OFFICIELLER AUSSTELLUNGS- BERICHT HERAUSGEGEBEN DURCH DIE GENERAL- DIRECTION DER WELTAUSSTELLUNG 1 8 7 3. DIE FETTWAAREN UND DIE PRODUCTE DER TROCKENEN DESTILLATION. ( Gruppe III, Section 3 und 4.) BERICHT VON DR. HEINRICH SCHWARZ, ft. l. o. ö. Profeffor in Graz. WIEN. DRUCK UND VERLAG DER K. K. HOF- UND STAATSDRUCKEREI. 1873. DKI Dr HEIMBICH BEBICHI toe8 III eqqTD) DEK IK EELLAVVKEИ MET VORWORT. Nach dem Programm der officiellen Berichterstattung über die Wiener Weltausstellung 1873 foll der officielle Bericht noch ,, während der Feier des internationalen Feftes abgefafst und aufgelegt werden". Diefe Beftimmung zu erfüllen, übergibt die gefertigte Redaction des officiellen Berichtes in der vorliegenden Form die einzelnen Sectionsberichte der Oeffentlichkeit und glaubt damit den Befuchern der Weltausftellung das Studium derfelben wefentlich zu erleichtern. Nur eine Bemerkung fei an diefer Stelle geftattet. Der vorliegende, wie jeder andere während der Weltausftellungs- Feier publicirte Bericht wird einen Theil des officiellen Berichtes bilden, welcher nach dem Schluffe der Weltausftellung als ein Ganzes erfcheinen und die wiffenfchaftlichen Refultate der Ausftellung für die Dauer erhalten foll. Diefs mag dem Lefer die ftiliftifche Form, in welcher bereits die Vergangenheit der Ausftellung angenommen iſt, erklären. PROFESSOR DR. CARL TH. RICHTER, Chefredacteur des officiellen Berichtes. тяо DIE FETTWAAREN UND DIE PRODUCTE DER TROCKENEN DESTILLATION. ( Gruppe III, Section 3 und 4.) Bericht von DR. HEINRICH SCHWARZ, ft. l. o. ö. Profeffor in Graz. Die Fett waaren. Fettwaaren. Es ift eine allgemeine Beobachtung, dafs in der Entwicklung einzelner Induftriezweige Perioden der Stagnation oder vielmehr des ruhigen Fortarbeitens auf der einmal gewonnenen Bahn eintreten, die höchftens darin einen Fortfchritt bekunden, dafs die als gut erkannten Methoden fich in immer weitere Kreife ausbreiten. Die betreffende Induſtrie erfcheint eben durch die Erfindungsthätigkeit bis zu einem gewiffen Grade der Vollkommenheit entwickelt. Wenn zumal die Weltausftellungen, diefe Paradefelder der Induſtrie, in verhältnifsmäfsig kurzen Zeiträumen auf einander folgen, fo bleibt dem Berichterstatter oft nichts übrig, als mit Befriedigung zu conftatiren, dafs die vorhandenen Objecte die möglichft vollkommene Ausführung von fchon Bekanntem zeigen. Es kehren dann von anderen Ausftellungen her fchon gut renommirte Fabriken wieder, deren reicher und reicher fich geftaltende Ausftellungsgegenstände nur beweifen, dafs die betreffenden Fabriken profperiren. In einem gewiffen Grade ift Obiges auch für die Fettwaaren- Induftrie giltig. Was die Natur in den verfchiedenften Gegenden der Erde an fetthaltigen Subftanzen aus dem Pflanzen- und Thierreiche liefert, war auf der Wiener Weltausftellung in feltener Vollständigkeit vertreten. Der Norden und Süden Europas, der Orient, die verfchiedenen Colonialländer, Amerika und Auftralien brachten wetteifernd ihre Oelfamen und Oelfrüchte, ihre Thierfette zur Anfchauung. Diefs zeigt recht deutlich, dafs das Bedürfnifs der Induftrie nach Fettftoffen keineswegs gefättigt ift. Wenn auch die Verwendung derfelben zu Beleuchtungszwecken ihr Gegengewicht in der immerfort fteigenden Benützung der Kohlenwafferftoffe, Petroleum, Photogen, Paraffin, Leuchtgas gefunden hat, fo hat fich dafür der Fettbedarf zur Seifenfabrication, zu Mafchinenfchmieren etc. in weit überwiegendem Mafse ausgedehnt. Steigende Cultur, vermehrter Luxus äufsert fich gerade in dem Mehrverbrauch von Fettftoffen am deutlichften. Vielleicht wird weniger Brennöl verbraucht, weil die Petroleumlampe jetzt das Feld beherrscht, dafür aber wird gewifs ein gröfseres Quantum