J. M. Schweighofer, a. a. O., S. 63. Die Gross-Industrie. I. 3 33 reien in Vorarlberg anfertigen; doch erst im Jahre 1773 führten Adam Ulm er, Dominik Ruf, Josef Winder u. A. m. in Dornbirn und Umgebung die Baumwollspinnerei ein, und zwar in der Weise, dass sie von Schweizer Baumwollhändlern oder Fabrikanten die rohe Baumwolle bezogen und das erzeugte Handgespinnst gegen vereinbarten Spinnlohn wieder ablieferten. Nach wenigen Jahren war man so weit, Webwaaren aus eigenem Gespinnste im Lande aufzuweisen; bald etablirten sich daselbst auch selbstständige Appreturen. Noch vor Ausgang des Jahrhunderts aber begründete Samuel Vogel aus Mülhausen in Mittelweierberg bei Hard durch Anlegung einer grossen Kattunfabrik die heutige industrielle Bedeutung Vorarlbergs. 1 ) Die epochale «Allgemeine Schulordnung», mit welcher Maria Theresia am 6. De- cember 1774 hervortrat, bedarf hier keiner besonderen Würdigung. «Der Industrie muss unstreitig ein verhältnismässiges Licht vorangehen.» Es wurde noch kein wahreres Wort gesprochen. Wie eine Fackel leuchtete die neue Schulordnung in die entlegensten, dunkelsten Winkel des Reiches. Der Mann der Durchführung aber, den die Kaiserin auch hier zu finden wusste, Ferdinand Kindermann, der nachmalige Bischof «von Schulstein», setzte Alles daran, die Neuschule sofort auch dem neuen Zuge der Zeit sorgfältig anzupassen durch Verbindung der Volksschule mit der «Industrieschule.» In Böhmen allein zählte man schon im Jahre 1777 an mehr als fünfhundert Orten nach der neuen Lehrmethode für die «Industrieschule» vorgebildete Schulmänner — ausser den Spinn- und Webeschulen im engeren Sinne — insbesondere wieder im Norden des Landes. Sie wirkten durch Jahrzehnte in rühriger, aufopfernder Weise und verbreiteten im Volke eine wohlbewusste, werkthätige Liebe zur Arbeit. Die Zollordnung vom 15. Juli 1775 hob endlich die Zollgrenzen der einzelnen Königreiche und Länder Oesterreichs für immer auf und vereinigte dieselben in ein einziges Zollgebiet: unzweifelhaft die grösste wirthschaftliche That Maria Theresias 2 ) — nur vergleichbar mit der soeben erwähnten erziehlichen Grossthat. Ein Heer von Beschränkungen und Belästigungen des Verkehres war wie mit einem Zauberworte von der Industrie hinweggenommen; sie athmete auf. Nun erst konnte in Wirklichkeit nicht mehr von böhmischer, mährischer und sonstiger Provinzial-Industrie, wohl aber von einer Gesammt-Industrie Oesterreichs die Rede sein. Und sofort Hess die freie Bewegung in den erweiterten Grenzen die Blicke auch noch weiter schweifen. Niemals hatte Maria Theresia während ihrer ganzen Regierungszeit auch nur einen Augenblick des Seehandels und der Seehäfen Triest und Fiume vergessen. Der Bestätigung der Stadtprivilegien beider Orte war die des Freihafenprivilegiums (1769) gefolgt. Zur Hebung der Industrie und Bodencultur im Litorale erflossen zahlreiche Verfügungen. Die Errichtung einer Assecuranzgesellschaft und einer Börse, einer Leihbank, die Erlassung einer Wechselordnung, die Vermehrung der Handelsflotte, das Navigationsedict vom 25. April 1774 — die erste, partielle Codificirung des geltenden Seerechtes — u. s. w., das Alles hätte genügen können, Triest seiner Bestimmung, sich zu einer See- und Handelsstadt ersten Ranges aufzuschwingen, immer näher zu führen. 3 ) Es konnte der Monarchin, die solche Ziele im Auge hatte, nicht unsympathisch sein, als eben in dem Jahre 1774 von London aus an sie das Ansinnen gestellt wurde, einen Gedanken aufzunehmen, den wenig mehr als fünfzig Jahre vorher Kaiser Karl VI. bereits ver- 9 Karl Ganahl, Beiträge zur Geschichte der Entwicklung der Baumwollindustrie in Vorarlberg (Feldkirch 1873). 2 ) Ausführliches hierüber bei Adolf Beer, Die Zollpolitik und die Schaffung eines einheitlichen Zollgebietes unter Maria Theresia (Innsbruck i 8 g 3 ). 3 ) N. Ebner von Ebenthall, a. a. O., S. n £, 23 f., 43 u. s. w. 3 4 wirklicht, dessen Resultate aber die zwischenliegende Zeit beinahe gänzlich wieder aufgehoben hatte: die Verfolgung einer Colonialpolitik. Ein Holländer, mit Namen Wilhelm Bolts, früher in Diensten der Britisch-ostindischen Compagnie, wandte sich an die österreichische Regierung mit dem Vorschläge zu einer directen Handelsverbindung der Niederlande — damals bekanntlich eines österreichischen Besitzthums — und Triests mit Persien, Ostindien, China und Afrika, «um die österreichischen Häfen ohne die kostspielige Vermittlung anderer Länder mit den wichtigsten Producten Indiens und Chinas zu versehen.» Er fand Gehör. Seine Schicksale wurden erst jüngst wieder erzählt. 1 ) Commodore Freiherr von Wüller- storf, der Sachkundigsten einer, sprach von Bolts und «seinen gehaltvollen Projecten», die nichts weniger als die thatsächliche und dauernde Erwerbung grösserer Niederlassungen sowohl in Ostasien als auch in Ostafrika bezweckten, mit höchster Anerkennung. 2 ) Maria Theresia ertheilte Bolts am 5. Juni 1775 ein Privilegium zur Gründung einer österreichisch-asiatischen Handelsgesellschaft, die mit Hilfe des Antwerpener Bankhauses Proli zu Stande kam. Die ungünstigen Berichte, welche die Kaiserin eben damals von competen- tester Seite über den Stand der Dinge im Küstenlande empfing, konnten sie nur bestärken, der neuen Gesellschaft jeden zulässigen Vorschub zu leisten. Damit stand die Wahl des Grafen Carl Zinzendorf zum Gouverneur von Triest (1776) im Zusammenhänge. Auf dem Handelsschiffe «Joseph und Theresia» trat Bolts mit 155 Mann an Bord im September 1776 seine Reise in Livorno an. Die grössten Gefahren, ja selbst die widrigsten Unfälle, die ihn trafen, hinderten nicht, dass er sein Vornehmen mit Erfolg zu Ende führte. In der Bucht von Delagoa sowohl, als auch an der Küste von Malabar, endlich aber auch auf den Ni ko baren erwarb er ausgedehnten Grundbesitz für Oesterreich, zu dessen Schutze er nicht nur Handels- und Freundschaftsverträge schloss, sondern auch starke Befestigungen anlegte. Im Juli 1779 traf ein von Bolts entsendetes Schiff, aus China kommend, in Livorno ein. Persönlich verfügte sich Grossherzog Leopold in den Hafen und besichtigte die sehr reiche Ladung, die aus Thee, Specereien, Seide und prächtigen Stoffen bestand. Im Mai 1781 kehrte Bolts in Person nach Livorno zurück. Da hatte Kaiserin Maria Theresia, die Patronin Bolts’, die Augen für immer geschlossen. * * in ehrenvolles und gerechtes Urtheil lautet: «Kein österreichischer Regent hat sich um die Entwicklung der Industrie solch’ grosse Verdienste erworben wie Maria Theresia;» keiner, so dürfen wir für die Zeit, von der hier gehandelt wird, sagen, nur Kaiser Joseph II. steht ihr in dieser Hinsicht zur Seite. Es fehlt der Raum, das im Einzelnen nachzuweisen; wenige Proben müssen genügen. Trotz einer überreichen Literatur über Joseph II. hat dieser Monarch seinen Geschichtschreiber bisher leider nicht gefunden, am allerwenigsten als praktischer Volkswirth. Bereits seit 1765, nach dem Tode seines Vaters Franz I., deutscher Kaiser, übte er als Mitregent Maria Theresias einen wesentlichen, zum Theil entscheidenden Einfluss auf die Verwaltung auch der österreichi- *) «Neue Freie Presse» vom 17. März 1898, Nr. 12050. — Die dortigen Mittheilungen stützen sich unter Anderem auf Alfred R. v. Arneth, Geschichte Maria Theresias IX (Wien 1879), S. 469 f. und 481 f.; namentlich aber Dr. Karl v. Scherzer, Reise der österreichischen Fregatte «Novara». Statistisch-commerzieller Theil I. (Wien 1864), 4 0 , S. 298—305 und Anhang, S. 3—20. 2 ) Vermischte Schriften des k. k. Viceadmirals Bernhard Freiherrn v. Wüllerstorf-Urbair, herausgegeben von seiner Witwe (Graz 1889), S. 286. jederzeit wenigstens einen casum specificum und, wenn ihnen deren mehrere bekannt sind, sämmtliche anzuführen.» 1 ) Der Kaiser begnügte sich aber damit nicht. Noch im October 1771 eilte er selbst wieder nach Böhmen, mit eigenen Augen zu sehen und — wenn möglich — zu helfen. Er sah mehr, als er besorgt haben mochte. Zu den bisherigen traurigen Verhältnissen war eine schreckliche Hungersnoth in Folge totaler Misernte getreten. Er referirte an die Kaiserin mit einer Ausführlichkeit und Gründlichkeit, zugleich aber mit einer Offenheit und Freimüthigkeit, wie sie bis dahin unter Monarchen wohl unerhört gewesen. Wieder ist uns jleider versagt, auf Details einzugehen. Das Bild, das er entwarf, konnte kein erhebendes sein; auch nicht in Angelegenheit der Industrie, deren Verhältnisse eingehend an der Hand sorgfältiger, an Ort und Stelle eingeholter Informationen dargestellt wurden. Die kaiserlichen wie die Privatbeamten des Landes müssen sich manches scharfe Wort gefallen lassen. Immer wieder kommt der Berichterstatter auf die grosse Masse des Volkes zurück; bis zur Hefe dieses Volkes steigt er nieder, zum «Pöbel», dessen Wohl und Wehe nach seinem guten Wissen Auf- und Niedergang nicht nur aller Industrie, auch des Staates selbst bedingen. «Der Pöbel» aber, erklärt Joseph II., «lebt in der grössten Ignoranz; die Bürger und viele sich für fromme Seelen Ausgebende werden in einer recht abgeschmackten und der Religion zum Abbruch und zum Gespött dienenden superstitiosen Frömmigkeit durch die in den Städten überhäufte .. . Geistlichkeit erhalten, welche ihnen . . . immer zu kleinen Andächteleien die Gelegenheit geben.» Das Uebel an der Wurzel fassend, geisselt der Kaiser die Entartung der damaligen Geistlichkeit, deren unwürdige Vertreter er bis auf die von ihnen so häufig misbrauchte Kanzel verfolgt. Wie kann man solchen Leuten, ruft er aus, wie sie der Mehrzahl nach sich geben, das vornehmste Staatsgeschäft — die Erziehung des Volkes — anvertrauen! — Und doch! «Von ihnen allein ist die Grundlage der Bildung der Nation zu hoffen. Verfehlen wir sie,» fährt er fort, «oder will man in diesen Theil (der vorzuschlagenden Reformen) nicht eingehen, so ist Alles umsonst und wird man nie etwas recht Vortheilhaftes für den Staat erlangen.» Das Alpha und Omega aller Eröffnungen an die Kaiserin bleibt: «Es gebricht hauptsächlich an der Erziehung in allen Eurer Majestät Erblanden und an den wahren christlichen und moralischen Tugenden!» — Aber noch ist nicht Alles verloren. Der Kaiser schliesst: «Vis unita fortior ist ein allerseits erkannter Satz, welcher keiner Auslegung bedarf. Unsere Monarchie ist gross, weitschichtig, von unterschiedlichen Ländern zusammengesetzt; wenn Alle vereinigt mit wahrem Herzen und Willen sich die Hände bieten, so sehe ich noch die glückseligste Folge vor mir, und ich verzweifle nicht, dass, wenn man ernstlich will und steif darauf hält, man dazu gelangen könne.» 2 ) Es wird verständlich, wer als der eigentliche, intellectuelle Urheber ebensowohl der Allgemeinen Schulordnung des Jahres 1774 wie der einheitlichen Zoll Ordnung des Jahres 1775, der Robotpatente und wie die vielen grundstürzenden Regierungsacte der letzten Jahre heissen mochten, zu betrachten ist. Die ersten namhaften Verfügungen Josephs II. als Alleinherrschers waren das Toleranzpatent und die — Aufhebung der Leibeigenschaft. Alle Nichtkatholiken in allen österreichischen Ländern erlangten mit einem Schlage volles Staatsbürgerrecht, die Freiheit p Dr. Franz Mayer in Mittheilungen des Vereins für Geschichte der Deutschen in Böhmen .XIV (1875— 1876), S. 125h 2 ) Manuscript des k. und k. Haus-, Hof- und Staatsarchivs, Wien. 37 des Gottesdienstes und, was für industrielle Bestrebungen von noch grösserer Bedeutung, die Freiheit der Arbeit. War den Protestanten seither bereits ausnahmsweise gestattet worden, «bei zünftigen Meistern und Fabriken in Arbeit zu treten,» so wurden sie nunmehr befähigt, ausnahmslos alle staatsbürgerlichen Rechte, mit Einschluss des Meisterrechtes und der Fabriksprivilegien, für sich in Anspruch zu nehmen. Es bedarf keiner Auseinandersetzung, um die Tragweite dessen, sowie der zweiten grossen Reform, für die wirthschaftliche Entwicklung der Monarchie klarzulegen. Letztere leitete Joseph selbst mit den Worten ein: er «habe in Erwägung gezogen, dass die Aufhebung der Leibeigenschaft und die Einführung einer gemässigten Unterthänigkeit auf die Verbesserung der Landescultur und Industrie den nützlichsten Einfluss habe, auch dass Vernunft und Menschenliebe für diese Aenderung das Wort reden. ...» Joseph II. wusste, dass Industrie und Land- wirthschaft nur in einem Volke gedeihen können, das sich an Leib und Seele mündig fühlen darf. Wie die Verkehrsschranken im Innern des Reiches, waren die geistigen Barrieren nach aussen hinweggeräumt. Allmälig lernte er nun auch an die Möglichkeit einer Industrie in Oesterreich, trotz ungünstiger geographischer Lage des Reiches, glauben, einer Industrie wie in Preussen, ja in Frankreich und England. Hatte er sich vor Kurzem in übergrosser Bescheidenheit noch als «in Landeseinrichtungssachen rohen, unerfahrenen und allein mit etwas gutem Willen begabten Recruten» betrachtet, so fühlte er doch bald in sich die Kraft und die Macht, dem Beispiele derer zu folgen, die jene Staaten dazu erhoben hatten, was sie für Industrie und Handel waren, eines Friedrich II., eines Colbert, wie einer Elisabeth. Ueber dem Ganzen vergass Joseph nicht das Einzelne. Zum grossen Theil auf seine unmittelbare Anregung mehrten sich in den meisten Industrieländern der Monarchie die Fa- briken sozusagen von Tag zu Tag; am meisten wieder im nördlichen Böhmen, im alten Herzogthum Friedland. Als Graf Joseph M. Kinsky im Jahre 1780 starb, übernahm Graf Heinrich Franz Rottenhann seine Rolle. Er selbst errichtete in Rothenhaus eine umfängliche «Cotton-, Mousse- lin-, Barchent- und Piquefabrik», in Kalich einen Eisenhammer und das Eisenwerk «Gabrielahütte», endlich auf seiner Herrschaft Gemnischt eine Baumwollzeugfabrik. Ebenfalls in Kalich introducirte Forstmeister Joseph Hein (1784) eine Drechslerwaarenfabrik zur Herstellung von Kinderspielwaaren, deren Herstellung ein neuer Erwerbszweig der Erzgebirgsbewohner wurde. Von Kaiser Joseph persönlich ermuntert, erbaute gleichzeitig Joseph Schöffel in Reichenau bei Gablonz eine Fabrik für Papiermacheartikel, deren Erzeugung bald die ganze dortige Gegend beschäftigte. Von dort kam dieselbe Industrie nach Eger, Prag und (durch Johann Gaiger) nach Sandau bei Marienbad, wo sie besonders florirte. In den Jahren 1782—1786 entstanden nicht weniger als zehn Fabriken der Baumwollbranche in Prag. Von der Firma Leitenberger ist gesprochen worden. In Rochlitz und Grulich wurde die Schleier-und Battistweberei eingeführt, in Eger und Rossbach die Mousselinfabrication. In Christiansthal im Isergebirge, in Adolf und Eleonorenhain, Kaltenbach, Franzenthal und Ernstbrunn im Böhmerwalde entstanden neue Glashütten, zumeist den Firmen Johann Leopold Riedl und Johann M,eyr gehörig. In Starkenbach-Hrabaco w legte damals Graf Ernst Guido Har rach eine Leinen- und Battistweberei, in Tupadl Fürst Johann Adam Auersperg eine Baumwollzeugfabrik nebst Färberei und Druckerei an. Männer wie Zacharias Jarschel und Joseph Stolle in 38 Warnsdorf trugen, wieder vom Kaiser selbst durch reichlich bezahlte Bestellungen angeeifert, durch ihre vorzüglichen Leinen- und Baumwollgewebe («gezogene Tischzeuge») wesentlich dazu bei, das genannte Dorf zu einem hervorragenden Industrialorte zu erheben. Rumburg, Schluckenau, Nixdorf, Schönlinde und Georgswalde verstanden es, gleichen Schritt zu halten. Um jene Zeit erfuhr das Eisenwerk in Horowitz durch den Grafen Joseph Wrbna eine vollständige Umgestaltung, so dass es schon 1790 zu den grössten und leistungsfähigsten Werken seiner Art gehörte. Eben damals wurde in Prag, woselbst Prokop Gin die die erste Goldwaarenfabrik anlegte, durch die Franzosen Lun et und Boulogne die Handschuhfabri- cation, in Ehrenberg bei Rumburg die Sparteriewaaren-, in Graslitz im Erzgebirge die Musikinstrumenten-Erzeugung eingebürgert. Trotz rapider Ausdehnung der Baumwoll-Industrie stand doch die Leinen-Manufactur Böhmens keinen Augenblick still, sondern nahm sie vielmehr in denkbar erfreulichster Weise zu. Dasselbe gilt von dem Wollengewebe. Die Zahl der Baumwollweber in Böhmen stieg in den Jahren 1785—1788 von 432 auf 3093, die der Schafwollweber dagegen von 16.698 auf 24.879, die der Leinen weber aber von 54.894 auf 71.979. In demselben kurzen Zeiträume vermehrte sich die Zahl der Baum Wollspinner von 9676 auf 28.747, die der Schafwollspinner jedoch von 30.127 auf 51.087, endlich die der Flachsgarnspinner sogar von 180.066 auf 234.008. Annähernd gleiche Verhältniszahlen hatten die Seiden-Industrie (497:3093), die Papiererzeugung (648:917), die Fabrication von Leder (2081:3266), Glas (3607:3898) und Metall (4880:5827) aufzuweisen. Man zählte 1788 in Böhmen, ohne die Spinner, 121.799 «Fabrikanten», deren Jahresverdienst mit 10,930.770 fl. beziffert wurde, während der bezahlte Arbeitslohn, gering gerechnet, 16,818.625 A- betrug. 1 ) Daraus wird ersichtlich, wie sehr gerade Böhmen die Josephinische Allgemeine Zollordnung vom 27. August 1784 mit ihrem Einfuhrverbote insbesondere aller jener Waaren, «welche genugsam in den k. k. Erblanden fabricirt werden und sonst leicht entbehrlich sind», zugute kam. Das konnte unter den gegebenen Verhältnissen nur anspornen, das hiemit nach berühmten Mustern älterer und neuerer Zeit inaugurirte Prohibitivsystem weiter zu verfolgen und durch die Zollordnung vom 2. Jänner 1788 zu stabilisiren. Sie hatte bis auf unsere Tage die Grundlage der österreichischen Zollverfassung zu bilden. ❖ Auch die übrigen Kronländer blieben selbstverständlich unter Kaiser Joseph II. nicht zurück. In Mähren war es besonders Brünn, das sich hervorthat. Die dort bereits vorhandenen Fabriksanlagen wurden rasch hinter einander ansehnlich vermehrt, so namentlich durch die Firmen Mundi (1780), Hopf und Bräunlich, Ostermann (1786) und Biegmann (1791). Von 23 Feintuchfabriken, welche Mähren am Ausgange des 18. Jahrhunderts beschäftigte, entfielen 14 auf Brünn. Daselbst errichtete Seitter (1785) die erste Fezfabrik Oesterreichs, Schulz die erste Harrasfabrik. In derselben Zeit eröffnete das Aerar eine Tabakfabrik in Göding, während Flick in Althart eine Mousselin-, Klapproth eine Manchesterfabrik in Schönberg begründete, welch’ letztere Stadt alsbald der Hauptsitz der mährischen Leinen-Fabrication werden sollte, während sich Sternberg allgemach zur ersten Weberstadt des Landes für Leinen- J ) Joseph Schreyer, Commerz, Fabriken und Manufacturen des Königreiches Böhmen (Prag und Leipzig 1790). 3g und Baumwollwaaren erhob. Schon Kaiser Franz I. hatte auf seiner Herrschaft Holitsch eine Majolicafabrik angelegt. Ihr folgten nun in Weisskirchen und Bistritz gleichartige Unternehmungen, die selbst mit englischen Erzeugnissen glücklich concurrirten.') Es wäre verlockend, in solcher Weise die Steigerung industrieller Production im Reiche Land für Land zu verfolgen; wir müssten Bände füllen. In Niederösterreich behauptete nach wie vor die Firma Fries & Co. die leitende Stellung im Geschäftsverkehre. Ihr Ansehen stieg in einem Masse, dass sich der Kaiser bewogen fand, den Chef der Firma, Johann Freiherrn von Fries, am 5. April 1783 in den Grafenstand zu erheben. Es mochte den unbefangenen, freisinnigen Monarchen, den «Schätzer der Menschheit», gelüsten, vor aller Welt zu bezeugen, welcher Ehren in seinen Augen Industrie und Handel würdig erscheinen. Aus dem von ihm gefertigten Diplome erfahren wir, dass Fries durch 24 Jahre «mit unermiidetem Eifer, Fleiss und Uneigennützigkeit» die Direction des kaiserlichen Bergwerksproducten-Verschleisses geleitet, «dass an durch unserem k. k. Aerarium besondere, wesentliche Vortheile zugeflossen»; ebenso dass er «im Jahre 1777 der Erste gewesen, der durch seine Mühe auf der Donau bis nach Russzuck (Rustschuk) die Handlung mit unseren inländischen Producten eröffnet und andurch den deutschen Kaufleuten den Weg gebahnt, von dort aus in dem türkischen Gebiete zu handeln, annebst ein deutsches Handlungshaus in Constantinopel errichtet habe» u. s. w. * 2 ) Bis an sein Ende war Graf Fries ununterbrochen schöpferisch thätig. Sein letztes Werk schuf er in Böhmen. Eine vom Kaiser privilegirte «Banater Commerz-Compagnie» hatte vor Jahren in Triest eine Zuckerraffinerie errichtet, die unter Direction ihres Installators, Joseph von Sauvaigne, bald die ältere Fiumaner Fabrik der gleichen Kategorie überflügelte. Als trotzdem Sauvaigne sich veranlasst sah, seinen Posten aufzugeben, wusste Fries ihn zu gewinnen, eine gleiche Raffinerie in Königssaal bei Prag aufzuführen und einzurichten, wozu der Kaiser das dortige alte, sehr geräumige Cistercienser-Klostergebäude unentgeltlich überliess. Während der Vorarbeiten hiezu starb Graf Fries am 19. Juni 1785 zu Vöslau. Das Unternehmen kam gleichwohl zu Stande. Ein Einfuhrverbot auf ausländischen Zucker, im Jahre 1789 erlassen, sorgte für die Prosperität auch dieses neuen, vielversprechenden Industriezweiges. Ausdrückliche Erwähnung verdient, mit welcher regen Theilnahme Joseph II. die Bestrebungen seiner Zeit auf dem Gebiete der Maschinen-Industrie verfolgte. Die fortwährende Ausbreitung der Weberei aller Art und der hierdurch hervorgerufene ständige Mangel an Garnen, insbesondere Baumwollgarnen, spornte die Erfindung mächtig an, die Handspinnerei durch Maschinenbetrieb zu ersetzen. Seitdem, wie man wusste, dieses Problem in England gelöst war, wodurch dieses Land in die Lage kam, den auswärtigen Markt mit billigen Baumwollgarnen förmlich zu überschwemmen, ruhte und rastete man nicht, das sorgfältig gewahrte Geheimnis zu ergründen und dessen grosse Vortheile auch dem Inlande zuzuwenden. Schon 1776 hatte Le Brun ein ausschliessendes Privilegium für eine «Streich- und Spinnmaschine» erwirkt, dessen sechsjährige Verlängerung er 1786 ansuchte. Im selben Jahre besassTuriet schon eine «deutsche», auch «sächsische» Spinnmaschine in Wien. Im Jahre 1789 proponirte Baron Vay eine neue Baumwollstreich- und Spinnmaschine, auf die ihm gleichfalls ein ausschliessendes Privilegium verliehen wurde. 3 ) 9 Christian d’Elvert, a. a. O., S. ii2f. 2 ) Concept, Adelsarchiv (Ministerium des Innern), Wien. 3 ) Stephan Edler von Keess, Darstellung des Fabriks- und Gewerbewesens in seinem gegenwärtigen Zustande, II. Theil, 1. Band (Wien 1824), S. 83. 40 Alle diese Bemühungen führten zwar nicht zum Ziele, können aber doch nicht als völlig unnütz bezeichnet werden. Das industrielle Genie eines Johann Joseph Leitenberger wusste die Nutzanwendung zu finden und setzte in Wernstadt, der erste Oesterreicher, eine véritable englische Baumwollspinnmaschine in dauernden Betrieb; der Bann war gebrochen: das «Maschinen alt er» war auch für Oesterreich gekommen. Auch einer Colonialpolitik war Joseph II. grundsätzlich nicht abgeneigt. Wilhelm Bolts, der kühne Reisende und Colonisator, fand auch bei ihm Entgegenkommen. Nach dessen Rückkehr von Bengalen erklärte sich der Kaiser bereit, eine zweite Expedition nach den asiatischen Gewässern unter gewissen Bedingungen zu unterstützen. Bolts gelang es, schon am 9. August 1781 im Vereine mit Pietro Proli und Anderen (auch Graf Fries war betheiligt) eine neue Handelsgesellschaft mit einem Actiencapital von zwei Millionen Gulden zu bilden («Société Impériale asiatique de Trieste»), der Bolts sein Privilegium vom 5. Juni 1775 abtrat. Ihre weiteren Schicksale sind derzeit noch nicht völlig aufgeklärt. Fünf grosse Schiffe der Gesellschaft, hören wir, liefen im Jahre 1784 den Hafen von Antwerpen an, und es steht fest, dass die jüngste Expedition Bolts’ sich keineswegs als unfruchtbar erwies. Oesterreichs Handel nach Ostindien nahm einen ersten Anlauf, der, von den Späteren conséquent und energisch erfolgt, ihm in den fernsten transmarinen Ländern eine Position hätte verschaffen müssen, die heute so unerschütterlich wäre wie jene irgend einer europäischen Seemacht ersten Ranges. Der nordamerikanische Freiheitskrieg, der England, Frankreich, Holland und die übrigen Seemächte vollauf beschäftigte, war den gleichzeitigen überseeischen Unternehmungen Oesterreichs günstig. Bereits im Jahre 1783 besass Oesterreich nicht weniger als zwölf Ostindienfahrer; die Schiffe führten die Namen: «Joseph und Theresia», «Kaunitz der Grosse» und «Kaunitz der Kleine», «Kolowrat», «Baron Binder», «Belgioso», «Maximilian», «Stadt Wien», «Der Ungar», «Der Croat», «Graf Neni». Die Namen zeigen, dass die Betheiligung eine vielseitige genannt werden durfte. Eben im Jahre 1783 traf es sich jedoch, dass drei dieser Schiffe, der «Belgioso», der «Maximilian» und «Kaunitz der Kleine», welche sämmtlich sehr reiche Ladung führten, im Sturme verunglückten. Das Unglück aber schreckte nicht ab. Ein Zeitgenosse versichert: «Auffallend ist der Eindruck, den diese unangenehmen Vorfälle auf die Gemüther der Nation machten ; weit entfernt, den Muth derselben herabzustimmen, veranlasste es vielmehr eine stärkere Theilnahme an der Seehandlung.» Das wird erklärlich, wenn derselbe Gewährsmann (1785) mit ziffer- nrässiger Bestimmtheit versichert: «In dem Raume von wenig Jahren hat Oesterreich für acht Millionen Waaren auf eigenen Schiffen nach Ostindien verführt und für mehr als vierzehn Millionen daher bezogen. . . .» *) Es unterliegt keinem Zweifel, dass der gänzlich unerwartete Friedensschluss zwischen England, den Vereinigten Staaten, Frankreich und Spanien, dem der mit Holland alsbald folgte (1784), die Bestrebungen der Triester Asiatischen Gesellschaft tief erschütterte. Erfahren wir doch, «dass im Jahre 1784 die ersten Compagnien in der Welt, nämlich die englischen und holländischen Indischen Compagnien, zu gleicher Zeit ihrem Verfalle nahe waren und sicherlich gestürzt sein würden, wenn sie nicht so thätig wären unterstützt worden.» r ) J. M. Schweighofer, a. a. O., S. 364 f., 374. — Man vergleiche auch daselbst, S. 411 f., das Capitel «\ r on den Pflanzörtern und Factoreien der Oesterreicher in Ostindien.» Die Gross-Industrie. I. 4 1 DIE OESTERREICHISCHE INDUSTRIE EINST UND JETZT. VON D R -ALEXANDER PEEZ. 6 * materiellen, wirthschaftlichen und — wenn sich die moralischen Factoren damit vereinigen — des staatlichen und gesellschaftlichen Fortschrittes. Aus Chemie und Technik erstand die moderne Gross-Industrie, und auf den Schultern der letzteren erhebt sich die gewaltige Finanzkraft, die den Staat der Neuzeit trägt und ermöglicht. o o Mannigfaltiges Gewerbe ist in Oesterreich schon alt. In unvordenklicher Zeit wurde in Schlesien, Böhmen und Mähren Linnen gewebt und auf den sonnigen Matten der Gebirge gebleicht. Kleinhäusler arbeiteten zum Verkaufe, und so entstand eine ausgebreitete Hausindustrie. Von freundlich gesinnten Magnaten gerufen, wanderten in Böhmen, Mähren und Schlesien kunstfertige Niederländer ein, welche die Tuchmacherei einbürgerten. Frühzeitig begegnen wir dort auch der Glasmacherei und zahlreichen anderen Gewerben. Ein zweiter Mittelpunkt der österreichischen Industrie war Wien, als Sitz kunstliebender Fürsten und Vorort nach dem Oriente, welcher letztere damals weit reicher war als das germanisch-romanische westliche Europa. Seiner günstigen geographischen Lage entsprechend, hatte Oesterreich nicht nur im Handel mit dem Südosten die Vorhand, sondern Wien entnahm auch von Byzanz mit seinen aus dem Alterthume ohne Zerstörung herübergeretteten Gewerben manche Kunstfertigkeit, von denen beispielsweise die Goldspinnerei und Bereitung feinen Leders noch bis in die Gegenwart hereinragt. Einen dritten starken Kern bildete dann noch die Eisen-Industrie der Alpenländer. Schon die Römer kannten den Stahl der Alpen und eroberten die Erde mit dieser Waffe. Die Eisengewinnung am Erzberge hat wohl auch in den stürmischesten Zeiten der Völkerwanderung nie ganz aufgehört, und als die Verhältnisse mit Karl dem Grossen und den sächsischen Kaisern sich befestigten, als Friede ward und das Flaus Habsburg die Alpenländer unter seinem milden Scepter vereinigte, da vermehrte sich die Erzeugung des Rohmateriales und es begann an den Wassergefällen in Steiermark, Kärnten, Krain und den Erzherzogthümern die Verarbeitung von Eisen und Stahl kräftig aufzublühen. Von den 50.000 Saumrossen, die im Venetianer Handel über die Alpen giengen, trug ein namhafter Theil den Stahl, den Draht, die Nägel, Sensen, Sicheln, Messer und Scheeren Innerösterreichs nach der grossen Handelsstadt der Adria, und die dort auslaufenden Galeeren verbreiteten die werthvolle Waare im Oriente und im ganzen Umkreise des Mittelmeeres, ein Handel, der um so vortheilhafter sein konnte, als die concurrirenden Industriezweige Englands und des Deutschen Reiches damals noch kaum mitsprachen; auch die jetzt so blühende Kleineisen-Industrie der Rheinlande ist ein Ableger unserer alpenländischen Industrie. Der Vorzug Oesterreichs im Mittelalter war seine grössere Nähe bei den Mittelpunkten von Industrie und Handel in damaliger Zeit: dem byzantinischen Reiche und Italien. Mit ersterem stand Oesterreich durch die Donau, mit letzterem durch die leicht zugänglichen Pässe der Ostalpen in Verbindung. Der ostindische Handel war damals überwiegend Landhandel und gieng über Byzanz und über die kleinasiatischen, syrischen oder ägyptischen Städte. Der Schwerpunkt des Handels lag im Mittelmeere, während die Atlantis noch von Dunkel bedeckt erschien. All’ das änderte sich mit der Eroberung von Byzanz durch die Türken (1453) und der Entdeckung von Amerika (1492), sowie der Auffindung des Seeweges nach Ostindien (1498). Jetzt hörte Byzanz auf, das Paris und London der damaligen Zeit zu sein. Jetzt verwandelte sich die grosse Industrie- und Handelsstadt in ein Arsenal gegen Europa und be- 46 sonders gegen dessen Vormacht Oesterreich. Jetzt mündete die Donau in ein gewaltthätig abgeschlossenes, ungastliches Meer, während an allen asiatischen und afrikanischen Küsten des Mittelmeeres der Friede in Krieg, die Schiffahrt nur zu oft in Seeraub übergieng. Der Handel mit Ostindien, allezeit Bringer von Cultur und Wohlstand, fiel in die Hände der an der Atlantis gelegenen Länder Portugal, Holland, England. Mit ausserordentlichem Nachdrucke und in voller Erkenntnis der Gefahr dieser Umwälzung versuchte Kaiser Karl V. die Begründung eines neuen, den geänderten Thatsachen angepassten Systems. Hatte Kaiser Maximilian den Landfrieden, das Reichs-Kammergericht und in den zehn Reichskreisen die Umrisse einer neuen Organisation des Reiches durchgesetzt (1495) und sich, wenn auch vergeblich, um eine Reichs-Zolllinie bemüht, so war das Streben Karls auf noch weitere Ziele gerichtet. Im Besitze Spaniens und der Niederlande, wollte er diese an der Atlantis so günstig gelegenen Länder mit den Erblanden und dem Deutschen Reiche in engere Verbindung bringen. Mit der noch ziemlich rüstig dastehenden Hansa knüpfte er neue Bande. Ebenso mit den oberdeutschen und rheinischen Städten. Glückten diese Bestrebungen, so konnte eine Art mitteleuropäischen Zollvereines entstehen, welchem der kräftige Eintritt in den ostindischen Handel, sowie die Versorgung der spanischen Colonien in Amerika mit Gewerbswaaren zugefallen wäre. Gelang dieser grosse Plan, so gewannen das Deutsche Reich und die Erblande wiederum die Vorhand, spielten in der neuen Welt die erste Rolle, entsandten dorthin ihre Ansiedler, kurz, Mitteleuropa wäre in jene führende Stellung eingerückt, die später Franzosen, Holländern und Engländern zu Theil wurde. Allein diese weitblickenden Absichten wurden wenig verstanden. Sie stiessen allenthalben in Mitteleuropa auf Schwierigkeiten. Die ausländischen Gegner erkannten besser als die Einheimischen die Tragweite jener Politik und ermüdeten und fesselten den Kaiser. Und als dann mit dem Jahre 1526 die Periode jener Türkenkriege begann, welche zweihundert Jahre lang die habsburgischen Kaiser in Athem hielten, und als noch überdies die Religionskriege ausbrachen, welche Mitteleuropa in einen Trümmerhaufen verwandelten, da wurde Oesterreich völlig in die Defensive geworfen und, zwischen Türken und Franzosen gestellt, mit unzuverlässigen Verbündeten an der Seite und oft genug von inneren Aufständen heimgesucht, musste das Haus Habsburg (und unter ihm und mit ihm Oesterreichs Handel und Industrie) in der einfachen Selbsterhaltung den einzig erreichbaren Erfolg erblicken. Fast das ganze 17. und 18. Jahrhundert war mit Kriegen auf dem europäischen Festlande ausgefüllt. Landwirthschaft und Gewerbe litten Noth. Die P'inanzen waren in trostlosem Zustande. Den Kaisern fehlten die Mittel zur Bewältigung der auf sie einstürmenden grossen Aufgaben. Ungarn war fast steuerfrei, die übrigen Länder nur zu genau bestimmten Beiträgen verpflichtet. Aber mitten aus diesen trüben Verhältnissen rang sich die besonders aus der Betrachtung der französischen Finanzlage geschöpfte Ueberzeugung durch, dass ohne gute Wirthschaft keine gute Politik zu machen sei, und an diesen ersten Satz schloss sich bald, als nothwendige Folgerung, der zweite an, dass erst durch Hinzutritt der Industrie die Landwirthschaft zu grösserer Blüthe und Ergiebigkeit gelangen könne. So sehen wir denn auch in Oesterreich, zumal von Kaiser Leopold an, die Pflege der Volkswirthschaft als ein Hauptinteresse der staatlichen Thätigkeit erkannt. Prüfen wir einige Hauptzüge dieser Thätigkeit! Kaiser Leopold I., ein hochgebildeter und gelehrter Herr, welcher drei Universitäten gegründet, suchte der schaffenden Arbeit möglichst gute Bedingungen zu sichern. Am 28. September 1671 erliess er das erste Gesetz gegen den Verbrauch ausländischer Waaren und 47 wirkte gleichzeitig durch sein Beispiel zu Gunsten der heimischen Arbeit. Bei seiner im Jahre 1673 in Graz gefeierten Verehelichung hob der Kaiser gegenüber einem Minister ausdrücklich hervor, «dass er nicht einen Faden am Leibe habe, der nicht in seinen Erblanden gearbeitet wäre». Unter der Regierung des Kaisers Leopold begegnen wir einer Wiener Bank schon im Jahre 1703 (in England 1694, in Berlin 1765). Kaiser Karl VI. rief fremde Werkführer und Arbeiter herbei und gründete einen «Commercienfond» zur Unterstützung: der in- ländischen Gewerbe. Während der im Westen des Deutschen Reiches übliche Name für Kunststrassen, «Chausseen», noch heute bezeugt, dass diese Anlagen in grösserem Stile erst von Napoleon angelegt wurden, baute Karl VI. schon «Kaiserstrassen». Er war es, welcher den Semmering und Loibl fahrbar machte und die Kunststrassen Wien—Frag, Wien—Linz, Wien—Triest in Angriff nahm und theilweise fertigstellte. Von seiner Regierung datiren die ersten besseren Hafenanlagen in Triest, Fiume, Buccari und Porto-Re. Die im Jahre 1717 vom Kaiser in Ositende mit einem Capitale von 6 Millionen Gulden gegründete ostindische Handelsgesellschaft blühte glänzend empor; sie errichtete mit gutem Erfolge Niederlassungen am Ganges und an der Küste von Koromandel und hatte schon fünfzehn eigene Schiffe in See, als die Eifersucht der Engländer und Holländer, mit denen sich Frankreich verband, durch Drohungen und Staatsactionen aller Art dem kriegsbedrängten Kaiser im Jahre 1727 die Auflösung der Gesellschaft abpresste. Dagegen war es kurz vorher gelungen, im Frieden von Passarowitz (im Jahre 1718) die Türkei unter äusserst günstigen Bedingungen für den österreichischen Handel zu öffnen. Kaiserin Maria Theresia, «die herrliche Hausmutter mit der Kaiserkrone auf dem Haupte», war für die österreichische Arbeit in allen ihren Formen thätig. Ihr ist einer der schönsten Fortschritte der Neuzeit zu verdanken: die Gründung von Lehrwerkstätten, also von Schulen, die nicht blos das Wissen, sondern auch das Können lehrten. Sie berief Färber aus Frankreich, Glasarbeiter aus Italien, Appreteure und Bleicher aus der Schweiz, Feinweber aus Mailand. Die Förderung der technischen Bildung lag ihr allezeit am Herzen. In Triest errichtete sie eine nautische, in Schemnitz eine montanistische Hochschule. Im Jahre 1752, also kurz vor Ausbruch des siebenjährigen Krieges, versuchte Maria Theresia der Volkswirthschaftspflege eine ganz neue, systematische Gestalt zu geben. Sie errichtete in den einzelnen Landestheilen Handelskammern und wies ihnen (im Gegensätze zu heute) eine kräftige Executive zu: die Kammern («Commercien-Consesse») gipfelten in einem «Commercien- rathe» in Wien, welchem die Berechtigung zustand, industrielle Unternehmungen mit unverzinslichen Darlehen zu unterstützen. Nach Beendigung des Krieges war dieser Casse über eine Million Gulden zur Verfügung gestellt — eine Summe, die für die damalige Zeit und das damalige Budget gewiss zehn Millionen von heute entsprechen mag. Im Jahre 1771 wird in Wien die erste Börse mit beeideten Sensalen eröffnet. Die Politik der grossen Kaiserin war schutzzöllnerisch, und bei ihrem Tode liess sie, trotz der ihr aufgezwungenen, jedoch ehrenvoll geführten langen Kriege, das Reich wohlhabend und mit consolidirten Finanzen zurück. Dass Kaiser Joseph II. die Bestrebungen Maria Theresias in schärferer Ausprägung fortsetzte, ist bekannt genug. Durch Befreiung des Bauernstandes bahnte -er den Weg zu einem Massenverbrauche von Gewerbswaaren. Den grossen Schritt, den in Deutschland erst der Zollverein gethan, nämlich die Beseitigung der inneren (provinzialen) Zölle und die Errichtung einer gemeinsamen Aussenzollinie, hat für Oesterreich schon Joseph gemacht. Eine Menge einheimischer Arbeit ward dadurch geweckt. «Wo sonst vier Stühle giengen, da gehen jetzt zwanzig», so lautet ein zeitgenössisches Urtheil. In Wien waren bald über 3 ooo Seidenwebstiihle thätig, in Böhmen nahmen die Werkstätten für Tuch, Leinwand und Glas einen starken Aufschwung. 48 Die Errichtung einer technischen Hochschule in Wien ward vorbereitet (zu Stande kam sie allerdings erst später). Gleichzeitig mehrte sich der Handel. Schon damals gieng Schafwolle nach Frankreich, und österreichische Fabricate traf man in Constantinopel, Smyrna und Cadix. Man hat angemerkt, dass vor hundert Jahren an Glaswaaren aus Böhmen 3 Millionen, an Leinwand bis zu 7 Millionen Gulden ausgeführt wurden, und allein im October 1784 bestellten Constantinopeler Kaufleute für 2 Millionen Gulden mährische Tücher. In der Steiermark arbeiteten 200, in Kärnten 90, in den Erzherzogthümern 100 Eisenhämmer und brachten Leben in die entlegensten Alpenthäler. Die Ausfuhr von Getreide aus der Monarchie mag schon damals 3oo.ooo—500.000 Metercentner betragen haben, und sie stieg im Jahre 1771,' einem Jahre der Misernte für das westliche Europa, auf Vj 2 Millionen, welche theils über die adriatischen Häfen, theils auf der Weichsel nach der Ostsee und weiter nach England, theils endlich auf der Donau abflossen. Das Fahrwasser der Donau ward an den schlimmsten Stellen gebessert, und wenn des Donau-Oder-Canales schon im Jahre 1735 als eines alten Projectes, das «nicht rutschen will», Erwähnung geschieht, 1 ) so ward unter Kaiser Joseph der Canal von Wien nach Neustadt erbaut (1772) und das grosse Project einer Wasserverbindung von der Donau und Save durch die Kulpa nach dem adriatischen Meere entworfen. Kaiser Joseph baute auch die Kaiserstrassen Schlesische Grenze—Lemberg, Bukowina—Moldauer Grenze und Karlstadt—Capeliagebirge—Zengg. Verschiedene Handelsgesellschaften sollten dem Aussenhandel dienen. Die Hauptziele waren das Mittelmeer, besonders die Levante und Ostindien. Innerhalb weniger Jahre erreichte die Ausfuhr nach Ostindien den Werth von 8 Millionen Gulden — also mehr wie heute. Im Jahre 1783 besass Oesterreich 15 Ostindienfahrer. Das Schwarze Meer, in welchem lange Zeit hindurch die Türken keinen Handel duldeten, ward von Russland und Oesterreich für ihre Schiffahrt geöffnet, während der Zugang für englische und französische Schiffe durch die Dardanellen noch verschlossen blieb. In den österreichischen Niederlanden stieg der Seeverkehr in so rascher Weise, dass man an die moderne Entwicklung von Hamburg gemahnt wird. Im Jahre 1772 liefen in Ostende 383 Schiffe ein, im Jahre 1782 aber 2636! Man sieht die Pläne Karls V. wieder auferstehen. Damals wurde beabsichtigt, den nordischen Handel mit dem mittelländischen und ostindischen in Verbindung zu bringen. Joseph II. stellte auch schon die auswärtige Politik in entschiedener Weise in den Dienst der wirthschaftlichen Interessen des Reiches. Im Jahre 1784 verpflichtete sich die Pforte zur Entschädigung für jeden von den Barbaresken an österreichischen Schiffen verübten Seeraub. Haider Ali, Sultan von Maisur, der Eroberer Calcuttas und gefährliche Gegner der englischen «Ostindischen Compagnie», welche damals noch lange nicht ganz Indien besass, übergab dem Kaiser Joseph an der Küste von Malabar die Insel Balliapatnam und einen beträchtlichen Strich auf dem Festlande als Geschenk. An beiden Orten wurden österreichische Factoreien errichtet. Im Jahre 1778 ergriff Oesterreich Besitz von der Inselgruppe der Nicobaren mit etwa 2000 Quadratmeilen, sowie von dem nördlichen Theile von Sumatra. Ja sogar in Afrika zeigte sich der Doppeladler, indem die in neuester Zeit so berühmt gewordene und vielbegehrte Delagoabai in Ostafrika besetzt wurde. Auf einer Insel gegenüber der Mündung des Heiligengeistflusses wurde eine Niederlassung gegründet. 2 ) Jene Bai bildet bekanntlich den Hafen des in neuester Zeit so gewaltig in die Höhe strebenden Transvaal und darf daher als eine der werthvollsten Oertlichkeiten in ganz Afrika bezeichnet werden. r ) In dem merkwürdigen Buche von F. W. von Horneck, «Oesterreich über Alles, wenn es nur will». Frankfurt a. M. 1735. 2 ) J. M. Schweighofer, Kommerz der österreichischen Staaten, Wien 1785, S. 414, 418 fg. Die Gross-Industrie. 1. 7 49 Aber alle diese hochbedeutsamen Anfänge erlagen den beiden Todfeinden Oesterreichs: o o der Finanznoth und den Continentalkriegen. Wiederum starb und verdarb die ausgestreute Saat, und die Nachkommen wissen kaum mehr etwas von den hochfliegenden und keineswegs phantastischen Plänen der Vorfahren. Zuerst war es der im Bunde mit Russland unternommene unglückliche Türkenkrieg (1787—1792), welcher den Kaiser lähmte. Dann aber kam die französische Revolution mit ihrem Gefolge von Kriegen, welche 23 Jahre andauerten. Während dieser Zeit riss England den Welthandel, sowie die Seeherrschaft mit aller Ueberlegenheit im Colonialbesitz an sich. Hinter dem blutigen Schleier von Blockaden, Seekämpfen und Continentalkriegen rüstete es seine Industrie mit den gerade damals neuerfundenen Maschinen aus, welche ihm, als endlich im Jahre 1815 der Friede anbrach, eine ungeheure Ueberlegenheit in wirthschaftlichen Dingen über die ermatteten und erschöpften Länder des Festlandes gewährten. Den letzteren fehlten nicht nur die Maschinen, überhaupt die Capitalien, und nicht nur die geschulten Kaufleute, die landwirthschaftlichen und gewerblichen Unternehmer und Arbeiter, sondern es gebrach auch der Politik an Erfahrung und Sachkunde in Bezug auf Volkswirth- schaft und Handelspolitik, woraus denn schwach befestigte Finanzen hervorgiengen. & & Ein grösserer Zug kam in diese Verhältnisse erst nach dem Scheitern der politischen Bewegungen von 1848. Das war denn auch die Geburtsstunde der österreichischen Gross-Industrie. Und so fällt deren Entstehung zusammen mit der Thronbesteigung Sr. Majestät des Kaisers. Erschöpft durch die auswärtigen und inneren Kämpfe der Jahre 1848 und 1849 und müde der Politik mit ihren Leidenschaften und ihren oft unter sich unvereinbarlichen Ansprüchen, suchte und fand die Bevölkerung der Monarchie Erholung, neuen Muth und zugleich ein einigendes Band in der Pflege der wirthschaftlichen Interessen. Durch den Fall der Zwischenzolllinie gegen Ungarn ward ein einheitliches Verkehrsgebiet von Bodenbach und Salzburg bis Czernowitz und Semlin hergestellt. Der lange zurückgedrängte Bedarf rief eine lebhafte Nachfrage hervor, und die Nachfrage ermunterte zur Schaffung neuer Productionsstätten. Unter dem Scepter Sr. Majestät fasste das Gefühl der Sicherheit Boden. Ausgezeichnete Staatsmänner, wie Schwarzenberg, Stadion und Bruck, begriffen und begünstigten die neue Conjunctur; es war Einheit und ein Zug von Grösse in der Gesetzgebung und Verwaltung der damaligen Periode. Die erste Frucht waren Besserung des Credits und der Finanzen. Alles das aber braucht nicht nur der Staat, sondern auch die Gross-Industrie zu ihrem Gedeihen. Im Vordergründe stand der Eisenbahnbau, und das geflügelte Rad ward zum Wahrzeichen der neuen Epoche. In der ganzen vorausgegangenen Zeit lag ein grosses Hindernis eines allgemeineren und dauernden Aufschwunges von Industrie und Landwirthschaft in dem völlig ungenügenden Zu- Stande der Verkehrsmittel. er Handel und alle Production beruhen auf leichter Zusammenführung der Waaren und Personen. Lange Jahrhunderte hindurch aber war bei uns die Trennung und Isolirung Meister. Oesterreich ist ein Binnenland. Seine Seeküste liegt weitab von den Mittelpunkten der Production. Die Donau durchströmt zwar die Mitte des Reiches, ist jedoch, bevor sie Ungarn betritt, im Wesentlichen ein Gebirgsfluss; sie war für das Reich von 50 grosser Bedeutung, aber in ihrem damals ungepflegten Stande allezeit als Strasse gefahrvoll, unzuverlässig und theuer. In den Alpenländern wurden vielfach noch die alten Römerstrassen benutzt; im Norden fehlten auch diese. Erst als die Türkenplage durch die Siege des Prinzen Eugen unter Kaiser Leopold endgiltig abgewiesen war, gewann die Monarchie Müsse und Mittel, um an ein geordnetes Strassenwesen zu denken. Kaiser Karl VI., Maria Theresia, Joseph II. erkannten im Baue von Fahrstrassen ein hauptsächliches Mittel zur Vereinigung der Königreiche und Länder des Kaiserhauses. Aber wie schwer ward ihnen das gemacht durch die vielen Kriege! Die Löhne waren freilich noch sehr gering; man zahlte unter Karl VI. (1711—1740) dem Tagarbeiter (ohne jede Zugabe von Kost) 7 oder 8 Kreuzer oder — wenn die in Brot bestehende Kost zugegeben ward — 4 oder 5 Kreuzer. Und dennoch erschienen die Ausgaben für den Strassenbau in jener Zeit gar oft so unerschwinglich, dass wir heute, in einer Zeit, wo der Reichsrath «ohne mit der Wimper zu zucken» für die Arlbergbahn 43 Millionen und für das galizische Bahnnetz noch ausserordentlich viel höhere Summen bewilligte, jene Schwierigkeiten kaum mehr begreifen. Damals gab es in Innerösterreich drei Arten von Mauthen: kaiserliche, landständische und Privatmauthen. Wie diese Mauthen den Verkehr behandelten, dafür mögen einige Beispiele sprechen. Zwölf Garnituren von Tischzeugen im Werthe von 600 Gulden, die • aus Schlesien nach Triest giengen, wurden blos in Niederösterreich zwischen Wien und dem Semmering fünfmal von Privatmauthnern angehalten. An fünf Orten, also in Neudorf, Sollenau, Wiener- Neustadt, Neunkirchen und Schottwien, hatten sie je fünf Gulden zu erlegen. Macht also 25 Gulden. Und so gieng es weiter. Alle Versuche, diese Mauthen zu erleichtern, ja auch nur sie in eine einzige Abgabe zu verschmelzen, scheiterten. Commissionen über Commissionen wurden abgehalten. Der altösterreichische Wunsch, «Niemand wehe zu thun», liess nichts zu Stande kommen. Die formale Gesetzlichkeit, oft eine Maske der Hilflosigkeit oder minder guten Willens, sowie die Scheu vor jeder Verantwortlichkeit, als bequemster Grund des Nichtsthuns, standen in vollster Bliithe. Dazu noch ein beständiger Kampf der Länder unter sich, deren keines dem anderen eine bessere Strasse oder eine Mautherleichterung gönnte. Ueber den Umfang des Handels in der älteren Zeit fehlen uns die Daten. Doch besitzen wir ein wichtiges Actenstück, welches die Hauptzüge des österreichischen Landhandels um die Zeit von 1770, also vor 120 Jahren, darstellt. Darnach wurden drei Richtungen unterschieden, nämlich: 1. der Levantiner Zug über Triest nach Wien und den Erblanden, dann nach dem nördlichen und östlichen Deutschland, auch Polen und Russland . . 12.000 Fuhren 2. der Tiroler Zug aus der österreichischen Lombardei über Bozen nach Süddeutschland und dem Rhein.5-3oo » 3. der Niederländer Zug aus den österreichischen Niederlanden nach dem Reiche und den Erblanden.3.200 » Rechnet man die Fuhre, da die schlechtesten Strassen und schwächsten Brücken das Maass der Belastung bestimmen, auf 10 Metercentner Beladung, und wird angenommen, dass im Jahre ein Wagen zehnmal seinen Weg macht, so gelangt man zu einer Frachtenbewegung über die Grenze von rund 3 Millionen Metercentner. Rechnet man noch für die kleineren Landwege und den Donauverkehr eine weitere Million hinzu, so finden wir für das Jahr 1770 einen Landhandel von rund vier Millionen Metercentner. (Dagegen betrug der auswärtige Verkehr der Monarchie im Jahre 1896 rund zweihundert und vierzig Millionen Metercentner.) 51 Indessen war der Waarenhandel vor hundert Jahren doch gut geführt. Er war von unten, aus dem Lande selbst, mit kleinen Anfängen entstanden und arbeitete solid und wohlfeil, weil ohne die Noth Wendigkeit grosser Capital Verzinsung. Die Kosten der Güter Verfrachtung waren daher billig, und es ist deshalb der Unterschied zwischen Einst und Jetzt in Bezug auf die Kosten der Waarenfracht nicht so gross, als man oft geglaubt hat. Wir besitzen zuverlässige Daten über die Frachten ab Reichenberg in Böhmen aus der Voreisenbahnzeit. Darnach kann man in der Zeit von 1850—1898 eine VerWohlfeilung der Fracht für Fabricate um kaum mehr als 50—60 Procent annehmen, während Massengut allerdings mehr gewonnen hat. Weit grösser war der Fortschritt im Personenverkehre. Seit dem Jahre 1730 gieng an jedem Donnerstag Mittag eine Stellfuhr von Wien nach Triest ab. Im Sommer war man 9, im Winter 10—12 Tage unterwegs. Nachtfahrt gab es nicht. Ein Reisender (mit 50 Pfund Freigepäck) zahlte von Wien bis Graz 4, von Graz bis Laibach 4, von Laibach bis Triest 2 Gulden, zusammen 10 Gulden. Ein Centner Uebergepäck kostete von Wien bis Triest 3 Gulden. Die Fahrt vertheuerte sich noch durch Brücken-, Weg- und Pferdemauthen, sowie Waarenmauthen; erstere zahlte der Fuhrmann, letztere der Reisende. Dazu kamen die Auslagen für Zehrung und Nachtquartier, so dass die Gesammtkosten für die Reise Wien—Triest sich auf 25—3o Gulden belaufen mochten. Heute beträgt der Fahrpreis für eine Person im Personenzuge der dritten Classe Wien—Triest 12 Gulden. Der ungeheure Unterschied liegt aber nicht im Preise, sondern in der Unbequemlichkeit, der wirklichen Anstrengung und besonders in der Zeitdauer. Wer persönlich in Triest sein musste, brauchte damals, wenn er nicht etwa ritt oder Sonderfuhren benützen konnte, im besten Falle hin und her 18, im ungünstigeren 20—24 Tage, während er diese Reise heute in 36 Stunden abmacht. Also heute eine Abkürzung um das i3—iöfache! Ist aber eine persönliche Anwesenheit in Triest nicht nöthig, so bedient man sich des Telegraphen und Telephons und erledigt dadurch sein Triester Geschäft in einigen Stunden oder gar in einigen Minuten. Bis beispielsweise ein Wiener Kaufmann vor 120 Jahren auf der Reise nach Triest am Semmering angekommen war, hat der Mann der Neuzeit, sagen wir ein Baumwollspinner, von Wien aus telegraphisch schon mit Liverpool, Havre, Bremen und vielleicht auch mit Bombay und New-York gesprochen, hat die Wiener Börse besucht und dazwischen dreimal die Ansicht seiner in Böhmen gelegenen Fabrik gehört, und sein telephonisch nach Triest gegebener Auftrag überholt den Reisenden der alten Zeit, bevor dessen Stell wagen noch die Vorberge des Semmering erklommen hat. Gewöhnt an alle Herrlichkeiten des Erfindungsgeistes und der Technik, macht man sich selten diesen riesenhaften Unterschied von Einst und Jetzt völlig klar — diese unglaubliche Ersparung an Zeit, Kraft und Geld, und diese mächtige Zusammendrängung der Thätigkeit in den Centren des neuzeitlichen Verkehres, woraus eine entsprechende Vermehrung der Wirksamkeit und der Frucht dieser Thätigkeit hervorgeht. Für den Einzelnen wird dieser Nutzen dadurch gekürzt, dass auch alle Concurrenten den gleichen Vortheil geniessen. Das Ergebnis ist also weniger ein Vortheil des einzelnen Geschäftsmannes, als des Verbrauchers und der Gesammtheit. ❖ & ie Grundlage für die ungeheure Entwicklung des Handels der Neuzeit sind, wie gesagt, die Eisenbahnen, deren Entstehung in grösserem Stile mit dem Beginne der Regierung Sr. Majestät zusammenfällt. Die Eisenbahnen waren es denn auch, welche erst die technischen Voraussetzungen für die Gross-Industrie schufen. Mit den Entfernungen schwand die bisherige Trennung der Per- o 00 52 sonen und Güter. Das Brot der Maschine, die Kohle, ward allgemein erhältlich, und so konnte die Dampfkraft an der Seite der Menschenkraft ihre machtvolle Thätigkeit beginnen. Auf den trefflichen Boden Böhmens und Mährens gestützt, entfaltete sich die Zucker-Industrie und gab der Landwirtschaft einen neuen Antrieb. Die Malz- und Bier-Production wuchs auf. Zumeist an der Zucker-Industrie und den Eisenbahnen rankte sich der Maschinenbau empor. Die grosse Industrie der Gespinnste und Gewebe änderte sich; wo es möglich war, schob sich die Hausindustrie in starke, mit Dampfkraft arbeitende Betriebsstätten zusammen. Das geschah zumal in Nordböhmen, in Mähren, Schlesien, in Wien und Vorarlberg. Der Eisenbahnbau begünstigte vor Allem die Eisen- und Maschinen-Industrie. Die Eisen- und Stahl-Industrie der Alpen blieb lange conservativ; Holzkohleneisen von vorzüglicher Güte, aber etwas theuer, war ihre Stärke. Die Eisenbahnen jedoch, wie die Neuzeit überhaupt, verlangten grosse Mengen wohlfeilen Eisens; es ward vielfach aus dem Auslande bezogen. Erst als durch das Thomasverfahren die lange für minderwerthig gehaltenen böhmischen Erze vollkommen brauchbar wurden, als die Stahl-Industrie durch das Bessemer- und Martinverfahren einen neuen Aufschwung nahm und die Gewinnung und Verarbeitung des Eisens einerseits in den Kohlenbecken von Kladno, Ostrau und Teplitz, andererseits am Erzberge und an der Seeküste von Triest festen Fuss fasste — erst dann gewann dieser wichtige Industriezweig die volle Stärke; er verwerthet jetzt seine vorzügliche Qualität, trägt einen gut entwickelten Maschinen- und Wagenbau und ist bestrebt, auch das umfangreiche Gebiet der Kleineisen- Industrie wieder besser zu pflegen. Das durch den Uebergang der Schmelzöfen zu Coaks und Kohle freigewordene Holz wurde von der Papier-Industrie aufgenommen, die sich jetzt weit überwiegend nicht mehr auf Hadern, sondern auf geschliffenes und chemisch zubereitetes Fichtenholz aufbaut, wmdurch eine unerschwingliche Vertheuerung des Papiers verhütet wurde. Neben die altberühmte Glas- Fabrication ist die Thon- und Porzellan-Industrie als stark exportirender Industriezweig getreten. Die grosse chemische Industrie, Leder und Lederwaaren, Kurzwaaren, Holzwaaren, Metallwaaren entfalteten sich. Daneben das weite Gebiet der Kunstindustrie! Kein einziges Gewerbe, das nicht eine Erweiterung, Umgestaltung, oft eine völlige Umwälzung in den verflossenen 50 Jahren erfahren hätte! Der Eintritt der mechanischen Kraft in den Betrieb, welcher das erste Element der Gross-Industrie bildet, musste das Schaffen, die Arbeit, unendlich viel wirksamer machen. Die Zahl der im Jahre 1848 in Oesterreich vorhandenen Dampfmaschinen lässt sich (ohne Locomotiven) auf etwa 400—500 mit 1500 Pferdekräften anschlagen. Im Jahre 1898 masf die Zahl der mechanischen Pferdekräfte sich auf rund 3 Millionen belaufen. Nach Be- rechnungen von fachmännischer Seite entspricht diese mechanische Kraft von 3 Millionen Pferdekräften etwa der Kraft einer Bevölkerung von 44 Millionen Menschen. Demnach hat die Bevölkerung Oesterreichs, die jetzt 25 Millionen beträgt, neben sich eine Bevölkerung von 44 Millionen mechanischer eiserner Sclaven als Hilfskräfte, unter denen weder Kinder, noch Frauen, noch Greise, noch Kranke, noch Müssiggänger sind, Sclaven, die sich nur von Kohle nähren und, bei einer durchschnittlichen Lebensdauer der Dampfmaschine von 25 Jahren, für Nahrung, Wartung und Amortisation nur etwa 4 fl. per Mann jährlich kosten. Hier ist also eine Hauptquelle des Wohlstandes der Neuzeit klargelegt! In demselben Maasse, als in den einzelnen Gewerben die Ueberwälzung der schwersten Arbeit von der Menschenkraft auf die mechanische Kraft erfolgt, wird die Arbeit fruchtbarer. Der entsetzliche Kampf, den die Hausweber der Sudetenländer, ja sogar noch Spinner, in den Jahrzehnten nach 53 dem Frieden von 1815 gegen die während des Franzosenkrieges mit Dampfmaschinen ausgerüsteten Fabriken Grossbritanniens zu bestehen hatten, wird nunmehr deutlich. Erst als das Capital sich der Sache annahm und auch bei uns mechanische Webereien und Spinnereien entstanden, ward der Kampf zum Stehen gebracht, konnte im Inland die Arbeit wieder auf- athmen. Indem das Capital an die Seite der Handarbeit trat, ward die letztere gerettet, wogegen sie allerdings einen Theil ihrer früheren Selbstständigkeit opfern musste. Sie ward aber auch — und diese Entwicklung ist noch lange nicht abgeschlossen — auf eine höhere Stufe gehoben. Statt des eigenen Hebens, Ziehens, Stossens, Drehens wird die E T eberwachung und Leitung der Maschine die eigentliche Aufgabe der menschlichen Arbeit. Da indess die Betriebsweise in den verschiedenen Gewerben eine sehr verschiedene ist, und da die Gewaltarbeit, wie die Maschine sie in der Regel vollzieht, durchaus nicht in allen Gewerben nothwendig oder auch nur verwendbar ist, so bleibt für die menschliche Arbeit noch ein fast unendlicher Spielraum übrig. Man feiert heutzutage das Handwerk der alten Zeit als den goldenen Boden des Mittelstandes. Bis zu einem gewissen Punkte mit Recht, denn die Zunft war die Organisation des Gewerbes ohne Dampfkraft und Naturwissenschaften. Aber auch innerhalb der Zunft gab es Starke und Schwache, Grosse und Kleine, und wenn die Zunftgesetze eine gewisse Gleichheit zu erzwingen suchten, geschah es naturgemäss auf Kosten der Entwicklung des Gewerbes. Und würde etwa unsere Zeit auch nur Einen Tag ertragen jene streng vorgeschriebene und oft ein Jahrhundert lang kaum geänderte Zahl der Betriebe, der Gesellen und Lehrlinge, der Hilfswerkzeuge und der erzeugten Waaren? Und würde unsere Zeit die Einschränkungen der Bevölkerungszunahme mit ihren grausamen Folgen dulden? Endlich: als die Fabricate der fremden Länder an unsere Pforten klopften, hatten wir denn da noch eine Wahl? Kein Zoll wäre hoch genug gewesen, um die wohlfeile, mit Dampf kraft erzeugte Fremdwaare fernzuhalten und den Markt für die Erzeugnisse der einheimischen Zünfte zu behaupten. Nicht zu früh, sondern zu spät, nämlich durch die Kriege und darnach folgende Zeit der Armuth verspätet, gelangte Oesterreich in den Besitz des stärksten Hebels der Neuzeit, und gerade, dass «1 dies zu spät geschah, ist, in Verbindung mit Anderem, die Hauptursache für den Vorsprung der Anderen und für das Schutzbedürfniss des Inlands. War demnach die grosse Umwälzung, der Uebergang vieler Zweige vom Handwerk zur Fabrik, nicht abzuhalten, so muss doch zugestanden werden, dass dieser Uebergang bei uns unvermittelt, unvorbereitet und ohne Rath und hilfreiche That für die Betroffenen erfolgt ist. Heute erkennen wir klar, was hätte geschehen sollen: rechtzeitige Belehrung über das Kommende, Einfluss auf die Berufswahl, bessere kaufmännische und technische Ausbildung in Schule und Lehrwerkstätte, überhaupt eine wohlwollende Gewerbeförderung, wie sie Württemberg unter v. Steinbeis durchgeführt hat. Selbst heute noch bleibt in Bezug auf Genossenschaftswesen, Credit und Orientirung des Nachwuchses über die vom Gang der Technik und Industrie bedingte Lage des Arbeitsmarktes Manches zu Gunsten der Kleingewerbetreibenden zu thun übrig. Das Meiste freilich, um die Wunden, die sie schlug, auch zu heilen, hat die Gross- Industrie selbst gethan, indem sie den Gewerbetreibenden und ihrem Nachwuchse ein ungemessenes Feld der Thätigkeit und des Verdienstes eröffnet hat. In den Fabriken eines einzigen Kron- landes sind jetzt beispielsweise mehr Schlosser thätig, als einst in allen städtischen Zünften der Monarchie zusammengenommen. Wie viele Kräfte wurden ferner von den Eisenbahnen mit ihren Arbeitswerkstätten aufgenommen! Dazu die Pferdebahnen, die Post, der Telegraph, das Telephon, das Fahrrad, die chemische Industrie! In den elektrischen Betrieben Europas fanden mehrere Millionen Menschen (die Angehörigen einbezogen) ein Unterkommen. Dabei wird sich in der Regel der moderne Arbeiter besser befinden als der Geselle und der Kleinmeister der alten Zünfte. Die kühle geschichtliche Forschung kommt hier zu einem anderen Urtheile als die verklärende Romantik oder die Agitation der Leidenschaft. Und wären etwa die alten Zünfte im Stande gewesen, der auf den auswärtigen Märkten durch überlegene Con- currenz fremder Welttheile bedrängten Landwirthschaft der Monarchie einen sicheren inneren O Markt zu bieten, einen Theil der Steuerlast der Landwirthschaft auf sich zu übernehmen und gleichzeitig zwei Drittheile der österreichischen Staatscasse zu füllen, wie es die moderne Industrie thut? Bei Beurtheilung wirtschaftlicher und socialer Zustände vergisst man nur allzu oft, dass die Armuth unsere Mutter war. Noth, Elend und Krieg standen an der Wiege der Menschheit, und die Zeiten friedlichen Gedeihens wurden als seltene Beglückung empfunden. Deshalb blieb auch die Bevölkerungszahl zuweilen durch mehrere Jahrhunderte stehend oder hatte nur eine geringe Zunahme. Man denke, was das heissen will! Oft erfolgten Rückgänge. Nach Tai ne ging noch im Jahre 1715 in Frankreich an Hunger, Steuerdruck und Elend ein Drittheil der ganzen Bevölkerung, nämlich 6 Millionen Menschen, zu Grunde, und kurz vor der Revolution von 1789 antwortete ein Bischof dem Könige Ludwig XVI.: «Die Menschen essen Gras wie die Schafe und sterben wie die Fliegen.» Begründet ist daher der Ausspruch eines scharfen Beobachters: «Die Gegenwart weiss nichts mehr von der Vergangenheit, ja sie will davon nichts wissen; die thatsächliche Besserung aller Verhältnisse wird den meisten Menschen so sauer, dass sie sich nur durch allgemeine Unzufriedenheit dagegen wehren können.» Wer vor hundert, ja vor fünfzig Jahren das Aufhören aller Ehebeschränkungen und die riesige Zunahme der Bevölkerung, wie sie in der Gegenwart stattfindet, vorausgesagt hätte, wäre verlacht worden. Den Grund und Boden Oesterreichs kann man nicht vermehren, die Landwirthschaft lässt sich daher schwer ausdehnen, aber sie erzeugt zahlreichen Nachwuchs. Wohin damit? Nun wohl, alle diese heranfluthenden Menschenmassen nimmt, mit Entlastung von Staat und Gemeinde, die Industrie auf, erzieht sie zu regelmässiger Arbeit, zahlt ihnen jährlich 350 Millionen Gulden Lohn, gewährt ihnen in Krankheitsfällen Beihilfe, entschädigt sie bei Unfällen, disciplinirt sie und macht sie zu nützlichen Mitgliedern der grossen bürgerlichen Gesellschaft. 1 ) Dass dabei noch Leid und Mangel genug übrig bleiben, dass wir Alle an der Verbesserung der Lage der arbeitenden Classen weiter wirken sollen und wirken werden, wer möchte das in Abrede stellen? Aber schon sieht man ein Ziel. Schon hat man festen Boden unter den Füssen. Schon sind die Declamationen von zunehmendem Elende durch die Thatsachen widerlegt. Prüfen wir einige! In England betrug die Arbeitszeit in der Woche von sechs Tagen in dem Jahre 1840.69 Stunden, « « « 1873.60 « , « « « 1878.56 « , « « « 1897.54 « 9 Nach Erhebungen von Inama-Sternegg befanden sich unter ioo Bedürftigen, welche den «Verein gegen Verarmung und Bettelei» in Wien um Unterstützung angingen, nur r3 Procent Fabriksarbeiter, eine Thatsache, die sowohl der Arbeiterschaft wie der Industrie zu hoher Ehre gereicht, und wodurch die in Wien sehr verbreitete oberflächliche Auffassung, als ob die städtischen Armen überwiegend der industriellen Arbeiterschaft angehörten, auf das Gründlichste widerlegt wird. 55 Also in 67 Jahren oder zwei Menschenaltern eine Kürzung der wöchentlichen Arbeitszeit um 15 Stunden oder um 2'/, Stunden am Tage. Das liest sich leicht, aber welcher ungeheure Erfolg liegt darin! Gleichzeitig sind die Löhne von einem durchschnittlichen Taglohne von 19 pence oder 78 Kreuzer Gold im Jahre 1847 bis 1897 auf mehr als das Dreifache gestiegen. Eine andere Thatsache: Nach dem amtlichen Census der Vereinigten Staaten betrug im Jahre 1885 der Vermögensbesitz für die Person 3 oo Dollars, im Jahre 1895 aber schon 1000 Dollars. Hätten wir gar keine anderen Beweise als diese beiden sicheren Daten, so wäre schon durch sie die Lehre von dem zunehmenden Elende als ganz hohl und falsch dargethan. Aber was in den vorgeschrittensten Ländern am bestimmtesten und am frühesten zu Tage tritt, findet, wenn nicht ganz besondere Uebelstände herrschen, in allen modernen Industrieländern statt: die Arbeitszeit hat die Richtung nach abwärts, der Lohn nach aufwärts. Oesterreich war nicht in der glücklichen Lage wie das altbefestigte, reiche England, dessen Boden seit 3 oo Jahren nicht mehr von einem auswärtigen Leinde betreten wurde, und doch hat sich auch bei uns das Schicksal der arbeitenden Classen durchwegs verbessert. Die Zahl der Arbeitstage im Jahre beträgt in Oesterreich 295, und sie ist geringer als in Italien, Belgien, Lrankreich, Schweiz, Baiern, Sachsen, Dänemark, Norwegen, Preussen (305), Holland ( 3 12) und Ungarn ( 3 12). Nur Russland, England und Spanien haben noch weniger Arbeitstage im Jahre. Die tägliche Arbeitszeit lässt sich bei uns in den leichteren Betrieben auf 11 Stunden, in den schwereren auf 10 Stunden anschlagen, sie geht aber auch auf 9, ja 8 Stunden zurück. Die Besserung lässt sich am sichersten an den vorgeschritteneren Industriezweigen erkennen: so besteht in vielen Maschinenfabriken schon seit 1870 der Zehnstundentag, und der Wochenverdienst beläuft sich auf 10 bis 15 Gulden, während sehr gute Arbeiter und Werkmeister schon auf einen Jahreslohn von 1200 bis 1600 Gulden kommen. Nach den amtlichen Ausweisen stiegen (auf Basis eines angenommenen Taglohnes von 100 in den Jahren 1839 bis 1847) die Löhne in Wien: in den Jahren 1871 —1875 auf 292B und in den Jahren 1891 bis 1895 auf 3 o 9 - 5, also hob sich der Jahr es verdi enst auf das Doppelte und Dreifache. Und das geschah in einer Zeitperiode, in welcher, wie obendargethan ward, in Oesterreich drei Millionen von Dampf-Pferdekräften aufgestellt wurden. Es kann daher wohl der einzelne Arbeiter durch die Concurrenz der Maschine geschädigt werden, aber niemals die Arbeiterschaft und die Arbeit, und die Arbeiter werden sich um so besser stehen, je mehr Maschinen in einem Lande thätig sind. Gibt es einen stärkeren, einfacheren Beweis für die Nothwendigkeit des Zusammenwirkens von Capital und Arbeit? Danach wird der sociale Kampf zu einer Zeit- und Bildungsfrage und dreht sich eigentlich um das Tempo des Lortschrittes. In einer Rede «Ueber politische Bildung» sagte im Jahre 1891 der Rector der Universität Wien, Adolf Exner: «Der Wahn, als ob alles an sich Schöne und Wünschbare gemacht werden könnte, wollten nur die sogenannten maassgebenden Lactoren ein Einsehen haben und sich dazu entschliessen, bildet ja die breite Unterlage der gemeinen politischen Kannegiesserei.» Was von der Politik gilt, gilt mindestens im gleichen Grade von wirtschaftlichen Dingen. Die nichtarbeitenden Agitatoren behaupten, die Kürzung der Arbeitszeit und die höhere Entlohnung der Arbeiter hänge nur vom Belieben der Unternehmung ab, während die richtige 56 Ansicht die ist, die Besserung der Lage der Arbeiter habe begonnen zu einer Zeit, wo es noch keine Agitatoren gab, und sie werde, genau wie in England und den Vereinigten Staaten, weiter zunehmen mit der Consolidirung der Industrie, mit der Zunahme der Capitalien und der dadurch bedingten zahlreicheren Verwendung von Arbeitern, mit der Zunahme der Bildung und Leistungsfähigkeit der Unternehmer wie der Arbeiter, endlich mit der Besserung der Pro- ductionsbedingungen des Inlandes, wodurch der Druck, den die ausländischen Preise auf das Inland ausüben, vermindert und erleichtert wird. Unerschütterlich sichergestellt ist jedenfalls der Satz: Der Antheil des Capitals am Gewinne fällt, der Antheil der Arbeit steigt. Das ist die höchste und erfreulichste Signatur der Zeit. Der Umstand, dass die Industrie eines Staates (darin abweichend von der Landwirtschaft) ein ungemessenes Feld der Ausdehnung vor sich hat, führte zu einer scharfen (wenn auch teilweise durch Cartelle geminderten) inneren Concurrenz, und das Ergebnis war das Fallen aller Fabricatenpreise. Auf dem Weltmärkte fielen von 1848 bis 1898 Eisen um 20 Procent, Baumwollgarn und Baumwollgewebe um 3o Procent; da erst nach Entstehung der Eisenbahnen die Welthandelspreise (selbstverständlich mit Hinzurechnung des Zolles) für Oesterreich- Ungarn maassgebend wurden, so fand bei uns ein weit stärkeres Herabgehen statt, so dass für obgenannte Hauptartikel ein Preisfall von etwa 50 Procent anzunehmen ist. Dadurch ist die Lebenshaltung für alle auf festen Bezügen stehende Classen wohlfeiler geworden. Bei manchen Fabricaten beträgt die Verbilligung noch weit mehr. So wird Papier, das um 1875 noch 60 Gulden der Metercentner kostete, im Jahre 1898 mit 25 — 3o Gulden verkauft, Holzstoff kostete einst 12 und heute 5 Gulden, Zellstoff einst 28 und heute 11 Gulden. In welcher Weise die rastlose Thätigkeit von Chemie und Technik sich auf neue Artikel stützt und ununterbrochen an deren Verwohlfeilung und zugleich an Verminderung des Gewinnes arbeitet, ersieht man klar aus dem Ergebnisse der Aluminium-Industrie. Im Jahre 1884 kostete 1 kg Aluminium noch 120 Gulden Gold und im Jahre 1898 nur mehr 0'98 Gulden Gold. Also in vierzehn Jahren eine Preisminderung um weit mehr als das Hundertfache! Zur Herstellung von 1 kg Zucker brauchte man in der ersten Zeit der Entstehung dieser Industrie 18 kg Rüben, im Jahre 1898 nur mehr 8 kg. Der Preis für 1 q Zucker fiel in der gleichen Zeit von 96 Gulden auf 36 Gulden. Die aus diesen Fortschritten der Industrie entsprungene Ersparung für den Verbraucher wäre noch weit beträchtlicher, wenn nicht ein für den Staat höchst wichtiges Moment, das Steuerverhältnis, dazwischenträte. In jenem älteren Preise von 96 Gulden war keine Steuer enthalten, im Gegentheile leistete damals der Staat für die aufkeimende Zucker-Industrie manche Unterstützung, und zwar, wie die Folge bewies, mit vollem Rechte; im Jahre 1898 aber lagen in dem Zuckerpreise von 36 Gulden mindestens i3 Gulden Steuer. Ohne diese Steuer würde der Zuckerpreis auf 22 Gulden gefallen sein, also auf weniger als ein Viertel des ursprünglichen Preises für den Verbraucher. Der Industrielle ist also der Steuereinnehmer für den Staat geworden und liefert ihm überdies mehr als 33 Procent des Preises ab. Während also jetzt der Zucker-Fabrikant nur noch in Ausnahmsfällen mehr als den landesüblichen Zins verdienen mag, zieht den Hauptvortheil von dieser Industrie der Fiscus. Dagegen muss zugestanden werden, dass die Industrie weit empfindlicher ist und weit mehr vom Staate fordern muss als das alte Gewerbe und die Landwirthschaft. Während ein tüchtiger Landwirth zur Noth auf eigene Faust lebt und gedeiht, ist der Industrielle mit tausend Fäden an den Staat und seine Politik wie seine Einrichtungen gekettet. Daher sehen wir die Industrie jener Länder am raschesten in die Höhe wachsen, wo der Staat wächst, und Die Gross-Industrie. I. ® 57 ! umgekehrt. Daher kann es auch Vorkommen, dass eine einzige vergriffene Maassregel für die Industrie und mit ihr für die Gesammtheit die schwerste Schädigung; mit sich führt. Wir haben einen solchen Fall erlebt bei dem durch starke englische Einflüsse herbeigeführten Abschlüsse von Präliminarien über einen Handelsvertrag mit England aus dem Jahre 1865. Damals schwebte die österreichische Industrie in einer grösseren Gefahr als jemals innerhalb der letzten fünfzig Jahre, und es bedurfte starker Anstrengungen, bis die Verstopfung dieser Lücke, durch welche das Verderben eindringen konnte, gelungen ist. Eng mit dem Staate verbunden, bedarf die neuzeitliche Industrie des neuzeitlichen Staates. Niemals hätte die österreichische Industrie ihre heutige Bedeutung erreicht ohne die völlige Umgestaltung der Staatsverwaltung, die sich unter der Regierung Sr. Majestät vollzogen hat. Besonders hervorzuheben sind hier die wahrhaft schöpferischen Perioden von 1850 und 1867. Die Organisation der Verwaltung, die Errichtung des Ministeriums für Handel und Volks- wirthschaft und der Handels- und Gewerbekammern, die Einführung des gesammt-deutschen Handelsgesetzbuches, das neue Volksschulgesetz gehören der ersten Periode an, während die Ordnung der Finanzen, die Trennung der Justiz von der Verwaltung, die Verbesserung und Erweiterung der Schulgesetze, die Gründung von Lehrwerkstätten und gewerblichen Fachschulen mehr in die zweite Periode fallen. Kaiser Franz Joseph gründete zwei Universitäten, drei Lehrmuseen und zahllose Schulen. Nebenher gieng die Ergänzung des Eisenbahn- netzes, die Errichtung von Sparcassen, Creditanstalten und Banken, der Bau des Triester Hafens, die Förderung der Schiffahrtsgesellschaften, der Abschluss von Zoll- und Handelsverträgen. Später traten die socialen Gesetze hinzu. Die Sorge für den Arbeiter äusserte sich, abgesehen von der Gewerbe-Inspection, durch die systematische und auf dem Gebiete der Industrie allgemeine Versicherung gegen Krankheit und Unfall, nachdem schon vorher das Coalitionsgesetz den Arbeitern das Recht gegeben hatte, die Durchsetzung ihrer Ansprüche auf gesetzlichem Wege zu versuchen. Alle diese Ergänzungen und Neuschöpfungen, welche die Erhaltung eines starken Bestandes von Eunctionären nöthig machten, erheischen allerdings, Avie das Heer, sehr bedeutende Kosten, doch wurde ihre Aufbringung durch die zuweilen schmerzlich unterbrochene, doch im Ganzen nie stillstehende Entwicklung der Industrie ermöglicht. Und so hat das Zusammenwirken von Regierung und Volk unter dem milden Scepter Sr. Majestät in einem Zeiträume von fünfzig Jahren eine unermessliche Culturarbeit geleistet, die selten richtig gewürdigt wird, die aber um so bewundernswerther ist, wenn man die spröden inneren Verhältnisse und die häufige Ungunst ausAvärtiger Ereignisse in Rechnung zieht. er kurze Rückblick auf die ältere Wirthschaftsgeschichte, den wir im ersten Theile dieser Darstellung gaben, zeigt als durchgehenden rothen Faden die freundliche und umsichtige Sorge der Regierenden für das Wirthschaftsleben des Volkes. Diese Sorge war ein kostbares Erbgut des habsburgischen Herrscherhauses. In der klaren Erkenntnis, wie schwer es sei, auf nationalem und politischem Gebiete es Allen recht zu machen, suchten die Regenten einen Vereinigungspunkt in der Pflege der materiellen Interessen. In diese Richtung drängten später, als die beständigen Kriege mit Türken und Franzosen ungeheure Summen verschlangen, auch die Finanzen. In Oesterreich war es, wo ein General das Wort fand, dass zum Kriegführen drei Dinge gehören: Geld, Geld und nochmals 58 Geld. In Oesterreich war es, wo auf ein für Kriegszwecke errichtetes Gebäude die schönen Worte geschrieben wurden: «L’art de vaincre serait perdue sans hart de subsister.» Schwere Erfahrungen hatten zu diesen Aussprüchen geführt. In Oesterreich sind weit mehr Kriege verloren gegangen durch Schuld der Finanzen als der Heere und Heerführer. Schon im dreissig- jährigen Kriege hören wir den Bericht: «Mit nicht mehr als 9000 Gulden in der Kriegscasse zog der kaiserliche Obercommandant ins Feld, das Schicksal des deutschen Kaiserreiches, ja der katholischen Welt zu entscheiden.» Wallenstein sagte damals: «Der Kaiser hat nicht die Mittel, um Krieg zu führen, und dies Wesen ohne Geld kann keinen Bestand haben.» Daher denn die lange Dauer des Krieges, die Plünderungen der Soldaten, die Unbotmässig- keit des Heerführers, dem man die Sorge für die Finanzen überlassen musste. Die Briefe des Prinzen Eugen, Starhemberg’s und Fudwigs von Baden sind mit Klagen über diese Mängel erfüllt. Während der Kriege mit Fudwig XIV. wird in den Frankfurter Relationen jeder beim Heere eingetroffenen Geldsendung als einer sehr bemerkenswerthen Sache Erwähnung gethan. «Wenn Oesterreich durch 15.000 Gulden gerettet werden könnte, man wüsste sie nicht aufzubringen,» schrieb Prinz Eugen. 