OFFICIELLER AUSSTELLUNGS- BERICHT HERAUSGEGEBEN DURCH DIE GENERAL- DIRECTION DER WELTAUSSTELLUNG 1 8 7 3. UNTER REDACTION VON DR. CARL TH. RICHTER, K. K. O. Ö. PROFESSOR IN PRAG. DIE CHEMISCHE INDUSTRIE. ( Gruppe III.) EINLEITENDER ALLGEMEINER BER OUCHERE VON DR. ADOLF LIEBEN, k. k. o. ö. Profeffor an der Universität zu Prag. Technologisches Gewerbe- seam WIEN WIEN. DRUCK UND VERLAG DER K, K. HOF UND STAATSDRUCKEREI, 1873. DIE CHEMISCHE INDUSTRIE. ( Gruppe III.) EINLEITENDER ALLGEMEINER BERICHT VON DR. ADOLF LIEBEN, k- k. o.ö. Profeffor an der Univerfität zu Prag. Die folgende Darftellung foll nebft einigen Betrachtungen allgemeiner Art einen rafchen Ueberblick über die wefentlichften Fortfchritte geben, welche die Wiener im Vergleich zur vorhergegangenen Parifer Weltausftellung im Gebiete der chemifchen Induftrie aufweift.* Wer genauere Auskunft über die Leiftung einzelner Länder oder einzelner bedeutender Ausfteller, über die Details neuer Verfahrungsweifen, oder eine Befprechung fämmtlicher den einzelnen Sectionen der Gruppe III angehörigen Gegenftände, die auf der Ausftellung Intereffe erregten, fucht, wird eine folche in den folgenden fpeciellen Berichten über die einzelnen Sectionen finden. Indeffen hat nicht allein der Laie, fondern felbft der chemifche Fachmann, fo viel allgemeines Intereffe er auch mitbringen mag, nicht immer den Wunfch, fich in allen Theilen des weiten Gebietes, das die Gruppe III umfafst, eingehend mit den Details, wie fie in den Berichten über die Sectionen geboten werden, zu befchäftigen und Mancher, der die Beforgnifs empfindet, den Wald vor lauter Bäumen nicht zu fehen, wird gern einen Ueberblick über den ganzen Wald gewinnen, fei es, dafs er fich's daran genügen läfst, fei es, dafs er dann mit um fo gröfserem Behagen fich in einzelne Partien vertieft. Diefe Bemerkungen dürften genügen, um den Zweck des einleitenden allgemeinen Berichtes zu kennzeichnen und um klar zu machen, dafs er ein anderes Ziel verfolgt als die Sectionsberichte, daher weder durch diefe überflüffig gemacht wird, noch die Aufgabe haben kann, fie zu erfetzen. Eine bedeutungsvolle Thatfache iſt es, welche Jedem, der die Ausftellung chemifcher Producte durchwandert und fich der rafchen Fortfchritte freut, die * Die Wichtigkeit der Gruppe III, die chemifche Induftrie, auf der Weltausftellung ift fo grofs und die Kenntnifs derfelben im Allgemeinen fo gering, dafs wir glaubten, dem Berichte über diefe Gruppe einen einleitenden allgemeinen Bericht vorherfenden zu müffen, der auch den nicht Die Redaction. fachmännisch Gebildeten die Wege der Wiffenfchaft näher beleuchtet. 2 Dr. Adolf Lieben. menfchlicher Geift und Arbeitskraft auf diefem Gebiete zu verzeichnen haben, mit Evidenz entgegentritt nämlich die innige Wechfelbeziehung zwifchen Theorie und Praxis, zwifchen Fortfchritt der Wiffenfchaft und Fortfchritt der Induftrie, wie fie im gleichen Maafse kaum noch auf einem anderen Felde menfchlichen Schaffens angetroffen wird. Während der Mann der Wiffenfchaft ohne Rückficht auf materiellen Gewinn, auf Anwendung oder mögliche Folgen feiner Entdeckungen ruhig dem einzigen Ziele nachftrebt, das für ihn exiftirt, nämlich der Entdeckung der Wahrheit, hat der Techniker gelernt, die kaum erft zu Tage geförderten Schätze der Forschung in gangbare Münze auszuprägen. Er weifs, dafs es keine fterile Wahrheit gibt, denn die vereinzelte Thatfache, das abftracte Gefetz, die derzeit ohne unmittelbare Anwendung ftehen, können fpäter eine folche finden und wenn diefe auch ausbleibt, fo geben fie doch die Stufen ab, auf denen die Menfchheit zu immer höherer Cultur emporfteigt. Die riefigen Fortfchritte, welche die chemifche Induftrie in unferem Jahrhundert gemacht hat und noch fortwährend macht, verdankt fie dem Aufblühen der Chemie als Wiffenfchaft und der Methode, welche die Praxis von ihr entlehnt hat. Mehr und mehr verfchwinden die alten Praktiker mit ihren rein empirifchen Beobachtungen, in denen Richtiges und Unrichtiges oft wunderlich gemifcht ift, mit ihren Geheimniffen und ihrem Halbwiffen vom Schauplatze und wohlgefchulte, wiffenfchaftlich gebildete Chemiker treten überall an ihre Stelle. Diefe bringen aber nicht blofs Kenntniffe mit, fondern auch die Befähigung und den Trieb zum Forfchen. Sie geben fich Rechenfchaft von den oft complicirten und nicht ganz aufgeklärten chemifchen Proceffen, die in der Technik eine Rolle spielen, und indem fie diefelben verftehen lernen, kommen fie bald in die Lage, die alten Verfahrungsweifen zu verbeffern oder durch rationellere zu erfetzen. Zur Herbei führung fo befriedigender Verhältniffe haben in hervorragender Weife die chemifchen Laboratorien beigetragen, in denen jährlich viele Hunderte von jungen Leuten mit dem Rüftzeig der Wiffenfchaft verfehen werden, um dann ihre gefchulte Kraft der Induftrie, Pharmacie, Medicin u. f. w. zuzuwenden, und darum dürfte es wohl am Platze fein, in einem Berichte über die Weltausftellung, der ja in dem Fortfchritte der Induftrie einen Haltpunkt bezeichnet, von dem dem man fich nach dem zurückgelegten Wege umfieht und hinausfpäht, welche neue Wege fich für die Zukunft eröffnen, auch diefer wichtigen Pflanzftätten menfchlichen Wiffens und des grofsen Mannes zu gedenken, der fie zuerft begründet hat. Hervorragende Forfcher haben wohl jederzeit einzelne Schüler gehabt, die durch fie nicht allein in die Wiffenfchaft, fondern auch in die Kunft zu arbeiten und neue Refultate zu gewinnen, eingeweiht wurden, aber erft Liebig hat das moderne chemifche Laboratorium gefchaffen, die Nothwendigkeit und eminente Nützlichkeit des praktiſch- chemifchen Unterrichts hervorgehoben und gezeigt, wie fich derfelbe einer gröfseren Anzahl ertheilen läfst. Er hat das Vorurtheil bekämpft, als ob praktiſche Tüchtigkeit nur durch Praxis oder vorbereitende Specialftudien praktiſcher Art erworben werden könne, und den feither vielfach belegten Nachweis geliefert, dafs vielmehr die Kenntnifs der Theorie und der Forfchungsmethoden, wie fie im Laboratorium erworben wird, die befte Vorbereitung für eine praktiſche Laufbahn abgibt. In der That ift leicht einzufehen und die Erfahrung beftätigt, dafs der theoretiſch gebildete Chemiker, der in eine Fabrik eintritt, fich fehr fchnell und leicht die fehlenden Detailkenntniffe und kleinen Handgriffe aneignen kann, während der in der Fabrik aufgewachfene Praktiker nur felten und nur mit grofser Anftrengung eine richtige Einficht in die chemifchen Vorgänge, die er täglich vor Augen hat, und ein klares Verſtändnifs für die Möglichkeit gewinnt, dasfelbe Ziel auch noch auf andere als die althergebrachte Weife zu erreichen. In Deutfchland, wo der Einflufs Liebig's und feiner Schule fich am unmittelbarften.geltend machte, entstanden bald zahlreiche Laboratorien, denen die heutige Blüthe der Wiffenfchaft wie der chemifchen Induftrie dafelbft vornehmlich zu Die chemifche Induftrie. 