OFFICIELLER AUSSTELLUNGS- BERICHT HERAUSGEGEBEN DURCH DIE GENERAL- DIRECTION DER WELTAUSSTELLUNG 1 8 7 3 UNTER REDACTION VON DR. CARL TH. RICHTER K. K. O. Ö. PROFESSOR IN PRAG. DIE CHEMISCHE GROSSINDUSTRIE. ( Gruppe III, Section 1.) BERICHT von DR. A. BAUER, Profeffor am Polytechnicum in Wien etc. WIEN. DRUCK UND VERLAG DER K. K. HOF- UND STAATSDRUCKEREI. 1874. DIE CHEMISCHE GROSSINDUSTRIE. ( Gruppe III, Section 1.) Bericht von DR. A. BAUER, Profeffor am Polytechnicum in Wien etc. Allgemeiner Theil. Den eigentlichen Gegenftand der 1. Section der 3. Gruppe bildete die chemifche Grofsinduftrie. Diefe ift die Bafis der meiften chemifchen Fabricationszweige, fowie anderer wichtiger Induftrien, wie der Glas- und Seifenerzeugung, woraus hervorgeht, dafs alle Fortfchritte und Veränderungen im Zweige der chemifchen Grofsinduftrie fich in den weiteften Kreifen fühlbar machen. Die Fortfchritte, welche auf der Wiener Weltausftellung in diefer Richtung beobachtet wurden, betrafen vornehmlich die Erweiterung des Kreifes der Rohmaterialien, und zwar namentlich der Quellen für den Schwefel, ferner die vollkommenere Verwerthung diefer Materialien fowohl wie der Abfälle der Fabricationsmethoden und man hat fomit, Dank den Fortfchritten der Wiffenfchaft, welche die Praxis wohl zu benützen verftand, beffer und billiger zu produciren gelernt. Allerdings hat fich, wie die Ausstellung zeigte, auch ein früher fchon ver fuchtes Verfahren der Sodafabrication( der Ammoniakprocefs) Bahn gebrochen und verfpricht eine totale Umwälzung der chemifchen Induftrie herbeizuführen, aber erft die nächften Jahre können definitiv darthun, welchen Einfluss diefes Verfahren auf die ökonomifchen Verhältniffe wirklich üben wird. In den folgenden Blättern wollen wir die feit der letzten Parifer Ausftellung ( 1867) beobachteten Fortfchritte der Hauptzweige der chemifchen Grofsinduftrie, nämlich der Schwefelfäure und Sodabereitung zuerft im Allgemeinen fchildern und hierauf die bei der Wiener Ausftellung zu Tage getretenen Leiftungen der einzelnen Ausfteiler befprechen. Die Quellen für Schwefel. Die Anwendung des reinen Schwefels zur Schwefelfäure- Fabrication wurde durch die Abröftung verfchiedener Schwe felungen ganz in den Hintergrund gedrängt, und befchränkt fich dermalen faft ausfchliefslich auf die Bereitung von reiner, arfenfreier Schwefelfäure. Sicilien ift 1* 2 der neuen Dr. A. Bauer. noch immer die Haupt- Bezugsquelle für reinen Schwefel und die Eröffnung das Land durchfchneidenden Eifenbahn kann der Induftrie der Schwefelgewinnung nur in hohem Grade förderlich fein. Allein im Laufe der letzten Jahre wurde die Aufmerkfamkeit der europäifchen Fabrikanten auch auf andere Quellen für natürlichen Schwefel gelenkt, und zwar namentlich auf die durch Eröffnung des Suezcanales fo nahe gerückten Küften des rothen Meeres, wo fich, nach den Berichten des Generalconfuls F. Gärtner* die bemerkenswerthen Schwefelminen der„ Compagnie foufrière" an zwei Punkten, in Djemfah und Ranga, befinden. Djemfah allein vermag monatlich an 6000 Centner Schwefel zy liefern. Bei der Gewinnung des Schwefels in Italien wurden in den letzten Jahren mehrere Fortfchritte eingeführt und ein Theil des Rohfchwefels im Lande felbft raffinirt, wie die italienifche Abtheilung der Ausftellung und namentlich die Expofition der Società bolognefe zeigte. Ein Theil des Materiales wird auch in Italien felbft der chemifchen Induftrie zugeführt, fo z. B. zur Fabrication von Schwefel- Kohlenftoff verwendet. Diefer Fabricationszweig wurde in Italien von dem Haufe F. Coen & Comp. in Pifa eingeführt und es werden nunmehr jährlich 4000 Centner SchwefelKohlenftoff von diefer Firma dargestellt und an Ort und Stelle zur Gewinnung von circa 12.000 Centner Olivenöl durch Extraction, verwendet. Eine andere derartige Fabrik von faft gleicher Bedeutung ift die von L. Sarlin Sohn& Comp. in Bari. Uebrigens hat man auch die Gewinnung des Schwefels felbft durch Extraction verfucht und namentlich in Bagnoli bei Neapel** vor einigen Jahren den Schwefel- Kohlenftoff zur Extraction der ftaubförmigen Erze in Anwendung gebracht. Sollte diefes Verfahren fpäter noch eine gröfsere Bedeutung gewinnen, fo kommen jedenfalls auch die Steinkohlen- Theeröle als Löfungsmittel in's Auge zu faffen, deren Fähigkeit, den Schwefel zu löfen, aus den Unterfuchungen von Eugen Pelouze***, mit ihrer Dichtigkeit zunimmt, wobei man jedoch keine zu dichten Oele nehmen darf, da fonft die Reinigung des erhaltenen Schwefels grofse Schwierigkeit bietet. Bei Verfuchen, welche mit diefem Verfahren in Paris vorgenommen wurden, hat fich ein Oel von der Dichte 0.995( Siedepunkt 180 bis 2100 C.) am beften bewährt. Es wurden übrigens zum Ausfchmelzen des Schwefels aus dem Bergöl in Italien im Jahre 1868 Verfuche mit einem von Gritti angegebenen Apparate gemacht, welcher fich auf die Anwendung des überhitzten Dampfes gründet, einem Principe, welches von M. Schaffner feit vielen Jahren zum Ausfchmelzen des aus den Sodarückftänden regenerirten Schwefels benützt wird, und auch von E. und P. Thomas zur Schwefelgewinnung angewendet wurde. Der Apparat von Gritti foll alle Mängel der früher üblichen Calcaroni befeitigen, und fowohl in Bezug auf die Menge als Qualität des ausgebrachten Schwefels, ebenfo wie in Betreff der Zeit- und Koftenerfparnifs beim Ausbringen, fehr befriedigende Refultate gegeben haben. Das Raffiniren des Schwefels wird noch immer vorzugsweife in Belgien und Frankreich ausgeführt. Das Product der Schwefelhütten Siciliens und Neapels wird in Broten von 28 bis 30 Kilogrammen Gewicht als Rohfchwefel verführt und enthält 4 bis 10, ja in den unteren Theilen zuweilen 25 Percent fremder Stoffe, worunter Bitumen, Kalkftein, bisweilen Cöleftin, Sand etc. In Belgien wird die Schwefelraffinerie feit 1854 betrieben und wurde damals wohl durch J. de Wyndt unter Mitwirkung des L. Reis, in Merxem les * Verhandlungen und Mittheilungen des niederöfterreichiſchen Gewerbevereines 1867, p. 560. ** Deutfche Induftriezeitung 1869, p. 428. *** Compt. pend. LXVIII., 1179. S 1 e S Die chemifche Grofsinduftrie. 3 Anvers begründet. Im Jahre 1859 entftand dafelbft eine zweite Raffinerie und endlich errichtete die Firma Koch und Reis im Jahre 1868 eine grofse Raffinerie in Dam( Antwerpen), welche gegenwärtig die bedeutendfte ift und durch eine fehr fchöne Expofition in der Ausftellung vertreten war. Die Wichtigkeit diefer Induſtrie für Belgien wird aus der folgenden Tabelle erfichtlich. welche die Ein- und Ausfuhr des zur Raffinerie kommenden Schwefels in den Jahren 1867 bis 1871 angibt* Importation Exportation GefammtJahr in Verarbeitung gemenge Ausgeführte Waare In Belgien raffinirt Ausland tranfit nommen Kilogramme 1867 2,540.5 01. 1868 4,179.679 2,540.277 4,1 79.531 1,2 10.71 7 1,210.483 234 1,6 10.972 1,61 0.824 1 48 1869 5,838.259 5,838.259 3,046.952 3,046.952 1870 5,239.999 5.2 25.916 3,260.106 3,246.023 14.083 1871 8,405.1 20 8,403.546 5,284.150 5,28 2.576 1.574 Die Einfuhr erfolgte faft ausfchliefslich aus Italien( Sicilien) und zum fehr geringen Theile aus England und Amerika. Die Ausfuhr erfolgt nach Frankreich, Deutfchland, den Niederlanden, England und Amerika. Der Raffinir- Apparat von Dujardin ift derjenige, welcher gegenwärtig meiftens benützt wird. Es erfolgt in demfelben, wie allgemein bekannt ift, die Deftillation aus einer linfenförmigen Retorte, welche man jedesmal mit 600 bis 700 Kilogrammen von, im Vorwärmer gefchmolzenen Schwefels, chargirt. Die Deftillation einer Partie dauert vier Stunden, und nach jeder Deftillation wird die Retorte gereinigt. Die Condenfationskammern haben 500 bis 600 Kubikmeter Inhalt, und wenn man auf Stangenfchwefel hinarbeitet, macht man täglich fechs, wenn auf Blumen, täglich eine Operation. Zum Giefsen in Formen wendet man einen von L. Reis conftruirten Apparat an, bei welchem die einzelnen Formen an den Reifen eines horizontalen und drehbaren Rades befeftigt find, und dadurch leicht und rafch, durch Drehung, unter den, aus den Kammern ausfliefsenden Schwefel, gebracht werden können. Erfparnifs an Zeit und Arbeitskraft find die, mit diefem Apparate verbundenen Vortheile. Die Erzeugung des Schwefels durch Deftillation der Pyrite hat gegenwärtig ihre Bedeutung verloren, war jedoch auf der Ausftellung durch die Firma J. D. Starck in fehr vollkommener Weife zur Anfchauung gebracht. Auf den Werken diefer Firma wird die Deftillation der Kiefe namentlich in Littmitz und Altfattel betrieben, um die zur Eifenvitriol Erzeugung nöthigen Kiesabbrände zu erhalten. Folgende Tabelle zeigt die Entwicklung der Fabrication in den Jahren 1833 bis 1872. * Wir verdanken diefe und viele andere, Belgien betreffende Angaben Herrn Profeffor Chandelon in Lüttich. 4 Jahre Es wurde Schwefelkies gefördert: Dr. A. Bauer. Hieraus Schwefel erzeugt: Schwefelblumen erzeugt: Centner Eifenvitriol gewonnen: 183 3 bis 1842 1843, 1852 1853, 1862 1863, 18.72 650.960 674.77 1 621.565 532.8 89 5 6.829 13 1.777.75 20 1.11 2:54 70.450 93 66.624.67 48.82 176 4.533 09 4.833.78 245.353 4 I 649.30 315.160.00 261.177.00 Das Rohmateriale zur Gewinnung des Schwefels in Altfattel ift ein mit Thon vorkommender fogenannter Wafferkies( Pyrit), welcher einer einfachen Aufbereitung durch Abfchlämmen unterworfen wird. Die Deftillation erfolgt aus Röhren, die aus Thon von Kulm und Neugrün mit ftarkem Zufatz von grobkörnigem Quarz angefertigt werden. Diefelben find I Meter lang, 12 Centimeter hoch und 14 Centimeter breit, rückwärts ganz offen und verengen fich nach vorne zu einer Spitze von 2 Centimeter im Durchmeffer. Die Darftellung diefer Röhren erfolgt durch Preffen mittelft einer Mafchine und es werden diefelben mit Kochfalz glafirt. Bei der Anwendung zur Schwefelgewinnung kommen je 21 diefer Retorten in drei obereinander befindlichen Reihen in einen Ofen. Als Vorlage dient für jede Retorte ein, halb mit Waffer gefülltes, Blechkiftchen, welches an dem verjüngten Ende der Retorte angefetzt i ft. Der Pyrit wird beim offenen Ende eingetragen, ein fchief geneigtes Blechftück vorgefchoben und die dadurch gebildete rinnenförmige Oeffnung, mit Sand oder Kiesabbrand ausgefüllt und fomit verfchloffen, wie der beigegebene Holzfchnitt zeigt. Diefe Methode der Schwefelgewinnung wird übrigens auffer in Oefterreich auch noch in einigen anderen Ländern betrieben', fo namentlich in Schweden, wo ein continuirlicher Ofen benutzt wird. welcher den Vortheil hat, dafs man die Hälfte des Schwefels der Pyrite gewinnt, während man bei der Deftillation in Thonröhren nur ein Drittel erhält. Die Einrichtung diefes Ofens ift der eines continuirlichen Kalkofens ähnlich, welcher am oberen Theile mit einem als Condenfationsraum functionirenden und aus Holz angefertigten Schlote, verfehen ift. Soll die Arbeit beginnen, fo bringt man etwas Brennftoff in den Ofen und füllt ihn mit Pyriten. Nachdem das Feuer angemacht ift, geht die Verbrennung auf Koften eines Theiles des Schwefels der Pyrite fort, während die Hälfte diefes Schwefels fich verflüchtigt und im Schlot condenfirt wird. Durch eine feitlich oben angebrachte Oeffnung können nun neue Pyrite eingetragen und durch eine untere Oeffnung die Abbrände entfernt, mithin das Brennen continuirlich fort. gefetzt werden. Die Anwendung der Methode zur Wiedergewinnung des Schwefels aus den Sodarückständen hat feit der Parifer Ausftellung namhafte Ausdehnung gefunden und wird gegenwärtig in den meiften gröfseren Fabriken betrieben. Die Methode felbft wurde von mehreren Berichterstattern über die Parifer Aus Die chemifche Grofsinduftrie. 20 5 ftellung, namentlich von Hofrath von Schrötter ausführlich befchrieben und man weifs, dafs diefelbe in ihrer Ausführbarkeit zunächft durch den jeweiligen Preis der Salzfäure bedingt wird und dadurch für die Sodafabricanten ein wichtiges Mittel geworden ist, die Salzfäure unter allen Umständen zu verwerthen. Das Princip, auf welchem die Regenerirungsmethoden von Dr. Max Schaffner in Auffig, P. W. Hofmann in Dieuze, L. Mond und Guckelberger beruhen, befteht darin, dafs man die Sodarückftände oxydirt, um lös. liche Calciumfulfurete zu bilden, wie diefs Losh zum Behufe der Darftellung von unterfchwefligfaurem Natron, fchon im Jahre 1852 that. Diefe Sulfureté werden ausgelaugt und zur Abfcheidung des Schwefels benutzt. Der gefällte Schwefel wird nach Schaffner unter Waffer mit Dampf von hoher Spannung ausgefchmolzen und gereinigt, was das ganze Verfahren erft recht praktiſch gemacht hat, und den Schwefel als gangbare Handelswaare liefert, da der blofs ausgefällte Schwefel eine körnige Maffe darftellt, die Chlorcalcium, Gyps und Schwefelarfen enthält. Verfuche, die man früher gemacht hatte, um diefen Schwefel durch eine Deftillation zu reinigen, haben fchlechte Reſultate ergeben, denn es mufste der Schwefel in diefem Falle zunächft lange Zeit ausgewafchen und getrocknet werden und überdiefs ging die Deftillation fchlecht vor fich, da die körnige, zum Theil fchlammige Maffe die Wärme fchlecht leitete, man daher viel Brennftoff verbrauchte und die eifernen Deftillationsgefäfse ftark angegriffen wurden. In den letzten Jahren hat man die chemifchen Vorgänge bei der Regenerirung des Schwefels, welche zuerft von Schaffner näher ftudirt wurden, neuerdings zum Gegenftande theoretifcher Arbeiten gemacht und es ift namentlich eine ausgezeichnete, diefsbezügliche Abhandlung von Profeffor C. Stahlfchmidt erfchienen. Diefe Arbeit, welche mehrfache, für die Praxis wichtige Andeutungen enthält, befchäftigt fich auch mit den Urfachen der Bildung von Gyps bei dem Proceffe der Regenerirung. Diefe Bildung veranlafst felbftverſtändlich Schwefelverlufte und wird von Schaffner ganz auf Rechnung des Schwefelfäure- Gehaltes der angewendeten Salzfäure gefetzt. Stahlfchmidt( und L. Mond) dagegen nimmt an, dafs fich nach Schaffner's Methode nicht unbedeutende Mengen von trithionfaurem Kalk bilden, welcher fich dann beim Erhitzen in fchwefelfauren Kalk, fchweflige Säure und Schwefel zerfetzt. Schaffner theilt diefe Anficht nicht, und es mufs in der That abgewartet werden, ob der directe Nachweis erheblicher Mengen von Trithionfäure in der Lauge gelingt und felbft wenn diefs der Fall ift, fo mufs erwogen werden, dafs nach Schaffner's Methode die fchweflige Säure der vorhergehenden Operation in die kalte Lauge tritt und erft nachdem die Maffe der vorhergehenden Operation völlig mit Salzfaure zerfetzt ift, wird die von der Flüffigkeit abforbirte fchweflige Säure durch Dampf ausgetrieben, es find alfo jedenfalls die vorhandenen Bedingungen der Bildung und Zerfetzung der Trithionfäure nicht günftig, überdiefs theilt uns Herr Schaffner mit, dafs, wenn man im Kleinen mit reiner Salzfäure arbeitet, kein Gyps gebildet werde. Die Proceffe, welche bei der Oxydation der Rückstände und Zerfetzung der Laugen vor fich gehen, find jedenfalls vielfache, da, wenn in fo grofsen Maffen gearbeitet wird, die Bedingungen nicht überall und immer diefelben fein können, fo hat z. B. W. Hoffmann gezeigt, dafs fich auch Wafferftoff- Trifulfid bildet und durch Zerfetzung des Calciumoxytetrasulfuretes mit Salzfäure entfteht. In den Laugen müffen wir nach Stahlfchmidt jedenfalls die Exiftenz folgender Verbindungen annehmen: Ca S, 4 Ca O, Ca S4+ 18 H, O Ca S04 - Kunheim, Bericht * Oefterreichifcher Bericht über die Parifer Ausstellung 1867, III. über die Ausftellung in Paris 1867, p. 326. Wagner's Jahresberichte von 1867 bis 1872. ** Dingler Journal CCV., p. 220. 6 - Dr. A. Bauer. - Ca SO3- Na, S₂ O₂- Na HS Ca H, SS, unter welchen quantitativ die Verbindung: 4 Ca O Ca S4+ 18 H₂ O in erfter und fchwefligfaures Salz in zweiter Linie in den Vordergrund treten. Fällt man daher den Schwefel direct mit Salzfäure aus der Lauge, indem man eine Quantität Lauge zu einer Quantität Salzfäure zuläfst, dann wieder Lauge und wieder Säure, bis das Gefäfs mit Schwefel angefüllt ift, fo mufs die Lauge das richtige Verhältnifs von unterfchwefligfauren Salzen zu Polysulfureten haben, fonft tritt Schwefel- Wafferftoff und fchweflige Säure auf. Schaffner's Methode, bei welcher gefchloffene Apparate angewendet werden und die fchweflige Säure gleichfam circulirt, hat dagegen den Vortheil, dafs man eine, an Polysulfureten verhältnifsmäfsig reiche Lauge verarbeiten kann und dadurch die vorhergehende Oxydation auf die kürzefte Zeit zu befchränken vermag und der Gefahr der Bildung von fchwefelfauren Salzen beim Oxydiren entgegenwirkt. Im vorigen Jahre hat fich Weldon ein Verfahren zur Abfcheidung von Schwefel aus Schwefel- Wafferftoff patentiren laffen, welch' letzteren er aus Sodarückftänden, oder Schwefelcalcium, oder Schwefelnatrium, mittelft Kohlenfäure darftellt. Diefen Schwefel- Wafferftoff läfst er auf in Waffer fuspendirtes Eifen- und Manganoxyd einwirken, wobei fich freier Schwefel und Oxyduloxyd bildet. Die directe Abröftung des Schwefelkiefes, behufs Gewinnung der fchwefligen und Schwefelfäure bedingte unzweifelhaft einen der gröfsten Fortfchritte in der Schwefelfäure- Induftrie, da fie zunächft die chemifche Induftrie von italienifchem Schwefel unabhängig machte und ferner eine ungleich billigere Fabrication ermöglichte. Verfuche in diefer Richtung wurden zuerft in Fahlun und später in England gemacht. Im Jahre 1833 wurde fowohl in Oefterreich durch J. Brem* als in Frankreich durch Perret die Methode der directen Abröftung eingeführt. Seit der letzten Ausstellung in Paris hat jedoch die Anwendung diverfer Schwefelmetalle an Stelle des reinen Schwefelkiefes an Bedeutung aufserordentlich gewonnnen und es wurde diefe Anwendung ganz allgemein, mit der Abröftung der Erze zu hüttenmännifchen Zwecken in Verbindung gebracht und dadurch nicht nur namhafte Erfparniffe erzielt, fondern zugleich der„ fchädliche Hüttenrauch" wirkfam bekämpft. Bei der Parifer Ausftellung, war es namentlich der Perret'fche Röftofen für kupferhaltige Kiefe, welcher die Aufmerkſamkeit erregte, da Gerftenhöfer's Ofen leider nicht ausgeftellt war, deffen Vortheile gegenüber den koftfpielig arbeitenden Muffelöfen, welche viel Reparatur erfordern, damals fchon bekannt waren, weshalb diefe Oefen nicht nur im Mansfeld'fchen, fondern namentlich in Wales mit Erfolg eingeführt wurden. Allerdings haben die mit denfelben gemachten Erfahrungen zu weiteren Verbefferungen und Veränderungen geführt, und es find in diefer Hinficht namentlich die auch auf der Ausftellung durch Modelle vertretenen neuen Röftöfen*** von Hafen clever& Helbig bemerkenswerth. Diefe Vorrichtungen find es, welche mächtig dazu beigetragen haben, dafs die beim Erzröften auftretenden Gafe allenthalben der chemifchen Induftrie zugeführt wurden. Die Schwierigkeiten, welche fich diefem Streben entgegenftellten, find allerdings nicht unbedeutend, da man weifs, wie fchwer es ift, einerfeits durch diefe Röftung einen conftanten Strom reiner fchwefliger Säure zu erzielen und anderfeits das Gelingen des Schwefelfäure- Proceffes an eine gewiffe und conftante Zufammenfetzung des Gemenges der Kammergafe geknüpft ift. Diefs veranfafste auch einige fehr fchätzbare theoretifche Arbeiten in diefer Richtung und * Siehe Bauer in W. Fr. Exner's Gefchichte der Gewerbe und Erfindungen in Oefterreich. Wien 1873. ** Siehe den Oefterreichischen Bericht über die Parifer Ausftellung. 