OFFICIELLER AUSSTELLUNGS- BERICHT HERAUSGEGEBEN DURCH DIE GENERAL- DIRECTION DER WELTAUSSTELLUNG 1 8 7 3 UNTER REDACTION VON DR. CARL TH. RICHTER, K. K. o. ö. PROFESSOR IN PRAG. DAS BÜRGERLICHE WOHNHAUS. ( Gruppe XIX.) DIE NATIONALE HAUSINDUSTRIE. ( Gruppe XXI.) DARSTELLUNG DER BUCHERE WIRKSAMKEIT DER MUSEEN FÜR KUNSTGEWERBE. ( Gruppe XXII.) Bericht von DR. CARL TH. RICHTER, k. k. o. ö. Profeffor der Staatswiffenfchaften an der Univerfität zu Prag. Technologisches Gewerbe-* seum WIEN WIEN. DRUCK UND VERLAG DER K. K. HOF- UND STAATSDRUCKEREI. 1874. 333 11 над TX 11 DAS BÜRGERLICHE WOHNHAUS MIT SEINER INNEREN EINRICHTUNG UND AUSSCHMÜCKUNG. ( Gruppe XIX.) Bericht von DR. CARL TH. RICHTER, k. k. o. ö. Profeffor der Staatswiffenfchaften an der Univerfität zu Prag. 11. Diefe Gruppe ift beftimmt, einen Beitrag zur Löfung einer der brennend ften focial- wiffenfchaftlichen Fragen zu liefern." So beginnt das officielle Specialprogramm der Generaldirection für die Gruppe XIX der Wiener Weltausstellung, und es mag wohl Recht haben. Durch das Haus wie durch die Wohnung kann man nicht nur den Menfchen, fondern ganzen gefellſchaftlichen Claffen, ja Völkern ins Herz fehen. Das Wohnhaus wie die Wohnung find nicht nur der Ausdruck der perfönlichen Ent wicklung und Selbftftändigkeit des Menfchen und Bürgers und bringen nicht allein Gewohnheiten und Charaktereigenthümlichkeiten der Völker wie der einzelnen Volkskreife zum Ausdrucke, fondern fie üben rückwirkend felbft wieder den gröfsten Einfluss auf das Leben des Menfchen und insbefondere der Familie. Wirthfchaftliche Entwicklung, wie klimatifche Verhältniffe haben dabei vielfach beftimmend mitgewirkt. Gewifs ift, dafs den germanifchen Stämmen das Haus und mit dem Haufe die Häuslichkeit ftets einen höheren Werth und eine gröfsere Bedeutung hatte als den romanifchen Stämmen und Völkern. Es liegt daher auch dem germanifchen Leben fehr nahe, im Haufe oder der Wohnung Alles, was dem Leben der Familiengenoffen nahe fteht, mit demfelben in innigen Einklang zu bringen; die Häuslichkeit findet allenthalben bei den manifchen Völkern eine Ergänzung in dem Begriffe der Wohnlichkeit.„ Die Wohnftube" nimmt daher feit gar langer Zeit, ja felbft heute noch, wo fich die focialen Verhältniffe fehr verändert haben, eine grofse Bedeutung in dem deutfchen und englifchen Wohnhaufe, ja felbft in der blofsen Wohnung ein. Hier fand und findet fich die Familie zufammen, hier wird im engeren Sinne des Wortes die Häuslichkeit zur Liebe und Verehrung für das Familienhaus. Die Wohnftube ziert der erfte und befte Schmuck, und erft, als mit den Fortfchritten der Induftrie die Mittel zur Verfchönerung fich vermehren, verallgemeinert fich im Haufe felbft auch der Zierrath und die Ausftattung, und künftlerifcher Sinn mufs bald die einzelnen Theile der Wohnung nach der Ausftattung in Harmonie brinI* ger 2 Dr. Carl Th. Richter. gen. Anders ift es mit dem unter wärmerer Sonne lebenden Italiener, Spanier und Portugiefen und endlich auch den Franzofen. Durch klimatifche Verhältniffe begünstigt, durch nationale Sitte, Gewohnheit und Eigenthümlichkeit allmälig zur Lebensordnung erhoben, bewegen fich die romanifchen Stämme mehr aufserhalb des Haufes und machen, wie ihre Vorfahren, die Wohnung felbft nur zu einer Zufluchtftätte gegen den Wechfel des Klimas und der Tages- und Nachtzeit. Durch die Erziehung der Kinder aufserhalb des Haufes und des Kreifes der Familie hat das Wohnhaus wie die Wohnung den ethifchen Inhalt verloren. Da aber doch die Wohnung den focialen Beziehungen und Verbindungen zu dienen hat, fo ift bei allen romanifchen Völkern von jeher der ,, Salon" der wefentlichfte Theil der Wohnung und die Vollendung des Wohnhaufes nur in feiner Vollendung erkannt worden. Dafs dabei weniger der Architekt als jede Richtung des Kunstgewerbes, welches den Salon zu fchmücken hat, Werth und Bedeutung empfängt, ift wohl natürlich. Wir wollen mit diefer kurzen Charakteriſtik der Culturvölker vorläufig nicht mehr fagen, als dafs auf der Ausftellung an der Gruppe XIX nur Holland, Deutfchland und Oefterreich fich betheiligt und wenigftens einzelne, das bürgerliche Wohnhaus beachtenden Pläne zur Ausftellung gebracht haben, die Schweiz und England wenigftens verfuchten, fich mit Modellen und Plänen von höher entwickelten Arbeiterwohnungen zu betheiligen, Norwegen einige Zeichnungen von Theilen des bürgerlichen Wohnhaufes ausftellte, die freilich mit ihrem reichgefchmückten Speifefaale, durch Kronleuchter, Kandelaber und Wandleuchter überladenen Tanzfaale die Verhältniffe des bürgerlichen Wohnhaufes weit überftiegen; Spanien, Portugal und Italien dagegen gar nichts zur Ausftattung der Gruppe XIX beitrugen, Frankreich in höchft unberechtigter, aber defshalb keineswegs in befcheidener Weife mit feinen grofsen und kleinen Decorateuren, mit all' feinen Möbel- und Kunfthändlern zu glänzen verfuchte, und hier das Rauch- und Spielzimmer eines Börfenbarons, dort das Schlafzimmer oder Boudoir einer Cocotte, mit dem Raffinement franzöfifcher Erfindung gefchmückt, als Beiträge zur Lösung einer der brennendften focial- wiffenfchaftlichen Fragen" lieferte. Wir werden auf all' diefe Objecte noch in Kurzem fpäter zu sprechen kommen. Der zweite Theil, den das officielle Programm der Gruppe XIX zur Ausftellung zu bringen beabsichtigte, bezog fich auf die Einrichtung des bürgerlichen Wohnhaufes.„ Das Haus foll nicht blos als Bau- Object einen Gegenftand diefer Ausftellung bilden, fondern zu diefem Ende auch vollſtändig eingerichtet werden." Das hat einen tiefen Sinn. Hat der Menfch nicht die wirthfchaftliche Kraft, im feinem Wohnhaufe frei und felbftft ändig fich zu zeigen, in Befitz und Eigenthun hervorzutreten, fo hat und kann er überall die fittliche Kraft haben, diefs zu thun und es wird fich dann feine Freiheit im Schmucke der Wohnung, in deren Zierlichkeit und Sauberkeit äufsern. ,, Willkommen, füfser Dämmerfchein"- fo grüfst Fauft das Stübchen Margarethens " - " Wie athmet rings Gefühl der Stille, „ Der Ordnung, der Zufriedenheit! In diefer Armuth welche Fülle, " In diefem Kerker welche Seligkeit!" Was die Ausftellung für die Erfüllung diefes fchönen Gedankens gethan hat, ift nun freilich nicht der Rede werth. Die Einrichtung des unter Gruppe XIX von England ausgeftellten eifernen transportablen Wohnhaufes für Arbeiter war ebenfo nebenfächlich und unbedeutend, als die des hölzernen, zerlegbaren und tragbaren Haufes, wie es Martin Kien aus Wien ausgeftellt hatte. Mit Ausnahme diefer beiden ungenügenden Beiſpiele war Alles in diefer Richtung fo geartet, wie es das„ Specialprogramm" gerade nicht wollte. Das bürgerliche Wohnhaus. 3 " Das Wohnlichmachen, fagt diefes Programm, wird in zweifacher Richtung erfpriefslich wirken. Wenn die bisherigen Weltausftellungen neuen, für das Haus beftimmten Erfindungen oder Einrichtungen nicht in dem erwünſchten Mafse Verbreitung verfchaffen, fo lag diefs wohl wefentlich mit daran, dafs man diefe Gegenftände, je nach dem Materiale oder der Fabricationsweife, vereinzelt und verftreut zur Anfchauung brachte, nicht aber in ihrer richtigen Verbindung und Anwendung." In Wirklichkeit war nun Alles auf der Wiener Ausftellung gerade fo. Von dem, was die Generaldirection wollte und was fehr fchön gefagt und gedacht war, dafs die Wohnräume, Küche, Keller u. f. w. mit Berücksichtigung aller Bedürfniffe des bürgerlichen Haushaltes und aller bewährten Einrichtungen als ein Ganzes und zur fofortigen Benützung fich geeignet darftellen und fo dem Befucher ein Bild vorführen follten, wie es in gleicher Vollständigkeit und Deutlichkeit auf anderem Wege nicht zu erreichen ift und wie es die Einbildungskraft nie hervorbringen kann" von alledem war in der ganzen Ausstellung nichts zu fehen. Ja nicht einmal die Gewerbetreibenden, welche die Decoration des inneren Haufes zum Gegenftande ihrer Arbeit haben, wollten, das geeignete Terrain zur Bethätigung ihrer Leiftungsfähigkeit" in gemeinfamem Zufammenwirken bebauen, fondern zogen es vor, allenthalben mit ihrer höchft eigenen Perfönlichkeit und Leiftung in den bezüglichen Gruppen zu glänzen oder zu verfchwinden. Und doch hat die Generaldirection vollſtändig Recht, wenn fie fagt:„ Wer fich gegenwärtig hält, dafs der Begriff der Wohnlichkeit aufser der Zweckmäfsigkeit auch Schönheit, mit diefer Harmonie aller Theile verlangt, wird nicht beftreiten, dafs ein vereintes Schaffen vom Standpunkte des Publicums wie von dem der Gewerbetreibenden wünſchenswerth erfcheint." 99 Es ift nach diefer Uebersicht des Programmes und der Erfüllung desfelben auf der Weltausftellung eigentlich in gar nichts die Abficht der Gruppe XIX durchgeführt worden. Und doch ift, wie das Programm gleichfalls fehr fcharf hervorhebt, die angeregte Frage von der weitgreifendften Wichtigkeit. Wohl bei den meiften Völkern ift das bürgerliche Wohnhaus in der Entwicklung zurückgeblie ben. Die Wandlungen in unferem gefellſchaftlichen Leben, die Verkehrsverhältniffe der Neuzeit, noch mehr aber die Steigerung der Bodenpreife haben den Beftand des alten Bürgerhaufes felbft in kleineren Städten nahezu unmöglich gemacht.... Unter dem Einfluffe der den modernen Verkehr beftimmenden Elemente fehen wir die Landplage der Miethkafernen immer mehr um fich greifen und als leider unvermeidliche Folge des Zufammenwohnens Vieler auf engem Raume und des hiedurch gelockerten Familienlebens eine Reihe von für Gefundheit und Sittlichkeit nachtheiligen Wirkungen fich entwickeln." Es ift bei diefer klaren Erkenntnifs eben nur die Frage, wie denn die ganze Anregung, die Beftrebungen zu zeigen ,,, das Familienhaus in neuen, den modernen Verhältniffen angepassten Formen wieder ins Leben zu rufen", mit ganz wenig Ausnahmen fo unbeachtet und fpurlos vorübergehen konnte. Es ift dabei unzweifelhaft wahr, dafs die Gruppeneintheilung der Wiener Weltausstellung der Durchführung der Gruppe XIX grofse Schwierigkeiten entgegenftellte. Sie wird in Betreff der inneren Einrichtung des Wohnhaufes faft durch alle anderen Gruppen durchkreuzt, betreffs ihrer Gefammterfcheinung durch Gruppe XVIII, Bau- und Civilingenieurwefen, ebenfo wie durch Gruppe XX, das Bauernhaus, vielfach zerriffen. Stellt doch der amtliche Katalog das Vorarlberger Bauernhaus unter das bürgerliche Wohnhaus und hat die Jury in ihrer unglaublichen Unklarheit diefes ebenfo wie den Palaft des Vicekönigs von Egypten als bürgerliche Wohnhäufer beurtheilt und ausgezeichnet. Ausserdem hat fie vor Allem Tifchler und Möbelfabrikanten und die 12 Firmen, welche die Ausfchmückung und Einrichtung des Pavillons der franzöfifchen Commiffion geliefert hatten, als Ausfteller in Gruppe XIX prämiirt. Aber diefe Erfcheinungen entfcheiden keineswegs noch ganz über 4 Dr. Carl Th. Richter. die Unvollkommenheit der Ausftellung felbft. Sie find eben nur felbft ein Beitrag zu diefer, und darüber, glaube ich, darf man im officiellen Berichte des weiteren wohl fprechen. Sagen wir es kurz und ganz beftimmt: Man ift in keiner Weife über die mit der Gruppe XIX angeregten Fragen klar, weder über die hier eingreifenden hiftorifchen Erfcheinungen, noch über die heute geltenden thatfächlichen Verhältniffe. Das vielfach angezogene, fo geiftreiche Programm über die Gruppe XIX gibt merkwürdiger Weife auch dafür Belege. Es fpricht in vollſtändiger Verkennung des alten bürgerlichen Wohnhaufes von der Raum und Materialverfchwendung und einer ziemlich willkürlichen Eintheilung und Geftaltung" desfelben. Es fpricht, eben fo unklar über die gegenwärtigen Verhältniffe, von der„, Landplage der Miethkafernen." Es bewegt fich in Betreff der Einrichtung des bürgerlichen Wohnhaufes in dem Gedankenkreife des erften beften Aefthetikers, der dort ftreng kathedermäfsige Weisheit als Zeichen der vollen Menfchenwürde fordert und zur Geltung bringen will, wo die factifchen Verhältniffe felbft dem feinft gebildeten Kreife ein entfcheidendes non possumus entgegenfetzen. 99 " 9 Neben der Landplage der Miethkafernen", die heute fchon weit über die grofsen Städte hinausgreift, entwickelt fich nämlich ganz naturgemäfs neben dem Miethen das Ausmiethen und Kündigen, neben dem Einziehen das Ausziehen, Verhältniffe, welche die architektonifche Einrichtung und Decoration" taufendfach gefährden und unmöglich machen, und felbft, wo fie möglich ift, in ihrem Glanz und Duft fehr oft zerbröckeln. Unter diefen Verhältniffen geftaltet fich das bürgerliche Wohnhaus der Gruppe XIX, und alle Abfichten und Forderungen, die man dabei zur Geltung bringen wollte, ebenfo wie die Summe aller modernen Anfprüche der Berufsäfthetiker, als exiftirend für Jene, welche der Himmel mit Glücksgütern fo reich gefegnet hat, dafs das bürgerliche Wohnhaus für fie in der That als ihr Haus und nicht blos als ihre Wohnung erfcheint, find noch ungeklärt. Wir wollen diefen Verhältniffen gegenüber in einigen kurzen Zügen die Gefchichte und Oekonomie des bürgerlichen Wohnhaufes kennzeichnen. Das Ende diefer Gefchichte wird vielleicht auch im Stande fein, die Mangelhaftigkeit und Unvollkommenheit der Gruppe XIX auf der Ausftellung zu erklären. Es geht ein einziger und dauernd gleicher Zug durch die Gefchichte des Wohnhaufes der Menfchen. Das Haus in feiner Geftaltung und Eintheilung ift nichts Willkürliches und von dem Menfchen allein Bedingtes. Es hängt dauernd und in allen Culturperioden von der wirthschaftlichen Lage der Menfchen ab. Wir können drei grofse Perioden in der Gefchichte des bürgerlichen Wohnhaufes unterfcheiden, Perioden, für welche die deutfche Sprache bezeichnende Namen uns bietet. Ich meine die Periode der einfachen Behaufung, welche mit den Anfängen der menfchlichen Cultur, Jahrtaufende vielleicht für fich in Anspruch nehmend, zufammenfällt. Mit dem grofsen Culturmoment der Sefshaftigkeit oder der Anfäffigmachung der Menfchen beginnt die Periode, wenn wir fo fagen dürfen, des bürgerlichen Wohnhaufes. Sie reicht bis in die Gefchichte unferer Väter und ift in einzelnen Zügen in dem Leben der bäuerlichen Bevölkerung noch immer erhalten. An diefe Periode reiht fich die unfere Zeit beherrfchende und in den grofsen Bevölkerungscentren zum Ausdrucke kommende Periode der Miethwohnung und der Zinshäufer. Dafs diefe Perioden fich nicht mit der Schärfe der Paragraphen abgrenzen, ift leicht erklärlich. Unferer Cultur gehen fchon Culturperioden voraus, die Leid und Freud der Menfchheit, auch die der Wohnung ausgelebt haben. Xenophon und Plutarch erzählen von den Wanderungen und Wohnungswechfeln der Könige und Vornehmen der Perfer, welche es in dem dichtbevölkerten Sufa mit dem Nahen des Frühlings nicht mehr auszuhalten vermochten und ihre Sommerwohnungen in Ekbatana bezogen. Rom hat diefen Luxus frühzeitig nachgeahmt. Das bürgerliche Wohnhaus. 99 5 Wohl mag es nicht befonders behaglich gewefen fein, im Sommer in den Strafsen zu wandeln, die fo eng aneinander ftiefsen, dafs fich die zahlreichen Erker und Vorfprünge faft berührten, unter den vier und fünf Stock hohen Häufern, die von einem immer bedenklicheren Volke bewohnt wurden, je höher das Stockwerk und je billiger dem entſprechend die Miethe war, und die von den Häuferfpeculanten und den von ihrer Hausmiethe lebenden Herren des alten Roms fo gebaut waren, dafs man neben den zahlreichen Feuersbrünften auch von ebenfo viel Hauseinftürzen reden hörte. Erft nach Neros Brandlegung wurde es beffer und entftand jenes glänzende Rom, das Strabo fo begeistert befchreibt, und von dem Amian erzählt, dafs Kaifer Conftantin, als er im Jahre 337 es zum erften Male fah, ftumm vor Bewunderung wurde. Wohin auch fein Auge fich wandte, fah er fich von dem dichten Gedränge der Wunderwerke geblendet." Und in diefer Stadt wogten in ewigem Gedränge 1 Millionen Menfchen hin und wieder, und in dem unerfchöpflichen Schaufpiele von Kaufhallen, Läden und Magazinen konnte man, wie Plinius fagt, die Güter der ganzen Welt in der Nähe prüfen. Da aber vertrieb, wie lange vorher, das wüfte Leben den Reichen aus der Stadt, um im behaglichen Genuffe feiner Villa des Landes fich zu freuen. Den Armen aber drängten damals fchon die Koftfpieligkeit des Lebens und die koloffalen Miethpreife in beftändigem Wohnungswechfel weit an die Enden der Stadt und darüber hinaus. Zu Cäfar's Zeit waren die Miethen in Rom vier Mal höher, als in den übrigen Städten Italiens, und Juvenal behauptet, dafs man in Sora, Fabrateria oder Frufino ein Haus mit Garten für eine Summe kaufen konnte, die man in Rom für eine finftere Jahreswohnung zahlte. Ein langes Jahrtaufend vor uns alfo lebten in anderer Cultur, in anderer Staats- und Wirthfchaftsordnung die Menfchen die gleiche Noth durch, die wir heute leben, und galt der Satz, der heute gilt, dafs man die Hälfte des Lebens vergeudet, um die andere Hälfte annähernd ungeftört zu geniefsen. Kehren wir auf den Ausgangspunkt unferer gefchichtlichen Grundzüge zurück. Wie das Leben des Menfchen im Uranfange feiner Gefchichte von den vorhandenen Lebensmitteln abhängig war, fo lebte er felbft auch unftät und nicht an den feften Wohnfitz gebunden. Der breitblätterige Baum mag ihm damals Schutz und Bedachung, in anderer Gegend der Fels und die Felfenhöhle das Mittel der Umzäunung und Verbergung gegeben haben. Die Behaufung war der einfache Charakter feines Wohnens. Einer ſpäteren Zeit und reicheren Cultur war vielleicht der Baum das Vorbild des Zeltes und die natürliche Höhle das Vorbild des Haufes. Die Araber mit ihrem beweglichen Jäger- und Kriegerleben find heute noch wie vor langen Jahrhunderten Zeltbewohner. In Amerika, Afrika und Afien begegnen, wir unter den wilden und halb civilifirten Stämmen noch den Höhlenbewohnern. Es find Stämme, die in einer geordneten wirthschaftlichen Arbeit noch nicht an die Scholle feftgebunden find. Und das Leben ohne Arbeit ift dauernd bedingt und abhängig von den Nahrungsmitteln, die der Menfch fucht und findet. Erft mit der Sefshaftigkeit und Anfäffigmachung entſteht auch ficher das Wohnhaus des Menfchen. Neben der Scholle, die er bebaut, feftigt er das Zelt durch Holz- und Erdwände, erhebt er die Höhle über den Boden und baut gleichfalls zuerft aus Holz und in einer fpäteren Periode erft aus Stein das Haus und die Hütte, die ihm nun nicht mehr blos Schutz und Zufluchtftätte ift, fondern der Vereinigungspunkt feines Lebens und feiner Wirthfchaft. So weit unfere hiftorifche Kenntnifs reicht, finden wir den Menfchen fchon mit dem Wohnhaufe verbunden. Das Klima entfcheidet über feine Bau- Art, die Lebensweife und öffentliche Ordnung über feine innere Geftaltung. Leichtes Fachwerk bildet die Häufer Perfiens und Egyptens in den älteften Zeiten und Jofephus erzählt in feiner Gefchichte des jüdifchen Krieges, dafs die Römer bei 6 Dr. Carl Th. Richter. Erftürmung der jüdiſchen Gebirgsftadt Gamala auf den Dächern der Häufer kämpften, die bald mit ihnen einftürzten und, da fie aus Lehm beftanden ,,, weithin den Staub aufwirbeln liefsen". Die claffifchen Völker zeigen uns den Bürger nur in der Menge der öffentlichen Gefchäfte und Thätigkeiten; in der Rathsverfammlung und auf den öffentlichen Plätzen ift er eigentlich zu Haufe. Das eigentliche Haus, das Haus von Rom und Athen ift durch Jahrhunderte Zufluchtftätte und Vorrathskammer. Es wird daher für den Schmuck desfelben und die Einrichtung wenig gethan und ein Hausgeräth im Werthe von taufend Drachmen, beiläufig 170 Thaler, foll nach Lyfias etwas ganz Aufserordentliches gewefen fein. Nur die Götter und die Könige haben reicher und ftolzer gewohnt. Naufikaa ſpricht von der prächtigen Wohnung ihres Vaters Alkinous und