3 verdanken ift. Es kam die Zeit, da felbft Frankreich, wo einft Lavoifier die Fackel entzündet hatte, die das ganze Gebiet der Chemie fo hell erleuchtete, erkennen mufste, dafs es trotz einzelner ausgezeichneter Männer, die das Banner der Wiffenfchaft hoch hielten, doch der Gefahr ausgefetzt war, zurückzubleiben, wenn es nicht denfelben Weg betrat, den man in Deutfchland bereits gegangen war und den Liebig gewiefen hatte. Ueberall, in England wie in Italien, in Rufsland wie in Amerika, werden jetzt Laboratorien gegründet oder beftehende umgebaut und erweitert. Mit freudiger Befriedigung dürfen wir anerkennen, dafs OefterreichUngarn in diefer Beziehung nicht zurückgeblieben ist und dafs namentlich in den letzten Jahren durch den Bau fchöner und grofser Laboratorien in Wien und Peft, durch den Befchlufs, ähnliche neue Inftitute in Prag, Graz und Brünn zu errichten, die Regierung den Beweis geliefert hat, dafs fie die hohe Bedeutung der chemifchen Laboratorien für die Wiffenfchaft wie für die Induftrie, wie endlich als Stätten, in denen mit der Kunft der Beobachtung und des Experiments dem menfchlichen Geifte eines der wichtigften Bildungsmittel geboten wird, zu würdigen weifs. Sei daher dem Berichterstatter erlaubt, was der Jury nicht vergönnt war, das erfte Ehrendiplom auf das frifche Grab Liebig's niederzulegen. Wie auf der Londoner Weltausftellung von 1862 die eben erft aufgetauchte Induftrie der Anilinfarben das Intereffantefte war, das fich dem Befucher der chemifchen Abtheilung darbot, fo ift es auch diefsmal eine Entdeckung im Gebiete der Farbenchemie, die in erfter Linie die Aufmerkfamkeit des chemifchen Fachmannes zu feffeln verdient. Diefsmal handelt es fich allerdings nicht wie damals um ganz neue, durch nie früher gefehene Intenſität und Pracht überrafchende Farben, fondern vielmehr um einen der längst bekannten und mit am häufigften angewandten Farbftoffe, den uns bisher die Pflanzenwelt geliefert hat und den wir nun gelernt haben unabhängig von den Launen der Ernten künftlich darzustellen. Dergleichen künftliche Darftellungen find eine der wichtigften Aufgaben der Chemie, denn einerfeits erlangt die Wiffenfchaft, indem fie die Art und Weife ergründet, wie die Atome der Elemente fich zu dem Bau eines zufammengefetzten Moleküls zufammenfügen, eine nur fchwer auf anderem Weg zu gewinnende Einficht in das Walten der von Atom zu Atom thätigen Kräfte, anderfeits wird die Technik dadurch häufig um Körper bereichert, die wichtige Verwendung zulaffen und die fich in der Natur gar nicht finden oder vielleicht nur auf koftfpielige Art zu befchaffen waren. Im Jahre 1868 entdeckten Gräbe und Liebermann, dafs das Alizarin, der bekannte wichtigfte Farbftoff der Krappwurzel, in naher Beziehung zum Anthra cen, einem der zahlreichen im Steinkohlen- Theer enthaltenen Kohlenwafferftoffe, fteht, und aus diefem künftlich dargeftellt werden kann. Wie für die Anilinfarben bildet alfo auch für Erzeugung der Anthracenfarben der Steinkohlen- Theer den Ausgangspunkt, doch ift es von Intereffe, zu bemerken, dafs man das Anthracen und fomit auch das Alizarin durch vollſtändige Synthefe, das heifst aus den Elementen felbft darftellen kann. Wenn der Flammenbogen zwifchen zwei Kohlenfpitzen einer mächtigen, galvanifchen Kette innerhalb einer Wafferftoff- Atmoſphäre erzeugt wird, fo vereinigen fich unter diefen abfonderlichen Umftänden Kohlenftoff und Wafferftoff direct und liefern das gasförmige Acetylen, das, wenn es bis zur dunklen Rothgluth erhitzt wird, fich wenigftens theilweife in Benzol verwandelt. Aus dem Benzol kann man aber einerfeits Anilin und die Anilinfarben, anderfeits Toluol und daraus weiter Chlorbenzyl bereiten, welches beim Erhitzen mit Waffer auf 180 Grad Anthracen liefert. Uebrigens foll auch direct beim Erhitzen des Acetylens neben Benzol etwas Anthracenhydrür entstehen, das beim Glühen Anthracen gibt. Die Darftellung aus den Elementen hat heute für das Benzol, wie für das Anthracen nur ein theoretifches Intereffe, da der Steinkohlen* Kurz vor Eröffnung der Weltausftellung ftarb Juftus von Liebig am 18. April 1873. 4 Dr. Adolf Lieben. Theer uns mit beiden Stoffen auf viel wohlfeilere Art verforgt. Doch liefert die Synthefe einen neuen, wenn auch kaum mehr nöthigen Beweis dafür, dafs es zur Entstehung der Stoffe, die wir fonft der Pflanzenwelt entlehnten, keiner geheimnifsvoll wirkenden Lebenskraft bedarf. Im Zeitraume weniger Jahre, feit 1870, hat fich die künftliche Darstellung des Alizarins aus dem im Steinkohlen- Theer enthaltenen Anthracen zu einem wichtigen Induftriezweige entwickelt. Deutfchland zählt bereits zehn bis zwölf derartige Fabriken, England und Frankreich, der fchützenden Patente wegen, je eine. Die Gefammtproduction für 1873 beläuft fich auf 22.000 Centner zehnpercentige Alizarinpafte im Werthe von 12 Millionen Mark, wovon circa 15.000 Centner auf Deutſchland, 6000 auf England kommen. Schätzt man die Gefammtproduction aller Gasanftalten auf 5 Millionen Centner Theer und den Gehalt des Theers an Anthracen auf o 5 Percent, fo ergibt fich ein Totale von 25.000 Centnern Anthracen, über die man heute als Rohmaterial für Alizarinbereitung disponirt und die mehr als ausreichend find, um den ganzen gegenwärtigen Alizarinverbrauch( entfprechend 1 Million Centner Krapp im Werthe von 40 Millionen Mark) zu decken. Die Färber und Drucker ziehen begreiflicherweife das künftliche Alizarin feiner gröfseren Reinheit wegen dem Krapp und den verfchiedenen Krapp- Präparaten, in denen lediglich nur das Alizarin der wirkfame Beftandtheil ift, vor, und fo darf man erwarten, dafs fchon in den nächften Jahren der Krapp allmälig vom Markte verdrängt werden dürfte. Dafs es ein nationalöcono. mifcher Vortheil ift, wenn die Bodenfläche, die jetzt zur Krappcultur gebraucht wird, für andere Verwendungen disponibel wird, braucht kaum erft gefagt zu werden. In Oefterreich exiftirt bisher noch keine Alizarinfabrik, doch ift kein befonderer Grund einzufehen, warum Oefterreich in diefer Beziehung dem Auslande tributpflichtig bleiben follte. Selbft wenn eine öfterreichiſche Fabrik auf Bezug von englifchem Anthracen angewiefen wäre( was auch bei deutfchen Fabriken vielfach der Fall zu fein fcheint), dürfte die Darftellung des künftlichen Alizarins, deffen Abfatz im Inlande gefichert wäre, fich als gewinnbringend erweifen. Inwieweit der in Oefterreich producirte Steinkohlen- Theer fich zur Gewinnung von Anthracen eignet, follte aufserdem durch befondere Verfuche feftgeftellt werden. Der Befprechung des Anthracen- Farbftoffes fchliefst fich naturgemäfs die der Anilinfarben an. Diefe Induftrie, deren erfter Urfprung nur bis zum Jahre 1856 zurückreicht, und die auf der Londoner Ausftellung von 1862 zuerft die allgemeine Aufmerkfamkeit durch ihr glanzvolles Auftreten feffelte, hat in den letzten Jahren namentlich in Deutſchland bedeutend an Ausdehnung gewonnen, aufser dem aber auch erhebliche Fortfchritte aufzuweifen. Schon auf der letzten Weltausftellung 1867 zu Paris hatten Poirrier& Chappat fils Methylanilin ausgeftellt, das nach einem