1867. Band III, *** Dingler Journal CXCIX p. 284. Siehe den Bericht von J. Stingl. 4 Die chemifche Grofsinduftrie. 7 namentlich war es R. Hafen clever, der eine wichtige Abhandlung publicirte, welche durch die Arbeit Fleitmann's** über den Vorgang beim Röften vervollſtändigt wurde. Der Letztere zeigte, dafs in gewiffen Stadien der Röftproceffe, namentlich beim Arbeiten in einer von aufsen erhitzten Muffel, wafferfreie Schwefelfäure auftritt, welche felbftverſtändlich auf das Material der Zuleitungscanäle einen zerftörenden Einfluss übt. Der Röftofen von Hafen clever& Helbig, der an einer anderen Stelle näher befchrieben wird, ift fo eingerichtet, dafs die Erze auf geneigten Platten durch den Röftraum herabgleiten, welche Bewegung jedoch nur eintritt, wenn die abgeröfteten Erze unten herausgenommen werden, fo dafs man die Schnelligkeit diefer Bewegung nach Belieben regeln, die fchwerer abröftbaren Erze länger, die leichter abröftbaren langfamer durch den Röftraum gleiten laffen kann. Die Möglichkeit, Schlieche mit dem in Rede ftehenden Schüttofen abzuröften, ift von grofsem Vortheile, denn wenn man die beim Zerklopfen fich bildenden Schlieche mit Thon einbindet oder Graupen mit den Stückerzen gemengt in den gewöhnlichen Kiln röftet, fo erleidet man immer grofse Verlufte an Schwefel. Theils verftopfen die kleinen Graupen die Canäle und hindern dadurch ein vollkommenes Röften, theils fallen fie beim Bewegen der Roftftäbe noch fchwefelreich in den Abbrand. Die mit Thon hergeftellten Stöckel( Klütten, Batzen) dagegen laffen fich überhaupt fchwer vollkommen abröften und wenn die eingebundenen Schwefelungen Beimengungen von Blende oder Schwerfpath enthalten, fo decrepitiren fie und zerfallen zu Staub. Allerdings kann durch gewiffe locale Verhältniffe ein Abröften in Stöckel vortheilhaft erfcheinen, fo namentlich wenn kiefige Schlieche fehr bleihaltig find und dann im Schüttofen leicht fintern, oder wenn, wie in Freiberg, zum Formen der Stöckel neben 5 Percent Thon faure Mutterlaugen von der Kupferextraction verwendet und dadurch mit verwerthet werden. Die Einführung der Schüttöfen zum Erzröften hat unleugbar den Kreis der zur Schwefelfäure- Fabrication verwendbaren Schwefelquellen fehr wefentlich erweitert und verdient defshalb als ein hervorragender Fortfchritt in der Induſtrie bezeichnet zu werden. Eine Aufgabe, welche die Induftrie in hohem Grade befchäftigt. ift die der Verwerthung der Röftrückftände oder Abbrände. Verwendet man Pyrite, fo find die Rückstände ihres zwar geringen, oft aber doch 5 bis 6 Percent betragenden Schwefelgehaltes wegen, nicht leicht zur Verhüttung auf Roheifen geeignet. Die Verfuche von Richter haben aber allerdings gezeigt, dafs man durch Beimengen folcher Abbrände zu reinen Erzen und unter Anwendung einer fehr bafifchen Schlacke den Schwefelgehalt efrolgreich bekämpfen kann, allein das Eifen fällt dann leicht ftark filiciumhaltig, da alle Umstände, durch die der Schwefel entfernt wird, die Aufnahme des Siliciums zur Folge haben. Dafs jedoch ein Verhütten diefer Abbrände möglich ift, hat die Ausstellung bewiefen, da fowohl die Firma St. Gobain, Chauny& Cirey als auch die Kraluper Fabrik diefelbe durchführen. Uebrigens bleibt noch immer die Gewinnung des Kupfers aus den kupferhältigen Kiefen die wichtigfte Methode der Nutzbarmachung. Zuweilen verarbeitet man diefe Rückftände auch auf andere accefforifche Beftandtheile, wie Silber oder Zink, zuweilen auf Eifenmennig. Die Fabrication der Schwefelfäure. Im Laufe der letzten Jahre find mehrere Abhandlungen über die Theorie der Schwefelfäure- Fabrication erfchienen, welche insbefondere über die Urfachen des Verluftes an Salpeterfäure Aufklärung geben. Vor längerer Zeit hatte Pelouze die Anficht vertreten, dafs bei Sauerftoffmangel in der Bleikammer durch die fchweflige Säure eine Wagner Jahresbericht 1871. p. 208. ** Dingler's Journal CLXXXVII. p. 155. *** Dingler polytechniches Journal CXCIX, pag. 292. + Annales de chimie et de phyfique. LX p. 162. 8 Dr. A. Bauer. Reduction des Stickoxydes zu Stickoxydul eintreten könne, welch' letzteres durch die Säure des Gay Luffa c'fchen Condenfators bekanntlich nicht abforbirt wird. Rud. Weber hat diefem Gegenftande ein eingehendes Studium gewidmet und zunächft gezeigt, dafs die Einwirkung der feuchten fchwefligen Säure auf Stickftoff Oxydgas nur fehr langfam vor fich geht und dafs es nicht wahrfcheinlich ift, dafs auf diefe Weife erhebliche Mengen von Stickoxydul- Gas gebildet werden, zumal in den Kammergafen immer ein Ueberfchufs von Sauerftoff vorhanden ift. Dagegen bewies Weber durch eine Reihe von Experimenten, dafs die falpetrige Säure, welche als der eigentliche Sauerftoff- Uebertrager im Bleikammer- Proceffe angefehen werden mufs, bei Ueberfchufs von Waffer durch fchweflige Säure leicht zu Stickoxydul- Gas reducirt wird. Diefe Unterfuchungen fanden eine Erweiterung in den Arbeiten Cl. Alex. Winkler's, welche zuvörderft die chemifchen Vorgänge im Gay Luffac'fchen Condenfator betreffen und durch Controlverfuche im Grofsen, welche in der Halsbrückner Hütte ausgeführt wurden, beftätigt wurden. Diefe Arbeiten zeigten, dafs nur die falpetrige Säure und die Unterfalpeterfäure von der über die Coaks herabtropfenden Schwefelsäure chemifch gebunden werden, während die Salpeterfäure fich mit SchwefelfäureHydrat einfach mifcht, und das Stickoxyd- Gas nicht abforbirt wird. Die Unterfuchungen und Vorfchläge, welche etwas später( 1870) von P. W. Hofmann über diefen Gegenftand angeführt wurden, haben namentlich in England grofses Auffehen gemacht, jedoch keine volle Billigung von den Praktikern gefunden. P W. Hofmann zeigte, dafs, wenn man in Schwefelfäure, welche mit Salpeterfäure gefchwängert ift und eine Dichte von 58 bis 60 Grad Baumé hat, fchweflige Säure einleitet, die Salpeterfäure zu Verbindungen reducirt wird, welche mit der Schwefelfäure die fogenannten Bleikammer- Kryftalle bildet, ohne dafs merkbare Mengen von Stickoxydul entſtehen, was jedoch in hohem Grade der Fall ift, wenn die Schwefelfäure in dem verdünnten Zuftande der Kammerfäure mit circa 50 Grad Baumé angewendet wird. Diefe Thatfachen ftehen auch mit der Beobachtung R. Weber's im Einklange, allein die Vorfchläge Hofmann's, welche dahin gingen, in der erften Bleikammer( Tambour) den Dampfftrahl fo weit zu vermindern, dafs eine 60gradige Säure entſteht, damit hier die zur Zerlegung kommende nitröfe Säure keine, die Bildung der Stickoxyduls begünftigende Verdünnung erfahre, fcheinen fich nicht bewährt zu haben, wahrfcheinlich weil, wie H. B. Gibbins** angibt, in einer Schwefelfäure von 167 bis 171 fo viel nitrofe Verbindungen fich löfen, dafs dadurch das Blei der Bleikammer wefentlich angegriffen wird und diefelben fich überdiefs fpäter nicht entfernen laffen, was nicht nur die Uuzukömmlichkeit hat, dafs die fo dargestellte concentrirte Schwefelfäure beim Verdünnen reichlich rothe Dämpfe abgibt, fondern überdiefs Verlufte an Salpeterfäure verurfacht. Friedr. Kuhlmann hat ebenfalls über die Reduction der Salpeterfäure Unterfuchungen angeführt, welche er in einer Sectionsfitzung der Jury vortrug und welche zeigten, dafs die fchweflige Säure fogar bei gewöhnlicher Temperatur, namentlich unter Mitwirkung poröfer Körper, das Stickſtoff- Oxyd zu Oxydul, ja fogar zu freiem Stickftoff zu reduciren vermag und dafs diefe Reduction durch Wärme fehr erheblich gefteigert wird. Für die Praxis folgt hieraus, dafs es nothwendig ift, die Reaction der fchwefligen Säure auf falpetrige Säure bei einer Temperatur vor fich gehen zu laffen, welche eben nicht höher ift, als es zum Gelingen des Proceffes unbedingt nothwendig erfcheint. Es handelt fich bei der Anwendung aller diefer Erfahrungen um die Vermeidung der zu weit gehenden Reduction fowohl beim Bleikammer- Proceffe felbft, als auch bei der Zerfetzung der nitrofen Säure im Tambour oder in dem in neuefter * Poggendorf Annalen CXXX, p. 329. ** Chem. neuws. 1870, p. 132. Die chemifche Grofsinduftrie. 9 Zeit eingeführten Glover'fchen Thurme. Die Einführung diefes Thurmes muls ebenfalls als ein hervorragender Fortfchritt der letzten Jahre bezeichnet werden. Derfelbe dient fowohl zum Denitrificiren und zum Concentriren der im Gay Luffacfchen Condenſationsapparate gebrauchten Säure als zum Concentriren der Kammerfäure überhaupt, welche Zwecke dadurch erreicht werden, dafs man diefe beiden Säuren gemifcht dem auffteigenden Strome der heifsen fchwefligen Säure, welche auf ihrem Wege vom Kiesbrenner zu den Bleikammern den Glover Thurm paffirt, entgegenfliefsen läfst. Der Glover'fche Thurm felbft ift mit einer oberften Schichte von Coaks, einer mittleren von Quarzfteinen und einer unterften von feuerfeften Ziegeln gefüllt. Diefer Apparat zeigt namhafte Vortheile, indem die Ueberhitze der fchwefligen Säure durch denfelben gut verwerthet und zugleich an Wafferdampf gefpart wird. Allein die Säure nimmt leicht etwas von fchwefliger Säure auf und da keine genügenden Vorrichtungen zum Auffangen des Flugftaubes angebracht werden können, fo wird diefelbe auch leicht eifenhaltig. Bei Säure, die zur Soda- oder SuperphosphatFabrication dient, ift diefs allerdings nicht von Belang, wohl aber bei Säure, die zu Sulfat für weifses Glas dient. Mit Rückficht auf die Angaben Kuhlman's, in Betreff der Reduction der nitrofen Verbindungen durch fchweflige Säure, wird es auch, um Salpeterverluften vorzubeugen, zweckmäfsig fein, im Glover- Thurm nur eine, fchwach mit nitrofen Dämpfen gefchwängerte, alfo mit viel Kammerfäure verdünnte, Säure anzuwenden.* Die Methode des Abdampfens der Säure war im Laufe der letzten Jahre mehrfach Gegenftand der Befprechung, zumal die Klagen über geringe Haltbarkeit der Bleiplatten häufig vorkamen, da wie R. Hafen clever gezeigt hat, reines Blei leichter von Schwefelfäure angegriffen wird als antimonhältiges, das Blei jedoch, feit auf den meiften Hütten die Entfilberung des Werkbleies mit Zink eingeführt ift, reiner( oft nahe 100 percentig) im Handel erfcheint als ehedem. Die von Carlier angeregte Methode des Eindampfens durch Anwendung von Wafferdampf hat auch mehrfach, fo z. B. in der Fabrik zu Kralup( Böhmen), Anwendung gefunden. Das Concentriren der Säure auf 66 Grad Baumé erfolgt faft durchgehends in Platingefäfsen und es find die vor einer Reihe von Jahren( in England) neuerdings eingeführten Glasretorten eigenthümlicher Conftruction wieder in den Hintergrund getreten, was durch den bedeutenden Preisrückgang des Platins in den letzten fünfzehn Jahren erklärlich ift. Die Verbefferungen, welche an den Platinretorten von Johnfon, Matthey& Comp. in London fowohl wie von Desmoutis und Quenneffen angebracht wurden und in der Ausftellung zu fehen waren, werden in einem anderen Berichte** ihre Würdigung finden, ebenfo wie die auf die Anwendung des Vacuum's bafirte Methode des Belgiers de Hemptinne. Die Fabrication des Soda. Auf dem Gebiete der Sodafabrication wurden in den letzten Jahren Fortfchritte angebahnt, welche es als möglich erfcheinen laffen, dafs die ganze chemifche Grofsinduftrie in der nächften Zukunft einer vollſtändigen Umwälzung entgegengeführt wird. Was den Leblanc'fchen Sodaprocefs anbelangt, fo beherrfcht er allerdings bisher faft ausfchliefslich die Fabrication und es find innerhalb der Grenzen diefes Proceffes keine wefentlichen Neuerungen zu verzeichnen. Man hat fich auch hier in den letzten Jahren bemüht, die einzelnen Phafen des Proceffes näher zu ftudiren und die gewonnenen Refultate für die Praxis nutzbar zu machen, um fich durch die Verbefferung der Methode den theoretifch erforderlichen Refultaten zu nähern. S. * Bode Dingler's Journal CCII. S. 448 und Georg Lunge Dingler's Journal CCII. 532. ** Siehe den Bericht von J. Stingl. 10 Dr. A. Bauer. Die wichtigften diefsbezüglichen Arbeiten waren jedoch fchon im Jahre 1867 bekannt und find in die damaligen Ausftellungsberichte übergegangen und können daher hier unerwähnt bleiben. Der Leblan c'fche Procefs ift immer mit bedeutenden Natriumverluften verknüpft und Scheurer Keftner hat gezeigt, dafs diefe hauptfächlich von den unlöslichen Natriumverbindungen herrühren, die fich in den Sodarückftänden bilden. Wright's und Hargreaves's*** Arbeiten laffen allerdings auch den, durch Unvollkommenheiten in der Ausführung des Proceffes und den, durch Verflüchtigung von Natrium refultirenden Verluft, als nicht unbedeutend erfcheinen und es berechnet Erfterer den Gefammtverluft auf 20.24 Percent Natrium, Letzterer auf 1/7 der angewendeten Kochfalzmenge. Glover und J. Macte art haben über diefe Frage ähnliche Anfichten publicirt, aus denen allen hervorgeht, dafs durch möglichfte Reinheit der angewendeten Materialien und forgfältige Ausführung der einzelnen Proceffe eine höhere Ausbeute an Soda erzielbar ift. Die Einrichtung und Einführung der rotirenden Sodaöfen in England war Gegenftand ausführlicher Abhandlungen namentlich von Seite G. Lunge's.++ Diefe Oefen haben fowohl in Lancaſhire als in der Gegend von Newcaſtle vielfach Anwendung gefunden und gewinnen durch das Steigen der Kohlenpreife und Arbeitslöhne immer mehr Terrain in England. Es wurden übrigens mehrfache Vorfchläge gemacht, um Soda nach anderen Methoden zu bereiten. So war E. Kopp's finnreiche Methode, welche, wie die Ausftellung lehrte, in Rufsland fchon feit längerer Zeit zur Pottafchegewinnung verwendet wird, Gegenftand forgfältigen Studiums in Knapp's Laboratorium+++, aus welchen hervorging, dafs die Eigenfchaft der Schmelze, das Gufseifen oder den Thon der Schmelzgefäfse tark anzugreifen, eine nicht leicht zu überwindende Schwierigkeit bei Anwendung diefer Methode darbietet. Von der Anficht ausgehend, dafs die Soda in vielen Fällen durch Schwefelnatrium erfetzt werden könne, hat Jean die Darſtellung des letzteren aus Sulfat, Schwerspath und Kohle empfohlen und nach Lunge* ftellt man in einer Fabrik in England aus Schwefelnatrium mittelft Kohlenfäure Soda dar und benützt das fich entwickelnde Schwefelwafferftoffgas zum Fällen von Kupfer. Das fchon im vorigen Jahrhunderte, dem Principe nach bekannte Verfahren, Soda oder Aetznatron aus Kochfalz mittelft Bleioxyd oder Blei zu gewinnen, war auch im Laufe der letzten fünf Jahre Gegenftand mehrfacher Vorfchläge, fo z. B. von Bachett, mit deffenMethode man, nachClapham+++* auf den Walker alkali works bei Newcaſtle recht gelungene Verfuche machte. Das Verfahren wurde jedoch in der Weife abgeändert, dafs man der Mifchung Kalkhydrat zufetzte, um das entftandene Chlorblei wieder in Bleioxyd überzuführen. Man hat auch verfucht, das Sulfat zu Sulfit zu reduciren und das Letztere durch Kohlenfäure zu zerfetzen und J. Hargreaves und T. Robertfon fowie Goffage haben den beachtenswerthen Weg eingefchlagen, die Bereitung des Sulfates durch Einwirkung von Luft, Wafferdampf und fchwefliger Säure auf Chlornatrium zu verfuchen. Von Hargreaves+** wurde empfohlen die zur Reduction des Sulfates nöthige Kohle durch Aufbereitung von den beigemengten fpecififch fchwereren Verunreinigungen als Schwefelkies und Alaunfchiefer zu trennen und auch R. * Comptes rendus LXX. S. 1352. ** Chemical news 1867 Nr. 390 S. 259. *** Chemical news 1867 Nr. 387 S. 218. † Chemical news 1872 Nr. 636 S. 54. Nr. 641 S. 116. Dingler s Journal CXIV S. 229. Waldeck. Dingler's Journal CXCII. S. 417 + Dingler's Journal CCIV. S- 310. Chem. news 1869. Nr. 495. S. 262. Dingler's Journal CXCVI. S. 469. Dingler's Journal CXC. S. 76. Die chemifche Grofsinduftrie. 11 Wagner's bemerkenswerther Vorfchlag, den Aetzbaryt zur Zerfetzung des Sulfates anzuwenden, trat neuerdings in den Vordergrund und es wurde von Ungerer empfohlen, Aetzftrontian zu diefer Umfetzung zu nehmen, welcher den Vortheil hat, dafs der fchwefelfaure Strontian leicht durch Digeftion mit kohlenfaurem Ammoniak in Strontiancarbonat überführbar ift und diefes die Kohlenfäure leichter abgibt, als Baryumcarbonat. In jüngfter Zeit hat auch Lunge eine beachtenswerthe Abhandlung über die Fabrication von Soda mit Baryum bicarbonat publicirt. Alle diefe Vorfchäge werden jedoch momentan durch die in Belgien gelungene Darftellung der Soda direct aus Kochfalz, mit Ammoniumbicarbonat in den Hintergrund gedrängt. Zwei Aussteller hatten diefe Methode repräfentirt, und zwar der Deutfche. Moriz Honigmann in Aachen und der Belgier Erneft Solvay in Couillet bei Charleroi. Der letztere erzeugt täglich im regelmässigen Betriebe, circa 300 Centner Soda nach dem Ammoniakverfahren und fcheint daher wirklich alle Schwierigkeiten überwunden zu haben, welche fich demfelben bei früheren Verfuchen entgegenftellten. Seine Firma, Erneft Solvay& Comp. hatte übrigens fchon in Paris( 1867) eine, nach diefem Verfahren dargestellte Soda ausgeftellt, allein damals hatte fie noch keine Fabrication im grofsen Mafsftabe durchgeführt und wurde nur mit der Broncemedaille belohnt, während ihr ihre Leiftungen in Wien das Ehrendiplom eintrugen. Aber nicht der Umstand, dafs die allgemeine Aufmerkfamkeit in Paris fich nicht, diefer Sache ihrer Wichtigkeit entfprechend zugewendet hätte", wie es in einem anderen Berichte** heifst, fondern weil damals Solvay thatfächlich das Verfahren noch nicht im vollem Mafse durchgeführt hatte, waren die Urfachen für die genannte Beurtheilung. Forfchen wir in der Gefchichte diefer Methode nach, fo begegnen wir einer ftattlichen Reihe von Patenten, welche feit dem Jahre 1838 auf diefelbe ertheilt wurden und ohne auf Vollständigkeit Anfpruch machen zu wollen, führen wir hier die folgenden Patentnehmer an. Harrifon Grey Dyar& John Hemming am 29. December 1838, Delaunay in Paris am 27. Mai 1839, Henry Watterton 1840, Canning in Paris 1842, Grimes in Paris 1852, Türck in Nancy 1854, Schlöfing in Paris 1854, W. Goffage 1854, Johnfon für Deacon 1855 Corradoux Bellfort 1855, Th. Bell 1857, Schlöfing& Rolland 1858, Erneft Solvay in Brüffel 15. April 1861, 12. September 1863 und 18. Mai 1872, endlich im Jahre 1872 Jules Boulouvard in Marſeille, J. Young& W. Goffage. Im Jahre 1861 hatte E. Solvay blofs eine Verfuchsfabrik errichtet und diefe führte im Jahre 1863 zur Gründung einer Gefellſchaft und der Errichtung einer Fabrik in Couillet. Vor diefer Zeit hatten blofs Schloefing und Rolland gelungene Verfuche in gröfserem Mafsftabe auf einer Verfuchsfabrik bei Paris gemacht und ihr Verfahren in einer fehr bemerkenswerthen Abhandlung*** befchrieben und erhielten defshalb bei Gelegenheit der Wiener Weltausitellung ebenfalls das Ehrendiplom. Die Ausführung des neuen Verfahrens wird in feinen Details felbftverftändlich noch geheim gehalten, und wir wiffen nur, dafs man einen fenkrechten Cylinder benutzt, der mit Siebböden verfehen ift, und in welchem die Salzlöfung mit Ammoniak und Kohlenfäure behandelt wird, die an den entgegengefetzten Enden des Apparates eintreten. Es wird Natriumbicarbonat gefällt, welches fich auf den Siebböden fammelt. In wie weit diefe Reaction durch Druck unterstützt wird, ift uns nicht bekannt. Das Natriumbicarbonat wird geglüht, dadurch die Kohlenfäure zu einer neuen Operation regenerirt und eine reine, durch die vorfichgegangene Fällung von anderen Salzen, getrennte Soda erhalten. Die Löfung enthält das Chlor des Kochfalzes als Salmiak aus welchem das Ammoniak regenerirt wird und daneben einen Ueberfchufs von Ammonium * Dingler's Journal CCVIII. S- 137. ** Lieben. Diefe Berichte Nr. XLI.. *** Annales de chimie et de Phyfiqne( 4) B. 14. 