Wm iuinurmiituiUMiTiiüui Technisches Museum Wien Bibliothek iSl 5094/4 iiMUjItTTinitTfflil.iEiinlifiilMIMjm ffitmijlfrin» ■wasas mmmm miaij ti* \i\ fiK.mu nmri y t wMtfijftl mwwmsm ts& s mvxti}} XMfd täz&sa A Tafefc/V? n n M. rrtr !’wwi i wnw itmtimimnr WMj^M n ji i mimii » uMi i i i i ii i i i ii »^ F?_ A»V* m’sm ?rv - V" -l iMmrnnrnnanTfw ' ;r e -^ >-V: T/i^l. ' ' w Ä £-.•;■£; F*ii »«&»&(!£*! _JT 55 ^ 3£J5ä*eS3?S?: FJÄ3sa>^ifcSi& t w \S *;sv5-rei iiiiiiiii n i i i mui 'ii iiBWiUf iHp^l'lUiNm, ?»?ii.L.>^..j.,<.,..,.. u mn i numiröfti ftUUUjjUiUiMUUtfit« itmmMiiHiu ; | gwti n Tn rim t1 t » HH ir i n>n inf y rin Hii mniimM i i um i 1 -'Ä*V,SS y 11 i ifliliitiii lnn; Müil piw w iliiWH | >Humiii^miiiiiiwi | if i W ww H ' mH ' rmmn Hi wHwumm i Hi m i nMmnwHmuniiin i iiiu i i ii in HPn m Tff H n m iwft» mwmrnrfrai!Hff(HSfflBBBaBBnnmrrnfTffnrH , mTrtT nnn v nwitw mnmmiiii Si 'S VlilflMIHBKSH iiHKlifeSÄ! ffiiffliiiffljfi DIE GROSS-INDUSTRIE OESTERREICHS. DIE GROSS-INDUSTRIE OESTERREICHS. FESTGABE ZUM GLORREICHEN FÜNFZIGJÄHRIGEN REGIERUNGS-JUBILÄUM SEINER. MAJESTÄT DES KAISERS FRANZ JOSEF I. DARGEBRACHT VON DEN INDUSTRIELLEN OESTERREICHS 1898 . UNTER DEM HOHEN PROTECTORATE SEINER K. UND K. HOHEIT DES DURCHLAUCHTIGSTEN HERRN ERZHERZOGS FRANZ FERDINAND. # # # # Technisches Museum Wien Bibliothek 5094/4 A jo WIEN, 1898. VERLAG VON LEOPOLD WEISS. I., LOTHRINGERSTRASSE 15. Druck von Friedrich Jasper in Wien, Papier Schlöglmühl INHALT DES VIERTEN BANDES IX. Textil-Industrie. • Seite Die technischen Fortschritte in der Textil-Industrie. Von Prof. Franz Reh . 3 Die österreichische Seidenzeug-Industrie. Von Franz Bujatti sen . 21 Franz Bujatti, Wien, Haäkow und Mährisch-Schönberg. 37 A. Flemmich’s Söhne, Römerstadt und Wien. 4 ° Herzfeld & Fischei, Wien und Schlossberg in Böhmen. 4 2 Carl Hetzer & Söhne, Wien und Gross-Siegharts. 43 L. Kargl & Söhne, Fulnek, Stadt Liebau und Wien. 44 Felix Reiterer’s Söhne, Wien und Mährisch-Schönberg. 45 ^/Trüdinger & Consorten, Bregenz.. 46 F. Wögerer’s Söhne, Pilnikau und Wien. 47 Die österreichische Schafwollwaaren-Industrie. Von Dr. Stefan Licht . 49 Die Reichenberger Tuch-Industrie. Von Ludwig Hübner . 67 Die Wollwaaren-Gross-Industrie. Von Theodor Freih. v. Liebieg . 77 - Actiengesellschaft für Woll-Industrie, Brünn . 87 - Brünner Kammgarnspinnerei, Brünn . 8g F. Dorier & Cie., Lorüns und Bludenz... go Ignaz Schmieger, Zwodau bei Falkenau a. d. Eger... gi Josef Teuber & Söhne, Brünn. 94 L. Auspitz Enkel, Brünn. 95 Franz Baur’s Söhne, Innsbruck und Mühlau. 96 Anton Demuth & Söhne, Reichenberg.. 99 A. Draxl’s Söhne, Flirsch.. 101 J. Fluss, Freiberg (Mähren) .. 103 Carl Traug. Förster & Söhne, Bielitz. 105 Carl Hess, Biala. ....106 ' Enoch Kern’s Sohn, Altenberg bei Iglau. 108 — Augustin Krebs & Sohn, Iglau. m Alois Krenner, Bischof lack. 113 Adolf Löw & Sohn, Brünn, Helenenthal und Klein-Beranau. 115 Aron & Jacob Löw Beer’s Söhne, Brünnlitz, Brünn und Rossrein.. 117 Heinrich Mayer, Schruns (Montafon) .. 119 J. Mössmer & Co., Bruneck und Sand .. 120 Joh. Heinr. Offermann, Brünn.. Friedrich Pollak, Fulnek und Wien. 124- Joh. Nep. Preisenhammer, Neutitschein. 126 Friedrich Redlich, Brünn. I2 7 Schaumann & Comp., Korneuburg.. ■ 128 ~ Gebrüder Schoeller, Brünn. td 1 Brüder Siegmund, Habendorf und Reichenberg . ..132 Wilh Siegmund, Reichenberg und Friedland.. 134 Sternickel & Gülcher, Biala. 13b Brüder Strakosch, Brünn . .- • r 4 ° Josef Zimmermann, Alt-Habendorf. . Eduard Zipser & Sohn, Mikuszowice, Lodygowice und Bielitz. 143 Blaschka & Comp., Liebenau .. I 46 Fritsch & Co., Haindorf, Weisbach und Reichenberg. 149 E. Heintschel & Co., Heinersdorf und Bärnsdorf.15 1 Hlawatsch & Isbary, Graslitz. *54 lg. Klinger, Neustadtl bei Friedland und Jungbunzlau. 157 Julius Léon, Wernstadt. lf L Franz Liebieg, Reichenberg .. I ^5 Johann Liebieg & Co., Reichenberg .. S. S. Neumann, Reichenberg. . A. Raaz & Sohn, Neustadtl bei Friedland. I 75 F. Schmitt, Böhmisch-Aicha und Iserthai .. *76 Simon Weissenstein, Wien und Zlabings. I ®4 _ Ascher Textil-Industrie. I ^5 V Seite Gebrüder Adler, Asch und Neuberg .. 186 Chr. Geipel & Sohn, Asch... . 187 Ed. Geipel, Asch. 188 A. Kirchhoff, Asch. 188 J. C. Klaubert & Söhne, Asch ... 189 Gebrüder Korndörfer, Asch. 189 Künzel & Schneider, Asch. 189 G. A. Bareuther. Haslau. igo R. Schmerler, Eger. igo Rahn & Kogler, Eger. igi Die österreichische Baumwoll-Industrie. Von Prof. Dr. Joseph Grunzei. Baumwollspinnerei und -Weberei, Bozen ... Cichorius & Co., Kratzau..... John Douglass, Thüringen und Gaiss. . . . Joh. Grillmayer & Söhne, Kaufing und Wien. . . Gebrüder Grohmann, Wisterschan und Bensen. M. Hainisch, Nadelburg und Wien .. ^pHerrburger & Rhomberg, Dornbirn, Innsbruck, Absam und Deutsch-Matrei. J. Krumbholz, Leibitschgrund und Falkenau a. d. Eger. Kühne & Söhne, Görkau.. J. B. Limburger junior, Ketten und Kronau. . Theodor Pilz, Graslitz. .. K. k. priv. Pottendorfer Baumwollspinnerei und Zwirnerei, Wien, Pottendorf und Rohrbach a. St. Jos. Riedel, Wurzelsdorf. Hermann S. Doctor, Nachod. Carl Ganahl & Comp., Feldkirch. Getzner, Mutter & Co., Bludenz, Nenzing, Feldkirch und Wien .. F. M. Hämmerle, Dornbirn und Wien . ..... . . . Moritz Hansel Sc Söhne, Barn. Brüder Hansel, Barn. .. ^Jenny & Schindler, Kennelbach, Telfs, Imst und Dornbirn.. Brüder Kind, Aussig a. d. Elbe. . . . . Isaac Mautner & Sohn, Nachod, Schumburg, Trattenbach, Prag und Wien. Brüder Neumann, Friedek.. J. S. Perlhefter, Friedrichswald.•. Jos. Riedel, Maxdorf .. Gottlieb Schnabel, Neupaka. Moriz Schur, Märzdorf ... Adolf Schwab, Machendorf und Wien. /Tos. And. Winder, Dornbirn.. Felmayer & Co., Alt-Kettenhof... Grünfeld & Bloch, Böhmisch-Leipa... S. Jenny, Hard .. V. Mayer & Söhne, Wien, Guntramsdorf und Mährisch-Trübau. K. k. priv. Neunkirchner Druckfabriks-Actiengesellschaft, Neunkirchen a. St. JFranz M. Rhomberg, Dornbirn. . Rolffs & Cie., Friedland.. Gebrüder Rosenthal, Hohenems.. 193 205 206 208 210 211 214 215 220 221 224 227 229 231 232 233 236 240 244 245 246, 249 250 253 255 256 257 259 260 262 ■263 264 265 267 26S 270 272 274 Die österreichische Leinen-Industrie. Von Dr. Ernst v. Stein 277 Die Jute-Industrie. Von Josef Hatschek. Giuseppe Angeli, Triest. Johann Faltis Erben, Trautenau. K. k. priv. Flachsspinnerei, Wiesenberg. Grohmann & Co., Würbenthal. . Jos. Herold, Brünn.. . Heinrich Klinger, Zwittau und Trautenau. Norbert Langer & Söhne, Sternberg, Oskau, Deutsch-Liebau und Nieder-Dfewitsch Lieser & Duschnitz, Pöchlarn.. Joh. B. Petzl & Sohn, Wien.. Johann Plischke & Söhne, Freudenthal. Regenhart & Raymann, Freiwaldau. J. Seidl Sc Comp., Zautke bei Mährisch-Schönberg. Carl Siegl sen , Mährisch-Schönberg. 305 311 312 314 316 319 320 322 324 326 329 332 338 340 Die österreichische Teppich-Industrie. Von Alfred Ginzkey . . Brüder Bacher & Co., Wien, Hoheneich, Rumburg, Pürbach und Biela J. Ginzkey, Maffersdorf. Philipp Haas & Söhne, Wien. 343 351 352 356 Die Stickerei-Industrie Vorarlbergs. Von Dr. Fritz Carus Albert Ender, Götzis. Brüder Fitz, Lustenau.. Hofer, Bösch & Cie., Lustenau . .. Hermann Hagen, Hard. C. A. Jahreis, Hohenems. August Sperger, Lustenau. Süsz Sc Bollag, Hohenems. Gebrüder Schmidt, Wien. 361 371 371 372 373 373 374 374 375 VI Seite Die Wirkwaaren-Industrie. Von Robert Birnbaum ..377 W. Schmidl & Söhne, Weipert ..384 Jos. Stefsky, Stockerau. 386 Franz Thill’s Neffe, Wien. 388 Wolf Fürth & Co., Strakonitz.393 J. Stein & Co., Strakonitz und Mutenic.396 Bleicherei, Färberei und Appretur .397 D. Counde, Wien. 399 Sigmund Fluss, Brünn. 401 J. M. Fussenegger, Dornbirn.• 4 02 Herrn. Müller, Grottau. 4°3 Brüder Nowotny, Braunau. 4°7 X. Bekleidungs-Industrie. Die Herren-Confection. Von Sigmund Mandl .409 M. Joss & Löwenstein, Prag.. 4 I 3 Leopold Kurtz’ Söhne, Wien, Linz und Prossnitz.. 415 D. Schwarzmann & Co., Wien und Prossnitz.. 4 J b Sigmund Federer, Prag. 4 1 ? Federer & Piesen, Prag. 4 I 8 Die österreichische Handschuh-Industrie. Von Josef Richard Sobitschka . 419 J. U. Bencker, Prag und Karolinenthal .. 4 2 7 J. R. Sobitschka, Prag und Wiesenthal.. 4 2 9 Werfel & Böhm, Prag und Tuschkau. 43 1 J. E. Zacharias, Wien. 43 2 Die Filz- und Seidenhut-Industrie. Von Peter Habig .435 P. & C. Habig, Wien. 443 J. Hückel’s Söhne, Neutitschein. 447 Josef Pichler & Söhne, Graz.. 45 1 Die Strohhut-Industrie. Von Peter Ladstätter .453 P. Ladstätter & Söhne, Wien. 459 J. Oberwalder & Co., Domzale.4^2 Johann Stemberger & Comp., Wien. 4^3 VII TEXTIL-INDUSTRIE. Die Gross-Industrie. IV. I DIE TECHNISCHEN FORTSCHRITTE IN DER TEXTILTNDUSTRIE. VON FRANZ REH, K. K. PROFESSOR AN DER TECHNISCHEN HOCHSCHULE IN WIEN. «S mmm mmm mmm ïèàl&fsÿ- msMgm s •Tivfiü'T' 'pii.'. :ï»?jfs -5 yfrgSW %3C&T* *» lessei fx^SSS^ ügggPI 'svv: gm 5»r** mm ü*m+n WM msm «HSlüBISBKÜlügl Äläiili|5l5|§IS|glg| l■l■l■l■l■l■l■|S||!gl iMlgaiggiaiilBiäl l■l■■^l^■■l^l^l■l»lg|::| ) l miilBil l■l■|als|Sl ilHiiÜTÜSil ga|riyW|il«l« mm DIE TECHNISCHEN FORTSCHRITTE IN DER TEXTIL-INDUSTRIE. ie die Textil-Industrie an Grösse des Productionswerthes, an Zahl der Betriebe und Arbeitskräfte jede andere der Gross-Industrien, selbst jene der Metalle, bei Weitem übertrifft, ebenso hervorragend ist deren Antheil an der Summe der technischen Fortschritte, welche die Menschheit aus ihrer einstigen Ohnmacht auf ihre heutige Culturstufe emporhob! Besonders auffällig bei diesem Entwicklungsgänge ist die Thatsache, dass sich derselbe keineswegs gleichmässig im Laufe der Aeonen vollzog, sondern dass vielmehr der Erfindungsgeist so lange in einer Art Halbschlummer ruhte, als die Menschen, selbst alltägliche Vorgänge in der sie umgebenden Natur mit abergläubischer Scheu betrachtend, einzig und allein der Ausnützung der Naturstoffe ihr Hauptaugenmerk zuwendeten. Von den grauesten Vorzeiten an bis in das vorletzte Jahrhundert währte diese Epoche; erst die grossartigen Entdeckungen der Naturwissenschaften, welche die Menschen neben dem Stoffe auch die Kraft beherrschen lehrten, rüttelten den Erfindungsgeist aus seinem Schlummer empor und inaugurirten jenes Zeitalter der technischen Triumphe, an dessen Beginn wir eigentlich heute erst stehen! Dies ist in der Textil-Industrie besonders deutlich zu erkennen: Viele Jahrhunderte, ja Jahrtausende spannen die Völker des ganzen Erdballes, ob sie in der Cultur vorgeschritten, ob sie dem Urzustände nahegeblieben waren, ihre Garne mit Hilfe einer in einfachster Weise gedrehten Spindel; ebenso viele Jahrhunderte und Jahrtausende erzeugten sie ihre Gewebe in primitivster Art mittelst des mit der Hand durch das Fach gesteckten Schützens. So kam die erste Hälfte des 18. Jahrhunderts heran, bis endlich heute vielleicht unbedeutend erscheinende Neuerungen den Anstoss zu jener immer mächtiger anschwellenden Fluth von Erfindungen gaben, die mit dem Althergebrachten vollständig aufräumten und jene geradezu revolutionären Umwälzungen auf industriellem Gebiete erzeugten, die uns gleichzeitig mit Bewunderung und mit Stolz erfüllen ! Und gerade in der Textil-Industrie feierte der menschliche Erfindungsgeist mit seine grössten Triumphe! Maschinen wurden ersonnen, welche die Arbeitskraft eines Menschen nicht nur ver- zwei- oder verdrei-, sondern verhundert-, ja vertausendfachten; die Handarbeit wurde durch sie meist vollständig verdrängt, viele Gewerbe geradezu vernichtet; aus den Trümmern dieser zu Grunde gegangenen Handwerke erblühten jedoch in rascher Aufeinanderfolge die mächtigsten Industrien der Gegenwart! Die Textil-Industrie im engeren Sinne des Wortes umfasst alle jene Gebiete industrieller Thätigkeit, welche die Verarbeitung der Faserstoffe zu Fäden von beliebiger Länge und die Erzeugung von Flächen, beziehungsweise fertigen Gebrauchssfesrenständen aus diesen Fäden zum Zwecke haben. Im weiteren Sinne des Wortes, wenn man sie als Industrie der Faserstoffe schlechtwegs auffasst, müsste man auch die Papier-Industrie, welche aus den Fasern selber, ohne das Mittel der Fadenerzeugung, Flächen bildet, zu ihr rechnen, was jedoch an dieser Stelle nicht geschehen soll, da die Papier-Industrie in vorliegendem Werke eine selbstständige Behandlung erfährt. Aber auch in dem genannten eingeschränkten Sinne ist 5 der Umfang der Textil-Industrie ein ungeheurer. Zunächst gehören zu ihr jene Reihe von Gross-Industrien, welche die Erzeugung der Fäden, das eigentliche Spinnen, besorgen und die nach der Art der verwendeten Rohstoffe als Baumwoll-, Baumwollabfall-, Leinen-, Werg-, Jute-, Streich- und Kammgarn-, Kunstwoll-, Seiden-, Florett- und Bourrettespinnerei bezeichnet werden. An diese reihen sich jene Industrien, welche die Erzeugung von Geweben im weitesten Sinne des Wortes zum Zwecke haben, das sind: die Weberei-Industrie in ihrer ungeheuren Mannigfaltigkeit (nach der Art des Rohstoffes einerseits und der Art des erzeugten Gewebes andererseits); ferner ihre bedeutend jüngere Schwesterindustrie, die ihr an volkswirthschaftlicher Bedeutung zunächst steht, die Wirkerei; ferner die Erzeugung von Bändern und Borten, Geflechten und Schnüren: die Posamentir-Industrie; ferner die Bobbinnet- und Spitzenfabrication, die Herstellung von genetzten und geknüpften Waaren, die Umwandlung der in den genannten Industrien gewonnenen Producte zu wirklichen Gebrauchsartikeln durch die Näherei, sowie die Verzierung der Waarenflächen durch die Stickerei. Die bisher namhaft gemachten Industrien haben grösstentheils einen mechanischen Arbeitsvorgang, während eine andere Gruppe textiler Industrien, welche die Veredelung der in ersteren erzeugten Fabrikate zu besorgen hat, sich grösstentheils chemischer Processe zur Erreichung ihrer Zwecke bedient. Diese letztere Gruppe umfasst die Bleicherei, Färberei, Druckerei und Appretur, und soll, da sie in vorliegendem Werke gleichfalls eine besondere Behandlung erfährt, an dieser Stelle nicht weiter betrachtet werden. — Wie schon erwähnt, waren die zum Spinnen verwendeten Vorrichtungen, so wie überall, auch in Oesterreich bis in die neueste Zeit äusserst primitiver Natur, denn sie bestanden einzig und allein in der durch die Finger der rechten Hand bewegten Handspindel, deren Erfindung unsere heidnischen Voreltern den Göttern zuschrieben, dem aus Indien stammenden Handrad und dem 1530 von Jürgens in Watenbüttel ersonnenen, mit der sogenannten Flügelspindel ausgerüsteten Trittrad, welch letzteres bereits Mitte des 16. Jahrhunderts in unserem Vaterlande Eingang fand. Diese Geräthschaften erlaubten es zwar, Fäden von grosser Feinheit herzustellen, jedoch gelang dies nur bei grösster Geschicklichkeit und konnte ein Arbeiter auch immer nur einen, höchstens zwei Fäden gleichzeitig spinnen. Da aber auch das Weben mittelst des Handschützens sehr langsam vor sich ging, so war kein Bedürfniss nach mehr Fadenmaterial vorhanden, als die Spinner zu liefern vermochten. Diese Sachlage wurde jedoch mit einem Schlage anders, als John Kay im Jahre 1733 den Schnellschützen erfand, denn nun brauchten die Weber viel mehr Garn und der von Jahr zu Jahr steigende Bedarf nach solchem führte zu derartigen Misshelligkeiten, dass sich, während man bisher die Spinngeräthe als kaum verbesserungsfähige, altehrwürdige Institutionen zu betrachten gewohnt war, nunmehr alle Bevölkerungskreise des britischen Inselreiches mit dem Gedanken einer Spinnvorrichtung von wesentlich erhöhter Leistungsfähigkeit beschäftigten. Die Erfindung der Jenny-Maschine durch James Hargreaves 1764, welche gleichzeitig acht Fäden zu spinnen erlaubte, brach endlich den Bann, der auf der Spinnerei seit Jahrtausenden zu lasten schien, denn ihr folgten in kurzer Frist 1769 die von Richard Arkwright ersonnene, auf dem Principe der Flügelspindel basirende, nach dem Antriebe durch Wasserkraft sogenannte Wateroder nach dem singenden Ton der Spindeln benannte Drosselmaschine, sowie 1774 die von Samuel Crompton erdachte Combination beider, die Mulemaschine. Die Erfindung dieser Maschinen war jedoch keine vereinzelte Thatsache, sondern gewissermassen nur der auf das Gebiet der Spinnerei fallende Abglanz des überaus regen geistigen Lebens, das sich in der zweiten Hälfte des vorigen Jahrhunderts im dreieinigen Königreiche entwickelte. Gleichzeitig hatte ja auch James Watt in Birmingham die Dampfmaschine erfunden und diese wurde alsbald zum Antriebe der Spinnmaschinen herangezogen. Mule- und Water- maschine bilden die Ausgangspunkte für die zwei in der Gegenwart verwendeten Spinnmaschinensysteme; aus der ersteren ging durch eine Fülle geistreichster Verbesserungen, die eine Beeinflussung seitens des Arbeiters immer überflüssiger machten, der Selbstspinner oder Selfactor, aus letzterer nach Beseitigung des schweren Flügels und Ersatz desselben durch den auf einem Ringe laufenden Traveller die Ringspinnmaschine hervor. Welche Vervielfältigung der menschlichen Arbeitsleistung durch diese Maschinen hervorgerufen wurde, mag die Thatsache illustriren, dass die Selfactoren, von welchen ein Spinner mit zwei Spinnjungen zwei zu bedienen vermag, 1000 bis 1400 Fäden von höchster Feinheit bei einer Umdrehungszahl der Spindeln von 10.000 bis 14.000 pro Minute gleichzeitig erzeugen können und dass die Ringspinnmaschinen die Leistung des Selfactors bei weit grösserer Einfachheit des Baues bei Erzeugung stärker gedrehter Garne noch übertreffen. 6 Die ausserordentliche Leistungsfähigkeit der Spinnmaschinen konnte nur dadurch erreicht werden, dass man denselben das Spinnmaterial in einem äusserst weit getriebenen Grade der Vorbereitung in höchster Gleichmässigkeit zuführt, damit ihnen nur die letzte Verfeinerung und Zusammendrehung des Faserbündels obliege. Diese Vorbereitungsarbeiten erscheinen, wenn man einerseits das Rohmaterial in seinem oft stark verunreinigten und verworrenen Zustande, andererseits den schliesslichen Garnfaden betrachtet, schon bei der ersten Ueberlegung so difficiler Natur, man möchte sagen, so ungeeignet für maschinelle Verrichtungen und so viel menschliches Gefühl erfordernd, dass man ihre Ausführung durch mechanische Hilfsmittel kaum für möglich halten sollte. Es bedurfte denn auch des grössten Aufwandes von Scharfsinn und des geistigen Zusammenarbeitens der Erfinder aller Culturnationen, um die sich entgegenstellenden Schwierigkeiten zu besiegen und den ganzen Spinnprocess von Anfang bis zu Ende zu einem selbstthätigen zu gestalten. Wenn irgend eine Industrie den eingangs gethanen Ausspruch, dass in den letzten 150 Jahren mehr Erfindungen geschahen, als in Jahrtausenden zuvor, deutlich zu illustriren vermag, so ist es jene der Verarbeitung der Baumwolle. Es kommt Einem heute beim Betrachten einer Baumwollspinnerei ganz unglaublich vor, dass zu jenem, doch so nahen Zeitpunkte, nämlich um die Mitte des vorigen Jahrhunderts, die aus dem Ballen genommene Baumwolle mit den Händen zerzupft, auf einem mit einem Sieb besetzten Tisch mit Stöcken oder Schlägeln zum Entfernen der groben Unreinigkeiten geschlagen und hierauf partienweise auf einer festliegenden schiefen Krempel mit den Fingern ausgebreitet und mit einer zweiten mit einem Handgriff versehenen Karde gekratzt wurde. Und wie mühsam geschah die Arbeit auf den Baumwollplantagen zum Entfernen der Samenkörner, an welchen die Fasern haften! Heute besorgt Alles und Jedes die Maschine. Auf den Plantagen arbeitet die Egrenirmaschine, und Dampf- oder hydraulische Pressen zwängen möglichst viel Baumwolle in einen Ballen. Die hartgepressten Faserklumpen werden dann in der Spinnerei durch die Ballenbrecher gelöst und durch Lattentücher den einzelnen Mischkammern selbstthätig zugeführt. Aus diesen den automatischen Speiseapparaten (Hopper feedern) übergeben und in eisernen Schläuchen durch Staubkammern mittelst des Luftstromes weitergetragen, gelangt die derart schon von den gröbsten Unreinigkeiten befreite Baumwolle zu den Openern und Schlagmaschinen, welche das Auflockern und Reinigen gründlichst vervollständigen. Welch ein Gegensatz zu dem Schlagen mit Stöcken durch Handarbeit! Nicht minder gross ist der Unterschied der Handkrempel zu den heute verwendeten Krempelmaschinen, den modernen Karden mit revolvirenden Deckeln, mit ihrer mathematisch genauen Einstellbarkeit der Trommelachse und Deckelbogen und ihrer minutiösen Ausführung aller Theile. Haben nun aber Opener und Karden doch ein Analogon in dem alten Verarbeitungsprocess der Baumwolle in den Handschlägeln und Handkratzen gehabt, so war ein solches für die auf die Karden folgenden Maschinen früher gar nicht vorhanden. Es war vielmehr ganz und gar der Geschicklichkeit des Arbeiters anheimgegeben, wie er aus dem gekrempelten Rohmateriale möglichst gleiche Partien Fasern zu gewinnen und aus ihnen auf den Spinnrädern Garnfäden zu erzeugen vermochte. Heute liefern die Karden das Material, in dem die Fasern, vollständig von einander gelöst, isolirt liegen, in Gestalt einer Lunte ab, die, um in ihren Querschnitten vollständig gleichmässig zu werden, in die Länge gestreckt und im selben Masse mit anderen Lunten zusammengeführt (duplirt) wird. Dieses Verstrecken und immer wiederholte Dupliren geschieht bei Herstellung feiner Garne in ganz unglaublich weitgetriebenem Masse, so dass die letzte Lunte, die schliesslich zum Zusammendrehen geeignet befunden wird, aus vielen Tausenden der von den Karden gelieferten besteht, ohne jedoch dicker als diese zu sein, da sie ja stets ebensoviel gestreckt, also wieder verfeinert wurde. Schliesslich wird dann die Lunte auf die Stärke des Garnfadens verzogen und zusammengedreht, gesponnen und geschieht dies stufenweise auf drei bis fünf Vorspinnmaschinen und zum Schlüsse den Feinspinnmaschinen, als welche die schon erwähnten Selfactoren für weich gedrehte und feinste, Ringspinnmaschinen für stärker gedrehte Garne Anwendung finden. Welch Wunderwerke von Scharfsinn und Genialität alle diese Maschinen vorstellen, davon vermag wohl nur der Fachmann sich die richtige Vorstellung zu machen! In Oesterreich verschaffte sich die Baumwollspinnerei schon relativ frühzeitig Eingang, indem bereits Anfangs unseres Jahrhunderts eine Reihe der hervorragendsten Etablissements in Niederösterreich, wie beispielsweise jenes in Pottendorf, entstanden. Es kann daher nicht Wunder nehmen, dass sich unser Vaterland an den geistigen Mitarbeiten für eine erfolgreiche Entwicklung dieses Industriezweiges lebhaft 7 betheiligte. So nahmen bereits im Jahre 1817 J. v. Thornton in Pottendorf, 1818 J. und K. Freiherr v. Puthon in Teesdorf Privilegien auf Vorspinnmaschinen für Baumwolle; letztere construirten 1821 auch eine auf Vor- und Feinspinnmaschinen gleichzeitig anwendbare Spindel. 1822 ersannen K. und J. Wackerlig in Fischamend eine Verbesserung der Watermaschinen, im selben Jahre J. v. Thornton eine solche des Streckwerkes; F. Girardony in Oberwaltersdorf ersetzte 1822 die Flügel an den Drosselmaschinen durch Glocken. Von österreichischen Verbesserungen an Reinigungsmaschinen seien die Putzmaschine von K. W. v. Brevillier, Wien 1823, sowie die von K. Ranzu rer in Wien im Jahre 1825 und die von F. Schoch in Wien 1856 ersonnene erwähnt. In neuester Zeit, 1890, haben G. Jo sep hy’s Erben in Bielitz eine Baumwollreinigungsmaschine construirt, die in der Abfall- und Baumwollstreichgarnspinnerei eine weitgehende und sehr geschätzte Anwendung findet. An den Karden brachten J. Zillig in Schwadorf 1824, Th. Busby in Teesdorf 1826, J. Holzer in Sollenau 1826, F. und M. Gradner in Oberwaltersdorf 1832, A. Reitze in Wiener-Neustadt 1838, sowie A. Girardony in Ginselsdorf 1856, 1866 und 1868 Verbesserungen an. Besonders seien aber die von G. Josephy’s Erben in Bielitz gebauten Krempeln für Baumwollabfallspinnerei hervorgehoben, die als Vorspinnkrempeln mit deren patentirtem Riemchenflortheiler ausgerüstet, sich den besten ausländischen Constructionen ebenbürtig, wenn nicht in mancher Hinsicht überlegen zur Seite stellen, was deren grosse Verbreitung im Auslande und deren siegreiche Concurrenz selbst gegen englische Fabrikate beweist. Von Verbesserungen an Drosselmaschinen seien die 1824 und 1826 dem F. Girardony in Münchendorf, die 1830 den J. B. und K. Freiherren v. Puthon in Teesdorf, die 1831 den J. und Iv. v. Thornton in Münchendorf, die 1836 dem J. Mohr und F. Schultus in Fischau-Felixdorf privilegirten erwähnt. Ritter und Rittmeyer in Görz ersannen 1890 eine Schutzvorrichtung gegen Fadenbruch an Ringspinnmaschinen, während G. Josephy’s Erben in Bielitz die Selfactoren für das Spinnen von Baumwollabfällen wesentlich verbesserten. Die grossen Errungenschaften der Baumwollspinnerei konnten nicht ohne Rückwirkung auf die Verarbeitung der anderen Spinnstoffe bleiben, sondern lenkten dieselbe vielmehr aus den seit undenklichen Zeiten beschrittenen Bahnen in vollständig neue. Auch zwangen die Erfolge der Baumwollspinner, indem sie die Weber aller Länder mit vorzüglichem Fadenmaterial von ganz ungeahnter Billigkeit versahen, auch die Spinner des Flachses und der Wolle, die früher beinahe ausschliesslich den Markt beherrschten, zu den grössten Anstrengungen, um nicht bei dem ganz beispiellosen Siegeszuge des King Cotton vollständig verdrängt, ja vernichtet zu werden. Wohl war ein Rückgang in dem Verbrauche der beiden letztgenannten einheimischen Spinnstoffe nicht aufzuhalten, allein deren vorzügliche Eigenschaften gaben wohl von vorneherein die Gewähr, dass ihnen ein ausgedehntes Feld der Verwendung für alle Zukunft gesichert sei, vorausgesetzt, dass es den Spinnern gelingen würde, die Garne aus ihnen in grösseren Quantitäten, wesentlich billiger und auch qualitativ besser zu erzeugen. Und gerade dazu gaben die Maschinenconstructionen der Baumwollspinnerei den kräftigsten Anstoss und zugleich die besten Vorbilder. Mieder war es England, welches bahnbrechend an der Spitze schritt; seine Constructeure machten sich die in der Baumwollspinnerei gewonnenen Erfahrungen zu nutze, neue Verfahren und Methoden, neue Vorrichtungen und Maschinen, den verschiedenen Eigenschaften der einzelnen Rohstoffe angepasst, wurden ersonnen und auch die übrigen Spinnereien gingen einer neuen Blüthe entgegen. Wie dies im Allgemeinen für alle Rohmaterialien der Spinnerei gilt, so gilt dies inbesondere für jene des Flachses. Die Abgeschlossenheit der Continentalsperre, die das britische Inselreich der ihm bis dahin grösstentheils vom Continente, auch aus Oesterreich zugeführten Leinengarne beraubte, gab den kräftigsten Ansporn zu erhöhter Production für die englischen Flachsspinner, welche, die ungeheure Bedeutung der Girard’schen Erfindungen sofort erkennend, an Stelle des Handverfahrens das mechanische setzten. Da dieses eine bessere Vorbereitung des Spinngutes verlangte, so musste auch den nach althergebrachten Ueberlieferungen ausgeführten Vorbereitungsarbeiten, wie dem Rösten, Brechen, Schwingen und Hecheln erhöhte Aufmerksamkeit zugewendet werden. Bei diesen Arbeiten gelang es aber nur ganz allmählich eine Aenderung herbeizuführen, da dieselben, in den Händen des Bauers liegend, als landwirthschaftliche Nebenbeschäftigung das Bedürfniss nach maschinellem Betriebe weniger fühlbar machten. Es soll auch nicht geleugnet werden, dass sich der rascheren Ausführung namentlich des Röstens grosse Schwierigkeiten entgegensetzten, die auch heute noch nicht völlig überwunden sind. Oesterreich schritt bei allen diesen Bestrebungen mit an der Spitze, wie schon der Umstand beweist, dass schon um die Mitte unseres Jahrhunderts bei uns Flachsröstefabriken bestanden, die sich der Warmwasserrotte bedienten. Auch wurden wiederholt Versuche gemacht, Brechmaschinen zu construiren, die das Rösten ganz oder nahezu überflüssig machen sollten, so bereits im Jahre 1820 von J. Catlinetti, 1823 von J. M. Cabassa in Verona, 1826 von J. Jüttner in Wien, 1830 von H. Zurhelle in Wien. Brech- und Schwingmaschinen wurden überdies construirt 1866 von H. Schmöle in Wien und 1888 von F. Rotter in Grulich. Eine Reihe der bedeutendsten und epochemachendsten Verbesserungen an Flachshechel- und Spinnmaschinen verdankte aber dem schon genannten Ph. FI. de Girar d aus Lourmarin in F rankreich geboren, seit 1815 in Hirtenberg in Niederösterreich) ihr Entstehen, welchem es gelungen war, 1810 die erste überhaupt erst brauchbare Flachshechel- und Spinnmaschine zu construiren, die er dann auf österreichischem Boden fort und fort verbesserte. Auch F. Wurm und L. Pausinger in Wien machten sich um diese Maschine wiederholt verdient. In innigstem Zusammenhänge mit der Flachsspinnerei steht die Verarbeitung des Hanfes zu Bindfaden, Schnüren und Tauen. Es werden zunächst auf Maschinen, die jenen der Leinenspinnerei ähnlich, jedoch viel kräftiger gebaut sind, zu denen sich noch Specialmaschinen, wie die zum Reiben und Quetschen der gebrechelten Hanfstengel, gesellen, Garnfäden hergestellt, aus welchen man Zwirne gewinnt, die wieder die Grundlage von Zwirnen höherer Ordnung und schliesslich der Seile und Taue bilden. Die hiezu dienenden Maschinen sind, da es sich um kolossale Spannungen und grosse Kräfte handelt, sehr massig gebaut und arbeiten vollkommen selbstthätig. Vollständig ein Kind unseres Jahrhunderts ist die Verarbeitung der Jute in Europa, welche am Beginne der Dreissigerjahre in Dundee zuerst versucht wurde, später auch am Continente Eingang- fand. Die zugehörigen Maschinen zum Quetschen, Cardiren, Strecken, Vor- und Feinspinnen sind sämmtlich britischen Ursprungs und liefern ein ganz vorzügliches F'adenmaterial, das sich in kürzester Zeit ein weites Gebiet der Verwendung eroberte und insbesondere die minderwerthigen Werggarne in vieler Hinsicht siegreich verdrängte. Im Entstehen begriffen ist in neuester Zeit die mechanische Verarbeitung der Ramie, einer tropischen Nesselfaser, welche an Vorzüglichkeit der Eigenschaften alle anderen Pflanzenfasern übertrifft. Die Absonderung des ausgezeichneten Bastes von den übrigen Stengelbestandtheilen ist jedoch äusserst schwierig und für fabriksmässigen Betrieb auch heute noch nicht vollständig gelungen, trotzdem sich namentlich in Frankreich, aber auch bei uns in Oesterreich, Theoretiker und Praktiker unablässig um Lösung dieser Aufgabe bemühen. Beim Spinnprocesse der Schafwolle spielen zunächst die Reinigungsarbeiten eine grosse Rolle. Grossartige Waschmaschinen, in Folge ihrer riesigen Dimensionen Leviathane genannt, vollbringen dieselben auf nassem Wege, Klopf-, Reiss- und Klettenwölfe in trockenem Zustande. Im ganzen Verlaufe der Verarbeitung ist ein wesentlicher Unterschied je nach dem gewünschten Endproduct wahrzunehmen, nämlich je nachdem man Garne für tuchartige Zeuge (Streichgarne) oder aber solche für glatte Stoffe (Kammgarne) gewinnen will. Bei der Erzeugung ersterer, in der Streichgarnspinnerei, ist die Krempel die Hauptmaschine. Sie vervollständigt die Reinigung, isolirt, streckt, duplirt, ja sie besorgt sogar das Vorspinnen, indem der von ihr gelieferte Flor der Breite nach in schmale Bändchen getheilt wird, die, jedes für sich, durch Würgein verdichtet werden. Erfinder dieses Verfahrens, das eine vollständige Revolution in der Streichgarnspinnerei herbeiführte, ist ein Deutscher, Namens Ernst Gessner, in Aue (Sachsen), der 1861 ein Patent auf einen Flortheiler nahm. Die von der Krempel gelieferten Vorgarnfäden brauchen nur noch auf dem Selfactor oder der Ringspinnmaschine verzogen und zusammengedreht zu werden, um bereits fertige Garne zu geben. Das Verdienst, auf dem Gebiete der Streichgarnspinnerei dem österreichischen Namen Klang und Geltung verschafft zu haben, gebührt der schon genannten Firma G. Josophy’s Erben.in Bielitz. Diese Firma, welche 1851 von Gustav Josephy gegründet wurde, pflegte den Bau der Krempeln seit ihrer Begründung als Specialität und liefert heute alle Typen, von der einfachen, kleinen Krempel, wie sie gegenwärtig noch für Hand-, Göpel- oder Wasserbetrieb in Ungarn, Siebenbürgen und den Balkanstaaten Verwendung findet, bis zu den vollkommensten, nahezu völlig automatisch arbeitenden Krempelassortimenten mit zwei und drei Maschinen, automatischen Speiseapparaten und Pelzbrechern oder Bandübertragungen, Vliesrückleitungsapparaten und vier Hosenflortheilern, sowie Krempeln mit Droussirapparaten und Vor- und Doppelkrempeln für Kunstwollspinnerei. Die Gross-Industrie. IV. 9 2 Abgesehen von den vielen constructiven Verbesserungen, welche G. Josephy’s Erben an den Krempeln anbrachten, wie beispielsweise den Kugelbüchsenlagerungen für Arbeiter, Wender und Volants, sowie dem 18S8 patentirten, aufklappbaren Volantdeckel, verdient besonders der 1875 von dieser Firma erfundene Flortheiler hervorgehoben zu werden, welcher der erste war, bei dem die Riemchen mit völlig offener, directer Führung von den Theilwalzen zu den Nitschelhosen geführt wurden und mit selbsttätiger Reinigung versehen waren. Die Vorzüglichkeit dieses Flortheilers beweist wohl am besten die Thatsache, dass derselbe auch von französischen, deutschen, belgischen, englischen, russischen und anderen Firmen gebaut wurde und dass G. Josephy’s Erben selbst davon 1500 Stück lieferten. 1890 brachten sie eine neue Verbesserung am Flortheiler an, indem sie die leeren Riemchen getrennt von den vollen führten, was für langfaserige Materialien besonders wichtig ist. Der Bau der Selfactoren wurde 1872 von derselben Firma aufgenommen, jedoch erst seit 1885 mit vollem Erfolge durchgeführt. Schon 1888 ging aus ihrer Fabrik ein wesentlich verbesserter Selbstspinner mit dreifacher Spindelgeschwindigkeit und Trennung des Spindelbetriebes vom Wagen- und Cylinder- betrieb hervor, dem 1894 ein solcher mit wechselnder Wagenauszugsbewegung folgte. Auch eine automatische Abstellung des Selfactors bei Erreichung einer bestimmten Kötzergrösse und eine automatische Vorrichtung zur Verkürzung der Abschlagskette bei Kötzerformbildung wurde von G. Josephy’s Erben ersonnen. Die Leistungsfähigkeit dieser Firma, welche wohl als die hervorragendste ihrer Art in Oesterreich bezeichnet werden muss, mag die Thatsache illustriren, dass von ihr seit ihrem Bestände 4000 Krempeln, 1800 Flortheiler, 600 Mulemaschinen, 800 Selfactoren, 100 Zwirnmaschinen, 600 Walken, 500 Rauh- und 1400 Schermaschinen geliefert worden sind, und dass sie heute in der Lage ist, jährlich 100 bis 150 Assortimente Krempeln und 150 Selfactoren, nebst allen Vorbereitungs- und Hilfsmaschinen zu bauen. Dass aber auch schon viel früher der Streichgarnspinnerei in unserem Vaterlande ein hohes Interesse zugewendet war, beweisen die in der ersten Hälfte dieses Jahrhunderts für österreichische Erfindungen ertheilten Privilegien. Als solche seien das 1823 dem K. Wi nt ge ns in Brünn auf eine Auflockerungsmaschine, 1824 dem Forchheimer in Tuschbau auf eine Reinigungs-, sowie das 1825 dem The Losen in Rittersfeld auf eine Waschmaschine gegebene erwähnt. Die Locken- und Pelzmaschine wurde 1826 von F. Prochaska in Iglau verbessert und 1831 dem F. A. Boner in Grätz ein Verfahren, die Spinnerei des Streichgarnes vom Anfang bis zu Ende mittelst Maschinen durchzuführen, patentirt. Sternickel & Gülcher in Biala erhielten 1860 ein Patent auf eine Wollvorbereitungs- und Reinigungsmaschine, und 1861 F. Völkelt in Altharzclorf ein solches auf einen Speiseapparat für VorsjFnnkrempeln, während 'Hu_Bracegirdle in „Brünn 1864 ein eigenes System Continuekrempeln für Abfälle ersann. Wie die Krempel die Hauptmaschine der Streichgarnspinnerei, so ist es für jene des Kammgarnes die Kämmmaschine. Die Aufgabe derselben, die Entfernung der kurzen Fasern, spottete die längste Zeit der hartnäckigsten Bemühungen der tüchtigsten Constructeure, bis es endlich Heilmann gelang, die so überaus schwierige Aufgabe zu lösen. Neben Heilmann sind es noch besonders Noble, Lister, Hübner, Imbs, die genannt zu werden verdienen. Die von diesen genialen Männern ersonnenen Mechanismen besitzen eine solche Fülle von Geist und Scharfsinn, dass das Studium der Kämmmaschinen für den Maschinenconstructeur zu den grössten geistigen Genüssen gehört. Sie stellen sich als wahre Meisterwerke der Mechanik würdig den Selfactoren zur Seite. Aber auch alle übrigen Maschinen der Kammgarnspinnerei, wie die Krempeln, Strecken, Platt-, Vor- und Feinspinnmaschinen besitzen einen ausserordentlich durchdachten Bau und sind namentlich die in neuester Zeit immer mehr zur Geltung kommenden elektrischen Selbstabsteller besonders erwähnenswerth. Unter den einheimischen, dieses Gebiet betreffenden Erfindungen seien die von A. Falkbeer in Wien 1829 und 1830 hervorgehoben, welche die Vorbereitung der gekämmten Wolle auf der Spinnmaschine selber betreffen, ferner die Construction einer Kämmmaschine von J. K. v. Rüti in Wien 1834, welche in einer mit, in Zwischenräumen stehenden, Kratzenblättern besetzten Trommel bestand, die zuerst mit Fasermaterial gefüllt, und dann entgegengesetzt, zum Wiederabziehen der Faserbärte, laufen gelassen wurde. J. Didier in Wien erwärmte die Kämme 1841 mittelst Dampf und besorgte auch mittelst dieses das Waschen und Trocknen der Wolle. G. Hartig in Vöslau liess sich 1889 einen Aufwinderegulator für Selfactoren patentiren. Die Verarbeitung der Abfälle der Schafwollspinnerei, sowie der aus Lumpen gewonnenen Kunstwolle, Shoddy, Mungo und Extract, zu Garnen und Geweben, die beim flüchtigen Anblick solchen aus Naturwolle IO vollkommen gleichen, nur eine weitaus geringere Haltbarkeit besitzen, ist gegenwärtig auch in Oesterreich auf eine hohe Stufe der Vollkommenheit gelangt und, wenn sie nicht zu betrügerischen Zwecken missbraucht wird, vom volkswirtschaftlichen Standpunkte nur auf das Wärmste zu begrüssen. Es wurde auch schon erwähnt, dass G. Josephy’s Erben die zugehörigen Maschinen bauen. Es ist interessant wahrzunehmen, dass, wie seinerzeit die Erfolge der Baumwollspinnerei die Maschinenspinnerei der Wolle auf das Kräftigste anregten, nun auch diese wieder auf jene äusserst fruchtbringend zurückwirkte. So wurden die Krempeln und Selfactoren der Streichgarnspinnerei für die Verarbeitung der Baumwollabfälle und Erzeugung der groben, locker gedrehten und möglichst rauh sein sollenden Baumwollgarne herangezogen und zweckentsprechend umgebaut, sowie andererseits die Kämmmaschinen in das System der Vorbereitungsmaschinen für das Spinnen der feinsten Garnnummern aus Baumwolle eingefügt und damit die staunenswerthesten Resultate sowohl in Bezug auf Feinheit als auch Schönheit der Fäden erzielt. Auf dem Gebiete der Rohseidenspinnerei wurde der Dampf immer mehr zur Dienstleistung herangezogen, einerseits zur Erwärmung des Wassers der Spinnbecken, andererseits zur Verrichtung der mechanischen Arbeit, die zum Aufsuchen der Coconfadenanfänge, zur Drehung des Seidenhaspels, sowie zum Betriebe der Zwirn-, Putz-, Spul- und Duplirmaschinen erforderlich ist. Es kann nicht Wunder nehmen, dass zahlreiche Verbesserungen und Erfindungen in Bezug auf Rohseidengewinnung österreichischen Ursprungs sind, da die Seidenspinnerei namentlich in dem ehemals zu Oesterreich gehörenden Theile Nord- Italiens in hoher Blüthe stand. So erhielten bereits J. Leonardi und F. Botta 1818 ein Privilegium auf eine Seidenspinnmaschine mittelst Dampfbetriebes, und in weiterer Folge brachten 1821 Nani in Bergamo, J. und A. Bruni in Como, L. Mapelli in Bergamo, 1822 V. Gasperini in Roveredo, 1824 H. S. Davy in Wien und F. Tache in Como und zahlreiche andere Verbesserungen an den Seiden-Spinn- und Zwirnmaschinen an. Auch das Messen und Titriren der Seide soll österreichischen Ursprunges sein, und zwar wird dem D. A. Stoffella in Roveredo das Verdienst zugeschrieben, im Jahre 1834 sich die Aufgabe gestellt und diese auch gelöst zu haben, Seide nach Art der Garne in bestimmten Längen und Nummern in den Handel zu bringen. Andererseits muss jedoch constatirt werden, dass im selben Jahre den D. Merini und Delachi in Mailand die Erfindung einer, »Regulator« genannten Maschine privilegirt wurde, welche Seidensträhne von 3000 Meter Länge wickelte und gleichzeitig den titolo festsetzte. Der Verspinnung der Seidenabfälle wurde nicht minder schon frühzeitig Aufmerksamkeit geschenkt, indem schon 1824 Th. Busby in Wiener-Neustadt ein Privilegium für die Verarbeitung solcher erhielt. Im Jahre 1833 Hess sich D. P. Borella in Mailand eine Seidenabfall-Kämmmaschine, im selben Jahre G. Piccaluga in Mailand eine Krempel für dasselbe Material patentiren, nachdem bereits 1829 G. Minerbi, K. L. Chiozza und Schnell-Griot in Heidenschaft, sowie Morpurgo Spinnmaschinen für Seidenabfälle ersonnen hatten. Heute befindet sich dieser Industriezweig, die Florettseidenspinnerei, auf einer ausserordentlich hohen Stufe und reihen sich die Specialmaschinen derselben, die Filling- und namentlich die Dressingmaschinen, würdig den Kämmmaschinen für Wolle und Baumwolle an. — So wie seinerzeit eine Erfindung der Weberei, nämlich jene des Schnellschützens, den ersten Anstoss zur Erfindung der Spinnmaschine gegeben hatte, ebenso übten die grossartigen Fortschritte im Baue dieser eine kräftig stimulirende Wirkung auf die Weberei. Das von den Spinnmaschinen gelieferte grosse Garnquantum Hess ein schnelleres Weben nicht nur möglich, sondern auch sehr gewinnbringend erscheinen, und während früher alle Versuche, die Webstühle mechanisch zu betreiben, eben nur Versuche blieben, gelang es jetzt, als in den Jahren 1784^31787 Dr. E. Cartwright und J. Jeffray beinahe gleichzeitig den mechanischen Webstuhl erfanden, diesem sehr rasch, sich ein Verwendungsgebiet zu erobern und in dem Masse, als seine Mechanismen verbessert wurden, immer mehr zu erweitern. Immer mehr und mehr wurden die Handwebstühle verdrängt und heute gibt es wohl kein Gebiet der Weberei, auf dem nicht aus dem entbrannten Concurrenzkampfe der mechanische Webstuhl als Sieger hervorgegangen wäre. Ueber kurz oder lang wird den Handstühlen nur mehr die Musterweberei verbleiben und die Erzeugung der allerkostbarsten Kunstgewebe, die, weil nur in einem oder in wenigen Stücken angefertigt, niemals ein dankbares Object für mechanische Production abgeben können. Zuerst waren es wohl hauptsächlich Baumwollgewebe, für deren Herstellung der mechanische Webstuhl herangezogen wurde. Aber bald suchte man denselben auch für die Verarbeitung der anderen Webematerialien zu verwenden und diese Bemühungen namentlich in Bezug auf Leinen und Wolle gingen 2* II mit den erstgenannten Bestrebungen parallel. Am zaghaftesten verhielt man sich lange bezüglich der Seide, wie denn auch leicht erklärlich ist, dass das kostbarste und feinste aller Webematerialien sich am sprödesten verhielt, indem es die höchsten Ansprüche an die Stuhlconstruction für mechanischen Betrieb stellte. Um so höher muss es daher angeschlagen werden, dass diese Bemühungen, mechanische Seidenwebstühle zu bauen, gerade in Oesterreich zuerst greifbare Gestalt gewannen, da bereits im Jahre 1816 Th. Bischof und G. Hornbostel ein Privilegium auf Seidenwebstühle erhielten, die durch Wasserkraft Antrieb empfingen. Und zwar war dies keineswegs ein Patent, das auf dem Papiere blieb, sondern im Gegentheil, die Stühle wurden sofort zur wirklichen Fabrication herangezogen und die Fabrik in Leobersdorf wurde mit ihnen eingerichtet. Diese mechanischen Seidenwebstühle waren beinahe ganz aus Holz gebaut, selbst Antriebsscheiben und Zahnräder aus Holz construirt. Sie lehnten sich in der Bauart an die bisher in der Seidenweberei verwendeten Handwebstühle an. Die Bewegung der Lade, die eine Stehlade war, geschah durch Excenter, der Schlag erfolgte durch Rollenkurbeln und Excenterhebel, die Schaftbewegung durch eine über dem Stuhl befindliche, hölzerne Schaftmaschine. Diese Seidenstühle functionirten, so äusserst unvollkommen ihre Ausführung auch war, so vorzüglich, dass sie beinahe 70 Jahre im Betriebe standen, ohne dass wesentliche Veränderungen an ihnen vorgenommen wurden. Man muss jedoch heute sagen: »leider«, denn anstatt dass jene Stühle einem intelligenten Webstuhlbauer Anregung zum Baue eiserner mechanischer Seidenwebstühle gegeben hätten und hiedurch die Ursache zur Entstehung einer sie erzeugenden Maschinenindustrie geworden wären, kümmerte sich um diese mechanischen Seidenwebstühle in Leobersdorf kein Mensch, weder Fachmann noch Laie, und unser Vaterland zog aus der Thatsache, in dieser Beziehung an der Spitze der Culturnationen geschritten zu sein, nicht den geringsten Nutzen. Ja im Gegentheile! Während der Bau mechanischer Baumwoll- und Wollstühle doch zu wiederholten Malen im Laufe des Jahrhunderts angeregt wurde und schliesslich auch ganz ausgezeichnete Bethätigung fand, blieb das Privilegium Hornbostel’s vollständig vereinzelt und wurde der Bau mechanischer Seidenstühle in Oesterreich erst vor ungefähr 10 bis 15 Jahren, und zwar nach fremden, hauptsächlich Schweizer und französischen Vorbildern wieder in Angriff genommen. Heute bauen namentlich A. Hohlbaum & Co. in Jägerndorf und Otto Müller in Harzdorf derartige Stühle nach System Honegger, Ersterer auch solche nach System Diederichs. Was die mechanischen Baumwollstühle anbelangt, so gelangte deren Construction frühzeitig in England zu äusserst hoher Vollkommenheit; dieselben stellen heute in ihren Haupttheilen derartig durchdachte Musterstühle dar, dass die meisten Fabriken des Continents sie einfach nachbauen und nur in Details verändern. Die diesbezüglichen Ausführungen der österreichischen Fabriken, als welche neben den beiden schon genannten die lannwalder Maschinenfabrik, ferner die Nordböhmische Webstuhlfabrik C. A. Roscher in Georgwalde genannt zu werden verdienen, zeichnen sich durch überaus solide Ausführung, grösste Stabilität, vorzüglichen Guss und exactes Functioniren aller Theile aus. A. Hohlbaum in Jägerndorf construirte im Jahre 1885 einen Schützenwechsel, der selbst im Mutterlande des Webstuhlbaues, in England, vollste Anerkennung fand. H. Wenzel und J. Herbst ersannen 1892 eine Schaftmaschine, welche, indem sie ein verschiebbares Nadelbrett besitzt, eine ganz ausserordentliche Kartenersparniss, namentlich bei quergestreiften Waaren erlaubt; J. Preissler in Grottau construirte 1886 eine Doppelhub- Schaftmaschine für raschlaufende Stühle und 0 . Müller in Harzdorf nahm 1895 ein Patent auf eine Schaftmaschine nach Hattersley’scher Bauart mit zwei Musterkartenprismen. Kraus und Stübchen- Kirchner construirten 1896 eine zwangsläufige Hoch- und Tief-Schrägfachschaftmaschine, welche von der Firma A. Hohlbaum & Co. in Jägerndorf an deren mechanischen Webstühlen für Baumwoll-, Leinen-, Halbwoll- und Kammgarnstoffen Verwendung findet. Letztere Maschinenfabrik baut gegenwärtig auch einen mechanischen Damaststuhl eigenen Systems, sowie mechanische Webstühle mit Lappetstickerei- \ orrichtung. Die modernen, rasch laufenden Stuhlconstructionen werden behufs Hinderns des Heraus- fliegens des Schützens meist mit Schützenfängern ausgerüstet, von welchen ungemein zahlreiche Constructionen existiren. Als zu den besten gehörig müssen die Systeme Preissler und Kirchhof aus Grottau bei Reichenberg, sowie System Heintschel aus Heinersdorf in Böhmen bezeichnet werden, da sie den Veber in seinen Handgriffen in keiner Weise behindern und sicher functioniren. Noch einer Erfindung muss hier gedacht werden, um sie als österreichische zu reclamiren, da sie, wenn auch im Auslande ersonnen und von einer ausländischen Fabrik, nämlich der Maschinenfabrik Rüti, vormals Caspar Honegger in Rüti, ausgeführt, doch von einem gebürtigen Oesterreicher, nämlich Hofmann aus Asch, herrührt, das ist dessen Wechsel für Bethätigung von vier Kästen für Baumwoll- und Seidenstühle, der in Bezug auf verblüffende Einfachheit und Genialität der Construction wohl von keinem anderen übertroffen werden dürfte. Die modernen Baumwollwebstühle laufen mit 180 bis 200 Touren in einer Minute und werden daher in dieser Zeit 180 bis 200 Schüsse in das Gewebe eingetragen, gewiss eine erstaunliche Leistung. Ein Arbeiter bedient bei uns gewöhnlich zwei Stühle, höchstens könnte er unter besonderen Verhältnissen deren vier beaufsichtigen. Die gegenwärtig in Amerika immer mehr Boden gewinnenden, aber augenblicklich erst für Herstellung glatter Zeuge verwendbaren Northrop-looms, die mit Kettenwächtern für Stuhlabstellung bei Kettfadenbruch und mit Spulenmagazinen ausgerüstet sind, aus welchen nach Ablauf des Schussfadens der Schützen mit einer neuen Schussspule während des Ganges des Stuhles versehen wird, so dass ein Arbeiter 8 bis 16 Stühle bedienen kann (in einem Ausnahmsfalle soll ein Weber deren 32 bedient haben), haben in Oesterreich noch nicht Eingang gefunden. Die Wichtigkeit des Gegenstandes verdient es wohl (wie es erfreulicherweise auch bereits geschieht), dass sich unsere Stuhlbauer mit den diesen amerikanischen Stühlen eigenthümlichen Constructionen vertraut machen, um sie, deren Verbesserungsbedürftigkeit, aber auch Verbesserungsfähigkeit nicht geleugnet werden kann, für unsere Industrie zu verwerthen; denn das Eine steht für den Fachmann sicher: Verschwinden werden diese Stühle und der ihnen zu Grunde liegende Gedanke nicht mehr, denn sociale Bedenken haben noch nie eine, wenn auch noch so revolutionäre Erfindung in ihrem Siegesläufe gehemmt. Dasselbe Ziel, nämlich den W r ebstuhl bei Schussfadenbruch oder abgelaufener Schussspule nicht anhalten zu müssen, erreicht Claviez in Adorf durch Ersatz des leergewordenen Schützens durch einen neuen während des Ganges und erlaubt seine Construction die Bedienung von gleichzeitig sechs Stühlen durch einen Arbeiter. Dass von diesen Webstühlen nicht ebensoviele wie von den Northrop-looms bedient werden können, hat wohl seinen Hauptgrund darin, dass dieselben bisher nicht mit Kettenwächtern ausgerüstet sind. Einen der schönsten Erfolge hat die österreichische Maschinen-Industrie auf dem Gebiete des Webstuhlbaues in den Buckskinstühlen zu verzeichnen, welche von der Firma Gülcher & Schwabe in Biala gebaut werden. Diese Firma, früher R. J. Gülcher in Biala, baute ursprünglich nur schwere Stühle für Erzeugung breiter Schafwollgewebe nach, dem Schönherr-Systeme analogen, Principien, insoferne als der Anschlag der Lade durch ein Excenter, beziehungsweise eine Nuth, geschah und der Schlag ein durch Federkraft hervorgerufener Unterschlag war. Später ging auch diese Firma für die schneller laufenden Buckskinstühle zum Crompton-Systeme über und verbesserte dieses in ganz ausgezeichneter und selbstständiger W r eise. Der moderne Wechselstuhl ist ein Kurbelstuhl mit Antrieb der Lade mittelst abnorm kurzer Schubstangen behufs Erreichung beinahe vollständigen Stillstandes der Lade beim Schützendurch- gange. Der Schlag ist ein ganz origineller, mittelst zwangsläufiger Schlagvorrichtung, bei welcher gleichfalls das Princip der Kurbel mit kurzer Schubstange im Vereine mit dem des Kniehebels zur Anwendung kommt, um einerseits bei der Schlaggebung eine rasche Ausschwingung der Schlagarme zu erzielen, andererseits während der übrigen Zeit sie zurückzubewegen und ruhig zu erhalten, eine Vorrichtung, die 1894 patentirt wurde. Die von der Firma verwendete Schaftmaschine ist entweder die ihr 1882 patentirte oder die Crompton’sche. Der Wechsel ist nach Patent Schwabe vom Jahre 1884, zwangsläufig für Bewegung von vier Kästen auf jeder Seite, bei welchen zwei Kurbeln in Verbindung mit einem Kniehebelmechanismus alle möglichen Kastenstellungen ergeben, oder der 1894 patentirte für mehr als vier Kästen, bei welchem zwei Kreisexcenter und eine Kurbel, mit einem Hebelsysteme combinirt, die Beherrschung auch von fünf, sechs und mehr Kästen auf jeder Seite ermöglichen. Nachdem in Oesterreich die Kunstweberei seit jeher besondere Pflege fand, kann es nicht in Erstaunen versetzen, dass die 1805 von K. M. Jacquard erfundene und nach ihrem genialen Erfinder benannte Mustermaschine sehr rasch in unserem Vaterlande zur Einführung und Anwendung gelangte. Waren hier doch schon ganz ähnliche Vorrichtungen zur Musterweberei im Gebrauch, wie seit 1790 die Trommel- oder Walzenmaschine, deren wesentlicher Bestandtheil in einer Trommel bestand, auf der dem Muster entsprechend Klötzchen oder Stifte eingesetzt waren, sowie die 1799 in Wien von Waldhör erfundene Stoss- oder Hochsprungmaschine, die bereits anstatt der Klötzchen Löcher in einer Walze eingegraben besass, welche zur Bethätigung von Nadeln und Platinen diente! Jacquard besitzt das Verdienst, alle diese Mustervorrichtungen erst lebensfähig gemacht zu haben, indem er die seit Vaucanson immer wieder angewendete Trommel beseitigte und das bereits 1728 von Falcon zur Musterweberei ver- i3' - suchsweise herangezogene Prisma mit Karten, im Vereine mit Nadeln und Platinen, wieder zu Ehren brachte. Während jedoch Falcon einen zweiten Arbeiter zur Hin- und Herbewegung, sowie zum Wenden des Prismas benöthigte, leitete Jacquard diese Bewegungen von dem Hube des Messerkastens ab und gelangte derart zu seiner berühmten Maschine. Er wird daher mit vollem Rechte als deren Erfinder bezeichnet, da schliesslich den Namen eines solchen erst Jener verdient, der eine Vorrichtung nicht im embryonalen, sondern lebensfähigen Zustand der Menschheit schenkt. Die Jacquard-Maschine kam 18 16 zuerst nach Wien, wo Woitech und Willmann sofort an den Bau derselben schritten und sie in Holz ausführten. Hiebei geschah es auch zuerst, dass man hölzerne Platinen verwendete und muss diese Thatsache gleichfalls als besonderes österreichisches Verdienst namhaft gemacht werden, da man trotz des wiederholten Versuches, die Holzplatinen durch solche aus Draht zu ersetzen, immer wieder auf jene wegen ihrer besonderen Vorzüge zurückkommt. Eine Verbesserung der Jacquard-Maschine brachte 1821 Baussemer in Wien an, indem er den Federkasten wegliess und seine Maschine derart baute, dass man jedes Stück des Nadelwerkes herausziehen und auch leicht wieder einsetzen konnte. Auch liess er die Presse erst dann auf Nadeln und Federn wirken, wenn die Maschine arbeitete. 1822 erhielt M. Sottil in Wien ein Privilegium auf eine Schaft- und Jacquard-Maschine für Seidenstühle, 1832 führte Johann Seuffert in Wien seine Jacquard-Maschine mit eisernen Gestellwänden aus und 1839 erreichte derselbe dadurch eine geringere Höhe der Maschine, dass er den Antrieb des Messerkastens von unten aus bewerkstelligte und auch die Achse der Prismenlade nach abwärts verlegte. Die bedeutendsten Verbesserungen »brachte jedoch 1838 und 1840 Th. Woitech in Wien an, der Erbauer der Wiener Doppelmaschine, bei der jede Nadel zwei verschieden lange Platinen bethätigt und bewegliche Messer je nach ihrer Stellung die vorderen oder die rückwärtigen Platinen beeinflussen oder aber bei einer zweiten Art Doppelmaschine zur Ersparung des Vorderwerkes gleichlange Platinen vorhanden sind (von denen jeder Nadel zwei entsprechen) und der Platinenboden aus Leisten (ebenso vielen als Platinenreihen) besteht, die durch eiserne Platinen der Grundbindung entsprechend Bewegung empfangen. Diese hervorragenden Neuerungen gaben zu dem am 7. October 1840 im niederösterreichischen Gewerbevereine öffentlich gethanen und unwidersprochen gebliebenen Ausspruche Veranlassung, dass Oesterreich ohne alle Ruhmredigkeit in Betreff der Zweckmässigkeit und Einfachheit der Hilfsmaschinen das Mutterland der Jacquard-Weberei überflügelt habe. Von weiteren Verbesserungen ist noch die 1859 patentirte Doppel-Jacquard-Maschine in Verbindung mit einer Trittmaschine für gemusterte Doppelstoffweberei von Willibald Schram zu nennen, welcher sich überhaupt in Bezug auf den Jacquard-Maschinenbau auch noch in vielen anderen Beziehungen grosse Verdienste erwarb, sowie die Zweicylincler-Jacquard-Maschine von Rudolf Beck aus dem Jahre 1892 mit zwei Kartenprismen, die vollkommen automatisch, ohne jeden Handgriff, ohne Stillstand und Arbeitsunterbrechung ein- und ausgerückt werden, wodurch sowohl bei Ouerborduren als, durch Anbringung der Grundbindung auf dem einen Prisma, bei der Herstellung vieler gemusterter V aaren, Möbelstoffe, Kleiderstoffe etc. grosse Kartenersparniss zu erzielen ist. R. Beck brachte auch in Oesterreich das fünftheilige Prisma wieder zu vielseitigerer Verwendung. Seine Maschinen sowie alle anderen Arten hölzerner und eiserner Ein- und Doppelhubmaschinen, sowie Schaftmaschinen für Hand- und mechanische Stühle baut die Atzgersdorfer Textilmaschinenfabrik. — Von Kartenschlagmaschinen zur Herstellung der Jacquard-Karten ist diejenige Willmann’s aus dem Jahre 1830 österreichischen Ursprungs und muss hervorgehoben werden, dass in unserem Vaterlande sowohl der Bau solcher Maschinen, die nur eine Lochreihe schlagen, mit Claviatur und Fusstritt oder nach Reichenberger System mit Schnurenzug und Handkurbel, als auch der Bau jener zum Schlagen einer ganzen Karte auf einmal, stets besonders gepflegt wurde. Selbstverständlich geschah dies mit zahlreichen Verbesserungen, die bezüglich der ersteren Art von Maschinen grösstentheils aus Reichenberg (J. Habel), betreffs der letzteren aus Wien (Rup. Wimmer, W. Schram) herrühren. Nicht verschwiegen soll werden, dass auch die Bestrebungen, durch Anwendung eines feineren Stiches ein kleineres Kartenformat und dadurch billigere Karten zu erhalten, in Wien am erfolgreichsten waren und der sogenannte Wiener Stich unter allen Arten des Feinstiches die grösste Verbreitung, auch über die Marken unseres Vaterlandes hinaus, erlangte. Es muss noch erwähnt werden, dass in neuester Zeit A. Hohlbaum & Co. in Jägerndorf, nach Uebernahme des Fabriksbetriebes von V. Lacasse & Co. in Chemnitz, den Bau von Jacquard-Maschinen nach System Lacasse, sowie nach allen anderen Systemen, sowie der zugehörigen Kartenschlag- und sonstigen Hilfsmaschinen aufgenommen haben. Von ihren diesbezüglichen Maschinen zeichnen sich ihre Hoch- und Tieffach-Jacquard-Maschine durch Anbringung nur einer Stange zur Führung des Messerkastens und Platinenbodens, sowie besonders die 1897 von J. Jungfermann in Wien construirte Doppelhub-Jacquard- Maschine aus, welche den zweiten Messerkasten innerhalb der Maschine besitzt und in Folge dessen bedeutend niedriger als die englische ist. Auch sie hat nur eine Führungsstange für beide Messerkästen, so dass der Angriffspunkt von ihnen beiden genau in der Mitte liegen kann, was einen ruhigeren Gang gewährleistet. Auch eignet sich diese Doppelhubmaschine für deutsche Gallirung, so dass der Weber Antrieb und Kartenlauf leicht übersehen kann. Oesterreichs Antheil an den Fortschritten in der Weberei ist mit dem Genannten keineswegs erschöpft; im Gegentheile muss betont werden, dass sowohl in früheren Zeiten, als die Handweberei noch in Blüthe stand, als auch später, unser Vaterland stets den regsten Antheil an allen Neuerungen und Verbesserungen gerade auf diesem Gebiete der Textil-Industrie nahm. So wurde beispielsweise das Weben nahtloser Säcke von Bayerleuthner in Wien zuerst besonders für die Praxis verwerthet und 1822 von F. Zagitschek in Böhmisch-Trübau dessen Methode verbessert. Als Erfindung Bayerleuthner’s lässt sich die Sache wohl nicht hinstellen, da das Weben nahtloser Schläuche schon früher bekannt war; sollen ja doch schon die alten Aegypter solche gewoben haben! Um ein anderes Beispiel zu erwähnen, sei angeführt, dass C. Spath in W r ien 1799 einen Webstuhl zur Erzeugung zweier Gewebe übereinander einrichtete, welches Verfahren von Andrae und Bräunlich 1806 zum Weben von Doppelsammt ausgebeutet wurde. Leider wurde auch diese Idee nicht weiter verfolgt und nahm die eigentliche Doppelsammterzeugung in Oesterreich erst ihren Aufschwung, als mechanische Stühle zu diesem Zwecke aus dem Auslande eingeführt wurden. Erst da schritt die Firma G. Bernhardt’s Söhne in Wien an den Bau ihrer vorzüglichen Doppel- sammtstühle, welche manche originelle Gedanken und Verbesserungen aufweisen. Besonders hervorragend und zahlreich sind die unserem Vaterlande zur Ehre gereichenden Neuerungen in der Shawl-Industrie, sowie in der Erzeugung der Chenillen; der Erfinder der Chenille soll gleichfalls ein geborener Oesterreicher sein. Von österreichischen Verbesserungen in der Teppichweberei sei das 1884 patentirte, von J. und F. Watzlawik in Wien erfundene, von Aubin, Protzen & Co. in Reichenberg ausgeführte Verfahren zur Imitation von Smyrnateppichen mittelst Chenillenschüssen, ähnlich den Axminsterteppichen (wobei jedoch jene, sogenannten Stambulteppiche, sich von diesen durch die an der Rückseite des Teppichs sichtbaren Knoten unterscheiden), ferner die 1894 von J. Ginzkey in Maffersdorf erfundene Vorrichtung zum Aufrichten und Gleichstellen des Flors an Chenilleteppichwebstühlen, sowie dessen Steckschützenantrieb, gleichfalls aus dem Jahre 1894, speciell angeführt. Ein mechanischer Handwebstuhl wurde 1829 von G. Felix in Wien, rotirende Kreiswebstühle wurden 1851 von J. A. Grünwald in Wien und 1866 von J. Joas ebendaselbst ersonnen, ohne jedoch über das Versuchsstadium hinauszugelangen. Der rasche Siegeslauf des mechanischen Webstuhls war nur dadurch ermöglicht, dass im selben Masse als seine Mechanismen verbessert wurden, auch die Vorbereitungsarbeiten der Kette und des Schusses mit immer grösserer Sorgfalt geschahen; ja man kann sagen, dass erst durch die Vervollkommnung dieser überhaupt ein mechanisches Weben ermöglicht war. Diese Vorbereitungsarbeiten sind für die Kette: das Bringen der Fäden auf Spulen, Kettspulen, Treiben oder Winden genannt; das Abziehen der Fäden von diesen Spulen und Anordnen derselben parallel neben einander in gleicher Länge, das Scheren oder Zetteln, und schliesslich das Wickeln der so erhaltenen Kette auf eine hölzerne Walze, den Kettbaum, das Bäumen, dem meist noch ein Schlichten oder Leinen vorangeht. Alle diese Arbeiten werden heute durch Maschinen ausgeführt, jedoch kann keineswegs verschwiegen bleiben, dass dieselben auch in manchen Industriebezirken, wo hauptsächlich Modeartikel gewoben werden, in Bezug auf das Scheren nach den Methoden der Handweberei zur Durchführung gelangen. Was zunächst das Kettspulen anbelangt, so dienen hiezu eigene Kettenspulmaschinen, die mit liegenden und stehenden, durch Schnüre oder Friction bewegten Spindeln und mit durch Mangelrad, Herzexcenter oder Schraubengangtrommel bewegten Fadenführern gebaut werden. Eine österreichische Spülmaschine von E. Stribl in Wien aus dem Jahre 1833 besitzt bereits die Einrichtung, dass jede Spindel für sich zum Stillstand gebracht werden kann. Besondere Beachtung verdienen gegenwärtig die Kreuzspulmaschinen nach System Hill & Brown, die von G. Josephy’s Erben in Bielitz gebaut werden, bei denen die Bewicklung auf Papphülsen ohne Randscheiben in gekreuzten Lagen geschieht. 15 Das Scheren oder Schweifen geschieht, wenn mit der Hand ausgeführt, auf dem bekannten Schweifrahmen. G. Hornbostel brachte 1850 den Lyoner Schweifrahmen mit beweglicher Katze und Regulator nach Wien, woselbst die sechs Speichen desselben durch zwölf ersetzt wurden, die man an kreisrunden Reifen montirte. Diese Reifen wurden in Eisen, später auch aus gebogenem Holze (von Schüler) hergestellt. Die Schweifmaschinen werden auch bei uns (Otto Müller in Harzdorf) entweder als englische oder Baum-, oder als sächsische oder Bandschermaschinen gebaut, erstere mit Selbstabstellern bei Fadenbruch ausgerüstet. Immer mehr kommen, auch für die anderen Materialien, die nach System Honegger ursprünglich nur für Seide verwendeten Schermaschinen mit schraubengangförmiger Bandaufwicklung in Gebrauch, da sie durch Wegfall der lästigen Trennungsbleche eine gleichmässigere Kette ergeben. Auch das Scheren in Sectionen auf Sectionalschermaschinen wird in Bunt- und Modewebereien immer allgemeiner. Schlicht- und Stärkemaschinen wurden schon frühzeitig zur Vorbereitung des Webemateriales herangezogen. Schon 1818 erhielt ]. v. Thornton in Pottendorf ein Privilegium auf eine Schlicht- und Stärkemaschine. Gegenwärtig baut A. Hohlbaum & Co. in Jägerndorf Maschinen für das Schlichten der Garne im Strähne, sowie solche für das darauffolgende Bürsten derselben. Am vorzüglichsten geschieht das Schlichten in der ausgebreiteten Kette und dienen hiezu die schottischen, Cvlinder- und Lufttrocken-Sizingmaschinen, welche jedoch gegenwärtig noch aus dem Auslande bezogen werden müssen, wie dies bezüglich der Leimmaschinen für Wolle gleichfalls der Fall ist. Neuestens baut jedoch A. Hohlbaum & Co. in Jägerndorf auch ■ Breitleimmaschinen mit Vortheiler für handgescherte Ketten. Von Schussspulmaschinen österreichischen Ursprungs muss die von Aegid Arzt aus dem Jahre 1799 für Laufspülchen namhaft gemacht werden, sowie die später nach Angaben A. Harpke’s verbesserte Maschine von F. Lauböck in Wien. Für Schleifspulen werden sowohl Reibungsrollen- als Trichtersystem verwendet und werden Spülmaschinen für duplirte Trama mit Fadenvordrehung auch von Arzt in Wien, nach einem französischen Reibungsrollensystem, gebaut. Eine Spülmaschine für Laufspulen mit sich kreuzenden Windungen wurde 1885 von F. Rosskothen in Zwittau, eine solche für Herstellung konischer Endflächen von F. Spilda in Jägerndorf 1888 erfunden. Als Kettfäden, namentlich aber oft als Schuss, werden häufig in Modewaaren sogenannte Effectgarne gebraucht, zu deren Herstellung Zwirnmaschinen nach Flügel- oder Ringsystem mit besonderen Fadenzufuhreinrichtungen dienen. G. Josephy’s Erben in Bielitz bauen eine solche Ringzwirnmaschine mit Rabbethspindeln und Graf’scher Effectgarnvorrichtung, mittelst welcher mit grösster Leichtigkeit alle Noppen- und Knoten-, Flammen- und Schlingen-, Kräusel- und Gimpenzwirne in vorzüglichster Gleich- mässigkeit erhalten werden können. Die Bandweberei stand in Oesterreich seit je in hoher Blüthe. Schon 1816 trieben B. Neusser und Iv. Wreden ihre Bandmühlen durch Wasserkraft an und verbreiterten dieselben 1824 derartig, dass man die doppelte Anzahl von Bändern auf ihnen anfertigen konnte. Schon früher, 1821, arbeitete J. Resler in Wien auf einem Stuhle mit 20 Gängen 10 verschiedene Dessins und hatte F. Tumfort in Wien ein Privilegium auf einen Bandstuhl mit 24 Gängen erhalten. J. Reyl in Wien erzeugte 1822 seidene Hosenträgerbänder zuerst auf Mühlstühlen, K. Seehorst und J. Rothe in Wien verfertigten 1822 Sammt auf Hand-, Schub- und Mühlstühlen, A. Mohr im selben Jahre solchen auf analogen Stühlen ohne Nadeln. 1824 liess sich B. Maschigg in Wien sein Verfahren für Erzeugung von Tressen mittelst Jacquard- Maschine patentiren, desgleichen J. G. Kinnesperger und A. Herzog in Wien ihre Methode, Borten in halbrunder Form zu gewinnen. F. Berger in Wien fabricirte 1827 zuerst geflammte Gimpen und L. Kasperkiewitz Irisschnüre und Irisfransen, Crepins und Draperien. Ph. Haas brachte 1833 an den Bandstühlen die Verbesserung an, den Gang der Schützen willkürlich zu bestimmen und diese in jedem Punkte stehen lassen zu können. K. v. Ganahl in Feldkirch construirte 1837 einen mechanischen Bandwebstuhl, bei welchem jeder Lauf selbstständig abzustellen war und zwei Stühle von einer Person beaufsichtigt werden konnten. J. Reisenhofer in Wien erhielt 1839 ein Privilegium auf die Anwendung kreisförmiger Broschirschützen, bewegt durch Zahnstangen und Bewegung der Grund- und Broschirschützen durch die Jacquard-Maschine, sowie J. Schwerdtner 1839 auf die berühmte Kreisellade, bei der durch Gebrauch kreisförmig gebogener Schützen und deren Lauf in ebensolchen Bahnen die Breite des Stuhles um 25% schmäler ausfiel. Die von Ph. Haas erfundene Spindellade wurde 1836 durch H. Seufert in Wien verbessert. Verbesserungen an Klöppelmaschinen Hessen sich 1828 J. P. Princeps in Wien für Schnüre, 1830 J. G. Schuster in Wien für Dochte patentiren. G. Schreiber in Wien construirte 1855 l6 eine Kunstplattirmaschine für Schnüre, F. Windhobs im selben Jahre eine Dessinbörtelmaschine. Als neueste hiehergehörige Verbesserungen seien noch die 1889 patentirte Maschine zur Herstellung von Perlenschnüren von R. Steck in Weipert und eine 1893 erfundene Klöppel, von Demuth in Wien, genannt. Wenn in der Spinnerei und Weberei im Laufe der letzten Jahrhunderte mehr Verbesserungen und Neuerungen vorgenommen wurden und Erfindungen geschahen als in Tausenden von Jahren zuvor, so gehört die Wirkerei, da das Wirken erst 1589 von Will. Lee erfunden wurde, ganz und gar der Neuzeit an. Wie bekannt, unterscheidet sich das Wirken vom Stricken nur dadurch, dass bei ihm nicht wie bei diesem Masche um Masche, sondern eine ganze Reihe von Maschen auf einmal gebildet wird. Die von Lee ersonnene, nach einem Hauptbestandtheile derselben, dem Rösschen, Rösschen-Stuhl genannte Vorrichtung ging aus den Händen ihres Erfinders in einer solchen Vollkommenheit hervor, dass sie bis in die neueste Zeit zum Wirken verwendet wurde, ja selbst heutzutage gerade für die feinsten und theuersten Artikel Anwendung findet und auch vorbildlich wurde und blieb, als man daran ging, die Wirkstühle mechanisch zu betreiben. Dies geschah zur selben Zeit, als in der Spinnerei die grossen Erfindungen gemacht wurden, als James Watt seine Dampfmaschine ersann, 1769, und von da ab war das Bestreben der Wirkmaschinenbauer immer mehr darauf gerichtet, auch ihre Maschine vollkommen automatisch zu gestalten. Die Schlusspunkte der langen Reihe von Constructionen stellen der Paget- und der Cottonstuhl dar, die heute allgemein zur Massenfabrication der besten und vollkommen regulär gearbeiteten Artikel dienen. Der Cottonstuhl ist heute derart vervollkommnet, dass man auf ihm, bei einer Geschwindigkeit von 60 bis 70, ja bis 80 Maschenreihen in einer Minute gleichzeitig 20 bis 24 Strümpfe als flache Waarenstücke mit regulären, d. h. derart gestalteten Kanten erzeugen kann, dass durch blosses Zusammennähen mit einer kaum bemerkbaren Naht die Gebrauchsartikel fertig gewonnen werden. Während so einerseits in stetiger Ausbildung des ursprünglichen Rösschen-Stuhles die modernen flachen mechanischen Strumpfmaschinen entstanden, ging man anfangs des laufenden Jahrhunderts daran, die Wirkstühle rund zu bauen, damit die hin- und hergehende Bewegung der Plauptarbeitstheile durch eine continuirlich im selben Sinne stattfindende, rotirende Bewegung ersetzt werden könne, ein Bestreben, das man auch beim Baue der Rundwebstühle, jedoch ohne Glück verfolgte. Während es nämlich in der Weberei nicht gelang, der sich entgegenstellenden Schwierigkeiten Herr zu werden, ist diese Aufgabe in den Rundwirkstühlen vollständig gelöst, und dienen diese in ausserordentlich vollkommenen Constructionen einerseits als sogenannte französische Rundstühle mit radial gestellten Nadeln und grösserem Durchmesser zur Fabrication von 1 bis 2 Meter weiten gewirkten Waarenschläuchen, aus welchen die Gebrauchsartikel, wie z. B. die Normalwäsche, durch Zuschneiden und Zusammennähen wie aus Geweben erzeugt werden, andererseits als englische Rund- oder Schlauchstühle mit in der Richtung der Erzeugenden eines Kreiscylinders gestellten Nadeln und kleinem Durchmesser zur Massenerzeugung von billigen Strümpfen, die aus den engen Schläuchen durch wenige Schnitte und Zusammennähen einzelner Kanten entstehen. Auch das Stricken selber, nämlich die Bildung einer Maschenwaare durch Erzeugung von Masche um Masche und in der sofort richtigen Gestalt des Gebrauchsgegenstandes, also ohne Nähen, ist seit der Erfindung des Amerikaners Lamb 1866 mittelst Maschinen vollkommen geglückt. Diese Lamb’schen Strickmaschinen werden heute auch durch Motorkraft betrieben, was die automatische Bethätigung aller Operationen voraussetzt, und sind andererseits auch für Herstellung gemusterter Waaren eingerichtet worden. Die Lamb’schen Maschinen sind sogenannte flache Strickmaschinen; auf ihnen entsteht der Strumpf als zusammengelegter Schlauch. Man baut jedoch auch Rundstrickmaschinen, wo die Nadeln im Kreise stehen, und die Standard-Maschine, welche eine solche moderne Rundstrickmaschine ist, liefert Strümpfe vorzüglicher Qualität, bis auf eine kleine Naht vollkommen fertig, mit einer Geschwindigkeit von über 200 Maschenreihen in einer Minute, so dass die Anfertigung eines Strumpfes circa 5 Minuten dauert. Da nun ein Arbeiter bis zehn Maschinen bedienen kann, ist die Productionskraft eines solchen fabelhaft gesteigert. Alle die bisher besprochenen Wirkmaschinen dienen zur Erzeugung der sogenannten Kulirwaaren, d. i. solcher Wirkwaaren, die aus nur einem FTden erzeugt werden, während es eine zweite Kategorie von Maschenwaaren gibt, die aus einer Reihe paralleler Fäden, einer Kette, entstehen und daher Ketten- waaren heissen. Das Kettenwirken wurde erst in der zweiten Hälfte des vorigen Jahrhunderts erfunden, wurde bald auch mechanisch vollzogen und da bei Verarbeitung einer ganzen Fadenkette eine ausserordentliche Mannigfaltigkeit der Verschlingungen möglich ist, zur Fabrication gemusterter, sogenannter Phantasie- Die Gross-Industrie. IV. 17 3 artikel herangezogen. Die mechanischen Drehkettenstühle und die Rascheln gehören zu dieser Maschinenart. Bald führte man auch die Jacquard-Maschine in den Bau der Kettenstühle ein und erschloss dadurch eine neue, schier unversiegbare Quelle der schönsten Mustereffecte. Indem man dann jede einzelne Nadel durch die Jacquard-Maschine bethätigte, war es möglich, auf den so modificirten Kettenwirkstühlen, den Tattings-Maschinen, gewirkte Gardinen und Spitzen zu erzeugen und so der Wirkerei ein neues, von dem ursprünglichen ganz verschiedenes Verwendungsgebiet zu erobern. Da die Wirkstühle schon frühzeitig in Oesterreich Eingang fanden und die Wirkerei als selbstständiges Gewerbe intensiv gepflegt wurde, so gingen eine Reihe von Verbesserungen in Bezug auf sie auch aus unserem Vaterlande hervor, die heute, wenigstens was die älteren Datums anbelangt, wohl grösstentheils vergessen sind. Dazu gehören die Petinet- und Tricotmaschine, sowie der Strumpfwirkerstuhl von F. G. Schuster in Pottendorf aus dem Jahre 1817, sowie die die Presse entbehrlich machende Construction Gottfried Preissger’s in Schönlinde aus demselben Jahre; A. Pettersch in Nixdorf nahm 1826 ein Privilegium auf seine Methode, vier Strumpfwirkerstühle durch einen Arbeiter bethätigen zu lassen, sowie J. Salzer in Mailand 1833 auf die Anfertigung von Ajourstrümpfen mittelst Jacquard-Maschine. F. Wolkenhauer in Wien brachte 1838 eine Verbesserung am Petinetstuhle an, J. Reuling in Wien setzte 1857 zwei Petinetmaschinen mittelst eines Antriebes in Bewegung. Von besonderer Wichtigkeit wurde für unser Vaterland die Erzeugung der orientalischen Kappen, Fez, auf Wirkstühlen. Es waren hiezu eine Reihe von Specialeinrichtungen, sowie Specialmaschinen für die Appretur der Waaren erforderlich. Unter diesen sind zu nennen eine Rauhmaschine von F. W. Prescher in Wien 1865, eine Plättmaschine von J. Raschka in Freiberg in Mähren aus dem gleichen Jahre, die Methode der Fütterung der Fez und Anbringung von Marken und Verzierungen an ihnen von ersterem aus dem Jahre 1869. Von österreichischen Verbesserungen an Strickmaschinen seien angeführt die Construction Zimmermann’s aus Kottingbrunn 1866, die Maschine für Waaren mit verschiedener Länge der Maschenreihen von L. Herlitschka in Böhmisch-Kamnitz 1887, eine Lamb’sche Strickmaschine für Schlauchwaare von L. Herlitschka und H. Worm aus Böhmisch-Kamnitz 1888 und eine solche für Musterwaare 1891, die selbstthätige Herstellung von Links- und Linkswaaren auf Lambmaschinen von R. Popp und R. Weiss, Wien 1891, und die Vorrichtung für Festlegen der Nadeln in ihrer tiefsten Stellung von G. Grasser, Graz 1894, eine Vorrichtung zum Aufschneiden der Plüschhenkel von Plüschwaaren auf der Raschei von G. Bergmann in Katharinberg 1894 und ein Nadelheber für das Schloss auf Lamb’schen Strickmaschinen zur Herstellung von Rechts und Rechts-, sowie Schlauchwaare von R. Popp, Wien 1895. Was die Erzeugung der Spitzen anbetrifft, so unterscheidet man bekanntlich die Handspitzen, geklöppelte und genähte, von den Maschinen- oder Zeugspitzen, die wieder entweder auf Bobbinnet- maschinen gewebt, auf Flechtmaschinen geklöppelt, auf Tattingsmaschinen gewirkt oder mittelst Stickmaschinen auf einem gewebten Grunde, der nachträglich durch chemische Mittel zerstört wird, als Luftoder Aetzspitzen, gestickt werden können. Die Handspitze dominirte auch in Oesterreich bis zu Beginn des 19. Jahrhunderts; ihr Erzeugungsgebiet war hauptsächlich Nordböhmen, wo die 1515 in Annaberg geborene Barbara Uttmann, die »Wohlthäterin des Erzgebirges«, dasselbe einführte. Die Erfindung des Bobbinnetstuhles durch Heathcoat in Nottingham 1809, mittelst dessen man in einer Minute 30.000 Maschen zu erzeugen vermochte, während eine geübte Klöpplerin nur deren fünf in gleicher Zeit zu klöppeln vermag, war ein geradezu vernichtender Schlag für die Handklöppelei, von dem sie sich erst nach geraumer Zeit und nur dadurch halbwegs zu erholen vermochte, dass sie auf die künstlerische Ausführung der Zeichnung den Hauptwerth legte. Die Bobbinnetmaschine selbst fand 1829 Eingang in Wien, nämlich durch Ludwig Damböck, der die Gardinen- und Spitzenerzeugung mittelst ihrer in Oesterreich zu so hoher Blüthe brachte, dass unser Vaterland bis in die neueste Zeit an der Spitze der continentalen Cultyrstaaten schritt. Schon früher, 1823 und 1826, liess sich Ph. Haas in Wien Privilegien auf Erzeugung von Bobbinnet, sowie Anbringung eines Regulators am Bobbinnetstuhle ertheilen, wie ersteres seitens des H. S. Davy in Wflen 1824, des J. A. Scheller und des F. Schlik, beide in V r ien, 1826 und 1829, gleichfalls der Fall gewesen war. Die eigentliche Bobbinnetfabrication in grösserem Style begründete jedoch erst L. Damböck in Vhen, der sein Privilegium auf Erzeugung von glattem Stoff und Streifchen, sowie auch Spitzenzacken nahm, wie auch eine Bobbinnetspulmaschine von ihm herrührt. D. Baum in Wflen liess sich 1833 eine Verbesserung an Double-Locker-Bobbinnetmaschinen für Erzeugung von Streifen auf iS schnellere Art und im selben Jahre eine Neuerung an Fluted-Roller-Bobbinnetmaschinen patentiren. Ebenso brachte F. Austin im Jahre 1866 eine Verbesserung an Bobbinnet- und Tattingsmaschinen an. Gegenwärtig ist L. Matitsch in Wien damit beschäftigt, eine Maschine zu bauen, welche die Arbeit des Handklöppelns vollständig nachahmt und deren Producte daher von einer ganz unbegrenzten Mannigfaltigkeit zu werden versprechen. Man konnte zwar auch schon bisher Spitzen auf Klöppelmaschinen erzeugen, bei denen der Gang der einzelnen Klöppel entsprechend einer bestimmten Musterzeichnung durch eine Jacquard-Maschine beeinflusst wurde, allein die neue Matitsch’sche Maschine verspricht eine viel grössere Production bei grosser Waaren- breite. Diese Maschine erfüllt nämlich die bisher von keiner Klöppelmaschine erreichten beiden Bedingungen, die eine Maschine, welche die Handarbeit der Klöpplerin nachzuahmen vermögen soll, besitzen muss, nämlich einerseits eine beliebige Anzahl der zur Herstellung der Spitzen verwendeten Fäden beliebig lange der Fadenverschlingung zu entziehen und andererseits das zuletzt erzeugte Spitzenstreifenstück, ohne es aufzuwickeln, so festzuhalten, dass die hergestellten Fadenverschlingungen in der ihnen zukommenden Lage erhalten bleiben, bis die um sie herumliegenden Verbindungen erzeugt sind. Zur Erreichung dieser beiden Bedingungen baute Matitsch seine Maschine nicht auf dem Princip der Flecht- oder Klöppel-, sondern jenem der Bobbinnetmaschinen auf und erzielte damit den in ökonomischer Beziehung ungeheuren Vortheil, eine grosse Anzahl Spitzenstreifen gleichzeitig auf derselben Vorrichtung arbeiten zu können. — Wenn die bisher besprochenen Maschinen der Weberei, Wirkerei und Bobbinnetfabrication zur Herstellung der Waarenfläche selbst dienten, so werden die Stickmaschinen zur Verzierung derselben benützt. Diese Maschinen, die theils durch ausserordentliche Vervielfältigung der Handarbeit, theils durch erhöhte Arbeitsgeschwindigkeit die Production im Vergleiche zum Handsticken ausserordentlich zu steigern gestatten, sind theils als Plattstich-Stickmaschinen, welche mit kurzen Fäden arbeiten und daher die Handarbeit möglichst nachahmen, theils als Schiffchen Stickmaschinen, die einen, den Nähmaschinen entlehnten Arbeitsvorgang besitzen, construirt. Mittelst der ersteren, von Josua Heilmann 1829 erfundenen Maschine vermag ein Sticker 300 bis 800 Stiche in einer Minute zu vollenden, während eine geübte Weissnäherin nur 10 solcher in gleicher Zeit auszuführen vermag. Die Bewegungen derselben, insbesondere auch des Stickrahmens, sucht man gegenwärtig sämmtlich selbstthätig auszuführen und ist dies auch dem Henry Hill in Nottingham mit seiner 1896 erfundenen Jacquard-Stickmaschine gelungen. Auch die Anfertigung der Schablonen zur Uebertragung der Zeichnung auf das Gewebe durch Stüpfelmaschinen, ja selbst das Einfädeln der Nadeln durch Einfädelmaschinen, die in einer Minute 40Nadeln mit Faden versehen, während eine Fädlerin nur deren sechs einzufädeln vermochte, wird gegenwärtig bereits automatisch vollzogen. Würde es eines speciellen Beweises bedürfen, dass in Oesterreich oft die fruchtbringendsten Gedanken geboren wurden, ohne dass jedoch deren Ausführung über das Versuchsstadium hinausgelangt wäre, so gäbe die Entwicklungsgeschichte der Nähmaschinen ein sprechendes Beispiel. Jahrzehnte bevor die Erfindung dieser wirklich, d. h. in lebensfähigem Zustande geschah, hatte ein Oesterreicher, Josef Madersperger aus Tirol, deren grundlegenden Gedanken, nämlich die Bildung einer Naht durch Verschlingung mehrerer Fäden gefasst und den wichtigsten Bestandtheil, die Nadel mit dem Oehr an der Spitze erfunden. Dessen erstes Modell, das er [814 baute, besass noch eine Nadel mit beiderseits zugespitzten Enden und dem Oehr in der Mitte, die, senkrecht auf- und abgestochen, einen circa halben Meter langen Faden führte, welche Nadel, wenn das Fadenstück verbraucht war, durch eine volle Nadel ersetzt werden musste. Bald ging Madersperger jedoch von dieser Art der Ausführung ab und stellte jenes Modell einer Nähvorrichtung zusammen, das sich heute noch in den Sammlungen der k. k. technischen Hochschule in Wien befindet. Bei diesem wurden zwei Nadeln mit dem Oehr an der Spitze von unten her durch den Stoff gestochen und hierauf beim Nadelrückgang durch die sich hiebei oberhalb des Zeuges bildenden Schlingen ein dritter Faden durch- gezogen, ursprünglich mit der Hand, später mittelst eines kleinen Schützens. Leider blieb das Modell eben nur Modell, ohne je zur praktischen Ausführung zu kommen. Man kann daher Madersperger, trotz der Genialität seiner Erfindung, nicht als eigentlichen Erfinder der Nähmaschinen bezeichnen. Dieses Verdienst gebührt vielmehr Elias Howe aus Spencer in Nordamerika, der 1845 die erste, zum wirklichen Nähen brauchbare Doppelsteppstich-Nähmaschine, die 300 Stiche in einer Minute machte, baute. Früher hatte schon Barth. Thimonnier 1829 eine brauchbare Kettenstichmaschine erfunden, und Walter Hunt in Amerika 1834 die ersten Versuche mit Schiffchen gemacht. Die Doppelsteppstichmaschinen mit Schiffchen erfuhren dann bald (1850) durch J. M. Singer die weitgehendsten Verbesserungen, während A. B. Wilson, später im Vereine mit Wheeler (1850—1852) solche mit Greifer arbeitend, Kappmeyer mit rotirenden Schiffchen 3* 19 nähende Maschinen erfand. Die Einfadenkettenstichmaschinen verdankten dem J. L. A. Gibbs im Vereine mit Wilcox, die Doppelketten- oder Knotenstichmaschinen Grover in Boston im Vereine mit Baker ihre Erfindung beziehungsweise Ausgestaltung. In Oesterreich erfuhren diese Maschinen eine Fülle von Verbesserungen, die alle einzeln anzuführen viel zu weit führen würde. Es seien in dieser Beziehung nur die Erfindungen Iv. Eckling’s und J. Hollub’s in Wien 1861, jene von J. Warchalowsky 1862, sowie eine Reihe von Verbesserungen, welche dem L. Bollmann in Wien ihre Entstehung verdanken, aus den Jahren 1863, 1865, 1886 und 1888 an verschiedenen Arten von Nähmaschinen, sowie die elektromagnetische Nähmaschine von R. Paulus, Wien 1870, die Knopflochmaschine von H. Pichler, Wien 1870, der Wedermann’sche Apparat für überwendliche und Kreuzstichnaht an Elastic-Cylindernähmaschinen, Wien 1885, die Maschine zur Herstellung der Zweifaden- Sohlennaht von Th. Cowburn, Mödling 1893, und die Doppelsteppstich-Greifernähmaschine mit freilaufendem Greifer von R. Steiner, Prag 1893, namhaft gemacht. — Aus dem Gesagten erhellt wohl die ungeheure Mannigfaltigkeit der Industrien und der in diesen zur Verwendung gelangenden Maschinen und Verfahrungsarten zur Genüge, die sich schon bei einer ganz flüchtigen Umschau über das Gebiet des vorzüglich mechanische Hilfsmittel benützenden Theiles der Textil-Industrie dem Betrachter unabweisbar aufdrängen. Alle diese Industrien sind auch in unserem Vaterlande durch würdige Repräsentanten, die im Vollbewusstsein der Wichtigkeit des Fortschrittes auf der Höhe der Gegenwart stehen, vertreten, so dass mit gutem Rechte behauptet werden kann, dass Oesterreich an der Seite der anderen Culturstaaten mit ganzer Kraft an der Weiterentwicklung der Textilindustrie mitarbeitet. Dies war auch seit jeher der Fall, wie schon aus seinem Antheil an den Erfindungen und Verbesserungen dieses so viel umfassenden Gebietes gewerblicher Thätigkeit theilweise geschlossen werden kann! Theilweise, denn es würde thatsächlich unserem Vaterlande Unrecht gethan, wenn man seine Mitarbeiterschaft nur nach jenem sichtbaren Antheil bemessen möchte. Weit grösser als dieser ist gewiss jener unwägbare, nicht durch Patentzahlen und Privilegiennummern anzugebende Einfluss, den Theoretiker und Praktiker unserer Monarchie durch Gedanken und Theorien, durch Versuche, Verbesserungen und Abänderungen auf die Entwicklung der Textil-Industrie nahmen. Wer möchte es leugnen, dass österreichische Erfinder vielfach mit ihren Ideen der Praxis vorauseilten, dass die Gedanken vieler von ihnen einzig und allein in Folge der jeweiligen Ungunst der Verhältnisse eben nur Gedanken blieben, und mangels eines günstigen Nährbodens, kaum geboren, wieder verkümmerten oder aber, im Auslande von Anderen aufgegriffen, erst dort zum schönsten Erfolge reiften. Auch wurden nicht wenige Erfindungen von geborenen Oesterreichern in der Fremde gemacht oder zumindest ausgeführt und sind also gleichfalls Kinder österreichischen Genies. Auch die Zahl jener Vorrichtungen, welche aus verschiedensten Ursachen gar nie an die Oeffentlichkeit kamen, die bald auch wieder vergessen wurden, da sie nur als Entwicklungs-Zwischenstufen gedient hatten, denen aber gewiss auch ein nicht zu unterschätzender Antheil an der gesammten technischen Entwicklung zufällt, ist sicherlich eine ungeheuer grosse. Noch besser wird man den Werth und das Verdienst der österreichischen Mitarbeiterschaft würdigen, wenn man bedenkt, dass die Entwicklungsbedingungen in anderen Staaten w T ie vor Allem in dem Mutterlande der meisten hiehergehörigen Industrien, in England, weitaus günstiger lagen und es daher eines oft nicht geringen Opfermuthes der österreichischen Unternehmer bedurfte, um die fremdländische Pflanze in heimischen Boden zu bauen und sie in den rauhen Stürmen der schonungslosen Concurrenz zum Gedeihen, ja in vielen Fällen zu wirklicher Bliithe zu bringen! Möge dieser ideale Opfer- muth, dieser opferfreudige Patriotismus auch in Zukunft ein geistiges Erbe unserer Industriellen bleiben! Mögen ihnen im materiellen Wettkampfe die Kräfte nie erlahmen, namentlich nicht in der nächsten Zukunft, wo es nimmer wiederkehrende Verhältnisse zu benützen, Unwiederbringliches zu erringen gilt! Im Zeichen der Textil-Industrie werden heutzutage schon die wirthschaftlichen Kämpfe in Ostasien ausgefochten; in diesem Zeichen werden sie in kürzester Zeit auch an anderen, der europäischen Cultur noch zu er- schliessenden Theilen des Erdballs in erster Linie zu kämpfen sein. Der Spindel und dem Schützen hat das britische Reich seine Weltstellung und wirthschaftliche Uebermacht in erster Linie zu danken! Spindel und Schützen werden auch im 20. Jahrhundert dem alternden Europa neue Quellen des Reichthums und der Wohlfahrt mit kaum noch zu ahnender Ergiebigkeit erschliessen! 20 DIE OESTERREICHISCHE SEIDENZEUG-INDUSTRIE. VON FRANZ BUJATTI senior, K. U. K. HOF-SEIDENZEUG-FABRJKANTEN. SSSRMMJR^ ISWSS ^2^ WM /‘y* p<;>*3 i?r 'ÜSiitöÄtj rd*ir “ ssä*"-^ ar«.,. ■■ .'.aaau »««’ui rag ), ES® ‘.«I B jSSfesass ■ i iIiiii a i nmnui !MM*U»»»iijm>iiiwmm)ioiiiiimiiiinmmiiii DIE OESTERREICHISCHE SEIDENZEUG-INDUSTRIE. 1 ) ielleicht die bemerkenswertheste Erscheinung in der Geschichte unserer modernen österreichischen Seidenmanufactur während der letzten fünfzig Jahre ist die fast durchgehends zu constatirende Auswanderung der erbgesessenen Altwiener Fabriksfirmen in provinziale Industriebezirke. Diese Decentralisation und Veränderung der Betriebsstätten ist aber keineswegs eine blos zufällige Erscheinung. Ja, sie ist als wirthschaftliches Symptom für die jüngste Epoche dieser edlen Manufactur umso charakteristischer, als Wien Jahrhunderte hindurch die ausschliessliche Metropole, Sitz und Pflegestätte unserer vaterländischen Seidenwaaren-Erzeugung gewesen ist. In der That: Die gesammte inländische Seidenmanufactur, ebenso auch alle ihr dienlichen und nahestehenden Gewerbe waren einstmals specifisch wienerische Industriezweige. Auf Wiener Boden entstanden zuerst jene, wenn auch fehlgeschlagenen, so doch denkwürdigen und höchst bedeutsamen Versuche eines fabriksmässigen Betriebes der Seidenmanufactur, welche der Chef der Hofkammer 2 ) unter Kaiser Leopold I., Ludwig Graf Sinzendorf, im Vereine mit einem »nützlichen Gelehrten« seiner Zeit, dem churbayerischen Rathe Dr. Johann Joachim Becher, unternommen hatte. Und so ist die inländische Seidenmanufactur dem Wiener Boden auch in der Folgezeit stets unentwegt treu geblieben, volle zwei Jahrhunderte hindurch, während ihrer ganzen aufsteigenden Entwicklung bis in die gefeierten Blüthenzeiten des »Brillantengrundes«. Diese Verhältnisse behaupteten sich ungestört bis über 1848 hinaus. Zu Beginn der Fünfzigerjahre trat jedoch mit einemmale ganz unvermittelt eine für die gesammte Textilbranche höchst fatale Wendung in der österreichischen Zollpolitik ein, welche den bisherigen Daseinsbedingungen der Altwiener Seidenindustrie fast plötzlich und nahezu vollständig den Boden entzog und einen fundamentalen Umschwung in der bis dahin üblichen Wiener Seidenmanufactur herbeiführte. Diese Industrie hatte sich nämlich, unbeirrt durch den Wandel der Zeiten und der geschichtlichen Ereignisse, unter allen Regenten und Regierungen jahrhundertelang eines höchst ausgiebigen, fast möchte man sagen, ererbten und traditionellen Zollschutzes gegen den sehr mächtigen Wettbewerb des Auslandes zu erfreuen gehabt. Mit den schutzzöllnerischen Traditionen wurde jedoch zu Beginn der Fünfzigerjahre, trotz mancher ernster Warnungen, plötzlich gebrochen. Erhebliche Zollreductionen hoben den weiteren Fortbestand und Schutz der Prohibition fast gänzlich auf und so sah sich die so lange protectionistisch meist- *) Der ausgezeichnete Verfasser dieses geschichtlichen Rückblickes, Herr Franz Bujatti sen., ist am 6. October 1897 im hohen Alter von 85 Jahren zu Hütteldorf bei Wien aus dem Leben geschieden. Eine erschöpfende Würdigung der Persönlichkeit des verewigten Altmeisters und Nestors der österreichischen Seidenfabrikanten und seiner ausserordentlichen Verdienste um diese Industrie bietet die nachfolgende Monographie der Firma »Franz Bujatti«. 2 ) Vor 1848 erledigte die »Hofkammer« alle Commerzialangelegenheiten, bis in dem genannten Jahre das Handelsministerium aus ihr hervorging. — 23 — begünstigte, ja verwöhnte Wiener Seidenmanufactur mit einem Schlage in einen gefährlichen Concurrenz- kampf mit den hochentwickelten, vielfach vorangeeilten Industrien Frankreichs, Deutschlands, Italiens und der Schweiz gedrängt, für deren Ueberproduction sich in unserer Monarchie plötzlich ein willkommenes, reiches Absatzgebiet neu erschloss. Die Lage der Wiener Seidenfabrication gestaltete sich zu einer recht kritischen. Ihre Productions- weise war zu sehr mit den eigenartigen Wiener Verhältnissen verwachsen, zu abhängig von diesen, vielfach noch in altväterischen und zünftlerischen Formen erstarrt und auch in kleingewerblicher Weise zersplittert, um mit Erfolg die unabweislich gewordene Umgestaltung ihrer Unternehmungen in^den mechanischen Grossbetrieb nach dem Beispiele des Auslandes vollziehen zu können. Die grössten Schwierigkeiten erwuchsen aus dem Wiener Boden selbst. Der Wiener Arbeiterschaft, ohne Verständnis für die Weltlage der Industrie und deren kritische Situation, ging jedes Anpassungsvermögen an die dringendsten Gebote der Zeit ab. Noch bedenklicher gestaltete sich die Sachlage, als in Folge einer damals eingetretenen Lebensmitteltheuerung die Löhne unaufhörlich stiegen, die hauptstädtische Arbeiterschaft dabei jedoch immer unverlässlicher und unbotmässiger für die Ansprüche der nothgedrungen gesteigerten Betriebsamkeit wurde und es obendrein noch zu höchst unzeitgemässen Strike- bewegungen kam ! In ihrer Bedrängniss unternahmen es dazumal (1858) die Wiener Seiden-Industriellen, an den Stufen des Thrones selbst über den verhängnissvollen Wandel der österreichischen Zollpolitik Klage zu führen. Dieser Immediatschritt durch eine Deputation beim Kaiser hatte insoferne sofortigen Erfolg, als der Monarch das Zusammentreten einer Enquête anordnete, an deren Arbeiten unter dem Vorsitze des gewesenen Handels- und Finanzministers, Baron Baumgartner, die hervorragendsten Vertreter der Wiener Seiden-Industrie theilnahmen, welche rückhaltlos die trostlose Situation ihrer Branche darlegten. »Die Verkaufsgewölbe in Wien sind gegenwärtig so stark mit Ausländer Seidenwaaren überfüllt, dass es für die einheimischen Erzeugnisse überhaupt keinen Platz mehr gibt ! « heisst es wörtlich in einem dieser Berichte. Thatsächlich hatte die Enquete wenigstens das positive Ergebniss, dass bei der nächsten Erneuerung der Handelsverträge eine mässige, freilich noch immer unzureichende Erhöhung der einschlägigen Tarifsätze .des Einfuhrzolles durchgesetzt werden konnte. Einigermassen war es auch das hohe Agio, welches den Bezug ausländischer Seidenwaaren stark vertheuerte und so der einheimischen Production zu Hilfe kam. Eine wirkliche und dauernde Sanirung derselben ist jedoch durch derartige halbe Massnahmen und Zufälligkeiten natürlich nicht zu erreichen gewesen. Die Mehrzahl der Wiener Fabrikanten erlag denn auch in dem ungleichen Concurrenzkampfe gegen die überlegene ausländische Seiden-Industrie. Wie immer, waren es hauptsächlich die mittleren und schwächer fundirten Firmen und Erzeuger, deren Existenzen die Krise zerstörte. Noch unmittelbar vor 1848 zählte die Gremialliste der Wiener Seidenzeugmacher mehr als 500 Namen. Sie ist in den darauffolgenden Krisenjahren geradezu decimirt worden. Nur die grössten und leistungsfähigsten Firmen der Branche vermochten sich in jenen schweren Zeiten auf dem Platze zu behaupten. Und auch für diese war die Frage der Regenerirung, einer profunden Abhilfe der oben geschilderten misslichen Productionsverhältnisse, zu einem unabweislich dringenden Postulate geworden, wollten sie nicht das Schicksal der kleineren Erzeuger theilen. Die Seidenmanufactur als Wiener Haus- und Kleingewerbe war einfach unmöglich geworden in einem Zeitalter, wo das Ausland längst seine wohlorganisirte Gross- Industrie mit zahlreichen Etablissements in ländlichen Industriebezirken besass. Die grossen Wiener Fabrikanten verschlossen sich also nicht länger der Ueberzeugung, dass der Wiener Boden für die Weiterexistenz der Seiden-Industrie unhaltbar geworden war. Von dieser Erkenntniss bis zur Auflösung der Wiener Etablissements und deren Verlegung in geeignetere Industrialdistricte der Kronländer war nur ein Schritt. Dort stand ja vor Allem eine weitaus billigere, an Fleiss und Intelligenz der ausländischen nicht unebenbürtige Arbeiterbevölkerung zu Gebote und waren es namentlich böhmische und mährische Grenzlandschaften, auf welche bei der Erörterung der Uebersiedlungsfrage besonders hingewiesen wurde. Dorthin richtete sich also auch zuerst der Blick einiger thatkräftiger und weitausschauender Männer unter den Wiener Fabriksherren und so entstanden zuerst einige grosse Fabriks-Etablissements in Mährisch- Trüb au, Mährisch-Schönberg, Chrostau, Neurettendorf, Römerstadt u. s. w., deren Betrieb sich bald in der glücklichsten Weise erfolgreich behaupten konnte. 24 Die Uebersiedlungsmaassnahmen beschränkten sich überdies nicht allein auf die Seidenwaaren- Erzeugung, sondern es betheiligten sich auch fast gleichzeitig einige hervorragende Seidenband-Fabrikanten an denselben. Lediglich diese Verländerung und Decentralisation der Productionsstätten hat die österreichische Seiden-Industrie damals, wie man geradezu sagen muss, gerettet! Ihre moderne Wiedergeburt zu einer für die Weltconcurrenz gerüsteten Gross-Industrie vollzog sich in diesen dazumal neugegründeten Provinzfabriken, und so ist aus einer altwienerischen Hausmanufactur vom »Brillantengrunde« des Vormärz, gestählt durch den Wettkampf auf dem Weltmärkte, eine mächtige, imposante, wahrhaft österreichische Gross-Industrie emporgewachsen. Freilich erscheint die Liste der »Fabrikanten« vom »Brillantengrund« gegenüber dem heutigen Stande der Seiden-Industrie enorm gelichtet. Aber die »rage des nombres« von »anno dazumal« kann keinen Kenner und nüchternen Beurtheiler der obwaltenden Verhältnisse irreführen und ihn den grossartigen Fortschritt österreichischen Gewerbefleisses übersehen lassen, der sich in dem geschilderten Um- wandlungsprocesse vollzogen hat. Dank der zielbewussten Energie und dem bahnbrechenden, industriellen Genie der Alt-Wiener Fabriksherren repräsentiren die, beiläufig gezählt, kaum etlichen dreissig grossen Fabriks-Etablissements der Gegenwart an Capital, Productionsumfang, Ertrag und Wehrhaftigkeit eine Summe wohlorganisirter menschlicher Geistes- und Gewerbethätigkeit, wie sie zu den Zeiten der noch nach »Hunderten« zählenden Gremialliste vordem niemals, auch nur annähernd, erreicht worden ist. So hat sich eine ursprünglich unheilvolle Massregel, die Aufhebung des Zollschutzes, indirect doch als segensvoll erwiesen, indem sie in letzter Linie zu dem machtvollen Aufraffen und dem glücklichen Aufschwünge der modernen österreichischen Seiden-Industrie den Anstoss gegeben hat. In technischer Hinsicht bedeutet das Jahr 1848 einen entscheidenden Wendepunkt. Bis dahin ist allgemein nur mit Handstühlen gearbeitet worden, ausgenommen jene Kraftstühle, welche Hornbostel schon seit 1816 und Philipp Haas bereits seit Anfang der Vierzigerjahre beschäftigte. In den neuerbauten Provinz-Etablissements der Wiener Fabrikanten gelangten nun fast ausschliesslich nur Kraftstühle, und selbstredend nur die erprobten modernen maschinellen Einrichtungen zur Verwendung unter Ausnützung vorzüglicher Dampf- und Wassermotoren. Zahlreiche hervorragende Verbesserungen des maschinellen Betriebes dieser Industrie sind österreichischen Ursprungs. Schon 1806 erbauten Andrae & Bräunlich in Wr.-Neustadt, deren Etablirung noch in die Regierungszeit Kaiser Josef II. fiel, Sammtstühle, auf welchen zwei Stücke übereinander gewebt wurden, um dann auseinandergeschnitten zu werden. Die überaus ingeniöse Idee, welche der Construction dieser Sammtstühle zu Grunde lag, hat erst in unserer Zeit ihre vollendete Ausgestaltung in der Herstellung grosser eiserner Kraftstühle gefunden, auf welchen nunmehr sogar bis zu drei Paar Sammtstücke parallel über-, respective nebeneinander gewebt und sodann durch ein an der Lade hin- und herfliegendes Messer (mit automatischer Schleifvorrichtung) auseinandergeschnitten werden. Auch die Mühlstühle werden in Wien heute noch wesentlich anders, als im Auslande, construirt und hat das inländische System unleugbar die Vortheile weitaus grösserer Leichtigkeit in der Bedienung für sich. Wiener Constructeure waren es auch, welche die von Philipp Haas erfundene und bis heute in den inländischen Fabriken fast ausschliesslich verwendete Spindellade bis zur. sechsreihigen Brochirlade ausgedehnt und ihr System in vorzüglicher Weise vervollkommnet haben. Die später aus dem Auslande zu uns gebrachte Doppellade findet sich im Princip schon bei dem seit einem Jahrhundert in Niederösterreich gebräuchlichen »Trittstuhl«. Wie so oft, begegnet man auch da wieder einmal der merkwürdigen Erscheinung, dass österreichische Erfindungen ins Ausland dringen und von dort nach einiger Zeit als fremdländische Neuheiten und Errungenschaften zurückkehren. Ganz ähnlich verhielt es sich mit den neuartigen, ganz aus Eisen construirten Schweizer Spülmaschinen, welche die alten Arzt’schen Spülmaschinen in letzter Zeit nahezu vollständig verdrängt haben. Die von Aegydius Arzt in Wien um 1799 construirte Spülmaschine war eine glänzende, epochemachende Erfindung. Vollkommen zweckentsprechend, fand sie sofort ihren Weg in alle Industriestaaten und ist ihr Grundprincip heute noch unverändert beibehalten worden. Die Gross-Industrie. IV. 4 25 Der Wiener Bandfabrikant Anton Harpke ersann nun vor Kurzem eine neue Spülmaschine speciell für Bandspülchen und liess nach seiner Idee von dem hiesigen Mechaniker F. Laubeck ein Modell bauen, welches von dem letzteren noch wesentlich verbessert wurde, indem es die Vortheile der alten A r zt’schen Spindelanordnung mit einer sehr sinnreichen Vervollkommnung verbindet. Durch blossen Zufall wurde das verbesserte System »Harpke-Laubeck« in der Schweiz bekannt, wo es beifälligst Aufnahme fand, mehrfach bestellt wurde und nun als »Schweizer Spülmaschine« in die Welt geht! Gleichfalls sehr werthvolle Verbesserungen sind auch für die Jacquard-Maschine von Wien ausgegangen. Namentlich war es die von Thomas Wojtech in Verbindung mit Benjamin Gericke erfundene Doppel-Jacquard-Maschine zur Ersparung des Vorderwerkes, welche Oesterreich den Ruhm sichert, bis jetzt in Betreff der Zweckmässigkeit und Einfachheit der Hilfsmaschinen das Mutterland der Jacquard- Weberei überflügelt zu haben. Sehr bevorzugte Verwendung finden in neuester Zeit auch die ingeniösen, verbesserten Kartenschlagmaschinen von Rupert Wimmer in Wien, welche durch Dampfmotoren in Bewegung gesetzt werden. Anstoss zur Verbesserung der Schweifrahmen (Zettelmaschine) gab schon Anfangs der Fünfzigerjahre Theodor Hornbostel, der durch vortheilhafte Abänderungen an der Haspel und den Speichen einen weit ruhigeren Gang und gleichmässigere Functionirung als bei der alten Construction erzielte. Eine sehr wichtige und erfolgreiche Schöpfung war die Begründung einer »Seiden- und Woll- trocknungs-Anstalt« in Wien. Schon im Jahre 1843 beschloss der Niederösterreichische Gewerbe-Verein in Folge öfterer Anregungen, eine solche Anstalt hier ins Leben zu rufen, um den häufigen Klagen über Verkürzung des Gewichts beim Seidenkauf wirksam zu begegnen, sohin auch in Wien, wie es auf den grossen Seidenplätzen Lyon, Mailand, Turin etc. der Fall ist, eine Anstalt (Condition, Stagionatur) zur Eruirung des Handelsgewichtes nach dem System Talabot zu gründen. Die Regierung verweigerte aber dem Vereine (als statutenwidrig) die Concession; doch war es eine Folge der Initiative des Vereines, dass endlich das Gremium der Seidenzeug-Fabrikanten in Wien, die Sache ernstlich in die Hand nehmend, 1855 durch eine Gesellschaft von Seiden-Industriellen eine Seiden- und Wolltrocknungs-Anstalt unter Patronanz der Handelsund Gewerbekammer in Wien errichtete, anfänglich mit unbeschränkter Haftung unter der Firma »Siess, Spannraft & Co.«, dann vom Jahre 186g ab als Actiengesellschaft mit beschränkter Haftung. Der Actienfond bestand aus einem voll eingezahlten Capitale von 31.500 fl. ö. W., in 300 Antheilen (Actien) ä 105 fl. ö.W., wovon im Laufe der Zeit 80 fl. per Actie rückgezahlt wurden, so dass gegenwärtig eine Actie nur mehr den Nominalwerth von 25 fl. besitzt und das Actiencapital 7500 fl. ö. AV. beträgt. Die Trockenapparate wurden ursprünglich nach dem System Talabot-Persoz-Rogeat durch die freundliche Bemühung Anton Harpke’s sen. aus Lyon beschafft; Messhaspeln und Präcisionswaagen sind grösstentheils in Wien angefertigt worden. In neuerer Zeit befasst sich die Anstalt nebst der Constatirung des richtigen Gewichtes der Seide auch mit der Ermittlung der Feinheit (Titrirung), der Drehung, Filirung, Stärke, Elasticität und des absoluten Gehaltes durch Decreusage (Abkochung). Die in Seide vorkommenden Messungen zur Bestimmung des Feinheitsgrades sind folgende: a) »Titolo legale«, 450 Meter mit einer Gewichtseinheit von 0-050 Gramm, d. i. 1 Gramm = 2oDeniers; dieser Titel heisst »Turiner Titre« und wird gegenwärtig in Wien gehandhabt. b) »Titolo milanese«, oder »alter Mailänder«, auch »Wiener Titel« genannt, hat 476 Meter mit einer Gewichtseinheit von 0-0511 Gramm; wurde früher hier angewendet. c) Der »Lyoner Titre« misst wie der alte Mailänder Titel 476 Meter und ist die Gewichtseinheit 0-0531 Gramm. d) Der »internationale Titre« misst 500 Meter und ist die Gewichtseinheit, wie beim legalen Titel, 0-050 Gramm. Die Anstalt ist seit Anfang August 1892, also im achtunddreissigsten Jahre ihres Bestandes, in dem für ihre Zwecke eigens errichteten Shedbau des Hauses, ATI. Zieglergasse 32, in jeder Beziehung sehr entsprechend im eigenen Heim untergebracht. Auch die epochemachenden Erfindungen der Messung und Titrirung der Seide selbst sind österreichischen Ursprungs. Schon im Jahre 1834 stellte sich A. D. Stoffela dalla croce in Roveredo die Aufgabe, die Seide nach Art der Garne in bestimmten Längen und Nummern in den Handel zu bringen; 26 doch erst 1840 konnte er an die Ausführung dieser Idee schreiten, mit deren praktischen Durchführung sich mittlerweile in- und ausländische Industrielle beschäftigten, und auf welchem Felde namentlich der Wiener Seidenzeug-Fabrikant Anton Chwalla die schönsten Resultate erzielte. Derselbe erwarb sich auch um die Einführung der Seidenzucht in Niederösterreich grosse Verdienste. Die Lösung des Problems der titrirten Seide gelang ihm in so eminenter Weise, dass er bei einem vom Niederösterreichischen Gewerbe- Vereine hiefür ausgeschriebenen Concurse, ohne concurrirt zu haben, die goldene Medaille erhielt. Auch St off ela erhielt (1843) die goldene Medaille. Von dem eminentesten Einflüsse auf die glückliche Wiedererhebung der Seiden-Inclustrie in Oesterreich war aber auch die ausserordentliche Förderung, welche das Fachschulwesen und die gewerblichen Unterrichtsanstalten in den letzten Decennien erfahren haben. Actenmässig wird der grossartige Aufschwung der österreichischen Seidenzeug-Fabrication während der Francisco-Josephinischen Epoche zuerst in dem officiellen Berichte der Niederösterreichischen Handelsund Gewerbekammer an das k. k. Handelsministerium constatirt. In demselben heisst es: »Der erste von der Wiener Handels- und Gewerbekammer im Jahre 1850 herausgegebene Bericht an das k. k. Handelsministerium führt bezüglich der Seidenzeug-Fabrication summarisch 11.000 Arbeiter (männlich und weiblich) an, und die Anzahl der im Gange befindlichen Handwebstühle mit ungefähr 9000, plus 40 selbstwebenden Stühlen. Da gegenwärtig beinahe 7000 Handwebstühle und 4000 Kraftstühle 1 ), die für Wiener Häuser arbeiten, im Gange sind, so ist jetzt die dreifache Leistungsfähigkeit von dazumal, mithin ein erfreulich grosser Aufschwung zu constatiren, welcher auch im Exporte, den diese Industrie genommen, nachweisbar ist.« Was die Band-Fabrication anlangt, so mögen die Wiener Häuser wohl 2500 bis 3000 Bandstühle in ihren auswärtigen Fabriken beschäftigen, worunter 1800 bis 2000 mechanische zu rechnen sein dürften. Ausserdem existiren einige selbstständige Sammtbandfabriken in Nordböhmen, in Innsbruck, sowie eine mechanische Bandfabrik in Bregenz. Wenn man dazu die Wiener Gruppe mit ungefähr 400 Mühlstühlen (Handbetrieb) rechnet, so dürfte sich die Gesammtproduction dieser Branche auf 6 bis 10 Millionen Gulden belaufen. Eine genaue Schätzung lässt sich nicht geben, da sowohl der Werth der Artikel, als auch die Leistungsfähigkeit der Arbeiter in den Provinz-Etablissements ungemein differiren. Hier sowie in den auswärts gelegenen Fabriken werden so ziemlich alle Artikel erzeugt, mit Ausnahme der ganz feinen, glatten und der besseren Modewaare; dagegen kommen fa^onnirte Bänder im Bauerngenre, sowie anderweitige billige Modewaare vor. Einen von den österreichischen Fabriken mit besonderem Geschick gepflegten Artikel bildet die stückgefärbte Gregewaare, sowohl in glatt als faconnirt. Die Posamenterie, ein in Wien sehr eingelebter Industriezweig, ist nach glaubwürdiger Versicherung in der Production theilweise zurückgegangen, doch hat bei Möbeln und Einrichtungsartikeln in neuerer Zeit ein bedeutender Aufschwung stattgefunden; auch dürfte hervorzuheben sein, dass die Besatzartikel aus seidenen und halbseidenen Schnüren, Binsen, Chenillen und dergleichen Posamentirarbeiten nahezu mit einem Dritttheil am Gesammt-Exporte participiren. Wenn man endlich die grossen Quantitäten von Seiden- und verschiedenen anderen Textilmaterialien und deren bedeutende Werthe, welche bei der Seiden-Industrie Oesterreichs in Verwendung kommen, in Betracht zieht, dürfte mit Hinzurechnung der Arbeitslöhne, Faconnirung, Regie und des Unternehmergewinnes die Production der Bänder, Posamenterie, Seiden- und Halbseiden-Waaren mit jährlich 25 bis 30 Millionen Gulden zu bewerthen sein. Wir wollen nunmehr den Versuch machen, eine Uebersicht der bisher, sowie in neuester Zeit in Oesterreich producirten Seidenwaaren zu geben. Im grossen Ganzen wurden seit den ersten Anfängen und lange darnach in Oesterreich meistens schwere, solide Zeuge gemacht, so z. B. Sammt, Velpel, Drap d’or, Drap d’argent (Gold- und Silberstoffe), Damast, Brocat, Atlas, Taflet, Tüchel u. dgl. m., wobei schon frühzeitig von Ganz- und Halbseide die Rede ist. Es sind das Stoffe, die wenig oder gar keiner Appretur bedurften. *) Ein Kraftstuhl wird hinsichtlich der Leistung 5 Handwebstühlen gleichgestellt. 27 4 In Folge der zunehmenden, immer mehr sich entwickelnden Fabrication vermehrte sich die Con- currenz, welche naturgemäss einen zunehmenden Druck auf die Preise ausübte. Der Fabrikant sah sich gezwungen, nachzugeben oder auf die Schaffung neuartiger Artikel zu sinnen. Letzteres Auskunftsmittel wurde von intelligenteren Fabrikanten ergriffen, die sich dann vorzugsweise als Modewaaren-Fabrikanten qualificirten; gelang es ihnen noch dazu, ein k. k. Landesprivilegium oder mindestens Privilegiumsrechte zu erwerben, so trugen solch pompöse Titel auch einiges zur Réclamé bei. Das Nachgeben bei den Preisen hatte die ganz natürliche Folge, dass man, um keinen Schaden zu erleiden, die Stoffe allenfalls schmäler oder leichter machte, oder beides zugleich. Nach und nach gieng man in der Verbilligung weiter; statt gekochter (purgirter), allerdings glanzvoller Eintragsseide (Trama) wurde minderglänzende (Souple) gefärbte Trama, bei schwarzen Stoffen sogenanntes schweres Hamburgerschwarz (Dons) verwendet. Als die Chappegespinnste (aus Seidenabfällen bestehend) auftauchten, wurden solche anfänglich im gezwirnten Zustande, später aber nur mehr einfach eingetragen. Aus letzterem Materiale wurden von Mitte gegenwärtigen Jahrhunderts an durch ein paar Decennien Massen von Foulardtücheln erzeugt (die Kette war Grège, der Schuss einfache Chappe), welche auch unserer Druckerei-Industrie lohnende Beschäftigung gaben. Während schon seit unendlicher Zeit Damaste, Brocatelle, selbst Sammt und manch andere, besonders dessinirte Stoffe mit Baumwollschuss gewebt wurden, kam man um die Mitte dieses Jahrhunderts auf die Idee, sonst nur in Ganzseide producirte Atlasse, statt mit Trama, durch Eintrag von englischem, gasirtem feinen Baumwollzwirn darzustellen. Wie wir des Weiteren noch bei der Halbseidenwaaren-Erzeugung sehen werden, gab eben dieses Gespinnst (eine englische Erfindung, ironisch »Palmerston-Seide« genannt) sofort nach seinem Erscheinen auf unserem Markte durch seinen beinahe seidenartigen Glanz die Anregung, dieses schöne Surrogat statt der Seide zu verweben, was auch mit bestem Erfolge geschah. Eine Sorte dicker schwerer Atlasse (Razimor), von galizischen Juden für ihre Röcke (Pekisch) mit Vorliebe verwendet, konnte durch den Eintrag von englischem gasirtem Baumwollzwirn statt Tramaseide viel billiger hergestellt werden und erfreute sich eines zunehmenden Absatzes, umsomehr, als die Galizier auch einen lebhaften Absatz mit diesem Artikel nach Russland zu erzielen und zu erhalten bemüht waren. Ein Ukas machte dieser jüdischen Nationaltracht — wie man sie nennen kann — in Russland ein Ende, und da auch in Galizien selbst die sogenannte fränkische (deutsche) Mode die Oberhand gewann und die Galizier wie andere Oesterreicher sich kleideten, verschwand nach und nach der Unterschied der Tracht, und mit Anfang der Achtzigerjahre erlosch beinahe die Erzeugung von Razimor oder Razimar, wie derselbe verschiedenartig benannt wurde. Es dürfte der Erinnerung werth sein, eines Modewechsels der Männerbekleidung zu gedenken, welcher sich bald nach der Mitte des 19. Jahrhunderts vollzogen hat. Bis dahin wurde in dem Kleidungsstücke »Weste« (Gilet) von altersher ein gewisser Luxus getrieben. Dieses Kleidungsstück, welches sich zu auffälliger Schaustellung eignet, und welches für Gering oder Reich meist schmuckvoll ausgestattet war, bot viele Abwechslung in der Fabrication, und beschäftigte einzelne Fabrikanten fast ausschliesslich. Bauern trugen an Festtagen Seidenwesten, die mit bunten Blumen eingewirkt waren, die übrige Männerwelt bis zum Cavalier hinauf Seidenatlas-, auch Seidensammtwesten, glatt und façonnirt; letztere oft so fein und künstlich gewebt, dass sie auf 10, 15 bis 20 fl. per Stück und noch höher im Preise zu stehen kamen. Im vorigen Jahrhundert wurden gerne von höheren Standespersonen reichgestickte Gilets nach französischer Mode getragen. Zur Sommerszeit bediente man sich für Westen des sogenannten Piquets aus feiner Baumwolle, zuerst in England erzeugt, welcher Artikel jedoch auch bei uns in der ersten Hälfte dieses Jahrhunderts von den Piquet-Fabrikanten gut und schön erzeugt wurde; unter diesen war die Firma Westhauser in Wien gut bekannt. Doch wie Alles hienieden dem Zahn der Zeit verfällt, so hatte es in den Fünfzigerjahren auch mit den hübschen Luxuswesten sein Ende, da die Mode, complété Anzüge (mit Inbegriff der Weste) aus einem und demselben Tuchstoffe oder Sommerzeug zu tragen, bald allgemein wurde. In Folge dessen gieng das ganze, ziemlich umfangreiche. Geschäft mit Giletstoffen für die Seiden-Industrie verloren. W ir kommen nochmals auf die ersten Decennien des 19. Jahrhunderts zurück, um einen wichtigen Artikel damaliger Zeit, den Brillantinstoff, einiger Betrachtung zu unterziehen. Wenn schon die Seide als Königin unter den Textilstoffen gepriesen wird, so nimmt folgerecht der Brillantinstoff den Ehrenplatz unter den Seidengeweben ein. Diese Stoffe, welche durch verständnis- 28 — volles Dessiniren dadurch entstehen, dass länger offengehaltene, nicht abgebundene Stellen gewisse Lichteffecte hervorbringen, die durch gut abgekochte und glänzend gefärbte Organsin- (Ivetten-) und Trama- (Schuss-)Seide zur vollsten Wirkung gelangen und sozusagen mit dem feurigen Schimmerspiel eines wirklichen Brillants etwas Aehnlichkeit haben, konnten daher nicht unpassend Brillantinstoffe genannt werden. Es wurden lange Zeit hindurch — auch noch gegenwärtig — in der beliebten Brillantmanier vielerlei Artikel fabricirt, so z. B. buntfärbige Tücher für den Landbedarf, häufig auch broschirt, in feinem Genre für Damen, einfärbige Cachenez für Herren, Brillantinkleiderstoffe für Damen, welche seinerzeit besonders von der Firma Brüder Mestrozi in so vorzüglicher Qualität und mannigfaltiger, schöner Dessinirung erzeugt wurden, dass diese sehr rührige Firma mit diesem glänzenden Artikel auch glänzende Geschäfte machte. Wir haben es im Jahre 1838 selbst aus dem Munde des dazumal noch lebenden, aber bereits mehrere Jahre privatisirenden Associé der seither erloschenen Firma Brüder Mestrozi vernommen, dass die Elle solchen, gegen drei Viertel Wiener Elle breiten Stoffes für einen Ducaten verkauft wurde, und doch der Nachfrage des kaufenden Publicums kaum genügt werden konnte. Mestrozi fabricirten auch Livreeborden und vielerlei andere schöne Artikel. Dieselben waren sehr emsig im Sammeln und Aufbewahren ihrer Erzeugnisse und brachten mit der Zeit eine bedeutende, interessante, in grossen Lederbänden fixirte Mustercollection zu Stande, welche auf unsere Anempfehlung ungefähr in den Siebzigerj ahren für die Sammlungen des Kunstgewerbe-Museums durch den Director Hofrath v. Eitelberger erworben wurde. Zur Vervollständigung der Fabrications-Schilderung sei noch einiger Artikel erwähnt, welche ungefähr in der Mitte gegenwärtigen Jahrhunderts in Schwung kamen: schwarze, glatte Taffet- und Atlastücher, mitunter auch façonnirte, sogenannte Gradeitücher, die zumeist für das Landvolk Verwendung fanden. Nebstbei gelangten, bis zur Abtrennung Italiens im Jahre 1859 schwere, breite ( 9 / g , 5 / 4 > 6 A der Wi ener Elle und noch breitere) schwarze Glanztaffetstoffe, »Signorie« und eine bessere Sorte, »Noblesse« benannt, aus dem Mailändischen nach Oesterreich, später aus Crefeld und Elberfeld, welche zu Kleidern, Kopftüchern oder Schürzen von der weiblichen Landbevölkerung Oberösterreichs und des Salzkammergutes mit Vorliebe getragen wurden. Die Seidenzeug-Fabrikanten Wiens versuchten auch in Bezug auf »Signorie« und »Noblesse« zu concurriren, jedoch ohne durchschlagenden Erfolg, woran hauptsächlich die dazumal nicht genügende Färberei und Appretur Schuld trugen. Auch in letztgenannten Artikeln fand nach ein paar Decennien schon ein gewaltiger Umschwung statt, da andere städtische Moden, welche in Folge des regen Eisenbahnverkehres selbst die Kreise der Landbevölkerung erfassten, die altgewohnten nationalen Kleidungsstücke verdrängten. Schliesslich wollen wir noch einen in den Fünfzigerjahren neu erfundenen Artikel, die Chenillen- waare, erwähnen, welcher einige Zeit geradezu Furore machte. Es dürfte wohl der hiesige Seidenzeug- Fabrikant Siebert der Erste gewesen sein, welcher Chenillentücher aus Seide erzeugte; wenigstens wurde von ihm erzählt, dass er mit seiner Fabrication sehr geheimnisvoll that und jeder Webstuhl in seiner Werkstätte durch Wände verhüllt war, um das »Abschauen« zu verhindern. Dessenungeachtet gelangte diese Production in wenig Jahren in andere Hände, z. B. befassten sich Backhausen, insbesondere auch Zell damit, welch letzterer eine eigene Fabrik zu diesem Zwecke in Penzing unterhielt, wahrhaft prachtvolle Waare producirte und bedeutende Exportgeschäfte darin machte. Die Chenillenwaaren 1 ), hauptsächlich Tücher und schmale Schärpen, erhielten sich nicht so lange als die Shawls. 2 ) Die Erzeugungsweise derselben war lange schon in Bezug auf deren Technik bekannt — mindestens Chenillen allein waren bereits seit alter Zeit Verzierungsartikel gewesen; doch gelang es der Wiener Industrie wie mit einem Schlage, durch Anwendung schöner, farbenprächtiger Blumenmuster den Markt fast ausschliesslich zu erobern. Nahezu ein volles Decennium, von 1850—1860, arbeitete fast jeder, auch der kleinste Weber, in Chenillenartikeln, denn die Herstellung erforderte keine Jacquard-Maschinen und genügte die denkbar einfachste Stuhlvorrichtung. Man gieng bald von besseren Webematerialien von Seide auf Baumwolle und dann auf die schlechtesten und billigsten über, und dadurch war bald der ganze ') »Entwicklung von Industrie und Gewerbe in Oesterreich in den Jahren 1848—1888.« Herausgegeben von der Commission der Jubiläums-Gewerbeausstellung, Wien 1888. S. 84. 2 ) Die Shawl-Fabrication, zu welcher auch Seide in Verwendung kam, zunächst für Kette, während zum Schuss feine Schafwolle, nur selten auch etwas Seide und in diesem Falle Chappeseide gebraucht wurde, ist im Laufe einiger Decennien — in den Vierzigerjahren beginnend — schwungvoll und rühmlich in Wien betrieben worden, doch wegen Aenderung der Mode in neuerer Zeit gänzlich vom Schauplatze verschwunden. 29 bedeutende Export nach Amerika sowie nach den europäischen Ländern nicht mehr im Stande, mit der Massenerzeugung Schritt zu halten. Man fieng an zu schleudern, der Geschmack verwilderte und damit war man am Ende angelangt. Dagegen begann für die Möbelstoffe und Teppicherzeugung eine Epoche des Aufschwunges, welche noch heute anhält. Stylgerechte Muster, Geschmack in der Farbe, insoferne selbe diesmal anhalten werden, sichern dieser Branche der Textil-Industrie, in welcher uns nur die Franzosen vollkommen ebenbürtig sind, hoffentlich noch für längere Zeit eine hervorragende Stellung. Wir schliessen vorstehendes Capitel mit einem Namensverzeichnisse der im letzten Decennium des 19. Jahrhunderts in Oesterreich erzeugten Ganzseiden-Waaren: Tidl-Illusion; Gaze für Schleier, Marchandes de Modes, technische Zwecke, Kautschukpräparation, kleine Luftballons, Beuteltuch zum Mühlengebrauch; Rohfoulard für Herren- und Damenconfection, Hemden, Blousen und ganze Anzüge in Tropengegenden ; Rohfoulard, bedruckt, für Tücher, Kleider und Cravatten; Pongiesf ) auch bedruckt, für Damenconfection und Cravatten; Marceline und Lttslrine für diverse Futterzwecke; Taffetas als Futterstoff für Confection, Decken, Wagenvorhänge; Faille für Damenconfection; Grosgrains für Damenconfection; Rips, Velour, Ottoman für Cravatten, Aufputzartikel, Wagenausstattungen, Kleider; Croisé (Serge) für Decken, Cravatten, Futter; Sur ah 2 ) für Confection; Atlas für die mannigfaltigsten Zwecke der Confection, Galanteriewaaren-, Cartonagen-, Schuh- waaren-, Cravatten-, Fächer-, Mieder-, Möbel- und Tapeziererbranche, für Schirme gegen Regen und Sonne, als Futter für die Hutfabrication, für Kunstblumenfabrication, Rüschen, Schürzen etc.; Satin de Chine*) für Confection und Schirme; Satin merveilleux für Damenconfection; Sammte aller Art und Peluche ; Damast, Brocat und Brocatelle für Confection, Möbel, Kirchenbedarf, Décoration; Fantasie à soie, und zwar: gestreift, carrirt, flammirt, in Kettendruck und in Jacquardgeweben für vielseitige Verwendung; Tüchelwaare; Noblesse-, Atlas-, Brillantin-, façonnirte und Brocattüchel für Stadt- und Landbedarf, glatt, bedruckt, gestickt, gefranst, gaufrirt. Wir wollen nun die Halbseiden-Waaren betrachten. In England, dem berühmtesten Lande der Baumwollspinnerei, wurden um die Mitte des 19. Jahrhunderts auch feine »gasirte« Baumwollzwirne in Nr. 80, 100 und so fort bis 200 producirt. Als ein Curiosum sei hier bemerkt, dass bei der ersten internationalen Exposition in London im Jahre 1851 von passionirten Spinnern ein Gespinnst in der extremen Feinheit von Nr. 2000 ausgestellt wurde; wohl interessant, aber von keinem praktischen Werthe. Das Gasiren geschieht in der Weise, dass, nachdem der einfache Faden sorgfältigst gesponnen und hierauf duplirt und gedreht worden ist, die einzelnen Zwirnfäden durch Gasflämmchen geleitet werden, um die wegstehenden Fasern — der wollige Flaum — wegzusengen, durch welche Operation der Zwirn einen seidenartigen Glanz erhält. Der gasirte Baumwollenzwirn fand bei den Seidenzeug-Fabrikanten um so willkommenere Aufnahme, als solches Gespinnst, insbesondere bei schweren Atlassen, als Ersatz für Trama sehr zweckmässige Verwendung fand. In der Appretur erwiesen sich Halbseidenstoffe auch günstiger als reinseidene, weil bei Vorwalten von Baumwollgespinnst auf der Rückseite das Gewebe eine bessere Aufnahmsfähigkeit für Gummisubstanz besitzt, als das fast spröde Tramamaterial. Gut gedeckte Halbseiden-Atlasse sind von *) Ein glatter Stoff, nach chinesischer Art gewebt. -) Weiches, croiseartiges Gewebe. 3 ) Fünflitziger, also kurz gebundener Atlas. — 3 ° ähnlichen in Ganzseide kaum zu unterscheiden, und dem Griffe nach fühlen sich Halbseiden-Atlasse angenehmer an; da endlich die englischen Gespinnste kaum den zehnten Theil des Preises der Trama kosten und das Färben billiger, wie bei letzteren, zu stehen kommt, so ist es ganz natürlich, dass der Bezug von englischem, gasirtem Baumwollzwirn bei uns immer mehr in Aufnahme gekommen ist, und dies umsomehr, als diese englischen Gespinnste noch zu vielen anderen Stoffen, insbesondere zu Sammt, verwendet werden; auch die Band-Fabrication hat darin grossen Bedarf. Da bekanntlich bei den Stapelartikeln der Gross-Industrie immer die Tendenz vorwaltet, die Preise billiger zu stellen, so war dies auch bald hier der Fall. Statt der verhältnismässig theueren, englischen Zwirngespinnste, z. B. Nr. 120, wendete man nun einfaches inländisches Baumwollengarn Nr. 60, oder gar nur Nr. 40 von Prima-Qualität an; bei der Weberei gewöhnlicher Baumwollcops sich bedienend, die um die Hälfte des Preises der englischen gasirten Baumwollzwirne erhältlich sind. Derlei Stoffe, aus roher Seiden- (meist Grège-)Kette mit Baumwallschuss bestehend, müssen dann durch Gasflammen gesengt werden, wodurch sie, den haarigen Anflug verlierend, ein feines, glänzendes Aussehen erlangen. Hierauf werden sie der Färbung unterzogen, eine Procedur, welche viel schwieriger ist, als wenn die Färbung des Fadens vor der Verwebung — jedes Material separat — stattfindet; doch die Färber, von dem drängenden Bedürfnisse, gemischte Gewebe zu färben, geleitet, wussten sich mit Eifer und Intelligenz über alle Schwierigkeiten hinwegzusetzen und die Stückfärberei zur Kunstfärberei zu entwickeln, die schon recht schöne Erfolge erzielte. Die Stückfärberei, in neuester Zeit ein Haupt-Industriezweig geworden, gewährt übrigens den grossen Vortheil vor der Färberei im Faden, dass bei genügendem Vorrathe an Rohwaare Bestellungen auf beliebige Farben innerhalb einiger Tage leicht effectuirt werden können, die bei der Fabrication mit gefärbtem Materiale Monate Zeit erfordern würden. Nach der Färbung wird die Waare selbstverständlich der Appretur unterzogen. Einen vorzüglich pastosen Griff und erhöhten Glanz erhält dieselbe noch durch eine warme Pressung mittelst sogenannter Pressspäne (steifer, glänzender Cartons). Der billige Preis von 30—40 kr. ö. W. per Meter für diese 60 Centimeter breiten Halbseiden-Atlasse von hübschem Ansehen hat denselben zu Hutfutter, Cartonage- waaren, selbst für Confectionen grossen Absatz verschafft. Einige Jahre früher — in den Siebzigerjahren — behaupteten Grègeatlasse (d. i. Grègekette mit Chappe-Eintrag) das Feld, und weil diese Waare ganz aus Seidenmaterial hergestellt war, konnte sie auch leichter und besser gefärbt werden; sie war jedoch zumal in den ersteren Jahren ihres Erscheinens viel höher im Preise als die Atlasse mit Baumwollschuss. Wir geben in Nachfolgendem ein Verzeichnis der hier erzeugten Halbseidenartikel, um deren Mannigfaltigkeit zu illustriren. Atlasse: für die Confection (Damen- und Herrenmode); für die Hutbranche; für die Schirmbranche; für die Cartonage- und Ivorbfabrication; für Fächer, sehr mannigfach, auch viel bemalte und theilweise bedruckt; für Schürzen, theilweise bedruckt; für Rockärmelfutter (rayé) und Hosenbesatz; für Bettdecken; für Möbel und Tapeziererarbeiten; für Leichenbestattung, Sargverzierung und Kranzbänder; für die Cravatten- branche, Oberstoff und Futter; für Schuhe; für die Kürschnerbranche; für Rüschen (Saisonartikel); für Kirchenbedarf; für Haarscheitel der polnischen Jüdinnen; für Kaftans oder Pekisch der polnischen Juden; für Wagenausstattung; für Kappenfutter; für Galanterieartikel; für Mieder; für orientalische Trachten, in bunten Farben bedruckt; gepresst (plastisch), für verschiedene Zwecke; für Wirkwaarenbesatz; Atlastüchel für den Landbedarf; ferner: Façonnétiichel; Brocattüchel; Taffetgewebe (Chinois) für Damenhutfutter; Brocate für Cravatten; Damaste für Kirchen; für den Landbedarf; für Möbel und Tapezierung; für Bettdecken, abgepasst; für Tischdecken, abgepasst; Croisé für Confection; für Cravatten- und anderes Futter; Halbsatin merveilleux für Confection und Schirme; Halbsatin de chine für Confection und Schirme; Faille apprêt (Turquoise); 3 1 1880. ÜBERSICHTS-TABELLE 1 Länder Handelskammer- Bezirke Zahl der Unternehmungen Mot 0 r e n Dampf- ■ maschinen Turbinen Wasserräder Andere Motoren Zusammen Zahl Pferdekräfte Zahl Pferdekräfte Zahl Pferdekräfte Zahl Pferdekräfte Zahl Pferdekräfte Oesterreich u. d. E. Wien. 83 3 30 — — I 26 I 2 5 58 Tirol. Innsbruck . . . 3 — — — — — — — — — — Roveredo . . . 2 — — — — — — — — — — Vorarlberg .... Feldkirch . . . 1 I 30 — — — — — — I 30 Böhmen. Prag . 8 — — — — — — — — — — Reichenberg . I I 5 102 2 52 3 40 — ■— IO 194 Eger. I — — — — — — — — — — Mähren. Brünn . 5 4 50 — — — — — — 4 50 Olmütz. 2 I 8 — — — — — — I 8 Schlesien. Troppau . . . . I I 8 — — — — — — I 8 Summe . . . 117 15 228 2 52 4 66 1 2 22 348 Darunter sind Ganzseidenstoffe und Sammt, Halbseidenstoffe und Sammt nebst Foulards verstanden. 1885 . Oesterreich u. d. E. Wien 1 ) .... 54 5 42 — — 1 26 3 l6 9 84 Tirol. Innsbruck . . . X — — — — — — — — — — Roveredo . . . IO — — I 5 — — — — I 5 Vorarlberg .... Feldkirch . . . I 1 30 — — — — — — I 30 Böhmen. Reichenberg . 6 3 64 — — — — — — 3 64 Eger. 3 1 6 — — — — — — I 6 Pilsen. I — — — — — — — — — — Budvveis .... 16 — — — — — — — — — — Mähren. Brünn . 5 8 US — — 1 6 — — 9 mg Olmütz. 6 3 IOO — — — — — — 3 IOO Schlesien. Troppau .... 3 3 33 — — — — — — 3 33 Galizien. Lemberg. . . . I — — — — — — — — — — Summe . . . 1 i 107 24 388 1 5 2 32 3 16 30 44 1 *) Ausserdem noch 21 Unternehmungen, wovon 2 nicht im Bezirke standen und ig ausserhalb des Handelskammer-Bezirkes fabricirten. 1890. Zahl Mot 0 r e n Länder Handelskammer- Bezirke der Unter- Dampfmaschinen Turbinen Wasserräder Andere Motoren Zusammen gen Zahl Pferdekräfte Zahl Pferdekräfte Zahl Pferdekräfte Zahl Pferdekräfte Zahl Pferdekräfte Oesterreich u. d. E. Wien. 16 I 4 _ _ _ — 2 12 3 l6 Tirol. Roveredo . . . 5 — I 5 2 2 — — 3 7 Vorarlberg .... Feldkirch . . . *) 2 4 116 — — 4 40 — — 8 156 Böhmen. Prag. 6 2 27 — — 2 IO — — 4 37 Reichenberg . 8 6 152 2 IOO I 60 5 59 14 37 1 Eger. 3 ) 3 3 132 — — — — — — 3 132 Pilsen. 4 ) 1 — — — — — — — — — — Budweis .... 2 1 I 2 — — I IO — — 2 22 Zusammen. . 20 12 323 2 IOO 4 80 5 59 23 562 Mähren. Brünn . 5 8 332 — —. — — ~~~ 8 332 Olmütz. 13 9 367 — — — — I 10 367 Zusammen. . 18 17 699 — — — — I — 18 699 Schlesien. Troppau .... 4 3 4 1 — — — - — — 3 41 Summe . . . 65 37 1183 3 105 IO 122 8 71 58 1481 *) Diese Etabliss meistern, 79 männlichen 2 ) Ausserdem sts ements stehen in Verbindu und 7 weiblichen Arbeitern, nden bei diesen Unternehm ng mit 2 S ungen noch sidendrucke 24 andere 1 eien mit 1 Druckmaschine, 47 D Werksvorrichtungen in Verwendur rucktischen g* (davon 19 ausser Betrieb), 3 Directoren, 2 Werk- ♦ 32 DER SEI DEN-WEBEREI 1880 . Zahl der Webstühle Arbeiter Production Handstühle Mechanische Stühle Kinder Ganzseiden- Halbseiden- Männer Weiber unter Zu- Waaren Waaren Einfache Jacquard Zusammen Einfache Jacquard Zusammen 14 Jahren sammen Werth ö. W. f . 858 696 1554 I4O — 140 1284 914 — 2198 506.OOO 2,100.760 2,606.760 44 — 44 — — — ; 9 76 — 85 88.000 ■— 88.000 26 — 26 —■ — — ! 2 6 — — ') 26 32.500 — 32.500 — — — 156 6 162 | 2 ÖO — ') 62 100.000 — 100.000 395 115 510 — — — 332 256 — 588 245.000 267.650 512.650 1050 150 1200 540 IOO 640 IO92 1061 — 2153 1,500.000 2,100.000 3,600.000 360 — 360 — — — — 360 — 360 — 300.000 300.000 1420 2 10 1630 100 20 120 ; 925 1068 — 1993 1,800.000 2,300.000 4,100.000 171 54 225 35 — 35 i 230 IOO — 330 — 24O.OOO 240.000 60 ÖO — — — 6 2 I 2 9 83 — 64.000 64.000 4384 1225 5609 971 126 1097 3962 3907 9 7878 4,271.500 7,372.410 11,643.910 Der Arbeiterstand ist in beiden Fällen offenbar viel zu gering angenommen. 1885 . 849 615 1464 340 — 340 1106 635 178 1919 280.000 2,179.200 2,459.200 8 2 10 — — — 3 I I — 14 9.000 — 9.000 44 .— 44 42 — 42 47 84 20 151 125.000 36.400 161.400 — — — IO 50 60 55 45 2 102 40.000 I4O.OOO 180.000 530 53 583. I IO 80 190 524 432 — 956 2 00.000 1,424.000 1,624.000 303 52 355 — — — !95 6 2 24 281 66.700 I4I.2OO 207.900 IO — IO — — — IO — 2 12 25.OOO — 25.000 335 — 335 — — — 335 — •— 335 — 268.000 268.000 610 373 983. 515 195 710 1044 1311 123 2478 3 , 758.000 1,822.000 5,580.000 292 123 415 290 90 380 319 804 69 I I92 280.OOO 952.700 1,232.700 162 50 2 12 170 — 170 196 281 8 485 — 295 000 295.000 2 IO 12 — — — 6 3 — 9 5.000 200 5.200 3145 1278 4423 1477 415 1892 3840 3668 426 7934 4,788.700 7,258.700 12,047.400 1890 . Zahl der Handstühle Webstühle Mechanische Stühle Angestellte und Arbeite r Directoren, Betriebsleiter, Geschäftsführer und Beamte Werkmeister, Meister u. dergl. Arbeiter in de und im Lohne de und Jugendliche (unter 16 Jahren) n Werkstätten r Unternehmung, swar: Erwachsene Arbeiter ausserhalb der Werkstätten, aber im Lohne der Unternehmung beschäftigt Zusammen Einfache Jacquard Einfache Jacquard männlich weiblich männlich weiblich männlich weiblich männlich weiblich männlich weiblich männlich weiblich 394 510 6 51 32 I 17 — — 25 411 324 230 94 690 444 74 4 42 — I — I — 35 — 106 82 — — 143 82 \ - l - _ 35 190 2 1 30 1 9 — 7 — — 2 29 136 — I 2 45 150 1 — l 161 132 254 12 3 11 1 16 | 6 _ 16 2 5 8 451 80 4 — 482 90 1 241 l 450 55 120 41 692 — 1 2 ) 1 75 i 36 6 48 15 25 49 570 816 15 186 694 IO72 90 25 30 3 ) - 6 — 4 — 3 — 56 8 95 — 164 8 27 — — — — — I — — — 27 I — — 28 I ( 40 1 26 25 28 35 — 1 22 I I — 3 — 38 33 30 6 5 — 77 39 1 281 t 754 2 12 427 53 760 11 1 213 1 49 6 72 17 71 90 1134 9 ii 119 186 1445 1210 \ 50 l 11 65 138 40 632 — 1 235 1 46 I 67 4 64 115 1977 1415 44 150 2198 1685 205 925 435 3 i 7 37 7 71 — 113 30 996 7°7 699 231 1916 975 l 50 11370 1063 40 1067 - li 552 J 83 8 138 4 177 145 2973 2 122 743 381 4114 2660 f 30 1 215 40 55 5 220 2 | 20 1 3 — 17 2 4 — 245 380 35 55 304 437 f 361 {2 807 stöhle Erzeu 252 2059 3 ) Unter 1 in Verwend 4 ) Dieses gung von K 133 2285 en hier nac ung, wobei Unternehme ammgarngev 15 1 866 ) igewiesenen 202 Arbeiter n steht in 7eben in Vei 177 Etablissem beschäftigt /erbindung Wendung. 15 ents befinde waren, mit einer 252 t sich 1 Sa Cammgarnu 23 mmtfabrik. eberei. Di 287 An Werks s vorstehen 262 /orrichtunge d angegeb« 4898 n standen nen Werks 3955 ausserdem Vorrichtung 1 1127 1 728 1 100 StoflVebstühle une en und Arbeiter komn 6741 80 Samm len auch b 4983 band- ei der Die Gross-ïndustrie. IV. 5 33 Summte; Pcstimany und andere Gürtel für den Orient u. dgl. m. in Halbseidenstoffen. Ein ganz eigenthümlicher Halbseiden-Artikel wird noch durch die sogenannten Bänder-Atlasse in der Weise geschaffen, dass fest appretirte Halbseiden-Atlasse der Länge nach vom Appreteur mittelst Schneidemaschinen in mehrere Bänder von 2, 3 bis 30 Centimeter Breite geschnitten und hierauf durch Pressung mit niedlichen, perlartigen Rändern und den verschiedenartigsten Mustern versehen werden, so dass sie das Aussehen gewebter Bänder erhalten. Natürlich ist von einer Solidität oder Dauerhaftigkeit solcher Bänder keine Rede; immerhin finden sie zu temporärem Aufputz, wegen ihrer Billigkeit, gerne Verwendung, hauptsächlich aber bedient man sich dieses Verfahrens zur Herstellung billiger Schleifen für Leichenkränze. Zur Statistik der inländischen Seiden-Production übergehend, haben wir bereits zwei hieher gehörige Uebersichtstabellen in unserem Geschichtswerke 1 ) veröffentlicht. Dieselben waren den officiellen »Nachrichten über Industrie, Handel und Verkehr« aus dem statistischen Departement des Handelsministeriums entnommen und bezogen sich auf den Status vom Jahre 1880 (publicirt 1884) und den Status von 1885 (publicirt im Jahre 1889). Whr ergänzen diese Uebersichtstabellen hier nunmehr auch durch die Publi- cationen aus derselben officiellen Quelle, nämlich für den Status vom Jahre 1890, veröffentlicht 1894. Aus diesen tabellarischen Uebersichtsangaben über die inländische Seiden-Production lässt sich eine Lülle interessanter Wahrnehmungen ableiten. Absolute Zuverlässigkeit besitzen diese statistischen Sammelziffern freilich nicht, da das vorhandene Material für das statistische Departement des Handelsministeriums noch immer viel zu lückenhaft geliefert wurde. W T ährend beispielsweise für den Status von 1880 und 1885 der Gesammtwerth der Production ermittelt und in die Tabelle Aufnahme finden konnte, entbehrt der officiell mitgetheilte Status von 1890 leider vollständig dieser so wichtigen statistischen Daten und Rubriken. Immerhin ergibt sich auch bei kritischer Lecture dieser Tabellen das stetige Anwachsen des Grossbetriebes, namentlich aus der eclatanten Zunahme motorischer Kräfte und der Vermehrung mechanischer Webstühle, hinter welcher jedoch die zeitweilig zurückgegangene Aufstellung neuer Handstühle in letzter Zeit keineswegs zurückgeblieben ist. Wir finden bei der Erzeugung von Rohseide: Im Jahre 1880.Pferdekräfte 83, » » 1885. » 145, » * 1890. » 153; Seidenspinnerei: .. . . . Pferdekräfte 48, . » 61, . * 65; Seidenweberei: Im Jahre 1880 . . . Pferdekräfte 58, Handstühle 5.609, Mechanische Stühle 1097, » » >885 ... » 84, » 4-423, » » 1892, » » 1890 ... » 1.481. » 4.866, » » 3151. Im Jahre 1880 » » 1885 » » 1890 Die Seidenweberei beschäftigte: 1880.7.878 Arbeiter (Männer, Pfauen und Kinder), i88 5 . 7-934 * » » » » , 1890. .11.724 » » » » » Charakteristisch ist, dass der Arbeiterzuwachs des letzten Quinquenniums hauptsächlich die männliche Kategorie betrifft. ’) Monographien des Museums für Geschichte der österreichischen Arbeit. IV. Band: Die Geschichte der Seiden-Industrie Oesterreichs i deren Ursprung und Entwicklung bis in die neueste Zeit. Von Franz Bujatti sen., gewesener k. u. k. Hof-Seidenzeugfabrikant, Ehrenmitglied des Niederösterreichischen Gewerbevereines. Wien 1893. Alfred Holder, k. k. Hof- und Universitäts-Buchhändler. r 34 Parallel mit der steigenden Tendenz der industriellen Statistik bewegt sich auch die Handelsbilanz der österreichischen Seidenproduction. Am übersichtlichsten zeigt dies die nachfolgende, vom k. k. Ober- Rechnungsrath, Herrn J. Pizzala, ausgearbeitete und in der statistischen Monatsschrift publicirte Tabelle : Oesterreich-Ungarns Aussenhandel in Seide und Seidenwaaren im Zeiträume von 1881 —1890. Handelsvverthe in Tausenden von Gulden. Seide und Seidenabfälle. E i n f u h r A u s f u h r Meter-Centner Tausende Gulden ö. W. Meter-Centner Tausende Gulden ö. W. 1881 I 3 o 98 16.915 I 1.090 8.290 1882 13-439 LT) CO 6.418 6.288 1883 14.265 1 8.456 9-965 IO.427 1884 13.884 1 7-737 8.881 7-345 1885 12.305 14.818 9.866 7.208 1886 15-141 19-565 IO.O7 1 7-875 00 00 I 4-675 : 9 - 5 2 4 9-175 8.342 1888 12.694 15-815 12.274 10.551 1889 14.884 20.721 13-427 12.902 1890 15.848 21.114 Seidenwaaren. 13-265 12.27 1 1881 3-795 18.571 1.903 2.801 1882 3-434 17.100 2.929 4.129 1883 3 - 36 o 15. 101 3-512 4.605 1884 3 - 3 I 3 14.706 3-563 4.728 1885 2.889 12.634 3.820 4.240 1886 2.7 16 11.931 5- 1 93 6.163 1887 2.868 12.396 7.301 9-975 1888 2-475 10.363 6.254 9 -ii 5 I 889 3.006 12.772 5-903 8.201 1890 2.966 12.230 5-083 6.1x5 In Ermangelung einer Tabelle des Aussenhandels, welche nur Oesterreich allein, also ohne Einbeziehung Ungarns, darstellt, müssen wir uns schon mit der vorstehenden Uebersicht begnügen, welche überdies zu einigen erfreulichen Schlüssen Anlass bietet. Zunächst sehen wir, dass die Einfuhr einen ziemlich gleichmässigen, in den letzteren Jahren nicht unerheblich gestiegenen Bedarf an Seide und Seidenabfällen nachweist, welchen wir wohl der österreichischen Reichshälfte vindiciren müssen; auch die Ausfuhr ist in diesem Material um circa 50 Procent gestiegen, woran auch Ungarn mit seiner emporblühenden Seiden-Production participirt. Die Einfuhr von Seidenwaaren ist in dem Decennium von 1881 —1890 von 18,571.000 fl. auf 12,230.000 fl. zurückgegangen, dagegen ist die Ausfuhr in derselben Periode um mehr als das Doppelte gestiegen, was auf einen Fortschritt der Seiden-Fabrication in Oesterreich hinweist, da wohl Ungarn diesfalls nicht in Betracht gezogen werden kann. Dieser Fortschritt, welcher in der vermehrten Production von Seidenstoffen besteht, ist auch durch die in neuerer Zeit zunehmende Einfuhr von Seide, sowie durch die erhöhte Seiden-Production im Inlande nachweisbar. In socialpolitischer Hinsicht soll eine erfreuliche Wahrnehmung aus den allerletzten Jahren nicht unerwähnt bleiben, dass nämlich die Antheilnahme der ländlichen Arbeiterschaft an der Maifeier des organisirten Proletariats keineswegs jenen gewaltthätigen Charakter gezeigt hat, den man ursprünglich in Unternehmerkreisen ziemlich allgemein befürchtet haben mochte. Im grossen Ganzen scheint überhaupt der Plffect dieser Demonstration von der nüchternen, durch grössere Sesshaftigkeit und praktisches Denken ausgezeichneten Provinz-Arbeiterschaft bereits in seiner ganzen Inhaltslosigkeit erkannt zu sein. Dazu kommt, dass die Betheiligung an der Maifeier für den ländlichen Accorclarbeiter eine recht kostspielige Kundgebung ist, weshalb denn auch von Jahr zu Jahr der ganze Spectakel mehr und mehr in Misscredit geräth und langsam versumpft. 5 * 35 Derartige Erscheinungen lassen deutlich den Einfluss der terroristischen Parteidisciplin erkennen, die in grossen Städten freilich jede Regung individuellen, gesunden Eigennutzes zu Gunsten demonstrationsbedürftiger »Führer« erstickt, deren Wirksamkeit und Umgarnung jedoch die provinziale Arbeiterschaft zu ihrem Glücke noch ziemlich entrückt ist. An Strikeversuchen hat es allenthalben auch bis in die jüngste Zeit nirgends gefehlt, doch gelang es, dieselben überall ohne nennenswerthe Zwangszugeständnisse abzuwehren. Minder erfreulich in commerzieller Hinsicht sind die seit etwa 1878 beobachteten, heutzutage ganz unberechenbaren Fluctuationen der Rohseidenpreise, seitdem sich nämlich, analog wie der Roh- producte anderer Industriebranchen, die internationale Speculation auch der Seidenmärkte bemächtigt hat. Seither hat die reelle Preisbildung in Rohseide, deren Conjuncturen doch beiläufig beurtheilt werden konnten, einem zügellosen, rein börsenmässigen Sprungspiel der Seidencurse Platz gemacht, wodurch die Unsicherheit der Speculation vielfach auch auf industriellem und technischem Gebiete sich eingeschlichen hat. Einen nachhaltigen Einfluss haben jedoch auch diese Momente auf den unaufhaltsamen Aufschwung unserer Industrie nicht zu nehmen vermocht und sind auch für die nächsten Jahre die unverkennbar günstigsten Anzeichen für die fortgesetzte Steigerung des österreichischen Seiden-Exportes vorhanden. So fügt sich, wie wir auf allen Punkten zeigen konnten, auch die Seiden-Industrie Oesterreichs würdig in den gewaltigen Umkreis vaterländischer Arbeit und Schaffenskraft ein, die während der Francisco- Josephinischen Epoche mit dem dreissigjährigen Frieden eine Fülle von Segnungen dem Reiche gebracht, auf allen Culturgebieten Unvergängliches geleistet und denselben lapidare geschichtliche Spuren ihres Daseins für immer eingeprägt haben. ■ < &srj&r ii-ÜJ] iii"****? IlMiü iiiin " 1 . = a I ■ I |i| II 11 ■ UllH“ mjimi iiiiijül n n 5 * * ia b i! i ; ^JJö|St)AUS(„ /f " liill II iTTTTI iS L. KARGL & SOHNE SEIDENBAND-FABRIKEN mm mm V,'V; {■zi’WZP, i&Jf* FULNEK—STADT LIEBAU—WIEN. er jüngste Sohn des für seine hervorragenden Verdienste um die Seiden-Industrie in Oesterreich von Seiner Majestät dem Kaiser Franz mit einem ausschliesslichen Privilegium, bestehend in der Befreiung vom Militärdienste für seine Arbeiter und sonstiges Geschäftspersonal, mit einem Landesbefugnisse und mit der goldenen Civil-Medaille ausgezeichneten Seidenzeug-Fabrikanten Sebastian Kargl, Lazarus Kargl, geboren zu Wien am 26. Februar 1810, gründete am 1. Mai 1833 in Wien eine Bandweberei, welche er durch volle 26 Jahre als alleiniger Inhaber unter seinem Namen führte. Am 17. December 1859 nahm er seine drei älteren Söhne Lazar, Georg und Karl in das Geschäft auf und erhielt die Firma mit diesem Tage ihren noch heute bestehenden Namen »L. Kargl & Söhne«. Obw T ohl die Verhältnisse der Band-Industrie im Allgemeinen als höchst ungünstige bezeichnet werden mussten, vergrösserte die neue Firma, dank ihrem mit Recht schnell erworbenen Rufe eines streng soliden Unternehmens, wie dank der unermüdlichen und rastlosen Thätigkeit ihrer Inhaber, dennoch stetig ihren Betrieb, so zwar, dass gar bald die alten Räumlichkeiten zu enge wurden und die Bandweberei am 30. October 1870 nach Fulnek in Mähren verlegt werden musste. Am 8. September 1875 segnete der Gründer des Hauses, Lazarus Kargl sen., das Zeitliche, so manche, durch seinen offenen Sinn, sein reges Streben nach Fortschritt und seine unermüdliche Schaffensfreude, Eigenschaften, die ihm in hohem Masse eigen waren und ihn auszeichneten, gereifte Frucht zum Wohle seiner Familie wie der Allgemeinheit hinterlassend. Ein Jahr später folgte ihm in den Tod sein Sohn Lazar, so dass mit diesem Zeitpunkte die Firma in den Alleinbesitz von Georg und Karl Kargl übergieng. Eine bedeutungsvolle Wendung brachte das Jahr 1880, da in diesem Jahre Georg Kargl die Halbseiden- Grege-Bänder-Industrie aus der Schweiz in Oesterreich zur Einführung brachte. Die Firma L. Kargl & Söhne war die erste, die den Halbseiden-Grege-Artikel in Oesterreich erzeugte, ihr gebührt daher auch das Verdienst um diese Industrie, welche binnen wenigen Jahren einen geradezu epochalen Aufschwung sowohl in der Band- als Seidenstofffabrication nahm, und in welcher nunmehr Tausende von Arbeitern einen sicheren, dauernden und lohnenden Erwerb finden. Der vorerwähnte erfreuliche Aufschwung der Band-Industrie veranlasste die Firma im Jahre 1882 eine zweite Fabrik in Fulnek zu erbauen, die 1886 durch Zubauten neuerlich vergrössert werden musste. Am 3. December 1891 trat Rudolf Kargl, Sohn des Georg Kargl, in die Firma ein, während Letzterer sich am 30. Juni 1895 vom Geschäfte zurückzog. Im selben Jahre wurde das Wiener Flaus (Westbahnstrasse 21) umgebaut; in dem Hof- und Gartentracte des alten Gebäudes war schon einige Monate früher eine eigene Appretur- und Moirir-Anstalt mit elektrischem Betriebe — gegenwärtig zwei Motoren mit zusammen 7 Pferdekräften — eingerichtet worden, welche unverändert blieb. Ferner wurde im Jahre 1896 die Leistungsfähigkeit und Bedeutung der Firma durch den Bau einer neuen, dritten Fabrik, in Stadt Liebau in Mähren, abermals merklich erhöht. Die Firma, welche in den letzten Jahren mit gutem Erfolge auch den Export zu pflegen begonnen hat, besitzt derzeit Vertretungen in Paris, London, Hamburg, Berlin und Constantinopel. In sechs Jahrzehnten hat sich so aus einer kleinen schlichten Bandweberei ein Fabriks-Unternehmen allerersten Ranges entwickelt. 44 FELIX REITERER’S SÖHNE SEIDENWAAREN- FABRIK WIEN — MÄHR.-SCHÖNBERG. mmmL m Jahre 1847 von Felix Reiterer sen. in bescheidenem Umfange begründet, wendete sich das Fabriksunternehmen zunächst der Westenstoff-Erzeugung zu, welche damals in grosser Blüthe war, da ganz schwere, seidene Westen sich grosser Beliebtheit erfreuten. Die Fabrication derartiger Westen, welche th eil weise nahezu Kunstwerke waren, die auf weissem Atlasgrunde sowohl längs der Brust, als auch am Rande der Westentaschen Brochirungen von Blumenguirlanden in 15 bis 20 und auch mehr Farben ausgeführt zeigten, stellte sowohl in Bezug auf die Jacquardstuhl-Vorrichtung als auch an den Arbeiter grosse Anforderungen. Diese Westen waren für die hochelegante Welt in der Stadt bestimmt; aber auch für den Landbedarf erzeugte die Firma die nach verschiedenen Nationalitäten ebenso verschieden verlangten Dessinirungen in geblümten Männer-Sammtwesten, welches Fach sie zu einer Specialität entwickelte. In den Fünfzigerjahren erweiterte die Firma ihre Fabrication, indem sie nun neben den Westenstoffen auch ganzseidene Tücher für den Stadt- wie für den Landbedarf erzeugte, sowie seidene Cravattenstoffe; letztere wurden damals nur in glatt schwarzen oder ganzseidenen schweren Atlasstoffen für grosse Herrencravatten-Formen, sowie auch für Militärcravatten verwendet. Mit den im Laufe der Jahre wechselnden Moden wurden die seidenen, fa9onnirten Herrenwesten durch die Modegilets — aus gleichen Tuchstoffen wie die Röcke — verdrängt; auch die bäuerliche Bevölkerung schmiegte sich allmälig diesem Gebrauche an. Die Firma cultivirte fortan ausschliesslich die Fabrication von modernen glatten und fajonnirten Cravattenstoffen für Herren und später auch für Damen (Echarpes). Dank der guten und soliden Ausführung dieser Fabrikate, welche überdies auch guten Geschmack in Bezug auf Dessinirung und Farbenzusammenstellung erforderten, war es möglich, schon in den Sechzigerjahren den Export derselben nach Deutschland, England, Belgien und Amerika anzubahnen und nicht nur im Inlande, sondern auch im Auslande sich einen guten Ruf zu erwerben. Die Firma, welche zur Zeit ihrer Anfänge, als mechanische Webstühle für Seidenwaaren noch nicht existirten, ihre Fabrication nur mit Handstühlen betrieben hatte, war die erste in Oesterreich, welche schon Ende der Siebzigerjahre den mechanischen Betrieb für Seiden-Bunt Weberei einführte und Anfangs der Achtzigerjahre die noch nicht allgemein bekannten mechanischen Lancierstühle in Betrieb setzte. 1875 übergab der Senior der Firma, Herr Felix Reiterer, wegen vorgerückten Alters die Fabrik seinen beiden Söhnen Felix und Josef, welche solche sodann unter der handelsgerichtlich protokollirten Firma »Felix Reiterer’s Söhne« weiterführten. Dieselben setzten die Fabrication von Cravattenstoffen als Specialartikel fort und erzielten in diesem Artikel einen namhaften Export in ganz- wie auch in halbseidenen Geweben. Namentlich der Absatz nach Amerika erreichte einen beträchtlichen Umfang, ja er machte in manchem Jahre nahezu ein Drittel der Gesammtsumme aus, welche in den officiellen handelsstatistischen Ausweisen für den Export der Seidenwaarenbranche Oesterreichs nach Amerika ausgewiesen erschien. Der ältere Chef, Felix Reiterer jun., starb im Jahre 1876 und es blieb von da ab Josef Reiterer der Alleininhaber der Firma. Mit Rücksicht auf den wachsenden Umfang der Fabrik, die bis dahin in Atzgersdorf bei Wien etablirt war, sah sich dieser veranlasst, dieselbe nach Mähren zu verlegen und im Jahre 1880 ein ausgedehntes, durchaus mechanisch eingerichtetes, mit vielen Wohlfahrtsinrichtungen versehenes neues Etablissement in Mährisch-Schönberg zu erbauen. In demselben sind 400 mechanische Seidenwebstühle neuester Constructionen — theils amerikanischen, theils eigenen Systems — im Betriebe; die Baupläne wurden vom Wiener Architekten Josef Hudetz entworfen, während die maschinellen Einrichtungen mit der Gesammtleistung von 100 Pferdekräften vom k. k. Hofrathe Edlen von Radinger durchgeführt wurden. Die elektrische Beleuchtungsanlage für 1000 Glühlampen wurde von der Firma Kremenezky, Mayer & Co. in Wien installirt. Die Niederlage war von Anbeginn an in Wien und errichtete die Firma hiefür im Jahre 1889 ein eigenes Haus im VI. Bezirke, Amerlingstrasse 7. Vertretungen besitzt die Firma in New-York, London, Paris, Brüssel, Mailand, Berlin, Köln und Bukarest. Bei den verschiedenen Ausstellungen erhielt die Firma folgende Auszeichnungen: Im Jahre 1865 in Linz die grosse silberne Preismedaille, 1873 bei der Weltausstellung in Wien die Verdienstmedaille, 1880 anlässlich der Gewerbeausstellung in Wien das Ehrendiplom. Als Mitarbeiter der Chefs wirken in deren Unternehmen die Herren Heinrich Weller als Procurist und Karl Fuchs als Fabriksdirector, welche beide bereits auf eine 25jährige Thütigkeit in dem Geschäfte zurückblicken. 