Homer ift voll des Ruhmes über den Palaft des Königs Priamus mit", in Stein gehauenen Hallen und fünfzig Gemächern im Innern". Wie fo das Haus überwiegend durch Jahrtaufende Vorrathskammer und Arbeitſtätte ift, entwickelt es mit feiner wirthschaftlichen Bedeutung allmälig auch einen politifchen Werth. Das Haus oder der Befitz macht den freien Mann. In Egypten gab es vor uralter Zeit Häufer, die in fechzehn Eigenthumstheile zerfielen, wahrfcheinlich weil Grundbefitz das Zeichen der Freiheit und fomit der höheren Kafte war. Diefe Beziehungen ragen fcharf ausgeprägt ins Mittelalter hinein und, verbunden mit den Zunft- und Gewerbe- Ordnungen, wenn auch bedeutend verändert, bis in unfere Tage. Der Hausbefitz gibt allmälig Bürgergerechtigkeit und Gewerberecht. Er ift dadurch auch die Quelle politifcher und communaler Berechtigung. Da aber allmälig der Ausbau der ftädtifchen Kreife fich vollendet, fo tritt an die Stelle des Hauserwerbes die Zahlung einer Taxe, die Bürgerreluitionstaxe, wie ſie z. B. in Wien genannt und bis in die letzten Jahrzehnte beftehend war, und wird die Geldwirthfchaft auch nach diefer Seite gegenüber der alten Naturalwirthschaft bedeutfam. Das Haus ift in diefen Jahrhunderten als Familienhaus allmälig die Bafis der Häuslichkeit und der Wirthfchaftlichkeit. Es ift Wohnhaus für den Familienvater und die Familie mit dem Gefindewefen, aber es ift auch Werkftatt und Vorrathskammer. Wenn es die Macht des Befitzes geftattet, umfchliefsen die Mauern wie bei den Burgen auch noch die Productionsgebiete, Wiefen und Ackergründe. Es ift ganz falfch, wenn das officielle Programm der Gruppe XIX dem alten bürgerlichen Wohnhaufe Raum- und Materialverfchwendung vorhält. Das Haus musste einft für Alles forgen. Bei der wirthschaftlichen Lage der Vergangenheit, dem Mangel an ausgiebigen Verkehrsmitteln, Wegen, Strafsen und Märkten ift die Sorge für die Erhaltung des Lebens eine fehr ernfte und grofse. Vorrathskammern nehmen den rückwärtigen Theil des Haufes ein, geräumige Keller und Böden find Bedürfnifs der gefammten Wirthschaftlichkeit der Zeit, ebenfo wie die grofse Anzahl der Knechte und Mägde durch die grofse Arbeit des Haufes geboten erfcheint. Wenn wir heute noch von Häuslichkeit fprechen, fo verftehen wir und können wir darunter nichts Anderes mehr als Wirthfchaftlichkeit im engeren Sinne des Wortes verftehen, denn unferer heutigen Häuslichkeit fehlt zur Vollständigkeit des Begriffes in den meiſten Fällen das Wefentlichfte, das Haus. Die wirthschaftliche Entwicklung unferer Tage, die Veränderung des ganzen gewerblichen Lebens, die ungeheuere Entwicklung des Verkehrs und der Verkehrsmittel, die in alle menfchliche Thätigkeit eingreifende Arbeitstheilung haben die Zahl der häuslichen Sorgen bedeutend verringert. Der Hausbefitz wird allmälig das Zeichen grofser wirthschaftlicher Wohlhabenheit oder die Quelle wirthschaftlicher Speculation. Nur in der bäuerlichen Wirthfchaft neben der Ackerwirthfchaft erfcheint er noch als Nothwendigkeit und Das bürgerliche Wohnhaus. 7 hängt auch hier in diefer Nothwendigkeit mit der ganzen bäuerlichen Wirthfchaft zufammen. Allmälig drängt das gewerbliche Leben in die Städte eine ungeheuere Bevölkerung, es fteigern fich die Grund- und Bodenpreife, und wie mit diefer Bewegung, Zeichen der allgemeinen Entwicklung, auch die Staatsausgaben fich ſteigern, erhöhen fich natürlich auch die Bedürfniffe dafür, die Steuern. Und Grundwerth und Steuern wirken neben den fonftigen wirthschaftlichen Veränderungen des Lebens auf die Veränderung des Wohnhaufes und die Geftaltung der bürgerlichen Haushaltung. Grofse Vorrathsräume find überflüffig geworden; die Keller und Bodenräume fchrumpfen ein und werden zu einfachen Bewahrungsräumen für die Gegenftände des täglichen Bedarfs. Es gibt keinen gewerblichen Betrieb mehr in der einzelnen Haushaltung, denn die Organiſation der Induftrie erfetzt Alles, was fie einft felbft zu erzeugen nöthig hatte; Märkte und Verkaufsplätze find jeden Augenblick bereit, aller Nachfrage zu genügen. Unwirthschaftlichkeit wäre heute, was unferen Grofseltern noch höchfte Tugend und Sorge war. Nicht das Haus, die Wohnung allein wird jetzt die überaus befchränkte Sorge der Haushaltung und an die Stelle der Häuslichkeit tritt die Sorge der Wohnlichkeit. Die Räume, die wir dafür benützen, werden immer geringer, weil eine grofse Wohnung nur mehr der grofsen Wohlhabenheit zugänglich oder als ein Zeichen des Luxus und der Verfchwendung zum Ausdrucke kommt. Und je gröfser die Beweglichkeit des jetzigen bürgerlichen Lebens wird und gewiffe Stände, wie die Summe des Beamtenftandes, des Militärs und felbft zahlreiche bürgerliche Wirthschaften beherrscht, defto mehr wird der Bedarf, den die Wohnung repräfentirt zur Verfchwendung und zum Luxus hingedrängt, wenn fie das Nothwendige überfchreitet. Die Wohnung wird aber erft ein fertiger Begriff mit der Summe der Einrichtungsgegenstände und diefe erft wird zum Ausdrucke der Unwirthfchaftlichkeit in den modernen Wohnungsverhältniffen. Wo an Stelle des Haufes die blos gemiethete Wohnung tritt, da ift die Unficherheit der Erhaltung derfelben der ftets gefürchtete Gaft. Erhöhung der Miethpreife und einfache Kündigung verfchieben, wie uns die Statiſtik der gröfseren und zahlreichen kleineren Städte von faft ganz Europa zeigt, in einem einzigen Jahre bei Taufenden von Familien vielfach oft die Verhältniffe. Ueberfiedlung und Delogirung aber find durch fich felbft wie durch Befchädigungen und Verlufte anfehnliche Capitalsvergeudungen. Aber auch dagegen kämpft der praktiſche Geift unferer Zeit rüftig an. Man baut in Paris und anderen Städten, foweit es die Sicherheit des Baues geftattet, mit hohlen Wänden und erfpart Kiften und Kaften, das koftbarfte und für den Transport unbequemfte Einrichtungsstück. In Frankreich wie in Deutfchland ift die Möbelvermiethung für ganze Wohnungen zu einem Gefchäfte geworden und befreit die Haushaltung, die nicht im eigenen Haufe gefichert ift, von unendlicher Sorge und grofsen Koften. Es ift ganz wider. fpruchsvoll, dafs wir bei der fonftigen Beweglichkeit, Schnelligkeit und Rafchheit unferes Lebens in den einzelnen Punkten unferer fogenannten Häuslichkeit die koftfpieligften Schwerfälligkeiten noch behaupten. Die Aefthetik unferer Tage mit ihrer glücklichen, aber oft träumerifchen Kunftforderung, die fie fo allgemein an das Leben ftellt, hat einen fehr befchränkten wirklichen Werth, das heifst einen Werth eben für die ,, oberen Zehntaufend", denen für das Leben überhaupt glücklicher gebettet ift als der grofsen Menge. Hier mag das Wort„ Kunft" im vollften Mafse zur Geltung kommen und was der Patricier Italiens und Deutfchlands im Mittelalter im eigenen Wohnhaufe gefchaffen, das mag der glückliche Renten befitzer von Hunderttaufenden unferer Tage leiften in feinem Wohnhaufe, in und an feinem Zinshaufe, ja felbft blos an feiner Wohnung. Für die übrige grofse Menge des Bürgerthums entfcheidet Einfachheit und Zweckmässigkeit und die unferem Sinne entsprechende Billigkeit und Nützlichkeit der Wohnung und ihrer Einrichtung. 80 Dr. Carl Th. Richter. Hätte die Ausftellung in diefer Richtung etwas leiften wollen, fo hätte die Generaldirection von vornherein mit den nöthigen Mitteln dahin wirken müffen, ein fertiges Haus vollkommen eingerichtet als Ausftellungsobject zu erhalten. Die einzelnen Arbeiterhäufer und darunter auch das eiferne Haus, das England, das hölzerne und zerlegbare, das Martin Kien ausgeftellt hatte, reichten dafür ebenfo wenig aus, als die einzelnen glänzenden Boudoirs und Meublirungen, welche ohne jedes Haus die franzöfifchen Decorateure ausgeftellt hatten. Wir haben jedoch noch einiges Wenige zu unferen gefchichtlichen Grundzügen hinzuzufügen. Der Umfchwung, welcher mit dem XIX. Jahrhunderte unfer ganzes wirthfchaftliches Leben erfafste, die aufserordentlich tief eingreifenden Verfchiebungen der Bevölkerung haben nämlich gar mächtig auf die Erfcheinung und Geftaltung unferes modernen Haufes eingewirkt. Der Volksgeift, der früheren Jahrhunderten fein Zeichen aufprägte, hat damit gar nichts mehr zu thun. Er kommt höchftens zur Erfcheinung in der gemeinfamen Staatsgewalt und der in ihr fich bildenden Form der Polizei, als Sicherheitsund Gefundheitspolizei und der ganzen Summe unferer nützlichen und vielfach höchft nutzlofen Baugefetzgebung. Im Stile hat fich der moderne Geift der Völker noch nicht zurechtgefunden. Wirthschaftlichkeit ift der Inhalt aller Bemühungen, eine äfthetiſche Form ift trotz alles Schwankens zwifchen Gothik und Renaiffance noch nicht gefchaffen. Werden doch alle Kunftformen vergangener grofser Zeiten nur als äufserer Aufputz höchft mittelmäfsig mit dem modernen Wohnhaufe verbunden. Wollen wir den Stil unferer Tage kennzeichnen, fo gebührt ihm ftatt des gehäffigen Kafernenftiles der viel bezeichnendere Name des Zinshausftiles. Ich weifs nicht, wem man den felbft vom officiellen Programme als„ Landplage" bezeichneten Stil in fehr gehäffiger Weife zugefchrieben hat. Gewöhnlich hat ihn unfer Bürgerftand auf Grund einer ficheren Rechnung der Bodenpreife und Steuerlaften mit aller Ruhe und ohne alle äfthetifchen Gewiffens biffe gefchaffen. Diefe Rechnung drängte zur Ausnützung des Raumes in der Höhe, zum Uebereinanderfetzen der Wohnungen und zum Aneinanderdrängen der Häufer. Da gehen leicht die Grenzen der Verhältnifsmässigkeit verloren, in denen allein ein äfthetiſches Werk gelingen kann. Als Erfatz dafür hat die Gegenwart die aufserordentliche Benützung des Raumes und des Lichtes im Innern der Gebäude gefchaffen, die Zweckmäfsigkeit der Ausnützung und Vertheilung derfelben entdeckt, wie frühere Jahrhunderte mit ihren Paläften es kaum geahnt haben. Diefe Fragen der Zweckmäfsigkeit, Tauglichkeit und Gefundheit unferer modernen Wohnräume haben aufserordentlich tief in das Leben der Völker eingegriffen, insbefondere was die Wohnungsverhältniffe des kleineren Bürgerftandes und der niederen Volksclaffen anbelangt. Gerade an diefe Fragen fchliefsen feit neuerer Zeit die Erörterungen der beiden Hauptrichtungen des modernen Wohnhaufes fich an, des Cottageoder des Kafernenfyftems, das heifst des Haufes als Wohnung und der Vielheit der Wohnungen in einem Haufe. Es ift falfch und ganz unrecht, diefe Fragen nur in Beziehung auf die ärmeren Claffen und den Arbeiterftand zu erörtern, da mit ihrer endlichen Löfung unendlich viel für das Wohlfein aller Stände wird entfchieden werden. Es ift bekannt, dafs das erfte Syftem, das in England für alle Stände benützte, das andere dem Continente angehörig ift, nicht nur für die grofsen und gröfseren, fondern auch für kleinere Städte. Unzweifelhaft ift das Einzelnwohnen in einem Haufe gefundheitsgemäfs und Sitte und Familie fördernd, das Wohnen im eigenen Haufe von der gröfsten wirthfchaftlichen Bedeutung. Wir haben diefs allmälig durch die Arbeitercolonien von Mülhaufen, der Kohlen- Bergwerke bei Saarbrücken, der Arbeitercolonie zu Fünfkirchen in Ungarn erkennen gelernt. Die Grundlage diefer Schöpfungen ift vor allen Dingen die Einfachheit der modernen Haushaltung, der Mangel eines Bedürfniffes nach grofsen Vorrathskammern, Keller- und Bodenräumen. Diefer Haushaltung konnte man billig das Haus herftellen, den Erforderniffen des Mate Das bürgerliche Wohnhaus. 9 riales und felbft des Baugrundes nach. Und billig bauen ift die erfte Forderung, um das Ziel zu erreichen, dem kleinen Manne und jedem Bürger die Möglichkeit des Hauserwerbes zu geben. Die Häufer in Mülhaufen kamen zuerft mit Grundwerth und Baukoften auf nicht mehr als 4000 Francs zu ftehen, ja felbft auf der Parifer Weltausftellung fah man noch einftöckige Häufer, die vor einer der Barrièren der Stadt mit Grund und Boden und Bauconto nicht viel mehr kofteten. Wie fehr nun aber auch die Baukoften im Laufe der Zeit fich vermindern laffen werden, die Höhe und das ftetige Steigen des ftädtifchen Grundwerthes und der Steuern wird der ausgedehnten Anwendung des Cottagefyftemes ftets unendliche Schwierigkeiten entgegenfetzen und zwar um fo mehr, je weniger die für den täglichen Bedarf nöthigen Verkehrsmittel entwickelt find. Mit dem Haufe als Einzelwohnung ift felbftverſtändlich die ungeheure Ausweitung der ftädtifchen Bezirke, die Bildung von unendlichen Entfernungen gegeben und damit der nothwendige Verluft und die Vergeudung der Zeit. In England ift das Cottagefyftem mit den Jahren felbft in grofsen Städten allmälig entwickelt worden. Darnach entwickelte der Engländer fein gefammtes Leben, feine Tageszeiten theilten fich genau nach feinen Befchäftigungen aufser dem Haufe und im Haufe. Daneben entwickelten fich, je gröfser die Entfernungen wurden, defto fchneller auch die Transportmittel, Omnibuffe, Eifenbahnen ober und unter der Erde, Dampffchiffe u. f. w. Man fieht, dafs der Bedingungen für die glückliche Geftaltung des bürgerlichen Wohnhaufes fehr viele find. Wo diefe nicht erfüllt werden können, wo der Entwicklung nach diefer Richtung hin fchwere Hinderniffe entgegenstehen, da wird das Kafernenfyftem fich behaupten und entwickeln und das Wohnen des Einzelnen an die Miethwohnung gebunden bleiben. Die Gefchichte der menfchlichen Wohnung, wie fie alfo dauernd durch die bürgerliche Haushaltung bedingt wird, fängt mit der Begründung derfelben an und endet in unferer Zeit mit einer vollkommenen Auflöfung der alten bürgerlichen Haushaltung. Die Verkehrs- und Lebensverhältniffe find allmälig fo geartet, dafs der Bedarf nach Wohnungen ebenfo wie der nach dem Befitze des eigenen Haufes durch die gröfste Wirthfchaftlichkeit bedingt erfcheint. Und darüber herrfcht bei den meiften Menfchen noch die vollfte Unklarheit und mag es erklären, dafs die Wiener Weltausftellung trotz des beften Willens nichts leiftete. Denn wenn wir dem Programme entſprechend vorgehen und, wie wir einleitend fchon bemerkten, ausfcheiden, was danach auszufcheiden ift, fo bleiben in der That für uns nur wenig beachtenswerthe Objecte. Wir wollen fie fogleich betrachten, nachdem wir der Einrichtung und Ausfchmückung des bürgerlichen Wohnhaufes noch einige Worte gewidmet haben. Wir haben fchon angedeutet, dafs die Kunft in den Wohnräumen nur dort gewiffermafsen zur fittlichen Pflicht und möglich wird, wo die bürgerliche Wohnung mit dem bürgerlichen Wohnhaufe zufammenfällt. Alles Aeſthetifiren wird in diefer Richtung nichts nützen, da der Menfch überhaupt und der Hausvater insbefondere dem Rechte und Gefetze der Wirthfchaftlichkeit folgt und folgen foll. Bequemlichkeit, leichte Beweglichkeit und Veränderungsfähigkeit, Vermeidung jedes Ballaftes, felbft des Schmuckes, wenn er überflüffig ift, wird zum Gefetze, zumeift für das, was wir bürgerliche Haushaltung nennen. Glünklich der, der hier nicht zu forgen braucht und fich felbft wie feine Nachkommen im Kreife der Schönheit und Harmonie erhalten kann. Glücklich die Zeit. die es einft für Alle möglich machen wird. Sie wird fchöpferifch, werden und dem bürgerlichen Wohnhaufe inund auswendig vielleicht wieder einen Stil fchaffen, der die Tifchler- und Tapezirerphantafie, von der die meiſten Menfchen heute abhängen, glücklich überwinden wird. Wir haben uns nicht weiter damit zu befchäftigen, da die Ausftellung nichts bot, das der Aufgabe und Abficht der Gruppe XIX entſprechend gewefen wäre. 333 10 99 Dr. Carl Th. Richter. Wir wenden uns nun den Plänen des bürgerlichen Wohnhaufes zu, denn über nichts mehr als über diefe können wir als zur Sache gehörig berichten und wollen wenigftens der prämiirten Ausfteller folcher Pläne, foweit es uns geftattet ift, ohne in die Gruppe XVIII oder gar Gruppe XXV c hinüberzufchweifen, etwas ausführlicher noch gedenken. Wir zählen daher als zu unferer Aufgabe gehörig: die Pläne und Anfichten", wie fie in dem Buch und Prachtwerk der Gefellfchaft zur Beförderung der Baukunde in den Niederlanden, Amfterdam, zur Anficht aufgelegt waren; dann„ Mappe mit Zeichnungen eines bürgerlichen Wohnhaufes für eine Familie", von C. Luckow, Architekt aus Schwerin; die beachtenswerthen Zeichnungen und Pläne für bürgerliche Wohnhäufer, vom Architektenverein aus Bremen ausgeftellt; die Oefterreich repräfentirende Wiener Baugefellſchaft mit Plänen von Wohn- und Zinshäufern der Architekten Schumann und Tifchler. und endlich die vorgelegten Pläne des Architekten Wilhelm Stiafsny. Civilingenieur C. Luckhardt, aus Kronftadt in Siebenbürgen und zur ungarifchen Ausftellungsabtheilung gehörig, hatte mit gutem Rechte unter Gruppe XVIII den Plan eines bürgerlichen Wohnhaufes ausgeftellt, der aber mit in den Kreis unferer Aufgabe fällt und ähnliche Arbeiten in derfelben Abtheilung bedeutend überragt. Die gleichfalls prämiirten Ausstellungsobjecte des Georg Warien, Bergwerk und Hüttenvereines bei Osnabrück mit feinen zahlreichen Plänen von Arbeiter- und Beamtenwohnungen, übergehen wir an diefer Stelle ebenfo wie ähnliche zahlreiche nicht prämiirte Ausftellungsobjecte. Defsgleichen die in Grundriffen und Anfichten zahlreich ausgeftellten Villen und Luftfchlöffer. Wenn wir die zu unferer Betrachtung gehörigen, oben aufgezählten Ausftellungsobjecte gewiffermafsen unter fefte Gefichtspunkte bringen wollen, fo bilden die deutfchen mit den ftammverwandten Niederländern eine ebenfo beftimmt abgegrenzte Richtung und Kategorie und gehören dem Cottageſyſteme an. Die Ausftellungsobjecte dagegen der Wiener Architekten repräfentiren das Kafernenfyftem oder das bürgerliche Wohnhaus als Zinshaus. Ein eigenthümliches Problem dagegen hat Karl Luckhardt zu löfen verfucht. Er wollte ein Wohnhaus herftellen, das den verfchiedenften Bedürfniffen zu entsprechen geeignet ift. Was wir nun fchon früher in der Einleitung zu unferer Betrachtung gefagt haben, dafs das germanifche Leben durch das Zuſammenleben der Familie gekennzeichnet wird, das ist nun nicht blos im Allgemeinen dadurch auf der Ausftellung gekennzeichnet, dafs blos diefe Völker etwas zur Löfung diefer Frage beigetragen haben, fondern vor allen dadurch, dafs der Grundzug der gefammten architekto nifchen Anlage bei den deutfchen und niederländifchen Ausftellungsobjecten dahin geht, durch das Haus einmal die Familie nach Aufsen hin vollkommen abzufchliefsen, im Innern aber die ungeftörte und freie Bewegung der Familiengenoffen zu fichern. Das find ja die zwei wefentlichen Erforderniffe deffen, was der Deutfche eine angenehme Häuslichkeit nennt. Die öfterreichifchen Architekten mit ihren ganz anderen Aufgaben fuchen dasfelbe wenigftens durch ihre Wohnungsordnungen im Zinshaufe zu erreichen. Die erfte Aufgabe fuchten die zahlreichen Pläne der Gefellfchaft zur Beförderung der Baukunde in den Niederlanden, ebenfo wie jene des Bremer Architektenvereines zu löfen. Für die andere Aufgabe hat Wilhelm Stiafsny, wie Schumann und Fifcher, einige vortreffliche Mufter geliefert. Die fchöne Sammlung von Plänen des bürgerlichen Wohnhaufes der Gefell. fchaft zur Beförderung der Baukunde in den Niederlanden, unter denen befonders einige Pläne des Architekten W. Springer Beachtung verdienten, war überwiegend in die XVIII. Gruppe eingereiht und nur einige Totalanfichten fchienen durch Verfchiebung in die Gruppe XIX gekommen zu fein. Danach erkannten wir, dafs das Mufter des bürgerlichen Wohnhaufes zu einer Hälfte ebenerdig, zur anderen ftockhoch gedacht ift, wobei ein durchgehendes Veftibul einmal den Eintritt in das Haus, das andere Mal den Zugang Das bürgerliche Wohnhaus. 