12 Dr. A. Bauer. carbonat und einen Theil des Kochfalzes, welches unzerfetzt geblieben ist. Die Vortheile des Verfahrens find allerdings fehr grofse und liegen hauptfächlich darin, dafs man rohe Salzfoole, direct, ohne fie erft einzudampfen, anwenden kann und ganz reine hochgradige Soda darftellt, ferner nur einfache Apparate und äufserft wenig Brennmateriale braucht. Als Nachtheil wird der nicht leicht zu vermeidende Ammoniakverluft hervorgehoben, welcher zum Theile davon herrührt, dafs aus der Salmiaklöfung durch Anwendung von Kalk nicht leicht alles Ammoniak gewonnen werden kann,** ein Theil desfelben alfo in der Chlorcalciumlöfung zurückbleibt. Diefs ift nun allerdings ein, bei den ftets fteigenden Ammoniakpreifen bemerkenswerther Nachtheil, allein viel fchwerer fällt, wenigftens heute noch, der Umftand in die Wagfchale, dafs alles Chlor des angewendeten Kochfalzes in die Form von Clorcalcium über geht. Diefs ift aber ein, wenigftens in den koloffalen Mengen, in welchen er durch die Einführung diefer Methode geliefert würde, werthlofer, ja läftiger Abfall. Bei Leblanc's Verfahren tritt das Chlor des angewendeten Chlornatriums als Salzfäure auf und diefe liefert das für Zwecke der Bleicherei unentbehrliche Chlor. Das Bedürfnifs nach diefem fichert, wenigftens für die nächfte Zukunft, unter allen Umftänden dem Leblan c'fchen Procefs die Exiftenz. Freilich läfst fich das Chlor auch ohne Salzfäure gewinnen und vielleicht der Kalk bei Zerfetzung des Salmiak's durch Magnefia erfetzen, welche das viel leichter zerfetzbare Chlormagnefium liefert. Die älteren belgifchen Fabriken follen übrigens durch das neue Verfahren bereits lahmgelegt fein und an mehreren Orten beginnt man dasfelbe einzurichten, fo bei Liverpool und Prefton in England, ferner in Frankreich bei Nancy( Ufine de Varaugeville. Dombasle) und in Nagy- Bocsko in Ungarn. Was die Theorie diefes Proceffes anbelangt, fo ift diefelbe noch wenig fludirt. Schloefing& Rolland geben an, dafs das Natriumbicarbonat durch doppelte Zerfetzung, aus Ammoniumbicarbonat und Chlornatrium entſtehe. Allein fie fagen auch, und die neueren Erfahrungen beftätigen diefs, dafs nur etwa zwei Drittel der angewendeten Kochfalz- Menge zerfetzt wird, meinen jedoch, dafs es für den Fabrikanten wenig bedeutend fei, ob der umgefetzte Reft als gelöftes Natriumbicarbonat oder als in Löfung verbliebenes Kochfalz verloren gehe. Nach unferer Anficht verdient die Urfache für diefen Verluft eine nähere Unterfuchung, denn, wenn auch Ammoniumbicarbonat mit Kochfalz in wäfseriger Löfung zufammengebracht, Natriumbicarbonat ausfcheiden, fo kann doch anderfeits der gebildete Salmiak unter gewiffen Umftänden eine Rückbildung des Kochfalzes bewirken und wir begegnen dann hier einem ähnlichen Procefs, wie wir ihn bei Bereitung des Aetznatrons aus Sodalöfung mit Kalk beobachten, welcher ja auch an eine beftimmte Concentration der Löfung geknüpft ift. Vor wenigen Jahren hat E. Divers*** die Reactionen der Ammoniakfalze näher ftudirt und gezeigt, dafs bei der Deftillation von Salmiak mit den wafferfreien kohlenfauren Alkalien, im Beginn der Operation, allerdings etwas Ammoniak auftritt, da ein Theil des noch unzerfetzten Alkalicarbonates Kohlenfäure bindet, fpäter jedoch nur Waffer und wafferhaltiges carbaminfaures Ammoniak entſteht. Ich habe mich durch Verfuche in meinem Laboratorium davon überzeugt, dafs fich eine wäfferige Löfung von Salmiak mit einer folchen von Natriumcarbonat auch bei niedriger Temperatur in Ammoniumcarbonat und Chlornatrium umfetzt, eine Reaction, welche fehr rafch und vollſtändig erfolgt, wenn man beide Subftanzen in wäfferiger Löfung erhitzt. Belgien. * Siehe Internationale Ausftellungszeitung, Beilage der,.Neuen freien Preffe", Artikel ** Siehe J. Baggs und F. Braby, Chemical news 1870. Nr. 516 und 517. *** Chemifches Centralblatt. Jahrgang 1870, p. 748. Die chemifche Grofsinduftrie. 13 Die Gegenwart von viel Salmiak in der Flüffigkeit gegen Ende des Proceffes, wirkt daher wohl ftörend und mag vielleicht die Bildung von Natriumbicarbonat hindern. Jedenfalls lernen wir aber aus dem Gefagten, dafs alle Urfachen, welche die Zerfetzung des einmal gebildeten und abgefchiedenen Bicarbonates befördern, alfo z. B. die Temperaturerhöhung, forgfältig gemieden werden müffen, während rafches Entfernen des erhaltenen Productes und die Anwendung eines höheren Druckes ohne Temperaturerhöhung, wodurch die Flüffigkeit befähigt wird, Kohlenfäure zurückzuhalten, den Procefs unterſtützen mag. Da immer nur jene Menge von Soda gewonnen werden kann, welche aus dem unlöslich abgefchiedenen Natriumbicarbonat refultirt und der in Löfung gebliebene Reft, fchon der oberwähnten Rückbildung durch Salmiak wegen, nicht gewonnen werden kann, fo dürfte es auch kaum möglich fein, den Ammoniakprocefs auf Chlorkalium( oder direct auf Carnallit) anzuwenden, um Potafche zu bekommen, da das Kaliumbicarbonat viel leichter löslich ift als das entſprechende Natriumfalz. In der That habe ich bei diefsbezüglichen Verfuchen, welche ich fchon vor einigen Jahren mit Herrn B. Babel in meinem Laboratorium ausführte, nur ungenügende Refultate erhalten. Die Bildung des Kaliumbicarbonates aus Chlorkalium Löfung durch Ammoniak und Kohlenfäure erfolgte zwar leicht, jedoch nur bei Anwendung eines Ueberdruckes von circa 1 Atmoſphäre und die erhaltene Menge von Kaliumcabonat entſprach nur 22 Percent der angewendeten Quantität von Chlorkalium. Der Ammoniak- Sodaprocefs erinnert übrigens an den von Weldon* gemachten Vorfchlag Natriumbicarbonat( und Soda) aus Kochfalz- Löfung durch Kohlenfäure und Magnefia darzuftellen. Es bildet fich Magnefium bicarbonat, welches nur in Löfung exiftiren kann und das Kochfalz unter Abfcheidung von fchwerlöslichem Natriumbicarbonat und löslichem Chlormagneſium zerfetzt. Weldon fchlug vor, das erhaltene Chlormagneſium durch Erhitzen in Magnefia und Salzfäure zu zerlegen und glaubte, dafs die erhaltene Salzfäure allein die Gefammtkoften für das ganze Verfahren zu decken vermöge! Uebrigens hat ja Hugo Müller** nachgewiefen, dafs fogar Kohlenfäure allein das Kochfalz zu zerlegen vermag, wenn fich letzteres in Löfung befindet. Mit der Sodafabrication innig verwachfen ift die Erzeugung von Aetznatron und diefelbe erfolgt gegenwärtig wohl meiftens durch Aufarbeiten der beim Verfieden der Roh- Sodalaugen fallenden Muterlaugen.*** Will man vornehmlich Aetznatron darftellen, fo mufs man fchon das Gemenge aus Sulfat, Kalk und Kohle quantitativ anders zufammenfetzen und überdiefs heifs auslaugen. In jedem Falle hat man eine Schwierigkeit damit zu überwinden, die entstandenen Schwefelverbindungen zu oxydiren. Nach Helbig kann man diefs mit Vortheil durch Durchblafen von Luft durch die im rothglühenden Fluffe befindlichen Maffen( und nicht wie früher durch die Lauge) erreichen. In neuefter Zeit hat auch die Verwendung und damit die Darftellung von unterfchwelfligfaurem Natron aus den Sodarückständen eine grofse Ausdehnung gewonnen. Diefelbe wurde von Schaffner näher befchrieben. Gegen die Anwendung des unterfchwefligfauren Natrons als Antichlor wird eingewendet, dafs fich bei derfelben leicht Schwefel in Geftalt eines äufserft zarten Pulvers in feinfter Zertheilung fo in den Poren des gebleichten Stoffes feftfetzt, dafs es faft unmöglich ift, denfelben durch Wafchen zu entfernen. Es wird demnach von Dr. Schuchardt in Görlitz die Anwendung der von ihm fabriksmäfs in Form eines trockenen Salzes bereiteten doppelt fchwefligfaueren Natrons empfohlen. * Dingler's Journal CLXXXI, p. 41. ** Berichte der deutfchen chemifchen Gefellſchaft. Band III. 1870, p. 40. *** Dingler's Journal CCVI, p. 375. Wagner's Jahresbericht 1869, p. 190. 14 Dr. A. Bauer. Die Chlorbereitung. Die Darftellung des Chlors und der Bleichfalze mittelft Chlor bildet faft durchwegs einen Nebenzweig der Sodafabrication nach Leblanc's Proceffe, und die letzten fünf Jahre brachten uns eine Reihe der wichtigſten Studien und Fortfchritte, welche fich auf diefen Zweig der Grofsinduftrie beziehen. Das eigentliche Rohmateriale für die Chlorbereitung ift die Salzfäure, welche bei der Bereitung des Sulfates als Nebenproduct entſteht und deren vollftändige Condenfation ein Gegenftand der forgfältigften Bedachtnahme, feitens der Fabriksbefitzer fowohl, wie feitens der Behörde einzelner Länder, wie namentlich Englands ift. In letzterem Lande ift diefe Aufgabe durch ein im Jahre 1864 in Kraft getretenes Gefetz, die fogenannte Alkali- Acte geregelt und die letzten Jahre haben fchlagend bewiefen, dafs diefes Gefetz die heilfamften Folgen, fowohl für die Fabriken als für deren Umgebung hatte, und es ift vielfach der Wunfch nach einer Erweiterung der durch dasfelbe erlaffenen Vorfchriften rege geworden. Bezüglich des Proceffes der Chlorbereitung betrafen die Fortfchritte, welche in den letzten Jahren gemacht wurden, zwei Richtungen, und zwar fuchte man einerfeits den bei diefem Proceffe in grofser Menge verbrauchten Braunftein. zu verwerthen, namentlich denfelben aus den Rückftänden zu regeneriren und andererfeits fuchte man ganz neue Methoden der Chlorbereitung, ohne Anwendung des Braunfteines, einzuführen. Von den verfchiedenen Verfahrungsarten zur Regeneration des Braunfteines mufs hier zunächft die Weldon'fche Erwähnung finden. Diefe kann als eine wefentliche Modification der in der grofsen Tennant'fchen Fabrik zu Glasgow ausgeführten Dunlop'fchen Methode angefehen werden, und während diefe die Umfetzung des Manganchlorürs mit kohlenfaurem Kalk und Wafferdampf von mehreren Atmoſphären Spannung und Erhitzen der gebildeten Mangancarbonate auf 400 Grad Celfius durchführt, fällt Weldon die, durch Zufatz von kohlenfaurem Kalk gereinigte Manganlauge mit einem Ueberfchufs von Kalk und oxydirt den erhaltenen Niederfchlag durch einen Luftftrom, wodurch fich das zur Chlorentwicklung geeignete Calciummanganit bildet.* Nach der Anficht Weldon's hat das Calciummanganit die Zufammenfetzung Mn O2 Ca O und bei Zerfetzung desfelben durch Salzfäure, behufs der Chlorentwicklung, liefert dastelbe neben Chlor und Waffer, Manganchlorür und Chlorcalcium( 6 H Cl+ Mn O2 Ca O Mn Cl₂ Ca Cl₂+ Cl2+ 3 H₂ O). Werden diefe Chlorverbindungen neuerdings durch das Regenerationsverfahren in den Kreis der Fabrication einbezogen und mit Kalk gefällt, fo geht das ganze gebundene Chlor als Chlorcalcium in eine Lauge, für welche bisher keine genügende Verwendung exiftirt. Diefe gebundene Menge von Chlor beträgt jedoch, wie obige Gleichung zeigt,% des in der angewendeten Salzfäure- Menge enthaltenen Chlors und obgleich man hofft, durch Anwendung von Magnefia anftatt des Kalkes diefem Verlufte vorzubeugen, da das an Stelle des Chlorcalciums erhaltene Chlormagneſium wieder in Chlor und Magnefia zerlegt werden könnte, fordert diefe Thatfache doch eine forgfältige Erwägung des Koftenpunktes und des Säureverbrauches. Hiebei kann jedoch nicht unerwähnt bleiben, dafs die Zerfetzung des Manganfuperoxyd Schlammes( Calciummanganit) durch Salzfäure viel weniger Arbeit und Brennmateriale erfordert als die des nativen Superoxydes( Braunftein), welches übrigens, immer mehr oder weniger fremde Oxyde enthält, die ebenfalls einen Theil der Salzfäure confumiren. Nach Weldon's Anficht braucht man für eine Tonne Chlorkalk nach feiner Methode arbeitend, 170 Kubikfufs Salzfäure von 24 Grad Tw. oder 2832 Pfund reiner Chlorwafferftoff- Säure. * Dingler's Journal CCI, p. 354. Die chemifche Grofsinduftrie. 19 Es ergibt fich nun zunächft die Frage, wie viel Kochfalz in den Sodafabriken verbraucht wird, um diefe Menge von Salzfäure zu erzeugen? Bei Beantwortung derfelben wird nicht fo fehr die gröfsere oder geringere Reinheit des Salzes in Betrachtung kommen, als vielmehr die richtig durchgeführte Zerfetzung desfelben im Sulfatofen und die vollſtändige Condenſation der entwickelten Salzfäure, bei welcher es fich wieder nicht fo fehr um eine vollſtändige Condenſation à tout prix handelt, welche ja unter allen Umftänden möglich ift, als eine derartige Durchführung des Condenſationsproceffes, dafs möglichst viel concentrirte, direct zur Chlorentwicklung geeignete Säure erhalten werde, und nur wenig in den Wafchthürmen als verdünnte Säure niedergeht. Diefe Aufgaben werden durch das Weldon' fche Verfahren wefentlich dadurch unterftützt, dafs zur Zerfetzung des regenerirten Braunfteines eine mäfsig concentrirte Salzfäure genügt. Wären alle Materialien chemifch rein und gingen die Proceffe ganz glatt, den theoretisch berechneten Zahlen entſprechend, vor fich, fo wäre zur Darstellung der obengenannten für eine Tonne Chlorkalk nöthigen Menge von 2832 Pfund reiner Chlorwafferftoff- Säure, 45 Centner 38 Pfund Chlornatrium nöthig. Die Condenſation der Säure wurde in Folge der Alcali- Acte in England fo verbeffert, dafs fich die Verlufte an diefer Säure gegenwärtig in gut geleiteten Fabriken nur auf Bruchtheile von Percenten veranfchlagen laffen, und nach C. Clapham ift kaum zu zweifeln, dafs die oben angeführte Menge von 2832 Pfund reiner Chlorwafferftoff- Säure„ von je 46 Centner zerfetzten Kochfalzes verdichtet wird". Nach Weldon ift aber die in Sodafabriken condenfirte Säure mit Ausnahme von 2 bis 3 Percent vollkommen geeignet, um in die Chlorbereitungs- Blafen gebracht werden zu können. Die Menge von 2832 Pfund Salzfäure, welche als zur Bereitung von einer Tonne Bleichkalk nothwendig, angegeben wurde, liefse fich übrigens wohl um eine beträchtliche Summe vermindern, da immer eine grofse Menge von freier Salzfäure aus den Blafen abfliefst, welche dann fpäter durch einen Ueberfchufsvon Kalk neutralifirt werden mufs. Weldon felbft gibt an, dafs viele Fabrikanten Englands, nach feinem Verfahren arbeitend, für je 56 Centner zerfetzten Kochfalzes eine Tonne Bleichkalk erzeugen, was obigen berechneten Zahlen entſprechend, nur einen ganz geringen Mehrbedarf erfordert, der übrigens zum Theil auf Rechnung der Feuchtigkeit und der Verunreinigung des Kochfalzes zu fetzen ift. Weldon's Verfahren geftattet fomit einen geringeren Verbrauch von Salzfäure, beziehungsweife eine beffere Ausnützung der als Nebenproduct der Sulfatbereitung fallenden Säure, allein das erfte Ziel Weldon's war doch die Erfparnifs an Braunftein und in diefer Beziehung gibt er Folgendes an: Die Koften, welche gegenwärtig die für eine Tonne Bleichkalk nöthige Menge von natürlichem Braunftein in England verurfachen, betragen 5 Pfund Sterling 12 Shilling( 56 fl.) und finken bei Anwendung des Regenerationsverfahrens auf 1 Pfund 10 Shilling bis 2 Pfund Sterling( 15 bis 20 fl.). Der thatfächliche Verluft an Manganfuperoxyd, welcher beim Regenerationsverfahren beobachtet wird, beträgt bei fehr forgfältiger Arbeit höchftens 3 Percent. Im Durchschnitte jedoch, gegenwärtig, 7 Percent, das heifst; wenn 100 Tonnen Bleichkalk dargestellt werden, find fieben davon durch das mit natürlichem Braunftein erzeugte Chlor, dargeftellt. Die Menge von Kohle, welche verbraucht wird, beziffert fich auf 12 Centner per Tonne Bleichkalk und die Menge von Kalk ebenfalls auf 12 Centner und von Kalkftein auf 4 Centner. Der mit Chlor durch Weld on's Calciummanganit erhaltene Chlorkalk ift angeblich reiner und hochgradiger, als bei Anwendung von nativem Braunſtein, da das Chlor felbft reiner und frei von Kohlenfäure ift. Das neue Verfahren wird in England bereits für die jährliche Erzeugung von 50.000 Tonnen oder 1000.000 Centner Chlorkalk verwendet, und foll bald für weitere 25.000 Tonnen in Betrieb treten. 