45 TRÜDINGER & CONSORTEN SEIDENBAND-FABRIK BREGENZ. m 1 «i m ITiitii Hilf § § Mill 111 i r-S£ '■jü irir&äa 3 &S ’■• jSferr '•***,V»‘ b*. ; - iäsiä aft fcgg iÄS^Sl KlÉÉS r." * ■•'V or einem halben Säculum war die Seidenbandfabrication zumeist in der damaligen Wiener Vorstadt Schottenfeld (im heutigen Bezirke Neubau) concentrirt. Es waren dies vorwiegend kleine Unternehmungen, obwohl sie alle »Fabriken« hiessen; solche, die beispielsweise 20 bis 30 Stühle zählten, gehörten schon zu den grösseren Unternehmungen. Es wurden fast durchwegs façonnirte Artikel erzeugt, theils die verschiedenen Bauern-Genres, theils städtische Modebänder. Der "Wiener »Bandmacher«, so wurden die WAber genannt, war in technischer Hinsicht eine tüchtige Arbeitskraft, er arbeitete auch ziemlich complicirte Gewebe (viel- schützige Brochés) mit grosser Geschicklichkeit. Mechanisch angetriebene Stühle existirten damals für die Bandweberei noch nicht. So gieng es bis zum Anfang der Fünfzigerjahre, wo das Aufgeben des Schutzzollsystems einen harten Concurrenzkampf mit dem Ausland heraufbeschwor. Der WTener Bandfabrikant wurde aufgerüttelt, die capitalskräftigeren unter ihnen begannen sich mit der Idee mechanischen Betriebes zu befassen, auch kamen schon Lohnstreitigkeiten mit Arbeitern vor, und so vollzog sich in dieser Zeit die Umwandlung des bisherigen kleinbürgerlichen Betriebes in den capitalistischen und Grossbetrieb. Die Fabrikanten verlegten ihre Etablissements in die Provinz {Böhmen, Mähren, Niederösterreich) der billigeren Löhne wegen, übersiedelten theils mit den bisherigen Stühlen (welche meist für den mechanischen Betrieb abgeändert wurden), theils schafften sie neue mechanische Stühle an, der Betrieb wurde ein moderner und kaufmännischer. Die Moden dieser Epoche vereinfachten sich, die Façonbânder wurden nur in geringen Mengen (und dann nur meist für den Bedarf der Nationaltrachten der Bauern) begehrt, während das Gros des Verbrauches in sogenannten »glatten« Artikeln bestand. Durch die Erfindung der Anilinfarben wurde die Mannigfaltigkeit der Nuancen und Farben eine ausserordentlich grosse und dadurch ein Ersatz geschaffen für die durch die Einfachheit der Genres verlorene Mannigfaltigkeit der Dessins. In die Epoche der letzten 50 Jahre fiel auch der allerdings oft von Schwankungen unterbrochene, aber in der Tendenz doch continuir- liche Rückgang der Rohseidenpreise. Alle diese Umstände wirkten zusammen, um den Nutzen, welchen die Fabrication abwirft, zu schmälern. * * * Eines der neueren Etablissements der Seidenbranche ist die Fabrik von Trüdinger & Consorten in Bregenz. Im Jahre 1887 wurde dieses Unternehmen als Zweigniederlassung der unter gleicher Firma in Basel bestehenden Bandfabrik gegründet. Seit diesem Jahre (1898) wird in Bregenz die Fabrication von Seiden- und Sammt- bändern selbstständig betrieben. In den im Jahre 1887 neu erbauten ausgedehnten Fabriksräumen finden sich alle modernen Einrichtungen der einschlägigen Technik vor; die Gesammteinrichtung dieser Fabrik ist eine derartige, dass sie den Anforderungen der stets rasch wechselnden Mode schnellstens folgen, und nach Bedarf sowohl façonnirte (gemusterte) als auch glatte Bänder in beliebigen Breiten und Farben erzeugen kann. Eine besondere Specialität der Firma sind die schwarzen Artikel. Durch die eigene Appretur und Moirage ist die Fabrik in Stand gesetzt, die Lieferung der gebrauchsfertigen Bänder in tadelloser Vollendung ab Bregenz zur Ausführung zu bringen. Auf dem Grund und Boden des Etablissements sind geräumige WAhnungen für vierzig Arbeiterfamilien erbaut worden. 46 J. F. WÖGERER’S SÖHNE MECH. SEIDENBAND WEBEREI | IlBÜÜ h 7 1 *• ’ ^i! f ij iij’ rrry t li 1 Tfl ® ^^àkseé ' - u * f Ja«*?. IIsäIÄ • "iS affr*« Ä». — %ÏUzt.'rich~Llr?sJtn-É/, /8jtS,. r*s^’ PILNIK AU —WI EN. ie eigentliche Gründung dieses Unternehmens fällt in das vorige Jahrhundert. Während der letzten Jahre desselben liess sich der Webermeister Anton Bleichsteiner in Wien, am Schottenfeld, nieder und betrieb das Gewerbe der Seidenbandmacherei. Es gab damals keine grösseren Fabriken, keine besonderen maschinellen Einrichtungen, aber auch keine hohen Anforderungen an. die Erzeugnisse durch Mode und Luxus. Man hatte noch keine Ahnung von dem zauberhaften Farbenspiel, welches später durch das Anilin in die Welt gesetzt wurde, keine Sorge, dass die Göttin »Mode« stets wechselnde Launen vom fernen Auslande wirken lassen könnte; es war nur nothwendig, in Material und Arbeit reine Erzeugnisse von möglichster Haltbarkeit zu liefern. Der »Bandmacher« arbeitete selbst mit seinen Gesellen auf 6—xo Stühlen, die Frau besorgte mit einigen Mädchen (auch die Kinder halfen eventuell mit) die Vorbereitungsarbeiten und die Adjustirung der fertigen Waaren, welche der Meister wohl auch eigenhändig nach der »Stadt« zum Händler trug und gegen eine mit Kreide auf den Verkaufstisch geschriebene Rechnung die baare Bezahlung sofort in Empfang nahm. Die erzeugten Artikel waren nicht allzu mannigfaltig. Glatte Bänder in Taflet und Atlasbindung, schwarz und in einigen wenigen Farben, wohl auch glacé, sowie einige wenige Artikel façonnirten Genres, nicht zu oft in den Dessins wechselnd, machten den Kreis der ganzen Erzeugung aus. Unter diesen relativ sehr günstigen Verhältnissen verdiente Anton Bleichsteiner reichlich, schaffte sich weitere Stühle an und übergab Ende der Vierzigerjahre das Geschäft seinem Sohne Carl, welcher schon viele Jahre mitgearbeitet und sich gründliche Kenntnisse in seinem Fache erworben hatte. Allgemein und auch kaufmännisch ungleich gebildeter als sein Vater, strebte dieser fortwährend nach Vergrösserung des Betriebes und Ausbreitung der geschäftlichen Verbindungen. Er suchte den bedeutenderen Bedarf an Material auf möglichst vortheilhafte Weise durch thunlichst directe Verbindung mit den Seidenhändlern Italiens zu decken, und erweiterte seinen Kundenkreis sowohl am Wiener Platze, als auch durch Anknüpfung von Verbindungen mit Kaufleuten in den Provinzstädten Oesterreichs. Im Jahre 1864 nahm er seinen Schwiegersohn Ferdinand Wögerer als Compagnon auf. Dieser war ursprünglich, nachdem er seine Ausbildung in Budapest genossen hatte, Kaufmann in seiner Vaterstadt Kaschau, wo noch heute das Geschäft »Wögerer’s Nachfolger« existirt. Er stand mit dem Hause »Bleichsteiner« in Verbindung, kam öfters nach Wien und fasste, nachdem er sich mit der Tochter verlobt hatte, den Entschluss, sich gänzlich dem Fabricationsgeschäfte zu widmen, um später der Nachfolger seines Schwiegervaters zu werden. Um sich die nöthigen Fachkenntnisse zu erwerben, hielt er sich einige Zeit in der Schweiz auf und lernte namentlich die Bandweberei theoretisch und praktisch gründlich kennen. Nachdem er sich in Frankreich über das Geschäft in Modeartikeln, die verschiedenen Neuerungen u. s. w. informirt hatte, nahm er seine Thätigkeit in Wien auf. Die Firma lautete nunmehr »Bleichsteiner & Wögerer«. Der junge Mann, welcher neben hoher Intelligenz eine seltene Arbeitskraft und unermüdlichen Fleiss bethätigte,. war in jeder Weise für den Fortschritt eingenommen, und hatte seinem Schwiegervater als Compagnon gegenüber einen schweren Stand. Dieser war ein sehr conservativer Mann, der sich für alle durch die neuere Zeit gebotenen Reformen nur sehr schwer interessiren liess. Das Project Ferdinand Wögerer's, die inzwischen recht ansehnlich gewordene Fabrik zu erweitern und mit Dampf zu betreiben, stiess auf energischen Widerstand, obwohl der Vortheil auf der Hand lag, und der »Bandstuhl«, der ja von Ursprung an ein »mechanischer Stuhl« ist, keinerlei Veränderung im Bau, sondern nur einen anderen Antrieb erhalten sollte. Schliesslich wurde aber doch der Dampfbetrieb eingeführt und bewährte sich natürlich in ausserordentlicher Weise. Die Production steigerte sich, die Fabrik war stets voll 47 beschäftigt und hätte eine weitere Vergrösserung recht gut vertragen. Die beiden Häuser (Schottenfeldgasse 33 und Seidengasse 20) in welchen der Betrieb untergebracht war, erlaubten aber keine Ausdehnung, zudem wurden die Arbeiterverhältnisse in Wien immer schwieriger und unerquicklicher. F. Wögerer schlug seinem Schwiegervater vor, die Fabrik nach auswärts zu verlegen, beziehungsweise eine solche in irgend einem geeigneten Orte eines österreichischen Kronlandes zu erbauen und einzurichten, konnte aber den gegen so grosse und immerhin nicht gefahrlose Unternehmungen misstrauischen Fabrikanten der alten Schule absolut nicht überzeugen. Nachdem er aber die Unabwendbarkeit dieser Umwälzung immer klarer vor Augen sah, fasste er den Entschluss, das Geschäft allein zu übernehmen und seine Ideen auszuführen. Carl Bleichsteiner fand sich dazu bereit, obwohl er gegen die Verlegung des Betriebes war, und zog sich in das Privatleben zurück, aber nicht ohne seine reichen Erfahrungen seinem Schwiegersöhne in Rath und That zur Verfügung zu stellen. Die Firma lautete fortan »Ferd. Wögerer«. Es wurde zunächst ein entsprechender Ort gesucht und in Pilnikau-Pilsdorf, Station der österreichischen Nordwestbahn in Böhmen, unweit der Fabrikstadt Trautenau, gefunden. Entsprechende Lage nahe der Bahn, deutsche Gegend, geeignetes Grundstück und anscheinend passende Arbeitskräfte gaben günstige Anfangsbedingungen. Im Frühjahre 1872 wurde der Bau begonnen und im Herbste desselben Jahres beendet. Ein zweistöckiger Haupt- tract, Säle mit Doppellicht enthaltend, ein Seitentract, die Stiegenhäuser, Nebenräume, erforderliche Wohnungen etc. bergend, Kessel- und Maschinenhaus, sowie die entsprechenden Nebengebäude wurden aufgeführt. Gleich nach Vollendung der Baulichkeiten wurde mit der Einrichtung begonnen. Kessel und Betriebsmaschine, sowie die erforderlichen Vorbereitungsmaschinen und Webstühle wurden aufgestellt. Alles kam aus Wien, bis auf einige Maschinen, welche aus dem Auslande bezogen werden mussten. Die diversen Montirungen wurden von mitgebrachten Handwerkern besorgt, und am 1. Jänner 1873 konnte das Werk zum erstenmale in Gang gesetzt werden. Inzwischen war auch die verhältnismässig schwierigste Arbeit, nämlich die Heranbildung geeigneter Arbeitskräfte, begonnen worden. Der Director Josef Krottner, dessen Frau, zwei Werkmeister und einige wenige Hilfsarbeiterinnen, sämmtliche aus Wien, theilten sich in die Unterweisung der zumeist weiblichen Arbeitskräfte und hatten mit enormen Hindernissen zu kämpfen, da die schwierige Behandlung des Seidenfadens den für feinere Arbeiten ungeübten Händen der Leute nur sehr langsam geläufig wurde. Durch unausgesetzte Bemühungen, unterstützt von dem Eifer der Leute, welche in der Seidenweberei eine weit angenehmere und lohnendere Thätigkeit erkannten, als in den wenigen Flachsgarnspinnereien und Papierfabriken der dortigen Gegend zu finden war, bildete sich sehr rasch ein allerdings noch kleiner Arbeiterstock und die Fabrik begann gelungene Erzeugnisse zu liefern. Die Production stieg immer mehr, und es konnte schon die Weltausstellung zu Wien im Jahre 1873 beschickt werden. Die ausgestellten Waaren wurden mit einer Medaille prämiirt. Die Fabrik arbeitete nach und nach immer stärker, und ihr Chef hatte die freudige Genugthuung, die erfolgreiche Verwirklichung seiner Ideen zu erblicken. Er zersplitterte nicht seine Kraft durch Erzeugung vieler verschiedenartiger Artikel, sondern suchte in einigen wenigen möglichst gross zu werden. So verlegte er sich auf glatte schwarze, auch etwas färbige Waaren, mit welchen er namhafte Erfolge erzielte. Er trachtete auch seinen Absatz mehr zu concentriren, cultivirte immer weniger die Provinz und Detailkundschaft, gestaltete aber dafür die Verbindung mit einigen Wiener Grosshandlungshäusern ungemein lebhaft. Bald war die Fabrik zu klein und es musste an eine Vergrösserung gedacht werden. Vom Jahre 1880 an entstanden fast in jedem zweiten Jahre Zu- und Neubauten. Ferdinand Wögerer leitete jeden Bau selbst und sah dabei auf solideste, gediegenste Ausführung. Die Websäle wurden vergrössert, die erforderlichen Räume für Vorbereitungsarbeiten neu aufgeführt, was naturgemäss auch den Bau von Nebenräumen, Magazinen und einer Appretur bedingte. Ferner wurden Beamten- und Ar beiter Wohnungen nothwendig, welche in eigenen Häusern untergebracht wurden. Die erforderlichen Maschinen und Webstühle baute das Etablissement mit Hilfe seiner Schlosser- und Tischlerwerkstätten, an deren Spitze Wiener Fachleute standen, selbst, und versorgt sich noch heute mit allen derartigen Arbeiten, ohne fremde Hilfe in Anspruch nehmen zu müssen. So entstand mit der Zeit eine umfangreiche, stattliche Fabriksanlage modernster Einrichtung und von hoher Leistungsfähigkeit. Mit der zunehmenden Ausdehnung des Etablissements entschloss sich dessen Chef, die Leitung selbst zu übernehmen und verlegte seinen ständigen Wohnsitz nach Pilnikau. Mit richtigem Blick hatte er auch die Vortheile, welche die elektrische Beleuchtung für Fabrikräume bietet, erkannt, und errichtete im Jahre 1884 eine Beleuchtungsanlage, eine der ersten in den Fabriken Oesterreich-Ungarns. Die Innenräume sind mit Glühlicht, die Hofräume mit Bogenlicht erleuchtet. Für die elektrische Beleuchtung arbeitet eine Dampfmaschine ausschliesslich. Neben der fortwährenden angestrengten Thätigkeit für die Erweiterung des Etablissements, leitete Ferdinand Wögerer mit unermüdlichem Eifer die Fabrication, besorgte grösstentheils den Einkauf des Rohmateriales selbst und überwachte den Verkauf. Das Verhältnis zu den Angestellten und Arbeitern war von jeher das denkbar beste, und bisher ist kein Fall einer wie immer gearteten Unzufriedenheit im Personale zu verzeichnen. Von den Angestellten blicken einige auf eine mehr als 20jährige, einige sogar auf eine mehr als 40jährige Dienstzeit zurück; viele, darunter auch Arbeiter, gehören 10—15 Jahre dem Hause an. Alle hiengen in Liebe und Verehrung an ihrem Chef, bis der Tod denselben in den besten Jahren seines an Arbeit so reichen Lebens am 1. Februar 1893 plötzlich abberief. Das Geschäft wurde von den beiden Söhnen Victor und Carl übernommen und unter der Firma »F. Wögerer’s Söhne« fortgeführt. Der Erstgenannte trat im Februar des Jahres 1896 aus der Firma aus, während der Letztere die Fabrication nunmehr als alleiniger Chef fortbetreibt. 48 OESTER RE ICH ISCH E SCHAFWOLLWAAREN-INDUSTRIE. VON D R - STEFAN LICHT, SECRETÄR DES VEREINES DER WOLL-INDUSTRIELLEN MÄHRENS. Die Gross-Industrie. IV. I ■■i * DIE OESTERREICHISCHE SCHAFWOLLWAAREN-INDUSTRIE. i e gegenwärtigen Hauptsitze der Woll-Industrie Oesterreichs, die Gebiete von Reichenberg, Brünn, Bielitz und Jägerndorf, sind auch die Stätten gewesen, auf welchen nach geschichtlicher Ueberlieferung das Wollengewerbe in Oesterreich zuerst festen Boden fasste. Die Tuchmacherei als gewerblicher Betrieb ist in diesen Gebieten jedoch nicht bodenständig, sondern ein Angebinde jener Einwanderer deutschen Stammes, welche gegen das Finde des 12. und im 13. Jahrhunderte in die slavischen Länder Oesterreichs als Gründer der Städte, als Verbreiter und Pfleger der Cultur kamen und feste Niederlassungen bildeten. Auf den uralten Handelsstrassen, welche das Stromgebiet der Donau und der Elbe mit dem Gebiete des Rheins in Verbindung hielten, gelangten die Bewohner des Flamlandes und des Niederrheins in diese Ländergebiete, von den Przemysliden gesichert im Besitze ihres deutschen Rechtes und mit Vorrechten und Begünstigungen ausgestattet. Die niederländischen Einwanderer brachten aus ihrer Heimat das Tuchmacher- und Färbereigewerbe mit, welches dort schon zu den Römerzeiten eine Heimstätte gefunden hatte und in fortschreitender Entwickelung zu solcher Bedeutung gelangt war, dass der grosse und dauernde Reichthum des flandrischen Landgebietes schon zu Beginn dieses Jahrtausends in der gewerbsmässigen Verfertigung der Wolltücher wurzelte, deren Technik in jeder Richtung einen für jene Zeiten ausserordentlichen Höhepunkt erlangte. In den Gegenden Oesterreichs, wo die Ansiedler vom Niederrhein heimisch wurden, fand auch das von ihnen mitgebrachte Tuchmachergewerbe eine feste Stätte. Den engen Zusammenhang der flandrischen Einwanderung mit der Entstehung und Entwickelung des Wollengewerbes kennzeichnet die beglaubigte That- sache, dass Flanderer oder Flamminger mit Färbern und Tuchmachern für gleichbedeutend galten. Brünn und Iglau, dessen Rechtsbildung den flandrischen Ursprung klar ausprägt, waren die Orte, von denen auch urkundliche Nachweise die Thatsache überliefern, dass das Tuchmachereigewerbe raschen Eingang und eine dauernde Heimstätte fand. Wenn uns auch über Reichenberg schriftliche Nachrichten fehlen, so unterliegt es doch keinem Zweifel, dass hier wie in anderen Orten Böhmens auch durch flandrische Colonisten die Tuchmacherei eingeführt wurde, und gefördert durch die Przemysliden und insbesondere durch die Luxemburger zum Aufschwünge gelangte. Auch in Wien muss die Tuchmacherei frühzeitig Eingang gefunden haben, da schon im Jahre 1208 die Bildung einer Tuchmachergilde erwähnt wird, deren Bedeutung daraus erhellt, dass Herzog Albrecht II. am 23. Juli 1340 alle Zünfte mit alleiniger Ausnahme der Tuchmacher-Innung abschaffte. Die mittelalterliche Geschichte der Tuchmacherzünfte in den österreichischen Ländern ist uns nirgends in der Klarheit und urkundlichen Bestimmtheit überliefert wie in Iglau, dessen Tuchmacherzunft in Karl Werner einen classischen Geschichtsschreiber gefunden hat. Die Tuchmacherei beschränkte sich aber jedenfalls in den österreichischen Gebieten schon vermöge der minderen Beschaffenheit des Rohmaterials auf grobe Waare, so dass die feinen Tücher nach wie vor aus den flandrischen Gebieten bezogen wurden und derart die Handelsbeziehungen zwischen den Ansiedlungsländern und dem Niederrheine noch immer jahrhundertelang aufrecht blieben. Doch erhielten die Orte, in welchen das Tuchmachergewerbe zur Blüthe gelangte, für den Verschleiss der flandrischen Tücher Monopole, so dass den Tuchmachern der Handel mit Tüchern als Ergänzung eines producirenden Gewerbebetriebes gesichert war. Jedenfalls gelangte die einheimische Erzeugung bei einem solchen Aufschwünge dahin, dass weit mehr als der örtliche Bedarf erzeugt wurde. Die Kaufverbote, welche sich z. B. auf den Ausschnitt Brünner Tuches im Gebiete der Eausitz beziehen, beweisen, dass diese Erzeugungsorte frühzeitig in Wettbewerb zu treten wussten. Die Geschichte der Iglauer Tuchmacherzunft ist wohl in jeder Beziehung typisch für die Entwickelungsgeschichte des Gewerbes in den anderen Orten. Das Tuchmachergewerbe war frühzeitig zu einer äusserst angesehenen socialen Stellung gelangt, die ihren Grund in der Bedeutung des Gewerbes für das »städtische Gemeinwohl« hatte, wie dies z. B. im Jahre 1360 in Iglau urkundlich ausgesprochen ist. In wiederholt bestätigten Statuten, welche auch in Wien 1382 und Tulln 1383 in ähnlicher Weise verfasst wurden, wird die Ordnung im Gewerbe, namentlich in Bezug auf Mass, Gewicht, Reinheit des Materials und Richtung der Arbeitsanlagen hergestellt. Sowie in Wien schon 1412 eine Ordnung der Tuchweber zu Stande kam, so wurde auch in Iglau 1442 eine vollständige Umarbeitung der Statuten der Tuchmacherzunft, welche insbesondere die Disciplin im Gewerbe aufrecht erhalten sollten und ausserdem den Tuchmachern eine besondere Stellung im Gemeinwesen gaben, durchgeführt. Die Bedeutung des Gewerbes hatte ihm auch ein politisches Uebergewicht im Gemeinwesen verschafft, welches die besonderen Berechtigungen der Zunft durchzusetzen vermochte. Das Tuchmachergewerbe hat jedenfalls gegen das Ende des 13. und im Beginne des 14. Jahrhunderts in den Sudetenländern eine hohe Blüthe erlangt, die uns insbesondere auch von den Städtegebieten Troppau und Jägerndorf berichtet wird, neben denen Fulnek und Neutitschein schon im 14. Jahrhundert ausdrücklich Erwähnung finden. Die Stürme der Hussitenkriege übten aber einen mächtigen Rückschlag auf die Entwickelung des Gewerbes aus. Die Städte wurden in den Kämpfen dieser Zeit auf das härteste mitgenommen, und auch als der Frieden hergestellt war, blieb der Verkehr gehemmt und unsicher. Die Tucherzeugung lag darnieder, die Mitglieder der Zunft verloren ihr Vermögen und eine allgemeine Verarmung trat ein, da das Tuchmachergewerbe durch Kriegsunruhen und Unsicherheit die Möglichkeit des Exportes beinahe vollständig eingebüsst hatte. Allerdings brachten die ruhigen Zeiten, welche endlich gegen das Ende des 15. und zu Beginn 1 des 16. Jahrhunderts anbrachen, dem Gewerbe neuen Aufschwung. Das l'uchmachergewerbe gelangte zu neuer Bedeutung und fand auch wieder seine hervorragende politische Stellung in dem Gemeinwesen. Mittlerweile hatte die vollständige Aenderung der Wirthschafts- lage, welche die grossen Entdeckungen herbeigeführt hatten, auch einen bedeutenden Umschwung der rechtlichen Einrichtungen des Gewerbes herbeigeführt, welche insbesondere in der der Abneigung der Stände gegen alle Gewerbe- und Verkehrsmonopole entgegenkommenden Handwerksordnung Kaiser Ferdinands II. ihren Ausdruck fanden. Im Rahmen dieser Handwerksordnung, welche die selbstgeschaffenen Privilegien der Zechen und Zünfte beseitigte und in bestimmter Unilormität die Einrichtungen der Gewerbe regelte, die Rechte der Meister und Gesellschaften abgrenzte, und gegenüber der Selbstverwaltung der Zünfte die Aufsicht des Rathes einführte, gelangten die Tuchmacher, wie dies in Iglau sich insbesondere im Einzelnen darstellt, gefördert durch Rath und Stadt, die das eigene Tuchmachergewerbe in jeder Richtung zu begünstigen suchten, zu einer neuen und endgiltigen Constituirung ihrer Zünfte. Im Jahre 1556 erfolgte in Iglau die Constituirung der Zunft der Tuchmacher, mit dem Zunftzwange, welche aber auch, um die Preiswürdigkeit und Güte der Waare zu sichern, gemeinsame Anstalten einführte. Ein Beschauhaus, ein Waidfarbhaus, Tuchwalken wurden von der Zunft eingerichtet, die. auch das ausschliessliche Recht auf Aufstellung von Tuchrahmen besass. Die Absatzstörungen, welche in Iglau für die Tuchmacher eintraten und insbesondere die ärmeren Meister, welche nicht in der Vermögenslage waren, um die Verkaufsgelegenheit abwarten zu können, hart bedrängten, führten zur Schaffung einer bedeutsamen, der Hebung des Absatzes gewidmeten Einrichtung, einer 1 uchcompagnie, deren Aufgabe es war, die Iglauer Tuchwaare nach auswärts zu vertreiben. Am Montage nach St. Veit im Jahre 1552 wurde diese sehr bedeutsame Handelsgesellschaft durch kaiserliche Gewalt bestätigt. Es scheint die Compagnie eine Art Genossenschaft gewesen zu sein, deren Antheile die zünftigen Meister erwerben konnten, wie sich auch mehrere für die Erwerbung eines Antheils vereinigen durften. Die Compagnie übernahm den Ankauf der Rohproducte und den Absatz der Erzeugnisse und verpflichtete jene, die sich ihr anschlossen, ausschliesslich durch ihre Vermittlung Wolle zu kaufen und Waare abzugeben. Thatsächlich gelang es auch der Compagnie alsbald, einen ungeahnten Aufschwung des Gewerbes herbeizuführen. Doch dauerte der erfreuliche Zustand nicht lange, da die zünftigen Tuchmacher sich gegen die Compagnie, welche ihre Bedingungen strenge einhielt, auflehnten, sich über Auswucherung beklagten und beim Rathe und der Gemeinde Beschwerde führten. Schliesslich verlor die Compagnie ihre Bedeutung, um schliesslich im Jahre 1620 einer Zusammenrottung zu erliegen, deren unmittelbare Veranlassung war, dass die Compagnie sich nicht mehr auf den Verkauf einheimischer Waaren beschränkte, sondern auch fremde Fabrikate veräusserte. Das 16. Jahrhundert bringt uns auch über die Entwickelung des Tuchmachergewerbes in Reichenberg und Bielitz bestimmte Nachrichten. InBielitz hatten die Tuchmacher im Jahre 1548 die Privilegien ihrer Zeche durch den schlesischen Herzog Wenzel erlangt und eine Erneuerung durch Friedrich Casimir am 1. September 1565 durchgesetzt. In Bielitz hatte der Umstand, dass es ein Durchzugsort der ungarischen, insbesondere der für Breslau bestimmten Wolle war, das Tuchmachergewerbe begünstigt. Auch der Tuchhandel gedieh, so dass das Wollengewerbe zu Beginn des 17. Jahrhunderts nicht zum mindesten auch durch die Förderung des Herrschaftsbesitzers Johann Freiherrn v. Sunneg einen Aufschwung nahm. Die Zeche hielt Zucht und Ordnung und hatte eine grosse Bedeutung im Gemeinwesen erlangt. In Böhmen hatten die Kaiser Ferdinand I. und Maximilian II., in deren Regierungszeit die Erfindung und Aufnahme des Jtirgen’schen Spinnrades fällt, dem Wollengewerbe ihr volles Augenmerk zugewendet. Die Tuchmacher erhielten 1545 das Recht einzukaufen und zu verkaufen im ganzen Lande, darniederliegende Zünfte wurden aufgerichtet (Friedland 1532) und die Lage des Gewerbes, dessen Mittelpunkt im Lande die Prager Zunft war, 1574 commissarisch erhoben. In Reichenberg erscheint die Zunft im Jahre 1599 durch den Grundherrn Melchior Freiherrn v. Rädern mit einem umfassenden, ins Einzelne gehenden Privilegium ausgestattet, nachdem bereits seit dem Jahre 1579 durch die von den Grundherren geförderte Einwanderung von Tuchmachern das Gewerbe eine rasche Entwickelung gewonnen hatte (Urban Hofmann aus Seidenberg in der Lausitz). Der blühende Zustand des Tuchmachergewerbes in den Sudetenländern erfuhr aber bald einen heftigen Rückschlag, von dem es sich erst nach einem Zeiträume von nahezu 150 Jahren wiederum erholen sollte, durch den Religionskrieg, der mehr als 30 Jahre hindurch über das Land hinwegstürmte und seine verderblichen Verheerungen verbreitete. So wurde Iglau in der härtesten Weise betroffen. Während es vor dem Kriege gegen 800 Tuchmachermeister zählte, belief sich die Zahl der Gesammtbevölkerung im Jahre 1659 nur auf 218 Bürger, 131 Eheleute und 32 Witwen. Nur mühselig gelang es dem Gewerbe, wieder zu Bedeutung zu kommen. Die Erfolge, welche Colbert in Frankreich insbesondere durch seine Förderung des Manufactur- wesens erreicht hatte, führten dazu, dass auch in Oesterreich zunächst daran gedacht wurde, die Wunden, welche der Religionskrieg, die Türkenkriege und die Aufstände der Magyaren geschlagen hatten, durch eine eindringliche culturelle Entwickelung vernarben zu machen. Von nachhaltiger Einwirkung war die Thätigkeit des Dr. Johann Joachim Becher, welcher in einer Kaiser Leopold I. gewidmeten Abhandlung nachwies, dass Industrie und Handel in den österreichischen Erbstaaten gehoben werden könnten. Seiner Anregung folgte die Errichtung eines Commerzcollegiums, dessen Leitung er neben dem Hofkammer- rathe Selb führte. Wenn auch praktische Erfolge zunächst durch diese Amtsstelle nicht gezeitigt wurden, so war es doch Becher’s Verdienst, die Aufmerksamkeit der Regierung auf die Förderung des Gewerbes gelenkt zu haben, welche insbesondere auch durch die in der Folgezeit immer wieder gelesene und viel beachtete Schrift Johanns v. Hornegk »Oesterreich über Alles, wenn es will!« wachgehalten wurde. Die Einführung eines Schutzsystems und die Förderung von Fabriken und Manufacturen war die merkantilistische Doctrin dieser Anregungen, welche fruchtbaren Boden fanden. Hornegk wies insbesondere auch auf die Pflege der Tuchmacherei hin, deren alte Pflanzstätten in den österreichischen Erblanden er wohl kannte, und als deren sichere Grundlage er das glückliche Vorhandensein einer der Veredlung fähigen Wollproduction voranstellte. 53 Thatsächlich beginnt auch seit jener Zeit die Regierung der Einführung der Fabriken auf dem Gebiete der Tuch- und Zeugmacherei volles Augenmerk zu schenken und durch ihre Intervention der Neubelebung des Tuchmachereigewerbes Kräfte zuzuführen. Im Jahre 1672 wurde in Linz die erste Feintuch- und Wollzeugfabrik errichtet, welche Tücher auch englischer und niederländischer Art zu verfertigen anfieng und von dem Linzer Bürger Christian Sint unter Ausstattung mit zahlreichen Privilegien, Vorrechten und Begünstigungen — unter Anderem auch dem Niederlagsrechte — begründet wurde. Ganz zielbewusst wurde diese gewerbefördernde Thätigkeit unter der Regierung Karls VI. durchgeführt, der die Friedenszeit der Erblande zu bedeutenden culturellen Fortschritten zu benützen wusste. Im Jahre 1727 gewährte er der von dem böhmischen Oberst-Landmarschall Johann Josef Grafen von Waldstein in Oberleutensdorf zur Verfertigung feiner Tücher angelegten Manufactur Zollbegünstigungen, wie auch den wollenen feinen Zeugen, welche Alois Kössler-Sprengeisen zu Grottau in seiner Fabrik verfertigte. In der von Graf Waldstein in Oberleutensdorf angelegten Tuchfabrik würden die ersten Arbeiter aus Holland beschäftigt. In Bielitz, wo die Tuchmacherzunft 1733 bereits 271 Mitglieder zählte, in Troppau und Neu- titschein, welches letztere 1743 an 300 Tuchmacher aufwies, gieng das Gewerbe rasch in die Höhe. In Iglau führte der Widerstand der Zunft gegen eine freiere Gewerbe- und Handelsthätigkeit auf dem Gebiete der Tucherzeugung zu der überaus bemerkenswerthen Erscheinung, dass sämmtliche Tuchmachermeister — nahezu ein halbes Tausend an der Zahl — als eine grosse Tuchfabrik behandelt wurden, die unter staatlicher Aufsicht functionirte. Das Jahr 1726 hatte das Wiederaufleben einer Woll- und Tuch- handlungs-Societät gesehen, welcher der ausschliessliche Woll- und Tuchhandel in Iglau zustand. Die Societät konnte aber vermöge des Zwanges und der Scherereien, welche sie den Zunftmitgliedern auferlegte, nicht über die ursprünglich in Aussicht genommene Dauer von drei Jahren bestehen, nach welcher Frist sie mit Schaden liquidirte. Zwei Rathscommissäre mit einem staatlichen Oberinspector leiteten nach Mass- gabe der von Karl VI. ertheilten Tuchmacherordnung, die im Jahre 1767 ergänzt wurde, das Iglauer Tuchhandwerk, das in der Handelswelt unter dem Namen einer »Tuchgewerbschaft« als ein ansehnliches Handelshaus auftrat, welches A’erbindungen mit dem Auslande in erfolgreicher Weise aufrecht erhielt. Mit besonderem Eifer und nachdrücklicher Energie fasste die grosse Kaiserin Maria Theresia die Förderung des Gewerbe- und Handelsfleisses auf, für die sie in dem Commerzdirectorium in Wien und in den Commerzconsessen in den Kronländern einen besonderen Verwaltungsapparat schuf. Bedeutsam ist es, dass der unter der Regierung der Kaiserin so ausserordentlich geförderte Volksunterricht auch mit der industriellen Schulung der Bevölkerung in Verbindung gebracht wurde, wie z. B. Kindermann in Böhmen in den Mädchenschulen das Spinnen einführte. Vor Allem aber gab die Kaiserin dem Gewerbe freie Bewegung dadurch, dass sie am 14. April 1755 die Wollmarktfrachten einführte, und feste Normen, indem sie am 20. Juni desselben Jahres die Blattbinder- und Tuchmachersatzung, am 4. Juli 1755 die Woll-, Spinn-, Walk- und Tuchschererordnung herausgab. Die Kaiserin liess auch Spinnschulen errichten, gab Prämien für die Schulen und liess die Spinnerei vollständig frei vom Zunftzwange. Ihr Rescript vom 20. Juli 1765 erlaubte »jedem Tuchmachermeister in Hinkunft so viele Stühle sowohl auf die feine als grobe Fabricatur zu halten und darauf so viele Gesellen und Jungen zu fördern, als es seinem Nahrungstriebe fürträglich zu sein selbst ermessen wird«. Nach Iglau liess die Kaiserin niederländische Tuchmacher kommen, welche die Iglauer in der Fabri- cation feiner Tücher nach englischer und niederländischer Art aus spanischer Wolle unterrichteten und insbesondere auch die Kunst der Appretur einführen sollten. Die Edlen v. Wueste aus Holland, von denen Alois v. Wueste später in Wien eine grossartige Appreturanstalt begründete, seien hier genannt. Gleichzeitig wurde die Einfuhr fremder Tücher durch eine ausgedehnte Erhöhung der Zölle erschwert. Besonderes Augenmerk widmete aber die Kaiserin der Veredlung der Wolle. Herden von spanischen Merinoschafen wurden auf kaiserlichen Herrschaften, wie Hollitsch, eingeführt, und es gelang der stetigen und sorgfältigen Zucht, insbesondere durch die Fürsorge der Regierung Kaiser Josefs II. und durch die Aufnahme dieser Bestrebungen auf grossen Herrschaften, es dahin zu bringen, dass Oesterreich im Beginne des 19. Jahrhunderts eines der wichtigsten Productionsgebiete feiner Wollsorten wurde, das neben Deutschland, vor Allem Sachsen und Schlesien, den ersten Rang behauptete. Gerade die Erfolge auf dem Gebiete der Wollproduction sollten zur Folge haben, dass durch das Vorhandensein eines besonders feinen und brauchbaren Rohstoffes im Lande, auf dessen Bezug das Ausland angewiesen war, die einheimische Tuchfabrication einen Vorzug und eine Begünstigung gewann, die 54 ihre spätere, ungeahnt rasche Blüthe ermöglichen sollten. Wollenzeugfabriken grösserer Ausdehnung wurden insbesondere 1765 in Brünn, in den Sechzigerjahren in Bielitz von Karl Anton Mänhart, 1768 von Johann Röckert in Fulnek, 1768 von der königlichen Stadt Mähr.-Neustadt gegründet. Die erste Tuchfabrik in Mähren begründete Johann Heinrich Reichel in Olmütz im Jahre 1752; dieselbe hatte jedoch trotz der grossen Privilegien und Begünstigungen keinen längeren Bestand. Im Jahre 1765 gründete die Regierung mit grossem Aufwande in Brünn in der Vorstadt grosse Neugasse eine Feintuchfabrik, deren Leitung Handelsleuten, unter denen Johann Leopold v. Köffiler insbesondere hervorragte, anvertraut wurde. Die Unternehmer erhielten Betriebscapitalien, später unter Nachsicht der Interessen, vorgestreckt, und empfiengen in jeder Beziehung die Unterstützung der Regierung. Köffiler versah sich mit einem Stabe tüchtiger, in der Tuch-Industrie bewährter Männer, die er vom Niederrheine kommen liess. Es ist bemerkenswerth, dass die neue Blüthe der Tuchmacherei in Brünn und Iglau, welche von diesen Bemühungen ihren Ausgang nehmen sollte, wiederum mit dem Stammlande der Tuchmacherei, den Gebieten des Niederrheins in Verbindung steht, welche einst die flämischen Ansiedler und Tuchmacher in die Sudetenländer entsendet hatten. Bartholomäus Seitter, Johann Heinrich Offermann, W. Bräunlich, Johann Christian Grave, Johann Christian Loxin und Friedrich Hopf, durchwegs Rheinländer und Protestanten, waren die hervorragenden Angestellten des Unternehmens, an welche sich auch eine geschulte Arbeiterschaft angeschlossen hatte. Seit dieser Zeit nahm die Feintuch-Fabrication einen hohen Aufschwung und wurde im Jahre 1780 an Johann Leopold v. Köffiler vollständig übergeben mit der Bedingung, das Unternehmen noch durch 12 Jahre auf 60 Stühlen fortzubetreiben. Die Zahl der Stühle stieg auf 120 im Jahre 1786, die Zahl der beschäftigten Personen auf mehr als 2000, für welche Köffiler, an seine Fabrik anschliessend, nach dem Cottagesysteme 44 Arbeiterhäuser, die noch heute die rothe Gasse in Brünn bilden, anlegte. Insbesondere im Auslande erlangte die P'abrik, die ausserordentlich viele Bestellungen selbst aus der Türkei und Russland erhielt, grosses Ansehen. Im Jahre 1781 besuchte Kaiser Josef II. die Fabrik, deren Einrichtungen seine volle Befriedigung erregten. Eine Gedenktafel erinnert noch heute an den grossen »Kenner und Förderer der Fabriken«. Die zweite Tuchfabrik in Brünn gründete Wilhelm Mundy, der als armer Arbeiter in den Siebzigerjahren nach Brünn gekommen war und Dank der Gunst der Verhältnisse sich so rasch emporschwang, dass er schon im Jahre 1789 von Kaiser Josef II. durch Verleihung des Freiherrnstandes ausgezeichnet wurde. Im Jahre 1786 gründeten die Beamten der Ivöffiler’schen Fabrik, Heinrich Hopf und Johann Gottfried Bräunlich, die dritte Fabrik, deren Etablissement den Grundstock des späteren Unternehmens der Firma Gebrüder Schoeller bildete; im selben Jahre errichtete Johann Heinrich Offermann die vierte Fabrik, die noch heute als die einzige aus dieser Gründungszeit der Brünner Tuchfabrication unter der alten Firma in altem Rufe und bewährter Leistungsfähigkeit fortbesteht. Neben den Brünner Fabriken bestand zu jener Zeit nur noch die Waldstein’sche Fabrik in Oberleutensdorf in Böhmen und die v. Dies’sche in Klagenfurt, neben welch letzterer erst 1789 die Fabrik der Brüder Moro in Viktring bei Klagenfurt erstand. In Brünn zehrten die jüngeren Unternehmungen an dem Marke der Ivöffiler’schen Mutterfabrik, die im Jahre 1791 in Concurs gerieth. Josef Christian Biegmann, ein Niederländer aus Montjoie, Heinrich Schmal, die beide aus Köffiler’s Fabrik stammten, Leidenfrost, Matthias Seitter, Anton Ivusina, Paul Turetschek u. A. errichteten sodann in Brünn, dessen Producte dem Bedarfe nicht mehr genügen konnten, grosse Fabriken. Gegen die Neige des Jahrhunderts standen in Brünn gegen 500 Stühle im Betriebe, welche mit Weben und Spinnen gegen 16.000 Personen in Nahrung setzten. In Mähren zählte man 1797: 3018 Tuchmachermeister, 1142 Gesellen, 1767 Gehilfen und Lehrjungen und ungefähr 22.220 Wollspinner und Helfer. Im Jahre 1804 berechnete Johann Andree nach genauen Erhebungen und Aufstellungen die Zahl der Weber und Helfer mit 12.400, die der Spinner mit 76.000, der Vor- und Nacharbeiter mit 20.000. Zu einer Zeit, als in Brünn die fabriksmässige Erzeugung der Schafwollwaaren bereits einen hohen Aufschwung genommen hatte, wurde in Reichenberg die erste Fabrik begründet. Mit dem Decrete vom 6. November 1798 erhielt der Prager Kaufmann Johann Georg Berger, dem Römheld als Com- pagnon zur Seite stand, nach hartem Kampfe mit der Zunft das Privilegium einer Tuchfabrik in Reichenberg, von welcher die glänzende industrielle Entwickelung dieser Tuchmacherstadt ihren Ausgang nahm. 1802 baute der Tuchmachermeister Franz Ulbrich die zweite Tuchfabrik, und im selben Jahre errichtete der Vorsteher der Zunft, Gottfried Möller, eine grosse Appreturanstalt. In Bielitz wurden die ersten Tuchfabriken erst 1811 von Friedrich Grunwald & Comp, und den Gebrüdern Kolbenheyer begründet, die ausserordentlich rasch vorwärts kamen. Der Aufschwung, den das Tuchmachergewerbe in der fabriksmässigen Erzeugung fand, kam auch den zunftmässigen Tuchmachern Iglaus zu Gute. Die ausgezeichnet organisirte, mit grösster Strenge die Beschau- und Preisfeststellungen durchführende Vereinigung der Zunft als Grosshandlungshaus schaffte den Iglauer Tuchen einen besonderen Ruf. Iglauer Tuch, insbesondere die sogenannten, nach niederländischer Art gewebten »Kniestreicher« fanden reissenden Absatz im In- und Auslande. Die Iglauer übernahmen auch, ihren Concurrenten folgend, die technischen Errungenschaften des Wollwalzens und der Satinir- maschine, und erfuhren besondere Begünstigungen durch die von Kaiser Josef II. vollzogene Verschärfung des Prohibitivsystems. 1795 waren 548 Meister an eben so vielen Stühlen thätig. Die Organisation der Iglauer Tuchmacher und Weber als Grossfabrik und Grosshandelshaus bewährte sich so lange, als tüchtige, des Gewerbes und Handels kundige, nicht der Zunft angehörige Personen an der Spitze der Societät standen. Mit der Zeit aber kamen sämmtliche Stellen in den Besitz von Zunftgenossen und damit riss Misstrauen und Zwiespalt ein. Diese Vorkommnisse und die Wirrsale der napoleonischen Zeit, welche der Stadt Iglau eine französische Besatzung und harte Kriegscontributionen brachte, bewirkten für das blühende Handwerk einen raschen Umschwung. Einen neuen Aufschwung brachte der Tuch-Industrie Oesterreichs die von Napoleon im Jahre 1806 angeordnete Continentalsperre. Die immer sehr fühlbar gebliebene Concurrenz Englands wurde vom (Kontinente nahezu vollständig entfernt; dadurch wurde den Industrien des Festlandes die Gelegenheit zur Anknüpfung wichtiger und einträglicher Verbindungen gegeben. So eröffnete sich auch der Tuch-Industrie unserer Hauptgebiete eine lebhafte Nachfrage nach ihren Producten, der sie kaum zu genügen vermochte. Zugleich übte das stetig sinkende Agio die Wirkung eines Schutzzolles, welcher der heimischen Industrie zu Gute kam. Insbesondere hob sich Reichenbergs Tuchmachergewerbe. Zu dieser Zeit siedelten sich Reichenberger Tuchweber, um die Conjunctur vollständig ausnützen zu können, auch in dem nahen Gablonz an, kamen in Bielitz und Teschen die Tuchfabriken zu rascher, allerdings nicht dauernder Blüthe und steigerte sich in Brünn die Zahl der Fabriken auf 21, welche allein 30.000 Spinner beschäftigten. Diese Periode war aber auch dadurch bedeutsam, dass die technischen Vervollkommnungen, welche die Textil-Industrie in England Dank dem Erfindergenie eines Hargreave, Arkwright, James Watt u. a. m. gefunden hatte, langsam ihren Einzug in unseren Industriegebieten hielten und die vollständige Revolu- tionirung des Productionsprocesses einleiteten. Der ganze Arbeitsprocess vom Reinigen der Wolle bis zur Appretur der Waare vollzog sich bis dahin mittelst Handarbeit und unvollkommener Geräthe und nahm ungemessene Zeit und Kraft in Anspruch, ohne dabei auch nur annähernd jene Vollkommenheit zu erreichen, welche der maschinelle Betrieb gewährt. Insbesondere gilt dies von dem Verspinnen der Wolle zum Garne, welches durch die Vermittlung von Factoren Landleuten in einem weiten Umkreise der Industriecentren, die während des Winters Zeit zur Arbeit fanden, überlassen wurde und eine ausserordentlich grosse Zahl von Händen beschäftigte. Dem Altgrafen Hugo Salm-Reifferscheidt dankt Brünn das Bekanntwerden der ersten englischen Spinnmaschinen. Mit grossen persönlichen Opfern und unter nicht geringer Gefahr war es dem Altgrafen Salm, anlässlich einer Reise, die er mit dem Brünner Landschaftsapotheker Petke 1802 nach England unternommen hatte, gelungen, in den Besitz genauer Zeichnungen von Schafwoll-Spinnmaschinen, sowie von Vorbereitungs- und Hilfsmaschinen, nebst genauen Regulativen zu gelangen. Im Herbste 1802 bildete sich in Brünn eine Societät zur Begründung einer Schafwoll-Spinnmaschinen-Bauanstalt, deren Producte zunächst in der Fabrik der Herren Hopf & Bräunlich in Betrieb gelangten und gleich bei ihrer Erprobung vollen Anwerth fanden. Die Lang’sche Fabrik in Teltsch setzte englische Scheer- und Spinnmaschinen in Gang, deren Anwendung auch sonst einen rascheren Fortgang fand, als die Brüder Delhaes aus Eupen und die Niederländer Bonner, Eylardy und Doelen sich in Brünn niederliessen. Die Gründung einer Spinnfabrik durch die Brüder Delhaes 1814 als erste Lohnspinnerei war der Anfang zu einer Specialisirung dieses Industriezweiges, welche für die weitere Entwickelung der Schaf- wollwaaren-Industrie von grosser Bedeutung sein sollte. Die erste Cockerill’sche Spinnmaschine brachte F. A. Boner nach Brünn, der mit Eylardy und Doelen die Befugnis zur fabriksmässigen Herstellung von Maschinen für Tuchfabrication erhielt. Bedeutungsvoll ist auch, dass die rheinischen Tuchscheer-Fabrikanten Karl Philipp Eichholz und Friedrich Offermann, als die ersten, in Adamsthal bei Brünn 1796 die Erzeugung 56 feiner Tuchscheeren, die bisher aus dem Auslande bezogen werden mussten, einführten, und dass Karl Alexander Offermann 1802 eine Tuchscheermaschine erfand, welche der Vervollkommnung der Fabrication wesentliche Dienste leistete. Die Arbeiter Franz Harnisch und Franz Olbrich brachten den Schnellschützen, der für die fortschreitende Entwickelung des Webeprocesses von hoher Bedeutung ist, nach Reichenberg und Brünn; Kratzmaschinen und andere maschinelle Einrichtungen fanden rasche Aufnahme. In Bielitz wurden im Jahre 180g durch Andreas Strzygowski und Johann Hänsler die ersten aus Brünn geholten Kratzmaschinen aufgestellt, die bald darauf auch in Bielitz gebaut wurden. Im Jahre 1810 stellten Traugott Scholz und Wilhelm Jankowski die erste Offermann’sche Scheermaschine auf, die aus Brünn bezogen wurde. Eylardy errichtete im Jahre 1815 eine Lohnspinnerei und der Brünner Leidenfrost im selben Jahre eine solche in Lipnik bei Biala. Auch in Reichenberg waren seit dem Jahre 1810 Spinnmaschinen, welche durch Wasserkraft betrieben wurden, in Aufnahme gekommen. Ueber die blühende Tuch-Industrie sollte aber bald eine jähe Krise hereinbrechen. Die napoleoni- schen Kriege hatten die Volkskräfte und den nationalen Reichthum erschöpft. In Oesterreich kam es zu dem Staatsbankerotte des Jahres 1811, der durch die fortdauernden Kriege nahezu bis zum Jahre 1816 in Permanenz blieb und die ganze Staats- und Volkswirthschaft auf das Tiefste erschütterte. Der Bankerott des Staatsganzen führte zu einem allgemeinen Ruine der Einzelnen. Misstrauen und Entmuthigung traten ein; die der Industrie geliehenen Capitalien wurden zurückgezogen; Arbeitslöhne und Nahrungsmittel stiegen zu enormen Preisen und vertheuerten den Betrieb ausserordentlich. Die Aufhebung der Continentalsperre brachte wieder die englische Concurrenz und schnitt die ertragreichen Handelsverbindungen ab. Das Stocken des Absatzes führte zur Entwerthung der Waarenvorräthe, Russland, das ein ergiebiger Markt für die Tuch-Industrie gewesen war, sperrte sich ab und das Jahr 1817 brachte eine furchtbare Missernte. Alle diese Ereignisse im Zusammenhänge mit einer vollständigen Aenderung der Mode, welche den Geschmack von stückfärbigen zu wollenfärbigen Tüchern wendete, liess über die Tuch-Industrie insbesondere Brünns eine unaufhaltsame Katastrophe hereinbrechen. Die meisten der bestehenden Fabriken Brünns erlagen dieser Katastrophe; nur wenige dieser Firmen — 7 von 23 — überstanden alle diese Schicksalsschläge, wie Johann Heinrich Offermann, Turetschek und einige Andere, welche ihren Betrieb, so hart sie auch mitgenommen waren, aufrecht erhielten und an der neuen, bald zu raschem Fortschritte gelangenden Entwickelung des Gewerbes sich betheiligen konnten. In Reichenberg hatten dieselben Verhältnisse zur Folge, dass die Zahl der selbstständigen Meister von 910 im Jahre 1811 auf 434 im Jahre 1819 zurückgieng, und dass auch die Berger’sche Fabrik im Niedergange war. Aus den Trümmern blühte aber bald wieder neues Leben. Wieder waren es Männer vom Niederrheine, welche der Tuch-Industrie neue Kräfte und neuen Geist einhauchten. In Brünn waren es Friedrich und August Schöll, die schon im Jahre 1816 in Schlappanitz bei Brünn eine Lohnspinnerei gegründet hatten, welche die Tuchfabrication in grossem Style aufnahmen. Neben ihnen war es die Firma Gebrüder Schoeller, deren Stammhaus in Düren a. Rh. Philipp Schoeller nach Brünn entsendete. Dieser übernahm die IFabrik der Firma Hopf & Bräunlich, welche mit den in Düren bewährten vollkommenen Einrichtungen, deren zollfreie Einfuhr ein kaiserliches Privilegium bewilligte, ausgestattet wurde und Dank der Energie und Sachkenntnis Philipp Schoeller’s bald in die erste Reihe trat. In Bielitz hatten dieselben Verhältnisse dieselbe Nothlage herbeigeführt, welcher auch mehrere Firmen zum Opfer fielen. Von 688 Tuchmachern übten im Jahre 1822 nur mehr 289 das Gewerbe aus. In Reichenberg gründete 1821 Franz Florian Siegmund, der in den Fabriken des Niederrheins seine ausgezeichnete Fachkenntnis sich erworben hatte, mit Josef Neuhäuser unter der Firma Siegmund, Neuhäuser & Co. eine ausserordentlich reich und vollkommen ausgestattete Tuchfabrik, welcher Gründung die Errichtung einer Tuchfabrik in Röchlitz durch Wilhelm Siegmund folgte. Die von dem Beginne der Zwanzigerjahre datirende neue Periode der österreichischen Tuch-Industrie wird durch die raschere Aufnahme der technischen Fortschritte, der maschinellen Production und insbesondere auch durch die Einführung der Dampfkraft in den Betrieb gekennzeichnet. Die capitalistische Periode der Tuch-Industrie in Oesterreich wird dadurch vorbereitet, ihrer späteren, den Kleinbetrieb beseitigenden Entwickelung zugeführt. Zunächst erwies sich der Kleinbetrieb, dessen zunftmässige Organisation durch die mit Landesbefugnissen ausgestatteten Fabriken wesentlich erschüttert war, dem Fabriksbetriebe noch gewachsen. In mancher Beziehung wurden zwar die Fortschritte der Technik rascher benützt. Die erste Dampfmaschine hatte in Brünn 1814 der Brünner Tuchfabrikant Wünsch, nach dem System Bolton- Die Gross-Industrie. IV. 57 8 Watt, auf den Stepanauer Eisenwerken Mährens construirt, aufgestellt. Diese Maschine war von geringerem Werthe und wurde weit überholt durch die von Johann Heinrich Offermann 1818 von Topham in London erworbene Dampfmaschine, die jedoch bei der geringen Zahl von Pferdekräften weniger leistungsfähig war. Die Firma Gebrüder Schoeller stellte in ihrem Etablissement eine von Cockerill selbst montirte Niederdruck-Dampfmaschine, die erste in Oesterreich, auf, führte gegen das Ende der Zwanzigerjahre die Gasbeleuchtung ein und erwarb sich ein besonderes Verdienst durch stete Verbesserung der Rauherei. Die neue, durch die technische Entwickelung herbeigeführte und durch Regsamkeit, Fleiss und Tüchtigkeit der Eirmeninhaber gesteigerte Leistungsfähigkeit der Industrie in Brünn brachte ihren Producten neue Beliebtheit und grossen Absatz. Zu den Artikeln des Brünner Platzes hatte sich der von der Firma Seitter eingeführte Satin-Cloth gesellt, welcher insbesondere als Massenconsumartikel nachhaltigen, starken Absatz fand. Dem Bedürfnisse der Fabriken nach Garn konnten die bestehenden Lohnspinnereien kaum mehr genügen. So kam es zur Gründung der ersten auf vollkommen capitalistischer Basis aufgebauten und überaus leistungsfähigen Lohnspinnerei durch Hubert Soxhlet, an dessen Seite die Söhne Felix und Eugen, die späteren Leiter des Unternehmens, wirkten. Zunächst in dem Gebäude der alten Köffiler’schen, später Schmal’schen Fabrik eingerichtet, übersiedelte diese Spinnerei, als dieses immerhin sehr bedeutende Fabriksgebäude auch nach erfolgter Erweiterung nicht mehr genügte, in ihr eigenes Fabriksgebäude, das in einer solchen Vollkommenheit und in dem Umfange angelegt wurde, dass es noch heute, im Besitze der Firma Josef l'euber & Söhne, der Nachfolger seiner Begründer, allen Anforderungen in vollstem Maasse genügt. Im Jahre 1834 wurde eine Dampfmaschine von 12 Pferdekräften und im Jahre 1838 bereits eine zweite von 14 Pferdekräften aufgestellt. Im Jahre 1841 war das Etablissement Soxhlet’s schon das grossartigste Unternehmen seiner Art am Continente; es zählte mehr als 20.000 Spindeln und beschäftigte 830 Arbeiter. Im Jahre 1855 war es mit einer Anzahl von 35.000 Spindeln das grösste und leistungsfähigste Unternehmen der Branche in Europa. Die Brünner Industrie fand gegen das Ende der Zwanzigerjahre einen harten Concurrenten in Reichenberg, dessen Erzeugnisse durch ihre Billigkeit und ihre bessere Appretur starken Anwerth fanden. Die Verbesserungen in der Fabricationsmethode wurden auch hier aufgenommen. Im Jahre 1826 wurde die erste Jacquard-Maschine durch Ignaz Posselt aufgestellt; im maschinellen Betriebe wurde insbesondere der Appretur das lebhafteste Augenmerk geschenkt. Das Wassergefälle der schwarzen Neisse und der ihr zufliessenden Bäche wurden im höchsten Maasse durch Wasserwerke aller Art ausgenützt. An dieser Blütheperiode der Reichenberger Tuch-Industrie hatte das zünftige Tuchmachergewerbe noch den allergrössten Antheil. Landesbefugte Tuchfabriken betrieben die Brüder Demuth, A. Prenkler & Söhne; Erzeuger im grösseren Style waren Wilhelm Siegmund, Gottfried Hartig und A. Thum. Es gab 1820 schon 1017 Tuchmachermeister mit 445 Webstühlen, deren Erzeugung einen Werth von 2,828.600 fl. hatte. Im Jahre 1826 zählte man 1150 Meister mit 585 Webstühlen und einer Erzeugung im Werthe von 3,545.705 A- Die Erzeugung der Tuchfabriken repräsentirte einen Werth von 381.710 fl. Im Jahre 1832 gab es 1175 Tuchmachermeister mit 15.000 Stühlen. In der Spinnerei zählte man 51.000 Spindeln. Der Werth der jährlichen Erzeugung belief sich auf 4,710.000 fl. Die Firma Siegmund, Neuhäuser & Co. setzte Feintücher im Werthe von 560.000 fl. ab, da auch ausser dem Fabriksbetriebe für ihre Rechnung Waare erzeugt und von ihr appretirt wurde. Im Jahre 1841 stieg die Zahl der Tuchmachermeister auf 1300, welche an 1400 Webstühlen 70.000 bis 80.000 Stücke im Werthe von 7,000.000 fl. erzeugten. Sieben Achtel der Erzeugung entfielen dabei auf die Mitglieder der Zunft, welcher allerdings auch Meister angehörten, deren Betrieb eine fabriksmässige Ausdehnung gewonnen hatte. Seit den Zwanzigerjahren hat die Erzeugung der Schafwollzeuge in die Reichenberger Gegend Eingang gefunden. Die Firma Johann Liebieg betrieb diese Production im grossartigsten Maassstabe, so dass die Fabrik bald die grösste der ganzen Monarchie wurde. Im Jahre 1831 beschäftigte sie gegen 3000 Stühle und 7000 bis 8000 Arbeiter. In der Fabrik selbst waren 30 mechanische Webstühle im Betriebe, nebst 200 Handwebstühlen. Ihre Erzeugnisse hatten einen Gesammtwerth von 2 Millionen Gulden. Die nordböhmischen Städte Friedland, Grottau, Gablonz entwickelten sich gleichzeitig zu Stätten einer betriebsamen Tuchfabrication, die auch in den Gegenden um Humpoletz und Polna, Neuhaus, Wildenschwert, Krumau, Neubistritz und anderen Städten allerdings fast ausschliesslich im Kleinbetriebe zur Blüthe kam. 58 Die Oberleutensdorfer Fabrik stand im Betriebe der Firma Römheld & Co.; in Senftenberg wurde im Beginne der Vierzigerjahre durch Vonwiller eine rasch aufblühende Fabriksstätte gegründet. Nebst dem inländischen Markte waren Italien, die Schweiz und die Levante die wichtigsten Abnehmer der böhmischen Woll-Industrie, insbesondere Reichenbergs, das sich trotz aller Schwankungen des Absatzes durch den Unternehmungsgeist seiner Erzeuger und Kaufleute lohnende Verbindungen zu erhalten wusste. Im Jahre 1841 erzeugte die gesammte Schafwoll-Industrie Böhmens, einschliesslich der Wirkwaaren, Waaren im Werthe von 16,820.000 fl. In Brünn hatte, nicht zum mindesten unter der Concurrenz Reichenbergs, die Tuch-Industrie sehr gelitten und empfindliche Krisen zu bestehen, bis ihr in der Mitte der Dreissigerjahre die allgemein auftretende Aenderung der Geschmacksrichtung zur Hilfe kam, welche gemusterter billiger Modewaare überall Eingang schaffte. Dem Begehren nach Modestoffen wusste die Brünner Production sich rasch anzuschmiegen. Den Hauptmarkt für seine Modewaare fand es in Italien und insbesondere in Wien, welches durch die seit dem Jahre 1835 bestehende Dampf-Eisenbahnverbindung — die erste der Monarchie — überaus nahegerückt war. Diese Eisenbahnverbindung, durch die Brünn zu billigen und geschulten Arbeitskräften gelangte, gab ihm einen Vorsprung, den es auch zu behaupten wusste. Insbesondere kam aber der Bestand der grossen Lohnspinnerei Soxhlet, an welche sich die Spinnereien von Josef Keller und Eduard Leidenfrost anschlossen, der Industrie zu statten, da hiedurch die für die Modestoffe-Fabrication unbedingt noth- wendige Voraussetzung des raschen und ausreichenden Bezuges von Garnen gesichert war. Gewiss trug aber jetzt, wie auch noch in der nächsten Periode der Tuch-Industrie, zu ihrer Erstarkung wesentlich bei, dass die systematische Schafzüchtung Oesterreich geradezu zum ersten Productionsgebiete der Schafwolle erhoben hatte. Die Firmen Gebrüder Schoeller, Johann Heinrich Offermann, Bochner, Steinbach, Daberger, Gebrüder Popper, Brüder Strakosch sind es, welche der Modestoff-Fabrication mit vollem Erfolge sich zuwendeten, während die Unternehmung der Firma L. Auspitz, heute L. Auspitz Enkel, ihre Specialität in der Erzeugung hochfeiner schwarzer Waare suchte, fand und unbestritten noch bis in die Gegenwart behauptet. Gegen das Ende der Dreissigerj ahre waren Jacquardstühle eingeführt und zuerst bei Offermann und Schöll aufgestellt worden. Die Zahl der Dampfmaschinen belief sich bereits im Jahre 1841 auf 24 mit 262 Pferdekräften, eine Zahl, der keine Stadt Oesterreichs gleich kam. Die Tuch-Industrie Brünns beschäftigte 18.300 Personen. Neben den Fabriken nahm aber auch die Zahl der Kleinerzeuger ausserordentlich zu, auf welche, mit ihrer Anzahl von 456 Gewerben, noch immer mehr als drei Viertel der Gesammtproduction des Platzes entfiel. Die Wollwaaren-Production Brünns erzeugte im Jahre 1841 Waaren im Gesammtwerthe von 13,289.000 fl. Eine der hervorragendsten Tuchfabriken war die im Jahre 1796 in Namiest durch den Grafen Haugwitz und den Freiherrn v. Puthon begründete Feintuch-Fabrik, deren in einem technisch vollkommen eingerichteten Etablissement hergestellte Producte 1841 einen Werth von 600.000 fl. erreichten. Auch in Iglau hielt sich das Tuchgewerbe in den Vierzigerjahren noch auf bedeutender Höhe. Billige, aber als gut anerkannte Waare wurde in Iglau von 476 Tuchmachern auf 12.000 Stühlen erzeugt. Der Gesammtwerth der Waare belief sich 1841 auf 500.000 fl. Bielitz zählte um diese Zeit 5 Fabriken der Firmen Baum, Bathelt, Kolbenheyer, Panek und Rieselfeld und 210 Meister mit 790 Webstühlen. In Biala gab es 120 Tuchmacher und 2 Fabriken. Besondere Erwähnung verdient hier die in grossartiger Weise mit den vollkommensten Einrichtungen betriebene Fabrik, welche Sternickel & Gülcher 1842 errichteten. Der Werth der in Bielitz und Biala erzeugten Waaren belief sich auf 4 Millionen Gulden. Neben diesen Plätzen waren in den Vierzigerjahren Troppau mit einem Productionswerthe von 700.000 fl., Neutitschein mit einem Productionswerthe von 820.000 fl., Jägerndorf mit einem Productionswerthe von 648.000 fl., Wagstadt mit einem Productionswerthe von 1,000.000 fl. von Bedeutung. In Niederösterreich hatte nur Wden eine grössere Bedeutung für die Erzeugung von Schafwollwaaren, zumeist Modewaaren und gedruckten Ganz- und Halbschafwollzeugen. Der Productionswerth der niederösterreichischen Schaf- wollwaaren-Industrie belief sich auf 7,365.000 fl. Die altberühmte Linzer Aerarial-Wollzeugfabrik hatte seit 1838 die Zeug- und Tuchmanufactur vollständig aufgelassen und sich auf die Teppichfabrication und Schaf- wollzeug-Druckerei beschränkt. In den übrigen Ländern ragte nur die Feintuchfabrik der Brüder von Moro zu Viktring bei Klagenfurt hervor; sonst beschränkte sich die Production auf Erzeugung der ordinärsten Waare des eigenen 8 * 59 Bedarfes. Die gesammte Schafwollwaaren-Erzeugung der dem heutigen Gebiete Cisleithaniens entsprechenden Länder belief sich 1841 auf 57,779.000 fl., wovon rund 44V2 Millionen Gulden auf Tuche und gewalkte Stoffe entfielen. Eine Specialität der Schafwollwaaren-Erzeugung hatte sich Wien in der Erzeugung von Shawl- tüchern gewonnen, in welcher es seit dem Jahre 1825 sich derartig in Kunstfertigkeit, Feinheit des Materials und Geschmack der Ausführung vervollkommnete, dass es mit dem Hauptsitze dieser Industrie, mit Paris, auf dem Weltmärkte zu concurriren und trotz der Zollschranken nach Italien, Deutschland und Nordamerika sich Absatz zu verschaffen wusste. Die Firmen Zeisel & Blümel, Reinhold und Berger waren in erster Linie zu nennen. 208 Schafwollweber erzeugten im Jahre 1841 Waaren im Werthe von ungefähr 3,400.000 fl. Für die derartig lebhaft und erfolgreich schaffende Schafwoll-Industrie Oesterreichs wurde auch durch die Entwickelung eines leistungsfähigen Commissionshandels die entsprechende Absatz-Organisation gefunden. Zunächst war diese Absatz-Organisation auch dem kleinen Betriebe günstig; insbesondere gilt dies von der Erzeugung der Modewaare, bei welcher ein glücklicher Einfall, ein gutes Muster auch dem kleinen Producenten Erfolg brachte. Der rasche Umsatz der Waare erleichterte die Erzeugung, die sich auch in den Fabriken, was die Weberei anbelangt, fast ausschliesslich im Handelsbetriebe vollzog. Immerhin bereitete sich aber der Umschwung vor, welcher fast an allen Industrieplätzen in ungeahnter Raschheit die Vernichtung des kleinmeisterlichen Betriebes zur Folge haben sollte; 1851 gab es in Brünn allerdings nur 25 mechanische Webstühle im Betriebe. Der hohe Eingangszoll, die theuere Fracht und auch die immer noch verhältnismässig hohen Erzeugungskosten der Dampfkraft hielten die Aufnahme des mechanischen Stuhles zurück, den man zu jener Zeit nur für die Erzeugung einfacher Waare rentabel hielt. Mit dem Beginne der Fünfzigerjahre aber eröffnete sich auf capitalistischer Grundlage die Aera der ausschliesslichen Herrschaft des Grossbetriebes in der österreichischen Schafwollwaaren-Industrie. Obwohl die Unruhen des Jahres 1848 gerade in Oesterreich im Innern grosse Störungen des Verkehres erzeugt und in der Bevölkerung manchen Nothstand hervorgerufen hatten, so brachte es gerade der Tuch- Industrie vermöge des hohen Standes des Agios, Gelegenheit zur Anknüpfung von Exportbeziehungen, die später fortwirkten. Die grosse sociale Reform der Bauernbefreiung sollte zwar zunächst noch nicht in einer Hebung dieses wichtigsten aller consumirenden Stände sich äussern, bereitete aber doch auch die Belebung des inneren Verbrauches vor. Die Neuerungen des Jahres 1848 hatten auch der Industrie grössere Bewegungsfreiheit gebracht; im Jahre 1851 wurde mit dem Prohibitivsysteme gebrochen und dadurch lebhaftere Anregung geschaffen. Nach wie vor bildeten die schlechten Geldzustände der Monarchie einen Schutzzoll gegen die ausländische Concurrenz, während anderseits die Lüftung der Zollschranken der Industrie und vor Allem der Tuchwaaren-Fabrication, deren Bedeutung und Leistungsfähigkeit auch das Ausland anerkennen musste, die Möglichkeit der Concurrenz auf dem Weltmärkte eröffnete. Die österreichische, durch den unmittelbaren Bezug feiner und feinster Wolle begünstigte Schafwollwaaren-Production konnte auf dem ausländischen Markte, insbesondere mit ihren feinen Erzeugnissen, concurriren, während sie den zumeist für billige Waare aufnahmsfähigen inneren Markt unbestritten beherrschte. Es ist ein besonderes Verdienst des am 12. Februar 1849 ' n Brünn begründeten Handels-Vereines der Schafwollwaarenerzeugung Brünns und Oesterreichs überhaupt neue Märkte verschafft zu haben. Dem Vertreter des Vereines im Auslande, dem Kaufmann Wilhelm Gebhart in Leipzig, gebührt das Verdienst, erfolgreiche und dauernde Beziehungen, insbesondere zwischen den nord- und südamerikanischen Absatzgebieten und den österreichischen Tuchplätzen angeknüpft zu haben. Die Beschickung der Londoner Weltausstellung des Jahres 1851, bei welcher die Brünner Schaf- wollwaaren-Industrie sich wohl als gediegen und leistungsfähig, aber in mancher Hinsicht als veraltet erwies, lehrte die modernen Arbeitsmaschinen und Arbeitsmethoden kennen und veranlasste ihre Ueber- nahme und Einrichtung in den heimischen Unternehmungen. Die Concurrenz auf dem Weltmärkte, die mit Erfolg betrieben wurde, liess den Unternehmungsgeist alle Kräfte anspannen; musste doch auch der Kampf mit der auswärtigen Concurrenz im Inlande aufgenommen werden. Es galt von nun an nicht mehr allein gute und gediegene, sondern auch geschmackvolle, dem Bedürfnisse der Mode folgende und vor Allem billige Waare herzustellen, es galt die Conjuncturen für die Anschaffung von Rohmaterialien auszunützen und die Conjuncturen des Absatzes genau zu verwerthen. Die Kraftanlagen und die Anschaffung der modernen Werksvorrichtungen erforderten grosse Capitalien. Seit dieser Zeit gewinnt die Tuchfabrication 60 ihren ausschliesslich capitalistischen Charakter. Dem kleinen Meister fehlen die nöthigen Betriebsmittel, um sich in der Anschaffung des Rohmaterials und in der Verwerthung der Waare selbstständig zu erhalten. Seine Arbeitsmethoden und Betriebseinrichtungen entsprechen nicht mehr dem täglich sich erweiternden Fortschritte der Technik der Waarenerzeugung. Dem wechselnden Gange der Conjuncturen nicht gewachsen, ist er gedrängt, seine Waare auch zu einem ungünstigen Zeitpunkte zu veräussern. Er wird das Ausbeutungsobject des Zwischenhändlers und seine wirthschaftliche Selbstständigkeit ist nur mehr eine scheinbare. Begünstigt sind noch diejenigen der Kleinmeister, welche es vorziehen, den Schein zu opfern und in den grossen Fabriken, welche in immer grösserer Zahl entstehen und in denen die Dampfkraft die Maschinen Tag und Nacht in hastiger, schaffender Bewegung erhält, Unterkunft als Meister, wenn nicht als Arbeiter zu suchen. Insbesondere besiegelt ist das Schicksal des selbstständigen Tuchmachers, als die Nothwendigkeit, dem Bedürfnisse des consumirenden Publicums nach billiger Waare zu entsprechen, zur Massenfabrication führte. Die Masse der erzeugten Waare bringt den Ersatz für die Minderung des Gewinnes am einzelnen Stücke. Es tritt die Nöthigung ein, den Betrieb möglichst ökonomisch zu gestalten und eine ins Einzelne gehende ATrbilligung der Productionskosten herbeizuführen. Hiezu erscheint der Weg gegeben in der Concentration des gesammten Productionsprocesses in einem einzelnen Unternehmen. Immer grösser wird die Anzahl der Fabriken, in welche das Rohproduct, die Wolle, hereingebracht wird, um als verkaufsfertige Waare das Haus zu verlassen. Die Nöthigung der genauesten Calculation der Erzeugung und der besten Ausnützung aller Conjuncturen für Ankauf und Verkauf macht den besten Kaufmann auch zum besten Fabrikanten. Es bereitet sich allmälig jene Zeit vor, in welcher der Fabrikant auch den kaufmännischen Absatz seiner Waare zum grössten Theile selbst besorgt und insbesondere durch die Bereisung der Kundschaft durchführt. Endlich tritt durch die erhöhte Aufnahme der Modewaaren- fabrication die Theilung der beiden Saisonen ein, welche den Umsatz beschleunigt. Allen diesen Verhältnissen ist der Kleinbetrieb absolut nicht gewachsen. Mit grausamer Unerbittlichkeit verdrängt ihn die capitalistische Productionsweise vom Platze. Bezeichnend ist das Beispiel Iglaus, welches insbesondere der Concurrenz der Briinner Fabrication erlag. Im Jahre 1856 waren von 754 Tuchmeistern Iglaus nur noch 80 selbstständig, die sich kümmerlich ernährten. Die meisten hatten Unterkunft in den Fabriken gefunden, welche in Altenberg, Beranau und in Helenenthal bei Iglau zu Beginn der Fünfzigerjahre gegründet worden waren. Die einst so hoch angesehene und reiche Zunft war dem Sturme der neuen Zeit nicht gewachsen und schritt, von Schulden belastet, dem Untergange entgegen. Nur in Reichenberg behauptete sich noch immer der kleine Erzeuger, begünstigt durch die Specialität der Waare, welche der Reichenberger Platz vornehmlich producirte, und gefördert durch die Einrichtungen, welche die Tuchmachergenossenschaft der Gesammtheit bot. Die Gewerbefreiheit, welche im Jahre 1859 dem Zunftzwange in Oesterreich ein Ende setzte, war für die Schafwollwaaren-Industrie nur von rein formeller Bedeutung, da bereits der innere wirthschaftliche Process vorgearbeitet und durch die mächtige Entwickelung des Fabricationssystems der unbeschränkten Productionsfreiheit die Wege gebahnt hatte. Im Jahre 1857 war zunächst für fünf Jahre die zollfreie Einfuhr von mechanischen Stühlen gestattet worden, deren Anwendung immer mehr in Aufnahme kam und insbesondere für Brünn und Jägerndorf, wo die Kraftstühle bald zum herrschenden Betriebsmittel wurden, einen Vorsprung in der Entwickelung gegenüber Reichenberg gewährte, das erst gegen den Beginn der Achtzigerjahre die technischen Fortschritte in reicherem Maasse übernahm. Die Vervollkommnung und Verbilligung des Productionsprocesses, welche in der Färberei durch die Errungenschaften der modernen Farbenchemie erreicht wurden, die Vervollkommnung der Reinigung der Wolle durch den Carbonisationsprocess, die Fortschritte auf dem Gebiete der Wollwäscherei und der Appretur und insbesondere auch die ausserordentlichen Fortschritte, welche das Spinnverfahren durch die Erfindung des Selfactors und die wesentliche Verbesserung und Vereinfachung der Krämpelmaschinen und die Weberei durch die zweckmässigere Ausführung der Kraftstühle und die Beschleunigung ihres Ganges gemacht hatte, wurden nach dem Maasse des Kennenlernens und der Gewährung allmälig aufgenommen. Auf den Weltausstellungen in Paris 1855 und London 1862 wurden insbesondere diese technischen Fortschritte in ihrer ausserordentlichen Productivität kennen gelernt. Bei diesen internationalen Wettbewerben vermochte aber die österreichische Tuch-Industrie auch einen raschen Fortschritt zu erweisen. Schon bei der Weltausstellung in Paris 1855 standen die Erzeugnisse Brünns, Reichenbergs und Jägern- 61 dorfs in erster Linie. Die Modewaare aus Brünn, die Tuche Reichenbergs, die gute Mittelwaare von Jägerndorf und Bielitz errangen sich ungetheilte Anerkennung. Noch mehr gilt dies von der Londoner Ausstellung 1862, bei der die österreichische Schafwoll- waaren-Industrie bereits als ein wichtiger Factor des internationalen Exportverkehres aufzutreten vermochte. Eine wichtige und für die Entwickelung vor Allem der Brünner Industrie sehr bedeutungsvolle Neuerung wurde anlässlich der Pariser Weltausstellung 1855 in Erfahrung gebracht: Die ins Einzelne gehende Ver- werthung aller Abfallstoffe der Wollerzeugung. Einzelne unternehmende Männer, unter denen Adolf Löw in Brünn, der Begründer der Firma Adolf Löw & Schmal — jetzt Adolf Löw & Sohn — in erster Linie zu nennen ist, erkannten die ausserordentliche Wichtigkeit des Principes der Verwerthung der Abfallstoffe als der Grundlage der Erzeugung billiger, für den Massenconsum auch der mindest consumfähigen Classen der Bevölkerung geeigneter, dabei aber im Aussehen gefälliger und sonst zweckdienlicher Waare. Der im Jahre 1857 eingeführte hohe Ausfuhrzoll auf Hadern hielt das wichtige Rohmaterial im Lande zurück; die Erzeugung und Verwendung von Kunstwolle kam rasch in Aufnahme. Diese Massenfabrication billiger Waare bewährte sich umso leichter, als es ihr gelang, bei der Bevölkerung andere Bekleidungsstoffe zu verdrängen und selbst in den Consum des weiblichen Theiles der Bevölkerung immer mehr zu gelangen. Insbesondere war dies aber der Fall, als in Folge des amerikanischen Secessionskrieges die Baumwoll- preise ausserordentlich stiegen und einen Rückschlag auf die Baumwoll-Industrie ausübten. Es soll allerdings nicht verkannt werden, dass die Aufnahme dieser Surrogat-Industrie auch geeignet war, den guten Ruf des Brünner Platzes zu schädigen, weil die auf Täuschung berechnete Waare zunächst mit guter Waare concurrirte und erst später durch ihren sehr bedeutenden Preisunterschied das Publicum auf die von vornherein bestehende Unterscheidung aufmerksam machte. Speciell die Aufnahme dieser Massenerzeugung, welche auch durch die mechanische Arbeitsmethode und die grösste Ausnützung der Betriebsanlagen und Betriebseinrichtungen gefördert wurde, gab dem Kleinbetriebe den Todesstoss. Die Verbindungen, welche die österreichische Schafwoll-Industrie, insbesondere Brünn, mit den amerikanischen Staaten angeknüpft hatte, erwiesen sich als besonders bedeutungsvoll, als nach dem Ende der Secessionskriege der amerikanische Markt sich in einer nie geahnten Weise öffnete. Erfolgreiche Verbindungen waren aber auch namentlich mit den Donau-Fürstenthümern angeknüpft worden, wodurch ein Ersatz für den zum grössten T'heile eingetretenen Verlust des italienischen Marktes, den die politischen Ereignisse der Jahre 1859 und 1866 herbeiführten, geboten wurde. Diese intensive Betheiligung der Woll-Industrie am Weltverkehre brachte gleichzeitig mit der nach dem Unglücksjahre 1866 erfolgten, durch die glänzende Ernte des Jahres 1867 und durch die Consoli- dirung der inneren und äusseren Verhältnisse herbeigeführten Erstarkung des inneren Wirthschaftslebens der Woll-Industrie Oesterreichs ihre glänzendste Periode, die allerdings nur den Zeitraum vom Jahre 1867 bis zum Jahre 1870 umfasste. Bezeichnend für den blühenden Stand der Industrie ist es, dass z. B. im Jahre 1867 in Brünn von einem Productionswerthe von nahezu 23 Millionen Gulden mehr als 7 Millionen auf den Export, hievon die Hälfte auf den nordamerikanischen Markt, entfielen. Den Umschwung, welcher zu geradezu kritischen Verhältnissen führen sollte, bereitete der im Jahre 1869 erfolgte Abschluss der Nachtrags-Convention mit England vor, der durch die Meistbegünstigungsverträge nicht nur diesem Staate, sondern vor Allem auch Belgien den österreichischen Markt für Schafwollwaare öffnete. Der österreichische Kaufmannsstand begünstigte die Einfuhr der fremdländischen Fabrikate, da insbesondere die überaus entgegenkommenden Bezugs- und Begleichsconditionen, vor Allem der englischen Commissionäre, ihm entsprachen. Zugute kam dem fremdländischen Importe auch die Absatzorganisation, welche den Fabrikanten von dem directen Verkehre mit der Kundschaft entlastet und überaus capitalskräftige Commissionshäuser einschiebt, welche mit den reichhaltigsten Muster- collectionen jedem Bedarfe zu entsprechen und durch die bequemen Zahlungsbedingungen insbesondere auch der Schneiderkundschaft entgegenzukommen vermochten. Diese Ueberfluthung des heimischen Marktes traf zusammen mit dem wirthschaftlichen Zusammenbruche im Jahre 1873, von dem sich das Wirth- schaftsleben erst nach Jahren erholen konnte. Zahlreiche Unternehmungen verfielen dem Bankerotte und auch die kräftigsten und grössten Firmen wurden in ihrem Bestände schwer erschüttert. Eine vollständige Umwälzung hatte während dieser Periode auch die continentale und mit ihr die österreichische Wollproduction erfahren, deren Folgen auch die Entwickelung der Schafwoll-Industrie sehr wesentlich beeinflussten. Die Regulirung der Weidedienstbarkeiten, die Zunahme der Pachtwirthschaft, die 62 Urbarmachung der Hutweiden und der intensivere Betrieb der Landwirtschaft überhaupt führten zu einer wesentlichen Einschränkung der Schafzucht und dies umsomehr, als die Rentabilität der Wollproduction mit der zunehmenden Concurrenz Süd-Afrikas, Süd-Amerikas und Australiens sank, welche immer grössere Quantitäten auf den europäischen Wollmarkt warfen. Zunächst waren es wohl nur gröbere Wollsorten, welche in Concurrenz traten, später aber auch vermöge des Fortschrittes der Schafzucht und der Veredlung der Behandlung des Rohproductes auch feinere Wollen. Die Wollproduction in Oesterreich-Ungarn betrug im Jahre 1880 nur mehr rund 22 Millionen, um im Jahre 1895 auf rund i 8’2 Millionen Kilogramm zu sinken. Die Qualität der österreichischen Wolle ist allerdings noch auf dem alten Höhepunkte geblieben; sie findet daher noch immer, insbesondere in Frankreich ihren steten und guten Absatz. Die seit einiger Zeit andauernde Erhöhung der Wollpreise lässt allerdings auch erwarten, dass eine Steigerung der Wollproduction wieder eintreten wird. Die durch die überseeische Concurrenz herbeigeführte Verbilligung des Wollpreises begünstigte jedenfalls auch die Entwickelung der Gross-Industrie, welche insbesondere bei der Massenproduction an den niedrigeren Preisen profitirte. Bis zum Jahre 1878 gelang es den stark reducirten Betrieben der Woll-Industrie, die kritischen Zeiten dadurch zu überstehen, dass der geminderten Kaufkraft der Consumenten durch möglichst niedrige Preise entgegengekommen wurde, welche durch die Ausnützung der Wollconjuncturen, durch eine rasche Fortentwickelung der technischen Einrichtungen und durch die immer mehr gesteigerte Aufnahme der Erzeugung von Surrogat-Artikeln ermöglicht wurden. Man begnügte sich mit dem geringsten Verdienst, und suchte den Ersatz in der Quantität der erzeugten Waare. Im Jahre 1878 wurde mit der unheilvollen Handelspolitik der englischen Nachtrags-Convention gebrochen und ein mässiger Schutzzoll der Schafwollwaaren-Industrie eingeräumt. Seit dem Jahre 1875 wurde in Brünn die in Lisieux heimische Erzeugung von gedruckten Halbwollstoffen für die Herrenmode zunächst von drei Etablissements aufgenommen. Damit wurde dem Massenconsum ein neuer Artikel zugeführt, der bald in grossem Maasse Aufnahme fand, bis einerseits die überhand nehmende Concurrenz auch hier Einhalt gebot und anderseits der Geschmack des Publicums von diesem Artikel sich abwendete und den neuen Bahnen folgte, zu welchen der letzte bedeutende Umschwung der Production, die Aufnahme der Mode-Kammgarnwaaren'-Erzeugung führen sollte. Auf der Pariser Weltausstellung im Jahre 1878 waren die Fortschritte, welche die Kammgarnweberei Frankreichs und insbesondere Englands gemacht hatte, ersichtlich zu Tage getreten. In Oesterreich wurde zunächst auf dem Brünner Platze die Kammgarn-Mode eingeführt, die bald führend wurde und die bisher die Specialität Brünns bildende Streichgarn-Modewaare immer mehr verdrängte. Es gelang dem Brünner Platze in der Kammgarnmode-Fabrication durch den Geschmack und die Vollendung der Ausführung bald die Ebenbürtigkeit mit dem ausländischen Wettbewerbe zu erreichen und sich in erster Stelle zu behaupten. Dieser starke Aufschwung der Kammgarnwaaren-Erzeugung hatte auch seine Rückwirkung auf die Entwickelung der Kammgarn-Spinnereien, welche im Allgemeinen Decennien hindurch eine stationäre geblieben war. Die Zunahme der Spindelzahl der Kammgarn-Spinnereien von 77.410 im Jahre 1875 und 94.270 im Jahre 1880 auf 172.000 im Jahre 1885 und 288.318 im Jahre 1891, welcher wohl in den letzten Jahren eine weitere namhafte Vermehrung gefolgt ist, kennzeichnet diese Entwickelung der Kammgarn-Industrie, während anderseits der Niedergang der Streichgarnwaaren-Industrie namentlich in dem Rückgänge der Streichgarn-Spinnereien sich kennzeichnet, welche im Verlaufe des Zeitraumes 1880 bis 1885 eine Verminderung um 799 Pferdekräfte und bezüglich des Productionswerthes um 7-2 Millionen Gulden erlitt. Die starke Aufnahme der Kammgarnmodewaaren-Erzeugung, die wohl zunächst in Brünn erfolgte, aber bald auch in Reichenberg und den gesammten nordböhmischen Productionsgebieten, sowie später auch in Bielitz eine immer mehr steigende Massenaufnahme fand, hatte auch zur Folge, dass der mechanische Webstuhl in der Schafwollwaaren-Industrie immer mehr Boden eroberte und dass der kleinmeisterliche Betrieb, obwohl er sich in Reichenberg noch fähig erhalten hatte, am Mitbewerbe theilzunehmen, immer mehr an Boden verlor. In Reichenberg verdrängte die Ivammgarnmodewaare die Erzeugung der glatten Tücher, deren Production Brünn schon früher nahezu vollständig an Reichenberg überlassen hatte, wie auch die Erzeugung von Officiers- und Egalisirungstuchen von Brünn bis auf verschwindende Ausnahmen an Reichenberg übergegangen war. 63 Die Zahl der mechanischen Webstühle erhöhte sich in der Streichgarn-Industrie von 1907 im Jahre 1875 au f 3620 im Jahre 1880, auf 5972 im Jahre 1885 und 8409 im Jahre 1891. Die Zahl der Handwebstühle ist in dieser Industrie von 22.000 im Jahre 1875 auf 5627 im Jahre 1885 gesunken, um im Jahre 1891 sich wieder auf 12.808 zu heben. In der Kammgarn-Industrie und in der Erzeugung gemischter Stoffe stieg die Zahl der mechanischen Webstühle von 4425 im Jahre 1875 au f 7831, im Jahre 1880, auf 11.164 im Jahre 1885 und 15.300 im Jahre 1891. Die Zahl der Handwebstühle fiel von 13.104 im Jahre 1875 auf 9089 im Jahre 1880, 8293 im Jahre 1885, um 1891 wiederum auf 9951 anzuwachsen. Die Zahl der Tuchmacherwebstühle der Streichgarn-Industrie fiel von 7630 im Jahre 1880 auf 1554 im Jahre 1885 und ist zweifellos seither auf ein Minimum herabgegangen. Das Kleingewerbe und die hausindustrielle Production der Industrie für Kammgarne und gemischte Stoffe wies 1880 nur 3890 Stühle auf, deren Anzahl in der weiteren Zeitentwickelung sich gewiss ausserordentlich vermindert hat. In Brünn gibt es seit Decennien keine Kleinmeister mehr; in Reichenberg ist die Mitgliederzahl der Tuchmachergenossenschaft auf 130 herabgesunken. Die grössere Zahl, mit denen die Handwebstühle in der letzten statistischen Aufnahme bei der Strich- und Kammgarn-Industrie wieder auftreten, hat nichts weniger zu bedeuten, als eine Erhöhung des Wettbewerbes der Handarbeit. In gewissen Branchen, insbesondere in der Erzeugung von Tüchelwaare, welche namentlich der Brünner Platz gegen das finde der Achtzigerjahre aufgenommen und mit einer Massenproduction betrieben hatte, welche der Wiener Tüchelerzeugung und jener der anderen Plätze nahezu das Ende bereitete, wurde zu einer erhöhten Beschäftigung von Handwebstühlen durch Factoreien gegriffen, da diese Waare wenig an Saisonen gebunden ist und die billige Landweberarbeit bei der Minderwerthigkeit des zur Verwendung gelangenden Materiales von Bedeutung ist. Auch hatten in Brünn, insbesondere in den letzten Jahren kleinere Erzeuger die Production überaus billiger Kleiderstoffe aufgenommen, welche gleichfalls der Verwendung der Landweberarbeit grösseren Spielraum schafften. Der Rückgang der Baumwoll- und Leinen-Industrie hat viele Handwebstühle freigemacht, deren Besetzung zum Theile von der Woll-Industrie aufgenommen wurde. Diese Erscheinung ist aber jedenfalls nur eine vorübergehende, da die Unregelmässigkeit des Landwebereibetriebes einerseits, der durch den Wechsel der Mode bedingte Rückgang der Tüchelerzeugung und die Thatsache, dass die Production der billigsten und schlechtesten Kleiderstoffe auf die Dauer keinen namhaften Absatz finden wird anderseits, im Vereine mit der in absehbarer Zeit zu erwartenden Ausdehnung der Arbeiterschutz- und Versicherungs-Gesetzgebung auf die Haus-Industrie deren ausgedehnte Benützung kaum mehr rentabel gestalten wird. Immerhin vollzieht sich die Zunahme der grossen Betriebe, die in der Zeit von 1880 bis 1885 um 60 sich vermehrten, während die Zahl der verwendeten Pferdekräfte um 10.411 zunahm, wobei die Gesammtheit der in der Woll-Industrie verwendeten Arbeiter um 2991 sich verminderte, in offenbarer Weise. Die Ungleichheit der in den verschiedenen Zeiträumen erfolgten statistischen Aufnahmen der Industrie macht die Vergleichung schwierig und unverlässlich. Aus der allgemeinen Richtung, welche die Entwickelung der österreichischen Schafwoll-Industrie nimmt, lässt sich aber folgern, dass die Zeit des Kleinbetriebes unter allen Umständen vorüber ist, und dass auch bereits für die Mittelbetriebe die Zeit gekommen ist, in welcher sie den Concurrenzkampf mit den grossen und grössten Betrieben der Industrie hart empfinden. Ein bedeutsames Anzeichen hat sich hiefür bereits eingestellt. Seit dem Beginne der Neunzigerjahre wendeten sich einige der grössten Schafwollwaaren-Fabriken Nordböhmens, welche vor Allem bisher die Kleide'rstoff-F'abriken betrieben hatten, der Erzeugung von Herren - Kammgarnmodewaaren zu. Begünstigt durch die hohe Capitalskraft der Unternehmer, welche diesen die Durchführung der Fabriksanlagen in grösstem Style, die Einrichtung mit den vollkommensten Betriebsvorrichtungen, die Specialisirung der Erzeugung und eine nicht zu überwindende Concurrenz in den Zahlungsbedingungen ermöglicht, gelangten diese Betriebsstätten bald zu einer Massenerzeugung in bisher in Oesterreich unerhörter Ausdehnung. Der Brünner Platz, dessen Kammgarnmodeartikel in den Neunzigerjahren auch Bielitz mit Erfolg aufgenommen hatte, wurde am schwersten von der Concurrenz Nordböhmens mitgenommen, welche die Artikel in Massenproduction zu hiedurch ermöglichten billigen Preisen, mit denen eine rentable Concurrenz kaum mehr möglich war, auf den Markt brachte. Der Brünner Platz, der sich gegen das Ende der Achtzigerjahre und zum Beginne dieses Decenniums noch relativ günstiger Verhältnisse erfreut hatte, wurde durch diese 64 Concurrenz auf das härteste getroffen. Die billige Kammgarnmodewaare Nordböhmens machte auch den feinen und hochfeinen Artikeln der Brünner Karmgarnerzeugung erfolgreichste Concurrenz, trotzdem die Brünner Industrie hier ihren hohen Ruf unverändert behauptete. Die Betriebsreductionen der Etablissements der Feinmodewaarenbranche waren die Folgen dieser Erscheinung, welche sich umso schärfer geltend machte, da der Export der österreichischen Waaren immer mehr eingeschränkt wurde. Der durch die besondere Berücksichtigung ungarischer Interessen herbeigeführte Zollkrieg mit Rumänien hatte dieses wichtige Absatzgebiet der österreichischen Schafwoll-Industrie nahezu vollständig der Concurrenz Englands und Deutschlands ausgeliefert, die auch nach der Herstellung normaler Verhältnisse nur mehr zum Theile überwunden werden konnte. Die politischen Wirren in den Balkanländern, die schliesslich zu dem griechisch-türkischen Kriege führten, verringerten hier das Terrain des österreichischeu Exportes, welcher durch den Abschluss des bulgarischen Handelsvertrages noch mehr beschränkt wurde, zumal in Bulgarien die Regierungspolitik den Consum heimischer, wenn auch noch so minderwerthiger Wollwaare auf das Nachdrücklichste begünstigt. Auf dem orientalischen Markte fand die österreichische Schafwollwaaren-Industrie die schärfste Concurrenz. Einzig und allein Bielitz hat vermöge der Tüchtigkeit und Energie seiner Unternehmer und der Preiswürdigkeit und Billigkeit seiner Waaren den ersten Platz, den es im Orienthandel in den Siebziger- und Achtzigerjahren erlangt hatte, auch weiterhin trotz aller Mühseligkeiten und Schwierigkeiten behauptet. Doch hat Bielitz Reichenberg, dessen Levantiner Tuche einst einer seiner wichtigsten Pro- ductionsartikel waren, nahezu vollständig auf dem Gebiete des Orientexportes aus dem Felde geschlagen. Der Absatz nach Nordamerika, der in den Sechzigerjahren der österreichischen Woll-Industrie den grössten Aufschwung gegeben hatte, ist von immer geringerer Bedeutung geworden, zumal die nur durch die kurze Zwischenperiode der Wilson-Bill unterbrochene Hochschutzzollpolitik der Mac Ivinley- und Dingley-Tarife den Markt sperrte und dem Erstarken der eigenen, sehr leistungsfähigen Woll-Industrie die Wege bahnte. Immerhin noch von Bedeutung ist der Verkehr mit den südamerikanischen Ländern, während die österreichische Woll-Industrie die neu erschlossenen Absatzgebiete Ostasiens noch in geringerem Maasse kennen gelernt hat. Die Verbindungen mit Italien und Spanien sind seit dem Erstarken der nationalen Industrien dieser Länder von geringem Belange. Es ist selbstverständlich, dass die relativ geringe Bedeutung des Exportes, welche in einer Werthziffer von 18 Millionen Gulden für Wollwaaren gegenüber 138 Millionen Deutschlands zum Ausdrucke kommt, der österreichischen Schafwollwaaren-Industrie die seinerzeitige Bedeutung für den Weltmarkt genommen hat. Im Inlande empfindet sie, -was den Import von concurrirenden Artikeln anlangt, am härtesten den Einfluss Englands, welches namentlich auf dem Gebiete feiner und feinster Modewaare grosse Quantitäten über die Grenze bringt. Gerade diejenige Branche der österreichischen Schafwollwaaren-Industrie, welche für die erfolgreiche Entwickelung dieser Industrie von der grössten Bedeutung gewesen ist, die Erzeugung feiner und hochfeiner Waare, in welcher Oesterreich sich seine Leistungsfähigkeit ungeschmälert bewahrt hat, wird dadurch betroffen. Die Ursache liegt zum grossen Theile in den Conditionen und der Organisation des Absatzes, welche zu geradezu regellosen Verhältnissen im Inlande geführt haben und den Con- currenten, welche diese Schäden und Mängel ausnützen, das Eindringen erleichtern. Die österreichische Schafwollwaaren-Industrie entbehrt eines leistungsfähigen und gesunden Zwischenhandels im Innern, dessen Verschwinden sie allerdings zum grössten Theile selbst auf dem Gewissen hat, und einer geeigneten Absatz- Organisation für den Export. Beim Bezüge von Maschinen, Rohproducten, Halbfabrikaten und Bedarfsartikeln zum grossen Theile auf das Ausland angewiesen, ist ihr der gesicherte Bestand und ihre Concurrenzfähigkeit erschwert durch die schwierigen Productionsbedingungen, wie die Höhe der Steuern, Frachten, Kohlenpreise u. A. tu., die auf ihr ziffermässig nachweisbar mit weit härterem Drucke, als auf den gleichartigen Industrien anderer Länder, lasten. Zu all dem gesellt sich die Thatsache, dass die Consumtions- kraft der Bevölkerung unseres Staates gerade in den letzten Jahren durch den ungünstigen Ausfall der Ernten sehr gemindert ist und dass die landwirthschaftliche Bevölkerung, welche die internationale Ge- treideconcurrenz schwer betroffen hat, darunter auf das härteste leidet. Trotz dieser Ungunst der allgemeinen Wirthschaftslage und der besonderen Productions- und Absatzverhältnisse steht die österreichische Schafwollwaaren-Industrie achtunggebietend da. In ihrer Leistungs- Die Gross-Industrie. IV. g - 65 - fähigkeit allgemein anerkannt im Besitze aller technischen Errungenschaften unserer Zeit ist sie eine der wichtigsten Stützen der wirthschaftlichen Kraft und Bedeutung des Staates. Es ist bedeutungsvoll, dass gerade in dem Jubiläumsjahre des Monarchen, dessen Regierungszeit die wichtigsten Abschnitte der wechselvollen Entwickelung des österreichischen Schafw ollwaaren-Gewerbes als Gross-Industrie umfasst, mit grösserem Nachdrucke, als bisher, das Interesse der Industrie vertreten und die Förderung durch eine umsichtige Industrie- und Handelspolitik des Staates angestrebt wird. Mögen die Erwartungen nicht getäuscht werden und möge die österreichische Schaf- wollwaaren-Industrie, von Aussen gefördert und von Innen gesundet, durch eigene Kraft organisirt, den Weg zu einer neuen Periode erfolgreichen Schaffens offen finden! DIE REICHENBERGER TUCH-INDUSTRIE VON LUDWIG HÜBNER, SECRETÄR DER GENOSSENSCHAFT DER TUCHMACHER IN REICHENBERG. 11 ? jpff f« I» «ijr £ ;%UVj h 9 * ! iBHHB Scrö ~ PP UmHü üBafcaäib.'- mm die reichenberger tuch-industrie. ie Webwaaren-Industrie der Stadt Reichenberg ist wahrscheinlich ebenso alt wie dieses Gemeinwesen selbst. Alle Umstände sprechen dafür, dass Reichenberg, dessen Gründung in die Regierungszeit König Przemysl Ottokar II. verlegt wird, von allem Anbeginne als gewerbliche deutsche Colonie angelegt worden ist. Die Verhältnisse der Lage, des Bodens und Klimas unseres Gebirgsthales waren für ausschliesslich den Ackerbau cultivirende Ansiedler nicht einladend; dagegen erscheint diese Gegend in Folge zahlreicher Flussläufe mit starkem Gefälle zur Niederlassung für gewerbliche Zwecke sehr geeignet. Die Besiedlung erfolgte, wie dies die Mundart noch heute bekundet, aus dem nahen, gewerbereichen Schlesien. Ueber die gewerblichen Verhältnisse unserer Stadt vor dem Hussitenkriege existiren keinerlei verlässliche, historische Nachrichten. Dass die Leinenweberei hierorts stets bestanden, dafür spricht die für den Anbau des Leins so vorzügliche Eignung unserer Gegend. Ob und in welchem Umfange aber die Tuchmacherei vor dem Hussitenkriege hier betrieben wurde, darüber fehlt es an jedem sicheren Anhaltspunkte. In den Gräueln dieses Krieges gieng mit dem Marktflecken oder Städtchen Reichenberg auch jede Spur seiner früheren gewerblichen Geschichte zu Grunde. Im Jahre 1579, zu einer Zeit, als die Tuchmacherei bereits in einer grossen Anzahl von Städten Böhmens betrieben wurde, erfolgte, von der Lausitz aus, die Einwanderung von Tuchmachern nach dem inzwischen aus Schutt und Asche wiedererstandenen, unter einem milden Herrengeschlechte, den Freiherren v. Rädern, bereits zu einiger Blüthe gelangten Reichenberg. Die Tuchmacher bildeten sofort eine zünftige Vereinigung, welche im Jahre 1599 das erste Privilegium erhielt. Zumeist dem Festhalten der Tuchmacher an ihrer Innung ist die Erhaltung und das stete Anwachsen des Tuchmachergewerbes in Reichenberg zu verdanken. In der That hat diese verhältnismässig junge Tuchmacherstadt in Folge dieses Umstandes die Tuch-Industrie beinahe sämmtlicher älteren Tuchmacherstädte Böhmens in sich aufgesaugt und vereinigt. Denn mit Ausnahme von Ivrumau, Pocatek und Neuhaus in Südböhmen, dann Reichenau im Osten des Landes, die zumeist nur Commisstuche erzeugen, erscheint von den zahlreichen ehemaligen Tuchmacherstädten Mittel- und Nordböhmens heute Reichenberg beinahe allein noch vorhanden, da dessen Nachbarstadt Kratzau als ein gewerblicher Vorort Reichenbergs zu betrachten ist, dessen Bestand als Tuchmacherort mit den Verkehrsverhältnissen Reichenbergs untrennbar verflochten erscheint, während in Gablonz, Friedland und Niemes nur einzelne Tuchfabriken bestehen.') ') Als historische Reminiscenz sei erwähnt, dass noch zu Beginn dieses Jahrhunderts in Böhmen die Tuchmacherei betrieben wurde in deutschen Städten: Grulich, Wildenschwert, Böhmisch-Trübau, Wichstadtl, Rokitnitz, Neustadt a. d. Mettau, Braunau, Trautenau, Friedland, 69 Nachdem die Geschichte der Reichenberger Tuchmacherzunft untrennbar verknüpft erscheint mit der Einführung, dem Anwachsen und dem derzeitigen Bestände der Tuch-Industrie in Reichenberg, so möge hier, ehe an die Darstellung der derzeitigen Verhältnisse dieser Industrie gegangen wird, ein kurzer Auszug aus dieser Geschichte seinen Platz finden. Wie oben bereits angedeutet, erfolgte die Einführung der Tuchmacherei in Reichenberg durch daselbst im Jahre 1579 eingewanderte Wollenweber, als deren frühere Wohnstätten Seidenberg und Friedland bezeichnet werden. Sofort nach ihrer Einwanderung gründeten die Tuchmacher eine zünftige Vereinigung, indem sie die Wolle gemeinsam kauften, auf der Gemeindeaue, am Neisseflusse, ein gemeinsames Färbehaus errichteten und ihre Tuche, die nach gepflogener Beschau mit einem eigenen Zechsiegel bezeichnet wurden, in einer von der Grundherrschaft gepachteten Walkmühle walken Hessen. Im Jahre 1592 erhielten die Reichenberger Tuchmacher von der Grundherrschaft bereits zünftige Rechte und ein eigenes Handwerkssiegel; im Jahre 1599 wurde ihnen von Melchior Freiherrn v. Rädern das erste Privilegium ertheilt, beziehungsweise die von den Aeltesten verfassten Zunftartikel confirmirt. Der Wortlaut dieses Privilegiums erbringt den Beweis, dass im Jahre 1599 bereits eine grössere Zahl von Meistern das Tuchmachergewerbe betrieb, dass selbe Gesellen, Lehrlinge und Spinner beschäftigten und Tuche von dreierlei Qualität und verschiedener Farbe erzeugten. Im Jahre 1619 war die Anzahl der hier beschäftigten Tuchmachergesellen bereits so zahlreich, dass denselben von der Zunft eine eigene Knappenordnung ertheilt wurde. Die Bestätigung der zünftigen Privilegien erfolgte später von nahezu jedem der wechselnden Grundherren. Der Flor, in welchen die Tuchmacherei in Reichenberg unter der Herrschaft der Freiherren v. Rädern (1579—1622) gekommen war, erlitt durch den Uebergang der Rädern’schen Besitzthümer an Albrecht v. Waldstein keine Einbusse. Der grosse Heerführer sorgte dafür, dass den Tuchmachern Reichenbergs ein bedeutender Antheil an den Lieferungen für den Heeresbedarf überwiesen wurde, er vergrösserte die Walkmühle und überliess der Zunft unter günstigen Bedingungen 1633 auf der von ihm erbauten Neustadt zwei Eckhäuser, das eine zum Meisterhause, das andere zum Knappenhause. Die Zunft erbaute zugleich im Jahre 1634 (dem Todesjahre Wallenstein’s) ein neues geräumigeres Färbehaus. Erst nach dem Tode Wallenstein’s brachen die Schrecknisse des 30jährigen Krieges mit voller Gewalt über Reichenberg herein, lähmten Handel und Gewerbefleiss und stürzten die Stadt in Noth und Armuth. Was der Krieg noch verschont hatte, das besorgte schliesslich die Gegenreformation; von den 120 Tuchmachermeistern, welche 1649 hier noch existirten, wanderten die besten und tüchtigsten, nahezu die Hälfte der Meister, ins Elend, verliessen Hab und Gut, um an ihrem protestantischen Glauben festzuhalten und fanden in Zittau und den benachbarten Städten der Oberlausitz willige und freundliche Aufnahme. Lange Jahre vergiengen, ehe sich die Tuchmacherzunft von diesen Schlägen erholte. Die Zunft fand wohl Ersatz für die ausgeschiedenen Mitglieder durch die Zuwanderung neuer Meister aus den mährischen und schlesischen Tuchmacherstädten und auch der durch den langen Krieg unterbrochene Consum begann allmählich sich wieder zu heben. Allein nunmehr bedrückte die Grundherrschaft (Grafen Gallas) das neu- aufblühende Gewerbe durch Frohnden und Abgaben in jeder Art und Weise. Die Walkzinse und das Stuhlgeld wurden erhöht, von jedem Stein eingeführter Wolle musste eine Abgabe von drei Kreuzern (der Wollegroschen) in die herrschaftlichen Renten bezahlt werden, während den Tuchmachern für die einheimische Wolle, zu deren Abnahme dieselben gezwungen wurden, ein weit höherer als der Marktpreis berechnet wurde; zu guterletzt musste die Zunft sämmtliche Wolle und die Farbmaterialien aus einer zu diesem Zwecke errichteten herrschaftlichen Niederlage zu einem der Herrschaft beliebigen Preise entnehmen. Im Jahre 1700 erlangte die Zunft das Recht des freien Wolleeinkaufs, das von Kaisern und Königen den Tuchmachern verbrieft worden war, dadurch wieder, dass sie sich verpflichtete, der Herrschaft alljährlich ein Pauschalquantum von 500 fl. zu bezahlen. Nach dem Frieden von Rastatt, durch welchen Oesterreich ausser den Niederlanden Neapel, Sardinien, Mailand und die Schutzstaaten zugewiesen erhielt, gewann der Handel neue Absatzgebiete. Zudem sorgte Liebenau, Böhmisch-Aicha, Gabel, Niemes, Leipa, Hühnerwasser, Auscha, Aussig, Türmitz, Teplitz, Komotau, Neudeck, Kaaden, Brüx, Eger, Asch, Winterberg, Prachatitz, Mies,- Budweis, Krumau, Wittingau, Neuhaus, Pocatek, Humpoletz, ferner in den tschechischen Städten: Hohen- mauth, Skalitz, Leitomischl, Reichenau, Eisenbrod, Lomnitz, Sobotka, Münchengrätz, Weisswasser, Schlan, Wodnian, Klattau, Pilsen, Rokitzan. Deutschbrod, Kuttenberg, Chrudim und Tabor. 70 die Regierung Kaiser Karls VI. mit Feuereifer für den Aufschwung der nationalen Industrie. Als im Jahre 1716 der Kaiser vom Mercantilcollegium in Prag Aufschluss darüber verlangte, ob im Lande und an welchen Orten feine Tuche verfertigt werden, erklärte auf die betreffende Umfrage die Reichenberger Tuchmacherzunft, dass sie sich getraue, alljährlich 12.000 Stück oder mehr feine Tuche zu erzeugen und erwies sich hiedurch als die leistungsfähigste aller damals bestehenden 58 Tuchmacherstädte Böhmens, indem die übrigen zusammen nur eine Erzeugung von 18.000 Stück Tuchen zusicherten. Im Jahre 1732 reichten die bestehenden zwei Walkmühlen in Reichenberg für die Tucherzeugung nicht mehr aus, weshalb die Grundherrschaft über Andringen der Zunft eine neue, leistungsfähige Walkmühle in Rosenthal I. Theil errichtete. Im Jahre 1743 betrieben in Reichenberg 329 Tuchmacher und 37 Tuchscheerer ihr Gewerbe. Im Jahre 1765 wird der bis dahin beschränkte Umfang des Betriebes den Tuchmachern freigestellt. Im Jahre 1771 erklärt sich die Zunft bereit, jährlich 16.000 Stück Tuche zu liefern. Die Regierung begünstigte die heimische Erzeugung durch Aussetzung von Prämien für feine Tuche, durch die Verleihung von Geschenken an ausländische, des Kniestreichens kundige Gesellen und durch Ausfuhrprämien, sowie durch die Gestattung der freien Niederlassung der Fabrikanten in der Stadt oder auf dem Lande. Die goldene Zeit des gewerblichen Betriebes brach an mit dem von Kaiser Joseph II. erlassenen Einfuhrverbote für ausländische Waaren, welche genugsam in den kaiserlich-königlichen Erbländern erzeugt werden, worunter auch die Tuche inbegriffen waren. Schon im Jahre 1786 war die Erzeugung der Tuche so namhaft gestiegen, dass eine neue Walke in Althabendorf erbaut werden musste. Im Jahre 1790 wurden von 710 selbstständigen Meistern 24.000 Stück Tuche erzeugt. Die Zunft betheiligte sich 1791 bei der aus Anlass der Krönung Kaiser Leopold II. in Prag veranstalteten Ausstellung mit Reichenberger Tuchen, von denen die extrafeinen mit 5 fl. 30 kr. A. Cour, pro Elle bewerthet erschienen. Im Jahre 1793 stellten hierorts 300 Tuchmachergesellen die Arbeit ein, weil Einem von ihnen die »Kundschaft« (das Arbeitszeugnis) verweigert worden war. Die Zunft beeilte sich, die streikenden Gehilfen zufrieden zu stellen. Im Jahre 1796 beschäftigten 700 selbstständige Tucherzeuger ausser den Lehrlingen 700 Gesellen und 12.000 Spinner; die jährliche Erzeugung an Tuchen und Halbtuchen belief sich auf 35.734 Stück. Kaufleute aus aller Herren Länder trafen hier ein, um ihren Bedarf an Tuchen zu decken. Aus den Reihen der Tuchmacher waren ausserdem unternehmende Kaufherren hervorgegangen, welche die eigenen Erzeugnisse und die ihrer Mitmeister nach Wien, Linz, Prag, Mailand, Augsburg und Leipzig zum Verkaufe brachten, während die kleinen Meister auf den Märkten in Pilsen bedeutenden Absatz ihrer Waaren nach Südböhmen, Bayern und in die Alpenländer fanden. Für das Krumpen der Tuche wurde eine vierte herrschaftliche Walke in Schwarau errichtet. Bis dahin war die Tuchmacherei in Reichenberg nur von Mitgliedern der Tuchmacherzunft betrieben worden und hatte bei einigen derselben der Betrieb bereits einen fabriksmässigen Umfang erreicht. Auch das Färben und Walken der Tuche war einzig und allein in den der Zunft gehörigen oder von ihr gepachteten Betriebsstätten gegen bestimmte Abgaben besorgt worden. Dieses Monopol wurde nach langwierigen Processen durch die der Zunft nicht beigetretene Firma Johann Berger & Co. aus Prag gebrochen, welche hier im Jahre 1796 eine eigene Tuchfabrik errichtete, während zu gleicher Zeit der bisher in der Zunft-Schönfarbe beschäftigte Färber Karl Bonté unter Beihilfe Berger’s eine Privat-Schönfarbe eröffnete. Die Tuchmacherzunft hatte durch weise gewerbliche Maassnahmen nicht allein den Gewerbebetrieb ihrer Mitglieder erleichtert, sondern auch selbst grosse Einkünfte erzielt, so dass sie sich in der Lage sah, im Jahre 1800 ein Wasserwerk in Habendorf anzukaufen und dasselbe zu einer fünften Walkmühle einzurichten, ferner im Jahre 1802 zum Ankäufe der bisher im Pachte gehabten vier herrschaftlichen Walkmühlen an der Neisse zu schreiten. Damit war der feste Grund zu dem Wohlstände der Reichenberger Tuchmacherzunft gelegt, der sich im Laufe der nächsten Jahrzehnte noch weiter vermehren sollte. Im Jahre 1804 kamen hier die ersten Spinn- und Scheermaschinen, sowie die ersten Wollekrempeln in Gebrauch; 1806 erfolgte durch die Firma Johann Berger & Co. die Aufstellung des ersten Dampfkessels. Im Jahre 1805 kam hier der Schnellschützen in Gebrauch. In den Jahren 1808 und 1810 entstand in dem benachbarten Gablonz zumeist durch Gesellen, welche hier mit ihrem Ansuchen um Gemeindezuständigkeit abgewiesen wurden, die Gablonzer Tuchmacherzunft, welche im Jahre 1826 bereits 112 Meister zählte. Das Finanzpatent von 1811 brachte den Reichenberger Tuchmachern grosse Verluste. 7t Im Jahre 1820 baute die Tuchmacherzunft an Stelle des baufällig gewordenen Knappenhauses ein Theater, in welchem bis zum Jahre 1879 Theatervorstellungen abgehalten wurden. Im Jahre 1827 baute die Zunft auf ihre Kosten eine sechste Walke in Reichenberg und brachte daselbst die ersten Waschmaschinen zur Aufstellung. Im Jahre 1836 betheiligte sich die Zunft mit den Erzeugnissen ihrer Mitglieder an der aus Anlass der Krönung Kaiser Ferdinand I. zum Könige von Böhmen in Prag veranstalteten Ausstellung. Im selben Jahre stellte die Zunft mit einem Kostenaufwande von 9000 fl. C.-M. bei einer ihrer Walken ein Dampfwerk auf, das die an dessen Betrieb geknüpften Erwartungen nicht erfüllte, weshalb es bereits zwei Jahre später um den halben Anschaffungspreis wieder veräussert wurde. Hiebei sei bemerkt, dass das erste Dampfwerk in Reichenberg im Jahre 1835 gesetzt wurde, sowie dass die ersten Dampfmaschinen und Kessel aus Belgien bezogen wurden. Zur selben Zeit waren in Reichenberg für die Tucherzeuger 120 Tuchscheermeister mit 150 Gehilfen und 40 Tuchbereiter mit 50 Gehilfen thätig; dieselben beschäftigten 180 Scheermaschinen der älteren Construction und 150 Handscheertische, sie benöthigten ferner 130 Rauhwannen und eine grosse Anzahl Handpressen. Die Appretur der Tuche erfuhr sodann eine bedeutende Vervollkommnung durch die Einführung der Cylinder-Scheermaschine im Jahre 1837; ferner durch die in den nächstfolgenden Jahren erfolgte Einführung der Rauhmaschinen, sowie der Schnellwalken und später der Walzenwalkmaschinen (1840—1848). In den Jahren 1843 bis 1844 baute die Zunft eine siebente Walke an der Neisse im Ortstheile Kronau der Gemeinde Weisskirchen. Die zünftige Schönfarbe hatte sechs Küpen und sieben Kessel; in weiteren 12 Privatfärbereien waren 26 Küpen im Gebrauche; die Kesselfarben wurden von den Tucherzeugern zumeist in eigenen Kesseln hergestellt. Die Handspinnerei hatte schon 1830 zur Gänze aufgehört; durch Wasser- und Rosswerke betriebene Schrobel- und Spinnmaschinen sorgten hinreichend für die erforderlichen Garne. Das Jahr 1850 bildete einen Wendepunkt in der Geschichte der Reichenberger Tuchmacherzunft. Das zünftige System war bereits längst durchbrochen worden durch die Errichtung grosser Tuchfabriken in der Stadt und Umgebung. Das von dem Tuch- und Leinwandhändler Johann Georg Berger zu Ende des 18. Jahrhunderts mit der Errichtung einer Tuchfabrik gegebene Beispiel hatte in den Kreisen der Reichenberger Tuchmacher anspornend gewirkt und bald entstanden daselbst mehrere, mehr oder minder vollständige Tuchfabriken. Der Tucherzeuger und Tuchgrosshändler Gottfried Möller war einer der Ersten, welcher zum fabriksmässigen Betriebe übergieng; ihm folgte sein Schwiegersohn Franz Ulbrich, welcher im Jahre 1806 in dem nahen Katharinberger Thale an der Schwarzen Neisse die erste Fabrik erbaute, welche später an die Tuchfabriksfirma Anton Trenkler & Söhne übergieng und nunmehr im Besitze der Strick-, Modetuch- und Wirkwaarenfabriksfirma A. Gübitz & Sohn ist. Die weitere Besiedlung des Katharinberger Thaies, das sich später zu einem der wichtigsten industriellen Vororte Reichenbergs ausgestaltete, gieng, zumeist in Folge der ungünstigen Geschäftsverhältnisse, welche von 1811 bis 1825 durch das Finanzpatent, Kriegsläufe, Missernten und Krankheiten herbeigeführt wurden, nur langsam vor sich. Im Jahre 1825 baute Ferdinand Seidel dortselbst eine Spinnfabrik, welche 1843 an den Tuchfabrikanten lg. Salomon, später an Joseph Salomon übergieng und jetzt im Besitze der Feintuchfabriksfirma Franz A. Posselt ist. Anton Thum baute in den Jahren 1834 und 1845 im Katharinberger Thale zwei Fabriken, von denen nach manchem Besitzwechsel die erstere derzeit im Besitze der Tuchfabriksfirma Jos; J. Salomon, die letztere im Besitze der Spinnfabriksfirma Joseph Jäger ist. Wir wollen die Errichtung der einzelnen Fabriken in diesem Thale nicht weiter verfolgen und zum Schlüsse dieser Ausführungen nur bemerken, dass bis um die Mitte dieses Jahrhunderts daselbst und beziehungsweise an dem Laufe der Schwarzen Neisse 24 grosse Fabriken errichtet wurden, welche sämmtlich als Spinnereien und Appreturanstalten im Dienste, beziehungsweise Besitze der Reichenberger Tuchfabrikanten standen. Seit etwa zehn Jahren hat sich dies gewaltig geändert. Die Vorherrschaft der Kammgarne zur Erzeugung von Bekleidungsstoffen hat die ehemals blühende Lohnspinnerei in Streichgarnen beinahe ganz ruinirt und ein grosser Theil der Katharinberger Fabriken sieht sich heute genöthigt, Strickgarne und Teppichgarne für Wirkwaaren-, Teppich- und Deckenfabriken zu erzeugen. Es bestehen derzeit noch im Thale der Schwarzen Neisse von oben nach abwärts folgende Tuchfabriken: Anton Ullrich’s Söhne, Jos. J. Salomon, Franz A. Posselt, Ant. J. Kiesewetter (frühere Bergmühle), Brüder Siegmund (ehemalige Bleichmühle) und Jos. Zimmermann (ehemalige Bleiche, dann Walke von Johann Georg Berger). - 72 — Auch in anderen Theilen der Umgebung Reichenbergs waren in derselben Zeit durch Reichenberger Tuchmacher grössere Fabriksbetriebe etablirt worden. Die Firma Siegmund Neuhäuser & Co., welche im Jahre 1821 eine Fabrik an der Stadtgrenze erbaut hatte, legte bereits im Jahre 1826 in Machendorf unterhalb der Burgruine Hammerstein den Grund zu dem grossartigen Fabrikscomplexe, der sich jetzt im Besitze der Baumwoll-Fabriksfirma Adolf Schwab befindet. Der Tucherzeuger Wilhelm Siegmund erbaute im Jahre 1825 in Rosenthal-Röchlitz eine Fabrik, welche er, nachdem er in den Jahren 1831 —1833 in Friedland eine weit grössere Fabrik eingerichtet hatte, an den Baumwollspinner Franz Herrmann verkaufte, von. dem selbe an die Wollwaaren-Fabriksfirma M. Zweig übergieng, während die Friedländer Fabrik sich bis heute im Besitze der landesbefugten Schafwollwaaren-Fabrik Wilh. Siegmuncl befindet. Im Jahre 1823 errichtete Gottfried Hartig in Proschwitz eine Tuchfabrik, im selben Jahre Ferdinand Elger in Reichenberg, Nr. 229/3, eine Streichgarnspinnerei. Beide Fabriksbetriebe giengen, der erstere 1834, der letztere 1846, an die Tuchfabriksfirma Franz Schmidt & Söhne in Reichenberg über, um bis heute in deren Besitze zu verbleiben. In den Jahren 1833—1848 erstand J. Philipp Schmidt die von Josef Trenkler in Proschwitz erbaute Schafwollspinnerei, welche nach vielen Zu- und Umbauten zu der heute noch im Besitze der Firma J. Phil. Schmidt & Söhne befindlichen Tuchfabrik heranwuchs. Im Jahre 1835 erkaufte Anton Deinuth die Mühle Nr. 60 in Röchlitz, 1855 die Fabrik Nr. 51 daselbst. Beide Fabriksrealitäten, welche ebenfalls seither vielfache Erweiterungen erfuhren, gehören noch derzeit der Reichenberger Tuchfabriksfirma Anton Demuth & Söhne. Im Jahre 1832 erbauten Josef Demuth & Sohn am Neisseflusse in Schwarau ein Wasserwerk, aus dem im Laufe der Zeit die derzeitige Tuchfabrik der Firma Ant. Jos. Demuth entstand. In den Jahren 1835—1844 entstanden hierorts die Krempelbelegfabriken von A. Herkner’s Söhne und Franz Blumenstock, welche noch heute im Besitze dieser Firmen sind. Maschinenfabriken zur Herstellung von Werkzeugen, Maschinen und Triebwerken für die Textil-Industrie hatten in Reichenberg und Harzdorf 1830 die Engländer Eduard Thomas und Bracegirdle errichtet. Von noch grösserer Bedeutung als all die genannten Fabriksgründungen wurde für die Folge für die Reichenberger Industrie die Errichtung der Fabriken im Josephinenthale zu Reichenberg. Hierselbst hatte im Jahre 1806 der industriefreundliche Herrschaftsbesitzer Graf Christian Christoph Clam-Gallas am Harzdorfer Bache eine Rothgarnfärberei errichtet, welche 1808 an die Firma Ballabene & Co. in Prag, im Jahre 1828 aber an Johann Liebieg übergieng, welcher diese Anlage im Laufe weniger Jahrzehnte zu einer der grössten industriellen Unternehmungen der Monarchie ausgestaltete. Die Reichenberger Fabriken der Firma Johann Liebieg & Co. bilden derzeit eine förmliche Industriestadt, in welcher die Kammgarn- und Streichgarnspinnerei, die mechanische Schafwollwaaren-Weberei, Färberei, Druckerei und Appretur im grössten Maassstabe betrieben wird. Nahezu zu ähnlichem Umfange und aus denselben kleinen Anfängen, wie die Johann Liebieg’sehe Fabrik, gediehen im Laufe der Jahrzehnte die Schafwollwaaren-Fabriken von Franz Liebieg in Dörfel, F. Schmitt in Böhmisch-Aicha (beide errichtet 1843), E. Heintschel & Co. in Heinersdorf (1852), lg. Ivlinger in Neu- stadtl, Fritsch & Co. in Haindorf und die Teppich- und Deckenfabrik J. Ginzkey in Maffersdorf (1853). Während zahlreiche Tuchmacherstädte Böhmens ihren Charakter als solche allmählich einbüssten, war Reichenberg zu einem Industriecentrum ersten Ranges herangeblüht, das erfolgreich mit Brünn wetteiferte und dasselbe in manchen Beziehungen übertraf. Wollte die Tuchmacherzunft ihren führenden Rang behaupten, so musste sie ihre bisherigen zünftigen Einrichtungen bei Seite setzen und eine, den geänderten Zeit- und Industrieverhältnissen angemessene Neuorganisation durchführen. Dies geschah rechtzeitig und noch lange vor dem Erlass einer neuen Gewerbeordnung bereits im Jahre 1850 durch die Aufstellung neuer freisinniger Satzungen, sowie durch die theilweise Umwandlung der Walkmühlen in Appretur- und Spinnereifabriken, durch die Errichtung einer Webereischule (1852) und einer Tuchhalle zum Zwecke der Waarenbelehnung und des Verkaufes (1858), durch Errichtung einer Versorgungsanstalt für arme, alte Meister und deren Witwen, durch die Unterstützung bedürftiger Mitglieder, Witwen und Waisen, durch die Errichtung von Krankencassen für die Meister und Gehilfen. Der grosse Ertrag des nahezu unbelasteten Realvermögens der seit ihren neuen Satzungen unter dem Titel »Reichenberger Tuchmachergenossenschaft« bestehenden Innung bot reichliche Mittel zur Gründung, Erhaltung und Förderung dieser segensreichen Einrichtungen. Von weitgehendstem Einflüsse auf den Umfang der Erzeugung und den Absatz der Erzeugnisse waren in den Fünfzigerjahren die Maassnahmen der Regierung in Bezug auf die Zoll- und Handelspolitik. Die Gross-Industrie. IV. 73 10 Durch die Einführung des Tarifs vom 6. November 1851 wurde das bisherige Prohibitivsystem aufgegeben und an dessen Stelle ein massiges Schutzzollsystem gesetzt. Die im österreichisch-preussischen Zoll- und Handelsverträge vom 19. Februar 1853 enthaltene Einführung des Differentialzolles sollte die Wege zu einem gegenseitigen Güteraustausch zwischen den vertragschliessenden Staaten ebnen. Der Einfuhrzoll für ausländische Tuchwaaren war in diesem Vertrage immer noch hoch genug gehalten, um den Wettbewerb der Ausländer in angemessenen Schranken zu halten. Diese Schranken wurden aber später durch den Handelsvertrag mit Deutschland im Jahre 1868 und besonders durch die berüchtigte Nachtragsconvention zum englischen Handelsverträge (Ende 1869) niedergerissen. Der österreichisch-ungarische Markt wurde mit fremden Wollwaaren überschwemmt und hiedurch eine langdauernde Geschäftskrise herbeigeführt, die bereits im Jahre 1872 begann und bis 1878 nahezu ungeschwächt anhielt. Die Vertretung der industriellen Interessen der Regierung gegenüber war inzwischen an die neuerrichteten Handels- und Gewerbekammern übergegangen, von denen die für den Osten Nordböhmens seit ihrer Creirung (1850) ihren Sitz in Reichenberg hat. Einflussreich für die Reichenberger Industrie war ferner die Errichtung von Creditinstituten, an denen es unserer Stadt bisher gänzlich mangelte. Während früher die Reichenberger Tuchmacher genöthigt waren, ihre Wechsel- und Werthpapiere bei Prager und Zittauer Banken und einigen Winkel-Escompteuren gegen hohen Zinsenabzug in Geld umzusetzen, wurden selbe nunmehr durch die Errichtung der Reichenberger Sparcasse (1854), die in der ersten Zeit ihres Bestandes den Escompte zu einer ihrer Hauptaufgaben machte, sowie durch die Errichtung einer Filiale der Nationalbank (1856) in die Lage versetzt, am Orte selbst und zu billigem Zinsfusse sich Geld zu verschaffen. Endlich, 20 Jahre später als Brünn, erlangte Reichenberg durch den Bau der Südnorddeutschen Verbindungsbahn (eröffnet am i.Mai 1859) und der Zittau-Reichenberger Bahn (25. October 1859) eine Eisenbahnverbindung mit Wien und Deutschland, musste aber noch längere Zeit zuwarten, ehe es vermittelst der Turnau-Kraluper Bahn in eine bessere Verbindung mit der Landeshauptstadt kam (1865), während die Bahnverbindung mit Görlitz und Berlin erst 1871 durch die Fortsetzung der Südnorddeutschen Verbindungsbahn bis Seidenberg perfect wurde; eine directe Verbindung des Reichenberger Industriebezirkes mit dem nordwestböhmischen Kohlengebiete und der Elbe dürfte erst 1899 zu Stande kommen, die Fortsetzung der Gebirgsbahn Reichenberg—Gablonz—Tannwald bis in das oberschlesische Steinkohlengebiet aber steht trotz der eifrigsten Bestrebungen immer noch in weiter Ferne. Die Tuch-Industrie Reichenbergs erfreute sich in den Jahren 1867—1871 eines grossen Aufschwunges; der durch die Vertheuerung des Rohproductes durch den Unionskrieg, die nachfolgende bedrohliche politische Weltlage und den Krieg des Jahres 1866 niedergehaltene Consum machte sich besonders in Folge der ausgezeichneten Ernteergebnisse der Jahre 1867 und 1868 in ungewöhnlich hohem Grade geltend und noch einmal hatte es den Anschein, als sollten die alten, glücklichen Zeiten für das Kleingewerbe in der Tuchmacherei zurückkehren. Im Jahre 1870 wurde die Tucherzeugung in der Stadt und der nächsten Umgebung von 400 selbstständigen Unternehmern auf etwa 3000 Hand- und 500 mechanischen Webstühlen betrieben; an 200.000 Stück Tuche und tuchartige Stoffe wurden im Stadt-, 100.000 Stück, im Landbezirke Reichenberg erzeugt. Der Werth der Jahresproduction wurde auf 30 Millionen Gulden geschätzt. Dieser Periode der grössten Regsamkeit und Blüthe folgte eine langandauernde Periode des Stillstandes und allmählichen Niederganges. Wir haben bereits als eine der Grundursachen der von 1872 bis 1878 währenden Stagnation den durch die Nachtragsconvention zum englischen Handelsverträge inaugurirten Freihandel bezeichnet. Verschärft wurde die kritische Situation der österreichischen Industrie durch die in Folge schwindelhafter Speculationen im Mai 1873 eingetretene grosse Börsenkrise und die Missernte im selben Jahre. Die seit 1871 sprunghaft sich steigernde Einfuhr fremder und besonders englischer Wollwaaren wirkte auf die österreichische Tucherzeugung nicht allein durch die Massenhaftigkeit des Imports, sondern vorzüglich durch den Umstand, dass die importirten Waaren bei ziemlich gutem Aussehen von ungemeiner Billigkeit waren. Trotzdem es sich binnen Kurzem herausstellte, dass diese Waaren ebenso schlecht als billig seien, weil zu deren Fabrication nicht reine Wolle, sondern zumeist Kunstwolle und Baumwollabfälle verwendet worden waren, wurden durch diese Schwindelconcurrenz in erster Reihe die Preise der inländischen Tuchwaaren auf einen Tiefpunkt herabgedrückt, der jeden Gewinn illusorisch machte und zu zahlreichen 74 Fallimenten und Geschäftseinstellungen führte. Später, und dies muss als eine der schlimmsten Folgen der Invasion englischer Schundwaaren bezeichnet werden, sahen sich die österreichischen Wollwaarenerzeuger und auch viele Reichenberger Tucherzeuger genöthigt, selbst zur Erzeugung derartiger Schundwaaren überzugehen. Die Findigkeit unserer Unternehmer bewährte sich auch in diesem Falle. Bald waren Spinnereien, Webereien und Appreturen auf die neuartige Fabrication eingerichtet. Die Geringfügigkeit des Gewinnes am einzelnen Stücke dieser billigen Waaren drängte zur Massenerzeugung derselben, welche dadurch erleichtert und begünstigt wurde, dass in der Stadt und Umgebung zahlreiche geschulte Arbeitskräfte als Lohnweber zur Verfügung standen. Wohl giengen bei dieser Jagd nach dem Glücke zahlreiche Betriebe zu Grunde, deren Unternehmer ihre Kraft und ihr Können überschätzt hatten, dafür brachten es Andere in derselben kritischen Zeit zu grossem Vermögen und stehen zum Theile heute noch in der Reihe der Tuch-Gross-Industriellen mit an erster Stelle. Der Ruf der Solidität unseres Platzes aber erlitt durch diese Art der Erzeugung eine Einbusse, von der er sich lange nicht zu erholen vermochte. Es verdient hier hervorgehoben zu werden, dass durch das Zusammenwirken aller durch die seitherige Zoll- und Handelspolitik geschädigten Industriellen eine Aenderung im handelspolitischen Systeme herbeigeführt und mit dem am i. Januar 187g erfolgten Inslebentreten eines autonomen Zolltarifes auch den österreichischen Wollwaaren-Industriellen wieder eine günstigere Stellung für die Behauptung des heimischen Marktes geschaffen wurde. Dagegen sind die Absatzwege der österreichischen Tuch-Industrie ins Ausland immer unzugänglicher geworden. In noch höherem Grade, wie bei uns, waren andere Staaten bemüht, die heimische Arbeit durch hohe Einfuhrzölle zu schützen, und haben dies in nahezu prohibitionistischer Weise die Vereinigten Staaten von Nordamerika, einst ein wichtiges Absatzgebiet für Reichenberger Tuche, gethan. Durch den Zollkrieg mit Rumänien erlitt besonders der Absatz von billigen Confectionsstoffen nach diesem Lande eine enorme Einbusse. Das einst so blühende Exportgeschäft unseres Platzes nach der Levante wurde uns durch deutsche und englische Firmen nahezu zur Gänze entrissen. Andere ausländische und überseeische Absatzgebiete (Ostasien und Südamerika) zu gewinnen, fehlt es uns an einem unternehmenden Handelsstande und an einer ausreichenden consularischen Vertretung. Nahezu allein auf den Absatz unserer Waaren im Inlande beschränkt, äussert jedes grössere Elementarereignis, jede schlechte Ernte, jeder Preisrückgang der Cerealien bei günstigen Ernten, den schädlichsten Einfluss auf die heimische Fabrication, beziehungsweise den Verkauf der Erzeugnisse. Derlei Ursachen mögen wohl auch zum grossen Theile mit Schuld daran tragen, dass die Aenderung der Zollpolitik nicht so schnell, als dies erhofft worden war, Erfolge zeitigte. Die erste Hälfte der Achtzigerjahre hindurch blieb der Geschäftsgang schwankend, die Preise unbefriedigend. Eine grössere geschäftliche Regsamkeit machte sich sodann vom Jahre 1886 an geltend und stieg von da an in Reichenberg die Höhe der Erzeugung constant bis zum Jahre 1892, um sodann wieder langsam zurückzugehen. In diese Zeit, und zwar in das Jahr 1890, fällt für Reichenberg die Aufnahme der Fabrication von Stoffen aus Kammgarnen, eine Neuerung, die für viele Zweige der Tuch-Industrie, besonders die Spinnerei, Färberei und Appretur, weittragende Folgen hatte, ebenso aber auch den nahezu vollständigen Niedergang des noch bis 1870 so blühenden hiesigen Kleingewerbsbetriebes in der Tuchmacherei beschleunigte. Es zeigte sich nämlich sehr bald, dass die Herstellung verkaufsfähiger Kammgarnstoffe das Weben derselben auf mechanischen Stühlen bedinge. Die Einführung der mechanischen an Stelle der Handweberei erfordert für den Einzelnen nicht allein grosse Geldauslagen, sondern auch die Beschaffung von Betriebsstätten mit Kraftanlagen. Diesen Anforderungen fühlten sich nur Wenige der kleinen und mittleren Unternehmer gewachsen und ein grosser Theil derselben zog sich deshalb vom Geschäfte ganz zurück. Die Streichgarn- Lohnspinnerei verlor die Grundlage ihres Bestandes, da die für die Kammgarnstoffe erforderlichen Garne von grossen in-und ausländischen Kammgarnspinnereien fertig bezogen wurden; die Lohnfärberei und Lohnappretur, wie sie bisher bestanden, hörten zum grössten Theile auf und giengen an die grossen Appreturanstalten für Kammgarnstoffe über. Im Verlaufe der letzten zwei Jahrzehnte bewirkten noch zwei andere Factoren den allmählichen Untergang des Kleingewerbes in der Tuchmacherei. Hieher zählt vor Allem die Umgestaltung des Zwischenhandels in Tuchwaaren. In früherer Zeit und bis in die Mitte der Siebzigerjahre verkehrten hier zahlreiche Tuchhändler aus allen Theilen der Monarchie, um persönlich ihre Einkäufe zu machen. Dieselben Hessen sich in ihren Absteigquartieren durch die bei den Tuchmachern angestellten Tuchträger die ganzen Stücke zur IO* 75 Ansicht vorlegen, und trafen nach Bedarf ihre Auswahl. Auf diese Weise hatte der kleine Meister ebenso günstige Aussichten auf den Verkauf seiner Erzeugnisse, wie der Fabrikant. Nunmehr aber liegt der Einkauf zum weitaus grössten Theile in den Händen von am Platze wohnenden Commissionären und Tuchhändlern, welche vor jeder Saison sich eine Mustercollection zusammenstellen, mit derselben alle Plätze der Monarchie bereisen und erst auf Grund dieser Collectionen und der auf der Reise erhaltenen Aufträge bei den Tucherzeugern ihre Bestellungen machen. Der kleine Erzeuger ist schon von vornherein nicht in der Lage, Muster auszugeben, die Commissionäre und Tuchkaufleute machen ihre Bestellungen nur dort, wo sie sicher sein können, selbe rechtzeitig in beliebigem Umfange und gegen möglichst langes Respiro ausgeführt zu erhalten. Das Facit dieses Vorganges ist die Verdrängung des ehemaligen Wettbewerbes der kleineren Erzeutninef. Aber auch die mittleren und grösseren Tuchfabrikanten Reichenbergs sind in der letzten Zeit in einen Concurrenzkampf bedrohlichster Art verwickelt worden. Mit ihnen sind jene grossen Wollwaaren- Fabriken der Stadt und Umgebung in Wettbewerb getreten, welche bis vor wenigen Jahren sich ausschliesslich mit der Erzeugung von Woll- und Halbwollwaaren für die Damenconfection befassten. Seitdem nun Kammgarnstoffe für Herrenbekleidung in Verwendung kommen, haben diese Grossbetriebe sich auch der Erzeugung von Kammgarnartikeln für Herrenconfection zugewendet; sie sind hiebei nicht stehen geblieben, sondern haben, nachdem sie einmal in der Herrenstoffbranche festen Euss gefasst hatten, auch mit der Erzeugung von Modewaaren in Streichgarnen und Cheviots begonnen. Die capitalistische und maschinelle Uebermacht, welche diesen Grossbetrieben zur Seite steht, macht sich bezüglich unserer Tuchfabriken bereits in schwerster Weise fühlbar und mit Bangen sehen die Besitzer der letzteren der Zukunft entgegen. Die Jahre 1896 und 1897 zählen in ihrem geschäftlichen Verlaufe zu den ungünstigsten seit längerer Zeit. Für die Ungunst derartiger Zeitläufe pflegen oft Factoren verantwortlich gemacht zu werden, deren Einwirkung in der Zeit günstiger Geschäftslagen gar nicht, oder doch in keiner drückenden Weise empfunden wird. Deshalb darf die Hoffnung, dass der Industrieplatz Reichenberg aus der gegenwärtigen Geschäftskrise, wie aus so vielen früheren, siegreich hervorgehen werde, nicht ganz aufgegeben werden. Sicher erscheint jedoch leider das Eine, dass durch jede derartige Krise das Kleingewerbe in der Tuchmacherei immer mehr und mehr an Boden verliert, wie dies folgende Zahlen beweisen. Im Jahre 1870 bestanden in Reichenberg 350 selbstständige Tucherzeuger, » » 1880 » » » 300 » » » » 1890 » » » 200 » » » » 1897 bestehen » » 100 » » » » 1870 waren im Betriebe 3000 Handwebstühle, 300 Kraftstühle, » » 1897 sind » » 500 Handwebstühle, 1600 Kraftstühle. Dagegen hat sich die Menge der Erzeugung in demselben Zeiträume, abgesehen von den durch die besseren oder schlechteren Geschäftsconjuncturen bedingten Schwankungen, nicht wesentlich geändert. Die Jahreserzeugung dürfte sich heute noch, wie im Jahre 1870, im Stadtgebiete auf nahezu 200.000 Stück, ä 30 Meter, der verschiedenartigsten Tuchwaaren belaufen, wogegen der Verkaufswerth von 20 Millionen auf etwa 15 Millionen Gulden gesunken ist, welcher Mindererlös weniger durch den Rückgang der Rohstoffpreise, als durch die Verbilligerung der Erzeugung überhaupt und den Preisfall des fertigen Productes insbesondere zu erklären ist. *) Die Reichenberger Tuchmacher-Genossenschaft ist in ihrem inneren Wesen von dem Wechsel der Zeiten ziemlich unberührt geblieben. Die Anzahl ihrer vermögensberechtigten Mitglieder ist zwar von 1 200 im Jahre 1870 auf 810 im Jahre 1897 gesunken und von den sieben Wasserwerken, welche die Genossenschaft im Jahre 1870 besass, wurden vier verkauft. Allein der Erlös für dieselben wurde zum Umbaue der übriggebliebenen drei Wasserwerke und zum Neubaue des Meisterhauses verwendet, so dass der Ertrag dieser vier im Besitze der Genossenschaft verbliebenen Realitäten im ungefähren Bruttobeträge von 20.000 fl. dem der früheren acht Realitäten nahezu gleichkommt. Unter einer vorzüglichen Verwaltung leistet die Genossenschaft heute noch ihren Mitgliedern und Angehörigen wichtige Dienste in allen gewerblichen und zollpolitischen Angelegenheiten, und den Ertrag ihres Vermögens verwendet dieselbe zur Förderung öffentlicher, gemeinnütziger Bestrebungen und zur Unterstützung ihrer hilfsbedürftigen Mitglieder. ') Vorstehende statistischen Daten beziehen sich ausschliesslich auf die eigentliche Tuch-Industrie Reichenbergs. 76 DIE WOLLWAAREN-GROSS-INDUSTRIE. VON THEODOR FREIHERRN v. LIEBIEG, GROSS-INDUSTRIELLEN IN REICHENBERG. •S*»*,*-. M s?%. DIE WO L LWA AREN- GROSS-INDUSTRIE. nter den Industriezweigen, welche in Oesterreich heimisch sind, nimmt die Schafwollwaaren- Fabrication einen hervorragenden Rang ein. Ihre natürliche Grundlage bildet der im Fände selbst in so reichlicher und vorzüglicher Weise vorhandene Rohstoff, die Schafwolle. Wenn wir das Gebiet der österreichischen Schafwollwaaren-Fabrication überblicken, so zerfällt es in die zwei Hauptzweige der Streichgarnspinnerei und Streichgarnwaaren-Fabrication mit ihrem Stammsitze in Brünn und der Kammgarnspinnerei und Kammgarnwaaren-Fabrication, welche letztere neben den Kamm garnstoffen im engeren Sinne auch die gemischten Stoffe und die Shawls einschliessen, mit dem Stammsitze in Reichenberg und Umgebung. Schon die Zünfte machten bei der Wolle, je nach ihrer Haupteigenschaft der Länge und der Feinheit, ob sie zum Streichen oder Kämmen verwandt werden konnte, einen grossen Unterschied, und zerfielen hiernach in zwei getrennte Gruppen: in die der Tuchmacher, welche zu ihren gewalkten Tuchstoffen Streich- oder Krämpelgarn verarbeiteten, und in die der Wollenzeugmacher, welche aus Kammgarn ihre sogenannten Wollenzeuge verfertigten. Für die Zunft der Wollwaarenzeugmacher, den Urahnen unserer heutigen Wollwaaren-Fabrikanten, auf die wfir uns zu beschränken haben, bestanden seit 5. December 1701 eigene Artikel, welche die Verhältnisse zwischen Gesellen und Meistern festsetzten und die Meisterstücke genau angaben. Nach dieser Ordnung musste ein Geselle, welcher Meister werden wollte, nicht nur mehrere Stück Zeug von bestimmter Länge und Breite in vierteljähriger Frist verfertigen, sondern auch die Schafwolle hiezu selbst zurichten und spinnen. Den ersten Grossbetrieb in der inländischen Wollenzeugmanufactur finden wir in der k. k. ärarischen Fabrik zu Linz vertreten. Diese Fabrik wurde 1672 von dem Linzer Bürger Christian Sind gegründet; 1780 bis 1790 war sie in einen so blühenden Zustand gekommen, dass durch sie bei 30.000 Menschen in Oberösterreich, Böhmen und Mähren mit Spinnen und Weben im Hausbetrieb beschäftigt waren. Sie war auf solche Art die bedeutendste Wollenzeugmanufactur in ganz Mitteleuropa. Seit dem Anfänge der französischen Revolution verlor sie allmählich an Absatz, der sich in den ersten Decennien unseres Jahrhunderts noch mehr verringerte. So weit die früheste Art des Spinnens bekannt ist, erfolgte dasselbe bereits vor Jahrtausenden in ganz ähnlicher Weise wie es vor wenigen Jahrzehnten noch sehr häufig nicht nur bei uns in Oesterreich, sondern auch in Deutschland, Frankreich, England und Belgien geschah. Das einfache Werkzeug dafür war die Spindel, jenes uralte Geräth, dessen Ursprung in sagenhaftes Dunkel gehüllt ist. Die wesentliche Verbesserung in der Kunst zu spinnen verdanken wir dem deutschen Bildschnitzer Johann Jürgens, der 1530 im Dorfe Wattenbüttel bei Braunschweig lebte und der die Flügelspindel oder C 79 Drossel erfand, durch die das Spinnen und Aufwickeln des Fadens continuirlich erfolgte und leicht regu- lirt werden konnte. Für die mechanische Spinnerei wurde in dem letzten Drittel des vorigen Jahrhunderts in England der Grundstein gelegt, denn in den Jahren 1767 und 1768 war es den Bemühungen und der Ausdauer zweier talentvoller Männer, James Hargreaves und Richard Arkwright, gelungen, Spinnmaschinen mit sehr günstigem Erfolge in Gang zu bringen. Durch eine weitere glückliche Combination erfand Samuel Crompton 1775 die von ihm benannten Mulemaschinen; späteren Datums sind die speciell für lange Ivämmwollen construirten Fleyer, Cap- und Ringspinnmaschinen. Seit Jahrzehnten hat man sich in verschiedenen Ländern auch mit der Ausführung von Wollkämm- maschinen beschäftigt und war man auch hierin von Erfolg gekrönt, denn ausser dem französischen System von Heilman und Schlumberger haben sich die englischen von Lister und Noble vorzüglich bewährt. Diese Fortschritte der mechanischen Spinnerei bildeten zugleich auch die erste Grundlage zum Grossbetriebe in derselben, in deren Entwickelung Grossbritannien, unterstützt durch seinen Maschinenbau, allen übrigen Ländern vorangieng. Ebenso wie in der Spinnerei überflügelte England alle übrigen Länder in der Weberei. Es hat viele Jahrhunderte gedauert, ehe man über die primitive Art des Webstuhles hinauskam, und wenn auch auf diesem Gebiete schon in den frühesten Zeiten Vorzügliches geleistet wurde, so konnte man Mustergewebe vor der Einführung der vom Franzosen Charles Jacquard erst zu Anfang unseres Jahrhunderts gemachten Erfindung des nach ihm benannten Jacquard-Stuhles nur auf sehr mühsamen und kostspieligen Wegen darstellen. Alle früheren Stuhleinrichtungen gestatteten vor Allem nicht, die Geschwindigkeit über eine gewisse Grenze zu steigern und ist dies Problem, welches für die Massenproduction, für den Grossbetrieb der heutigen Weberei der Ausgangspunkt sein musste, erst durch die von einem englischen Geistlichen, Dr. Cartwright, 1784 gemachten sinnreichen Erfindung des mechanischen Stuhles gelöst worden. Die Vervollkommnung der mechanischen Stühle schritt nun nach und nach so weit, dass sie in Verbindung mit der Wechsel- oder Ivarrier- lade und der Jacquard-Maschine die schwierigsten und mannigfaltigsten Gewebe hersteilen lassen. Hat die französische Revolution mit Blut und Eisen in politischen und socialen Verhältnissen eine Umwälzung hervorgerufen, so vollzog sich ziemlich gleichzeitig, als ob ihren neuen Theorien das praktische Rüstzeug mit an die Hand gegeben werden sollte, mit der Einführung des Maschinenwesens als Ersatz für die Handarbeit eine friedliche Revolution auf dem Gebiete der wirthschaftlichen Verhältnisse. Das Capital, der Lebensnerv der Industrie, gewann auf einmal an Beweglichkeit; nun stellte sich mit vollem Bewusstsein seiner Kraft der Grossbetrieb dem Kleinbetriebe immer mehr gegenüber. Die Zeit seit dem Beginne des 19. Jahrhunderts hat in der That Alles umgeändert in Staat und Familie. Der Geist, der bisher in den Fesseln eines beschränkten Wissens, Könnens und Wollens lag, hat sich Bahn gebrochen, allmählich, aber entschieden. Als noch dazu durch James Watt’s ingeniöse Erfindung der Titane »Dampf« als mächtiger Schutzgeist in nebliger Gestalt seine erste leichte Fessel abwarf, um die menschliche Muskelkraft von der schwersten Last der Arbeit zu befreien, wurde das Fabrikswesen und mit ihm die Gross-Industrie zur Bliithe gebracht, das persönliche Ich des Arbeiters hörte auf, er wurde unter anderer Form zum Arbeitswerkzeug in der Hand des grossen Capitals. Nur das grosse Capital kann sich dem Fabrikswesen zuwenden. Was der kühnste Geist kaum zu denken gewagt hätte, alle Theile der Welt stehen für dasselbe miteinander in Verbindung. Die Schranken sind gefallen, welche bisher den Absatz auf ein mehr oder minder locales Feld beschränkten. Die rasche Gewinnung und der erleichterte Transport der Rohmaterialien erniedrigten den Preis, die überreichliche Arbeitskraft führte in den Fabriken zur Massenerzeugung der Verbrauchsgegenstände des täglichen Lebens; es erhob sich in der Industrie eine Thätigkeit, die auch dem Aermeren m . J*b- 7 ' fUiyql Wollkämmerei 1848. 80 einen höheren Comfort gewähren konnte, jede Industrie muss, wenn sie erfolgreich sein soll, die Richtung nach dem Weltmärkte suchen und den Kampf mit der grossen, unvermeidlich gewordenen Concurrenz aufnehmen, die zum Hauptfactor des Wirtschaftssystems geworden ist. Die beiden grossen bewegenden Mächte der Industrie sind Production und Consumtion, und mussten dieselben an Kraft in gleicher Weise zunehmen, als das Feld der wirtschaftlichen Thätigkeit ein immer weiteres wurde. Die Grundbedingungen der Production sind Arbeit und Geld. Unbehindert in der Art und in dem Umfange der Verwendung, unterstützt durch alle Vorteile, welche die intensive Theilung der Arbeit und das Maschinenwesen gewährt, ausgestattet mit den Waffen der Concurrenz, vermag das Capital aus allen Chancen den meisten Gewinn zu ziehen. Unsere Production ist aber derart gestaltet, dass nur demjenigen sich dessen Gunst zuwendet, welcher dieselben mit allen ihren Anforderungen betreiben kann. Diese Anforderungen fassen sich in dem Begriffe der Gross-Fabrication zusammen. Nur mit dem Grossbetriebe können die Gestehungskosten verringert, die Absatzgrenzen erweitert, eine erfolgreiche Concurrenz aufgenommen werden. England ist das Heimatland der Gross-Industrie, unserer modernen Volkswirtschaft; hier ist das grosse Capital mit der demselben eigenen Rücksichtslosigkeit vorgegangen und hat die überaus günstigen Handelsverhältnisse seines Landes mit allem Eifer benützt, um die dadurch mögliche Massenproduction ins Werk zu setzen. In ungeheuerer Schnelligkeit bedeckte sich der englische Boden mit Fabriksanlagen aller Art, welche, da die zahlreiche Bevölkerung in der Landwirtschaft keine genügende Verwendung finden konnte, einen bedeutenden Theil derselben an sich zogen. Wie in allen Industrien trat nun auch in unserem Jahrhundert der Aufklärung in der Woll- manufactur ein vollständiger Umgestaltungsprocess ein. Die Concurrenz, der wirtschaftliche Wettkampf brachte in der Spinnerei und Weberei eine maschinelle Erfindung und Verbesserung nach der anderen hervor, ebenso in gleicher Weise zwang sie die Fabrication, sich immer mehr zu vervollkommnen, sich so viel wie möglich für die Massenproduction einzurichten und endlich die Gestehungskosten, das Fabrikat durch minderwertige Halbfabrikate, durch qualitative Verschlechterung der Producte zu verbilligen. Die Entwickelung der Woll-Industrie kennzeichnet auch den Fortschritt in der Fabrication der Wollwaaren. Die Vermischung mit Baumwoll- und Seidenfasern, sowie die verschiedene Art von Verwendung gab Gelegenheit zur Erzeugung von äusserst zahlreichen Varietäten von Bekleidungsstoffen, und wollen wir, um deren Mannigfaltigkeit zu constatiren, einige von ihnen mit ihrem englischen Namen nennen, weil letztere auch im Auslande grösstenteils eingebürgert worden sind: a) Reine Kammgarnfabrikate: Sateen, Thibet, Damaste, Reps, Moreens, Serge, Paramatta, Cheviots u. s. w. b) Mit Baumwolle gemischte Gewebe: Delaines, Lastings, Orleans, Mohair, Alpacca u. s. f. Diese »Worstedgoods«, so genannt nach der kleinen Ortschaft Worsted, wo dieselben zuerst aufkamen, sind die Lieblinge des englischen Modegeschmackes. Aus englischen und australischen Wollen verfertigt, sind sie die bedeutendste Specialität der englischen Wollwaaren-Industrie und haben ihren Haupt-Fabricationssitz in Bradford, Halifax, Leeds, Worcester und Norfolk. Mit dem Beginne der Dreissigerjahre entwickelten sich in den einzelnen Städten mit Riesenschritten Centralen der englischen Gross-Industrie und allerorls im Lande wuchsen grossindustrielle Unternehmungen empor. Wollkämmere 1898, vm- J*TV.'VV*";5 Die Gross-Industrie. IV. 8l II Eine grosse Weberei nach der anderen entsteht, oft verbindet ein und derselbe Besitzer, um den Wettkampf leichter zu bestehen, beide Fabricationszweige, Spinnerei und Weberei, miteinander. Das vortrefflichste Ideal der englischen Wollen-Gross-Industrie Spinnerei und Weberei in grossartigstem Style miteinander verbunden sehen wir in dem von Titus Salt gegründeten Saltaire bei Bradford. Wenden wir uns der Wollen-Industrie in unserem Vaterlande wieder zu, so finden wir, dass dieselbe bis Maria Theresia und Kaiser Joseph II. noch sehr im Argen lag. Erst diese widmeten der gewerblichen Arbeit wieder die nöthige Beachtung und einen regen Eifer zu. Sie waren es, die die Leibeigenschaft aufgehoben und mit der Befreiung des Geistes von den Fesseln des Zwanges die Lust und den Fleiss des einzelnen Menschen zum heimischen Gewerbe zur Thatkraft aufgerufen haben. Nach dem Beispiele Englands, Frankreichs und Preussens wurde auch in Oesterreich 1788 mit der Einführung der Prohibition eine vaterländische Industrie gegründet und derselben durch dieses mit drakonischer Strenge durchgeführte Absperrungssystem der Schutz gewährleistet für den eigenen heimischen Markt. Aber trotz alledem gieng die Entwickelung des heimischen Gewerbes nicht in dem Masse von statten wie in England, Frankreich und den benachbarten Zollvereinsstaaten. Der Grund lag vorzugsweise in der geringen auf die Communicationsmittel verwendeten Sorgfalt, in der Vernachlässigung derjenigen Einrichtungen rascherer Beförderung von Gütern und Mittheilungen jeder Art, welche zur Vereinfachung und Erleichterung des Geschäftsbetriebes beizutragen bestimmt gewesen waren, endlich aber auch in den traurigen Folgen unglücklich geführter Kriege. Messplätze, wohl zu unterscheiden von Jahrmärkten, die blos den Verkehr im Kleinen zwischen Kaufleuten und Landvolk vermitteln, während jene den Geschäftsvermittlungen zwischen Kaufleuten aus aller Herren Länder unter sich dienen, besass Oesterreich gleichfalls nicht, und die weltberühmten Messen Deutschlands zu besuchen, dazu war der österreichische Kaufmann noch nicht erzogen. Ausserdem waren auch die schwer begreiflichen Verordnungen in Bezug auf das Grosshandlungs-Privilegium, die Fondsausweise bei Ertheilung von Handelsbefugnissen keineswegs geeignet, auf die Belebung des Handels Oesterreichs zu wirken und den Gewerbefleiss zu heben. Darauf wohl ist es zurückzuführen, dass bis zu den Zwanzigerjahren die Wollmanufactur nur in den Händen der Klein-Industrie und des Kleingewerbes lag. Die Weberei war durchgehends ländliche Beschäftigung, die Wollspinnerei war nur für grobe Gespinnste, noch dazu mit den primitivsten Einrichtungen versehen und repräsentirten unzuverlässige Wassergetriebe, und bald erschöpfte thierische Kräfte in Ermangelung des allmächtigen Dampfes deren Motoren. Die neue Strömung hochgesteigerter Arbeitsleistung machte sich aber auch in der Haus-Industrie und dem Kleingewerbe geltend. Der zunehmende geschäftliche Verkehr der Länder untereinander brachte es mit sich, dass der kleine Mann nicht mehr direct Absatz für sein Product finden konnte, sondern sich an Unternehmer verdingen musste, die sie in den sogenannten Factoreien beschäftigten. Dieser Unternehmer oder Kleinindustrielle war die Mittelperson zwischen Kaufmann und Producenten. Die sich schnell steigernden Ansprüche an die Industrie führten aber auch dazu, dass das ganze Sinnen und Trachten auf eine raschere und billigere Erzeugung gerichtet sein musste, und das war nur möglich, wenn man alle modernen Hilfsmittel in Anspruch nahm, d. h. sich auf die maschinelle Erzeugung der Waaren warf, die Zeit und Arbeitskraft sparte. Vom Jahre 1830 datirt hauptsächlich der Anfang der österreichischen Fabriks-Industrie, die Anlage von grösseren und zweckmässiger eingerichteten Baumwollspinnereien und von fabriksmässig betriebenen Webereien. An diesen industriellen Gründungen nahm insbesondere Deutschböhmen den hervorragendsten Antheil, hier entstanden in einer kurzen Reihe von Jahren neben vielen anderen Unternehmungen in der Webstuhl 1848. «Sk La« Schafwollwaaren-Fabrication sechs bedeutende Etablissements, die unabhängig von der Handarbeit, durch ihre mit den neuesten Erfahrungen gleichen Schritt haltende Maschinenwirthschaft ein Bild des rührigsten Fabrikswesens boten, und bald erschien auch die früher nicht beachtete Wollwaaren-Industrie Oesterreichs auf dem Weltmärkte. Die ersten Artikel, welche als österreichische Wollwaaren auf dem Weltmarkt einen Ruf erlangten, waren die W arnsdorfer halbwollenen Hosen- und Westenzeuge, hierauf kamen solche, die bis dahin nur in England erzeugt worden waren, die Merinos, Satins und Thibets. 1843 waren es besonders zwei Artikel aus hartem Kammgarn, die von England herüber kamen und in Oesterreich durch die kolossale Massenproduction und den reissenden Absatz, den sie fanden, für die Etablissements, die sich ihrer Erzeugung zuwendeten, mit den Grundstock für ihre jetzige Grösse legten, nämlich die Orleans und Mohaire. Diese Fabriksunternehmungen vereinigten bald unter einheitlicher Leitung Weberei, Färberei, Appretur und auch Druckerei miteinander, lenkten binnen Kurzem die Aufmerksamkeit der industriellen Welt mit Recht auf sich und Hessen eine grosse Zukunft erkennen. Sie, die nun schon Tausende von Arbeitern beschäftigten, stellten die ersten Kraftstühle auf, sie verwandten zu ihren einzelnen Artikeln ausser dem weichen und harten Kammgarn auch Baumwolle, Seide und Streichgarn. Aus ihren Druckereien giengen schon in den Vierzigerjahren bedruckte Umhängtücher und Shawls hervor, welche nicht nur im Inlande einen grossen Absatz erzielten, sondern auch bis in die entferntesten Welttheile den Ruf der österreichischen Industrie trugen und auf dem Weltmärkte tonangebend waren. Diese Firmen, welche so eingreifend an dem Aufbau des Weltrufes der österreichischen Wollwaaren- Gross-Industrie mitgearbeitet haben, sind als erste und älteste Fabriksunternehmung in dieser Branche Johann Liebieg & Co. in Reichenberg, und nach deren Gründung Franz Liebieg in Dörfel, Blaschka & Co. in Liebenau, F. Schmitt in Böhm.-Aicha, lg. Klinger in Neustadtl und Jungbunzlau und E. Heintschel & Co. in Heinersdorf. Der Begründer der erstgenannten Firma kann mit Recht auch als Schöpfer der österreichischen Woll- waaren-Gross-Industrie genannt werden. Er war der Erste, der durch richtiges Erfassen der Situation, Ausdauer und Energie den Impuls zur Umgestaltung der ganzen Woll- manufactur nach englischem System gegeben hat. Er hat auf seinen Reisen in den Jahren 1825 und 1827 nach Frankreich und England jene mächtigen Eindrücke erhalten, welche ihn bewogen, auch in unserem Lande die Stoff-Fabrication in grossartigstem Style ins Leben zu rufen. Mit sehr geringen Mitteln, aber unermüdlichem Fleisse und gründlicher Geschäftskenntnis warf sich Johann Liebieg in seinem 1828 gegründeten Unternehmen zuerst auf die Warnsdorfer Fabrikate, dann aber auf die von England eingeführten Erzeugnisse aus harten und weichen Kammgarnen und pro- sperirte in kurzer Zeit so, dass er in zahlreichen Ortschaften des Isergebirges Factoreien ins Leben rufen konnte. Für die Leitung derselben gewann er bewährte fachkundige Männer, die in den angrenzenden Webereibezirken theils sesshaft waren, theils zur Niederlassung daselbst veranlasst wurden, und welche eine Anzahl Hausweber, deren Zahl mit der Zeit auf 6000 stieg, in der Art beschäftigten, dass sie von denselben über Auftrag der Fabrik Gewebe anfertigen Hessen, um diese dann an letztere abzuliefern. Diese Factoren gründeten nach mehrjähriger Verbindung in der Folge selbstständige Geschäfte oder traten im Laufe der Zeit in ein unmittelbares Dienstverhältnis zu jenen und bildeten so den Kern verlässlicher, dem Hause treu ergebener Hilfsarbeiter. Mechanische Wollwaaren-Weberei 1898, l! Siü II * 83 In seiner Reichenberger Fabrik aber hatte Johann Liebieg in der Erkenntnis, dass es nicht genügt, blos die Artikel zu bringen, die der Markt verlangt, sondern dass selbe auch den ausländischen vollkommen ebenbürtig sein müssen, durch die Einführung moderner Maschinen und Verwendung von Arbeitskräften, die mit der Erzeugung moderner Behandlung vertraut waren, vorgesorgt, dass seine in den Factoreien erzeugten Waaren vollkommen concurrenzfähig auf den Weltmarkt kamen. Es wurde hier in rascher Folge zur Einrichtung von Appretur, Färberei und Schafwolldruckerei geschritten, so dass sein Etablissement allen Anforderungen eines Grossbetriebes entsprach. Bei der steigenden Nachfrage nach seinen Erzeugnissen musste bald der Handwebstuhl der Factoreien dem Kraftwebstuhl Platz machen und wurde 1835 von ihm die erste mechanische Weberei gegründet. Dieses Unternehmen nahm binnen Kurzem einen solchen Aufschwung, dass Johann Liebieg daran denken konnte, durch den Bau einer eigenen Spinnerei im englischen Style sich auch das Halbfabrikat, auf dessen Bezug er früher hauptsächlich auf England angewiesen war, zum Th eil selbst herzustellen. Nun war aber auch sein Unternehmen so weit gediehen, dass er alle Branchen der Wollmanufactur in seinem Etablissement vereinigte. Der Grund, warum das Unternehmen Johann Liebieg’s binnen kurzer Zeit einen so rapiden Aufschwung nahm, ist darin zu erblicken, dass er es verstand, dem Zeitgeiste Rechnung zu tragen, dass auch in unserem Vaterlande die Zeit gekommen war, welche die ganze Geschmacksrichtung hinsichtlich der Bekleidung der Bevölkerung einer Umwälzung unterwarf, indem die Handarbeit durch maschinelle Kräfte verdrängt wurde und nun als Ersatz für die schweren landesüblichen Stoffe, die theueren Tuche und Nationalcostüme, wohlfeile, moderne Fabrikate zu Gebote standen. gm* Es zeigte sich alsbald für die modernen Wollenzeuge in ganz Oesterreich ein Massenconsum, und so fassten die von Johann Liebieg gegebenen Impulse bald auch anderorts in Nordböhmen kräftige Wurzeln. Es schritt nun auch sein Bruder Franz, der anfangs zu dem kühnen Unternehmen wenig Zutrauen hatte, 1833 an die Gründung einer eigenen Wollmanufactur, allerdings zuerst im kleinen UmBreitspannen und Trocknen der Waare 1848. fange und brachte es durch grosse Umsicht und Fleiss binnen Kurzem dazu, im Jahre 1843 durch die Gründung seines Unternehmens in Dörfel in die Reihe der Grossproducenten zu treten. r Wie sein Bruder Johann der erste war, der eine Kammgarnspinnerei für harte Worsted-Garne erbaute, war er der erste, welcher sich mit Verarbeitung der Kunstwolle und des Streichgarnes für seine Artikel beschäftigte. Während der Zeit des Aufblühens der Industrie in Reichenberg sehen wir ein gleiches Unternehmen in Liebenau unter der Leitung Conrad Blasehka’s ins Leben treten, welches Etablissement besonders nach dem Jahre 1854 grosse Bedeutung erlangt hat. 1843 gründete Franz Schmitt, der bei seinem Verwandten Johann Liebieg in Reichenberg, in dessen Diensten er stand, das Aufblühen und die Rentabilität der modern gewordenen Wollwaaren- Erzeugung ken nen gelernt hatte, in Böhm.-Aicha die in der ganzen Monarchie und weit über deren Grenzen hinaus bsstbekannte Firma F. Schmitt. Zuerst Appretur, Färberei und Weberei von Halb- und Ganz- wollwaaren, wurde auch bald eine Schafwolldruckerei eingerichtet, welche zur grössten Bedeutung in ihrer Art fü; ganz Oesterreich emporblühen sollte. Von den späteren Zeitgenossen Johann Liebieg’s, welche sich von kleinen Factoreibesitzern zu angesehenen Gross-Industriellen emporgeschwungen, ist mit de: bedeutendste Ignaz Klinger, der in Jungbunzlau und Neustadtl ebenfalls nach und nach alle genannten Industriezweige schuf und später durch die Gründung einer eigenen Kammgarnspinnerei für weiche Garne, für seine im Brünner Genre geschaffenen Confectionsartikel, alle seine Concurrenten überflügelte. Im Jahre 1850 wurde in Heinersdorf von Heintschel ein weiteres Unternehmen auf dem Gebiete der Wollwaaren-Industrie, die Weberei mit der Druckerei verbunden, gegründet, das heute im Vereine 84 mit den früher erwähnten auf dem Gebiete der Gross-Industrie einen hervorragenden Rang einnimmt. Die Hauptartikel aller vorerwähnten Unternehmungen, welche sie zu ihrer Grösse emporgearbeitet haben, waren im Anfänge die schon früher besprochenen aus englischen harten Garnen, sogenannten »Wefts«, gewebten Waaren, wie Merinos, Orleans, Lastings, dann die gedruckten Cireas, Thibettücher, schwarzen Orleanstücher und Wollatlas, später Halbwollenstoffe, sogenannte Halb-Kammgarne, aus weichen Wollgarnen erzeugt. Heute hat sich die Industrie aber ausserdem noch auf ganzwollene Damenkleider und Con- fectionsstoffe geworfen. Die zu den ersterwähnten Artikeln nöthigen harten Lustre- oder Weftgarne kamen alle aus England, wo man die lange Wolle von Leicester und Lincolnshire dazu verwendete. Sorgfältige, mit jahrelangen Mühen fortgesetzte Versuche, diese Garne auch aus dem inländischen Rohproduct herzustellen, haben erwiesen, dass mehrere Sorten ungarischer, siebenbürgischer und wallachischer Wolle sich zur Erzeugung von hartem Kammgarn wegen ihres Stapels eigneten. Obwohl nun diese Garne an Qualität und Gleichheit des Fadens den englischen Worstedgarnen gleichstanden, so ersetzten sie doch letztere nicht für alle Webartikel, weil unser Rohstoff nicht so viel Glanz besitzt, und daher kommt es auch, dass heute noch Massen obiger Garnsorten nach Oesterreich eingeführt werden, ohne der inländischen Fabrication Eintrag zu thun. Was die feinen, weichen Kammgarne anbelangt, so waren sie hauptsächlich französischen Ursprungs. Die Frage, woher es kommt, dass die Kammgarnspinnerei Anfangs in Oesterreich, wo doch der Rohstoff selbst in so reichlicher und vorzüglicher Weise vorhanden war, keinen Boden fassen und mit dem schnellen Emporblühen der Webereibranche nicht gleichen Schritt halten konnte, muss dahin beantwortet werden, dass die Kammgarn- 0 ," Spinnerei ein verhältnismässig hohes Anlagecapital und namentlich bedeutende Betriebsfonds erfordert, und ausserdem vor Allem, dass dieser Industriezweig bei uns gegenüber der Concurrenz des Auslandes lange schutzlos dastand. Unter dem Schutze des Prohibitionssystems erfolgten die ersten Gründungen der Wollmanu facturen und kamen die Yortheile derselben den ; jungen Geschäften in jeder Weise zu statten. Leider aber brachten die Vierzigerjahre durch die traurige Lage der Landwirthschaft und die stets schwankenden politischen Verhältnisse, insbesondere, als noch in den Jahren 1848 und 1849 die Hauptmärkte Ungarn und Italien versperrt wurden, schlechte Geschäfte mit sich. In den Jahren 1850 und 1851 gestaltete sich glücklicherweise der Manufactur- und Geldmarkt wieder günstiger und der zweckmässigen Benützung vortheilhafter Geld- und Absatzconjuncturen verdankte eine grössere Anzahl neuer Gross-Industrieller ihr Emporkommen. 