fehr zweckmäfsigen neuen Verfahren von Bardy, nämlich durch Erhitzen von Anilinchlorhydrat mit Methylalkohol in verfchloffenen Gefäfsen dargestellt worden war. Aus dem Methylanilin aber war es ihnen, geftützt auf Lauth's frühere Beobachtungen, gelungen, durch Einwirkung von Zinnchlorid( auch noch einige andere Stoffe find zu diefem Zwecke geeignet) eine prachtvolle, violette Farbe ,,, Violet de Paris", zu erhalten. Diefer damals ganz neue Farbftoff und das Methylanilin, aus dem er bereitet wird, haben feitdem eine grofse induftrielle Bedeutung erlangt, und werden gegenwärtig auch in Deutſchland, wo fie damals noch unbekannt waren, fabriksmäfsig dargestellt. Das Methylanilin- Violett hat gegenüber dem fogenannten Jodviolett( Hofmann's Violett), das durch Einwirkung von Jodmethyl auf Rofanilin( Fuchfin) erhalten wird, zwei Vorzüge voraus, welche es in den Stand fetzten, das letztere wenigftens theilweise zu verdrängen. Zur Darftellung des erften ift nämlich kein Jodmethyl * Diefe und die hier folgenden ftatiftifchen Angaben find dem amtlichen Katalog der Ausstellung des deutfchen Reiches entnommen. Die chemifche Induftrie. 5 erforderlich und darin liegt mit Rückficht auf den hohen Preis des Jods ein erheblicher ökonomifcher Vortheil; man bedarf ferner der Arfenfäure nicht dazu, die zur Bereitung des Fuchfins, alfo indirect zu der des Jodvioletts gebraucht wird, und darin liegt ein beachtenswerther, fanitärer Vortheil, auf den wir noch später zurückkommen. Der hohe Preis des Jods hat übrigens Anlafs zu Verfuchen gegeben, das koftfpielige Jodmethyl bei Bereitung des Jodvioletts ebenfo wie bei der des Jodgrüns durch andere Methylpräparate zu erfetzen und dabei hat das Methylnitrat die beften Refultate gegeben. Aehnlich wie das Jodviolett ift auch das Methylanilin- Violett der Ausgangspunkt zur Herftellung einer prachtvollen, grünen Farbe geworden, des fogenannten Methylgrüns, das fich dem Jodgrün an die Seite ftellt. Ein weiterer fehr erfreulicher Fortfchritt in der Induftrie der Anilinfarben. befteht in der nunmehr begründeten Hoffnung, die giftige Arfenfäure, deren man fich gegenwärtig noch faft allgemein zur fabriksmässigen Darftellung des Fuchfins bedient, durch das für die Gefundheit ungefährliche Nitrobenzol erfetzen zu können. Bisher find zur Bereitung des Fuchfins in grofsem Mafsftabe aus dem käuflichen Anilinöl, das ein Gemenge von Anilin, Toluidin und Pfeudotoluidin in wechſelndem Verhältniffe zu fein pflegt, lediglich nur Zinnchlorid( V erguin), Queckfilbernitrat( Gerber- Keller), Salpeterfäure( Depouilly und Lauth), endlich Arfenfäure( Medlock, Nicholfon, Girard und de Laire) zur Anwendung gekommen, und zwar hat das letztere Verfahren allmälig alle übrigen in den Hintergrund gedrängt. Es gibt aber aufser den genannten noch eine grofse Zahl anderer Subftanzen, die bei ihrer Einwirkung auf Anilinöl Fuchfin hervorbringen, z. B. Kohlentetrachlorid, Eifenfesquichlorid, Kupferchlorid, Queckfilberchlorid, Antimonpentachlorid, Zinnbromid, Quecksilberbromid, Zinnjodid, Zinnfulfat, Quecksilberfulfat, Eifenfesquinitrat, Bleinitrat, Silbernitrat, Nitrobenzol neben Eifen- und Salzfäure u. f. w. Das letzterwähnte Verfahren wurde von Coupier 1866 vorgefchlagen und fein Erfolg von Schützenberger günftig beurtheilt( ein ähnliches Verfahren, wobei aber kein Eifen zugefetzt wird, hat Holliday angegeben), doch fcheint es in Fabriken bisher keinen Eingang gefunden zu haben. Erft in neuefter Zeit ift es den Bemühungen der Fabrikanten Meifter, Lucius und Brüning gelungen, ein demfelben Princip wie das Coupier'fche beruhendes Verfahren in grofsem Mafsftabe durchzuführen und man darf daher jetzt erwarten, die Arfenfäure von ihrer gegenwärtig fehr bedeutenden Anwendung bald wieder ausgefchloffen zu fehen. Es ift diefs nicht allein für die Gefundheit der in Fuchfinfabriken befchäftigten Arbeiter, fondern auch für das grofse Publicum fehr wünſchenswerth, da ein von der Bereitung herrührender, kleiner Arfengehalt in dem käuflichen Fuchfin fehr häufig anzutreffen ift und bei den zahlreichen Verwendungen diefes prachtvollen Farbftoffes nicht felten üble Folgen herbeiführen kann. Die bedeutende Anilinfarben- Induftrie Englands war auf der Ausftellung gar nicht vertreten, dagegen haben fich Deutfchland, Frankreich und die Schweiz in ausgezeichneter Weife betheiligt. Deutfchland foll gegenwärtig ungefähr die Hälfte der Gefammtproduction hervorbringen und hat einen bedeutenden Export. Einzelne deutfche Fabriken erzeugen nicht weniger als 10 Centner Fuchfin täglich. Um diefe Ziffer zu würdigen, mufs man fich gegenwärtig halten, daſs, um einen Centner Fuchfin zu erzeugen, zwei Centner Rohanilin erforderlich find, zu deren Darftellung man etwa 90 Centner Theer braucht, welche ihrerfeits durch Deftillation von circa 3000 Centner Steinkohlen gewonnen werden. Die AnilinölProduction in Deutfchland hat nach Angabe des amtlichen Kataloges von 10.000 Centner im Jahre 1867 auf jetzt ungefähr 25.000 Centner zugenommen, doch müffen zur Deckung des deutfchen Farbenfabrications- Bedarfes noch aufserdem 10.000 Centner Anilinöl aus dem Auslande bezogen werden. In Oefterreich hat die Fabrication der Anilinfarben noch nicht Eingang gefunden. Als Grund wird angegeben, dafs der in Oefterreich gewonnene Theer verhältnifsmäfsig wenig Benzol enthalte, daher nicht fonderlich geeignet zur Erzeugung von Anilinöl fei. Diefes Argument 6 Dr. Adolf Lieben. dürfte jedoch kaum für alle Kohlenforten Oefterreichs richtig fein, und ift auch infofern nicht ganz zutreffend, als ja die Darftellung des Anilinöles aus Theer und die Bereitung der Farben aus Anilinöl zwei ganz getrennte Fabricationen find. Der Farbenfabrikant würde, falls er fich im Inlande nicht genug Anilinöl verfchaffen kann, dasfelbe aus dem Auslande beziehen, und übrigens kann man nicht zweifeln, dafs die fabriksmäfsige Verarbeitung des inländifchen Theers einen bedeutenden Auffchwung nehmen würde, fobald nach einzelnen Producten diefer Induftrie eine ftärkere Nachfrage eintreten würde.