2 16 Dr. A. Bauer. Gegenüber Weldon's Wiedergewinnungs- Verfahren, welches in fo grofs artigem Mafsftabe bereits in die Induftrie eingeführt ift, treten andere derartige Vorfchläge mehr in den Hintergrund. Uebrigens verdient in diefer Beziehung auch Kuhlmann's Methode vollfte Beachtung. Das Princip derfelben erhellt aus Folgendem: Erhitzt man falpeterfaures Manganoxydul auf 200 Grad Celfius, fo hinterbleibt reines Manganfuperoxyd und es entweichen die Zerfetzungsproducte der Salpeterfäure, namentlich Stickftoffoxyd, welches mit Luft gemifcht auf gefälltes Manganoxydul geleitet mit diefem unter Oxydation wieder falpeterfaures Mangan gibt, welches neuerdings Superoxyd bildet etc. A. Oppenheim* hat übrigens fchon im Jahre 1868 über einen ähnlichen Procefs referirt, welcher in der Sodafabrik zu Dieuze in Anwendung fteht und mit der Wiedergewinnung von Schwefel aus den Sodarückständen in Verbindung gebracht ift. Das Schwefelmangan wird aus den, Manganchlorid und Chlorcalcium haltenden Rückständen, mittelft, Calciumpolyfulfurete haltender, gelber, Lauge gefällt, auf Filtern gefammelt, gewafchen, getrocknet und geröftet. Die fich hiebei entwickelnde fchwefelige Säure wird in die Bleikammer geleitet und der Manganoxydul, Manganfuperoxyd und Manganvitriol haltende Rückftand mit Natronfalpeter gemengt und erhitzt. Es bildet fich hiebei Glauberfalz und falpeterfaures Manganoxydul, welches fofort in Manganfuperoxyd und Unterfalpeterfäure zerfällt, welch' letztere in die Bleikammer geleitet werden kann. Der Rückftand wird durch Auslaugen auf Glauberfalz und eine dem Braunftein gleichartige, jedoch eifenfreie Sauerftoffquelle verarbeitet. Nach Richter's** enthält diefer Rückftand circa 55 Percent ManganSuperoxyd. Derfelbe Forfcher macht jedoch, auf zwei wichtige, diefen Procefs betreffende Punkte aufmerkfam. Erftens ergibt fich ein Uebelftand darin, dafs bei Durchführung des Verfahrens leicht mehr Unterfalpeterfäure erzeugt wird, als die Schwefelfäure- Fabrik verbrauchen kann und zweitens, könnte der oberwähnte Rückftand mehr Superoxyd enthalten, wenn er bei niedrigerer Temperatur erhalten würde, als thatfächlich gefchieht, da eben das Superoxyd des Braunfteines fchon bei 360 Grad Celfius namhafte Mengen von Sauerftoff verliert. Was den erften Punkt anbelangt, fo kann wohl, im Falle einer vollkommenen Zerfetzung, die ganze Salpeterfäure- Menge des Salpeters als folche, beziehungsweife als falpetrige Säure, wiedergewonnen werden, allein bezüglich des zweiten Punktes mufs erwähnt werden, dafs es nicht gelingt die Zerfetzung des Röftgutes mit falpeterfaurem Natron bei einer Temperatur zu Ende zu führen, welche fo niedrig wäre, dafs das Superoxyd nicht bedeutend an Sauerftoff verlöre. Richters fchlägt demnach vor, anftatt des Röftgutes, den urfprünglichen, oxydirten, aus freiem Schwefel und Manganoxydul- Oxyd beftehenden Niederfchlag mit Schwefel- Kohlenftoff zu behandeln, den Schwefel zu löfen und das rückständige Oxyduloxyd mit Salpeterfäure zu behandeln. Die Anwendung der Salpeterfäure zur Regenerirung des Braunfteines wurde übrigens fchon vor mehr als zehn Jahren von Schlöfing empfohlen. Von Vorfchlägen zur anderweitigen Verwerthung der flüffigen Rückstände der Chlorbereitung wollen wir hier nur das Schaffner'fche Verfahren erwähnen. Er fällt die Manganlauge mit Kalk, calcinirt den Niederfchlag und verwendet das fo erhaltene eifenhaltige Manganoxydul- Oxyd als Zufchlag beim Hochofen- Betrieb, wodurch ein manganhaltiges und vornehmlich zum Beffemer procefs geeignetes Eifen erhalten wird. In jüngfter Zeit wurde auch vorgefchlagen, aus diefen Rückständen ein Braunftein- Surrogat für Glasfabriken zu bereiten.*** * Berichte der deutfchen chemifchen Gefellfchaft. 1868. Pag. 247. ** Dingler's Journal. Bd CXCII, p. 133. *** Dingler's Journal. CCVIII, p. 397. Die chemifche Grofsinduftrie. 17 Methoden, um Chlor ganz ohne Braunftein zu bereiten, wurden mehrere in Vorfchlag gebracht; fo eine, nach welcher, wenn man Kochfalz oder Chlormetalle überhaupt, mit fchwefelfaurem Eifenoxyd erhitzen foll, eine andere, nach welcher das Kochfalz mit Eifenoxyd, Waffer und gepulverten Pyriten zu Ziegeln geformt und geröftet wird. Es entwickelt fich Chlor und entſteht Sulfat nebft Eifenoxyd. W. Weldon empfiehlt Salzfäuregas mit Luft gemengt über mit Platinfchwamm belegten, Asbeft zu leiten, Aubertin ftellt Chlorgas dar, indem er über rothglühendes Kaliumbichromat ein Gemifch von Luft und falzfaurem Gafe leitet und Henderfon, indem er Salzfäuregas mit Luft gemengt über Ziegel leitet, die aus viel Eifenoxyd und wenig Thon beftehen. Gas und Materialien werden bis 200 Grad Celfius erhitzt. Die gröfste Beachtung unter diefen Vorfchlägen verdient jedoch die bereits in der Praxis ausgeführte Methode Deacon's. Diefe Methode ftützt fich auf die Vorfchläge von Oxland, nach welchen man aus chlorwafferftofffaurem Gas Chlor erhält, indem man I Volumen des trockenen Gafes mit 2 Volumen Luft gemifcht durch ein glühendes Rohr ftreichen läfst, wo fich Chlor und Waffer bilden, und auf die Methoden von A. Vogel, Laurens und Mallet, welche darauf beruhen, dafs fich das Kupferchlorid in der Hitze in Chlor und Kupferchlorür zerfetzt, diefes bei Gegenwart von Luft wieder Sauerftoff aufnimmt und fich in Oxychlorid verwandelt, welches neuerdings in Chlorid verwandelt und wieder zu Chlorür reducirt werden kann u. f. w. Deacon leitet nun ein Gemenge von Salzfäuregas und Luft über erhitzte grobkörnige Thonftücke, welche früher mit Kupferfulfat Löfung getränkt und geglüht wurden, wobei Chlor und Waffer gebildet werden. Bei der Ausführung im Grofsen wird das Salzfäuregas mit Luft gemengt, durch ein Röhrenfyftem geleitet, hier erwärmt und tritt in ein zweites Röhrenfyftem, in welchem die mit Kupfervitriol imprägnirten poröfen Thonftücke( Kugeln) fich befinden, die auf 370 bis 400 Grad Celfius erhitzt find. Hier geht die Zerlegung vor fich, und die Gafe, nunmehr aus Chlor, Wafferdampf, Stickftoff, überfchüffiger Luft und etwas Salzfäure beftehend, gehen weiter durch einen Wafchapparat und ftreichen durch mehrere mit Schwefelfäure( oder Chlorcalcium) gefüllte Trockenapparate und treten endlich in die grofsen Abforbirkammern. Der Zug des Gasftromes wird durch, am anderen Ende der Kammern befindliche Exhauftoren unterſtützt und unterhalten. Die Schwierigkeiten, welche mit der Durchführung diefes Verfahrens im Grofsen verbunden find, find jedenfalls nicht unbedeutend und erfordern die Beauffichtigung und Leitung durch intelligente Arbeiter. Zunächft handelt es fich um möglichft genaue Einhaltung einer beftimmten Temperatur von nahezu 384.6 Grad Celfius, ferner um möglichft vollkommene Trocknung des Chlores, da, wenn diefes feucht in Verwendung tritt, nur ein wenig hochgradiger Chlorkalk refultirt. Da übrigens das Chlor immer mit viel Stickftoff gemengt, alfo fehr verdünnt erhalten wird, fo erfolgt die Abforption in den Kalkkammern überhaupt langfam und diefe müffen daher von viel gröfseren Dimenfionen angewendet werden, als bei dem gewöhnlichen Verfahren. Die Anlage der Vorrichtungen felbft ift ziemlich koftfpielig, allein die Vortheile, welche in der gänzlichen Umgehung des Braunfteines und der vollständigen Verwendung des durch die Sulfatöfen gelieferten Salzfäuregafes liegen, find fo bedeutende, dafs diefer Procefs alle Beachtung verdient, zumal er in England bereits in grofsem Mafsftabe durchgeführt iſt. Gegen Weldon's Regenerationsverfahren liegt Deacon's Vortheil darin, dafs er die ganze Menge des in der Salzfäure enthaltenen Chlors nutzbar macht, während Weldon nur einen Bruchtheil desfelben erhält. Allein Weldon's Vorfchlag, Magnefia anftatt des Kalkes anzuwenden, verfpricht in diefem Falle das Gleichgewicht herzuftellen, nämlich, durch Bildung und Zerfetzung von Chlormagneſium, auch alles Chlor als folches in den Kreislauf der Proceffe zu ziehen. Gelingt diefs vollkommen und liefert der Magnefiumprocefs Weldon's das Chlor in einer Form, in welcher es in gewöhnlichen Kammern angewendet werden 2* 18 Dr. A. Bauer. kann, dann liegt darin ein, nicht zu leugnender Vortheil, gegenüber Deacon's Verfahren. Deacon's Verfahren ift in acht oder neun englifchen und zwei deutfchen Fabriken in Anwendung und liefert, nach des Erfinders Angabe, etwas mehr als I Tonne 35 percentigen Chlorkalk für je 12 Tonnen( 30 Centner) des im Sulfatofen zerfetzten Salzes, unter Anwendung von I Tonne Kohlenklein. Ein kleiner Theil der angewendeten Säure geht aus bisher nicht bekannten Urfachen verloren, allein der allgemeinen Einführung des Verfahrens in der Induftrie ftellten fich, nach derfelben Angabe, bisher blofs folche technifche Schwierigkeiten, die in der Conftruction der Apparate liegen, entgegen. Der Erfinder hat in jüngfter Zeit die wichtige Wahrnehmung gemacht, dafs der Zufatz von Salzen, wie Natriumfulfat und Kaliumfulfat zum Kupfervitriol, die Verflüchtigung des Kupferchlorides innerhalb der einzuhaltenden Temperaturgrenzen hindert und den Vorgang der Zerfetzung der Salzfäure erleichtert. Diefe Modification wurde im Laufe des September 1873 in der chemifchen Fabrik des Erfinders zu Widnefs in Lancaſhire in grösserem Mafsftabe eingeführt. Von den auf der Ausftellung vertretenen englifchen Firmen hat John Hutchinfon& Comp. zu Widnefs den Deacon'fchen Procefs eingeführt. Was den Chlorkalk felbft anbelangt, fo hat es nicht nur an Verfuchen nicht gefehlt, denfelben durch andere ähnliche Verbindungen zu erfetzen, fondern es wurden auch neue Verfahrungsarten zu feiner Darftellung d. h. Modificationen der bei Einwirkung des Kalkes auf das Chlor dienenden Vorrichtungen angegeben, welche namentlich, mit Rückficht auf die oben angedeuteten Schwierigkeiten, bei der Anwendung des Deacon'fchen Verfahrens von Bedeutung find. So läfst man z. B. nach H. Larkin, A. Leighton und W. White den Kalk als feines Pulver in den Chlorgasftrom fallen. Bei Beurtheilung folcher Vorfchläge müffen jedoch die in den letzten Jahren ausgeführten theoretifchen Arbeiten über die Bildung und Conftitution des Chlorkalkes mafsgebend fein, welche von J. Kolb, Riche, Bobierre, dann Scheurer- Keftner, G. Calvert und endlich in Knapp's Laboratorium von Reimer, Tfchigianjang und Fritfche ausgeführt wurden und an die fich in neuefter Zeit Göpner's Arbeit reiht. Es erfcheint hier am Platze, auf die grofsen Quantitäten von Chlorcalcium hinzuweifen, welche durch die chemifche Grofsinduftrie producirt werden, und deren ökonomifche Verwerthung grofse Schwierigkeiten darbietet und in Zukunft vielleicht in noch erhöhtem Mafse darbieten wird. Ift es der Ammoniakfoda- Procefs, dem die Zukunft gehört, fo fällt,( wenn nicht Magnefia an die Stelle des Kalkes treten kann) das gefammte Chlor des angewendeten Kochfalzes fchliesslich als Chlorcalcium und für die 13,135.000 Centner Soda, welche als die Jahresproduction Europas im Jahre 1872 angenommen werden, entftünden nahezu ebenfoviele Centner Chlorcalcium. Das Bedürfnifs nach Bleichpulver und Chlor fichert allerdings, fchon der Salzfäure wegen, dem Leblanc' fchen Proceffe eine Zukunft; allein wenn Deacon's Procefs nicht die bisherigen Schwierigkeiten vollſtändig überwindet, fo ift man immerhin auf die Anwendung und Regenerirung des Braunfteines angewiefen, durch welche ebenfalls nur etwa ein Drittel des im Kochfalz enthaltenen Chlors dem Bleichproceffe zugeführt wird, und ebenfalls enorme Mengen von Chlorcalcium entſtehen. Ift trotz der fchönen Erfolge des Ammoniakverfahrens dennoch auch in der Zukunft eine weitere Entwicklung des Leblanc'fchen Proceffes zu gewärtigen, fo fteht die Chlorcalcium- Frage nicht wefentlich anders, und es tritt dann noch eine zweite Anwendung der Salzfäure in den Vordergrund, nämlich die zur Regenerirung des Schwefels aus den Sodarückftänden, wodurch aber das Chlor ebenfalls in Chlorcalcium übergeführt wird. Die Verwendungen, deren das Chlorcalcium fähig ift, ftehen zu den Maffen, welche erzeugt werden, in keinem entſprechenden Verhältniffe, und es hat uns auch die Ausftellung in diefer Beziehung keine wefentlichen Fortfchritte gezeigt; Die chemifche Grofsinduftrie. 19 es feien denn die fchon von Ranfome in Ipswich unter Mitanwendung von Chlorcalcium dargestellten künftlichen Steine und der von vielen Firmen erzeugte gefällte Gyps( Annaline), welcher namentlich von den Stafsfurter Fabriken, durch Umfetzung von Chlorcalcium und verfchiedenen Sulfaten als billiges Nebenproduct erzeugt wird. Beide Anwendungen waren fchon vor längerer Zeit bekannt und unfere Hoffnungen in Betreff der entſprechenden Verwendung des Chlors im Chlorcalcium müffen wir der Zukunft überlaffen, welche vielleicht in der allgemeinen Einführung von Magnefia an Stelle des Kalkes und Zerfetzung des Chlor magneſiums den richtigen Weg zur Verwerthung des im Kochfalz enthaltenen Chlors finden wird. Specieller Theil. OESTERREICH. Die chemifche Induſtrie Oefterreichs war auf der Ausftellung fehr vollständig vertreten und der Specialkatalog wies in der III. Gruppe 461 Nummern auf, von denen 74 in die I. Section gereiht waren, mehrere von den letzteren wurden jedoch bei den Juryberathungen in andere Sectionen der III. Gruppe verwiefen; fie finden daher auch in diefem Specialberichte keine Erwähnung. Es gilt diefs namentlich von den fehr bedeutenden Bleiweifs- Fabriken Kärnthens, welche unter den Mineralfarben* ihre Berücksichtigung finden werden. Die chemifche Grofsinduftrie Oefterreichs geftattet, mehr als die eines anderen Landes, die hiftorifche Entwicklung derfelben zu überblicken, denn es find hier an einigen Orten noch Proceffe in Anwendung, welche anderwärts längst aufgegeben find oder doch nur felten geübt werden. Von der, allerdings dem Erlöfchen entgegengehenden Gewinnung der Kehrfoda in Ungarn, der Gewinnung des Schwefels durch Abtreiben, der Gewinnung des Vitriolöles und der Vitriole in Böhmen; bis zu der Anwendung der neueften Methoden in den hervorragenden Etabliffements des Reiches, fah man alle wichtigen Proceffe, durch die Ausftellung repräfentirt. Wir haben bei einer anderen Gelegenheit** die Gefchichte diefer Induſtrie gefchildert und können hier nur der Befriedigung Ausdruck geben, dafs diefelbe im Laufe der letzten Jahre und namentlich feit der Bewilligung zur zollfreien Einfuhr ausländifchen Salzes zu technifchen Zwecken, einen fo mächtigen Auffchwung genommen hat. Allerdings kam diefe Bewilligung bisher nur beftimmten Localitäten zu Gute, da die theueren Frachten den Bezug des ausländifchen Rohftoffes nicht allerorts ermöglichen, die chemifche Grofsinduftrie jedoch, die in erfter Linie auf Salz, Schwefel und Kohle angewiefen ift, keines diefer Producte theuer verfrachten kann, ohne in ihrer Exiftenz bedroht zu fein. Oefterreich( Cisleithanien) erzeugt zwar die bedeutende Menge von über 5 Millionen Centner Salz, worunter über 2 Millionen Centner Sudfalz, und den Bedürfniffen der Induftrie wird, trotz des beftehenden Monopols, von Seite der Staatsverwaltung nach Möglichkeit Rechnung getragen, fo dafs der Preis des Salzes für induftrielle Zwecke ein wirklich niedriger genannt werden muss. Allein die chemifche Induftrie könnte nur in der völligen Freigebung des Salzes, ihr Ziel in diefer Richtung erreicht fehen, da diefelbe nur dann die Salzgewinnung, mit der chemifchen Verarbeitung desfelben, fchrankenlos in Verbindung bringen könnte, und auch der durch die nöthige Controle verurfachten Formalitäten, bei der Verwendung des Induftriefalzes ledig wäre. Einer folchen Aufhebung des Salzmonopols ftehen nun allerdings Bedenken verfchiedener Art entgegen, und namentlich könnte der Staat nicht auf den durch das Monopol, den Finanzen zufliefsenden bedeutenden Ertrag verzichten, und es müfste in diefer Beziehung ein entsprechender Erfatz gefchaffen werden. * Siehe Lippmann's Bericht über die Farben. ** Bauer in W. Fr. Exner's Gefchichte der Gewerbe und Frfindungen. 20 Dr. A. Bauer.. Die Fabriken des Vereines für chemifche und metallurgifche Production in Auffig und Kralup. Der öfterreichische Verein für chemifche und metallurgifche Production wurde im Jahre 1857 als Actiengeſellſchaft gegründet und errichtete zunächft die auf die Verarbeitung von Kochfalz aus der Saline Stafsfurt bafirte Fabrik in Auffig an der Elbe. Seit 1867 befitzt der Verein auch die Fabrik zu Kralup an der Moldau, und hat diefelbe wefentlich erweitert und die innere Einrichtung total umgeändert. Die Fabrik in Kralup befchäftigt fich namentlich mit der Erzeugung von Schwefelfäure,( von der ein grofser Theil in zwei vorhandenen Platinretorten auf concentrirte Säure abgedampft wird); ferner mit der Fabrication von calcinirtem Glauberfalz für Glasfabriken, kryftallifirtem Glauberfalz, Natriumbicarbonat, kryftallifirter Soda, welche aus Auffiger calcinirter Soda gewonnen wird; Salzfäure und insbefondere fchwefelfäurefreier Salzfäure für die Zwecke der Zuckerfabrication, dann Salpeterfäure, namentlich folcher zu 480 Baumé für Dynamitfabrication. Die Production der Filiale in Kralup beträgt beiläufig 1 von der, der Auffiger Fabrik. Im Laufe der letzten Jahre haben mehrere wefentliche Verbefferungen Platz gegriffen, fo die Anlage einiger Kiesöfen, das Abdampfen der Säure mit der abgehenden Wärme der Kies Röftöfen und die Anwendung des Glover'fchen. Thurmes. In Kralup wurde auch die Concentration der Schwefelfäure mit gefpanntem Wafferdampf durchgeführt, was in der Weife gefchieht, dafs der aus einem Dampfkeffel kommende Dampf durch ein auf dem Boden der Abdampfpfanne liegendes bleiernes Schlangenrohr circulirt und das hiebei condenfirte Waffer wieder in den Dampfkeffel zurückfliefst. Die Säure kann auf diefe Weife nicht überhitzt werden und man kann von einem Dampfkeffel aus viele Abdampffchalen bedienen. Bei der Säurezuführung am Gay Luffa c'fchen Thurme wurde die auf das Princip des Segner'fchen Rades bafirte Vertheilungsvorrichtung allgemein eingeführt und bei den Condenſatoren für Salzfäure die alten Sandftein- Apparate durch folche aus Thon erfetzt, die fich ausgezeichnet bewährt haben. Man hat ferner in Auffig das Schmelzen der Rohfoda mit Gasfeuerung und die Entfchwefelung des cauftifchen Soda mittelft Luft, fo wie die Fabrication von chlorfaurem Kali eingeführt, und auch die Darftellung der Superphosphate wird in fehr ausgedehntem Mafsftabe betrieben. Eine grofse Aufmerkfamkeit widmet man der Verwerthung der Rückftände und Abfälle. Die entfchwefelten Sodarückftände werden beim Eifenbahn- Bau zur Confervirung der Eifenbahn- Schwellen benützt, wo fie durch ihren Gehalt an fchwefligfaurem Kalk und Gyps wirkfam find. Die Kiesabbrände wurden nach dem Auslaugen mit gutem Erfolg in Kladno auf Eifen verhüttet, diefelben dienten ferner auch zur Erzeugung von Zinkvitriol, welches wieder mit Chlorcalcium( der ausgefällten Schwefellaugen) auf gefällten Gyps( für Papierfabriken) und Chlorzink verarbeitet wurde. Aus der Manganlauge der Chlorbereitung wird Manganoxydul gefällt und beim Hochofenbetrieb als Zufchlag verwendet. Endlich wird Chlorbarium durch Schmelzen von Manganchlorür mit Kalk, Kohle und fchwefelfaurem Baryt gewonnen, welch' letzterer ein Abfall product der Salzfäure Reinigung ift. Die Wiedergewinnung des Schwefels nach der Methode des gegenwärtigen Fabriksdirector Dr. Max Schaffner und die Reinigung des erhaltenen Productes durch Umfchmelzen unter Waffer mit Dampf von hoher Spannung wurde fchon im Allgemeinen Theile diefes Berichtes ausführlich befprochen. Gerechtes Auffehen erregte die grofse Menge von Thallium, welches von der Auffiger Fabrik ausgeftellt war. Als Rohmateriale zu deffen Gewinnung dient der Flugftaub der Kiefe von Meggen, welche man in Auffig zum Zwecke der Schwefelsäure Fabrication abröftet. Diefer Flugftaub ift roth gefärbt, enthält viel arfenige Säuere, fchwefelfaures Eifenoxyd, kleine Mengen von Zinkoxyd, Bleioxyd, Spuren von Antimon, Silber und fchwefelfaurem Thalliumoxyd. Derfelbe Die chemifche Grofsinduftrie. 