1852 kam endlich durch den Handelsminister Freiherrn v. Bruck die Prohibition zu Falle, deren Fortbestand auch der österreichischen Wollmanufactur nicht mehr von Nutzen sein konnte und traten nun die österreichischen Wollwaaren in die völlig freie Concurrenz mit den Staaten des Zollvereins, was für dieselben von dem grössten Yortheil sein sollte, nachdem die Concurrenz, das Freihandelsystem, die Fabrikanten zwang, auf Zweckmässigkeit, Schönheit, Neuheit und vor Allem Billigkeit zu sehen, um ihre Stellung gegenüber der mächtigen Concurrenz zu behaupten und ihren Absatz zu sichern. Die Wollwaaren-Industrie nahm dadurch in den darauffolgenden Jahren einen nie geahnten Aufschwung, der Unternehmungsgeist erwachte und allenthalben folgte gegen die Siebzigerjahre zu eine Gründung der anderen. Sowohl die Zollverhältnisse, welche durch das Appreturverfahren und durch die Nachtrags-Convention mit England 1871 ins Leben traten, als auch das unheilvolle Jahr 1873 mit seinem finanziellen Krache wirkten auf die gesammte österreichische Wollmanufactur stagnirend ein. Erst nach der Krisis des Jahres 1873 begann die schutzzöllerische Bewegung in den österreichischen Ländern, welche zu den autonomen Zolltarifen von 1878, 1882 und 1887 führte, die besondere auf die Einfuhr englischer und französischer Waare hemmend einwirkten. Dies beweisen die Zolleinnahmen Breitspannen und Trocknen der Waare 18 85 von Schafwollwaaren, welche seit 1882 entschieden immer geringer geworden sind. Diese Zölle haben also ihren Zweck, die Abwehrung der ausländischen Waaren, als Schutzzölle erreicht und die Einfuhr fremder Waare beschränkt. Das Ideal des Schutzzolles ist für uns der Ausgleichszoll, d. h. ein Zoll von solcher Höhe, dass die Concurrenz der inländischen Industrie gerade auf das Niveau derjenigen des Auslandes gestellt wird, durch welchen also die in den einheimischen Productionsverhältnissen liegende Mehrbelastung möglichst ausgeglichen wird. Unsere heimische Wollmanufactur ist leider nach wie vor auf das heimische Absatzgebiet angewiesen, wir können nur mit wenigen Artikeln mit den grossen seefahrenden Nationen im Exportverkehr concurriren, da wir in Folge der steten Valutacalamität, durch unser theueres Capital, die theueren Maschinen, die hohen Frachtsätze, und nicht zum geringen Theil auch den völligen Mangel an eigenen Colonien mit schweren Hindernissen zu kämpfen haben. Hauptsächlich nur in gedruckten Tüchern, Shawls und leichten gedruckten *Wollwaaren — auch mit Seide vermischt — gelingt es den österreichischen Grossmanufacturen, bedeutendere Exportgeschäfte nach Italien, Spanien, dem Oriente und Amerika zu erzielen. In den ganzen übrigen, so zahlreichen und mannigfaltigen Fabrikaten ist Oesterreich auf seinen eigenen Markt angewiesen. In Folge dieses beschränkten Absatzes haben sich die böhmischen Grossmanufacturen ausser ihren alten Stapelartikeln in sehr bedeutendem Masse auch auf die Herren- und Damen-Modewaaren-Fabrication geworfen und leistet jeder hierin in seiner Art Vorzügliches. Zu Statten kam ihnen der Umstand, dass die Fabrication in feinen Tuchen für den inländischen Bedarf sehr zurückgegangen ist, die Mode den Gebrauch des Tuches verdrängt und durch Kammgarnmodestoffe ersetzt hat. Zum Schlüsse darf auch der erfreuliche Fortschritt nicht unerwähnt bleiben, den Oesterreich gerade in den Mustern der Damen- und Herrenmodestoffe gemacht hat. Anfangs copirte man blos englische und französische Muster oder modificirte dieselben bei der Copirung. Diese Veränderungen am Originale führten bald zur selbstständigen Idee und es hat sich so eine eigene Geschmacksrichtung herausgebildet, die wohl französischen Charakter als Basis beibehalten hat, aber nur, um auf derselben sich frei und selbstständig zu bewegen. Dem Schwünge und der Lebhaftigkeit französischer Muster hat sich ein gewisser Ernst beigesellt, welcher eben jene eigene Richtung bedingt, ebenso wie für gewisse Stoffe der Grundcharakter auch der englischen Muster in der österreichischen Fabrication durch Aufnahme grösserer Leichtigkeit wesentlich modificirt und verbessert worden ist. Dieses selbstständige Vorgehen unter Benützung des Impulses der Franzosen, zu dem sie vermöge ihrer nationalen Eigenthümlichkeiten vor allen Völkern der Erde befähigt sind, ist nun wohl eine allgemein herrschende Richtung der österreichischen Wollwaaren-Grossmanufactur und leistet ihr Erfindungsgeist besonders darin Grossartiges, dass er die theueren französischen und englischen Waaren in billiger und ebenso geschmackvoller Ausführung unserem Markte entsprechend in den Handel bringt. Hand in Hand mit der Entwickelung der Weberei gieng erfreulicherweise auch die Entwickelung der Spinnereien vor sich und ist die österreichische Industrie nur mehr in wenigen Specialitäten auf den Bezug aus dem Auslande angewiesen. Heute steht die Spinnerei vollkommen ebenbürtig sowohl in rohen als in färbigen Melangen und Effectgarnen dem Auslande gegenüber und kann man sagen, dass Oesterreich in der Wollwaaren-Gross- Industrie auf dem Weltmärkte in jeder Richtung concurrenzfähig ist. 86 I i||iiiMT¥ mm um » PSr^»-v [«•;ü aiä Üflll mm» ,--'3t.r«^- ' ■ * -■■, LU; S*@? äEs.3' NE IS»' &*SiäI ACTIENGESELLSCHAFT FÜR WOLL-INDUSTRIE (VORMALS M. E. SCHWARZ — MORITZ BERAN’S SÖHNE) BRÜNN. ie Gesellschaft entstand 1896 in der Weise, dass die Fabriken der Firma M. E. Schwarz und Moritz Beran’s Söhne fusionirt und zu einem einheitlichen Unternehmen gestaltet wurden. Die Firma M. E. Schwarz wurde im Jahre 1862 von dem gleichnamigen Chef begründet und betrieb zunächst den Garnhandel in Brünn. Im Jahre 1872 wurde die Fabriksrealität, Mühlgasse Nr. 24, welche bis dahin der Firma Bracegirdle gehörte, und zum Betriebe einer Maschinenfabrik gedient hatte, angekauft und für den fabriksmässigen Betrieb des Garngeschäftes, sowie der Kunstwollerzeugung adaptirt. Im Verlaufe der Jahre wurde der Betrieb durch Einrichtung einer belgischen Carbonisiranstalt, einer ebensolchen Wollwäscherei, einer Baumwoll- und Wollfärberei, sowie einer Strang- und Stückfärberei ergänzt und erweitert. Die Firma M. E. Schwarz betheiligte sich dabei auch an anderen industriellen Unternehmungen und ist in erster Linie an dem Betriebe der Firma Schwarz, Birnbaum & Löw in Lodz hervorragend interessirt. Die Firma M. Beran wurde im Jahre 1878 von Moritz Beran begründet. Zunächst wurde in Obfan bei Brünn eine kleine Lohnspinnerei, die 20 Arbeiter beschäftigte, eingerichtet, welche nach dem Eintritte von Alois Beran in die Firma im Jahre 1880 bedeutend vergrössert wurde. Im Jahre 1885 übernahmen die Söhne des Gründers und bisherigen stillen Gesellschafter Alois und S. Beran die Spinnerei unter der Firma Moritz Beran’s Söhne. Zugleich wurde ein Etablissement in Brünn, Josefstadt Nr. 7, gepachtet, in welchem circa 200 Arbeiter Beschäftigung fanden; ausserdem blieb das Etablissement in Obfan mit circa 120 Arbeitern im Betriebe. Im Jahre 1894 wurde in der Brünner Vorstadt Obrowitz ein neues, modernes, vollkommen neu eingerichtetes Fabriks-Etablissement errichtet und es wurden die Pachtbetriebe in Obfan und in Brünn-Josefstadt aufgelassen. Die Firma hatte in Obfan Lohnspinnerei betrieben, und in Brünn hauptsächlich Streichgarne und Vigognegarne erzeugt. Beide Betriebszweige wurden in dem Obrowitzer Etablissement vereinigt. Die Actiengesellschaft hat die Etablissements der Firmen M. E. Schwarz und Moritz Beran’s Söhne vom Juli 1896 an zu einem gemeinschaftlichen Unternehmen vereinigt und führt die Betriebe in der Mühlgasse und in Obrowitz in einheitlicher Leitung. Die Kunstwollenerzeugung in dem Etablissement der seinerzeitigen Firma M. E. Schwarz wurde aufgelassen und an deren Stelle eine modernst eingerichtete Filzwaarenfabrik installirt. Demnach umfasst der Fabriksbetrieb der Gesellschaft heute den Betrieb der Wollwäscherei, der Carbonisiranstalt, der Baumwoll- und Wollfarberei, der Stück- und Strangfärberei,: der Streich- und Vigognegarn-Erzeugung, der Lohnspinnerei und der Filzwaaren-Fabrication. Alle Betriebe sind vollkommen modern eingerichtet. Der Betrieb in Obrowitz verwendet 3 Tischbein-Dampfkessel, 1 Triplex-Dampfmaschine von 550 Pferdekräften (von der Firma Brand & Lhuillier in Brünn, Pfafffeuerung), der Betrieb in der Mühlgasse, dessen Aussenbild an der Spitze dieser Darstellung wiedergegeben ist, 4 Dupuis-Dampfkessel und 3 Dampfmaschinen von insgesammt 250 Pferdekräften. Beleuchtet werden beide Etablissements mittelst elektrischen Lichtes und dienen hiezu 3 Dynamomaschinen mit 600 Ampere. Die Gesellschaft beschäftigt über 800 Arbeiter und mehr als 40 Angestellte. 87 Die Spinnerei ist auf die Erzeugung eines Jahresquantums von rund 1,500.000 Kilogramm Garn eingerichtet. In dem Etablissement sind 38 Assortimente der neuesten Systeme mit mehr als 50 Selfactoren aufgestellt, ausserdem eine entsprechend grosse Zwirnerei. Das Filzfabriks-Etablissement ist auf ein Productionsquantum von jährlich 750.000 Meter eingerichtet. Die Carbonisir-Anstalt kann 1,000.000 Kilogramm, die Färberei 500.000 Kilogramm Rohmaterial und 1,500.000 Meter Waaren im Jahre verarbeiten. Das neugebaute Spinnerei-Etablissement zeichnet sich durch die hohen, hellen und weiten Räume, die besonders gelungenen Ventilationsvorrichtungen, die Anwendung aller nur denkbaren titiX Fabrik in Obrowitz. Schutzvorrichtungen und die ausgedehnteste Berücksichtigung aller Grundsätze rationeller Fabrikshygiene aus und geniesst demgemäss den Ruf eines Muster-Etablissements. In überaus entsprechender Weise sind auch die Einrichtungen der neu- installirten Filzfabrik getroffen. Die Gesellschaft hat nebst der staatlich gebotenen Vorsorge für die Kranken- und Unfallsversicherung ihrer Arbeiter dieselben überdies auch gegen die Wechselfälle des Alters und der Invalidität gesichert, indem sie sämmt- liche Arbeiter zum Beitritte zu der Arbeiter-Unterstützungs-, Witwen- und Waisencasse der Schafwollwaaren-Fabriken und Lohn-Etablissements in Brünn verpflichtet und für jeden dort versicherten Arbeiter einen Beitrag von 12 kr. wöchentlich entrichtet. Die Aufwendungen der Gesellschaft für die Kranken-, Unfall-, Alters-, Invaliditäts-, Witwen- und Waisen-Versorgung der Arbeiter betragen jährlich an 10.000 fl. Die Betriebsverhältnisse leiden unter der allgemeinen Ungunst der wirthschaftlichen Conjunctur in Oesterreich, sowie insbesondere auch unter der Ungunst der Productions-Bedingungen in Brünn, so dass die ausgedehnten Betriebseinrichtungen nicht in vollem Maasse ausgenützt werden können. Den Verwaltungsrath der Gesellschaft bilden die Herren Alois Beran, S. Beran, Rudolf Kahler, Edmund Gustav Schwarz, Dr. Richard Wolf; die Leitung ruht in den Händen der Herren Alois und S. Beran. Das Actiencapital beträgt 2,400.000 Kronen, getheilt in 4800 Actien zum Nominalwerthe von 500 Kronen. Die Actien sind bis zum Jahre 1902 syndicirt und in der Gesellschaftscasse deponirt. 88 «5*^- REpnirfiffT! IFPTTff üLffmr *^a5i l J i,-i-r5 Li—'-— SSätals Fllgsig -..*i.äS n$sgg££; [ßQSiSii ';# j: jgÜ&j ‘.vt-'v Äi. BRUNNER KAMMGARN-SPINNEREI BRÜNN. er Umschwung der Mode, der gegen Ende der Siebzigerjahre, insbesondere in Brünn, der Fabrication von Kammgarn-Modewaare in raschem Entwickelungsgange eine beherrschende Stellung geschaffen hatte, liess den Gedanken aufkommen, im Inlande eine neue Kammgarn-Spinnerei zu errichten, zumal die Production von Kammgarnen in Oesterreich bei Weitem nicht dem stetig wachsenden Bedarfe genügte. Ein kleiner Kreis von Gross-Industriellen aus Brünn, in Verbindung mit befreundeten Wiener Firmen, an deren Spitze Herr Gustav Ritter v. Schoeller stand, begründete in Brünn — als einem der wichtigsten Centren der Kammgarnstoff-Fabrication — die Actien-Gesellschaft der Brünner Kammgarn-Spinnerei, welche im November 1880 mit einem Actiencapitale von 1 Million Gulden constituirt wurde. Das Etablissement, unter Zugrundelegung aller Erfahrungen, mit 12.000 Spindeln montirt und allen Anforderungen der technischen Leistungsfähigkeit vollkommen entsprechend, begann den Betrieb im Jahre 1881 und befasste sich mit der Erzeugung von rohweissen Garnen, die für die Webgarne-Branche Verwendung fanden. Die Beliebtheit der Gespinnste, sowie der zunehmende Bedarf im Inlande, besonders in den hohen Nummern und den feinen Qualitäten, die als Specialität in Schuss- und Zwirngarnen hergestellt wurden, bedingten bald eine Vermehrung der Spindelzahl. In Folge des erweiterten Betriebes wurde das Actiencapital im Jahre 1883 durch Ausgabe neuer Actien auf 1,250.000 Gulden erhöht. Heute arbeitet die Spinnerei, nach fortgesetzten Zubauten und wiederholter Vermehrung der Maschinen, die aus den jeweiligen Jahreserträgnissen und ohne weitere Erhöhung des Actiencapitals bestritten wurden, mit 40.000 Spindeln. Gelegentlich der Anwesenheit Seiner Majestät des Kaisers Franz Joseph I. in Brünn hatte auch die Brünner Kammgarn-Spinnerei am 30. Juni 1892 die hohe Ehre des Besuches Seiner Majestät, und geruhte Allerhöchstderselbe wiederholt in gnädigster Weise seine vollste Anerkennung über die mustergiltige Anlage und vorzügliche Betriebseinrichtung auszusprechen. Dem gegenwärtigen Verwaltungsrathe gehören seit Begründung des Etablissements an die Gross-Industriellen: Herren Gustav Ritter v. Schoel,ler in Brünn als Präsident, Carl Mühlinghaus, Mitinhaber der Firma Gebrüder Schoeller in Brünn als Vicepräsident; ferner als Verwaltungsrathsmitglieder die Herren Philipp Ritter v. Schoeller, Chef des Grosshandlung-shauses Schoeller & Co. in Wien und Mitglied des Herrenhauses, Moriz Edler v. Teuber, früherer Mitinhaber der Firma Josef Teuber & Söhne in Brünn, und Karl Löw, Chef der Firma Adolf Löw & Sohn in Brünn. Die commerzielle Direction liegt in den Händen des Herrn Karl Trostorff, die technische in jenen des Herrn Emil Bütterlin. Die Gross-Industrie. IV. 89 12 VORARLBERGER STREICHGARNSPINNEREI UND ZWIRNEREI LORÜNS-BLUDENZ. '0'%- y JF !r fi fi fi s I fi F. DORLER & CIE Mm l'ITJ -»Tu SîV** 5 : !Efcg! mm as schön und solid gebaute Fabriksgebäude steht nahe dem Einflüsse des vom Arlberg kommenden Alfenzbaches in den Illfluss und an der Strasse nach Montavon in unmittelbarer Nähe der in dieses Thal projectirten Eisenbahn. Dasselbe wurde im Jahre 1889/90 von der handelsgerichtlich protokollirten Commanditgesellschaft in Firma »Vorarlberger Streichgarn-Spinnerei und Zwirnerei F. Dörler & Cie.« in Bludenz nach den Plänen des verantwortlichen Gesellschafters derselben, Fidel Dörler und unter seiner Bauleitung im Hochbau und Wasserbau auf dem circa \/ 2 Stunde von Bludenz gelegenen Gebiete der Gemeinde Lorüns erstellt, woselbst sich durch die Ausnützung eines Gefälles von 5‘52 Meter auf einer Länge des Illflusses von circa zwei Kilometer bei dem damaligen Wasserstande eine Wasserkraft von 300 effectiven Pferdekräften ergab, welche durch die Anlage einer Turbine nutzbar gemacht wurde. Das Hauptgebäude ist 58 Meter lang und i9 - 5 Meter breit und hat einen an das feuersichere Treppenhaus anstossenden Flügelbau von 19 Meter Länge und i2 - 6 Meter Breite, beide mit Parterre von 4^3 Meter und zwei Stockwerken von je 4 Meter innerer Höhe, welche durch 3 X r 5 Meter grosse Fenster hell erleuchtet sind. Der ursprüngliche Zweck dieses Fabriksgebäudes war die Erzeugung von wollenen Streichgarnen, ein- und mehrfach gezwirnt, und wurde der Bau zur Unterbringung von 10—12 Sätzen eingerichtet, wovon vorerst nur 6 zur Aufstellung gelangten, mit 5400 Selfactor-Spindeln. Im Jahre 1897 "'urde dann noch die Erzeugung von sogenannten Manchons (Walzenüberzüge für Papierfabriken) und Filterschläuchen eingeführt und mit der Fabrication von Loden, Cheviots, wollenen Decken und Strickgarnen begonnen, wozu die Erbauung eines Appreturgebäudes nothwendig wurde. Für die Zwirnerei wurden successive 2400 Spindeln aufgestellt, welche auch für Zwirne aus Baumwollgarnen im Lohne benützt werden. Für die Beheizung der Arbeitsräume und zur Appretur der Wollstoffe ist ein Dampfkessel von 45 Quadratmeter Heizfläche vorhanden und zur elektrischen Beleuchtung eine Compound-Dynamomaschine mit 120 Ampère. Der Sitz des Geschäftes ist in der Stadt Bludenz, woselbst sich auch die Niederlage befindet. 90 IGNAZ SCHMIEGER KAMMGARNSPINNEREI ZWODAU BEI FALKENAU a d. EGER. ' 1 % C« • 'Gst. ^aJUs^JSjtk. ti, ■sS&llWir *' i | i. -4^.0,1wH! . r <* «< * A-^f. IV ®.i<4RsS Ai 5 fff IPLiS ’’-'UV "Ai > ^K Rift a sä ‘**V ; .~V He pk'n '«f; ic»??«* $ R » " v&f-JS m& b LfcMj -’ «jfe. i 7 > !4äJsK - - SSSÜ2 ie Entstehung - des Fabriks-Unternehmens von Ignaz Schmieger, welches seither den Namen seines Gründers als Firma führt, datirt aus dem Jahre 1844. Ignaz Schmieger war 1812 zu Schlaggenwald geboren, besuchte daselbst die Volksschule und erlernte nachher im Geschäfte seines Vaters die Weberei. Dem Zuge der damaligen Zeit folgend, gieng er dann auf Reisen, um sich in grösseren Fabriksstädten, wie Brünn etc., weiter in der Weberei praktisch auszubilden. Nach mehrjähriger Abwesenheit kehrte er nach Hause zurück, machte sich selbstständig und errichtete in Schlaggenwald eine Handweberei, die immer mehr an Ausdehnung gewann. Im Jahre 1856 kaufte er schliesslich von einem gewissen Lotz eine kleine Baumwollspinnerei in Zwodau, die er in eine Streich- und später auch in eine Kammgarnspinnerei mit mechanischem Betriebe umwandelte. Dieses ursprünglich in sehr bescheidener Grösse angelegte Etablissement war, wie bereits erwähnt, sowohl für Kammgarnspinnerei als auch für Streichgarn eingerichtet und nützte als Betriebskraft die Wasserkraft der Zwodau — etwa 30 Pferdestärken _ aus, zu welcher bald (1860) eine Dampfmaschine von 40 Pferdestärken beigestellt werden musste. Die Intelligenz und Thatkraft Schmieger’s brachte das Unternehmen zu gesunder Entwickelung, seine Ausdauer überwand auch wiederholte Unglücksfälle. Das Etablissement brannte im Jahre 1863 und nach dem erfolgten Ausbau nochmals im Jahre 1880 vollständig ab. Schon nach dem ersten Brande wurde die Streichgarnspinnerei aufgegeben und die Fabrik nur mehr für Kammgarnspinnerei eingerichtet. Ebenso wurde eine Wollwäscherei und Kämmerei angelegt, aber wegen aufgetretener Schwierigkeiten bei der Ableitung der A\ aschwässer wieder aufgelassen. Im Jahre 1864 wurde eine neue Dampfmaschine von 100 Pferdestärken von der Maschinenfabrik F. Ringhoffer in Prag angeschafft. Der Brand im Jahre 1880 zerstörte abermals die Fabriksgebäude vollständig. Der Wiederaufbau erforderte grosse Opfer, und es bedurfte noch mehrerer Jahre, um Uebelstände zu beseitigen, welche durch Fehler in der Transmissionsanlage, sowie dadurch entstanden waren, dass die nach dem Brande noch brauchbar gebliebene Betriebsmaschine weiter verwendet wurde und sich alsbald als unzureichend erwies. Nach mannigfachen Schwierigkeiten und Betriebsstörungen bei Aufstellung einer Aushilfsmaschine entschloss sich Schmieger zu einer rationellen Neuanlage. Eine im Jahre 1886 von E. Skoda bestellte Corliss-Compoundmaschine von 450 Pferdestärken wurde an Stelle der alten Maschine errichtet, ein neuer Flauptantrieb erbaut, das Kesselhaus mit neuen Kesseln und neuer Esse versehen und hiemit eine vorzügliche Motoren-Anlage erzielt, deren Leistungsfähigkeit sich bei dem gewaltigen Aufschwung, den das Etablissement nun nahm, vortrefflich bewährte. — 91 — 12* Ebenso unermüdlich wie für das Fabriks-Unternehmen sorgte Schmieger auch für seine Arbeiter, und seinem ehrwürdigen, patriarchalischen Wesen, seiner wohlwollenden Strenge und Gerechtigkeit ist es zu verdanken, dass in der Arbeiterschaft, auch nach ihrem so bedeutenden Anwachsen, geordnete Lebensverhältnisse und die Sittenstrenge LTl i i Shedsaal mit Selfactoren. des deutschen Egerländers erhalten blieben. Am i. März 1887 setzte der Tod seinem rastlosen Arbeiten ein Ziel. Das Etablissement gieng nun an die drei Söhne des Gründers, Franz, Josef und Anton, über. Josef Schmieger übernahm die Leitung der Fabrik, nachdem er bereits durch mehrere Jahre an der Seite seines Vaters t’nätig gewesen war, während Franz Schmieger das Bureau der Fabrik in Wien leitete. Tüchtige praktische und kaufmännische Schulung und kühner Unternehmungsgeist vereinigten sich nun und drängten während der im Ganzen günstig zu nennenden Geschäftsjahre zu weiterer Vergrösserung der Fabrik, deren rationelle und grossartige Durchführung durch Josef Schmieger erfolgte und die von seiner Thatkraft ein ebenso glänzendes Zeugnis ablegt, wie die in grossem Style gehaltenen Wohlfahrtseinrichtungen von dem zu echtem Industriellengeist gehörigen humanen Streben. Josef Schmieger wurde in der Blüthe seiner Jahre am 2. Juli 1896 vom Tode durch Mörderhand ereilt. Franz Schmieger übernahm seither Besitz und Leitung des gesammten Geschäftes und vollendete den Ausbau der Fabrik, deren heutiger Umfang aus dem Titelbild zu ersehen ist. Die Fabrik hat gegenwärtig,5o.ooo Spindeln. Die Selfactoren befinden sich in den ausgedehnten Shedbauten, von denen ein Saal durch das Bild wiedergegeben ist, welches die grossen Dimensionen, die reichlich bemessenen Gänge und den Reichthum an Luft und Licht, der diese Arbeitsräume auszeichnet, erkennen lässt. Ein derartiger Shedbau mit einer verbauten Fläche von 2800 Quadratmeter wird von einer im Jahre 1892 aufgestellten Corliss- Compoundmaschine von 450 Pferdestärken, geliefert von Märky, Bromowsky & Schulz in Königgrätz, betrieben, deren Bild mit dem prächtigen Maschinenraum ebenfalls wiedergegeben wurde. Eine weitere Vergrösserung der Fabrik ergab sich durch die Anlage einer nach den neuesten Erfahrungen eingerichteten Wollwäscherei und Kämmerei. Diese befindet sich nebst einer Abtheilung von Spinnmaschinen in den am Bilde links ersichtlichen Baulichkeiten, für welche der Bauplatz durch die mit eigenen Mitteln durchgeführte Regulirung der Zwodau gewonnen wurde. Auf demselben Terrain befinden sich auch ein Magazinsgebäude und weiter im Vordergrund ausserhalb der Fabrik die Gruppe der neuen Arbeiterhäuser. Die hochragenden Gebäude, welche hinter den Corliss-Compoundmaschine von Märky, Bromowsky & Schulz. 92 Sheds der neuen Anlage stehen, enthalten die Kessel- und Maschinenanlage. Die Dampfmaschine ist eine stehende Dreicylinder-Maschine von 1000 Pferdestärken, geliefert von der Maschinenfabrik F. Ringhoffer in Prag-Smichow. Die Wohlfahrtseinrichtungen der Fabrik stehen auf der höchsten Stufe dessen, was im Interesse der Arbeiter angestrebt werden kann. Der Yordertract des Neubaues, dessen Anlage und prächtige architektonische Durchbildung ein Werk des Architekten Wiedermann in Franzensbad ist, enthält eine umfangreiche Bäderanlage, welche das im Bilde dargestellte Schwimmbad und eine Reihe von Dampf-, Douche- und Wannenbädern umfasst, deren Benützung den Arbeitern während der Arbeitszeit im Sommer und im Winter freisteht. Die diesbezüglichen Bestimmungen haben sich vorzüglich bewährt, und werden die Bäder, welche von jedem Theil der Fabrik aus mit gedeckten und im Winter geheizten Communicationen erreicht werden können, ausserordentlich viel benützt. Es besteht ein Speisehaus nebst einer Anzahl von Schlafsälen, mit getrennten Räumen für männliche und weibliche Arbeiter; in nächster Nähe befindet sich ein P'abriksgasthaus, dessen Wirth verpflichtet ist, den Arbeitern tadellose Speisen und Getränke zu billigem Preise zu verabfolgen — im laufenden Jahre kostet ein Mittagessen mit Fleisch 12 Kreuzer. In den Arbeiterhäusern der Fabrik, deren Zahl zur Zeit dreissig beträgt, finden gegen 150 Familien Wohnungen. Es beträgt der Jahreszins für ein bis zwei Zimmer mit Küche und Nebenräumen 20 bis 30 Gulden. Es besteht eine Vorschusscasse, ein Altersversorgungsfond, der ausschliesslich von den Firma-Inhabern geschaffen wurde, eine eigene Betriebskrankencas.se und eine Arbeiterbibliothek. Das Einvernehmen zwischen Arbeitern und dem Unternehmer war jederzeit ein musterhaftes und hat sich auch in der ungünstigen Geschäftsperiode der letzten zwei Jahre, in welchen der Betrieb nur mit schweren Opfern aufrecht erhalten wurde, bewährt. Tfeli. . . h-.-i-iR?: ;vi v ca “ raysjf&ägai Dreicylinder-Dampfmaschine von F. Ringhoffer, _.' mm Aar fern, ttiEsaft jg' iKia r+T+’fc r*T+n>.| nrnp Das Schwimmbad für Arbeiter. 93 .o' Jt _ >- ® ® B ® R i I S ! g ; a i a i Ü n i I tin mi: GMi ÄSÜJSäi SHiliV: B'I;R •w; b il-bi W- BJ. .ih/.jF 1 n '* o liS :.s ; ii }i •■ili B3^ Iw' >xr*j 4^ JOSEF TEUBER & SÖHNE S CHAF WO LL- SPINNFABRIK BRÜNN. as Etablissement wurde im Jahre 1823 von Hubert Soxhlet in Gesellschaft mit seinen Söhnen Felix und Eugen unter der Firma »H. F. & E. Soxhlet« in jenem Gebäude errichtet, welches die Stätte der ersten in Brünn errichteten Tuchfabrik des Leopold v. Köffiler und später der Schmal’schen Fabrik gewesen war. Im Jahre 1834 wurde ein neues Fabriksgebäude auf der Zeile errichtet, welches, durch stete Zubauten vergrössert, noch heute dem Betriebe dient. Zugleich wurde der Dampfbetrieb eingerichtet und die Production in einem solchen Maasse erhöht, dass bereits im Jahre 1842 eine Dampfmaschine von 70 Pferdekräften aufgestellt werden musste. Der Betrieb nahm einen solchen Aufschwung, dass er im Jahre 1854 34.000 Spindeln zählte und 25.000 Centner Wolle verarbeitet wurden. Zu jener Zeit war das Etablissement das grösste seiner Art, dem selbst in England keines gleich stand. Die Aufnahme aller technischen Fortschritte war die Ursache dieses besonderen Erfolges. Die erste Mulejenny-, die erste Continue-, die erste Plusmaschine wurde von der Firma in Oesterreich eingeführt. Im Jahre 1836 war Hubert Soxhlet gestorben, dem im Jahre 1851 Eugen und 1855 Felix Soxhlet im Tode nachfolgten, Männer, die durchwegs das grösste Ansehen und die grösste Achtung unter ihren Mitbürgern und bedeutende Anerkennungen und Auszeichnungen für sich und ihr Unternehmen an allen maassgebenden Stellen erlangt hatten. Das Etablissement wurde zunächst von der »Brünner Spinnfabriksgesellschaft« übernommen und gieng am 28. August 1858 an Josef Teuber über, der bis dahin, in Gemeinschaft mit Josef Keller, aus kleinen Anfängen beginnend, zu immer grösseren Erfolgen gelangend, eine Spinnfabrik betrieben hatte. Im Vereine mit seinen Söhnen Wilhelm und Moriz gab er dem Betriebe neuen Aufschwung und jenen Grad von Vervollkommnung- der technischen Einrichtungen, der ihn heute auszeichnet. Im Jahre 1881 starb Josef Teuber, der in Anerkennung seiner besonderen Verdienste um Industrie und Land- wirthschaft — er war unter Anderem auch der Begründer und erste Besitzer der Mödritzer Zuckerfabrik — im Jahre 1873 in den Adelstand erhoben wurde. Im Jahre 1884 starb Wilhelm v. Teuber, der durch die Verleihung des Franz Joseph-Ordens, die Wahl zum Landtagsabgeordneten des mährischen Grossgrundbesitzes und die Uebertragung anderer Ehrenstellen ausgezeichnet wurde. Seitdem im Jahre 1891 Moriz v. Teuber aus der Firma austrat, ist der Chef des Unternehmens Josef v. Teuber, der ältere Sohn Wilhelms v. Teuber, der den Betrieb in der traditionellen Weise unter Aufnahme aller Fortschritte der modernen Technik weiterführt. In erster Linie Lohn-Etablissement, erzeugt das Unternehmen auch Streichgarn für den Handel. Das Productionsquantum wechselt zwischen 1,200.000 und 1,500.000 Kilogramm Garn. Eine Dampfmaschine gibt die Triebkraft; 45 Assortiments sind im Betriebe verwendet, der eine Zahl von 20.000 Spinn- und 2500 Zwirnspindeln zählt. Im Betriebe sind 10 Beamte, 10 Abtheilungsmeister und ungefähr 500 Arbeiter beschäftigt. Die Firma leistet für ihre Arbeiter beträchtliche Beiträge für die Arbeiter-Unterstützungs-, Witwen- und Waisencasse und gewährleistet damit ihren Arbeitern eine ausreichende Versorgung im Falle der Erwerbsunfähigkeit und die Unterstützung mittelloser Witwen und Waisen derselben. Schon bei der Wiener Industrie-Ausstellung im Jahre 1845 erhielt das Unternehmen die grosse goldene Medaille, welcher Auszeichnung sich unter anderen die erstklassigen Prämiirungen in London 1862, Paris 1867, "Wien 1873 und Paris 1878 anreihten. 94 L. AUSPITZ ENKEL K. K. PRIV. FEINTUCHFABRIK. BRUNN. ieses Fabriksunternehmen besteht seit dem Jahre 1837, i n welchem dasselbe von dem Grossvater der gegenwärtigen Besitzer, Herrn L. Auspitz, in einem kleinen Gebäude der Brünner Vorstadt »Strassengasse« begründet wurde. Daselbst erlernten auch die Herren Max und Julius Ritter v. Gomperz die Fabrication, übernahmen nach kurzer Zeit die selbstständige Leitung des Unternehmens und betreiben dasselbe seit mehr als 50 Jahren unter der Firma »L. Auspitz Enkel«. Im Jahre 1854 erbauten sie die im obigen Bilde dargestellte Fabrik, welche allmählich erweitert und den Fortschritten der Technik entsprechend ausgestaltet wurde. Eine ijopferdige Dampfmaschine und zahlreiche Hilfsmaschinen der Spinnerei, Weberei und Appretur dienen dem Betriebe des Werkes. Die Firma cultivirt als ihre Specialitäten hauptsächlich die Erzeugung feiner schwarzer Tuche, Satins und Croisés, auch schwarzer Kammgarnstoffe, die sich sämmtlich im In- und Auslande eines vorzüglichen Rufes erfreuen. In New-York unterhält die Fabrik seit vielen Jahren ein ständiges Commissions-Lager. Zwischen den Arbeitern der Fabrik und ihren Arbeitgebern besteht seit jeher das beste Einvernehmen und ist die Dienstzeit der einzelnen Arbeiter eine durchschnittlich lange. Von den 400 in der Fabrik beschäftigten Arbeitern stehen 100 über 10 bis 20 Jahre, 50 über 20 bis 30 Jahre und 40 über 30 bis 50 Jahre ohne Unterbrechung in Arbeit. Die Firma ist Mitglied der von den Industriellen zum Zwecke der Invaliditäts- und Altersversorgung der Arbeiter gegründeten » Arbeiter-Unterstützungs-, Witwen- und Waisen-Cassa der Schafwolhvaaren-Fabriken und Lohn-Etablissements in Brünn« und leistet hiefür jährlich sehr erhebliche Beiträge. In der Fabrik befindet sich ein Gebäude mit zweckmässig eingerichteten Schlafsälen für die Arbeiter. Die Firma hat sich seit ihrem Bestände an fast allen Weltausstellungen betheiligt, so in London 1851 und 1862, München 1854, Paris 1855 und 1878, Wien 1873, Sydney 1879, Melbourne 1880 und 1888, Chicago 1893, ferner an zahlreichen Landesausstellungen und erlangte überall die höchsten Anerkennungen in Form von Medaillen und Ehrendiplomen. Das Etablissement wurde wiederholt durch den beglückenden Allerhöchsten Besuch Seiner Majestät des Kaisers ausgezeichnet. _ 0mm* 95 91.91 ! I * I? 5 & as l II I p. s r,j lj£ jfc-^ |i 1 H 1119 Hl m* sgM- li&fWavWl -Ü3WÖVJ ■^rn'‘ : - 'ärhSEI i ** jr j l**»f i ,**.<• SM: i?- v FRANZ BAUR’S SÖHNE K. U. K. HOF- UND ARMEE-LIEFERANTEN TIROLER-LODEN- UND SCHAFWOLLWAAREN-FABRIKEN INNSBRUCK UND MÜHL AU. echt klein und unscheinbar waren die Anfänge, aus denen im Laufe der Zeiten die Tiroler Loden- Industrie zu einem mächtigen Zweige der industriellen Thätigkeit des Landes sich entwickelt hat. Diese Industrie, die mit dem Lande, in dem sie entstanden, untrennbar verbunden ist, hat eine Zeit lang sogar die österreichische Schafwollwaaren-Fabrication, ihr eine neue Richtung weisend, sichtlich beeinflusst. Die wasserdichten Loden, ursprünglich nur einer allen Witterungsunbilden ausgesetzten Landbevölkerung in den Alpen als Bekleidung dienend, sind eben mit der Zeit auch zu einem modernen Kleidungsstücke der Städter geworden und hiedurch ist die anfänglich nur als Hausgewerbe betriebene Lodenerzeugung zu einem Industriezweige emporgewachsen, der über die Grenzen seines engeren Vaterlandes hinausgriff und den Ruf seiner Erzeugnisse — namentlich in Folge des wachsenden Verkehrs von Fremden und Touristen, die immer mehr die Vorzüge des Lodenkleides im Gebirge achten und schätzen lernten — über die ganze AVelt verbreitet hat. Mit der Geschichte der Tiroler Loden-Industrie ist aber auch die Geschichte des Hauses Franz Baur’s Söhne, Schafwollwaaren-Fabrik in Innsbruck, auf das Innigste verwachsen; war es ja Franz Baur, der im Jahre 1814 die bis dahin, wie oben bemerkt, nur hausindustriell betriebene Lodenerzeugung zu einem Zweige industrieller Thätigkeit gemacht und damit den Grund für die nachmalige Tiroler Loden-Industrie gelegt hat. Mit einem Handstuhle beginnend, wurden jene Lodensorten erzeugt, die wegen ihrer Wasserdichtheit als Mäntel für Jäger und Hirten in Verwendung kamen. Der ganze Betrieb war noch auf eine höchst primitive Weise eingerichtet, der bäuerlichen Erzeugungsweise nachgebildet. Erst um das Jahr 1824 bezog Franz Baur die ersten Spinnereimaschinen aus Wasserburg in Bayern, bestehend aus einem aus Holz erbauten Krempel und einer ebensolchen Spinnmaschine, sowie einer Scheermaschine. Nach diesen Modellen wurden dann mehrere Spinnmaschinen und Krempeln angefertigt, die sämmtlich mit der Hand betrieben wurden. Allmählich erweiterte sich der Betrieb; doch erst im Jahre 1840, in welchem das noch heute theilweise im Besitze der Familie Baur befindliche, am Sillcanal gelegene Fabriksgebäude erbaut worden war, wurde zum Betrieb — ^96 - mittelst Wasserkraft übergegangen; um das Jahr 1845 kamen die ersten mechanischen Webstühle, welche von der Firma Richard Hartmann — jetzt »Sächsische Maschinenfabrik« — in Chemnitz bezogen wurden, in Betrieb. Erzeugt wurden damals hauptsächlich grobe Loden, Tüffel, Calmuk, carrirte Budl und Wolldecken, sowie die sogenannten Lrlinger Wettermantelstoffe für Hirten und Jäger, die theils an die Kaufleute, zum grösseren Theile an Consumenten direct abgesetzt, d. h. für die Wolle eingetauscht wurden. Im Jahre 1848 bekam die Firma die ersten Militärlieferungen, und zwar Monturtuch nach Venedig, sowie Mannschafts- und Pferdedecken nach Graz. Im Jahre 1850 wurde das Graslmühlanwesen in Mühlau erworben, dortselbst eine neue, zweite Fabrik erbaut und im selben Jahre die Firma von den vier Söhnen des Gründers, Jakob, Ferdinand, Franz und Anton Baur, übernommen. Der Gründer der Firma, Herr Franz Baur sen., starb im Jahre 1862. Als das Kriegsjahr 1866 hereinbrach, lieferte die Firma wieder Militärtuch und wurde den Herren Franz und Ferdinand Baur in Anerkennung prompter und ausgezeichneter Effectuirung das goldene Verdienstkreuz mit der Krone verliehen. So erweiterte sich der Betrieb von Jahr zu Jahr, und da die alten Fabriksräume nicht mehr genügten, wurde im Jahre 1868 die in ■m, ‘-»V.Ls Mechanische Lodenweberei. Innsbruck (Sillgasse) gelegene sogenannte Hofmühle, der eine bedeutende Wasserkraft zu Gebote stand, angekauft und an Stelle derselben eine neue Fabrik mit Wohnhaus und Turbinenanlage errichtet. Im Jahre 1873 übernahm das Geschäft der älteste Sohn Jakob Baur, welcher aber im gleichen Jahre starb. Das ganze Etablissement gieng nun an dessen Söhne, Franz und Johann Baur, die jetzigen Inhaber der Firma, über. Im Jahre 1877 wurde der Firma der k. und k. Hoflieferanten-Titel verliehen. Im Jahre 1878 wurde eine neue Dampffärberei für Woll-, Stück- und Küpenfärbung erbaut. Im Jahre 1889 wurde die gesammte Spinnerei nach Mühlau verlegt, hingegen die Färberei und die übrigen Fabricationszweige in Innsbruck centralisirt, ferner eine kleine elektrische Anlage zur Beleuchtung der Mühlauer Fabrik errichtet. 1890/91 wurden in Mühlau wieder Wasserkräfte erworben, eine neue Hochdruck-Turbinenanlage mit einer längeren Eisenrohrleitung von 1 Meter Durchmesser und 2 einhundertpferdekräftigen Turbinen hergestellt; ferner wurde die gleichzeitig angekaufte Mühle in ein Arbeiter-Wohnhaus für 23 Parteien umgebaut. 1893 wurde Franz Baur für seine hervorragenden Verdienste um das Zustandekommen der I. Tiroler Landesausstellung mit dem Ritterkreuze des Franz Joseph-Ordens ausgezeichnet. Mit 1. Jänner desselben Jahres errichtete die Firma in Wien, I., Fleischmarkt, Drachengasse 2, eine eigene Niederlage. 1894 erbaute die Firma ein eigenes Elektricitätswerk für Licht sowie elektrische Kraftübertragung, Drehstrom, System Oerlikon, in Mühlau für 2000 Glühlampen, in erster Linie zur Beleuchtung der eigenen Fabriken und Wohnhäuser in Innsbruck und Mühlau und zum elektrischen Betriebe der circa 3 Kilometer entfernten Weberei. Ausserdem gibt die Anlage noch Strom an Hötels, öffentliche Gebäude und Private ab. Was nun die Fabrication anbelangt, so muss hervorgehoben werden, dass Alles von der rohen Wolle bis zum fertigten Stücke in den eigenen Etablissements aus reinem, bestem Rohmaterial — ohne jegliche Beimengung von Surrogaten — hergestellt wird. Im Jahre 1882 wurden von der Firma die ersten Damenloden erzeugt und in den Handel gebracht, die sich durch ihre Güte sowohl für Haus- und Alltagskleidung, als auch für Costüme und Reiseanzüge bald einen Weltruf Die Gross-Industrie. IV. 97 13 erwarben und eine derartige Beliebtheit erlangten, dass es nicht im Entferntesten möglich war, die darauf einlaufenden Aufträge zu erledigen, selbst wenn die Leistungsfähigkeit der Fabrik um das Dreifache erhöht worden wäre. Leider wurde auch dieser Artikel, wie das ganze Lodengeschäft überhaupt, in den letzten Jahren durch minderwerthige Fabrikate, die unbean- ständet überall, selbst auch am hiesigen Platze, als echte Tiroler Loden angepriesen und für solche in grossen Mengen verkauft werden, sehr stark geschädigt und dadurch der redlich erworbene und wohlverdiente Weltruf der echten Tiroler Lodenfabrikate discreditirt. Die mit den besten Maschinen ausgerüstete Fabrik beschäftigt gegenwärtig 160 bis 180 Arbeiter. An dieser Stelle sei erwähnt, dass die guten Beziehungen zwischen der Arbeiterschaft und den Arbeitgebern von Anbeginn an nichts zu wünschen übrig liessen. Der beste Beweis hiefür ist wohl der, dass die Arbeiterin Anna Daum nunmehr seit 62 Jahren in den Diensten der Firma steht, während dem Weber Josef Kühnei, welcher noch heute, d. i. nach 60 Jahren, wie nebenstehende Skizze zeigt, wacker und unermüdlich auf seinem alten Handstuhl schafft, bereits am 27. März 1888 für seine ununterbrochene 50jährige treue Dienstleistung von Sr. Majestät das silberne Yerdienstkreuz verliehen wurde. Gleichzeitig mit Kühnei wurde obgenannte Anna Daum, sowie der 40 Jahre dienende Hans Orgler von der Behörde mit Diplomen, von der Firma durch Geschenke geehrt, ebenso erhielten im Februar 1895 vier gleichzeitig ihr 25jähriges Dienstjubiläum feiernde Arbeiter Anerkennungen und Geschenke. Seit dem Jahre 1891 ist die Firma Mitglied der Militärtuch- Lieferungsgesellschaften Offermann & Consorten, liefert als solche Monturtuch für das stehende Heer, ausserdem an das Monturdepot in Graz Winterkotzen, Sommerdecken und Cavalieri e-Pferdedecken. Auf Ausstellungen prämiirt wurde die Firma in Wien 1845 und 1873, in Innsbruck 1882, in Budweis 188-4 (goldene Medaille), 1893 Chicago (2 Medaillen und Diplome) und 1893 in Innsbruck (Ehrendiplom des Handelsministeriums). 1879 erhielt die Firma das österreichisch-ungarische Patent für porös wasserdichte Wollstoffe. Ihren guten Ruf erwarb sich die Firma hauptsächlich durch die von ihr erfundene Erzeugung von naturwasserdichten porösen Erlinger- und Wettermantelstoffen, welche anfänglich nur in Weiss und Naturbraun hergestellt wurden und von Hirten und Hochgebirgsjägern benützt worden sind, sich aber wegen ihrer Wasserdichtheit, geringen Schwere und des billigen Preises bald auch in Touristen- und Jägerkreisen allgemein Eingang verschafften. Ferner lieferte die Firma Wettermantelstoffe in Blaugrau für Infanterie- und braune für Cavallerie- officiere der k. und k. Armee in grossen Mengen zur vollsten Zufriedenheit. Heute, da diese Erlinger Wettermantelstoffe in allen möglichen Melangen und Farben, auch aus Kameelhaaren erzeugt werden, sind selbe allenthalben als bester und billigster .Schutz gegen Unwetter anerkannt und in Verwendung. Gerade durch diese Wettermantelstoffe wurde das Publicum auf die Solidität der heute -wohl weltberühmten Tiroler Loden aufmerksam gemacht und diese heimische Industrie zu Ehren und grossem Aufschwünge gebracht. Als Begründerin der Tiroler Loden-Industrie kann die Firma deshalb auf ihren nun 83jährigen rühmlichen Bestand, während dessen sie sich aus den kleinsten, bescheidensten Anfängen zu Ansehen und Achtung emporgerungen hat, mit Befriedigung zurück- und mit Zuversicht in die Zukunft blicken. Sechzig Jahre am Webstuhl (Josef Kühnei). '•rv' • - i 'S’TWUv • '-Ät .%yfa£l U.§L «yw/* Spinnerei in Mühlau. ff-'i ■ ~^/d flilftJRRLftjUM l ms Iuiuuiiiii niii sULlil i« n >i «p h s rpTUls*^ tu t2 Weberei in Reichenber^ Cr:, ä K.K.Priv. Feintuch-Fabrik REIGHENBERG. (Stammhaus m Rt-ichenbeg avRRä säRli« io Gründung der Firma »Anton Demuth & Söhne« führt auf den Beginn dieses Jahrhunderts zurück. Anton Bernhard Demuth, geboren 1780, verehelichte sich mit der Tochter des hochangesehenen Tucherzeugers und Grosshändlers Gottfried Möller, welcher schon in damaliger Zeit ein lebhaftes Exportgeschäft nach dem Oriente unterhielt. Angeregt durch das Beispiel seines Schwiegervaters betrieb auch er mit Vorliebe den Export nach der Levante. Nach dem Tode Möller’s und nach der kurz darauffolgenden Auflösung des Möller’schen Geschäftes übernahm Anton Demuth den grossen Kundenkreis desselben und nahm hiedurch sein Unternehmen einen bedeutenden Aufschwung. Durch das thätige Eingreifen seiner Söhne Anton und Josef und späterhin Adolf vergrösserte sich das Geschäft von Jahr zu Jahr. Nachdem Anton Demuth senior bereits im Jahre 1835 die alte Mühle in Röchlitz Nr. 60 an sich brachte und dieselbe in eine Tuchfabrik umwandelte, baute er im Jahre 1842 die in Reichenberg in der Bahnhofstrasse gelegene Weberei, einige Jahre später die Spinnerei in Röchlitz Nr. 51 und erwarb dazu die ehemalige, der Reichenberger Tuchmachergenossenschaft gehörige Schönfarbe. Im Jahre 1846 erhielt die Firma das Landesprivilegium. Zu der Zeit zählte die Reichenberger Tuch-Industrie nicht mehr als sieben Fabriken, welche gegen die in Folge des handelspolitischen Systemwechsels scharf gewordene Concurrenz des Auslandes einen schweren Kampf zu bestehen hatten. Durch rasche Aneignung aller technischen Errungenschaften gelang es dieser Industrie, sich mit Erfolg zu behaupten. Nach dem Ableben des Anton Demuth senior und seiner beiden Söhne Josef und Adolf führte der nunmehrige alleinige Inhaber Anton Demuth jun. das Geschäft unter der gleichen Firma weiter und gelang es ihm durch unermüdlichen Fleiss, Fachkenntnis, zielbewusste Energie und Intelligenz der Firma jenen Ruf zu geben, dessen sie sich heute erfreut. Für seine Verdienste auf dem industriellen und gemeinnützigen Gebiete wurde Anton Demuth jun. im Jahre 1886 durch die Verleihung des Ritterkreuzes des Franz Joseph-Ordens ausgezeichnet. Nach dessen im Jahre 1890 erfolgten fi * * 1* 8 185*^ 13 99 I äsE 9 1 , III H 9 g i SU 3 ?. a Mi I fi Uj ml aS*b -f ■ Tode übernahmen die schon früher im Geschäfte thätig gewesenen Söhne Anton und ' Rudolf mit ihrem Schwager Oscar Hasenöhrl die Leitung der Firma. Seit dem Austritte des Letzteren im Jahre 1896 führen die beiden Brüder das Geschäft in unveränderter Weise weiter. Das Unternehmen umfasst alle Zweige der Tuch- fabrication, als: Spinnerei, Weberei, Färberei und Appretur, und beschäftigt unghfähr 500 Arbeiter. Die Erzeugnisse der Firma, Tuch- und Modewaaren, WV finden nicht nur im Inlande, sondern, nachdem der Export stets besondere Pflege genoss, auch nach den Balkanstaaten, Syrien, Aegypten, Persien, wie auch Süd- und Nordamerika regen Absatz. Als Specialität erzeugt die Firma, und zwar vom Anbeginn ihres Bestandes, das glatte, sogenannte Orienttuch, nicht allein in den billigen, sondern auch in den hochfeinen Qualitäten. Ihr Erzeugnis hat sich namentlich auch in der Levante einen guten Ruf erworben und ihn bis zum heutigen Tage trotz aller Schwierigkeiten, die unsere Exportthätigkeit be- kanntermaassen beeinträchtigen, erhalten. Vornehmlich wurde dieses gefördert durch persönliche Besuche der levantinischen Absatzplätze und dieses schon zu einer Zeit, wo die Eisenbahnen das Reisen im Oriente nicht in dem Maasse erleichterten, wie heutzutage. Auf den bedeutendsten Plätzen, welche im Laufe der Jahre regelmässig besucht werden, wird die Firma durch erste Häuser schon durch Decennien repräsentirt und sind einzelne gesetzlich geschützte Marken bei den Händlern sowie bei der Kundschaft allgemein bekannt und als solche gesucht und geschätzt. Seit dem Jahre 1835 unterhält die Firma eine eigene Niederlage in Wien am Fleischmarkt; ausserdem ist sie auch auf den grössten Plätzen des Orientes, ferner auch in Paris, Hamburg und New-York vertreten. Die Firma wurde für ihre Leistungen auf den Ausstellungen zu Paris (1867, 1889), London, Triest, Sidney, Adelaide, Wien, Philippopel etc. mit den höchsten Preisen ausgezeichnet. ^«Spinnerei in Roch1 1 tz. «Splits»»? fiJi ff tt ISII tSi - CVr.rt 1 ! . ’ÖT-Vf Mi ■■M J 3 G ;^\ur-Anstalt j n ^ »V. i.tJos.ljubncr, IOO m■ •’ dHua ? I« M# 8B »d«*^‘’gi|- ■äfe®' A. DRAXL’S SÖHNE LODEN- UND SCHAFWOL L WA A REN- FABRIK FLIRSCH. er im Jahre 1870 verstorbene Begründer der Firma, Alois Draxl, war ein Sohn schlichter Bauersleute in Flirsch. In seiner Jugend lernte er das Zimmerhandwerk. Als Tirol unter Napoleon I. an Bayern kam, wurde er Soldat und machte den russischen Feldzug mit. Nach dessen Beendigung kehrte er in seine Heimat zurück, aber nicht mehr um das Zimmerhandwerk zu betreiben. Er erlernte vielmehr in Imst bei Stuchli die Wollfärberei. Nachdem er sich in diesem Geschäfte praktisch ausgebildet hatte, richtete er im Dorfe Flirsch in einem von ihm neugebauten Hause eine den damaligen Zeitverhältnissen entsprechende primitive Werkstätte ein und erbaute beim sogenannten Mühlbache eine Walke, in der er den Bauern des Stanzerthaies den selbstgewebten Loden walkte. Im Jahre 1834 kam Alois Draxl auf den Gedanken, auch selbst aus Schafwolle Loden und Flanelle zu erzeugen, zu färben, zu walken und in den Handel zu bringen. Zu diesem Zwecke vergrösserte er sein Haus, richtete es zu einer primitiven Fabrik ein, stellte Spinnmaschinen und Webstühle auf, welche auf Handbetrieb eingerichtet waren. Das Geschäft, welches er derart in Gemeinschaft mit seinem Bruder Martin Draxl einige Jahre in kleinem Maasse unter der Firma »Alois & Martin Draxl« betrieb, gieng gut und wurde die Grundlage des gegenwärtigen Etablissements. Als sein Bruder Martin sich von ihm trennte und in Landeck ein eigenes Geschäft gründete, wendete Alois Draxl seine ganze Aufmerksamkeit der Schafwollwaaren-Fabrication zu, um dieselbe in grösserem Maassstabe zu betreiben. Da aber die bestehenden Localitäten für das immer grösser werdende Unternehmen nicht mehr genügten, kam er auf den Gedanken, eine kleine Fabrik zu bauen. Im Jahre 1841 führte er dieses Project aus und baute am rechten Ufer der Rosana eine im kleinen Maassstabe angelegte Fabrik, verlegte die Maschinen dorthin und verbesserte dieselben durch neue Erfindungen. Die fertigen Waaren fanden Anklang und grossen Absatz. Da Alois Draxl das Fabrikspersonal grösstentheils auch selbst verpflegte, fand er es für vortheilhaft, die Fabrik mit einer kleinen Kornmühle zu verbinden. Dieselbe musste jedoch im Verlaufe der Zeit, wegen Mangel an Wasserkraft, wieder entfernt werden. Als seine Söhne Franz und Alois herangewachsen und mit guter Schulbildung, sowie technischen Fachkenntnissen versehen waren, nahm er sie in das Geschäft als Theilhaber auf. So entstand die Firma A. Draxl’s Söhne. IOI Das Jahr 1870 brachte eine Veränderung, indem der Gründer der Firma, Herr Alois Draxl, starb und sein älterer Sohn, Franz Draxl, an seine Stelle trat, welcher bereits durch eine Reihe von Jahren im Geschäfte thätig gewesen war. Franz Draxl unternahm Reisen, besuchte Fabriksstädte und kehrte, mit Maschinen neuester Construction und durch technische Kenntnisse und Erfahrungen bereichert, zurück. Im Jahre 1871 vergrösserte Franz Draxl die Fabrik durch einen Zubau, legte eine Wasserleitung an, um auch die Spinn- und Webstühle mit Wasserkraft betreiben und so besser und schneller arbeiten zu können. Im Jahre 1886/87 wurde das alte Fabriksgebäude ganz abgetragen und an dessen Stelle die jetzt bestehende Fabrik sammt Färberei und Wohnhaus für Arbeiter nebst Magazinen für Rohmaterialien und fertige Waaren erbaut. Die Fabrikseinrichtung wurde vollständig reor- ganisirt, indem sämmtliche alte Maschinen durch neue ersetzt wurden, so z. B. die Handauflegmaschinen durch selbstthätige Auflegapparate; an die Stelle der Handspinnstühle traten die Selfactoren. Auch die Weberei, welche bis zu dieser Zeit nur aus einfachen Stühlen bestand, wurde mit den neuesten Webstühlen versehen, lim gemusterte Waaren und Dessins mit hoher Schaftzahl hersteilen zu können. Die Färberei und Appretur wurde gleichfalls neu ausgerüstet, um auch in Bezug auf die Fertigstellung der Gewebe jede Concurrenz bestehen zu können. Eine Ansicht der mit den besten inländischen Maschinen und Apparaten (von G. Josephy’s Erben in Bielitz) ausgestatteten Appreturräume zeigt das kleine Bild am Schlüsse dieses Aufsatzes. Diese Neuanschaffungen der Maschinen dauerten ununterbrochen bis in die letzte Zeit fort. Auch wurden während dieser Zeit (1888) die Dampfheizung und 1894 die elektrische Beleuchtung für Fabrik und Wohnhaus eingerichtet. Das gesammte Werk wird durch Wasserkraft betrieben, welche 85 Pferdekräfte beträgt. Der vorhandene Dampfkessel dient nur zur Beheizung der Arbeitsräume und zum Betriebe der Färberei- und Appretur-Maschinen und Apparate. Die Betriebseinrichtung besteht aus 3 Selfactoren und einer Spinnmaschine anderer Construction, ferner 20 mechanischen AVebstühlen, sowie den zugehörigen Vorbereitungsmaschinen, wie Spul-, Aufbäum- und Zwirnmaschinen allerneuesten Systems, endlich der, wie erwähnt, zweckmässigst ausgestatteten Färberei und Appretur. In der Fabrik sind in Folge der kraft- und zeitsparenden modernen Einrichtung nicht mehr als 54 bis 60 Arbeiter, sämmtlich männlichen Geschlechtes, erforderlich und dauernd in Verwendung; die Arbeitsverhältnisse sind im Gegensätze zu den derzeit häufigen socialen Reibungen sehr solide und befriedigende, zumal meistens nur in der Umgebung ansässige Leute in Verwendung stehen. Das Unternehmen hat sich seit seinem Bestände im besten Renommé erhalten. Kunstwolle und andere gering- werthige Materialien werden nicht verarbeitet, sondern alle Fabrikate, von dem groben Bauernloden bis zu den feinsten Herren-und Damenloden, bestehen nur aus bester und reinster Wolle, demzufolge die Waaren sowohl im Inlande als auch im Auslande vortrefflichen Absatz finden. In Anerkennung der reellen Ausführung ihrer Fabrikate wurde die Firma bei der im Jahre 1893 stattgefundenen Landesausstellung mit einem Staatspreise (der silbernen Staatsmedaille) ausgezeichnet. Einen schweren Schlag erlitt die Firma am 8. Juni 1897 durch den unerwarteten Tod des Besitzers, Herrn Franz Draxl, welchem sein Bruder Alois Draxl schon im Jahre 1883 im Tode vorangegangen war. Die von Alois Draxl gegründete Fabrik und Firma gieng nun an die Enkel des Begründers, Josef und Rudolf Draxl, über. ß|£Is£ %AA/< A/vW'y/l ]Ji ‘"öSSTv W* J. FLUSS K. K. AUSSCHL. PRIV. TUCH- UND SCHAFWOLLWAAREN-FABRIK, WOLLHUT- UND STUMPEN-FABRIK FREIBERG (MÄHREN). m industriereichen Mährerland nahm zu Anfang der Fünfzigerjahre unseres Jahrhunderts die Tuch- und Wollwaarenfabrication unter dem Einflüsse günstiger Umstände einen mächtigen Aufschwung. Das langsame Abgehen von den schweren, kostspieligen Nationalcostümen und die allmählige Verbreitung von Kleidern, die aus ebenso schönen, aber ungleich billigeren Stoffen hergestellt wurden, wirkte belebend auf die Textil-Industrie ein, ebenso wie der Umstand, dass die Fertigstellung von Tüchern im eigenen Lande der bisher auf allen Märkten ausschliesslich dominirenden ausländischen Fabrication, insbesondere der englischen, umso sichere und erfolgberechtigtere Concurrenz bieten konnte, als ja das ausländische Fabrikat eine wesentliche Verteuerung durch Zölle und Transportspesen erfuhr. Unter diesen Verhältnissen lag in der Gründung eines Unternehmens auf diesem Zweige der Textil-Industrie eine gewisse Erfolg versprechende Gewähr für die Zukunft, und als im Jahre 1847 zu Freiberg in Mähren Herr Ignaz Fluss ein Etablissement gründete von so bescheidenem Umfange, dass Anfangs darin nur die Appretur der ausser dem Hause gesponnenen und gewebten Tücher vorgenommen wurde, lag es bei der günstigen Conjunctur sicherlich in der Absicht des Gründers, an die Ausgestaltung seines Unternehmens zu schreiten. Da die geschäftliche Thätigkeit von bestem Erfolge begleitet war, so führte er nach und nach die Spulerei und Weberei in seine Betriebsstätten ein. Die soliden und dauerhaften Producte des Freiberger Etablissements fanden im kaufenden Publicum eine sich immer besser gestaltende Aufnahme; auf den ausländischen Märkten, die Fluss mit seinen Tüchern beschickte, bildeten sie einen lebhaft begehrten Artikel. Der Absatz steigerte sich so, dass die Einführung einer mechanischen Triebkraft nothwendig wurde. So wurde denn auch nach 13jährigem Bestände des Etablissements im Jahre 1860 eine Dampfmaschine von allerdings nur zehn Pferdekräften angeschafft. Um der steigenden Nachfrage Genüge leisten zu können, waren Aenderungen und Reformen im Freiberger Etablissement nothwendig geworden, die denn auch Ignaz Fluss im Jahre 1869 in gründlichster Weise vornehmen liess. Durch Ankauf einer Realität in Freiberg war eine Vergrösserung des Unternehmens ermöglicht, wodurch sich wiederum die Nothwendigkeit herausstellte, eine stärkere als die bisher verwendete Dampfmaschine aufzustellen; es wurde eine solche in der Stärke von 40 Pferdekräften aufgestellt. Bereits 20 Jahre bestand das Unternehmen und hatte sich eine schöne, achtunggebietende Stellung unter den Concurrenten erworben, einen weiten Kreis fester Kunden durch ein solides und reelles Vorgehen erlangt, auf den Märkten sich gesicherte, nutzbringende Absatzstellen zu verschaffen gewusst, als jene grosse Wendung auf diesem Gebiete der Textil-Industrie eintrat, die eine völlige Umgestaltung aller Verhältnisse herbeiführte: Die Einführung des mechanischen Webstuhles. Allerdings waren in anderen Kronländern Oesterreichs bereits viele Jahre vorher die mechanischen Webstühle eingeführt, so insbesondere in Vorarlberg, wo die Einführung einer mechanischen Kraft sich deshalb besonders empfahl, da dort in Folge eigenthümlicher Verhältnisse die Arbeitslöhne bezüglich ihrer Höhe in keinem Verhältnisse standen zu den in anderen Ländern üblichen. Das Beispiel der Schweiz, am meisten aber Englands, das ja das Heimatsland des mechanischen Webstuhles ist, liess die Bedeutung der neuen Erfindung in ihrem vollen Umfange erkennen für den, der Augen hatte, sie zu sehen. Und Ignaz Fluss besass die richtige Erkenntnis für die Neuerung und trat ihr bei, indem er 1864 die ersten mechanischen Webstühle aufstellte. Dadurch trat neuerdings die Nothwendigkeit ein, entsprechend dem neugearteten Betriebe auch Umänderungen, insbesondere bauliche Vergrösserungen und Erweiterungen, vorzunehmen. Schliesslich musste im Jahre 1872 ein ganzer Zubau aufgeführt werden. Inzwischen waren auch in der Leitung der Fabrik wichtige Veränderungen eingetreten, indem in die Firma der Schwager des Gründers, Herr Moser, eintrat. Bald darauf übernahm der älteste Sohn, Alfred, im Vereine mit 103 genanntem Schwager des Gründers die Leitung der Fabrik. Die Erzeugung umfasste hauptsächlich Tuche von verschiedenster Gattung, zum grössten Theile für den Export nach den Donaufürstenthümern. Der Export zog sich schon damals tief in die Länder des Orients hinein, umfasste ferner die Donaufürstenthümer, Ungarn und die ehemals bestandene Militärgrenze. Im Jahre 1869 wurde auf Grund eines Privilegiums die Fabrication von auf Rouleaux-Druckmaschinen gedruckten Buckskin aufgenommen. Durch vier Jahre blieb die Fabrication Monopol der Freiberger Fabrik und diese besondere Gattung von Stoff erfreute sich der grössten Verbreitung. Im Jahre 1878 beschloss der bisherige Firmainhaber, die Production in seinem Etablissement um ein Bedeutendes zu vermehren und zu vergrössern, indem er die Erzeugung der sogenannten englischen Wollwaaren in sein Unternehmen einführte. Allein deshalb mussten bauliche Veränderungen vorgenommen werden und vor Allem stellte sich die Erhöhung der bisher verwendeten Dampfkraft als unbedingt nothwendig heraus. Nach den getroffenen Umbauten wurde nun auch eine Dampfmaschine von 80 Pferdekräften installirt. Die Production umfasst ausser den vorgenannten Artikeln für den Orient etc. billige Waare im englischen Genre für Herren- und Damenconfection. Die Fabrik ist heute elektrisch beleuchtet, besitzt eine Dampfheizung, sowie alle modernen Einrichtungen für den Fabriksbetrieb. Auch in den letzten zwanzig Jahren geschah Vieles zur Ausgestaltung, daher denn gegenwärtig drei Dampfkessel aufgestellt sind, von denen einer als Reserve dient, welche zwei Dampfmaschinen von zusammen 100 Pferdekräften speisen. Der Export richtet sich heute nach den Balkanstaaten, der Levante und Asien, sowie nach Südamerika. Wie der Gründer die ganze Zeit hindurch stets bereit war, mit grossen Opfern von Zeit, Geld und Mühe seinem Etablissement den grösstmöglichsten Umfang, der dem Gedeihen und Blühen der Fabrik erspriesslich sein konnte, zu geben, wie er stets bestrebt war, mit seiner maschinellen Einrichtung und der Production im Kampfe mit einer grossen Concurrenz stets auf der Höhe der Situation zu bleiben, so war er andererseits stets von warmer Fürsorge um das Wohl der bei ihm angestellten Arbeiter erfüllt und gab oft deutliche Zeichen seiner der Arbeiterschaft durchaus wohlwollenden Gesinnung; darum ist das Verhältnis zwischen Arbeitern und dem Arbeitgeber stets ein friedliches gewesen. Gegenwärtig werden 400 Arbeiter beschäftigt. Für arbeitsunfähig gewordene Arbeiter sorgt unter Anderem eine besondere Pensionscasse, die von Ignaz Fluss gegründet und mit einer namhaften Spende ausgestattet wurde. Im Anschlüsse an das bisherige, mit so grossem Erfolge geleitete Unternehmen gründete J. Fluss in Freiberg eine Wollhut- und Hutstumpenfabrik. Das neue Etablissement wurde im Jahre 1883 fertiggestellt und die Leitung übernahmen die Söhne des Gründers. Mit dieser Fabrication wurde in Mähren ein ganz neuer Industriezweig eingeführt, dessen Erzeugnisse eine derartige Verbreitung fanden, dass die Freiberger Fabrik in verhältnismässig kurzer Zeit ihres Bestandes Erweiterungen und Veränderungen erheischte, um der gesteigerten Nachfrage Genüge leisten zu können. In drei Dampfkesseln von 420 Quadratmeter Heizfläche wird der für die Dampfmaschine und die Fabrication nöthige Dampf erzeugt. Die Dampfmaschine, die eine Stärke von 100 Pferdekräften besitzt, sowie die übrige maschinelle Einrichtung ist modernster Construction. Die Zahl der Arbeiter beträgt 800, für die ebenso wie in der erst beschriebenen Fabrik durch alle vom Gesetze geforderten Wohlfahrtseinrichtungen trefflichst vorgesorgt ist. An der erwähnten Pensionscasse für arbeitsunfähig gewordene Arbeiter nehmen sie nach dem dafür aufgestellten Statut gleichen Antheil. Auch im neuen Etablissement ist das Verhältnis zwischen Eigenthümer und Arbeiter ein durchaus friedliches. Derselbe Geist, der das Tuch- und Wollwaaren-Etablissement emporgebracht hat, waltet auch in dem jüngeren Unternehmen: nämlich der Geist strenger Reellität und Solidität, durch die das Stammhaus in einer mehr als 50jährigen Thätigkeit sich Anerkennung und hohe Achtung erworben. Durch die erfolgreiche geschäftliche Thätigkeit ist es gelungen, die jährliche Production auf die stattliche Zahl von circa einer Million Hüte und Hutstumpen zu bringen. Die Erzeugnisse finden im Inlande ebenso reichlichen Absatz wie im Auslande. Insbesondere aber exportirt die Firma nach dem Orient, den Balkanstaaten, ferner überseeisch nach Ostasien und Südamerika. Der Firmainhaber wurde auf der Pariser Ausstellung vom Jahre 1889 prämiirt. J04 CARL TRAUG. FÖRSTER & SÖHNE K. K. PRIV. FEINTUCH- USD SCHAFWOLLWAAREN-FABRIK BIELITZ. m Jahre 1839 eröffnete Carl Traug. Förster zu Bielitz eine Weberei, in welcher er mit 20 Arbeitern jährlich circa 300 Stück Tuch erzeugte. Der Betrieb war ein manueller und erst 1854 kamen die erste Dampfmaschine von zehn Pferdekräften, sowie zwei Satz-Spinnstühle mit Mule Jennys und einige Appreturmaschinen zur Aufstellung. Unter der Entwickelung günstiger Verhältnisse beschäftigte sich die Firma fast zwanzig Jahre hindurch ausschliesslich mit der Erzeugung von glatten Tuchen für den Bedarf im Inlande und erwarb sich durch die Güte und Preiswürdigkeit derselben einen guten Ruf. Anfangs der Sechzigerjahre beg'ann sie mit einigen anderen Bielitzer Firmen für den Export nach dem Orient zu arbeiten, welches Absatzgebiet heute circa die Hälfte ihrer gesammten Erzeugnisse absorbirt. Die durch Fleiss und Thätigkeit des Gründers gewachsene Production erforderte 1861 eine Vergrösserung- der Fabrik. Es wurde ein zweistöckiger Neubau und ein Maschinenbaus für eine 35pferdige Dampfmaschine errichtet, 20 mechanische Webstühle aufgestellt, ferner eine vollständige Appretur eingerichtet, sowie die Färberei in den Bereich der Thätigkeit der Bielitzer Fabrik gezogen. Allein bereits 1872 mussten abermalige Erweiterungen und Neuanschaffungen vorgenommen werden, wodurch die Fabrik den Umfang erhielt, den sie heute besitzt. Heute umfasst die vollständig eingerichtete Fabrik eine yopferdige Dampfmaschine, 1 Cornwallkessel, 1 Röhrenkessel, 7 Setzkrempel, 4 Selfactoren, 3 Mule Jennys, 50 mechanische Webstühle und eine complet eingerichtete Appretur und Färberei, in der zahlreiche Maschinen neuesten Systems in Bewegung sind, die sämmtlich aus dem Inlande stammen. Die mit Gas beleuchtete Fabrik besitzt eine eigene Schlosserei und Tischlerei. Die heutige Production umfasst 5000—6000 Stück glatte Waare, die theils im Inlande abgesetzt, aber auch nach der Türkei, Persien, Aegypten, Marocco, Japan und China exportirt wird. Die Firma sieht darauf, nur solide, preiswürdige Waaren zu erzeugen, unter denen eine Specialität, mit welcher C. T. Förster bahnbrechend gewirkt, die feinen Strichwaaren, feinen Palmerston bilden. Das Verhältnis zwischen Arbeitgeber und Arbeitern, deren Zahl circa 150 beträgt und von denen viele einen Zeitraum von 25—35 Jahren der Fabrik ang-eliören, ist das denkbar beste. Die Fabrik besitzt ein eigenes Gebäude für Wohnungen der Beamten und unterstützt die bestehenden Arbeiter-Ivrankencassen mit der Hälfte des erforderlichen jährlichen Beitrages. Im Jahre 1879 traten die beiden Söhne des Gründers, Carl Friedrich und Erich Traugott, als offene Gesellschafter in die Firma ein, allein bereits 1885 starb Carl Friedrich Förster. Als im Jahre 1888 der Gründer des Hauses, Carl Traugott Förster, mit dem Tode abgieng, blieb Erich Traugott Förster alleiniger Eigenthümer. Auf den Ausstellungen in Wien, Triest, London, Paris, Melbourne etc. wurde die Firma mit ersten Preisen ausgezeichnet und im Jahre 1879 wurde ihr Gründer mit dem goldenen Wrdienstkreuze decorirt. Eine weitere Auszeichnung wurde der Firma und ihrem Begründer durch Verleihung der Medaille des persischen Sonnen- und Löwen-Ordens zutheil. So hat sich die Firma zu einem ansehnlichen Unternehmen gmporgearbeitet, das heute seine Erzeug-nisse in fast allen Erdtheilen absetzt; der beste Beweis für seine Leistungsfähigkeit ist wohl der, dass es in jüngster Zeit auch in China und Japan gegen englische und deutsche Erzeugnisse mit Erfolg concurrirt. Die Gross-Industlie. IV. 105 14 CARL HESS K. K. PRIV. SCHAFWOLLWAAREN-FABRIKEN BIALA. m 8. August 1849 errichtete Carl Friedrich Hess, der Vater des jetzigen Chefs dieses Etablissements, zu Biala eine Weberei. Entsprechend dem geringen Capitale, über das der Gründer verfügte, waren die Anfänge des Unternehmens klein und bescheiden. Eine Werkstätte, in der zwei Handwebstühle von drei Arbeitern bedient wurden, war der Ursprung des heutigen Etablissements, das gegenwärtig hunderte von Arbeitern beschäftigt und dessen Absatzgebiet sich über ganz Europa erstreckt. Zur Zeit, als Carl Friedrich Hess nur auf Kunden aus der nächsten Umgebung rechnen konnte, stand die Textil-Industrie, deren Anfänge in vielen ihrer Zweige kaum über das erste Decennium unseres Jahrhunderts zurückreichen, bereits in kräftiger Blüthe. Bei dieser Sachlage konnte es einem so fachtüchtigen und streng reellen Geschäftsprincipien huldigenden Manne, wie Carl Friedrich Hess, nicht an schönen Erfolgen fehlen, und entsprechend der gesteigerten Nachfrage traf er die nöthigen Erweiterungen in seinem Etablissement. Das Personale wurde vermehrt und beträchtliche neue Investitionen vorgenommen. An grössere Umgestaltungen, an eine Production in grossem Maassstabe, war noch nicht zu denken, zumal sich das ganze Etablissement noch in gemietheten Räumen befand. Im Jahre 1859 führte C. F. Hess in seinem Unternehmen eine eigene Streichgarnspinnerei ein, deren Erzeugnisse mit beitrugen, den Ruf der Firma zu festigen und in immer weitere Kreise zu tragen. Denn als im Verlaufe der Siebzigerjahre die glatte Streichgarnwaare immer mehr uncf mehr mit Surrogaten verfälscht wurde, blieb die Firma Carl Fless ihrem alten erprobten Principe unentwegt treu und verarbeitete auch weiterhin ausschliesslich reine Schafwolle für ihre Erzeugnisse. Mitte der Sechzigerjahre vollzog sich ein Ereignis, das revolutionär auf dem Gebiete der Handweberei wirkte — die Einführung mechanischer Webstühle. Carl Friedrich Hess erkannte mit sicherem Blicke die grosse Gefahr, die darin seinem so glücklich sich emporringenden Etablissement entstand, dass mit der Verwendung der mechanischen Webstühle der Handweberei ein nahes Ende gesetzt sei. In einzelnen industriellen Betrieben waren bereits etliche 30 Jahre früher die mechanischen Webstühle in den Spinnereien aufgestellt worden, und mochte deren Betrieb auch damals noch ein schwieriger und umständlicher sein, so trat doch der Unterschied zwischen dem alten und neuen Verfahren krass hervor, wobei es einsichtigen Männern nicht entgieng, dass der menschliche Erfindungsgeist sich mit Eifer auf das neue Gebiet werfen und bald Verbesserungen und Vereinfachungen ersinnen werde, wodurch eine Massenproduction und im Zusammenhänge damit eine Verbilligung der Erzeugnisse eintreten werde, gegen welche die Handweberei rettungslos verloren war. Carl Friedrich Hess musste sich den Neuerungen anschliessen, wenn er nicht den so viel versprechenden Fortbestand seines Etablissements in Frage stellen wollte. Im Jahre 1867 führte er denn auch die mechanische Weberei ein, zu welcher er im Jahre 1873 die Appretur gesellte. Fünfundzwanzig Jahre waren seit der Gründung verflossen, während welcher Carl Friedrich Hess in rastloser Thätigkeit und unermüdlichem Fleisse seinem Etablissement Ansehen und Bedeutung erwarb, als im Jahre 1875 abermals eine Umwälzung in der Fabrik sich vollzog. Wie die Entwickelung der Fabrik in dieser Zeit allmählich von Stufe zu Stufe sich hob, wie Carl Friedrich Hess durch keine Ueberhastung dem Unternehmen schaden wollte, indem er sich in keine gewagten Unternehmungen einliess, stets bestrebt, die Reformen und Neugestaltungen in seiner Fabrik nur nach der gesteigerten Nachfrage zu treffen, nie aber diese künstlich durch jene in schädlicher Weise zu beeinflussen, so stieg auch langsam, allmählich aber sicher, die Rentabilität des Etablissements, und erst im Jahre 1875 war der Geschäftsherr in der Lage, mit Sicherheit an die Gründung einer eigenen Stätte zu denken, in welcher er seine Fabrication ungehemmt durch die Bedingungen eines lästigen Miethcontractes durchführen konnte. Zudem bot sich der Realisirung seines Planes eine günstige Gelegenheit, indem damals ein in Biala bestehendes Fabriks-Etablissement zum Verkaufe angeboten wurde. Carl Friedrich Hess brachte es auch in der That käuflich an sich; durch die Umsiedelung wurde seiner bisher schliesslich doch nur eng begrenzten Production freie Bahn geschaffen. Der ganze Betrieb erfuhr eine bedeutende Vergrösserung; die bisher verwendeten Maschinen und Apparate wurden wesentlich vermehrt, theils «eess — IOÖ — auch durch neue, zweckentsprechende ersetzt, eine das ganze Unternehmen mit der nöthigen Kraft speisende Anlage eingeführt und die Zahl der Arbeiter, entsprechend den geänderten Verhältnissen, vermehrt. Das neu eingerichtete Unternehmen, in welchem jedoch der alte Geist strenger Reellität und Tüchtigkeit fortlebte, hatte Glück; der Absatz steigerte sich in der kurzen Frist zweier Jahre so bedeutend, dass auch das neue Etablissement, trotz der vorgenommenen Vergrösserungen und Verbesserungen, den .einlangenden Bestellungen nicht mehr genügen konnte. Deshalb entschloss sich Carl Friedrich Hess ein zweites Fabriks-Etablissement an sich zu bringen, das damals in Biala zum Verkaufe ausgeboten war. Der Ruf der Firma war nach 30 Jahren ihres Bestandes gefestigt, sichere Märkte für ihre Erzeugnisse gewonnen und ein Stock stabiler Kunden erworben, der sich, Dank der Vorzüglichkeit und Billigkeit der gelieferten Waare, stetig vermehrte. Carl Friedrich Hess legte darum noch lange nicht die Hände müssig in den Schoss, sondern im vollen Verständnisse der Wahrheit, dass Stillstand Rückstand bedeute, war es sein Sinnen und Trachten, mit seiner Production auf der Höhe der Zeit zu bleiben. Darum nahm er 1880 unter seine Production auch die Erzeugung von glatten Kammgarnstoffen auf. Bei dieser Gelegenheit erhielten die beiden bestehenden Betriebsstätten einen bedeutenden Zuwachs an Neubauten; auch die innere Einrichtung wurde einer abermaligen gründlichen Reform unterzogen, indem erhebliche Verbesserungen, ja gänzliche Neuerungen stattfanden. Im Jahre 1891 schloss der Gründer des Hauses Carl Friedrich Hess die Augen für immer! Ein Seif made man in dem eigentlichen Sinne des heute so viel missbrauchten Wortes hatte er durch sein ehrenhaftes Leben das volle Vertrauen und die Achtung seiner Mitbürger genossen, die ihm durch Verleihung von Ehrenämtern und Vertrauensposten Beweise ihrer Werthschätzung gaben. Ihm folgte in der Leitung sein Sohn Gustav Hess, der gegenwärtige Firmaträger, als alleiniger Inhaber. Mehrjährige Ihätigkeit an der Seite des Vaters in der Führung der ausgedehnten Fabriken hatten ihn, der die Schule des Verstorbenen genossen, vollbefähigt für seine verantwortungsvolle Aufgabe. Der vom Gründer überkommenen Tradition getreu, wurden auch unter dem neuen Lenker des Etablissements wiederholt technische Verbesserungen und nothwendig gewordene Vergrösserungen vorgenommen, um mit den Erzeugnissen nicht hinter der so mächtigen Concurrenz zurückzubleiben, insbesondere wurde die Fabrication glatter Kammgarnstoffe zu einer hohen Stufe der Vervollkommnung gebracht. Die von der Firma erzeugten Stoffe für feinere Herrenkleidung sind weit und breit als Specialität anerkannt und werden auch auf Plätzen ausserhalb Oesterreich-Ungarns in grossen Mengen abgesetzt. . So insbesondere in London, Huddersfield, Paris, Elbeuf, Brüssel, Warschau, Moskau und Petersburg. Der Export auf diese Plätze beschränkt sich nicht blos auf genannte Artikel, sondern umfasst überhaupt alle Erzeugnisse der Firma. Ein flüchtiger Vergleich zwischen dem heutigen Etablissement mit dem ursprünglichen von anno 1849 illustrirt in deutlichster Weise den Fortschritt und Aufschwung des aus so beschränkten Verhältnissen aufgewachsenen industriellen Unternehmens. Unter dem Schutze einer fürsorglichen und friedfertigen Regierung, die durch eine gesunde und weise Handelspolitik eine der grössten Steuerkräfte im Staatshaushalte treffliehst förderte, gelang es Carl Friedrich Hess, durch eine mehr als vierzigjährige Arbeit seine Firma unter die ersten der Monarchie einzureihen. Derzeit beschäftigen die Fabriken über 450 Arbeiter. Dort, wo einst 2 Handwebstühle, die von 3 Arbeitern in Bewegung gesetzt wurden, arbeiteten, sind heute 150 mechanische Webstühle modernster Construction aufgestellt. Die zum Betriebe derselben nöthige Kraft stellen drei grosse Dampfmaschinen bei. In zwei mächtigen Dampfkesseln wird der nöthige Dampf erzeugt; ausserdem stehen noch zwei Dampfkessel in Reserve. In allen Fabriksräumen ist durchgehends Dampfheizung eingeführt und sind dieselben theils elektrisch, theils mit Gas beleuchtet. In den hohen, hellen und weiten Räumen der Betriebswerkstätten sind die Ventilationsapparate in bester Weise durchgeführt, wie denn überhaupt alle Grundsätze rationeller Fabrikshygiene ausgedehnteste Berücksichtigung gefunden haben. Ausser der staatlich gebotenen Vorsorge, betreffend die Unfall- und Krankenversicherung, war es das Streben des Gründers wie auch des jetzigen Chefs, die Arbeiter gegen die Wechselfälle des Alters etc. durch munificante Stiftungen zu sichern. Für entfernt wohnende Arbeiter sind besondere Schlafstellen eingerichtet, die allen sanitären Anforderungen entsprechen. Das Verhältnis zwischen Arbeitern und Arbeitgeber ist ein friedliches, das bis nun keinerlei Störungen erlitten hat. Bedeutend ist die Zahl der Arbeiter, die eine lange Reihe von Jahren in dem Etablissement beschäftigt sind. — 107 14'- r v ^*^ 5 äWs*^ li ‘ M 111 ‘| i*;*ii* if P ii (ij "• m RU' :!* b *b4 PB ■ m * * B » * BHH& !;;»ih«. SW1S»B| Siwpiui SKffisJfc * «77 X. **** '„ IsRa •rf'ij-.' ivl*. jgUsSS ** 1 WV'- -• ■** syss ENOCH KERN’S SOHN MILITÄRTUCH- UND SCHAFWOLLWAAREN-FABRIK ALTENBERG BEI IGLAU. WM u Anfang unseres Jahrhunderts betrieb Isaac Kern, der Grossvater des jetzigen Eigenthümers der Altenberger Fabrik, in Wien eine Grosshandlung für Tuchwaaren und Seide. Als in den Dreissiger- jahren in Folge äusserst glücklicher Conjuncturen eine Periode der Gründung von Spinnereien entstand, schloss sich Isaac Kern dem Zuge derZeit an und gründete im Jahre 1840 mit seinem Sohne Berthold in Polna bei Iglau eine Tuchfabrik. Der rasche Aufschwung, den das Etablissement nahm, und die sich demzufolge steigernde Production erforderten bereits nach acht Jahren des Bestandes eine gründliche Erweiterung und Verbesserung der inneren Einrichtung des Unternehmens. Da traf es sich zur selben Zeit, dass eine ehemalige Papierfabrik zu Altenberg bei Iglau zum Verkaufe ausgeboten wurde; Isaac Kern entschloss sich rasch zu deren Ankauf. Wenn auch der Umfang der neuen Unternehmung von grösserer Ausdehnung als jener der Fabrik in Polna war, so richtete sich der Betrieb noch immer nicht auf die Durchführung grosser Aufträge mangels der nöthigen Maschinen. Erst 1851 wurden die ersten Feinspinnmaschinen (Mule Jenny) aufgestellt. Im Jahre 1854 starb Isaac Kern in einem Alter von 74 Jahren und das Etablissement gieng nun auf seinen Sohn Berthold über, dessen Streben stets darauf gerichtet war, seinem Unternehmen die grösstmöglichste Vollendung zu geben. Der Erfolg blieb nicht aus; allein gerade während des italienischen Krieges, als die Fabrik mit der Ausführung eines erhaltenen Auftrages beschäftigt war, eine Million Ellen Tuch zu liefern, brannte das Unternehmen gänzlich ab. Berthold Kern begann sofort mit dem Neubau, der in viel grösserem Maassstabe ausgeführt wurde. Auch die innere Einrichtung wurde vollkommen erneuert und den modernen Anforderungen angepasst. Zehn Assortimente neuer Krempelmaschinen, sowie die ersten mechanischen Webstühle wurden aufgestellt. War die niedergebrannte Fabrik nur für Wasserbetrieb mit einem unterschlächtigen Rade eingerichtet, so erhielt der Neubau ausserdem ein Kessel-Maschinenhaus sammt Esse, in welchem eine Balancir-Dampfmaschine aufgestellt wurde. Im Jahre 1869 erfuhr die Fabrik eine bedeutende Erweiterung, nachdem schon früher das Wasserrad durch Turbinen ersetzt worden war. Im genannten Jahre wurden 80 mechanische Webstühle, dann Waschmaschinen, Appreturmaschinen und Cylinderwalken aufgestellt, das Maschinenhaus wurde vergrössert und eine stärkere Dampfmaschine montirt. In den Jahren 1870 bis 1874 hatte die Fabrik ein Drittel des gesammten Heeresbedarfes an Uniform- stoffen zu liefern. Ende 1874 bis 1877 war die Fabrik ganz ausser Betrieb gesetzt, weil sie nur für die Erzeugung von Militärstoffen eingerichtet war, aber keine Heereslieferung erhielt. Als sie im März 1877 wieder in Betrieb gesetzt wurde, trat des Firmaträgers Sohn, Theodor Kern, der heutige Besitzer, in das Geschäft ein. Vom Jahre 1883 an erzeugt die Altenberger Fabrik auch Commerzstoffe sowie Kotzen. Im Jahre 1888 erfolgten neuerliche Erweiterungen, 1893 bis 1895 mehrere grosse Zu- und Neubauten, sowie Maschinen-Anschaffungen. Im Jahre 1893 starb Berthold Kern in einem Alter von 73 Jahren und die Fabrik gieng nun in den Alleinbesitz des gegenwärtigen Firmainhabers über. — 108 — Das Etablissement umfasst heute folgende Baulichkeiten: i Wohnhaus für die Familie des Fabriksbesitzers, 2 Wohnhäuser für Beamte und Meister, i Amtsgebäude, 2 Dampfmaschinen- und Kesselhäuser, 14 Fabriksgebäude und 11 Magazinshäuser. Alle Räume besitzen Dampfheizung, Telephon Verbindung und elektrische Signalapparate. Die Wollspeicher besitzen einen Raum für die Aufnahme von 5000 Ballen, deren jeder ein Gewicht von 80 bis 400 Kilogramm besitzt. Die Wolle wird sowohl vom Inlande, insbesondere aus Böhmen und Ungarn, bezogen, als auch aus überseeischen Fändern, so aus Australien, dem Südcap Afrikas, den La Plata-Staaten Südamerikas nach Altenberg geliefert. Auch im europäischen wie asiatischen Russland wird Wolle gekauft. Die böhmischen und ungarischen Wollarten werden zumeist für Militärtuche, die überseeischen für andere Tuche und Kotzen verarbeitet. Nachdem die Wolle in einem lichten Nebensaale von langjährigen Fabriksarbeiterinnen gesichtet (sortirt) wurde, gelangt die Wolle in den sogenannten »Reisswolf«, um daselbst im Groben zerfasert zu werden. Der »Reisswolf« besteht aus einem Kasten, in welchem sich eine grosse mit Eisendornen besetzte Trommel rasch dreht. An diesen Vorgang schliesst sich das Waschen der Wolle. Im Erdgeschosse eines für diese Zwecke eingerichteten Gebäudes ist die Wäscherei und Färberei. In der Wäscherei stehen vier mächtige eiserne Kufen, deren jede vier gewaltige Rechen und Walzen besitzt; die letzteren können einen Druck von 10.000 Kilogramm ausüben. In 11 Stunden können 2500 bis 3500 Kilogramm Wolle gewaschen werden. Sie verliert dabei 20 bis 60% an Gewicht. Hierauf passirt die Wolle zur Befreiung von den ihr anhaftenden kleinen Pflanzenbestandtheilen, meist Haarfrüchten von Kletten, nach einem in 4"/ 0 iger Schwefelsäure genommenen Bade den sogenannten »Carbonirungsofen«, der, aus starkem Eisenblech construirt, einem riesigen Schriftkasten gleicht, mit 60 verschliessbaren Kammern (je sechs in einer Reihe), deren Inneres durch Dampf geheizt wird. Die Pllanzentheile, die nun zu Kohle verbrannt sind, werden hierauf durch die Klopfmaschine von der Wolle entfernt. Nach einem Bade in Sodalösung zum Zwecke der Einsäuerung der Wolle gelangt diese in die Färberei oder, falls sie im weissen Zustande verarbeitet werden soll, in eine Centrifugalmaschine; letztere ist auf circa 1000 Umdrehungen pro Minute eingerichtet, wodurch 1200 Kilogramm Wolle in n Stunden getrocknet werden können. In der Färberei wird theils nach altem System, theils nach einem neuen, bedeutend praktischeren gearbeitet. Nach ersterem sind fünf Kessel aufgestellt, in welchen die Flüssigkeit, die sogenannte Flotte, durch Centralfeuerung auf ioo° Celsius erwärmt und die Wolle mit Haken in der Flüssigkeit hin- und hergezogen wird. Nach neuerem System sind zwei Färbeapparate mit Flügelrädern vorhanden, die ersten dieses Systems, welche in Oesterreich überhaupt zur Anwendung kamen. Nur die Indigofärberei wird noch immer so gehand- habt, wie vor 100 Jahren. Sobald die Wolle gefärbt ist, wird sie nochmals gespült, dann mit der Schleudermaschine entwässert, hierauf getrocknet, um nun durch den Krempelwolf in ganz feine, leichte Flocken getheilt zu werden. Nun gelangt zur letzten Vorbereitung fürs Spinnen die Wolle in die Assortiments-Krempelmaschinen, deren das Altenberger Etablissement eine Anzahl von 63 Maschinen besitzt, die pro Tag 1500 Kilogramm verarbeiten. In der Spinnerei und Weberei sind Maschinen modernster Construction aufgestellt. 'Mm rJjHjrTjS. 2^, iiak ■•£11 u f'~ * IO9 An Spinnmaschinen, sogenannten »Selfacters« (Selbstarbeiter), besitzt die Fabrik 19 Feinspinnmaschinen mit 7470 Spindeln und 4 Zwirnspinnmaschinen mit 800 Spindeln. In der Weberei sind 130 mechanische Webstühle in voller Thätigkeit. Das fertige Gewebe kommt nun in die Lodenwäscherei und Walke, um endlich zum Scheeren übergeben zu werden. Was früher aus freier Hand mit gewaltigen Tuchscheeren besorgt wurde, verrichten jetzt Maschinen. Nachdem das Tuch mit einer Walzenbürste aufgebürstet worden, kommt es an einer Walze vorüber, an der sich 10 Messer in spiraler Form hinziehen. In einer Minute macht diese Walze mit den Messern 500 bis 600 Umdrehungen, so dass mit einer Schnelligkeit und Gleichmässigkeit sondergleichen jedes zu weit hervorstehende Härchen abgeschoren wird. Eine zweite Bürstenwalze bürstet das geschorene Tuch wieder ab. Zur Decatirung und für die Appretur des Tuches bestehen gleichfalls Einrichtungen, die allen Anforderungen moderner Technik entsprechen. Zur Erzeugung der für die Production nöthigen Kraft sind zwei horizontale Compound-Dampfmaschinen von 250 und 150 Pferdekräften aufgestellt. Den nöthigen Dampf erzeugen drei Dampfkessel, welche 595 Quadratmeter Heizfläche haben. Sie verzehren jährlich ein Quantum von circa 30.000 Metercentner Kohle. Die elektrische Beleuchtung der Fabrik besorgen drei kleine Dynamos. Im Kellergewölbe der Fabrik ist die Dampfpumpe, zugleich Dampfspritze untergebracht. Die Jahreserzeugung bei vollem Betriebe kann bis auf eine Million Meter Stoffe gebracht werden. Die Fabrik beschäftigt 20 Beamte und Meister, 160 männliche und 260 weibliche Arbeiter. Das Verhältnis zwischen Arbeitnehmer und Arbeitgeber war ein stets friedliches. Schöne, gesunde Wohnungen und ein wohleingerichtetes Unterhaltungszimmer gestalten den Beamten und Meistern das Leben in der Fabrik angenehm. Für die Arbeiter war bereits eine Betriebskrankencasse eingerichtet, bevor noch der Staat die Gründung solcher Cassen im gesetzlichen Wege veranlasst hatte. Von der Firma wurden beschickt die Ausstellungen: London 1862 und Paris 1867, auf welchen die Firma mit silbernen Medaillen prämiirt wurde; ferner stellte die Firma collectiv mit der Heeresausrüstungs-Gesellschaft Skene & Co. auf der Weltausstellung Wien 1873 aus; in neuerer Zeit wurde die Ausstellung für Volksernährung, Armeeverpflegung, verbunden mit Sportausstellung etc. Wien 1894 beschickt, wobei der Firma von der Jury die goldene Medaille zuerkannt wurde. Ausser für den inländischen Bedarf erzeugt die Fabrik auch Schafwollstoffe für den Export nach der europäischen und asiatischen Türkei, Griechenland, Aegypten, Amerika, Persien, Japan und China. ÜÜÜÜÜiP mtmm "&/ V 1*1 J Mt , N k « 'r ii ert 3 '■ “Tr *? ' K jK ifs X m» -Nl' «3S» ..r.-'i • JOJ //■ 110 A , ..«• ;><:J •, Ta-VT* ? VI ^SSÄ / T AUGUSTIN KREBS & SOHN MILITÄRTUCH- UND SCH AF WOLLWA A RE N - FAB RI K IGLAU. er handwerksmässige Betrieb der Tucherzeugung in Iglau war einst bedeutend; das beweisen heute noch die aus jener Zeit stammenden beachtenswerthen Besitzthümer der uralten Iglauer Tuchmacherzunft. Sie geben uns einen hohen Begriff von dem einstigen Reichthum dieser Genossenschaft, die zwar gegenwärtig noch unter der Firma »K. k. priv. Tuchmachergewerbschaft« in Iglau existirt, deren Mitgliederzahl jedoch sehr gering ist, denn nur Wenige verstanden es, den neuen Bahnen, welche die moderne Tuch-Industrie einschlug, zu folgen; so kam es, dass Iglau gegenwärtig hinter den jetzigen Emporien der österreichischen Tuch-Industrie, Brünn, Reichenberg, Jägerndorf und Bielitz, weit zurücksteht. Unter den wenigen Männern, die, dem heimatlichen Gewerbe treu, sich der modernen, fabriksmässigen Tucherzeugung zuwandten, ist Leopold Krebs, Chef der Firma Augustin Krebs & Sohn, besonders zu nennen. Leopold Krebs hat, Dank dem vorwärtsstrebenden Sinne seines Vaters, schon in früher Jugend die Ueber- zeugung gewonnen, dass nur der mit den Erfahrungen der Neuzeit und dem maschinellen Betriebe Vertraute im Stande ist, den heutigen Concurrenzkampf auf dem Gebiete der Tuch-Industrie erfolgreich durchzukämpfen, dass der Handwebstuhl durch die Maschine ersetzt werden muss und dass nur durch Vereinigung sämmtlicher Hilfszweige dieser Industrie ein entsprechender Nutzen resultiren kann. Alle diese Zweige seines Gewerbes kennen zu lernen, war daher das Streben des jungen Mannes. Bei seinem Vater Augustin Krebs, welcher die Tuchmacherei mit acht bis zehn Handstühlen betrieb^ erlernte er die Weberei und gieng dann an die höhere Webereischule nach Reichenberg, woselbst er auch als Weber in den Fabriken von Anton Ginzel und Wilhelm Kahl arbeitete. Von hier aus bereiste er Deutschland und stand bei Eichengrün in Aachen, Drehmann in Birkesdorf bei Düren, sowie bei Gebrüder Schoeller in Condition. Nach Oesterreich zurückgekehrt, prakticirte er in der Maschinenfabrik Brand & Lhuillier beim Webstuhlbau und nahm sodann einen Webmeisterposten bei der Firma Strakosch & Weinberger an. Der schlechte Geschäftsgang dieser Zeitperiode veranlasste ihn, nach Hause zurückzukehren, um seine erworbenen Kenntnisse in dem Geschäfte seines Vaters zu verwerthen. Die bisher von demselben erzeugten buntcarrirten Flanelle und dunkelcarrirten Tücher, die zumeist nach Italien exportirt wurden, hatten ihr Absatzgebiet verloren und zu neuen Artikeln fehlte die moderne Spinnerei. Wurden doch die Garne noch auf hölzernen Continues, welche mit einem Luftmotor betrieben wurden, vorgearbeitet und auf hölzernen Spinnmaschinen mit Handbetrieb gesponnen. Diesem Uebelstande abzuhelfen, wurde im Jahre 1877 die besser eingerichtete, der Tuchmachergenossenschaft gehörende Spinnerei in Holzmühl bei Iglau in Pacht genommen, welche mit Strobelmaschinen und Continues, wenn auch nach altem Systeme, und Mule Jenny-Spinnmaschinen versehen war und durch Wasserkraft betrieben wurde. Diese Spinnerei leitete Leopold Krebs durch vier Jahre auf Rechnung seines Vaters und machte sich sodann 1882 selbstständig. in Auf Handstühlen arbeitete er noch die damals sehr beg-ehrten Doppelloden, welche trotz der grossen Fabriks- concurrenz ihrer g-uten Ausführung- weg-en bis 1892 g-uten Absatz fanden. Da jedoch durch die von der Concurrenz allg-emein in minderer Qualität erzeugte Waare der Doppelloden in Misscredit kam und der Consum desselben rapid fiel, sah er sich gezwungen, sich ebenfalls der modernen Fabrication zuzuwenden. Da zu diesem Zwecke die bisher gepachteten Räumlichkeiten einerseits zu beschränkt, andererseits die bisher benützte Wasserkraft nicht constant war, entschloss sich Leopold Krebs, eine mit allen Hilfsmitteln der modernen Technik ausgestattete Fabrik zu bauen. Der erste Spatenstich zu derselben erfolgte am 24. April 1893 und schon am 30. Juli 1894 setzte der Dampf die Spindeln und Kraftstühle in Bewegung. Das Fabriksgebäude steht auf einem schiefen Terrain und ist daher das Hauptgebäude einerseits drei Stockwerk über dem ebenerdigen Tracte hoch. Souterrain und Dachbodenraum sind auch zu Arbeitsräumen hergerichtet, so dass die Fabrik aus fünf Etagen Arbeitsräumen besteht. Im Hofraume befinden sich die Gebäude für die Dampfanlage, Walke, Trocknerei, Wollmagazine und Stallung-, Das Färbereigebäude steht abseits am Igelflusse. Die Fabrik wird von einer Dampfanlage, deren Kessel, System Cornwall, 52 Quadratmeter Heizfläche hat, und einer 3opferdigen Dampfmaschine, System Collmann, betrieben und ist mit elektrischer Beleuchtungsanlage versehen. Die Spinnerei enthält: 3 Satz 48 Zoll breite Krempelmaschinen mit Josephy’sehen Flortheilern, 2 Sel- factoren von Josephy aus Bielitz mit je 360 Spindeln, 2 Mule Jennys mit je 240 Spindeln und eine englische Ringzwirnmaschine ; die Weberei: 20 mechanische Webstühle, System Schönherr, mit yfachem Schützenwechsel, 12 Handwebstühle, 1 Musterstuhl, 1 Scheer- und Aufbäummaschine, 1 Kettenspulmaschine, 1 Schussspulmaschine; die Walke: 2 Cylinderwalken, 2 Tuchwaschmaschinen, 1 Centrifuge, ferner eine Imprägnir- und eine Carbo- nisiranlage; endlich die Färberei: 6 Farbkessel, 1 Indigo-Waidküpe und. eine Wollwäschereieinrichtung. In der Fabrik werden durchschnittlich 60 bis 80 Arbeiter beschäftigt, für die eine eigene Betriebs-Ivranken- casse besteht. Mit der Inbetriebsetzung seiner Fabriksanlage stellte sich Leopold Krebs in die Reihe der Fabrikanten. Er hat es verstanden, den Uebergang von der Handweberei zum Fabriksbetriebe zu bewerkstelligen, sich der neuesten Erfindungen zu bedienen, durch eigene Kraft, als wahrer Seif made man. Seine dessinirten Modewaaren und seine Militärtuche sind in jeder Beziehung concurrenztüchtig-; ausser diesen werden noch Militär-Decken und Loden in seiner Fabrik erzeugt. Als Mitglied der Tuch-Industrie-Gesellschaft für die Ausrüstung der k. k. Landwehr, welche fertige Uniformen liefert, ist er in der Lage, auch an andere Körperschaften, welche ihre Bediensteten uniformiren, fertige Montursorten in guter Qualität und exacter Ausführung zu liefern. 1 büüfa iSiüÜi» s*!äSk.- äiu y* - ■ * ., L: * «ul i» 1 I w*#** tl^^lli?! mmm vsm »ss mmm wmssm *£&■ ' .•• ?*£& *'•'< V 55^. ra*.-? • r äSiKä ALOIS KRENNER SCHA F W OI.LWAAR K N -FABRI K BISCHOFLACK. ie zu Bischoflack in Krain gelegene Fabrik wurde im Jahre 1872 von dem im Jahre 1895 verstorbenen Alois Ivrenner gegründet und begann ihre Thätigkeit mit 2 Satz Krempelmaschinen, 3 mechanischen und 14 Handwebstühlen. Als Betriebsmotor für die Krempel- und mechanischen Webstühle dienten damals zwei unterschlächtige Wasserräder. Erzeugt wurden zu jener Zeit Filze und Modewaaren. Da die Waare sehr guter Qualität war, fand dieselbe so grossen Absatz, dass sich der Besitzer veranlasst sah, nachdem bereits früher successive sämmtliche Handwebstühle durch mechanische ersetzt worden waren, im Jahre 1884 die Fabrik durch einen grösseren Zubau zu erweitern und mehrere neue Maschinen aufzustellen. Gleichzeitig erbaute derselbe an der Südseite des Zubaues ein stockhohes Haus, welches in den unteren Räumen separirte Magazine für Wolle und fertige Waare, im ersten Stockwerke Wohnungen für die Fabriksbeamten enthielt. Da trotz ebenerwähnter Vergrösserung des Etablissements die Nachfrage grösser war als die Erzeugung, wurden im Jahre 1887 noch mehrere Krempelsätze und mechanische Webstühle aufgestellt, sowie eine Dampfmaschine, welche im Vereine mit den beiden Wasserrädern die Kraft für den Gesammtbetrieb der Fabrik lieferten, wobei im Winter vom Dampfkessel aus gleichzeitig die Dampfheizung der Fabriksräume erfolgte. In Bälde aber erwies sich, wegen weiterer Zunahme des Consums, die vorhandene Betriebskraft als unzureichend. Deshalb entschloss sich der Besitzer, an Stelle der zwei Wasserräder eine Turbine in Betrieb zu setzen, welche im Jahre 1889 von der Firma Ganz & Co. in Budapest geliefert wurde. Nachdem nun Kraft genug vorhanden war, wurde die maschinelle Einrichtung von Jahr zu Jahr erweitert. Unter Anderem wurde ein Selfactor, eine hydraulische Presse u. s. w. angeschafft. Im Jahre 1892 erfolgte noch ein grösserer Zubau im westlichen Theile der Fabrik, welche im ersten Stockwerke die Räume für das Comptoir und den Noppsaal, ebenerdig solche für die Leim- und Trockenmaschine und für eine Kettenaufbäummaschine enthält. Zwei Jahre später (1894) wurde vom Besitzer aus Sicherheitsrücksichten in der Fabrik die elektrische Glühlichtbeleuchtung eingeführt, bei welcher Gelegenheit selbe auch der Stadtgemeinde Bischoflack und den Bewohnern gegen sehr massige Entschädigung angeboten wurde. Die Stadtgemeinde, sowie Private, entsprachen gerne dem Anerbieten, welches der Stadt Bischoflack die Einrichtung elektrischer Beleuchtung ermöglichte. Die Dynamo-, eine Gleichstrommaschine, sowie sämmtliches Materiale stellte die bekannte Firma Siemens & Halske bei, und functionirt die Anlage zur vollsten Zufriedenheit der Parteien. Nunmehr enthält die Fabrik vier Gebäude, und zwar: A. Das Walkereigebäude mit 3 grossen und 2 kleineren Walkmaschinen, 1 Centrifuge und 1 Pumpe im Souterrain; daneben das Turb inenhaus mit der Turbine; 3 Stück Reissmaschinen ebenerdig; 1 Spinnmaschine im I. Stockwerke und 1 Spinnmaschine im II. Stockwerke. mm - 113 — Die Gross-Industrie. IV. 15 B. Das Färbereigebäude mit 3 Färbe-, 1 Waschkessel, 1 Centrifuge und 1 Pumpe, welche auch der städtischen Feuerwehr zur Verfügung steht. C. Das Maschinenhaus, enthaltend 1 Dampfkessel und 1 Dampfmaschine. D. Das eigentliche Fabriksgebäude, in welchem nachstehende Maschinen untergebracht sind: 1. Ebenerdig 1 Spindel und 1 hydraulische Walzenpresse, 2 Stück Langscheermaschinen, 6 Satzkrempel, 2 Reisswölfe, 1 Dynamo, 1 Drehbank. 2. Im I. Stockwerke 22 mechanische Webstühle, 2 Selfactoren, 1 Kettenleim- und Trockenmaschine, 1 Kettenaufbäummaschine, 1 Ketten- und 1 Schussspulmaschine. 3. Im II. Stockwerke 7 mechanische Webstühle, 1 doppelte und 1 einfache grosse, sowie 4 kleinere Schussspulmaschinen, 15 Nopptische. Die Beleuchtung der Fabriksräume geschieht durchwegs mittelst elektrischen Glühlichtes, die Beheizung mittelst Dampf. Die Fabrik zählt jetzt 80—go Arbeiter (18—20 männliche und 60—70 weibliche) und ist derzeit das grösste Etablissement in dieser Branche in Krain. Erzeugt werden Modewaaren, Cheviots, Kammgarne in verschiedenen Qualitäten, Decken für das k. u. k. Heer und die Kriegsmarine, sowie diverse Commerzdecken. Die Fabrik besitzt eine eigene Betriebskrankencasse, welche bereits einen bedeutenden Reservefond auf- zuweisen hat. sW m ... . i. I hmr~4 L — ii 4 ADOLF LOW & SOHN SCHAFWOLLWAAREN-FABRIKE N BRÜNN — HELENENTHAL — KLEIN-BER AN AU. as Unternehmen wurde von Adolf Löw, dem Vater des gegenwärtigen Inhabers, gegen Ende der Vierzigerjahre begründet. Unter den bescheidensten Verhältnissen begann Adolf Löw die Erzeugung von Sehafwollwaaren in Brünn in einem kleinen Betriebe, in welchem er und seine Frau selbst Hand ans Werk legten. Die Associirung mit Franz Karny und später mit Friedrich Schmal gab die Grundlag-e zu einer Erweiterung des Unternehmens, die Adolf Löw zielbewusst durchführte. Die Firma lautete damals »Adolf Löw und Schmal«. Der ausserordentlichen technischen und commerziellen Erfahrung und Energie Adolf Löw’s, an dessen Persönlichkeit sich der Beginn der Aera der Intensität des Betriebes und der Fabrication billiger Massenartikel knüpft, gelang es, das Unternehmen ausserordentlich zu erweitern. Das Brünner Etablissement wurde zu seinem gegenwärtigen Umfange erweitert; in Helenenthal sowie in Klein-Beranau bei Iglau wurden neue Fabriken eingerichtet. Im Jahre 1875 trat Friedrich Schmal aus der Firma aus, nachdem kurz vorher der gegenwärtige Alleininhaber, Karl Löw, als offener Gesellschafter dem Unternehmen beigetreten war. Schon in den ersten Jünglingsjahren hatte Karl Löw seinen Vater in der Leitung des Unternehmens unterstützt, zu dessen Führung er nach jeder Richtung herangebildet worden war. Nach der Vollendung seiner technischen Studien begab er sich nach England, welches nach dem Abschlüsse der Nachtragsconvention den österreichischen Markt mit Sehafwollwaaren überschwemmte. Es gelang- ihm nach Ueberwindung grosser Schwierigkeiten als einfacher Arbeiter in Fabriken Beschäftigung zu finden und Erfahrungen über die Fabricationsart und die dazu nöthigen maschinellen Einrichtungen zu gewinnen. Im Jahre 1869 zurückgekehrt, führte er die Inbetriebsetzung der für die Erzeugung englischer Waaren gegründeten k. k. priv. Wollwaaren-Industriegesellschaft durch, die mit vollem Erfolge die Concurrenz mit der englischen Production aufnahm. Der Erfolg dieses Unternehmens veranlasste im Jahre 1872 die mustergiltige Installation der Helenenthalcr Fabrik für die Erzeug-ung englischer Waare. Auch die Einführung der Druckwaare in Oesterreich, deren Erzeugung er persönlich in französischen Etablissements kennen lernte und für deren Herstellung er französische Meister und Arbeiter nach Brünn und Helenenthal brachte, eines Artikels, welchen bis dahin ausschliesslich das Ausland beherrscht hatte, ist unmittelbar auf Karl Löw zurückzuführen. Im Jahre 1883 starb Adolf Löw, der durch seine Thatkraft, seine Verdienste um die Entwickelung der Industrie und seine opferwillig bethätigte humane Gesinnung die höchste Anerkennung sich erworben hatte. Karl Löw steht nunmehr allein an der Spitze des höchst umfangreichen Unternehmens, welches eine weitere Ausdehnung im Jahre 1891 dadurch erlangte, dass in diesem Jahre ein grosses Etablissement in Ungarn zu Sillein im Trencsiner Comitate in Betrieb gesetzt wurde. Im Jahre 1882 hatte Karl Löw, einer Anregung des österreichischen Handelsministers entsprechend, in Datschitz (Mähren) eine Factorei mit 200 Handwebstühlen ins Leben gerufen, um dem wirthschaftlichen Nothstande des Datschitzer Bezirkes zu steuern. Die Factorei wird aus diesem Grunde, obgleich der Betrieb durchaus nicht lohnend ist, auch jetzt noch mit Opfern aufrecht erhalten. Die Specialisirung des Fabriksbetriebes, die vollkommene Ausnützung aller Fortschritte der Technik und die ausserordentliche Leistungsfähigkeit des Unternehmens befähigt das Etablissement in erster Linie für die Uebernahme "säM 115 15 * grosser Heereslieferungen. Die Firma ist auch mit einer grösseren Quote an der Tuchlieferung für das k. u. k. Heer betheiligt und hat in ausserordentlichen Zeitläuften auch ausserordentlichen Anforderungen genügt und die grössten Lieferungen für die gemeinsame Armee, die Landwehr und Honveds in der kürzesten Zeit ausgeführt. Ebenso hat die Firma sehr bedeutende Monturlieferungen für sämmtliche Balkanstaaten und für Griechenland im Laufe der Zeit durchgeführt. Das Stamm-Etablissement in Brünn vereinigt ebenso wie die anderen Fabriks-Etablissements in Helenenthal und Klein-Beranau den gesammten Productionsprocess der Schafwollwaare. Das Etablissement in Helenenthal ist zunächst für die Erzeugung englischer und glatter Kammgarnwaaren eingerichtet, enthält aber überdies eine vollkommen eingerichtete Druckerei. Durch eine Strassenbahn ist das Etablissement in Klein-Beranau mit Helenenthal verbunden. Es enthält eine vollkommen eingerichtete Loden-, Hallina-, Decken- und Kotzenfabrik, sowie eine vollständig eingerichtete Kunstwollefabrik. In ihren Etablissements beschäftigt die Firma zusammen circa 100 Beamte, 60 Meister und 3000 Arbeiter. Der gesammte Umsatz erreicht einen Betrag von annähernd 4 Millionen Gulden pro Jahr. Das Absatzgebiet der Waaren ist zum grössten Theile das Inland, doch hat die Firma auch namhaften Export nach den Balkanstaaten, Australien und Süd-Amerika. Durch den Verkehr mit den Confectionären exportirt die Firma auch mittelbar in den Orient. Seit jeher hat die Firma besonderen Werth darauf gelegt, für ihre Arbeiter mustergiltige Wohlfahrts-Einrichtungen zu schaffen. Adolf Löw errichtete die erste Fabrikskrankencasse, begründete eine Pensionscasse für seine Arbeiter und gab schon im Jahre 1863 die Anregung zu der im Jahre 1871 erfolgten Gründung der Arbeiter- Pensions-, Witwen- und Waisencasse in Brünn, dem grossartigsten Institute dieser Art in Oesterreich. Besondere Fürsorge widmete die Firma der Unterbringung ihrer Arbeiter und Angestellten in Helenenthal und Klein-Beranau. Mit grossem Aufwande errichtete die Firma 8 Beamtenhäuser und 30 Arbeiter-Wohnhäuser in Helenenthal, und überdies für die Arbeiter und Arbeiterinnen ledigen Standes 15 einstöckige Häuser. Die Wohnungen sind bequem, wohnlich eingerichtet, gesund und billig. Eine Fabriksküche sorgt für die Mittagskost und überdies vereinigen sich die Inwohner der Arbeiterhäuser für ledige Arbeiter unter der Leitung eines für jedes Haus bestellten Hausvaters zur gemeinsamen Küchenführung. Ausserdem besteht eine unter strenger Aufsicht der Fabriksleitung stehende Fabriks-Restauration. In Helenenthal ist eine Nutz Wasserleitung eingeführt, und in Klein-Beranau für gutes Trinkwasser besonders vorgesorgt. Ein Arbeiter-Badehaus steht zur Verfügung. In Beranau befinden sich ein grosses Beamten-Wohnhaus und drei sehr ausgedehnte Arbeiter-Wohnhäuser. Auch für die Ermöglichung einer guten Schulbildung der Arbeiterkinder hat Karl Löw vorgesorgt. Aus eigenen Mitteln, ohne jede Beitragsleistung der eingeschulten Gemeinden, hat die Firma eine vierclassige Volksschule in Helenenthal erbaut und eingerichtet, für deren Erhaltung sie dauernd aufkommt. Die Schule wird von 200 Kindern besucht. Zur Ergänzung der Schuleinrichtung wird jetzt ein Kindergarten und eine Krippe errichtet. Aufforstungen und Parkanlagen in Helenenthal befördern das Wohlergehen der Bevölkerung. Die Firma hat die Lasten der Unfallversicherung ihrer Arbeiter vollständig übernommen, sorgt für die Pensionirung ihrer Arbeiter und Beamten, indem Karl Löw für letztere die Initiative zur Gründung der Pensionscasse der Industriebeamten in Brünn gegeben hat, deren Gründungsfond er mit 10.000 fl. dotirte, und die heute über ein Capital von mehr als 400.000 fl. verfügt. Karl LÖw ist Kammerrath der Brünner Handels- und Gewerbekammer, Mitglied des Versicherungsbeirathes im Ministerium des Innern, Präsident der Brünner Pensionscasse für Industrie-Beamte, Präsident der k. k. priv. Woll- waaren-Industriegesellschaft in Brünn und Mitglied des Verwaltungsrath es der Brünner Kammgarn-Spinnerei. 116 mm «•»st, „V «jR/Wl ^ jÜB c ' ^ ins <| M i| H '■ f .«.I isst!isaii u.,-. ^r* ;F L3BS«t untiuanaa ;2i^i ARON & JACOB LÖW BEER’S SÖHNE K. K. PRIV. ELISENTHALER SPINNFABRIK ELISENTHAL BRÜNNLITZ, BRÜNN UND ROSSREIN. ie Firma wurde von den Brüdern Aron und Jacob Löw Beer im ersten Decennium dieses Jahrhunderts gegründet und befasste sich ursprünglich mit der Erzeugung von wollenen Streichgarnen, welche damals noch durch Handbetrieb hergestellt wurden. Erst im Jahre 1854 schritten die Söhne der Begründer, von welchen namentlich Herr IsaacLöw Beer als thatkräftiger Chef hervorzuheben ist, daran, in Elisenthal bei Brünnlitz in Böhmen eine Streichgarn-Spinnerei zu erbauen und einzurichten. Den jetzigen Umfang dieses Etablissements zeigt das vorstehende Bild. Später, in den Sechzigerjahren, begann die Firma auch die Fabrication von Stoffen aufzunehmen, welche sich nach und nach zu der heutigen Grösse entwickelte. Die fortschreitende Vergrösserung des Absatzes und Erlangung neuer Absatzgebiete erforderte eine Erweiterung des Betriebes, die im Jahre 1877 zur Erwerbung des heute bestehenden Br ünner Etablissements führte. Ausserdem betreibt die Firma eine Wollhutfabrik und Kunstwoll- erzeugung in Brünnlitz. Es werden grösstentheils sogenannte Brünner Herrenstoffe in den verschiedensten Qualitäten, Damenstoffe sowie Wollhutfilze erzeugt und findet auch ein namhafter Absatz nach dem Auslande, vorwiegend nach der Levante und Südamerika, statt. Seit 1892 ist die Firma Mitglied der Militärtuch-Lieferungsgesellschaft Offermann und Con- sorten und liefert die Uniformtuche für das k. k. Aerar. In den vier Etablissements, von denen zwei, Elisenthal und Brünnlitz, in Böhmen, die beiden anderen, Brünn und Rossrein, in Mähren liegen, sind zusammen an 1500 Arbeiter beschäftigt. Die Motoren und Werksvorrichtungen umfassen Dampfmaschinen von zusammen 620 Pferdekräften Leistung, Wasserkräfte von 65 Pferdekräften, 24 Assortiments Streichgarn-Krempeln, an 10.000 Streichgarn- und Zwirnspindeln, 275 mechanische Webstühle, ferner Küpen-, Woll- und Stückfärberei, sowie complete Appretur- und Rouleauxdruckerei für Schafwollwaaren. Sämmtliche Objecte sind mit Dampfheizung und elektrischer Beleuchtung ausgestattet; letztere umfasst gegen 1400 Glühlampen und 8 Bogenlampen. Mit dem Brünner Localbahnnetz besteht eine Bahngeleiseverbindung. Wohlfahrts-Einrichtungen. Die Firma hat namentlich in den auf dem Lande gelegenen Etablissements Elisenthal, Brünnlitz und Rossrein, durch das stetige Anwachsen derselben, angenehme Veranlassung gefunden, sich einen Grundstock von geschulten, verlässlichen und zugethanen Arbeitern zu sichern und hat in Verfolgung dieses Zweckes auch gerne jede — ri7 — Gelegenheit ergriffen, die Lebenshaltung der Arbeiterschaft auf ein höheres Niveau zu bringen. Als Erfolg dieser Bemühungen ist gewiss das beinahe drei Generationen hindurch bis heute währende friedlich patriarchalische, auf gegenseitigem Vertrauen beruhende Verhältnis zwischen Unternehmern und Arbeitern zu verzeichnen. Es wurden vorzugsweise zahlreiche Arbeiterhäuser gebaut, welche nach und nach in den Eigenbesitz der Arbeiter übergiengen. Es bestehen Consum-Vereine, Pensionseinrichtungen für langjährige Arbeiter; Küchen zur Bereitung der Mahlzeiten, Badeeinrichtungen in der Fabrik. Durch die gute Behandlung der Arbeiterschaft einerseits, durch ausreichenden und regelmässigen Verdienst andererseits resultirte ein selten gutes Verhältnis zwischen Arbeitgeber und Arbeitnehmer. Es darf w’ohl zuversichtlich erhofft werden, dass dieser Zustand auch in Zukunft ungestört erhalten bleiben wird. Sämmtliche Etablissements sind in Bezug auf Maschinenwesen bereits gemäss den Fortschritten der Neuzeit eingerichtet und dadurch in die Lage gesetzt, sich durch Leistungsfähigkeit dem Export sämmtlicher Erzeugnisse in hervorragender Weise zu widmen. Bezeichnend für den rationellen Betrieb muss besonders hervorgehoben werden, dass Unfälle oder sonstige Störungen in sämmtlichen Fabriksanlagen nur höchst selten Vorkommen. Die derzeitigen Chefs, die Herren Jonas Löw Beer und Arnold Löw Beer, 'leiten die Geschäfte persönlich. A 4 1 1 ß a ncü e i ipmifisisfs »KiiiKiw i ■ 11 ■ a a ■ ■-■jAbT' liliWTiTTn 1 1‘flfiMäl ^sar- -*4Mr ‘ a. .' Ji Ji 118 — HEINRICH MAYER SCHAFWOLLWAAREN-FABRIK SCHRUNS (MONTAFON), VORARLBERG. m Jahre 1826 kauften der Färber David Tschofen, Christian Widerin und Fr. Jos. Burtscher im Dorfe Schruns einen Bauplatz von 100 Quadratmeter zwischen dem Mühlbache und Litzflusse mit einer 4pferdigen Wasserkraft zur Erbauung einer Zeugmacherei. Nach Burtscher’s Tode gieng dieses Geschäft an Anton Zuderell, Peter Maklott, Anton Drexel und David Tschofen, welch Letzterer schon früher Miteigenthümer war, über. Nicht lange betrieben diese vier Inhaber das kleine Geschäft; schon 1840 erwarben dasselbe Zuderell und David Tschofen und bald darauf war Letzterer alleiniger Besitzer, welcher das Geschäft bis zu seinem Tode fortführte. Sein Sohn Martin Tschofen vergrösserte 1852 das Gebäude um mehr als das Doppelte, verstärkte die Wasserkraft, stellte 320 Spindeln in zwei Spinnstühlen (Mule Jenny) und sechs Handwebstühle (1-20 bis 2 Meter breit) auf; er zeigte Geschick und Unternehmungsgeist, hatte aber nicht die nöthige Ausdauer bei dem Betriebe; 1861 associirte er sich wieder mit Jakob Moosbrugger aus Bezau. Im Jahre 1863 erstanden Jakob Moosbrugger und seine Schwester Katharina Stöckl aus Bregenz die Fabrik mit Einrichtung und Garten. Ersterer leitete den Betrieb nicht ohne Erfolg, starb aber 1869, worauf weniger kundige Geschäftsleiter für dessen Witwe und Frau Stöckl das Geschäft bis 1886 fortführten; zuletzt waren noch 160 Spindeln im Betriebe und acht Personen beschäftigt. Im Jahre 1842 errichteten Anton Zuderell, Peter Maklott und Nikolaus Wilhelm in Schruns eine kleine Wollwaarenfabrik an der Tschaggunserstrasse im Unterdorfe. 1856 wurde diese Fabrik von denselben Inhabern um das doppelte Maass vergrössert und der Betrieb auf 160 Spindeln in zwei Stück Mule Jenny und vier Handwebstühlen, 1-20 Meter breit, eingerichtet. Im Jahre 1866 wurde das Fabriksgebäude um ein Stockwerk erhöht. 1869 kaufte Franz Josef Würbel einen Theil dieser Fabrik, 1878 weitere Antheile, so dass er mit seiner Gattin Benedikta in alleinigem Besitz derselben kam; er betrieb das Geschäft in gleichem Stande bis 1886 mit einem Personale von 11 Personen. Im Mai 1886 übernahm Heinrich Mayer in Schruns gleichzeitig die beiden bestehenden Lodenfabriken, nachdem er sich in Reichenberg für die Tuchmacherei ausgebildet und durch den Besuch der dortigen Webschule sowie von Spinnereien und Appreturanstalten seine Fachkenntnisse erweitert hatte. Die grössere Fabrik von Fr. Jos. Würbel und Benedikta Maklott, am linksseitigen Mühlbach im'Unterdorf gelegen, wurde für Spinnerei und Walkerei eingerichtet, die Moosbrugger’sche, am rechten Litzufer, für Weberei, Färberei und Appretur. Dies erforderte eine gänzliche Auswechslung der noch brauchbaren und Anschaffung verschiedener neuer Maschinen, auch eine Verstärkung der Innenmauern, so dass erst nach Jahresfrist der Betrieb mit 320 Spindeln und zwei mechanischen Webstühlen (2^20 Meter breit) beginnen konnte, welcher Betrieb sich bis 1890 auf 520 Spindeln und vier mechanische Webstühle vergrössert hatte. Heute sind in beiden Hauptgebäuden: 7 mechanische Webstühle (2-10— 270 Meter breit) mit und ohne Schiffwechsel, mit Bäummaschine und einem Musterwebstuhl (520 Spindeln), 7 Krempel, 2 Wölfe, 1 Abfallreiniger; für die Appretur: 2 Cylinderwalken, 1 Stückwaschmaschine, 1 Schleuder, 1 Langscheermaschine, 1 Dämpftisch, 1 Nass- und Trockendekatirmaschine, 1 Muldenpresse, 1 Rauhmaschine; für die Alizarinfärberei eine grosse und eine kleinere Farbkufe mit Dampfstrahl-Anwärmeapparat und Kupferschlange, ein Pulsometer und ein Schwefelkasten im Betriebe. Für die Arbeiter stehen ein Speisenwärmer und ein Kochherd in Verwendung. Den Dampf für die Färberei und Appretur liefert ein Quersiederohrkessel mit 15 Quadratmeter Heizfläche für Holz- und Sägemehlfeuerung. Für die Wollwäscherei wurde ein doppelter Wollschweisskessel, eine Wollspülmaschine und eine Woll- trocknerei eingerichtet. Betrieben wird die .Spinnerei und Walkerei durch eine Girard-Turbine von 24 Pferdekräften, die Weberei durch ein unterschlächtiges eisernes Wasserrad von 7 Pferdekräften. Das Personal besteht aus 30 Personen. Fabricirt wurde bis 1886: Indigoblaue Loden, Unterrockstoffe, weiss und schwarz carrirt und gestreift, auch farbig, schwarzer Kurerstoff zu Juppen für die Montafonerinnen, weisse, langhaarige, wasserdichte Hirtenmantelstoffe, sowie Strickgarne, gewalkte weisse und graue Ueberstrümpfe, auch weisse Fäustlinge mit blauen Tupfen und Fransen (eine Specialität). Nach der Schweiz wurden langhaarige, schwarzgefärbte Mantelstoffe, Loden, Fäustlinge und Ueberstrümpfe exportirt. Seit 1886 wurden alle Artikel wie bisher erzeugt; die abgegebene Wolle wird gegen Stoff umgetauscht. Die Lodenfabrication ist nun auf Damenloden, feine Sommerloden, Gebirgsloden, Cheviot und Wettermantelstoffe aus Wolle und Kameelhaare ausgedehnt. Wettermäntel (Haveloks) werden en gros auch wasserdicht imprägnirt geliefert. Jährlich werden 1000 Stück Waare erzeugt. In Feldkirch, Bregenz und Innsbruck bestehen Niederlagen für den Detailverkauf. 119 k£a. tyLvij i.i i i.i i ■ i 25E3SS •g ays WMIfc, IX JCJU •-ajjBpv»- i» rras? '-i* J. MÖSSMER & CO. SCHAFWO L L WA AREN-FABRIKEN BRUNECK UND SAND, TIROL. mm ty.£sI ie Firma J. Mössmer & Co. wurde im Jahre i8go in Mühlen, Post Sand, im Taufererthale zur Erzeugung von Tiroler Loden gegründet und ist sonach das jüngste Unternehmen dieser Branche in Tirol. Die Aufgabe, in dieser gänzlich industrielosen Gegend eine den Anforderungen der Jetztzeit entsprechende Fabrik zu schaffen, war keine leichte, denn die heimische Bevölkerung in diesem stillen Thale kam dem Unternehmen mit einem gewissen Misstrauen entgegen, so zwar, dass es schwer wurde, entsprechende Arbeitskräfte zu finden und heranzubilden. Dessenungeachtet gelang es in verhältnismässig kurzer Zeit, einen regelrechten Fabriksbetrieb einzurichten. Die Firma verfolgte von Anfang an ihren eigenen bestimmten Weg, indem sie, abweichend von den allgemein bekannten Tiroler Loden, eine Reihe vervollkommneter Qualitäten in modernen Genres auf den Markt brachte. Die Erzeugnisse fanden sehr bald ungetheilten Beifall und höchst erfreulichen, aufmunternden Absatz. Die Hoffnungen und Erwartungen, welche die Firma bei der Gründung der Fabrik in ihr Unternehmen setzte, giengen rascher, als sie vermuthet hatte, in Erfüllung. Die Firma betheiligte sich bereits im Jahre 1893 an der Landesausstellung in Innsbruck mit einer Collection ihrer Erzeugnisse, welche allgemein gefielen und überraschten. Gelegentlich des Besuches der Ausstellung durch Seine k. und k. Majestät unsern Kaiser wurde dem Chef der Firma, Herrn Josef Mössmer, die hohe Ehre zu Theil, Seiner Majestät vorgestellt zu werden. Seine k. und k. Majestät geruhte Sich eingehend über die Verhältnisse des Unternehmens zu erkundigen und äusserte Sich so lobend und aufmunternd über die Errichtung der Fabrik und die Exposition der Erzeugnisse selbst, dass die Firma sich schon dadurch angespornt fühlte, mit doppeltem Eifer das begonnene Werk fortzusetzen, zu vervollkommnen, zu vergrössern und zu verbessern. Diese Bemühungen waren von rasch steigenden Erfolgen gekrönt, und sehr bald reifte der Entschluss, eine neue, grössere und ausdehnungsfähige Fabrik in Bruneck, woselbst sich eine bedeutende Wasserkraft in der Rienz bot, zu errichten. Noch im Spätherbst des Jahres 1893 wurde die Regulirung der Rienz am rechten Ufer so w r eit durchgeführt, als dies zum Einbau des über 3 Meter hohen Betonstauwehres nöthig war. Im Frühjahr 1894 wurde beiläufig die Hälfte des Stauwehres mit dem Canaleinlass fertiggestellt, so dass eine Turbine im Sommer 1894 betriebsfähig hergestellt war. Der Einbau der zweiten Hälfte des Betonstauwehres erfolgte im Winter 1894/95. Der Fabriksbau, dessen Ansicht und Lage das obige Bild wiedergibt, wurde nach den von Herrn Josef Mössmer entworfenen Plänen im Juni 1894 begonnen und im October desselben Jahres, also nach kaum fünfmonatlicher Bauzeit, vollendet. Der Shedbau ist von den darunter befindlichen Souterrainlocalitäten durch Moniergewölbe getrennt. Das T 20 Holzcement-Plateaudach mit Lichtaufsätzen ruht auf Eisensäulen, die Fussböden sind durchwegs in Stampfbeton hergestellt. Sämmtliche Localitäten sind mit Glühlampen, die Färberei, der Hofraum und die Zufahrtstrassen mit Bogenlampen erleuchtet. Die Beheizung erfolgt mittelst Dampfheizapparaten. Während das Nutzwasser durch Pumpen in ein Reservoir gefördert und von dort aus die Wäscherei, Färberei etc. mit Wasser versehen wird, wird das Trinkwasser von der städtischen Hochquellen-Wasserleitung in Bruneck durch einen besonderen Rohrstrang zur Fabrik geführt, der auch gleichzeitig die unter dem Drucke von 7 Atmosphären stehenden Hydranten speist, welche theils in der Fabrik, theils ausserhalb derselben zum Schutze gegen Feuersgefahr angebracht sind. Ein Rundgang zeigt die Anordnung der Localitäten in jener Reihenfolge, wie es das Fortschreiten und der Gang der Fabrication erheischt. Wir betreten im Souterrain einen Raum mit dem Hauptantrieb, der von der Turbinenwelle mittelst Seiltrieben sämmtliche parallel liegende Transmissionswellen der verschiedenen Arbeitssäle bewegt. In demselben Raume befindet sich die Dynamomaschine. Neben diesem Local finden wir ein grosses Wollmagazin, ferner im Souterrain das Kesselhaus, die sehr geräumige, io Meter hohe Dampffärberei, die Wolltrocknerei und Carbonisation, endlich den Wolfereiraum, welcher mit der oberhalb — im Parterre-Shedsaal — befindlichen Spinnerei so in Verbindung steht, dass die gewolften Partien direct zu den Spinnereikrempeln befördert werden. Spinnerei und Weberei sind im grossen Parterre-Shedsaal untergebracht. Die fertigen Garne wandern von der Spinnerei zur Ketten - scheererei und Bäumerei, dann in die Weberei. Neben dem Spinn- und Wbsaal befinden sich die Wäscherei-, Walkerei- und Rauherei-Localitäten, endlich die Stofftrocknerei, an welche sich die Trockenappretur mit Tuch- scheererei, Decatur, Dampf- und Spindelpressen anschliessen. Aus der Trockenappretur kommt die Waare direct in den Magazins- und Packraum. In dieser Weise präsentirt sich die Schafwollwaarenfabrik der Firma J. Mössmer & Co. in Bruneck als eine mit den neuesten Maschinen und bester Anordnung eingerichtete Anlage, welche den strengsten Anforderungen der gegenwärtig weit fortgeschrittenen Fabrication der Schafwollwaaren-Industrie entspricht. Wenn die Firma den soliden Boden Tirols zum Felde ihrer Thätigkeit wählte, so war damit die Absicht verbunden, das Unternehmen auf der gesunden Basis, auf welcher es ruht, weiterzubauen, den guten Ruf der Landeserzeugnisse zu erhalten und zu fördern. Auch fernerhin wird es ihre Aufgabe bleiben, durch strenge Reellität ihren Kundenkreis im In- und Auslande zu erhalten, durch gediegene Erzeugnisse den Consumenten das Beste zu bieten, der arbeitenden Bevölkerung des Rienz-Thales sowohl als ihren Mitarbeitern gesicherte Lebensexistenzen zu schaffen und somit beizutragen zum Wohle der Bewohner des unvergleichlich schönen Pusterthaies. i - w. Spinnerei-Shedsaal. Weberei. 16 Die Gross-Industrie. IV. 12 I JOH. HEINR. OFFERMANN K. K. PRIV. MILITÄRTUCH- UND FEINTUCH-FABRIK BRÜNN. ie Firma repräsentirt das einzige Schafwollwaaren-Fabriksunternehmen, welches, nunmehr 112 Jahre unter der alten Firma unverändert bestehend, aus der ersten Entwickelungsperiode der Brünner Textilindustrie in die Gegenwart herüberreicht. Der Begründer der Firma war Johann Heinrich Offe-rmann, geboren zu Montjoie in Rheinpreussen, welcher in der durch die Initiative der Kaiserin Maria Theresia und Kaiser Josephs begründeten ersten Brünner Tuchfabrik des Leopold von Köffiler als Mitdirector ■angestellt war. In Gemeinschaft mit den gleichfalls den Rheinlanden entstammenden Angestellten Köffiler’s, mit Johann Gottfried Bräunlich und Heinrich Hopf, errichtete er im Jahre 1786 auf Grund der mit dem Hofdecrete vom 21. August 1786, Z. 3350, ertheilten Concession die dritte Tuchfabrik Brünns. Er erbaute das noch heute als Vordertract bestehende Fabriksgebäude und wusste durch seine technischen Erfahrungen und seine unermüdliche Geschäftsthätigkeit dem Unternehmen bald einen solchen Aufschwung zu geben, dass im Jahre 1791 bereits tausende Menschen durch die Fabrik Beschäftigung fanden. Besonderen Anwerth gewannen die Erzeugnisse der Firma weit und breit, insbesondere durch die Anwendung der von deu aus Mühlhausen stammenden Brüdern Friedrich, Wilhelm und Karl Alexander Offermann erfundenen Tuchscheermaschinen. Nach Johann Heinrich Offermann, der im Jahre 1793 frühzeitig starb, übernahmen dessen Söhne Johann Heinrich und Karl die Leitung der Fabrik, welche bald ausschliesslich Karl Offermann zufiel, der nach dem kinderlosen Absterben seines Bruders im Jahre 1837 der alleinige Inhaber des Unternehmens wurde. Im Jahre 1816 wurde als erste in Brünn und als grösste in Oesterreich eine Dampfmaschine, die aus England eingeführt wurde, in dem Etablissement aufgestellt, welcher bald eine zweite Dampfmaschine, ein heimisches Erzeugnis der Schlapa- nitzer Fabrik, folgte. Die Firma war unter den wenigen, welche die schwere Krisis, die nach den napoleonischen Kriegen und der Aufhebung der Continentalsperre über die Brünner Schafwollwaaren-Industrie hereinbrach, überdauerten, um alsbald wieder durch die Ausnützung aller technischen Fortschritte und durch die besondere Güte ihrer Erzeugnisse einen neuen, bedeutenden Aufschwung zu nehmen. Beider ersten österreichischen Gewerbe-Ausstellung im Jahre 1835 erhielt die Firma die silberne Medaille für vaterländischen Gewerbefleiss, welcher Auszeichnung sich weitere besondere Anerkennungen sowohl der Firma, als ihres Inhabers anschlossen. Karl Offermann erhielt im Jahre 1863 für seine Verdienste auf dem Gebiete der Industrie und für seine gemeinnützige Thätigkeit, die er insbesondere für das Brünner Gemeinwesen auf den mannigfachsten Gebieten, namentlich durch die Anlage des Augartens und des F'ranzensberges, von seinen Mitbürgern hoch verehrt, entfaltete, den Orden der Eisernen Krone III. Classe und wurde in den erblichen Adelsstand erhoben. Er starb im Jahre 1869, nachdem er schon in den Fünfzigerjahren die Führung des Unternehmens seinen Söhnen Karl und Theodor übergeben hatte. Karl von Offermann, welcher seit dem Jahre 1882 alleiniger Inhaber der Firma war, bethätigte sich in besonders hervorragender Weise in der Leitung des Unternehmens und auf anderen industriellen Gebieten, und war eine führende Persönlichkeit der österreichischen Industrie überhaupt. Bei den Weltausstellungen in London 1851, München 1854, Paris 1855, London 1862, Wien 1873 und Paris 1878 war er zumeist als Präsident des Ausstellungs- comitös für die gesammte Textil-Industrie und als Präsident der Jury dieser Gruppe thätig, und erwarb sich ein bleibendes Verdienst um die Entwickelung des Ausstellungswmsens. Als langjähriger Vicepräsident der Brünner Handelskammer, als Präsident hervorragender Creditinstitute und industrieller Actiengesellschaften, und in vielen anderen bedeutenden öffentlichen und auch in gemeinnützigen Stellungen erwarb er sich allgemein anerkannte Verdienste. Er erhielt das Commandeurkreuz des Ordens der Eisernen Krone II. Classe, sowie hohe Auszeichnungen der meisten europäischen Staaten und wurde im Jahre 1873 in Anerkennung seiner vielfachen Verdienste in den Freiherrnstand erhoben. Als er in einem Alter von 74 Jahren im Jahre 1894 seiner erfolgreichen Wirksamkeit entrissen wurde, gieng die Firma an seine Kinder und Erben über, welche das Unternehmen als eine Commandit- gesellschaft führen, deren persönlich haftende Gesellschafter die Herren Dr. Karl Freiherr von Offermann, k. k. Commerzialrath, Präsident der Brünner Localeisenbahn-Gesellschaft, Handelskammerrath etc., und Edwin Freiherr von Offermann, k. k. Statthaltereisecretär a. D., sind. Die Firma hält ihren im Laufe der Zeiten immer ausgedehnter gewordenen Betrieb, dessen Leistungsfähigkeit sie insbesondere für die Ausführung von Heereslieferungen befähigt, in vollem Umfange aufrecht. Die Firma ist in Folge dessen auch bereits seit Ende der Vierzigerjahre in hervorragender Weise an den österreichischen Armeelieferungen betheiligt und kann insbesondere in den Kriegsjahren 1859, 1866 und 1878 auf ganz aussergewöhnliche und hervorragende Leistungen hinweisen. Ausserdem hat dieselbe aber wiederholt mit Bewilligung der österreichischen Regierung an auswärtige Armeen bedeutende Lieferungen von Militärtuchen und fertigen Uniformen übernommen, so insbesondere in den Jahren 1883—1887 an Griechenland und seit 1880 alljährlich für Aegypten. Trotz der in diesem Lande bestehenden, sehr schweren Concurrenz mit England hält sie noch heute den Export von Uniformen und Tuchen dahin aufrecht. Die Firma ist derzeit Theilhaberin der Militär-Tuchlieferungsgesellschaft Offermann und Consorten in Wien. Die Haupterzeugnisse des Unternehmens sind alle Gattungen Militärtuche für Mannschaft und Officiere, Tuchsorten für Marine, Gendarmerie, Eisenbahnen und Uniformtuch überhaupt, ferner Militärbettdecken und Kotzen, Waggontuch und Modewaaren. Die Firma übernimmt ferner die Confection fertiger Monturen in grösseren Quantitäten und in beliebiger Façon für Militär, Eisenbahngesellschaften u. s. w. Das Etablissement gehört zu den wenigen Fabriken Brünns, welche alle Abtheilungen und Hilfszweige der Tuchfabrication umfassen, indem es eigene Wollwäscherei, Färberei, Spinnerei, Weberei und Appretur besitzt und demnach die Erzeugnisse von der rohen Wolle angefangen bis zum fertigen Tuche im eigenen Hause und in eigener Regie fertigstellt. Drei Dampfmaschinen mit 332 Pferdekräften geben die Triebkraft für den Betrieb. Die Spinnerei ist mit 13 Assortiments, die Weberei mit 121 mechanischen Stühlen besetzt. Eine vollständig eingerichtete Appretur und Färberei vervollständigen den Betrieb. Die Firma beschäftigt 12 Beamte, 12 Meister und 480 Arbeiter. Auf allen Ausstellungen wurde die Firma für ihre Erzeugnisse mit ersten Auszeichnungen bedacht. Schon der Grossvater der gegenwärtigen Inhaber der Firma rief einen Kranken- und Unterstützungsfond für die Arbeiter des Unternehmens ins Leben, welcher durch die Fürsorge der Firma und ihre reichliche Beitragsleistung auch die Gewährung wöchentlicher Pensionen beim Eintritte der Arbeitsunfähigkeit durch Alter und Invalidität ermöglichte. Gegenwärtig sorgt die Firma für ihre später eingetretenen Arbeiter durch die Theilnahme an der Arbeiter-Unterstützungs-, Witwen und Waisencasse, welche Pensionen und Unterstützungen den Witwen und Waisen gewährt. : ,, ^ ' -v, tu ii'tfï ■ 9 N. Diese Tuchfabrik gründete ® Johann Heinrich Offermann GEBÜRTIG AUS MONTJOIE ANNO MDCCLXXXVf* UNTER DER GLO^REICHE^ REGIERUNG Kaiser Josef ll. DESMÄCHTIGEN FÖRDERERS VON HANDEL UND GEWERBE, vaf ^'{HoFDEKRETV0M21.ÄTOUfflPl?86rZH:i. r )0) 4 * s jtffV-, Ç& '■ I t 3- MSgjfe Är La - ■ r-'iKs 1 •wtx 16* 123 ^rv* *• v-o 3 & \ r r p a ■; ■ ■ ■ » * m m ■ ■ g ri ri h n 11 LLlH m O I‘I rw I’ M.l I '**•.*■ &•*<*&?**.■ ;t«' O II ■.'itoiiiliciiisfc fi/MüiiU/MjlLi 'MxfbuÜtC. »iriwSTEiS mm*'- »ml ■ri • • IWIHi : llllililb kltiSSli «**»*M« liüüiüä !***»»« Yi.flSÜSiÜI'; ■111*1. Vm*j SS® i»c?2 FRIEDRICH POLLAK K. K. PRIV. TÜCHER- UND MODEWAAREN-FABRIK FULNEK — WIEN. n der ersten Hälfte des Jahrhunderts wurde die Tüchererzeugung in einem kleinen Maassstabe als Haus-Industrie betrieben und hatte ihren Sitz in der Wiener Vorstadt Mariahilf. Erst mit Beginn der Sechzigerjahre fand der Uebergang von der Haus-Industrie zur fabriksmässigen Erzeugung statt und von da an datirt der Aufschwung des Artikels, dessen Erzeugung nicht nur auf Wien beschränkt blieb, sondern sich auch auf die anderen Länder erstreckte, so dass zur gegenwärtigen Zeit in Böhmen, Mähren und anderen Kronländern diese Industrie in grossem Maassstabe betrieben wird. Einer der Industriellen, die bei diesem Umwandlungsprocesse von der Haus-Industrie zum Fabriksbetriebe eine führende Rolle einnahmen, war der Gründer obiger Firma, Friedrich Pollak, der von bescheidenen Anfängen das Unternehmen, das im Jahre 1860 unter, der Firma »Hackl & Pollak« gegründet wurde, zu einer grossen Entfaltung brachte. Aus eigener Kraft rang sich Friedrich Pollak aus den ersten schweren Anfängen empor; unbeirrt durch alle Hindernisse führte er mit sicherer Hand sein Unternehmen an das hohe Ziel, das er sich gesteckt, und mit berechtigtem Stolze vermag er auf seine nahezu 40jährige, in harter Arbeit durchmessene Laufbahn zurückblicken. Die vielen Variationen des von der Firma Friedrich Pollak erzeugten Artikel hatten eine Theilung der Fabrication zur Folge, und zwar behielten die Phantasie-, wollenen und seidenen Tücher ihren Erzeugungsort in Wien, während die Fabrication der gewalkten Wintertücher nach Fulnek in Mähren verlegt wurde. Aus dem Specialartikel Chenilletücher entwickelte sich in den Siebzigerjahren der Fabricationszweig der Chenilledecken und Vorhänge, welcher einen namhaften Consum im In- und Auslande fand, und vor Eintritt der Mac Kinley-Bill besonders nach den Vereinigten Staaten von Amerika in beträchtlichen Mengen exportirt wurde. Der Uebergang zum Decken- und Vorhangartikel führte später auch dazu, dass die Erzeugung von gewebten Vorhängen und Decken vom einfachsten Schaftvorhang an, bis zum schwersten Jacquardgewebe in den Rahmen der Fabrication aufgenommen wurde. Der Hauptsitz der Fabrication ist jetzt in Fulnek in Mähren, wo die Erzeugung in drei räumlich von einander getrennten Fabriken stattfindet. In der an der Spitze dieses Aufsatzes abgebildeten Fabrik befindet sich die Färberei, mechanische Weberei und Appretur, in der zweiten Fabrik, welche das nächstfolgende Bild darstellt, die Spinnerei, 124 und in einer dritten Fabrik, deren Ansicht wegen Raummangel nicht wiedergegeben werden konnte, die Handweberei. Zweig-Etablissements des Fabriksbetriebes befinden sich in Wien, in Wigstadtl (Schlesien), Bautsch (Mähren) und Zdirec (Böhmen). Alle Stadien der Fabrication werden in den Etablissements selbst durchgeführt und resultirt daraus die besondere Leistungsfähigkeit der Firma. Die Spinnmaterialien werden in die Fabriken im rohen Zustande eingeführt, daselbst gefärbt, gesponnen, gewebt, appretirt und die hergestellte Waare marktfähig dem Handel zugeführt. Das Absatzgebiet für die Erzeugnisse der Firma erstreckt sich ausser auf Oesterreich-Ungarn auch auf die übrigen europäischen und überseeischen Länder, soweit es die für die Textil-Industrie besonders schwierigen Exportverhältnisse gestatten. Zum Schutze der Fabriken besteht eine Fabriksfeuerwehr, welche m mit allen modernen Löschvorrichtungen versehen ist. Heute beschäftigt die Firma circa xooo Arbeiter, fii für die alle gesetzlich angeordneten Schutz- und Sicherheits-Vorkehrungen getroffen sind. Stets lag dem gM Firmaträger das Wohl und Wehe seiner Arbeiter am Herzen und bei allen sich ergebenden Gelegen- S 9 heiten hat Friedrich Pollak seinen Arbeitern unzweideutige Beweise seiner wohlwollenden Gesinnung ge- gtj geben. Der Beamtenkörper und die i Spinnerei in Fulnek. Arbeiter sind zum grössten Theile seit ihrer Jugend bei dem Unternehmen thätig und wurden einige derselben bereits zufolge ihrer langjährigen Thätigkeit prämiirt. In den ersten Jahren der Gründung wurde der Firma die Auszeichnung verliehen, den kaiserlichen Adler in Schild und Siegel führen zu dürfen. Bei den Ausstellungen in Graz 1870, Wien 1873, Melbourne 1888 und Paris 1889 wurde dieselbe mit ersten Auszeichnungen und Verdienstmedaillen bedacht. Die Centralleitung, Niederlage und Bureaux befinden sich im Waarenhause: Wien, VI., Schmalzhofgasse 4; Musterlager in Prag, Brünn, Triest, Budapest, London und Brüssel; Vertretungen in Paris, Manchester, Hamburg, Kopenhagen, Turin, Alexandrien, Cairo, Beirut, Salonichi, Barcelona und Basel. Ausser Friedrich Pollak, der als Senior heute noch dem Unternehmen seine vollste Thätigkeit widmet, gehören demselben als öffentliche Gesellschafter seine Söhne Ernst und Julius Pollak und sein Schwiegersohn Ignaz Wolf an. 125 JOH. NEP. PREISEN HAMMER TUCHFABRIK NEUTITSCHEIN (MÄHREN). ls in der ersten Hälfte unseres Jahrhunderts die grossartigen englischen Spinnmaschinen ihren Siegeszug durch Europa nahmen, begann in der Geschichte der Textil-Industrie ein neues, glänzendes Capitel. Abgesehen davon, dass dort, wo Weberei betrieben wurde, die Einführung der neuen Maschinen dem Handbetriebe ein unaufhaltbares Ende bereiteten, erschlossen sich Länder, in denen bisher gar keine oder eine nur sehr geringe Textil-Industrie bestand, der neu aufblühenden Industrie. So geschah es auch in Mähren, wo die Verhältnisse für die Gründung von Unternehmungen besonders günstig lagen. Unter jenen Firmen, deren Anfang in jene Zeit fällt, gehört auch die Neutitscheiner Tuchfabrik Johann Nepomuk Preisenhammer, und wie bei den meisten Etablissements auf diesem Industriezweige, war auch ihr Betrieb und Umfang in den ersten Zeiten ein sehr bescheidener. Als der Gründer der Firma, Johann Nepomuk Preisenhammer, im Jahre 1848 seine Betriebsstätte eröffnete, beschränkte sich diese auf ein zwei Stock hohes, auf einer Baugrundflache von 350 Meter errichtetes Fabriksgebäude, in welchem 25 Arbeiter Beschäftigung fanden. Fleiss, Tüchtigkeit und streng reelles Gebahren des Gründers und seiner Nachfolger Hessen das Etablissement gedeihen und wachsen, und entsprechend der steigenden Production, geschahen successive Veränderungen und Neuanschaffungen, durch die der Firmainhaber den Anforderungen seiner Zeit Rechnung trug und die andererseits die Production allmählich so erhöhten, dass das Etablissement heute zu den grossindustriellen Firmen zählt. Inzwischen waren auch in der Leitung der Fabrik wichtige Veränderungen eingetreten. Im Jahre 1860 gieng das Unternehmen an die beiden Söhne des Gründers, an Johann und Moriz Preisenhammer, über; als diese bereits in den ersten Monaten des Jahres 1864 rasch nach einander mit dem Tode abgiengen, übernahm am 1. Juli 1864 der gegenwärtige Besitzer Max Preisenhammer, ein Cousin der Verstorbenen, in dem jugendlichen Alter von 23 Jahren das Etablissement. Entsprechend den Veränderungen der inneren Einrichtung der Fabrik, vollzog sich auch die bauliche Umgestaltung und Erweiterung des Unternehmens langsam und stetig. Im Jahre 1868 wurde ein neuer, zwei Stock hoher Fabrikstract von 500 Quadratmeter Baugrundfläche aufgeführt, im Jahre 1888 ein ebenerdiges Fabriksgebäude von circa 300 Quadratmeter Baufläche, weiters ein Kesselhaus mit Schornstein. Im Jahre 1895 endlich wurde der Bau eines neuen Fabriksgebäudes unternommen, das, ein Rohbau von zwei Stockwerken, eine Baugrundfläche von 900 Quadratmeter bedeckt; überdies wurde eine neue 1 oopferdekräftige Compound-Dampfmaschine aufgestellt. Das Etablissement in seinem gegenwärtigen Umfange, in dem drei Dampfmaschinen von 100, 40 und 3 Pferdekräften functioniren, setzt sich aus folgenden Abtheilungen zusammen: 1. Die Spinnerei mit 4 Assortiments, 48" Krempel; 2. die Weberei, enthaltend 47 mechanische Webstühle; 3. die Appretur; 4. die Färberei. Die Fabrik ist elektrisch beleuchtet, die aufgestellte Dynamomaschine unterhält 500 Glühlämpchen. Die Production umfasst Loden-, Melton-, Cheviot- und Kammgarnartikel. Exportirt wird nur in geringen Quanten nach Italien und den Balkanländern. Die Fabrik beschäftigt 150 Arbeiter, von denen mehr als ein Drittel 10—38 Jahre der Fabrik angehören, wodurch allein das gute Verhältnis, das zwischen Arbeitern und Eigenthümern herrscht, charakterisirt ist. Für 12 Arbeiterfamilien wurde im Jahre 1892 ein eigenes Wohnhaus mit Garten gebaut. Ausser den von den compe- tenten Behörden geforderten Vorkehrungen zum Schutze und zur Sicherheit des Lebens der Arbeiter hat die Firma auch in anderer Weise stets für ihre Arbeiterschaft gesorgt. So wurde schon im Jahre 1868 die Betriebs-Kranken- casse errichtet, an die von der Firma ein Beitrag in der Höhe der von den Arbeitern gemachten Einzahlungen erfolgt; der Beitrag für die Unfallversicherung wird von der Firma allein bestritten. Ausserdem stiftete die Firma 1894 einen Altersversorgungs-, Witwen- und Waisen-Unterstützungsfond in der Höhe von 20.000 Kronen und leistet an jährlichen Beiträgen 2 Procent von den ausbezahlten Arbeitslöhnen und 5 Procent von den ausbezahlten Gehältern. Die Beamten und Arbeiter selbst haben keine Beiträge zu leisten. Weiters wurde von der Firma 1886 eine Altersversorgungs-Stiftung für einen Arbeiter in der Höhe von 4000 fl. österreichischer Silberrenten gemacht, deren Zinsenertrag einem alten, arbeitsunfähigen Arbeiter zukommt. Die Firma, die in Wien eine Niederlage besitzt, wurde auf der Wiener Weltausstellung im Jahre 1873 prämiirt. 126 FRIEDRICH REDLICH ‘ifUiDT - : r -HiSKfe' FEINTUCH- UND SCHAFWOLLWAAREN-FABRIK BRUNN. ieses Unternehmen, welches zu Ende der Fünfzigerjahre durch Friedrich Redlich ins Leben gerufen wurde, hat sich im Laufe der Zeit durch die solide Ausführung und gute Qualität seiner Erzeugnisse einen Namen zu machen verstanden; die Firma kann als eine derjenigen Fabriken bezeichnet werden, die zuerst Kammgarn mannigfach verarbeiteten, welche Fabrication dann einen grösseren Aufschwung des Etablissements und den Uebergang vom Hand- zum Maschinenbetrieb zu Ende der Sechzigerjahre bewirkte; zu dieser Zeit wurde die mechanische Weberei eingerichtet. Ausgerüstet mit den nothwendigen Erfahrungen und Kenntnissen, war Friedrich Redlich stets bestrebt, vor Allem die Leistungs- und Concurrenzfähigkeit seines Unternehmens durch Einführung und Verwerthung der bedeutenderen technischen Fortschritte der neueren Zeit zu heben. Nach dem im Jahre 1894 erfolgten Tode des Begründers der Firma gieng dieselbe auf dessen gleichnamigen Sohn über, welcher, den Intentionen seines Vaters folgend, mit derselben Thatkraft und Arbeitsfreudigkeit darangieng, den Umfang des Unternehmens zu vergrössern und letzterem neue Absatzgebiete zu erschliessen. Heute cultivirt die Firma, deren Fabriksbetrieb mit zwei Dampfmaschinen von 150 Pferdekräften ausgerüstet ist, nebst allen feineren Kammgarn- und Streichgarn- Modestoffen auch die Erzeugung von schwarzen Kammgarnen und einer besonderen Qualität von Stoffen, welche sich vorzüglich für Reitzwecke eignen und in Sportkreisen auch allgemeinen Anklang gefunden haben. _ Die erzeugten Waaren bilden nicht nur einen in der ganzen österreichisch-ungarischen Monarchie gangbaren und beliebten Artikel, sondern werden auch vielfach exportirt, und zwar hauptsächlich nach Deutschland, Italien, Schweden, Rumänien, Russland, der Türkei und nach Nord- und Südamerika. Ivfelte-"- 127 l. «. 43 , rrm , B *l£i M N ■■ Ul JT i * ■ i * i r t£ ■ou* ■i Fabrik »Korneuburg-Stadt« (Stamm-Etablissement). -He*"" SCHAUMANN & COMP. K. K. PRIV. TUCH-, KOTZEN-, HALLINA-, PFERDEDECKEN-, BETTDECKEN UND S C H A F W O L L W A A R E N - F A B RIK E N KORXEUBURG. m die Mitte des 18. Jahrhunderts kam Joachim Schaumann, ein Sohn des Martin Schaumann, bürgerlichen Webmeisters in Malching, in Bayern, nach Stockerau, vermählte sich daselbst mit der Witwe eines Kotzenerzeugers und führte dessen Gewerbe als bürgerlicher Kotzenmacher fort. Aus dieser Ehe stammt als ältester Sohn Anton Schaumann, der sich noch bei Lebzeiten seines Vaters Joachim als Tuch- und Kotzenmacher in Stockerau etablirte, während das Geschäft des Vaters nach dessen Tode von dem jüngeren Sohne Johann fortgeführt wurde. Ein Sohn des vorgenannten Anton, der im Jahre 1802 geborene Franz Schaumann, verliess 1828 Stockerau mit seiner Schwester Regina und errichtete am 20. Mai desselben Jahres in Kor- neuburg ein selbstständiges Tuch- und Kotzenmachergeschäft. Er ist somit der Gründer der heutigen Firma, welche, da die Kotzenfabrication in Stockerau seitdem aufgehört hat, die älteste der bestehenden Fabriken dieser Branche und wohl auch eine der ältesten der Textil-Industrie überhaupt in unserem engeren Vaterlande Niederösterreich ist. Durch unermüdlichen Fleiss und Ausdauer gelang es ihm, sich trotz der im nahen Stockerau mit weit grösseren Mitteln arbeitenden Concurrenz zu behaupten und alle Schwierigkeiten zu überwinden, so dass das kleine Unternehmen von Jahr zu Jahr wuchs und gedieh. Im Jahre 1850 wurde der Dampfbetrieb eingeführt, zu einer Zeit, als die Firma bereits 300—400 Arbeiter und Arbeiterinnen beschäftigte. Zwölf Jahre später, anno 1862, trat der älteste Sohn des Gründers, der jetzige Chef, kaiserlicher Rath Carl Schaumann, welcher sich im In- und Auslande die nöthigen theoretischen Kenntnisse und praktischen Erfahrungen erworben hatte, in das Geschäft ein. Durch vereinte, zielbewusste Thätigkeit, Ausnützung aller nutzbringenden technischen Fortschritte, ferner durch bauliche Renovirungen und Erweiterungen, sowie Vermehrung und Reorganisation der maschinellen Einrichtungen gelang es, den wachsenden Ansprüchen durch eine gesteigerte Production zu genügen und auf diese Weise das Unternehmen zur leistungsfähigen, jeder soliden Concurrenz gewachsenen Fabrik umzugestalten. Der Gründer der Firma, Franz Schaumann, erfreute sich nicht nur der allgemeinen Werthschätzung als tüchtiger Fabrikant und der Liebe und Anhänglichkeit seiner Arbeiter, für die er stets wohlwollend sorgte, sondern genoss auch das volle Vertrauen seiner Mitbürger, das sich dadurch documentirte, dass sie ihn im Jahre 1864 an die Spitze der Verwaltung seiner nunmehrigen Heimatstadt beriefen. Durch die Uebernahme des Bürgermeisteramtes ausser Stande, sein Unternehmen in der bisherigen Weise leiten zu können, beschränkte sich von nun an die geschäftliche Thätigkeit Franz Schaumann’s nur darauf, dass er seinem Sohne Carl in den wuchtigsten Dingen mit Rath und That an die Hand gieng und ihm Gelegenheit bot, sich in den folgenden zw T ei Jahren zum vollkommen selbstständigen Fabrikanten heranzubilden. Als im Kriegsjahre 1866 die bürgermeisterlichen Agenden die ganze Zeit und Thätigkeit des Vaters in Anspruch nahmen, übergab Franz Schaumann seinem Sohne Carl die Fabrik auf eigene Rechnung. Dieser wandte sein Hauptaugenmerk in den vier kommenden Jahren auf die Verbesserung der maschinellen Einrichtungen. Bereits 1868 hatte die Firma, welche jetzt »Schaumann & Comp.« — 128 lautete, das Vorrecht erhalten, den kaiserlichen Adler in Schild und Siegel, sowie die Bezeichnung »k. k. privilegirt« führen zu dürfen. Im Jahre 1870 trat Carl Schaumann’s jüngerer Bruder Franz als öffentlicher Gesellschafter in die Firma ein. In demselben war dem bisherigen Unternehmer eine neue werthvolle Kraft an die Seite getreten und das Brüderpaar arbeitete nun mit doppeltem Eifer an der Ausgestaltung des Etablissements. Die Fabrik gehört zu den wenigen Unternehmungen, in welchen schon zu jener Zeit die Fabrication der Decken und Kotzen in ihrem ganzen Umfange, von der Behandlung der Wolle bis zur Versendung der fertigen Waare, in allen Stadien selbst vorgenommen wurde, und zwar umfasst dieselbe die Wollsortirung, Wollwäscherei, Färberei, Spinnerei, Weberei, Eodenwäsche, Walke und Appretur. Der Waarenabsatz zog durch preiswürdige und solide Ausführung der Erzeugnisse immer weitere Kreise. Das Absatzgebiet umfasst nicht nur die Kronländer der österreichisch-ungarischen Monarchie, sondern wurde auch auf Serbien, Rumänien, Bulgarien und die Türkei ausgedehnt. Im Jahre 1885 wurde ein grosser Theil der Fabrik durch eine Eeuersbrunst zerstört, worauf zweckentsprechende Veränderungen beim Wiederaufbau vorgenommen wurden. Maschinen neuester Construction wurden angeschafft, so dass die Fabrik auch in dieser Richtung den Anforderungen modernster Technik vollkommen entspricht. Im Jahre 1886 wurden die bis nun verwendeten zwei alten Dampfmaschinen cassirt und durch eine einzig-e von 150 Pferdekräften ersetzt. Sechs Jahre später, im Jahre 1892, brachten die Besitzer die einen Kilometer vom Hauptetablissement entfernte Fabrik »Donauheim« käuflich an sich, wohin sie die Wollwäscherei, Färberei, einen Theil der Spinnerei und die Wollmagazine verlegten. Dadurch wurde es ermöglicht, in dem durch die Einführung der Tuchfabrication stark beengten Stammhause Raum für neue Maschinen zu gewinnen und rationelle Einrichtungen zu schaffen. Die Fabriken besitzen heute 2000 Spindeln und 50 mechanische Webstühle. Die Firma ist im Stande, bei zehnstündiger Arbeitszeit jährlich circa 100.000 Stück Militär-Bett- und Pferdedecken und 50.000 Meter Militärtuch zu producircn. Sie erzeugt die verschiedensten Sorten von Pferdedecken, Kotzen und Bettdecken, ferner von Uniformtuchen für das Militär, sowie für diverse Verkehrsinstitute, Bildungs- und Humanitätsanstalten. In neuerer Zeit erfreuen sich auch ihre reinwollenen Lodenfabricate für Herren und Damen einer grossen Beliebtheit. Die Erzeugnisse der Fabrik wurden auf 25 Ausstellungen mit den höchsten Preisen prämiirt. Im Jahre 1884 wurde den beiden Firmainhabern der Titel »k. u.. k. Hoflieferanten« verliehen. Auch im Auslande hat die Firma Anerkennung gefunden; so hat dieselbe viele Jahre hindurch der rumänischen, serbischen, bulg-ari- schen und türkischen Armee Decken und Uniformtuch geliefert, und anlässlich der Ausstellung in Philippopel 1892 wurde der Chef, Herr Carl Schaumann, mit dem Officierskreuz des bulgarischen Nationalordens für Civilverdienste decorirt. Dem väterlichen Beispiele getreu, wendet derselbe sein Augenmerk unablässig der Wohlfahrt seiner Arbeiter zu, und lange vor der Zeit der Einführung der obligaten Krankenversicherungscassen, bereits im Jahre 1872, wurde eine Krankencasse errichtet, die gegenwärtig über einen Reservefond von 6000 fl. verfügt. Gelegentlich des 50jährigen Jubiläums der Firma, im Jahre 1878, hat der Gründer derselben, Franz Schaumann, ein Jahr vor seinem 1879 erfolgten Tode, eine Arbeiter-Invalidenstiftung- mit einem Gründungscapitale von 5000 fl. errichtet, welche seither durch reichliche Zuschüsse seitens der Chefs auf ein Capital von 12.000 fl. angewachsen ist, und aus der jährlich zwei invalide Arbeiter und zwei ebensolche Arbeiterinnen, erstere mit je 144 fl., letztere mit je 120 fl., betheilt werden. Das Verhältnis zwischen Arbeitgeber und Arbeitern war und ist ein durchaus friedliches und wird am besten dadurch charakterisirt, dass das Unternehmen bis jetzt von allen Störungen, die durch Strikes etc. entstehen, verschont geblieben ist. Franz Schaumann, der Bruder und Associé des jetzigen Chefs, der von Sr. Majestät dem Kaiser für die nicht unbedeutenden Verdienste, die er sich als Bürgermeister von Korneuburg um das Stadtwohl erworben, mit dem Ritterkreuze des Franz Joseph- Ordens ausgezeichnet wurde, trat 1892 aus der Firma aus, um sich gänzlich seinem Ehrenamte zu widmen. Bei dieser Gelegenheit gründete er, überzeugt, dass den Arbeitern Wissen und Kenntnisse vor Allem noth thun, eine Stipendienstiftung für Söhne von Arbeitern und Arbeiterinnen der Fabrik mit einem Stammcapital von 6000 fl. Die Gross-Industrie. IV. i-ii , Grosser Webereisaal. Färberei in der Fabrik Donauheim -agi 129 17 Seit 1897 wird Carl Schaumann von seinem einzigen Sohne Carl als Compagnon auf das thatkräftigste unterstützt, der sich, gleich seinem Vater, im In- und Auslande auf seinen Beruf wohl vorbereitet hat und schon bei seinem Eintritte in das väterliche Unternehmen seine Arbeiterfreundlichkeit durch einen namhaften Beitraa- zu dem vom Grossvater gegründeten Invalidenfond bethätigte. Carl Schaumann sen. wurde 1892 in Anerkennung seiner 25jährigen Thätigkeit als Handelsgerichts-Beisitzer von Sr. Majestät mit dem Titel eines kaiserlichen Rathes ausgezeichnet. Im Jahre 1895 wurde ihm anlässlich seiner 25jährigen verdienstvollen Wirksamkeit im Gemeinde-Ausschüsse das Ehrenbürgerrecht verliehen. Getreu der vom Gründer an der Hauptfront der Fabrik angebrachten Devise »Thue recht und scheue niemand« vermag die Firma im Jahre des Jubiläums unseres erhabenen Monarchen mit Stolz auf ihre Geschichte hinzuweisen, in einem Zeitpunkte, da sie sich mit ihren Arbeitern rüstet, die Feier ihres 70jährigen Bestandes würdig zu begehen. Fabrik »Korneuburg-Donauheim«. &! ! JS&s* '.i-,:,L x'f .mmsm 3&riÄ .JpS9j»**y». s. -. > •- , ^.r ' ■" ., ■ ih KUNSTANSTALT S.CZEIOER, WIEN DIE GROSS- INDUSTRIE OESTERREICHS BRUDER SIEGMUND, FEINTUCHFABRIK IN HABENDORF BEI REICHENBERG F*-*-**--. "«H Rechnung geschritten werden konnte. Die früher gesammelten Erfahrungen kamen auch dem vergrösserten Betriebe zu Gute, der natürliche Erfolg blieb nicht aus und drängte nach kurzer Zeit zu einer neuerlichen und wesentlichen Yergrösserung des Betriebes. Zu diesem Zwecke wurde im Jahre 1882 die im nebenstehenden Bilde ersichtliche, in nächster Nähe des ersterwähnten Landhauses gelegene Trenkler’sche Tuchfabrik (im Volksmunde der Gegend »Bleichmühle« genannt) von den Brüdern angekauft, welche sie nun gleichzeitig als Firma »Brüder Siegmund« gerichtlich eintragen Hessen. Hiedurch traten die Brüder in die Reihe der grösseren Fabrikanten Reichenbergs, ein Geschäftserfolg, der die berechtigte Aufmerksamkeit der dortigen Geschäftswelt auf sich lenkte. Und wahrlich, es war keine Kleinigkeit, sich blos aus eigener Kraft in so kurzer Zeit und so hoch aufzuschwingen auf einem Gebiete, in welchen der wirtschaftliche Kampf eine wahre Revolution hervorrief, durch welche einst glänzend situirte Firmen des Reichenberger Platzes ins Wanken gerieten und die dortige Tuch-Industrie ein völlig verändertes Ansehen erhielt. Schon kurze Zeit nach ihrer Erwerbung erwies sich auch die »Bleichmühle« für die gesteigerten Anforderungen des Betriebes als viel zu klein. Dem Mangel an Raum musste endlich in ausgiebiger Weise abgeholfen werden. Im Jahre 1889 wurde die alte »Bleichmühle«, an die sich ein guter Theil der Geschichte der Reichenberger Industrie knüpfte, abgetragen und auf dem bedeutend erweiterten Grunde ein grossartiger, allen modernen Anforderungen entsprechender Bau aufgeführt, welchem drei Jahre darauf der prächtige, beinahe 3000 Raummeter fassende Shed- bau beigefügt wurde, dessen geräumiges und schönes Innere durch die folgende Ansicht dargestellt wird. Bleichmühle. Mechanische Weberei. tt ÿmmz *asr fieger/-v . WAV léÊ&isssms: âc y.. W -iipJTW mm .SjUsr; W-.'agü 6 ** Heute besitzt die Firma Brüder Siegtnund eine der grössten und besteingerichteten Feintuchfabriken des industriereichen Böhmens, ja Oesterreichs, und ist in nicht wenigen Artikeln ihrer Erzeugung tonangebend geworden. Die Fabrik umfasst in grossem Maassstabe alle Zweige der Tuchfabrication, Wäscherei, Färberei, Spinnerei, Weberei, Appretur u. s. w. und verarbeitet die Rohwolle bis zur nadelfertigen Waare. Die Betriebskraft liefern zwei Dampfmaschinen von 250 und 100 Pferdestärken, zu denen 4 Fairbaind-Kessel mit zusammen 400 Quadratmetern Heizfläche gehören, ferner zwei Wasserräder mit zusammen 50 Pferdestärken. Ferner besitzt die Firma eine Spinnfabrik in Ivatharinberg, die auf der vorangehenden Seite abgebildet ist. Die Zahl der beschäftigten Arbeiter beträgt an 400. Erzeugt werden leichte und schwere Tuchwaaren, wie Peruvienne, Doskin, Coachmen, Tricot, Condor, Mandarine, Cheviot, Kammgarne, gemusterte Stoffe u. s. w. Die Tuchwaaren der Firma erfreuen sich eines vorzüglichen Rufes und werden hauptsächlich im Inlande, aber auch im Auslande, zumeist im Orient, abgesetzt. 133 :fr j >‘~ i ’ iiic' * li ^«*» ■fttt^a* 11, '* * »*■■■« -■ m~$t. m 53 !*$°» rnir ViKA ■ iii i. ■ Tnr?r ■»• 13 11 * a i. I n i o ja 31 u H ailiJUjJ 1,1 3 fc [> -». Hin JLLJLM ?9EQHf"^fl|.;-Ngg^ ftgpü? ypYff u t i rsiiä «• c AViTröf. 