* Wenn wir in diefer allgemeinen Ueberficht über die Fortfchritte der chemifchen Induftrie feit 1867 die Theerfarben vorangeftellt haben, fo gefchah es, weil wir hier eine Entdeckung von hervorragender Bedeutung( die künftliche Darftellung des Alizarins ohne Krapp) zu verzeichnen hatten. Ehe wir uns nun der chemifchen Grofsinduftrie zuwenden, die durch Maffenhaftigkeit der Production und volkswirthschaftliche Bedeutung den wichtigften Theil der Gruppe III ausmacht, fei zur Ergänzung des hier über Neuigkeiten auf dem Gebiete der Farbftoffe Mitgetheilten noch des Ultramarinvioletts gedacht, das von der grofsen Zeltner'fchen Fabrik in Nürnberg ausgeftellt worden ift und das neben den bekannten zahlreichen, blauen und grünen Nuancen des Ultramarins eine bisher bei diefer Fabrication nicht erhaltene Farbe darftellt. Bereitung und Zufammenfetzung derfelben werden jedoch vorläufig geheimgehalten. Auf dem Gebiete der chemifchen Grofsinduftrie ist zwar nur eine hervorragende Neuigkeit zu verzeichnen, aber diefe kann eine fo aufserordentliche, die Grundlagen der chemifchen Induſtrie umgeftaltende Bedeutung erlangen, dafs fie fchon hier eine nähere Befprechung verdient. Es handelt fich um die Fabrication der Soda. Bekanntlich ift man für den Bedarf an diefem fo wichtigen Producte fchon feit dem Ende des vorigen Jahrhundertes nicht mehr auf die natürlich vorkommende oder aus der Afche der Strandpflanzen bereitete Soda angewiefen, fondern ftellt die Millionen von Centnern Soda, deren die heutige Induftrie bedarf, aus dem Kochfalz mit Anwendung des fcharffinnigen, von Le Blanc 1791 erfundenen und feitdem nur in den Details vervollkommneten Verfahrens dar**. Diefs Ver* Für die Ausftellung 1873 fiehe Bericht von Dr. Lippmann, Gruppe III, Section VI, Farbwaaren. Die Redaction. ** Die fundamentale Bedeutung, welche Le Blanc's Entdeckung für die chemifche Induſtrie gehabt hat und noch hat, läfst es gerechtfertigt erfcheinen, auch der Gefchichte diefer Entdeckung hier ein Blatt zu widmen. Es ift diefs befonders defshalb am Platze, weil diefs intereffante Stück chemifcher Gefchichte in den meiften Büchern nicht nur unvollständig, fondern auch unrichtig mitgetheilt ift. Im Jahre 1782 fetzte die Parifer Akademie der Wiffenfchaften einen Preis von 2400 Francs für die Entdeckung aus, Soda aus Kochfalz in folcher Weife darzuftellen, dafs fie nicht höher als die aus Afche von Strandpflanzen erzeugte zu ftehen komme. Diefer Preis wurde nicht errungen. Doch fchon wenige Jahre fpäter, 1789 machte N. Le Blanc, Chirurg des Haufes d'Orléans, dem Herzog von Orléans( Egalité), den Vorfchlag, eine Fabrik zu errichten, um nach einem von ihm erfonnenen und bis dahin nur im Kleinen verfuchten Verfahren, Soda aus Kochfalz darzuftellen. Am 12. Februar 1790 kam es, in London zwifchen dem Herzog von Orléans, Le Blanc, Dizé und Shée zur Unterzeichnung eines Vertrages für Gründung einer chemifchen Productenfabrik, worin der Herzog fich zur Vorftreckung der nöthigen Capitalien, die anderen Theilnehmer zur Errichtung und Leitung der Fabrik bereit erklärten, indem Le Blanc insbefondere fich zur Einführung feiner neuen Methode der Sodafabrication, Dizé zur Einrichtung eines Verfahrens der Bleiweifsbereitung verpflichteten. Dem entfprechend hinterlegte Le Blanc am 27. März 1790 ein verfiegeltes Schreiben, in dem die Grundfätze der noch jetzt üblichen Sodafabrication vollſtändig angegeben find; nur find die Verhältniffe, in denen fchwefelfaures Natron, kohlenfaurer Kalk und Kohle zufammengefchmolzen werden follen, nicht ganz die richtigen, und das Gemenge foll in Tiegeln( ftatt in Flammöfen) gefchmolzen werden. Offenbar zur Beruhigung für den Herzog von Orléans ift den Angaben Le Blanc's eine Beftätigung ihrer Richtigkeit von Profeffor d'Arcet beigefügt. Die Fabrik wurde in Maifon- de- Seine bei St. Denis errichtet. Le Blanc, der im Grofsen wie im Kleinen raftlos an der Vervollkommnung feiner Methode arbeitete, entdeckte bald die richtigen für die Sodafchmelze günftigften Verhältniffe, wie fie noch heute unverändert im Gebrauche ftehen, und erkannte den aufserordentlichen Vortheil, die Schmelzoperation im Flammofen ftatt wie früher in Tiegeln vorzunehmen. Damit war der wichtigen Entdeckung der Stempel der Vollendung aufgedrückt. Le Blanc legte die erwähnten Schlufsrefultate feiner Die chemifche Induftrie. 7 fahren beruht auf der durch Schwefelfäure bewirkten Ueberführung des Kochfalzes in fchwefelfaures Natron, wobei Salzfäure als Nebenproduct gewonnen wird und auf der Einwirkung, welche Kohle und kohlenfaurer Kalk bei hoher Temperatur auf das fchwefelfaure Natron äufsern, wodurch beim darauffolgenden Auslaugen der Schmelze kohlenfaures Natron nebft etwas Aetznatron an das Waffer abgegeben werden, während Schwefelcalcium, kohlenfaurer Kalk und Kalk( die fogenannten Sodarückstände) unlöslich zurückbleiben. Es ift alfo die Darftellung eines Zwifchenproductes, des fchwefelfauren Natrons, nothwendig, ehe man vom Kochfalz zur Soda gelangt; aufserdem ift der Verbrauch an Kohle fehr bedeutend. Für je einen Centner Soda, die producirt wird, werden circa 3% Centner Kohle confumirt. Ein weiterer Uebelftand diefes Verfahrens, dafs nämlich der in Form von Schwefelfäure eingeführte Schwefel, der fchliefslich in die bis vor Kurzem ganz werthlofen und nur läftigen Sodarückstände übergeht, vollftändig verloren wird, ift erft in den letzten Jahren durch die Methoden der Wiedergewinnung des Schwefels von Schaffner, Mond und P. W. Hofmann wenigftens annähernd befeitigt worden. Ueber diefe wichtige Verbefferung oder vielmehr Ergänzung des Le Blanc'fchen Verfahrens ift bereits gelegentlich der Weltausftellung vom Jahre 1867, auf der fie eine der hervorragendften chemifchen Neuigkeiten darftellte, eingehend berichtet worden. Diefsmal handelt es fich nicht um eine Verbefferung des Le Blanc'fchen Verfahrens, fondern um eine von der Le Blanc'fchen ganz verfchiedene neue Methode der Sodabereitung, welche vom Kochfalz ausgehend in viel directerer Weife zum Ziele führt. Sie iſt unter dem Namen des Ammoniakproceffes bekannt. Zwei Ausfteller, Solvay& Comp.( Couillet bei Charleroi in Belgien) und Honigmann( Aachen), haben Soda ausgeftellt, die nach dem neuen Verfahren dargestellt ift. Von diefen arbeitet der erftere fchon feit mehreren Jahren, und zwar in grofsem Mafsftabe, fo dafs man wohl annehmen darf, es müffe ihm gelungen fein, alle Schwierigkeiten der praktifchen Ausführung zu überwinden; er wurde daher auch von der Jury mit dem Ehrendiplome ausgezeichnet.* Forfchung in einem Patent( Brevet fecret), auf 15 Jahre, für Fabrication von Soda aus Kochfalz, nieder, das er im September 1791 verlangte und erhielt. Es war ihm jedoch nicht befchieden, die werthvollen Früchte feiner Anftrengungen zu geniefsen. Kaum hatte die inzwifchen vollftändig eingerichtete Fabrik zu arbeiten angefangen, als in Folge der grofsen Revolution alle Güter des Herzogs von Orléans mit Befchlag belegt wurden. Die Fabrik und alle Stücke ihrer Einrichtung kamen unter den Hammer. Zugleich verordnete der Wohlfahrtsausfchuss, welcher die damals durch Abfperrung aller Zufuhr von fpanifcher Soda, wie von ausländifcher Pottafche nach Frankreich entſtehende fchwierige Lage wohl erkannte, dafs alle Bürger, die Fabriken zur Darftellung von Soda aus Kochfalz eingerichtet oder Patente darauf genommen hatten, ihre Verfahrungsweifen, fowie Stand der Fabrication etc. bekannt geben follen. Unter 13 Methoden zur Darftellung von Soda aus Kochfalz, welche der zur Prüfung eingefetzten aus den Herren Lelièvre, Pelletier, d'Arcet und Giroud beftehenden Commiffion vorgelegt wurden, wurde die von Le Blanc herrührende für die befte erklärt. Trotz diefer Veröffentlichung, die fpäter, 1797, durch die Annales de Chimie", B. 19, eine noch gröfsere Verbreitung erhielt, bedurfte es doch einer längeren Zeit, ehe der neue Induftriezweig zu europäifcher Bedeutung gelangte, ja auch nur in Frankreich felbft heimifch wurde. دوو In England wurde Le Blanc's Methode zwar fchon am Anfang unferes Jahrhundertes von Lofh eingeführt, aber erft 1823, als die unvernünftig hohe Salzfteuer von 30 Pfund Sterling per Tonne aufgehoben wurde, geftaltete fie fich in James Muspratt's Händen zur Grundlage einer grofsartigen Induftrie, die feitdem wie bekannt koloffale Dimenfionen angenommen hat. Die erfte Sodafabrik in Oefterreich, welche Le Blanc's Verfahren anwandte, wurde 1851 von Miller& Hochftetter in Hrufchau( Mähren) gegründet. Der geniale Entdecker, der mit dem koftbaren Gefchenk, das er der Menfchheit machte, zur Förderung der Civilifation mehr beigetragen hat, als fo mancher gefeierte Staatsmann, mufste fich mit der Hoffnung auf künftigen Ruhm begnügen. Durch die oben erwähnten Ereigniffe materiell zu Grunde gerichtet, konnte Le Blanc trotz einiger Unterſtützung, die ihm fpäter zu Theil wurde, fich nicht mehr ganz aufrichten. In dürftigen Verhältniffen ftarb er 1806.