OFFICIELLER AUSSTELLUNGS- BERICHT HERAUSGEGEBEN DURCH DIE GENERAL- DIRECTION' DER WELTAUSSTELLUNG 1 8 7 3 UNTER REDACTION VON DR. CARL TH. RICHTER, K. K. O. Ö. PROFESSOR IN PRAG. SCHAFWOLLE UND SCHAF WOLL WAARE N. ( Gruppe V, Section 1.) BUCHERE BERICHT VON DR. CARL TH. RICHTER, C. FALK, EMANUEL THIEBEN. Technologisches Gewerbe- seam WIEN WIEN. DRUCK UND VERLAG DER K. K. HOF- UND STAATSDRUCKEREI. 1874. 3. C TEXTILUND BEKLEIDUNGS- INDUSTRIE ( Gruppe V.) SCHAFWOLLE UND SCHAFWOLLWAAREN. ( Gruppe V, Section 1.), DIE SCHAFWOLLE. Bericht von DR. CARL TH. RICHTER, k. k. o. ö. Profeffor der Staatswiffenfchaften an der Univerfität zu Prag. 3. Wir faffen die Refultate der Ausftellung in Betreff der rohen Wolle in Kürze zufammen und verweifen, was den Handel und den Bezug fremdländifcher Wolle, der Wolle von Auftralien, den Laplata Staaten und der Capcolonie betrifft, auf die Betrachtung über den ,, Welthandel", wo unter den ,, Rohftoffen des Thierreiches" der Production von thierifcher Wolle und des Handels mit diefem Producte des Weiteren gedacht ift, und auf den Bericht Gruppe II, Section 2, in welchem Profeffor Pohl gleichfalls eingehend diefen wichtigen Stoff der Induftrie darftellt. Es fei nur in Kurzem erwähnt, dafs der gefammte Schafftand in Europa etwas mehr als 260 Millionen Stück Schafe betragen mag, und dafs davon mehr als 43 Millionen auf Rufsland, 30 Millionen auf Frankreich, 34 Millionen auf England. mehr als 2912 Millionen auf Deutfchland und etwas mehr als 22 Millionen auf Spanien entfallen. In Betreff Oefterreichs kann man die Gefammtzahl der Schafe auf mehr als 1612 Millionen Stück rechnen. Ungarn, zumeift Mittel- und Unterungarn ift dabei, durch feine reichen Weiden begünftigt, am meiften betheiligt, da man dort auf die aufserordentlichen Verhältniffe trifft, dafs in einzelnen Comitaten 5- bis 6000 Schafe auf eine Quadratmeile kommen Diefem Reichthum zunächft fteht Siebenbürgen, wo man faft 2000 Stück, dann die ehemalige Militärgrenze, wo 1673 Stück Schafe auf die Quadratmeile gerechnet werden. Trotz diefes Reichthumes aber ift anzunehmen, dafs mit der Entwicklung der Landwirthfchaft überhaupt, dann dem Baue der Handelsgewächfe, vor Allem aber durch die Entwicklung der Induftrie und mit dem immer bedeutenderen Auftreten der überfeeifchen Wollarten auch in Ungarn die Schafzucht fich einfchränken oder I* 2 Dr. Carl Th. Richter. wenigftens fich nicht vermehren wird. Nur Rufsland fcheint nach der fortgefetzten Steigerung feiner Wollproduction und Ausfuhr für Europa noch entwicklungsfähig, und laffen die grofsen Weiden im füdlicheren und mittleren Rufsland eine Entwicklung ficher zu. Bedeutungsvoll find feit den letzten Jahrzehnten die wollproducirenden Schafherden Auftraliens geworden. Man fchätzt die wenigftens der Cultur zugäng. lichen Schafherden von Victoria, Neu- Seeland, Neu- Süd- Wales und Queensland auf mindeftens 67 Millionen Stück Schafe, bei denen die freilebenden Herden nicht mitgezählt find. Nach den neueften Daten betrug der Export 1872 und 1873 an 188 Millionen Pfund( 554.384 Ballen) in einem Werthe von 126 Millionen Gulden. In den Vereinigten Staaten von Nordamerika wird die Summe der Schafe auf faft 32 Millionen Stück angegeben. Von den Laplata- Staaten kennen wir nur die Summe der producirten Wolle, die auf 200 Millionen Pfund gefchätzt wird, ebenfo wie von der Capcolonie, welche 28 Millionen Pfund producirt. Die Gefammtmaffe von Wolle foll auf der ganzen Erde mehr als 1250 Millionen Pfund betragen, von denen nun freilich Europa noch immer die gröfste Menge mit 570 Millionen Pfund producirt. Auch fteht, was die Schönheit und Elafticität, die Länge und Gleichmässigkeit des Stapels anbelangt, noch immer Europa an der Spitze, und ift es das Verdienft Englands, durch forgfältige Zucht und durch vorfichtige Kreuzung der Racen für ganz Europa ein glückliches Beiſpiel gegeben zu haben. Da aber die Wolle mehr als irgend ein anderer Rohftoff einen langen Transport günftig erträgt, fo haben die überfeeifchen Wollforten trotz der grofsen und durch lange Jahre gefteigerten Production Europas fich doch auf den Märkten des alten Welttheiles immer mehr und mehr eingebürgert und vor Allem auf die Preife der europäifchen Wolle einen grofsen Druck ausgeübt. Uebrigens zeichnet gerade die auftralifchen Wollen Feinheit und Feftigkeit des Stapels befonders aus. Wir wollen im Folgenden diefer Preisbewegung befonders gedenken. Seit neuerer Zeit wird übrigens auch, zumeift für Frankreich, die Wolle von Algier von Bedeutung. Der Export fteigert fich von Jahr zu Jahr und betrug im Jahre 1872 mehr als 8 Millionen Kilogramm, nachdem im Jahre 1870 der Export erft 2.7 Millionen Kilogramm betrug. Das ift nun unzweifelhaft, dafs die überfeeifche und fremdländifche Wolle den Confum in Europa ungemein gefteigert hat; fo dafs felbft den niederen Volksclaffen die Wollftoffe immer mehr und mehr zugänglicher werden. Es beträgt der Confum in England und vielleicht auch in Frankreich etwas mehr als 4 Pfund per Kopf der Bevölkerung, in Deutfchland 3.6 Pfund, in Oefterreich 3 Pfund. Die gefammte Handelsbewegung in Europa hat in roher Wolle nach Ein fuhr mehr als 684 Millionen Zollpfund, nach Ausfuhr mehr als 271 Millionen Zollpfund betragen. Die Einfuhr fremdländifcher Wolle dagegen im Jahre 1870 fchon mehr als 333 Millionen Pfund, wovon der gröfste Theil auf Auftralien und, dem Bezugslande nach, auf England entfiel. Was nun die Preisbewegung des fo wichtigen Rohftoffes der Induftrie anbelangt, fo ift diefelbe in Europa durchwegs in einem ernften Sinken begriffen und auf die Concurrenz der wollproducirenden Staaten, zumeift der überfeeifchen mit Europa zurückzuführen. Diefes in neuerer Zeit ftattgefundene rapide Sinken der Preife, zumeift der hochfeinen und feinen Wollforten ift Veranlaffung gewefen, dafs diejenigen Wirthschaften, deren Ertrag wefentlich auf Schafzucht und Wollproduction bafirt ift, in eine recht fchiefe Lage gekommen find. Der Export der fpanifchen und portugiefifchen Wolle nach dem grofsen Confumtionslande, nach England, ift faft ganz verfchwunden, der Deutfchlands bedeutend eingeengt und nur Rufslands Wollhandel, der, durch die natürlichen Verhältniffe der Production begünftigt, niedrige Preife ertragen kann, noch fortgefetzt im Steigen begriffen. Wie fehr nun im Laufe der Zeit die Wollpreife in ganz Europa gefunken find, erklärt folgende Tabelle. Es wurde pro Centner auf den wichtigſten Woll märkten gezahlt: Die Schafwolle. Hochfeine Feine Jahr Thlr. Thlr. Mittlere Thlr. Geringe Thlr. 1844 I IO 90 65 5° 1845 I IO 90 1846 84 60 1847 9.5 85 1848 74 64 78755 75 60 88 44 77 66 54 34 1849 90 75 68 5° 1850 92 76 185 1 80 66 1852 85 70 1853 89 78 1854 80 82 1855 89 78 1856 94 83 1857 82 72 18 58 75 66 8898 28 320 70 52 60 04 68 50 70 55 62 58 70 60 75 62 67. 57 62 54 1859 73 64 60 52 1860 85 74 68 58 1861 82 70 66 56 1862 80 68 68 58 1863 73 60 65 55 1864 74 58 64 54 1865 66 52 58 50 1866 76 63 60 49 40240580274288 54oa 1867 1868 1869 1870 187 1 80 87778 503 80 66. 63 52 75 62 60 50 70 56 55 46 3 73 59 66 58 49 63 54 3 Von befonderer Wichtigkeit für Oefterreich und auch für den europäiichen Wollhandel im grofsen Ganzen ift die Schafzucht und Wollproduction Ungarns, und wir wollen im Folgenden die kurze Gefchichte derfelben, die um fo wichtiger ift, als fie in Vielem mit jener Deutſchlands parallel läuft, ehe wir die einzelnen Ausftellungsobjecte verzeichnen, etwas genauer darftellen. Wir folgen dabei den bedeutfamen Publicationen der Pefter Handelskammer und den Erläuterungen, welche diefelbe zu ihrer ausgeftellten Gefchichte der Preife und wichtigſten landwirthschaftlichen Producte und Lebensmittel herausgegeben hat. Die Schafzucht wurde in Ungarn mit der Race des gewöhnlichen Landfchafes, dem Zigaya- Schaf, und dem grobe, langhaarige Wolle liefernden Zackel fchon in den älteften Zeiten betrieben. Man findet das erfte noch heute im Banat und in Siebenbürgen. Das Zackel ift auf den Südoften Ungarns und einige wenige Comitate zurückgedrängt. Im Ganzen zählte man in ganz Ungarn zu Ende des vorigen Jahrhundertes 6 bis 8 Millionen Schafe, die 150.000 Centner Wolle zur Ausfuhr abgaben. Erft Maria Therefia führte einige Hundert Stück Merinofchafe aus Spanien ein und errichtete auf dem Krongute Merkopail in Kroatien eine hochfeine Zuchtfchäferei, der dann bald andere ähnliche Anftalten in Ungarn, bei Buda- Peft, im Neutraer Comitate u. f. w. folgten. Dem Beiſpiele folgten mehrere Grofs- Grundbefitzer Ungarns, da die Ausfuhr der edlen Wolle zumeift nach Jofef II. Zoll- Mafsregel und bei dem Bedarfe der öfterreichifchen WollwaarenFabrication fehr günftig fich geftaltete. Auch Franz I. wendete feine Aufmerkſamkeit der Veredlung der ungarifchen Schafzucht zu, und fo hochgefchätzt waren die fpanifchen Zuchtböcke, dafs man 1811 einen Bock mit 30.000 fl. Bancozettel und 1816 noch mit 28.000 fl. Wiener Währung bezahlte. Zu jener Zeit begann man 4 Dr. Carl Th. Kichter. auch den Import der Schafe fächfifcher Race, der Electoralfchafe, deren Haar an Feinheit das der fpanifchen Merinos übertraf, und führte auch aus Frankreich mit dem Rambouillet- Schafe edle Zuchtwidder ein. Berühmt waren die edlen Heerden von Graf Zichy, von dem Fürften Efsterházy, Palatin Jofef und den Grafen Feftetits, Bathyányi, Károly u. f. w., deren Heerden im Anfange der dreifsiger Jahre viele Taufende von Stücken zählte. Die kleinen Grundbefitzer folgten dem Beiſpiele, und gebührt der gröfste Antheil an der Veredlung der ungarifchen Schafzucht den deutfchen Bauern und Schafzüchtern. Die öfterreichifche Regierung fah fogar bald mit Beforgnifs die auf Koften der Rindvieh- Zucht fich immer mehr vermehrende Schafzucht, und fetzte durch eine bedeutende Erhöhung des Ausfuhrzolles derfelben eine Grenze. Im Jahre 1824 aber war diefer Zoll wieder bedeutend vermin. dert worden, und belebte aufs Neue die Schafzucht und Wollproduction. Ueber den Umfang der Wollausfuhr Ungarns liegen uns für die Jahre 1816 bis 1850, mit Ausfchlufs der drei Jahre 1828 bis 1830, über welche uns Daten mangeln, detaillirte Ausweife vor, die wir nachfolgend veröffentlichen: Einfuhr A u sfuhr Jahr aus den öfterr. Erbländern nach den öfterr. Erbländern nach dem Auslande Ce n t n e r 1816 1817 1818 IO I. 535 100.79 2 I IO. 640 156 222 8 1819 1 18.783 1820 1821 1822 1823 1824 1825 I 19.309 135.606 137.192 142.5 13 173.00 4 163. 28 6 1.60 1 I. 350 3.40 3 71 23 7 5 6.137 1826 162.535 4.564 1827 190.00 3 6.802 1831 1.56 2 229. 1 2 3 1832 I. 99 I 1833 2.8 44 1834 1835 2.944 1836 3.004 1837 1.825 1838 3.080 3.73 1 263.0 35 245.384 190.36 1 22 1.30 9 248.4 20 2 10. 909 276.834 1839 3.528 226.467 1840 2.850 1841 3.309 1842 4.233 237.740 257.235 240.669 1843 4.24 2 234.920 1844 5.879 261 14 2 1845 5.260 1846 5.053 1847 5.306 1848 2.900 1849 2.415 1850 I. 3 39 214. 446 214.3 17 209.297 18 1.542 197.259 202. IO I Die Schafwolle. Im Jahre 1850 wurde die Zwifchenzoll- Linie aufgehoben, und find in der Periode des öfterreichiſchen Abfolutismus Daten über die Ausfuhr Ungarns nicht mehr zufammengeftellt worden. Wir befitzen diefe erft wieder feit der wiedererlangten Selbftftändigkeit Ungarns und der nach diefer Wendung erfolgten Organiſation des königlich ungarifchen ftatiftifchen Bureau, deffen Daten wir für die Jahre 1868 bis 1871 wie folgt reproduciren: Einfuhr Ausfuhr Werth der Ausfuhr 24.316.973 fl. 1868 1869 1870 1871 270.276 Centner 344.676 277.784 206.651 ንን 28,949.116 " 9 " " 25,545.564 30,656.860 109,468.513 fl. ንን 99 fomit in 4 Jahren 1, 199.387 Centner, wonach der Werth der Wollausfuhr Ungarns fich mit durchſchnittlich 300.000 Centnern in runder Summe angeben läfst, welche einen Werth von 27 4 Millionen Gulden repräfentiren. Im Jahre 1872 betrug der Gefammtexport 218.047 Centner in einem Werthe von 28,382.430 Gulden. An der Ausfuhr erfcheint der Budapefter Platz betheiligt: 1870 mit 26 1. 971 Centnern, 1871 " 276.060 77 - zufammen mit 538.031 Centnern, wogegen die Gefammtausfuhr Ungarns in beiden Jahren 584.435 Centner betrug. Der Antheil von Buda- Peft an der Gefammtausfuhr Ungarns berechnet fich fonach auf 90 Percent des exportirten Quantums. Ungarn zählte im Jahre 1870 " " 15,076.997 Stück Schafe 1857 11,281.805 99 99 wonach fich die Anzahl derfelben um 3,795.192 Stück in dem gedachten Zeitraume fteigerte. Man nimmt an, dafs im Jahre 1871 und 1872 in Folge der naffen Witterung beider Jahre und namentlich in Folge der Ueberfchwemmungen, denen Niederungarn ausgefetzt war, ein Rückgang eingetreten fei. Ziffermäfsig läfst fich derfelbe bis jetzt nicht nachweifen, doch dürfte diefer Rückgang wohl kaum von grofsem Belange gewefen fein. Von der oben angegebenen Anzahl von 15.076.997 Stück Schafen kommen nach der 1870er Zählung 10,494.622 Stück auf die gewöhnliche Landrace, die aber nicht identifch ift mit der urfprünglich hier einheimifch gewefenen, fehr grobwolligen Race, und 4,582.375 Stück werden als veredelte bezeichnet. Nimmt man nun die Anzahl vom Jahre 1870 als Bafis und rechnet die Wollproduction auf 21 Pfund gewafchene Wolle per Kopf, was bei dem Ueberwiegen der Landfchafe wohl eher zu niedrig als zu hoch gegriffen fein dürfte, fo betrug die Wollproduction Ungarns in den angegebenen Jahren 376.925 Centner, von denen die Durchfchnittszahl von • geführt wurde, und für den eigenen Confum Lande verblieben. 99 aus. 300.000 76,925 Centner im Gehen wir nun auf unfere Tabellen über, fo war auch im Wollgefchäfte der Zeitraum bis 1816 eine Periode der grellften Contrafte und die Wirkung der erfchreckenden Finanz- und Geldverhältniffe wird illuftrirt durch die Thatfache, dafs in diefem Zeitraume die höchften und die niedrigften Wollpreife zweier Wollgattungen, die auch heute unter der gleichen Benennung im Handel noch vorkommen, folgende waren: Feine Einfuhrwolle. Höchfter Durchfchnittspreis 1811. niedrigfter 99 höchfter bezahlter Preis 1811 niedrigfter 1813 99 " 1813. • 1050 fl. in Bancozetteln, 63" 1200" 5°" 99 99 99 Einlöfungsfcheinen, refp. W. W. Bancozetteln, Einlöfungsfcheinen, refp. W. W. 6 Dr. Carl Th. Richter. Im Uebrigen waren die Durchfchnittspreife der Periode 1800 bis 1822 auf öfterreichifche Währung, ohne Berücksichtigung der Silbercurfe von damals und jetzt, reducirt folgende: Schafwolle Schafwolle fein mittelfein fein mittelfein 1800 82.10 53.25 1812 59.65 13.1801' 78.10 62.25 1813 31.75 16.85 1802 109.75 751814 67.1803 99.40 69.40 1815 173.30 1804 107.50 96.1816 147.30 1805 138.30 95.1817 102.1806 170.132.1818 118.10 1807 212.50 153-75 1819 123.40 1808 310.170.1820 74 30 1809 275.221.50 1821 86.1810 388.75 325.1822 96.90 1811 1050.712.50 In die Mitte der dreifsiger Jahre fällt für Ungarn das Ueberhandnehmen der Feinwollproduction. - Der Anfang der dreifsiger Jahre bildet überhaupt die günftigfte Periode, welche die ungarifche Wollproduction und der ungarifche Wollhandel bis zur Aufhebung der Zwifchenzoll- Linie hatte. Nicht nur waren die Preife fehr lohnend, fondern es hatte auch die Wollproduction fchon einen fehr beträchtlichen Umfang. Die Ausfuhr, welche bis 1820: 120.000 Centner niemals erreichte, hob fich zu Anfang der dreifsiger Jahre auf das Doppelte, und erreichte 1832 fogar 263.035 Centner, was auf einen Schafftand von etwa 14 Millionen Stück fchliefsen läfst. Diefes Quantum der Ausfuhr wurde bis 1850 nur einmal noch, nämlich im Jahre 1838, überfchritten, in welchem Jahre der Export Ungarns an Schafwolle die Höhe von nahe an 277.000 Centner erreichte. Die Friedensepoche, welche dem Jahre 1850 folgte und die durch den Krimkrieg nur wenig getrübt wurde, war der Wollproduction wieder aufser ordentlich günftig. Die Verarbeitung der Wollen nahm mit dem fteigenden Reichthume aller europäiſchen Culturvölker einen rapiden Auffchwung, und wenn von den vierziger Jahren gefagt werden konnte, dafs der Verbrauch nicht gleichen Schritt gehalten mit der Production, fo kehrte fich jetzt das Verhältnifs um, infofern als der bedeutend geftiegenen Nachfrage der Confumenten kaum genügt werden konnte. Die fünfziger und befonders der Anfang der fechsziger Jahre ift, was die Preife anlangt, die günftigfte Conjunctur unferer ganzen Epoche, wozu übrigens auch die Entwerthung der Valuta, fowie die Nachwirkungen des italienifchen Krieges beitrugen. Wenn das Jahr 1861 den Culminationspunkt der Periode von 1823 bis 1872 bildet, fo folgte demfelben bald wieder eine fehr flaue Periode im Wollgefchäfte, welche auf unferen Tabellen durch das beträchtliche Sinken der Preife illuftrirt wird. Der Urfachen diefer ungünftigen Conjuncturen find zwei zu nennen: einerfeits der amerikaniſche Krieg von 1861 bis 1865 und die Concurrenz der auftralifchen Heerden. Wurde der Ausbruch des Bürgerkrieges in Nordamerika der für den Export arbeitenden europäiſchen( befonders der deutfchen) WollwaarenFabrication aufserordentlich nachtheilig mit feinen Folgen, namentlich der Einführung eines Schutzzoll- Tarifes von unerhörter Höhe von Seite Amerikas: fo trugen die impofanten Maffen Wolle, welche in immer fteigender Progreffion in den fechsziger Jahren die europäifchen Märkte überfchwemmten, dazu bei, die Conjunctur noch mehr zu verfchlechtern. Die Preife fanken, abgefehen von der Periode von 1866, in welchem Jahre die Heeresausrüftung den Stand wieder beeinflusste, beinahe unabläffig bis 1869, Die Schafwolle. 7 in welchem Jahre bei dem Tiefpunkte von 100 bis 125 fl. für feine und 78 bis 98 fl. für mittelfeine Einfchur die rückgängige Conjunctur zum Stillftande gelangte. Seitdem ift diefelbe beinahe bis zum Schluffe des Jahres 1872 in beftändigem Steigen geblieben, denn einerfeits haben ungünftige Jahre, welche die auftralifchen Heerden decimirten, der rapiden Weitervermehrung der dortigen Heerden. Schranken gefetzt; anderfeits hat Nordamerika zwar feine Schutzzölle nicht wefentlich ermäfsigt, die dortigen Confumenten haben fich aber daran gewöhnt, die europäifchen Wollwaaren, welche fie nicht entbehren können, auch mit dem Auffchlage zu bezahlen, den die Schutzzölle zur Folge haben. Schliefslich ift der Beendigung des franzöfifchen Krieges neuerdings ein gewaltiger Auffchwung in der Erzeugung und dem Verbrauche von Wollwaaren gefolgt und fchliefsen die Preife der feinen Wolle im Jahre 1872 mit 138 bis 150 fl., während mittelfeine mit 120 bis 135 fl. bezahlt wurde.- Nachfolgend verzeichnen wir vom öfterreichifchen Platze die fünf- und zehnjährigen Durchfchnittspreife der feinen und mittelfeinen Einfchurwollen feit dem Jahre 1823. Feine Einichurwolle. Fünfjähriger Durchfchnittspreis in Gulden öfterreichiſcher Währung. 1823 bis 1827 81.70) Zehnjähriger 1823 bis 1832 83.85 1828 1832 86.29 وو " 1843 1847 1837 1833" 1838 1842 II2.20 1833, 1842 1842 103.45 94.70( 96.1848 1852 113.50 1843" 1852 104.75 وو 1853" 1857 144.50 1858 1862 99 99 153.50 1853 1862 149.1863” 1868 29 1867 1872 128.( 132. 99 1863 1872 130. 130.99 Mittelfeine Einfchurwolle. Fünfjähriger Durchfchnittspreis in Gulden öfterreichifcher Währung. 1823 1827 56.80 Zehnjähriger 1823 bis 1832. 63.65 1828 1832 59.50 99 1833" 1837 81.30 1833 1842 75.65. 1838 1842 70.ንን 1843 99 ” 1847 73.80 1848, 1852 92.60 1843 99 1852 83.20 1853” 99 1857 122.1858 1862 132.50( 1853" 1862 127.25 1863 1867 113.50 99 1868 99 1872 107.70 " 1863 1872 110.60 Zum Vergleiche laffen wir hier auch noch die Durchfchnittspreife der hochfeinen und Mitteleinfchur feit dem Jahre 1833 folgen. Hochfeine Einfchurwolle. Durchfchnittspreis in Gulden öfterreichifcher Währung. Fünfjähriger 1833 bis 1837 Zehnjähriger 1838 1842 وو 1847 1843 m 1848 1852 29 134.44 164.80 1853" 1857 1858" 1862 182.89 1863 1867 158.23 " 1868 1872 151.69 99 144.82 130.38 1833 bis 1842. 