3&lS.i sgtg? •*£***• lllS ieses Unternehmen wurde im Jahre 1855 von den Brüdern Jonas, Moriz, Isidor, Sigmund, Bernhard und Eduard Strakosch begründet. Jonas Strakosch hatte bereits im Jahre 1845, gemeinsam mit seinem Vater Salomon Strakosch, eine Schafwollwaarenfabrik unter der Firma Salomon Strakosch & Söhne gegründet, aus welcher er bei dem Anlasse der Gründung- der Firma Brüder Strakosch austrat. Der lläl Firma gelang- es durch die Tüchtigkeit ihrer Inhaber, durch die Solidität der Geschäftsführung und durch die besondere Schönheit und Vollendung ihrer hochfeinen Erzeugnisse sehr rasch zu hohem Ansehen zu gelangen und auch einen sehr belangreichen Export, insbesondere nach Deutschland und Amerika, zu erzielen. Der Gesellschafter Moriz Strakosch schied 1872 aus, ihm folgte Sigmund Strakosch, der im Jahre 1873 starb. Im Jahre 1883 trat Eduard Strakosch aus der Firma und im Jahre 1888 starb Jonas Strakosch, der sich in jeder Beziehung besonderer Achtung in der Geschäftswelt und in den Reihen seiner Mitbürger erfreute. Jonas Strakosch bekleidete wichtige und hervorragende Aemter und wurde von Sr. Majestät dem Kaiser durch die Verleihung des goldenen Verdienstkreuzes mit der Krone und des Franz Joseph-Ordens ausgezeichnet. Die Verdienste, die er sich um die Vertretung der österreichischen Industrie im Auslande erwarb, die ausserordentliche Anerkennung, die er als Repräsentant seiner Firma fand, brachten ihm auch zahlreiche ausländische Ordensauszeichnungen, so den niederländischen Löwenorden etc. Das Unternehmen wurde nun bis zum Jahre 1895 von den Brüdern Isidor und Bernhard Strakosch geleitet, die sich der Hochachtung und des allgemeinen Vertrauens in jeder Richtung dauernd erfreuten. Isidor wurde im Jahre 1879 durch die Verleihung des Ritterkreuzes des Franz Joseph-Ordens ausgezeichnet. Am 1. Jänner 1895 übergaben Isidor und Bernhard Strakosch die Leitung des Unternehmens ihren Söhnen Felix und Siegfried Strakosch, welche nach Vollendung ihrer allgemeinen und technischen Studien im eigenen Unternehmen und in ausländischen Betrieben sich bethätigt hatten. Das Bestreben der beiden gegenwärtigen Inhaber des Unternehmens ist, den alten Ruf der Firma ungemindert zu erhalten und deren bewährten Traditionen in vollem Maasse treu zu bleiben. Der Fabriksbetrieb vereinigt in sich eine Wollwäscherei, Carbonisirung, Spinnerei, Färberei, Weberei und Appretur, somit den ganzen Productionsprocess der Schafwollwaare. Die Einrichtungen entsprechen in jeder Beziehung den technischen Anforderungen und zeichneten sich seit jeher in fabrikshygienischer Beziehung durch ihre vollkommene Zweckmässigkeit aus. Die Fabrik erzeugt nach wie vor hochfeine Modewaare und pflegt als Specialität seit Alters her und fast concurrenzlos die Erzeugung von Wlour-Hosenstoffen. Fernere Specialitäten sind weiche Rockstoffe und feine Strichwaare; seit einiger Zeit wurde mit vollem Erfolge die Erzeugung hochfeiner Damenstoffe aufgenommen. Der ausgezeichnete Ruf, den die Firma für ihre Erzeugnisse im Inlande gewonnen hat, wurde von ihr auch überall aufrecht gehalten, wo es galt, die Leistungsfähigkeit der österreichischen Industrie zu zeigen. Schon bei der Industrie-Ausstellung in Leipzig im Jahre 1850 erhielt die Firma die grosse goldene Medaille und betheiligte sich dieselbe seither an den meisten Ausstellungen, wo sie stets mit den ersten Preisen ausgezeichnet wurde. Im Jahre 1863 gründete die Firma die Llohenauer Zuckerfabrik in Niederösterreich. 140 11®» M! M TO K.k.priv Feinfudi — & Scliafwollwaaren- Fabrik ALT-HABENDORF. König ine der ersten und ältesten Tuchfabriken des Reichenberger Kammerbezirkes, im naturschönen Thale der Wilden Neisse gelegen, wurde im Jahre 1800 von Johann Georg Berger erbaut, welcher die bis dahin mehr als Haus-Industrie betriebene Tucherzeugung fabriksmässig einrichtete und zu damaliger Zeit als einer der bedeutendsten Industriellen Oesterreichs genannt zu werden verdient. In dieser Fabrik wurde im Jahre 1808 von seinem Compagnon, Ferdinand Römheld, die erste Maschine aufgestellt. Später übergieng dieselbe in den Besitz des Herrn Stefan König, welcher ebenfalls die Tucherzeugung daselbst betrieb. Im Jahre 1857 verlegte der Gründer der gegenwärtigen Firma, Josef Zimmermann (Sohn eines in Liebenau ansässigen Tuchmachers), nach Austritt seines Bruders Franz, die seit 1847 in Gablonz unter gemeinschaftlicher Firma betriebene Tucherzeugung nach Alt-Habendorf und übernahm von Stefan pachtweise diese Fabrik. Aus kleinen Anfängen brachte Josef Zimmermann durch Umsicht und rastlosen Fleiss mit Benützung jeder «Zmh Ul MW iB amaa&m mm § p mik\ Mül r '-w ' -'H.: * I?«£ . -o J maschinellen Neuerung die Feintuchfabrication zur fortschreitenden Vervollkommnung, stets bestrebt, den guten Ruf seiner Fabricate zu befestigen und zu erhalten. — 141 — Im Jahre 1873 erwarb er die Fabrik nebst dem für die Handweberei eingerichteten Gebäude in Neuhabendorf käuflich; seit dieser Zeit wurde das Etablissement durch Um-und Neubauten (Maschinenhaus, Färberei, Shedbau, Kesselhaus), wie auch durch Anschaffung neuer Maschinen fortwährend vergrössert. Am 22. März 1878 wurde das Etablissement durch den Besuch Sr. k. u. k. Hoheit des Herrn Erzherzogs Karl Ludwig beehrt, und am 2. Decemberi879 der Firma das k. k. Privilegium ertheilt. Als weitere hohe Besuche sind noch die des seinerzeitigen Handelsministers Baron Pino am 3. August 1881 und des Marquis Bacquehem am 3. Juli 1890 zu erwähnen. Auf der Weltausstellung in Paris 1878 und der österreichisch-ungarischen Ausstellung in Triest 1882 wurde der Firma die silberne Medaille zuerkannt. Seit dem am 10. Juli 1891 erfolgten Ableben des Herrn Josef Zimmermann wird das Unternehmen von seinem Sohne Carl Zimmermann in unveränderter Weise weitergeführt, welcher nebst der Erhaltung des inländischen Marktes eine erfolgreiche Thätigkeit in der Erschliessung neuer Absatzgebiete in den Donauländern, der Türkei und Aegypten entfaltet. Die gegenwärtige maschinelle Einrichtung besteht in einer 200 Pferdekräfte starken Dampfmaschine, zwei com- binirten Röhren- und einem Tischbeinkessel mit zusammen 430 Quadratmeter Heizfläche, 110 mechanischen Webstühlen und den übrigen erforderlichen Hilfsmaschinen. Der Betrieb umfasst sämmtliche zur Tüchererzeugung vom Rohmaterial bis zur fertigen Waare gehörigen Fabricationszweige (Färberei, Spinnerei, Weberei und Appretur). Die Fabrik beschäftigt 250 Arbeiter und besitzt seit 10 Jahren eine eigene Betriebskrankencasse. Die Handweberei wurde seinerzeit aufgelassen und dieses Gebäude von der Firma für zinsfreie Beamten- und Arbeiterwohnungen umgebaut und eingerichtet. Das Etablissement erzeugt Tuchwaaren, als: Schwarze Waaren (Peruvienne, Doskin), Palmerstone, Coachmen, Militärwaaren (Tricots, Farbenperuvienne, Tuche, Condore), Strichkammgarne und Exportwaare für den Orient etc. Die Firma besitzt in Wien und Brünn Niederlagen; ausserhalb hält dieselbe Vertretungen in Constantinopel, Salo- nichi, Aleppo und Hamburg. / «Jj i«U l *■ • ilLv»r J • - . fiF.ik- fi m msm iSSSFT- Sir awri mmm -ja Jaji'-.. i teiV'-v ' ih ggpäsfc^; ®g£ügi$é **£>:• » t *_?_?_* * »‘ «•* » 4 « , M tjj ,i*r » u «T i » »» ïl^'i * -Ï 11 I I ( * M * !»•;* » > • T 1 « I- 1 I M fc Ijf af -:«. y,l; hi u iiiiin üSS^&Sr?^ -.'ïÿïÂîiïÇ; iAüfml jfeasfäfcä; ßsga» $3lSS «•Sfi-v* -A'XjB Vifcâfe: EDUARD ZIPSER & SOHN K. K. LANDESPRIV. FEINTUCH- UND SCHAFWOLLWAAREN-FABRIKEN MIKUSZOWICE, FODYGOWICE, BIELITZ. 1 ie Gründung: dieses Etablissements, eines der ältesten der Schafwoll-Textil-Industrie in Galizien, reicht angewendet wurde. Dieses primitive Betriebsverfahren setzte der Besitzer bis 1841 fort, in welchem Jahre er sich mit Rücksicht auf die immer grösser werdenden Anforderungen, die an sein bisheriges Etablissement gestellt wurden, entschloss, den Bau einer Fabrik in Mikuszowice bei Biala zu unternehmen, um daselbst sämmt- liche Zweige der Tucherzeugung, in welchen er erfahrener Meister war, selbst zu betreiben. Der für die Anlage gewählte Ort war durch das Vorhandensein von reinem, zu Färbereizwecken gut verwendbarem Wasser besonders geeignet, ebenso war daselbst eine Wasserkraft von 15 Pferdestärken, welche mittelst Wasserrades übertragen wurde, für den mechanischen Betrieb zur Verfügung. Diese erste Fabrik, welche in der am Schlüsse dieses Aufsatzes wiedergegebenen Ansicht den damaligen kleinen Umfang des Betriebes veranschaulicht, wurde mit der sich steigernden Production allmählich vergrössert. Schon im Jahre 1850 war jedoch der Bau einer zweiten Fabrik inLodygowice bei Saybuscli nothwendig geworden, woselbst weitere 20 durch Wasser gelieferte Pferdekräfte für den mechanischen Betrieb gewonnen wurden. In dieser zweiten Fabrik wurden die Walke, Rauherei, sowie ein Theil der Handweberei untergebracht. Im Jahre 1864 wurde die Dampfkraft in den Betrieb eingeführt, indem in der Mikuszowicer Fabrik die erste Dampfmaschine in der Stärke von 16 Pferdekräften zur Aufstellung gelangte; im Jahre 1867 kam der erste mechanische Webstuhl (Mule-Jenny) in die Fabrik, mit welchem Ereignisse sich ein völliger Umschwung des Betriebsverfahrens vollzog. Die Firma trat dadurch in die Reihe der Gross-Industriellen; unbehindert von lästigen Fesseln und Schranken konnte jetzt die Production im grossen Maassstabe betrieben werden und sie war nun jeder Aufgabe vollkommen gewachsen. Im Jahre 1871 starb der Begründer der Fabrik, und dessen Sohn Alexander Zipser, welcher bereits früher als Theilnehmer des Unternehmens mitgearbeitet hatte, führte das Etablissement unter der gegenwärtigen Firma weiter. bis in das Jahr 1826 zurück, in welchem Eduard Zipser in Bielitz auf sechs Holzwebstühlen Tuch zu weben begann, jedoch die zu diesem Zwecke erforderlichen Hilfsoperationen, das Spinnen, Färben und Appretiren, anderwärts besorgen liess, eine Methode, die damals von den meisten Webereien 4 *- 143 Unter diesem neuen, thatkräftigen, von modernem Streben erfüllten Besitzer erfolgte in den Jahren 1885 bis 1887 der Umbau der Fabrik in Mikuszowice, indem dieselbe in allen Räumen bedeutend vergrössert und feuersicher eingewölbt wurde, so dass sie hiedurch, von späteren kleineren Zubauten abgesehen, jene Grösse erhielt, welche in dem Hauptbilde an der Spitze dieser Zeilen dargestellt erscheint. Die längst nicht mehr ausreichende motorische Kraft wurde durch Anschaffung neuer Dampfmaschinen wesentlich erhöht, die alten hölzernen Webstühle wurden allmählich durch mechanische ersetzt, in der Spinnerei wurden an Stelle der alten Mule-Jennys die leistungsfähigen neuen Selfactoren eingeführt, die es ermöglichen, dass ohne besondere Kraftanwendung ein einziger Arbeiter 500 Spindeln in Bewegung setzt, die selbstthätig ihre Faden genau mit so viel Drehungen als man wünscht, spinnen und mit schärfster Genauigkeit auf die Spulen aufwinden. Ueber- dies wurde, nachdem bereits im Jahre 1880 die Färberei probeweise •elektrische Beleuchtung erhalten hatte, nach erfolgtem Umbaue diese Beleuchtungsart in der ganzen Fabrik und auch in der Lodygowicer Fabrik eingeführt. Gegenwärtig verfügen die beiden Fabriken ausser den beiden Wasserkräften von 15 und 20 Pferdekräften über Dampfmaschinen von 180 beziehungsweise 60 Pferdekräften für den’ regelmässigen Betrieb und über Reserve-Dampfmaschinen von 50 beziehungsweise 20 Pferdekräften. Die Fabrik zeichnet sich insbesonders durch den Umstand aus, dass in derselben die gesammte Fabrication der Schafwollwaaren, von der Behandlung der rohen Wolle bis zur Appretur und Versendung des fertigen Tuches, in allen Stadien selbst vorgenommen wird, und zwar umfassen dieselben die Wollsortirung, die Wollwäscherei, Spinnerei, Weberei, Lodenwäsche, Carbonisirung, Walke, Rauherei, Scheererei, Decatur, Färberei und Presse. In der Spinnerei arbeiten sechs Selfactoren und einige alte Mule-Jennys mit zusammen 3840 Spindeln. Die Weberei wird auf 84 mechanischen und 24 hölzernen Handwebstühlen betrieben; die letzteren werden blos für diejenigen älteren Arbeiter, welche sich nicht mehr auf mechanische Webstühle einrichten konnten, im Betriebe erhalten. Die Färberei ist für mechanischen Betrieb eingerichtet und gleich der Walkerei, Rauherei, Carbonisirung und Appretur mit den besten und neuesten Maschinen ausgestattet. Die Fabrik erzeugt vorwiegend glattes, woll- und stückfärbiges Tuch in allen Farben, und zwar als besondere Specialität lichte und zarte Farben, für Decorationen und Confection, Wagen-und Billardtücher. Weitere Erzeugnisse sind Militärtücher, und zwar ist die Firma an dem Consortium für die Lieferung von Montursorten für die k. k. Landwehr betheiligt, und ist ferner Lieferantin für die k. k. Staatsbahnen. Im Ganzen verarbeitet die Fabrik in ihrer gegenwärtigen Betriebseinrichtung circa 200.000 Kilo Wolle und erzeugt hieraus 8000—10.000 Stück Tuch jährlich. Das ursprüngliche Absatzgebiet der Fabrik war hauptsächlich im Inlande und in Ungarn und wurde später durch den Orient erweitert. Für den Absatz im Inlande und nach dem Orient sorgte die im Jahre 1848 in Wien gegründete Niederlage, für den ungarischen Absatz die Niederlage in Budapest. Seit den Siebzigerjahren wurde der Export nach Italien, Nordafrika, Indien, Japan, China, Süd- und Nordamerika aufgenommen, in welchen Ländern die Marken der Firma sich eines besonderen Ansehens erfreuen. Besondere Aufmerksamkeit wendete die Firma in den letzten Jahren der Ausgestaltung der Wohlfahrts- Einrichtungen für ihre Arbeiter zu. Die Arbeiterverhältnisse der Firma sind insoferne bemerkens- werth, als unter den Bediensteten derselben zahlreiche vorhanden sind, welche schon eine lange Reihe von Jahren daselbst arbeiten. Von den 14 Beamten und 420 Arbeitern, welche in beiden Fabriken beschäftigt sind, ist ein Beamter bereits durch 54 Jahre im Dienste der Fabrik und wurde aus Anlass seines 50jährigen Dienstjubiläums mit dem goldenen Verdienstkreuze ausgezeichnet; mehrere Beamte sind zwischen 30 und 50 Jahren bei der Firma thätig. Von den Arbeitern sind 14 durch mehr als 40 Jahre im Dienste und wurde einer derselben mit dem silbernen Verdienstkreuze ausgezeichnet; 42 Arbeiter sind zwischen 30 und 40 Jahre bei der Firma beschäftigt. Eine Ivrankencasse wurde im Jahre 1886 für die Arbeiter gegründet und wurde dieselbe im Jahre 1889 in eine behördlich genehmigte Betriebskrankencasse umgewandelt. Diese Casse ist in der Lage, kranken Arbeitern durch 20 Wochen lang volles Krankengeld und durch weitere 20 Wochen halbes Krankengeld zu bezahlen, ebenso Weberei, vs.* taas*.. Eduard Zipser. 144 auch Beerdigungskosten in der Höhe von 30—40 Gulden zu bewilligen, und besitzt bereits einen Reservefond von 6000 Gulden. Ferner besteht ein Pensionsfond für die Beamten der Fabrik, welchem der frühere Chef im Jahre 1887 als Stiftung die Zinsen von 10.000 Gulden jährlich zugewendet und durch einen Notariatsact sichergestellt hat. Aus diesem Fonde beziehen gegenwärtig bereits drei Beamtenswitwen die statutenmässige Pension. Ein besonderer Arbeiter-Pensionsfond besteht gleichfalls, und werden derzeit aus demselben an 20 arbeitsunfähig gewordene Arbeiter Pensionen in der Höhe bis zu 2 fl. pro Woche bezahlt. Im Jahre 1887 wurde ferner ein Consum- verein für die Arbeiter und Beamten der Firma gegründet, welcher denselben gute Lebensmittel zu möglichst billigen Preisen liefert, nachdem bei der von der Stadt entfernten Lage der Fabrik eine sonstige Beschaffung der Lebensmittel mit Schwierigkeiten verbunden ist. Der sich aus der Verwaltung des Consumvereines ergebende Reingewinn fallt den beiden Pensionsfonds für die Arbeiter und Beamten zu. Für jene Arbeiter, welche wegen ihrer weit entlegenen Wohnungen nicht täglich nach Hause gehen können, bestehen mehrere Arbeiterhäuser mit W r ohn- und Schlafräumen. Eine Reihe von Auszeichnungen hat die Bedeutung der Firma anerkannt; insbesondere wurde der frühere Chef, Alexander Zipser, im Jahre 1893 für seine Leistungen auf dem Gebiete der Textil-Industrie mit dem Ritterkreuze des Franz Joseph-Ordens ausgezeichnet. An Ausstellungen hat sich die Firma fünfmal betheiligt, und zwar 1871 in Bielitz, 1873 in Wien, 1887 in Krakau, 1893 in Chicago, 1894 in Lemberg, bei welchen sie jedesmal prämiirt wurde, zuletzt in Lemberg mit der höchsten Auszeichnung, der goldenen Medaille. Seit dem im Jahre 1896 erfolgten Tode des Herrn Alexander Zipser führen seine beiden Söhne Erwin und Eduard, welche bereits seit 1889 respective 1894 als Theilhaber in das Geschäft aufgenommen wurden, das Etablissement weiter und haben demselben seinen bewährten Ruf erhalten. > 1 n 111 mii n uff 11 ü ml 5 iijijiJHiiij 11 »S iiM mui« 11 j 1 mini! 1111 ft Fabrik in Lodygowice. &•- Färberei. 111. i t 1 * 1111 i 11 111 Jiif SÜ ' •; Die Gross-Industrie. IV. 145 19 I —V ~CM EÄ¥.fir WS®® Ipu.: I „.»gar.- M“ MSf/lSä /Ti-'/- rr- p-.s - -M -f*r& •?iEr2-25' ,: W '"1 yrs . 7 .~V, . BLASCHKA & COMP. K. K. PRIV. WOLLWAAREN-FABRIK LIEBENAU IN BÖHMEN. iese Fabrik wurde im Jahre 1836 von den drei Liebenauer Bürgern Conrad Blaschka, der ein Glas- geschäft betrieben hatte, Franz Hiller, einem gewesenen Schwarzfärber, und dem Kaufmanne Anton May gegründet. Der im Jahre 1839 verstorbene Anton May traf in seinem Testamente die Anordnung, dass der ihm gehörige Geschäftsantheil zinsenfrei bleiben und nach und nach, wie es die Entwickelung des damals noch auf schwachen Füssen stehenden Unternehmens zulassen werde, zur Rückzahlung gelangen solle. Das war ein grosser Vortheil für das junge Unternehmen, welches in der schweren geschäftslosen Zeit der Vierzigerjahre nur mühsam aufrecht erhalten werden konnte, zumal die bereits bestehende, kräftig entwickelte Concurrenz der Reichenberger gleichen Fabrication drückend empfunden wurde. Die zurückgebliebenen beiden Gesellschafter waren schon darauf gefasst, dass die Fabrication werde eingestellt werden müssen, als im Jahre 1849 eine Wendung zum Besseren eintrat, ausgehend von dem Brünner Fastenmarkte dieses Jahres, an welchem alle mitgebrachten Waaren ausverkauft wurden. Das Geschäft hob sich nun zusehends und hatte im Jahre 1854 grosse Bedeutung erlangt. In diesem Jahre trennten sich die beiden Gesellschafter und verlegte Conrad Blaschka seinen Betrieb nach Katharinberg bei Reichenberg unter der alten Firma Blaschka & Comp., Franz Hiller aber nach Jungbunzlau. Von der Zeit an wurde von der Firma Blaschka & Comp, ein grosser Theil der Waaren durch die in der Katharinberger Fabrik eingerichtete mechanische Weberei gewebt. Aufgefordert von der Bürgerschaft Liebenaus und seinem Herzenszuge folgend, verlegte Conrad Blaschka im Jahre 1856 das Geschäft wieder in seine Heimatstadt Liebenau, wo es also mit einer Unterbrechung von zwei Jahren nun seit mehr als 60 Jahren besteht. Die mechanische Weberei blieb in Katharinberg bis zum Jahre 1871 und wurde zufolge des Verkaufes der Katharinberger Fabrik in erwähntem Jahre in die vorher bedeutend erweiterte Liebenauer Fabrik, in welcher bis dahin nur die Druckerei, Färberei und Appretur untergebracht waren, verlegt. Mit dieser bedeutungsvollen Aenderung hörte die Handweberei, welche bisher durch Factoren betrieben wurde, die ihre Weber in der Gegend weit verbreitet hatten und einen grossen Theil der Waaren im Lohne — die Garne zum A’erweben erhielten sie von der Fabrik — lieferten, gänzlich auf. Die Fabrik, einige hundert Schritte von der Stadt entfernt, an der nach Gablonz führenden Strasse gelegen, bestand ursprünglich aus einem hart an den Mohelkabach gebauten kleinen einstöckigen Gebäude, an welches später ein Flügel angebaut wurde. In den Jahren 1843/44 wurden die Färberei- und Appreturgebäude, sowie eine grosse Druckerei zugebaut, 1873 der Weberei-Shed mit einem Vorbereitungsgebäude und 1883 eine zweite Druckerei, sowie ein Färberei-Shed errichtet. Seither ist noch durch einen Nachbau von zwei Shedfeldern zur Weberei und neuerlich durch einen Umbau der Färberei eingetretenen Bedürfnissen Rechnung getragen worden. 146 Die Anzahl der in der Fabrik selbst thätigen Arbeiter — die durch Factoren während des Bestandes der Fabrik lange Zeit beschäftigten Handweber konnten nicht mitgezählt werden — hat sich von ursprünglich 60 auf beiläufig 700, mit Einschluss der Weber, gehoben. Diese Zahl umfasst 390 männliche und 310 weibliche Arbeiter. Die weiblichen Arbeitskräfte überwiegen in der Weberei, da in derselben von insgesammt 414 Arbeitern 230 weiblichen Geschlechtes sind. Der Beschäftigung nach sind in der Appretur und Färberei 170, Weberei 414, Druckerei 82, Formenstecher ei 19, Schlosserei 8, Tischlerei 7 Arbeiter in Verwendung. Für die Arbeiter wurde im Jahre 1885 eine Ivrankencasse gegründet, die 1888 nach dem Gesetze für Krankenversicherung der Arbeiter in eine »Betriebs-Krankencasse der Firma Blaschka & Comp.« umgewandelt worden ist. Dieses wohlthätige Institut hat seit seinem Bestehen bis Ende 1897 für Krankenunterstützungen, Medicamente und ärztliche Hilfe den Betrag von 20.992 fl. verausgabt und während derselben Zeit einen Reservefond von 5900 fl. angesammelt. Für die Unfallversicherung der Arbeiter sorgt die Firma allein. Alte, invalide Arbeiter werden von der Firma unterstützt. Die städtische Wasserleitung ist von der Firma in die Fabrik geführt worden und versorgt die Arbeiter mit vorzüglichem Trinkwasser. Die Arbeiter stellen eine freiwillige, von der Firma ausgerüstete Fabriksfeuerwehr, die von Beamten der Fabrik geleitet wird und mit der städtischen Feuerwehr in Verbindung steht. Die ursprünglich 2opferdige Dampfmaschine hat zweien von zusammen 120 Pferdekräften, der bestandene Dampfkessel einer Zahl von 6 Dampfkesseln weichen müssen. 500 Webstühle liefern heute die Waaren, welche in der eigenen Druckerei, Färberei und Appretur fertig bis zum Verkauf, den die Niederlagen in Wien und Prag besorgen, hergestellt werden. Mit Handstühlen hat die Weberei, respective das Unternehmen begonnen, die Waaren zu weben, um jetzt zu diesem Zwecke nur noch mechanische Webstühle, welche im Laufe der Jahre viele Verbesserungen erfahren haben, zu verwenden. Selbst die Jacquard-Weberei wird, wie das Bild an der Spitze dieser Monographie zeigt, mit mechanischen Webstiihlen betrieben. Die ausschliessliche Verwendung der mechanischen Webstühle, welche in ihrer frühesten Construction manche Mängel aufwiesen, hat viel Lehrgeld gekostet. Man hat seither gelernt, auf mechanischen Stühlen die feinsten und schwersten Waaren tadellos herzustellen und erzeugt mit dem mechanischen Stuhl in derselben Zeit drei- bis viermal so viel, als mit dem Handstuhl.. Die früher sehr einfache Appretur wird in neuerer Zeit complicirter, da fast jeder Stoff eine andere Behandlung erfordert, um entsprechend den verwendeten Garnen auch das aus demselben zu erzielende vollkommenste Stück Waare zu erlangen. Das Färben und Drucken der Stoffe wird heute zumeist mit Anilinfarben vollzogen, während beim Beginne unserer Fabrication die Farben aus vegetabilischen und animalischen Stoffen (Farbhölzern, Cochenille etc.) gewonnen wurden. Diese alte Methode war schwieriger als die heutige Färberei, aber die alten Farben waren dauerhafter. Heute liebt man den rascheren Wechsel in der Mode und für diesen sind die herrlichen, aus dem Steinkohlentheer erzeugten Farben wie geschaffen. Die Musterkarte der von der Fabrik seit ihrem Bestände erzeugten Waaren ist eine reichhaltige. Im Anfänge wurden aus englischen harten Garnen, sogenannten Wefts, gewebte Waaren, Merinos, Orleans und Lastinge, welche ihre Gangbarkeit noch heute nicht vollständig eingebüsst haben, gedruckte Circastücher, Thibettücher, sclrwarze Orleanstücher und Damasttücher, Wollatlas (Italian-Cloths), später halbwollene Stoffe (Alepins) mit weichen, sogenannten Kammgarnen erzeugt und heute werden neben allen diesen Artikeln, die jedoch nur noch eine kleine Rolle spielen, hauptsächlich ganzwollene Damenkleider- und Confectionsstoffe angefertigt. Die halbwollenen Orleans, welche einen schönen glanzreichen Stoff abgaben, haben sich rasche Verbreitung errungen und sind von uns, namentlich in schönem Schwarz, zu hunderttausenden von Stücken erzeugt worden. Sie haben durch Jahrzehnte die Mode beherrscht und waren zum Bedarfsartikel geworden, aber der Umschwung in den Siebzigerjahren hat sie verdrängt. Heute huldigt die Menge den weichen, matten, eine mannigfaltige Musterung zulassenden Kammgarnstoffen. Neuestens versucht man mit Erfolg die glänzenden harten Garne, wie Mohair und Lustre-Weft, in gemischten Geweben mit Kammgarn zu verwenden. Früher, zur Zeit der Orleans — man kann diese Epoche in unserer Fabrication wirklich so benennen — waren zumeist glatte Stoffe beliebt und demnach die Fabrication eine leichtere, während jetzt mehr gemusterte Gewebe in den mannigfaltigsten Zusammenstellungen den Weber auf eine harte Probe stellen und sein Können und Wissen unausgesetzt in Anspruch nehmen. Von der zu Beginn des Unternehmens betriebenen Erzeugung vorwiegend halbwollener Stoffe wurde wegen der seither eingetretenen Verbilligung der Wolle zu der jetzt vorwiegenden Wollwaaren-Fabrication übergegangen. Diese Umwandlung hat sich nicht nur bei uns, sondern allgemein als nothwendig ergeben und ist von grosser Bedeutung für die Entwickelung der österreichischen Textil-Industrie gewesen, weil das billige Rohmaterial, die auf den australischen und südamerikanischen Weideländereien massenhaft gewonnene Schafwolle, zu weitausgedehnter Verarbeitung die Veranlassung gegeben hat. Die Erweiterung schon bestandener und die Gründung neuer Kammgarnspinnereien in Oesterreich und Deutschland, sowie die grosse Masse der überseeischen Wolle, welche jährlich zu hunderttausenden von Ballen in London verauctionirt wird und in England allein nicht untergebracht werden konnte, haben die bis 1870 bestandene Vorherrschaft der englischen Wollwaaren-Industrie bedeutend eingeschränkt. Dazu haben aber auch die grossen technischen Erfahrungen und Fortschritte, welche in der heimischen Fabrication erzielt wurden, wie nicht minder die unsere heimische Production schützende Zollpolitik wesentlich beigetragen. 19* i47 Die Zollpolitik hat stets auf unsere Fabrication einen grossen Einfluss ausgeübt. Der Beginn des Geschäftes fiel in die Zeit des Prohibitiv-Systems; die Yierzigerjahre, mit ihren traurigen landwirthschaftlichen und schwankenden politischen Verhältnissen brachten schlechte Geschäfte, die sich in den Fünfzigerjahren wieder besserten, nach dem Kriege im Jahre 1866 stark auflebten, um zur Zeit des Appreturverfahrens und der Nachtrags-Convention mit England, sowie des finanziellen Kraches vom Jahre 1873 einen in unserer Industrie bis dahin nie beobachteten traurigen Rückgang zu nehmen. Erst der nach dieser Zeit eingeführte Zollschutz belebte die Wollwaaren-Industrie, welche überdies durch die Mode, die sich auf Stoffe aus in Oesterreich und Deutschland erzeugten Kammgarnen warf und damit der übermächtigen englischen Industrie siegreich entgegentrat, begünstigt wurde. Wir können nur den Fortbestand der jetzigen Zollpolitik wünschen, denn wir sind nach wie vor auf den österreichischen Markt angewiesen und vermögen mit den grossen seefahrenden Nationen im Exportverkehr noch nicht zu concurriren. Nur mit gedruckten wollenen Waaren (zum Theile auch Wollwaaren mit Seide) gelingt es uns, ein allerdings nicht bedeutendes Geschäft nach Deutschland, Italien und Aegypten zu erzielen. Der in denselben Artikeln früher nach Russland, Spanien und Portugal stattgehabte Verkehr hat aufgehört, weil Russland diese Waaren selbst erzeugt, Spanien und Portugal aber ihre Grenzen durch unerschwinglich hohe Zölle verschlossen haben. Der Absatz im Inlande war in der Zeit der Gründung unseres Unternehmens schwierig und mühsam, weil er der Hauptsache nach nur auf Märkten stattfinden konnte. Die Märkte in Wien, Pest, Brünn, Pilsen, ja in kleineren Städten Böhmens, wie Jiöin und Königgrätz, mussten bezogen werden, um die mitgebrachten Waaren abzusetzen. In Prag vermittelte ein Commissionshaus den Verkauf der Waaren. Erst in den Fünfzigerjahren wurden die eigenen Niederlagen in Wien und Prag begründet und so das Geschäft in regelmässigere Bahnen gelenkt. Der Kundenkreis konnte erweitert, dem fortschreitenden Geschmacke der Consumenten besser Rechnung getragen und die Fabrication gleichmässiger und aufmerksamer betrieben werden. Die Vergrösserung des Eisenbahnnetzes, die Erweiterung der Concurrenz und die gesteigerten Ansprüche der Consumenten veranlassten zur Entsendung von Reisenden, um mit der Kundschaft in stetigerem Verkehr zu bleiben, und wurde dadurch der Besuch der Märkte überflüssig. Die letzten Märkte besuchte unser Haus in Brünn im Jahre 1886, in Pilsen im Jahre 1892. Im Jahre 1897 erwarb die Firma das Haus Nr. 9 am Rudolfsplatze in Wien, um seine Niederlage im Jahre 1898 dorthin zu verlegen. Das untenstehende Bild zeigt die Ansicht der Wiener Niederlage. Am 1. Jänner 1896 übergab Herr Conrad Blaschka senior das Geschäft, an dessen Spitze er von der Gründung im Jahre 1836 bis 31. December 1895 mit voller Umsicht waltete, seinen Söhnen Johann, dem ältesten, und Max, dem jüngsten seiner Kinder. Die neuen Chefs, die Angestellten und Arbeiter des Hauses — unter den Letzteren sind viele, die schon 40 bis 50 Jahre und darüber ihr Brot in der Fabrik erwerben — sehen mit Liebe und Verehrung auf ihren alten Herrn, der noch heute in voller Rüstigkeit und Frische an allen geschäftlichen Vorkommnissen warmen Antheil nimmt, und dessen erfolgreiches Wirken uns lehrt, wie nur ehrliche und rastlose Arbeit allen Stürmen des Lebens gewachsen ist. 1 [j-f! HTfmmnrJ .nlHThHi nmuij t« 148 Jfe *• ‘ ’ *% rä^Sggg » *£» rr^smT.-r? »utrrn «MT Ü5*:***'' 1^3* Neue Fabrik in Haindoif. FRITSCH & CO. MECHANISCHE WEBEREIEN HAINDORF, WEISBACH UND REICHENBERG (BÖHMEN). n Haindorf bestand zu Anfang unseres Jahrhunderts eine Mühle, die im Laufe der Jahre zuerst in eine Weberei umgewandelt, bald darauf zu einer Spinnerei ausgebaut wurde. Von verschiedenen Besitzern mit geringen Unterbrechungen betrieben, musste die Spinnerei in der zweiten Hälfte der Sechzigerjahre zufolge schlechten Geschäftsganges ihre Production einstellen und blieb circa sieben Jahre ausser Betrieb, bis sie im Jahre 1874 Franz Fritsch, dessen Vaterstadt Neustadtl bei Friedland ist, von dem letzten Eigenthümer Johann Zehner, Ultramarinfabrikanten in Nürnberg, um den Kaufschilling von 30.000 Thalern erstand. Der neue Besitzer, der Gründer der gegenwärtigen Firma, begann zu Weihnachten 1874 in den erworbenen Betriebsstätten mit 23 mechanischen Stühlen und einer geringen Anzahl breiter Handstühle seine industrielle Thätigkeit. Im Allgemeinen lagen damals die Verhältnisse nicht günstig. Zwar stand dem jungen Unternehmen die kostenlose Wasserkraft zu Gebote und fand dasselbe Verdienst durch das Arbeiten im Lohn für grosse Firmen, insbesondere für die Firmen Anton Otto und A. Rauch & Co. in Warnsdorf; allein die Weber mussten erst herangezogen werden, da bisher zu Haindorf und Weisbach nur Baumwollspinnerei betrieben wurde. Die Industrie der Umgebung lag überhaupt danieder. Die Baumwollspinnereien von Frdr. Leitenberger in Haindorf und Cordella in Weisbach waren Brandruinen, die Porzellanfabriken erst im Entstehen und die Kammgarnspinnereien noch klein. Dadurch wurde es aber möglich, eine genügende Arbeiterzahl zur Bewältigung der aus Warnsdorf eingelangten reichlichen Lohnarbeit zu erhalten. Die Firma A. Rauch & Co. liess überdies, um die Erzeugung zu vermehren, mechanische Stühle aus England auf ihre Kosten kommen und gab selbe gegen monatliche Abzahlung vom Lohne Franz Fritsch ins Eigenthum. Das Haindorfer Etablissement erzeugte durch die ersten Jahre seines Bestandes ausschliesslich Warnsdorfer und Turner Stoffe, sowie Hosenzeugstoffe in grossen Mengen. In den Jahren 1876 bis 1883 wurde Lohnarbeit für Wiener Druckereien, rohe und seidengestreifte Cachemire, aufgenommen. Das kräftige Gedeihen der mit Energie und grossem Fleisse geleiteten Weberei setzte den Besitzer in den Stand, die Production der letzterwähnten .Stoffe auf eigene Rechnung zu betreiben, und führten diese Arbeiten eine rasche Vermehrung der Stuhlzahl mit sich. Zwei Jahre rastloser Thätigkeit, während welcher die Production Tag und Nacht betrieben wurde, brachte das Unternehmen um einen grossen Schritt nach vorwärts. Der Umfang der Haindorfer Fabrik fieng an, der gewachsenen Erzeugung nicht mehr zu genügen, und so wurde 1879 in der Fabrik Carl Bienertjr. zu Weisbach (ehemals Baumwollspinnerei Cordella) ein Saal gemiethet und wurden darin 48 breite Stühle untergebracht, woselbst sie bis zum Jahre 1884, d. i. bis zur Uebersiedlung in die von F. Fritsch im gleichen Orte erbaute Fabrik, imGang-e waren. Unterdessen war am 11. Jänner 1881 Eduard Fritsch in die Firma, welche nunmehr in »Mechanische Weberei Haindorf Fritsch & Co.« umgeändert wurde, eingetreten, in welcher derselbe vom Anbeginne thätig gewesen war. Im Jahre 1883 sahen sich die Firmaträger veranlasst, eine bedeutende Vergrösserung ihres Etablissements vorzunehmen. Dabei erachteten sie es als das Zweckmässigste, zu Weisbach eine ganz neue Weberei anlegen zu />*• . ,*• urnOL Weberei in Weisbach. 149 lassen, die denn auch, ein Shedbau mit Turbinenbetrieb, 1884 mit 144 Stühlen eröffnet wurde; bereits im nächsten Jahre erfolgte ein Anbau für 96 Stühle und 1886 ein Zubau für weitere 62 Stühle. Im Jahre 1892 endlich wurde der Anbau eines zweiten Shedsaales für 144 Stühle ausgeführt. Allein auch das Stammhaus zu Haindorf hatte zu gleicher Zeit bedeutende Erweiterungen erfahren. Dasselbe hatte seinen Zwecken bis zum Jahre 1882 in dem Zustande genügt, in welchem es Franz Fritsch gekauft hatte. Im genannten Jahre kam jedoch auf der Westseite des Gebäudes ein Anbau, in welchem Platz für 120 Webstühle geschaffen wurde. Zwei Jahre später wurde an der Ostseite ein Zubau aufgeführt, in welchem die Comptoirs und Zeichenräume untergebracht wurden; ausserdem wurde ein neues Stiegenhaus angebaut. Die nächste Vergrösserung erfolgte 1887 durch Erbauung eines südlichen Flügels, für Vorbereitungsarbeiten bestimmt. 1891 endlich erfolgte die letzte einheitliche Ausgestaltung der Fabrik, indem das alte Ziegeldach zwischen Anbauten von 1882 und 1884 beseitigt und ein Stockwerk mit Holzcement- dach auf die ursprüngliche Fabrik aufgesetzt wurde. Abermals war inzwischen unter den Firmaträgern eine Veränderung eingetreten. Am 12. De- cember 1890 kam Carl Schulda aus Ober-Meidling bei Wien als öffentlicher Theilhaber in die Firma. Nach dessen im Jahre 1896 erfolgtem Ableben traten seine beiden Söhne Carl und Josef Schulda und die Witwe Friederike Schulda, letztere als Commanditistin, in die Firma ein. Die Firma »Mechanische Weberei Haindorf Fritsch & Co.« hatte im Jahre 1883 mit der Erzeugung verkaufsfertiger Waare begonnen, für welche im gleichen Jahre zu Wien und Prag eine Niederlage gegründet wurde. Der steigende Absatz bewog die Firmaträger eine weitere Niederlage zu Brünn 1892 zu eröffnen, zu der sich im folgenden Jahre eine zu Budapest gesellte. Um den Bedarf für diese Niederlage zu decken, pachtete die Firma im Jahre 1887 zu Reichenberg eine, Anton Hirschmann gehörige Fabrik, welche mit 206 Stühlen bestellt wurde. Schliesslich erbaute die Firma zu Haindorf 1893/94 eine neue Fabrik, die, 1894 in Betrieb gesetzt, bereits im nächsten Jahre einen zweiten Shedsaal erhielt, wodurch erst die Fabrik ein einheitliches Ganzes wurde. Zu dem summarischen Ueberblick über die innere Einrichtung aller vier der Firma ins Eigenthum gehörigen Etablissements mögen folgende Angaben genügen. Das Haindorfer Stammhaus benützt eine Wasserkraft von 70 Pferdekräften und eine Dampfmaschine von 160 Pferdekräften; die neue Fabrik daselbst eine Dampfmaschine von 525 Pferdekräften. Zu Reichenberg wird eine Dampf kraft von 40 Pferdekräften und im Weisbacher Etablissement eine solche von 140 Pferdekräften und eine Turbine mit 74 Pferdekräften benützt. Während somit die Gesammtstärke sämmtlicher Kräfte 1009 Pferdekräfte beträgt, bedecken die Arbeitsräume aller Fabriken eine Bodenfläche von circa 20.000 Quadratmeter Grundfläche. Ueberall ist elektrische Beleuchtung eingeführt, die (im Ganzen genommen) vier Dynamos besorgen, welche zusammen 3000 Lampen ä 16 Kerzen speisen. Insgesammt besitzen die vier Etablissements 1356 Webstühle, mit allen nöthigen, der Neuzeit entsprechenden Hilfsmaschinen für Erzeugung von Damen- und Herrenmodewaaren. Die Production beträgt bei vollem Betriebe circa 4,000.000 Gulden. Die Erzeugnisse werden ebenso in Oesterreich- Ungarn abgesetzt, wie im lebhaften Export nach Amerika, Asien, Afrika und den meisten Staaten Europas. Die Firma beschäftigt circa 1200 Arbeiter, für die ausser den gesetzlich gebotenen Wohlfahrtsanstalten noch anderweitige humanitäre Einrichtungen bestehen. Ein Beweis des guten Verhältnisses zwischen der Firma und ihren Arbeitern ist, dass viele Arbeiter mehr als 20 Jahre der Fabrik angehören. TmJJ, !!*■'■** ± • i' s s Stammfabrik in Haindorf. HHtil j -. /•. A. W, I 8 I * I Mi i * »xi-! iraifirt „ I Ti *J 8 38 "Tj ja -JL — ^ ä*K. Fabrik in Reichenberg. 150 ! i ■' -jjgætr*** E. HEINTSCHEL & CO. K. K. PRIV. DRUCK- UND WOLLWAAREN-FABRIKEN HEIXERSDORF UND BÄRNSDORF IN BÖHMEN. er Gründer dieser Firma, Felix Heintschel Edler von Heinegg, wurde im Jahre 181 g als Sohn eines kleinen Weberfactors in Heinersdorf bei Friedland geboren. Nachdem er die Volksschule besucht hatte, trat er als Gehilfe in das Geschäft seines Vaters und war dort als Spuler und Weber thätig. Einige Jahre darauf machte er sich selbstständig und war schon mit 22 Jahren Besitzer einer grösseren Factorei in Tschernhausen. Zu gleicher Zeit webte er auch für eigene Rechnung Jacquard-Damast- châles, Laufteppiche u. dgl. m. 1850 übersiedelte Heintschel nach seiner Heimatsgemeinde Heinersdorf und befasste sich hier hauptsächlich mit der Lieferung von Baum-, Halb- und Ganzwolhvaaren für eigene Rechnung an verschiedene Fabriken in Warnsdorf, Kratzau und Reichenberg. Heinersdorf war damals noch ein kleines, unbedeutendes Dorf, dessen Bewohner, sowie diejenigen der umliegenden Ortschaften, soweit sie nicht Landwirtschaft trieben, sich durch Flachsgarnspinnen aut der Handspindel kümmerlich ernährten. Das Rohmaterial (Werg) wurde in dem benachbarten Schlesien geholt, und das handgesponnene Garn wieder dorthin verkauft. Ausserdem erzeugte man noch in geringem Umfange baumwollene Stoffe, wie Cottone, Calicos, Nankings auf Handwebstühlen für auswärtige Factoreien. Im Jahre 1852 associirte sich Felix Heintschel mit seinem jüngeren Bruder Eduard und beide gründeten zu der bestehenden Weberei eine Handdruckerei und Färberei. Ihre Haupterzeugnisse waren nun gefärbte und bedruckte Kleiderstoffe, Tücher und Châles mit und ohne angeknoteten Fransen, welche sie durch ihre Niederlagen in Prag und Wien zum Verkaufe brachten. Sie besuchten ferner auch die Märkte in Ivöniggrätz, Jicin, Pilsen, Brünn u.s.w. und traten in directe Verbindung mit den Consumenten, deren Bedarfsartikel und Geschmack sie auf diese Weise kennen lernten. Freilich waren die Anfänge ihres Unternehmens noch so klein, dass von einem eigentlichen fabriksmässigen Betriebe kaum die Rede sein konnte. Im Jahre 1857 starb Eduard Heintschel, nachdem er schon viele Jahre hindurch vergeblich gegen ein hartnäckiges Lungenleiden angekämpft hatte. Felix Heintschel führte nun das Geschäft für seine eigene Rechnung weiter. Mit eisernem Fleiss, Umsicht und Ausdauer verstand er es, sein junges Unternehmen immer mehr zu kräftigen und es mit Energie und Geschick über kritische Perioden und schwere Kriegszeiten hinweg zu leiten. Schlechte Ernten und unglückliche Elementarereignisse, wie schlimme Kriegsjahre und die sich dadurch mehrenden Fallimente, — 151 hatten wiederholt gänzliche Geschäftsstockungen zur Folge, die sich oft um so drückender fühlbar machten, als Curs- calamitäten, sowie Yalutaentwerthungen einerseits, und ungünstige Conjuncturen in Garnen etc. andererseits nicht leicht zu überwindende Geldkrisen im Geschäftsverkehre hervorriefen. Trotzdem musste fortgearbeitet werden, damit die Arbeiter ihr Brod behielten, und nur eiserne Thatkraft, verbunden mit deutscher Zähigkeit und einem festen, ehrenhaften Charakter Hessen alle Hindernisse glücklich überwinden und das junge Unternehmen nur um so fester stehend daraus hervorgehen. Selbst ein grosser Brand im Jahre 1872, welcher den grösseren Theil der Gebäude zerstörte, konnte die Fabrication wohl vorübergehend hemmen, aber ihr immer kräftigeres Aufblühen nicht hindern. Die beständige Ausdehnung des Geschäftes veranlasste 1862 die Aufstellung der ersten 32 mechanischen Webstühle; ausser den bisherigen Artikeln zog man nun auch Tücher mit Stickerei in den Bereich der Fabrication, zu deren Erzeugung in grösserer Menge im Erzgebirge eine Stickerei-Filiale mit über 400 Handstickern errichtet wurde. Diese Gründung erwies sich bei der damals im ganzen Erzgebirge herrschenden Noth für die dortige arme Bevölkerung als von besonders segensreicher Wirkung. 1863 stieg die Anzahl der mechanischen Webstühle in Heinersdorf auf 100 und 1874 auf 500. Das Exportgeschäft nach Central- und Südamerika nahm einen nie geahnten Aufschwung, weil das Etablissement gerade die in jenen Ländern gangbaren und eigenartigen Bedarfsartikel, wie bedruckte Thibettücher, buntgewebte und bedruckte Langwaare, Cachemirs, mexikanische Reitermäntel, Ponchos, Zarapes u. s. w. mit besonders gutem Geschmacke herstellte, und sich dadurch einen Weltruf erwarb. Die genannten Erzeugnisse bildeten sich zu Specialartikeln der Firma E. Heintschel & Co. heraus und wurden aus Oesterreich nur von ihr nach jenen Ländern exportirt. Die tüchtige, umsichtige Leitung beschränkte das Exportgeschäft aber nicht auf Amerika allein, sondern zog auch Ostindien und vor allen Dingen Russland, wohin sich um das Jahr 1867 ein bedeutendes Geschäft zu entwickeln begann, in ihren Wirkungskreis, so dass sie von der damals schon sehr bedeutenden Production über zwei Drittel exportirte und nur etwa ein Drittel im Inlande absetzte. Es gelang der strebsamen Firma, der grossen ausländischen Concurrenz überall erfolgreich die Spitze zu bieten, dadurch fremdes Geld ins Land zu bringen und so an der Hebung des Nationalwohlstandes, wie auch der einheimischen Industrie einen wesentlichen Antheil zu nehmen. Die Firma besitzt derzeit eigene Niederlagen in Wien, Prag und Budapest, ferner Vertretungen in Hamburg, Bremen, London, Paris, Mailand, Neapel, Palermo, Madrid, Barcelona, Moskau, St. Petersburg, Constantinopel, Kairo, Kopenhagen, Amsterdam, Bukarest, sowie in Christiania. Nachdem Felix Heintschel schon im Jahre 1879 durch kaiserliche Huld mit dem goldenen Verdienstkreuze ausgezeichnet worden war, Fabriks-Niederlage in Wien. wurde er 1883 für seine Verdienste um die einheimische Industrie und für sein patriotisches Verhalten während der preussischen Invasion 1866 von Sr. Majestät dem Kaiser in den erblichen Adelsstand mit dem Prädicate »Edler von Hein egg« erhoben. Im Jahre 1880 nahm Felix Heintschel Edler von Heinegg seine vier Söhne, Franz, Maximilian, Felix und Oskar, welche schon seit längerer Zeit im Geschäfte thätig gewesen waren, als Compagnons auf und erbaute mit ihnen 1884 die auf 1000 Stühle eingerichtete mechanische Weberei Bärnsdorf, deren Websaal, im Aus- maasse von über 4200 Quadratmeter, eine der grössten Arbeitsstätten im Lande ist. Die Aussenansicht des Bärns- dorfer Etablissements zeigt die Abbildung an der Spitze dieses Aufsatzes. 1890 trat der Senior und Gründer der Firma aus dem Geschäft und seine vier Söhne führen es getreu den vom Vater überkommenen ehrenvollen Traditionen weiter. Ihrem rastlosen Eifer gelang es, keinen Stillstand ein- treten zu lassen, sondern das Etablissement auf die heutige Grösse und Bedeutung zu bringen. Die Fabriken Heinersdorf, deren Bild das beiliegende Kunstblatt wiedergibt, und Bärnsdorf beschäftigen in der Weberei, Druckerei und Formstecherei, Färberei und Appretur, Stickerei und Franserei, sowie Armeewäsche- Erzeugung über 1500 Arbeiter und ausserdem noch einige Hundert auswärtige Arbeiter und Arbeiterinnen. Die Fabriken, welche schon seit mehreren Jahren elektrische Beleuchtung besitzen, sind mit den neuesten Maschinen, Werkzeugen und Wohlfahrts-Einrichtungen ausgestattet und entsprechen in hygienischer wie technischer Beziehung den strengsten Anforderungen der Neuzeit. Die Arbeiter wohnen zumeist in eigenen Häusern in Heinersdorf und Bärnsdorf und nur ein Theil in den benachbarten Ortschaften Dittersbächel, Wünschendorf, Rückersdorf und Bullendorf. Die Fabriken haben niemals, auch nicht in den schlechtesten Geschäftsperioden, stille gestanden, sondern dann mit Rücksicht auf ihre Arbeiter auf Lager gearbeitet, welches allerdings manchmal einen bedeutenden Umfang annahm. Das wissen aber auch die Arbeiter zu schätzen, unter denen sich mehrere decorirte Jubilare und eine grosse Anzahl Veteranen der Arbeit, w’elche von Jugend auf in den Fabriken beschäftigt sind, befinden. Das sehr gute Einvernehmen zwischen Chefs und Arbeitern hat noch niemals eine Störung erlitten; letztere suchen im Gegentheil durch treue Anhänglichkeit dafür zu danken, dass unter ihnen ein gewisser Wohlstand und behagliche Verhältnisse herrschen, von denen die Sauberkeit ihrer Wohnungen beredtes Zeugnis gibt. Mfifar 152 Mit 200.000 Kronen haben die Chefs eine Alters- und Invaliditätsversorgung für die Beamten und Arbeiter ihrer Fabriken in Heinersdorf und Bärnsdorf geschaffen, deren Zinsen statutengemäss obigen Zwecken zugeführt werden. Ausserdem besitzt die Firma noch eine von ihrem Gründer, Herrn Felix v. Heintschel, herrührende Stiftung zu Gunsten der vor dem Feinde verwundeten Soldaten aus Heinersdorf, Wünschendorf und Dittersbächel. Die Zinserträgnisse daraus werden alljährlich den Betreffenden von der Behörde zugewiesen. Die Firma kommt ferner den Wünschen ihrer Arbeiter nach Gründung eines eigenen Heimes in der förderndsten Weise entgegen, indem sie ihnen mit unverzinslichem Capital, kostenlosem Materialbeitrag etc. hilfreich beisteht und damit nicht nur erreicht hat, dass sich eine recht ansehnliche Anzahl netter Häuschen mit Gärtchen, deren Anblick einen Jeden erfreuen muss, um die Fabrik gruppirt, sondern auch, dass bei den Arbeitern der Sinn für Häuslichkeit und Sparsamkeit geweckt und gepflegt wird. Die aus der grossen Anhänglichkeit an die Firma hervorgegangene Sesshaftigkeit der Arbeiter findet eine treffende Illustration in dem Umstande, dass z. B. die Druckerei allein 12 Jubilare zählt, welche ihre 50jährige Arbeitszeit fast ausschliesslich bei der Firma zugebracht haben. Die Anzahl der Drucker, Weber und Arbeiter, welche über 40 Jahre in den beiden Fabriken in Arbeit stehen, ist eine sehr bedeutende. Beide Fabriken besitzen gut ausgestattete, wohl organisirte und geübte Fabriksfeuerwehren, die sich schon bei sehr vielen Bränden in ihren eigenen wie auch in den umherliegenden Dörfern auf das Vorzüglichste bewährt und Anerkennung gefunden haben. Die Fabriksfeuerwehr von Heinersdorf besteht seit 1873 und hat heute einen Bestand von 80 Mann; diejenige von Bärnsdorf wurde vor 15 Jahren gegründet und zählt 60 Mann. Die Chefs der Firma erbauten der Gemeinde Heinersdorf im Jahre 1894 eine sechsclassige Volksschule, welche 50.000 fl. kostete, renovirten die Kirche und machten den Gemeinden Heinersdorf, Bärnsdorf und Dittersbächel wiederholt grössere Widmungen zu gemeinnützigen, humanen Zwecken. So wirkten die Chefs der Firma für das Aufblühen der genannten Gemeinden nach dem Wahlspruche Seiner Majestät, unseres geliebten Kaisers: »Viribus unitis!« 20 Die Gross-Industrie. IV. 153 ülpii« TB! DU«*'!!-*- iS—— 'JV?a Hif f dl ■*Saa._s%B ilUUS llüiwj 03®*-*” Ml BKöHtlü mmm liiu ■ ■ ■LT iJ- -:iV umv’Ai. "iT'ij: iui «iSituDB ■ Uli nmü Ufsfin UlSWiT mu '-fe «*3^ muB RI ™.L-® t-sRäs jäffisk. Hifi fl^STS rnxLUi i MN yKti/ALPriflM wTf/ H LAW ATS CH & ISBARY K. K. LANDESPRIVILEGIRTE WOLLWAAREN-FABRIK GRASLITZ IN BÖHMEN. ie Entwickelung dieser Firma stand seit jeher unter dem Zeichen der schönen Traditionen der österreichischen Gross-Industrie und unter dem Sterne jenes Erfolges, welcher der schöpferischen Initiative der Gründer, scharfer, kaufmännischer Urtheilsfähigkeit, und vor Allem intensivem, rastlosem Fleisse zu danken ist. Die Geschichte der Firma reicht in das Jahr 1829 zurück, in eine Zeit, in welcher die Wiener Stadtbezirke Mariahilf und Neubau die Stätte einer blühenden Schafwoll- und Seiden-Industrie bildeten. Der Gründer der Firma, Ivarl Hlawatsch, war das Muster des intelligenten, tüchtigen und mit unermüdlichem Fleisse ausgestatteten Industriellen, und es gelang ihm bei diesen Eigenschaften bald, dem Geschäfte einen immer grösseren Aufschwung zu geben. Er erbaute im Jahre 1839 in der Liniengasse Nr. 11 in Mariahill eine grosse Fabrik (Abbildung II), welche bis zum Jahre 1891 ihrem ursprünglichen Zwecke diente. Anfänglich erzeugte Karl Hlawatsch Schafwolltücher, halbseidene gedruckte und fagonnirte Damenkleiderstoffe, bis er im Jahre 1849 auch die Fabrication von türkischen Shawls in Angriff nahm. Der Mitbegründer der Firma und langjährige Präsident der Wiener Handels- und Gewerbekammer, Rudolf Friedrich Ernst Isbary, dessen tief eingreifende, seinem Lande zur Ehre gereichende Wirksamkeit von Seiner Majestät dem Kaiser durch die Ernennung zum Mitgliede des Herrenhauses anerkannt wurde, war der Träger hervorragender Eigenschaften des Geistes und Charakters, welche durch die Uebertragung zahlreicher Ehrenstellen gewürdigt wurden. Sein Name muss in erster Linie genannt werden, wenn man die Geschichte dieser stetig aufsteigenden Firma darstellen will, deren Ruf Rudolf Isbary begründete, um sie als werthvolles Erbe seinem Nachfolger zu hinterlassen. Schon in jungen Jahren bekundete Rudolf Isbary die Neigung und Fähigkeit, neue Pfade für den industriellen Absatz zu finden. Nachdem er zu diesem Zwecke grosse Reisen ins Ausland unternommen hatte, errichtete er 1849 in Livorno ein Commissionsgeschäft zum Vertriebe österreichischer Seiden-, Mode-, Leinen- und Tuchfabrikate nach Italien, Algier, Tunis und Aegypten. Da die bezeichneten Artikel in jenen Ländern grösstentheils noch unbekannt waren, hatte Isbary’s Versuch einen glänzenden Erfolg; allein dieser Wirkungskreis wurde seinem vorwärtsstrebenden Geiste bald zu enge. Er kehrte 1852 nach Wien zurück, wo er Gesellschafter der bedeutenden Commissionsfirma August Koch wurde. Im Jahre 1853 vermählte er sich mit der Tochter Karl Hlawatsch’, und dieser Familienverbindung folgte 1856 die Associirung mit seinem Schwiegervater. Die Firma Hlawatsch & Isbary wendete nun ihre ganze Aufmerksamkeit der Shawlfabrication zu, um dieselbe in grossem Maassstabe zu betreiben. Im Jahre 1857 musste, da die geräumigen Fabrikslocalitäten in der Liniengasse für das immer grösser werdende Unternehmen nicht mehr genügten, eine Factorei in Gmünd errichtet werden. Zwei Jahrzehnte hindurch war die Thätigkeit der Firma vorwiegend der Erzeugung und dem Exporte von Shawls gewidmet. Der ungeahnte Erfolg des Hauses auf diesem Gebiete ist zum grössten Theile darauf zurückzuführen, dass es sich nicht mit der Schablone der Production und des Vertriebes begnügte, sondern unausgesetzt die Fortbildung und Ausgestaltung in diesem Fache anstrebte. firn# 154 Es mag hier die interessante Thatsache Erwähnung finden, dass Europa die Kunst der Erzeugung von türkischen Shawls aller Wahrscheinlichkeit nach Webern verdankt, die als Soldaten in die Armee des französischen Marschalls Kleber eingereiht waren und diese Fertigkeit von indischen Gefangenen erlernten. In Wien erzeugte Bertholdi im Jahre 1812 die ersten Shawls nach türkischem Muster. Epochen des Aufschwunges und Niederganges wechselten in dieser Industrie bis zur zweiten Hälfte des Jahrhunderts mit einander ab. In den Zwanziger- und Dreissigerjahren bildet die Erzeugung der Shawls den interessantesten Zweig der exportfähigen Wiener Luxus-Industrie, welche mit dem Auslande bald in Concurrenz trat und namentlich in mittelfeiner Waare gegen die damals • tonangebende Manufactur in Nimes einen erfolgreichen Wettkampf führte. In Folge misslicher Umstände gieng jedoch die Shawl- fabrication, welche 1825 circa 5000 Webstühle beschäftigte, unter ein Fünftel der früheren Production zurück, um zu Beginn der Fünfzigerjahre wieder zu neuer Blüthe zu gedeihen. Inzwischen war nämlich durch eine französische Firma die erste Shawl-Ausschneidemaschine eingeführt worden, welche in wenigen Minuten die Arbeit verrichtete, zu der bisnun Mädchen und Frauen, welche die Rückseite der Shawls mit der Hand ausschneiden mussten, mehrere Tage gebraucht hatten. Dieser epochemachenden Reform folgte 1856 die Aufstellung der ersten vollständigen Dampfappretur durch die renommirte Wiener Firma Zeisel & Blümel. Hlawatsch & Isbary waren es namentlich, welche sämmtliche Neuerungen in der Fabrication einführten und das Appreturverfahren durch maschinelle Erfindungen verbesserten. Das Haus trat 1856 mit neu erfundenen, sogenannten Stella-Shawls auf, Tüchern ohne Naht, deren eine Hälfte das Dessin auf der rechten, die andere auf der linken Seite zeigte, so dass beim Ueberschlagen der letzteren beide Hälften ein harmonisches Ganzes bildeten. Isbary fand durch seine ausgedehnten Handelsbeziehungen für seine Erzeugnisse umso leichter ein weites Absatzgebiet, als dieselben sich in Folge ihrer künstlerischen Vollkommenheit und gediegenen Ausführung Weltruf erwarben. 1860 gründete die Firma eine Filiale in New-York und trug das Ansehen ihres Namens über den Ocean. Das Jahr 1865 ^brachte eine wichtige Personalveränderung, indem sich Karl Hlawatsch zurückzog und an dessen Stelle sein Sohn Rudolf trat, der schon seit einer Reihe von Jahren im Geschäfte thätig gewesen war. Rudolf Hlawatsch hatte eine gründliche technische Ausbildung genossen, die in seinem Kunst- und Farbensinne eine für das Unternehmen überaus werthvolle Ergänzung fand, da der neue Theilhaber einen fördernden Einfluss auf die Compositionen der * angestellten Dessinateure auszuüben vermochte. Um diese Zeit erzeugte die Firma auch die ersten Shawls mit doppelter Kette und begann die Fabrication von gestickten und glatten Cachemirtüchern, Colliers und Fichus, mit denen sie ebenso wie mit den neuartigen Stella-Tüchern auf der Pariser Weltausstellung im Jahre 1867 einen durchschlagenden Erfolg errang. Der hohe Grad der Vollkommenheit, welcher den Artikeln der Firma nachgerühmt wurde, war unter Anderem auch auf die rationelle Anwendung des Principes der strengen Arbeitstheilung einerseits, und der Centralisation andererseits zurückzuführen, indem sämmtliche Hilfs- und Vorarbeiten selbst besorgt, diese aber, ebenso wie die Hauptthätigkeit, in viele Specialarbeiten zerlegt wurden. Man kann als die Blüthezeit der Shawl-Industrie die Jahre 1860—1875 bezeichnen, in welchen Hlawatsch & Isbary circa 800.000 Shawls producirten. Als im Jahre 1878 Rudolf Hlawatsch eines Augenleidens halber seine Thätigkeit einstellen musste und die beiden Söhne des nunmehrigen Seniors der Firma, Victor und Rudolf Isbary, in das Unternehmen eintraten, war die Shawl-Industrie bereits im Niedergange begriffen. Welche Rolle der Shawl in der früheren Zeit gespielt hatte, dessen werden sich manche Wiener noch zu erinnern wissen. Sämmtliche Abbildungen aus den Fünfziger- und Sechzigerjahren zeigen uns die Wienerinnen in der Umhülle der Shawls, deren sich damals die vornehme Dame ebenso wie das Mädchen der untersten Classe bediente. Die mehr oder minder feine Nuance des Shawls, die Zusammenstellung der Farben und die harmonische Anpassung desselben an den Rock waren für den ersten Anblick ein wesentliches Kriterium für die Einreihung der Trägerin in die höheren oder minderen Gesellschaftsschichten. Die von Hlawatsch & Isbary erzeugten Shawls galten als Muster des erlesensten Geschmackes und fanden ihren Weg nicht nur zu den Damen Wiens, sondern erfreuten auch das Auge der kunstverständigen Pariserinnen an dem kleidsamen Wiener Fabrikate, welches das Heimatsrecht auf den Boulevards erwarb. Leider gieng der Wunsch, den Rudolf Isbary stets hegte, dass die Wiener Shawl-Industrie sich die Gunst des grossen Publicums durch die solide, geschmackvolle Arbeit und die Geschmeidigkeit des Gewebes erhalten und tausend fleissige Hände in Wien' und Niederösterreich ernähren möge, nicht in Erfüllung. Die Geschmacksrichtung der Damenwelt, welche sich immer mehr der Confection zuwandte, verdrängte allmählich den Shawl, von dem schliesslich auch die weibliche Landbevölkerung abfiel, die dem buntfarbigen, mit den verschiedenen malerischen Bauerntrachten harmonirenden Tuche am längsten treu geblieben war. Die Bäuerin folgte in vielen Gegenden der städtischen Mode, Jacken und Mäntel zu tragen, und der Shawl, der bisher ihr unzertrennlicher Begleiter auf dem Kirchgänge Fabrikshaus in Wien, VI., Liniengasse Nr. n. und Jahrmärkte war, hatte angesichts des Gebrauches von Confectionsstücken seinen Werth verloren. Das Absatzgebiet dieses Artikels wurde überdies durch die neu erstandene grosse Concurrenz Frankreichs, Englands und Deutschlands eingeengt, welche Shawls in Massen producirten, während in früheren Jahren Frankreich nur hochfeine, England und Deutschland beinahe gar keine Shawls erzeugt hatten. Dieser Umschwung der A r erhältnisse wies dem Hause und den jungen Chefs neue Bahnen. Die Firma verlegte sich schon zu Beginn der Achtzigerjahre vorwiegend auf die Fabrication von Damenkleiderstoffen. Die in der Factorei in Gmünd beschäftigten Weber, welche seit Jahrzehnten an die gleiche, für die nunmehr in Angriff zu nehmende Fabrication nicht mehr genügende Arbeitsschablone gewöhnt waren, konnten nicht länger in Betracht kommen. Da aber in AVien die Arbeitskräfte zu theuer w T aren, errichtete die Firma eine Factorei in Asch, was jedoch von vornherein nur als ein provisorisches Auskunftsmittel gedacht war, da auch in dem neuen Industriezweige die umwälzende Kraft der modernen Technik zu Tage trat, welche den mechanischen AVebstühlen ein immer weiteres Anwendungsgebiet eröffnete und die Handwebstühle, auf welchen damals in Böhmen die AVebe- arbeit zum grössten Theile verrichtet wurde, zu verdrängen begann. Eine Firma von Bedeutung musste, wenn sie ihre Position in der Gross-Industrie behaupten und der mächtigen Concurrenz die Spitze bieten wollte, ihren Betrieb nach den neuesten technischen Errungenschaften einrichten. Es erschien beinahe am zweckmässigsten, eine neue Fabrik zu erbauen, und dieser Gedanke beherrschte auch längere Zeit die Inhaber der Firma, als sich denselben Ende 1889 die Gelegenheit bot, die sehr renommirte, modern eingerichtete AVeberei von Leopold Thomas in Graslitz käuflich zu erwerben. Mit der Erwerbung dieses Etablissements beginnt eine neue Epoche in der Geschichte des Hauses Hlawatsch & Isbary. Leider war esAUctor Isbary nicht gegönnt, sich der Erfolge des neuen Unternehmens zu erfreuen. Er starb zwei Monate nach dem Ankäufe des Graslitzer Etablissements, ehe dasselbe noch im Gange war, und sein A r ater Rudolf Isbary folgte ihm 2'/ 2 Jahre später im Tode nach. Es ist hier nicht der Raum, das Leben dieses ausgezeichneten Mannes nach allen Richtungen hin erschöpfend zu behandeln, hier mögen nur noch die schönen AAMrte des Nachrufes Platz finden, welche die AViener Handels- und Gewerbekammer ihrem unvergesslichen Präsidenten in einem Gedenkblatte gewidmet hat und die von ihm sagen, er sei ein Mann gewesen, der durch Energie und Reinheit des Charakters, Umsicht und Erfahrung sich aus dem einfachen Geschäftsmanne durch eigene Kraft und aus eigenen Mitteln zum berufenen A 7 ertreter von Handel und Industrie im Centrum des Reiches emporgerungen und, erfüllt von den besten Tugenden, ein würdiger Repräsentant des schaffenden Oesterreich, seinen Namen der vaterländischen Geschichte einverleibt hat. — Nach dem Tode Rudolf Isbary’s ruhte das Unternehmen allein auf den Schultern seines Sohnes Rudolf Freiherrn v. Isbary. Dieser entfaltete eine rastlose, von modernem Geiste erfüllte Thätigkeit. Er liess die Factoreien in Asch und Gmünd auf und erweiterte und vervollkommnete das Etablissement in Graslitz von Jahr zu Jahr. Anfangs wurden daselbst nur schwarze Cachemirs und Futterstoffe erzeugt; als die ersteren jedoch durch die geänderte Mode in den Hintergrund traten, lenkte Rudolf Freiherr v. Isbary das Geschäft in neue Bahnen, indem er mit voller Energie und grossem Erfolge die Fabrication von Kammgarnstoffen für Herren- und Damenconfection, von Cheviots und Damenkleiderstoffen in die Hand nahm und ausser der Niederlage in AVien noch solche in Prag und Brünn errichtete. Die Fabrik war bald derart mit Aufträgen überhäuft, dass fortwährend Zubauten und die Aufstellung neuer Maschinen nothwendig wurden. Den jetzigen Umfang des Etablissements zeigt dessen Abbildung an der Spitze dieses Aufsatzes. Durch die Güte, Schönheit und Preiswürdigkeit ihrer Erzeugnisse gelang es der Firma, die ausländischen Fabrikate zum Theile zu verdrängen. Selbst die grossen österreichischen Kleiderconfectionsfirmen, welche bei ihrem bedeutenden Export nach dem Orient den für ausländische Stoffe geleisteten Zoll restituirt erhalten, beziehen- nun einen grossen Theil ihres Bedarfes von der Firma Hlawatsch & Isbary. Für die Erzeugnisse derselben liegt hierin eine umso grössere Anerkennung, als die Firma hiebei mit der so hoch entwickelten Tuch-Industrie Englands, Belgiens und Deutschlands concurriren muss. Die Geschichte des Hauses Hlawatsch & Isbary wäre jedoch unvollständig, wenn wir nicht auch des vortrefflichen Einvernehmens, das bei dieser Firma seit jeher zwischen den Theilhabern und ihren Bediensteten herrscht, gedenken würden. AA r ie in sämmtlichen alten Industriellenhäusern hatte sich auch hier zwischen den Chefs und den Arbeitnehmern ein patriarchalisches Verhältnis entwickelt, welches jedoch die Ersteren keineswegs vergessen liess, den socialen Anforderungen der Zeit gerecht zu werden. Die Firma war eine der ersten, die ihren Arbeitern durch Errichtung eines Kranken- und Unterstützungsvereines einen moralischen Halt und bei Erwerbsunfähigkeit eine wirksame materielle Stütze verlieh, indem sie jederzeit nicht nur der Rechte, sondern auch der Pflichten der Gross-Industrie eingedenk war. hi*'**. vzp-m 156 if V o*4JW*»~44MW ,. '*-»öTv- t_V-'.-?*:.-X.'fS: ? rl ;.' biuTV-’t, •”'• •3»»: lSS§ NiK#“ ££»???- bSiN mm x: U-igjgEjr.F, 1 w n>a s ig mi i !t1®S0®RL iisi FABRIK"»CBUNZLAU MAHRE 1839 .M J£pi. IG. KLINGER WOI.LWAAREK -FABRIKEN NEUSTAD TL BEI FRIEDLAND UND JUNGBUNZLAU IN BÖHMEN. on der Station Raspenau der südnorddeutschen Verbindungsbahn führt eine wohlgepflegte Strasse durch wenig fruchtbares, aber freundliches Hügelland nach dem zwei Wegstunden entfernten, am Fusse des Isergebirges und im Thale des Lomnitzbaches gelegenen Städtchen Neustadtl. Schon aus der Ferne künden uns die vielen rauchenden Schlote, die sich sammt den umliegenden modernen Bauten von dem dunkelgrünen Wald- und Wiesengrunde malerisch abheben, das Vorhandensein einer hervorragenden industriellen Betriebsstätte. Das Städtchen selbst erweckt durch die zierlichen Häuser, guten Strassen und den hübschen Marktplatz den Eindruck einer gewissen Wohlhabenheit. Man braucht nicht lange zu forschen, um zu finden, dass diese Wohlhabenheit im engsten Zusammenhänge steht mit dem raschen Aufschwünge des dort befindlichen industriellen Etablissements von lg. Klinger, das der ganzen Gegend sein Gepräge aufgedrückt hat. Dieser verhältnismässige Wohlstand Neustadtls datirt erst seit wenigen Decennien. Ursprünglich war es eine Bergstadt._Melchior Freiherr v. Rädern, der Besitzer der Herrschaft Friedland, begründete im Jahre 1584 die Gemeinde, indem er Bergleute aus dem Harz kommen und dort ansiedeln liess, welche in dem benachbarten Theile des Isergebirges auf Zinn und Kupfer graben sollten. Im Jahre 1592 erhielt die Ansiedlung zahlreiche Freiheiten und Privilegien, welche später erneuert wurden. Der Bergbau scheint jedoch niemals eine bedeutende Ausdehnung erlangt zu haben, ja, mit der Zeit erwies er sich als so wenig ergiebig, dass er im Laufe dieses Jahrhunderts bereits gänzlich aufgelassen wurde. Ein topographisches Werk aus dem Jahre 1834 1 * ) berichtet bereits: »Im hiesigen Gebirge am Rappoldsberge wird seit vielen Jahren ein fruchtloser Hoffnungsbau auf Zinn durch einen Steiger und einen Häuer betrieben; auch wurde am Kupferberge früher ein Bergbau, auf einem Lager von Kupferkies mit Magnetkies und Arsenikkies gemengt, versucht, aus Mangel an Ergiebigkeit aber wieder aufgelassen.« Die Bewohner Neustadtls mussten sich deshalb bald nach anderen Erwerbsquellen umsehen. Der Ackerbau konnte bei dem rauhen Gebirgsklima nur wenig für die Ernährung bieten. Ersatz hiefür liess sich nur im Gewerbefleiss finden. Die aus dem Auslande zugewanderten Bergleute wurden deshalb zumeist Sägeschmiede und ihre Erzeugnisse scheinen sich einen guten Ruf erworben zu haben. Am Ende des vorigen Jahrhunderts wird gemeldet 3 ): »Merkwürdig ist auch, dass in dieser Stadt die besten Sägen verfertiget und von dannen häufig abgenommen werden. Zu deren besonderer Härtung soll der hiesige Leim und mineralisches Wasser ein Vieles beitragen.« Die übrigen Bewohner betrieben zumeist Hausweberei; im Jahre 1834 zählte man dort 103 Kattun- und Leinenweber. Aber auch diese Erwerbszweige konnten der Bevölkerung von Neustadtl zu einem besonderen Wohlstände nicht verhelfen, umsomehr als das Städtchen durch zahlreiche Unglücksfälle schwer heimgesucht wurde. Die Gegenreformation hatte, wie in Nordböhmen überhaupt, so auch in dieser Gegend zur Folge, dass die Bewohner, die sich dem neuen Bekenntnis zugewandt hatten, lieber Haus und Hof verliessen, bevor sie sich dem gewaltsamen Religionswechsel unterwarfen. Im Jahre 1652 wanderten aus Neustadtl 272 Personen — zu der Zeit die Mehrzahl der Bewohner — nach der benachbarten Lausitz aus. Noch im Jahre 1684 zählte man in Neustadtl — abgesehen von Frauen und Kindern — 48 Bürger und 8 Insassen. Auch durch Feuersbrünste hatte Neustadtl öfter zu leiden. Im Jahre 1653 ‘) Johann Gottfried Sommer, Das Königreich Böhmen statistisch-topographisch dargestellt. Prag 1834, H- Band, S. 316. •) Dr. H. Hallwich, Reichenberg und Umgebung. Reichenberg 1872 —1874, S. 93. 3 ) Jaroslacs Schalter, Togopraphie des Königreiches Böhmen. Prag 1786, IV. Band, S. 294. 157 brannte es bis auf wenige Häuser, in den Jahren 1757, 1804 und 1811 zu einem sehr grossen Theile ab. Nur langsam und schwer erholte sich die Stadt von diesen Schicksalsschlägen. Im Jahre 1834 umfasste sie 379 Häuser mit 2430 Einwohnern und im Jahre 1846 470 Häuser mit 2980 Einwohnern. Ueberdies herrschte in der Gegend drückende Armuth, und in den Jahren, in welchen die Kartoffel, das Hauptnahrungsmittel der Leute, missrieth, trat die Hungers- noth mit allen ihren Gräueln' ein. Zahlreiche Bewohner mussten in solchen Zeiten zum Bettelstäbe greifen und die mildthätige Hilfe der benachbarten deutschen Grenzbewohner in der Lausitz und in Schlesien anrufen. Wie gewaltig haben sich in der kurzen Spanne Zeit seit Mitte dieses Jahrhunderts die Verhältnisse daselbst geändert! Heute weist Neustadtl bereits 735 Hausnummern mit etwa 5000 Einwohnern auf. In den letzten 15 Jahren allein sind 250 neue Häuser erbaut worden, so dass die Stadt für Denjenigen, der sie vor 20 oder 30 Jahren gesehen, gar nicht zu erkennen ist. Im Jahre 1763 betrugen die Einnahmen für den städtischen Aufwand 366 fl., im Jahre 1854 TÖ24 fl, im Jahre 1897 aber bereits 35.859 fl. Die im Bezirke gegründeten beiden Sparcassen sind in 30 beziehungsweise 25 Jahren zu einem gesammten Einlagecapital von 12 Millionen Gulden gelangt. Dieser Umschwung ist dem industriellen Unternehmen zu danken, welches sich unter der Firma lg. Klinger im Laufe von etwa 60 Jahren aus kleinen Anfängen zu hervorragender Bedeutung entwickelt hat. Der Gründer der Firma, Ignaz Klinger, entstammt einer alten Weberfamilie, die ursprünglich in der Rumburger Gegend ein Leinenwebereigeschäft betrieb und dieses später durch Errichtung einer Zweigniederlassung in Dittersbach bei Friedland auch auf den Bezirk Friedland ausdehnte. Ig. Klinger musste sich jedoch, nachdem seine älteren Brüder das väterliche Geschäft in Dittersbach übernommen hatten, einen eigenen Erwerb suchen. Er trat bei der Baumwollweberei von C. E. Blumrich in Friedland in Stellung und hatte in kurzer Zeit durch seine Fachkenntnis und Pflichttreue das Vertrauen seines Chefs in dem Maasse erworben, dass ihm die Leitung mehrerer Factoreien anvertraut wurde. Unter diesen Factoreien befand sich auch Neustadtl, welches bald der Stammsitz eines neuen Unternehmens werden sollte. Der Chef der Firma C. E. Blumrich starb plötzlich, die Firma trat nun in Liquidation. Mehrere grosse Garnhändler in Zittau, welche mit der Firma in reger Geschäftsverbindung gestanden waren und in diesem Verkehre die ausserordentliche Tüchtigkeit Ig. Klinger’s kennen gelernt hatten, ermuthigten ihn, sich selbstständig zu machen, und stellten ihm zu diesem Zwecke einen grösseren Credit in Aussicht. Unter diesen Umständen kaufte er nun im Jahre 1839 i n Neustadtl ein Haus und richtete auf eigene Rechnung die Erzeugung von rohen Baumwollgeweben ein. Mit grösstem Eifer gieng er an die Vergrösserung seines Absatzes; er beschränkte sich nicht auf die bisherigen ihm bekannten Kunden der Firma C. E. Blum- •rich, die Kattunhändler in Prag, sondern offerirte seine Erzeugnisse den eigentlichen Consumenten, den grossen Baum- wolldruckereien von Franz Leitenberger in -Cosmanos, Pfibram, Porges u. s. w. in Prag. Er verlegte sich auf die Erzeugung feinerer Gewebe, wie Chaly, Battiste u. s.w. Damit wuchs die Erzeugung derart, dass bereits im Jahre 1844 ungefähr 600 bis 700 Hausweber beschäftigt .waren. Durch die rasche Entwickelung der mechanischen Weberei in der Baumwollbranche entstand Ende der •Vierzigerjahre, namentlich in den lohnenderen feineren Artikeln, eine Concurrenz, gegen welche die Hausweberei nur schwer ankämpfen konnte. Eine bessere Aussicht eröffnete sich dagegen in der Halbwoll- und Wollwaarenweberei. Zu dieser Zeit wurde , von mehreren Firmen des nördlichen Böhmens die Erzeugung von Orleans eingeführt, eines Halbwollstoffes, der bisher von England bezogen worden war. Die grossen Firmen Joh. Liebieg & Co., F. Schmitt, •Franz Liebieg, Blaschka &.Co. u. s. W. errichteten Färbereien und Appreturen zur Herstellung dieses Artikels; die Rohwaare hiezu wurde jedoch' von Factoreien geliefert, welche sie durch Hausweber auf Hand- und Regulator- .stühlen weben liessen. In ähnlicher Weise deckten diese Firmen ihren Bedarf an Rohwaaren für ihre damals schon bedeutende fabriksmässige Erzeugung von gefärbten Merinos, Lastings, Thibets, Orleanstüchern und bedruckten Thibettüchern, Cachemire und Mousselins. Ig. Klinger machte sich diese günstige Conjunctur zu Nutze, trat auch mit diesen Firmen in geschäftliche Verbindung und lieferte für dieselben Orleans, Orleanstücher, Thibets und Cachemire. Er trat weiters in geschäftliche Verbindung mit den Wiener Wolldruckfabriken und versendete seine Rohwaare sogar an ausländische Firmen, wie Köchlin & Baumgartner in Loerrach, Brumm & Nagler in Gera u. s. w. Das mit Deutschland bestehende Appreturverfahren ermöglichte es, mit Vortheil die rohen Gewebe zur weiteren Herrichtung und späteren Wiedereinfuhr an die deutschen Fabriken abzugeben. Mit dieser stetigen Erweiterung des Absatzes wuchs naturgemäss auch die Zahl der Arbeitskräfte. Schon Mitte der Fünfzigerjahre standen circa 1500 Weber im Dienste der Klinger’schen Unternehmung. Im Jahre 1862 wurde ein eigenes grosses Webereigebäude errichtet, in welchem circa 500 Regulatorstühle und Jacquardstühle aufgestellt wurden. Unterdessen hatte der mechanische Webstuhl seinen Siegeszug durch die ganze Textil-Industrie vollendet. Engländer, Franzosen,’ Deutsche und auch Oesterreicher waren in der ersten Hälfte dieses Jahrhunderts unablässig bemüht, die Construction des mechanischen Stuhles zu verbessern und allen Zweigen der Textil-Industrie anzupassen. & * 7 C A 158 Während man anfangs nur baumwollene, und zwar glatte Stoffe auf demselben fabriciren konnte, gieng man allmählich zur Verwendung für Wolle, Seide und Leinen über und schuf auch Vorrichtungen zum Weben gemusterter Zeuge und des Sammtes, so dass schliesslich kein Zweig der Weberei mehr existirte, in dem sich der mechanische Stuhl nicht eine dominirende Stellung erworben hätte. Ig. Klinger sah, dass auch die halb- und ganzwollenen Artikel von mehreren Wollwaarenfabriken auf mechanischen Stühlen hergestellt wurden. Angesichts dieser Concurrenz und in richtiger Erkenntnis der künftigen Bedeutung des mechanischen Webstuhles bahnte Ig. Klinger den allmählichen Uebergang vom Handbetrieb zum mechanischen Betrieb an. Die Fabrik wurde vergrössert und im Jahre 1868 gelangten zunächst 50 mechanische Stühle zur Aufstellung. Im Jahre 1869 kamen weitere 100 Stühle an die Reihe und nunmehr wurde fast jedes Jahr eine gewisse Anzahl von Handstühlen gegen mechanische Webstühle ausgewechselt. Eine kräftige Unterstützung fand Ig. Klinger bereits an seinen beiden ältesten Söhnen Oscar und Edmund, von denen der erstere zum praktischen Kaufmann, der letztere zum Weber ausg'ebildet worden war. Die Lehren und Erfahrungen, welche sich die beiden Söhne gelegentlich ihrer Studien und Reisen im Auslande angeeignet hatten, ermöglichten es, dass sich das Etablissement auch jenen besseren und feineren Wollartikeln zuwenden konnte, welche als Modewaaren von Roubaix, Reims, theilweise auch von Gera und Greiz auf den Markt gebracht wurden. Unter Benützung des bereits erwähnten Appreturverfahrens liess Ig. Klinger die Waaren in Gera und Reichenbach i. S. färben und appretiren und verkaufte sie nach deren Wiedereinfuhr an die Engrossisten in Wien, Pest und Prag. mwm.' >-'Ljlf; »*’4 • »8 .5 IC' hl I. ,f 'f wj xgfj 5 y* i\ sxth&ä. JB | prfffkUU) ET W/.«es; t 5 --N In Oesterreich gab es damals keine Lohnfärbereien und Appreturen für derartige feine Modestoffe, weshalb die Rohwaare ins Ausland gieng. Die Aufhebung des Appreturverfahrens war jedoch nur eine Frage der Zeit, und thatsächlich verordnete die Regierung am 31. December 1879, dass Gewebe, die zum Bedrucken oder Färben ausgeführt werden, nur bis zum 16. Februar 1880 zollfrei wieder eingehen können; von diesem Zeitpunkte an wurden sie bei der Wiedereinfuhr einem Zolle unterworfen, so dass der Veredlungsverkehr mit Deutschland ganz aufhörte. Ig. Klinger hatte gleich bei Errichtung seiner mechanischen Weberei auch an die Schaffung einer Färberei gedacht und bereitete nun die Durchführung seiner Absicht dadurch vor, dass er den dritten Sohn Otto mar, nachdem derselbe das Polytechnicum zu Frankenberg absolvirt hatte, in die besten und grössten Färbereien Deutschlands, Frankreichs und Englands behufs praktischer Ausbildung in diesem Zweige der Textil-Industrie hinaussandte. Die Leitung des industriellen Unternehmens von Ig. Klinger war nun in richtig vorbereiteter Weise an die drei Söhne vertheilt. Oscar war für die commerzielle Leitung, Edmund durch Absolvirung der Webschule in Chemnitz für die Weberei und Ottomar für die Färberei und Appretur bestimmt. Die Grundlagen des Unternehmens waren nach jeder Richtung gesichert, als Ig. Klinger mitten in seiner rastlosen Thätigkeit im rüstigen Mannesalter durch eine tückische Krankheit dahingerafft wurde. Am 28. Juni 1871 schloss er die Augen für immer. Das Etablissement über- gieng zunächst an die beiden ältesten Söhne, da der jüngste noch in Frankreich seinen praktischen Studien oblag. Nun kamen freilich schwere Zeiten über die jungen Chefs. Die Krisis des Jahres 1873 schlug Handel und Industrie in Oesterreich tiefe Wunden. Die industriellen und überhaupt alle wirthschaftlichen Unternehmungen eines Landes sind die Glieder einer grossen Kette, welche durch tausende von sichtbaren und unsichtbaren Fäden mit einander verbunden sind. Wird ein Glied zertrümmert, so werden auch die übrigen Glieder in Mitleidenschaft gezogen, und es bedarf grosser Umsicht und eines soliden Fundamentes, um solche Krisen zu überdauern. Die Krisen sind somit ein harter Prüfstein der Prosperität. Die grosse Zahl .von Fallimenten, welche sich aus der Krise 1873 als unabwendbare Folge ergab, zog gleichfalls weite Kreise und traf natürlich auch die Firma lg. Klinger, die in ihrer Branche eine so ausgedehnte Geschäftsthätigkeit entwickelt hatte. Die Chefs Hessen sich dadurch trotzdem nicht beirren und begannen noch im Jahre 1875 mit dem Baue einer Färberei und Appretur. Da kam ein neuer Schlag, indem im April 1876 das grosse Webereigebäude gänzlich niederbrannte. Auch das entmuthigte sie nicht. Sofort wurde mit dem Wiederaufbau begonnen und noch im Herbste desselben Jahres kamen die ersten Stühle wieder in Gang. Bald darauf kehrte der jüngste Bruder von seinen Studienreisen zurück, trat als Mitchef in die Firma und übernahm die Leitung der Färberei und Appretur, die inzwischen nach seinen Angaben mit den neuesten Maschinen ausgerüstet worden war. Von nun an wurden die von der Firma gewebten Waaren in der eigenen Fabrik gefärbt und appretirt und erwarben sich durch die Schönheit der Farbe, sowie durch die ausgezeichnete Appretur eine grosse Beliebtheit; sie gaben darin den deutschen und französischen Erzeugnissen nichts mehr nach. Diese Erfolge eiferten auch andere ältere Firmen an, ihre Färbereien und Appreturen auf die Erzeugung dieser Artikel umzuwandeln, und so kam es, dass in wenigen Jahren die bisher von Frankreich und Deutschland bezogenen stückfärbigen reinwollenen Mode- waaren vom heimischen Markte verdrängt wurden. In den Achtzigerjahren begünstigte die Mode auch Stoffe aus Kammgarn für die Damenmäntel-Confection, welche bisher ebenfalls hauptsächlich von Deutschland und Frankreich bezogen wurden. Die Firma lg. Klinger richtete nun ihre Fabrication auch auf diese Artikel ein und erzielte damit einen neuerlichen Erfolg. Aus diesem Fabricationszweige entwickelte sich schliesslich auch die Erzeugung von Kammgarnstoffen für die Herrenconfection, welche die Firma gegenwärtig in schwunghafter Weise betreibt. Die Beschaffung der zu dieser mannigfaltigen Fabrication nöthigen Specialgarne wurde immer schwieriger. Die meisten derartigen Garne mussten aus dem Auslande bezogen werden; unpünktliche Lieferungen der Spinnereien, sowie überhaupt die Schwierigkeiten des Bezuges eines unumgänglich nothwendigen Halbfabricates aus dem Auslande verursachten oft Störungen in der Erzeugung und Annulirungen gegebener Ordres. Die Firma lg. Klinger entschloss sich deshalb, eine eigene Kammgarnspinnerei für Specialgarne zu errichten. Mit dem Baue dieser Spinnerei wurde im Jahre 1886 in Jung- bunzlau begonnen. Bereits im Jahre 1881 hatte die Firma die ehemals Franz Hiller gehörige Fabrik in Jung- bunzlau, bestehend aus mechanischer Weberei, Färberei, Appretur und Wolldruckerei, käuflich erworben, dieselbe bedeutend vergrössert und mit den neuesten maschinellen Einrichtungen versehen. Bei Uebernahme der Fabrik wurden in dem Jungbunzlauer Etablissement von Franz Hiller circa 150 Arbeiter beschäftigt, während heute daselbst circa 1300 Arbeiter ihren Verdienst' finden. Gerade in dieser rapiden Entwickelung erlitt die Firma einen grossen Verlust. Der Mitchef Edmund Klinger, der die Weberei auf jene hohe Stufe der Vollendung gebracht hatte und dessen Fachkenntnisse durch die Ernennung zum Inspector der österreichischen Webschulen auch ihre Anerkennung gefunden hatten, starb am 3. December 1883. Die gesammte Leitung des Etablissements verblieb nun den beiden überlebenden Brüdern. Das bisher von der Firma festgehaltene und vom wirthschaftlichen Standpunkte aus gewiss richtige Princip, den Vertrieb der Erzeugnisse dem Zwischenhandel zu überlassen, erlitt einen argen Stoss. Die Verminderung des Fabricationsgewinnes, welche selbst grosse Fabriken zwang, ihre Waaren direct an die kleinste Hand zu verkaufen, sowie andererseits die geringe Capitalskraft der Zwischenhändler selbst, hatten dem Zwischenhandel allmählich den Boden für seine Existenz entzögen. Die Industrie muss den Niedergang des Zwischenhandels lebhaft beklagen, denn der Industrielle gehört in die Fabrik und hat da gerade genug zu thun, um den technischen Fortschritten der Zeit nach- 160 zukommen und seine Erzeugnisse, den Bedürfnissen der Abnehmer entsprechend, auf eine möglichst hohe Stufe der Vollendung zu bringen. Der capitalskräftige Kaufmann ist einer der wichtigsten Factoren für eine aufstrebende Industrie. Die österreichischen Industriellen konnten sich aber der Erkenntnis nicht verschliessen, dass ihnen dieses wichtige Zwischenglied fehle, und waren gezwungen, sich selbst zu behelfen. Die Firma lg. Klinger erkannte diesen Umwandlungsprocess rechtzeitig und errichtete in Folge dessen eigene Verkaufsstellen in Wien, Budapest, Prag und Brünn. Zur Hebung ihres Exportes etablirte sie noch ausserdem Vertretungen in Paris, Hamburg - , Constantinopel, Alexandrien, New-York, Mailand und Neapel. Der von der Firma bis dahin stark gepflegte Export nach Italien gieng in Folge der unter günstigeren Vorbedingungen arbeitenden französischen und deutschen Concurrenz von Jahr zu Jahr zurück. Die genaue Kenntnis des bedeutenden Consums dieses Landes in Kammgarnartikeln, der bedeutende Schutzzoll, den die italienische Regierung auf dieselben gelegt hatte, und schliesslich der Umstand, dass das in Italien selbst erzeugte Fabrikat nur in kleinen Mengen und in schlechter Qualität auf den Markt kam, bestimmten die Firma lg. Klinger zu einem neuen energischen Schritt nach vorwärts, indem sie eine Fabrik für Kammgarnartikel in Italien selbst errichtete. Sie gewann für diese Idee den Mitchef eines grossen Manufacturhauses in Wien und errichtete gemeinschaftlich mit ihm im Jahre 1888 eine mechanische Weberei mit Färberei und Appretur in Prato bei Florenz. Diese Fabrik entwickelte sich, da sie aus einem altbewährten bestehenden Etablissement hervorgieng und sich die Erfahrungen desselben zu mg*®, - (r- t -ädi 'TJA 162 S*Jt Tg i> 8 V i * 8 * 1 s > .«ä I I Ä 1 LtDT mmm S§i3J •* **%< Mm ■^XZi-r,. JULIUS LÉON K. K. PRIV. ME CH. BAUMWOLL- UND SCHAFWOLLWAAREN-WEBEREI WERNSTADT. ort, wo die Mutter Natur mit ihren Gaben kargte, und die Scholle trotz des angestrengtesten Fleisses der Menschen kaum so viel hervorbrachte, um ihre Bebauer zu ernähren, hat sich von jeher Gewerbe- fleiss und Industrie zuerst heimisch gemacht, durch den Segen der Arbeit die Noth gelindert und einen wohlthätigen Ausgleich zwischen den so verschiedenen wirtschaftlichen Lebensbedingungen angebahnt. So war es auch in dem im böhmischen Mittelgebirge über 500 Meter hoch gelegenen Städtchen Wernstadt (Bezirk Tetschen an der Elbe), wo sich bereits zu Ende des vorigen Jahrhunderts aus der Hausweberei und der primitiven Blaufärberei und Druckerei der Uebergang zum geregelten industriellen Betriebe vollzog, und zwar war es ein Vorfahre der heute noch bestehenden Weltfirma Leitenberger, welcher 1770 eine Cattunfabrik und 1797 eine Baumwollspinnerei mit Göpelwerksbetrieb erbaute. Da es aber an dem nöthigen Wasser oft empfindlich mangelte, verkaufte sein Sohn diese Fabrik, und nach mannigfachen Wandlungen konnten auch die Nachfolger diese Industrie, zufolge der isolirten Gebirgslage, der Verkehrsschwierigkeiten und anderer Hindernisse nicht aufrecht erhalten. Die Fabrik war gleich den anderen im Laufe der Zeit in Wernstadt entstandenen Fabriken gezwungen, den Betrieb einzustellen. Ein grosser Theil der Arbeiter wurde brodlos und zur Auswanderung gezwungen, bis im Jahre 1867 der Begründer der Firma, Julius Léon, die alte Fabrik erwarb, dieselbe umbaute und eine mechanische Weberei mit Dampfbetrieb darin einrichtete. Es war dies eine der ersten Webereien in Oesterreich, welche speciell für gemusterte Baumwollstoffe den mechanischen Betrieb mit Schaft- und Jacquardmaschinen eingeführt hat. Allerdings waren die Anfänge schwierig genug; die Kohlen und Rohstoffe mussten meilenweit auf ungebahnten Fahrwegen herbeigeschafft werden, und auch die Abrichtung der Arbeiter erforderte geraume Zeit, bis die damals etwa 130 Webstühle fassende Fabrik in regelmässigen Betrieb kommen und, nach und nach um das sechsfache vergrössert, erweitert und umgestaltet werden konnte. Die Erzeugung wurde nun, den technischen Fortschritten entsprechend, für mannigfache Webarten eingerichtet; es wurden Artikel aus Baumwolle, Halbwolle, Schafwolle und Seide auf verbesserten neuen Maschinen hergestellt, so dass dieses Etablissement heute zu jenen grossen Fabriken in Oesterreich zählt, welche die besseren und schwierigeren Stoffe fabriciren. Namentlich werden erzeugt: alle glatten und gemusterten Baumwollgewebe, Organtine, Mousseline, Batiste, alle Arten Futterstoffe, Cloth, Dreh, Barchent, Piqué, ferner in einer eigenen Abtheilung Damenkleiderstoffe vom billigen bis zum feineren Genre. 21* 163 nn I mfj.eM wüfisp: Der »Herminenhof« und die Nachbarhäuser am Franz Josephs-Quai. Der Verkauf der Erzeugnisse wird durch eine eigene Niederlage in Wien (Franz Josephs-Quai, Herminenhof) besorgt, welche Oesterreich-Ungarn und die Balkanländer regelmässig bereisen lässt; exportirt werden die Wernstädter Fabrikate nach den Donauländern und auch zum Theil nach Nord- und Südamerika. Im Jahre 1873 erhielt die Fabrik die erste Auszeichnung auf der Wiener Weltausstellung, hieran reihten sich die höchsten Auszeichnungen auf allen beschickten Ausstellungen, wie unter Anderem auch in Antwerpen, Chicago etc. Zur 40jährigen Jubiläumsausstellung in Wien 1888 wurde ein in Oesterreich bislang noch nicht erzeugtes Werk der Kunstweberei auf dem mechanischen Webstuhle in der Wernstädter Fabrik hergestellt: das lebensgrosse, porträtgetreue Bildnis Sr. Majestät des Kaisers Franz Joseph I., gewebt aus Baumwolle und Seide. Nahezu ein volles Jahr erforderten die Vorbereitungen und Arbeiten zur Fertigstellung dieser aussergewöhnlichen Leistung ; sowohl die Feinheit der Ausführung, als auch die künstlerische Darstellung dieses Ausstellungsobjectes erregten allgemeine Aufmerksamkeit und Bewunderung. Seine Majestät geruhte auch die Widmung dieses Werkes allergnädigst entgegenzunehmen und dem Chef der Firma hierauf die seltene Auszeichnung der vollsten kaiserlichen Anerkennung mit Diplom vom 25. November 1888 zuzuerkennen, sowie dem Fabriksdirector Frankel in Wernstadt das goldene Verdienstkreuz mit der Krone zu verleihen. Ein Exemplar dieses Bildes wurde späterhin (1891) . . .__ dem Präsidenten der französischen Republik überreicht und von demselben dem »Conservatoire des arts et metiers« gewidmet, eines der wenigen österreichischen Erzeugnisse, welche dieser weltberühmten Anstalt einverleibt sind; die französische Presse belobte dieses Werk als einzig in seiner Art. In Anerkennung dieser Zuwendung wurde der Chef der Firma zum Officier der Academie française ernannt. Im Jahre 1883 wurde der Chef der Firma durch die Allerhöchste Verleihung des Ordens der eisernen Krone ausgezeichnet und von Sr. Maj estât in den Ritterstand mit dem Prädicate »von Wernburg« erhoben. Im Jahre 1896 wurde demselben neuerlich mit Diplom vom 7. Februar die Allerhöchste kaiserliche Anerkennung ausgesprochen, und 1897 für die 20jährige verdienstvolle Thätigkeit in der k. k. Permanenz-Commission der lebenslängliche Titel eines k. k. Commerzialrathes verliehen, welchen Auszeichnungen sich noch andere ausländische hohe Ordensverleihungen anreihen. Viele wohlthätige Schöpfungen für die Arbeiter der Fabrik, welche zum überwiegenden Theil Einheimische sind, sowie für die Gemeinde Wernstadt sind aus der Initiative der Firma entstanden. Zum 25jährigen Geschäftsjubiläum wurde eine Stiftung für invalide Arbeiter der Fabrik begründet, ein Kindergarten für 50 Kinder wurde errichtet, und im Vereine mit der Gemeinde 1890 durch grosse Opfer, und nach Ueberwindung aller Schwierigkeiten endlich eine Schienenverbindung mit Wernstadt zu Stande gebracht. So kann denn der 30jährige Bestand dieser Unternehmung mit Recht ein segensreicher und rühmlicher für die österreichische Industrie, für Gemeinde und Land genannt und die Hoffnung ausgesprochen werden, dass sich dieselbe noch weiter entwickeln und erspriesslich gedeihen werde. ZUM VJOTGJÄJM0E11 JDfcEUSSTE mmm geuebiem miser uro hersi FRANZ JOSEF Ï. * TÏEJSIÏR ÏMMfffiHî «iîîTKEM CÏWiMET. JU1MS KÏFTER IfCKiYfERHBURG. jr v Mpü saaMwaa qp %$!??&£ ■j r mg, i" IjJ^. i» îüët FRANZ LIEBIEG K. K. PRIV. WOLLENWAAREN-FABRIK REICHENBERG. n der Geschichte der österreichischen Industrie steht der Name Liebieg unter den ersten und glänzendsten verzeichnet. Die Gründer der beiden industriellen Firmen dieses Namens haben durch ihre Schöpfungen gezeigt, wie durch Thatkraft, Ausdauer und richtiges Erfassen der Situation aus kleinen Anfängen grosse Werke zu Stande kommen, und haben zugleich mächtig eingegriffen in die industrielle Entwickelung des Kaiserstaates. Im Jahre 1826 gründeten die beiden Brüder Franz und Johann Liebieg unter der Firma »Gebrüder Liebieg« in Reichenberg mit sehr bescheidenen Mitteln ein kleines Handels- und Fabrikseeschäft in wollenen und halbwollenen Waaren. Als Söhne eines ehrbaren und geachteten, aber wenig bemittelten Tuchmachers in dem Städtchen Braunau in Böhmen geboren, verloren sie schon sehr früh ihren Vater. Der ältere Sohn, Franz (geboren 1799), hatte die Kaufmannschaft, der jüngere, Johann Liebieg (geboren 1802), die Tuchmacherei erlernt. Sie übten diese Beschäftigungen ununterbrochen bis zur Gründung ihres gemeinsamen Unternehmens aus. Mit sehr geringen Mitteln, welche die Ersparnisse der beiden Brüder aus ihrer früheren Thätigkeit waren, beginnend, gelang es ihnen durch unermüdlichen Fleiss, grosse Umsicht und Geschäftskenntnis ihr Unternehmen stetig zu grösserer Entwickelung zu bringen. Leider nöthigte eine anhaltende Kränklichkeit Franz Liebieg’s die beiden Brüder, dieses gemeinsame Geschäft im Jahre 1831 aufzulösen, in Folge dessen Johann Liebieg die bereits bestehende Fabrik in Reichenberg allein übernahm, während Franz Liebieg das ebenfalls in Reichenberg etablirte Handels- und Ausschnittwaarengeschäft »en gros et en détail« unter seinem Namen fortführte, welches zunächst von seiner Gattin Theresia, geborenen Czörnig, gebürtig aus Tschernhausen, mit ausserordentlicher Umsicht geleitet wurde, während Franz Liebieg selbst im warmen Süden weilte, um dort von seiner Krankheit zu genesen. Als er im Jahre 1833 wieder gesund nach Reichenberg zurückkehrte, trieb ihn sein reger Unternehmungsgeist, neben dem bestehenden Handelsgeschäfte die schon früher in Gemeinschaft mit seinem Bruder betriebene Fabrication wollener Manufacturwaaren in kleinem Umfange allein wieder aufzunehmen. Zunächst wurde in Reichenberg in kleinen gemietheten Localitäten die Erzeugung und Fertigstellung der gangbarsten Fabrikate begonnen und erfolgreich betrieben, bis Franz Liebieg im Jahre 1843 ein Mühlengrundstück in Dörfel, unweit Reichenberg, erwarb, welches durch die vorhandene Wasserkraft und das reine Wasser sich ganz besonders für die Herstellung der eingeführten Waaren eignete. Hier entwickelte sich der Umfang und die Bedeutung des Etablissements ununterbrochen. Franz Liebieg verstand es, die Erzeugung derjenigen Artikel mit besonderem Fleisse ins Auge zu fassen, welche früher ausschliesslich vom Auslande nach Oesterreich eingeführt wurden und durch Fachstudium und Heranziehung gediegener Arbeitskräfte, als Dessinateure, Coloristen, Appreteure, Webmeister u. s. w., welche oft mit grossen Opfern verbunden war, seine Fabrikate zu einer so vorzüglichen Ausführung zu bringen, dass dieselben bald den besten Producten des Auslandes gleichstanden und mit denselben auf dem Weltmärkte erfolgreich concurriren konnten. Während vor dieser Zeit die Fabrication solch feiner wollener Manufacturwaaren, wie gefärbter und bedruckter Merinos, Thibets, Circas, sowie gemusterter und bedruckter Wolltücher und Decken in Oesterreich fast gar nicht oder nur in ganz unbedeutendem und ungenügendem Umfange betrieben wurde, ist es in erster Linie das Verdienst Franz Liebieg’s, diese Fabrication in Oesterreich im Grossen eingeführt und heimisch gemacht zu haben, so dass sich dieselbe nicht nur in allen Theilen des Inlandes eines guten Rufes erfreute und 165 günstigen Absatz fand, sondern derselben auch ein umfangreicher Export nach den grossen überseeischen Märkten im Osten und Westen eröffnet wurde, welcher noch heute in vollem Umfange anhält. Bei der fortschreitenden Yergrösserung des Fabrik-Etablissements und der Erweiterung seiner geschäftlichen Verbindungen erfreute sich Franz Liebieg der vorzüglichen und kräftigen Unterstützung seinerbeiden älteren Söhne Franz (geboren 1827) und Ferdinand (geboren 1837). Nachdem er den ersteren, Franz, vorher besonders in kaufmännischer und geschäftlicher, den zweiten, Ferdinand, in wissenschaftlicher und technischer Beziehung eine vorzügliche Ausbildung hatte zu Theil werden lassen, traten dieselben im Jahre 1858 als stille, und im Jahre 1872 als öffentliche Gesellschafter mit in die Firma ein, während der jüngste Sohn, Ludwig (geboren 1846), nachdem er sich ebenfalls durch wissenschaftliche und praktische Studien in der Schweiz und England tüchtig ausgebildet hatte, vom Jahre 1867 ab seine Thätigkeit im väterlichen Geschäfte speciell der Fabrication widmete. Im Jahre 1850 etablirte die Firma in Bunzendorf bei Friedland in Böhmen eine Wollspinnerei, in welcher mit 4000 Spindeln Streich- und Kammgarne ausschliesslich für den Bedarf der Firma erzeugt wurden, und richtete ferner im Jahre 1863 in dem Etablissement in Dörfel bei Reichenberg eine umfangreiche Ivunstwollfabrik ein, deren Pro- ducte in Oesterreich, Deutschland, England, Russland und allen übrigen Ländern desContinentes, in welchen Woll-Industrie betrieben wird, regelmässigen Absatz fanden. Bereits im Jahre 1862 wurde Franz Liebieg sen. durch Verleihung des österreichischen Franz Joseph-Ordens, sowie im Jahre 1868 durch die grosse goldene Medaille des russischen St. Annen-Ordens besonders geehrt und im Jahre 1872 mit seiner Familie in den erblichen österreichischen Ritterstanderhoben. Franz Ritter von Liebieg jun. wurde im Jahre 1867 durch die Verleihung des österreichischen Ordens der eisernen Krone III. Classe, sowie im Jahre 1883 durch die Erhebung in den österreichischen Freiherrnstand ausgezeichnet. Ausser diesen vorerwähnten Auszeichnungen wurden Franz Ritter von Liebieg jun. von auswärtigen Regierungen für seine besonderen Verdienste auf dem Gebiete der Wollwaaren-Industrie noch weitere ehrenvolle Anerkennungen durch die Verleihung des Ritterkreuzes der französischen Ehrenlegion, des königlich niederländischen Löwenordens, des portugiesischen Erlöserordens, des tunesischen Nichami-Iftihar-Ordens u. a. m. zu Theil. Ferdinand Ritter von Liebieg starb leider schon im Jahre 1873. Dagegen war Franz Ritter von Liebieg sen. so glücklich, im Jahre 1876 sein sojähriges Geschäfts- und Ehejubiläum in vollster Gesundheit festlich begehen zu können. Als dann im Jahre 1878 Franz Ritter von Liebieg sen. und im Jahre 1886 auch Franz Freiherr von Liebieg jun. durch den Tod ihrer erfolgreichen Thätigkeit entrissen wurden, gieng das umfangreiche Etablissement in den alleinigen Besitz des jüngsten Sohnes des Begründers, Ludwig Ritter von Liebieg, über, welcher dasselbe mit einem testamentarisch eingesetzten Verwaltungsrath mit Umsicht und Erfolg fortführt und leitet. Im Jahre 1887 wurde neben dem alten Etablissement in Dörfel, dessen Ansicht das zuliegende Kunstblatt zeigt, eine zweite mechanische Weberei zur Erzeugung von Kammgarn-Confections- stoffen eingerichtet. In den Etablissements in Dörfel und Bunzendorf sind derzeit, neben einer ausgiebigen Wasserkraft mit Turbine von 80 Pferdekräften, 5 grosse und 10 kleine Dampfmaschinen und Motoren mit 12 grossen Dampfkesseln von circa 600 Pferdekräften, sämmtlich in Oesterreich erzeugt, zum Betriebe der mechanischen Weberei, sowie die besten und neuesten Flilfsmaschinen für Weberei, Appretur, Färberei und Druckerei im Gange. Sämmtliche Fabriks-Etablissements der Firma sind mit elektrischer Beleuchtung versehen. Die Verkaufscentrale der Firma Franz Liebieg in Wien im eigenen Hause, I., Salzthorgasse Nr. 5, reprä- sentirt die vollständige Niederlage der mannigfachen Erzeugnisse der P'abrik, deren Verkauf und Versandt nach Oesterreich-Ungarn und den Nachbarstaaten von hier aus durch eine grössere Anzahl von Reisenden und ständigen Maschinenhaus in Dörfel. 166 Vertretern, sowie durch ein entsprechendes Beamtenpersonal bewirkt wird, während der Exportversandt nach den Seeplätzen und überseeischen Ländern direct von der Fabrik aus erfolgt. Gegenwärtig beschäftigt die Firma in ihren Etablissements 1500 Arbeiter und Arbeiterinnen und besitzt für dieselben eigene Kranken- und Unterstützungs- cassen, deren Gesammtkosten ausschliesslich von der Firma Franz Liebieg getragen werden. Ferner unterhält dieselbe in ihren Fabriken in Dörfel und Bunzendorf eigene Feuerwehren, welche in Dörfel 80 Mann und in Bunzendorf 40 Mann zählen und auf das Vorzüglichste und Vollständigste ausgestattet sind. Im Jahre 1890 wurden die Fabriksanlagen in Dörfel durch ein Schienengeleise mit der Reichenberg - Gablonz - Tannwalder Eisenbahn und der Süd-Norddeutschen Verbindungsbahn verbunden, so dass seither der gesammte Bahnverkehr der Fabrik von und nach allen Richtungen mittelst Locomotiv- betrieb unmittelbar vom Etablissement aus durch das daselbst eingerichtete Bahnbureau bewirkt wird. Seit dem Jahre 1845 bis in die jüngste Zeit war die Firma Franz Liebieg auf fast allen grossen Industrie-Ausstellungen in Wien, Leipzig, München, Berlin, Paris, London, Amsterdam, Sidney u. s. w. mit ihren Erzeugnissen vertreten und erfreute sich dabei vielfach besonderer und hoher Auszeichnungen. In demselben Maasse, in dem sich die geschäftliche Bedeutung der Firma Franz Liebieg entwickelte, haben die Besitzer auch von jeher ihre humanen, gemeinnützigen und loyalen Bestrebungen, sowohl ihren Beamten und Arbeitern gegenüber, als auch im allgemein örtlichen und im öffentlichen Interesse überhaupt in rühmlicher und hervorragender Weise bethätigt und so dem wahren Patriotismus jederzeit Ausdruck verliehen. Schon Jahrzehnte früher, als die Frage der Arbeiterunterstützung auf gesetzliche Weise geregelt wurde, hat die Firma Franz Liebieg ihren Arbeitern freiwillig und aus eigenen Mitteln bei Krankheiten, Unfällen und im Alter reichliche Unterstützung in Lohn und ärztlicher Plilfe gewährt. Die bereits erwähnten, auf Kosten der Firma vorzüglich ausgerüsteten und ausgebildeten Feuerwehren in Dörfel und Bunzendorf bilden nicht nur für die betreffenden Etablissements selbst, sondern auch für die genannten Gemeinden und deren Nachbarschaft eine sichere Hilfe in der Stunde der Gefahr. In der ausgiebigsten Weise hat in diesen Gemeinden die Firma die Erbauung von Schul- und Armenhäusern, æzetwî ’S Schafwollspinnerei in Bunzendorf. Strassen- und Brückenbauten, die Armenpflege und gefördert. Stadt Reichenberg hat Franz viele andere gemeinnützige Bedürfnisse jederzeit kräftigst Ritter von Liebieg senior wiederholt Freistellen im Versorgungshaus und im Stefans-Hospital für arme Bürger gestiftet, sowie auch Franz Freiherr von Liebieg in seinem Testament nicht nur mehrfache grosse Legate zur Unterstützung von Studirenden und Künstlern, sowie für verschiedene Wohlthätig- keits-Institute ausgesetzt, sondern insbesondere auch durch eine grossartige Schenkung die Erbauung- eines neuen prachtvollen Rathhauses ermöglicht hat, während der gegenwärtige Chef der Firma, Ludwig Ritter von Liebieg, überall, wo es gilt, humane, wohlthätige und gemeinnützige Zwecke zu fördern, an der Spitze steht oder sich in munificenter Weise betheiligt. Die erfreuliche Entwickelung der Firma fällt vornehmlich in die 50jährige glorreiche Regierungszeit unseres allergnädigsten Kaisers Franz Joseph I., Allerhöchstweicher die Fabrik im Jahre 1891 durch Seinen Besuch ausgezeichnet hat. Möge auch fernerhin das Etablissement, sowie die gesammte österreichische Industrie unter der Fürsorge unseres erhabenen Herrschers wachsen, blühen und gedeihen ! Illll il 1 1 3 i 1 % ' ÄjTil[sl|l * 2 » Mechanische Kammgarn-Weberei in Dürfel. 167 .¥:!> '• logg 'p-YY^i i m^Y ■ösrU iSUl AAMtÄgi-äss i“ '■ ... 3? . TiSf:* - **— *-t *35 ■^s J*%sr£i lisl •S&SL •♦“Rs*- #g^i JOHANN LIEBIEG & CO. K. K. PRI\'. WOLL- UND BAUMWOLLWAAREN-FABRIKEN REICHENBERG. m sogenannten »Josefinenthale« bei Reichenberg war im Jahre 1806 inmitten versumpfter AViesen vom Grafen Christian Clam-Gallas ein kleines Haus aus Stein erbaut worden, welches die Bestimmung erhalten hatte, eine mit den primitivsten Maschinen ausgerüstete Baumwollspinnerei zu beherbergen. Die darin erzielten Erfolge schienen jedoch keinen allzu befriedigenden Eindruck bei dem Grafen erweckt zu haben, denn schon nach zwei Jahren wurde das Etablissement dem Prager Banquier Ballabene käuflich überlassen. Volle zwanzig Jahre war es, ohne erhebliche Erweiterungen erfahren zu haben, dem erwähnten Zwecke dienstbar, bis es 1828 in den Besitz Johann Lieb ieg’s, eines von Braunau herübergewanderten Tuchwebers, übergieng, welcher schon vor dieser Zeit, zwischen den Jahren 1826 und 1828, in Gemeinschaft mit seinem Bruder Franz ein Local im Innern der Stadt gemiethet hatte, um sich daselbst mit der AVeberei von ganzwollenen Thibets und Satincloths zu beschäftigen. Binnen weniger Jahre hat sich dieses kleine Haus, das mit seinem beschränkten Hofraume, wo ein einfaches Trommelwerk ein Wasserrad von 4 Pferdekräften bei unzureichendem AVasserstande zu unterstützen bestimmt war, nebst einem bescheidenen AA r ohngebäude den ganzen Besitzstand repräsentirte, in eine kleine Industriestadt umgewandelt. Die Einführung eines ganz neuen Industriezweiges durch Johann Liebieg hatte den Grund zu dieser Umwandlung gelegt. Es war dies die Eabrication von sogenannten Merinos, Lastings und Thibets, deren Erzeugung die Aufstellung einer nicht unbedeutenden Anzahl von Handwebstühlen erforderte, welche, sofort nach ihrem ersten Auftreten im sächsischen AMgtlande, nach verbesserten Modellen beigeschafft worden waren. Im Zusammenhänge damit stand die Errichtung von Factoreien in zahlreichen Ortschaften des Isergebirges, welche an 6000 Handweber beschäftigten und Massen dieser AA r ebewaaren behufs vollständiger Ausfertigung an die Reichenberger Fabrik lieferten, während die zahlreichen Leiter solcher Factoreien dadurch den Impuls empfiengen, in der Folge selbst Etablissements in der Manufacturbranche zu eröffnen, was schon an sich Zeugnis abzulegen im Stande war für die Keimfähigkeit des von Johann Liebieg nach Reichenberg verpflanzten Industriezweiges. Eine allmähliche AMrgrösserung der A\ T erkstätten und die A r ornahme von Um- und Zubauten der verschiedensten Art waren zur Nothwendigkeit geworden. 168 So im Jahre 1832 der Bau eines Pressgebäudes und einer Schafwolldruckerei, im Jahre 1835 einer Dampffärberei und einer Kraftweberei von 200 Stühlen, an deren Stelle, nachdem sie im Jahre 1848 von einer Feuersbrunst vernichtet worden war, eine Worstedspinnerei von 5400 Spindeln trat. In den Vierzigerjahren wurde neuerdings die Herstellung beträchtlicher Räumlichkeiten für die F.rzeugung zweier Waarengattungen zur unbedingten Xothwendigkeit. Es waren dies Modestoffe, welche unter der Benennung Orleans und Mohair in England aufgetaucht waren. Johann Liebieg, welcher selbst wiederholt Reisen dorthin unternommen hatte, um sich mit dieser Eabrication an Ort und Stelle vertraut zu machen, verpflanzte den Artikel nicht ohne erhebliche Opfer hieher mit glänzendem Erfolge, der seine anfängliche Ueberzeugung rechtfertigte, dass diese Artikel geeignet seien, die Hoffnung auf einen Massenconsum in Oesterreich zu verwirklichen. 1848 schritt Johann Liebieg an die Erbauung und Einrichtung eines für die Unterbringung der mechanischen Weberei auf 800 Stühlen bestimmten Sheds nach englischem Muster und zu gleicher Zeit an die Errichtung einer Gasanstalt — der ersten in Böhmen. Diesem Baue folgte dann im Jahre 1850 der eines neuen Druckereigebäudes, sowie im Jahre 1851 die Herstellung der oben erwähnten ersten und einzigen Worstedspinnerei in Oesterreich, die 1866 in grossem Style erweitert und in ein eigenes Gebäude trans- ferirt wurde. Alsbald folgte die Herstellung der den verschiedenen Appretureinrichtungen gewidmeten Räumlichkeiten. In der Zwischenzeit hatten die Schwingen des jungen, industriellen Genies, dessen Bewegungen bereits die Aufmerksamkeit des In- und Auslandes auf sich gezogen, an Kraft und Umfang derart zugenommen, dass es den Flug über Reichenberg hinaus wohl wagen durfte, um Stätten für neue Unternehmungen aufzusuchen. Zunächst war es das Ivamnitzthal, das Johann Liebieg zur Anlage eines Wasserwerkes von grosser Dimension auserlesen hatte. In Swarow ward im Jahre 1845 eine Baumwollspinnerei und Weberei, in Haratitz Anfangs der Fünfzigerjahre eine Spinnerei und Zwirnerei gegründet. 'W*-c- Wr.-.: WvWv.- • s iiiiumini um ui huhu I I I | II II 1 I IIMIII mm S 8 SSM 8 SSM» Milt IIIIli o ü 8 8 8 3 8 3 0* SitüttHS. 8 13 8 8 I M f SSi 5 H M »BBS B 15 u « if A' : v- epm» mjL gyag-.£% 55 g V - 3 &. asagB»’» ‘•iW ■ 'igm ääto/S W-* •' ?&***%& Weberei in Swarow. Eine weitere Baumwollspinnerei hat Johann Liebieg im Jahre 1856 in Eisenbrod zu erbauen begonnen. Schwierigkeiten aller Art und die in diesen Jahren herrschende Handelskrise beeinträchtigten die beabsichtigte Raschheit des projectirten umfangreichen Baues, so dass erst im Jahre 1862 mit dem schwierigsten Theile, dem Baue Die Gross-Industrie. IV. 169 22 des Wassergrabens begonnen werden konnte. 500 Arbeiter waren durch volle drei Jahre mit der Ausführung dieses Riesenwerkes beschäftigt; galt es doch, 40.000 Cubikmeter Erd- und Steinmaterial auszuheben und weiter zu befördern. Endlich 1865 wurde der Betrieb der Spinnerei, deren Anlage im englischen Style und bis in die kleinsten Details nach dem neuesten Systeme durchgeführt wurde, mit 25.000 Spindeln ^ ausschliesslich mit Wasserkraft betrieben — eröffnet. In den darauffolgenden Jahren wurde eine Aushilfs-Dampfmaschine aufgestellt und die Spindelanzahl verdoppelt. In die gleiche Zeitperiode fällt der Bau einer Färberei und Appretur in Nussdorf und einer nach französischem System eingerichteten Kammgarnspinnerei in Milden au, die später in den Besitz der Firma Anton Richter übergieng, ferner die Gründung einer Kunstmühle in Haratitz, der Glasfabrication in Schwarzwald und der Dampf brettsäge und Bierbrauerei auf den erworbenen Domänen Smifitz-Hoi i nowes, welchem Ankäufe später auch jener der Waldherrschaft Daschitz folgte. Johann Liebieg hatte vom Beginne seiner Laufbahn an der Ansicht gehuldigt, es vermöge dem Gedeihen einer jeden, wie immer gearteten umfangreichen Gewerbsthätigkeit nur ein tüchtiger Arbeiterstand fördersam sein. Sich einen solchen heranzubilden, erachtete er vor Allem für nothwendig, und um auf seine Arbeiter in Bezug auf Tüchtigkeit und Anhänglichkeit einen Einfluss zu üben, wurde schon in einer 1842 publi- cirten Fabriksordnung jedem mindestens ein Jahr lang in der Fabrik beschäftigten Arbeiter in Krankheits- und Unglücksfällen unentgeltliche ärztliche Behandlung sammt Medicamenten, der Bezug des Lohnes bis zur Wiederaufnahme der Arbeit, und für den Todesfall seinen Angehörigen ein Beitrag zu den Beerdigungskosten zugesichert. Zu Zeiten sichtbarer Theuerung der Lebensmittel wurde nichts verabsäumt, um den Fabriksarbeitern nach Möglichkeit Erleichterungen in Betreff des Bezuges ihrer Nahrungserfordernisse zu gewähren. Anschaffung von Victualien in grossen Quantitäten und Abgabe derselben zu den Einkaufspreisen, Errichtung einer Fabriksküche und Mahlmühle in Haratitz sammt Brotbäckerei dienten der Ausführung der wohlmeinenden Absicht. Das gesteigerte Bedürfnis, auch ,4t mm -/v~ U m ü SU i! «»«M iTTn i S 8 8 » 1 V’ M !J .? s 8 g * 1.11 a jjjMi i&äs S&i-W. rnkm SB Baumwollspinnerei in Haratitz. für die Unterkunft der Arbeiter zu sorgen, führte zum Baue eigentlicher Arbeiterhäuser in Reichenbarg, Eisen- brod, Swarow und Haratitz. Um den Kindern der Arbeiter Gelegenheit zu geben, die Schule zu besuchen, errichtete Johann Liebieg Fabriksschulen und Kindergärten in Reichenberg, Eisenbrod und Swarow. Die Verdienste Johann Liebieg’s um die österreichische Industrie, welche schon lange in den geschäftlichen Kreisen Anerkennung erlangt hatten, fanden zuletzt auch in Hof- und Regierungskreisen Beachtung. Im Jahre 1863 wurde Johann Liebieg durch Verleihung des Franz Joseph-Ordens ausgezeichnet; fünf Jahre später wurde er von seinen Mitbürgern in den böhmischen Landtag und den Reichsrath gesandt und von Napoleon III. zum Officier der Ehrenlegion ernannt. Unser erlauchter Kaiser Franz Joseph, der gelegentlich seiner Anwesenheit in Reichenberg den Industriellen, der zu den hervorragendsten des Reiches zählte, persönlich kennen gelernt hatte, wendete demselben Seine volle kaiserliche Huld zu. Aus Anlass der von dem Monarchen mit regstem Interesse vorgenommenen Besichtigung des Reichenberger Etablissements mit dem Orden der eisernen Krone III. Classe geschmückt und in den Ritterstand erhoben, erhielt er ein Jahr später die II. Classe dieses Ordens und die mit derselben verbundene erbliche Baronie. Johann Liebieg verschied im Jahre 1870 auf seiner Herrschaft Smifitz. Seine Unternehmungen wurden von seinen drei Söhnen Johann, Heinrich und Theodor und seinem Schwiegersöhne Mallmann weitergeführt. 1888 traten von den Gesellschaftern Johann Freiherr von Liebieg und die Erben nach Jos. Ritter von Mallmann aus, so dass die Firma in den alleinigen Besitz der beiden Brüder Heinrich und Theodor Freiherren von Liebieg übergieng. tbrnäMM* . V. AA _ ■■ ii " Ti »r if-S J! H' J» ■'II l'l •vtmHf». 'aiw mm ii » iwm .1 yv*;; V» ‘ mm Mühle in Haratitz. Letzterer verschied im Jahre 1891 auf seinem Gute Gondorf an der Mosel. In ihm schied ein Mann aus dem Leben, der bis zu seinem letzten Athemzuge als sein Lebensziel nur das Wohl seiner Untergebenen und die Kräftigung und Ausgestaltung des väterlichen Unternehmens im Auge hatte. Derzeit sind Heinrich Freiherr von Liebieg, welchem im Jahre 1897 die Auszeichnung zu Theil wurde, in das Herrenhaus des österreichischen Reichs- rathes berufen zu werden, und seine beiden Neffen Theodor und Dr. Gisbert von Liebieg die Inhaber der Firma. Von den zahlreichen Unternehmungen, die JohannLiebieg gegründet, gehören der Firma ausser dem Reichenberger Hauptetablissement noch an die Eisenbroder und Haratitzer Spinnerei, die Swarower Weberei und die Haratitzer Mühle. Alle diese Etablissements haben in den letzten Jahren bedeutende Erweiterungen und Umbauten erfahren. Die Eisenbroder Spinnerei zählt zur Zeit circa 90.000, die Haratitzer über 30.000 Spindeln und die Swarower Weberei ist auf 1400 Stühle angewachsen. Die Reichenberger Worstedspinnerei wurde beträchtlich erweitert, die Weberei daselbst hat heute circa Soo Stühle und auch die Appretur und Färberei haben noch sehr an Ausdehnung zugenommen. Die Zahl der beschäftigten Arbeiter beträgt in Reichenberg.circa 1900 » Eisenbrod. » 950 » Swarow. » 1010 » Haratitz. » 260 demnach in diesen vier Etablissements zusammen . . circa 4120 Als Motorenkräfte dienen in Reichenberg 2 Dampfmaschinen und 4 Elektromotoren von circa 1750 indicirten Pferdekräften, » Eisenbrod 4 Turbinen von 420 und eine Dampfmaschine von circa 1600 indicirten Pferdekräften, — 171 — 22* in Haratitz 2 Turbinen von 140 und eine Dampfmaschine von circa 500 indicirten Pferdekräften, » Swarow 2 » » 400 » » » » » 300 » » Dampfkessel sind im Betriebe: in Reichenberg 18 mit circa 2600 Quadratmeter Heizfläche, » Eisenbrod 7 » » 820 » » Haratitz 3 » »• 300 » » Swarow 3 » » 300 » » Mühle 1 » » 12 » Was nun den Absatz anbelangt, so findet derselbe zunächst in allen österreichisch-ungarischen Ivronländern durch eigene Reisende statt und wird durch die Fabriksniederlagen in Wien, Prag und Linz vermittelt. Exportirt wird hauptsächlich nur die Druckwaare, und zwar nach Deutschland, England, Schweden, Russland, Spanien, Italien, Türkei, Aegypten, Indien und Amerika, und werden diese Geschäfte durch Agenten an den einzelnen Handelsplätzen vermittelt. Es erübrigt noch zu erwähnen, dass die Firma ausser den industriellen Etablissements noch über 100.000 Joch Waldbesitz in Galizien verfügt, bestehend aus den fünf Domänen Solotwina, Borynia, Podbuz, Maydan und Barczyce. Auf denselben befinden sich 6 Dampfbrettsägen, die über 50.000 Cubikmeter Holz verschneiden, das im Inlande und in den Mittelmeerstaaten abgesetzt wird. Die zum Betriebe nöthigen Motorenkräfte betragen 6 Dampfmaschinen von 240 indicirten Pferdekräften und 12 Dampfkessel. Das Personal zerfällt in 3 Gruppen: 1. Forstpersonal 208 Mann; 2. ständige Säge- und Lagerarbeiter 307 Mann; 3. durchschnittlich im Walde beschäftigter, fluctuirender Arbeiterstand 864 Mann. Dem Grundsätze des Gründers der Firma, für die Untergebenen möglichst viele Erleichterungen zu schaffen, sind auch die Nachkommen treu geblieben. So übernahm die Firma, als 1888 von der Regierung die Betriebs- krankencassen und die Unfallversicherung eingeführt wurden, die vollständige Bestreitung der gesammten Kosten; ferner erhalten alle Arbeiter, die 30 Jahre treu im Dienste der Firma standen und dienstuntauglich geworden sind, Pensionen in der Höhe des halben Durchschnittslohnes. Unser allergnädigster Kaiser Franz Joseph I. bezeigte auch in neuerer Zeit wiederholt dem Unternehmen sein regstes Interesse nicht blos dadurch, dass er zahlreiche, dem Hause treu über 50 Jahre dienende Arbeiter mit dem silbernen Verdienstkreuze für ihre Anhänglichkeit auszeichnete, sondern auch dadurch, dass Seine Majestät im Jahre 18g 1 der Firma die hohe Ehre seines zweiten Besuches des Reichenberger Etablissements zu Theil werden liess. Das Jahr 1892 brachte für die Chefs und die gesammte Beamtenschaft einen besonderen Beweis kaiserlicher Huld, indem der durch drei Generationen erprobte Fabriksdirector Anton König mit dem Ritterkreuze des Franz Joseph-Ordens ausgezeichnet wurde; der Festtag dieser Decorirung wird allen Theilnehmern in Erinnerung bleiben. -»J.-jr r ti f# KU > : £ r • Der neue Spinnerei-Shed in Reichenberg. S. S. NEUMANN MECH. W0 L LWAAREN-WEBEREI REICHENBERG. ie mechanische Wollwaaren-Weberei der Firma S. S. Neumann in Reichenberg geht mit ihrem Ursprünge in das Jahr 1849 zurück. Der Gründer derselben war der Vater der jetzigen Chefs der Firma, Samuel Siegmund Neumann. Derselbe begann seine Thätigkeit als schlichter Weber in der Herzig’schen Fabrik in Grünwald, wo derselbe mehrere Jahre im Lohn webte. Im Jahre 1849 gründete derselbe ein Gemischtwaaren-Geschäft in Grünwald und führte diesen kleinen Handel bis zum Jahre 1856. In diesem Jahre wurde das Geschäft, da der Gründer dasselbe für lebens- und entwickelungsfähig hielt, in das benachbarte Gablonz verlegt. Das Grünwalder Geschäft war ein kleines Localgeschäft. Erst in Gablonz konnte sich daraus ein en gros-Geschäft entwickeln, welches sich dann in weiterer Folge zu einem Reisegeschäfte nach ganz Böhmen erweiterte. Für dieses Reisegeschäft war jedoch Gablonz, welches damals keine Bahnverbindung besass und zu der Erzeugung von Textilartikeln nur in sehr losen Beziehungen stand, nicht mehr der rechte Ort. Die hervorragende kaufmännische Begabung des damaligen Chefs liess ihn rechtzeitig erkennen, dass nur von dem Centrum der Textil-Industrie, von Reichenberg aus, sich das Geschäft fortentwickeln könne, welche Annahme sich auch im Laufe der weiteren Begebenheiten als richtig erwies. So wurde denn im Jahre 1868 das Manufacturgeschäft nach Reichenberg verlegt. Hier entwickelte sich ein Zwischenhandel, der wohl einer der bedeutendsten in Oesterreich genannt werden darf und durch seine Kaufkraft ein mächtiger Factor für die nordböhmische Textil-Industrie wurde. Anschliessend an den Zwischenhandel wurde in Grottau eine Handweberei errichtet, die weit über 500 Handweber beschäftigte. Der Hauptgegenstand der Fabrication waren Artikel im englischen Genre. Auf dem Wege des Veredlungsverkehrs wurde der Import dieser Artikel wirksam bekämpft. Seit 1880 besteht der mechanische Betrieb in Reichenberg, der gegenwärtig über 300 Fabriksarbeiter beschäftigt und ausserdem mehreren hundert Personen durch Vor- und Hilfsarbeiten und, soweit dies der Charakter der Waare zulässt, auch durch Hausweberei Arbeit gibt. Der mechanische Betrieb wurde ursprünglich in der ehemals Franz Hanusch’schen Baumwollspinnerei aufgenommen. Im Jahre 1890 erwiesen sich diese Fabriksgebäude für den lebhaften Betrieb als unzureichend und sah sich die Firma S. S. Neumann in Folge dessen bemüssigt, an den Aufbau zweier vierstöckiger Fabriksblocks zu schreiten, die mit der ursprünglichen alten Fabrik durch Wellblechgänge direct in Verbindung stehen. Die folgenden zwei Textbilder stellen einen der fünf Arbeitssäle und den Lagerraum dar. Der Lagerraum ist seiner Anlage nach wohl einer der grössten und einheitlichsten, die es in Oesterreich gibt. Derselbe ist 70 Meter lang und besteht aus einer Flucht von 6 Sälen in je 6 Unterabtheilungen — Commissionsräumen —, die offen miteinander in Verbindung stehen. Jede Unterabtheilung hat einen Fassungsraum für 2000 Stück Waare. In diesen Waarenräumen wird die fertige und vollständig versandtbereite Waare aufgespeichert und nach Qualitäten rangirt, so dass jeder Saal seine speciellen Qualitäten_aufnimmt. Die von den zahlreichen Vertretern der Firma zur Effectuirung überschriebene Waare wird aus den Waaren- sälen in die Commissionsräume übertragen, dort angesammelt und nach Zusammenstellung der Ordres versandt. Die Neuanlagen der Firma S. S. Neumann weisen alle Errungenschaften der modernen Technik auf und sind sowohl in technischer Richtung, als auch in Hinsicht auf die Luft- und Lichtverhältnisse als musterhaft zu bezeichnen. T ' J 13 i73 Die Fabrik beschäftigt sich — abgesehen von den Artikeln des englischen Genres, das noch weiter gepflegt wird — hauptsächlich mit der Fabrication derjenigen Artikel, welche in den ausländischen Fabriksorten Gera, Greiz und Ropbaix ihre Hauptproductionsstätten haben, und hat in den letzten Jahren auch die Erzeugung von Herren-Confectionswaaren begonnen. Durch die Erzeugung der vorgenannten Artikel hofft die Firma, der deutschen, englischen und französischen Concur- renz im Inlande und auch im Auslande wirksam begegnen zu können. Die Waaren selbst repräsentiren zumeist das Mittelgenre und sind zum allergrössten Theile Wollwaaren. In den letzten Jahren hat sich die Firma S. S. Xeumann auch dem Exporte zugewandt. Sie exportirt namentlich Herren-Confectionswaaren nach der Türkei, Persien und über Hamburg in die überseeischen Länder. Der Vertrieb der Waaren erfolgt durch Reisende. Die Firma besitzt eine Niederlage in Wien, ausserdem Agenturen in Prag, Brünn, Budapest, Hamburg, Constantinopel und Kairo. Die Leitung der Firma gieng nach dem Ableben des Gründers der Firma, Samuel Siegmund Neumann, welcher im Jahre 181 mann, welcher seit mehreren Jahren Präsident der Reichenberger Handels Wt • 4 '” IY. Maw’ Mechanische Weberei. i starb, an seine Söhne Alois Neu- und Gewerbekammer ist, und Carl Neumann über. Der Erstgenannte ist seit dem Jahre 1864, Letzterer seit dem Jahre 1868 in der Firma thätig. Im Jahre 1894 trat ferner Dr. Rudolf Neumann, ein dritter Sohn des Begründers der Firma, derselben als Gesellschafter bei. '^PIP BEIES Tgj ' atn.1 '..iJ -JLu -i ^ MS •: ttiaf .-.u» ^?2SDj£ SH* *»»* *g*! laMtSaSlsil; J ttaJ >-*4 *a— ■Jf l ? A .i*t uÄV* 1 ii»4 »MJ hsssKii äauS . xusmj* ■ 2 Z.UJ OEU» i!ia* mmJaum&toäwum jSaäfl IsätL r mx*i l> > .iJ »ISÄ-I « •;£ gg ■ ***** SS h mm Mi 1 *3*! gSa> < .. **** i*** -mm 1 *5385® *ö gj mS ■I iPt** ani ilsäfiSJä ag&s sw*». <.»-i »-# ^ -■■prw4 Tf'Vr*f-irr««Bi lrfw vf *'4 T.*m l,,* .) ;xff. 1 -Tw?: 3 - . ’wrfj Tr»#* Lagerraum. A. RAAZ & SOHN WOLLWAAREN-FABRIK, MECH. WEBEREI NEUSTxADTL BEI FRIEDLAND. Ä tëW j***- ' ■ V ? ‘; g y i‘i il** M/.l? gin * * s « i * i 1 * 1 « y gJt * * * »Üj But W, w'BriJlJj t r ' J* fertim « làâ Anil iüf ründer dieser seit dem Jahre 1875 protokollirten Firma ist der Senior der Familie, Herr Anton Raaz (gestorben im Jahre 1888). In dürftigen Verhältnissen auf gewachsen, auf seine eigene Kraft und Energie, die ihn über eine vernachlässigte Schulbildung hinweghelfen musste, angewiesen, sehen wir denselben schon Anfanges der Aherzigerjahre mit den grossen Textilfirmen des Kammerbezirkes als Lieferant von im Lohn gewebter Waare (als sogenannter Factor) in Verbindung. Als jedoch im Jahre 1854 seine Gattin, die nach den damaligen Verhältnissen im Geschäfte mitthätig war, in eine schwere Krankheit fiel und bald darauf zwei Söhne rasch nacheinander in jugendlichem Alter starben, legte der so schwer Geprüfte sein Gewerbe nieder, umsomehr zu diesem Entschlüsse veranlasst, als damals in Folge ungünstiger Marktverhältnisse das Geschäft stark zurückgieng. Zwölf Jahre später, im Jahre 1866, als inzwischen der älteste Sohn, der jetzige Firmaträger, soweit herangewachsen war, um dem A'ater eine kräftige Stütze sein zu können, nahm Herr Anton Raaz senior sein Gewerbe wieder auf und legte damit eigentlich erst den Grund zum heutigen Geschäfte. Die Firma erzeugte damals unter »A. Raaz« ausnahmslos glatte Wollwaare, und zwar meist Rohcachemire auf Handstühlen, die an Wiener und theilweise auch an die nordböhmischen Druckfabriken abgesetzt wurden. Im Jahre 1875 trat insoferne eine gänzliche Umwälzung in den Verhältnissen der Firma ein, als Anton Raaz jun. von seinem späteren Schwiegervater, Josef Knöbl in Neustadtl, dessen Flachsgarnspinnerei käuflich erwarb, sich mit seinem Vater associirte und in dem neuen Erwerbe eine mechanische Weberei einrichtete, die inzwischen wesentlich zu nennende Erweiterungen erfahren hat. Den Anforderungen der Zeit folgend, richtete Anton Raaz seine Erzeugung auf folgende Artikel: Woll-, Halbwoll- und Halb-Seidenwaaren; Herren- und Damen-Kleiderstoffe, Deckensatins, Tücher, Zanella etc. in stück- und garnfärbiger Ausführung ein. Die Firma errichtete folgende ATrkaufsstellen: Wien, I., Renngasse 9, unter eigener P'irma, Brünn, Dorethof, unter eigener Firma, Budapest, Göttergasse 6, bei Kaldor & Co. Die Fabrik, deren Inhaber nach dem Ableben des Gründers (1888) sein Sohn Anton Raaz allein ist, beschäftigt circa 500 mechanische Webstühle aller Breiten. Die Firma ist continuirlich bemüht, den sich stets ändernden Geschäftsverhältnissen, sowie auch den sich geltend machenden Neuerungen in Betrieb und Mode zu folgen, wobei der ältere Sohn (Anton) bereits in wirksamer Weise im Geschäfte thätig ist. Die Fabrik besitzt ihre eigene, gut geleitete Betriebskrankencasse, die bereits, über einen ansehnlichen Reservefond verfügt; die Kosten der staatlichen Arbeiter-Unfallversicherung werden von der Firma allein bestritten. Weitere, der Arbeiterschaft dienliche Institutionen sind bereits ins Auge gefasst und sehen bei günstigerer Geschäftslage ihrer Verwirklichung- entgegen. Wie iMi# \v M «« i 811 IX N»,»*^;Psk, ' *%> «*! it^tj Ü^-vV T*Va BoVi-wn ^KÄw vSggg^ ’i^KVvfc«*’^^' ktiiSMiii ivfti ' :/vj Sst$; ’ -£z* F. SCHMITT K. K. PRIV. WO LLWA A RE X - FA B RI K E N BÖHM.-AICHA UND ISERTHAL. er auf der Höhe des von Westen nach Osten streichenden, die Wasserscheide zwischen Oder- und Elbegebiet bildenden Jeschkengebirges Umschau hält, wird einen auffallenden Contrast zwischen der Nord- und Südseite wahrnehmen. Dort das häuserbesäete, überaus dicht bevölkerte Neissethal mit seinen Industriecentren Reichenberg, Maffersdorf, Gablonz u. s. w., mit seinem äusserst lebhaften, durch mehrere Eisenbahnlinien geförderten Verkehre, hier, auf der Mittagsseite, eine ziemlich einförmige, nur spärlich mit kleinen Ortschaften besetzte Gegend, die noch immer der Wohlthat einer Bahnverbindung entbehrt. Unter diesen Ortschaften macht sich vor Allem bemerkbar das freundliche Städtchen Böhmisch-A iclia, mit seinem hochragenden, der bedeutenden Industriestätte der Firma F. Schmitt angehörigen Fabriksschlot. Diese Fabriksanlage ist es, mit der wir uns im Folgenden näher beschäftigen wollen. Die Stadt Böhmisch-Aicha ist ein alter Ort, und noch heute sind Reste der einstigen Ringmauer vorhanden. Die Bewohnerschaft der Stadt, jetzt etwa 3000 Köpfe zählend, w T ar und ist vorwiegend deutsch, während die kleinen Dorfschaften der näheren Umgebung sämmtlich der tschechischen Zunge angehören. Die Stadt bildet also that- sächlich eine deutsche Sprachinsel in tschechischem Gebiete; die Sprachgrenze ist allerdings im Westen, Norden und Osten nicht viel über eine Stunde von ihr entfernt. In früheren Zeiten, und noch vor 60 Jahren, war die Bewohnerschaft lediglich auf Ackerbau und die gewöhnlichen kleinbürgerlichen Gewerbe angewiesen. Die industrielle Thätigkeit beschränkte sich damals auf eine kleine, von einem gewissen Sluka betriebene Kattundruckerei mit Bleiche — der Name »Bleiche« hat sich bis heutigentags für das betreffende Grundstück erhalten — die aber wenig prosperirte und 1840 zum völligen Stillstände kam. Etwas Tuchmacherei, die früher als Haus-Industrie betrieben wurde, ist nach und nach gänzlich eingegangen. In den ersten Yierzigerjahren war also die industrielle Thätigkeit in Stadt und nächster Umgebung gleich Null. Das sollte aber nun rasch anders werden. Im Jahre 1843 kam Franz Schmitt nach Böhmisch-Aicha, erwarb die Gebäude der erwähnten ehemaligen Sluka’schen Bleiche und Kattundruckerei, adaptirte sie rasch zu einer Appretur- und Färbereistätte und gründete so die noch heute in hoher Blüthe stehende, in der ganzen Monarchie und auch weit über deren Grenzen hinaus bestbekannte Firma »F. Schmitt«. Schmitt war aus dem ostböhmischen Städtchen Braunau gebürtig und eigentlich ein Soldatenkind, denn sein Vater war pensionirter Officier und hatte als solcher den Tabak-Grossverschleiss in Braunau verliehen erhalten. Der junge Schmitt besuchte das Gymnasium in seiner Vaterstadt und kam dann nach Prag an die technische Hochschule, um daselbst auf Anrathen seines Verwandten Johann Liebieg die chemisch-technischen Fächer, vorzugsweise die Farbentechnik, zu studiren, sich dann ganz dem Färbereifache zu widmen, und sich so für seinen künftigen Beruf vorzubereiten. 176 / Der erwähnte Johann Liebieg, ebenfalls ein gebürtiger Braunauer, hatte schon zu Ausgang der Zwanzigerjahre ein bald ungemein prosperirendes Fabriksunternehmen in der Stadt Reichenberg gegründet. Bei ihm trat Schmitt als praktischer Färber ein, um später in gleicher Eigenschaft in das mittlerweile entstandene Fabriksgeschäft der Firma Blaschka & Co. in Liebenaii überzutreten. Hier erlangte er trotz seiner bescheidenen Lebensstellung Zutritt in das Haus des Chefs der angesehenen Glasexportfirma F. Unger & Co., und durch seine eheliche Verbindung mit dessen Tochter Hedwig hatte er die Mittel in die Hand bekommen, sich etabliren und ein bescheidenes-Anwesen käuflich erwerben zu können. Mit dem ihm eigenen Scharfblicke erkannte Schmitt, dass der damalige Zeitpunkt besonders günstig war, sich selbstständigzu machen, und daher nichts versäumt werden durfte. Er begab sich auf die Suche in die Umgebung nach einer für den Anfang geeigneten Realität und fand eine solche in dem benachbarten, damals von jedem Verkehre abgeschnittenen und selbst noch einer ordentlichen Zufahrtsstrasse entbehrenden Städtchen Böhmisch-Aicha. Es war die bereits erwähnte ehemals Sluka’sche Kattundruckerei und Bleiche und ein zweites, etwa 500 Schritte weiter oberhalb gelegenes, früher land- wirthschatftlichen Zwecken dienendes Amvesen, welches den Grundstock zu der »oberen Fabrik« bilden sollte. Begonnen wurde mit der Appretur und Färberei halbwollener Gewebe, später wurde in eigenen Neubauten — obere Fabrik — Schaf- wolldruckerei eingerichtet. Schmitt hatte Glück mit seinem jungen Unternehmen und seine Erzeugnisse erfreuten sich bald grosser Beliebtheit. Er war aber auch von seltener Rührigkeit und Energie und verstand es, sich alle auf dem Gebiete der einschlägigen Industrie auftauchenden Neuerungen und Verbesserungen nutzbar zu machen. Schmitt’s »Orleans« und »gedruckte Thibettücher« waren bald in der gesammten Monarchie bekannt und gesucht. Der Artikel »Orleans«, ein Gewebe aus baumwollener Kette und schafwollenem Einschlag, sogenanntes Worstedgarn, spielte damals auf dem Manufacturmarkte eine ungemein wichtige Rolle. Derselbe gieng von England aus, das damit die ganze Welt versah und sich daran nicht wenig bereicherte. Was war natürlicher, als dass, wie anderwärts, auch hier zu Lande unternehmende Männer, wie Schmitt, auftraten, um diesen Industriezweig bei uns einzubürgern und dem übermächtigen England den heimischen Markt, wenigstens in den minderfeinen Sorten, zu entreissen, was ihnen auch, unterstützt durch ausreichenden Zollschutz, mit bestem Erfolge gelang. In der unteren Fabrik — der noch heute sogenannten »Bleiche« — wurde ausschliesslich die Fabrication dieser Halbwollwaaren betrieben, beziehungsweise dahin verlegt, während die »obere Fabrik« ausschliesslich für die Zwecke der Druckerei bestimmt wurde, eines eigenartigen, von der erwähnten Halbwollwaaren-Fabrication gänzlich unabhängigen Industriezweiges, der Hunderten von besseren Arbeitskräften, Formstechern, Druckern u. s. w., ununterbrochen lohnende Beschäftigung brachte und eine nordböhmische Specialität ist. Der wichtigste unter den in der Druckerei hergestellten Artikeln waren die »gedruckten Thibettücher«, welche Jahrzehnte hindurch von der bäuerlichen Bevölkerung der Monarchie und auch mancher Auslandsstaaten mit Vorliebe gekauft wurden. Lange Jahre war das »Drucken« ausschliesslich Handarbeit, später trat auch sogenannter Maschinendruck hinzu. Das waren wohl keine eigentlichen Maschinen im wahren Sinne des Wortes, sie entbehrten vor Allem des mechanischen Antriebes; sie wurden theils in der eigenen Fabrikswerkstatt gebaut, theils von auswärts bezogen. Vielfach war man damals auch in anderen Druckfabriken bestrebt, eine wirklich selbstthätige Druckmaschine mit mechanischem Antrieb herzustellen, ein Problem, welches einzig und allein in der Böhmisch- Aichaer Fabrikswerkstätte gelöst wurde. Unter Anderem wurde daselbst eine vollkommen selbstthätige Maschine hergestellt, ■welche 8 Farben zugleich druckte und leicht sogar auf 12, ja 16 Farben eingerichtet -werden konnte. Diese Maschine ist heute noch, nach 35jähriger Thätigkeit, im Betriebe, kann aber nur dann benützt werden, wenn sehr viele Tücher von ein und demselben Dessin bestellt werden, was leider nicht oft der Fall ist. Beide Industriezweige, die Fabrication halbwollener Waaren sowohl als die Schafwolldruckerei, nahmen noch in den Vierzigerjahren einen ungeahnten Aufschwung; verschiedene Neubauten und Neueinrichtungen waren erforderlich, um dem bedeutend gewachsenen Betriebe zu genügen, und um die Mitte dieses Jahrhunderts nahm die Firma Schmitt bereits einen Achtung gebietenden Rang ein und war weit und breit bestens bekannt. ’■'iTÄ.fiSSfÄ-L.. 4 w. >• *L- ' rh.-r ;• / «...W* ' Die grosse Dampfmaschine in Isenhal. : -****ag? ‘^7 Die Gross-Industrie. IV. 177 23 Für einen so grossen Betrieb waren naturgemäss auch bedeutende pecuniäre Mittel erforderlich. Da Schmitt diese nicht besass, war er auf den Credit angewiesen, der ihm denn auch im reichsten Maasse eingeräumt wurde. Namentlich waren es einige bedeutende englische Häuser, welche in ihm mit seiner hervorragenden Befähigung, seinem regen Schaffensdrange, seiner Energie und strengen Rechtlichkeit den richtigen Mann erkannten, der es noch zu grossen Erfolgen bringen werde. Es wurde ihm von dieser Seite, auch in den kritischesten Zeiten, ein geradezu unbegrenzter Credit gewährt, ein Vertrauen, welches er glänzend rechtfertigte. Er brauchte diesen grossen Credit vornehmlich zum Bezüge des Rohmaterials, nämlich der Garne für die zu webenden Waaren. Eine eigene Weberei hatte Schmitt lange Jahre nicht, sondern er liess die Rohwaare im Lohn weben, was durch Vermittlung einiger Factoren oder Lieferanten ausschliesslich auf Handstühlen geschah. Diese Handweberei hatte zumeist im Friedländischen ihren Sitz. Anfangs der Fünfzigerjahre entschloss sich Schmitt zur Errichtung einer eigenen mechanischen Weberei mit 400 Stühlen, welche aber den Bedarf bei Weitem noch nicht deckte und daher die auswärtige Flandweberei '■ >.'-Vv -.-M 0.3?; mm# V&itr. ipaef? Wis ■.Sy**} •T-Ät'. Kesselhaus in Iserthai noch lange nicht entbehrlich machte. Zum Betriebe dieser mechanischen Weberei wurde eine 4opferdekräftige Dampfmaschine von Rieh. Hartmann in Chemnitz bezogen. Zu jener Zeit reifte bei Schmitt auch der Entschluss, in der Stadt Zittau, im benachbarten Sachsen, eine Fabrik zu errichten. Er verband sich zu diesem Zwecke mit seinem jüngeren Bruder Ludwig und dem Zittauer Kaufmanne Friedrich Esche zu der Firma »Schmitt & Esche*, die später, nach dem Tode Esche’s, in »Brüder Schmitt« umgewandelt wurde. Diese Fabrik, in der Halbwollwaaren — Orleans etc. — für den Consum im deutschen Zollverein erzeugt wurden, prosperirte ebenfalls aufs Beste; sie wurde in späteren Jahren, als die Verhältnisse in Deutschland sich dieser Art von Fabrication ungünstig gestaltet hatten, in eine Baumwollspinnerei umgewandelt. War also Schmitt schon in den Fünfzigerjahren ein hervorragender Industrieller, so sollte sein Ansehen und seine Bedeutung in den folgenden Decennien durch Errichtung und allmähliche Ausgestaltung der berühmten, wirklich grossartigen Fabrikscolonie »Iserthai« noch weit höher steigen. Es war 1857, im Eröffnungsjahre der Pardubitz—Reichenberger Eisenbahn, als der rastlos thätige, schaffensfrohe Mann Gelegenheit fand, ein oberhalb des etwa vier Meilen von Böhmisch-Aicha entfernten — seither Eisenbahnstation gewordenen — Städtchens Semil am Iserflusse gelegenes Fabriksgebäude käuflich an sich zu bringen, welches von der Firma Blaschka & Co. in Liebenau errichtet, aber noch nicht in Betrieb gekommen war und wegen Separation der beiden Inhaber dieser Firma zum Verkaufe gelangte. In dieses von ihm durch Neubauten bedeutend vergrösserte Fabriksgebäude verlegte Schmitt einen Theil seiner erweiterungsbedürftigen Böhmisch- Aichaer Wollwaaren-Druckerei, und zwar die Maschinendruckerei, deren räumliche Entfernung von der in Böhmisch- Aicha verbliebenen Handdruckerei aus Zweckmässigkeitsgründen wünschen swerth war. Auch etwas Hand Weberei wurde in diesen Gebäuden betrieben. fl ,urw {^a.flsrrumV’ W3& ■m# Zmi Kettenputzerei in Böhmisch-Aicha. Damals kam dem unternehmungslustigen Manne der Gedanke, dass die örtliche Lage Semils, an einem wasserreichen Flusse und an der Eisenbahn — der Bahnen waren damals in Böhmen noch wenige — in hohem Grade für eine Baumwollspinnerei geeignet sein müsse, und in der That sehen wir Schmitt bereits im Jahre 1862 vom Fürsten Rohan ein unterhalb der Stadt Semil gelegenes, umfassendes Grundstück erstehen und daselbst den Grund legen zu dem nachmaligen »Iserthai«. Dieses Grundstück liegt etwa eine halbe Stunde von der Stadt und der Bahnstation Semil entfernt, ganz nahe an der engen, romantischen Felsenschlucht Rik, zu welcher das Thal der Iser ganz plötzlich eingeengt wird, um sich am Ende derselben wieder zu dem Eisenbroder Thalkessel zu erweitern. Zunächst wurden auf diesem Grundstücke Spinnerei- und Webereigebäude errichtet, und mit 10.000 Spindeln wurde der Betrieb der Baumwollspinnerei eröffnet. Eine grosse Störung brachte ihr der amerikanische Krieg; ein Jahr lang blieb der Betrieb unterbrochen und der enorme Preissturz der Baumwolle brachte begreiflicherweise namhafte Verluste. Indessen wurde an der weiteren Ausgestaltung der Spinnerei nichts versäumt, und bereits hatte sie 27.000 Spindeln, als sie — das Schicksal so vieler Spinnereien theilend — am 4. März 1870 ein Raub der Flammen wurde. In den Jahren 1870 —1872 wurde an Stelle der abgebrannten Spinnerei eine neue, grössere und schönere aufgeführt, zunächst mit 40.000 Spindeln, denen im Jahre 1875 weitere 10.000 folgten. Mit diesen 50.000 Spindeln wurde bis in die Neunzigerjahre gearbeitet. In den Jahren 1894 —1896 wurden 40.000 Spindeln alten Systems abgebrochen und durch 70.000 neuester Construction ersetzt. Gleichzeitig wurde eine neue, imposante Sulzer’sche Dampfmaschine von 1200 Pferdekraft und fünf neue Dampfkessel (System Tischbein), jeder mit 150 Quadratmeter Heizfläche, aufgestellt. Die in der Spinnerei erzeugten Baumwollgarne werden zum weitaus grössten Theile verkauft, nur ein kleiner Theil wird in der eigenen Weberei verwendet. i Rest des Handbetriebes: Spulerei in Böhmisch-Aicha. 23- 179 Die Webereigebäude blieben seinerzeit von dem Brandunglücke unberührt. Gegenwärtig sind in denselben nebst verschiedenen Vorbereitungsmaschinen, wie Leim-, Schlichtmaschinen u. s. w., 830 mechanische Webstühle in Thätigkeit, mit denen reinwollene, zum Theile auch mit Seide oder Baumwolle gemischte Gewebe hergestellt mm ■ -- " • XiidtmluT Webereisaal in Böhmisch-Aicha, «MM# — 1 *; v -m ;• iit’ il < «-*■ P^4l«5«ai wmm werden. Weitere 240 Baumwoll-Webstühle sind in »Idamühl« aufgestellt, wovon noch weiter unten die Rede sein wird. Sämmtliche Rohwaare, einschliesslich der in der Aichaer Weberei hergestellten, findet in den verschiedenen Appretur-, Bleicherei-, Färberei- und Druckerei- Abtheilungen zu Böhmisch-Aicha und Iserthai ihre weitere Ausrüstung und Finalisirung. Als Motoren dienen zum Betriebe der Iserthaler Werke, und zwar für die Spinnerei: 4 Turbinen zu je 150 Pferdekräften als höchste Kraftleistung, 2 Dampfmaschinen, die bereits erwähnte, von 1200 in- dicirten Pferdekräften, und eine zweite von 800 solchen; für die Weberei: 1 Dampfmaschine von 400 indicirten Pferdekräften; in der Druckerei: 1 Turbine und 1 kleinere Dampfmaschine. Dampfkessel sind im Ganzen 15 im Betriebe, davon 11 in Iserthai (Spinnerei und Weberei) und 4 in Ober-Iserthal (Druckerei). Die Zahl der Arbeiter beträgt gegenwärtig: in der Spinnerei circa 600, die Hälfte männlichen, die Hälfte weiblichen Geschlechtes; in der Weberei circa 600, 3o"/ 0 männlichen, 70% weiblichen Geschlechtes; in der Druckerei circa 700, 60’/„ männlichen, 40% weiblichen Geschlechtes. Dazu kommen circa 140 in verschiedenen Abtheilungen, wie in der Reparaturwerkstätte, beim Eau u. s. w., beschäftigte Personen. An den besten Wohlfahrts-Einrichtungen fehlt es in einem so hervorragenden Betriebe selbstverständlich nicht. Es besteht eine wohlorganisirte Kranken - Unterstützungscasse mit Pensions - Institut, und ein von der Firma vor einigen Jahren für die Mitglieder der Krankencasse zur unentgeltlichen Be- Muster-Webatuhi. nützung neu erbautes, villenartiges Krankenhaus mit Parkanlagen. Eine deutsche Volksschule in Iserthai wurde schon im Jahre 1880 mit Hilfe des Deutschen Schulvereins ins Leben gerufen, die seit einigen Jahren von der Firma allein erhalten wird; dieselbe gedeiht aufs Beste und ist ein wahrer Segen für die Bewohner der Colonie. Kindergärten bestehen sowohl in Iserthai als in Ober-Iserthal. s , **•>*. - ■ VlS-A-fa... 180 Im Ganzen muss Iserthai mit seinen imposanten Fabriksgebäuden, seinen mit wohlgepflegten Vorgärtchen versehenen Wohngebäuden der Angestellten, den vielen sauberen Arbeiterwohnhäusern auf jeden Besucher einen grossartigen, aber auch herzerfreuenden Eindruck machen. In kleinerem Maassstabe gilt das Gleiche von der Fabriksanlage Ober-Iserthal. Ungefähr in der Mitte zwischen beiden Fabrikscomplexen, näher zur Stadt Semil gelegen, befindet sich noch ein drittes der Firma gehöriges kleineres Fabriksgebäude, »Idamühl« benannt, das an Stelle einer alten, Eigenthum des bekannten tschechischen Politikers, Franz Ladislaus Rieger, gewesenen Mahlmühle aufgeführt worden ist. In »Idamühl* wurde früher Abfallspinnerei betrieben; neuestens ist, wie oben erwähnt, eine Weberei baumwollener Waaren darin eingerichtet worden. Nicht unerwähnt kann noch ein grosses, sehr kostspieliges Werk bleiben, das in den Jahren 187g—83 von der Firma vollbracht wurde, die Regulirung des Iserflussbettes. Der frühere Zustand der Iser war nämlich derart, dass ein Theil des Gefälles nicht ausgenützt werden konnte und ausserdem die Gefahr bestand, durch Ueberschwemmungen grossen Schaden in der Fabrik zu erleiden. Um den Fluss zu reguliren, musste eine Felsenschlucht derart erweitert werden, dass die dreifache Wassermenge rasch abfliessen kann. Das Flussbett wurde ausserdem vertieft und mit steinernen Schutzmauern versehen. Dass diese Flussregulirung die hohe Summe von 120.000 fl. erfordert hat, wird Jeder, der von Wasserbauten Etwas versteht, gern glauben. Bis jetzt hat sich das Werk bestens bewährt, und die jüngste Hochwasserkatastrophe, welche in der Nacht vom 29. auf den 30. Juli 1897 in einem grossen Theile der Monarchie unsägliche Verheerungen anrichtete und übrigens auch in Iserthai, besonders in der Druckfabrik, sehr Hand-Druckerei in Semil. ■4P*- 'rme#*?. ÄäSS K*2 r*.y r&Sss*: -.y bedeutenden Schaden verursachte, hätte ohne die Flussregulirung vielleicht verhängnisvoll für die ganze Colonie sein können. Wir nehmen nun Abschied von Iserthai und kehren zurück nach dem Stammsitze der Firma, Böhmisch- Aicha. Hier wurden die beiden Fabricationszweige lange Jahre in ziemlich unveränderter Weise fortbetrieben, wobei allerdings verschiedene Um- und Neubauten erforderlich waren. Das wichtigste Vorkommnis war die in den ersten Achtzigerjahren vor sich gegangene Uebertragung der Kraftweberei in das mittlerweile errichtete grosse Shedgebäude, wo in einem einzigen Colossalraume derzeit circa 700 mechanische Webstühle im Betriebe sind. Von Motoren sind in Böhmisch-Aicha in der unteren Fabrik (Bleiche) in Verwendung: Eine Compound- Dampfmaschine mit 300 Pferdekräften, vor wenigen Jahren von der Prager Maschinenbau-Actiengesellschaft (vormals Ruston) bezogen; zwei kleinere Dampfmaschinen; zwei Elektromotoren, zu deren Betrieb der elektrische Strom von einer Wechselstrom-Dynamomaschine geliefert wird. Dampfkessel sind in der unteren Fabrik 17 in Verwendung, weitere zwei in der oberen Fabrik (Druckerei). Je nach der Art des Gewebes sind die Manipulationen, welchen die Rohwaaren unterworfen werden, sehr verschieden, und es werden, da die Art der erzeugten Stoffe sehr mannigfaltig ist, und nachdem sich in dieser Beziehung im Laufe der Jahre ein grosser Umschwung vollzogen hat, in der unteren Fabrik unter Anderen verwendet: Krapp-, Wasch-, Brüh-, Walk-, Rauh-, Scheer-, Trocken-, Decatirmaschinen, Rouleaux-Druckmaschinen, hydraulische Pressen u. s. w. Die einstens eine so bedeutende Rolle spielenden Plalbwollwaaren (Orleans, Zanellas u. s. w.), die wesentlich einfachere Werkvorrichtungen erheischten, haben nach und nach ihre frühere Beliebtheit fast ganz eingebüsst und wurden durch verschiedenartige ganzwollene Kleiderstoffe verdrängt, woran nicht allein die Mode Ursache war, sondern namentlich auch der durch die ungeheuere Zunahme der Schafzucht in überseeischen Ländern, vor Allen Australien, hervorgebrachte Preisrückgang der Wolle. Natürlich musste sich die Fabrication diesem Wandel — nolens volens — anbequemen. 1S1 Auch die Erzeugung wollener Männerkleiderstoffe musste aufgenommen werden. Endlich ist im letzten Decennium ein ganz aparter Industriezweig eingeführt worden, die Ausrüstung und Veredlung - baumwollener Gewebe durch Färben. Bleichen und Bedrucken. Die Gewebe zu diesen Waaren werden theils in den eigenen Webereien hergestellt, theils von auswärts bezogen. Die Zahl der Arbeiter in Böhmisch-Aicha beträgt gegenwärtig: in der unteren Fabrik circa 1400, davon 40% männlichen, 6o° /0 weiblichen Geschlechtes; in der oberen Fabrik circa 220, fast alle männlichen Geschlechtes. Im Ganzen werden also von der Firma Schmitt gegenwärtig an 3700 Arbeiter beschäftigt. In allen Fabriken ist Gas-, theilweise auch elektrische Beleuchtung eingeführt. Der Gründer und alleinige Inhaber war im Laufe der Zeit von Seiner Majestät mit dem Franz Joseph-Orden, mit dem Orden der eisernen Krone III. Classe, durch Erhebung in den erblichen Ritterstand und Berufung in das hohe Herrenhaus des österreichischen Reichsrathes ausgezeichnet worden. Seine erste Frau, geborene Unger, hatte er schon Mitte der Vierzigerjahre durch den Tod verloren, und erst 1854 verehelichte er sich wieder, und zwar mitFrl. Ida Mittrich aus Ostritz in Sachsen. Der einzige männliche Sprössling dieser Ehe wurde leider schon in jugendlichem Alter von einem tückischen Lungenleiden im Jahre 1879 hinweggerafft. Franz Ritter von Schmitt selbst war ebenfalls in den letzten Jahren seines Lebens von schweren körperlichen Leiden heimgesucht; ein hartnäckiges, schmerzhaftes Rückenmarkleiden quälte ihn Jahre hindurch bis zu seinem Tode. Er verschied am 25. April 1883, tief betrauert von seiner Familie, seinen zahlreichen Angestellten und von den tausenden seiner Arbeiter, dem Leben geschieden, dessen unermüdlicher, thätiger Geist mit grosser Willensstärke und Ausdauer die Vorgesetzten Ziele erreichte, Grosses ausführte und zur Vollendung brachte. Er war vielen Industriellen ein leuchtendes Vorbild. Seinen Untergebenen war er ein zwar strenger, aber gerechter Chef. Das von ihm Anfangs der Siebzigerjahre zu Böhmisch-Aicha in vornehmem Style erbaute Palais wird von seiner Witwe, der Frau Ida von Schmitt, einer edlen Wohlthäterin im wahrsten Sinne des Wortes, bewohnt. Eine Störung des umfangreichen Geschäftsbetriebes ist durch seinen Heimgang nicht eingetreten, denn schon seit einigen Jahren waren seine beiden Schwiegersöhne, kaiserl. Rath Adolf Lössl, wohnhaft in Wien, und Conrad Blaschka, wohnhaft in Böhmisch-Aicha, Mitinhaber der Firma, von denen das weitverzweigte Geschäft ganz im Sinne des Verewigten fortgeführt wird. An grossen AVeltausstellungen betheiligte sich die Firma 1862 in London, 1867 in Paris und 1873 in Wien; die letztgenannte hat der Firma die höchste Auszeichnung, die sie zu vergeben hatte, das Ehrendiplom, zuerkannt. Seither betheiligte sich die Firma nur mehr an einer Ausstellung, und zwar in Barcelona, in der Absicht, hiedurch ihre Exportbestrebungen nach der iberischen Halbinsel zu fördern. Bekanntlich gehen die Meinungen über den Nutzen der grossen allgemeinen Ausstellungen weit auseinander; die Inhaber der Firma Schmitt neigen mehr zur Ansicht Jener, welche sich von der Betheiligung an solchen Ausstellungen einen wirklichen, dauernden, commerziellen A'ortheil nicht versprechen, namentlich keinen Erfolg, der auch nur annähernd den enormen Kosten entspräche, welche eine der Grösse des Etablissements entsprechende Betheiligung an der Ausstellung verursachen würde. Der Geschäftsgang in der Branche, welcher die Firma Schmitt angehört, ist gegenwärtig sehr unbefriedigend; die Kaufkraft des Inlandes hat durch schlechte Die sogenannte »Pantscherei« (Böhmisch-Aicha), Rouleaux-Druckmaschine (Böhmisch-Aicha). Mit ihm ist ein bedeutender Mann und edler Charakter aus Ernten und andere Ursachen gelitten und der Export ist gleichfalls — anstatt vorwärts — zurückgegangen. So konnte beispielsweise in früheren Jahren ein lohnender Export in Druckwaare nach Russland unterhalten werden, welcher seither ganz aufgehört hat in Folge der dortigen Maassnahmen zum Schutze und zur Stärkung der einheimischen Industrie, durch welche sich Russland in der Baumwoll- und Schafwollbranche fast vollständig — die feineren Qualitäten etwa ausgenommen •— vom Auslande emancipirt hat. Speciell die erwähnten Druckartikel, die zumeist im Gouvernement Moskau erzeugt werden, sind durch so hohe russische Einfuhrzölle geschützt, dass an einen Import aus Oesterreich gar nicht mehr gedacht werden kann. Zur Zeit erstreckt sich das Absatzgebiet für die Erzeugnisse der Firma, deren Verkauf durch eigene Niederlagen in Wien, Rudolfsplatz 14, im eigenen Hause, Prag, Wenzelsplatz 7, und Budapest, Adlergasse, sowie durch Agenten in verschiedenen ausländischen Handelsplätzen vermittelt wird, auf alle Theile der österreichisch-ungarischen Monarchie, Rumänien, die Balkanländer, Italien, Spanien und Portugal; ausserhalb Europas finden die Waaren in Vorderasien, Indien, Nordafrika, Nord- und Südamerika Absatz. Doch erscheinen einige dieser Absatzgebiete bereits bedroht und könnten, wie Russland, leicht im Laufe der Zeit verloren gehen. So sind in neuester Zeit auch in Italien, sowie in Spanien und Portugal, welche Länder bedeutende Consumenten bedruckter Schafwolltücher sind und in denen eine einschlägige Industrie bislang nicht bestand, Druckfabriken errichtet worden, die bestimmt scheinen, den Import aus Oesterreich allmählich zu verdrängen. In nichtbedruckten schafwollenen Kleiderstoffen, welche den grössten Theil der Production der Firma ausmachen, ist Oesterreich im Allgemeinen wegen der hier leider ungünstigeren Productionsbedingungen nicht in der Lage, auf dem Weltmärkte mit den mächtig-er entwickelten Industriestaaten in erfolgreiche Concurrenz zu treten. Demgemäss ist man betreffs dieser Artikel in der Hauptsache ausschliesslich auf das inländische Absatzgebiet angewiesen und der Fortbestand der Zollgemeinschaft der beiden Reichshälften erscheint geradezu als Existenzfrage. Ungarn mit seinen Nebenländern ist, zumal in Jahren mit guter Ernte, ein ausserordentlich wichtiges und consumtionskräftiges Absatzgebiet für die österreichische Textil-Industrie. Ausserordentlich sind aber auch die von der dortigen Regierung thatkräftigst unterstützten Bestrebungen, in Ungarn eine selbstständige, nationale Textilindustrie zu schaffen, die schon manchen Erfolg zu verzeichnen haben — gewiss nicht zum Vortheile der cisleitha- nischen Industrie. Käme noch die Zolltrennung hinzu, so könnte eine für alle Theile verhängnisvolle Krise die Folge sein. Das drohende Gespenst der Errichtung von Zollschranken zwischen Oesterreich und Ungarn verdüstert den Ausblick in die Zukunft. Möge das Jubeljahr unseres geliebten Monarchen nicht vorübergehen, ohne dass diese Sorgen von der Industrie Oesterreichs genommen werden, und dass sie durch günstigere Productionsbedingungen zu neuer Schaffensfreudigkeit ermuntert werde! ©©©©©©@@©o©0 \&am- ©•©©©© © © © © e © © © © © wmsMtm '/ rv ;^; |1’ Ä£ 'Ü '' . & .WirKsaal in Wien. : ~\3F VebW* 0 - SIMON WEISSENSTEIN TÜCHER- UND MODEWAAREN-FABRIK WIEN UND ZL A BIN GS (MÄHREN). m Jahre 1880 hatte der derzeitig^ Besitzer obgenannter Firma in der Wiener Vorstadt Mariahilf mit geringem Capitale eine in kleinem Maassstabe eingerichtete Tücher- und Wollwaaren-Fabrik errichtet. Zu dieser Zeit hatte die Firma einen Artikel, Fichus, sogenannte Capotten, in den Handel gebracht, den Herr Simon Weissenstein durch seine fachkundigen und vielseitigen Erfahrungen in diesem Industriezweige bald zu grossem Aufschwünge brachte und in welchem er auch die führende Rolle behauptete. Bald darauf richtete die Firma ihr Hauptaugenmerk auf die Erzeugung von Fhantasiewaaren in Tüchern und Shawls mittelst Raschei-Ketten- und Deckstuhlmaschinen. Der Kundenkreis sowie die Fabrication nahmen eine immer grössere Ausdehnung, aus welchem Grunde die Firma im Jahre 1887 H der Schmalzhofgasse 12 ein grosses geräumiges Fabrikshaus erwarb, das sie im Jahre 1889 durch Zubau eines weiteren drei .Stock hohen Fabriksgebäudes vergrösserie. Zu den bisher erzeugten Artikeln gesellte sich nun auch die Fabrication von Seiden - Chenillentücher und Echarpes, und mit diesen grossen Special-Artikeln wurde bald in der o-anzen Monarchie ein bedeutender O Umsatz erzielt. Nachdem auch die Webwaaren einen immer grösseren Aufschwung nahmen und die Erzeugung dieser Artikel sowohl grosse Räumlichkeiten als auch billigere Arbeitskräfte erforderte, wurde in Zlabings in Mähren eine Zweigniederlassung errichtet. Hiefür liess die Firma im Jahre 1895 ein Fabriksgebäude aufführen, in welchem derzeit hauptsächlich die Handweberei auf circa xoo Webstühlen betrieben wird. Einen bedeutenden Erfolg hat die Firma mit der Erzeugung von handgehäkelten sowie mit Maschinen angefertigten Mohairtüchern erzielt, in deren Fabrication die Firma heute noch die erste und dominirende ist. Das Absatzgebiet für die von der Firma erzeugten Waaren erstreckt sich auf sämmtliche Länder der österreichisch-ungarischen Monarchie, Bosnien, Herzegowina, Rumänien, Serbien, Bulgarien, Montenegro, Türkei, einen grossen Theil von Afrika, Asien und Nordamerika. Vertretungen und Musterlager befinden sich in Prag, Graz, Budapest, Bukarest, Constantinopel, Mailand, Alexandrien, Kairo, Beirut und New-York. Centrale, Niederlage und Bureaux sind in Wien, VI., Schmalzhofgasse 12 untergebracht. v. ■ . VJniKil T©0, 184 i «»m ■ ■ i > '5KT.