11 zu den rechts liegenden Wohn- und Schlafzimmern und zu dem links liegenden Sprechzimmer und der Küche vermittelt. Um Wohn- und Schlafzimmer zieht fich aufsen eine Veranda, unter der Küche liegt der Keller. Durch eine Thür in der Tiefe des Veftibuls gelangt man zum Abort und den Wirthfchaftsräumen. In der Nähe des Ausganges erhebt fich auch die Treppe zum oberen Stockwerke, welche gegenüber einem kleinen Vorzimmer mit Garderobe mündet. zu deffen beiden Seiten fich Schlafkammern befinden. Die Dimenfionen des Haufes betragen circa II Meter auf 15 Meter, woraus man die befcheidene Gröfse der Zimmer ermeffen kann. Eben defshalb mufs es bedenklich erfcheinen, dafs durch die breite Hausflur der Raum etwas vergeudet erfcheint, was keineswegs durch die feparirten Eingänge zu jedem einzelnen Zimmer aufgewogen werden kann. An den ausgeftellten Zeichnungen des Bremer Architektenvereines, beftehend aus zwölf Blättern mit einigen Unterabtheilungen und Grundriffe und Anfichten enthaltend, vom Arbeiterhaus angefangen bis zur Villa und dem ftädtifchen Gefchäftshaus des Kaufherrn, konnte man die Stabilität und zugleich die Bewegung des Familienlebens einer beftimmten Bevölkerung erkennen. Der Bremer Kaufmann hat den Zug der vollſtändigen Abgefchloffenheit feiner Häuslichkeit bis heute noch bewahrt. Wir fehen auf all' den ausgeftellten Zeichnungen das Haus vollständig felbftftändig und zumeift durch einen Garten bald in gröfseren, bald in fehr befcheidenen Dimenfionen von dem Nachbarhaufe getrennt. Diefer Garten ift nicht nur die Quelle der Vergnügung und des Wohlbehagens der Familie, fondern auch das Mittel, felbft der einfachften Architektur einen gewiffen Schmuck, Frifche und Zierlichkeit zu verleihen. Bremen macht dadurch den Eindruck, trotz des reichen und bewegten Lebens, einer fauberen, wohlhabenden und friedlichen Stadt. Und diefe Sauberkeit und diefer Friede tritt auch auf den Zeichnungen allenthalben hervor. Im Innern dagegen ift die alte Uebung, Freiheit und Selbstständigkeit der einzelnen Familienmitglieder durch die Vertheilung des Raumes, zum Theil befeitigt. Das Leben ift eben gröfser und mächtiger geworden und die Kinder, felbft der Aeltefte und Erbe des Gefchäftes, leben nicht mehr durch lange Jahre im elterlichen Haufe, finden hier auch nicht mehr die volle Befriedigung der gefellfchaftlichen Beziehungen und ftreben darüber hinaus, ihr eigenes Heim zu begründen. Dadurch ift das Gefellſchafts- oder Familien- oder Wohnzimmer aus feinem alten Glanze und feiner bevorzugten Stellung verdrängt worden, die Zimmer der einzelnen Familienglieder nehmen jetzt einen gröfseren Raum ein und haben eine gröfsere Bedeutung errungen, ebenfo wie der Salon, der allenthalben der Schmuck des oberen Stockes in den durchwegs einftöckigen Häufern bildet. Die Dimenfionen find vielfach wechfelnd, je nachdem das bürgerliche Wohnhaus auch dem kaufmännifchen Gefchäfte Raum zu geben hat und engen fich natürlich bei den Arbeiterhäufern am bedeutendften ein. Aber das Syftem des Familienhaufes und der Gärten um das Haus geben den verfchiedenften Gebäuden einen gleichen Charakter. In Mitte der ariftokratifchen Kaufmannswelt gleicht die Architektur die Schroffheit der gefellſchaftlichen Claffen aus und fucht durch den eigenen Befitz und das eigene Haus den freien Bürger zur Geltung zu bringen. Ein befonders fchwieriges Problem hat der Architekt C. Luckow aus Schwerin zu löfen verfucht. Ein ziemlich grofser, aber der Form nach trapezartiger, in Mitte einer gefchloffenen Häuferreihe liegender Bauplatz ift mit Haus und Wirthschaftsräumen auszubauen. Die Schwierigkeit wird noch erhöht dadurch, dafs die fchmale Seite des unregelmäfsigen Bauplatzes nach der Strafse zu gelegen. Die Löfung ift infofern verfucht, als Küche, Speifekammer und Dienftbotenzimmer im Kellergefchofs untergebracht find. Im erhobenen Parterre befinden fich die Wohnzimmer, im oberen Stocke, der vier Zimmer geftattet, die Kinderund Fremdenzimmer. 12 Dr. Carl Th. Richter. Die eine fchräge Seitenwand ift nach innen in jedem Zimmer durch bedeutende Verſtärkung der Mauern ausgeglichen. Zum Theil ziehen fich gerade hierdurch in fehr glücklicher Benützung der verftärkten Mauern die Schornfteine. Um den Raum der einzelnen Zimmer in nichts zu beengen, auch die Fenſter und Thüren gleich entſprechend und zweckmäfsig anzulegen, hat der Künftler die Einzeichnung von vornherein der für jedes Zimmer gehörigen Meubeln vorgenommen. Ein befonders diefs vollkommen darftellendes Blatt geftattet einen klaren Einblick in die forgfältige Methode der Arbeit Luckows. Glücklicher und günftiger in der Raumanlage und zu gleicher Zeit wieder die Anlage eines Gartens um das Haus herum geftattend, präfentirte fich die in Zeichnung und Photographie ausgeftellte Villa des Civilingenieur Luckhardt in Kronftadt. Der Grundrifs ift faft quadratifch, das Haus ftockhoch mit einem ganz flachen Dache. Die kleinere Hälfte des Gebäudes, die vordere, hat einen Vorbau, der zu gleicher Zeit zu ebener Erde ein Entrée gibt, aus welchem Thüren nach den vornheraus gehenden Zimmern führen. Der rückwärtig gelegene gröfsere Theil des Haufes enthält in der Mitte das Treppenhaus, rechtfeitig ein geräumiges Zimmer, welches glücklich mit den beiden vorderen verbunden ift und links die Küche mit anftofsender Speisekammer. Auch nach rückwärts ift ein Ausgang, der die Küche mit den Wirthfchaftsgebäuden verbindet. Der obere Stock ift in gleicher Weife eingetheilt und kann wegen des doppelten Eingangs in das Treppenhaus ohne jede Beläftigung der Parterrebewohner vermiethet werden. Die Treppe ift in der Mitte durch einen Ruheplatz unterbrochen und hier die Dienftboten Kammer angebracht. Der Vorbau des Parterres bildet für den erften Stock einen grofsen Altan. Der Keller zieht fich unter der ganzen rechtsfeitigen Hälfte des Gebäudes hin und hat von aufsen feinen Zugang. Im Garten und an das rückwärtige, ebenerdige Zimmer anftofsend, ift ein Glasfalon erbaut, der, da etwas entfernt davon auch eine Sommerküche angelegt ift, einen fchönen Speifefaal im Sommer abzugeben geeignet ift. Die einzelnen Wirthschaftsgebäude noch dazu gerechnet, bildet das Ganze ein bürgerliches Wohnhaus wie es den verfchiedenften Anforderungen Rechnung tragen kann. Wir kommen nun zu den von den öfterreichifchen Ausftellern zur Anficht gebrachten bürgerlichen Wohnhäufern, das heifst, den Zinshäufern, in welchen fich mehrere bürgerliche Wohnhäufer befinden. Der Zweck des Haufes ift immer der, den gröfstmöglichften Zins aus den im Grund und Bauwerth angelegten Kapitalien herauszubringen. Diefs zu erreichen ift die gröfste Ausnützung des Raumes, ebenfo wie ein äufserer keineswegs unfolider Glanz nothwendig. Die Façade und das durchwegs breite und vornehme Treppenhaus hat diefen zu vertreten. Die Ausnützung des Raumes wird erreicht durch die um das Treppenhaus herum gelegenen Wohnungen, durch das volle Verfchwinden jedes Gartenraumes, der übrigens durch die koloffalen Dimenfionen der Gebäude nur in gleicher Weife möglich, und wenn nicht, fo nur ftörend wäre, endlich aber auch und leider durch die burgverliefsartige Einengung des Hofraumes. Alles mufs eben das Capital reproduciren. Die einzelnen Wohnungen find in den übereinander gethürmten Stockwerken durchwegs gleich und ift die Verfchiedenheit des Werthes derfelben nur durch die Höhe des Stockwerkes gegeben. Freilich werden im erften und zweiten Stocke öfter für höhere Bedürfniffe mehrere Wohnungen in eine zufammengezogen. Da fomit bei diefem Stil das bürgerliche Wohnhaus mit der Wohnung allein zufammenfällt und von der gemeinfchaftlichen Treppe an erft beginnt, fo ift die Aufgabe des Architekten die, in der gegebenen Grenze die gröfste Bequemlichkeit und dabei doch auch Wohnlichkeit herzuftellen. Die Vorlagen von Das bürgerliche Wohnhaus. 13 Wilhelm Stiafsny ebenfo wie jene der Architekten Schumann und Fifcher fuchten diefs nun, wir dürfen wohl fo fagen, den Befuchern der Ausftellung in Plänen näher zu enthüllen. Die Ringftrafse und die neuen Stadttheile von Wien bieten heute in fortfchreitender Vervollkommnung zahlreiche grofsartige Beiſpiele dafür in Wirklichkeit. Wir müffen es dem Architekten und dem Berichterstatter über Gruppe XVIII überlaffen, die Wiener Architektur nach Innen und Aufsen zu beleuchten. Uns fcheint es Eulen nach Athen tragen, wenn wir gerade im öfterreichischen Berichte eine Wiener Wohnung befchreiben wollten. Es fchien uns ohnediefs, als ob wir bei der mangelhaften Befchickung der Gruppe XIX mehr Raum der Kritik diefer Verhältniffe zu widmen haben, als der Darftellung der einzelnen Objecte. Betreffs der Ausfchmückung des bürgerlichen Wohnhaufes weifen wir auf die Berichterftattung über die Zweige der Kunftinduftrie überhaupt, Gruppe V, VI, VII, VIII, IX, und vermeiden Wiederholungen, bei denen man nur ficher ftellen könnte, dafs fehr viel in Gruppe XIX flüchtete, was nicht hineingehörte und auch keine Berechtigung hatte, überhaupt da zu fein. Mag man, durch die Erfahrung belehrt, für alle Zukunft der Weltausftellungen darauf Bedacht nehmen, dafs es nicht darauf ankömmt, eine neue Gruppe in das Ausftellungsgebiet einzufügen, auch nicht darauf, ein von fchönen Gedanken und Wünfchen volles Programm zu fchreiben, fondern darauf, dafs man neben den klaren Zielen und Zwecken, die man anftrebt, auch der Art und Weife fich vollkommen bewufst ift, wie man diefelbe plaftifch geftalte und gerade jenen begreiflich mache, denen man belehrend und aufklärend gegenüber treten will. Bei den Arbeiterhäufern war diefs fchon 1867 vollſtändig gelungen. Bei den Bauernhäufern ift es 1873 bei manchem Objecte höchft glücklich vollendet worden. Hoffen wir, dafs eine nächfte Ausstellung, vielleicht kann es fchon jene von Philadelphia fein, die Frage der Ausftellung des bürgerlichen Wohnhaufes, feiner Einrichtung und Ausfchmückung glücklich löfen wird. DIE NATIONALE HAUSINDUSTRIE. ( Gruppe XXI.) Bericht von DR. CARL TH. RICHTER, k. k. o. ö. Profeffor der Staatswiffenfchaften an der Univerfität zu Prag. ,, Zu den Gegenftänden, welche auf der Parifer Ausftellung des Jahres 1867 unter den Kunftfreunden ein ungewöhnliches und überraschendes Intereffe erweckten, gehörten vorzüglich diejenigen Erzeugniffe, welche man, um die ganze Gattung mit einer allgemeinen Benennung zu umfaffen, als die der nationalen Hausinduftrie bezeichnen könnte. 22 Es waren zunächft Thonwaaren aller Art, glafirte und unglafirte, fodann Gewebe und fpitzenartige Handarbeiten, zumal diejenigen, welche zu Volkstrachten dienen, ebenfo aber auch Decken und Aehnliches für den häuslichen Gebrauch, ferner Schmuckarbeiten und mancherlei Geräthe. ,, Diefe Gegenftände boten aber nicht blos ethnographifches Intereffe als eigenthümliche, charakteriftifche Erzeugniffe diefes oder jenes Volksftammes; man fand an ihnen auch viele ältere, zum Theile uralte künftlerifche Motive, an längst vergangene Kunftperioden und Kunftftile erinnernd, und fomit bedeutungsvoll vom gefchichtlichen Gefichtspunkte; man fand an ihnen vor Allem eine Fülle höchft origineller und gefunder Formen, ererbte und für die moderne Kunft verloren gegangene oder aus der Uebung gekommene techniſche Weifen, zahlreiche Ornamente und farbige Ornamentationsarten, die ebenfo durch ihre Richtigkeit, wie durch ihre Einfachheit und Ungewöhnlichkeit das Auge feffelten. Wenn fie um diefer Eigenfchaften willen den Kunftfreund reizten und fchnellen Abfatz fanden, fo mufste fich der Freund der modernen Kunftinduftrie fagen, dafs in jenen Gegenftänden eine reiche Quelle von Motiven, Principien und Kunftweifen fprudelt, welche ergänzend, belebend, erfrifchend auf den modernen Gefchmack und feine Erzeugniffe einzuwirken vermöge. ,, In der That ift auch nicht zu verkennen, dafs diefe Gegenftände, obwohl fie im Jahre 1867 von der grofsen Mehrzahl nur als rein ethnographifche oder coftümliche Raritäten betrachtet wurden, dennoch bereits der allermodernften Kunftinduftrie verfchiedene künftlerifche Motive abgegeben haben. ,, Trotz diefer Bedeutung, die dadurch anerkannt worden, dafs zu Paris 1867 Kunftfreunde und Mufeen fich beeilten, die betreffenden Gegenftände zu erwerben, ift die Ausftellung derfelben immer eine einfeitige, ungenügende und unvollſtändige gewefen, und niemals ift fie aus dem künftlerifchen oder dem Gefichtspunkte der Verwendbarkeit veranstaltet worden. 2 2 Dr. Carl Th. Richter. „ Auf der Parifer Ausftellung des Jahres 1867, welche fich noch als die reichhaltigfte in diefer Beziehung zeigte, war der ethnographifche Standpunkt vorherrschend, daher der gröfste Theil diefer Gegenftände mit Coftümfiguren verbunden. Auch befanden fie fich alle unter den verfchiedenen Ländern und Nationen zerftreut, mitten unter den modernen Arbeiten und entbehrten fomit der Ueberficht, wie fie auch von Vollständigkeit weit entfernt waren. ,, Auf der internationalen Ausftellung 1871 in London hat man fie nicht vergeffen, doch fanden der Natur diefer Ausftellung entſprechend, nur Poterien und Wollgewebe Berücksichtigung, jedoch war nach beiden Seiten hin, ganz befonders aber in Beziehung auf Gewebe, die Vertretung eine fehr lückenhafte. ,, Aus diefen Gründen dürfte eine Ausstellung von Erzeugniffen der nationalen Hausinduftrie, wenn fie mit vollbewufster Abficht, fachkundig, unter den richtigen Gefichtspunkten und mit möglichfter Vollständigkeit zu Stande gebracht wird, auf einer Weltausftellung völlig neu fein und durch fich felbft ein grofses Intereffe erwecken. ,, Diefe Gefichtspunkte follen zunächft beftimmt und darnach die bezüglichen Gruppen und die Stätten der nationalen Hausinduftrie in allgemeinen Zügen bezeichnet werden. " Die Gattung der hier einzureihenden Ausstellungsobjecte wurde als Erzeugniffe der nationalen Hausinduftrie bezeichnet; es ift diefer Ausdruck aber nicht vollſtändig erfchöpfend oder das genau deckend, was in der Abficht diefer Ausftellung liegt. Es werden zwar die meiſten Gegenftände diefes Genres vom Volke felbft für den eigenen Gebrauch im Haufe gearbeitet und für diefe ift der gewählte Ausdruck völlig zutreffend. Es werden aber andere Gegenstände, wenn nicht gerade fabriksmässig, doch gewerblich für denfelben Zweck gearbeitet, und diefe würden ebenfalls in den Bereich diefer Ausftellung fallen, fobald fie in Technik oder Form originell und denjenigen, welche fie erzeugen oder für deren Gebrauch fie gefchaffen werden, erblich und eigenthümlich find. Beiſpielsweife fei der originelle Schmuck der holländifchen Provinzbewohnerinen erwähnt, der, technifch und künftlerifch von den Modeformen gänzlich verfchieden, in den Goldfchmiedeläden zu Utrecht und anderen Orten käuflich zu haben ift, während der entſprechende fchwediſche Schmuck in den Dörfern und Häufern feiner Verfertiger aufgefucht werden mufs. - - ,, Wurde fo der Begriff der nationalen Hausinduftrie erweitert, fo mufs er anderfeits für den Zweck diefer Ausftellung wieder befchränkt werden. Es kann nicht die Aufgabe fein, Jegliches, auch das Rohefte und es gibt natürlich in der Volksproduction deffen fo Manches in die Ausftellung einzubeziehen, fondern es mufs dasjenige ausgewählt werden, was ein weiteres Intereffe bietet. Diefes Intereffe kann offenbar nur das künftlerifche fein, fei es das modern- künftlerifche, d. h. fich vom Gefichtspunkte der Verwendbarkeit für die moderne Kunftinduftrie ergebende, oder das gefchichtlich- künftlerifche. Es wird auf diefe Weife Vieles auszufchliefsen fein, aber fehr Vieles wird übrig bleiben, und die Befchränkung wird den Reiz, die Anziehungskraft diefer Ausftellung nur erhöhen. ,, Diefer Gefichtspunkt des künftlerifchen Intereffes, welcher die Auswahl zu beherrschen hat, fetzt nun freilich die Mitwirkung kunftgebildeter Kräfte voraus, die in den betreffenden Ländern das Nöthige zufammenzubringen und unter demjenigen, was vorhanden oder zur Verfügung fteht, die Entfcheidung zu treffen hätten. ,, Nur folchen Männern wird es möglich fein, auch in dem anfcheinend Geringfügigen den Punkt des Intereffes herauszufinden, auch in dem Rohen, das Gute, das Schöne und Nutzbare zu erkennen. ,, Was die Art der hier aufzunehmenden Gegenstände betrifft, dürften fie der Hauptfache nach beftehen in: I. Poterien, 2. Geweben und Nadelarbeiten, Die nationale Hausinduftrie. 3. Schmuckarbeiten in Metall, 4. Schnitzereien und verfchiedenem Geräthe. 3 " In Poterien verfpricht, wenn ein kunftgeübtes Auge die Auswahl trifft und in Form und Art die antiken Reminiscenzen mit beachtet, zunächft Oefterreich- Ungarn eine äufserft intereffante Collection. Es genügt an die fchwarzen, rothen und gelben, roth ornamentirten Krüge und verfchiedentlich glafirten Gefäfse der Theifsgegend und des Gebietes der füdlichen Donau, Dalmatiens etc. zu erinnern. " Nicht minder eigenthümlich und intereffant ift dasjenige, was die Türkei beizutragen vermag, glafirte wie unglafirte, auch goldverzierte Gefäfse, deren das öfterreichifche Muſeum eine nicht unbedeutende Anzahl befitzt. 99 Gleiche Aufmerkſamkeit verdienen Griechenland, die griechifchen Infeln ( es fei an die Rhodus- oder fogenannten perfifchen Faïencen erinnert), Rumänien, Kleinafien, Perfien. Egypten hätte feine kleinen Gefchirre von fchwarzem und rothem Thone einzufenden. Sehr bedeutend ift ferner dasjenige, was das übrige Nordafrika zu liefern vermag, Tunis, Algier und Marokko. Hier find die weifsglafirten Gefäfse mit blauen Ornamenten oft von ganz ausgezeichneter Schönheit und in ihrer Art muftergiltig. Ausserdem find die buntfarbigen Gefäfse mit rothen Flecken zu beachten und ebenfo Gefäfse von feinem, rothbraunem Thon in alten, faracenifchen Formen, die auch in Sicilien vorkommen. ,, In Portugal und Spanien finden wir ähnliche Genres rother Poterien mit eingravirten Ornamenten von höchft originellen Formen; neben ihnen die wenig dauerhaften, aber oft fehr kunftvoll gearbeiteten Kühlgefäfse von weifslichgelbem Thon. Spanien kennt im Volksgebrauche auch glafirte Gefäfse, die man als fpanifche Majoliken bezeichnen könnte. Noch fei der höchft originellen Gefäfse in den baskifchen Provinzen und in den Pyrenäen gedacht. 