137.70 124. 13 1843, 1852 129.28 1853, 1862 173.84 1863, 1872 157.96 8 Dr. Carl Th. Richter, Mittel- Einfchurwolle. Fünfjähriger Durchfchnittspreis in Gulden öfterreichifcher Währung. 1833 bis 1837 65.88 Zehnjähriger 17387 1833 bis 1842 57.46 " 1842 1843 1847 49.24 51.91 1848 1852 1853 m 1857 99 67.82 " 1543» 1852 59.86 1858 99 " 107.59 1862 117.72 1863 1867 96.02 1853 1862 112.65 , 1862 1863, 1872 92.09 1868 1872 88.16 27 Bei den oben erwähnten vier Gattungen Einfchurwollen ergeben fich nun bei den zehnjährigen Durchfchnittspreifen feit dem Jahre 1833 folgende Werthveränderungen: 1833 bis 1842: hochfeine 137.70 " 1863 1872: " 157.96 +20.26 14.8 Percent 1863 1872: " 1833" 1833, 1842: feine 1842 mittelfeine 103.45 130.+26.55= 25.7 - " 9 75.651 99 1863 1872: 110.60 +34.95 46.2 " 9 99 " " 7 1833 1842 Mittelwolle 1863 1872: 57.96 +34.5360.0 " 27 92. 9 Wie man fieht, ift die Steigerung des Werthes der Wolle abfolut und relativ bei den geringeren und geringften Wollen am bedeutendften und bei der hochfeinen am geringfügigften, was die Klage der Züchter, fie fänden bei der Production hochfeiner Wolle ihre Rechnung nicht mehr, vollkommen erklärlich macht. Die Handelsbewegung der Schafwolle für das ganze öfterreichifche Zollgebiet zeigt ſchliefslich nachftehende Tabelle einer mehr als zwanzigjährigen Periode. Einfuhr Ausfuhr Einfuhr Ausfuhr Jahr Jahr Zollcentner Zollcentner. 1840 40.495 160.253 18 58 161.059 188.0 55 1842 58.313 132.432 1859 188.230 279.740 1844 70.624 170.507 1860 218.955 247.819 1846 64.599 105.367 186 1 222.475 221.266 1848 25.282 62.736 1862 2 12.260 326.764 1849 76.4 19 85.816 1863 213.609 356.875 1850 95.821 117.525 1864 249-549 367.006 1851 IOI. 851 76.458 1865 2.19.909 374.051 1852 135.586 113.4 12 1866 2 17.288 331.8 10 1853 120.818 204.339 1867 324.522 280.358 1854 291.774 157.640 1868 294.033 297.758 1855 222.449 204.008 1869 265.250 246.337 1856 184.298 233.792 1870 216.809 193.927 1857 236.346 186.78 1 1871 365.407 270.79 I Im Jahre 1872 betrug die Gefammteinfuhr: 368.955 Zollcentner, die Ausfuhr 218.047 Zollcentner im Werthe von 24,152.000 fi. und 28,382.430 fl. Die Schafwolle. 9 Nach diefer Betrachtung der befonderen Verhältniffe eines Landes ift es wohl leicht erklärlich, dafs Rufsland und neben ihm noch Ungarn eine gefteigerte Wollproduction erwarten laffen mögen. Die übrigen Staaten Europas, zumeift Deutfchland, werden über kurz oder lang gezwungen fein, da Schutzzölle, welche man für das inländifche Product von mancher Seite verlangt hat, gewiſs nichts nützen werden, zur combinirten Woll- und Fleifchzucht mit dem dafür fo fehr geeigneten Rambouilletfchafe überzugehen. Die Fleiſchpreife find feit etwa dreifsig Jahren um mehr als das Doppelte geftiegen, und während die Wolle durch die Concurrenz der Fremde im Preife gefunken ift, geftaltet fich das Verhältnifs hinfichtlich des Fleifches gerade umgekehrt, da einmal der Confum im Inlande geftiegen und die Ausfuhr von Fettvieh zumeift nach England und Frankreich fich fortgefetzt vermehrt. Daher ift für Mitteleuropa und vielleicht auch für den Weften ficherlich der Satz geltend, dafs man wegen der veränderten Verhältniffe das Rambouilletfchaf auf Fleiſch züchten und die dabei fich ergebende Kammwolle allein gewinnen möge. Hochfeine Merinowolle zu erzeugen mufs jenen Wirthfchaften überlaffen bleiben, wo extenſive Cultur noch möglich, ja in Folge niederer Getreidepreife wegen zu grofser Entfernung von den Marktplätzen und Mangel an Verkehrsmitteln geradezu geboten ift. Dafs diefe bevorftehende Veränderung der Schafzucht auch andere Veränderungen nach fich ziehen wird, ift natürlich und wird insbefondere die Weidefütterung verbeffert oder bei Stallfütterung der Rübenbau ausgedehnt und der Betrieb induftrieller und landwirthfchaftlicher Gewerbe, welche gröfsere Maffen nährender Abfälle liefern, entwickelt werden müffen. Wenn wir nun zur Ausstellung der rohen Wollforten übergehen, fo wollen wir zuerft die Zahl der Ausfteller verzeichnen und dann die wichtigſten Ausftellungsobjecte hervorheben. Es rechtfertigt ja gerade diefe Zahl der Ausfteller, warum wir uns im vorhergehenden insbefondere mit Ungarn und der allgemeinen Darlegung der Verhältniffe befchäftigt haben. Es war nämlich Brafilien durch 3 Ausfteller, England, China und Uruguay durch je 1 Ausfteller vertreten. Frankreich hatte gleichfalls nur 1 Ausfteller, daneben aber Algier 24. Griechenland war durch 4, Portugal durch 2 Ausfteller und eine Collectivausftellung, Spanien durch 20, Italien durch 16, die Türkei durch 9 und Rufsland, freilich in fehr fchöner Weife durch 12 Ausfteller vertreten. Dagegen hatte Deutſchland in einer Collectivausftellung der Mecklenburg- Schweriner Schafzüchter, in einer anderen der fchlefifchen Landwirthe und durch 18 felbftftändige Ausfteller feine Wollproduction zu veranschaulichen gefucht. Oefterreich war durch 12 felbftſtändige Ausfteller und durch die Collectivausftellung der landwirthfchaftlichen Geſellſchaft für Kärnten mit 42 Theilnehmern vertreten. Ungarn aber hatte 76 Ausfteller, eine Collectivausftellung des Prefsburger landwirthfchaftlichen Vereines mit 4 Theil nehmern und des Siebenbürger Agriculturvereines mit 7 Theilnehmern. Wollte man all' die ausgeftellt gewefenen Sorten befchreiben, fo würde man dafür mehr Raum brauchen, als dem gefammten Berichte eingeräumt ift. Wir heben daher nur die wichtigften Ausfteller hervor. England hatte, wie bereits erwähnt, feine eigene Wollproduction nicht vertreten, fie war allein ergänzt durch die auftralifche Wolle und die Wolle von Uruguay. Das find ja die grofsen Bezugsorte und bezieht heute von England die unter dem Gefammtnamen der Buenos- Ayres- Wolle in den Handel kommenden Wollforten der La Plata- Staaten auch Frankreich, Belgien, Deutfchland und Oefterreich diefes Product. Die durchſchnittliche Wiederausfuhr der fremdländifchen Wolle von England betrug 1870 mehr als 102 Millionen Pfund. Durch die Vervollkommnung der Klettenmaschinen laffen fich ja heute fchon diefe Wollarten in der Art veredeln, dafs man das daraus gewonnene Garn zu Nouveautés aller Art verwenden kann. Selbft für den Laien waren daher auch die von J. H. Angas, Esq. Collingrove, ausgeftellten Wollforten aus Südauftralien von Originalracen 10 Dr. Carl Th. Richter. gleich intereffant und ebenfo die durch Kreuzung von Leiceſterböcken und Merino fchafen erzeugte Wolle. Photographien der einzelnen Racen zeigten zu gleicher Zeit die Schafe, von denen diefe Wolle gewonnen. Die von zwei Ausftellern aus Uruguay gebrachte Wolle zeigte nichts Befonderes. Es waren übrigens Wollforten, lang und kräftig im Haar und von ganz achtbarer Ausgeglichenheit. Frankreich producirt, wie wir bereits angegeben haben, felbft bedeutende Mengen Wolle aller Art. Auf der Ausftellung zeigte es diefsmal nichts Befonderes. Dagegen waren die algerifchen Wollen, zumeift jene aus Conftantine, beachtenswerth. Die Firma Toiffon& Bellière, dann Romain Guillaume haben folche in Vliefsen und gewafchen vorgelegt. Es ift fehr beachtenswerth, dafs Frankreich für die Production der feiner Induftrie nothwendigen Rohftoffe, fo weit Algier dafür ausreicht, feiner Colonie alle Aufmerkfamkeit zuwendet. Frankreich war es, welches zuerft die verfchiedenen Regionen des Bodens und des Klimas von Algier in Verbindung mit der Schafzucht unterfuchte und auszunützen trachtete. Danach züchtet man heute im Often Algiers langhaarige und glänzende, im Weften und im Innern kurze, aber feine Wolle, während man auf den Hochebenen und zumeift durch die europäifchen Coloniften die Fleifchzucht und Maftung betreibt. In der That fteigt auch mit jedem Jahre, wie bereits erwähnt, nicht nur der Export der Wolle, fondern auch der Export des Maftfchafes. Im Jahre 1869 betrug der Export 236.425 Stück, im Jahre 1872 dagegen fchon 655.642 Stück. Von gröfserer Bedeutung waren die ausgeftellt gewefenen Wollforten Rufslands. Rufsland hat fich feit Langem das Ziel gefteckt, feine theilweife noch fo dünn bevölkerten und fruchtbaren Länderftrecken durch die Wollproduction zu einem höheren Ertrage zu bringen. Schon im Jahre 1827 hat der damalige Minifter Volkanskoy in Krasnoye- Selo eine landwirthschaftliche Schule mit einer Meierei errichtet, auf der durchfchnittlich 250 Bauernknaben ihre Ausbildung erhalten, um dann als Auffeher in verfchiedenen Gemeinden angeftellt zu werden. Zum grofsen Theile find freilich heute noch, wie diefs auch die Ausftellung in zahlreichen, aber forgfältig hergerichteten Muftern zeigte, die ruffifchen Wollen von geringerer Qualität. Daneben aber fah man fchon ganz vorzügliche Merinowolle von dem feit längerer Zeit acclimatifirten fpanifchen Schaf, dann Leiceſterwolle, welche in Schönheit, Glanz und Ausgeglichenheit des Stapels nichts zu wünſchen übrig liefsen. Die deutfche Wollinduftrie wird feit den letzten Jahren arg von der überfeeifchen Wolle, von der ruffifchen und ungarifchen Wolle bedrängt und ift gar kein Zweifel, dafs gerade in Deutfchland der Uebergang zur combinirten Fleiſchund Wollzucht forgfam und rafch wird durchgeführt werden müffen, um einen Theil der landwirthfchaftlichen Rente nicht ganz den Chancen des Handels zu überliefern. Da übrigens Deutfchland feinen Bedarf an Kammwolle nur in ganz geringer Menge zu decken vermag, fo dürfte die allgemeine Einführung des Rambouilletfchafes, das die vortrefflichfte feine Kammwolle liefert und dabei auch grofse Fleifchmengen anfetzt, gewifs den heutigen Verhältniffen am beften entfprechen. Dafs Deutſchland den Bedarf der Zeit und die Bewegungen der Production wohl erkennt, das zeigt in einer ganz beftimmten Richtung die reiche Ausstellung von fogenannter Kunftwolle, der Shoddy- und Munghogarne, deren wir hier gleich gedenken wollen. Der Verbrauch diefer Kunftwolle ift ein fehr bedeutender und wird diefelbe zumeift in den Tuch- Fabricationsbezirken, dann in Berlin, Linden, Worms und Würzburg in grofsen Mengen für die Erzeugung der fogenannten Moskowas, Tricots, Rips, Pilots u. f. w. verwendet. Die Winfener Wollfabrik bei Hannover erzeugt heute faft 23.000 Centner Kunftwolle für Deutfchland, Holland, Rufsland, Schweden und Norwegen und felbft auch für England, das, wie bekannt, felbft grofse Mengen diefer Wolle erzeugt und verbraucht( 40 Millionen Pfund). Walkenberg& Schön in Worms verbrauchen heute 25.000 Centner Lumpen für Die Schafwolle. 11 20.000 Centner Kunftwolle. Gleichbedeutend ift nach diefer Richtung Hahn und Huldfchinsky in Berlin, D. Quentin in Aachen u. f. w. Die Ausftellung diefer Kunftwoll Sorten zeigte ein ganz vorzüglich aufgearbeitetes Material und ein gleich gutes daraus hervorgebrachtes Garnproduct. Was nun die reine Wolle felbft anbelangt, fo find die Hauptproductions. Orte, wie bekannt, die Provinz Preufsen, Pommern, Pofen, Preufsifch- Schlefien und Mecklenburg. Die Gefammtproduction wird 700.000 Centner gefchätzt, von der 250.000 Centner an die Fremde abgegeben, wofür aber 900.000 Centner fiemde Wollen eingeführt werden. Die jährlich in Deutfchland fomit verarbeitete Wolle mag 1,350.000 Centner erreichen. Die von dem Mecklenburger landwirth fchaftlichen Vereine ebenso wie von der fchlefifchen Collectivausftellung ausgeftellten Wollforten waren unbedingt die fchönften und beften und zeigten eine fehr grofse Weiche und Reinheit. Die feinften Wollen des Breslauer Marktes erreichen bei guter Wäfche den Preis von 120 bis 130 Thaler per Centner. Der fo wichtige Handelsplatz für Schlefien deckt heute den gefammten Bedarf Deutfchlands an hochfeiner Wolle. Sehr lehrreich war auch ein von der landwirthschaftlichen Akademie Proskau in Schlefien ausgeftelltes fyftematifch geordnetes Wollcabinet für Lehrzwecke. Am Schluffe erwähnen wir noch die Wolle in Vliefsen und Proben verfchiedener Schafracen der akademifchen Gutswirthschaft, der landwirthschaftlichen Akademie zu Eldena und die Kamm- und Spinnwolle des Centralvereines Eldena, die den Ruf der landwirthfchaftlichen Akademie und die Sorgfalt der Behandlung der Unterrichtsmittel vollkommen rechtfertigten. In Betreff O efterreichs haben wir uns des Weiteren bereits ausgefprochen, es ift nur zu erwähnen, dafs die von Ungarn ausgeftellten Sorten durchwegs fehr beachtenswerth waren. In erfter Richtung ist zu nennen die Merinowolle aus den Schäfereien von Baron Sina, die an Schönheit der beften fpanifchen Wolle nicht nachftand, dann die Vliefse und Wollforten von den Gütern der Grafen Alois Karoly, Zichy und Feftetics, welche alle zeigten, welch' grofse Aufmerkfamkeit man noch immer der Cultur der feinen Schafe und der Verbefferung der Race zuwendet. Unter den böhmifchen Ausftellern waren die Wollproben und Vliefse der fpanifchen Schafherden der Güter Nachod und Ratibořitz, dem Prinzen Wilhelm von Schaumburg- Lippe gehörig, bemerkenswerth. Man rechnet dort 45 Wolle Schurgewicht. Gleichbedeutend waren die Wollvliefse, welche Graf Schaffgotfch von Wildfchütz aus Schlefien ausftellte, dann jene des Freiherrn v. Mundi, durch eine Electoral- Negrettikreuzung erzeugt, u. f. w. Die Wollgarne. Was die Wollgarne anbelangt, fo befchränken wir uns auf eine allgemeine Charakteriſtik der Lage der Verhältniffe, da bei der überaus reichen Befchickung der Ausftellung und bei dem grofsen Gebiete, das wir noch zu betrachten haben, eine Detaillirung nur zu weit führen würde. Die Wollgarne zerfallen, wie bekannt, in Kammgarne und in Streichgarne. Kammgarne find folche Garne, zu welchen nur eine lange, gekämmte Wolle verwendet wird, und welche dadurch, weil die kurze Wollfafer ausgefchieden wird, theuerer kommt; ferner ift Kammgarn nicht walkfähig und wird nur zu Stofdurch die lange fen, welche nicht gewalkt oder gerauht werden, verwendet- Wollfafer läfst fich Kammwolle bis zu Nr. 200 fein fpinnen. Diefes Kunftftück hat für die praktische Induftrie übrigens keine Bedeutung. Hauptnummern find von Nr. 24 bis 60. Tonangebend ift, und den Weltmarkt beherrfchend, die Kammgarn- Spinnerei Frankreichs mit dem Hauptfitze in Turcoing, Roubaix und Amiens. Nächft Frankreich hat die bedeutendften Kammmgarn- Spinnereien Deutfchland fie concurriren, je nach der gefchäftlichen Conjunctur in Frankreich, mit Leichtigkeit mit Frankreich. Obenan fteht das Elfafs, Süd- Deutfchland, dann Sachfen. Auch die Rheinprovinz hat einige grofse Spinnereien aufzuweifen. 12 Dr. Carl Th. Richter. - Oefterreich hat eine ganz unbedeutende Kammgarn- Spinnmanufactur, die nicht den vierten Theil des öfterreichifchen Bedarfes deckt fie ift durch drei grofse Etabliffements( Vöslau, Liebig& Comp. und Schmieger in Falkenau) gut repräfentirt und ift mit Deutſchland concurrenzfähig. Der Grund liegt freilich nur in der günftigen Lage der öfterreichiſchen Spinnereien für ihren Wolleinkauf, welchen fie auf den ungarifchen Wollmärkten decken. Die öfterreichifche Kammgarn- Spinnerei ift hauptfächlich in den Qualitäten B und C entwickelt, während Deutfchland in A und AA- Qualität in Folge der gut gezüchteten preufsifchen und fchlefifchen Wollen excellirt. Italien hat eine einzige grofse leiftungsfähige Kammgarnfpinn- Firma, Roffi in Vicenza. Die Schweiz producirt in Schaffhaufen feit einigen Jahren mit grofsem Fleifs gute hochnummerige Kammgarne. Rufsland ift unbedeutend. England hat, wie bekannt, die gröfsten Wollgarn- Spinnereien, aber weniger für Kammgarn als für fogenannte Weft garne, die wie Streichgarn gefponnen, jedoch ein fprödes, glänzendes Material zur Grundlage haben, und für welche die fogenannten Soutte Sown- Schafe in England und Schottland die Wolle liefern. Mit diefen Weftgarnen beforgt England den eigenen und den übrigen Weltmarkt. Der Verbrauch diefer Garngattung ift ein ganz koloffaler, denn folches Garn wird faft zu dem gröfsten Theile der Damenkleider- Stoffe verwendet, zu den fogenannten Orleansftoffen, den Mode- Kleiderftoffen, die in Deutſchland in Glauchau und Meerane, in Oefterreich in Afch und Auffig fabricirt werden. Auch in Oefterreich liefert die Spinnerei der Firma Johann Liebig& Comp. in Reichenberg Weftgarne( die einzige Weftgarn- Spinnerei des Continentes). Liebig hat mit Glück es verfucht, die fiebenbürgifchen Zigaya- Wollen zu Weft garnen zu verfpinnen. Streichgarne werden in der ganzen Welt, die fich mit Fabrication überhaupt befafst, gefponnen. Hier ift der Sitz der gröfsten Spinnereien Verviers in Belgien.- Verviers verarbeitet( durch die Wollauctionen in Antwerpen) meift La Plata und Buenos- Ayres- Wollen. Die Spinnerei ift in Verviers fo techniſch ausgebildet, dafs fie in der Lage ift, das fchlechtefte Material zu einem für gewiffe Zwecke paffenden Faden zu verfpinnen. Verviers beherrscht den Weltmarkt und dominirt fo, dafs die deutfchen und öfterreichifchen fehr guten Streichgarn- Spinnereien in eine fehr prekäre Lage gekommen find und es hat fich längft herausgeftellt, dafs unter dem Drucke der belgifchen Concurrenz die öfterreichiſche ziemlich gut entwickelte Streichgarn- Induftrie zu Grunde gehen muſs. Deutfch lands kleinere Spinnereien in Streichgarn find in der gleichen Lage, nur die Streichgarn- Spinnereien in Rheinpreufsen( in Aachen: Leunep etc.) halten fich noch auf der Höhe der belgifchen Concurrenz. England und Frankreich beziehen ihren Streichgarn- Bedarf aus Verviers und haben den Kampf mit der belgifchen Concurrenz fo ziemlich aufgegeben. Nur da, wo es fich um ein reines, klettenfreies Material handelt, wie es zu der Feintuch- Fabrication nothwendig ift, und zwar nur in Verbindung mit der Tuchweberei, können fich die aufserbelgifchen Streichgarn- Spinnereien erhalten. Die Production und der Export in und um Verviers ift ein ganz riefiger ich verweife hier auf die Handelskammer- Berichte aus Verviers. - Die öfterreichifchen Spinnereien haben es auch verfucht, die Antwerpener Auctionen zu befuchen, doch fcheinen die Verfuche nicht glücklich aus gefallen zu fein. Die deutfchen und öfterreichifchen Streichgarn- Spinnereien müffen fich darauf befchränken, Specialitäten von guten Streichgarnen( aus deutfchen, ungarifchen oder Auftralwollen) zu liefern. Es fehlt der deutfchen und öfterreichifchen Spinnerei die Gelegenheit, wie in Verviers mit Hilfe grofser Wollhäufer paffende Wollen in grofsen Quantitäten jederzeit und fchnell herbeizufchaffen. Die Fracht der ungewafchenen La Plata- Wollen von Antwerpen nach Oefterreich( da die Wollen gewafchen nur 30 Percent reine, fettfreie Wolle per 100 Pfund ungewafchen liefern) fällt fchwer ins Gewicht. Die Schafwolle. 