OFFICIELLER AUSSTELLUNGS- BERICHT HERAUSGEGEBEN DURCH DIE GENERAL- DIRECTION DER WELTAUSSTELLUNG 1873 UNTER REDACTION VON DR. CARL TH. RICHTER, K. K. o. ö. PROFESSOR IN PRAG. DIE UNIVERSITÄTEN. ( Gruppe XXVI, Section 5.) BERICHT VON MUSEOY INDUSTRIE DR. WILHELM HARTEL GEWE k. k. Universitätsprofeffor in Wien. Technologisches Gewerbe- seam WIEN WIEN. DRUCK UND VERLAG DER K. K. HOF- UND STAATSDRUCKEREI. 1874. BEKICH XX oqqorb) ПИПЛЕКСТILVIEX DIE 7022LETTAZC2- BEKICHL XIII bam DIE UNIVERSITÄTEN. ( Gruppe XXVI, Section 5.) Bericht von DR. WILHELM HARTEL, k. k. Univerfitätsprofeffor in Wien. 13. Das Programm der Wiener Ausftellung ging, indem es die Darſtellung der Organiſation, Lehrmittel und Lehrerfolge der Univerfitäten in den verfchiedenen Ländern verlangte, etwas leichten Herzens an eine Aufgabe, ohne fich von deren Durchführbarkeit oder auch nur Erfpriefslichkeit Rechenfchaft zu geben. Dabei fehlte es von vornherein an durchfchlagenden Gefichtspuncten, welche der Befchaffung und Herrichtung des auszuftellenden Materiales Ziel und Richtung vorgezeichnet hätten. Ein befcheideneres, feft gegliedertes und von den einzelnen Ländern gleichmäfsig durchgeführtes Programm hätte mehr erreichen laffen, als die nach Laune und Zufall zufammengebrachten Fragmente des Universitätswefens, die unfertigen und lückenhaften ftatiftifchen Materialien, welche nirgends zum einheitlichen Bilde fich fügen wollen, die hiftorifchen Rudimente, die Bücherfchränke, welche von der Leiftungsfähigkeit einzelner Univerſitäten wenig, von der Leiftungsfähigkeit einzelner Lehrer nichts, was man nicht wüfste, befagen, zufammen zum grofsen Theil Dinge, die dem Fachmanne nicht neu, und welche diefer überall beffer als in den lärmerfüllten Hallen des Induſtriepalaftes ausnützen konnte, die dem Laien aber durch das unfcheinbare Aeufsere nicht imponiren. Dem Berichterstatter erwächft daraus die Bequemlichkeit, dafs er unter der Fülle des Materiales nicht zu leiden hat und die dürftigen Fragmente ihn der Verpflichtung von felbft entbinden, ein anfchauliches Bild aus ihnen zu reconſtruiren. Der einzige Staat, deffen Ausftellung dazu eingeladen, ift Frankreich. Frankreich nahm, wenn wir die ausftellenden Länder von Weften nach Often durch wandern, nicht blos örtlich, fondern auch nach der Menge des Gebotenen die erfte Stelle ein. Es bot nichts, was das Auge befticht. Einige Käften mit Büchern, nicht hinter Schlofs und Riegel, fondern zu Jedermanns Einficht offen, enthielten wohl Alles, was einen genauen Einblick in das franzöfifche Unterrichtswefen zu bieten vermag. Schülerarbeiten waren nur infoweit mit aufgenommen, als fie die Organiſation zu erläutern dienlich fchienen. Das Hauptgewicht war auf die Hochfchulen gelegt. Mit Recht. Innerhalb des letzten Decenniums ward ihnen eine ununterbrochene Sorge gewidmet. Ohne den Grundbau zu ändern, wurden allenthalben Reformen angebracht, deren Zweckmäfsigkeit fich zum Theile an den Erfolgen bereits abfchätzen läfst. Wir werden, da es uns an Raum und Beruf fehlt, eine Gefchichte des höheren Unterrichtswefens in Frankreich zu fchreiben, auf diefe Reformen zumeift uns befchränken. Als Quelle I* 2 Dr. Wilhelm Hartel. dient folgendes, vom franzöfifchen Unterrichtsminifterium ausgeftellte Material, das an Vollständigkeit nichts zu wünſchen übrig läfst: L'Adminiftration de l'inftruction publique de 1863 à 1869. Miniftère de M. Duruy. Paris Jules Delalain 1870, ein Werk, welches in an den Kaifer gerichteten Rapporten, in Parlaments- und Gelegenheitsreden einen fortlaufenden Commentar zu den zahlreichen Acten diefes einfichtsvollen und energifchen Minifteriums bietet. Recueil des lois et actes de l'inftruction publique, eine Sammlung, welche die legislative und adminiftrative Thätigkeit der Jahre 1848 bis 1871 umfasst, und eine Ergänzung erhält durch die folgende Sammlung: Circulaires et inftructions officielles relatives à l'inftruction publique, deren erfter Band( Paris 1863) die Jahre 1802 bis 1830, deren fechster( Paris 1869) die Jahre 1863 bis 1869 umfasst. Bulletin adminiftratif. Tom. VII à XIV, 1867 à 1872. Statiftique de l'enfeignement fécondaire und Statistique de l'enfeignement fupérieure, Paris 1868, ein überaus verdienftliches Unternehmen, welches ein langgefühltes, von den gefetzgebenden Körperfchaften wiederholt vermerktes Bedürfnifs befriedigte. Die Güte der Hochfchulen wird in jedem Lande abhängen von der Güte des Schülermateriales, das diefen von den Mittelfchulen zugeführt wird. Es wäre kaum ein Verftändnifs für die Organiſation des höheren Unterrichtes in Frankreich zu erreichen, wenn man die Verhältniffe feiner Mittelfchulen nicht in Anfchlag brächte. Mit richtigem Blicke hat auch das Minifterium Duruy bei diefen feine reformatorifche Thätigkeit begonnen, und war bemüht, theils durch Aenderungen der Organiſation, theils durch Vermehrung der Mittelfchulen und Verbefferung der äufseren Lage derfelben eine tüchtigere und, foweit es tiefgewurzelte Einrichtungen geftatten, gleichmäfsigere Bildung der Schüler anzubahnen. Als die wichtigſte Mafsregel darf die mit Decret vom 4. December 1864 erfolgte Aufhebung des Syftems der Bifurcation an den Lyceen betrachtet werden. Die Zertheilung der oberen Gymnafialclaffen in eine Section des lettres und eine Section des fciences, welche die in Frankreich ftets hochgehaltene humaniftifche Bildung auf das ftärkste fchädigte, ohne die realiftifche zu fördern, ward aufgehoben, und für jene Zöglinge, welche fich den Eintritt in die technifchen und Specialfchulen offen halten wollten, an jedem Lyceum ein auf zwei Jahrgänge erftreckbarer Curfus der Elementarmathemathik eröffnet. Eine damit zufammenhängende Erleichterung des Maturitätsexamens, wornach das baccalauréat ès lettres fich auf den Lehrftoff der beiden höchften Lycealclaffen( Rhetorik und Philofophie), das baccalauréat ès mathématique auf den Lehrftoff des neugegründeten Curfes' der Mathematik befchränkt, fowie die mit Verordnung vom 24. März 1865 verfügte Vertheilung der Lehrgegenftände an den Lyceen, brachte eine Organifation zum Abfchlufs, die unferem Gefchmacke nicht ganz entſprechen mag, die fich aber, wie es fcheint, des ungetheilten Beifalles der Humaniſten und Realiften in Frankreich erfreut, und auf deren wohlthätige Folgen hinzuweifen die Rapports wiederholt Anlafs nehmen. Die in demfelben Jahre erfolgende Gründung von Realfchulen( l'enfeignement fécondaire profeffionel) forgte für die Bildungsbedürfniffe des Mittelftandes, deffen Kinder vor dem Eintritte in eine praktifche Laufbahn ein über die Volksfchule hinausgehendes Mafs von Kenntniffen fich erwerben wollen. Die Heranbildung der für diefe Gattung Schulen erforderlichen Lehrer fügte ein neues Glied in die Kette der höheren Unterrichtsanftalten, die École normale de Cluny, fowie die zahlreichen Candidaten für diefe Profeffuren den verlaffenen Hörfälen an den Facultäten der Provinz ein tüchtiges und bildungsbefliffenes Schülermaterial ftellen follen. Vielleicht könnte diefe Organiſation des Lycealunterrichtes ihrem Zwecke genügen, wenn fie fich auf alle Inftitute erftreckte, wenn das Bacalaureat eine gediegene Reife des Geiftes irgend verbürgte, wenn diefe Reife durch die Arbeit Die Univerfitäten. 3 der Schule wirklich und gleichmäfsig bei allen Zöglingen und nicht fcheinbar durch ein überhaftetes Einpauken aufser der Schule erreicht würde, wenn fämmtliche Candidaten des höheren Unterrichtes den Weg durch fo eingerichtete Lyceen nähmen. Aber gar Viele kommen, ohne die divifion fupérieure des Lyceums zurückgelegt zu haben, nach kurzer Vorbereitung zur Baccalauréatsprüfung, und zwei Drittel fämmtlicher Schüler machen ihre Studien an den Colléges communaux, den zahlreichen weltlichen und geiftlichen Anftalten, an welchen Schulen in Folge fchlechter Dotation, eines ungenügenden, meift ungeprüften Lehrerftandes die Lehrziele des Lyceums weitaus nicht erreicht werden. Allerdings wächft die Schülerzahl an den Lyceen, welche im Jahre 1850. am 31. December 1865 am I. November 1867. 21.049 Schüler 32.630 36.132 " 9 99 betrug. Aber es wächft auch die Zahl der Schüler an den Colléges communaux, welche 1842: 26.584, 1865: 33.038 ausmachte, obwohl es 1865 um 61 Colléges weniger gab und die wichtigften in Lyceen umgewandelt waren, und es wächft die Schülerzahl an den Privatfchulen( les établiffements libres), welche fich 1842 auf 31.816, 1865 auf 77.906 belief. Man erkennt in diefen Zahlen eine Wirkung des Gefetzes von 1850, welches die Freiheit des Unterrichtes begründete. Die 140.253 Schüler, welche 1865 Secundärfchulen befuchten, vertheilen fich fo, dafs auf die Lyceen. 