Stearinlichter confumirt. Bedenkt man allein die Maffen Schmieröl, Talg etc., die unfere Locomotiven und Eiſenbahn 2 Dr. Heinrich Schwarz. Wagen, unfere Motoren und Arbeitsmafchinen confumiren, die Maffe Seife, welche in der Gewebeinduftrie, der Haushaltung gegen früher verbraucht wird, fo fieht man ein, dafs jede neue Quelle von Fettftoffen willkommen fein mufs. Naturgemäfs werden übrigens diefe neuen Fettftoff- Zufuhren nur aus Gegenden mit weniger intenſiv entwickeltem Ackerbau, fowie günftigen Boden- und Klimaverhältniffen zu erwarten fein. Das Fett verlangt den Kohlenhydraten, wie Zucker, Holzfafer, Stärke, gegenüber zu feiner Bildung eine intenfivere Vegetation, eine mächtigere Einwirkung der Sonne, eine weiter getriebene Reduction der Kohlenfäure und des Waffers. Seine Production ift daher nur in Gegenden von wenig dichter Bevölkerung und in den Tropen hinreichend billig, um rentabel zu fein. Im erhöhten Mafse gilt diefs von den Thierfetten, weil nur ein kleiner Theil der Nahrung fchliefslich als Fett im Thierkörper abgelagert wird. Es würde viel zu weit führen, wenn ich die zahllofen Ausftellungsobjecte, die hierher gehören, im Einzelnen befprechen wollte. Egypten, die Türkei, Indien, die franzöfifchen Colonien, China, Japan u. f. w. brachten die mannigfaltigften fetthaltigen Pflanzenproducte zur Ausstellung, wie z. B. die Samen von Raps, Lein, Sefam*), Ricinus, Arachisnüffe, Cocosnufs- Kerne, Palmöl, Palmkerne, BaumwollSamen, Bassia- Carapa**) Pachiranüffe u. f. w. Unter allen diefen fettliefernden Pflanzentheilen haben in der letzten Zeit die Baumwollen- Samen und die Palmkerne die gröfste Bedeutung gewonnen. Bei der ungeheuren Baumwollen- Production der Erde mufs es auffallen, dafs man das in den beim erften Reinigen der Baumwolle abgefchiedenen voluminöfen Samen enthaltene Oel nicht lange fchon zu gewinnen gefucht hat. Selbft in den Südftaaten der Union, die lange den erften Platz in der Baumwollen- Production einnahmen und einem induftriell fo hoch ftehenden Lande angehören, liefs man bis vor circa 15 Jahren die Baumwollen- Samen einfach auf dem Düngerhaufen verfaulen. Jetzt indeffen, befonders feitdem man gelernt, das gewonnene braune Oel durch Behandlung mit ftarker Aetzlauge zu reinigen und zu entfärben, hat feine Gewinnung eine hohe Bedeutung erlangt. Durch den amerikaniſchen Bürgerkrieg gewann der fchon feit alter Zeit betriebene Anbau der Baumwolle in Indien, China, Egypten, Kleinafien, Brafilien u. f. w. erhöhte Bedeutung. So erfchloffen fich neue Quellen dem Baumwoll- Samen, und waren folche denn auch faft ausnahmslos in den Ausftellungen jener Länder zu finden. Die Bienville Oil Works und Ig. Symanski, beide Ausfteller aus New- Orleans, brachten fehr hübfche Zufammenftellungen von Baumwollen- Samen und den daraus gewonnenen Producten. Die Schwierigkeit, welche in den feinen Fafern liegt, die an den rohen Samen haften, Oel abforbiren und das Futter zum Theil unverdaulich machen, ift, wie der Augenfchein lehrt, überwunden. Ob die Entfernung der Fafern durch concentrirte Schwefelfäure erfolgt, wie man vorgefchlagen hat, laffe ich dahin geftellt. Es fcheint mir für die gröfsere Praxis unwahrfcheinlich. Das raffinirte Baumwoll- Samenöl foll übrigens jetzt vielfältig zum Verfälfchen, ja oft zum directen Erfatz des Olivenöls verwendet werden. Die Palmkerne, die neuerdings in ausgedehnter Weife in Europa verarbeitet werden, find bis vor circa 12 Jahren in ähnlicher Art vernachläffigt worden. Die Oelpalme, Elais guyanensis, trägt befenartige Büfchel von Früchten, welche in ihrem Fruchtfleifche das eigentliche Palmöl enthalten, das man in Afrika durch Einwerfen der Büfchel in fiedendes Waffer, Abfchöpfen und Auspreffen in