99 Ganze Reihen der verfchiedenartigften im Volksgebrauche ftehenden Gefäfse kennt noch Italien. Das öfterreichifche Muſeum befitzt eine vortreffliche Collection, aus verfchiedenen Gegenden gefammelt und voll Erinnerungen an die antike Thonfabrication, fowie an die Majoliken des XVI. Jahrhunderts. ,, Auch Deutfchland kann reiche Beiträge liefern. Beweis dafür das deutfche Gewerbemufeum in Berlin. Diefes hat bereits eine Sammlung begonnen, in welcher fich mit kundigem Auge gefchieden findet, was wirklich alt, eigenthümlich und volksmässig ift, von demjenigen, was eben nur dem gewöhnlichen niederen Haus und Küchengebrauche dient, ohne weitere Bedeutung in Bezug auf Form oder Technik zu haben. Nicht minder fteht ein Beitrag von Rufsland und den übrigen nordifchen Ländern zu erwarten; wie auch der Süden Frankreichs und einige Provinzen Hollands in Betracht zu ziehen find. ,, Die Länder anderer Welttheile vermögen gleichfalls Intereffantes zu bieten. Es fei an Brafilien, Mexico, Peru erinnert. Selbft die rohen Poterien der Wilden bieten Gefichtspunkte, die fie kunftgefchichtlich intereffant machen, weil fie zur Erklärung und Erläuterung urfprünglicher Zuftände dienen. ,, Nicht minder reichhaltig und originell dürfte fich die Ausstellung von Gegenftänden der zweiten Abtheilung, Gewebe und Stickereien, geftalten. Viele Volkstrachten werden hier Beiträge bilden. Oefterreich betreffend fei erinnert an die Trachten der füdlichen Donauländer, Dalmatiens u. f. w. mit ihren reizvollen Gold- und Silberftickereien, des Beitrages, den die übrigen Länder Oefterreich- Ungarns zu leiften vermögen, nicht zu gedenken. Aehnlich verhält es fich mit Rumänien, der Türkei, Griechenland, Albanien u. f. w. Zu den Volkstrachten gefellen fich dann Teppiche aus allen diefen Gegenden, fowie geftickte Leinwanddecken mit fehr alten und eigenthümlichen Muftern. Italien kann z. B. die geftreiften Kopftücher der Frauen( Albanierinen) und mancherlei eigenthümliche Stickereien ftellen. Reiche Ausbeute bietet Spanien. Beiſpielsweife fei erinnert an die farbigen, geftreiften Decken, welche die Männer mantelartig zum Schutze gegen die Witterung verwenden. Schottland kann feine Plaids 2* 4 Dr Carl Th. Richter. fenden, natürlich nur folche, welche noch wirklich und eigenthümlich bei den Clans im Gebrauche find. Aeufserft reichhaltig ift dasjenige, was Schweden und Norwegen liefern können. Hier gibt es Provinzen, wie Dalekarlien, wo jede Ortfchaft ihr befonderes Mufter für gewiffe weibliche Kleidungsftücke hat. Andere Provinzen, wie Schonen und Halland, liefern höchft intereffant decorirte Leinwandgewebe, alle im Bauernhaufe und für dasfelbe gemacht. Induftrie und Handel nehmen keine Notiz davon. Anderswo findet man Wollarbeiten, Jacken und Strümpfe mit farbigen Muftern, die in die früheften Zeiten der Culturgefchichte zurückzugehen fcheinen. Dazu kommen Decken mit applicirter Stickerei und die gewirkten Borten der Frauenkleidung mit vollſtändig mittelalterlicher Mufterung; kurz Skandinavien allein vermag eine reichhaltige, höchft anziehende und lehrreiche Collection zu Stande zu bringen. „ Eine ruffifche Collection kann nicht minder reich und intereffant ausfallen; ein in Rufsland eben erfcheinendes Sammelwerk von Ornamenten und der Reichthum der in Moskau vor einigen Jahren ftattgefundenen ethnographifchen Ausftellung berechtigen zu diefer Erwartung. , Kaum minder bedeutend ift die dritte, die Schmuckarbeiten umfaffende Abtheilung; auch fie bietet ein hohes Intereffe, felbft für die moderne Induftrie. Beifpielsweife fei darauf hingewiefen, dafs es dem Goldfchmied Caftellani in Rom Jahrzehnte lang nicht gelingen wollte, auch nur annähernd die Feinheit und Freiheit des antiken Filigrans zu erreichen, bis er fich aus einem kleinen Gebirgsorte die Arbeiter holte, welche bis dahin nur den Volksfchmuck gemacht hatten. Diefer italienifche Volksfchmuck, mannigfach nach den verfchiedenen Gegenden und originell in feinen Formen, wird auch das bedeutendfte Contingent zu diefer Gruppe zu ftellen haben. Es genügt, als Beleg deffen auf die wundervolle Sammlung hinzuweifen, welche das South- Kenfington- Muſeum in London befitzt. , Italien zunächft, dürfte es Holland fein, welches die intereffantefte Auswahl von gewerbsmäfsig verfertigtem volksthümlichen Frauenfchmucke in Gold und Silber zu ftellen in der Lage ift. Nichtsdeftoweniger ift derfelbe eigenthümlich in Form, Ornament und Gebrauch. Auch die nordifchen Länder vermögen einen Beitrag zu leiften. So die fchwedifchen Provinzen, fo Norwegen mit feinen oft reizenden Filigranarbeiten, die fchleswigfchen Infeln mit ähnlichen Erzeugniffen. Reich ift ebenfalls die Ausbeute in den Donauländern und in den Nebenländern der Türkei, dann von Egypten bis zum Sudan hinauf, wo überall noch das bis in jüngster Zeit von der civilifirten Kunft vergeffene Filigran in Uebung fteht. Auch in Russland und noch manch' anderen Ländern Europas dürfte eine Prüfung der Volkstrachten und der nationalen Coftüme in Bezug auf den Schmuck für diefen Zweck nicht ohne Frucht bleiben. ,, Zu dem verfchiedenartigen Geräthe, das die vierte Abtheilung zu bilden hat, wäre vorzugsweife zu rechnen: Korb- und Strohflechtereien( wozu nichteuropäiſche Nationalitäten wohl den Hauptbeitrag zu liefern hätten), Matten und geflochtene Decken und befonders auch mannigfach ornamentirte und eigenthümlich conftruirte Möbel, deren es an vielen Orten im Haus- und Volksgebrauch gibt. Viele derartige Gegenstände find noch nicht auf den Ausftellungen erfchienen, weil man fie für zu unbedeutend gehalten hat. Ohne Zweifel würden aber Kunftfreunde und Künftler fie fchätzen lernen und wahrfcheinlich befferen Nutzen von ihnen haben als von den fogenannten Bauernfeffeln des XVII. und XVIII. Jahrhunderts, die heute von den Liebhabern fo gefucht find. " Zu allen vier Abtheilungen würden ohne Frage China, Japan und Indien einen grofsen Beitrag zu ftellen vermögen, wenn lediglich die nationale Eigenthümlichkeit ins Auge gefafst würde. Es ift aber die Kunftinduftrie diefer Länder nicht in dem Sinne eine volksthümliche, wie diejenige, die bisher befprochen wurde; fie ift vielmehr in jedem Falle eine hochcivilifirte und zum gröfsten Theil, zumal in Indien für den Reichthum berechnet. Sie ftellt fich daher unferer modernen Luxusinduftrie zur Seite, welche fie bekanntlich in vielen Dingen, fo Die nationale Hausinduftrie. 5 wohl in künftlerifcher, wie techniſcher Beziehung übertrifft. Es kann daher die Induftrie diefer Länder, deren gröfstmögliche Betheiligung auf das Dringendfte zu wünſchen ift, nur fo behandelt werden, wie jene der civilifirten europäiſchen Länder, das heifst völlig felbftftändig. Von ihr kann daher nur das für die in Rede ftehende Ausftellung der nationalen Hausinduftrie herübergenommen werden, was für den Gebrauch der niederen Claffen beftimmt ift." So lautete das Programm für Gruppe XXI und man wird zugeben, dafs kein zweites, ja ich möchte faft behaupten, dafs niemals ein Programm für eine einzelne Gruppe fo ausführlich und fo vieles berührend zur Geltung gekommen ist, wie das Specialprogramm für die Gruppe der nationalen Hausinduftrie, Nr. 6 der Publicationen der General direction. Man erkennt auf den erften Blick, dafs es fich bei diefer Publication keineswegs blos um ein Programm handelte, das mit jedem anderen gleichbetitelten Actenftücke verglichen werden kann. Der erfte Theil enthält gewiffermafsen die Gefchichte des wiffenfchaftlichen Begriffes der nationalen Hausinduftrie, wie er fich mit den Ausftellungen, durch diefe und für diefelben allmälig entwickelt hat. Daraus werden die nutzbaren Momente und die für die Ausnützung folcher Ausftellungen befonders wichtigen Gefichtspunkte abgeleitet. Im zweiten Theile werden die Gegenftände aufgezählt, welche fich für eine folche Ausftellung und deren künftlerifche Zwecke befonders eignen. In diefen zwei Dutzend Worten wäre eigentlich das Nothwendige für ein Weltausftellungsprogramm gefagt. Gleich darauf folgt nun aber in befter Kathederweife ein Vortrag über Alles, was diefe einzelnen Gegenftände bedeuten, wo fie am hervorragendften erfcheinen, wie fie in dem heutigen Gewerbe benützt oder beffer ausgenützt werden können. Bis zur äufserften Aengftlichkeit verwahrt man fich fchon im Programme, das am I. October 1871 ausgegeben wurde, gegen Irrthümer, welche möglicherweife im Jahre der Ausftellung eintreten könnten.„ Schottland kann feine Plaids fenden, natürlich nur folche, welche noch wirklich und eigenthümlich bei den Clans im Gebrauche find." Ja, um alles nur Mögliche zu erreichen, greift der Verfaffer auf denjenigen gewerblichen Künftler, welcher zuerft das Geheimnifs der Hausinduftrie und die Wichtigkeit der Verbindung derfelben mit dem modernen Gewerbe erkannte, und welcher auch den Schriftgelehrten ihre heute weitbefchriebene Weisheit lehrte, auf den Goldfchmied Caftellani in Rom, und zeigt, was derfelbe gethan und was er Glückliches erreicht hat. Es iſt fomit, um es kurz zu fagen, ftatt eines Programmes für die Weltausftellung ein Bericht über die Gruppe XXI auf der Weltausftellung gefchaffen worden. Wir würden uns felbft gerechte Vorwürfe machen, wenn wir diefe bedeutfame Arbeit des bekannten kunftwiffenfchaftlichen Schriftftellers J. Falke verfchweigen oder mit der Maffe der nothwendigen Publicationen verfchwinden laffen würden. Aber wir können auch nicht leugnen, dafs wir gerade diefes Programmes wegen, das einen Bericht vollständig erfetzt, gerade nicht fehr beftürzt waren, als noch in letzter Stunde der dafür gewählte Berichterftatter fein gegebenes Wort zurückzog. Es bleibt uns eben nichts Anderes übrig, als in Kurzem zu referiren, wie die Thatfachen der Weltausftellungszeit den Hoffnungen der Zeit, in welcher die Programme gemacht wurden, entſprachen. Und da müffen wir freilich geftehen, dafs jene nicht fo grofs und glänzend waren, als diefe Hoffnungen. England verkannte in der gröbften Weife die Aufgabe diefer Gruppe. Es hat höchst nützliche Dinge für das Haus, eine rotirende Mefferputzmaschine, einen Holzkohlenfilter u. f. w. neben Cartonnagearbeiten für Photographien, Goldrähmchen u. dgl. ausgeftellt. Frankreich hat ebenfalls nur Arbeiten von Frauenhänden, alfo Arbeiten gewiffermafsen vom häuslichen Herde eingefendet, Deutfchland hat gar nichts gebracht und das im Programme fchon fo vielverheifsend gefchilderte Italien 6 Dr. Carl Th. Richter. ebenfowenig. Es fei denn, dafs fich die einzelnen italienifchen Objecte, welche in der Gruppe XX( das Bauernhaus mit feinen Einrichtungen und Geräthen) in überaus glänzender Weife aufgezählt und vielverheifsend hin und wieder auch befchrieben find, von irgend einem glücklichen Sterblichen haben auffinden laffen. Uns ift das mit dem ganzen forfchenden Heere der Berichterstatter und felbft mit Herbeiziehung von Hilfstruppen aus den Staats- und Landes commiffionen nicht gelungen. Freilich konnte man gerade, was Italien anbelangt, bei Caftellani, dem Vater und Goldfchmied, ebenfo wie bei Torquato Caftellani, dem Sohne und Sammler der intereffanten Thongefäfse von Ruvo und anderen Töpferftädtchen Italiens fehen, welchen Werth die nationale Hausinduftrie für die Entwicklung unferes modernen Kunftgewerbes haben kann. Es war damit gewiffermafsen der belehrende Theil des Programmes auf der Ausftellung, aber nur nicht in Gruppe XXI praktiſch zur Anficht gebracht worden. Aber auch diejenigen Staaten, welche das Programm richtig erfafsten, haben der Darftellung eine Ausdehnung gegeben und Gedanken damit vertreten, welche ein- für allemal aufgegeben werden müffen. So hat Oefterreich einzelne ganz fchöne, aber ohne jede befondere nationale Richtung, überhaupt ohne durch irgend etwas befonders ausgezeichnete Weifsftickereien, dann Fifchernetze, wie fie der Dalmatiner fich felber macht, auch jeder andere an irgend einem Fluffe oder See anrainende Bauer und Landbewohner, und andere ähnlich geartete Gegenftände ausgeftellt. Damit ift der Vorftellung Raum gegeben, als ob die blofse gewerbliche Hantierung im Haufe und in der Wirthschaft irgend einen befonderen Werth in unferer durch Arbeitstheilung und die Dampfmafchine, durch das Induftriewefen überhaupt hoch entwickelten Zeit habe. Mit diefen Vorftellungen mufs ein für allemal gebrochen werden, denn die Gedanken über die gute alte Zeit, in der Adam grub und Eva fpann, find ebenfo falfch, als jene, welche die Armuth zur Quelle der Tugend machen. Sprechen hier die Acten der Polizei und Straf gerichte fehr laut dagegen, fo fprechen gegen jene Gedanken die Weltgefchichte und die Cultur der Gegenwart. Mag der Romantiker mit beiden Dingen machen, was er will, mag der Dichter fie zur Erziehung der Menfchheit ob gut, ob fchlecht ausnützender praktiſche Forfcher, der wahre Lehrer und Erzieher der Menfchheit, wird heute nur dem Gedanken Recht und Kraft zutrauen, dafs nur durch die Aufnahme aller Fortfchritte in der Kunft und Entwicklung der Arbeit der begrenzte Stoff zum Wohle der Menfchheit gefpart und darum Millionen mehr als früher nutzbar gemacht werde, dafs nur dadurch die unerfchöpflichen Kräfte des Stoffes entfaltet und benützt werden können, dafs nur dadurch die Entwicklung Aller, Reichthum, Glück und Segen und in Wahrheit ein fortgefetztes längeres Leben der Menfchheit gefichert wird. Von diefem Gefichtspunkte aus müffen wir die Hälfte und mehr als die Hälfte der in der Gruppe XXI ausgeftellten und in den Katalogen darunter ver zeichneten Gegenftände ausfcheiden. Wir wüfsten nicht, was wir mit dem in Amerika in dem Gebiete der Hausinduftrie ausgeftellten„ verbefferten Sarg" anfangen follen, oder mit den„ rotirenden" Mefferputzmafchinen, den Kühlungsapparaten, den Holzkohlenfiltern, wie fie von Ausftellern aus London gezeigt wurden. Einen ebenfo geringen Werth hat die Summe jener Gegenstände, welche nur durch die Armuth und Vereinfamung des Lebens, durch die niedere Stufe des Culturzuftandes, der häuslichen Arbeit nicht nur überlaffen, fondern durch die Noth aufgedrängt wird. Dahin gehörten zahlreiche Gegenftände nicht nur aus Venezuela, Brafilien u. f. w., fondern auch aus jenen Staaten, in welchen die nationale Hausinduftrie noch eine höhere Bedeutung für das gefammte Leben in Anfpruch nimmt und nehmen kann, wie aus Schweden, wo man die Arbeiten der * Siehe darüber Schröer: Das Bauernhaus, officieller Bericht. Gruppe XX. Die nationale Hausinduftrie. - 7 Blinden, die fonft ganz intereffanten Gegenftände der Arbeiten der Lappländer unter die nationale Hausinduftrie aufnahm, ebenfo wie in der norwegifchen Abtheilung, wo Schnee- und Eis Schlittfchuhe, Schlitten u. dgl., ja felbft wie in Oefterreich, wo man bei dem fehr belehrenden Reichthume, den die Hausinduftrie noch bietet, dennoch gemeine Befen, gewöhnliche Holzgeräthe, ganz ordinäre Strohgeflechte u. dgl. unter der nationalen Hausinduftrie zur Ausftellung brachte. In diefer Richtung ift jedes Bemühen, die häusliche Arbeit und die fcheinbar gewerbliche Befchäftigung der Hausgenoffen zu erhalten, nicht nur vergeblich, fondern geradezu gefährlich und ganz und gar verdammenswerth. Dort, wo der Familienvater, wie heute noch in einzelnen Gebieten Schottlands, in Schwe den und Norwegen, in der ehemaligen öfterreichifchen Militärgrenze, fein Tifchler, Schuhmacher und Schneider, Maurer und Werkzeugmacher ift, da kann man auch ficher annehmen, dafs hier das unwegfame Hochgebirge oder der Urwald, dort das vereinfamte, von der Heerftrafse entlegene Thal oder die Wüfte den Strom der fortfchreitenden Cultur zurückftaut und in feiner Ausbreitung hemmt. Das Werkzeug, das heute der Werkzeugfabrikant erzeugt, ift beffer geartet und dennoch billiger erzeugt und billiger zu haben, als das, das in häuslicher Arbeit die Nothdurft zurechtmacht. Das hat der alte römifche Bauer fchon gewufst und zog bereitwilligft zu gewiffen Märkten nach Rom, um das gute Ackergeräth vom ftädtifchen Erzeuger zu kaufen. Das Kleid und das Gewebe für das Kleid, das kräftige Leder, das der Fabrikant erzeugt, der mit allen Behelfen der Kunft und Wiffenfchaft arbeitet, ift beffer für den Gebrauch und werthvoller für die Cultur der Menfchheit, als das Stück rohe Leinwand oder Tuch, das einft mühfelig und heute noch hier und dort das Haus erzeugt und das bei allem Aufwande an Arbeit doch nicht ausreicht auch nur für den befcheidenften Bedarf des Menfchen. In diefer Richtung ift die Hausinduftrie nur ein Zeichen mangelnder Cultur und Alles, was wir auf der Ausftellung von folchen Objecten fehen konnten, nur ein Zeichen, wie mühfelig der Menfch einft den Bedarf feines Lebens deckte und wie mühfelig er es oft heute noch thut. Im Uebrigen wird auf diefem ganzen Gebiete die moderne Induftrie immer mehr und mehr Raum gewinnen und ficherlich über kurz oder lang die Refte menfchlicher Ohnmacht vernichten. Sehen wir diefs doch heute fchon felbft dort, wo man der Hausinduftrie eine grofse Sicherheit zutraute, auf dem Gebiete der orientalifchen Teppichweberei, fich vollenden. Nur in wenig Ausnahmen konnte man den alten Glanz der türkifchen oder perfifchen Teppichweberei auf der Weltausftellung wiederfinden. Längft ift in die Werkſtatt diefer Weber der Speculationsgeift des modernen Handels eingedrungen und der Mann arbeitet nicht mehr nach gereiften Erfahrungen und geheiligten Traditionen, fondern nach Art und Weife des europäifchen Fabrikanten, der auf den Markt kommen und verkaufen will. Die Solidität diefer Arbeiten ift zur Hälfte heute Fabel und felbft die Pracht der Naturfarbe verfchwindet vor dem modernen Anilin, das wir bei vielen türkifchen, insbefondere Smyrnaer Teppichen erkannten. Eine Deventer Imitation oder ein perfifcher Teppich von Ph. Haas und Söhne ift heute fchon mehr werth, als das meifte Product der türkifchen oder oftafiatifchen Hausinduftrie. Und wie lebt ein gefchickter Weber diefer Fabriken und was fchafft er gegenüber dem Arbeiter des, Orients, der an feinem unvollkommenen Webftuhle mühfelig die Kette in Ordnung zu halten und nur mühfam den Schufs hindurchzufitzen vermag. Ift es nicht ähnlich mit der Shawlinduftrie Englands und Frankreichs gegenüber der nationalen Arbeit des Indiers zu Cafchemir und zu Lahore? Einige Specialitäten abgerechnet, für deren Erzeugung oft Generationen ausgenützt wurden, ift das Product der fabriksmässigen europäiſchen Nachahmer gleich werthvoll wie das des originellen afiatifchen Arbeiters. Und der europäiſche Arbeiter ift dabei ein freier Bürger feines Staates und im reichen Lohn Gründer und Erhalter einer Familie. Der Indier aber erwirbt durch des langen Tages mühfelige Arbeit eine Handvoll geröfteten Reismehls, das ihn Jahr aus, Jahr ein erhält. 8 Dr. Carl Th. Richter. Darum nur fort mit allen Sentimentalitäten und Sorge und Mühe verwendet, um aus dem Haufe und der Haushaltung all' dasjenige auszufcheiden und zu zerstören, was dem modernen Gewerbe und der Induftrie angehört! Eine andere Frage ift es nun freilich mit jenen Gebieten der Hausinduftrie, welche eigentlich nichts Anderes bedeuten, als die Auflösung eines grofsen gefchäftlichen Unternehmens in einzelne Zweige und Theile der Arbeit, welche dann wieder das Haus oder beffer der Arbeiter in Mitte feiner Häuslichkeit durchzuführen und zu leiften übernimmt. Das Programm für die Weltausstellung hat fich davon keine Rechenfchaft gegeben und doch wäre es gerade von unendlichem Werthe für die Erkenntnifs unferer modernen Industrie, einmal klar und deutlich zu erkennen, wie wenig eigentlich die Dampfmafchine allmächtig ift und wie zahlreiche Induftrien, die auf dem Markte als compacte grofse Körper erfcheinen, in der Herftellung ihres Productes in taufend und abertaufend Hände fich auflöfen, die am häuslichen Heerde befchäftigt find. Und das ift ein grofses und wichtiges Gebiet der Hausinduftrie, welches der Staatsverwaltung und der Ver einsthätigkeit viel zu leiften aufgibt und das für jeden Denkenden höheren Werth und Bedeutung hat, als die ganze Romantik der Fabeln der Pfahlbauten oder eines in einem Grabe gefundenen alten Feuerfteines, oder einer urgermanifchen Heugabel u. dgl. mehr. In diefes Gebiet, um durch einige Beiſpiele klarzumachen, was wir fagen wollen, gehören zahlreiche Zweige der Erzeugung von Eifen und Stahlwaaren, zumeift der feineren Sorten der Mefferfchmied- und Nadlerarbeiten. Es gehören hieher die Erzeugniffe der Korbflechterei, die in jedem Lande Taufende von arbeitenden Händen befchäftigt und in Frankreich einen Handel unterhalten, der fich über die ganze Welt ausbreitet. Die deutfche und öfterreichifche Kinderfpielwaareninduftrie, die gefammte Glaswaarenfabrication, insbefondere die vielfach geartete Böhmens, die den Weltmarkt beherrschende Gold waarenfabrication von Hannau und Pforzheim, das alles find grofse und mäch tige Induftrien, welche in erfter Inftanz als Hausinduftrie erfcheinen und in der Herſtellung der taufendfach verfchiedenen Producte auf die Thätigkeit des Arbeiters in feinem Haufe und in feiner Familie, die er mit Weib und Kind herbeizieht, zurückkehrt. Und es gibt noch zahlreiche andere, ähnlich geartete Induftrien, und taufendfach ift dem Vordringen der Dampfmafchine und der Ausnützung der natürlichen Kraft eine Grenze gefetzt und die menfchliche Hand allein, die menfchliche Arbeitskraft ift die Quelle einer ungeheuren Maffenproduction und eines Erzeugniffes, bei deffen Preis man im einzelnen Producte es kaum für möglich hält, dafs Menfchenarbeit dabei verwendet wurde. Wir erinnern dabei an das, was wir in unferem Bericht„ Die Kinderfpielwaaren" mittheilten, und erwähnen hier nur, dafs man in dem Glasbezirke des böhmifchen Riefengebirges Glasknöpfe erzeugt, von denen das Gros, alfo 12 Dutzend auf 15 bis 30 kr., je nach der Qualität, zu ftehen kommt, oder Vorftecknadeln, bei denen erft im Hundert ein Preis feftgefetzt werden kann, da im Grofsverfchleifs das halbe Taufend mit 20-25 kr. berechnet wird. In Aachen verkauft man das Gros von Nadeln mit Glasfchmelzköpfen mit 50 Centimes, und man kann es wohl begreifen, wenn man bedenkt, dafs ein Mädchen von 10-12 Jahren im Stande ift, bei neunftündiger Arbeitszeit 40.000 folcher Glasköpfe an einem Tage aufzufetzen. Von all den hier angeregten Gebieten war mit Ausnahme einzelner Spitzenarbeiten und der künftlichen Blumen, denn auch die Spitzeninduftrie und die gefammte Erzeugung von künftlichen Blumen gehört zum grofsen Theile der eben gefchilderten Induſtrie, die zugleich Hausinduftrie ift, an, nichts in der Gruppe der Hausinduftrie zur Ausstellung gekommen. Die einzelnen Sectionsberichte weifen wohl an der jeweilig geeigneten Stelle auf die hier angeregte Frage hin und wir wollen in der That nur in Kurzem das Gefammtrefultat unferer Betrach tung und Erkenntnifs zufammenfaffen. Die nationale Hausinduftrie. 