99 " Colleges communaux • " 29.852 Interne, 2778 Externe 32.495 - 32.630 543 " 33.038 לי " " " weltlichen Freifchulen geiftlichen 43.009 99 34.879 99 99 23.000 pétits séminaires entfielen, fo dafs alfo der öffentliche Unterricht an den Staats- und Communalanftalten mit 62.347 Schülern dem Privatunterrichte mit 77.906 gegenüberfteht. Am meiften haben dabei die geiftlichen Anftalten zugenommen und an Schülerzahl gewonnen. In elf Jahren feit 1854 bis 1865 find die weltlichen von 825 auf 657 gefunken, die geiftlichen von 256 aut 278 geftiegen, indem die Schülerzahl an ihnen fich von 21.195 auf 34.879 vermehrte. Die religiöfen Orden( Jefuiten, Laza riften u. f. w.) hatten 1854: 33 Anftalten mit 5285, 1865: 43 mit 9475, 1867: 52 mit 10.827 Schülern. Es ift zu bedauern, dafs die franzöfifche Unterrichtsverwaltung kein Mittel in die Hand zu bekommen fuchte, um die Lehrerfolge diefer verfchiedenen Schulen, wenn auch nur annäherungsweife abzufchätzen z. B. durch die Ziffern der Baccalareatsprüfungen. Denn die Prüfungscommiffion weifs nicht, ob der Candidat an einer und an welcher Anftalt feine Studien zurückgelegt. Dazu kommt der Mangel an gefetztlich normirten Verfetzungen, indem jeder Zögling nach vollendetem Curfus in die nächft höhere Claffe aufft eigen kann, wie immer es mit feinem Wiffen ſtehen mag, fo dafs auch in derfelben Claffe desfelben Lyceums die gröfste Ungleichmäfsigkeit herrfchen mufs. So viel dürfte klar fein, dafs die franzöfifchen Mittelfchulen nicht jenes tüchtig und gleichmäfsig gebildete Schülermaterial für die Hochfchulen liefern, wie die deutfchen und felbft öfterreichifchen Gymnafien. Erwägt man, dafs die Zöglinge unter ftrenger Controle in den als Internaten eingerichteten Schulen fich felbft zu beftimmen nicht gelernt haben können, fo wird man es minder fonderbar finden, dafs diefelbe ftrenge Studienordnung, an welche die franzöfifchen Studenten gewohnt find, diefe durch die Jahre des höheren Unterrichtes geleitet. Für jene die individuellen Kräfte entfeffelnde Freiheit der deutfchen Univerfitäten ift in Frankreich kein Raum. Es ift ein fortgefetztes Drillfyftem, voll von Beauffichtigungen und Prüfungen; das Ziel, dem man in den verfchiedenartigen höheren Schulen zuftrebt, ift eine genau umfchriebene Summe von Kenntniffen. Anderswo fchätzt man mehr die entwickelten Fähigkeiten, man legt gröfseren Werth auf das Können als auf das Wiffen. Am meisten treten diefe Uebelftände hervor in den 4 Dr. Wilhelm Hartel. juridifchen und medicinifchen Facultäten, welche gegenüber der reichen Gliederung diefes Unterrichtes an deutfchen Univerfitäten in einer unglaublichen Armuth vegetiren; am empfindlichften aber find ihre Folgen an den Facultés des lettres und des fciences, welche unferen philofophifchen Facultäten entſprechen. Uebrigens haben diefe Facultäten, deren Frankreich 53 zählt mit beiläufig 400 Lehrftühlen, mit den deutfchen nur den Namen gemein. Sie find auf eine Menge Städte vertheilt und nur felten find im Sinne des Statutes von 1868 die fünf Facultäten( Theologie, Medicin, Jurisprudenz, philologifch- hiftorifche= des lettres, und mathematiſch- naturwiffenfchaftliche= des fciences) zum lebensvollen Organismus einer Univerſität vereinigt. Dabei haben fie nicht den Zweck, durch ftreng wiffenfchaftliche Vorträge in die einzelnen Disciplinen einzuführen und zu methodifcher Arbeit anzuleiten, fondern vielmehr durch Vorträge, welche oft durch glänzende Rhetorik zu beftechen fuchen, Refultate der Wiffenfchaft unter der gebildeten Claffe zu verbreiten. Demnach haben auch nur die juridifche und medicinifche Facultät eine ftändige, aus Studenten beſtehende Zuhörerfchaft; in den facultés des lettres und des fciences ift diefelbe gemifcht, die Studenten find in Minderheit oder fehlen gänzlich. Diefe Einrichtungen, welche wir nicht recht begreifen und welche einfichtsvolle Franzofen, wie erft jüngft Michel Bréal in feinem trefflichen Buche: Quelques mots fur l'inftruction publique en France, Paris 1872, verwerfen, entſprechen den nationalen Anfchauungen durchaus. Der Franzofe hängt an diefer rhetorifchen Popularifirung der Wiffenfchaft, worauf wir einen nur geringen Werth legen. Ja es fcheinen diefe Vorlefungen an den Facultäten nicht einmal zu genügen. Die Regierung hat in den letzten Jahren noch Conférences oder Cours litéraires et fcientifiques ins Leben gerufen; 1863 gab es deren 20, 1864: 300, 1865: 876, 1866: 1003, 1867 nur 792, indem fich viele derfelben in cours fupérieurs für eine Anzahl von den 33.000 claffes d'adultes umgeftalteten. Einen Einblick in die Leiftungsfähigkeit diefer Facultäten fuchen die unter Nr. 3477 auch ausgeftellte Collection des féances de rentrée des facultés( 1872) et comptes rendus de l'enfeignement fupérieur dans les départements, und die unter Nr. 3459 bis 3463 und Nr. 3478 bis 3497 ausgeftellten Programme und Doctoratsthefen von 25 Facultäten zu geben. Von diefen Arbeiten, fo weit ich mir über diefelben ein Urtheil geftatten oder mich auf das Urtheil Anderer berufen kann, zeichnen fich einige durch die Wahl der Stoffe und die Gediegenheit der Behand lung aus. Aber die beften gerade gehören den Parifer Inftituten und können für deren Leiftungsfähigkeit defshalb fo wenig zeugen, weil die Candidaten des Doctorats zumeift nicht durch fie, fondern durch die trefflichen Specialfchulen oder unter der fpeciellen Leitung hervorragender Gelehrten gebildet worden find. In feinem Rapporte vom 15. November 1868 an den Kaifer, welcher die Statiftik des höheren Unterrichtes von 1865 bis 1868 begleitet, fagt der Minifter Duruy: Le point mis à part( er meint eine Reform des medicinifchen Unterrichtes) il ne femble pas, pour le moment, que l'organifation de notre enfeignement fupérieur exige des grandes reformes. L'édifice eft ancien, mais folide en fes affifes; il n'y faut que des appropriations pour des néceffités nouvelles. Diefe zum Theile ins Werk gefetzten Reformen, von denen die Ausftellung bereits einzelne Erfolge aufzuweifen bemüht war, beziehen fich auf die Einführung anderwärts, namentlich in Deutſchland, bewährter Einrichtungen, auf die Herbeifchaffung einer foliden Zuhörerfchaft an den Provinzfacultäten, auf die Gründung neuer Lehrkanzeln und Anftalten, die zeitgemässe Umgeftaltung beftehender Inftitute, auf die Herbeifchaffung reicherer Mittel, um die äufsere Stellung der Profefforen zu * Bei diefer Gelegenheit mag einer der Ausftellung einverleibten bibliographifchen Arbeit lobend gedacht fein, welche die in den Doctordiffertationen feit 1810 behandelten Stoffe, foweit fie die literarifchen Facultäten betreffen, verzeichnet: Notice fur le doctorat és lettres fuivie du Catalogue et de l'analyfe des thèfes latines et françaiſes admifes par les facultés des lettres depuis 1810 par Mourier et Deltour. Paris 1869. Die Univerfitäten. 5 verbeffern, Apparate und Gebäude für koftfpielige Unterfuchungen herzustellen. und in jeder Art die wiffenfchaftliche Arbeit zu fördern. Wir können hier nicht auf alle Reformen eingehen, fondern befcheiden uns hervorzuheben, wozu die Ausftellung Veranlaffung gab. Der Betrieb der naturwiffenfchaftlichen Disciplinen verlangte feit Langem Laboratorien, welche felbft medicinifche und pharmaceutifche Schulen nicht in genügendem Ausmafse befafsen. Mit den Lehrftühlen der Phyfik und Chemie waren zwar Laboratorien verbunden, aber nur zum Zwecke der Vorbereitung der die Vorträge illuftrirenden Experimente, nicht zur Heranbildung der Schüler, die doch auf diefem Gebiete aus einem Handgriffe oft mehr lernen, als aus langen Vorträgen. Diefem Bedürfniffe wurde 1868 zu genügen gefucht durch die Schöpfung einer doppelten Gattung von Laboratorien, laboratoires d'enfeignement, beftimmt für Anfänger, welche fich in den einfachften Manipulationen üben und zu felbftftändigen Unterfuchungen vorbereitet werden follen, und laboratoires de recherches, welche jene fo geübten Zöglinge, aber neben diefen Jedermann, dem es an Mitteln zur Durchführung koftfpieliger Unterfuchungen gebricht, aufnehmen follen, um in ihnen unter der Leitung tüchtiger Gelehrten felbftftändige, die Wiffenfchaft fördernde Arbeiten zu unternehmen. C'eft avec des inftitutions de ce genre, que l'Allemagne a trouvé le moyen d'arriver à ce large développement des fciences experimentales, que nous étudions avec une fympathie inquiête, fagt Duruy in feinem, das Decret vom 31. Juli 1868 begleitenden Rapport an den Kaifer. Sofort wurden 17 Laboratorien diefer Art an den verfchiedenen Inftituten von Paris, am Collége de France, an der Sorbonne, an der Faculté de médecine, an der École normale, am Mufée d'hiftoire eingerichtet, und fchon im nächften Jahre fchloffen fich Städte wie Marfeille, Caen diefer Bewegung an. Diefe Laboratorien wurden aber einer anderen, umfaffenderen Schöpfung dienftbar gemacht, der mit Decret vom 31. Juli 1868 ins Leben gerufenen École pratique des hautes études, welche eine freie wiffenfchaftliche Thätigkeit anbahnen und pflegen will. Sie foll ihre Zöglinge nicht wie die École normale fupérieure oder andere Specialfchulen, z. B. die École de chartes, für das Amt eines Lehrers oder Archivbeamten drillen, nicht blos um äufserer Zwecke willen einzelne Wiffenfchaften in feftumgrenztem Umfange mittheilen, fondern in die wiffenfchaftliche Arbeit einführen, zur eigenen Forfchung anleiten, indem ihre freie Bewegung in keiner Weife unnütz eingeengt wird. Uns ift diefe Einrichtung, wenn auch nicht in gleicher Ausdehnung, gar wohl bekannt. Es find die Fachfeminare an unferen Univerfitäten, auf welche auch die unter Nr. 3473 ausgeftellten Rapports fur l'école pratique 1868 à 1872 ausdrücklich verweifen: L'école pratique des hautes études exerce les jeunes gens par des conférences privées, par des discuffions familières, à l'ufage des méthodes d'obfervation et de découverte. C'eft ainfi que, dans un autre domaine, les étudiants en droit fe réuniffent en conférences pour fe former à la pratique de