( Die vorftehenden Daten über Le Blanc's Entdeckung find grofsentheils einem von der chemifchen Section der franzöfifchen Akademie der Wiffenfchaften am 31. März 1856 erftatteten Berichte entnommen. S. Compt. rend. XLII. 553.) * Für die Ausftellung 1873 fiehe Dr. A. Bauer's Bericht Gruppe III, Section 1, Chemifche Producte für technifche Zwecke. Die Redaction. 8 Dr. Adolf Lieben. Das angewandte Verfahren ift im Princip keineswegs neu. Schon 1838 nahmen Hemming und Dyar in England ein Patent auf Darftellung von Soda aus Kochfalz mittelft Ammonbicarbonat, doch erlangte die vorgefchlagene Methode keine induftrielle Bedeutung und gerieth bald in Vergeffenheit. Es ift wefentlich Schlöfing's Verdienft, fie wieder zur Geltung gebracht und im Vereine mit Rolland praktiſch durchgeführt zu haben. Nachdem er 1854 ein Patent für Frankreich und Grofsbritannien genommen, und fich zur Benützung desfelben eine Gefellſchaft in Paris gebildet hatte, errichtete er 1855 in Gemeinfchaft mit dem Ingenieur Rolland in Puteaux bei Paris eine Sodafabrik, die fich durch neue, eigens für den Zweck conftruirte Apparate und wohldurchdachtes Ineinandergreifen der Operationen auszeichnete. Die Fabrik producirte in den erften 14 Monaten ihres Beftehens 86.000, in den folgenden 10 Monaten 230.000 Kilogramm Soda von grofser Reinheit. Sie war jedoch lediglich nur als Verfuchsfabrik betrieben worden und weder ihre Einrichtungen noch ihre örtliche Lage für lohnende Production befonders geeignet; dazu kam noch die fchwer wiegende Thatfache, dafs alles confumirte Salz verfteuert werden musste, während bei dem angewandten Verfahren ein Drittel des Salzes verloren ging. Unter diefen Umftänden wurde die Fabrik wieder aufgegeben und die Gefellfchaft löfte fich auf. In einer werthvollen Abhandlung( Annales de Chimie et de Phyfique[ 4] B. 14, Seite 5 bis 63) legten Schlöfing und Rolland die Refultate ihrer angeftrengten Bemühungen und alle beim Betriebe im Grofsen gefammelten Erfahrungen nieder. War fonach der erfte Verfuch, den Ammoniakprocess für Sodafabrication in die Grofsinduftrie einzuführen, wenn auch vielleicht nur aus äufseren Gründen, nicht vollſtändig gelungen, fo kann heute an der Möglichkeit, denfelben praktifch anzuwenden, kein Zweifel mehr beftehen. Schon auf der Parifer Ausftellung 1867 hatte der oben genannte belgifche Fabrikant Solvay auf diefe Weife erzeugte Soda ausgeftellt, ohne dafs fich die allgemeine Aufmerkfamkeit damals diefer Sache, ihrer Wichtigkeit entſprechend, zugewendet hätte. Seitdem hat aber die Fabrik fich nicht nur erhalten, fondern, wie es fcheint, ihre Production noch beträchtlich erhöht. Das Ammoniakverfahren beruht darauf, dafs fich beim Einleiten von Kohlen fäure in eine mit Ammoniak gefättigte Kochfalz- Löfung fchwer lösliches Natriumbicarbonat niederfchlägt, während das zugleich entſtehende Chlorammonium neben unzerfetztem Kochfalz und etwas Ammonbicarbonat in Löfung bleibt. Durch Erhitzen des gefällten Natriumbicarbonats wird Soda gewonnen, während Kohlenfäure entweicht, die man zum Einleiten in neue Salzlöfung verwendet. Aus der chlorammoniumhaltigen Löfung wird zunächft Kohlenfäure und Ammoniak durch Erhitzen, dann das Ammoniak des Chlorammoniums mittelft Kalk ausgetrieben und zur Wiederholung des Proceffes eine frifche Kochfalzlöfung damit gefättigt. Wenn nun auch bei der praktiſchen Durchführung manche complicirende Details hinzutreten, fo ift doch nur eine Schwierigkeit von gröfserer Bedeutung abzufehen, welche fich den offenbaren aufserordentlichen Vortheilen diefes Verfahrens, die im Vergleich mit der Le Blanc'fchen Methode in der viel directeren Bildung und Gewinnung der Soda, dem relativ viel geringeren Anlagecapital und fehr viel geringeren Kohlenverbrauche liegen, gegenüberftellt. Diefe Schwierigkeit liegt in den nicht leicht zu vermeidenden Ammoniakverluften. Nach der oben gegebenen theoretifchen Darlegung follte freilich diefelbe Ammoniakmenge zur Darstellung unbegrenzter Mengen von kohlenfaurem Natron genügen, da eigentlich nur Chlornatrium, Kohlenfäure und Kalk( zur Regeneration des Ammoniaks aus Chlorammonium) nothwendig verbraucht werden. Indeffen läfst fich von vornherein kaum anders erwarten, als dafs man fich diefem Ideal in der Praxis nur nähern kann, ohne es doch vollſtändig zu erreichen. Da nun das Ammoniak und feine Salze werthvolle Producte find, die eine ausgedehnte Anwendung finden und deren Verbrauch noch immer zunimmt, fo würde ein erheblicher Ammoniakverluft die Rentabilität der neuen Sodafabrications- Methode wefentlich beeinträchtigen und deren allgemeinen Einführung um fo mehr hinderlich fein, als dadurch die Preife Die chemifche Induftrie. 9 der Ammonfalze noch immer höher fteigen müfsten. Schon die nächften Jahre dürften die endgiltige Entfcheidung darüber bringen, ob das Problem, an deffen Durchführbarkeit vom theoretifchen Standpunkte kein Zweifel befteht, auch als praktiſch und finanziell befriedigend gelöst zu betrachten ift, wie es gegenwärtig allen Anfchein hat, und in diefem Palle dürfen wir einer bedeutenden Umwäl zung in der chemifchen Induſtrie entgegenfehen. Die Salzfäure, die bisher in Maffen als Nebenproduct der Sodafabrication gewonnen wurde, würde dann im Preife fteigen, die übliche Darftellung des Chlors aus Salzfäure und Braunftein, bei der nur die Hälfte der angewandten Salzfäure als Chlor verwerthet wird, müfste aufgegeben und entweder durch die altbekannte Methode mit Kochfalz, Schwefelfäure und Braunftein, oder andere Methoden( Einwirkung von Chlormagneſium auf Braunftein u. f. w.) erfetzt werden. Jedenfalls ift die Tragweite der zwar mehr als 30 Jahre alten, aber doch erft in den letzten Jahren durch Solvay zu praktifcher Bedeutung gelangten Entdeckung, Soda aus Kochfalz durch Ammonbicarbonat darzuftellen, eine aufserordentlich grofse. Die mächtige Bedeutung der Sodainduftrie ergibt fich von felbft bei Betrachtung folgender, der Wagner'fchen Technologie( 1873) entnommenen Zahlen, welche zugleich zeigen, wie viel für Oefterreich in diefem Induftriezweige noch zu thun bleibt: Sodaproduction von Grossbritannien( 1872) 29 Frankreich. 