*. * V, .'hok;" Vaagfc \w -355wÄSHp^ r ■ < y -^ ÄPS EÜSg «W*- - * ,/«a£a V“»- piikg; : A3^ ASCHER TEXTIL-IN DU STR IE. och zu Anfang dieses Jahrhunderts waren die Industriezweige, welche im Ascher Bezirke vorwiegend vertreten sind (die Weberei gemischter Garne und die Wirkwaarenerzeugung), kaum nennenswerth. Die Industrie wurde noch schwach und primitiv betrieben, die Unternehmer, »Meister«, besuchten mit ihren Fabrikaten lediglich die Pilsener Märkte. Von der Anfertigung von Handtüchern und Bettzeugen gieng man allmählich zur Erzeugung von Tüchern und Möbelstoffen über. Die Berührung mit dem nahen Auslande brachte manche Anregung und Verbesserung, man fieng an, in Seide zu arbeiten. War früher schon durch Hollerung aus Rossbach und Lederer aus Mähring die erste Wellenmaschine nach Asch gekommen und daselbst verbessert worden, so brachte nun die Einführung der Kardenschlag- und der Jacquardmaschine eine förmliche Revolution in dem Industriezweig hervor und gab der Entwickelung desselben einen mächtigen Impuls. Es bildete sich das Arbeitslohnverhältnis heraus, wie es in grösserem Maassstabe heute noch besteht. (Die Firmen Nikolaus Geipel, Gottfried Adler, C. Klaubert erlangten neben Bareuther, Panzer, Holstein, Weiss, Rogier, Reuther Bedeutung und Ruf.) In den Jahren 1820 bis 1840 wurden die Ascher Waaren in weiteren Kreisen bekannt; sie wurden auch auf den Messen zu Brünn und Wien feilgeboten. Aber immer noch hatte man lediglich geschlichtete Garne verarbeitet, bis im Jahre 1842 Fabrikant Wunderlich aus Merane die Stückweberei mit Zwirnkette und schafwollenem Schuss einführte und damit zur Fabrication im grossartigen Maassstabe den Anstoss gab. Rasch erweiterten sich die Unternehmungen, Niederlagen wurden in Prag und Wien errichtet. Mit Hilfe tüchtig geschulter Arbeitskräfte wurden Anfangs der Fünfzigerjahre die feinsten Stoffe erzeugt. Die Lohnweberei fand, die Arbeitskräfte an sich ziehend, im ganzen Bezirke und darüber hinaus Eingang, es wurden tausende von Arbeitern beiderlei Geschlechtes beschäftigt, zum grösseren Theil ausserhalb der Fabriks-F.tablissements. Die Entlohnung nach Stück bot einer genügsamen Bevölkerung einen relativ guten Verdienst. Die Unternehmer in Asch beschäftigen ab und zu auch Lohnweber aus Sachsen und Baiern, sie haben in den benachbarten Industrialorten ausserhalb ihres Bezirkes, in Liebenstein, Wildstein, Königsberg, Factoreien errichtet, welche den Arbeitern die Ablieferung erleichtern. Bedingt durch den Aufschwung der Webwaaren-Industrie, entstanden Etablissements, welche ihr in die Hände arbeiten, darunter Färbereien, Bleichereien, Appreturanstalten in Asch, Schönbach, Neuberg und Grün (insbesondere nach definitiver Aufhebung des Appreturverfahrens). Zuvor schon brachte die Einführung der mechanischen Baumwollbuntweberei, die Erbauung mechanischer Webereien eine wesentliche Aenderung. Als Rohstoffe für die Webwaarenfabrication werden Zwirn und Weft vorwiegend aus England, Baumwollgarn aus Vorarlberg, Schafwollgarn aus dem In- und Auslande bezogen. Die Erzeugung umfasst wollene, halbwollene, halbseidene und seidene Webwaaren, Kleiderstoffe, Tücher und Shawls in der mannigfaltigsten Abstufung der Qualität. Seit dem Jahre 1890 besteht zur Pflege und Wahrung gemeinsamer Interessen ein Verein der Textil- Industriellen, welchem die hervorragenden Firmen der Web- und Wirkwaarenbranche, in Asch 33, ausserhalb Asch die Firmen G. A. Bareuther in Haslau und R. Schmerler in Eger angehören. Die Fachschule für Weberei und Wirkerei, mit Hilfe einer Stiftung des Industriellen Wilhelm Weiss in einem eigenen Gebäude untergebracht und mit Maschinen ausgestattet, unterstützt die Entwickelung der Industrie in zeitgemässer Weise. Als die hauptsächlichsten Repräsentanten der Webwaaren-Industrie sind zu nennen die Firmen: Chr. Geipel & Sohn, Gebrüder Adler, J. C. Klaubert & Söhne, A. Kirchhoff, Eduard Geipel, E. Holstein & Co., Gebrüder Korndörfer (mit mechanischem Betrieb), Weigandt & Co., E. Wilhelm Jäger, G. A. Bareuther und R. Schmerler. 24 Die Gross-Industrie. IV. 185 Im Einzelnen sei noch Folgendes bemerkt: Was die Wirkwaarenerzeugung im Ascher Gebiete anbelangt, so tritt diese, obwohl in die Mitte des 16. Jahrhunderts zurückreichend, im Umfange hinter der Weberei zurück. Goethe erzählt in seinem Tagebuche zum ii. September 1821 vom einem Strumpfverleger Tobias Unger aus Asch, welcher in diesem Jahre wie gewöhnlich in Karlsbad seine Waaren verkaufte. Heute werden hier auch viele Arbeiter an Schlauch- und Rundstühlen, in neuerer Zeit auch an Strickmaschinen beschäftigt, und da die so erzeugten Waaren (Strümpfe, Socken, Leibein, Shawls) einen höheren Werth repräsentiren, so werden sie auch exportirt, zumeist aber nach der östlichen Hälfte der Monarchie abgesetzt. Dieser Industriezweig wird (vorzugsweise) repräsentirt durch die Firmen: Christ. Fischer’s Söhne, Adam Thoma & Söhne, Christian Penzel, Künzel & Co., Gustav Künzel & Schneider, Gustav Thoma Nachfolger, Christian Baumgärtl & Söhne. Während früher das Ascher Gebiet, welches auf einen kleinen Umkreis von 2 - 68 Quadratmeilen über 34.000 Seelen zählt, mehr oder weniger eine Geschichte der Lehensherrschaft der Zedtwitze darstellte, fällt gegenwärtig seine Geschichte mit der Geschichte der Industrie und ihrer Entwickelung zusammen. GEBRÜDER ADLER MECHANISCHE WEBEREI ASCH UND NEUBERG. ie Firma Gebrüder Adler in Asch, mit mechanischer Weberei in Neuberg, reicht mit ihren Anfängen in die Dreissigerjahre zurück; damals fabricirte Gottfried Adler bereits und später, im Jahre 1844, gründete er mit seinem Schwiegersöhne Christian Klaubert die Firma Adler & Klaubert. In den Jahren 1856 und 1859 wurden die Söhne von Gottfried Adler, Georg und Eduard Adler, als Gesellschafter in die Firma aufgenommen, und als sich im Jahre 1863 die Gesellschaftsfirma Adler & Klaubert auf löste, gründeten ihrerseits die Brüder Georg und Eduard Adler die jetzt bestehende Firma Gebrüder Adler mit dem Hauptsitze in Asch. Eine Appretur besteht in Asch für Handweberei, die mechanische Weberei und Appretur befindet sich in Neuberg. Die Fabrik befasst sich mit der Erzeugung von wollenen, halbseidenen und halbwollenen Kleiderstoffen, Herren-Confections- und Futterstoffen, reinwollenen und halbwollenen Tüchern. Den Verkauf der Erzeugnisse besorgen zum grössten Theile die eigenen Niederlagen in Wien, Prag und Budapest, ferner die an allen grösseren Exportplätzen befindlichen Vertreter der Firma. Im Jahre 1873 starb Georg Adler und im Jahre 1897 wurde Eduard Adler vom Tode hingerafft, seitdem sind die Söhne derselben, Georg, Richard, Rudolf und Hermann Adler, Inhaber der Firma. 186 CHR. GEIPEL & SOHN FABRIK WOLLENER UND HALBSEIDENER MODEKLEIDERSTOFFE ASCH. ründer des Hauses war Nicolaus Geipel, der sich seit dem Jahre 1824 mit der Erzeugung - von Umhängetüchern aus Baumwolle, Halbwolle und Halbseide befasste. Mitte der Vierzigerjahre betheiligten sich dessen Söhne Heinrich und Christian Geipel an dem Unternehmen, und zwar widmete sich ersterer der Fabrication, während Christian Geipel für den Verkauf der Waare in der Zweigniederlassung in Wien thätig war. Weiters hat die Firma auch in Prag eine Filiale. Nach dem im Jahre 1849 erfolgten Ableben des Heinrich Geipel trat Heinrich Jaeger als Gesellschafter ein, und von da ab wurde das Geschäft unter der Firma Geipel & Jaeger weitergeführt. Christian Geipel übernahm im Vereine mit seinem Vater die Leitung der Fabrik, Heinrich Jaeger die der Wiener Niederlage. Von dieser Zeit an nahm das Unternehmen, das durch den schöpferischen Geist des Christian Geipel auf ein neues Gebiet •— die Erzeugung von halbwollenen buntfärbigen Damenkleiderstoffen — gelenkt worden war, mehr und mehr Aufschwung. Durch guten Geschmack in der Musterung und durch solide Qualität fand der damals auf den Markt gebrachte Artikel »Poil de chèvre« grossen Absatz. Während die Frühjahrsproduction auf leichtere Stoffe, wie Barège und andere Fantasiegewebe Bedacht nahm, wurden für den Herbst dichte Qualitäten vorbereitet. So kam unter Anderem Anfangs der Fünfzigerjahre der Artikel »Lama« in den Handel und erfreute sich, seiner Dauerhaftigkeit wegen, lange Zeit hindurch grosser Beliebtheit. Dem Geschmacke der ländlichen Bevölkerung wurde durch Erzeugung effectvoller Halbseidenstoffe besonders Rechnung getragen. Unter diesen spielten in den Sechzigerjahren die Qualitäten mit Eisengarneintrag eine grosse Rolle. Einen ungeahnten und für die Ascher Industrie entscheidenden Aufschwung nahm die im Jahre 1868 von der Firma Geipel & Jaeger eingeführte Flanell-Fabrication. Sie bewirkte nach und nach den Uebergang von halbwollenen auf reinwollene Stoffe. "Anlässlich der Weltausstellung im Jahre 1873 in Wien wurde der Firma von der Jury das Ehrendiplom zuerkannt, und Christian Geipel von Sr. Majestät durch die Verleihung des Franz Joseph-Ordens ausgezeichnet. Mitte der Siebzigerjahre entschlossen sich die Firmaträger zum Baue einer umfangreichen mechanischen Weberei, die 1876 in Betrieb gesetzt wurde. Nebstbei konnten jedoch noch immer eine grosse Anzahl Handstühle weiter beschäftigt werden. Im Jahre 1877 machte die Fabrik den ersten Versuch, reimvollene Cachemire herzustellen. Durch Einrichtung aller maschinellen Behelfe und Vervollkommnung der Färberei und Appretur gelang es nach und nach, die sogenannten Geraer Artikel in Asch auf jene Stufe der Vollendung zu bringen, die einen erfolgreichen Wettkampf mit dem Auslande möglich machte. Seitdem ist die Fabrication der Wollwaaren ein bedeutender Zweig der Ascher Industrie geworden. Christian Geipel gelang es auch, die Erzeugung der von der jeweiligen Moderichtung geforderten feinsten Stoffe einzuführen, und ist es seinen unausgesetzten Bestrebungen zu danken, dass die Firma in Oesterreich auf dem Gebiete der Damenmode tonangebend geworden ist. Im Jahre 1877 zog sich Heinrich Jaeger ins Privatleben zurück, nachdem er durch nahezu 30 Jahre durch seinen hervorragenden Fleiss und sein tüchtiges kaufmännisches Wissen in einmüthigem Zusammenwirken mit seinem treuen Freunde wesentlich zur Förderung des Unternehmens beigetragen hatte. Nun trat Gustav Geipel, Sohn des Christian Geipel, als öffentlicher Gesellschafter in die Firma ein, die von da an in Chr. Geipel & Sohn umgeändert wurde. Den gediegenen Fachkenntnissen und der regen Thätigkeit dieser neuen Kraft verdankt das Haus viele Erfolge und vortheilhafte Einrichtungen. Chr. Geipel. 24'- 187 Der zweite Sohn des Christian Geipel, Eduard Geipel, ein kenntnisreicher junger Mann, wurde 1882 als Theil- haber aufgenommen. Leider erkrankte er und wurde dem Unternehmen im Jahre 1896 in seiner besten Jugendkraft entrissen. Im gleichen Jahre erfolgte der Austritt des Gustav Geipel, und seine jüngeren Brüder Robert und Christian Geipel jun. wurden Firmatheilhaber. Bald darauf nöthigte Krankheit Christian Geipel sen., sich vom Geschäfte zurückzuziehen, und beschloss er im October 1897 seine mehr als 50jährige segensreiche Thätigkeit. Am 22. November 1897 hat sein edles Herz zu schlagen aufgehört. Seine Menschenfreundlichkeit, die Liebe zu seiner Vaterstadt, die Sorge für seine Mitarbeiter bewies er durch viele Werke der Wohlthätigkeit. Sein redliches, thatkräftiges Wirken und seine Herzensgüte sichern ihm ein bleibendes, ehrendes Andenken. Das von ihm geschaffene grosse Unternehmen liegt nun in den Händen seiner Söhne Robert und Christian ganzes Bestreben es ist, an den Grundsätzen ihres seligen Vaters jederzeit festzuhalten. ED. GEIPEL MECHANISCHE WEBEREI ASCH. duard Geipel betrieb seit dem Jahre 1852 in Asch, Neuberg und Grün die Färberei in Baumwolle, Wolle und Seide. Eduard Geipel war der Sohn des Nicolaus Geipel, des Begründers der heutigen Firma Chr. Geipel & Sohn. Er lernte in Sachsen und in Vöslau als Volontär die Färberei und besuchte auch eine Zeit hindurch die technische Hochschule in Wien. Durch andauernde Kränklichkeit gezwungen, die Färberei aufzugeben, baute Eduard Geipel im Jahre 1870 eine mechanische Buntweberei in Asch mit 200 Webstühlen. Nach dem Tode des Eduard Geipel im Jahre 1890 übernahmen seine beiden Söhne Richard und Heinrich die Firma und führen sie mit demselben Wortlaute, getreu den Principien ihres Vaters, weiter. Im Jahre 1891 brachten Richard und Heinrich Geipel die durch den Tod des Inhabers erledigte Firma Chr. Rogier mit circa 300 Handstühlen für Modewaare durch Kauf an sich. Im Laufe der Zeit wurde durch Anschaffung neuer Maschinen die eigene Appretur erweitert und verbessert. Die Erzeugnisse sind Modeartikel in Baumwolle, Halbwolle, Wolle und Halbseide. Die Absatzgebiete sind hauptsächlichst Oesterreich-Ungarn; exportirt wird nach Amerika in geringem Maasse. Niederlagen der Firma bestehen in Wien, Prag und Budapest. Der Export wird durch die Zölle für aus dem Auslande einzuführende feinere Rohmaterialien und durch die Concurrenz des sich freier fühlenden Deutschland ungemein erschwert. Geipel, deren A. KIRCHHOFF K. K. PRIV. MECHANISCHE BUNTWEBEREI, FÄRBEREI, BLEICHEREI ASCH. m Jahre 1864/65 wurde von C. F. Hofmann, dem früheren Besitzer der heutigen Firma Albert Kirchhoff, am Fusse des Ascherberges eine mechanische Baumwoll-Buntweberei für gemusterte Hemd- und Kleiderstoffe-—als erstes Etablissement dieser Art in Oesterreich — gegründet. 1879 gieng sie in den Besitz des heutigen Inhabers über und wurde von ihm in den Jahren 1880 bis 1887 durch Erweiterungen auf den jetzigen Stand gebracht. Seither ist sie elektrisch beleuchtet, hat eigenes Bahngeleise zum nahen Bahnhofe, eigene Wasserleitung und beschäftigt circa 300 Arbeiter. ■w-.. ,■ J. C. KLAUBERT & SOHNE MECHANISCHE WEBEREI UND APPRETUR ASCH. *5^3 as Unternehmen J. C. Klaubert & Söhne datirt aus dem Jahre 1844, und zwar wurde dasselbe unter der Firma Adler & Klaubert gegründet. Ursprünglich wurde die Handweberei in Tüchern und Kleiderstoffen betrieben. Im Jahre 1863 übernahm Johann Christian Klaubert das Geschäft allein und firmirte damals J. C. Klaubert. Seit dem Jahre 1870 sind die Söhne des Vorgenannten, Gustav und Hermann Klaubert, in die Firma eingetreten, welche bis auf den heutigen Tag J. C. Klaubert & Söhne lautet. Am 24. November 1878 schied Johann Christian Klaubert aus der Firma, während Eduard Klaubert derselben als Gesellschafter beitrat. Das Etablissement befasst sich mit der fabriksmässigen Erzeugung von Web- und Wirkwaaren. GEBRÜDER KORNDORFER MECHANISCHE WEBEREI ASCH. iese Firma wurde im Jahre 1871 von den Brüdern Gustav und Wilhelm Korndörfer gegründet und wird seit dem Tode des letzteren, seit 1891, von Gustav Korndörfer allein weitergeführt. In diesem Etablissement ist der Handbetrieb mit mechanischer Weberei und eigener Appretur, wie bei manchen anderen Firmen in Asch, verbunden. Erzeugt werden vorwiegend Damenkleiderstoffe in Wolle, Halbwolle und Halbseide, und finden diese Erzeugnisse in Oesterreich-Ungarn, in Amerika, im Orient und in Indien Absatz. KÜNZEL & SCHNEIDER WI R K WA AR E N - FAB RI K ASCH. mm/?. iese Fabrik war zu Beginn eine Filiale der Firma Felix Frank in Chemnitz. Seit 1894 ist sie Eigenthum von Adolf Künzel und Max Schneider, welche früher die Leiter der Filiale waren. Die Firma erzeugt Tricotagen, d. h. gewirkte Sportartikel, Hemden, Jacken und Hosen. Sie beschäftigt in ihrem mechanischen Betriebe etwa 150 Personen und eine weitere Anzahl auch ausser dem Hause. — 189 — G. A. BAREUTHER WEBEREI UND APPRETUR HASLAU. iese Firma führt ihr Entstehen auf das Jahr 1837 zurück, zu welcher Zeit dem Begründer des Hauses, Georg Adam Bareuther, ein Landesfabriks-Befugnis verliehen wurde. Nachdem das Unternehmen in seiner Entwickelung für den Ort Haslau und dessen Umgebung von Bedeutung geworden war, wurde es als Fabrik von Baum- und Schafwolhvaaren auf Grund des Gesellschaftsvertrages vom 10. Juli 1867 als Gesellschaftsfirma registrirt. Gesellschafter waren Georg Adam Bareuther, dessen Gattin Margarethe (als stille Theilhaberin) und Johann Bareuther. Letzterer wurde in Folge Ablebens am 11. März 1877 gelöscht, und am 3. Jänner 1879 erfolgte auch der Austritt von Margarethe Bareuther. Am 1. September 1880 traten die Söhne des Begründers der Firma, Oscar und Gustav Adam, als Gesellschafter ein. Im selben Jahre wurde auch die schon früher bestandene Zweigniederlassung in Wien registrirt. Im Jahre 1887 trat Victor Bareuther der Firma als öffentlicher Gesellschafter bei, starb jedoch schon 1890. Am 29. November 1892 starb der Begründer der Firma, und nun führen dessen Söhne Oscar und Gustav das Unternehmen allein weiter. Die heutige Fabrication umfasst wollene, halbwollene und halbseidene Damenkleiderstoffe. Es werden mehrere hundert ausser dem Hause befindliche, in Haslau und Umgebung wohnende Weber beschäftigt. Das Färben der Garne wird in Asch besorgt. Die Appretur der fertigen Waare aber, wie Scheeren, Dämpfen und Pressen, wird im Hause selbst mit Maschinen besorgt, die zum grossen Theile aus Chemnitz stammen. Das Absatzgebiet erstreckt sich in erster Linie auf Oesterreich-Ungarn, doch hat sich im Laufe der Jahre ein ziemlich regelmässiges Geschäft mit Nordamerika, Holland und Aegypten entwickelt, während Geschäfte mit Italien, der Levante, England, Frankreich, Scandinavien und auch Südamerika nur zeitweilig und in geringem Umfange Vorkommen. Die Arbeiterschaft im Hause gehört dem Verbände der Allgemeinen Ascher Bezirkskrankencasse an und ist, da fremder Zuzug fehlt, eine fast stabile. R. SCHMERLER MECHANISCHE WEBEREI, FÄRBEREI UND APPRETUR EGER. ie Fabrik wurde unter der Gesellschaftsfirma Schmerler & Kretzschmar 1875 in dem damals nahezu industrielosen Eger gegründet und ist bis heute auch die einzige ihrer Branche in dieser Stadt geblieben ; sie entwickelte sich aus kleinen Anfängen unter grossen Schwierigkeiten, denn es mangelte an jeder Art von Hilfskräften, welche theils von auswärts herangezogen, theils aus der Ortsbevölkerung genommen und mühsam abgerichtet werden mussten. Zunächst wurde in gemietheten Räumen gearbeitet, in welchen auch Dampfkraft zu Gebote stand, im Jahre 1880 aber wurde die Fabrik im Egerthale errichtet und seitdem vielfach erweitert und ausgebaut. Dieselbe umfasst Färberei, Appretur und Weberei, doch wird ein grosser Theil der Waare in sogenannter Heimarbeit hergestellt. Solche Heimarbeiter werden je nach Umständen 500 bis 700, in dem geschlossenen Etablissement 160 bis 200 Leute beschäftigt. Die Erzeugung erstreckt sich ausschliesslich auf Modeartikel und ist deshalb grossen Wandlungen unterworfen. Gegenwärtig sind die beiden Hauptwaarengattungen Paletot-Futterstoffe und Damenkleiderstoffe. Beide werden in den mannigfaltigsten Mustern und Qualitäten erzeugt ; vom billigsten baumwollenen Genre bis zum feinsten und theuersten wollenen und halbseidenen. Die Fabrik hat seit 12 Jahren den zehnstündigen Arbeitstag eingeführt und Arbeiter (zumeist im Accordlohne stehend) sowie Fabriksleitung sind davon befriedigt. Man arbeitet von Früh 3 / 4 7 bis Mittag 3 / 4 12 Uhr und von 1 Uhr Nachmittags bis 6 Uhr Abends, immer 5 Stunden ununterbrochen, ohne Pause. An Wohlfahrtseinrichtungen sind vorhanden : a) Fabrikskrankencasse, b) Pensionsfond, c) Unterstützungsfond. Alles wird unter ausgiebiger Antheilnahme der Arbeiter selbst verwaltet, auch die Disciplinargewalt ist der Hauptsache nach in den Händen eines von und aus der Arbeiterschaft gewählten Comités. Im Jahre 1895 wurde das Gesellschaftsverhältnis mit Guido Kretzschmar gelöst, und ist Richard Schmerler alleiniger Inhaber des Geschäftes, welches seit 1878 auch eine Zweigniederlassung in Wien besitzt. igo fe^svAss wur ygiwwiiilf mmm ;i$y -fi : FiFäfei H ll l “fy .( m£m, riÄ'Ä« mtsm swp« «SstfFSS mm ««Si RAHN & KÖGLER WIRKWAAREN-FABRIK EGER. m lieblichen Egerthale erhebt sich am Abhange des Berges, unweit der alten Kaiserburg, von hohen Bäumen halb bedeckt, ein Gebäude, welches äusserlich einer Fabrik wenig ähnlich sieht und doch seit Jahrzehnten ein Industriale von Bedeutung, die Wirkwaarenerzeugung von Rahn & Kogler in Eger, beherbergt. Die Stadt Eger hat erst, seitdem sie durch die Vereinigung mehrerer Bahnlinien zu einem Knotenpunkt des Verkehrs geworden, auch eine industrielle Entwickelung genommen, während vordem die wirthschaftliche Kraft der Stadt, die Unternehmungslust in der Gründung und Erweiterung des Curortes Franzensbad anscheinend verbraucht wurde. Xoch in den Fünfzigerjahren war sie von Mauern und den Resten der ehemaligen Festung umgeben. Doch ist die Wirkwaarenerzeugung in Eger, ebenso in Asch und Fleissen, älteren Datums, sie reicht in die Dreissigerjahre zurück, wo die Firma Schiffl, später Witz & Schiffl, ihre Waaren bis nach Wien lieferte. Während die Tuchmacher den Uebergang zur fabriksmässigen Erzeugung versäumten, die Baumwollspinnerei unter der Rückwirkung des amerikanischen Krieges eingieng, erhielt sich die Wirkwaarenerzeugung, und war es Christ. Rahn, der langjährige Inhaber der Firma, welcher anfangs mit Schiffl, später mit Ivögler sein Unternehmen durch Fleiss, Sachkenntnis und Ausdauer vorwärts zu bringen wusste. Die Gründung des Geschäftes fallt in das Jahr 1852; im Jahre 1853 kam die erste Maschine (ein französischer Rundstuhl) von der Ausstellung in Chemnitz nach Eger, welcher bald andere folgten. Im Jahre 185g associirte sich Joh. Christ. Rahn mit Carl Kögler aus Schönlinde, welcher die in Wien errichtete Niederlage leitete und den com- merziellen Theil des Geschäftes besorgte. Die Gesellschaft fand mit dem Tode Kögler’s ihre Lösung, und wurde vom Jahre 1867 ab die fabriksmässige Erzeugung von Strumpf- und Wirkwaaren unter Beibehaltung der ursprünglichen Firma durch den überlebenden Gesellschafter allein fortgeführt. Im Jahre 1883 trat Joh. Christ. Rahn vom Geschäfte zurück, und dessen Sohn, Franz Rahn, wurde Inhaber der Firma. Im Jahre 1893 erfolgte die letzte Aenderung derselben, indem Hans Rahn Gesellschafter wurde. Die Wirkwaarenerzeugung von Rahn und Kögler war in den Sechzigerjahren, abgesehen von der Dampfmühle des J. A. Hahn, das einzige Industriale in Eger und von grosser Bedeutung, weil es eine erkleckliche Zahl von Arbeitern, nicht blos der Stadt, sondern auch der Umgebung beschäftigte. Die Arbeiter erhielten die Maschinen (Rund- und Schlauchstühle) ins Haus beigestellt, und dies war auch bei den seit Anfang der Achtzigerjahre in Verwendung gezogenen Strick- und Nähmaschinen der Fall. Auf die Heimarbeit gründet sich auch heute noch zum grossen Theil die Erzeugung von Strumpfwaaren aller Art, Tricotagen und Strickwaaren, welche vorwiegend im Osten der Monarchie abgesetzt werden. Doch brachte die Entwickelung des Unternehmens den Bau eines eigenen Fabriksgebäudes mit sich, in welchem Dampf kraft zum Betrieb der Maschinen und zur Appretur verwendet wird. In und ausser dem Industriale stehen 21 Rundstühle, 33 Schlauchstühle, 300 Strickmaschinen, 56 Nähmaschinen und ausser diesen noch 220 diverse Maschinen (nicht der Firma, sondern den Arbeitern gehörig) in Verwendung. Aus der 191 Gesammtzahl von 660 ergibt sich, dass der Erwerb, welcher vielen Familien in Eger und Umgebung, insbesondere in Sandau, geboten wird, nicht gering zu veranschlagen ist. Die Firma Rahn & Kogler hat im Vereine mit Ascher Firmen wiederholt ihre Leistungsfähigkeit auch bei kurzfristigen Militärlieferungen bewiesen, und wenn das Landesfabriksbefugnis für das Alter derselben spricht, so liegt in der Führung des Egerer Stadtwappens als Schutzmarke, mit Zustimmung der Stadt, die Anerkennung ihrer wirthschaftlichen Bedeutung von Seite der Gemeinde. DIE _ OESTERREICHISCHE BAUMWOLL-INDUSTRIE. VON P H &J. U. D R - JOSEPH GRUNZEL, SECRETÄR DES CENTRALVERBANDES DER INDUSTRIELLEN ÖSTERREICHS, PROFESSOR AN DER EXPORT-AKADEMIE DES K. K. ÖSTERR. HANDELSMUSEUMS. Die Gross-Industrie. IV. 25 DIE OESTERREICHISCHE B AU MWOLL-INDUSTRIE. as Schicksal der Baumwolle in Oesterreich ist ein recht merkwürdiges und für die industrielle Entwicklung typisches. Die fremde Textilfaser hatte bei ihrer Einführung die grössten Schwierigkeiten zu überwinden, die je einen Rohstoff an der allgemeinen Verwendung hinderten, und dennoch vollendete ihre Verarbeitung am raschesten und sichersten den Siegeslauf zur modernen Grossindustrie. Diese Erscheinung erklärt die Wirthschaftspolitik der früheren Zeit mit ihren beiden Grundpfeilern: dem Mercantilismus und dem Zunftwesen. Die österreichischen Mercantilisten mit Philipp Wilhelm von Hörnigk an der Spitze kündigten der Baumwolle offene Fehde an, weil sie die heimische Flachsfaser verdränge; ihrer Ansicht nach war es doch vortheilhafter, »für eine Waare zwei Thaler (zu) geben, die im Lande bleiben, als nur einen, der aber hinausgeht«. So wurde denn die Baumwolle zuerst mit vollständigem Einfuhrverbot belegt, später mit mehr oder weniger hohen Zollsätzen belastet — und erst im Jahre 1853, zu einer Zeit, da die österreichische Baumwollindustrie bereits in Blüthe stand, wurde sie völlig freigegeben. Dieses äussere Hindernis wurde aber mehr als aufgewogen durch einen inneren Vortheil. Alle anderen Erwerbszweige waren zünftig organisirt und jede aufstrebende Grossindustrie hatte den härtesten Kampf mit dem gleichartigen zünftigen Handwerk zu bestehen. Die Baumwolle als fremdes Product umgieng diese Schwierigkeit, ihre Verarbeitung setzte sofort als freie Industrie ein, und so kam es, dass die Baumwollindustrie die erste Grossindustrie wurde und durch ihr Beispiel die Bahn ebnete für die gesammte industrielle Entwicklung Oesterreichs. Wie so oft im wirthschaftlichen Leben, hat auch bei der Einführung der Baumwolle der gesunde Vortheil den Sieg davongetragen, indem er Unrecht mit Unrecht schlug. Die Leinenweberzünfte im Riesengebirge hatten durch ihre nachbarlichen Beziehungen zu Schlesien die Baumwolle frühzeitig kennen gelernt, schmuggelten sie ein und verwebten sie mit Leinen; die Zunftstatuten lassen das deutlich erkennen. Eingebürgert aber wurde sie erst nach dem Frieden von Passarowitz (1718), der die Türkei unseren Handelsbeziehungen eröffnete. Die 1719 errichtete »kaiserlich privilegirte Orientalische Compagnie« war die mächtige Förderin des Orienthandels; der wichtigste Artikel für die Stückfracht aus der Levante war aber damals Baumwolle. ] ) Macédonien und Kleinasien mit den nahen Inseln lieferten zu jener Zeit die meiste Baumwolle überhaupt und der damalige Baumwollmarkt war nicht wie heute Liverpool, sondern — Wien, von wo durch Vermittlung griechischer Kaufleute auch ganz Deutschland, die Schweiz u. s. w. mit diesem Rohmaterial versorgt wurden. 2 ) ') Dr. Franz Martin Mayer, Die Anfänge des Handels und der Industrie in Oesterreich und die orientalische Compagnie. Innsbruck 1882, S. 76. 2 ) Stefan Edler v. Keess, Darstellung des Fabriks- und Gewerbewesens in seinem gegenwärtigen Zustande. I. Theil. Wien 1824, S. 114. 25* 195 In diese Zeit fällt auch die Errichtung der ersten Baumwollfabriken in Oesterreich, welche nach dem speciellen Fabrikate Barchent-, Zitz-, Cottonfabriken u. s. w. genannt wurden. Die erste »Barchent- uncl Canevasfabrik« wurde in der Nähe von Graz im Jahre 1721 ’errichtet. 1 ) Im Jahre 1723 schuf der Wirthschaftsdirector auf der Gallas’schen Herrschaft Grafenstein bei Grottau in Böhmen eine »Tuch-, Zeug-, Strumpf- und Canevasfabrik« und erlangte für dieselbe ein zwanzigjähriges Privilegium; im Jahre 1725 wurde aber das Etablissement wieder aufgelassen. Die orientalische Compagnie gründete selbst eine »Zitz- und Cottonfabrik« bei Schwechat, welche ein Privilegium auf 15 Jahre erhielt und qualitativ und quantitativ Vorzügliches leistete. 2 ) Da die obgenannten beiden Fabriken sich nur eines kurzen Daseins erfreuten, galt die Schwechater als die älteste Kattunfabrik in Oesterreich und die Mutter aller übrigen. 3 ) Im Verlaufe des XVIII. Jahrhunderts entstanden in Niederösterreich noch fünf grosse Fabriken, welche mit der vorigen als die »sechs k. k. priv. Ziz- und Kattunfabriken« bezeichnet wurden, nämlich die von Ebreichsdorf (in den Siebzigerjahren von Freiherrn v. Lang begründet), Kettenhof (1770 von Graf Cajetan von Bliimegen), Friedau (in den Siebzigerjahren von Renke & Fries), St. Pölten (1787 von Renke) und Himberg (circa 1790 von Johann Bouvard zuerst in Enns errichtet). In den übrigen Grönländern waren die grössten Fabriken Josephsthal und Cosmanos (1763 von Graf Josef Bolza, später von Franz Leitenberger), Wernstadtl (1770 von Johann Josef Leitenberger), Neu-Reichstadt (1788 von Josef Leitenberger & Söhne), Graz, Althart und Ingrowitz in Mähren, Sassin in Ungarn (1736), Mailand (Kramer & Co.) etc. Gross war auch die Zahl der kleinen Druckereien in Niederösterreich (Steinabrückl, Erlaa, Neunkirchen, Perchtoldsdorf, Atzgersdorf) und im nördlichen Böhmen. Einen besonderen Aufschwung hatte die Industrie der Kaiserin Maria Theresia zu verdanken, welche nach den unglücklich verlaufenen schlesischen Kriegen eifrig bedacht war, durch Förderung von Handel und Industrie sich in Böhmen einen Ersatz für das verlorene blühende Schlesien zu verschaffen. Da die ausschliessenden Privilegien der alten Fabriken zu Schwechat und Sassin im Jahre 1762 abliefen, erliess die Kaiserin an die Repräsentationen in Böhmen, Mähren, Schlesien und Glatz ein Rescript, worin sie ankündet, dass mit Beginn des Jahres 1763 die Kattunfabrikation jedermann freistehen wird, während das Einfuhrverbot fremder Kattune nach Oesterreich wie bisher aufrecht bleibt. 4 ) Die Folge davon war eben die erwähnte resre industrielle Thätio-keit. Wie schon der Name besagt, lag die Hauptthätigkeit der sogenannten Kattunfabriken in der Vollendung des Ganzfabrikates. Eine Theilung der industriellen Arbeit im modernen Sinne, in Form einer selbständigen Spinn-, Web-, Druckindustrie etc. gab es nicht, sondern die Fabrik vereinigte alle die Vorbereitungsstadien der Baumwolle in ihrer Hand. Ihr »Werkamt« besorgte den Einkauf der rohen Baumwolle selbst, gab sie den »Factoren«, welche sie an die Dorfbevölkerung zum Verspinnen im Hause vertheilten, übernahm die fertiggestellten Garne, Hess diese gleichfalls auf dem Wege der Hausindustrie verweben und gab erst das fertige Gewebe an die eigene Fabrik zur weiteren Behandlung ab. Um die Wende des Jahrhunderts erhob sich zunächst die Baumwollweberei zur selbständigen Industrie, indem die Weber die Garne für eigene Rechnung kauften und die Gewebe an die Fabriken ablieferten. Solcher Webereien gab es zahlreiche in Niederösterreich und im nördlichen Böhmen, doch werden auch in Oberösterreich, Mähren, Tirol und Vorarlberg mehrere Unternehmungen genannt. Wie stark übrigens anfangs dieses Jahrhunderts das Handwerk über die fabriksmässige Erzeugung die Oberhand hatte, beweist eine Statistik von Niederösterreich aus dem Jahre 1811, wonach man 20 Baumwollwaaren- fabriken aller Art mit 584 Stühlen, 559 »Fabrikanten« mit 1323 Stühlen und 1533 Meister mit 3168 Stühlen zählte. 5 ) In der Spinnerei brachte die Umwälzung die Maschine. Schon Ende des vorigen Jahrhunderts hatte man vielfache Versuche mit der deutschen oder sächsischen Maschine unternommen, doch erst, als es Johann Josef Leitenbengep gelang, auf dem Wege über Kopenhagen das ängstlich gehütete Geheimnis der englischen Spinnmaschine nach Oesterreich zu bringen, war der Grund zu einer neuen Entwicklungsphase gelegt. Im Jahre 1797 erstand die erste englische Spinnerei zu Wernstadtl in Böhmen, 1799 folgten Cosmanos und Reichstadt, 1801 Tetschen und Rothenhaus, 1801 Pottendorf in Niederösterreich und bald ') Dr. Hermann Hallwich, Firma Leitenberger 1793 —1893. Eine Denkschrift. Prag 1893, S. 8 f. -) Mayer, a. a. O., S. 59. 3 ) Keess, a. a. O., II. Theil, I. Bd., S. 203. J ) Hallwich, a. a. O., S. 23. ; ) Keess, a. a. O., II. Theil, I. Bd., S. 187 f. igö darauf Schwadorf, Liesing, Schönau und Sollenau, so dass bereits 1805 Niederösterreich allein sieben Spinnereien zählte. Die Handspinnerei, welche in Niederösterreich noch Ende des vorigen Jahrunderts mehr als 100.000 Leute beschäftigte, 1 ) gieng rapid zurück und die Zahl der Handspinner in Niederösterreich sank im Jahre 1812 auf 7000 bis 8000. In Böhmen wird die Zahl der Handspinner für das Jahr 1790 noch mit 24.47 7, 2 ) für das Jahr 1819 mit 12.000 bis 15.000 angegeben. So sehr nun staatlicherseits die Baumwollindustrie begünstigt wurde, so wurde doch stets die Leinen- und Wollindustrie in ihren Vorrechten geschützt, »weil doch die Leinen- und Wollmanufacturen, deren Urstoff im Lande erzeugt wird, allezeit den anderen vorzuziehen wären«. Mit dieser Begründung verordnet nämlich ein Hofdecret von 1789, dass die Baumwollindustrie nur in jenen Gebieten eingeführt und verbreitet werden soll, in denen sich keineWoll- und Leinenindustrie befindet. 3 ) Kaum waren die ersten Grundsteine zur industriellen Entwickelung bei uns gelegt, als sich auch schon die übermächtige englische Concurrenz fühlbar machte. Charakteristisch hiefür ist die Thatsache, dass englische Firmen im Jahre 1805 für eine Million Gulden C.-M. Garn in Commission nach Wien schickten und 30 Procent unter dem wirklichen Waarenwerthe verkauften, um die österreichische Industrie gleich in ihren Anfängen zu ersticken. 4 ) Da griff nun rechtzeitig die durch das Berliner Decret Napoleons vom 21. November 1806 verfügte Continentalsperre gegen England rettend ein. Fördernd wirkte auch — natürlich nur vorübergehend — die fortschreitende Papiergeldentwerthung. Die österreichische Spinnerei und mit ihr auch die anderen Zweige der Baumwollindustrie nahmen nun einen rapiden Aufschwung. Im Jahre 1815 gab es in Niederösterreich nicht weniger als 43 Spinnereien mit 1059 Mule-Maschinen und 110 Water-Frames, welche 16.000 Centner Baumwolle verarbeiteten und 1,249.470 Wiener Pfund Garn erzeugten. Im Jahre 1812 bereits sollen in der ganzen Monarchie 80.000 Ballen Baumwolle aus Macédonien und Smyrna, den beiden Hauptbezugsquellen, verarbeitet worden sein. Nach dem Jahre 1814 machte sich die ausländische Concurrenz neuerlich geltend, und zwar insbesondere im Wege eines ausgedehnten Schmuggelverkehres. Auch die Zollverhältnisse hatten sich zum Nachtheil der Spinnerei verändert. Die Einfuhr von ausländischen Garnen unter Nummer 50 war bis zum Jahre 1812 verboten, die höheren Nummern hatten einen Zollsatz von 100 fl. per 100 Wiener Pfund zu entrichten. In der Folgezeit setzten es jedoch die Weber in Folge einer lebhaften Agitation durch, dass auch die Garne von Nummer 30—50 zum Zollsätze von 30 fl. per 100 Pfund eingeführt werden konnten. Dabei muss aber berücksichtigt werden, dass der Zoll für rohe Baumwolle 3 fl. 30 kr. per Centner brutto betrug, so dass sich der Zollschutz für die inländische Spinnerei — je nach den Preisverhältnissen des Rohmateriales und Halbfabrikates — entsprechend verminderte. Im Jahre 1825 stellte er sich bei Kettengarnen von Nummer 30—60 auf circa 9V3 Procent, bei Schussgarnen von Nr. 30—60 auf circa I2V 2 Procent vom Werthe. 6 ) Die Einfuhr der fremden Garne stieg scheinbar von 1-9 Millionen Gulden im Jahre 1820 auf 4-4 Millionen Gulden im Jahre 1826, in Wahrheit aber wurden die Verhältnisse für die inländische Spinnerei doch günstiger, weil in dieser Zeit wirksame Maassregeln zur Unterdrückung des Schmuggelverkehres ergriffen wurden. Wie sehr die österreichische Baumwollspinnerei in verhältnismässig kurzer Zeit erstarkt war, erhellt aus einer anonymen Agitationsbroschüre des Jahres 1821. 8 ) Dieselbe besagt, dass in dieser Industrie an 30.000 Menschen ihren Unterhalt finden, dass das in den Fabriken investirte Capital 12 bis 15 Millionen Gulden C.-M. beträgt und die Erzeugung 5—6 Millionen Pfund jährlich erreicht. Gesponnen wurden vorwiegend noch die Nummern von 10—30, welche durch völliges Einfuhrverbot geschützt waren. Die rohe Baumwolle wurde damals noch zu zwei Dritteln aus Smyrna und Salonichi bezogen, nur der Rest des Bedarfs wurde durch sicilianische und amerikanische Baumwolle eedeckt. Triest -war damals, was es heute gern werden möchte — der Baumwollhafen von Oesterreich. Interessant ist auch die Thatsache, dass es in Oesterreich selbst Baumwollpflanzungen gab. Im Jahre 1783 wurden in der Gegend von Temesvar, später bei Fünfkirchen und an mehreren Punkten des Banates und der Militärgrenze Versuche mit macedonischem Baumwollsamen angestellt. Die Anpflanzungen erhielten sich noch ') Keess, a. a. O., IT. Theil, I. Bd., S. 82. 2 ) Josef Schreyer, Kommerz, Fabriken und Manufacturen des Königreichs Böhmen. Prag 1790, S. 203. 3 ) Schreyer, a. a. O., S. 210. 4 ) Keess, a. a. O., II. Theil, I. Bd., S. 84!. 5 ) Keess und Blumenbach, a. a. O., I. Bd., S. 180. c ) Ueber die Verhältnisse der Baumwollspinnerei in Oesterreich. München 1821, S. 10. 197 einige Jahre bis zu Anfang dieses Jahrhunderts, giengen aber wieder ein, weil das Klima die Samenkapseln nicht vollständig ausreifen liess. Eine detaillirte Statistik der Baumwollspinnereien für das Jahr 1828 geben uns I-Ceess und Blumenbach. 1 ) Darnach bestanden in Niederösterreich in Böhmen in Vorarlberg in Lombardei-Yenetien 30 Spinnereien mit 224.518 Spindeln (und einer Erzeugung von über 4 Millionen Wiener Pfund) 70 Spinnereien mit ca. 500.000 Spindeln 13 » » 49.884 » 12 » » 27.160 » Viel später als in der Spinnerei vollzog sich der technische und wirthschaftliche Umwälzungsprocess in der Weberei. In England war die Maschinenweberei schon im grossen Aufschwünge, als die ersten mechanischen Stühle, »Kunstwebstühle« oder »Webemaschinen« (Power-looms) von Freiherrn v. Puthon in Wiener-Neustadt und von Johann v. Thornton in Pottendorf aufgestellt wurden. Keess und Blumenbach 2 ) constatiren aber, dass der Preis der Maschinengewebe um das Jahr 1827 sich noch immer höher stelle, als der der Handgewebe. Trotzdem habe für die Handweberei die Stunde bereits geschlagen; es sei gar nicht zu zweifeln, dass die Maschinenweberei in wenigen Jahren alle Schwierigkeiten besiegen und auch die jetzt noch niedrigeren Preise des Handlohnes auf dem Continente überholen, ja überbieten werde, ebenso wie einst die wohlfeilste Spinnerei der Erde, die ostindische, geschlagen worden sei. Die Fabrikation der Baumwollwaaren hatte sich zumeist in Niederösterreich und in Böhmen, vielfach in der Nähe der grossen Zitz- und Kattunfabriken, concentrirt. In Niederösterreich ragten insbesondere die bereits erwähnten Webereien der Pottendorfer Spinnerei und des Freiherrn v. Puthon in Wiener- Neustadt hervor. In Böhmen waren der Eibogner- und der Leitmeritzer-Kreis die Hauptsitze der Baumwollweberei, aber auch Reichenberg hatte eine Bedeutung, indem es im Jahre 1826 2000 Webstühle zählte, welche jährlich 32.000 Stück Kattune verfertigten. In Mähren wurde die Baumwollweberei am stärksten zu Sternberg, auf der Herrschaft Kunstadt und in Brünn betrieben. Trotzdem deckte die inländische Erzeugung nicht den heimischen Bedarf, namentlich in rohen Kattunen und Kammertüchern, so dass noch ein grosses Quantum von Geweben aus Sachsen, aus der Schweiz u. s. w. importirt werden musste. 3 ) Von den früheren grossen Kattunfabriken war manche den Wechselfällen der Zeit erlegen, so unter Andern auch die altberühmte, von der Orientalischen Compagnie gegründete in Schwechat. Ende 1S27 bot die Kattundruckindustrie in Folge dessen ein verändertes Bild. An grossen k. k. priv. Zitz- und Kattunfabriken zählte man in Niederösterreich die zu Neunkirchen (Vaucher de Pasquier & Co.) mit 60 Drucktischen, zu Friedau (fürstlich Corsini’sche Erben) mit 60 Drucktischen, zu Kettenhof (Freyin v. Fries und Johann Ziegler) mit 50 Drucktischen, zu Erlaa (Boltz und Müller) mit 50 Drucktischen, zu Ebreichsdorf (Freiherr v. Lang) mit 40 Drucktischen, zu Atzgersdorf (Johann Klein) mit 40 Drucktischen, zu Hacking (Franz Maurer) mit 35 Drucktischen, zu Himberg (Theodosius Blumauer) mit 30 Drucktischen, zu Atzgersdorf (Brüder Lipper) mit 30 Drucktischen, zu Fischamend (Josef Fehr) mit 25 Drucktischen, zu Himberg (Max. Ivhünel) mit 15 Drucktischen etc. In Oberösterreich war die bedeutendste Kattunfabrik die von Wels, in Steiermark die von Graz (1782 gegründet); Mähren besass Fabriken zu Althart, Ingrowitz und Schildberg. Sehr ansehnlich repräsentirte sich die Druckindustrie in Böhmen durch die k. k. priv. Fabriken von Cosmanos (Franz Leitenberger’s Söhne), Neu-Reichstadt (Ignaz Leitenberger & Sohn) Landskron, Kuttenberg, Eger, Karolinenthal, Ivarbitz, Schluckenau, Kleinaicha, Wernstadtl etc. In Ungarn bestand noch die alte Fabrik in Sassin, in Vorarlberg traten bereits Dornbirn und Rankweil hervor. Der Export in Druckwaare richtete sich damals zumeist nach Italien. 4 ) Die Folgezeit brachte wesentliche Veränderungen in der Zollgesetzgebung. Der Zollsatz auf rohe Baumwolle wurde auf 1 fl. 40 kr., im Jahre 1851 auf 1 fl. per Metercentner herabgesetzt und durch den Tarif von 1853 vollständig aufgehoben. Die Baumwolleinfuhr stieg in Folge dessen rapid, wie aus folgenden Durchschnittsziffern zu ersehen ist: 1 ) Keess und Blumenbach, a. a. O., I. Bd., S. 166 f. -) Ebenda, S. 316. 3 ) Keess und Blumenbach, a. a. O., I. Bd., S. 325 f. 4 ) Ebenda, S. 369 f. Einfuhr Ausfuhr Mehreinfuhr Jahr in tausend Kilogramm 1831 —1835 durchschnittlich . 7.867 1 9 7.848 1836—1840* » ... I 3 - 5°3 47 9-456 1841 —1845 ;> ... I9.189 7 i 19.118 1846—1850 » ... 23.838 93 23-745 1851 — 1855 » ... 32.956 to -L O 32.710 1856—1860 » ... 39-505 343 39.162 Gleichzeitig wurden aber auch die Schutzzölle auf die fremden Baumwollgarne mit jedem Tarif und Vertrag ermässigt, so dass auch die Garneinfuhr beträchtlich zunahm. Sie betrug Einfuhr Ausfuhr Mehreinfuhr Jahr n tausend Kilogra m m 1831 —1835 durchschnittlich . I.367 53 I- 3 I 4 1836—1840 » ... 3-487 69 3.418 1841—1845 » ... 2.761 58 2.703 1846—1850 » ... 2-533 94 2-439 1851 — 1855 » . . . 3-903 97 3.806 1856—1860 » ... 7.236 257 6.979 Trotzdem erstarkte- die inländische Baumwollspinnerei zusehends, nur verdrängte die Maschine die Handarbeit. Während noch zu Anfang dieses Jahrhunderts in Böhmen 40.000 Handspinner beschäftigt waren, gab es deren um das Jahr 1836 nur noch höchstens 2000. Die Maschinenspinnerei dagegen hatte eine Ausdehnung erlangt, dass sie nach dem Urtheile eines Zeitgenossen der Spinnerei in Sachsen wenigstens gleichkam; sie leistete mit dem vierten Theil der Handarbeiter wenigstens das isofache. 1 ) Man zählte in Böhmen 88 Maschinenspinnereien mit 350.000 Spindeln, die in der Durchschnittsnummer 30 zwischen 80.000—85.000 Centner Garn im Werthe von 7,300.000 fl. erzeugten. Im ganzen österreichischen Staatsgebiete wurden im Jahre 1841 145 Spinnereien mit 899.868 Feinspindeln, 18.242 Arbeitern und einem Baumwollconsum von 178.294 Wiener Centner gezählt. Im Jahre 1844 gab es 180 Spinnereien mit 1,080.937 Spindeln 2 3 ) und 1854 189 Spinnereien mit 1,533.243 Spindeln, b ) welche sich auf die einzelnen Länder folgendermaassen vertheilten: Spinnereien Spindeln 1844 Spinnereien Spindeln 1854 Niederösterreich . 40 393-356 47 569-979 Oberösterreich . 5 19.693 9 83-590 Steiermark .... 2 I 4.822 3 25.464 Kärnten und Krain . 1 5.280 3 3O.3OO Küstenland .... 1 I 3.800 — — Tirol. . 18 157.676 2 2 2 I4.O94 Böhmen. . 84 365-738 71 449.906 Lombardei .... • 27 102.320 30 I 29.046 Venedig. 2 8.292 0 28.464 Ungarn. . — — 2 2.4OO Aus einer Vergleichung dieser Ziffern lässt sich bereits ein Rückschluss ziehen auf die zunehmende Vergrösserung der Etablissements und Vervollkommnung der Spinnmaschinen. Inzwischen hatte sich in der Baumwollversorgung der Welt ein grosser Wandel vollzogen. Während noch Anfang dieses Jahrhunderts die Levante und Indien die hervorragendsten Baumwoll- producenten waren, hatte sich die Baumwollcultur in den nordamerikanischen Südstaaten rasch 1 ) K. J. Kreuzberg, Skizzirte Uebersicht des gegenwärtigen Standes und der Leistungen von Böhmens Gewerbs- und Fabriksindustrie. Prag 1836, S. 85. 2 ) Dr. Siegfried Becher, Die deutschen Zoll- und Handelsverhältnisse in ihrer Beziehung zur Anbahnung der österreichischdeutschen Zoll- und Handelseinigung. Leipzig 1850, S. 310. 3 ) Thomas Ellison, Handbuch der Baumwollcultur und Baumwoll-Industrie. Bremen 1869, S. 171. 199 verbreitet und der Antheil der Vereinigten Staaten an -der Versorgung der Welt stieg nach folgenden Percentsätzen 4 ): 1791 1801 1811 1831 1840 1850 0-4 9-0 16-3 49-6 62-6 67-8 Dieser Wechsel übte seine Rückwirkung auch auf Oesterreich, und die von Becher mitgetheilten Ziffern für den Baumwollconsum im Jahre 1844 zeigen bereits ein Vorwiegen der amerikanischen Baumwolle, denn es wurden im genannten Jahre nach Oesterreich importirt: 20'6 Millionen Pfund amerikanischer.Baumwolle = 60% 9*4 » » egyptischer. » =27 % 4 - 6 » » macedonischer, levantinischer und ostindischer » = 13% Die Production in Garnen wurde im selben Jahre auf 19 Millionen Gulden erhöht, wovon etwa 11 Millionen Gulden auf den Rohstoff und 8 Millionen Gulden auf die Verarbeitung kommen. Dass sich die Erzeugung bereits höheren Nummern zugewendet hatte, geht aus folgender Zusammenstellung hervor : 4,803.700 Pfund Nr. 6—10 im Werthe von 2,281.757 Gulden 13,000.000 10,976.400 225.700 14.700 12 32 30 » 60 » 62—100 » über 100 » 419.400 Zwirn und Börtel 7.58 3-333 8,598.180 293.410 36.750 419.400 In weit geringerem Grade hatte sich der technische Fortschritt unserer Baumwollweberei bemächtigt. Der englische Kraftstuhl, der bedeutendes Betriebscapital und eine sorgfältige Abrichtung der Arbeiter erforderte, wurde an seiner grösseren Verbreitung durch die Niedrigkeit der Weberlöhne gehindert. Die Weberei war im Wesentlichen noch Hausindustrie; jeder Weber besass ein Grundstück, das er mit seinen Familienmitgliedern während des Sommers bestellte, während im Winter die zwei bis fünf Webstühle im Hause Beschäftigung boten. Aus diesem Grunde ist es auch schwer, für diese Zeit einige statistische Daten über die Weberei zu geben. Kreuzberg (1836) schätzt die Zahl der Webstühle in Böhmen auf 75.000 und die Zahl der dabei beschäftigten Personen auf mindestens 100.000; als Minimum der jährlichen Erzeugung berechnet er 3,250.000 Stück Baumwollgewebe. * 2 ) Ellison 3 4 ) gibt für das Jahr 1851 die Zahl der Webstühle in ganz Oesterreich auf 24.099 an, eine Ziffer, die bei Berücksichtigung der Handstühle entschieden viel zu niedrig, für die mechanischen Stühle allein aber zu hoch gegriffen ist. Diese Webstühle würden sich nach dieser Angabe vertheilen auf: Niederösterreich.3266 Stühle Oberösterreich. x 18 » Steiermark.1694 » Krain.1065 » Tirol und Vorarlberg.1165 » Böhmen. 6666 » Mähren.6200 » Schlesien.1070 » Galizien.2855 * Die Druckindustrie war eifrig bedacht, trotz äusserer Schwierigkeiten ihren alten Ruf zu bewahren, und ich kann nicht umhin, die goldenen Worte der Vergangenheit zu entreissen, welche ihr, als der Bahnbrecherin unserer Baumwollindustrie überhaupt, ein von Vaterlandsliebe durchglühter, erfahrener Fachmann bereits vor mehr als 60 Jahren gewidmet hat. Während fast alle Fabrikationszweige Böhmens — so führt Kreuzberg 4 ) aus — ihre Ausdehnung der Gunst der physischen Landesverhältnisse verdanken, habe die Kattundruckerei nur mit Widerwärtigkeiten zu kämpfen gehabt. »Das rohe Material musste aus >) Dr. Ernst von Halle, Baumwollproduction und Pflanzungswirthschaft in den nordamerikanischen Südstaaten. Leipzig 1897, I. Theil, S. 175. 2 ) Kreuzberg, a. a. O., S. 89. 3 ) Ellison, a. a. O., S. 171. 4 ) Kreuzberg, a. a. O., S. 91 ff. fernen Welttheilen herbeigeschafft werden, seine Verarbeitung durch Spinnen und Weben gründet sich auf mechanische Erfindungen und Processe, worin wir heute noch anderen Ländern nachstehen; für Färben und Drucken mussten in den Tiefen der Wissenschaft neue Erfahrungen gesucht, aufgefunden und das ganze Heer der Hilfsarbeiter abgerichtet werden; durch manche andere äussere Hemmnisse wurde die Entwickelung ebenfalls erschwert! — — und ehe die einheimische Fabrication sich durch dieses Labyrinth durchwand, ehe sie von der abhängigen Kindheit zur Selbstständigkeit erwachsen war, hatte sie mit der mächtigen Concurrenz Englands und Frankreichs und mit allen Vorurtheilen zu ringen, welche Methode und Gewohnheit für das Ausland gegen das Inland einnahmen. Bewunderung muss man daher dem Muthe und dem Eifer, der Umsicht und der Beharrlichkeit derjenigen zollen, die unter solchen Umständen in die Schranken traten, solche Schwierigkeiten besiegten und anderen Männern von Muth und Unternehmungsgeist Vorbilder und Muster wurden! Ja, wenn die Zeit gekommen sein wird, die auch dem Andenken des industriellen Verdienstes seine Bürgerkrone flechten wird, wenn die Geschichte der einzelnen Länder ihre Blätter nicht mehr bloss mit den Thaten des Krieges, mit den Plänen der Staatsmänner und den Forschungen der Gelehrten, sondern auch mit den Werken des Friedens und den, dem Ganzen erspriesslichen Leistungen des thätigen Bürgers füllen wird, dann wird auch Böhmens Geschichte ihre Namen — vor anderen den Namen Leitenberger — der dankbaren Erinnerung übergeben und ganz seine Verdienste würdigen, die sich die Firmen von Reichstadt und Cosmanos um die glänzende Gestaltung dieses Industriezweiges erworben!« In Böhmen bestanden zu dieser Zeit 117 Druckfabriken, die meisten darunter jedoch kleineren Umfanges, mit 3400 Drucktischen, 38 Maschinen für den einfachen und sechs für mehrfarbigen Walzendruck. Der jährliche Capitalsumsatz dieser Branche wurde mit 14 Millionen Gulden beziffert. In die Zeit nach dem Jahre 1860 fallen mehrere Ereignisse, welche auf das Wachsthum der österreichischen Baumwoll-Industrie einen ungünstigen Einfluss ausübten. Der Verlust der Lombardei und Venedigs machte sich fühlbar, die in Folge des amerikanischen Bürgerkrieges ausgebrochene Baum- wollnoth vertheuerte in ungeahntem Maasse das Rohmaterial, und der jähe handelspolitische Systemwechsel vom Prohibitivsystem zum Schutzzoll und schliesslich gar zum Freihandel lieferte die heimische Industrie, welche noch nicht genügend erstarkt war, der ausländischen Concurrenz aus. Erst nach dem Wegfall dieser Hindernisse und namentlich seit dem Zolltarif vom 27. Juni 1878, der eine Rückkehr zum Schutzzollsystem darstellte, nahm die österreichische Baumwoll-Industrie ihre frühere Entwickelung wieder auf. Diese l'hatsachen spiegeln sich deutlich in den Ziffern unserer auswärtigen Handelsstatistik wieder, welche für die kritische Zeit ein Sinken des Rohstoffbezuges und der Ausfuhr in fertiger Waare, dagegen ein jähes Hinaufschnellen unserer Garneinfuhr erkennen lassen. Der Verkehr in roher Baumwolle stellte sich nämlich auf: Jahr Einfuhr Ausfuhr Mehreinfuhr i n tausend Kilo > g r a m m 1856 -ÖO durchschnittlich . 39-505 343 39.162 l86l - 65 » ... 24.921 1 - 1 45 23.776 1866 — 70 » ... 38.993 2.628 36.365 1871—75 » • • • 51-328 1.780 49.548 1876 - 80 » ... 63.710 3-730 59.980 l88l - 85 » ... 88.703 io .535 78.168 i886 — 90 » • • • 109.903 19.003 90.900 1891— 95 » ... 119.497 6-7 L 5 112.782 Der Aussenhandel in Baumwollgarnen betrug Jahr Einfuhr Ausfuhr Mehreinfuhr i n tausend Kilo gramm 1861 — 65 durchschnittlich . 6.747 270 6.477 1866 — 70 ... 8-653 206 8.447 CO An » ... 11.608 342 11.266 1876 — 80 » ... 12.510 557 n -953 1881 — 85 » ... 12.196 773 11.423 1886 — 90 » ... 10.718 1.087 9.631 1891—95 * ... 12.475 1.693 10.782 26 Die Gross-Industrie, IV. 201 Für Baumwollwaaren stellten sich die Ziffern Jahr in der g Einfuhr ieichen Zeit: Ausfuhr in tausend Ki Mehrausfuhr ojramm l86l - 65 durchschnittlich . igi I.I50 959 i 860 - 70 » ... 533 1 • 1 59 626 1871—75 » ... 1.424 I.4OI — 23 (Mehreinfuhr!) O 00 00 » ... 1.042 2 -594 1-552 1881 — 85 » ... 1-565 3-541 1.976 1886 — go » ... 1.169 3-374 2.205 1891—95 » ... 1.194 2 -933 1-739 In erster Linie war durch die Ungunst der genannten Verhältnisse die Baumwollspinnerei betroffen, welche unter dem Druck der Baumwollkrise in den Sechzigerjahren den grössten Theil der Etablissements ausser Betrieb gesetzt sah. Noch im Jahre 1870 zählte man nur 134 Spinnereien mit 1,404.651 Spindeln und 20.454 Arbeitern, also weniger als im Jahre 1854. Davon entfielen auf: Etablissements Feinspindeln Arbeiter Niederösterreich . . . 29 409.154 6.679 Tirol und Vorarlberg . . 24 245-434 2.949 Böhmen. . . 67 614.491 8.765 Der Ausbruch des deutsch-französischen Krieges verringerte die Concurrenz des Auslandes und verbesserte, im Vereine mit dem stärkeren Zollschutze, die Lage der Spinn-Industrie. Die seitherige Entwickelung illustrirt eine, vom ehemaligen Vereine der österreichischen Baumwollspinner und vom gegenwärtigen Verbände der Baumwoll-Industriellen') herausgegebene Spindelstatistik, welche sich in folgende Tabelle gruppiren lässt: Spindelzahl (Fein- und Abfallspindeln) Handelskammerbezirk t"- CO 1880 1884 1890 1895 Wien. • 4 I 9-550 396.226 404.220 431.866 434.686 Linz. 96.738 ui -444 121.404 137-444 134.042 Prag und Budweis. 97.424 117.376 182.680 237.188 266.974 Reichenberg . • 529-934 607.537 777.816 1,102.654 1.112.559 Eger. 114.905 11 1-552 118.599 135.800 215.779 Brünn, Olmütz und Troppau — 22.196 78.996 136.068 189.396 Innsbruck und Bozen .... 82.420 81.204 84.528 112.104 129-755 Feldkirch. • I 74 -I 58 179.162 211.122 256.132 292.696 Graz, Laibach und Görz 55-340 58.192 82.608 109.318 126.776 Ungarische Reichshälfte . — — 14.918 24.188 32.088 1,570.469 1,684.889 2,076.891 2,682.762 2,935.651 Daraus wird ersichtlich, dass sich die Spinnerei gegenwärtig auf drei grosse und wesentlich selbst- ständig entwickelte Centren: auf Nordböhmen, Niederösterreich und Vorarlberg vertheilt, dass aber die nordböhmische und vorarlbergische Gruppe im Vergleich zur niederösterreichischen ausserordentlich rasch gewachsen ist. In der Weberei dauert der zähe Kampf zwischen der Handweberei und der mechanischen Weberei noch heute fort. In zahlreichen Districten Böhmens und Mährens wird die Handweberei in grossem Maassstabe von der Landbevölkerung während der Wintermonate betrieben. Die Zahl der in den mechanischen Webereien aufgestellten Kraftstühle wurde Anfangs der Siebzigerjahre auf 20.000 geschätzt. 2 ) Für die spätere Zeit stehen uns nur die Ziffern der amtlichen Industriestatistik zu Gebote, welche jedoch sehr unvollständig und — was das Schlimmste ist — unvergleichbar sind, weil die Ermittlungsgrenze mit jedem Ouinquennium wechselte. Man zählte: 1880 1885 1890 Mechanische Webereien . . . . j 183 ( 180 194 Handwebereien. 1 265 339 ') Statistik der österreichischen Baumwoll-Industrie. Wien 1895, S. 13 und ig. 2 ) Brachelli und Migerka, Oesterreichs commercielle und industrielle Entwickelung in den letzten Jahren. Wien 1873, S. 46. 202 1880 1S85 1890 Mechanische Stühle .... • • • 30.337 37004 49-033 Handstühle '. f 12.765 ) 1 48.771 J 35-590 26.784 Arbeiter. 68.571 76.703 Für das Jahr 1895 hat der Verband der Baumwoll-Industriellen Oesterreichs folgende Ziffern ermittelt: Handelskammerbezirk Stühle mechanische Hand- Arbeiter Wien. 2.789 344 I.996 Linz. 838 847 I -587 Reichenberg.. . 42.042 40.599 74-095 Eger. 2.1 20 305 1.665 Prag, Budweis und Pilsen. 4.II9 I -567 6.929 Troppau . 2-383 I.5OO 3-935 Brünn und Olmütz. 3.284 23-364 26.384 Graz, Laibach und Görz. 1.050 — 730 Innsbruck, Bozen und Feldkirch 5-832 — 4-947 Ungarische Reichshälfte. 945 ? 821 Summe . 65.402 68.526 124.678 Für die Baumwolldruckerei gibt die amtliche Industriestatistik folgende Daten: 1880 1885 1890 Unternehmungen. 82 49 4 i Druckmaschinen . 180 172 Drucktische. 309 759 398 Arbeiter. 5 -I 52 6.106 7.180 Der Rückgang ist — in Folge Aenderung der Kriterien über die Fabriksmässigkeit der Betriebe — nur ein scheinbarer.; übrigens deutet die unbegreifliche Schwankung in der Zahl der Drucktische auf eine 'grosse Unzuverlässigkeit der Zahlen hin. Die Verbandsstatistik ist für das Jahr 1895 zu folgenden Ziffern gelangt: Handelskammerbezirk Druckmaschinen Drucktische Arbeiter Wien. . . 42 94 I.924 Linz. U 336 Reichenberg. 58 104 3-337 Eger. 4 2 60 Prag und Budweis. 34 — 1.203 Brünn, Olmütz und Troppau . . . . 26 32 Gj 00 Feldkirch. 9 185 598 Ungarische Reichshälfte. 18 — 800 Summe 201 432 8.956 Die Geschäftsverhältnisse der Baumwoll-Industrie können so, wie sie sich in den letzten zwei Jahren ausgebildet haben, keineswegs als günstige bezeichnet werden. Die Consumfähigkeit des Inlandes ist in Folge schlechter Ernteerträgnisse und schwierigerer Erwerbsverhältnisse gesunken, der an und für sich nicht allzu grosse Export wird durch die übermächtige fremde Concurrenz abgedrängt, und die Folge davon zeigt sich in einer allgemeinen Ueberproduction. Die Baumwollspinnerei sah sich zur Sanirung ihrer Industrie im Jahre 1897 sogar zu schweren Opfern veranlasst, indem sie im Verhältnis zu der Spindelzahl des Einzelnen aus eigenen Mitteln einen Exportfond von mehreren Hunderttausend Gulden bildete, aus dem Exportprämien gezahlt wurden zu dem Zwecke, um einen Theil der überschüssigen Lagerbestände auf deutsche Märkte abzustossen. Die Baumwollweberei unternimmt immer neuerliche Versuche, eine Betriebsreduction durchzuführen, und in der Kattundruckerei sind bereits einige Etablissements zum völligen Stillstand 203 26* verurtheilt worden. Dazu kommt noch die traurige Perspective, dass in Folge der Emancipations- bestrebungen der Ungarn das noch immer bedeutende Absatzgebiet jenseits der Leitha sichtlich schwindet, ja vielleicht ganz verloren geht. Die Productionsverhältnisse verschlechtern sich gleichfalls von Jahr zu Jahr, doch hierunter leidet nicht die Baumwoll-Industrie allein, sondern die ganze österreichische Industrie überhaupt. Gesetzgebung, Verwaltung und öffentliche Meinung sind leider trotz vorübergehender Ausnahmen noch nicht von jenem Wohlwollen erfüllt, welches dieser wichtige Zweig der nationalen Arbeit verdient. Weniger denn je scheint heute die Zeit gekommen zu sein, wo man dem Andenken des industriellen Verdienstes seine Bürgerkrone flicht. Und doch kann dem Jubiläumsjahr unseres Kaisers keine schönere, keine echtere Zier zu Theil werden als durch die Resultate von fünfzig Jahren industrieller Arbeit. 204 BAUMWOLLSPINNEREI und WEBEREI A CT I EN GESELLSCHAFT BOZEN. as Etablissement wurde 1848 in Zwölfmalgrain bei Bozen von Franz v. Ivofler, Anton Welponer und Georg Hermann als Baumwollspinnerei gegründet, in der Erwartung, einen lohnenden Absatz im lombardisch-venetianischen Königreiche zu gewinnen. Im Jahre 1858 wurde der Spinnerei eine kleine - ...^, Weberei angefügt, welche eine Ergänzung des Unternehmens bilden sollte. Als in Folge der unglück- liehen Kriege- im Jahre 1859 und 1866 das ursprüngliche Absatzgebiet verloren gieng, mussten innerhalb der österreichisch-ungarischen Monarchie neue Absatzgebiete gesucht und gefunden werden. Dies konnte nur durch schwere Opfer erreicht werden, da die excentrische Lage innerhalb der Monarchie aussergewöhnliche Frachtspesen erforderte und ausserdem die Anpassung an die Geschmacksrichtung und an die Bedürfnisse des neuen Kundenkreises das Erträgnis des Unternehmens nachtheilig beeinflusste. Im Frühjahre 1890 wurde die Spinnerei durch Brand gänzlich zerstört und seither dem gegenwärtigen Stande der Technik gemäss neu aufgebaut. Ursprünglich war die nöthige Betriebskraft aus dem Wildbache »Talfer« gewonnen worden. Die Wasserfassung, welche mit einem hohen Capitalsaufwande durchgeführt worden war, wird jedoch durch Hochwasser häufig gestört, welche Störungen nur durch kostspielige Einkehrarbeiten behoben werden können. Da überdies in trockenen Wintern das für den Betrieb nöthige Wasserquantum kaum zur Hälfte vorhanden ist, sah man sich veranlasst, eine Dampfmaschine aufzustellen und eine elektrische Kraftübertragung einzurichten. Das neue Gebäude selbst ist »fireproof« g-ebaut und besitzt zur Verhütung einer Feuersbrunst eine Sprinkler-Anlage mit ausgiebigen Feuerlöschvorrichtungen. Mit neuen Maschinen, Dampfheizung, Ventilatoren und allen modernen hygienischen Einrichtungen versehen, entspricht die Fabrik vollkommen den Anforderungen der Neuzeit. Im Betriebe des Etablissements, welches nunmehr über eine Wasserkraft von 225 Pferdekräften und eine Reserve-Dampfmaschine von 140 Pferdekräften verfügt, stehen gegenwärtig 8132 Spindeln und 60 Webstühle und werden nur besonders solide Garne und Baumwolltücher producirt. Die Chappespinnerei, welche das Unternehmen in früherer Zeit mit Rücksicht auf die Seidencultur Südtirols als Nebenbetrieb cultivirte, musste in Folge der geänderten Verhältnisse gänzlich aufgelassen werden. Die Zahl der Arbeiter betrug bei Begründung des Unternehmens einschliesslich der in der Chappespinnerei Beschäftigten 340. Gegenwärtig, nach Auflassung der Chappespinnerei und nach der Durchführung technischer Reconstructionen anlässlich des Wiederaufbaues der vom Brande zerstörten Fabrik, ist der Arbeiterstand auf 170 gesunken. Für dieselben wurde eine Betriebskrankencasse errichtet und sind sie auch gegen Unfall versichert. Das Unternehmen stellt ausserdem der Arbeiterschaft gesunde Wohnungen gegen einen billigen Miethzins zur Verfügung. Inhaber des Fabriksunternehmens ist eine Actiengesellschaft, der gegenwärtig Reichsraths- und Landtagsabgeordneter Paul Welponer als Präsident vorsteht. 205 fit «**■- Vs" 1 * ***1 OJJLlOTiütij ^5<\!l .:ir :Ui ■ .:_ r. -HsTi cMf&Sfc ~$jUal3QU.:8o£ 'Vi—W ■I. - ..I ^ ,. L..^l ÖS^iiiSälSJjtu ie Macospinnerei Cichorius & Co. wurde im Jahre 1893 errichtet, um einen bis dahin in Oesterreich wenig betriebenen Zweig der Baumwollfeinspinnerei zu cultiviren und insbesondere kardirte und gekämmte Macogarne in den hohen Nummern zu spinnen. Unter Macogarnen versteht man Garne, welche aus Macobaumwolle, d. i. Baumwolle, die in Aegypten gebaut wird, hergestellt sind. Die Macobaumwolle zeichnet sich vor anderen Wollen, amerikanischer, ostindischer und sonstiger Provenienz, durch guten langen Stapel, durch Glanz und durch eine eigenthümliche gelblich-braune Färbung aus. Um aber aus diesem Materiale ein entsprechend gutes Garn hersteilen zu können, sind besondere maschinelle Vorrichtungen nöthig. Die Firma entschloss sich daher, das ganze Etablissement nur auf die Verarbeitung von Macobaumwolle, wie ja auch in der Firmazeichnung ausgedrückt ist, einzurichten. Als Specialität werden ausser kardirten Garnen alle Nummern gekämmte Garne in besonders guten Qualitäten gesponnen. Gekämmte Garne sind Garne, welche einen besonders festen Halt und hohen Glanz haben und in Folge dessen zu den besten Stoffen verwendet werden. Das Kämmen ist ein Process, durch den sämmtliche Unreinheiten, wie: Schalen, Kletten u. s. w., die auf den Karden nicht ausgearbeitet werden können, sowie sämmtliche Fasern unter einer bestimmten Länge entfernt werden. Der Abgang auf den Kämmaschinen, die Kämmlinge, werden . wieder von Abfallspinnereien oder Wattefabriken verarbeitet. Die besseren Macogarne, insbesondere gekämmte, wurden früher zum weitaus grössten Theile aus der Schweiz und England bezogen, und wenn auch, namentlich in den letzten Jahren, die Macospinnerei in Oesterreich eine grosse Ausdehnung erfahren hat, so macht sich die genannte ausländische Concurrenz doch noch immer recht fühlbar. Die Firma pflegt als besondere Specialität die Erzeugung von gekämmten Garnen in den Nummern von 60 bis 100. Leider sind aber die Zollverhältnisse recht ungünstige, so dass die Firma nur unter grossen Opfern schrittweise mit ihrem Bestreben, den österreichischen Consum vom Auslande wenigstens einigermaassen unabhängig zu machen, vorwärts kommt. Der Zollsatz für Garne über 60 ist ein geringerer, als für grobe Nummern. Hoffentlich unterstützt in Zukunft die Regierung diesen Industriezweig, namentlich bei der Abfassung neuer Handelsverträge, und gleicht die jetzt nicht mehr zeitgemässe Ungerechtigkeit gegenüber einem einzelnen Zweige der Baumwollspinnerei durch eine entsprechende Erhöhung des Zolles für Garne über Nummer 60 aus. Das Unternehmen wurde als Commandit-Gesellschaft gegründet und wird von dem Firmeninhaber Theodor Cichorius aus Leipzig, dem auf dem Gebiete der Macospinnerei reiche Erfahrungen zur Seite stehen, geleitet. Das Etablissement ist nach den neuesten Erfahrungen eingerichtet. Für das Gebäude wurde Shedbau nach der bewährten Construction des Civilingenieurs C. Sequin Bronner in Rüti gewählt. Der Bau bedeckt eine Fläche von 16.000 Quadratmetern, wovon auf den in zwei Ansichten dargestellten Spinnsaal allein 7980 Quadratmeter entfallen. Die maschinelle Einrichtung wurde von der bekannten englischen Firma Platt Brothers & Co. Ld. in Oldham geliefert, und zwar 29.000 Spindeln im Jahre 1893, dann 1897 weitere 23.000, so dass jetzt 52.000 Spindeln im Betriebe sind. Eine 1 qoopferdekräftige Dampfmaschine von Gebrüder Sulzer in Winterthur treibt das Werk; der hiezu nöthige Dampf wird in fünf Wasserrohrkesseln mit 1000 Quadratmeter Heizfläche erzeugt. Zweckmässige Heiz- und Ventilationsanlagen sorgen für gleichmässig temperirte gesunde Luft in den Arbeitssälen. Gegen Feuersgefahr ist ipSerilS 206 das Etablissement durch eine selbstthätig wirkende Sprinkleranlage geschützt; diese besteht, wie auch auf den Abbildungen des Spinnsaales ersichtlich, aus einem an der Decke angebrachten Rohrsysteme, an dem in Abständen von je 3 Metern eine Brause angebracht ist. Diese ist für gewöhnlich durch eine Legirung geschlossen. Bei Ausbruch eines Feuers schmilzt die Legirung, sobald die Luft an der Decke auf 56 Grad C. erwärmt ist. Dem in den Rohren befindlichen Wasser wird hierdurch ermöglicht, auszufliessen. Dasselbe strömt in Form einer Brause, eine Grundfläche von 9 Quadratmeter deckend, herab und löscht das Feuer selbstthätig; die Rohre stehen mit einem hochliegenden Wasserreservoir in Verbindung, welches in der Leitung einen Druck von 1-5 Atmosphären hält. a £ iii |Ä. 'j^gsS£e& l C ^ 4. ‘JBSSBSS- •■r.iiir*” mm isv- Y fLÄfT-BRC-THET'*»'- V.Co ■| Lirim II. ; ; r- !.’.n 1■■ /*>■ - i ■ JOH. GRILLMAYER & SOHNE K. K. PRIV. BAUMWOLL-SPINNEREI KAUFING UND WIEN. ie Entstehung dieser Firma reicht zurück in jene Zeit, in der die österreichische Baumwoll-Industrie in ihren Anfängen war. Johann Grillmayer senior wurde im Jahre 1836 Besitzer einer kleinen Handweberei und eines Manufacturgeschäftes in Linz. Die Handweberei liess er auf und führte nur das Geschäft vorerst unter der Firma Grillmayer &Wöss weiter, die er jedoch bald nach Aufnahme seiner Stiefsöhne Georg und Johann Hörzinger auf ihren heute bestehenden Wortlaut Joh. Grillmayer & Söhne änderte. Damals erbaute Johann Grillmayer senior die erste mechanische Weberei in Oberösterreich, in Kleinmünchen bei Linz, und bald darauf eine Baumwollspinnerei, sowie in kurzen Zeitfolgen noch zwei andere im selben Orte. Später, nach Aufnahme seines Schwiegersohnes Wilhelm Stuki in die Firma, gründete er in Kaufing bei Schwanenstadt an der Stelle eines Eisenwerkes, das der ungünstigen Lage wegen unhaltbar geworden war, eine weitere Baumwollspinnerei, die anfänglich mit 6000, im Todesjahre des Gründers (1881) mit 10.000 Spindeln betrieben wurde. Alle diese Fabriken, mit Ausnahme der Ivaufinger, wurden durch die Wasserkraft der Traun betrieben. Im Jahre 1872 verwandelte Johann Grillmayer senior seine Kleinmünchener Unternehmungen, die sich gewaltig entwickelt hatten, in die » Actien-Gesellschaft der Kleinmünchener Baumwollspinnerei und mechanischen Weberei«, in deren Leitung er bis zu seinem Tode verblieb, und reservirte sich die Spinnfabrik in Kaufing. Nach dem Tode dieses um die österreichische Baumwoll-Industrie im Allgemeinen und jene des Kronlandes Oberösterreich besonders verdienten Mannes gieng die Spinnerei Kaufing an seinen einzigen Sohn Johann Carl Grillmayer über, der sich im Jahre 1883 mit seinem Vetter Josef Thomas Mayer associirte. Die Firma gieng im Jahre 1886 daran, an der Ager, 3 Kilometer aufwärts der alten Fabrik, eine zweite Baumwollspinnerei zu errichten und sie den fortgeschrittenen Ansprüchen der Spinnerei- Technik entsprechend auszustatten. In dieser Spinnerei, welche den Namen »Johannisthal« führt, werden durch eine Turbine von 160 Pferdekräften 6000 Spindeln betrieben und Garne von Nr. 36 bis Nr. 40 erzeugt. In Folge Reconstruction der alten Spinnerei Kaufing genügten die vorhandenen 220 Pferdekräfte nicht mehr, welchem Uebelstande im Jahre 1896 dadurch abgeholfen wurde, dass ein Gefälle ausgebaut, durch eine 80 Pferdekraft-Turbine ausgenützt und die so gewonnene Kraft mittelst einer elektrischen Gleichstrom-Anlage in die 3 - i4 Kilometer entfernte Spinnerei geleitet wurde. Diese elektrische Anlage wurde von Fachleuten wiederholt als eine Musteranlage bezeichnet. *» M nt,*) r * Spinnerei Johannisthal. 210 mupÄ k N " ' »llii '«iiii IJniftiJ»| X«. H.'ttl! JL Xi ilüÜÜÜTn M!{! uUlüiR äSil H!!i! i «II!!!!!!!!!:! jpXi»1 ÜiÄl ****¥(?*,• imm iäähSL jfSSgtes»?*«; ijiwfi»!»*- ^Äfcigj :sküj< Baumwollspinnerei, Roth- und Flavinfärberei in Bensen. GEBRÜDER GROHMANN ROTH GARN-FÄRBEREIEN UND BAUMWOLLSPINNEREI WISTERSCHAN UND BENSEN IN BÖHMEN. as industrielle Zwickau in dem deutschen, tiefer gelegenen Theile Nordböhmens verlassend, richten wir unsere Schritte in der vom Weberbache durchzogenen Thalsohle nach Nieder-Zwickau, vorüber an freundlichen Wirthschaftsgebäuden mit dichtbelaubten Baumgruppen, wo sich als Ausläufer des sogenannten »Zwickauer Felsengebirges« der »Hochstein«, eine groteske Sandsteingruppe, ausdehnt; im Sä Vordergründe erhebt sich der terrassenförmig aufsteigende »Grünauerberg« mit seinem kahlen Scheitel, im Rücken vom »Hochwald« und dem spitzen »Limberg« überragt. Ueber eine wellenförmige Hügelkette schweift dann der Blick hinüber nach dem Jeschkengebirge, dessen blaue Contouren den Horizont begrenzen. So gelangen wir nach Ober-Lindenau, wo sich das Thal mehr südöstlich wendet und vom einst sehr fischreichen Zwittebache, dessen Ufer dichte Erlenbiische begrenzen, durchzogen wird. Wir stehen da plötzlich vor einer stattlichen Fabriksanlage, und zwar vor der Rotligarnfärberei der Firma Carl Grohmann & Sohn (Inhaber: Johann Grohmann). Sie ist die Wiege jener Schöpfungen, deren kurze Betrachtung der Zweck dieser Zeilen ist. Spinnrad und Webstuhl sind schon seit länger als zweihundert Jahren hier heimisch und gestalteten sich zum Pionniere für alle späteren, so zahlreich erstandenen Unternehmungen der Textilbranche. Mit der Mitte des vorigen Jahrhunderts trat ein Umschwung der altehrwürdigen Verhältnisse ein; die Baumwolle, dieses nützliche Product der Tropen, machte sich auch in dieser fleissigen Gegend heimisch, stellte sich an die Seite des Leinengewebes, und so entstanden immer neue Weberfirmen, Bleichereien, Färbereien, Kattunfabriken u. s. w. Ihre Erzeugnisse waren Zitz, Tüll, Barchent, Nanking, Futter-Cottone etc., sie boten Beschäftigung für unzählige fleissige Hände der weiten Gegend. Am oberen Ende von Lindenau errichtete nun Graf Joseph Ivinsky aus Bürgstein gegen die Mitte des vorigen Jahrhunderts ausser einer Lein wand Weberei auch 1756 eine herrschaftliche Bleiche, und zwar sowohl für Garn als auch für Leinwand; erstere wurde von einem einheimischen, letztere von einem sächsischen Bleichmeister geleitet. Der Zweck war, die Garne sowohl, als die fertigen Erzeugnisse, und zwar Leinwand, Gezogenes, Zwillich, Barchent und Tüchel, durch Abbleichen auszufertigen, beziehungsweise zu veredeln. 1790 ist noch von dieser herrschaftlichen Bleiche in sehr rühmlicher Weise die Rede, und zwar heisst es in den betreffenden Aufzeichnungen, »dass sie eine schöne und vollkommen construirte Commerzial-Leinwandbleiche sei«. Nichtsdestoweniger gieng diese Lindenauer Bleiche in nicht zu langer Zeit ein, und die Realität sammt Grundbesitz gelangte theils zur Verpachtung, theils zum Verkaufe an eine Lindenauer kleine Fabriksfirma. Von letzterer gieng der Besitz 1846 an den Fabrikanten Carl Grohmann über, welcher einer Schönlinder Familie entstammte, die sich zumeist mit Geldwechsel und Leinwandhandel befasste. Derselbe errichtete zwei Jahre später daselbst eine Türkischrothgarn-Färberei und Buntfärberei mit Bleiche. 1809 geboren, hatte er schon seit 1834 in der »alten Farbe« der Vorstadt Zwickau die Rothfärberei ausgeübt und wurde bald darauf Schwiegersohn Ignaz Martins, der im nahen Martinsthal die Türkischfärberei im 211 27 gegen heute selbstverständlich geringeren Umfange betrieb und dem mit Anton Balle in Zwickau das Verdienst gebührt, diese Färberei in Böhmen zuerst eingeführt zu haben, nachdem das Verfahren des Türkischrothfärbens bis dahin als Geheimnis angesehen wurde und Elberfeld das ausschliessliche Monopol in der Erzeugung dieses Artikels besass. Wir kehren nach Lindenau, dem eigentlichen Stammhause der heute in der Rothgarnfärberei bestehenden zwei Firmen Grohmann, zurück. Carl Grohmann betrieb daselbst mit wechselndem Glücke seine Fabrication und erzog seine Söhne mit aller Fürsorge für das eigene Geschäft, indem er besonders auch seine Rührigkeit auf sie zu übertragen wusste; es war ihm bestimmt, sich noch im Alter an dem Glücke seiner Kinder und dem guten Gedeihen der durch ihn begründeten Unternehmungen erfreuen zu können. Es waren ihm vier Söhne beschieden: Martin (geb. 1840), Johann (geb. 1842), Theodor (geb. 1844) und August (geb. 1855), der 1884 im 30. Lebensjahre einem tückischen Lungenleiden erlag, tief betrauert von allen, die ihn kannten, ob seiner seltenen Flerzensgüte und humanen Gesinnung. Es war im Jahre 1864, als Vater Grohmann, in Rücksicht auf das Teplitzer Kohlenbecken mit seinem billigen Brennstoffe, die Anlage einer Filiale seiner Rothgarnfärberei in der Teplitzer Gegend ins Auge fasste; er wählte hiezu den von Teplitz eine halbe Stunde entfernten, an der Aerarialstrasse nach Lobositz gelegenen Ort Wisterschan; der Versuch war nur ein zaghafter; die Anlage war für kaum 25 Arbeiter mit einfachem Handbetrieb eingerichtet. Törkischrothgarn-Färberei in Wisterschan. -Cr.-' * Jbfc t r-y yjp Da trat 1866 eine Firmen-Aenderung ein, indem der Vater Carl Grohmann die Lindenauer Fabrik allein weiterführte und die Brüder Martin, Johann und Theodor sich zur Uebernahme von Wisterschan vereinigten. Johann Grohmann kehrte jedoch nicht lange darauf zum väterlichen Geschäfte nach Lindenau zurück, und so führten nun die beiden Brüder Martin und Theodor unter der beibehaltenen Firma »Gebrüder Grohmann« das Wisterschaner Geschäft selbstständig fort und sahen bei offenem Blicke, bei reger Entfaltung ihrer Arbeitskraft und endlich bei einer sehr gedeihlich wirkenden gegenseitigen Arbeitstheilung die Früchte ihrer Schaffenslust und brüderlicher Eintracht in der immer grösseren Ausgestaltung ihres geschäftlichen AVirkens heranreifen. Sie leiten auch heute noch selbstständig die grosse Zahl ihrer Unternehmungen, welche, auf durchaus solider und reeller Grundlage errichtet, der Firma ihren guten Ruf in der gesammten Geschäftswelt verschafften. Wir wollen dies in Kürze etwas näher beleuchten: Es kam das Jahr 1870 heran und mit ihm der bekannte geschäftliche Aufschwung, der auch unseren jungen Fabrikanten den Muth verlieh, ihre Anlagen zeitgemäss zu verbessern, sowie zu erweitern; es erfolgte die erste Aufstellung eines Dampfkessels, sowie einer Dampfmaschine zum Betriebe der Kochapparate und Werkmaschinen, und bei fortgesetzter segensvoller Entwickelung erweiterte sich diese Betriebsanlage bis heute auf 4 Dampfkessel, 3 Dampfmaschinen mit den erforderlichen, verschiedenartigen Werkmaschinen und einer Arbeiterzahl von circa 140. Grosse Schwierigkeiten für eine noch umfangreichere Erweiterung der Färberei boten leider die beschränkten Wasserverhältnisse, und da überdies eine neue und billigere Methode des A^erfahrens ganz besonders reines, eisenfreies Flusswasser zur Bedingung machte, entschloss man sich 1876 zur Errichtung einer zweiten Färberei am Polzenflusse in dem alten, gewerbsfleissigen Bensen, die auch noch heute in unveränderter maschineller Einrichtung mit circa 70 Arbeitern daselbst im Betriebe steht. 212 Mit den Jahren der Entwickelung stellte sich immer mehr das Bedürfnis heraus, statt des zum Färben noth- wendigen, im In- und Auslande zumeist auf eigene Rechnung gekauften Garnes, womöglich eigenes Gespinnst verarbeiten zu können, vermochte doch übrigens die Grösse dieses Bedarfes ganz gut schon eine massige Spinnerei allein zu beschäftigen. So wurde denn 1882 der erste Theil der an die Bensener Färberei anstossenden Baumwollspinnerei errichtet und dieselbe bis 1889 zu dem aus dem vorliegenden Bilde ersichtlichen Umfange gebracht. Es arbeiten daselbst eine englische Dampfmaschine von 800 Pferdekräften, eine deutsche von 250 Pferdekräften, ferner zwei inländische je öopferdekräftige Maschinen als Kraftreserve und für den elektrischen Betrieb, mit zusammen 7 Dampfkesseln, welche maschinelle Anlage circa 50.000 Baumwollspindeln nebst 3600 Zwirnspindeln mit allen den nöthigen Reinigungs- und Vorbearbeitungsmaschinen in Gang setzt. Die Production dieser stattlichen Fabriks- und Maschinen-Anlage erreicht bei einem Arbeiterstande von circa 600 Personen die Höhe von nahe an 4 Millionen Pfund Baumwollgarn. Einen besonderen Hinweis auf die Güte und Beliebtheit des Grohmann’schen Gespinnstes unterlassen wir; sein Renommé ist in Fachkreisen zur Genüge bekannt. Es soll jedoch an dieser Stelle nicht verschwiegen werden, dass diese, einen einzigen Complex bildende Spinnfabrik auf der Höhe ihrer maschinellen Einrichtung und geschäftlichen Leitung steht und wohl kaum von anderen Spinnereien des Inlandes darin übertroffen werden dürfte. Im vorigen Jahre wurde angrenzend an den Besitz abermals ein grösseres Grundstück erworben, welches die Bestimmung hat, als Baugrund für eine Anzahl von Arbeiterhäusern zu dienen, deren Errichtung unmittelbar bevorsteht. Der Vollständigkeit halber sei noch erwähnt, dass die Firma auch noch eine dritte Färberei, und zwar in Josefsthal unterhalb Bensen, unterhält. Sie wurde von dem Fabriksbesitzer Josef Pietschmann erworben, der den Betrieb daselbst einstellen wollte, nun wird sie von einem Färbermeister geleitet und arbeitet mit einem Dampfkessel und einer Maschine nebst Centrifugen und den sonst nöthigen Werkmaschinen bei einem steten Stande von 30 Arbeitern. Betreffs der Unternehmungen in Wisterschan und Bensen sei noch erwähnt, dass erstere direct an der Station gleichen Namens der neuen Teplitz-Reichenberger Bahn liegt, die Fabriken in Bensen dagegen durch eine kurze Schleppbahn mit der gleichnamigen Station der Böhmischen Nordbahn verbunden sind. Die Firma besitzt ferner ein bei der Station Eisenberg der Dux-Bodenbacher Bahnstrecke gelegenes Kohlenwerk. Wir schliessen unsere Skizze mit folgenden productiv-statistischen Schlussbemerkungen: Von der erwähnten Garnerzeugung per 4 Millionen Pfund findet nicht ganz der dritte Theil seine Verwendung zur Rothgarn-Erzeugung ; hiezu kommt noch ein verhältnismässig sehr geringes Quantum feinfädiger Garne und Zwirne aus dem Auslande, welches im Lohne für einzelne Kunden gefärbt wird. Das Absatzgebiet für Rothgarn bilden noch immer, nach wie vor, zumeist die böhmischen und mährischen Webereibezirke, sodann die Districte der Wirkwaaren-Industrie. Im ersteren Falle sind es heute hauptsächlich die Artikel: Canevas, Oxford, Bettzeuge, Matratzen, Gradei, Kleiderstoffe, Tischtücher, Taschentücher, Inlettstoffe u. s. w., bei denen das Rothgarn seine Verwendung findet und welche Artikel in der gesummten österreichisch-ungarischen Monarchie, aber auch nach den Balkanstaaten ihren Abfluss nehmen. An Ausstellungen hat sich die Firma Gebrüder Grohmann in äusserst geringem Maasse betheiligt ; bei der Wiener Weltausstellung 1873 erhielt sie die A^erdienst-Medaille. R. ÄS:-', '-A PMTWlTl Türkischrotbgam-Färberei in Josefsthal-Bensen. 213 WZ'ZFjPi sVlW*. M. HAINISCH K. K. PRIV. NADELBURGER BAUMWOLL-SPINNEREP) NADELBURG—WIEN. I ie Gründung dieses Etablissements fällt in das Jahr 1830. Bereits seit dem Jahre 1815 hatte der Gründer dieser Firma, Anton Hainisch, in Nadelburg den Betrieb einer Messing- und Nadelfabrik übernommen. Im Jahre 1830 nun baute er eine Baumwollspinnerei, in welcher zunächst 1000 Spindeln zur Aufstellung kamen. Als im Jahre 1837 Anton Hainisch starb, wurden beide Fabriken von dessen drei Söhnen Anton, Michael und Josef unter der Firma: Gebrüder Hainisch weitergeführt, bis im Jahre 1844 Michael Hainisch in den alleinigen Besitz derselben gelangte. Unter dem Titel M. Hainisch wurde das Etablissement auch nach dem im Jahre 1880 erfolgten Ableben des Michael Hainisch von dessen Erben weiter betrieben. Die ursprünglich sehr primitiv eingerichtete Fabrik wurde unter der energievollen Leitung Anton Hainisch’ verbessert und unter der kauf- und fachmännischen Direction des Michael Hainisch bedeutend vergrössert. Bereits im Jahre 1845 wurde zur Yergrösserung der Spinnfabrik ein Durchstich des Flussbettes der Fischa von der aufwärts gelegenen Mühle bis zu der abwärts gelegenen Obereggendorfer Papierfabrik in Angriff genommen, die Spinnerei von 7000 auf 12.000 Spindeln vergrössert und im Jahre 1847 in Betrieb gesetzt. Auch die für den Betrieb nothwendigen Motoren mussten wesentlich vermehrt werden, um den erhöhten Anforderungen entsprechen zu können. Eine vollständige Reorganisation erfuhr die Spinnfabrik im Jahre 1894. Es wurde eine neue Turbine eingesetzt, verschiedene Magazine gebaut, ferner ein grosses Maschinenhaus errichtet, die bisher verwendete Dampfmaschine durch eine neue Maschine von 300 Pferdekräften ersetzt und überhaupt die Fabrik mit den entsprechenden neuesten Maschinen eingerichtet. Mit der Erweiterung des Betriebes wuchs auch die Zahl der in der Fabrik beschäftigten Arbeiter. Während die Spinnfabrik und die Metallwaarenfabrik bei der Uebernahme durch Anton Hainisch einen Arbeiterstand von nur 30 Personen aufwiesen, stehen gegenwärtig, nach einem Zeitraum von mehr als 80 Jahren, in diesen Etablissements über 600 Arbeiter in Verwendung. Dieselben wohnen theils in den benachbarten Orten, theils in den nahen und bequem eingerichteten Arbeiterhäusern. Letztere werden den Arbeitern unentgeltlich überlassen und bilden gewissermaassen einen mit regelmässigen, breiten Gassen gebauten Ort für sich. ') Die Messing- und Metallwaarenfabrik derselben Firma siehe in Band II, Gruppe III. 214 ^ s n c a •d n ü ö er r V di»- at. nt* X'&'-Sn. I MTtfa, i .irai i.iMU.gjiJEgi. tra nn ■ snß eI _ ja Lsaa >\ I an» i Li^kpL lummm, •A7jaasi»r M£m L'-Z# jüTt — Cv p ITG^fteiS. Jvn. Spinnerei Juchen, Dornbirn. EiS äs *£isa 5 ügjpN mmz 5 * 5 »*,: P§Ö?***5if«** &M. 9Mäm K«S*i HERRBURGER & RHOMBERG MECHANISCHE BAUMWOLL-SPINNEREIEN, WEBEREIEN UND APPRETUR DORNBIRN, INNSBRUCK, ABSAM, DEUTSCH-MATREI. D Pi rma Herrburger & Rhomberg mit ihrem Stammhause zu Dornbirn datirt ihre Gründung noch ■>1 in das vorige Jahrhundert zurück, und ist ihr Name enge verwachsen mit den ersten Anfängen und der stetigen Entwickelung der Baumwoll-Industrie im Lande Vorarlberg. Der Kaufmann Jos. Ant. Herrburger, welcher ein Handelsgeschäft, verbunden mit nicht unansehnlicher Handspinnerei und Weberei betrieb, nahm am 30. April 1795 seinen damals erst 21 Jahre alten, aber hochbegabten und energischen Schwiegersohn Josef Anton Rhomberg als Theilhaber in das Geschäft auf und gründete so die Firma Herrburger & Rhomberg. Als Jos. Ant. Herrburger schon drei Jahre später verschied, war Josef Anton Rhomberg der alleinige Inhaber und Leiter der Firma. Im Geschäfte stand ihm als Buchhalterin seine jugendliche Gattin zur Seite, die sich ebenso als tüchtige Geschäftsfrau bewährte, wie sie daheim ihren häuslichen und Mutterpflichten mit Aufopferung nachkam. Schon zu dieser Zeit war die Nachfrage so stark, dass sie mit den vorhandenen Arbeitskräften nicht bewältigt werden konnte. Deshalb wurden eigene Vermittler (Ferker) bis in das damals noch vorarlbergische Landgericht Weiler und ins Thannheimer Thal ausgeschickt. Diese übergaben Baumwolle zum Verspinnen an Handspinner, Garn an Handweber, bezahlten den Lohn dafür und lieferten die verarbeitete Waare an die Committenten in Dornbirn zurück. Aus den zu Gebote stehenden Daten ergibt sich, dass anfänglich beinahe ausschliesslich Siam- und Berbice- Baumwolle versponnen wurde. Der Handspinnerlohn betrug noch 1792 für 1 Pfund ä 32 Loth, enthaltend 22 Schneller Feinnummer, 1 fl. 18 kr. Reichswährung mit der Steigerung von 7 kr. für jeden weiteren Schneller per Pfund, wodurch sich das Pfund mit 35 Schnellem Feinnummer auf 2 fl. 52 kr. Reichswährung stellte. Im Jahre 1795 war der Preis um 16 kr. per Pfund zurückgeg-angen. Seit 1794 wurde 7 / 4 glatte Musseline per 24 Ellen mit 28 fl., 8 / 4 glatte Musseline (33 Zoll breit) mit 33 fl. bezahlt. Die Bande engster Freundschaft, welche den damaligen Inhaber der Firma Herrburger & Rhomberg von frühester Jugend an mit seinem entfernten Verwandten Lorenz Rhomberg verknüpften, der öftere Gedankenaustausch beider Freunde über geschäftliche Angelegenheiten führte gar bald dazu, dass sie den für jene Zeit schwerwiegenden und epochemachenden Plan erörterten, der Entwickelung der damals ausschliesslich auf Handarbeit beruhenden Baumwoll-Industrie durch Errichtung einer mechanischen Spinnerei eine ganz neue Wendung zu geben. Lorenz Rhomberg, geboren am 24. November 1785, hatte eine für jene Zeit ziemlich umfassende Schulung und Ausbildung genossen und besass speciell auf kaufmännischen Gebiete reiche Erfahrungen; er entwickelte einen ungewöhnlichen, aber niemals eine solide Basis verlassenden Unternehmungsgeist und war ein Mann, der nicht nur für die eigene geschäftliche Thätigkeit seine ganze Kraft einsetzte, sondern auch für alle Angelegenheiten des 215 Staates und seiner Heimatgemeinde das regste Interesse bekundete und deshalb zahlreiche Vertrauensstellungen im Verlaufe seines an Thätigkeit und Arbeit reichen Lebens bekleidete. Nachdem die Firma Herrburger & Rhomberg und Lorenz Rhomberg die erbetene Baubewilligung durch das damals königlich bairische Landgericht Dornbirn im Jahre 1810 erhalten hatte, wurde mit dem Bau der Josef Anton Herrburger. Lorenz Rhomberg. Josef Anton Rhomberg. Fabrik begonnen, und jener noch heute unverändert bestehende, aus Holz gebaute Tract der Spinnerei Juchen vollendet, welcher die östliche Seite des jetzigen Gebäudes bildet. Im Jahre 1813 wurde diese mechanische Baumwollspinnerei mit Maschinen montirt, die theils aus Mühlhausen bezogen, theils von den Unternehmern selbst angefertigt wurden, in jener primitiven Weise, in welcher damals Maschinen überhaupt zu Stande kamen. Die so in Betrieb gesetzte Spinnerei Juchen ist die älteste mechanische Spinnerei in Vorarlberg und nach jener in Pottendorf bei Wien wohl auch die älteste in ganz Oesterreich. Bei den damaligen unausgebildeten technischen Hilfsmitteln unterlag die Gründung einer industriellen Anlage Schwierigkeiten, von denen man sich wohl heute schwer eine Vorstellung macht. Erwähnen wir nur, wie mühselig und umständlich das Versorgen der Fabrik mit Baumwolle vor sich gieng. Das Rohmaterial wurde nämlich im Grossen nicht von den Schweizer Baumwollhändlern, sondern möglichst direct an den europäischen Seeplätzen gekauft. So bezog diese Spinnerei auch im Jahre 1822 von den Erstlingen der von Mehemed Ali producirten und auf den Markt gebrachten Maco-Baumwolle zum Verspinnen, welche Qualität in der Folge am meisten verarbeitet wurde, während zuvor für die feinen Nummern alle im Handel bis dahin bekannten südamerikanischen Sorten, für die groben Nummern sämmtliche vorkommenden Arten levantinischer Flocken durch uSmuih aaanannn I H I 1 I 5 II li gLî-V'.Æ A, -^ IF Spinnerei und Weberei Innsbruck. die Werke gegangen waren. Der grössere Verbrauch der nordamerikanischen Baumwolle begann in der Fabrik erst mit Anfang der Dreissigerjahre. 216 Im Jahre 1816 betrug beispielsweise der Preis von einem Bündel Kettengarn Nr. 38 zu 5 englischen Pfund, ä 2 fl. 11 kr., 10 fl. 55 kr. Reichswährung, während er sich heute auf 4 fl. 45 kr. stellt. Nach und nach wurden in der Fabrik bis zu 7000 Spindeln aufgestellt. Ursprünglich bestimmt zu einer mechanischen Flachsspinnerei, wurde sie nach kurzen unlohnenden Versuchen für den Zweck umgewandelt, dem sie auch heute noch dient. Die vielen seither darin vorgenommenen technischen Umgestaltungen zu schildern, würde ein Capitel für sich beanspruchen. Die Thatkraft der Erbauer, verbunden mit anderen, in der politischen Umgestaltung jener Zeit gelegenen Gründen, unter welche vor Allem die im Jahre 1814 erfolgte, freudig begrüsste Wiedervereinigung Vorarlbergs mit, Oesterreich gezählt werden kann, brachten das Unternehmen bald zu nicht erhoffter Blüthe. Die Fabrication wurde mit immer grösserer Ausdehnung und steigendem Erfolge durchgeführt, so dass schon in wenigen Jahren ein neuer (westlicher) Tract an die Spinnerei angebaut und durch Lorenz Rliomberg auch als Ersten die Buntweberei im Handbetrieb eingeführt wurde. Lorenz Rhomberg- begann dieselbe mit 6 bis 8 Webern, und schon die ersten dieser Erzeugnisse, die man bisher nur vom Auslände beziehen konnte, fanden so raschen Absatz, dass es nicht selten vorkam, dass halbfertige Stücke, von den Stühlen abgeschnitten, verkauft, die übrige Hälfte der Kette wieder angedreht und vollendet wurde. Erzeugt wurden die sogenannten Cotonine von carrirten Dessins mit türkischrothem, dunkel- und hellblauem und rostgelbem Garn. Diese Weberei breitete sich ausserordentlich Spinnerei Matrei. rasch aus. Hand in Hand mit diesem Aufschwung-e gietig auch eine sehr wesentliche Verbesserung des Webstuhles durch die Anbringung des sogenannten »Schnellschusses«. Abgesehen von den Cotonines übergieng' man nach und nach auf alle in die Buntweberei einschlagenden, dem Massenverbrauch zunächst zusagenden Artikel. Weil die etwas complicirte Manipulation die Fabrikanten anfänglich nöthigte, im steten Rapport mit den Hauswebern zu bleiben und deshalb diese in nächster Nähe gesucht werden mussten, so wurde die Glattweberei der rohen Cotone mehr und mehr aus Dornbirn verdrängt, um sich destomehr in der Umgebung auszubreiten, bis auch dort die vorhandenen Arbeitskräfte mit Vorliebe sich dem rentableren und vervollkommneteren Betrieb der Buntweberei zuwendeten. Am 15. October 1815 beehrte Se. Majestät Kaiser Franzi, bei seiner Rückkehr aus dem durch die Alliirten eroberten Paris die Spinnfabrik mit Allerhöchstseinem Besuche. Als Josef Anton Rhomberg am 17. Februar 1819 im jugendlichem Alter von 44 Jahren starb, übernahm Lorenz Rhomberg gemeinsam mit der Witwe des verblichenen Freundes und dessen ältestem Sohne Josef Anton die Firma. Im Jahre 1822 errichtete die P'irma ein Zweiggeschäft in Verona als Niederlage für die damals österreichische Lombardei und Venedig, welche Filiale jahrzehntelang den lebhaften Verkauf von Cotoninen, Shirtings und Dachzeug betrieb und erst im Jahre 1869, nachdem sie in Folge der Lostrennung beider Länder von Oesterreich ihre Existenzberechtigung eingebüsst hatte, aufgelöst wurde. In den Jahren 1840 und 1841 wurde von der Firma im Vereine mit einigen anderen Unternehmern in Innsbruck eine mechanische Bandweberei, Baumwollspinnerei und Maschinenfabrik samrat den selbst con- struirten Maschinen fertiggestellt. Dieser ganze bedeutende Complex gieng 1842 in den Besitz einer Actien- Gesellschaft unter der P'irma K. k. priv. Maschinen- und Spinnfabrik über, bei welcher sich die Firma Plerrburger & Rhomberg die Direction und einen überwiegenden Antheil an Actien sicherte. 1867 wurde mit dieser Innsbrucker Actien-Gesellscliaft auch die grosse Spinnerei in Deutsch-Matrei vereinigt. Im Jahre 1845 endlich gründete die P'irma mit einigen Theilhabern in Absam bei Hall in Tirol eine neue Baumwollspinnerei, in welcher später auch eine mechanische Weberei untergebracht wurde. Am 26. Mai 1851 schloss Lorenz Rhomberg sein arbeitreiches Leben im Alter von 66 Jahren, tiefbetrauert von seinen Mitgesellschaftern und Mitbürgern. Ueber sein öffentliches Wirken für Gemeinde und Staat, Spinnerei Mühlebündt in Dornbirn. Die Gross*Industr!e. IV. 217 welches im Jahre 1838 Se. Majestät Kaiser Ferdinand I. durch Verleihung- der goldenen Verdienstmedaille besonders ehrte, ist in der anlässlich des 100jährigen Jubiläums der Firma Herrburger & Rhomberg erschienenen Festschrift eine ausführliche Darstellung enthalten. Bei seinem Ableben befanden sich als Theilhaber sein Sohn Wilhelm Rhomberg, Albert Rhomberg, ein Enkel, und Eduard Rhomberg, ein jüngerer Sohn des Josef Anton Rhomberg, endlich Franz Rhomberg in der Firma. Albert, Wilhelm und Franz Rhomberg bekleideten wiederholt die Ehrenstelle eines Bürgermeisters der ausgedehnten Gemeinde Dornbirn, Albert und Wilhelm vertraten dieselbe auch im Vorarlberger Landtage. In der nun folgenden Zeit dehnte sich die Firma vor Allem in ihrem Stammsitze Dornbirn in hervorragender Weise aus, 1856 erbaute sie eine mechanische Weberei, in welcher anfangs aus den von der Spinnerei bezogenen Garnen Calicots gewebt wurden. Im Jahre 1862 wurde unweit der Spinnerei Juchen eine zweite grössere Spinnerei Mühlebündt gebaut und in Betrieb gesetzt, 1871 die erstere mit neuen Maschinen versehen. Um den Absatz der Garne und Tücher in den innerösterreichischen Ländern mit Erfolg und grösserer Intensität betreiben zu können, ward gemeinsam mit der Actiengesellschaft in Innsbruck eine Niederlage in Wien als Verkaufsstelle etablirt, welche in nunmehr ausgedehntestem Maasse heute noch als gemeinsame Verkaufsstelle in Wirksamkeit steht. Im Jahre 1875 erwarb die Firma von der seit 1845 bestandenen Gesellschaft die Spinnerei und Weberei in Absam äi, nach Auflösung der Actiengesellschaft in Innsbruck, deren gesammte ausgedehnten Etablissements dort- selbst und in Deutsch-Matrei, welch letztere Spinnerei kurze Zeit vorher noch durch einen bedeutenden Shedbau vergrössert worden war, in ihr alleiniges Eigenthum, und wurden diese Besitzungen aller drei Orte in eine Firma unter dem Namen Innsbrucker Spinnfabrik Herrburger & Rhomberg vereinigt. Am 10. August 1881 wurde der Firma die hohe Ehre eines abermaligen Kaiserbesuches zu Theil. Se. Majestät unser allergnädigster Kaiser Franz Joseph I. hatte gelegentlich der Reise durch Vorarlberg und der Inspicirung der im Baue begriffenen Arlbergbahn die Gnade, die sogenannte »alte Spinnerei«, wie sie im Volksmunde heisst, eingehend zu besichtigen. Der Kaiser war wohl unterrichtet von dem Besuche Allerhöchstseines Grossvaters im Jahre 1815 und äusserte wiederholt sein lebhaftes Interesse an der Fabrik und ihrer jetzigen Entwickelung. In dem gegenwärtigen Decennium erweiterte sich die Firma durch die Vornahme eines grossen Shedbaues in Absam zur Unterbringung der Weberei, ferner durch Erbauung einer mit den neuesten Maschinen ausgestatteten Appreturanstalt bei der Weberei Mittebrunnen in Dornbirn und Anlage eines weiteren Shedbaues dortselbst, endlich durch eine bedeutende Ausdehnung der Thätigkeit und des Geschäftskreises ihrer Niederlage in Wien, Hohenstaufengasse 1. Neben diesen zahlreichen, auf die stetige und intensive Vervollkommnung und Ausbreitung ihrer Erzeugnisse und auf die Hebung ihrer industriellen Thätigkeit gerichteten Bestrebungen, liess sich die Firma stets auch die bürsorge für Hebung des geistigen und leiblichen Wohles der zahlreichen Arbeiter angelegen sein. So wmrden in Pradl bei Innsbruck zwei grosse Doppelhäuser, in freier Lage, von Gärten umgeben, erbaut, und in deren zahlreichen und hohen Räumen bequeme Wohnungen für je 16 Arbeiterfamilien errichtet, wodurch der in Innsbruck speciell für die ärmere Bevölkerung sehr fühlbaren Wohnungsnoth erfolgreich begegnet wurde. In Deutsch-Matrei stehen ebenfalls fünf mit entsprechenden Gärten umgebene grosse Fläuser, welche alle zu Arbeiterwohnungen dienen; endlich besitzt die Firma in Dornbirn fünf kleine freistehende Häuser mit derselben Bestimmung. Stetig war das Bestreben der Fabriksleitung darauf gerichtet, den Arbeitern auch während ihrer Arbeitszeit in der Fabrik die Gesundheit fördernden Einrichtungen zu Theil werden zu lassen, durch Anlage von Luft-Ventilationen und Befeuchtungsanlagen in sämmtlichen Räumen, dann durch die Einführung des elektrischen Lichtes, welche in den meisten Etablissements bereits durchgeführt, in den anderen in Vorbereitung begriffen ist u. A. m. Zwischen Arbeitgebern und Arbeitern herrscht durch die lange Reihe von Jahren, während welcher das Etablissement besteht, ein wahrhaft patriarchalisches Verhältnis, und waren beide Theile stets durchdrungen von dem Gefühle der Zusammengehörigkeit. Klar und schön fanden die herzlichen Beziehungen der Arbeiter zu ihren Brotgebern beredten Ausdruck an jenem Ehrentage, an dem die Fabrik ihr 1 oojähriges Jubiläum feierte. Der 30. April 1895 sah ein Familienfest sich abspielen von solcher Harmonie und Traulichkeit, dass die Erinnerung daran unvergessen in den Theilnehmern fortlebt. Der Vormittag wurde der Andacht und Sammlung gewidmet. Vereint mit ihren Arbeitern und Beamten wohnten die Fabriksbesitzer und deren Angehörige einem feierlichen Gottesdienste in der Pfarrkirche zu Dornbirn bei, des Allmächtigen Schutz und Gnade für die Zukunft des Unternehmens anzurufen. Nach dem erhebenden Gottesdienste zogen alle Festtheilnehmer auf den Friedhof hinaus, die Gräber der einstigen Geschäfts- IllllilfiSIi imiiiaiiis ■Süll« Spinnerei und Weberei Absam. inhaber zu besuchen. Im stillen Gebete wurde derer gedacht, die das Unternehmen gegründet, die es im harten Kampfe zum Blühen und Gedeihen gebracht, und deren Namen mit goldenen Lettern im Ehrenbuche der Firma verzeichnet sind. Der Nachmittag vereinte die Theilnehmer in fröhlichem Kreise. In begeisterten Ansprachen wurde von Arbeitgebern und Arbeitern die schöne Harmonie gepriesen, die zwischen beiden ungetrübt und ungestört herrscht, und ein Wunsch beseelte Alle, dass es immer so bliebe. Oft manifestirte sich in glänzenderWeise der durch gemeinsame Arbeit gefestigte Zusammenhalt der Arbeiter mit ihren Brotgebern, bei jenen feierlichen Gelegenheiten namentlich, wo Arbeiter und Aufseher, die über 50 Jahre im Dienste der Fabrik stehen, durch kaiserliche Auszeichnungen und Gnadenbeweise geehrt wurden. Anlässlich des Firma-Jubiläums gründete die Firma zur bleibenden Erinnerung einen Arbeiter-Invalidenfond von 20.000 fl. Zum Schlüsse dieser Darstellung möge noch eine kleine statistische Zusammenstellung Platz finden. Gegenwärtig befinden sich in den fünf Spinnereien in Dornbirn, Innsbruck, Matrei und Absam im Ganzen 58.784 Spindeln, in den drei Webereien in Dornbirn, Innsbruck und Absam 756 Webstühle, und werden in sämmt- lichen Werken 1122 Arbeiter beschäftigt. Die Fabrikate, die gegenwärtig erzeugt werden, sind vornehmlich rohe Garne diverser Nummern, rohe glatte Tücher, dann veredelte Futterstoffe in allen möglichen Bindungen, ferner buntgewobene Waaren, darunter speciell schwere Drille. mm. -MÜ-U-Mi ■SS 't p?* > r. Weberei und Appretur in Dornbirn. 28* - 1 9 mm i?J ffÜÜInrrtEÜt tjf***#.*? Sir i ' (.’<3gy»X^ l-abrik in Leibitsthgrund. J. KRUMBHOLZ BAUMWOLL SPINNEREI UND MECHANISCHE WEBEREI IN LEIBITSCHGRUND B AUM WOLL-SPINNEREI IN FALK EN AU a. d. EUER. ründer dieser Firma war Johann Krumbholz, geboren im Jahre 1827 zu Fleissen in Böhmen. Derselbe erwarb Ende der Sechzigerjahre die damals aus 7000 Feinspindeln und 200 mechanischen Webstühlen 11 bestehende Baumwollspinnerei und mechanische Weberei zu Leibitschgrund. Nach dessen im Jahre 1883 erfolgtem Ableben übernahmen seine zwei ältesten Söhne Richard und Rudolf Krumbholz das Geschäft. Im Jahre 1886 wurde das Leibitschgrunder Etablissement durch Feuer vollständig zerstört, jedoch sofort wieder errichtet und enthält heutigen Tages 10.000 Feinspindeln, 430 mechanische Webstühle nebst einer Garnbleiche, Färberei und Appretur. Im Jahre 1886 wurde der Bau einer zweiten Baumwollspinnerei in Falkenau (13.000 Feinspindeln) in Angriff genommen. Diese Ende 1894 abgebrannte Spinnerei erfuhr im Jahre 1895 eine totale Reconstruction; der Neubau enthält 13.000 Feinspindeln nebst einer Anzahl Doublir-(Zwirn-)Maschinen. Mitbesitzer des Leibitschgrunder Etablissements sind die zwei jüngeren Söhne des Gründers, die Herren Robert und Roderich Krumbholz. Die Firma beschäftigt in Leibitschgrund und Falkenau a. d. Eger ungefähr 600 Personen. f“ r■ mm. gas»«! :i!SÜÜ Fabrik in Falkenau a. d. Eger. 220 ■ > --JP’"" V -*•„ . .. ■'•■• .-• Ä ^ 41*1 Ut#* fm. A*JL. #* 4 r* J&-, s #. j < nnn i $ 1 M V ? ^ 1 1 niv 3 l ! » n 11 m 1 5 iijniiH mj ■ 1 1 PiGr$ , 8l L ASJ3 jifSWj SJtl |,( j/i * *. »1 !•? n I ^ssäSxA.v^fr.% '« * » % * «r '• j i, diese Fabrik zu den umfangreichsten des Landes gehört — sie beschäftigte zu jener Zeit beiläufig 600 Personen in Graslitz und Umgebung — und gute und echte Waarcn liefert «. Die Spinnerei hatte schon damals über 5000 Spindeln und war im raschen Aufblühen begriffen,' als sie in ihrer ruhigen Entwickelung durch schwere Unglücksfälle gestört wurde. Sie verlor 1827 ihren bisherigen Leiter Conrad Dotzauer und im darauffolgenden Jahre starb auch F. K. Starck. Die missliche Geschäftslage in den Dreissiger- jahren brachte es mit sich, dass es dessen Sohn Joseph Karl Starck nicht gelang, das Geschäft wieder auf die frühere Höhe zu bringen. Selbst die Aufstellung einer Dampfmaschine im Jahre 1836 und die beträchtliche Vergrösserung der Spinnerei hatten nicht die erhoffte Wirkung. Erst dessen Schwiegersohn, Theodor Pilz, war es Vorbehalten, das alte Geschäft zu neuer Blüthe zu bringen. Theodor Pilz wurde im Jahre 1817 als der Sohn eines angesehenen Prager Kaufmannes geboren. Er legte seine Lehrzeit bei dem Prager Coloniahvaaren- und Commissionsgeschäfte Johann David Starck zurück und arbeitete hierauf mehrere Jahre im Geschäfte seines Vaters in Prag, sowie in dessen Spinnereien zu Neu- stadtl und Neuhof. Im Jahre 1839 bekleidete er die Stelle eines Directors in der Fabrik seines nachmaligen Schwiegervaters, mit dessen Tochter er sich im folgenden Jahre — kaum 23 Jahre alt — vermählte. Ein Mann von seltener Energie und eisernem Fleisse, entfaltete er eine rastlose Thätiglceit und es gelang ihm, binnen wenigen Jahren die Fabrik, die er bald darauf pachtweise, im Jahre 1844 käuflich mit allen darauf haftenden Lasten übernahm, durch Einführung zahlreicher Verbesserungen und durch weitgehende Sparsamkeit zu neuer Blüthe zu bringen. Bereits im Jahre 1848 hatte er es so weit gebracht, dass er nicht nur die vollkommene Geschäftsstockung dieses Jahres überdauerte, sondern dass er auch seinen Arbeitern während der ganzen Zeit durch ausgedehnte Wasserbauten lohnende Beschäftigung gewähren konnte. Die darauffolgenden Jahre waren der ruhigen Entwickelung gewidmet, bis das Jahr 1855 durch die Pariser Weltausstellung die Anregung zu bedeutenden Umwälzungen brachte. Theodor Pilz hatte dort die bedeutenden Vorzüge des Selfactors gegenüber der alten Handmule würdigen gelernt und entschloss sich, in einem neuerbauten Flügel der Spinnerei Selfactoren mit den nöthigen Vorwerken aufzustellen. Bald mussten die vorhandenen Handmules der Uebermacht des Selfactors weichen und auch die Vorwerke wurden den Anforderungen der Zeit entsprechend abgeändert. So war Pilz im Besitze einer blühenden, in jeder Beziehung auf der Höhe der Zeit stehenden Spinnerei, als ihn im Jahre 1863 in seiner vollen Schaffenskraft der Tod hinwegraffte. Die darauffolgenden Jahre brachten wenig Erwähnenswerthes. Die Fabrik, welche im Besitze der Familie verblieb, hielt mit den Verbesserungen der Technik Schritt, ohne jedoch ihren Umfang wesentlich zu vergrössern. Im Jahre 187g wurde sie durch einen Brand vollständig zerstört und hierauf, allen modernen Anforderungen entsprechend, wieder aufgebaut und mit den neuesten Maschinen ausgestattet. Heute enthält die Fabrik 11.000 theils Ring-, theils Selfactor-Spindeln und werden auf denselben Garne von Nr. 6—42 erzeugt. Zur Verarbeitung gelangt nur amerikanische Baumwolle bester Qualität. Die Jahreserzeugung beträgt eine Million englische Pfunde. Zwischen der Arbeiterschaft und den Leitern des Unternehmens bestand seit jeher — beruhend auf gegenseitigem Vertrauen — das denkbar beste Einvernehmen, und ist die bedeutsame Thatsache hervorzuheben, dass seit dem mehr als hundertjährigen Bestände der Fabrik nicht ein einziger Strike zu verzeichnen ist. Möge das Unternehmen weiter wachsen und gedeihen zum Wohle der Familie und der treuen Arbeiterschaft. biy -ri ^ VW - Jg£;,v/ V V v 1511 f J * I I f t * * S.J jU * 5 I WIM Ifil'lirlim’IPf | ICTHH« 228 IC. K. PRIV. POTTENDORFER BAUMWOLLSPINNEREI UND ZWIRNEREI WIEN, POTTENDORF UND ROHRBACH A./ST. m Jahre 1800 beschlossen die Herren Fürst Franz Gundaker zu Colloredo-Mansfeld und Fürst Josef zu Schwarzenberg einen bis dahin in Oesterreich noch nicht eingebürgerten Industriezweig einzuführen: eine Baumwollspinnerei auf Maschinen nach englischer Art. Die Genannten waren Oberdirectoren der damaligen octroyirten Commerzial-Feih- und Wechselbank in Wien. Um ihre Absicht zu verwirklichen, schlossen sie im Namen der Bank und als deren Vertreter am 28. Februar 1801 mit Herrn John Thornton aus Yorkshire in England einen Vertrag ab, nach welchem Letzterer beauftragt wurde, an einem passenden Orte Niederösterreichs eine Spinnerei zu erbauen und die erforderlichen Maschinen zu construiren. Die Erstgenannten erwarben gleichzeitig ein Landesfabriks-Privilegium, das sammt allen sonst erworbenen Rechten laut Fundationsvertrag vom 1. Mai 1802 an eine zum gedachten Zwecke gebildete Gesellschaft von 13 Theil- nehmern übertragen wurde. Als Standort der Fabrik wurde der Markt Pottendorf in Niederösterreich gewählt, woselbst die Flüsse Leitha und Fischa die für den Betrieb wünschenswerthen Wasserkräfte darboten. Um das Gefalle der Fischa, welche noch den besonderen Vortheil der Eisfreiheit besitzt, auszunützen, wurde ein 5860 Meter langer Canal von Landegg nach Pottendorf geführt und bei Wampersdorf wieder in die Leitha geleitet. Dadurch wurde ein Gefalle von circa 7Y4 Meter gewonnen und nutzbar gemacht. Nach den vorhandenen Aufschreibungen waren in der neuen Fabrik zu Anfang des Jahres 1805 bereits 18.432 Mule- und Drossel-Spindeln in Gang, welche Anzahl im Jahre 1830 auf 47.304 stieg. Vom Jahre 1841 bis 1846 wurde das Etablissement einer gründlichen Reorganisation unterzogen. Die Wasser- und Dampfmotoren wurden erneuert, die Spindelzahl auf 52.398 erhöht, sechs Zwirnmaschinen in Betrieb gesetzt und eine Garnbleicherei errichtet. Im Jahre 1856 erwarb die Gesellschaft die an ihr Etablissement anstossende Flachsspinnerei der Herren Constantin Freiherr von Reyer und Simon Freiherr von Sina, wodurch ihr der grosse Vortheil erwuchs, nun allein über das ganze Betriebswasser der Fischa verfügen zu können. In den neu erworbenen Gebäuden wurde 1857 eine mechanische Weberei mit circa 300 Webstühlen errichtet, welche 20 Jahre im Betrieb war. In demselben Jahre wurden auch 2000 neue Zwirnspindeln aufgestellt und zur Beleuchtung sämmtlicher Räume mit Steinkohlengas eine eigene Gasanstalt erbaut. Die Garnproduction, welche vor der Reorganisation jährlich circa 250.000 Bündel ä 5 englische Pfund betragen hatte, stieg bis zum Jahre 1860 successive auf circa 580.000 Bündel, fiel während der Dauer des amerikanischen Bürgerkrieges auf 230.000 Bündel, um hierauf wieder die Höhe von durchschnittlich 600.000 Bündel zu erreichen. Am 1. September 1871 erfolgte die Eröffnung der Eisenbahnlinie Wien—Pottendorf—Wiener - Neustadt, wodurch das Etablissement an das Südbahnnetz angeschlossen wurde. Im Jahre 1873 fand im Sinne des neuen Gesetzes die Umwandlung der bisherigen Gesellschaft in eine Actiengesellschaft statt, wobei an Stelle des früheren Capitales, bestehend aus 20 auf Namen lautenden Antheil- scheinen von je fl. 52.800 ö. W., 8000 Stück Actien k fl. 200 ö. W. emittirt wurden. Die Pottendorfer Spinnerei betheiligte sich an den Gewerbe- und Producten-Ausstellungen, welche in den Jahren 1839 und 1845 in Wien abgehalten wurden. Ferner an den Weltausstellungen, welche 1855 in Paris, 1862 in London und 1873 in Wien stattfanden. Sie erhielt in Anerkennung der Vorzüglichkeit ihrer Producte vier Medaillen, während sie 1873 als Mitglied der Jury hors concours stand. Die durch die Auflassung der Weberei im Jahre 1877 frei gewordenen Räumlichkeiten wurden zur Ver- grösserung der Zwirnerei benützt. Am 21. December 1888 erwarb die Unternehmung käuflich von der niederösterreichischen Baumwoll-Industriegesellschaft in Wien das nach dem Brande wieder aufgebaute Spinnereigebäude in Rohrbach am Steinfelde nebst Arbeiterhaus, Wasserkraft und allem Zubehör und errichtete daselbst eine ganz neue Spinnerei mit 33.528 Spindeln, welche im Juli 1890 in Betrieb kam. Am 29. Juli und 23. November 1893 wurde das Pottendorfer Etablissement von zwei verheerenden Brandkatastrophen heimgesucht, wodurch zwei der grössten Spinnereigebäude mit zusammen 49.452 Spindeln total eingeäschert 1 22g wurden, doch waren die abgebrannten Objecte voll versichert. Zum Ersatz für dieselben wurde eine ganz neue Spinnerei von 58.284 Spindeln errichtet, welche im Jahre 1895 in Betrieb kam. Derzeit sind im Betriebe: in Pottendorf.61.684 Spindeln » Rohrbach.33-528 » zusammen . . 95-212 Spindeln ausserdem in Pottendorf noch 14.936 Zwirnspindeln. Die Betriebskraft ist zum Theile Wasserkraft, zum Theile Dampfkraft. Erstere treibt in Pottendorf sechs Turbinen mit rund 600 Pferdekräften, in Rohrbach zwei Turbinen mit 400 Pferdekräften. Die Dampfkraftanlage besteht aus vier Dampfmaschinen, davon drei in Pottendorf und eine in Rohrbach, welche zusammen effectiv 1800 Pferdekräfte leisten. Bei Errichtung der neuen Spinnerei wurden alle Erfahrungen der Neuzeit verwerthet. Das Gebäude ist durchaus feuersicher gebaut, elektrisch beleuchtet, mit guten Ventilationsvorrichtungen und automatischen Feuerlöschvorrichtungen (Automatic Sprinklers) ausgestattet. In allen Stockwerken sind für Männer und Frauen separirte Ankleideräume vorhanden, ebenso fliessendes Trinkwasser. Zur Beleuchtung der Hofräume, der Zwirnerei und des Marktes Pottendorf dient die vorhandene Gasanstalt. Für die Unterkunft und Wohlfahrt der Beamten und Arbeiter ist in umfassender Weise Sorge getragen. Es stehen zu diesem Zwecke in Pottendorf zur Verfügung: 7 Wohnhäuser mit 211 Wohnungen, 113 Arbeiter gärten, 1 Badeanstalt, 1 Kinderbewahranstalt, 1 Kindergarten und 1 Nothspital. In Rohrbach besitzt die Gesellschaft gleichfalls ein grosses Wohnhaus, Waschküche und Gärten für Beamte und Arbeiter. Die Gesammtproduction der beiden Etablissements beläuft sich gegenwärtig auf zusammen 5’/ 2 Millionen Pfund Garn in den Nummern 4—80 englisch und circa 1,250.000 Pfund zwei- und mehrfacher Zwirne, sowie auch diverser Strickgarne in den Nummern 4—80, letztere auch im gefärbten Zustande. Der Absatz dieser Erzeugnisse findet zum grössten Theile in der österreichisch-ungarischen Monarchie statt, während ein Export in das Ausland nur ab und zu möglich ist. Verarbeitet werden jährlich im Ganzen circa 15.000 Ballen Baumwolle ägyptischer, amerikanischer und indischer Provenienz. Die Arbeiterzahl beläuft sich gegenwärtig in beiden Etablissements zusammen auf rund Eintausend. Die commerzielle und technische Leitung der gesammten Etablissements befindet sich in Pottendorf. Die Agentur zur Besorgung der Wiener Platzgeschäfteist in Wien, I., Tuchlauben Nr. 14—16. Der Sitz der Gesellschaft ist in Wien, der Präsident des Verwaltungsrathes Herr Moritz Bauer, Director des Wiener Bankvereines, während mit der gesammten Geschäftsführung Herr Director Friedrich Anhegger betraut ist. Der Buchwerth beider Fabriken beziffert sich laut Bilanz vom 31. December 1896 auf 3,131.132 fl. 68 kr. ö. W., welchem Betrag ein Actien-Capital von fl. 1,800.000 ö. W. in 8000 Stück Stamm-Actien von je fl. 150, und 2000 Prioritäts-Actien von je fl. 300, sowie ein Prioritäts-Anlehen von fl. 900.000 ö. W. gegenübersteht. 230 m mSM i -Uw '•-■?' .„' *.^ ’ -, Ätfc 5 f$g§ iafi 2 > 2 ä 3 -Ï •' ? r *T *ii j_ " g f ’i ?» tf i ? £." •> * H^saaS^ ? fl f? ? r Ös ^jug w » 1 — «säife o^j r^v .•.*a»ri5 fcaw ÄÜ« 4 Täii I^^SwUi SSegs? >*-P •- äiiü „DIE GROSS-INDUSTRIE OESTERREICHS“ K. K. PRIV POTTENDORFER BAUMWOLLSPINNEREI UND ZWIRNEREI KUNSTANSTAI.T S CZEIGER. WIEN. IN POTTENDORF. JOS. RIEDEL BAUMWOLL-SPINNERET) WURZELSDORF. ;^0m§ 'gZ.'^JrtV'X.: V §tü® mm® jjggijjM Pls^. 3SÜ? L J iiW< (I g (■ c ** »*-w 231 aiWKBfmf *msm FA BR I K S MARKE • - IIIUIIlilHIl BaiwiKin F. M. HÄMMERLE K. K. PRIV. BAUMWOLLSPINNEREI, SCHÖN- UND TÜRKISCHROTH-FÄRBEREI, BLEICHE, MECH. BUNTWEBEREI, DRUCKEREI, STRICKGARN-FABRIK DORNBIRN-WIEN. er im Jahre 1815 in Dornbirn (Vorarlberg) geborene Franz Martin Hämmerle gründete diese Firma, indem er sich im Jahre 1836, also in einem Alter von 21 Jahren, als Rohwaarenfabrikant etablirte. Er war der älteste Sohn des Jos. Andreas Hämmerle, eines Dornbirner Bürgers, welcher neben der Besorgung seines bäuerlichen Anwesens die Stelle eines kleinen Beamten, eines sogenannten »Numeranten« bekleidete. »Numerant« war eine Art Zoll- oder Finanzbeamter, welcher zur Zeit des in Oesterreich herrschenden Prohibitivsystems (die Einfuhr von Baumwollgeweben war damals überhaupt verboten) die von den dortigen Webern im Vorarlbergschen Grenzgebiete erzeugten Baumwollwaaren abzustempeln (zu nume- riren) hatte, um sie als in Oesterreich erzeugt zu kennzeichnen. Durch den Beruf seines Vaters kam somit Franz Martin Hämmerle indirect in Beziehung zu der Baumwollweberei, gewann frühzeitig Interesse für dieselbe und hatte Gelegenheit, sie bei einem Fabrikanten seiner Heimatsgemeinde zu erlernen. Die Fabrication der Baumwollwaaren wurde zu dieser Zeit in Vorarlberg ausschliesslich auf Hand- und »Regulatorstühlen« betrieben. Zwei bis drei Jahre nach seiner Etablirung verlegte sich Franz Martin Hämmerle auf die Erzeugung bunter Waaren — Bettzeuge, Kleiderstoffe, Schirmstoffe — und etwas später auch Hosenstoffe, die bisher in Vorarlberg noch nicht fabricirt worden waren. Der Absatz dieser Waaren erfolgte zum Theile en gros und en detail an die Vorarlberger Kaufleute, zum Theile auch auf den Dornbirner Jahrmärkten. Nachdem das Geschäft sich vergrössert hatte, wurde Tirol und nachher auch Oberösterreich und Salzburg bereist, woselbst ein namhafter Absatz erzielt wurde. Im Jahre 1846 errichtete Hämmerle eine Färberei, Bleicherei, Appretur und Zwirnerei, einige Jahre später eine Druckerei, zuerst als Hand-, dann als Perrotine-Druckerei, und im Jahre 1860 als Rouleaux-Druckerei, in der hauptsächlich Hosenstoffe, gedruckte Barchente und Calmuke erzeugt wurden. Franz Martin Hämmerle w*ar der erste, der die Fabrication gedruckter Barchente und später auch bedruckter Calmuke in Oesterreich einführte. 1850 wurde in Verona eine Niederlage eröffnet. Die daselbst hauptsächlich gesuchten Artikel waren Hosenstoffe und buntp’ewebte Kleiderzeuge. Diese Niederlage wurde 1855 wieder aufgelassen, da Hämmerle Artikel zu 240 erzeugen begonnen hatte, die ihren Absatz am besten in Wien fanden. Es wurden davon Lager bei Wiener Commissionären gehalten, bis am i. Jänner 1860 Hämmerle seine eigene Niederlage in Wien errichtete. Im Jahre 1876 wurde diese Niederlage in das vom Gründer der Firma erworbene Geschäftshaus am Franz Josefs-Quai Nr. 39 verlegt. Die zur Zeit der Errichtung der Niederlage in Wien am meisten beliebten Artikel waren gedruckte und gewebte Hosenstoffe, Calmuk, Matratzen und Möbelgradl, Biber, Lamas, sowie Pelzbarchent. Seit Anfang 1850 war in Folge der Errichtung mechanischer Webereien die Handweberei immer mehr in Abnahme gekommen, bis sie im Laufe der Sechzigerjahre ganz aufhörte und die Firma schon damals fast nur mehr auf mechanischen Stühlen erzeugte Waaren zum Verkaufe brachte. Franz Martin Hämmerle legte in seiner Fabrication von anfang an das Schwergewicht auf die Erzeugung buntgewebter Waaren, widmete später aber auch der Druckerei grosse Aufmerksamkeit und verstand diese als Nebenzweig rationell auszunützen. Neben buntgewebten und bedruckten Baumwollwaaren wurden auch schon frühzeitig vom Gründer der Firma gebleichte und stückgefärbte, ungerauhte und gerauhte Waaren in den eigenen Fabriken fertig erzeugt und als Nebenzweig der Buntweberei und Couleurfärberei die Erzeugung von ein- und mehrfärbig gezwirnten Strickgarnen mit grösstem Erfolge betrieben. Als Franz Martin Hämmerle 1864 seine erste Baumwollspinnerei in Gütle bei Dornbirn erbaut hatte, war er mit seinen verhältnismässig noch nicht sehr ausgedehnten Etablissements so vielseitig und leistungsfähig eingerichtet, dass er, vom Spinnen der rohen Baumwolle angefangen, alle Manipulationen zur Herstellung fertiger, d. h. marktfähiger Baumwollwaaren der verschiedensten Gattungen (buntgewobte, bedruckte, gebleichte, gefärbte, gerauhte etc.) in den eigenen Fabriken vornehmen konnte. Diese Vielseitigkeit, die der Strebsamkeit und der Freude des Gründers an seinem stetig wachsenden und blühenden Geschäfte entsprungen, nahm die Schaffenskraft des Franz Martin Hämmerle zwar ungewöhnlich in Anspruch, sie bot aber auch dem Geschäfte eine gewisse Sicherheit für die Continuität des Betriebes und des Erfolges. That- sächlich kam der Gründer der Firma während seiner mehr als vierzigjährigen Thätigkeit kein einzigesmal in die Lage, seine reguläre Production einschränken oder wegen Mangel an Absatz Arbeiter entlassen zu müssen. Ebensowenig wie er und seine Nachfolger je zu Lohnreductionen veranlasst waren, brauchte seitens der Arbeiterschaft eine Lohnregulirung durch gemeinsames Vorgehen derselben je erwirkt zu worden. Trotz mancher für die Baumwollwaarenproduction im Allgemeinen ungünstigen Zeiten und einiger, namentlich während der ersten Jahre erlittener, schwer empfundener Schicksalsschläge entwickelte sich das Unternehmen — nicht sprunghaft, aber ununterbrochen. Franz Martin Hämmerle w 7 ar in der Wahl der von ihm auf- // } genommenen Geschäftszweige ebenso vorsichtig, als er glücklich in der Wahl seiner Mitarbeiter war, deren treue Hingebung und tüchtige Leistungen er bis zu seinem Tode stets wärmstens anerkannte. Am 14. Februar 1878 starb Franz Martin Hämmerle nach längerem schweren Leiden, tief betrauert von seiner zahlreichen Familie und seinen Arbeitern. Während seiner Krankheit bot ihm Arbeit noch lange Freude und Erholung. Das von ihm allein mit kleinsten Mitteln gegründete und zu grosser Blüthe gebrachte Unternehmen vermachte er testamentarisch seinen Söhnen Otto, Victor, Theodor und Guntram Hämmerle, welche noch heute die Besitzer der Firma und Leiter des Unternehmens sind. Das Hauptetablissement der Firma, in wolchem alle Zweige des vielseitigen Fabriksgeschäftes, mit Ausnahme der Spinnerei, vertreten sind, und welches gewissermaassen die industrielle Centrale des ganzen Unternehmens bildet, befindet sich in Steinebach, einem schönen, engen Thale südöstlich von Dornbirn. Hier befinden sich noch die äusser- lich zwar vielfach veränderten ersten, vom Gründer der Firma erbauten und eingerichteten Fabriksgebäude. Zu Lebzeiten des Franz Martin Hämmerle war das Etablissement Steinebach bereits aus einer respectablen Zahl grösserer und kleinerer Fabriksgebäude gebildet. Das Etablissement Weppach besteht aus zwei Gebäuden mit Buntwobereien. Das eine wurde schon im Jahre 1855 von Franz Martin Hämmerle erworben und sofort als mechanische Buntweberei eingerichtet, während das zweite von seinen Söhnen 1889 gebaut und in Betrieb gesetzt wurde. In den Jahren 1862 und 1863 entstand die erste Baumwollspinnerei der Firma in »Gütle«. Franz Martin Hämmerle hatte die Baustelle, nahezu eine Stunde vom Markte Dornbirn entlegen, für die Errichtung einer Spinnerei gewählt, weil er hier durch eine Thalsperre zur Anschwellung der wilden Dornbirner Ach eine günstige Wasserkraft zu gewännen in der Lage war. Im Jahre 1868 wurde in Gütle eine zweite Spinnerei erbaut. Die besonders zu gewissen Jahreszeiten für die beiden Spinnereien unzureichende Wasserkraft war Veranlassung, dass die Firma in späteren Jahren wiederholt das Gefälle für die Turbinenanlagen durch neue Thalsperren erhöhte. Diese Thalsperren sind in enge, romantische Felsschluchten, durch welche sich die Ach einst ihren Lauf bahnte, eingebaut und bilden mit ihrer Umgebung einen beständigen Anziehungspunkt für einheimische Ausflügler und Vorarlberg besuchende Fremde. Erst durch die Wasseranlagen der Firma ist die »Rappenlochschlucht« recht bekannt und der allgemeinen Besichtigung zugänglich gemacht worden. Auf die Initiative der Firma wurde in neuerer Zeit circa 1 Kilometer Die Gross-Industrie. IV. 241 thalaufwärts der Rappenlochschlucht von den Industriellen Dornbirns gemeinsam eine grosse Stauwehranlage geplant und der Vollendung nahe gebracht, welche ein Reservoir für das bei Nacht und bei Regenwetter überschüssige Wasser der Dornbirner Ach bilden und allen Industriellen Dornbirns zu Gute kommen soll. Die Eigenart dieser neuen kühnen Anlage, sowie die Art und Weise, wie hier überhaupt die relativ kleine Wasserkraft der Dornbirner Ach für industrielle Zwecke ausgenützt wurde und noch weiter nutzbar gemacht werden soll, sind von allgemein wasserbautechnischem Interesse. Anfangs der Achtzigerjahre wurde die früher in Steinebach in kleinerem Umfange betriebene Türkisch- rothfärberei in das für diesen Industriezweig erworbene und erweiterte Etablissement »Fischbach« verlegt und fortan in ziemlich ausgedehntem Maasse als selbstständiges Unternehmen betrieben. Mitte der Achtzigerjahre wurde das in der Gemeinde Sch war zach, eine Stunde von Dornbirn gelegene Webereianwesen des Josef Schwärzier erworben und erweitert. Die hauptsächlichste Veranlassung zur Erwerbung dieses Anwesens lag darin, dass eine nothwendig gewordene Erweiterung der Buntweberei in Dornbirn selbst wegen der immer unzureichender gewordenen Zahl einheimischer Arbeiter schwer durchführbar schien. Nahm ja doch die in stetem Aufschwünge begriffene Stickerei als Haus-Industrie bereits einen grossen Theil der einheimischen Arbeiterschaft in Anspruch, und war die Firma jederzeit wie auch in der Folge so viel als nur möglich bestrebt, mit der soliden, sesshaften Arbeiterschaft das Auskommen zu finden. Neben dem Mangel an ausreichender, einheimischer Arbeiterschaft waren es auch die unzureichenden, nur durch sehr kostspielige Hochdruckleitungen ausnutzbaren Wasserkräfte, welche einer Ausdehnung des industriellen Unternehmens in Dornbirn hinderlich im Wege standen. Der hohen Fracht wegen sind Kohlen für die A r orarl- berger Industrie im Allgemeinen ein sehr theures Betriebsmaterial. Als daher der Firma von der Gemeinde Altenstadt eine noch unausgenützte grosse Wasserkraft (die 111 unterhalb Feldkirch) Ende der Achtzigerjahre zum Kaufe angeboten wurde, schien ihr die Erwerbung derselben zur Verwerthung für eine neue Baumwollspinnerei sehr erwünscht, denn die Garnproduction der Spinnereien Gütle war schon einige Zeit nicht mehr ausreichend für den Bedarf der eigenen Webereien, Garnfärbereien und Zwirnereien. Mit Rücksicht auf gefährdet erscheinende Interessen der angrenzenden Wasserrechtsbesitzer zogen sich die Verhandlungen zur Erreichung der Baubewilligung einige Jahre hinaus, so dass erst 1892 mit dem Baue der Canal-und Fabriksanlage begonnen werden konnte. Dem Betriebe konnte die »Spinnerei Gisingen« 1894 übergeben werden. Wegen deren nach dem neuesten Stande der Technik erfolgten Einrichtungen und der interessanten Wasser- und Turbinenanlage, wurde das Etablissement, besonders in den ersten Jahren seines Bestandes, von hervorragenden Fachmännern des In- und Auslandes besucht und wiederholt öffentlich als Musteranlage hingestellt. In Dornbirn selbst erwarb die Firma im Jahre 1896 noch die ehemalige Spinnerei »Saegen«, welche entsprechend adaptirt und für eine Buntweberei eingerichtet wurde. Im selben Jahre kaufte die Firma noch das Anwesen der liquidirten Ramie-Industrie-Actiengesellschaft »Mererau« bei Bregenz, da in Folge des auch für Färb- und Bleichzwecke immer unzureichender werdenden Wasserquantums in Steinebach die Erwerbung einer mit schönem, reichlichem Wasser versehenen Anlage als Reserve geboten erschien. Während sich so die Zahl der auseinander liegenden kleineren und grösseren Etablissements der Firma im Laufe der Zeit vermehrte, vergrösserte sich die Centralanlage Steinebach ununterbrochen und bildet heute in dem engen Gebirgsthale in der Anordnung der einzelnen Gebäude ein kleines Städtchen. Ausser vier Gebäuden mit Buntwebereien befinden sich in Steinebach die Vorbereitungsbetriebe und Lagerräume für sämmtliche Buntwebereien der Firma: Die Garnfärberei, Bleicherei, Zwirnerei und Druckerei, die Strangen- und Kettenschlichterei, Weifereien, ferner die Einrichtungen für die Veredlung der fertigen rohen und bunten Baum- wollgewebe aller Arten: die Sengerei, Rauherei, Stückbleicherei, Färberei und Druckerei, sowie die Appreturanlagen. Zur Versorgung aller Etablissements mit der nöthigen motorischen Kraft (Wasser und Dampf) für elektrische Kraftübertragung und Beleuchtung befinden sich in den einzelnen Fabriksanlagen vertheilt 9 Dampfmaschinen mit 17 Dampfkessel, 9 Hochdruck- und 5 Niederdruck-Turbinen und 14 Dynamos, welche Motoren zusammen mehr als 3000 Pferdekräfte liefern beziehungsweise übertragen. Die erste Dampfmaschine in Steinebach kam 1857 in Betrieb. Entsprechend der Vielseitigkeit in den Betrieben ist auch die Vielseitigkeit der Production des Unternehmens. Ausser den einfachsten rohen, gebleichten oder gefärbten Vorarlberger Cottonen und Futterstoffen, wie solche von dort seit mehr als hundert Jahren in den Handel kommen, erzeugt die Firma in den eigenen Fabriken bunte Schaft- und Jacquard-Gewebe verschiedenster Ausführung. In früheren Jahren cultivirte die Firma vorwiegend jenen Schlag solider Baumwollwaaren, welcher von der conservativen Landbevölkerung, besonders der Alpenländer, mit Vorliebe gekauft wird. Sie erzeugt auch heute noch auf diesem Gebiete viele Artikel, welche in Bezug auf Gediegenheit ausser Concurrenz stehen. Neben der Pflege ihrer Stammartikel hat sich die Firma, dem Zuge der Zeit folgend, besonders in den letzten Jahren in gleichem Maasse auch der Cultivirung feiner, von der Mode geforderter, sogenannter Stadt- und Phantasie-Artikel mit Erfolg zugewandt. Die Webereien der Firma erzeugen derzeit während eines grossen Theiles des Jahres fast ausschliesslich mehrfarbige Baumwollstoffe. Ein Theil des Bedarfes an rohen und glatten Geweben wird zumeist aus eigenen Ge- spinnsten nach eigenen Typen auswärts gewoben und hierauf fast ausschliesslich in den Bleicherei-, Färberei- und Appreturanstalten der Firma veredelt und für den Markt fertiggestellt. Das Absatzgebiet der Erzeugnisse der Firma bildet zunächst wohl die österreichisch-ungarische Monarchie in allen ihren Theilen; es werden aber sowohl Buntwaaren als auch gefärbte Garne seit Jahren exportirt. Wenn auch während des gewaltigen Umschwunges der letzten zwei Jahrzehnte auf dem Gebiete der mechanischen Weberei ein gewisser, zum Theil durch die örtlichen Verhältnisse bedingt gewesener Conservatismus 242 die Erweiterungen des 'Unternehmens zur Massenproduction nicht in dem Umfange eintreten liess, wie in einzelnen anderen Baumwoll-Industriegebieten der Monarchie, so ist dasselbe in Bezug auf Vervollkommnung seiner maschinellen Einrichtungen und Verwerthung der neuesten technischen Errungenschaften und Erfindungen nie zurückgeblieben, ja es war diesbezüglich oft genug zuerst am Platze. Neben der Sorge für technische Fortschritte wandte die Firma seit jeher besonderes Augenmerk der Pflege der socialen Lage ihrer Arbeiterschaft zu. Die hervorragenden Bestrebungen in Bezug auf Arbeiterwohlfahrt und die vielen auf diesem Gebiete geschaffenen mustergiltigen Einrichtungen der Firma haben denn auch wiederholt im In- und Auslande von berufener Seite öffentliche Anerkennung gefunden. Anlässlich des Aufenthaltes Sr. Majestät des Kaisers in Vorarlberg in den Jahren 1881 und 1884 zeichnete Höchstderselbe die Firma durch den Besuch einzelner Etablissements aus. Die 1881 fertiggestellte erste Telephonanlage in Oesterreich, welche die verschiedenen Etablissements untereinander verbindet, wurde von Sr. Majestät höchstpersönlich eröffnet. Im Jahre 1884 wurde auch dem Senior der gegenwärtigen Chefs, Otto Hämmerle, der Orden der eisernen Krone III. Classe in Würdigung und Anerkennung der verdienstlichen Bestrebungen der Firma auf dem Gebiete der österreichischen Baumwoll-Industrie verliehen. K. K. PRIAL MECHANISCHE BUNTWEBEREI, FÄRBEREI, BLEICHEREI UND APPRETUR BÄRX (MÄHREN). msmm is?« I i 8 1 S' :J \ Neue Fabrik in Bärn. MORITZ HANSEL & SOHNE 552« -■a-.a’; m Jahre 184g gfründete Moritz Hansel senior, der noch heute als öffentlicher Gesellschafter der Firma angehört, zu Barn eine Weberei in kleinem Umfang-e. Auf Handstühlen liess der Besitzer bunte Waaren, wie Bett- und Kleiderzeuge, ferner Gradei für Strohsäcke und Matratzen erzeugen, die ihren Absatz in den österreichischen Kronländern, namentlich aber in Wien und Pest, fanden. Die Entwickelung des Geschäftes vollzog sich in den ersten 20 Jahren des Bestandes so günstig, dass gegen das Jahr 1870 bereits über 300 Handstühle, zumeist ausser dem Hause, im Lohne beschäftigt werden konnten, wobei besonders die Fabrication von Matratzengradeln immer grössere Dimensionen annahm. Auf einem Besuche der Pariser Weltausstellung vom Jahre 1868 hatte Moritz Plansei Gelegenheit, die mechanischen Webstühle, deren Erfindung auf dem Gebiete der Textil-Industrie eine Revolution bedeuteten, in ihrer Thätigkeit kennen zu lernen, namentlich aber buntfarbige AVaaren auf solchen Stühlen erzeugen zu sehen. Hansel erfasste mit sicherem Blicke die hohe und folgenschwere Bedeutung dieser Maschinen; es entgieng ihm nicht, welche Wandlung in seinem Industriezweige eintreten musste, wenn statt der bisher verwendeten, an enge Schranken gebundenen Menschenkräfte die Gewalt der Maschine gesetzt würde, die eine Production ins Ungemessene ermöglicht. Er entschloss sich daher rasch, dem Zuge der neuen Zeit zu folgen, und heimgekehrt, gieng er ohne AArzug daran, die Production seiner bisher mit bestem Erfolge abgesetzten Artikel von nun an auch auf mechanischem Wege zu betreiben. Zu diesem Zwecke wurde noch im gleichen Jahre eine ausser Betrieb gestellte Mühle, die eine genügende AAAsserkraft besass, angekauft und daselbst mit der Aufstellung von 20 mechanischen AAAbstühlen und der nöthigen AArarbeitungsmaschinen, als Spulen-, Scheer-, Schlicht- und Zwirnmaschinen begonnen, mit denen zuerst nur Probeversuche unternommen werden sollten. Zugleich wurde eine eigene Appreturanstalt errichtet und, da sich für den Betrieb aller neu angeschafften Maschinen die vorhandene Wasserkraft als unzureichend erwies, eine Locomobile aufgestellt, so dass das Unternehmen fortan eine Kraft in der Gesammtstärke von 50 Pferdekräften zur Verfügung hatte. Die Fabrik nahm unter solchen AArhältnissen einen kräftigen Aufschwung. Die Production verdoppelte sich, und die Absatzgebiete der Firma dehnten sich über das europäische Festland hinaus in die Länder jenseits der Oceane aus. Aloritz Hansel aber hatte inzwischen mit grosser Aufmerksamkeit die mechanischen AVeb- und AArarbeitungsmaschinen studirt und eine Erfindung gemacht, mit deren praktischer Verwerthung eine neue Epoche in der Geschichte der Firma anhebt. An der Stelle der gewöhnlichen Kettenschlichtmaschinen setzte Moritz Hansel die Strangschlichterei, mittelst welcher er den Kettengarnen eine besondere Festigkeit geben und jede Farbe in ihrer ursprünglichen Reinheit und Schönheit erhalten konnte, so dass die daraus verfertigten gemusterten, buntfarbigen Waaren in besonders lebhafter Farbenschönheit geliefert werden konnten. Durch die Erfindung der Alte mechanische Weberei von 1868. 244. Strang-schlichterei, auf die der Erfinder ein Patent nahm, war es auch möglich, Leinen- und Baumwollgarne in einer Kette auf mechanischem Wege zu verarbeiten, was bei den bisher bestandenen schottischen Schlichtmaschinen, die nur die Verarbeitung einer Gespinnstfaser (Baumwoll- oder Leinengarn) gestatteten, nicht erreicht werden konnte. Die in der Appretur nach eigenem Verfahren appretirten Waaren zeichneten sich gleichfalls durch die besondere Schönheit und durch die Lebhaftigkeit ihrer Farben aus und fanden bei ihren qualitativen Vorzügen leichterdings grossen Absatz. Der neueingerichtete Betrieb musste nach vier Jahren bereits (187 2 ) zufolge der grossen Anforderungen, die an die Fabrik gestellt wurden, bedeutend erweitert und vergrössert werden. Eine ganz neue Weberei — Shedbau — wurde aufgeführt, in der 150 mechanische Webstühle untergebracht wurden. Die Stühle setzt eine von zwei Dampfkesseln gespeiste Dampfmaschine in Bewegung. Ferner wurde noch eine eigene Färberei und Bleicherei eingerichtet. Allein auf diesem Umfange verblieb die Fabrik nicht lange. Mit der stetig wachsenden Production verbanden sich weitere Neuerungen, sowohl in dem Complex der Baulichkeiten, als auch in der inneren Einrichtung des ganzen Etablissements, so dass nach und nach 230 mechanische Webstühle zur Aufstellung gelangten, die von einer aus drei Dampfkesseln gespeisten Dampfkraft in der Stärke von 150 Pferdekräften getrieben werden. Die Bärner Fabrik beschäftigt 350 Arbeiter. Inzwischen war auch in der Leitung der Fabrik eine Aenderung erfolgt. Im Jahre 1875 trat der älteste Sohn des Gründers, Moritz junior, in die Firma; drei Jahre später die drei jüngeren, Rudolf, Robert und Stefan, und endlich 1886 ein weiterer Sohn, August, daher denn auch der Wortlaut der Firma im Handelsregister auf Moritz Hansel & Söhne umgeändert wurde. Fabrik der Bruder Hansel in Bärn. Ab, k ; u.i Af, 8£§Ü Sr 3 * ^1 BRUDER HANSEL PLUVIUSINWAAREN-FABRIK BÄRN (MÄHREN). ie Firma Brüder Hansel wurde im Jahre 1895 von den öffentlichen Gesellschaftern der oben besprochenen Firma Moritz Hansel & Söhne: Moritz jun., Rudolf, Robert, Stefan und August Hansel gegründet, nachdem dieselben kurze Zeit vorher in den Besitz eines Patentes zum Wasserdichtmachen von Papieren und Geweben aller Art gekommen waren. Als die ersten Versuche zur Herstellung solcher Artikel vollkommen gelungen waren, schritten die Brüder Hansel zur Erbauung einer eigenen Fabriksanlage, um die Erzeugung in grösserem Maassstabe durchführen zu können und Hessen zu diesem Zwecke das Etablissement mit den neuesten technischen und maschinellen Einrichtungen versehen. Die nun fertiggestellten und in den Handel kommenden Artikel erhielten die Bezeichnung »Pluviusin«. Erzeugt werden hauptsächlich »Pluviusinleder«, bester Ersatz für Leder auf Möbelüberzüge, Galanterie- und Taschnerwaaren; »Pluviusin-Betteinlagen«, vollkommener Ersatz der bestehenden Kautschukeinlagen, dabei weit dauerhafter und billiger, Pluviusinstoffe für Confectionszwecke, ganz besonders aber geeignet für wasserdichte Regenmäntel für Herren, Damen und Kinder, Radfahrerkrägen etc.; ferner alle Arten Tapeten und Artikel für Buchbinderzwecke. Da die Pluviusinfabrikate in Folge ihrer vielseitigen Verwendung und ihres patentrechtlichen Schutzes auch ausserhalb Oesterreichs, so in Norwegen, Schweden, Russland, England, dem Orient, hauptsächlich aber in Deutschland sich rasch-Eingang verschafften, schritt die Firma bereits im Jahre 1897 an eine grössere Erweiterung ihres Unternehmens, indem sie das deutsche Reichspatent an eine Actiengesellsc.haft verkaufte, welche in Cöttitz bei Dresden unter der Firma »Deutsche Pluviusin-Actiengesellschaft Dresden« ein Fabriksetablissement errichtete, das auch schon im Sommer 1898 in Betrieb kam und an welchem die Firma Brüder Hansel ebenfalls betheiligt ist. 245 ifvf. fi / j• o um ii h h ii Iflr«! î Ï f r 1 1 > ! ^ Mli * g IL ï I I ! U J tTjtttt J ï lî fTf ,A«W‘ il#!#; à&M .VWgÇ: ,«K"* - ûtJT- .^Î&V Kennelbach. JENNY & SCHINDLER KENNELBACH BEI BREGENZ. BAUMWOLL-SPINNEREIEN IN KENNELBACH, TELFS UND IMST. BAUMWOLL-WEBEREIEN IN KENNELBACH, TELFS, IMST UND DORNBIRN. 'il 1 > "» 4 ^ rr _ — -—- - ! ♦>-^S # nmitten der politischen Wirren und grossen Kriege am Anfänge unseres Jahrhunderts begannen in Vorarlberg die schüchternen Anfänge der Textil-Industrie, die unter dem günstigen Einflüsse besonderer Verhältnisse und Dank einer wohlwollenden Unterstützung seitens der damaligen Regierung die wichtigste Erwerbsquelle einer Bevölkerung werden sollte, deren stark zunehmende Vermehrung in Anbetracht der geringeren Ergiebigkeit von Grund und Boden bereits seit geraumer Zeit die Sorge der maassgebenden Kreise erregt hatte. Tüchtige Fachleute jedoch als Gründer von Webereien, sowie der Fleiss und Eifer, mit welchem sich die Bevölkerung auf dieses neue Gebiet warf, auf welchem so hohe Löhne, wie in keinem anderen Kronlande Oesterreichs gezahlt wurden, brachten es mit sich, dass in jener Zeit, als ein entscheidender Wendepunkt in diesem Industriezweige eintrat, die Vorarlberger Spinnereien ihre Erzeugnisse weit über die Grenzen ihrer Heimat absetzten. Damals, als das Aufkommen der mechanischen Webstühle die' Handweberei zu verdrängen begann, damals, als die Leiter grösserer Unternehmungen rasch entschlossen die Maschinenproduction einführten, wohl wissend, dass sonst ihre Werkstätten nicht mehr mit Erfolg weiter bestehen konnten, erbaute eine Actiengesellschaft am Austritte der Bregenzer Ach aus dem Gebirge zu Kennelbach eine grosse Baumwollspinnerei. Dieselbe wurde im Jahre 1838 dem Betriebe übergeben und stand unter der Leitung der Firma Jenny & Schindler, die zu Hard eine ausgedehnte Türkischrothfärberei und Druckerei besass, und welche Firma den Gedanken an die Kennelbacher Gründung angeregt hatte. Mit der stattlichen Zahl von 22.000 Spindeln wurde im neuen Etablissement zu Kennelbach begonnen. Die rastlose Thätigkeit der Leiter, in deren Alleinbesitz die Spinnerei bereits 1854 übergieng, gewann dem Unternehmen immer weitere und grössere Absatzgebiete, die Nachfrage nach ihren Erzeugnissen steigerte sich, und Hand in Hand mit der wachsenden Production gieng die Vervollkommnung der Einrichtungen in den Betriebsstätten. Im Jahre 1853 ergab sich die Nothwendigkeit einer Neuanlage; diese wurde als die »mechanische Weberei Liebenstein« am Abflusscanale der Spinnerei zu Kennelbach aufgeführt, wurde aber 1861 ein Raub der Flammen. Vom Grund aus neu aufgebaut und auf 200 Stühle eingerichtet, stand sie noch zur Zeit der grossen Wiener Weltausstellung 1873 als Eigenthum der Nachkommen der früheren Inhaber in lebhaftem Betriebe. In Folge eingetretener Veränderungen im gesellschaftlichen Verhältnis des Kennelbacher Etablissements wurde die Spinnerei im Jahre 1871 von den Herren Samuel Jenny aus Hard, Wilhelm Schindler aus Mollis und Cosmus Jenny aus Ennenda übernommen und unter der Firma »Spinnerei Kennelbach« weitergeführt. Die neuen Besitzer nahmen eine gründliche Neuorganisation vor und ersetzten die noch vorhandenen Handstühle durch Selfactoren. Im Jahre 1873 bauten sie der Fabrik eine mechanische Weberei an und errichteten gleichzeitig praktische und allen Anforderungen in sanitärer Richtung entsprechende Arbeiterwohnungen. Inzwischen traten abermals wichtige Personalveränderungen unter den Firmaträgern ein: Die Herren Samuel Jenny und Wilhelm Schindler traten aus der Firma aus; letzterer hatte jedoch seinen Geschäfts- 246 •»'ü-W r r r r I ! i Spinnerei und Weberei Imst. antheil an seine zwei Söhne Friedrich Wilhelm und Cosmus Schindler cedirt. Nach diesem Wechsel, d. i. vom Jahre 1888 an, wurde das Geschäft unter der P'irma »Jenny & Schindler« fortgesetzt. Um sich auf der Höhe der Zeit zu erhalten, waren durch die lange Reihe von Jahren, während welcher das Etablissement besteht, Umänderungen und Neuanschaffungen nöthig, die sich theils auf die Hebung der Production, respective ihre Verbesserung bezogen, theils aber zum Bewältigen der grossen Nachfrage dienen sollten, denen man unter den gegebenen Verhältnissen kaum mehr genügen konnte ; insbesondere aber blieb die Maschinen-Einrichtung ein Punkt, dem seitens der Unternehmer fortwährend die grösste Aufmerksamkeit zugewendet wurde. Die gegenwärtigen Inhaber der Firma sind die Herren: Cosmus Jenny vonEnnenda(Canton Glarus, Schweiz) und dessen Neffen Friedrich Wilhelm und Cosmus Schindler von Mollis (Glarus). Die Firma Jenny & Schindler besitzt und betreibt folgende Fabriken: Eine Baumwollspinnerei von 30.640 Spindeln und eine Baumwollweberei von 360 Stühlen in Kennelbach (bei Bregenz); zwei Baumwollspinnereien von zusammen 38.948 Spindeln und eine Baumwollweberei von 660 Stühlen in Telfs (Tirol); eine Baumwollspinnerei von 14.844 Spindeln und eine Weberei von 340 Stühlen in Imst (Tirol); eine Baumwollweberei von 150 Stühlen in Mittenbrunnen (bei Dornbirn). Im Kennelbacher Etablissement werden circa 500 Arbeiter beschäftigt, für die durch die gesetzlichen Wohlfahrtseinrichtungen bestens gesorgt ist. Als Wasserkraft dient die Bregenzer Ache, welcher bei genügendem Wasserstande circa 13 1 /., Cubikmeter entnommen werden, die bei 3 Meter Gefälle zwei Turbinen treiben und eine Kraft von 420 Pferdestärken erzeugen. Das gleiche Wasser -wird 2Kilometer weiter unten nochmals benützt und ein Theil der gewonnenen Kraft, nämlich 200 Pferdestärken, elektrisch nach Kennelbach übertragen. Als Aushilfe bei Wassermangel dient eine isopferdige Dampfmaschine. Das ganze Etablissement wird seit 1891 elektrisch beleuchtet und besitzt eine weit verzweigte Hydrantenanlage, sowie eine complete Luftbefeuchtungs- und Ventilationsanlage. Erwähnt sei noch, dass die P irma gegen 200.000 Gulden an Uferschutzbauten, die sich auf 3 bis 4 Kilometer erstrecken, verwendet hat; dadurch wurde die frühere öde Achsteinet der Cultur zugeführt und Boden gewonnen, der zum Theile jetzt schon ertragsfähig ist. Das zweite grosse Enternehmen der Firma, die k. k. privilegirte Spinnerei Telfs, wurde im Jahre 1838 mit Schweizer Capital erbaut und wechselte im Laufe der Zeit mehrmals die Besitzer. Sie hatte unter allerlei Erschwernissen, vor Allem an Kraftmangel zu leiden und wurde im Jahre 1885 ganz ausser Betrieb gesetzt. Im Sommer 1887 gelangte sie dann in den Besitz der Firma Jenny & Schindler. Die erste Sorge galt der Schaffung einer genügenden Wasserkraft. Past 300 Meter oberhalb der Fabrik wurden mehrere in der sogenannten Erzbergklamm entspringende Quellen festgefasst und in einer gusseisernen Leitung von 450 Millimeter innerem Durchmesser unterirdisch nach der P'abrik geleitet. Während der Nacht läuft das Wasser in ein oben in der Klamm gelegenes Hochreservoir, das 5000 Cubikmeter Wasser fasst. Dadurch wird die am Tage benützte Kraft verdoppelt. Letztere genügte nun nicht nur für den Betrieb der alten Fabrik mit ihren wenig leistungsfähigen Maschinen, sondern es konnten die letzteren durch neue, mehr Kraft absorbirende Maschinen ersetzt und noch dazu ein neues grosses Etablissement mit weiteren 16.380 Spindeln und 660 Web- Stühlen erstellt werden. In beiden Etablissements werden bei 600 Arbeiter beschäftigt. Die zum Betriebe erforderliche Kraft von 800 Pferdestärken wird von 8 Turbinen geliefert, und zwar von einer Turbine von circa 100 Pferdestärken mit einem Gefälle von 20 Meter (alte Kraft) und 7 Turbinen verschiedener Grösse, die unter einem Drucke von 270 Meter (neue Wasserleitung) arbeiten. Im Jahre 1894/95 "'urde noch eine elektrische Kraftübertragungsanlage in der Zimmerbergklamm errichtet, als Reserve im Falle einer Betriebsstörung in der Hochdruckleitung sowohl, wie als Aushilfe bei dem im Winter eintretenden Wassermangel in der Erzbergklamm. Diese neue Wasserkraft liefern Quellen die in einer Höhe von 1100 Meter entspringen, dort gefasst und einer 200 Meter tiefer liegenden Turbine zugeführt werden. Diese Turbine ist mit zwei Dynamos gekuppelt, vermittelst welcher die dort erzeugte Kraft von 250 Pferdestärken durch eine Luftleitung nach der Fabrik übertragen wird. Sowohl die alte als die neue P'abrik ist mit zahlreichen Hydranten versehen; beide Etablissements haben elektrische Beleuchtung und Ventilationsanlagen. In Telfs werden von der P'irma 600—700 Arbeiter beschäftigt. Gediegene llllüllii •*K.usE,, Spinnerei Telfs, alte Fabrik. 247 Wohlfahrtseinrichtungen sind zum Wohle der Arbeiter getroffen; darunter befindet sich ein in der Höhe gelegenes Sanatorium für erholungsbedürftige weibliche Arbeiter. Das Verhältnis zwischen Arbeitern und Arbeitgebern ist, wie in allen von der Firma geleiteten Unternehmungen, das denkbar beste und wurde bis jetzt durch nichts gestört. Welch grosse Vortheile der Gemeinde Telfs durch Schaffung der obigen Verdienstquelle erwachsen sind, von den Steuern nicht zu reden, die der Gemeinde abgenommen wurden, bedarf keiner weiteren Erörterung. Das dritte Etablissement der Firma Jenny & Schindler enthält die Spinnerei und Weberei Imst. Ursprünglich als Papierfabrik in Betrieb, kam sie 1892 in den Besitz der Firma Jenny & Schindler. Diese wandelte die Papierfabrik in eine Baumwollspinnerei und Weberei um, bei welchem Anlasse noch mehrere Neubauten errichtet wurden. Die Imster Fabrik enthält 14.844 Spindeln und 341 Webstühle. Die Kraft hiezu liefert eine vom Bigerbache getriebene Turbine von 350 Pferdestärken. Die Arbeiterzahl beträgt 254. Im vierten Etablissement der Firma, der Weberei Mittenbrunnen bei Dornbirn — welche Weberei von der.Firma Jenny & Schindler im Jahre 1895 acquirirt wurde — sind 150 Webstühle verschiedenster Grösse bis zu 230 Centimeter Tuchbreite aufgestellt. Als Betriebskraft dient ein Wasserrad von circa 30 Pferdestärken, sowie eine Reservedampfmaschine gleicher Kraft. äljgtey B IB Jf » «:« * |3 M 11 * 10 ! 1 S'Fiili J.Y. i&Éè. mmä: : wmW< Ifl 1 Spinnerei und Weberei Telfs, neue Fabrik. 