1 ) Ein andermal berichtet der Prinz, dass schon Officiere aus Noth und Armuth umgekommen seien. 2 ) Die Couriere konnten nicht bezahlt werden. Unter Kaiser Leopold wäre nach der Schlacht bei Zenta (1697) ganz Ungarn den Türken entrissen worden, wenn es den Siegern nicht an Schiessbedarf, Lebensmitteln und Geld gefehlt hätte. Im spanischen Erbfolgekriege brachte Oesterreich gegen Catinat’s 80.000 Franzosen aus Geldmangel nur 28.000 Mann unter Waffen. Der Staat zahlte damals 18, 20, ja 24 Procent für kurze Darlehen. Die österreichischen Officiere und Soldaten, von Eugen geführt, wären schon mit den französischen fertig geworden, aber das österreichische Budget von höchstens 12 Millionen Gulden (im Jahre 1701) ward von dem durch Colbert’s Industriepflege hergestellten französischen Budget von 66 Millionen Gulden geschlagen. Aus finanziellen Gründen hatte der Krieg nicht den guten Ausgang, den die Erfolge im Felde versprochen hatten, und die geldbesitzenden Seemächte, England und Holland, trugen das Beste davon. Noch mitten im siebenjährigen Kriege musste Maria Theresia 20.000 Soldaten und 500 Officiere aus Mangel an Mitteln entlassen; einen Theil derselben warb Friedrich II. an, und Oesterreich hatte also doppelt zu leiden. Und wem wäre es unbekannt, dass das Fehlen einer Eisenbahn durch das Pusterthal noch auf den Krieg von 1859 einen unheilvollen Einfluss übte? Von Jahrzehnt zu Jahrzehnt hat sich Oesterreich aus dieser finanziellen Noth und Pein mehr und mehr befreit. Fragt man aber, wieso dies gekommen ist, so muss als wichtigste Hilfe ohneweiters die Industrie genannt werden. Weil Frankreichs Industrie stärker war als die unsere, waren auch seine Finanzen stärker, und behauptete Frankreich auch im Kriege meistens die Oberhand. Seinen allezeit bedeutenden Kriegsbedarf versuchte Oesterreich aus wechselnden Quellen zu decken. Kaiser Maximilian stützte sich auf die Bergwerke Tirols, Karl V. nahm, da er gleichzeitig Spanien beherrschte, die Schätze von Mexico und Peru zu Hilfe, später, unter Maria Theresia, leisteten die Niederlande werthvolle Beihilfe, öfter spielten auch englische Subventionen eine grosse, wenn auch durchaus nicht heilsame, ja zuweilen verderbliche Rolle. Erst in der neuesten Zeit fliessen die Mittel des Inlands so reichlich, um ein in solchem Umfang und in solcher Ausstattung bisher J ) Arneth, Prinz Eugen, S. 212. 2 ) Schreiben des Prinzen Eugen vom 18. Juni 1706 im VIII. Bande des Werkes «Die Feldzüge des Prinzen Eugen von Savoyen», herausgegeben von der Abtheilung für Kriegsgeschichte des kaiserlichen Archives. Wien 1882. 8 * 59 noch in keiner Periode seiner stolzen Geschichte dagewesenes Heer aufzustellen, während die Mittel der wirklichen Kriegführung selbst noch in dem Volksvermögen, als der Reserve, liegen und noch weiterer Verstärkung bedürfen. Und woher fliessen zumeist diese Mittel? Aus den Leistunoren der Industrie. O In solcher Weise hat sich die Industrie dankbar erwiesen für den Schutz und Schirm, der ihr in den besten Zeiten der Geschichte von Seiten des österreichischen Herrscherhauses zu Theil geworden ist. Und niemals erwuchsen aus dieser Harmonie grössere, mächtigere Erfolge, als in den fünfzig Jahren der Regierung Sr. Majestät des Kaisers Franz Joseph! DER AUSSENHANDEL DER MONARCHIE UND DIE STELLUNG DER OESTERREICHISCHEN INDUSTRIE IM WELTMÄRKTE. VON A. G. RAU NI G. wären etwa sechs nebeneinander laufende Güterzüge derselben Länge erforderlich. Diese vier- reihigen langen Wagencolonnen, wozu nebenbei bemerkt der ganze Wagenpark der österreichischen Staats- und Privatbahnen nicht ausreichen würde, enthalten eingeführte ausländische Güter im Werthe von 706 Millionen, die sechsreihigen Waggoncolonnen einheimische, zum Export bestimmte Güter im Werthe von 774 Millionen Gulden, wovon erstere Ziffer ungefähr den österreichischen Staatseinnahmen gleichkommt, letztere aber sie sogar übersteigt. Würde man den sechsreihigen Exportzug abschreiten, dann würde man bemerken, dass auf fünf Wagenreihen Rohstoffe, namentlich Kohle, Elolz und Getreide verladen und nur in einer ganz geringen Zahl von Wagen der sechsten Reihe Fabrikate enthalten sind. Kaum der zehnte Theil der Frachtwagen dient der Fabrikatenausfuhr; aber dieser kleine Theil des Güterzuges ist ebensoviel werth als sein übergrosser Rest. Denn er enthält zum Unterschiede von den Naturproducten die verarbeiteten Stoffe, hochwerthige Fertigerzeugnisse der Industrie. Es ist also ein sehr bedeutendes Interesse, welches die Monarchie an den Aussenhandel knüpft. Durch was der Aussenhandel bedingt ist, dass er nicht nur nothwendig, sondern vortheilhaft ist, das wollen wir als selbstverständlich hier nicht näher ausführen. Was seinen Inhalt anbelangt, so ist derselbe bedingt durch die geographische Lage, das Klima, die Fruchtbarkeit und den Reichthum des Bodens, den Stand der Industrie, der Entwicklung des Verkehrswesens, den Wettbewerb der Nationen, den Weltmarktpreis und die Intelligenz und Tüchtigkeit des Volkes. Bei der heutigen Arbeitstheilung in der Weltwirthschaft ist aber dieser Inhalt für jedes Land ein anderer, ein verschiedener. Doch zerfällt aller Aussenhandel, den wir im weitesten Sinne des Wortes als die Uebertragung von Gütern (materieller und immaterieller Natur) von Staat zu Staat bezeichnen können, in gewisse grosse Gruppen. Gegenstand des Verkehres können nämlich nicht nur materielle Güter, wie Waaren, Edelmetalle und Werthpapiere, sondern auch immaterielle Güter, wie Arbeitsleistungen,' Rechte und selbst der Mensch sein. Und nicht immer hat die Güterübertragung den Charakter des Gebens und Nehmens, also den Charakter des eigentlichen Tausches, des Handels. Schenkungen, Beute, Kriegsentschädigungen, Auswanderungen, Kolonisationen und Anderes haben nicht diesen Charakter und gehören unter die Beispiele für einseitige Güterübertragung. Im Folgenden soll nur von der Uebertragung materieller Güter, vornehmlich der Waaren und der Edelmetalle gesprochen werden, dem Aussenhandel im engeren Sinne des Wortes. Dieser aber gliedert sich wieder in einen sogenannten allgemeinen Handel (Generalhandel) und den Verbrauchshandel (Specialhandel). Letzterer umfasst den Bezug und Absatz oder die Einfuhr und Ausfuhr zum Verbrauche im betreffenden Lande. Zum Specialhandel tritt ergänzend der Durchfuhrhandel und der Vormerkverkehr hinzu. Und nach diesen drei grossen Gruppen des Aussenhandels soll nicht nur der gegenwärtige Stand, sondern auch, soweit eine Vergleichung möglich ist, die allmälige Entwicklung verfolgt werden. Von besonderer Wichtigkeit wäre es allerdings, die Einflüsse festzustellen, welche gewisse Thatsachen auf die Entwicklung unseres Aussenhandels genommen haben. Eine erschöpfende Darstellung würde jedoch über den uns gestellten Rahmen weit hinausgehen, und deshalb werden wir uns darauf beschränken, gelegentlich zu zeigen, welch’ starken Einfluss Zollgebietsänderungen, Zoll- und Handelspolitik, Steuer- und Socialpolitik, Kriege, Ernten und wirthschaftliche Krisen auf die Gestaltung unseres Aussenhandels genommen haben. 64 Das Angebot am Weltmärkte (1892). (Handelswerthe). W: I. Fabricate. Baumwollgarne Wollgarne Leinengarne Jutegarne Seide. li. bodenerzeugmsse, Baum,, wolle ü Wolle Flachs, Hanf Jute Seide,roh. Baumwoll. waren Wollwaren Leinenwaren Seilerwaren Jutewaran Seidewaren Kleider. Rohmetalle Halbfabrikate Ganzfabrikate Eisen u Eis enwaren Maschinen Fahrzeuge Uhren Musikal. Jnstrum. Wissensch.Jnstrum Strohwaren Biirstenbinderw Holz-u.B einwaren Wachstuch Kautschukwaren Leder Lederwaren. Kiirschnerwaren Papierstoff Papierwaren Steinwaren Thonwaren Glaserwaren Kurzwaren Edelsteine Kunstu. Literatur Fette Oele Mine-raloele Chemische Hilfsstoffe Chem. Products Kerzen Seifen Zündwaren, Braunkohle Steinkohle Coke Andere Brennstoffe Erze Mineralien. Holz Kork Schmtzstoffe Kautschuk u.Gutt. Häute -u.Felle. Farb-u. Gerbstoffe Arzenei-u.Parfum Gummen,Harze Dünger • Andere Abfälle. Thee Caffee Gewürze Südfrüchte Rohtabak Mineralwässer Wein. Fleisch Schweinefett Conserv. Fische Käse Butter Eier Andere Esswaren. Pferde Rinder Schweine Schafe Fische,frisch Geflügel Andere Thiere. Tabakfabricate B rant wein Bier Zucker Mehl. Edle Metalle Schema IHi Öslerr, Ungarn Verein.Staaten ipmij Deutsch.Reich Italien Frankreich III III! Russland I l England WfflM Brit. Indien Mafsstab: 10 Mill. Goldgulden =1 mm. Fett Haare, Borsten, Federn .Bettfedern Übrige. r eizen Roqqen Mais Gerste Malz Reis Hafer Andere Getreide. Hülsenfrüchte Hopfen Gemüse Obst Saaten, Samen Pflanz en.. 66 — Die Nachfrage am Weltmärkte (1892). (Handelswerthe). I. Fabricate. Baumwollgarne Wollgarne Leinengarne Jutegarne Seide. II. Bodenerzeugnisse. Baumwolle M^ÜËwôïî Flachs,Hanf Jute Seide, roh. Baumwollwaren Wollwaren Leinenwaren Seilerwaren Jutewaren Seidenwaren Kleider. Roh me falle Haibfabricate Ganzfabricate Eisen u.Eisen waren Maschinen Fahrzeuge Uhren Musik-Instrumente Wissensch. Instrumente Stroh-u. Bastwaren Bürstenbinderwaren Holz-u.Beinwaren Wachstuch Kautschukwaren Leder Lederwaren Kürschnerwaren Papierstoff Papier Steinwaren Thonwaren Glas Kurzwaren Edelsteine Kunstu. Literatur, Fette Oele Mineraloele Chemische Hilfsstoffe Chemische Products Kerzen Seifen Ziindwaren, Tabakfabncate Brantwein Bier Zucker Mehl. Edle Metalle. Braunkohle Steinkohle ■ Coke Andere Brennstoffe Erze Mineralien. Holz Kork Schnitzstoffe Kautschuk Häute u.Felle. Thee ICaffee Gewürze Südfrüchte Rohtabak Mineralwässer Wein. Fleisch Butter Eier Andere Esswaren. Rinder Schweine Schafe Frische Fische Geflügel Andere‘Thiere. Fette Haare,Borsten Federn Übrige, Weizen Schema Österr. Ungarn Deutsch. Reich Frankreich England Übrige. Roqgen Mais Gerste Malz Reis Hafer Andere Getreide. Hülsenfrüchte Hopfen Gemüse Obst Saaten u.Samen Pflanzen. 9* Mafsstab : 10 Mill. Go Id g u Id en » 1 mm. 1875 hält die Mehrausfuhr an, sie hat aber seit einigen Jahren eine beunruhigende Neigung zum Sinken. Der Verkehr in edlen Metallen weist im Grossen und Ganzen eine entgegengesetzte Bewegung auf, indem einem Activum der Handelsbilanz ein Passivum, eine Mehr- einfuhr an Edelmetallen, entspricht. Verfolgt man die einzelnen Linien, dann fällt vor Allem das starke Steigen der Einfuhr- werthe im Zeiträume von 1866—1872 auf. Nach 1872 beharrt die Einfuhr ungefähr auf derselben Höhe, dagegen beginnt mit diesem Jahre die Ausfuhr rasch anzusteigen, um im Jahre 1882 (gleichzeitig mit der Einfuhr) einen ihrer Höhepunkte zu erreichen. Vom Jahre 1882 bewegt sich sowohl die Linie der Einfuhr- als jene der Ausfuhrwerthe fast parallel in absteigender Richtung, damit den grossen Preisfall andeutend, den die Industrie- und Landwirthschafts- erzeugnisse in diesem Zeiträume erlitten haben. Mit dem Jahre 1892, in welchem die von unserer Monarchie mit den mitteleuropäischen Staaten abgeschlossenen Handelsverträge in Wirksamkeit traten, beginnt die Einfuhrlinie von Neuem die Bewegung nach aufwärts, ohne dass ihr die Ausfuhr folgt. Letztere bewegt sich vielmehr in einer unruhigen Zickzacklinie. Der Einfluss der Kriege von 1859 und 1866 ist in den scharfen Einschnitten oder Tiefpunkten, welche die ansteigende Linie der Ein- und Ausfuhr unterbrechen, gekennzeichnet. Die Linie der Zolleinnahmen läuft mit der Linie der Einfuhrwerthe fast parallel. Sie erreicht im Jahre 1866 mit der Einfuhr ihren Tiefpunkt, im Jahre 1872 ihren Höhepunkt. Vom Jahre 1879 an, als die Einfuhrzölle erhöht und in Gold eingehoben wurden, steigen die Zolleinnahmen wieder rasch bis 1883/84 an > um dann wieder in mässigerem Tempo ihren Weg nach oben fortzusetzen. Dieses Umrissbild des Aussenhandels ist die Resultirende aus zahlreichen Componenten. Um nur einige davon anzuführen, sei erinnert an den Einfluss guter und schlechter Ernten, an die amerikanische Concurrenz, weiter daran, dass 1859 und 1866 die Monarchie in Kriege verwickelt war, dass 1876 die orientalischen Wirren unsere Ausfuhr dahin stark beeinträchtigten, dass der 1877 ausgebrochene russisch-türkische Krieg eine zeitweilige Sperrung der Schifffahrt an der unteren Donau brachte, dass Oesterreich-Ungarn während dieser Kriege den kriegführenden Staaten Nahrungsmittel und Holz lieferte, nach Beendigung des Krieges dagegen den sich einstellenden grösseren Bedarf an Fabrikaten deckte. Die Handelskrisen im Jahre 1856 und 1873, die Periode des Anfangs der Achtzigerjahre eintretenden Preisfalles der Waaren, die verschiedenen Aenderungen der Zolltarife der Monarchie und des Auslandes, der Zollkrieg mit Rumänien, der Abschluss der Handelsverträge, die Periode des intensiven Eisenbahnbaues, Viehseuchen, Cholera und Pest, alle diese Factoren haben mehr oder weniger stark unseren Aussenhandel beeinflusst. Später soll an einigen Beispielen dieser Einfluss etwas näher dargestellt werden. Eine zweite graphische Darstellung, die aber nur bis zum Jahre 1871 zurückreicht, gibt die Tabelle auf Seite 69, welche die Verkehrs mengen zur Anschauung bringt. Sie ist ohne Weiteres verständlich. Sie sagt, dass in den letzten Jahren Kohle und Holz dem Gewichte nach den 3 / 4 Theil unserer gesammten Einfuhr und Ausfuhr ausmachen; zunächst wichtig sind die Verkehrsmengen von Getreide, Mineralien, und in der Ausfuhr von Fabrikaten der Artikel Zucker. Alle übrigen Artikel fallen für den Aussenhandel weniger ins Gewicht und haben für den Transport auf Eisenbahnen und Dampfschiffen geringere Bedeutung. Die in beiden Diagrammen verzeichneten Durchfuhrmengen, weil zumeist höherwerthige Artikel umfassend, halten sich in ziemlich bescheidenen Grenzen. Die graphische Darstellung gibt einen kurzen Ueberblick über die Entwicklung und den Stand unseres Special- und unseres Durchfuhrhandels, sowohl des Waarenverkehres als des 68 sicht auf den beabsichtigten Uebergang zur Goldwährung, die ohne hinreichenden Export auf die Dauer nicht aufrechterhalten werden könnte. Zum Schlüsse noch einige Summenziffern. Fasst man den Zeitraum von 1855 —1896 zusammen, dann erhält man Einfuhr Ausfuhr Unterschied Millionen Gulden öst. Währ. Waaren .... 7834.3 9876.7 4-1542.4 Edle Metalle . . . 1544.6 1050.9 — 498.7 Summe. 9378^ 10.427.6 —1048.7 Der Gesammtverkehr, einschliesslich der edlen Metalle, betrug darnach in der Einfuhr abgerundet g l j 2 , in der Ausfuhr 10 l / 2 Milliarden Gulden österreichischer Währung, so dass 1 Milliarde Gulden als Ueberschuss sich ergibt. Aus diesem Verkehre mit dem Auslande sind den Staatscassen rund 1.3 Milliarden an Zolleinnahmen zugeflossen. Die Zölle haben die Entwicklung unserer Industrie ermöglicht, dem Staate eine ergiebige, der Allgemeinheit zugute kommende Einnahmsquelle geschaffen und dadurch in doppelter Richtung segensreich auf die österreichisch-ungarische Volkswirthschaft zurückgewirkt. Diese Ziffern sind durch ihre Flöhe beachtenswerth. Es betrug nämlich die directe und indirecte Steuerleistung Oesterreichs (ohne Ungarn) in den letzten 3o Jahren (1868 —1897) io ! / 2 Milliarden Gulden, somit gerade so viel, als die österreichisch-ungarische Ausfuhr seit dem Jahre 1855 als Erlös ins Land brachte. Jede Schmälerung unseres Exportes würde verminderten Absatz, Preisverlust, Rückgang der Production und damit Rückgang der Steuern bedeuten und nicht nur unseren Staatshaushalt, dessen Ausgaben in Krisenzeiten sich eher erhöhen als vermindern, sondern unsere ganze Volkswirthschaft in Verwirrung bringen. Viel wichtiger noch ist die socialpolitische Seite des Aussenhandels, insbesondere des Exportes. Jede Absatzstockung führt zur Einschränkung der Betriebe, zwingt Tausende und Abertausende von Arbeitshänden zum Feiern und hat Elend und Noth im Gefolge. Die durch die Zollpolitik in den Vereinigten Staaten und Rumänien hervorgerufenen Theilkrisen sind traurige, aber lehrreiche Beispiele dafür. Aber es finden noch andere Werthübertragungen statt. Dahin gehören beispielsweise die Ein- und Auswanderung, gewissermassen die Ein- und Ausfuhr von Arbeitskräften, von Menschen. Es sei nur an die vorübergehende Einwanderung zahlreicher italienischer Arbeiter nach Oesterreich erinnert, die bei grosser Bedürfnislosigkeit namhafte Ersparnisse aus ihrem Lohnverdienste in das Ausland übertragen. Von grösserer Bedeutung ist die Auswanderung, nicht so sehr dadurch, dass mit den Auswanderern auch ihre kleinen Vermögen auswandern, sondern vielmehr dadurch, dass unserer Volkswirthschaft meist tüchtige Arbeitskräfte entzogen werden. Wie die eingeführte Waare durch einen niedrigeren Preis den Markt erobert und die einheimische concurrenzirt, ebenso drückt der einwandernde Arbeiter, weil in der Regel bei derselben Tüchtigkeit bedürfnisloser, die Löhne am Arbeitsmarkt, Grund genug, dass einige Staaten durch verschiedene Verbote, Kopfsteuern und andere Hindernisse den eigenen Arbeiter zu schützen versuchen (Arbeiter-Schutzzölle). Aus Oesterreich-Ungarn wandern nun jährlich ungefähr 80.000 Menschen aus und dürften seit dem Jahre 1848 rund '/ 2 Million Menschen die Monarchie verlassen haben. Der dadurch hervorgerufene Verlust am Nationalvermögen ist, da es für den Werth des Menschen noch keine stichhältige Schätzung gibt, nicht zu erheben. Darüber besteht jedoch kein Zweifel, dass der jährliche Bevölkerungs- Zuwachs Oesterreichs (ausgeschlossen Ungarn) von rund 175.000 Köpfen besser im Inlande beschäftigt würde, schon deshalb, weil unsere Auswanderung bislang nicht zur Bildung von Colonien führte. Diese Aufgabe aber kann, wie die Dinge heute liegen, nur die Industrie übernehmen. INDUSTRIE UND LANDWIRTHSCHAFT IM AUSSENHANDEL. ine Frage von ausserordentlicher Bedeutung ist die Lhitersuchung, welchen Antheil die Landwirthschaft und welchen Antheil die Industrie an unserem Aussenhandel nimmt; sie deckt sich fast mit der Frage: Ist Oesterreich ein Agrarstaat oder ein Industriestaat? Es ist ferner von vorneherein klar, dass durch das Verhältnis, in dem die beiden Hauptproductionszweige zu einander stehen, die ganze Zoll- und Handelspolitik beeinflusst und selbst unsere äussere Politik mitbestimmt wird. Um diese Frage zu beantworten, scheiden wir die sämmtlichen Waaren in zwei grosse Gruppen: in landwirtschaftliche oder Bodenerzeugnisse und in Fabrikate oder Industrieerzeugnisse. Diese Scheidung ist nicht leicht, denn es gibt viele Waaren, die den Charakter eines Halbfabrikates an sich tränen. Die Grenzen sind keine festen, sondern fliessende. Man kann, um nur einige Beispiele zu nennen, Butter, Wein, Olivenöl und andere fette Oele, die als Endproducte vielfach direct zum Verbrauche und Genüsse gelangen, die aber auch weiteren Processen als Halbfabrikate dienen, im Uebrigen aber mit ganz einfachen Mitteln aus dem Rohstoffe erzeugt werden, als Fabrikate, Halbfabrikate oder Rohstoffe betrachten. Die nachstehende Gruppirung zählte sie zu den landwirthschaftlichen Erzeugnissen, weil verhältnismässig wenig Menschenhände und unbedeutende mechanische Kraft zu ihrer Fertigstellung herangezogen wird. Als Kennzeichen eines Industrieproductes sehen wir einen Arbeitsvorgang an, bei dem eine zahlreiche Arbeiterschaft und grosse und gewaltige Maschinen beschäftigt sind. In diesem Sinne wären wir sogar geneigt, die Rohmetalle, ja selbst Kohle, einen der wichtigsten Hilfsstoffe, zu den Industrieerzeugnissen zu rechnen, denn die Erzeugung der Metalle bedingt einen vielseitigen chemischen und technologischen Process, in den Bergwerken pulsen die grössten Dampfmaschinen, und insbesondere die Förderung der Kohle beschäftigt Tausende und Abertausende von Arbeitern. Da aber gerade jene Waaren, über deren Einreihung eine verschiedene Auffassung zulässig ist, ohnehin nicht ausschlaggebend sind und es vor Allem darauf ankommt, ein Bild im Grossen und Ganzen zu gewinnen, so möge dieser Hinweis genügen. In enecer Verbindung mit der Eintheilung; in Boden- und Industrieerzeugnisse steht eine andere, ebenfalls wichtige Unterscheidung des Aussenhandels, der wie fast aller Handel aus dem Begegnen eines Mangels und eines Ueberflusses entsteht. Die Frage ist: Welche Waare müssen wir aus dem Auslande beziehen, welche können wir entbehren, und welche können wir selbst erzeugen? Insoferne man als Industrieerzeugnisse verarbeitete Rohstoffe in des Wortes weitester Bedeutung auffasst, kann man behaupten: alle Industrieerzeugnisse können wir im Inlande herstellen; die einzige Voraussetzung hiezu wäre, wenn nicht andere ungünstige Momente dazutreten, das orenünende Vorkommen des Rohmaterials und seine leichte Zufuhr ’ o 0 71 aus dem Auslande. Damit ist schon die grosse Abhängigkeit des Aussenhandels von der geographischen Lage und der Fruchtbarkeit des Bodens betont, und wir möchten sagen, der unbedingt nothwendige Aussenhandel gegeben. Aus diesem Grunde, also vorwiegend vom Standpunkte der Einfuhr, des Bezuges, sind daher nicht die Fabrikate, sondern nur die Bodenerzeugnisse in drei Untertheilungen zu gruppiren: 1. in solche, die in Oesterreich-Ungarn nicht gedeihen; ausländische; 2 . in solche, die im Inlande in nicht genügender Menge gedeihen; 3. in solche, die im Inlande in überschüssiger Menge wachsen. Es ist das eine Theilung, die wie die frühere Scheidung keine absolut feste und sichere ist. Als weitere Unterabtheilung haben wir noch die zum Genüsse dienenden Rohstoffe von den Roh- und Hilfsstoffen der Industrie getrennt. Die Unterscheidung in obige drei Gruppen entfällt bei den Industrieproducten. Wir haben jedoch landwirthschaftliche Industrie und andere Industrie auseinandergehalten und letztere wieder zur leichteren Uebersicht und besseren Kennzeichnung des Wesens unseres Aussenhandels unterschieden in solche, bei denen die Einfuhr, und in solche, bei denen die Ausfuhr überwiegt. Auf Grund dieser Eintheilung erhalten wir nun für das Jahr 1896 nachstehendes Tabellenbild des Aussenhandels. Der Specialhandel Oesterreich-Ungarns im Jahre 1896. A. Bodenerzeugnisse. 1. In Oesterreich-Ungarn nicht gedeihende (ausländische): a) Kahrlings- und Genussmittel. Waaren- Einfuhr Ausfuhr Mehreinfuhr classe Millionen Gulden X* Kaffee. 31.913 O.008 3I.905 1 * Thee. 2 -5°5 O.004 2. 5 °i I* Cacao . 0.77° O.oo3 0.767 - % 3 Rohtabak... 24.188 0.405 23. 7 83 2 Gewürze. 2.058 0.052 2.006 14* Häringe, Stockfische, Cacao gemahlen, Caviar, Fischconserven 4.681 O.610 4-071 66.115 1.082 65-033 b) Roh- und Hilfsstoffe der Industrie. 2 2 * Baumwolle und -Abfälle (ausschliesslich Watte). 5 1 -389 1 -739 49-650 23* Jute und andere vegetabilische Spinnstoffe. 5 - 861 O.028 5-833 19* Indigo. 5-844 1 -55° 4.294 IQ* Färb- und Gerbstoffe, übrige. 3 .ii 6 2.296 O.820 3o* Kautschuk und Guttapercha, roh und aufgelöst. 3.034 O. 0 36 2.998 12 * Baumwollsamenöl. 2.265 2.265 15* Aussereuropäisches Werkholz, Kork. i . 5 63 O.i 12 1 -45 1 20* Gummen und Harze. 4-3 7 3 I -3oo 3.073 10* Schmuckfedern. I.489 °-45 2 I -037 18* Arznei- und Parfumeriestoffe. O.346 O.039 O.307 11 * Palmkern- und Cocosnussöl. 3.146 O-ooi 3-145 72 Waaren- Einfuhr Ausfuhr Mehreinfuhr classe Millionen Gulden 16* Perlmutter. 2.259 O.054 2.205 16* Cocosnüsse, Stuhlrohr, Bernstein, Meerschaum, Schildpatt etc. 2.780 0.519 2.261 11 * Fischthran .. I -060 0.023 I -037 88.525 8.14g 80.3^6 2. In Oesterreich-Ungarn in ungenügen der Me nge vorkommend: a) Nahrungs- und Genussmittel. Waaren' Einfuhr Ausfuhr Mehreinfuhr classe Millionen Gulden 14* Fleisch. 2.720 I - 311 I.409 14* Käse. 2.217 0.195 2.022 6* Reis. 6.978 0.025 6.953 7* Gemüse. 5-832 4-301 I- 5 3 i 3 Südfrüchte. 10.689 1.392 9-297 IX* Schweine- und Gänsefett ....... 1.718 O.139 1 -579 12* Olivenöl. 1.820 0. 47 o I.350 i3* Wein (Weinmaische). 10.683 4-95^ 5-73 o i3* Essig. 0.o3o O.oi3 O.017 6* Mais, Roggen, Hafer, Hirse, Haidekorn . 1 °-595 1 -419 9.176 - 53-282 14-218 39 -o 64 b) Roh- und Hilfsstoffe der Industrie. 19* Färb- und Gerbstoffe (Valoneen) .... 1.598 O.470 I.128 24* Wolle 1 ). 40.847 I 1.108 29,739 23* Hanf (Werg). 2. 59 o O.946 I.644 23* Flachs (Werg). 8.3 i 6 2 .o 37 6.279 15* Steinkohle. 31.391 5-002 26.389 15* Coaks . 5-no 1 -550 3.560 17* Erze. 2.967 2.697 O.270 39* Kupfer, roh. 8.372 0.134 8.238 39* Zink. 3.508 0.239 3.269 39* Zinn .. 2.452 0.071 2.381 2 I * Mineralöl, roh.. 2.822 0.052 2.770 I I* Fette, übrige (Paraffin, Ceresin, Margarin etc.) 3.115 1 -95° 1-165 l6* Drechsler- und Schnitzstoffe. i .006 O.482 0.524 7* Pflanzen, andere. 4.356 3.700 O.656 7* Oelsaat. 4-oi6 0.83i 3-185 / Sämereien, andere 2 ). 4-486 2.326 2.160 18* Arznei- und Parfumeriestoffe. O.600 O.404 O.196 10* Häute und Felle . .. 18.328 14-830 3.498 10* Haare .. 2.462 I -527 0.935 IO* Blasen und Därme. 1.636 O.624 I -012 12* Leinöl. 3.295 O.008 3.287 12* Fette, Oele, übrige. O.729 O.206 0-523 25 * Seide (Abfälle, Galetten). 1.726 2.944 I.2I8 3 ) 39 * Rohmetalle, übrige. 2 -752 I.268 I.484 158.480 55-406 103-074 *) Einschliesslich von unbedeutenden Mengen von Alpacca, Kaschmir, Haaren etc. 2 ) Hiebei Anis, Coriander und Fenchel. 3 ) Mehrausfuhr. Die Gross-Industrie. I. 73 10 3 . In Oesterreich-Ungarn in überschüssiger Menge vorkommend: a) Nahrungs- und Genussmittel. Waaren- Einfuhr Ausfuhr Mehrausfuhr classe Millionen Gulden l 3 * Mineralwässer. 0.447 3.899 3.452 6* Gerste, Malz, Weizen, Hülsenfrüchte. 67.431 66.153 8 Schlacht- und Zugvieh. 46.859 32 .g 3 i IO* Eier. 39'902 26.875 9 Thiere, andere. 10.148 4-568 7 * Obst'). 7-453 4-369 7 * Hopfen. O.443 5.265 4-822 n* Butter (auch Kunstbutter) .. 3.740 3.686 37-841 184.697 146.856 b) Roh- und Hilfsstoffe der Industrie. 15 * Werkholz (auch Brennholz). 2.079 28.316 26.237 15 * Holz, bearbeitet (Sägewaaren, Fassdauben, Eisenbahnschwellen) 1-384 44-317 42.933 15 * Braunkohle. 24.321 24.213 15 * Andere Brennmaterialien. 0.374 O.309 7 * Kleesaat. 1 -415 6.769 5-354 20* Harze.. 2.322 O.610 7 * Insectenpulver. 1 -949 I.948 17* Mineralien, andere. 6.478 8.581 2 .io 3 I o* Federn (Bettfedern und andere). IO.605 7.516 19* Eichenrinde. 2.165 I.859 10* Thierische Producte, andere .. I.653 0.529 5 °* Abfälle. I I .032 4.965 39* Quecksilber .. 1 -059 1 -°57 23-830 143-463 119-633 B. Industrieerzeugnisse, i. Lan dwirthschaftliche Industrien. a) Einfuhr überwiegend: Mehreinfuhr, Waaren- Einfuhr Ausfuhr bezw. Mehrausfuhr classe Millionen Gulden 5* Tabakfabrikate. 3.423 0.647 2.776 i3* Schaumwein. I.I63 O.008 1 -155 14* Esswaaren, übrige. 0-953 0.398 0*555 5-539 1.053 4-486 b) Ausfuhr überwiegend: 4 Zucker . O.465 75-137 74-672 t3* Bier. 7.982 7.189 i3* Gebrannte geistige Flüssigkeiten . 1-388 2.244 0.856 6* Mehl- und Mahlproducte O.134 1.526 1.392 2.780 86.88g 84* 109 Landwirthschaftliche Industrien 8.319 87.942 79-623 r ) Ananas mit o. 0 3g Millionen Gulden Einfuhr inbegriffen. 74 2. Andere Industrien. a) Einfuhr überwiegend: Waaren- Einfuhr Ausfuhr Mehreinfuhr classe Millionen Gulden 25* Seidenwatte und Garne. 16.197 5-767 10.430 24* Wollgarne (einschliesslich Watte). 23.879 1 - 97 2 21.907 40 Maschinen und Apparate. 2 1.342 3.472 1 7-870 49 Literatur- und Kunstgegenstände. 20.798 9-527 1 1 -271 36 * Steinwaaren') .. 3.117 I.353 1 -764 22* Baumwollgarne (Watte). IO.806 1-233 9 - 5/3 25* Seidenwaaren (einschliesslich Nähseide und Zwirn) 14-732 6-757 7-975 38 Eisen und Eisenwaaren. I 8.424 13.285 5-193 45 * Chemische Hilfsstoffe. 8-355 3.920 4-435 28 Stroh- und Bastwaaren ......... 3.959 O.722 3.237 3 o* Kautschuk- und Guttaperchawaaren 2 ) .... 4 - 9 i 8 1.883 3 -o 35 33 Kürschnerwaaren. 3 . 6 io O.671 2.939 22* Baumwollwaaren. 9-350 7-203 2.147 23 * Jutegarne. O.722 0.082 O.640 . 44 Salz. °-5 37 ° -I 77 0 . 36 o 3 i Wachstuch und Wachstaffet. O.394 0.201 0-193 36 * Echte Edelsteine, Perlen, Korallen, bearbeitet 1 °-45 7 1-873 8.584 ^■597 60.098 III-4gg b) Ausfuhr überwiegend: 35 Glas und Glaswaaren. ■2.221 24-360 22. i 3 9 32 Leder und Lederwaaren. 21.658 4 1 -589 I 9 - 93 i 34 Holz- und Beinwaaren. 5-781 21.068 15-287 26 Kleidung, Wäsche und Putzwaaren. 7-840 I 9-923 I 2 ,q 83 29 Papier und Papierwaaren. 7-120 I 8.230 I I -i 10 24* Wollwaaren . .. II. 3 o 3 I 8.600 7-297 43 Instrumente, Uhren und Kurzwaaren. 1 8.975 2 5-876 6.901 23 * Leinenwaaren (einschliesslich Zwirn). 0.714 7-187 6.473 37 Thonwaaren. 3 . 2 l 3 8.591 5-378 23 * Garne aus Flachs und Hanf. *•925 6-794 4-869 39* Metallwaaren: Ganzfabrikate. 3.359 7-272 3.913 48 Zündwaaren. O. 2 o 3 2.254 2.051 39* Metallwaaren: Halbfabrikate. 0.822 2.084 I -262 27 Bürstenbinder- und Siebmacherwaaren .... 0.246 I -070 O.824 41 Fahrzeuge .............. 0.944 1.428 O.484 2 I * Mineralöl, raffinirt. 1.304 1 - 74 ° 0. 4 36 23 * Seilerwaaren. 0.248 0.645 0.397 23 * Jutewaaren. 0.052 O.297 °-245 46 Chemische Producte. 9 - 5°3 9-565 O.062 47 Kerzen und Seifen. O.367 °-375 O.008 97-798 2l8. 94 8 121-150 t ) Ausgenommen Edelsteine und Kelheimerplatten. 2 ) Einschliesslich Kautschuk, aufgelöst. 75 io* A. Bodenerzeugnisse. i. Ausländische, im Inlande nicht vorkommend: Einfuhr Ausfuhr Mehreinfuhr Mehrausfuhr Millionen Gulden a) Nahrungs- und Genussmittel .... 66.115 I -081 65.035 b) Roh- und Hilfsstoffe der Industrie . • • • • 88-525 8.149 00 p Ul CT\ 2. Inländische, in ungenügender Menge vorkommend: a) Nahrungs- und Genussmittel . 14.218 39-064 b) Roh- und Hilfsstoffe der Industrie . 158.480 55-406 IO3.074 3 . Inländische, in überschüssiger Menge vorkommend: a) Nahrungs- und Genussmittel. 184.697 146.856 b) Roh- und Hilfsstoffe der Industrie . . . . • 23 . 83 o 148-463 119.633 Summe der Bodenerzeugnisse . . 428.073 4 ° 7 -oi 4 21.05g • B. Industrieerzeugnisse. 1. Landwirthschaftliche Industrien .... • 8.319 87.942 79-623 2. Andere Industrien; Einfuhr überwiegend • 171-597 60.098 i i i.499 . 3. Andere Industrien; Ausfuhr überwiegend 97-798 218.948 • 121.150 Summe der Industrieerzeugnisse .... • 277. 7 ! 4 366.988 • 8g.274 A. Bodenerzeugnisse . 407-014 21.059 B. Industrieerzeugnisse. • 2 77. 7I4 366.988 89.274 C. Edle Metalle . 42.534 26.273 Gesammtsumme . • 774-594 816.535 41-942 Darunter Waaren . 705-78 7 774-oo2 . 68.217 A. Die Landwirthschaft im Aussenhandel. Untersucht man die Bodenerzeugnisse, welche in unserer Breite nicht gedeihen, und zunächst wieder jene, welche dem Volke als Nahrungs- oder Genussmittel dienen, dann haben wir es mit Erzeugnissen zu thun, deren Einfuhr keine, oder fast keine Ausfuhr gegenübersteht. Die geringen Ziffern der Ausfuhr sind ihrem Wesen nach Durchfuhren, deren Ursprung für die Handelsstatistik verwischt worden ist. Wir finden hier vor Allem Genuss mittel, und zwar den Bezug von Kaffee mit 3 i. 9 Millionen Gulden » Rohtabak » 24-2 » » » Fischen » 4-7 » » » Thee . » 2 -5 » » » Gewürzen . » 2.1 » » in Summe rund . 66.0 Millionen Gulden. Es sind keine Volksnahrungsmittel, die zum Ueben unumgänglich nothwendig sind, aber es sind Genussmittel, die sich selbst bei den ärmeren Classen eingebürgert haben. Insoferne man es hier mit gewohnheitsmässigen Genussartikeln zu thun hat, müssen wir diesen Theil unserer Einfuhr aus dem Auslande als unentbehrlich, als einen Theil unserer nothwendigen Einfuhr halten. Ein wesentlich höherer Bedarf besteht an Roh- und Hilfsstoffen des Auslandes. Es sind fast durchgehends Roh- und Hilfsstoffe der Industrie und ebenso unentbehrlich 76 als die früher genannten, da nahezu 3 Millionen Arbeiter mit über 6 Millionen Angehörigen mit ihrer Weiterverarbeitung beschäftigt sind. Wir zahlen dafür jährlich 88 - 5 Millionen Gulden' ans Ausland. Der allerwichtigste Artikel darunter ist: Baumwolle . . . mit 51.4 Millionen Gulden. Daran reihen sich: Jute.mit 5.9 Millionen Gulden Indigo ...» 5.8 » » Schnitzstoffe . . » 5.0 » » und in absteigender Folge verschiedene Färb- und Gerbstoffe, Gummen und Flarze, Kautschuk und andere. Die zweite Gruppe, umfassend die Bodenerzeugnisse, die wir als in ungenügender Menge bei uns gedeihend bezeichneten, umfasst, strenge genommen, jene Erzeugnisse, bei denen die Einfuhr die Ausfuhr überwiegt. Der Grund kann ein verschiedener sein. Es kann der Anbau oder die Ernte in diesen landwirtschaftlichen Producten ein für unseren Bedarf ganz ungenügender sein. Dahin gehören beispielsweise von den Nahrungs- und Genussmitteln Mais, Roggen, Hafer, Reis, Südfrüchte, Olivenöl u. s. w. Oder es sind gewisse Genussmittel, wäe z. B. einzelne Käsesorten, die wegen ihrer Güte oder Geschmackseigenthümlichkeit stark verlangt werden, oder es sind Artikel, die durch ihre Preislage und sonstige Beschaffenheit eine bessere_ Verwerthung als unsere eigenen Erzeugnisse ermöglichen. Das gilt insbesondere von den italienischen Weinen, die wegen ihrer Billigkeit und weil sie zum Verschneiden mit den einheimischen Gewächsen sich eignen, in grossen Mengen bezogen werden. In diesen Fällen steht einer grossen Einfuhr auch eine bedeutende Ausfuhr gegenüber. Im Ganzen beträgt die Einfuhr der in diese Gruppen gehörigen Nahrungs- und Genussmittel 47.4 Millionen, die Ausfuhr g . 9 Millionen. Letztere vertheilt sich auf die wichtigeren Artikel wie folgt: Mehreinfuhr in Mill. Gulden Mais, Roggen, Hafer 9-176 Wein. 5 - 7 3 ° Reis. 6. 95 3 Südfrüchte. 9-297 und Hilfsstoffe für die In d u s t r i e betrifft, hervorragendsten Artikel nachstehende: Einfuhr Ausfuhr Wolle. • 40.8 I i-i Flachs (Hanf). IO. 9 3.0 Häute und Felle. . 18.3 14-8 Rohmetalle (Kupfer, Zink, Zinn) . - 1 7 -i l -7 Steinkohle und Coaks. • 36. 5 6.6 Oelsaaten, Sämereien und Pflanzen . 12.8 6.8 Auch hier steht bedeutender Einfuhr erhebliche Ausfuhr gegenüber. Wir führen Wolle, Flachs und Hanf, Häute und Felle, Oelsaat und Sämereien aus, aber wir führen viel grössere Mengen von diesen Artikeln ein. Unsere Erzeugung in diesen Artikeln genügt also nicht für den Bedarf unserer Fabriken, die für bestimmte Waaren bestimmte Qualitäten verarbeiten müssen. Man kann andererseits jedoch nicht behaupten, dass die Production in dieser Richtung keiner Steigerung fähig wäre. 77 Zweifellos gilt dies von der Steinkohle. Eine vermehrte Kohlenförderung durch Ausdehnung des Betriebes könnte uns die Einfuhr preussischer Kohle und Coaks entbehrlich machen. Schwierig, weil von dem Vorkommen der Erze und den Kosten ihres Abbaues abhängig, wäre die Ausdehnung unserer Production in unedlen Metallen, in Zink und Zinn, namentlich aber in Kupfer. Das Bestreben, ausländische Erze zu beziehen und im Lande zu verhütten, wird von der betreffenden, nicht unerheblichen Ziffer angedeutet, und sie dürfte sich in den kommenden Jahren durch den Bezug von schwedischen, spanischen und afrikanischen Erzen (Servola), noch bedeutend steigern; daneben jedoch sehen wir die für die nationale Volkswirthschaft ziemlich belangreiche Ausfuhr von steirischen Eisenerzen. Ausser den genannten Artikeln findet man in der Tabelle weiter Mineralöle und fette Oele mit erheblichen Ziffern angeführt. Auch hierin ist ein Wandel möglich. Die Ansätze hiefür sind bereits bemerkbar durch die grössere Ergiebigkeit der galizischen Petroleumquellen und durch die Anlage neuer Oelfabriken in Triest und Fiume. Seide kommt nicht so sehr o in Form von Galletten als vielmehr abgehaspelt und filirt aus dem Auslande. Ihre Cultur im Inlande ist sicher einer Ausdehnung fähig, und insbesondere die ungarische Regierung hat grössere Anstrengungen gemacht, diesen Productionszweig zu heben. Ob in Oelsaat und anderen Pflanzengattungen das Inland im höheren Maasse für den Bedarf aufkommen könnte, lassen wir dahingestellt. Damit ist aber auch die Reihe der Roh- und Hilfsstoffe, die in ungenügender Menge im Inlande erzeugt werden, erschöpft. Es wandern rund 155 Millionen für diesen Bezug ins Ausland, nur 54 Millionen fliessen aus dem Verkaufe ähnlicher Erzeugnisse wieder zurück, so dass rund 100 Millionen Gulden unsere Unterzeugung zu decken haben. Als dritte und letzte Gruppe der Bodenerzeugnisse haben wir jene Erzeugnisse zu- sammengefasst, welche in überschüssiger Menge bei unseres landwirthschaftlichen Exportes. Denn bei uns gedeihen. Sie bilden den Kern Ausfuhr Einfuhr Mill. Gulden Nahrungs- und Genussmitteln stehen . O dh CO 43.7 Roh- und Hilfsstoffe der Industrie . • • 144-5 27-1 also zusammen gegenüber. . . 333 . 5 70.8 Geht man näher auf die Zusammensetzung dieser Ausfuhr ein, dann ergibt sich, dass bei den Nahrungs- und Genussmitteln die wichtigsten Ausfuhrartikel sind: Mehrausfuhr in Mill. Gulden Gerste, Malz, Weizen und Hülsenfrüchte . . 66.1 Schlacht- und Zugvieh. 33 . 0 Eier.26.9 Thiere, andere .4.5 Obst.4.4 Hopfen.4.9 Butter.3.7 Mineralwässer . 3 . 5 Getreide, Vieh und Eier stehen an der Spitze, andere Thiere, Obst, Hopfen, Butter und Mineralwässer folgen mit kleineren, wenige Millionen erreichenden Beträgen. Diese Artikel sind jedoch zu wichtig, um nicht etwas näher auf sie einzugehen. Was zunächst die 78 Artikel aus der Classe VI Getreide anbelangt, so ist nicht Weizen der Träger dieser Ausfuhr, sondern Gerste und verarbeitete Gerste, Malz. Es betrug nämlich die Ausfuhr Metercentner Mill. Gulden von Gerste .... 4-275 U -4 » Malz .... I -544 20.5 » Weizen • 0-562 5 -i » Hülsenfrüchte • O.602 6. 4 Oesterreich-Ungarn ist, wenigstens im angezogenen Jahre, kein hervorragend Weizen exportirendes Land gewesen, ja sogar der Erlös für Hülsenfrüchte war grösser. Der Hauptartikel bleibt die Hannagerste und das daraus erzeugte Malz, die in grossen und, wie hinzugefügt werden kann, in ziemlich constanten Mengen von den deutschen Brauern bezogen wird. B. Die Industrie im Aussenhandel. Wir gehen zu den Industrieerzeugnissen über. Betrachtet man vorerst die landwirthschaftlichen Industrien, so findet man, dass nur bei Schaumwein und Esswaaren die Einfuhr die Ausfuhr überragt. Diese Genussmittel werden ihrer Marke oder Herkunft wegen bezogen. Zucker, Bier, gebrannte geistige Flüssigkeiten und Mehl, die vier landwirthschaftlichen Industrien im engeren Sinne, bringen mehr als 82 Millionen Gulden jährlich ins Land. An ihrer Spitze und zugleich an der Spitze der österreichischen Exportindustrie steht Zucker mit 75 Millionen. Sie ist für Oesterreich unstreitig die wichtigste Industrie, die «Königin» der Industrie, der Typus des Grossbetriebes und in ihrem Zusammenhänge mit der Landwirthschaft, der Industrie und dem Staate betrachtet, eine Art ideale Industrie. Der Landwirth, die Kohlen- und Maschinenindustrie, die Eisenbahnen und der Staat, sie alle ziehen Vortheile aus ihrem Bestände. Gegenüber dem weit überragenden Export des Zuckers erscheint die Ausfuhr von Bier und Sprit, sowie Mehl fast unbedeutend. Es mag dazu bemerkt werden, dass alle diese Industrien sich der besonderen Fürsorge des Staates erfreuen. Sowohl Zucker als Bier und Spiritus geniessen sogenannte Verzehrungssteuer-Bonificationen bei der Ausfuhr, eine Art Exportprämie, während der Export von Mehl, der hier sehr niedrig erscheint, in der That aber viel grösser ist, auf dem Wege des Mahlverkehres gefördert wird. Diesbezüglich verweisen wir auf das beim Mahlverkehr Gesagte. Ein nicht unwesentlicher Unterschied zwischen den genannten Genussartikeln besteht jedoch darin, dass österreichischer Zucker, entsprechend der hohen Entwicklungsstufe der betreffenden Industrie im Inlande, im Wettbewerbe mit dem Auslande sich eine hervorragende Stellung am Weltmärkte eroberte, wogegen Bier und Mehl, deren Production hauptsächlich für den Bedarf im Inlande eingerichtet ist, nur ihrer besonderen Eigenschaft wegen gesucht werden. Pilsner und Schwechater Bier schätzen auch die ausländischen Trinker, und weisses Brot aus Banater Weizen gehört zum gewohnten Genuss des wohlhabenden Bürgers in fast allen europäischen Städten. Sprit spielt eine untergeordnete Rolle. Die übrigen Industriezweige sind in zwei Gruppen, die Ausfuhr oder die Einfuhr überwiegend, getrennt worden. Besehen wir uns einmal die Gruppe der Exportindustrie, dann finden wir der Reihenfolge nach die alten österreichischen Specialitäten: Glas, Leder, Holz und Bein, Kleider, Papier, Wollwaaren, Instrumente und Kurzwaaren, Leinenwaaren, Thonwaaren, Leinengarne, Ganzfabrikate von Metallwaaren. Bei den übrigen hält sich Ein- und Ausfuhr entweder die Waage, wie bei den chemischen Producten, oder sie ist an und für sich unbedeutend, wie bei den Bürstenbinder- und 79 Siebmacherwaaren, Fahrzeugen, raffinirten Mineralölen, Seilerwaaren, Jutewaaren, Kerzen und Seifen. Im Ganzen steht einer Einfuhr von 98 Millionen Gulden eine Ausfuhr von 219 Millionen Gulden gegenüber. Der Activsaldo beträgt also rund 121 Millionen Gulden. Die Haupteinfuhrposten sind Leder und Lederwaaren (21 Millionen), Instrumente, Uhren und Kurzwaaren (20), Wollwaaren (11), chemische Hilfsstoffe (10), Kleider und Wäsche (8), Papier und Papier- waaren (7), auch PIolz- und Beinwaaren (6), Thonwaaren ( 3 ), sowie Glas und Glaswaaren (2). Bilden die genannten Fabrikate die Lichtseite in unserem Aussenhandel, so legen die Ziffern für die Fabrikate, bei denen die Einfuhr überwiegt, unsere schwachen Punkte, unsere Rückständigkeit bloss. Man wird darin Gegenstände finden, auf welche unsere früher ausgesprochene Ansicht, dass alle Fabrikate im Allgemeinen im Inlande erzeugt werden können, nicht ganz passt. Da ist beispielsweise die erhebliche Post «echte Edelsteine» (io. s Millionen), die von der amtlichen Handelsstatistik, da sie bearbeitet sind, unter Fabrikaten, unter Steinwaaren ausgewiesen werden. Ferner die Classe: Literatur- und Kunstgegenstände mit fast 21 Millionen. Soferne dies Werke ausländischer Schriftsteller und Künstler sind, ist dieser von Wissbegierigkeit und Kunstverständnis zeugende und eine höhere Cultur beweisende Erwerb des Fremden gewiss zu begrüssen. Leider drückt sich darin auch die Ueberlegenheit der deutschen Druck- und Verlagsindustrie aus. Auch der Bezug von Maschinen, der mit einer namhaften Ziffer in der Einfuhr erscheint, ward, zum Theile wenigstens, auf bestehende Patentrechte zurückzuführen sein. Der grosse Theil dieser Post bedeutet aber auch hier die Ueberlegenheit der ausländischen Industrie. Das dürfte bei der durch die Zollverträge vernachlässigten chemischen Industrie zutreffen, nicht zu sprechen von der Uhrenfabrikation, die in Oesterreich einzubürgern kaum noch eine Hoffnung besteht. Dass Tabakfabrikate beim Bestehen eines strengen Monopols keine wesentliche Rolle spielen, ist von vorneherein klar; sie summiren sich aus dem zollpflichtigen Vorrath der Reisenden, Geschenken von Ausländern, wohl auch aus dem directen Bezug weniger Feinraucher. Dass in Oesterreich die Industrie der Halbfabrikate noch nicht zur vollen Blüthe gelangte, findet darin seinen Ausdruck, dass wir beispielsweise eine bedeutende Mehreinfuhr in Garnen haben, nämlich Mehreinfuhr in Mill. Gulden Seidenwatte und Garne . . . . io. 4 Wollgarne.21.9 Baumwollgarne.9.6 Jutegarne.0.6 Auch in der Erzeugung von Halbfabrikaten der Eisenindustrie sind wir nicht auf der Höhe des Consums, wie eine Zergliederung der Post «Eisen und Eisenwaaren» (i8. 4 Millionen Gulden Einfuhr) sofort klar macht. Es belief sich nämlich im Jahre 1896 die Ausfuhr Einfuhr Mehreinfuhr Metercentner Roheisen.117.121 1,482.170 1,365.049 Stabeisen.105.378 163.967 58.589 Bleche und Drähte . . 18.899 114.121 95.222 Aber auch in der Industrie der Ganzfabrikate, insbesondere der Textilindustrie, sind wir dem Auslande tributpflichtig. Es sind dies hauptsächlich: 80 Seidenwaaren . . . mit 14.7 Millionen Gulden Baumwollwaaren . . » 9.4 » » Stroh-und Bastwaaren » 4.0 » » Kautschuk- und Gutta- » perchawaaren . . mit 4.9 Millionen Gulden Kürschnerwaaren . » 3.6 » » » Im Ganzen steht einer Einfuhr von 175 Millionen eine Ausfuhr von 6o. 7 Millionen Gulden gegenüber, das gibt ein Passivsaldo von rund 115 Millionen Gulden. Darunter werden gewiss Specialitäten sich befinden, die Oesterreich-Ungarn vielleicht niemals erzeugen wird, aber es wird darunter auch — und das kann man vom grösseren Theile der Einfuhr behaupten — Artikel geben, die sehr wohl im Inlande erzeugt werden können. Es wäre nicht unbedingt nothwendig, aus England soviel feine Baumwollgarne und Baumwollwaaren, Eisen und Maschinen zu beziehen, auch nicht nothwendig, in Wollgarnen, chemischen Hilfsstoffen vom Deutschen Reiche abhängig zu sein, in Seidenwaaren französische, deutsche und schweizerische Artikel zu bevorzugen. Der Unternehmergewinn könnte im Inlande bleiben, die Eisenbahnen könnten befruchtet, dem Staate mehr Steuern zugeführt werden, vor Allem aber Tausende von Arbeitern mit ihren Familien Brot erhalten, wenn man die gewöhnlichen Verbrauchsartikel in genügender Menge und in gleicher Güte im Inlande selbst erzeugen würde. Nicht unerwähnt soll bleiben, dass ein nicht unwesentlicher Theil dieser Einfuhr auf die bei uns noch stark eingebürgerte Vorliebe für das fremdländische Erzeugnis zurückzuführen ist. Der Engländer, der Deutsche, der Amerikaner ist stolz auf seine Industrie und bevorzugt sie wo nur immer möglich, und selbst mit Opfern. _ V VERHÄLTNIS VON LANDWIRTHSCHAFT UND INDUSTRIE IM AUSSENHANDEL. eiche Rolle Landwirthschaft und Industrie in unserem Aussenhandel spielen, geht aus der letzten Uebersicht (Seite 76) hervor. Darnach entfallen von dem Ge- sammt-Waarenverkehr auf: in der Einfuhr in der Ausfuhr Percente Bodenerzeugnisse . Industrieerzeugnisse 60.6 39.4 Drei Fünftel der Einfuhr bestehen daher in Landwirthschaftsproducten, zwei Fünftel aus Fabrikaten. Bei der Ausfuhr halten sich mit Rücksicht darauf, dass in der obigen Tabelle einzelne schon den Charakter eines Halbfabrikates tragende Waaren unter die landwirthschaft- lichen Producte eingereiht sind, Landwirthschaft und Industrie ungefähr die Wage. Viel günstiger erscheint das Werthverhältnis zwischen Landwirthschaft und Industrie nach der weitergehenden Untertheilung unserer amtlichen Statistik, 1 ) welche im Specialhandel ausweist: nach den einzelnen Productionsgruppen: Einfuhr Ausfuhr nach Rohstoffen und Fabrikaten: Einfuhr Ausfuhr Percente Erzeugnisse Percente d.Land-u.Forstwirthschaftu. Fischerei 46.48 36. 0 6 Rohstoffe, des Bergbaues und Hüttenbetriebes . 10.84 6 . 2 i Halbfabrikate der Industrie.42.68 57-73 Ganzfabrikate 55-32 4 I -12 15.71 13.37 28-97 45 -si Waaren überhaupt . 100.00 100.oo Waaren überhaupt . . . 100. 00 100. 00 : ) Statistik des auswärtigen Handels des österr.-ungar. Zollgebietes im Jahre 1896, I. Bd., I. Abth. Die Gross-Industrie. I. 1 1 81 Wenn man in der ersten Unterscheidung die Erzeugnisse der Bergbau- und Hütten- betriebe, in welchen insbesonders die wichtigere Post «Kohle» auch enthalten ist, zu den Industrieerzeugnissen rechnet oder wenn man in der zweiten Unterscheidung die Halbfabrikate (Garn, Roh- und Stabeisen etc.) ebenfalls zu den Industrieerzeugnissen zählt, dann würde unsere Ausfuhr zu drei Fünfteln aus Fabrikaten, aus Industrieerzeugnissen und nur zu zwei Fünfteln aus Rohstoffen, aus landwirthschaftlichen Producten bestehen. Damit ist abermals dargethan, dass in der Ausfuhr die Fabrikate die landwirthschaftlichen Producte übertreffen. Dieses Uebergewicht der Fabrikate dürfte aber noch grösser sein, weil die Erhebung der Menge und des Werthes der ausgeführten Fabrikate viel grösseren Schwierigkeiten unterließt, als die Erhebungen für die Bodenerzeugnisse, im Allgemeinen daher die Fabrikatenausfuhr zu niedrig angesetzt sein. Diesen industriellen Charakter hat unser Export nicht allezeit besessen. Vor 50 Jahren, als Oesterreich und Ungarn noch getrennte Zollgebiete waren, bot der Aussenhandel der beiden Theile nach der amtlichen Statistik folgendes Bild: Aussenhandel Oesterreichs im Jahre 1847 in Millionen Gulden Conventionsmünze. A. Im Verkehre mit dem Auslande und den Zollausschlüssen: a) der im Zollverbande befindlichen österreichischen Provinzen: Einfuhr Ausfuhr 1. Natur- und landwirthschaftliche Erzeugnisse . . . . 61.8 26.6 2. Fabricationsstoffe und Halbfabrikate. 56.9 51.2 3. Fabrikate, dann literarische und Kunstgegenstände . . 9.3 34.4 128.0 112.2 b) Dalmatiens mit dem Auslande und den anderen Theilen der Monarchie: 1. Natur- und landwirthschaftliche Erzeugnisse. 2.2 3.3 2. Fabricationsstoffe und Halbfabrikate. 0.6 i . 0 3. Fabrikate, dann literarische und Kunstgegenstände . . 1.- 0.1 4.3 4-4 c) Einfuhr aus dem Freihafengebiete in die im Zollverbande befindlichen österreichischen Provinzen: 1. Fabricationsstoffe und Halbfabricate ....... 0.1 2. Fabrikate, dann literarische und Kunstgegenstände . . 1.3 1.4 B. Im Zwischenverkehre von Ungarn und Siebenbürgen mit den anderen österreichischen Provinzen: 1. Natur- und landwirthschaftliche Erzeugnisse .... 26.0 5.0 2. Fabricationsstoffe und Halbfabricate. 26.2 8.3 3. Fabrikate, dann literarische und Kunstgegenstände . . 1.3 44.2 53.5 57-5 Addirt man die Posten a), b) und c), dann kommt man zu Ziffern, die grösser sind als der eigentliche Aussenverkehr der österreichischen Provinzen mit Ausschluss von Ungarn. Mit einigen Ausnahmen geben aber die Gruppe 1 und 2 ungefähr das, was wir als landwirthschaftliche Producte oder Bodenerzeugnisse bezeichnet haben. Um nun einen rohen Vergleich ziehen zu können, müsste man den gegenwärtigen Aussenhandel der diesseitigen Reichshälfte kennen oder den Aussenhandel für den Fall, dass Oesterreich ein geschlossenes Zollgebiet wäre, dem gegenüber Ungarn als Ausland erscheint. 82 Auf Grund der ungarischen Handelsstatistik lässt sich, wenn auch höchst ungenau, der österreichische Aussenhandel construiren. 1 ) Zieht man die so erhaltenen Ziffern zu einem Vergleiche mit dem Jahre 1847 heran, dann erhalten wir folgende Gegenüberstellung 2 ): Einfuhr Ausfuhr 1847 i8g3 Millionen 1847 Gulden i8g3 Bodenerzeugnisse 137 550 86 395 Industrieerzeugnisse . i 3 270 36 660 Uo 820 122 1055 Wenn auch keineswegs einwandfrei, so zeigt die Tabelle doch den grossen Fortschritt in der Entwicklung des österreichischen Aussenhandels. Oesterreichs Einfuhr hat sich verfünffacht, die Ausfuhr verachtfacht. Wenn man auf die Zunahme der landwirthschaftlichen oder der industriellen Ausfuhr sein Auge richtet, dann sieht man, dass die Ausfuhr in Bodenerzeugnissen heute 4 mal, jene der Industrieerzeugnisse 20 mal so gross ist als vor 50 Jahren. Der im Laufe eines halben Jahrhunderts vollzogene Uebergang Oesterreichs vom Agricultur- zum Industriestaate tritt hier einfach und bestimmt hervor. Ob aber dieses Wachsthum im Vergleiche zu anderen Staaten ein verhältnismässiges war, wollen wir an anderer Stelle beantworten. Die Entwicklung, die Oesterreich genommen hat, wird aber auch die Gesammt-Monarchie nothgedrungen nehmen müssen. Den Uebergang haben die obigen Summenziffern angedeutet. Oesterreich ist bereits ein Industriestaat, und Oesterreich-Ungarn wird es in Kürze sein. Um dies klar zu erkennen, braucht man nur den Aussenverkehr in den hervorragendsten Artikeln zu verfolgen, wieder an der Hand trockener Ziffern. Die Mehrausfuhr, beziehungsweise Mehreinfuhr der wichtigsten Landwirthschaftserzeugnisse gestaltete sich folgendermassen: I ) Ein solcher Versuch war in Nr. 24 der «Mittheilungen des Industriellen-Club» enthalten, nach dem sich die Handelsbilanzen Oesterreichs und Ungarns wie folgt ergaben: I. Ungarns Handelsverkehr im Jahre 1891. a) Bezug von Erzeugnissen der Industrie des Bodens Summe aus Mill.Guld. Percente Mill.Guld. Percente Mill.GuId. Percente Oesterreich . . . 336.5 94. + 73.3 56.9 409.8 84. t anderen Ländern ig. g 5.5 55.6 43-i 75-5 15-6 356. + IOO-o I28. g IOO.o 485.3 IOO.o b) Absatz von Erzeugnissen der Industrie des Bodens Summe nach Mill.Guld. Percente Mill.Guld. Percente Mill.Guld. Percente Oesterreich . . . 57., 6g. g 3 4 7., 76.4 404.3 75.4 anderen Ländern 24.5 30., 107.3 23.5 i3i. g 24.0 II. Oesterreichs Handelsverkehr im Jahre 1891. a) Bezug von Erzeugnissen der Industrie des Bodens Summe aus Mill.Guld. Percente Mill.Guld. Percente Mill.Guld. Percente Ungarn. 57., 2l. 2 347., 63.3 404.3 49.4 anderen Ländern 212.(5 78.8 20i. 4 36.7 414-0 5°.6 269.7 100.0 548-5 IOO.q 818.3 IOO.q b) Absatz von Erzeugnissen der Industrie des Bodens Summe nach Mill.Guld. Percente Mill. Guld. Percente Mill.Guld. Percente Ungarn. 336. 5 51.3 73.3 i8. 6 409.8 39.0 anderen Ländern 321.3 48-8 320.3 81.4 641.5 6i. 0 Nach den Tabellen a) und b) betrug, ohne Rücksicht auf Herkunft und Bestimmung, aber mit Rücksicht auf die Scheidung in Industrie- und Bodenerzeugnisse, der Waarenverkehr Ungarns: Waarenverkehr Oesterreichs: Einfuhr Ausfuhr Einfuhr Ausfuhr Mill. Guld. Percente Mill. Guld. Percente Mill. Guld. Percente Mill. Guld. Percente Industrieerzeugnisse . ■ - 3 5 6. 4 73-4 8 i . 7 15-2 Industrieerzeugnisse . . . 269.7 30-3 657-8 62.6 Bodenerzeugnisse . . . . 128.9 26.6 454-4 84 -s Bodenerzeugnisse . . • • 54 8 -5 69.7 393.5 37-4 485-3 IOO.o 536 .,- I OO.q 8 i 8. 2 IOO.Q 1051.3 100.0 2 ) 1847 Gulden Conventionsmünze, 1893 Gulden österr. Währung. 83 11* Mehrausfuhr von Weizen Mahlproducten Hafer Roggen Tausende Meter centner Mais Rindvieh Schweinen Wein 1871—1875 390') 450 586 363 992 34 484 1 I O 00 00 T \o 00 t—t 937 1214 754 107 1x65 59 192 3 o 3 1881—1885 557 1410 454 451 1822 48 70 426 1886—1890 2624 1583 134 307 554 62 6 810 1891—1895 697 451 95 45 758 57 102 428 1896 429 102 638 509 983 54 79 673 Die Ueberschüsse unserer Production in Brotfrüchten und sonstigen Nahrungsmitteln verringern sich zusehends; die Ausfuhr nimmt ab, die Einfuhr zu, eine Thatsache, die mit der Vermehrung der Bevölkerung im engsten Zusammenhänge steht. Auf anderer Seite sehen wir eine gewaltige Zunahme des Bedarfes an Spinnstoffen und eine Vermehrung des Fabri- katenexportes, eine Entwicklung, die wieder mit dem Wachsthum unserer Industrie verknüpft ist. Dafür sprechen folgende Reihen: Mehreinfuhr vor i Baumwolle Flachs, Jute Wolle Tausende Metercentner »O r-. 00 00 t-H 496 244 26 1876 - 1880 600 273 81 l88l - 1885 782 371 141 l886—'1890 909 438 I5 1 1891 — 1895 1128 554 218 1896 1166 598 236 Mehrausfuhr von Kohle Zucker Papier und Branntwein Bier Baumwoll- Leinen und Wollwat aller Art Papierwaaren und Spiritus waaren Jutewaaren Tausende Metercentner 1871 — 1875 1.533 760 Cn OO 38 263 • 27 . 00 T 00 00 0 1 2 . 3 18 1794 1 33 161 3 io 16 16 10 1881 —1885 15.118 2661 23 o 209 326 19 30 20 1886—1890 26.815 2823 349 150 397 22 19 32 1891—1895 33.909 4462 404 245 601 17 32 20 1896 26.523 5*69 413 196 785 2 I 19 25 Dass diese sich seit Jahrzehnten vollziehende Entwicklung aufhöre oder gar in das Gegentheil umschlage, ist vollkommen ausgeschlossen. Möglich ist nur ein weiterer Fortschritt dieses Processes in der Zukunft. Es bedarf auch keiner besonderen Vorhersehung, um die künftige Entwicklung unseres Aussenhandels mit einiger Wahrscheinlichkeit zu erkennen. Dazu dient uns die Summentabelle auf Seite 76. Der Verbrauch an Colonialwaaren, Südfrüchten und der Verbrauch an ausländischen Roh- und Hilfsstoffen für unsere Industrie wird keine Verminderung, sondern kann nur eine Vermehrung erfahren, das heisst, die heute schon dafür ausgegebenen 154 Millionen Gulden (Gruppe 1 der Bodenerzeugnisse) werden eine ständige und eine stets sich vergrössernde Einfuhrpost in unserem Aussenhandel bilden. Von der Gruppe 2 der Bodenerzeugnisse, jener, welche in ungenügender Menge in Oesterreich erzeugt werden, ist eine Abnahme der Einfuhr und eine Zunahme der Ausfuhr kaum zu gewärtigen. Abgesehen davon, dass die Production der Nahrungsmittel im Inlande nicht in dem Maasse vermehrt werden kann, als die Bevölkerung zunimmt, ist ihre Hervorbringung in sehr enge Grenzen gebannt. Sowohl der Anbau und der Ernteertrag gewisser T ) Die fetten Ziffern bedeuten eine Mehreinfuhr. 84 Gemüse, Südfrüchte, Olivenöl und Wein, als auch die Production von Reis, Mais, Roggen und Hafer sind einer sehr grossen Steigerung nicht fähig. Das gilt auch von der Abtheilung b) der Roh- und Hilfsstoffe für die Industrie, die enge mit der Landwirthschaft und dem Vorkommen von Erzen Zusammenhängen. Flachs, Hanf, Seide, Oelsaat u. s. w. kann Oesterreich- Ungarn nicht in solcher Menge erzeugen, dass sie dem Bedarfe unserer Industrie genügen, ebenso nicht Wolle, Häute und Felle, die von dem Stande unserer Viehzucht abhängen, die ohnehin in den letzten Jahren einen Rückgang in einzelnen Thiergattungen zeigte. Ebensowenig; wird voraussichtlich die an das Vorkommen von Erzen gebundene Production an Rohmetallen (Kupfer, Zink, Zinn) wesentlich gesteigert werden können. Eine Ausdehnung, die die rasche Entwicklung in den letzten Decennien wahrscheinlich macht, könnte nur die Kohlenförderung erfahren und dadurch ein Theil der Einfuhr entbehrlich werden. Kurz, auch die Bezüge der Gruppe 2 im Betrage von rund 160 Millionen Gulden lassen eine wesentliche Herabminderung kaum erwarten. Es bleibt somit nur noch Gruppe 3 übrig. Die grössten Bezüge dieser Gruppe bestehen in Schlacht- und Zugvieh und Eiern (Transit aus Russland), Fischen, Wildpret und Obst. Ochsen aus Serbien zur Mästung, Kühe und Pferde zur Zucht, sowie die letztgenannten Nahrungsmittel sind Bedürfnisse, die auch in Zukunft bestehen bleiben und eher eine Neigung zum Wachsen als zum Abnehmen haben werden. Von der Gruppe der Hilfsstoffe (Abtheilung b) sind nur Mineralien und ^Abfälle hervorzuheben. Von der Gesammt-Einfuhr der Bodenerzeugnisse im Betrage von 428 Millionen werden daher nur verhältnismässig kleine Beträge durch eine künftige Vermehrung der inländischen Production in Abfall kommen, und man wird nicht weit fehlgehen, wenn man als constante, als niedrigste Kaufsumme für unsere Bezüge an Bodenerzeugnissen rund 400 Millionen Gulden ansetzt. Was nun die Ausfuhr betrifft, so fällt Gruppe 1 ausser Betracht. Gruppe 2 hat eine Ausfuhr von 55 Millionen, die vielleicht erhalten, aber aus den schon bei der Einfuhr angegebenen Gründen kaum gesteigert werden können, denn die Summe setzt sich zusammen aus thierischen Producten, wie Häuten und Fellen, Wolle und Haaren, Spinnstoffen, Flachs und Seide, Erzen, Pflanzen und Sämereien. Gruppe 3 bildet den starken Kern unserer landwirthschaftlichen Ausfuhr, die in der Hauptsache aus Gerste und Malz, Schlacht- und Zugvieh, Holz und Braunkohle besteht. Diese Ausfuhr könnte noch einen weiteren Aufschwung nehmen, aber auch sie muss über kurz oder lang ihren Höhepunkt erreichen. Das gilt namentlich von den erstgenannten Artikeln. Braunkohle hat vielleicht — wenigstens spricht dafür die bisherige Entwicklung — eine grössere Zukunft, weniger vielleicht Holz. Die Holzausfuhr, durch ausserordentlich billige Tarife besonders gefördert, ist nationalökonomisch nicht unbedingt gutzuheissen. Jedenfalls wäre die Ausfuhr von Holz in mehr oder minder verarbeitetem Zustande als Säge- waare, Cellulose, Holzwaare und Papier das Vortheilhaftere. Vollkommen ausgeschlossen ist jedoch, dass diese Ausfuhr sich sehr bedeutend steigern könnte, denn wie das Beispiel anderer Länder lehrt, setzt eine stärkere Entwicklung der Industrie dieser Ausfuhr von selbst eine Grenze. Einer Ausfuhr von Landwirthschaftsproducten im Betrage von rund 400 Millionen steht nach dem Angeführten eine Einfuhr gegenüber, die ungefähr dieselbe Höhe erreicht. Bei normaler Entwicklung: der österreichisch-ungarischen Volkswirtschaft dürfte sich die erstere Summe noch steigern lassen, wahrscheinlich aber dürfte die letztere rascher zunehmen, so dass in Zukunft unser Handel in landwirtschaftlichen Producten ein Activum nicht erreichen wird. Ein Activum in unserem Aussenhandel kann daher, von ausserordent- 85 liehen Fällen abgesehen, nur der Fabrikatenhandel, kann nur die weitere Entwicklung der inländischen Industrie bringen. Und solange unsere Monarchie so grosse Verpflichtungen an das Ausland hat, solange erfordert unsere Zahlungsbilanz ein Activum der Handelsbilanz. Soll aber die Industrie immer mehr die Trägerin unseres Aussenhandels werden, dann müssen nicht nur die Specialindustrien Oesterreichs erhalten und neue Industrien geschaffen werden, sondern es müssen vor Allem unsere exportschwache Textil-, Metall-, Maschinen- und chemische Industrie besonders gepflegt und entwickelt werden. Der Antheil der einzelnen Länder am Specialhandel Oesterreich-Ungarns. Erst mit Beginn des Jahres 1891 weist die amtliche Statistik unseres Aussenhandels Herkunft und Bestimmungsland einer Waare nach. Bis zu diesem Zeitpunkte wurde nur die Grenze erhoben, über welche eine Waare ins Zollgebiet eingetreten oder aus demselben ausgetreten ist. Aus diesem Grunde ist eine Vergleichung der dem Jahre 1891 vorangegangenen Jahre mit den folgenden nicht durchführbar. Ausserdem hat das österreichisch-ungarische Zollgebiet durch die Friedensverträge von Villafranca (1859) und jene von Prag (1866) wesentliche Aenderungen erfahren. Bis Ende October des Jahres 1857 standen die beiden Herzogthümer Modena und Parma im Zollverein mit Oesterreich-Ungarn, Ende April 1859 kam der grösste Theil der Lombardei, im Jahre 1866 der übrige Theil des lombardisch- venetianischen Königreiches in Wegfall. Im Jahre i863 erweiterte sich das österreichischungarische Zollgebiet durch den Anschluss des Fürstenthums Liechtenstein, im Jahre 1880 durch die Einbeziehung von Dalmatien, Bosnien und der Herzegowina, sowie einiger anderer Zollausschlüsse, schliesslich am 1. Juli 1891 durch die Aufhebung der Freihäfen Triest und Fiume. Aus diesen Gründen lässt sich ein Vergleich von 1854 mit 1890 nicht durchführen. Um doch einen beiläufigen Ueberblick über die Gestaltung des Aussenhandels zu geben, stellen wir die Jahre 1854, 1890 und 1896 einander gegenüber und gelangen auf diese Weise zu folgender Tabelle: Einfuhr 1 ) Ausfuhr 1 ) über die G renze von aus über die Grenze von nach 1854 1890 1896 Land, bezw. Grenze 1854 1890 1896 Mill. Gulden österr. Währ. Mill. Gulden österr. Währ. 00 00 CO 390.8 256.7 Deutschland 80.6 469.8 367.7 U-4 24.1 44-i Russland 6.2 22.6 27-6 ( ' 3.8 10.6 Rumänien 3o. 0 2 6.2 ) 20.! U-3 Serbien 16.6 IO.i L9.4 I.o i6. 2 Türkei 2 ) 21.2 0.3 24-8 18.2 19-6 47-2 Italien 23. 5 40.5 60.1 4-i 19.7 22.x Schweiz 53.1 49-o 35.0 1 55-9 479-i 566.3 Landverkehr 184.6 628.8 676.8 2 5 -o IO6. ! 0.3 Triest 24.5 88.4 4-7 26. 4 • Venedig 4-6 5-o 2 5-5 O.j Sonstige Häfen 7-3 54-2 0.1 5 6 '4 i3i.6 139-5 Seeverkehr 36.4 142.6 97-2 212.3 610. 7 705-8 Gesammtverkehr 221.0 771-4 774-o 9 Ohne edle Metalle. 2 ) Und Montenegro. 86 Ein flüchtiger Blick auf die Tabelle lässt die grosse Zunahme unseres Aussenhandels erkennen. Ein Vergleich der Jahre 1854 mit 1890 zeigt vor Allem die ausserordentliche Zunahme des Verkehres über die deutsche Grenze, der sich in beiden Richtungen mehr als vervierfacht hat. Ausserdem hat der Verkehr mit den Balkanländern über die Landgrenze, unterstützt durch den Bau neuer Eisenbahnlinien, sich stark gehoben. Der Wegfall von Venedig hatte einen stärkeren Verkehr über Triest und Fiume zur Folge. Ein Vergleich der Ziffern für die Jahre 1890 und 1896 lässt den gewaltigen Fortschritt erkennen, welcher durch die Reform unserer Handelsstatistik angebahnt wurde. Erst seit dem Jahre 1891 sehen wir klar, erst von diesem Zeitpunkte an wissen wir mit annähernder Sicherheit, woher Oesterreich-Lmgarn seine Waaren bezieht und wohin es sie absetzt. Erst von da ab waren unsere Unterhändler bei den Abschlüssen von Handelsverträgen unabhängig von den Statistiken des Auslandes, weil sie sich auf verlässliche, selbst erhobene Ziffern stützen konnten. Leider konnte diese Statistik bei den Abschlüssen der mitteleuropäischen Handelsverträge noch nicht verwerthet werden. Das treffendste Beispiel für die Verbesserung unserer statistischen Aufschreibungen bietet die Klarstellung unseres Handels mit dem Deutschen Reiche. Während im Jahre 1890 über die deutsche Grenze eine Einfuhr von 390.3 Millionen Gulden oder über 8i°/ 0 des Verkehres über unsere Landgrenzen erhoben wurde, weist die Statistik vom Jahre 1896 eine Einfuhr aus dem Deutschen Reiche von nur 256.7 Millionen oder nicht ganz 46°/ 0 des Landhandels auf. Etwas ganz Aehnliches gilt für die Ausfuhr, wo der Antheil der deutschen Grenze im Jahre 1890 nahezu 75%, der Antheil des Deutschen Reiches im Jahre 1896 aber nicht 55% erreichte. In dem Verkehre über die deutsche Grenze war eben der Verkehr mit Grossbritannien, Frankreich und den Vereinigten Staaten enthalten. Man erhält beispielsweise für die Einfuhr, wenn man die aus Grossbritannien (73. 5 Millionen Gulden), Frankreich (42.4 Millionen Gulden) und den Vereinigten Staaten (24.7 Millionen Gulden) im Jahre 1896 bezogenen Waaren — in Summe rund 140 Millionen Gulden — zu den aus dem Deutschen Reiche stammenden Waaren im Betrage von 256 Millionen addirt, ungefähr unsere Einfuhr im Jahre 1890 im Betrage von 390 Millionen Gulden. Noch muss zur Erklärung der Tabelle hinzugefügt werden, dass unter dem Landverkehr des Jahres 1890 eine andere Summe zu verstehen ist als unter dem gleichbenannten Verkehre im Jahre 1896. Die Summirung der benannten Posten des Jahres 1896 gibt nicht den Landverkehr, aus dem Grunde, weil der Bezug oder der Versandt beispielsweise nach Italien, der Türkei und Grossbritannien nicht nur zu Lande, sondern namentlich, soweit die beiden ersten Länder in Betracht kommen, auch zur See erfolgt. Die sehr abfallenden Ziffern von Triest und sonstigen Häfen in den Jahren 1890 und 1896 (für Triest ioö’i gegen 0.3 Millionen Gulden) haben ihren Grund in der Aufhebung des Freihafens von Triest und Fiume. Welche Bedeutung die einzelnen Länder für unseren Aussenhandel haben, geht aus nachstehender Tabelle hervor, in welcher die Rangstufe, der Handelswerth und der verhältnismässige Antheil der Staaten, und zwar sowohl für die Einfuhr als die Ausfuhr angegeben ist. Aussenhandel Oesterreich-Ungarns nach Ländern im Jahre 1896 (ausschliesslich der edlen Metalle). Einfuhr Rang Mill. Gulden Percente I 256.7 36.4 73.5 I0. 4 Ausfuhr Rang Mill. Gulden Percente 1 367. 7 2 74.! Deutsches Reich . Grossbritannien 2 47-5 9-5 Einfuhr Ausfuhr Rang Mill. Gulden Percente Rang Mill. Gulden Percente Italien .... 3 47-2 6.7 3 60. ! 7-8 Russland 4 44-i 6.3 7 2 7-6 3-6 Britisch-Indien 5 42.7 6.! 15 6-9 0-9 Vereinigte Staaten 6 42.4 6.0 10 17-3 2.2 Brasilien • . . . 7 27-9 4*0 G 2.6 0-3 Frankreich . 8 24.7 3-5 6 29.6 3-8 Schweiz 9 22. t 3-i 4 85-0 4-5 Türkei .... 10 16.2 2.3 9 24-8 3-2 Serbien .... 11 V-3 2.2 11 IO.I 1-3 Belgien .... 12 12.8 1-8 H 7-9 I-o Rumänien i3 10.6 V 8 26.3 3-4 Niederlande 14 10.2 !-S 12 9-7 1-3 Griechenland . 15 9-2 1-3 16 4-i 0-5 Aegypten 16 5-8 0.8 i3 9-5 1.2 Hamburg 17 O.4 0 • i 5 32.0 4-2 Summe • • 705-8 100.0 774-o 100.0 Davon entfielen auf Europa .... 1 55 1 -4 78.2 1 730.6 94-4 Amerika .... 2 85-8 12.2 2 23.6 3-o Asien .... 3 54-4 7-7 4 8-9 1-2 Afrika .... 4 9-i 1-2 3 10.5 1.4 Australien . 5 3.2 0-7 5 0-4 O.o Summe , . 705-8 100.0 774-o 100.0 An der Spitze steht das Deutsche Reich; ihm folgen in grösseren Abständen Grossbritannien und Italien, gleichviel, ob man die Einfuhr oder die Ausfuhr im Auge hat. Mehr als ein Drittel der Gesammteinfuhr stammt aus dem Deutschen Reiche, und nicht viel weniger als die Hälfte unserer Ausfuhr ist dorthin gerichtet, womit sich die überragende Wichtigkeit unserer Handelsbeziehungen mit dem Deutschen Reiche von selbst kennzeichnet. Dementsprechend ist auch unser Handelsvertrag mit dem Deutschen Reiche seit jeher der Ausgangspunkt unserer Handelspolitik gewesen. Grossbritannien, beziehungsweise England ist mit rund io, Italien mit rund 7% in beiden Verkehrsrichtungen betheiligt. Diesen drei Ländern folgen der Reihe nach in der Einfuhr: Russland, Britisch-Indien und die Vereinigten Staaten mit je 6, Brasilien mit 4, Frankreich und die Schweiz mit je 3 °/ 0 , und in abfallenden Ziffern die übrigen Staaten. In der Ausfuhr steht an vierter Stelle die Schweiz mit 4.5, dann Hamburg, worin Theile unserer Ausfuhr nach Grossbritannien und den Vereinigten Staaten enthalten sind, mit 4.3, Frankreich mit 3 . 8 , Russland mit 3 . 6 , Rumänien mit 3 . 4 0 / o unserer Gesammtausfuhr u. s. w. Besondere Bedeutung kommt unserem Verkehre mit den Balkan ländern zu, worunter wir Rumänien, Serbien, Bulgarien, die Türkei (auch die aussereuropäische inbegriffen), Griechenland und Montenegro verstehen. Er ist deshalb so wichtig, weil die Nähe dieser Länder uns einen natürlichen Vorsprung gegenüber den übrigen Mitwerbern gibt, weil uns mit diesen Ländern uralte Geschäftsbeziehungen verbinden, und weil unser Export dahin fast ausschliess- 88 lieh aus Fabrikaten besteht. Der Handel mit den Balkanländern stellte sich im Jahre 1896 wie folgt: Rumänien . Einfuhr Ausfuhr Millionen Gulden *) 15.3 10.1 Einfuhr Ausfuhr Percente des Gesammtverkehres 1.5 3.4 Serbien 10.6 26.3 2.2 1.3 Bulgarien . 1.4 7-4 0.2 I.o Türkei . . . . 16.2 24.8 2.3 3.2 Griechenland . 9-2 4 -i 1.3 °-5 Montenegro . 0.2 0.2 O.o O.o 5 2 -9 72.9 7-5 9.4 Von unserem Gesammtbedarfe beziehen wir daher nur 7.5% aus den Balkanländern und setzen dahin 9.4%, somit nicht ganz ein Zehntel unserer Erzeugnisse ab. Es sind dies keine grossen Ziffern, aber da es in der Hauptsache hochwerthige Erzeugnisse sind, die Tausende von Arbeitern beschäftigen, so haben sie für die österreichische Industrie einen über die absoluten Zahlen weit hinausreichenden Werth. Fragen wir nach der Activität und Passivität unseres Handels mit den einzelnen Ländern, dann finden wir, dass wir gegenüber den wichtigsten Staaten, namentlich aber gegen unsere nächsten Nachbarn activ sind, mit anderen Worten, dass die Absatzwerthe grösser, die Bezugs- werthe kleiner sind. ~ Dies trifft zu bei nachstehenden Ländern: Mehrausfuhr Mehreinfuhr von Waaren von Edelmetallen Millionen Gulden Deutsches Reich . . . III.0 20.0 Rumänien • • V -7 I.o Italien .... . . 12.9 1-7 Schweiz .... . . I2 . 9 2.6 Frankreich . 4-9 3.0 Aegypten . . 3. 7 I.O Dagegen weisen eine Unterbilanz auf: Mehreinfuhr Mehrausfuhr von Waaren von Edelmetallen Millionen Gulden Britisch-Indien . . 