21 wird zum Behufe der Thalliumgewinnung in Holzbottiche gebracht und hier entweder mit reinem oder mit etwas fchwefelsäurehaltigen Waffer ausgekocht.* Wenn die Flüffigkeit nach längerem Stehen klar geworden ift, zieht man fie mit dem Heber ab oder filtrirt durch Leinwand. Man kocht den Rückftand nochmals auf gleiche Weife aus und fällt nun in der klaren Flüffigkeit das Thallium mit Salzfäure als Chlorür. Der Niederfchlag, der noch fehr unrein und röthlich gefärbt ift, wird mit kaltem Waffer ausgewafchen und fodann durch Erhitzen mit concentrirter Schwefelfäure in fchwefelfaures Salz verwandelt, und zwar wird das Erhitzen fo lange fortgefetzt, bis alle überfchüffige Schwefelsäure vertrieben ift. Das fchwefelfaure Salz wird in Waffer gelöft, filtrirt und nun abermals mit Salzfäure verfetzt, die ziemlich reines Chlorthallium fällt. Sollte diefes noch nicht ganz rein fein, namentlich noch Arfen enthalten, fo mufs die Operation nochmals wiederholt werden. Will man die letzte Spur von Arfen befeitigen, fo mufs man allerdings Schwefelwafferft off mit zu Hilfe nehmen. Man leitet diefes Gas in die fauere Löfung des fchwefelfauren Thalliumoxyduls und es fällt dann das Arfen mit geringen Mengen von Thallium aus und bildet einen Niederfchlag von orangen rother Farbe Die von dem Niederfchlag abfiltrirte Flüffigkeit verfetzt man nun mit Salzfäure und erhält dann chemifch reines Chlorthallium, das auf oben angeführte Weife wieder in fchwefelfaures Salz verwandelt wird. Das fchwefelfauere Salz wird mit reinem metallifchem Zink reducirt, die Reduction ift in wenigen Stunden erfolgt. Der Metallfchwamm wird mit ausgekochtem Waffer ausgewafchen, zwifchen Filtrirpapier geprefst und dann in einem Eifen- oder Porzellantiegel über der Gaslampe eingefchmolzen, indem man Leuchtgas oder Wafferftoff- Gas in den Tiegel leitete. Das gefchmolzene Metall, das ein queckfilberähnliches Anfehen hat, wird fodann in Papierformen gegoffen, um ihm eine elegante Form zu geben. Die Ausdehnung der Auffiger Fabrik ift eine fehr bedeutende und fie umfafst die Schwefelfäure- Fabrik mit fechs grofsen Bleikammer- Syftemen, einem Concentrationsgebäude mit Abdampfpfannen und zwei grofsen Platinkeffeln; die Sulfatfabrik und die dazu gehörigen Salzfäure- Condenfationsvorrichtungen mit acht Koksthürmen; dann das Rohfoda- Schmelzhaus, die Laugereigebäude, die Fabrik für doppelt kohlenfaures Natron, für kryftallifirtes Glauberfalz und kryftallifirte Soda, für Chlorkalk etc. etc. Mit Hilfe von 1200 Arbeiter, für deren leibliches und geiftiges Wohl in mufterhafter Weife geforgt ift, erzeugt der Verein für chemifche und metallurgifche Production jährlich unter Aufwand von etwa 1½ Million Centner Braunkohlen, Producte im Werthe von 22 Millionen Gulden. Einige der wichtigften diefer Producte find: Schwefelfäure 300.000 Centner, Sulfat 230.000 Centner, kryftallifirtes Glauberfalz 10.000 Centner, calcinirte Soda 100.000 Centner, kryftallifirte Soda 50.000 Centner, kauftifche Soda 15.000 Centner, Chlorkalk 40.000 Centner, Salzfäure 330.000 Centner, Superphosphat 40.000 Centner, unterfchwefligfaures Natron aus den Sodarückftänden 4000 Centner, Schwefel aus Sodarückständen 10.000 Centner, chlorfaures Kali 600 Centner etc. Diefen Zahlen wollen wir gegenüberftellen, dafs die Auffiger Fabrik im Jahre 1867 nur vier Bleikammer- Syfteme hatte und unter anderen 180.000 Centner Schwefelfäure, 140.000 Centner Sulfat, 3000 Centner Glauberfalz, 75.000 Centner calcinirte und 36.000 Centner kryftallifirte Soda, 9000 Centner, Stangenfchwefel u. f. w. erzeugte, woraus der mächtige Auffchwung diefer Etabliffements in den letzten fünf Jahren zur Genüge erfichtlich ift. Siehe: Sitzungsberichte der kaiferlichen Akademie der Wiffenfchaften in Wien. Band LXIII. 1871. * 22 Dr. A. Bauer. Die chemifche Fabrik von Wagenmann, Seybel& Comp, in Liefing. Diefe Fabrik hat fich immer dadurch ausgezeichnet, dafs diefelbe, den jeweiligen Conjuncturen entſprechend, alle auf die chemifche Grofsinduftrie bezüglichen Zweige, aufgegriffen und glücklich durchgeführt hat, fie bietet uns defshalb das Bild einer, feinerzeit mit befcheidenen Mitteln begonnenen und durch eigenes Verdienft zu grofsartigem Betriebe gekommenen Fabriksanlage erften Ranges. Dr. C. Wagenmann, der Erfinder der Schnelleffig- Fabrication, war es, der im Jahre 1828 in Oefterreich eine Fabrik zur Verwerthung feines Patentes gründete. Im Jahre 1835 ftellte er das chlorfauere Kali nach einem neuen und billigen Verfahren dar und fafste in Folge des fteigenden Bedarfes an Chemikalien in Oefterreich, den Entfchlufs zur Gründung einer chemifchen Fabrik im weiteften Sinne des Wortes. Der Tod ereilte ihn 1841 und erft feinem Stieffohne Emil Seybel gelang es, feine Pläne zur Ausführung zu bringen. 1845 trat Emil Seybel als Theilnehmer, der nunmehr Wagenmann, Seybel& Comp. benannten Firma bei und feit 1865 ift er alleiniger Befitzer derfelben. Die Fabrik, die in den dreifsiger Jahren nur etwa zwei Joch einnahm, hat jetzt fünfzig Joch zur Verfügung, von denen zwölf als Fabriksraum( fammt den dazu gehörenden Höfen) verwendet werden. Eine eigene 900 Klafter lange Eifenbahn verbindet diefelbe mit dem Stationsgebäude der Südbahn. Die Fabrik erzeugt in fechs Bleikammer- Syftemen, mit einem Rauminhalt von 435.000 Cubikfufs, jährlich 140.000 Centner Schwefelfäure. Eines der Syfteme verbraucht den Schwefel der Laming'fchen Maffe, zwei arbeiten mit ficilianifchem Schwefel und drei mit Kiefen aus Steiermark und Ungarn( Böfing). Ein Theil der Kiese, welche 20 Percent Schwefel enthalten, wird an letztgenanntem Orte in einer, Seybel gehörigen Fabrik, auf Schwefelfäure verarbeitet. Die rationelle Verwendung der Kiefe zu diefem Zwecke ift überhaupt durch Seybel ( 1857) in Oefterreich in ausgedehntem Mafsftabe eingeführt worden. Vier Platinakeffel im Werthe von 250.000 Francs dienen zum Concentriren der Säure. Seit 1842 verarbeitet die Fabrik das Ammoniakwaffer der Wiener Gasfabriken und liefert jährlich 2000 Centner kauftifches Ammoniak und 6000 Centner Ammoniakfalze. Der ausgezeichnete fteierifche Magnefit( 95 bis 99 Percent kohlenfauerer Magneſia enthaltend) gab Seybel Gelegenheit, diefen Körper zu verfchiedenen Zwecken in die Technik einzuführen, wie z. B. zur Darstellung von Grünfpan aus effigfauerer Magnefia und Kupfervitriol; zur Darstellung von effigfauerer Magneſia, zum Behufe der Effigfäurebereitung und Umgehung des werthlofen Neben productes, Gyps. Inzwifchen hat die Auffindung mächtiger Magnefiafalz- Lager diefe Induftrie aufgehoben, die nachfolgende Verwendung des Magnefits verdient jedoch angeführt zu werden. In den vierziger Jahren lafteten die Salzfteuer und ein hoher Eingangszoll auf italienifchen Schwefel fchwer auf der chemifchen Induftrie Die Darftellung von Chlorpräparaten erfchien geradezu unmöglich. Da kam Seybel auf die Idee, feine Manganlaugen, wie fie bei der Reaction der Schwefelfäure auf ein Gemenge von Kochfalz und Braunftein erhalten werden, mit Magnefit zu verfetzen. Es refultirte eine harte Maffe, welche in der kalten Jahreszeit mit Waffer ausgelaugt wurde. Die Lauge mit genügend Kochfalz verfetzt, gab bei niederer Temperatur Glauberfalz, und der damals hohe Preis des kryftallifirten Glauberfalzes ermöglichte der Fabrik die erfolgreiche Concurrenz. Einen Hauptgegenftand, namentlich für den Export nach Rufsland u. f. w. bildet in Liefing die Weinfteinfäure- Fabrication. Sie datirt aus dem Jahre 1840 und Seybel benutzte Anfangs nur öfterreichifchen Roh- Weinftein, wie er faft in allen füdlichen Ländern gewonnen wird. In einem Vortrage, der im Jahre 1854 in den Verhandlungen des niederöfterreichifchen Gewerbe- Vereines veröffentlicht * Siehe: Bauer in W. Fr. Exners Gefchichte der Gewerbe und Erfindungen. Die chemifche Grofsinduftrie. 23 wurde, lenkte Seybel die Aufmerkfamkeit auf den grofsen Reichthum an Weinfäure, der in der Weinhefe enthalten ift. Die Weinhefe beträgt 5 Percent vom Volumen des Weines; ein einfaches Preffen derfelben gibt von je 100 Eimer Hefe 80 Centner Wein, und 20 Centner trockene Hefe. Bei einer jährlichen Weinproduction in Oefterreich von etwa 40 Millionen Eimern ergibt das eine Totalproduction von faft 60.000 Centnern Weinftein, die einen Werth von über 2 Millionen Gulden repräfentiren. Die hohe volkswirthschaftliche Bedeutung diefer Thatfache ift augenfcheinlich, ein bisher höchftens zu Düngerzwecken benutztes Material ift eine neue Quelle des Wohlftandes geworden. Seit jener Zeit ift Seybel unabläffig bemüht gewefen, zum Sammeln der Weinhefe aufzuforden, und feine Bemühungen find nicht fruchtlos geblieben. Im Jahre 1866 wurden in Liefing 900 Centner Weinhefe verarbeitet, gegenwärtig kommt die meifte Weinhefe der Induftrie zu Gute, und in Liefing werden gegen 4000 Wiener- Centner Weinfäure erzeugt. Es verdient angeführt zu werden, dafs aus der ausgelaugten Weinhefe ein ausgezeichnetes Kohlenfchwarz erhalten werden kann. Von den übrigen Erzeugniffen der Liefinger Fabrik find zu erwähnen: Salzfäure, Salpeterfäure( je 30.000 Centner jährlich) Bleizucker( 1500 Centner), Zinnpräparate( 800 Centner), Effigeffenz( 8000 Eimer zu Effigfäure und Salzen), Kupfervitriol( 1200 Centner) und befonders Eifenvitriol( 6000 Centner), zu deffen Bereitung namentlich der vorzügliche fteieriſche Spateifenftein dient. Die Fabrik befitzt auch eine eigene Töpferei. Seit der letzten Ausftellung( 1867) hat die Liefinger Fabrik ihre Productionsfähigkeit erheblich gefteigert( Anlage eines fechsten Bleikammer- Syftems und eines vierten Platinkeffels) und namentlich die völlige Aufarbeitung der Lamingfchen Maffe eingeführt. Es werden hiebei Ammoniak und Blutlaugenfalz gewonnen; der Schwefel zur Schwefelfäure Fabrication benützt, während der abgeröftete Rückftand aufs Neue zum Reinigen des Leuchtgafes verwerthbar ift. Wie bedeutend diefer Fabricationszweig ift, ergibt fich daraus, dafs, obgleich erft im Jahre 1872 eingeführt, aus der Laming'fchen Maffe doch eine Jahresproduction von 24.000 Centnern Schwefelfäure und 10.000 Centner Eifenoxyd erzielt werden kann. Im Jahre 1857 kaufte Seybel die Chromerz- Gruben von Kraubath in Steiermark und ftellte daraus das chromfaure Kali dar. Bekanntlich wird bei diefem Proceffe eine fehr grofse Menge Brennmaterial verbraucht, und die eng lifche Concurrenz machte bald das Arbeiten unmöglich. Jetzt wird das Erz von der Fabrik chemifcher Producte in Hraftnigg ( Steiermark) verarbeitet. Der Werth der Jahresproduction der Liefinger Fabrik beträgt circa 1,500.000 Gulden. Die erfte öfterreichifche Soda Fabrik in Hrufchau( Oefterreichifch Schlefien). Diefe Fabrik ift im Jahre 1851 von den Herren J. M. von Miller und Carl Hochft etter gegründet worden. Es werden in derfelben gegenwärtig in drei Bleikammer- Syftemen jährlich 134.000 Wiener Centner Kammerfäure von 50 Grad Baumé( entſprechend 84.000 Wiener Centner 66 gradiger Säure) producirt, wovon der gröfste Theil in der Fabrik felbft weiter verarbeitet wird und blofs 15- bis 20.000 Centner concentrirte Schwefelfäure als folche in den Handel gebracht werden, zu welchem Behufe zwei Platina Apparate vorhanden find. Die Bleikammern find mit Gay Luffac'fchen Condenfatoren verfehen, und zur Erzeugung von fchwefliger Säure wird meift ficilianifcher Schwefel verwendet, und in eigenthümlichen und fehr praktifchen Schwefelöfen, welche zugleich zur Dampferzeugung für die Kammern dienen, verbrannt. Ein neues, viertes Kammerfyftem von circa 75.000 Kubikfufs Kammerraum wird foeben der Vollendung zugeführt. In den vorhandenen fünf Sulfatöfen, an welchen grofse Salzfäure- Condenfationsfyfteme angereiht find, werden jährlich nahezu 95.000 Wiener Centner Sulfat und 120- bis 125.000 Wiener Centner Salzfäure erzeugt. Das hiezu nöthige 24 Dr. A. Bauer. Steinfalz wird aus Wieliczka bezogen. Es werden ferner producirt jährlich 48.000 Centner calcinirte Soda, 12.000 Centner Aetznatron, 13.000 Centner Kryftallfoda, 1200 Centner Natriumbicarbonat, ferner in 40 Chlorkalk- Kammern 20- bis 24.000 Wiener Centner Chlorkalk. Schwefel aus den Soda- Rückftänden, wird nach Schaffner's Verfahren regenerirt. Ein Theil des producirten Glauberfalzes wird auch als folches, theils calcinirt, theils kryftallifirt, in den Handel gebracht. Die altberühmte Firma Johann David Starck in Böhmen hatte ihre Pruducte in einem eigenen Pavillon rechts vor dem Induftriepalafte zur Ausftellung gebracht, und in einer von A. Prochaska, zufammengeftellten Brochure( Druck von Carl Maafch in Pilfen. Selbftverlag 1873.) eine eingehende Schilderung aller auf ihre Leiftungen bezüglichen Daten veröffentlicht. Die Gefchichte diefer Firma ift bekannt und hängt innig mit der urfpünglich auf die Darftellung von Schwefel, Eifenvitriol und Oleum gegründeten chemifchen Induftrie Böhmens zufammen. J. D. Starck hatte im Jahre 1792 das Meffingwerk zu Silberbach gepachtet, brachte dasfelbe nach Ueberwindung grofser Hindernifse in ordentlichen Gang, und errichtete dafelbft auch die erfte Oleumhütte in Oefterreich. Von jener Zeit, bis auf unfere Tage entwickelte fich die Firma Starck, anfangs durch die Bemühung ihrers Gründers und nach feinem, im Jahre 1841 erfolgten Tode, durch deffen Erben und namentlich durch deffen Sohn, Johann Anton v. Starck, zu immer gröfserer Bedeutung, und umfafst gegenwärtig eine ganze Reihe von Fabriken, die theils im Egerer, theils im Pilsner Kreife liegen, und zumeift auf die Verwendung der Kohlen der Falkenauer und Pilsner Becken geftützt find deren Anwendung in der chemifchen und Glas- Induftrie durchgeführt zu haben feinerzeit ein hervorragendes Verdienft diefer Firma war. Neben dem Oleum( rauchende Schwefelfäure), von welchem im Jahre 1831: 15.000 Centner und im Jahre 1872: 34.410 Centner erzeugt wurden) erzeugt die Firma J. D. Starck alle zu ihrer Fabrication nöthigen Thonwaaren, darunter jährlich über 700.000 Stück Oleumkolben und 3000 Stück Schwefel- Deftillationsröhren, und ftellt aus den Rückftänden der Oleumfabrication namentlich feit einigen Jahren, bedeutende Mengen von fogenanntem Caput mortuum dar. Diefe Menge betrug im Jahre 1872: 20.000 Centner und das Product wurde in 19 Nuancen und 41 Sorten in den Handel gebracht. Der Sitz diefer Fabrication ift zu Břas bei Pilfen und es wurde hiezu im Jahre 1871 ein eigenes Etabliffement errichtet und mit Dampfkraft verfehen. Der zur Oleumbereitung nöthige Vitriolftein wurde früher aus Alaun und Eifenvitriol- Mutterlaugen gewonnen und diefs gefchieht jetzt noch dort, wo in kleinem Mafsftabe gearbeitet wird, wie in Littmitz, allein das Haupt- Rohmaterial ift jetzt der fogenannte Vitriolfchiefer, ein bituminöfer Thonfchiefer, in dem mehr oder weniger Schwefelkies eingefchichtet ift. Diefes Mineral kommt in grofser Menge in der Begrenzung der Pilsner Steinkohlen- Mulde vor. Diefe Schiefer werden auf einem Thonbett auf Halden aufgeftürzt, hier der Verwitterung überlaffen, dann mit Waffer ausgelaugt und erft auf gemauerten Pfannen und endlich auf Eifenkeffeln bis zu fogenanntem Stein( hauptfächlich Eifenoxydfulfat) verfotten, welcher noch weiter in Flammöfen gänzlich entwäffert wird. Diefer Vitriolftein gibt beim Deftilliren, je nach feiner Zufammenfetzung 40 bis 48, ja der jetzt in Verwendung ftehende Stein der Hromitzer Werke, fogar 52 Percent Vitriolöl. Die Erzeugung von Schwefel durch Deftillation hat in diefem Berichte fchon Erwähnung gefunden und wir nennen nunmehr die Vitriolerzeugung, welche früher innig mit der Schwefelerzeugung verknüpft war. Durch das Zurückgehen der Schwefelerzeugung wurde natürlich auch diefe Fabrication betroffen, allein da der Bedarf an Eifenvitriol durch den grofsen Verbrauch zu Desinfections. zwecken eine fteigende Production nothwendig erfcheinen liefs, fo fchritt man zur Abänderung der urfprünglichen Methoden und namentlich zur Anwendung der Desoxydation der, aus den verwitterten Vitriolfchiefern refultirenden Eifen Die chemifche Grofsinduftrie. 