248 BRUDER KIND MECHANISCHE WEBEREI PATENTIRTER TREIBRIEMEN AUSSIG a. d. ELBE. er unentbehrlichste Factor, welcher den Arbeitsmaschinen die treibende Kraft zuführt, ist der Treibriemen, der somit die grösste Rolle bei einer jeden Maschinenanlage spielt. Vor Allem kommt hier der Lederriemen in Betracht, welcher aber durchaus nicht, wie viele glauben, der beste und allen Anforderungen genügende ist. Für leichtere Betriebe entspricht ja meist der Lederriemen, dagegen bei schweren Betrieben und dort, wo die Uebertragung der Kraft das Wichtigste ist und man mit den Kosten derselben (Dampfverbrauch etc.) rechnen muss, können Lederriemen gegen gute Textilriemen nicht concurriren. Ueberdies haben letztere noch den Vortheil, dass sie gegen Temperaturwechsel, Oele, Säuren etc. unempfindlich sind und sich somit in Räumen, wo Lederriemen in kurzer Zeit morsch, brüchig und schimmelig werden, jahrelang gar nicht verändern. Auch ist die Dehnung der guten Textilriemen eine wesentlich geringere als bei Lederriemen. Schon diese Punkte sollten genügen, dem Textilriemen den ersten Platz einzuräumen, wenn nicht immer wieder Bedenken aufgetreten wären, dass dieselben doch nicht so gut sind wie Lederriemen. Der grösste Zweifel bestand darin, dass die Kanten der Textilriemen sich im Gabel- und Kreuzlauf ausfransen, und das mit Recht. Diesem Uebelstande ist nun durch die eingewebte Lederkante, Patent Brüder Kind, abgeholfen. Früher verwendete man genähte Treibriemen aus Baumwolle, Kameelhaar, Kautschuk u. s. w. mit rechts und links in den Riemen versenkten und vernähten Schutzleisten aus Lederstreifen, ferner gewebte Treibriemen aus mehreren an den Rändern unverbundenen Gewebelagen, in welchen Streifen aus Leder oder sonstigen geeigneten Stoffen eingelegt und befestigt wurden. All diese Versuche erzielten wohl eine festere Kante, aber keine Kante, die sich auf die Dauer gegen die Reibung in den Riemengabeln bewährte. Die Firma Brüder Kind, mechanische Weberei, fabricirt gewebte Treibriemen aus irgend welchem Material, deren Kanten gegen Ausfransen dadurch geschützt sind, dass eine Lederkante, bestehend aus mehreren Kernleder-Rundfaden, in eigenartiger Weise mit dem Riemen verwebt wird, also mit dem letzteren ein unzertrennbares Ganzes bildet. Die Befestigung dieser Lederfaden geschieht derart, dass die einzelnen Faden abwechselnd nacheinander vom Schussfaden einzeln oder in mehreren Streifen eingewebt werden, um ein geflechtartiges Gewebe durch die Lederfaden am Rande des Riemens zu erzielen. Es liegt auf der Hand, dass auf diese Weise thatsächlich eine vollständig dauerhafte Lederkante erreicht wird, welche sich bereits seit längerer Zeit in verschiedenen Betrieben als ausserordentlich haltbar bewährt hat. Diese Kind’schen Treibriemen, welche in allen Culturstaaten patentirt sind, bilden somit eine Vereinigung von Leder- und Stoff-Treibriemen in einem Riemen. Nachdem die Firma Brüder Kind für ihre Erfindung in allen Culturstaaten ein Patent erworben hatte, eröffhete sie im Jahre 1896 zu Aussig a. d. Elbe ihre neueingerichteten Betriebsstätten. Das junge Unternehmen hatte Glück. Die Eigenart der Producte fand allgemeinen Anklang und die patentirten Treibriemen werden heute bereits nicht nur in Oesterreich, sondern auch in Deutschland, Russland, England, der Schweiz, Italien etc. abgesetzt. Die Aussiger Weberei ist in Oesterreich die erste und einzige ihrer Art. Die Fabrikslocale, welche allen sanitären Anforderungen bezüglich Luft und Licht vollkommen entsprechen, enthalten 10 mechanische Webstühle und ausserdem alle nötliigen Hilfsmaschinen. Die motorische Kraft stellen Dynamomaschinen bei, denen auch die Versorgung der Fabrik mit elektrischem Lichte obliegt. Die Fabrik beschäftigt gegenwärtig circa 25 Arbeiter, für die durch alle gesetzlichen Wohlfahrtseinrichtungen gesorgt wird. Die Gross-Industrie. IV. ✓ 249 32 {4 rM&iäm s^Ssf: Hf «f ■3eerrs < ‘ ■> ■'1t, *L <«#3® SU2>. vEjS^ytL iPBBt J^^G-SsSE ^iii* Ü^L|ii:^ji|l- v^-v^' •ISP*-'., r«p^-: r ISAAC MAUTNER & SOHN BAUMWOLL-, LEINEN-, SEIDEN-, HALBWOLL-UND SCHAFW OLL W AAREN- WEBEREI, FÄRBEREI UND BLEICHE, APPRETUR NACHOD, SCHUMBURG, TRATTENBACH, PRAG UND WIEN. er Begründer der Firma, Isaac Mautner, wurde im März 1824 zu Nachod geboren und schritt im Jahre 1848 an die Errichtung des Etablissements, welches somit nunmehr volle fünfzig Jahre seines Bestandes zählt. Zu Beginn seiner industriellen Thätigkeit betrieb der Begründer eine Baumwoll- und Leinenweberei auf Handstühlen und verarbeitete Waaren aus Baumwoll- und Leinengarnen im rohen und auch im gebleichten Zustande; er war der erste Erzeuger, welcher in Nachod die Baumwollweberei einführte, die seither in dieser Gegend eine so rasche Entwickelung und bedeutende Ausdehnung erlangt hat. Im Jahre 1857 wurde von der Firma eine kleine Appreturanstalt in Nachod errichtet. Schon damals erfreuten sich die Erzeugnisse derselben eines besonderen Ansehens und grosser Beliebtheit. Zu dieser Appreturanstalt kam im Jahre 1863 die erste Garn-Färberei und -Bleiche, w T elche allmählich eine bedeutende Ausdehnung gewann und nicht nur den Bedarf der eigenen Weberei an bunten und gebleichten Garnen versorgte, sondern auch die Bezugsquelle dieser Producte für die sich mit der Zeit etablirenden Webereien des Ortes und der umliegenden industriellen Umgebung bildete. Damals wurde auch mit der Erzeugung buntgewebter und gefärbter Waaren aus Baumwolle und Leinengarn begonnen. In den schweren Jahren, welche die Baumwoll-Industrie durchzumachen hatte, insbesondere während des amerikanischen Bürgerkrieges 1863/64, war die Firma für die armen Handweber der Umgebung, welche keinen anderen Erwerb hatten, ein wahrer Segen, indem sie mit Hintansetzung ihres Yortheiles, ja sogar mit grossen materiellen Opfern, die Warenerzeugung, die allenorts fast ganz reducirt wurde, nur im geringen Maasse einschränkte und hiedurch den armen Gebirgswebern ihren Erwerb weiter verschaffte; die besondere Anerkennung der Behörden und der Regierung wurde der Firma hiefür zu Theil. Im Jahre 1867 wurde die Erzeugung - bunter Waare bedeutend erweitert, in diesem Jahre trat auch der spätere Mitchef, Isidor Mautner, in das Geschäft ein, und seit 1874 lautet die Firma: Isaac Mautner & Sohn. 250 Im Jahre 1868 errichtete die Firma ihre erste mechanische Weberei in Schumburg bei Tannwald (Böhmen), welche zu Beginn mit 114 mechanischen Webstühlen betrieben und successive auf 1102 Stühle vergrössert wurde. Diese I H abrik erfreut sich seit ihrer Gründung des ungetheilten Beifalles ihrer Abnehmer, indem sie die mannig- faltigsten Baumwoll-, Woll-, Halbwoll- und Seidenwaaren in jeder Hinsicht in tadelloser Ausführung liefert und bezüglich ihrer Leistungsfähigkeit durch die auf der höchsten Stufe der Neuzeit stehenden technischen Einrichtungen allen Wünschen ihrer Abnehmer nachzukommen in der Lage ist. Diese Fabrik leitet seit ihrer Gründung der in den industriellen Kreisen Oesterreichs als hervorragender Fachmann anerkannte Herr Wilhelm Hamburger. Im Jahre 1880 wurde in Nachod die erste dort eingerichtete mechanische Weberei erbaut, welche nach und nach auf 87g Stühle erweitert wurde; diese Fabrik ist in ihren maschinellen Einrichtungen derart hergestellt, dass sie auf der Höhe der technischen Entwickelung steht und allen Anforderungen der Erzeugung bezüglich Mannigfaltigkeit und Exactheit der Production entsprechen kann. Im selben Jahre wurde die Garnfärberei und Bleiche wesentlich erweitert und eine grosse Waarenbleich- und Appretur-Anstalt nebst einer Waarenfärberei errichtet. Dem Gesammtbetrieb der Nachoder Etablissements steht der Schwiegersohn des Begründers der Firma, Herr Otto Goldschmid, als Director vor. Im Jahre 1893 wurde die der Firma gehörige Holzschleiferei in Trattenbach bei Kirchberg am Wechsel (Niederösterreich) in eine mechanische Weberei umgewandelt, welche gegenwärtig 251 Stühle betreibt. Im Gesammten betreibt die Firma in ihren cisleithanischen Fabriken 2232 mechanische Webstühle, worunter sich circa 600 mit Jacquardmaschinen, 800 mit Schaftmaschinen, 500 mit Köper-, Satin- und ähnlichen Vorrichtungen befinden, und kann dieselbe wohl in der Mannigfaltigkeit ihrer Erzeugung in die erste Reihe der mechanischen Webereien Oesterreich-Ungarns gesetzt werden, welchen Rang sie auch bezüglich ihrer Stuhlanzahl einnimmt. In den genannten Etablissements sind nahezu 1800 Arbeiter bei guten Lohn Verhältnissen beschäftigt; es sind 8 Dampfmaschinen mit circa 1100 Pferdekräften, 3 Turbinen mit 200 Pferdekräften, 12 Dampfkessel mit 1500 Quadratmeter Heizfläche im Betriebe; überall ist elektrische Beleuchtung eingerichtet. Die Production im Jahre 1897 betrug rund 16,500.000 Meter in den AVebereien selbst angefertigter Stoffe, wozu 5,300.000 englische Pfund an Garnen verarbeitet wurden. Das Central-Bureau der Firma befindet sich in AA r ien, I., Schottenring 15. Niederlagen bestehen in Prag, Budapest und Triest. Einzeln-Procuristen sind die Herren Otto Goldschmid und Wilhelm Hamburger; Collectiv- Procura besitzen die Herren Ferdinand Schuster, Josef Mautner und Stephan Mautner. Der Firma-Mitchef Isidor Mautner gründete im \ T ereine mit seinen Schwägern im Jahre 1881 die Nachoder Baumwollspinnerei AA 7 ärndorfer Benedict Mautner, welche sich später durch den Ankauf der Günselsdorfer Spinnerei (Niederösterreich) zu einer der grössten Baumwollspinnfabriken Oesterreichs entwickelte und circa 63.000 Baumwoll- spindeln betreibt. Isidor Mautner hat hier wesentlich zur Entwickelung der Baumwoll-Industrie Oesterreichs beigetragen; vor zwei Jahren ist er aus diesem Unternehmen ausgetreten. Im Jahre 1893 begann Isidor Mautner die Errichtung der Baumwollspinnerei, Weberei, Färberei, Bleiche und Appretur in Lipto Rosenberg (Rozsahegy), welchem grossen Unternehmen unter dem Titel: Ungarische Textil- Industrie-Actiengesellschaft derselbe gegenwärtig als Präsident vorsteht. Die Firma ist bemüht, ihren Arbeitern durch humanes, deren AA T ohl förderndes Bestreben eine möglichst angenehme Existenz zu gewähren; es wurden in den verschiedenen Fabriksorten Arbeiterhäuser errichtet, welche den Arbeitern gute Wohnungen für sehr billige Miethe gewähren; in Schumburg wurde ein Kindergarten errichtet, welcher auf Kosten der Firma erhalten wird. Krankencasse und Unfallversicherung wurden lange Zeit vor der staatlichen Verordnung auf Kosten der Unternehmer eingeführt. Anlässlich des 70. Geburtstages des Begründers der Firma, Isaac Mautner, hat derselbe am 4. April 1894 für die Arbeiter und Meister in den Fabriken Nachod und Schumburg' einen Arbeiter-Unterstützungsfond gegründet, welcher zu Ende 1898 die Höhe von 65.000 Kronen erreichen dürfte; die jährlichen Beiträge hiezu werden vorläufig von der Firma allein geleistet, und wächst der Fond durch dieselben, sowie durch die eigenen Zinsen ziemlich bedeutend an, umsomehr als die unterstützungsbedürftigen Arbeiter, welche statutengemäss bereits Unterstützungsansprüche gemessen, dieselben aus eigenen Mitteln der Firma erhalten. Seit dem Jahre 1878 ist die Firma von Seiten des k. k. Landesvertheidigungs-Ministeriums mit der Lieferung sämmtlicher Baumwollbedarfsartikel für die österreichische Landwehr betraut, und hat die zu diesem Behufe unter dem Namen: Baumwoll- und Leinen-Industrie-Gesellschaft für die Ausrüstung der k. k. Landwehr von Mautner & Con- 3a* 251 Sorten gegründete Gesellschaft wiederholt Gelegenheit gehabt, allen Anforderungen bezüglich grosser und forcirter Lieferungen nach jeder Hinsicht zu entsprechen. Die eigens errichtete Confections-Anstalt, IX., Eisengasse 5, verfügt nebst grossen, modern eingerichteten Arbeitsräumen über mehrere Hundert Näh- und Hilfsmaschinen aller Arten und Systeme und wurde im Jahre 1894 durch den Allerhöchsten Besuch Sr. Majestät ausgezeichnet, welcher während eines Rundganges die Anstalt eingehend besichtigte und sich lobend über dieselbe äusserte. Die Firma ist seit Langem berechtigt, den kaiserlichen Adler im Siegel und Schilde zu führen. Isaac Mautner erhielt 1874 das goldene Yerdienstkreuz mit der Krone. Im Jahre 1891 wurde er für sein verdienstvolles Wirken von der Gemeinde Schumburg zum Ehrenbürger ernannt. Isidor Mautner gehört seit dem Jahre 1895 als k. k. Commerzialrath der Permanenzcommission für die Bestimmung der Handelswerthe an; im Jahre 1897 wurde er von Sr. Majestät durch Verleihung des Ritterkreuzes des Franz Joseph-Ordens ausgezeichnet. BRÜDER NEUMANN BAUMWOLLSPINNEREI, MECH. WEBEREI, BLEICHEREI UND APPRETUR-FABRIK FRIEDEK. ieses Etablissement, welches das bedeutendste der Baurmvoll-Industrie Schlesiens ist, wurde bereits 1868, Un< ^ zwar a ^ s Bliche u nd Appretur für die schon damals in den beiden Städten Friedek und Mistek, wenn auch in bescheidenem Umfange, betriebene Web-Industrie gegründet. Zu jener Zeit lag der 5 Friedeker Platz rücksichtlich der Weisswaaren ziemlich darnieder und wurde wegen der nicht auf der i Höhe der Zeit stehenden Appretur von Käufern wenig besucht. Durch die Errichtung dieser Appretur wurde diesem Uebelstand abgeholfen und erfuhr die Weisswaaren- fabrication ebenso wie die Fabrik selbst einen raschen Aufschwung. Die Einrichtung dieses Etablissements ist eine dem neuesten Stande der Technik entsprechende und umfasst 4 Kochkessel System Barloo, 3 Waschmaschinen, 1 Chlor- und 1 Säuremaschine, 2 Wassercalander, 5 Stärkemaschinen, 1 hydraulische Mange, 4 Kastenmangen, 2 Glanzcalander, 1 Trockenmaschine, ferner Messmaschinen, hydraulische Pressen etc., und beträgt die Leistung der Appretur 4,000.000 Meter pro Jahr. Im Verlaufe des Bestandes der Fabrik wurde dieselbe durch eine mechanische Weberei erweitert, welche als eine der besteingerichteten der Gegend bezeichnet werden kann. Dieselbe ist in einem einzigen grossen, mit Oberlicht versehenen Saal untergebracht, in welchem 500 Webstühle stehen, ferner befinden sich in einem anstossenden, mit ersterem Saale in Verbindung stehenden zweistöckigen Gebäude noch weitere 350 Webstühle. Die jährliche Production der Weberei beträgt 6,000.000 Meter, und erfolgt der mechanische Betrieb mittelst einer Sulzer-Wannieck-Maschine von 250 Pferdekräften und zweier Tischbeinkessel mit 400 Quadratmeter Heizfläche. Die Höhe seiner Entwickelung erlangte das Etablissement jedoch durch die im Jahre 1890 erfolgte Errichtung einer Baumwollspinnerei mit 30.000 Spindeln, welche nach den neuesten, erprobten Erfahrungen nach Plänen des Ingenieurs und Architekten Sequin Bronner in Rüti (Schweiz) errichtet wurde. Das imposante Gebäude dieser Spinnerei, 93 Meter lang, 353 Meter breit und zwei Stockwerke hoch, ist ganz feuersicher in Stein und Eisen erbaut; die Plafonds und Fussböden sind in Stampfbeton mit Asphalt ausgeführt, die Dachconstruction ist ebenfalls in Stampfbeton, mit Korkplatten isolirt und mit Holzcement gedeckt. In dem 14-6 Meter langen, 31 Meter breiten und 5-5 Meter hohen Parterreraume, welcher, wie alle übrigen Localitäten, durch grosse Fenster erhellt wird, ist die Putzerei untergebracht, aus welcher durch 15 an den Maschinen angebrachte Ventilatoren die Abführung des Staubes in das Souterrain erfolgt, von wo zur Erzielung des nöthigen Zuges ein Staubkamin von 31 -2 Meter Länge, 2 Meter Breite und 18 Meter Höhe bis über das Dach führt. Von diesem Putzlocale nur durch den Seilschacht und die Nothstiege getrennt, befindet sich der Vorbereitungssaal in einer Länge von 63'4 Meter, 31 Meter Breite und von 5*5 Meter Höhe; in diesem 10.810 Cubikmeter Luft umfassenden Raume besorgen vier Ventilatoren, System Blackmann, die Entfernung des Staubes und die Zuführung frischer Luft durch regulirbare Luftklappen. Oberhalb dieses Locals, in der ersten Etage, befindet sich die Fortsetzung der Vorbereitung, sowie ein Theil der eigentlichen Feinspinnerei. Dieser Raum ist ebenso gross wie der untere und hat eine Höhe von 5 Meter, was einem Luttraume von circa 10.000 Cubikmeter entspricht, so dass auf jeden der hier beschäftigten 95 Arbeiter ungefähr 103 Cubikmeter Luftraum entfällt. Zur Reinigung der Luft dienen hier 15 Luftbefeuchtungsapparate (von Kleiner, Bockmayer & Co., Mödling), welche die Atmosphäre auf 65 Procent relative Feuchtigkeit sättigen. Um diesen Feuchtigkeitsgrad reguliren zu können, dienen 4 Ventilatoren von 1-5 Meter Durchmesser und an der entgegengesetzten Seite 7 Luftklappen, durch welche das Einströmen der frischen Luft erfolgt, so dass ein einmaliger Luftwechsel in der Stunde stattfindet. Das gleiche Local des zweiten Stockes, 63-4 Meter lang, 31 Meter breit und durchschnittlich 5-25 Meter hoch, mit 10.318 Cubikmeter Luftraum, ist mit Selfactoren belegt, und befindet sich daselbst die gleiche Luftbefeuchtungsanlage wie im ersten Stocke. Die Arbeiteranzahl dieses Saales beträgt 90. Die Mischung ist oberhalb der Putzerei in einem Raume von ganz gleichen Dimensionen wie der vorhergehende untergebracht und wird daselbst die Baumwolle mittelst Exhaustoren und Röhren den Putzereimaschinen zugeführt. Die Räumlichkeiten oberhalb des Mischungsraumes (zweiter Stock), 2400 Cubikmeter Luftinhalt umfassend, enthalten Selfactoren, und wird deren Lüftung durch 4 Luft-Befeuchtungsapparate, sowie einen Ventilator und die entsprechenden Luftklappen besorgt. — 2 53 — Die lose rohe Baumwolle geht über ein 17 Meter langes Lattentuch durch einen Porcupino-Opener und wird aus diesem mittelst Exhaustoren in die im Erdgeschosse aufgestellten »Crighton-Opener« getrieben, an welchen Schlagmaschinen angebaut sind, aus denen die Baumwolle als Wickel hervorkommt. In der Putzerei sind an Maschinen 1 einfacher Crighton-Opener, 2 combinirte Exhaust-Openers mit Schlagmaschinen und 9 einfache Schlagmaschinen aufgestellt. Zur weiteren Verarbeitung der Baumwolle auf Garn dienen 84 revolvirende Deckelkarden, 12 Strecken, 12 Grobflyer, 15 Mittelflyer und 30 Feinflyer, 24 Ringdrosselmaschinen und 26 Selfactoren. Sämmtliche Maschinen sind englischer Provenienz und neuester Construction. Der Kraftbedarf der einzelnen Betriebe ist nachstehender: Es benöthigen die Putzerei. 66 Pferdekräfte der Vorbereitungssaal (Parterre).135 » die Vorbereitung (Feinspinnerei) I. Stock.123 » der Selfactorsaal II. Stock. 175 » die Dampfmaschine und Transmissionen.160 » der Normalbetrieb insgesammt . . 659 Pferdekräfte die Dynamomaschine. 40 » Die Fabrik benöthigt daher . 699 Pferdekräfte. Sämmtliche Maschinen, Transmissionen etc. sind mit Schutzvorrichtungen versehen und alle Getriebe verdeckt, der Headstock bei den Selfactoren ist gänzlich verschalt, und die Aufzüge haben selbstthätige Absperrvorrichtungen. An jeder Riemenscheibe befinden sich Riemenaufleger, so dass der Arbeiter zu jeder Zeit während des Ganges der Transmission ohne Gefahr das Aufwerfen des Riemens besorgen kann, welche Construction vom k. k. Central-Gewerbeinspector Ministerialrath Migerka, als anerkennens- und nachahmenswerth, lobend hervorgehoben wurde. Die Transmissionen sind durchgehends mit leicht handlichen Ausrück-Kuppelungen versehen. Wasserleitungen sammt Schläuchen zu Feuerlöschzwecken befinden sich in allen Räumen, ebenso hängen an jeder zweiten Säule stets gefüllte Feuereimer; eine Anzahl von Extincteurs ist gleichfalls vorhanden. Die Beheizung der Fabrik erfolgt mit Dampf durch gusseiserne Rippenrohre, welche in einer Höhe von 2 - 2—3 Meter an den Säulen angebracht sind. Die Beleuchtung der Fabrik besorgen zwei Dynamomaschinen mit 520 Glühlampen und 2 Bogenlampen. Die 700 Pferdekräfte starke Betriebsmaschine ist in einem an den Haupttract angebauten Gebäude untergebracht, und führen von hier nach allen Fabriksräumen elektrische Signal-Vorrichtungen. Ausserdem ist eine kleine Dampfmaschine zum Betriebe der Werkstätten und der Nothbeleuchtung vorhanden. Fünf Minuten vor Ingangsetzung der Maschine werden alle Säle durch Signale avisirt. Von mehreren Stellen eines jeden Saales kann das Signal zum Einstellen des Dampfmaschinenbetriebes in das Maschinenhaus gegeben werden; an das Maschinenhaus anstossend befindet sich das Kesselhaus, in welchem fünf Dampfkessel den zum Betriebe sowie für die Dampfheizung nöthigen Dampf besorgen. An den Kesseln sind Klinger’sche Patent-Sicherheits-Wasserstandsanzeiger angebracht, so dass der Heizer gegen Wasserstandsglas-Explosion gesichert ist. Um das Verführen der Baumwolle und fertigen Garne durchführen zu können, ist auf dem Fabriksgrundstücke eine Rollbahn gelegt. Etwa 25 Meter von der Fabrik entfernt befinden sich die Magazine, Werkstätten und eine Arbeiterküche mit einem anschliessenden 2Ö'5 Meter langen, 8 Meter breiten, 3‘8 Meter hohen Arbeiter-Speisesaal, welcher von den entfernt wohnenden Arbeitern, circa 130 an der Zahl, benützt wird. Die Einrichtung dieses Saales ist derart, dass die Bänke umgeschlagen und als Schlafstellen benützt werden können, auf welche Weise 40 Arbeiter Unterkunft finden. In der Küche, in welcher sich zwei Sparherde befinden, wird durch eine dazu bestimmte Person entweder gekocht, oder das Essen, welches zugetragen wird, erwärmt. Sämmtliche Etablissements der Firma haben gemeinschaftlich mehrere Häuser mit Wohnungen für Beamte, Meister und Arbeiter und weiters eine geräumige Arbeiterkaserne mit zwei grossen geräumigen Eingangsthoren. Diese Arbeiterkaserne, massiv erbaut und den hygienischen Ansprüchen in jeder Beziehung entsprechend, umfasst: Im Parterre: Die Wohnung des Hausmeisters, 4 Speisesäle, 1 Schlafsaal für Männer, 1 Krankenzimmer für Männer, 1 Küche für Männer, 2 Küchen für Mädchen. Im I. Stock: 5 Schlafsäle mit zusammen 180 eingerichteten Betten für Mädchen, 1 Krankenzimmer für Mädchen, 1 Wohnung für den Aufseher, 2 grosse Waschräume. Im Souterrain: Waschküchen und Keller. Sämmtliche Räume sind licht und hoch, heizbar, und ausser mit vollständigen Betten noch mit dem nöthigen Mobiliar und elektrischem Licht versehen, dessen Benützung selbstverständlich unentgeltlich ist. Die Abtheilung für Männer ist von jener für die weiblichen Arbeiter streng getrennt. Wie aus Vorstehendem zu entnehmen ist, wmr das Bestreben der Firma stets darauf gerichtet, nicht nur die technischen Einrichtungen der Etablissements auf der Höhe der Zeit zu erhalten, sondern auch den Wohlfahrtseinrichtungen für die Arbeiter besonderes Augenmerk zuzuwenden und denselben namhafte materielle Opfer zu bringen. Dieses Bestreben wurde seitens der Gewerbe-Aufsichtsbehörden auch mit besonderer Anerkennung ausgezeichnet, indem sowohl der Gewerbeinspector für Schlesien, als auch der Central-Gewerbeinspector, Ministerialrath M i g erka, bei ihren Besuchen ihre volle Befriedigung über die aus eigener Initiative der Firma geschaffenen Schutz- und Wohlfahrtseinrichtungen aussprachen; ebenso lobend hatte sich der Landespräside'nt von Schlesien über sämmtliche Einrichtungen der Fabrik anlässlich seines Besuches geäussert. 254 J. S. PERLHEFTER MECHANISCHE WEBEREI FRIEDRICHSWALD BEI WILDENSCHWERT IN BÖHMEN. ie Firma J. S. Perlhefter wurde bereits im Jahre 1832 gegründet, und zwar von Israel S. Perlhefter. Dieser widmete sich nach dem Tode seines Vaters Kalman S. Perlhefter dem Kaufmannstande und übernahm des letzteren Gemischtwaarengeschäft in Doudleb in Böhmen. Im Jahre 1842 erwarb derselbe die vormals fürstlich Liechtenstein’sche Dominical-Lohgärberei No. 218 in Wildenschwert, die er als Meister der Landskroner Gerberinnung betrieb. Seine Producte erfreuten sich eines so guten Rufes, dass er mit denselben damals schon einen schwungvollen Export erzielte und dadurch die Allerhöchste schriftliche Anerkennung Sr. Majestät weiland Kaiser Ferdinands erlangte. Im Jahre 1859 trat dessen Sohn Karl in das Geschäft seines Vaters als Procurist ein. Im Jahre 1871, als dem Todesjahre des Gründers dieser Firma, gieng letztere auf den Sohn über. Dieser gründete im Jahre 1884 eine Baumwollwaarenfabrik zu Friedrichswald bei Wildenschwert, in landschaftlich reizender Gegend am Adlerflusse gelegen. Die Fabrik entwickelte sich, wie jede gewerbliche Anlage, allmählich und verdankt ihren heutigen Umfang in erster Linie den vielseitigen modernen Einrichtungen, welche es ihr ermöglichten, ihre Erzeugnisse in vollkommen fertigem Zustande auf den Markt zu bringen. Die Fabrik entbehrte seinerzeit aller zeitgemässen Verkehrsmittel. Erst im Jahre 1885 gelang es den Bemühungen des Fabriksbesitzers, dass dort eine Personenhaltestelle und gleichzeitig ein k. k. Postamt, im Jahre 1888 eine dem öffentlichen Verkehre gewidmete Eisenbahnstation und im Jahre 1888 ein k. k. Telegraphenamt ins Leben gerufen wurde. Selbstverständlich erfolgte die Creirung sowohl der Haltestelle als auch der Bahnstation auf Kosten der Firma. Das Etablissement beschäftigt heute etwa 400 Arbeiter, erzeugt alle Sorten Baumwollwaaren vom einfachsten Calicot bis zum complicirtesten Baumwollstoff. Die Fabrik ist mit diversen Wohlfahrtseinrichtungen für ihre Arbeiterschaft ausgerüstet, von denen die Schlaf- und Speisesäle, sowie die Fabrikscantine besondes hervorzuheben sind. Ebenso besitzt die Fabrik eine eigene wohlorganisirte Feuerwehr. Am 17. Juni 1894 genoss die Fabrik die Auszeichnung des Besuches Sr. Excellenz des damaligen Statthalters von Böhmen, Franz Grafen von Thun-Hohenstein, und am 2. September desselben Jahres wurde dem k. k. Postmeister und Fabriksbesitzer Karl Perlhefter die ganz besondere Auszeichnung zutheil, Sr. Majestät dem Kaiser Franz Joseph I. anlässlich der Kaisermanöver in Böhmen, als Führer der Deputation der Grossindustriellen, in deren Namen die allerunterthänigste Huldigung darzubringen. Zum Andenken an - den Gründer der Firma »J. S. Perlhefter« wurde die von demselben im Jahre 1842 erworbene und von ihm bis zu seinem Ableben bewohnte Realität zu Wildenschwert in Böhmen von dessem Sohne einer Studienstiftung gewidmet. 2 55 : :! ■yffi m * * * * * fff* JOS. RIEDEL B AU M WO L LWA AREN-WEBEREI*) MAXDOR F. r—rss- I Wf?f I ABi-s axdorf — im politischen Bezirke Gablonz a. N. — liegt mit seinem Ortstheile Unter-Maxdorf am rechten Ufer des Kamnitzbaches in einem romantischen Thale des Isergebirges. Hier erbaute im Jahre 1862 der Tannwalder Glashändler Johann Prediger an Stelle einer aufgelassenen Glasschleiferei eine Maschinenpapierfabrik. Durch die Ungunst der Verhältnisse sah sich der Genannte veranlasst, den Besitz zu veräussern. Hierauf bildete sich im Jahre 1864 eine Actiengesellschaft, welche die Fabrik in eine Flachsgarnspinnerei mit 5000 Spindeln umwandelte, die sich jedoch nur bis zum Jahre 1870 behauptete, in welchem Jahre sich Josef Riedel aus verwandtschaftlichen Rücksichten entschloss, die Fabrik zu übernehmen. Er hielt dieselbe bis 1878 als Flachsgarnspinnerei im Betriebe, wandelte dieselbe in diesem Jahre in eine Hanfspinnerei und Bindfadenfabrik um und richtete sie im Jahre 1894 als mechanische Baumwollwaaren- weberei ein. Dieselbe wurde durch Um- und Zubauten entsprechend vergrössert und am 20. August 1894 mit 48 Webstühlen in Betrieb gesetzt, deren Zahl successive bis zum Frühjahr 1897 auf 530 Stühle vermehrt wurde; dieselben sind Unterschläger und durchwegs im Inlande erbaut. Im Jahre 1895 wurde auch eine Schlichterei eingerichtet, welche nebst den zugehörigen Vorbereitungsmaschinen derzeit aus 3 Spul-, 4 Zettel- und 2 englischen Sizing-Schlichtmaschinen besteht. An Motoren sind vorhanden: eine 170 Pferdekraft-Compound-Dampfmaschine nebst einem Wasserrad mit einer durchschnittlichen Leistung von 80 Pferdekräften und eine kleine Dynamomaschine für 70 Lampen; die sonstige Beleuchtung erfolgt mit Oelgas. Beschäftigt sind circa 330 Arbeiter, zumeist weibliche. Erzeugt werden Cottone, Gradei, Köper, Brillantine, Satins, Damastgradei und andere Schaft- und Jacquard-Waaren. Die Gewebe werden in rohem Zustande verkauft und erst durch die zweite Hand mittelst Bleichappretur und Druckverfahren veredelt. Die jährliche Production übersteigt bei vollem Betriebe 3 Millionen Meter, zu deren Herstellung mehr als 30.000 Kilogramm Garn erforderlich sind. Bei der Fabrik befinden sich ausser den geräumigen Wohnhäusern für die Beamten auch drei Arbeiterhäuser mit 60 Zimmern, in denen einzelne Familien gesunde und bequeme Wohnungen haben. Die Fabrik hat ihre eigene Betriebskrankencasse für die Arbeiter. Seit der vor drei Jahren erfolgten Inbetriebsetzung der normalspurigen Eisenbahn des von der Station Morchenstern abzweigenden Kamnitzthalbahnflügels ist »Antoniewald« die Bahnstation für Maxdorf; die Fabrik ist durch ein eigenes Geleise mit der Station Antoniewald verbunden. *) Die Monographie von Jos. Riedel’s Baumwollspinnerei in Wurzelsdorf befindet sich auf S. 231. 236 I GOTTLIEB SCHNABEL MECHANISCHE WEBEREI NEUPAKA. VVjfsI ieses Etablissement beschäftigt sich mit der Erzeugung von Baumwollwaaren für alle Zwecke und —bringt solche sowohl als Halbfabricate als auch in veredeltem nadelfertigen Zustande in den Handel. Hauptsächlich befasst sich dasselbe mit der Herstellung von Stoffen für Männerkleider aus Baumwolle, in zweiter Linie werden Baumwollstoffe für Druck- und Färbzwecke und für den Bedarf der Wäscheerzeugung hergestellt. Das directe Absatzgebiet für die Erzeugnisse dieses Unternehmens beschränkt sich auf die Oesterreichisch- ungarische Monarchie, doch werden die Fabricate in veredeltem Zustande theilweise von dritter Seite in die Balkanstaaten exportirt. Die Fabrik ist vom jetzigen Inhaber, Gottlieb Schnabel, gegründet und zu der hohen Bedeutung, welche dieselbe heute einnimmt, gebracht worden. Im Jahre 1854 in Bidschow in Böhmen als vierter Sohn eines angesehenen Kaufmannes und Landwirthes geboren, widmete sich Gottlieb Schnabel nach absolvirten Real-und Handelsschulstudien der kaufmännischen Laufbahn, conditionirte in grossen Handels- und Fabrikshäusern in Deutschland und später in Oesterreich; sein offener Blick erschloss ihm die Ressorts seiner verschiedenen Stellungen derart gründlich, dass er binnen wenigen Jahren neben theoretischen Kenntnissen eine reiche Erfahrung sein Eigen nennen konnte. Geleitet von dem Gedanken, sich als Fabrikant eine Existenz zu gründen, trachtete er, sein Wissen auch auf technischem Gebiete zu erweitern, und durch fleissiges Selbststudium und spätere praktische Thätigkeit in einem Textilbetriebe erreichte er auf diesem Felde jene Routine, welche unter den gegebenen Verhältnissen unbedingt nöthig war, um mit Aussicht auf Erfolg an die Gründung einer eigenen Erzeugungsstätte herantreten zu können. Im Jahre 1882 bot sich die Gelegenheit, in dem kleinen böhmischen Orte Neupaka ein kleines Object, welches seit nahezu 25 Jahren bestand, den verschiedensten Industriezwecken gedient hatte, nun aber seit Jahren unbenützt war und zu verfallen drohte, pachtweisezu erwerben und hier begann nun Gottlieb Schnabel, nachdem in ihm der Gedanke, ein Textilunternehmen zu gründen, festen Fuss gefasst hatte, eine mechanische Baumwollwaaren- weberei einzurichten. Die Arbeitskräfte des kleinen Ortes waren an Zahl gering, auch dem Fabrikserwerbe wenig geneigt, und so war für einen Anfang der Boden nicht besonders geeignet. Nach Monaten mühevoller Arbeit bewegte endlich im Juli des Jahres 1883 eine kleine Maschine 50 Webstühle. Im Wege einer allmählichen Entwickelung wuchs die Ausdehnung des Unternehmens, und schon im Jahre 1884' wurden 180 Stühle betrieben und ausserdem für die bedeutende Handweberei in der Umgegend der Bedarf an Kettengarnen geliefert. Nun war aber auch der vorhandene Raum erschöpft und dem weiteren Wachsthum des Etablissements dadurch eine Grenze gesetzt. Im Jahre 1887 erwarb der Inhaber die bisher gepachtete Fabrik käuflich, und die Weberei wurde jetzt durch einen Zubau, in welchem weitere 120 Stühle untergebracht werden konnten, erweitert. In den folgenden Jahren wurden grössere Lagerräume geschaffen und sonstige Zubauten ausgeführt. Indessen blieb auch die andere Webe-Industrie nicht unthätig, es wuchsen gleichzeitig grosse Concurrenz- etablissements heran, und dem Drange nach Verbilligung'der grossen Regiekosten folgend, entschloss sich Gottlieb Schnabel im Jahre 1892 zur Erbauung eines neuen Shedgebäudes, in welchem bessere Artikel erzeugt werden sollten, da die ältere Bauart des Hochbaues dem hinderlich war. Der neue Fabrikstheil wurde sodann auch den Anforderungen der Neuzeit entsprechend in allen Einzelheiten praktisch und aufs Bequemste eingerichtet. Der 4000 Quadratmeter grosse Websaal mit seinen 600 Stühlen macht sowohl durch die Fülle des einfallenden Tageslichtes, als auch bei elektrischer Beleuchtung einen recht imponirenden Eindruck. Diese Erweiterung brachte ferner die Anschaffung von neuen Betriebsmaschinen und einer Kesselanlage mit sich, welche entsprechend gross gewählt wurde, um für die im Jahre 1894 erfolgte Erweiterung der Shedanlage auf 600 Stühle auszureichen. Die Gross-Industrie. IV. 33 257 Im Jahre 1896 wurde schliesslich auch für die Vorbereitungsmaschinen ein neuer Raum geschaffen und damit die Bauthätigkeit einstweilen zum Abschlüsse gebracht. Die Fabrik beschäftigt jetzt über 600 Arbeiter. Im Betriebe befinden sich nahezu 1000 Webstühle, für welche 4 Spülmaschinen, 9 Scheermaschinen und 3 Schlichtmaschinen den Bedarf an Ketten hersteilen. Für jene Erzeugnisse, welche im gerauhten Zustande an andere Textilfabriken geliefert werden, sind 3 Rauhmaschinen neuester Construction im Betriebe, für die Instandhaltung der grossen Zahl von Maschinen ist eine eigene Constructions- und Reparaturwerkstätte vorhanden. Alle Räume sind vorzüglich beleuchtet, gut ventilirt und durchwegs mit Dampfheizung versehen. Die Betriebskraft liefert eine 300pferdekräftige Dampfmaschine neuesten Corlissystems, die Beleuchtung besorgen drei Dynamomaschinen, welche von einer eigenen, 100 Pferdekräfte leistenden Dampfmaschine betrieben werden. Den Dampf liefern 3 Kessel mit zusammen 650 Quadratmeter Heizfläche. Nach iöjährigem rastlosen Schaffen steht an jener Stelle, wo einst ein kleines leeres, dem Verfalle preisgegebenes Gebäude war, ein mächtiges Industrie-Etablissement; aus dem kleinen öden Orte Neupaka ist durch die Heranziehung der Arbeitskräfte aus den umliegenden Ortschaften eine lebensvolle Stadt geworden, die Bauthätigkeit hat sich rapid entfaltet, und überall ist erhöhter Wohlstand und Zufriedenheit bemerkbar. 258 — MORIZ SCHUR MECHANISCHE WEBEREI MÄRZDORF BEI BRAUNAU (BÖHMEN). n Märzdorf bei Braunau bestand seit dem Jahre 1859 eine Leinenweberei, deren Geschäftsgang unter der damaligen Misère der böhmischen Leinen-Industrie schwer zu leiden hatte. Als das Gebäude im Jahre 1870 ein Raub der Flammen wurde, liess der Besitzer dasselbe als Baumwollweberei neu erstehen. Der Umfang der neuen Weberei hatte noch keine grosse Ausdehnung. Ein Wasserrad, das von dem längs der Fabrik hinfliessenden Bache in Bewegung gesetzt wurde, stellte die nöthige Kraft in einer Stärke von 12 Pferdekräften bei, und 58 Arbeiter bedienten 80 mechanische Webstühle, auf denen ausschliesslich ordinäre Waare für den Gebrauch der nächsten Umgebung erzeugt lourde. Eine Besserung der Verhältnisse trat ein, als die Staatseisenbahngesellschaft die Strecke Chotzen-Braunau für den Personen- und Frachtenverkehr eröffnete. In dem nun folgenden allmählichen Aufschwung der Baumwoll- Industrie jener Gegend vermochte sich auch das Märzdorfer Unternehmen kräftiger zu entwickeln; mit der steigenden Nachfrage wuchs die Production, so dass entsprechende Reformen in den Betriebsverhältnissen vorgenommen werden, •mussten. Inzwischen traten auch in der Leitung und dem Besitze des Etablissements Veränderungen ein. Nachdem der erste Besitzer gestorben war, wurde die Weberei verpachtet, hierauf im Jahre 1884 an Moriz Schur, den gegenwärtigen Inhaber, verkauft. Unter dessen starker und sicherer Führung fanden namhafte Vergrösserungen und Erweiterungen statt; das Arbeitspersonale wurde constant vermehrt, die Zahl der benützten mechanischen Webstühle bedeutend erhöht und die vorhandene Betriebskraft durch eine zweckdienliche und dreifach stärkere ersetzt. Jetzt werden nur hochfeine Musseline, Battiste, Gazestoffe und Halbseidenwaare erzeugt. Gegenwärtig verfügt das Märzdorfer Etablissement über eine Dampfkraft von 200 Pferdestärken, welche 600 mechanische Baumwoll- und Seidenstühle in Gang hält; diese Maschinenanlage ist vom Inlande, die Web- und Arbeitsstühle vom Auslande bezogen worden. Erzeugt werden jährlich 3000 Metercentner Waare, die nicht nur im Inlande, sondern auch in Südamerika, Aegypten, den Donaufürstenthümern, Serbien etc. abgesetzt werden. Das Etablissement ist elektrisch beleuchtet. Die Fabrik beschäftigt circa 500 Arbeiter, von denen mehrere derselben einen Zeitraum von 25 Jahren angehören. Das Verhältnis zwischen Arbeitgeber und Arbeitnehmern ist ein sehr gutes. Für die Sicherheit des Lebens und zum Schutze der Gesundheit der Arbeiter sind alle gesetzlich gebotenen Vorkehrungen in umfassendster Weise getroffen worden. Moriz Schur liess geräumige Arbeiterwohnhäuser aufführen, die allen Anforderungen moderner Hygiene entsprechen. Ausserdem sind gut dotirte Pensions- und Unterstützungscassen vorhanden. Die Märzdorfer mechanische Weberei besitzt in Wien I., Helferstorferstrasse 11, eine Niederlage. 33 * 259 ADOLF SCHWAB BAUMWOLLWEBEREI UND SPINNEREI MACHENDORF —WIEN. TJfS. AU ftv i>7S dolf Schwab, der Gründer der Firma, wurde am 14. April 1833 in Prag geboren. Nach Absolvirung des Gymnasiums widmete er sich dem Kaufmannsstande. Die gemeinnützigen Bestrebungen der Deutschen Prags fanden in ihm einen eifrigen Förderer, der sein klares Urtheil und seine grosse persönliche Arbeitskraft stets bereitwilligst in den Dienst öffentlicher Interessen stellte. Erst 28 Jahre alt, wurde er 1861 in das damals in seiner Mehrheit noch deutsche Prager Stadtverordneten-Collegium, 1865 in den Stadtrath gewählt. Dieses Amt bekleidete er bis 1871, in welchem Jahre die Deutschen aus der Prager Stadtvertretung ausschieden. Im Jahre 1873 entsendete ihn die Prager Handels- und Gewerbekammer als ihren Vertreter in das Parlament, welchem er dann durch volle 24 Jahre angehörte. Von 1873—1885 vertrat er die Prager Kammer im Reichsrathe; als diese durch die Wahlordnung des Ministers Pino eine tschechische Majorität erhielt, übertrug die Reichenberger Handelskammer Adolf Schwab ihre Vertretung im Abgeordnetenhause. Dieses Mandat hatte er bis zu seinem Tode inne. A T on der Reichenberger Kammer wurde er überdies zum correspondirenden Mit- gliede gewählt. In den Siebzigerjahren fungirte er als Handelsgerichts-Beisitzer in Prag. In den Jahren 1882 —1885 gehörte Adolf Schwab als Delegirter der Prager Handels- und Gewerbekammer dem Staats-Eisenbahnrathe an. Im Verbände der Baumwollindustrielien Oesterreichs bekleidete er die Stelle des zweiten Obmann-Stellvertreters. Im Abgeordnetenhause schloss Adolf Schwab sich der freisinnigen deutschen Partei an. Als Abgeordneter einer Handels- und Gewerbekammer wandte er seine Aufmerksamkeit in erster Reihe den wirthschaftlichen Fragen zu, welche das Parlament zu regeln hatte. Er beschäftigte sich hiebei mit Vorliebe auch mit solchen Gegenständen, welche ernstes Studium und ein mühevolles Eingehen in schwierige Details erheischen. Das Eisenbahnwesen insbesondere hatte er sich, seit er in das Abgeordnetenhaus eingetreten war, als sein specielles Arbeitsgebiet auserkoren. Die hohe Bedeutung der Eisenbahntarife für die gesammte Handels- und Verkehrspolitik erkennend, widmete er der Erforschung dieser spröden Materie viele Jahre seines Lebens. Er w r ar ein überzeugter Anhänger des Princips der Verstaatlichung der Eisenbahnen, verlangte jedoch bei jeder Einlösung einer Privatbahn durch den Staat die volle Wahrung der staatlichen Rechte und Interessen. Um die einschlägigen Fragen vollkommen zu beherrschen, erwarb er sich genaue Kenntnis des Eisenbahn-Concessionswesens und der Verwaltung der österreichischen Privat- und Staatseisenbahnen. Gerne nannte er sich auf diesem Gebiete einen Schüler Eduard Herbst’s, mit dem er durch eine lange Reihe von Jahren im Eisenbahnausschusse gemeinsam gearbeitet hatte; noch im letzten Jahre seines Lebens fand er Gelegenheit, die Traditionen der Herbst’schen Eisenbahnpolitik zu wahren, indem er durch seine Referate die Haltung der deutschen Linken gegenüber dem von der Regierung vorbereiteten Uebereinkommen über die Verstaatlichung der Oesterreichischen Nordwestbahn und der Südnorddeutschen Verbindungsbahn wesentlich beeinflusste. Eingehend beschäftigte er sich mit dem Eisenbahnfrachtrechte und fungirte als Berichterstatter über das internationale Uebereinkommen bezüglich des Eisenbahnfrachtverkehrs. Auch an der Berathung der Zollfragen, der Währungsfrage, der Steuergesetze und der Kranken- und Unfallversicherungsgesetze nahm er — besonders in den Ausschüssen — regen Antheil. Neben diesen Gegenständen beschäftigte ihn in den letzten Jahren seines Lebens die Frage der obersten Rechnungscontrole des Staates. Das umfangreiche Referat, welches er als Berichterstatter des Staats- Rechnungshof-Ausschusses über diese Materie ausarbeitete, ist auch in Buchform erschienen. Adolf Schwab starb am 19. Jänner 1897. — 260 — Ueber die Entwickelung der Firma Adolf Schwab sei Nachfolgendes bemerkt: Im Jahre 1860 gründete Adolf Schwab mit seinem jüngeren Bruder Gottlieb die Firma Brüder Schwab in Prag und bald darauf in Wien, die sich vornehmlich mit Gewebe- und Garnhandel befasste. Erst im Jahre 1867 richtete dieselbe in Johannesberg bei Gablonz eine fünfstöckige Fabrik für mechanische Weberei ein, in der glatte, rohe Baumwollgewebe (Kattune) hergestellt wurden. Gottlieb Schwab trat 1874 aus der Firma aus, und Adolf Schwab führte das Geschäft von da an unter seinem Namen weiter, zuerst allein, später mit seinen Söhnen. Gablonz hatte damals noch keine Bahnverbindung, so dass Kohlen und Güter aller Art weite Transporte von und zu den Bahnhöfen nöthig machten. Als die Johannesberger Fabrik bis auf den Grund niederbrannte, sah sich die Firma daher nach einem geeigneteren Platze um. Damals stand bereits seit einigen Jahren die Fabrik Hammerstein ausser Betrieb, in welcher vordem von der Firma Siegmund Neuhäuser & Co. Wollwaaren erzeugt worden waren. Diese Realität, welche in Machendorf, bei Reichenberg in Böhmen, am Fusse der Ruine Hammerstein sehr schön gelegen ist, wurde von Adolf Schwab im Jahre 1874 erstanden und für die Zwecke der Baumwollweberei adaptirt. Im folgenden Jahre wurden etwa 600 englische Webstühle mit den nöthigen Vorwerken montirt und durch die vorhandene Wasserkraft, sowie durch eine neu aufgestellte englische Corlissdampfmaschine in Betrieb gebracht. Auch hier wurden meist glatte Kattune für Druckzwecke hergestellt, doch fanden später auch Schaftmaschinen Aufstellung zur Fabrication von rohen, gemusterten Waaren aller Art. In demselben Jahre wurde eine Betriebs-Krankencasse für die Angestellten und die Arbeiter der Firma gegründet. Im Jahre 1876 wurde eine Fabriks-Feuerwehr errichtet, welche mit allen erforderlichen Hilfsmitteln und einer fahrbaren Dampf-Feuerspritze ausgestattet ist. Der Zwischenhandel im Garngeschäft hatte mit dem Erlöschen der Handweberei an Bedeutung verloren und war von der Firma allmählich ganz aufgelassen worden, hingegen vergrösserte dieselbe das Fabriksunternehmen immer mehr. Im Jahre 1882 wurde in Hammerstein eine Spinnerei zur Herstellung des Kettengarns für die Weberei errichtet, bestehend aus etwa 30 Ringdrosselmaschinen und den nöthigen Vorwerken, zu deren Betrieb eine englische Corlissmaschine mit Hoch- und Niederdruck aufgestellt wurde. Die Niederlassung in Prag wurde 1886 aufgehoben. Da der vorhandene Grund und Boden eine weitere Vergrösserung nicht zuliess, erwarb die Firma allmählich die um das alte Etablissement in Hammerstein liegenden Grundstücke und erbaute auf einem derselben im Jahre 1892 eine den modernen Anforderungen vollkommen entsprechende Selfactorenspinnerei mit 11.400 Spindeln, in der das Schussgarn für die Weberei hergestellt wird. Eine weitere Vergrösserung fand im Jahre 1895 statt durch den Bau eines Shedgebäudes mit 200 Webstühlen. An weiteren Gebäuden wurden ein Meisterhaus bei der Fabrik und zwei Arbeiterhäuser in dem nahen Machendorf gebaut. Die Firma hat gegenwärtig 800 Webstühle, 23.000 Spindeln und beschäftigt 600 Arbeiter und Angestellte. Seit dem Tode des Gründers der Firma wird dieselbe durch seine beiden Söhne Felix Schwab und Doctor Albert Schwab weitergeführt. 261 JOS. AND. WINDER BAU M WO L L WA AREN-FABRIK DORNBIRN (VORARLBERG). ie Gründung der Firma Jos. And. Winder erfolgte im Jahre 1835 durch den Handelsmann Joseph Andreas Winder, welcher zuerst einige wenige, dann nach und nach immer mehr Handweber beschäftigte. Die nöthigen Vorarbeiten wurden in seinem Hause ausgeführt. Im Jahre 1853, nachdem sich das Geschäft andauernd entwickelt hatte, erwarb die Firma durch Kauf die ausser Betrieb gesetzte Nadelfabrik und _Glasmühle sammt Wasserkraft in Eulenthal-Dornbirn und stellte daselbst einige mechanische Webstühle auf, die aus England bezogen wurden, beschäftigte ausserdem einige Handweber und färbte Indigoblau und andere Farben in Garn und Stück. Im Jahre 1854 übergab Joseph Andreas Winder seinem Schwiegersöhne Arnold Ruf die technische Leitung der Fabrik, während die beiden Söhne des Firmainhabers, Franz und Engelbert Winder, sich deren kaufmännischen Theile widmeten. Im Jahre 1861 starb Joseph Andreas Winder; seine oben genannten Mitarbeiter übernahmen nun das inzwischen vergrösserte Geschäft auf gemeinsame Rechnung. Es wurden An- und Zubauten ausgeführt, Webstühle und andere Maschinen aufgestellt, so dass die bestehende Wasserkraft allein — die Turbinen-Anlage lieferte die Maschinenfabrik J. Ig. Rüsch in Dornbirn — nicht mehr genügte und im Jahre 1864 eine Dampfmaschine von Kuhn in Stuttgart die fehlende Kraft ersetzen musste. Im Jahre 1870 wurde durch Kauf das für eine Spinnerei gebaute Gebäude in Boden erworben und zunächst der untere Saal mit Webstühlen besetzt, welche durch eine von J. Ig. Rüsch erbaute Hochdruckturbine von 140 Meter Gefälle getrieben werden. Im Jahre 1876 wurde ein neues Färbereigebäude hergestellt, da sich die früheren, in verschiedenen Gebäuden untergebrachten Färberäume als unpraktisch erwiesen hatten. Um die Wasserkraft besser ausnützen zu können, wurde im gleichen Jahre im Bantlinger Tobel ein Reservoir mit einem Fassungsraum von circa 2000 Cubikmeter errichtet und das Wasser mittelst einer eisernen Rohrleitung mit einem Gefälle von 170 Metern der Turbine zugeführt. Im Jahre 1883 errichtete die Firma einen Anbau am Fabriksgebäude in Boden für das Batteur-Local und richtete die oberen zwei Säle mit Spinnmaschinen ein. Nach kurzer Zeit stellte sich die Nothwendigkeit heraus, die Weberei in Boden mit jener in Eulenthal zu vereinigen; so entstand im Jahre 1886 die neue Weberei mit circa 2 00 Webstühlen. Durch den Ankauf der Bröll’schen Feilenhauerei kam die Firma gleichzeitig zu einer neuen Wasserkraft; auch hier wurde die Turbinen-Anlage durch die Maschinenfabrik J. Ig. Rüsch geliefert. Aber auch diese vereinigten motorischen Kräfte reichten nicht lange für den ganzen Betrieb aus, und die Firma war wieder genöthigt, einen neuen Motor aufzustellen, eine 5opferdekräftige Dampfmaschine aus der Locomotiv- und Maschinenfabrik Winterthur. In Folge andauernder, wenn auch langsamer Erweiterung des Betriebes erwies sich alsbald auch diese Kraft als zu klein, weshalb 1897 noch ein Locomobil von 125 Pferdekräften von R. Wolf in Magdeburg bezogen wurde. Die Fabrik hat gegenwärtig an 220 Webstühle sammt den zugehörigen Hilfsmaschinen und 2600 Spindeln im Betriebe, ferner eine eigene Färberei, Zwirnerei, Appretur und Bleicherei und beschäftigt derzeit circa 300 Arbeiter. Für die Angestellten und Arbeiter wurde bereits im Jahre 1874 seitens der Firma eine Kranken-Unterstützungs- casse errichtet. Den Gegenstand der Fabrication bilden Oxford-, Hemd- und Matratzenstoffe, Baumwollflanelle und verschiedene Modeartikel, deren hauptsächliches Absatzgebiet die österreichischen Alpenländer sind. 262 FELMAYER & CO. KETTENHOFER DRUCKFABRIK ALTKETTENHOF IN NIEDERÖSTERREICH. ie Geschichte dieser Druckerei reicht auf das Jahr 1726 zurück, um welche Zeit die Orientalische Compagnie, gestützt auf ihr Privilegium, zu Kettenhof am Flusslaufe des »kalten Gang« die »Zitz- und Cottonfabrik« errichtete. In Folge zahlreicher Widerwärtigkeiten sah sich die Orientalische Compagnie im Jahre 1740 genöthigt, das Etablissement an die Wiener Handelsgesellschaft zu veräussern. Auch diese behielt es nicht lange; denn 1754 ward es Eigenthum des Freiherrn von Bodenthal. Durch die lüchtigkeit des Mitinhabers Jakob Wolf von Ehrenbrunn, des Erbauers der Schwechater Pfarrkirche (1765), gelangte die Fabrik zu hoher Blüthe, denn sie beschäftigte um jene Zeit 10.000 Leute als Spinner, Weber und Drucker. Im Jahre 1806 wurde die erste englische Walzendruckmaschine aufgestellt. Jedoch schon 1811 wies die Fabrik deutliche Zeichen des Rückganges auf; ihre Arbeiterzahl sank auf 2200, die Zahl der Webstühle auf 750, die der Druck, tische auf 84 und die Jahresproduction auf 80.000 Stück zu 16 Ellen. Durch zahlreiche Wandlungen und häufigen Besitzwechsel verlor das Etablissement seine einstige Bedeutung völlig, bis es im Jahre 1866 in den Besitz des Franz Felmayer senior gelangte, der im Verlaufe weniger Jahre durch unermüdlichen Fleiss, hohe technische und kaufmännische Intelligenz und seltene Energie die Fabrik nicht nur auf die Höhe der Zeit brachte, sondern ihr auch bald eine führende Rolle in der österreichischen Blaudruck-Industrie erkämpfte. Er ist als der eigentliche Begründer der Fabrik in ihrer heutigen Gestalt anzusehen. Er war der Erste, der (1870) in Oesterreich, an Stelle des im Blaudruckpappverfahren damals ausschliesslich üblichen Perrotin- und Handdruckes, den Rouleauxdruck einführte und dadurch unter gleichzeitiger Beachtung des conservativen Volksgeschmackes die bis dahin herrschenden schwerfälligeren Resultate der Formendruckerei durch die elegantere und vielfältigere Art des Walzendruckes ersetzte. Den Indigo in allen üblichen Applicationen und Combinationen, vornehmlich in der mit Türkischroth in den Vordergrund stellend, erzeugt die Fabrik noch ausserdem die in den Rahmen einer Blaudruckerei passenden Buntdruckartikel. Die Fabrik verfügt heute über 6 Rouleauxdruckmaschinen (ein- bis vierfärbig) und 5 Perrotinen (vierfärbig). Den Betrieb unterhalten 4 Dampfkessel mit zusammen 600 Quadratmeter Heizfläche, 2 Dampfmaschinen mit zusammen 160 Pferdekräften. Gefärbt wird auf 100 runden und 2 Rouletteküpen. Das Graveuratelier umfasst 3 Molettirstühle. Das Etablissement beschäftigt 250 Arbeiter und hat seine eigene Betriebskrankencasse, deren Fond von der Firma gegründet und subventionirt wurde. In Wien unterhält es seine Niederlage. Im Jahre 1873 beschickte die Firma die Wiener Weltausstellung und erhielt die Verdienstmedaille. In der 170jährigen Vergangenheit der Fabrik spiegelt sich die Geschichte der österreichischen Baumwoll- Industrie ab. Von jenen Tagen, wo sie mit einer Jahresproduction von 800.000 Meter als das grösste Etablissement Oesterreichs gegolten, bis auf die Neuzeit, wo die Erzeugung von 5 bis 6 Millionen Meter nicht als eine quantitativ hervorragende Leistung gerechnet wird, hat sie sämmtliche Phasen und Kämpfe, welche die Baumwoll-Industrie zu bestehen hatte, siegreich durchgekämpft und geht, seit nun 32 Jahren im Besitze des Hauses Felmayer ihren Rang unter den Blaudruckfabriken Oesterreichs behauptend,' zielbewusst der Zukunft entgegen. 263 mim g»0 » a i q MHE IFÉSS^ GRUNFELD & BLOCH CATTUN- UND TÜCHER-DRUCKFABRIK BÖHM. LEIPA. as Unternehmen wurde im Jahre 1871 von Eduard Bloch und Emanuel Grünfeld in der ehemals Vincenz Schimmer’schen Fabrik in Pihl bei Haida begründet und erfuhr 1873 die erste Yergrösserung, als in diesem Jahre die in Böhm. Leipa, Vorstadt Dörfel, gelegene Druckerei von Raphael Altschul’s Erben gepachtet wurde. Im Jahre 1876 wurde die Erzeugung in Pihl aufgelassen und der Betrieb in die bereits 1837 begründete, seit dem Jahre 1873 stillstehende k. k. priv. Druckfabrik des Ignaz Thume verlegt; grössere Umbauten und maschinelle Neueinrichtungen knüpften sich an diese Uebersiedlung, und als kurz nachher die Fabrik in Dörfel in das Eigenthum der Firma übergieng, wurde — im Jahre 1884 — die bis dahin in Klein-Aicha bei Böhm. Leipa betriebene Weissbleiche nach Dörfel übertragen. Im Jahre 1886 wurde die Thume’sche Fabrik käuflich erstanden und 1887 durch Ankauf einer ang-renzenden Parzelle genügend Raum für künftige Erweiterungen geschaffen. Nachdem 1893 Emanuel Grünfeld aus der Firma geschieden war, um sich ins Privatleben zurückzuziehen, traten Arnold Rosenthal, bisher Mitchef der Firma Gebrüder Rosenthal in Hohenems und Friedrich Bloch, Sohn und langjähriger Mitarbeiter des Eduard Bloch, dem Unternehmen als Theilhaber bei. Mit diesem Zeitpunkte beginnt für das aus kleinen Anfängen hervorgegangene Unternehmen ein neues Stadium der Entwickelung. Ein grosses, mit modernsten Maschinen ausgestattetes Appretur- und Färbereigebäude wurde errichtet, eine neue Kesselanlage geschaffen, der Betrieb durch Aufstellung einer grossen Centraldampfmaschine einheitlich gestaltet und die elektrische Beleuchtung eingeführt. Diese und ähnliche Investitionen, denen 1895 die Aufstellung einer Continue-Indigofärberei folgte, ermöglichten es dem Unternehmen, das in seinen Anfängen vorzugsweise Hand- und Perrotindruck cultivirte, die Production zu erhöhen und neue Artikel aufzunehmen. Gegenwärtig umfasst der Betrieb die Erzeugung aller Arten bedruckter und gefärbter Baumwollwaaren, Kleiderstoffe, wie Tücher, in welch’ letzteren als Specialität bis 140 Centimeter breite Waare mit Handdruck und Perrotinen angefertigt wird. An der Schaffung von Nouveautés ist das Unternehmen hervorragend betheiligt. Es brachte mit dem Kleiderstoffe »Thibet« eine Cachemir-Imitation, die allgemeinen Beifall fand, und creirte mit dem Artikel »Chicago« eine Specialität, die geradezu Epoche machte; die zahllosen Imitationen dieser Waare — auch England betheiligte sich hervorragend an denselben — haben es nicht vermocht, die Marke von dem einmal eroberten Gebiete zu verdrängen. Die Fabrik hat derzeit fünf Rouleauxdruckmaschinen im Betriebe und beschäftigt 300 Arbeiter. 264 S. JENNY MECHANISCHE WEBEREI, FÄRBEREI, DRUCKFABRIK HARD (VORARLBERG). wei wasserreiche Quellbäche, welche niemals sich trüben und deren Temperatur sich stets um io c C. bewegt, verlockten schon in früher Zeit zur Gründung von Druckereien und Färbereien in Hard. Am Dorfbache wurde eine solche 1795 von Samuel Vogel & Söhnen aus Mülhausen im Eisass in dem ehemaligen Deuring’schen Edelsitz »Mittelweierburg« etablirt, und um das Jahr 1815 erbauten Züricher — die Firma Esslinger — im Dorfe selbst an der Lauterach (ein krystallheller Bach, daher sein Name) eine kleine Färberei mit Druckerei. Die Lebensdauer beider Etablissements zählte nur einige Jahre, sie verschwanden, man weiss nicht wann und warum. Erst 1825 beginnt wieder industrielle Thätigkeit durch den Uebergang des Esslinger’schen Anwesens in die Hände von Jenny & Schindler aus dem Canton Glarus (Schweiz), welche daselbst das Türkischrothfärben von Baumwollgeweben, sowie das Bedrucken derselben einrichteten. Obwohl damals Kosmanos in diesem Erzeugnis den österreichischen Markt beherrschte, eroberte sich die junge Niederlassung im Fluge das Terrain, vermuthlich durch ein rascheres, billigeres Fabricationsverfahren, als es das elsässische war, wie es durch Köchlin 1815 in Böhmen eingeführt wurde. Die Production der Fabrik zu Hard, im Jahre 1829 3874 gefärbte und 5964 gedruckte Stück (ä 30 aunes = 35 Meter) betragend, hatte sich schon 1832 verdoppelt, 1839 vervierfacht und w T ar 1847 sogar auf das Fünffache gestiegen. Geleitet von dem Chef des Hauses, Melchior Jenny (geboren 6. November 1785 in Ennenda, gestorben 12. October 1863 in Hard), aus der alten Firma Jenny & Schiesser in Ennenda, gedieh die Firma zu immer grösserer Ausdehnung: andere Druckartikel, unter ihnen hauptsächlich Lapis und andere Küpenartikel, wurden in dem 1835 erworbenen Mittelweierburg eingeführt und eine dritte Druckerei für Wolle und Halbwolle in Erlach — einer Parcelle von Hard — errichtet, welch letztere jedoch nicht prosperirte. Die benachbarte Anlage Lerchenau findet sich 1835 ebenfalls schon im Besitz von Jenny & Schindler, erst als mechanische Spinnerei eingerichtet, später zur Weberei umgewandelt, nachdem 1837 das grosse Spinnereietablissement Kennelbach an der Bregenzer Ach erbaut worden war. Die Reihe der Gründungen schloss die mechanische Weberei Liebenstein im Jahre 1850 ab, welche ihre Betriebskraft dem Ablaufwasser der Spinnerei entnahm. In dem gesellschaftlichen Verhältnis der Firma Jenny & Schindler waren mit der Zeit tiefgreifende Veränderungen vor sich gegangen, als deren Folge an dieser Stelle nur die Uebernahme der Türkischrothfärberei und Druckerei in Hard sammt der mechanischen Weberei Lerchenau von Dr. Samuel Jenny, Sohn Melchior Jenny’s, unter der Firma »S. Jenny« mit 16. Jänner 1867 in Betracht kommt. Der unvergleichliche Erntesegen dieses und des folgenden Jahres rief einigermaassen das goldene Zeitalter des Türkischroth-Artikels zurück. Als in jenen merkwürdigen Marktzeiten die Transportmittel derart ihren Dienst versagten, dass man die Erzeugnisse der Textilindustrie in den Strassen Budapests bis zur Höhe des ersten Stockwerkes aufgestapelt sah, vermochte auch die aufs Höchste gesteigerte Türkischrothproduction der Nachfrage nicht zu genügen, trotzdem das Dutzend Illuminirte 14/4 fl. 36 kostete, welches heute für fl. 18 verkauft wird! Doch von da ab verlor der Artikel rapid an Bedeutung: in den Zwanzigerjahren ganz Oesterreich undUngarn als Absatzgebiet umfassend, verschwand er aus den Alpenländern gänzlich, aus Böhmen bis auf die Bezirke von Pilsen und Deutschbrod. In der Nationaltracht der slavischen Bevölkerung fand er die vielfältigste Verwendung, Kopf- und Brusttuch, Rock und sogar der Regenschirm war türkischroth gefärbt und mit bunten Dessins bedruckt, von denen ohne Rosen und Rosenblätter keines vor den Augen des weiblichen Geschlechtes Gnade fand. Was der Volksgeschmack sich einmal als Liebling erkoren, wurde mit besonderen Namen ausgezeichnet und bewahrte seine Beliebtheit durch Jahrzehnte hindurch. Da gab es z. B. unter den Bouquets-Interieurs einen grossen und einen kleinen »Schmetterling«, ein »Maulbeerblatt«,_ ein »Schnallenmuster«, unter den Bordüren einen »Schweinsmagen«, eine »Reibeisen-« und »Ribiselkante« u. s. w. Eine unübertroffene, geradezu erstaunliche Anziehungskraft besass die »Milchkante«, in Ungarn »Czärdaskante« genannt, welche von Ivosmanos zuerst zwischen 18x5 und 1820 auf den Markt gebracht, von allen fünf Vorarlberger Fabriken copirt wurde und heute noch in Ungarn gekauft wird, nachdem die Modelle dazu zum 26. Male neu hergestellt wurden. Die Gross-Industrie. IV. 265 34 Der stetig rückgehende Absatz des Türkischroth drängte die Firma auch zur Erzeugung jener Tücheldruck- waaren, die Jenny & Schindler in Mittelweierburg verfertigt hatten, nämlich Indigo- und Garancine-Artikel in Baumwolle und Leinen, letztere besonders von der Geistlichkeit Unter- und Oberitaliens einschliesslich Siciliens gesucht, so lange sie schnupfte und nicht rauchte. Doch mit der primitiven Einrichtung, die alle Türkischrothfabriken kennzeichnete, liess sich der Uebergang nicht bewerkstelligen. Die gute, alte Zeit, in der man mit einigen Luft- und Hitzthürmen, einem beschränkten Inventar von Waschrädern, kupfernen Färb- und Arivirkesseln, ohne Dampf und mit mässiger Wasserkraft grosse Werthe erzeugte, war vorüber; mit den neu aufgenommenen billigen Fabricaten war ein nennenswerther Umsatz nur durch Erhöhung der Production zu erreichen, welche vollkommene maschinelle Einrichtung und diese wieder Kraft- und Dampfverbrauch voraussetzte. Die unabweisbar gewordene Reorganisation des Etablissements von Grund aus erfolgte 1870: die meisten Bauten aus den Zwanzigerjahren und von früher wurden demolirt; an ihrer Stelle erhob sich ein Neubau mit Installation des ersten Dampfkessels und der ersten Dampfmaschine. Leider w T ar nicht zugleich ein Schritt weiter geschehen zur Einführung des Rouleauxmaschinendrucks für die billigen Erzeugnisse in Tüchelwaare; das herrschende, unglückselige »Appreturverfahren« lähmte eben den Unternehmungsgeist. So kämpfte denn der Handdruck, dessen Niedergang die Combination mit der wenig productiven und nur zu eincouleurigem Druck befähigten Planche-plate-Maschine nicht aufzuhalten vermochte, völlig aussichtslos mit dem Walzendruck im Wettbewerbe. Der Uebergang zu diesem vollzog sich durch die Aufstellung der ersten Vierfarben-Tücheldruckmaschine im Jahre 1876, welcher bis 1886 drei weitere ebensolche nachfolgten, womit eine entsprechende Erweiterung der Baulichkeiten und der maschinellen Einrichtung Hand in Hand gieng. Seitdem ist das Fabricat der Firma, das sich die Ebenbürtigkeit mit demjenigen erster Häuser erst Schritt für Schritt erobern musste, in ganz Oesterreich-Ungarn eingebürgert und verschaffte sich auch in Rumänien, Brasilien und Argentinien erfreulichen Absatz. Kein anderes Land kommt unserer Monarchie in dem Consum in Kopf-, Hals- und Brusttüchern nahe, während in dem viel geringeren des Taschentuchs. die niedrige Bildungsstufe grosser Bevölkerungsschichten zum Ausdruck gelangt. Nicht nur der Brauch, dass die mährische Bäuerin, je reicher sie ist, desto mehr Rouge- tüchel über einander gelegt am Arme trägt, oder dass bei kroatischen Hochzeiten alle Gäste mit rothen Tücheln beschenkt, die Ohren der Pferde damit behängt werden, naht seinem Ende, sondern überhaupt wird dem Tuche als solchem der Absatz eingeengt durch die billigen Erzeugnisse der Confection; das Kopftuch muss dem modischen Stroh- und Filzhut weichen, das Halstuch den tricotirten und fiiochirten Umhängen aller Art. Um von diesem unaufhaltsamen Process nicht überholt zu werden, richtete sich die Firma im Jahre 1897 auch für lange Waare ein, durch die Aufstellung dreier Druckmaschinen, die neue Reformen der inneren Einrichtung begleiteten, ebenso sehr geboten durch die Fortschritte der Maschinentechnik, als durch die Einführung neuer Fabrications- methoden. Das Etablissement arbeitet nun mit 7 Druckmaschinen von 4 bis 8 Farben (Mather Platt und Elsässische Maschinenfabrik); 9 Dampfkessel (zur Hälfte Tenbrink, zur Hälfte Cornwall) von 6 x / 2 bis 8 Atmosphären Spannung und zusammen circa 800 Quadratmeter Heizfläche mit 2 Dampfmaschinen von 280 Pferdekräften (alles Gebrüder Sulzer) unterhalten den Betrieb. Die Bleicherei wurde nach dem System Thies-Herzig eingerichtet; zum Dämpfen, Waschen, Seifen, Chloren und Trocknen dienen die zum Continuebetrieb combinirten Apparate der Elsässischen Maschinenfabrik; das Appretiren geschieht auf Ein- und Zweietagenrahmen von Weissbach; das Graviren besorgt das eigene Atelier mit fünf Pantographen, zw r ei Molettirstühlen und zahlreichen Handgraveuren. Den Verkehr aller Abtheilungen unter einander vermittelt eine Menge von Schienensträngen, und ein Normalgeleise von x / 2 Kilometer Länge verbindet das Etablissement mit dem Bahnhofe Hard-Fussach. Der Druckfabrik zunächst liegt die Villa des Besitzers, des Coloristen und Procuristen und zerstreut nach verschiedenen Richtungen des Dorfes 26 Meister- und Arbeiterwohnungen mit Gärtchen. So sehr heute die Existenz der Firma auf Rouleauxdruck beruht, ist das alte Türkischroth trotz Alizarin- und Paranitranilinroth noch immer ein gepflegter Artikel, dem dank seiner Echtheit und der Originalität seiner Dessinirung viele Gegenden noch zugethan sind, so einige Gebiete des Pilsener Bezirkes in Böhmen, ferner die slavischen Theile um Iglau, Ungarisch-Hradisch, Ungarisch-Ostra und Raussnitz in Mähren. Die Umgebung von Sternberg und Zuckmantel behielt das braunbödige schmalkantige Tüchel, die Huzulen und Mazuren die bunten, rothbödigen grossen Shawls als Nationaltracht bei. Am ausdauerndsten hält an ihr noch der ungarische Bauernstand fest, und deshalb bleibt im eigentlichen Ungarn das türkischrothe Tuch auch in der Gegenwart eingebürgert, von Rumänen und Slovaken desto mehr begehrt, je greller und lebhafter es in Dessins und Farben prangt; die letztjährigen Volksfeste in Gödöllö und Kisber zu Ehren des Königs von Siam bekundeten, wie das altehrwürdige Fabricat noch immer mehr ist als nur Bühnenaufputz zur Cavalleria rusticana, dass es, mit festen Wurzeln in Geschmack, Neigung und Sitte einer Nation eingesenkt, als Nationaltracht noch hinübergenommen werden wird ins zwanzigste Säculum. Die Firma beschickte während ihres einunddreissigjährigen Bestandes nur eine Ausstellung, die des Jahres 1873 in Wien, bei welcher ihr die Verdienst- und Fortschritts-Medaille zuerkannt wurde. 266 V. MAYER & SÖHNE lv. K. PRIV. COTTON-DRUCKFABRIK WIEN—GUNTRAMSDORF, MECHANISCHE WEBEREI MÄHR.-TRÜBAU. m Jahre 1815 errichtete der Gründer der Firma, Herr Vitus Mayer, der von 1812 bis 1814 am Wiener polytechnischen Institute Chemie studirt hatte, in Wien, im sogenannten »abgebrannten Hause« auf der Wieden, eine kleine Kattundruckerei, in welcher mit etwa 10 Handdruckern bis zum Jahre 1817 Kattune bedruckt wurden. 1818 wurde dieses Unternehmen nach dem II. Bezirk, Schiffgasse, verlegt und der Kattundruck dort mit einer grösseren Anzahl von Handdruckern — circa 25 — weiter betrieben. Bald aber erwiesen sich die Räumlichkeiten als zu klein. Die Fabrik wurde aufgelassen, und Herr Vitus Mayer übernahm im Jahre 1822 gemeinsam mit seinem älteren Bruder die Kattun-Druckfabrik und die Baumwollspinnerei des Grafen Stadion zu Aethart in Mähren. Das Betriebsresultat der beiden Fabriken unter der Firma »Brüder Mayer« war ein so günstiges, dass schon wenige Jahre später an eine Vergrösserung gedacht werden musste. Die Firmainhaber beschlossen, diese zwei Etablissements aufzulassen und übernahmen 1826 die Druckfabrik des Baron Fries in Kettenhof bei Wien. Hier stand eine stärkere Wasserkraft zur Verfügung, und man konnte neben den verschiedenen Gattungen Kattune und Battiste die Erzeugung der damals sehr gesuchten Möbelzitze mittelst Rouleaux-Druckmaschinen in die Fabrication mitaufnehmen. 1833 wurde das Gesellschaftsverhältnis der beiden Brüder Vitus und S. Mayer gelöst, und der Erstere übernahm im darauffolgenden Jahre allein die Guntramsdorfer Druckfabrik von Baron Sternthal, wo die Fabrication von Kattunen im Allgemeinen und speciell die von Indigoküpenwaare, Mousselines de laine und Ganzwollen-Artikel, sowie die Rougefarberei aufgenommen und weiter ausgedehnt werden konnte. Die Anzahl der Handdrucker war inzwischen auf ungefähr 50 angewachsen, und man arbeitete auch mit 5 Perrotinen, einer eincouleurigen Rouleaux-Druckmaschine und 8 Küpen. Im Jahre 184g wurde auch diese Fabrik aufgelassen, die im Orte Guntramsdorf befindliche Papierfabrik angekauft und diese zu einer Kattun-Druckfabrik umgestaltet. Zwei Dampfkessel wurden angeschafft und zu den bestehenden Rouleauxmaschinen noch zwei weitere, sowie circa 20 Tüchermaschinen aufgestellt. Mit Hilfe dieser Maschinen druckten circa 120 Arbeiter Kaschmirtücher und Kaschmire, ferner Kattune u. dgl. Die Kaschmirtücher wurden in grossen Quantitäten zumeist nach Russland und Spanien exportirt. In den folgenden Jahren erstanden jedoch in Russland selbst bedeutende Druckfabriken, welche den Export nach diesem Lande unmöglich machten, die Erzeugung dieses Artikels musste daher eingestellt werden. 1852 traten dem Unternehmen die beiden Söhne des Fabriksbesitzers, Franz und Albert Mayer, bei, und die Firma erhielt den bis auf den heutigen Tag unveränderten Wortlaut: V. Mayer & Söhne. Während der weiteren Jahre wurden noch mehrere Rouleauxmaschinen aufgestellt, ein Graveur-Atelier mit Panto- graphen und Molettirstühlen eingerichtet und die Fabrication in bedeutend grösserem Umfang fortgeführt. 1883 wurde eine grosse Weissbleiche gebaut, für welche Mather & Platt in Manchester die Bleichmaschinen lieferten, mittelst deren jetzt nicht blos für den eigenen Bedarf, sondern auch im Lohn gebleicht wird. Bei vollständigem Betriebe können jährlich circa 12 Millionen Meter Kattune gebleicht werden. Die Druckfabrik und Bleicherei beschäftigt heute circa 300 Arbeiter und besitzt Dampfmaschinen mit einer Leistungsfähigkeit von zusammen 350 Pferdekräften, nebst einer i2pferdigen Wasserkraft. Ferner umfasst die Betriebsanlage: 5 Dampfkessel mit circa 500 Quadratmeter Heizfläche, 7 Druckmaschinen und weitere 35 Bleichmaschinen, sowie sonstige zur Manipulation nöthige Vorrichtungen. Das fertige Fabricat findet hauptsächlich in den einzelnen Kronländern Oesterreichs Absatz; ein Theil wird nach Belgien, Süd-Amerika und nach dem Oriente ausgeführt. 1890 wurde in Mährisch-Trübau eine mechanische Baumwollweberei mit 304 Stühlen angekauft. Dieselbe besitzt eine Dampfmaschine von circa 100 Pferdekräften und ist mit elektrischer Beleuchtung versehen. — Was diese Weberei producirt, deckt nur zum Theile den Bedarf des Guntramsdorfer Druck-Etablissements. 34 * mMMm 267 jv lU", Sfj’ssj •ipc ii ml Ol nn s Jii 2*5*. ss»*a> »11 ~2sÄ£j*_fifej « t ! 1 *Ti 1 * i» .** i * * * t H * r*sL -»! Lft i- rin. iü E * * * i * *8! 'zSf&* n a B I !Fr mt M Sin Mi : Mi I «T u m w K. IC. PRIV. NEUNKIRCHNER DRUCKFABRIKS-ACTIEN-GESELLSCHAFT NEUNKIRCHEN AM STEINFELDE (NIEDERÖSTERREICH). 11 (fl 1 ie Gründung dieses Etablissements fällt in das Jahr 1802. Am 29. Juli dieses Jahres wurde, wie vorhandene Acten zeigen, über Ansuchen des Josef Hochenehmer wegen Errichtung einer Cottondruckfabrik unter Intervention der Herrschaft Neunkirchen eine Commission abgehalten, welche als Standort der Fabrik das Haus des Rudolf Binder bezeichnete. Auf Grund des Ergebnisses dieser Commission wurde dem Obgenannten von der hohen Landesstelle am 4. October 1802 die Befugnis zum Betriebe einer Cottondruckfabrik ertheilt. Mit den bescheidensten Mitteln ausgestattet und im Anfänge den Schwerpunkt der Fabrication hauptsächlich auf das Bleichen und Färben von Baumwoll- und Leinenstoffen legend, wusste sich das junge Unternehmen in späterer Zeit durch die Erzeugung von mit Handdruckmodeln hergestellten Stoffen, darunter namentlich durch die Fabrication von bedruckten, stark geglänzten Möbelstoffen, sogenanntem »Zitz«, einen guten Ruf zu sichern. Bis zum Jahre 1819 in heimatlichen Händen befindlich, gieng die Fabrik, welche indessen eine wesentliche Ausdehnung gewonnen hatte, am 2. November 1819 um den Preis von 28.500 Gulden C.-M. an die Schweizer Firma »Vaucher, Du Pasquier & Cie.« über, deren Nachkommen auch heute noch zu den Hauptinteressenten der Gesellschaft gehören. Die Firma Vaucher, Du Pasquier & Cie. betrieb zu jener Zeit eine Druckfabrik in Cortaillod bei Neuchâtel (Schweiz) und sah sich zur Sicherung ihrer ausgebreiteten Geschäfte nach der damals noch zu Oesterreich gehörigen Lombardei mit Rücksicht auf die bestehenden Zollverhältnisse bemüssigt, eine Zweigniederlassung in Oesterreich zu gründen, die sie durch Ankauf der Fabrik in Neunkirchen gefunden hatte. Das neue Unternehmen, welches von den Herren Charles Du Pasquier-Perrot und Du Bois-Bovet geleitet und am 21. März 1820 mit einem Fabriks-Privilegium ausgezeichnet wurde, trennte sich im folgenden Jahre von dem Schweizer Mutterhause und stellte sich unter der Firma Du Bois, Du Pasquier & Cie. auf eigene Füsse. Hatte schon damals das Unternehmen eine unter den gegebenen Verhältnissen hervorragende Leistungsfähigkeit erreicht, so erfuhren diese Verhältnisse eine weitere Steigerung durch den anfangs der Dreissigerjahre erfolgten Eintritt des Herrn Johann Fatton aus Colombier (Schweiz), welcher auf allen Gebieten Neues schuf, und dem auch die Gründung der Wiener Niederlage zu verdanken ist. — 268 — Im Jahre 1851 wurde Herr Fatton öffentlicher Gesellschafter der Firma, welche demzufolge in Du Pasquier, Fatton & Cie. abgeändert wurde. Im Jahre 1860, nach dem Tode des Herrn Du Pasquier, vereinigte sich Herr Fatton mit den Herren Friedrich de Perrot-Perrot, François de Perrot Morel und Eduard v. Hein, welche schon früher dem Unternehmen ängehörten, während die Erben von Du Pasquier demselben lediglich als Commanditäre beitraten. Diese Vereinigung dauerte bis 1866, in welchem Jahre der Tod der rastlosen Thätigkeit Johann Fatton’s ein Ende machte, worauf sich die Firma am 10. Februar 1867 in eine Actien-Gesellschaft mit dem Titel »k. k. priv. Neunkirchner Druckfabriks-Actien-Gesellschaft« umwandelte, in welcher Form dieselbe bis heute unverändert geblieben ist. Das Etablissement entwickelte sich aus kleinen Anfängen und nach Ueberwindung mancher unglücklicher Ereignisse — wie des Kriegsjahres 1866, der wirthschaftlichen Krisis 1873, der Brände von 1875, 1884 und 1893 — zu einem grossen Unternehmen. Die Fabriks-Area umfasst gegenwärtig circa 20 Joch, welche von 40 Gebäudeobjecten bedeckt und von 3 Werkcanälen mit zusammen 9 Cubikmeter Wasser durchzogen werden. Der Betrieb wird mittelst 3 Turbinen mit 130 Pferdekräften, einer Anlage von 12 Dampfkesseln mit 1160 Quadratmeter Heizfläche, 30 grösseren und kleineren Dampfmaschinen mit 343 Pferdekräften und 75 verschiedenen Arbeitsmaschinen bewerkstelligt. Gegenwärtig sind 500 männliche und weibliche Hilfsarbeiter und an 60 commerzielle und technische Beamte, Chemiker, Zeichner, Graveure und Werkmeister beschäftigt. Der Druck wurde ursprünglich nur mit der Hand mittelst Holzmodel vorgenommen; in den Fünfzigerjahren versuchte man den Perrotindruck, welcher sich jedoch als zu schwerfällig und ungenau nicht lange behauptete. Frühzeitig, nach allerdings nicht ganz verlässlichen Quellen schon in den Zwanzigerjahren, fand in dem Etablissement der Rouleauxdruck mit einer einfärbigen noch primitiven Druckmaschine mit Holzgestell Eingang. Seither verdrängte diese Maschine, welche sich zu einer grossen Vollkommenheit entwickelte, immer mehr, aber doch nur theilweise den Handdruck, der sich für gewisse Artikel, insbesondere für Tüchel mit gewebten Bordüren, erhalten hat und noch immer 30 bis 40 Handdruckern Beschäftigung gewährt. Mit der Vervollkommnung der Druckmaschine hielt auch der Fortschritt in den Erzeugnissen gleichen Schritt; heute arbeitet die Fabrik mit 11 Druckmaschinen von 1 bis 12 Farben, und werden mit denselben alle Muster-Genres auf Baumwollstoffe, dann aber auch auf Wolle und Seide gedruckt. Die Erzeugnisse der Fabrik erfreuen sich nicht nur im Inlande grosser Beliebtheit, sondern haben sich auch seit vielen Jahren sowohl am Continente, wie in den aussereuropäischen Ländern gut eingeführt. Das Unternehmen betheiligte sich auch an allen grösseren Ausstellungen und wurde in den Jahren 1845, 1873, 1880, 1882 und 1888 prämiirt. Schmelzt! üifen. I * iS;« ** *? L'IU Färberei «.Druckerei ****££ •*> ■;. m« FRANZ M. RHOMBERG MECHANISCHE WEBEREI UND DRUCKEREI DORNBIRN. n der Reihe jener rührigen und patriotisch denkenden Männer, die das rapide Wachsthum der Bevölkerung des Landes, insbesondere aber der ausgedehnten Marktgemeinde Dornbirn, bei dem kargen Erträgnis von Grund und Boden mit grosser Besorgnis erfüllte, und die sich umsahen nach einem neuen, das materielle Wohl ihrer Mitbürger sichernden Erwerbszweig, stand der Gründer der zu besprechenden Firma Franz Martin Rhomberg, geboren im Jahre 1811. Er hatte redlich mitgeholfen, der Weberei in seinem Heimatlande Eingang zu verschaffen, und als die ersten schweren Anfänge überwunden waren, die Erzeugnisse der jungen Industrie lebhaften Anklang fanden, war er es, der im Vereine mit anderen Männern daran gieng, sich in Hinsicht der Wredlung ihrer Fabricate vom Auslande zu befreien und diese Veredlungsbranchen in Vorarlberg selbst zu begründen. Dabei fanden die Unternehmer warme Förderung seitens der Regierung, die durch ein Rescript gestattete, dass Textil-Erzeugnisse aus Vorarlberg, das damals noch ausser dem österreichischen Zollver- bande stand, gegen Ursprungscertificate zollfrei auf die österreichischen Märkte gelangen konnten. Zwei wichtige Momente markiren die Geschichte der Vorarlberger Textil-Industrie in den ersten drei Jahrzehnten unseres Jahrhunderts. 1814 trat in Dornbirn zur Handweberei die Buntweberei, und wieder war es ein Mitglied der Familie Rhomberg (Lorenz Rhomberg), der darin den glückverheissenden Anfang machte; im Jahre 1830 kamen die ersten mechanischen Webstühle nach Vorarlberg. Franz Martin Rhomberg, der mit sicherem Blick den Umschwung der Verhältnisse zu beurtheilen verstand, hielt seine Zeit für gekommen und gründete im Jahre 1833 am Rohrbach in der heutigen Gemeinde gleichen Namens die erste grössere Buntfärberei. Der Gründer, in dessen Familie die Färberei im Kleinen seit Generationen betrieben worden war, erzeugte in den ersten Zeiten im Handdruck mit einer für die damaligen Verhältnisse nicht unbedeutenden Anzahl von Arbeitern alle jene Artikel, welche dem Indigo ihr Entstehen verdanken. Es gehörten dazu die kupferblauen Indiennes mitWeiss, Chromgelb und Doppelblau, der Lapis und Waterloo-Artikel. In nie erschlaffender Thätigkeit rang sich der Gründer der heutigen Firma aus den beschränkten Verhältnissen seiner Production zu einer freien, reichen Entfaltung aller Kräfte empor, dabei stets die Principien unantastbarer Reellität und Solidität befolgend. Indem der Firmaträger der stets wechselnden Mode in seiner Production sich anpasste und der jeweilig herrschenden Geschmacksrichtung mit seinen Erzeugnissen vollkommen Genüge zu leisten verstand, wuchs die Thätigkeit des Unternehmens von Jahr zu Jahr, und als die Führung — 270 — und Leitung- der Geschäfte der Kraft eines einzelnen, wenn auch noch so tüchtigen Mannes zu schwer wurde, traten seine beiden Brüder Ulrich und Johann, nebst einem Verwandten Karl Rhomberg in die Firma ein. Anfangs der Fünfzigerjahre zog die Firma die mechanische Weberei in den Bereich ihrer Thätigkeit. Zur Erreichung dieses Zweckes wurde ein bestausgestatteter Neubau in der Parzelle Schmelzhütten aufgeführt, in dem die mechanischen Webstühle, anfangs nur in geringer Anzahl, zur Aufstellung gelangten, wo sie durch Wasserkraft in Thätigkeit gesetzt wurden. Der erspriessliche Fortschritt, den die Weberei erzielte, veranlasste die Firma, die Zahl der verwendeten Stühle allmählich zu vermehren; die nöthigen Fiilfsmaschinen wurden angeschafft, die bisherige treibende Wasserkraft durch Dampf unterstützt. In diesem organischen Entwickelungsprocess erreichte die Weberei die Aufstellung von 170 mechanischen Stühlen, die gegenwärtig in vollem Gange stehen. Inzwischen wurden auch in der Färberei grosse Veränderungen vorgenommen. Im Jahre 1857 wurden die ersten Druckmaschinen (Perrotine) aufgestellt, die von der Hand in Bewegung gesetzt wurden. Damit beginnt die zweite Blütheperiode für die Firma Franz M. Rhomberg. Mit gewohnter Energie arbeiteten die Firmainhaber an der Erhöhung ihrer Production und ihre Erzeugnisse fanden innerhalb der Grenzen des Vaterlandes lebhaften Absatz. Allein der Gang der Entwickelung war kein ungestörter. Schwere Krisen traten ein, welche die Existenz mancher anderer Etablissements in Frage stellten, und diese harten Zeiten erheischten scharfen Blick und grossen Muth, um Herr der Situation zu bleiben. So wirkte die schwere Baum- wollkrise während des amerikanischen Krieges lähmend auf die Gesammt-Industrie Vorarlbergs ein, allein den schwersten Schlag erlitt die Vorarlberger Textilfabrication, als Oesterreich Venetien verlor. Hier hatte sie ein altes, festes Absatzgebiet, und es hiess daher von Neuem anfangen, sich auf anderen Märkten Eingang verschaffen, und dort mit den übrigen Ländern in Concurrenz zu treten. Ueberdies verdrängten die zu enorm billigen Preisen abgesetzten Schaf- wollwaaren die Erzeugnisse der Färbereien, die ja meistens zur Anfertigung der nun immer mehr und mehr schwindenden Nationaltracht verwendet wurden. Wenn aber unter Verhältnissen, unter welchen manch altes und existenzfähiges Unternehmen zusammengebrochen war, die Firma Franz M. Rhomberg sich dennoch immer zu grösserer Ausdehnung und weiterem Umfang entwickeln konnte, wenn nicht nur die Zahl der benützten Druckmaschinen bis auf elf vermehrt, ja im Jahre 1879 sogar Walzendruckmaschinen (Rouleaux) aufgestellt wurden, deren heute die. Firma vier besitzt, so kann die Firma mit berechtigtem Stolze auf die Ergebnisse ihrer die heimische Industrie fördernden und aufmunternden Thätigkeit hinweisen. Das Verhältnis zwischen der Firma und den von ihr beschäftigten Arbeitern ist, wie in allen älteren Dornbirner Etablissements, die auf eine reiche Geschichte zurückschauen, ein vorzügliches. Eine Schaar lange Jahre der Fabrik angehöriger Arbeiter bildet eine treue Stütze der Firma, die unablässig besorgt ist, durch Schaffung vieler Wohlfahrtseinrichtungen, die weit über den Rahmen des Gesetzes hinausgehen, die Lage ihrer Arbeiter zu verbessern und behaglich zu gestalten. Dabei spielen die eigenthümlichen Verhältnisse Dornbirns eine grosse Rolle. Eine eigentliche, wandernde Fabriksbevölkerung ist nicht vorhanden; die weitaus grösste Zahl lebt im Familienverbande und besitzt in der Regel einen eigenen Hausstand mit einem oder mehreren Grundstücken, dessen Besorgung ein oder das andere Familienglied übernimmt. > «. 5 ^ V<€ ■e» £7£Ka WIESENBERG. iesenberg liegt am linken Ufer des Thessflusses, 15 Kilometer nordwestlich von Mährisch-Schönberg, von der nächsten Bahnstation Petersdorf-Gross-Ullersdorf der Mährischen Grenzbahn 10 Kilometer entfernt. Es gehört zur Bezirkshauptmannschaft Mährisch-Schönberg, besitzt ein k. k. Bezirksgericht und ein k. k. Steueramt und bildet mit den Gemeinden Reutenhau, Kozianau und Philippsthal eine vereinte Gemeinde von circa 2500 Seelen. Hier, im schönen Thessthale, am Fusse der mächtigen Sudeten, gründeten die Familien Klein, Besitzer der Herrschaft Wiesenberg und der benachbarten Eisenwerke in Zöptau und Reutenhau, im Verein mit den Familien Seidl, Oberleithner, Siegl, Zephiresku und Gschader, Leinenwaarenfabrikanten in Mährisch-Schönberg, im Jahre 1851 eine Flachsspinnerei als Commanditgesellschaft. Anfangs wurde nur die Wasserkraft des Thessflusses, deren Verwerthung man mittelst eines angekauften Mühlengrundstückes praktisch durchführte, als Betriebskraft verwendet, und so wurden 3000 flachs-und Wergspindeln in Gang gesetzt. Das Fabriksgebäude war jedoch von yorneherein für eine Anzahl von 6000 Spindeln angelegt worden, und bald wurde auch die Aufstellung der restlichen 3000 durchgeführt. Gleichzeitig wurde, um die bei einer variablen Wasserkraft unvermeidlichen häufigen Betriebsstörungen zu beseitigen, eine der Ausdehnung der Fabrik entsprechende Hilfsdampfmaschine aufgestellt. Da bei der stetig sich erweiternden Production auch die Nebenräumlichkeiten nicht mehr ausreichten, so musste ein zweites geräumiges Flachsmagazin errichtet werden. Ferner wurde damals eine eigene Gasanstalt, ein Dampfmaschinenhaus und eine Reparaturwerkstätte hergestellt. Inzwischen hatte der Tod in den Familien der Gründer reiche Ernte gehalten, und die Ueberlebenden sahen sich bestimmt, im Jahre 1886 die bisher bestandene Commanditgesellschaft in eine Actiengesellschaft umzuwandeln. Es wurden 1100 Actien zu 500 fl. ausgegeben. Dieselben wurden jedoch nicht auf den Markt gebracht, sondern verblieben in den Händen der Gründer, beziehungsweise in denen ihrer Erben. Die Fabrik besitzt, wie erwähnt, sowohl eine Dampf-, als auch eine Wasserkraft. Die Anlage der Wasserkraft ist derart, dass das Betriebswasser von dem Wehre in Reutenhau durch einen 1000 Meter langen Obergraben am Fusse des Kapellenberges mit einer Geschwindigkeit von 1 Meter pro Secunde zugeleitet wird. Dasselbe treibt 2 Turbinen, welche bei 20 Meter Gefälle einen Nutzeffect von 200 Pferdekräften ergeben. Drei Dampfkessel von 300 Quadratmeter Heizfläche dienen einerseits zur Heizung der Fabriksräume, andererseits liefern sie den Dampf für zwei Dampfmaschinen von 150 und 70, zusammen also 220 Pferdekräften. 3H An Arbeitsmaschinen sind vorhanden: 8 Hechelmaschinen, 7 Wergkarden, 6 Flachs- und 5 Werg - -Vorspinnsysteme mit 700 Vorspinnspindeln, 32 i /. 2 Feinspinnmaschinen mit 6100 Feinspindeln und 8 Zwirnmaschinen mit 1150 Zwirnspindeln. Die Maschinen sind zum grössten Theil neuerer Construction. Das Fabriksgebäude selbst ist vollkommen feuersicher gebaut und bis unter das Dach eingewölbt. An Rohmaterial werden jährlich circa 10.000 Centner gebrechter Flachs, theils inländischen, theils russischen Ursprungs, verarbeitet. Die Production beträgt jährlich circa 14.000 Schock Flachs- und Werggarne und 3000 Schock Leinenzwirne. Die Leitung des Unternehmens war jederzeit bestrebt, durch angemessene Einrichtungen die Lebenslage der bei demselben beschäftigten Arbeiter, deren Zahl gegenwärtig 400 beträgt, zu verbessern. So besitzt die Fabrik eine gut situirte Betriebskrankencasse, einen Schlafsaal für weibliche Arbeiter, eine Fabriksküche, mehrere Douche- und Wannenbäder, ferner Familienhäuser mit gesunden und dabei billigen Wohnungen. Die Actiengesellschaft wird von einem Verwaltungsrath geleitet, welcher statutenmässig aus sieben Mitgliedern besteht und alle drei Jahre neu gewählt wird. Gegenwärtig ist derselbe zusammengesetzt aus dem Präsidenten lg. Seidl jun., Fabriksbesitzer in Mährisch-Schönberg, und den Mitgliedern Franz und Hubert Klein Freiherren von Wiesenberg in Wiesenberg und Zöptau, Dr. J. U. Eduard Ulrich, Gutsbesitzer in Johrnsdorf, Dr. med. Carl Chiari und Robert Siegl, Fabriksbesitzern in Mährisch-Schönberg, und Bergrath Friedrich Klein, Betriebsdirector in Zöptau. Firmazeichnende Beamte der k. und k. priv. Flachsspinnerei in Wiesenberg sind seit 1881: Oswald Köhler, Director, und Franz Baudisch, Buchhalter. 40* 3 V Zwirnfabrik, Bleiche und Wohnhäuser 1S55. GROHMANN & CO. K. K. PRIY. LEINEN-, BAUMWOLLZWIRN- UND FLECHTWAAREN-FABRIK WÜRBENTHAL. iese Fabrik wurde im Jahre 1800 in Würbenthal von dem dortselbst lebenden Ferdinand Rössler und dem aus Würbenthal stammenden, in Wien wohnhaften Adolf Weiss unter der Firma »Weiss & Rössler« gegründet; der Erstgenannte hatte schon früher, von Schönlinde in Böhmen aus, Leinenzwirn nach Wien geliefert, der Letztere seit 1780 in Wien einen Zwirnhandel betrieben; beide vereinigten sich nun zur Gründung einer Zwirnerzeug-ung in Würbenthal, deren Producte ausschliesslich in Wien verkauft wurden. Ein fabriksmässiger Betrieb bestand damals nicht, sondern es wurden die in der Gegend in grossen Mengen erzeugten Flachs-Handgespinnste, zu deren Ankauf insbesondere die Garnmärkte in Olbersdorf und Mähr.-Schönberg besucht wurden, eingekauft, mittelst besonderer Vorrichtungen nach ihrer Stärke in verschiedene Nummern sortirt und nach Bedarf an die Handzwirner, welche in ihren Wohnhäusern arbeiteten, zum zwei-, drei- und vierfachen Zwirnen ausgegeben — eine Arbeit, die seinerzeit mit Hilfe hölzerner Zwirnräder erfolgte. Die abgelieferten Zwirne wurden auf den vorhandenen zwei Rasenbleichen gebleicht oder durch auswärtige Färber schwarz, blau oder roth gefärbt; die gebleichten oder gefärbten Zwirne mussten für den Verkauf geeignet eingetheilt und adjustirt werden, um in verkaufsfähigem Zustande zur Abgabe an das Wiener Geschäft zu gelangen. In dieser Weise wurde das .Geschäft eine lange Reihe von Jahren weiter betrieben, während welcher Zeit jedoch in der Firma manche Veränderungen erfolgten; 1817 trat ein Neffe des Ferdinand Rössler, Josef Grohmann aus Schönbüchel bei Schönlinde in Böhmen. Rössler & Co.« lautete, worauf Ferdinand Rössler im Jahre 1821 aus der Wohnhaus, erbaut 1800. in die Firma ein, welche dann »Weiss j Firma schied. Nach dem im Jahre 1830 erfolgten Ableben des Adolf W eiss trat 1836 dessen Sohn Carl Weiss der Firma bei, worauf im Jahre 1846 die Firma Zwirnmaschinensaal 1898. ihren Namen in »Weiss & Grohmann« änderte. Bei dieser Gelegenheit erhielt die Firma die Erlaubnis, den Titel »landesbefugte Zwirnfabrik« zu führen. Nachdem jedoch das mit der Hand hergestellte Product in Bezug auf Gleichmässigkeit des Fadens mit den von England importirten mechanischen Zwirnen nicht mehr concurriren konnte, sah sich die Firma veranlasst, im Jahre 1847 ' n Würbenthal eine mechanische Leinenzwirn-Fabrik zu errichten. Die mechanischen Zwirnstühle sowie die nöthigen Hilfsmaschinen wurden aus England bezogen; als motorische Kraft diente eine Turbine von 65 Pferdekräften, während die Appreturmaschinen in einem unterhalb der neuen Fabrik gelegenen Gebäude durch ein Wasserrad betrieben wurden; die Fabrik wurde bald darauf durch den Bau einer eigenen Färberei ergänzt, so dass die gesammte Fabri- cation des Leinenzwirns in der Fabrik centralisirt war, und derselbe hier vollständig hergestellt werden konnte. Die Zahl der beschäftigten Arbeiter betrug zu dieser Zeit 150. Die verschiedenen Kriegsjahre führten wohl mannigfache Störungen im Absätze herbei, welche jedoch durch den nachherigen vermehrten Bedarf bald wieder ausgeglichen wurden; in Folge des amerikanischen Bürgerkrieges, mit welchem ein Wegfall des Baumwollgarn-Imports verbunden war, trat eine besonders günstige Hebung der österreichischen Leinen-Industrie ein; bereits im Jahre 1865 musste die Fabrik vergrössert und deren Leistungsfähigkeit durch Aufstellung einer neuen Dampfmaschine von 35 Pferdekräften erweitert werden. Im Jahre 1867 trat Josef Grohmann, welcher dem Geschäfte durch volle fünfzig Jahre angehört hatte und bereits 1847 für sein verdienstvolles Wirken durch Verleihung des goldenen Verdienstkreuzes mit der Krone ausgezeichnet worden war, aus der Firma und wurde durch seinen ältesten Sohn Guido Grohmann, welcher sich ebenfalls bereits seit 1847 im Geschäfte bethätigte, ersetzt. Dieser erhielt in Anerkennung seiner industriellen und gemeinnützigen Thätigkeit das Ritterkreuz des Franz Joseph-Ordens. Im Jahre 186g war eine weitere Vergrösserung des Etablissements nöthig geworden, und wurde die gegenwärtig bestehende neue Fabrik erbaut und die Anzahl der Zwirn- und Hilfsmaschinen wesentlich vermehrt, ferner die bestehende Turbinenanlage auf eine Leistung von 80 Pferdekräften gebracht. In Folge dieser Vergrösserung und der anerkannten Leistungsfähigkeit der Fabrik erhielt die Firma die Bewilligung, den kaiserlichen Adler und den Titel »k. k. priv. Zwirnfabrik« zu führen. Eine wesentliche Umgestaltung erfuhr der Fabriksbetrieb in Folge der immer mehr zunehmenden Verbreitung der Nähmaschinen, da sich der von ausländischen Zwirnfabriken in tadelloser Weise hergestellte vier- bis sechsfache Baumwollzwirn auf Holzspulen, welcher ausschliesslich zum Nähen auf den Nähmaschinen verwendet wurde, als gewaltiger Concurrent des Leinenzwirnes in empfindlicher Weise bemerkbar machte, und der viel sprödere, minder elastische, dabei theurere und auch weniger gleichmässige Leinenzwirn für die Verwendung auf der Nähmaschine wenig geeignet erschien. Demzufolge wurde der Leinenzwirn durch den Baumwollzwirn immer mehr verdrängt, so dass sich die Firma gezwungen sah, im Jahre 1874 mit der Fabrication von Baumwollzwirn zu begännen und dieselbe von da an neben der Herstellung des Stammartikels, Leinenzwirn, zu betreiben. Gegen Ende des Jahres 1874 starb Guido Grohmann in Würbenthal, und seine Witwe Emma Grohmann, sowie Adolf Weiss, Sohn des Carl Weiss in Wien, traten nunmehr der Firma Weiss & Grohmann in Würbenthal und Wien als öffentliche Gesellschafter bei. 1876 wurde die Bleiche des Etablissements in modernster Weise eingerichtet und wesentlich vergrössert. Im Jahre 1883 wurden die Geschäfte der Firma »Weiss & Grohmann« in der Weise getrennt, dass die Gesellschafter Carl und Adolf We iss das Wiener Geschäft übernahmen und unter der Firma »Weiss & Co.« betrieben, während Emma Grohmann und ihr Sohn Emil Grohmann die Würbenthaler Fabrik vollständig übernahmen und diese Firma unter dem Namen »Grohmann & Co.« weiterführten; die ursprüngliche Firma »Weiss & Grohmann« erlosch. Im Jahre 1889 wurde eine neue Dampfmaschine von 90 Pferdekräften aufgestellt. Da sich im Laufe der Jahre der Absatz von Zwirn immer schwieriger gestaltete, sah sich die Firma Grohmann & Co. veranlasst, einen neuen Artikel einzuführen, und übernahm im Jahre 1893 das Flecht- waaren-, Schnüre- und Börtel - Fabriksgeschäft von Johann Scholz & Sohn in Wien und Wienersdorf und verlegte die Fabrication dieser Artikel im Jahre 1894 nach Würbenthal, während die frühere Niederlage obiger Firma Flechtmaschinensaal 1898. 317 in Wien, VII., Neübaugasse 21, von der Firma Grohmann & Co. beibehalten und weiter betrieben wurde. Im Jahre 1895 musste die Erzeugung- von Baumwoll-Spulenzwirn wegen der drückenden ausländischen Concurrenz g-änz- lich aufgelassen werden, hingegen wurde in demselben Jahre für die übrigen Erzeugnisse eine Filiale in Ziegenhals (Preussisch-Schlesien) gegründet. Im Jahre 1896 starb die Mitbesitzerin Frau Emma Grohmann, und blieb Herr Emil Grohmann alleiniger Inhaber der Firma. Die derzeitige Einrichtung der Fabrik besteht zunächst in 6500 Zwirnspindeln mit den zugehörigen Hilfs- und Appreturmaschinen, für die Erzeugung aller Arten von Zwirn dienend, ferner in 2 80 Flechtmaschinen; der Betrieb erfordert zusammen 230 Pferdekräfte. Die Erzeugnisse der Firma bestehen zunächst in den altrenommirten Leinenzwirnen aller Stärken und Farben für Näh-, Strick- und Häkelarbeiten, welche noch immer eine Specialität der Firma bilden, wenngleich deren Consum wesentlich abgenommen hat; überdies erzeugft die Firma alle Arten von Baumwollzwirnen mit Ausnahme des Spulenzwirnes, ferner alle Sorten von Flechtartikeln, als Börtel, Litzen, Schnüre u. dgl. m. aus Leinen, Baumwolle und Schafwolle. Die Firma wurde auf den Ausstellungen zu München, Philadelphia, Paris, Teschen, Triest, Barcelona, Graz, Bielitz und Troppau ausgezeichnet. Derzeit beschäftigt die Fabrik 400 Arbeiter, für welche eine eigene Betriebs-Krankencasse und eine Pensions- casse bestehen; überdies ist für die Angestellten und Arbeiter ein Lebensmittel-Consumverein eingerichtet, ebenso eine Fabriksküche, in Bezug auf deren Benützung jedoch keinerlei Zwang ausgeübt wird; endlich besteht in der Fabrik ein allen Arbeitern zugängliches Fabriksbad. Die Arbeiterschaft ist sehr stabil und sind die meisten der in der Fabrik beschäftigten Arbeiter und Arbeiterinnen schon eine lange Reihe von Jahren daselbst thätig; die jüngeren in der Fabrik verwendeten Personen sind in vielen Fällen die Nachkommen von früheren Arbeitern und Arbeiterinnen, welche in der Zwirnfabrik bedienstet waren. Ein Arbeiter und ein Meister wurden mit dem silbernen, beziehungsweise goldenen Verdienstkreuze ausgezeichnet, nachdem dieselben über vierzig Jahre in dem Etablissement ununterbrochen beschäftigt waren. Der Bestand der Fabrik bildet für die Bevölkerung der Gegend, welche in derselben einen lohnenden und dauernden Erwerb findet, eine grosse Wohlthat. - 318 JOS. HEROLD MECHANISCHE LEINEN-, JUTE- UND WOLLWAAREN-FABRIK BRÜNN. nde der Sechzigerjahre nahm die Zucker-Industrie in Folge von Erfindungen, welche den Betrieb wesentlich vereinfachten und dessen Kosten namhaft verbilligten, einen kräftigen Aufschwung. Der Consum verdoppelte sich, und dadurch entstanden viele neue Zuckerfabriken. Dieser Umstand wirkte aber auch fördernd und belebend auf alle mit der Zuckerfabrication in Berührung stehenden Industrien, und namentlich die Weberei hatte viel zu thun, um den steigenden Bedarf an Geweben für die aufstrebende Zucker-Industrie zu decken. Ein der Erzeugung dieses Artikels ausschliesslich sich widmendes Unternehmen konnte, sobald es fachmännisch und tüchtig geleitet wurde, nur prosperiren. Dies traf Alles bei der von Josef Herold und Erhardt Sichrawa zu Leitomischl im Jahre 1868 errichteten Weberei zu. Die guten Beziehungen, die das junge Unternehmen zu seinen Kunden, die zumeist böhmische und mährische Zuckerfabriken waren, unterhielt, ferner rastloser Fleiss und emsige Thätigkeit der Gründer ermöglichten es, das in bescheidenem Umfange gegründete Etablissement bald zu erweitern und durch Anschaffung mechanischer Webstühle leistungsfähiger zu gestalten. Im Jahre 1878 vollzog sich in der bisherigen Firmirung eine Aenderung. Die Firma Herold & Sichrawa wurde gelöscht; Josef Herold zog nach Brünn, um daselbst eine auf seinen Namen lautende Fabrik zu gründen, deren Einrichtung den Anforderungen moderner Textiltechnik Rechnung tragen sollte. Brünn, seit vielen Jahren der Mittelpunkt der österreichischen Textil-Industrie, bot vor Allem einen geschulten Arbeiterstand und ferner den grossen Vortheil der besseren Lage für den Verkehr im Allgemeinen. Die Production in dem neuen Etablissement wuchs bald so an, dass zu ihrer Leitung die Arbeitskraft eines Einzelnen nicht mehr ausreichte. Aus diesem Grunde trat im Jahre 1881 Leopold Himmelreich als stiller Gesellschafter der Firma bei. Im Jahre 1894 erfuhr dieselbe eine abermalige Aenderung, indem sie in eine öffentliche Gesellschaft umgewandelt wurde und gleichzeitig der Sohn des Gründers der Firma, Carl Herold, sowie dessen Schwiegersohn, Franz Wenzlowsky, in die Firma eintraten, die derselben übrigens schon lange als Mitarbeiter angehört hatten. Die Erzeugnisse der Firma sind vor Allem Gewebe für technische Zwecke, und zwar P'ilterstoffe und Tücher für chemische und Zuckerfabriken, Presstücher, Presstaschen und Decken für Oel-, Stearin- und Kerzenfabriken, weiters sämmtliche Gewebe, welche als Einlagen in Gummifabricate dienen (hauptsächlich Einlagestoffe für Pneumaticreifen). Ausser diesen Geweben werden gegenwärtig alle Arten Segel für Schiffs- und andere Zwecke, z. B. für Wagendecken, Koffersegel, Schuhstoffe u. dgl., sowie schliesslich schwere Baumwoll- und Leinenwaaren erzeugt, letztere hauptsächlich für das Leinenconsortium für das k. und k. Heer, welchem die Firma als Mitglied angehört. Als Materialien zur Erzeugung obgenannter Waaren werden vorzugsweise Jute, Baumwolle, Leinen, Hanf, Kameelhaare und diverse grobe Woll- und Haarsorten verwendet. Als Specialität erzeugt die Firma seit mehreren Jahren gewebte Baumwoll- und Kameelhaar-Treibriemen, welche durch die Gediegenheit ihrer Ausführung und vorzügliche Haltbarkeit sehr beliebt sind und grosse Verbreitung gefunden haben. Nach vieljähriger Bemühung gelang es auch, für die Riemen, sowie für die technischen Gewebe im Auslande Absatzgebiete zu erobern. Die Herstellung der erwähnten technischen Gewebe und Riemen ist sehr mannigfaltig und erfordert ein ununterbrochenes Studium aller Fortschritte auf dem Gebiete jener Industrien, denen sie dienen. Mühevolle, oft kostspielige Versuche müssen angestellt werden, um in diesen Artikeln jene Vollkommenheit zu erreichen, die ihren wichtigen Functionen entspricht. Dass es der Firma Herold gelungen ist, auf diesem Gebiete Hervorragendes zu leisten, beweisen die von ihr erworbenen vielen ausschliesslichen Privilegien; auch auf zahlreichen Ausstellungen, an denen sie sich betheiligte, wie in Wien 1873 und 1890, Linz 1891 u. a. O., wurden ihre Erzeugnisse vielfach prämiirt. 319 .caFnt % . *&*•$& >-»a i cj- »sa*. "O Mm m ~&£>§t£ mMii ANi Ä-s-srwÖM rvvjrv ' ^Kt -Az HEINRICH KLINGER K. K. PRIV. LEINEN WA AREN- UND MECHAN. JUTEWAAREN-FABRIIC ZWITTAU (MÄHREN). LEINEN- UND BAUMWOLLW AAREN-WEBEREI TRAUTEN AU (BÖHMEN). iese Firma, welche mit ihren in beiden Reichshälften gelegenen Fabriken und hausindustriellen Factoreien jenen grossen Firmen der Monarchie, die an der Entwickelung und Ausgestaltung der österreichischen Leinen-Industrie in den letzten Decennien bedeutenden Antheil genommen haben, zuzuzählen ist, gibt uns ein Bild hervorragender industrieller und commerzieller Thätigkeit. Im März des Jahres 1858 von dem gegenwärtigen Senior des Hauses Heinrich Klinger in Wien gegründet, war es der Firma unter zielbewusster Leitung ermöglicht, dem Geschäfte im Laufe der Jahre eine grosse, stetig wachsende Ausdehnung zu geben und ihren Unternehmungen mit der Errichtung einer Anzahl von Fabriken, Etablirung von Niederlagen in Budapest, Triest etc., sowohl was den Inlandverkehr, als auch den Export anbelangt, das Gepräge grossindustrieller Wirksamkeit zu verleihen. Da zu damaliger Zeit die österreichische Leinen-Industrie fast ausschliesslich auf hausindustrieller Thätigkeit beruhte, errichtete die Firma im Jahre 1866 zu Zwittau in Mähren eine Handweberei, verbunden mit Mange und Appretur, sowie einer fabriksmässigen Confection, sich hauptsächlich mit der Erzeugung und Fertigstellung von Rohleinen der mannigfachsten Art befassend. Dieses Unternehmen, welches sich successive erweiterte, beschäftigt eine sehr bedeutende Zahl von hausindustriellen Webstühlen — es sind in manchen Jahren über 4000 Stühle in Thätigkeit gehalten worden — und führt einem ansehnlichen Theil der dortigen ärmeren Bevölkerung Erwerb zu. Gleichzeitig mit dieser Niederlassung in Zwittau gründete die Firma in Budapest eine Filiale, um von dort aus dem Geschäfte in dem ungarischen Absatzgebiete eine intensive Aufmerksamkeit zuwenden zu können. Mit der weiteren Ausgestaltung ihres geschäftlichen Unternehmens und bei den erhöhten Anforderungen hinsichtlich der technischen Erzeugung, sowie parallel mit der mittlerweile'auch in Oesterreich sich einbürgernden mechanischen Weberei, sah sich die Firma veranlasst, im Jahre 1875 in Brünn eine mechanische Leinen- und Segeltuchfabrik in Betrieb zu setzen und ihr Augenmerk der Fabrication von Specialsorten als: Schiffsegeln, Leinensegel für die Erzeugung wasserdichter Decktücher etc. zuzuwenden — Artikel, welche vordem aus England und Frankreich nach Oesterreich eingeführt wurden. Aber auch einen anderen Zweig der Textilbranche, die Jutewaaren-Erzeugung, hat die Firma frühzeitig cultivirt. Sie ist die erste gewesen, welche Jutestoffe von England nach Oesterreich einführte, und sie etablirte auch im Jahre 1880 eine mechanische Juteweberei in Zwittau. Nachdem die Brünner Fabrik eine weitere Ausdehnung — vermöge ihrer räumlichen Verhältnisse — nicht gestattete, erbaute die Firma ebenfalls in Zwittau eine mechanische Leinenweberei, und wurde im Jahre 1887 auch die Brünner Fabrik dorthin verlegt. Mit Rücksicht auf die erhöhte Anforderung, welche das ungarische Absatzgebiet stellte, sah sich die Firma im Jahre 1888 veranlasst, eine in grösseren Dimensionen angelegte Leinen-, Jute- und Baumwollwaaren-Fabrik in Pressburg ins Leben zu rufen, welche gleichwie die früher angeführten Unternehmungen im Laufe der Jahre eine stetige Vergrösserung erfahren hat. Später errichtete die Firma in Trautenau als dem Centrum der österreichischen Leinen-Industrie eine Leinen- und Baumwoll-Factorei. Gleichwie in Oesterreich hat die Firma auch in Ungarn auf die Pflege der hausindustriellen Weberei ihre Thätigkeit ausgedehnt, und wurde im Liptöer Comitate in Liptö-Szt.- Miklos eine hausindustrielle Factorei geschaffen. An die Fabriksunternehmungen und die darin betriebene Erzeugung von Leinen-, Baumwoll-, Jute- und Hanfgeweben reihten sich im Laufe der Jahrzehnte die mannigfachsten Specialerzeugungen, als z. B.: Schlauchweberei, Herstellung von gummirten Schläuchen, Errichtung einer Imprägnirungs-Anstalt, sowie ejner Confection wasserdichter Decktücher, einer Stück- und Garn-Färberei, sowie in letzterer Zeit auch Ledertuch- und Wandtapeten-Erzeugung. Die Firma beschäftigt in Oesterreich: bei mechanischem Betriebe.350 Arbeiter bei hausindustriellem Betriebe.2400 » bei der Confection etc.150 » In Ungarn: bei mechanischem Betriebe.450 Arbeiter bei hausindustriellem Betriebe.800 » bei der Confection etc.100 » Was die Fabricate der Firma anbelangt, so sind dieselben ungemein verschiedenartig. Es zählen hiezu Artikel der Leinen-, Hanf-, Baumwolle- und Jute-Branche, und zwar nebst den selbstverständlich in erster Linie stehenden Con- sumartikeln, wie für den Hausbedarf, für Confectionszwecke etc., insbesondere auch Textilfabricate für technische, Militär-, maritime Zwecke, sowie für Eisenbahnen, Spitäler und andere öffentliche Anstalten. Die Firma gehört auch seit mehreren Jahren den mit der Deckung des Heeresbedarfes betrauten Liefer- consortien beider Reichshälften an, hat bei verschiedenen Anlässen, wie 1866 und 1878, eine hohe Leistungsfähigkeit erwiesen und sich sonach im Rahmen dieser Consortien eine hervorragende Stellung errungen. Nebst dem Absätze im Inlande hat die Firma seit jeher dem Exporte ihre besondere Pflege angedeihen lassen und denselben speciell nach den Balkanstaaten, nach der Levante, Italien und der Schweiz ausgebildet. Aber auch nach überseeischen Plätzen, wie Ostindien, Centralamerika etc., wurde der Export von Specialartikeln cultivirt und in einzelnen Artikeln ein ständiger Absatz dorthin erreicht. Die Firma hat Vertretungen in Aussig, Bielitz, Brünn, Brüx, Bröka, Czernowitz, Fiume, Fünfkirchen, Graz, Klausenburg, Kolomea, Krakau, Kronstadt, Lemberg, Linz, Neutra, Pilsen, Pöstyen, Prag, Reichenberg, Ragusa, Saaz, Sereth, Sarajevo, Stanislau, Temesvar, Trient und Triest. Ferner im Auslande in Ancona, Belgrad, Berlin, Bukarest, Colombo, Corfu, Constantinopel, Craiova, Hamburg, London, Mailand, New-York, Rustschuk, Rangoon, Sofia, Smyrna, Schabatz, Turin, Transvaal, Venedig, Zanzibar. Die Firma hat sich auch bei verschiedenen Ausstellungen betheiligt und auf nachfolgenden Preise erworben: Wien 1873 (Diplom), Paris 1878 (silberne Medaille), Sydney 1879 (silberne Medaille), Melbourne 1880 (I. Preis), niederösterreichische Gewerbe-Ausstellung Wien 1880 (goldene Medaille), Triest, Amsterdam, Antwerpen und Wien (Mitglied der Jury) und auf der Millenniums-Ausstellung Budapest 1896 (Ehrendiplom). Im Laufe der Jahre traten die zu dem Senior der Firma in verwandtschaftlicher Beziehung stehenden Herren Paul Lemberger, Ernst Klinger und Max Schweiger als öffentliche Gesellschafter in die Firma. Der Gründer und Senior der Firma, Herr Heinrich Klinger, ist seit dem Jahre 1874 Mitglied der Wiener Handels- und Gewerbekammer, wurde von dieser wiederholt mit Vertretungen bei Congressen und Ausstellungen betraut, bekleidet seit nahezu zwanzig-Jahren als kaiserlicher Rath die Stelle eines Beisitzers bei dem k. k. Handelsgerichte in Wien und ist seit Bestand der k. k. Permanenz-Commission für die Handelswerthe Mitglied dieser Commission und Obmann der Leinen-Abtheilung, endlich auch Mitglied des k. k. Zollbeirathes. Für Verdienste auf industriellem Gebiete wurde Herr Heinrich Klinger von Sr. Majestät im Jahre 1879 durch Verleihung des goldenen Verdienstkreuzes mit der Krone und vor mehreren Jahren durch Verleihung des Ritterkreuzes des Franz Joseph-Ordens ausgezeichnet. Ueberdies erhielt derselbe anlässlich seiner Thätigkeit bei den Ausstellungen in Amsterdam, Antwerpen und Brüssel das Officierskreuz des königl. belgischen Leopold-Ordens und das Ritterkreuz des niederländischen Löwen-Ordens. I I 1 1 'St ! »Il ... JNI J)ie Gross-Industrie. IV. 41 - 321 — F-, R udreli s« pr NORBERT LANGER & SOHNE K. K. PRIV. LEINEN- UND BAUMWOLLWAAREN-FABRIKEN STERNBERG, OSKAU, DEUTSCH-LIEB AU UND NIED ER-DÈE WITS CH. er Bestand des genannten Hauses reicht bis in das Jahr 1794 zurück, seit welchem Norbert Langer als bürgerlicher Webmeister in Sternberg arbeitete, um 1821 im Vereine mit seinen beiden Söhnen Franz und Carl obige Firma ins Leben zu rufen. Die Erzeugung beschränkte sich damals vorherrschend auf Canevas, Nankings, Matratzengradel und glatte Leinen. Im Jahre 1820 wurde dem Unternehmen das einfache und 1821 das förmliche Landes-Fabricationsbefugnis zur Erzeugung von Leinen- und Baumwollwaaren verliehen. In demselben Jahre wurde die Fabriksniederlage in Wien errichtet, und im folgenden traten die anderen Söhne des Begründers der Firma, August, Johann und Norbert Langer jun., in das Geschäft ein. Der Vertrieb der Waaren erfolgte nicht allein durch die Niederlage in Wien, sondern auch durch den Besuch der Märkte, welche um diese Zeit in höchster Blüthe standen. So kam es, dass die Nachfrage die Fabrication bald überstieg. Um nun dem stetig wachsenden Bedarf in Leinenwaare Genüge zu leisten und die volle Gewähr bieten zu können, dass die Festigkeit der Faser durch das Bleich- und Appretur-Verfahren keine Einbusse erleide, ergab sich die zwingende Nothwendig- keit, eine eigene Garn- und Waarenbleiche, verbunden mit Appreturanstalt, sowie auch eine Weberei für glatte Leinen zu errichten. Die Wahl fiel auf Oskau in Mähren, wo sich die Wasser Verhältnisse für die Bleiche als ausserordentlich günstig erwiesen und auch eine genügende Anzahl verlässlicher Leinenweber vorhanden war. 1836 wurde dort der erste Theil der heutigen Fabrik erbaut. Im Jahre 1852 musste die Niederlage in Wien räumlich vergrössert werden und sie wurde deshalb in ein anderes Local, I., Judenplatz 1, verlegt. Am 28. Juni 1853 erhielt die Firma seitens der k. k. Kreisregierung das ihr bereits im Jahre 1821 verliehene förmliche Landes-Fabricationsbefugnis erneuert. Die Leinenwaaren-Erzeugung wurde damals durch Aufnahme der GebildWeberei erweitert; die ersten Webstühle für gemusterte Waare kamen im Jahre 1853 in Oskau in Betrieb. Da aber die Zahl der in Oskau ansässigen und verfügbaren Arbeiter bald für die wachsenden Anforderungen nicht mehr ausreichte, wurde die Erzeugung von Tischzeugen, Handtüchern und sonstigen Damastwaaren im Jahre 1863 nach Deutsch-Liebau verlegt. Im Jahre 1867 traten grössere Veränderungen betreffs der Firmainhaber ein, indem Carl und August Langer in Folge Ablebens gelöscht und Carl jun., Otto, Adolf, Franz jun. und später (1872) Wilhelm Langer als neue Gesellschafter aufgenommen wurden. Die Neuaufnahme der Kaffeetücher-Erzeugung brachte eine weitere namhafte Vergrösserung der Damast- waaren-Fabrication mit sich. Während der Ausstellung im Jahre 1873 wurden unter den fremden Einkäufern speciell die Amerikaner auf diesen Zweig der österreichischen Leinen-Industrie aufmerksam, und es entwickelte sich in kurzer Zeit ein recht lebhaftes Exportgeschäft. Die Anforderungen in Bezug auf Veredelung der Waare wuchsen von Jahr zu Jahr, und um denselben gerecht zu werden, waren nennenswerthe Aenderungen sowohl in der Garn- und Waarenbleiche, als auch in der Appretur nothwendig. Es wurde deshalb im Jahre 1870 Bleiche und Appretur nicht allein vergrössert, sondern auch mit den neuesten Maschinen eingerichtet. 322 Entsprechend der Geschäftsausdehnung erfuhr im Jahre 1879 auch die Niederlage eine Erweiterung und wurde nach Wien, I., Heinrichsgasse 1, verlegt. Die Leistungsfähigkeit der Handweberei erwies sich nun bald unzureichend, weshalb die Firma zum Baue einer mechanischen Weberei in Deutsch-Liebau sich entschloss. Der Bau begann im Jahre 1883; 1884 kam die Weberei in Betrieb. Auch die in Sternberg betriebene Baumwoll-Handweberei wurde 1894 durch die in Nieder- Dfewitsch bei Hronow in Böhmen aufgenommene mechanische Erzeugung ersetzt. In den letzten Jahren schieden die Gesellschafter Franz und Wilhelm Langer aus der Firma, in der noch Carl und Adolf Langer verblieben, welche auch ihre Söhne Johann, Adolf jun. und Otto Langer sowie den langjährigen Mitarbeiter Heinrich Kunz als Gesellschafter aufnahmen. Den alten Principien treu bleibend, nur solideste Erzeugnisse in den Handel zu bringen, wird seither auf dem früheren Wege weiter geschritten. Der Firma wurden während ihres Bestandes wiederholt ehrenvolle Auszeichnungen zu Theil. Die Erzeugung der Leinenwaare speciell erfordert exacte und intelligente Arbeitskräfte, denen es in nicht geringem Maasse zuzuschreiben ist, dass sich die Erzeugnisse sowohl im Inlande, als auch im Auslande des besten Rufes erfreuen. Das Haus unterhält fast in allen Staaten des Continents Vertretungen, und sind dessen Fabricate auch auf den überseeischen Märkten begehrt. Es wurden im Laufe der Zeit zum Wohle der Arbeiter nach Maassgabe der Verhältnisse Wohlfahrtseinrichtungen ins Leben gerufen, die über die Grenzen der gesetzlichen Vorschriften hinausreichen. Es ist das Bestreben der gegenwärtigen Leiter der Firma, dieselben allmählich noch weiter auszubauen. — 323 41- LIESER & DUSCHNITZ MECHANISCHE HANFSPINNEREI, BINDFADEN- UND SEIL-FABRIK PÖCHLARN A. D. is in die Mitte der Achtzigerjahre wurde der Bedarf an Hanfgespinnsten, als da sind Bindfaden, Schuh- und Webgarne, nur zum geringen Theile im Inlande gedeckt, sondern hauptsächlich durch den Import befriedigt. Es bestanden zwar einzelne kleine Fabriken, welche sich mit der Erzeugung von Bindfaden beschäftigten, diesen jedoch nur in den gröberen Sorten herstellten, während sie sich mit den übrigen oben genannten Artikeln, ebenso wie mit der verwandten Fabrication von Transmissionsseilen überhaupt nicht befassten. Diese Lücke in der heimischen Industrie auszufüllen, vereinigten sich im Jahre 1884 Sigmund, Adolf und Justus Lieser, ferner Max und Karl Duschnitz zu einer offenen Handelsgesellschaft, welcher sämmtliche genannten Herren bis auf den seither verstorbenen Sigmund Lieser auch heute noch angehören. Als Standort des zu erbauenden Etablissements wurde der Ort Pöchlarn a. D. erwählt, da die dort in die Donau einmündende Erlauf eine ausgiebige Wasserkraft zu bieten versprach, und hat sich diese Wahl auch als vortheilhaft erwiesen, weil, abgesehen von einzelnen Hochwässern, von denen die Fabrik betroffen wurde, und von der anfänglichen Unvollkommenheit der Communicationsverhältnisse, die sich inzwischen bedeutend gebessert haben, im Uebrigen die Entwickelung des Unternehmens durch seine Lage nur gefördert wurde. Der damalige Stand der Technik ermöglichte es, die Anlage von vornherein in nach jeder Richtung zweckentsprechender Art zu errichten. An Baulichkeiten wurde ein Hauptfabriksgebäude, ein Turbinenhaus, ein Kesselhaus, ein Magazin für Rohmaterial, ein solches für fertige Waare, ein Seilergang, ein Raum für die Kanzleien neu aufgeführt und überdies die Cantine in einer bestehenden alten Mühle untergebracht. Als Betriebskraft zog man den erwähnten Erlauffluss heran. Dessen oberhalb einem bereits vorhandenen Wehr in einen 2400 Meter langen Werkscanal abgeleitetes Wasser wurde nach dem Turbinenhause, von hier aber nicht wieder in den Fluss zurück, sondern unmittelbar zur Donau geführt. Anfangs standen drei Turbinen, in Granitquadermauerwerk, welches auf einem pilotirten Holzrost ruhte, montirt, in Verwendung, welche eine Aufnahmsfähigkeit von 8 Cubikmeter pro Secunde besassen und eine Kraft in der Stärke von 450 Pferdekräften lieferten, ■welch letztere allerdings bei ungünstigem Wasserstand bis auf die Hälfte herabsank. Nebst diesen Turbinen wurden noch zwei Dynamomaschinen für die Speisung von je 200 Glühlampen mit elektrischem Strome und zwei Dampfkessel von 80 und 30 Quadratmeter Heizfläche zur Versorgung der Polir- und Heisswasser-Spinnmaschinen aufgestellt. Nach Fertigstellung des Etablissements begann man sofort mit der Fabrication, welche im grossen Maassstabe auf mechanischem Wege eingeleitet wurde, wobei 250 Arbeiter Beschäftigung fanden, welche täglich fertige Waare in einer Menge von 2500 Kilogramm herstellten. Die gewonnenen Fabricate waren gleich vom Anfang an in jeder Beziehung den bisher vom Auslande bezogenen ebenbürtig, und so gelang es ihnen in kurzer Zeit, die bisher unbe- kämpfte ausländische Concurrenz zu besiegen und den heimischen Markt hinsichtlich aller cultivirter Artikel, sowohl der Bindfaden-, der Web- und Schuhgarne, als auch der Transmissionsseile im Fluge zu erobern. Bald waren in Folge der sich fortwährend steigernden Nachfrage, trotz der ursprünglichen grossen Ausdehnung, die zu Gebote stehenden Betriebsstätten zu klein und es musste zu einer ausgiebigen Erweiterung derselben geschritten werden. Es entstanden ein ganz neues Fabriksgebäude, eine neue Knäulerei, ein Werkstättenhaus; das Rohwaaren- magazin wmrde vergrössert, ebenso das Kesselhaus, welches einen zweiten Schornstein erhielt und in dem vier neue Dampfkessel mit einer Heizfläche von 760 Quadratmetern Aufstellung fanden. Zur Deckung des erweiterten Kraftbedarfes installirte man eine Dampfmaschine von 350 Pferdekräften, der kurz darauf eine zweite von 550 Pferdekräften folgte; ausserdem wurde eine elektrische Kraftübertragungsanlage in der Stärke von 400 Pferdekräften eingeführt. Nach all diesen Erweiterungen und Vergrösserungen ist gegenwärtig eine Fläche von 16.000 Quadratmeter verbaut; auf dieser erhebt sich ein Shedgebäude für Hechelei, Carderie, Hanfreiben, Vorspinnerei, Trockenspinnerei und Zwirnerei, ein zweites Shedgebäude für Heisswasserspinnerei, Polirerei, Haspelei und Seilgarnspinnerei, ferner ein Knäuelsaal, ein Werkstättengebäude mit Schlosserei, Tischlerei, Schmiede und Giesserei, eine Seilerwerkstätte (150 Meter lang), eine Seilerei (600 Meter lang), ein Turbinenhaus (enthaltend drei Turbinen ä 225, ii2 l / 2 und ii2y 2 Pferde- kräfte, sowie zwei Dynamomaschinen für 800 Glühlampen), ein Maschinenhaus mit einer Dampfmaschine von 324 :\= te * a;-va,wL3»^» ■ : &; i Æ-6'^ ^TT?;'T; &A- TB& &iP£fc U#£R jA/r.f*}:^ I-TTT; Ttill 'O'.r. ;:£^h‘sj,- , % 0 gï { VI / “'-N-l $£L y,«’-. &£ KUNSTANSTALT S.CIZEIGER. WTEN „DIE GROSS- INDUSTRIE OESTERREICHS ERSTE OESTERR. MECHANISCHE HANFSPINNEREI, BINDFADEN - & SEILFABRIK PÖCHLARN LIESER & DUSCHNITZ. ■mst 350 Pferdekräften, ein zweites mit einer solchen von 550 Pferdekräften, eine elektrische Primärstation für 400 Pferdekräfte, ein Kesselhaus mit fünf Dampfkesseln von 840 Quadratmetern Heizfläche, zwei Schornsteinbauten, eine Garntrocknerei, endlich ein Magazin für Rohmaterial und ein anderes für fertige Waaren. Ausser den Fabriksbauten sind noch vorhanden ein Portierwohnhaus und Kanzleigebäude, eine Cantine, Stallungen, Wagenremisen, Wirth- schaftsgebäude, ein Spritzenhaus, ein Herren- und ein Directionswohnhaus und überdies 24 Arbeiterhäuser. Ein Schleppgeleise führt vom Fabrikshof unmittelbar in die Station Pöchlarn. Wenn auch die besprochenen Neuerungen hauptsächlich zum Zwecke der Steigerung der Productionsmenge vorgenommen worden waren, so liess man bei Vornahme derselben nicht ausser Acht, das Verfahren selbst noch rationeller zu gestalten, und erzielte auch darin befriedigende Erfolge. Die durch die Reconstruction gesteigerte Leistungsfähigkeit, welche eine tägliche Production von 9500 Kilogramm ermöglicht, wurde im vollen Maasse ausgenützt. Nach Eroberung des inländischen Marktes trachtete man auch auswärts festen Fuss zu fassen, und namentlich den Transmissionsseilen, deren mechanischer Erzeugung besondere Sorgfalt gewidmet wurde, gelang es, durch ihre vorzügliche Qualität in Deutschland und Russland, in der Türkei, in England, Schweden, Norwegen, Rumänien, Serbien und Dänemark ein ansehnliches Absatzgebiet zu finden, trotzdem bis vor kurzer Zeit selbst der inländische Bedarf nahezu ausschliesslich aus Deutschland gedeckt worden war. Im Allgemeinen jedoch wird durch die bestehenden Zoll- und Handelsbündnisse in diesen Artikeln eher der Import als die Ausfuhr begünstigt; nur die Bindfaden gemessen einen ausreichenden Schutzzoll, während für Garne, Seile etc. in den Vertragsländern höhere Zölle eingehoben werden als in Oesterreich. Die Arbeiter erfreuen sich besonderer Fürsorge von Seite der Fabriksbesitzer. Im Interesse ihrer körperlichen Sicherheit wurden in dem neuen Fabriksgebäude sämmtliche Arbeitsmaschinen mit elektrischem Antriebe versehen, wodurch die Transmissionsriemen vollkommen wegfallen. Die elektrische Leitung, die Einrichtung der Motoren und Triebwerke ist auf eine jede Gefahr vermeidende Weise durchgeführt. Die Arbeitsräume selbst sind geräumig und hell; kräftige Ventilatoren, Dampfheizung und elektrische Beleuchtung tragen zur Erhaltung einer zuträglichen Atmosphäre bei. Auch an der Hebung der wirthschaftlichen Lage ihrer Angestellten sucht die Unternehmung nach Kräften mitzuwirken. Nebst einer wohlfundirten Betriebskrankencasse besteht ein Consumverein, welcher gute und billige Nahrungsmittel liefert; die Arbeiter wohnen mit ihren Familien in gesunden der Fabrik gehörigen Wohnhäusern für ein geringes Entgelt. Anlässlich des zehnjährigen Bestandes wurde von der Firma ein Altersversorgungsfond gegründet und seither von derselben entsprechend subventionirt. Ein weiterer Fond zur Errichtung eines Kindergartens ist vorhanden, zu dessen Erhaltung die Arbeiter ebenfalls keine Beiträge leisten. Es ist begreiflich, dass unter diesen Verhältnissen das Einvernehmen zwischen Bediensteten und Arbeitgebern stets das beste ist und dass viele der ersteren der Fabrik schon seit ihrer Errichtung angehören. Aber auch auf den Kreis ihrer Arbeiter, deren Zahl gegenwärtig 800 beträgt und die einen wöchentlichen Lohn von nahezu 5000 fl. beziehen, hat die Unternehmung wohlthätig eingewirkt. Durch ihr Aufblühen wurden auch die umliegenden Ortschaften mächtig gefördert, und dort, wo das Etablissement selbst steht, ist ein neuer Ort, »Neuda« mit Namen, emporgeschossen. Wenn wir die erfreulichen Spuren dieser Gründung noch weiter verfolgen, wenn wir daran denken, dass durch dieselbe ein neuer Industriezweig in unserem Vaterlande geschaffen und andere, wie die heimische Maschinen-Industrie, welche die verschiedenen maschinellen Einrichtungen — mit Ausnahme der nur in England erzeugten Spinnmaschinen — durchwegs beistellte, günstig beeinflusst wurden, so werden wir mit einem Gefühle der Befriedigung constatiren, dass die Entwickelung des besprochenen Unternehmens noch nicht abgeschlossen ist, sondern dass es eben wieder darangeht, seinen ohnehin schon imposanten Betrieb neuerlich zu erweitern. «wst. i K ’ KH#F ' SEI S«ilMii yilfffitfü flowmzsm >; i'« ^ a ;^t:ittT v *• ■ . &T-' i/j'-y- 'Y>J ’-VS W: iöL** css. Fabriksansicht vom Jahre 1898. JQH. B. PETZL & SOHN K. U. K. HOF-SEILER WIEN. ie Gründung dieser altrenommirten Wiener Firma, welche es in der Fabrication von Hanf- und Drahtseilen, Gurten, Hängematten, Turngeräthen u. s. w. zur grössten Vollkommenheit gebracht hat und jetzt zwei Fabricationsstätten, III., Schlachthausgasse und II., k. k. Prater, sowie die Hauptniederlage in Wien, I., Franz Josephs-Quai 5 besitzt, reicht bis in den Beginn dieses Jahrhunderts zurück. Am 26. August 1825 erhielt nämlich der am 31. August 1788 in Auerschitz geborene Johann Petzl die Befugnis zum Betriebe des Seilergewerbes in Wien. Er begann in der ehemaligen »Franz-Allee«, der heutigen Kaiser Josefstrasse, mit einer kleinen einfachen Seilspinnerei und eröffnete im Jahre 1828 in den damaligen Kasematten beim Rothenthurmthor mit ganz geringem Capital ein Verschleisslocal, welches seine Frau, Josefa Petzl, mit Verständnis, Eifer und grosser Umsicht leitete, während der Firmainhaber in der Werkstätte wie jeglicher Arbeiter thätig war. Nach dem im Jahre 1833 erfolgten Tode Johann Petzl’s verehelichte sich die Witwe mit dem tüchtigen Seilermeister Janusch und führte das Geschäft in unveränderter Weise mit so günstigem Erfolge weiter, dass sie im Jahre 1834 das im III. Bezirk, Dietrichgasse 6 gelegene Häuschen käuflich erwerben und sich später ganz vom Geschäfte zurückziehen konnte. Im Jahre 1850 übernahm ihr Sohn aus erster Ehe, Johann B. Petzl, welcher sich schon im Jahre 1848 das Bürgerrecht der Stadt Wien erworben hatte, das Geschäft. Hier sei einer hübschen Episode aus dem Leben des damals noch jungen Mannes gedacht. Als in den sturmbewegten Tagen vom 11. bis 30. October 1848 in Wien der Aufruhr wüthete, und das k. k. Münzamt mit seinen bedeutenden Schätzen an Edelmetallen und geprägter Münze von der Gefahr der Plünderung durch den Pöbel bedroht schien, besorgte Petzl als Bürgergrenadier der IV. Compagnie den Wachtdienst und wehrte die Brandlegungsund Einbruchsversuche des Proletariats mit Tapferkeit und Selbstaufopferung ab. Dieser Leistung wurde mit dem Decrete der Direction des k. k. Münzamtes vom 26. December 1848 die dankbarste Anerkennung gezollt. 3-6 Johann B. Petzl wusste durch seinen unermüdlichen Fleiss, durch seine im Auslande gesammelten Erfahrungen und durch seine Energie das väterliche Gewerbe derart zu heben, dass sich dasselbe zu einem bedeutenden industriellen Unternehmen aufgeschwungen hat. In Folge der Demolirung der Basteien und Kasematten wurde im Jahre 1856 das Verkaufslocal in die Adlergasse Nr. 12, und von hier im Jahre 1875 nach dem Franz Josephs-Quai 5 verlegt, woselbst sich die Verschleisstätte noch heute befindet. Neben dem commerziellen Erfolge seiner rastlosen gewerblichen Thätigkeit genoss Johann B. Petzl auch die ehrende Anerkennung der eigenen Fachgenossen, welche ihm anlässlich seiner im Interesse der Hebung des Seilergewerbes in Oesterreich von der Commune Wien beschlossenen Entsendung zur Weltausstellung in Handseilerei. iS Sb -■ J-iJ f-i »4 BK2SH , i 3 »»Ui SfcJ>'' ■ *■ London im Jahre 1862 mit Einmüthigkeit das schriftliche Zeugnis ertheilten, dass er sich um die Vervollkommnung des Seilergewerbes die grössten Verdienste erworben habe. Unter die von ihm gemachten Erfindungen und eingeführten Verbesserungen sind die bis dahin ungekannten, nun zu einem unentbehrlichen Bedürfnisse des Gewerbebetriebes gewordenen Wickelmaschinen, dann die Maschine zur Erzeugung ge- theerter Seile zu zählen, und insbesondere die so beliebt gewordenen Hängematten, ein Artikel, dessen Erzeugung Johann B. Petzl in Oesterreich begründet hat. Auch in der Verbesserung der Schafwoll- gurten, Aufzuggurten für Mühlen, Maschin- g-urten, Pferdenetz- und Knüpfarbeiten wurde Besonderes geleistet. Diese Leistungen fanden auch Allerhöchsten Ortes Beachtung und Anerkennung, denn schon am Mechanische Spinnerei. 23. August 1864 wurde dem bürgerlichen Seilermeister Johann Baptist Petzl von Sr. k. und k. apostolischen Majestät Obersthofmeisteramte der Titel eines k. undk. Iiof- Seilermeisters verliehen. Ferner wurde der Firmainhaber im Weltausstellungsjahre 1873 als erster durch Verleihung der Fortschrittsmedaille ausg-ezeichnet. Im Jahre 1881 wurde auch die maschinelle Erzeugung von Draht- und Hanfseilen eingeführt. In diesem Jahre wurde die Firma von der lc. und k. Kriegsmarine mit der Deckung des Bedarfes aller Arten Tausorten betraut, welches Lieferungsverhältnis bis heute noch in Kraft besteht. Im Jahre 1884 wurde der rastlos thätige, um das Wohl seiner Arbeiter stets gleich eifrig besorgte Mann für seine Verdienste um das Gewerbe mit Allerhöchster Iintschliessung vom 10. Jänner 1884 durch die Verleihung des Verdienstkreuzes ausge- mm mmmmyrr ;-~t m Seilschlagmaschine. zeichnet. Die Thätigkeit des Johann B. Petzl fand allseits, insbesondere von Seiten der k. k. Behörden, der Commune Wien und der Jubiläums-Gewerbeausstellungs-Commission 1888 vollste Anerkennung. Auch im öffentlichen Leben wusste sich Johann B. Petzl verdient zu machen, so fun- girte er durch mehrere Jahre als Ausschuss des III. Wiener Gemeindebezirkes. Im Jahre 1892 führte Frau Anna Petzl, welche im Jahre 1888 Witwe geworden war und die Leitung der Fabriksfirma übernommen hatte, die mechanische Spinnerei für Seile ein, für welche Maschinen von Sam. Lawson & Sons aus Leeds in England in Verwendung stehen. Diese Spinnmaschinen gewähren den ganz besonderen Vortheil, dass sie ebenso italienischen wie auch ungarischen und Manilahanf in seiner ganzen Länge spinnen, daher das Abschneiden oder Zerreissen entfällt. Hiedurch gewinnen die Seile bedeutend an Haltbarkeit gegenüber dem früher aus kurzem Hanf erzeugten Seile. Ferner möge noch der Einführung der mechanischen Erzeugung von Leinen, Schnüren und Garbenbindfaden Erwähnung crethan werden, für welch letzteren Pro- ductionszweig die Firma bei der im Jahre 1893 Hechelei und impragmrsaai. von dem ungarischen Landesvereine für Landwirthschaft zu Nyiregyhäza veranstalteten Concurrenzausstellung für Mähmaschinen ein Anerkennungsdiplom erhielt, in welchem diese Fabricate als die besten von den zehn Concurrenten bezeichnet wurden. Derzeit führen die Witwe Frau Anna Petzl im Vereine mit ihren Söhnen Johann und Robert unter der Firma Joh. B. Petzl &' Sohn dieses gewerbliche Unternehmen in einer den bewährten Grundsätzen seines Gründers und den jetzigen Zeitbedürfnissen entsprechenden Weise weiter fort, und lässt deren unermüdliche Thätigkeit eine auch fernerhin steigende Entwickelung dieses Industrie-Unternehmens erhoffen. Wohnhaus und Werkstälte 1834, JOHANN PLISCHKE & SÖHNE Iv. K. PRIV. LEINEN- UND DAMASTWAAREN-FABRIK, K. u. K. HOFLIEFERANTEN FREUDENTHAL (OESTERR. SCHLESIEN). ie nächsten Vorfahren der Familie Plischke stammten, soweit sich dies an der Hand von Urkunden verfolgen lässt, aus Engelsberg in Oesterreichisch-Schlesien und gehörten durchwegs dem arbeitenden Stande an. Der Vater des Gründers der Firma, Peregrin Plischke, erlernte um das Jahr 1780 in einer einfachen, kleinen Weberwerkstätte in Engelsberg sein Handwerk und zählte mit zu den ärmsten der armen Leinenweber, welche in damaliger Zeit nur mit grösster Mühe dem drückenden Nothstande der Gebirgsbevölkerung widerstehen konnten. Unter solchen Verhältnissen trat der Sohn des Peregrin Plischke, Johann Plischke, der Begründer des Hauses, zu einem Webermeister in Engelsberg als Lehrling ein und verblieb dort bis zum Jahre 1837 als Geselle unter den dürftigsten Bedingungen — an freien Sonntagen verkaufte er noch auf freiem Stande am Freudenthaler Stadtplatz Sauerbrunn, um seine Einkünfte zu erhöhen. In das Jahr 1838 fällt die Gründung des Geschäftes in Freudenthal. In Erkenntnis der damaligen Verhältnisse begann Johann Plischke mit Unterstützung seiner Frau Anna, der wohl mit Recht der grösste Antheil an dem raschen Emporblühen des Geschäftes zuzuschreiben ist, auf das sie that- kräftigen Einfluss nahm, die Erzeugung von glatten Leinwänden und damastirten Leinenwaaren auf eigene Rechnung und brachte es durch unermüdliche Arbeitsamkeit bald so weit, dass er nicht allein in der Stadt, sondern auch in den umliegenden Ortschaften Weber beschäftigen konnte — eine Filiale der Handweberei besteht heute noch in Engelsberg — deren Erzeugnisse guten Absatz auf den grossen Märkten in Wien, Brünn, Pest, Prag und Pilsen fanden. Johann Plischke war einer der ersten im Bezirke, welche den Ruf der Damastweberei durch vorzügliche Qualität der Erzeugnisse, schöne, geschmackvolle Dessins und reine Bleiche befestigen halfen; er wusste seinen Fabricaten bald auch im Welthandel einen ehrenvollen Namen zu erwerben. Die Gewebe waren schon damals, wie bis auf den heutigen Tag, was Einstellung, Muster, Ausführung und sorgfältige Arbeit betrifft, jeder Concurrenz gewachsen, wovon auch die ersten Auszeichnungen auf den Industrieausstellungen in München 1854 und in London 1862 Zeugnis geben. Die Anzahl der Stühle sowie die der Arbeitskräfte wuchs von Jahr zu Jahr bis 1859, von wo ab bis zum Jahre 1866 durch die nachtheiligen Folgen der Kriegsjahre und der damit verbundenen politischen Wirren das Geschäft lahmgelegt wurde, und während welcher Zeit keine namhaften Fortschritte im Waarenumsatze erzielt werden konnten. Im Jahre 1867 nahm Johann Plischke seine beiden Söhne Alois Plischke und Heinrich Plischke, welche schon mehrere Jahre hindurch als treue und umsichtige Mitarbeiter die Leistungsfähigkeit des Hauses immer mehr kräftigen halfen, als öffentliche Gesellschafter in die Firma auf, die nunmehr »Johann Plischke & Söhne« lautete. In diesem Jahre erhielt die Firma auch die erste Auszeichnung für Reinheit und tadellose Arbeit ihrer Leinengewebe auf der Industrieausstellung in Paris. Im Jahre 1872 erhielt Johann Plischke für die Fabrik die ordentliche Landesbefugnis mit der Berechtigung, den kaiserlichen Adler und den Titel »k. k. privilegirt« zu führen. Ermuthigt durch die lebhafteste und allgemeine Anerkennung, welche die Fabricate der Firma bisher gefunden, und angesichts der Bedeutung, zu welcher die mechanische Leinenweberei in England und Deutschland bereits gelangt war, beschloss Johann Plischke im Jahre 1872, die Wasserkraft auf seinem Grundbesitze und seiner Leinengarnbleiche in Altstadt bei Freudenthal für den Betrieb einer kleinen mechanischen Weberei zu verwenden, und in kurzer Zeit war die dafür nothwendige Baulichkeit im Hochbau aufgeführt. Leider liess Johann Plischke nach Fertigstellung des Baues dennoch das Project fallen, was wohl aber nur in einer gewissen Entmuthigung, hervorgerufen durch die schwere geschäftliche Krise des Jahres 1873, durch die allgemeine wirthschaftliche Depression und den damit verbundenen empfindlichen Rückgang im Waarenabsatze seinen Grund hatte. Die Gross-Industrie. IV. 329 42 Die Wiener Weltausstellung im Jahre 1873 brachte der Firma abermals die ehrenvollste Auszeichnung für ihre Erzeugnisse und bewies, dass die Fabrik den höchsten Anforderungen, die man an die Leinen-Industrie zu stellen berechtigt ist, in Bezug auf die Vielseitigkeit und Vorzüglichkeit vollkommen entsprochen hat. Im selben Jahre erkannten Alois Plischke und Heinrich Plischke die Möglichkeit des Absatzes der Erzeugnisse nach Amerika; ihre rastlosen Bestrebungen in dieser Richtung wurden in verhältnismässig kurzer Zeit reich belohnt. Die Firma war die erste im Lande, welche für Amerika die Erzeugung der leinenen Tischzeuge, Handtücher u. s. w. in den mannigfaltigsten Ausführungen in energischer Weise in Angriff nahm, und welche speciell maassgebend für den Export in farbigen Tischdamasten für alle übrigen Webereidistricte im In- und Auslande war. Sämmtliche Fabricate wurden als österreichische Erzeugnisse auf den amerikanischen Markt gebracht und erfreuten sich nach der kürzesten Zeit grössten Beifalles und grosser Absatzfähigkeit. Die Anzahl der Stühle vermehrte sich im gleichen Verhältnisse mit der Zunahme des Exportes, der Waaren- umsatz war ein ganz bedeutender geworden. Bis zum Jahre 1890 hielt der rege Geschäftsgang und das stete Wachsen des Unternehmens an. In diesem Jahre schied Johann Plischke, der sich während eines halben Jahrhunderts, unterstützt durch seine beiden Söhne, zu einer hochgeachteten Stellung emporgearbeitet hatte, aus der Firma, um dieselbe in den Händen seiner beiden Söhne zu belassen. Johann Plischke, welchem es noch vergönnt war, in vollster Rüstigkeit mit seiner Frau Anna im Jahre 1888 die goldene Hochzeit zu feiern, und welcher nicht nur auf industriellem, sondern auch noch auf humanitärem Gebiete äusserst Erspriessliches geleistet und sich hierdurch das unumschränkte Vertrauen seiner Mitbürger erworben hatte, starb im Jahre 1892 im hohen Alter von 82 Jahren in Freudenthal. Vom Jahre 1890 an schmälerte die belgische, englische und schottische Concurrenz, welche mit weit grösseren Mitteln ausgerüstet war, immer mehr die Umsatzquote des Exportes, und die Firma musste ihre Aufmerksamkeit in gesteigertem Maasse auf das inländische Absatzgebiet richten. Der Erfolg hierin war nur ein theilweiser, da der Consum an Leinenwaaren im Inlande durch die billigen Baumwollgewebe, welche selbst die grössten Abnehmer dem Leinen als Ersatz vorzogen, sehr zurückgegangen war. Dass diese That- sachen auf den Stand der Leinen-Industrie im Freuden- thaler Bezirke sehr nachtheilig einwirken mussten, lässt sich nicht leugnen; so musste die Firma daran gehen, durch erhöhte Productionsfähigkeit eine Remedur für das Verlorengegangene zu schaffen. 1892 bis 1893 trat Heinrich Plischke, der über 30 Jahre hindurch zum gedeihlichen Emporblühen des Unternehmens sein Bestes beigetragen hatte und auch Mitbegründer des Wiener Hauses am Concordiaplatz war, aus der Firma, bewahrt derselben jedoch bis heute noch immer sein regstes Interesse. Seine gemeinnützige Thätigkeit ist von seinen Mitbürgern vielfach anerkannt worden. Alois Plischke Vater übernahm nun im Jahre 1893, als alleiniger Besitzer der Firma, die oberste Leitung des Freudenthaler Stammhauses und des Wiener Hauses unter der unveränderten Firma Johann Plischke & Söhne. Derselbe erkannte im Jahre 1893 mit richtigem Blicke die Ursache des Rückganges in der für den Welthandel nicht genügenden Leistungsfähigkeit der Handweberei und entschloss sich deshalb, um den Ruf und die industrielle Stellung des Unternehmens zu erhalten, zu Beginn des Jahres 1893 zum Baue einer mechanischen Weberei, welche im selben Jahre in Verbindung mit den nothwendigen Bauten für Lager- und Appreturräume in Freudenthal errichtet wurde. Die neue mechanische Weberei, »Neuwerk« genannt, ist ein Shedbau, welcher einen Websaal von 2400 Quadratmetern für 250 mechanische Leinenstühle fasst; zum Betriebe der Arbeitsmaschinen dient eine Dampfmaschine von 150 Pferdekräften. asaBBS Mechanische Weberei »Neuwerk« Alois Plischke Sohn und Adolf Bretschedl (Letzterer ein Enkel des im Jahre 1886 so frühzeitig verstorbenen Leinen- Industriellen Franz Heinz, Schwiegervater des Alois Plischke sen.), welche, durch innige Freundschaft und Verwandtschaft verbunden, zusammen Reisen durch Deutschland, Frankreich, Belgien, England, Irland und Amerika gemacht hatten, um die Erzeugung der Leinen- und Tischzeuge, deren Bleiche und Appretur speciell in Irland, sowie die Märkte der Concurrenzstaaten zu studiren und praktisch kennen zu lernen, traten schon im Jahre 1892 als Mitarbeiter in die Firma ein und förderten das Unternehmen durch die im Auslande erworbenen Kenntnisse. Adolf Bretschedl übernahm im Vereine mit Adolf Plischke. dem zweiten Sohne des Alois Plischke Vater, die commerzielle Leitung, während Alois Plischke Sohn die Leitung der mechanischen Weberei übertragen wurde. Die Handweberei unter der Leitung des Seniorchefs Alois Plischke Vater arbeitet mit einem Inventar von circa 150 Stühlen feinere Tischzeuggewebe, während die mechanische Weberei die stärkere Nachfrage nach ordinären und mittleren Qualitäten in Tischzeugen, Handtüchern, glatten Leinen, rohen Leinen, Drills, Rohleinenwaaren für industrielle und ärarische Zwecke etc. befriedigt. Beide Webereien sind in ihren Erzeugnissen der Leinen- und Tischzeug- fabrication so vielseitig und leistungsfähig, als es die Nachfrage in Leinenwaaren für die verschiedenen Zwecke und die immer mehr überhandnehmende Verkürzung der Lieferzeit erheischt. Grosse Schwierigkeiten bereiteten der Firma bei Gründung ihrer mechanischen Weberei die für maschinellen Betrieb ungeschulten Arbeitskräfte, da in der ganzen Gegend im weiten Umkreise kein gleichartiges Etablissement bestanden hatte und auch heute noch nicht besteht. Die Bildung eines intelligenten Arbeiterstandes geht deshalb bis auf den heutigen Tag nur langsam vor sich. Inzwischen wurde der Firma im Jahre 1893 auf der internationalen Ausstellung in Chicago für ihre Exposition ausgezeichneter Leinenqualitäten bei stilvollen Dessins und tadelloser Ausführung das Diplom und die erste Medaille zuerkannt. Schon in den Achtzigerjahren war der Fabrik die hohe Auszeichnung zu Theil geworden, mit Lieferungen für den Allerhöchsten Hof betraut zu werden, und im Jahre 1894 erhielt Alois Plischke Vater für seine Firma Johann Plischke & Söhne den Titel eines k. u. k. Hoflieferanten. Im Jahre 1897 wurde der Firma die besondere Ehre zu Theil, dass Se. k. u. k. Hoheit der Herr Erzherzog Eugen anlässlich seines Aufenthaltes in Freudenthal sämmtliche Arbeitsräume des Neuwerkes besichtigte. Die Wiener Fabriksniederlage leitet der langjährige und treue Mitarbeiter und Procurist der Firma, Franz Baldini. Das Etablissement umfasst gegenwärtig eine mechanische Weberei für 250 Stühle und eine Handweberei von 150 Stühlen; fast alle Räume sind mit elektrischer Beleuchtung versehen. In den Betrieben sind circa 500 ständige Arbeiter thätig, ausserdem finden in häuslichen Arbeiten weit über 100 Personen Beschäftigung. Die Bleiche und Appretur wird zum Theile in Freudenthal, zum Theile in Reitenhau besorgt. Sämmtliche Arbeiter gehören der Krankencasse und Unfallversicherung an. Niederlagen und Vertretungen hat das Unternehmen auch in New-York, London, Paris, Prag, Pest, Linz und in allen grossen Städten des Continents. Aus der im Vorstehenden gegebenen Entwickelungsgeschichte der Firma geht hervor, dass sich dieselbe aus den denkbar kleinsten Verhältnissen heraus, durch rastlose und unausgesetzte Thätigkeit der Inhaber und langjähriger, treuer Mitarbeiter, durch ein beinahe ein Jahrhundert lang fortgesetztes Wirken und Streben zu einer ehrenvollen Stellung im Welthandel und innerhalb der österreichischen Industrie emporgearbeitet hat. Stammhaus in Freudenthal (Handweberei und Lagerräume). V» 'T SäBil -v&'.-A 42* 33' Äs* n.njL!»»" ^3gSr •« I 1 ' i b * r»»i i 's*,- £t>' 3L- jl^?«r *V*«i "paaren Jleiche und Appretur. ~ f''.'ü*- y jw w w^ Mi*. ■^r -l-*— -V. V* “ JSS;V- SSte»*: §ö£& j|fc»SBfsflpl ■ 1440^ xx ■. ':W?& -: &*«ia ’v&'-Sfe," ■ *#»yA ■■ i. V «.* W'' Nn ' .■^' ■ sust*' .RU* REGENHART & RAYMANN LEINEN- UND DAMASTWAAREN-FABRIK, Iv. U. K. HOF-TISCHZEUGLIEFERANTEN FREIWALDAU. u Ende des 17. Jahrhunderts wanderten die Vorfahren der Familie Regenhart aus der Gegend von Eichstädt in Bayern nach Oesterreich ein, um sich schliesslich in Perchtoldsdorf bei Wien als Gewerbs- leute niederzulassen. Aus alten Urkunden geht hervor, dass daselbst im Jahre 1774 Johann Jacob Regenhart eine Spezerei- und Leinenhandlung erwarb und zu hohem Ansehen unter seinen Mitbürgern gelangte, so dass er 1788 zum Bürgermeister des Marktes erwählt wurde. Sein Sohn Alois Regenhart, der im väterlichen Hause in Perchtoldsdorf die Handlung erlernt hatte, liess sich, geleitet von dem Bestreben, den Geschäftsumfang zu erweitern, im Jahre 1810 in Wien nieder und errichtete im Sternhofe, demselben Hause, in welchem sich heute noch die Fabriksniederlage der Firma Regenhart & Raymann befindet, eine Leinwandhandlung. Die Vortheile einer Verbindung des Leinwandverkaufes mit der Leinwanderzeugung erkennend, associirte er sich kurz darauf mit Josef Münzberg, der sich in Zuckmantel (Oesterr.-Schlesien) mit der Erzeugung glatter Leinwänden befasste. Das Wiener Geschäft übernahm dann den Verkauf der in Zuckmantel erzeugten Waaren. Wie die Vorfahren der Familie Regenhart waren auch jene der Familie Raymann kleine Gewerbetreibende. Zu Ende des vorigen Jahrhunderts betrieb Josef Ray mann in Freiwaldau ein Lebzelter-, Wachszieher- und Spezereigeschäft und begann im Jahre 1799 sich nebenbei mit dem Handel in handgesponnenen Leinengarnen zu befassen, welche in den umliegenden Dörfern aufgekauft wurden und hauptsächlich in Böhmen Absatz fanden. Durch die kriegerischen Zeiten im Anfänge dieses Jahrhunderts, insbesondere aber durch das verhängnisvolle Jahr 1811 wurden die Garngeschäfte des Herrn Josef Raymann derart lahmgelegt, dass er den Muth zum Garnhandel verlor, und nur dem Einflüsse seiner thatkräftigen Gattin ist es zu danken, dass er diesen Geschäftszweig später mit aller Energie wieder aufnahm und zu neuer Blüthe brachte. Einen wesentlichen Aufschwung nahm das Garngeschäft, als sein Sohn Adolf Raymann die Garnmärkte in Brünn und Wien zu besuchen anfieng und, für die damaligen Verhältnisse, weite Reisen nach Böhmen und Sachsen unternahm. In Wien lernte Adolf Raymann Herrn Jacob Regenhart, den Bruder des früher erwähnten Alois Regenhart kennen, und bald entwickelte sich ein freundschaftliches Verhältnis zwischen Beiden, das schliesslich zu einem Gesellschaftsvertrage führte (21. December 1819), demzufolge Josef Raymann sich in Freiwaldau mit der Erzeugung von glatten Leinwänden auf gemeinsame Rechnung zu befassen hatte, während Jacob Regenhart in Wien den A'ertrieb der erzeugten Waaren besorgte. Damals schon erwarb Adolf Raymann von den Breslauer Fürsterzbischöfen Graf Schaffgotsche und Fürst Hohenlohe einige Grundstücke zur Errichtung eines Bleichplanes, welche heute noch einen Theil der bestehenden Bleichanlagen bilden. Wie schon erwähnt, bestand zu dieser Zeit bereits ein ähnliches Gesellschaftsverhältnis zwischen Alois Regenhart in Wien und Josef Münzberg in Zuckmantel; Alois Regenhart bewirkte nun, die Nachtheile voraussehend, welche aus der naturgemäss zu erwartenden Concurrenz zwischen diesen beiden gleichartigen Geschäfts- K. K. PRIV. 332 « w Verbindungen erwachsen mussten, eine Vereinigung aller Betheiligten zu einem Compagniegeschäfte, welches unter folgenden drei Firmen geführt wurde: Raymann & Co. in Freiwaldau unter Leitung von Josef und Adolf Raymann, Josef Münzberg & Co. in Zuckmantel unter Leitung von Josef Münzberg und Gebrüder Regenhart & Co. in Wien unter Leitung von Alois und Jacob Regenhart. Gleichzeitig wurde die Bestimmung getroffen, dass in Zuckmantel vorzugsweise glatte Leinwänden, in Freiwaldau dagegen hauptsächlich Tischzeuge hergestellt werden sollten. Nachdem nun die Tischzeug- fabrication bis dahin in Freiwaldau beinahe gar nicht betrieben worden war, unternahm Adolf Raymann weitere Reisen nach Sachsen und besuchte auch die gräflich Harrach’schen Damastwebereien in Janowitz, um sich mit dieser Fabrication vertraut zu machen und tüchtige Arbeiter anzuwerben, wogegen Jacob Regenhart in Wien die Beschaffung der Dessins und Musterkarten besorgte. Diese vereinten Bemühungen erzielten den überraschenden Erfolg, dass bereits im Jahre 1828 von 70.000 fl. C.-M. Totalumsatz der Freiwaldauer Erzeugungsstätte etwa ein Drittel auf Damastwaaren entfiel. In welchem Ansehen die Familie Raymann zu dieser Zeit in Freiwaldau stand, erhellt daraus, dass Josef Raymann lange Jahre hindurch die Stelle eines Bürgermeisters der Stadt bekleidete. Unausgesetzt hob sich das Geschäft, und wurde Josef Raymann im Jahre 1834 di® ordentliche Fabriksbefugnis ertheilt. Im Jahre 1837 trat Alois Regenhart, Sohn, in das Wiener Geschäft ein und zwei Jahre später, 183g, Adolf Raymann, Sohn, in die Freiwaldauer Fabrik. Im selben Jahre, 1839, wurden die auf der Wiener ersten Industrie- Ausstellung unter der Ausstellungs-Firma Raymann & Regenhart vertretenen Freiwaldauer Fabricate zum ersten Male mit der grossen goldenen Medaille ausgezeichnet. Sehr bemerkenswert!!, sind die Schwierigkeiten, mit denen zu dieser Zeit die vereinten Firmen zu kämpfen hatten, um den geschäftlichen Verkehr untereinander aufrecht zu erhalten. Der Frächter, welcher die Waaren aus Schlesien nach Wien brachte, war im Sommer stets acht bis zehn Tage unterwegs, während der in jenen Gegenden meist sehr schneereiche Winter die Transportzeit oft noch ganz erheblich verlängerte. Die Beförderung der Gelder von Wien nach der Fabrik, rvelche derselbe Frächter besorgte, erforderte wieder die peinlichsten Vorsichtsmaassregeln, und wurden grosse Summen auf alle erdenkliche Weise in den leer zurückgehenden Kisten versteckt. Briefe holte von Freiwaldau aus zweimal wöchentlich ein reitender Bote beim nächsten, 40 Kilometer entfernten Postamte ab; von einer Paketbeförderung durch die Post war selbstverständlich noch keine Rede. Im Jahre 1844 starb Herr Josef Raymann, der Gründer des Geschäftes in Freiwaldau, und nun übernahm sein Sohn Adolf Raymann (Vater), allein die Leitung der Freiwaldauer Fabrik; dieser erhielt am 16. Jänner 1845 für die Fabrik die ordentliche Landesbefugnis mit der Berechtigung, den kaiserlichen Adler und den Titel »k. k. privilegirt« zu führen. In diesem Jahre wurde dem Hause Raymann auch die hohe Ehre zu Theil, Se. kaiserl. Hoheit den Herrn Erzherzog Franz Karl, den Vater Sr. Majestät des Kaisers Franz Joseph I., beherbergen zu dürfen. Auf der noch im selben Jahre in Wien abgehaltenen Ausstellung wurde die Fabrik neuerdings mit einer ersten Medaille ausgezeichnet. Mittlerweile war in Folge Ablebens des Herrn Josef Münzberg in Zuckmantel die Firma Josef Münzberg & Co. gelöscht worden und die Leitung des dortigen Geschäftes an die Firma Raymann & Co. übergegangen; die Fabrication in Zuckmantel wird noch heute als Zweiggeschäft von Freiwaldau aus geleitet. In derselben Zeit wurde auch die damals in Oesterreich noch ganz unbekannte Dampfkocherei auf der Raymann’schen Bleichanlage eingeführt, was einen wichtigen Portschritt in der Leinenbleiche bedeutete. So wuchs das Unternehmen zusehends, bis 1850 der Jahresumsatz bereits die Höhe von fl. 200.000 erreichte. Der stetig wachsende Bedarf an Garnen, insbesondere besseren Kettengarnen, den die einheimische Handspinnerei nicht mehr zu decken vermochte, veranlasste Adolf Raymann (Vater) im Jahre 1851 eine mechanische Flachsgarn-Spinnerei mit 2000 Spindeln zu gründen. Einige Jahre später erzielte die Pabrik bereits ihren ersten Erfolg im Auslande, indem Stammhaus der Familie Regenhart in Perchtoldsdorf, Niederüsterreich. ii Stammhaus der Familie Raymann in Freiwaldau. 333 die Freiwaldauer Fabricate auf der Münchener allgemeinen Industrie-Ausstellung 1854 abermals mit der ersten Medaille ausgezeichnet wurden. Im Jahre 1855 wurde der Fabrik die hohe Auszeichnung zu Theil, mit den Lieferungen für den Allerhöchsten Hof betraut zu werden, welcher bis dahin seinen Bedarf aus Sachsen bezogen hatte, und schon 1859 erhielten Adolf Raymann, Sohn, und Alois Regenhart, Sohn, unter der Firma Raymann & Regenhart den Titel k. k. Hof-Tischzeuglieferanten. Nach dem im gleichen Jahre erfolgten Ableben des Herrn Jacob Regenhart verblieb die alleinige Leitung des Wiener Geschäftes seinem Neffen Alois Regenhart, Sohn, dessen Vater Alois Regenhart, der Begründer des Wiener Hauses, sich schon mehrere Jahre zuvor vom Geschäfte zurückgezogen hatte. Alois Regenhart, Vater, starb 1862 in Graz. Bald nach der Münchener Ausstellung begann die Firma ihr besonderes Augenmerk auf die irische Concurrenz zu richten, deren Fabricate, insbesondere die sogenannten Irländer Weben (feine Hemdenleinen) und Taschentücher, sich auf dem heimischen Markte immer mehr bemerkbar machten. Um nun dieser Concurrenz wirksam entgegentreten zu können, war es vor Allem nöthig, das schon damals hoch vervollkommnete irische Appreturverfahren in Anwendung zu bringen, und wurden daher schon 1855 die ersten Appreturmaschinen irischen Systems auf der Freiwaldauer Bleiche in Betrieb gesetzt. In den nächsten Jahren machte sich denn auch ein bedeutender Aufschwung in der Fabrication bemerkbar, so dass die Firma schon 1860 einen Umsatz von 200.000 fl. ausschliesslich in Irländer Weben zu verzeichnen hatte, während gleichzeitig die Einfuhr dieser Waaren aus Irland wesentlich zurückgegangen war. Im selben Jahre 1860 wurde Adolf Raymann, Vater, die hohe Ehre zu Theil, Se. Majestät den Kaiser, welcher zum Besuche des in Gräfenberg zur Cur weilenden Königs Max II. von Bayern in Freiwaldau eintraf, in seinem Hause beherbergen zu dürfen, woselbst auch die Begegnung beider Monarchen stattfand. An die Aufnahme der Erzeugung von Irländer Weben hatte sich einige Jahre später diejenige von Taschentüchern nach irischer Art angereiht, und war auch hier der Erfolg nicht ausgeblieben. Die Londoner Ausstellung 1862 brachte der Firma in schmeichelhaftester Weise den Ausdruck der allgemeinen Anerkennung ihrer Leistungen, nachdem ihr ungeachtet des Umstandes, dass Alois Regenhart, Sohn, in seiner Eigenschaft als Juror hors concours stand, wieder die erste Medaille zuerkannt wurde. Im selben Jahre wurde Adolf Raymann, Sohn, »für hervorragende industrielle Leistungen« das goldene Verdienstkreuz mit der Krone verliehen, nachdem sein Vater schon einige Jahre zuvor in gleicher Weise ausgezeichnet worden war. Durch die Londoner Ausstellung angeregt, setzte Adolf Raymann, Sohn, mit regstem Eifer seine Bestrebungen, die Bleiche und Appretur nach irischem Muster immer mehr zu vervollkommnen, fort. Die hervorragenden Leistungen auf diesem Gebiete hatten einen rapiden Aufschwung der Fabrication zur Folge. In den Jahren 1859 bis 1866 wurde dann aber eine geschäftliche Stagnation bemerkbar, und auch der Krieg des Jahres 1866 beeinflusste naturgemäss Erzeugung und Vertrieb der Waaren in ungünstiger Weise. Nichtsdestoweniger entschloss sich die Firma, veranlasst durch die grosse Bedeutung, zu welcher die Leinenweberei auf mechanischen Stühlen zu dieser Zeit in England und Deutschland gelangt war, und in der richtigen Erkenntnis, dass die Zukunft der ordinären und mittleren Qualitäten von Leinwänden doch wohl dem mechanischen Webstuhl gehören würde, im Jahre 1865 eine kleine mechanische Weberei — die erste mechanische Leinen Weberei in Oesterreich — zu errichten. 1867 brachte die Pariser Weltausstellung der Fabrik abermals die erste Medaille. Herr Alois Regenhart, Sohn, der bei dieser Ausstellung ebenfalls wieder der Jury angehörte, erhielt, nachdem er schon einige Jahre vorher als Obmann der Commission für die Wiener Stadterweiterung mit dem Ritterkreuze des Franz Joseph-Ordens ausgezeichnet worden war, jetzt das Comthurkreuz desselben Ordens, während gleichzeitig Herrn Adolf Raymann, Sohn, für seine Leistungen auf industriellem Gebiete der Orden der eisernen Krone III. Classe verliehen wurde. Nach dem früher erwähnten ersten Versuche in der mechanischen Weberei wurde, begünstigt durch den neuerdings steigenden Bedarf in Leinen, im Jahre 1868 der Bau einer neuen mechanischen Weberei mit 150 Stühlen in Angriff genommen und diese noch im selben Jahre in Betrieb gesetzt; immerhin blieb aber die Erzeugung der Waaren auf Handstühlen noch vorherrschend, da sie zwei Drittel der Gesammtproduction ausmachte. In dasselbe Jahr, 1868, fällt die Gründung einer Unterstützungs- und Vorschusscasse für Handweber, der am 1. December 1869 das Inslebentreten des heute noch bestehenden Personal-Pensionsinstitutes folgte, welch letzterem alle mit Monatsgehalt angestellten Beamten und sonstigen Bediensteten der Firma angehören. Diese im Jahre 1879 reorganisirte Institution sichert den Angestellten der Firma bei erreichtem 60. Lebensjahre oder bei früher eintretender Arbeitsunfähigkeit eine nach Maassgabe der geleisteten Einzahlung bemessene Pension, und tritt nach Ableben des Mannes die Witwe in den Genuss von zwei Dritteln der Pension ihres Mannes, sowie auch dessen Kinder unter den in den Statuten vorgesehenen Modalitäten Anspruch auf Erziehungsbeiträge haben. Die Beitragsleistungen zu diesem Fonde erfolgen theils von Seite der Bediensteten selbst, theils von Seite der Firma. Die segensreiche Wirkung dieser Einrichtung erhellt daraus, dass bis jetzt 105.468 fl. für Pensionen und Erziehungsbeiträge zur Auszahlung <« « !! !f S 19 I. ■? L ir> ir fr it ir ff Erstes Bleichhaus (1826). 