35.8 2.8 Brasilien. • • I 2 5-3 O.o Serbien .... • • 5-2 0.4 Griechenland • • 5-i O.o Belgien. 4.9 O.o Niederlande • • 0. 5 3.0 Bei dem Waarenverkehre mit Grossbritannien hält sich Einfuhr und Ausfuhr die Waage. Ein Gleiches kann man für die Vereinigten Staaten von Nordamerika annehmen, wenn man berücksichtigt, dass besonders in der Ausfuhr nach Hamburg grosse, für diese Staaten bestimmte Waarenmengen enthalten sind. Wir haben neben der Mehrausfuhr und Mehreinfuhr von Waaren auch die entsprechenden Ueberschüsse des Edelmetallverkehres gesetzt, und ist aus dieser Nebeneinanderstellung zu I ) Ausschliesslich Edelmetalle. 12 Die Gross-Industrie. I. 89 erkennen, dass im Allgemeinen neben einer Mehrausfuhr von Waaren eine Mehreinfuhr von Edelmetallen aus dem betreffenden Lande und umgekehrt einhergeht. Es ist dies erklärlich, denn ein Theil der bezogenen Waaren wird mit hartem Gelde beglichen. Aber nur ein Theil, denn der andere Theil gelangt in anderer Weise, durch andere Werte zur Ausgleichung. Was aber nicht in Form von Gold oder Silber über die Grenze kommt, entzieht sich der statistischen Erhebung. Aus diesem Grunde sind die Ueberschüsse im Edelmetall verkehre erheblich kleiner als die entsprechenden complimentären Ueberschüsse im Waarenverkehre. Hiebei ist auch noch der Umstand zu berücksichtigen, dass zwischen Lieferung und Zahlung ein grösserer oder kleinerer Zeitraum liegt, so dass der Gegenwerth versendeter Waare oft erst im darauffolgenden Jahre zurückfliesst. Eine Abweichung von der Regel zeigen die Niederlande und Frankreich, wo die Ueberschüsse im W r aaren- und im Edelmetallverkehre gleichstimmig sind. Nicht uninteressant ist es, mit Rücksicht auf unsere Stellung am Weltmärkte festzustellen, welchen Antheil Europa und welchen Antheil die übrigen Erdtheile an unserem Aussenhandel nehmen. Die Ziffern hiefür sind gleichfalls in Tabelle II (Seite 87) zu finden. Darnach entfallen auf unseren Verkehr mit: in der Einfuhr in der Ausfuhr den europäischen Staaten .... 78.2 % 94-4% den übrigen Erdtheilen.21.8 % 5 - 6 % Oesterreich-Ungarn betreibt somit einen schwunghaften Handel nur mit den europäischen, man kann fast sagen, nur mit seinen Nachbarstaaten. Der grössere Antheil der überseeischen Staaten ist auf die zwingende Nothwendigkeit zurückzuführen, für unsere Textilindustrie Baumwolle, Jute, sowie einige nur in den Tropen gedeihende Hilfsstoffe und für den Consum unserer Bevölkerung Kaffee zu beziehen. Die Ausfuhr nach den übrigen Welttheilen reducirt sich auf nur 5.6%, die allerdings fast ausschliesslich aus Fabrikaten bestehen. Davon setzen wir nach Amerika 3°/ 0 , nach Asien i. 2 °/ 0 , nach Afrika (Aegypten) i. 4 % und nach Australien ganz verschwindende Mengen ab. In diesen Verhältniszahlen drückt sich die ganze L T ngunst unserer geographischen Lage, sowie der Mangel an aufnahmsfähigen Colonien aus, die unserem Aussenhandel vorwiegend den Charakter des Landhandels geben. Was den Inhalt unseres Handelsverkehres mit den einzelnen Staaten betrifft, so gibt die amtliche Statistik hiefür nachstehende Hauptziffern: Einfuhr Ausfuhr Land- u. Forstwirth- Bergbau- IndustrieLand- u. Forstwirth- Bergbau- Industrieschaff, Fischerei u. Hüttenbetrieb erzeugnisse schaft, Fischerei u. Hüttenbetrieb erzeugnisse Millionen Gulden öst. Währ. Deutsches Reich 60.1 5 L 8 144-8 195.6 41.7 i 3 o. 4 Grossbritannien . XO -7 7-5 55-3 7 -o 0.1 67-0 Italien . . 3 o . 0 1.4 15-8 2 7-8 1-4 3 o. 9 Schweiz 2.2 0.1 19-8 13.6 0.3 2 I. : Frankreich 4 -o 0.2 20.4 9.0 0.2 20.4 Russland . 37.8 2.8 3.6 6.9 2.3 18.4 Balkanstaaten 46.6 I.9 4.4 6.6 I.I 65-2 Verein. Staaten . 29.7 4.4 8.3 1.6 O.i 15-6 Nach dieser Zusammenstellung führen wir aus Russland, den Balkanstaaten, Italien und den Vereinigten Staaten hauptsächlich Rohstoffe, aus dem Deutschen Reiche, England, der Schweiz und Frankreich hauptsächlich Fabrikate ein. 90 Das entgegengesetzte Bild zeigt unsere Ausfuhr. Nach dem Deutschen Reiche, Italien, führen wir hauptsächlich landwirtschaftliche Producte, nach den Balkanstaaten, den Vereinigten Staaten, Grossbritannien, Schweiz und Frankreich vorwiegend Fabrikate aus. Welche Artikel spielen nun die Flauptrolle in dem Verkehre mit den einzelnen Ländern? Besehen wir uns, um darüber Klarheit zu erhalten, vorerst unseren Handel in Rohstoffen. Aus dem Deutschen Reiche beziehen wir vornehmlich: Steinkohle und Coaks (3o Mill. Guld.), Wolle (20), Gemüse und Sämereien (5), Felle und Häute (4), Mineralien (5), wozu noch Baumwolle (8), diese aber offenbar nur als Durchfuhr, hinzukommt. Dagegen besteht unser Absatz an Rohstoffen nach dem Deutschen Reiche hauptsächlich in: Gerste (32 Mill. Guld.), Malz (12), Eiern (32), Bettfedern (10), Fellen und Häuten (9), Obst (6), Kleesaat (6), Hopfen (4), Ochsen und Kühen (15), Geflügel (5), Holz (33), Braunkohle (24), Mineralien (9 Millionen, darunter Eisenerze und Porzellanerde mit je 2 Mill. Guld.), Wolle (6), Klee (7) u. s. w. Unsere Einfuhr aus Italien besteht hauptsächlich in Wein (9), Seide (6), Südfrüchten (5), feinen Gemüsen und Obst (4), unsere Ausfuhr dahin in Pferden (15), Holz (i3) und Seide (4 Millionen Gulden). Der Verkehr mit der Schweiz beschränkt sich in der Einfuhr auf Seide (4) und in der Ausfuhr auf Getreide (4), Malz (4) und Holz (4 Millionen Gulden). Frankreich liefert uns etwas Seide (2) und kauft von uns Fassdauben (6), Schafe und Pferde (zusammen für 3 Millionen Gulden). Russland hinwieder ist unser Bezugland für Eier (12 Millionen Gulden, eigentlich nur Durchfuhr), Flachs (5), Getreide (4, vornehmlich Roggen), Saaten und Samen (3 Millionen Gulden) und unser Absatzland für Holz. Mit Grossbritannien ist der Handel in Rohstoffen unbedeutend. Bemerkenswerth ist nur die Einfuhr von Wolle (3) und die Ausfuhr von Eiern (4 Millionen Gulden). Den Rohstoffhandel mit den Balkanländern betreffend, ist nur die Ausfuhr von weichen Sägewaaren (nahe 3 Millionen Gulden) und Pferden (1 Million) nach Rumänien hervorzuheben. Die Rohstoffeinfuhr ist bedeutender. Griechenland versorgt uns mit Feigen (3), Korinthen (1), theilweise mit Fellen und Häuten (2, meist Lammfellen); die Türkei sendet uns hauptsächlich Tabak (7) und wie Griechenland auch Felle (2) und etwas Korinthen ( l j 2 Million). Aus Rumänien kommt vorwiegend Mais (2) und anderes Getreide, sowie Schweine (1). Von Serbien, dessen Grenzverkehr besonders ermässigte Zölle geniesst, kaufen wir Ochsen (4), Schweine (3), frisches Fleisch (2 Millionen Gulden) auch etwas Getreide. Der Rohstoffverkehr mit Bulgarien ist dagegen unbedeutend, jener mit Montenegro verschwindend. Als Bezugsländer kommen noch in Betracht die Vereinigten Staaten für Baumwolle (22), Baumwollsamenöl und Schweinefett (mit je rund 2 Millionen Gulden), Brasilien für Kaffee (23), Tabak (4), Britisch-Indien für Thee (4), Jute (5), Baumwolle (16), Rindshäute (3), Reis (4) und Indigo (4), Aegypten für Baumwolle (4), Cuba, Niederländisch- Indien und übriges Asien für Tabak (mit je 3 Millionen Gulden). Ein wesentlich verschiedenes Bild ergibt der Handel in Fabrikaten. Was zunächst die Einfuhr betrifft, so sind es eigentlich nur zwei Länder, allerdings die wichtigsten Industriestaaten, welche hier in Betracht kommen: das Deutsche Reich und Grossbritannien. Was die Fabriken in Oesterreich-Ungarn nicht erzeugen, das liefert uns eben die deutsche und die englische Industrie, namentlich aber erstere. Die übrigen Industriestaaten, Frankreich und die Schweiz, haben nur in einzelnen Artikeln grösseres Interesse. 12* 91 Wir beziehen aus dem Deutschen Reiche England Millionen Gulden Erzeugnisse der Textilindustrie . . . 3o. 4 28.7 Erzeugnisse der Metallindustrie . . . 36. 9 13.6 Hiebei sind in der ersten Post die Artikel der Classe XXVI: Kleidung, W äsche und Putzwaaren, in der zweiten Post auch Rohmetalle inbegriffen. In der Textilgruppe entfällt sowohl bei England (14.2) als dem Deutschen Reiche (15.9) die Hälfte des Einfuhrwerthes auf Wollgarne und Wollwaaren, wobei Wollgarne weitaus überwiegen (aus Deutschland für 11, aus England für 10 Millionen Gulden). Die nächstgrössere Post sind feine Baumwollgarne, die von unseren Webereien hauptsächlich aus England (11 Millionen Gulden) bezogen werden. Aus dem Deutschen Reiche kommen noch für einige Millionen Baumwollwaaren, Seidenwaaren und Damenkleidung; aus England geringere Mengen. Die Einfuhrwerthe der Metallindustrie aus dem Deutschen Reiche setzen sich fast zu gleichen Theilen (ungefähr je 12 Millionen Gulden) aus den Classen: «Eisen und Eisenwaaren» (hauptsächlich Eisenwaaren), Maschinen, sowie «unedle Metalle (Zink, Zinn und Kupfer) und Waaren daraus» zusammen. Aus England importiren wir namentlich Roheisen ( 3 ) und Maschinen für die Textilindustrie (auch 3 Millionen Gulden). Neben den beiden Hauptindustriegruppen der Textil- und Metallindustrie sind bei der Einfuhr aus dem Deutschen Reiche noch hervorragend: Instrumente und Kurzwaaren (12), feines Leder (10), Papierwaaren (4), Farbstoffe (4 Millionen Gulden), schliesslich als ein Beweis des regen geistigen Verkehres Literatur- und Kunstgegenstände (19 Millionen Gulden). Unter den Bezügen aus England sind noch gegerbte Ziegenfelle (4 Millionen Gulden) zu nennen. Die Fabrikateneinfuhr aus der Schweiz beschränkt sich vornehmlich auf Seidenwaaren (5), Uhren ( 3 ), sowie Baumwollgarne und Baumwollwaaren (zusammen 3 ), jene aus Frankreich auf Seidenwaaren (5 Millionen Gulden). Es wäre noch zu erwähnen, dass aus den Vereinigten Staaten grössere Mengen von Kupfer (4), aus Chile Chilisalpeter ( 3 ), aus Russland Mineralöle (3 Millionen Gulden) bezogen werden. Die Bezüge aus den anderen Ländern erreichen keine nennenswerthen Ziffern. Soviel über die Einfuhr von Fabrikaten. Von ungleich grösserer Bedeutung ist die Ausfuhr von Fabrikaten, der eigentliche industrielle Export, das Rückgrat und die Zukunft unseres Aussenhandels. Auch hier steht das Deutsche Reich an erster Stelle. Der weitaus hervorragendste Artikel in der Ausfuhr nach dem Deutschen Reiche sind Lederwaaren mit einem Betrage von 21 Millionen Gulden, darunter namentlich Handschuhe (16) und Schuhwaaren (3 Millionen Gulden). In grösserem Abstande mit einem Betrage von 5 — 8 Millionen folgen dann Kurzwaaren (7), Leinengarne und Leinenwaaren (zusammen 7), Glas (7), Literatur- und Kunstgegenstände (6), Hüte und Kleidung (4), Bier (6), Holzwaaren (5), chemische Producte (3 Millionen Gulden), ferner Zellstoffe und Papier, etwas Wollgarne, Wollwaaren, Metall- waaren u. s. w. Grossbritannien erscheint als Hauptabnehmer von Zucker (39 Millionen Gulden), denn es nimmt mehr als die Hälfte des Ueberschusses unserer Production auf. Bedeutender ist noch der Export von Handschuhen (5), Schuhwaaren (2), Kurzwaaren (4), Glaswaaren ( 3 ) und Holzwaaren (3 Millionen Gulden). 92 Die Schweiz erweist sich am meisten aufnahmsfähig für Zucker (6), ebenso Italien (3 Millionen Gulden). Während aber die Schweiz nach den übrigen Fabrikaten Oesterreich- Ungarns keinen oder nur verschwindenden Bedarf zeigt, kauft Italien von uns doch Cellulose, Kurzwaaren, Wollwaaren, Leinengarne, Eisenwaaren und Metallwaaren, sowie Holzwaaren, deren Exportwerth für jede einzelne Classe i Million Gulden übersteigt. Frankreich bezieht Gablonzer Glas (über 2), Kurzwaaren und Cellulose, Russland Sensen (i. 5 ), Kork und Holzwaaren (2), Kurzwaaren (1 Million Gulden). Unter den Balkanländern sind die Türkei und Rumänien unsere wichtigsten Absatzländer. Nach beiden Ländern gehen vorwiegend Zucker, Wollwaaren und Kleidungsstücke, und zwar beträgt der Zuckerexport nach der Türkei rund 9, nach Rumänien rund 2 Millionen Gulden, Wollwaaren nach ersterem Lande (darunter Fez) 5 Millionen Gulden, nach letzterem etwa die Hälfte davon; Männerkleider (auch künstliche Blumen) nach beiden Ländern für ungefähr 2 Millionen Gulden. Als nennenswerther Exportartikel nach der Türkei wäre noch Papier, als Exportartikel nach Rumänien Baumwollgarne und Baumwollwaaren (2 Millionen Gulden) zu erwähnen. Der Fabrikatenexport nach Serbien und Bulgarien ist minder bedeutend und erreicht in den meisten Posten nicht den Werth einer Million Gulden. Eine Ausnahme davon macht bei Serbien die Classe Baumwollgarne und Baumwollwaaren (zusammen 1.3), bei Bulgarien die Classe Kleidung (i. 4 Millionen Gulden). Die bisher genannten Länder waren Nachbarstaaten oder wenigstens europäische Staaten. Von den überseeischen Ländern fallen nur die Vereinigten Staaten von Nordamerika in die Waagschale. Trotz des scharfen Wettbewerbes mit den übrigen Ländern hat Oesterreich- Ungarn in den Vereinigten Staaten seine alte Kundschaft erhalten. Porzellan ( 2 . 3 ), Glaswaaren ( 2 . 0 ), Leder (i. 6 ), Instrumente und Kurzwaaren, Leinenwaaren, Seidenwaaren und Zucker (ungefähr je i. 4 Millionen Gulden) gehen in erheblicher Menge nach der neuen Welt. Nach den übrigen überseeischen Ländern unterhalten wir nur einen schwachen Export, und wäre an dieser Stelle nur anzuführen, dass wir nach Britisch-Indien einen grösseren Export in Papier unterhalten. DER AUSSENHANDEL ZUR SEE. n den bisherigen Darstellungen wurde die Entwicklung unseres Aussenhandels von verschiedenen Seiten betrachtet. Eine sehr wichtige Unterscheidung wurde aber noch nicht gemacht, nämlich die, wieviel der Menge und dem Werthe nach zu Land und wieviel zur See ein- und austritt. Gerade diese Scheidung des Land- vom Seehandel hat aber für unsere Monarchie und für Triest eine grössere Bedeutung. Die amtliche Statistik, die dem Seeverkehre eine besondere Aufmerksamkeit zuwendet, verzeichnet für das Jahr 1896 folgende Zahlen: Gesammthandel 9 Handel zur See Menge W erth Menge Percente Werth Percente Mill. Metercentner Mill. Gulden Mill. Metercentner Mill. Gulden Einfuhr 00 00 öo 705-8 9-2 10 . 4 l39. 5 19.8 Ausfuhr . . . 145 ., 774-o 8.1 5.6 97-2 ™-S 9 Ausschliesslich der edlen Metalle und ausschliesslich der Stückzahl und Tonnenzahl. 93 » Welcher Art sind nun die Waaren, die Monarchie ein- oder austreten? Einfuhr zur See Menge W erth Mill. Metercentner Mill. Gulden Kaffee, roh. 0.344 2 7-2 Baumwolle. I Südfrüchte p. 0.879 9.9 Wein. 0 . 83 o 9 -i Häute und Felle .... O.090 7-5 Gemüse, Obst etc. p o. 49 i 5-o Reis. 4-7 Jute. 0.147 2.8 Kupfer. 2.0 Eisen und Eisenwaaren p . 0.249 1.8 Steinkohlen. 1.497 !-7 Aussereuropäisches Holz . O.122 O.7 Schwefel. 0.6 Ziegel. 0-5 Edle Metalle und Münzen . — O.i über Triest und die übrigen Handelshäfen der Ausfuhr zur See Menge Werth Mill. Metercentner Mill. Gulden Zucker p. 1.343 19.4 Holz (Sägewaaren, Werk- holz etc.). 3.879 17-0 Wollwaaren ..... O.029 IO. 4 Edle Metalle und Münzen p O.002 9-3 Kleidungen, Wäsche etc. . — 4-1 Gerste und Bohnen . 0.376 3. 4 Gemüse, Obst etc.p . O.089 0.2 Getränke p. 2. 9 Stabeisen. 2.6 Unedle Metalle und Waaren daraus p. 2.1 Nach dieser Zusammenstellung vermittelt uns die Adria nur den zehnten Theil der Einfuhr- und nur etwas mehr als den zwanzigsten Theil der Ausfuhr mengen. In Bezug auf die Werthe ist das Verhältniss jedoch ein günstigeres, indem rund ein Fünftel und ein Achtel der ein- und ausgehenden Werthe die Seestrasse benützen. In diesen wenigen Ziffern drückt sich die ganze Ungunst unserer geographischen Lage aus, ein Naturfactor, gegen den Oesterreich bislange vergebens angekämpft hat. Während im Deutschen Reiche die durch zahlreiche Canäle verbundenen Flüsse die Lasten fast kostenlos in die Nord- und Ostsee, den Endpunkt der grossen Verkehrsstrasse zwischen der alten und neuen Welt, tragen, gibt es in Oesterreich keinen Fluss oder Canal, der den Verkehr in die Adria leiten würde. Den Wall der Alpen übersteigen unsere Frachten nur mühsam und kostspielig; sie sind eine Wand, welche unsere industriereichste Provinz Böhmen vom Meere, von dem stillen, in einer Ecke liegenden Triest trennt. Triest ist zwar ein Knotenpunkt, aber nur der Endpunkt eines Seitenastes. Die österreichischen Regierungen haben sich alle Mühe gegeben, diese Missgunst der Natur durch verschiedene Mittel wettzumachen. Vergebens. Steinkohle, welche unter allen Waaren die billigsten Eisenbahntarife, etwa o - 8 kr. per Tonnenkilometer, aufweist, kann Triest nicht erreichen. Sie wird kostenmüde und überlässt das Terrain der englischen Kohle. Von Ziegeln gilt dasselbe. Diese beiden Producte bilden aber in der Einfuhr über Triest, wie aus der Tabelle entnommen werden kann, die Hauptpost (i'5 und ri Millionen Metercentner). Was bei der Kohle nicht möglich war, wurde mit besserem Erfolge bei Baumwolle und bei Colonialwaaren versucht. Ausnahmstarife auf den südlichen Eisenbahnlinien sollten die Waaren von Hamburg und Bremen ablenken und Triest speisen, Differenzialzölle für die Einfuhr zur See sollten wieder Triest zum Mittelpunkte unseres Handels in Kaffee und Südfrüchten machen. Wie aus der Tabelle ersichtlich, ist dies zum Theile auch gelungen: bei Baumwolle in geringem Maasse, bei Kaffee mit durchschlagendem Erfolge; denn ein Drittel der in p Die ganze Waarenclasse. 94 Oesterreich versponnenen Baumwolle, hauptsächlich indische und ägyptische, kommt heute über Triest, zwei Drittel jedoch, amerikanische, aber auch indische und selbst ägyptische nehmen ihren Weg über die Nordseehäfen und das Deutsche Reich. Ausser den erwähnten vier Hauptartikeln wären im Einfuhrhandel zur See hervorzuheben Reis aus Britisch-Indien und Italien, Citronen, Limonien und Pomeranzen aus Italien, Feigen aus Griechenland, Hölzer aus Amerika und Wein aus Italien. Namentlich die Einfuhr des letztgenannten hat sich in Folge der Weinclausel in ausserordentlichem Masse gesteigert. Aber auch der Ausfuhr versuchte die Regierung die Richtung nach Triest zu geben. Es sei hier an die Exporttarife für Zucker und Holz erinnert, ohne die unser Absatz im Orient und Italien verloren gegangen wäre. Zucker und Holz sind die hauptsächlichsten Artikel, welche die Schiffsräume des Oesterreichischen Lloyd füllen. Zucker II. Classe wird von Triest aus nach England und Italien, Zucker III. Classe hauptsächlich nach der Türkei, der Levante verschifft. Alpines Werkholz geht nach Italien und Frankreich, Fassdauben über Fiume in grossen Mengen hauptsächlich nach letzterem Lande. Ausser Zucker gibt es wenige hochwerthige Industrieerzeugnisse, die eine hervorragendere Stelle im Handel zur See einnehmen. In dieser Beziehung ist nur ein Artikel besonders hervorragend, es sind dies die für den Orient bestimmten Wollwaaren im Betrage von 8'6 Millionen Gulden, darunter Fez mit 2'4 Millionen. Wenn wir noch erwähnen, dass nennens- werthe Mengen von Gerste, Malz, Sämereien, Stabeisen, und Baumwollgewebe zur See auf den Weltmarkt treten, dann haben wir die wesentlichen Artikel unseres Specialhandels zur See erschöpft. Es bleibt noch übrig, den Antheil der See an unserem Durchfuhrhandel festzustellen. Im Jahre 1895 betrug die Menge der zur Durchfuhr bestimmten und zur See eintretenden Waaren austretenden Waaren Tausende Metercentner Percent der Gesammtdurchfuhr 956 oder 17.8 168 » 3.1 Die Durchfuhr der hauptsächlich über Triest ein tretenden Waaren ist daher viel grösser als jene der austretenden Waaren, im Ganzen aber der Antheil der See an unserer Durchfuhr gering. Kommen bei der Durchfuhr zu Lande hauptsächlich unsere Nachbarn, einerseits das Deutsche Reich, andererseits Russland und die Balkanstaaten in Betracht, so sind es bei der Durchfuhr, die auf der Seestrasse sich vollzieht, naturgemäss die südlichen und überseeischen Länder, die in erster Reihe stehen, aber auch hier haben wir es — kleine Mengen abgerechnet — nur mit dem Verkehre von und nach Deutschland zu thun. Was den Durchfuhrverkehr im Eintritte anlangt, so speist Aegypten unseren Durchfuhrverkehr mit Baumwolle (72 Tausend Metercentner), frischem Gemüse (43), Mais (9). Russland sendet ausschliesslich Mineralöle (129), Feigen Griechenland (26), Korinthen Griechenland (45) und die Türkei (51), Limonien und Orangen Italien (57), Britisch-Indien etwas Baumwolle (34), aber alle diese Waaren mit der Bestimmung nach dem Deutschen Reiche. Der Durchfuhrverkehr nach Süden über Triest ist sehr gering, am meisten betheiligt erscheint die Türkei, wohin das Deutsche Reich unter Anderem Hohlglas, Eisenwaaren, Baum- wollwaaren u. s. w. exportirt. Nach dem Gesagten ist der Aussenhandel zur See in mässigen Grenzen geblieben. Weder der Abschluss von Handelsverträgen mit China und Japan, noch die Eröffnung des — 95 Suezcanales hat jene weitgehenden Hoffnungen erfüllt, die man in Oesterreich daran knüpfte. Es fehlt Oesterreich-Ungarn an ausgedehnten Handelsbeziehungen mit den überseeischen, mit den aussereuropäischen Ländern. England, Frankreich und das Deutsche Reich, an den Ufern des grössten Verkehrsstromes gelegen, haben nicht nur in ihren Colonien natürliche überseeische Absatzgebiete, sondern sie beherrschen mit ihren Fabrikaten den Handel der übrigen souveränen Ueberseestaaten. Der Antheil des aussereuropäischen Handels gestaltete sich für die vier Länder in den letzten Jahren folgendermassen: Ausfuhr von Oesterreich-Ungarn Deutsches Reich Frankreich Grossbritannien Jahr 1896 1895 in Percenten des 1896 Gesammthandelswerthes 1896 nach Europa . 94.4 76.7 72.1 35.8 nach den übrigen Erdtheilen . 5.6 23.3 27.9 64.2 100. 0 IOO.0 I OO.0 IOO.o Gesammtausfuhr in Mill. Gulden . • 774 2050 1600 2880 Während Englands Handel mit den aussereuropäischen Staaten fast zwei Drittel seines gesammten Handels ausmacht, jener Frankreichs und Deutschlands etwa ein Viertel beträgt, erreicht unser Aussenhandel mit den aussereuropäischen Staaten nur etwa ein Zwanzigstel unseres gesammten Handels, nur 5’6 Percent; und dabei* ist nicht zu vergessen, dass der eigentliche Seehandel eine viel grössere Quote erreicht. Der englische Aussenhandel vollzieht sich vollends zur See, und der deutsche Aussenhandel erreicht nach einer amtlichen Schätzung jedenfalls drei Fünftel, wahrscheinlich aber zwei Drittel des Specialhandels. Dem so bedeutenden Aussenhandel entspricht auch der riesige Aufschwung seiner Vermittler, der nordischen Seehäfen. Welche Ausdehnung Hamburg genommen, zeigt nachstehende Gegenüberstellung des Waarenverkehres von und nach der See im Jahre 1896: Triest Hamburg Millionen Gulden Waareneinfuhr .... 173.4 1027.8 Waarenausfuhr . . . . 151.7 873.4 Der Handelswerth der über Hamburg exportirten und importirten Waaren ist fast sechsmal so gross als der gleichnamige Verkehr über Triest. Er ist überhaupt grösser als der gesammte Handel unserer Monarchie. DIE DURCHFUHR. eber diesen Zweig unseres Aussenhandels gibt Ziffern an die Hand: uns die amtliche Statistik nachstehende Fünfj ahr dur chschnitte, Im Ganzen Im Jahre Jahr Im Jahre bezw. Jahre Mill. Metercentner Mill. Metercentner 1852 — O.660 1890 6. 9 36 i860—1864 6.404 1.281 1891 6.498 1865—1869 9-246 I -849 1892 5-204 Oc O 00 I 5 -i 3 5 3.027 1875—1879 3 o. 2 i 9 6.044 1893 5-166 1880—1884 2 2 .o 63 4 - 4>3 1894 6 .i 63 1885—1889 25-221 5-014 1895 5-378 96 Der Durchfuhrverkehr ist somit von o. 66o Millionen Metercentner im Jahre 1852 auf 5.4 Millionen im Jahre 1895 gestiegen, das heisst, er hat sich mehr als verachtfacht. Die höchsten Ziffern für die Waarendurchfuhr wurden im Jahre 1877 erreicht, wo nicht weniger als 7.3 Millionen Metercentner Waaren durch die Monarchie geführt worden sind. Die nächsten Jahre zeigen eine Abnahme, die aber durch den Umstand erklärt wird, dass seit Anfang des Jahres 1879 Getreide aus Russland und Serbien zollfrei einging und dadurch die Nothwendig- keit entfiel, dieses der Durchfuhramtshandlung zu unterziehen. Seit i.Juni 1882 ist Getreide wieder zollpflichtig und die Aufschreibung für die Durchfuhr veranlasst worden. Trotzdem hat die Durchfuhr in Garten- und Feldfrüchten die Höhe vor 1878 nicht mehr erreicht, weil die Ausfuhr russischen Getreides sich immer mehr und mehr auf dem Seewege vollzog, andererseits amerikanischer Weizen einen Theil des Absatzgebietes eroberte. Der Umfang der Durchfuhr hat somit, begünstigt durch den Ausbau des österreichisch-ungarischen Eisenbahnnetzes, in den letzten Decennien in ausserordentlicher Weise zugenommen. Aber auch Inhalt und Richtung der Durchfuhr haben sich nicht unwesentlich geändert. Rechnet man das Deutsche Reich und die Schweiz zum Westen, Russland, Rumänien, Serbien, die Türkei und Montenegro zum Osten, Italien mit den Seehäfen aber zum Süden, dann erhält man nachstehende Zusammenstellung : Durchfuhrmengen Oesterreich-Ungarns Eintritt Austritt — 1860 O C T\ 00 M 1860 1890 Millionen Metercentner Westen . 0.191 2.099 0.329 4-897 Osten .... 3.6 i 6 0.156 1 -°45 Süden . . . i.n 7 I .221 O.094 Die grösste Steigerung hat in den 3 o Jahren demnach der Eintritt aus dem Osten und Westen erfahren, während der Eintritt über den Süden fast gleich geblieben ist. Aehnliche Verhältnisse finden wir beim Austritte. Die Durchfuhr nach dem Osten, namentlich aber jene nach dem Westen, hat der Menge nach stark zugenommen, jene nach dem Süden aber abgenommen. Ausser den in der Tabelle genannten Rändern kommen nur noch kleinere Durchfuhren von Waaren in Betracht, die aus Aegypten, Britisch-Indien, Brasilien und den Vereinigten Staaten von Amerika stammen. Aus Aegypten kommt etwas Baumwolle für deutsche, französische und zum Theile auch russische Spinnereien, kleine Mengen auch aus den Vereinigten Staaten. Aus Brasilien wieder Kaffee für den Consurn der Balkanstaaten. Auffällig ist der Rückgang der Durchfuhr vom Süden und nach dem Süden. Der Verlust Venedigs, die Ablenkung des Verkehres durch die Gotthardbahn und, man kann wohl hinzufügen, das Fehlen einer zweiten Eisenbahnverbindung nach Triest sind die ersten Gründe dieser Erscheinung. Die Durchfuhrziffern über Triest werden dies sofort klar machen: Von den durchgeführten Waaren gelangten über Triest zum Eintritt Austritt Eintritt Austritt Mill. Metercentner in Percenten der Gesammtdurchfuhr 1867 . . . 0.345 °-50 17-9 29.3 1890 . . . 0.687 0.292 9-9 4-2 Die Ziffern sprechen eine traurige Sprache. Unsere Durchfuhr bewegt sich nicht wie bei den anderen Industriestaaten von der Seeküste nach den Hinterländern, für Oesterreich-Ungarn also nicht in meridionaler Richtung, sondern in der Richtung der Parallelkreise. Die Gross-Industrie. I. l3 97 Ein Theil des Verkehres bewegt sich auf verhältnismässig kurzen Strecken, wie beispielsweise von Russland über Galizien nach Deutschland, von Süddeutschland durch Tirol nach Italien und der Schweiz, aber gerade dieser Verkehr hat weniger zugenommen als der Verkehr auf weiten Strecken, wie nachstehende Darstellung darthut: 1867 189O 1867 1890 Mill. Metercentner Percente I. Ueber dieselbe Eintritts- und Austrittsgrenze. O.144 8.8 2.1 II.') Aus Grenzgebieten in benachbarte Grenzgebiete. °-533 I -68I 27.7 24.2 III. Aus Auslandsgebieten in diesen nicht benachbarte Auslandsgebiete I -223 5 -i ii 63 -s 7 3-7 1*926 6.936 IOO.o IOO. o Unter den weitesten Strecken sind verstanden: Deutsches Reich—Rumänien und Triest, Russland—Italien und Triest, Süddeutschland—Russland und Rumänien. Trotzdem diesem Durchzugsverkehre durch ganz Oesterreich kein Canal, sondern nur die theueren Eisenbahnen zu Gebote stehen, hat dieser Verkehr einen grossen Aufschwung genommen. Beim Durchfuhrverkehr kommen nur wenige Länder in Betracht. Vom westlichen Europa: das Deutsche Reich und die Schweiz. Ganz unbedeutend sind die Durchfuhren aus Grossbritannien, Frankreich und Belgien. Vom östlichen Europa: Russland, Griechenland, Türkei, Bulgarien, Rumänien und Serbien. Vom südlichen Europa: Italien und Triest. Herkunft und Bestimmung können aus beiliegender Tabelle (Seite 99) entnommen werden. Fasst man diese Tabelle kurz zusammen, so erhält man folgende Tabelle für das Jahr 1895: Mit der Bestimmung nach dem Durchfuhr westeuropäischer Waaren durch Oesterreich-Ungarn Tausende Metercentner Darunter aus dem Deutschen Reiche Westen von Europa 507 475 Osten von Europa . 843 697 Süden von Europa . 368 342 Zusammen • O 29 1521 Die Ziffern der ersten Zeile umfassen deutsche Waaren, welche den Weg vornehmlich über Tirol machen, um in der Schweiz Absatz zu finden. Darunter befinden sich auch deutsche Waaren, welche aus einem Theile des Deutschen Reiches unter Benützung österreichischer Grenzbahnen nach einem anderen Theile (Süddeutschland) des Deutschen Reiches versendet werden. Viel wichtiger sind die Ziffern der zweiten Zeile. Sie zeigen, dass fast der ganze Durchzugs verkehr im Eingänge in deutschen Waaren besteht, welche für die Balkanländer bestimmt sind. Diesem Strome entspricht ein Gegenstrom mit der Richtung von Ost nach West. Russland und die Balkanländer senden nach dem Westen von Europa 2625 Metercentner und davon nach Deutschland allein 2347 Metercentner. Aehnlich verhält es sich mit dem Verkehre nach Süden. Er besteht fast ausschliesslich in dem Waarenaustausche zwischen dem Deutschen Reiche und Italien. Oesterreich-Ungarn ist nach diesen Ziffern eigentlich nur das Durchfuhrland für den Verkehr, welchen das Deutsche Reich mit den Balkanstaaten und Russland einerseits, Italien und Triest andererseits unterhält. J ) Darunter entfallen auf die weitesten Strecken im Jahre 1867 o. +7 3 Mill. Metercentner = 24.6 °/ 0 , im Jahre 1890 2.076 Mill. Metercentner = 29. g °/ 0 . Bestimmungsländer. j Deutsches Reich Schweiz Grossbritannien | Frankreich | Belgien || Westen Russland Griechenland Türkei Bulgarien Rumänien Serbien Osten Italien Triest Süden Summe Deutsches Reich . j 35 338 1 I 475 63 2 33 67 457 75 697 246 96 342 1521 Schweiz. W 7 26 4 1 4 I 9 1 20 49 Grossbritannien . 5 5 . I 26 12 39 24 2 26 70 Frankreich .... 1 1 2 . 1 2 25 4 34 ‘ . 36 Belgien. 18 2 12 21 53 • 53 u Westen . . . 160 345 1 I 507 69 3 56 73 529 1 13 843 270 98 368 1729 O Russland. 771 60 83 i 3 2 O 12 32 5 2 7 876 a :o 3 Griechenland . . . 104 18 3 125 3 .* 4 7 9 5 14 147 CO 1 Türkei. 79 O • 94 2 1 11 O 14 1 15 135 4— > G-. Bulgarien. 12 5 2 127 127 G £ Rumänien .... 931 25 . 956 1 1 1 3 5 5 964 u Serbien . 337 IO 5 1 3 356 2 2 4 1 • I 376 H e Osten . . . *347 i 3 o 5 4 3 2489 11 3 l6 3 o ! 60 34 8 42 2625 Italien . 586 G D 1 619 24 I 4 10 39 2 4 6 661 Triest. 15 6 I 22 1 3 4 1 1 38 Süden . . . 601 23 * 15 I I 641 25 3 I 4 IO 43 2 5 7 699 Summe . . . 3273 543 21 6 5 3848 162 3 63 74 554 167 1023 317 114 43 1 • 5378 Ein Blick auf die kleine Tabelle zeigt, dass der Export des Deutschen Reiches nach dem Osten und Süden 1521 Tausende Metercentner » Import » » » aus » » » » 3273 » » beträgt, dass also vorwiegend das Deutsche Reich hochwerthige Fabrikate exportirt und dafür schwer ins Gewicht fallende landwirthschaftliche Producte eintauscht. Grössere Klarheit über den Inhalt dieses Durchzugsverkehres gibt folgende Zusammenstellung, in welcher die wichtigsten Durchfuhrartikel im Eintritte oder Austritte nach dem Deutschen Reiche angeführt sind. Durchfuhr von für das Deutsche Reich bestimmten Waaren aus den östlichen und südlichen europäischen Staaten im Jahre 1895. W aar enb ezeichnung Aus Russland Aus den Balkanstaaten Tausende Metercentner Mais. . . 85 143 Gerste. • • 79 6 Hafer. • ■ 5 4 Weizen. . . 179 735 Roggen . • • 73 198 Anderes Getreide 11 Getreide überhaupt . 432 1086 i3* 99 Daraus geht Folgendes hervor: Getreide aus Russland und den Balkanstaaten nimmt den Weg durch Oesterreich, um im Deutschen Reiche verbraucht zu werden. Die Balkanstaaten — darunter in erster Linie Rumänien — liefern Deutschland Weizen und Roggen und bezahlen damit die Fabrikate, welche seit der Verschlechterung der Handelsbeziehungen Oesterreich-Ungarns zu den Balkanstaaten, insbesondere seit dem Zollkriege mit Rumänien, in grösserem Maasse aus dem Deutschen Reiche bezogen werden. Unter den Durchfuhrartikeln Russlands, welche dem deutschen Markte zustreben, sind noch Hülsenfrüchte, Oelsaat, Eier und Petroleum zu nennen. Italien sendet Weintrauben, frisches Gemüse, Olivenöl und Hanf, ausserdem Hüte (60.000 Stück) über die österreichischen Alpen nach Deutschland. Einen weiteren Vortheil ziehen unsere Eisenbahnen aus der Verfrachtung von Südfrüchten (Citronen, Limonien und Pomeranzen aus Italien, Feigen und Korinthen aus Griechenland) und Obst (frisches aus Italien, getrocknete Pflaumen aus Serbien), welche zum Theile aus den Balkanländern, zum Theile aus Italien stammen. Welcher Art ist nun die Durchfuhr, die, aus dem Deutschen Reiche eintretend, die Richtung nach Ost, Südost und Süden einschlägt? Es sind vorwiegend Fabrikate der Textil-, Eisen- und Metallwaarenindustrie, in der Hauptsache Baumwollgarne und Baumwollwaaren, Wollwaaren, Hohlglas, namentlich aber Eisenwaaren und Maschinen. Sie wählen den theueren Weg durch Oesterreich-Ungarn, theils weil kurze Lieferfristen den Weg über Hamburg und Gibraltar nicht gangbar machen. Bemerkenswerth ist, dass das geographisch entferntere Deutsche Reich in gewissen Artikeln grössere Mengen durchführt, als Oesterreich-Ungarn nach den benachbarten Balkanländern absetzt. Es betrug beispielsweise im Jahre 1895 nach den Balkanstaaten die Durchfuhr aus dem die Ausfuhr Deutschen Reiche Oesterreich-Ungarns Tausende Metercentner Roh- und Brucheisen. 1 Stabeisen. . . 178 26 Bleche und Platten aus Eisen . . 38 3 Eisendraht. 6 Andere Eisenwaaren. • • 99 70 Eisen- und Eisenwaaren überhaupt 32 1 100 Maschinen aller Art. • • 44 20 Diese Thatsache beleuchtet scharf die Stärke des deutschen Wettbewerbes. In der That ist Oesterreich-Ungarn das Durchfuhrland für den Handel des Deutschen Reiches. ❖ * VORMERKVERKEHR. eben dem Handel zum Verbrauche und neben der Durchfuhr besteht mit dem Auslande noch ein Verkehr, den man unter dem Namen Vormerkverkehr zusammenfasst. Er setzt sich zusammen aus dem Verkehre behufs Veredlung und Reparatur, den Losungs- und den sonstigen Vormerkverkehr, beschränkt sich auf die uns benachbarten Staaten — IOO — « und hier wieder zumeist auf die Grenzbezirke. Wir haben es hier mit Waaren zu thun, die eingeführt werden, im Inlande eine Weiterverarbeitung durch Veredlung oder Reparatur erfahren und dann wieder nach dem Auslande ausgeführt werden. Der Vormerkverkehr im Eingänge geniesst Zollfreiheit und liegt im Interesse gewisser Industriezweige. Umgekehrt wandern österreichische Waaren zu dem gleichen Zwecke ins Ausland, und diese Waaren- bewegung bildet den Vormerkverkehr im Ausgange. Da die Weiterbearbeitung eine gewisse Zeit erfordert, fällt vielfach die Einfuhr und die Ausfuhr nicht in dasselbe Jahr. Die amtliche Handelsstatistik hat diesem Umstande Rechnung getragen und dem Vormerkverkehre eine besondere Sorgfalt zugewendet. Ihre Ziffern gewähren einen genauen Einblick in die Standbewegung, weil neben der Ein- und Wiederausfuhr und umgekehrt bei der Veredlung und Reparatur auch der Abfall bei der Verarbeitung, sowie die inländischen und ausländischen Zuthaten zur Nachweisung gelangen. Die Endziffern dieses Verkehres sind nachstehende: A. Vormerkverkehr im Eingänge 1 ) (i8g5). Veredlung Veredlung Reparatur Losung Sonstige Zusammen Millionen Gulden Millionen Metercentner Vorrath vom Vorjahre . . il. 7 I -g31 O.001 O.i 12 2.046 Einfuhr. 1-838 O.oo3 p 6 G-J Gl 1 -877 Gesammtvorrath .... . 32.! 3.770 O.004 O.148 3.923 Wiederausfuhr .... 1.482 O. 0 o3 0.053 1 -538 Abfall. p OO O O.580 Verzollt 2 ) . 3.8 O.586 O.006 0.592 Vorrath am Ende des Jahres . 8.9 I -122 O.001 O.089 I -212 B. Vormerkverkehr im Ausgange (i8g5). Veredlung Veredlung Reparatur Losung Sonstige Zusammen Millionen Gulden Millionen Metercentner Vorrath vom Vorjahre . O.021 • O.001 O.020 O.021 Ausfuhr. 0.266 0.014 O.003 O.001 O.028 0.045 Gesammtvorrath .... 0.288 O.014 O. 0 o3 O.002 O.048 O.067 Wiedereinfuhr .... O.010 O.Q02 O.001 O. 0 38 0.05 1 Abfall. O.oo3 O.oo3 Im Auslande verblieben . O.001 O.oo3 O.004 Vorrath am Ende des Jahres • O.021 O.001 O.007 O.008 Nur der Vormerk verkehr im Eingänge (Veredlung, Reparatur u. s. w. im Inlande) hat grössere Bedeutung. Der Vormerkverkehr im Ausgange (Veredlung, Reparatur u. s. w. im Auslande) ist von untergeordneter Bedeutung. Letztere Thatsache ist nicht ein Zufall, sondern durch unsere Zollpolitik mit Absicht herbeigeführt worden. Wo nur immer möglich, sollen auch die Vollendungsarbeiten im Inlande erfolgen. Dieser im Interesse der heimischen Arbeit liegende Grundsatz führte beispielsweise zu Anfang der 8oiger Jahre zur Aufhebung des freien Appreturverkehres. Unter dem Vormerkverkehr im Eingänge spielt der Veredlungsverkehr die Hauptrolle, und nur für diesen Verkehr sind deshalb neben den Mengen auch die Werthe in die Tabelle eingesetzt worden. Von der grössten Bedeutung ist vor Allem der Mahlverkehr. z ) Stück und Tonnenzahl, die zur Vollständigkeit anzuführen wären, sind weggelassen worden. z ) Beziehungsweise im Inlande verblieben. IOI •? V Seit dem Jahre 1882 (i.Juni) beziehen inländische, insbesondere Budapester Mühlen ausländischen Weizen, vermahlen ihn und exportiren das daraus gewonnene Mehl wieder nach dem Auslande. Der Mahl verkehr zeigt folgende Bewegung: Einfuhr von Weizen Ausfuhr von Mehl Mill. Metercentner Mill. Gulden Mill. Metercentner Mill. Gulden 1891 . . O. 97 o 9-3 0.384 6.0 1892 • 1 . 32 4 12.1 0.656 IO.5 1893 . . tv. 00 HH 9-9 0.952 I 4 -o 1894 . . 1.712 8-3 I -IOI 14-9 1895 • • I-o 9 3 5-7 1.279 15-6 Der zum Vermahlen bestimmte Weizen wird aus Serbien, Rumänien und Russland eingeführt, das daraus erzeugte Mehl auf dem Wege zur See (via Fiume) nach England, Frankreich und Brasilien, auf dem Wege über die Landesgrenze nach dem Deutschen Reiche wieder ausgeführt. Das Nähere geben die folgenden Ziffern für das Jahr 1895: Einfuhr von Weizen Ausfuhr von Mehl Mill. Metercentner Mill. Metercentner aus Serbien . . . o. 44 8 nach England. 0.625 » Rumänien . . 0.325 * dem Deutschen Reiche . 0.235 » Russland . . . 0.307 » Frankreich. o. ]2 i . » Brasilien.o.m Zusammen . . i. 09 3 . Zusammen . . 1.279 Die inländische, beziehungsweise die ungarische Weizenproduction genügt daher nicht, um die Budapester Mühlenindustrie in normalen Jahren hinreichend zu beschäftigen. Gegenüber dem Mahl verkehr tritt alle übrige Veredlung weit zurück. Von einiger Bedeutung ist noch die Einfuhr von Reis in Hülsen, der, wenn für Reismühlen zum Poliren bestimmt, nur die Hälfte, zur See eingeführt nur den vierten Theil des bestehenden niedrigsten Zolles zu entrichten hat. Im genannten Jahre gelangten zur Einfuhr hauptsächlich aus Britischindien 0.322 Millionen Metercentner Reis im Werthe von 3 .j Millionen Gulden, wovon nur ein kleiner Theil (o. 027 Millionen Metercentner im Werthe von nicht ganz o. 5 Millionen Gulden) zur Wiederausfuhr gelangte. Von den übrigen Arten des VeredlungsVerkehres wären noch hervorzuheben: die Einfuhr von Reis aus Britisch-Indien zur Stärkefabrication unter den oben genannten Zollbegünstigungen; ferner die Bleiche von Flachsgarnen, das Färben von Baumwollgarn (Bezug aus England, Absatz nach der Türkei); das Bedrucken von Baumwoll- waaren, gemeinen, glatten, rohen (Bezug aus der Schweiz, Absatz nach Hamburg, Deutschland und Italien), von Baumwollwaaren, feinen, rohen (Bezug vornehmlich aus England, Absatz hauptsächlich nach Italien); das Besticken von feinsten Baumwollwaaren (Bezug aus der Schweiz zur Wiederausfuhr —• 10 Millionen Gulden — nach der Schweiz); weiters die Anfertigung von Kleidern (i. 8 Millionen Gulden Wiederausfuhr), das Nähen von Handschuhen (Wiederausfuhr i. 8 Millionen Gulden), die Erzeugung von Handfeuerwaffen (China), Locomotiven, Waggons, Schiffen und Anderes mehr. Die Losung im Inlandverkehr (der ungewisse Verkauf durch Beschickung inländischer Märkte) und ebenso die Reparaturen im Inlande sind unbedeutend. Einen grösseren Umfang dagegen hat wieder der «sonstige Vormerkverkehr», zu dem der Verkehr in Mustern zum Vorzeigen, Ausstellungsgegenständen, Emballagen zur Füllung 102 und anderen Gegenständen zum vorübergehenden Gebrauche gehört. Darunter ist hervorzuheben die Einfuhr von 641.651 und die Ausfuhr von 950.078 Stück gebrauchten Jutesäcken, die unserem Getreideexporte als Emballage dienen. Die vorübergehende Einfuhr von Zweirädern, Eisenbahnwaggons und Güterwagen u. s. w. gehört ebenfalls hieher. Der Vormerkverkehr im Ausgange, insbesondere die Veredlung im Auslande ist unbedeutend. Etwas Weizen geht nach Italien zum Vermahlen, kleine Mengen Garne nach dem Deutschen Reiche zur Erzeugung von Wirkwaaren und mehrfärbig gewebten oder bedruckten Baumwollwaaren. Welches die Hauptländer sind, mit denen Oesterreich im Vormerkverkehre steht, ist zum Theile schon durch das oben Gesagte festgestellt. Sieht man von den übrigen Gattungen des Vormerkverkehres ab, dann kommen für die Veredlung im Inlande, wenn man die Werthe zu Grunde legt, der Reihe nach folgende Staaten als Bezugsländer in Betracht: die Schweiz, das Deutsche Reich, Britisch-Indien, Serbien, England, Russland, Rumänien u. s. f.; als Absatzländer hingegen die Schweiz, das Deutsche Reich, England, die Türkei u. s. f. Eine Vergleichung mit früheren Jahren ist schwer durchführbar. Nimmt man das Jahr 1852, das erste nach der Auflassung der Zollgrenze gegen Ungarn, dann gibt die amtliche Statistik nachstehende Angaben an die Hand: Einfuhr Ausfuhr Millionen Gulden Zur Zubereitung.5.000 o. 342 Auf ungewissen Verkauf.0.516 2. 404 Die Einfuhr zur Zubereitung, der etwa die Einfuhr im Veredlungsverkehre von heute entspricht, enthielt als wichtigste Posten: Zollcentner Mill. Gulden Getreide zum Vermahlen.419.872 im Werthe von 1.3 Rohe Leinengarne zum Bleichen und Weben .... 27.218 » » » i. 2 Feine Baumwollwaaren zum Besticken und für Kleider . 2.3x4 » » » 1.5 Getreide kam hauptsächlich von den Seehäfen, Leinengarne aus dem deutschen Zollverein, Baumwollwaaren aus der Schweiz. Ausserdem kamen aus Triest Felle und Häute zum Gerben oder Färben, aus Venedig wieder Schafwolle zum Verspinnen (Schafwolle war mit einem Zolle belegt), Altkupfer zum Umgiessen, Hüte aus Filz zum Waschen, solche aus Seide zum Färben, mittelfeine Wollwaaren (Kotzen, Loden) zum Färben u. s. w. Die Ausfuhr zur Zubereitung beschränkte sich in der Hauptsache auf Weizen zum Vermahlen in den italienischen Staaten, Wachs zum Bleichen und zu Kerzenerzeugung nach Venedig. Der Verkehr auf ungewissen Verkauf umfasste in der Einfuhr zumeist Vieh, und zwar Ochsen und Stiere, die aus Russland und der damaligen Türkei auf unsere Grenzmärkte gebracht wurden, in der Ausfuhr waren es dagegen vornehmlich Webe- und Wirkwaaren, Kurz- waaren, Goldarbeiten und Edelsteine, womit die fremden Märkte, namentlich Triest, Venedig und Sachsen beschickt wurden. Die Viehmärkte des Auslandes wurden seltener aufgesucht. Der Unterschied zwischen Einst und Jetzt fällt stark in die Augen. Der Mahlverkehr beschäftigte anfangs der Fünfzigerjahre die in der Nähe der Grenze befindlichen kleineren Mühlen und war ein sehr beschränkter. Das Entstehen der Budapester Dampfmühlen und die Einführung des sogenannten Mahlverkehres steigerte diesen Veredlungsverkehr ins Grosse. Der Appreturverkehr wurde durch zollpolitische Massregeln eingedämmt. Durch den Bau von Eisenbahnen verloren die Jahrmärkte fast ganz ihre Bedeutung und mit ihnen auch der Verkehr, speciell die Ausfuhr auf ungewissen Verkauf. ❖ GROSSBETRIEB UND KLEINBETRIEB IM AUSSENHANDEL. ine andere Frage ist, welchen Antheil der Grossbetrieb und Kleinbetrieb an unserem Aussenhandel, insbesondere an unserer Ausfuhr nehmen. Bei den zur Ausfuhr gelangenden Bodenproducten lässt sich diese Frage schwer beantworten, da die Unterscheidung, ob sie der Grossgrundbesitzer oder der Kleinbauer liefert, nicht durchführbar ist. Im Allgemeinen kann man wohl sagen, dass der kleine Landwirth nicht exportirt, dass also im Aussenhandel das im Wege des Grossbetriebes gewonnene Product vorherrschen wird. Allerdings gibt es einige Artikel, die der Kleinbesitzer erzeugt, und die, durch Zwischenhand gesammelt, in erheblicher Menge zum Exporte gelangen. Beispiele dafür sind Eier, Bettfedern, Butter, Käse, Obst, Saat, Vieh, auch Flachs, Hanf, Wolle und Anderes. Bei Holz, Wein und Getreide dürfte diese Annahme nur in einem beschränkten Masse zutreffen. Ausgesprochene Erzeugnisse des Grossbetriebes sind jedoch Malz, Erze, Rohmetalle und vor Allem Kohle. Eine etwas genauere Scheidung lassen die Erzeugnisse des Gewerbefleisses zu. Da der Grossbetrieb die billigste Productionsform ist, so wird auch im Allgemeinen vornehmlich die Fabrik und nicht der Handwerker exportiren. Doch gibt es einige bemerkenswerthe Ausnahmen. Wir erwähnen nur die Hausindustrie oder die von kleinen Meistern betriebene nordböhmische Glasindustrie, die Wiener Artikel, in der Hauptsache Kurzwaaren aus Leder, Metall, Holz oder Bein, einzelne Eisenwaaren (Sensen, Messerschmiedwaaren u. s. w.). Dagegen sind die Erzeugnisse der landwirthschaftlichen Industrie, wie Zucker, Bier, Spiritus, Mehl, ferner die Erzeugnisse der Textil-, Papier-, Metall-, Maschinen- und chemischen Industrie vornehmlich fabriksmässig hergestellt. Eine unter diesen Gesichtspunkten vorgenommene Scheidung ergab, dass die Einfuhr an Erzeugnissen des Grossbetriebes mit etwa 250 und jene des kleinen und mittleren Betriebes mit etwa 100 Millionen Gulden veranschlagt werden kann. Sicher anzunehmen ist, dass die Grossindustrie das Doppelte bis zum Dreifachen des Werthes des Kleingewerbes exportirt, eine Erscheinung, die zum Theile erklärt, warum hauptsächlich die Grossindustrie und weniger das Kleingewerbe die Klagen über zu geringe Förderung des Exportes erhoben hat. Wirft man einen Blick auch auf die Einfuhr, dann zeigt sich, dass wir hauptsächlich Fabrikate, und sehr wenige Producte des Klein- oder Kunstgewerbes (Kurzwaaren, Edelsteine, Eisenwaaren, Gemälde u. s. w.) einführen. Dem Werthe nach kann die Einfuhr von handwerksmässig oder im Kleinbetriebe erzeugten Artikeln auf vielleicht 60 Millionen, von Artikeln der Grossindustrie auf rund 250 Millionen geschätzt werden, so dass das Werthverhältniss, in welchem das Kleingewerbe und der Grossbetrieb an der Einfuhr theilnehmen, sich ungefähr wie 1 : 4 stellen dürfte. Die starke Einfuhr fabriksmässig erzeugter Waaren, worunter sich nur wenige Specialitäten befinden, beweist jedenfalls die noch mangelhafte Entwicklung des inländischen Grossbetriebes in einzelnen Industriezweigen. Der Aussenhandel des Staates. In der oben vorgenommenen Trennung haben wir das k. k. Aerar als Handeltreibenden nicht berücksichtigt. Aber auch der Staat ist Importeur und Exporteur. Sein Antheil am Aussenhandel ist geringe. Vor Allem kommen die beiden Monopolartikel Tabak und Salz in Frage, deren Bilanz sich folgendermassen stellt: Einfuhr Ausfuhr Millionen Gulden Rohtabak . . . . • 24.3 0-4 Tabakfabrikate . . 3.4 0.6 Salz. . 0.5 0.2 In der Hauptsache führt daher der Staat nur Rohtabak für den Bedarf seiner Tabakfabriken ein. Die Einfuhr von Tabak und Cigarren für Private ist durch Verbote, hohe Zölle und hohe Licenzgebühren, welche den Ertrag des Monopols sicherstellen sollen, fast unmöglich gemacht, die Ausfuhr von Tabakfabrikaten nicht erheblich. Der Aussenhandel in Salz ist unbedeutend, weil unorganisirt, könnte aber mit Rücksicht auf den Reichthum unserer Salzlager einen bedeutenden Aufschwung nehmen. Damit sind allerdings die Artikel, welche der Staat aus dem Auslande bezieht, nicht erschöpft. Der Staat ist selbst Unternehmer, und zwar in mehrfacher Hinsicht: die Post, der Telegraph, das Telephon, zum grösseren Theile auch die Eisenbahnen sind Unternehmungen des Staates. Der Bedarf für diese Verkehrsanstalten wird aber heute, wo an dem Grundsätze der Inlandbestellung festgehalten wird, fast ausschliesslich von den heimischen Producenten bezogen. Aber es ist nicht lange her, dass der Staat einen Theil dieses Bedarfes aus dem Auslande beschaffte; es sei hier nur an die Bestellungen von Eisenbahnmaterialien (Schienen, Radkränze, Eisenbahnbetriebsmittel etc.), an die Beschaffung von Artikeln für das k. k. Heer und für die k. k. Kriegsmarine erinnert. Heute werden bekanntlich Gewehre und Kriegsschiffe durchwegs im Inlande hergestellt. Eine Ausnahme davon machen nur gewisse Specialitäten (Krupps Kanonen, patentirte Artikel, einzelne Maschinen etc.) oder Kohle für die Kriegsmarine, welch’ letztere des besonders grossen Preisunterschiedes wegen noch aus England bezogen wird. Für die Einfuhr kommt der Staat daher nicht so sehr in Betracht, mehr bei der Ausfuhr. Der Staat ist Besitzer von Bergwerken und ausgedehnten Domänen und treibt die Pferdezucht im militärischen Interesse. Am Export von Metallen, Pferden und Holz dürfte das Aerar einen grösseren Antheil haben. Wie gross jedoch dieser Antheil ist, lässt sich auf Grund der amtlichen Ausweise nicht feststellen. ❖ DIE VERTHEILUNG DES AUSSENHANDELS AUF DIE EINZELNEN MONATE IM JAHRE. ine weitere Frage ist, wie der Aussenverkehr sich auf die einzelnen Monate des Jahres vertheilt, ob Zu- und Abfluss stossweise erfolgt, oder ob er sich in einem mehr oder weniger constanten Strome über unsere Grenzen ergiesst. Es ist im Voraus klar, dass der Empfang und der Versandt von Rohstoffen mit der Erntezeit im innigen Zusammenhänge steht und daher die Ein- und Ausfuhr von Bodenproducten, die unmittelbar zum Genüsse dienen und leicht dem Verderben unterliegen, unregelmässig und Die Gross-Industrie. I. 14 105 stossweise erfolgt, dass dagegen die Industrieerzeugnisse, von einigen Saisonindustrien abgesehen, gleichmässig zu- und abfliessen. Letztere sind eben unabhängig vom Boden und nur abhängig vom Verbrauche; auch lassen sie sich auf längere Zeit aufstapeln. Was die Gesammtmengen betrifft, die in den einzelnen Monaten im Specialhandel ein- und austreten, so schwanken die Ziffern der Einfuhr etwa zwischen 6. 5 und io. 0 Millionen Metercentner, jene der Ausfuhr etwa zwischen 8. s und 14.5 Millionen Metercentner, in der Weise, dass die Frühjahrsmonate die kleineren, die Herbstmonate die grösseren Ziffern aufweisen. Ernte und offene Schiffahrt kommen hier in erster Linie in Betracht. Geht man beispielsweise für das Jahr 1897 auf die einzelnen Artikel näher ein, dann kommt man bei den Bodenproducten auf grössere Verschiedenheiten. Citronen, Limonien und Orangen — fast nur aus Italien — weisen im März die höchste (118.000 Metercentner), im September die niedrigste Zufuhr (i 3 .ooo Metercentner) auf. Kartoffel aus' dem Süden haben die höchsten Ziffern in den Monaten April—Juni (25.000 — 52.000 Metercentner), die niedrigsten in den darauffolgenden drei Monaten (7000 Metercentner), wo die Ernte im Inlande ausländischen Bezug nahezu überflüssig macht. Jute trifft in unseren Seehäfen in den Monaten November—December ein. Baumwolle und Kaffee, die nicht leicht dem Verderben unterliegen und aus den entferntesten überseeischen Ländern bezogen werden, zeigen etwas unregelmässige Ziffern, die vornehmlich durch die Ernte, aber auch durch Preisschwankungen beeinflusst sind. Steinkohle, die bei der Einfuhr am meisten ins Gewicht fällt, zeigt ihr Minimum mit 3,317.000 Metercentner im Juni, ihr Maximum mit 5,123.000 Metercentner im Jänner, was mit dem grösseren Bedarf für Hausbrand im Winter zusammenhängt. Der Bezug von Mineralien dagegen, welche nach Steinkohlen die höchste Einfuhrziffer aufweisen, fällt in die wärmere Jahreszeit, wo die Bauthätigkeit eine stärkere ist. Die Einfuhrmenge schwankt zwischen 248.000 Metercentner im Februar und 794.000 Metercentner im Juli. Die Einfuhr von Getreide hängt wieder von der Erntezeit ab. Mais und Roggen treten in den letzten Monaten des Jahres stärker über die Grenzen. In der Ausfuhr fällt die Braunkohle am meisten ins Gewicht. Ihre niedrigste Ziffer mit 5,461.000 Metercentner findet sich im Februar, ihre höchste im October mit 7,882.000 Metercentner. Die aus Oesterreich-Ungarn ausgeführte Braunkohle ist weniger für den Bedarf der Haushaltung als für die Feuerung der sächsischen Dampfkessel bestimmt. Die Versorgung vollzieht sich auch in jener Jahreszeit, wo der billige Wasserweg der Elbe noch offen ist. Daraus erklärt sich die Verschiedenheit in den monatlichen Einfuhrziffern der Steinkohle und den Ausfuhrziffern der Braunkohle. Die Ausfuhr von Weizen, Gerste und Wein vollzieht sich nach Beendigung der Erntearbeiten im Herbste, das im Winter zu Thal gebrachte Holz, sowie Vieh gelangt vorwiegend in den Sommermonaten zur Ausfuhr. Ueberhaupt drängt der Ueberschuss des Rohproductes unmittelbar nach der Ernte zur Ausfuhr, während das Halb- und Ganzfabrikat mit grösserer Regelmässigkeit abfliesst. Ausgenommen Roheisen und die Fabrikate der landwirthschaftlichen Industrien wie Bier, Branntwein und Zucker weisen fast alle Industrieerzeugnisse eine ziemlich gleichmässige Verkehrsmenge auf. In welcher Weise sich eine schlechte Ernte in unserem Aussenhandel fühlbar macht, dafür bieten die folgenden Ziffern von Weizen ein lehrreiches Beispiel. 106 Einfuhr Ausfuhr 1896 1897 1898 Tausende 1896 1897 Metercentner M 00 vo 00 Jänner . 10 • 244 3 o 39 I Februar . 11 5 281 3 o 35 . März. 20 8 419 2 7 53 April. U 8 396 34 45 • Mai. 6 4 374 65 45 Juni. 11 1 3 ? 56 3 i ? Juli. 10. 42 ? 40 23 ? August. 4 102 ? 57 6 ? September .... 29 203 ? 43 1 ? October. 3 o 2 I I ? 47 1 ? November .... 4 LO 00 04 ? 57 ? December .... 421 ? 76 ? 150 i 3 o 2 1714 562 279 1 Man kann daraus ersehen, wie die ungünstige Ernte von 1897 unseren Aussenhandel in Weizen beeinflusste. Die Einfuhr im Jahre 1896 wird von der Ausfuhr, die nach der Ernte ein gleichmässiges Anschwellen erkennen lässt, erheblich übertroffen. Die Missernte 1897 lässt die Einfuhr in der zweiten Hälfte des Jahres stark und beständig zunehmen, und hält diese Zunahme bis zum nächsten Frühjahre an. Umgekehrt hört die Ausfuhr von Getreide in der zweiten Hälfte von 1897 und naturgemäss auch in der ersten Hälfte von 1898 vollständig auf. Die Zolleinnahmen. Der Staat hat an der Entwicklung der Production und des Verkehres ein nur mittelbares Interesse. Ein unmittelbares finanzielles Interesse knüpft ihn aber an den Aussenhandel. Die Ein-, Aus- und Durchfuhr war in der Mitte dieses Jahrhunderts ausserordentlich erschwert. Verbote und Prohibitivzölle für alle drei Verkehrsrichtungen, Einfuhr, Ausfuhr und Durchfuhr sperrten oder hemmten den Verkehr mit dem Auslande. Immer aber zog der Staat erhebliche Einnahmen aus den Zöllen. Die ursprünglich prohibitiven Zölle sind nach und nach ermässigt worden und zu Schutzzöllen oder Ausgleichszöllen herabgesunken. Den dadurch drohenden Ausfall hat der Staat dadurch verhindert, dass er seit 1882 Genussartikel, die im Inlande nicht gedeihen und deshalb keines Schutzes bedürfen, bei ihrem Eintritte erheblich besteuerte. So entstanden die sogenannten Finanz zolle auf Kaffee, Thee, Gewürze und Petroleum, welche heute den Haupttheil der Zolleinnahmen ausmachen und mit einem Gewichtszolle belegt sind, der 40 bis 100 Percent des Waarenwerthes beträgt. Ein Vergleich von 1847 und 1896 gibt folgendes Bild. Die Zolleinnahmen im Jahre 1847 J ) betrugen bei der Einfuhr.19.0 Millionen Gulden Conv.-Münze » » Ausfuhr.2. 7 » » » » » Durchfuhr 0.1 » » » 9 Und zwar bei der Einfuhr Ausfuhr Millionen Gulden Conv.-Münze der österreichischen Länder.16.6 1.5 Dalmatiens. o. 2 o. 02 Venedigs. o. 02 im Zwischenverkehr mit Ungarn und Siebenbürgen i., — 107 — 14* Im Einfuhr verkehre der im Zollverbande befindlichen Länder des österreichischen Kaiserstaates und den in den Zollausschlüssen gelegenen Theilen der österreichischen Monarchie stellten sich die Zolleinnahmen des Jahres 1847 wie folgt: Natur- und landwirtschaftliche Erzeugnisse . . i 3. 2 Millionen Gulden Conv.-Münze Fabrikationsstoffe und Halbfabrikate .... 2.3 » » » Ganzfabrikate. i.! » » » Darunter: Zuckermehl für Raffinerien .... Kaffee. Olivenöl. Getränke. Vieh (vorwiegend Ochsen, Schweine) Getreide. Garne (vorwiegend aus Baumwolle) . Baumwolle. Schafwolle. Felle und Häute ....... 16.6 4.86 Millionen Gulden Conv.-Münze 2. 55 1.06 » » » 0.83 » » » O.81 » » » O.67 » » » O.72 » » » O.71 » » » O. 0 3 » » » O.n » » . » U. S. W. Im Ein fuhr verkehre mit Ungarn und Siebenbürgen waren die bedeutendsten Zolleinnahmen erzielt bei Getreide mit...0.68 Millionen Gulden Conv.-Münze Getränke ».o. 2 s » » » Im Aus fuhr verkehre von den im Zollverbande befindlichen Ländern des österreichischen Kaiserstaates wurden an Zöllen vereinnahmt bei Seide.0.66 Millionen Gulden Conv.-Münze Schafwolle.o. n » » » In der Ausfuhr nach Ungarn waren es wieder hauptsächlich die Zölle der Fabrikate (o. 8g Millionen Gulden), die in Betracht kamen. Trotz der hohen Zölle waren die Zolleinnahmen zu dieser Zeit verhältnismässig gering, hauptsächlich aus dem Grunde, weil der Aussenhandel ein noch unentwickelter war. Zucker lieferte den höchsten, Kaffee den zweithöchsten Ertrag. Heute ist das Bild ein wesentlich anderes. Im Jahre 1895 bewerthete sich der Ertrag der Einfuhrzölle folgendeffliassen: Zollertrag Einfuhr Durchschnitts- Millionen Gulden ö. W. percente Finanzzölle . . . . . . . 19.4 49-7 39.0 Agrarzölle. . . . 14.: 266.2 5-3 Industriezölle. ■ • • 19-5 352.7 5-5 Im Ganzen somit 53.0 668.6') 7-9 Ein Ausfuhrzoll besteht heute nur noch auf Hadern, der dem Staate im genannten Jahre rund 7000 Goldgulden eintrug. Am einträglichsten sind die auf wenige Artikel sich erstreckenden Finanzzölle, nämlich die Zölle auf: Colonialwaaren, Gewürze und Petroleum. Der einträglichste Artikel überhaupt 9 Ohne Edelmetalle. 108 ist Kaffee (über 14 Millionen Goldgulden). Von den landwirthschaftlichen Producten sind es namentlich Getreide und Wein, von den industriellen Erzeugnissen Eisen und Eisenwaaren, Maschinen, Baumwollgarne und Wollwaaren, welche dem Staatsschätze nennenswerthe Erträgnisse zuführen. Seit dem Bestehen des gemeinsamen Zollgebietes (1852—1897) sind dem Staate aus den Zolleinnahmen für die Einfuhr allein rund 1.3 Milliarden Gulden ö. W. zugeflossen. URSACHEN UND WIRKUNGEN IM AUSSENHANDEL. s sollen in diesem Abschnitte einzelne Thatsachen in ihrer Wirkung auf den Aussen- handel beleuchtet werden. Eine nachhaltige Beeinflussung hat der Aussenhandel der Monarchie durch die Zoll- und Handelspolitik erfahren. Jede Zollerhöhung bedeutet im Allgemeinen eine Verminderung, jede Zollermässigung eine Vermehrung der Einfuhr. In dieser Hinsicht hat jede Aenderung des autonomen Tarifes, jede Grenzsperre und jeder neue Handelsvertrag Spuren im Aussenhandel hinterlassen, die hier zu verfolgen, wenn auch nur für die wichtigeren Waaren, zu weit führen würde. Es seien daher im Nachstehenden nur einige der allerwichtigsten zollpolitischen Massnahmen in ihrer Wirkung auf den Aussenhandel beleuchtet. Eine grössere Bedeutung für unseren Aussenhandel hatte seinerzeit beispielsweise die Aufhebung des freien Appreturverkehres. Ein Appreturverkehr bestand mit Italien (Einfuhr von Eisen nach Tirol), mit der Schweiz (Gewebe zum Besticken), Rumänien (Eisen zum Umschmelzen) u. A. Doch war dieser Verkehr nicht von Belang. Der wichtigste Verkehr bestand mit dem Deutschen Reiche, wohin österreichische Gewebe gesendet wurden, um dort bedruckt, gefärbt oder gebleicht zu werden. Die so veredelte Waare konnte zollfrei wieder nach Oesterreich eingeführt werden. Sowohl Oesterreich-Ungarn als auch Deutschland schränkten in den Achtzigerjahren diesen Verkehr ein. So ordnete die gemeinsame Regierung ( 3 i. December 1879) an, dass Gewebe, die zum Bedrucken oder Färben ausgeführt werden, nur bis zum 16. Februar 1880 zollfrei eingehen können. Von diesem Zeitpunkte an betrug der Zoll bei der Wiedereinfuhr für bedruckte Gewebe 14 Gulden Gold, für gebleichte Gewebe 4 Gulden Gold. Die Durchführung dieser Massregel hatte einen durchgreifenden Erfolg. Der Veredlungsverkehr in Garnen und Geweben hat mit Anfang i 883 nahezu ganz aufgehört, so dass Deutschland seine Garne mit Ausnahme geringer Mengen selbst verwebt und bleicht, anstatt sie nach Oesterreich zu senden, und umgekehrt Oesterreich-Ungarn seine Gewebe selbst bedruckt, färbt und bleicht, statt wie bis dahin diese Veredlung im Deutschen Reiche vornehmen zu lassen. Der Einfluss dieser Zollmassnahmen auf den Aussenhandel zeigt sich in folgenden Ziffern: Veredlungsverkehr zwischen Oesterreich-Ungarn und dem Deutschen Reiche. Garne Gewebe Einfuhr aus Ausfuhr nach Einfuhr aus Ausfuhr nach Deutschland Deutschland Metercentner 1879 • • . . 26.873 6224 2 955 41.873 1880 . . . . 8.558 4618 1275 28.213 1881 . . . . 3.736 5829 38o 24.469 i PÄ — 109 — Garne Gewebe Einfuhr aus Ausfuhr nach Einfuhr aus Ausfuhr nach Deutschland Deutschland Metercentner 00 00 K) 1.400 4445 671 21.590 i883 .... 1.548 858 1296 • 1884 .... 1.124 1278 1471 6 1885 .... 925 94 1 548 1886 .... 322 931 416 1887 .... 386 794 675 • 1888 .... 1.158 684 412 1 1889 .... 911 625 509 1 1890 .... 950 421 521 1 Ein Beispiel für die Wirkung einer Zollermässigung bieten die Differentialzölle. Seit i.Juni 1882 geniessen nämlich Colonialwaaren, Gewürze und einige andere Artikel, wenn sie zur See eintreten, die Begünstigung eines niedrigeren Zollsatzes. 1 ) Der Zweck dieser Differentialzölle war, den Handel in diesen Artikeln, der früher den Weg über Hamburg oder Bremen, also den Landweg einschlug, nach Triest zu ziehen. Dieser Zweck ist vollständig erreicht worden. Ein Vergleich des Jahres 1880 mit dem letzten Jahre (1896) zeigt dies in besonders anschaulicher Weise. Es gingen zur See ein: 1880 1896 Percente der Gesammteinfuhr Cacaobohnen . 0.6 61.8 Kaffee . .23.5 87.2 Thee . . 1 "7 84.8 Gewürze . .24.0 98.1 Ein starker Beweis, wie einschneidend und wie erfolgreich staatliche Massnahmen sein können. Ein zweites bemerkenswerthes Beispiel, welchen Einfluss Zollherabsetzungen auf den Aussenhandel haben, bietet die Herabsetzung des Zolles auf italienische Weine von 20 auf 3 '-'♦20 Gulden Gold Ende August 1892, Es betrug nämlich die Einfuhr von Wein in Fässern aus Italien: im Jahre Metercentner Mill. Gulden 1891 • • I -565 0.08 1892 . . • • 475-867 4-78 1893 . . . . 1,188.202 IO.69 Die Beispiele liessen sich fortsetzen. Nicht immer aber ist der Einfluss der Zölle so leicht festzustellen wie in den angeführten Fällen, denn mit den Zöllen ändern sich oft gleichzeitig die Geschäftslage, die Ernte, die politischen und andere Verhältnisse. Man kennt ja nicht die Ziffern, welche sich ergeben hätten ohne Vertrag oder ohne Aenderung der Zollpolitik. Auch müssen die Schlüsse vorsichtig gemacht werden, denn der mächtige Wettbewerb des Auslandes, die Ueberschwemmung *) Cacao einen Zollnachlass von 5 Gulden Gold für 100 Kilogramm, Kaffee » » »3 Thee » » »10 Gewürze » » » 5 100 100 100 110 mit fremden Fabrikaten, kann oft nur durch grosse Preisopfer der heimischen Industrie zurückgeschlagen werden. Dann weist die Statistik zwar keine Mehreinfuhr aus, viele' Fabriken aber haben mit Verlust gearbeitet. Die vorstehenden Beispiele beleuchten den Einfluss, welchen die Erhöhungen oder Ermässigungen unserer Zölle auf die Grösse und Richtung unseres Einfuhrhandels genommen haben. Einen ähnlichen Einfluss üben die fremden Zölle auf unseren Ausfuhrhandel. In dieser Beziehung sind namentlich Zollkriege von verheerender Wirkung. Was ein Zollkrieg, was Kampfzölle für den Aussenhandel bedeuten, das hat in empfindlicher Weise unsere Monarchie erfahren, als der Handelsvertrag mit Rumänien nicht erneuert werden konnte und im Juni 1886 ein Zollkrieg ausbrach, der bis 10. Juli 1891 währte. Da unsere Ausweise zu jener Zeit weder Herkunft noch Bestimmung einer Waare nachwiesen, greifen wir, um den Einfluss des Zollkrieges mit Rumänien auf unseren Aussenhandel kennen zu lernen, auf die rumänische Statistik, die nachstehende Ziffern an die Hand Einfuhr Rumäniens aus Oesterreich-Ungarn Belgien Schweiz Millionen Francs Deutschland Frankreich England 1885 • • • 120.7 6.7 4 -i 41-5 14-3 51-8 1886 . . . 93.5 14.5 2.6 73.3 14.5 71.4 1887 . . . 53-5 16.6 15-6 90.1 25 -o 86.7 1888 . . . 50-9 16.4 19-2 83.2 28.1 84.8 1889 . . . 49.4 19-3 22.0 108.2 32.8 102.3 1890 52-7 l8. 9 8.0 109.3 39.6 97-6 1891, I. Sem. . 34.3 10.8 5-7 95-8 24.5 85-9 1891, II. Sem. . 36.8 8.6 2.9 43.8 17-3 28.8 1892 . . . 89.4 20.6 7-3 h 3 . 5 3 o. 9 84.1 1893 . . . 110.4 22.! 8.0 117-9 35-5 94 -o Ausfuhr Rumäniens nach 1885 . . . 83.8 9.9 0.1 2.9 11.6 85-0 1886 . . . 34.7 15-2 0.1 2.6 29-1 116.6 1887 . . . 21.2 15-7 0.2 8.8 19-8 154-2 1888 . . . i3. 5 3 1.7 0.3 6-5 18.6 143.9 1889 ... l6. 9 37.5 3.0 U -5 i3.j 140.6 1890 . . . 8.9 43.6 1.4 12.6 17-2 161.4 1891, I. Sem. . 4-6 19-2 0.3 2.9 2.0 47-6 1891, II. Sem. . 18.6 22.1 0.2 28.1 7-9 96.1 1892 3 1.6 43.9 0.6 33.2 I I.o 120.6 1893 37.4 70.0 0.6 i3o. 9 8.4 8o. 4 Aus dieser Zusammensetzung geht die gewaltige Verschiebung in Folge des Zollkrieges hervor. Ein fünfjähriger Zeitraum genügte, um den Absatz des österreichischen Erzeugnisses auf dem rumänischen Markte um mehr als die Hälfte zu vermindern. An seine Stelle trat das französische, englische, zumeist aber das deutsche Fabrikat. Der Verlust Oesterreich- Ungarns bedeutete einen directen Gewinn seiner Mitbewerber, und er kann für die österreichische Industrie allein mit rund 120 Millionen Goldgulden geschätzt werden, worin mindestens 1 ) 7, möglicherweise aber auch 20 Millionen Goldgulden Arbeitslohn enthalten sein dürften. I ) Der Schätzung - ist der fünfjährige Durchschnitt des österreichisch-ungarischen Exportes (1881—1885) zu Grunde gelegt und berücksichtigt, dass die Bezüge Rumäniens während des Zollkrieges gute Conjunctur boten. Inbegriffen sind die Verluste, welche die Donau-Dampfschiffahrts- und die Staatseisenbahn-Gesellschaft durch Fracht- entgang erlitten haben, und inbegriffen auch jene geschätzten Beträge, die im Wege des Naturalisationsverfahrens über die Schweiz und Belgien eingetreten sind, ausgeschlossen jedoch die Verluste, welche Ungarn erlitten hat. Da das österreichische Fabrikat so hohe Zollsätze des autonomen Tarifes nicht überspringen konnte, schlug der Handel andere Wege ein und versuchte durch Naturalisirung der Waare in der Schweiz und Belgien den Absatz in Rumänien aufrecht zu erhalten. Das war nur bei jener Waare möglich, welche die damit verbundenen Fracht- und Zollspesen vertrug, also vorwiegend bei hochwerthigen Artikeln. In dieser Beziehung sehen wir gewisse, durch den Zoll hervorgerufenen Reflexerscheinungen in der Richtung des Aussenhandels, und zwar in einer vermehrten Ausfuhr nach den letztgenannten Ländern. Beispielsweise betrug die Ausfuhr Oesterreich-Ungarns über die schweizerische Grenze: in Lederwaaren Kurzwaaren Baumwollwaaren Millionen Gulden 1884 O.0I2 O.040 O.06S 1885 O.062 O.281 0.052 1886 O.314 O.930 O.097 1887 I -243 0.590 O.981 1888 1 -745 O.627 0.361 1889 I.569 O.629 O.202 1890 O.322 O.486 O.065 Einen massgebenden Einfluss auf unseren Aussenhandel übte seit jeher die Getreideernte. Jede gute Ernte schnellt die Exportziffer in die Höhe, jede mittelmässige oder gar schlechte Ernte bringt sie wieder zum Sinken. Die Handelsziffern in Getreide bewegen sich in Folge dessen sprunghaft und entbehren jener Gleichmässigkeit, die im Allgemeinen die Verkehrsziffern der Industrieerzeugnisse aufweisen. Als Beispiel für eine gute Ernte sei das Jahr 1882 angeführt. Es betrug in diesem Jahre: Ernteertrag Weizen Einfuhr Ausfuhr Mehrausfuhr Ernteertrag Roggen Einfuhr Ausfuhr Mehrausfuhr Mill. Hektoliter Mill. Metercentner Mill. Hektoliter Mill. Metercentner 1882 . . . 63.168 2.298 4-336 + 2.o38 47-253 0.645 0.746 + O.101 i 883 . . . 46.266 1.664 2.809 + x -i 4 S 38.554 0.784 0.266 — O.518 00 00 w • • 54-26o 1-286 I-IIO — O.176 42*605 1.237 O.077 — I-i6o Die gute Ernte des Jahres 1882 findet in der hohen Exportziffer und in einer grossen Mehrausfuhr seinen Ausdruck. Die darauffolgenden Jahre waren minder gute Erntejahre, welcher Umstand — allerdings auch in Verbindung mit anderen — die Ausfuhr auf den vierten Theil herabminderte und die Mehrausfuhr sogar in eine Mehreinfuhr umwandelte. Bei Roggen ergibt sich ein ähnliches Bild, obschon in dieser Frucht in Oesterreich-Ungarn in der Regel ein erheblicher Export nicht besteht. Ein Beispiel für schlechte Ernte aus jüngster Zeit bietet das Jahr 1897, in welchem die Weizenernte der Monarchie nur rund 32 Mill. Metercentner gegenüber 4472 im Jahre 1896 erreichte. Es gestaltete sich der Aussenhandel in Weizen wie folgt: 1896 1897 1898 Jänner—Mai Tausende Metercentner Einfuhr. 150 202 1714 Ausfuhr.562 279 1 Die Ziffern sprechen für sich. Starkes Anwachsen der Einfuhr und völliges Aufhören der Ausfuhr. Aenderungen des Zollgebietes sind ebenfalls von einschneidender Wirkung auf den Handel. Die Einbeziehung von Dalmatien, Bosnien und der Hercegovina, der Zollausschlüsse in Istrien und anderer spiegelt sich beispielsweise in ■ folgenden Ziffern: Einfuhr 187g 1880 Metercentner Wein. 106.580 32.912 Olivenöl .... 129.913 88.950 Fische, zubereitet . Ausfuhr 1879 1880 Metercentner 434.674 905-841 5.923 14.401 734 14-175 Durch den Anschluss von Dalmatien entfiel einerseits die Verzollung von Olivenöl und Wein, wodurch die Einfuhrziffern erheblich sanken; andererseits stieg die Gesammtexportziffer in diesen Artikeln, weil zu der früheren Ausfuhr die Ausfuhr aus Dalmatien hinzutrat. Der Verlust von Venedig, die Einbeziehung Triests und Fiumes in das österreichischungarische Zollgebiet spiegeln sich in einer der früheren Tabellen. In welcher Weise Viehseuchen den Aussenhandel schädigen, dafür gibt die Schweineseuche im Jahre 1895 ein bemerkenswerthes Beispiel. Es betrug nämlich: Schweine Spanferkel Ausfuhr + Mehrausfuhr — Mehreinfuhr Ausfuhr + Mehrausfuhr — Mehreinfuhr 1894 • • . Stück 485.064 + 205.791 4.222 + 2.263 1895 • • » 113.676 - 5°-5°3 989 -40.245 1896 . . » 6.669 — 79.360 3 70 — 21.713 1897 . . 2.054 — 134.021 200 - 2.777 Auch die betreffenden thierischen Producte, wie Schweinefett, Speck und Borsten erlitten einen ähnlichen Rückgang. Alles in Allem dürfte der Verlust im Aussenhandel nicht weit von 100 Millionen Gulden entfernt sein. Ausser den im Vorhergehenden durch Beispiele belegten Factoren kommen noch zahlreiche andere in Betracht, die nicht weniger unseren Aussenhandel beeinflussen. Die Entwicklung des Eisenbahnnetzes von 1514 km im Jahre 1848 auf rund 35.000 km im Jahre 1898, die dadurch hervorgerufene Erleichterung und Verbilligung des Verkehres, die Zunahme der Verkehrsgeschwindigkeit, all’ das hat naturgemäss den Aussenhandel mächtig beeinflusst. Jeder neue Eisenbahnanschluss hatte einen erhöhten Güteraustausch mit dem Auslande, fast jede neue Localbahn neue Gütermengen den grossen Märkten zugeführt. Nicht dasselbe kann man von den billigeren Wasserstrassen behaupten. Der Verkehr auf der Donau hat sich zwar sehr bedeutend gehoben, aber der Mangel an Canälen musste eine grössere Entwicklung unterbinden. Während im Deutschen Reiche nach Oelwein 20°/ 0 des Gesammtverkehres die Wasserstrassen benützen, sind es in Oesterreich-Ungarn nur o. 7 °/ 0 - Viele minderwerthige Producte liegen infolge dessen unverwerthet oder schlecht verwerthet an Ort und Stelle. Vielen Producten wird durch theure Eisenbahnfracht der Weg gekürzt und gewisse Absatzgebiete ihnen verschlossen. Auch die Steuerpolitik (Exportprämien, Steuerrestitution), neue Erfindungen, selbst die Mode hat gewaltige Verschiebungen im Aussenhandel hervorgerufen, die alle zu verfolgen hier jedoch der Raum fehlt. Die Gross-Industrie. I. 15 n 3 DIE STELLUNG OESTERREICH-UNGARNS AM WELTMÄRKTE. ie bisher gemachte Betrachtung erstreckte sich auf unseren Aussenhandel an und für sich, ohne Beziehung auf den Aussenhandel der übrigen Länder. Die übrigen Staaten der Erde entfalten jedoch eine parallele Thätigkeit, welche natürlich auf die Richtung und den Umfang unseres Aussenhandels von rückwirkendem Einflüsse ist. Gleichviel, ob wir als Käufer ausländischer oder als Verkäufer einheimischer Waare unsere Grenzen verlassen, in , beiden Fällen stossen wir auf die Handeltreibenden anderer Nationen als Mitwerber. Suchen wir Kaffee zum gewohnten Genüsse, oder brauchen wir Baumwolle, um daraus unsere Kleider zu verfertigen, wir begegnen in den fernen Märkten allen Ländern Europas; und wir müssen die Meistbietenden oder die Bevorzugten sein, wollen wir unsere Bedürfnisse befriedigen und wollen wir nicht aus zweiter, aus theurer Zwischenhand unseren Bedarf decken. Umgekehrt: Suchen wir für böhmischen Zucker, steirisches Eisen oder Wiener Kurzwaaren Absatz, dann sehen wir Deutschland, England und Frankreich an unserer Seite, und wir müssen den niedrigsten Preis stellen, wollen wir unseren Ueberschuss an den Mann bringen. Es ist dies ein friedlicher Wettbewerb der Völker, aber ein harter Kampf, oft ein Kampf ums Dasein. In seinem Dienste steht ein Heer von tüchtigen Soldaten. Millionen geschickter Arbeiter, findige Ingenieure, scharf denkende Erfinder, unentbehrliche Verwaltungsbeamte, leitende Directoren und Industrielle, regsame Kaufleute, kluge Reisende arbeiten mit vereinten Kräften, um den industriellen Producten Absatz zu verschaffen. Oft reicht ihre Thätigkeit nicht aus, und der Staatsmann und Diplomat müssen unterstützend eingreifen, müssen die ganze Wucht des Staatsansehens in die Wagschale werfen, um dieser Summe von gethaner Arbeit den erhofften Erfolg zu sichern. Und die Arbeit dieser grossen industriellen Armee drängt sich in eine einzige Ziffer, den Waarenpreis zusammen. Jene Industrie wird bei gleicher Güte des Erzeugnisses Siegerin bleiben, welche die geringsten Gestehungskosten hat. ’) Besehen wir uns diesen internationalen Wettkampf, bei dem weniger die absoluten Beträge, als vielmehr die Verhältnisszahlen die Stärke und Schwäche eines Landes ausdrücken, etwas näher. Nach v. Juraschek betrug (1892) der Umsatz im Welthandel rund 35 Milliarden Goldgulden, wovon auf die Ausfuhr etwa 16, auf die Einfuhr 19 Milliarden entfallen. 