13 Hiezu tritt noch die ausgebildete Spinntechnik und gute Mafchinen der Vervierer Spinner, welche gleichfalls den belgifchen Garnen ein grofses Uebergewicht fichern. Italien und Rufsland zählen in Folge ihrer wenig entwickelten Spinninduftrie nicht. Auf der Ausftellung waren nun alle diefe Richtungen vertreten, aber keineswegs in befonders hervorragender Weife. Zählte doch Frankreich nur drei Ausfteller aus Tourcoing, Belgien nur vier aus Verviers. Am bedeutendften waren fonft die Streichgarn- Spinnereien Rheinpreufsens vertreten und Oefterreich durch Alles, was es auf diefem Gebiete nur aufzuweifen hatte, Grofses und Kleines, Gutes und nicht Bedeutendes zeigend. Es genüge hier, da befondere Fortfchritte in der Schafwoll- Spinnerei nicht zu verzeichnen find, die allgemeine Charakteriſtik. Zum Schluffe können wir uns einer Bemerkung nicht enthalten; wir müffen fie zu unferer eigenen Rechtfertigung ausfprechen. Für die fchwierigften Gebiete der Induftrie vermag man mit Leichtigkeit oft einen erfahrenen Gefchäftsmann für die Berichterstattung zu gewinnen. Ich weifs nun nicht, ob es eine Intereffenfrage oder was immer ift, ich weifs nur, dafs ich auf viele Einladungen, den Bericht über Wolle zu fchreiben, fehr kurze aber bündige Ablehnungen erhalten habe. Es blieb fomit die Berichterftattung der Redaction felber überlaffen und mufste ich meine theoretifchen Aufzeichnungen, die Sammlungen des ftatiftifchen Materiales, welches die Ausftellung bot und die freundliche Aufklärung einiger Ausfteller einzig und allein benützen, um in der karg gemeffenen Zeit, welche mir neben der Redaction des officiellen Berichtes und der vielfachen Correcturen und neben den von mir amtlich übernommenen Berichterstattungen und meiner Berufspflicht übrig blieb, diefen fchwierigen Bericht zu bearbeiten. Wenn ich dabei Manches überfehen, manchen Ausstellungsgegenftand nicht beachtet habe, fo wird es der erfahrene Fachmann wohl zu entfchuldigen wiffen. Vielleicht biete ich ihm in dem Berichte ein literarifches Material, welches bei der Maffe der Gegenstände, die zu prüfen waren, gerade ihm vielleicht entgangen ift. SCHAFWOLL- GEWEBE. Bericht von C. FALK, DR. CARL TH. RICHTER, Director der Kammgarnfpinnerei zu Vöslau. k. k. o. ö. Profeffor der Staatswiffenfchaften an der Univerfität zu Prag. Es gibt wohl kein Gebiet der gefammiten Textilinduftrie, welches an Alter ebenfo wie an Wichtigkeit für den nationalen Reichthum Europas der Schafwoll Weberei gleich käme. Millionen von Arbeitskräften find in Europa fowohl bei dem induftriellen Betriebe wie bei der häuslichen Weberei und Erzeugung von Schafwoll- Waaren befchäftigt und können, wenn wir die Wirkwaaren- Induftrie auch vollkommen ausnehmen, einen Antheil am volkswirthfchaftlichen Reichthum für fich in Anspruch nehmen, wie kein anderer Induftriezweig. Nicht nur für Europa auch für Amerika, insbefondere die Vereinigten Staaten wird diefe Induftrie immer wichtiger. Und kaum wird mehr als ein Jahrzehnt vergehen und Amerika dürfte von feinen Rohftoffen nicht nur nichts mehr abgeben an die Fremde, fondern von derfelben noch beziehen. Wie grofs nun aber diefe Bedeutung der Schafwoll- Induſtrie auch fein mag, der Berichterstatter dürfte doch kaum in der literarifchen Behandlung derfelben eine Lücke und für fich kaum genug finden, um etwas Neues oder Bedeutungsvolles 14 C. Falk, Dr. Carl Th. Richter. der Gefammtheit mitzutheilen. So grofs ift die wiffenfchaftliche Literatur des Gebietes und zu gleicher Zeit die allgemeine Vertrautheit und Kenntnifs der hier zu behandelnden Gefchäfte, Arbeitszweige und Producte. Die WeltausftellungsLiteratur, insbefondere die officiellen Berichte, haben viel zur Verbreitung der eben berührten Kenntnifs beigetragen und haben in glücklicher Weife die literarifche Betrachtung feit dem letzten Menfchenalter, feit der Weltausftellungs- Zeit nur auf die Fortfchritte der Induftrie eingefchränkt. In diefer Richtung hat der öfterreichifche officielle Bericht über die Parifer Weltausftellung 1867, um ihn nur mit einem anderen zu vergleichen, den Bericht Deutfchlands bedeutend über ragt, indem die Referenten, erfahrene Gefchäftsmänner, nicht nur die kräftigen oder dünnen Fäden des Fortfchrittes der gefammten Induftrie zufammenfafsten, fondern überhaupt die ganze Lage derfelben, die Summe aller Verhältniffe, welche die verfchiedenen Länder charakterifiren, wenn auch überwiegend nur Oefterreich behandelnd und den öfterreichifchen Intereffen dienend, darftellten. Wenn man nun diefen einen Abfchlufs der literarifchen Betrachtung der Schafwoll- Induftrie vor Augen hat, fo wird es jedem, der die Verhältniffe kennt, einleuchten, dafs wir für den gleichen Zweck, für die Zufammenfaffung der Fortfchritte der Induftrie in den letzten fünf Jahren, welche nach dem officiellen Programme der Bericht über die Wiener Weltausftellung zu geben hat, in der That nur ein geringes Material zur Verfügung haben. Die technifche Seite der Induftrie, das Mafchinenwefen, das fortfchreitend das Neue erzeugt, gehört nicht zu unferer Aufgabe, und hat in Profeffor Zeman einen für Gruppe XIII, Section 2 erfahrenen Referenten. Die Vollendung des Productes, das Product felbft aber bietet der Betrachtung einen geringen Spielraum. Die Maffe der Erzeugung ift felten anzugeben, die Zahl der befchäftigten Webftühle bei der SchafwollInduftrie ebenso wie die Spindelzahl bei der Schafwoll- Spinnerei im Allgemeinen nicht wie bei der Baumwoll- Spinnerei und Weberei genau find allgemein fichergeftellt. Die Handelsbewegung nach den allgemeinen Ziffern der ftaatlichen Bilanzen endlich ift doch nur dann von Intereffe und von Bedeutung, wenn die Art der in Handel gebrachten, hier exportirten, dort importirten Stoffe genau und detaillirt angegeben ist. Das aber ftand uns nicht zur Verfügung, und wir mufsten daher auch in diefer Richtung auf den fchönen Schmuck eines Berichtes verzichten. Es blieb uns daher nur Eines übrig. Den Charakter der Induftrie der einzelnen Länder konnten wir hervorheben und dabei die zur Geltung gekommenen Ausstellungsobjecte einzig und allein als Grenze und als Ziel unferer Betrachtung hinftellen. Wir verfuchen dann, die Refultate der Parifer Ausstellung vorausfetzend, zu zeigen, wie diefer oder jener Artikel in dem einen oder dem anderen Lande zur Bedeutung gekommen oder gröfsere Bedeutung gewonnen hat, wie diefer oder jener Arbeitsprocefs fich mehr oder weniger an den verfchiedenen Productionsorten entwickelt hat. Wir überfchreiten dabei nur dort den Rahmen der Ausftellung, wo die Vernachläffigung derfelben ein ganz ungenü gendes und unrichtiges Bild der gefammten Induftrie eines Landes geben würde, wenn man dabei der Vorftellung Raum gewährt, dafs die Ausftellung eines Landes eben zu gleicher Zeit das ganze Land mit feinem ganzen Können darftellen foll. Diefs haben wir vorausfchicken müffen, um einerfeits das enge Bild, das wir allein geben können, zu rechtfertigen und anderfeits zu erklären, warum wir die verfchiedenartigen Gewebe der Kammgarn- Spinnerei zum Unterfchiede von jenen des Streichgarnes nicht felbftftändig behandeln und in beiden wieder nicht einzelne befondere, hervorragend bedeutende Artikel, wie diefs bei ähnlichen Gelegenheiten der Berichterstattung öfter der Fall war und wofür z. B. Teppiche und Möbelftoffe für die Kammgarn- Gewebe ebenfo günftige Gelegenheit geben als Tuch, Cachemire und fo weiter für die Streichgarn- Gewebe, betonen und des Weiteren ausführen. Die Verhältniffe der Induftrie in jenen Zweigen, in welchen die Knnft ein befonderes Moment bildet, wie bei Teppichen und Möbelftoffen, oder die Chemie die Wahl der Farben und die Färbung felbft beeinflufst, find fchon heute Schafwoll- Gewebe. 15 jedem Gebildeten fo klar und vertraut, dafs es nur eine überflüffige Wiederholung wäre, wollten wir noch einmal den Ernft Englands, die bewegliche Phantafie Frankreichs, die das Unmögliche möglich und bei einem Sitzkiffen, bei einer Rückenlehne oder einem Teppich die Momente menfchlicher Zärtlichkeit oder den bluttriefenden Raub eines Löwen- oder Tigermahles zum Gegenftand nimmt, als bedenkliche Richtung, oder den glücklichen Wurf der Mufter in den verfchiedenften Zweigen der Webeftoffe, wie er Oefterreich feit längeren Zeiten auszeichnet, als günftig charakterifiren. Wir können bei diefen einzelnen Zügen und charakteriftifchen Momenten der Induftrie auch in der zufammenfaffenden Art unferer Betrachtung, wo fich das Aufsergewöhnliche, Richtige oder Unrichtige zeigt, der Sache vollſtändig genügend, innehalten. Nur die Shawls und die Shawlinduftrie fcheiden wir aus unferem Referate aus und überlaffen diefelbe der kundigen Feder eines Specialiften. Die Shawlinduftrie ift ja keine einem Lande befonders angehörige, fie gehört, wir können es wohl fagen, der Welt an und ſteht mit ihren Muſtern wie mit ihrer ganzen Gefchichte in einer Culturwelt, welche mit der modernen Induftrie Europas, wie hoch diefelbe auch die Shawlfabrication, zumeift was das Maffenproduct anbelangt, gehoben haben mag, nur in einem lofen Zufammenhange. Charakterifiren wir zuerft die Ausftellung der Schafwoll- Waaren im Allgemeinen. Ein ftattliches und werthvolles Contingent haben England, Frankreich, Deutſchland und Oefterreich gefendet, um einen der mächtigften Zweige ihrer Induftrie zu zeigen. Nach Qualität und Quantität ftehen diefe Staaten auch an der Spitze der Schafwoll- Induftrie. Belgien und Italien haben zwar auch eine nicht unbedeutende und zumeift durch eine rafche Entwicklung fich charakterifirende Schafwollwaaren- Fabrication, aber fie werden in unferer Betrachtung bedeutend zurückgedrängt, weil fie auf der Ausftellung nur fehr fchwach vertreten waren. Rufsland und alle übrigen Staaten Europas, in denen Schafwoll- Waaren erzeugt werden, find noch zu fehr in der Entwicklung begriffen und bemüht, den Boden einer grofsen Induftrie zu bereiten und die Kräfte dafür zu erziehen. Man kann die ausgeftellten Fabricate diefer Staaten auch nur von diefem Standpunkte aus beurtheilen. Von den anderen Welttheilen hatte Amerika feine immer kräftiger heranwachfende Induſtrie nur fehr fpärlich, Afien durch die Türkei, Perfien und China nur einfeitig mit den der Hausinduftrie angehörigen Teppichen die Schafwollwaaren- Fabrication zur Vertretung gebracht. Wir beginnen in dem Folgenden mit England und laffen Frankreich, Deutfchland und Oefterreich folgen. An diefe wichtigften Länder der Schafwollwaaren- Fabrication reihen fich die übrigen Länder je nach ihrer mehr oder minder bedeutenden Vertretung auf der Weltausftellung in ihrer Gefammtheit an. Doch trennen wir die europäifchen Staaten von denen Amerikas und Afiens. England ift der hervorragendfte Induſtrieftaat Europas und feine Schafwoll- Waaren bilden ein fo bedeutendes Product, dafs auch in diefer Richtung das grofse Infelreich an der Spitze fteht. Es hat die Schwierigkeiten, welche der Welthandel zu überwinden gebietet, längft überwunden, es hat billiges Geld, es hat billige Kohle, es hat getheilte Arbeit, grofse Kaufleute und Commiffionäre, welche durch Jahrzehnte fchon den Export nach den Ländern Europas ebenfo wie nach überfeeifchen Ländern mit Sorgfalt gepflegt, es hat allenthalben gute Handelsverbindungen, welche die Entwicklung feiner Induftrie durch einen lebendigen Handel dauernd befördern und es findet jeder Kaufmann in der Fremde einen kräftigen und nachdrücklichen Schutz durch die Regierung. Das find die Mittel, welche Englands Grofsinduftrie für die ganze Welt mächtig gemacht und für lange Zeit fo kräftig erhalten haben, dafs alle Concurrenz leicht befiegt und die Herrfchaft dauernd erhalten wurde. Das find die Mittel, welche Englands 16 C. Falk, Dr. Carl Th. Richter. Induftrie, felbft wenn fie in einzelnen Branchen erlahmt oder zu erlahmen fcheint, oder endlich in der Entwicklung ftille fteht, doch noch lange allen anderen gegenüber übermächtig erhält. Und die englifche Schafwoll- Induftrie fcheint in diefen letzten Zuftand gerathen zu fein. Wenn auch die angefehenften Firmen der englifchen Schafwoll- Induftrie auf der Ausftellung nicht vertreten waren, fo boten doch die Ausftellungsobjecte ein genügendes Bild, um über den heutigen Stand derfelben ein ausgiebiges Urtheil, welches unfere obige Anficht rechtfertigt, zu verfchaffen. Die vorhandenen Tuche und Modeftoffe für Männerkleider conftatirten nicht den geringften Fortfchritt, weder was die Mannigfaltigkeit der Artikel, noch die Deffins und Gefälligkeit derfelben anbelangt. Die fchwere Arbeit und Solidität ift ihnen wohl eigen, allein, mit der bekannten Brünner Waare verglichen, fehlt den Stoffen durchgehends die Eleganz. Freilich waren zumeift leichte und billige Waaren ausgeftellt. Während die Männerkleider- Stoffe, trotzdem England feine fehr paffenden Garne aus Port- Philipp- Wollen, welche glatte, naturglänzende Waare liefern, befitzt, in Deffin, Farbe und Ausführung auffallend hinter den erwähnten Brünner Erzeugniffen geblieben find, übertreffen hochbedeutend die Flanelle und derartigen Erzeugniffe Frankreichs und Oefterreichs in Stoff und Mufter jene von England. Die feineren Waaren, Rock- und Hofenftoffe, von Birhall& Comp. Leeds, hatten wohl eine ſchöne Melirung, die Struke und Toskings von Strachan & Comp. fchöne, dunkle Farben. Die Flanelle von Blitt and Son waren gleichfalls ganz hübfch, aber das ganze ohne jede Bedeutung. Am gelungenften waren noch die verfchiedenen Melangen- Tuchftoffe und Imitationen von Pelzwerk und Aftrachan, wie fie Zoffenheim and Brothers mit fchönem Glanz und tiefer fchwarzer Farbe ausgeftellt hatten. Schön waren auch die Plüfche und Egalifirungstücher, die grofse Solidität und wie die glatte Tuchwaare überhaupt fchöne Arbeit und gute Appretur auszeichnet. In Cheviots, leicht gearbeitete, meiftens mit Kunftwolle oder anderen Surrogaten gemifchte billige Waare, welche trotz ihrer geringen Haltbarkeit doch gern getragen und viel begehrt werden, zeigte England dagegen ein Product, mit dem es zumeift der Brünner Induftrie fchwere Concurrenz bereitet. Die Damenkleider- Stoffe und Damenmode- Waaren aber, wie fie in einer ziemlich reichen Sammlung von mehreren Firmen ausgeftellt waren, brachten durchwegs älteren Gefchmack zur Geltung und fcheinen überhaupt nur für den grofsen Confum berechnet zu fein. Unter allen aber war nicht ein hervorragendes Stück zu bemerken. England reuffirt danach, da es mit feiner Gefchmacksrichtung, wie es fcheint, weniger als fonft dem Bedarfe des Weltmarktes entſpricht, mehr durch feine gleichmässig getheilte und daher ungleich billigere und beffere Arbeit und natürlich auch durch feine geficherten Abfatzgebiete. Solange daher diefe Handels- und Fabricationsbedingungen von den anderen Staaten nicht erreicht find, wird England, wie wenig es auch im Gefchmack fich entwickelt, doch den Weltmarkt behaupten. In Reifedecken und Plaids wie fie z. B. B. Heppwoth and Son, NewWakefield Mills, ausgeftellt und von keiner ähnlichen Ausftellung übertroffen wurde, mufs man eine rühmliche Ausnahme conftatiren. Gleich rühmlich ift die englifche Teppichfabrication hervorzuheben. Auf das äufserfte folid und ſchwer in der Arbeit, ruhig und gediegen im Mufter, vollkommen in den Farben, gebührt den englifchen Teppichen heute noch der erfte Rang. Velours und Brüfsler, Kidderminſter und Laufteppiche in allen Farben und Stilarten und in den gelungenften Muftern brachte die Ausftellung. Die Velours und Brüfsler Teppiche werden der Mehrzahl nach auf Handftühlen nach Art der gewöhnlichen Sammte erzeugt. Die in der ganzen Breite des Stoffes über eingefchobenem Draht erzeugten Mafchen werden, nachdem der Draht herausgezogen, aufgefchnitten und geben fo den Velourteppich oder bleiben unaufgefchnitten, fo dafs nach herausgezogenem Draht die Mafchen eine Röhre bilden und geben fo den Brüfsler Teppich. Halifax und Glasgow bilden den Hauptfitz diefer Fabrication und - Schatwoll- Gewebe. - 17 diefe Firma John Lewes in Halifax, James Templeton and Comp. in Glasgow zumeift mit Renaiffancemuftern dann Coock Sons and Law in London mit Velourteppichen in perfifchem und maurifchem Gefchmacke, zeigten das Vorzüg lichfte, was man auf der Ausftellung in diefer Art fehen konnte. Die Kidderminſter Teppiche werden zum Theil noch auf Handftühlen, zum gröfsten Theile aber fchon auf mechanifchen Stühlen erzeugt. Sie befitzen keinen Flor in der gewöhnlichen Sorte, haben aber zwei benutzbare Seiten, fo dafs die Farbe des Grundes auf der einen Seite zur Farbe des Mufters auf der anderen Seite wird, die Farbe des Mufters dagegen auf der einen Seite zur Farbe des Grundes auf der anderen fich geftaltet. Die Kidderminſter Teppiche find theils Salonteppiche im Ganzen, theils als Stückteppiche gewebt, die dann zufammengenäht werden. Die Teppiche mit weifsen Figuren auf rothem Grunde waren, wie grell in der Farbe, doch aufserordentlich fchön. Brinton& Comp., Wartons and Sons in Kidderminſter waren fehr beachtenswerthe Firmen. Eine Specialität brachte England mit den gefilzten Teppichen, welche mit Muftern bedruckt waren, deren Zeichnung den gewebten Teppichen nachgeahmt war. Frankreich bleibt trotz der Erfchütterungen, die es in den letzten Jahren erfahren, das Land, welches auf dem Boden der Induftrie die Herrfchaft der Mode führt. Nach Frankreich wendet fich der Reichthum aller Staaten, ja felbft der bürgerliche Wohlftand, um feinen Luxusbedarf zu decken. Durch diefes im Laufe der Zeit ausgebildete und fchon lange die Welt beherrschende Moment ift Frankreich fo ftark und kräftig geworden, dafs in Modewaaren, in Nouveautés, welche nicht nach ihrem Werthe, fondern mit Liebhaberpreifen bezahlt werden, Niemand mit der Herrfcherin der Mode concurriren kann. Wir müffen die Welt mit unferem Gechmacke bekriegen und durch die Mode unterwerfen, fchrieb Colbert an Ludwig XIV. Und es ift Wahrheit geworden und ift heute noch wahr. Durch den in diefer Weife gefchaffenen höheren Werth oder beffer die dadurch erzeugten höheren Preife vermag der franzöfifche Fabrikant die beften und ausgiebigften künftlerifchen Kräfte für das Gefchäft zu intereffiren, und wie der fchaffende Künftler participirt der Färber und Appreteur, der Weber und der Spinner an dem grofsen Gewinne, der die Induftrie dauernd fchöpferiſch erhält und immer Groſses erzeugen läfst. - - es ift So erfchien Frankreich auch auf der Weltausftellung in Wien und, möglich, dafs es demonftrativ fich zeigen wollte, erfchien mit allem Glanze und aller Pracht. Nicht nur die Art der Ausftellung, die Frankreich von jeher.ausgezeichnet hat, auch die forgfältige Wahl der zur Ausftellung gefchickten Objecte fielen jedem Befucher fofort auf. Die Beurtheilung fand hier im grofsen Ganzen bewunderungswürdige Arbeit, brillante Phantafie, reiche Mufter- und Farbenzufammenftellung. Was fo die ganze Ausftellung auszeichnete, trat auch bei der Schafwoll- Induftrie hervor. Alle Branchen diefer Webewaaren Induftrie, mit. Ausnahme von Tuchftoffen und einigen Specialitäten anderer Länder, fanden hier Vertretung. Man fand den einfachften glatten oder Double- Merinoftoff, den feinften, duftigften Chachemire, gedruckte, mit Seide durchwebte, geftickte, felbft mit Silber und Gold brochirte Stoffe, dann vielfeitige neue Stoffe, neue Zeichnungen, Mufter und Ausführungen, wie fie kein anderes Land noch auszuftellen hatte. Allenthalben fiel die aufserordentlich fchöne Färberei und Appretur wieder auf, wie fie Gilbert& Ohl ausgeftellt und wie fie von Houfsin& fils in Rheims gefärbt und appretirt waren. Auch Mazure hatte Kammgarn- Satiné und Ripfe ausgeftellt, die in Gewebe und Farbe gleich ausgezeichnet waren. Es ift fchwere Waare, die durch Egalität des Fadens und brillante Farben befonders hervortrat. Die gedruckten Stoffe, meiftens Cachemire oder mit Seide durchwebte Kleider und Shawlwaaren, waren gleichfchön in Farbe wie fcharf und klar im Druck. 