25 oxyd- Laugen. Die Vitriolerzeugung betrug im Jahre 1831: 12.000 Centner Eifenvitriol und 2000 Centner Kupfervitriol, im Jahre 1862: 95.756 Centner Eifenvitriol und 12.528 Centner Kupfervitriol und im Jahre 1872: 24.782 Centner Eifenvitriol und 343 Centner Kupfervitriol. Die Alaunfabrication gehört zu den älteften Induftriezweigen Böhmens und wurde von Starck, im Jahre 1826 in die Hand genommen, wo er in Altfattel ein Alaunwerk errichtete. Der Schwerpunkt diefer Fabrication wurde jedoch von ihm im Jahre 1868 nach Haberspirck verlegt, wo im Jahre 1872, an 20.000 Centner Alaun erzeugt wurden, während die Gefammtproduction aller Starck'fchen Werke im Jahre 1872: 26.000 Centner Alaun betrug. Die Alaunfabrication wird jetzt mittelft Stafsfurter Kalifalzen betrieben. Die Bereitung von Glauberfalz, Salzfäure und Salpeterfäure wurde von der in Rede ftehenden Firma im Jahre 1829 begonnen und ftützte fich urfprünglich auf oberöfterreichifches Salz, welches über Budweis bezogen wurde. Die Erzeugung von Salzfäure gefchieht auch heute noch in ftarken Bleikeffeln und wird namentlich in Břas betrieben; das fallende Sulfat wird fofort in den dortigen Glashütten verwendet und macht eigentlich diefe Fabrication erft lebensfähig. Die Salpeterfäure erzeugt man in Glasretorten. Die Phosphorfabrication, welche früher fchwunghaft betrieben wurde, hat man im Jahre 1868 aufgelaffen und dagegen eine bedeutende Superphosphat Erzeugung eingeführt. Im Jahre 1872 wurden über 6000 Centner diefes wichtigen Düngftoffes dargestellt. Im Jahre 1850 wurde auch die Fabrication englifcher Schwefelfäure eingeführt und zwar fowohl in Kasnau als in Davidsthal; diefelbe war urfprünglich auf felbft erzeugten Schwefel( aus Kiefen) bafirt, wurde jedoch bald mittelft Kiefen felbft, die zum Theil fogar aus dem Auslande bezogen wurden, betrieben. Ein intereffanter Induſtriezweig ift auch die Erzeugung von Rufs( zu BuchdruckerSchwärze) durch eine fehr langfame und unvollständige Verbrennung oder eigentlich durch eine theilweife trockene Deftillation der bituminöfen Braunkohle von Reichenau, welche aber nach Eröffnung der neuen Eifenbahn- Linie, FalkenauEger fo im Preife geftiegen ift, dafs fich vielleicht die Rufserzeugung bald nicht mehr lohnen wird. Diefelbe Firma hat neben den jetzt genannten Fabricationszweigen auch fehr ausgedehnte Glashütten und Kohlen- Bergbaue, welche jedoch in anderen Berichten ihre Würdigung finden werden. Die Fabrik chemifcher Producte zu Hraft nigg in Steiermark. Diefe Fabrik beftand früher, und zwar fchon feit 1840 in Trieft und war vielleicht die erfte, welche Kalifalpeter aus Chilifalpeter und Pottafche erzeugte. Sie war Eigenthum des Herrn Franz Ritter v. Gofsleth und begann im Jahre 1854 die Erzeugung von Chromkali. Die Vertheueruug des Brennmateriales und das Steigen der Arbeitslöhne veranlafste im Jahre 1859 die Verlegung der Fabrik nach Hraftnigg, womit zugleich eine bedeutende Vergröfserung verknüpft war. Im Jahre 1868 verkaufte man die Fabrik an die k. k. privilegirte öfterreichifch- orientalifche Bank und verblieb Herr Georg Ritter v. Gofsleth als felbftftändiger Firmabefitzer und Leiter des ganzen Unternehmens in Hraft nigg. Er baute fucceffive Schwefelfäure- Kammern, Sulfatöfen für fchwefelfaures Kali und richtete die Fabrication von Chlorkalk und Eifenvitriol, fowie die von Glauberfalz ein. Diefe Fabrik ift wohl die einzige, welche gegenwärtig in Oefterreich und Deutfchland Chromkali macht und zwar in einer Menge von jährlich circa 3000 Centner. Die Fabrik producirt ferner Kalifalpeter, wenn nöthig bis zu 24.000 Centner, Schwefelfäure 18.000 Centner, Salzfäure 6000 Centner, Chlorkalk 1000 Centner und fchwefelfaures Kali 5- bis 6000 Centner. Diefelbe befchäftigt 140 Arbeiter, ift durch eine Bahn direct mit dem nahen Kohlenlager verbunden und bezieht das Rohmaterial, Chlorkalium, aus Stafsfurt. Das fürftlich Auersperg'fche Mineralwerk zu Grofs- Lukawitz in Böhmen gehört zu den älteften derartigen und noch beftehenden Werken. Es 26 Dr. A. Bauer. wurde im Jahre 1630 errichtet und befchäftigte fchon im Jahre 1786: 300 Perfonen, nachdem bereits im Jahre 1746 durch Deftillation von Kiefen aus Thonretorten Schwefel gewonnen und die Rückstände in der damals üblichen Weife auf Eifenvitriol etc. verarbeitet wurden. Am Anfang unferes Jahrhundertes wurde eine Bleikammer zur Erzeugung englifcher Schwefelfäure errichtet und in den fünfziger Jahren, bei einem neuen Kammerfyfteme, der Schwefelkies- Betrieb eingeführt, allein die alte Methode des Abtreibens von Schwefel wurde für das abfallende Erzklein bis 1868 beibehalten, in welchem Jahre ein Gerftenhöfer'fcher Schüttofen, mit überraschend günftigem Erfolge, in Betrieb gefetzt wurde und das Erzklein fomit eine paffende Verwendung fand. Allerdings wurde der Artikel Schwefel nicht ganz aufgelaffen, fondern ein Marfeiller Raffinirapparat aufgeftellt und dann von Trieft bezogener Rohfchwefel, auf Stangenfchwefel und Schwefelblüthe verarbeitet. Die Schwefelfäure- Production hob fich bedeutend und da fich fpäter eine Preisverminderung diefer Waare geltend machte, dachte man an die eigene Verwerthung der Producte und führte die Superphosphat- Fabrication ein( im Jahre 1869), wodurch ein fo namhafter Auffchwung des Schwefelfäure- Betriebes erzielt wurde, dafs im Jahre 1871 ein zweites gröfseres Kammerfyftem und ein zweiter Gerftenhöfer'fcher Schüttofen aufgeftellt wurde. Als Rohmaterial zur Superphosphat- Fabrication dienen namentlich KnochenKohlenabfälle der Zuckerfabriken. Productenerzeugung der Lukawitzer Mineralwerke in Centnern Eifenvitriol. Schwefel im Jahre 1767: im Jahre 1872: 3.800 900 • • 70 Caput mortuum Salpeterfäure Schwefelfäure 7.000 360 200 45° Superphosphat 29.500 38.000 Die k. k. Schwefelfäure- Fabrik zu Unter Heiligenftadt bei Wien, hatte nicht in der für die III. Gruppe beftimmten Abtheilung. fondern im Pavillon des k. k. Ackerbau- Minifteriums, hinter dem Induftriepalafte ausgeftellt. Diefe Fabrik ift die ältefte Fabrik Oefterreichs, in welcher man englifche Schwefeffäure erzeugt. Sie wurde im Jahre 1800 vom Aerar, dem früheren Privatbefitzer abgelöft und galt feinerzeit als eine Mufteranſtalt für die Fabrication von Schwefelfäure. Derzeit befteht die Einrichtung derfelben aus zwei Dampfkeffeln, einer fechspferdigen Dampfmaschine, einem gufseifernen Schwefelverbrennungs- Ofen, dann vier Bleikammern mit 60.000 Cubikfuts Rauminhalt, einem Gay- Luffac'fchen Thurme, fechs bleiernen Abdampfpfannen, einer Platinretorte, drei Gufseifenretorten. zur Salpeterfäure- Erzeugung, 28 Kapellen zur Erzeugung reiner Salzfäure oder Salpeterfäure, ferner Ammoniak und Wafferdeftillir- Keffel etc. Der Geldwerth der jährlichen Production beläuft sich auf circa 100.000 fl. öfterreichifcher Währung und zwar werden erzeugt 14.000 Wiener Centner concentrirte Schwefelfäure, 30 Centner chemifch- reine Schwefelfäure,( durch Deftillation im Sandbade, nach der Methode des dortigen Fabriksverwalters Rufsegger*), Salzfäure 400 Centner, rauchende Salpeterfäure 30, chemifch reine Salpeterfäure 150, doppelt Scheidewaffer 700, Glauberfalz 1500, Ammoniak 30 Centner etc. Die k. k. privilegirte Staats- Eifenbahn- Gefellfchaft hatte die Producte ihrer, im Jahre 1858 gegründeten Schwefelfäure- Fabrik in Neu- Moldava, in ihrem Pavillon( hinter dem Induftriepalaft) ausgeftellt. Die Veranlaffung zur Gründung diefer Fabrik waren die in grofser Menge vorkommenden Schwefelkiefe * Dingler's Journal CXXXIX, p. 434. Die chemifche Grofsinduftrie. 27 und die Verwendung der Säure zur Scheidung des Kupfers aus dem kupferhaltigen Silber. Der erhaltene Vitriol wurde zum Imprägniren des Holzes verwendet. Gegenwärtig ift die Erzeugung der Schwefelfäure Selbftzweck, und es wurden im Jahre 1872 22.238 Centner 60gradige und 15.878 Centner 66gradige Schwefelfäure erzeugt. Die Sodafabrik des Leo, Grafen von Larifch- Mönnich zu Petrovitz, wurde im Jahre 1853 gegründet und ging 1859 in das Eigenthum des Ausftellers über. Diefelbe erzeugt namentlich Schwefelfäure und Soda, und betreibt auch die Wiedergewinnung des Schwefels aus den Rückständen, die zum Theil auch mittelft einer Quetfchmafchine gebrochen und als Düngfalze verwendet werden. Gegenwärtig werden circa 40.000 Centner Kochfalz und 15.000 Centner Schwefel verarbeitet und aufser den genannten Producten: Salzfäure, Glauberfalz, Aetznatron, Chlorkalk, Superphosphat etc. erzeugt. Die Fabrik von Hochftetter& Schickardt in Brünn wurde im Jahre 1844 durch Carl Hochftetter gegründet, erzeugt prachtvolles Blutlaugenfalz( 6000 Centner jährlich) und befchäftigt fich überhaupt mit der Verarbeitung von Abfallproducten. Das Etabliffement exportirt einen grofsen Theil feiner Producte ins Ausland und hatte durch die Expofition einer grofsen Gruppe von BlutlaugenfalzKryftallen einen Glanzpunkt der chemifchen Ausftellung Oefterreichs gefchaffen. Die Firma Röthlingshöfer Johann in Drozdow( Böhmen) erzeugt ebenfalls gelbes Blutlaugenfalz( circa 2500 Centner jährlich), Holzeffig, effigfaure Salze, fchwefelfaures Ammon, Knochenmehl, Spodium( 15.000 Centner per Jahr) etc. Die Fabrik wurde im Jahre 1843 gegründet und exportirt ebenfalls einen Theil ihrer Producte. Die Fabrik chemifcher Producte von Carl Rademacher& Comp. in Prag zeichnete fich namentlich durch die Ausftellung von phosphorfauren Salzen aus, die aus folchen Phosphaten dargestellt waren, welche bei dem Entphosphoren der Eifenerze nach Jul. Jacoby's Verfahren in Kladno entſtehen. Diefes Verfahren befteht darin, dafs die Erze mit einer Säure des Schwefels, und zwar am beften und billigften mit fchwefliger Säure behandelt werden, wodurch die vorhandenen unlöslichen bafifchen Phosphate in fauere lösliche Phosphate übergeführt werden und in Löfung gehen. Aus der erhaltenen Löfung wird durch blofses Erhitzen ein Theil der vorhandenen Thonerde und Eifenphosphate abgefchieden, oder es wird die Löfung mit Kalk verfetzt und der hiebei entstandene, Calciumphosphate haltende Niederfchlag, der Landwirthschaft oder der chemifchen Induftrie zugeführt. Die Zufammenfetzung des durch Erhitzung ausgefchiedenen Niederfchlages wie ihn Rademacher's Fabrik auf Alaun verarbeitet, ift nicht conftant und die folgenden Analyfen geben einen Anhaltspunkt zur Beurtheilung derfelben. 100 Theile diefes Niederfchlages enthielten, bei mehreren Verfuchen: Phosphorfäure Thonerde Eifenoxyd Unlösliches Waffer Schwefelfäure 20.74 22.72 22.72 24 2 22'12 25.03 25 34 27'15 1.56 1.78 2.96 2.82 7.07 4.59 3.74 4.20 38.06 36.19 35.79 33-16 9.51 9.11 8.89 10.08 Seit Beginn der Verarbeitung der Kladnoer Phosphate am Anfang des Jahres 1873 wurden bis September desfelben Jahres etwa 1800 Centner Kalialaun aus denfelben dargestellt und die hiebei gewonnene Löfung von Phosphorfäure, welche circa 25- percentig war, auf Kalkfuperphosphat mit 21 bis 23 Percent Phosphorfäure- Gehalt verarbeitet. Der Alaun wird gröfstentheils als kryftallifirter Alaun in den Handel gebracht und nur ein kleiner Theil davon, als gebrannter Alaun, zum Klären von Flüffigkeiten, verkauft. * Dingler's Journal CCII pag. 245. 28 Dr. A. Bauer. Diefelbe Firma befchäftigt fich auch mit der Darstellung von fchwefelfaurer Thonerde aus Kryolith. Diefe Induftrie wurde von derfelben im Jahre 1863 in Oefterreich eingeführt, und obwohl es anfangs fchwer war, dem Producte Bahn zu brechen, hat es jetzt, wenigftens in den Papierfabriken, allgemeineren Eingang gefunden. Rademacher erzeugt jährlich circa 15.000 Centner fchwefelfaure Thonerde aus Kryolith, mit einem conftanten Gehalte von 14'75 Percent wafferfreier Thonerde.( Frei von Eifen und freier Schwefelfäure.) Urfprünglich, bei ihrer Gründung im Jahre 1857, befchäftigte fich die in Rede ftehende Firma nur mit der Darstellung von Schlempekohle und den daraus darftellbaren Salzen. Zunächft entſteht hier die rohe, fogenannte ,, Melaffenpottafche", welche einfach durch Auslaugen und Abdampfen der Löfung aus der Schlempekohle refultirt und im Durchfchnitte neben 49 Percent kohlenfaurem Kali, 13 Percent kohlenfaures Natron, 22 Percent Chlorkalium und 6 Percent fchwefelfaures Kali enthält. Diefes Product wird als folches an Glasfabriken verkauft, welche fich noch mit der Herftellung kalihältiger Gläfer befchäftigen, und dasfelbe feiner Reinheit wegen fchätzen. Die Firma erzeugt jährlich circa 4000 Centner diefer Producte neben etwa 1000 Centner reiner( 90 bis 92 percentige) Pottafche aus Melaffe und endlich die anderen hiebei fallenden Salze. Die Soda wird als folche verkauft, das fchwefelfaure Kali dient zur Alaunfabrication und das Chlorkalium zur Bereitung von Salpeter aus Chilifalpeter, wozu jedoch auch fehr viel Stafsfurter Chlorkalium verwendet wird. Die jährliche Erzeugung von Salpeter beläuft fich auf circa 8000 Centner. Aufser mit den genannten Induftriezweigen. befchäftigt fich die Firma auch mit der Darftellung von Bleifalpeter, Zinnfalz, Chlorzinn und den in den Glasfabriken verwendeten Oxyden des Kupfers, Zinnes, Antimons, Eifens und Mangans, in einem Gefammtquantum von jährlich circa 200 Centner. Die Fabrik der Firma Blumberg& Rindskopf zu Teplitz in Böhmen wurde im Jahre 1857 gegründet und erzeugt hauptfächlich Zinnpräparate, Zinnchlorid, Desinfectionspulver, Eifenpräparate, Natron und Kalifalze, Mineralfäuren, Catechupräparate und zwar jährlich circa 15.000 Centner Salpeterfäure, 20.000 Centner Natronfalze, 16.000 Centner Metallfalze aller Art, etc. Die Rannersdorfer chemifche Productenfabrik von B. Margulies& Comp. wurde im Jahre 1872 von dem thätigen und verdienftvollen Chemiker B. Margulies, welchem man die Erfchliefsung der Kalufzer Kalifalzlager verdankt, gegründet und erzeugt jährlich aus 60.000 Centner Knochen gegen 7000 Centner Leimforten, 22.000 Centner Knochenmehl, 20.000 Centner Knochenfchrott und 10.000 Centner Superphosphat. Die chemifche Fabrik von J. F. Ebenhoch in Levis bei Feldkirch ( Vorarlberg) wurde im Jahre 1824 von Xaver Fidel Ebenhoch gegründet und erzeugte urfprünglich in einem kleinen Bleikammer- Syftem Schwefelsäure, dann Salz und Salpeterfäure, Glauberfalz, Zinnfalz und Kupfergrün. Im Jahre 1836 wurde die ganze Fabrik, namentlich auch das Bleikammer- Syftem vergröfsert, und im Jahre 1838 ein Sodaofen und Chlorkalk- Kammern aufgeftellt. Bis zum Beginn der fünfziger Jahre waren Chlorkalk, Sulfat und Rohfoda( für Seifenfieder) die Hauptproducte. Zur Darftellung der Letzteren bediente man fich des Kochfalzes von Hall in Tirol, welches in Levis auf 72 fl. füddeutfcher Währung per Centner zu ftehen kam, was mit ein Grund war, dafs die Fabrication bald wieder aufgegeben wurde. Später wurde die Darftellung des Alaunes aus Thon, fowie die Deftillation des Holzes, nebft Gewinnung holzeffigfaurer Salze eingeführt, welche neben Schwefelfäure- Erzeugung, dann Bereitung von Parifer- und Mineralblau, etc. auch heute noch betrieben werden. * Wagner's Jahresberieht über den Fortfchritt der chemifchen Technologie. 1868. pag. 283. Die chemifche Grofsinduftrie. 29 Die Koliner Spiritus und Pottafche Fabriks- Actiengefellfchaft in Kolin welche im Jahre 1868 gegründet wurde und die, feit 1860 unter der Firma Ed. Zentzytzki beftandene Fabrik kaufte, erzeugt jährlich 12.000 bis 14.000 Centner Pottafche neben 70.000 Eimern Spiritus. Mit Kalifalz- Gewinnung aus Melaffe befchäftigte fich ferner die Spiritus- und PottafcheFabriks Actiengefellfchaft in Brüx, fowie L. Harmer in Spillern und Andere. Die Weinftein- Raffinerie von Franz Jäkle in Graz und Georg Jäkle in Cilli, letztere feit 1854 beftehend, hatten fchöne Producte ausgeftellt und betreiben auch nicht unbedeutenden Export, ebenfo wie Johann Kroat in Griefs bei Bozen, welcher namentlich Seignettefalz darftellt. Von den übrigen öfterreichifchen Ausstellern der 1. Section können wir noch folgende namhaft machen: Franz Xaver Brofche's Sohn in Prag mit Farbwaaren, Säuren, Uranverbindungen und diverfen Präparaten für Färberei und Druckerei. C. A. Brofche in Libfchitz mit Kali- und Natronfalpeter, Schmier ölen etc. F.& C. Schwab mit fchöner, reiner Schwefelblüthe aus ihrer im Jahre 1829 gegründeten Fabrik in Pettau. Nackh& Comp. in Wien mit Schwefel leber, Schwefelkupfer und eine eigenthümliche künftliche Kreide, welche aus Gyps und gefälltem kohlenfaurem Kalk, in beftimmten Verhältniffen erzeugt wird. Der kohlenfaure Kalk wird bei der Aetznatron- Bereitung in der Seifenfiederei als Nebenproduct gewonnen und der Gyps fällt als Nebenproduct bei der Entwicklung der Kohlenfäure in den Sodawaffer- Fabriken. Die Firma J. A. Popper& Comp. in Terefchau( Böhmen), welche im Jahre 1839 gegründet wurde, erzeugt nicht unbedeutende Mengen von rauchender Schwefelfäure. Wir nennen ferner die k. k. Finanzdirection in Ragufa und in Zara, mit Seefalz und das Conforzio delle faline di Pirano ebenfalls mit Seefalz, ferner Sebor Franz in Prag, welcher in einem, im Jahre 1869 gegründeten Etabliffement, jährlich circa 35.000 Centner Gaswaffer verarbeitet und 1000 Centner Salmiakgeift, 12.000 Centner Ammoniaklauge, 3000 bis 4000 Centner fchwefelfaueres Ammoniak, 3000 Centner Dunggyps etc. erzeugt. Huber Ulrich in Prag hatte prachtvolle Bleizucker- Kryftalle. C. F. Pie ring in Prag ebenfalls Bleizucker( 2000 Centner jährlich) ausgeftellt. Brüder Ploy in Manning, Oberöfterreich, hatten eine recht nette Collection ihrer Prof ducte, meift Farben, Firniffe, Lacke etc. veranſtaltet. Die Induftrie der Kalifalze in Oefterreich war durch die Kali- Bergbau und Salinen- Betriebsgefellfchaft„ Kalufz" vertreten. Diefe Gefellſchaft hatte eine reiche Sammlung ihrer Rohproducte, namentlich Sylvin, Kainit, Carnallit etc., fowie Producte ihrer Fabriken ausgeftellt. Unter letzteren erwähnen wir namentlich das chemifch reine Chlorkalium; die 98, 95 und 80 percentige kryftallifirte fchwefelfaure Kalimagnefia und die calcinirte fchwefelfaure Kalimagnefia mit 59 bis 60 Percent fchwefelfaurem Kali mit 1 Percent Maximal- Chlorgehalt, ferner Natron- und Kalifalpeter in fehr fchönen Kryftallen, aus der, der Gefellſchaft gehörigen Fabrik in Simmering und endlich eine Situationskarte und Detailkarten der Fabriken. UNGARN. Die chemifche Grofsinduftrie ift in Ungarn bisher wenig entwickelt, allein es wurde berichtet, dafs gerade der im allgemeinen Theil diefes Berichtes erwähnte neue Sodaprocefs Solvay's, der Ammoniakprocefs, dafelbft, und zwar durch die Soda- und Chemikalien- Actiengefellfchaft in Marmaros in Anwendung kommen wird, wenigftens find bereits Einleitungen hiezu getroffen worden. Die Schwefelfäure- Fabrik zu Böfing nächft Prefsburg in Ungarn, gegenwärtig Herrn E. Seybel gehörig, hat ebenfalls bereits an einer anderen Stelle diefes Berichtes ihre Würdigung gefunden. Diefelbe wurde im Jahre 1850 von Herrn Franz Tfchida gegründet, ging jedoch fpäter in das Eigenthum Emil Seybel's über, welcher diefelbe wefentlich erweiterte und einer den Anforderungen der Induftrie entſprechenden Umgeftaltung unterzog. 30 Dr. A. Bauer. Diefe Fabrik gründet fich auf die Verwerthung der in den füdlichen Ausläufern der Karpathen im Granit vorkommenden Schwefelkiefe, welche fchon zur Zeit der Continentalfperre dafelbft zur Gewinnung von Schwefel durch Abtreiben benützt wurden. Die in Ungarn( Moldava) gelegene Schwefelfäure- Fabrik der k. k. Staatsbahn Gefellſchaft hat ebenfalls fchon früher Erwähnung gefunden, hier muss aber auch die erfte fiebenbürgifche Stearinkerzen Fabrik in Hermann ftadt genannt werden, welche ebenfalls Schwefelfäure und daneben auch Soda und Chlorkalk darftellt. Diefelbe hatte in der öftlichen Agriculturhalle ausgeftellt, wo auch die Expofition der im Jahre 1851 gegründeten chemifchen Fabrikin Fiume vorhanden war. Diefe Fabrik verarbeitet zunächft die Mutterlaugen der nahen Seefaline in Pirano und ftellt aufserdem nicht unbedeutende Mengen von fchwefelfauerer Thonerde dar. In derfelben Agriculturhalle war der Munkácser Alaun ausgeftellt, welcher namentlich auf den Fabriken des Grafen Schönborn aus dem altbekannten Alaunfels von Muzlay dargeftellt wird. Die Bedeutung der Gewinnung von natürlicher Soda und Salpeter in den Ebenen Ungarns, namentlich in der Gegend von Debreczin, ift bekanntlich in ftetem Abnehmen, dagegen mufs erwähnt werden, dafs die ungarifche Schaf woll Wafch- Actiengefellfchaft in Peft begonnen hat, ihre Kalifalze aus dem Waffer ihrer Wollwafchereien zu gewinnen. Eine hervorragende Bedeutung haben bei dem Weinreichthum des Landes die Weinftein- und Weinfäure- Fabriken, und es war immerhin erfreulich zu fehen, dafs fich bereits mehrere derartige Gefchäfte im Lande zu etabliren beginnen. Wir nennen namentlich: Rósza Lajos in Peft, der fehr ſchöne Weinfäure, Weinſtein und Seignettefalz exponirte. Die übrigen Ausfteller diefer Branche jedoch befchäftigen fich anfcheinend blofs mit dem Raffiniren des Weinſteines. DEUTSCHLAND. Die Ausstellung des deutfchen Reiches in der 1. Section der III. Gruppe, an der fich nach dem Kataloge 87 Firmen betheiligten, von denen jedoch nur 45 wirklich in der 1. Section beurtheilt, die übrigen anderen Sectionen zugetheilt wurden, war in jeder Beziehung vortrefflich zu nennen, wie denn über haupt das ganze Arrangement in der III. Gruppe des deutfchen Reiches ein fehr gelungenes war. Die chemifche Induftrie hat übrigens während der letzten fünf Jahre in Deutfchland einen enormen Auffchwung genommen und es ift beifpielsweise die Erzeugung von Schwefelfäure( in 21 Fabriken) von 1,156.505 Centnern und die des Sulfates( in 15 Fabriken) von 715.349 Centnern im Jahre 1867 auf 1,685.274 Centner an Säure und 1,032.357 Centner an Sulfat im Jahre 1872 geftiegen. Die Schwefelfäure- Fabrication hat fich als metallurgifches Nebengewerbe vornehmlich bei den grofsen preufsifchen und fächfifchen Silber-, Kupfer- und Blei- Hüttenwerken angefiedelt und im Anfchluffe an die Stafsfurter Steinfalz- und Kalifalz- Gruben hat fich. eine grofsartige, faft den ganzen europäifchen Markt beherrfchende chemifche Induftrie entwickelt. Wenn auch die deutfche Grofsinduftrie und fpeciell die Grundlage derfelben, die Soda- Induftrie, die englifche Soda- Erzeugung an Maffenproduction nicht erreicht, fo wird doch nirgends forgfältiger fabricirt, werden die Abfälle nirgends vollſtändiger verwerthet, wie in Deutfchland.