2 ) Nach einer Arbeit, die für das Jahr 1892 das erste Mal versucht wurde, 3 ) haben vierzig der hervorragendsten Staaten 4 ) Waaren im Werthe von 14.5 Milliarden Goldgulden auf den Weltmarkt geworfen und dafür Güter im Werthe von iö. 6 Milliarden 5 ) bezogen. Europa mit etwa 12 Milliarden — dem 3 / 4 Theile vom Ganzen — steht im Mittelpunkte des Welthandels; zu ihm streben die Schätze der Natur aus allen anderen Welttheilen, und von ihm strömen die Fabrikate nach den entferntesten Welttheilen ab. Und das Herz von Europa ist wieder England, das allein für 3 l / 2 Milliarden Goldgulden Waaren kauft und damit mehr als den fünften Theil des Weltverkehres an sich gekettet hat. p Dr. Alexander Peez: «Zur neuesten Handelspolitik», Absch. IV, Wien 1895. 2 ) Hier sei bemerkt, dass eine Darstellung des Welthandels nicht die in Verkehr gesetzte Waarenmenge zur Grundlage nehmen kann. Das ist für einzelne Artikel thunlich, wie für Getreide, Kohle, Baumwolle u. s. w., wo die Umrechnung auf ein Einheitsgewicht, die Tonne, möglich, oder wie bei Vieh, wo eine Summirung der Stückzahl ohneweiters durchführbar ist. Nicht so bei den mannigfachen Artikeln, die in den verschiedenen Handelsstatistiken bald nach Gewicht, bald nach Raummass, bald nach Stück ausgewiesen werden. Für den Handel ist ausschliesslich der Preis massgebend, für die Handelsbilanz daher nur der Handelswerth brauchbar. Es ist ein grosser Unterschied, ob ein Staat eine Million Metercentner Getreide, oder ob er eine Million Metercentner Kurz- Trennt man den Verkehr der 40 genannten Länder in Rohstoffe und Fabrikate, so zeigt es sich, dass dem Werthe nach ungefähr drei Fünftel des gesammten Welthandels auf erstere, zwei Fünftel auf letztere entfallen. Unter den ersteren, unter den Rohstoffen, sind die wichtigsten: Spinnstoffe (i. 9 Milliarden Goldgulden), Getreide (i. 5 Milliarden), Colonialwaren (i-i), Rohstoffe des Bergbaues und der Metallindustrie (o. 7 ), der chemischen Industrie (o. 6 ), der verschiedenen anderen Industrien (i. 0 ), anderen Nahrungsmittel (i. 0 ) u. s. w. Unter den letzteren, den Fabrikaten, stehen die Erzeugnisse der Textilindustrie (2.3 Milliarden), des Bergbaues und der Metallwaarenindustrie (i. 4 ) obenan. Dann folgen der Reihe nach Fabrikate der verschiedenen Industrien (i. 0 ), Fabrikate der chemischen Industrie (o. 8 ), Zucker (o. 7 ), Mehl (o. 2 ), schliesslich Bier, Sprit und Tabakfabrikate. Die Nahrungsmittel spielen jedoch nicht die Flauptrolle. Nur ungefähr ein Drittel der in den Welthandel gebrachten Güter sind als Nahrung oder zu unmittelbarem Genüsse (darunter Tabak) geeignet, zwei Drittel dienen dazu, die Bedürfnisse der Völker nach Kleidung, Wohnung und anderen Gebrauchsgegenständen zu befriedigen. Nach dieser Abschweifung, die den Zweck hatte, die Grösse der Waarenumsätze am Weltmärkte anzudeuten, kehren wir zur Stellung zurück, die Oesterreich-Ungarn auf dem Weltmärkte einnimmt. Wir beginnen mit der Industrie, der, wie wir in früheren Abschnitten gezeigt haben, der Vorrang gebührt. Der Weltmarkt ln Fabrikaten beträgt ungefähr ö 1 * 3 4 5 /^ Milliarden Goldgulden. Welchen Antheil hat nun jedes einzelne Industrieland an dieser ungeheuren Nachfrage? Darüber geben die in diesem Aufsatze enthaltenen und in dieser Vollständigkeit bisher nicht veröffentlichten Tabellen Aufschluss, welche neben unserem Antheil auch die Antheile des Deutschen Reiches, Frankreichs und Grossbritanniens in Percenten ersichtlich machen. Aus waare ausführt. Ja selbst bei einer und derselben Waarengattung ; kann der Preis, weil er eben durch die Güte bestimmt wird, nicht ausser Acht gelassen werden. Ein nach Oesterreich-Ungarn eingeführter serbischer Ochs ist beispielsweise viel weniger werth als ein ausgeführter ungarischer Mastochs. Die Werthbestimmung einer Waare ist nun allerdings in den verschiedenen Ländern eine verschiedene und die Umrechnung auf eine Einheitsmünze eine zweite Schwierigkeit, welche Fehler nicht vermeiden lässt. Immerhin geben die Werthe einen annähernden Massstab für die Beurtheilung des Welthandels. Auf die weiteren Fehlerquellen, wie Aenderung des Marktpreises, weniger genaue Erhebung und niedrigere Bewerthung des Exportes u. s. w., welche der Handelsstatistik anhaften, hier näher einzugehen, würde zu weit führen, und verweisen wir diesbezüglich auf die «Uebersicht der Weltwirtschaft», Jahrgänge 1885—1889, von Dr. Franz v. Juraschek. 3 ) Siehe den Artikel «Der Welthandel» vom Verfasser in Nr. 34 der «Mitteilungen des Industriellen-Club» vom Jahre 1895. Da die Bearbeitung von mehr als 40 Handelsstatistiken eine ausserordentlich mühevolle und zeitraubende ist, so war es nicht möglich, für den vorliegenden Zweck ein späteres Jahr in der gleichen Weise zu bearbeiten. Bei dem Conservatismus des Welthandels wird sich das Bild indess kaum stark verändert haben. 4 ) Diese Staaten sind: Oesterreich-Ungarn, Deutschland, Frankreich, Grossbritannien, Niederlande, Belgien, Schweiz, Italien, Spanien, Portugal, Russland, Finnland, Dänemark, Schweden, Norwegen, Rumänien, Bulgarien, Serbien, Griechenland, Türkei, Britisch-Ostindien, China, Japan, Niederländisch-Ostindien, Cochinchina, Ceylon, Hawa'i, Neu-Südwales, Victoria, Neu-Seeland, Südaustralien, Queensland, Vereinigte Staaten, Canada, Argentinien, Mexico, Aegypten, Capcolonie, Algerien und Tunis. Nur von diesen Staaten lagen seinerzeit derart ausführliche Statistiken vor, dass eine Trennung in die wichtigsten Waarenclassen durchgeführt werden konnte. Die Summenziffern der genannten 40 Staaten ist natürlich kleiner als die Summenziffer aller Staaten der Erde. Die Ausfuhr von Gesammt- amerika ist beispielsweise um rund 1 Milliarde zu gering, weil Brasilien, Cuba, Chile und die übrigen mittel- und südamerikanischen Republiken nicht in Rechnung gestellt werden konnten. Der Minderbetrag bei Australien, Afrika und Asien schwankt zwischen 3 o und 180 Millionen Goldgulden, ist also verhältnismässig gering. 5 ) Der Werth der Einfuhr ist, weil immer höher geschätzt als die Ausfuhr und viel genauer als diese (wegen der Zölle) erhoben, immer grösser als der Werth der Ausfuhr, obgleich man im ersten Augenblicke versucht sein könnte, zu glauben, die beiden Ziffern müssten sich die Wage halten. — 115 ir* ihnen kann nicht nur das absolute, sondern auch das relative Stärkeverhältnis der genannten Länder abgelesen werden. Auch die Ziffern für die Einfuhren findet man dort beigesetzt. Das Ergebnis dieser Tabellen ist ein wenig erfreuliches. Oesterreich-Ungarn versorgt den Weltmarkt in Fabrikaten mit etwa 3 oo Millionen Goldgulden oder 4. 6 Percent, womit es an sechster Stelle steht. Grossbritannien mit 29.5, das Deutsche Reich mit 17.8 und Frankreich mit i 3 . t nehmen am Fabrikaten-Weltmärkte den ersten, beziehungsweise zweiten und dritten Platz ein. Mit anderen Worten: das Stärkeverhältnis ist etwa Oesterreich : Frankreich : Deutsches Reich : Grossbritannien = == 1 * 2.7 ; 3.9 * 6.4 Dieses Verhältnis kennzeichnet in beunruhigender Einfachheit unsere Stellung als Industriestaat und zeigt, wie schwer es dem österreichischen Industriellen wird, gegenüber der mächtigen Concurrenz Englands und des Deutschen Reiches sich neue Kunden im Auslande zu erwerben. Es ist eine laute Mahnung, alle Massregeln zu ergreifen, um den Export unserer Monarchie zu heben und uns einen grösseren Antheil an der Versorgung des Weltmarktes zu erringen. Wie gross der Antheil Oesterreich - Ungarns am Weltmärkte in den wichtigen Waarengattungen und Waarenclassen sich gestaltet, darüber geben ausser dem an anderer Stelle wiedergegebenen Diagramm folgende Ziffern Aufschluss: Percentantheil an der Versorgung des Weltmarktes mit Fabrikaten Oesterreich-Ungarn Deutsches Reich Frankreich England Garne. 3 ., II.! 3.8 43.i Gewebe. 2.3 1 6.5 17-8 44.8 Metallwaaren . i. 9 1 7-5 6. 9 36.8 Verschiedene . 9-6 24.3 19.4 i3. 2 Chemische .... 1.6 0-7 11.1 i8. 2 Zucker . 16. 7 24.6 iO.o 2-4 Tabak . 1.3 2 -5 0-5 0.3 Bier. 19-1 20.! 2.8 50-8 Sprit. 5-7 3.7 43.2 22.4 Mehl. 2.6 3.8 1.2 O.7 Fabrikate überhaupt 4-6 17-8 i3.i 29.5 Nach dieser Tabelle haben wir eigentlich nur im Artikel Zucker einen erheblicheren Antheil am Weltmärkte. Er beträgt 16, 7 °/ 0 . Der Export von Bier, welcher mit 19.!% in der Tabelle erscheint, ist mit Rücksicht auf die absolute Gesammtziffer ( 32. 3 Millionen) unbedeutend zu nennen. In den wichtigsten Industriezweigen, jenen der Textil- und Metallindustrie, kommt Oesterreich gar nicht in Betracht, denn sein Antheil am Weltmärkte beträgt in Garnen 3 .i°/ 0 , in Geweben 2. 3 °/ 0 , in der Metallindustrie gar nur i. 9 °/ 0 . Das grosse Uebergewicht des Deutschen Reiches, namentlich aber Englands, macht sich hier in erdrückender Weise geltend. Noch kleiner ist der Antheil der chemischen Industrie. Nur in der Sammelpost «Verschiedene Industrien» weist Oesterreich-Ungarn eine nennenswerthe Betheiligung (9.6%) auf. Welchen Antheil am Weltmärkte wir in einzelnen anderen Industriezweigen und einzelnen Artikeln errungen haben, das geht aus nachstehender Tabelle hervor, in welcher diese Antheile in absteigender Folge aneinandergereiht sind. Waarenbezeichnung Per- Millionen cente Goldgulden Waarenbezeichnung Per- Millionen cente Goldgulden Bier. 19-1 6.2 Papierstoff. 3-7 Glas. 18.5 U -5 Zucker 1 ). 62.5 Lederwaaren. 14-2 23-5 Holz- und Beinwaaren . i 3 .i 16.3 Leinengarne. 12.8 6.0 Kurzwaaren. 11.7 19-8 Edelsteine. 11.7 6.7 Seide, gesponnen. 9-8 5-8 Kunst und Literatur .... 9.2 10.3 Thonwaaren. 89 6-5 Papier. 8. t 10.8 Metallwaaren (Ganzfabrikate) . 7-6 5-5 Leinenwaaren. 6. 9 5-7 Wissenschaftliche Instrumente . 6.6 1-6 Zünd waaren. 6.3 1.8 Branntwein. 5-7 3-5 Bürstenbind erwaaren 5-5 °. 7 Kleidung, Wäsche etc. . 5-2 I 1.8 Seilerwaaren. 4 -i O.7 Musikalische Instrumente 3.3 I.o Kautschukwaaren. 3 .i I.i W ollwaaren. 3 .x U-8 Metallwaaren (Halbfabrikate) . 2.9 1.3 Tabakfabrikate 1 ).2. 7 o. 5 Stein waaren. 2.6 1.4 Chemische Hilfsstoffe ... 2.6 4.1 Mehl ..2. b 6.2 Seidenwaaren. 2 .- 7.2 Stroh- und Bastwaaren ... 2. 4 0.5 Chemische Producte .... 2. 2 5.3 Eisen und Eisenwaaren . . . i. 9 10.5 Leder. 1.8 2. 4 Fahrzeuge. i. 7 i, 0 Jutegarne. i. 5 o. r Maschinen. i. 2 3. 3 Wachstuch. 1.1 0.1 Seide. 1.1 o. 2 Wollgarne.0.9 1, 0 Rohmetalle.o. 9 2.1 Mineralöle.0.8 0.1 Kürschnerwaaren.o.s 0.3 Baumwollgewebe.0.6 5.2 Jutewaaren.0.6 o. 4 Baumwollgarne.0.6 i. 4 Kerzen ........ 0.5 0.1 Uhren.o. 4 o. 2 Fette, Oele.0.1 o. 2 Die ersten zwei Artikel, Bier und Papierstoff, in denen wir ungefähr ein Fünftel des Weltverkehres exportieren, kommen, wie schon erwähnt, wegen der kleinen Beträge nicht sehr in Betracht. Wir stehen auch nicht an erster Stelle, denn der Antheil des Deutschen Reiches in Bier ist 20. t °/ 0 , jener Englands 50.3 %• Auch in Papierstoff überflügelt uns das Deutsche Reich mit 33 . 7 %, und Norwegen kommt uns ziemlich nahe. Zucker ist, wie schon erwähnt, unser Hauptartikel, aber auch in Zucker stehen wir erst in zweiter Linie, denn das Deutsche Reich behauptet mit 20. 4 den ersten Rang. Uebrigens muss hier wohl berücksichtigt werden, dass in unserer Tabelle Cuba nicht berücksichtigt wurde, diese spanische Colonie aber für den Zuckermarkt von ausschlaggebender Bedeutung ist. Der nächst wichtige Artikel ist Glas mit 18. 9 %; der Antheil der Niederlande und jener des Deutschen Reiches ist jedoch grösser als jener Oesterreich-Ungarns. In Lederwaaren machen uns England, Frankreich und Deutschland den Rang streitig, in Holz- und Beinwaaren wieder das Deutsche Reich, während Frankreich, Schweden und die Vereinigten Staaten fast ebensoviel auf den Weltmarkt bringen wie Oesterreich-Ungarn. Die Ziffern in Leinengarnen beruhen, da das wichtigste Land hiefür, Belgien, Leinen-und Jutegarne nicht getrennt ausweist, auf einer Schätzung. Sicher ist jedoch, dass England das Doppelte und Belgien das Dreifache von Oesterreich-Ungarn exportiert. Selbst in Kurzwaaren, eine der entwickeltsten Industrien Oesterreichs, überragt uns das Deutsche Reich und Frankreich um das Doppelte und Dreifache. x ) Da Westindien_und andere Länder Amerikas nicht berücksichtigt werden konnten, sind die Ziffern viel zu hoch gegriffen. Auch in Thonwaaren, Metallwaaren (Ganzfabrikate), Kunst- und Literaturgegenständen, Leinenwaaren, Papier u. s. w. begegnen wir einem viel stärkeren Ausgebote unserer Con- currenten, Englands und Deutschlands, zum Theile auch Frankreichs. In Papier treten noch insbesondere die Niederlande und Schweden hinzu. In dieser Weise könnten wir das wenig erfreuliche Bild fortsetzen. Je tiefer wir aber in der obigen Tabelle steigen, um so grösser wird die Ueberlegenheit des übrigen Europa. Insbesondere bei der Textil-, Eisen- und Maschinen-Industrie haben wir es nicht mehr mit dem Doppelten bis zum Vierfachen, wie oben, sondern mit viel grösseren Vielfachen zu thun. Wir wollen als Beispiel nur anführen, dass unser Export an Seidenwaaren den io. und 14. Theil von der Ausfuhr des Deutschen Reiches und Frankreichs und die Hälfte desjenigen von China und Japan beträgt. Es stellt sich weiter das Verhältnis Oesterreich-Ungarns Deutschland Frankreich England in Wollwaaren wie 1 8 9 12 » Baumwollwaaren wie .1 15 7 104 Dazu muss was die übrigen hier nicht verglichenen Länder betrifft, bemerkt werden, dass der Export Russlands in Baumwollwaaren grösser, jener von Britisch-Indien doppelt so gross als der unserige ist; dass ferner Spanien das Dreifache, die Vereinigten Staaten das Vierfache, die Niederlande das Sechs- und die Schweiz das Zehnfache auf dem Weltmärkte absetzen. Ebenso klein ist unsere Ausfuhr in Eisen- und Eisenwaaren, sowie Maschinen. Das Deutsche Reich exportiert mehr als das Zehn-, England mehr als das Zwanzigfache. Aber sie sind nicht die einzigen Mitwerber, die uns gefährlich werden, wofür nachstehende Zusammenstellung spricht: Ausfuhr in Millionen Goldgulden Eisenwaaren Maschinen Oesterreich-Ungarn • • 10.5 3. 2 Deutsches Reich . . . ii6. 2 3o.s Frankreich. . . 26.8 0-5 England. • • 255.2 140.7 Niederlande. 60.4 6. 4 Belgien. . . 38.o Go Schweden. . . 20.! 1.8 Vereinigte Staaten . . 24.9 3 9.3 Da die Behandlung der übrigen Artikel zu weit führen würde und das betreffende Kräfteverhältnis am Weltmärkte aus den beiden Tabellen entnommen werden kann, übergehen wir dieselben. Nur so viel sei festgestellt, dass wir am Weltmärkte in keinem einzigen Artikel die führende Rolle spielen, und dass in den allerwichtigsten Artikeln unser Antheil nur wenige Procente erreicht. Da man namentlich im Auslande gewohnt ist, Oesterreich-Ungarn als Agrarstaat hinzustellen, so seien auch unserem landwirthscha ft liehen Exporte im Vergleiche mit anderen Staaten einige Worte gewidmet und dies umsomehr, als es im Interesse einer ungefärbten Darstellung liegt, auch die Kehrseite des Bildes zu zeigen. Auf Grund der Eintheilung unserer Tabelle erhalten wir für die wichtigsten drei Agrarstaaten *) nachstehende Zusammenstellung: *) In der Tabelle nicht angeführt. ^ ;5 iPiE Waar enclassen Percente des Antheiles am Weltmarkte Oesterreich-Ungarn Russland Vereinigte Staaten Britisch-Indien Spinnstoffe. Roh- und Hilfsstoffe der Bergbau- und Me- 0.8 4-6 23.0 12.0 tall-Industrie. 6.2 0.8 5-7 0.2 Roh- u. Hilfsstoffe der chemischen Industrien 3.9 1.6 8-5 32.7 » » » » verschied. Industrien . 9-5 IO.i 8.2 5-9 Colonialwaaren (ausgenommen Zucker) . . 24.0 Rohtabak. I.o 1.3 50.3 1.4 Mineralwässer. 26.3 Wein. I . 9 • 0.3 Nahrungsmittel. 3-3 2 v 33 . 5 0.2 Thiere. I 1-7 4-7 20.7 0-4 Thierische Producte. 9-5 6.8 15-0 1 -4 Getreide. 4-i 23.2 23.! 14.4 Andere landwirthschaftliche Producte . 5-3 5-3 4-3 20.7 Roh- und Hilfsstoffe überhaupt . 4-x 7-3 10.8 17-6 Darnach beträgt der Antheil Oesterreich-Ungarns an der Versorgung des Weltmarktes mit landwirthschaftlichen Producten nur 4.1%, womit wir die siebente Stelle einnehmen, gegenüber 7.5, io. 8 und 17.6%, welche die Antheile von Russland, denVereinigten Staaten und Britisch-Indien darstellen. Der Antheil unserer Landwirthschaft am Weltmärkte ist also nicht grösser, verhältnismässig sogar etwas kleiner als der der Industrie. Vor Allem fällt in obiger Tabelle die Post «Mineralwässer» mit 26.3 °/ 0 auf. Sie hat jedoch, da ihr nur der Betrag von 2. s Millionen Goldgulden zu Grunde liegt, keine grössere Bedeutung. Ihr zunächst stehen Thiere mit n. 7 , thierische Producte und Rohstoffe der verschiedenen Industrien mit einem Antheile von je 9.5%. Doch wird hierin Oesterreich-Ungarn von den Vereinigten Staaten, beziehungsweise von Russland übertroffen. Die wichtigste Gruppe «Getreide» schneidet mit 4.U/0 ab. Britisch-Indien exportiert jedoch mehr als das Dreifache, die Vereinigten Staaten und Russland fast das Sechsfache. Eine Auflösung dieser Gruppenziffern in die Ziffern für die einzelnen Producte gibt einen grösseren Einblick in das Wesen und die Stärke unseres landwirthschaftlichen Exportes, weshalb — nach der Procentziffer geordnet — nachstehende Reihe hier Platz finden möge: Waarenbezeichnung Percente Mill. Goldgulden Malz. 78.8 1 3.i Braunkohle. • 65.3 19.5 Schweine. . 33.7 1 3.3 Geflügeleier. 3 1 . 1 19-8 Schmuck- und Bettfedern . • 29.5 10.7 Gerste. 21.3 25-3 Geflügel und Wildpret . • 25 .: 5-7 Pferde. U -9 9-4 Hopfen. 14-8 4-o Holz. i 3. 9 46.9 Mineralien. . x3. t 7-6 u. s. w. — H9 Mit Ausnahme von Holz findet man in dieser Zusammenstellung wenige Welthandelsartikel. Malz, auch Gerste und Hopfen erscheinen percentuell sehr hoch; sie gehen ausschliesslich nach dem benachbarten Deutschen Reiche. Dasselbe gilt von der minderwerthigen Braunkohle, von Geflügeleiern (in der Hauptsache Durchfuhr) und lebenden Schweinen; das Gleiche von Bettfedern, Geflügel und Wildpret, sowie Pferden, wovon Einiges ausser nach Deutschland auch nach England geht. Die Artikel, in denen wir einen höheren Antheil an dem Weltmärkte haben, bilden somit den Kern unseres Nachbarverkehres mit dem Deutschen Reiche und sind nicht Artikel, die im Grossen und ohne Rücksicht auf Bedarf producirt werden. In den eigentlichen Welthandelsartikeln wie Weizen, Roggen, Mais, Reis, Rindvieh, Nahrungsmitteln (Fleisch, Fische, Butter), Samen und Pflanzen, selbstredend Colonialwaaren und Tabak ist der Antheil Oesterreich-Ungarns ganz unbedeutend. Er betrug nämlich im Jahre 1892 in Weizen .... Percente . o. 9 in Rindern .... Percente 7-2 in Steinkohle . Percente • 1-5 » Roggen .... . 2.6 » Fischen .... . 3. t » Erzen • Io » Mais. . 3 .3 » Fleisch .... ■ o. 5 » Baumwolle . . O .2 » Samen und Saaten . 3. 9 » Käse. . 0.3 » Wolle . . . I. 4 » Pflanzen . 2.3 » Schweinefett, Speck . 0.6 » Flachs . • 1-4 » Wein .... . I. 9 » Häuten und Fellen • 4-5 Das Bild hat viel Aehnlichkeit mit dem früheren. Wie der österreichisch-ungarische Export in den wichtigsten Fabrikaten, nämlich jenen der Textil- und Metallindustrie sich auf wenige Procente beschränkt, geradeso behauptet er in den wichtigsten Getreidearten, in Vieh, fr Nahrungsmitteln und Spinnstoffen wenige oder gar nur Bruchtheile von Procenten. Es wäre < sehr interessant, auf die vergleichende Ziffernreihe näher einzugehen; wir müssen uns indes begnügen, festzustellen, dass — wenn man den Weltmarkt im Auge hat — Oesterreich- Ungarn eine Zwischenstellung einnimmt. Es ist seinem Exporte nach weder ein ausgesprochener Industrie- noch ein ausgesprochener Agrarstaat. 1 ) Es beherrscht weder in einem einzelnen Fabrikate, noch in irgend einem landwirthschaftlichen Producte den Weltmarkt. Sein Antheil in den Welthandelsartikeln ist sehr gering, manchmal verschwindend. Zwischen Zucker und Holz, als den Spitzen seiner industriellen und landwirthschaftlichen Ausfuhr, liegt jedoch eine grössere Reihe von Artikeln, in denen Oesterreich-Ungarn einen beachtenswerthen Antheil am Weltmärkte sich errungen hat. Eingekeilt in Europa zwischen dem landwirthschaftlichen Osten und dem industriereichen Westen, ist der Handel unserer Monarchie nicht Welt-, sondern vorwiegend Nachbarhandel, nicht See-, sondern Land- handel. Unser Aussenhandel hat erfreulicher Weise an und für sich stark zugenommen, das ist richtig. Aber unser Wachsthum war im Verhältnisse zu den übrigen Staaten, die, begünstigt durch zahlreiche Umstände, mit Riesenschritten vorwärts gingen, ein zu langsames, und schliesslich sind wir zurückgeblieben. Welchen Ursachen dieser Rückgang zuzuschreiben ist, das auseinanderzusetzen ist hier nicht unsere Aufgabe. Zweifellos sind auch bei der Entwicklung unseres Aussenhandels die Thatsachen stärker als die Menschen gewesen. Unsere ungünstige geographische Lage, binnenländisch und abseits vom Strome des Weltverkehres, der sich heute auf den zwei Weltmeeren vollzieht, die oro- und hydrographische Beschaffenheit der Monarchie, der den *) Das gilt von der Gesammtmonarchie; Österreich für sich ein Industrie-, Ungarn ein Agrarstaat. 120 Verkehr hindernde Riesenwall der Alpen, der damit verbundene Mangel an Canälen nach der See, das Fehlen von Colonien, die politischen Verhältnisse, darunter der Mangfel an Einheit in staatsrechtlicher und nationaler Hinsicht, alle diese natürlichen Momente wiegen schwer und können durch menschliche Thätigkeit nicht oder nur mit unverhältnismässigen Opfern beseitigt, im Allgemeinen aber nur wenig geändert werden. Dadurch hat unsere volkswirthschaftliche Entwicklung sich mehr nach Innen vollzogen und eine angesichts der hochgethürmten Hindernisse fast berechtigte Resignation hat den Blick in das Weite getrübt, die Lust an der Ferne verleidet. Die Frage ist nun : Weiche Entwicklung dürfte unser Aussenhandel in Zukunft nehmen ? So viel steht fest, dass diese Entwicklung sich nur nach der industriellen Seite hin vollziehen kann. Denn die Ergiebigkeit des alten, seit Jahrhunderten ausgebeuteten Bodens kann durch intensivere Bewirthschaftung zwar erheblich, aber doch nur innerhalb sehr enger Grenzen gesteigert werden. Auch muss mit der Zunahme der Bevölkerung der heute noch verfügbare Ueberschuss in Brotfrüchten rasch abnehmen, eine Entwicklung, die, wie früher gezeigt wurde, in den Exportziffern der letzten Jahrzehnte seine Bestätigung findet, eine Entwicklung, die auch England und nach ihm das Deutsche Reich genommen hat. Die Ernährung des Volkszuwachses kann daher nur durch die Industrie geschehen, und zwar nur in der Art, dass die inländische Arbeiterschaft Fabrikate für den Export erzeugt, um dafür die zur Ernährung unserer Bevölkerung noch mangelnden Nahrungsmittel einzutauschen. Welche Aussichten eröffnen sich aber für eine solche Industriepolitik der Zukunft? Die Frage ist gleichbedeutend mit der Frage nach der Grösse des Consums in den einzelnen Ländern, wenn man von Productionsbedingungen und allen anderen Nebenumständen absieht. Für jede Industrie ist der inländische Markt, namentlich in den ersten Stadien der Entwicklung, der allerwichtigste. Erst mit ihrem Wachsthum stellt sich ein Bedarf nach Absatz im Auslande ein. Dass wir hierin noch nicht weit genug sind, dafür dienen folgende Verhältniszahlen, die einen Massstab für die Dichte der Industrie in den einzelnen Ländern geben. Es betrug der Export in Fabrikaten per Kopf der Bevölkerung: Schweiz .... 73.3 Goldgulden Niederlande . 70.4 » Grossbritannien . 48.9 » Belgien. 46.7 » Deutsches Reich . 23.3 » Frankreich 2 2,2 » Vereinigte Staaten . 7-0 » Oesterreich-Ungarn . 6.8 » Darnach ist die kleine Schweiz das industriell entwickeltste Land und ein Beispiel dafür, dass auf sehr kleinem Gebiete sich eine grosse Industrie zusammendrängen lässt. Und trotzdem die alpine Schweiz keine Kohlen- und Erzlager und keine Seeküsten hat, ist seine Industrie doch zehnmal entwickelter, zehnmal dichter als die österreichischungarische. Freilich ist dieser Umstand den industriell passiven Gebietstheilen der Monarchie, wie Ungarn, Galizien und den südlichen Alpenländern zuzuschreiben. Die Rechnung für unsere industriell entwickeltste Provinz, für Böhmen, gemacht, dürfte der Schweiz gleichkommen, wenn sie nicht übertreffen. Diese niedrige Kopfziffer, 6. 8 Goldgulden, hat namentlich p Eine gewiss zu hohe Ziffer, da Theile des Durchfuhrverkehres darin enthalten sein dürften. Die Gross-Industrie. I. 121 darin ihren Grund, dass unsere Ausfuhr in Erzeugnissen der Textil- und Metallindustrie eine sehr geringe ist. Es beträgt nämlich die Ausfuhr per Kopf der Bevölkerung in diesen wichtigen Erzeugnissen: Textilindustrie Metallindustrie Goldgulden auf den Kopf Oesterreich-Ungarn . . . 1.3 0.6 Deutsches Reich . • • 7-6 4-7 England. • • 2 7.8 12.7 Schweiz. l 6. 0 Gegenüber den anderen Industriestaaten ist der österreichisch-ungarische Export erst im Beginne seiner Entwicklung und deshalb einer ganz ausserordentlichen Steigerung fähig. Würde die Textil- und Metall-Industrie Oesterreich-Ungarns in demselben Masse wie jene der Schweiz entwickelt sein, dann müsste unsere Ausfuhr in diesen beiden Industriezweigen allein 3. 2 Milliarden betragen oder auf das Fünffache unserer gegenwärtigen Gesammtausfuhr in Industrie- und Landwirthschaftsproducten sich vermehren. Die Ausfuhr, speciell jene in Fabrikaten, ist selbst ein Massstab für die Culturstufe, auf der ein Volk steht. Eine grössere Ausfuhr ist stets von einer grösseren Einfuhr begleitet, und besteht erstere hauptsächlich aus Fabrikaten, so wird letztere viele Genussmittel enthalten. Arbeitstüchtige Völker haben grössere Bedürfnisse und höhere Lebenshaltung; neben der nothwendigsten Nahrung wird ein grösserer Theil des Einkommens des Einzelnen für Genuss und Luxus verwendet. Es ist daher kein Zufall, sondern eine Folge, dass die entwickelteren Industriestaaten einen grösseren Consum an Genussmitteln per Kopf aufweisen als Oesterreich-Ungarn. Es gibt leider nur wenige Genussgegenstände, die einen statistischen Vergleich in dieser Hinsicht ermöglichen. Die nachstehende Tabelle bietet dafür einige Beispiele: Verbrauch pro Kopf der Bevölkerung Oesterreich-Ungarn Deutsches Reich Frankreich England Schweiz Belgien Kaffee . . (1885/89) . Kilogr. o. 9 2.4 17-8 o3. 4 27.8 4.0 Thee . . . (1885/89) . Dekagr. i. 2 4-o l. 4 224.3 4-7 1.0 Bier . . . (1890) . Liter 32. 0 105.8 22.5 i36. 2 O d 177-5 Wein . . (1886/90) . » 22., 5-7 94.4 1 *7 60.7 3.2 • Tabak . . (1885/90) . Kilogr. 1 . 7 U IO., O.67 2.1 2.1 Zucker . . (1885/90) . 7.4 7-8 10-7 32.6 16.2 4-2 Kohle . . (1890) . Tonnen 0.6 1-84 o. 9 4-12 ? 2.6 Roheisen . (1890) . . Kilogr. 25.0 99-i 39.7 184.0 ? 1 70-3 Baumwolle (1886/90) . » 2. 2 4-2 3.0 I 9-00 8., 3.7 Die niedrigeren Ziffern dieser Tabelle stehen in gewisser Uebereinstimmung mit den früher angeführten Ziffern über unseren Export. In Kaffee, Thee, Tabak, Zucker haben wir in Vergleich zum industriereichen Westeuropa den niedrigsten Consum per Kopf; nur im Bierconsum übertreffen wir die Weinländer, wie z. B. Frankreich, und als selbst Weinbau treibendes Land die nördlichen Länder im Weinconsum. Der geringe Verbrauch an Baumwolle charakterisirt wieder den bescheidenen Stand unserer Baumwoll-Industrie, Kohle und Eisen, als wichtige Culturmittel der Menschheit, den bescheidenen Stand unserer Volkswirtschaft überhaupt. Dieser Unterconsum hängt zweifellos mit dem Umstande zusammen, dass unsere Industrie noch zu wenig entwickelt ist und so wenig exportirt. Der Consum im Inlande und die freien Ueberschüsse für den Export ins Ausland müssen gesteigert werden. Die Frage ist nur: Ist auf der weiten Welt noch Raum genug für solche Eroberungen vorhanden, und wohin sollen wir unsere Fabrikate absetzen? Auch für die Beantwortung dieser Frage gibt uns die Handelsstatistik Ziffern an die Hand. Was ein Land an Fabrikaten nicht selbst erzeugt, muss es aus dem Auslande beziehen, dem Weltmärkte entnehmen. In diesem Sinne geben die Einfuhrziffern einen Massstab für den Verbrauch, der um so genauer messen wird, je weniger ein Land selbst erzeugt, je geringer seine industrielle Entwicklung ist. Dies trifft namentlich bei den überseeischen Ländern, bei Afrika und Ostasien zu. Unsere Zifferntabellen, wo neben dem Export auch der Import Aufnahme fand, geben, weil auf ersteren das Hauptgewicht gelegt wurde, nur für die vier wichtigsten Industriestaaten die betreffenden Verhältniszahlen wieder, und insoferne lässt sich nicht erkennen, welche Staaten auf dem Weltmärkte als Verkäufer, welche als Käufer erscheinen. Da die graphische Tabelle dies nur für die wichtigsten Artikel andeutet, ergänzen wir im Nachstehenden das Gegebene durch die Angabe der Fabrikateneinfuhr mehrerer Staaten auf den Kopf der Bevölkerung. Es beträgt nämlich der Kopfantheil der Fabrikateneinfuhr: Schweiz .... Norwegen . Dänemark . Grossbritannien . - Belgien .... Schweden . Frankreich . Deutsches Reich -. Spanien .... Oesterreich-Ungarn Italien .... Goldgulden . 62.8 . 3 1.5 • 29.7 • 27.7 . 26.6 IO.g IO.o 6-9 5-4 5-3 Türkei.29.0 Rumänien.22.5 Griechenland.9.1 Bulgarien Serbien . Russland Goldgulden • 7-5 5-2 1.7 Vereinigte Staaten.12.5 Canada.19.5 Argentinien. 47.0 Mexico.2. 9 Capcolonie. i8. 9 Niederländisch-Ostindien.2.8 Aegypten.2. 7 Britisch-Ostindien. i. 7 China.o. 4 Während also die Fabrikateneinfuhr der westlichen und nördlichen europäischen Industriestaaten 10 —3o Goldgulden per Kopf beträgt, weisen die östlichen und südlicheren Staaten, trotzdem sie vorwiegend Agriculturstaaten sind, viel geringeren Bedarf auf; Rumänien und die Türkei heben sich davon vortheilhaft ab. Diese beiden Länder haben einerseits keine Industrie, andererseits aber grossen Bedarf an Kleidung, Zucker und Fabrikaten der Metallindustrie. Griechenland, Bulgarien und Serbien dagegen sind weniger kaufkräftig. Im Allgemeinen kann man sagen, die Bedürfnislosigkeit der landwirtschaftlichen, südlicheren ärmeren Länder ist eine grosse; erst die höhere Cultur in den Städten und industriereichen Ländern der gemässigten Zone erhöht die Ansprüche an das Leben, vermehrt die Ausgaben für Bequemlichkeit, Luxus und Vergnügen und schafft gute Märkte. In dieser Richtung stehen Russland, die ostasiatischen Länder und Afrika noch weit zurück. Im Verhältnisse zu ihnen sind die Balkanstaaten mit 5 >2 bis über 20 Goldgulden per Kopf vorgeschritten zu nennen. Gerade diese niedrigen Ziffern sind aber Lichtblicke in die Zukunft der Industrie. Mit zunehmender Cultur werden sich auch in diesen Ländern die Bedürfnisse steigern müssen und damit der europäischen Ueberproduction ein begehrenswerthes und dankbares Abfluss- 16* 123 gebiet eröffnet werden. Russland kommt hier nicht so sehr in Betracht; denn das riesig ausgedehnte Reich schliesst sich noch immer durch hohe Zölle gegen den europäischen Westen ab, arbeitet aber energisch an der Entwicklung seiner Grossindustrie und wird als tonangebende Grossmacht in Europa und Asien wohl seinen eigenen Weg gehen. Aber Ostasien, politisch schwächer, steht heute schon unter dem Einflüsse der Industriemächte, und an seinem wirthschaftlichen Aufschwünge sind alle europäischen Grossmächte im hohen Grade interessirt. Allerdings wird ein solcher Aufschwung nur dann Europa zugute kommen, wenn die Industrie Ostasiens nicht allzu rasche Fortschritte macht. Um die Grösse dieses Marktes auch durch eine Ziffer anzudeuten, sei erwähnt, dass im Jahre 1892 Niederländisch- und Britisch-Ostindien, Japan und China für ungefähr 860 Millionen Goldgulden Fabrikate bezogen; heute dürfte der Markt von einer Milliarde nicht weit entfernt sein. Hebt sich in diesen Ländern der Verbrauch von Fabrikaten per Kopf nur auf das Doppelte — ein Fall, der bei der Erschliessung von China durch Oeffnung der Seehäfen und den Bau von Eisenbahnen sicher eintreten würde — dann würde das für die europäischen Industriestaaten schon einen Mehrabsatz von 1 Milliarde Goldgulden bedeuten. Würde aber der Chinese jährlich so viel verbrauchen wie heute der Serbe (5.3 Goldgulden), der bescheidenste Consument unter den Balkanvölkern, so würde der Mehrbedarf Chinas an Fabrikaten allein schon über 2 Milliarden Goldgulden anwachsen. Was dies für die europäischen Fabriken zu bedeuten hätte, ist kaum auszudenken. Hier liegt eine grosse Conjunctur in nicht allzuferner Zukunft. Dass von dieser Conjunctur Oesterreich-Ungarn nicht ausgeschlossen bleibe, ist gewiss der heisse Wunsch jedes Oesterreichers, dem die wirthschaftliche Entwicklung des Vaterlandes am Herzen liegt. eberblickt man nun das Ergebnis der Entwicklung des Aussenhandels der Monarchie, dann ergibt sich, dass der Aussenhandel in den letzten fünfzig Jahren erfreuliche Fortschritte aufzuweisen hat, dass aber diese Entwicklung, gemessen an den Fortschritten der grossen Industriestaaten, eine sehr bescheidene war. Der Uebergang vom Agrar- zum Industriestaat im Rahmen des Aussenhandels ist nicht zu verkennen, aber der Aussenhandel blieb in der Hauptsache ein Handel mit unseren Nachbarn, und er vollzog sich vorwiegend auf dem Landwege. In Bezug auf die Durchfuhr sind wir die Verbindungsbrücke zwischen dem industriellen Westen und dem landwirthschaftlichen Osten und Süden, eigentlich das Durchfuhrland des Deutschen Reiches. Die Zukunft unseres Aussenhandels wird von der weiteren Entwicklung der vaterländischen Industrie abhängig, sein Aufschwung nur von einer Steigerung des Fabrikatenexportes zu erwarten sein. Dazu ist aber ein Eintreten in den Wettbewerb, ein Eintreten in den Kampf um die noch so entwicklungsfähigen überseeischen Absatzgebiete unbedingt erforderlich. Diese Ueberzeugung hat sich in letzterer Zeit Bahn gebrochen und verschiedene Vorhaben der Regierung wie der Geschäftswelt gezeitigt, von denen sich einige Besserung erhoffen lässt. Beginnend bei der Wurzel, soll das Unterrichtswesen (Consular- Akademie, Export-Akademie) reformirt, den Bedürfnissen der producirenden Kreise grössere Aufmerksamkeit geschenkt (Industrie und Landwirthschafts-Rath), der österreichisch-ungarische Staatsbürger im Auslande mehr geschützt, seine Interessen nachdrücklicher gefördert werden. Das soll durch Abschluss von neuen Handelsverträgen, insbesondere mit überseeischen Staaten, Reform des Consularwesens, Regelung der Auswanderung (Colonialgesellschaft, Auswanderungsgesetze), L'nterstützung der Handels- und Vermehrung der Kriegsmarine erreicht werden. I24 Daneben gehen Bestrebungen einher, den Verkehr zu verbilligen und den Abfluss der Waaren ins Ausland zu erleichtern. Dahin zielen der Bau einer zweiten Eisenbahnlinie nach Triest und der Bau neuer Wasserstrassen (Donau-Oder- und Donau-Moldau-Elbe-Canal) nach dem Norden. Ausserdem sollen die Schätze der österreichischen Alpenländer gehoben, die grossen Wasserkräfte durch Besiedlung mit neuen Industrien ausgenützt, ihre Naturschönheiten durch Zuleitung des Fremdenverkehres besser verwerthet werden. Eine solche Entwicklung ist kein Traum, sie ist möglich und das beste Beispiel hiefür ist das Deutsche Reich, das im Laufe weniger Jahrzehnte im Welthandel den Platz unmittelbar hinter England sich erobert hat. Dem Deutschen Reiche war es sogar möglich, in kurzer Zeit sich einen Colonialbesitz von 2. 6 Millionen km 2 mit einer Bevölkerung von 7 l j 2 Millionen zu sichern. Es stand eben, da seine Landwirthschaft ein Mehr von einer halben Million nicht ernähren konnte, vor der Frage, ob es Waaren oder Menschen exportiren solle. Es entschied sich dafür, seine Landleute im Lande zu behalten und die Aufgabe, sie zu ernähren, der Industrie zu übertragen. Vor derselben Entscheidung steht Oesterreich-Ungarn, und die patriotische und social befriedigende Antwort darauf kann nur lauten: Hebung der Industrie, Hebung des Fabrikaten-Exportes. — 125 — DAS WACHSTHUM DER OESTERREICHISCHEN INDUSTRIE UND DIE WANDLUNG DES ARBEITSVERHÄLTNISSES IN DEN LETZTEN FÜNFZIG JAHREN. VON D R - F. MIGERKA, K. K. MINISTERIALRATH UND CENTRAL-GEWERBEINSPECTOR A. D. Während im ersteren Jahre «der Geldwerth sämmtlicher ins Ausland abgesetzten Waaren» mit 111,092.942 Gulden und jener der «daher bezogenen Fabrikate und Urstoffe» mit 107,781.409 Gulden Conv.-Münze angegeben wird, betrug im letzteren Jahre der Exportwerth 134,918.064 Gulden und der Importwerth 127,445.295 Gulden Conv.-Münze. Während der Exportwerth den des Importes im Jahre 1834 um 3 , 3 11.533 Gulden überragte, beträgt das Mehr des Exportwerth.es im Jahre i 838 mehr als das Doppelte dessen, nämlich 7,472.769 Gulden Conv.-Münze. Als eine andere, aus diesen Tabellen sich ergebende, mit Genugthuung erfüllende That- sache hebt der Bericht hervor, «dass die Steigerung des Geldwerthes der Einfuhr im Jahre i 838 gegenüber dem des Jahres 1834 (nahezu 20 Millionen Gulden Conv.-Münze) in der die Erweiterung der gewerblichen Betriebsamkeit des Inlandes bezeugenden Vermehrung des Bezuges von Materialien zur weiteren Verarbeitung zu suchen sei». Als die bedeutendsten werden die Steigerung des Baumwoll- und des Zuckermehlbezuges hervorgehoben. Die erstere betrage mehr denn 93.000, die letztere an 184.000 Centner. Es ergebe sich daraus der schwunghafte, 800.000 Spindeln zählende Betrieb der Baumwollspinnfabriken und die fortschreitende Entwicklung der österreichischen Zuckerraffinerien. Die im Jahre 1845 veranstaltete dritte allgemeine Gewerbeausstellung in Wien war bereits von 1900 Ausstellern beschickt. Der über dieselbe erstattete officielle Bericht bringt, anknüpfend an die eingehenden Besprechungen der (48) Abtheilungen der Ausstellung und an die Begründung der den einzelnen Ausstellern zuerkannten Auszeichnungen, zahlreiche Productions- und Verkehrsdaten und constatiert abermals sehr erhebliche Fortschritte. «Fast in allen Zweigen», wird in diesem Berichte gesagt, «konnten wir eine Zunahme in der Zahl der Unternehmungen, im Umfange ihres Betriebes, in der Vorzüglichkeit ihrer Leistungen und im Absätze ihrer Erzeugnisse, selbst über die Grenzen der Monarchie hinaus, nachweisen.» «Als interessante Erscheinungen der Neuzeit, welche den Fortschritt des österreichischen Industriewesens ganz besonders an sich tragen und in der Gewerbeausstellung des Jahres 1845 zum ersten Male auftraten, können gelten: Die Asphalterzeugnisse, hydraulische Kalke, Siderolithe, Terracottaarbeiten, Waldstein’s Flint- und Crownglasproben, die Aventurin- und Filigrangegenstände aus Glas, Pausinger’s grosses Glasgemälde, die Eisenbahndrehscheibe aus Blansko, die Flartwalzen, Tires (Radreifen), T-Rails, Locomotiv-, Tender- und Dampfkesselbleche grösster Dimension, die gerippten Dachbleche, die Möbel aus Eisenröhren, die gewalzten Silber- und Alpaccawaaren, die Waldwolle, die ungarische Seide, die feinen seidenen Strümpfe, die sieben- bürgischen Juchtenleder, die Fussbekleidung mit holzgenagelten und aufgeschraubten Sohlen, der lithographische und xylographische Farbendruck, die Typen der k. k. Plof- und Staatsdruckerei, die galvanographischen und galvanoplastischen Erzeugnisse, Theyer’s Elektrotinten, die galvanisch vergoldeten, versilberten und irisirten Gegenstände, die mit Blattsilber belegten und goldähnlich gefirnissten Leisten und Rahmen, Spoerlin’s Papiertapeten mit Maschinendruck, seine Goldrahmen mit dem aus dem Grunde ausgezogenen Stabwerke, Ronthaler’s Steinpappen, die gepressten und gegossenen Metallaufschriften, verschiedene Maschinen, besonders die beiden Locomotive, dann mehrere optische und physikalische Apparate, Vorauer’s Chronometer und Plössl’s Refractor, dann unter den musikalischen Instrumenten höchst zweckmässige Constructionsarten, sowie die Accordions oder Handharmoniken.» «Oesterreich», fährt der Bericht fort, «besitzt in seinem gesammten Umfange alle Elemente, welche den mächtigen Anforderungen eines ausgezeichneten Gewerbebetriebes vollkommen Genüge leisten.» «Bei den ausgedehnten Grundlagen der materiellen Entwicklung und bei der steigenden Zunahme geistiger Bildung dürfte kein fruchtloses Ankämpfen gegen die noch vorhandenen Hindernisse, mithin kein Stillstand in dem allgemeinen Fortschreiten des inländischen Gewerbs- fleisses zu besorgen sein, dessen Beförderung sich die Staatsverwaltung von jeher zu einer ihrer wichtigsten Aufgaben gemacht hat.» «So wird», schliesst der Bericht, «die vierte Gewerbeausstellung in Wien noch lohnendere Erfolge und erfreulichere Aussichten als die jüngst vorübergegangene mit sich bringen.» Den Beweis dafür zu erbringen, dass diese Erwartung sich erfüllte, ist Sache einer ausser dem Rahmen dieser Arbeit gelegenen, eingehenden Geschichte der österreichischen Industrie. Hier dürfte es genügen, um das ausserordentliche Erstarken der Consumtionsfahigkeit und das stetige Wachsthum der heimischen Productionskraft zu kennzeichnen, einige aus den Ausweisen des Aussenhandels der österreichisch-ungarischen Monarchie sich ergebende Zahlen anzuführen. 1 ) Es betrug der Jahresdurchschnitts werth der Einfuhr in Millionen Gulden ö. W. in Silber: im Jahrzehnt 1851-—1860 im Jahrzehnt 1861 —1870 Bei den Rohstoffen.64.52. 99.09 » » Nahrungs- und Genussmitteln 2 ) . 64.32. 54-23 » » Fabrikaten 3 ).84.78. 1 3 7.26 Der Jahresdurchschnittswerth der Ausfuhr betrug: im Jahrzehnt 1851 —1860 im Jahrzehnt 1861—1870 Bei den Rohstoffen . . . •.94-90. 95-78 » » Nahrungs- und Genussmitteln . 21.60. 54-3o » » Fabrikaten. 108.20 . 2oi. 04 Bei Zusammenfassung der Ein- und Ausfuhrwerthe dieser beiden Jahrzehnte ergibt sich, dank zumeist dem gewerblichen Schaffen, ein zu Gunsten unserer Volkswirthschaft zu verzeichnender Saldo von 717 Millionen Gulden in Silber. Bei Verfolgung der einzelnen Gruppen des Ausfuhrhandels während des in Betracht gezogenen Zeitraumes ergibt sich bezüglich der Gruppe: «Nahrungs- und Genussmittel», dass dieselbe im 7. Jahrzehnt (1861 —1870), dem ausserordentlichen Zusammentreffen günstiger Verhältnisse zutrotz, nur einen Exportmehrwerth von fl. 754.519 zu verzeichnen hat, während das Approvisionirungsdeficit des 6. Jahrzehntes (1851 —1860) 427 Millionen Gulden betrug. Dieser gewaltige Betrag musste durch den Mehrwerth der gewerblichen Production gedeckt werden. Allerdings wurden, wie aus der angeführten Liste der in die Gruppe «Nahrungsund Genussmittel» gereihten Artikel erhellt, in die Fabrikate Bier, Zucker, Spiritus und Mahl- producte einbezogen. Es dürfte aber dem kaum widersprochen werden, dass der Betrag von mehr als 123 Millionen Gulden, um welchen der Exportwerth dieser vier Artikel im 7. Jahr- p Oesterreichs commerzielle und industrielle Entwicklung in den letzten Jahrzehnten. Studie von Dr. H. F. Brachelli und Dr. F. Migerka. Wien 1873. 2 ) Diese Gruppe begreift: Kaffee, Thee, Gewürze, Südfrüchte, Getreide, Schlachtvieh, Fische, Fleisch und Würste, Honig, Käse, Genussöle, Essig, Wein, Brot und Delicatessen. 3 ) So interessant und lehrreich die in der vorerwähnten Studie durchgeführte Trennung in Halb- und Ganzfabrikate ist, habe ich mit Rücksicht auf die dieser Arbeit vorgezeichnete, andersartige Aufgabe hier von dieser Trennung abgesehen. 1 7* i3i zehnt jenen des 6. überragte, als durch industrielle Production, und zwar vorwiegend im Wege streng; fabriksmässigmn Betriebes bewirkt, anzusehen ist. o o 7 Die volkswirthschaftliche Bedeutung der drei oben angeführten Gruppen tritt noch schärfer hervor bei Feststellung ihres procentuellen Antheiles am Gesammtwerthe des Aussenhandels dieser beiden Jahrzehnte (1851 —1870). Derselbe betrug, und zwar 33.10 °/o 34*20 °/o Bei den Rohstoffen Nahrungs- und Genussmitteln . Fabrikaten. Die beiden oben erwähnten, sehr erfreulichen Erscheinungen (Erstarken der Verbrauchsfähigkeit und des industriellen Productionswerthes), welche in den angeführten Zahlen zum Ausdrucke kommen, treten uns, wenn möglich, noch kräftiger ausgeprägt in den Handelsausweisen der folgenden Jahre entgegen. Als Beleg hiefür seien nur noch die Ergebnisse des Jahres 1896 angeführt. 1 ) Der Importwerth dieses Jahres betrug 728.30 Millionen Gulden, und zwar: Bei den Nahrungs- und Genussmitteln (Rohstoffe und Fabrikate) . . . 175.30 Mill. Gulden » Hilfsstoffen der Production (nur Rohstoffe) . . . . . . . 268 » Fabrikaten (ausgenommen die in Gruppe 1 eingereihten) . . . 285 » •00 Der Export werth betrug 785 Millionen Gulden, und zwar: Bei den Nahrungs- und Genussmitteln. 266.00 Milk Gulden » Hilfsstoffen der Production 179-50 340.20 » Fabrikaten Der sich hieraus ergebende überwiegende Antheil des gewerblichen Schaffens an der volkswirthschaftlichen Entwicklung erscheint noch sichtbarer bei Benützung einer anderen, in den Handelsausweisen durchgeführten Scheidung der Productionsgruppen. Dieser zufolge sind an dem erzielten Gesammtwerthe dieses Jahres betheiligt, und zwar am Import wert he: mit 47.72 % Die Land- und Forstwirtschaft und die Fischerei Der Bergbau und der Hüttenbetrieb .... Die Industrie. » 4 1 -73 Am Export werth e erscheinen betheiligt: mit 36 . 22 % » 6.15 » Die Land- und Forstwirtschaft und die Fischerei Der Bergbau und der Hüttenbetrieb .... Die Industrie. 57-63 » Mit zwingender Nothwendigkeit ergibt sich aus all’ dem Angeführten, dass unsere Ausfuhr einen ausgesprochen industriellen Charakter trägt. Er wird noch verstärkt durch die unleugbare innere Verwandtschaft des Hüttenbetriebes. Bedeutungsvoll, wie die ausserordentliche, innerhalb eines relativ so kurzen Zeitraumes sich vollziehende Entwicklung der Industrie und, als deren theilweise Folgeerscheinung, die p Oesterreichisch-ungarischer Aussenhandel im Jahre 1896 von J. Pizzala. Wien 1897. l32 Verbrauchszunahme der Rohstoffe sind, drängt sich die Frage auf, durch welche Kräfte diese geradezu erstaunliche Entwicklung bewirkt wurde? In gedrängtester Kürze ist — ich wiederhole meine, in der oben erwähnten Studie angeführten Worte — zu sagen: Sie wurde bewirkt durch die Erkenntnis der Nothwendig- keit der Beseitigung der internationalen, wie der inländischen Verkehrsschranken (der Zolltarif des Jahres i838 enthielt noch 69 Ein- und 10 Ausfuhrverbote!, die Zollschranken gegen Ungarn fielen erst im Jahre 1850!), durch die Erkenntnis der Dringlichkeit der Ausbildung des Communications- und Creditwesens, der Unentbehrlichkeit der strengen Regelung des Staatshaushaltes, als der wesentlichsten Grundlage des öffentlichen Credites, der Noth- wendigkeit des Hereinleitens fremden materiellen und geistigen Capitals durch Eiandelsverträge und politische Institutionen, endlich durch die Erkenntnis der Nothwendigkeit der Entfesslung der heimischen Arbeitskraft und ihrer sorgfältigeren Heranbildung im Wege des Unterrichtes, als den wirksamsten und nachhaltigsten Bedingungen wirthschaftlichen Gedeihens. Dankt die Industrie dem Zusammenwirken all’ dieser mächtigen Förderungsmittel ein Erstarken, das sie befähigt, wenn auch vorläufig nur in bescheidenem Maasse, wettbewerbend auf dem Weltmärkte aufzutreten, so wird ihre immer kräftigere Entfaltung zum Erklärungsgrunde einer Reihe von Erscheinungen, welche die zweite Hälfte dieses Jahrhunderts, vom culturellen Standpunkte betrachtet, zur inhaltreichsten und folgenschwersten Periode der Geschichte Oesterreichs machen. Um diesen tiefreichenden, das staatliche und das gesellschaftliche Leben nach allen Richtungen umspannenden Einfluss der Industrie in seinem ganzen Umfange würdigen zu können, bedarf es der Vergegenwärtigung einer Reihe von, aus der Natur derselben sich ergebenden Folgeerscheinungen. Ist auch das Urtheil über die Wirkungen der Industrie, namentlich über die, auf das sociale Leben Geübten, nach dem Standpunkte des Beurtheilers verschieden, und sind auch manche, durch sie bewirkte Gestaltungen unleugbar bedauerlich, so sehen wir uns doch vor einen sich thatsächlich vollziehenden, unzweifelhaft mehr des Guten in sich schliessenden Process gestellt, den nach einzelnen Richtungen günstiger zu gestalten, Sache der Gesetzgebung, der öffentlichen Verwaltung und der Einsicht der Industriellen ist. Der Landwirthschaft sind, selbst bei sehr intensivem Betriebe, in Bezug auf das Maass der Productivität ziemlich enge Grenzen gezogen. Die Industrie dagegen erscheint, dank der stetig vorschreitenden Wissenschaft, in ihrer Productionskraft, selbst auf beschränktem Raume, einer fast unbegrenzten Ausdehnung fähig. Doch dürfte dem, um unrichtigen Folgerungen socialer Natur zu begegnen, beizufügen sein, dass in dem numerisch überwiegenden kleinen Haushalte die Erzeugnisse der Landwirthschaft eine ungleich grössere Bedeutung haben als die Industrieproducte, da die Kosten der ersteren, im grossen Durchschnitte, an 60—65°/ 0 der Gesammtausgaben betragen. In Folge der Productivität der Industrie (Fähigkeit, die Production quantitativ und qualitativ zu steigern, dem wechselnden Begehr der Consumenten sich rasch anzuschmiegen und, unterstützt von kaufmännischer Tüchtigkeit, ihr Absatzgebiet mehr und mehr zu erweitern) ist es ihr gegenüber der Landwirthschaft ermöglicht, ihre Arbeitskräfte im Allgemeinen besser zu entlohnen, der Leistungsfähigkeit des Arbeiters mehr gerecht zu werden und dessen Interesse an der Arbeit, zum Vortheile beider Theile, zu steigern. i33 Schon hierdurch erklärt sich der von der Industrie geübte Reiz zur Vermehrung der Bevölkerung und deren Verdichtung an einzelnen Punkten. Noch grösser wird derselbe durch die, im Allgemeinen, grössere Stetigkeit des Erwerbes und die hiedurch ermöglichte bessere Lebensführung des industriellen Arbeiters. Abgesehen von der gleichfalls in diesem Sinne wirkenden, das Thatsächliche an Kraft noch überholenden Vorstellung vermeintlich völliger Ungebundenheit der in der Industrie Beschäftigten und den, durch eine grössere sesshafte Menschenanhäufung an sich gebotenen Zerstreuungen, wird die Attractionskraft der Industrie in der Gegenwart noch erheblich gesteigert durch die Arbeiterschutzgesetze, durch die bessere Vorsorge im Erkrankungs- und im Unglücksfalle, durch Wohlfahrts-Einrichtungen der mannigfachsten Art und, wahrlich nicht zum Wenigsten, durch die in der industriellen Arbeiterschaft sich ungleich kräftiger äussernde Vereinsthätigkeit. Durch die Beschaffenheit des Bodens ungleich weniger beeinflusst, ja von derselben fast unabhängig, entstehen industrielle Betriebe auch in Gegenden, welche der Landwirthschaft kaum oder nur unter Aufbietung grosser Mittel zugänglich sind. Wir sehen Dampfschlote aufragen auf öden, jeder Cultur entrückten Landstrichen und auf solchen, die vordem menschenleer gewesen, Culturcentren sich bilden; denn der grossen Betriebsstätte folgen die Einrichtungen und Vorkehrungen des grossen Bedarfes. Allerdings wird mit einiger Berechtigung geklagt über das Eintönige so mancher Arbeitszweige und die abstumpfende, ja geisttödtende Wirkung der stetig vorschreitenden Arbeitstheilung 1 ) und der mehr und mehr zur Herrschaft gelangenden Maschine. Auch die Klage erscheint nicht unbegründet, dass hierdurch im Arbeiter nur allzuleicht der Trieb geweckt wird, in oft bedenklichen Vergnügen Erholung zu suchen. Doch sind verschiedene, beruhigende Momente zu berücksichtigen. Mehr und mehr verbreitet sich, im Gegensätze zu der, bis in die neuere Zeit in Geltung gestandenen Anschauung, dass erst von einer vorgerückten Arbeitsstunde (der 12.!) ab für den Betrieb ein Reinertrag sich ergäbe, die Erkenntnis, dass die bis zu einer gewissen Grenze erfolgende Kürzung der Arbeitszeit im Betriebe nicht nur eine menschlich vollberechtigte Forderung ist, sondern sich auch ökonomisch vortheilhaft erweist. Wer könnte ferner bestreiten, dass in dem denkreifer und für feinere Genüsse empfänglicher gewordenen Arbeiter Lernbegierde und der Sinn geweckt werden für Erholungen und Zerstreuungen edlerer Art? Bereits überhebt die Erfahrung der Nothwendigkeit, dies zu erweisen. Auch verdient die Thatsache einige Beachtung, dass die verfeinerte oder in ihrer Leistungsfähigkeit gesteigerte Arbeitsmaschine an die sie leitende, ja selbst an die sie bedienende Menschenkraft oft so hohe Anforderungen stellt, dass es gut geschulter und wohl vorgebildeter fl «Bekanntlich hat Adam Smith den wunderbaren Vortheilen weit getriebener Arbeitstheilung eine glänzende Stelle seines Buches, die Darstellung der ihr zu verdankenden Nähnadelfabrication zur Veranschaulichung benutzend, gewidmet, ohne sich zu fragen, ob nicht etwa mit diesem Vorzüge ein Nachtheil in der geisttödtenden Einförmigkeit der auf Viele vertheilten Thätigkeit verbunden sei. Man hat ihm diese vor dem Eintritte der Dampfmaschinenära wohl entschuldbare Einseitigkeit zum herben Vorwurfe machen wollen, meines Erachtens mit arger Uebertreibung des Uebels. Um dies Uebel zu schildern, wählt man die extremsten Fälle; man vergisst, dass auch ausserhalb der Fabriksindustrie eine Menge höchst monotoner Arbeit verrichtet wird und von jeher verrichtet worden ist, und man übersieht, dass dieselbe Zeit, die uns das Uebel gebracht hat, auch an vielen ihm entgegenwirkenden Einflüssen es hat nicht fehlen lassen. Will man im Ernste behaupten, dass die Arbeiter heute durchschnittlich stumpfsinniger geworden seien als vor hundert Jahren? Mir kommt diese nörgelnde Weisheit so vor, als ob man der grossen Erfindung der Dampfmaschine den Rauch aufmutzen wollte, der aus den Schornsteinen aufsteigt. Man sinne lieber auf Rauch verbrennungsmittel.» (Essays von Otto Gildemeister, Berlin 1897.) i3 4 Arbeiter bedarf, um dem erhöhten Anlagecapital entsprechende Leistungen zu erzielen. Gilt Aehnliches nicht auch angesichts der rasch sich folgenden Aenderungen des Verfahrens oder Arbeitsmethoden der chemischen Industrie? Mit zwingender Folge ergibt sich aber hieraus, dass die Industrie ihr eigenstes Interesse gewahrt sieht durch die thunlichste Förderung des Unterrichtswesens im weitesten Sinne des Wortes. Die Industrie bedarf eben zu ihrer wünschenswerthen Entwicklung - einer denkenden und strebsamen Arbeiterschaft. Von der durch erhöhte Verwendbarkeit des Arbeiters gesteigerten Production abgesehen, verstehen Arbeiter, welche eine höhere Bildungsstufe erklommen haben, die Bedingungen wirthschaftlichen Gedeihens besser und beurtheilen das Arbeits- verhältniss richtiger. Nur der Industrie und der durch sie bewirkten Befruchtung der anderen Erwerbsquellen danken wir die so erhöhte Steuerkraft und die Möglichkeit der im Interesse der Entwicklung und der Machtstellung unseres Vaterlandes gelegenen unvermeidlichen Aufwendungen. 1 ) Die natürliche Wechselwirkung aller geistigen Potenzen äussert sich auch in dem Verhältnisse der Industrie zur Wissenschaft. Durch diese in der wirksamsten Weise gefördert, wirkt die Industrie ihrerseits anregend auf die Forschung, beschafft sie dieser die Mittel schärferer Beobachtung, erleichtert sie Versuche und genauere Untersuchungsmethoden. Rastlos neue Probleme schaffend, begünstigt sie deren Verfolgung durch die Wissenschaft. Unbefangene Beurtheilung der socialen Wirkungen der Grossindustrie zwingt, der oft beklagten Verdrängung des Kleinbetriebes und als Folgeerscheinung dessen, des Schwindens des gewerblichen Mittelstandes zu gedenken. Es ist tröstlich, als Wahrnehmung verzeichnen zu können, dass sich dem bemerkten, durch die Grossindustrie geübten Aufsaugungsprocesse Momente entgegenstellen, die sich theils aus der Natur gewisser Gewerbe, theils aus äusseren, die Betriebsform beeinflussenden Verhältnissen ergeben. Es genügt, auf das Kunstgewerbe, auf das Gewerbe auf dem Lande und auf jenes zu verweisen, das auf Kleinbestellungen (Bestellungen nach Maass) und Reparaturen berechnet ist. Eine kräftige Schutzwehr ergibt sich ferner aus der Verbreitung von Arbeitsmaschinen und billiger motorischer Kraft, insbesondere aus der Vereinigung der Kleinmeister, da diese die Bedingungen des Grossbetriebes beschafft. Was die erwähnte, mit Sorge erfüllende Erscheinung der veränderten Schichtung der Gesellschaft betrifft, wirken die Ergebnisse der diesen Gegenstand eingehendst vorfolgenden Forschung eines Mannes wie G. Schm oll er 2 ) beruhigend. Aus dem reichen, von ihm vorgeführten Ziffernmaterial in Deutschland ergibt sich die, in Berücksichtigung der Aehnlichkeit der Verhältnisse, auch auf uns anwendbare Folgerung, dass wohl die Zahl der Unternehmer abgenommen und jene der Abhängigen sehr zugenommen habe, dass aber, wenn wir die höheren Stellungen des Verwaltungspersonales, die Werkmeister und hoch bezahlten Arbeiter, die liberalen Berufe und die Zunahme der Landmeister mit in Rechnung ziehen, uns unverkennbar Tendenzen für Neubildungen eines Mittelstandes entgegentreten. In Berücksichtigung dessen, dass die mit der Umbildung der Technik und des Verkehres gegebene Betriebs- concentration — eine der Hauptursachen des Rückganges des alten gewerblichen Mittelstandes — für die Gesammtheit den grössten Fortschritt bedeutet, seien, bemerkt Schmoller, nur ungünstige Nebenerscheinungen, soweit Missbräuche, unehrliche Mittel, schrankenlos sich r ) Die Bedeutung der Industrie für Oesterreich. Eine statistische Studie von A. G. Raunig. Wien 1897. 2 ) Was verstehen wir unter dem Mittelstände? Hat er im 19. Jahrhundert zu- oder abgenommen? Vortrag von G. Schmoller auf dem VIII. evangelisch-socialen Congresse in Leipzig 1897. — 135 äussernder Erwerbstrieb im Spiele waren, zu bekämpfen. Im Sinne und im Geiste des Redners konnte der evangelisch-sociale Congress aussprechen, «dass an der socialen Tendenz festzuhalten sei, welche durch Hebung der Schule und der technischen Bildung und durch Stärkung der moralischen Kräfte des ganzen Volkes diesen heilsamen Process befördern und damit zugleich dem zum Mittelstände aufsteigenden Theile der Bevölkerung wirthschaftlich und social nützen will». Wenn wir die so bedeutsame Feier der fünfzigjährigen Regierung unseres Kaisers, eingedenk des in diesem Zeiträume zu verzeichnenden Handels Oesterreichs, in gehobener Stimmung begehen, müssen wir unter den Kräften, welche diesen Wandel bewirkten, der Industrie eine hervorragende Stelle einräumen, noch mehr, wir müssen sie, in Würdigung ihres tiefreichenden Einflusses, als einen der mächtigsten Factoren dieser Umwandlung bezeichnen. So interessant aber auch, um ihrer gewaltig treibenden Kraft willen, die Entwicklung der österreichischen Industrie in einem verhältnismässig so kurzen Zeiträume erscheint, dessen überreichen Inhalt einige Schlagworte kennzeichnen, wie: Bessemerprocess, rotierende Oefen, Gasregeneration, Ammoniaksoda, Conservierungsmethoden, Paraffin, Dynamit, Diffusionsverfahren, technische Verwerthung des Glycerins, Theerfarben . . ., müssen wir doch die Wandlung, welche sich in Bezug auf die rechtliche und die sociale Stellung des Arbeiters vollzogen hat, als noch interessanter und für die Zukunft noch bedeutsamer bezeichnen. is ins sechste Jahrzehnt hinein war die der grossen Menge zugängliche Schulbildung mehr als dürftig. Engherzigsten Sinnes bezeichnete es die «politische Schulverfassung» als Fehler, das Kind mehr zu lehren, als es in den Verhältnissen, aus welchen es während seines Lebens nicht herauskommen soll, unbedingt braucht. Oeffentliche Institutionen gab es nicht, die Presse war, um den allermildesten Ausdruck zu gebrauchen, so recht unbedeutend, ja nichtssagend, in Folge dessen entfielen zwei der mächtigsten Bildungsquellen. Berechtigten schon die besser situierten Classen in Bezug auf verständige und ernste Auffassung des Lebens und das Erkennen von Pflichten gegenüber dem Staate und der Gesellschaft nur zu häufig zu begründeter Klage, so kann es nicht befremden, dass das Loos der wirthschaftlich minder gut gestellten Volksschichten, insbesondere der nur oder doch vorwiegend auf ihre physische Arbeitskraft Angewiesenen, Unwissenheit und gering entwickelte Denkfähigkeit war. Man lebte in der ersten Hälfte dieses Jahrhundertes in Oesterreich vorherrschend, unbekümmert um die Zukunft, nur der Gegenwart, ertrug, im anerzogenen Unter- thanensinne, das eben Beschiedene mit Gutmüthigkeit ohne Murren, ohne Klage. Gutmüthigkeit und leichter Sinn, der dem Principe: «Leben und leben lassen» huldigte, machten das Arbeitsverhältnis im Allgemeinen erträglich, vielfach sogar freundlich und verliehen ihm ein entschieden patriarchalisches Gepräge. Der von der Mitte dieses Jahrhunderts an sich mehr und mehr verbreitende fabriks- mässige Betrieb, die steigende Verwendung von Kraft- und Arbeitsmaschinen leiteten wie im wirthschaftlichen, so im socialen Leben eine immer mehr um sich greifende Wandlung ein. In engherziger Auffassung fassten nur zu viele Industrielle den Erwerb als Lebensziel auf. Indem sie in ihrer Haltung gegenüber den verwendeten Arbeitskräften sich nur durch das Gesetz von Angebot und Nachfrage bestimmen Hessen, übersahen sie nur zu oft i36 deren berechtigte Ansprüche auf ein menschenwürdiges Dasein. Wie in den vorgeschrittenen Industriestaaten sehen wir auch in Oesterreich die Arbeitszeit auf Kosten der Lebensdauer des Arbeiters übermässig ausgedehnt, werden ferner, da die Arbeitsmaschinen dies technisch zulässig machen, in steigendem Maasse Frauen, jugendliche Arbeiter, ja selbst Kinder als billigere Arbeitskräfte im Fabriksbetriebe verwendet. Zu der durch vielfach überreiches Angebot von Arbeitskräften ermöglichten, wenn auch die landwirtschaftlichen Löhne überbietenden, doch an sich geringen Entlohnung gesellt sich eine leider mehr und mehr um sich greifende geringschätzige und leicht als Uebelwollen angesehene Behandlung der Arbeiterschaft. Durch die Grösse der Betriebe veranlasst, schieben sich unvermeidliche Zwischenglieder ein, die nur zu oft verschlimmernd wirken. Die Gunst des «Herrn» wird auf Kosten der Arbeiter * zu erwerben gesucht. Zum Lohndrucke gesellen sich noch Unregelmässigkeiten der Zahlung und, noch schlimmer, Entrichtungsarten, die den Empfänger zwingen, von dem kärglichen Verdienste, der da und dort fast den Charakter einer Gnadengabe annimmt, noch an Dritte abzugeben, nur um das Wenige sich zu erhalten, das das bescheidene, an Bedürfnislosigkeit heranreichende Existenzminimum oft noch unterbietet. An vielen Punkten bereiten sich geradezu das Erbarmen herausfordernde, für die staatliche und gesellschaftliche Entwicklung höchst bedenkliche Zustände; denn die, durch Verhältnisse, wie die angedeuteten, dauernd verringerte Lebensfreudigkeit weckt nur allzuleicht den Hang zur Ausschweifung, untergräbt den Sinn für geregeltes Familienleben mit seiner strengeren Zucht und die Fähigkeit zur vernünftigen Lebensführung. Dieser unerfreulichen Gestaltung und den hierdurch veranlassten, nur allzu begründeten Besorgnissen für die Zukunft sucht das kaiserliche Patent vom 12. December 1859 zu begegnen. An Stelle der vielen vereinzelten, das Gewerbeleben regelnden Normen trat eine für das ganze Reich (ausgenommen sind nur das venetianische Verwaltungsgebiet und die Militärgrenze) gütige einheitliche Gewerbeordnung. Ausser dem grossen, durch sie anerkannten Principe der Gewerbefreiheit erscheinen an dieser Stelle anführenswerth: «Die Art der Verwendung eines Gehilfen, seine Bezüge und sonstige Stellung, die Dauer des Dienstverhältnisses, die allfällige Probezeit und die Kündigungsfrist werden als Gegenstand freier Uebereinkunft bezeichnet.» t «Für grössere, das ist gewöhnlich mehr als 20 Arbeiter in gemeinschaftlichen Werkstätten beschäftigende Gewerbsunternehmungen wird eine in den Werkstätten anzuschlagende Dienstordnung» vorgeschrieben, in welcher bestimmte, im Gesetze bezeichnete Punkte zu regeln sind. Des Ferneren wird angeordnet, dass, «wenn mit Rücksicht auf die grosse Zahl der Arbeiter oder die Natur der Beschäftigung eine besondere Vorsorge für die Unterstützung der Arbeiter in Fällen der Verunglückung oder Erkrankung nöthig erscheint, die Unternehmung eine selbstständige Unterstützungscasse dieser Art zu errichten oder einer schon bestehenden beizutreten habe». Endlich werden Beschränkungen vorgezeichnet in Bezug auf die Verwendung, die Arbeitszeit und die Arbeitsdauer von Kindern und Individuen unter 14, beziehungsweise unter 16 Jahren. Theoretisch betrachtet, verdienen diese Bestimmungen, welchen noch einige an sich verhältnismässig weniger bedeutsame, doch die Rechte des Arbeiters in anerkennenswerther Weise erweiternde Anordnungen sich anreihen — betreffend die vorzeitige Lösbarkeit des Arbeitsverhältnisses und die Schadloshaltung des Arbeiters im Falle der vorzeitigen ungesetzlichen 18 Die Gross-Industrie. I. 137 Entlassung, dann in jenem des Aufhörens des Gewerbebetriebes — freudigst begrüsst zu werden. Namentlich die das Kind und die jugendlichen Personen schützenden Bestimmungen verpflichteten den Menschenfreund zu Dank und Hessen ihn der ferneren Entwicklung des Grossbetriebes mit verringerter Sorge entgegensehen. War aber all’ diesen gut gemeinten, in ihrer Wirkung der Industrie selbst unzweifelhaft zugute kommenden Bestimmungen der praktische Erfolg gesichert? Leider kann diese für die Wirksamkeit, daher auch für den inhaltlichen Werth eines Gesetzes massgebende Frage nicht bejaht werden. Was sollte die dem Arbeiter zuerkannte Freiheit der Mitwirkung bei der Regelung des Arbeitsverhältnisses angesichts seiner ihn fast durchgängig der Freiheit der Entschliessung beraubenden wirthschaftlichen Stellung? Die alleinige rechtliche Gleichstellung des Arbeit gebenden Fabriksherrn und des Arbeit suchenden Fabriksarbeiters in dem folgenschweren Augenblicke des Abschlusses des ArbeitsVertrages muss wohl, wenn der wirtschaftlich überlegene Theil sich Erwägungen der Billigkeit unzugänglich zeigt und nicht der Mangel an Arbeitskräften eine Schutzwehre schafft, mit unvermeidlicher Nothwendigkeit bedenkliche Lagen für den gesellschaftlichen Frieden erzeugen. Wer könnte bestreiten, dass, zumal wenn dem wirtschaftlich schwach Gestellten die Rechtsfindung erschwert ist, schon das Bewusstsein der Schutzlosigkeit Verstimmung weckt, dem Getroffenen die Lebensfreude raubt und in weniger gut gearteten Gemütern Hass und Groll entstehen macht? Was die so lobenswerten, wenigstens den Ansatz von Arbeiterschutz-Bestimmungen bergenden Anordnungen betrifft, war ihnen ein realer Werth wohl nur unter der Voraussetzung zuzuerkennen, dass für ihre Durchführung in zureichender Weise vorgesorgt erschien. Da es aber an einem derartigen, für die Ueberwachung der Befolgung dieser Bestimmungen geeigneten Organe fehlte, trugen dieselben mehr den Charakter wohlgemeinter Rathschläge.’) Thatsächlich blieben sie, insoweit sie nicht von verständigen und wohlwollenden Industriellen aus eigenem Entschlüsse befolgt wurden, unausgeführt und erfuhren daher die bemerkten, an vielen Punkten zu verzeichnenden Uebelstände, wenigstens von Gesetzeswegen, eine Aenderung nicht. Es mag befremden, ist aber leider als Thatsache zu verzeichnen, dass, da die nur in den flüchtigsten Umrissen gezeichneten Zustände sich der Oeffentlichkeit nicht aufdrängten und es an, auf derartige Erscheinungen gerichteten Studien fehlte, sie nicht bekannt oder wenigstens nicht so gewürdigt wurden, wie sie es verdienten, und die Meinung sich ausbilden konnte, das vermeintlich fortbestehende patriarchalische Verhältnis zwischen den Industriellen und den Arbeitern schlösse jeden Grund zur Klage aus. Der über die dritte allgemeine Gewerbeausstellung in Wien im Jahre 1845 erschienene, mit grossem Fleisse gearbeitete Bericht hatte auf seinen 1100 Seiten des Arbeiters nur insoweit gedacht, als zur Kennzeichnung der Verdienstlichkeit eines Ausstellers die Zahl der in seiner Unternehmung beschäftigten Arbeiter angeführt wurde. Noch zwei Jahrzehnte später konnte ein österreichischer Staatsmann, ohne Widerspruch zu erfahren, aussprechen, die sociale Frage höre bei Bodenbach auf. Die Arbeiterfrage, ein Theil der socialen Frage, entzog sich noch der öffentlichen Discussion. In Unkenntnis wiegte man sich im Optimismus. ff Das Problem der Gewerbeordnung in der österreichischen Gewerbe-Gesetzgebung des 19. Jahrhunderts von Dr. H. Waentig. Marburg i. H. 1896. Gegen Ablauf des sechsten Jahrzehntes vollzog sich in Folge des Sieges der freiheitlichen Principien des Liberalismus eine Wandlung der öffentlichen Verhältnisse, ein Umschwung im staatlichen Leben. Ein Reichs-Volksschulgesetz, dessen idealer Charakter am schärfsten durch Anführung dessen gekennzeichnet wird, dass es der Durchführungs-Verordnung ermöglichte, auszusprechen: «Das Ziel aller Jugenderziehung ist ein offener, edler Charakter. Zur Anbahnung desselben hat der Lehrer auf ein wahrhaft sittliches Verhalten der Jugend, auf Pflicht- und Ehrgefühl, auf Gemeinsinn, Menschenfreundlichkeit und Vaterlandsliebe unausgesetzt hinzuwirken. Er ist berechtigt und verpflichtet, hierzu alle gesetzlich erlaubten und pädagogisch bewährten Mittel in Anwendung zu bringen.» Mit dieser von edlem Wollen bereiteten Grundlage, mit dem geschaffenen grossgedachten Unterrichtsorganismus, in welchem selbstverständlich auch der unentbehrliche, die Volksschule ergänzende Fortbildungsunterricht in Aussicht genommen war, erschien eine der wesentlichsten Bedingungen erfüllt für die Heranbildung eines besser vorgebildeten, auf eine höhere sittliche Stufe gehobenen, von einem ungleich grösseren Pflichtenmaasse beseelten Bürgerthums. Der schon reifen Generation wurden die mächtigen Bildungsquellen erschlossen, welche der Entfesslung von Wort und Schrift und der Bewegungs- und Gestaltungsfreiheit der Gesellschaft im Wege des Vereins- und Versammlungsrechtes entspringen. Die Hoffnungen aber auf eine tiefer reichende, die Lage und die Stellung der unteren Schichten günstig beeinflussende Wirkung, welche sich an die Verwirklichung der grossen freiheitlichen Principien knüpften, blieben leider unerfüllt. Die geschilderten, durch Ausnützung der materiellen Ueberlegenheit und durch Mangel an Rechtssinn und Billigkeitsgefühl vielfach herbeigeführten beklagenswerthen Zustände erhielten sich nahezu unverändert. Sie fanden, nach wie vor, Ausdruck in der an vielen Orten wahrzunehmenden Verkennung des sittlichen Werthes der Arbeitskraft, in deren Herabdrückung zur Waare, in der durchschnittlichen Geringschätzung oder Nichtachtung des Arbeiters. Da die so bedeutsamen Erweiterungen der politischen Rechte nur den wirthschaftlich günstiger gestellten Classen zugute kamen, wurden die irrigerweise ausschliesslich auf die Industrie zurückgeführten, unerfreulichen Erscheinungen in noch grelleres Licht gerückt, wurden, unter dem Einflüsse der Zeitströmung allgemach zum Gegenstand der Beobachtung und Forschung gemacht und fingen an, Ausgangspunkt einer eigenen Literatur zu werden. Damit schärften sich natürlich die socialen Gegensätze in steigendem Maasse, traten dieselben mehr und mehr in das Bewusstsein der Arbeiterschaft und liessen dieser den Kampf gegen die vermeintliche Unnachgiebigkeit der besitzenden Classen vollberechtigt erscheinen. Eine der Wirkungen dieses sich unaufhaltsam vollziehenden Processes war, dass die ewigen, dem Fortschritte der Menschheit dienenden Grundsätze des Liberalismus, in völliger Verkennung der Sachlage, in Verruf geriethen, dass «Liberalismus» fast zu einem Synonym von Egoismus und «Socialismus» zu seinem begrifflichen Gegensätze wurden. Im Bestreben, 1 ) sagt B. Carneri, die politischen Rechte auszugestalten, habe der liberale Staat im Eifer des Kampfes übersehen, dass er nur für leere Abstractionen eintritt, wenn er nicht gleichzeitig durch Berücksichtigung der gegebenen Verhältnisse dafür Sorge trägt, dass die Rechte Aller auch thatsächlich für die Einzelnen sich als concrete Güter erweisen. Alle Unterschiede, welche in der staatlichen Gesellschaft sich hervorthun, ver- J ) Liberalismus und Socialismus von B. Carneri. («Neue Freie Presse» 1891.) 