la jurisprudence; c'eft ainfi encore, que dans les univerfités étrangères à côté des cours ouverts à touts les étudiants, les profeffeurs réuniffent chez eux ceux qui annoncent le plus de zèle et d'aptitude. Wie die Hörer unferer philofophifchen Facultäten an den Seminarübungen theilnehmen, um durch eigene Verfuche und Arbeiten, unter der Leitung der Directoren, fich die Methode anzueignen und indem fie von den Erfahrungen der Meifter lernen, auf kürzeren und ficheren Wegen zu eigener fruchtbringender Thätigkeit auf dem Gebiete der Wiffenfchaft zu gelangen: zu gleichem Zwecke foll die École pratique die ftrebfamen Zöglinge der Parifer Hochfchulen, der literarifchen und wiffenfchaftlichen Facultät, des Collège de France, der École normale fupérieur, der École de chartes vereinigen, um unter der Leitung der ausgezeichneten Lehrkräfte diefer Hochfchulen gleichen Uebungen zu obliegen. Uebrigens ift die Aufnahme nicht auf diefe activen Zöglinge befchränkt, fondern auch jungen Männern, welche die akademifchen 6 Dr. Wilhelm Hartel. Grade erreicht, überhaupt Jedermann ift der Eintritt geftattet. Diefe Liberalität ift befonders in der naturwiffenfchaftlichen Section von wohlthätigem Einfluffe, da jene, welche eigene Mittel zu koftfpieligen Unterfuchungen nicht befitzen, hier reichliche Unterſtützung finden. Im Unterfchiede zu den Aufnahmsbedingungen der École normale ift diefelbe nicht durch ein beftimmtes Alter, noch durch die Nationalität limitirt. Nur einer Aufnahmsprüfung( un ftage) und einer mehrmonatlichen Probezeit haben fich diejenigen, welche wirkliche Mitglieder werden wollen ( élèves titulaires), zu unterziehen. Diefelben verbleiben dann durch drei Jahre in dem Inftitute und erlangen beim Austritte auf Grund einer Originalarbeit ein Diplom, fowie fie auch in Folge trefflicher Leiftungen von dem Licentiat befreit werden können, und fogleich zum Doctorat zugelaffen werden. Sie follen eine Pflanzfchule fein für die Lehrftühle der höheren Unterrichtsanftalten und wenn fie diefe Carrière nicht einfchlagen, fondern fich dem Mittelfchul- Unterrichte widmen, die errungenen wiffenfchaftlichen Qualitäten zu Nutz und Frommen der Schule geltend machen. Die École pratique ftellt eigentlich keine Schule dar; fie hat kein Haus. Allenthalben verftreut find ihre Werkftätten. Ihre Zöglinge gehören ihr nicht ausfchliefslich, fondern mit ihr zugleich anderen Anftalten, deren Vorlefungen fie zu hören verpflichtet find. Nur ein Haupt verbindet die weit aus einander liegenden Theile, le confeil fupérieur, welches die Belohnungen der Directoren und Zöglinge zu beftimmen, die Dispenfen vom Licentiat zu verleihen, die den Zöglingen zu übertragenden wiffenfchaftlichen Miffionen anzuordnen und über ihre Verwendung zu entfcheiden hat. Diefes Confeil befteht aus den Secretären der Académie des fciences und des infcriptions et belles letters, den Directoren des Collége de France, des Muſeums, des Obfervatoire, der École normale, der Archive, der École des chartes und den Spitzen der übrigen höheren Anftalten. Es ift alfo die École pratique ihrem Wefen nach nichts als die Organiſation eines praktifchen, höhere wiffenfchaftliche Ziele verfolgenden Unterrichtes. Ihr Schwerpunkt liegt in den einzelnen Sectionen, in welche fie zerfällt, deren Zög linge unter eine Commiffion permanente aus fünf, den Leitern der einzelnen Abtheilungen entnommenen, auf drei Jahre ernannten Mitgliedern befteht, geftellt find. Gegenwärtig zerfällt die École pratique in fünf Sectionen, jede diefer Sectionen in Unterabtheilungen mit einem Directeur d'études oder de laboratoires an der Spitze, denen Hilfslehrer oder Affiftenten beigegeben find. Die Section für Mathematik, an welcher fich Zöglinge des Obfervatoire, des Collège de France und der Faculté des fciences betheiligen, erhielt zwei Unterabtheilungen, eine première divifion unter Hermite und die deuxième unter Serret und Bouquet. Die Section des fciences phyfico- chimiques erhielt ein Laboratorium für Phyfik unter Defains, ein zweites laboratoire de recherches für Phyfik unter Jamin, eines für Chemie unter Fremy am Mufeum, für Chemie unter Schutzenberger an der Faculté, für Chemie an der École normale unter H. Sainte- Claire Deville, für organifche Chemie unter Berthelot, für Chemie an der École de médecine unter Wurtz, für Chemie am Collége unter Balard, für phyfiologifche Chemie an der École normale unter Pafteur, für Mineralogie an der Sorbonne unter Delafoffe, für chemifche und agronomifche Unterfuchungen an der Faculté unter Ifidor Pierre. Die Mitglieder diefer Section haben eine jährliche Prüfung abzulegen, auf Grund welcher ihnen der Eintritt in den nächften Jahrgang geftattet ift. Das nach dem dritten Jahre für tüchtige Leiftungen verliehene Diplom hat diefelbe Bedeutung wie das Examen de licence ès fciences phyfiques. Die Section d'hiftoire naturelle et de phyfiologie veranftaltet Uebungen für Anfänger in ihren laboratoires d'enfeignement und für Vorgefchrittene in den laboratoires de recherches, beide können natürlich in Die Universitäten. 7 einem und demfelben Inftitute unter demfelben Leiter ftattfinden. 1871 befafs fie Laboratorien für Zoologie anatomique et phyfiologique unter Milne edwards, für Botanik unter Duchartre, Brogniart, Decaisne und Baillon, für Geologie unter Hébert, für Phyfiologie unter Claude Bernard, für experimentelle Phyfiologie an der Sorbonne unter Paul Bert, ein drittes für Phyfiologie am Collège unter Marey, für zoologifche Hiftologie unter Ch. Robin, für vergleichende Anatomie unter Paul Gervais, für patho logifche Anatomie und pathologifche Phyfiologie unter Vulpian, für Anthro pologie unter Broca. Aehnliche Laboratoiren wurden an anderen Studienfitzen in der Provinz organifirt, fo in Marfeille unter Lespés, in Montpellier ein phyfiologifches unter Rouget, in Caen eines für paläontologifche Zoologie unter E. Delongchamps. Eine Reihe anderer find im Entftehen begriffen. Die Section des Sciences hiftoriques et philologiques foll zur Ergänzung der Facultäten und der École de chartes behandeln 1. Mythologie und Kunftgefchichte, 2. griechifche und lateinifche Epigraphik, 3. griechiſche und lateiniſche Palaeographie mit befonderer Rückficht auf die kritifche Behandlung der Texte, 4. vergleichende Sprachwiffenfchaft, 5. orientalifche Sprachen, 6. politifche Gefchichte mit befonderer Betonung der Quellenkritik. Diejenigen, welche als Mitglieder an den Uebungen über vergleichende Sprachforfchung Theil nehmen wollen, müffen ihre Kenntnifs der deutfchen Sprache nachgewiefen haben. Die philologifch- hiftorifche Section ift 1869 eröffnet worden und war von da ab, die regelmäfsigen Ferien Auguft bis October und das Kriegsjahr Juli 1870 bis Juni 1871 abgerechnet, ununterbrochen thätig. 1868 und 1869 zählte diefe Section II wöchentliche Conferenzen( meift zu zwei Stunden), 1869 und 1870: 17, 1870 und 1871: 23. Die Zahl der Mitglieder betrug in diefen Jahren 51, 99, 77. Sie erhielt Unterabtheilungen für griechifche und lateinifche Philologie unter Waddington's, Boiffier's und Renier's Leitung, für Egyptologie bis 1870 unter dem Vicomte de Rougé, für Semitifch und Perfifch unter Defrémery, für vergleichende Sprachforfchung unter Bréal, für Sanskrit unter HauvetteResnault, für romanifche Sprachen unter Gafton Paris, für Gefchichte unter Monod. Die erft fpäter hinzugewachſene Section des Sciences écono miques behandelt Nationalökonomie, Finanzwiffenfchaft, Verwaltungslehre, Statiſtik. na okonomie, Fin Ob wohl durch diefe Inftitution ein dringend gefühlter Mangel im Organismus des höheren Unterrichtswefen gründlich befeitigt, ob demfelben ein Glied eingefügt wurde, das die Functionen der deutfchen Univerfitätsfeminare zu verfehen im Stande fein wird? Die blofse Copirung einer auf anderem Boden unter anderen Verhältniffen erwachfenen Einrichtung fchliefst keine Bürgfchaft für die gewohnten Erfolge diefer in fich. Was zunächft zur Abfchätzung der bereits erreichten Erfolge vorliegt, die neun Bände der unter Nr. 3473 ausgeftellten Bibliothèque des hautes études, von denen drei Bände die Arbeiten der mathematifchen, drei die der naturwiffenfchaftlichen, drei die der philologifchhiftorifchen Section der École enthalten, die veröffentlichten Programme und Berichte, das Alles legt zwar in rühmlicher Weife Zeugnifs ab für die gefchickte und energifche Leitung diefer Uebungsftätten wiffenfchaftlicher Arbeit, deutet aber in unverkennbarer Weife eine dem Geifte des deutfchen Seminarwefens entgegengefetzte Entwicklung an. Wenigftens was die Arbeiten der 4. Section betrifft, fo will es fcheinen, wenn z. B. Herr Renier Erklärung römifcher Infchriften d'après les régles expofées dans fon cours au Collège de France oder Uebungen in römifchen Antiquitäten qui fervent de completment naturel aux cours de M. L. Renier au Collége de France et de M. Geoffroy à la faculté des lettres ankündigt und andere in ähnlicher Weife, und wenn man den befchränkten Umfang kritifchexegetifcher Uebungen, welche die Hauptfache in deutfchen Seminaren bilden, bemerkt, dafs das Hauptgewicht auf die Aneignung beftimmter Stoffe gelegt fei. 00 8 Dr. Wilhelm Hartel. Dann ist zu beforgen, dafs ein zu grofser Werth auf diefe äufserlichen Erfolge publicirter Schularbeiten gelegt werde. Allerdings