22 29 " Deutſchland Oefterreich " " " 99 7,350.000 Centner. 2,300.000 2,100.000 385.000 " 9 وو 99 In naher Beziehung zur Sodafabrication, wie fie nach Le Blanc's Verfahren heute noch faft allgemein im Betrieb ift, fteht die Erzeugung des Chlorkalkes, der zum Desinficiren, befonders aber zum Bleichen eine bekanntlich fehr ausgedehnte Anwendung findet. Aus der Salzfäure, die man dort als Nebenproduct in grofsen Maffen gewinnt, wird durch Einwirkung von Braunftein Chlor entwickelt, das vom Kalk aufgenommen wird und ihn in Chlorkalk, verwandelt. Seit der Weltausftellung von 1867 und auch feit lange vorher hat rückfichtlich der Bereitung des Chlorkalks wie des Chlors keine erhebliche Veränderung in der Induftrie Platz gegriffen. Doch verdient der 1870 gemachte Vorfchlag Deacon's hier Erwähnung, das Chlor ohne Hilfe von Braunftein durch die oxydirende Wirkung der Luft auf gasförmige Chlorwafferftofffäure zu erzeugen. Man läfst nämlich ein Gemenge von Chlorwafferftoffgas und Luft bei 370 bis 400 Grad über Ziegelftückchen oder poröfe Thonkugeln ftreichen, die mit Kupfervitriol getränkt und dann fcharf getrocknet worden find; Chlor wird frei, das von beigemengter unveränderter Chlorwafferftofffäure durch Wafchen mit Waffer gereinigt wird. Das Deacon'fche Verfahren hat bereits Eingang in die Praxis gefunden, dürfte aber wohl noch eine weitere Ausbildung nöthig haben, ehe es die alte Bereitungsweife des Chlors verdrängen kann. Indem wir einzelne Entdeckungen von minder allgemeinem Intereffe übergehen, um nicht den weiter folgenden Specialberichten über die einzelnen Sectionen der chemifchen Gruppe vorzugreifen, fei hier nur mit wenig Worten des Ozokerites( Erdwachs, Haupt- Fundort Galizien) gedacht, als eines für Oefterreich nicht unwichtigen Rohproductes, deffen Verarbeitung und Anwendung fchon in dem Berichte über die Ausftellung von 1867 befprochen worden ift, feitdem aber an Bedeutung wefentlich zugenommen hat, ferner des von der Sarg'fchen * * Um Irrthümern vorzubeugen, mag bei diefer Gelegenheit erwähnt fein, dafs die von dem englifchen Fabrikanten Field ausgeftellten fogenannten Ozokeritkerzen nach der gedruckten eigenen Anzeige des Fabrikanten nicht eigentlich aus Ozokerit, fondern aus dem feften Theile des durch Deftillation aus Ozokerit erhaltenen Productes das ift aber nichts Anderes als Paraffin gefertigt find. Da der Name Paraffin nicht eine bestimmte Subftanz, fondern ein variables Gemenge von feften Kohlenwafferftoffen der allgemeinen Formel CnH2n+ 2 bezeichnet, fo mag immerhin das aus Ozokerit gewonnene Paraffin einen höheren Schmelzpunkt haben, als das gewöhnliche. Im Uebrigen ift diefe Anwendung des Ozokerits nicht neu. 10 Dr. Adolf Lieben. Kerzenfabrik( Liefing bei Wien) ausgeftellten feft en Glycerins, das man bis vor Kurzem nur als Flüffigkeit kannte und das wahrscheinlich nie früher in gleicher Reinheit erhalten worden ift. Anfang 1867 wurde zum erften Male die zufällige Beobachtung gemacht( Crookes, Gladftone, Sarg), dafs Glycerin bei ftarker Kälte kryftallifiren könne; Werner gab fpäter an, es fei ihm gelungen, durch Einleiten von etwas Chlor in Glycerin und nachheriges längeres Ausfetzen an die Kälte das Glycerin zum Kryftallifiren zu bringen, endlich 1871 nahm Kraut ein Patent auf Reinigung des Glycerins durch Kryftallifation. Es mag wohl nur an einem Gehalt des Glycerins an Waffer, vielleicht auch noch an anderen Verunreinigungen gelegen haben, wenn an diefem fo lang bekannten Körper die Eigen fchaft, ftarre Aggregatform annehmen zu können, unbekannt geblieben war. Künftig wird beim Glycerin, ähnlich wie beim Phenol( Carbolfäure) oder beim Eiseffig die ftarre Aggregatform bei Temperaturen unter circa 15 Grad als Beweis befonderer Reinheit betrachtet werden dürfen. Auch das Dynamit darf als eine 1867 von A. Nobel gemachte Erfindung hier erwähnt werden. Dynamit iſt nichts Anderes als in poröfer Kiefelerde ( Kiefelguhr) aufgefaugtes Glycerin- Trinitrat( Nitroglycerin, Sprengöl) und verdankt feine explodirenden Eigenfchaften ausfchliefslich dem letzteren Körper, von dem es 75 Percent zu enthalten pflegt; es hat aber vor ihm aufser der bequemeren feften Form, auch noch den viel wefentlicheren Vortheil voraus, dafs fein Transport und feine Handhabung überhaupt weit gefahrlofer find.* Es ift erfreulich neben dem Körper, der oft für Werke furchtbarer Zerftörung angewandt wird, von einem anderen Körper fprechen zu können, der Schmerzen lindert und den Leidenden das koftbare Gefchenk des Schlafes bringt. Es ift diefs das in den letzten Jahren viel genannte Chloralhydrat, eine weifse, kryftallinifche, in Waffer fehr leicht lösliche Subftanz von durchdringendem, aber nicht widerwärtigem Geruche, die in der chemifchen Abtheilung des deutfchen Reiches in mehreren Vitrinen zu fehen war. Das Chloral, wie das Chloralhydrat wurden von Liebig 1832 entdeckt und feine Zufammenfetzung durch Dumas mit Genauigkeit feftgeftellt, doch ift die Theorie feiner Entftehung felbft heute noch nicht in allen Punkten aufgeklärt. Durch erfchöpfende, zuletzt durch Erwärmen unterftützte Einwirkung von Chlor auf abfoluten Alkohol bildet fich eine von felbft erftarrende weifse Subftanz( nach neueren Unterfuchungen Chloralalkoholat), die beim Erwärmen mit Schwefelfäure Chloral liefert. Das Chloral ift flüffig, befitzt aber die Eigenfchaft, fich mit einer gewiffen Menge Waffer( 1 Molecül Waffer auf ein Molecül Chloral) zu feftem kryftallinifchem Chloralhydrat zu verbinden. Im Jahre 1869 zeigte O. Liebreich, dafs diefer den Chemikern längst bekannte, aber bis dahin nur gelegentlich zum Behufe theoretifch- chemifcher Unterfuchungen in den Laboratorien dargestellte Körper eine für die Heilkunde trefflich zu verwerthende, Chloroform ähnliche Wirkung auf den Organismus ausübt. Selbft kleine Mengen davon erzeugen beim innerlichen Gebrauch Schlaf und durch Variation der Dofen hat man es in der Hand, entweder nur Hypnofe, oder Hypnofe mit Anästhefie hervorzurufen. Liebreich erklärte die Wirkung des Chloralhydrates, indem er unter Hinweis auf die bekannte Eigenfchaft desfelben, in Berührung mit Alkalien Chloroform zu geben, annahm, dafs beim innerlichen Gebrauch diefelbe Spaltung allmälig unter dem Einfluffe des alkalifchen Blutes erfolge, fo dafs fucceffive kleine Mengen Chloroform im Blute gebildet werden. Daraus ergibt fich auch, dafs die Wirkung durch eine verhältnifsmäfsig lange Zeit vorhält. Die Action des Chloralhydrates wäre fo auf die des Chloroforms, das dabei in einer von der gewöhnlichen verfchiedenen Weife zur Wirkung kommt, zurückgeführt. Diefe Anficht, wenn auch nicht ftreng bewiefen, ift jedenfalls * Für die Ausftellung 1873 fiehe Dr. W. F. Gintl Bericht über Gruppe III, Section 5 Zündwaaren und Explofivftoffe. Die Redaction. Die chemifche Induftrie. 