18* i 3 g schwänden gegenüber der grossen Unterscheidung zwischen Besitzenden und Besitzlosen. Es wäre angesichts dessen, dass die Grundtriebfeder alles menschlichen Handelns das eigene Interesse ist, unpraktische Ideologie, den Besitzenden die Wahrung ihres Interesses zu verdenken. Wenn aber die Besitzenden die Interessen der Besitzlosen selbst dort nicht berücksichtigen, wo sie dieselben berücksichtigen können, sei dies eine Verkennung des eigenen wohlverstandenen Interesses. Leider könne darüber kein Streit sein, dass der liberale Staat immer mehr wieder zu dem geworden ist, was er ursprünglich war, zu einem Staate der Besitzenden. Dass der Capitalismus, der immobile wie der mobile, gesündigt habe, leugne kein Vernünftiger; allein seine Sünden würden dem Liberalismus, der freien Bewegung, die er geschaffen hat, aufs Kerbholz geschnitten. Die Leidenschaftlichkeit, mit welcher der Socialismus im Liberalismus seinen Leind erblickt, gehe bis zur Verblendung, da er diesem ja das Werthvollste dankt. Viele in Schwung gekommene Anklagen des Liberalismus seien unbegründet, aber in dem herzzerreissenden Worte: «Was habe ich von der Lreiheit, wenn ich dabei eine geringere Art Mensch bin» liege Wahrheit. Mit dem «gleichen Rechte für Alle» sehe es in der That windig aus, so lange der Schwächere zu dem ihm zugesprochenen Rechte schwerer, als Andere und in manchen Lällen gar nicht kommt. Die Erkenntnis oder wenigstens die Ahnung dessen, dass nach dem Worte Carneri’s, der Gesellschaft Gefahr drohe, solange Lorderungen nicht nur der Menschlichkeit, sondern der Gerechtigkeit unerfüllt bleiben, welche kein richtig fühlendes Herz unberührt lassen, beherrschten die Gesellschaft in immer steigendem Maasse. Es ist das Wehen eines anderen Geistes, der immer weitere Kreise zieht. Es erfüllt sich Buckle’s Wort: «In jeder grossen Epoche — wer könnte wohl unserer Zeit dies Epitheton bestreiten? — ist irgend eine Idee wirksam, die mächtiger als alle anderen, den Ereignissen der Zeit ihre Gestalt gibt und endlich ihren Ausgang bestimmt.» Diese die Gegenwart erfüllende und beseelende Idee tritt uns entgegen in der Erkenntnis der Nothwendigkeit der intensiven Beschäftigung mit der socialen Frage und in dem Bestreben, sie zu lösen. In kräftigster Weise äussert sich das Mitgefühl für die Entbehrungen, für die Leiden Anderer, spricht sich die Theilnahme aus für die Bestrebungen derer, die sich die Gleichberechtigung mit den von der Gesetzgebung oder durch ererbte Anschauungen und Gewohnheiten Begünstigten zu erkämpfen suchen. Kaum jemals dürfte das mit der rücksichtslosen Ausnützung der materiellen Ueberlegenheit gesetzte Unrecht mit gleicher Schärfe empfunden und mit gleicher Strenge beurtheilt worden sein, als dies von der Gegenwart behauptet werden darf. Schonungslos werden die Schwächen und Schäden der Gesellschaft in Wort und Schrift blossgelegt, gegeisselt und bekämpft. Es ist zuzugeben, dass es nicht immer nach Bethätigung ringender menschenfreundlicher Sinn ist, der die Streiter bewegt; unleugbar sind es auch Gründe der Klugheit oder gar schlechtweg eigennützige Motive, welche so Manchen bestimmen, dem von der Zeitströmung entfalteten Banner zu folgen; unleugbar bleibt aber die Thatsache bestehen, dass der Geist der Hilfsbereitschaft sich nie in so energischer Weise geäussert, sich nie in gleich in- und extensiver Weise bethätigt hat. Es liegt in der Natur der Dinge, dass diese veränderten Anschauungen ihren Ausdruck in der Gesetzgebung fanden. Durch das Gesetz vom 8. März 1885, betreffend die I4O Abänderung und Ergänzung der Gewerbeordnung, erfuhr der Arbeiterschutz eine wesentliche Bereicherung. Es wurde der Arbeiter gegen die Ausbeutung durch Waarenanrechnung an Stelle des Baarlohnes gesichert und wurden, was nachdrücklichst zu betonen ist, werthvolle Bestimmungen bezüglich der äusseren Arbeitsbedingungen in den Arbeitsstätten getroffen. All’ diese inhaltlich erfreulichen Anordnungen erlangten aber erst dadurch ihren vollen Werth, dass durch das im Jahre i883 ins Leben gerufene Institut der Gewerbeinspection das sachkundige Organ geschaffen wurde, das, mit der Ueberwachung der Arbeiterschutz- Bestimmungen betraut, deren Durchführung sicherte. 1 ) Gleichwie diese Institution, durch gleichartige Verhältnisse in älteren und mehr vorgeschrittenen Industriestaaten ins Leben gerufen, in diesen sich bewährte, darf von ihr in Oesterreich gesagt werden, dass sie der dem Gesetzgeber vorschwebenden Absicht voll entsprochen hat. Vor Allem hat sie durch die angestrengtesten Bemühungen ihrer Organe für die Arbeitsordnung sich um die äussere Rechtsordnung verdient gemacht. Dank dem, vom Beginne ihres Wirkens an, unermüdlich geführten Kampfe wurde der Arbeitsvertrag im grossen Ganzen zur Wahrheit, das heisst, es erscheinen in der Arbeitsordnung alle, durch diese wahrzunehmenden Rücksichten bestmöglich gewahrt. In Tausenden von Fällen übernahmen ferner die Gewerbeinspectoren die Vermittlung zwischen den Unternehmern und den Arbeitern, halfen sie dem Arbeiter sein Recht finden oder erwirkten ihm Zugeständnisse des Wohlwollens oder traten leidenschaftlicher Erregung aufklärend, belehrend oder auch zurechtweisend entgegen. Die Bedeutung der Industrie voll erfassend, waren sie allezeit bestrebt, inmitten wider- streitender Forderungen, hier durch Belehrung, dort durch Bekämpfung kurzsichtiger Begehren die Interessen der Industrie als solcher zur Geltung zu bringen. Dem Unternehmer wie dem Arbeiter, in Berücksichtigung ihrer Zusammengehörigkeit, als wohlwollende Berather zur Seite stehend, gelang es ihnen, eine von beiden Theilen anerkannte Vertrauensstellung zu erringen. Hierdurch moralisch gekräftigt, sahen sie es sich ermöglicht, einer der obersten, ihnen vorgezeichneten Aufgaben zu entsprechen, dem socialen Frieden zu dienen. Unendlich segensreich erwies sich das Wirken der Gewerbeinspection in Bezug auf den vom Gesetze angestrebten Schutz des Arbeiters gegen Gefahren für das Leben oder die Gesundheit im Gewerbebetriebe. Mit fachmännischem Wissen ausgerüstet, von ernster Pflichttreue erfüllt, suchten ihre Vertreter unbeugsam und unerbittlich dem Geiste des Gesetzes Geltung zu verschaffen. Mit einem nur durch Liebe zum Berufe erklärlichen Eifer stellten sie sich mit ihren Fachkenntnissen und ihrem reichen Erfahrungsschätze in den Dienst der öffentlichen Verwaltung und unterstützten das' Gebahren der Kranken- und Unfallversicherung, der social bedeutsamsten Einrichtung, welche die Gegenwart auf dem Gebiete des Arbeiter- und des Gesellschaftsschutzes zu verzeichnen hat. «Als die grosse Masse 2 ) der Arbeiter noch jeden Augenblick der Gefahr ausgesetzt war, der öffentlichen Armenpflege mit ihren entwürdigenden Folgen anheimzufallen, konnte das Ehrgefühl sich bei ihnen nicht entwickeln und konnten die von Natur ehrliebenden J ) «Die österreichische Fabriksgesetzgebuiig» von Paul Dehn; im Jahrb. für Gesetzgebung, Verwaltung und Volkswirthschaft; herausgegeben von G. Schmollen Leipzig 1886. 2 ) «Sociale Mobilmachung» von Fritz Kalle. Wiesbaden 1897. Arbeiter unter dem Drucke der Angst vor dieser Gefahr keine Lebens- und Schaffensfreude finden.» Diese Worte fassen allerdings auch die in Deutschland ein Glied der obligatorischen Versicherung bildende Invaliden- und Altersversicherung mit ins Auge; doch dürfen wir in Oesterreich dieser naturnothwendigen Ergänzung unzweifelhaft entgegensehen. Ergänzend ist der Skizze der auf dem industriellen Gebiete erfolgten Umwandlung beizufügen, dass, unter dem Einflüsse der Gewerbeinspection, die Arbeiterwohlfahrts-Einrichtungen nach Zahl und Art, eine überraschende Zunahme aufweisen. In ihrem Bestreben auf die Förderung des Arbeiterwohles in materieller, geistiger und sittlicher Beziehung gerichtet und alle Altersstufen, das Kind und den Erwachsenen umfassend, berechtigen diese an vielen Punkten mit grossem Aufwande errichteten, meist gut geleiteten, hier und da auch unter Mitwirkung von Arbeiterausschüssen verwalteten, den Menschenfreund vielfach angenehmst berührenden Schöpfungen die österreichische Industrie, auf sie als laut sprechende Bethätigungen arbeiter- freundlicher Gesinnung zu verweisen. Vergegenwärtigen wir uns die tiefgreifenden, anerkennenswerthen Leistungen der Gesetzgebung, die so erfreulichen Veränderungen, welche in einem relativ kurzen Zeiträume in Bezug auf die äusseren Arbeitsbedingungen in Fabriken platzgegriffen haben, die grundsätzliche Verschiedenheit des Arbeitsverhältnisses, welche uns in rechtlicher Beziehung in der Arbeitsordnung von heute entgegentritt, endlich die angedeuteten, von Industriellen an zahlreichen Punkten mit grossen Opfern geschaffenen Wohlfahrts-Einrichtungen, so drängt sich uns die Annahme als wohl begründet auf, dass in der Summe all’ dessen die Erkenntnis und der energische Wille sich ausdrücken, die überkommenen, bedauerlichen Zustände gründlich und dauernd zu beseitigen. Inzwischen erfüllte sich auch eine andere Forderung der Gerechtigkeit und staatsmän- nischen Klugheit, die Zuerkennung des Wahlrechtes in den gesetzgebenden Körper an die Arbeiterschaft. Ist aber der sociale Friede nunmehr gesichert? Erscheint durch diese grossen Errungenschaften das friedliche Zusammenwirken der Arbeitgeber und Arbeitnehmer, die für das Gedeihen der Industrie unentbehrliche harmonische Pflege ihrer Interessen verbürgt? Unbefangene Umschau und streng objective Würdigung der zu Tage tretenden Erscheinungen im öffentlichen Leben zwingen uns leider, nicht nur diese Frage zu verneinen, sondern sogar offen zu bekennen, dass wir uns dem so wünschenswerthen, eine friedliche Entwicklung der Gesellschaft verheissenden Zustande noch ferner gerückt sehen. Des Bannes des Coalitionsverbotes ledig, von dem Vereins-, dem Versammlungsrechte, von der Freiheit der Rede und Schrift den geschicktesten und umfassendsten Gebrauch machend, haben die industriellen Arbeiter an vielen Punkten eine ihnen von Herzen zu gönnende, auch der volkswirtschaftlichen Entwicklung vorteilhafte Besserung ihrer wirtschaftlichen Lage erwirkt; das Erreichte aber gering achtend, haben sie, unter dem Impulse des erwachten Solidaritätsgefühles, aus ihrer Mitte eine Organisation geschaffen, welche, unterstützt und gefördert durch von den verschiedenartigsten Motiven geleitete Angehörige anderer Berufszweige und Gesellschaftsschichten zum planmässigen Angriffe der bestehenden Gesellschaftsund Wirtschaftsordnung vorschreitet. I42 In naturgemässer Reaction stellen sich diesen Vereinigungen der Arbeiter Associationen der Industriellen entgegen. So sieht die Gegenwart das betrübende’ und beängstigende Schauspiel eines Kampfes vor sich zwischen zwei Gesellschaftsschichten, die naturgemäss einander bedürfen und durch feindliches Vorgehen sich gegenseitig schädigen. Glücklicher Weise gilt dies jedoch nur unter der mir ausgeschlossen scheinenden Voraussetzung, dass diese Associationen der Industriellen gleichfalls nur als reine Kampfesorganisationen, nur als Mittel gedacht sind, Classeninteressen zu schützen. Einen Charakter dieser Associationen anzunehmen, der auf Zurückweisung berechtigter Forderungen und auf das Gewinnen einer bevorrechteten Stellung gerichtet wäre, verwehren wohl der mit Recht anzunehmende patriotische Sinn ihrer Mitglieder, namentlich aber die in der jüngsten Entwicklungsperiode unseres öffentlichen Lebens sich so vielfach bethätigende Erkenntnis des Bestehens socialer Pflichten und der unabweisbaren Nothwen- digkeit ihrer Erfüllung. Wenn auch in Folge des durch Vereinigung erzielten Erstarkens die Bezeichnung des Arbeiters als des schwächeren, schutzbedürftigen Theiles nicht mehr, wie früher, zutreffend erscheint, können doch einsichtsvolle Industrielle nicht verkennen, dass ihre Vereinigungen sich noch immer einer günstigeren Position erfreuen, dass sie daher als der noch immer stärkere Theil moralisch verpflichtet sind, sich nicht nur als Streittheil anzusehen und ihre Aufgabe mit der Abwehr der dem Bestehenden den Krieg erklärenden Forderungen für erfüllt zu halten. Im Gegentheile, es dürfte die Annahme wohl berechtigt erscheinen, dass diese Associationen, in Berücksichtigung der socialen Stellung ihrer Mitglieder, sich zu positiven Leistungen berufen erachten und die Interessen der Industrie und der Gesellschaft dadurch zu wahren streben, dass sie Alle, die ihre Vereinigung umschliesst, bestimmen, wirthschaftlich und bürgerlich berechtigte Ansprüche der Arbeiter rückhaltlos anzuerkennen und zu achten und das Maass der eigenen Forderungen durch eigene Pflichterfüllung zu begrenzen. «Je höher,» bemerkt G. Schm oll er in seinem oben erwähnten, die Umgestaltung der Gesellschaftsschichten behandelnden Vortrage, «irgendwo Moral und Religion, Sitte und Recht steht, je vollendeter Kirche und Schule organisirt sind und wirken, je mehr alle sociale Zucht, der ganze geistig-moralische Elebungs- und Erziehungsprocess bis in die untersten Kreise dringt, je mehr die verschiedenen Classen sich verstehen und berühren, die höheren Classen ihre Stellung als eine höhere Pflicht, nicht als eine Anweisung auf grösseren Genuss, auf Machtbethätigung und Vermögenserwerb auffassen, desto leichter wird die immer wieder einsetzende Differenzirung sich immer auch wieder umsetzen in eine Hebung der unteren Gassen und eine neue Mittelstandsbildung.» Von dem gesunden Sinne der überwiegenden Arbeiterzahl steht andererseits zu erwarten, dass sie angesichts solcher Haltung der Industriellen, in Anerkennung des die Gesetzgebung beseelenden Strebens, Gerechtigkeit zu üben, und des in der Gegenwart sich unverkennbar bethätigenden humanen Sinnes, ihr Gasseninteresse am wirksamsten gewahrt sehen durch praktische Anerkennung der Gemeinsamkeit der Interessen der Arbeitgeber und der Arbeitnehmer, in deren Verschmelzen, im Gedeihen der Industrie als dem beide Theile Verbindenden und der hieraus mit logischer Nothwendigkeit sich ergebenden Unterdrückung unerfüllbarer 143 Begehren, wie z. B. der Declassirung des Unternehmers, ohne welchen, wie es sehr leicht nachweisbar ist, ein kräftiger Pulsschlag des industriellen Lebens schlechtweg undenkbar ist. 1 ) Es dürfte diese kluge Selbstbeschränkung umsomehr gerathen erscheinen, als zu der wiederholt gedachten moralischen Disposition der das öffentliche Leben bestimmenden Factoren die im Sinne der berechtigten Wünsche der Arbeiterschaft wirkenden Erscheinungen sich gesellen, welche im «naturwissenschaftlichen Zeitalter», wie Dr. Werner Siemens unser Zeitalter charakterisirt, mit Nothwendigkeit sich vollziehen. 2 ) Ermunternd und erhebend wirkt es, von einem so bedeutenden Forscher als Etappen der durch die stetig vorschreitenden Naturwissenschaften unaufhaltsam bewirkten Entwicklung bezeichnet zu hören, dass dem Menschen durch die wachsende Benützung der Naturkräfte zur mechanischen Arbeitsleistung die schwere Körperarbeit mehr und mehr abgenommen, die ihm zufallende Arbeit immer mehr eine intellectuelle wird; dass in weiterer Folge bei geringerer Arbeitszeit doch immer ein weit grösserer Antheil von dem Producierten auf jeden Menschen entfällt. Wie lockend erscheint die in Folge von seither gemachten Entdeckungen nicht vermessen erscheinende Verheissung, dass es der Chemie, im Bunde mit der Elektrotechnik, dereinst sehr wahrscheinlich gelingen wird, aus der unerschöpflichen Menge der überall vorhandenen Elemente der Nahrungsmittel diese selbst herzustellen und dadurch die Zahl der zu Ernährenden von der schliesslichen Ertragsfähigkeit des Bodens unabhängig zu machen. Tröstend klingt die Hinweisung darauf, dass die Richtung der volkswirthschaftlichen Entwicklung unzweifelhaft dahin geht, dass die Menschen künftig eine viel kürzere Zeit zu arbeiten brauchen, um ihre Lebensbedürfnisse zu gewinnen. Bedarf es aber eines Zukunftsbildes, um uns mit Vertrauen zu einer friedlichen Fortentwicklung zu erfüllen? Bietet nicht die Gegenwart Erscheinungen, welche in unwiderleglicher Weise die Gestaltungskraft im Sinne des Fortschrittes erweisen? Angesichts der weithin umgestaltend wirkenden Macht der materiellen und geistigen Verkehrsmittel der Gegenwart erfüllt es mit Befriedigung, der in Belgien sich vollziehenden Erscheinung der gleiche Ziele anerkennenden liberalen «Alliance» und der «Fédération des ouvriers liberaux» zu gedenken. Unverkennbar treten uns hierin entgegen die erfreuliche Erkenntnis der Nothwendigkeit regeren Verkehres mit den aufstrebenden Gesellschaftsschichten und das beruhigend wirkende Zugeben der Möglichkeit, die Forderungen der liberalen Arbeiterorganisationen in friedlicher Weise zu erörtern. Es sei des Ferneren auf die Carteilfrage verwiesen, unbestreitbar eines der schwierigsten, unleugbar auch eines der interessantesten Probleme der Wirthschaftspolitik unserer Tage. Das Ziel der Vereinigungen ist, insoweit nicht Gewinnsucht ihren Entstehungs- J ) «Der Unternehmer hat nicht blos dem todten Stoffe Leben einzuhauchen, er hat nicht blos zu organi- siren, zu controliren und zu führen, sondern er spielt eine Anzahl Nebenrollen: i. die eines Goldsuchers, 2. die eines Pionniers des technischen Fortschrittes, 3 . die eines Wellenbrechers.» (Dr. Julius Wolf, «Socialismus und capitalistische Gesellschaftsordnung», Stuttgart 1892.) — «Der Unternehmer ist es, der die Arbeitsgelegenheiten schafft und vervielfältigt; er ist es, der die Initiative zur Production ergreift, der sie leitet und zum Ziele führt; er ist es, der die Versorgung der Consumenten übernimmt; denn um ihre von ihm vorausgesehenen Bedürfnisse zu befriedigen, arbeitet er, und indem er ihnen Dienste leistet, sichert er sich einen Gewinn. Sein Werk ist es, dass die vielfältigen Bedürfnisse der im Gesellschaftsverbande lebenden Menschen pünktlich und gewissermassen automatisch befriedigt werden. Und gleichwohl ist sein Gewinn problematisch. Wenn er schlecht gerechnet hat, so bleibt nach Zahlung der Löhne, der Miethe, der Zinsen für ihn nichts; er läuft alle Gefahren des Unternehmers, und darum kommt im Falle des Gelingens der Gewinn ganz und ausschliesslich ihm zu.» (M. Block, Les Progrès de l’Economie nationale depuis Adam Smith.) 2 ) Vortrag von Dr. Werner Siemens in der Versammlung der deutschen Naturforscher und Aerzte im Jahre 1886. 144 grund bildet, der Versuch, ein räthselhaftes, leider aber thatsächliches und viel Elend zeugendes Vorkommnis zu beheben: Erhöhte Productionskraft gefolgt von verringerter Kaufkraft, wachsendes Güteranbot begleitet von vermindertem Begehren. Vor Allem aber soll durch sie dem schwankenden Ertrage, der sinnlosen Concurrenz und der sich hieraus ergebenden Unsicherheit im Betriebe gesteuert werden. 1 ) Auswüchsen, wie vorerwähnt, zu begegnen, hat die Gesetzgebung bereits in den Bereich ihrer Thätigkeit aufgenommen. Eine Zeit, die so ernste und schwierige Aufgaben verfolgt, erscheint wohl berufen, eine Zukunft einzuleiten, welche das Gepräge vernunftgemässen Fortschrittes trägt. r ) Aus der reichen Literatur über diesen Gegenstand hebe ich nur hervor: «Die Wirthschaftskrisen und das Carteilwesen» von Dr. W. Neurath, 1897, weil diese Schrift sich ein höheres Ziel setzt, als die alleinige Erklärung und Rechtfertigung oder Verurtheilung der Cartelle darzustellen. Wien, im Herbst 1897. Die Gross-Industrie. I. 19 KUNST UND INDUSTRIE BRUNO BUCHER, K. K. HOFRATH, DIRECTOR DES OESTERR. MUSEUMS FÜR KUNST UND INDUSTRIE I. R. gestellten Webereien und Stickereien der nicht von der unsteten und gedankenlosen europäischen Mode beherrschten Völker des Orients öffneten zuerst die Augen für zugleich kräftige und harmonische Farbenwirkungen, die seit einem halben Jahrhundert im Abendlande von der Decoration der Innenräume als unfein, als bäurisch so gut wie ausgeschlossen waren. In des Oesterreichers Natur lag die Farbenscheu gewiss nicht, aber sie war auch ihm von der zur Mode gewordenen Doctrin aufgenöthigt worden. Denn der Classicismus erkannte, getreu dem Beispiele des neurömischen Stils der französischen Republik und des Kaiserreiches, neben dem Weiss des Marmors nur Gold und pompejanisches Roth als zulässig an, auch wenn es sich um minder pomphafte Einrichtungen handelte. Zwar hatte Gottfried Semper, der grosse Künstler und Gelehrte, der so vielfach Bahnbrecher geworden ist, schon 1834 an griechischen Bauwerken nachgewiesen, dass dort die Färbung des Marmors keineswegs grundsätzlich verschmäht worden, sondern die Farblosigkeit eine Folge der Verwitterung der aufgetragenen Erdfarben sei. Allein bei Gelehrten und Künstlern war die Ansicht festgewurzelt, eine auch nur theilweise Bemalung des herrlichen, glänzenden Materials dürfe als Barbarei dem kunstsinnigen Griechenvolke gar nicht zugetraut werden; und die Gypsabgüsse, die uns mit antiken Gestalten bekannt machen, hatten es im gebildeten Publicum vollends zum Glaubenssatze gemacht, dass sich mit der Plastik nur das reine Weiss vertrage. Von dem Marmor und der Plastik hatte sich die Vorherrschaft der weissen Farbe auf die lackirten Mobilien ausgedehnt, es konnte durch Gold und Roth (letzteres für Polster, Thürvorhänge u. dgl.) gehoben werden, und wenn schon dem natürlichen Verlangen nach Farbe, z. B. in der Frauenkleidung, etwas nachgegeben werden musste, so behalf man sich mit den schüchternsten zarten Nuancen. Alles Mehr wäre unfein gewesen. Nun aber lehrten in London vornehmlich indische Textilarbeiten (Ostasien war noch schwach vertreten), dass entschiedene Färbung durchaus nicht unkünstlerisch wirken müsse, dass bei Nebeneinanderstelluncf verschiedener Farbentöne deren Werth und Charakter zu erwägen sei, dass vielfarbige Flächen, die in der Nähe gesehen völlig bunt erscheinen, in gewisser Entfernung einen einheitlichen, hier warm, behaglich, dort frisch und heiter gestimmten Eindruck machen können. Das war eine sehr wichtige, folgenreiche Entdeckung, und ähnlicher Entdeckungen sollte die erste «Weltausstellung», von der die meisten Besucher zunächst neue Erfindungen, Wunder der Mechanik und der Naturforschung erhofft hatten, noch manche bringen. Für das Kunstgewerbe war nebst der Einsicht in das Wesen der Farbenharmonie vor Allem die Erkenntnis überraschend, dass ferne Völker sich während vieler Jahrhunderte natürliches Kunstgefühl, nationale Kunstformen und hiermit besondere Arten der Kunsttechnik bewahrt hatten, die uns verloren gegangen waren. Und Hessen sich nicht auch in Europa Entdeckungen ähnlicher Art machen, alte Kunstweisen wiederfinden, die, von dem Modegeschmack verachtet, in der Stille fortgelebt hatten? Empfahl es sich nicht, von noch anderen Perioden als dem griechischen und römischen Alterthum zu lernen? Die Empfindung, dass die damalige Gegenwart sich verirrt habe und schauend und lernend wieder auf den rechten Weg zu kommen suchen müsse, wurde gleich lebendig in allen Ländern. Geregt hatte sie sich allerdings schon lange, die Sehnsucht, von den engen Fesseln des erstarrten Classicismus befreit zu werden. Deutsche Maler hatten sich, wie ein halbes Jahrhundert später britische, in das 15. Jahrhundert, zu Fiesoie u. s. w. geflüchtet, die literarische Schule der Romantiker hatte sich das unsterbliche Verdienst erworben, der alten deutschen Kunst wieder zur Anerkennung zu verhelfen, und damit kam der Glaube an die Gothik als die wahre und einzige germanische Kunst auf, während auf anderen Seiten will- 150 kürlich in den Vorrath von Ornamentbruchstücken gegriffen wurde, die aus der Erinnerung an formen- und farbenfrohere Perioden haften geblieben waren. Die Ueberzeugung von dem natürlichen Zusammenhänge zwischen Construction und Zierat war eben verschwunden, und so konnte die sogenannte Heideloffsche Gothik Boden gewinnen, die das Wesen des Stils in den Zierformen suchte, so wie die aus der Kopenhagener Schule hervorgegangenen Künstler immer wieder auf das Empire zurückführten. Stillosigkeit und Stilgemenge blieben das Charakteristische der Zeit. Wohl lebte in den jüngeren Wiener Architekten der Drang, aus dem Zustande der Verflachung und des Durcheinanders sich herauszuarbeiten. So erhielt unter lebhafter Zustimmung der fachmännischen Jugend der Schweizer Joh. Georg Müller den Preis für den romanischen Entwurf der Altlerchenfelder Kirche, und für die Votivkirche war ein gothischer Bau als selbstverständlich angenommen. Aber dem künstlerischen Empfinden Wiens lag die Renaissance viel näher, an deren einstige Herrlichkeit noch so edle Schöpfungen freudig erinnerten, wie beispielsweise das Portal der Salvatorkapelle. Hier setzten Eduard van der Nüll und seine besten Schüler, wie Heinrich Ferstel ein, und ihnen dankt das Wiener Kunstgewerbe die erste und zugleich kräftigste Anregung zu stilgerechtem Schaffen. Ueberblicken wir die Reihe der österreichischen Aussteller in London 1851, so begegnen wir übrigens schon der Mehrzahl der Namen, die sich in den folgenden Jahrzehnten Weltruf erwerben sollten. So werden in damaligen Berichten im Textilfache besonders hervorgehoben die den englischen und französischen Waaren zum Verwechseln gleichartigen und gleichwerthigen Seidengewebe, Sammte, Möbel- und Paramentstoffe von Bujatti, Decorationsstoffe von Bossi, Wollsammte und Teppiche, damals noch im französischen naturalistischen Geschmacke, von Philipp Haas (geb. 1791); Wiener Shawls (Hlawatsch & Isbary) etc. concurrirten mit den französischen; gemusterte Leinen der gräflich Harrach’schen Fabrik in Jannowitz in Mähren und von Alois Regenhart (geb. 1815), farbige und bedruckte Kattune von Franz Leitenberger in Kosmanos (1801 —1854), ferner Papiertapeten mit der Neuerung des Druckes mit Temperafarben von Spörlin & Zimmer mann verdienten sich das Lob, durch Geschmack und zugleich Wohlfeilheit den Vorrang anzustreben. Handspitzen erlagen noch der Concurrenz der englischen Maschinenspitzen. Der Möbeltischlerei konnte nachgerühmt werden, dass sie im Gegensätze zu der deutschen ernstlich bemüht war, den «Sieg über die Fremdländerer» dadurch zu erringen, dass sie sich «die eigene Vergangenheit und Kunstgeschichte. wieder ins Bewusstsein rief». An der Spitze der Möbelindustrie stand damals Lei stier in Wien, der die grössten Anstrengungen gemacht hatte, durch luxuriöse, solid gearbeitete Möbel aus kostbaren Hölzern sich hervorzuthun, aber das richtige Verhältnis zwischen Zweckmässigkeit und Reichthum der Erscheinung noch nicht gefunden hatte. In seinem Geschäfte thätig war der Holzbildhauer Franz Schönthaler, der von dem Besuche der Ausstellung die fruchtbarsten Eindrücke mitnahm und sie dann trefflich zu verwerthen wusste. Von Wien aus brachte auch bald Michael Thonet aus Boppart am Rhein seine wichtige Erfindung, hartes Holz durch Pressung in Metallformen zu biegen, auf den Weltmarkt und veranlasste einen völligen Umschwung in der Bildung einfacher Sitzmöbel. Edelmetallarbeiten kamen nicht in einer dem Zweige entsprechenden Bedeutung zur Anschauung. Goldketten in Venezianerart von Bolzani & Füssl fanden Anerkennung, ein silberner Toilettespiegel von J. Ratzersdorfer wurde prämiirt, aber plattirte oder galvanisch versilberte Waare (in erster Linie Alpaccasilber der 1843 gegründeten Fabrik A. Schoeller — 151 — & Comp, in Berndorf) herrschte vor, und von Schmucksachen erregten durch ihre Fremdartigkeit ungarische mit Filigranemail, sowie Wiener Nielloarbeiten, die damals «Tula» genannt und vielfach für wirklich russisch gehalten wurden, und böhmischer Granatschmuck die Aufmerksamkeit. Eisenguss von Kitschelt und aus der fürstlich Salm’sehen Giess er ei kam eben damals in Aufschwung. Wenn wir endlich einen Blick auf die Keramik werfen, begegnen wir dem letzten Erfolge der Wiener ärarischen Porzellanfabrik mit Gemälden von Nigg, daneben den aufstrebenden Privatanstalten zu Pirkenhammer, Schlaggenwald, Elbogen und den Stein- gfutwaaren von Altrohlau und von Hardtmuth in Budweis. Glas war vornehmlich durch o die Harrach’schen Hütten und Meyr’s Neffen in Winterberg vertreten, anerkennens- werth in der Masse, aber noch befangen in der Vorliebe der damaligen Zeit für bunten Ueberfang. Schliesslich darf nicht unerwähnt bleiben, dass die einzige höchste Auszeichnung der k. k. Hof- und Staatsdruckerei zufiel, deren orientalische Lettern als die vorzüglichsten ihrer Art gepriesen wurden. Volle Befriedigung empfanden, wie schon angedeutet worden ist, die Aussteller selbst nicht. Sie erkannten rückhaltslos an, dass sie lernen und vorwärtsstreben müssten, verlangten aber auch kräftigere Förderung durch den Staat, namentlich Erleichterung der Credit- beschaffung, da die Mehrzahl der Gewerbsleute nicht über genügende eigene Capitalien zu verfügen hatten. Man war daher im Durchschnitte geneigt, auf die Nachahmung der neuen wirthschaftlichen Schöpfungen und Experimente in Frankreich übertriebene Hoffnungen zu setzen. Aber es sollte sich bewähren, dass die beste Unterstützung des Gewerbes in der Schaffung von Arbeitsgelegenheiten besteht. Solche Gelegenheit boten der Bau des Arsenals in Wien, an dem eine Gruppe von Architekten, Ludwig Förster, van der Nüll, Theophil Hansen und Rösner betheiligt waren, der Bau der Heilandskirche und des Bankgebäudes auf der Freiung durch Heinrich Ferstel, und namentlich dem Letztgenannten wussten es tüchtige Industrielle Dank, dass er ihnen die Möglichkeit bot, ihr Können bei der Lösung höherer Aufgaben zu bewähren. So wurde das Bankgebäude eine treffliche Schule für Anton Detoma, der dann fast in ganz Europa Paläste mit stucco-lustro ausstatten musste, und für den Kunstschlosser Ludw. Wilhelm, der freilich zu Anfang noch die Unterweisung von Goldschmieden zu benutzen hatte, weil künstlerische Schmiedearbeit so lange Zeit nicht mehr gepflegt worden war. Erwähnen wir noch den Nordbahnhof von Ehrenhaus, die evangelische Kirche in Gumpendorf und die Leopoldstädter Synagoge von L. Förster, das Carl- theater von van der Nüll und Siccardsburg, so dürfte die Zahl der Monumentalbauten aus dem ersten Jahrzehnt des hier zu behandelnden Zeitraumes erschöpft sein. Die bürgerliche Baukunst ruhte beinahe vollständig. Dass die Stadt Wien längst nicht mehr für die stetig zunehmende Bewohnerzahl genügte, war allgemein anerkannt und wurde viel beklagt. Wohl waren an der Peripherie Baugründe genug zur Verfügung, aber ihrer Ausnutzung stand die örtliche Gewohnheit hindernd im Wege. Unter «Wien» dachte man sich noch immer ausschliesslich die Innere Stadt, die einer Ausdehnung nicht fähig war, und als Erzherzog Carl Ludwig seinen Wohnsitz auf der Wieden nahm, begriffen nur Wenige, weshalb der Fürst «so weit hinausziehen» wolle. (Eigene Erzählung Seiner kaiserlichen Hoheit.) Vollends was jenseits der alten Vorstädte lag, galt als «Land». Im Sommer 1857 besprach endlich ein hervorragender Publicist, Bernhard Friedmann (f 1880), die Frage der «Wohnungsnoth in Wien» gründlich im Zusammenhänge mit den socialen, sanitären und 152 wirthschaftlichen Bedürfnissen einer grossen Stadt. Seine Darstellung des Niederganges der Baugewerbe führte eine überzeugende Sprache, und ebenso leuchtete es ein, dass die Kunstindustrie bei der Beschränktheit der bürgerlichen Wohnungen sich nicht zu allgemeiner Blüthe emporringen konnte. War es doch nichts Ungewöhnliches, dass' wohlhabende Bürger ihre Gäste in Zimmern empfingen, deren eigentliche Bestimmung durch Rahmen über den Bettstellen kaum maskirt wurde. Was in der genannten Schrift vorgebracht wurde, schien zu den frommen Wünschen zu gehören. Allein noch in demselben Jahre wurden durch das kaiserliche Machtwort die Fesseln Wiens gesprengt. Die Befestigungswerke sollten beseitigt werden, damit die Stadt sich erweitern könne. Das Wort wirkte mit Zaubergewalt. Was man kaum zu träumen gewagt hatte, war plötzlich Wahrheit geworden, und man konnte nicht erwarten, die Basteien fallen, die Gräben ausgefüllt zu sehen. Diese Ungeduld trug wohl das Ihrige dazu bei, dass Ueberhastung die ausserordentliche, nie wiederkehrende Gelegenheit nicht im vollen Umfang ausnützen Hess. Vor Allem stiess der mit besonderem Nachdrucke von R. v. Eitelberger und H. Ferstel in einer gemeinschaftlichen Schrift geltend gemachte Wunsch, auf der breiten Glacisfläche bürgerliche Wohnhäuser mit Vorgärten wie in so mancher grossen Stadt erstehen zu lassen, auf unüberwindliche Hindernisse. Dafür leitete der sofort mit Energie in Angriff genommene Bau eines neuen Opernhauses die neue Periode des Wiener Kunstgewerbes ein. Die Künstlernatur van der Nüll’s und die Bestimmung des Gebäudes trafen auf das Glücklichste zusammen, um hier einen herrlichen Wahlplatz für alle decorativen Künste zu schaffen. Und in der That wird dieses Gebäude auch darin stets bemerkenswerth bleiben, dass zu seiner Ausschmückung die ersten Kräfte der Zeit berufen worden waren, neben Schwind, Rahl und mehreren seiner besten Schüler, wie Aug. Eisenmenger und Christ. Griepenkerl, auch Eduard Engerth, Ferdinand Laufberger, Friedrich Sturm, Josef Storck, dem sein Lehrer van der Nüll die Leitung der inneren Ausstattung an vertraute. Die Namen Storck, Laufberger, Sturm standen denn auch in erster Reihe, wenn in der Folge das Bedürfnis nach decorativem Schmuck höherer Ordnung sich äusserte, wie bei Gelegenheit der Prachtbauten von Dräsche (Heinrichshof), Todesco u. s. w. In England war man unmittelbar nach der grossen Ausstellung entschlossen an die praktische Ausnützung der von ihr ertheilten Lehren geschritten. Noch im October 1851 erstattete Semper dem Prinzen Albert den verlangten Bericht in der Schrift «Wissenschaft, Kunst und Industrie» und verfasste bald darauf in englischer Sprache den umständlichen Organisationsplan für ein Museum der technischen Künste, denen bis dahin in Museen niemals neben Malerei und Plastik eigene Räume gegönnt worden waren. Die Einrichtung der Anstalt, die unter dem Namen «South Kensington Museum» weltberühmt und Vorbild zunächst für ganz Europa geworden ist, beanspruchte natürlich längere Vorbereitungen, doch schon im Frühsommer veröffentlichte das Science and Art Department den Plan für ein ganz England überspannendes Netz von populären Zeichenschulen. Die Kunde von diesen Bestrebungen drang auch zu uns, doch liess sich nicht so bald erkennen, wie und mit welchem Erfolge die Reformarbeit in Angriff genommen werde, da die zweite «Weltausstellung», Paris 1855, leider viel zu früh kam — zu früh für diesen besonderen Zweck und verhängnisvoll für die Weiterentwicklung des Ausstellungswesens und der Industrie, die nach diesem Beispiele nicht mehr die Müsse für die Verdauung des neuen Stoffes, für ruhiges Studiren und Probiren behielt, sondern Jahrzehnte hindurch zu rastlosem Produciren angetrieben wurde. Wohl war Die Gross-Industrie. I. 153 20 auch in Wien das Gefühl allgemein, dass etwas geschehen müsse, um den gewerblichen Kreisen höhere Bildung zuzuführen, ihren Geschmack zu verbessern, wie man damals sagte. Allein über die Mittel dazu bestand keine Klarheit, die einzelnen Anstrengungen entbehrten eines gemeinsamen Mittelpunktes und mussten deshalb unwirksam bleiben, wie die Versuche des Niederösterreichischen Gewerbevereines und des Oesterreichischen Kunstvereines, die Schaffenden anzuregen und die Besitzenden für die Sache zu erwärmen. Veranstaltungen im Sperlsaale erhoben sich vollends nicht über das Niveau von Bazaren. Die Arbeit der «Central-Commission zur Erforschung und Erhaltung der Baudenkmale» aber, des Alterthumsvereines, die Herausgabe von Aufnahmen österreichischer Kunstwerke, die gleichzeitig von Eitelberger, Heider und Hi es er einerseits, von dem Architekten Springer anderseits unternommen wurden, blieben den eigentlich gewerblichen Kreisen ziemlich fremd, weil bei allen solchen Studien die Archäologie im Vordergründe stand. Den Anstoss zum Wandel in diesen Dingen sollte das Jahr 1862 bringen. Die damalige zweite grosse Ausstellung in London liess so deutlich erkennen, was in dem elfjährigen Zeiträume von der englischen Industrie gewonnen worden war, dass kein aufmerksamer Beschauer sich dem Eindrücke zu entziehen vermochte. Minister-Präsident Erzherzog Rainer liess sich Vortrag darüber erstatten, wie das englische Beispiel für Oesterreich gewinnbringend zu benützen sei, und Eitelberger, von van der Nüll berathen, konnte nicht umhin, die Errichtung einer dem Kensington Museum entsprechenden Anstalt zu empfehlen, die werden sollte, was bis dahin gefehlt hatte, Mittelpunkt für die Reformarbeit auf dem Gesammtgebiete des Kunstgewerbes in Oesterreich. Das in Folge der Vorschläge Eitelberger’s erflossene Allerhöchste Handschreiben an den Erzherzog Rainer vom 7. März i863 ist ein geschichtliches Denkmal von hoher Bedeutung. In festen Zügen wird der Zweck der neuen Schöpfung ausgedrückt, «den vaterländischen Industriellen die Benützung der Hilfsmittel zu erleichtern, welche Kunst und Wissenschaft für die Förderung der gewerblichen Thätigkeit und insbesondere für die Hebung des Geschmackes in so reichem Maasse bieten». Zunächst wird die leihweise Ueber- lassung von Kunstwerken und Büchern aus den Sammlungen des Hofes und des Staates und anderen öffentlichen Anstalten zugesichert und zugleich die Erwartung ausgesprochen, dass die Gemeinden, der Adel und das übrige besitzende Publicum im Reiche, diesem hohen Beispiele folgend, ihre wissenschaftlichen und Kunstschätze dem neuen Museum in gleicher Weise zur Verfügung stellen würden. Ebenso hatte das Kensington Museum mit einem sogenannten Loan Museum begonnen, so dass der Anstalt Zeit blieb, die eigene Erwerbung von geeigneten Gegenständen zu betreiben, und inzwischen dem Publicum Werke zur Anschauung gebracht wurden, die sonst gar nicht oder doch nur ausnahmsweise zugänglich waren. Ein Comité, bestehend aus dem Sectionschef v. Lewinsky, dem Schatzmeister J o h. G a b r. Seidl, dem Kunstreferenten im Staatsministerium, Ministerialsecretär Gustav Heider und dem Universitätsprofessor Rudolf v. Eitelberger, erhielt den Auftrag, das Statut für das Museum auszuarbeiten, und diese bewährten Fachmänner förderten ihre Arbeit so, dass schon unter dem 3i. März das Statut die Allerhöchste Genehmigung empfangen konnte. Gleichzeitig wurde Seine k. u. k. Hoheit Erzherzog Rainer zum Protector der Anstalt ernannt. Wenn das Oesterreichische Museum durch mehr als drei Jahrzehnte gedeihlich zu wirken vermochte, so hat es dies in allererster Linie dem erlauchten Protector zu danken. Das ist allbekannt. Allein die Pflicht gebietet, auch hier zu betonen, dass der T 54 hohe Herr mit nie ermüdender Fürsorge bemüht war, das Museum auf der rechten Bahn zu erhalten, es mit Rath und That in seinen Bestrebungen zu fördern, ihm Schwierigkeiten aus dem Wege zu räumen. Denn an Schwierigkeiten gebrach es nicht. Um eben jene Zeit setzte die wirthschaftliche Doctrin, die jede unmittelbare Thätigkeit der Staaten auf dem Boden des Gewerbes für Schädigung der freien Production erklärte, im Reichsrathe die Auflösung der ärarischen Porzellanfabrik durch und richtete eben dadurch einen nicht wieder gutzumachenden Schaden an. Denn war auch damals die einst so berühmte Fabrik, deren Erzeugnisse in ganz Europa gesucht wurden und noch gesucht werden, von ihrer Höhe gesunken, so hätte sie von einsichtiger Leitung regenerirt werden können, da noch Kräfte und Einrichtungen aus der guten Zeit vorhanden waren. Aber man sprach ohne Gnade das Todesurtheil aus, verschleuderte die Vorräthe und Hess es zu, dass die mit der weltbekannten Marke, dem österreichischen Bindenschilde (im Handel missbräuchlich «Bienenkorb» genannt) bezeichneten weissen Geschirre von Fälschern bemalt und als echtes «Altwien» auf den Markt gebracht werden konnten. Die Verfechter einer solchen Gewerbspolitik waren auch der neuen Schöpfung wenig geneigt und hätten am liebsten gar keine Mittel dafür bewilligt. In anderen, günstiger gestimmten Kreisen war man sich wenigstens nicht immer klar über die Hauptaufgabe des Museums; die Einen suchten es rein archäologischen Zwecken dienstbar zu machen, Andere hätten es gern zu einer Pépinière für «Amateurs» oder doch zu einem Unterhaltungsorte für die elegante Welt gestaltet, während mancher tüchtige Geschäftsmann erklärte, er lasse sich nicht vorschreiben, was er machen solle. In allen solchen und anderen Schwierigkeiten war der Schutz eines ebenso kunstverständigen wie kunstsinnigen Führers von unschätzbarem Werthe. Allerdings musste das Museum darnach trachten, die weitesten Kreise in sein Interesse zu ziehen, insbesondere die besitzenden Classen, von denen sich erwarten liess, dass sie die Arbeit der Industrie der Gegenwart durch Käufe und Aufträge unterstützen würden; aber die erste und vornehmste Sorge blieb doch, unsere Gewerbsleute durch Erweiterung der Anschauungen, Vermehrung der Kenntnisse, Anregung zum selbstständigen Schaffen für den begonnenen Wettkampf aller Nationen auszurüsten. Rudolf von Eitelberger, dessen Berufung zur Leitung des Instituts ziemlich selbstverständlich war, übernahm mit Begeisterung, mit dem ihm eigenen Feuereifer die patriotische Aufgabe, und wohl kein Anderer würde es so bald zu schönen Erfolgen gebracht haben. Aber als Professor der Kunstgeschichte hatte er gleich seinen Fachcollegen im Allgemeinen dem Wesen der technischen Künste weniger nahegestanden, die nun wieder in grössere Uebung gebracht, zum Theil geradezu neu entdeckt werden mussten. Es war daher ein günstiger Umstand, dass der Fürst Liechtenstein den Culturhistoriker J a k o b Falke als Bibliothekar nach Wien berufen hatte. In seiner Stellung am Germanischen Museum in Nürnberg hatte Falke die trefflichste Gelegenheit gehabt, sich mit den Arbeiten und Arbeitsarten der Kleinkünste im Mittelalter und in der deutschen Renaissance vertraut zu machen und sich in die Museumstechnik einzuarbeiten. Ueberhaupt bewährte sich von Anfang an der glückliche Blick Eitelberger’s bei der Wahl seiner Hilfskräfte: Franz Schestak, der leider früh starb, schuf die Fachbibliothek und die Sammlung von graphischen Vorlageblättern, Dr. Georg Thaa organisirte die Administration, und nach kurzer Zeit trat auch Friedrich Lippmann, ein gründlicher Kenner all’ der Dinge, die von den Franzosen «Objets d’art» genannt werden, in die Verwaltung der Sammlungen ein. Mit diesem kleinen Stabe wurde in den bescheidenen Räumen des ehemaligen Ballhauses, das früher schon gelegentlich zu Kunstausstellungen benutzt worden war, das «Oester- 20 * 155 ^ reichische Museum für Kunst und Industrie» eingerichtet und 1864 dem Publicum geöffnet. Der Ausdruck «Kunstindustrie» wäre bezeichnender gewesen. Allein es bestand damals die Absicht, die neue Anstalt später zu einem Industriemuseum im weiteren Sinne auszugestalten, während dem Director unverkennbar die Erweiterung des Gebietes auch nach der Seite der hohen Kunst vorschwebte. Vorläufig musste die engere Begrenzung aufrecht erhalten werden, da die zur Schau gestellte Sammlung in Leihgaben aus öffentlichem und Privatbesitz bestand, zum Theil höchst ausgezeichneten Arbeiten des Kunstgewerbes vergangener Zeit. Dem grösseren Publicum waren nicht nur die Gegenstände selbst fremd, sondern auch die Arten der Herstellung, ja vielfach sogar der praktische Zweck. Kataloge, Aufsätze, Vorlesungen mussten deshalb populären Unterricht über Capitel aus der Kunst- und Culturgeschichte, der Aesthetik und der Technologie ertheilen. Suchte man auf solche Art Liebhaber und Producenten in Wien mit dem Museum zu verbinden, so wurden gleichzeitig in den Kronländern Ausstellungen veranstaltet, die zuvörderst dazu dienten, den Besitzstand an Kunstwerken aufzunehmen und Antheil an der Reformbewegung zu wecken, und die allmälig in demselben Maasse an Bedeutung einbüssen mussten, wie ihre Wirkung in provinziellen und localen Schöpfungen zum Ausdrucke kam. Auf die Weise waren ebenso die photographischen Vervielfältigungen und die Gypsabgüsse nach Objecten der hohen und der gewerblichen Kunst berechnet, beide zugleich wichtige Behelfe für einen verbesserten Zeichen- und Anschauungsunterricht. Wer zurückblickt auf alles das von einem kleinen Kreise bei kargen Mitteln und in engen Verhältnissen Geleistete, kann nur mit höchster Anerkennung der unermüdlichen, zielbewussten Thätigkeit Eitelberger’s und der Seinen gedenken, die auch das Glück hatten, in den Mitgliedern des Curatoriums stets bereite Helfer zu finden, voran dem Grafen Edmund Zichy, der mit seiner ganzen Persönlichkeit für die Sache eintrat (und dessen würdiger Nachfolger im Präsidium Graf Hugo Traun wurde), dem Verfasser der grundlegenden Physiologie der Farben, Professor Ernst Brücke, dem Architekten Heinrich Ferstel, dem Präsidenten der Wiener Handels- und Gewerbekammer Reckenschuss, dem Gemeinderath Melingo und Anderen. Dass das Museum eines eigenen geräumigen Gebäudes und einer eigenen Schule für die kunstgewerbliche Jugend benöthige, wenn es sich weiter entwickeln solle, war allen Sachverständigen klar. Institute solcher Art wachsen, wenn sie lebensfähig sind und bleiben sollen, naturgemäss wie Bäume und brauchen daher Luft und Licht; und wenn auch die Fertigkeiten im Kunstgewerbe auf denselben Grundlagen ruhen wie die praktischen Behelfe der drei Fächer der hohen Kunst, so konnten sie doch nicht an Akademien so eingehend gelehrt und geübt werden, wie die schaffende Industrie dies erforderte, weil die Werkstatt ihren Charakter als Schule vielfach verloren hatte. Beide Bedürfnisse wurden vom Unterrichtsministerium in vollem Umfange gewürdigt, und schon hatte das Museum sich in der Bevölkerung so viel Ansehen erworben, dass die Bewilligung der nöthigen Mittel nicht auf sonderliche Schwierigkeiten stiess. Für die «Kunstgewerbeschule des Oesterreichischen Museums» wurde vorderhand ein Theil der ehemaligen Gewehrfabrik in der Währingerstrasse eingeräumt, und mit dem Wintersemester 1868/69 konnte sie eröffnet werden. Wie früher erwähnt wurde, war es die Schule des Opernbaues, welche die geeignetsten Lehrkräfte stellte: Storck für den architektonischen Theil, Laufberger und Michael Rieser für figürliche Malerei, Friedrich Sturm für Blumen-, Thier- und Ornamentmalerei; zu ihnen traten der aus Rom berufene Bildhauer Otto König für kleine Plastik, die Architekten Valentin Teirich und Alois Hauser für technisches Zeichnen (Projectionslehre und Perspective) und Stillehre. Man kann sagen, dass eine Elite von Schülern bereits an der Thür gewartet hatte, junge Künstler und Handwerker, die sich längst nach einem solchen Unterrichte gesehnt hatten, und aus deren Kreise ausgezeichnete Kräfte theils für das Lehrfach, theils für die Praxis hervorgegangen sind (es braucht nur an Männer wie die Professoren Oskar Beyer und Hans Macht, den Kunsttischler Franz Michel, den Maler Georg Sturm in Amsterdam etc. erinnert zu werden). Indessen erwies sich bald, dass vielfach selbst in gewerblichen Kreisen das richtige Verständniss für den Zweck der neuen Schule noch mangelte. Zumal aus den Kronländern meldeten sich zahlreiche junge Leute, die es im Zeichnen noch nicht zu einem Grade der Fertigkeit gebracht hatten, um zu Naturaufnahmen, geschweige zum eigenen Componiren zugelassen werden zu können. Für solche musste die Vorbereitungsschule eingerichtet werden, in die der Elementarunterricht verlegt und in der erprobt werden konnte, ob Talent oder nur Lust vorhanden sei. Eltern und Lehrer überschätzen so leicht die ersten Bethätigungen des Kunsttriebes bei den ihrer Obhut Anvertrauten und können oder wollen nicht feststellen, ob die Neigung zum Zeichnen oder Bosseln standhält, wenn vom Spiel zu ernster Arbeit übergegangen werden soll. Es gäbe nicht so viele unglückliche Maler, wenn Talentproben stets mit gewissenhafter Strenge vorgenommen würden, und vollends bei der Vorbereitung für den" kunstgewerblichen Beruf hat Oberflächlichkeit in diesem Punkte oft die Folge, dass die Schüler zu Pfuschern, zu unnützen Menschen werden. Ohnehin musste mit Nachdruck der irrigen Meinung entgegengetreten werden, dass in der Kunstgewerbeschule eine populäre, wohlfeile Kunstakademie geschaffen worden sei. Und diese Meinung verbreitete sich namentlich, als die Schulleitung verständigerweise auch Schülerinnen zum Unterrichte zuliess; konnten solche doch als Musterzeichnerinnen, Miniatur- und Emailmalerinnen, durch Decoriren von Porzellan und in anderen Zweigen mehr sehr wohl ihr Brot finden. Allein nur zu Viele gebrauchten dies lediglich als Vorwand, um sich eigentlich für das Porträtmalen, für die «hohe Kunst» auszubilden. Dem liess sich oft schwer steuern, obwohl wiederholt Schranken gezogen wurden, damit nicht ein weibliches Dilettantenthum wuchere zum Nachtheile Derer, die wirklich einem kunstgewerblichen Berufe mit Ernst nachstrebten. Zudem hatten oft die begabtesten Schüler nicht die Mittel, um sich völlig ihrem Studium widmen zu können. Desswegen bildete sich die «Gesellschaft zur Förderung der Kunstgewerbeschule», und sie, anfangs vom Grafen Zichy, später von L. Lobmeyr geleitet, hat seit drei Jahrzehnten durch Stipendien verschiedener Art, sowie durch die Ermöglichung von Studienreisen unter der Führung von Professoren höchst erspriesslich gewirkt. So ist ihr die Aufnahme der herrlichen Innenausstattung des Schlosses Veithur ns in Tirol, einstigen Besitzthums der Fürstbischöfe von Brixen (jetzt Eigenthum des regierenden Fürsten von Liechtenstein, des bewährten Gönners des Oesterreichischen Museums) zu danken. Der Staat, Landes- und städtische Behörden, Corporationen und Privatpersonen schlossen sich diesen Bestrebungen durch Stiftungen an und halfen so mit, so vielen unbemittelten Talenten die Wege zur künstlerischen und wissenschaftlichen Ausbildung zu ebnen. Die Ausgestaltung der Schule wurde stets im Auge behalten. Der letzte Chemiker der ärarischen Porzellanfabrik, Franz Kosch, erhielt hier ein Laboratorium und damit einen seinen Kenntnissen angemesseneren Wirkungskreis als den, der ihm nach Auflösung der Fabrik von der Tabaksregie zugewiesen worden war; damit wurde zugleich einem dringenden Bedürfnisse vieler Industriezweige abgeholfen, die in der gewerblichen Chemie praktisch erfah- 157 rene Mitarbeiter brauchten. Lehrstühle wurden eingerichtet für Anatomie, für Kunstgeschichte und Geschichte der Kunsttechnik, für Holzbildhauerei, für das Treiben und Ciseliren der Metalle, für keramische und Emailmalerei, für Ornamentation der Textilstoffe; der Central - Spitzen- curs und die Kunststickereischule wurden unter die Oberleitung der Schuldirection gestellt. War somit für die höhere theoretische und praktische Ausbildung in den verschiedensten Fächern vorgesorgt, so erhielt der Unterrichtsplan in der nunmehr «Allgemeine Abtheilung» benannten Vorbereitungsschule eine derartige Ergänzung, dass absolvirte Schüler, die nicht in eine der Fachschulen übertreten wollten, als Werkführer etc. Verwendung finden konnten. In den Sechziger- und Siebzigerjahren ging das k. k. Handelsministerium mit der Gründung von sogenannten Fachschulen in den Kronländern vor; ihnen war ebenfalls das doppelte Ziel zugedacht: Vorbereitung für den Eintritt in die Kunstgewerbeschule oder unmittelbar in die gewerbliche Thätigkeit. Der Gedanke fand überall viel Anklang, erregte in manchen Gegenden förmliche Begeisterung, und bereitwillig kamen Regierung und Volksvertretung den von allen Seiten lautwerdenden Wünschen nach Fachschulen oder Lehrwerkstätten entgegen, von denen man vorerst Beseitigung aller Unzukömmlichkeiten des Lehrlingswesens erwartete. Mit der Zeit hat eine nüchternere Auffassung Boden gewonnen. Man würdigt den Nutzen der neuen Einrichtung, erkennt aber auch die Gefahr, dass Unterrichtsanstalten zu einer Art von Staatswerkstätten werden könnten, und glaubt nicht mehr, einen idealen Ersatz für alle Werkstattlehre gewonnen zu haben oder gar durch Fachschulen Industrien ins Leben rufen zu können. Wir haben der Entwicklung der Dinge, was das Schulwesen betrifft, ein wenig vorgegriffen und kehren zur Geschichte des Oesterreichischen Museums zurück, mit dem die Geschicke der Kunstgewerbeschule aufs Innigste verwachsen blieben. Der Bau eines eigenen Museumshauses, für welches der Kaiser einen Platz an der Ringstrasse, zwischen dem früheren Stubenthor und dem Wienflusse, bewilligte, ging zufolge der Competenz städtischer Behörden nicht ohne Schwierigkeiten von Statten, wurde jedoch im Laufe des Jahres 1871 glücklich beendigt. Das Gebäude Ferstels erfreute sich bei der feierlichen Eröffnung durch Seine Majestät am 4. November ungetheilten, wohlverdienten Beifalls. Der in den Verhältnissen schlichte Rohbau führte an den Aussenseiten zwei prächtige, aber beinahe vergessene Arten der architektonischen Decoration wieder ein: das Sgraffito, das später an den Hofmuseen in grösserem Umfange zur Anwendung kommen sollte, und emaillirte Terracotten in Robbia’s Manier, — beide Zierden nicht nur technisch, sondern auch in den Darstellungen beziehungsvoll für den Zweck des Hauses. In seiner inneren Eintheilung ist dieses Museumsgebäude für viele verwandte zum Vorbilde geworden. An Florentiner Palastbauten erinnernd, umfasst es einen lichten Säulenhof, um den sich auf beiden Seiten je vier Sammlungssäle gruppiren, während gegenüber dem Eingänge eine breite vornehme Stiege zu dem Obergeschoss führt, in dem damals die Schule untergebracht wurde. Auch im Innern fehlt es nicht an malerischem Schmucke (figürlichem von Laufberger und Eisenmenger, ornamentalem von P. Isella), und immer wieder ist dieser Innenraum als einer der schönsten Wiens anerkannt worden. Für die Eröffnung war die Jahre vorher eine Ausstellung der österreichischen Kunstgewerbe vorbereitet worden. Das Band zwischen dem Museum und der schaffenden Industrie konnte nicht glücklicher veranschaulicht werden. Die Elitetruppen der letzteren waren vollzählig auf dem Platze erschienen und legten weithin wirkendes Zeugniss für ihr Wollen und Können ab. Den Namen, die bereits bewährten Klang im In- und Auslande besassen, schlossen sich zahlreiche jüngere und solche an, die noch nicht Gelegenheit gefunden hatten, 158 auf einer grösseren Ausstellung in Mitbewerb zu treten, wie unter Anderen Fabriken und gewerbliche Betriebe in den Kronländern. Eine besondere Auszeichnung und zugleich eine Bürgschaft für das Gelingen hatte das Unternehmen durch den Beschluss Seiner Majestät des Kaisers vom 7. Juni 1869 erhalten, den Betrag von 50.000 fl. zur Anschaffung von einigen für den Gebrauch des Hofes bestimmten kunstgewerblichen Gegenständen zu widmen, die zuerst der Ausstellung einzuverleiben wären. Die Durchführung des Auftrages hatte Director v. Eitelberger zu leiten, Kunstgewerbeschüler sollten dabei beschäftigt werden. Wie alle diese Bestimmungen höchst ehrenvoll für das Museum und für die Wiener Kunstindustrie waren, so musste es namentlich als hocherfreulich angesehen werden, dass eine Anzahl hervorragender Geschäfte berufen wurden, ihre besten Kräfte nicht an sogenannte Ausstellungsstücke, sondern an bestimmte praktische Aufgaben zu setzen. Denn obgleich die schlimmsten Erfahrungen im Ausstellungswesen damals noch nicht gemacht worden waren, sah man bereits ein, dass die Production weder ideell noch materiell rechten Gewinn davon haben kann, wenn man bestrebt sein muss, Sachen herzustellen, die vielleicht auf Ausstellungen auffallen werden, aber nicht bestimmten Bedürfnissen genügen. In der That wurden durch den Allerhöchsten Auftrag Werke der Decorationskunst ins Leben gerufen, die als vollendete Leistungen unseres Kunstgewerbes nicht nur bei diesem Anlass allgemeine Bewunderung erregten. Alle Umstände, die hierbei in Betracht kommen, rechtfertigen an dieser Stelle eine etwas umständlichere Besprechung der Arbeiten, die als Ganzes einen Markstein in der Geschichte der österreichischen Kunstindustrie bilden. Zur Anfertigung bestimmt waren, wie gesagt, nur Gegenstände, die für den Gebrauch im kaiserlichen Haushalte geeignet waren, die Ausführung lag in den berufensten Händen, und sinngemäss war man bemüht, so weit als möglich alle Arten der Kunsttechnik heranzuziehen, in denen unsere Kunstgewerbsleute sich von jeher oder neuerdings als Meister fühlen durften. Die Gegenstände waren die folgenden: Ein Tafelaufsatz, entworfen von Professor Josef Storck im architektonischen und ornamentalen, von Professor Otto König im figuralen Theile. Als Spender der Genüsse für die Tafel sind Land- und Gartenbau, Jagd und Fischerei allegorisch dargestellt, zwei Schalen für Blumenschmuck bestimmt; Putten versinnlichen den Frohsinn, Musik und Gesang; endlich repräsentiren zwei kleinere Aufsätze das Wasser und den Wein. Das Ganze wurde von Alois Hanusch in versilbertem und vergoldetem Bronzeguss hergestellt, von Josef Chadt, dem einzigen Emailmaler jener Tage, verziert, Bildhauer Schindler war bei den Modellen, mehrere Zöglinge der Kunstgewerbeschule bei der Ciselirung thätig. Ein Trink- und Dessertservice, von L. Lobmeyr nach Storck’s Entwurf in Krystall- glas ausgeführt und von O. Eisert gravirt, reiht sich im klaren Stoffe und der gediegenen Gravirung dem Vorzüglichsten an, was seit den Tagen Kaiser Rudolfs II. an böhmischem Glas im Stile der Krystallschleiferei gemacht worden ist; auch Gefässformen und Ornamente sind angemessenerweise jenen Vorbildern angepasst. Zu dieser ersten Gruppe von Gegenständen ist ferner zu zählen ein Damasttafeltuch mit reicher rother Bordüre als erster Versuch, das eintönige Weiss der Tischgedecke wieder farbig zu beleben. Auch für dieses Stück hatte Professor Storck die Zeichnung gemacht, die Ausführung aber war von Aug. Kufferle übernommen und vortrefflich gelungen. Eine zweite Gruppe bilden Möbel, und zwar ein Schmuckschrank und eine Eisen- cassette. Das erstere Stück, eine reizend zu nennende Arbeit, war durch das Zusammenwirken verschiedener Kräfte ersten Ranges und die sinnige Anwendung verschiedener Arten 159 der Kunsttechnik entstanden und entspricht in jedem einzelnen Zuge dem Zwecke, das Boudoir einer vornehmen Dame zu zieren. Der Gesammtcomposition, abermals von Storck, fügen sich Figurenbilder von Laufberger, die durchaus musterhafte Tischlerarbeit von Franz Michel und Johann Eder, die Elfenbein- und Holzintarsia der Graveure Schwerdtner und Panigl und des Holzschneiders F. W. Bader harmonisch ein. Die von Valentin' Teirich gezeichnete, von Wertheim gebaute Cassette ist mit Silbertauschirung von Ratzersdorfer decorirt und von einem geschnitzten Holzschranke umkleidet. Schliesslich war auch der Stickkunst eine würdige Aufgabe gestellt, in einer Hinterwand für einen Thronsessel, gezeichnet von F. Prikosowitsch: der Reichsadler in Schwarz auf goldgelbem Grunde mit schwarzer Einfassung von geschorenem Sammt, ausgeführt von Carl Giani. Alles Treffliche aufzuzählen, was sich den genannten Gegenständen würdig an die Seite stellte, verbietet sich von selbst. Obgleich das Museum pflicht- und sachgemäss der Aufnahmsjury Strenge vorgeschrieben hatte und manche Ausstellungslustige, namentlich in den Kronländern, ihre Unzulänglichkeit erkennend, ihre Anmeldungen wieder zurückgezogen hatten, war doch in allen kunstgewerblichen Kreisen ein schöner Ehrgeiz so mächtig gewesen, dass das ganze Unternehmen bei jedem Sachkundigen und Unbefangenen grosse Befriedigung hervorrief, ganz besonders auch bei den vielen Fachmännern, die aus den Nachbarländern herbeikamen. Niemand konnte verkennen, dass die österreichische Kunstindustrie nach langer Stagnation sich in entschiedener Bewegung vorwärts und aufwärts befand. Die Aussteller fühlten Muth und Selbstvertrauen gestärkt und sprachen in einer Adresse an den Director Eitelberger die Ueberzeugung aus, dass an dem «Ehrentage der österreichischen Kunstindustrie» dem Oesterreichischen Museum der grösste Antheil zukomme. Wir dürfen uns darauf beschränken, charakteristische Einzelheiten hervorzuheben, insbesondere wenn sie Gelegenheit bieten, neue Namen zu nennen. Grosse Anziehungskraft übten ganze Zimmereinrichtungen aus, zu denen sich meistens mehrere Aussteller vereinigt hatten. So waren von der Firma Phil. Haas & Söhne mehrere Zimmer hergestellt in Verbindung mit Lobmeyr, Hanusch, dem Posamentir Drächsler, dem Tapezier Schuh, dem Marmorarbeiter Francini, Tischler Michel u. A., Alles unter Leitung des Professor Storck. Hier war auch die prächtige Copie eines gold- durchwirkten altpersischen Teppichs im Besitze des Allerhöchsten Hofes angebracht. Franz Schönthaler hatte im Vereine mit C. Giani, dem Ofenfabrikanten B. Ern dt u. A. ein «wohlfeiles Zimmer», von F. Schmidt & Sugg war ein Zimmer im Geschmack der deutschen Renaissance eingerichtet. Wie sehr die Metallindustrie sich ausgebreitet und künstlerisch gehoben hatte, bewiesen die Bronzeausstellungen von Brix & Anders, Grüllemayer, Carl Haas, Hollenbach’s Erben (Richter), Aug. Klein, dem Kunstverein für Böhmen, G. Lerl & Söhnen, Turbain, dem Maler Wachsmann in Prag, der den in Norddeutschland so beliebten Zinkguss pflegte. Kirchliche Gegenstände, figürliche Plastik, Beleuchtungsobjecte, Galanterie- und Bijouteriearbeiten zeigten durchwegs das Bestreben, es den französischen Erzeugnissen in Sorgfalt des Gusses und der Ciselirung gleichzuthun, und in allen Verschönerungsarten legten Schüler der Kunstgewerbeschule Zeugnis für den Einfluss dieses Instituts ab; so im Ciseliren neben C. Wasch mann, St. Sch wart z und Mayer, in der Emailmalerei Hans Macht, im Patiniren u. s. w. 160 In Eisenarbeiten hatten Hervorragendes beigetragen: Gschmeidler, Kitschelt’s Erben, Scheler, Wolf & Comp., Salm’sche Giesserei in Blansko; in Alpaccasilber Schoeller & Comp, in Berndorf; in Gefässen, Geräthen und Schmuck aus Edelmetallen Klin- kosch, Biedermann, Hueber & Söhne, Ratzersdorfer, Reitsamer in Salzburg. Mit Cameen erwarb sich Fr. Dörflinger Anerkennung, mit Arbeiten in Marmor etc. Bai di in Salzburg, Lö wenstein’sche Fabrik in Oberalm, Ohrfandl in Klagenfurt, Pilz in Kaltenbach. Dem Laaser Marmor die verdiente Beachtung zu verschaffen, war dem Oesterreichischen Museum damals noch nicht gelungen. Die Graveurakademie in Wien veranschaulichte in Arbeiten von Ant. Scharff, Josef Tautenhayn u. A. den Process der Medaillen- und Münzenerzeugung, Professor Rad- nitzky hatte Medaillen ausgestellt. Künstlerische Leder- und Buchbinderarbeiten von L. Groner, A. Klein, Fr. Hollensteiner, Mössl in Innsbruck, P. Pollak trugen wesentlich dazu bei, den Ruf der österreichischen Industrie auf diesem Gebiete zu befestigen. Das weite Gebiet der Thonarbeit war in verschiedenen Richtungen sehr gut vertreten, auch Terracotten von De Cente in Wiener-Neustadt, die Wienerberger Fabrik, Hardt- muth in Budweis; Porzellan von Fischer in Herend, Fischer & Mieg, Haas & Czjzek, Wahl iss; Porzellanmalerei von F. Jäckel und J. Zasche; Steingut von Klammerth und Slowak in Znaim, Schleiss in Gmunden. Die böhmischen Glasfabriken und Glasraffinerien waren, theilweise unter der Führung der Firma J. & L. Lobmeyr in Wien, ziemlich vollzählig erschienen, und ihr Krystall- und Farbenglas und bemalte Waare bekundeten erfolgreiches Studium älterer Arbeiten. So sind zu nennen: A. Eg er mann in Haida, P. Eisert, Meyr’s Neffe in Adorf, Hegenbarth in Haida, Kriesche in Steinschönau, Moser in Karlsbad, Rasch in Ulrichsthal, S. Reich & Comp., Schreibers Neffen, H. Ullrich. Dazu kommen Glasmalereien von Geyling in Wien und Neuhauser in Innsbruck. Gross wär die Zahl der Möbeltischler, Rahmenfabrikanten, Vergolder, Bildschnitzer und Modelleure, von denen zu den früher erwähnten noch angeführt werden mögen Kleyhonz (Boulearbeiten), B. Ludwig, Rudrich, Trinkl, Bühlmayer, Machatzka, Oppelt, Pichler, Unters- berger in Gmunden, Josef und Minna Weitmann etc. Ebenfalls sehr zahlreich waren die graphischen Künste repräsentirt durch die k. k. Hof- und Staatsdruckerei, die Gesellschaft für vervielfältigende Kunst, die Firmen Bader, Gerold, Waldheim, Reiffenstein und Rösch, Hölzel, Theyer & Hardtmuth und vor Allem durch ' Photographen. Sehr befriedigend war es auch, dass zahlreiche Künstler, die nicht wie Storck, Teirich, Hauser u. s. w. sich berufsmässig mit dem Kunstgewerbe befassten, sich an der Ausstellung betheiligt hatten, z. B. die Bildhauer Joh. Benk, Kundtmann, Mailler, Melnitzky, Pendl, Rössner, viele Maler, Zeichner, Kupferstecher. Vor Allem wurde offenbar, welche Ausdehnung das Feld der kunstgewerblichen Production in den zwei Jahrzehnten seit der ersten Londoner Ausstellung gewonnen hatte, und wie rüstig und verständig der Boden bestellt worden war. Zum Schlüsse dürfen nicht übergangen werden Tapetendruck von Knepper & Schmidt und B er kan, Textilarbeiten mannigfaltigster Art von Blazincic, Bollarth, Giani, Isbary, Leitenberger, Metzner, Mirani, Schwestern vom armen Kinde Jesu, Thieben, Uffenheimer in Innsbruck. Die Gross-Industrie. I. 21 161 Nach dem Schlüsse der Ausstellung siedelte das Oesterreichische Museum mit seinen Sammlungen in das neue Gebäude über, in dem sich die Schule bereits eingerichtet hatte. Die Sammlungen konnten nun systematisch aufgestellt und katalogisirt werden: gruppirt nach Stoff und Technik und innerhalb einer jeden Gruppe wieder Ordnung nach Zeitalter und Stilen. Denn erster Grundsatz blieb, dass die Sammlungen für die Schaffenden, Lernlustigen, Bildungsbedürftigen vorhanden seien, dass die Künstler und Handwerker, Meister wie Lehrling, wissen können, wo das Gesuchte zu finden sei, dass ihnen womöglich vollständige Entwicklungsreihen zum Studium vorgeführt werden. Belehrung und Anregung, vorzugsweise durch Anschauung, sollte allen strebsamen Gewerbetreibenden geboten werden, ohne Einschränkung der Freiheit, ohne doctrinäre oder bureaukratische Bevormundung. Zum Stil mussten sie erzogen werden, zur Gesetzmässigkeit, aber nicht für einen Stil abgerichtet, neben dem sie kein Auge und Verständniss für das Charakteristische anderer Stilarten behalten würden. Das Programm war in seinen allgemeinen Zügen gleichlautend für das Museum und die Schule, und schöne Erfolge verschafften diesem Programme zahlreiche Anhänger auch im Auslande. Die Kunstindustrie war in jenen Jahren vollauf beschäftigt. Sie zog Vortheil von der äusserst regen Baulust, von dem scheinbaren Geldüberflusse, von der gleichsam mühelosen Ansammlung neuer Reichthümer und dem Bestreben der Millionäre von gestern, es dem ererbten Besitze äusserlich gleichzuthun. Dazu kam noch, dass man sich in manchen Kreisen der Bevölkerung die übertriebensten, ausschweifendsten Vorstellungen von dem Segen machte, den die geplante grosse Ausstellung im Jahre 1873 über Wien und das ganze Land aus- schütten werde. Natürlich war es Pflicht und Schuldigkeit der Kunstindustrie, der bei allgemeinen Ausstellungen jederzeit die Repräsentation zugedacht wird, sich zum Empfange der ganzen Welt glänzend zu rüsten! Um so schmerzlicher hatte sie es zu empfinden, als die Goldküste, die man schon so nahe vor sich gesehen hatte, wie ein Hauch verschwand, als ein Trugbild der Fee Morgana erkannt werden musste. Nicht nur imaginäre Millionen der Speculation, auch mühsam ersparte Tausende zerrannen an einem Maitage, Einschränkung wurde allgemeines Losungswort, und von ihr getroffen wurden in erster Reihe die Erzeuger schöner, nützlicher, aber nicht unentbehrlicher Dinge, eben diejenigen, denen die Hoffnung auf Lohn für ihre der Ausstellung gebrachten Opfer ohnehin zerstört worden war! Die Enttäuschung war bitter. Vor wenigen Jahren hatte man noch mit einer gewissen Berechtigung hoffen können, die Erbschaft des zu Boden geworfenen Frankreich anzutreten, und nun hatte die Ausstellung französische Niederlagen nach Wien gezogen, um die ohnehin so gesunkene Kauflust nach Paris zurückzulenken. Um der Entmuthigung einigermassen entgegenzutreten, rief Eitelberger 1873 die Weihnachtsausstellungen ins Leben, die zu einer stehenden Einrichtung wmrden und Nutzen brachten. Die verheerenden Wirkungen des «Krachs» von 1873 konnten sie freilich nicht ungeschehen machen, — um so weniger, als sie sich weit über Wien und Oesterreich hinaus erstreckten. Werkstätten und Magazine waren überfüllt, und wie Jahre lang Verschwendung in der Mode gewesen war, so war es nun Einschränkung, auch wo sie nicht vonnöthen gewesen wäre; wie früher den Luxus, meinte man jetzt übertriebene Sparsamkeit seinem guten Rufe, seinem Geschäftscredit schuldig zu sein. Woher sollte die Hilfe kommen? Man wandte wohl einen beliebten Vergleich auch auf diesen Fall an: die Wunden, die eine misslungene Ausstellung geschlagen, werde eine gelungene wieder heilen. Doch diese Lehre fand zunächst keinen Glauben. War doch die Ausstellung nicht die Ursache des Unheils gewesen, sie hatte nur den Ausbruch der finanziellen Krisis beschleunigt. Immerhin hatte 162 man dabei auch die Schattenseiten der grossen Ausstellungen kennen gelernt, dachte über deren wirthschaftliche Bedeutung anders als früher. Sie waren oft friedliche Schlachten genannt und mehr Aehnlichkeiten dafür entdeckt worden, als wirklich vorhanden sind. Denn da gibt es keine Heeresleitung, die an letzter Stelle verantwortlich gemacht werden könnte. Man glaubt wohl die Streitkräfte der Gegner zu kennen, allein ihre Vorbereitungen zum Wettkampfe können leichter geheimgehalten werden als die Rüstungen für einen wirklichen Krieg, so dass der Aufmarsch die grössten Ueberraschungen bringen kann. Es werden nicht grosse Schlachten der modernen Zeit geschlagen, sondern Einzelkämpfe wie in alten Zeiten, jeder Industriezweig hat mit zahllosen Kämpfern zu ringen, und der Sieg hängt zu oft nicht von Tüchtigkeit und Tapferkeit, sondern von unberechenbaren Nebenumständen ab. Rüsten muss sich daher jeder Aussteller aufs Aeusserste, grosse Kosten aufwenden, für die ihm ausreichende Entschädigung auch bei glänzendem Ausfall des ganzen Unternehmens keineswegs gewährleistet ist. Mit Recht wurde gefragt, ob es billig sei, die Aussteller auch noch durch Beisteuern zu dem Betriebsfonde des Ausstellungsunternehmens zu belasten, und forderte, dass im Falle eines Ueberschusses zuerst die sogenannten Platzzinse an die Aussteller zurückzuzahlen seien, — ein Anspruch, der lange Zeit mit Zähigkeit bekämpft, aber endlich doch als berechtigt anerkannt worden ist. Das Wort «Ausstellungsmüdigkeit» kam auf und sie trat zurück nur zu Gunsten von Unternehmungen, die bei bescheidenerem Umfange auch geringeren Aufwand und gleichzeitig leichteres Beachtetwerden zu verheissen schienen. Aber auch in kleinen Verhältnissen musste die Unternehmungslust eingedämmt werden, da allerorten der Versuch gemacht wurde, Jahrmärkte, Kirchtage und andere Volksfeste mit Hilfe staatlicher Unterstützung zu Industrie-Ausstellungen aufzuputzen. Das erste Unternehmen, dem die österreichische Kunstindustrie, wiewohl zögernd, wieder Interesse zuwandte, war die deutsch-österreichische Kunst- und Kunstgewerbe-Ausstellung in München im Jahre 1876. Und sie hatte das nicht zu bereuen. Die freundnachbarlichen Beziehungen zu Bayern hatten durch politische Ereignisse keine Einbusse erlitten, München besitzt einen sehr schätzbaren Vorzug in dem aus dem Jahre 1854 stammenden Glaspalaste, und die Vereinigung von hoher und decorativer Kunst bildete eine neue Anziehungskraft. Oesterreich stellte sich denn auch in München und 1877 in Amsterdam, wo ein internationaler Wettstreit um die Lösung bestimmter Aufgaben veranstaltet wurde, so vortheilhaft dar, dass von Fremden das Wort «an Siegen und an Ehren reich» neidlos auf unser Kunstgewerbe angewendet wurde. An beiden Plätzen hatten das Oester- reichische Museum mit der Kunstgewerbeschule die Führung, das Hauptverdienst um die Vorbereitung und Durchführung des Feldzuges — um auch einmal jenes Bild anzuwenden! — erwarb sich in beiden Fällen wieder Josef Storek, und neben der alten Garde der Industriellen verdienten sich mehrere Jüngere die Sporen, z. B. der Fayencefabrikant Schütz in Cilli und der Goldschmied Lustig mit seinen Nielloarbeiten. Solche Erfolge der österreichischen Kunstgewerbe trugen viel dazu bei, den Wetteifer überall wieder anzufachen. Schneller, als wünschenswerth gewesen wäre, folgten einander, sich zwischen die grossen Unternehmungen zu Paris (1867, 1878, 1889) einschiebend, allgemeinere und Specialausstellungen, und wenn auch bei letzteren der eigentliche Zweck davon weitab lag, wusste man meistens einen Vorwand zur Einbeziehung der Kunstindustrie zu finden, die nun einmal für Ausstellungsbesucher den grössten Reiz zu entfalten pflegt. Der Niederösterreichische Gewerbeverein machte zuerst 1880 den Versuch, aus dem Mittelgebäude der Weltausstellung von 1873, der sogenannten Rotunde, durch eine Gewerbe- 21* i63 ausstellung die trüben Reminiscenzen zu verbannen, wiederholte das Unternehmen 1888 und trifft die Vorbereitungen zu einer Jubiläumsausstellung für 1898. In Berlin wurde 1886 der Kunstindustrie Oesterreichs eine besondere Vertretung neben der hohen Kunst gewährt, und auch dort behauptete sich unser Kunstgewerbe mit vollen Ehren. Bedeutungsvoll sollte es werden, dass in Berlin zum ersten Male die Schoeller’sche Metallwaarenfabrik in Berndorf mit figuralen Erzgüssen auftrat. Als zehn Jahre später eine Neugestaltung der einst durch den Bildhauer Anton Fernkorn eingerichteten Kunst-Erzgiesserei in Wien sich als nothwendig erwies, stimmten alle Sachverständigen für die Uebertragung der Leitung an Arthur Krupp, den jetzigen Besitzer der Berndorfer Fabrik, der ihr die höhere Richtung gegeben hatte. Von grosser Wichtigkeit für alle neueren Erfolge der Kunstindustrie wurde aber die vom Obersthofmeister Prinzen Constantin Hohenlohe eingeführte Neuerung, dass die bei Verleihung von Hoftiteln zu entrichtenden Taxen in einen eigenen Fonds fliessen, aus dem die Mittel für Herstellung kunstgewerblicher Arbeiten in Oesterreich und Ungarn bewilligt werden können. Die Direction des Oesterreichischen Museums ist darnach befugt, Vorschläge zu machen und nach erlangter Bewilligung des genannten Hofamtes die Ausführung zu überwachen. Dadurch ist es möglich geworden, bewährte Kunstindustrielle zur Herstellung bedeutenderer Werke zu bestimmen, ohne dass sie genöthigt wären, den ge- sammten Aufwand für Zeichnungen, Modelle u. s. w. gleich auf den Preis eines, des ersten Exemplars zu schlagen; und diesseits und jenseits des Weltmeeres haben solche Werke stets neue Bewunderung erregt. Fürst Hohenlohe bewahrte dieser Institution bis zuletzt das regste Interesse. Ebenso hat die im Jahre 1884 von dem Verfasser dieses Berichtes angeregte Gründung des «Wiener Kunstgewerbevereines» die daran geknüpften Erwartungen gerechtfertigt. Es kam darauf an, die Verbindung zwischen den beiden unter dem Namen «Oesterreichisches Museum» vereinigten Bildungsanstalten und der vaterländischen Kunstindustrie in eine feste Form zu bringen, damit das Zusammenwirken auch in Zukunft gegen Störungen durch wechselnde Stimmungen oder Strömungen auf der einen oder anderen Seite sichergestellt bleibe. Der Kern der Wiener Industriekreise war sofort für den Gedanken gewonnen, der durchlauchtigste Protector Erzherzog Rainer genehmigte den Plan und hatte die Gnade, auch das Protectorat über den Verein zu übernehmen. Nun war eine Stätte geschaffen, an der alle gemeinsamen Interessen erörtert und berathen werden konnten, eine Vertretung des österreichischen Kunstgewerbes, die als solche auch von dem k. k. Handelsministerium, der Handels- und Gewerbekammer für Niederösterreich und anderen Behörden und Corporationen anerkannt wurde. Die vornehmste Aufgabe des Vereines ist, zu allen Ausstellungsfragen Stellung zu nehmen und in Fällen der Betheiligung geschlossen aufzutreten, und dieses System hat insbesondere dem Auslande gegenüber (z. B. in Antwerpen, Brüssel etc.) den besten Erfolg gehabt. Die permanente Ausstellung in einigen Sälen des Museums und die eigene Vereinszeitschrift «Blätter für Kunstgewerbe» vermitteln ununterbrochen den Verkehr mit dem Publicum. Sind wir berechtigt, auf den dauernden förderlichen Einfluss des Vereines zu hoffen, dem voraussichtlich auch die von Seiner Majestät allergnädigst bewilligte Ueber- lassung eines Theiles der durch Umlegung des Wienflusses gewonnenen Baufläche für Zwecke des Museums zugute kommen wird, so ist es nur Pflicht, der hingebungsvollen Thätigkeit der beiden ersten Vereinspräsidenten Rudolf v. Waldheim und Alois Hanusch dankbar zu gedenken. 