auch die deutfchen Seminarien traten in letzter Zeit gerne mit ihren Arbeiten an die Oeffentlichkeit; allein es ift fraglich, ob damit ein Fortfchritt bezeichnet wird und fie jetzt gröfsere Erfolge erzielen, als früher bei ihrer geräufchlos befcheidenen Thätigkeit. Merkwürdig und für die deutfche Wiffenfchaft erfreulich find eine Reihe von Arbeiten, die für die Bibliothek in Vorbereitung begriffen find, wie Étude fur la declination latine par Bücheler, Chronologie des lettres de Pline le jeune par Mommfen, Hiftoire de l'alphabet grec par Kirchhoff, La Chronologie dans la formation des langues européennes par G. Curtius. Es iſt eine der Aufgaben der neuen Schule, die von anderen Nationen gewonnenen Refultate der Wiffenfchaft nicht blos kennen zu lernen, fondern durch Ueberfetzungen der eigenen Nation zugänglich zu machen. Wenn es gelingt, wie es beabfichtigt ward, diefe neue Inftitution an den Facultäten der Provinz einzubürgern, fo würden diefelben künftighin nicht blos der einen Aufgabe obliegen, die Wiffenfchaft zu verbreiten, fondern durch felbftthätiges Eingreifen fie zu fördern in die Lage kommen. Dafs in der That hier die Regierung einem dringenden Bedürfniffe mit rühmlicher Liberalität. nachgekommen, dafür ſpricht, dafs bereits im erften Jahre des Beftandes der École pratique des hautes études 342 Mitglieder fich zur Theilnahme, viele in mehreren Abtheilungen zugleich, meldeten, fo dafs die Zahl der Gefammtinfcriptionen 422 betrug und die Zahl der Laboratorien fich auf 27 erhob. Dadurch mag nun, wenn nicht etwa die gegenwärtige Unterrichtsleitung die junge vielverfprechende Blüthe zerftört oder verkümmern läfst, für einen freien Betrieb der Wiffenfchaft und für einen genügenden Nachwuchs mit Rücksicht auf die 400 Lehrftühle der Facultäten trefflich geforgt fein, dem grofsen Bedarfe der Mittelfchulen, und zwar der Lyceen vermag die École normale fupérieure, die unter Nr. 3472, was fich auf ihre Gefchichte, Organiſation und Leiftungsfähigkeit bezieht, ausgeftellt hat, kaum zu entfprechen. Der Umftand, dafs die Facultäten, genauer die facultés des lettres et sciences, welche hier allein in Betracht kommen, diefe grofsen Prüfungs- und Vortragsmaschinen, fich als nicht geeignet erweifen konnten, Lehrkräfte für das Mittelfchulwefen in genügender Zahl und Qualität zu bilden, führte feit dem Ende des vorigen Jahrhundertes zu zahlreichen Verfuchen, deren keiner ganz entfprochen zu haben fcheint. Nachdem man nach 1763, das heifst nach Abfchaffung des Jefuitenordens, eine Zeitlang daran gedacht hatte, das Collegium Louis le Grand in ein Lehrerfeminar umzugeftalten, errichtete der Convent mit Decret vom 30. October 1794 die École normale in Paris, in welcher wiffenfchaftlich vorbereitete junge Männer( mindeſtens 21 Jahre alt) die Kunft des Unterrichtes in den einzelnen Disciplinen fich aneignen follten. Seine eigentliche ftraffe Organiſation bekam das Lehrerfeminar, nun École normale fupérieure genannt, durch Statut vom 30. März 1810. Es ward als Alumnat für 300 Zöglinge eingerichtet, in zwei Sectionen, eine philologifch- hiftorifche und eine mathematifch- naturwiffenfchaftliche getheilt, der Eintritt auf das Alter zwifchen 17 und 23 Jahren befchränkt und von dem Erfolge einer in ihrem fchriftlichen Theile aufserhalb Paris auch vor den Provinzial- Schulbehörden ( Akademien) ablegbaren, in ihrem mündlichen Theile vor der Commiffion der École normale zu beftehenden Prüfung abhängig. Der Curs dauerte zwei Jahre. Im erften follte der Stoff der Lycealclaffen repetirt und fo erweitert werden, dafs die Zöglinge am Schluffe desfelben eine Reifeprüfung als Bacheliers beftehen könnten. Im zweiten Jahre follten die einzelnen Disciplinen aufser den häuslichen Conferenzen auch durch Befuch dreier Collegien am Collége de France oder an der Sorbonne eines eingehenden Studiums theilhaftig werden, damit die Zöglinge eine Art abfchliefsender Prüfung als Licenciés beftehen könnten, daneben aber Die Univerfitäten. 9 follte praktiſche Pädagogik betrieben werden, indem die Zöglinge unter fich Schule fpielten und als Komödianten bald Schüler, bald Lehrer darftellten. Man mufs ftaunen, dafs ein Inftitut, welches durch feine militärifch ftraffe, die Befchäftigung jeder Stunde regulirende und controlirende Zucht die Bildung tüchtiger Charaktere, durch feine jede individuelle Studienrichtung hemmende, auf eine kleine für Schulzwecke präparirte Wiffensfumme gerichtete Studienordnung die Entwicklung eines felbftftändigen wiffenfchaftlichen Lebens unmöglich machen müfste, um von anderen Gebrechen abzufehen, gleichwohl in feinen Grundlagen bis in die neuefte Zeit herab dauern konnte und die Reftauration feinen Beftand kaum zu erfchüttern vermochte. Nachdem mit Decret vom 6. September 1822 die École normale aufgehoben worden war, um provinziellen Lehrerbildungs- Anftalten( Écoles normales partielles) und etwas später der mit dem Collegium Louis le Grand verbundenen Ecole préparatoire Platz zu machen, war feine Reftitution eine der erften von allgemeinem Beifalle begleiteten Handlungen der Juliregierung. Guizot erneuerte mit dem Decret vom 18. Februar 1834 das organifatorifche Statut von 1810 mit zweckmässiger Verlängerung der Cursdauer von 2 auf 3 Jahre. Unter dem Minifterium Salvandy erhielt die Anftalt ihr fchönes Haus in der Nähe des Pantheon. Das republikaniſche Minifterium Carnot erhöhte das Budget derfelben, deren Zöglinge die Zahl 115 erreichte, auf 232.000 Francs. Das zweite Kaiferreich, welches mit Decret vom 9. April 1852 feine Organiſation befeftigte und verbefferte, fuchte die Beftimmung der École normale fupérieur, Profefforen für Mittel- und Hochfchulen heranzubilden( à former des profeffeurs pour les diverfes parties de l'enfeignement fecondaire et fupérieure dans l'univerfité), in jeder Art zu fördern. Folgendes find die wefentlichen Punkte ihrer gegenwärtigen Einrichtung. An der Spitze fteht ein Director mit zwei Subrectoren an der Seite, von denen der eine aufser den äufseren Angelegenheiten die realiftifchen, der andere die humaniftifchen Studien zu infpiciren hat. Denn wie ehedem zerfällt auch jetzt die Schule in zwei Sectionen, eine mathematifch- naturwiffenfchaftliche( fection des fciences) und eine philologifch- hiftorifche( fection des lettres). Lehrgegenftände der erften Section find Mathematik mit zwei, Geographie, Mineralogie, Geologie, Botanik, Zoologie, Phyfik, Mechanik, Aftronomie, Zeichnen mit je einem Docenten. Lehrgegenstände der anderen Section find: claffifche Philologie mit drei bis vier, Gefchichte, Philofophie, franzöfifche Sprache und Literatur mit je zwei Docenten. Die Docenten( Maîtres des conférences), welche zum Theile der Sorbonne, zum Theile dem Collège de France und anderen höheren Schulen in Paris entnommen find, haben nicht förmliche Vorträge zu halten, fondern den genau abgemeffenen Lehrftoff an der Hand beftimmter Lehrbücher mitzutheilen und durch Repetitionen, Colloquien, Exercitien und Disputationen zum geiftigen Eigenthume der Zöglinge zu machen. Diejenigen, welche auf einen Platz in der École reflectiren, müffen zunächft vor den Prüfungscommiffionen der verfchiedenen Akademien fich einer fchriftlichen Prüfung unterziehen, welche für die Humaniſten eine philofophifche Abhandlung. einen lateinifchen und franzöfifchen Auffatz, eine lateinifche und griechifche Ueberfetzung, eine lateinifche Versübung und ein hiftorifches Thema; für die Realiften gleichfalls eine philofophifche Abhandlung und lateinifche Ueberfetzung, daneben aber eine Reihe mathematifcher und phyfikalifcher Aufgaben umfafst. Auf Grund diefer Elaborate wird vom Minifterium die Lifte Jener gebildet, welche zu der im Auguft an der École normale zu beftehenden mündlichen Prüfung zugelaffen werden, doch müffen diefelben noch ein Diplom als Bacheliers ès lettres oder ès fciences beibringen. Die Candidaten der humaniftifchen Section müffen bei der mündlichen Prüfung Stücke aus jenen Claffikern interpretiren und commentiren, welche in den beiden letzten Claffen des Lyceums gelefen wurden; die der realifti fchen Section werden aus jenen Partien der Mathematik examinirt, welche fie in dem mathematiſchen Specialcurs des Lyceums abfolvirt; ferner wird ihre Fertigkeit in defcriptiver Geometrie und Freihandzeichnen geprüft. Die Zahl der Zöglinge 10 Dr. Wilhelm Hartel. kann 120 betragen; doch wird diefs Maximum nie erreicht. Die Koften des Inftitutes belaufen fich gegen 300.000 Francs. Was die auf drei Jahre berechnete Vertheilung des Lehrftoffes betrifft, fo ift das erfte Jahr in beiden Sectionen auf eine gründliche Wiederholung und Vertiefung der im Lyceum tradirten Disciplinen in der Art gerichtet, dafs in der einen Section Philologie, in der anderen Mathematik den Mittelpunkt bildet. So kommen im erften Jahre wöchentlich auf lateinifche und griechifche Sprache je drei, auf franzöfifche Sprache und Gefchichte je zwei, auf Philofophie, Deutfch oder Englifch je eine Conferenz; auf Mathematik zwei, auf Chemie zwei nebft einer Stunde für Experimentenkunde, auf Mineralogie im erften und Botanik im zweiten Semeſter je zwei, auf Zeichnen und defcriptive Geometrie je zwei, auf Englifch oder Deutfch je eine Conferenz. Im zweiten Jahre werden in der humaniftifchen Abtheilung diefelben Gegenftände