11 wahrfcheinlich; doch ift es nicht unmöglich, dafs dem Chloralhydrat als folchem auch eine directe Wirkung eigen ift und dafs ferner die Ameifenfäure, die bei der Zerlegung des Chloralhydrates neben Chloroform zugleich enfteht, für die Wirkung nicht ganz bedeutungslos ift. Da die Zahl der Schlafmittel, über welche die Medicin verfügt, befchränkt ift und felbft das trefflichfte und am häufigften angewandte unter ihnen, das Morphin, nicht von jedem Leidenden gut vertragen wird, auch bei fortgefetztem Gebrauche feine Wirkfamkeit theilweife einbüfst, fo ift Liebreich's Entdeckung gewifs eine der koftbarften Bereicherungen des Arzneifchatzes und darf um fo freudiger begrüfst werden, als der hiebei eingefchlagene Weg, die in der Natur nicht vorkommenden, künftlich dargestellten Körper für die Medicin zu verwerthen, zu den fchönften Refultaten zu führen verfpricht. Bei Verfolgung diefer Richtung hat man von vornherein den Vortheil, nur reine, wohl definirte Subftanzen in ihrer Wirkungsweife zu unterfuchen, während bei Anwendung der Körper, die Pflanzen- und Thierreich uns darbieten, derfelbe Vortheil meift nur durch mühevolle Trennungen der in der Natur gemengt vorkommenden Stoffe zu erreichen ift. In Folge deffen hat man, namentlich bei dem früher weniger vorgefchrittenen Zuftande der Chemie, fich gar oft damit begnügt, die Gemenge felbft zur Anwendung zu bringen, und diefer Umftand hat, theils weil die Zufammenfetzung folcher natürlicher Gemenge nicht immer diefelbe ift, theils weil die Wirkung des einen Beftandtheiles durch die der anderen beeinflusst wird, eine klare Erkenntnifs wefentlich erfchwert. Das Chloralhydrat hat in den wenigen Jahren, feitdem feine Wirkung auf den Organismus bekannt geworden ift, eine fo ausgedehnte Anwendung in der Medicin erlangt, dafs es gegenwärtig centnerweife von Fabriken( Berlin) erzeugt wird und namentlich nach England und Amerika ftarken Abfatz zu finden fcheint. Als eine für Medicin und Pharmacie wichtige Thatfache, die auf der Weltausftellung zum Ausdruck gelangte, verdient hier noch erwähnt zu werden, dafs die Cultur der Chinabäume auf Java, welche nicht ohne bedeutende Koften und mit rühmenswerther Beharrlichkeit von den Holländern eingeführt wurde, in neuefter Zeit fehr befriedigende Refultate ergeben hat, fo dafs die Ernten an Chinarinden fchon in den letzten Jahren beträchtlich waren, und in naher Zukunft noch reichlicher ausfallen dürften. Der Alkaloidgehalt übertrifft fogar den der aus den Mutterländern ftammenden Chinarinden. Die Beforgnifs, dafs die vorhandenen Chinapflanzungen dem immer fteigenden Bedarfe an den für die Heilkunde unfchätzbaren Alcaloiden, die fie uns liefern, bald nicht mehr genügen könnten, wird durch das von den Holländern auf Java erzielte glänzende Refultat, fowie durch ähnliche, welche die Engländer in Oftindien erreichten, vollſtändig behoben.* Faffen wir zum Schluffe diefer gedrängten Ueberficht über die wefentlichften Fortfchritte, welche die chemifche Induftrie feit der Parifer Ausftellung gemacht hat, die Betheiligung Oefterreichs an der chemifchen Induftrie der Welt ins Auge, fo gibt die Wiener Weltausftellung uns zunächft die beruhigende Verſicherung, dafs im Allgemeinen die öfterreichifchen Producte in ihrer Qualität den ausländifchen in nichts nachftehen. Dagegen aber kann nicht verkannt werden, dafs die öfterreichische Production quantitativ fehr weit hinter derjenigen Deutfchlands, Frankreichs oder Englands zurückbleibt. So lobenswerth daher auch die Leiftungen von Fabriken wie etwa die Auffiger, die Hrufchauer, die Seybel'fche, Sarg'fche, Starck'fche, Wagenmann'fche u. a. m. ohne Zweifel find, fo bleibt doch für Ausdehnung unferer Production ein gar weiter Spielraum übrig. Manche Induftriezweige wie z. B. die der Theerfarben find in Oefterreich noch gar nicht eingeführt; wichtige Producte wie Soda, Chlorkalk, Ultramarin, Ammoniakfalze, Kalium. * Für die Ausstellung 1873 fiehe Hofrath Dr. Schroff, Bericht Gruppe III, Section 2 und 8, pharmaceutifche Präparate. Die Redaction. 12 Dr. Adolf Lieben. chromat, Salpeter, Chlorkalium, Paraffin, u. f. w. find zwar qualitativ gut, aber für ein fo grofses Land nur fehr fchwach vertreten. Am befriedigendften ift wohl der Stand unferer Fett-( befonders Stearinkerzen) und unferer ZündhölzchenInduſtrie. Die letztere hat fich bekanntlich in Oefterreich früher als in anderen Ländern entwickelt. Maffe der Production, Güte und Billigkeit der Waare haben ihre allgemeine Beliebtheit und eine weite Verbreitung in aller Herren Länder erworben. Es wäre jedoch gefährlich, fich darüber zu täufchen, dafs die Fabrication anderwärts allmälig grofse Fortfchritte gemacht hat und die Concurrenz in den letzten Jahren eine immer härtere wird. Nur wenn die öfterreichifchen Fabrikanten der Qualität ihres Productes die gröfste Sorgfalt zuwenden, werden fie im Stande fein, den durch ihr eigenes und ihrer Vorgänger Verdienft bereits erworbenen Vorfprung den ausländifchen Producenten gegenüber auch weiterhin zu behaupten. Was die Entwicklung der chemifchen Induftrie in Oefterreich wefentlich erfchwert hat, das find nicht fo fehr befondere in der Natur der Sache liegende Schwierigkeiten, als vielmehr Hemmniffe allgemeiner Art, mit denen auch andere Induftriezweige bei uns zu Lande zu kämpfen haben. Die im Vergleich zu den weftlichen Staaten jüngere Cultur hat die Nachfrage nach gewiffen Artikeln erft allmälig entſtehen und zunehmen laffen, fowie fie anderfeits auch die Haupturfache ift, dafs uns nicht jener Reichthum an erfpartem Capital zur Verfügung steht, welcher namentlich in England und Frankreich die Begründung induftrieller Unternehmungen fo wefentlich erleichtert, und ihre anfangs oft nur langfame und mühfelige Entwicklung unterſtützt. Zu der Schwierigkeit, Capitalien zu finden und zum hohen Zinsfufse gefellt fich aber noch ein weiterer Uebelftand, der namentlich für die chemifche Grofsinduftrie, die beträchtliche Maffen von Rohftoffen verarbeitet, fchwer ins Gewicht fällt, nämlich die theueren Frachten, die in der relativen Unvollständigkeit des Eifenbahnnetzes, den hohen Tarifen der Bahnen und zum nicht geringen Theil in dem Mangel an Canälen ihren Grund haben, welche letzteren für den Waarentransport Englands und Frankreichs fowie auch Deutfchlands von grofser Bedeutung find. Wenn man diefe Hinderniffe erwägt, zu denen noch manche andere hinzukommen, welche hier in erfchöpfender Weife zu erörtern zu weit führen würde, fo wird man zugeben müffen, dafs die Leiftungen der chemifchen Induftrie in Oefterreich gerechte Anerkennung verdienen und dafs namentlich das letzte Jahrzehnt auf faft allen Gebieten derfelben bedeutende Fortfchritte gebracht hat. Man wird aber auch bei Vergleichung der heimifchen Leiftungen mit denen anderer Länder, wozu eben die Weltausstellung die vortrefflichfte Gelegenheit bietet, ohne Befchämung anerkennen, dafs uns auf diefem Felde noch viel zu thun übrig bleibt. Wenn wir mit diefem Gedanken die Weltausftellung verlaffen und uns der ernften Arbeit zuwenden, wenn wir die Fortfchritte der letzten