9 Allenthalben dort, wo die Erzeugung des Productes und die Qualität desfelben nur durch den Geift und die Hand des Arbeiters beftimmt wird, wird die Sicherheit der Arbeit und die Erhaltung der Erwerbsquelle oder, in Kurzem, die Concurrenzfähigkeit durch die Tüchtigkeit des Arbeiters beftimmt, durch feine Gewandtheit, mit Form und Farbe dem wechfelvollen Bedarfe gefchmackvoll nachzufolgen, durch feine Fähigkeit, dem Materiale felbft neue Formen zugänglich zu machen. Das Alles vermag nun nur die glückliche Erziehung und fachmässige gewerbliche Ausbildung des Arbeiters. Begegnen wir bei zahlreichen Berichten, wie fie diefes Werk enthält, der Forderung, dafs der Staat oder die Gemeinde oder das Vereinswefen das Gewerbe durch Gründung von Fachschulen unterſtützen und entwickeln möge, fo faffen wir diefs hier eben als eine gemeinfame Bedingung der Erhaltung und Entwicklung zahlreicher Induftrien zufammen. Würde man auf der Weltausftellung jene Induftrien, bei denen der Arbeiter Kraft und Stoff zugleich ift, in ihrer grofsen Bedeutung dargestellt haben, fo würde man zu gleicher Zeit allenthalben leicht zur Erkenntnifs gekommen fein, nicht nur wo die gewerbliche Fachfchule, fondern auch wie fie nothwendig errichtet werden foll. Man würde leicht erkennen, wie hier die Technik, dort die Chemie, hier die Kunft der Formgebung und der Reichthum und der beftändige Wechfel der Form das Wefentliche und Charakteriftifche eines gewerblichen Unternehmens ift und dafs dem entſprechend die Schule hier auf technifche und mechanifche Kenntniffe, dort auf chemifches Wiffen das Hauptgewicht legen mufs; dafs in der einen nur in die ideale Form, alfo in die Kunft des Zeichnens und Formens, bei der andern nur in die Kenntnifs des praktiſchen Confums, alfo auf handelspolitifche Bildung das Schwergewicht gelegt werden mufs. Bei der grofsen und bedauerlichen Einfeitigkeit, mit welcher man heute noch allenthalben den gewerblichen Unterricht betrachtet, würde eine ausgiebige plaftifche Darftellung des gewerblichen Lebens überhaupt und jener Zweige insbefondere, welche durch die gewerbliche Erziehung ihre Lebensfähigkeit allein erhalten, von ungemeffenem Nutzen fein. Mag eine fpätere Ausftellung im Programme und in der Durchführung der Darftellung der nationalen Hausinduftrie die grofsen Aeufserungen des wirklichen Lebens nicht aufser Acht laffen. Die dritte Richtung, in welcher die nationale Hausinduftrie zur Darstellung kam und welche vor Allem auch darzuftellen beabfichtigt wurde, kennzeichnet das oben angeführte Programm der Generaldirection für die Gruppe XXI. Manches Gebiet der menfchlichen Arbeit, wie es in der Vereinfamung der einzelnen Haushaltung erhalten worden ift, trägt in fich nach Jahrhundert alten traditionellen Ueberlieferungen die Spuren einer reinen Kunft und einer ftreng nationalen Kunftgeftaltung. Zumeift die bäuerliche Bevölkerung mancher Länder hat in ihren Coftumen und einzelnen Geräthfchaften derartige jahrhundertalte Blüthen eines reinen, zarten und von einer erhabenen Natürlichkeit getragenen Kunftgefchmackes erhalten. Der Bauer ift ja überhaupt in Mitte der Cultur des neunzehnten Jahrhunderts hier und dort der alleinige, vereinfamte Vertreter des ftreng nationalen Lebens geblieben. In einigen Ländern, wie in Schweden und Norwegen, war es die alte, urwüchfige, perfönliche Freiheit, welche ihn innig und treu mit dem nationalen Leben, der nationalen Thätigkeit, der Tradition und Ueberlieferung verbunden erhielt. In anderen Ländern, zumeift in ganz Mitteleuropa, dem Süden und Often Europas war es die Laft der Unfreiheit, das Feftgebundenfein an die Scholle, welche gerade den, Bauer an die Heimat innig und feft fchlofs und ihn in der fchwachen Abforptionsfähigkeit gegenüber der europäifchen Cultur gerade mit dem nationalen Leben dauernd verband Dort war es Stolz und Selbftbewufstfein, hier Schwäche und Troft im heimatlichen Boden und im heimatlichen Leben etwas zu fein und etwas zu bleiben Der grofse Culturprocefs der Grundentlaftung, wie ihn das Jahr 1848 nach einem halbhundertjährigen Kampfe vollendete, hat in feinen Wirkungen in diefer Richtung nur 10 Dr. Carl Th. Richter. wenig bis jetzt geändert. Während der Adel und Bürgerftand in ganz Europa kosmopolitifch wird, einzelne Gefammtbeziehungen des Standes für alle europäifchen Staaten gleich ausbildet, im Staatsbürgerthum feine Macht und Bedeutung findet, vertritt der Bauer allein noch das nationale Leben und nationales Wefen. Was dem modernen Bürger heute fremd und unverftändlich im Leben des Bauernftandes ift, das find alles Refte feiner eigenen Gefchichte, feiner Entwick lung und nationalen Geftaltung. Das war es, was im Jahre 1867 die Parifer Weltausftellung zum erften Male zeigen wollte. Verfprach das Napoleonifche Regiment durch mehr als ein Jahrzehent dem Bauern- und Arbeiterftand eine Neugeftaltung ihrer Lebensverhältniffe, fo wollte die Parifer Weltausftellung in der Darftellung der Bauerncoftume und nationaler Gruppen ein ethnographifches und culturgefchichtliches Bild der Lage, des Lebens nnd der Befchäftigung der bäuerlichen Bevölkerung der verfchiedenen Länder geben. Es war kein Wunder, dafs zahlreiche Befucher der Ausftellung nicht wufsten, was fie mit diefen nationalen Gruppen anfangen follten. Auch war die Frage ganz berechtigt, warum denn eben nur der Bauernftand in folcher Weife zur Darstellung gelange. Und doch gaben jene erften Verfuche, in das innerfte nationale Leben einzudringen, eine aufserordentliche Anregung. Man hat feither erkannt, dafs in den Coftumen und in den Geräthen der ländlichen Bevölkerung zahlreiche Traditionen aufbewahrt und erhalten find, welche oft weit zurückführen in die antike Kunft und in das naive, zierliche Schaffen des Menfchen, wie es nur von der Natur und ihren Vorbildern angeregt und geleitet wurde. Schon auf der Parifer Weltausftellung beobachtete der Kenner in den Coftumen der fchwedifchen und norwegifchen Bauersleute, ebenfo wie in den Stickereien der Stämme und Völker der Donauländer, eine Zierlichkeit und Harmonie zwifchen Mufter, Farbe und Stoff, dafs leicht die Folgerung daraus zu ziehen war, wie viel aus diefen Geftalten, aus diefen Arbeiten am häuslichen Herde eines Bauernhofes ebenfo für das moderne Gewerbe und die moderne Induftrie zu lernen fei, als aus zahlreichen häuslichen Geräthen, welche der Bauernftand hier und dort in jahrhundertalter Gewöhnung, ihm ganz unbewusst, nach den fchönften Muftern vergangener Kunftperioden erzeugt. Auf der Parifer Ausstellung erregte eine kleine Sammlung von Krügen aus einfachem, rothem Thone gebrannt, wie fie die portugiefifchen Bauern für ihren Bedarf felbft erzeugen, die Aufmerkſamkeit aller Kunftkenner. Waren es doch Krüge in der reinften antiken Form. Taufendfach waren die Anregungen, als man einmal erkannte, was man in den Erzeugniffen der Hausinduftrie zu fuchen und wie man das Gefundene zu benützen habe. Die letzten fünf Jahre haben in diefer Richtung vielfach aufklärend gewirkt, und das mag es erklären, dafs die meiſten Staaten die Gruppe XXI, wenn auch vielfach die eigentliche Abficht mifsverftehend, befchickt haben. Nur Italien hat merkwürdigerweife die hier bezügliche Gruppe vernachläffigt, was bei Manchem, der nach fyftematifcher Ordnung nach den Katalogen die Ausstellung befuchte, mancherlei falfche Vorftellungen zu verbreiten geeignet war. Man mufste aber in Italien bei Gruppe VII vor Caftellani's Goldfchmiedearbeiten innehalten, ebenfo wie vor der Ausftellung von Aleffandro und Torquato Caftellani in Gruppe IX, wo man die wunderbaren, bei den italienifchen Bauern gebräuchlichen Töpferwaaren in Porcellanimitationen bewundern konnte. Aleffandro Caftellani hatte in den Thälern der Apenninen die Refte einer uralten Gold- Schmiedekunft entdeckt und in den zierlichen Schmuckgegenständen antike Technik und Form wiedererkannt. Das South Kenfington Muſeum hat mit viel Glück die Sammlung des bäuerlich- italienifchen Goldfchmuckes erworben. In ähnlicher Weife haben in einzelnen abgelegenen Thälern die italienifchen Bauern eine die fchönften und prächtigften antiken Mufter zeigende Thonwaaren- Erzeugung erhalten. Caftellani fammelt feit Jahren diefe Mufter und hat mit den bäuerlichen Arbeitskräften und deren Materialien, ins a مه g 1. S n S go r r d r 1 1 1 e r r 1 Die nationale Hausinduftrie. 11 befondere den Farben, in Rom eine ganz felbftftändige Induſtrie begründet. Neben der reinften antiken Form werden die Formen der Renaiffance treu erhalten. Torquato Caftellani hatte in Wien eine reiche und fchöne Sammlung diefer Gefäfse, nach den beften Renaiffancemuftern gearbeitet, zur Ausftellung gebracht, welche von Muſeen und Kunftliebhabern zehnfach ausverkauft worden ift. Caftellani gebührt der grofse Ruhm, zuerft den Werth der Hausinduftrie erkannt und in der glücklichften Weife muftergiltig gezeigt zu haben, wie die in den einfamen Thälern der Gebirge oder der ftillen bäuerlichen Wirthschaft aufbewahrten Schätze der Kunft ausgenützt werden müffen. Wenn er in der italienifchen Abtheilung, in den Gruppen VII und IX ausftellte und nicht in der Gruppe XXI, fo mag diefs daher kommen, dafs feine Thätigkeit in der That fchon der Gefchichte angehört, in welcher fie immer an erfter Stelle genannt werden wird. Was nun die reichen Ausftellungen der übrigen Staaten anbelangt, fo bleibt uns nur wenig an diefer Stelle zu bemerken übrig, da fich die einzelnen Herren Berichterftatter je in ihren Berichten es fich nicht haben entgehen laffen, über die anregenden Objecte der nationalen Hausinduftrie des Weiteren zu fprechen. Insbefondere gilt diefs von den nationalen Thonwaaren, die aufser von Portugal in wunderfchönen reichen Sammlungen durch die Türkei, Egypten, Tunis, China und Japan vertreten war, und welche bis ins weiteftgehende Detail in dem Berichte von Dr. Emil Teirich, Gruppe IX, Section 2, ihre ausführliche Darftellung gefunden hat. Dasfelbe gilt annähernd von den nationalen Geweben und Nadelarbeiten, welche Dr. F. Stamm in feinem Berichte über Spitzen und Stickereien, ebenfo wie Frau Baronin Roditzky in ihrem Berichte über Frauenarbeiten, mancher eingehenden Betrachtung gewürdigt haben. In Betreff der Schmuckarbeiten in Metall haben wir des Beften fchon gedacht und zeigten annähernd nur noch die Coftume einiger ungarifcher Figuren, beachtenswerthe Filigran und andere Goldfchmiede- Arbeiten. Deutfchland hat überhaupt, fowie Frankreich und England das ganze Gebiet der nationalen Hausinduftrie fehr vernachläffigt, obgleich zumeift in dem Filigranfchmucke, wie ihn die Bäuerinnen Schwabens und Altbaierns hin und wieder noch tragen, ebenfo intereffante Ausstellungsobjecte gegeben wären, wie in den zierlichen Ketten und Behängen, mit denen fich die Bauern der Donauländer ebenfo gern fchmücken als der wilde Bewohner der fchwarzen Berge und zahlreiche andere friedlichere Stämme. Es bleibt uns danach eigentlich nur übrig, gewiffermafsen eine Statiſtik und ein Gefammtbild der Gruppe XXI zu geben. Mit vollem Verftändniffe für die gegebene Aufgabe der nationalen Hausinduftrie trat in erfter Richtung Portugal und zum Theil auch Spanien hervor. Hier, wie insbefondere in den intereffanten Sammlungen von Joachim Antonio Porges, Ant. Man. Guerrero und Joachim Maria da Silva, begegneten wir den fchönen, nach der reinften Antike gehaltenen Thongefäfsen, welche, wie bereits erwähnt, in einzelnen kleinen Sammlungen fchon 1867 die Aufmerkfamkeit der Kunftfreunde im höchften Grade erregte. Frankreich hat nichts Befonderes gebracht, da es die ganze Aufgabe diefer Gruppe als eine blofse Darftellung derjenigen Arbeiten anfah, welche von Frauen und Mädchen im Haufe gearbeitet werden. Das Gleiche gilt von der Schweiz, welche felbft das ganze Gebiet der Holzfchnitzerei aus der Darstellung der Hausinduftrie ausgefchieden hatte. Nur in einem geftickten Kopfputze der Frauen des Cantons Uri, keineswegs durch die häusliche Arbeit erzeugt, fondern durch eine„ Käpplimacherin", welche nach dem Mufter nationalen Gefchmackes gewerblich arbeitet, ausgeftellt, begegnete man einem kleinen Reftchen einer Hausinduftrie, die durch die reiche Grofsinduftrie des Landes feit Jahrzehnten auf ein fehr geringes Mafs eingeengt wurde. Man darf fich überhaupt darüber keiner Täufchung hingeben. In den Ländern des grofsen Induftrie- und Handels 12 Dr. Carl Th. Richter. verkehres, in Deutſchland, Frankreich, Belgien, dann in England und endlich in dem reichen und arbeitstüchtigen Schweizerlande hat die moderne Induſtrie die Spuren einer eigenartigen, im engen finnigen Kreife des Haufes und der Familie. zur Geltung kommenden Arbeitsrichtung längft verdrängt; nur in den mühfam gefammelten Reften der Arbeitsleiftungen früherer Jahrhunderte, wie fie die Mufeen aufbewahrt haben, kann man das frühere Vorhandenfein derfelben erkennen und aus manchem günftig fituirten Beiſpiele ausgiebige Anregung für die moderne Arbeit finden. Nur heute darf man nicht mehr an dem Baume der menfchlichen Arbeit, den die Dampfkraft in andern Boden verpflanzt und mit anderen Nährstoffen kräftigt, die zierlichen Blüthen vergangenen, aber geiftig und materiellen engeren Lebens fuchen. Wir haben diefem Gedanken fchon oben Raum gegeben und wollen hier nur manchen Bemerkungen begegnen, welche fehr tadelnd darauf hinwiefen, dafs gerade die reichften Induftrieftaaten Europas, England, Frankreich, Deutfchland u. f. w., diefe Gruppe der Ausstellung nicht befchickt haben. Ganz anders fteht es mit jenen Staaten, in denen die Dampfkraft noch nicht Millionen Spulen und Hunderttaufende von mechanifchen Webftühlen bewegt, in denen noch nicht in klafterbreiten Zwifchenräumen die Erde aufgedeckt und Kohle und Erz zu Tage gefördert werden. Auf diefe Staaten allein und ihre Ausftellungen wollen wir noch in Kurzem zu fprechen kommen. Wir meinen Schweden und Norwegen, Oefterreich- Ungarn und Rufsland. Bei den beiden erften Staaten waren es die von der fchwedifchen Ausftellungscommiffion in aufserordentlicher Vollendung zur Ausftellung gebrachten Nationaltrachten; faft noch bedeutender durch das aufserordentliche Leben, das ihnen innewohnte, waren die nationalen Gruppen aus den flavifchen Gebieten der öfterreichifch- ungarifchen Monarchie. Hier erkannte man noch ganz deutlich, was einftens das Haus geleiftet, und was es noch zu leiften im Stande. Weniger bei den Schweden, als bei den ungarifch- flavifchen Volksftämmen, fand man eine Menge von Thongefchirren, welche in ihrer einfachen Formgebung, in ihren kräftigen Farben und Zierrathen dem Forfchenden in jedem einzelnen Stücke mancherlei zu lernen boten. Der Hirte und Bauer, der hier feinen Bedarf an Gefchirren fich felbft erzeugt, hat in hundertjähriger, gleich erhaltener Nachahmung Formen aufbewahrt, welche die geiftig arme Grofsinduſtrie der Culturftaaten in mühfeligen und taftenden Verfuchen bis heute nur in feltenen Fällen zu erreichen befähigt war. In den Nadelarbeiten wie Geweben begegnen wir bei den nordifchen Schweden und Norwe gern ebenfo wie bei den füdlichen Donauftämmen vielfach der gleichen Arbeit und dem gleichen Mufter. Nicht die Culturgemeinfchaft der von Afien vordringenden heutigen europäifchen Bevölkerung, fondern die gleiche Quelle der Erkennt nifs bietet dafür die genügendfte Erklärung. Der Faden, ob der einfache Leinfaden oder glänzende Gold- und Silberfaden, ift wie die Nadel der nationalen Stickerin, grob; die Stiche find es auch ebenfo wie der Stoff, auf welchen der Schmuck der Stickerei aufgetragen wird. Aber allenthalben ift das Mufter dem Zwecke des Gewandftückes und dem Bedarfe des Körpers, der ja mit die Form des Kleides beftimmt, in fo finniger Weife angepafst, dafs die gröbfte Arbeit, ebenfo wie die einfachfte, Zierlichkeit und Reichthum gewinnt, wie uns diefs felten bei den modernen Stickereien, zumeift wenn fie mit dem Gewande in Verbindung gebracht find, entgegentritt. Dazu tritt bei der nationalen Nadelarbeit eine überaus glückliche Wahl des Materiales, das die Stickerin verwendet. An fchwedifchen Nationaltrachten, welche die fchwedifche Ausftellungscommiffion, ebenfo wie Freiherr Carl Bonte ausgeftellt hatten, fah man, wie bei ungarifchen, flovakifchen und rumänifchen Coftümen, Metallplättchen, Ringe und Kettchen fo glücklich verwendet, dafs es dem reichften Schmucke des Gold- und Silberfchmiedes gleichkam. Wir brauchen in der modernen Induftrie keineswegs diefe Ueppigkeit und Sinnlichkeit, wie fie in ie ie m ie en ir er it d en ne S, ht ch en xt re en ei S- n r. t₁ n 1, n r n e t Die nationale Hausinduftrie. 