334 gelangten. Das Vermögen des Institutes, heute schon in einer Höhe von über einer Viertelmillion Gulden, wird von den Mitgliedern nach den in den Statuten festgesetzten Normen selbständig verwaltet. Im Jahre 1871 wurde Alois Regenhart, Sohn, in seinem 56. Lebensjahre dem Unternehmen frühzeitig durch den Tod entrissen. Er und Adolf Raymann, Sohn, hatten, in dem innigsten freund- und verwandtschaftlichen Verhältnisse stehend, den Grund zu der damals schon hervorragenden Bedeutung des Unternehmens gelegt. Alois . !k, 4» — jm m - »* Qarnbleicl^e. . " ' lTT Regenhart hatte aber nicht allein mit weitem Blicke und klarer Erkenntnis stets die einzuschlagenden Wege gewiesen, welche das Unternehmen zu seiner Achtung gebietenden Stellung emporführten, sondern erfreute sich auch im öffentlichen Leben des grössten Ansehens; so war er Vice-Präsident der Handelsund Gewerbekammer für Niederösterreich, sowie Vice-Präsident des Niederösterreichischen Gewerbe-Vereines. Ein Jahr vor seinem Tode war sein Sohn Ernst Regenhart, der sich während mehrerer Jahre in Deutschland und England ausgebildet hatte, als Procurist in die Firma eingetreten und übernahm nun nach dem Ableben seines Vaters allein die Leitung des Wiener Hauses. Im gleichen Jahre feierte Adolf Raymann, Vater, in vollster Rüstigkeit seine goldene Hochzeit, anlässlich welcher ihm unter Anerkennung seiner humanitären Bestrebungen das Comthurkreuz des Franz Joseph-Ordens verliehen wurde. Bislang war das Unternehmen noch immer unter den getrennten Firmen Raymann & Co. und Gebrüder Regenhart & Co. geführt worden, und erst der 30. Jänner 1873 brachte endlich auch die nominelle Vereinigung der beiden Häuser unter der Firma Regenhart & Raymann in Freiwaldau und Wien; gleichzeitig erfolgte die Aufnahme Ernst Regenhart’s als öffentlicher Gesellschafter der Firma. Die Wiener Weltausstellung desselben Jahres brachte der Firma die höchste Anerkennung, das »Ehrendiplom« und zugleich wurde Adolf Raymann, Sohn, von Sr. Majestät dem Kaiser durch Verleihung des Comthurkreuzes des Franz Joseph-Ordens ausgezeichnet. Bis hieher hatte der flotte Geschäftsgang und damit das stetige Wachsen des Unternehmens angehalten, die schwere geschäftliche Krise des Jahres 1873 machte sich jedoch bald fühlbar, und ein empfindlicher Rückgang trat insbesondere im Absätze von glatten Leinwänden ein, der theils der allgemeinen wirthschaftlichen Depression, theils dem Umstande zuzuschreiben war, dass in Bett- und Leibwäsche die Leinwand immer mehr durch die billigeren Baumwollgewebe verdrängt wurde. Da auf ein Steigen des Consumes in glatten Leinwänden nicht zu rechnen war, richtete die Firma ihr Hauptaugenmerk auf die Tischzeugproduction und konnte schon im Jahre 1875 mit Genug- thuung constatiren, dass der Umsatz in Tischzeug, welcher noch 1872 nur ein Drittel der Gesammtproduction erreicht hatte, sich jetzt auf die Hälfte des Totalumsatzes belief. Durch Vermittlung eines Freundes der Firma, des Herrn Carl Dittrich, Chefs der hirma Hielle & Dittrich in Schönlinde, wurde im Jahre 1876 eine Fusion der beiden Firmen Regenhart & Raymann und Aug. Küfferle & Co. in Freiwaldau herbeigeführt, und übernahmen Regenhart & Raymann von der genannten Firma, welche gleichfalls seit vielen Decennien eine bedeutende Leinen- und Tischzeugfabrication in Freiwaldau betrieben hatte, deren mechanische Weberei mit 99 Stühlen. Gleichzeitig erwarb die Firma die Bleich- und Appreturanstalt des Josef Wiesner in Freiwaldau und die früher schon erwähnte Flachsgarn-Spinnerei von Adolf Raymann & Co., welch letztere angesichts der damals für Leinenspinnereien sehr ungünstigen Conjunctur ausser Betrieb gesetzt und für Magazine, Adjustirungsräume und Comptoirs adaptirt wurde. Nach längerem commerziellen und fachtechnischen Studium in Deutschland und h rankreich trat jetzt Alois Regenhart, Enkel, vorerst als Procurist und einige Monate darauf als öffentlicher Gesellschafter in die Firma ein; gleichzeitig vollzog sich der Beitritt des oben genannten Herrn Carl Dittrich sen. als stiller Gesellschafter, nach dessen Ableben sein Sohn Carl Dittrich jun. in derselben Eigenschaft folgte. Durch die oberwähnten Fusionen war das Betriebsmaterial der tirma ganz erheblich angewachsen; es umfasste nun 2 bedeutendere Bleich-Etablissements, 2 mechanische Webereien mit zusammen 270 Stühlen, sowie circa 1200 Handwebstühle. Diese grosse Ausdehnung des Unternehmens, von dem eine zahlreiche \\ eberbevölkerung abhängig war, stand nun nicht recht im Einklänge mit der früher erwähnten Ungunst der Absatzverhältnisse; da galt es nun, grosse Absatzgebiete zu erschliessen, die in der Heimat nicht zu finden waren. Die Firma gieng mit Energie daran, hier Abhilfe zu schaffen. Während Ernst Regenhart auf wiederholten Reisen persönlich die Märkte von Amerika, England, brank- reich und Belgien studirte und den österreichischen Tischzeugfabricaten dort Eingang zu verschaffen suchte, war 335 Alois Regenhart (Enkel) bemüht, die Fabrication den erhöhten Anforderungen des Exportes anzupassen. Der Errichtung einer Vertretung in New-York folgte eine solche unter eigener Firma in London und schrittweise auch in Brüssel, Paris und.Berlin. Von Anbeginn an waren Regenhart & Raymann bestrebt, ihre Erzeugnisse im Export als speciell österreichische Fabricate auf den Markt zu bringen, und diese erfreuten sich von Jahr zu Jahr steigenden Beifalles. So wurde der Ausfall in glatten Leinwänden durch die Forcirung der feinen Tischzeugwaaren ausgeglichen, die umfangreichen Fabriksanlagen fanden entsprechenden Absatz für ihre Production, die Arbeiter ausreichende Beschäftigung und durch die erhöhte Pflege des feineren Genres lohnenderen Erwerb. i Inzwischen wurde auf der kunstgewerblichen Ausstellung in Amsterdam 1877 der Firma für ihre stylvoll gearbeiteten Dessins neuerdings die erste Medaille zuerkannt. Der immer mehr zunehmende Export in Tischzeugwaaren, 1880 schon ein Drittel des Gesammtumsatzes, und die stetig wachsende Nachfrage nach feineren kunstvollen Geweben Hessen bald erkennen, dass ein gut geschulter Nachwuchs von tüchtig ausgebildeten Tischzeug-Handwebern noththue, wenn nicht die neue Richtung, welche die Tischzeugfabrication angenommen hatte, für die Zukunft in Frage gestellt werden sollte. Auf eine von Alois Regenhart (Enkel) gegebene Anregung erfolgte daher 1880 die Gründung einer Lehrlingswerkstätte, in welcher der Schule entwa.chsenen jungen Leuten Gelegenheit zu einer vielseitigen, praktischen Ausbildung in allen Zweigen der Handweberei geboten wird, wie sie sich dieselbe in kleinen Weberwerkstätten nicht aneignen können. Die Zahl der aufgenommenen Lehrlinge betrug anfangs circa 30, stieg dann auf 40, gieng aber später, als die Handweberei einen Theil des von ihr beherrschten Terrains an die mechanische Weberei verlor, wieder auf circa 20 zurück. Von den aus dieser Schule hervorgegangenen jungen Arbeitern, deren tüchtige Ausbildung bei guter Verpflegung stets im Auge behalten w r urde, fanden in der Folge viele ihr Unterkommen bei der Firma, sei es als Waarenübernehmer, Webmeister, Zeichner oder in ähnlichen und selbst besseren Stellungen. Einige Jahre später führte die Firma ein Wohnhaus für ledige Hand weber mit grosser Küche, Speisezimmer und Schlafräumen für 60 Betten auf, hauptsächlich in der Intention, den aus der Lehrlingsschule hervorgehenden jungen Arbeitern Gelegenheit zu geben, die gewohnte geordnete Lebensweise in Bezug auf Verpflegung und angemessene Bequartierung beizubehalten. Durch die Pflege der reicheren Dessins und feineren Ausführungen in Tischzeugwaaren, welche grosse und complicirte Vorrichtungen an den Handwebstühlen bedingte, machte sich ausserdem gar bald ein empfindlicher Mangel an geeigneten Quartieren geltend. Bis dahin befanden sich nämlich die Tischzeug-Handstühle zumeist in gemietheten Wohnungen, zum Theil in Freiwaldau selbst, vorzugsweise jedoch in den Dörfern der Umgebung. Der betreffende Werkstattvorsteher erhielt 2 bis 4 Handstühle, für die er die erforderlichen Gesellen zu beschaffen hatte, welch letztere er auch in Kost und Quartier nahm. Dass, bei diesen meist sehr beschränkten Räumen mit 4 bis 5 erwachsenen Personen und häufig noch grossem Kindersegen auch die sanitären Verhältnisse manchmal zu wünschen übrig Hessen, ist leicht begreiflich. Um nun diesem zweifachen Uebelstande abzuhelfen, führte die Firma grosse Gebäude mit geräumigen Arbeitssälen auf, um daselbst einen Theil der Hand weberei im Fabriksbetriebe einzurichten. Die Weber jedoch —von Alters her an die ungebundene Arbeitsweise, wie sie nur in kleinen Hauswerkstätten möglich ist, gewöhnt — konnten sich nur schlecht mit der neuen Einrichtung befreunden, was die Firma weiterhin zum versuchsweisen Baue von kleinen Familienhäusern bewog. Diese, als einstöckige Doppelhäuser erbaut und durch eine Feuermauer von einander vollständig getrennt, enthalten je 2 Werkstätten mit den nöthigen Wohnräumen für die Familien der Werkstättenvorsteher und deren Gesellen; jedes der Häuser ist von einem kleinen Garten umgeben, der den Bewohnern zur beliebigen Benützung überlassen ist. Diese Häuser fanden denn auch bei den Handwebern derartig Anwerth, dass schon im folgenden Jahre die Firma mit der Erbauung solcher Häuser fortfuhr, und heute bilden dieselben eine Colonie, in welcher 54 Weberfamilien mit ihren Gesellen eine Heimstätte gefunden haben. Im Jahre 1883 starb der Senior und Mitbegründer der Firma in Freiwaldau, Herr Adolf Raymann, Vater, in dem hohen Alter von 85 Jahren, nachdem es ihm zwei Jahre vorher noch beschieden gewesen war, mit seiner Frau Margaretha das seltene Fest der diamantenen Hochzeit zu feiern. 1884 wurde den Herren Ernst und Alois Regenhart, Enkel, der Titel k. undk. Hoflieferanten verliehen und wenige Jahre später Herr Ernst Regenhart durch Verleihung des Ritterkreuzes des Franz Joseph-Ordens abermals ausgezeichnet, die gleiche Auszeichnung erhielt Herr Alois Regenhart im Jahre 1898. 1887 trat'Herr Ernst Weiss, ein Wrwandter der Familien Regenhart und Raymann, als öffentlicher Gesellschafter in die Firma ein, der-er seit 1877 als Procurist angehört hatte. 19 r,«« jW.'-i Sgl :>»| •»-'Mi -«ij Wiu ss »s *fi '05') IN 11 ! ssi ili SiÜJ-fr "Vau •< w " *• m! j&i ««ml:: [MÜS MMFsr mmrfrnf 5» Für fwi-« l im ggyij 1 A 336 4KS iimi '»•ir&i : 'Ss. \S$\ , DIE GROSS-INDUSTRIE OESTERREICHS KUNSTANSTAT.T S. CZEIGER/WIETN. K.K.PRIV LE1NEN-UND TISCHZEUG-WEBEREIEN VON REGENHART a RAYMANN IN FREIWALDAU *KY'*L (y'Sw Durch die im Jahre 1888 erfolgte Eröffnung der Eisenbahnstrecke Hannsdorf-Ziegenhals erfuhren die Verkehrsverhältnisse endlich die längst ersehnte Verbesserung; bis dahin wurden die Waaren nämlich noch immer ab Freiwaldau zu Wagen verfrachtet. Ein schwerer Verlust traf die Firma, als im Jänner 1889 Herr Adolf Raymann, Sohn, starb, der durch viele Jahrzehnte als Chef der Firma in Freiwaldau in hervorragenderWeise zur gedeihlichen Entwickelung und zum bedeu- * tenden Aufschwünge des Unternehmens beigetragen hatte. Gleichwie früher der Consum in feineren Tischzeuggeweben, so stieg jetzt wieder die Nachfrage nach ordinären und mittleren Qualitäten; dabei drängten die rascher wechselnden Conjuncturen immer mehr auf möglichste Verkürzung der Lieferzeit, so dass die Handweberei diesen Anforderungen nicht mehr Genüge leisten konnte, und andererseits waren die alten Baulichkeiten der mechanischen Weberei aus dem Ende der Sechzigerjahre in technischer und hygienischer Beziehung nicht mehr entsprechend; insbesondere erwiesen sich die mehrstöckigen Webereigebäude als ungeeignet für die Tischzeugfabrication. Deshalb entschloss sich die Firma im Jahre 1889, einen grösseren Shedbau von 2000 Quadratmetern Flächenmaass aufzuführen, dem 1891 ein weiterer von 1000 Quadratmetern folgte. In den Jahren 1896/97 wurde die Reorganisation der mechanischen Weberei vollends durchgeführt, so dass die alten Webereien ganz aufgelassen werden konnten. Der Shedbau in seiner jetzigen Ausdehnung von 6000 Quadratmetern bietet Raum für 600 mechanische Stühle, welche durch eine neue Dampfmaschine von 250 Pferdekräften betrieben werden. Auch die seinerzeit schon erwähnten Wohlfahrtseinrichtungen waren im Laufe der Jahre wesentlich erweitert undausgestaltet worden. 1870 war für die mechanische Weberei und 1881 für die Handweberei im Fabriksbetriebe je eine Krankencasse gegründet worden; diese beiden giengen 1886 in eine auf sämmtliche Abtheilungen des Etablissements ausgedehnte Fabrikskrankencasse über, welche drei Jahre später neuerdings reorganisirt und den Bestimmungen des Krankenversicherungsgesetzes vom Jahre 1888 angepasst, als Betriebskrankencasse fortgeführt wurde; die Beiträge zur Betriebskrankencasse deckt die Firma allein. Wie schon früher erwähnt, hatten in einzelnen Abtheilungen des Etablissements bereits seit Jahren Cassen zur Unterstützung alter und invalider Arbeiter, wenn auch nur in bescheidenem Umfange bestanden, immerhin waren von denselben bereits an 28.000 fl. für Unterstützungen verausgabt worden. 1894 schritt nun die Firma, von dem Wunsche geleitet, ihre sämmtlichen Arbeiter dieser Wohlthat theilhaftig werden zu lassen, zur Gründung der Arbeiter-Unterstützungscasse, die alten, ganz oder theilweise arbeitsunfähigen Arbeitern, welche längere Zeit im Dienste der Firma gestanden haben, eine regelmässige monatliche Unterstützung zusichert, und zwar gibt bei einem Alter von 65 Jahren eine zwanzigjährige, bei einem Alter von 60 Jahren eine dreissigjährige Dienstzeit Anspruch auf Alters-Unterstützung. Die Beiträge werden von der Firma und den Arbeitern zu gleichen Theilen geleistet und die Casse von einem Ausschüsse verwaltet, in welchem beide Theile vertreten sind. Das Vermögen der Arbeiter-Unterstützungscasse betrug zu Ende 1897 bereits über 105.000 fl., und waren damals nach nur vierjährigem Bestände der Casse bereits fl. 10.000 für Unterstützungszwecke verausgabt worden. Zur Zeit wird das Unternehmen von den beiden Brüdern Ernst und Alois Regenhart allein geführt, nachdem der langjährige Leiter der Wiener Fabriksniederlage, Herr Ernst Weiss, nach längerem Leiden im Mai 1897 verschieden ist. Das Etablissement umfasst gegenwärtig eine mechanische Weberei mit 500 und eine Handweberei mit 1200 Stühlen, eine grosse Waarenbleiche und Appreturanstalt, sowie eine Garnbleiche, fast alle mit elektrischer Beleuchtung versehen, mit circa 2500 ständigen Arbeitern; ausserdem finden in häuslichen Nebenarbeiten, wie Nähen, Spulen, Knüpfen u. s. w. noch weitere 1200 weibliche Personen ihre Beschäftigung. Der vorstehend geschilderte Entwickelungsgang des Unternehmens legt davon Zeugnis ab, dass dasselbe durch die Thätigkeit und Umsicht seiner stets von langjährigen treuen Mitarbeitern unterstützten Chefs in fast hundert Jahre langem unermüdlichen Schaffen und Vorwärtsstreben dreier Generationen aus den kleinsten Anfängen zu seiner heutigen Grösse und Weltstellung emporgestiegen, sich in der Geschichte der österreichischen Industrie einen ehrenvollen Platz gesichert hat. Die auf allen grossen Ausstellungen der letzten Jahrzehnte mit den ersten Medaillen prämiirten Fabricate der Firma Regenhart & Raymann werden heute nicht nur im Inlande, sondern auch auf den Exportmärkten unter denjenigen genannt, die sich durch vollendeten Geschmack und kunstvolle Ausführung auszeichnen. Und wie die Firma für sich das Verdienst beanspruchen darf, im Rahmen ihres Industriezweiges durch Einführung von Verbesserungen und neuen Fabricationsmethoden, sowie durch Pflege von Wohlfahrts-Einrichtungen im Inlande bahnbrechend gewirkt zu haben, wie sie unstreitig die erste war, die in Oesterreich den Kampf gegen die ausländische, insbesondere die hochentwickelte englische Concurrenz aufnahm und mit Ehren bestand, so wird sie auch unter denjenigen zu verzeichnen sein, die den Ruf der österreichischen Leinen-Industrie im Auslande begründen halfen. Die Gross-Industrie. IV 337 43 * ***Uezs. "!!!$; M ’ ST* r TTmI TTili» n ’ . . Kl M ,»M" (fi’l im" Hilf« | Hl 11 ijJSIt. •» ii n 1 * m i 1 ! w a&*T*!> * ^a**! I. 1 *~ iggBä g s? ÄÜLiTÜ'Üfe Ä| äri *p-?.£$?• •’. jAp V v r5 , .ufr->»^v J- - Bg£.s ’S® J. SEIDL & COMP. FLACHS- UND BAUMWOLLSPINNEREI ZAUTKE BEI MÄHRISCH-SCHÖNBERG. m Jahre 1863 kaufte Ignaz Seidl sen. eine an der Einmündung des Thessflusses in die March gelegene Mühle und erwarb auch ein Jahr darauf zur besseren Ausnützung der Wasserkraft einen an der Mühle gelegenen, dem regierenden Fürsten von und zu Liechtenstein gehörigen Fischteich im Ausmaasse von 16 Joch, welcher als Betriebsteich hergerichtet wurde. Nachdem Ignaz Seidl auf diese Weise geeignete Areale geschaffen hatte, begann er im Vereine mit seinen Schwestern den Bau einer Flachsspinnerei und vollendete denselben im Jahre 1865; im October dieses Jahres wurde auch mit 6000 Flachs- und Wergspindeln der Betrieb in dieser Fabrik aufgenommen. Die Wasserkraft, welche damals zu Gebote stand, repräsentirte ungefähr 200 Pferdekräfte; doch gelang es in späteren Jahren durch Aufstellung neuer, besser construirter Turbinen, deren gegenwärtig zwei im Betriebe sind, eine Kraftleistung bis zu 270 Pferdekräften zu erzielen. Da aber bei der Wasserkraft allein die von der Spinnerei benöthigte Kraftmenge nicht ununterbrochen gesichert erschien, wurde im Jahre 1867 an die Errichtung einer Dampfmaschine von circa 500 Pferdekräften geschritten und gleichzeitig die Zahl der Spindeln auf 11.832 erhöht. Im Jahre 1882 wurde mit dem Bau einer Baumwollspinnerei begonnen, welche im Jahre darauf mit einer Anzahl von 12.000 Spindeln in Betrieb trat. Die vorhandene Betriebskraft erwies sich bald wieder als nicht mehr ausreichend, und im Jahre 1887 sah man sich genöthigt, eine neue Dampfmaschine in der Stärke von 500 Pferdekräften aufzustellen. Gleichzeitig wurde in der Baumwollspinnerei die Anzahl der Spindeln auf 20.152 erhöht. In beiden Etablissements, sowohl in der Flachs- als in der Baumwollspinnerei, sind zum grössten Theile neue Maschinen bester Construction, sowie überhaupt alle entsprechenden technischen Einrichtungen vorhanden. Eine besondere Fürsorge wendet die Firma der Aufgabe zu, die Lage ihrer Arbeiter, deren Zahl gegenwärtig circa 1000 beträgt, und die ihrer Angehörigen sowohl in wirthschaftlicher Richtung, als auch in hygienischer Beziehung günstig zu gestalten. In den einzelnen Fabriksräumlichkeiten selbst sind alle Vorkehrungen g'etroffen, welche geeignet sind, einen Schutz gegenüber den Gefahren des Betriebes zu bieten. Aber auch ausserhalb der Fabrik wurden für die Erhaltung eines guten Gesundheitszustandes der Arbeiter vortheilhafte Maassnahmen getroffen. Da die in der Spinnerei beschäftigten Arbeiter theils in entlegenen, theils in ungesunden und dabei doch theueren Wohnungen zu leben gezwungen waren, wurden in der Nähe der Fabrik Arbeiterhäuser errichtet und an die Arbeiter unentgeltlich überlassen. Diese geräumigen Wohnhäuser sind von Gärten umgeben und entsprechen in jeder Beziehung den sanitären Anforderungen. Im Falle einer Erkrankung leistet ein Werksarzt den Arbeitern unentgeltlich ärztliche Hilfe, für schwerere Fälle ist ein eigener, entsprechend eingerichteter und ausgestatteter Krankensaal vorhanden. Um den Arbeitern die Gelegenheit zu bieten, ihr Mittagsmahl innerhalb der Fabriksräumlichkeiten in bequemer Weise zu sich zu nehmen, wurde ein Speisesaal eingerichtet, welcher einen Fassungsraum für 400 Personen besitzt. Für die Beschaffung eines guten Trinkwassers sorgt eine von der Fabrik eingeleitete Wasserleitung, welche auch mit einer Dampfpumpe, zur Anwendung bei einer eventuellen Feuersgefahr, in Verbindung steht. Für diesen 338 Fall besteht ferner eine eigene Fabriksfeuerwehr. Die Firma sucht auch an der Hebung des intellectuellen Niveaus innerhalb der Arbeiterbevölkerung mitzuwirken und hat deshalb eine zweiclassige deutsche Volksschule in der Nähe der Arbeitercolonie errichtet, welche sich eines zahlreichen Besuches erfreut und einen sichtlich günstigen Einfluss ausübt. Die Jahresproduction beider Etablissements beträgt jährlich 27.000 Schock Flachs- und Werggarne und 2,100.000 Pfund Baumwollgarne. Das für die Flachsspinnerei benöthigte Rohmaterial wird im Inlande, ferner in Deutschland, Russland und Belgien beschafft. Die Baumwollspinnerei bezieht ihren Bedarf an roher Baumwolle aus Amerika und Indien. Die Erzeugnisse der Flachsspinnerei finden ihren Absatz zur grösseren Hälfte im Inlande. Der Rest wird nach Deutschland, England, Belgien, Spanien und Italien exportirt. Die Baumwollgarne dagegen haben nur im Inlande Käufer. Der Sitz der Firma ist in Mährisch-Schönberg. Die gegenwärtigen öffentlichen Gesellschafter derselben sind ausser dem Gründer Ignaz Seidl sen. noch überdies Ignaz Seidl jun., Dr. Eduard Seidl, Dr. Max Seidl, Moriz Emmer, Julius Müller und Alois Scholz. 43 * 339 mm,. ¥]&m <* wliM « » illi vC **• ~Tit' CARL SIEGL sen. LEINWAND- UND TISCHZEUG-FABRIIv i\[ AH RISCH-SCHÖNBERG. arl Siegl, geboren 1801, war bis zum Jahre 1854 mit seinen Brüdern Johann und Albert Siegl öffentlicher Gesellschafter der Firma Joh. Siegl & Co., nach deren Auflösung er im Verein mit seinen Söhnen Robert und Richard die Leinwandfabriksfirma Carl Siegl sen. errichtete und so den Grundstein legte zu deren jetzigen ausgedehnten und hervorragenden Etablissements. Er war auch Mitgründer der I. Mechanischen Flachsspinnerei in Mähr.-Schönberg, sowie jener in Wiesenberg und wurde 1873 durch Verleihung des Kaiser Franz Joseph-Ordens ausgezeichnet; er bewahrte bis in sein hohes Alter von 88 Jahren seine volle Thatkraft und Geistesfrische und starb im Jahre 1889 als Nestor und eifrigster Förderer der Leinen-Industrie. Robert Siegl, welcher hauptsächlich die commerzielle Leitung des Geschäftes besorgte, erhielt nach der Pariser Weltausstellung 1878, bei welcher er als Juror fungirte, das Ritterkreuz der französischen Ehrenlegion, und wurde ihm von Sr. Majestät dem Kaiser der Ausdruck der Allerhöchsten Anerkennung zu Theil; im Jahre 1896 wurde er für seine vielen Verdienste um die Industrie mit dem Ritterkreuz des Franz Joseph-Ordens ausg-ezeichnet; seit t88o ist er Alitglied der Handels- und Gewerbekammer in Olmütz und wurde von derselben im Jahre 1892 in den mährischen Landtag gewählt. Richard Siegl starb leider am 16. Februar 1898 im Alter von 61 Jahren, nachdem er schon nahezu vierzig Jahre als öffentlicher Gesellschafter und Leiter des technischen Gebietes thatkräftig und mit grossem Erfolge im Geschäfte mitgearbeitet hatte, und ist ihm namentlich die Ausgestaltung der mechanischen Bleiche und Appretur, sowie die Errichtung der mechanischen Weberei zu danken. Die Söhne der beiden erstgenannten Chefs, Emil, seit 1885 und Edgar, seit 1894 öffentliche Gesellschafter der Firma, haben durch ihre vielseitige commerzielle und technische Ausbildung und durch ihre Energie neuen Impuls zur weiteren Ausdehnung des Etablissements gegeben, an dessen Gedeihen sie mit allem Eifer arbeiten. Im Jahre 1893 wurde Emil Siegl von der Regierung als Juror zur Ausstellung nach Chicago entsandt. Bei Beginn des Unternehmens war die Fabrication als Handweberei nur auf glatte Leinwänden beschränkt, erreichte jedoch schon in wenigen Jahren eine solche Bedeutung, dass der Firma das k. k. Landesprivilegium als besondere Auszeichnung verliehen wurde. Im Jahre 1880 wurde die Erzeugung von Tischzeug eingeführt, deren Entwickelung und fortwährendes Anwachsen die Errichtung einer mechanischen Weberei (1889) nothwendig machte. Das Etablissement umfasst jetzt eine mechanische und eine Handweberei, eine Garnbleiche und eine mechanische Bleich- und Appreturanstalt. Die Säle der Handweberei für feinere Gebildwaare, sowie jene der mechanischen Weberei für Leinen und Tischzeug nebst den Lager- und Manipulationsräumen, den Uebernahms- und Versandt-Magazinen und Comptoir- localitäten umfassen an zwanzig Abtheilungen, welche systematisch miteinander verbunden und leicht zu übersehen sind. Im Shedsaale der mechanischen Weberei sind 180 mechanische Stühle aufgestellt, worunter namentlich die vielen Stühle hoher Breite für Bettücher und Damasttücher auffallen; die Vorbereitungs- und Hilfsmaschinen sind 34 ° in abgesonderten Sälen praktisch angeordnet. Die Transmissionen, unterhalb des Fussbodens in gewölbten, lichten Gängen angelegt, die Ventilation, Dampfheizung, die elektrische Beleuchtung und die sonstige mit allen Ansprüchen der Neuzeit versehene Einrichtung geben das Bild einer mechanischen Musterweberei. Die Garnbleiche und die mechanische Leinwandbleiche und Appreturanstalt besteht aus 17 theils grösseren, theils kleineren Ubicationen, welche sammt den als Bleichplan verwendeten Wiesenflächen ein arrondirtes Areale von 10 Hektar einnehmen. Die Betriebskraft derselben besteht aus einem eisernen Wasserrad von 40 Pferdekräften, aus drei Dampfmaschinen von 70, 40, 12 Pferdekräften nebst drei grossen Dampfkesseln; die deutschen und irischen Walken, Wasch- und Hobelmaschinen, Sengmaschinen, Kochkessel, Stärke- und Trock.enmaschinen, die Mange, Beatlings und Calander sind nach den neuesten Fabricationsmethoden eingerichtet; ferner sind alle Räume mit Dampf geheizt und elektrisch beleuchtet. Das Etablissement beschäftigt circa 1200 beständige Arbeiter, 28 Werkmeister, 2 Directoren, einen Oberbuchhalter, einen Cassier und ein wohlgeschultes Beamtenpersonal. Als Specialität werden Bettuchleinen in allen Breiten und Feinheiten, sowie Leinwänden aller Qualitäten für Leibwäsche, Handtücher, Zwillich, Jacquard- und Damast-Tischzeuge bis zur herrlichen, hochfeinsten Gebildwaarc und auch Artikel für den Armeebedarf gearbeitet. Von den Erzeugnissen wird der vierte Theil nach Amerika und Italien exportirt, während drei Viertheile in Oesterreich-Ungarn abgesetzt werden. Die Fabricate wurden auf den hervorragenden Weltausstellungen Wien 1873, Philadelphia 1876, Sydney 1879, Triest 1882, Chicago 1893 mit den höchsten Preisen prämiirt. Für den Verkauf besteht die Hauptniederlage in Wien, I., Judenplatz 9, mit Zweigniederlagen in Graz und Bozen, ausserdem sind Vertreter in Prag, Triest, Bucarest, Constantinopel, Mailand, Turin, Neapel, Berlin, Cöln, Riga, New-York und Philadelphia. 34i DIE TEPPICHFABRICATION YON ALFRED GINZKEY, GROSS-INDUSTRIELLER IN MAFFERSDORF. Tfyrrmrm : ö®®23 DIE TEPPICHFABRICATION. ie Vergänglichkeit von Producten der Textilkunst hat es der Forschung unmöglich gemacht, greifbare Beweise über das Alter und die frühesten Erzeugungsstätten von Textilien zu er- bringen. Die primitivste Art der Gewebe, das Flechtwerk, dürfte so alt sein wie das Menschengeschlecht; bevor es noch irgend eine Cultur gab, mussten die Menschen ihren Körper und ihre Wohnstätten gegen die Unbilden des Wetters schützen. Hiezu dienten neben den Fellen der Thiere auch Binsengeflechte. Es ist nun selbstverständlich, dass sich sehr bald aus dem durchlässigen Flechtwerk ein dichteres Gewebe entwickelte und an Stelle der kühlen Binsen und Schilfgattungen die wärmende Wolle für diese Gewebe verwendet wurde. Der Sinn für die Abwechslung war schon den ältesten Nomadenvölkern eigen. Die Abwechslung führte zu Vergleichen, der Vergleich ergab den Sinn für das Bessere und Schönere, rief das Bestreben hervor, Schönes zu schaffen, und so entstand die altehrwürdige Textilkunst. Die Literatur einerseits, sowie die darstellende Kunst andererseits bringen Belege dafür, dass schon tausend Jahre vor Christi Geburt eine hochentwickelte Textilkunst bestanden hat. Die ältesten uns erhaltenen Gewebe stammen aus dem 2. Jahrhundert n. Chr. und sind durch die Funde in den Koptengräbern zu Tage gefördert worden; sie beweisen, dass vor beinahe 2000 Jahren in Aegypten gobelinartige Gewebe erzeugt wurden, die sich bis zum heutigen Tage erhalten haben und die von einer ausserordentlichen Fähigkeit der Alten nicht nur in der Ornamentik, sondern auch in der Technik des Färbens und des Webens, respective Wirkens Zeugnis geben. Ob nun Aegypten die Wiege der Textilkunst ist, ob Centralasien oder China, bleibe dahingestellt. Die frühesten Erzeugungsstätten von Teppichen speciell dürften in Centralasien zu finden sein, wofür die schon unter der persischen Dynastie der Sassaniden hochentwickelte Teppichweberei spricht. Die Entstehung des ältesten, uns noch erhaltenen alt-orientalischen Teppichs wird durch Alois Riegel in das Jahr 1202 verlegt. Die Frage, ob sich unabhängig von Asien in Europa eine Teppichweberei entwickelt hat, ist vielfach discutirt worden. Alois Riegel beweist an der Hand von Fragmenten, dass sowohl in Deutschland als auch in Scandinavien im 13. Jahrhundert eine von der orientalischen verschiedene Technik der Teppichknüpferei bekannt war. Wie dem auch sei, die Teppichweberei fand ihren eigentlichen Eingang in Europa durch die Mauren in Spanien, der Teppichhandel aber durch die Kreuzzüge. Die arabische Teppichweberei machte, auf europäischen Boden verpflanzt, durch die verschiedene Verwendung der Teppiche eine neue Wandlung durch. Wenn im Orient die Teppiche als Bodenbelege für Zelte und für rituale Zwecke verwendet wurden, so bestreute man in Europa den Fussboden mit Binsen und wohlriechenden Kräutern. Teppiche wurden hier fast ausschliesslich zum Schmucke der Wände in Kirchen und fürstlichen Palästen gebraucht; hieraus ist erklärlich, dass sich die Wandteppich-Erzeugung schon im frühesten Mittelalter des Schutzes der Kirche und der Fürsten erfreute und die leppichweber früher als alle anderen Gewerbetreibenden ihre organisirten Gilden besassen. Die Gross-Industrie. IV. 345 — 44 Persischer Teppichknüpfstuhl. Nach Gerspach existirte schon unter Philipp II. eine Gilde der Teppichweber in Paris. Im Jahre 1277 bildete sich ebendaselbst die Gilde der »tapissiers sarrazinois«, zwanzig Jahre später die der »tapissiers nostrez«, ebenso waren die flämischen Teppichweber in Gilden vereint. Ueber die grosse Bedeutung der Teppichweberei von Arras, Brüssel, Brügge ausführlich zu berichten, würde über den Rahmen des vorliegenden Aufsatzes hinausführen; erwähnt sei nur, dass schon im 14. Jahrhundert Arras seine Blüthezeit erreichte, Brüssel und Brügge im 16. Jahrhundert, durch die Malerschulen mit den kunstvollsten Entwürfen versehen, als Musterstätten der Wandteppichweberei galten. Frankreich blieb hinter den Niederlanden nicht zurück und übernahm von der Mitte des 16. Jahrhunderts an die Führung, Dank dem grossen Interesse, welches die prachtliebenden Könige auch diesem Zweige des Kunstgewerbes entgegenbrachten. Nachdem Franzi, schon 1535 eine Teppichfabrik zu Fontainebleau gegründet hatte, gab Heinrich IV. 1604 den Holländern de Comans und de la Planche das Privilegium, auf der Place des Tournelles ihr Gewerbe auszuüben, die, bald im Raume beengt, ihre Ateliers' auf den Platz verlegten, wo heute die »Manufacture des Gobelins« steht. Diese Manufacture des Gobelins wurde im Jahre 1667 durch Ludwig XIV., der auch Beauvais gründete, in eine »Manufacture Royale« verwandelt und ist bis heute durch ihre unvergleichlichen Producte in der ganzen Welt berühmt. 1627 wurde durch Lourdet »Lasavonnerie« gegründet, welche 1826 mit in die Manufacture des Gobelins aufgieng. Erwähnt sei, dass Gobelin der Name einer berühmten französischen Färber- und Weberfamilie des ^.Jahrhunderts ist. Nach der Aufhebung des Edictes von Nantes wanderten viele protestantische Teppichweber nach England aus und legten in diesem fruchtbaren Boden den Keim zur ungeahnten Entwickelung der englischen Teppichweberei. Wie in Frankreich erfreute sich dieses Kunstgewerbe auch in Italien und Spanien der Gunst kunstsinniger Herrscher, während es in Deutschland fast nur in Klöstern und als Hausfleiss, also nicht in Ateliers geübt wurde und in seiner Entwickelung hinter der anderer Länder zurückblieb. Wenn auch nach Eugen Müntz Herzog Albert V. schon 1540 nach Lauingen flämische Teppichweber berief, so wurde ein eigentliches Atelier erst durch Maximilian I. 1603 in München gegründet, welches sich bis zum Jahre 1615 hielt. Ein zweites Atelier in Baiern gründete Kurfürst Max Emanuel im Jahre 1718; über diese beiden Ateliers sowohl wie über eine Fabrik des Fürsterzbischofs von Würzburg gibt Dr. Manfred Meyer interessante Aufschlüsse. Ueber die Einführung und Entwickelung der Teppichweberei innerhalb der heutigen Grenzen unseres Vaterlandes ist nur Weniges bekannt. Karl IV. berief 1360 persische Teppichweber nach Prag, die am Laurenziberge ihr Gewerbe ausübten. Von ihren Erzeugnissen ist uns leider nichts erhalten geblieben; ebensowenig von den Wandteppichen, welche Prokop von Rebenstein durch 1458 nach Prag berufene flämische Weber ausführen liess. Aus dem Hause Habsburg brachte Erzherzog Ferdinand von der steirischen Nebenlinie, der nachmalige Kaiser Ferdinand der II., der Teppichweberei grosses Interesse entgegen; /SSE» d'J Französischer Gobelinstuhl (Houte tisse). 346 auch er liess aus Brüssel Anfang des 17. Jahrhunderts Weber kommen. Nicht unerwähnt bleibe auch ein in der »Histoire de la tapisserie« von Müntz angeführter Reisebericht aus dem Jahre 1533 über Pest: »et est cette ville gouvernée par Allemands en tous estats tant au fait de la justice et de la marchandise que aussy aux faiz des mestiers, comme cousturiers, charpentiers, maçons et orfèvres, ainsi qu’il me fut dit par ung marchand d’Arras nommé Clays, Davion, lequel, l’empereur Sigemond avoit mené avecques plusieurs autres gens de mestier du royaulme de France et est ledit Clays ouvrier de haute lisse«. Man sieht also, dass schon im Mittelalter und in der Renaissance das Kunstgewerbe der Teppichweberei über ganz Europa verbreitet war, in den westlichen Ländern ausgeübt von den hoch organisirten Gilden der Teppichweber, die durch die Fürsten thatkräftigste Unterstützung und künstlerische Anregung fanden, in Central- und Osteuropa durch die Heranziehung flämischer und persischer Weber an die fürstlichen Höfe, in Klöstern und als häusliche Frauenarbeit. Industrie- centren, wie solche in Frankreich, Holland und später in England entstanden, gab es in Centraleuropa nicht, dagegen ist anzunehmen, dass sich nach dem Sturze des byzantinischen Reiches aus dem Orient die Teppichweberei als Haus-Industrie einbürgerte, die sich als solche in Bosnien, in den südslavischen Ländern, in Galizien und in der Bukowina erhalten hat. Es wurde anfangs erwähnt, dass die orientalische Teppichweberei, auf neuen Boden verpflanzt, in eine neue Richtung gelenkt wurde. Durch die verschiedene Verwendung der Teppiche in Europa mussten nicht nur die im Orient gebräuchlichen Stylisirungen von Pflanzen und Thieren der Darstellung der Historie und der Allegorie im Gewebe weichen, sondern auch die Technik der Teppichweberei kam in neue Bahnen. Die Alt-Orientalen erzeugten geknüpfte Teppiche, während die Technik der Wandteppiche eine von diesen ganz verschiedene ist. Wie der Name schon besagt, wurde allerdings durch die Gilde der tappissiers sarrazinois die orientalische Ornamentik gepflegt, wahrscheinlich auch eine der orientalischen ähnliche Technik geübt, während alle anderen Wandteppichweber sich der Technik bedienten, welche heute unter dem Namen Gobelintechnik bekannt ist. DerGebrauch vonTeppichen alsFussteppiche bürgerte sich erst spät in Europa ein; die durch die Kreuzzüge importirten kostbaren orientalischen Teppiche wurden, ebenso wie die in Europa selbst verfertigten Wandteppiche, nur bei festlichen Gelegenheiten in Kirchen und bei Hofe verwendet. Erst nach der Reformation kamen Teppiche in Besitz weiterer Kreise. Die hohen Preise dieser echten Teppiche und das von England und Frankreich ausgehende Bedürfnis, die Wohnungen zu schmücken und kunstvoll einzurichten, gaben den Anstoss, billigere und ordinärere Sorten als Ersatz für diesen kostspieligen Luxusartikel zu schaffen. Auch für diese Art von Teppichen scheint Holland tonangebend gewesen zu sein; der Name Brüssel-Teppiche, Tournay-Velvet und Holländer oder Dutch Carpet ist über die ganze Welt verbreitet. England bemächtigte sich schon Anfangs des 18. Jahrhunderts dieser Industrie, 1735 wird Wilton bekannt. Die Technik der Brüssel-Teppiche wurde 1749 durch Broom von Holland nach England verpflanzt; ebenso ist Frankreich in diesem Industriezweige sehr bedeutend. Aubusson zählte im Jahre 1740 schon gegen 4000 Teppich- 44* Mggpsl Alter Brüssel Handwebstuhl, •wj 3*5 'jim-. Moderner Teppichknüpfstuhl. 347 weber. In Oesterreich wurden im vorigen Jahrhunderte Teppiche fast nur im Wege des Hausfleisses erzeugt und kamen kaum in den Handel, da die in einer Familie verfertigten Waaren vom Vater auf den Sohn als heiliges Familieneigenthum vererbt wurden. Der beschränkte Bedarf wurde vollkommen durch Importe aus Holland, England und Frankreich gedeckt. Interessant ist es, einen Bericht über den damaligen Stand der österreichischen Teppich-Industrie zu lesen. Stephan Edler von Keess, erster Commissär bei der k. k. niederösterreichischen Fabriken-Inspection, schreibt 1820 in einer Darstellung des Fabriks- und Gewerbe- wmsens im österreichischen Kaiserstaate Folgendes: »Bei dem hohen Alter, welches der Teppichfabrication zugeschrieben wird, hat sie doch in den österreichischen Staaten erst in den letzten Decennien des verflossenen Jahrhunderts Fuss gefasst. Der Verbrauch an Teppichen im Inlande im Vergleich mit anderen Ländern war immer unbedeutend, nur der reiche Particulier und Kaufmann belegten ihre Wohnungen damit, jener der Pracht, dieser der fremden Sitten wegen, die er von seinen Reisen auf heimatlichen Boden mitgebracht hatte. Es mangelte daher an Reiz, Geld auf die Etablirung von kostspieligen Unternehmungen zu wenden, und man musste vorläufig aus den Niederlanden beziehen. So wie aber der Geschmack für Teppiche allgemein und das Begehren darnach grösser ward, wurden sie ein Gegenstand einheimischer Speculation und man fieng in Wien um das Jahr 1780 mit der Erzeugung dieses Artikels an«. Keess berichtet auch von der Errichtung einer Fabrik eines gewissen Wilhelm Kreil im Jahre 1792. Er fabricirte Savonnerie-Teppiche, scheinbar ohne viel Glück, da er 1799 seine Arbeit schon einstellen musste. Ein gleiches Schicksal hatte eine einige Jahre früher in Wien errichtete Privat-Unternehmung ge- troffen. Die Kosten der Einrichtung und des Betriebes standen noch in keinem Verhältnisse zu dem geringen Absätze. Auch in Tirol beschäftigte man sich mit der Erzeugung einer ordinären Fussteppichgattung. Dieselbe fand durch die Deffregger Hausirer ihren Vertrieb nach allen österreichischen Provinzen und dem Auslande. Im eigentlichen Sinne fabriksmässig wurden Teppiche zuerst in der k. k. Wollzeugfabrik in Linz verfertigt; dieser Fabrik gebührt wohl der Dank für die Gründung einer österreichischen Teppich- Industrie. Es dürfte von Werth sein, Näheres über diese Staatsfabrik zu hören. Interessante Aufschlüsse darüber gibt Pillwein’s Beschreibung der provincialen Hauptstadt Linz. »Der Ursprung der Fabrik ist auf den Handelsmann und Bürger zu Linz Christian Sind zurückzuführen, der 1672 durch Leopold I. die Bewilligung erhielt, eine Manufactur für Wollzeuge nebst einer Schönfärberei zu errichten. Durch seine Nachkommen gieng die Fabrik in den Besitz der Stadt Wien über, von der sie 1722 durch die sogenannte orientalische Compagnie um 240.000 fl. erworben wurde. Bald gerieth diese Compagnie in Verfall und wurde durch den Allerhöchsten Hof 1754 übernommen, ,mit Befriedigung der zahlreichen Gläubiger theils in der wohlthätigen Absicht, um der in Oesterreich ob der Enns so zahlreichen Classe der Weber Arbeit und Erwerb zu verschaffen, theils aber auch, um das ausschliessende Privilegium dieser Fabrik aufzugeben und die Zeugweberei im ganzen Lande freizugeben'.« Als durch die Einführung der Baumwollgarne die Schafwollzeuge weniger gebraucht wurden, begann man im Jahre 1795 die Teppicherzeugung. Ein besonderes Verdienst um diesen Industriezweig in der Wollzeugfabrik wird dem Ober-Werkmeister Jakob Fessel, einem Oberösterreicher, zugeschrieben, der an den Stühlen viele Verbesserungen einführte. Einen grossen Aufschwung erlangte die Teppichfabrication durch den Regierungsrath Gross von Ehrenstein, der die Linzer Producte auf eine gleiche Stufe mit den damals importirten englischen Teppichen brachte. Ungünstiger Geschäftsverhältnisse halber wurde diese Fabrik im Jahre 1852 aufgelöst und durch Joseph Dierzer, der schon seit den Vierzigerjahren Mechanischer Brüssel Webstuhl. jjiV.'fe-W 348 Teppiche erzeugte, übernommen; auch Dierzer leistete Bedeutendes. Wenn die k. k. Linzer Teppichfabrik den fabriksmässigen Betrieb der Teppichweberei in Oesterreich einführte, so ist der Firma Philipp Haas & Söhne die Begründung des Weltrufes dieses österreichischen Industriezweiges in erster Reihe zu danken. Die Firma Haas wurde im Jahre 1810 durch den 1791 geborenen Philipp Haas gegründet, allerdings nicht als Teppichweberei, sondern als Baumwollweberei. Im Jahre 1825 wurde die Fabrication von Kleiderstoffen aufgenommen, 1831 die von Möbelstoffen. Vom Jahre 1840 datirt die Erzeugung von Teppichen, welche durch Eduard Haas, einem Sohn des Gründers Philipp Haas, sowohl in technischer als auch künstlerischer Beziehung den ausländischen Producten gleichgebracht wurde. Haas stellte im Jahre 1852 die ersten mechanischen Teppichwebstühle in Oesterreich auf. Durch ihn wurde der Geschmack in der Teppichmusterung ausserordentlich gehoben; er war der Erste, der alte orientalische Vorbilder für moderne Teppiche verwandte. Schon in der ersten Londoner Ausstellung erregten die Producte der Firma Haas Aufsehen und wurden durch die Medaille I. Classe ausgezeichnet. Die Firma hat, wie allseits bekannt, ihren Ruf bis auf den heutigen Tag erhalten. Von nicht geringer Bedeutung ist die Teppichfabrik von J. Ginzkey in Maffersdorf. Dieselbe wurde unter den ungünstigsten Verhältnissen im Jahre 1843 durch den 1876 verstorbenen Ignaz Ginzkey gegründet. In kurzer Zeit verschaffte sich Ignaz Ginzkey Anerkennung nicht nur im Inlande, sondern auch auf dem Weltmärkte. Von der zweiten Londoner Ausstellung brachte er mehrere mechanische Teppich-Webstühle mit und führte successive alle Arten von Teppichen ein; schon in den Siebzigerjahren haben sich die Maffersdorfer Teppiche selbst in Paris und London einen hervorragenden Ruf erworben. Der Gründung dieser beiden Fabriken folgten bald andere, so Johann Backhausen & Söhne im Jahre 1871; Julius Pfeiffer, der seit 1857 eine Wollzeugfabrik betrieb, nahm in den Sechzigerjahren die Möbelstofferzeugung, in den Siebzigerjahren die Teppichfabrication auf. Aubin, Protzen & Co., als Filiale der alten Berliner Firma M. Protzen & Söhne, errichteten 1875 eine Fabrik in Reichenberg. Karl Wagner in Maffersdorf besteht seit den Vierzigerjahren; in neuerer Zeit erlangten Bedeutung die Häuser Bareuther & Comp, in Eger und die Rossbacher Teppichfabrik. Mit der Erzeugung ordinärer Teppiche beschäftigen sich eine Reihe von kleineren Industriellen. Nicht unerwähnt bleibe die landesärarische Weberei in Sarajevo, deren Bestreben höchst aner- kennenswerth ist, die alte türkische Teppich-Hausweberei aus ihrer Lethargie zu erwecken und zu neuem Schaffen anzuleiten. So ist denn die österreichische Teppich-Industrie ein mächtiger Factor im österreichischen Wirthschaftsleben geworden und hat sich eine achtunggebietende Stellung auf dem Weltmärkte erobert. Freilich von den chronischen Leiden, an denen die gesammte österreichische Industrie krankt, bleibt auch die Teppich-Industrie nicht verschont, doch sei es erlassen, an dieser Stelle diese Leiden näher zu erörtern. Erwähnt sei nur ein Umstand, welcher einer grossen Entwickelung dieser Industrie entgegensteht, d. i. der geringe Absatz in jeder einzelnen der grossen Reihe von verschiedenen Teppicharten im Inlande, die den österreichischen Fabrikanten zwingt, mit allen Gattungen dieser Gewebe auf den Markt zu kommen, so dass es ihm nicht so wie dem englischen, französischen und deutschen Fabrikanten möglich ist, auch zu specialisiren und seine ganze Arbeitskraft einem besonderen Zweige dieser Industrie zu widmen. Die ersten österreichischen Industriellen erzeugen Teppiche vom billigsten Juteläufer angefangen bis zu den kostbarsten Knüpfteppichen; dazwischen liegen die Holländer Teppiche, die Kidderminster, Tapestrie, Patent-Velvet, Brüssel, Tournay-Velvet, Axminster und eine Reihe von Geweben, welche, auf mechanischem Wege erzeugt, den Knüpfteppich imitiren wollen. Bei allen diesen mechanisch erzeugten Teppichen ist der Dessinateur in der Wahl des Musters und der Zahl- der Farben durch die Textur des üi^yyrit.irr Jf, t^\**~**v? JAjM wmm ■j-Tv Moderne Teppichweberei. 349 Gewebes beschränkt, nur der geknüpfte Teppich gestattet eine freie Behandlung, ein Nachgehen der Phantasie und ist daher auch eher in die Ivunstproducte als in die Industrieproducte einzureihen. Doch gerade diesen besten Producten der Teppich-Industrie ersteht ein harter Kampf durch den zunehmenden Import von anatolischen, persischen und indischen Teppichen; abgesehen von einzeln vorkommenden Prachtstücken, die aber, kaum in den Handel gebracht, in die Hände von Kennern übergehen, mangeln dem modernen orientalischen Teppiche die meisten Vorzüge der Alten. Nur die Billigkeit haben sie für sich und den den Laien bestechenden Umstand, im Orient erzeugt zu sein. In der Genauigkeit der Ausführung, der Gleichartigkeit des Materiales, in der Echtheit der Farben und in der Dessinirung sind wir dem modernen Orientalen weit überlegen, nur gestatten unsere theuren Arbeitslöhne, welche mehr als das vierfache der im Oriente bezahlten betragen, die Herstellung jener dicht eingestellten Qualitäten nicht, die an die alten persischen Teppiche erinnern. Es sei darauf hingewiesen, dass persische Teppiche mit einer Einstellung von 150.000—200.000 Knoten pro Quadratmeter keine Seltenheit sind, ja dass sogar Teppiche mit 400.000 Knoten erzeugt werden. In Europa geknüpfte Teppiche mit nur 60.000 Knoten sind schon wegen des hohen Preises ausserordentlich schwer verkäuflich. Dass trotzdem die österreichische Teppichknüpferei auf dem Weltmärkte concurrenzfähig ist, sei dadurch bewiesen, dass trotz eines Zolles von 185 Francs pro 100 Kilogramm Frankreich für circa 250.000 Francs Teppiche aus Oesterreich bezieht; ein gleiches Quantum liefert Oesterreich nach England. Die grosse Bedeutung der österreichischen Teppich-Industrie ist nicht nur dem Umstande zu verdanken, dass die Industriellen einerseits in Frankreich und England für sich ausgezeichnete Dessinateure beschäftigt haben, sondern sich auch im Inlande eine Armee von guten Zeichnern heranbildeten. Wenn die erste Londoner Ausstellung im Jahre 1851 einen grossen Anstoss zur Verbesserung des Geschmackes in der gesammten Teppich-Industrie gab, so ist in Oesterreich seit der Wiener Weltausstellung ein frischerer Zug bemerkbar. Ein Verdienst gebührt dem österreichischen Museum für die ausgezeichneten Vorlagen, insbesondere aber auch dem österreichischen Handelsmuseum, welches uns im Jahre 1891 wohl die reichhaltigste je dagewesene Sammlung bester Teppiche der ganzen Welt vorführte und dadurch grosse Anregung zu neuem Schaffen gab. In den letzten zwei Decennien sind, der Hast unseres Jahrhunderts folgend, auch in der Teppichmusterung sämmtliche Stylarten, von der Gothik angefangen bis zum nüchternen Empire-Styl, durchflogen worden. Manch Gutes ist auf diesem schnell durcheilten Wege mitgenommen worden, doch wurde auch recht viel gesündigt und vom Publicum zu sündigen verlangt, so dass die Musterung der Teppiche vielfach nicht mehr im Einklänge stand mit der Verwendung derselben. Seit wenigen Jahren nun hat sich auch in der Teppichmusterung der neue Styl geltend gemacht. Trotz mancher Uebertreibungen, die ihm vorgeworfen werden mögen, hat er doch in Farbenstimmungen ganz Ausgezeichnetes geschaffen und vor Allem mit dem Relief mit Licht und Schatten im Teppich gebrochen, und hat uns wieder zurückgeführt zum Flachornament, zu Stylisirungen aus dem Pflanzen- und Thierreiche. So leitet er uns wieder hinüber zu den unvergänglichen und immer mustergiltigen Vorbildern der alten persischen Teppichweberei. BRÜDER BACHER & CO. TEPPICH- UND DRUCK-FABRIKEN WIEN, HOHENEICH, RUMBURG, PÜRBACH UND BIELA. nter der glorreichen Regierung Sr. Majestät des Kaisers vollzog sich in der heimischen Textil-Industrie ein grandioser Aufschwung, der unter Anderem auch Anreg-ung bot, es mit zahlreichen neuen Spinn- und Webestoffen zu versuchen. Von all diesen Materialien erzielte die einzige Jute einen durchschlagenden Erfolg. Gegenwärtig bereits zur Gross-Industrie geworden, geht die Production und Verarbeitung dieses in unserem Vaterlande bis vor nicht allzu langer Zeit noch unbekannten Spinn- und Webestoffes einer glänzenden Zukunft entgegen. Die Vervollkommnung dieses jüngsten Industriezweiges schreitet stetig vorwärts; nicht minder die Kunst, Juteproducte schön und dauerhaft zu färben, und man hat es bereits so weit gebracht, dass man nicht nur Getreidesäcke und ordinäre Artikel, sondern sogar Möbelstoffe, Vorhänge und Teppiche daraus erzeugt. Zu den bedeutenden Unternehmungen auf dem Gebiete der Jute-Industrie zählt die hier besprochene Firma, die von Karl Frankl und den Brüdern Eduard und Sigmund Bacher im Jahre 1882 gegründet wurde. An zwei Betriebsstellen begannen die Gründer ihre Thätigkeit. In Iglau erzeugten sie in eigener Fabrik auf Handstühlen Jute-Laufteppiche und in Untermeidling bei Wien, gleichfalls im eigenen Hause, Jutevorhänge. In kurzer Zeit erwarben sich die Erzeugnisse der Firma den allgemeinen Beifall des consumirenden Publicums, der in einer lebhaften Nachfrage zum klaren Ausdruck kam. In Folge des steigenden Absatzes vermochten nun die Firmainhaber nicht nur den Maschinenbetrieb in ihren Unternehmungen einzuführen, sondern dieselben sogar durch die Errichtung einer weiteren Jute-Lauf- teppichweberei zu Brünn, die von vorneherein theil- weise auf Maschinenbetrieb eingerichtet wurde, zu vermehren. Doch alle diese Vergrösserungen und Veränderungen erwiesen sich bald als unzureichend zur Bewältigung der in gewaltigem Umfange einlaufenden Bestellungen; daher Hessen die Firmaträger, als im Jahre 1888 ihre Meidlinger Druckfabrik gänzlich niederbrannte, dieselbe in weitaus grösserem Aus- maasse neu errichten und ihr zugleich eine mechanische Weberei für Jute-Laufteppiche einfügen, gleichzeitig aber wurde die Fabrication in Brünn und Iglau eingestellt. Dadurch war die Firma mit einem Schlage in die Lage versetzt, nicht nur im Inlande ihre Fabrikate abzusetzen, sondern diese auch im Exportwege auf ausländischen Märkten mit bestem Erfolge einzuführen. Bald darauf erlitt die Firma einen schweren Verlust. Im Juni des Jahres 1893 gieng Sigmund Bacher mit dem Tode ab, worauf Eduard Bacher und Karl Frankl ihren Wirkungskreis in der Weise regelten, dass ersterer die Leitung der Fabrication und des Verkaufes übernahm, während letzterer die übrigen commerziellen Angelegenheiten besorgt. Durch diese treffliche Ar- beitstheilung, die jedem der Firmaträger die seinen Fähigkeiten und Neigungen entsprechende Thätigkeit ermöglicht, konnten diese um so intensiver zur Entfaltung ihrer Unternehmungen beitragen. In dem damit erzielten glücklichen Entwickelungsgange der Firma Brüder Bacher & Co. fanden sich die Besitzer im Jahre 1894 neuerdings veranlasst, ihre Betriebsstätten zu vergrössern, und errichteten zu diesem Zwecke in Biela eine Fabrik zur Herstellung von Vorhängen, Bett- und Tischdecken; ferner wurden Factoreien in Pürbach, Rumburg und Hoheneich gegründet; an letzterem Orte hatte die Firma bereits 1886 mit der Fabrication von handgeknüpften Smyrna-Teppichen begonnen. Die Firma Brüder Bacher & Co-, die Anfangs kaum 20 Arbeiter beschäftigte, gibt heute 1500 Personen ihren täglichen Verdienst und hält 800 Webstühle, theils mechanische, theils Handstühle, im Betriebe. Ä! . 181 ! AfC (ns t* -.' 35i \-^• ! :»i .-»• —.ri» ■'•WsML ir i V w*-i i n -’ ;jv ;j I. GINZKEY K. K. PRIY. TEPPICH- UND DECKEN-FABRIK MAFFERSDORF IN BÖHMEN. n dem reichen, mit bienenartiger Emsigkeit schaffenden Industriegebiete des nördlichen Böhmens spielt die Industrie der Teppiche eine hervorragende Rolle. Innerhalb ihres Gebietes nimmt die Firma I. Ginzkey in Maffersdorf die führende Stellung ein. Von kleinen Anfängen wuchs das Unternehmen unter thätiger weitblickender Leitung zu der heutigen auf dem Weltmärkte anerkannten Bedeutung heran. Der Begründer der Fabrik, Ignaz Ginzkey, gieng, wie die meisten hervorragenden Industriellen der dortigen Gegend, aus sehr bescheidenen Verhältnissen hervor. Am 25. Juni 1819 in Maffersdorf geboren, betrieb er anfangs neben der Gärtnerei auch die Weberei und Tuchleisten-Spinnerei, bis er nach dem früh erfolgten Tode seines Vaters und der ihm nunmehr zufallenden Sorgen für die Familie sich gezwungen sah, seiner geschäftlichen Thätigkeit eine andere Richtung zu geben. Die Handweberei auf einem einzigen Stuhle warf nicht den genügenden Verdienst für den Lebensunterhalt einer zahlreichen Familie ab, und so entschloss er sich denn im Jahre 1843 den ersten Teppichstuhl mit einer Jacquard-Maschine aufzustellen. Dem Entschluss in seiner Umsetzung in die That folgte der Erfolg und mit ihm im Herbst desselben Jahres ein zweiter Stuhl; ihm schloss sich im Jahre 1845 auch der erste Stuhl zur Erzeugung von Decken aus Schafwolle an. So beschaffen war der kleine und unbedeutende Anfang eines Fabrikszweiges, . welcher durch Energie und den Scharfblick des Begründers der Fabrik, durch seine kluge Berechnung der Bedürfnisse des Marktes und durch die aus dem letzteren entspringenden zeitgemässen Umänderungen und Erweiterungen des Betriebes zu der heutigen Production der umfangreichen und grossen Anlage führen sollte. Im Jahre 1845 brachte Ignaz 352 Ginzkey zum erstenmale seine selbsterzeugten Teppiche und Decken auf den Wiener Markt. Der Erfolg war ein derartiger, dass bereits 1847 mit sechs Teppichstühlen und einem Deckenstuhle gearbeitet werden konnte. Die gleichzeitige Errichtung einer Färberei half einem lebhaft empfundenen Mangel ab. Das Unternehmen wuchs von Jahr zu Jahr. 1856 erwarb Ignaz Ginzkey eine Fabrik, vergrösserte dieselbe 1858 und 1861 und entwickelte das Geschäft so, dass er die Londoner Ausstellung beschickte und innerhalb der Fabriksräume bereits 230 Personen Arbeit gab, während er ausser dem Hause noch 80 Familien mit Spinnen beschäftigte. 1863 wurde unter gleichzeitiger Erweiterung der Spinnerei ein grosses Webereigebäude aufgeführt, und man begann den immer grösser werdenden Bedarf an Kunstwolle selbst zu erzeugen. 1872 begann der Bau eines zweiten grossen Webereigebäudes, und als Ignaz Ginzkey am 3. Mai 1876 in Folge eines Herzschlages die Augen schloss, konnten seine Söhne ein blühendes Geschäft als werthvolles Erbe antreten. Zunächst übernahmen die beiden älteren Söhne Ignaz und Willy die Leitung des umfangreichen Unternehmens, bis 1891 auch der jüngste Sohn Alfred in die Leitung eintrat. Am 19. October 1895 rief der Tod den ältesten Chef Ignaz Ginzkey, langjährigen Präsidenten der Reichenberger Handels- und Gewerbekammer, im blühendsten Mannesalter und aus weitgehenden Zukunftsplänen ab; seitdem ruht die Leitung der Fabrik auf den Schultern der Brüder Willy und Alfred. Gleich ihrem thätigen Vater haben auch die Söhne die Hände nicht ruhen lassen, und dem einen Teppichstuhl mit Jacquard-Maschine des Jahres 1843 stehen heute nach mehr als 50 Jahren in der Weberei 250 mechanische Stühle und über 100 Handstühle, darunter etwa 70 für Knüpfteppiche, für Teppiche bis zu der aussergewöhnlichen Breite von i2'50 Meter gegenüber. Das ganze Etablissement besteht heute aus zwei Streichgarnspinnereien, einer Kunstwollfabrik, der Teppich- und Deckenfabrik mit Wollspinnerei, Färberei, Zwirnerei und beschäftigt über 1200 Arbeiter. Die Spinnerei umfasst zwölf Assortiments-Krempeln nebst den dazugehörigen Spinnmaschinen. Der mächtige Umfang des Unternehmens lässt sich am besten ermessen, wenn man erfahrt, dass der maschinelle Betrieb der Fabriken von drei durch sieben Kessel gespeiste Dampfmaschinen und ausserdem von mehreren Elektromotoren geleitet wird. Die Erzeugnisse der Firma beginnen bei den einfachen schlichten Läufern und Teppichen, welche in bescheidener Zurückhaltung die Wohnungen der mittleren Stände schmücken und ihnen den Eindruck behaglicher Wohnlichkeit verleihen. Es sind mit einer bescheidenen Kunst ausgestattete Boden- und Treppenläufer, theils mit Streifen, theils geometrischer, theils blumenartiger Musterung in gedämpften g-rauen, grünlichen, mit dunkelfarbigen Streifen versetzten Tönen oder mit reicher Farbenentwickelung, deren Muster der Pflanzenwelt entlehnt sind; sie sind in Jute oder Wolle gewebt. Zu ihnen gesellen sich die Tapestries und Velvets, als Sofas und Rugs, die Brüssel- und Axminster und endlich die geknüpften Teppiche. Ein besonderes Erzeugnis der Fabrik sind die im Handel unter dem Namen Austrian- Blankets bekannten bunten Wolldecken, die einen bedeutenden Theil des Exportes bilden. Das aber, was der Fabrik den Weltruf verschafft, sind ihre geknüpften Teppiche. Ein umfangreiches Zeichnenatelier schafft für sie die glänzenden Muster in allen Stylen, namentlich aber in persischen, orientalischen, im Style des 18. Jahrhunderts und im Style der neuen Kunst, der »art nouveau«, inso- ferne die Fabrik nicht vorzieht, die köstlichen alten Erzeugnisse unmittelbar zum Vorbild zu nehmen. In dieser Beziehung hat die im Jahre 1891 vom Handelsmuseum in Wien veranstaltete Ausstellung, welche in einer nie erreichten Vollständigkeit ein übersichtliches Bild über die ge- sammte Kunst des orientalischen Teppichs gab, ausserordentlich belebend und befruchtend gewirkt. Eine besondere Art von Teppichen, die unter dem Namen Persan Anden in den Handel gebracht ist, besteht aus feinster Angorawolle und nimmt die guten alten persischen ^Teppiche zum Vorbild. Diese Erzeugnisse sind vollendete Kunstwerke in Glanz und Muster der Farben, im Material und in der Zeichnung; in ihnen steht das Haus Ginzkey unerreicht da. Einmal ist es der Gebetteppich in seiner unerschöpflichen Form und Farbengebung, mit der Argaman - Weberei, ^SSSS "fliSSiH MB mm M 4 - «si* Die Gross-Industrie. IV. 253 45 der Orient in so reichem Maasse ihn überschüttete, der als ein nie versiegendes Vorbild, als eine unerschöpfliche Quelle von Schönheit den neuen Erzeugnissen als Vorbild dient. Den berühmten Jagdteppich aus dem Besitze des Allerhöchsten Kaiserhauses in Wien, die wunderbaren Teppiche des Fürsten Liechtenstein, die Schätze des South-Kensington- Museums in London, des Handelsmuseums und des Oesterreichischen Museums in Wien, des Museums in Budapest, des Xordböhmischen Gewerbemuseums in Reichenberg, alle die in diesem Museum geborgenen reichen Schätze aus dem ewigen und unerschöpflichen Jungbrunnen der orientalischen Kunst, weiss sich die Firma mit scharfem Blicke und künstlerischem Verständnisse dienstbar zu machen. Teppiche im Geschmack Louis XIV., Louis XV. und Louis XVI. bilden in vorsichtiger Aneinanderreihung der ungemein zarten Farbeneffecte Hauptstücke der Ginzkey’schen Manufactur und werfen dem auffallenden Licht strahlenden Glanz entgegen. Den Forderungen der modernen Kunst verstehen die Zeichen-Ateliers in einer Weise gerecht zu werden, welche der Manufactur auch in dieser Hinsicht die führende Rolle in Oesterreich verschafft hat. Die köstlichen Blumengebilde ihrer Teppiche lassen die heute leider aus der Uebung gekommene schöne Sitte des Mittelalters, bei festlichen Anlässen den Boden mit Blumen zu bestreuen, nicht schmerzlich vermissen. Was im Mittelalter Binsen, Gras und Blumen für den Estrich der oft kalten Wohnung waren, das sind heute die Teppiche Teppich-Knüpferei. ■l’W '-W-V mm JBEs3l für den Holzfussboden des gegen früher behaglicheren Wohnraumes. Auch hierin drückt sich der Fortschritt in der Wohnlichkeit, wie er sich für die moderne Wohnung fortschreitend feststellen lässt, gegenüber der freilich noch mit manchen technischen und baulichen Unzuträglichkeiten kämpfenden Wohnung des Mittelalters aus. Man darf sagen, dass sich dieser Fortschritt zuverlässig an dem Aufschwünge der gesammten Teppich-Industrie messen lässt und an der Verbreitung, die sie über das ganze Abendland gewonnen hat, und wenn es irgendwo im Abendlande unternommen worden ist, die künstlerische Ueberlieferung des Orients im Geiste ihres Heimatslandes fortzupflanzen, wenn es gelungen ist, den Teppich, suche er seine Vorbilder nun im Orient, oder schöpfe er seine Form aus dem 18. Jahrhundert, oder unterwerfe er sich endlich den Forderungen der neuen Kunst unserer Tage, zu dem Range eines Kunstwerkes zu erheben, so darf auf die erfolgreiche Thätigkeit des Hauses Ginzkey hingewiesen werden, das nunmehr ein halbes Jahrhundert und ein Lustrum besteht und in diesem verhältnismässig kurzen Zeiträume schnell zu grosser Blüthe geschritten ist. Der überzeugende Beleg hiefür sind die Wohlfahrtseinrichtungen der Fabrik. Ihre vollkommene Ausgestaltung für den Arbeitnehmer schafft zwischen diesem und dem Arbeitgeber jenes harmonische Verhältnis, welches allein im Stande ist, einen grossen industriellen Betrieb vor socialen Erschütterungen zu bewahren. Von den gesetzlich vorgeschriebenen Versicherungen gegen Unfall und Krankheit leistet die Betriebs-Krankencasse ungefähr das Doppelte der gesetzlichen Vorschrift. Daneben besteht eine von der Firma freiwillig gegründete \ ersicherung geg’en Krankheit 354 I P&ä-r V-A: ^.jp ?fe>. aasäS’ ;.^w- m ,;SM füi Ttill «p: th t B ift» •»■*« iil#»»« M 4# **V^ ’TVBr.BQWT „DIE GROSS-INDUSTRIE OESTERREICHS': KUNSTANSTALT S-CZEIGER/WIEN K.K.PRIK TEPP ICH-UND DECKEN-FABRIKEN I. G IN ZKEY, MAFFERS DORF, 1898 ■> Äffm? '■£ Aift .. 1 f Isrfj- FTlKs'TA'U*'.. 3 iC\AN.AS lrtiV.*: v*F>;i A ' y der Kinder und Frauen ihrer Arbeitnehmer. Auch der Invaliden ist gedacht, indem schon seit vielen Jahren eine Pensionscasse besteht, durch welche jeder Arbeiter, der zehn Jahre in der Fabrik beschäftigt war und arbeitsunfähig wird, eine lebenslängliche Pension von mindestens fl. 2 bis fl. 2^50 in der Woche erhält. Diese Pension findet eine Ergänzung durch eine Alfred Ginzkey-Stiftung, nach welcher einem Pensionisten eine nach der Anzahl der in der Fabrik verbrachten Jahre progressiv steigende Zulage von fl. 1 bis fl. 3 in der Woche gewährt wird. Um die Arbeiter an eine gute, rationelle Ernährung zu gewöhnen, wurde vor fünf Jahren ein Speisesaal für 400 Personen nebst einer Dampfküche errichtet, in welcher täglich ein vollkommenes Mittagessen für 13 Kreuzer verabreicht wird. In dem Speisesaale liegen gegen 40 Tages- und Wochenblätter auf. Den Arbeitern steht ausserdem eine Bibliothek von etwa 3000 Bänden zur freien Benützung zur Verfügung. In den Wintermonaten werden von Professoren und Wanderlehrern für die Arbeiter regelmässig populär-wissenschaftliche Vorträge gehalten. Nicht unerwähnt bleibe ein durch Anregung und Unterstützung der Firma ins Leben gerufener Consumverein, welcher heute den bedeutenden Umsatz von fl. 140.000 erzielt und in den letzten Jahren eine Dividende von 12 Procent an die Arbeiter zahlte. Als nächste Wohlfahrtseinrichtung für die Arbeiter ist ein Volksbad geplant. Sämmtliche Wohlfahrtseinrichtungen werden von Arbeiter-Ausschüssen mitverwaltet, wodurch die Arbeiter nicht nur zu ruhiger wirthschaftlicher Arbeit herangezogen werden, sondern auch das Verhältnis zwischen Arbeitgeber und Arbeitnehmer mehr und mehr den vielfach beobachteten Charakter des Gegensatzes verliert und zu einem thatsächlichen Einvernehmen führt, bei welchem beide Theile ihre Befriedigung finden. So ist denn nicht zu viel gesagt, wenn man die Teppichfabrik von I. Ginzkey sowohl hinsichtlich ihrer industriellen Production, wie hinsichtlich ihrer socialen Fürsorge als eine Musteranstalt bezeichnet. (Verfasst von Albert Hofmann.) _ _ 355 1 »jHBSHhIUI ■lliiii,,, Ullllll §ms y@RiMmw »CO uTrTnT B.£RnT- PHILIPP HAAS & SÖHNE K. K. PRIV. TEPPICH- UND MÖBELSTOFF - FABRIKEN WIEN —EBER GAS SING—MITTERNDORF HLINSKO — ARANYOS-MAROTH UND BRADFORD. >* i*. ,*-a* 251 i |c^ y^fsi er Name Philipp Haas ist auch ausserhalb der Grenzen unserer Monarchie bekannt, für Oesterreich hat er aber eine besondere Bedeutung, knüpft sich doch daran die Geschichte eines Industriezweiges, der nach einer verhältnismässig kurzen Zeit der Entwickelung heute in voller Blüthe steht und nicht wenig dazu beigetragen hat, unserem Yaterlande auf dem Weltmärkte einen ehrenvollen Platz zu erobern. Die Teppicherzeugung wurde zwar in unserer Heimat schon seit früher Zeit betrieben, jedoch auf dieselbe Weise, die auch für viele andere Zwei ge des Gewerbslebens charakteristisch ist. In der von den Vätern überlieferten Art wurde sie in dem engen Kreise der Zünfte ausgeübt, ohne Rücksicht darauf, dass sie in anderen Ländern eine immer grössere Vervollkommnung gewann. Man suchte nicht von der Fremde zu lernen, jeder auswärtige Einfluss wurde vielmehr, als die alten Traditionen störend, für schädlich erachtet. Kein Wunder war es also, dass während zu Beginn dieses Jahrhunderts in anderen Ländern, in England, Frankreich, Belgien u. s. w. die Teppicherzeugung einen mächtigen Aufschwung genommen hatte, sie sich bei uns noch auf einer ganz unentwickelten Stufe befand, und dass der inländische Bedarf auf den auswärtigen Märkten, namentlich in England, seine Befriedigung suchte. Der Weg, diesen Zweig der Textil-Industrie von seiner ursprünglichen primitiven Stufe zur heutigen Höhe zu erheben, war ein schwieriger und mühereicher, tritt doch hier die künstlerische Seite des Gewerbes ganz besonders hervor. Den farbenreichen Vorwurf der Maler mit den Mitteln der Weberei zu einer wirklich stylvollen Wiedergabe zu bringen, die feinsten Nuancen, die zartesten Töne auf den Geweben hervorzurufen, setzt eine Vollendung der Technik, eine Schulung der Arbeitskräfte voraus, die in einem Lande herbeigeführt zu haben, wirklich als ein culturelles Verdienst geschätzt werden muss. Dieses Verdienst ist Philipp Haas sen. zuzuschreiben, der sich damit einen Ehrenplatz in der Entwickelungsgeschichte unserer Industrie erworben hat, und wenn ein an unseren Schulen eingeführtes Lesebuch in einem Abschnitte »Philipp Haas« sein Lebensbild der Jugend überliefert, so ist das dort am rechten Platze; denn dieses Mannes Wirken und Schaffen kann als der Anerkennung werth und der Nachahmung würdig hingestellt werden. — 35 6 — l 1 'Palirt- i&ü ^ ' .-.-:|Ü #fä* '. *«•**•' f,°,4 y=U '*&» ^Âfakteï'' TM 1 S I * » * •!• «"Ü# !! 'îîÏHïjŒHliiîl^ * •• «»«»ijü!; .. ... *»jffi | J^;% ^ * i B ‘ s & r ’ i'll 1 '“ - ail * 8 ,: ' , " 'I* I } H i « * v '. . * * I 1 »• 1 » t f I. 1 Î.-. ^ : '" ^ •iitini.! , i r !. ; i! 'Al\\i± ■ ■rSrt.ia^L''■f* ’ : ""Îl'- : :- '■ ''■:' ■'■' ^ P- " ■■)?;.- ' ")** ■i* 1 : -i* î sa^ÄXAJwrtjIJ!* »LZÄ-O. Sa.^ ■=• w« •- •>•• '';r< \ü*t« VERLAG VON LEOPOLD WEISS, WIEN. DIE GROSS-INDUSTRIE OESTERREICHS K. K. -LANDESPRIV. TEPPICH- UND MÖBELSTOPF-FABRIKEN VON PHILIPP HAAS & SÖHNE IN EBERGASSING BEI WIEN. Philipp Haas, geboren 1791, stammte aus einer AVeberfamilie; schon sein Vater betrieb dieses Gewerbe auf dem »Grunde« der AVeber-Industrie in AAhen, in der A^orstadt Gumpendorf, wo auch das Stammhaus des jetzigen Geschäftes gelegen ist. A"on früher Jugend an widmete er sich mit Hingebung seinem Beruf und erwarb auch durch seine Arbeiten einen Preis von 60 fl. an der Manufactur-Zeichenschule, der als das Grundcapital seines Unternehmens zu betrachten ist. Mit diesem Betrage eröffnete er im Jahre 1810 eine eigene A\ r erkstätte und begann so seine selbstständige Thätigkeit. Damals beherrschte, wie schon erwähnt, England mit seinen Fabrikaten so vollständig den Markt, dass es vermessen erschien, ihm das Terrain streitig machen zu wollen. Haas schreckte aber davor nicht zurück, indem er sich sagte, dass auch die englische Industrie nicht immer obenan gewesen, und dass der AA r eg, der sie zur Höhe geführt hatte, anderen nicht versperrt sei; weiter hinaus, als von den Engländern zu lernen, es ihnen gleichzuthun, das österreichische Publicum allmählich an die Vorstellung zu gewöhnen, dass es eben so solide AAMare für billigere Preise im Lande selbst erhalten könne, dürfte er aber lange nicht gedacht haben. So bescheiden er anfangen musste, so stetig entwickelte er sein Geschäft; mit weissen Kattunen hatte er begonnen, nach und nach kam die babrication von Organtinen, Musselinen und Linons hinzu. Aufmerksam jeden bortschritt in der AVeberei, Bleiche, Färberei und Appretur verfolgend, sich zunutze machend, auch manchmal selbst verbessernd, gelangte er dahin, Baumwollstoffe von gleicher Vorzüglichkeit wie die Engländer bei niedrigeren Preisen zu liefern. Für seine Leistungen in diesem Industriezweige wurde ihm auf der Gewerbe- producten-Ausstellung zu AAfien im Jahre 1839 bereits der erste Preis zuerkannt, wie er auch fünf Jahre später auf der deutschen Gewerbe-Ausstellung in Berlin für Damaste prämiirt wurde, für die er eine neue Brochirvorrichtung erfunden hatte. Innerhalb weniger Jahrzehnte war der inländische Markt vollständig erobert und der Concurrenzkampf über die Grenzen des Reiches hinausgetragen worden. Auf allen bedeutenderen Industrie-Ausstellungen, welche dann einander rasch folgten, behauptete das Haus seinen Platz in allererster Reihe: in AAfien 1845, in Leipzig 1850, in London 1851 u. s. w. Im Jahre 1825 war die Fabrication auf Kleiderund AVestenstoffe ausgedehnt und eine Zeugdruckerei angelegt worden; im Jahre 1831 wurde ein neuer Productionszweig eingeführt, der später eine so hohe Bedeutung gewinnen sollte, nämlich die Erzeugung von Möbelstoffen, die in Mitterndorf bei AA r ien ursprünglich als Handweberei, von 1845 an mit 30 mechanischen Stühlen betrieben wurde; nebstdem wurde eine Garn- und Stoff-Färberei errichtet. In Mitterndorf hatte Haas bereits 1831 eine Mühle angekauft und zur Fabrik adaptirt, welche nach einem stattgehabten, alles vernichtenden Brande an anderer Stelle im selben Orte als Baumwollspinnerei neu erbaut wurde. Vom Jahre 1840 datirt diejenige Thätigkeit des Hauses, welche neben der Möbelstofffabrication der Firma ihre AVeltstellung erwerben sollte: die Teppichfabrication. In demselben Jahre wurde das erste A'erkaufslocal in A\ 7 ien am Graben (Trattnerhof) eröffnet, welches bereits 1846 eine Filiale in Pest erhielt, nachdem Jahre vorher schon ungarische Märkte besucht worden waren. Im Jahre 1849 folgte die Errichtung der Schafwollsammt- (A r elour d’UtrechtJAVebereien in Hlinsko in Böhmen. Mittlerweile waren dem rastlosen Manne zwei Söhne, Robert und Eduard, als Gehilfen herangewachsen, die, von vorneherein mit den wissenschaftlichen und technischen A T orkenntnissen ausgestattet, welche der A^ater sich so mühsam hatte aneignen müssen, nach vierzigjährigem Bestände des Geschäftes in dasselbe als Theilhaber aufgenommen wurden, womit eine neue Aera des Hauses beginnt. Der Eintritt der beiden neuen Firmaträger ermöglichte es, in der Erweiterung des Unternehmens einen entscheidenden Schritt nach vorwärts zu thun. Es wurde die ehemalige Baumwollspinnerei in Ebergassing bei AVien angekauft und im grossen Style für die Teppich- und Möbelstofffabrication eingerichtet, während Mitterndorf zur Baumwollspinnerei umgewandelt wurde. Eduard Haas, am 15. September 1827 geboren, hatte vom A'ater den regen, umsichtigen Geschäftsgeist und die unermüdliche Arbeitskraft geerbt, besass aber als das Kind einer andern Zeit zugleich offenen Blick für die Bedeutung der Kunst im Gewerbe und aufrichtige Freude an derselben. Unmittelbar nach seinem Eintritte in die Firma fiel das grosse Ereignis, welches gerade in dieser Beziehung eine vollständige Umwälzung in der europäischen Industrie bewirken sollte: die erste Londoner Industrie-Ausstellung. Eduard Llaas, dem bei der Kränklichkeit des Bruders Robert bald die geistige Leitung des riesigen Geschäftes zufiel, lenkte dasselbe sofort in die neue Richtung. Dass darüber nichts vernachlässigt wurde, was die j Waarcnhaus in Wien, I., Stock im Eisenplatz. w jfeggj ■ a. 357 technische Leistungsfähigkeit der Fabriken erhöhen konnte, ist naheliegend: so wurden 1852 die ersten mechanischen Teppichstühle in Ebergassing aufgestellt, neue Fabriken gegründet — 1856 eine solche für Wolldamaste in Bradford in England — und fortwährend neue Niederlagen im In- und Auslande eröffnet. Welchen Einfluss die Firma, insbesondere Eduard Haas, auf die Kunst-Industrie nahm, geht wohl am besten daraus hervor, dass nach seinem Tode sein Bild das erste war, welches in der Stiegenhalle des k. k. Oesterreichischen Museums für Kunst und Industrie, dieser Ehrenhalle für jene Männer, welchen das österreichische Kunstgewerbe seinen neuen Aufschwung zu danken hat, seinen Platz fand. Die Beziehungen der Firma Philipp Haas & Söhne zum österreichischen Museum sind so alt, wie dieses selbst. Wie Eduard Haas in der Teppichfabrication sofort den alten Irrweg verlassen hatte, als durch die indischen und türkischen Arbeiten auf der Ausstellung von 1851 die richtigen Principien der Flächen Verzierung wieder zum Bewmsstsein gebracht worden waren, so wandte er die Motive der Sammlung mittelalterlicher und Renaissancestoffe im Museum mit wahrer Lust und richtigem Verständnisse an. Philipp Haas & Söhne waren die Ersten, welche nur stylisirte Muster in Möbel- und Vorhangstoffen auf den Markt brachten, zu einer Zeit, w t o der grössere Theil des Publicums noch weit davon entfernt war, dies zu würdigen. Eduard Haas hatte das Gefühl der Verpflichtung, welche ihm seine Stellung als hervorragender Ver- Theil aus einem Teppich-Websaale in Ebergassing. treter eines der wichtigsten Industriezweige auferlegte. Dies bestimmte auch die Firma, jene Prachtstücke an Teppichen und Wanddecorationen, wie z. B. die Copie des schönsten persischen Teppichs im Baierischen Nationalmuseum in München, ausführen zu lassen, welche einen Glanzpunkt der Weltausstellung bildete. Künstler, wie v. Ferstel, v. Hansen, Storck, Ernst, Schuhmann, Maquer, haben der Firma bei Aufgaben von hervorragend künstlerischer Bedeutung ihre Unterstützung geliehen. 1870 starb Philipp Haas, nachdem er noch die 1866 nach Plänen von van der Nüll und Siccardsburg erfolgte Erbauung des berühmten Waarenhauses der Firma — des ersten in Wien — erlebt hatte. Robert Haas folgte ihm 1876. Eduard Haas starb 1880 lange vor der Zeit — durch die Zeit. Denn nachdem er viele Jahre hindurch eine rastlose, aufreibende Thätigkeit entfaltet, überall persönlich eingegriffen hatte und sich sagen konnte, dass der Sturm des Jahres 1873 beschworen sei, war auch seine Kraft aufgebraucht. Kurz vor seinem Tode war sein Sohn Philipp in die Firma eingetreten, nachdem er seine Studien in den Webschulen von Leeds und Lyon beendet und eine mehrjährige Praxis in den eigenen Fabriken hinter sich hatte. Er wandelte die gesammten Unternehmungen in eine Actien- gesellschaft um, ohne dass aber die Geschäftsprincipien und Traditionen des Hauses hievon berührt worden wären. In der Leitung der verschiedenen Etablissements trat keine Personal Veränderung ein. So war und ist es auch möglich, dass die Gesellschaft, von gleichen Intentionen beseelt, den Umfang der Geschäfte stetig erweiterte, die Fabriken fortgesetzt auf der Höhe der technischen Fortschritte erhält und den bewährten Namen Haas ungeschwächt zur Geltung zu bringen versteht. Dermalen ist die Firma in folgender Weise organisirt: Im Wiener Waarenhause, als dem Mittelpunkte, hat die oberste Leitung ihren Sitz; die Ateliers der Zeichner und Maler, sowie die Fabriksmanipulationen sind in der Gumpendorfer Fabrik — dem Stammhause der Firma — untergebracht. In Ebergassing (Niederösterreich), dem ausgedehntesten Etablissement der Firma, werden alle Arten Teppiche — darunter auch die mustergiltigen handgeknüpften Teppiche jeder Grösse — sowie alle Arten Möbelstoffe 'in Seide, Halbseide, Schafwolle, Baumwolle, ferner alle Arten Vorhänge, Portieren und Decken hergestellt; damit verbunden sind Kamm- und Streichgarnspinnereien, Färbereien für Seide, Wolle, Baumwolle u. s. \v., dann Appreturanstalten für die verschiedenen Stoffarten. In Mitterndorf, unweit Ebergassing, wird die Baumwollspinnerei betrieben, welche die für die Weberei in Ebergassing erforderlichen Baumwollgarne dahin abliefert. In Hlinsko (Böhmen) wird ausschliesslich Velour d’Utrecht fabricirt, in Bradford (England) werden Wolldamaste, in Aranyos-Maroth (Ungarn) Teppiche, Decken und Möbelstoffe erzeugt. Eigene Niederlagen werden erhalten zum Theil in eigenen, grossartigen Waarenhäusern, in Wien in vier Bezirken (I., III., IV., VI.), Budapest, Prag, Lemberg, Linz, Graz, Brünn, Bukarest, Rom, Mailand, Genua und Neapel, wozu noch die verschiedenen Musterlager, Agenturen und Vertretungen im In- und Auslande kommen. Auf sämmtlichen Weltausstellungen erhielt die Firma stets die ersten Preise, ausserdem wurden den Chefs noch folgende Allerhöchste Auszeichnungen verliehen: Das Ritterkreuz des königlich sächsischen Verdienstordens, die goldene baierische Ludwigs-Medaille für Kunst und Industrie, der sächsische Alberts-Orden, das Ritterkreuz des kaiserlich österreichischen Franz Joseph-Ordens, das Ritterkreuz der Ehrenlegion, der Orden der Eisernen Krone III. Classe, das Comthurkreuz des Franz Joseph - Ordens. Nach Verleihung des Eisernen Kronen-Ordens wurde Eduard Haas auf Grund der Ordensstatuten von Seiner Majestät dem Kaiser in den erblichen Ritterstand erhoben. Zahlreiche Wohlfahrtseinrichtungen für die Arbeiter, sowie ein ausgezeichnet eingerichteter Pensionsfond für die Angestellten können als Krone des Ganzen bezeichnet werden. Das Bestreben des Hauses im Interesse derjenigen, welche durch ihre Mitarbeit zu dem Erfolge beigetragen haben, hat sich schon lange vor der Zeit be- thätigt, in welcher das Gesetz auf diesem Gebiete Vorschriften gegeben hat. Insbesondere muss hier hervorgehoben werden, dass schon gelegentlich der Pariser Weltausstellung 1867 der Firma ehrenvolle Erwähnung für ihre das Wohl der Arbeiter bezweckenden Einrichtungen zutheil wurde, sowie dass dieselbe sämmtlichen Arbeitern und deren Familien in den Hauptfabriken Ebergassing und Mitterndorf völlig freie Wohnung in einem eigenen, grossen Complex von Arbeiterhäusern beistellt, ohne dass ein Lohnabzug dafür stattfindet. mm. Li ***»» • I " rrm mm mm ! -i ä Stammhaus von Philipp Haas & Söhne in Wien, VI., Stumpergasse 5. 359 STICKEREI-INDUSTRIE VORARLBERGS VON DR. FRITZ CARUS I. SECRETÄR DER HANDELS- UND GEWERBEKAMMER IN REICHENBERG. Die Gross-Industrie. IV. -.‘•xV.'tJ VT , '**r v ' '** O ■39 fir /virild .-A* P? , ï l ; I V:r ) i“ DIE STICKEREI-INDUSTRIE VORARLBERGS. ie Anfänge der Stickerei-Industrie Vorarlbergs reichen anderthalb Jahrhunderte zurück. Im Jahre 1753 soll Pfarrer Kauer in Reutte im Aufträge des Hauses Gonzenbach in St. Gallen die erste ostindische Mousseline zum Besticken an seine Pfarrkinder ausgegeben haben. Aus welchem Anlasse Pfarrer Kauer auf den Gedanken kam, seiner Gemeinde diese neue Erwerbsquelle zu eröffnen, ob die Einwohner von Reutte gerade für die subtile Arbeit der Stickerei besondere Eignung besassen, ist nicht mehr zu erforschen. Thatsache ist, dass unmittelbar darauf die Stickerei in St. Gallen ihren Eingang fand und sich dort und in der ganzen Ostschweiz unter Aufrechthaltung einer ununterbrochenen Verbindung mit Vorarlberg zu einer ausserordentlichen Blüthe entwickelte, so dass diese Stadt zum Weltmärkte für den Artikel geworden ist. Selbstverständlich hatte die Stickerei- Industrie des vorigen Jahrhunderts, die lediglich Handstickerei war, nicht annähernd die Bedeutung, welche sie im Laufe dieses Jahrhunderts, für Vorarlberg insbesondere in den letzten zwei Jahrzehnten, gewonnen hat. Allein die Art des Verkehrs zwischen der Schweiz und Vorarlberg hat die von Anfang angenommenen Formen bis auf die heutige Zeit beibehalten. Er wird durch die sogenannten Fergger (Factoren) vermittelt, deren es in Vorarlberg etwa 160 geben mag. Das St. Galler Kaufhaus gibt die Muster und die Rohwaare (Stickboden) an den Fergger aus, welcher sie an die zu ihm in einem freien Arbeitsverhältnisse stehenden Sticker weitergibt. Nach erfolgter Bestickung liefert der Sticker die Waare an den Fergger ab, und dieser führt sie wieder dem Auftraggeber zu, welchem er für gute Ausführung verantwortlich ist. Ueber den Umfang dieses ersten Verkehres der Schweiz mit Vorarlberg sind wir nur mangelhaft unterrichtet. Nach einer Angabe 1 ) sollen die Löhne, die von St. Gallen nach Vorarlberg und dem Schwabenland für Baumwollspinnen, besonders aber für das Besticken von Mousseline abgeführt wurden, jährlich eine Million Gulden betragen haben, eine Angabe, die wohl um ein Beträchtliches zu hoch gegriffen sein dürfte. Ebenso wenig ist eine verlässliche Angabe darüber zu finden, wie viele Arbeiter in dieser ersten Periode in der Stickerei-Industrie beschäftigt waren. Ihre Zahl konnte aber nicht unbedeutend sein, denn schon für 1773 wird die Zahl der für die St. Gallische Stickerei beschäftigten Personen auf 6000, für das Jahr 1790 aber schon auf 30.000—40.000 angegeben, 2 3 ) und der tägliche Verdienst für eine Stickerin soll schon früher 36—60 kr. täglich betragen habend) Von welcher Bedeutung der Stickereiverkehr mit Vorarlberg nicht nur für dieses selbst, sondern auch für die Schweiz in verhältnismässig kurzer Zeit geworden war, geht mit ausserordentlicher Klarheit aus der Geschichte der Verhandlungen hervor, welche zwischen der Schweiz und Oesterreich nach Erlassung ') Ebel, Schilderung der Gebirgsvölker der Schweiz. I, S. 276. 2 ) Dr. Heinrich Wartmann, Industrie und Handel des Cantons St. Gallen auf Ende 1866. S. 164. 3 ) Dr. H. Wartmann, Beschreibung der Stadt St. Gallen. 46* r&æS dS 363 der neuen Mauthordnung des Jahres 1817 in recht mühsamer und langwieriger Weise gepflogen wurden. Während die Prohibitivmaassnahmen Oesterreichs gegen die Schweiz aus dem Ende des vorigen Jahrhunderts sich auf den Stickereiverkehr nicht bezogen und aus dieser Zeit keinerlei Klage laut werden, 1 ) änderte sich die Sachlage mit einem Schlage, als am 25. September 1817 eine neue Mauthordnung für die österreichisch-italienischen Staaten publicirt wurde, welche das Einfuhrverbot für Baumwollgarn und Baumwoll- waaren jeder Art enthielt, während gleichzeitig die österreichische Regierung verlauten Hess, dass sie die gleiche Maassregel auch für Tirol und Vorarlberg, welche eben mit Oesterreich wieder vereinigt worden waren, in Kraft treten lassen wolle. Die ostschweizerischen Interessenten erkannten sofort die Gefahr, welche ihrer Industrie aus der Entziehung der vorarlbergischen geschulten und wohl auch billigeren Arbeitskräfte erwachsen müsse, und rasch entschlossen wurde über Anregung des kaufmännischen Directoriums in St. Gallen eine Deputation, bestehend aus Michael Weniger und Karl August Gonzenbach, an das Hoflager nach Wien entsendet, um eine Aufhebung des Verbotes, mindestens aber eine Milderung desselben zu erwirken. Die Unterhandlungen dauerten viele Monate und liegen über dieselben zahlreiche Berichte vor, welche unter Anderem einen nicht uninteressanten Einblick in das Verhältnis zwischen Hofkammer und Hofcommerzstelle gewähren. Aus den vielen bemerkenswerthen Angaben der aus diesem Anlasse von der schweizerischen Deputation überreichten Denkschrift heben wir jene hervor, in welchen die alljährlich aus der Schweiz nach Vorarlberg gehenden Stickerlöhne, allerdings im Interesse der schweizerischen Sache offenbar etwas übertrieben, mit einer Million Silber angegeben werden. In Vorarlberg selbst waren die Meinungen getheilt. Während die eine Partei sich für die Beibehaltung des gegenwärtigen Zustandes aussprach, trat die andere, mit einem Rhomberg an der Spitze, für die unbedingte Anwendung der Mauthordnung auch auf Vorarlberg ein, weil sie von der Meinung ausgieng, dass die Schweiz auf die vorarlbergischen Arbeitskräfte angewiesen sei und das Einfuhrverbot die Wirkung haben werde, dass sich schweizerische Handelshäuser in Vorarlberg ansiedeln werden und auf diese Weise eine selbstständige Stickerei-Industrie im Lande entstehen müsse, wogegen die Schweizer geltend machten, »dass kein einziges vorarlbergisches Handelshaus mit den schweizerischen concurriren könne, schon wegen der dortigen sehr geringen Production von Mousseline, vornehmlich der für die Stickerei erforderlichen feinen Gattung, welche die Concurrenz der schweizerischen nicht auszuhalten vermöchte. Einen ausgebreiteten Handel werde der vorarlbergische Handelsstand also nicht treiben können; er werde sich auf den bequemen österreichischen Markt beschränken müssen und so dem vorarlbergischen Arbeiter die ausgedehnte schweizerische Industrie nicht ersetzen können«. Das Kreisamt in Bregenz befürwortete den freien Verkehr Vorarlbergs mit den beiden Cantonen St. Gallen und Appenzell »wenigstens noch auf einige Jahre« und »gegen eine angemessene Verzollung und zu regulirende Modalitäten«. In ähnlichem Sinne fiel auch endlich die Entscheidung, welche dahin lautete, dass unbeschadet des allgemeinen Einfuhrverbotes die Einfuhr der schweizerischen »Cottune«, wie es in der Entschliessung irrthümlich heisst, nach Tirol und Vorarlberg, jedoch gegen Wiederausfuhr in besticktem Zustande gestattet sein solle. Eine weitere Begünstigung wurde aber abgelehnt. Die St. Gallische Regierung dachte ursprünglich an Revanche und hatte nicht übel Lust, die vorarlbergische Stickerei dadurch lahmzulegen, dass die ostschweizerischen Häuser veranlasst werden sollten, ihre Waare ausschliesslich in der Heimat anfertigen zu lassen. Allein sei es, dass die Vorarlberger damals bessere Arbeit lieferten, sei es, dass die Löhne dort niedrigere waren, oder dass die Kaufleute ihre alten geschäftlichen Beziehungen nicht aufgeben wollten, der Plan scheiterte in seinen ersten Anfängen, nachdem das kaufmännische Directorium in St. Gallen der Regierung auseinandergesetzt hatte, dass hier »weder durch Zwang, noch durch einen Appell an den Patriotismus etwas zu erreichen sei«. Die erwähnte Entschliessung des Kaisers Franz war für die weitere Gestaltung der Beziehungen Vorarlbergs zu der Ostschweiz von ausschlaggebender Bedeutung. Wäre sie anders ausgefallen, so hätte sich vielleicht die Stickerei-Industrie Vorarlbergs zu einer selbstständigen entwickelt, jedenfalls wären die Versuche dazu, die erst in die neueste Zeit fallen, früher aufgetreten. An Thatkraft hat es den Vorarlbergern nicht gefehlt, und das Capital, welches hier wie überall eine wichtige Rolle spielt, namentlich weil die Veredelungs-Industrien, insbesondere die Bleicherei und Appretur, nicht genügend entwickelt waren, während ihre Qualität in der Stickereifabrication von hoher Bedeutung ist, hätte sich sicherlich gefunden, schon angezogen durch die damals höhere qualitative Leistung der Sticker und durch die gegenüber der Ostschweiz in der Regel etwas niedrigeren Löhne. ') Siehe Dr. Heinrich Wartmann, a a. O. S. 182. — 3G — W Wie dem immer sei, vorläufig hatte die Gestattung dieses Veredelungsverkehres die wohlthätige Folge, dass sich die Stickerei, namentlich in den Rheingemeinden, wie Lustenau, Höchst, Altach, Mäder, Hohenems bis in den Bregenzer Wald hinein, in grossem Maassstabe ausbreitete. Die Abhängigkeit von der Schweiz blieb dieselbe, und bis auf einige Regungen der Selbstständigkeit, welche in das Jahr 1820 fallen, aber zu keinem nennenswerthen Erfolge führten, nahm die Handstickerei-Industrie ihren ruhigen Fortgang, bis sie in Folge der amerikanischen Krise vom Jahre 1857 einen Stoss erhielt, von dem sie sich nicht mehr erholen konnte, da gerade in diese Zeit die Verwerthung der Plattstich-Stickmaschine fällt, welche für die ganze Industrie eine totale Umwälzung hervorbringt. Bevor wir davon sprechen, ist es nothwendig, ganz kurz die verschiedenen Arten, in welchen die Stickerei betrieben wird, zu skizziren. Man unterscheidet die Kettenstich-, die Plattstich- und die Schiffchen- oder, um bei dem üblichen Dialectworte zu bleiben, die Schifflistickerei. Bei der Kettenstichstickerei wird ein endloser Faden mittelst eines Häkchens — Crochet, — daher der besonders in der Schweiz gebrauchte Ausdruck »Crochetstickerei«, in sich selbst verschlungen, und zwar geschieht dies entweder von der Hand auf dem Stickrahmen oder Tambour (Tambourirstickerei), oder mittelst der einnadeligen Kettenstichstickmaschine, die fast gleichzeitig um das Jahr 1865 von dem Mechaniker Schatz in Weingarten und von Bonnaz in Paris erfunden wurde; Letzterer überliess seine Erfindung dem Mechaniker Cornöly, so dass die Maschine bald Bonnaz-, bald Cornelymaschine genannt wird. Die Maschine, die auf dem Princip der Nähmaschine beruht und ihr auch äusserlich ähnlich sieht, wird durch ein Pedal angetrieben, während die Hand die Führung des Stoffes nach Maassgabe des Dessins besorgt. Die Maschine, deren Einführung namentlich wegen ihres ursprünglich hohen Preises auf Schwierigkeiten stiess, ist quantitativ sehr leistungsfähig. Sie verarbeitet täglich drei Schneller, das sind 2300 Meter Garn, doch bringt es eine geschickte Stickerin selbst auf 4— 4V2 Schneller. Die Kettenstichstickmaschine wird hauptsächlich mit leichter Mousselinestickerei und der gröberen Guimpure-Application beschäftigt. Auch Tüll wird in der Kettenstichstickerei, die im Munde des Volkes Grobstickerei genannt wird, vielfach verwendet. Hauptsächlich werden drei Artikel erzeugt: Vorhänge, die sogenannten Colonnen und Specialitäten. Für Vorarlberg sind nur die beiden ersten von Wichtigkeit. Die Zahl der Kettenstichmaschinen in Vorarlberg beträgt über 3000, und wird insbesondere die Vorhangstickerei im Bregenzerwald schwunghaft betrieben, der aus dieser Industrie einen noch viel intensiveren Erwerb ziehen könnte, wenn er nicht so lange schon jeder bequemen Communication entbehren würde, so dass, wie uns ein Schweizer Fabrikant mittheilt, die Fracht von St. Gallen nach Calcutta nicht viel höher kommt als in den Bregenzerwald. Hoffentlich bringt die geplante Bregenzerwald-Eisenbahn auch hier bald Wandel zum Bessern. Der St. Gallener Markt in Stores, Vitragen und Lambrequins wird zum grossen Theil durch den Bregenzerwald versorgt, und stand insbesondere in der ersten Hälfte der Siebzigerjahre die Vorhangstickerei in voller Blüthe. Eine ungeheure Umwälzung erfuhr die Stickerei-Industrie mit der Erfindung, beziehungsweise mit der Einführung der Plattstich- oder Feinstickmaschine. Josua Heilmann erfand sie 1828, allein die ersten Erfolge waren nicht besonders ermuthigend. Die Versuche, die mit den Maschinen gemacht wurden, scheiterten zunächst; am längsten, bis 1844, wurde in Wien auf zwei Stickstühlen gearbeitet, aber auch hier gab man entmuthigt den Betrieb auf, und erst nach vielen langwierigen Bemühungen, bei denen sich namentlich das St. Gallener Haus Rittmeyer auszeichnete, gelang es, unter Beibehaltung des Heilmann’schen Principes, solche Verbesserungen anzubringen, dass die Maschinenstickerei den Charakter der Curiosität verlor. Die Stickmaschine, die im Laufe der Zeit noch vielfache Ergänzungen und Verbesserungen durch Hinzufügung besonderer Apparate, wie des Feston-, des. Stüpfel-, des Soutache- und anderer Apparate, erfuhr, hat nach Ueberwindung der ersten Schwierigkeiten rapid Eingang gefunden, insbesondere als in den Sechzigerjahren, nach Beendigung des amerikanischen Bürgerkrieges, Nordamerika als erster und hauptsächlichster Consument auf den Markt trat. Die Plattstichmaschine ist zu complicirt, um uns hier in ihre detaillirte Beschreibung einlassen zu können. Der Hauptsache nach besteht sie aus drei Theilen, dem Rahmen, an welchem das zu bestickende Zeug gespannt wird, den Nadeln und einem Apparat, welcher die Nadeln ergreift, durch das Zeug sticht und mit dem Faden durchzieht, also die Hand des Arbeiters ersetzt. Die Stickmaschine, deren gewöhnliche Breite 4-6 Meter beträgt, arbeitet heute mit einer grossen Anzahl Nadeln (308 bei der 4 A-Maschine), die entweder in einer Entfernung von 1 (Vj-Rapport) oder 1V2 (°/ 4 -Rapport) französischem Zoll von einander abstehen. Die Bewegung des Rahmens erfolgt nicht direct, sondern durch den sogenannten Pantographen oder Storchschnabel, welcher, durch die Hand des Arbeiters nach dem Dessin geführt, das letztere in sechsfacher Vergrösserung auf das Zeug (Stickboden) überträgt. Die Maschine wird von zwei Personen, dem Sticker und der Fädlerin, welche das Einfädeln des Garnes in die Nadeln besorgt, bedient. Uebrigens wird die Fädlerin mehr und mehr durch die Fädelmaschine verdrängt, welche von einem Kinde leicht bedient werden kann und die Arbeit der menschlichen Hand mit bewundernswerther Präcision ersetzt. Das Material, das die Plattstichstickerei verwendet, ist Tüll, dann Mousseline, welcher aber speciell in Vorarlberg weniger Verwendung findet, und hauptsächlich Cambric. Soweit die Vorarlberger Stickerei selbstständig ist, bezieht sie nicht nur für den Export, was bei dem Stande des Veredelungsverkehres selbstverständlich, sondern auch für den Inlandsbedarf namentlich in den gröberen Qualitäten viel ausländischen Cambric (England), während die feineren Qualitäten auch aus Böhmen vielfach sogar mit Vorliebe bezogen werden. Der Hauptartikel der Maschinenstickerei sind die Besatzartikel für Weisszeug (Bandes und Entredeux), dann Roben, Taschentücher (Tüchli), Kleiderbesätze und gewisse Specialitäten, die aber in AMrarlberg erst in den letzten Jahren in etwas höherem Ausmaasse producirt werden. Von der Maschinenstickerei Vorarlbergs kann man eigentlich erst von der Zeit nach 1876 sprechen. Das Jahr vorher hatte der Ostschweiz einen ungeahnten Aufschwung gebracht; im Monat October 1875 wurden für 100 Stiche — der Arbeitslohn wird nach der Anzahl Stiche, die ein bestimmtes Dessin erfordert, berechnet, und ein tüchtiger Sticker bringt es auf 2500 Stiche täglich — 61 Centimes bezahlt, und wenn auch diese glanzvolle Periode nicht lange vorhielt, so gab sie doch dem benachbarten Vorarlberg Anregung genug, um sich ebenfalls nach Kräften der Industrie zu bemächtigen. 1876 standen in Vorarlberg erst 187 Plattstichmaschinen, vier Jahre später waren es bereits 1404, obwohl die Löhne wieder stetig herunter- giengen und Ende 1880 nicht mehr als 34—35 Centimes betrugen. 1891 betrug die Zahl 3057, und die Erfindung des Schnellläufers, von dem weiter unten die Rede ist, hat aus der Schweiz neuerlich etwa 1000 Plattstichmaschinen nach Vorarlberg gebracht, welche vorzugsweise aus schweizerischen Fabriken, die sich auf den Schnellläufer einrichten, herstammen. Der dritte Typus von Maschinen ist die sogenannte Schiffchenmaschine, die im Jahre 1863 von Isaak Gröbli und Josef Wehrli in St. Gallen erfunden wurde und — wohl zu unterscheiden von dem in letzter Zeit erfundenen Typus einer verbesserten Schiffchenmaschine, dem sogenannten Schnellläufer — wenig Erfolg aufzuweisen hatte. Die Arbeit dieses ersten Systems der mechanischen Schiffchenmaschine war eine ziemlich rohe, die Muster, die sie arbeitet, sind grosse, viel Garn verbrauchende und deswegen für die gewöhnliche Maschine undankbar. Die Zahl der Schifflimaschinen hat in ATrarlberg im Jahre 1891 etwa 100 betragen. Das Schiffchensystem hat aber in letzter Zeit eine ganz ungeahnte Bedeutung für die Stickerei gewonnen durch die Erfindung des sogenannten Schnellläufers, welcher heute noch vorzugsweise in Sachsen gebaut, aber in der Schweiz in grossem Maassstabe in Betrieb gesetzt wird. Es wurden schon früher vielfach Versuche gemacht, den Stickereibetrieb zu einem mechanischen umzugestalten, aber so wie das erste Schiffchenmaschinensystem die in dasselbe gesetzten Hoffnungen nicht erfüllt hat, so gieng es auch mit dem sogenannten Dampfstickstuhl, welcher Anfangs 1890 in seiner ersten verwendbaren Form von der Firma Saurer & Söhne in Arbon in Verkehr gebracht, zuerst grosse Befürchtungen für den Bestand der Handmaschine hervorrief, die sich aber schliesslich schon wegen der grossen Complicirtheit seiner Construction als grundlos herausstellten. Die neue Schnellläufermaschine ist dagegen eine sehr ernst zu nehmende Erscheinung und scheint der gewöhnlichen Plattstickmaschine in der That grossen Abbruch zu thun. Die Leistungsfähigkeit der Schnellläufermaschine verhält sich zu jener der Handmaschine wie 5:1, und sollen heute schon in der Schweiz an 1000 Schnellläufer aufgestellt sein. Der Artikel, den diese verbesserte Schiffchenmaschine erzeugt, ist nicht derjenige der Handmaschine, er hat mehr den Charakter der Spitze, wird vom Markte sehr lebhaft aufgenommen und spielt namentlich in den überseeischen Ländern eine bedeutende Rolle, ja, für sogenannte Höhlsachen und billige Exportwaare dürfte er die Handmaschine auf lange Zeit verdrängen. Was das für Vorarlberg bedeuten kann, wo bisher die amerikanische Stapelwaare vorzugsweise erzeugt wurde, braucht kaum gesagt zu werden. Dagegen werden die besseren Artikel, welche namentlich den Consum des europäischen Continents ausmachen, wohl der Handmaschine Vorbehalten bleiben, immerhin wird es aber der ganzen Energie unserer Fabrikanten bedürfen, um durch die Einführung neuer Specialitäten, die lohnende Arbeit sichern, den Entgang nicht allzu empfindlich werden zu lassen. 366 Die Stickerei-Industrie Vorarlbergs war vom Anfang an Haus-Industrie und hat da kaum eine nennenswerthe Wandlung durchgemacht. Es gibt wohl — sehr vereinzelt — Fabriksbetriebe; dass aber die Neigung, solche zu gründen, in der Plattstichstickerei nicht gross sein kann, ist sehr begreiflich. Die Form der Haus-Industrie ermöglicht es, den wechselnden Conjuncturen des Marktes rasch zu folgen, während der Unternehmer beim Fabriksbetriebe bei sinkender Aufnahmsfähigkeit des Marktes ein grosses Capital in seinen Maschinen festgelegt hat und dazu der Aufrechterhaltung des Betriebes nicht selten namhafte Opfer bringen muss. Der Normalarbeitstag verhindert des Ferneren die Einbürgerung des Fabriksbetriebes, welcher durch die leider ungemessene Arbeitszeit in der Haus-Industrie mit Erfolg concurrencirt wird, und endlich wurde die hausindustrielle Form des Betriebes dadurch begünstigt, dass das hausindustrielle Fabrikat, das auf derselben Maschine erzeugt wird, welche im fabriksmässigen Betriebe Verwendung findet, nicht minder- werthiger ist, als das in diesem hergestellte. Man findet in Vorarlberg verschiedene Typen des hausindustriellen Betriebes. Ausnahmslose Uebung ist nur, dass der Sticker den Stoff und das Garn von dem Unternehmer erhält. Die Maschine ist meistens Eigenthum des Stickers, manchmal des Arbeitgebers (fabriksmässige Haus-Industrie). In den allermeisten Fällen ist der Sticker nicht eingemiethet, sondern besitzt selbst ein kleines Anwesen mit einer Oekonomie, die freilich oft nur nebenher betrieben wird und lediglich für die Bedürfnisse des Haushaltes zu sorgen hat. Die Maschine ist fast nie im Wohnraume selbst aufgestellt, weil sie viel Platz erfordert, sondern in der Regel in einem eigenen Zimmer oder in einem kleinen Anbau zum Wohnhaus. Beschäftigt wird auf ihr die ganze Familie; der Mann stickt, die Frau oder Tochter fädeln, beziehungsweise bedienen die Fädelmaschine und sticken die Waare auch meistens nach. Solcher Stickerfamilien gibt es in Vorarlberg eine Unzahl. Die Zahl der Personen, welche in der Stickerei-Industrie ihren Erwerb finden, dürfte heute mit 12.000—14.000 nicht zu hoch gegriffen sein. Bedenkt man, dass ganz Vorarlberg nach der letzten Volkszählung circa 117.000 Einwohner zählte, so kann man sich einen Begriff von der Bedeutung der Stickerei machen, die circa 10—12 Procent der Bevölkerung des Landes ernährt. Was die Lohnverhältnisse betrifft, so zeigen dieselben grosse Fluctuationen. In Krisenzeiten sind sie bis auf 21 und 22 Centimes für 100 Stiche, Vt-Rapport, gesunken, sie haben aber auch zu guten Zeiten die Höhe von 50 und mehr Centimes erreicht. Folgende Aufstellung, 1 ) die sich auf ein günstiges und auf ein sehr schlechtes Jahr bezieht, gibt ein Bild über die Lohnverhältnisse. 1882. Lohn ('A-Maschine) 40—45 Rp., tägliche Arbeitsleistung 2500 Stiche, daher tägliche Einnahmen.Frcs. 10—11-25 gegenübergestellt den täglichen Ausgaben, und zwar: Fädlerin. Garn. Nachsticken. Localmiethe. Heizung und Beleuchtung. Seife, Oel, Wachs, Nadeln. Reparatur und Abnützung. zusammen Frcs. 2 ._ » 1.20 » —.40 * —.30 » —,15 » —•15 » —.25 Frcs. 4-45 ergibt einen Nettoverdienst von Frcs. 5.55—6.80. 1891. Lohn ( 4 /j-Maschine) 33 Rp., tägliche Arbeitsleistung 1800 Stiche, daher tägliche Einnahmen.Frcs. 5.94 l egenübergestellt den täglichen Ausgaben 4.45 (wie oben) ergibt einen täglichen Nettoverdienst von Frcs. 1.49 Der durchschnittliche Jahresverdienst aus einem annähernd normalen Jahre (1890) ist, getrennt nach der Qualification des Stickers, aus folgender Tabelle zu entnehmen. Brutto Netto 1. eines sehr guten Stickers 1968'- 839'— 2. eines guten » . . . . . 1785-8 750-6 3. eines mittelmässigen » . . . I 4 II-- 609-8 Das auffallende Missverhältnis zwischen Brutto- und Nettoverdienst ist auf verschiedene Gründe zurückzuführen, wie grobe Muster mit hohem Lohn, die viel Garn und Fädlerei erfordern, ungleich viel ‘) Aus einem Berichte des Verfassers an die Handels- und Gewerbekammer für Vorarlberg (1891). 3G Nachsticken (Nachbessern der gestickten Waare), einzelne Krankheitstage, dagegen theures farbiges Garn, Retourwaaren, Maschinenreparaturen, endlich die Abzüge, die jederzeit einen Gegenstand der lebhaftesten, zum Theile auch berechtigten Beschwerden der Sticker gegen die St. Gallener Kaufleute gebildet haben. Dass es auch an sonstigen zahlreichen Beschwerden der Vorarlberger Sticker gegen die Schweizer Arbeitgeber nicht gefehlt hat, ist bei dem Charakter der vorarlbergischen Stickerei-Industrie als Lohn- Industrie der Schweiz sehr begreiflich. Am heftigsten traten diese Klagen naturgemäss immer in krisenhaften Zeiten auf, und insbesondere im Jahre 1892 verschärften sich die zwischen Vorarlberg und der Schweiz bestehenden Differenzen zu einer ernsten Spaltung. Die Schweizer warfen den Vorarlbergern vor, dass sie die Minimallöhne des Verbandes der Stickerei-Industrie der Ostschweiz und Vorarlbergs nicht einhielten, worauf diese antworteten, dass die Schweizer Kaufleute Vorarlberg weitaus schlechter behandelten als die Schweizer Sticker, welche die besser rentirende Waare erhalten. Adel geklagt wurde ausser über das Abzugswesen über die Musterverschlechterung, beide Theile warfen sich geschäftliche Cor- ruption vor und schliesslich traten Schwierigkeiten im Veredelungsverkehre hinzu. 1 ) Diese Differenzen, deren weiterer äusserst umständlicher Verlauf 2 ) mit dem Austritte Vorarlbergs aus dem Stickereiverbande endete, boten den Anlass zur Bildung der »Vorarlberger Stickereigenossenschaft«. Sie stellte einen Versuch dar, zunächst die Lohnverhältnisse des Einzelstickers durch Participation an dem Gewinne der Genossenschaft, welche ein grosser Fabrikant sein sollte, zu verbessern und dann wohl auch die Unabhängigkeit Vorarlbergs von der Schweizer Veredelungsbranche anzubahnen. Die Genossenschaft schien Anfangs zu prosperiren, binnen kurzer Zeit waren ihr die Besitzer von über 1000 Maschinen beigetreten, allein die hochgespannten Erwartungen, die an diese Organisation geknüpft wurden, haben sich nicht erfüllt. Von Anfang an krankte die Genossenschaft daran, dass sie bei der Zurückhaltung des übrigen vorarlbergischen Capitales darauf angewiesen war, ihr Betriebscapital von einer bestimmten Seite zu nehmen, die ihr später viele Schwierigkeiten verursacht hat. Auch der Grundsatz, niedrige Löhne zu bezahlen, dafür aber keine Abzüge zu machen, bewährte sich nicht, übte vielmehr eine ungünstige Wirkung auf den Anschluss tüchtiger Sticker an die Genossenschaft, so dass schon im zweiten Jahre die Hälfte der Mitglieder wieder austrat. Heute ist die Genossenschaft verschwunden. Die Kündigung des Capitales, welche ihr Geldgeber in einem kritischen Augenblicke vollzog, zwang die Genossenschaft nach einem Processe über die Abzahlungstermine, der übrigens zu ihren Gunsten ausfiel, zur Liquidation. Damit war der interessante, an sich gesunde, aber mit unzureichenden Mitteln und zu sehr unter dem Einflüsse eines Creditgebers unternommene Versuch gescheitert. Eine weit bemerkenswerthere Organisation war der schon erwähnte Centralverband der Ostschweiz und Vorarlbergs. Wir müssen uns hier darauf beschränken, in grossen Zügen seinen Zweck und seine Wirksamkeit anzudeuten, er würde es aber als eine socialpolitisch höchst bedeutungsvolle Erscheinung verdienen, sich eingehender mit ihm zu beschäftigen, wie dies übrigens schon von ausgezeichnet informirter Seite geschehen ist.s) Der Centralverband verdankte seine Entstehung der Krise, welche auf das Jahr 1882 folgte, das zu der glänzendsten Zeit der Stickerei-Industrie zählte, in der ein wahrer Stickertaumel das ganze Gebiet ergriff und Hunderte ihre gewohnte Beschäftigung verliessen, um mit ihren Ersparnissen, oder wenn sie solche nicht hatten, auf Raten eine Maschine anzuschaffen. Allein schon 1883 liess die Aufnahmsfähigkeit namentlich des amerikanischen Marktes ausserordentlich nach, während durch die inzwischen eingetretene Ueberproduction die Lager entwerthet wurden und die Preise immer tiefer sanken. Der Zustand schien auf die Dauer unerträglich zu sein, als von der Schweiz die Anregung zur Schaffung des Verbandes ausgieng. Sein Zweck war in erster Linie, der »Ueberproduction vorzubeugen, andererseits bessere Lohnverhältnisse zu erzielen und im Allgemeinen durch alle zweckdienlichen Maassnahmen an der Hebung der Stickerei-Industrie und der Erhaltung derselben auf gesunder Basis mitzuarbeiten«. Man muss gerechterweise sagen, dass der Verband diese seine Aufgabe durch eine Reihe von Jahren unter schwierigen Verhältnissen erfüllt hat. Er umfasste alle Interessenten der Stickerei, mit Ausnahme der Fabriksticker, welche erst später in einen losen Zusammenhang mit ihm gebracht wurden. Was diese Or- ') Siehe den Aufsatz des Verfassers »Eine Stickereikrise in Vorarlberg«. Handelsmuseum 1892. •) Siehe Dr. Alfred Swaine, »Die Arbeits- und Wirthschafisverhältnisse der Einzelsticker in der Nordschvveiz und Vorarlberg«. Strassburg 1895, S. 106 ff. 3 ) Siehe insbesondere Georg Baumberger, »Geschichte des Centralverbandes der Stickerei-Industrie der Ostschweiz und Vorarlbergs«. St. Gallen 1891, und auch Swaine, a. a. O. ganisation so bemerkenswerth macht, ist einerseits der Umstand, dass er die Regelung der Verhältnisse einer eminenten Haus-Industrie anstrebte, und zwar mit Maassregeln, die so energisch genannt werden müssen, dass sie sonst — bei freier Vereinbarung — in einer Haus-Industrie überhaupt gar nicht oder bestenfalls durch staatliche Autorität durchgeführt werden könnten. Wir nennen hier nur die Festsetzung von Minimallöhnen, die Einführung des Normalarbeitstages von 11 Stunden, das Regulativ über das Lehrlingswesen, das Regulativ über das Abzugswesen, das Stichzählungsregulativ, die Vorschriften über den Verbandsverkehr, das Regulativ über die Provision des Ferggers etc. Die einzigen Strafen, über die der Verband verfügte, wenn seine Vorschriften, deren Einhaltung durch eigene Inspectoren controlirt wurde, nicht befolgt wurden, waren Geldbussen und der Ausschluss. Der letztere bedeutete aber auch gleichzeitig den Boycott des Ausgeschlossenen, der überaus streng gehandhabt wurde. Kein Fabrikant, kein Kaufmann, kein Fergger, kein Einzelsticker, mit einem Worte kein an der Stickerei-Industrie irgendwie Betheiligter arbeitete mit einem solchen, den Beschlüssen des Verbandes Ungehorsamen. Ja, der Druck, welcher durch dieses stramme Zusammenhalten auf den Einzelnen ausgeübt wurde, wurde in mehreren Fällen auch nach der umgekehrten Richtung verwendet, um nämlich widerspenstige Exporteure in den Verband hinein zu boycottiren. Der Verband hat, wie gesagt, viel Gutes geleistet. Der Maximalarbeitstag hat der Ueberproduction ein Ziel gesetzt und die ungemessene Arbeitszeit in der hausindustriellen Stickerei-Industrie beschränkt. Das Stichzählungs-Regulativ und die-Vorschriften über die Abzüge und Retouren haben den Arbeiter dem Drucke des Fabrikanten entzogen. Der Minimallohn hat freilich auch seine Nachtheile gezeitigt; er ist rasch, wie überall, zum Normallohn geworden, auch zu Zeiten steigender Tendenz des Waarenmarktes, und hat dadurch dem Sticker die Möglichkeit höheren Verdienstes entzogen, allein er hat auch der Schleuderconcurrenz bis zu einem gewissen Grade Halt geboten und war für den anständigen Fabrikanten zur festen Unterlage seiner Calculation geworden. Wie der Verband aus einer Krise entstanden war, so ist er auch an einer Krise zu Grunde eesraneen. Die Mac Kinley-Bill hatte im October 1890 eine Ueberfluthung des Marktes mit Waare gebracht, da jeder Importeur noch vor Inslebentreten des neuen amerikanischen Zollgesetzes sich hinreichend mit Waare versorgen wollte. Die Folge davon war ein ausserordentliches Nachlassen der schweizerischen Stickereiausfuhr nach Nordamerika im Jahre 1891; dieselbe gieng damals um 10V2 Millionen Franken zurück. Von dieser Krise war insbesondere Vorarlberg schwer getroffen. Die Vorwürfe, welche wir schon angedeutet haben, traten in verstärktem Maasse auf, und die nicht eben geschickte Haltung der Verbandsleitung gegenüber den Vorarlbergern that das Ihrige dazu. Ende 1891 traten 944 Vorarlberger mit 1376 Maschinen aus, und der Rückschlag dieses Ereignisses auf die Ostschweiz stellte sich sofort ein. Die Vorarlberger, die nicht mehr an Minimallöhne gebunden waren, arbeiteten zu allerdings sehr niedrigen Löhnen, aber sie hatten doch Arbeit. Die unmittelbare Folge davon war das Aufgeben des Minimallohnes und der Musterclassification auch für die Ostschweiz, womit zwei Ecksteine aus dem Gebäude gebrochen waren. Am 1. Mai 1892 fand eine Urabstimmung über den Bestand des Verbandes statt, und wenn auch die Mehrheit, welche sich für denselben erklärte, relativ gross war, so war er doch nicht mehr zu halten. Auf Ende 1892 kündigten 2884 Firmen und Arbeitsnehmer ihren Austritt an, und trotz der verschiedensten Maassregeln, welche ergriffen wurden, um sie zum Verbleiben zu bewegen, war es um den Verband geschehen. Seit Ende 1892 hat er keine Beziehungen mehr zu Vorarlberg und führt auch in der Ostschweiz nur mehr ein Schattendasein. Nach wie vor ist aber, wie wir schon Eingangs bemerkt haben, die Vorarlberger Stickerei-Industrie der Hauptsache nach Lohn-Industrie der Schweiz, und ist daher ihre ganze geschäftliche Situation im innigsten Zusammenhänge mit jener der Ostschweiz. Die Lohnsumme, die Vorarlberg von der Schweiz heute bezieht, dürfte mit 5—6 Millionen Franken brutto nicht zu hoch gegriffen sein, während das Quantum Gewebe, welches die Schweiz in Vorarlberg besticken lässt, sich auf über 9000 Metercentner (1896) berechnet. Die Qualität der Waare, die in Vorarlberg vorzugsweise gearbeitet wird, geht im Allgemeinen bis zur Mittelfeinheit. Es wäre ungerechtfertigt, in diesen mittelfeinen Qualitäten einen Unterschied zwischen Schweizer und Vorarlberger Stickerei machen zu wollen. Sie wird auch durchwegs als Schweizer Stickerei in den Handel gebracht, und mancher, der glaubt, Schweizer Stickerei nach Hause zu tragen, hat ein Fabrikat erworben, das gut österreichischen Ursprungs und an dem nichts anderes schweizerisch ist, als die Vollendungsarbeiten, die Bleiche, Appretur und Adjustirung. — Mit voller Anerkennung muss aber hier darauf hingewiesen werden, dass sich namentlich in den letzten Jahren eine Reihe von tüchtigen und intelligenten Fabrikanten in Vorarlberg gefunden hat, „welche trotz ausserordentlicher Die Gross-Industrie. IV. 47 — 369 — Schwierigkeiten, trotzdem sie mit dem theuren Bezüge ausländischer Halbfabrikate zu rechnen haben und auch anderweitige Hindernisse reichlich vorhanden sind, mit Aufwand von grossen Kosten und Mühen wenigstens den inländischen Markt zu erobern trachten, und ist ihnen dies zum Theil auch schon gelungen. Der Vorarlberger Sticker ist im Allgemeinen hinsichtlich seiner technischen Fertigkeit noch nicht auf der Höhe, aber auch hier ist zu hoffen, dass in absehbarer Zeit Wandel zum Bessern eintritt. Die Fachschule in Dornbirn, welche am i. December 1891 errichtet wurde, entfaltet unter tüchtiger Leitung eine gedeihliche Wirksamkeit, die sich sicher in der Vervollkommnung der technischen Fertigkeit des Vorarlberger Stickers äussern wird. Freilich ist damit für die Selbstständigkeit Vorarlbergs auf dem Weltmärkte noch lange nicht Alles gethan. Das Haupthindernis ist der Mangel der Veredelungs-Industrien, der sich auch nicht so leicht beheben lässt. Die Stickerei-Industrie, wenn sie selbstständig betrieben werden soll, ist ein so vielgestaltiger Mechanismus, wie er nicht leicht in einem anderen Industriezweige sich findet, und der es auch ausserordentlich schwer macht, die Stickerei in ein anderes Land zu verpflanzen. Sie steht in untrennbarem Zusammenhänge mit vielen anderen Industrien, Bleichen, Appreturen, Ausrüstereien, Cartonagenfabriken etc. Die Schweiz steht in der Veredelungs-Industrie an hervorragender Stelle und hat für dieselbe kolossale Capitalien aufgewendet. Dem Schweizer Fabrikanten steht deshalb eine grosse Anzahl von Bleichereien und Appreturanstalten in allernächster Nähe zur Verfügung; das fehlt in genügender Vervollkommnung heute noch in Vorarlberg. Auch der Mangel an geschickten Handarbeiterinnen macht sich fühlbar. Es gibt bei der Stickerei eine Menge Handarbeiten, die an die Confection streifen; das Auszacken der Festons, das Ausschneiden der Applicationen, das sogenannte Ausspachteln und Ziehen der Hohlsäume, die Handarbeiten nach der Bleiche und Appretur erfordern geschickte Arbeiterinnen, welche nur durch lange Uebung herangebildet werden können. Was endlich die Absatzverhältnisse der Stickerei Vorarlbergs anbelangt, so ist in erster Linie Nordamerika zu nennen. Nordamerika ist seit dem Bürgerkriege der für die Lage der Stickerei ausschlaggebende Consument geworden und ist es bis heute geblieben. Bei dem Charakter der vorarlbergischen Stickerei- Industrie als Lohn-Industrie stehen leider keine Ziffern zur Verfügung, welche die Versorgung des nordamerikanischen Marktes mit Vorarlberger Waare illustriren würden; dass sie ausserordentlich bedeutend ist, zeigt der unmittelbare Rückschlag, welchen jeder Rückgang auf dem amerikanischen Markte auf Vorarlberg ausübt. Die nächstgrössten Abnehmer sind England und Frankreich, obwohl, und zwar hauptsächlich in der Umgebung von St. Quentin und St. Denis, die Stickerei in der Blüthe steht, dann die übrigen europäischen Länder, der Orient, Indien und Südamerika. Im Grossen und Ganzen ergibt sich aus dem Gesagten kein unerfreuliches Bild. Die Stickerei-Industrie hat einem grossen Theile der Bevölkerung die lohnende Verwerthung ihrer Arbeitskraft ermöglicht und dieser Erfolg ist umso werthvoller, als seine Grundlage zu einer Zeit gelegt wurde, wo eine andere Erwerbsquelle, die Handweberei, zu versiegen begann, um allmählich ganz zu verschwinden. Die Stickerei-Industrie hat sich, getragen von günstigen Conjuncturen, rasch entwickelt, wenigstens was die Ausdehnung ihres Betriebes anbelangt, allein es ist ihr nicht leicht gemacht, sich aus eigener Kraft voll zu entfalten. Der Druck, den die Concurrenz der Schweiz auf sie ausübt, ist zu gross, als dass sie sich mit einem Ruck davon befreien könnte. Dazu wird es emsiger und zielbewusster Arbeit bedürfen, aber auch einer weitgehenden Unterstützung und Förderung seitens der maassgebenden Factoren, die sich damit den Dank des ganzen Landes verdienen, für das die Stickerei-Industrie eine Lebensfrage ist. Nur dem Zusammenwirken Aller wird es gelingen, diese Industrie, welche, darüber besteht kein Zweifel, einer intensiveren Entwickelung fähig ist, auf jene Höhe zu heben, welche die einzige Garantie für ihre weitere gedeihliche Entwickelung bildet. An That- kraft, Intelligenz und Ausdauer fehlt es dem Vorarlberger wahrhaftig nicht. Wird diese erste Voraussetzung unterstützt durch Heranziehung eines tüchtigen und geschickten Arbeitermateriales, durch Erleichterungen in der Beschaffung der Rohstoffe und Halbfabrikate, durch die Begünstigung der Gründung von Veredelungs- Industrien, dann wird man auf dieser Grundlage weiter bauen können. Vielleicht kommt dann einmal die Zeit, wo der Gedanke, die Stickerei-Industrie Vorarlbergs auf eigene Füsse zu stellen, seiner Verwirklichung näher rückt. Ein Blick auf die Leistungen der Schweiz zeigt wohl, wie weit der Weg bis dahin noch ist. Er sollte aber für unsere einheimische Arbeit nichts Entmuthigendes haben. Lernen und wieder lernen, niemals rasten sei auch hier die Losung, dann wird es uns wohl einst vergönnt sein, von der kraftvollen Blüthe der von eigener Kraft, von selbstständigem Schaffen getragenen Stickerei-Industrie Vorarlbergs zu berichten. ;i U Pi . *'» ! 37 ° ALBERT ENDER MECHANISCHE STICKEREI GÖTZIS (VORARLBERG). ie Firma wurde von ihrem jetzigen Inhaber Albert Ender selbst zu Götzis im Jahre 1884 begründet. Die Brancheverhältnisse waren bei der Gründung gute und sind es noch. Die Production konnte von kleinen Anfängen an zu immer grösserer Steigerung gebracht werden. Das Unternehmen beschäftigt gegenwärtig circa 100 Arbeiter. Anfangs standen eine Heilmann’sche Stickmaschine und zehn sonstige Maschinen in Thätigkeit, nunmehr arbeiten deren vierzig. Aus der Verschiedenheit dieser Zahlen ist die stetige Ausdehnung des Etablissements zu entnehmen. Auch in Tirol wurde 188g zu Roveredo eine Fabrik mit 24 Maschinen errichtet. Das Absatzgebiet ist auf das Inland begrenzt. Der jährliche Umsatz beläuft sich auf circa 160.000 Kronen. BRUDER FITZ STICKEREI-FABRIKEN LUSTENAU (VORARLBERG). ie gegenwärtigen Gesellschafter der protokollirten Firma Brüder Fitz in Lustenau sind Albert Fitz und Gottfried Fitz in Lustenau und Robert Fitz in Wien; jeder zeichnet. Das Geschäft wurde gegründet im Jahre 1875 vom ältesten der Brüder, Albert Fitz. Einige Jahre später trat auch der zweite Bruder, Gottfried Fitz, dem Geschäfte bei, das von diesem Zeitpunkte an unter der Firma »Brüder Fitz« betrieben wurde. Im Jahre 1886 erfolgte alsdann der Eintritt des dritten Bruders, Robert Fitz, in die Firma, worauf dieselbe am 1. September 1891 protokollirt wurde. Im April 1895 errichtete die Firma zum Zwecke des Verkaufes ihrer Stickereien eine Niederlage in Wien (I., Marc Aurelstrasse Nr. 8). Bis dahin hatte sie ihre Stickwaaren nur nach St. Gallen (Schweiz) abgesetzt. Die Firma, welche zu Beginn ihres Bestehens nur vier Stickmaschinen besass, hat durch allmähliche Anschaffungen im Laufe der Zeit ihren Besitzstand an eigenen Maschinen auf die Zahl von mehr als 100 gebracht. Ausserdem besitzt dieselbe noch mehrere Fädelmaschinen. In neuester Zeit hat das Haus im Vereine mit einigen anderen Stickerei-Interessenten eine Probeanschaffung von sogenannten Schiffchen-Maschinen gemacht unter der separaten Firma »Hofer, Fitz & Cie.«. 371 47 * 'WilW oÄS&SS? •**■?* U> !f SÿÉ IÄ(!MP.-.. I Ä' >2222^. •ftt/*x*tT*2£2£&i£-. tf-f**'*'* r-î'*«. h.fH'tß- I#; 387 K. u. K. HOF- UND KAMMER-POSAMENTERIE WA AREN-FABRIK FRANZ THILL’S NEFFE WIEN. ie Gründung der Firma »Franz Thill’s Neffe« erfolgte 1761 in Wien, kaum vierundzwanzig Jahre nach dem Tode des Prinzen Eugen von Savoyen und mitten in den folgenschweren Ereignissen des siebenjährigen Krieges. Diese Anknüpfung an geschichtliche und militärische Daten kann wohl keineswegs befremdlich erscheinen bei einer Industrie, deren Entstehung und Aufschwung ja überhaupt mit der Entwickelung der Heeresausrüstung und namentlich mit dem Aufkommen stehender Heere aufs engste verknüpft ist. Insbesondere gilt dies bei einer Firma, welche, wie das Haus Franz Thill’s Neffe, sich rühmen darf, dass sie nahezu anderthalb Jahrhunderte hindurch unter sechs Monarchen aus dem Hause Habsburg-Lothringen den kaiserlichen Officieren aller Rangstufen und Waffengattungen, wie der Armee die Feldbinden, Ehrenzeichen und Distinctionen, namentlich aber seinerzeit der k. und k. Cavallerie den glanzvollen Gold- und Silberschmuck ihrer Uniformen geliefert hat. Von der Theresianischen Zeit bis zur Einführung der allgemeinen Wehrpflicht und bis auf den heutigen Tag hatte die Firma Thill die ganze neuere Uniformirungsgeschichte der österreichischen Armee miterlebt, nachdem sie schon von ihrer Begründung an die Fabrication von Militär-Posamenten mit Vorliebe zu ihrer Specialität erwählt hatte. Ausserdem erzeugte die Firma damals verschiedene, namentlich orientalische Exportartikel, und finden sich noch in alten Musterbüchern des Hauses Thill aus dem 18. Jahrhundert schöne ungarische Goldspitzen und Points d’Espagne. Die Fabrication dieser letzteren wurde übrigens in neuester Zeit (1888) von der Firma erfolgreich wieder aufgenommen, da der ausserordentliche Wettbewerb von heute eine stets zielbewusste, unausgesetzte Ausdehnung der Fabrication auf neue Artikel und neue Absatzgebiete und Consumbedürfnisse nöthig macht. Mit den sonstigen Zweigen der Posamenterie befasste sich die Firma seit jeher so ziemlich nur in zweiter Linie, obwohl dieselben schon um die Mitte des vorigen Jahrhunderts in Wien vertreten waren. Da gab es, um 1760, in Wien bereits: Ungarische Schnürmacher, Knopf- und Crepine-Erzeuger, Gold- und Silber-Drahtzieher, Perlhefter, Gold- und Silber-Sticker, -Plättner und -Spinner und noch etwa ein halbes Dutzend anderer hieher gehöriger Gewerbekategorien. Schon dazumal galt die Posamenterie als eines der ältesten Wiener Gewerbe, und thatsächlich ist nachgewiesen, dass es schon im 14. Jahrhundert viele Handwerker dieses Zeichens in Wien gab, welche sich, wie urkundlich feststeht, 1317 zu einer gemeinsamen Zunft, der »St. Lucas-Bruderschaft«, vereinigten. Weitere Belege für das hohe Alter dieser Industrie sind die Handwerks-Ordnungen der Wiener Posamenterie- Arbeiter, welche schon um 1599 von Oswald Hünndorffer, dazumal Bürgermeister und Stadtrath von Wien, sowie etwa hundert Jahre später von dessen berühmtem Nachfolger Joh. Andr. v. Liebenberg erlassen worden sind. Im Allgemeinen war die wirthschaftliche Lage dieses Gewerbszweiges auch in jener sogenannten guten alten Zeit keine allzu günstige. Fortgesetzt erhoben sich Klagen gegen die überhandnehmende unbefugte Concurrenz, trotzdem dieselbe durch mehrfache kaiserliche Patente bereits unter Ferdinand II., und später von Ferdinand III., Leopold I., Josef I. und zuletzt noch von Karl VI. mit empfindlichen Geld- und Freiheitsstrafen bedroht wurde. Die unbefugte Erzeugung der Militär- und Livree-Posamenten wurde ja sogar von Kammerlakaien und von .Soldaten so schwunghaft betrieben, dass Kaiser Karl VI. ein strenges Verbot erlassen musste, in welchem es speciell den Hofbediensteten, Arsenalwächtern und Stadt-Guardia-Soldaten nachdrücklichst untersagt wurde, Gesellen, Lehrjungen oder Arbeitsmädchen auf Uniform-Posamenten zu halten (!), »da sonst die bürgerlichen Schnürmacher in Ruin und ins Verderben gerathen«. So geschehen 1717! Zur näheren Erklärung dieser jedenfalls höchst auffallenden Erscheinung muss heute daran erinnert werden, dass unsere Monarchie zu Beginn des 18. Jahrhunderts gleich den übrigen Staaten Europas eigentlich noch keine reguläre Armee in modernem Sinne besass. Wie in Preussen und im ganzen Deutschen Reiche, in Frankreich und in England stand auch in Oesterreich damals das Werbesystem noch in voller Blüthe. Sold und Ausrüstung erhielt die von überall her zusammengetrommelte Mannschaft nicht aus den landesfürstlichen oder den Staatscassen, sondern unmittelbar von dem Obersten, der das Regiment angeworben. Dass hierunter manchmal ebenso die Disciplin, wie das Ansehen der Truppe leiden musste, ist einleuchtend. Namentlich der jämmerliche Zustand der Uniformstücke war, abgesehen von einigen Elitecorps, beklagenswerth. Die Flickschneiderei und Pfuscherei stand bei den meisten Regimentern in Permanenz, im Vordergründe des militärischen Dienstes. Ueberall gab es bei den Truppen viele zugelaufene, ver- 388 kommene Professionisten, die sich in dem glänzenden Elend des damaligen Soldatenstandes ihres früheren Nadelhandwerks erinnerten und aus der winkelmässigen Ausübung desselben eine Zubusse zu der kargen Besoldung und Verpflegung herauszuschlagen trachteten. Ebenso stand es mit den Militärborten und Posamenten, die gleichfalls massenhaft durch Regiments-Professionisten erzeugt wurden. Selbst bei der Wiener Garnison gieng es nicht anders zu. Noch um 1727 konnte man, wie Reisende jener Zeit berichten, sogar bei der kaiserlichen Fussgarde, welche die Wache an den Stadtthoren bezog, oft genug Soldaten antreffen, die während des Postendienstes sans gêne auf dem Bänkel draussen am Glacis sassen und ungescheut coram publico und unter den Augen des Commandanten ihre professionellen Hantirungen ausübten. Die Officiere waren eben zur Duldung solcher Missbräuche »wegen des sonst schlechten Unterhaltes der Mannschaft« gezwungen. Diese und ähnliche Zustände waren übrigens dazumal in ganz Europa gang und gebe, bis erst die von Friedrich Wilhelm I. in Preussen eingeführte Heeresreform das Uebel an der Wurzel erfasste. Friedrich Wilhelm I., ein entschiedener und treuergebener Freund des Wiener Hofes, decretirte die Abschaffung des Werbesystems, liess den Truppen den Sold aus der königlichen Casse bezahlen und erhob die Officiere seiner Regimenter zum ersten Stand im Staate, den er durch unerhörte und glänzende Prärogative auszeichnete. Er ist somit zum Begründer des modernen Militarismus und der stehenden Heere geworden. In Oesterreich vollzog sich die moderne Reform und Umgestaltung des Heerwesens im Gefolge der geschichtlichen Ereignisse der schlesischen Kriege und des siebenjährigen Krieges. Ihr Schöpfer war kein Geringerer als der »deutsche Fabius Cunctator«, Feldmarschall Graf Josef Leopold Daun, der Sieger von Hochkirch und Kolin und Begründer der Wiener-Neustädter Militär-Akademie. Seine Armee-Reformen, berühmt unter dem Namen des »Daun’schen Reglements von 174g«, griffen bewusst und energisch neugestaltend in alle Verhältnisse des österreichischen Heerwesens ein, so natürlich auch in alle Uniformirungsfragen, welche nunmehr durch strenge Vorschriften echt militärisch geregelt wurden. Die kriegerisch glänzenden und grossartigen bunten Reiterschaaren, welche die ungarische Nation der be- drängten_Kaiserin Maria Theresia nach deren berühmtem Aufrufe auf dem Pressburger Reichstage stellte, brachten damals ein völlig neues, allgemein bewundertes Truppenelement in die europäischen Heere. Bald musste jede Armee, jeder fremde Kriegsherr seine »Husaren« haben. Und so gross war der cavalleristische Effect und die wilde, niederstürmende Bravour der ungarischen Reiter, dass der Name Husar (zu Deutsch: »Ein Reiter auf zwanzig Häuser repartirt«) in alle Armeesprachen und die kleidsame ungarische Nationaltracht von allen Uniformirungen der fremdländischen Heere übernommen wurde. Mächtig hoben sich nun auch in jenen bewegten Zeitläuften alle jene Gewerbe und Künste des Friedens, welche sich mit der Befriedigung des immer mehr gesteigerten Heeresbedarfes beschäftigten. So auch dieMilitär- Posamenterie. Dieser wandten sich eine ganze Reihe von Firmen zu. Allen voran und weitaus am leistungsfähigsten trat der damalige Begründer des Hauses Thill auf den Plan. 1 ) Die Uniformirung der neuen Husaren-Regimenter bestand, wie bereits hervorgehoben wurde, in einer ausserordentlich gelungenen militärischen Idealisirung der magyarischen National-Costüme, welche die ungarischen Reiter zur-kaiserlichen Armee mitgebracht hatten. Diese Volkstracht der kriegerischen Arpadsöhne war aber vollständig verschieden von den alten kumanischen Eisenhemden und Kürassen der »Hungarischen Bantzer- Stecher«, welche der berühmte Abraham a Sancta Clara noch um 1703 in Wien gesehen und deren Ausrüstung er ausführlich beschrieben hat. Einige dieser alten Husarenpanzer befinden sich noch heute wohlerhalten im Besitze des k. und k. Heeres-Museums, darunter auch der kugeldurchlöcherte Kürass und das »Hirnhäubel« des 1652 bei Nagy-Veszkeny gefallenen Grafen Ladislaus von Eszterhäzy-Galantha. Thatsächlich würde heute wohl Niemand in diesem mittelalterlichen Rüstzeug die Vorläufer der modernen, seit Maria Theresias Zeiten eingeführten Husaren- Uniform zu erkennen im Stande sein ! Mit der Uniformirung und kriegsmässigen Ausrüstung der ins Feld rückenden, neu aufgestellten Regimenter beschäftigte sich dazumal sogar eine eigens hiezu neu geschaffene Militärbehörde, die k. k. Haupt-Monturs- Commission. Die Kriegsarchive jener bewegten Zeit enthalten ganze Listen der dazu ausgewählten Lieferanten. Sogar die aus Ungarn mitgebrachten Schwerter und Hiebwaffen der neu uniformirten Reiter wurden durch eine neue Säbeltype, den eigentlichen schneidigen Husarensäbel ersetzt. Anfangs wurde derselbe zu Tausenden in der »Fabrique von Pottenstein«, sodann aber auch von namhaften Schwertfegern in Wien und Wiener-Neustadt geschmiedet. Später bezog das k. k. Kriegsärar die Husarenklingen aus dem »Reich«, von »Solingen«, dessen Waffenfabrication die inländische damals mit Erfolg im Preise unterbot! Concurrenzlos behauptete sich die Firma Thill, beziehungsweise deren damalige Begründer und Inhaber in der Lieferung der so charakteristischen Posamenterie-Verschnürungen für die neuen Cavallerie-Regimenter der ') Es war dies der Bürger und Posamentirmeister Johann Friedrich Hölzl, welcher, wie in den Wiener Genossenschaftsbüchern der Posamentirer verzeichnet ist, sein Geschäft am 15. Februar 1761 eröffnete. Johann Friedrich Hölzl führte das Geschäft mit gutem Erfolge bis 25. Mai 1795 fort, an welchem Tage es sein langjähriger Mitarbeiter Josef Perl übernahm. Dieser starb jedoch schon 1802; seine Witwe Anna Perl (geb. Kress) führte das Geschäft unter der Firma Jos Perl’s Wwe. bis 1814 weiter. Dasselbe befand sich dazumal auf dem Wendelstadt-Grund im Hause »zum goldenen Sattel« (heute VII., Burggasse 40). Eine Niederlage der Firma befand sich auch damals in der Innern Stadt, und zwar am Stock-im-Eisenplatz, Ecke der Krautgasse. Durch die Verheiratung der einzigen Tochter Perl’s mit dem wohlhabenden Schnitt- und Spezereiwaarenhändler Franz Thill kam das Perl'sche Geschäft an die Familie der heutigen Firmainhaber. Thill besass selbst ein gut gehendes Geschäft, den heute noch immer an derselben Stelle befindlichen Laden »Zum weissen Lamm« in der Josefstadt, Ecke der Strozzi- und Josefstädterstrasse. Nach seiner Verheiratung widmete er sich jedoch ausschliesslich der Posamenterie und führte die Firma nach Ableben seiner Schwiegermutter unter eigenem Namen fort. Franz Thill übersiedelte 1829 nach Altlerchenfeld Nr. 109 (heute Josefstädterstrasse 69). Dortselbst verblieb die Firma volle sechzig Jahre, bis 1889. Als gegen Ende der Achtzigerjahre der maschinelle Betrieb eingeführt werden musste und das alte Josefstädter Fabrikshaus sich hiezu als unzureichend erwies, erwarb die Firma Thill ihr heutiges grosses Fabriksgebäude in der Dreilaufergasse 15. 389 Theresianischen Armee. Die Firma lieferte diese Posamenten sowohl für die Escadronen, wie für die Officiere in allen durch die Rangstufen bedingten Distinctions- und Qualitäts-Verschiedenheiten. Man kann sagen, dass eigentlich die Firma Thill durch ihre ausserordentlich stylgerechten Arbeiten damals wesentlich dazu beigetragen hat, den so originellen und äusserst charakteristischen Typus der modernen Hu- saren-Uniform in allen europäischen Armeen für immer festzustellen. Liegt doch hier thatsächlich das entscheidende, stylistische Moment lediglich in der äusserlichen Anbringung der in ihrer Art einzigen Posa- menterie und Verschnürung nach ungarischem Nationalgeschmack. Ihren Leistungen entsprechend, gestalteten sich auch die der Fima zu Theil gewordenen Lieferungsaufträge sehr bedeutend. Abgesehen von einigen grösseren Bestellungen, welche der Hof-Kriegsrath allerdings schon früher bei der Prager Judenschaft für vereinzelte militärische Bedarfszwecke gemacht hatte, waren grosse Ordres für Rechnung des Kriegsärars und des Staates für die damalige Industrie etwas vollständig Unbekanntes und Neues. Man kann daher den ungeheuren Ansporn für die gesammte Industrie beurtheilen, als an die österreichischen, und zwar besonders die Wiener Gewerbetreibenden der Ruf ergieng, eine ganze, eben erst wie aus dem Boden gestampfte Armee feld- und regelmässig einheitlich uniformirt zu adjustiren und zu bewaffnen! Wer hätte eine derartige Inanspruchnahme der Industrie für Heeres-Ausrüstung auch nur geahnt, wo wenige Jahrzehnte früher noch ein bayrischer Fürstbischof sein Reiterregiment, die »Bambergischen Kürassiere«, mit Haut und Haar an Oesterreich verkauft hatte, und neben anderen ausländischen Soldtruppen noch bis 1719 stets drei Schweizer Regimenter und noch ein halbes Dutzend Schweizer Compagnien für kaiserliche Dienste angeworben waren und sich in denselben sogar ihrer Schweizer Fahnen weiterbedienten. Von den umfangreichen Aufträgen, welche damals an die Firma Thill ergiengen, sei insbesondere ihre hervorragende Betheiligung an der Herstellung der Militär-Posamenten für folgende Regimenter angeführt: 1. die berittenen Grenadier- und Carabinier-Compagnien der Regimenter Zweybrücken, Serbelloni, Buccow, Anspach und O’Donell; 2. für Palffy-, Miglio-, Trauttmansdorff-, Modena- und Berlichingen-Kürassiere; 3. für Bournonville- und Löwenstein-Chevauxlegers; 4. für Savoyen- und Saint-Ignon-Dragoner, und schliesslich 5. für die Karolyi-, Nadasdy-, Hadik- und Cantacuzeno-Husaren. Am dankbarsten und begehrtesten von Allen waren natürlich die Husaren-Posamenterien. Noch heutzutage, bei unserer in jeder Hinsicht vereinfachten und reducirten Husaren-Verschnürung, bedarf es mindestens an 15 bis 16 Meter durchschnittlich für einen Officiers- Attila und beiläufig 5 Meter für die Hose. Man übertrage dies nun auf jene Zeit, wo der Verschnürungsluxus der Uniformen wenigstens das Doppelte erforderte, wo die aristokratische Jugend sich zu den Officierscorps der Husaren- und übrigen Cavallerie-Regimenter begeistert herandrängte, und deutsche Cavaliere und böhmische Granden mit den ungarischen Magnaten in verschwenderischer Pracht ihrer goldstrotzenden Uniformen wetteiferten, auf jene Zeit, wo Alles echt und massiv gearbeitet wurde und das »Patentgold« erst den Errungenschaften einer späteren talmisirenden Epoche Vorbehalten war, und man wird ermessen, wie blühend sich das Gewerbe der Militär-Posamenterien in jener Zeit zu entfalten vermochte, wo der üppige Geschmack der Barocke freigebig auch ihren luxuriösesten Anregungen entgegenkam. In diesem interessanten Vergleiche zwischen Einst und Jetzt soll übrigens keineswegs eine Wehklage über die entschwundene gute alte Zeit mitklingen; denn trotz aller Reductionen im Einzelnen, an denen es namentlich auch in den letzten fünfzig Jahren der Uniformirungsgeschichte des kaiserlichen Heeres nicht gefehlt hat, sind den betheiligten Industrien durch die modernen Riesen-Armeen der allgemeinen Wehrpflicht noch weit grossartigere Aufgaben zugefallen, welche den Uniformluxus vergangener Epochen vollständig aufwiegen und längst haben vergessen lassen. Jedenfalls dürften die damaligen Leistungen ' der Wiener Posamenterie den besten kunstgewerblichen Hervorbringungen dieses Industriezweiges beizuzählen sein. Manches Prachtstück hat sich bis auf unsere Tage erhalten und ziert heute noch die Sammlungen des k. und k. Heeres-Museums. Wer dort diese oft blutgetränkten und pulvergeschwärzten Ueberbleibsel betrachtet, diese in gediegenster Technik ausgeführten Echabraquen, Standarten, Gold- und Silberborten, Paukendecken, Bandoulières, Kalpaks, Cartouchenbänder, Tarsolyas, Schlingen, Rosetten und zahlreiche andere Stücke, wird nicht umhin können, der Altwiener Posamenterie und der Firma Thill, als deren einzigen überlebenden Repräsentantin, seine Achtung zu bezeugen. Im Sinne dieser geschichtlichen Gegenüberstellung hat die Firma Thill sich auch mit zwei sehr interessanten Objecten an der Industrie-Ausstellung, die anlässlich des Jubiläums Sr. Majestät unseres Aller- gnädigstenK ai sers in Wien stattfand, betheiligt. Dieselben gelangten in zwei M onum en talkästen im »Seide nhofe« zur Aufstellung und führten die bezeichnenden Aufschriften: 1848 und 1898. Sie veranschaulichten in höchst in- structiver Weise die Posamenterien für Uniformzwecke aus dem Tahre 1848, vom Regierungsantritte des Monarchen, und die heutigen. Als einer besonders interessanten Reminiscenz sei an dieser Stelle auch des im Jahre 1894 zu Wien abgehaltenen »Aristokratischen Wohlthätigkeits-Caroussels« in der k. k. Hof-Reitschule gedacht. Dieses glanzvolle Reiterspiel hatte sich bekanntlich die historisch getreue Wiedergabe festlicher Scenen vom Kaiserhofe Karls VI. in vollendet künstlerischer Fassung zum Programm gewählt, und bot schon der schwere spanische Luxus der damaligen Hoftrachten, insbesondere aber auch die Pracht der militärischen Uniformen wie der Damentoiletten ein unübertroffen lebensvolles Bild der für unsere Industrie so bedeutungsvollen Epoche des vorigen Jahrhunderts. Die bei diesem Anlasse getragenen, von Gold strahlenden Costüme der durchlauchtigsten Herren Erzherzoge Franz Ferdi- 390 nand von Oesterreich-Este, Otto, Franz Salvator und Wilhelm dürfen wohl als typisch für die pompöse Ausstattung der Uniformen jener dargestellten Zeit gelten. Die langen Kriegsjahre der Revolutions- und später der Napoleonischen Zeit brachten der Wiener Militär- Posamenterie bei der unausgesetzt fortschreitenden Ausgestaltung des österreichischen Heerwesens vollauf und gesteigerte Beschäftigung und damit auch der Firma Thill fortlaufend bedeutende Lieferungen für die kaiserlichen Armeen, deren heldenhafte Führer, Erzherzog Carl und Feldmarschall Wurmser, sie gleichfalls zu bedienen die Ehre hatte. Zu internationalem Rufe gelangte die Firma Thill in den unvergesslich schönen Tagen des Wiener Congresses 1814—15, wo sie von den mächtigsten, damals in Wien weilenden Souveränen Europas durch Allerhöchste Aufträge ausgezeichnet wurde und sich auch durch eine Reihe vielbesprochener Leistungen rühmlichst hervorthat. Sensation machte damals das von der FirmaThill für den Fürsten Paul Eszterhäzy hergestellte Husarencostüm, welches ein zeitgenössischer Kenner, wie der Graf la Garde, mit seinen edelsteinstrotzenden Schnüren auf 2 Millionen Francs schätzte und dessen jedesmalige Reparatur nach dem Tragen, wie man sich damals in Wien erzählte, zwölftausend Gulden gekostet haben soll! Das ist keineswegs unglaubhaft, denn der kaiserliche Hof verausgabte täglich 50.000 fl. für die Bewirthung seiner Gäste und verbrauchte in fünf Monaten mehr als 40 Millionen für die Festlichkeiten und sonstigen Veranstaltungen des Congresses, bei dem der gesammte Hochadel beider Reichshälften der Monarchie in den Mauern Wiens versammelt war, um den europäischen Delegirten und der glänzenden internationalen Gesellschaft des Congresses in der opulentesten Weise die Honneurs zu machen, wo die Preise nicht blos für die Wohnungen, sondern sogar für Brennholz und die allereinfachsten Lebensbedürfnisse eine selbst für heutige Begriffe schwindelnde Höhe erreicht hatten und manches Wiener Gewerbe- und Fabrikshaus den Grund zur Vermögensschaffung legen konnte.. .. In jene Zeit fällt nun die Uebernahme der Posamenteriewaaren-Erzeugung von Jos. Perl’s Wwe. durch den Grossoheim der heutigen Firmainhaber, den bereits erwähnten Franz Thill sen., dessen eminente geschäftliche Begabung und Strebsamkeit, verbunden mit einer überaus gewinnenden Persönlichkeit (Franz Thill sen. war auch Hauptmann im damaligen 2. Bürgerregiment) den Grund zu der kommenden Bedeutung der Firma legte. Welch raschen Aufschwung die Firma unter Franz Thill’s Leitung nahm, geht aus dem Umstande hervor, dass ihm schon 1829 der Titel eines k. k. Posamenteriewaaren-Fabrikanten und das Recht zur Führung des kaiserlichen Adlers verliehen wurde. Auch wurde die Firma schon damals mit dem Wortlaute: K. k. priv. Posamenterie- waaren-Fabrik Franz Thill protokollirt. Im Jahre 1853 trat Franz Thill’s Neffe, Franz Thill junior, als öffentlicher Gesellschafter in die Firma ein, deren Wortlaut gleichzeitig abgeändert wurde, indem sie handelsgerichtlich unter dem Titel: K. k. Posamenteriewaaren-Fabrik Franz Thill & Neffe eingetragen wurde. Seit 1862, nach dem in jenem Jahre erfolgten Austritte Franz Thill’s sen., trägt die Firma ihren heutigen Wortlaut: Franz Thill’s Neffe. Franz Thill jun. war bis 1886 der alleinige Inhaber derselben. Im Jahre 1886 trat jedoch dessen Sohn Carl Thill als öffentlicher Gesellschafter ein und wurde nunmehr die Firma als: K. k. Hof- und Kammer-Posa- menteriewaaren-Fabrik Franz Thill’s Neffe in dem Firmenregister des Wiener Handelsgerichtes protokollirt. Dass die Firma Thill, welche jedenfalls auch auf anderen Gebieten ihrer Branche zu namhaften Leistungen befähigt war, sich trotzdem seit jeher fast ausschliesslich auf die Fabrication von Militär-Posamenten beschränkt hat, mag vom commerziellen Standpunkte vielleicht nicht ganz gerechtfertigt erscheinen. Indessen hat sie zweifellos durch diese weise Selbstbeschränkung die hohe Meisterschaft auf dem ihr eigenthümlichen Gebiete erlangt. Andererseits haben die Lieferungen für den Staat und die Truppenofficiere stets die vollste Leistungsfähigkeit der Firma in Anspruch genommen, so zwar, dass einer der verstorbenen Chefs des Hauses jede anderweitige Inanspruchnahme oder Bestellung mit den stereotypen Worten abzulehnen pflegte: »Ich danke bestens, aber ich kann absolut nicht — ich habe mit meinen Uhlanen vollauf zu thun!« Ein specielles Feld beherrschte die Firma in der Erzeugung sämmtlicher Goldsorten für die k. und k. Kriegs- Marine. Schon 1876, beiläufig zwei Jahre nach der Gründung der Officiers-Uniformirungs-Verwaltung für die k. und k. Kriegs-Marine in Pola, ergieng eine Aufforderung an die Firma Thill, um die im Offertwege zu vergebenden Lieferungen mitzuconcurriren. Die Firma hatte den Erfolg, die Deckung des ganzen Bedarfes zugewiesen zu erhalten. Sechs Jahre später, 1882, betheiligte sie sich an der Offertverhandlung über die für die Mannschaft zu vergebenden Lieferungen, welche sie gleichfalls erhielt. Als 1891/92 an der Neugestaltung der Uni- formirungsvorschrift der k. u. k. Kriegs-Marine gearbeitet wurde, war die Firma mit der Mustrirung hiezu betraut, wie sie denn auch seit 1856 bereits an sämmtlichen Mustrirungen für das k. und k. Heer mitgewirkt hat. Eine wichtige Neueinführung erzielte die Firma bei der Marine durch ihre in echtem Gold ausgeführten Matrosen-Kappenbänder, welche ihrer nahezu unbegrenzten Dauerhaftigkeit wegen erfolgreich die früheren bedruckten und darum scheinbar billigeren zu verdrängen vermochten. Diese Bänder sind patentamtlich geschützt und seither allgemein eingeführt. Die ersten Versuche fanden auf der Corvette »Saida« statt, und erwies sich das Thill’sche Kappenband in Sturm und Wetter, unter allen Himmelsstrichen, bei jahrelanger Erprobung als unverwüstlich. Am ausgedehntesten neben der Militär-Posamenterie betrieb die Firma Thill in früheren Zeiten noch die Erzeugung von Livree-Borten, eines Artikels, welcher einst, namentlich im Zeitalter der Barocke, eine sehr grosse Rolle spielte und nicht nur für die Adjustirung der Dienerschaftskleider, sondern überhaupt auch in dem damals so ostentativen Luxus der feudalen Haus- und Hofhaltungen als unentbehrlich ebenso gesucht als gut bezahlt war. Auch hierin hat der Wechsel der Zeiten und der Mode, wie der socialen Verhältnisse und Anschauungen gründlich Wandel geschaffen und so ist diese einst so dankbare und nutzbringende Specialität zu einem nur mehr sehr spärlich verlangten Ausnahmsartikel geworden. Nicht ungünstig gestaltete sich, leider nur bis in die Sechzigerjahre, der Export in den Erzeugnissen der Firma. Seitdem jedoch im Mai 1866 das neue Punzirungsgesetz in Wirksamkeit getreten war, haben dessen 39i Bestimmungen die Ausfuhr vollständig lahmgelegt und konnten auch die durch das Gesetz vom 23. Mai 1875 geschaffenen Correcturen nicht das Geringste zur Hebung unseres in diesem Artikel total verloren gegangenen Aussenhandels beitragen. Die Gesetzgebung gerieth hier in offenen Widerstreit mit den vitalsten Interessen des österreichischen Exports, so zwar, dass es mit Rücksicht auf die Lage unserer Industrie dringend geboten erscheint, vergleichsweise auf jene Bestimmungen der Gesetzgebung des Auslandes zu reflectiren, welche den Feingehalt der Gold- und Silberwaaren-Erzeugung und deren staatliche Ueberwachung zu regeln haben. Der besonders drückende Legirungszwang, wie ihn das österreichische Gesetz auf die Mischungsverhältnisse von Gold und Silber ausübt, besteht nur mehr in Frankreich, England und Portugal. Aber in allen diesen drei Staaten gilt der Legirungszwang ausschliesslich für den einheimischen Markt. Bei der Ausfuhr ist nicht nur jeder Feingehalt gestattet, sondern werden dem Exporteur auch alle für die Abstempelung (Punzirung) gezahlten Gebühren rückvergütet. Freilich ist die englische und französische Gesetzgebung nur schrittweise zu diesen Erleichterungen gelangt, aber um so deutlicher lässt sich in allen diesen etappenmässigen Aenderungen des Gesetzes die zielbewusste Rücksichtnahme auf die volkswirthschaftlich so wichtige Förderung des Ausfuhrhandels erkennen. Von jeglicher gesetzlichen Beschränkung frei ist die Gold- und Silberwaaren-Fabrication in Belgien, den Niederlanden in Italien und Spanien, und vor Allem in Deutschland seit 1884, in Amerika, wo auch für den inländischen Markt jeder beliebige Titre gestattet ist. Im Hinblicke auf diese liberale Handhabung der staatlichen Oberhoheit im Auslande gegenüber der Edelmetall-Industrie muss also unser gegenwärtiges Punzirungsgesetz als ziemlich rückständig und dringendst einer Am en- dirung bedürftig angesehen werden. Eine einzige Revision des Gesetzes betraf die nachträgliche Erlaubnis der galvanischen Vergoldung. Diesbezügliche solidarisch zu unternehmende Schritte der betheiligten Industrien und Gewerbe im Pétitions wege würden zweifelsohne unschwer die Umbildung der am drückendsten empfundenen gesetzlichen Beschränkungen nach ausländischem Muster herbeizuführen im Stande sein. Auf eine vollständige Amo- virung des Gesetzes dürfte man aus fiscalischen Gründen so bald nicht hoffen. Abgesehen davon, liegen auch in der gesetzlichen Ordnung der Werthgehalte und F eingewichte im Handel mit Edelmetallen und aus diesen hergestellten Erzeugnissen so wesentliche und bedeutende Vortheile, dass eine gänzliche Freigebung des Handelsverkehres selbst im Interesse der soliden Industrie kaum wünschenswerth erscheinen möchte. Das Etablissement der Firma ist in technischer Hinsicht musterhaft eingerichtet und mit den modernsten maschinellen Neuerungen ausgestattet. Das Verhältnis zur Arbeiterschaft ist das denkbar beste, was auch durch den seit Jahrzehnten im Hause beschäftigten Grundstock des Personales illustrirt wird. Die älteste Arbeiterin steht 52 Jahre im Dienste, wofür dieselbe ein Anerkennungsschreiben vom Handelsministerium und die Medaille des Gewerbevereines erhielt. Zahlreiche Andere gehören seit 30, 22 und 20 Jahren zur Firma. Die Fürsorge der Inhaber hat sich eben seit jeher auch nach bester Möglichkeit auf das Wohlergehen der Arbeiterschaft erstreckt. Das Krankengeld wird derselben nicht in Abzug gebracht und werden Feiertage bei vollem Lohn freigegeben. Seit Jahren ist auch der Accordlohn abgeschafft und der fixe Wochenlohn eingeführt. So gestaltete sich auch das persönliche Verhältnis der Arbeiterschaft zu den Firmainhabern zu einem harmonischen und theilnahmsvollen, was wiederholt schon bei gegebenen privaten Anlässen seinen erfreulichen Ausdruck fand, und weshalb sich auch die Arbeiterschaft bisher allen agitatorischen Einflüssen als unzugänglich erwies. Einen Strike hat es im Hause Thill nie gegeben. Ausser den früher erwähnten Auszeichnungen und Titelverleihungen erhielten die Firmainhaber noch zahlreiche andere Beweise Allerhöchster und höchster Huld, so Franz Thill sen. 1852 von Sr. Majestät dem Kaiser eine goldene, brillantenbesetzte Tabatière für die Creirung der Modelle und die rasche Equi- pirung der in zwei Jahren aus Dragonern und Chevauxlegers umgestalteten acht Uhlanen-Regimenter. Dieser Auszeichnung folgte mit Allerhöchster Entschliessung vom 27. Juli 1862 die Verleihung des goldenen Verdienstkreuzes mit der Krone, am 26. December 1880 die Ernennung zum k. u. k. Kammerlieferanten, und mit Allerhöchster Entschliessung vom 1. August 1891 die Verleihung des kaiserl. österr. Franz Joseph-Ordens. Seit der Weltausstellung 1873, auf welcher sie die Fortschritts- und Verdienstmedaille erwarb, hat die Firma noch in den Jahren 1888, 1892 und 1894 die Wiener Ausstellungen, jedoch stets hors concours beschickt. 1892 fungirte der jüngste Chef des Hauses, Herr Carl Thill, überdies auch als Juror auf der Internationalen Ausstellung für Volksernährung und Armeeverpflegung. Die Firma lieferte seit 1845 alle Goldsorten für weiland Kaiser Ferdinand, wie sie auch seit 1854 bis zum heutigen Tage die hohe Ehre geniesst, als ausschliessliche Lieferantin aller Goldsorten für Seine k. u. k. Apostol. Majestät Kaiser Franz Joseph I. zu fungiren. Ununterbrochen bediente die Firma seit 1845 die weiland Herren Erzherzoge Franz Carl, Ludwig, Carl Ludwig, Wilhelm und Albrecht, seit 1873 Herrn Erzherzog Ludwig Victor, und vom Beginn dessen militärischer Laufbahn an weiland den durchlauchtigsten Herrn Kronprinzen Erzherzog Rudolf, sowie die Herren Erzherzoge Franz Ferdinand von Oesterreich- Este, Otto, Ferdinand Carl, Friedrich, Carl Stephan, Eugen und seit 1896 Herrn Erzherzog Rainer; desgleichen fungirt die Firma als Lieferantin des k. u. k. Obersthof-, Oberststallmeister-, Oberstkämmerer-, Oberstjägermeister-Amtes, sowie für die Erste Arcièren- und die k. u. k. Tr ab ant en -Leibgar d e. Die berühmtesten Heerführer der k. u. k. Armee — eine lange Reihe historischer Namen von Radetzky bis Sterneck — zieren gleichfalls das Kundenregister der Firma, welche nach nunmehr i38jährigem Bestände auch unter den heutigen Inhabern bestrebt ist, den ererbten und traditionellen Ruf des Hauses kommenden Generationen intact und neu befestigt zu überliefern. 392 f Wm' t tr :ßT Tai'iSJssJI 4m%ff Ä W mim Om jcii fwffSi asm -■c yy^L .