Jahre als Bürgfchaft für eine fchöne Zukunft betrachten, fo dürfen wir mit Zuverficht einem erfreulichen Erfolge entgegenfehen, den eine nächfte Ausstellung krönen wird. Die folgenden Tabellen, die von der Erzeugung wie dem Confum chemifcher Producte und Hilfsftoffe ein möglichft treues Bild geben, dürften dem Lefer eine um fo willkommenere Beigabe fein, als über die chemifche Production Oefterreichs bisher noch wenig in die Oeffentlichkeit gedrungen ift. Ich verdanke diefs werthvolle und nicht leicht zu befchaffende Material an ftatiftifchen Daten der Güte des Herrn Hofrath Profeffor Brachelli und des technifchen Chemikers Herrn Zdenko Skraup, denen ich hiemit meinen verbindlichen Dank für ihre freundlichen Bemühungen ausfpreche. Die Angaben über Production, die in der erften Tabelle enthalten find, beziehen fich auf das Jahr 1870, da fpätere Angaben nicht in gleicher Vollständigkeit zu erlangen waren. Die Ziffern, die fich auf Production von Salz und Kohle beziehen, find den Angaben der Berghauptmann Die chemifche Induftrie. 13 fchaften entnommen, und ebenfo wie diejenigen, welche Ein- und Ausfuhr darftellen, als vollkommen verläfslich zu betrachten.* Auf den gleichen Grad von Verlässlichkeit können aus leicht begreiflichen Gründen die in Tabelle I enthaltenen Angaben über Erzeugung von chemifchen Producten nicht Anspruch machen. Zudem wird man in den meiften Fällen annehmen dürfen, dafs die heutige Production gröfser ift, als die dort angegebene. Uebrigens kann es nur erwünſcht fein, wenn die vorliegende Veröffentlichung zu Berichtigungen Anlafs gibt, welche eine genauere Zufammenftellung für die Zukunft ermöglichen. Der Werth der gefammten Einfuhr an chemifchen Producten, Hilfsftoffen, Farb- und Zündwaaren, fowie Arznei-, Parfümerie- und Gerbftoffen wird für 1872 auf 43,489.346 fl., der Werth der Ausfuhr auf 13,080.250 fl. öfterreichifcher Währung angegeben. * Bezüglich der Zahlen, welche Ein- und Ausfuhr für 1872 darftellen, hat Herr Skraup mich darauf aufmerkfam gemacht, dafs diefelben dem erften nicht rectificirten Ausweife entnommen find, deffen endgiltige Correctur erft im Laufe einiger Monate erfcheinen wird. 14 Dr. Adolf Lieben. Darftellung der Production der wichtigften chemifchen Producte und Hilfsftoffe Oefterreichs( Cisleithaniens), fowie ihres Handelsverkehres im allgemeinen öfterreichiſch- ungarifchen Zollgebiete im Jahre 1870. Namen Production Cisleithaniens Einfuhr Ausfuhr des öfterreichifch- ungarifchen Zollgebietes Schwefel Centner 29.778 Centner I 49.1 80 Centner 4.708 Englifche Schwefelfäure, berechnet. 435.500 auf 660 B... 13.385 2 1.9 13 Nordhaufer Schwefelfäure 31.383 Schwefelfaures Natron 327.509 11.696 2.358 Salzfäure 440.025 2.868 10.673 Soda( calcinirte) 17 0.833 Soda( kryftallifirte) 245.472 68.433 4.46.8 Doppelt kohlenfaures Natron 6.688 516 52 Aetznatron 23.790 465 22 Aetzlauge 3.000 Salpeterfäure 43.1 25 67 Chlorkalk 61.205 18.735 2.2 24 66 Pottafche 66.065 18.704 I 5.1 34 Chlorkalium und andere Kalifalze 60.000 23.298 Raffinirter Kalifalpeter 36.200 5.642 6 258 Alaun 33.500 6.870 Eifenvitriol 165.000 19.965 2.58 0 22.5 1 5 Kupfervitriol 4.672 I 0.6 20 969 Chromfaures Kali 3.898 3.619 72 Ultramarin 8.300 Bleiweifs 32.400 ( Angabe fehlt)( Angabe fehlt) 1.707 7.66 2 Zinkweifs 24.43 5 863 3.703 Blutlaugenfalz Berlinerblau Ammoniakfalze 4.000 82 3.049 1.080 ( Angabe fehlt)( Angabe fehlt) 7.500 Salmiakgeift I.200 2.555 503 455 54 Weinfteinfäure 4.000 I 4 I 3.727 Weinftein( raffinirt) und Seignettefalz 9.000 3.150 5.464 Bleizucker 7.800 596 5 Stearin und Stearinkerzen 85.321 Glycerin 5.700 Seife 413.799 Paraffin und Paraffinkerzen 104.666 Petroleum. 300.972 Superphosphate und Kunftdünger Queckfilber- Präparate 83.696 I 50 812 1.712 ( Angabe fehlt)( Angabe fehlt) 9.778 I 3.450 649.67 1 1 8.2 07 ( Angabe fehlt)( Angabe fehlt) I 2.0 42 5.8 10 1.8.94 " 99 وو Höllenftein Steinfalz Sudfalz. Seefalz Induftrialfalz Steinkohlen Braunkohlen 1,488.792 2.5 15.403 682.422 212.389 67,11 8.268 61,753-349 225.562 20 1.5 66 I.O 50.1 55 18,542.396 18,50 3.96 3 * Faft gänzlich aus Stafsfurt von der Auffiger Fabrik bezogen. Ein und Ausfuhr der wichtigſten chemifchen Hilfsftoffe und Producte des allgemeinen öfterreichifch- ungarifchen Zollgebietes für die Jahre 1870, 1871, 1872, ausgedrückt in Zollcentnern. Die chemifche Iuduftrie. 1870 1871 1872 Na me n Einfuhr Ausfuhr Einfuhr Ausfuhr Einfuhr Ausfuhr Schwefel Schwefelfäure. Schwefelfaures Natrium Salzfäure 149.180 4.708 177.735 13.385 21.913 29.053 3.911 30.162 183.509 8.330 23.213 28.884 11.696 2.358 9.534 1.293 8.952 2.324 2.868 10.673 8.634 9.463 8.348 12.949 Soda( calcinirte und kryftallifirte) Doppelt kohlenfaures Natrium Aetznatron Salpeterfäure Chlorkalk. 245.472 4.468 311.403 4.356 289-379 3.824 516 52 396 92 412 39 465 2 67 2.224. 18.735. 66 Pottafche und Holzafche 18.704 15.134 896 1.236 31.364 24.056 3 5.483 4 3.140 5.632 4.258 353 25.094 44.621 22.536 696 Chlorkalium 23.298 6 30.924 245 64.623 27.052 1.001 Chilifalpeter. 53.290 2 87.564 3 105.364 7 Salpeter roh( Kalifalpeter) 14.961 18 33-348 387 16.604 Raffinirter Salpeter 5.642 258 14.065 1.890 19.273 97 107 Alaun.. 6.870 2.580 10.721 2.504 12.806 2.045 Eifenvitriol 19.965 22.515 23.188 12.587 49.540 15.367 Kupfer-, Zink- und gemifchte Vitriole 10.620 969 16.945 726 14.532 381 Chromfaures Kalium 3.619 72 4.934 317 6.547 116 Bleiweifs 1.707 7.662 1.686 7.233 3.194 5.948 Zinkweifs 863 3.703 815 4.538 1.005 4.522 Blutlaugenfalz Ammoniakfalze Salmiakgeift. 82 3.049 80 3.119 120 4.844 2.555 455 2.839 495 2.550 241 503 54 959 61 503 124 Weinfteinfäure Weinftein( roh und raffinirt) Bleizucker 141 3.727 155 5.106 Stearinkerzen Stearin. Seife Paraffin. Petroleum. Stärkegummi( Dextrin, Leogomme) Kraftmehl- Producte( Gummifurrogate aller Art) Leim aller Art Gemifchte Zündwaaren( Zündhölzchen, Wachszünder etc.) Alle Arten von Kochfalz Stein- und Braunkohle 3.150 596 I.143 569 5.464 5.704 6.889 5 428 57 180 9.760 499 4.226 6.102 34 295 3.298 687 6.488 1.556 II.747 577 9-778 5.810 IO.511 13.257 4.608 715 8.789 13.450 1.894 12.688 649.671 18.207 822.105 2.290 23.969 13.704 10.335 7.671 4.559 843.407 19.101 hier unter Kraftmehl• 1.381 Producten inbegriffen 1.499 ( wie 1870) 1.071 ( wie 1870) 7.289 27.404 5.204 37.156 19.276 4.694 2.492 7.794 2.176 10.006 5.285 427.128 1,050.155 18,542.396 18,503.963 93.369 27,279.486 6.807 87.370 399.607 1,117.797 20,930.030 6.438 413.415 31,781.058 23,429.519 20.898 3.084 84.872 1,489.591 2 15 16 Dr. Adolf Lieben. Kohlen- und Salzproduction Oefterreichs( Cisleithanien) in den Jahren 1869, 1870 und 1871. Steinkohle Namen Braunkohle Gefammtmenge der Kohle Steinfalz . Sudfalz Seefalz Induftrialfalz Gefammtmenge des Salzes 1869 1870 1871 Wiener Centner 62,064.188 67,118.268 77,729.639 55.939.050 61,753.349 75.339.239 118,003.238 128,871.617 153,068.878 1,509.192 1,488.792 1,509.944 2,375.235 2,515.403 2,576.346 670.840 682.422 777.711 178.670 212.389 218.304 4,733.940 4,899.006 5,082.305