13 dem nationalen Coftüme oft zu Grunde liegt, ebenfo wie den nationalen Schmuck nachzuahmen, fondern einzig und allein Natürlichkeit, innige Verfchmelzung des Zierrathes mit der Form und vor Allem auch mit der Farbe zu lernen. Hier liegt ja das Geheimnifs längft vergangener Kunftperioden, der Zauber der Renaiffance und endlich des Erfolges, den Induftrielle wie Minton, Wedgewood mit ihren Thon, Porcellan- und Majolicawaaren, Caftellani mit feinen Schmuckwaaren, Philipp Haas mit feinen Teppichen, Lobmayer mit feinen Glaaswaren und zahlreiche Andere errungen haben. Was die Teppichfabrication der Bevölkerung der Donauländer anbelangt, fo brauchen wir uns darüber nicht weiter zu ergehen. Sie ift zur Genüge bekannt, und hat einft mit ihren wenigen, aber kräftigen Farben, mit ihren zierlichen, einfachen Muſtern ebenfo wie die orientalifche Teppichweberei günftig auf die moderne Induftrie eingewirkt. Am wenigften bedeutend war fowohl in Schweden und Norwegen wie in Oefterreich, Ungarn und Rumänien die Gold- und Silberfchmied- Kunft vertreten. Bei den Männern bildet der Meffing- oder auch Silberknopf am Spenzer, Gürtel und Beinkleid den gröfsten Zierrath, bei den Frauen die Gold- und Silberftickerei der Haube, des Bruftlatzes und des Mieders. Es ift daneben wenig Raum für anderen Schmuck. Dennoch findet man in ganz Ungarn, Siebenbürgen und Rumänien eine Art Filigranfchmuck in der bäuerlichen Bevölkerung verbreitet, der durch die Art der Arbeit ebenfo wie die Gehänge mancherlei Aehnlichkeit mit dem in anderen Städten erzeugten Filigranfchmucke hat. Dagegen fah man in der ungarifchen Abtheilung Meffer und Gabeln mit Blei-, Zinn- und Kupferdraht verziert von grofser Zierlichkeit und reichem Gefchmacke. In ähnlicher Weife gearbeitet fahen wir mehrere rumänifche Tafchen mit Kupfer- und Meffingdraht reich ausgelegt. Der Bewohner des Banates fchmückt in ähnlicher Weife feine Kürbisflafchen und gibt dadurch dem einfachen Holzgeräthe ein reiches und fchmuckes Ausfehen. Rufsland hatte weniger die Gruppe der nationalen Hausinduftrie mit Ausftellungsobjecten bedacht, als eben feine ganze Ausftellung zeigte, wie innig die gefammte ruffifche Induftrie mit dem nationalen Leben und Wefen verbunden ift und von jeher verbunden war. Nationales Leben tritt überall dem forfchenden Auge entgegen, nationale Geftalten und Eigenthümlichkeiten des Landes bilden die reich ergiebige Quelle der Vorwürfe für den Plaftiker und Maler wie für den gewerblichen Künftler. Dadurch hat Rufsland in wenigen Jahren fo unendlich viel geleiftet und zeigte auf allen Gebieten der Induftrie auf der Wiener Weltausftellung die bewundernswürdigften Fortfchritte. Möchte man aus diefem einzigen, aber bedeutenden Beiſpiele allenthalben erkennen, dafs die Arbeit eines Volkes niemals durch die Unterwerfung unter das Fremde, die blofse Nachahmung fich kräftig entwickeln, fondern einzig und allein durch den unerfchöpflichen Quell des nationalen Lebens und der nationalen Gefinnung jene Kraft gewinnen kann, welche fie felbftftändig und geachtet machen mufs. Charakteriftifch und befonders hervorzuheben ift es, dafs mit Ausnahme weniger bedeutenden Stickereien, einiger Shawls und Gewebe aus Ziegenhaaren hier eine Menge von Beilen in der Gruppe der nationalen Hausinduftrie zur Ausftellung kamen, wie fie eben der ruffifche Arbeiter zu verfchiedenen Hantirungen gebraucht und wie er es im Gürtel trägt als Zeichen der Werthfchätzung feines Werkzeuges. Der Ruffe arbeitet Alles mit dem Beil und das preisgekrönte ruffifche Haus ebenfo wie die Einrichtungsftücke, felbft die des ruffifchen Kaiferhaufes in einigen Zimmern, find durch das Beil allein in ihrer ganzen Formfchönheit und zierlichen Glätte erzeugt. Es ift kein Zweifel, dafs Rufsland zumeift aus den eroberten Objecten des Kaukafus aufserordentlich reiche und belehrende Beiträge für die Gruppe XXI beibringen kann. In die weiten Ebenen feines Landes, ebenfo wie in die Gebiete feiner Gebirge ift Induftrie und Handel noch nicht fo mächtig vorgedrungen, dafs 14 Dr. Carl Th. Richter. das Haus und die häusliche Arbeit die unvollkommene Schnitzbank ebenfo wie den fchmalen und engen Webftuhl hätte verlaffen können. Dazu kommt noch, dafs die Refte altafiatifcher Cultur fich allenthalben hier erhalten haben und insbefondere den Gewebe- und Shawlarbeiten ebenfo wie den Metallarbeiten, zumeift den mit Silber und Meffingdraht eingelegten Gegenftänden, ihren grofsen Glanz verleihen und jene kräftige Anregung dem Bétreffenden geben, welche immer und von jeher an den phantafiereichen Arbeiten des Orientes den Bewohner des Abendlandes entzückt haben. Das ergiebigfte Gebiet für die nationale Hausinduftrie bieten nun unftreitig der Orient und Oftafien. Die gefammte Cultur diefer Völker und Staaten ift feit Jahrhunderten in den Zuftand der Ruhe gerathen und die höchfte Vollendung der chinefifchen und japanefifchen Arbeiten auf zahlreichen Gebieten des wirthfchaftlichen Lebens ift gleich Jener früherer und längftvergangener Jahrhunderte. Freilich unterfcheidet fich das Leben der fleifsigen, reichen Bevölkerung Oftafiens von jenem der Völker des Orients, der Türken, der Perfer u. f. w. dadurch, dafs mit dem Sinken der Bevölkerung hier auch eine Erfchlaffung der Arbeit allenthalben eingetreten und nur noch einzelne Refte vorhandener Kunftfertigkeit eine frühere glänzende Entwicklung verrathen, während China und Japan durch die Ausbeutung ihrer ergiebigen Naturfchätze, durch Fleifs und Arbeitfamkeit die Pflege aller Arbeitszweige dauernd erhalten haben, wenn auch von Gefchlecht auf Gefchlecht fich erbend in ftets gleicher und nicht fich entwickelnder Geftaltung. Alle Arbeit, auch in ihrer höchften Kunftfertigkeit, gehört daher hier dem kleinen gewerblichen Betriebe, wenn wir fo fagen dürfen, der Arbeit im Haufe und der Bethätigung der Familie an. Bei den orientalifchen Stämmen ift der fleifsige Betrieb, die tüchtige Bethätigung der Arbeitskraft durch die Erfchlaffung des ftaatlichen und politifchen Lebens felbft herabgefunken und die Arbeit des Einzelnen hat den Bedarf desfelben mühfelig zu decken. Es gibt kein Gewerbe mehr und das Product, das dennoch auf den Markt kommt, ift das Erzeugnifs in der That des einzelnen Familienvaters und feiner Familie. Kaum dafs auf dem Gebiete der Teppichfabrication der Gefchmack Europas und die Handelsbeziehungen, die denfelben zu befriedigen fuchten, eine regere und entwickeltere Thätigkeit in dem letzten Jahrzehnt erzeugt hat. Die Elemente einer glücklichen Entwicklung, wenn diefelbe überhaupt bei geiftig und auch phyfifch gefchwächten Völkern erwartet werden darf, find reichlich vorhanden. Wie die Arbeit auf den meiften Gebieten ihre höhere gewerbliche Ausbildung aufgab und nur durch häusliche Arbeit den wirthschaftlichen und künftlerifchen Bedarf deckte, fo war gerade das ftagnirende Leben, die innere Verfumpfung das Mittel, die Tradition zu erhalten und Art und Weife der Arbeit, Form und Mufter einer längft vergangenen reinen Kunftepoche zu fichern. Was fowohl die Türkei und Perfien, als auch China und Japan in der Gruppe XXI daher ausgeftellt haben, zierliche Thongefäfse, wie fie zumeift in reicher Sammlung die Türkei brachte oder im Palaft des Khedive und der marokkanifchen Villa gefammelt waren, die Teppiche und Stickereien, wie fie den Glanz der türkifchen und perfifchen Ausftellung bildeten, gefchnitzte Käftchen mit Perlmutter und Elfenbein ausgelegt, Gold- und Silberarbeiten, ebenfo wie Flechtwerk, das alles fand fich in den einzelnen Gruppen der Ausftellung wieder und konnte in diefer Vertheilung und Anordnung eben nichts Anderes lehren, als dafs der Ausgangspunkt der gewerblichen Arbeit, ebenfo wie die Quelle der gefchäftlichen Handtierung bei den Völkern des Orientes, ebenfo wie Oftafiens, hier nur in grofsartiger Geftaltung und Entwicklung, das Haus und die häusliche Arbeit, die Familie und die Familienarbeit ift. Zu ganz intereffanter Belehrung wiefen darauf die einzelnen nationalen Gebäude hin, welche zumeift der Orient in reichem Mafse in dem Ausftellungsgebiete aufgeführt hatte. Die Vorhalle und die Hausflur ift Werkstatt und zugleich Verkaufs- und Gefchäftslocal. e 5- t n e S S Die nationale Hausinduftrie. 15 Für unfere Betrachtung genügt diefe Andeutung, da bei der eben erwähnten Gleichheit der Ausftellungsgegenstände in den einzelnen Gruppen auch jene Producte zur Ausstellung kamen, welche unter einem andern Gefichtspunkte GruppeXXI eben nur wieder vereinigte. Wir verweifen daher auf die einzelnen Berichte und fchliefsen unfere Betrachtung mit dem Wunſche, dafs keine Ausstellung das belehrende Gebiet der nationalen Hausinduftrie zur Darstellung zu bringen verfäumen möge, dafs aber eine nächfte Ausstellung die verfchiedenen Richtungen der Hausinduftrie überhaupt geordnet zur Darstellung zu bringen fich ernftlich bemühen möge. Man mag dabei fich nicht täufchen. Wo immer die Arbeit des Haufes zur Geltung kommt, die Arbeit am häuslichen Herde, die Arbeit mit den Familiengenoffen, da hat das nationale Leben auch Kraft zur Aeufserung und immer Fähigkeit und Neigung, fich geltend zu machen. Hier hat auch die Schule und die geordnete Erziehung anzuknüpfen, die gerade dort, wie wir fchon oben erwähnten, von gröfster Wichtigkeit ift, wo fich ein einzelner grofser Induſtriezweig in der Hausinduftrie auflöft. t H e S DARSTELLUNG DER WIRKSAMKEIT DER MUSEEN FÜR KUNSTGEWERBE. ( Gruppe XXII.) Bericht von DR. CARL TH. RICHTER, k. k. o. ö. Profeffor der Staatswiffenfchaften an der Univerfität zu Prag. " Die Idee einer Weltausftellung ift durch den Prinzen Albert in das Leben gerufen worden, einen Mann, der um die praktifche Durchführung der Probleme der modernen Civilifation im Allgemeinen und in England fpeciell fich verdient gemacht hat wie kaum ein anderer in diefem Jahrhundert. Was der Weltverkehr bedeutet, was dazu gehört, in denfelben mit ficherer Hand einzugreifen, ift erft durch die Weltausftellungen der grofsen gebildeten Welt fühlbar geworden. Sie erziehen den Menfchen zum Weltbürger und laffen ihn den Werth jener Arbeit erkennen, welche den Menfchen befähigt, der Gefammtheit der Menfchen nützlich zu fein." So fchrieb der um die Frage der Kunftmufeen und deren Wirkfamkeit auf das Gewerbe fo hoch verdiente Eitelberger in feiner Schrift ,, Die öfterreichische Kunftinduftrie und die heutige Weltlage, Wien 1871". Und was er weiter hinzufügt, fich Oefterreich ausfchliefslich zuwendend, das kann man viel weiter ausdehnen und auch auf andere Staaten, insbefondere auf Deutfchland anwenden. Denn ruhen die Wurzeln der öfterreichifchen Wiffenfchaft und der beften Theile des öfterreichifchen Lebens in der Gefchichte und dem Leben des deutfchen Volkes, fo faugt der deutfche Geift feine nährenden Kräfte auch nicht aus dem jeweiligen engeren Heimatlande, fondern aus der grofsen Vergangenheit, die ein Bild vielleicht der heutigen grofsen Zukunft ift, aus dem grofsen, einigen deutfchen Reiche. Und doch! ,, Aufgezogen in engen Gefichtskreifen", fährt Eitelberger fort, ,, befangen durch die Gewohnheiten eines kleinen induftriellen Lebens, wächft der Binnenländer und ein folcher ift der Oefterreicher- heran, pflegt mit Liebe feine particulariftifchen Gefichtspunkte und überfchätzt die kleinen Erfolge in beengten Kreifen, auf befchränktem Gebiete. Er überfieht es gern, wie tief die Wurzeln unferer ftaatlichen Entwicklung in die Gefchichte der Nachbarftaaten reichen, er glaubt nur an das, was an die Oberfläche herantritt, ihn felbft näher berührt." Damit ift ein Bild gegeben, wie es in der That einftens war, zu einer Zeit, wo fich ganz Europa mit Wohlbehagen von franzöfifchen Ideen nährte und im S er ST51 h r r h f e e n e 1 r Darstellung der Wirkfamkeit der Mufeen für Kunstgewerbe. 17 geiftigen Diebstahl fich wohlbefand. Wie ernft auch und bedeutend die deutfche Kunft Gewerbe und Induftrie fchützen und nähren konnte, wie mächtig die deutfche Schule die Arbeit zu erziehen geeignet war auf dem Gebiete des wirthschaftlichen Lebens, der Gütererzeugung und Werthfchaffung blieben fie unfähig, die Kräfte glücklich zu befruchten und das felbftftändige Schöne zu fchaffen. Seit dem Untergange des reichen, gewerblichen deutfchen Städtelebens, das Künftler und Denker hervorgebracht, an deren Namen die fchönften Erfindungen der Kunft fich anlehnen, nährt fich die germanifche Welt von dem Geifte Frankreichs, der, bald wie in Kunft und Wiffenfchaft, auch im Gewerbe und der Induftrie weltbeherrfchend wurde. Man gewöhnte fich, der ſchöpferiſchen Kraft des deutfchen Arbeiters zu mifstrauen, man vermied felbft den Verfuch, fie emporzuheben, fo dafs felbft das heimifche Werk nur unter franzöfifchem Namen oder franzöfifcher Etiquette den Confumenten finden konnte. Was war es wunderbar, dafs man fich fchliefslich begnügte, im engeren Kreife feinen Erwerb zu fuchen und dabei einfeitig und gefchmacklos wurde, oder, wo die breite Heerftrafse des Handels den Strebfamen rief, mit franzöfifcher Nachahmung fich begnügte. Heute noch find die Verhältniffe in vielen Richtungen diefelben, und wer den Muth hat, im Vollgefühl der Erfolge des Krieges vom Jahre 1870, auf Frankreich geringfchätzend herabzublicken, der wird doch zagen, die Arbeit eines Volkes in ihrem Werthe zu bezweifeln, die Arbeit, welche Jahrhunderte grofsgezogen, ein fleifsiges und reichbegabtes Volk entwickelt und eine günftige ftaatliche Organiſation und Lage weltbeherrfchend gemacht haben. Seit Jahrhunderten find die Producte diefer Arbeit durch ihren üppigen Prunk, wie ihre zierliche Grazie, durch ihre Entwicklungsfähigkeit, wie beftändige Neugeftaltung der Welt vertraut. Und man erhielt diefe Vertrautheit felbft, als man anfing, in anderen Staaten, die berufen waren, etwas zu leiften, diefe Leiftungsfähigkeit zu prüfen und durch forgfame Pflege und Erziehung zu entwickeln. Und man wird fie behalten, fo lange Frankreich auf den Gebieten der Faïence und Porcellanmanufactur, der Gobelins und Seidenweberei und zahlreichen anderen Gebieten feiner Arbeit jenen Zauber zu geben weifs, dem alle Welt auf der Ausftellung des Jahres 1873 und nach dem blutigen Kriege bewundernd fich beugte, wie vor diefer Zeit. Als diefs den Denkenden, und noch weniger denen, die nicht denken, noch nicht fo klar bewufst war, gedieh„ die grofse Ausftellung aller Nationen", die erfte Weltausftellung zu London, 1851. Es war ein bemerkenswerthes Ereignifs. Mit einem naiven Enthufiasmus hatte neben England, dem Gaftgeber, die halbe Welt und mehr fich an dem Unternehmen betheiligt. Grofses und Schönes erwartete man, aber Niemand vermochte fich Rechenfchaft zu geben, worin der Werth des ganzen Unternehmens beftehen, und was der Erfolg desfelben eigentlich fein werde. Man wollte fchauen, ohne das Bewufstfein zu haben, dafs die Arbeit eine mächtige, fittliche Macht ift, welche vermag die Verfchiedenheiten der Cultur auszugleichen, und in diefer Ausgleichung eine grofse Culturgemeinfchaft anzubahnen und zu erzeugen. Und fo fchaute man Grofsbritannien mit feinen Colonien, wie es bei einem Raume von mehr als 1 Million Quadratfufs, welche der Ausftellung gewidmet waren, 544.320 Quadratfufs mit feinen Reichthümern, zu denen die ganze Welt beitrug, und von denen die ganze Welt wieder empfing, ausgelegt hatte. Ihm zur Seite hatte Frankreich, im Gefühle feiner gleichen Berechtigung und feiner gleichen Anfprüche an die Weltherrfchaft, den nächftgröfsten Theil in Anfpruch genommen, bemüht den Glanz feines jungen Kaiferreiches zu zeigen und zur Anerkennung zu bringen. Dann folgte Preufsen mit dem Zollverein und Amerika. Nicht ohne Schüchternheit erfchien Oefterreich mit feiner Arbeit, deren Wurzel zurückreichte in eine elende Zeit. Rufsland fuchte durch die Arbeit zweier Welttheile fich in die That der Civilifation zu mifchen, aber vergeblich bemüht, die ertödtende Hand des Defpotismus zu verdecken, welche felbft die wirthfchaftliche Entwicklung nicht gedeihen liefs. Die Arbeit des Menfchen will die Freiheit des Geiftes. Unter den Schätzen 3 18 Dr. Carl Th. Richter. Belgiens, in der Kühnheit der Arbeit der Schweiz, konnte man diefs damals fchon erkennen. Dann folgten die Staaten des Orientes und Oftafiens. Aber nicht allein durch die Gröfse des Raumes, welchen die Staaten für fich beanfpruchten, waren die Richtungen und Erfcheinungen der Nationen verfchieden, fondern auch durch den Inhalt, welchen die Maffe der Reichthümer barg. Da lag England mit der ungeheuren Menge der Producte feiner Millionen Spindeln und Dampfwebftühle, feiner Eifenhämmer und Schmiedewerkftätten. Es war eine koloffale Macht, aber eine Macht, wie fie die ungefügen und noch nicht beherrschten Dampfkräfte emporgehoben. Nirgends erquickte eine Blüthe des Geiftes, der finnigen Anfchauung das Auge. Den Maffenbedarf mochte England in den überfeeifchen Ländern, wie zum Theile auf dem Continente befriedigen. Mit den Aeufserungen höheren Gefchmackes hatte es nichts gemein. Wie ganz anders erfchien Frank reich, Belgien, die Schweiz mit der wechfelvollen Geftaltung ihrer Producte, die mit ihrer Schönheit und ihrem Gefchmacke die ganze koloffale Ausftellung Eng lands verdrängten. Deutfchland und Oefterreich konnten auch dabei freilich nicht in Rede kommen. Und hier knüpft der Werth der erften Weltausstellung an, wie unvorbereitet fie die Welt auch getroffen. Man prüfte jetzt und fuchte die Bedingungen, unter denen ein Induftrieproduct auf dem Weltmarkte zur Geltung kommen kann, forfchte ernft und eingehend nach dem Wefen des Gefchmackes und den Mitteln zu deffen Hebung. Der Vergleich zwifchen den Leiftungen der verfchiedenen Nationen auf dem Gebiete der induftriellen Leiftungen, und die Nachweiſe über die Abfatzfähigkeit derfelben, mufsten Jedermann von der Wichtig. keit diefer Elemente für beinahe jede Art gewerblicher Thätigkeit überzeugen. Vor Allem war es England, das fich rafch und klar über alle Erfahrungen, die es gemacht, Rechenfchaft gab. Nur die Erziehung des Arbeiters, die Entwicklung feines Geiftes und feiner fchöpferifchen Fähigkeiten, können dem Lande und feiner Induftrie, neue, bisher ungeahnte Kräfte zuführen. Mit grofsen Feierlichkeiten eröffnete man noch in dem Jahre der erften Weltausstellung zu Weſtminſter eine Elementar- Zeichenfchule und gründete allmälig Hunderte folcher Anftalten zumeift in unmittelbarer Berührung mit der Werkthätigkeit der Menfchen. Dann folgten die Mechanic Inftitutes und endlich, die zerftreuten Kunftfchätze im ganzen Lande fammelnd, die Gründung des South Kensington Muſeums. Man mag über die Kunftbefähigung Englands denken wie man will, den fchöpferifchen Gefchmack des Engländers mit allem Rechte bezweifeln, dennoch hat fich feit diefer Zeit der Engländer, die englifche Induftrie von der Bevormun dung des franzöfifchen Gefchmackes befreit. Man konnte diefs fchon in einigen kräftigen Zügen auf der Weltausstellung 1855 in Paris erkennen, ebenso wie man allenthalben einzelne Fortfchritte und glückliche Beftrebungen der Entwicklung hervortreten fah, fo dafs man die Darftellung des Fortfchrittes, als das Wefen der Weltausftellungen feftfetzte, und die Wiederholung derfelben von 5 zu 5 Jahren je in einer der grofsen Reichsftädte Europas befchlofs. Der Donner der Kanonen vom fchwarzen Meer her liefs freilich nicht Alles, was man damals fah und erkannte, in ruhiger Erwägung ausreifen. Um fo geneigter war man zu einer durchgreifenden Unterfuchung 1862, wo nach einem Zeitraume von II Jahren fich mannigfache Vergleichungspunkte ergaben und die Erfolge der inzwifchen auf getretenen Beftrebungen innerhalb der Induftrie felbft, wie auf dem Gebiete des gewerblichen Unterrichtswefens und der äfthetifchen Bildung des Volkes, fich gegen einander abwägen liefsen. Konnte England befriedigt auf manche Erfolge der inzwifchen aufgetretenen Beftrebungen, die innerhalb der Induftrie felbft wie auf dem Gebiete des gewerblichen Unterrichtswefens und der äfthetifchen Bildung des Volkes fich gegen einander abwägen liefsen, konnte England befriedigt auf manche Erfolge, die zu reicheren Hoffnungen berechtigten, zurückblicken, konnte Frankreich mit Stolz feine auch in der Aera der Handelsverträge durch nichts bedrohte Induſtrie zeigen, hatte die Schweiz wie Belgien fich die Fortfchritte der ganzen Welt zu Nutzen gemacht, Deutfchland und Oefterreich boten, unter on ch en, ag nd le of en en en k. Lie go ch 11, ie ng es er ie g. n. es go d er en n m n ch n n g n n n d h S h 5 Darstellung der Wirkfamkeit der Mufeen für Kunstgewerbe. 