( Und in Oefterreich, deffen hervorragende Fabriken den deutfchen Anftalten völlig ebenbürtig find.) Ein in vielfacher Beziehung bemerkenswerthes Moment bot die Ausstellung der deutfchen Montaninduftrie, welche zeigt, wie diefes Feld bereits ganz von der Chemie erobert ift. Wir nennen hier beiſpielsweife die Ausftellung der k. fächfifchen Hütten in Freiberg, welche unter anderen gröfsere Mengen von Indium, dann Platin, als Abfall vom Raffiniren des Goldes und endlich Schwefelarfen vom Reinigen der arfenhaltigen Schwefelfäure ausgeftellt hatte. Die chemifche Grofsinduftrie. 31 An der Spitze der Sodafabrication Deutfchlands fteht der Verein chemifcher Fabriken in Mannheim, welcher 1854 gegründet wurde und in vier Etabliffements im Jahre 1871: 1,000.000 Centner Kohlen, 300.000 Centner Schwefel und Schwefelkies, 20.000 Centner Salpeter, und 60.000 Centner Braunftein verarbeitete. Die jährliche Production beträgt 180.000 Centner Soda, 100.000 Centner Sulfat, 60.000 Centner Chlorkalk und 140,000 Centner Säuren. Wir nennen ferner den Verein chemifcher Fabriken, eine Actiengefellfchaft,( vormals: Chemifche Fabrik: Silefia zu Saarau), gegründet im Jahre 1858. Diefe verarbeitete im Jahre 1872: 172.000 Centner Schwefelkies, 100,000 Centner Kochfalz, 120.000 Centner Knochenkohlen, Knochen und Knochenmehl und pro ducirte 64.300 Centner Soda, 130.000 Centner Sulfat, 20.000 Centner Chlorkalk, 378.000 Centner Schwefelfäure und 180.000 Centner Düngmittel. Die bekannte chemifche Fabrik, Rhenania von Hafen clever ift ebenfalls eine Actiengefellfchaft geworden. Sie wurde 1852 errichtet und hat ihr Hauptetabliffement zu Stollberg bei Aachen, dann ein Zweigetabliffement in Oberhaufen. Im Jahre 1871 confumirten diefe Fabriken: 128.720 Centner Schwefelkies, 3426 Centner Salpeter, 9510 Centner Knochen und producirte 37.III Centner Schwefelfäure, 38.521 Centner calcinirtes Glauberfalz, 32.646 Centner calcinirte Soda und 25.661 Centner kryftallifirte Soda, 9591 Centner kauftifches Natron, 13.861 Centner Chlorkalk, aufserdem 5711 Centner Schwefel, Barytfalze, Superphosphat etc. Die chemifche Fabrik in Griesheim( Actiengeſellſchaft) erzeugt ebenfalls 32,000 Centner calcinirte Soda jährlich und die feit 1797 beftehende chemifche Fabrik zu Schönebeck( Inhaber Hans Hermann) im Jahre 1871 112.000 Centner Schwefelfäure, 51.000 Centner calcinirte, 20.000 Centner kryftallifirte und 6000 Centner kauftifche Soda, 82.000 Centner Sulfat und 15.000 Centner Chlorkalk. Eine der hervorragendften Fabriken ift die von Kunheim& Comp. in Berlin. In diefer werden faft alle Gaswäffer der Berliner Gasfabriken auf Ammoniakfalze verarbeitet, und Oxalfäure aus Sägefpänen mit Natronkali bereitet. In derfelben Fabrik wird auch die gebrauchte Laming'fche Maffe aufgearbeitet, Blutlaugen- Salz bereitet und nunmehr auch der Apparat zur Chlorbereitung nach Deacon aufgeftellt. Die Fabrik hatte Soda, Pottafche, Grünfpan und andere Metallfalze, dann Naphtalingelb nach dem Verfahren von Wichelhaus und Darmstädter ausgeftellt. Hardtmann und Haufer waren die einzigen Ausfteller von Kalifalzen aus Wollfchweifs im deutfchen Reiche. Ihre Fabrik wurde im Jahre 1869 errichtet. Deicke aus Hamburg hatte Wafferglas ausgeftellt, welches namentlich von der Firma van Baerle& Comp. in Worms in einer fehr handlichen Form mit Glycerin und etwas Cocosfett gemengt, als Wafferglas- Compofition, zum Wafchen und Reinigen ausgeftellt war. Letztgenannte Firma erzeugte im Jahre 1871 für 75.000 fl. Wafferglas, Wafferglas- Compofition, Schmierfeife und Chamottfteine. Rhodius in Linz am Rhein hatte fchönes kryftallifirtes, doppelt kohlen faures Kali ausgeftellt. Hermann Lamparter in Heilbronn und Benckiefer in Pforzheim hatten Weinfäure und Weinft ein aus Geläger, die Firma Mathes Weber in Duisburg Producte der Sodafabrication und Eifenvitriol ausgeftellt. Die chemifche Fabrikin( Berlin) Charlottenburg exponirte Pottafche, Chlorkalium, Kalifalpeter, Baryum, Strontiumfalze und die Cöpniker chemifche Fabrik: Pottafche, Soda, Superphosphate. Die Verwaltung der Buchsweiler Minen exponirte Alaun und Blutlaugen- Salz. Die Gebrüder Merkel in Nürnberg Magnefiapräparate aus Dolomit und die Gebrüder Loewig in Goldfchmieden ihre Producte des Kryolithfoda- Betriebes. Eine nähere Betrachtung verdient der Auffchwung, den die fogenannte Stafsfurter Kali- Induſtrie genommen hat. Im Jahre 1860 wurden die Abraumfalze auf dem preufsifchen Bergwerke zuerft bergmännifch aufgefchloffen. Im Jahre 1861 wurde von Dr. Frank die erfte Fabrik für Verarbeitung der Abraumfalze auf Chlorkalium, Kali- Düngmittel errichtet und 47.233 Centner gefördert. 1862 trat 3 32 Dr. A. Bauer das anhaltifche Salzwerk Leopoldshall in Betrieb und es wurden die an beiden Orten geförderten 408.000 Centner Rohfalz in vier Fabriken verarbeitet. Im Jahre 1867 verarbeiteten 16 Fabriken 3,350.000 Centner und im Jahre 1872 33 Fabriken 10,284.000 Centner Rohfalze. Die Stafsfurter und Leopoldshaller Kali- Induftrie befchäftigt 3000 Arbeiter und producirt hauptfächlich: Chlor kalium von 90 bis 98 Percent im Betrage von I Million Centner per Jahr, KaliDüngmittel in verfchiedenen Concentrationen und Mifchungen, in der Menge von circa 14 Million Centner, fchwefelfaures Kali und Pottafche 50.000 Centner jährlich, ferner Kieferit, Chlormagneſium, Glauberfalz( durch Umſetzung des Bitterfalzes mit Kochfalz bei Froftkälte) circa 150.000 Centner, Borfäure aus Boracit 400 Centner, uud Brom 700 Centner jährlich. Der Preis des Chlorkaliums ift durch diefe Induftrie in 10 Jahren auf die Hälfte, der des Broms auf ein Fünftel( 3 bis 3½ Thaler per Kilo) gefunken, fo dafs letztgenannter Körper bereits für gewiffe induftrielle Zwecke Bedeutung zu gewinnen beginnt. Die vereinigten chemifchen Fabriken zu Leopoldshall entftanden aus fieben Fabriken in den Jahren 1861 bis 1863 und befchäftigen fich mit der Verarbeitung der Abraumfalze, namentlich der Darftellung von Brom- und Glauberfalz aus Fabriksrückftänden. Im Jahre 1871 verarbeiteten fie für 625.630 Thaler Carnallit und producirten für 1,862.000 Thaler Waaren, meift für inländifchen Bedarf. In neuefter Zeit ift diefer Vereinigung auch die Patent- Kalifabrik des Dr. A. Frank beigetreten. Die Stafs furter chemifche Fabrik( vormals Vorfter und Grüneberg) wurde im Jahre 1862 errichtet und betreibt namentlich die Bereitung von Kalifalzen, wie die der Pottafche aus fchwefelfaurem Kali, dann die Fabrication der Soda, des Glauberfalzes, Superphosphates, der Düngfalze etc. Im Jahre 1871 verarbeitete die Firma 6- bis 700.000 Centner Kochfalz und an 40.000 Centner Schlempekohle und producirte unter Anderem 90.000 Centner Chlorkalium, 14.000 Centner Pottafche, 35- bis 40.000 Centner fchwefelfaures Kali. Die Firma Vorfter und Grüneberg in Kalk bei Deutz wurde im Jahre 1858 errichtet, befchäftigt fich vornehmlich mit der Erzeugung von Pottafche, Kalifalpeter und Düngftoffe( künftlichem Guano). Die Erzeugung von Kalifalpeter erfolgt durch Umfetzung des Chilifalpeters mit Kalifalzen und es wurden hiezu bis 1859, Pottafche, dann durch zwei Jahre Schlempekohle und feit 1861 Chlorkalium angewendet. Die Pottafche wird nach einem, dem Leblanc'fchen Sodaproceffe analogen Vorgang, dargeftellt und das fchwefelfaure Kali hiezu durch Umfetzung von Stafsfurter Chlorkalium mit Schwefelfäure oder Kieferit erhalten. Der künftliche Guano" wird aus Superphosphat, zu deffen Darftellung Lahnphosphate dienen, mit Ammoniakfalzen bereitet. Die jährliche Production diefer Firma beträgt 146.000 Centner Waaren im Werthe von 898.000 Thaler. 99 ENGLAND. Die grofsartige und unter den günftigften localen Verhältniffen entwickelte chemifche Induftrie Englands war auf der Ausftellung nur fehr fchwach vertreten. Im Laufe des letzten Decenniums hatte diefe Induftrie auch in England manche Schwierigkeiten zu beftehen gehabt und zunächft mufste auch hier das Steigen der Kohlenpreife tief empfunden werden. Nach Beendigung des amerikanifchen Krieges brauchte jedoch der transatlantifche Markt koloffale Mengen Soda, was eine rafche Vergröfserung der englifchen Fabriken und ein Zurücktreten der englifchen Waare auf dem deutfchen Markte zur Folge hatte. Die Einführung eines hohen Eingangszolles auf Soda in Amerika hatte den Engländern plötzlich jenen Markt entriffen und fie mufsten fich neuerdings nach Deutſchland wenden, wo inzwi fchen grofse Fabriksanlagen entstanden waren und die Concurrenz eine fchwierige geworden war. Das Steigen der Kohlenpreife und Arbeitslöhne mufste daher der chemifchen Induftrie befonders empfindfam werden, hat jedoch in den letzten Jahren einen erneuerten Auffchwung der auf Maffenproduction berechneten eng lifchen Induftrie nicht gehindert. , 1 a 1 1 h 1 S 1, r S I e r n g 80 Die chemifche Grofsinduftrie. 33 Aus den ftatiftifchen Tabellen* geht übrigens hervor, dafs der Werth der ausgeführten chemifchen Producte gerade in den letzten Jahren wieder bedeutend zugenommen hat, derfelbe betrug im Jahre 1860: 801.231 Pfund Sterling, fank im Jahre 1864 auf 584.284 Pfund Sterling und ftieg vom Jahre 1866 ab rafch bis auf 1,863.634 Pfund Sterling im Jahre 1872. Die Einfuhr von folchen Producten ftieg übrigens ebenfalls bedeutend, diefelbe betrug 339.930 Pfund Sterling im Jahre 1860 und 959,502 Pfund Sterling im Jahre 1872. Die wichtigen Neuerungen, mit welchen die chemifche Induftrie England's im Laufe der letzten fünf Jahre hervortrat, und welche namentlich die Chlorbereitung betreffen, wurden bereits an einer anderen Stelle gewürdigt. Unter den englifchen Ausftellern in der erften Section nennen wir die feit 1834 exiftirende Fabrik der New caftle chemical works, welche früher die Firma: Allhufen& Comp. führte, am I. Jänner 1872 jedoch an die obgenannte Actiengeſellſchaft überging. Diefe Fabrik ift eine der gröfsten Englands und erzeugt wöchentlich 12.000 Centner Soda. Ferner die Runcorn soap and alcali Company in Runcorn, welche neben Seife die wichtigften Producte der chemifchen Grofsinduftrie ausgeftellt hatte. Die Fabrik von John Hutfchinfon& Comp. zu Widnes in Lancaſhire, welche im Jahre 1815 gegründet wurde und zuerft L. Mond's Wiedergewinnung des Schwefels einführte. Diefe Firma hatte auch Schwefel, welcher nach diefer Methode regenerirt war, ausgeftellt und überdiefs war in der, die Verwerthung der Abfallproducte betreffende Ausftellung Englands, das ganze Verfahren Mond's durch Zeichnungen und Producte illuftrirt. Spence, J. Berger& Comp. in London hatten Alaun, phosphorfaures Ammon und phosphorhaltige Düngfalze ausgeftellt, welche diefe Firma aus natürlichen Thonerdephosphaten( Rodondo- Phofphat) durch Zerfetzen mit Schwefelfäure und Verfetzen der Löfung mit Ammoniak darftellen. Der leichtkryftallifirbare Ammoniakalaun kryftallifirt heraus, was noch durch Abkühlung auf 5 Grad befördert wird und Ammoniakphofphat bleibt in Löfung. Ein befonderes Intereffe gewährte die Ausftellung der Britifh seaweed Comp. in Dalmuir bei Glasgow. Diefe Gefellſchaft befchäftigt fich mit der Verwerthung der Kelp's nach der bekannten Methode Stanfords, welche zunächft in einer Verkohlung des Seetanges in gefchloffenen Retorten, Gewinnung der Deftillationsproducte und Extraction der erhaltenen Kohle durch Waffer befteht. Die zurückbleibende Kohle wird in neuerer Zeit zur Desinfection der Aborte verwendet, indem man diefelbe einfach in die Clofets bringt und zur Aufnahme der Faecalmaffen verwendet. Die fo mit diefen gemengte Kohle wird getrocknet und deftillirt, wobei Ammoniak gewonnen, und die Kohle wieder zum neuen Gebrauche vorbereitet wird. Nachdem diefe Kohle öfters in derfelben Weife gedient hat, wird fie ihres Reichthumes an Kalifalzen und Phofphaten wegen, als vorzügliches Düngmittel verwendet, namentlich wenn diefelbe mit dem bei der Deftillation erhaltenen und in fchwefelfaures Salz übergeführten Ammoniak vermifcht wird. Alle die, diefe verfchiedenen Proceffe illuftrirende Präparate waren ausgeftellt. Es müffen hier auch die fchönen Expofitionen der englifchen Düngerfabrikanten in der weftlichen Agriculturhalle erwähnt werden. Unter Anderen namentlich Eduard Packard& Comp. in Ipswich mit einer reichen Sammlung von natürlichen Phosphaten, dann die London manure Company und insbefondere das Haus James Gibbs& Comp. mit Fabriken in London, Plymouth, Newport und Briftol. Diefe Firma befitzt eine grofse Schwefelfäurefabrik, in welcher fie fowohl aus Pyriten als aus Schwefel jährlich etwa 600.000 Centner Säure erzeugt. Die Ausfteller Wilkin und Clarck in London hatten Chromfaures Kali ausgeftellt, welches defshalb für uns von Intereffe war, weil dasfelbe aus ungarifchem Chromeifenftein erzeugt war. Es find diefs die Erze der Gewerkfchaft Hofmann * Statiſtical Abftract for the united Kingdom. 20 Numb, London 1873. p- 59. 99 3* 34 Dr. A. Bauer. Erneft" im Stuhlbezirke von Alt- Orfowa, der ehemaligen romanifch- banater Militärgrenze, welche von Herrn Hofmann vor etwa 16 Jahren bei einem Jagdausfluge zufällig entdeckt wurden und nach mehrfachen Analyfen 83 bis 52 Percent Chromoxyd enthalten. Die Erze find vor Kurzem an obgenannte engliſche Firma käuflich übergegangen. FRANKREICH. Frankreichs, in jeder Beziehung hervorragende chemifche Grofsinduftrie, war auch auf der Ausftellung durch 24 Firmen fehr gut vertreten. Vor Allem mufs hier die Société des manufactures de glaces et de produits chimiques de Saint Gobain, Chauny et Cirey genannt werden, ein durch die Vereinigung der altberühmten Glas- und Spiegelfabrik von Saint Gobain mit dem berühmten Haufe Ollivier und Perret in Lyon entftandenes, koloffales Gefchäftsunternehmen. Als bemerkenswerth erfchien das aus den Kupferfreien Kiesabbränden dargeftellte Eifen. Die Manufacture de produits chimiques du Nord in Lille. Der Adminiftrator, Herr Kuhlmann, der Mitglid der Jury war, hatte unter den gewöhnlichen Producten der Grofsinduftrie auch eine fchöne Collection von Barytpräparaten ausgeftellt. Die anonyme Gefellſchaft chemifcher Fabriken, welche fich zur Ausbeutung der, von dem ausgezeichneten Chemiker und Fabrikanten, Herrn Fr. Kuhlmann, gegründeten Fabriken bildete und ihren Hauptfitz in Lille hat, befitzt Etabliffements in Loos, La Madelaine, Saint André, Amiens und Corbehem und eine Filiale in Dünkirchen. Die ältefte diefer Fabriken ift die in Loos und wurde im Jahre 1825 durch Herrn Kuhlmann, der gegenwärtig Generaladminiftrator der Gefellſchaft ift, gegründet; die Fabriken von Saint André und Madeleine liegen eine Stunde von Loos und dienen vorzugsweife zur Bereitung von Soda, Wafferglas, Kalifalzen und Dünger. Die Fabrik von Amiens, welche 1807 gegründet wurde und im Jahre 1847 käuflich an Kuhlmann überging, dient vornehmlich dem örtlichen Verbrauche. Die Fabrik von Corbehem bei Douai befchäftigt fich ausfchliefslich mit der Fabrication des Beinfchwarzes für Zuckerfabriken und mit der Bereitung von Dünger. Neben den gewöhnlichen Producten der chemifchen Grofsinduftrie erzeugen die Fabriken: Pottafche aus den Rückftänden der Melaffe- Branntweinbrennerei, Wafferglas, künftlichen Schwefelfauren Baryt und andere Barytfalze, Manganoxyd aus den Rückständen der Chlorbereitung für die Stahlerzeugung, Superphosphat und andere künftliche Dünger, Ammoniumfulfat, Beinfchwarz, Leim. Der jährliche Verbrauch an Rohmaterialien beträgt: 35.000 Tonnen Steinkohle, 16- bis 18.000 Tonnen Schwefelkies, 10.000 Tonnen Salz, 2000 Tonnen Braunftein, 2000 Tonnen Schlempekohle, 6000 Tonnen Knochen, 2000 Tonnen Salpeter, der zum Theil zur Bereitung von Salpeterfäure, zum Theil zur Bereitung von Dünger dient. Die Firma Henry Merle& Comp. hat drei Werke, und zwar: 1. Zwei Bergbaue auf Pyrite, deren einer in St. Julien( Gard), und der andere in Soyons( Ardêche) liegt. 2. Salinen in Giraud in der Camargue nebft Hütten zur Verarbeitung der Mutterlauge dafelbft. 3. Eine Fabrik chemifcher Producte zu Salindres bei Alais. Die Förderung der Pyrite, welche 1867 nur 18.000 Tonnen betrug, ftieg im Jahre 1872 auf mehr als 33.000 Tonnen. Die Salinen zu Giraud wurden von Herrn Merle mit der Abficht eingerichtet, die Mutterlauge des Meerwaffers nach der Methode von Balard zu behandeln. Man kühlte diefelben, nachdem fie eine Dichte von 28 Grad Baumé erreicht hatten, mittelft des Carré'fchen Eisapparates auf 18 unter Null ab und fchied das durch Umfetzung aus Bitterfalz und Chlornatrium entflehende Glauberfalz vollſtändig aus und erhielt eine Mutterlauge, welche von fchwefelfauren Saizen befreit war und fofort auf reines Kochfalz verarbeitet werden konnte, wobei aus Die chemifche Grofsinduftrie. 