behandelt oder weitergeführt. In der realiſtiſchen kommen neu hinzu: Mechanik, Aftronomie, Zoologie, Geologie. Nur ift die Zahl der wöchentlichen Stunden eine geringere, da die Zöglinge eine Anzahl Vorlefungen am Collége oder an der Sorbonne hören und am Ende des zweiten Jahres das Diplom als Licenciés ès lettres oder ès fciences erwerben müffen, um in den dritten Jahrgang aufzufteigen. In diefem werden die Zöglinge zur Ablegung der Lehramts- Prüfung( agrégation) in einer der Fachgruppen gehörig präparirt. Diefen Fachgruppen gemäfs zerfallen die beiden Sectionen in Unterabtheilungen, fo die fection des lettres in eine Abtheilung, die die künftigen Lehrer für claffifche und franzöfifche Literatur, für Philofophie und für Gefchichte umfafst, und in eine Abtheilung für die, welche die Lehrbefähigung für die unteren Lycealclaffen anftreben( divifion des gram mairiens); die fection des fciences in eine divifion des fciences mathématiques, deren Mitglieder Mathematik und Phyfik an den höheren Claffen, und in eine divifion des fciences phyfiques et naturelles, deren Mitglieder die naturwiffenfchaftlichen Fächer, Chemie und Experimentalphyfik am Lyceum einft lehren wollen. Mit Rückficht auf diefe Unterabtheilung ift der Lehrftoff vertheilt, deffen wiffenfchaftliche Durcharbeitung aber nicht die einzige Aufgabe des dritten Jahrganges ift, der auch praktiſch für das Lehramt vorbereiten will. Diefs wird erreicht, indem die Zöglinge probeweife den Unterricht in den Parifer Anftalten leiten. Zum Zwecke ihrer wiffenfchaftlichen Durchbildung frequentiren fie wie im zweiten Jahrgange Vorlefungen am Collége, an der Sorbonne und am Mufée d'hiftoire naturelle. Die von der Ecole normale fupérieure gemachten Erfahrungen haben die Regierung nicht davon abgebracht, das grofse Bedürfnifs an Realfchul- Lehrern, welches durch die Organiſation der höheren Bürgerfchulen gefteigert wurde, wiederum durch die Errichtung eines Internats, die École normale de Cluny zu decken. Die Ausftellung bot keine Veranlaffung, auf diefes in der alten Abtei in Cluny etablirte Inftitut einzugehen. Das gröfste Lob verdienten von jeher die franzöfifchen Specialfchulen, nicht blofs die für techniſche Fächer. Die Regierung war auch auf diefem Gebiete beftrebt, diefelben zu verbeffern und fühlbar gewordene Lücken auszufüllen. Unter diefen fand auf der Ausftellung eine reichliche Vertretung die École de Chartes, deren innere Organiſation, treffliche Lehrmittel und in einer von 1847 bis 1873 reichenden Collection de thèfes niedergelegten Lehrerfolge( Nr. 3469). fowie die aus diefer Schule hervorgegangene, in ihrer wiffenfchaftlichen Bedeutung anerkannte Bibliothèque de l'école de Chartes, Collection dés documents hiftoriques publiés par la fociété de l'école de Chartes vorgeführt werden. Die 1821 gegründete, aber erft durch Erlafs vom 31. December 1848 feft organifirte École de Chartes zählt zu den beften hiftorifchen Fachschulen, welche ebenfo treffliche Archivs und Bibliotheksbeamte, wie tüchtige Hiftoriker gebildet Die Univerfitäten. 11 hat. Aufnahmsbedingungen find das Baccalauréat és lettres und ein Alter von mindeftens 24 Jahren. Der Unterricht ift unentgeltlich. Für die beften Zöglinge beftehen acht Stipendien zu 600 Francs. Der Curs umfafst drei Jahrgänge. Am Ende des I. und II. ift eine Prüfung abzulegen, welche das Auffteigen in den höheren Jahrgang ermöglicht. Nach Abfolvirung des III. erhalten die Zöglinge auf Grund einer Prüfung ein Diplom( diplôme d'archivifte paléographe), welches die Anftellungsfähigkeit an den Archiven und Bibliotheken, an der Académie des infcriptions et des belles lettres und an der École de Chartes verleiht. Eine feftere Studienordnung und beffere Vertheilung der Lehrftoffe erhielt die École durch das Decret vom 30. Jänner 1869. Die vorliegenden Arbeiten der Zöglinge zeigten, dafs Frankreich ein Recht hat, auf diefe Specialfchule ftolz zu fein. Der treffliche Zuftand feines Archivs- und Bibliothekswefens, deffen Verwalter man nicht glaubt wild aufwachfen laffen zu follen, ift nur eine und nicht die gröfste der wohlthätigen Folgen diefer Gründung. Wie die École de chartes, hat die École des langues orientales vivantes, welche unter Nr. 3470 in ihren Einrichtungen und Arbeiten dargestellt wurde, durch die Decrete vom 8. November 1869 und 11. März 1872 eine ihre Aufgabe, praktiſche Fertigkeit der orientalifchen Sprachen in einem dreijährigen Curfus zu vermitteln, fördernde Reform erfahren. Es verdient mit Rückficht auf die Dinge, die bei uns anders, aber nicht beffer find, vermerkt zu werden, mit welcher Einmüthigkeit das Minifterium der auswärtigen Angelegenheiten. des Handels und der Marine für das hohe Mehrerfordernifs, welches die Reform bedingte( 60.000 Francs jährlich), fich bemühten und dafs das Inftitut unter die Obforge des Minifteriums für den Unterricht geftellt ist. So fiel es auch nicht dem Ackerbau- und Handelsminifterium bei, als fich namentlich durch die Gefetze vom 15. März 1850 und 21. Jänner 1865, welche den landwirthfchaftlichen Unterricht an den Écoles primaires, den Lyceen und Municipalcollegien einführten, ein immer empfindlicher werdender Mangel an gefchulten Fachlehrern einftellte, eine höhere landwirthschaftliche Lehranftalt zu gründen, obwohl demfelben drei Écoles d'application diefer Art, eine zu Grignon, eine zu Grand Jouan und eine zu Montpellier unterftehen. Auch das verdient bei diefer am 15. April 1869 ins Leben gerufenen Organiſation des höheren landwirthfchaftlichen Unterrichtes hervorgehoben zu werden, dafs dafür nicht eine eigene Hochſchule mit grofsen Koften gegründet wurde, fondern derfelbe vielmehr an das Muféum d'hiftoire naturelle angelehnt wurde. Hier empfangen die Eleven den fpeciellen Unterricht und nehmen an den Uebungen Theil. Daneben find die Zöglinge gehalten, Vorlefungen an der Faculté des fciences, dem Confervatoire des arts et metiers oder der École d'Alfort zu hören. Nach zwei Jahren erhalten diefelben auf Grund einer Prüfung ein Diplom, treten mit Unterſtützung des Minifteriums in eine École pratique d'agriculture und haben dann die Anwartfchaft auf eine Profeffur der Landwirthschaft oder können in einem der 89 in den einzelnen Departements zu errichtenden Stationen als Directoren angeftellt werden. Wir haben hiemit die Leiftungen des Minifteriums Duruy für den höheren Unterricht nicht erfchöpft. Um vollſtändig unfere Aufgabe zu erfüllen, müfsten wir die Errichtung zahlreicher neuer Lehrkanzeln, die Reorganiſation des Obfervatoire zur Hebung mathematifcher Studien, die reichere Dotirung der Bibliotheken, die von ihm unterftützten Publicationen über den Stand und die Fortfchritte der Wiffenfchaften, von denen uns die Rapports fur l'état des lettres et les progrés des fciences en France in einer ftattlichen Zahl von Bänden vorliegen, die zu gleichem Zwecke geförderten Reifen franzöfifcher Gelehrter, deren praktifche Erfolge uns ein Werk von Baudouin, Rapport fur l'état actuel de l'enfeignement fpécial et de l'enfeignement primaire en Belgique, en Allemagne et en Suiffe( Paris 1865) darthun foll; wir müfsten die Mittel zur Hebung der gelehrten Gefellfchaften in der Provinz, von deren Productionsfähigkeit ein voller Kaften Zeugnifs ablegte, 16 12 Dr. Wilhelm Hartel. gedenken. Möge unfere Rundfchau genügen. Wenn die ausgeftellten Objecte fo für fich fprechen hönnten, wie die Werke der Kunft und Induſtrie, würde wohl Jeder den Eindruck mit fich nehmen, dafs fich hier ein tüchtiger Auffchwung vollzieht. Ob die jungen Blüthen die Stürme der Reaction überdauert, wird uns das nächfte Decennium fagen. Ob aber nach der Vorausfetzung Duruy's, welche man in Frankreich noch allenthalben zu theilen fcheint, der Grundbau des höheren Unterrichtswefens ein folider fei und nur theilweife Reformen verlange, und ob nicht vielmehr ein durchgreifender Umbau nach dem Mufter Deutſchlands, auf deffen Univerfitäten auch jetzt noch bedeutende Männer des Faches hinzuweifen nicht müde werden, vorzunehmen fei, in diefer Frage möchte man gerne einer gründlichen Umgeftaltung das Wort reden, wenn die complicirte Organiſation des höheren Unterrichtes in Frankreich eine folche nicht geradezu unausführbar erfcheinen liefse. Italien. Die italieniſche Regierung hat in einer reichen, leider aber unglücklich aufgeftellten und gleich in den erften Wochen in eine klägliche Unordnung gerathenen Ausstellung werthvolles Material zur Beurtheilung des höheren Unterrichtswefens geboten. Statiftifche Berichte aller Art, Sammlungen von Statuten, Programmen, fchriftliche Darftellungen einzelner Univerfitäten, Publicationen von Profefforen in den von ihnen vertretenen Disciplinen, mannigfache Lehrmittel waren in dem engen ftaubigen Raume aufgefpeichert, die der anfpruchsvolle Mont Cenis- Tunnel in dem füdlich gelegenen Hofe der italienifchen Abtheilung frei gelaffen hatte. Die Aufftellung fpiegelte den chaotifchen Charakter des italienifchen Univerfitätswefens wieder. Es wäre aber unbillig, dasfelbe auf Grund der aus geftellten Objecte einer abfälligen Kritik zu unterziehen in einem Augenblicke, wo der Staat an dem als hinfällig erkannten Organismus tiefeingreifende Reformen vorzunehmen, im Begriffe fteht. Wir wollen uns vielmehr an den vielverfprechenden Keimen eines allenthalben erwachenden wiffenfchaftlichen Lebens freuen, welches die gefunde Grundlage des höheren Unterrichts abgibt und nur der befreienden That von Seite der Gefetzgebung harrt, um feinen Segen durch die frei gemachten Canäle der Schule dem nationalen Culturleben zuzuführen. Indem die zahlreichen Leiſtungen auf dem Gebiete der reinen und angewandten Naturwiffenfchaften an anderer Stelle diefes Berichtes ihre Würdigung erfahren, haben wir nur einen Blick zu werfen auf die Vertretung, welche die philologifch- hiftorifchen Fächer auf der Ausftellung gefunden haben Die wiffenfchaftlichen Arbeiten diefer Fächer knüpfen an locale Bedingungen an, die nirgends günftiger liegen als auf italienifchem Boden, an die reichlich vorhandenen und noch unerfchöpften Refte des Alterthums, an die in den zahlreichen Stadt- und Klofterbibliotheken aufgefpeicherten Handfchriften, Schätze, an die die Räume feiner Archive füllenden Urkundenmaffen. Die archäologifchen Studien find nur durch einige Publicationen, wie Monumenti della Sicilia fotografati e descritti da F. S Cavallari I. P. Palermo 1872, Catalogo del mufeo nazionale di Napoli 1866-1872, Herculanenfium voluminum quae fuperfunt altera collectio I.