-Vf" jf3*v PW* ;$spr m» --'il Uf ? ’ :jf MMtehl *"S52 fei!' -. ** Sfn. ■ ••ff. . gvA ■»: WOLF FURTH & CO. K. K. PRIY. FEZ-FABRIK STRAKONITZ (BÖHMEN). s ist häufig- auf die auffallende Erscheinung hingewiesen worden, dass die Erzeugung von Fez, eines Artikels, welcher in so enger Beziehung zu den Eigenthümlichkeiten und Bedürfnissen des Orients steht, in einer Stadt Böhmens, in Strakonitz, eine sorgfältige Pflegestätte gefunden hat. In der zweiten Hälfte des vorigen Jahrhunderts hat der rege Handels- und Schifffahrtsverkehr der venetianischen Republik mit den Häfen des Mittelländischen Meeres diesen Industriezweig, welcher seinen Hauptsitz in Tunis hatte, zunächst nach Venedig, Livorno und Pisa und später ins mittägliche Frankreich verpflanzt. Die französische Industrie bemächtigte sich dieses Artikels vollständig, und nur schrittweise, durch zähe Ausdauer und unbeugsame Thätig-keit ist es den Begründern der Fez-Industrie in Oesterreich gelungen, die fremde Concurrenz derart aus dem Felde zu schlagen, dass heute das österreichische Fabrikat die Märkte des Orients unbestritten beherrscht. In Strakonitz war schon vor Anfang dieses Jahrhunderts die Strumpfstrickerei betrieben worden; die ersten Anfänge der Erzeugung von Fez fallen in das Jahr 1805, indem damals ein Kaufmann in Linz, namens Rosa, den Strumpfwirkern, welche die Strümpfe zu Markte nach Linz brachten, Wolle gab und nach seinen Angaben Mützen mit der Hand stricken liess, welche er dann im rohen Zustande, ungewalkt und ung-efärbt gegen Stricklohn übernahm. Ein 1809 in Strakonitz zurückgebliebener Soldat der französischen Armee ertheilte die ersten Unterweisungen in der weiteren Behandlung der Waare, er lehrte das Filzen und Färben, und von jener Zeit datirt der -wesentliche Fortschritt, dass man fertige Waare nach Linz und Wien zum Verkaufe bringen konnte. Im Jahre 1816 kamen die Strumpfwirkstühle als mechanische Hilfsmittel in Verwendung. Man webte Theile der Mützen und ergänzte das Fehlende durch Anstricken. Die türkischen in Wien wohnenden Handelsleute setzten sich nun direct mit den Erzeugern in Verbindung und Hessen nach Mustern einzelne in Bosnien, Serbien etc. gangbare Artikel arbeiten. Im Jahre 1818 unternahm es Wolf Fürth, der Begründer der Firma Wolf Fürth & Co. in Strakonitz, in richtiger Voraussicht der Zukunft dieser Industrie, einen rationellen Betrieb derselben einzurichten. Ein Rescript des k. k. Kreisamtes in Pisek vom 31. Juli 1828 constatirt in Folge amtlicher Erhebung, dass Wolf Fürth schon zu jener Epoche über 900 Menschen Beschäftigung gab und die Fezerzeugung in bedeutendem Umfange betrieb. Mit der im Jahre 1837 erfolgten Errichtung der Dampfschifffahrtsgesellschaft des österr. Lloyd wurden die Häfen des Mittelländischen Meeres dem österreichischen Handel eröffnet. Die ersten von einem Theilnehmer der Firma Wolf Fürth & Co. unternommenen Reisen, welche sich auf das Innere Asiens ausdehnten, fallen in eine Zeit, in welcher solche Unternehmungen noch mit grossen Schwierig-keiten verbunden waren und wo die commerzielle Bedeutung des Ostens für Oesterreich in industriellen Kreisen noch nicht genügend gewürdigt wurde. Die genannte Firma kann für sich das ihr übrigens nie bestrittene Verdienst in Anspruch nehmen, den unmittelbaren Verkehr mit dem Oriente auch für ihre Mitconcurrenz in Oesterreich eingeleitet zu haben. Einen weiteren Aufschwung brachte 1839 der Regierungsantritt Abdul-Medjid’s, welcher in der Armee den Turban abschaffte. Form und Farbe des Fez wurden nun Gegenstand der wechselnden Mode, der Bedarf und der Luxus in diesem Artikel nahmen grössere Dimensionen an. Die Gross-Ir.dustrie. IV’. 393 50 Unter dem günstigen Einflüsse eines gesteigerten Absatzes Hessen sich, da auch die Fabrication feiner Artikel aufgenommen werden konnte, Verbesserungen und Erfindungen, welche auf dem Gebiete der Spinnerei, Weberei und Appretur gemacht wurden, insofern es die Eigenthümlichkeiten des Artikels gestatteten, mit Nutzen verwerthen. Besonders brachte die Einführung des mechanischen Rundwirkstuhles die Erzeugung auf eine höhere Stufe der V ervollkommnung. Der officielle Ausstellungsbericht der Pariser Weltausstellung 1867-bemerkt über diesen Gegenstand: »Dass die Fezfabrication aus Frankreich, wo selbe ihren Sitz hatte, verschwunden ist, scheint eine unwiderlegliche Thatsache, da Frankreich weder auf der Ausstellung mit dem Artikel vertreten war, noch auch solche Daten vorliegen, welche über den Standpunkt dieses Industriezweiges daselbst Aufschlüsse gewähren. Aber auch die Concurrenz von Pisa und Livorno hat aufgehört, seit sich die Häfen der Levante der rastlosen Thätigkeit und unbeügsamen Beharrlichkeit österreichischer Fabrikanten öffneten, unter denen die Firma Wolf Fürth & Co. darum eine hervorragende Stellung einnimmt, weil sie als Gründerin dieses Erwerbszweiges zu betrachten ist und seit 1818 bis auf den heutigen Tag unablässig bestrebt war, die Leistungsfähigkeit ihres in grossartigem Maassstabe betriebenen Etablissements nach Möglichkeit zu erhöhen.« * V' Etwa 15 Jahre später hat die Erfindung der Fezstrickmaschine eine wesentliche Umwälzung in der Fabrication herbeigeführt. Diese Maschinen ermöglichen die mechanische Herstellung der Fez in einem Stücke, und ihre grosse Leistungsfähigkeit hat zu der natürlichen Folge geführt, dass ein grosser Theil der menschlichen Arbeitskräfte allmählich durch mechanische ersetzt wurden. Die Anzahl der Gattungen hat sich im Laufe der Jahre allmählich bedeutend vermehrt. Weit mehr als 50 Sorten Fez in zahlreichen Nuancen des Roth und Braun nehmen ihren Weg nach der Levante, nach Aegypten, Indien und der Nord-, Ost- und Westküste Afrikas. Mit der allmählichen Erschliessung Centralafrikas wird auch in diesem Himmelsstriche der Fez-Industrie ein neues Absatzgebiet eröffnet. Die Erzeugnisse der Firma Wolf Fürth & Co., welche sich vorwiegend mit der Fabrication der feinen Sorten und der verschiedenen Specialartikel beschäftigt, haben bei den Ausstellungen der letzten Decennien: Gewerbeausstellung Prag 1829, Wien 1845 (silberne Medaille), Weltausstellung in London 1862 (Preismedaille), Paris 1867 (silberne Medaille), Wien 1873 (Fortschrittsmedaille), Paris 1878 (goldene Medaille), Ausstellung Triest 1882 (Ehrendiplom), Weltausstellung Chicago 1892 (Preismedaille) die entsprechende Anerkennung gefunden und jedes Mal den höchsten Preis, welcher diesem Industriezweige zuerkannt worden ist, erhalten. Anlässlich der Londoner Weltausstellung 1862, der Wiener Weltausstellung 1873 und der Pariser Weltausstellung 1878 sind die seither verstorbenen Gesellschafter der Firma Jacob W. Fürth, Moritz W. Fürth und Josef Ritter v. Fürth, die Söhne des Begründers des Hauses, welche durch vierzig Jahre das Unternehmen gemeinsam geleitet und auf die Höhe seiner Erfolge gebracht haben, durch Ordensverleihungen ausgezeichnet worden (Franz Joseph-Orden, goldenes Verdienstkreuz mit der Krone, französische Ehrenlegion). Einen Beweis des seit jeher freundlichen und günstigen Einvernehmens zwischen den Arbeitgebern und Arbeitnehmern liefert am deutlichsten die lange Dienstzeit der Arbeiter dieses Etablissements. Der Fabrik gehören 394 derzeit 4 Arbeiter mit 5ojähriger, 7 Arbeiter mit 45jähriger, 10% aller Arbeiter mit 4ojähriger, 18% mit 35jähriger, 28% mit 3ojähriger, 40% mit 25 jähriger und 50% mit 2ojähriger Dienstzeit an. Im Jahre 1889 wurde zwei Arbeitern des Etablissements das silberne Verdienstkreuz verliehen. Was die Wohlfahrtseinrichtungen der Fabrik betrifft, so kann darauf hingewiesen werden, dass schon im Jahre 1847 e ’ ne Krankencasse errichtet wurde, und dass die Firma mehr als ein Jahrzehnt vor Einführung der obligatorischen Unfallversicherung ihre Arbeiter bei einer ausländischen Unfallversicherungsgesellschaft auf eigene Kosten versichert hatte. Die alten arbeitsunfähigen Leute erhalten aus der von den Firmaträgern gegründeten Fabrikspensionscasse, deren Fond bei verschiedenen Familienanlässen vermehrt wurde, regelmässige monatliche Unterstützungen. Im Jahre 1878 wurde in Strakonitz anlässlich des fünfzigjährigen Jubiläums der Ertheilung des Fabriksprivilegiums eine Kinderbewahranstalt mit dem von der Firma zur Verfügung gestellten Capitale ins Leben gerufen und damit einem Bedürfnisse der Bevölkerung abgeholfen. Den Arbeitern der Firma sind besondere Begünstigungen für die Aufnahme ihrer Kinder gesichert. Die Fabrik wird derzeit von den Enkeln des Firmagründers, von Adolf, Eduard und Dr. Hugo Fürth, gemeinsam geleitet. 50- 395 jt mr.- -'****& : l¥: : fwte >s*3 iüsp illllll WS« $■- Fabrik in Mutenic. J. STEIN & CO. FEZ-FAB RI KEN STRAKOXITZ UND MUTENIC (BÖHMEN). iese Firma wurde im Jahre 1832 in kleinem Maassstabe vom Vater des jetzigen Besitzers gegründet. Es waren damals nur wenige Arbeiter im Handbetriebe beschäftigt und wurde naturgemäss nur ein ganz geringes jährliches Quantum erzeugt. Durch niemals ermüdenden Geschäftseifer, rastlose Thätig- keit im Betriebe und durch richtiges Erfassen der Bedürfnisse der Abnehmer, entwickelte sich das Unternehmen im Laufe der Jahrzehnte zu seiner gegenwärtigen Grösse und Bedeutung. In den zwei Fabriken der Firma werden heute circa 300 Personen beschäftigt. Als Motoren dienen 2 Wasserräder und 3 Dampfmaschinen mit einer Gesammtleistung von 160 Pferdekräften. Die maschinellen Einrichtungen der beiden Etablissements sind durchwegs neuester Construction. Die Jahresproduction beläuft sich zur Zeit auf 100.000 Dutzend Fez, zumeist feinerer Qualitäten, die in allen Ländern des osmanischen Reiches Absatz finden und sich grosser Beliebtheit erfreuen. Die Firma beschickte die Weltausstellungen Wien 1873, Paris 1878 und wurde auf beiden prämiirt, während ihre Betheiligung an der Landesausstellung in Prag hors concours stattfand. .fl 1 .-W W Ä. Au ■ - Fabrik in Strakonitz. — 396 — BLEICHEREI, FÄRBEREI UND APPRETUR. AV IE N. 111111111 |f iöSj I). COUNDI FÄRBEREI UND CHEMISCHE WASCHANSTALT «ism enn man die heutige Leistungsfähigkeit jener Anstalten, welche sich mit dem Reinigen, Färben und der Appretur gebrauchter Stoffe beschäftigen, mit den Verhältnissen, welche auf diesem Gebiete noch vor wenigen Decennien herrschten, vergleicht, tritt die grosse Umwälzung, welche sich hier vollzogen hat, klar zu läge. Trotzdem es eine wirklich dankbare Aufgabe war, sich mit dem Studium der Frage zu beschäftigen, wie Kleidungsstoffe, Teppiche, Vorhänge und andere Gewebe, welche zwar noch vollkommen dauerhaft, jedoch auf irgend eine Weise verunreinigt waren oder sonst im Aussehen gelitten hatten, wieder zum Gebrauch geeignet gemacht werden könnten, hat sich lange weder die Chemie noch die Technik, beide überreich mit der Vervollkommnung anderer Industriezweige beschäftigt, der Lösung dieser Aufgabe zugewandt. Noch vor zwanzig Jahren bestand die Kunst des Reinigens, Färbens und der Appretur gebrauchter .Stoffe in der Anwendung einiger praktisch erprobter Recepte, welche sich vom Vater auf den Sohn vererbten und sorgfältig geheim gehalten wurden. Um diese Zeit hat die Wissenschaft auch auf diesem Felde ihre Arbeit begonnen, und es ist ihr im Laufe der Zeit gelungen, hier grossartige Erfolge zu erzielen. Heute sind jene Anstalten dieser Art, welche es verstanden haben, die einzelnen Ergebnisse der Wissenschaft praktisch zur Anwendung zu bringen, durch maschinelle Hilfsmittel, Vorrichtungen etc. in die Lage gesetzt, den weitgehendsten Anforderungen, die an sie gestellt werden können, gerecht zu werden. Was die Fortschritte in diesem Industriezweige für jeden Haushalt nicht nur in ökonomischer, sondern auch in hygienischer und besonders in ästhetischer Beziehung bedeuten, ist für Jedermann ohne Weiteres klar. Nicht in geringem Maasse ist es die Thätigkeit des Hauses D. Counde, welche an der besonderen Vervollkommnung des von ihr vertretenen Industriegebietes einen Antheil hat. Das Wiener Etablissement der Firma D. Counde wurde zu Anfang des Jahres 1877 in Währing, Wienerstrasse 41, gegründet und hatte die dazu nothwendigen technischen Einrichtungen nach dem Muster seines im Jahre 1848 errichteten und an Erfahrungen reichen Mutterhauses in Berlin nach Wien übertragen, wo sie in den gepachteten Fabrikslocalitäten installirt wurden. Die Ausdehnung des Fabriksbetriebes hat von Jahr zu Jahr stetig zugenommen und mussten in Folge dessen vor jeder Saison die Localitäten erweitert werden. Während des 21jährigen Bestandes in Wien war man viermal gezwungen, wegen Platzmangel die Einrichtungen aus den verwendeten Fabriksräumlichkeiten in andere grössere Etablissements zu übersiedeln. Die Firma beschäftigt sich mit dem Reinigen, Waschen, Auffrischen und Färben gebrauchter Stoffe. Alle diese Zweige des Betriebes sind heute bei ihrer Leistungsfähigkeit den besseren Haushaltungen geradezu unentbehrlich geworden. Der Verkehr mit der Kundschaft wird jetzt durch 20 eigene Ladengeschäfte vermittelt, von welchen sich 16 in Wien, 1 in Budapest, 1 in Graz, 1 in Pressburg und 1 in Wr.-Neustadt befinden, während noch mehr als 100 Agenturen in allen bedeutenden Städten der österreichisch-ungarischen Monarchie die Firma vertreten. Dem französischen System der Stoffreinigung, bekannt als chemische oder Trockenreinigung, ist in Strebersdorf bei 399 Wien ein besonderer Neubau gewidmet, in welchem der Betrieb nach den neuesten Erfahrungen auf diesem Gebiete eingerichtet ist. Jede Art von Damen- und Herrenbekleidung, so reich dieselbe auch besetzt sein mag, lässt sich unzertrennt durch chemische Wäsche wieder herstellen. Gesellschafts- und Hauskleider, Pelzsachen, Schlafröcke, Mäntel, Umhänge u. s. w. werden ebenso wie Herrengarderobe und Gala-Uniformen mit Gold- und Silberborten durch dieses Verfahren gereinigt, ohne an Form, Farbe und Glanz etwas einzubüssen. Diese Reinigungsart bewährt sich ebenso bei Möbelstoffen, Teppichen, Gobelins, wie auch bei gestickten, gefütterten und wattirten Gegenständen. Die Appretur, welche durch eine Menge Vorrichtungen, erprobt in langjähriger Erfahrung, den verschiedenartigen Stoffen angepasst ist, verleiht diesen das Ansehen der Neuheit. Bei den Damenbekleidungen sind es alle seidenen, ausserdem manche andere werthvollere Stoffe, bei welchen sich die Zertrennung in der Regel empfiehlt, weil ihre vollkommene Herstellung die Färberei und Appretur in getrenntem Zustande (ä ressort) voraussetzt. Dagegen wird Sammtgarderobe unzertrennt behandelt, von Regen- und sonstigen Flecken gereinigt, von Druckstellen befreit und in der Farbe aufgefrischt. Glanzkattune und Cretons erhalten nach der Wäsche durch eine geeignete Glättmaschine ihren Glanz wieder, Tüll- und Mullgardinen werden durch sinnreiche Appreturmaschinen auf das sauberste renovirt, schadhafte Gardinen, ebenso Spitzen auf Bestellung auch durch sachkundige Hand ausgebessert. In neuester Zeit ist es gelungen, ein Verfahren anzuwenden, durch welches gewaschene und gefärbte Kattunkleider, sowie leinene Herrengarderobe im Griffe und Aussehen die den neuen Stoffen eigenthümliche Appretur erhalten. Seit dem Jahre 1877 sind für die Wäsche und Zurichtung von werthvollen Spitzen nach Brüsseler Art Einrichtungen getroffen. Echte Spitzen: Points plats und Valenciennes, Guipures etc. werden gewaschen und hergerichtet, so dass sie gleich neuen erscheinen, auf Verlangen werden dieselben auch applicirt und ausgebessert. Für das Waschen und Färben von Strauss- und Putzfedern sowie von Handschuhen sind die zweckmässigsten Einrichtungen getroffen. Die Fabrik, die im Gründungsjahre ihren Betrieb mit 40 Arbeitern begann, beschäftigt heute 120—150 Personen. Die erforderliche Kraft stellt eine Dampfmaschine von 20 Pferdekräften bei, die von einem Cornwallkessel mit einer Heizfläche von 500 Quadratmeter gespeist wird. Die Thätigkeit der Firma-Inhaber, deren Umsicht und fachtechnische Kenntnisse haben das Unternehmen auf diese hohe Stufe gebracht; der Lohn hiefür blieb auch nicht aus, indem die Firma auf der Weltausstellung im Jahre 1873 zu Wien ein Anerkennungs-Diplom und 1896 auf der Berliner Gewerbeausstellung die silberne Medaille erhielt. 400 SIGMUND FLUSS DAMPFKUNSTFÄRBEREI, APPRETUR UND CHEMISCHE WASCHANSTALT BRÜNN. as Etablissement befasst sich im Wesentlichen damit, getragene, beziehungsweise im Gebrauch gewesene Herren-, Damen- und Kindergarderoben, Uniformen, Zimmer-Decorationen, Vorhänge, Möbelstoffe, Schmuckfedern etc. sowie auch neue, verlegene Stoffe in Seide, Wolle, Baumwolle etc. durch Färben, Waschen, chemischer Reinigung und entsprechender Appretur wieder brauchbar zu machen. Am i. März 1890 begründete Herr Sigmund Fluss das Etablissement für diese Specialbranche in Brünn, Zeile 38. Durch Fleiss, Thätigkeit und grosse Fachkenntnisse gelang es ihm bald, seinem Geschäfte einen ausgezeichneten Ruf zu verschaffen, welcher weit über den Rahmen seines Betriebsortes hinausgeht. Die mit den modernsten Maschinen eingerichtete chemische Waschanstalt, Appretur und Dampffärberei kann als eine Musteranstalt bezeichnet werden. Die chemische Wäscherei, sogenannte Trockenwäsche, wird für jede Art von Damen- und Kindergarderobe angewandt. Sämmtliche Gegenstände, auch die feinsten Strassen- und Gesellschaftstoiletten, Seidenroben, Maskencostüme werden unzertrennt mit jedem Besätze, sei er in Seide, Sammt, Perlen, Stickereien, Gold oder Silber, gereinigt, ohne dass für Farbe, Eingehen oder Façon Befürchtungen zu hegen wären. Mit diesen angeführten Zweigen des Geschäftes ist die mit patentirten Maschinen ausgestattete Erste österreichisch-ungarische Dampfbügelanstalt verbunden. Zwei Dampfkessel von je 70 Quadratmeter Heizfläche und eine kräftige Dampfmaschine versehen den Betrieb des Etablissements, in dessen hellen, gut ventilirten, mit elektrischer Beleuchtung versehenen Räumen circa 80 bis 100 Personen beschäftigt werden. Für die besondere Leistungsfähigkeit der Firma Sigmund Fluss sprechen am deutlichsten die zahlreichen Prämiirungen, welche ihr bei öffentlichem Wettbewerbe zuerkannt wurden, sie erhielt auf allen Ausstellungen im In- und Auslande die höchsten Preise, welche im Nachfolgenden angeführt werden sollen: Brüssel, die grosse goldene Medaille und Ehrendiplom; Paris, die grosse goldene Medaille und Ehrendiplom ; Brünn, die grosse silberne Medaille des Mährischen Gewerbevereines; Olmütz, Landes-Gewerbeausstellung, die grosse goldene Medaille; Aussig, Landes-Gewerbeausstellung, die grosse goldene Medaille; St. Gilles, Landes-Gewerbeausstellung, die grosse goldene Medaille; Venedig, .Internationale Kunst- und Gewerbeausstellung, das Ehrenkreuz und die grosse goldene Medaille ; Wien—Baden, den Ehrenpreis und die grosse goldene Medaille; London, Internationale Kunst- und Gewerbeausstellung 1897, das Ehrenkreuz und die grosse goldene Medaille, und Berlin, Internationale Kunst-Gewerbe- Modeausstellung 1896, den Ehrenpreis und die grosse goldene Medaille. Die Firma ist Inhaberin des k. k. ausschliesslichen Privilegiums. Das Etablissement hat seinen Wirkungskreis im Laufe der Zeit über seinen ursprünglichen Betriebsort hinaus ausgedehnt und unterhält gegenwärtig in Wien, Prag, Budapest, Graz, Priest, Krakau, Lemberg und Czernowitz eigene Fabriksniederlagen und circa 200 Agenturen in allen grösseren Städten Oesterreich-Ungarns. Die Gross-Industrie. IV. 4OI — 51 CU äa. X '-Ns?..- ftöJC I 1 I Uli ja J. M. FUSSENEGGER SENGEREI, BLEICHEREI, FÄRBEREI UND APPRETUR DORNBIRN (VORARLBERG). m Jahre 1828 wurde das ursprüngliche Etablissement von Herrn J. B. Salzmann in Dornbirn erbaut, darin eine Bleicherei, Rothfärberei, Druckerei und Appretur eingerichtet und dieses Geschäft bis zum Jahre 1836 fortgeführt. Dann wurde die Druckerei aufgelassen, dafür aber eine Einrichtung zum Sengen, Bleichen, Färben und Appretiren von Cottons, Musseiines und Jaconnets, gestickten Vorhängen, Bordüren und gestickten Tücheln hergestellt (letztere Handstickerei), welche Waaren grösstentheils für die Lombardei und Venetien bestimmt -waren. Im Jahre 1843 übernahm Joh. Mich. Fussenegger diese Einrichtungen und arbeitete unter eigenem Namen in gleicher Weise weiter. Als im Jahre 1866 Venetien für Oesterreich verloren gieng, hörte, da dorthin kein Absatz mehr stattfand, das Stickerei-Bleichen und Appretiren gänzlich auf; in Folge dessen sah sich die Firma veranlasst, ihr Etablissement mehr für Bleicherei, Färberei und Appretur von Baumwoll-Waaren und -Garnen einzurichten. Als mit dem Jahre 1880 die mechanische Stickerei in grösserem Umfange in Oesterreich festen Fuss fasste, brachte diese auch einen neuen Umschwung für das Unternehmen mit sich. Die damals so emporgekommene Stickerei-Industrie, welche seither in Vorarlberg in Privathäusern, wie auch in Fabriken betrieben wird, legte den Gedanken nahe, die Vollendungsarbeiten dieses Industriezweiges nicht — wie Anfangs — in der nahegelegenen Schweiz, sondern gleich an Ort und Stelle in Oesterreich durchzuführen. So kam es, dass die Firma J. M. Fussenegger im Laufe der Zeit sich bewogen sah, neben dem Bleichen, Färben und Appretiren der Baumwollwaaren und Garne, ihr Augenmerk auch speciell auf Bleiche und Appretur von mechanischen Stickereien zu richten. 1885 übernahmen die jetzigen Besitzer, die Söhne J. M. Fussenegger’s, Josef und Heinrich, das Fabriksunternehmen und erweiterten dasselbe immer mehr und mehr, so dass die Firma jetzt in der Lage ist, in fünf grösseren Fabriksgebäuden, mit Benützung einer 20pferdekräftigen Dampfmaschine, zweier Dampfkessel sowie eigener Wasserkraft, täglich 1000 Coupons Stickereien ä 4 Meter gesengt (Gassengerei), gebleicht und appretirt, sowie 200 Stück Cottons und Futterstoffe und 500 Kilogramm Baumwollgarn gebleicht, gefärbt und appretirt, in schöner Ausführung fertigzustellen. Reichlich vorhandenes gutes Quellwasser, die erste Bedingung für die Herstellung sorgfältiger Arbeit, wurde in letzter Zeit durch neue Fassung der Quelle und directe Zuleitung in eisernen Röhren der Fabrik gesichert, so dass die Arbeiten bei allen Witterungsverhältnissen und zu jeder Jahreszeit ungehindert stattfinden können. Durch Heranziehung fachkundiger, erprobter Kräfte, sowie durch fortwährende Verbesserung der maschinellen Einrichtungen ist es der Firma gelungen, in Bezug auf Reinheit der Bleiche und feine Appretur mit den Schweizer Firmen, die in dieser Hinsicht meist als mustergiltig zu betrachten sind, die Concurrenz voll aufnehmen zu können. Aber auch die Neuerungen in der Behandlung von Baumwoll-Waaren und -Garnen liess die Firma nicht aus dem Auge und kann demnach auch in dieser Branche der Concurrenz leistungsfähig gegenübertreten. — <*02 — W» / 4 -v- >?y>zŸ" SfcHK.': sggwä V«r<*.- i, :'-:-^iju. *Ü _t!_JL~ i-i nu] w w !!• || f| lil * *1 i 1*1 J. »»» ilfrlfff lélf* f| ui.; . iw »«?■ ÊrlsJsà rpppiff ‘-Ah *■' .'* . P . -À 'P' >* *£* * icV v «g, [■.Aÿ , pHf-jP. " ’sU-Jf ■ ffiiôfîr tävricft, HE RM. MÜLLER STÜCKFÄRBEREI UND APPRETUR GROTTAU (BÖHMEN). ■mm is gegen Ende der Siebzigerjahre war die Textil-Industrie der nördlichen Kronländer Oesterreichs bezüglich der Veredelungsbranchen im hohen Grade vom Deutschen Reiche abhängig. Im Wege des Appreturverkehres gelangten vielfach die Halbfabrikate der Spinnerei und Weberei an deutsche Fabriken, von welchen sie nach ihrer Veredelung auf Grund des Ursprungscertificates wieder ihren Weg in die Monarchie nahmen. Zu jenen Firmen des Deutschen Reiches, welche an diesem Wechselverkehr einen regen Antheil nahmen und ständig bedeutende Quantitäten in Oesterreich und speciell in Böhmen erzeugter Manufacturwaaren, namentlich Futter- und Kleiderstoffe, veredelten, gehörte auch die Firma Budde & Müller in Barmen (Rheinpreussen). Gegen Ende der Siebzigerjahre nehmen die Bestrebungen der Regierung ihren Anfang, die heimische Textilindustrie von den fremden Veredelungsfabriken unabhängig zu machen, mit deren Realisirung dadurch begonnen wurde, dass erst auf die Wiedereinfuhr der fertiggestellten Fabrikate ein Veredelungszoll erhoben wurde, bis endlich die Zoll- V! ft I Cylinclerlrock •RUlis^EyOL . Spülmaschine. PMPI •• rsa restitution völlig eingestellt wurde. Damit war das Ende des Appreturverfahrens, welches so lange zwischen Oesterreich und dem Deutschen Reiche bestanden hatte, gekommen. Der dadurch herbeigeführte plötzliche Abbruch dieses seit langer Zeit bestehenden Verhältnisses war sowohl diesseits als jenseits der Grenze für die einzelnen betroffenen Etablissements von weittragender Bedeutung. Wenn auch die Maassregel im Interesse der heimischen Industrie getroffen worden war, wenn auch damit bezweckt war, jenen Theil der Fabrication, welcher bisher, der alten Gewohnheit gemäss, nicht im Inlande betrieben, sondern den 4°3 5i m Hydraulische Pressen. auswärtigen Häusern überlassen wurde, in Oesterreich einzubürgern, so waren für den Moment Störungen des . normalen Geschäftsbetriebes nicht zu vermeiden, weil ja die heimischen Veredelungs-Etablissements, welche bisher mit dem ... .. . . Umstand gerechnet hatten, dass die Appretur und Färberei der einzelnen Textilfabrikate zum grossen Theil in den auswärtigen Fabriken vor sich gieng, und den Umfang ihrer Productionsfähigkeit dementsprechend eingerichtet hatten, sich nicht mit einem Schlage in die Lage setzen konnten, die früher von den deutschen Fabriken geleistete Arbeit auf sich zu nehmen. Auf der anderen Seite war die Aufhebung des Appreturverkehres auch für . jene Firmen des Deutschen Reiches, welche bisher die Veredelung der österreichischen Halbfabrikate besorgt hatten, ein empfindlicher Schlag; manche derselben hatten sich vorwiegend mit der Veredelung österreichischer Manufacturwaaren beschäftigt, und der plötzliche Ausfall, der durch die erwähnte zollpolitische Veränderung entstanden war, hatte einen ungünstigen Einfluss auf den Geschäftsbetrieb dieser Häuser zur Folge. Auch die Firma Budde & Müller, welche zu jener Zeit einen bedeutenden Theil ihrer Kunden in Oesterreich hatte, musste, wollte sie dieselben nicht verlieren, dem neuesten Stande der Dinge in entsprechender Weise Rechnung tragen. Das einzige Mittel, die früheren Geschäftsbeziehungen aufrecht zu erhalten, bestand darin, eine Fabricationsstätte diesseits der österreichischen Zollschranken zu begründen und daselbst die Aufträge des österreichischen Kundenkreises auszuführen. Diesen Entschluss fasste sie auch, insbesondere mit Rücksicht darauf, dass bei den gegebenen Verhältnissen zu den alten Verbindungen leicht auch neue angeknüpft werden konnten, da ja für derartige Unternehmungen in Oesterreich Beschäftigung in reichem Maasse vorhanden war. Da eine rasche Aufnahme des Betriebes geboten erschien und der Xeubau eines geeigneten Etablissements zu viel Zeit in Anspruch genommen hätte, musste getrachtet werden, eine Fabrik zu erwerben, die rasch für die Aufnahme der Arbeit ausgestattet werden konnte. Dazu fand sich auch eine günstige Gelegenheit. M <£U‘~ Plattensengerei. 4°4 >*■ V ,^ÈBBaw«ïse«2!3S •äfed^ä WjL^ 1 a I . fl ,"t l Ilt’l $! S | î S dàrtâftî flî^C-i. fessa :js&ggS^ *$£;*ïî«âr- i» J .^-> j’-afe Fabrik Dönis bei Grottau. Im Jahre 1879 kaufte die Firma Budde & Müller eine kleine, seit wenigen Monaten im Betriebe befindliche Stückfärberei in Grottau, welche Eigenthum des Herrn Silvio Rosenbach war. Der Theilhaber der Firma, Hermann Müller, schlug seinen Wohnsitz in Böhmen auf, um die Fabrik einzurichten und die Leitung des Geschäftes zu übernehmen. Die Begründung des neuen F abriksetablisse- ments war von nicht unerheblichen Schwierigkeiten begleitet, die sich ja im Beginne eines jeden jung'en Unternehmens einzustellen und dessen Existenz von vorneherein zu gefährden pflegen. Es gelang, diese Kinderkrankheiten glücklich zu überwinden, und bald hatte sich die Firma durch exacte Ausführung ihrer Arbeiten und durch reelle Geschäftsweise einen guten Ruf und auch einen ausgedehnten Kundenkreis erworben. Bei dem stetigen Anwachsen der Nachfrage erwiesen sich die ursprünglichen Fabri- cationsräume bald* als unzureichend, und schon nach fünf Jahren musste zu ausgiebigen Erweiterungen geschritten werden. Die Zahl der in Betrieb befindlichen Kessel wurde von vier auf zwölf erhöht, die Shedgebäude wurden vermehrt, so dass deren zwölf 1 - J ’ A ! ■ ; ^ ' jUJU if M bestanden, und zahlreiche Nebenbauten kamen zum alten Gebäudecomplex dazu. Im Jahre 1887 löste Hermann Müller das bisher mit der Firma in Barmen bestandene Verhältnis, indem er sich von seinem Associé Budde trennte. Dieser übernahm das Barmer Geschäft, während Müller das bisher von ihm geleitete Etablissement in Grottau zufiel. Von nun an führte er dasselbe unter der handelsgerichtlich protokollirten Firma Herrn. Müller allein weiter. Im Jahre der Trennung erwarb Hermann Müller ein kleines Concurrenzetablissement von Gustav Schnabel in Dönis bei Grottau. Er hatte sich dazu entschlossen, um die Bestellungen seiner Kunden prompt effectuiren zu können; dies war bisher trotz der Erweiterung der alten Fabrik bei den sich stets vermehrenden Geschäfts- Cylinder- Walken. -■to Dämpferei. 405 Verbindungen nur unter besonderer Forcirung des Betriebes möglich gewesen. Schon nach einigen Jahren erfuhr dieses neu erworbene Etablissement eine vollständige, mit einer Vergrösserung verbundene Reconstruction. Die Maschinen- und Kesselanlage wurde vom Grunde aus erneuert und auch die Sheds um acht vermehrt. Der Betrieb wurde nun auf die Weise eingerichtet, dass die Veredelung der baumwollenen Confections- und Futterstoffe ganz nach Dönis verlegt wurde, während das Hauptgeschäft nach wie vor in Grottau selbst verblieb. Der Procurist Anton Demuth wurde vom Chef Hermann Müller in die Firma aufgenommen und mit der Leitung der beiden Etablissements betraut. Der Productionsbereich des hier besprochenen Hauses erstreckt sich auf die Färberei und Appretur, und zwar werden wollene, halbwollene und baumwollene Futter- und Kleiderstoffe und halbwollene, baumwollene und halbseidene Schirmstoffe veredelt. Eine Specialität der Firma bildet Zanella, bügelecht, und Baumwoll- Zanella -Silberappretur nach eigenen Patenten. An Arbeitskräften sind in beiden Fabriken gegenwärtig 330 männliche und 60 weibliche Personen beschäftigt. Die beigedruckten Abbildungen führen die Aussenansichten der beiden Fabriksgebäude und die wichtigsten der Betriebsräumlichkeiten vor Augen. Farbbottige. »■ w- ivi p?V iol 3 P J ^1# & J’ÜJA* B--1X-. 'tlC i ;*r ,.J5Ö i»w- \vlf' ■<£ .-■ff 1 T* c ■".Orr !>%*# 1872 . 1892. BRUDER NOWOTNY ERSTE BRAUNAUER DAMPFSTÜCKFÄRBEREI UND APPRETURANSTALT, BLEICHE UND BLAUFÄRBEREI BRAUNAU (BÖHMEN). ereits im Jahre 1809 errichtete Franz Nowotny, der Grossvater der jetzigen Firma-Inhaber, eine Indigo- Blaufärberei und Druckerei für Blau-Leinen, Schürzen und Tüchelstoffe, welche bald einen bedeutenden Aufschwung nahm und deren Erzeugnisse besonders auch auf dem Brünner Markte sehr gesucht waren und sich weit und breit des besten Rufes erfreuten. Die Zeit der Wirksamkeit des Gründers Franz Nowotny, der ursprünglich den Betrieb in der Druckerei noch einzig und allein mittelst Handmodel durchgeführt hatte, brachte für die Druckereibranche das Aufkommen jener mechanischen Vorrichtungen, welche nicht nur eine wesentliche Erhöhung der Production ermöglichten, sondern auch eine grössere Gleichmässigkeit der Fabrikate herbeiführte. Natürlich verdrängten diese Neuerungen, als deren erste die Perrotine zu nennen ist, bald den früher betriebenen Handdruck, und auch Franz Nowotny sah sich veranlasst, das neue Verfahren, die Arbeit mit der Perrotine, in seiner Druckerei zur Anwendung zu bringen. Diese Reform trug dazu bei, den Umfang des schon früher prosperirenden Geschäftes noch zu erweitern. Von dem Erfolge aufgemuntert, schritt Franz Nowotny in seinem Vorwärtsstreben rastlos fort. Bisher waren die zur Veredelung gelangenden Halbfabrikate von anderwärts bezogen worden; im Jahre 1834 wurde als neuer Geschäftszweig eine Handweberei angegliedert, deren Erzeugnisse dann im eigenen Etablissement ihre Vollendung fanden. Bis zum Jahre 1852 war es Franz Nowotny vergönnt, an der Spitze des Unternehmens, dessen Schöpfer er war, zu wirken und an dem Aufblühen desselben sich zu erfreuen, in diesem Jahre machte der unerbittliche Tod seinem erfolgreichen Schaffen ein Ende. Nach dem Ableben des Gründers übernahm dessen Sohn Franz Nowotny (1852) das Geschäft und führte dasselbe unter Bekämpfung mannigfaltiger Schwierigkeiten und bei wechselnden Conjuncturen auf derselben soliden Grundlage weiter. Gerade zu der Zeit, wo die Leitung der Firma in seine Hand übergieng, beginnt im industriellen Leben jene Epoche, welche sich an das immer weitere Vordringen der Dampfmaschine knüpft; der neue Chef, den Traditionen seines Vaters folgend, legte, wie dieser, das Bestreben an den Tag, den technischen Errungenschaften rasch Eingang im eigenen Betriebe zu verschaffen, so dass schon 1856 die erste kleine Dampfmaschine, und 1858 eine zweite grössere aufgestellt werden konnte. Die fortschreitende Entwickelung des Unternehmens erlitt eine empfindliche Störung, als 1872 eine Feuersbrunst den grössten Theil der Fabrik zerstörte. Franz Nowotny zog sich bald darauf vom Geschäfte zurück und übergab dasselbe 1880 seinen Söhnen. Diese sahen sich veranlasst, in dem übernommenen Etablissement umfassende Reformen durchzuführen; zu jener ' Zeit war eben der Appreturverkehr mit Deutschland aufgehoben worden, und die heimischen Vertreter der Veredelungsbranchen mussten eine grosse Leistungsfähigkeit entfalten, um den dadurch an sie herantretenden Aufgaben gerecht zu werden. Die jungen Chefs der Firma Franz Nowotny erkannten, dass in den alten, unzulänglich gewordenen Arbeitslocalitäten eine erspriessliche Thätigkeit nicht zu entfalten wäre, weshalb sie sich entschlossen, dieselben ganz aufzulassen und eine moderne Stückfärberei, Bleiche und Appretur-Anstalt für Baumwoll- und Leinwand- 407 — Futterstoffe in den zum grössten Theil neuerbauten Räumen zu errichten. Die Handweberei wurde bei der Bedeutung, welche die anderen Geschäftszweige inzwischen erlangt hatten, aufgelassen. Die Fabrik, welche sich seither stetig erweiterte, besteht derzeit aus sechs miteinander verbundenen Gebäudecomplexen und einem separaten Arbeiterhause, und erhielt 1896 eine von der Prager Ma- schi nenfabriks-Actiengesellschaft gelieferte 1 zopferdige Dampfmaschine. Den nöthigen Dampf liefern zwei Dampfkessel von zusammen 250 Quadratmeter Heizfläche; die Fabrik ist mit einer elektrischen Lichtanlage in allen Räumen versehen. Das nöthige Wasser bezieht das Etablissement aus dem angrenzenden Steinefluss und vier grossen Brunnen, wovon der eine ein 65 Meter-Tiefbrunnen mit sehr reinem Wasser ist. Das jetzige Etablissement besteht aus einer completen Waarenbleiche, Färberei und Appretur für alle Feinfarben, Schwarz und Indigoblau, und ist in jeder Beziehung vollkommen und den Anforderungen der Neuzeit entsprechend eingerichtet. Acht Calander der besten Construction für glatte und gaufrirte Stoffe, von den renommirtesten Special-Maschinenfabriken des In- und Auslandes erbaut, Mangel- und Beatlemaschinen, sowie alle die diversen Hilfsmaschinen, welche zur Befriedigung der hohen Ansprüche dienen, die zur Zeit an möglichst klare, mustergetreue Farben und schöne Appretur gestellt werden, vervollständigen die ganze Einrichtung. Die Fabrik, welche derzeit über 100 Arbeiter beschäftigt, arbeitet ausschliesslich im Lohn und ist in der Lage, täglich 25.000 bis 30.000 Meter diverse Gattungen Futterwaaren von der billigsten bis zur feinsten Ausführung fertigzustellen. Die jetzigen Inhaber Josef und Albin Nowotny sind nach dem Beispiele des Gründers des nun schon seit achtzig Jahren bestehenden Geschäftes bestrebt, den guten Ruf ihrer altrenommirten Firma aufrecht zu erhalten und durch fortwährende Verbesserungen zu befestigen. Etablissement 1898 (Südseite). irraal t ■H k Xß.w.f*- Ä mismaiä ■feï -A' Arbeiterbaus. 408 DIE HERREN-CONFECTION. VON SIGMUND MANDL, GROSS-INDUSTRIELLER. Die Gross-Industrie. IW DIE HERREN - CO N F E CTIO N. ie Anfänge der Confections-Industrie reichen in die Eünfzigerjahre zurück, wo in Wien der erste Versuch gemacht wurde, Kleider in Vorrath zu erzeugen und in offenen Laden zu verkaufen. Die Gross-Confection im Sinne des handwerksmässigen Grossbetriebes kam jedoch erst mit der Gewerbefreiheit zur Entwickelung. Ihre Wiege stand in der betriebsamen mährischen Stadt Prossnitz. Der Anstoss zur Erzeugung von neuen Kleidern gieng von dortigen Tandlern aus, welche sich mit dem Einkäufe von ausgemusterten ärarischen Monturen in der nahen Festung Olmütz und mit deren Abänderung zum Zwecke des Verkaufes an Civilpersonen befassten. Dieser schwungvoll betriebene Handel führte jene Trödler unter Anderem auch nach Pest und Pressburg, wo seit den Vierzigerjahren bereits Ansätze zur Confection en gros, namentlich in Nationalkleidern, bestanden. Die daselbst gemachten Beobachtungen mögen diese Trödler angeregt haben, die gleichen Versuche in Prossnitz zu machen, wobei sie sich der Schneider bedienten, welche in diesem Orte und seiner Umgebung seit Langem ansässig waren. Anfangs bewegte sich diese Erzeugung, den bescheidenen Mitteln der Unternehmer und dem unsicheren Absätze entsprechend, in engen Grenzen, galt es doch zunächst, der neuen Idee Eingang in Oesterreich zu verschaffen. Der Vertrieb der Waaren fand auf dem mühsamen Wege des Besuches von Märkten statt. Der Beginn der Gewerbefreiheit ermöglichte es den bis dahin vielfach gehemmten Unternehmern, ihre Kräfte frei zu entfalten, und ihr Unternehmungsgeist schöpfte aus dem beginnenden Aufschwünge der Textil-Industrie kräftige Impulse. Anfangs auf billigste Baumwollwaaren beschränkt, erfuhr der Artikelkreis bald eine bedeutende Erweiterung, und der Aufschwung der Fabrication gestaltete sich um so lebhafter, als die in den Vierzigerjahren von Amerika ausgegangene und Ende der Fünfzigerjahre in Oesterreich eingeführte Erfindung der Nähmaschine der Confection ungeahnte Hilfsquellen erschloss. Die Maschine hob nicht nur die bis dahin primitive Schneiderei quantitativ, sie beeinflusste auch den Geschmack. Die wachsende Leistungsfähigkeit drängte zur Erweiterung des Absatzes, welchem auch die inzwischen erfolgte Eröffnung der grossen Eisenbahnen Vorschub leistete. Um den anfänglichen kleinen Kern ungeschulter Schneider hatte sich theils aus diesem heraus, theils durch Zuzug eine namhafte, in grossen Werkstätten der Unternehmer concentrirte Industrie entwickelt, welche, auf dem Principe der Hausarbeit beruhend, grösseren Leistungen gewachsen war. Das commer- zielle Interesse der Kaufmannschaft für Confectionswaaren wuchs in Folge kräftiger Propaganda seitens der Fabrikanten. Da überdies auch das anfängliche Vorurtheil des Publicums gegen die Confections- Industrie abnahm, und die Branche inzwischen durch die Verleihung der Landesbefugnis und des Adlers an das älteste Haus ausgezeichnet worden war, trat die Confection nunmehr in die Reihe der geachteten Industrien ein. Auf dem Untergründe eines gesicherten Absatzes im Inlande stehend, vermochte sie sich 52 * — 411 — nunmehr der Pflege des Exports und der militärischen Lieferungen in grossem Maassstabe zuzuwenden, welch letztere ihr seitens der Türkei, Serbiens, Griechenlands etc. zugewiesen wurden. Der Zug der Zeit führte in den Sechzigerjahren zur Errichtung von Niederlagen in Wien, welches, von Kaufleuten aus allen Theilen der Monarchie und des Orientes besucht, allgemach auch die Metropole des Handels in der Herren-Confection geworden war. Von hier aus schickte man nun Reisende nach den verschiedenen Ländern der Monarchie, sowie nach der Türkei, Griechenland, Serbien und Aegypten. Es gelang allmählich auch, das Interesse dieses Auslandes für europäische Kleider zu erwecken und obige Länder zu Hauptgebieten des Exportes zu machen. War die Production bis dahin auf das inzwischen zu einem Weltruf gelangte Prossnitz und zum Theile auch auf Pressburg beschränkt, so erfuhr dieselbe nunmehr durch die Heranziehung der Wiener Schneider behufs Anfertigung feiner Waaren, für welche diese vermöge ihrer höheren Ausbildung geeigneter waren als die provinziellen Arbeitskräfte, eine bedeutende Erweiterung. Mit der Arbeitskraft wuchs die Zahl der Unternehmer von Jahr zu Jahr, und diese Entwickelung brachte den Detailhandel von Kleidern zu höchster Entfaltung. Betrug die Erzeugung Anfangs der Sechzigerjahre kaum einige 100.000 Gulden, so schätzt man sie heute auf 15 Millionen, wovon circa sechs Millionen auf die Ausfuhr nach dem Orient und nach überseeischen Ländern entfallen. Der Erstere ist nachgerade eine Domäne der österreichischen Confection geworden, in deren Besitz sie sich mit Hilfe von zahlreichen Filialen in Constantinopel, Smyrna, Beyrut, Alexandrien, Cairo, in Bulgarien und Macédonien gesetzt und, gestützt auf eine genaue Kenntnis des Geschmackes der Bewohner, bisher auch unangefochten behauptet hat. Die Confection umfasst heute eine grosse Scala von Artikeln, von den billigsten Baumwoll- bis zu den besten Schafwollwaaren, welche zum grössten Theile österreichischen Ursprunges sind, und die auf den verschiedensten Ausstellungen des In- und Auslandes die höchsten Preise davongetragen haben. Die in der Confection beschäftigten Schneidermeister und Hilfskräfte darf man, da eine genaue Zählung nicht vorliegt, auf 10.000 bis 15.000 veranschlagen. Diese zerfallen in Meister, Gesellen und Lehrlinge, welche in zahlreichen kleineren und grösseren Werkstätten der Heimarbeit in der Weise obliegen, dass sie die von den Confectionären an die Meister hinausgegebenen zugeschnittenen und mit allem Zugehör versehenen Kleider im Stücklöhne verfertigen. Der österreichischen Confection, welche heute eine auch in den westlichen Culturstaaten geachtete Stellung einnimmt, gebührt das Verdienst, in Mitteleuropa bahnbrechend gewesen zu sein, die russische Confection initiirt und der heimischen Textil-Industrie bedeutende Anregung gegeben zu haben. Fast parallel mit Oesterreich hatte sich in Ungarn die Confection in den Vierzigerjahren in Pressburg und Pest etablirt, ohne dass es ihr, trotz commerzieller Tüchtigkeit der Unternehmer, gelungen wäre, sich im Kampfe mit der an natürlichen Bedingungen, sowie im Bezug der Materialien überlegenen österreichischen Confection zu behaupten. Sie verschwand als schwächere in den Sechzigerjahren von der Bildfläche; die Erzeuger übersiedelten nach Wien, von wo aus sie sich theils dem inländischen Absätze, theils dem Export nach den Donaufürstenthümern und dem Orient widmeten. 412 Prag. . i_T- jÜjasÄ l* M BllklllBir [**Sgnr] uStfiöSi &et. l ^ 7 ¥'*&'? ii na ■ .-«egwi >jV-£ ELyji i. ■ 11111 * n» »II IX In rm i r.) 1 D 1 1 MtiH mm Ü1M«.. lliiljüäijfis V*,>4. lass SWfe -'Amiy M. JOSS & LÖWENSTEIN K. u. K. HOF-LIEFERANTEN WÄSCHE-FABRIK PRAG — KL ATT AU — NEUERN. inen der jüngsten Zweige der heimischen Bekleidungs-Industrie bildet die Wäschefabrication. Erst in den Sechzigerjahren entstanden in England und Frankreich Anstalten, die Wäsche für den Verkauf erzeugten; dem Beispiele dieser Länder folgte alsbald auch Oesterreich. Hier war es im Jahre 1870 Herr Marcus Joss, der diesen Zweig der Bekleidungs-Industrie zu cultiviren begann. Ein Raum von einem Zimmer am Wenzelsplatze in Prag mit zwei Nähmaschinen und mit einer Scheere zum Zuschneiden war die »Fabrik«, in der Plerr M. Joss, unterstützt von zehn Hilfsarbeitern, an seine Aufgabe herantrat. Die erzeugten Waaren fanden Beifall und die einlaufenden, fortdauernd sich mehrenden Bestellungen machten bald eine Verlegung und Erweiterung der Geschäftslocalitäten nothwendig. Der Betrieb wurde in der Jungmannstrasse der Kgl. Weinberge fortgesetzt und hatte nach neun Jahren seines Bestehens eine solche Ausdehnung erreicht, dass Herr M. Joss nicht mehr im Stande war, die Geschäftsleitung allein zu führen. Es trat daher Herr Simon Löwenstein als Mitinhaber in die Firma ein, unter dessen Mitarbeit nun das Unternehmen seinen internationalen Zielen zustrebte. In dieser Zeit begann der Absatz der Erzeugnisse nach dem Auslande. Auch hier brach sich das Fabrikat durch die Solidität seiner Ausführung bald Bahn, und nach weiteren acht Jahren bezog die Firma M. Joss & Löwenstein ein eigenes Fabriksgebäude in Prag—Bubna, das einen Flächeninhalt von 2400 Quadratklaftern umfasst. Dampf und Elektricität wurden den Zwecken der Wäschefabrication dienstbar gemacht und brachten Vortheile, die ebenso auf dem Gebiete der erhöhten Leistung wie auf dem des Consums zum Ausdrucke kamen. Trotz der maschinellen Hilfskräfte ist die menschliche Arbeitskraft eine unumgänglich nothwendige Hauptsache bei der Wäschefabrication geblieben, und zwar recrutirt sich die Arbeiterschaft zu neun Zehntel aus weiblichen Personen. Die Ausbildung und Disciplinirung gerade des weiblichen Elementes bedingt für die gedeihliche Förderung besondere Maximen und in Erkenntnis dessen standen die Gemahlinnen der Inhaber während der ersten 19 Jahre des BestQrens der Fabrik mitthätig im Geschäfte, so lange, bis eine Anzahl von geeigneten Directricen herangebildet war. Umgeben von drei Procuristen und von einem Stabe langjährig Angestellter unterstützt, war das Hauptaugenmerk der Inhaber dauernd auf die Erschliessung immer weiterer Absatzgebiete gerichtet, um den gewaltigen Apparat, der zur Hochsaison fast als zu klein sich erweist, auch in ruhigen Zeiten hinreichend zu beschäftigen. Im Inlande zu einer unbestrittenen Popularität gelangt, hat die Löwenmarke — die Trade-Mark des Hauses — ebenso 413 im skandinavischen Norden wie im südlichen Italien Eingang gefunden. Deutschland, England, Holland, Frankreich, Russland, die Staaten der Balkanhalbinsel, sowie Spanien und Portugal zählen zu den europäischen Absatzgebieten der Firma. Aber auch nach Afrika importirt die Löwenmarke, sowohl in das nördliche Aegypten wie in die südliche Capstadt. Ebenso hat Brasilien mit den anderen südamerikanischen Staaten seine Zollschranken der Löwenmarke zu einem bedeutenden Import geöffnet, wie sie auch in die nordamerikanische Union trotz der hohen Schutzzölle dauernden Eingang gefunden hat. Die Firma erhielt Auszeichnungen auf folgenden Ausstellungen: Wien 1873, Melbourne 1880, Adelaide 1887, Sidney 1888, Prag 1891 und Chicago 1893. Bei einer Wanderung durch die Fabrikslocalitäten gelangen wir zunächst in das Rohwaarenmagazin, in dem die zu verarbeitenden Stoffe aus Leinen und Baumwolle aller Art, im Ausmaasse von zwei Millionen Meter aufgestapelt sind. Die Fabrieation selbst beginnt mit dem Zuschneiden des Wäschestückes. Zu dieser Thätigkeit ist vor Allem physische Kraft nöthig, sie wird daher von Männern ausgeübt, theils mit der Hand, theils mit Hilfe von Maschinen nach dazu für jede Form und jede Grösse eigens hergestellten Schablonen. Das geschnittene Stück wird sodann mittelst Handdruckerei mit waschechter Bezeichnung versehen und gelangt so in die Nähsäle. Von jüngeren Mädchen wird es zur Behandlung mit der Nähmaschine vorgearbeitet und sodann von den Näherinnen innen und aussen mit den zur Haltbarkeit des Stückes nöthigen Nähten versehen. Die zu Hunderten in grossen, hellen Sälen aufgestellten Nähmaschinen werden durch Transmissionsantrieb bewegt. Die Maschine läuft durch Dampfkraft und erspart so der Näherin das Treten des Schwungradbrettes, eine Thätigkeit, die früher besonders schädlich auf den weiblichen Organismus wirkte. Ist das Wäschestück genäht, so gelangt es, wie nach jeder Stufe seiner Weiterentwickelung, in die Hände der controlirenden Directricen. Von hier geht es zur Einstecherei, das ist die Abtheilung, von der das Wäschestück für die maschinelle Knopflochnäherei vorgearbeitet wird. Sodann wird es mit Knopflöchern, die theils Hand-, theils Maschinenarbeit sind, versehen und damit waschfertig. Waschen und Stärken geschieht mittelst centrifugal wirkender Maschinen, in denen das Wäschestück durch Reibung entweder mit Wasser gereinigt oder mit Stärke appretirt wird. Die hiebei sich entwickelnden Heisswasserdämpfe werden durch Ventilatoren abgezogen, um für den Arbeiter den Aufenthalt gesund und angenehm zu machen und ihm den freien Ausblick auf Arbeit und Maschinen nicht zu trüben. Derartige Ventilatoren sind in allen grösseren Sälen der Fabrik angelegt; besonders vortheilhaft wirken sie auf die Gesundheit der Arbeiterinnen in dem Plättsaale. Das mit Stärke appretirte Wäschestück wird durch Eisen, die theils mit der Hand, theils maschinell geführt werden, geplättet. Die Erhitzung der Eisen geschieht seit circa fünf Jahren aus sanitären Gründen durch Luftgasflammen. Mit dem Plätten ist die Fabrieation als solche beendet. Es erübrigt noch, einen Blick auf die Anlagen der zum Betriebe des Ganzen dienenden Maschinen zu werfen. Zwei Dampfmaschinen (System Hartung-Radavanovits) mit zusammen 300 indicirten Pferdekräften halten die nach allen Theilen der Fabrik sich fortsetzenden Transmissionen in Bewegung. Zur Beleuchtung der Arbeitssäle dienen beide Arten des elektrischen Lichtes, das durch drei Dynamomaschinen erzeugt wird. Zu den verschiedenen Manipulationen werden 360 Hilfsmaschinen verwendet, bei denen in der Prager Fabrik 1050 Personen beschäftigt sind. Ausserdem bestehen nach dem Systeme der Prager Fabrik Filialfabriken in Klattau und Neuern in kleinerem Umfange, in denen zusammen weitere 520 Personen thätig sind, während die Zahl der ausserhalb der Fabriken beschäftigten Personen etwa 300 beträgt. Der grossen Zahl ihrer Arbeiter auch ausserhalb ihrer Thätigkeit Beneficien zu gewähren und zu erwirken, war zu jeder Zeit das lebhafteste Bestreben der Fabriksinhaber und fand in verschiedenen Wohlfahrtseinrichtungen Ausdruck. Die eigene Betriebskrankencasse war schon vor der obligatorischen Einführung errichtet. Für Kranke, an welche die Krankencasse laut Statut nach einer Krankheitsdauer von 20 Wochen keine Unterstützungen mehr leistet, tritt ein hiezu von der Firma begründeter Fond ein, der weitere 20 Wochen hindurch Arznei und Krankengeld gewährt. Ferner besteht eine Altersversicherung der Arbeiter in der Weise, dass der Arbeiter 2% seines Verdienstes als Spareinlage zurücklegt und derselbe Betrag ihm von der Firma zugelegt wird. Den auf diese Weise Versicherten ist seitens der Firma der Vorzug der Mitgliedschaft bei der Böhmischen Spar- cassa erwirkt worden. So hat die Firma Joss & Löwenstein unausgesetzt daran gearbeitet, die Kunde von österreichischer Industrie und böhmischem Fleisse durch ihre Erzeugnisse in alle Lande zu tragen, während sie im Innern bestrebt war, nicht blos Arbeitgeberin, sondern auch Arbeiterfreundin zu sein. Sie gedenkt es zu bleiben, unbeirrt durch den Geist des Umsturzes, der hie und da auch an ihren Thoren zu rütteln beginnt. Klattau. M W' 555E !■■■» ;sv»jr* j nui I II •rf-S.vJüi-n .r Neuern. ’■ÄMV: ■. ^äSlHlä : V &‘$§2 414 LEOPOLD KURTZ’ SÖHNE KLEIDER- UND WÄSCHE-FABRIKEN WIEN —LINZ —PROSSNITZ. eopold Ivurtz, der Senior des Hauses, wurde in Holicz (Ungarn) geboren und übersiedelte im Jahre 1851 nach Oberösterreich, wo er sich unter grossen Mühen seinen Lebensunterhalt als Handelsmann erwarb. Gerade zu dieser Zeit kam die Erzeugung der breit gestreiften sogenannten Linzer Bettgradein in P'lor, welches Fabrikat einen bedeutenden Absatz fand und sogar nach Italien ausgeführt wurde. Dieser Aufschwung brachte Leopold Kurtz auf die Idee, mittelst seiner sauer ersparten wenigen Gulden aus diesen Gradein, und zwar aus schmalen Streifen, sowie auch von anderen farbigen Baumwollwaaren, die in der Umgebung von Linz erzeugt wurden, Wäsche anzufertigen und in den Handel zu bringen. Gar bald fand dieser neue Artikel grossen Anklang, insbesondere bei der Arbeiterclasse. Somit heisst Leopold Kurtz sen. mit Recht der Gründer der heutigen Arbeiterwäsche-Fabrication in Oesterreich. Durch das Princip, stets nur gutes Rohmaterial zu verarbeiten und durch unermüdlichen Fleiss gelang es Leopold Kurtz, unterstützt von seiner treuen Gattin, welche sich mit vollster Hingebung dem Geschäfte widmete, in einem Jahre 30 bis 40 Arbeiter vollauf zu beschäftigen. Bald hatte sich der Firma-Inhaber den Ruf eines tüchtigen und reellen Geschäftsmannes erworben. Im Jahre 1870 war das Geschäft bereits ein angesehenes Pin gros-Haus geworden. Als zu gleicher Zeit die Söhne aus der Schule traten, wurden diese unter der strengen Leitung ihrer Eltern zu tüchtigen Fachleuten herangebildet. Nach kurzer Zeit gelang es, dieselben als Reisende zu verwenden, welche es auch verstanden, den neuen Artikel »Arbeiterwäsche« nicht nur in Oesterreich-Ungarn, sondern auch in Rumänien und Bulgarien einzuführen. Unter glücklichen Umständen blühte das Geschäft immer mehr und mehr, so dass sich Leopold Kurtz veranlasst fand, ausser der Wäsche- P'abrication auch die Erzeugung- von Arbeiterkleidung zu pflegen, worin er gleichfalls einen bedeutenden Ruf errang. Im Jahre 1895 übergab Leopold Kurtz das En gros-Geschäft seinen Söhnen, welche heute die P'irma Leopold Kurtz’ Söhne bilden, behielt sich aber aus zu mächtiger Gewohnheit an Arbeit und Thätigkeit das alte Stammhaus am Franz Josephs - Platz, aus welchem im Laufe der Zeit allmählich das heutige Etablissement entstanden war, vor. Nach Uebergabe des Geschäftes an die Söhne wurde dieses den Anforderungen der Neuzeit entsprechend eingerichtet und insbesondere mit den neuesten Zuschneidemaschinen ausgestattet. Die jetzige Firma beschränkt sich nicht mehr allein auf die Erzeugung von Arbeiter-Wäsche und -Kleidern, sondern gieng auch auf die P'abrication feiner und moderner Herren- und Knabenkleider über. Im Jahre 1897 wurden die Zweigfabriken in Prossnitz und Wien eröffnet. Um der feinen Waare ein grösseres Absatzgebiet zu schaffen, wurden Filialen in Bregenz, Linz, Leoben, Salzburg und Steyr errichtet. Das Aufblühen und Gedeihen des Geschäftes ist dem eisernen Fleisse und der strengen Solidität des Gründers Leopold Kurtz sen. und seiner Gattin zu verdanken. K L CI Dg R ^A GAZ aiiir •o6£i-_±i=L_±?~ ^UW»r2^asF • ,KS5.:C. ! SSi i~ . tmm 4 J 5 D. SCHWARZ MANN & CO. KLEID ER-FAB RI KEN WIEN —PROSSNITZ. ngefähr um die Mitte des zur Neige gehenden Jahrhunderts war es, als in dem jetzigen Königreiche Rumänien Neigungen zum Anschlüsse an die westeuropäische Civilisation bemerkbar wurden. Diesen Culturbestrebungen wurde vor Allem dadurch Ausdruck gegeben, dass die Bevölkerung die bis dahin fast ausnahmslos übliche Nationaltracht abzulegen und moderne europäische Kleider zu tragen begann. Diese Sucht, den äusseren Menschen rasch zu civilisiren, konnte aber nicht die erwünschte prompte Erfüllung finden, weil das bezügliche Gewerbe im Lande ganz unvertreten war und der Bedarf erst durch Zusendungen aus dem Auslande gedeckt werden musste. Aber dabei hatte es auch seine Schwierigkeiten, denn im Auslande war die Erzeugung von Kleidern auf den handwerksmässigen Betrieb beschränkt, und die rumänischen Zwischenhändler, die nach Einkaufsquellen Suche hielten, fanden nirgends leistungsfähige Erzeuger, die den vielbegehrten Artikel in grossen Quantitäten liefern konnten. Um diese Zeit eröffnete David Schwarzmann in Gemeinschaft mit seinem seither verstorbenen Bruder in der rumänischen Donauhafenstadt Braila einen kleinen Laden mit fertigen Herrenkleidern. Aeusserst bescheiden war das in diesem Geschäfte investirte Capital. Es betrug, wie aus den Aufzeichnungen des aus dieser Zeit stammenden und noch im Besitze der Firma befindlichen Cassabuches zu ersehen ist, kaum einige hundert Ducaten. Das kleine Unternehmen entwickelte sich gut, der Verkauf gieng flott von Statten, doch verursachte die Ergänzung der gelichteten Waarenvorräthe nicht geringe Schwierigkeiten. Wohl befanden sich in dem benachbarten Oesterreich Firmen, welche die Kleidererzeugung in grösserem Maassstabe betrieben, doch waren deren Erzeugnisse nur für den heimischen Bedarf der bäuerlichen Bevölkerung berechnet und nicht geeignet, dem Geschmacke der rumänischen Käufer zu entsprechen. Diesem Uebel abzuhelfen, entschloss sich David Schwarzmann, die Erzeugung der Kleider selbst in die Hand zu nehmen. Nach einem in Pest fehlgeschlagenen Versuche übersiedelte er nach Wien, wo er in einem kleinen Local unter seiner Leitung und nach seinen Angaben die Tuchstoffe verschneiden und an Schneider zur Verfertigung austheilen liess. In dieser Weise legte er den Grundstein zu einer Industrie, die nachher zu einer der bedeutendsten Oesterreichs sich entwickeln sollte. Sein Bruder und Compagnon verblieb in Braila, um für den Verkauf thätig zu sein, welcher durch den bald darauf erfolgten Ausbruch des orientalischen Krieges und die Occupation Rumäniens durch österreichische Truppen eine ungeahnte Ausdehnung annahm, so dass sich die junge Firma veranlasst sah, in allen bedeutenderen Städten Rumäniens Filialen zu errichten. Um diesen gesteigerten Ansprüchen nachkommen zu können, richtete David Schwarzmann sein Augenmerk auf Pressburg und Prossnitz, wo bereits die Anfänge einer Haus-Industrie in fertigen Kleidern vorhanden waren. Er errichtete in diesen Städten Factoreien, welche, namentlich in Prossnitz, bald fabriksmässigen Charakter annahmen. Die Massenerzeugung wurde weiter durch den Umstand begünstigt, dass seitens der Regierung die zollfreie Einfuhr ausländischer Stoffe gegen Wiederausfuhr fertiger Kleider gestattet wurde, wodurch die Möglichkeit gegeben war, die Rohwaaren aus England, Frankreich und Belgien zu bedeutend billigeren Preisen, als solche damals im Inlande zu beschaffen waren, einzuführen und zu verarbeiten. Der Ruf der Firma verbreitete sich bald über den ganzen europäischen Orient, Kleinasien und Aegypten. Die Schwarzmann’sche Marke galt und gilt noch heute in diesen Gegenden als die gesuchteste. Es stellten sich auch Käufer aus Russland ein und die Firma errichtete in Folge dessen Filialen in St. Petersburg, Moskau, Odessa und Nischnei-Nowgorod, so dass sie mit ihrem Fabrikate den russischen Markt beherrschte. Leider gieng dieses grosse Absatzgebiet durch die seitens Russlands zu Beginn der Achtzigerjahre ergriffenen Schutzzollmaassregeln verloren. Auch der alte Stammsitz des Hauses in Rumänien musste aus ähnlichen Gründen aufgegeben werden. Um die Production nicht einschränken zu müssen, wendete das Haus auch dem inländischen Consum sein Augenmerk zu, unterliess es aber dabei nicht, für die Ausfuhr nach dem Auslande neue Absatzgebiete zu suchen. Theils durch directe Verbindung, theils durch Vermittlung von Wiener und auswärtigen Exporthäusern gelang es, die erzeugten Kleider in ferne, überseeische Länder einzuführen, in Brasilien, Chile und andere südamerikanische Republiken, welche Länder gegenwärtig ein nicht zu unterschätzendes Absatzgebiet bilden. Auf allen beschickten Ausstellungen erhielt die Firma die höchsten Auszeichnungen, so in Wien 1873 (Verdienstmedaille), Paris 1878, Sidney 1879, Melbourne 1881 und Triest 1882 (goldene Medaillen). Die Kleider-Industrie Oesterreichs ist auf dem Weltmärkte tonangebend und geht aus dem Wettbewerbe mit der ausländischen Concurrenz überall als Siegerin hervor. Ein Ehrenantheil an der Herbeiführung dieses günstigen Ergebnisses gebührt mit Recht dem Hause Schwarzmann, welches für den Absatz österreichischer Kleider im Auslande allen anderen gleichsam als Pfadfinder vorangieng. 416 SIGMUND FEDERER CR AVATTEN- FABRICATION PRAG. ls im Jahre 1881 Sigmund Federer in Prag die Erzeugung von Cravatten aufnahm, besass die derselben gewidmete Betriebsstätte, die sich in der Schwefelgasse (der heutigen Melantrichgasse) befand, nur eine bescheidene Ausdehnung. Zehn Arbeiterinnen waren es kaum, die daselbst Beschäftigung fanden. Das Streben des Fabrikanten, seinem Geschäfte einen grösseren Umfang zu verleihen, war aber bald von Erfolg gekrönt. Vor Allem gieng er daran, den von ihm fabricirten Artikeln auch im Auslande Absatzgebiete zu erobern, und da er das richtige Verständnis für die Ansprüche des Consums der einzelnen dabei in Betracht kommenden Länder besass und sich denselben anzu passen wusste, gelang es seinen Erzeugnissen in kurzer Zeit, sich weit und breit grosse Beliebtheit zu verschaffen. Damit Hand in Hand gieng ein immer weiteres Vordringen auf dem heimischen Markte, wo die aus der Fabrik Federer’s hervorgehenden Artikel durch ihre sorgfältige Ausführung, ihre Eleganz und geschmackvolle Ausstattung bald grosse Verbreitung fanden. Natürlich zog die erfreuliche Entwickelung des Geschäftsganges eine stetige Erweiterung der Fabrication nach sich, und bald waren die Räumlichkeiten, die ursprünglich derselben gedient hatten, unzureichend geworden. Dieselben mussten deshalb verlassen werden, und die Fabrik wurde in der Zeltnergasse 12 untergebracht, wo in zweckmässig ausgestatteten Localitäten die Erzeugung vor sich geht. Ebendaselbst befinden sich auch die Expéditions- und Comptoirräume. Die Zahl der von dem Etablissement beschäftigten Arbeitskräfte hat sich im Verlaufe der Jahre bedeutend erhöht. Gegenwärtig- sind deren mehr als 300 in Thätigkeit, die theils in der Fabrik, theils ausserhalb derselben ihre Arbeit verrichten. Das übrige Personal, wie Reisende, Comptoir- und Expeditionsbeamte, ist ebenfalls ein beträchtliches. Die Absatzgebiete des Hauses erstrecken sich auf zahlreiche europäische und überseeische Staaten, namentlich mit der Türkei, den Niederlanden, Skandinavien, Aegypten, Central- und Südamerika bestehen zahlreiche Verbindungen. Insbesondere Brasilien ist für den Export sehr aufnahmsfähig; derselbe könnte jedoch nach diesem Lande einen noch viel grösseren Umfang erreichen, wenn die gegenwärtigen Zollverhältnisse demselben nicht in ungemein hindernder Weise im Wege stünden. Eine Aenderung derselben wäre auf das dankbarste zu begrüssen. Um dem consumirenden Publicum die Reichhaltigkeit ihrer Erzeugnisse vor Augen zu führen, unterhält die Firma Sigmund Federer in ihrem gleichfalls in der Zeltnergasse mit dem grössten Comfort und besonderer Eleganz eingerichteten Detailgeschäfte während des ganzen Jahres ein Musterlager der verschiedenartigsten und geschmackvollsten Nouveautés. Zum Schlüsse sei noch bemerkt, dass die Leistungen des hier besprochenen Hauses auf der Prager Landesausstellung im Jahre 1891 durch Verleihung- der goldenen Medaille gewürdigt wurden. FEDERER & RIESEN CORSET-ERZEUGUNG PRAG. iese Firma wurde vor zehn Jahren von Ferdinand Federer und Julius Piesen, den jetzigen Inhabern, in Prag gegründet. Wenn die Ausdehnung des Etablissements im Anfänge auch eine kleine war und zu Beginn blos dreissig Arbeiter beschäftigt wurden, so war es doch von vorneherein mit den entsprechenden Maschinen ausgerüstet. Es gelang den Firmainhabern, gestützt auf fachmännische Kenntnisse, in kurzer Zeit ihren Erzeugnissen einen guten Namen zu verschaffen. Schon im Jahre 1891 wurde der Firma auf der Ausstellung in Prag die silberne Medaille verliehen, welcher Auszeichnungen in Teplitz (goldene Medaille) und Aussig folgten. Der Betrieb der Firma, der vorwiegend auf die Erzeugung von feiner und Mittelwaare gerichtet ist, erweiterte sich von Jahr zu Jahr. In der Fabrik wurde der Dampfbetrieb eingeführt, die Zahl der Arbeiter hat sich von 30 auf 200 vermehrt, die Anzahl der aufgestellten Maschinen, vorwiegend nach dem .System Singer, beträgt gegenwärtig 130, die Production hat sich von den 30.000 Stücken des Gründungsjahres auf 200.000 erhöht. Was das Absatzgebiet der Fabrikate betrifft, so ist dasselbe vorwiegend die österreichisch-ungarische Monarchie, aber auch Belgien, die Schweiz und der Orient. Da die Firma noch nicht auf lange Jahre des Bestandes zurückblicken kann, hat sie es nur ihrer Solidität und dem feinen Geschmacke ihrer Erzeugnisse, sowie der bei den Fabrikaten herrschenden Rücksichtnahme auf die hygienischen Anforderungen zu verdanken, dass ihre Artikel allseitig beliebt und geschätzt werden und die Concurrenz erfolgreich bestehen. Ein Beweis dafür, dass auch die Lage der Arbeiter in der Fabrik eine günstige ist, wird dadurch erbracht, dass jene Arbeiter, die schon zur Gründungszeit bei der Unternehmung thätig waren, auch jetzt noch dort wirken und Misshelligkeiten mit denselben nicht zu verzeichnen sind. 418 OESTERREICHS HANDSCHUH-INDUSTRIE VON J. R. SOBITSCHKA, GROSS-INDUSTRIELLER PRAG. OESTERREICHS HANDSCHUH-INDUSTRIE. 1 ) ie Handschuherzeugung' mag wohl frühzeitig in Oesterreich betrieben worden sein, besonders in den Mönchsklöstern, deren Bewohner einst geschickte und fleissige Handwerker waren. Der Glaube und die That waren einstens innig verknüpft. Auch die Handschuherzeugung wurde gleichwie andere althergebrachte Handwerke von Mönchen betrieben. Wie es erwiesen ist, gewährte Karl der Grosse um das Jahr 790 dem Abte und den Mönchen von Sithin ein unbeschränktes Jagdrecht mit Inbegriff der Herstellung ihrer Handschuhe und Gürtel aus den Fellen des Wildes, welches sie selbst getödtet hatten. Bereits im 10. und 11. Jahrhunderte war das Handschuhmachergewerbe ein ansehnliches Fach der Kürschner und Rüstzeugarbeiter. Im 14. Jahrhundert lösten sich jedoch die Handschuhmacher aus diesem gemeinschaftlichen Rahmen und bildeten ihren eigenen Verband. So hatten die Handschuhmacher Prags ihre eigene Innung und führten gemeinschaftlich mit den Kürschnern das ihnen von Kaiser Karl IV. verliehene Wappen, einen Hermelinstreifen im rothen Feld, darüber eine silberne Taube mit einem Zweige im Schnabel. Die Wiener Handschuhmacher, welche mit den Beutlern, Säcklern und Taschnern vereinigt waren, erhielten im Jahre 1638 vom Kaiser Ferdinand II. ein Privilegium, welches auch von den nachfolgenden Monarchen, vom Kaiser Leopold 1668, vom Kaiser Josef I. 1707 und Kaiser Karl VI. 1715, bestätigt und erweitert wurde. In der Privilegiumsurkunde vom 26. Jänner 1668 ertheilte Kaiser Leopold der Gilde der bürgerlichen Handschuhmacher besondere Rechte zur Erzeugung von verschiedenen anderen Artikeln. Nach Punkt 8 dieser Urkunde durften sie erzeugen und feilhalten: »Beutel, Rantzen und Taschen; Handschuhe von Leder und Tuch auf allerley Manier, auch mit rauhen Futter; item Wätschger, Waydtaschen, Söbl- taschen, Patrontaschen und Kriegsrüstungen füttern; weiß und sämisch Felle auf allerley Art färben, was vom Pimbsel herrühret, mit Seyden ziehren und feil haben. Wie nicht weniger Hosen, Goller, Ermbling und Handschuhe und was sonsten zu einem Klayd gehörig, machen, schneiden, waschen und steppen.« — Gewerbliche Streitigkeiten scheinen schon damals bestanden zu haben. Die Gewerbetreibenden suchten so viel Rechte als möglich für sich herauszuschlagen, um eine ihnen unbequeme Concurrenz zu ') Mit Benützung meiner Monographien: »Entstehung und Gebrauch des Handschuhes.' zelnen Staaten. 1891.« »Die Ledeihandschuhfabrication in den ein- 421 beseitigen. So finden wir in einer Urkunde vom Jahre 1715 besondere Schutzmaassregeln gegen den Verkauf von schleuderhaft erzeugter Waare. In diesem von Kaiser Karl VI. Unterzeichneten Schriftstück heisst es im Artikel 9: »Dieweilen viel Maisster auf dem Land die Handwerkwaar ohne vorhergehende Beschau in die Gewölber herumbtragen und denen Kramern verkauffen, und solcher Gestalts auch die schlimmen und ungerechten Waaren mit denen guten verkaufft werden können; als solle hinführo kein Maisster auf dem Land seine Handwerkswaar denen Kramern in die Gewölber verkauffen oder sonsten übergeben; sie sey vorhero von allhiesigen Zöchmaisstern ordentlich beschaut und gerecht befunden worden; da im wiedrigen einer mit unbeschauter Waar in allhiesigen Gewölbern zu verkauffen oder herumbtragen betretten würde, solche Waar allsogleich hinweggenohmen und der halbe Theil dem Bürgerspital, die andere Hälfte aber der Haubtlad verfallen sein solle; da es aber sich begäbe, dass dergleichen Maisster von dem Land einer oder mehrere ihrer Waaren ohne Beschau in die Statt verkauffen thatten, und die Haubtlad dessen her- nachgehends in Erfahrung kommete, solle ein solcher Maisster für das erstemahl zur Straff drei Gulden; thut er es zum andernmahl Sechs Gulden; zum drittenmahl aber das völlige pretium der unbeschaut verkauften Waar als verfallen zur Haubtlad zu erlegen schuldig sein.« Unter Kaiserin Maria Theresia wurden wiederholt Versuche gemacht, die Handschuhfabrication auf eine höhere Stufe zu bringen, und in dieser Absicht sogar ausländische Handschuhmachergesellen nach Wien berufen. Das Bestreben war dahin gerichtet, fremdländische Handschuhfabrikate, wie die sogenannten »Milchhandschuhe«, dänische und schwedische Handschuhe im Inlande erzeugen zu lassen. Doch erst unter Kaiser Josef II. machte die Fabrication französischer Handschuhe grössere Fortschritte, obgleich es noch immer nicht möglich war, mit dem Auslande zu concurriren. Während in Wien durch den Grenobler Handschuhmacher Stefan Jourdan 1779 die französische Handschuherzeugung eingeführt wurde, ward im Jahre 1784 von Etienne Boulogne, einem Franzosen aus Millau (Departement Aveyron), die erste französische Handschuhfabrik in Prag begründet. Die Thätigkeit desselben fand seitens der Behörde insofern Anerkennung, als ihm im Jahre 1785 vom königlichen Landes- gubernium die Befugnis zum Betriebe der ersten französischen Handschuhfabrik eingeräumt wurde. Boulogne berief 1790 seinen im praktischen Betriebe des Handschuhmachergewerbes besonders geschickten Neffen Peter Boulogne nach Prag, der nunmehr die Leitung dieser ersten österreichischen Handschuhfabrik unter der Firma Peter Boulogne & Co. übernahm und derart vergrösserte, dass schon im Jahre 1800 16.000 Paare Handschuhe verfertigt wurden. Mit den wachsenden Ansprüchen an ein feineres Fabrikat mehrten sich indes auch die Klagen über die inländischen Fabrikate umsomehr, als seit Anfang dieses Jahrhunderts der Luxus auf dem Gebiete der Toilette bedeutend zunahm. »Als die Handschuhe«, sagt die Banco-Hof-Deputation im Jahre 1808, »nach dem strengen Sinne des Wortes noch das waren, was der Begriff in sich fasset, wurde bey weitem weniger gefordert. Allein jetzt, wo die Mode an der weiblichen Kleidung so vieles verkürzte und die Handschuhe zu einer wahren Armbekleidung geworden sind, fordert man feiner gearbeiteten Stoff, eine besondere Zierlichkeit im Schnitt, Eleganz der Näherey und Stickerey, und mit einem Worte grössere Vollkommenheit der vollendeten Ivaufmannswaare, welche als eines der vorzüglichsten weiblichen Kleidungsstücke anzusehen ist.« Da diese Behörde vom sittlichen Standpunkte aus die Freig'ebung der Handschuhfabrication befürwortete, weil sie meistens »Frauenzimmern aus den besseren, aber leider bedrängten, mit schmalen Einkünften betheiligten Ständen zur anständigen Subsistenz dienet — folglich mittelbar auch zur Erhaltung der Sittlichkeit dienet«. Indem auch der Präsident der obersten Finanzbehörde, Graf Karl Zichy, diese Anschauung theilte, genehmigte Kaiser Franz 1808 die Freigebung der Handschuherzeugung. Seit dieser Zeit, da das Monopol gefallen, die freie Concurrenz neue Kräfte entwickelte und bedeutende Leistungen erzielte, konnten die Wiener und Prager Fabrikate einen allmählichen Fortschritt verzeichnen und einen rühmlichen Platz in der Geschichte der Handschuh-Industrie erlangen. Die 1828 und 1836 stattgefundenen Ausstellungen in Prag haben auf die Verbesserung und Entwickelung der heimischen Erzeugung in wesentlicher Weise vortheilhaft gewirkt, so dass aus Böhmen bereits im Jahre 1836 um 21.666, 1837 um 30.192, 1838 um 38.064, 1839 um 41.000, 1840 um 42.500 Gulden Handschuhe ausgeführt wurden. Das damalige Absatzgebiet ist aus nachstehender Tabelle zu ersehen. — 422 Handschuh-Export aus Böhmen nach 1836 1837 1838 Gulden Süddeutschland. 3-°47'— 4.008’ — 5-368’— Sachsen . 2.776’— 2.240*- 1.360-— Preussen . 111*— 448’— 1.152-— Krakau.'. 8.845-— 4.048’— 4.168’— Polen. 20* — 56’— •— Brody . 356-— 4.720-— 5.480-— Russland. 4 8’- 48’- 32’— Türkei. 2-5 1T '— 9.208’— 11.648-— Fiume. 50’— 8’— 72’— Triest. 2-331'— 2.088’— 5.608’ — Venedig. 940'— 472’— 384-— Küsten, Adriatisches Meer. 39'— 1.616’— 88’— Italien. 53'— 624’— 840’— Schweiz. 539'— 0o8-— 1.864’— Summe 2 1.666’— 30.192-— 38.064-— Ueber die Qualität und Beschaffenheit der Waare heisst es in »Eine Stimme aus Böhmen über die neuesten industriellen und mercantilischen Verhältnisse dieses Landes«, Leipzig 1846, wörtlich: »Die Handschuhmacherei behauptet jetzt in Böhmen einen rühmlichen Standpunkt. Gleich ausgezeichnet in der Güte des Leders, feiner, gefälliger Appretur und schöner Farbe, in der geschmackvollen Form des regelmässigen Schnittes als vollendeter Näherei, haben diese Erzeugnisse nicht nur im ganzen Umfange der Monarchie, sondern auch in mehreren Städten Deutschlands und Italiens eine Beliebtheit erlangt, welche mit den besseren Erzeugnissen von Paris und Grenoble rivalisirt. Besonders wird ein grosses Quantum nach Galizien und Ungarn geschickt, weil diese beiden Länder keine eigentlichen Handschuhfabriken haben. Obwohl es daselbst in allen bedeutenden Städten Handschuhmacher gibt, die nach Art und Weise ordinäre Waare für den inländischen Bedarf liefern, so müssen doch die galizischen und ungarischen Schnittwaaren- und Modehändler ihren Bedarf für die vornehme und elegante Welt aus Wien und Prag beziehen.« Die Jury der Berliner Ausstellung vom Jahre 1844 äussert sich über die von Prag ausgestellten Plandschuhe folgendermaassen: »Das dazu verwendete Material ist von sehr guter Beschaffenheit und schöner Färbung. Die Nähte sind sauber gefertigt und die Preise angemessen gestellt.« Die weiteren Ausstellungen 1851 in London, 1853 in New-York, 1855 in Paris wurden mit Sorgfalt beschickt, um Wiener und Prager Erzeugnisse auf dem Weltmärkte nicht blos beachtenswerth erscheinen zu lassen, sondern auch um Anerkennungen und Käufer zu erringen. Dadurch erhob sich die ganze Handschuherzeugung in Wien und Prag über das Niveau eines blos örtlichen Gewerbes und stellte sich in die Reihe jener Productionszweige, die im grossen Verkehrsleben einen berechtigten Factor bilden. Da inzwischen durch Einflussnahme des Centralcomitös zur Beförderung der Erwerbsthätigkeit im böhmischen Erz- und Riesengebirge die Handschuherzeugung als Haus-Industrie im Erzgebirge in Abertham, Bäringen, Joachimsthal, Neudek, Platten, Sonnenberg und Katharinaberg eingeführt und gefördert wurde, erlangte dadurch die inländische Erzeugungskraft eine gesunde und leistungsfähige Erweiterung. .So finden wir in der Ausstellung zu London 1862 die österreichische Handschuh-Industrie bedeutungsvoll und beachtenswerth vertreten. Georg Jaquemar in Wien, Josef Budan in Prag und das Centralcomite zur Beförderung der Erwerbsthätigkeit der böhmischen Erz- und Riesengebirgsbewohner stehen an der Spitze der ausgestellten und diplomirten Fabrikate von Wien, Prag und der Industrieschule zu Neudek. Das Bestreben, das Ausland durch solide, gefällige Ausführung für den Bezug der österreichischen Handschuhfabrikate immer mehr zu gewinnen, blieb nicht erfolglos, und das rasch auftretende Geschäftsleben in den Sechzigerjahren bewirkte eine kräftige Entwickelung der ganzen inländischen Handschuherzeugung. Mit der Einführung und Verwendung der Fentirmaschine konnte sich der ganze Betrieb mehr fabriksmässig erweitern. So entfaltete sich in den letzten 30 Jahren, besonders seit englische und amerikanische Käufer die Vortheile des Lammhandschuhes in ernste Beachtung zogen und einen grossen Theil ihres regelmässigen Bedarfes bei uns bestellten, eine ganz bedeutsame Export-Industrie, deren Sitz, Entwickelung und Werth aus den nachfolgenden Darstellungen zu ersehen ist. I. Die Han dschuherzeugung in Prag. 1 i | Im Jahre Zahl der Meister oder Fabriken Zahl der Arbeitskräfte Erzeugtes Quantum in Dutzend Erzeugungswerth in Gulden Gehilfen Lehrlinge 1785 I .. " ' _ _ _ 1800 I — — 1 -333 13.000 1820 I — — 2.000 20.000 1845 32 78 — 25.OOO 25O.OOO 1850 37 98 — 28.000 280.000 1855 50 128 — 40.000 4OO.OOO 1860 53 2 63 — 135.000 1,350.000 1865 68 290 — 150.000 1,500.000 1870 78 3 2 5 — I 70.000 1,700.000 1875 96 420 — 218.000 2,180.000 1880 IOO 453 — 286.000 2,860.000 1885 124 700 385 565.000 5,650.000 1890 151 1.000 722 1,050.000 10,500.000 1895 194 1-453 625 1,320.000 13,200.000 1897 ! 189 X .220 672 1,180.000 11,800.000 Für die Handschuh-Industrie in Prag sind die grossen Nähanstalten von Pribram und Dobrisch, zwei Orte, die nur wenige Stunden von Prag entfernt sind, von wesentlicher Bedeutung. Geschulte Arbeitskräfte sind hier genügend vorhanden. Die staatlichen Bergwerke der erstgenannten Stadt beschäftigen einige Tausend Arbeiter, deren Frauen und Mädchen ihren Verdienst im Handschuhnähen suchen, und diese Fertigkeit übergeht von der Mutter auf die Töchter. Es sind dort Factore, die über 200 Maschinen besitzen und diese an die einzelnen Näherinnen vertheilen, welche zu Hause arbeiten und zweimal in der Woche liefern. Diese Theilarbeit wurde vor circa 30 Jahren ins Leben gerufen. Heute wird die Gesammt- zahl der daselbst verwendeten Maschinen auf circa 5000 geschätzt. II. Die Handschuherzeugung in Wien. Im Jahre ' .. Zahl der Meister oder Firmen Zahl der Arbeitskräfte Erzeugtes Quantum in Dutzend Erzeugungswerth in Gulden Gehilfen Lehrlinge : 1860 217 460 127 191.360 2,296.000 O I"- CO 22 1 449 131 233.480 2,801.800 1880 213 360 129 187.200 2,246.000 1 1890 202 327 102 225.000 2,700.000 1895 179 486 98 300.000 3,600.000 i 1897 1 174 557 67 320.000 3,840.000 Während Prag ausschliesslich Lammhandschuhe in Mittelqualitäten für den grossen englischen und amerikanischen Bedarf erzeugt, fabricirt Wien nur Prima-Qualitäten aus hochfeinen Ziegen- und Lammfellen, die in den Orientstaaten gesucht und häufig der französischen Ziegenwaare vorgezogen werden. An der Spitze der Wiener Handschuh-Industrie steht die Firma J. E. Zacharias, welche 1863 begründet wurde. Dieselbe verlegte ihre ganze Fabrication, einschliesslich Gerberei und Färberei, 1880 nach Nussdorf und erzeugt dermalen an 40.000 Dutzend Handschuhe im Jahre, die in verschiedenen Längen und Ausstattungen nach allen Ländern des Orientes, nach Nord- und Südafrika, Australien und Indien ausgeführt werden. In einer verhältnismässig kurzen Zeitdauer hat die Handschuh-Industrie im böhmischen Erzgebirge eine bedeutsame Entwickelung durchgemacht. Dieser grosse Erfolg mag wohl in den günstigen Vorbedingungen zu suchen sein. Die männliche Arbeitskraft, die seit dem Verfall des Bergbaues in manchen Orten keine richtige Verwendung finden konnte, war in reichlicher Weise vorhanden, während die Näherin, als frühere Spitzenklöpplerin, jene Fingerfertigkeit besass, die es ihr «leicht ermöglichte, auch Handschuhe bald und gut nähen zu können. Aus unscheinbaren Anfängen gewerblicher Gestalt hat sich unsere Handschuh- Industrie entwickelt, die in ihrem heutigen Umfange, in ihrer Erzeugung, wie in ihrer Leistungsfähigkeit die vollste Beachtung verdient. 424 III. Die Handschuh-Industrie in Kaaden und im böhmischen Erzgebirge. - 1890 >895 ! 1897 Erzeugungsquantum Erzeugungswerth Erzeugungs- j Erzeugungsquantum 1 werth Erzeugungs- j Erzeugungsquantum | werth Dutzend 1 Gulden Dutzend Gulden Dutzend 1 Gulden Kaaden b. Abertham 2 ). Bäringen 3 ). Böhmisch-Wiesenthal 4 ) . Joachimsthal fl ). Platten 6 ). 45.OOO 80.OOO I 1.4OO 17.228 70.488 19.OOO 450,000 800.000 I 14.000 172.280 704.880 190.000 53.OOO 100.000 28.000 28.257 64.909 34-300 530.000 1,000.000 280.000 282.570 649.090 343.000 ÖO.OOO 11 7.000 36.OOO 25.200 66.200 38.OOO 600.000 1,170.000 360.OOO 252.OOO 662.OOO 380.000 1 1 i 2,431.160 3,084.660 ! i 3 , 424.000 Die Ausfuhr an Handschuhen hat in den letzten Jahren eine Höhe erreicht, deren Bedeutung für unsere Handelsbilanz daraus ermessen werden kann, dass deren Handelswerth von fl. 21,457.100 für 1895 jener der Ausfuhr unserer wichtigsten Fruchtgattung, der Gerste, von fl. 22,239.611’ — nahe steht und dass durch denselben mehr als 5o°/ 0 des Kaffee-Importes der Monarchie Bedeckung finden. Nach den Ausweisen der k. k. statistischen Centralcommission in Wien gestaltet sich der gesammte Export von Handschuhen aus Oesterreich wie folgt: Jahre Gulden Jahre Gulden 1868 2,814.000 1883 7,012.000 1869 3,159.000 I 884 6,624.000 1870 3,309.000 1885 8,008.000 187 I 4,2 18.OOO 1886 10,800.000 00 4,509.000 1887 10,923.5°° 1873 2,340.000 1888 11,935.000 1874 3,030.000 I 889 14,206.500 00 r ~ j \ 2 ,l8o.OOO I 89O 14,035.000 1876 2,7 10.000 1891 17,851.946 1877 3,444.000 I 892 18,354.100 1878 3,080.000 1893 2 1,046.600 1879 3,344- 000 1894 19,791.000 1880 5,268.000 1895 21,457.100 1881 4,616.000 1896 22,791.100 1882 6,220.000 Die vorstehenden Schilderungen und statistischen Daten geben uns ein Bild, in welcher Weise sich eine gewerbsmässige Erzeugung innerhalb der fünfzigjährigen Regierungszeit unseres erhabenen Monarchen zu einer nicht zu unterschätzenden Export-Industrie erweitert und ausgebildet hat. Wir können diese Abhandlung nicht schliessen, ohne einige wohlgemeinte Worte beizufügen: »Das unermüdliche Bestreben aller Fachgenossen muss dahin gerichtet sein, unausgesetzt theilzunehmen an allen Verbesserungen und Fortschritten, die diesem Industriezweige zugeführt werden können, aber auch jene streng rechtlichen Grundsätze hoch zu halten, die als Grundlage einer soliden Geschäfts- und Fabrications- weise bedingt sind. Nur unter solchen Voraussetzungen wird es möglich sein, die im grossen weltwirtschaftlichen Industriekampfe mühevoll errungene Stellung weiterhin zu behaupten, zur Ehre Oesterreichs, zum Heil und Segen unserer vaterländischen Arbeit.« ’) In Kaaden wurde die deutsche Handschuhmacherei 1785 eingeführt. Es wurden Hosen aus naturgelbem Leder erzeugt, und erst der Ausschnitt wurde auf Handschuhe verwendet. Von 1815 bis 1820 wurde ein starker Versandt nach Prag betrieben. 1849 führte der aus der Fremde zurückgekehrte Handschuhmacher Carl Klinert den französischen Schichteihandschuh ein, seit welcher Zeit sich die Handschuh- Industrie allmählich fortschreitend entwickelte. -) Eingeführt 1850 durch Adalbert Eberhart. 3 ) Eingeführt 1876 durch Emil Hofmann. 4 ) Im Jahre 1880 wurde die Handschuh-Industrie zu Böhm.-Wiesenthal als Zweiggeschäft des in Prag bestehenden Hauptgeschäftes der Firma J. R. Sobitsohka begonnen, durch neue maschinelle Einrichtungen verbessert und vergrössert, so dass in diesem Zeiträume von 1880 bis 1897 an 1,200.000 Felle verschnitten, beziehungsweise an 300.000 Dutzend Handschuhe erzeugt wurden. 5 ) Eingeführt 1860 durch Martin Bencker. 6 ) Eingeführt 1878 durch Ch. Grimm. Die Gross-Industrie. IV. 425 54 ff * r ? « * I r ÖU:i i§i!lf ET?' frr ifPE sirFfr^ *| rrn - «s * HNLnV;.. - 1 ■ käcHrf-H3ndschiiti-f3bi'‘'t s; ( der^3« Piag.G^bftn^O. ff: -I? F f r r f r f i»f r r f f tLiU^H Ii J. U. BENCKER K. u. K. HOF-HANDSCHUH-FABRIK PRAG — KAROLINENTHAL. er Name Bencker ist mit der Geschichte der heimischen, besonders aber mit der der Prager Handschuh-Industrie eng verknüpft. Im Jahre 1834 kam Johann Ulrich Bencker aus seiner Vaterstadt Erlangen in Baiern nach Prag, wo er bis 1847 als Gehilfe in verschiedenen Handschuh-Unternehmungen thätig war. Zu Beginn des Jahres 1848 machte er sich mit seinen geringen Ersparnissen selbstständig. In den ersten Jahren seiner Unabhängigkeit arbeitete er in gemietheten Localen vorerst mit nur einem, später mit zwei Lehrknaben. Gehilfen wurden erst nach Jahren verwendet. Schon 1853 errichtete J. U. Bencker eine eigene Gerberei, die erste am Platze, um aus gleichmässig gegerbtem Leder von exacter Färbung jahraus jahrein seine Abnehmer mit stets gleichmässiger Waare bedienen zu können. Es wurde hauptsächlich dadurch der Grund zu der heutigen Bedeutung der Firma, welche weit über die Grenzen Oesterreichs hinaus geschätzt wird, gelegt. Das heute bestehende Fabriksetablissement in Karolinenthal wurde 1868 erbaut. Erst nach Vollendung dieses Baues war es möglich, der Handschuherzeugung eine wesentliche Ausdehnung zu geben. Hiezu trug in ganz ausserordentlicher Art die 1870 erfolgte, vorerst nur probeweise Einstellung einer Handschuhnähmaschine bei, der ersten am Platze, im Jahre 1869 von Rudolf in Chemnitz construirt. Nachdem sich dieselbe zur Verfertigung von Handschuhen in grösserem Umfange vortheilhaft eignete, wurden nach und nach mehrere angeschafft und wurde die Handnaht ganz aufgegeben. Heute stehen über dreissig Handschuhnähmaschinen im Betriebe. In nicht geringerem Maasse hat die Einführung der Handschuh-Schneidemaschine befruchtend auf die Entwickelung des Unternehmens eingewirkt. Auf der Pariser Ausstellung 1867 sah J. U. Bencker diese Schneidemaschine, erwarb sie und führte sie in Prag, wo sie noch ganz unbekannt war, ein. Bezüglich der Einführung gilt das Gleiche von der Nähmaschine. J. U. Bencker bekundete für das allgemeine Wohl seiner Industrie insofern regstes Interesse, als er bei Einführung von Neuerungen in seiner Fabrik diese nicht etwa geheim hielt, sondern den Industriellen seiner Branche, die sich dafür interessirten, die Besichtigung derselben gerne gewährte und die Bezugsquellen an die Hand gab. Er kräftigte durch dieses Entgegenkommen die gesammte Fabrication in uneigennützigster Weise. War die Haftdschuherzeugung bis dahin dadurch, dass die Handschuhe in der Hand geschnitten und genäht wurden, an einer grossen Entfaltung und starken Exportfähigkeit behindert, so war nun durch Einführung der neuen Maschinen die Möglichkeit eines bedeutenden Aufschwunges der Branche gegeben. Mit welchem Erfolge dies geschah und welche Ausdehnung die Prager Handschuhfabrication annahm, beweist dfer Umstand, dass Prag heute zu den »T*WV 54 v 427 grössten Handschuh-Industriebezirken zählt. Im Jahre 1895 wurden im Prager Bezirke Handschuhe im Werthe von über acht Millionen Gulden erzeugt! In den ersten Jahren des Betriebes erstreckte sich das Absatzgebiet der Firma über Oesterreich-Ungarn und Deutschland. Sie war eine der ersten, welche die Ausfuhr überhaupt, speciell jedoch nach Amerika 1864 aufnahm und durch den Export ihrer Erzeugnisse die Aufmerksamkeit des Auslandes auf die Prager Handschuh-Industrie lenkte. Als in Amerika die bisher bei Handschuhen am Continente noch unbekannten grellen Anilinfarben, wie Grün, Blau, Lila, Orange u. s. f., in Mode kamen, war die Fabrik längere Zeit hindurch die einzige am Platze, welche mit Zuhilfenahme eines tüchtigen Chemikers entsprechend gefärbtes Leder herstellte und Waaren in diesen Farben nach Amerika u. s. f. lieferte. Durch die Mac Kinley-Bill wurde die Ausfuhr von Handschuhen nach Amerika sehr erschwert. Nach Deutschland und Russland sind es auch die hohen Zölle, welche den Export bedeutend schädigen. Heute liefert die Firma nach allen Welttheilen theils durch Importhäuser, theils auch durch eigene Vertreter — 15 an der Zahl — und durch Reisende. Ende der Sechzigerjahre, bei Einführung der Hilfsmaschinen, wurden jede Woche durchschnittlich 50 Dutzend Handschuhe erzeugt. Wenn jetzt in der Woche nur die verhältnismässig geringe Anzahl von 150 bis 200 Dutzend erzeugt wird, so hat dies seinen Grund darin, dass der Inhaber einer mittelmässigen Massenfabrication die Erzeugung gediegener, tadelloser Waare vorzieht. Der Qualität der Waare verdankt die Firma auch ihren Weltruf. Im Jahre 1874 nahm der Begründer des Etablissements seinen einzigen Sohn Karl, der seit dem Jahre 1867 bereits im Unternehmen thätig war, als öffentlichen Gesellschafter in die Firma auf und überliess ihm 1885 das Geschäft ganz. Karl Bencker führt das Unternehmen im Geiste seines Vaters weiter, damit er durch reelle und tadellose Waare den Weltnamen des Hauses stets gefestigt wisse. Um den directen Verkehr mit dem consumirenden Publicum zu ermöglichen, wurden im Jahre 1876 in Dresden, 1881 in Stuttgart und 1889 in Prag Detailgeschäfte eröffnet. Im Jahre 1891 wurde der Firmainhaber durch Seine Majestät mit dem Titel eines Hoflieferanten ausgezeichnet. An Arbeitern und Arbeiterinnen werden heute über 200 Personen beschäftigt. Zwei davon sind nahezu 50 Jahre hindurch und eine Anzahl von Arbeitern ist von 40 Jahren abwärts ohne Unterbrechung im Betriebe thätig. Alle gehören gesetzmässig der Genossenschafts-Krankencasse, ebenso dem Genossenschafts-Invalidenfonde an. Den hiefür vorgeschriebenen dritten Theil der Beiträge leistet die Firma, die Unfallversicherungsgebühr wird jedoch ganz von ihr erlegt. 428 J. R. SOBITSCHKA GL ACIiH AND SCHUH-ERZEUGUNG PRAG UND WIESENTHAL. nter den grösseren Unternehmungen in der Handschuh-Industrie nimmt die Firma J. R. Sobitschka in Prag und Böhmisch-Wiesenthal eine der ersten Stellen ein. Im Jahre 187g ins Leben gerufen, erschien die Firma, da der industriell fortschrittliche Unternehmer allsogleich für die Entwickelung und Consolidirung des directen Exports mit voller Thatkraft eintrat, schon in kürzester Zeit auf dem Weltmärkte und bestand den Wettkampf mit der mächtigen Concurrenz mit solchem Erfolge, dass sie bereits im Jahre 1880 zur Begründung eines Zweigetablissements in Böhmisch-Wiesenthal schreiten konnte. Da nämlich die Erzeugnisse der Firma immer grösseren Anklang fanden und das Exportgeschäft gar bald in voller Blüthe stand, zeigte sich die Nothwendigkeit einer Betriebserweiterung. Diesem Bedürfnisse konnte wohl durch Yergrösserung der Prager Fabrik entsprochen werden. Der weitschauende Blick des Firmainhabers aber, sein klares Verständnis für die P'orderungen der Zeit und insbesondere sein humaner Sinn liessen ihn dagegen erkennen, dass sich seine Thätigkeit auf einem anderen Boden reicher entfalten könne. Diesen fruchtbaren Boden bot ihm die kleine Erzgebirgsgemeinde Böhmisch-Wiesenthal, deren ärmere Bevölkerung durch die Einführung der Handschuh- Industrie daselbst eine dauernde Arbeit und damit eine gesicherte Existenz erlangt hat, während sie bis dahin bei der geringen Ergiebigkeit des Bodens in der precärsten Lage sich befand. Es war keine leichte Aufgabe, mit den neuen hier in Verwendung gekommenen Arbeitskräften die Fabrication auf der einmal erreichten Stufe hoher Meisterschaft zu erhalten. Dass dies der Firma thatsächlich in hervorragender Weise gelungen ist, beweist das Resultat, welches die Beschickung der im Jahre 1883 in Amsterdam abgehaltenen internationalen Ausstellung ergab. Die dort von der Wiesenthaler Fabrik ausgestellten Handschuhe wurden von der Jury mit einer Preismedaille ausgezeichnet, eine Anerkennung, deren Bedeutung mit Rücksicht auf den Umstand, dass die altfranzösische und belgische Handschuh-Industrie glänzend vertreten war, nicht genug hoch angeschlagen werden kann. Ebenso wurde die Firma auf der im Jahre 1884 in Teplitz stattgefundenen Gewerbe- und Industrieausstellung mit dem höchsten Preise —■ der goldenen Medaille — ausgezeichnet. Die von Anbeginn benützten P'abriksräume des Wiesenthaler Etablissements erwiesen sich bei der stetigen Ausdehnung des Exportgeschäftes, trotzdem der Betrieb mehrere Male vergrössert worden war, immer mehr als ungenügend, und da in der Fabrication wesentliche Neuerungen vorgenommen werden sollten, wurde im Jahre 1889 die Stätte abermals durch einen Anbau erweitert, wodurch geräumige, lichte, allen Anforderungen der Hygiene entsprechende Arbeitssäle geschaffen wurden. Gleichzeitig wurde in den Fabrikslocalitäten elektrische Beleuchtung und Dampfheizung eingeführt, so dass die Anlage nunmehr nach ihren räumlichen und sanitären Verhältnissen als eine mustergiltige bezeichnet werden muss. Der Absatz der P'abrikate richtete sich anfangs nach Deutschland, Belgien und Holland und seit 1881 auch nach England und Amerika, welch letztere Staaten allmählich das Hauptabsatzgebiet wurden. Unter solchen Umständen konnte sich der Betrieb der beiden Fabriken in solchem Maasse entwickeln, dass bereits im Jahre 1885 die Gesammt- erzeugung 20.000 Dutzend im Exportwerth von 220.000 fl. betrug. Im Jahre 1886 wurden die Werkstätten der Prager Fabrik in geräumige Localitäten des neu angekauften Hauses Nr. 912/II (Bredauergasse) verlegt, und seit dieser Zeit hielt die Entfaltung der Leistungsfähigkeit der Prager Fabrik gleichen Schritt mit dem Wiesenthaler Etablissement. Die Gesammtproduction beider Fabriken beträgt in den letzten Jahren 60.000 bis 75.000 Dutzend Handschuhe pro Jahr im Exportwerthe von 600.000 bis 750.000 fl. Die Fabrication umfasst ausschliesslich Lamm-Glacehandschuhe, gefüttert und ungefüttert, für Damen, Herren und Kinder, in einfacher, sowie in Stepp- und Laschnaht, versehen mit den neuesten Aufnähten und Verschlüssen. Das hier entworfene Bild des Entwickelungsganges der Firma J. R. Sobitschka möge noch die Hervorhebung eines wichtigen Momentes in der Thätigkeit des Besitzers vervollständigen, welches in erster Linie das überraschend schnelle Wachsthum seines Hauses herbeiführte. Es ist dies das verständnisvolle Streben, die Production in technischer Hinsicht zu heben und die Maschinenkraft auch dieser industriellen Arbeit möglichst weit dienstbar zu machen. So wurde im Jahre 1890 die maschinelle Einrichtung hergestellt, welche alle im Betriebe stehenden Nähmaschinen mittelst Dampfkraft in Bewegung setzt. Die Vortheile dieser Neuerung, die bisher keine österreichische wm 429 Handschuhfabrik aufzuweisen hat, kommen in erster Reihe der Näherin zu Gute, indem diese nicht mehr mit eigener Körperanstrengung jahraus jahrein, häufig auf Kosten ihrer Gesundheit, die Nähmaschine bewegen muss, sondern diese Arbeit der Maschine überlässt und blos die Führung derselben zu besorgen hat. Ein weiterer Fortschritt im Productionsprocesse wurde im Jahre 1890 dadurch erzielt, dass es der Firma nach wiederholten Versuchen gelang, eine besondere Nähweise ausfindig zu machen, vermittelst welcher verschiedenartige kunstvolle Verzierungen auf den Handschuh aufgenäht werden, während bis dahin alle Handschuhverzierungen (Tambour- und Nahtstickereien) nur in der Weise hergestellt werden konnten, dass das hiezu verwendete Material durchgestickt, durchgesteppt oder durchgenäht werden musste, wodurch der Handschuh in seiner Haltbarkeit bedeutend litt. Im Jahre 1897 ist es dem Unternehmen gelungen, einen neuen Schnitt zu construiren, der unter dem Namen: »Beauty cut« in Geschäftsverkehr kommt und in allen Culturstaaten durch Patent geschützt ist. Der wesentlichste Vortheil dieses Schnittes liegt darin, dass 1. die Längsnaht des Handschuhes wegfällt; 2. dass der Handschuh in Folge dessen an der Längsseite vollständig geschlossen ist und dadurch einen besseren Sitz hat, weil die häufig durch diese Längsnaht bewirkten Falten vollständig wegfallen; 3. statt dieser Längsnaht wird der Handschuh vom Zeigefinger aus zum Daumen und von der unteren Rundung des Daumens bis zum Schlitze genäht, wodurch nach dem alten Gesetz der französischen Handschuhmacherei die Schönheit auf der Aussenseite des Handschuhes wesentlich gehoben wird und die den Handschuh schliessende Naht auf die kürzeste Weise in die Innenseite desselben verlegt ist. Wir beschränken uns auf die Erwähnung dieser in der Handschuhfabrication von der Firma geschaffenen Neuerungen, um noch der humanitären Veranstaltungen gedenken zu können, welche von dem Unternehmer zu Gunsten der in seiner Wiesenthaler Fabrik beschäftigten Arbeiter getroffen wurden. Schon mit Beginn des Jahres 1883 gründete derselbe eine Fabriks-Krankenunterstützungscasse, welche durch alljährliche grössere Beiträge seitens der Firma sich zu einem segensreichen Unternehmen von grosser Bedeutung gestaltete. Als auf Grund des § 9 des Gesetzes vom 28. December 1887 die »Arbeiter-Unfallversicherungsanstalt für das Königreich Böhmen in Prag« ins Leben gerufen wurde, erfolgte von der Firma im December 1889 die freiwillige Anmeldung des Wiesenthaler und Prager Fabriksunternehmens, um den dort beschäftigten Arbeitskräften auch diese Institution zugänglich zu machen. Der Unternehmer, der die hiefür zu leistenden Beiträge allein auf sich genommen hat, ohne damit die Arbeiter mit dem ihnen zufallenden Procentsatz zu belasten, hat auch in dieser Richtung seine arbeiterfreundliche Gesinnung in rühmenswerther Weise bethätigt. Dass derselbe aber seine Aufgaben als Grossindustrieller von einem höheren Standpunkte zu erfassen bestrebt ist, bekunden die jahrelangen, seinem Fache gewidmeten Studien, welche in den von ihm veröffentlichten werthvollen Schriften »Die Handschuh-Industrie zu Böhm.-Wiesenthal 1880 bis 1890« , ferner »Entstehung und Gebrauch des Handschuhes«, »Die Lederhandschuhfabrication in den einzelnen Staaten« niedergelegt sind. So rechtfertigt die Thätigkeit des Besitzers in jeder Hinsicht den weitverbreiteten ehrenvollen Ruf, dessen sich schon seit einer Reihe von Jahren seine Firma erfreut. 430 WERFEL & BÖHM LEDERHANDSCHUH-FABRIKEN PRAG UND TUSCHKAU. ie Handschuhfabrik der Firma Werfel & Böhm wurde im Jahre 1881 durch Rudolf Werfel begründet, welcher durch längeren Aufenthalt im Auslande, namentlich in Frankreich, Belgien, England und Amerika, von welchen Ländern vornehmlich Frankreich die Heimstätte der modernen Handschuh- fabrication ist, über Wesen, Anlage und Betrieb dieser Erzeugung reiche Erfahrungen zu sammeln Gelegenheit fand. Unter seiner thatkräftigen, umsichtigen Leitung machte der Fabriksbetrieb bedeutende Fortschritte, bis durch den Hinzutritt des Schwagers des Firmainhabers, Benedict Böhm, gegen Ende des Jahres 1885 dem Unternehmen nicht nur finanzielle, sondern bei der praktischen Erfahrung und dem geschäftlichen Verständnisse des neuen Gesellschafters auch fruchtbringende intellectuelle Hilfsquellen erwuchsen. Am 1. Jänner 1886 wurde die Firma Rudolf Werfel in Werfel & Böhm umgeändert. Im Jahre 1887 wurde die Tuschkauer Fabriksfiliale gegründet, die heute an 100 Arbeiter beschäftigt. 1888 betheiligte sich die Firma an der Brüsseler Weltausstellung und trug für ihre Erzeugnisse den ersten Preis davon. Ausserdem wurden die in Brüssel anwesenden Firmainhaber von Seiner Majestät dem König Leopold der Belgier in ganz ausnehmender Weise ausgezeichnet. Auch auf der Melbourner Ausstellung desselben Jahres erhielt die Firma den ersten Preis. Im gleichen Jahre begründete das Haus Werfel & Böhm seine Londoner Filiale, deren Bestand sehr viel zum weiteren Aufblühen des Geschäftes beigetragen hat. Die Fabriken in Prag und Tuschkau sind in technischer Beziehung auf das Modernste und Vortheilhafteste eingerichtet. Die Arbeiterzahl ist stetig gestiegen, bis sie im Jahre 1895 an Handschuhmachern für Waaren französischen Systems allein und den dazu gehörigen Hilfskräften, als Dresseuren, Repasseuren, Fenteuren, Allignirern, Einlegern etc., die Zahl von 300 überschritt. Die Naht wird bekanntlich an sogenannte Factoren übergeben, von welchen zehn mit circa 600 Näherinnen ausschliesslich für Rechnung der Firma arbeiten. Die Specialitäten des Etablissements bilden besondere Gattungen von Herren- und Damen-Glacehandschuhen für den englischen und amerikanischen Markt, welche sich einer steigenden Beliebtheit erfreuen. Das Absatzgebiet der Erzeugnisse erstreckt sich über die ganze Erdkugel. Die Handschuhfabrication der Firma Werfel & Böhm stellt sich heute als eine der grössten dieser Art in Oesterreich-Ungarn dar und dürfte bezüglich des Umfanges ihrer Erzeugung und der Verkaufsfähigkeit ihrer Fabrikate auch keinem ähnlichen Unternehmen des Auslandes nachstehen. sa&i .««aSTiX Fabrik in Tuschkau. • I j « lf »I f* * VH m efm .<'V r ^ s Prague. Fabrik in Prag. 4 3i Hilfe ft * *s nasM— : x-y .G' jy-M - ftfis ;&kK kVt*vfhf Tä**** wWr: ■ V:.' I *#£& Fabriksgebäude. J. E. ZACHARIAS K. u. K. HOF-HANDSCHUHFABRIK WIEN—NUSSDORF. m Jahre 1863 kaufte J. E. Zacharias das alte Handschuh-Verkaufsgeschäft S. Scheuchen Stuhl in der Spiegelgasse in Wien und legte damit den Grund zu dem heute unter obiger Firma bestehenden grössten Handschuh-Fabriksunternehmen in Oesterreich. Aus kleinen Anfängen, zuerst — bis 1870 — im IV. Wiener Gemeindebezirke in der Karlsgasse, dann bis im Jahre 1880 bereits im eigenen Hause in der Panigigasse, ebenfalls auf der Wieden, wurde das Geschäft später immer grösser und ertragreicher. Die Erzeugungsstätte musste vergrössert werden, was durch den Bau eines grossen Fabriks- und Manipulationsgebäudes in der Schleifmühlgasse Nr. 4 geschah. Das Unternehmen wuchs nun rasch zu seiner heutigen Bedeutung empor. Viel trugen zu diesen überraschenden Erfolgen auch die der Reihe nach in Wien errichteten fünf Detailniederlagen bei, und zwar in der Seilergasse (Palais Equitable), Kohlmarkt und Tuchlauben, dann in der Schleifmühlgasse auf der Wieden, und endlich als jüngste jene in der Mariahilferstrasse. Diese alle erfreuen sich fortgesetzt lebhaften Zuspruches. Eine eigene bedeutende Nahtfactorei auf dem Lande kam dazu, welche, mit allen nöthigen Behelfen versehen, heute über 300 weibliche Personen beschäftigt und durch die jährlichen Auszahlungen von 50.000 bis 60.000 fl. an Arbeitslöhnen der dortigen Gegend zum Segen gereicht. Die Firma J. E. Zacharias entwickelte sich immer kräftiger, und ihre Erzeugnisse bekamen einen Weltruf. Es galt nun diesen Ruf auch dadurch zu sichern, dass die Verarbeitung und Herrichtung der Rohfelle zu den Handschuhen in eigene Regie genommen werde. Letztere diente auch dazu, die im Lande bisher unbekannte Art des Gerbens von Rohfellen edelsten Wuchses, das sind Lamm- und Zickelfelle italienischer und französischer Herkunft, in Oesterreich einzuführen und einzubürgern. Dazu war eine neuerliche Erweiterung der Fabrik erforderlich, um Raum für die ri ft Färberei. 432 *r. Zurichterei. Gerberei und Färberei zu schaffen. Die Anlage in der Schleifmühlgasse konnte diesen Raum nicht bieten und deshalb entschloss man sich aus Zweckmässigkeitsgründen, wegen des Bedarfes an reinem Wasser in genügender Menge, der Einrichtung des Dampfbetriebes u. s. w., ein neues Werk zu bauen und dieses ganz an die Peripherie der Stadt und nahe dem Grundwasser der Donau zu verlegen. Im Jahre 1886 wurde in dem ehemaligen Vororte Nussdorf, welcher die beste Lage hiefür bot, binnen Jahresfrist ein für die gesammte Fabrication von Leder und Handschuhen berechnetes Fabriksunternehmen in grossem Style errichtet. Das Gebäude ist, wie die verschiedenen Abbildungen zeigen, dreistöckig, mit grossen Boden- und Kellerräumen angelegt, enthält weit ausgedehnte Manipulations-, Fabriks- und Magazinssäle und ist mit den modernsten technischen Hilfsmitteln und Maschinen zum rationellen Dampfbetriebe für Handschuhledergerberei und Färberei, dann zur Handschuhfabrication ausgestattet. Es wird elektrisch mit eigenen Dynamomaschinen beleuchtet, ist durchwegs mit Dampfheizung und eigenen Wasserleitungen versehen und entspricht in jeder Weise dem Raumbedürfnisse eines Arbeiterstockes von circa 200 männlichen und 100 weiblichen Arbeitskräften. Die Fabrik verarbeitet derzeit durchschnittlich 5000—6000 gegerbte und gefärbte Handschuhfelle pro Woche, aus welchen wöchentlich circa 8000—10.000 Paar Handschuhe in den verschiedensten Längen und in mannigfaltigen Ausstattungen und Ausführungen geschnitten und fertig gemacht werden. Die Kunden des Haues recrutiren sich gegenwärtig aus der ganzen Welt. Ausser dem Inlande und den näheren Ländern des alten Continentes kommen insbesondere auch der ferne Orient, Nord- und Südafrika, Australien, Ostindien etc. in Betracht. So ist das Unternehmen auf seine gegenwärtige hohe Stufe der Leistungsfähigkeit gelangt und bildet ein treues Abbild langjährigen, zielbewussten industriellen Wirkens. Bei allen grösseren Ausstellungen der letzten Jahrzehnte wurde die Firma mit Ehrendiplomen, Gold- und Gedenkmedaillen in anerkennendster Weise bedacht. Schon seit vielen Jahren beziehen die Mitglieder des Allerhöchsten Kaiserhauses ihre Handschuhe von J. E. Zacharias, was auch darin seinen Ausdruck fand, dass der Firmainhaber durch die Allerhöchste Gnade Seiner Majestät des Kaisers zum k. u. k. Hof-Handschuhlieferanten ernannt wurde, mit dem Rechte, den kaiserlichen Adler im .Schilde zu führen. sä* * Zuschneide-Saal. t •am* WZ WS® ■Sf'iä Gerberei. Die Gross-Industrie. IV. 433 55 DIE FILZ- UND SEIDENHUT-INDUSTRIE 1848 —1898. VON PETER HABIG, K. K. COMMERZIALRATH, K. UND K. HOF-HUTFABRIKANT. 55 * ■PSF- fl'l" III.'- Iiw-Ji ,/Ä\ ,=Jf;»'il)iii 1 UM ^ St« DIE FILZ- UND SEIDENHUT-INDUSTRIE 1848—1898. Ile jene grossen wirthschaftlichen Veränderungen, die in den letzten fünfzig Jahren hauptsächlich durch Einführung und Entwickelung des Maschinenwesens sich abspielten, treten auch bei der Hut-Industrie klar zu Tage. Die umfassenden Verschiebungen in den Verkehrs- und Con- sumtionsverhältnissen brachten besonders bei der Filzhut-Industrie die inländische und ausländische Concurrenz in ein anderes Verhältnis und die Anwendung der Maschinen in der Hut- Industrie selbst bewirkte vielfach eine veränderte Erzeugungsweise und den theilweisen Uebergang vom Kleingewerbe zur Gross-Industrie. Das Hutmachergewerbe wurde bis in die Fünfzigerjahre nur handwerksmässig betrieben. Der Meister kaufte seine Hasenbälge und andere Fellsorten, präparirte, beizte und scherte dieselben. In dieser Weise wurde der Hut fast ausschliesslich mit der Hand fertiggestellt. Die Huterzeugung zerfällt in drei Abtheilungen, und zwar in die Wollhutfabrication, in die Haar- filzhutfabrication und in die Seidenhutfabrication. I. Wollhutfabrication. Die älteste ist die Wollhutfabrication. Ursprünglich wurde nur Schafwolle in ihren verschiedenen Sorten zur Erzeugung von Hüten verwendet, jetzt bedient man sich derselben nur bei Hüten billigerer Sorten. Der Wollhut wurde in den früheren Jahren fast nur im handwerksmässigen Betriebe hergestellt und war meistens auf dem flachen Lande verbreitet. Es sei hier gleich gesagt, dass die Wollhutherstellung in den letzten 25 Jahren in Bezug auf ihre maschinelle Einrichtung und die damit verbundene Massenproduction die grössten Fortschritte aufzuweisen hat. Durch die Anwendung der verschiedenartigsten Maschinen bei der Wollhuterzeugung, in erster Reihe des Wollkrempels, der Fach-, Walk-, Form-, Scher-, Press-, Tour- und Faponnirmaschinen, deren Betrieb grössere Dampfkraft erfordert, ist heute die Wollhutfabrication fast ausschliesslich im Besitze der Gross- Industrie, mit Ausnahme der sogenannten Lodenhüte, die noch von Wolle mit der Hand gefacht und verarbeitet werden. Wir können hier constatiren, dass die Wollhutfabrication hochentwickelt ist und ihre Vervollkommnung in die letzten dreissig Jahre fällt, so dass selbe jede Concurrenz mit den vorgeschrittensten Ländern, wie Deutschland, England und Italien, ebenbürtig aushält. Die ausserordentliche Entwickelung dieses Industriezweiges verdankt man der energischen Schaffenskraft, der streng soliden Ausführung und dem anerkannt guten Wiener Geschmack, welchen die Wollhutfabrication sowohl in der Adjustirung, als auch in den Formen der Wiener Mode gerecht wird, was sie auch exportfähig macht. if I 437 Wenn auch die Wollhuterzeugung bereits ausschliesslich in dem Besitze der Gross-Industrie ist, so werden viele Wollhüte doch noch im handwerksmässigen Betriebe in Wien und auf dem Lande von den kleinen Meistern fertiggestellt; diese kaufen den Wollstumpen, formen denselben mit der Hand und machen den handwerksmässigen Hut fertig. In den früheren Jahren wurden viel Wollstumpen aus England bezogen und in obiger Weise verarbeitet. Doch hat letztere Einfuhr bereits gänzlich aufgehört. Die bedeutendsten und hervorragendsten Firmen, die sich um die fortschrittliche Entwickelung der Hut-Grossindustrie besonders verdient gemacht haben, sind Brüder Böhm (Wien und Prag), Giuseppe Bossi Nachfolger (Wien), Keller (Oberleutensdorf), J. Fluss (Freiberg, Mähren), Anton Pichler und Josef Pichler (Graz). Die beiden letzten Firmen bieten im steierischen Loden-Jagdhut eine Specialität, die nicht nur in Oesterreich, sondern auch im Auslande sehr verbreitet und begehrt ist. Der Woll- und auch der Lodenhut wird in die österreichischen Provinzen, und in bedeutenden Mengen nach dem Auslande, auch überseeisch, und zwar besonders nach Südamerika, ausgeführt und mit Vorliebe gekauft, wozu hauptsächlich seine hübschen Formen und die gediegene Ausführung beitragen. II. Haarfilzhutfabrication. Unter der Benennung »Haarfilzhutfabrication« versteht man die Erzeugungsweise, bei der Haarsorten von Hasen-, Kaninchen-, Biber- und Nutriafellen zur Anwendung kommen. Wie bei der Wollhutfabrication, wurden auch bei der Filzhuterzeugung die Haare fast nur hand- werksmässig bearbeitet. Die verschiedenen Haarsorten wurden, nachdem sie bereits präparirt und gebeizt waren, mit der Hand und dem Fachbogen zu einem Filze gefacht. Der Fachbogen, das charakteristische Hilfswerkzeug, das bis zur Erfindung der amerikanischen Fachmaschinen die Hauptrolle bei der Hutverfertigung spielte, wird heute von der jüngeren Generation der Hutmachergehilfen kaum mehr gekannt, verdient aber, etwas näher beschrieben zu werden. Der Fachbogen ist ein Bogen von grosser Dimension, der in seiner Mitte mittelst eines dünnen Seiles an der Decke aufgehängt wird, um ihn nach allen Richtungen hin dirigiren zu können. Dieser Bogen schwebt über einem Tisch, dessen Abschluss eine Wand aus Weidengeflecht bildet, das dicht genug ist, um nicht mehr als die Staubabfälle und den Schmutz durchfallen zu lassen. Auf dieses Flechtwerk legt man das Haar, bringt die Saite des Bogens in die abgewogene Haarmenge und lässt selbe, ohne dass sie aus dem Haar herauskommt, vermittelst eines Schlagholzes, einer Art Klöppel von hartem Holze, an dessen beiden Enden sich ein Knopf in Form eines Schwammes befindet, spielen. Indem man die Saite mit dem Knopfe anhält und stark anzieht, springt sie von dem Knopfe ab und macht umso schnellere Schwingungen, als die Bewegung des Fächers schneller zufahrend ist. Der Arbeiter bewegt den Fachbogen aufwärts oder abwärts, vor- oder rückwärts, wie er es für nothwendig hält. Dies setzt er so lange fort, bis die Mischung so miteinander verbunden ist, dass man keine Abstufung mehr davon merken kann. Auf diese Manipulation folgt dann das, was man fachen nennt, das heisst, man schlägt das Haar mit dem Fachbogen so, dass die geringsten Theile desselben nacheinander durch die Saite gefegt, emporgehoben und von der rechten nach der linken Seite geschleudert werden, indem sie in der Luft einen Bogen von mehr als zwei Fuss machen. Der Flaum fällt sehr sanft zurück und bildet zuletzt einen Haufen von solcher Zartheit, dass der geringste Hauch ihn in einem Augenblicke wegzublasen vermöchte. Der Arbeiter schiebt diese lose Haarmasse vermittelst eines Flechtwerkes von seiner Linken und facht zum zweiten Male, aber mit einer solchen Geschicklichkeit, dass das Ende in den Raum einer bestimmten Figur dergestalt herabfällt, dass die Schichte eine Dicke, je nachdem es nöthig ist, bekommt. Ist dies geschehen, so nimmt man die Fache weg, reinigt den Tisch, feuchtet ihn an und schreitet nun zum ersten Grade des Filzens, das Zusammenschlagen genannt wird. Diese ganze Manipulation mit dem Fachbogen ist durch die Erfindung und Einführung der Blas- und Fachmaschine, ausgenommen bei einzelnen Massenhüten, gänzlich verschwunden. Wir haben es nur ausführlich beschrieben, damit die jüngere Generation dieses historische und charakteristische Verfahren in Erinnerung behält. Ausser den bereits erwähnten Blas- und Fachmaschinen werden auch mit grossem Erfolge Walkmaschinen, Hutpressen für Rand und Kopf, Faponnir-, Scher-, Anform- und Dressirmaschinen, Maschinen zum Randbeschneiden, Bügel-, Tourmaschinen u. s. w. angewendet. So wird die Haarfilzhut-Erzeugung zum grossen Theile fabriksmässig betrieben. 438 Der grösste Theil der österreichischen Hutfabriken befindet sich in Wien und Umgebung. Eine der grössten Fabriken ist in Neutitschein in Mähren, J. Hückel’s Söhne. Dieselbe hat sich von kleinen Anfängen in den letzten 30 Jahren bis zur mächtigen Gross-Industrie emporgearbeitet. Der Begründer Johann Hückel arbeitete noch Anfangs der Sechzigerjahre mit kaum 30 Leuten, heute beschäftigen die Söhne unter der obgenannten Firma 1200 Arbeiter. Die Fabrik ist mit allen der Neuzeit bekannten französischen, deutschen, englischen und amerikanischen Maschinen eingerichtet. Die Tagesproduction beträgt 1200 Stück. Diese Erzeugnisse gehen in die ganze Welt. Eine Specialität an Schönheit, bester Ausführung und vorzüglichster Qualität sind ihre Velourshüte. Von den Wiener Hutfabrikanten ist in erster Reihe die Firma P. & C. Habig zu nennen, die sich ebenfalls von den allerkleinsten Anfängen bis zur heutigen Höhe emporgeschwungen hat. Im Jahre 1862 beschäftigte selbe nur einen einzigen Gehilfen, während jetzt in ihren neuen, mit allen modernen technischen Neuerungen und elektrischem Betriebe eingerichteten Fabriks-Etablissements eine bedeutende Anzahl Hutmachergehilfen, Zurichter, Seidenhutmacher, P'açonnirer und Staffirerinnen beschäftigt werden. Für die österreichische Hut-Industrie ist die Firma P. & C. Habig von der weittragendsten Bedeutung, denn sie hat das Verdienst, den Wiener Hut zu allererst, und zwar schon im Jahre 1872, mit ihrer eigenen P'irma und Fabriksmarke als »Wiener Hut« in Deutschland und später in ganz Europa, sowie auch in den anderen Welttheilen und überseeischen Staaten eingeführt zu haben. Der österreichische Hut war vor dem Jahre 1870 unter der Wiener oder österreichischen Marke mit Ausnahme der im Detail verkauften Hüte nicht bekannt. Der grösste Theil der Hüte, die zu jener Zeit exportirt wurden, gieng unter einer englischen Phantasiemarke. Dadurch, dass die englische Hut-Industrie zu jener Zeit schon auf einer hohen Stufe der Vollkommenheit stand und durch guten Geschmack ihre Moden sehr beliebt und gesucht gemacht, hatte, begehrten die Detailverkäufer nur englische Marken. Daher wurden selbst von den ersten Hutfabrikanten Hüte mit englischen Phantasiemarken verkauft. Die Firma übte das Princip, welches sie heute noch festhält, in jeder grösseren Stadt nur ein Depot, nur einen Abnehmer ersten Ranges mit dem Verkaufe ihrer Marke zu engagiren. Da der Wiener Hut bald beliebt und auch bei der Concurrenz begehrt wurde, war es den anderen Wiener und österreichischen Hutfabrikanten bedeutend leichter, auch ihre Erzeugnisse theils mit Wiener Phantasiemarken, in den letzten Jahren auch mit ihren eigenen Marken zu verkaufen. Die Firma P. & C. Habig hat sich an allen Weltausstellungen seit dem Jahre 1872 in Wien, Paris, Brüssel, Amsterdam, Philadelphia, Chicago u. s. w. betheiligt, und wurden ihr die höchsten Auszeichnungen, Ehrendiplome und goldene Medaillen zuerkannt. Auch war der eine Chef der Firma, Peter Habig, Juror bei der Weltausstellung in Wien 1873. Die Firma besitzt in Wien zwei der vornehmsten Detail-Niederlagen und errichtete im Jahre 1888 eine Niederlage in Berlin, welche sich des grössten Zuspruches erfreut. Einen ehrenvollen Platz nimmt auch die Firma C. Messmer in Wien ein. Diese Firma besteht bereits über hundert Jahre in einer und derselben Familie immer in Ehren aufrecht und betreibt das Gewerbe zumeist en gros sowohl in allen österreichischen Provinzen, als auch im Auslande, besonders im Deutschen Reiche. Ein hervorragender Antheil an der Entwickelung der österreichischen, besonders der Wiener Hut- Industrie gebührt auch in den letzten Jahren der Firma J. H. Ita, die mit allen der Neuzeit bekannten Maschinen eingerichtet ist und sich durch ihre soliden und guten Qualitäten einen Namen gemacht hat. Ferner ist die Firma Wilhelm Pless zu nennen, deren Erzeugnisse sich ebenfalls durch gute Qualität nicht nur in Oesterreich, sondern auch im Auslande eines grossen Absatzes erfreuen und beliebt sind. Ganz besonders bleibt noch zu erwähnen die Firma S. & J. Frankel, Wien, Fabrik Ebreichsdorf, welche ebenfalls mit allen Maschinen der Neuzeit entsprechend eingerichtet ist und sich durch ihre Vielseitigkeit in Herrenfilzen, hauptsächlich aber in Veloursstumpen für Herren und Damen in den österreichischen Provinzen und als bedeutende Exportfirma in Stumpen (glatt und Velours für Damenhüte) sehr gut eingeführt hat und deren Waaren wegen ihrer guten und preiswürdigen Qualitäten begehrt sind. In derselben Weise ist auch die Firma Halban & Damask hervorzuheben, die ebenfalls maschinell ganz modern eingerichtet ist und fabriksmässigen Betrieb in allen Sorten Filz- und auch W T ollhüten übt. Ihre Erzeugnisse haben sich des guten Geschmackes, der Güte und besonders ihrer reichhaltigen und vielseitigen Adjustirung wegen ein gutes Renommé im In- und Auslande erworben. 439 Ferner ist noch zu erwähnen die Firma J. Jerabek, die wohl eine der ersten gewesen ist, welche die Fachmaschine in Oesterreich, besonders in Wien eingeführt hat und schon Anfangs der Sechzigerjahre darauf arbeitete und zu jener Zeit einen viel begehrten guten Hut für Wien und die österreichischen Provinzen erzeugte. Diese Firma hat in den Siebzigerjahren liquidirt. Hervorzuheben ist auch noch die Firma Egidius Klenz in Wien, welche ihre anerkannt guten Fabrikate in alle österreichischen Provinzen und nach Deutschland und Frankreich versendet. Ausser den bereits angeführten sind noch besonders zu nennen die Firmen Josef Mauerer, Ed. Zeisel, Adolf Blaas, Maximilian v. Sales und Karl Ceschka, welche en gros und en detail sehr hübsche und gute Waaren erzeugen. Nicht unerwähnt darf die Firma Carl Berger, Wien, bleiben. Sie erzeugt, beinahe ausschliesslich für ihre Detailgeschäfte in Wien, sowohl Filz- als auch Seidenhüte und ist durch ihre ausserordentlich soliden und gediegenen Erzeugnisse zu den besten des Wiener Platzes zu zählen. III. Seidenhutfabrication. Unter der Seidenhutfabrication versteht man die Erzeugung von Cylinderhüten. Es wird eine Galletform hergestellt, welche dann mit Seidenplüsch überzogen wird. Diese Art Cylinderhüte und deren Einführung fällt beiläufig in die Zeit Anfangs 1800. Cylinder- oder ähnliche Formen wurden schon viel früher erzeugt und getragen; es waren aber zumeist Filzhüte oder langhaarige Bürstelhüte. Der auf Gallets gearbeitete Seidenhut-Cylinder wurde zuerst in der Congresszeit in Wien angefertigt. Damals kannte man das Leinwandgallet noch nicht, und die Seidenhüte wurden zu jener Zeit nicht mit dem heute bekannten, ganz kurzhaarigen Felbel (Plüsch), sondern mit dem langhaarigen Plüsch, unter dem Namen Tissü bekannt, überzogen. Das Gestell selbst war aus Binsen oder ein Filz-Gallet. Erst in den Jahren 1820 bis 1830 wurden die Gallets aus Leinwand angefertigt, welche heute noch in Anwendung gebracht werden. Die Seidenhutfabrication war immer nur Handarbeit und ist es auch bis zur Gegenwart geblieben. Da diese Hüte bei ausserordentlicher Aufmerksamkeit und nur mit sehr geübter und geschickter Hand erzeugt werden müssen, konnten bis heute Maschinen nicht mit Erfolg angewendet werden. Deshalb ist bei diesem Industriezweige ein ähnlich grosser Fortschritt wie bei der Filzhutfabrication nicht zu verzeichnen. Es herrscht noch immer der Handbetrieb und kein maschineller. Wenn auch die Ausführung im Allgemeinen in Form und in der Eleganz einen Fortschritt aufweist, so kann derselbe im Vergleich zu jenem in der Filzhutfabrication nicht als ebenbürtig anerkannt werden. Wie aus der vorstehenden Darstellung zu ersehen ist, hat die österreichische respective Wiener Hut-Industrie in den letzten 50 Jahren sich nicht nur von der bescheidenen Klein-Industrie zu einem Gross-Industriezweige emporgearbeitet und besitzt heute eine grössere Anzahl von Etablissements, die zur Gross-Industrie zu zählen sind, sondern weist auch, besonders in den letzten 20 Jahren, einen bedeutenden Export im Durchschnitte von 2 '/2 Millionen Gulden auf. Derselbe vertheilt sich auf Deutschland, Belgien, die Schweiz, Dänemark, Schweden, Frankreich, Russland, die Balkanstaaten, Süd- und Nordamerika. Der im Verhältnis dazu bedeutende Import besteht ausser aus Hüten von Deutschland und Italien, die der ausserordentlichen Billigkeit ihre Einfuhr verdanken, in englischen Modehüten, die von den Herrenmode-Geschäften und in letzteren Jahren auch von den Wiener Huthändlern mit unverantwortlicher Sucht, fremde Erzeugnisse zu verkaufen, poussirt werden. Der Durchschnittswerth des Importes von Hüten in den letzten 10 Jahren ist 600.000 fl. pro Jahr. Den Export verdankt die Hut-Industrie deren Vertretern, zu allererst ihrer streng soliden Fabricationsweise, ihrer Regsamkeit und Schaffenskraft, der Liebe zu ihrem Geschäfte, der zähen Ausdauer und ihrem unermüdlichen Fleisse. Einen wesentlichen Antheil an dem Erfolge der Ausfuhr haben auch der vornehme Wiener Geschmack und die Wiener Moden, welch letztere von dem österreichischen Hutmode-Verein, der bereits durch 3 7 Jahre besteht, durch seine zweimal im Jahre, Frühjahr und Herbst, herausgegebenen Hutmoden cultivirt werden. Diese werden nicht nur von dem grössten Theil der österreichischen Hutfabrikanten sowohl in Wien als auch noch mehr in der Provinz anerkannt und zur Verbreitung angenommen, sondern finden auch im Publicum selbst Beifall. Ebenso trägt die alljährlich zweimalige Ausstellung der gewählten Modehüte nebst den sämmtlichen zur Wahl eingesandten Hüten wesentlich zur Bildung des Geschmackes und zur fachlichen Bereicherung in fortschrittlicher Richtung bei. 440 Für die fachliche Ausbildung, Entwickelung und Vervollkommnung der manuellen Fertigkeiten und zur Heranbildung tüchtiger Hutmachergehilfen ist der seit dem Jahre 1892 gegründete Club der österreichischen Hutfabrikanten in der regsten Weise thätig. Der Club wurde von dem heute noch functionirenden Präsidenten Commerzialrath Peter Habig angeregt und gegründet. Der Zweck ist, einerseits tüchtige, brave, fleissige Hutmachergehilfen, die durch 20 Jahre ununterbrochen in ein und derselben Fabrik thätig waren, in öffentlicher Anerkennung zu prämiiren, und zwar mit einer goldenen Ankeruhr nebst Diplom, andererseits strebsame fleissige Lehrjungen dazu anzuspornen, sich fachlich tüchtig auszubilden, ihre manuelle Fertigkeit zu vervollkommnen und selbe deshalb für ihre selbstständig angefertigte Arbeit, die von einer Fach-Jury beurtheilt wird, durch Prämien, bestehend in Sparcassebücheln und Diplomen, öffentlich zu belohnen. Diese Prämiirungen wurden von Seite des Unterrichts-Ministeriums und auch der niederösterreichischen Handels- und Gewerbekammer thatkräftig materiell unterstützt und haben ganz gute Erfolge aufzuweisen. Es muss noch erwähnt werden, dass auch die Wiener Hutmacher-Genossenschaft in sehr thatkräftiger Weise die Prämiirung der Lehrjungen unterstützte. Wenn wir nun zum Schlüsse einige Worte über den Fortschritt in der Vervollkommnung, Fertigstellung, Adjustirung sowohl in Form, Façon und Qualität, als auch der wechselnden Moden während der letzten 50 Jahre anführen, so glauben wir in gedrängten und kurzen Worten in dem zur Verfügung stehenden kurzen Raum ein kleines Bild der Hut-Industrie gegeben zu haben. Der so vielfach erwähnte grosse Fortschritt, welcher durch die Einführung der Maschinen bei der Filzhut-Industrie entstanden ist, hat auch bei den Arbeitern selbst grosse Veränderungen hervorgebracht. Vor Anwendung der Maschinen bekam der Hutmachergehilfe das Haar für die anzufertigenden Hüte abgewogen. Er musste es sich durch den eingangs beschriebenen Fachbogen reinigen und dann seinen Hut fachen, walken, scharriren, auf Stumpen formen, zumeist auch steifen und zurichten. Heute herrscht durch die Maschine eine Arbeitstheilung bis in das kleinste Detail, so dass, wo seinerzeit der Hutmachergehilfe den fertigen Hut aus seiner Hand ablieferte, heute derselbe Hut durch zumindest zehn Hände geht, bis er abgeliefert wird. Durch diese Theilung der Arbeit hat der jüngere Hutmachergehilfe nicht mehr die vielseitige Fertigkeit, weil sich seine Thätigkeit zumeist nur auf einen, höchstens zwei Handgriffe ausdehnt, und weil der jüngere Arbeiter in den meisten Fabriken absolut nicht mehr, wie es früher war, die Gelegenheit hat, den Hut allein fertig zu machen. Durch die vielseitige Theilung der Arbeit werden auch viele nicht gelernte Hutmachergehilfen als Hilfsarbeiter mit Erfolg verwendet. Diese Arbeitstheilung hat ferner noch den grossen Vortheil, dass die Fabrication sowohl in Qualität als auch exacter Ausführung nicht hinter jener steht, die früher nur ausschliesslich von Hutmachergehilfen ausgeführt wurde. Diese Theilung bezieht sich grossentheils auf Filz- und Wollhiite. Bei Seidenhüten ist die Arbeitstheilung deshalb verschwindend, weil dieMaschine weniger Anwendung gefunden hat und hier demnach nochHandbetrieb vorwaltet. Wenn wir noch Einiges über Moden, Formen und Farben bei Hüten während der letzten fünfzig Jahre 1848 bis 1898 berichten, so ist in dieser Hinsicht nur der einzige Hut vom Jahre 1848, der sogenannte Calabreser mit wallender Straussfeder charakteristisch und auch entschieden der malerischeste und kleidsamste. Dieser Calabreser wurde mit Vorliebe bis in die Mitte der Fünfzigerjahre getragen, und Schreiber dieses erinnert sich noch ganz genau der Strassenvorfälle in der zweiten Hälfte der Fünfzigerjahre, als dieser Hut von der Polizei beanständet wurde und nur nicht eingedrückt zu tragen erlaubt war. Die vielen Formen, die ausser dem Calabreser während der Fünfzigerjahre getragen wurden, sind nicht charakteristisch und zumeist nach einer Saison durch die nachrückende Mode der nächsten Saison verdrängt worden. Ebenso verhält es sich auch mit den Farben. Steife und weiche Hüte wechselten ebenfalls wie Formen und Farben. Man könnte am besten mit dem so bekannten Gellert’schen Gedicht über den Hut schliessen : »Was mit dem Hute sich noch ferner zugetragen, Will ich noch sagen. Der Erbe liess ihm nie die vorige Gestalt: Das Aussenwerk ward neu, er selbst, der Hut, blieb alt; Und, dass ich’s kurz zusammenzieh’, Es gieng dem Hute fast wie der Philosophie.« Die Gross-Industrie. IV. 441 56 IIS iiiws; 'i- = fOS gsäll tä.*#] R«-0-1 ti&m *«**rtj tr^’H m t mm IfT»!"] »S^MawSSSfe SÄ £Ss&; 1«« fei mm ! " ■< imm: ££:£■¥?*&*< ;Vf*n^,j, lübiüML msm iS % : , *M { H^r-fll fej-il:' ai^'iis 1 * fli.fw yaiiilliial mm a BBfea C assww, s*V 13& ns«»‘/j +*£] r+A i. T '&■ PfeMPKE liiiä^ii'i'^JOlBOCir i»aaa!!K' t ,li jWIBiMmnU* jUKtir,Jw 1 KMMA THEODOR g^cwasjpj^saBij STAUBS!' P.*C.HABIG l? * t ‘] SSi§s ggg&ji 111 r%%\i SP BBY: HPi awB»**«! r» . , ii H|T*b!v XJ'UZ r*- r*. Iff tvr- kä** ‘ lÄa » der Wiener Hut hingegen in keiner Weise populär, so dass die grössten Schwierigkeiten bei der Einbürgerung der Marke zu überwinden waren. Durch streng reelle Fabricationsweise und durch das feste Bestreben, ihren Kunden nur Vorzügliches zu bieten und ihre Erzeugnisse durch gediegene, elegante und geschmackvolle Ausführung den englischen Hüten mindestens ebenbürtig zu machen, ist es gelungen, der englischen Concurrenz entgegenzutreten und die eigene Marke sowohl im In- als auch im Auslande einzuführen. Seit dieser Zeit werden sämmtliche Hüte der Firma für das In- und Ausland, wie auch für die überseeischen Plätze nur mit der gesetzlich registrirten Marke, welche auch die Firma trägt, verkauft. Es wäre heute unmöglich, für dieselben Fabrikate ohne Habig-Marke die gleichen Preise zu erzielen. Ausserordentliche Erfolge erzielte das Haus auf der Wiener Weltausstellung 1873, an welcher es sich in hervorragender Weise betheiligte. Es war auch einer der Chefs, Peter Habig, Obmann der Collectivausstellung der österreichischen Flut-Industrie und Juror der Gruppe Y, »Hüte«. Die damalige Collectivausstellung der österreichischen Hutfabrikanten erregte Aufsehen bei sämmtlichen Fachleuten, und insbesondere waren die deutschen Industriellen voll des Lobes über die gediegene Exposition. Die Firma nahm auch Theil an der additionellen Ausstellung, bei welcher dieselbe die Geschichte der Hutformen bis zum Jahre 1873 in wirksamer Weise zur Ansicht brachte. Im Jahre 1874 wurden die schon in den früheren Jahren vergrösserten Fabriksräume neuerdings bedeutend erweitert und ein Detailgeschäft in der verlängerten Kärntnerstrasse (Palais Todesco) in grossem und vornehmen Style errichtet, welches sich auch heute noch daselbst befindet. Im Jahre 1882 wurde nach Ankauf einer grossen Realität, Wiedener Hauptstrasse Nr. 29, die Fabrik mit Dampfbetrieb eingerichtet und mit den neuesten Hilfsmaschinen ausgestattet. Dadurch ward es möglich, den Export bedeutend auszudehnen. Derselbe umfasste damals bereits ganz Deutschland und die meisten europäischen Staaten, sowie auch überseeische Länder. Presserei. 444 Der Firma M. Mertes in Köln a. Rh. wurde für Deutschland, die Schweiz, Holland, die Niederlande, Belgien, Frankreich und Italien die Generalvertretung, der Firma Paul Strasser in Hamburg die Abtretung für Südamerika Staffirsaal. mmaem rifcSS 1 L DIU t t ML ^ ^ PiC.KABIG <*■&¥ WmA [>i#p|- .jjyf* isaii gÄ*;- W«. a. ■- AJil IL.-/»» ' ..uriflS» und Herrn Newton J. Bennaton, in Firma Charles Lavy & Co. in Hamburg, diejenige für Nordamerika übertragen. Durch die genannten Repräsentanten ist das Haus bis heute in diesen Staaten vertreten. Im Jahre 1888 wurde im frequentesten Theile Berlins, in der Friedrichstrasse 82a, eine vornehm ausgestattete Niederlage errichtet, die seither zu den feinsten Geschäften der Branche in der Weltstadt zählt. Dasselbe erfreut sich des besten Zuspruches und geniesst die hohe Ehre, auch den Allerhöchsten Hof zu seinen treuen Kunden zählen zu können. Die Firma ist von Anfang an bestrebt gewesen, für den Verkauf in Berlin nur das Allerbeste zu bringen. Dementsprechend wurden auch Preise erzielt, die dort vorher nur vereinzelt vorgekommen sind. Es ist dadurch der reichsdeutschen Industrie kein Nachtheil erwachsen, im Gegentheil wurde die Nachfrage nach besseren Fabrikaten eine grössere, und erzielten in Folge dessen die Berliner Detaillisten wesentlich höhere Preise. Im Jahre 1896 wurde in Wien auf der Wiedener Hauptstrasse ein grosses A\ r ohn- und Waarenhaus (»Habig- Hof«) erbaut, dessen Bild an der Spitze dieses Aufsatzes steht. In den Parterreräumen dieses Gebäudes befindet sich eine prächtig ausgestattete A'erkaufsniederlage, an die sich die weit ausgedehnten, neuerbauten Fabriksräume anschliessen, welche in Bezug auf Licht und Luft nicht nur allen Ansprüchen der modernen Hygiene entsprechen, sondern von allen Besuchern als geradezu mustergiltig hingestellt werden und in ihrer Art einzig sein dürften. Der Betrieb ist mit Dampf und elektrisch eingerichtet und mit den besten englischen und amerikanischen Maschinen ausgestattet. Sämmtliche Räume werden mit Dampf geheizt. Die einzelnen Stockwerke sind durch Aufzüge verbunden. Der im Parterre befindliche grosse Shed-Saal hat einen Flächeninhalt von 940 Quadratmeter. In der Fabrik werden alle Sorten Herren- und Damenhüte in nur erster Qualität erzeugt und werden hiezu die besten Filze aus Nutria, Biber-, feinstem Hasen- und schottischem Wildkaninchenhaar verwendet. Ferner fabricirt die Firma alle Sorten Seiden- Cylinderhüte, Chapeaux claques und Lodenhut- Specialitäten. Eine anerkannte Specialität des Etablissements sind deren Damenhüte, die in allen nur denkbaren Formen und Farben aus A r elours, Biber, Loden, glatten und gefederten Filzen hergestellt werden, auch Damen- yjo&z Cylinderzurichtsaal. — 445 — 4 Putzhüte aus Filz, Stroh, Sammt und Seide, deren Fabrication und Arrangement hauptsächlich Carl Habig leitet. Dieselben erfreuen sich ganz ausserordentlicher Beliebtheit nicht nur in Wien und den Provinzen, sondern sind besonders in der Berliner Niederlage als Wiener Damen-Putzhüte [C3C3C3Q- Lj» 1 «sJB an allen Weltausstellungen und sonstigen grösseren cours, Juror), Philadelphia 1876 (erster Preis), Paris 1878 (goldene Medaille), Antwerpen 1885 (goldene Medaille), Brüssel 1888 (goldene Medaille und Ehrendiplom), Chicago 1893 (goldene Medaille und Ehrendiplom). Anmehreren grösseren österreichischenLandes- ausstellungen, bei welchen die Firma zumeist hors concours ausstellte, fungirteHerr Peter Habig als Juror und Mitglied der Ausstellungscommission. Erwähnen wollen wir noch, dass Herr Peter Habig für die 1900 in Paris stattfindende Weltausstellung zum Obmann der Bekleidungs-Industrie und verwandter Gewerbe ernannt wurde. Zum Schlüsse sei berichtet, dass die Firma in sehr gutem Einvernehmen mit ihren Arbeitern steht. Während der Zeit ihres Bestandes, d. i. vom Jahre 1867 bis heute, fanden keine Differenzen von Bedeutung statt und der grösste Theil der Arbeiter ist schon über zwanzig, ein Theil sogar schon dreissig Jahre lang in der Fabrik beschäftigt. sehr gesucht und beliebt. Sie finden auch im En gros- Geschäfte einen bedeutenden Absatz. Folgende Auszeichnungen wurden der Firma zu Theil: Dem Chef der Firma, Peter Habig, wurde im Jahre 1873 das goldene Verdienstkreuz mit der Krone und der Titel eines k. k. Commerzialrathes verliehen. Die beiden Chefs erhielten jeder den Titel eines k. u. k. Hof-Hutfabrikanten und als besondere Auszeichnung den Titel von k. u. k. Kammer-Lieferanten Sr. Apostolischen Majestät. Ferner wurden sie zu Hoflieferanten ernannt von Sr. Majestät dem Könige von Serbien, Sr. königl. Hoheit dem Grossherzog von Nassau, Sr. königl. Hoheit! dem Grossherzog von Luxembourg, Sr. königl. Hoheit dem Prinzen Friedrich Leopold von Preussen, dann bekamen sie den Titel eines Kammerlieferanten der Herren Erzherzoge Carl Ludwig, Franz Ferdinand von Oesterreich-Este, Otto und Franz Salvator. Die Firma betheiligte sich seit ihrem Bestehen Expositionen des In- und Auslandes: Wien 1873 (hors con- Filzzurichtsaal. MW: » ' j-j ÄsgTTf 33- ruw LlSsarÜ * s " > E 3 iF 4fi J ! 1 j i ! u ~«HS-' . >* ’ ■tu J. HÜCKEL’S SÖHNE K. und K. HOF-HUTFABRIKANTEN NEUTITSCHEIN. u einer Zeit, wo das Hutmachergewerbe als Handwerk im Kleinen betrieben wurde, und wo man in Oesterreich noch keine Ahnung von einem mechanischen Betriebe desselben hatte, gründete im Jahre 1805 Johann Hückel und einige Jahre später auch dessen Bruder, August Hückel, jeder für sich, ein Hutmachergeschäft in Neutitschein und betrieben es den damaligen Verhältnissen und Anforderungen entsprechend. Die Hutmacherei ward damals noch in jenen Formen geübt, wie sie ja mehr oder weniger für alle Gewerbe galten. Ohne besondere maschinelle Behelfe wurde durch Handarbeit das Erzeugnis in allen Stadien zum grossen Theile als Werk eines Arbeiters fertiggestellt; der Absatzkieis eines Geschäftes erstreckte sich bei den damaligen Verkehrsverhältnissen nur auf die nächste Umgebung, höchstens dass durch den Besuch von Märkten derselbe eine grössere Ausdehnung gewann. Dass unter diesen Umständen dem Umfang eines Geschäftes naturgemäss bescheidene Grenzen gezogen waren, ist ebenso selbstverständlich, wie die Nothwendigkeit, dass sowie der Gewerbsinhaber auch jeder Einzelne seiner Gehilfen den Erzeugungsprocess in seiner Gänze vollkommen beherrschen musste. Das Princip einer Theilung der Arbeit war damals noch vollkommen fremd. T>1 läil !»sji w- -.•ft m Bürstierei. So war es auch noch zu derZeit, als ein Sohn des August Hückel, Johann (der Vater der heutigen Besitzer der Firma J. Hückel’s Söhne), sich ebenfalls dem Hutmachergewerbe zuwandte. Dieser übernahm im Jahre 1837 das Geschäft seines Onkels Johann und, als im Jahre 1848 sein Vater August starb, auch dessen Geschäft und vereinigte diese beiden unter seinem Namen. 447 In die Zeit seiner Wirksamkeit fallen jene gewaltigen Aenderungen auf allen Gebieten der Production, die natürlich auch im Hutmachergewerbe gebieterisch Eingang forderten; damals trat an jedermann, der im industriellen Leben thätig war, die Aufgabe heran, den Anforderungen der neuen Zeit gerecht zu werden, wollte er nehmen auf der Höhe erhalten und nicht das len, die im starren Festhalten an der her- Form zu Grunde giengen, indem sie von der welche die mächtigen Waffen, die ihr die unauf- schreitende Technik in die Hand gab, zu gebrauchen wusste, niedergerungen wurden. Johann Hückel zeigte sich der Situation vollständig gewachsen. Durch unermüdlichen Fleiss, strenge Reellität und durch Umsicht gelang es ihm, sein Geschäft zur Blüthe zu bringen, so dass es von Jahr zu Jahr immer grössere Dimensionen annahm. Im Jahre 1865 sah sich Johann Hückel durch das vom Auslande gegebene Beispiel veranlasst, von der handwerksmässigen Erzeugung, die bisher in seinem Geschäfte noch immer betrieben worden war, abzugehen und die fabriksmässige Production zu beginnen. Im Vereine mit seinen Söhnen, die sich dem gleichen Industriezweige wie der Vater gewidmet hatten, errichtete er eine Fabrik, in der die Erzeugung von Haarfilzhüten mit Dampfbetrieb vor sich gehen sollte. Er war der Erste in Oesterreich, der diesen Versuch gewagt hatte, und hat sich dadurch für immer einen ehrenvollen Namen in der österreichischen Wirthschaftsgeschichte gesichert. Bis zum Jahre 1868 stand er dem Geschäfte vor, zu dessen heutiger Grösse er den Grundstein gelegt hatte, um sich nach langem, erfolgreichem Schaffen von seiner Thätigkeit zurückzuziehen. Zu dieser Zeit übergab er die Leitung desselben seinen Söhnen August, Johann und Carl; er blieb jedoch denselben stets ein treuer Berather und Helfer, bis er im Jahre 1880 aus diesem Leben abberufen wurde. Die neuen Besitzer hatten eine mehrjährige Thätigkeit in den hervorragendsten Hutfabriken Deutschlands und Frankreichs aufzuweisen, wo sie prakticirten, um die Einrichtungen der Etablissements jener Länder kennen zu lernen, welche die mechanische Huterzeugung früher als Oesterreich eingeführt und darin schon eine grössere Vollkommenheit erreicht hatten. Die daselbst gewonnenen Kenntnisse und reichen Erfahrungen trugen bald lohnende Früchte. Die neuen Chefs verstanden ihr Etablissement mit den neuesten und vollkommensten Maschinen, welche sie im Ausland kennen gelernt und erworben hatten, auszustatten, • und so gelang es ihnen, die Höhe der fremdländischen Production zu erreichen. Die zahlreichen Beziehungen und Verbindungen, welche sie im Verlaufe ihrer Reisen angeknüpft hatten, trugen nicht wenig dazu bei, das Absatzgebiet des Hauses zu erweitern. Von besonderer Bedeutung für den Werdegang der Firma waren die Jahre 1870 und 1871. In der Hutfabrication Deutschlands und Frankreichs, welchen bei der Versorgung des Weltmarktes ein grosser Theil zufiel, war durch die Kriegswirren ein vollständiger Stillstand eingetreten, der Bedarf suchte anderwärts Deckung, und so war auch für Oesterreich die Gelegenheit geboten auf fremden Boden festen Fuss zu fassen. Diese Gelegenheit, die Ausdehnung des Geschäftes zu fördern, liess die Firma J. Hückel’s Söhne nicht unbenützt vorübergehen. Die Schwierigkeiten, welche sich ihr dabei in den Weg legten, wurden nicht unterschätzt, galt es doch in Gebieten aufzutreten und dort den Wettbewerb aufzunehmen, wo vordem die hochentwickelte deutsche, französische und englische Hutfabrication unumschränkt geherrscht hatte, w r elch letztere alles daransetzte, die günstige Conjunctur ganz für sich allein auszunützen. Trotzdem die Firma sich damals erst vor kurzer Zeit den neuen Verhältnissen accomodirt hatte, gelang es ihr, der fremdländischen Concurrenz mit Erfolg die Spitze zu bieten; ihre Fabrikate fanden in zahlreichen Orten Eingang, sie wussten sich dort Beliebtheit zu verschaffen, und die Positionen, die damals gewonnen wurden, sind bis heute gewahrt. Doch mit den zu jener Zeit errungenen Erfolgen war nur die Anregung zu erneuertem Streben gegeben. Schritt für Schritt wurden neue Absatzgebiete erobert, so dass dieselben gegenwärtig nicht nur nahezu alle Länder des europäischen Continentes umfassen, sondern sich auch über ferne über- Fachmaschinensaal, ’ rmm sein Unter- Haarschneiderei, Los jener thei- gebrachten Concurrenz, haltsam fort- i \ 448 Maschinenwalke seeische Gebiete erstrecken. Dass bei der stetigen Ausdehnung des Absatzes auch in den Fabricationsstätten grosse Veränderungen vor sich giengen, um die Production der Nachfrage entsprechend zu gestalten, ergibt sich von selbst. Es würde zu weit führen, die im Laufe der Zeit erfolgten Erweiterungen und Reconstructionen zu besprechen, die in den Etablissements der Firma vorgenommen wurden, bis dieselben jene äussere Gestalt annahmen, die sie aufder zu Beginn dieses Aufsatzes dargestellten Abbildung zeigen. Nur einer Etappe in der Ausgestaltung des Betriebes soll hier gedacht werden, weil sie nicht allein für die besprochene Firma von Bedeutung war, sondern eine wichtige Reform der österreichischen Hutfabrication überhaupt mit sich brachte. Die Vorbereitung der für die Hutfabrication nöthigen Haarstoffe war bis in die Siebzigerjahre in unserem Vaterlande überhaupt nicht betriebenworden. Dieselbe bildete damals inBelgien,Deutschland und Frankreich einen selbstständigen Industriezweig. Die österreichischen Hutfabrikanten waren gezwungen, diese von ihnen benöthigten Stoffe aus dem Auslande zu beziehen, und so wanderten alljährlich grosse Summen heimischen Capitals in die Fremde. Die Firma J. Hückel’s Söhne war die erste, welche diesen Industriezweig, Schneiderei«, mit der Hutfabrication vereinigte und so alle für die Fabrication nöthigen Haarstoffe selbst herstellte, statt sie, wie früher, aus der Fremde zu beziehen. Diese Aenderung muss als grosse Errungenschaft und besonderer Fortschritt auf dem Gebiete der Hutfabrication bezeichnet werden. Die Firma war von allem Anfänge bestrebt, ihren Bedarf an Rohmaterialien im Inlande zu decken und so auf die heimische Industrie fördernd zu wirken. Die Lieferung von Seidenstoffen, Bändern, Leder etc. wurde, soweit es nur möglich war, stets österreichischen Firmen übertragen. Der wichtigste Rohstoff allerdings, die Hasen-, Kaninchen- und Biberfelle, konnten nur zum Theile hier beschafft werden, während der Rest aus Frankreich, England, Südamerika und Australien bezogen werden musste. An derartigen Fellen verwendet die Firma jährlich ungefähr i '/ 2 Millionen Stück. Um dem Leser auch eine Vorstellung von der Erzeugungsmethode, wie sie in der Fabrik der Firma gegenwärtig geübt wird, zu verschaffen, damit derselbe die Mannigfaltigkeit der dabei zur Verwendung gelangenden Maschinen und Vorrichtungen und die wesentlichsten Stadien des Fabricationsprocesses kennen lerne, mögen hier die wichtigsten Räumlichkeiten der Betriebslocalitäten im Bilde wiedergegeben werden. Der Entwickelungsgang der Fabrication in ihren wesentlichen Phasen wird in den sieben Textbildern dargestellt, und zwar veranschaulicht das zweite derselben den »Maschinensaal der Haarschneiderei«, in welchem das Haar von den früher schon gebeizten Fellen geschnitten, sortirt und zur Hutfabrication aufbereitet wird. Dieser Theil der Huterzeugung war es, welcher von der Firma der Fabrication angegliedert worden war, während früher die schon aufbereiteten Haare aus dem Auslande bezogen wurden. Die Haarschneiderei ist gegenwärtig mit den besten neuesten Rupf- und Schneidemaschinen, Trockenvorrichtungen etc. eingerichtet. Die dritte Abbildung zeigt den »Fachmaschinensaal«. Das Haar wird von der Maschine fein zerstäubt. Aus dem Innern von danebenstehenden kegelförmigen, mit feinen Löchern versehenen siebartigen Küpferglocken saugen kräftige Ventilatoren die Luft, so dass sich an der Aussenseite der Glocke eine dünne Haarschicht anlegt, welche, mit heissem Wasser durchfeuchtet, genügend fest zusammenhält, um abgenommen werden zu können. Unter dem Ausdrucke »Fach« stellt dieses zarte Gebilde den künftigen Hut in seinem Entstehungszustande vor. Das nächstfolgende Bild veranschaulicht den Process des »Walkens«, der theils mit der Hand, theils auf Maschinen durchgeführt wird und den Zweck hat, das Fach dichter und fester zu machen, wobei es auf den dritten bis vierten Theil seiner ursprünglichen Grösse zusammenschrumpft. Das fünfte Textbild zeigt den »Schersaal«, in welchem die durch Bürsten (siehe die Abbildung auf der ersten Seite »Bürstlerei«) und Kratzen aufgerauhten sogenannten »Velourshüte« auf Maschinen geschoren werden. Im »Zurichtsaal« werden die »Filze« sodann von der Kegelgestalt auf Pressen mit hohem Wasserdruck in die endgiltige Hutform übergeführt, um schliesslich im »Staffirsaal« ihre Vollendung durch die Garnitur (Futter, Leder, Einfass- und Bindband) zu erhalten. Das fertige Product wird in den dazu bestimmten ausgedehnten »Verpackungsräumen« sorgfältig verpackt (für den überseeischen Transport in Blechkisten oder Oeltuch) und zum Versandt gebracht. Die Firma besitzt ihre eigene mechanische Tischlerei, Schlosserei, Drechslerei, Formengiesserei, sowie Cartonagenerzeugung und Druckerei. Im Betriebe stehen 7 Dampfkessel, für Schermaschinensaal. Die Gross-Industrie. IV 7 . — 449 57 mmPw ! 1 *? V-» fflniv welche der jährliche Kohlenverbrauch 500 Waggons beträgt, 5 Dampfmaschinen mit 350 Pferdekräften, 5 Dynamomaschinen für die elektrische Beleuchtung des Etablissements und ausserdem noch eine eigene Oelgaserzeugung. An Arbeits- und anderen Hilfsmaschinen stehen 386 Stück in Thätigkeit. In dem Streben, ihrem Etablissement eine stets wachsende Bedeutung zu verleihen, vergassen die Inhaber der Firma J. Hückel's Söhne nicht daran, auch das Los ihrer Gehilfen auf das möglichste günstig zu gestalten und zur Hebung ihrer wirthschaftlichen Verhältnisse beizutragen. Vor Allem wurde jederzeit das Princip gewahrt, den Betrieb so einzurichten, dass das Leben und die Gesundheit der Beschäftigten nicht gefährdet werde. Bei den einzelnen Betriebsmaschinen sind die nöthigen Sicherheitsvorkehrungen getroffen, für Erhaltung einer die Gesundheit nicht schädigenden Atmosphäre ist gesorgt und auch für den Fall einer Feuersgefahr sind zweckmässige Vorsichtsmaassnahmen getroffen. Um den in Folge von Krankheitsfällen erwerbsunfähigen Arbeiter nicht der Noth preiszugeben, hatte Johann Hückel sen. schonimjahre 1868, lange bevor die Staatsgewalt die Krankenversicherung zwangsweise anordnete, eine Krankencasse begründet, zu der die Firma einen alljährlichen Beitrag von 6000 fl. leistet. Aber auch an die praktische Lösung der Frage, wie der Arbeiter im Falle des Alters und der Invalidität vor Entbehrung geschützt werden soll, ist die Firma herangetreten, indem sie einen Betrag von 30.000 Kronen als Stamm- capital zur Gründung einer Alters- und Unterstützungscasse widmete. Die Zuweisung von mehr als 100 gesunden Wohnungen in eigens erbauten Arbeiterhäusern, mit gutem Wasser, Garten und Feld versehen, hat auf die Hebung der Lebenslage der Angestellten wohlthätig eingewirkt. Es wird aber auch von Seite der Firma mit Befriedigung constatirt, dass das Wohlwollen, welches sie den Arbeitern entgegenbrachte, von diesen stets anerkannt wurde. Das Verhältnis zwischen den Arbeitern und Arbeitgebern kann als ein durchaus einträchtliches und befriedigendes hingestellt werden; seit dem Bestände des Hauses hat dasselbe auf keine Weise irgend eine Störung erlitten. Das äussere Zeichen dieser erfreulichen Zustände ist in dem Umstande gelegen, dass der Arbeiterstamm der Fabrik zum grossen Theile aus schon lange Zeit dem Unternehmen angehörenden Personen besteht, die eine 20- bis 30jährige und noch längere Dienstzeit aufzuweisen haben. Die Zahl der in der Fabrik thätigen Arbeiter beträgt circa 1200, ausserdem sind noch 200 bis 300, zumeist Frauen der Bediensteten, mit Hausarbeit beschäftigt. Dem gemeinnützigen Wirken der Firma J. Hückel’s Söhne ist Würdigung verschiedener Art nicht versagt geblieben. Auf den wichtigsten Weltausstellungen des In- und Auslandes, zu Wien 1873, Philadelphia 1876, auf denen die Erzeugnisse der Firma den Wettkampf aufnahmen, wurden sie mit den höchsten Preisen dazu beitrug, ihr in fremden Ländern eine angesehene Zurichtsaal. 11 Staffirsaal. Paris 1878, Chicago 1893, mit der fremden Concurrenz prämiirt, was nicht wenig Stellung zu verschaffen. Die Verdienste Johann Hückel’s sen. wurden auch von Sr. Majestät dem Kaiser belohnt, Allerhöchstweicher demselben im Jahre 1877 das goldene Verdienstkreuz mit der Krone verlieh. Im Jahre 1893 wurde der Firma die Ehre zu Theil, mit dem Titel von k. u. k. Hof-Hutfabrikanten ausgezeichnet zu werden. 45 ° K .SB 1 „ > v v ZOGL. SACHSEN MEININGEN KHE . ^ 'Æ/- mjii'hi Ifs ; : ir, *, î”5| ItP *• ’*_ A: 15=85 :.t : (Ü ’ n«ç< JwJJohMUj S# ié Y:‘S •M ; -V ul I \ 462 J. STEMBERGER & COMP. STROHHUT-FABRIK WIE N. ohann Stemberger und Georg Mellitzer, die Gründer des Hauses, stammen aus St. Veit in Defereggen (Tirol). In ihrem armen Heimatsthale gab es keine Industrie, keinerlei Erwerbszweig, dem sich die beiden arbeitslustigen jungen Männer hätten widmen können. So zogen sie denn gemeinsam in die Fremde, um sich ihren Lebensunterhalt zu verschaffen. Im Jahre 1854 Hessen sie sich in Klagenfurt nieder und eröffneten dort einen Handel mit Strohhüten, der von vorneherein einen freundlichen Erfolg hatte, so dass sich die beiden Chefs im Jahre 1860 veranlasst sahen, auch in Agram eine Niederlage zu errichten. Bisher waren sow r ohl in Klagenfurt als in Agram fremde Producte in den Handel gebracht wmrden, doch der Unternehmungsgeist der Herren Johann Stemberger und Georg Mellitzer begnügte sich damit nicht, sondern sie schritten im Jahre 1863 daran, in DomZale bei Laibach eine eigene Productionsstätte zu schaffen. Allerdings darf man sich von dieser »Fabrik« keine besondere Vorstellung machen. Mit Maschinen wurde damals überhaupt noch wenig, am allerletzten in der Strohhuterzeugung gearbeitet. Die Waare war demgemäss auch im Vergleich zu der jetzt erzeugten recht unregelmässig und derb. Doch mit der Errichtung der Fabrik war der Anfang zu einem raschen Aufschwünge gemacht. In kurzen Zwischenräumen sind Erweiterungen und Veränderungen zu verzeichnen. Noch im Jahre 1863 ward in Wien eine Zweigniederlassung unter der Firma Johann .Stemberger errichtet; das Geschäft in Klagenfurt wmrde unter der Firma Simon Grosslercher weiter betrieben. Die Fabrik in Domiale erwies sich bald als zu klein; eine geräumigere wurde dafür im Jahre 1870 in Mannsburg erbaut und diese sofort mit den neuen Hutpressmaschinen und im Jahre 1876 auch mit den Strohhutnähmaschinen ausgerüstet. Diese Neuerungen in der Fabrication bewirkten, dass die Arbeit eine bedeutend leichtere wurde; die produ- cirte Waare wmrde erheblich schöner, und es konnte nun auch an die Erzeugung von grösseren Quantitäten gedacht werden. Inzwischen war im Jahre 1874 neuerdings eine Niederlassung in Brünn entstanden, die heute noch daselbst unter der Firma Stemberger und Holzer florirt. Das Agramer Geschäft war im Jahre 1881 nach Graz übersiedelt und wurde dort unter der Firma Stemberger und Mellitzer in das Handelsregister eingetragen; das Haus in Wien wmrde sowohl in seinen Betriebsstätten, als auch in den En gros- und Detail-Geschäftsräumlichkeiten im Jahre 1884 entsprechend vergrössert. Die Fabrik in Mannsburg wmrde im Jahre 1890 um die Hälfte erweitert. Die bisher in Wien bestandene Einzelfirma Johann Stemberger wmrde im Jahre 1888 gleich den Etablissements in Mannsburg, Graz und Brünn in eine Gesellschaftsfirma verwandelt, das Wiener Haus unter der Firma Johann Stemberger & Co., jenes in Mannsburg unter Georg Mellitzer & Co. protokollirt. Die Inhaber waren jederzeit bestrebt, die wirthschaftliche Lage der Arbeiter durch verschiedene Wohlfahrtseinrichtungen günstig zu gestalten. Ein Beweis dafür ist, dass gegenwärtig ein Arbeiter seit 29 Jahren, zwei durch 2i Jahre, vier durch 19, sieben Arbeiter durch 18 und acht durch 15 Jahre ununterbrochen in den Werkstätten des Hauses thätig sind. Das Absatzgebiet der Strohhutfabrik dehnte sich bald auf die ganze Monarchie aus, und es gelang den Besitzern auch, einen namhaften Export nach Deutschland, Russland, Schweden und nach dem Orient zu erzielen. Für seine Erzeugnisse wmrde das Haus Stemberger & Co. auf den Ausstellungen in Wien (1873) und Graz (1890) durch das Anerkennungsdiplom, beziehungsweise durch einen Ehrenpreis ausgezeichnet. T . r 463