35 der neuerdings fallenden Mutterlauge das Doppelfalz von Chlormagneſium und Chlorkalium und aus diefem das Chlorkalium erhalten wurde. Diefe Methode, die ,, méthode des eaux à 28 degrés" genannt, gab grofse Ausbeute, brauchte aber viel Steinkohle und viel Arbeitskräfte, lieferte fomit theueres Chlorkalium, konnte daher der Concurrrenz der aufkeimenden Stafsfurter Induftrie nicht widerftehen und es wurde daher obiges Verfahren wefentlich und fo erfolgreich modificirt, dafs man gegenwärtig in Giraud jährlich 40.000 Tonnen Sulfat und 1000 Tonnen Chlorkalium producirt. Nach diefer Methode läfst man die Mutterlaugen verdampfen, fammelt das, bei der Dichte von 32 bis 35 Grad Baumé fich ausfcheidende Salz( sel mixte), ein Gemenge aus Chlornatrium und Bitterfalz, und lagert diefes in ein Vorrathsmagazin, um es dem Bedarf entsprechend weiter zu verarbeiten, was mit dem Wiederauflöfen desfelben beginnt. Die Löfung kommt nun in den Eisapparat und wird auf 3 bis 4 Grad Celfius unter Null abgekühlt, wodurch Glauberfalz entſteht. Die nach Ausfcheidung des obgenannten Salzgemenges( sel mixte) fallende Mutterlauge wird bis zur Beendigung der Campagne in Cement- Refervoirs von 28.000 Kubikmeter Inhalt eingelagert, um zu geeigneter Zeit auf Chlorkalium verarbeitet zu werden. Würde man diefe Lauge fofort verarbeiten, fo hätte man mit Verluft bringenden Salzausfcheidungen zu kämpfen, durch das Lagernlaffen jedoch, fcheidet fich bei der Winterkälte auf dem Boden des Cementbaffins fehr reines Magneſiumfulfat aus und die fo gereinigte Lauge kann mit Vortheil auf Chlorkalium verarbeitet werden.( Siehe auch: Wagner's Handbuch der chemifchen Technologie, Leipzig 1873.) Die Anwendung diefer Methode, begleitet von der Einführung vollkom menerer Abdampfvorrichtung und Apparaten, durch welche die Handarbeit möglichft verdrängt wurde, hat in den letzten zwei Jahren in Giraud befriedigende Refultate gegeben, allein der fteigende Kohlenpreis und der Umftand, dafs trotz der genannten Vorfichten ein Verluft an Kalifalzen durch Mitausfcheidung beim Abdampfen ftattfand und endlich der Zeitverluft beim Stehenlaffen der Lauge in den Cementbottichen haben zu neuerlichen Modificationen geführt. Diefe beftehen darin, dafs man die obgenannte auf 35 Grad Baumé eingedampften Mutterlauge vor fowie nach der Ausfcheidung des Bitterfalzes mit Chlormagneſium- Löfung in heifsem Zuftande mifcht, welche in den allerletzten Mutterlaugen der Fabrication immer zu Gebote fteht. Diefer Zufatz erfolgt in eigenthümlichen Gefäfsen und bewirkt die fofortige Ausfcheidung von Bitterfalz und Kochfalz während eine Mutterlauge entſteht, die in die Kryftallifirgefäfse gelangt, wo durch Abkühlung das Doppelchlorid des Kaliums und Magneſiums ( Carnallit) ausgefchieden und auf die bekannte Weife weiter verarbeitet wird. Auf diefe Weife erfpart man fowohl das Einlagern und Warten fo wie das Concentriren durch Abdampfen und kann die Mutterlauge verarbeiten, ohne auf ihren Gehalt an Sulfaten Rückficht nehmen zu müffen. Die chemifche Fabrik zu Salindres wurde feit 1867 bedeutend erweitert und man erzeugt dafelbft gegenwärtig täglich an 1000 Kilogramme chlorfaueres Kali, regenerirt den Schwefel aus Jodrückftänden nach Mond und erzeugt endlich gefällten phosphorfaueren Kalk. Zu dem Ende werden rohe Kalkphosphate einer methodifchen Anflöfung durch Salzfäure unterworfen, die Löfung mit Kalkmilch gefällt, und das mit Chlorcalicum gemengte Phosphat geprefst und im Carr'fchen Apparat zerkleinert. Die tägliche Production an diefen Phosphaten beläuft fich auf 3000 Kilogramm und ift im Steigen begriffen. Aufserdem erzeugt man in Salindres, Aluminium und verarbeitet den Bauxit durch Auffchliefsen mit Soda. Ein grofses Intereffe erregte die Collectivaus ftellung des Vereines der franzöfifchen Jodfabrikanten, welchem 9 Firmen angehören und die alle Producte zur Anfchauung brachten, die fich aus der Afche der Seepflanzen 36 Dr. A. Bauer. darftellen laffen. Die erfte derartige Fabrik wurde im Jahre 1789 in Cherbourg errichtet und feit 1824 wird das Jod( nachdem es im Jahre 1811 von Courtois entdeckt wurde) im grofsen Mafsftabe gewonnen und es wurde die erfte Fabrik, die fich damit befchäftigte, von Tiffier gegründet, welcher auch im Jahre 1827 eine zweite ähnliche Fabrik errichtete, die gegenwärtig der Firma Cournerie et fils et Comp. in Cherbourg gehört. Die bedeutendfte der Fabriken des Vereines ift gegenwärtig jedoch die von Tiffier in Conquet( Finistère). Die gefammten Fabriken des Vereines erzeugen jährlich circa 800 Centner reines Jod und 80 Centner Brom, neben 48.000 Centner Salpeter, 40.000 Centner Chlorkalium etc. Sie benützen alle die Methode der Einäfcherung der Seepflanzen in gefchloffenen Oefen und nicht mehr wie früher in Gruben. Von den übrigen Ausftellern Frankreichs nennen wir: Storck& Comp. in Paris, welcher fich mit der Verarbeitung natürlicher Phosphate befchäftigt und namentlich chemifch reines phosphorfaures Ammoniak darftellt. Chevé& Gerard, die in ihrer Fabrik zu Vaugirard( Paris) bedeutende Mengen von Salpeterfäure, Salmiak etc. bereiten, dann A. Lefébre in Corbehem bei Douai und de Maffy in Rocourt( Aisne), welche Schlempekohle auf Kalifalze verarbeiten. Ch. Camus & Comp. in Paris hatte fehr ſchönen Grünfpan, fchön kryftallifirten Bleizucker, kryftallifirte Effigfäure, pyrogallusfaures Natron etc. und die bekannte Firma A. de Plazanet ihre bekannten Präparate zu galvanoplaftifchen Zwecken, namentlich fchönes Cyankalium, ausgeftellt. BELGIEN. Die chemifche Grofsinduftrie Belgiens ift eine fehr bedeutende und wenn trotzdem faft die ganze Menge der erzeugten Hauptproducte, Soda und Glauberfalz, im Lande felbft verbraucht wird, fo liegt diefs eben nur darin, dafs die Glasinduftrie das Landes auf fehr hoher Stufe fteht. Der gröfste Fortfchritt, den unfere Ausftellung auf dem Gebiete der chemifchen Grofsinduftrie brachte, die Durchführung des Ammoniakfoda- Proceffes, ift von Belgien ausgegangen und wurde fchon früher erwähnt. Die bedeutendfte Fabrik des Landes ift gegenwärtig wohl, die Fabrique de produits chimiques in Auvelais, welche im Jahre 1851 gegründet wurde und einen jährlichen Productionswerth von 2 Millionen Francs aufweift. Die 10 Bleikammern diefer Fabrik haben 21.839 Kubikmeter Rauminhalt. Die Compagnie de Floreffe hatte neben den zur Glasfabrication nöthigen Producten, worunter Eifenoxyd zum Poliren( fogenannte potée), namentlich gefällten, dreibafifch phosphorfauren Kalk als Düngmittel verwendbar, ausgeftellt. Die Gefellfchaft wurde im Jahre 1849 gegründet. Leirens in Ledeberg lez Gand hatte ebenfalls Phosphorite, Superphosphat und andere künftliche Dünger exponirt. Ueber die meiften anderen Ausfteller diefer Section, die durchgehends fehr fchöne Producte ausgeftellt hatten, ift nichts Befonderes hervorzuheben und wir bemerken weiters nur die von Alex. Wérotte in Lüttich und Wérotte& Paffenbronder in Andrimont ausgeftellten Kalifalze aus Wollwafch- Wäffern. Veranlaffung zur Gründung der Etabliffements diefer letztgenannten Firmen in den fechziger Jahren haben wohl die vielen Tuchfabriken Belgiens gegeben. A. Wérotte producirt jährlich circa 600.000 Kilo Kalifalze im Werthe von 400.000 Francs und Wérotte und Paffenbronder etwa 400.000 Kilo raffinirte Kalifalze, welche zum Theile von den Seifenfabrikanten. und Glasfabrikanten des Landes confumirt, und zum Theile nach Frankreich, Holland und in die Rheinlande exportirt werden. Im Jahre 1870 wurde dem Victor Werotte die Einrichtung eines Apparates zum rafchen Abdampfen von Wollwafch- Wäffern, Seifenwäffern etc. patentirt, welcher auf der Ausftellung durch eine Zeichnung illuftrirt war und in den obgenannten Fabriken in Anwendung fteht. Allgemeines Intereffe erregte die Ausftellung der belgifchen Alaunfabriken. Die Alaunfabrication begann in der Umgebung Lüttich's fchon im Jahre 1580. Man erkannte bald, dafs die Alaunfchiefer, welche man bei Amoy entdeckt hatte, Die chemifche, Grofsinduftrie. 37 fich parallell der Meufe auf drei Meilen Diftanz erftrecken. Im Jahre 1675 waren bereits mehrere Hütten in der Nähe von Ampfin in Betrieb und fchon im Jahre 1700 hatte die Firma Laminne an diefen Gefchäften Antheil. Die Methode, deren fich diefelbe gegenwärtig bedient, um einerfeits die Blenderöft- Gafe, die früher in die Luft gejagt wurden, nutzbar und unfchädlich zu machen und anderfeits den Alaunfchiefer zu verarbeiten, wurde bereits vor mehreren Jahren* ausführlich befchrieben. Diefelbe befteht darin, dafs man die Röftgafe in Canäle aus Alaunfchiefer treten läfst, welche fich in vielfachen Windungen an einen mehrere hundert Fufs hohen Bergabhang hinziehen. Die Länge diefer Canäle erreicht einige hundert Meter, ihre Höhe beträgt 112, ihre Weite I Meter. Die fchweflige Säure wirkt nur bei Luftund Feuchtigkeitszutritt auf die Thonerde des Alaunfchiefers, die Abforption und die Bildung des Aluminiumfulfates ift fo vollkommen, dafs kein Geruch nach fchwefliger Säure wahrnehmbar ift. Man conftruirt öfters mehrere folcher Syfteme von Abforptionscanälen und erhält nach einigen Jahren wahre Berge von„ fulfatifirtem" Schiefer. Man exploitirt diefe nach vollendeter Einwirkung gewiffermafsen fteinbruchartig, laugt fie aus und verarbeitet die Laugen entweder auf fchwefelfaure Thonerde oder auf Alaun. Während man nach dem urfprünglichen Verfahren der Bearbeitung der Schiefer aus, 78 Tonnen desfelben, I Tonne Alaun erhielt, genügen nach dem jetzigen Verfahren hiezu 8 Tonnen, des„ fulfatifirten" Schiefers. Um die Laugen zu reinigen und von Eifen zu befreien werden nach de Laminne's Verfahren Stücke von alten Thonfchiefer- Abbränden, die noch viel Thonerde enthalten, erhitzt und in die heifse Lauge geworfen, wodurch die freie Säure gefättigt und das Eifenoxyd gefällt wird. SCHWEIZ. Die chemifche Fabrik von Schnorff in Uetikon, vier Stunden von Zürich am See gelegen, ift die einzige bedeutende derartige Fabrik der Schweiz. Diefelbe ift fehr gut eingerichtet und fabricirt fowohl 6ogradige als 66gradige Schwefelfäure in zwei grofsen Bleikammer- Syftemen mit zwei PyritRöftöfen, in welchen ftaubförmige Pyrite von Perret in Lyon geröftet werden. Die Röftöfen find Etage- Röftöfen mit fünf übereinander ftehenden Etagen, auf welchen die Pyrite, die man oben eingetragen, der Reihe nach gebracht werden und dem Strome der eintretenden Luft entgegenkommen. Die Abröftung ift fo vollkommen, dafs die Röftabbrände nur I bis 12 Percent Schwefel enthalten. Die Schnorff fche Fabrik bedient fich zum Concentriren ihrer Schwefelfäure eines Platinapparates. Die Bleikammern find mit Gay- Luffac'fchen Thürmen verfehen und die Nitrirung erfolgt durch Salpeterfäure. Man erzeugt Sulfat und verwandelt beinahe die ganze Menge desfelben in Soda, welche als kryftallifirte Soda in den Handel kommt, wefshalb auch die natronhältigen Mutterlaugen in einen Carbonatationsapparat gelangen, d. h. in dünnen Schichten in einen Kamin oder Thurm niedergehen, durch welchen die Verbrennungsgafe zweier Oefen abziehen. Ausserdem fabricirt Schnorff Chlorkalk, Salpeterfäure, Eifenvitriol( aus Eifen und Schwefelfäure) und flüffiges bafifch fchwefelfaures Eifenoxyd( fogenannte falpeterfaure Eifenbeize der Seidenfärber) mittelft Eifenfulfat und Salpeterfäure. Die falpetrigen Dämpfe, welche von den Retorten kommen, werden in die Bleikammer geleitet. Der Sulfatofen Schnorff's ift eigenthümlich conftruirt und auf die gröfstmöglichfte Erfparnifs an Brennmaterial berechnet. Derfelbe ift nämlich mit dem Rohfoda- Ofen zufammengebaut und wird durch das abgehende Feuer desfelben erhitzt. Der Calcinirraum befteht aus zwei Theilen und ift eine langgeftreckte Muffel, die fo ober dem Rohfoda- Schmelzofen angebracht ift, dafs die abziehenden Gafe von diefem zuerft ober die Calcinirmuffel ftreichen, dann unter diefelbe und von hier weiter unter die Zerfetzungscuvette gelangen, um von hier in den Kamin * Wagner's Jahresbericht über die Leiftungen der chemifchen Technologie 1871, p. 209. 38 Dr. A. Bauer. zu entweichen; die Gale müffen natürlich überall hin und her ziehen und es find allenthalben Oeffnungen zum Reinigen der Züge angebracht. Profeffor E. Kopp, dem wir diefe Mittheilungen verdanken, verkennt nicht. dafs diefer Ofen theuer zu conftruiren ift und wenn er reparirt werden mufs, fofort alle wichtigen Operationen zugleich ftille ftehen, allein er findet, dafs der Ofen gut arbeitet, die Rohfoda reich an Natriumcarbonat und das Sulfat frei von freier Schwefelfäure liefert. Es ift hier noch zu erwähnen, dafs die Firma Gabriel Schiefser in Hard, Weinfäure aus den in den Aetzküpen gefammelten Niederfchlägen dargeftellt exponirt ha te, welche nach einem von Dr. Armand Müller angegebenen Verfahren in der betreffenden Fabrik dargestellt wird. ITALIEN hatte in der erften Section fehr viele Ausfteller, und wenn auch diefe Thatfache allein nicht genügt, um auf eine hevorragende Entwicklung der chemifchen Grofsinduftrie fchliefsen zu können, fo mufste man doch zur Ueberzeugung gelangen, dafs der Auffchwung, den die chemifche Induftrie auch in Italien genommen hat, zur Erwartung berechtigt, dafs diefelbe auch an der eigentlichen Quelle des Schwefels einer bemerkenswerthen Entwicklung entgegengeht. Allerdings mufs aber bemerkt werden, dafs diefelbe in Italien an Brennftoff- Mangel zu kämpfen hat. Zunächft haben in der Gewinnung des Schwefels heilfame Reformen Platz gegriffen und im vorigen Jahre ift auch eine Sodafabrik( in Livorno) entftanden. In Norditalien exiftiren zwei hervorragende Firmen, welche fich auch an der Ausftellung betheiligten, und zwar Candiani& Biffi in Mailand, welche Säuren, Salze, Wafferglas und Nitroglycerin bereiten, dann Sclopis, Bechis& Comp. in Turin, die bedeutende Mengen von Schwefelfäure aus Pyriten erzeugen und fehr fchöne Exemplare diefes Rohftoffes ausgeftellt hatten. Die Fabrikanten von Schwefel- Kohlenftoff wurden fchon bei einer anderen Gelegenheit erwähnt. Die Verwerthung der Mutterlaugen der Salinen hat auch fchon in Italien durch A. Conti Fufs gefafst und ferner hat fich namentlich die Induftrie der Weinftein- Raffinerie und Weinfäure- Bereitung eingebürgert. Die Ausftellung führte uns zwölf Ausfteller in diefer Branche vor. Die Methode der Gewinnung der Borfäure in den Lagoni von Toscana ift bekannt und wurde durch eine fchöne und reiche Expofition illuftrirt. Diefelbe wird gegenwärtig in neun Etabliffements betrieben und fand bei Gelegenheit der Parifer Ausftellung eine eingehende Befprechung, namentlich durch Daubrée. Als Wärmequellen beim Eindampfen dienen, natürliche, borJäurearme, heifse Dampfquellen. Seit der Parifer Ausstellung find indefs der Induftrie neue, nicht italienifche und fehr ergiebige Quellen von Borfäure erfchloffen worden. Wir bemerken in diefer Beziehung, dafs man in Stafsfurt begann, den allerdings in wenig bedeutender Menge vorkommenden Boracit zu verarbeiten, und hieraus fehr fchöne Borfäure darftellt. Amerika liefert dem Handel fehr bedeutende Mengen von Borax. Derfelbe wird dort aus einem See( Borax- Lake) in Californien in fehr grofsen Quantitäten, angeblich 30 Centner täglich gewonnen und in England werden grofse Mengen von borfauren Kalkverbindungen aus Chili und Peru verarbeitet, wodurch die Preife fo gedrückt wurden, dafs die Fabrikanten von Borax aus toscanifcher Borfäure an die Anwendung billigerer Methoden zur Ueberführung der Säure in das Natronfalz Bedacht nehmen mussten. SCHWEDEN. In Schweden, dem Vaterlande Berzelius's, wo in Fahlun die erften Verfuche mit der Verwendung der Kiesröft- Gafe zur Schwefelfäure- Fabrication gemacht wurden, beginnt die chemifche Grofsinduftrie erft jetzt feften Fufs zu faffen. * Daubrée, Rapports du Jury internationale. Paris 1868, V. L'Italie économique, Florence 1867. Die chemifche Grofsinduftrie. 39 Seit 1868 fabricirt Th. Gullberg in Göteborg Schwefelfäure aus Kiefen, ferner Sulfat, Salpeter und Schreibtinte und B. Bengtsfon hat vor Kurzem in OeftraTorp eine kleine Sodafabrik, in der auch Superphosphat bereitet wird, errichtet, während eine zweite in der Nähe von Stockholm im Entſtehen ift. Einige andere Ausfteller Schwedens in der erften Section haben es vornehmlich mit der Erzeugung von Düngfalzen durch Zerfetzung von Phosphaten mit Schwefelfäure zu thun, fo A. W. Frieftedt. Uebrigens exiftirt noch eine der älteften, mit metallurgifchem Hüttenbetrieb verbundene Fabrik in Fahlun und auch die Gefellfchaft Storn Kopperberg ftellt Schwefelfäure, Ocker und Vitriol dar, um Abfälle ihres Bergbaues und Hüttenbetriebes zu verwerthen. DÄNEMARK war durch Oerefund's chemifche Fabriken( Hagemann& Jörgenfen) mit kryftallifirter Kryolith- Soda und anderen Präparaten des KryolithSodabetriebes vertreten. Diefe Producte erfchienen zum erften Male im Jahre 1862 bei der Londoner Ausftellung und erregten damals gerechtes Auffehen. Auch zur Zeit der Parifer Ausftellung war die Verarbeitung der Kryolithe ein blühender Induſtriezweig, welcher allerdings immer an das grönländifche Rohmaterial geknüpft war. Nunmehr hat Amerika das ganze Lager von Rohftoff an fich gebracht und verarbeitet den Kryolith in Pittsburg, war jedoch auf der Ausftellung in diefer Richtung nicht vertreten. In Betreff der Thonerde- Verbindungen vertritt in Europa gegenwärtig der Bauxit die Stelle des Kryolithes. In der NIEDERLÄNDISCHEN Ausstellung intereffirten namentlich die Ammoniakfalze der grofsen Firmen van der Elft und Matthes, welche als Düngmittel in den Handel gebracht werden. Ueberdiefs war die Schwefelfäure- Fabrik von G. F Ketjen& Comp. mit einer Expofition auf der Ausftellung erfchienen. RUSSLANDS chemifche Induftrie ift bedeutender, als man vor der Moskauer und der Wiener Ausftellung geglaubt hat. Was feine Vertretung in der erften Section anbelangt, fo verdient wohl zunächft P. Ufchkow in Elabuga genannt zu werden, welcher zuerft angefangen hat, die Chromerze Sibiriens, die früher nach England exportirt wurden, im Lande felbft zu verarbeiten. Derfelbe Ausfteller bereitet Kupfervitriol aus Kupferkies und Schwefelfäure aus Pyrit. Chrom- Eifenftein hatte übrigens auch Gillis aus Petersburg ausgeftellt. M. Prang in Barnoul hatte Soda und Sulfat aus natürlichem Glauberfalz einiger fibirifchen Seen und Hirfchmann, Kijewski& Scholze in Warfchau, die Producte des Kryolith- Sodabetriebes ausgeftellt. Eine der bedeutendften und älteften Fabriken Rufslands ift übrigens die von Schlippe, welche Firma wohl jedem Chemiker durch das„ Schlippe'fche Salz" bekannt fein wird. Lepefchkin in Moskau, der neben Garancin auch Zinnfalz, Alaun, Vitriole, Säuren etc. ausgeftellt hatte, gehört auch zu den älteften ruffifchen Firmen. Aufser den genannten Ausftellungen intereffirten uns namentlich die natürlichen Phosphorite vom Dniefter und die Pottafche, welche nach E. Kopp's Verfahren aus Kaliumfulfat bereitet war, über welche wir jedoch nichts Näheres erfahren konnten. In EGYPTEN ift die chemifche Induftrie nur in ihren primärften Formen von Bedeutung, denn abgefehen von der an anderer Stelle betonten Wichtigkeit der Schwefelminen am rothen Meere, exportirt Egypten nicht unbedeutende Mengen von Salpeter und natürlicher Soda. Die Aufmerkfamkeit, welche der Khedive diefen Verhältniffen widmet, läfst jedoch das Vorkommen diefer Naturproducte nicht als bedeutungslos erfcheinen.