-VI. vertreten, welche daran erinhern wollen, dafs fie nicht die einzigen und beften find, welche das mit neuem Eifer diefen Studien, die eine feiner fchönften Literaturperioden erfüllen, zugewandte Jung- Italien aufzuweifen hat. Eine vollere Anfchauung erhalten wir von dem Bibliothekswefen Italiens, indem drei Bände Bibliotheche governative( 1870) die von der Regierung veranlafsten Berichte über die Bibliotheken des Königreiches uns vorführen, und Proben neu begonnener Katalogifirungen, wie der Bibliotheca Cafinenfis cura et studio mona Die Univerſitäten. 13 chorum Ord. S. Benedicti I. 1873, oder gelungener paläographifcher Lehrmittel, z. B. der Fotografie dei codici Mss. Marciani und der Schriftproben vom IX. bis XII. Jahrhundert, welche die Regia Scuola di palesgrafia e storia veneta nell' Archivio generale di Venezia ausgeftellt hat, von dem Streben zeugen, die Benützung der zum Theile noch mit fo kleinlichem Unverftande hinter Schlofs und Riegel gehaltenen Schätze der Forſchung zu erleichtern und für die Ausbeute derfelben, welche bisher anderen Völkern überlaffen werden musste, fich felber zu rüften. Das erfreulichfte Bild aber zeigen die Archive Italiens, deren liberale und gefunde Leitung als Mufter hingeftellt zu werden verdient. Diefelben find nicht gleichmässig vertreten; die ficilianifchen durch Profeffor Salvator Cufa's Publication, Diplomi greci ed arabi di Sicilia, Palermo 1868; die Archive der Emilia durch Profeffor Bonaini's Bericht( Gli archive della provincia dell' Emilia, Firenze 1861), der im Auftrage der Regierung diefelben durchforfcht hatte, das Archivio generale di Venezia durch die Arbeiten der mit ihm verbundenen Schule für Paläographie und Gefchichte. Allen voran gehen aber die toscanifchen Archive. Die herrlichen Räume der Uffizien in Florenz, der Paläfte in Lucca, Siena, Pifa, wo die Urkundenfchätze der vereinigten Archive aufgeftellt find, und die Art der Aufftellung veranfchaulicht eine reichhaltige Sammlung von Photographien; die Gefchichte und Einrichtung des mit Decret vom 20. Februar 1852 begründeten Central- Staatsarchives in Florenz, welches unter Francesco Bonaini's einfichtsvoller Leitung fich gefund entwickelte, vergegenwärtigt ein Miscellenband mit Denkfchriften und Publicationen aller Art, welche fich darauf beziehen; das von der Soprintendenza generale herausgegebene Giornale storico degli Archivi Toscani 1857-1863 zeigt den regen und einfichtsvollen Verkehr der Archivsleitung mit der gelehrten Welt. Belgien. Die belgifche Regierung hat auf die XXVI. Gruppe ein befonderes Augenmerk nicht gerichtet. Die Univerſitäten waren vertreten durch die Sammlung der für die Gefchichte des belgifchen Unterrichtswefens allerdings fehr werthvollen Berichte, welche die Regierung von drei zu drei Jahren feit 1794 der Volksvertretung vorzulegen hat, und welche bis 1870 reichen( Situation de l'enfeignement fupérieure donnée aux frais de l'état. Rapport triennal préfenté aux chambres legislatives le 17 Novembre 1871. Bruxelles 1872). Ferner lagen Programme und Statuten der Univerfitäten Brüffel und Löwen auf, und die Schrift von Alphonfe le Roy Liber memorialis. L'univerfité de Liège depuis fa fondation. Liège 1869. Die belgifchen Univerfitäten bieten in ihrer Entwicklung innerhalb der letzten Jahre kaum, was ein längeres Verweilen bei denfelben lohnte. B Deutſchland wäre wohl am erften unter allen Ländern in der Lage gewefen, durch fein hochentwickeltes Univerfitätswefen zu glänzen, wenn dasfelbe fich zu einem leicht präparirbaren Ausftellungsartikel qualificirt hätte. Wir verargen es ihm nicht, dafs es etwas unterliefs, was nur durch grofsen Aufwand von Zeit, Mühe und Geld herftellbar, doch von recht zweifelhaftem Nutzen gewefen wäre. Frankreich befand fich in diefem Falle in einer weit günftigeren Lage. Sein Syftem der Centralifation ift gerade auf dem Gebiete des höheren Unterrichtes mit gröfster Strenge durchgeführt, und an einem Orte in Paris findet fich zufammen, was eine Bedeutung beanfprucht. Die Univerfitäten Deutſchlands find über alle Theile verftreut. 14 Dr. Wilhelm Hartel. Neben Berlin fteht Leipzig ebenbürtig da und kleinere Univerfitäten, wie Bonn, Heidelberg, München fuchen in der fpeciellen Pflege einzelner Disciplinen ihre Gröfse, und alle erhalten fich trotz nivellirender Beftrebungen ihre Eigenart, die zunächft nicht in beftimmten Gefetzen und Statuten erkennbar ift, fondern aus individuellen Verhältniffen erwachfen, in zäher Tradition fich fort erhält. Auch ift vielleicht das Befte an ihnen nicht das, was fich ausftellen liefse, Gebäude, Laboratorien, Gefetze, Lehrmittel, fondern ihre Lehrer und Hörer, die felbft unfer vielverlangendes Programm für die Ausftellung nicht beanspruchte. Es. fanden fich demnach nur einige wenige Objecte in dem geräumigen Haufe, welches den deutfchen Vols-, Mittelfchul- und Fachunterricht in fo reicher Anfchaulichkeit darftellte, die fich auf Univerfitäten beziehen, aber fie boten viel Intereffantes und Lehrreiches. Einen Einblick in die Thätigkeit einzelner Univerſitäten gewährten die vorgelegten Vorlefungsverzeichniffe, von denen die drei Leipziger von 1842, 1852 und 1872 zeigen können, zu welcher Bedeutung eine einfichtsvolle Regierung in wenigen Jahren diefe Univerſität zu heben vermochte. Wiefe's brauchbare und genaue Werke: Das höhere Schulwefen in Preufsen, hiftoriſch- ftatifche Darstellung im Auftrage des Minifters, 2 Bände, Berlin 1863 bis 1869 und Verordnungen und Gefetze für die höheren Schulen Preufsens, Berlin 1867, bieten wenigftens für einen Theil Deutfchlands Einblick in die legislative und adminiftrative Thätigkeit auf diefem Gebiete. Reicher find die Lehrmittel für den höheren Unterricht und darunter, wie diefs in der Natur einer folchen Ausftellung liegt, befonders die auf die naturwiffenfchaftlichen Disciplinen bezüglichen vertreten, welche von anderer Seite innerhalb diefes Berichtes gewürdigt werden. Von anderen Lehrmitteln gehören hieher: Modell eines antiken Kriegsfchiffes mit fünf Ruderreihen( Pentere oder Quinquereme), ausgeführt nach den Angaben des Dr. Grafer auf Grund der neueften Forfchungen, welches die königliche Muſeumsverwaltung ausgeftellt hat. Es find mannigfache Verfuche gemacht worden, ein Bild von der Conftruction eines antiken Kriegsfchiffes zu entwerfen. Theils haben diefe Verfuche praktiſche Seeleute unternommen, denen philologifche Kenntniffe abgingen, zum Theil, was noch fchlimmer war, Philologen ohne die praktifche Erfahrung und die technifchen Kenntniffe des Seemannes. Da genaue Befchreibungen aus dem Alterthume uns nicht erhalten find, die bildlichen Darftellungen aber wegen ihrer Kleinheit oder der oberflächlichen Behandlung jedes Details, welches wir am deutlichften zu erkennen wünſchten, fowie in Folge der mangelnden Perfpective in der Zeichnung, nur in geringem Maſse dafür Erfatz leiften, ift die Unterfuchung über das Schiff und feine Theile zu einer der verwickeltften und fchwierigften antiquarifchen Fragen geworden. In diefe Verwirrung brachten Grafer's Unterfuchungen( De veterum re navali, Berolini 1868, und eine Abhandlung im III. Supplement bande des Philologus, 1866) überrafchendes Licht, und es verdient unferen Dank, dafs Herr Grafer die Refultate feiner mühfamen Forfchung in fo anfchaulichem Bilde klar gemacht hat. Es fcheint ein Zeichen unferer kriegerifchen Zeit, an welche die aus allen Ecken und Enden der friedlichen Räume diefer Weltausftellung drohenden Schlachten- Werkzeuge gemahnen, dafs neben dem Kriegsfchiffe die Artillerie der Alten einen Platz gefunden. Die grofsherzoglich badifche Landescommiffion hat ausgeftellt: Nachbildungen und Modelle antiker Kriegsgeräthe nach Angabe des Profeffor Dr. Köchly: Schleudermafchine( Skorpion) in wirklicher Gröfse, zwei Pilen( Wurflanzen) in wirklicher Gröfse, Balliften, Katapult in verkleinertem Mafsftabe. Auf dem Gebiete der Kriegsalterthümer hat unter allen Philologen Köchly mit dem gröfsten Erfolge gearbeitet und Refultate erzielt, die uns den Gang der kriegerifchen Ereigniffe viel klarer verftehen und erkennen laffen, was hier der menfchliche Erfindungsgeift mit befchränkten - Die Univerfitäten. 