164 Die Geschicke des Kunstgewerbes werden von verschiedenen Umständen mitbeeinflusst. Doch lässt die Erstarkung und Erhöhung des gesammten Gewerbfleisses Oesterreichs im Verlaufe von fünfzig Jahren mit Zuversicht ein gleichmässiges Fortschreiten erwarten. Wir haben die Freude, fort und fort in erster Reihe Namen zu begegnen, die bereits vor dem gedachten Zeiträume guten Klang hatten. Der arme Webergeselle Philipp Haas in Wien legte 1810 mit einem Capitale von 60 fl., die er als Preis in der Manufacturzeichenschule erworben hatte, den Grund zu dem von seinem Sohne Eduard zur höchsten Blüthe gebrachten Welthause; Ludwig Lobmeyr erhob das väterliche Geschäft zu dem ohne Nebenbuhler dastehenden im Fache der Glasfabrication; David Hollenbach (f 1871) und Alois Hanusch entwickelten die Wiener Gürtlerei zu der überall hochangesehenen Bronzekunstindustrie; die Firmen Leitenberger, Regenhart und noch manche unserer angesehensten reichen bis in das 18. Jahrhundert zurück. Heute sind die künstlerischen Ueberzeugungen, auf Grund deren jene Führer gross wurden, in weiten Kreisen befestigt. Und so werden dem bewussten begeisterten Streben in unserem Bürgerthum, das der Allerhöchsten Huld und des einsichtigen Schutzes der Regierung sicher ist, die kunstfreundlichen besitzenden Classen auch fernerhin die Treue bewahren zur Ehre der Heimat und zu eigener Befriedigung. Wien, im Herbst 1897. 165 SPECIELLER THEIL I. BERGBAU, HÜTTENWESEN, ERDÖLGEWINNUNG. * Die Gross-Industrie. I. 22 DIE MONTANINDUSTRIE OESTERREICHS. VON V. WOLFF, KAISERL. RATHE, K. K. COMMERZIAL-RATHE. * 22 * bereits norisches Eisen, welches direct aus den Eisenerzen Kärntens gewonnen wurde. Der österreichische Bergbau darf also als einer der ältesten in Europa bezeichnet werden. Wir würden uns zu weit von den Zwecken und Zielen der uns hier gestellten Aufgabe entfernen, die historische Entwicklung dieses Industriezweiges seit ihrem Beginne zu beleuchten, wir wollen uns nur auf die Entwicklung der letzten 50 Jahre —• der glorreichen Regierung unseres Allergnädigsten Kaisers — beschränken; bietet doch diese Zeit allein schon ein kaum zu übersehendes Bild rastloser Arbeit und grossartigen Fortschrittes. Oesterreichs Berge bieten zahlreiche Fundorte von Mineralien aller Art: Gold-, Silber-, Quecksilber-, Eisen-, Kupfer-, Zink-, Zinn- und Bleierze, Petroleum, Steinsalz sowie mineralische Kohlen liegen in den Bergen und Thälern Oesterreichs. Zu Beginn der Regierungsperiode unseres Kaisers wurde vornehmlich Bergbau auf edle Metalle getrieben, welcher durch Erschliessung reicher und mächtiger Erzlagerstätten in Amerika, Afrika und Australien überflügelt und deshalb vielfach aufgegeben wurde. Erst in den letzten Jahren haben erneuerte Versuche, die alten Metallerzbergbaue in Böhmen und Mähren zu erschliessen, stattgefunden. Nur die Gewinnung des Silbers und des Quecksilbers vermochten in ihrer Bedeutung nahezu während des abgelaufenen halben Jahrhunderts einen stetigen Fortgang in ihrer Entwicklung zu nehmen. Aber auch der Silberbergbau vermag seit einigen Jahren seinen Fortschritt nicht zu behaupten; die Demonetisirung des Silbers durch die in vielen Staaten eingeführte Goldwährung hat einen rapiden Preisfall dieses Metalls im Gefolge, und mit diesem sinkt auch die Productions- und Erträgnissfähigkeit desselben. Als das Hauptproduct der unedlen Metalle ist das Eisenerz zu betrachten, welches in grossartigen Lagerstätten in Steiermark, Kärnten und Böhmen sich vorfindet und durch ausgezeichnete Qualität einen Weltruf erlangt hat. Der steirische und Kärntner Erzberg, der Erzbergbau in Nuzic, durch Jahrhunderte betrieben, bieten nach wie vor reiche Ausbeute. Mannigfache Verbesserungen auf technischem Gebiete, wie die Herstellung geeigneter Communi- cationsmittel in- und ausserhalb der Gruben wurden in den letzten 50 Jahren eingeführt, um die Gewinnung der Erze zu vergrössern, ihre Förderung zu erleichtern, ihren Vertrieb zu den Verbrauchsstätten zu erweitern. Statt des Schlögels und des Eisens kamen die Sprengmittel in Verwendung, wodurch sich die Förderung vergrösserte. Bremsberge mit Benützung des natürlichen Gefälles oder von Wasser- und Dampfkräften schafften in billiger und ausreichender Weise das Fördergut von den Bergen ins Thal bis in die unmittelbare Nähe des Verbrauchsortes. Eisenbahnen in den Gruben wurden angfeleet und vermittelten den Transport der Erze bis zu Tage oder an einen gemeinsamen Füllort, und der einfache «Hund», mühsam durch Menschenkraft fortbewegt, ist durch, von Locomotiven gezogene, Lowries ersetzt worden. Unter diesen technischen Verbesserungen hat sich der Eisenerzbergbau in hohem Maasse entwickelt, wie nachstehende Ziffern beweisen: Die Production an Eisenerzen betrug: Alpenländer Nördl. Provinzen Summa 1851 . . 3,3i3.844 q 2,065.686 q 5,389.530 q 1861 . . 3,967.444 » 2,2 43.740 » 6,6l 1.184 » 1871 . . 4,801.998 » 3,612.460 » 8,014.458 » 1881 . . 5,327.535 » 955-857 » 6 , 283,392 » 1891 . . 8,821.570 » 3,490.905 » 12,312.475 » 1896 . . 9,53 1 .320 » 5,154.828 » 14,686.148 » Sie hat sich sonach insgesammt von 5-3 auf 14-7 Millionen M.-Ctr., d. h. um 280 % erhöht. An dieser Production participirten die Alpenländer mit 62, die nördlichen Provinzen mit 38 °/ 0 , und die Productionszunahme betrug in den Alpenländern 290, in den nördlichen Provinzen 250%. 174 Unsere Eisenerze bilden auch eine nicht unbedeutende Post in unserem Aussenhandel. Im Jahre 1897 wurden 2,478.859 g im Werthe von 2,230.702 fl. zumeist nach Deutschland ausgeführt und 1,377.701 q im Werthe von 1,671.248 fl. eingeführt. Von dieser Menge entfallen: Auf Deutschland.213.458 g oder 16%. » Schweden.756.628 » » 56 » » Spanien.151.671 » » 11 » » Griechenland .... 116.820» » 9 » » Russland.104.632 » » 8 » Die Bezüge an schwedischen, russischen und deutschen Erzen erfolgten von den nördlichen, die aus Spanien und Griechenland von den südlichen Provinzen, letztere speciell für die in diesem Jahre in Betrieb gesetzten Hochöfen von Servola bei Triest. Die Salinen. Die Gewinnung von Salz wird in Oesterreich schon Jahrhunderte lang betrieben und sind bedeutende Steinsalzbergbaue in Galizien (Wieliczka), in Oberösterreich, Tirol, Steiermark, in Salzburg, Küstenland und Dalmatien in ausgedehntem Betriebe. Nur in Westgalizien (Wieliczka) allein wird ausschliesslich Steinsalz gewonnen, in den übrigen Salzbergbauen Stein- und Sudsalz. Endlich wird Seesalz ausschliesslich in Dalmatien und dem Küstenlande gewonnen. Die Production an Stein- und Sudsalz, Industrial- und Seesalz hat sich in den letzten 3 o Jahren bedeutend vergrössert. Es wurden gewonnen: -Steinsalz . Sudsalz Seesalz Industrialsalz Summa . 1862 762.591 q 1,246.180 » 44.864 » 181.985 » 2,235.620 q 1896 419.333 q 1,748.631 » 236.782 » 685.126 » 3,089.872 q Die Production hat zugenommen bei Sudsalz um 3 o%> bei Seesalz um 520% und bei Industrialsalz um 320 °/o, dagegen hat sie abgenommen bei Steinsalz um 45 %. Insgesammt hat die Production um 28% zugenommen. Der Werth der Production betrug 1862: 25.5 Millionen Gulden, 1896: 22. g Millionen Gulden, er hat sich um 11 °/ 0 vermindert. Diese Abnahme des Productionswerthes bekundet die Erkenntnis von der wirthschaftlichen NothWendigkeit des Bezuges billigen Salzes für die Zwecke der Landwirthschaft und Industrie seitens der Staatsverwaltung. Arbeiter waren 1862 beschäftigt 10.915, 1896 6333 , daher Zunahme 45%. Quecksilberbergbau. Der Quecksilberbergbau Oesterreichs beschränkt sich zumeist auf den ärarischen Besitz in Krain (Idria), erst in neuester Zeit haben sich auch Privat-Bergwerksbesitzer gefunden, welche ebenfalls in Krain Quecksilber, jedoch noch nicht in bedeutenden Quantitäten gewinnen. Der Quecksilberbergbau hat wesentliche Fortschritte sowohl in der bergmännischen Förderung als in der hüttenmännischen Gewinnung erfahren. Die Production an Quecksilber, welche 1862 nur 2619 g im Werthe von 158 fl. per Metercentner betrug, stieg 1896 auf 5642 q im Werthe von 2o3 fl. 75 kr. per Metercentner, es hat sich also die Production mehr als verdoppelt und der Durchschnittswerth um 25% erhöht. Die Silberproduction. Die Gewinnung des Silbererzes und dessen Verhüttung auf Silber ist fast ausschliesslich in dem Besitze des Staates, und zwar in Böhmen (Przibram). In den letzten Jahren haben mehrere Privatbesitzer die Aufschürfung alter Silbererzbergbaue in Böhmen, Mähren und Krain begonnen, deren Production aber noch nicht nennenswerth ist. Die Silberproduction hat erst in den letzten Jahren eine Abschwächung erfahren, als durch die Demonetisirung des Silbers nach gesetzlicher Einführung der Goldwährung die Verwerthung des erzeugten Silbers zur Ausprägung von Münzen eingeschränkt und der Verkauf des Silbers auf den freien Markt gebracht, also der Concurrenz unterworfen wurde. 175 Während die Silberproduction 1860 noch 13.6465 Silber zum Durchschnittspreise von 48 fl. erzeugte, wurden 1870: 15.9355 zu gleichem Preise, 1880: 30.2575 zum Preise von 80 fl., 1890: 35 8625 zum gleichen Preise, 1896: 39.9045 zum Preise von 53 fl. 65 kr., 1895: 40.0805 zum Preise von 63 fl. 60 kr. erzeugt. Es hat sich also die Production vermehrt, aber deren Preis seit dem Jahre 1890 von 80 fl. auf 63 fl. 60 kr., d. h. um 20°/ 0 vermindert, ein Preis, welcher heute bereits wieder bedeutend gefallen ist. Der Naphtabergbau. Nur in einer Provinz Oesterreichs wird Naphta bergmännisch gewonnen; in Galizien, und zwar zumeist im östlichen Theile. Die Gewinnung von Erdöl und Erdwachs wurde schon zu Anfang dieses Jahrhunderts begonnen. Nach verunglückten Versuchen wurde die Production neuerdings im Jahre 1854 wieder aufgenommen und hat seit jener Zeit continuirlich einen grossen Aufschwung genommen. Während im Jahre 1862 nur 20005 Erdöl gewonnen wurden, wurden 1886 bereits 700.000 5 und 1896 2,623.564 5 im Werthe von 5.3 Millionen Gulden erzeugt. An Erdwachs, welches 1862 noch gar nicht bergmännisch gewonnen wurde, wurden 1896: 65.725 5 im Werthe von i. 8 Millionen Gulden gefördert, so dass der Gesammtwerth der geförderten bituminösen Mineralien sich auf 6. + Millionen Gulden beläuft. Die Wichtigkeit des Naphtabergbaues ist so bedeutend, dass demselben ein eigenes Capitel in diesem Werke eingeräumt wurde, auf welches wir verweisen. Unter den übrigen unedlen Metallen bilden Blei, Kupfer und Zink die wichtigsten. Die bedeutendsten Vorkommnisse des Bleierzes sind in Böhmen und Kärnten, die des Kupfererzes in Salzburg und Tirol, die des Zinkes in Galizien und Kärnten. Aus Galizien werden bedeutende Mengen nach Deutschland und aus Böhmen Bleierze ebendorthin exportirt. Mineralische Kohlen. Das wichtigste bergmännische Product sind die mineralischen Kohlen. Die bedeutendsten Kohlengruben befinden sich in den nördlichen Provinzen des Reiches, in Böhmen (Pilsen, Kladno), Mähren (Ostrau, Karwin, Rossitz), Schlesien und Galizien (Jaworzno), ferner in den südlichen Provinzen in Oberösterreich (Wolfsegg-Traunthal), Steiermark (Fohnsdorf-Leoben-Trifail), Kärnten (Lischa) und Dalmatien (Siveric). Der österreichische Kohlenbergbau wird bereits seit Jahrhunderten betrieben. Es wurde in Böhmen 1530 der erste Braunkohlen-, 1580 der erste Steinkohlenbergbau eröffnet, in Fohnsdorf wurden 1678, in Leoben 1726, in Ostrau 1787 Kohlen gefördert. Die österreichische Kohlenproduction nimmt den vierten Platz in den kohlenproducirenden Staaten der Welt ein. Es produciren mineralische Steinkohlen 1895: Grossbritannien. Vereinigte Staaten von Nordamerika . Deutsches Reich. Oesterreich (ohne Ungarn) . . . . 18.960 Millionen Metercentner 17.800 » » g. 3 oo » » 288 » » Es hat sich die Kohlenproduction in den letzten 50 Jahren vermehrt: in Grossbritannien. von 3 15 auf 18.960 Millionen Metercentner, um das 60 fache, » Vereinigte Staaten von Nordamerika » 44 » 17.800 » » » 400 » » Preussen . » 40 » 9.300 » » » » 2 30 » » Oesterreich. » 8-7 to 00 00 » » * » 35 » Die Entwicklung des österreichischen Kohlenbergbaues in den letzten 50 Jahren ist als grossartig zu bezeichnen, denn sie betrug im Jahre 1848: 8. 7 Millionen und 1896: 288. 8 Millionen Metercentner, hat sich also um das 35 fache vermehrt. Diese Vermehrung steht im innigen Zusammenhänge mit der Investirung unserer Eisenbahnen, welche nicht nur bedeutende Verbraucher dieses Brennstoffes waren, sondern auch deren Verfrachtung ermöglichten und daher die Inanspruchnahme desselben für den Hausbrand wie für industrielle Zwecke bewirkten. Erst mit der Entwicklung der Eisenbahnen — das Eisenbahnnetz Oesterreichs war im Jahre 1848 1267 km, im Jahre 1896 18.000 km lang, hat sich also um das 15 fache vermehrt — und der Dampfschifffahrt ward der Uebergang der Industrie zum Dampfmaschinenbetriebe und die Möglichkeit geschaffen, die Kohlenschätze zu gewinnen und zu verwerthen. Man kann mit Recht sagen, der Kohlenbergbau Oesterreichs ist während der Regierung Sr. Majestät unseres Kaisers von kleinen Anfängen zu einer Grossindustrie ersten Ranges geworden. Die Kohlenschätze Oesterreichs bestehen in Stein- und Braunkohlen, welche sich nicht gleich- mässig entwickelt haben. Denn die Steinkohlenproduction betrug 1851: 6. 6 Millionen, 1896: 89.3 Millionen Metercentner, hat sich also um das 15 fache erhöht, während die Braunkohlenproduction 1851: 3 . 6 Millionen und 1896: i 88. 8 Millionen Metercentner betrug, sich um das 5 2 fache erhöhte. Die Steinkohlenproduction beschränkt sich auf wenige Gebiete in Böhmen (Kladno, Pilsen, Schatzlar), in Mähren (Mährisch-Ostrau, Rossitz), in Schlesien (Polnisch-Ostrau, Dombrau, Karwin) und in Galizien (Jaworzno). Der Braunkohlenbergbau hat seinen Elauptsitz in Böhmen (Teplitz, Brüx, Falkenau, Komotau), dann in Oberösterreich (Wolfsegg), Steiermark (Fohnsdorf, Leoben), Kärnten (Lischa), Krain (Trifail) und Dalmatien (Siveric). Schon aus der mächtigen Entwicklung der Production lässt sich entnehmen, dass alle Mittel der Technik und der Bergbaukunst angewendet werden mussten, um diese Production zu ermöglichen. Die Anlage tiefer Schächte zur Förderung und Wasserhaltung, die Anlage von Eisenbahnen unter Tage, die Einführung grosser Hunde, die Einführung der Sprengmittel zur Erzeugung grösserer Quantitäten, die Anlage grosser Verladungsplätze, die Errichtung grosser Separations- und Wascheinrichtungen für die Sortirung und Reinigung der Kohle, die Einrichtung rationeller Wetterführung zur Verhütung schlagender Wetter, die Einführung- verbesserter Grubenlampen, endlich die Benützung der elektrischen Kraft zur Beleuchtung der Gruben und Verladungsplätze, zum Betrieb der unterirdisch zur Wasserhebung und Förderung nöthigen Maschinen, die Anschaffung von Exhaustoren und Rettungsapparaten für in Gasen verunglückte Arbeiter, die Errichtung mit Sicherheitsvorrichtungen versehener Grubeneinfahrten (Fahrkünste), die Benützung von Diamantbohrern, die Einführung von Kohlenbrechmaschinen zum Abschremmen grösserer Steinkohlenmengen und zur Schonung menschlicher Arbeit. Die österreichische Bergbautechnik darf stolz sein auf ihre Leistungen, welche bahnbrechend waren für die Entwicklung des Bergbaues nicht nur in Österreich, sondern auch in ausländischen Productionsgebieten. Selbstverständlich war die Entwicklung des Kohlenbergbaues in den einzelnen Kronländern der Monarchie eine verschiedene, da dieselbe mit dem Vorkommen und der Eignung der Kohle innig zusammenhängt und von der Entwicklung des Eisenbahnnetzes bedingt war. Nachstehende Ziffern geben ein Bild dieser Entwicklung: Die Kohlenproduction in Metercentnern betrug in: 1851 1861 1871 1881 1891 kO Oh 00 Niederösterreich . 66 i .238 1,276.329 154.228 628.720 537.379 573.291 Oberösterreich . 414.670 934.709 2,630.905 2,716.328 3,873.952 3,893.8l3 Steiermark .... 976.620 4.778-515 11,128.789 16,404.338 23,214.973 24,389.635 Kärnten. 235.609 560.503 780.406 8I5-579 680.548 815.405 Krain. 127.621 . 509.262 1,462.356 1,233.670 1,490.620 2,338.657 Küstenland .... 40.688 136.220 333.087 672.235 826.820 636.947 Tirol. 67.139 48.705 228.794 149.424 307.776 233.000 Böhmen. 5,197.648 20,459.284 56,788.346 100,099.687 i6 7,474-9 68 192,987.338 Mähren. 1,430.489 2,742.296 5.943.251 8,938.599 12,802.928 19,569.047 Schlesien. Ï, 954.221 5,498.064 9,523.101 17,501.560 35,370.724 3 7>4 6 7-°5 8 Galizien. 400.279 1,217.826 2,821.231 3,472.034 6,577.623 7,922.803 Dalmatien .... 99.589 79-497 78.876 284.503 601.267 753.507 Aus diesen Ziffern ergibt sich: Nur in einem einzigen Kronlande (in Niederösterreich) hat sich die Kohlenproduction vermindert, in allen anderen hat sie stetig und mächtig zugenommen, und zwar hat sie sich Die Gross-Industrie. I. 23 — 177 in Oberösterreich um das 9 fache in Böhmen . um das 38 fache » Steiermark . » » 24 » » Mähren. . » » 11 » » Kärnten » 3 » » Schlesien . . » » 20 » » Krain » » 20 » » Küstenland » » 16 » » Galizien . » » 19 » * Tirol .... » » 4 » » Dalmatien . . » » 8 » vermehrt. Dieser stetige Fortschritt in der Entwicklung der Kohlenproduction ist nur ein einziges Mal während der fünfzigjährigen Regierung Sr. Majestät unseres Kaisers unterbrochen worden, und zwar in dem Unglücksjahre 1866. Damals sank die Production von Steinkohlen in den den Kriegsschauplatz bildenden Kronländern Böhmen und Mähren von 11,057.485 auf 10,518.771 q, also um io°/ 0 . Der österreichische Kohlenbergbau hat stets den Consum zu decken vermocht. Wohl finden grosse Mengen preussischer (oberschlesischer) Kohlen ihren Absatz in Oesterreich, aber diese Einfuhr wird aufgewogen durch die grossartige Ausfuhr von Braunkohlen zumeist nach Deutschland. So wurden beispielsweise im Jahre 1896: producirt mineralische Kohlen 288 Millionen Metercentner, die Einfuhr betrug .... 52 » » Summa . . .340 Millionen Metercentner, sowie die Ausfuhr .... 82 » » verbleiben für den Consum . 258 Millionen Metercentner, es hat also die Production den Consum überstiegen. Ueber den Werth der Production, der Ein- und Ausfuhr von Kohlen geben nachstehende Ziffern pro 1896 Aufschluss: der Werth der Production betrug 1896: 71 Millionen Gulden » » » Einfuhr » 1896: 3 i » » » » » Ausfuhr » 1896: 3 o » » Production, Einfuhr, Ausfuhr und Consum an mineralischen Kohlen haben sich in den letzten 50 Jahren in Oesterreich-Ungarn wie folgt entwickelt: Die Production betrug 1848: 8. 7 Millionen Metercentner, 1896: 288. 8 Millionen Metercentner, sie hat sich um das 35 fache vermehrt. Die Einfuhr betrug 1848: 436.917 q, 1896: 51,743.210 q, sie hat sich um das 120 fache vermehrt. Die Ausfuhr betrug 1848: 495.922 q, 1896: 82,211.943 q, sie hat sich um das 166fache vermehrt. Der Consum betrug 1848: 8,457.726 q, 1896: 258,309.207 q, er hat sich um das 3 i fache vermehrt. Auf die Einwohnerzahl Oesterreichs berechnet betrug der Verbrauch an Kohle per Einwohner im Jahre 1848 bei einer Einwohnerzahl von 18.5 Millionen und einer Kohlenproduction von 8. 7 Millionen Metercentnern = o. 46 q, im Jahre 1896 bei einer Einwohnerzahl von 25.3 Millionen und einer Kohlenproduction von 288 Millionen Metercentnern = io 3 q. Der Consum in Oesterreich hat sich also per Kopf um das 23 fache vermehrt. (Siehe nebenstehende Productions-Tabelle.) Bezüglich der Preise der Kohlen in den letzten 50 Jahren lassen sich nachstehende Verhältniszahlen aufstellen: Im Jahre 1848 betrug der Durchschnittspreis des Metercentners Steinkohle 42. + kr., im Jahre 1896 35 . 6 kr. Der Durchschnittspreis ist also gefallen um 6. 8 kr. oder um i 6 .,°/ 0 . Im Jahre 1848 betrug der Durchschnittspreis des Metercentners Braunkohle 24^ kr., im Jahre 1896 19., kr. Der Durchschnittspreis ist also gefallen um 5 7 kr. oder um 2 2. g °/ 0 . Dagegen haben die Werthe der Kohlenproduction zugenommen, denn sie betrugen insgesammt im Jahre 1848: 3 ,i 63 . 8 oo fl. und 1896: 71,488.533 fl., sind daher um das 23 fache gestiegen. Der Werth der Production an Steinkohle betrug im Jahre 1848: 2,416.800 fl. und 1896: 35,254.925 fl., hat sich also um das 17 fache vermehrt. 178 Von dieser Production gelangte der achte Theil davon, zum grössten Theil nach Ungarn und Russland, zum Export. Der Rest der Production wurde im Inlande verbraucht. Berggesetzgebung und Verwaltung. Die wirthschaftliche Bedeutung, welche seit den Zeiten des Mittelalters dem Bergbau mit Recht zuerkannt wurde, hat es nöthig und zu seiner Entwicklung förderlich gemacht, ihm eigene gesetzliche Bestimmungen zu geben, welche sein Verhältnis zum Staate und zu seinen Arbeitern regelten. In Oesterreich bestand beim Regierungsantritt Sr. Majestät unseres Kaisers kein die ganze Monarchie umfassendes Berggesetz. Es bestanden Bergordnungen für einzelne Länder und Landestheile, wie der Schwazer Freiheitsbrief vom Jahre 1449, die Tirolischen Bergwerksfindungen vom Jahre 1490, die Capitoli ed ordini minerali der Republik Venedig vom Jahre 1488 (in Dalmatien giltig), die Joachimsthaler Bergordnung vom Jahre 1548 (in Böhmen, Mähren und Schlesien giltig), die Ferdi- nandeische Bergordnung vom Jahre 1553 (giltig für Tirol, Oesterreich, Kärnten, Steiermark und Krain), die fürstlich Bamberg’sche Bergordnung vom Jahre 1550, die Hüttenberger Bergordnung vom Jahre 1759 (beide für Kärnten giltig), die Maximilianische Bergordnung vom Jahre 1573 (giltig für Ungarn und seit 1804 auch für Galizien und die Bukowina), endlich die dem französischen code de mines nachgebildete, für den Freistaat Krakau gütige Bergordnung vom Jahre 1844. Es war ein Gebot der Nothwendigkeit, diese Verschiedenheit der in einzelnen Landestheilen herrschenden berggesetzlichen Bestimmungen zu beseitigen, welche die Entwicklung des Bergbaues hinderten, und an die Stelle der Bergordnungen ein für die Gesammtmonarchie einheitlich gütiges Berggesetz zu schaffen. Dieses Gesetz gelangte am 24. Mai 1854 in Wirksamkeit. Das «allgemeine Berggesetz» hat an den Hauptprincipien, auf welchen sämmtliche Bergordnungen bestanden, nichts geändert. Es sind dies: 1. Die Bergregalität, d. h. der rücksichtlich gewisser Mineralien bestehende Vorbehalt, dass diese nur mit besonderer Bewilligung oder unter besonderen Bedingungen aufgesucht werden dürfen. 2. In Consequenz der Bergregalität die Bergbaufreiheit oder die Befugniss, gewisse Mineralien unabhängig von dem Willen des Grundbesitzers auf Grundlage der landesherrlichen Berechtigung aufzusuchen und zu gewinnen. Eine wesentliche Aenderung des allgemeinen Berggesetzes von den früher geltenden Bergordnungen liegt darin, dass die Bestimmungen des Berggesetzes auf den Kohlenbergbau Rücksicht nehmen, während die Bergordnungen, den Verhältnissen jener Zeit entsprechend, nur den Erzbergbau vor Augen hatten. Diese Aenderung machte sich namentlich in der Einführung des Freischurfes statt jener der Muthungen geltend. Das allgemeine Berggesetz vom 24. Mai 1854 kann als eines der vorzüglichsten Gesetze bezeichnet werden und hat zur Entwicklung des Bergbaues wesentlich beigetragen. Die unaufhaltsam rasche, mächtige Entwicklung des Kohlenbergbaues hat eine Reform dieses Gesetzes nothwendig gemacht, welche seit dem Beginn der Siebzigerjahre auf der Tagesordnung steht und seit jener Zeit in einzelnen Novellen zum Berggesetze zum Ausdruck gelangte. Hieher gehört die schon im Jahre 1862 eingeführte Bewilligung der Vergrösserung der Occupation, da die im Berggesetz zu eng gezogenen Schranken die Entfaltung grosser Unternehmungen verhinderte. Das österreichische Berggesetz vom Jahre 1854 bestimmt auch die Verwaltung des gesammten Bergwesens unter dem k. k. Ackerbauministerium, als dessen Executivorgane bis zum Jahre 1872 bestandene Oberberg- und Bergbehörden functionirten. Mittels Gesetz vom 21. Juli 1871 wurden an deren Stelle die Berghauptmannschaften und Revierbergämter eingesetzt. Während vor diesem Zeitpunkt drei Instanzen, und zwar die Berghauptmannschaften die erste, die politische Landesbehörde die zweite, das Ackerbauministerium die dritte bildete, hat die neue Verordnung nur zwei Instanzen geschaffen und bilden die erste Instanz die 27 Bergrevierämter und 4 Berghauptmannschaften und die zweite Instanz das Ministerium. Endlich bilden die Bergbauingenieure und Berginspectoren, letztere ausschliesslich für socialpolitische Aufgaben, Hilfsorgane der Bergbehörden. Durch das Berggesetz ist auch der bergmännische Unterricht geregelt. Er zerfällt in einen höheren und in einen niederen. Ersterer wird in den Bergakademien, letzterer in Bergschulen ertheilt. 180 Im Jahre 1848 bestand eine einzige von der Kaiserin Maria Theresia 1 770 gestiftete Bergakademie in Schemnitz, welche sich des ausgezeichnetsten Rufes im In- und Auslande erfreute. Durch die in Ungarn ausgebrochene Revolution wurde die zeitweilige Schliessung derselben veranlasst, und wurde noch in demselben Jahre die von den steirischen Ständen gegründete montanistische Lehranstalt zu Leoben in die Staatsverwaltung übernommen und 1849 eine gleiche Anstalt in Przibram gegründet. Bis zum Jahre 1852 wurde der Unterricht in zwei Jahren, im ersten Jahre Bergbau, im zweiten Jahre Hüttenwesen, ertheilt; die Vorstudien der nöthigen Hilfswissenschaften mussten an einer technischen Hochschule absolvirt werden. Schon im Jahre 1852 machte sich die Errichtung von Cursen für diese Vorstudien an der Akademie selbst geltend, und zwar für ein Jahr und vom Jahre 1870 ab für zwei Jahre. Die Bergakademien Oesterreichs erfreuen sich eines ausgezeichneten Rufes, sowohl im In- als Auslande, und man kann mit Recht behaupten, dass sie es waren, welche durch die vorzügliche theoretische und praktische Ausbildung der Akademiker, die Entwicklung des österreichischen Bergbau- und Hüttenwesens ermöglichten. Der Zweck der Bergschulen ist die Ausbildung von Arbeitern und Aufsehern. Während die Bergschulen von Przibram 1851 und Wieliczka 1861 vom Staate erhalten werden, geniessen die ausschliesslich für den Kohlenbergbau im Jahre 1868 errichteten Bergschulen in Karbitz und Klagenfurt und die 1873 in Mährisch-Ostrau errichtete Bergschule nur staatliche Subventionen und werden durch die Gewerkschaften erhalten. In ähnlicher Weise auch die in Leoben errichtete Berg- und Hüttenschule. Auch diese Schulen haben ihre Aufgabe zur Heranbildung tüchtiger Aufseher und Arbeiter im vollsten Umfange erfüllt. Der Bergarbeiterschutz. Die Entwicklung des Bergbaues und insbesondere des Kohlenbergbaues hat die NothWendigkeit ergeben, in legislatorischer Beziehung die Bergarbeiter gegenüber den erhöhten Ansprüchen, welche der Arbeitgeber an dieselben stellte, zu schützen. Während zu Ende des vorigen bis in das letzte Drittel des jetzigen Jahrhunderts im Sinne der liberalen Anschauung über den Begriff der «Bergbaufreiheit» der Staat sich von der intensiven Beaufsichtigung der Bergarbeit und der Betriebsführung lossagte, den Gewerken also eine grosse Freiheit nach beiden Richtungen einräumte, hat in den letzten 3 o Jahren eben mit der Entwicklung des Bergbaues zur Grossindustrie und der damit in Zusammenhang stehenden Verwendung einer grösseren Menge von Arbeitern eine retrograde Bewegung stattgefunden und der Staat durch Gesetze die Schutzbedürftigkeit des Arbeiters zu regeln begonnen. Oesterreich ist in Bezug auf Arbeiterschutz-Gesetzgebung nicht zurückgeblieben und hat durch seine diesbezüglichen gesetzlichen Vorschriften einen hervorragenden Platz in den Bergbau treibenden Ländern Europas eingenommen. Was zunächst den Beschäftigungsschutz anlangte, wurde die Arbeit der Frauen und Kinder in den Bergwerken durch die Novelle vom 21. Juni 1884 geregelt. Diesem Gesetze zufolge ist zur Aufnahme in die Bergarbeit das zurückgelegte 14. Lebensjahr festgesetzt. Nur ausnahmsweise dürfen Kinder zwischen dem 12. und 14. Lebensjahre für leichte Arbeiten über Tags verwendet werden, unbeschadet ihrer Schulpflicht, über Ansuchen ihrer Eltern oder Vormünder mit besonderer Bewilligung der Bergbehörde. Jugendliche Personen männlichen Geschlechtes, weniger als 16 Jahre alt, dürfen nur in einerWeise beschäftigt werden, welche ihrer körperlichen Entwicklung nicht nachtheilig ist. Jugendliche Arbeiter weiblichen Geschlechtes müssen das 18. Lebensjahr zurückgelegt haben und dürfen nur über Tags verwendet werden. Im Bergbau besteht der Normalarbeitstag. Während im § 200 des allgemeinen Berggesetzes die Zeit und Dauer der Arbeit in der Arbeitsordnung nicht genau angegeben ist, bestimmt die Novelle vom 15. Juni 1884 die Maximalgrenze der Arbeit, welche täglich 10 Stunden nicht übersteigen darf. Desgleichen hat obige Novelle die Sonntagsruhe festgestellt. Die Arbeit hat an Sonntagen zu ruhen, diese Ruhe hat spätestens von 6 Uhr Früh am Sonntag für die gesammte Mannschaft zu beginnen und volle 24 Stunden zu dauern. Ausnahmen hievon sind nur für solche Arbeiten zulässig, welche der Natur nach keine Unterbrechung erleiden dürfen (Wasserhaltung, Wetterführung, Betrieb der Schmelz-, Röst- und Coaksöfen, Grubenwache, Verladungsarbeiten). Der Schutz gegen Betriebsunfälle ist schon in dem § 171 des allgemeinen Berggesetzes den Bergwerksbesitzern zur Pflicht gemacht, und die Befolgung wird durch die Bergbehörden überwacht. — 181 — Um zu verhüten, dass die Leitung von Bergwerken in den Händen unkundiger Beamten liegt, wodurch die Gefahr des Betriebes vergrössert wird, stellt das Gesetz vom 3i. December 1893 bestimmte Anforderungen an die Betriebsleiter und Aufseher. Denen zufolge dürfen als Betriebsleiter nur solche Personen angestellt werden, welche eine inländische Akademie mit gutem Erfolge absolvirt haben und drei Jahre im Bergbau praktisch thätig gewesen sind. Als Betriebsaufseher dürfen nur solche Personen verwendet werden, welche eine Bergschule absolvirt haben oder deren praktische Befähigung nachgewiesen ist. Der Vertragsschutz. Alle Bestimmungen, welche den Zweck haben, das Vertragsverhältnis zwischen Arbeiter und Arbeitsgeber zu regeln, kann man mit dem einheitlichen Namen «Vertragsschutz» zusammenfassen. Hieher gehören die gesetzlichen Bestimmungen über die Arbeitsordnung, über die Aufnahme und Entlassung der Arbeiter. Auf Grund des § 3oo des allgemeinen Berggesetzes muss bei jedem Bergbau eine Dienstordnung bestehen, welche die Dienstverhältnisse des Aufsichts- und Arbeiterpersonals festsetzt, und muss diese Dienstordnung durch die Bergbehörde genehmigt und an passenden Orten affichirt sein. Jeder Bergarbeiter muss ein Arbeitsbuch besitzen, ohne welches seine Aufnahme nicht stattfinden darf. Die Auflösung des Dienstverhältnisses erfolgt durch die Aufkündigung, eine Ausnahme hievon darf nur durch Beobachtung der hiefür bestimmten gesetzlichen Bestimmungen stattfinden. Die Niederlegung der Arbeit ohne Kündigung unterliegt gemäss Verordnung vom 3i. December 1871 den Bestimmungen der Gewerbeordnung. Nach dem Gesetze vom 3. Mai 1896 kann der Austritt des Bergarbeiters durch die Forderungen des Gewerken oder durch etwa dem Arbeiter gegebene Naturalvorschüsse nicht behindert werden. Der Arbeiter erhält bei seinem Austritt ein Zeugnis über die Art und Dauer der Beschäftigung. Der Arbeiter geniesst auch gesetzlichen Schutz in Rücksicht der Lohnzahlung. Der Arbeiter hat seinen Lohn in barem Gelde zu erhalten und sind Abzüge für Naturalvorschüsse gestattet. Nach dem Gesetze vom 3i. Mai 1896 hat die Auszahlung wenigstens monatlich, beim Dienstaustritt sofort zu erfolgen. Auf die Geding- und Schichtlöhne der Arbeiter findet weder gerichtliches Verbot noch Execution statt. Bezüglich der Disciplinarstrafen ist verordnet, dass dieselben, sofern sie die Uebertretung der Dienstordnung betreffen, dortselbst enthalten sein müssen. Eine der wichtigsten Materien des Arbeiterschutzes bildet die Schlichtung der Streitigkeiten aus dem Dienstverhältnisse. Erst das Gesetz vom 18. Juni 1896 hat durch die obligatorische Bildung von Bergbau-Genossenschaften nach dieser Richtung eingegriffen. Diese Genossenschaften bestehen aus zwei Gruppen, den Arbeitern und den Bergwerksbesitzern in jedem Reviere, welche getrennt den Ausschuss und dann Functionäre wählen. Der Ausschuss hat als Einigungsamt zu fungiren, während der Vorstand zugleich Schiedsrichter in allen Streitfällen ist, welche aus dem Lohn- und Dienstverhältnis zwischen den Unternehmern und den einzelnen Arbeitern entstehen. Die Arbeiterschutz-Gesetzgebung würde sich des grössten Theiles ihres Zweckes entäussern, wenn nicht für eine staatliche Beaufsichtigung in doppelter Richtung, in controlirender und präventiver, gesorgt würde. Das allgemeine Berggesetz hat diese Organe in den Bergbehörden geschaffen, und nach der Verordnung vom 27. Mai 1892 haben die Bergbehörden hauptsächlich ihre Aufmerksamkeit darauf zu richten, ob die Dienstordnungen überall affichirt sind, ob die Arbeitsbücher ordentlich aufbewahrt werden, ob über alle Bergarbeiter ein Mannschaftsbuch geführt ward, ob die gesetzlichen Vorschriften über Verwendung jugendlicher Arbeiter und Frauen befolgt werden, ob die Schichtendauer dem Gesetze entspricht, ob die gesetzliche Sonntagsruhe eingehalten wird, die Abrechnung und Lohnzahlung ordnungsgemäss stattfindet, endlich haben sich die behördlichen Organe über die Wohnungsverhältnisse und die Bruderladen zu informiren. Unter dem Eindrücke wiederholter Bergbaukatastrophen wurde, nachdem ein von der Regierung dem Parlament vorgelegtes Gesetz, betreffend die Bestellung von Berginspectoren, nicht zur Annahme gelangte, ein eigenes Organ, «der Berginspector», bei jeder Berghauptmannschaft eingesetzt, dessen einzige Aufgabe die Controle über die Sicherheitsvorrichtungen und die socialpolitischen Vorschriften im Bergbau ist und welcher gleichzeitig die Controle des Revierbergbeamten auszuüben hat. Die Bruderladen. Obwohl bereits seit Jahrhunderten Bruderladen bestanden, das sind Cassen, welche theils von den Werksbesitzern allein, theils durch Beitragsleistungen der Arbeiter gegründet wurden, 182 — um die Arbeiter und ihre Familienmitglieder in Zeiten der Krankheit oder Arbeitsunfähigkeit oder nach ihrem Absterben ihre Witwen und Waisen vor der äussersten Noth sicherzustellen, auch diese Bruderladen in den früheren Bergordnungen geregelt waren, so haben dieselben sich erst mit dem Aufschwünge des Bergbaues während der letzten 50 Jahre entwickelt und ihre gesetzliche Anordnung für den Gesammt- bergbau im X. Hauptstück des allgemeinen Berggesetzes vom 24. Mai 1854 gefunden. Das Gesetz schreibt die Errichtung von Bruderladen bei jedem Bergbau vor, ihre Statuten müssen von der Bergbehörde genehmigt sein, ihre Verwaltung hat unter steter Controle der Bergbehörden durch von den Arbeitern selbst gewählte Ausschüsse zu erfolgen. Schon zu Ende der Siebzigerjahre machten sich Erscheinungen geltend, welche das Unhaltbare der bestehenden Bruderladen zu Tage treten Hessen, indem die Leistungen der Bruderladen an ihre Mitglieder ausser Verhältnis zu deren Einnahmen standen und nur die thatkräftige Unterstützung der Bergwerksbesitzer den finanziellen Zusammenbruch der Bruderladen zu verhindern vermochte. Da bei Promulgirung des allgemeinen Berggesetzes die Versicherungstechnik eine terra incognita war, waren diese Erscheinungen der finanziellen Lage der Bruderladen selbstverständlich und eine Reform derselben auf versicherungstechnischer Basis unausweichlich. Durch das Gesetz vom 28. Juli 1889, «betreffend die Regelung der Verhältnisse der nach dem allgemeinen Berggesetze errichteten oder noch zu errichtenden Bruderladen» wurden die Unterstützungen, welche die Bruderladen ihren hilfsbedürftigen Mitgliedern, beziehungsweise ihren hinterbliebenen Angehörigen zu gewähren haben, geregelt. Hiernach haben die Bruderladen zu gewähren: 1. Krankenunterstützungen, 2. Provisionen für Invalide, beziehungsweise die Witwen und Waisen und werden diese beiden Cassen selbstständig verwaltet. Ausser diesen Cassen wird ein Central-Reservefond geschaffen zum Zwecke, die Provisionscassen im Falle von Massenverunglückungen zu subventioniren. Die Beträge für diesen Reservefond haben die Werksbesitzer zu leisten, während die nach versicherungstechnischen Grundsätzen erforderlichen Mittel zur Deckung der Ausgaben der Bruderladen durch die Werksbesitzer und die Arbeiter aufgebracht werden. Den Mitgliedern der Bruderlade ist das Recht der Freizügigkeit gewahrt, d. h. bei dem Austritte aus der Arbeit eines Werkes in das andere sind ihre Rechte an die Bruderlade der anderen Grube zu überweisen, auch für die Zeit der Militärpflicht werden diese Rechte gewahrt. Endlich sichert die Pro- visionscasse der Bruderlade im Falle der Erwerbsunfähigkeit einem jeden Mitglied oder dessen Witwe den Bezug einer Minimalrente von 100, respective 50 fl. In Folge dieses neuen Bruderladegesetzes haben die versicherungstechnisch nicht activen Bruderladen die Pflicht, sich zu sanieren, und muss diese Sanierung binnen 3o Jahren durchgeführt sein, und zwar zum grössten Theil auf Kosten der Werksbesitzer. Mit Schluss 1896 bestehen in Oesterreich 269 Bruderladen mit 229 Kranken- und 264 Provisionscassen. Die Krankencassen schliessen mit einem Activsaldo von 838.542 fl. Das Vermögen der Provisionscassen belief sich auf 28. 8 Millionen Gulden. Im Provisionsbezuge standen 14.354 ehemalige Mitglieder, 1 5.598 Witwen, 10.440 Waisen und erhielt im Durchschnitt ein arbeitsunfähiges Mitglied 102 fl. 84 kr., eine Witwe 42 fl. 15 kr., eine Waise 14 fl. 78 kr. Andere humanitäre Einrichtungen. Aus eigener Initiative der Bergwerksbesitzer, ohne jeden gesetzlichen Zwang, sind auf Kosten der Werksbesitzer verschiedene humanitäre Einrichtungen zu Gunsten der Arbeiter geschaffen worden, welche wesentlich die Besserung der Gesundheits- und Lebensverhältnisse derselben bezwecken. Hieher gehört die Errichtung von Arbeiterhäusern sowohl für ledige in Kasernen als für verheiratete in Colonien, die Gewährung von Garten- und Feldbenützung, theils unentgeltlich, theils zu den mässigsten Pachtbedingnissen, die Errichtung von Werksmagazinen, aus welchen die Arbeiter mit den nothwendigsten Lebensmitteln zum Selbstkostenpreise versorgt werden; die Anlage von Werksgasthäusern und Bäckereien, die Bildung von Consumvereinen, die Einführung von Werks-Sonntagszeichenschulen, von Kinderbewahranstalten, endlich von Spitälern unter Leitung von Aerzten. Alle diese humanitären Anstalten haben sich in den letzten 50 Jahren im grossen Massstabe entwickelt, sie bilden ein unvertilgbares Merkmal der Fürsorge der Werksbesitzer für das körperliche und moralische Wohlbefinden des Bergarbeiters. i83 Die montanistischen Vereine. Das Bild der Entwicklung der österreichischen Montanindustrie wäre kein vollständiges, wenn hier nicht auch mit einigen Worten der montanistischen Vereine Oesterreichs gedacht würde. Diese Vereine: der Berg- und Hüttenwerksverein für Steiermark und Kärnten, der Berg- und hüttenmännische Verein in Mährisch-Ostrau, der Montanverein für Böhmen in Prag, der Montanverein in Pilsen, der Berg- und hüttenmännische Verein in Falkenau, die montanistischen Clubs in Kladno und Teplitz, endlich der Verein für die bergmännischen Interessen im nordwestlichen Böhmen in Teplitz, bildeten die Vereinigungen der Berg- und Hüttenmänner, welche wissenschaftliche und technische Angelegenheiten in den Kreis der Verhandlungen beizogen und wesentlich dazu beigetragen haben, einen steten Fortschritt auf dem technischen Gebiete zu bewirken und zu fördern. Als nach der wirtschaftlichen Katastrophe des Jahres 1873 die Montanindustrie in dem Kampfe um Arbeit zu erliegen drohte, traten die bedeutendsten Gewerkschaften, durchdrungen von der Ueberzeugung, dass nur durch ein einheitliches Vorgehen die Bewältigung dieses Notstandes gelingen könne, zusammen und gründeten Ende 1874 den Verein der Montan- und Eisenindustriellen in Oesterreich, welchem sich 1885 die Maschinenfabrikanten anschlossen mit dem statutarischen Zweck der Wahrung und Förderung der Interessen der Montan-, Eisen- und Maschinenindustrie. Die Mitglieder dieses Vereines waren die Werksbesitzer selbst, welche in selbstloser Weise die Wünsche und Bedürfnisse dieser Industriezweige vor den Behörden und legislatorischen Körperschaften zu vertreten hatten. Der Verein hat während seines Bestandes in allen Fragen der Handels-, Zoll-, Verkehrs- und Socialpolitik der letzten 25 Jahre eine führende Rolle übernommen und zur Consolidirung unserer Industrie wesentlich beigetragen. Die in den letzten Jahren zur Behandlung gelangten socialpolitischen Aufgaben namentlich auf dem Gebiete des Bergbaues machten ein einheitliches Vorgehen der Bergbau-Industriellen in allen dem Bergbau gemeinsamen Interessen nothwendig und wurde zu diesem Zwecke eine Delegirtenconferenz der montanistischen Vereine gebildet, welche nach zweijähriger Wirksamkeit von dem Centralverein der Bergwerksbesitzer Oesterreichs abgelöst wurde. Werfen wir noch einen Rückblick auf die Entwicklung der Montan-Industrie unter der glorreichen Regierung unseres Allergnädigsten Kaisers und Bergherrn Franz Josef I., so werden uns vor Allem die technischen Fortschritte und nicht in geringerem Grade die Aus- und Neugestaltung der socialpolitischen Massnahmen vor das Auge treten. Die österreichische Montanindustrie steht nach beiden Richtungen auf der Höhe der diesbezüglichen Einrichtungen und wird von keinem der Bergbau treibenden Staaten Europas in den Schatten gestellt; sie hat von kleinen Anfängen beginnend den Weg zur Gross-Industrie gefunden, ohne ihre Sonderstellung aufzugeben. Ein Jahrhundert hat daran gearbeitet, jede Sonderheit zu verwischen, ungebrochen hat der Bergmannsstand diese Zeit überdauert; er hat sich sein eigenes Gesetz, seine eigene Sprache und Tracht bewahrt und ist ein mächtiger Factor der Gross-Industrie geworden. Und gerade die grossartigen Fortschritte dieses Industriezweiges, sie beruhen auf dieser seiner Sonderstellung, auf dem Selbstbewusstsein, auf der Ueberzeugung der Bergleute von dem eigenen Werthe, von der Nothwendigkeit des Einstehens des Einen für den Anderen in der Studirstube wie bei den Gefahren der Arbeit. Und dieser Geist der Gemeinsamkeit bildet das mächtige Agens für rastloses Fortschaffen, nicht allein zum Wohle der Menschheit, sondern auch zum Ruhme des Standes. Und getragen von dieser Gemeinsamkeit bringt der österreichische Bergmannsstand seinem kaiserlichen Bergherrn, dem Förderer und Schützer seines Standes, zu seiner fünfzigjährigen Jubelfeier in alter Treue, Ergebenheit und unauslöschlicher Dankbarkeit ein dreifaches Glück auf! aus. / 184 Tafel über die Entwicklung der Oesterreichisch-Alpinen Montangesellschaft 1848-1898. Brückel, Eisengiesserei, derzeit Kettenfabrication . . . Eberstein, Hochofenwerk . Kappel, Stahlhammer. . . . Heft, Hochofen-u.Bessemerwerk . Hüttenberg, Eisensteinbergbau . Liescha, Braunkohlenbergbau . Prevali, Hochofen-, Besse- mer- und Walzwerk . . . Lölling, Hochofenwerk . . . Buchscheiden, Walzwerk . Treibach, Hochofenwerk . . Klagenfurt, Maschinenfabrik Pichling, Puddel- und Walzwerk . Köflach, Braunkohlenbergbau . Krems, Feinblechwalzwerk Vordernberg II, Hochofenwerk . Vordernberg III, Hochofenwerk . Krieglach, Puddel- u. Blechwalzwerk . Fohnsdorf, Braunkohlenbergbau . Zeltweg, Hochofen-, Besse- mer- u. Walzwerk .... Kindberg, Puddel-u.Walzw., Draht- u. Stiftenfabrik . . Vordernberg XIII, Hochofenwerk . Vordernberg IX, Hochofenwerk . Graz, Puddelwerk, Draht- u. Stiftenfabrik. Eibiswald, Gussstahl- und Federnfabrik und Kohlenbergbau Donawitz, Hochofen-, Martin-, Puddel- u. Walzwerk Seegraben, Braunkohlenbergbau . Kapfenberg, Gussstahlfabrik . Eisenerz, Eisensteinbergbau und Hochofenwerk .... Hieflau, Hochofenwerk . . . Kleinreifling, Stahlhammer Reichraming, Stahlhammer und Walzwerk. Orlau, Steinkohlenschurf . . Schwechat, Hochofen-, Puddel- und Walzwerk . . Mariazell, Eisengiesserei . . Neuberg, Hochofen-, Bessemer-, Martin-, Puddel- u. Walzwerk Fridauwerk, Hochofenwerk Münzenberg, Braunkohlenbergbau . Andritz, Maschinenfabrik . . Graz, Brückenbauanstalt . . Errichtet 00 rj- cc w | N M io, Ul Xi GO I CO « ui x 00 ■Ji LT) iS 00 00 'Ji Ul IS 00 i838 1650 1680 1623 1818 i83 5 1864 >759 1606 1783 1788 1539 1507 i838 1670 i836 1811 1816 1625 Buchs che: dner Eisenw Coi »mp. Graf Baron Geb Baron Grat Gustav Erc Franz u. Carl Mayr Carl Mavr oha Graf Carl Christair Co mpagnie Klause Chris Albert von Diekmann, üder von I Losthorr heriog her, talni Alb ert von Johann Baron V.ctor von S K. Grat Hubo Henckel v. IDonn:rsmalrck Familie Jandl Bar k. Montan Anton R.tter on von x ui x 00 . IS 00 00 ft von Melnh c n Mayr-i\lelnl.of Ac Hü ttenber^f Eisenwerk!: Goselisch Yo i>> 00 01 oc Ul M 2 N »00 ■o 00 ^ 00 rdernben Köfla donfanindustrie Gesellschaft Steirischè Eisenindust r Gesellschaft St in dip tid Gè Dr. C. of ER; erg ahl seil M. K. aengese. dejr Innerb I ! Hauptgewerkschaft Ci rat Gewerkschaft Zwierzina K. k euherg v. iazelller K. k. Moiitan {Aerar ewe Friqau Franz Ritter von ;rer Kämt. Const. W. G. eher yd er indul: sch Fab k. p Lise erg' ft g-- îe- Fisen- strie- alft Eugene Bont' er h aft er )UX Centr. Bod.- Cr.-A. CT» 00 Anmerkung verkauft rerkauft verkauft verkauft verkauft verkauft aufgelassen errichtet 1883 Seite 186 Diesen Verbesserungen folgten die weitere Ausdehnung des eisernen Grubenausbaues, die Ausführung von Versuchen zur Anwendung der Jarolimek’schen Kalkpatronen, Vergrösserung des Werksspitales und Bau eines Isolirspitales. Seit dem Jahre 1869 ist der Bergbau auch durch eine Locomotivstrecke mit der Station Zeltweg der Kronprinz Rudolfbahn in Verbindung. Die Kohlengewinnung betrug im Jahre 1848 54.500 q, erzeugt durch 68 Arbeiter, welche Productionsmenge sich so erhöhte, dass im Jahre 1897 durch 23oo Arbeiter 4,527.000 q Braunkohle gewonnen und 1,294.000 Stück Ziegel erzeugt wurden. Die Arbeiter-Bruderlade besitzt ein Vermögen von 870.000 fl. Braunkohlenbergbau Münzenberg bei Leoben in Steiermark. Dieser Bergbau wurde durch den Regierungsrath von Sierwald im Jahre 1726 eröffnet, ging 1727 an den niederösterreichischen Commerzconcess und 1761 an den Versatzamtspächter Weidinger über; 1766 aufgelassen, wurde er gleichzeitig an Werksdirector Heipl verliehen. 1772 wurde der Bergbaubetrieb eingestellt, worauf er 1784 in den Besitz des Ignaz Baron Egger kam und 1788 an Anton Luber, 1789 an die Vordernberger Radmeistercommunität übergeben wurde, 1797 kaufte den Bergbau um 150 fl. Johann Georg von Pebal, der ihn gleichzeitig an Johann Nep. von Pebal abtrat, von welcher er 1819 an Johann Graf, Bürgermeister in Leoben, abg'etreten und i833 durch Kauf an Franz Ritter von Fridau erworben wurde. i863 ging der Besitz an dessen gleichnamigen Sohn, 1882 an die Oesterreichisch-Alpine Montangesellschaft über und wurde rücksichtlich der Verwaltung mit dem gesellschaftlichen Bergbaue Seegraben vereint, woselbst auch die Production ausgewiesen erscheint. Von Betriebseinrichtungen sei erwähnt, dass im Jahre 1850 eine Sortirung eingerichtet, selbe 1858 vergrössert und 1874 eine neue Sortirung aufgestellt wurde. 1875 kam eine Dampfhaspel mit Maschinen- und Kesselhaus in Verwendung und 1878 ein neues Maschinen- und Kesselhaus mit Pumpwerk und Schachtgebäude. 1889 entstand im Mittelbau ein grosser Grubenbrand, welcher jedoch bald eingedämmt wurde. Die Gewinnung an Braunkohle betrug in Münzenberg im Jahre 1848 bei einem Stande von 121 Arbeitern 71.000 q. Das Vermögen der mit Seegraben gemeinsamen Arbeiter-Bruderlade beträgt 225.433 fl. Braunkohlenbergbau Seegraben, anschliessend an den Braunkohlenbergbau Münzenberg bei Leoben in Steiermark. Die erste Belehnung dieses Bergbaues erfolgte 1811 an Franz von Eggenwald, von welchem 1814 G. Gruber den halben Antheil erwarb; 1815 kam der Eggenwald’sche Antheil an Franz Mayr sen. und 1819 der ganze Bergbau in den Besitz der Familie Mayr, von welcher er 1872 an die Innerberger Hauptgewerkschaft gelangte und 1882 mit dem übrigen Theile derselben durch Fusion an die Oesterreichisch-Alpine Montangesellschaft überging. i883 kam auch der R. von Fridau’sche Bergbau in Münzenberg in das Eigenthum dieser Gesellschaft und wurde rücksichtlich der Verwaltung mit dem gesellschaftlichen Bergbaue in Seegraben vereint. Anfangs gelangte nur die gewonnene Grobkohle zur Verwerthung, das Uebrige wurde auf die Halden gestürzt und verbrannt, erst 1867 begann der Verbrauch von Feingries; 1870 und 1871 erfolgte die Errichtung einer Seilförderung und einer neuen Sortirung, worauf 1884 der Bergbau mit dem Bahnhofe in Leoben durch eine 0‘8 km lange Schleppbahn verbunden und eine neue maschinelle Sortirung erbaut wurde; 1885—1894 kamen verschiedene Verbesserungen und Aenderungen im Betriebe in Anwendung, als: Einbau neuer Wasserhaltungsmaschinen, Einführung von Derveaux’schen Schlammreinigungsapparaten u. s. w. 1889 entstand ein zehntägiger Strike, was die Einführung der achtstündigen Arbeitsschicht zur Folge hatte. 1895—1897 wurde für die vergrösserte Kohlenwäsche eine neue Pumpenanlage am Winkelfelde aufgestellt, ein Beamtenwohnhaus und zwei Arbeiterwohnhäuser erbaut und das Wohnhaus für die Ledigen vergrössert. Der Franzschacht wurde um 267 m höher ausgemauert und mit einem Ventilator versehen, die Trinkwasserleitungen vermehrt und Quellen neu gefasst, so dass sämmtliche Wohnhäuser nun Quellentrinkwasser besitzen. Die Braunkohlengewinnung betrug im Jahre 1848 (inclusive Münzenberg) mit 23 i Arbeitern 102.000 q, welche Productionsmenge sich im Jahre 1897 auf 1,720.000 q, die durch 1094 Arbeiter gewonnen wurden, erhöhte. Das Vermögen der mit Münzenberg gemeinsamen Arbeiter-Bruderlade beträgt derzeit 225.433 fl. Braunkohlenbergbau Liescha in Kärnten. Dieser Bergbau wurde im Jahre 1818 durch Blasius Mayer, welcher der Entdecker des dortigen Kohlenreichthums war, begonnen, ging 1822 in den Besitz der Gebrüder Rosthorn über, die sich i863 noch mit Albert Baron Dickmann verbanden; 1869 erwarb diesen Bergbau die Hüttenberger Eisenwerksgesellschaft, von welcher er dann 1882 durch Fusion an die Oesterreichisch-Alpine Montangesellschaft überging. Im Jahre 1873 wurde die Verbindung des Bergbaues mit dem Raffinirwerke Prevali durch eine 2274 m lange Pferdebahn mit Bremsberganlage hergestellt und 1895 wegen Erschöpfung der Kohlenmittel im westlichen Grubenbaue mit der Wiederausrichtung und Abbauvorrichtung in der östlichen Grubenbauabtheilung begonnen. Die Kohlengewinnung betrug im Jahre 1848 circa 267.000 q bei einer Zahl von 329 Arbeitern. Im Jahre 1897 wurden durch 358 Arbeiter 343.000 q Braunkohlen gewonnen. Das Vermögen der gemeinschaftlich für Prevali und Liescha bestehenden Arbeiter-Bruderlade beträgt derzeit 249.634 fl. Braunkohlenbergbau Köflach in Mittelsteiermark. Dieser Bergbau, bereits 1783 bergbücherlich bekannt, begann zu Anfang des 19. Jahrhunderts als Tagbau; Besitzer v'ar seit den 1840er Jahren Se. kaiserliche Hoheit Erzherzog Johann von Oesterreich, von welchem er 1860 auf dessen Sohn, den Grafen Franz von Meran, — 191 Arbeiterstand und Wohlfahrts-Einrichtungen sämmtlicher Werke der Oesterreichisch-Alpinen Montangesellschaft. ' 1897. Bezahlte Beamten- und Arbeiterw ohnhäuser Vermögen der Kranken- Spitäler Feuerwehr Nr. W erke Arbeiterzahl Lohnsummen in Gulden Zahl darin untergebracht dabei benütztes und Alters- cassen Zahl vor- han- Bestellte Bäder Mit- Bespannte Anmerkung in Gulden ö. W. ö. W. Familien Ledige Culturland in Hektar dene Betten Aerzte glieder Spritzen I. Andritz, Maschinenfabrik. 5 io 220.244 8 89 52 0^84 47.089 2 14 I 27 I 2. Donawitz, Hochofen- und Raffinirwerk .... 2850 1,284.151 IOI 544 733 143.878 I 23 4 9 140 3 3. Eibiswald, Gussstahl- und Raffinirwerk .... 649 279.183 34 148 41 9*00 145.000 I I 7 42 2 4 - Eisenerz, Eisensteinbergbau und Hochofenwerk 2142 856.191 107 462 219 115-7° 479.032 * 2 5 ° 2 I I 2 * Gemeinsam mit Iliellau. 5 - Fohnsdorf, Braunkohlenbergbau. 2300 1,000.000 I IO 564 358 60-52 870.000 2 70 3 6 65 3 6. Graz, Draht- und Drahtwaarenfabrik. 36 o 180.000 * 10 3 o I '* Unfallversicherung für Steiermark 7 - Graz, Brückenbauanstalt. 5 i 3 241.845 I I 47.088 I 8 I und Kärnten. 8. Heft, Hochofen- und Bessemerwerk. 217 91.399 28 61 60 42-82 459 - 4 r 7 * * I 6 2 * Gemeinsam m. Hüttenbergu.Lölling- 9 - Hieflau, Hochofenwerk. 198 99 .368 36 110 96 31 -92 I 6 I 3 46 2 * Gemeinsam mit Eisenerz. IO. Hüttenberg, Eisensteinbergbau. 420 197.096 1 3 o 170 ! 5 0 382-28 * 2* 3 4 * 2 5 * Gemeinsam mit Heft und Lölling. 11. Kindberg, Raffinir- und Drahtwerk. 5 1 9 240.027 12 80 75 4’47 14.060 I 8 I IO 12. „ f Brückl. Klagenfurt, { r . , l Maschinenfabrik. 55 200 21.517 88.206 4 3 r 5 5 19 2-50 4.000 I 3 I I 5 ° i 3 . Kleinreifling, Raffinirwerk. 72 24.253 18 32 3 1 I 5 ‘ 9 I 2 14. Köflach, Braunkohlenbergbau. 520 187.346 26 159 71 22*00 78.858 I 4 I ! 5 - Krieglach, Raffinirwerk. 202 9!-558 18 70 53 i8 - 8o * I 8 I 4 40 I * Gemeinsam mit Krems und Picliling. 16. Liescha, Braunkohlenbergbau. 358 117.624 52 96 79 21-25 249.634* 2 * 26* 1* 4 3 * Gemeinsam mit Prevali. 17- Lölling, Hochofenwerk. n8 44.773 38 57 72 122*00 * I 9 I 2 6 * Gemeinsam mit I leftund Hüttenberg. 18. Mariazell, Hochofenwerk und Eisengiesserei . 350 132.500 1 33 350 55 150*00 47.500 I 34 I 5 200 I I 19. Neuberg, Raffinirwerk. 730 379.869 96 349 200 236-19 227.683 2 24 3 17 95 2 20. Orlau, Schurfleitung auf Kohle. J 9 5.663 3-27 • 21. Pichling, Raffinirwerk. 622 269.615 33 223 i 33 135-00 145.000 I 8 I 4 73 2 22. Prevali, Raffinirwerk. 368 257.958 4 1 173 57 14-36 * * * 4 3 * Gemeinsam mit Liescha. 23 . Schwechat, Hochofen- und Raffinirwerk . . . 680 398.236 16 190 70 O'gO I 12 I 8 43 I 24. Seegraben, Braunkohlenbergbau. 1094 403 . 3 16 67 273 350 70*00 225.433 I 25 I I 25- Vordernberg, Eisensteinbergbau. 455 205.373 56 235 198 17*00 j 300.946 I 3 o 2 4 2 26. Vordernberg, 1 lochofenwerk. i 36 61.520 32 67 69 7 r 97 27. Zeltweg, Hochofen- und Raffinirwerk. 950 453.440 46 l 350 80 53-00 140.369 I 20 I 6 2 Summa . . 17.607 7,832.271 1246 4873 3321 1601-70 3,624.987 26 408 31 i 3 o 859 50 Stand vom Jahre 1848 . . 4.299 788.511 3 5 8 80I 1079 419-16 169.482 5 47 l6 23 17 Bei allen Schächten, Kesseln, Maschinen, Transmissionen, Apparaten etc. etc. sind, wo erforderlich, die nöthigen Schutzvorkehrungen, als: Schachtverschlüsse, Absperrungen, Geländer, Schutzhauben, Blechmäntel, Gitter u. s. w. angebracht. Die Arbeiter erhalten zum Schutz gegen Verletzungen Ledergamaschen, Handleder, Handschuhe, Brustleder, .Schutzbrillen, Schutzschirme nach Bedarf. Bei den verschiedenen Berg- und Hüttenwerken sind nach Erforderniss vorhanden: Pneumatophore, elektrische Sicherheitslampcn, Inhalationsapparate, Petit’scher Stiefel, complet eingerichtete Rettungskästen mit Medicamenten-und Verbandzeug, Bandagen, Tragbahren, Krankenwagen; auch ist ein Theil des Personales für erste Hilfeleistung bei Unglücksfällen geschult. 208 K. K. PRIV. GRAZ-KÖFLACHER EISENBAHN- UND BERGBAU-GESELLSCHAFT GRAZ. ie Graz-Köflacher Eisenbahn durchzieht mit ihren Hauptlinien Graz—Köflach und Lieboch—Wies zwei der bedeutendsten Kohlenreviere Steiermarks. Das durch die Linie Graz—Köflach dem Verkehre erschlossene sogenannte Voitsberg-Köflacher Revier, an den südwestlichen Ausläufern des Stubalpenzuges gelegen, war seit Langem durch die ganz aussergewöhnliche Mächtigkeit seiner zu Tage anstehenden Kohlenflötze, welche im Mittel 12 m bis Maximum 60 m Mächtigkeit erreichten, bekannt, während das durch die Linie Lieboch—Wies dem Verkehre erschlossene, an den südwestlichen Ausläufern des Koralpenzuges gelegene Wieser Revier durch den hohen Brennwerth und die Qualität der in demselben abgelagerten Kohlen schon früh die Aufmerksamkeit der Fachkreise auf sich lenkte. Die erste Verleihung im Voitsberg-Köflacher Revier erfolgte mit Muthschein vom 20. November i83g, Z. 2166, im Wieser Revier jedoch, wo nach unverbürgter Tradition das Flötz bereits im Jahre 1797 erschürft worden sein soll, schon im Jahre 1800. Die k. k. priv. Graz-Köflacher Eisenbahn- und Bergbau-Gesellschaft wurde auf Grund der zum Baue und Betriebe einer Locomotiv-Eisenbahn von Graz nach Köflach erflossenen Allerhöchsten Privilegiums-Urkunde dto. 26. August 1855 durch die Voitsberg-Köflach-Lankowitzer Steinkohlengewerkschaft unter der heute bestehenden Firma gegründet. Nachdem unterm 3o. December 1855 die Genehmigung der Statuten durch die Regierung erfolgt war, wurde die Uebertragung des vorerwähnten Eisenbahn-Privilegiums an die obgenannte Gesellschaft auf Grund Allerhöchster Entschliessung vom 14. December 1858 vollzogen. Der Bau der Linie Graz—Köflach wurde im Monate April 1857 in Angriff genommen und dieselbe am 3. April 1860 dem öffentlichen Verkehre übergeben. Mit der Errichtung der für die raschere und billigere Verladung und Verfrachtung der Kohle nothwendig gewordenen Kohlenschleppbahnen fand die Eisenbahn-Bauthätigkeit der Unternehmung ihren vorläufigen Abschluss. Im Wieser Kohlenrevier, in welchem aus den aufgeschlossenen Bauen innerhalb der Jahre 1858—1872 zusammen 5,147.801 q Kohle gefördert wurden, von welchem Quantum jedoch nur ein Theil mittelst Achsverkehres nach Graz transportirt werden konnte, hatte sich mittlerweile durch Zusammenlegung des verliehenen Massenbesitzes eine wesentliche Veränderung in den Besitzverhältnissen vollzogen. Die Wieser Kohlenbergbau- und Handels-Gesellschaft hatte in diesem Revier im Jahre 1871 einen verliehenen Massencomplex von i33 Grubenmassen nebst 15 Ueberschaaren mit einem verliehenen Flächenmaasse von 1,707.090 Quadratklafter erworben, während an die k. k. priv. Graz-Köflacher Eisenbahn- und Bergbau-Gesellschaft selbst im Jahre 1871 das dem Dr. C. M. Faber gehörig gewesene, 42 Grubenmassen und 3 Ueberschaaren mit 554.384 Quadratklafter verliehener Fläche umfassende Kohlen werk in Steyeregg überging. Die Vereinigung von 3 / 4 der im Wieser Revier verliehenen Masse in festen Besitz, welche eine namhafte Ausbeutung des vorhandenen Kohlenflötzes möglich machte, liess die Herstellung einer Eisenbahnverbindung des Wieser Reviers mit der Hauptstadt Graz als unabweislich erscheinen. Der Verwaltungsrath brachte daher den Actionären der k. k. priv. Graz-Köflacher Eisenbahn- und Bergbau-Gesellschaft in der am 28. Februar 1871 abgehaltenen ausserordentlichen Generalversammlung den Bau einer von der Station Lieboch der Graz—Köflacher Linie abzweigenden, durch das Lassnitz- und Sulmthal nach Wies führenden Eisenbahnlinie in Antrag. Nachdem die angesuchte Concession für diese Eisenbahnlinie unterm 8. September 1871 erfolgt war, wurde bereits im October desselben Jahres mit dem Bahnbaue begonnen und diese Eisenbahnlinie sammt den Verbindungsbahnen zwischen den Kohlenschächten und der Hauptbahn am 9. April 1873 dem öffentlichen Verkehre übergeben. Seit diesem Zeitpunkte ist in der Ausdehnung des Bahnbesitzes, ausgenommen die Errichtung von Industriegeleisen und einer bedeutenden Erweiterung des Bahnhofes in Graz, eine wesentliche Veränderung nicht eingetreten. Die Gross-Industrie. I. 27 209 Der gesellschaftliche Bahn-Besitz besteht dermalen aus: a) der Linie Graz—Köflach mit.40.113 km b) » » Lieboch—Wies » .50.847 » daher Länge der Hauptbahnen.90.960 km c) Flügelbahnen für Bergbau und Industrieanlagen 16.969 » daher Gesammtlänge aller Bahnen.107.92g km Hiezu kommen an Bahnhofs-Ausweich- und sonstigen Nebengeleisen der Haupt- und Flügelbahnen . . 46.057 » demnach beträgt die Gesammtlänge aller Geleise 153.986 km Im Zuge der Hauptbahnen befinden sich 18 Bahnhöfe und 4 Haltestellen, somit zusammen 22 Stationen mit 20 Telegraphenstationen mit Schreib- und Sprechapparaten. An Hochbauobjecten bestehen auf beiden Hauptbahnen zusammen 173 Gebäude mit 22.75g m2 verbauter Grundfläche. An Fahrbetriebsmitteln sind vorhanden 19 Locomotiven, hievon 17 Güterzugs-Locomotiven mit 3 gekuppelten Achsen und 2 Tender-Locomotiven mit 2 gekuppelten Achsen, 57 Personenwagen mit zusammen 2862 vorhandenen Plätzen und 924 Güterwagen mit zusammen 9513 t Ladegewicht. Am 9. September 1878 wurde der Betrieb aller gesellschaftlichen Linien an die k. k. priv. Südbahn-Gesellschaft in Wien übergeben, welche das für den Betrieb vorhandene Personal der k. k. priv. Graz-Köflacher Eisenbahn- und Bergbau-Gesellschaft in ihre Dienste übernahm. Am 1. Jänner 1890 trat der im Sinne der Allerhöchsten Concessionsurkunde vom 8. September 1871, Art. 8, ermässigte Gütertarif in Wirksamkeit, und mit 1. Mai 1891 gelangte unter Aufhebung der bishin bestandenen IV. Wagenclasse ein Personen-Zonentarif auf den gesellschaftlichen Linien zur Einführung. Die Unternehmung, darauf bedacht, das vorhandene Kohlenvermögen der beiden Reviere dem Consum in möglichst steigender Quantität zuzuführen, wandte alsbald dem Bergbaubetriebe ihre besondere Aufmerksamkeit zu und wurde überdies im Jahre 1879 durch besondere Verhältnisse bestimmt, die Kohlenwerke der Ersten Voits- berger Kohlenwerks-Gesellschaft und der Allgemeinen Bau- und Kohlenactien-Gesellschaft, welche Unternehmungen der wirthschaftlichen Krisis der Jahre 1873—1878 nicht Stand zu halten vermochten, käuflich zu erwerben. Ueberdies wurden bei wachsender Nachfrage und steigendem Absätze in den folgenden Jahren der Bergbaubesitz durch Ankauf und Erschürfung neuer Kohlenlager sowie durch Verleihung von Grubenmassen erweitert, so dass der Gesammt-Bergbaubesitz dermalen den ansehnlichen Besitz von 578 Grubenmassen mit 118 Ueberschaaren und 27,620.464 m 2 verliehener Fläche umfasst. Im Betriebe befinden sich 9 Förderschächte, 3 Stollen und 2 Tagbaue. An maschinellen Einrichtungen stehen in Verwendung: Für die Förderung: 6 Stück Zwillings-Fördermaschinen mit zusammen 255 indicirten Pferdekräften, 4 Stück eincylindrige Fördermaschinen mit 81 indicirten Pferdekräften; für die Wasserhaltung: 7 Stück Catarakt-Wasserhaltungsmaschinen mit zusammen 565 indicirten Pferdekräften, 9 Stück unterirdische Wasserhaltungsmaschinen mit zusammen 36o indicirten Pferdekräften, 19 Stück diverse Antriebsmaschinen zum Betriebe von Ventilatoren, Sortiranlagen, Dynamomaschinen, horizontale Seilförderung, mechanische Werkstätte, Dampfaufzüge u. s. w. Ferner stehen an sonstigen Hilfsmaschinen im Betriebe: 4 Dynamomaschinen für elektrische Beleuchtungsanlage, 5 Ventilatoren (System Pelzer), saugend und blasend wirkend, mit 600—1200 m 3 Leistung pro Minute. Für die Dampfbeschaffung dieser Dampfmaschinen stehen 49 Dampfkessel und 8 Locomobilkessel mit 2590 m 2 Heizfläche zur Verfügung. Die Länge der Fördergeleise bei allen gesellschaftlichen Bergbauen beträgt zusammen 62 km. Ausser den Schacht- und Maschinengebäuden bestehen an Hochbauobjecten: 6 Kanzleigebäude, 12 Magazinsgebäude, 318 Wohngebäude für Angestellte und Arbeiter. Zu den Wohngebäuden gehören 1411-1 ha Gartengrund, welcher den Wohnungsinhabern zur Benützung überlassen wird. Ausser dem angeführten Eisenbahn- und Bergbau-Besitz befinden sich an Industrieanlagen noch im Eigen- thume der Gesellschaft die im Jahre 1887 erworbenen Kalköfen in Köflach, Pichling und Gradenberg sammt dazugehörigen, in Gradenberg gelegenen Steinbrüchen, und endlich die mit dem Bergbaue Vordersdorf in Verbindung stehende Glasfabrik. Der Gesammtgrundbesitz der Gesellschaft umfasst an: Eisenbahn-Pacificatgrund . 237 ha 77 a 45 m '' Bergbaugrund . • 7U » 50 » 3 » Sonstigem Privatgrund . 26 » 12 » 25 » Summa . 981 ha 3g a 73 ni- Die oberste Verwaltung der Geschäfte wird durch den aus sechs Mitgliedern bestehenden Verwaltungsrath und den von demselben ernannten Director der Gesellschaft geführt. Der Sitz der Verwaltung befindet sich in Wien, jener der Direction in Graz. Die Zahl der angestellten Bediensteten bei der Centrale beträgt 18 definitiv angestellte Beamte, 2 Aushilfsbeamte und 5 Diener. Bei den 210 Kohlenbergbauen und sonstigen Industriebetrieben der Gesellschaft stehen 22 Betriebs- und Rechnungsbeamte, g Bedienstete für das Magazinswesen, 35 Unterbeamte, 20 Maschinenwärter, 18 Heizer und 12 sonstige Bedienstete, zusammen 116 Personen, in dauernder Verwendung. Im Jahresdurchschnitte wurden im Jahre 1897 an Arbeitern beschäftigt: Beim Kohlenwerksbetriebe . . 223o männliche, 135 weibliche, zusammen 2365 Arbeiter » Kalkwerksbetriebe ... 33 » 5 » » 38 » » Glasfabriksbetriebe ... 47 » 4 » » 51 » Bei allen Betrieben insgesammt 23 io männliche, 144 weibliche, zusammen 2454 Arbeiter mit 2688 Familienangehörigen. Der Erfolg der Thätigkeit der Unternehmung in ihrem Industrie- und Eisenbahnbetriebe ist in den nachstehenden Vergleichsziffern zum Ausdrucke gebracht. Erzeugt wurden in den eigenen Kohlenbergbauen und Industrie-Unternehmungen in den Jahren: 1860 296.270 q Kohle 1896 4,644.568 q » 1896 74.276 q Kalk 1896 3.000 q Glaswaaren im Werthe von 65.698 fl. » » » 1,053.295 » » » » 5i-ii5 » » » » 43.663 » Im Eisenbahnbetriebe gelangte zur Beförderung: Im Jahre i860 1896 Personen 57.848 519.792 Einnahme in Gulden 36.861 189.515 Parteigüter in Tonnen 43.36o 773.178 Einnahme Summe der Einnahmen in Gulden in Gulden 128.191 165.052 i,5i3.oi3 1,702.528 Die Höhe und Zunahme des für die gesellschaftlichen Unternehmungen aufgewendeten Anlagecapitals ist in den nachfolgenden Ziffern veranschaulicht. Das investirte Anlagecapital betrug: Am Schlüsse des Jahres 1860 1896 An Kosten der Hauptbahnen in Gulden 2,252.498 11,221.141 An Kosten der Bergbaue, Industrialien und Industriebahnen in Gulden 642.116 5,°73-75° Summe in Gulden 2,894.614 16,294.891 Für ihre Beamten und Arbeiter hat die Gesellschaft folgende Wohlfahrts-Einrichtungen getroffen: Der am 3i. Mai 1862 seitens der Unternehmung gegründete Pensionsfond sichert unter Garantie der Gesellschaft den definitiv angestellten Beamten und Dienern, sowie deren Witwen und Waisen Jahrespensionen zu. Das Vermögen des Fonds betrug am Schlüsse des Jahres 1896 201.n3 fl. 29 kr. Für die Bergarbeiter im Voitsberg-Köflacher wie im Wieser Reviere besteht je eine nach dem Gesetze vom 28. Juli 1889 eingerichtete Bruderlade für Kranken- und Invaliditätsversicherung und betrug zum Schlüsse des Jahres 1896 das Vermögen der ersteren 190.326 fl. g3 kr., jenes der letzteren 210.626 fl. 44 kr. Bei den isolirt gelegenen Werken Pölfing und Steyeregg errichtete die Unternehmung Werksschulen und wurden die Schulgebäude nach erfolgter Uebernahme der Schulen in die Landesverwaltung weiterhin unentgeltlich für diesen Zweck gewidmet. 27* 211 — t Die k. k. geologische Reichsanstalt bezeichnet denn auch das Zinkweiss als «sehr rein». Die jährliche Production beträgt 22.000 q Zinkweiss aller Art, denn es gelangen je nach der Qualität die Sorten Schneeweiss, Zinkweiss I, Zinkweiss II, feinst Zinkgrau und Steingrau in den Handel. Der Werth dieser Production steht auch im innigen Zusammenhänge mit dem jeweiligen Rohzinkpreise. Wir gehen jedoch nicht fehl, wenn das zum Betriebe der Zinkhütte und Zinkweissfabrik erforderliche Betriebs- capital mit durchschnittlich 600.000 Gulden pro anno angenommen wird. Von den producirten 22.000 q Zinkweiss werden nur 6000 q im Inlande verbraucht, während der Rest von 16.000 q theils nach Deutschland, hauptsächlich aber über die deutschen Ausfuhrshäfen Hamburg, und Stettin nach Russland, Skandinavien, Dänemark, Holland, England, Frankreich, ja schliesslich nach allen Erdtheilen exportirt wird. Auffallen muss es hier, dass der Export über Deutschland erfolgt; der Grund liegt einfach in den billigeren Tarifen der deutschen Bahnen, im Gegensatz zu den vaterländischen, die es unmöglich machen, dass das Fabrikat die südlicher gelegenen Provinzen der Monarchie und noch weniger deren Häfen wie Triest und Fiume zu erreichen im Stande wäre. Könnten in dieser Beziehung bessere Verhältnisse Platz greifen, so würde das hier beschriebene Etablissement noch weit mehr sich entfalten können. Die vorhandenen Maschinen, Oefen und sonstigen Einrichtungen dieser Hüttenanlage unterscheiden sich von ähnlichen Etablissements nicht wesentlich; deshalb übergehen wir auch die Beschreibung des Vorganges bei der Rohzink- und der Zinkweissgewinnung, da er als genügend bekannt vorausgesetzt wird. Dagegen wurden beim Betriebe im Laufe der letzten Jahre mit Erfolg Neuerungen eingeführt, welche in erster Linie den Zweck hatten, die entweichenden Gase und die strahlende Wärme, welche die Arbeiter belästigten, zu beseitigen und in zweiter Linie die unvermeidlichen und bekanntlich recht bedeutenden Hüttenverluste zu reduciren. Der Grubenbesitz besteht aus 150 einfachen Grubenmassen oder 7 Millionen Quadratmetern, die so ziemlich die Gründe der Gemeinden Dlugoszyn und Szczakowa decken. Während nun in den triassischen Dolomiten von Dlugoszyn auf Bleierze ein mehrere hundert Jahre alter Bergbau besteht, der aber heute belanglos ist, so wurden die Zinkerze (vorwiegend Galmei) erst seit circa 50 Jahren abgebaut. In den früheren Jahren wurde nur der kleinere Theil des geförderten Galmeis in der eigenen Zinkhütte in Niedzieliska verhüttet, während der bei Weitem grössere nach den benachbarten oberschlesischen Zinkhütten wanderte. Da Galmei mit jedem Jahre seltener wird, so unterbleibt wohlweislich jetzt dessen Ausfuhr, und in Dlugoszyn wird nur so viel gefördert (pro Jahr rund 11.0005), a ^ s die eigene Zinkhütte verbrauchen kann. Der Bergbau selbst erfolgt noch immer in mehreren kaum 3o m tiefen Schächten, die Wasserlosung durch einen 320 m langen Stollen. Die in letzterer Zeit vorgenommenen zahlreichen Untersuchungsarbeiten Hessen das Erzvorkommen auf einem 160 ha grossen Flächenraume nachweisen; die Mächtigkeit wechselt von I / + bis 2 m, der Zinkgehalt des Erzes von 20 0 / o bis 45 °/ 0 . Der Abbau dieser reichen, unter die Stollensohle einfallenden Erzlagerstätte ist späteren Zeiten Vorbehalten, bis auch die unter der Triasformation vorhandenen Steinkohlenflötze abgebaut werden. Von der Grossartigkeit des Kohlenreichthums dieses Grubencomplexes kann man sich nur dann einen Begriff machen, wenn man hört, dass bis zu einer Teufe von 400 m hier nicht weniger als i3 Flötze von zusammen 46 m Kohlenmächtigkeit erwiesen sind. Von oben nach unten gerechnet und mit Berücksichtigung der Intervalle von 20—70 m, in welchen die Kohlenflötze im hiesigen Reviere auf treten, sind es nachfolgende Flötze, welche in diesem Grubenfelde bekannt sind: I. Niedzieliska I . . . . . . 