2* 18 C. Falk, Dr. Carl Th. Richter. Eine grofsartige Collection davon, dann von geftreiften oder brochirten Flanellen brachte die rühmlichft bekannte Firma Pinon frères& Guérin. Gleichbedeutend waren die Damafte, Satins, Tifchdecken und Sammte und zeigten eine grofse Reichhaltigkeit und eine ungewöhnliche Gediegenheit der Ausführung. Dazu kommen noch die Hautes nouveautés und die Phantafieartikel, die fchöner als bei jeder anderen Ausftellung hervortraten und alles von anderen Staaten Geleiftete weit übertrafen. Man fand da deffinirte Grenadines mit Blumen und Guirlanden, mit Seidenftreifen und gedrucktem Sammt. Dann Ripsftoffe mit erhabener Sammtarbeit, Alpacaftoffe u. f. w., kurz eine Anzahl Damenartikel, welche in Zeichnung, Farbe und Ausführung gleich bewunderungswürdig waren. Nicht fo bedeutend erfchien Frankreich durch feine Tuchftoffe vertreten, wenngleich unter den Collectivausftellungen der verfchiedenen Departements die von Elboeuf weiche und feine Tuche und Winterftoffe brachte, die in Qualität und Farbe ganz anerkennenswerth waren. Die Ausführung und die Verwendung der feinen Wolle ift bei der glatten Waare tadellos, allein die deffinirten Stoffe zeigten alte, abgelebte und mehr fchreiende als gefchmackvolle Mufter, welche den Vergleich mit Brünner Waare in Nichts aushalten. Es ist bei diefer wichtigen Induſtrie, bei den Tuchftoffen aus Kammgarn fehr zu wundern, dafs die Ausführung des Fabricates nicht mit dem Fortfchritte des Halbfabricates gleichen Schritt gehalten hat, und während die Kammgarn- Induſtrie Frankreichs in Damenftoffen durch die Unterſtützung und Vervollkommnung der Spinnerei Glänzendes leiftet, haben die Stoffe für Männerkleider wenig Bedeutendes auf der Ausstellung gezeigt und es ift möglich, dafs diefs einfach daher kommt, weil die hervorragendften Firmen diefer Branche fich an der Ausftellung nicht betheiligten. Beachtenswerth ift in diefem Gebiete V. E. Chrétien Debouchaud in Nerfac bei Agoulème, der ganz ausgezeichnete Filze für Mafchinen und Büttenpapier ausgeftellt hatte. Auch ſcheint die Schafwolle in Frankreich eine immer gröfsere Verwendung zu finden, was gleichfalls erwähnt werden mufs und fahen wir Artikel, welche früher nur aus Baumwolle gewebt wurden, jetzt aus Kammgarn erzeugt, wie Tricotdecken und Halb- Piquéftoffe ohne Steppkette, für Frauenunterröcke, die ganz geeignet find, grofse Nachfrage zu erzeugen. Die gröfste Anziehungskraft und hervorragendfte Bedeutung aber hatte in der franzöfifchen Abtheilung für den Befchauer die Gobelinmanufactur, welche in allen Genres von Teppichen und Möbelftoffen, Portièren und Decorationsgegenftänden, endlich durch Bilder vertreten war. Zeichnung, Farbe, Präcifion der Ausführung, zeigten allenthalben die höchfte Vollendung und hätten nur, wie wir fchon früher einmal bemerkten, die Zeichnungen bei manchem Objecte glücklicher und für die Zwecke paffender gewählt werden können. Im Uebrigen werden diefe Gobelinarbeiten auch nur in der nun mehr als 200 Jahre alten Regierungsfabrik und von einigen kleineren Fabrikanten erzeugt. Eine Ausdehnung diefes Induftriezweiges ift feit den letzten Jahren nicht vorgekommen und ift der Markt diefer Artikel auch heute noch nur auf Paris befchränkt. Es ift bekannt, dafs der zum Weben der Gobelins dienende Stuhl der einfachften und primitivften Art angehört und dafs er eher einem aufrecht ftehenden, riefigen Stickrahmen gleicht, auf welchem die Kettenfäden fenkrecht aufgefpannt find. Alles kommt dabei auf die Kunft des Arbeiters an, feine Sorgfalt und fein eigenes Verftändnifs. Er ift in der That ein Künftler, der feinem Werke faft ein Leben opfert. Fünf bis zehn Jahre hat er oft an einem Bilde oder einem Teppiche zu arbeiten und es kann kaum Wunder nehmen, wenn der Meter 3000 bis 4000 Francs koftet, wovon der gröfste Theil auf den Arbeitslohn entfällt. und der Werth des verwendeten Materials kaum 20 Percent beträgt. Beträgt doch die Lehrzeit für einen gefchickten Gobelinarbeiter zehn, fünzehn und auch mehr Jahre. Die Färberei des Staatsetabliffements gilt für die erfte der ganzen Welt Schafwoll- Gewebe. 19 und ihre Farben zeichnen fich durch Dauerhaftigkeit und Glanz vor allen anderen aus. Jede Farbencombination befteht aus zwanzig verfchiedenen Schattirungen, die nur ein fehr geübtes Auge erkennt und hat man heute 14.420 Nuancen claffificirt und nummerirt. Auch das Weben der Sammtteppiche wird in Frankreich mit aufserordentlicher Sorgfalt betrieben und zeichnen fich diefe Artikel durch einen wunderbaren Flor und bei der Benutzung einer Kette aus Leinenzwirn durch befondere Feftigkeit aus. Ebenfo fchön wie diefe Teppiche, aber bedeutend billiger, find die durch die Jaquard- Mafchine erzeugten, bei denen die verfchiedenen Farben in der Kette aufgefchweift oder auch durch die mit dem Mufter bedruckte Kette gefchaffen werden. Man hat dafür in neuefter Zeit auch fchon Dampfftühle gebaut, welche die Nadel felbftftändig eintragen und den Flor auffchneiden. Aber die Mafchine kann keine fo breiten Teppiche und keine fo grofsen Mufter wie die Hand erzeugen. Es werden Stücke erzeugt, die dann zufammengenäht und mit einer Bordure umgeben werden, um fo einen Salonteppich zu bilden. Wenn man die Ausftellung der Gobelinftoffe und der anderen franzöfifchen Teppiche beachtete, fo follte man kaum einen Fortfchritt mehr für möglich halten. Und doch fah man bei den von der Staats- Gobelinmanufactur in der Kunsthalle ausgeftellten Bildern gegen frühere Ausftellungen eine charakteriftifche Entwicklung. Sie ift zumeift bei der Behandlung der Fleifchtöne bemerkbar. Aeltere Bilder haben die Töne in unkennbaren Abftufungen neben einander liegen. Im Jahre 1867 zeigten die lebensgrofsen Bilder von Napoleon und Eugenie die Farben, durch das abwechfelnde Ineinandergreifen derfelben durch einzelne Schüffe, gewiffermafsen eine horizontale Schraffirung, welche die Töne noch inniger mit einander verfchmolzen. Bei den in Wien ausgeftellten Bildern befteht die ganze Carnation aus einer Schraffirung, welche, der Plaftik der Formen angemeffen, in complementären Farben eingewebt ift, und dadurch wahrhaft geheimnifsvolle und tief gefättigte Töne erzeugt. An die Arbeiten der Staatsmanufactur reihen fich die prachtvollen Gobelinbilder der Firma Braquenié frères in Paris würdig an. Bedeutend war die Entführung Europas durch Jupiter, dann die kleineren Genrebildchen. Die Bilder von Hercules, Omphale u. f. w. bis auf Ulyffes waren durch ihre ältere grelle Farbengebung weniger bedeutend, wie gleich fchön auch die Technik derfelben. Ueber die Sopha- und Seffelüberzüge derfelben Firma, ebenfo wie über die gleichen Ausftellungsgegenstände von Salandrouze de Lamornaix können wir nichts mehr fagen, als dafs Correctheit der Zeichnung, Farbenfrifche, aber keineswegs entſprechende Wahl der Motive fie auszeichnete. Dagegen waren die Savonnerieteppiche in Renaiffanceftil, wie Sallandrouze frères, Aubuffon, die Velourteppiche von Flaffières frères aus Nimes fie ausftellten, fehr beachtenswerth, obgleich die Renaiffancemufter etwas veraltet und die fchwebenden Engel und Blumenfeftons von Flaffières frères mehr hoch hinauf an die Wand, als auf den Boden pafsten. Die Velourteppiche im Stücke waren fehr gefchmackvoll im Mufter, in den Farben ruhig, aber nicht glatt und unegal in den Kanten. Uebrigens werden diefe Art Teppiche nur in Frankreich verbraucht und wenig exportirt. Was die Möbelftoffe Frankreichs anbelangt, fo zeichnet die mittelft Jacquard gewebten Gobelins ebenfo wie die brochirten Möbelftoffe ein vorzügliches Garn und fchöne Farben aus. Schöne Wolldamafte, bei welchen die richtige Wahl des Materiales, Kühnheit der Zeichnung und fchöne Farbe Alles entfcheidet, hatten Tiberghien frères ausgeftellt, die befondere Aufmerkſamkeit erregten und vollständig bewiefen, wie Frankreich in allen Branchen diefer Manufactur Aufmerkfamkeit verdient und Bedeutung hat. Deutfchland. Das Land des Fleifses, der Intelligenz und Sparfamkeit, nicht unterstützt wie England und Frankreich durch eine ruhige, allmälige Ent 20 C. Falk, Dr. Carl Th. Richter. wicklung, durch einen Jahrhunderte alten forgfältigen Schutz, durch reiches und übermächtiges Capital, durch coloniale Befitzungen und fichere Handelsverbindungen, Deutfchland mufste in feiner Schafwoll Induftrie fich von vornherein den Maffenartikeln zuwenden, und konnte nicht für die wechfelnde Mode arbeiten, für deren Artikel ihm der grofse Markt fehlt. Durch verhältnifsmäfsig billigere Löhne, durch gute Arbeitskräfte, fichere, dauernde und gute Staatseinrichtungen vermochte Deutſchland feine Maffenartikel bei gediegener Qualität im Inlande vollkommen und theilweife auch nach aufsen abzufetzen. Der Mangel der Modewaaren ift keineswegs ein Zeichen geringen oder wenig fchöpferifchen Gefchmackes. Deutſchland leiftet nicht nur allenthalben Genügendes, es fchafft in Vielem fogar Vorzügliches, aber es behauptet die Erkenntnifs, dafs feine Grofsinduftrie in einfachen Maffenartikeln einen befferen Boden habe als die Modeartikel, für welche im eigenen Lande der nöthige Luxusbedarf fehlt und auch der Nutzen, den die Fabrication bringen kann, doch immer nur ein einfeitiger ift. Die Ausftellung des ganzen deutfchen Reiches war ein Bild des Charakters des deutfchen Volkes, und die einzelnen Objecte, wie oft auch manches Mal der Gefammteindruck beeinträchtigt war, zeigten allenthalben die Tüchtigkeit, Intelligenz und felbft, wo nur die Gefchmacksrichtung mafsgebend war, einen bedeutenden Fortfchritt. Nur die Hautes Nouveautés, die auch zum grofsen Theile ausgeftellt wurden, boten wenig Befonderes. Allenthalben von der Spinnerei angefangen bis zur Färberei und Weberei trat aber, insbefondere bei den SchafwollWaaren, eine ausgedehnte und tüchtige Fabrication hervor, die Genres producirt, welche nicht nur für den Confum in Deutſchland, fondern auch für den Export nach allen Zonen einen kräftigen Handel erhalten. Eine Höhe hat demnach Deutfchland erreicht, welche in vielen Branchen die englifche Concurrenz, bekanntlich in Schafwoll- Artikeln die gefährlichfte, bereits überwunden hat. Wenn wir jedoch befonders die Ausstellung und die einzelnen Ausfteller hervorheben wollen, fo müffen wir zugleich erwähnen, dafs die grofsen Handelsfirmen von Glauchau und Merane, welche fowohl in Maffenartikeln, als in Hautes Nouveautés Ausgezeichnetes leiften, ebenfo wenig ausgeftellt haben, als in Betreff der Tuche und Tuchftoffe die hervorragendften Erzeuger von Exportwaare. Einer der wichtigſten Artikel der deutfchen Wollweberei, der feit den letzten zehn Jahren eine ungemein grofse Ausdehnung errungen hat und den wir daher zuerft auch erwähnen wollen, ift der fogenannte Zanellaftoff, ein Futterftoff, der ftatt des ungleich koftfpieligeren Seidenftoffes verwendet wird, auch Satins, italian cloth, Lafting genannt wird. Unterftützt durch die in Deutfchland mehr entwickelte Kammgarn- Fabrication, wird diefer Stoff zumeift mit vorzüglicher Schwärze und fchönem Glanze, da ihn die von der Fabrication getrennten Färbereien und Appreturanftalten beftens unterſtützen, in Elberfeld und Umgebung auf mehreren taufend mechanifchen Webftühlen erzeugt. Bereits hat diefe Elberfelder Fabrication auch in Oefterreich Filialen errichtet, bei denen nach dem„, Appreturverfahren" die hier auf mechanifchen Webftühlen gearbeiteten Zanellaftoffe zur Färberei und Appretur nach Elberfeld und dann als fertige Waare zollfrei wieder nach Oefterreich zurückgehen. Die zur Ausftellung gefandten Fabricate Elberfelds und Umgebung laffen, fowohl was Zanella als ähnliche Stoffe betrifft, in der That nichts zu wünſchen übrig. Die hervorragendften Ausfteller fanden fich in der Collectivausftellung der vereinigten Induftriellen für Zanella- und Confectionsftoffe wir nennen hier nur Bonddinghaus W. M.& Comp., Jung& Simont, Schäfer& Comp., dann Wolf R.& Comp.- dann in der Collectivausftellung der Barmer Zanella- und Laftinginduftrie vereinigt. Unter den letzteren nahmen Brüninghaus H. Söhne, Otto Bude, welcher mit dreifsig Dampfmaschinen von 300 Pferdekräften arbeitet, einen erften Platz ein. Neben diefer für den Export Deutſchlands ungemein wichtigen Fabrication ift es die Strumpfwirkerei, welche fowohl in Maffenartikeln als in feineren Damen Schafwoll- Gewebe. 21 confections fehr Bedeutendes leiftet und vorzüglich ausgeftellt hatte, was wir hier blofs erwähnen wollen, für die weitere Ausführung auf den Bericht über Strumpfwirkerei von Ludwig Glogau verweifend. Es ift gar kein Zweifel, dafs die erften den englifchen Fabricaten, die anderen den beften franzöfifchen Confectionsartikeln vollkommen ebenbürtig find. Nicht minder find von Wichtigkeit die deutfchen Thibets, Cachemire, Merinos, Ripfe, Plüfche, Druckwaaren, Krimmerftoffe u. f. w., bei welchen, fowohl was die glatte als deffinirte Waare anbelangt, der gute Stoff, fchöne Farben, die für den gröfseren Verkehr paffenden gefälligen Deffins und dabei eine grofse Billigkeit merklich hervortritt. Wir nennen unter den hervorragenden Ausftellern F. G. Lehmann in Börigen bei Rofswein in Sachfen, ein feit dem Anfange des Jahrhundertes beftehendes Gefchäft, das einen Jahresumfatz von einer halben Million Thalern hat, mehr als 600 Arbeiter befchäftigt Erwähnenswerth ift und mit 120 Dampf- und Waffer- Pferdekräften arbeitet. L. Dahlheims& Comp. in Berlin und die einzelnen Firmen aus dem induftriellen Gera und Greitz. Was die Hautes nouveautés, Damafte, feinen Möbel- und Vorhangftoffe, Phantafie Kleiderftoffe u. f. w. anbelangt, fo waren die deutfchen Fabricate in der Ausführung gegen Frankreich nur felten zurückgeblieben. Aber es fehlt an Selbftftändigkeit in Mufter und Zeichnung und allenthalben merkt man die Anlehnung an Frankreich, das man doch nicht erreicht und in gar keinem Artikel übertrifft. Gleichfalls können wir die Tuch- und Tuchftoff- Manufactur, wenigftens wie fie fich auf der Ausftellung zeigte, keineswegs befonders entwickelt finden. Es ift freilich wahr, dafs auch hier die grofsen Fabrikanten von Exportwaare auf der Ausstellung fehlten. Zumeift die Männerftoffe, dann deffinirte Waare, auch Flanelle ftehen bedeutend, was Gefchmack und Ausführung anbelangt, hinter der Brünner Manufactur zurück. Dagegen ift die glatte Waare, fowohl Commerceals Militärtuch, ebenso wie Orientaltuch auf eine ganz hohe Stufe gebracht. Die geringe Entwicklung der erftgenannten Stoffe fcheint an den Handelsverhält niffen derfelben zu liegen. Deutfchland arbeitet feine deffinirten Kamm- und Streichgarn- Waaaren nur für den einheimifchen Bedarf, der ein gleichbleibendes, einfaches und folides Genre jedem Wechfel vorzieht. Trotz diefes Charakters der deutfchen Fabrication lieferte Deutfchland das gröfste Contingent von Ausftellern von Tuchftoffen. Zumeift in Collectivausftellungen verbunden, machte übrigens die deutſche Ausftellung auch nach diefer Richtung hin einen ganz bedeutenden Eindruck. Unter den Einzelausftellern ragte unftreitig G. Schöller& Söhne in Düren mit feinen Tuchen, Tüffeln und Hofenftoffen hervor. Am Schluffe gedenken wir wieder der Teppiche, Decken und gobelinartigen Stoffe. Was Deutfchland davon ausftellte, war durchwegs fehr folide Waare, weniger fchön als gediegen und zugleich billig. Den paffenden Deffins nach, den guten Farben und der exacten Ausführung nähert fich Deutfchland hier vollſtändig England und dem englifchen Gefchmacke. Die Induftrie ift kaum vierzig Jahre alt und erzeugt heute grofse Salonteppiche mit zumeift orientalifchen Muftern, dann Velour- und Brüffeler Teppiche und Teppiche mit gedruckter Kette, wovon bei Weitem die Mehrzahl fich durch fchöne Mufter auszeichnet. Am hervorragendften hatte die Gevers Schmitt'fche Teppichfabrik in Schmiedeberg, dann Leopold Schöller& Söhne in Düren ausgeftellt. Zumeift ragten die grofsen Smyrnaer Teppiche der erftgenannten weit bekannten Firma hervor. Auch der grofse Knüpfteppich, den Schuetz& Juell aus Wurzen ausgeftellt hatten, war höchft bemerkenswerth durch feine fchöne Zeichnung im Renaiffanceftil und die vortreffliche Wahl der Farben. Auch die auf mechanifchen und Handftühlen erzeugten Brüffeler und Velourteppiche, welche von einer grofsen Reihe von Ausftellern zur Anficht vorgelegt waren, zeigten nicht nur die grofse Entwicklung diefer Induftrie in Deutfchland, fondern auch die vorzügliche und tüchtige Arbeit. 22 C. Falk, Dr. Carl Th. Richter. O efterreich. Nach dem ganzen Charakter der Schafwoll- Induftrie Oefterreichs hält es, man könnte fagen die Mitte zwifchen franzöfifchem Luxus und Gefchmack und deutfcher Einfachheit. Es befitzt genügende Intelligenz der Unternehmer und des Arbeiterftandes. Thatkraft und Gefchmacksrichtung ftellen die Erfcheinung der Induftrie hoch genug, um diefelbe der deutfchen und franzöfifchen vollkommen gleich zu machen. Mifsverhältniffe im Betrieb aber, vor Allem mangelnde Durchbildung einer gefunden Arbeitstheilung erzeugen, und da die Verhältniffe nur langfam und mit Opfern geändert werden können, erhalten ein bedenkliches Schwanken der Unternehmung von einem Ziele zum anderen. Der Abfatz der Maffenartikel ift der öfterreichifchen Schafwoll- Fabrication grofsentheils verfchloffen, weil durch die Mifsverhältniffe der Production die Concurrenzfähigkeit auf dem fremden Markte erfchwert ift Für Modewaaren, wie ausgezeichnet die Artikel auch find, fehlt der fichere Markt und fo mufs die öfterreichifche Schafwoll- Induftrie, dauernd zwifchen der einen und anderen Richtung der Fabrication lavirend, nur langfam vorwärts zu kommen trachten. So erzeugt Oefterreich grofsentheils nur für den eigenen Bedarf und kann nur mit einzelnen Artikeln und da nur von Zeit zu Zeit im Exporte kräftig auftreten. Auf der Ausftellung waren die öfterreichifchen Schafwoll- Waaren in der ausgiebigften Weife und fo vortrefflich vertreten, dafs fie unbedingt mit den erften Induſtrieſtaaten gleichen Rang hielten, die Brünner Induftrie fogar weit das Gleiche aller anderen Staaten überragte. Wir wollen darauf kein befonderes Gewicht legen, da eben die Ausftellung auf heimifchem Boden das natürliche Beftreben erzeugte und auch leicht erfüllen liefs, jeden Zweig der öfterreichifchen Induftrie vollkommen und glänzend zu vertreten. Unter Allen ragte die Brünner Fahrication, die Erzeugung von Tuchftoffen, Flanellen, Egalifirungstuchen, bedeutend hervor. Kein Land übertrifft, was Farbe und Ausführung anbelangt, diefe Stoffe. Nur die ungünftigen Erzeugungsverhältniffe, deren wir fchon oben gedachten, hindern diefen Zweig, die Herrfchaft auf dem Weltmarkte zu erringen. Wir erinnern hier nur an die Firma Carl und Theodor von Offermann in Brünn, eine Firma, die 600 Arbeiter und Arbeiterinen, 4 Dampfmaschinen mit beiläufig 140 Pferdekräften befchäftigt und auf der Ausstellung reichlich mit Tuchftoffen aller Qualität hervorragte. Gleich bedeutend war die alte Firma Gebrüder Schöll er vertreten. Wie in Mähren, ift die Tuchinduftrie auch in Böhmen und Schlefien feit Jahrhunderten heimifch, und hat auf der Ausstellung ihren traditionellen, ehrenvollen Ruf vollkommen gerechtfertigt. So hatte die Reichenberger TuchmacherGenoffenfchaft Stoffe von ausgezeichneter Qualität ausgeftellt, unter denen vor Allen die Egalifirungstuche durch ihre fchönen Farben fehr bemerkenswerth waren. Bielitz- Biala, durch eine reiche Collectivausftellung mit 112 Theilnehmern vertreten, hatte dunkle Tuchwaare, wie fie Europa confumirt, dann lichte für den Export nach dem Oriente beftimmte Waare in fehr fchöner Weife zur Ausftellung gebracht. Befonders ausgezeichnet und durch ihre billigen Preife bemerkenswerth waren die fchweren Winterftoffe, die unter den Namen Palmerfton, Biber, Mandarin bekannt find. Odrau in Schlefien, durch die Collectivausftellung der Tuchinduftrie vertreten, war durch feine billigen Tüffel und Velours bemerkenswerth, ebenfo wie Wagftadt bei Stauding in Schlefien durch fchöne Tuche und eine reiche Collection von Umhängtüchern in allen Gröfsen und Farben. Die Collectivausftellung zählte acht Theilnehmer. Zahlreich waren Schafwoll- Gilets vertreten und erwähnen wir nur Jofef Riedl aus Wien und Wefthaufer, welch' letztere Firma fchon in Paris und London für ihre Gilet ftoffe von Schafwolle, Baumwolle und Seidenplüfch prämiirt worden ift. Ohne Ueberhebung konnte Oefterreich ftolz auf die Leiftungen diefes Induftriezweiges hinblicken, und es ift gar kein Zweifel, dafs derfelbe auf jedem Markte concurrenzfähig ift, fobald nur die ungünftigen Producttionsverhältniffe fich ändern. Schafwoll- Gewebe. 