15 Mitteln zu erreichen vermochte.- Der Veranfchaulichung des Alterthums dient noch eine Sammlung von Photographien, deren verftändige und finnige Auswahl wie genaue Ausführung alles Lob verdient. Claffifche Landfchaften und Denkmäler aus Griechenland, Kleinafien und Paläftina. Nach der Natur aufgenommen von Baron Paul de Granges. Verlag von E. Quaas in Berlin. Dann die Refultate der 1860 nach Egypten unternommenen archäologifch photographifchen Expedition Dümichen's. Wir dürfen endlich wohl hier erwähnen ein Ausftellungsobject der königlich preufsifchen Unterrichtsverwaltung, nämlich den ausführlichen Bericht über die Einrichtung der Kataloge der königlichen Bibliothek in Berlin nebft fünf erläuternden Beilagen. Eine von Pertz verfafste Brochure,„ Die königliche Bibliothek zu Berlin in den Jahren 1842 bis 1867", gibt die Gefchichte der Bibliothek, ihre Beftände und befpricht die Mittel, welche angewandt wurden, um den Zuwachs der letzten Jahre unter Dach und Fach zu bringen. Es bedeutet eine wefentliche Förderung der wiffenfchaftlichen Arbeit, wenn in folcher Weife die Verwaltung nicht blofs bemüht ift, die Schätze der Bibliothek zu mehren, fondern auch durch Ueberfichtlichkeit der Anordnung und eine allen Bedürfniffen genügende durchfichtige Katalogifirung Jedermann über den Umfang des Vorhandenen zu unterrichten. Die Verwaltung führt zu diefem Zwecke einen JahresHauptkatalog oder Acceffionskatalog, in welchem jedes einlaufende Buch mit Titel, Angabe der Provenienz und wiffenfchaftlicher Claffificirung, welche jedes bleibend erhält, eingetragen wird. Die Nummern, welche das Buch im Acceffionskataloge erhalten, wird auf feinem inneren Deckel vermerkt, und durch diefe Beziehung eines jeden Buches auf die Kataloge und der Kataloge auf die Bücher kann die Verwaltung mit Leichtigkeit felbft nach Jahren jede erforderliche Auskunft ertheilen. Zugleich kann fie durch eine einfache Addirung der jedem Buche beigefchriebenen Ankaufspreife zu jeder Stunde wiffen, über welche Mittel fie noch zu verfügen hat. Die zweckmäfsigfte Anordnung und Aufftellung der Bücher nach ihrer wiffenfchaftlichen Bedeutung, welche bei dem rafchen Anwachfe die gröfsten Schwierigkeiten bot, ift nach einem neuen, von Pertz entworfenen Syfteme erfolgt, welches durch gefchickte Behandlung der allmälig anwachfenden Maffen Ordnung zu erhalten und felbft in einer Millionen Werke umfaffenden Sammlung zu bringen vermochte„ Als einfachftes Bezeich nungsmittel für eine grofse Menge ein- oder mehrbändiger Werke boten fich die Verbindung je eines lateinifchen Capital- Buchftaben: A, B, C, D u. f. w. bis Z mit einer Minuskel a, b, c, d u. f. w. bis z dar; indem grundfätzlich alle Bände eines mehrbändigen Werkes die gleiche Unterfcheidungsbezeichnung führen und auf diefe Weife 25 X 25= 25 einfache und 625 zufammengefetzte Zeichen entſtehen, erhält man 650 Claffen zur Verfügung, in denen mittelft der Zahlen I bis 10.000 eine Bibliothek von 6,500.000 fiebenthalb Millionen Werken mit der Möglichkeit fteter Ergänzungen und Fortfetzungen eingefchloffen werden können. Diefe 650 Claffen als ein wiffenfchaftliches Netz über die bereits vorhandenen Büchermaffen ausgebreitet, umfaffen fyftematiſch den gegenwärtigen Befitz und geftatten durch fprungweife Zahlbezeichnung elaftifche Erweiterung der Verzeichniffe in gleichem Schritte mit dem erweiterten Befitze der Anftalt, da ein Bücherfchatz von Millionen Werken wohl die äufserften Berechnungen und Erwartungen übertreffen dürfte." Nach diefem Plane find nun die wiffenfchaftlichen Fachkataloge bearbeitet, welche fämmtliche Fächer umfaffen, deren jedes mit einem oder mehreren alphabetifchen Regiftern ausgeftattet wird. Ein beiliegendes Verzeichnifs bietet eine Ueberficht über die vollendeten Realkataloge, welche 282 Bände füllen und die unter die betreffenden Beamten vertheilt, durch ihre Vermittlung und Aufficht in beftändigem Gebrauche find und fortwährend vermehrt und vervollſtändigt werden. - - 2 16 Dr. Wilhelm Hartel. Oefterreich. Die Einleitung zum zweiten Bande des Berichtes des öfterreichifchen Unterrichtswefens aus Anlafs der Weltausftellung, herausgegeben von der Commiffion für die Collectivausftellung des öfterreichifchen Unterrichtsminifteriums, fagt über die Vertretung der Hochfchulen auf der Ausstellung:„ Die Natur der Verhältniffe bringt es mit fich, dafs Hochſchulen fich an Ausftellungen nur in geringem Mafse betheiligen, und dafs die Leiftungen der Schulinduftrie für diefelben nicht jenen entfcheidenden Werth haben, wie für Volks- und Mittelfchulen. Die Freiheit des Lehrens und Lernens ift unverträglich mit den feften Normen des übrigen Unterrichtes, welche hier den Gegenftand der Darstellung bilden. Nur die gefchichtliche Einleitung durfte die Hochfchulen nicht ausfchliefsen." Diefe gefchichtliche Einleitung, von Herrn Dr. Adolf Ficker gearbeitet, welche der erfte Band des„ Berichtes" enthält, hat die Entwicklung der Univerfitäten nicht irgend erfchöpfend behandeln wollen oder können, indem mit Recht - den anderen Zweigen des Unterrichtswefens ein gröfserer Raum gewidmet wurde Es werden nur eine Reihe von auf die Univerfitäten bezüglichen Verordnungen, die feit der Mitte des vorigen Jahrhundertes erfloffen find, excerpirt und zum Schluffe die neueften Gefetze und Erläffe ziemlich in extenso mitgetheilt. Das innere Leben derfelben wird kaum mit einigen Worten berührt, des langjährigen erbitterten Kampfes zwifchen Doctoren- und Profefforencollegien, welcher die wiffenfchaftlichen und freiheitlichen Fortfchritte hemmte, nicht gedacht, fo dafs dadurch allerdings Gehalt und Tragweite der neueften Univerfitätsreform der verdienten Beleuchtung entbehren. Uebrigens, um billig zu urtheilen, verdient die materielle Leiftung, die Herſtellung diefes dicken Gefchichtsbandes innerhalb weniger Wochen, anerkennend bemerkt zu werden. " Der von dem Unterrichtsminifterium herausgegebene Specialkatalog der ,, Collectivausftellung von Schul- und Unterrichtsgegenständen" begnügt fich nicht blos, die auf Univerfitäten bezüglichen Objecte kurz zu verzeichnen, fondern begleitet diefelben zum Theile mit eingehendem Commentar. Der gröfste und wichtigfte Theil derfelben, welcher die naturwiffenfchaftlichen Disciplinen betrifft, findet an anderer Stelle des Berichtes feine Würdigung. Wir haben nur zu erwähnen Profeffor Sickl's Monumenta graphica medii ævi, die als werthvollftes Hilfsmittel paläographifcher Studien fich allgemeiner Anerkennung erfreuen, neben welchen die im Kataloge genau befchriebenen 32 Tafeln für arabifche Paläographie, welche von einem ftrebfamen jungen Gelehrten, Dr. Karabáček, herrühren, genannt zu werden verdienen. Die von dem Architekten Horky entworfenen Pläne, Anfichten, Grundriffe der Univerfität Graz"( Nr. 394) legen Zeugnifs ab von dem rühmlichen Bemühen der Regierung, der Wiffenfchaft, welche bis jetzt allenthalb eine klägliche Unterkunft in Oefterreich gefunden, würdige Hallen zu eröffnen. Aber wir bedauern nur, dafs nicht die grofsartigfte Leiftung diefer Art, der nicht leicht eine andere Nation etwas Aehnliches an die Seite zu ftellen vermöchte, im Mittelpunkte der Unterrichtsausftellung einen Platz erhalten. Wir meinen das nach den Entwürfen des genialen Architekten Heinrich v. Ferftel gearbeitete Modell des im Werden begriffenen Wiener Univerſitätsgebäudes, welches in der Kunfthalle zu fehen war. Das Modell, welches uns mühelos die Schönheit einer grofsen Conception geniefsen läfst, läfst kaum ahnen die Schwierigkeiten, welche diefes bedeutendfte architektonifche Unternehmen der Gegenwart bewältigen mufs. Möge die nächfte Ausstellung die glückliche Realifirung des Entwurfes mit dem verdienten Preife krönen. Eine nähere Befprechung verlangen und verdienen jene Lehrmittel der geographifchen Disciplin, welche Profeffor Simony, Vertreter diefes Faches an der Wiener Univerfität, ausgeftellt hat. Graphifche Darftellungen verfchiedener Die Univerfitäten 17 Art wurden hier dem Befchauer geboten, Darftellungen, von denen ein Theil nicht allein das Intereffe des Fachmannes, fondern auch jenes des Künftlers in hohem Grade zu feffeln vermag. Vor Allem fällt ein über 7 Quadratmeter grofses, mit Aquarellfarben gemaltes Tableau ins Auge, welches die Ueberfchrift ,, Gletfcherphänomene" trägt. In einer idealen Landfchaft finden fich da alle wichtigeren Gletfchererfcheinungen zufammengeftellt. Zwei gewaltige Eisftröme, aus weiten Firnmeeren fich entwickelnd, von kühngeformten Felsmaffen verschiedener Formationen umrahmt, in mannigfachfter Weife zerklüftet, drängen fich bis nahe gegen den Vordergrund heran, Seiten. Mittel- und Endmoränen treten in ihrer charakteriftifchen Geftaltung auf, einzelne„ Gletfchertifche" entfteigen der zerfchründeten Eismaffe, aus hochgewölbtem, tiefblauem Gletfcherthore brauft der fchlammbeladene Eisbach hervor. Zerftörte Alpenhütten am Saume der einen, weit ausgedehnten Erdmoräne, fowie die bis zu einer fcharf markirten Grenze ihrer Pflanzendecke entkleideten, theilweife gewaltfam abgefchliffenen Uferhänge des Gletfcherbettes find Zeugen der jüngften gröfseren Ofcillation des rechtsfeitigen Eisftromes. Ein kleiner, trübgrüner Wafferfpiegel, durch einen Katarakt