3 ., 6 m mächtig 2 . II ... . ■ . 2.37 m » 3 . „ III ... . . . 2. 5o m » 4- Dabrowa Fortuna . . . ■ • I.go m » 5- „ Hangendflötz . 2. l 5 m » 6. „ Liegendflötz . . . 4.20 m » 7- Cokerill. » 8. Przemza Grubenflötz . . ■ . 3. 47 m » 9- Friedrichsglück .... . . i. 9 o m » IO. Luise Oberflötz .... . . i. I0 m » 11. „ Niederflötz ■ ■ 4-3o » 12. Oskarflötz. • • 5-00 rn » i3. Redenflötz . ■ . 12.30 m » Billigere Frachten und bessere Absatzverhältnisse sind nothwendig, damit auch diese Schätze baldigst gehoben werden. Zum Schlüsse soll erwähnt sein, dass das Werk 120 Arbeiter beschäftigt, denen jährlich rund 36.000 Gulden Lohn ausgezahlt wird und für deren Altersversorgung eine Bruderlade besteht, die Ende 1897 das ansehnliche Vermögen von 36.497 A- 2 3 kr. ausgewiesen hat. HEINRICH MITSCH BERG- UND HÜTTENWERKE GRADENBERG (STEIERMARK). teiermark mit seinen fast unermesslichen Schätzen an Erzen und Mineralien bietet seit Jahrhunderten der Montan-Industrie Oesterreichs ein weites Feld reicher Thätigkeit. Doch ein rationeller Abbau wird erst in unserem Jahrhundert betrieben, seitdem sich die verhältnismässig noch junge Wissenschaft der Geognosie in den Dienst der Montan-Industrie gestellt hat. Man begann die Schicht- und Lagerungsverhältnisse der Gesteinmassen nach sicheren Methoden zu erforschen und an der Hand der gewonnenen Resultate in dem Bergbau systematische Arbeiten vorzunehmen. Die «Markscheidekunst» erfuhr seit den Dreissigerjahren eine wissenschaftliche Vertiefung, und die von ihr erfundenen Apparate und Instrumente wurden im Laufe der Jahre auf einen nahezu wunderbaren Grad von Präcision gebracht. Zu jenen grösseren steiermärkischen Montanwerken, in denen heute die Bearbeitung nach allen Regeln und Vorschriften des so wohl ausgebildeten Bergbaues geschieht, gehört das Berg- und Hüttenwerk Gradenberg, dessen Besitzer Heinrich Mitsch ist. Im Jahre 1860 erwarb dieser das Gradenberger Eisenraffinerie-Werk, zu welchem auch ein Antheil am Vordernberger Erzberg gehört (wodurch die Zugehörigkeit des Besitzers zur sogenannten Vordernberger Communität bedingt ist), sowie eine Hochofenanlage in Vordernberg. Ausserdem besitzt Heinrich Mitsch die sehr ergiebigen Braunkohlengruben in Piberstein. Die Ausbeute des Erzberg- Besitzantheiles wird bereits seit 1860 im eigenen Vordernberger Hochofen (Radwerk XI) auf Roheisen verschmolzen. Als Heinrich Mitsch dieses Radwerk übernahm, standen 3 o Arbeiter im Dienste, denen die Besorgung eines Hochofens übergeben war. Auch heute ist die Anzahl der Arbeiter dieselbe geblieben. Gegenwärtig ist daselbst ein Hochofen sammt Winderhitzungsapparat, ferner 8 Gasröstöfen, eine neue Gebläsemaschine mit Wasserrad-Antrieb in Thätigkeit, sowie eine Erzquetsche in Verwendung. An der Spitze des Betriebes steht ein Beamter. Die Gesammtproduction in dem Radwerke XI beträgt jährlich 50.000 q Roheisen, das aber zur Weiterbearbeitung in das Eisenraffinirwerk nach Gradenberg gesandt wird. In letzterem Eisenwerke standen im Jahre 1860 3 Hämmer, 1 Walzenstrasse, 3 Puddlingsöfen zur Verfügung, die auch heute nebst allen inzwischen neu hinzugekommenen Maschinen ihre Arbeit verrichten. Die für dieses Etablissement erforderliche motorische Kraft lieferte der auch heute noch benützte Gradenbach, den ein Zulauf des Kainachflusses bildet. Bei einem Arbeiterstand von 180 Personen wurden damals 20.000 Wiener-Centner Stabeisen erzeugt. Roheisen bildet somit den Ausgangspunkt für die Herstellung von schmiedbarem (gepuddeltem) Eisen. Unter dem neuen Besitzer wurden im Laufe der Jahre, entsprechend der steigenden Zufuhr der zu verarbeitenden Rohmaterialien, im Gradenberger Eisenwerke bedeutende Veränderungen vorgenommen, die vorhandenen Anlagen erweitert, neue Maschinen angeschafft, das Arbeitspersonale erheblich vermehrt. Das Stabeisenwalzwerk, sowie sämmtliche Hämmer wurden umgebaut, 3 neue Siemens’sche Gasschweissöfen errichtet; dazu kamen 3 neue Dampfmaschinen, 3 Turbinen, 2 Fördermaschinen und 3 Wasserhaltungsmaschinen. Zur Unterbringung der meisten dieser Maschinen mussten erst Neubauten geschaffen werden, die entsprechend dem Zwecke, dem sie dienen sollen, gebaut, allen Anforderungen der modernen Hygiene Genüge leisten und den darin beschäftigten Arbeitern Licht und Luft vollauf gewähren. Der heutige Stand des Gradenberger Eisenraffinirwerkes umfasst 8 Oefen, 3 Walzenstrassen, 3 Hämmer, 3 Dampfmaschinen, 7 Wasserräder und Turbinen, eine complet eingerichtete mechanische Werkstätte, die alle erforderlichen Hilfsmaschinen besitzt. Die erwähnten Oefen sind theils Puddlings-, theils Gasschweiss-, theils gewöhnliche Glühöfen. Durch den Puddelprocess wird zur Erzeugung von schmiedbarem Eisen dem Roheisen im Wege der Oxydation ein Theil des Kohlenstoffes entzogen, welches Verfahren so weit fortgesetzt werden kann, dass das erzeugte Product genau den Kohlenstoffgehalt des gewünschten schmiedbaren Eisens besitzt. Die Wasserkraft wird in einer Stärke von 150 HP. dem Etablissement zugeführt. Gegenwärtig werden daselbst im Durchschnitt jährlich 50.000 q Stabeisen erzeugt, somit nahezu das dreifache Quantum der 21S anfänglichen Production. Im Gradenberger Eisenwerk wird seit dem Uebergang in den Besitz von Heinrich Mitsch ausschliesslich sogenanntes Commerz-Stabeisen, und zwar hauptsächlich als Materiale für Hufeisen, Schrauben, Muttern, Nieten, Bandeisen und Radreifen erzeugt. Die Producte dieses Eisenwerkes, die zu jenen gehören, durch welche steiermärkische Erzeugnisse ihren hohen Ruf und Ansehen erwarben, werden hauptsächlich in Wien und Graz abgesetzt. - Das Gradenberger Etablissement steht nach den bisherigen Ausführungen zur Hochofenanlage zu Vordern- berg in dem Verhältnis, dass letztere den ersteren Betriebsstätten das nöthige Rohmaterial liefern, während sie selbst die Urstoffe aus dem Heinrich Mitsch angehörenden Antheile am Vordernberger Erzberge beziehen. Dieser nun in seinen mächtigen Vorkommen von Eisenstein ist Eigenthum mehrerer Unternehmungen; die bereits erwähnte Radmeister-Communität in Vordernberg, deren Mitglied Heinrich Mitsch durch seinen 1860 erworbenen Antheil wurde,, besitzt von dem gesammten Erzvorkommen am steirischen Erzberg 28°/ 0 , während 72 °/ 0 ausschliesslich der Oesterreichischen Alpinen Montangesellschaft gehören. Unweit von seinem Gradenberger Etablissement besitzt Heinrich Mitsch in Piberstein, einem der Gemeinde Puchbach zugetheilten Orte des politischen Bezirkes Voitsberg, einen Braunkohlen-Bergbau von bedeutender Rentabilität, welcher ein vollkommen aufgeschlossenes Braunkohlenflötz mit 20 — 28 m abbauwürdiger Mächtigkeit umfasst. Dieser Bergbau besitzt 14 einfache, 2 Doppel-Grubenmassen und 3 Ueberscharen, die auf die Gemeinden Puchbach, Kemmetberg und Lankowitz sich vertheilen. Die Kohle ist von lignitischer Beschaffenheit, gilt jedoch als eine der besten Marken des Köflacher Revieres, da sie einen Brennwerth bis zu 4700 Calorien aufweist. Der Besitz umschliesst einen nachgewiesenen natürlichen Kohlenvorrath von etwa 150 Millionen Meter- centner Kohle. Im Jahre 1860 wurden bei einer Belegschaft von 80 Mann ca. 40.000 Wiener Centner aus dem Pibersteiner Kohlenbecken zu Tage gefördert, die anfangs meist zu eigenem Gebrauche verwendet wurden. Eine umfangreiche Reorganisation des ganzen Betriebes, in welchem zweckdienliche Maschinen nun unter adäquater Erhöhung des Arbeiterstandes eine Production in grossem Maassstabe ermöglichen, hat die Firma Heinrich Mitsch in die Lage y gesetzt, ihre Braunkohle auf den Markt zu senden. Der namhafte Absatz, den sie fand, und der seinen Höhepunkt noch lange nicht erreicht hat, erfordert gegenwärtig eine jährliche Förderung von rund 6oo - ooo q Braunkohle, wofür eine Belegschaft von 250 Mann aufgestellt ist. Für die Arbeiterschaft in allen von Heinrich Mitsch betriebenen Unternehmungen wurden sehr erspriess- liche Einrichtungen getroffen. Abgesehen von allen Vorkehrungen zum Schutze und zur Sicherheit des Lebens und der Gesundheit der Bergleute bei ihrer Arbeit in den Tiefen der Erde wurden seitens der Firma Cassen gegründet, die nicht nur den Zweck verfolgen, im Erkrankungsfalle den Bergmann zu unterstützen oder ihm bei einem eventuellen Unfälle werkthätig zur Seite zu stehen, sondern auch für Arbeitsunfähige eine zum Lebensunterhalt ausreichende Pension zu gewähren. Diese Cassen werden von der Firma reichlich dotirt. Ausserdem erhalten sämmtliche Arbeiter der Firma, sowie deren Beamte Quartiergelder oder freie Wohnungen; insbesondere das Gradenberger Etablissement besitzt für diesen Zweck 10 neue Wohnhäuser, die mit allen nützlichen und die Führung des Haushaltes erleichternden Einrichtungen versehen sind. Ferner haben die Arbeiter den unentgeltlichen Bezug von Brennmaterialien; Lebensmittel werden ihnen zum Selbstkostenpreise abgegeben etc. Ebenso hat Heinrich Mitsch für die geistige und leibliche Erholung und Erfrischung der bei ihm Beschäftigten durch mancherlei Anstalten, wie z. B. Gründung und Einrichtung von Bädern Vorsorge getroffen. 28* — 219 schütterem permischen Sandsteine bedeckt. Die Folge davon ist, dass sozusagen jeder Tropfen des atmosphärischen Niederschlages aufgesogen und den Grubenbauen durch Klüfte, poröse Sandsteine und Tagebrüche etc. zugeführt wird. Die Ausrichtungen im Streichen sind ungefähr auf 4000 m gediehen; die Teufe variirt zwischen 70 und 100 m, je nach der Configuration der Taggegend. Das Wasserquantum, welches gegenwärtig den Grubenbauen pro Minute zusitzt, beträgt 14.500 /. Zur Gewältigung dieser Wassermassen dient vor allererst eine zweicylindrige, unterirdische, direct wirkende Wasserhaltungsmaschine von 70 cm Cylinderdurchmesser und in cm Kolbenhub. Der Plungerdurchmesser beträgt 33 cm. Es gibt daher diese Maschine pro Tour theoretisch 350 / Wasser, welches auf die Höhe von 72 m zu drücken ist. Dieselbe arbeitet mit Expansion und Condensation. Weiter sind als Reserve drei obertägige Wasserhaltungsmaschinen eingebaut von zusammen 200 HP, und zwar zwei liegende mit Kunstwinkelübertragung und eine stehende, direct wirkende Rittingerpumpe. Gewöhnlich ist die unterirdische mit einer obertägigen im Gange. Alle obertägigen Maschinen arbeiten mit Condensation, und dient zu diesem Zwecke eine Evacuationsmaschine von 45 HP. Zur Dampferzeugung dienen neun Bouilleurkessel mit je zwei Unterkesseln von zusammen 406 m 2 Heizfläche, wovon sieben beständig im Betriebe sind und zwei als Reserve dienen. Darunter sind sieben Kessel mit Plan- und zwei mit Treppenrosten versehen. Der Arbeitsdruck beträgt 4 Atmosphären. Das Füllen der Kessel wird von zwei Speisepumpen besorgt, welche zugedrücktes Bachwasser den Kesseln zuführen, nachdem das vorhandene verunreinigte Grubenwasser hiezu nicht recht tauglich ist. Zum Herablassen und Heraufholen von Gegenständen und Materialien, dann zur Beförderung der Maschinenwärter für die unterirdische Wasserhaltungsmaschine dient eine Förderhaspel von 12 HP. Bei der Isabellaschachtanlage ist eine Werkstätte mit zwei Drehbänken, einer Hobel- und Bohrmaschine und allen anderen nothwendigen Behelfen eingerichtet. Nebenan ist eine Schmiede mit vier Feuern. Die für den Kesselbetrieb nothwendige Kohle wird mittelst Schmalspurbahn mit Locomotivbetrieb in eisernen Kipp wägen von 10 q netto Fassungsinhalt vom 1 3 oo m entfernten Arthurschachte zugefahren. Grubenbetrieb der Gruppe Tenczynek. (Belehntes Feld: 3,383.36i m 2 .) In Tenczynek ist an vielen Stellen das Kohlengebirge zu Tage tretend, und wurde schon gegen Ende des vorigen Jahrhunderts dort etwas Kohle gewonnen. Im Thiergarten daselbst wurden neuerer Zeit schwächere Kohlen- flötze bis (75 m ober der Thalsohle, in Folge der schützenden Juradecke unberührt, constatirt. Es wurde der Entschluss gefasst, einen Stollen von der Krzeszowicer Seite gegen Süden zu treiben, welche Arbeit gegenwärtig auch in Ausführung steht. Der Stollen wird die ältesten Flötze der Kohlenablagerung erschliessen, und zwar sind dieselben gleichalterig mit den Petrzkowitzern des Ostrauer und Golonogern des russisch-polnischen Reviers. Der Stollen wurde von der Thalseite in einer abgefallenen Partie des oberen weissen Jurakalkes angeschlagen und in demselben 170 m vorgetrieben. Mit den 170 m wurde eine sand- und wasserführende Kluft erreicht, hinter welcher Kohlenschiefer auftrat. Das Einfallen betrug in demselben 20° gegen Norden. Im weiteren Vortriebe verflachte der Einfallswinkel, bis vollständige horizontale Schichtung eintrat, welche kurze Zeit anhielt, um nach und nach einem südlichen Einfallen Platz zu machen. In dieser Kuppe traten Kohlenkalke mit marinen Thierresten auf. Im Kohlengebirge selbst wurde der Stollen bereits 750 m vorgetrieben. Das Gestein ist milder flötzleerer Kohlenschiefer mit [marinen Versteinerungen. Der Einfallswinkel variirt zwischen 8 und 16 0 . In den Schiefern treten stellenweise Sphaerosiderite auf, und es wurde öfter die merkwürdige Beobachtung gemacht, dass dieselben Asphalt führen. Man hoffte, analog der Ablagerung in Russisch-Polen, noch tiefere Flötze, als wie bereits früher in Tenczynek constatirt wurden, zu erreichen, jedoch scheinen dieselben gegen Osten nicht mehr fortzusetzen, oder aber der flötzleere Kohlenschiefer wird mächtiger. Derselbe wurde bereits in einer senkrechten Mächtigkeit von i 3 o m constatirt, und man wird noch an 40 m durchzufahren haben, um in das liegendste, bereits bekannte Flötz und in weiterer Folge zu den hängenderen zu gelangen. Im vierten Lichtloche wurde bereits das Ausgehende eines Flötzes constatirt. Die Tenczyneker Kohle ist eine sehr gute Gaskohle und für alle technischen Zwecke verwendbar. Der Stollen wird mit drei Drittel vorgetrieben, und muss derselbe ganz in Zimmerung gehalten werden. Die monatliche Auffahrung bei 2-25 m Höhe und i'8m Breite beträgt 90 m. Die Herausforderung wird jetzt mittelst Geleise und Pferden bewerkstelligt, bei der künftigen Kohlenförderung wird dieses entweder mit Drahtseil oder Elektricität geschehen. Wegen der Nähe des Bahnhofes Krzeszo- wice wird die Weiterbeförderung keine Schwierigkeiten bieten. Da nun einerseits die Sierszaer Flötze jünger als die sogenannten oberschlesischen Sattelflötze, dagegen andererseits die Tenczyneker älter als dieselben sind, so ist folgerichtig anzunehmen, dass zwischen diesen beiden Schichtensystemen die Sattelflötze sich abgelagert vorfinden sollten. Zu diesem Zwecke ist auch eine Bohrung im Gange, doch ist dieselbe noch nicht so weit gediehen, um über positive Resultate Aufschluss geben zu können. B. Erzbergbaue. In den triadischen Schichten, und zwar in den untersten Schichten des Dolomites, treten hier Zink-, Blei- und Eisenerze auf. Am frühesten wurden Bleierze gebaut, denn schon im Jahre 1415 erhielt der Besitzer von 226 zwei Cornwalkessel von zusammen 248 m 2 Heizfläche. Zwei davon sind im Betriebe, und zwei dienen als Reserve. Die Dampfspannung beträgt 6 Atmosphären. Durch diesen Schacht, welcher eigentlich keine definitive Anlage darstellen soll, wird die Erzlagerstätte auf eine Teufe von mindestens 80 m untersucht werden; wird es sich wie bisher zeigen, dass dieselbe auch weiterhin edel anhalten, möglicherweise gegen das Muldentiefste noch besser werden wird, dann erst kann an eine definitive Anlage gedacht werden. Die Erzförderung auf den beiden Revieren überhaupt betrug in den letzten zehn Jahren: Zinkerze 884.348 q, Bleierze 12.442 q, Eisenerze 16.747 <7. C. Thonbergbau Grojec-Miröw. Die feuerfesten Thone des Krakauer Gebietes werden noch dem Jura zugerechnet, dieselben sind jedoch älter als die Macrocephalus- Schichten. Die feuerfesten Thone sind in Sand, welcher stellenweise zu Sandsteinen cementirt ist, eingelagert. Die Mächtigkeit der fast durchgehends horizontal abgelagerten Thone variirt zwischen 20 und 3oo cm. Hiebei ist die Beobachtung gemacht worden, dass je stärker, desto verunreinigter dieselben auftreten, namentlich durch Schwefelkiese. Die Thone selbst stellen, den Versteinerungen nach, eine Süsswasserablagerung dar. Das Liegende der feuerfesten Thone sind Sand und stellenweise Sandsteine; dieselben lagern auf Muschelkalk mit Lima und Saurierresten. Es fehlen also in dieser Gegend ganz die oberen Glieder der Trias. Von Interesse wäre noch die Erwähnung eines Umstandes, nämlich die Beseitigung der Grubenwässer. Beim Abteufen hat man, besonders in den oberen Schichten des weissen Jura, ziemlich viel mit Wasser zu kämpfen. Ausserdem werden solche auch in den Strecken und Abbauen in Folge Durchreissens der Decke erschrotet. Um nun diese Wässer nicht durch die 50—60 m tiefen Schächte herauffördern zu müssen, genügt es, in dem Liegendsand bis auf den Muschelkalk Schächtchen (Duckein) niederzuteufen, und die oftmals mächtigen Wässer verlieren sich in den Spalten desselben. Gegenwärtig wird die Förderung nur durch Menschenhände verrichtet. Der Ausbau der Bahnlinie Trzebinia—Skawce, welche unweit vorüberführen wird, lässt für diesen Bergbau das Beste erhoffen, denn derselbe leidet heute unter der Concurrenz und den hohen Frachtenlöhnen bis zur nächsten Bahnstation Krzeszowice. Es werden drei Sorten von Thon erzeugt, und zwar Nr. I, II und III. Die Analysen der Miröw-Grojecer Thone (grubenfeucht) ergaben: Miröw Grojec 29.84% Thonerde.27.05% o. 79 » Magnesia. o.5 4 » 55.30 » Kieselsäure.57.50 » o.§q s Kalk ....... 0*62 ^ 2. 24 » Eisenoxyd. 2.60 » o.83 » Phosphorsäure .... — » 10. 4 o » Glühverlust.n. I4 » 100.80% Summa.100.06 % Eine zweite Analyse der Miröwer Thone ergab: Thonerde. 33. 99 % Kieselsäure . 52. 74 » Flussmittel. 2.8! » Wasser. 10. 4 6 » Summa . . . ioo. 00 % D. Zinkhütte und Blendenröstanstalt in Krze bei Trzebinia. Die Arthurzinkhütte in Krze wurde im Jahre 1823 gegründet. Eine ältere Zinkhütte unter dem Namen «Sofia» mit 12 Oefen bestand seinerzeit in Siersza. In Krze sind 18 Oefen nach dem oberschlesisch-belgischen System eingebaut, und zwar 6 Oefen à 36, 2 Oefen à 32 und 10 Oefen à 28 Muffeln. Gegenwärtig sind 15 Oefen mit zusammen 468 Muffeln im Betriebe. Die monatliche Zinkproduction beträgt 1600*7, dann Poussière (Zinkstaub) 110 q. Der Zinkgehalt der Beschickung variirt zwischen 17 und 20%, davon ist Galmei 55% und Blende 45%. Das für jeden Ofen bestimmte Quantum calcinirten Galmeies und gerösteter Blende wird mit Coaks- oder Rostfallzünder vermischt und kommt zur Réduction in die Muffeln; dieser Process dauert 24 Stunden. Die Oefen werden mit Steinkohlengas betrieben, welches in Gasgeneratoren mit Unterwind erzeugt wird. Die Temperatur beträgt in den Oefen an i4oo°C. Die Generatoren werden mit eigener Kohle getrieben und dienen zur Pressung des nothwendigen Luftquantums Centrifugalventilatoren mit Dampfbetrieb. Zur Erzeugung der feuerfesten Materialien und der Muffeln ist ein eigenes Gebäude mit den nothwendigen Maschinerien zum Mahlen und Mischen, dann den nothwendigen Arbeitsund Trockenräumen bestimmt und eingerichtet. Alle nothwendigen feuerfesten Materialien werden in eigener Regie und aus den Thonen der eigenen Bergbaue erzeugt. Die Muffeldauer beträgt durchschnittlich acht Wochen. Der 228 Die Entdeckung dieser Lagerstätten 1790 vermittelten Ausbisse fettschwarzer Massen. Den ersten Werth gab diesem Mineral seine Eigenschaft, als Schmiermittel dienen zu können; in der Folge zogen viele Industriezweige den Grafit zur Benützung heran, so die Erzeuger von Farbwaaren und feuerfesten Materialien, die Bleistift- und Ofenschwärzefabrikanten und vor Allem die Eisen- und Stahlindustrie. Mit primitiven Gräbereien 1812 auf 6 Grubenmassen beginnend, entwickelte sich dieser Bergbau theils durch zielbewusst durchgeführte Aufschlüsse bei strenger Beobachtung der Nachhaltigkeit, theils durch Erwerbung nachbarlicher Werke bis heute dergestalt, dass die Jahresproduction dem Gewichte nach mit circa 25 °/ 0 und dem Werthe nach mit 32 % an der gesammten Weltproduction Antheil nimmt. Der Jahreserzeugung 1814 von 200 q steht im Jahre 1850 eine solche von 10.000 <7 und im Jahre 1897 die bis nun erreichte Höchstzahl von 98.000 q gegenüber. Die Zahl der Arbeiter erhöhte sich gleichfalls von 100 (1870) auf 63 o gegenwärtig. Zu den wichtigsten Ereignissen in der Entwicklung dieses Bergbaues zählen die käuflichen Erwerbungen der Nachbarwerke, und zwar 1886 jene des Egg'ert’schen Werkes und 1892 jene des Mugrauer Bauernwerkes. Diese Verschmelzung erst gab den fürstlichen Grafitwerken ihre heutige Form und ihre Stellung am Weltmärkte. In 250 einfachen Grubenmassen und 73 Ueberscharen bewegt sich gegenwärtig der unterirdische Bau, welcher, 5 km offene Strecken umfassend, durch sechzehn 50—100 m tiefe Schächte mit der Tagesoberfläche zusammenhängt. Die Förderung, Wasserhaltung und Aufbereitung besorgen 14 Dampfmaschinen von zusammen 600 Pferdekräften. Der Hauptfeind des Bergbaues war und ist das Grubenwasser, dessen Hebung mehr als die Hälfte der obigen Dampfarbeit benöthigt und derzeit die Bestellung eines weiteren ioopferdigen Motors dieser Art bedingte. Den grössten Theil der 15.000 m 2 bedeckenden Tagesbauanlagen benöthigt die Aufbereitung, da die so ausserordentlich verschiedenen Verwendungsarten des Grafites allmählich nicht weniger als 60 Sorten herangebildet haben. Hiebei sind zwei Hauptgruppen zu unterscheiden: die Naturwaaren und die Raffinaden. Erstere, an Sortenzahl geringer, sind die Begründer des guten Rufes der Schwarzbacher Grafite, durch Reinheit und Milde zur Bleistift- und Blockfabrication vorzüglich geeignet. Unter den Raffinaden bilden die kohlenstoffreichen und flinzigen Marken desgleichen eine Specialität Schwarzbachs. Dies erklärt es auch, dass an dem Absätze das Inland nur mit 3 o, hingegen das Ausland mit 70 % betheiligt ist. Im innigsten Zusammenhänge mit den Grafitwerken steht die 1888 erschlossene Torfau bei Fleissheim. Auf diesen Brennstoff, der in mächtigen Lagern unweit der Werke zur Verfügung steht, basiren seit 1875 die Dampfkesselanlagen, und parallel zur zunehmenden Grafitproduction folgte daher jene der Torfgewinnung. Derzeit werden von 220 Arbeitern jährlich circa 40.000 m 3 Torf gestochen. Trabanten der Torferzeugung sind ferner die 1894 errichtete Torfstreu- und Mullfabrik, sowie die 1897 erbaute Anlage zur Herstellung wärmeschützender Torfschalen. Seit 1895 verbindet eine schmalspurige Locomotivbahn von 11 km Länge die Werksanlagen untereinander, mit der Torfau und dem Schwarzbacher Localbahnhofe. Die jüngste montanistische Thätigkeit erstreckt sich, wie bereits erwähnt, auf den im Jahre 1880 eingeleiteten Eisenstein- und Thonbergbau bei Zliv; den heutigen Umfang dieses Werkes soll kurz die jüngste Jahressumme der Förderungsproducte von 167.000 q und der Arbeiterstand von 50 Mann kennzeichnen. II. In Steiermark. Die Montanindustrie des Fürsten Schwarzenberg in Steiermark blickt auf eine lange Zeit zurück und hat in ihrer Entwicklung mannigfache Wandlungen erfahren. Den Ursprung bilden die Hammerwerke bei Murau, welche 1623 in den Besitz' des Fürstenhauses gelangten. Eine bedeutende Erweiterung erfolgte durch die Gründung der Turracher Werke unter dem Fürsten Johann Adolf (1657). Dort hatte des Fürsten Rathgeber, der gelehrte Domherr Bredinus, ein mächtiges Erzlager entdeckt und einen Stückofen erbaut. Zur Verarbeitung des so gewonnenen Roheisens wurden die nachmals so berühmten Paaler Hämmer gegründet und successive zahlreiche Hammerwerke in Murau, Unzmarkt, Katsch und Scheifling erworben, zu deren Verwaltung Fürst Josef Adam 1767 ein eigenes Eisenamt in Murau errichtete. Zur Behebung der Schwierigkeiten in der Roheisenbeschaffung wurde 1789 das Radwerk Nr. 12 in Vordernberg erworben, dem 1802 und 1807 eine abermalige Vermehrung des Hammerbesitzes durch den Ankauf des Bruckenhammers in Murau und der Hammerwerke in Niederwölz folgte. Eine neue Aera brach für die fürstliche Eisenindustrie an, als sich Fürst Josef zum Baue eines Hochofens in Turrach entschloss, wodurch sich die Production von 10.000 auf 60.000 Wr.-Ctr. erhöhte. Das Roheisen wurde theils verkauft, theils in den Hämmern auf Stahl und Eisen weiter verarbeitet. Durch ihre Güte zeichneten sich besonders die Paalstähle aus, welche in bedeutenden Mengen exportirt wurden. Zur Bekämpfung der Holzkohlennoth wurden mit grösserem Waldbesitz ausgestattete Güter und Concurrenz- werke erworben, so das aufgelassene Silberbergwerk Ramingstein, die Eisenwerke St. Andrä und Kendlbruck. Epochemachend und von einschneidender Wirkung auf die fürstliche Montanindustrie war die Einführung des Bessemerbetriebes in Turrach als des ersten in Oesterreich. Im Jahre 1874 wurde auch das seit 1834 Die Gross-Industrie. I. 3o 233 im fürstlichen Besitz befindliche Kohlenbergwerk Feeberg durch den Ankauf der Hummer’schen Bergwerke bedeutend erweitert. Zahlreiche Schürfungen auf Kohlen hatten geringen Erfolg. Von grösserer Bedeutung war nur die Auffindung der Anthrazitlager in Turrach. Die vermehrte Verwendung fossiler Brennstoffe bei den Hüttenprocessen und der zunehmende Bahnbau hatten ungeheure Verschiebungen in den Productionsstätten zur Folge. Die alten Hämmer konnten die Con- currenz mit den neuen Walzwerken nicht aufnehmen, und so sehen wir die einst blühende fürstliche Hammerindustrie seit den Siebzigerjahren im Verfalle. Mit der successiven Auflassung der Hämmer begann die Reform. Es erfolgte zunächst 1872 der Bau einer modernen Hochofenanlage in Trofaiach, einige Jahre darauf (187g) die Errichtung eines Walzwerkes in Unzmarkt. Zur Deckung des Erzbedarfes für Trofaiach wurde 1887 auch das Radwerk Nr. 4 in Vordernberg und 1892 der Eisensteinbergbau Grillenberg in Niederösterreich erworben. Schon i8g3 und 1894 wurde das Walzwerk in Unzmarkt einem vollständigen Umbau unterzogen und auf eine bedeutend vergrösserte Production eingerichtet. Um eine bessere Roheisenverwerthung zu erzielen und der zunehmenden Nachfrage nach Flusseisen zu genügen, entschloss sich der regierende Fürst, eine Martinhütte in Trofaiach zu erbauen, welche mit December 1. J. dem Betriebe übergeben wurde, sowie auch auf dem Werke Turrach zahlreiche Verbesserungen und Neuherstellungen durchzuführen. Gegenwärtig umfasst der fürstliche Montanbesitz die Werke Turrach, Murau, Unzmarkt, Vordernberg und Trofaiach mit den Eisensteinbergbauen Handlalpe und Grillenberg. Die Anlage in Turrach besteht aus dem Hochofen, der Bessemerhütte und der Giesserei. Der Hochofen verhüttet die ausgezeichneten Brauneisensteine der dortigen mächtigen Erzlager. Die Erzröstung erfolgt theils in Schacht-, theils in Flammöfen. Das 1897 neu aufgestellte Gebläse kann sowohl durch Wasser- als durch Dampfkraft betrieben werden. Die Bessemerhütte enthält 3 Converter mit je 25 q Einsatz. Zum Betriebe des Bessemergebläses dient eine Zwillingsdampfmaschine. Die geräumige Gusshalle ist neu erbaut und besitzt 1 Cupolofen und 1 Laufkrahn von 8 t Tragkraft. Die Jahresproduction beträgt 3o.ooo—35.000 q Graueisen, das theils verkauft, theils auf Bessemerstahl und Gusswaaren weiter verarbeitet wird. Der Arbeiterstand ist 200. Die beiden Murauer Hämmer beschäftigen sich hauptsächlich mit der Erzeugung von Guss- und Frischstählen. Die Herstellung des letzteren erfolgt nach der Kärntner Methode aus Turracher Graueisen und bildet derselbe nebst Puddelstahl auch das Hauptmaterial für die Gussstahlerzeugung. Die Jahresproduction beträgt circa 2000 q bei einem Arbeiterstande von 40 Mann. Das Walzwerk in Unzmarkt benützt die mächtige Wasserkraft der Mur und hat die Aufgabe, die von Turrach und Trofaiach producirten Rohmaterialien zu raffiniren. Zur Erzeugung der Eisenhalbfabrikate dienen 2 Frischfeuer und 4 Puddelöfen nebst 1 Dampfhammer und 1 Luppenwalzwerk. Dieselben werden dann in 2 Siemensgasöfen auf Schweisshitze gebracht und auf einer Mittel- und einer Feinstrecke zu Stab- und Bandeisen ausgewalzt. Der Antrieb beider Strecken erfolgt durch eine Girard’sche Doppelkranzturbine, und zwar der der Mittelstrecke direct, jener der Feinstrecke aber mittels Hanfseilen von 50 mm Stärke. Die Jahresproduction beträgt circa 55.000—60.000 <7 Stabeisen und Flussstahl, der Arbeiterstand 200. Die Hochöfen Nr. 4 und 12 in Vordernberg besitzen je einen Erzantheil am Erzberg und sind für Holzkohlenbetrieb eingerichtet. Sie sind gegenwärtig ausser Betrieb, da ihre Erze in Trofaiach verschmolzen werden. Die Eisenwerke in Trofaiach bestehen aus Hochofen und Martinhütte. Der Hochofen ist 15-8 m hoch und auf eine tägliche Erzeugung von 3o—40 t zugestellt. Das Gebläse ist eine liegende Zwillingsmaschine mit Antrieb durch ein eisernes, oberschlächtiges Wasserrad von 8 m Durchmesser- Statt des letzteren kann auch eine Hochdruckmaschine von 120 HP mittels Vorgeleges mit dem Gebläse in Eingriff gebracht werden, um auch bei Wassermangel die gleiche Production zu erzielen. Die Winderhitzung erfolgt in einem Gier’schen Röhrenapparat, die Erzröstung in 14 Fillafer’schen Gasöfen. Wassertonnen-Aufzüge vermitteln den Transport auf die Gicht und die Verladung in die Eisenbahnwaggons auf dem Schleppgeleise, durch welches das Werk mit dem Bahnhofe verbunden ist. Die Martinhütte enthält einen basisch zugestellten Martinofen auf 10 t Einsatz. Die ganze Betriebsanlage ist mit hydraulischem Druck von 50 Atmosphären ausgestattet. In dem Martinofen wird dem Hochofen flüssig entnommenes Roheisen im Wege des Erzoxydationsprocesses unter Zusatz von höchstens 25 0 0 Alteisen zu Flussmaterial verfeinert. Die Production an weissem Holzkohlenroheisen beträgt 90.000—100.000 q, an Martinblöcken 40.000—50.000 q, der Arbeiterstand 100. 2 3 4 TRIFAILER KOHLENWERKS-GESELLSCHAFT. ie Trifailer Kohlenwerks-Gesellschaft wurde im Jahre 1873 gegründet und vollendet sonach heuer das 25. Jahr ihres Bestandes. Die Stammwerke bestanden aus den früher ärarischen Vodestollen und den Pongratz’schen, vormals Mauer’schen Werken, im Trifailer Thale im südlichen Theile Steiermarks, an der Grenze gegen Krain nächst der Südbahnstation Trifail, in einer Gesammt- ausdehnung von 78 Grubenmassen. Das Gesellschaftscapital wurde zuerst auf 1,500.000 fl. festgesetzt und zufolge Beschlusses der ersten ordentlichen Generalversammlung auf 3,000.000 fl. erhöht. Nachdem die Erträgnisse der ersten Jahre zur Zahlung von Kaufschillingsresten und zur theilweisen Bestreitung der noch erforderlichen Investitionen verwendet werden mussten, wurden die Dividenden den Actionären nicht in Baarem, sondern in neuen Actien verabfolgt. Zur vollen Deckung der vorerwähnten Investitionen wurde im Jahre 1874 ein 5°/ 0 iges Prioritätsanlehen im Betrage von 5 Millionen Francs in Gold aufgenommen. _ Im Jahre 1875 wurde zum Zwecke der Ausnützung des beim Trifailer Tagbaue gewonnenen Abraummateriales die Errichtung einer Cementfabrik daselbst beschlossen, welche Fabrik im darauffolgenden Jahre gebaut und im Jahre 1876 in Betrieb gesetzt worden ist. Eine weitere Erhöhung des Actiencapitals, und zwar auf 6,000.000 fl. erfolgte im Jahre 1880, als die an Trifail gegen Osten und Westen anstossenden Werke Sagor und Hrastnigg von der Trifailer Kohlenwerks- Gesellschaft käuflich erworben wurden. Zu diesem Zwecke wurde ausserdem ein 5°/ 0 iges Prioritätsanlehen in der Höhe von 2-4 Millionen Goldgulden aufgenommen. Der leitende Gedanke, die Trifailer Kohlenwerks-Gesellschaft durch entsprechende neue Erwerbungen zu ver- grössern und zu einer mächtigen, der inländischen Concurrenz und dem englischen Importe die Spitze bietenden Gesellschaft zu gestalten, führte im Jahre 1881 zur Erwerbung der Steinkohlenwerke Carpano und Vines in Istrien. Bei diesem Anlasse wurde das Actiencapital neuerdings — auf 7,000.000 fl. — erhöht und ein 5 °l 0 iges Prioritätsanlehen im Betrage von 1 Million Goldgulden contrahirt. Während die Gebahrung in den ersten neun Geschäftsjahren einen, wenn auch mässigen Gewinn auswies, schloss die Bilanz des Jahres 1882 mit einem Verluste, da eine erhebliche Anzahl von ausstehenden Forderungen, welche aus der Geschäftsführung der früheren Jahre herrührten, als uneinbringlich abgeschrieben und andererseits nicht unbedeutende Auslagen, welche nach der Uebung der früheren Jahre auf Anlageconto hätten gebucht werden können, angesichts der hohen Belastungen der entsprechenden Capitalsconti aus dem Betriebe gedeckt wurden. Im Jahre i883 wurde eine Reduction des Actiencapitals von 7,000.000 fl. auf 4,900.000 fl. im Wege der Abstempelung beschlossen, um gewisse vom Ministerium verfügte Eliminirungen von Activposten, sowie die Re- ducirung der Buchwerthe einzelner als Apertinenzien der Kohlenbergwerke sich darstellenden Vermögensobjecte auf die effectiven Werthe durchzuführen. In demselben Jahre wurde die Dividendenzahlung wieder aufgenommen. Im darauffolgenden Jahre sah sich die Gesellschaft veranlasst, das benachbarte Kohlenbergwerk Liboje-Buch- berg bei Cilli auf eine Reihe von Jahren zu pachten und sich zugleich das Ankaufsrecht zu sichern. Eine weitere namhafte Vergrösserung des Montanbesitzes erfolgte im Jahre 1885 durch den Ankauf der krainischen Kohlenwerke in Gottschee. Hiefür war in erster Linie der grosse Reichthum an tagbaumässig zu gewinnenden Kohlen und in zweiter Linie der Umstand massgebend, dass die nutzbringende Verwerthung dieser überaus reichen Kohlenmittel die Ausführung des Baues der Unterkrainer Bahnen ermöglichte und deren Rentabilität sicherstellte. Weiters wurde im gleichen Jahre behufs Arrondirung des Kohlenbesitses von Trifail und Hrastnigg eine Transaction in Ansehung des zwischen diesen Werken eingekeilten Bergbaues Oistro durchgeführt, durch welche die Gesellschaft Miteigenthümerin dieses Werkes wurde. Durch eine weitere Transaction wurde der Gesellschaft ein ausreichender Einfluss auf die in und um Krapina befindlichen Kohlenwerke gesichert. Im selben Jahre wurden die bosnischen Kohlenwerke in Banjaluka und Omarska angekauft, um eine Concurrenzirung der Trifailer Kohle in ihrem Absatzgebiete gegen Sissek und Agram durch bosnische Kohle hintanzuhalten. Angesichts der consolidirten finanziellen Lage der Gesellschaft und in Anbetracht des Umstandes, dass die fixirten Amortisationsquoten der Prioritätsanlehen mit dem unter Zugrundelegung der normalen Productions- ziffer auf mehr als 200 Jahre reichenden Kohlenvermögen nicht im richtigen Einklänge standen, wurde eine Erstreckung der Amortisationsdauer angestrebt und thatsächlich im Jahre 1889 bei der Regierung auf Grund 3o* 23 5 genauester amtlicher Erhebungen des Kohlenvermögens der gesellschaftlichen Werke die Emission einer 4°/ 0 igen, in 45 Jahren amortisablen Prioritätsanleihe im Betrage von 4,400.000 fl. zur Durchführung der Conversion der drei gesellschaftlichen 5°/ 0 igen Prioritätsanleihen erwirkt. In diesem Jahre erfuhr der Kohlenbesitz der Gesellschaft eine weitere Arrondirung, indem die in der Nähe der Südbahnstationen Römerbad und Tüffer gelegenen Kohlenwerke Bresno und Hudajama durch Ankauf in das Eigenthum der Gesellschaft übergegangen sind. Auch wurde zum Zwecke der Commassirung des gesellschaftlichen Grubenbesitzes in Bosnien vom Kohlen-Industrie-Verein das Grubenfeld Szlavy erworben. Von der allgemeinen Strikebewegung im Jahre 1889 sind die gesellschaftlichen Werke trotz der günstigen Lebensbedingungen der Arbeiterschaft nicht verschont geblieben und sind aus der sohin eingetretenen Erhöhung der Arbeitslöhne der Gesellschaft bleibend bedeutende Mehrlasten erwachsen. Nichtsdestoweniger hat die Gesellschaft aus freien Stücken die Arbeitszeit der Häuer auf 8 Stunden herabgesetzt, wie überhaupt spontan Alles gethan und vorgekehrt wurde, was in wohlwollender Berücksichtigung der Wünsche der Arbeiter geschehen konnte. Zur Beschaffung der für die Etablirung der neuen Kohlenwerke erforderlichen Fonds hat die Gesellschaft im Jahre 1893 ein weiteres 4°/ 0 iges Prioritätsanlehen in der Höhe von 1 z j 2 Millionen Goldgulden aufgenommen. Die Werke Sagor, Trifail, Oistro, Hrastnigg, Bresno, Hudajama, Liboje und Krapina liegen in einem von West gegen Ost streichenden Flötzzuge von über 100 km Erstreckung. Auf dem bezüglichen Terrain sind 848 Grubenmassen und 1552 Freischürfe gelagert. Die Kohle der steirisch-krainischen Werke ist dunkel schwarzbraun, enthält sehr wenig freien Schwefel und ist zur Locomotivheizung und zu industriellen Zwecken, sowie auch zur Zimmerfeuerung vorzüglich geeignet. Die Kohle des Werkes Gottschee wird tagbaumässig gewonnen und derzeit fast ausschliesslich an die österreichischen Staatsbahnen abgegeben. In Gottschee besitzt die Gesellschaft 21 Grubenmassen und 14 Freischürfe. Der Montanbesitz der Gesellschaft in Istrien umfasst 146 Grubenmassen und 383 Freischürfe. Die Werke Carpano-Vines sind durch eine 10 km lange Locomotiv-Schleppbahn mit der Kohlenverladestelle in Valpidocchio am Meere verbunden, woselbst die Verladung der Kohle in die Schiffe bewerkstelligt wird. Die Istrianer Kohle kann, sowohl was den Heizwerth als auch die sonstigen Eigenschaften betrifft, der englischen Kohle gleichgestellt werden. An Nebenindustrien bestehen: a) in Trifail eine Cementfabrik mit 2 Doppeletagenöfen mit einer Leistungsfähigkeit von 4 Waggons Portland 'pro Tag. Der Trifailer Cernent übertrifft, was Qualität anlangt, die behördlich aufgestellten Druck- und Zugfestigkeitsnormen weitaus und geniesst allenorts das beste Renommée. Am Werke Trifail steht ausserdem ein Ziegel-Ringofen mit 16 Kammern und einer Leistung von über 3 Millionen Ziegeln im Betriebe. b) In Sagor befinden sich eine Glashütte mit 4 Gasöfen, eine Zinkhütte mit 7 Doppeldestilliröfen, 10 Kalköfen und 2 Ziegelöfen; c) am Werke Carpano steht eine Briquettesfabrik nach System Yeadon mit einer Leistungsfähigkeit von 100 ? per Schicht im Betriebe. Während des 25jährigen Bestandes der Gesellschaft wurden im Ganzen 15,002.593? Kohle erzeugt. Die Production ist von 140.690? im Jahre 1874 au f 1,128.184? i m Jahre 1897 gestiegen, mit welcher Ziffer jedoch die Leistungsfähigkeit der Werke nicht erschöpft ist. Die meisten Werke sind mit den Stationen der Hauptbahnen durch Schleppbahnen verbunden, zu welchem Zwecke 16 theils schmalspurige, theils normalspurige Locomotiven zur Verfügung stehen. Die Gesellschaft verfügt über einen Wagenpark von 5258 Hunden und beträgt die Gesammtlänge der Gruben- und Tagbahnen 2o3‘5 km. Der Stand des bei den Bergbauen und den Industrien beschäftigten Personales beläuft sich auf 66 Beamte, 128 Aufseher und 5719 Arbeiter. Der gesellschaftliche Grundbesitz umfasst eine Fläche von 1593 ha, wovon ein Theil durch den Bergbau devastirt ist, der grössere Theil aber bewirthschaftet wird. Zur Unterbringung der Arbeiter dienen 276 Wohnhäuser, ausserdem bestehen noch 197 Werksgebäude. Der Stand der maschinellen Errichtungen stellt sich auf 68 Kessel mit 1276 m 2 Heizfläche und 73 Maschinen mit 1637 HP. In den ersten 10 Jahren ihres Bestandes, d. i. vom Jahre 1873—1882, hat die Gesellschaft an Steuern 848.874 fl. 89 kr., an Actiendividenden 1,591.125 fl. zumeist in neu emittirten Actien gezahlt, während in der folgenden 15jährigen Periode von i883 —1897 an Steuern 2,601.996 fl. 69 kr. entrichtet und an Dividenden 5,964.000 fl. unter die Actionäre vertheilt wurden, so dass seit Gründung der Gesellschaft 3,450.871 fl. 58 kr. an Steuern und 7,555.125 fl. an Dividenden ausgezahlt worden sind. Der Buchwerth des Grund- und Waldbesitzes sämmtlicher Hochbauten, der Maschinenanlagen, der Industrien und des Inventars mit Ende 1897 beträgt 893.928 fl. 17 kr. Schliesslich sei noch bemerkt, dass in Trifail aus Rücksicht auf die bessere Ernährung der Arbeiterkinder eine Milchwirthschaft ins Leben gerufen worden ist, welche jährlich über 80.000 l Milch an die Werksarbeiter zum Selbstkostenpreise abgibt. 236 DAS NORDWESTBÖHMISCHE BRAUNKOHLENBECKEN. WENZEL POECH, DIRECTOR DER GEWERKSCHAFT BRUCHER KOHLENWERKE IN TEPLITZ. Der vom Südrande des Sees sich ausbreitende, von Wasserläufen durchzogene Landstrich des mittleren und südlichen Böhmens war von Wäldern bedeckt, und es ist wohl anzunehmen, dass die Vegetation des ganzen Landes ihre Beiträge durch das Wasser als Transportmittel zur Bildung der mächtigen Braunkohlenablagerung am Fusse des Erzgebirges geliefert hat. Der Elbedurchbruch durch das sächsischböhmische Quadersandsteingebirge hatte sich noch nicht vollständig vollzogen, das Gestein war noch nicht bis zur jetzigen Flusstiefe durchbrochen, sondern bildete ein Ueberfallwehr als Abfluss des Sees, in dessen ruhigem Wasser die allmälige Ablagerung der Pflanzenreste stattfand. Gleichzeitig und in den folgenden geologischen Zeiten hat sich die Erdsenkung am Südabhange des Erzgebirges, die Bildung der den Geologen bekannten grossen Bruchspalte längs desselben fortgesetzt, und die in der Bildung begriffenen Kohlenflötze sanken in grössere Tiefen. Die Braunkohlen des nordwestlichen Böhmens gehören der Süsswassermolasse tertiären Alters, der Miocänformation an. Das nordwestböhmische Braunkohlenbecken, die gegenwärtig bedeutendste Kohlenproductionsstätte Oesterreich-Ungarns, erstreckt sich in wechselnder Breite von 2—10 km längs des Südabhanges des Erzgebirges von Aussig bis Eger. Die Nordgrenze der Formation, welcher die böhmische Braunkohle eingelagert ist, wird scharf gezogen durch die enggeschlossene, wenig gegliederte Kette des in der Hauptsache aus Gneis bestehenden Erzgebirges. Die Begrenzung im Süden wird vorherrschend gebildet durch das aus eruptiven Massen von Basalt, Phonolith und deren Tuffen bestehende böhmische Mittelgebirge. Die eruptiven Massen haben das Braunkohlenbecken an vielen Stellen eingeengt, auch durchbrochen und auf eine grosse Strecke — von Klösterle bis Karlsbad — ganz unterbrochen. Durch diese Unterbrechung zerfällt die Ablagerung in zwei grosse Theile: in das Aussig-Komotauer und das Elbogen-Falkenauer Becken. Das Aussig-Komotauer Becken ist das weitaus bedeutendere, sowohl in Bezug auf den vorhandenen Kohlenreichthum, als auch in Bezug auf die Kohlenproduction. Auch in der Art, Anzahl und Mächtigkeit der Kohlenflötze bestehen zwischen diesen beiden Becken wesentliche Unterschiede. Während im Aussig- Komotauer Becken in der Hauptsache nur ein Flötz von bis zu 3om Mächtigkeit in meist sehr regelmässiger Ablagerung vorhanden ist, sind im Elbogen-Falkenauer Becken zumeist drei Flötze vorhanden, die in ihrer Ablagerung jedoch grosse Störungen aufweisen. Die Anfänge des böhmischen Braunkohlenbergbaues finden sich im 16. Jahrhundert in der Mittheilung, dass Einwohner von Komotau die von den Flötzausbissen erzeugte Kohle für eine Alaunhütte benützten. Die von Kaiser Ferdinand I. am 1. August 1550 dem Joachimsthaler Hauptmanne Bohuslav Felix von Lobkowitz und Hassenstein auf Litzka und seinen Gewerken ertheilte Bergfreiheit für die Steinkohlenwerke im Saazer, Leitmeritzer und Schlaner Kreise weist darauf hin, dass schon damals die Braunkohlen Nordböhmens bekannt waren. Im 17. Jahrhundert soll einem gewissen Franz Weidlich, Bürger in Brüx, ein Privilegium zur Gewinnung von Kohle gegeben worden sein. Der eigentliche Bergbaubetrieb auf Braunkohle scheint jedoch erst um die Mitte des vorigen Jahrhunderts aufgenommen worden zu sein. In den gräflich Westphälischen Gruben zu Arbesau und Hottowitz wurde im Jahre 1740, in einem Tagbaue nächst Aussig im Jahre 1760 Kohle gewonnen. Zu Anfang dieses Jahrhunderts wurden die gräflich Nostitz’sehen Werke bei Türmitz in Betrieb gesetzt, und um dieselbe Zeit wurden die gräflich Wolkenstein’schen Gruben bei Komotau und die der Duxer Stadtgemeinde bei Dux aufgeschlossen. Diese ersten Anfänge waren entweder Tagbaue oder Haspelschächte. Die maschinelle Förderung und Wasserhebung ist erst seit verhältnismässig kurzer Zeit in Gebrauch. Im Jahre 1856 wurde die erste Fördermaschine des böhmischen Braunkohlenbeckens auf dem gräflich Nostitz’schen Arnold-Schachte bei Türmitz in Betrieb genommen. Von einem wirklichen Aufschwung der Braunkohlen-Industrie konnte jedoch erst dann geredet werden, als die Versendung der Kohlen in grösseren Mengen auf weitere Entfernungen ermöglicht, als eine Bahnverbindung hergestellt worden war. Es erfolgte dies im Jahre 1858 mit der Eröffnung der Aussig-Teplitzer Eisenbahn. Von diesem Zeitpunkte ab hat sich die Leistungsfähigkeit des Beckens unablässig gesteigert, das Absatzgebiet für die Braunkohle immer mehr erweitert, so dass die Productionsziffer dermalen bereits eine nie geahnte Höhe erreicht hat. 24O Mit der Steigerung der Production haben aber auch alle übrigen betheiligten Factoren gleichen Schritt gehalten, beziehungsweise diese Steigerung ermöglicht. Alle bergtechnischen Fortschritte haben bereitwillige Aufnahme gefunden. Die Einrichtungen der Werksbetriebe haben eine hochgradige Vollkommenheit erreicht, so dass sie keinen Vergleich zu scheuen brauchen. Den Transportverhältnissen ist durch eine grosse Anzahl Eisenbahnen Rechnung getragen, welche das Gebiet in allen Richtungen durchkreuzen, und deren dichtes Netz nur am Niederrhein und in Belgien seinesgleichen finden mag. Gegenwärtig stehen i 3 o Schächte mit rund 3 o.ooo Arbeitern im Betriebe. Die Production im Jahre 1897 beläuft sich auf über 160 Millionen M.-Ctr. Die Statistik für das Jahr 1896 weist folgende Ziffern aus: Es wurden zu Tage gefördert: a) Im Elbogen-Falkenauer Reviere mit.4.880 Arbeitern 2,034.496 t b) Im Teplitz-Brüx-Komotauer Reviere mit .... 23.293 » 13,262.355 t Zusammen mit . . . 28.173 Arbeitern 15,296.851 t Hiernach hat jeder Arbeiter durchschnittlich geleistet: Im Revier a) 4.17 t » » b) 569 t Der Geldwerth dieser Production nach den Mittelpreisen betrug: Im Falkenauer Revier » Elbogener » » Komotauer » » Brüxer » » Teplitzer » 2,527.930 fl. oder 1,122.820 fl. » 679.391 fl. » 16,059.995 fl. » 4,886.935 fl. » 184 kr. pro Tonne 171 kr. » » 123 kr. » » 164 kr. » » 165 kr. » » Die bedeutendsten Productionsmengen wurden von folgenden Gewerkschaften, respective Schächten geleistet: Brüxer Kohlen-Bergbau-Gesellschaft. Gewerkschaft Brucher Kohlenwerke und Deutsch-österr. Bergwerks-Gesellschaft Nordböhmische Kohlenwerks-Gesellschaft. K. k. Kohlenwerke. Victoria-Tiefbau-Gewerkschaft und Habsburg-Schacht. Britannia-Gewerkschaft. Montan- und Industrial-Werke, vormals J. D. Starck. Duxer Kohlenverein. Adolf Schneider’sche Schächte. Gräfl. Sylva-Tarouca-Nostitz’sche Schächte. Perutz, Peter und Consorten (Austria-Gewerkschaft). Dux-Bodenbacher Eisenbahn-Gesellschaft. Germania- und Jupiter-Schächte. Richard Plartmann-Schächte. Zieditz-Haberspirker Gewerkschaft. Kaiser Franz Josef-Stollen. Heinrich Aue (Karbitzer Saxonia). Florentinen-Gewerkschaft. Triebschitzer Saxonia, G. G. Bobbe. Theresien-Tiefbau-Gewerkschaft. Dionysius- und Laurenzi-Zeche, C. W. Weinkauff in Dresden. Eleonoren-Schacht . Sylvester-Gewerkschaft, Dux. Hermann-Schacht. 3 ,727.627 t 1,356.217 t 1,203.358 t 819.815 t 609.854 t 556.5I 2 t 548.229 t 492.070 t 41 1.922 t 336.834 t 248.661 t 22 7.076 t 226.357 t 212.957 t 198.186 t 184.990 t 182.479 t i 8 i .338 t 169.538 t 158.830 t 152.266 t 137.176 t 137.019 t 132.939 t Die Gross-Industrie. I. 3i 241 Mariahilf-Schacht, J. Peter & Consorten . Union, V. Vondracek & Consorten. Reichenauer Kohlen-Gewerkschaft. Anglo-Oesterreichische Bank, Schächte bei Boden Agnes-Tiefbau-Schacht. Walpurgis-Schacht bei Dux. Fürstl. Lobkowitz’scher Schacht bei Bilin Elly-Schacht bei Eisenberg. Fraunlob-Schacht. Grohmann-Schächte. 125.994 t 119.437 t 1x7A27 t 126.635 t 116.298 t 108.206 t 109.149 t 105.639 t 103.926 t 103.298 t. Die an die Arbeiter ausgezahlte Lohnsumme belief sich nach den Ausweisen des Bruderlade Centralreservefondes im Jahre 1896 auf 14,515.544 fl. Ueber die Entwicklung des nordböhmischen Braunkohlenbergbaues seit dem Jahre 1861 gibt folgende Tabelle Aufschluss: Jahr / Production in Metertonnen Geldwerth in Gulden Arbeiter (incl. Weiber) Gesammt- production in Metertonnen Aussig- Komotau Elbogen- Falkenau Aussig- Komotau Elbogen- Falkenau 1 Aussig- | Komotau Elbogen- Falkenau 1861 599.803 115-265 871.641 228.272 _ 715.068 1862 648.958 124.o3o 915.073 264.090 — — 772.988 i863 720J74 i3g.36g i ,055.543 273.098 — — 859.743 1864 7g 1.780 i68.o83 1,131.572 341.378 — — 959-863 1865 768.038 177.677 1,052.182 398.567 3.716 — 945-715 1866 781.150 161.686 1,046.309 308.152 3-597 — 942.836 1867 i,o3g.i 10 200.685 1,357.262 378.114 3.805 —. 1,239.795 1868 1,206.257 2i3.gi3 1,568.990 412.268 4. i 36 — 1,420.170 1869 1,426.083 227.497 I ,749- I 4° 436.167 4-458 !5 3 9 1,650.580 1870 1,604.796 278.941 2,346.016 619.234 4.818 1720 1,883.737 1871 2,000.317 314.609 3,785.624 792.780 6-444 2383 2,314.926 1872 2,317.623 383.348 3,625.147 1,046.270 7.100 2637 2,700.971 1873 3,023.805 502.676 5, i 4 i -978 1,413.692 9.427 2941 3,526.481 1874 3,566.763 606.247 6,245.968 1,465.067 10.072 2435 4,173.010 1875 3,951.953 611.731 6,097.489 1,283.560 10.495 2347 4,563.684 1876 4,251.908 533.664 6,220.76g 1,281.290 10.661 2384 4,785-572 1877 4,411.446 552.005 5,891.291 1,278.237 10.425 2 4 I 5 4,963.451 1878 4,554.022 563.764 5,708.822 i,3o2.6g3 io.833 2461 5,117.786 1879 5,109.363 592.292 5,753.563 1,269.178 11.235 2443 5,701.655 1880 5,48i.45i 635.i3g 6,860.464 1,320.709 11.694 2727 6,116.590 1881 5,845.400 6g3.320 7,331.406 1,403.571 12.442 2972 6,538.720 1882 5,711.067 736.017 7,616.461 1,426.607 12.202 2869 6,447.084 i883 6,354.715 79 3 -4 i 5 8,448.405 1,495.328 12.532 3049 7,148.130 1884 6,412.822 855742 8,468.605 1,576.411 I2.g3g 3209 7,268.564 1885 6,814.745 932.221 8,454-77° 1,690.707 l3.226 3488 7,746.966 1886 7,385.815 1,005.134 9,182.755 1,810.605 13.738 3781 8,390.94g 1887 7,752.554 1,113.119 9,3i 1.023 2,001.224 14.484 4001 8,865.673 1888 8,665.949 1,307.651 10,541.779 2,200.816 I5-074 3986 9,973.600 1889 9,437.059 1,443.083 12,023.415 2,565.066 16.177 4140 10,880.142 1890 10,610.974 1,508.825 15,178.096 2,997-794 18.248 4772 12,119.799 1891 11,357.099 1,534.283 17,555-472 3,175.39° 20.333 5044 12,891.382 1892 11,466.334 1,620.736 17,296.339 3,195.289 20.701 4839 13,087.070 1893 11,477.884 i ,7 i 6 -57 6 20,407.583 3,32Ö.o3g 2 o .83 o 5259 13,494.460 1894 12,365.740 1,617.286 18,922.753 3,068.897 21.506 4772 i3,983.026 1895 12,840.210 1,881.941 20,463.937 3,423.440 21.778 4947 14,722.151 1896 13,262.355 2,034.496 21,626.321 3,650.750 23.2g3 4880 15,296.851 — 242 Von den producirten Mengen wurden verbraucht im Jahre 1896 im Inlande 51-7 °/ 0 , im Auslande 48U°/ 0 . An dem Transport der Kohle participirten die Eisenbahnen des Beckens im Jahre 1896 wie folgt: Es gelangten zur Aufgabe an die Aussig-Teplitzer Eisenbahn.8,002.157 / Buschtehrader Eisenbahn. 1,353.118/ K. k. österr. Staatsbahnen.3,798.151 / An der Elbe wurden in den Umschlagplätzen Aussig und Rosawitz in Schiffe verladen und nach Deutschland transportirt 2,067.689 /. Die für die böhmische Braunkohle wichtigsten Consumtionsplätze des Inlandes sind: 1896 Asch.65.035 / Budweis. 54.283/ Laun.1 31.836 / Lieben bei Prag.66.122/ Pilsen.153.790/ Prag.422.141 / 1896 Pribram .54.001 / Reichenberg.45.751/ Saaz.64.999 t Warnsdorf (inch Alt-Warnsdorf) . . . 55.726 / Wien.69.440 / Grössere Consumtionsplätze des Auslandes sind: 1896 Bautzen.82.784/ Berlin.102.328 / Brandenburg (zumeist per Schiff bezogen) 40.769 / Chemnitz.39.589 / Dömitz. 80.382 / Dresden.597.079/ Hof.85.160/ Kulmbach.58.890/ Leipzig. 92.612/ Magdeburg (zumeist per Schiff bezogen) 556.584 / Meissen.114.127/ Mügeln bei Pirna.65.701 / 1896 München. 140.989 / N iirnberg. 97.126 / Pirna. 79-459 t Potschappel. 74.316 / Potsdam. 58.517 t Radeberg. 123.230 / Riesa . 73.715 / Schönebeck . 81.553 / Tangermünde. 94.971 / Wittenberg. 54.052 / Wittenberge. 87.375 / Von einer Besprechung des Betriebes der Gruben soll hier abgesehen werden Der geehrte Leser wird aus den folgenden monographischen Schilderungen einzelner grösserer Bergwerksbetriebe des nördlichen Böhmens einen Ueberblick hierüber gewinnen. 3i* 243 Die Thätigkeit der Reviervertretung begann statutengemäss am i. Jänner 1879, steht sonach im 20. Jahre ihrer segensreichen Wirksamkeit. Es soll und kann nicht Aufgabe dieser Darstellung sein, auf alle Details dieser Wirksamkeit einzugehen, auch wollen wir nicht der unausgesetzten Kleinarbeit erwähnen, welche im Ganzen dennoch zum Gedeihen des nordwestböhmischen Braunkohlenbergbaues beigetragen hat; wir wollen vielmehr nur jener über Vorschlag und Veranlassung der Reviervertretung geschaffenen Institutionen in historischer Reihenfolge gedenken, welche als bleibende, den Anforderungen des fortschrittlichen Zeitgeistes rechnungtragende Errungenschaften zu gelten vermögen und als solche auch schon von massgebender Seite anerkannt wurden. Seit dem Gründungsjahre 1878 befand sich die Reviervertretung unter Leitung der Reviervorstände: Bergdirector F. W. Klönne (1878), k. k. Bergrath Karl Har tisch (1878—1 883 ), Bergdirector Richard Fitz (1884—1886), Bergdirector Richard Baldauf (1887—1890), Centraldirector Gustav Bihl ,(1891 —1892), Bergdirector Richard Fitz (1893), Centraldirector-Stellvertreter Gottfried Hüttemann (1894 bis jetzt). Das vornehmste Gebiet der Bethätigung des Revierausschusses lag seit jeher in der Verwaltung und Ausgestaltung der Wohlfahrtseinrichtungen für Bergarbeiter und Bergbeamte. Auf dem Gebiete der Arbeiterwohlfahrt hat denn auch die Reviervertretung im Vereine mit den im Bruderladen-Ausschüsse in gleicher Anzahl vertretenen, auf jedem Werke gewählten Knappschaftsältesten bereits seit langer Zeit einen grossen Theil jener Aufgaben erfüllt, die in der Folge den nach dem Gesetze vom 14. August 1896, R.-G.-Bl. Nr. 156, zu errichtenden Bergbaugenossenschaften zugewiesen worden sind. I. Brüx-Dux-Oberleutensdorfer Revierbruderlade. Die erste hervorragende Schöpfung des Revierausschusses nach seinem Erstehen war die im Jahre 1879 erfolgte vorläufige Vereinigung der mehreren Revier- und Werksbruderladen in eine einzige grosse, fast alle Werke des Revierbergamtsbezirkes Brüx umfassende Bruderlade: die «vereinigte Brüx- Dux-Oberleutensdorfer Revierbruderlade» mit 42 Bergbauunternehmungen, 16.685 Mitgliedern, 19.165 Angehörigen, zusammen mit 35.850 Personen mit Schluss des Jahres 1892. Die andauernd günstige Entwicklung dieser als Revieranstalt gegründeten Brüx-Dux-Oberleutens- dorfer Revierbruderlade und die den damaligen gesetzlichen Anforderungen weit voraneilenden Ge- bahrungsresultate der zu dieser Zeit bereits getrennt verwalteten Kranken- und Provisionscasse dieser Bruderlade bringen wir in zwei besonderen Tabellen zur Anschauung. Die Verwaltung und Beaufsichtigung dieser Revierbruderlade, sowie die Besserung der sanitären Verhältnisse der Bergarbeiterschaft durch Regelung des sanitären Dienstes durch Anstellung einer grösseren Anzahl von Rayonärzten mit einem Chefarzt an der Spitze nahm bis zum Jahre 1892 die Thätigkeit des Revierausschusses hauptsächlich in Anspruch. Nach erfolgter Sanctionirung des Gesetzes vom 28. Juli 1889, die Reform der Bergwerksbruderladen betreffend, wurde während der Verwaltungsperiode 1891.—1893 von dem damaligen Revier- vorstande, Centraldirector der Brüxer Kohlenbergbau-Gesellschaft Gustav Bihl, Alles aufgeboten, um durch Zusammenfassung aller begünstigenden Factoren diesem Arbeiter-Versicherungsinstitute den Ueber- gang zu den neuen Gesetzesbestimmungen vortheilhaft zu gestalten. Auf die dank dieser Initiative durchgeführte Gründung der «Centralbruderlade für Nordwestböhmen» kommen wir später zurück. II. Jubiläumsfond zur Unterstützung der Beamten und ihrer Angehörigen. Mit Gewerkentagsbeschluss vom 20. November 1888 hat das Revier anlässlich des 40jährigen Jubiläums Sr. k. k. apostolischen Majestät, des Kaisers Franz Josef I. zur Unterstützung hilfsbedürftiger Werksbeamten des Reviers und deren Witwen und Waisen einen Beamten-Unterstützungsfond dem erhebenden Anlasse entsprechend aus freiwillig gespendeten Beiträgen der Gewerken im Betrage von i 8 .i 3 o fl. gegründet. 245 Gebahrungsübersicht der Versorgungscassa der vereinigten Brüx- Im Jahre Anzahl der activen Mitglieder E i n n a h m e n Zahl der Provisionisten Beiträge Sonstige Summe der Einnahmen Provisionen der Mitglieder der Werke Betrag entfällt auf ein Mitglied pro Jahr j Betrag entfällt auf ein Mitglied pro Jahr Betrag entfällt auf ein Mitglied pro Jahr Betrag entfällt auf ein Mitglied pro Jahr Männer Frauen 53 —> 6 u « *53 £ s *5 £ s *5 £ Betrag X a g W 3 2 « s, X x —- Betrag X rt c s 2 tH Ä -cl, X X Betrag X rf G c - W *■5 2 rt Ou X -o ,:c 3 Betrag G G W i 2 a X X «3 .2 Betrag X tu ^ U tu -a S ff °z Ih 9 20 21 22 23 24 - 25 26 27 28 29 3 o 3 i 32 33 34 35 ; 3 ü 37 Saldo-Uebertrag- 1878 37.875-32 290*00 1-26 0*07 100*00 0-43 0*02 9.173-99 39-93 2-26 I 5 - I 54'°4 65’95 3-73 7.822-09 3 4'°5 f 93 45 - 697 - 4 I 11-25 32972 1-44 0-07 68 - 3 o o - 3 o 0*02 38 i- 8 i i-66 o'og 8.457-69 36 - 8 5 1-93 14.493-34 63-15 3-29 61.190-75 i 3 - 6 g 457’84 1*01 0*1 I g 3 -oo 0*20 0*02 575'95 1-26 0*14 10.572-67 23-25 2-46 34.885-94 7675 8 -i 3 95.076-69 22*14 404*12 0-78 o"o8 95'°5 0*I9!0*02i 8.155-96 1-74 2.752-58 5-36 °'59 23 . 666-32 46-12 5’°4 27.652-34 53-88 5-89 122.729-03 26-12 3og‘20 0-50 o - o6 325-40 0*52;0*07^ 2.164-79 3-50 0-42 2.05 r8o 3-32 0*40 19.285-60! 3f2g 3-77 42.350-80 68-71 8-28 165.079-83 32"28 368-50 °'55 o - o6 500-55 o‘75jo-io 3 .i 68 - 3 2 4-76 0-62 2 . 633-83 3-96 0-52 23.530*14 i 4' 3 5 4-60 43.051-54 64-66 8-42 2 o 8 .i 3 i -37 40-69 443-42 o - 6i o - o8 923-00 1-26 0*17 2.891-95 3-97 o'5 3 2.431-66 3-33 0-44 26.650-80 36-55 4-84 46.260-71 63-45 8 " 3 g 254.392-08 46-15 909-64 1*24 0-15 955 ' 4 ° i- 3 o'o"i 6 2.759-92 3- 75 o' 47 j 3.994-58 5"44 o-68 l 32.704-56 44 ’ 5 ! 5-33 40.765-71 55'49 6‘go 295 -I 57-79 49-92 659-70 o -83 O-IO 1090*00 r 37 0*17 5.688-93 7-16 0*871 24.301-17 2 ) 30-583-71' 59.253-69! 74-58 9‘°5 20.195-38 25-42 3 -o 8 315.353-17 48-16 849-83 0-82 o-i 3 |x32o - oo|i-27!o-i9 4.030-97 3-88 °"59 2.663-42 2-56 o* 3 g; 41.745-12 40-19 6-15 62.125-00 59 - 8 i 9-16 377.478-17 55-63 799'45 0-74 o*xo| 576 ' 5 o 0-53:0-07, 2.999-46 2-79 o - 3 g 3 . 863-26 3’59 0-50! 46.093-84 42-84 5 ’95 61.500-31 57 -i 6 7’94 438.978-48 56-68 824-20 o -63 0*09' 86g-oo ! o-67 l o-og i 3.675-42 2-84 0*40! 5.016-66 3-87 0 ’ 54 : 53.089-40 41*02 57 i 76.325-28 58-98 8-20 515.303-76 55-39 1026-60 0*70 0*09' 458-00 o - 3 t 0*04! 5 .oo 3 - 68 3-41 0-46 4.963-61 3-38 0-46 60.536-32 41-23 5'54 86 . 2 i 3 - 74 58-77 7-89 601.517-50 55 -o 6 821-10 0'23 o-o6j 12.947-78 3'57 0-85; 1.760-00 0-48 o- 12I173.223-73 i: 20*19 4-84 289 . 435 * 6 l 79 - 8 i 19-09 890.953-11 5878 cassa eingehoben, welcher nach den bestehenden Statutenbestimmungen seitens der Mitglieder zu entrichten ist. Dux-Oberleutensdorfer Revierbruderlade vom Jahre 1879 bis 1892. u g n Aerztekosten | Medicamente und Heilmittel ' Begräbniskosten J Spitals- und Transportkosten Verwaltungsregie und Sonstige Summe der Ausgaben ansammlung Betrag entfällt auf ein Mitglied pro Jahr , der Einnahmen Betrag entfällt auf ein | Mitglied pro Jahr 1 , der Einnahmen j Betrag i entfällt auf ein Mitglied pro Jahr , der Einnahmen Betrag entfällt auf ein : Mitglied pro Jahr > der Einnahmen Betrag entfällt auf ein Mitglied pro Jahr , der Einnahmen Betrag entfällt auf ein Mitglied pro Jahr , der Einnahmen j Betrag entfällt auf ein Mitglied pro Jahr , der Einnahmen fl. fl. O"" fl. A. o~~ A. fl. o"* fl. A. ö~~ fl. fi. o ~~ fl. n. 0'" fl. A. o~" IÖ 17 18 ■9 20 21 22 23 24 25 26 27 28 29 3 o 3i 3 2 33 34 35 3(5 9-I58-97 2-25 24-68 8.528-54 2*10 il 22-93 |ji705'oo 0*42 4-59 368-87 0*10 0-99 943-65 0-23 2-55 37.114-02 9" I 4 9.691-73 2*20 24*1 I 10.004-38 2-28 24-89 2172*00 0-49 5-40 1667-49 o-38 4" I 5 929-85 0*21 2'3l 40.197-91 9-14 10.851-27 2-04 23 "i 8 11.540-91 2 - i8 2I‘8 o 335552 o'63 6-74 g20'i3 0*17 1-85 6.587-10 1-25 i 3 - 23 49.780-49 9-40 12.416-36 2-27 24-98 12.457-40 2-27 25-06 4006-00 0-73 8-o6 i883'3o 0-34 3-79 2.711-03 0-50 5'45 49.711-88 9-07 12.662-52 2 - i6 | 23-37 14.108-17 2*41 26-05 4382-64 075 8’og i 3 i 3’75 0*22 2*42 3.309-87 0-57 6'12 54.166-01 9-25 13.644-44 2*29 22*91 17.814-39 2-99 29-89 4621-80 0-77 7’75 919-61 0-15 I "54 2.912-34 0-49 4-89 59.590-38 9-99 14.684-17 2-27 21*24 20.352-67 3-15 29-44 4824-00 o-75 6-99 1926-53 o - 3o 2-78, 2.730-15 0*42 3-95 69.128-64 10-70 16.017-54 2*29 21-17 21771-3 5 3-12 28-76 6048-55 0-87 7’99 I7I5-54 0*24 2*27 i 3.193-65 0-46 4*22 75.687-58 10-84 i6.83o - 37 2*20 21-82 21.638-33 2-83 28-15 5275-80 o - 6g 6-84 2035-49 0*27 2-64 3.718-22 0-48 4-82 77.141-81 10-99 • 1 897 • ■ 1691 » Es stieg demnach die Arbeitsleistung vom Jahre 1848 an constant bis zum Jahre 1893 um I 57°/o> jedoch in Folge der durch das grosse Karwiner Grubenunglück und die 1894er Strikes erfolgten Minderförderung von 2^4 Millionen Metercentner wieder um i2°/ 0 . In einer Richtung ist das Ostrau-Karwiner Steinkohlenrevier gegen die ausländischen Bergbaue zurückgeblieben, und zwar in der Benützung der Elektricität zu den verschiedenen bergmännischen Nebenarbeiten, indem nur bei dem erzherzoglichen Albrechtschachte in Peterswald einige Förderhaspeln und bei dem Gutmann’schen Neuschachte in Orlau ein Wasserpumpwerk elektrisch betrieben wird. Doch wird schon jetzt allerorts projectirt und gearbeitet, um das Fehlende nachzuholen. Bei dieser Gelegenheit soll nicht unerwähnt bleiben, dass das im Jahre 1854 erlassene neue Berggesetz auch zur Förderung des Ostrauer Reviers unendlich viel beigetragen hat. Dem nicht immer ganz reell geführten Schurfkrieg vor dem Jahre 1854, bei welchem oft mit roher Gewalt oder hinterlistigem Vorgehen ein Grubennachbar den anderen benachtheiligte, machte das neue Berggesetz ein rasches Ende; und wenn auch dieses Berggesetz schon sehr reformbedürftig ist, so hat es dennoch den Ostrauer Bergbau nur gefördert und nicht gehindert. Um sich über den Umfang des Ostrau-Karwiner Steinkohlenreviers besser orientiren zu können, haben wir in der nachfolgenden Tabelle II die wichtigsten statistischen Daten aus den Jahren 1862 und 1896 zusammengestellt. Das Jahr 1862 wurde zur Vergleichung herangezogen, weil die Daten für dasselbe vorliegen, jene der früheren Jahre aber bis zu 1848 zurück nicht mehr erhältlich waren. Die vorliegende Tabelle II enthält über den Fortschritt des Ostrau-Karwiner Steinkohlenreviers in den letzten 34 Jahren einige recht interessante Daten. Die Gross-Industrie. I. 36 281 Tabelle II. Grösste Belehntes Gruben- Kohlen- Dampfmaschinen Arbeiterzahl Grubenbesitzer Jahr Bauteufe feld in Hec- taren förderung in Mtr.-Ctr. Zahl Pferdekräfte In der Grube Ober Tags Zusammen Se. Excellenz Graf Wilczek 1862 l6l 275 745-797 9 217 594 22 616 1896 337 3 45 2.g38 3 9 8 5,277.408 36 1.165 2.593 j Se. Excellenz Graf Larisch- 1862 i33 36i 480.000 l6 439 502 86 588 Mönnich 1896 401 7H 4,210.721 36 2.091 2.I4I g32 3.073 Witkowitzer Bergbau- und 1862 1 9O 1.658 1,957.226 4 1 I^üg 2.009 327 2.336 Eisenhütten-Gewerkschaft 1896 604 3.341 12,999.993 117 5.104 6.405 2.673 g.078 Ostrau-Karwiner Montan- 1862 148 257 355-253 9 287 280 18 298 gesellschaft 1896 3i6 650 1,040.428 IO 641 444 i 32 57 6 Zwierzina’sche Steinkohlen- 1862 i33 5° 480.000 5 88 250 100 350 gewerkschaft 1896 403 53 956.224 IO 251 307 115 422 1862 190 582 1,087.862 29 1.371 1.650 157 1.807 Kaiser Ferdinands-Nordbahn 1896 412 i- 57 o 9,562.817 102 5-°95 4.292 1.382 5-674 Gebrüder Gutmann 1862 9 1 90 275.000 4 i38 3oo 22 322 1896 425 489 6,224.270 20 2.898 2.692 746 3. 4 38 Ostrauer Bergbau-Gesellschaft 1862 172 IO4 589.666 7 1 95 352 79 431 vorm. Fürst Salm 1896 597 3 5 6 2,065.843 14 980 1.016 355 1.371 Se. kaiserl. Hoheit 1862 104 36 126.000 5 73 150 18 168 Erzherzog Friedrich 1896 268 564 4,828.335 32 2.608 2.686 706 3.392 | Ostrauer Steinkohlen- 1862 — — — — _ — — gewerkschaft «Marie Anne» 1896 225 160 1,322.147 12 760 83 5 155 990 Zusammen . 1862 I 9° 3.4i3 6,096.804 125 4.027 6.087 829 6.916 1896 604 8.295 48,488.186 389 2I-59 3 23.411 7-541 30.952 Das belehnte Grubenfeld hat sich in den 34 Jahren um nur 143 °[ Q vermehrt, wohingegen die Kohlenförderung von rund 6 auf 48 ‘/ 2 Millionen Metercentner oder um 695 °f 0 gestiegen ist, woraus zu entnehmen ist, dass die Ostrauer Gewerken vorerst mit vielen seichten Schächten und schneller Ausrichtung von Strecken so viel als möglich Fundpunkte in kurzer Zeit zu sammeln suchten, um dann nachhaltig in grösserer Ausdehnung den eigentlichen Kohlenabbau treiben zu können. Die Anzahl der verwendeten Dampfmaschinen ist von 125 auf 389, also um 211 °/ 0 gestiegen, die Kraft derselben jedoch von 4027 auf 21.593 Pferdekräfte oder um 436°/ 0 , welche ungleiche Steigerung der Maschinenzahl gegen die Pferdekräfte sich durch das Auswechseln der schwächeren Maschinen bei geringen Schachtteufen und geringer Förderung gegen starke und kräftige Maschinen bei hoher Förderung von selbst erklärt. Dass die Anzahl der verwendeten Arbeiter ebenfalls eine bedeutende Steigerung erfahren hat, bedarf keiner weiteren Erklärung und sei nur bemerkt, dass, nachdem die Kohlenförderung um 695°/ 0 , die Arbeiterzahl jedoch nur um 327°/ 0 gestiegen ist, dies der erhöhten Leistungsfähigkeit des jetzigen Arbeiters zuzuschreiben ist, welche grössere Leistungsfähigkeit auf die bessere Ernährung im Vergleiche zu der der Sechzigerjahre, auf die besseren Werkzeuge und insbesondere auf die besseren technischen Hilfsmittel sich zurückführen lässt, wobei das Dynamit ebenfalls eine nicht unwesentliche 282 Rolle spielt. Den Fleiss des heutigen Arbeiters wollen wir im Vergleiche zu der Zeit vor 1860 gerade nicht niedriger, jedoch unbedingt auch nicht höher anschlagen. Die Bauteufe ist im Durchschnitt um 266 M. grösser geworden. Derzeit hat der Witkowitzer Eleonorenschacht in Dombrau die grösste Teufe im Reviere von 604 M. erreicht; ihm kommt am nächsten der ehemals Fürst Salm’sche Leopoldinenschacht mit 597 M. Da die zu Tage geförderte Kohle — genannt Förderkohle — ein Gemisch von über kopfgrossen Stücken bis herab zum feinen Kohlenstaub, in dieser Form nicht überall verwendbar ist, so hat man schon in den Jahren 1848 bis 1865 alle Kohle über ein oder mehrere Siebe gehen lassen, also die Kohle der Korngrösse nach separirt. An die Stelle dieser primitiven Separationen traten in den folgenden Jahren zweckmässig con- struirte mechanische Separationen, welche, mit Dampfmaschinen bewegt, grosse Kohlenmengen in kurzer Zeit zu sortiren in der Lage sind. Derartige Separationen bestehen jetzt bei fast allen Schächtern im Reviere. Diese Separationen liefern: 1. Grobkohle in Stücken über . . 80 Mm. Dimension. 2. Würfelkohle » » von 40 bis 80 » » 3. Nusskohle » » » 20 » 40 » » 4. Grieskohle » » »10 » 20 » » 5. Staubkohle » » unter 10 » » Die Kohlensorte Nr. 1 und 2 wird mit Vorliebe für Eisenfabrication und andere Industrien, die Kohlensorte 4 und 5 zur Koksfabrikation verwendet, während ein Gemisch der Kohlensorten 2, 3, 4 und 5 als Kleinkohle für Kesselheizungen allgemein Anwendung findet. So lange die Förderung im Reviere eine geringe war, reichte deren Verfrachtung per Achse für die im Reviere liegenden Eisenwerke Witkowitz, Friedland und Ustron aus, und selbst das 105 und 145 Km. entfernte Eisenwerk Stefanau und Zöptau in Mähren holten schon lange vor dem Jahre 1848 bis zur Eröffnung der Nordbahn ihren Kohlenbedarf von Ostrau per Achse. Mit der am 1. Mai 1847 erfolgten Eröffnung der Kaiser Ferdinands-Nordbahn bis Ostrau und Oderberg und 1855 bis 1858 nach Krakau und Troppau änderte sich das Bild und stieg die Förderung im Reviere alsbald von 1 -2 Millionen auf 5 Millionen, um namentlich durch die in den Jahren 1862 und i863 ausgeführte, sammt allen Flügeln 40 Km. lange Montanbahn besondere Wichtigkeit zu gewinnen. Diese Montanbahn verbindet alle Schächte des Reviers mit dem Flauptstrange der Nordbahn, wodurch der theuere und höchst unzweckmässige Achstransport der Kohle von den einzelnen Schächten zum Hruschauer Bahnhof sein wohlverdientes Ende fand. Auf der Montanbahn gelangten im Jahre i863 2'/ 3 Millionen und im Jahre 1896 28 '/ 4 Millionen Metercentner Kohle zur Abfuhr. Von der 1896 er Jahresförderung von 48'/ 3 Millionen Metercentner verbrauchten die Eisenwerke und die anderen industriellen Etablissements im Reviere 6‘5 Millionen Metercentner, die Kohlengruben selbst für ihre Kesselanlagen 3'6 Millionen Metercentner, so dass 38’4 Millionen Metercentner dem Kohlenverkehre nach Aussen übergeben werden konnten. Bezüglich der Kohlenpreise wollen wir nur erwähnen, dass dieselben im Grossen und Ganzen sich nach den Kohlenpreisen von Oberschlesien richten. Wenn auch beide nicht identisch sind, so unterliegen sie doch mehr oder weniger den gleichen Schwankungen. Ein grosser Theil der Ostrau-Karwiner Kohle kokst sehr gut, daher auch allenthalben Koksanstalten im Reviere anzutreffen sind. Vor dem Jahre 1848 wurde im Reviere nur in wenigen Koksöfen der Graf Wilczek’schen und Freiherr v. Rothschild’schen Gruben gekokst und der Koks an Metallarbeiter und für die eigenen Hüttenzwecke abgegeben. Diese Koksöfen, den Backöfen ähnlich, konnten keine grosse Erzeugung liefern. Man schritt deshalb zur Erbauung von Koksöfen nach belgischem, englischem und deutschem Muster; es entstanden vom Jahre 1858 an mehrere Koksanstalten im Reviere, die wiederholt umgebaut und vergrössert wurden. 36 * 283 Gegenwärtig bestehen: ... ttt*! • r* i i r Tahresproductio bei der Witkowitzer Gewerkschaft: ^ , .. r . ~ Koksofen m M.-Ctr. 1. die Koksanstalt des Eisenwerkes Witkowitz mit 1 ).195 1,287.488 2. die Koksanstalt am Karolinschacht in Mähr.-Ostrau.210 1,921.773 3 . die Central-Koksanstalt in Poln.-Ostrau.220 1,275.663 4. die Koksanstalt in Hruschau. 55 333.521 bei den Gruben der Kaiser Ferdinands-Nordbahn: 5. die Koksanstalt am Heinrichsschacht in Mähr.-Ostrau .... 12 90.481 bei den Gruben Sr. Excellenz des Grafen Wilczek: 6. die Koksanstalt am Dreifaltigkeitsschacht in Poln.-Ostrau . . . 106 420.474 bei den Gruben der Ostrauer Bergbau - Gesellschaft vorm. Fürst Salm: 7. die Koksanstalt am Schacht Nr. II in Poln.-Ostrau.77 3 13.664 bei den Gruben Sr. Excellenz des Grafen Larisch: 8. die Koksanstalt in Karwin 2 ).293 bei der Ostrauer Steinkohlengewerkschaft «Marie Anne »: 9. die Koksanstalt in Ellgoth .120 bei den erzherzoglichen Gruben: 10. die Koksanstalt in Trzynietz.139 663.070 484.273 650.000 Der Bau weiterer neuer Koksanstalten steht in Aussicht. Die heutige Jahres-Gesämmtproduction im Reviere beträgt daher an Koks rund 7,440.000 M.-Ctr., wozu an Kokskohle (Rohkohle) 11,904.000 M.-Ctr. verbraucht werden, unter Zuhilfenahme von 966 Koksarbeitern. Alle Kohle wird gegenwärtig vor dem Koksen gewaschen, d. h mechanisch die specifisch schweren Berge (Steine) von der leichteren Kohle getrennt, so dass die mit etwa 12 bis 15% Aschengehalt dem Koksofenbetriebe zugeführte Kohle auf einen Aschengehalt von 6 bis 8 °j 0 herabgebracht wird, daher \ bei einem durchschnittlichen Verbrauch von 155 Kg. Kohle auf 100 Kg. Koks der marktfähige Koks einen Aschengehalt von 8 bis 12 °/ 0 enthält. Die Kokes finden ihre Verwendung beim Hochofenbetriebe, bei den Giessereien, Stahlwerken, Zuckerfabriken u. a. m. Das Waschen der Kohle wurde in den Jahren 1856 bis 1860 meist primitiv in Fluderwäschen betrieben, heute stehen bei jeder Koksanstalt grosse Wäscheanlagen mit Dampfmaschinen im Betriebe, welche bis 10.000 M.-Ctr. Kohle täglich zu waschen in der Lage sind. Das eigentliche Waschen erfolgt in mit Wasser gefüllten Holz- oder Blechkästen, in denen das Wasser auf- und abwogt; die dem Wasser beigegebene Kohle trennt sich bald dem specifischen Gewichte nach, indem die specifisch schweren Steine (Berge) zu Boden fallen, die leichtere und gewaschene Kohle jedoch vom Wasser fortgehoben und in besonderen Reductionskästen wieder aufgefangen wird. Um den Kohlenstaub besser verwerthen zu können, wurde bereits im Jahre 1865 bei dem Bergbaue der Kaiser Ferdinands-Nordbahn auf ihrem Heinrichschachte' der Versuch gemacht, diese Kohle mit einem Bindemittel zu mischen, dann zu pressen und so in Form von Pressziegeln (Briquettes) als Brennmateriale auf den Markt zu bringen. z ) 25 Oefen waren nur 22 Wochen im Betriebe. 2 ) Waren viele Oefen ausser Betrieb. 284 - - Diese Briquettesanstalt arbeitet noch heute mit einer Jahreserzeugung von 215.000 M.-Ctr., hat aber aus dem Grunde keine Nachfolgerin gefunden, weil man es vorzieht, die Staubkohle zu koksen statt zu briquettiren. Die ersten Bergarbeiter im Ostrau-Karwiner Steinkohlenreviere waren wohl nur die einheimischen Taglöhner, welchen ein Steiger aus einer österreichischen Erzgrube zur Aufsicht beigegeben wurde, denn es gehörte nicht viel bergmännische Geschicklichkeit dazu, in einem Kohlenausbisse herumzuwühlen. Im Jahre 1848, als schon 1800 Arbeiter in Verwendung standen und bereits Schächte auf 100 M. abgeteuft waren, hat man die Nothwendigkeit eingesehen, sich wenigstens für die schwierigen Bergarbeiten mit Kräften zu versehen, welche dieser Arbeit gewachsen waren. Aus diesem Grunde wurden viele Bergarbeiter aus dem benachbarten Preuss.