23 Die zahlreichen Ripfe, Damafte, Thibets, Cachemire, geftickte Tücher, Merinos, billigen Streichgarn- Umhängtücher zeigten eine grofse Vollkommenheit und waren dem Beften der anderen Staaten gleichzuftellen. Eine Specialität, welche durch den inländifchen Confum grofsgezogen wurde und in gewaltigen Dimenfionen von Wien und Böhmen erzeugt wird, ift die auch auf der Ausftellung durch grofse Maffen vertreten gewefene Druckwaare auf Cachemir und Delaine. In Deffin und Farbenausführung ift diefer Artikel zur höchften Vollkommenheit gelangt, und wird die feinere Waare, fowohl im Stoffe als im Druck unterfchieden von der grofsen Maffe diefes Genres, auch in ganz anfehnlicher Weife exportirt. In Oefterreich bedarf faft jede Provinz eines befonderen Artikels und das ift es wohl, was die rege Thätigkeit auf diefem Gebiete fo kräftig erhält. Mit den hieher gehörigen Hautes Nouveautés fteht Oefterreich unbedingt, was Mufter, Farbe und Ausführung anbelangt, den franzöfifchen gleich. Der grofse Induftriekreis von Afch, Auffig und Reichenberg vertrat diefes Gebiet ebenfo gefchmackvoll mit feinen Artikeln als mit Maffenfabricaten. Wir können hier kaum alle Ausfteller aufzählen und es genüge die reiche und glänzende Ausftellung von Johann Liebieg& Comp. zu erwähnen und der gleich gefchmackvoll arrangirten Ausftellung von J. Philipp Schmidt& Söhne zu gedenken. Die erftgenannte Firma, eine Weltfirma erften Ranges, befchäftigt heute in ihren verfchiedenen Etabliffements in Reichenberg, Dörfel bei Reichenberg, Bunzendorf bei Friedland in Böhmen, 2500 Arbeiter und arbeitet mit 130 Dampf- und Waffer- Pferdekräften. Gedruckte Thibettücher, gedruckte Tifchdecken und die Imitation der Gobelins find durch diefe Firma neu eingeführt worden. Auch der Wiener Modewaaren- Induftrie müffen wir hier gedenken, da, wenn auch die Fabrication der Kleiderftoffe fich heute ganz nach Böhmen gezogen hat, die Fabrication von Schafwoll- Tüchern doch eine noch ganz bedeutende ift, und die Firmen Kufner, Oberländer, Reymann auch ganz Vortreffliches zur Ausftellung brachten. Doch, foll die Wiener Induftrie wieder kräftig aufblühen, müffen fich die Erzeugniffe vom Berliner und englifchen Gefchmacke emancipiren. Auch mufs der mangelhaften Appretur bedeutend nachgeholfen werden, und hier wäre es ganz am Platze, England und Deutfchland beftens nachzuahmen. Wir kommen zur Ausftellung der Decken, Teppiche und Möbelftoffe, ein Gebiet, in welchem Oefterreich von der Pferdedecke an bis zum feinften Salonteppich Grofsartiges leiftet und für das In- und Ausland gleich bedeutend arbeitet. Was insbefondere die Teppichfabrication anbelangt, fo ift in Ellenteppichen ebenfo wie in Salonwaare, in Smyrna- Imitation wie in der bunten Chenillewaare nach Gediegenheit der Stoffe und der Ausführung, nach Farbe und Mufter Oefter. reich höher ftehend als Deutfchland und felbft Frankreich. Wir erwähnen, um nur Beiſpiele aus der Menge der Ausfteller herauszuheben, Jofef Dierzer aus Kleinmünchen bei Linz, wenngleich bei den ausgeftellten Teppichen eine beffere Wahl und Zufammenftellung der Farben zu wünfchen wäre, und die vorherrfchend grellen Farben vermieden werden follten. Die Arbeit aber war durch wegs vortrefflich und ragte unter Allen insbefondere ein von diefer Firma erzeugter und in Gruppe XXIII ausgeftellter Altarteppich hervor. Die Einführung der Savonerie- Teppichfabrication dankt Oefterreich diefer Firma. Weiter gedenken wir der Möbelftoff- und Teppichfabrik von Johann Backhaufen in Wien. Die gobelinartigen Tifchdecken und Möbelftoffe, ebenfo die geftreiften Venitiennes zeigten, welch' erfolgreichen Einflufs technifche Bildung und Farbenfinn auf die Fabrication von Luxusftoffen ausüben kann. Sehr erwähnenswerth ift auch Albert Wolff, Möbel- und Wagenftoff- Fabrikant in Wien, der insbefondere mit feinen vielfarbigen Gobelin- Möbelftoffen glänzend die öfterreichifche Induſtrie repräfentirte, und befonders mit feinen Gobelins auf fchwarzem Grunde, ein vortrefflicher Effect, die Aufmerkfamkeit der Befucher der Ausftellung auf fich zog. In der Rotunde hatte W. Löwenfeld, Prag, in einem eigenen Pavillon geftickte Roben und Bafchliks, geftickte Borduren zum Befatze von Roben, 24 C. Falk, Dr. Carl Th. Richter. geftickte Tifch- und Bettdecken, insbefondere Decken mit Seide und Goldftickerei nach orientalifchem Mufter ausgeftellt, Die verdienftvolle Firma befchäftigt heute innerhalb und aufserhalb des Haufes durchfchnittlich 1000 bis 1200 Perfonen, und bietet dem in feiner Arbeit fehr beengten Erzgebirge eine ergiebige Einkommensquelle. Die billigen und buntgeftickten Tücher gehen nach Rufsland, Spanien und Italien, feine Waare felbft nach Frankreich und der Schweiz. Im Jahre 1871 exportirte die rührige Firma 490.800 Tücher aller Gröfse, 6.970 Stücke für Confection, 92.391 Ellen geftickter Kleiderftoffe. Wie das Erzgebirge dem Chef des Haufes als Mitglied des Comités zur Beförderung der Arbeit im Erzund Riefengebirge viel zu danken hat, fo dankt es auch demfelben die Einführung der Stickerei, die heute, wie die Ausftellung klar zeigte, in einer Weife entwickelt worden ift, dafs das Fabricat mit jenem von Wien und Paris vollſtändig concurriren kann. Das Befte der Teppichinduftrie haben wir uns zuletzt aufgehoben. Wir meinen Ignaz Ginzkey, Teppich- und Deckenfabrikant in Maffersdorf bei Reichenberg in Böhmen, und Philipp Haas& Söhne in Wien. Noch vor einem kurzen Menfchenalter war Ginz key ein kleiner Weber und zumeift befchäftigt mit der Erzeugung von Tuchmacher- Leiften für die Reichenberger Manufactur. Heute befchäftigt der unternehmende Mann faft 1000 Arbeiter und drei Dampfmafchinen mit 120 Pferdekräften. Er arbeitet für alle Welt und exportirt nach allen Staaten und Welttheilen. Insbefondere Sophavorlagen, Velourteppiche und als Hauptartikel Reife- und Schlafdecken, die, was Güte des Materials, Schönheit und Kräftigkeit der Mufter und Farben anbelangt, ganz unerreicht auf der Ausftellung waren. Auch zeichnet diefen vortrefflichen Weltartikel ein äufserft mäfsiger Preis aus. Neben diefen einfacheren Artikeln hatte die Firma einen grofsen und fehr fchön ausgeführten Knüpfteppich ausgeftellt, der gleichfalls von der Leiftungsfähigkeit derfelben, dem fchöpferifchen Geifte und der Strebfamkeit des Unternehmers das befte Zeugnifs gab. Was follen wir, wenn wir uns hier fchon der Tüchtigkeit freuen, von Philipp Haas& Söhne fagen? Nie hat eine Induftrie eine derartige Vertretung gefunden, nie hat man mit einem einzigen Artikel in einem Ausftellungsraume fo viel zu vereinigen und darzuftellen gewufst, wie diefs diefsmal Philipp Haas& Söhne gethan haben. Eine grofse Gallerie, welche den Zugang vom Südportal zur Rotunde bildete, war von der Firma nicht nur begehrt, fondern auch glänzend ausgeftattet worden. Rechts und links an den Wänden waren Schlaf- und Toilettezimmer, Speifefalons und Boudoirs eingerichtet, und mit feinem Gefchmacke in Möbelftoffen, Vorhängen und Tapeten gefchmückt. Die Mitte nahm ein riefiger Kaften ein voll von feinen, in Seide und Wolle ausgeführten prächtigen Möbelftoffen, davor lag ausgefpannt eine in Gold und Silber auf Sammt reich aufgenähte und geftickte Decke. Die Höhe und den Abfchlufs der Ausftellung bildeten Teppiche aller Art und Gröfse, aller Formen und Mufter. Wir können bei diefem Reichthume eines einzigen Ausftellers die in Mühlhaufen gedruckten Möbelcattune übergehen. Es iſt gar kein Zweifel, dafs die Pracht, die fich hier entfaltete, auch im Verkehre den entfprechenden Preis fordern wird, und dafs, wie man kurz fagt, viele der ausgeftellten Glanzftücke theuer find, weil fie eben niemals billig fein können. Wir fahen aber auch felbft unter den Ausftellungsobjecten, die mit vollem Rechte aus dem Beften auserwählt waren, überaus preiswürdige und keineswegs theuere Teppiche, Möbel- und Vorhangftoffe. Im Uebrigen konnte man, da ja immer die Stadt, in der die Ausftellung abgehalten wird, mit Allen ihren grofsen Etabliffements einen Ausstellungsgegenstand bildet, in dem grofsen Gefchäftshaufe der Firma fehen, wie felbft um billige Preife, wenn auch nicht das Glänzendfte und ewig Dauernde, fo doch das immer Schöne von fachverftändiger Hand erzeugt wird. Allenthalben war auf der Ausftellung in den einzelnen Ausftellungsgegen ftänden der Firma Haas& Söhne der modernen Kunftrichtung Rechnung getragen. Schafwoll- Gewebe. 25 Man lah daś kleine ruhige Mufter mit den fanften, immer zum Mufter paffenden und Ruhe gewährenden Farben. Mit Vorliebe kamen in den Ausftellungsobjecten die vom Muſeum für Kunft und Induftrie fo nachhaltig empfohlenen, türkifchen und perfifchen Mufter vor. Die grofse Firma zeigte dadurch jedenfalls, dafs fie ausgiebiges Verftändnifs hat, den feinftgebildeten Gefchmack und die Forderungen der Kunft zu befriedigen. Aber es fcheint, als ob die Kunft, wenigftens in Wien, nicht recht mehr begreift, was die Forderungen eines Gefchäftes und die Deckung des täglichen Bedarfes erheifcht. Wenigftens greift man, weit über das Ziel fchiefsend, jeden Teppich an, der ein Blumenmufter, der üppige, fcharfe Farben u. f. w. trägt. Die Firma Haas vermied daher mit grofser Sorgfalt diefe principkräftige Kritik und wir wären in der That erftaunt gewefen, das Gefchäft der genannten Firma auf Grund der Smyrnaer Teppiche u. f. w. fo grofs und mächtig zu fehen, wenn wir nicht in dem grofsen Waarenhaufe der Stadt erkannt hätten, dafs die Firma neben den Forderungen der reinen Kunft auch jene des täglichen Bedarfes der grofsen Menge, kurz des Gefchäftes zu befriedigen verftehe. Wir erwähnen diefs nur, weil wir einmal auch der anderen Seite des gewerblichen Lebens Anerkennung verfchaffen möchten. Man geht in Wien mit Principien und Regeln fchon fo vorwärts, dafs man Gewerbe und Induftrie über Kurz oder Lang kopffcheu machen wird. Und damit können nur die fchönen Beftrebungen, wie fie das Muſeum für Kunft und Induftrie vertritt, gefährdet werden. Es ift nicht Alles gethan, wenn man mit Gewalt auf die Erziehung der Induftrie hindrängt. Wir halten diefelbe für gar nicht fo fchwer. Schwieriger ift es, die Gefchmacksrichtung der Käufer zu erziehen. Und da man dabei felten die ganze Welt im Auge haben kann die mufs das Jahrhundert erziehen- fo mag man auch der gefchäftlichen Speculation, der Unternehmung ihr Recht laffen. Die Firma Haas begreift diefs wohl, und die grofse Ausdehnung ihres Gefchäftes, das fich heute beinahe über ganz Europa verbreitet, gibt genügendes Zeugnifs dafür. Die übrigen Länder. Wir faffen in dem Folgenden die Leiftungen der. übrigen Staaten zufammen, und zwar zuerft der Staaten Europas, dann jener Afiens und Amerikas. Die wenigften diefer Staaten waren in befonderer Weife vertreten und brachten entweder nur die eine oder die andere Richtung in etwas ausgiebiger Weife, oder das gefammte Gebiet der Schafwoll Induftrie nur ganz mangelhaft zur Darstellung. Italien fcheint erft in neuerer Zeit im gröfseren Umfange die SchafwellInduftrie zu pflegen. Allenthalben trat bei den ausgeftellten Gegenftänden ein ganz beftimmter italienifcher Gefchmack hervor. Es fcheint, dafs für den Export noch wenig geleiftet wird. Gelb und grün im Deffin waren allenthalben die fchart hervortretenden Lieblingsfarben. Am bedeutendften waren Flanelle und farbige Decken vertreten, die zumeift bei Roffi, Vicenza, in ganz vortrefflicher Qualität zur Ausftellung kamen. Sbardolini Bonome aus Brefcia hatte Satteldecken für Cavallerie, dann Bettdecken aus römifcher Wolle, und einige Firmen aus Turin ganz vorzügliche Tücher und Männer- Modewaaren ausgeftellt, die den Brünner Fabricaten ziemlich nahe kamen. Die Gefammtheit der Ausftellung zeigte, dafs über Kurz oder Lang Italien vom franzöfifchen wie vom engliſchen Import fich emancipiren wird. Das Gleiche und auch den Kräften nach am hoffnungsvollften gilt von Rufsland. Rufsland bekundete einen ganz bedeutenden Fortfchritt gegenüber der Parifer Weltausstellung. Damals war es nur mit wohl guten, aber durchwegs groben Wollftoffen vertreten. Auf der Wiener Weltausftellung erfchien es mit den verfchiedenften, in Qualität und Mufter ganz ausgezeichneten Stoffen. Seine Tuche und Modewaaren für Männerkleider, wie fie einzelne Moskauer Firmen ausgeftellt hatten, waren in Farbe und Gefchmack, in Arbeit und Wahl des Rohftoffes ganz vortrefflich. Ebenfo bedeutend waren Damafte, Cachemire, Nouveautés, gefärbt, bedruckt, mit Seide durchwebt wie die von Jo kifch W.& Söhne, Gouvernement 26 C Falk, Dr. Carl Th. Richter. Moskau, Holm& Comp., Gouvernement Lievland, von ganz vorzüglicher Befchaffenheit. Freilich find die Preife ziemlich bedeutend. wie es bei dem hohen Schutzzoll für Wollwaaren gar nicht anders fein kann. Dennoch kann man nur lobend der ruffifchen Ausstellung gedenken und fich des Fortfchrittes freuen, der insbefondere auf dem Gebiete der Textilinduftrie fehr bedeutend hervortrat. Die Niederlande brachten fehr wenig Ausftellungsobjecte und war die Schafwoll- Induftrie nur fehr fchwach vertreten. Es fcheint, als ob die Niederlande nur für den eigenen Confum und den der Colonien produciren. Im Uebrigen waren die ausgeftellten Flanelle, Decken, dann Tüffel und Buksking, die Militärtuche und Halbtücher, wie fie die Collectivausftellung der Tilburg' fchen Wolleninduftrie darftellte, von ganz guter Qualität und Arbeit. Die meifte Aufmerkfamkeit aber zogen in der niederländifchen Ausftellung die Teppiche der königlichen Teppichfabrik zu Deventer auf fich. Sie bilden eine Specialität, bei der die Imitation der Smyrnaer Teppiche und einzelne Renaiffancemufter befonders gepflegt werden. Die Qualität ift ganz vorzüglich und fteht, was Ausführung und Farbe anbelangt, das Deventer Fabricat den beften englifchen und öfterreichifchen Smyrnaer Teppichen vollſtändig gleich. Ja, es ift möglich, dafs die einzelnen Stücke in ihrer Qualität noch bedeutender find, allein die Mufter find veraltet und überlebt. Belgien, das in feiner Richtung viel mit der Induftrie Deutſchlands gemein hat, hat von jeher durch billige Maffenproducte den Markt zu behaupten gefucht. Es ift möglich, dafs es defshalb an der Ausftellung fo wenig Intereffe zeigte und mit der Pracht und dem Reichthume der Fabricate anderer Staaten nicht in Concurrenz treten wollte. Der ausgiebigfte Factor der belgifchen Schafwollinduftrie wird von Tuch und Tuchftoffen, Flanellen und Decken repräfentirt. Die höchfte Solidität zu erreichen, die gröfste Einfachheit im Gefchmacke dabei zur Geltung zu bringen, fcheint das Ziel und die Richtung der Schafwollwaaren- Fabrication zu kennzeichnen. Die ausgeftellten Tuche waren nach Arbeit, Wahl des Rohftoffes bis zur Appretur ganz vortrefflich, und erregten die Fabricate von Verviers, insbefondere jene von Iwan Simonis, berechtigte Aufmerkfamkeit. Bemerkenswerth waren auch noch die Plüfchdecken, weifsen Bettdecken aus Angorahaaren und blauen Pferdedecken für die belgifche Armee von C. Begaffe aus Lüttich. Man fand eine ähnliche Waare in keiner anderen Abtheilung der Ausftellung. Spanien und Portugal waren nur durch vereinzelte Producte vertreten. Portugal hatte nur grobe Tuche und Mittelwaare ausgeftellt, die der Art der Arbeit und insbefondere der mangelhaften Appretur nach mit unferem Gefchmacke nicht vereinbar find. Dagegen hatte Spanien Proben feiner FeintuchInduftrie zur Ausftellung gefandt, welche durch ihre gute Walke, fanften Griff und fchöne Farben, ebenfo wie durch eine ausgezeichnete Appretur den beften Stoffen anderer Länder gleichkamen. Hervorragend war in diefer Art Hermanos aus Barcellona. Bemerkenswerth waren auch die Plaidftoffe, Damentücher in Weifs und Schwarz, dann in fchottifcher Farbenftellung, die, wie es fchien, zumeist für den eigenthümlichen Landesbedarf erzeugt werden. Die Damenconfectionen wollen wir übergehen, da bei dem Import von Frankreich es fehr fchwer war, unter den ausgeftellten franzöfifchen Artikeln das heimifche Fabricat zu erkennen. Die Schweiz. So bedeutend diefes Land in Baumwoll- Garnen und Stoffen, in Seide und Leinenwaaren ift, fo unbedeutend ift feine Fabrication von Schafwoll- Waaren. Auf der Ausftellung waren auch aufser den Wirkwaaren nur einige wenige und keineswegs bedeutende Tuche von F. Zimmermann& Comp. in Thun und einige Flanelle und feine und ordinäre Trocken- und Nafsfilze von Conrad Munzinger, Olten, Solothurn, zur Ausftellung gebracht. Das Bedeutendfte, wie bereits erwähnt, gehörte der Wirkwaaren- Induftrie an, und hier leiftet die Schweiz vor Allem durch die Erzeugung von billigen Artikeln ganz Vortreffliches. Schafwoll- Gewebe. 