gefpeift, zur Seite des zweiten Gletfchers läfst unfchwer errathen, dafs er feine Entftehung nur der Stauung durch die fich vor ihm aufthürmenden Eismaffen zu danken habe. Eine vom Rande eines Hochfirners losbrechende Eislawine deutet auf die ftete Bewegung auch der kleinften, hoch auf den Kämmen des Gebirges klebenden fecundären Gletfcher. Aber nicht blofs auf die Erfcheinung der gegenwärtig exiftirenden Gletfcher ift in dem Bilde Bedacht genommen, auch mit den charakteriflifchen Spuren der „ Eiszeit" wird der Befchauer bekannt gemacht. Alte Moränen von üppiger Alpenvegetation überkleidet, erratifche Blöcke, Rundhöcker und geritzte Felfen bilden im Vordergrunde die Wahrzeichen der erodirenden Thätigkeit der einftigen Gletfcher, während deren ungeheure Mächtigkeit durch die in den hinterliegenden Berghängen hoch hinauf fich bemerkbar machende Abrundung der weiter aufwärts ganz fcharfkantigen und zackigen Felsmaffen angedeutet erfcheint. Wir glaubten den wefentlichen Inhalt des Gemäldes eingehender fkizziren zu müffen, um den Lefer mit der ganzen Reichhaltigkeit der Compofition bekannt zu machen. Wirkt das Bild fchon durch feinen Gegenftand im hohen Grade belehrend, fo wird die Wirkung noch gefteigert durch die aufserordentliche Naturwahrheit in Linien und Farben, mit welchen alle erwähnten Erfcheinungen wiedergegeben find. Nur ein vieljähriges Studium der Gletfcherwelt vermag ein derartiges Erfaffen derfelben zu ermöglichen, aber auch nur eine künftlerifch fo gefchulte und gleichzeitig durch das Auge des Naturforfchers geleitete Hand, wie jene Simony's ift im Stande, das Gefehene derart wiederzugeben, wie es hier gefchehen ift. Wenn der Ausfpruch Humbold's, dafs gute Landfchaftsbilder wefentlich geeignet find, das geographifche Studium zu fördern, noch eines Beweifes bedürfte, fo ift derfelbe durch das eben befprochene Gemälde in der überzeugendften Weife geliefert. Wenn wir dabei etwas zu bedauern haben, fo ift es diefs, dafs das ausgeftellte Bild ein Original ift, welches bisher noch keine entfprechende Vervielfältigung gefunden hat und fomit nur der einzigen Hochfchule zu Gute kommt, an welcher Simony als Lehrer thätig ift. Neben diefem Gemälde gröfsten Stiles hat Simony noch eine Anzahl geographifcher Landfchaftsbilder kleineren Formates zur Anficht gebracht, theils Aquarelle, theils Bleiftift- oder Federzeichnung; es find diefs von ihm treu nach der Natur ausgeführte Studien, welche die ftreng wiffenfchaftliche und dabei doch auch allen äfthetifchen Anforderungen genügende Auffaffung neben einer bis ins kleinfte Detail gleich gewiffenhaft durchgeführten Darftellung des in einer Perfon vereinigten Fachmannes und Künftlers documentiren. Wir wollen von diefen Bildern nur einige der charakteriftifcheften und intereffanteften nach dem Specialkataloge citiren: Die Spitzatlache am Salurner Firner in der Oetzthaler Gruppe( der höchft gelegene Gletfcherfee[ 8820 Fufs] der öfterrei2* 18 - Dr. Wilhelm Hartel. chifchen Alpen). Venediger Gruppe, Typus der alpinen Gneifsformation und der Querthalbildungen in den Tauern. Ausficht von den„ Rofszähnen" in das Gebiet des oberen Faffathales mit der Vedretta Marmolata, Charakterbild der Melaphyr- und Dolomitformation Südoft- Tirols.-Obervintfchgau mit dem Ortlerftock, nach der Ueberfchwemmung und den grofsen Schuttablagerungen im Jahre 1855 aufgenommen. Die G'fchlöfslkirche unfern dem Gofaugletfcher, einer 6000 Fufs hoch gelegenen Kalkhöhle, durch die rafch fortfchreitende Abbröcklung des Gewölbes dem vollständigen Einfturze und der fchliefslichen Umwandlung in eine Keffel- oder Dolinenbildung entgegengehend. Die Wiesalpe auf dem Dachftein- Plateau, ein alter Moränenboden. Ein Karrenfeld nächft der Wiesalpe. - Eine Zirbengruppe auf dem Dachftein- Plateau, Vegetationstypus aus der oberften Zone des alpinen Baumwuchfes. Das Dachftein- Gebirge vom Sarftein ( 6300 Fufs) bei Hallftatt aus gefehen. Das letztgenannte Bild, eine panoramatifche Anficht von faft I Meter Länge als Federzeichnung ausgeführt, zeigt die ganze Originalität der Auffaffungs- und Darftellungsweife Simony's. Trotz der faft vollſtändigen Verzichtleiftung auf die Zuhilfenahme von Beleuchtungseffecten und einer bis ins Kleinfte gehenden Verfolgung alles beachtenswerthen Details zeigt doch das Ganze eine Plaftik und Klarkeit, welche insbefondere für das Auge des Kenners von der überrafchendften Wirkung ift. Dem Geographen wie dem Geologen ift in diefem einzigen Bilde eine reiche Fülle der lehrreichften und intereffanteften Terrainftudien zur Anfchauung gebracht. Endlich müffen wir noch einer Landfchaftsdarftellung Simony's gedenken, weil fie einen befonderen Theil feiner Lehrthätigkeit kennzeichnet; es ift ein mit dem Pinfel in kräftigen Conturen fkizzirtes Wandbild,„ ein alpines Längenthal" darftellend. Dasfelbe zeigt die Art, wie mit wenigen Linien typifche Formen der Landfchaft in klarer, allgemein verftändlicher Weife auf der Tafel entworfen werden können. Diefes und ähnliche Blätterwerke werden von Simony bei den mit den Lehramts- Candidaten vorzunehmenden praktifchen Uebungen als Vor lagen benützt, um jene in die einfachfte Art landfchaftlicher Skizzirung einzufchulen und derart eine allgemeinere Anwendung diefer Veranfchaulichungsmethode bei dem geographifchen Unterrichte anzubahnen.. Acht graphifche Wandtafeln haben die Darftellung diverfer phyſikaliſchgeographifcher Verhältniffe zum Gegenftande. Von diefen heben wir zunächft die in fehr plaftifcher Weife ausgeführten Tiefenfchichten Karten des Gmundner und des Sct. Wolfgang- Sees im Mafsftabe von 1: 7200, mit beigegebenen Längen- und zahlreichen Querprofilen hervor, welche ein fehr vollſtändiges und zugleich getreues Bild der Geftaltung diefer beiden Becken infofern geben, als gegen die gewöhnliche Uebung in den Profilen für Länge und Tiefe ein gleicher Mafsftab( 1: 3600) beibehalten ift. Diefen fchliefst fich ein Tableau an, welches die Temperaturverhältniffe von zehn Seen des Traungebietes nach deren verfchiedenen Tiefen in überfichtlichfter Weife, und zwar mit Zuhilfenahme verfchiedener Farbentöne für die einzelnen Wärmegrade veranfchaulicht. Diefe letzterwähnten Seekarten find Originalien in doppeltem Sinne, indem fie nicht allein von der Hand Simony's entworfen find, fondern auch zugleich die Refultate feiner eigenen Unterfuchungen wiedergeben. - Erwähnenswerth find endlich auch noch drei klimatifche Tableaux, welche Simony zur Anfchauung gebracht hat. Das erfte davon, bei 3 Meter lang, hat die Temperaturverhältniffe Wiens aus dem neunzigjährigen Zeitraume von 1775 bis 1864 zum Gegenftande. Es finden fich in demfelben: 1. Die normale 2. Die Jahrescurve, conftruirt aus den allgemeinen Wärmemitteln aller Tage. analoge Curve des in Bezug auf die Monatsmittel differenteften und zugleich 3. Die Curve des nach den Monatsmitteln wärmften Jahres( 1810 auf 1811). wenigft differenten Jahres( 1842 auf 1843). 4. Vierundzwanzig Partial curven, darftellend den Temperaturgang( nach Tagesmitteln) des während der bezeichneten Periode wärmften und eben fo des kälteften von jedem der zwölf Monate. - - Die Univerſitäten. 19 5. Höchfte und tieffte Mittel aller Tage des Jahres. 6. Einzelne abfolute Temperaturextreme. Trotz der mannigfachen Verhältniffe, welche fich hier in einem einzigen Bilde zufammengedrängt finden, wurde doch eine leichte Ueberfichtlichkeit des Ganzen durch die Anwendung verfchiedener Farben- und Zeichnungsweifen für die einzelnen Curven erzielt. Sehr inftructiv erſchien uns ferner eine thermographifche Tafel, in welcher durch verfchiedenfärbige Horizontallinien die Mitteltemperatur des kälteften und wärmften Monats, fowie die mittlere Jahrestemperatur von 100 Erdorten verfchiedener geographifcher Breiten dargestellt wird. Dadurch, dafs die Orte nicht blos nach der geographifchen Breite, fondern auch zugleich derart ausgewählt und geordnet find, dafs marine mit continental gelegenen Stationen abwechſeln, macht fich der Einflufs der beiden klimatifchen Hauptfactoren auf die Gröfse des Temperatur- Spielraumes in der verfchiedenen Länge der Linien in auffälligfter Weife bemerkbar. Ein drittes Tableau endlich enthält eine gröfsere Anzahl aus Monatsmitteln conftruirter Temperaturcurven von Orten verfchiedener abfoluter Höhe und geographifcher Breite. Wie bei den wiffenfchaftlich und künftlerifch gleich werthvollen Landfchaftsbildern Simony's müffen wir auch bei diefen phyfikalifch- geographifchen Darftellungen es beklagen, dafs man es hier mit Originalien und nicht fchon mit käuflichen Reproductionen zu thun hat. Veranfchaulichungsmittel folcher Art, wie die eben befprochenen, würden ein höchft fchätzbares Element für den erdkundlichen Unterricht abgeben. Allerdings ift wohl zu begreifen, dafs eine entfprechend treue Wiedergabe von Originalien, wie fie vorliegen, nur mit grofsen Koften zu bewerkstelligen wäre, indefs fcheint uns bei der Bedeutung und Wichtigkeit derartiger Lehrmittel eine möglichft zahlreiche Vervielfältigung der nothwendigen, wenn auch grofsen Opfer, jedenfalls aber der möglichften Förderung und Unterſtützung von Seite der Unterrichtsbehörden werth. Dafs Simony's Arbeiten auch bei der Jury Anerkennung fanden, beweift der Umftand, dafs denfelben die Fortfchrittsmedaille zugefprochen wurde.