19 diefen Gefichtspunkten betrachtet, kein befriedigendes Bild. Und doch ſteht dem Deutſchen eine reiche Bildung, eine altberühmte Kunft zur Seite, zeichnet den Oefterreicher glückliche Naturanlagen, lebhafter Formen und Farbenfinn und technifches Gefchick in reichem Mafse aus. Aber die Fortfchritte des Jahrzehntes der Weltausstellungen waren hier trotz alldem verfchwindend. Die Arbeit, die man fo lang verfäumt, mufste nun zum erften Geſetze werden. In den katholifchen Gebieten am Rhein, wo man von jeher Kunft und Kunstinduftrie zu pflegen verftand, und wo der Glanz der katholifchen Kirche manches Gewerbe reichlich unterſtützte, vertiefte man die Quellen der Erkenntnifs und fuchte durch glücklich errungene kunftgewerbliche Sammlungen, der reichen Begabung des Rheinländers frifche und kräftige Nahrung zu geben. Im Süden Deutfchlands, wo die Künftlerwelt von Schwaben, von München und Nürnberg, in mancherlei rege Beziehungen mit Gewerbe und Induftrie getreten war, beförderte man mit aller Haft und äufserft glücklichem Erfolge die Errichtung von Zeichenfchulen und gewerblichen Unterrichtsanftalten für alle Stände und jeden Arbeitskreis, und gab dadurch dem auflebenden Kunstgewerbe eine reiche Bildungsquelle. In Oefterreich, wo fchon früher von Aeſthetikern und Künftlern die Frage der äfthetifchen Erziehung discutirt worden war, ergriffen nun die Staatsmänner felbft die Organiſation jener Mittel, von denen eine gedeihliche Pflege des Kunftgewerbes erwartet werden konnte. Am 7. März 1863 erflofs endlich das kaiferliche Handfchreiben Seiner Majeftät an Seine kaiferliche Hoheit, Erzherzog Rainer, in welchem die Gründung eines Muſeums für Kunft und Induftrie" angeordnet wurde. Die Schätze der Hofmufeen, Hofanftalten und Schlöffer wurden dem neuen Inftitute zur Verfügung geftellt. Diefe kaiferliche Liberalität regte die Liberalität des Adels und der Kirchenfürften, der Klöfter und des befitzenden Publicums an, und fchon am 31. Mai 1864 wurde in einem proviforifchen Gebäude das neugegründete Muſeum dem Publicum eröffnet. Erzherzog Rainer war durch Handfchreiben vom 31. März 1864 zum Protector, Rudolf von Eitelberger zum Director, Jacob Falke zum erften Cuftos des Muſeums ernannt worden. 99 Es ift bekannt, was das Inftitut im Laufe von wenigen Jahren leiftete. Die Sammlungen wurden auch in den erbärmlichen Räumen ftets glücklich aufgeftellt. eine permanente Ausstellung von Gegenftänden der modernen Kunftinduftrie glücklich eingerichtet, eine Gypsgiefserei und ein photographifches Atelier zur Vervielfältigung der beften Vorbilder vom Anfange an hergeftellt und die Benützung der Sammlungen und Bibliothek mit gröfster Liberalität freigegeben. Alle Jahre befuchten mehr als Hunderttaufende das Inftitut und bis zum Jahre 1870 683.896 Perfonen; endlich drang das Mufeum von Wien in die Kronländer, eröffnete Filialausftellungen, um diefe in den Kreis der Kunstinduftriellen Wiens einzuziehen und betheiligte fich an den gewerblichen Ausstellungen der einzelnen Städte und Länder. In fünf Jahren hat das Mufeum zwanzig folcher Ausftellungen veranlafst. Gleichzeitig erkannte das Muſeum es als feine Aufgabe, die zweckmäfsigere Einrichtung beftehender oder die Gründung neuer Fachfchulen in Gegenden anzuregen, wo irgend eine Kunftinduftrie gepflegt wurde, oder die Bedingungen für eine folche vorhanden waren. So wurden die Zeichenfchulen in Steinfchönau und Haida reorganifirt, eine neue in Gablonz gegründet, ebenso wie eine Holzfchnitzſchule in Hallein und eine gleiche zu St. Ulrich im Grödener Thale in Tirol. Diefe Thätigkeit fand einen Abfchlufs durch die mit dem Muſeum in Verbindung ftehende und 1871 eröffnete Kunft- Gewerbefchule in Wien. In diefem Jahre wurde auch der Schlufsftein gelegt zu dem neuen Gebäude für das Muſeum, das auf dem Parkring eine Zierde Wiens und ein neues herrliches Denkmal feines Erbauers, Heinrich von Ferftel ift. Aus den engen und niedrigen Räumen einer Holzbude des Ballhaufes zog das Inftitut in die herrlichen und grofsen Räume des neuerbauten Kunfttempels ein, ohne von feiner Organifation felbft diefen oder jenen Zweig zu opfern. Es ift nur Alles grofsartiger entfaltet 3* 3* 20 Dr. Carl Th. Richter. und wir tragen feit dem Einzuge in das neue Gebäude den Wunfch in uns, dafs mit der Vergröfserung und Verherrlichung der Anftalt auch die Kraft in gleichem Mafse wachfe, zu nützen und zu entwickeln. Oefterreich hat durch die Gründung und Ausbildung diefes Muſeums nicht nur für fich felbft, fondern für ganz Deutfchland die Ziele feftgefetzt, die zu erreichen, und die Mittel geordnet, durch welche diefelben erreicht werden können Deutfchland wird diefem Vorbilde nacheifern müffen und wird es jetzt auch können, nachdem es durch die grofsen Kriegsereigniffe der jüngften Ver. gangenheit fich von den franzöfifch- romanifchen Einflüffen auf kunftinduftriellem Gebiete befreit hat. Die Zeit der Belebung ift günftig, da Deutſchland durch die aus Frankreich vertriebenen deutfchen Arbeiter ein Heer von glücklichen Arbeitskräften gewonnen und durch ein auf dem Schlachtfelde errungenes Selbſtvertrauen auch feinen geiftigen Stolz gewonnen hat, auch die gröfsten Hinderniffe zu bewältigen und ein einmal gefetztes Ziel zu erreichen. Und was haben diefe kühnen Schöpfungen des Geiftes, was hat insbefondere das Mufeum für Kunft und Induftrie in Wien erreicht? Man kann es mit voller Genugthuung fagen, dafs es eine Induftrie grofsgezogen hat, welche jeder Rivalität Stand zu halten geeignet ift, es hat Wien zu einem Mittelpunkte der Kunftinduftrie gemacht, der im Weltverkehre ebenfo wie der Wiener Gefchmack heute anerkannt ift, es hat mit feinen Bemühungen und Beftrebungen die Aufmerkfamkeit der übrigen Welt auf fich gezogen, es hat das Bewufstfein im ganzen Volke grofsgezogen, dafs nur Wiffen und Bildung, Kennen und Können die Kräfte der Arbeit glücklich erzieht und die Fähigkeit fchafft, im Kampfe um die Reichthümer der Erde glücklich zu beftehen. Endlich waren es diefe Beftrebungen, welche Oefterreich auf der Ausftellung des Jahres 1867 fo glänzend repräfentirten und welche zum grofsen Theile den Anfpruch reiften, die nächfte Weltausftellung in dem Weichbilde feiner Haupt- und Refidenzftadt zu fchaffen. Das ift die jedem Gebildeten bewufste Gefchichte der Gefchmacksentwicklung der Kunftinduftrie, oder, wenn man will, der Mufeen feit den letzten zwei Jahrzehnten. Niemand, auch nicht der verftocktefte Praktiker verkennt heute den Werth diefer Bewegung und der Satz, dafs Wiffen Macht ift, ift auch dem Gewerbetreibenden und Induftriellen für die Entwicklung in feinem Gewerbe und feiner Induftrie vollkommen klar geworden. Und diefes Bewufstfein, die klare und fichere Erkenntnifs von alledem, was Schulen und Mufeen für Gewerbe und Induftrie gethan haben und was fie noch nicht zu thun und zu fchaffen vermochten, hat die Gruppe XXII der Wiener Weltausftellung erzeugt, die Darftellung der Wirkfamkeit der Muſeen für Kunstgewerbe. Wir find mit unferem Berichte zu Ende. Die Gruppe XXII wurde von keinem Staate beachtet und felbft von Oefterreich auch nicht ein Verfuch gemacht, diefelbe zu vertreten. Das Muſeum für Kunft und Induftrie hat in feinen eigenen Räumen diefe Wirkfamkeit der Muſeen in einer flüchtig zufammengerafften Ausftellung darzuftellen verfucht. Der Verfuch ift unferer Anficht nach vollſtändig mifslungen und die gewifs nicht beabfichtigte Concurrenz des Muſeums mit der Weltausftellung fpurlos vorüber gegangen. Kaum, dafs der erfte kunftwiffenfchaftliche Congrefs in der Zeit vom 1. bis 4. September mit feiner reichen Beredfamkeit etwas Leben in die Räume brachte. Und doch hat das Programm der Generaldirection für die Gruppe XXII in einer Darftellung, in welcher die gelehrten Ausfprüche eines Max Müller und eine weitblickende Kenntnifs der Verhältniffe zu Hilfe genommen wurden, grofse Gefichtspunkte aufgeftellt und zu gleicher Zeit die Mittel angegeben, wie fie die Durchführung diefer Ausftellungsgruppe fich gedacht hat. Wie nirgends entwickelte fie auch hier die Fragen, welche der von ihr veranlafste erfte kunftwiffenfchaftliche Congrefs in Wien zu erörtern haben foll. Es ist wie erwähnt aufser diefem Congreffe nichts von den Hoffnungen der fs m ht zu en zt r. m ie S- r- zu n- it er er ck f- en en m e- d te n. t- en th i- d n, ir zu t, n t₁ n g er t. 1- n e er h n er Darftellung der Wirkfamkeit der Mufeen für Kunftgewerbe. 21 Generaldirection erfüllt worden. Doch feien wir nicht ungerecht. Wir werden in dem Folgenden das Programm der Generaldirection bringen, ebenfo wie in kurzer Zufammenfaffung die Thätigkeit des kunftwiffenfchaftlichen Congreffes. Doch ehe wir diefs thun, fei es geftattet, der Wahrheit die Ehre zu geben und zu kennzeichnen, dafs auch für die Gruppe XXII, wenn auch in anderer Weife als das Programm es dachte, die Weltausftellung Grofses und Dauerndes gefchaffen hat. Wir erwähnen in erfter Richtung, dafs durch die Erfolge der Kunftmufeen in Baron Schwarz Senborn die Idee eines Muſeums zur Aus- und Fortbildung des Kleingewerbes und der Arbeiter angeregt, und das, nachdem durch Erlafs vom 30. März 1872 die Stiftung dafür behördlich genehmigt wurde, auch an demfelben Tage begründet worden ift. Diefes Muſeum, wie es fo als Idee bereits vor der Ausftellung fertig war, nahm den Namen eines Athenäums an und wird in fegensreicher Weife den Namen des Gründers ebenfo wie den Glanz der Weltausftellung und den Triumph, den Oefterreich trotz Allem und Allem dennoch gefeiert, für die Dauer erhalten. Diefes Athenäum foll und kann in glücklicher Weife das Muſeum für Kunft und Induftrie ergänzen. Es hat die Aufgabe, durch Mufterfammlungen, Bibliothek und Schule und durch den mittelft öffentlicher Vorträge dauernd zu erhaltenden Contact der Gewerbetreibenden und Arbeiter mit den Männern der Wiffenfchaft die Fortfchritte der Technik und Mechanik, der Chemie, Waarenkunde u. f. w. jeden Augenblick lebendig dem Auge des Strebfamen und Lernbegierigen vorzuführen. Es wird Mufter und Schule, praktiſche Uebung und Verfuch in glücklicher Harmonie vereinen und fo nach einer Richtung hin das Muſeum für Kunft und Induftrie ergänzen. War der Gedanke des Athenäums fchon vor der Ausstellung fertig, fo hat doch die Schöpfung erft durch die Ausftellung, und zwar durch die zahlreichen Gefchenke und Erwerbungen für die Mufterfammlungen greifbare Formen erhalten. Das zweite bedeutungsvolle Inftitut, welches der Ausftellung und der Kenntnifs der Wirkfamkeit der Mufeen auf Gewerbe und Induftrien zu danken ift, ift die Gefellfchaft zur Beförderung des Handels nach dem Orient und Oftafien. Schon während der Ausftellung haben fich kenntnifs- und erfahrungsreiche Männer in dem durch die Munificenz eines Privatmannes dafür errichteten und gewid meten Gebäude, dem Cercle Oriental, vereinigt, um die Beziehung der orientalifchen und oftafiatifchen Ausfteller und Befucher der Ausftellung mit den europäiſchen Handels- und Gefchäftskreifen zu vermitteln und die Ausftellungen des Orients und Oftafiens im Intereffe der öfterreichifchen Induftrie und des öfterreichischen Handels genau zu ftudiren. Die Initiative zu diefen werthvollen Beftrebungen ift dem ehemaligen Generalconful von Conftantinopel, Herrn Hofrath Ritter von Schwegel, zu danken. Unter feinem Vorfitze hat fich allmälig ein Verein gebildet, welcher durch Sammlungen orientalifcher und oftafiatifcher Induftrie producte und Rohftoffe, durch temporäre Ausstellungen der neueren Leiftungen und Fortfchritte auf dem Gebiete der Gewerbe und der Induftrie der Völker des Orients und Oft. afiens Lehre und Kenntnifs zu verbreiten bemüht ift, um die günftige Lage Oefterreichs, feine handelspolitifche Beftimmung immer mehr und mehr ausnützen zu können. Durch die Durchftechung der Landenge von Suez neigt fich das Schwergewicht des orientalifchen Handels wieder wie einft vor Jahrhunderten der füdöftlichen Hälfte Europas zu. Und der Staat, den man in Gefchichte und Geographie fo gern die Stufe zum Orient nennt, den ein mächtiger Strom mit demfelben verbindet und deffen bedeutendfter Hafen dem Canale von Suez gegenüber liegt, hat in der That die Aufgabe, in dem Kampfe um die fiegreiche Handelsflagge voranzufchreiten. Dafür nun ift für den öfterreichifchen Induftriellen und Kaufmann handelspolitifche Bildung nothwendig. Diefe in den neueften Refultaten jeden Augenblick dem Strebfamen zu vermitteln, ift die Aufgabe der oben genannten Gefellſchaft. Und wenn diefelbe von Seiten der induftriellen Kreife 22 Dr. Carl Th. Richter. nur halbwegs Unterftützung und Theilnahme findet, was wir wünfchen und hoffen wollen, fo wird der glückliche Erfolg des patriotifchen Unternehmens keineswegs ausbleiben. Wird allmälig auch diefe Gefellfchaft in der Form eines Muſeums ihre Thätigkeit gewiffermafsen plaftifch zum dauernden Ausdrucke bringen, dann hat die öfterreichifche Monarchie in einer Weife die Aufgabe der Mufeen und die durch fie zu erreichende Wirkfamkeit für Gewerbe, Induftrie und Handel erfüllt, wie kein Staat in Europa. An die Mufeen für Kunft und Wiffenfchaft reiht fich mit feiner erprobten Thätigkeit das Mufeum für Kunft und Induftrie. An diefes wird fich hoffentlich mit glücklicher Wirkfamkeit das Athenäum reihen, den realen Wiffenfchaften dienend und der Verbindung derfelben mit den wirthschaftlichen Productionsgebieten. Allen von gleichem Werthe und Nutzen, der Gefammtheit zur Quelle des Reichthums, wird die Gefellfchaft für den Orient und Oftafien die Intereffen des Handels und Weltverkehrs vertreten. Wahrlich, wenn die Weltausftellung es auch nicht einmal zu einem Programme für die Gruppe XXII gebracht hätte, mit dem was fie nach diefer Richtung hin angeregt und gefchaffen hat, ift Aufserordentliches geleiftet worden. Aber auch nach der anderen Richtung hin war die Weltausstellung nicht ohne reiche Beiträge für die Erörterung der XXII. Gruppe. Man fah an den franzöfifchen Bronzewaaren, dem Gold und Silberfchmuck, der gefammten Textilinduftrie u f. w., welche Bedeutung die franzöfifchen Gewerbemufeen für die Kunftinduftrie haben. Man konnte in der deutfchen Abtheilung ganz genau den Bahnen folgen, welche zahlreiche gewerbliche Thätigkeiten gehen, geführt von den gleichen Anftalten in Stuttgart, München u f. w., dem germanifchen Muſeum in Nürnberg, dem Muſeum Wallraff Richards in Köln u. dgl. m. Wer war fchliefslich nicht überrafcht von den Leiftungen des Kunftgewerbes in Oefterreich? Und wenn wir die Wirkfamkeit der Mufeen dort in ihrer Aufgabe prüfen wollen, wo fie noch nicht fich geltend gemacht hat, brauchte man defsgleichen nur in den einzelnen Gruppen forfchend umherzublicken, um genügende Aufklärung zu erhalten. Da konnte man fehen, um nur ein Beiſpiel zu geben und mit den Worten unferes verehrten Eitelberger zu reden, dafs Oefterreich keine fo guten Oefen und Faïencen wie Mettlach an der Mofel habe. In allen Zweigen der kirchlichen Metallurgie ift uns Aachen und Cöln überlegen, in allen Zweigen der Illuftration Leipzig, Berlin, ja Stuttgart. In Kupferftich, Lithographie, Chromolithographie, Kupferdruck; ftehen wir weit hinter Deutfchland zurück und find bisher nicht im Stande gewefen, eine illuftrirte Zeitung in der Art der Leipziger, die doch weit hinter den englifchen fteht, zu fchaffen. Die Meissner Fabrik ift jetzt die erfte mitteleuropäiſche Porcellanfabrik; insbefondere nach Auflöfung der kaiferlichen Porcellanfabrik überfluthet fie Oefterreich. In PreufsifchSchlefien arbeitet man in Glas faft fo gut wie in Böhmen. Die Metallurgie am Harze und die Zinkfabrication in Berlin haben in Oefterreich keinen Rivalen... Da heifst es mit offnem, klarem Blicke die Dinge anfehen wie fie find. Das kann man in dem oben erwähnten Schriftchen des erfahrenften Kenners der kunftgewerblichen Verhältniffe in Oefterreich lefen. Und Alles konnte man eben fo genau auf der Ausftellung fehen, um zu begreifen, wie weit die Wirkfamkeit der Kunstgewerbe- Mufeen gediehen und wie weit fie es eben noch nicht ift. Man kann darnach vollſtändig mit den Refultaten der Gruppe XXII zufrie den fein. Wir haben zum Schluffe die Refultate des kunftgewerblichen Congreffes zufammenzufaffen. Für die Verhandlung felbft verweifen wir auf die„ Mittheilungen des k. k. öfterreichifchen Muſeums für Kunft und Induftrie", achter Jahrgang Nr. 97 bis 100 1873. Wer immer einen Blick in diefe Verhandlungen werfen wird, wird fich rafch überzeugen, ein wie hart umftrittenes Gebiet das Gebiet der Kunft und feiner Gefetze ift. Kaum dafs ein oder das andere Mal zwei berufene Streiter in Fen gs ms mn lie lt, ch Tes en en eit lie غة chht en ilie en on m Is? en en f- it me en en e, -k er er ch m S n t. S 11 1 1 1 Darftellung der Wirkfamkeit der Mufeen für Kunstgewerbe. 23 einem und demfelben Punkte einer Meinung waren. Wir wollen uns daher hüten, auch nur einzelne Grundfätze aus der Maffe der zu Tage geförderten Meinungen hervorzuheben Für die Ueberficht der Befchlüffe fei es geftattet, hier das Specialprogramm der Generaldirection für Gruppe XXII einzufchalten. Es lautet: " Zu den Bildungsanftalten der Neuzeit, die fich am fchnellften bewährt haben, gehören unftreitig die Kunftgewerbe- Muſeen und faft jeder ftaatliche Mittelpunkt befitzt fchon ein derartiges Inftitut. Diefe Thatfache allein dürfte hinreichen, um den Verfuch einer Darftellung ihrer Wirkfamkeit zu rechtfertigen. " Durch ihre Ziele fowohl als durch ihre Erfolge ftehen diefe Anftalten mitten zwifchen dem wirklichen Leben und den abftracten Theorien; fie vermitteln fozufagen die Vergangenheit und Zukunft unferer kunftgewerblichen Entwicklung und mahnen unwillkürlich an die geiftvolle Bemerkung eines deutfchen Gelehrten, der Ausdruck Kunft fei keineswegs aus Einer Wurzel entstanden, vielmehr auf zwei Stammwörter zurückzuführen, auf: Kennen und Können. 