27 Schweden, Norwegen und Dänemark arbeiten heute noch, wie es fcheint, nur für den heimifchen Bedarf; auf der Ausftellung fah man aus der königl. dänifchen Tuchfabrik zu Ufferod fehr ftarke Militärtücher, ordinär, aber von guter Qualität, und feine Officierstuche, bei denen ein reges Streben, das Befte zu leiften, unverkennbar war. Unter, den fchwediſchen Ausftellern nahm Drag's Actiengefellſchaft ebenfo wie Ström's Actiengeſellſchaft für Wollzeuge zu Norrköping einen hochbedeutenden Rang ein und zeigte, dafs die Tuchfabrication fich bedeutend entwickelt hat und jedenfalls auf gefunder Grundlage ruht. Auch die norwegifchen Tuche, wie fie Grorud zu Chriftiania ausgeftellt hatte, fcheinen nach der guten Qualität und Arbeit der Objecte, wenn auch nur den heimifchen Bedarf befriedigend, ganz vorzüglich. Die Tuchftoffe, mit welchen die norwegifchen nationalen Gruppen bekleidet waren, gaben ein recht anfchauliches Bild von der Reichhaltigkeit der nationalen Hausweberei und zeigten wieder recht deutlich, welch' langen Weg die Mafchine noch zu machen hat, ehe fie in Wahrheit die Welt beherrscht. Griechenland und Rumänien hatten einzelne Schafwoll. Gewebe, die der Hausinduftrie angehören, ausgeftellt, welche den Uebergang zu den Geweben der Türkei, Perfien und Indien bilden. Bei der Hausinduftrie der zuerft genannten Staaten find Männer und Frauen befchäftigt, und fie erzeugen die in Gobelinmanier gewebten Teppiche, welche durch ihre kräftige Farbenzufammenftellung und ihre eigenartigen Mufter noch immer einen beftimmten Werth behaupten. Viel bedenklicher geht die originelle Arbeit der Hausinduftrie in den orientalifchen Ländern zurück. Die Türkei hatte aufser einigen mit Seide oder Gold durchwirkten Stoffen, dann geftickten und tambourirten Artikeln, wie fie bei den nationalen Coftümen verwendet werden, eine grofse Sammlung von Teppichen, die allein ins Auge fiel, ausgeftellt. Es war dabei die Handarbeit der Hausinduftrie wie die Mafchinenarbeit einiger gröfserer Teppichfabriken vertreten. Abgefehen davon, dafs diefe Teppiche im Mufter fich allenthalben gleich bleiben, bekundeten diefelben durchaus nicht mehr die frühere gediegene Arbeit, die Solidität des Stoffes und der Farbe. Das Genre ift wohl dasfelbe geblieben, und noch immer kann man aus den kleinen zierlichen Muftern mancherlei für die continentale Teppichfabrication lernen, allein die Qualität ift allenthalben ernftlich zurückgegangen, und nachdem an Stelle der aus Pflanzenftoff bereiteten Farben, die durch ihre Schönheit und Haltbarkeit die orientalifchen Teppiche auszeichneten, hier und dort Anilinfarben bemerkbar waren, kann man geradezu behaupten, dafs fie ihre charakteriftifchen Eigenfchaften eingebüfst und an Werth bedeutend verloren haben. Die Imitationen, die heute Oefterreich liefert, find unftreitig beffer als die meiften Originale. Ganz das Gleiche gilt von Perfien und Tunis, nur mit dem Unterfchiede, dafs hier, da fich diefe Länder weniger mit dem Export ihrer Gewebe befchäftigen als die Türkei, immerhin noch mehr Originalität in der Arbeit und in den Muftern hervortritt. Auch die Farben find hier noch echt und geben den perfifchen Teppichen insbefondere jene Pracht und Gediegenheit, welche einft allen orientalifchen Teppichwaaren innewohnte. Britifch- Indien hatte verfchiedene Schafwoll- Waaren und mit Seide durchwirkte Artikel zur Ausftellung gefchickt, die gleichfalls mit der Hausinduftrie zufammenhängen und mit dem Coftüme der Eingeborenen, insbefondere der Frauen. Wenn auch nicht fo glänzend vertreten wie auf der Londoner und Parifer Ausftellung, bildeten doch wieder die indifchen Shawlwaaren den Glanzpunkt Sie werden an anderer Stelle ihre Würdigung finden. Die amerikanifche Schafwoll- Weberei war nur durch wenige Firmen und Artikel vertreten. Aber wenn diefelben nicht Schauftücke und in Wahrheit Mufter der Induftrie überhaupt waren, fo dürfte es wohl kaum mehr lange währen, dafs die amerikanifche Induſtrie auch auf diefem Gebiete geeignet fein wird, die englifche Concurrenz zurückzudrängen. Die von Biglow in Clinton 28 C. Falk, Dr. Carl Th. Richter. Schafwoll- Gewebe. ausgeftellten Velourteppiche entſprachen nach ihrer gefchmackvollen Zeichnung und Farbenvertheilung den ftrengften Anforderungen der modernen kunftinduftriellen Richtung und Technik. Das Gleiche gilt von den durch die Firma Pomeroy& Plummer, New- York ausgeftellten Rock- und Hofenftoffen, die fich insbefondere durch die Güte des Gewebes und ihre ſchönen Modefarben auszeichneten. Wir können danach, indem wir unfer Referat fchliefsen, nur hervorheben, dafs, wenn auch eine befondere Entwicklung der Schafwoll- Induftrie in den letzten Jahren nicht zu verzeichnen ift, diejenigen Länder, welche von jeher den erften Rang unter den Schafwoll- Waaren erzeugenden Staaten einnahmen, diefen Rang noch immer behaupten; die jüngeren Induftriegebiete aber mit Fleifs und glücklicher Anftrengung den grofsen Beiſpielen Englands, Frankreichs und Belgiens nachzueifern fich bemühen. SHA W W L S. Bericht von EMANUEL THIEBEN, Shawlfabrikant, Mitglied der niederösterreichischen Handels- und Gewerbekammer. Wenn die Erforschung der Urfachen des induftriellen Gedeihens einmal ein allen Gewerbekreifen geläufiges Thema fein wird, fo wäre als ftets mitlaufendes Beiſpiel zu den Theoremen„ die Shawlfabrication" vor Allem naheliegend, fowohl in Bezug auf die Gelegenheit der Beurtheilung ihres inneren Werthes, ihres technifchen und techniſch- artiftifchen Gehaltes, als auch ihrer rein mercantilen Schick fale feit nahezu 70 Jahren, des Verhältniffes der Nachfrage zum Preife und zur Gröfse der Fabrication. Unter den textilen Gewerben ift das der Shawlerzeugung ziemlich in fich abgefchloffen. Ihre differenten Anfprüche an den mechanifchen Factor, ihre zuweilen fubtilen und eigenartigen Bedürfniffe in Bezug auf das Materiale in ftofflicher Befchaffenheit und Färbung; die gefonderten und vermehrten Anforderungen an die Gefchicklichkeit des Arbeiters, ftellen die Shawlerzeugung an die Spitze der Entwicklung des textilen Faches und reihen ihre Erzeugniffe zu den artiftifch und techniſch ausgebildetften und vollendetften. Das Erzeugnifs an fich ift kein Kind unferes raffinirteren Occidents, es ift der natürlichen Anlage, der fchwärmenden Poefie eines einfachen Hirtenvolkes entfproffen und hat in unferer anfpruchsvollen Gegenwart, vielleicht gerade feiner Urfprünglichkeit, feines allem Conventionellen ausweichenden Gepräges halber, einer Beliebtheit fich zu erfreuen, die, mit einigem Schwanken zwar, im Ganzen jedoch über die ephemere Bedeutung fonftiger Modeartikel weit hinausgeht. Seit dem Beginne des Jahrhundertes( und wohl feit etwas längerer Zeit in England) ift der indifche Shawl und feine Copie ein Gegenftand des Wunſches des reicheren Damenpublicums geworden und hat fich in den Kreifen feineren Gefchmackes in Gunft erhalten. Sein gröfseres und allgemeineres Bürgerrecht im Volke hat er im Verlaufe der Zeit dadurch erhalten, dafs er als Mittelforte in die niederen Kreife gedrungen und dort fich, dem wandelnden Modegefchmacke etwas mehr entrückt, einer ziemlich anhaltenden Beliebtheit erfreut. Die Art des unaufdringlichen Stiles, die Brauchbarkeit der Webe läfst mit Sicherheit annehmen, dafs das Ende des Begehres noch weitaus nicht einzutreten droht, ja dafs im Gegentheile mit der Zunahme der Cultur in den verfchiedenen Emanuel Thieben. Shawls. 29 Ländern, bei nur einigermafsen gefchäftlicher Rührigkeit und Routine, felbft für die feineren Sorten ein überraschend zunehmender Abfatz zu erwarten ift. - Nicht allein, was die rein techniſche und artiftifche Frage betrifft, auch im rein gefchäftlichen Vorgange bieten uns vor Allem die Phafen, in welche die Shawlfabri cation in Wien getreten ift, eine beherzigenswerthe Lehre und diefs umfomehr, als wir bei einiger ruhiger unparteiifcher Beurtheilung geftehen müffen, dafs die ungünftige Stellung, in welcher in dem Zeitraume ihres Beftehens das Fach fich befunden hat und eigentlich fich noch befindet, weniger einem unabwendbaren Fatum, wie in den Schickfalsdramen- als der Unpraxis, der Spiefsbürgerlichkeit, dem techniſchen Confervatismus, dem hartnäckigen Beharren in gefchäftlicher Uneinigkeit zuzufchreiben ift. Die minder günftigen Refultate eines folchen gefchäftlichen Calculs dürften nunmehr auch diejenigen zur Einkehr in fich felbft veranlaffen, welche in fuperkluger Voreingenommenheit alle bewährten Lehren der Volkswirthschaft bisher eigenfinnig negirten. Gibt es doch noch heute mehr als zu viel Firmen in der deutfchen und öfterreichifchen Branche, welche in techniſcher, vorzüglich aber in artiftifcher Beziehung eher mit ihren gefährlichften Rivalen fchreiten, als fich dazu zu verftehen, mit ihren„ natürlichen" Genoffen die Wege einer concurrirenden Intelligenz zu wandeln und diefer einzig tüchtigen Idee einige Opfer zu bringen. Ueber die Gefchichte der indifchen Shawlfabrication haben zahlreiche Autoren dickleibige Werke gefchrieben. Sie liegt uns auch, was das Thatfächliche betrifft, zu ferne, um hier für uns einen wefentlichen Nutzen zu haben. Es ift bekannt genug, dafs es unmöglich ift, bei unferen Arbeitslöhnen und bei einer derlei Fabricationsart überhaupt mit den Arbeiten des Cachemirthales, von Lahore und Umritfir etc. zu concurriren. Anderfeits müffen wir uns auch die Frage. ftellen, wie es in diefer Art Weberei möglich wäre, auch unferem befcheidenen Markte zu genügen, ohne Legionen von Arbeitern anzuftellen. Wichtig für uns ift nur die Thatfache, dafs die Shawlweberei in Indien und unfere im Occident nur das Aeufserliche gemein haben, bezüglich der Verfertigung himmelweit verfchieden find. Das tiefe und eingehende Studium diefes das Gemüthsleben des Indiers charakterifirenden Schmuckes haben in richtiger Benützung unferer Sympathien für derartige Deffins und kluger Variirung derfelben ohne Frage die Franzofen als einen Vortheil für fich, der für ihre heutigen günftigeren Verhältniffe als nicht das geringfte Argument anzufchlagen ift. Wenn wir gerecht fein wollen und einen Blick auf die Gefchichte der Shawlfabrication in Oefterreich werfen, fo müffen wir es geftehen, dafs wir dem fo wichtigen artiftifchen Factor nie die nöthige Wichtigkeit beigemeffen, Talente in diefer Richtung nie gefucht oder gepflegt haben; dafs das Studium der Poefie, der Vorbilder nie eine Disciplin des Faches gewefen ift; dafs wir aber in allen intellectuellen Fragen die Franzofen an der Spitze marfchiren liefsen und uns dann fattfam wunderten, wenn wir trotz fchwieliger Hand" nie zur mafsgebenden Potenz gelangten ja im Gegentheile als überall hinterher kriechend an gefchäftlicher Achtung verloren und felbft in günftigerer Stellung in Bezug auf die Preisverhältniffe einfchrumpften. 27 - - Wir, die wir die Verhältniffe des eigenen Faches näher vor den Augen haben, können uns hierüber ein klares Urtheil bilden und diefes auch mit dem Freimuthe ausfprechen, den uns ein patriotifches Intereffe geftattet; anders ift diefes bei unferen Nachbarn jenfeits der Vogefen; bei ihnen tritt einerfeits in ihren Urtheilen eine fonderbare Unkenntnifs und eine Parteilichkeit zu Tage, die fich etwas anfieht, als hielte man unfere Kräfte in diefem Fache für fehr bedenklich und gefährlich, dafs es fich fchon der Mühe lohnte, fich mit uns näher zu befchäftigen und uns, wo es nur angeht, auf die Finger zu fehen. Man hat dort mehr Furcht vor unferen Fähigkeiten, als wir uns felbft zugeftehen; das ist deutlich zwifchen den Zeilen zu lefen. 30 Emanuel Thieben. Schon in dem Berichte der Ausftellung 1854 fagt M. Gaufsen: Die öfterreichifche Aus ftellung bietet uns eine grofse Auswahl von verfchiedenen Shawlforten und diefelbe verdient ein befonderes Studium, weil diefe Erzeugniffe uns mehr und mehr vom amerikanifchen Markt verdrängen. Es iſt wahr, ihre Shawls find nicht fo vollendet als die unfrigen, und zeigen im Ganzen eine ,, beinahe knechtifche" Nachahmung; aber ihre Preife find von einer aufserordentlichen Billigkeit. Einzelne Erzeugniffe, welche in London ausgeftellt waren, könnten allerdings einen Vergleich mit unferen ordinären Shawls aushalten; aber es ist leicht zu erkennen, dafs die Karten, welche, um fie zu fertigen, gedient haben, den Ateliers unferer befferen Zeichner entftammen. Wir haben zuletzt den vollständigften Beweis davon gehabt; auch bedarf es keines befonderen Studiums, dafs man in Bezug auf den Preis eine Differenz von 25 bis 30 Percent, welche zwifchen ihren und unferen Erzeugniffen befteht, annehmen kann." Derfelbe Autor fchreibt in feinem Berichte über die Ausftellung 1862, alfo wenige Jahre später: ,, Noch vor kurzer Zeit machten uns die öfterreichifchen Shawlfabrikanten mit grofsem Erfolge den amerikaniſchen Markt ftreitig. Sie erzeugten ihre manchmal knechtisch den unferen nachgeahmten Waaren zu einem Preife, dafs es uns fozufagen unmöglich fchien, mit ihnen in Concurrenz zu treten. Heute ift die Sachlage eine veränderte und wir können fchon mehrere grofse Parifer Häufer vorzüglich anführen, welche Longfhwals zum Preife von 80 und 85 Francs ausftellten, die zum mindeften ebenfo fein waren, als die der Wiener desfelben Preifes. Im Uebrigen fcheint uns, dafs die öfterreichifche Fabrication viel von der gegenwärtigen Sachlage zu leiden hat und unfere Concurrenten ertragen auch nicht fo leicht die amerikanifche Krife. Die öfterreichifche Ausftellung leidet offenbar unter den Nachwirkungen diefer Situation. Man merkt fehr wohl in der Durchficht der ausgeftellten Shawls aus Oefterreich, dafs die Fabrikanten diefer Nation es nicht wagten( osé), mit ebenfo grofser Energie aufzutreten wie 1855. Man bemerkt jedoch einige vorzüglich gearbeitete Stücke, welche aber immer von der Einwirkung unferes Genres und unferes Colorits Zeugnifs geben." In dem Berichte der Ausftellung von 1867 von David Gerfon wird diefelbe Anficht, ohne näher einzugehen, paraphrafirt. Es heifst dort unter dem Titel Châles d'Autriche: ,, Die Wiener Fabrication bietet uns eine intereffante Ausftellung von brochirten Shawls, aber es ift augenfcheinlich, dafs fie die Concurrenz, welche wir ihr feit einiger Zeit auf den ausländifchen Märkten und auf unferem eigenen Markte machen, empfindet. Es find nichtsdeftoweniger in Wien einige bedeutende Firmen, welche mit fehr guten Preisbedingungen fabriciren und welche mit gutem Erfolge fehr billige Shawls von mittelfeiner Qualität auf den Markt bringen Die bedeutendfte Firma(?) hat eine fehr fchöne Collection von Shawls ausgeftellt, von welchen einige fehr reich ausgeftattet find und fehr vortheilhafte Preisanfätze befitzen. Nichtsdeftoweniger müffen wir auch diefes Mal wie 1862 conftatiren, dafs die Wiener Fabrikanten die Art der Farbengebung und die Zeichnungen, welche von den Fabrikanten franzöfifcher Shawls angenommen wurden, auch benützen und unfere beften Künſtler in Anspruch nehmen, wenn es fich darum handelt, etwas reicher ausgeftattete Waare zu fertigen." Aus diefem, nebenher gefagt, doch etwas zu oberflächlich gehaltenen Urtheile zweier anerkannter Fachautoren ift zu erkennen, dafs man fich beftrebt, der öfterreichifchen Shawlfabrication ausnahmslos eine Parafitennatur aufzuoctroyiren und trotz der Siegesfanfaren eine Art Unbequemlichkeit fühlt. Was den franzöfifchen Einflufs betrifft, fo wäre der nächft befte indifche Refugar" im gleichen Rechte, der franzöfifchen Shawlfabrication eine„, knechtifche Nachahmung" nachzuweifen; und nicht gering träfe diefes Urtheil jene Hälfte des Zweiges, welche unter Anführung des Haufes F. Hébert fils, Lecog& Gruyer dem fogenannten ftrengen indifchen Gefchmacke Rechnung trägt; aber auch jene, Shawls. 31 welche, wie A. Duché jeune und Brière& Comp., franzöfifche und indifche Phantafie und Gefchmack zu vereinigen ftreben, find nicht fo voll Originalität, um dem Urtheile des Inders zu entgehen. Dafs die Wiener Shawlfabrication fich in Fällen von der allgemeinen Richtung des Gefchmackes in Frankreich leiten läfst, ift leider allerdings wahr; diefe Einwirkung ift aber nicht fo grofs, als es betont wird, und weit geringer als in Berlin, wofelbft fich diefelbe auf Stuhlconftructionen, Karten, Zeichnungen, ja bis zu den geringften Fabricationsmitteln herunter erftreckt. Die Urtheile des„ ,, Fachmannes" M. Gaufsen über unferen amerikanifchen Markt und deffen Verhältniffe feit 1854 find doch zu oberflächlich und entbehren offenbar der Einficht in unfer Gefchäft, deffen Richtung fowie der angeftrebten Ziele, als dafs es fich verlohnte, hier näher darauf einzugehen. Ich werde diefen Punkt an anderer Stelle näher erörtern. Die Genefis der franzöfifchen Shawlweberei feit 1805, die Verfuche, welche auf den mechanifchen Einrichtungen nach Maugis, Falconne und Regnier mit geringem Erfolge gemacht wurden, bis der geniale Jacquard durch feine Erfindung der gefammten Webekunft zum Auffchwunge verhalf, find zu bekannt und Maxime Gaufsen hat darüber einen kurzen, aber intereffanten Abrifs veröffentlicht. Abgefehen von einer kleinen Selbftverherrlichung find darin die englifchen Beftrebungen mitlaufend recht inftructiv dargestellt und es verdient unfer Intereffe, dafs auch in Frankreich eines Zeichners, Eck, erwähnt wird, der fich bedeutende Verdienfte um diefs Fach erworben hat, und ,, arm und verlaffen geftorben ift". Wir in Wien haben. derlei Märtyrer in Menge aufzuweifen. Die Gefchichte der Wiener Shawlfabrication ift meines Wiffens nur bruchftückweife und in Werken veröffentlicht die heute nicht mehr zur Hand find. Die beften Auffchlüffe darüber gibt J.G. Bartfchin Wien in feinem nur wenig bekannten Werke: Die Vorrichtungskunft der Werkftühle etc., Wien 1832" und neuerdings W. Boeheim in einem feiner kritifirenden Artikel über die Shawlfabrication auf der Weltausftellung. Es dürfte daher als nicht überflüffig erfcheinen, gegenüber den franzöfifchen und englifchen Beftrebungen der Erforschung ihres Entſtehens und Auflebens, auch der Gefchichte einer fo bedeutenden und anerkannt achtenswerthen Induftrie wie der Wiener in einem kurzen Abriffe an betreffender Stelle zu gedenken. Indien. Der Urfprung der indifchen Shawlfabrication ift nicht aufgehellt und jedenfalls weit älter, als die vorhandenen gefchichtlichen Daten denfelben vor der Hand feftfetzen. Die älteften Nachrichten führen auf zwei Jahrhunderte vor Chrifti Geburt zurück. In der alten patriarchalifchen Periode des Volksftammes and felbft von der mohamedanifchen Epoche bis in unfere Tage herein, fcheint die Hausinduftrie der Cachemirfhawls wenig Kataftrophen gezählt, nach bewährten Andeutungen aber einen riefigen Abfatz im ganzen Oriente gefunden und in jeder Richtung geblüht zu haben; die langwierige und umftändliche Erzeugung war nie im Stande, dem Bedarfe zu genügen, und es war diefs die erfte Urfache einer bedeutenden Preisfteigerung des Artikels. Erft vor etwa zwanzig Jahren erlitt unter der Herrfchaft Golab- Singh's der Induftriezweig dadurch eine wefentliche Veränderung, dafs die beften Shawlweber Cachemirs, den Bedrückungen des Häuptlings entfliehend, auf britifchem Boden in und um Lahore fich anfiedelten und diefe Gegend damit zum Mittelpunkte einer Shawlmanufactur machten, die, was die Gröfse der Induftrie betrifft, heute jene von Cachemir weit überragt.- Weniger günftig war die Ueberfiedlung der einfachen Arbeiter für den artiftifchen Werth der Artikel; der überhandnehmende Einfluss fremder Agenten Englands und vor Allem Frankreichs hat zwar den Capitalkräften eine wefentliche Vergröfserung zugeführt und das Fach quantitativ enorm gehoben; die Originalität der Mufter fängt jedoch an fich fichtlich zu verwifchen. Böfe * Neues Wiener Abendblatt vom 1., 5. und 7. Auguft 1873. 