-Schlesien und zum Schachtabteufen und Querschlagsbetrieb meist Bergleute aus Przibram oder aus den Eisensteingruben bei Bennisch und Blansko herangezogen. Dasselbe gilt von den technischen Bergbeamten und Steigern, von denen zu jener Zeit die Hälfte aus Deutschland stammte. Das Gros der Arbeiter bestand jedoch nur aus Einheimischen, welche, findig und gelehrig, bald so viel Kenntnisse besassen, dass der Zuzug fremdländischer Arbeiter überflüssig wurde. Die im Jahre 184g erfolgte Errichtung der beiden inländischen Bergakademien in Przibram und Leoben hat auf das Ostrau-Karwiner Steinkohlenrevier ebenfalls eine gute Wirkung ausgeübt, ebenso wie die Gründung der Bergschule zu Przibram im Jahre 1850 und jener von Ostrau im Jahre 1874, so dass nach und nach fast alle Bergbeamten- und Steigerposten zum grossen Vortheile des Reviers mit Oesterreichern besetzt werden konnten, unter deren Leitung im Verlaufe von wenigen Jahren ein tüchtiger Bergarbeiterstand herangebildet wurde, ja sogar im Laufe der Zeit wieder geschulte Bergarbeiter an andere jüngere Bergreviere abgegeben werden konnten. Das Kriegsjahr 1866 brachte eine bedeutende Umwälzung in unserem Reviere hervor. Die allgemein gesteigerte Nachfrage nach Kohle nahm solche Dimensionen an, dass der eigene Nachwuchs der Arbeiterschaft nicht mehr hinreichte und fremde Arbeiter angeworben werden mussten. Das benachbarte Galizien lieferte das nöthige Arbeitermateriale. Zu Tausenden kamen diese Arbeiter, meist Feldarbeiter, an; doch konnten sich viele in die schwere Bergarbeit nicht eingewöhnen und verliessen Ostrau wieder. Immerhin blieb ein ansehnlicher Theil im Reviere und qualificirte sich ganz vorzüglich zu Bergarbeitern. Dieser galizische Zuzug dauerte die ganzen Jahre nach 1866 bis heute ohne Unterlass, so dass dieselben heute einen starken Percentsatz der Bergarbeiter bilden; von den 3o.ooo Bergarbeitern des Reviers sind nämlich 77% böhmische, mährische und schlesische, 20°/ 0 galizische und 2°/ 0 deutsche Arbeiter. Im grossen Ganzen ist der Ostrauer Bergarbeiter ein guter Arbeiter, doch etwas zum Leichtsinn geneigt; nach der Auslohnung wird gut gelebt, etwas im Fleisse nachgelassen, um dann zum Monats- schlusse (zur Gedingabnahme) durch Ueberanstrengung alles Versäumte nachzuholen. Vor 36 bis 40 Jahren war der hiesige Bergarbeiter noch sehr dem Schnapstrunke zugethan; dieses Uebel hat in den letzten Jahren wesentlich nachgelassen, ist jedoch noch immer bedeutend zu nennen. Der Ausschank besserer Biere, Belehrungen und die Angewöhnung eines mässigen Luxus haben zur Milderung dieses Uebels viel beigetragen. Es ist nur zu bedauern, dass die Regierung die Verabreichung von Schnaps nicht ausnahmslos an eine Concession bindet, den sogenannten Schnapsverlag (Verkauf in versiegelten Flaschen) nicht verbietet. Es ist bezeichnend, dass in 50 Ortschaften des Ostrau-Karwiner Steinkohlenreviers wohl nur etwa 288 Wirthshäuser und Schnapsschänken bestehen, dagegen in 420 sogenannten Verlagen Schnaps der schädlichsten Art verkauft wird, so dass auf «je 184 Einwohner überhaupt schon eine Schnapsverkaufsstelle entfällt». Der Socialismus hat auch im Ostrau-Karwiner Reviere Eingang, und zwar um so leichter gefunden, als die Arbeiter den gemachten Zusagen und Versprechungen der Führer willig Gehör schenken, allein intensiv ist diese Bewegung nicht. Von den 3o.ooo Bergarbeitern des Reviers sind zur Zeit etwa 4000 organisirt, d. h. gehören irgend einer socialistischen Verbindung an, der Rest ist nicht socialistisch gesinnt, allein im Falle eines Strikes wird mitgehalten; es könnte ja doch auch ihnen Nutzen bringen. Der Ostrauer Bergarbeiter nährt sich im Ganzen ungenügender, als er es seinen Verhältnissen entsprechend thun könnte, weil ein zu grosser Procentsatz des Verdienstes an den zweimal monatlich 285 stattfindenden Auszahlungstagen für Vergnügungen, Trunk und zum Ankauf von ganz überflüssigen Schundwaaren verwendet wird. Die Schichtendauer sammt der Aus- und Einfahrt betrug vom Jahre 1848 bis zum Jahre 1868 8 Stunden, mit der Bedingung, dass allwöchentlich dreimal eine ganze Schicht zugestanden wurde, dass daher einen Tag 8, den anderen Tag 16 Stunden gearbeitet wurde. Diese widersinnige Eintheilung, die nur den Vortheil hatte, bei Absatzmangel die Leute nur 8 Stunden arbeiten zu lassen, wurde nach dem Jahre 1868 nach und nach fast bei allen Gruben abge- schafft und eine regelmässige I2stündige Schicht mit höchstens gstündiger reiner Arbeitszeit eingeführt, dafür bei Mangel an Absatz, je nach Bedarf, 1 bis 2 Tage der Woche ganz gefeiert. Allein auch diese Eintheilung wurde in den Jahren zwischen 1890 und 1894 im ganzen Reviere fallen gelassen und die iostündige Schichtdauer eingeführt, bei welcher eine reine Arbeitszeit von höchstens 7 bis 7 '/ 2 Stunden resultirt. In den Jahren nach 1848 bis 1866 war der Lohn für eine 8stündige Schicht nur ein geringer, derselbe betrug: für den Häuer.60 bis 75 kr. » » Hundestösser . . . . 40 » 50 » » » Schlepper.3o » 35 » Die erhöhte Kohlennachfrage nach 1866 brachte auch eine Lohnerhöhung mit sich. Es stellte sich in der Folgezeit bis 1882 der Arbeitsverdienst bei i2stündiger Schicht: für den Häuer auf 120 bis 180, im Maximum auf 200 kr. » » Hundestösser . . » 75 * 90, » » » HO» » » Schlepper . . » 55 » 65- » » » 75 » Gegenwärtig verdient ein guter Arbeiter in der iostündige n Schicht durchschnittlich der Althäuer 180 bis 250, im Maximum bis 350 kr. » gewöhnliche Häuer 160 » 200, » » » 250 » » Hundestösser . 95 » 110, » » » 140 » » Schlepper . 75 » 85, » » » 100 » Die Bekleidung der Bergarbeiter ist in den meisten Fällen anständig, dagegen sind die Wohnungs- verhältnisse unter mittelmässig zu nennen. Wenn auch circa ein Drittel aller Bergarbeiter in gewerkschaftlichen Colonie- und Arbeiterhäusern angemessen gut und billig untergebracht sind, so müssen die anderen zwei Drittel, insofern sie nicht selbst ein Häuschen ihr Eigen nennen, sich mit theueren und schlechten gemietheten Wohnungen behelfen, welche mit 8 bis 10 fl. Monatszins für ein Zimmer und eine Kammer bezahlt werden. Der hohen Miethzinse wegen nehmen die meisten gerne junge Burschen als After- miether, durch welchen Usus die Moralität jedenfalls geschädigt wird. Durch den Bau weiterer Arbeiterwohnhäuser hier abzuhelfen, kann den massgebenden Factoren nicht dringend genug ans Herz gelegt werden. Im Ganzen sind die Bergarbeiter besser als deren Frauen, die es in vielen Fällen unterlassen, dem Manne die nöthige Pflege angedeihen zu lassen, welche Vernachlässigung auch den häufigen Wirths- hausbesuch befördert. Gute und trockene Wohnungen und ein braves Weib sind selbst bei geringem, das Existenzminimum wenig übersteigendem Einkommen die Hauptstützen zur Erhaltung eines geordneten Haushalts und eines guten Arbeiterstandes. Die Grubenbesitzer des Ostrau-Karwiner Steinkohlenreviers haben schon in den Jahren 1848 bis 1856 auf ihren Gruben einzelne Wohnhäuser — Kasernen — für ihre Arbeiter und Aufsichtsorgane erbaut, um einen stabilen Arbeiterkern heranzuziehen, -aber schon in den Jahren 1860 und namentlich 1868 sah man sich genöthigt, der Arbeitercolonisation besondere Aufmerksamkeit zu schenken. Man wählte dabei zumeist eine ebenerdige Type eines Arbeiterhauses mit vier Wohnungen, mit separatem Eingänge für Verheiratete, daneben sogenannte Schlafhäuser mit Schlafsälen für 500 bis 250 ledige Arbeiter. Die Wohnung für einen verheirateten Bergarbeiter besteht aus einem grösseren Zimmer, Kammer, Keller und Bodenraum; ausserdem aus einem circa 80 Quadratmeter grossen Garten und wird für eine 386 solche Wohnung monatlich 2 bis 3 fl. an Zins erhoben. Seit fünf Jahren werden die Coloniehäuser etwas grösser, mit Zimmer, Küche, Kammer u. s. w. hergestellt und dafür 5 fl. an monatlichem Zins gefordert. Aus nachfolgender Tabelle III ist es ersichtlich, wie sich seit dem Jahre 1862 die Arbeitercoloni- sation bei den einzelnen Gewerkschaften entwickelt hat. Tabelle III. Namen der Grubenbesitzer Jahr Gesammt- Arbeiterzahl Anzahl der Arbeiterhäuser Darin untergebrachte Arbeiterzahl • 1862 2.336 1 ! 29 217 Witkowitzer Bergbau- 1872 3-725 20g i- 5 6 7 und Eisenhütten-Gewerkschaft 1882 4.648 265 1.987 Ol CO 9.078 36i 2.693 1862 1.807 25 197 KL. k. priv. Kaiser Ferdinands-Nordbahn- 1872 3.283 I 2 I 907 I Bergbaue 1882 2.794 20g 1-567 1896 5- 6 7+ 351 2.6 o 3 1862 616 23 173 Exc. Graf Wilczek’sche Bergbaue 1872 925 47 352 1882 1.346 72 5 38 I - i8g6 2.g38 135 i.o38 1862 350 IO 68 1872 386 20 I 5 2 Zwierzina’sche Steinkohlengewerkschaft 1882 3 5 8 26 195 1896 422 23 280 1862 43 i 6 40 Ostrauer Steinkohlengewerkschaft 1872 73 o 37 185 vorm. Fürst Salm 1882 832 56 275 1896 1.371 66 310 1862 298 4 35 Ostrau-Karwiner Montan gesellschaft 1872 556 IO 82 vorm. Eugen Graf Larisch’ Erben 1882 565 3 o 248 - - 1896 576 31 267 1862 322 3 20 Gebrüder Gutmann’scher 1872 642 16 96 Steinkohlenbergbau Orlau-Lazy 1882 I.264 21 126 1896 3. 4 38 86 5 l3 1862 588 12 82 Exc. Graf Larisch-Mönnich’scher 1872 1.020 25 173 Steinkohlenbergbau 1882 2.582 68 476 i 1 O 00 3.073 ' 1 69 i.S38 1862 168 2 20 Sr. kaiserl. Hoheit Erzherzog Friedrich’scher 1872 419 15 120 Steinkohlenbergbau 1882 1.695 33 264 1896 3.392 i63 520 Ostrauer Steinkohlengewerkschaft 1896 990 H «Marie Anne» I I 2 1862 6.916 1 14 852 1872 11.686 5°° 3.634 . Zusammen .... 16.084 1882 780 5.676 — 1896 30.952 i3gg 10.174 287 Die Wohnungsverhältnisse der hiesigen Bergarbeiter in den Jahren 1848 bis 1862 sind uns im Detail nicht bekannt; gewerkschaftliche Arbeiterhäuser gab es fast keine, sondern nur Wohnhäuser für das Aufsichtspersonale; die Arbeiter wohnten zerstreut in den umliegenden Ortschaften, ebenso wie viele derselben heute noch wohnen. Die Ostrau-Karwiner Werksbesitzer haben nicht nur allein für die theilweise Unterkunft ihrer Bergarbeiter Sorge getragen, sondern auch anderen humanitären Einrichtungen ihre Aufmerksamkeit geschenkt. So bestanden schon in den Jahren 1872 bis 1882 im Reviere 4 Werksschulen mit 14 Classen und 990 Schülern, welche an solchen Orten eingerichtet wurden, die von Ortschaften mit bestehenden Volksschulen zu weit entfernt lagen. Seither sind noch 2 solche Werksschulen mit 4 Classen und 250 Schulkindern zugewachsen, so dass im Ganzen 6 Werksschulen mit 18 Classen und 1240 Schulkindern vorhanden sind, in welchen den Arbeiterkindern der Schulunterricht unentgeltlich ertheilt wird. Ausser diesen Schulen bestehen noch im Reviere 5 Kindergärten, die ebenfalls von den Werksbesitzern erhalten werden. Es sei noch bemerkt, dass für alle Bergarbeiterkinder im Reviere das Schulgeld von Seite der Bergwerksbesitzer beglichen wird, was einen Betrag von 18.000 fl. pro Jahr erfordert. Bei jeder grösseren Schachtanlage ist für Verunglückte und Erkrankte durch den Bestand von 9 Spitälern mit 83 Betten vorgesorgt; länger zu behandelnde kranke Bergarbeiter werden den grossen Spitälern in Teschen, Mähr.-Ostrau, Poln.-Ostrau und Witkowitz zugewiesen. Die Witkowitzer Steinkohlengewerkschaft sowie jene der Kaiser Ferdinands-Nordbahn haben es sich zur Aufgabe gemacht, auch für die weitere Ausbildung der Schule entwachsener Töchter der Bergarbeiter -zu sorgen, um dieselben zu braven Bergmannsfrauen zu erziehen, und haben zu diesem Ende eine Koch- und Haushaltungsschule mit sechsmonatlichen Cursen eingerichtet, in welcher die Zubereitung einfacher und guter Speisen, sowie das Brotbacken, Nähen und überhaupt über den Haushalt einer Arbeiterfamilie Unterricht ertheilt wird. Die gegenwärtige Schülerinnenzahl beträgt 25. In ähnlicher Art hat die Witkowitzer Gewerkschaft eine Gartenbauschule errichtet, in welcher für Berg- und Hüttenarbeiter Unterricht für die intensive Bewirthschaftung kleiner Hausgärten und Gemüsebau ertheilt wird. Gegenwärtig sind 45 solch kleiner Versuchsgärten in Thätigkeit. Von besonderer Wichtigkeit war für das Revier die im Jahre 1874 erfolgte Errichtung einer Bergschule auf gewerkschaftliche Kosten zur Heranbildung von tüchtigen Steigern und Grubenaufsichtsorganen. Diese Bergschule hat alternirend zwei Schuljahre und wird gegenwärtig von 60 Schülern besucht; Vormittags wird von drei Lehrern theoretischer Unterricht ertheilt, während Nachmittags praktische Grubenarbeit in der Grube geleistet wird. Die Schule steht unter bergbehördlicher Aufsicht und geniesst heute eine Staatssubvention von 3 ooo fl. Die vorgeschriebene Volksschulbildung der letzten Generation hat es mit sich gebracht, dass es unter den 70% einheimischen Bergarbeitern fast keinen Analphabeten gibt, es wird gern und viel gelesen, weshalb bei einzelnen Gruben schon in den Siebzigerjahren Bibliotheken errichtet wurden. Der Ostrauer berg- und hüttenmännische Verein gibt seit 23 Jahren einen gut redigirten bergmännischen Kalender heraus, und erscheint seit dem Jahre 1890 eine von den Grubenbesitzern subventionirte Arbeiterzeitschrift gemässigt fortschrittlicher Richtung. Diese literarische Thätigkeit, so lobenswerth dieselbe an und für sich ist, muss jedoch nur als sehr bescheiden bezeichnet werden, und wäre es sehr zu wünschen, wenn die Herren Grubenbesitzer im eigenen Interesse durch Anlage von Bibliotheken, Lesehallen, Herausgabe eines billigen grösseren, eventuell illustrirten Volksblattes der weiteren Ausbildung eine grössere Aufmerksamkeit entgegenbringen wollten als bisher. Lebensmittelmagazine zur Beschaffung billiger und guter Lebensmittel wurden bei fast allen Gruben bereits in den Sechzigerjahren auf Grund des § 1 3 1 des allg. Berggesetzes gegründet, eine wahre Wohlthat für die Bergarbeiter. Leider wurden in den Jahren nach 1890 die meisten dieser Magazine wieder aufgelöst, weil ganz unhaltbare Verdächtigungen von Seite einer Arbeiterpartei die weitere Manipulation für die Gewerkschaft unleidlich machten. 288 Als Seine Majestät Kaiser Franz Josef I. dem allgemeinen Berggesetze im Jahre 1854 die Allerhöchste Sanction ertheilte, mussten alle bestehenden Bergbaue, dem § 210 dieses Gesetzes entsprechend, Bruderladen — d. h. Cassen — zur Unterstützung von erkrankten, sowie arbeitsunfähigen Bergarbeitern gründen. Die damaligen Gewerken des Ostrau-Karwiner Steinkohlenreviers blieben mit der Errichtung solcher Cassen durch Einzahlung der Bergarbeiter und freiwillige Beiträge der Grubenbesitzer nicht im Rückstände. Gewöhnlich wurden in den Jahren 1854 bis in die Sechzigerjahre 2°/ 0 , später bei den gestiegenen Ausgaben 3°/ 0 , nach dem Jahre 1872 auch 4 bis 5 °/ 0 vom Lohne dem Bergarbeiter in Abzug gebracht, während einzelne Grubenbesitzer, da eine gesetzliche Bestimmung nicht vorlag, freiwillig regelmässige Geldbeträge nach dem Mannschaftsstande beitrugen oder Spitäler errichteten und Gnadenprovisionen ertheilten. Im Allgemeinen waren die Ostrau-Karwiner Bruderladen vom Jahre 1854 an bis zu der durch das Bruderladegesetz vom 28. Juli 1889 angeordneten Neuorganisirung derselben gut fundirt und ergab die im Jahre 1888 vorgenommene versicherungstechnische Ueberprüfung der alten Bruderladen durchwegs ein günstiges Resultat. Es betrug das Bruderladecapital im Reviere nach Tabelle IV: Tabelle IV. Bei den Gruben Bruderladecapital in ö. W. Gulden im Jahre 1862 1882 l886 1896 der Witkowitzer Gewerkschaft. 45. 100 157-250 324.574 1.925-958 B der k. k. priv. Kaiser Ferdinands-Nordbahn. 72.600 747.736 1,050.025 1,992.026 Sr. Exc. Graf Wilczek. 27.300 i33.38o 181.321 843.754 der Zwierzina’schen Gewerkschaft. 9.000 53.702 68.062 i33.622 der Ostrauer Bergbau-Gesellschaft vorm. Fürst Salm . 4.500 64.470 81.062 244.596 der Ostrau-Karwiner Montangesellschaft in Peterswald . p 52.629 63.644 161.490 Gebrüder Gutmann Orlau-Lazyer Bergbaugesellschaft. . . ? 115.933 152.596 595-135 Sr. Exc. Graf Larisch-Mönnich. ? 133.279 193.182 685-517 Sr. kaiserl. Hoheit Erzherzog Friedrich. ? 82.387 139.849 i,44 i -854 2 ) der Ostrauer Steinkohlengewerkschaft «Marie Anne» . . . — — 28.o3o Zusammen 158.500 1,540.766 2,254.315 8,051.982 Diese Bruderladen gewähren den Arbeitern im Erkrankungsfalle nebst freier ärztlicher Behandlung und Medicamenten noch ein tägliches Krankengeld von 45 bis 70 kr. und im Falle der Arbeitsunfähigkeit, je nach der Arbeitsdauer, eine Jahresprovision (Pension) von 100 bis 200 fl. Die Einlagen in die Bruderlade werden heute zur Hälfte von den Bergarbeitern und zur anderen Hälfte von den Werksbesitzern geleistet. Die während der 50jährigen glorreichen Regierung unseres allergnädigsten Kaisers Franz Josef I. der gesammten Industrie, insbesondere auch dem Kohlenbergbaue im hohen Maasse zu Theil gewordene Berücksichtigung und Förderung wird jedenfalls mit innigstem Danke von den Kohlenindustriellen anerkannt. Andererseits können auch die Grubenbesitzer des Ostrau-Karwiner Steinkohlenreviers mit voller Befriedigung auf ihre 50jährige Thätigkeit zurückblicken und den aufrichtigen Wunsch beifügen, es möge ihnen die Vorsehung gestatten, ihre Industrie noch viele Jahre unter dem Schutze des Allerhöchsten Bergherrn weiter entwickeln zu können. Um das Ostrau-Karwiner Steinkohlenrevier jedoch noch näher kennen zu lernen, ist es nöthig, eine gedrängte Beschreibung der einzelnen Gruben folgen zu lassen, welche die vorangegangene allgemeine Beschreibung entsprechend ergänzt und erläutert. *) Ohne Hüttenbruderlade. z ) Die Hüttenbruderlade mit inbegriffen. Die Gross-Industrie. I. 289 37 Die Kohle fast sämmtlicher Flötze ist gut koksbar; dfer Aschengehalt derselben variirt zwischen 3—i 4°/o, ist in den hangenden Flötzen geringer, in den liegenden grösser. Aus der folgenden Tabelle ist die procentuelle Steigerung der Förderung bei den Nordbahngruben in den einzelnen Decennien zu ersehen. Fördersteigerung Arbeiterzahlsteigerung Jahr Förderung in Metercentner in den einzelnen Decennien in Percenten Arbeiteranzahl in den einzelnen Decennien in Percenten 1857 545- 00 ° — p — 1867 2,596.587 376 2.881 p 1877 2,937.34:: i3 2-599 11 1887 6,433.095 119 3.i33 21 1897 10,568.159 64 6.291 100 Die rapide Zunahme in den Jahren 1857—1867 kam in dem nächsten Decennium vom Jahre 1867—1877 in Folge der ungünstigen Conjunctur zum Stillstände, dem in den nächsten beiden Decennien ein desto rascherer Aufschwung folgte. Von den einzelnen Grubenbetrieben der Nordbahn-Bergbaue ist besonders bemerkenswerth: Grubenbetrieb Mährisch-Ostrau. Zu demselben gehören die beiden Doppelschachtanlagen «Heinrich» und «Georg», welche die sogenannten Heinrichschächter und Hruschauer Flötzgruppe des Ostrauer Flötzvorkommens aufgeschlossen haben. Beide Anlagen bauen auf 16 Flötzen von 0-42—1-2 m Mächtigkeit. Das Einfallen der Flötze schwankt in Folge der vielen Störungen von 20—go°. Dieses grössere Einfallen ermöglicht aber, dass Flötze von 0-42 m Mächtigkeit schon abgebaut werden können. Der Abbau selbst erfolgt beim steileren Verflachen strebartig, bei geringerem Verflachen als gewöhnlicher Pfeilerbau. Die Heinrichschächter Anlage besteht aus zwei Schächten, dem 3go'5 m tiefen Förderschacht und dem 399-3 m tiefen "Wetterschacht, welcher auch zur Wasserhaltung benützt wird. Die Förderung geschieht durch eine 80 HP liegende Zwillingsmaschine, welche auf einer einetagigen Schale zwei Grubenhunde von je 5 q Kohlenfüllung aus der Tiefe zieht; die Tiefe des untersten Förderhorizontes beträgt 382-5 m - Im Fördermaschinenlocale befindet sich ein Luftcompressor mit einer Leistung von 10 m 3 per Minute auf 4-5 Atmosphären comprimirter Luft, welche, durch ein Rohrnetz von 6500 m in der ganzen Grube geleitet, theils zur Separatventilation von einzelnen Grubentheilen, theils zum Antrieb von Förderhaspeln und kleinen Zuhebepumpen Verwendung findet. Ein Ventilator, System Guibal, 7 m im Durchmesser, liefert normal 1200 m 3 Luft per Minute und versorgt die Grube mit den nöthigen Wettern; es entfallen durchschnittlich 5-6 m 3 Luft per Mann und Minute in der Grube, was den vorgeschriebenen Bedarf weit überschreitet. Ein Körting’scher Exhaustor von 780 m 3 Leistung in der Minute dient als Reserve. Das Schlagwettervorkommen ist wohl nur auf gewisse Flötze beschränkt, im Ganzen jedoch nicht unbedeutend. Die normal zufliessenden Wässer von 0-76 m 3 per Minute werden durch zwei unterirdische Pumpen von je 60 HP und durch eine obertägige rotirende Wasserhaltungsmaschine von 180 HP zu Tage gehoben. Die aus der Grube geförderte Kohle wird zum Theile direct in die Waggons gestürzt und als sogenannte Klein- oder Förderkohle meist zur Beheizung der Locomotivkessel der eigenen Bahn verwendet; der grösste Theil der Förderung kommt aber auf die Separation und Wäsche. Die einzelnen Sorten mit Ausnahme der Grobkohle und des Staubes werden auf vier Setzmaschinen gewaschen und kommen als Schmiedekohle in Handel. Die Wäsche liefert in der zehnstündigen Arbeitsschicht i3 Waggons gewaschene Kohlensorten. In einer kleinen Anlage von 12 Koksöfen werden die bei der Wäsche abfallenden gröberen Sorten, nachdem dieselben desintegrirt wurden, verkokst. Diese kleine Anlage erzeugte im Jahre 1897 89.962 q Koks. Der beim Abbau der steilen Flötze in grösserer Menge entfallende Kohlenstaub wird in einer im Jahre 1897 reconstruirten Briquettesfabrik zu Briquettes von 5 kg Gewicht verarbeitet, die zum allergrössten Theile als Anheizmaterial bei den Locomotiven der eigenen Bahn Verwendung finden. In dieser Fabrik ist ein Wärmofen nach System Bietrix und eine Confinhallpresse mit einer Leistung von 800 q in zehn Stunden aufgestellt. Die Production des Jahres 1897 betrug 234.406 g. Zur Beleuchtung der ganzen Schachtanlage dient elektrisches Licht. Der unter derselben Betriebsleitung stehende Georg-Schacht, in nordwestlicher Richtung 912 m vom Heinrich- Schacht entfernt, ist ebenfalls eine Doppelschachtanlage. Mit dem Abteufen dieser beiden Schächte wurde schon im Jahre 1872 begonnen; wegen der schlechten Kohlenconjunctur des Jahres 1874 wurde jedoch dieses Abteufen wieder eingestellt und erst im Jahre 1895 neuerdings aufgenommen. Gegenwärtig ist der Förderschacht 246 m, der Wetterschacht 135 m tief. Es sind bereits drei Horizonte, der 134-8 m tiefe Wetter- und die beiden Bauhorizonte in 180 m und 240 m Tiefe angelegt. — 294 — Die Wetter in der Grube besorgt ein Guibal-Ventilator von 7 m Durchmesser und i23o m 3 normaler Leistung in der Minute, während ein Ivörting’scher Exhaustor als Reserve dient; durchschnittlich werden jedem Manne in der Grube 6-4 m 3 frische Luft pro Minute zugeführt. Das Schlagwettervorkommen ist bei der Hruschauer Grube ein mässiges, dagegen ist der Wasserzufluss für die hiesigen Verhältnisse ein grosser zu nennen; derselbe beträgt 3’4 m 3 in der Minute, zu dessen Gewältigung zwei unterirdische Pumpen von 200 und 100 HP dienen; ausserdem steht als Reserve am Schachte eine obertägige Wasserhaltungsmaschine von 3oo HP. Die geförderte Kohle wird zum allergrössten Theile als Förder- oder Kleinkohle an den eigenen Bahnbetrieb abgesetzt. Doch werden auch mittels einer Separation die im Reviere üblichen Sorten erzeugt. In jüngster Zeit wurde neben der Separation auch eine Wäsche erbaut, die auf drei Setzmaschinen Schmiedekohle von zweierlei Korngrössen liefert. Die Beleuchtung der Schachtanlage und der Plätze erfolgt durch elektrisches Licht. Im Kesselhause sind 9 Cornwallkessel von 8167 m 2 Heizfläche eingebaut. Bei einem Mannschaftsstande von 110 ober Tags und 366 unter Tags wurden im Jahre 1897 717.415^ Kohle gefördert. Grubenbetrieb Polnisch-Ostrau (Zarubek). Zu diesem leistungsfähigsten Grubenreviere der Nordbahn gehören die Schächte «Wilhelm», «Hermene- gild» und «Jakob». Zwar ist die jetzt im Bau begriffene Alexander-Schachtanlage demselben ebenfalls zugewiesen, wird aber nach deren Inbetriebsetzung abgetrennt und zu einem selbständigen Grubenrevier ausgestaltet werden. Der älteste von den Schächten ist der Hermenegild-Schacht, mit dessen Abteufen bereits 1845 begonnen wurde. 400 m westlich von demselben wurde 1859 der Wilhelmschacht angelegt. Diesem folgte 186g der Jakob- Schacht, welcher 750 m südöstlich vom Hermenegild-Schacht situirt ist. Die in diesem Grubenrevier aufgeschlossenen Plötze umfassen sämmtliche Flötze der I. und II. Gruppe des Ostrauer Kohlenvorkommens, indem der Hermenegild-Schacht, der, wie schon erwähnt, in der Mitte der Ostrauer .Specialmulde gelegen ist, auch die hängendsten Flötze aufgeschlossen hat. Gegenwärtig sind bei diesem Grubenrevier 8 Flötze im Baue begriffen, darunter das Johann- oder Mächtige, von 3-g m Stärke, das bedeutendste im Revier, aber auch das schwache, 0-65 m mächtige Hugo-Flötz gelangt am Jakob-Schachte noch zum Abbaue. Die Flötzablagerung ist durch die sogenannte «stehende Partie» in zwei Theile, den normalen und den gehobenen Theil getrennt, welche für sich abgeschlossene Baufelder bilden und gesondert aufgeschlossen und vorgerichtet werden müssen. Ein grosser Verlust an Kohlenvermögen entsteht dem Polnisch-Ostrauer Grubenbetriebe durch die vorerwähnte stehende Partie der Flötze, weil dieselbe, abgesehen von der Gefährlichkeit des Abbaues, schon wegen der wechselnden Flötzmächtigkeit wiederholt Anlass zu Grubenbränden gab. Die Flötze werden bei ihrem maximalen Einfallen von 3o° fast durchwegs mittels Pfeilerabbau gewonnen. Zu bemerken ist, dass in dem sehr harten, doch regelmässig abgelagerten Urania-Flötze am Jakob-Schachte der Abbau mittels der Reska’schen Schrämmaschine, die durch comprimirte Luft in Thätigkeit gesetzt wird, erfolgt und sich gegenüber der Handarbeit als ökonomisch vortheilhaft erwiesen hat. Der Polnisch-Ostrauer Grubenbetrieb bildet im Hinblick auf den gleichzeitigen Abbau der Flötze in Beziehung auf die Wetterführung und Wasserhaltung ein Ganzes, während die Förderung auf allen drei Schächten unabhängig erfolgt. Der Wilhelm-Schacht, der westlichste der drei Schachtanlagen, ist gegenwärtig 284' 1 m tief; er wird in erster Linie zur Förderung benützt, doch auch zur Wetterführung, indem in einer Abtheilung desselben, welche durch einen aus Cementmauerwerk ausgeführten Scheider streng isolirt ist, ein Wetterstrom von secundärer Bedeutung dem am Schachte befindlichen Klay’schen Ventilator zugeführt wird. Die nachhaltige Förderung des Wilhelm-Schachtes erfolgt in hauptsächlichster Weise aus dem mächtigen Flötz, dessen Baue sich noch heute auf eine Entfernung von 1600 m vom Wilhelm-Schachte bewegen. Um die aus dem Abbaue des genannten Flötzes sich ergebende Massenförderung zu bewältigen, wurde auf dem 189-8 m tiefen Abbauhorizont im Jahre 1890 eine Kettenförderung eingerichtet, welche in zehnstündiger Schicht bei noch weit grösserer Leistungsfähigkeit derzeit an 800 Wagen mit je 5-5 q Kohlenfüllung auf mechanischem Wege zum Schachte führt. Eine stehende Zwillingsfördermaschine von 150 HP hebt je zwei solche Kohlenwagen auf einetagiger Schale zu Tage. Die gegenwärtig tiefste in Vorrichtung begriffene Bausohle dieses Schachtes ist 278-9 m. Die geförderte Kohle gelangt auf eine Separation System Mayer-Sauer, welche dieselbe nach den im Revier üblichen Korngrössen sortirt. Ein kleiner Theil der Förderung gelangt als Kleinkohle zum Verkauf. Die Verladeperrons und sämmtliche Locale des Betriebes sind elektrisch beleuchtet. 6 Kessel mit 483-8 m 2 Heizfläche liefern Dampf für sämmtliche Maschinen. Die Hermenegild-Schachtanlage besteht aus zwei Schächten, dem 295-97« tiefen Förderschacht und dem 331-7772 tiefen Wasserhaltungsschacht. Die tiefsten Baue dieses Betriebes bewegen sich in einer Tiefe von 292 777. Die Förderung geschieht durch eine liegende Zwillingsfördermaschine von 100 HP. — 297 — Die Gross-Industrie. I. 38 schacht eine Teufe von 250 m und der Wetterschacht eine solche von 153?« erreicht. Beide Schächte sind ausgemauert und der Ausbau derselben durchwegs in Eisen gehalten. Sowohl der Förderschacht als auch der Wetterschacht sind mit Bauen, welche vom Wilhelm-Schachte aus zur Unterfahrung derselben getrieben wurden, bereits durchschlägig, werden aber nach Eröffnung des Betriebes von denselben wieder isolirt werden. Ausser dem 146 m tiefen Wetterhorizonte sind bereits der I. und II. Förderhorizont in Tiefen von 186, beziehungsweise 242 m angelegt. Die ganze Schachtanlage wird in allen ihren Einrichtungen so ausgestattet werden, dass dieselbe im Stande sein wird, jährlich 3,000.000 q zu fördern. Für die Förderung ist eine Zwillingsfördermaschine von 700 HP, mit Kraft’scher Ventilsteuerung und Baumann’schem Sicherheitsapparate versehen, aufgestellt. Vorläufig genügt für die geringe Ausdehnung der Grube ein Guibal-Ventilator mit einer Feistung von 2400 m 3 per Minute. Ein Compressor, System Riedler, wird 10 m 3 auf 5 Atmosphären gepresste Luft in der Minute liefern. Die Wasserhaltung dieses Grubenbetriebes hat der Hermenegild-Schacht übernommen, mit welchem diese Grube durchschlägig ist. Selbstredend wird auch eine doppelte Separation für eine grosse Leistung aufgestellt werden. Die elektrische Beleuchtungsanlage ist bereits eingerichtet. Grubenbetrieb Michalkowitz. Den östlichsten Flügel der Ostrauer Specialmulde hat der Michalkowitzer Grubenbetrieb aufgeschlossen. Dieser Grubenbetrieb besteht aus dem Michael-Schachte und aus der Doppelschachtanlage «Peter» und «Paul». Beide bauen auf den Flötzen der II. Flötzgruppe mit dem Adolf-Flötz als dem liegendsten dieser Gruppe. Oestlich vom Michael-Schachte geführte Aufschlüsse haben ergeben, dass hier die von der benachbarten Salm’schen Grube bekannte Sattlung der Flötze auch vorhanden ist, daher die eben genannten Flötze der II. Gruppe noch einmal mit östlichem Einfallen auftreten. Gegenwärtig bauen beide Schachtanlagen auf vier Flötzen von o - 6—1 - 4 m Mächtigkeit, und zwar mittels Pfeilerbaues, von der Feldesgrenze aus heimwärts. Der Michael-Schacht, derzeit 397-87« tief, ist in erster Linie Förderschacht und Einziehschacht für die frischen Wetter. Die zweite Anlage des Michalkowitzer Grubenreviers besteht aus zwei Schächten, dem 412-3 m tiefen Peter-Förderschacht und dem 394-97« tiefen Paul-Wetter- und Wasserhaltungsschacht. Der Peter-Förderschacht ist der tiefste der Nordbahngruben. Die Förderung auf beiden Betrieben erfolgt durch je eine liegende Zwillingsfördermaschine von 100, respective 140 HP; die geförderte Kohle wird auf Separationen (System Mayer-Sauer), die sich auf beiden Betrieben befinden, sortirt. Die Wetterführung dieses Grubenreviers besorgt der Paul-Schacht, dessen Ventilator von 8-6 m Durchmesser 2520 m 3 Luft in der Minute aus der Grube ansaugt und somit jedem Manne 5-5 ?« 3 frische Luft zuführt. Eine Wetterreserve besteht aus dem beim Paul-Schachte eingebauten zweiten Ventilator und aus dem aus einem durch Cementmauerung isolirten Wettertrum des Michael-Schachtes, 1140 m 3 Grubenluft saugenden Ventilator dieses Schachtes. Eine Anlage von drei Compressoren am Peter-Schacht liefert comprimirte Luft, welche durch ein Rohrnetz von i6 - 8oom in der Grube zu den mehrfach erwähnten Zwecken vertheilt wird. Der Wasserhaltung für das Revier wurde aus Anlass mehrerer vorgekommener AVasserdurchbrüche eine besondere Aufmerksamkeit gewidmet, und wurden, obwohl die normalen Wasserzuflüsse in der Minute nur o - 32 m 3 betragen, zwei unterirdische Wasserhaltungsmaschinen von 3oo und 350 HP am Paul-Schachte eingebaut und ausserdem auf dem tiefsten Horizonte zwei kleinere Zuhebepumpen von 20 und 25 HP aufgestellt. Beide Schachtanlagen sind elektrisch beleuchtet. Am Michael-Schachte liefern 8 Kessel mit 61477z 2 Heizfläche, am Peter-Schachte 6 Kessel mit 39977z 2 Heizfläche den nöthigen Dampf zum Betriebe aller Maschinen. Gefördert wurden auf beiden Anlagen im Jahre 1897 bei einem Mannschaftsstande von 208 ober Tags und 83i unter Tags 1,989.130^ Kohle. Grubenbetrieb Josef-Schacht in Polnisch-Ostrau. Der westliche Theil des Michalkowitzer Grubenfeldcomplexes wurde den beiden Schachtanlagen «Johann» und «Josef» zugewiesen; beide Anlagen bauen in den Flötzen der II. Flötzgruppe, und zwar auf 9 Flötzen mit einer Mächtigkeit von o-6 —i-i 7«. Die Ablagerung dieser Flötze ist eine regelmässige, das Einfallen im nördlichen Theile der Mulde steigt wohl bis 3o°, nimmt aber gegen Süden wieder bis 6° ab; dem entsprechend findet auch hier der Pfeilerabbau Anwendung. Die Johann-Schachtanlage, die ältere der beiden, welche im Jahre 1877 in Förderung kam, besteht aus dem gegenwärtig 315 m tiefen Förderschachte und aus dem 315-37« tiefen Wetter- und Wasserhaltungsschachte. Der mit einer 150//P-Fördermaschine versehene Johann-Förderschacht hat mehr die Function eines Hilfsförderschachtes übernommen, da ihm nur gewisse in seinerNähe befindliche Flötzpfeiler zur Förderung zugewiesen sind. 3oo Die Direction dieser Gruben befindet sich in der Stadt Mährisch-Ostrau, während der technische Betrieb auf der Grube selbst geleitet wird. Der Aufschluss der Gruben erfolgt durch mehrere Schurfschächte. Daselbst sind gegenwärtig zwei Förderschächte im Betriebe, und zwar: der Schacht Nr. II, 405 m tief, und der Franziska-Schacht, 398 m tief; sämmtliche Schächte sind nur in Holz ausgebaut. Die Flötzablagerung daselbst ist eine äusserst günstige zu nennen, und nachdem das Johann- oder Mächtige Flötz hier nur in einer geringen Teufe und ruhig abgelagert gefunden worden ist, so gehört diese Grube zu einer der ertragsreicheren im Reviere, und ist deren reine Kohle am Kohlenmarkte stets bekannt gewesen. Bei der noch geringen Tiefe der Baue reicht die am Schachte Nr. II befindliche Fördermaschine mit stehendem Cylinder und Bandseilen von 80 HP und die zweite Fördermaschine am Franziska-Schachte von ebenfalls 80 HP, mit liegendem Cylinder und Rundseil, vollständig aus, um die jährliche Kohlenförderung von 1 Million Metercentner zu leisten. Am Franziska-AVetterschachte steht ein AVitkowitzer Ventilator, 3 m im Durchmesser, der in der Minute 600 m 3 Luft ansaugt, was für die geringe Tiefe der Grube vollständig hinreichend erscheint. Auch die Wasserzuflüsse der Zwierzina’schen Gruben sind unbedeutend; die zusitzenden o-3 m 3 Grubenwässer in der Minute werden mit einer am Schachte Nr. II befindlichen unterirdischen Wasserhaltungsmaschine gehoben. Bei diesen Gruben sind beschäftigt 3o3 Gruben- und 116 Tagarbeiter, welche zum grössten Theile in den am Schachte befindlichen 3o Coloniehäusern zu je 4 Wohnungen untergebracht sind. Im Kesselhause stehen zusammen 10 Dampfkessel mit einer Heizfläche von 494 m 2 und versehen sämmtliche Maschinen mit dem nöthigen Dampf. Die geförderte Kohle wird ober Tags einer einfachen Separation unterworfen, zumeist in Waggons verladen und auf den bis zum Schacht führenden Montanbahnflügel dem Verkehr übergeben. Die Zwierzina’sche Bergbaubruderlade hatte mit Schluss des Jahres 1897 ein Bruderladecapital von 142.149 fl. Auch hier entrichtet das Werk das Schulgeld für die Arbeiterkinder. V. DIE STEINKOHLENGRUBEN DER OSTRAUER BERGBAU-GESELLSCHAFT, VORMALS FÜRST SALM. Im Jahre 1850 erschien eines Tages eine mit allem bergmännischen Gezähe ausgerüstete Truppe von Bergarbeitern unter Führung eines Beamten und eines Aufsehers auf dem Ostrauer Ringplatze, um nach kurzer Rast sich in den Polnisch-Ostrauer Wal'd zu begeben und dort nach allen Regeln der Bergwerkskunst Bohrungen und Schürfarbeiten zu beginnen. Diese Bergtruppe kam von Blansko, um im Aufträge des Fürsten Salm nach dem damaligen Berggesetze ein Bergterrain zu occupiren. Die AVahl des Ortes war eine gute; der begonnene Bergbau entwickelte sich und hat seither eine ansehnliche Ausbreitung gewonnen. Bis zum Jahre 1896 betrieb die genannte fürstliche Familie diesen Bergbau auf eigene Rechnung, von da an übernahm denselben jedoch eine Actiengesellschaft unter dem obigen Titel. Der Grubenbesitz im Gesammtausmaasse von 356‘4/m und südlich daranschliessendem Freischurfterrain, in den Gemeinden Polnisch-Ostrau, Radwanitz und Michalkowitz in Oesterreichisch-Schlesien gelegen, steht unter einer in Polnisch-Ostrau an der Grube befindlichen Bergdirection und ist zwei getrennten Betriebsleitungen zugetheilt, und zwar jener des Schachtes Nr. II, auch Leopoldinen-Schacht genannt, und jener des Schachtes Nr. VII, auch Elisabeth-Schacht genannt, Grubenbetrieb Leopoldinen-Schacht (Nr. II). Diesem Grubenbetriebe ist verglichen ein Baufeld von 800 m Länge und 900 m Breite zugewiesen, das von dem 597 m tiefen Leopoldinen-Förderschachte aus im Betriebe erhalten wird. Fünf Abbauhorizonte — 225 m, 379 m, 448 m, 554 m und 590 m tief angelegt — haben durch Querschläge die Flötze «Urania» (o - g m), «Diana» (o '$m), Nr. X (o - g tri), «Hugo» (rom), «Elisabeth» (o’g m), «Adolf» (i - 2 rri) «Flora» (07 m) und «Günther» (o - g m mächtig), erschlossen und der Gewinnung zugeführt. Diese Flötze haben ein Hauptstreichen von Nord nach Süd mit einem Einfallen von 10 —13°, bilden jedoch östlich einen Sattel, so dass dieselben vom Schachte Nr. VII aus i3oom Luftlinie östlich überkippen und noch einmal in demselben Querschlage zum Vorschein kommen. Der Förderschacht selbst hat einen lichten Querschnitt von g’4 m 2 , ist theils gemauert, theils in Eichenzimmerung gesetzt und zur Etagenförderung für Hunde mit 8 q Fassungsraum eingerichtet. Eine liegende Fördermaschine von 500 HP hat im Jahre 1897 1,148.5555 Kohle gefördert, ist jedoch in der Lage, ohne Anstand 2 Millionen Metercentner zu fördern, welche Förderung auch angestrebt wird. Für einen Theil des ehemaligen Fürst Salm’schen Grubenfeldes vermittelt der Schacht Nr. II die Wasserhaltung mittels einer 60 HP oberirdischen, liegenden Maschine, welche im Stande ist, 1 m 3 Wasser in der Minute zu gewältigen, hebt jedoch momentan nur den unbedeutenden Zufluss von o - 3 m 3 . Die Wetterführung ist für beide Grubenbetriebe eine gemeinschaftliche. 3io Die vorstehende Abbildung zeigt einen Durchschnitt durch die Gebirgsschichten von Nord nach Süd in der Gegend des jetzigen Johann-Schachtes. Das Hauptstreichen der Flötze hat die Richtung von Ost nach West. Im westlichen Theile biegt das Streichen zuerst nach Süden und dann in Folge einer Muldenbildung nach Norden, das südliche Einfallen beträgt meist 5—io°, stellenweise bis iS 0 . Das Steinkohlengebirge tritt an einigen Punkten zu Tage, senkt sich jedoch sanft gegen Süden und steil gegen Norden unter die tertiären Schichten. Das gesammte Grubenfeld ist von drei grösseren von Ost nach est streichenden Sprüngen durchzogen, welche Sprünge die Flötze um 3o, io und 22 m verwerfen, während drei kleinere Quersprünge eine Verwerfung von 10—38 m herbeigeführt haben. Vor mehr als hundert Jahren begann der Abbau in den hängendsten, später an den Ausbissen des 7. und 8. Flötzes mittels mehr als 3o kleinen Schächten, von denen die meisten heute nicht mehr bestehen. Derzeit ist das ganze Grubenfeld in vier grosse Grubenreviere getheilt, die nach den Förderschächten benannt sind und unter selbständigen Betriebsleitungen stehen. Es sind dies die Grubenreviere Johann-Schacht, Tiefbau-Schacht, Franziska-Schacht und Heinrich-Schacht. Sämmtliche Flötze sind mehr oder weniger schlagwetterführend und liefern eine gute, backende Kohle. Die mächtigeren Flötze werden mittels Pfeiler-, die schwächeren mittels Strebbau gewonnen. Im Jahre 1893/94 betrug die Production 7,256.247 q, womit aber die Grenze der Leistungsfähigkeit der Anlagen noch nicht erreicht ist. Grubenbetrieb Johann-Schacht. Diesem östlichst gelegenen Grubenbetriebe ist ein Baufeld von circa 36o ha zugewiesen, welches aber derzeit in Folge Auswaschungen des Kohlengebirges im Osten und Norden auf etwa 200 ha beschränkt ist. HENRIETTESCH. UOHANNSCH. 1 ' 10000 Profil der Gräfl. Larisch’schcn Gruben in Kanvin. Derselbe besitzt 2 Förder- und 2 Wetterschächte, und zwar den Johann-Förderschacht, 334 m tief, in einem rechteckigen Querschnitt von g - 8 m 2 in Holz ausgezimmert; dieser Schacht wird demnächst nachgenommen und kreisrund mit einem lichten Durchmesser von 47 m ausgemauert. Der 110 m östlich vom ersteren gelegene Carl- Förderschacht ist rund, mit 3-85 m lichtem Durchmesser ausgemauert und 333*3 m tief. Der gemauerte Henrietten-Wetterschacht, 620 m südlich vom Carl-Schacht, mit 3-g8 m lichtem Durchmesser und i6y8 m Tiefe, endlich der 204 m südöstlich vom Carl-Schachte gelegene, ebenfalls gemauerte Carl-Wetterschacht mit 3'85 m lichtem Durchmesser und 225 m Tiefe. Jeder der beiden Förderschächte besitzt eine liegende Zwillingsfördermaschine mit Collmannsteuerung und Etagenschalen für 2 Förderwagen ä 7 q. Am Johann-Schachte befindet sich noch ein nasser Compressor, der 5 m 3 Luft von 5 Atmosphären Ueber- druck in der Minute liefert, und eine alte Wasserhaltungsmaschine mit Zahnradübersetzung und einem Kunstwinkel, welche mittels 5 Drucksätzen die etwa o - 2 m 3 in der Minute betragenden Wasserzuflüsse hebt. Zur Ge- wältigung grösserer, zusitzender Wassermengen wird gegenwärtig am Carl-Schachte auf der 333 m tiefen Sohle eine neue unterirdische Wasserhaltungsmaschine mit gesteuerten Ventilen für eine Leistung von 075 m 3 in der Minute aufgestellt; dieselbe kommt bereits im nächsten Jahre in Gang. Die geförderte Kohle wird mittels Kettenförderung einer vor vier Jahren neu erbauten Doppelseparation zugeführt, die 20.000 q Kohle per Tag zu classiren vermag. Diese Separation enthält 2 Distel-Susky’sche Stückkohlenroste, 2 Karlik’sche Pendelrätter, 2 Cornett’sche Klaub- und Verladebänder für die Stückkohle, dann Klaub- und Transportbänder für die anderen Kohlensorten, deren Verladung aus Verladetaschen erfolgt. Die Verschiebung der Waggons besorgen zwei überhöhte Dampfschiebebühnen. Alle Kohle unter 3o mm Korngrösse wird von der Separation auf einer 290 m langen, von einer Dampfmaschine angetriebenen Kettenbahn der Wäsche zugeführt, welche dieselbe im gewaschenen Zustande an den Koksofenbetrieb abgibt. Die Gruben Ventilation besorgen die auf den genannten zwei Wetterschächten aufgestellten Guibal-Ven- tilatoren, deren jeder bei einer Breite von 3 und 9 m Durchmesser und mit 52—56 Umdrehungen zusammen nur 40* 3i5 ENTWICKLUNG DER PETROLEUM-INDUSTRIE IN GALIZIEN. VON STANISLAUS PRUS SZCZEPANOWSKI. Die Gross-Industrie. I. 41 Die Versäumnisse nun, die dieses traurige Resultat verschuldet haben, lassen sich unter folgenden Hauptpunkten gruppiren: 1. Ungenügende Communicationsmittel. Erst im Jahre 1873 berührte das Eisenbahnnetz nach Ausbau der Dniestrbahn das Petroleumgebiet, wodurch Drohobycz in Verbindung mit dem galizi- schen Eisenbahnnetze gelangte. Noch durch zehn Jahre hindurch musste das Petroleum per Achse aus den Karpathen zur nächsten Station der galizischen Carl Ludwig-Bahn geführt werden, und erst in das Jahr i883 fällt die Eröffnung der Transversalbahn, der eigentlichen Petroleumbahn Galiziens. Dieser Vortheil wurde aber bald aufgewogen, weil zur selben Zeit Galiziens gefährlichster Concurrent, der Cau- casus, seine Verbindung mit dem Schwarzen Meere erhielt und bald darnach das tückische caucasische Falsificat oder Kunstöl nach Oesterreich gelangte. 2. Prohibitive Frachtsätze auf österreichischen Bahnen. Noch anfangs der Achtzigerjahre betrug z. B. der Frachtsatz für Petroleum von Kolomea nach Wien 3 fl. 89 kr. per 100 kg, so dass, wenn für die Fastage noch 2 $°/ 0 hin und ebensoviel zurück hinzugefügt werden, sich die Transportspesen nach Wien auf nahezu 6 fl. stellten, während der damalige Grubenwerth etwa 5 fl. per 100 kg betrug. Aus Kolomea nach Westgalizien betrug der Frachtsatz 2 fl. 50 kr. per 100 kg, also mit Zurechnung der Fastage nahezu 4 fl. per 100 kg, wodurch bei einem bestimmten Geschäfte, welches damals in Erwartung von nicht erlangten Frachten-Refactien abgeschlossen wurde, nahezu der gesammte Oelwerth durch die Fracht aufgezehrt wurde. Die rapide Entwicklung der galizischen Petroleum-Industrie begann erst, nachdem ihr der '/ I0 kr.-Tarif per Kilometer und Metercentner zugestanden wurde. 3. Ungeregelte Besitzverhältnisse. Es wurde oftmals behauptet, die Thatsache, dass das Petroleum dem Bergregale nicht unterstehe, sei der Entwicklung der galizischen Petroleum-Industrie hinderlich gewesen. Amerika übrigens kennt auch kein Bergregale, und gegenwärtig ist auch in Galizien die Industrie zu einer bedeutenden Entwicklung gelangt, trotzdem das Petroleum bis jetzt kein Bergregale ist. Aber was jedenfalls die natürliche Entwicklung gehemmt hat, war die späte Einführung der Grundbücher für den bäuerlichen Grundbesitz in Galizien, die in den Karpathengegenden erst vor ein paar Jahren abgeschlossen wurde. Erst seit dieser Zeit besteht die für grosse Unternehmungen unbedingt erforderliche Rechtssicherheit. 4. Verspätete geologische Untersuchung der Karpathen. Bis zum Jahre i83o, so lange noch eine constitutionelle Regierung in Warschau, im Congress-Polen, bestand, that die dortige Regierung viel mehr für die Erforschung der Karpathen als die österreichische Regierung in Wien. Vereinzelte Studien ausgenommen, ist eine wirkliche Karpathengeologie erst in den Jahren 1875 —1878 durch die Forschungen der Wiener Geologen Paul und Tietze begründet worden, 5. Eine verkehrte Zollpolitik. Im Jahre 1872 wurde raffinirtes Petroleum mit einem Zoll von 75 kr. und im Jahre 1875 mit 1 fl. 50 kr. per M.-Ctr. belegt, während Rohöl frei war. Im Jahre 1879 wurde der Raffinadezoll auf 3 fl. erhöht, während Rohöl je nach Qualität mit 60 kr. bis 1 fl. 25 kr. verzollt wurde. Im Jahre 1882 wurde der Zoll auf raffinirtes Petroleum auf 10 fl. in Gold erhöht, rumänisches Rohöl mit 68 kr., russisches mit 1 fl. 10 kr. und amerikanisches mit 2 fl. Gold belastet, während gleichzeitig auf das einheimische Petroleum eine Consumsteuer von 6 fl. 50 kr. ö. W. gelegt wurde. Diese Zollsätze wären nicht ungünstig gewesen, wenn thatsächlich echtes Rohöl aus dem Auslande importirt worden wäre. Dies war aber nicht der Fall. Dem amerikanischen Rohöl wurde nachgeholfen, indem die flüchtigen, in Oesterreich schwer verwendbaren Bestandtheile vor dem Import mit Dampf abgeblasen wurden. Das russische Rohöl, dessen inferiore Qualität es überhaupt vom Importe ausschloss, kam als solches gar nicht nach Oesterreich. Es wurde dafür das sogenannte Falsificat oder russische Kunstöl dargestellt, d. i. ein Petroleumdestillat, durch 5—15% Theer gefärbt, um es in Oesterreich als Naturöl einschwärzen zu können. Nachdem diese betrügerische Praxis durch die Bemühungen der galizischen Producenten entdeckt worden ist, wurde im Jahre 1887 ein höchst ungenügender Ersatz darin gefunden, dass unter Erhöhung des Zollsatzes auf 2 fl. für russisches und 2 fl. 40 kr. für amerikanisches Rohöl die Zollbehörde auf die Unterscheidung von Natur- und Kunstöl verzichtete und sozusagen die fraudu- lose Praxis legalisirte und das Falsificat anstandslos die Grenze zu dem leider so ungenügend erhöhten Zollsätze passiren Hess. 324 6. Mangel an Capital und geschäftlicher Initiative seitens der österreichischen Geschäftswelt. Mit einigen desto anerkennenswertheren Ausnahmen wurde die galizische Petroleum-Industrie dem absolut ungenügenden Landescapital oder der ausländischen Speculation überlassen, so dass erst in der Periode nach i883 grössere und capitalskräftigere Unternehmungen sich etabliren, die im Stande sind, das Geschäft mit der nöthigen Energie und mit der unentbehrlichen technischen Leistungsfähigkeit zu betreiben. 7. Zurückgebliebene Technik. In Amerika wurde in wenigen Jahren nach Emporkommen der Petroleum-Industrie eine höchst vollkommene Bohrtechnik entwickelt, in Galizien aber in den älteren Perioden beinahe nur durch den ursprünglichen Entdecker der Verwendbarkeit des galizischen Petroleums, Herrn Lukasiewicz, im beschränkten Maasse nachgeahmt. Dazu entwickelte sich in Amerika ein vollkommenes und einfaches Transportsystem in eisernen Cisternenwagen auf den Bahnen und ausserdem in Rohrleitungen, die auf viele hundert Kilometer Distanz das Petroleum mit minimalen Kosten verschicken. In Galizien war dies erst ein Werk der letzten zehn Jahre. 8. Grössere natürliche Schwierigkeiten der galizischen Petroleumgebiete. In letzter Instanz müssen auch die grösseren natürlichen Schwierigkeiten in Galizien hervorgehoben werden, indem das galizische Petroleumterrain weder so reichhaltig ist wie das caucasische, noch so leicht zum Bohren ist wie das amerikanische, wo die nahezu horizontale Lagerung die Bohrarbeiten ausserordentlich erleichtert, während die steil geneigten und unregelmässigen galizischen Oelschichten eine viel vollkommenere Bohrtechnik erfordern. Ohne die vorerst angegebenen behebbaren Nachtheile wäre dieser Umstand allein einer Entwicklung der galizischen Petroleum-Industrie nicht im Wege gestanden, wie er auch seither überwunden wurde, da doch Galizien, im Centrum Europas, in der Mitte eines kolossalen Consumgebietes gelegen, sonst viel mehr Vortheile darbot wie die geographisch für den Welthandel viel ungünstiger situirten amerikanischen und russischen Petroleumgebiete. Wenn trotz der günstigen geographischen Lage die Petroleum-Industrie Galiziens eigentlich die günstigste Zeit für ihre Entwicklung versäumte und erst jetzt in der schlechtesten Conjunctur eine grössere Wichtigkeit erlangte, so beweist dies nur ihre unverwüstliche Lebensfähigkeit, und ist gleichzeitig das beredteste geistige Armuthszeugnis für alle jene Factoren, deren Aufgabe es gewesen wäre, diejenige Entwicklung, deren wir heute Zeuge sind, schon vor 3o Jahren herbeizuführen. Einige wenige Zahlen geben ein drastisches Bild der Vortheile, welche Ländern und Nationen zufallen, die sich in der Avantgarde des Fortschrittes befinden, und die verhältnismässig mühelos jene Resultate einheimsen, welche die Länder und Nationen ohne Initiative, die nur den anderen nachzuhinken pflegen, für immer und unwiderruflich verlieren. In der Zeit der hohen Preise vor dem Jahre 1878, der Zeit der fabelhaften Erfolge, war die galizische Production trotz eines Rohölpreises von 12 fl. per Metercentner und mehr, kaum je über 200.000 q pro Jahr. Die bis dahin nach Deutschland importirte Petroleummenge kann auf über 3o Millionen Metercentner im Werthe von über 600 Millionen Gulden ö. W. geschätzt werden, wozu der Import nach Oesterreich, etwa 7 Millionen Metercentner im Werthe von 150 Millionen Gulden ö. W., hinzukommt. Galizien war geographisch berufen, das Ganze oder einen grossen Theil dieser Quantitäten, deren Ge- sammtwerth sich auf 750 Millionen Gulden beziffert, zu liefern. W r elch’ anderes Bild würde das arme Land Galizien heute dargestellt haben, wenn sich vor 20 und 3o Jahren ein solcher Goldstrom von einigen hundert Millionen Gulden dort befruchtend und bereichernd ergossen hätte. Welchen Einfluss auf die österreichische Handelsbilanz hätte nicht ein mächtiger Petroleumexport gehabt, welchen belebenden Einfluss auf alle dabei mitbetheiligten Metall-, Maschinen- und chemischen Industrien? Es ist im höchsten Grade melancholisch, sich in solchen Betrachtungen zu ergehen, da das Versäumte absolut nicht nachzuholen ist. Im Kampfe um die Existenz kam dem Schnelleren und Gewandteren der fette Braten zu, dem Nachhinkenden bleibt nichts übrig, als an den mageren Knochen weiter zu nagen. Nach diesen einleitenden Bemerkungen wird die nachstehende Tafel verständlich, welche die ziffer- mässige Entwicklung der drei grossen Petroleumgebiete Pennsylvaniens, Russlands und Galiziens seit 1873 darstellt, des ersten Jahres, für welches wir in Galizien einigermaassen verlässliche Ziffern besitzen: — 325 Rohölerzeugung in Tausenden von Metercentnern. Pennsylvanien Caucasus Galizien Pennsylvanien Caucasus Galizien 1873 I2.ÖOO 640 219 1886 32.600 I9.70O 750 1874 13.900 780 209 1887 27.800 2 5.1OO 740 1875 I 1.200 94O 22 1 1888 2 I .OOO 25.4OO 900 1876 I I.9OO I.95O 229 1889 28.000 33.400 970 1877 I 7-200 2.420 23 7 1890 59-570') 39.148 890 1878 I9.9OO 3.200 245 1891 70.570 47.174 890 1879 25.800 3.700 3 00 1892 65.662 48.812 860 1880 33.900 4.200 320 1893 62.937 55.200 963 1881 37.600 4.900 400 1894 64.149 50.614 I 320 1882 39.100 6.800 461 1895 68.879 64.864 2148 i883 31.400 8.000 5io 1896 60.835 66.502 3398 1884 30.400 1 i.3oo 570 1897 78.078 — 3.100 1885 26.9OO 16.400 650 Aus der obigen Zahlenreihe ist ersichtlich, dass erst in den allerletzten Jahren, d. i. seit 1895, se it dem Aufschluss des ergiebigen Schodnica-Oelfeldes, die galizische Petroleum-Industrie eine wahre Gross- Industrie mit Massenproduction geworden ist, während es früher nur vereinzelte grössere Unternehmungen gab, wie z. B. die canadische Firma Bergheim & Mac Garvey in Gorlice und einige andere, die auf europäische Weise installirt waren. Erst in den allerletzten Jahren sind zahlreiche grosse, capitalskräftige Unternehmungen entstanden, welche mit dem ganzen in Amerika seit nahezu 3 o Jahren entwickelten Apparat von modernen Bohrwerkzeugen, Rohrleitungen, Cisternenwaggons und eisernen Reservoiren arbeiten, ohne welche an eine erspriessliche Thätigkeit nicht zu denken ist. Es kann hier nicht der Platz sein, auf die schwebenden Ausgleichsverhandlungen mit Ungarn einzugehen, bei welchen die geplante Zollerhöhung für das caucasische Falsificat eine nicht unbedeutende Rolle spielt. Es muss aber eine wichtige Frage erwähnt werden, nämlich ob Galizien überhaupt im Stande ist, den Gesammtconsum der österreichisch-ungarischen Monarchie an Petroleum zu decken. Die näheren Verhältnisse der österreichischen Petroleumraffinerie-Industrie und des Consums an fremdem und einheimischen Petroleum in Oesterreich-Ungarn werden in dem Artikel über die Petroleumraffinerien zur Sprache kommen. Hier sei nur erwähnt, dass, während Galizien im Jahre i 883 erst 16% und im Jahre 1893 erst 3 o°/ 0 des österreichisch-ungarischen Consums zu decken im Stande war, dieser Percentsatz sich im Jahre 1896 auf 73^7 % und im Jahre 1897 auf 74/5 °/ 0 hob, wobei noch ein namhafter Petroleumexport nach Deutschland in Betracht kommt. Eine Production von etwa 4 Millionen Metercentner Rohöl wäre genügend, um den Bedarf der Monarchie vollauf zu decken, während die Erzeugung im Jahre 1896 erst 3,398.000 q und im Jahre 1897 nur 3 ,100.000 q betrug, aber im laufenden Jahre wesentlich gestiegen ist. So lange die gegenwärtigen Zollverhältnisse dauern, bei welchen ein 95 °/ 0 hältiges Falsificat nur 2 fl. Zoll bezahlt, ist eine jede grössere Production als die bisherige geradezu ein Unglück für Galizien, indem sofort die Nöthigung eintritt, grosse Quantitäten zu hohen Frachtsätzen an die an der entfernten Seeküste für fremdes Petroleum günstig gelegenen Raffinerien von Fiume und Triest abzugeben oder gar zu Verlustpreisen nach Deutschland zu exportiren. Im Jahre 1896 ist auf diese Weise durch einen einzigen reichhaltigen Schacht in Schodnica die Marktlage so deroutirt worden, dass der erzielte Durchschnittspreis für Rohöl für das ganze Jahr 1896 nur 1 fl. 70 kr. per 100 kg betrug, ein Preis, bei welchem nur die allerbest situirten Unternehmungen bestehen können, während alle durchschnittlichen Gruben, deren Gesammterzeugung ja doch schwer ins Gewicht fällt, mit grossen Verlusten abschlossen, da deren Erzeugungskosten sich wesentlich höher gestalten. *) Nach Einrechnung des Ohioöles. 326 In Galizien sind durch die verspätete Entwicklung der Petroleum-Industrie ohnedies eine Reihe der schwächeren Petroleumterrains werthlos geworden, deren Betrieb sich vor 20 oder 3o Jahren bei höheren Preisen ausgezeichnet rentirt hätte, die aber bei den gegenwärtigen Preisen gar nicht mehr in Angriff genommen werden können. Vor 10 Jahren wurde ein Preis von 4—5 fl. ö. W. per 100 kg als nothwendig erachtet, um die damals betriebenen Gruben lebensfähig zu erhalten. Gegenwärtig wird zum mindesten ein Preis von 3 fl. 50 kr. per 100 kg erfordert, um den Fortbestand und die Entwicklung der durchschnittlichen Gruben in Galizien zu sichern, so dass selbst bei einer momentanen Ueberproduction und einem hierdurch bedingten Export nach Deutschland der Durchschnittspreis nicht unter 3 fl. fallen sollte. Ein solches Preisniveau würde eine sichere geschäftliche Basis für den regelmässigen Fortgang von Schürf- und Aufschlussarbeiten ergeben, die gegenwärtig nur in beschränktem Maasse vorgenommen werden, da bei mässigen Erfolgen sich die Arbeiten nicht lohnen und bei günstigen Erfolgen sofort die Gefahr eines Preissturzes besteht, der mit den grössten Verlusten für die gesammte Petroleum-Industrie verbunden wäre. Es mag noch zum Schlüsse auf die Verdienste des galizischen Landes-Petroleum-Vereines unter der ausgezeichneten Leitung des Herrn August Ritter von Gorayski, Mitglied des Herrenhauses, hingewiesen werden. Ebenso ist die culturelle Seite der ganzen Frage zu berücksichtigen. Die bei der Petroleum-Industrie beschäftigten Arbeiter gehören zu den bestbezahlten und tüchtigsten, die es in Galizien gibt, und überall gibt die Petroleum-Industrie den Anstoss zur Entwicklung von anderen Industrien, insbesondere der Maschinen- und chemischen Industrie, so dass in den von der Natur am kärglichsten ausgestatteten Gebirgsgegenden, wo sonst der Hungertyphus geherrscht hat und die Emigration die einzige Ausflucht war, blühende Industriecentren entstehen. Möge es der so spät zur Entwicklung gelangten Petroleum-Industrie Galiziens gegönnt sein, dasjenige zu leisten, was bei der heutigen Weltlage noch möglich ist! Floreat et crescat! GALIZISCHE KARPATHEN-PETROLEUM-ACTIEN-GESELLSCHAFT VORMALS BERGHEIM & MAC GARVEY GORLICE. as im Jahre 1882 in Kraft getretene Zollgesetz, welches der heimischen Petroleumraffinir-Industrie Schutz gegen die amerikanische und russische Concurrenz gewährte, veranlasste die Rohölproducenten Galiziens zur Entfaltung einer intensiven Thätigkeit. Viele Gruben wurden neu erschlossen, allenthalben bis zu 100 M. tiefe Schächte gegraben und dadurch der Beweis geliefert, dass von Neusandec bis in die Bukowina eine mächtige Oelzone sich erstreckt, deren Ausdehnung weit grösser ist als die bislang bekannten, durch Oelvorkommen ausgezeichneten Gebiete Pennsylvaniens. Wohl vermochten die Mittel, mit denen bis zu Anfang der Achtzigerjahre Rohöl in Galizien exploitirt wurde, keinen Vergleich auszuhalten mit den zweckmässigen, jenseits des Oceans in Verwendung gestandenen Bohreinrichtungen; denn während in Amerika und auch in Deutschland damals schon mittelst Dampfmaschinen angetriebene Bohrmaschinen in Thätigkeit waren, beschränkte man sich in Galizien grösstentheils darauf, mit dem Spaten Brunnen zu graben, das Oel mittelst Handwinden und Kübeln zu schöpfen und ab und zu versuchsweise Handbohrungen auszuführen. Die neuen Oelfunde in Galizien im Vereine mit den günstigeren Bedingungen, deren sich nach der Einführung des Schutzzolles der heimische Rohölbergbau fortab erfreuen sollte, erweckte das Interesse des Engländers John Simeon Bergheim und des Canadiers William Henry Mac Garvey — welch’ Letzterer als Bohrunternehmer bereits grosse Erfolge in Canada aufzuweisen hatte — und im Jahre 1884 übernahmen sie unter der Firma Bergheim & Mac Garvey im Accord Bohrungen auf Rohöl nach dem bewährten canadischen Bohrsysteme, welches den complicirten stratigraphischen Verhältnissen Galiziens angepasst, sich auch hier als das geeignetste erwies. Die Erfolge, welche Bergheim & Mac Garvey mit ihrem Bohrsysteme erzielten, veranlasste auch andere Unternehmer, dasselbe anzuwenden, so dass es heute im ganzen Lande fast ausschliesslich im Gebrauche steht. Das gut gehende Bohrgeschäft brachte der jungen, mit nur bescheidenen Mitteln begonnenen Firma das nöthige Capital, um alsbald selbst Terrain zu erwerben. In Kryg, Libusza, Lipinki bohrte sie 1885 die ersten Bohrlöcher auf eigene Rechnung, welche schönen Ertrag brachten und damit auch die Mittel, um die Accordbohr- arbeiten aufgeben und den Rohölbergbau ausschliesslich auf eigene Rechnung weiter ausdehnen zu können. Die rastlose Thätigkeit und die Genügsamkeit der Firmainhaber, nicht minder auch die Umsicht und der Fleiss ihres Mitarbeiters August v. Kaufmann, welchem sie die commerzielle Leitung überliessen, brachte das Unternehmen rasch zu grösserer Ausdehnung. In wenigen Jahren war eine grosse Anzahl von Terrains, beziehungsweise die Exploitationsrechte auf solchen erworben, es wurden gleichzeitig auf mehreren, örtlich weit auseinander liegenden Oelfeldern Bohrungen ausgeführt und reichliche Aufschlüsse erzielt. Das Jahr 1886 brachte die Erschliessung Wietrznos mit zwei Springwells, von denen einer täglich 150.000 Liter Rohöl durch längere Zeit auswarf. Dieser grosse Erfolg, durch den das Unternehmen alle anderen galizischen Petroleumbergbau-Unternehmungen überflügelte, gab die Veranlassung zum Baue einer eigenen Raffinerie, die 1887 in Maryampole bei Gorlice errichtet wurde. (Siehe unter «Chemische Industrie; Erdöl-Raffinirung».) Daneben wurde die Erwerbung neuer Terrains zu Exploitationszwecken fortgesetzt, die Gruben Weglöwka, Domaradz, Böbrka, L$ki, Wröblik, Lezyny, Kobylanka, Turaszöwka, Potok, Golcowa, Jaszew eröffnet und in dieser Weise das Unternehmen auf eine breite Grundlage gestellt. Um den Betrieb möglichst rationell zu führen, wurde eine grosse mechanische Werkstätte in Maryampole im Zusammenhänge mit der Raffinerie errichtet, welche alle für die Bergwerke nöthigen Maschinen in eigener Regie erzeugt. Von der mit Dampfhämmern, grossen Drehbänken, Bohrmaschinen etc. ausgestatteten Werkstätte werden die für den Bohrbetrieb nöthigen Dampfmaschinen, Bohrmaschinen, Pumpen etc. fabricirt und in der Kesselschmiede die in den Gruben benöthigten Dampfkessel. Die aus dem Ropaflusse durch eine grosse Turbine gewonnene Wasserkraft per 100 HP wird mittelst elektrischer Kraftübertragung zum Betriebe der circa 2 Km. entfernten Werkstätte verwendet. Ausserdem ist in jeder Grube je eine gut ausgestattete Werkstätte und Schmiede installirt. 33z — Am 12. Juni 1896 wurde der Beschluss gefasst, die Raffinerie zu bauen. Am 28. August war das erste Industriegeleise soweit fertig, dass mit dem Zuführen von Baumaterialien begonnen werden konnte. Am 19. October kam die erste Sendung Rohöl aus den Gruben in der Raffinerie an, und am 28. Jänner 1897, also fünf Monate nach Anfang des Baues, wurde mit dem Betriebe begonnen und die erste Partie Petroleum erzeugt. Die Raffinerie verarbeitet bei normalem Betriebe 200.000 kg Rohöl täglich und erzeugt daraus i 3 o.ooo kg Petroleum, 24.000 kg Benzin, 20.000 kg Mineral-Schmieröle und 400 kg Paraffin. Das Petroleum wird je nach der Marktlage im Inlande oder in Deutschland verkauft. Die Benzine, welche in verschiedenen Qualitäten, und zwar für Beleuchtungszwecke, chemische Reinigung, für Motoren und für Fettextraction erzeugt werden, finden ihren hauptsächlichsten Absatz in Deutschland. Die Mineral-Schmieröle verdrängen allmälig siegreich die amerikanische und russische Concurrenz, das Paraffin, welches sich zur Kerzenerzeugung besonders eignet, die bisher aus Schottland und Amerika importirte Waare. Die Raffinerie ist nach den neuesten Systemen gebaut. Das Rohöl wird im Gegensätze zu den bisher üblichen Methoden «continuirlich» destillirt. Ein Apparat, in welchem das Rohöl ununterbrochen eingepumpt wird, liefert ebenso ununterbrochen durch ein System von Röhren die verschiedenen, scharf getrennten Producte, wie Benzin, Kaiseröl, Standard-Petroleum, Solaröl und Rückstände. Die Rückstände werden entweder in den sogenannten Crackblasen weiter zersetzt, um auch daraus Petroleum zu erzeugen, oder in der Vacuum-Destillation auf Mineral-Schmieröle verarbeitet. Auch diese letztere Anlage ist eine Neuerung in der Oelindustrie, welche es möglich macht, aus dem inländischen Rohöle Producte zu erzeugen, die den ausländischen gleichwerthig sind. In der Paraffinfabrik leistet die Kühlanlage 200.000 Calorien Kälte pro Stunde und wird von einer 200 HP Maschine bedient. Zwei Benzinmotoren ä 25 HP besorgen den Antrieb zweier Gleichstromdynamos und versehen die Fabrik mit elektrischem Lichte. Durch den Bau von Beamten- und Arbeiterhäusern ist für die Unterkunft des Fabrikspersonales bestens gesorgt. Ein Dampf- und Wannenbad erweist sich vom hygienischen Standpunkte aus als besondere Wohlthat. Die Gesellschaft verfügt über einen eigenen Wagenpark von 150 Cisternenwaggons, die ihre Producte nach allen Richtungen verführen. Auf der Grube in Schodnica und in der Dzieditzer Raffinerie finden über 1000 Arbeiter lohnende Beschäftigung. Im Vorstehenden haben wir versucht, den Entwicklungsgang eines jungen Unternehmens in möglichst anschaulicher Weise zu schildern. Dass ein relativ kurzer Zeitraum genügte, um aus den primitivsten Verhältnissen heraus ein modernes, allen Anforderungen der Zeit entsprechendes Werk zu schaffen, verdient wohl besonders hervorgehoben zu werden. Solche Dinge machen sich aber nicht von selbst. Hiezu bedarf es einer zielbewussten Leitung, eines grossen Aufwandes von Thatkraft, von Fleiss und richtigem Verständnisse. Wo aber diese Grundbedingungen jeglichen Gedeihens vorhanden waren, konnte der Erfolg auch nicht ausbleiben. Möge derselbe dem Unternehmen auch fernerhin hold sein! Glück auf! Die Gross-Industrie. I. 337 43 Producte errangen überall den ersten Preis. Die Laboratoriumsarbeiten beschränkten sich aber nicht auf die mit dem Betriebe verbundenen Untersuchungen; auch rein theoretische Fragen, wie die Erforschung der Ursache eines grösseren oder geringeren Harzgehaltes, einer mehr oder weniger intensiven Verfärbung der Erdproducte fanden hier eingehende Behandlung, und die erhaltenen Resultate führten zur Aufstellung eigener Theorien. Die neu auftauchenden Prüfungsmethoden wurden auf ihre Brauchbarkeit untersucht und ganze Verfahren zum Iden- ticitätsnachweis von Erdabkömmlingen ausgearbeitet. Wenn schon die Entwicklung der gräfl. Skrzynski’schen Petroleum-Raffinerie und Erdölwerke selbst sehr viel zum Beleben der gesammten Erdölindustrie beigetragen hat, beschränkte sich der Eigenthümer dieser Anlagen nicht darauf, seine Thätigkeit den eigenen Unternehmungen zu widmen. Um einen Centralpunkt zu bilden, wo die Interessen aller Erdölindustriellen zum Ausdrucke gelangen, betheiligte er sich an der Gründung des galizischen Petroleum-Vereines, und man kann überhaupt sagen, dass es keine für die Erdölindustrie wichtige Frage gibt, zu deren Lösung Graf Adam Skrzynski auf diese oder jene Art nicht beigetragen hätte. Die hervorragende Stellung, welche gegenwärtig der galizischen Petroleum-Industrie in der österreichisch-ungarischen Monarchie zukommt, verdankt diese Industrie nicht im kleinsten Maasse der Thätigkeit in dem Unternehmen, dessen geschichtliche Entwicklung wir hier kurz geschildert haben, besonders aber dem Eigenthümer dieser Anlage. h) In Westgalizien gehört bei der Kreisstadt Gorlice ein 1800 Joch umfassender Grundcomplex Ropa, wo gegenwärtig eine Probebohrung ausgeführt wird. Endlich erwarben Wolski & Odrzywolski in Gesellschaft mit Herrn S. Szczepanowski in Rumänien: i) das Pachtrecht auf einem ca. 400 Joch umfassenden Terrain, welches, im geologischen Sattel liegend, die Verbindung zwischen den beiden grössten Gruben Rumäniens, Campina und Bustenari, herstellt, und k) das 70 jährige Gewinnungsrecht auf dem Braunkohlenfelde Filipesti de Padure. Zum Zwecke der möglichst raschen Entwicklung der rumänischen Unternehmungen verbanden sich die Rechtsbewerber mit einer grösseren Bank zu einer Gesellschaft mit 1,200.000 Francs Anlagecapital und nahmen im Sommer 1897 die ersten Arbeiten in Angriff. Auf dem Petroleumterrain arbeiten bereits drei Bohrgarnituren, welche in der nächsten Zeit auf vier ergänzt werden. Einem so ausgedehnten, mehr als 20 Bohrrighs umfassenden Betriebe konnte die alte kleine Werkstätte nicht mehr genügen, zumal dieselbe auf dem Grund und Boden der «Schodnica»-Actiengesellschaft stand, mit welcher das Accordverhältnis nun erlosch. Im Frühjahre 1897 erhob sich also in aller Eile die neue Werkzeugfabrik von Wolski & Odrzywolski in Schodnica mit allen zugehörigen Fabriksgebäuden, Beamten- und Arbeiterhäusern. Dieselbe besteht aus Schmiede, Blechschmiede, mechanischer Werkstätte, Metall- und Eisengiesserei, mechanisch betriebener Tischlerwerkstätte, Maschinen- und Kesselhause, Magazinen etc. Die Schmiede besitzt 14 Schmiedefeuer, von einem Ventilator betrieben, 3 Dampfhämmer von 1000, 500 und 200 kg Fallgewicht, x Transmissionshammer von 100 kg und eine Kaltsäge für Eisen; die Werkstätte besitzt 3 grosse und 8 kleinere Drehbänke, eine Hobelmaschine, 1 Shaping-, 1 Stoss-, 1 Frais- und 3 Bohrmaschinen, Schraubenschneid-, Schleifmaschinen etc. Eine grosse Transmissionspumpe versieht die entfernten Grubentheile mit dem nöthigen Wasser. Die Betriebsmaschine ist eine 40 HP Compoundmaschine von Brand & Lhuillier, der Kessel ein Röhrenkessel von Dürr & Gehre. Sowohl alle Fabriksräume als auch die Beamten- und Arbeiterhäuser sind elektrisch beleuchtet. Die Specialität der Fabrik bilden die Bohrwerkzeuge im Allgemeinen, insbesondere aber einige eigene Patente, von welchen hier erwähnt werden mögen: die Herstellung conischer Gewinde auf eigens construirten Drehbänken, ein patentirtes Verfahren zur Erzeugung der beim canadischen Bohrsysteme verwendeten Eschenstangen, eigens construirter Rettungsschrauben, Gasverschlüsse, Nachnahmbohrer «Heureka» etc. Im Ganzen beschäftigt die Firma Wolski & Odrzywolski 36 Beamte und 542 Arbeiter. Die Centralleitung der Unternehmung befindet sich in Lemberg, Chorqszczyzna Nr. ig im eigenen Hause. Die Gross-Industrie. I. 345 44 deren oberirdischer Theil im Titelbilde einigermassen versinnbildlicht ist. Die Schwierigkeiten, die hier zu überwinden waren, lassen sich nicht schildern. Der Bau einer Strasse mit vielen Serpentinen wurde sofort in Angriff genommen (siehe Situationsskizze). Da aber beabsichtigt war, den Betrieb schon im October 1898 zu eröffnen, so konnte auf Fertigstellung der Strasse nicht gewartet werden, sondern es mussten die auf dem Titelbilde ersichtlichen Gebäude sofort gebaut werden, um Arbeiter, Maschinen etc. unterbringen zu können. Ausser an dem Mangel einer Strasse, der eine drei- bis fünffache Vertheuerung allen Materials zur Folge hatte, litt die Unternehmung in den Monaten Juli und August an grossem Wassermangel und kostete längere Zeit hindurch ein Hektoliter AVasser einen Gulden, infolge dessen bedeutende Summen zur Wasserbeschaffung geopfert werden mussten, ein grosses Opfer, welches Herr König in allererster Linie dem Lande Dalmatien brachte. Die Bevölkerung von Vergoraz und Umgebung wurde sich bald darüber klar, welche hohe AVichtigkeit das Unternehmen des Herrn Alexander König für A^ergoraz und ganz Dalmatien habe, und die Gemeindevertretung verlieh demselben schon im Monat August einstimmig das Ehrenbürgerrecht. Schon heute, drei Monate nach Inangriffnahme der Arbeiten, erhebt sich in dem früher öden Bunina-Thale die neu creirte Bergwerkscolonie Paklina (Betriebsgebäude, Beamtenwohnungen, Arbeiterhäuser, Schacht- und Förderungsanlagen, Maschinen, Grubenbahn etc.), welche durch die von der Firma König erbaute Bergstrasse mit der Narenta und der Eisenbahn- Endstation Metkoviö verbunden ist. Bezüglich neuer Verkehrsanlagen (normal- oder schmalspuriger Bahn, Drahtseil- oder Rollbahn) konnten aus technischen Gründen bisher keine definitiven Beschlüsse gefasst werden, jedoch hört man, dass sich die Regierung für die Asphaltunternehmungen der Firma Ludwig König & Sohn in Wien, welche binnen wenigen Jahren in grossartigem Stile erweitert werden sollen, sehr interessirt und dieselben nach Möglichkeit unterstützen wird. Ausser Vergoraz sind von der Firma König die asphaltführenden Territorien von Rakic, Dolac, Mirilovic, DuSina, Cista etc. angekauft worden, und die Aufschlussarbeiten haben bereits begonnen. Asphalt, bisher ein Importgegenstand, wird nun in allererster Linie ein Exportartikel, da die Production von A r ergoraz den Bedarf des Inlandes weit übersteigen wird. Schon für das erste Betriebsjahr ist eine Production von 200.000 q in Aussicht genommen und damit eine für Oesterreich, soweit es sich um bergmännischen Grossbetrieb handelt, ganz neue Industrie ins Leben getreten, deren Bedeutung für die österreichische Volkswirthschaft in allen Kreisen anerkannt wird. Seine Excellenz Feldzeugmeister Edler von David, unter dessen zielbewusster Statthalterschaft das Land Dalmatien steht, hat in richtiger Erkenntnis dieses Umstandes dem neuen Unternehmen vollstes Interesse entgegengebracht, und es ist zu erwarten, dass dieses Beispiel an anderen officiellen Stellen Nachahmung finden wird. 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