27 Die hervorragende Stellung, welche die moderne Kunftinduftrie feit wenigen Jahren einnimmt, liefert in der That den beften Beweis für die Richtigkeit der angeführten Bemerkung. Wohl kann die forgfältige Behandlung der verfchiedenen Rohftoffe, die Verwendung finnreich conftruirter Maſchinen Fachleute befriedigen und erfreuen; kommt aber bei all' den auf folche Art entstandenen Erzeugniffen zur Technik nicht das Moment einer gefchmackvolleren Ausführung oder Ausfchmückung hinzu, fo ift man wohl kaum berechtigt, von einer Veredlung des Gewerbes zu fprechen. Einer der nennenswertheften Fortfchritte auf dem Gebiete des Gewerbes datirt von dem Zeitpunkte, wo man darauf Bedacht nahm, den reichen, nur zu lange unbenützten Culturfchatz früherer Jahrhunderte forgfältig zufammenzustellen, Mufterfammlungen anzulegen, die von unferen emfigen Vorfahren in einzelnen Zweigen der Kunftinduftrie und der forgfam gepflegten Kleinkunft erzielten Fortfchritte wieder aufzunehmen und organifch fortzubilden ,, Die techniſche Fertigkeit, mit der irgend ein Object erzeugt wird, genügt eben nicht zur Herstellung eines den Anforderungen kunftfinniger Käufer entfprechenden Gegenftandes; ein feines Verftändniss der zu löfenden Aufgabe, ein richtiges Gefühl für die ihr am meiften entſprechende Form, kurz Gefchmack in Erfindung und Ausführung jedes Artikels find für das gewerbliche Schaffen unbedingt mafsgebende Factoren geworden und ihre Berücksichtigung allein erhebt den Gegenſtand zum Range eines kunftgewerblichen, das heifst nicht blos zweckmäfsigen, fondern auch den Gefchmack befriedigenden Objectes. ,, Diefer Erkenntnifs verdanken auch wohl zumeift jene Gewerbefchulen und kunftgewerblichen Bildungsanftalten ihr Entftehen, welche, unter der Leitung erprobter Kunftkenner mit ftets wachfendem Erfolge dem ererbten Herkommen gedankenlofer Routine in der Thätigkeit der Gewerbetreibenden entgegenarbeiten. ,, In einem noch höheren Grade aber beruht die Gründung der Muſeen für Kunstgewerbe, diefer kunftgefchichtlichen Schatzkammern, auf der richtigen Erkenntnifs des veredelnden Einfluffes der Kunft auf die Induftrie. Von diefem Standpunkte aus wollen die Verdienfte der eben fo reich bedachten, als gemeinnützigen Kunft gewerbe- Muſeen in Paris, London, Edinburgh, Moskau, Berlin, Stuttgart, München, Weimar, Gotha, Limoges, Lyon u. a. m. gewürdigt werden. An diefe reihen fich dann paffend jene Mufeen an, die zwar nicht direct Kunft und Kunstgewerbe fördern, die aber, indem fie wiffenfchaftliche oder ſtatiſtiſche Zwecke verfolgen, indirect gleichen Zwecken dienen. Auch diefe Inftitute find ein Product der modernen Culturbeftrebungen, wie z. B. das germanifche Muſeum in Nürnberg, das römifch- germanifche in Mainz, das Muſeum Wallraff- Richartz in Cöln, die Muſeen in Havre, Amiens, Touloufe u. a. m. 24 Dr. Carl Th. Richter. ,, Wie fehr diefe Schöpfungen der Neuzeit dem Bedürfniffe unferer Genera tion entſprechen, braucht hier nicht eingehend hervorgehoben zu werden; ihr zahlreicher Befuch, ihre eifrige Benützung, ihr bereits deutlich erkennbarer Einflufs auf die moderne Induftrie gehören zu jenen unläugbaren Thatfachen, die jeder Fachmann gern anerkennt. " „ Diefe Mufeen nunwerden ihrerwichtigen Aufgabe in mehrfacher Weife gerecht. Erftens, indem ihre mit Umficht und Auswahl angelegten Sammlungen dem Auge des Kundigen wie des Laien einen wahrhaft äfthetifchen Anfchauungsunterricht gewähren. In ihren Schränken, an ihren Wänden finden nur lehrreiche oder muftergiltige Objecte Platz. Da läfst fich die allmälige Entwicklung und der Fortfchritt in der Erzeugung jeder Gattung von Artikeln hiftorifch verfolgen, und der aufmerkfame Befchauer gewinnt die Fähigkeit, den Gefetzen des induftriellen Fortfchrittes in der bezeichneten Richtung nachzugehen. Für eitles Schaugepränge ift da kein Raum, wo, wie in diefen Anftalten, Alles darauf hinzielt, darzulegen, wie der Werth jedes einzelnen Artikels durch gefchmackvolle Umformung des rohen Naturproductes einer Erhöhung fähig ift, die, weit entfernt feinen Abfatz zu beeinträchtigen, diefen im Gegentheile vermehrt. „ Zweitens wirken diefe Mufeen höchft erfpriefslich durch die mit denfelben verbundenen kunstgewerblichen Fachfchulen. Da findet fich das lebendige Wort zur todten Vorlage, die Erklärung zum Modell. Die hier befchäftigten Lehrer weifen ihren Schülern alle jene wefentlichen Eigenfchaften nach, die jedes Erzeug nifs der Induftrie, auch das zum alltäglichen Gebrauche beſtimmte, befitzen mufs, um den Anforderungen eines geläuterten Schönheitsfinnes zu entſprechen. Hier lernen alfo die Zöglinge den Werth der in fich abgefchloffenen Einfachheit fchätzen, das Stilgefetz der Symmetrie verftehen und anwenden, und werden auf folche Weife zu Männern gebildet, die fpäter den Markt mit kunftgerechten Waaren verfehen, das heifst mit folchen, die fich durch verftändige Gefetzmäfsigkeit, durch mafshaltenden Schmuck auszeichnen. ,, Alle diefe fo überaus nützlichen Arten der Wirkfamkeit der Mufeen für Kunftgewerbe nun follen in diefer Gruppe dem grofsen Publicum zum erften Male nahe gelegt und dargestellt werden, und zwar in der Weife, dafs es jedem Muſeum überlaffen bleibt, feine Ausstellung felbftftändig zu organifiren, wie der Vorftand der Anftalt es für nöthig erachtet, um das Inftitut auf der Weltausftellung entsprechend zu vertreten. ,, Um jedoch die Gefammtausftellung diefer Gruppe möglichst vollständig und lehrreich zu geftalten, wäre eine vorläufige Andeutung über die Richtung, in welcher die einzelnen Anftalten fich vorzugsweife betheiligen wollen, ebenfo zweckdienlich als erwünſcht. Würde diefem Vorfchlage ein geneigtes Entgegenkommen zu Theil, fo dürfte jeder Künftler und Induftrielle für fein Fach Anwen dung finden, und namentlich, um nur Eines hervorzuheben, die moderne Ornamentik eine wichtige Bereicherung an neuen Motiven erfahren. " Um aber die praktiſche Wirksamkeit diefer Anftalten dem grofsen Publi cum einleuchtend zu machen, ift es unerlässlich, dafs die von den einzelnen Mufeen veranstalteten Publicationen wenigftens in Proben, refpective einzelnen Nummern ausgeftellt werden. Wir faffen hier vorzüglich die Reproductionen ( Gypsgüffe, galvanoplaftifche Abdrücke, Photographien) und die literarifch- arti ftifchen Veröffentlichungen der Mufeen ins Auge. Was die erfteren anbelangt, fo müffen fie, und zwar nicht blos aus räumlichen Gründen, auf jene Kunftgegen. ftände befchränkt werden, deren Originale Eigenthum des ausftellenden Landes find; in Betreff der letzteren kann hingegen der Wunſch nach möglichfter Voll ftändigkeit nicht genug betont werden. ,, Endlich follen die Mufeen genaue ftatiftifche Nachweifungen über den Befuch der Anftalt, über die Organiſation ihrer verfchiedenen Schulen u. f. w. bringen, damit ein brauchbares Material für eine Statiftik der kunftgewerblichen Mufeen gefchaffen werde. Darftellung der Wirkfamkeit der Mufeen für Kunstgewerbe. 25 r " 9 Mit diefer Ausstellung der Muſeen wird zugleich ein Congreſs der Fachmänner in Verbindung gefetzt. Von den zur Verhandlung vorgefchlagenen Fragen feien nur angeführt: e a) die Frage des Verkehres unter den verfchiedenen Mufeen; n 1 1 S E b) die Frage des Austaufches der in den verfchiedenen Mufeen veranſtalteten Reproductionen und literarifch- artiftifchen Veröffentlichungen; c) die Frage, in welcher Weife die Muſeen etwa im Stande wären, der allgemeinen Verfchleppung und Zerftörung der Kunftwerke Einhalt zu thun; d) welche Mittel die geeignetften wären, um zwifchen den Mufeen und dem öffentlichen Leben einen fördernden Wechfelverkehr anzubahnen und lebendig zu erhalten. Von Seite jener Fachmänner, die fich an dem angeregten Congreffe zu betheiligen gedenken, wird die Generaldirection alle in das angedeutete Programm paffenden Vorfchläge mit Dank entgegennehmen." Die Befchlüffe des erften kunftwiffenfchaftlichen Congreffes in Wien, an diefe Vorlage fich annähernd, lauteten: Der kunftwiffenfchaftliche Congress fpricht als feine Ueberzeugung aus, dass eine der wichtigften Anforderungen, welche an die Verwaltung öffentlicher Kunftfammlungen zu ftellen find, auf die wiffenfchaftliche Katalogifirung derfelben gerichtet fein mufs, und empfiehlt die allgemeine, nach beftimmten Grundfätzen durchgeführte Herſtellung einer folchen den Regierungen und den Behörden, unter welchen öffentliche Kunftfammlungen ftehen, auf das Nachdrücklichfte. Zu den dringendften Bedürfniffen gehören wiffenfchaftliche Kataloge von Gemäldegallerien. Für ihre Anlage haben folgende Normen zu gelten: A. Bei der Katalogifirung jedes einzelnen Kunftwerkes find nachgenannte Punkte zu berücksichtigen: 1. Der Name des Meifters, oder, wenn diefer nicht ermittelt werden kann, die Schule und die Entftehungszeit jedes Gemäldes, ift fo zu beftimmen, wie es dem dermaligen Stande der kunftwiffenfchaftlichen Forfchung entspricht. Diefe Benennung des Bildes hat als keine von der oberften Verwaltungsbehörde der betreffenden Gallerie officiell eingeführte zu gelten, fondern der wiffenfchaftlich gebildete Fachmann, dem die Abfaffung des Verzeichniffes anzuvertrauen ift, hat diefelbe perfönlich zu verantworten. 2. Dem Namen des Meifters find die wichtigften bekannten Daten feines Lebens, Jahr und Ort feiner Geburt und feines Todes, feine Lehrmeifter u. f. w. in gedrängter Kürze, aber mit vollſtändiger Benützung der bisherigen Forfchungen beizufügen. Ausführlichere Notizen über das Leben des Künftlers auf Grund von Localforfchungen find nur in folchen Fällen am Platze, in denen eine Gallerie zu einer beſtimmten Künftlergruppe ein näheres Verhältnifs hat. 3. Der Gegenftand des Gemäldes darf nicht mit einem blofsen Titel bezeichnet werden, fondern mufs in einer charakteriftifchen Befchreibung in gedräng. ter Form beſtehen. Am Beginne jedes Kataloges ift anzugeben, ob die Ausdrücke rechts und links heraldifch oder vom Befchauer zu verftehen find. 4. Die Bezeichnung jedes Gemäldes, Name oder Monogramm des Künft. lers nebft Datirung ift genau mitzutheilen. Die Wiedergabe derfelben in Facfimile ift nur dann nöthig, wo die Form der Bezeichnung ungewöhnlicher Art oder fonft von befonderer kunftgefchichtlicher Bedeutung ift. In diefem Falle ift das Facfimile nach genauer Durchzeichnung in Originalgröfse zu geben, oder wenn zu grofser Mafsftab der Infchrift diefs nicht thunlich erfcheinen läfst, nach photographifcher Verkleinerung der Durchzeichnung, mit ausdrücklicher Angabe, dafs eine folche vorgenommen worden. 26 Dr. Carl Th. Richter. Wappen, Zeichen und Infchriften anderer Art find gleichfalls zu nennen, refpective mitzutheilen, doch auch nur im Falle befonderer Wichtigkeit in Facfi mile zu geben. 5. Notizen über die Herkunft und die Zeit der Erwerbung, den Preis, die frühere Gefchichte jedes Bildes einfchliefslich des Nachweifes der vorgenommenen Reftaurationen u. f. w. find anzufchliefsen. 6. Die Literatur, welche von dem betreffenden Gemälde handelt, fowie die Vervielfältigungen desfelben find zu erwähnen. 7. Das Material, auf welches ein Bild gemalt, und die Technik, in der es hergestellt ist, find genau anzugeben. Bei Bildern aus Holz ift z. B. auch die Art des Holzes zu nennen. 8. Die Mafse find, nach Meffung auf der Rückfeite, in dem Meterfyfteme anzugeben. B. Für die Ausftattung der Kataloge und ihre Anordnung im Ganzen ift zu bemerken: 1. Das Format mufs ein handliches fein, zugleich aber hinreichend freien Raum zu Notizen gewähren. Bei der Drucklegung ift durch wechfelnden Satz für möglichft grofse Ueberfichtlichkeit zu forgen. 2. Bei jeder Sammlung find durchlaufende Nummern anzuwenden. Aende. rungen in der Numerirung der einzelnen Bilder find ohne dringendes Bedürfnifs, ohne vollſtändige Reorganiſation der betreffenden Sammlungen zu vermeiden. 3. Ob der Katalog entweder a) nach alphabetifcher Ordnung der Meifternamen, oder b) in kunftgefchichtlicher Folge, oder c) den Localitäten folgend anzuordnen ift, wird von dem befonderen Charakter jeder einzelnen Sammlung abhängen. 4. Die Kataloge müffen in kleiner Auflage gedruckt und zu möglichft niedrigen Preifen, welche nur die Herftellungskoften decken, verkauft werden. Ferner empfiehlt der kunftwiffenfchaftliche Congrefs, auch die Verzeichniffe von Ausftellungen moderner Kunftgegenstände beffer, als es in Deutfchland und Oefterreich bisher üblich ift, ungefähr nach dem Mufter der officiellen fran zöfifchen Ausftellungskataloge, einzurichten. Solche Verzeichniffe haben mitzutheilen: 1. Das Geburtsjahr und den Geburtsort, fowie den derzeitigen Wohnort jedes Künftlers, feine Lehrmeifter, refpective die Kunftſchulen, die er befucht hat, die Preife, Stipendien und Auszeichnungen, die er empfangen. 2. Neben der Befchreibung oder Inhaltsangabe des Bildes auch das Jahr feiner Entstehung und die Mafse nach dem Meterſyſteme. Genaue Verzeichniffe müffen bei der Eröffnung jeder Ausftellung ausgege ben werden können". ,, Der kunftwiffenfchaftliche Congrefs erachtet es für wünſchenswerth, dafs Commiffionen eingefetzt werden, die die Reftaurirung von Gemälden im öffent lichen Befitze in jedem einzelnen Falle anordnen, leiten und überwachen. Diefe Commiffionen haben aus Männern, die die fpeciellen Fachkenntniffe und kunftwiffenfchaftliche Bildung befitzen, zu beftehen. Ohne Kenntnifsnahme diefer Commiffion darf kein in öffentlichem Befitze befindliches Gemälde einer Herſtel lung unterzogen werden. Ferner ift dafür zu forgen, dafs wenigftens an einer hierzu geeigneten Anftalt eines Staates oder Landes ein öffentlicher Lehrcurs errichtet werde für die kunftwiffenfchaftliche und techniſche Ausbildung von Reftauratoren. Als folche Anftalten empfehlen fich namentlich Akademien, Gallerien und technifche Schulen. So lange diefe Anftalten die nöthigen Lehrkräfte noch nicht aus fich felbft hervorgebracht haben, wäre dem Bedürfniffe durch das Ausfchreiben eines Preifes für ein auf wiffenfchaftlicher Grundlage ruhendes Lehr buch der Bilderreftaurir- und Confervirkunft entgegenzukommen." en, cfiLie en vie es Art me ift en se e. fs, er. nd ng e- h- nd n. rt 34 r s t. 1. d er 1. S n 1, S 99 Darftellung der Wirkfamkeit der Mufeen für Kunstgewerbe. 27 Der Congrefs ſpricht den Wunſch aus: dafs alle Diejenigen, welche Zeichnungen alter Meifter befitzen, verwahren oder auf deren Aufbewahrungsart irgend einen Einflufs üben, dafür forgen mögen, dafs nur folche Zeichnungen unter Glas und Rahmen ausgeftellt werden, die im Lichte nicht Schaden leiden; dafs die Einrahmung fodann aber auch mit den nöthigen Vorfichtsmafsregeln gefchehe; dafs hingegen folche Zeichnungen, welche insbefondere durch Reibung gefährdet find, durch Verfenkung in vertiefte Paffe par touts gefchützt werden." " Der kunftwiffenfchaftliche Congrefs ernennt eine Commiffion, welche eine an den deutfchen Reichstag zu richtende Petition ausarbeitet, des Inhaltes, dafs von Reichswegen gefetzliche Beftimmungen für Erhaltung der nationalen Kunft. denkmäler getroffen werden mögen und eine oberfte Behörde für Erforschung und Erhaltung der Denkmäler eingefetzt werde. Das Präfidium reicht die von der Commiffion ausgearbeitete Petition dem deutfchen Reichstage ein." „ Die Verfammlung befchliefst, fich auf dem nächften Congrefs mit den Fragen der Katalogifirung, Anordnung und Confervirung gewerblicher Kunftgegenstände eingehend zu befchäftigen. Die Verfammlung erfucht den ftändigen Ausfchufs, dafür die geeigneten Referenten zu beftimmen." " Der kunftwiffenfchaftliche Congrefs wolle fich an alle Mufeen und Gypsgiefsereien mit der Aufforderung wenden, die neueften Verzeichniffe ihrer Abgüffe an das Oefterreichifche Muſeum einzufenden, fowie auch alle fpäteren Abformungen der genannten Anftalt anzuzeigen. Das Oefterreichifche Muſeum wird diefe Anzeigen in feinen ,, Mittheilungen" zur allgemeinen Kenntnifs bringen." Den anderen Hauptgegenftand der Tagesordnung bilden die Fragepunkte den kunftwiffenfchaftlichen Unterricht betreffend: 1. Soll im Unterrichte an Mittelfchulen auf Kunft gefchichte Rückficht genommen werden? und zwar a) in Verbindung mit der Gefchichte? b) in Verbindung mit dem Zeichenunterrichte? c) bei dem Unterrichte in der deutfchen Sprache? d) in felbftftändiger Weife? 2. Soll und kann in Mittelſchulen die kunftgefchichtliche Bildung durch Anfchauungsunterricht gefördert werden? 3. In wie weit ift für Zeichenlehrer an öffentlichen Anftalten eine kunftgefchichtliche Vorbildung nöthig? 4. Wie ift gegenwärtig der Zeichenunterricht für Studirende an Hoch fchulen befchaffen? 5. Wie find die Lehrmittelfammlungen für Kunftgefchichte, insbefondere an polytechnifchen Inftituten und Univerfitäten in Städten, die keine Mufeen und Gallerien haben, gegenwärtig befchaffen? 6. Welche Stellung hat gegenwärtig die Kunftgefchichte als Lehrfach an Univerfitäten und polytechnifchen Inftituten?" Ohne weitere Debatte kommt die Refolution in ihren einzelnen Abfätzen zur Abftimmung und wird nach den Vorfchlägen der Commiffion angenommen. Diefelbe lautet: ,, I. Der Congrefs kann nicht wünſchen, dafs im Programme der Mittelfchulen, das heifst, der Gymnafien, Realfchulen, höheren Töchterfchulen und anderer gleich hoch ftehender Anftalten durch Aufnahme eines neuen Unterrichtszweiges die fchon ftark gehäuften Lehrgegenftände diefer Anftalten vermehrt werden. 2. Dagegen wird die Ueberzeugung ausgefprochen, dafs Anfchauung von Kunftwerken in guten und methodifch geordneten Reproductionen und Erfchliefsung des Blickes für Schönheit und Stil fich mit fchon vorhandenen Lehrfächern, hauptfächlich dem Gefchichtsunterrichte und der Lectüre der alten und modernen " 23 28 Dr. Carl Th. Richter. Claffiker fo vereinigen laffen, dafs fie das Erlernen diefer Lehrfächer vielmehr erleichtern als erfchweren. " 3. Damit diefer Anfchauungsunterricht wahrhaft künftlerifch bildend wirke, ift zu wünſchen, dafs jede Mittelfchule in Befitz eines Apparates von Nachbildungen vorzüglicher Kunftwerke komme, welche theilweife auch als Vorlagen beim Zeichenunterrichte verwendet werden können, um das Auge und den Zeichner an die Stilunterfchiede zu gewöhnen. 4. Der Congrefs erklärt für wünfchenswerth, dafs zum Studium der Kunft. gefchichte an allen Univerfitäten die Möglichkeit geboten werde, dafs aber auch fchon vorläufig die Lehramts- Candidaten für die Fächer der claffifchen und modernen Sprachen und der Weltgefchichte Gelegenheit erhalten, fich bei ihrer reglementmäfsigen Prüfung über den Beftand ihrer kunfthiftorifchen Kenntniffe auszuweifen." Auf der Tagesordnung ftand dann die Verhandlung über die Fragepunkte: 1. In weffen Händen liegen gegenwärtig in Deutſchland, Oefterreich, Frank reich, Italien, England und Belgien die Reproductionen von Werken des Alterthums und der Kunft? 2. Inwieweit können und follen Regierungen auf die Reproductionen durch Private Einflufs nehmen? Sollen Staatsanftalten bei Reproductionen mitwirken und in welchem Maſse? - 3. Welche Erfahrungen hat man mit den verfchiedenen Reproductions. materialien gemacht? 4. Sollen fyftematifche Reproductionen und in welcher Weife ver anlafst werden fpeciell für Zwecke des Kunftunterrichtes und des kunft gefchichtlichen Unterrichtes? - 5. Soll auf die Preife der von öffentlichen Anftalten reproducirten Gegenstände und in welcher Weife eingewirkt werden? 6. Auf welcher Grundlage können öffentliche Anftalten unter einander mit reproducirten Werken in Taufch treten? Hofrath v. Eitelberger erklärte darauf:„ Das Oefterreichische Muſeum wurde bereits aufgefordert, was Gypsabgüffe betrifft, die neuen Reproductionen ordnungsmässig zu publiciren und ihr Erfcheinen allen Anftalten mitzutheilen. Die Frage ift aufgeworfen, weil wir wohl in Beziehung auf Mitteleuropa über die Adreffen einigermafsen orientirt find, weil wir aber für das Ausland in der allergröfsten Verlegenheit find, wohin wir uns da zu wenden haben. Ich würde fehr gern erbötig fein, folche Adreffen in den Mittheilungen des Oefterreichifchen Muſeums aufzunehmen und fie fo Allen zur Verfügung zu ftellen." Die endgiltigen Befchlüffe lauten: ,, Mufeen und. öffentliche Kunftinftitute werden erfucht, Privilegien zur Reproduction nur unter folchen Bedingungen zu ertheilen, welche der Ver waltung der betreffenden Inftitute eine Mitwirkung bei der Auswahl der zu reproducirenden Gegenftände wahren." " Staatsanftalten, welche im Befitze kunfthiftorifcher oder zur Weckung des Kunftfinnes wichtiger Werke find, mögen erfucht werden, felbft tüchtige Reproductionen zu veranlaffen und zum Koftenpreife zu debitiren, da auf diefer Grundlage allein öffentliche Anftalten unter einander durch Austausch von Reproductionen in Beziehung treten können." „ Der kunftwiffenfchaftliche Congrefs( als fachwiffenfchaftliche Inftanz) befchliefst, das baierifche Unterrichtsminifterium zu erfuchen, eine Publication der alten Pinakothek und der anderen baierifchen Staatsgallerien, insbefondere auf photographifchem Wege unmittelbar nach den Originalen, in jeder Weife zu begünftigen und zu ermöglichen, refpective es möge gegebenen Falles eine würdige Ausgabe von Originalaufnahmen geftatten." In Betreff der Pofition 3 erklärt g chr nd chen er نے ft. ch Darftellung der Wirkfamkeit der Mufeen für Kunstgewerbe. 29 Herr Hofrath v. Eitelberger:„ Die Herren, welche viel reifen, werden gewifs im Sinne des Congreffes handeln und der Kunft wefentlich nützen, wenn fie ein wachfames Auge auf die reftaurirten Bilder in allen Gallerien haben und über deren Zuftand ihre Beobachtungen in Notizen fammeln, um nicht als Einzelreferenten, fondern Jeder für fich über beftimmte Bilder berichten zu können." Damit ift die letzte Tagesordnung des Congreffes erledigt. Der nächfte Congrefs foll in Berlin abgehalten werden. nd er ffe e: k. er. en en S er. d en er m en e e er h g f h e e r