3 32 Emanuel Thieben. Anzeichen eines Rückganges machen fich an zwei Thatfachen bereits geltend; an der riefigen Preisfteigerung älterer Shawls und an der aufgetretenen, wenn auch am Capitale fiechenden Concurrenz von eingebornen Arbeitern, welche den Einflufs des Abendlandes fernehalten und im Gegentheile ihre Erzeugniffe nur unter fich verwerthen. An der Spitze diefer nationalen induftriellen Bewegung ftehen zumeift einzelne eingeborne Häuptlinge. Die indifche Shawlinduftrie ift in den Räumen der Ausftellung in der betreffenden Gruppe in Frankreich und vorzüglich in Britifch- Indien zu fuchen gewefen. Die franzöfifche Compagnie des Indes( Verdé- Delisle und Comp.) mit dem Sitze in Paris und einigen Filialen im Oriente, von welchen jene zu Trimeggur und zu Cachemir die bedeutendften find, hat diefsmal weniger als 1867 die Aufmerkfamkeit der Kenner in Anfpruch genommen; nichtsdeftoweniger zeugen ihre Shawls noch von der alten forgfältigen Technik; die Zeichnungen entkleiden fich aber fichtlich jener abfichtslofen Führung in den Linien und werden berechnet. Wenn auch die Farben, einzeln betrachtet, die alte Tadellofigkeit befitzen, in ihrer Zufammenftellung merkt man fehr den fremden Einfluss. Solche Prachtftücke, wie jenes, welche die Compagnie 1867 zur Anficht gebracht, den berühmten Shawl, welcher auf Befehl des Maharadfchah von Lahore gewebt wurde, hatte diefelbe diefsmal nicht aufzuweifen. Sie wäre diefs auch kaum im Stande gewefen; war doch jener erwähnte Shawl nur durch einen glücklichen Zufall in ihre Hände gekommen, da deffen Verkauf bei Todesftrafe verboten war. Von englifchen Fabriks- und Exportfirmen haben die beften Artikel die Comités von Madras und Punjab, Devifahal und Chamba Mal in Amritfur, Ahmad Shah und Ahfan Shah in Ludhyana, endlich das bekannte Haus Farmer und Rogers in London ausgeftellt. Die entfchieden originellften Mufter und reinfte Webe ftellte das Punjab aus, einzelne reichere Sorten das Londoner Haus. Es ift bei der mangelhaften Bezeichnung unficher, wem die geftreiften Shawlmufter angehörten; ich glaube, der mohamedanifchen Firma Ahmad. Sie bezeichnen einen bedenklichen Rückgang in dem fchönen Induftriezweige. Von bedeutenderem artiftifchen Werthe können etwa fechs bis acht Shawls gelten, welche in einer der Mittelvitrinen der Hauptgallerie zur Anficht vorgelegen find; einige derfelben erinnerten an die alte raft der indifchen Phantafie. Ein figurales Deffin in concentrifchen Kreifen zufammengefetzt, erinnerte an byzantinifche Mufter und zeigte einige, wenn auch nicht nationale, doch hochintereffante Details. Im Allgemeinen ift aus der vorgelegenen Collection der Schlufs zu ziehen, dafs die Induftrie von den realiftifchen Anfchauungen und der Geldfucht des Abendlandes angekränkelt ift und dafs die franzöfifche Einwirkung auf die artiftifche Erfindung keine günftige zu nennen ift. Die originale indifche Webe ift im Niedergange begriffen. Perfien. In Perfien war einft die Textilinduftrie zur höchften Entwicklung gelangt; von Perfien aus kamen im Alterthume durch die Phönizier die feinen Gewebe zu den abendländifchen Völkern. Sie war unter den alten Perfern, den hiftorifchen Daten nach, weit bedeutender als unter den Arabern. Heute ift fie nur mehr ein Schatten ihrer alten Gröfse. Der von dem indifchen abweichende, ruhigere und ftrengere altperfifche Stil vermifchte fich unter den Mohamedanern allmälig mit occidentalen Phantafieformen und der dadurch erzeugte Mifchftil, der in feiner Wandlung nur mehr wenig Spuren des urfprünglichen Stiles wahrnehmen läfst, ift bereits eine Beute des Conventionellen geworden. Die heutigen Stätten der Wollenwebe find erft aus der mohamedanifchen Epoche entstanden, die alten Induftrieftätten find in Ruinen gefallen, wie alle einftigen Mittelpunkte iranifcher Cultur. Shawls. 33 Die vorzüglichften Orte für Gewebe, die man mit dem Namen Shawls bezeichnen kann, find Chorraffan, Yezd, Kerman und Mefchhed. Die Mufter der perfifchen Shawls find bedeutend von den indifchen veri chieden. Sie zeigen auffällig kleine Deffins und diefe wiederholen fich nicht felten; ein Zeichen der Armuth der Phantafie. Die Webe ift unterfchieden, durchwegs Handarbeit; gute und feine Wolle; aber an Borduren tritt manchmal Handftickerei auf; ein böfes Omen für die edle Webekunft. Nebft der kaiferlich perfifchen Regierungscommiffion hat fich das Haus Ziegler& Comp. in Tabris um die Vorführung der vorhandenen beften Shawlmufter fehr verdient gemacht. Die Shawls der erfteren find reich und zeugen von guter Färbung, ein Vorzug, der nicht allenthalben hier merkbar wird, da viele Textilftoffe unreine Farben zeigen; und es ift faft, als ginge in Perfien die alte Gewandtheit in der Behandlung der vegetabilen Farbftoffe allgemach verloren. England. Es ift fehr zu bedauern, dafs England, das Land des praktifchen, gewerbefleifsigen Schaffens, das uns zuerft mit dem fchönen indifchen Producte bekannt gemacht und durch wefentliche Beförderung der Mechanik der continentalen Shawlweberei feften Boden gefchaffen hatte, das Land, deffen Production in diefem Zweige nicht gering anzufchlagen ift- nur durch eine einzige, wenn gleich eine der hervorragendften Shawlfirmen auf der diefsjährigen Ausftellung vertreten war. Noch 1862 in London waren zwölf Firmen auf dem Platze, 1867 in Paris deren nur mehr vier, 1873 nur eine, welche überdiefs mehr eine fchottifche ift: Kerr, Scott & Comp. in Edinburgh und London. Von England, wofelbft heute an 4000 Webeftühle fich im Gange befinden, hätten wir mit Recht eine gröfsere Betheilung der Branche erwarten können, zumal felbft die Shawls Kerr, Scott& Comp. nicht gerade die tadellofeften Deffins, die glücklichfte Schattirung zeigen und viele Baum wollforten enthalten. Noch auf der Parifer Ausftellung, die, wie erwähnt, von England fchwach vertreten war, ragte wenigftens eine bedeutende Firma aus dem Wiegenorte englifcher Shawlfabrication, Clabburn und Comp. in Norwich, durch ihren vielbewunderten Patentfhawl und durch prächtige indifche Imitationen hervor; diefsmal haben wir nichts, was einer Erwähnung verdiente, zu verzeichnen. Deutfchland. Ebenfo enthaltfam als England, hat fich in Shawlwaare Deutſchland gezeigt; der wichtigfte Vorort deutfcher Shawlweberei, Berlin, welchei bei 2000 Webeftühle im Gange hat, ift nur durch drei Firmen vertreten gewefen. Das relativ Befte im Artikel boten David und Silber im heffifchen Meyenheim und deren Schwefterfirma M. Silber in Berlin. Zunächft an fie heran tritt Mundt& Pick in Berlin, E. Heffel in Berlin und L. Gentfch in Zeitz. Von allen nationalen Shawlinduftrien ift die deutfche und namentlich die Berliner am abhängigften von Frankreich. Sie bezieht von Lyon ihre eifernen Stühle, läfst in Frankreich zeichnen oder benützt ältere franzöfifche Mufter, von welchen fie die Karten fich verfchafft; ja es kommen Fälle vor, dafs zu Muftern felbft die Kettenflamiren aus Paris, Nimes oder Lyon bezogen werden. Eine bedeutende gefchäftliche Rührigkeit der Firmen hat aber dennoch befonders in halbfeiner und ordinärer Waare den Erfolg, dafs die Branche in Schweden, Dänemark und Holland guten Markt hat. Von Deutfchland hat fie die Oefterreicher in Mittelware faft verdrängt, da nur mehr zwei öfterreichifche Firmen Hlawatfch und Isbary und E. Thieben Gefchäfte mit Deutfchland machen. In den ausgeftellten Waaren, unter welchen jedoch eigentliche brochirte Shawls nicht zu fehen waren, offenbarte fich eine forgfältige Wahl des Halbfabricates und eine gute Färbung. Die der Shawlarbeit verwandte Webe war rein und zumeift fehlerfrei; alle übrigen und vorzüglich die artiftifchen Factoren kommen hier weniger in Frage, da fie zu merkbar von franzöfifcher Seite beeinflufst find. 3* 34 Emanuel Thieben. Eine Eigenthümlichkeit der Branche ift, dafs fich diefelbe nicht auf die Anfertigung von„ Berliner Shawls" allein befchränkt, fondern alle möglichen Webeforten in Streich- und Kammgarnen erzeugt und es dürfte auch in diefem Umftande die erfte Urfache des ftaunenswerthen Auffchwunges fein, den diefelbe unleugbar genommen hat. Sichtlich ftrebt die Fabrication darnach, fich in den Garnmaterialien unabhängig zu machen, was bis jetzt auch in den Schufsgarnen nur theilweife erreicht ift. In Färbereien hat Berlin grofse Fortfchritte gemacht, felbft die Appretur, welche bisher in eigenen Anftalten beforgt wurde, hat fich merkbar gebeffert. Uebrigens fteht die Berliner Waare in Bezug auf Schönheit und Werth noch fehr gegen die gewöhnliche Wiener Waare zurück, von franzöfifcher Waare gar nicht zu reden. In einer Beziehung bietet uns die deutfche Shawlinduftrie eine beherzigenswerthe Lehre ,,, was man felbft bei minderer technifcher Leiftungsfähigkeit durch eine fyftematifche und rührig angegriffene Gefchäftsthätigkeit zu erreichen vermag". Frankreich. Die Gefchichte der franzöfifchen Shawlinduftrie beweift den richtigen Satz H. Th. Buckles( Hiftory of the civilif. of England), dafs wichtige Reformen noch nie von der ftaatlichen Gefetzgebung ausgegangen, fondern immer der Thätigkeit einzelner genialer Männer ihre Entstehung zufchreiben können. So verdankt die Shawlinduftrie Frankreichs ihre Bedeutung zwei Männern, Jacquard und Terneau. Diefe Talente haben das Fach durch ihre Ideen lebensfähig gemacht; die Gefetzgebung befchränkte fich nur darauf, alte Einfchränkungen abzufchaffen, das Publicum des Marktes fand fich dann ganz von felbft ein oder konnte bei der Güte des Productes und der Art des Gefchäftsbetriebes leicht herangezogen werden. Was die franzöfifche Shawlinduftrie trotz des befchränkten Productionsgebietes zur hervorragendften auf dem Continente gemacht, find die gleichen Factoren, welche auch ihre ganze Textilinduftrie fo kräftig und lebensfähig erhält. Sie find in wenigen Punkten angedeutet: Eine innigere Verbindung mit der Urproduction und der Erzeugung des Halbfabricates und damit ein directerer Einfluss auf den Preis und auf die Befchaffenheit desfelben, in Bezug auf das Bedürfnifs die Wirkung der Bemühungen Terneau's. Eine rege Benützung aller techniſch- chemifchen und technifch- mechanifchen Errungenfchaften, felbft unter den namhafteften Opfern", wo es gilt, fchneller und fchöner zu erzeugen. Eine gebührende Achtung des Fabrikanten für den artiftifchen Factor, in deren Folge es möglich ift, artiftifche Talente für das Fach zu intereffiren und, felbft mit hohen Koften, zu erhalten. Ein intelligenter und fyftematifch eingeleiteter Gefchäftsbetrieb, unterftützt durch zahlreiche maritime und Binnen- Verkehrsmittel und eine entwickelt organifirte allgemeine Handelsthätigkeit. Was man bei uns und in Frankreich unter dem Namen Shawls begreift, find je nach dem hiezu verwendeten Halbfabricate: Cachemirfhawls, Wollfhawls, Shawls aus gemifchter Wolle, aus Baumwolle mit Seide, endlich aus Schufsmateralien, aus Seide. Wir haben es zunächft hier mit den Geweben aus animalifcher Wolle zu thun, da die anderen, ftreng genommen, in andere Sectionen der Gruppe gehören, ohne diefelben jedoch dort ganz zu übergehen, wo es darauf abgefehen ift, das orientalifche Original auch mit anderen Stoffen zu imitiren. Die Shawlfabrication wird in Frankreich an drei Erzeugungsorten betrieben. Die hochfeinen und viele mittelfeine Sorten entftammen den Firmen von Paris. Lyon erzeugt mittelfeine und ordinäre, Nimes liefert vorzugsweife billige Waare. Die Parifer Fabrikshäufer beforgen fich ihre Cachemirwolle aus Thibet und befitzen Einfluss auf den dortigen Markt; die Einfuhr gefchieht über Rufsland, die übrigen Garnforten find verfchiedenen Urfprungs; Vieles wird aus dem Süden Shawls. 35 Frankreichs bezogen. Die Zeichnung, das in Karte Setzen etc. gefchieht in Paris felbft, vielfältig auch die Appretur. Der gröfste Theil der fogenannten Parifer Shawls wird aber nicht in Paris, fondern der Lohnverhältniffe wegen in der Picardie und befonders in Fresnoy le Grand und in der Umgegend betrieben. Ein wefentlicher Vorzug, deffen fich die Manufactur in der Welt erfreut, ift in der forgfältigen Pflege der artiftifchen Ausführung begründet und abgefehen von den mercantilen Verhältniffen hat fich diefelbe allein dadurch fchon die Führung im Gefchäftszweige erworben. Gegenüber der öfterreichifchen ſteht fie heute noch etwas ungünftig in dem Preife mancher Halbfabricate; es ift ihr aber gelungen, diefe Differenz etwas auszugleichen. Die öfterreichifche Manufactur hat nie etwas Einmüthiges dafür gethan, um diefen wichtigen Vortheil nachhaltig auszunützen. Seit der Ausftellung 1854 ift in der franzöfifchen Shawlmanufactur eine rege Thätigkeit merkbar; fie kennzeichnet fich in einem erfolgreichen Beftreben, die Billigkeit der Waare zu erhöhen, die Exportwege des Auslandes auszuforfchen und den Export desfelben, fchrittweife vorgehend, fyftematiſch einzufchränken, endlich in der bereits überraschend gelungenen Bemühung, den original- indifchen Sorten in Zeichnung und Webe fich anzunähern. Wenn ihr auch, wie erwähnt, die heutige indifche Manufactur hierin auf halbem Wege entgegengegangen ift, fo ift doch der erzielte Erfolg ein bedeutender und für uns ein lehrreicher. Der franzöfifche und vorzugsweife der Parifer Shawl fteht dem indifchen. nur mehr in Bezug auf die Dauerhaftigkeit der Webe nach; ein Nachtheil, der fich durch die riefige Preisdifferenz beider Gattungen wieder mehr als ausgleicht. In äufserer Eleganz, in Klarheit und Reinheit der Färbung, Schönheit des Stoffes, in jenem Raffinement der Zeichnung und Farbengruppirung haben die Franzofen ihre Lehrmeifter erreicht. Bei dem Stande der franzöfifchen Shawlinduftrie, welche 1867 durch 36 Aussteller vertreten war, ift die diefsmalige Betheiligung eine quantitativ fehr fchwache zu nennen; fie reducirte fich auf vier Firmen aus Paris, drei aus Nimes und nur eine aus Lyon. Was die qualitative Leiftung betrifft, fo haben wir trotz der fchwachen Vertretung doch Bedeutendes zu regiſtriren und es fällt hier noch dazu der Umftand ins Gewicht, dafs unter den diefsjährigen Ausftellern die bedeutendften Frankreichs nicht vertreten find. Vor Allen hatte J. H. Bideau in Paris durch feine feinen Longfhwals die Aufmerkfamkeit der Kenner in Anfpruch genommen. Er überrafchte ebenfo durch den ftrengen Stil feiner Zeichnungen, als durch eine Farbengebung, die in ihrer vortrefflichen Brillanz die Bewunderung mit Recht herausforderte. Es iſt ein Beweis von der richtigen Auffaffung der gefchäftlichen Sachlage, wie von der erfolgreichen Bemühung in diefer Richtung, dafs Bideau fehr auffällig feine niederen Preife betonte. Eine andere Parifer Firma, Boutard& Laffalle, excellirte in Shawls mit gezogenen Deffins und einer Reinheit der Webe, die bewundernswerth ift. Hie und da wäre in der Farbengebung etwas Mäfsigung zu wünfchen gewefen. Minder glücklich, wenn auch immer in diefer illuftren Umgebung hoch anerkennenswerth, repräfentirte fich die Firma Tresca, Thorel& Ratieuville in Paris. Sie geht vom indifchen Vorbilde freier ab, wird in den Deffins oft blumig und nähert fich dem Conventionellen, ohne hiezu die nöthige Origi nalität mitzubringen, was man an wiederholten Deffinselementen deutlich wahrzunehmen in der Lage ift. Stoff und Webe liefsen allerdings nichts zu wünschen übrig. In der Farbengebung war hie und da eine gewiffe Zurückhaltung nicht unangenehm merkbar. Das Weifs war fehr wenig benützt, Blau als Deffinfarbe auffällig ftark, Gelb war nicht vertreten, was die Artikel gegen jene der Collegen etwas düfter erfcheinen liefs. Ueberhaupt waren von Parifer Muftern violette Spielungen gar nicht, dafür folche in Roth, Blau und Schwarz vertreten; befonders letzte erreichten die Abficht feinerer Eleganz am vollständigften. 36 Emanuel Thieben. Unter den Provinzfirmen war ein erft feit zehn Jahren in diefem Artikel thätiges Haus Ducros& Robert in Lyon und Nimes hervortretend. Deffen Zeichnungen zeigten allerdings nicht jenes gewandte Eingehen in die Vorbilder und man konnte auch an Stellen einige Befangenheit in der Löfung des Deffins gewahren; dafür erfetzte dasfelbe den leichten Nachtheil durch wahrhaft eminente Farben, wenn auch das Roth mehr auftrat, als vom Standpunkte der Schönheit zu wünfchen war. Die meiſten Shawls der Firma hatten fchwarze Rondeaux, die vom Deffin etwas zu fcharf abftachen. Rufsland. In Rufsland wird nur gröbere Shawlwaare und auch diefe heute noch in bedeutenden Maffen erzeugt. Das füdliche Rufsland verforgt fich in feinerer Waare von Cachemir, das nördliche auch aus Frankreich. Diejenigen Fabriken, welche in Rufsland Shawls erzeugen, betreiben gewöhnlich noch eine oder die andere Webeinduftrie dazu; in Shawls ftehen fie dem Wiener Gefchmacke fehr nahe. Auf der Ausftellung bot die Firma R. Menke in Lodz, Gouvernement Piotrkow einiges Intereffe durch ihre gröberen Shawlwaaren, die bei reiner und fchöner Webe ganz fich den Wiener Erzeugniffen anfchlofs. Oefterreich. Die Shawlfabrication Wiens entftand am Beginne des Jahrhundertes und wurde dahin aus Frankreich verpflanzt. Der erfte Erzeuger von Shawls in Wien war der Weber Bertolli. Diefer talentvolle und thätige Mann machte von 1805 an bedeutende Anftrengungen, um den Artikel, der damals der Gegenftand eines empfindlichen Schleichhandels war und fchwere Summen dem Auslande zuführte, in Oefterreich in gleicher Güte zu erzeugen und mit ihm waren auch bis 1807 Hornbostel, Griller, Hermann u. A. in gleicher Weife bemüht; deffenungeachtet und namentlich nach dem Ableben Bertollis, der Seele aller Beftrebungen, mufsten die Verfuche wieder aufgegeben werden. Die mechanifchen Einrichtungen waren zu unvollkommen und die Waare konnte nur mit zu grofsen Opfern an Zeit und Mühe einigermassen concurrenzfähig hergeftellt werden. Das mechanifche Mittel war der„ Zugftuhl"; in feiner damaligen Geftalt hatte er in acht Reihen 400 Rollen und geftattete daher nur eine geringe Breite; nun wurden zwar allerdings die Rollen verdoppelt und fogar verdreifacht, diefs erfchwerte aber wieder die Arbeit des Ziehens. Alle Veränderungen vermehrten die Erzeugungskoften, ohne im gleichen Verhältniffe den Artikel zu verbeffern. Die erften Shawls waren vier bis fünffarbig und urfprünglich nicht ,, ausgefchnitten". In der additionellen Ausftellung war das Modell eines alten Zugftuhles zu fehen und auch der Webftuhl der Japanefen, welcher im Hofeinbaue der Ausstellung diefes Landes in fteter Thätigkeit war, beruhte wefentlich auf denfelben mechanifchen Principien. Die erwähnten ungünftigen Umftände liefsen die Anftrengungen auf Jahre hinaus ruhen. Erft im Jahre 1814 gelang es den Webern Anton Mayer, Jofef Wolf, Lorenz Schaller, Johann Blümel, 1816 auch Jofef Heinze nach mühfeligen, oft mifsglückten Verfuchen eine concurrenzfähige und preiswürdige Waare zu erzeugen. Zu diefen erfreulichen Errungenfchaften gefellte fich eine riefige Nachfrage vorzüglich aus dem Norden, fo dafs, wie J. G. Bartfch in feinem Werke fagt, die wöchentliche Fertigung von 2000 grofsen Shawltüchern dem Bedarfe nicht entfprach. Bis zur Erfindung der Jacquardmafchine machten fich 1802 bis 1815 um die Verbefferung der mechanifchen Einrichtungen vorzüglich Freund, Diez und der Weber Schuhmann verdient. Im Jahre 1814 erfand der Weber Jacquard zu Lyon feine nach ihm benannte Mafchine; fie wurde jedoch erft fechs Jahre fpäter durch Kannegiefser und den Commercialmafchiniften Baufsemer nach Wien gebracht. Die erfte nach Wien gelangte Jacquardmafchine war ohne Trittvorrichtung. Die erfte Trittmafchine machte Czernig nach den Angaben Baufsemers. Shawls. 37 Im Jahre 1830 wendete man zum erften Male den Grundfatz an, wodurch, da der Spiegel mit Auffchufs gearbeitet werden konnte, eine gröfsere Haltbarkeit erzielt wurde. Erft um den Beginn der dreifsiger Jahre fcheinen fich für die Shawlinduftrie Künftler gebildet zu haben. Der erfte bekannte Shawlzeichner hiefs Efche; er fertigte, und mit ihm auch ein anderer Zeichner Kokefch, die erften Mufter auf Gradpapier, welch' letzteres zuerft von dem bekannten Kupferftecher Schönberger herrührte. Zwifchen die Jahre 1830 und 1840 fallen die wefentlichften Verbefferungen in der Shawlfabrication; hieher gehören die erfte Anwendung des Repetirfchuffes und die Verbefferung der Trittmaſchine, wie fie noch heute beſteht, wahrfcheinlich nach franzöfifchen Vorfchlägen. Dagegen ift als nationale Erfindung die " Doppelmafchine" anzufehen, welche der Wiener Kofchatzky erfand und welche ihrer Vortheile wegen eine fchnelle Verbreitung fand. Noch lange Zeit wurde mit Stecker gearbeitet, bis Kliemke nach einem Lyoner Mufter den Steckschlag bekannt machte; Kneppberger verbefferte denfelben nach einer Elberfelder Conftruction. Zuerft wurde er von Imlauer angewendet. Faft. gleichzeitig verbefferte ein einfacher Schloffer, der geniale Willmann, die Schlagmafchine. Sie ift anerkannt beffer als die franzöfifche und noch heute als muftergiltig anzufehen. Man kann annehmen, dafs bis zum Jahre 1834 die Wiener Shawlfabrication in beftändigem Aufftreben begriffen war; dasfelbe machte fich gleichzeitig nicht allein in dem rührigen Beftreben merkbar, durch techniſche Errungenfchaften das Fach zu erheben, fondern auch durch gefchäftliche Erfolge, welche namentlich gegen Norden hin fehr bedeutend genannt werden konnten. Nach verlässlichen Berichten beftanden im Jahre 1834 circa 400 felbftftändige Meifter, welche be3000 Webftühle fortwährend im Gange erhielten. Von diefer Zeit an bis zum Jahre 1840 etwa ftand die Wiener Shawlinduftrie auf dem Zenithe ihrer Entwicklung; eine vollſtändig ebenbürtige Gegnerin der franzöfifchen; von diefem Jahre an machten fich jedoch anfänglich leife, fpäter ganz deutlich fühlbare Anzeichen der Stagnation geltend, mit dem Jahre 1848, jenem Jahre, in welchem unter Sturm und Bewegung nicht allein die politifchen, fondern auch die focialen. Grundlagen der Gefellſchaft erfchüttert und verändert wurden, begann allgemein der Verfall des fchönen Induftriezweiges fichtbar zu werden. Der allzu rege Anfchlufs an die franzöfifche Induftrie, ein Umftand, den fich diefe fehr intelligent zu Nutze gemacht, die Wandlung der Mode, wefentliche Aenderungen in der bisherigen Zoll- und Handelspolitik, die auf das Allgemeine berechnet, nicht rafch genug von der Branche gewürdigt wurden, endlich eine rafch eintretende Verzagtheit der Induftriellen, eine Folge der in guten Zeiten nicht geförderten allgemeinen Intelligenz, diefs Alles waren die wefentlichen Urfachen des Rückganges, und es erforderte viele Opfer, um diefen Zweig der Webetechnik lebensfähig zu erhalten, und es wird noch Jahre erfordern, demfelben mühfam wieder zu feiner verdienten Geltung zu verhelfen. Es ift ein Beweis, wie fehr die eingeriffene Muthlofigkeit nach 1848 einen wefentlichen Einflufs auf die Thatkraft genommen hat, dafs nach einer wahren Fluth von Anftrengungen zur Verbefferung der Fabrication von 1805 bis 1848, von diefer bis in unfere Zeit herein keine bemerkenswerthere Verbefferung verzeichnet werden kann, als jene der Anwendung der flamirten Ketten. Etwa von 1860 an beginnt in der Branche einiges Leben, und es iſt feit diefer Zeit auch wieder einiges Beftreben merkbar, in technifcher Beziehung Schritt zu halten. In techniſch- mechanifcher Richtung find die anerkennenswerthen Erfolge in der Conftruction der( hölzernen) Werkftühle von Schramm und in neuerer Zeit auch jener von Bachmeyer nicht zu verfchweigen. Genaue und exacte Arbeit der einzelnen Theile und Dauerhaftigkeit kennzeichnet auch in diefer Richtung Wiener Arbeit. Wien zählt etwa fünf bis fechs Mechaniker für Webeftühle. 38 Emanuel Thieben. Wenn ich nun zur Beurtheilung der einzelnen öfterreichifchen Firmen übergehe, fo mufs ich vor Allem der Führerin der gefammten Shawlinduftrie gedenken, der Firma Hlawatfch und Isbary, deren Leiftungen quantitativ wie qualitativ alle übrigen Firmen zufammengenommen überragt. Es ist bekannt, dafs der leitende Chef der Firma feine Kräfte nicht allein der eigenen Firma oder dem eigenen Fache, fondern der Hebung unferer Gefammtinduftrie angeftrengt widmet, und dafs deffen aufrichtige und geiftvolle Bemühungen alle Hoffnung auf eine Verbefferung der Lage unferes Kleingewerbes geben. Die Firma ift die einzige in Wien, welche fogenannte„ hochfeine" Waare erzeugt und damit in kräftige Concurrenz mit den Parifer Firmen und den Erzeugniffen der Picardie tritt. Trotz der minder günftigen Epoche haben es ihre bedeutenden Mittel und eine von vieler Intelligenz befeelte gefchäftliche Strebfamkeit dennoch erreicht, mehr als 300 Stühle andauernd in Gang zu erhalten. Ihre ausgeftellten Sorten entfprachen vollends den Erwartungen, welche man an ein fo bedeutendes Etabliffement ftellen konnte. Einige Specialleistungen, wie prächtige Seidenbrochirungen, erregten mit Recht die allgemeine Bewunderung der Kenner und liefsen mit Staunen ermeffen, wie nahe die mechanifche Technik an die Handarbeit tritt. Die ausgeftellten Longfhawls, von welchen wir eines Prachtftückes, eines in der Länge und Breite nicht repetirten Shawls, mit aller Bewunderung gedenken, waren insgefammt an die beften Arbeiten der Parifer Firmen anzureihen, gegen manche Erzeugniffe franzöfifcher Firmen wirkten fie fogar durch eine befcheidenere Farbengebung wohlthuender. Die Webe war insgefammt tadellos und machte den Arbeitern des Etabliffements alle Ehre. Nach den bekannten Antecedentien des hochgeachteten Leiters der Firma kann man die ficherfte Hoffnung hegen, dafs das Etabliffement beftrebt fein wird, auf der Bahn des feinften Kunftgefchmackes vorgehend, fich von dem noch immer fühlbaren Einfluffe Frankreichs vollends frei zu machen; dafs es das Bemühen, den übrigen einzelnen Wiener Induftriellen ein technifcher und artiftifcher Leiter und Führer zu fein, mit aller Kraft und im wohlverftandener Intereffe aufnehmen wird, um mit feinen eigenen prächtigen, und preiswürdigen Erzeugniffen auch der hilfsbedürftigen Genoffenfchaft der Erzeuger der weltbekannten Wiener Shawls" wieder zur alten Geltung und Kraft zu verhelfen und damit auch indirect der eigenen Arbeit zu dienen. E. Thieben's Ausstellung lag, wie feine Thätigkeit im Fache überhaupt es ift, klar vor Augen. Er war von 1866 an, nach Mafsgabe feiner Mittel, aufrichtig beftrebt, fowohl durch techniſche Verbefferungen, als durch rühriges, gefchäft liches Eingreifen der Wiener Waare die alte Würdigung wieder zu erringen. Wie es ihm übrigens im Einzelnen gelungen ift, die Technik des Erzeugniffes zu fördern, möge die fachmännische Welt beurtheilen. In gefchäftlicher Richtung war es immer fein angeftrengtes Bemühen, den Export zu cultiviren und diefen durch Novitäten und Specialitäten rege zu erhalten. Die Firma Sebaftian Haydter Söhne arbeitet ausfchliefslich für den amerikanifchen Markt; ihre Zeichnungen ebenfowohl wie ihre Ausführungen find fpeciell für diefes Abfatzgebiet gemacht. Da bis jetzt die franzöfifche Concurrenz dort nur in feiner Waare Schwierigkeiten gemacht, fo befchränkte fich die Firma mit vielem Erfolge auf Mittelwaare, die zweckentfprechendes, preiswürdiges Fabricat ift. Carl May, eine Firma, der Rührigkeit und Gefchick nicht abzufprechen ift, hat ihr Beftreben darauf gerichtet, die Waare billiger zu machen; freilich ift ihr diefes nur auf Koften der Qualität und Schönheit gelungen. Dafs ein derlei Calcul nicht richtig und eher geeignet ift, den Artikel ganz aufser Gebrauch zu bringen, liegt in richtiger Würdigung der hier einwirkenden Factoren auf der Hand. Ein wefentlicher Vorzug des Shawlartikels lag feit jeher in deffen Dauerhaftigkeit; und eine Frau, die fich auch heute einen Shawl kauft, gedenkt den Shawls. 39 felben, der fchwankenden Mode zu Trotz, viele Jahre lang zu tragen. Durch allzuleichte Einftellungen und durch Mifchung von Baumwolle verliert der Artikel einen feiner wefentlichften Vorzüge und lauft um fo ficherer Gefahr, von der Fluth der Mode überfchwemmt zu werden. Die Waare von Raymund Karl ift folid und als Mittelwaare fehr gut fchattirt. Da ich die Gefichtspunkte nicht kenne, welche die Jury in ihrer Beurtheilung fefthielt, fo ift es mir auch nicht möglich, die Beweggründe mir klar zu machen, warum die Firma nur mit dem Anerkennungsdiplome bedacht wurde. Mir fchienen allerdings, von meinem Beurtheilungs- Standpunkte aus, deren Leiftungen einer befferen Beurtheilung werth zu fein. Max Koch brachte in verfchiedenen und zuweilen originellen Zeichnungen ziemlich gute Mittelwaare. J. Dotter, J. Girfch, Konrad& Kornblüh, H. Lindner. F. Linfer und F. Wondrafch, Firmen, welche im Grofsen und Ganzen im gleichen Range ftehen, haben fich auf der Ausftellung mit vielem Erfolge bemüht, durch gute Mittelwaare, dem Provinzgefchmacke entſprechend, die Fähigkeit der Wiener Shawlmanufactur darzuthun. Ich kann nicht umhin, denfelben im vollften Sinne anerkennend gerecht zu werden. Es ift eine unleugbare Thatfache, dafs die Wiener Shawlfabrication fich nicht nur von dem enormen Rückgange feit den vierziger Jahren nicht wieder erholt, fondern auch in ihrem heutigen Ringen mit Einflüffen zu kämpfen hat, welche das angeftrebte Ziel auf weite Diftanzen hinauszuftrecken fcheinen. Ein Induftriezweig, der noch vor dreifsig Jahren etwa 400 felbftftändige Erzeuger ernährte, der 5000 bis 6000 Stühle im fteten Gange erhielt, ift heute auf etwa fo viele Hunderte reducirt; ein Artikel, der einft auf dem Weltmarkte eine Rolle gefpielt, erwehrt fich heute mühfam einer ftets fteigenden Concurrenz. Es verlohnt fich nach fo draftifchen Erfahrungen wohl der Mühe, die hier obwaltenden Umftände näher ins Auge zu faffen und meine befcheidene Meinung darüber anzudeuten, wie der darniederliegenden Induftrie zu einem neuen, kräftigen Auffchwunge zu verhelfen fei. Es ift wahr, die Mode hat dem Zweige durch die Confection der Mäntel, Jacken, die gebaufchten Kleider vielen Schaden bereitet; aber dennoch ift der Verkauf mehr reducirt, als diefs nur nach oberflächlicher Beurtheilung gerechtfertigt ift; den beften Beweis geben uns jene Länder, welche mit feltener Beharr lichkeit der Wiener Waare Concurrenz machen. Indifche und perfifche Waare ift hier ganz aufser Beachtung zu bringen diefe durch ihre Originalität und ihren eigenartigen Kunstwerth zu koftbaren Seltenheiten gewordenen Artikel haben nicht den mindeften Einfluss auf den weftlichen Markt und bieten im Gegentheile vielfältig neue Vorlagen für die europäifche Production. Was uns in Oefterreich aber zu ernfter Erwägung veranlafst, ift die Erkenntnifs, dafs unsin erfter Linie Frankreich- dann England, Deutfchland und nun auch Rufsland in vieler Richtung mit Erfolg den Abfatz ftreitig macht. Was die feine Waare betrifft, war uns Frankreich ftets voran. Obwohl fich die Franzofen in Shawls zumeift an indifche Vorbilder anlehnen und in felbftftändigen Erfindungen nicht den erwünſchten Beifall finden, hat doch der feine Gefchmack derfelben, das Wirkungsvollfte herauszufinden und verftändig zu combiniren, mit allem Rechte ihnen eine allgemeine Achtung und damit eine nachhaltige Präponderanz gefichert. Das Deffin eines feinen Shawls von nur 800 Mafchinen, etwa fechs Farben nebft den Karten, der Stuhlvorrichtung etc. dürfte 4000 Francs koften; rechnet man hiezu Materiale und Arbeitslohn zu 100 Francs, fo ftellen fich die Koften eines erften Shawls auf 4100 Francs, der doch nur zu 200 Francs in den Handel kommt, weil fich billig bei gefchäftlicher Rührigkeit vorausfetzen läfst, dafs 200 Shawls desfelben Mufters fich abfetzen laffen, was einen Nettogewinn von 80 Francs per Stück und fomit 16.000 Francs für das 40 Emanuel Thieben. - betreffende Mufter ergibt. Eine Anzahl von mindeſtens 200 Commiffionären, welche in der ganzen Welt den Abfatz der verfchiedenften Modeartikel beforgen, erhalten jeder einen Probefhawl; kommen hiezu Nachbeftellungen ein Fall, der häufig eintritt fo reducirt fich die Regie auf einen kaum nennenswerthen Betrag, ſteigert den Gewinn und diefe fyftematifche Gefchäftsgebarung erlaubt den Franzofen nicht nur leicht zu arbeiten, fondern auch ftets Neues zu fchaffen. - Der Wiener Fabrikant ift, und zumal im Augenblicke, nur auf die Detailliften angewiefen, aufser diefen find nur wenige Kaufleute, welche Shawls führen. Noch vor wenigen Jahren waren einige Exporteure, welche Mufter verfchickten, vorhanden; diefe wenigen find an ungenügenden Capitalkräften, an gefchäftlichem Unverſtändniffe und an der Börfe zu Grunde gegangen. So mufs der Fabrikant mit vieler Mühe fich feinen Kundenkreis felbft fuchen, kann daher nur ihm felbft billige" Waare machen, weil er die grofsen Regiekoften für einen kleinen Abfatz nicht erfchwingen kann. Zu diefen gefchäftlichen Uebelftänden gefellen fich noch techniſche und der Fabrikant fieht in Bezug auf das Materiale als Halbfabricat mit Bangen einer Zeit entgegen, in welcher er bereits durchwegs in diefer Beziehung vom Auslande abhängig fein wird. Seit jeher müffen leider Kettengarne in feinen Nummern, wie 30/60, 35/70, 40/80. ferner Cachemirgarne aus Frankreich bezogen werden, ja felbft unfere Kamm- und Streichgarn- Spinnereien laffen fich nun zum grofsen Theile von Deutfchland, Schweiz und Belgien verdrängen. Wir fenden Wolle in bedeutenden Mengen ins Ausland, um Garne und fertige Waare zu beziehen eine traurige Anomalie! - Vieles läfst unfere Färberei und Appretur zu wünfchen übrig; es fehlt uns hier der Raum, näher darauf einzugehen. Noch fchwierger geftaltet fich die Arbeiterfrage in Bezug auf Leiftung und Entlohnung. Es ift kaum anzunehmen, dafs Shawls je anders als durch Handwebe erzeugt werden; die Art der Webe in Bezug auf das Deffin läfst die mechanifche Weberei wohl kaum als vortheilhaft oder auch nur anwendbar erfcheinen; die unumgängliche Nothwendigkeit in diefem Verhältniffe wären demnach tüchtig gefchulte Weber. Leider aber werden gerade die gefchulteften Weber aus Mangel an Arbeit zu anderen Nahrungszweigen gedrängt und gehen für das Fach faft ausnahmslos verloren. Die Arbeitslöhne find, obwohl niedrig( der Arbeitslohn trägt verhältnifsmäfsig im Calcul wenig bei, wie ich oben erläuterte; wo derfelbe fchon fchmerzlich empfunden wird, dort ift das Sympton einer Krankheit im Zweige fichtbar geworden), dennoch für ordinäre und Mittelwaare fo hoch, dafs alle Erzeuger die leichte Waare auf dem Lande in Böhmen, Mähren und Niederöfterreich arbeiten laffen; wie viele Nachtheile daraus refultiren, bedarf wohl keines näheren Commentars. Der Arbeitslohn beträgt heute: für den Weber: Wochenarbeiter, der befferen Mädchen zum Spulen, Winden, Schweifen. 10 bis 12 fl. per Woche. 4" 6 fl." " für Weber die nach Stück arbeiten, denen die Mafchinen und die Zeuge gegeben werden: Per 1000 Schufs auf 500 und 600 Mafchinen 20 kr. IOOO IOOO " " 99 700 900 99 800 IOOO 22 17 " 9 " 27 30 feinere Arbeiten, complicirterer Natur 30 bis 60 kr. Auf dem Lande in Böhmen, Mähren, Niederöfterreich, wo jedoch nur ordinäre Waare gearbeitet wird, per taufend Schufs 400 und 500 Mafchinen 12 kr. Trotz alledem wird die in Wien herrfchende Wohnungsnoth, die Abneigung der Hausbefitzer, Weber in Miethe zu nehmen, in nicht langer Zeit diefen Arbeitszweig ganz von Wien verdrängen. Shawls. 41 Rechnen wir nun zu diefen drohenden Uebelſtänden einen empfindlichen Mangel an Zeichnern, an originalen Vorlagen, an gebildetem Farbenfinn unter den Arbeitern felbft, fo gibt uns der Zufammenhalt aller diefer feindlichen Factoren ein Bild des krankhaften Zuftandes des Faches im Augenblicke, eine fchwache Hoffnung für eine beffere Zukunft. Im Laufe des Jahres 1872 fah fich die Genoffenfchaft der Weber gedrungen, der niederöfterreichifchen Handels- und Gewerbekammer die Errichtung einer höheren Webefchule zu empfehlen, um wenigftens jenen Theil der Uebelftände, der im Perfonale beruht, zu verbeffern. Ich laffe die markanteften Stellen aus diefem Actenftücke hier folgen: " Was wir mit allen unferen Kräften anzuftreben haben und auch wenn alle dazu berufenen Factoren dazu mitwirken, erlangen können, ift die Erhöhung der Bildungsmittel. Erfahrungsgemäfs bildet fich vorzugsweife in den Hauptftädten trotz der Hinderniffe, die durch die Theuerung aller Bedürfniffe beftehen, eine Induftrie, die fogenannte Modewaaren- Induftrie, aus und kann nur fehr fchwer in die Ferne verlegt werden. ,, Soll diefe jedoch profperiren und auch die in die entlegenen Theile der Monarchie verpflanzte Induftrie dem Vorbilde der hauptftädtifchen Induftrie nachkommen, fo müfsten derfelben auch die Mittel geboten werden, damit die theuerer producirte Waare allenthalben Anklang findet und der ganzen Monarchie als Leitftern dienen kann. Das Beftehen des Muſeums für Kunft und Induftrie, die in Ausficht genommene Gründung des Athenäums, die bevorftehende Weltausftellung, die hier beftehenden Kunftfammlungen, der täglich wachfende Luxus, Alles diefes macht nur dann die Refidenz geeignet, der Sitz der ModewaarenInduftrie zu werden, wenn gleichzeitig durch die Errichtung einer höheren Webefchule der nothwendige Behelf hiezu gefchaffen wird. ,, An einer folchen Schule müffen Capacitäten lehren, und zwar Alles und Jedes, was auf Weberei, Wirkerei, Stickerei, Färberei und Appretur Bezug hat, aus diefer Schule wird und mufs nicht nur der Wiener Induftrielle feine erften Kräfte beziehen, fondern auch das ganze Reich wird daran Theil nehmen, es foll daraus durch die Herbeiziehung der Lehrer für die verfchiedenen Fächer eine Weberakademie werden, die allen derartigen Inftitutionen, wie fie das Ausland bereits längft befitzt, die Spitze bieten kann." Es fehlt uns der geläuterte Gefchmack und wenn auch das den Oefterreichern angeborne Talent für Farbe hie und da erfichtlich wird, fo ift dasfelbe nicht theoretifch gebildet. Kein Arbeiter vermag fich darüber Rechenfchaft zu geben. Das beſtehende Muſeum hat, bei feinen über allen Zweifel erhabenen hochbedeutenden Leiftungen, für die Textilinduftrie etwa mit Ausnahme von Teppichen und einigen fpeciellen Kunftweben keinen wefentlichen Einfluss. auf das Fach geübt, ungeachtet diefes Induftriefach fo bedeutend ift. - · Mit der gröfsten Hoffnung blickt der Shawlweber- und mit ihm wohl eine erkleckliche Anzahl anderer, der fachlichen Befferung bedürftiger Gewerbsperfonen auf das in Gründung begriffene„ Athenäum". Werden fich diefe ,, letzten" Hoffnungen verwirklichen, werden fich bei deffen Leitung Männer betheiligen, die Verftändnifs und warmes Herz für die Induftrie befitzen? Ich verkenne allerdings nicht die bedeutenden Schwierigkeiten, die dem jungen Unternehmen in diefer Beziehung im Wege ftehen. Ich und wir Alle wiffen es, das wir an Talenten Mangel leiden, welche, eingehend in die Details der Induſtrie, im Stande find, die Arbeit aus dem Innerften heraus zu verbeffern und den Arbeiter fähiger zu machen und dafs wir diefen Mangel noch intenfiver fühlen, wo es fich darum handelt, einem fo viel umfaffenden Inftitute, wie das Athenäum es ift, das nöthige Relief zu verleihen. Zum Schluffe möchte ich meine Collegen bei Zeiten ermuthigen, die Induftrieausftellung in Philadelphia nach allen Kräften zu befchicken, rafch ein Comité zu wählen, das die Arbeiten in die Hand nimmt. Ich wünfchte hiebei von 42 Emanuel Thieben. Shawls. Herzen, dafs fich nicht ehrgeizige, fondern felbftlos thatkräftige Männer an der Spitze befänden, welche fich nicht durch die minderen Erfolge einer jüngsten Vergangenheit einfchüchtern laffen, fondern bei Vermeidung der begangenen Fehler die gewonnene Erfahrung benützen und„ vorbereitet" den Wettkampf beginnen. Die franzöfifchen Berichte der verfchiedenen Ausftellungen, welche ich in den markanteften Stellen mit Bedacht meinem Berichte angereiht habe, mögen meine Collegen über die klare Anficht unferer Concurrenten aufklären. Hier heifst es, mit aller Energie den feindlichen, auf unferen Ruin abzielenden Beftrebungen entgegenarbeiten und die Ausftellung in Amerika gibt uns dazu die trefflichfte Gelegenheit, im Lande um das Land felbft zu kämpfen. Erwäge ich die Verhältniffe und unfere trotz aller Mifère noch immer achtenswerthen Kräfte; fo kann ich ohne Bedenken es prophezeien, dafs es uns bei einiger Anftrengung beffer als in Wien gelingen wird, materielle Erfolge zu erzielen und die Grundlage für einen neuen Auffchwung des Zweiges in gefchäftlicher Beziehung zu fchaffen.