fehr roher Weife darftellt. Die Kerne wurden weggeworfen, obwohl fie ebenfalls fehr fettreich find, wie man fich leicht beim Zerfchneiden überzeugen kann. Sie werden jetzt in Deutfchland in ausgedehntem Mafse auf Fett und Futterkuchen *) Davon wurden im Jahre 1871 vom Senegal allein 30 Millionen Kilo ausgeführt. **) Von diefen berichtet der franzöfifche Specialkatalog, dafs fie im franzöfifchen Guyana, im Diftricte Cachipour, nach der Reife eine Strecke von 60 Kilometer Länge 10 Centimeter hoch bedecken und leicht in jeder Quantität gefammelt werden könnten. Die Fettwaaren. 3 verarbeitet. G. Wolff in Grofs- Gerau bei Mainz kauft jährlich für 450.000 fl. Palmkerne. Heins& Asbeck in Hamburg verarbeitet 95.000 Centner davon. Beide Fabriken brachten die Fruchtbüfchel der Oelpalme zur Anficht. Auch Hirfchberg in Itzehoe, Jürgenfen, Krog& Comp. in Felfenburg( Schleswig) arbeiten mit diefem Material, während unferes Wiffens in Oefterreich noch keine einzige Fabrik diefer Art exiftirt. Neben den Palmkernen werden auch die Kerne der Cocusnufs( Coppenah genannt) verarbeitet und auch hier dienen die Prefskuchen als Futtermittel. Da die Fette ziemlich confiftent, fo mufs heifse Preffung angewendet werden; fteigert man die Temperatur fucceffive, fo kann man Producte von verfchiedener Härte erhalten. Italien, Griechenland, Türkei, Egypten, die Nordküfte Afrikas, Spanien, Südfrankreich fchliefsen den Raum ein, wo befonders die Olive gedeiht und ihr Oel für die mannigfachften Zwecke, zum Schmalzen der Speifen, zur Beleuchtung, als Schmieröl, als Seifenmaterial, darbietet. Auch in der Krimm kommt fie noch fort, wie eine von Fürft Woronzoff ausgeftellte Oelprobe aus Yalta nachweift. In der Combination eines weichen wafferhaltigen Fruchtfleifches mit einem harten holzigen Kerne liegt die Schwierigkeit der Oelgewinnung, die noch dadurch gefteigert wird, dafs die Olive weder aufzubewahren, noch weit zu transportiren ift. Diefs drückt der Olivenöl- Gewinnung nothwendigerweife den Stempel des Kleinbetriebes, der Anwendung fchwacher mechanifcher Kräfte und der fucceffiven Gewinnung fehr verfchiedener Qualitäten auf, wobe ein ftarker Rückhalt an Oel in den Prefsrückftänden kaum zu vermeiden ift. Die Methode, diefen Reft durch Schwefel- Kohlenftoff auszuziehen, hat fich befonders in Italien rafch verbreitet. L. Sarlin& Comp. in Bari ftellten hierzu erzeugten Schwefel- Kohlenftoff aus. Von den jährlich producirten 200.000 Kilo wird ein Theil in eigener Fabrik zur Extraction des Oeles verwendet. In Livorno foll eine folche Extractionsanftalt fchon feit Jahren mit Vortheil arbeiten. In gleicher Art wird auch in Griechenland ( Corfu) der Oliven- Prefsrückftand mit Schwefel- Kohlenftoff entfettet; die Probe des erhaltenen Productes, welche auf der Ausftellung vorlag, zeigte fich ftark grün gefärbt und felbft bei Sommertemperatur butterartig. Diefes deutet einmal auf die gleichzeitige Löfung des vorhandenen Chloophylls und auf das Vorwalten des Margarins im Prefsrückftande, was für die Verwendung zu harter Seife nur vortheilhaft fein kann. Da diefe Extraction mit Schwefel- Kohlenftoff einmal berührt ift, will ich diefen Gegenftand gleich erledigen. Diefe Methode ist zuerft in Deutfchland von Deifs vorgefchlagen und naturgemäfs auf die dort vorwaltenden, Oelfrüchte, Rübfen, Raps etc. angewendet worden, hat indeffen hier nur einen zweifelhaften Erfolg gehabt, fo dafs fie nur in wenigen Fabriken, z. B. in der Heyl'fchen Fabrik zu Moabit noch in Verwendung fteht. Bei diefen Materialien liefert das verbefferte Prefsverfahren der Neuzeit nur unbedeutend weniger an Oel, und das dabei in den Prefskuchen bleibende Fett wird als Futter noch genügend bezahlt. Es kommt noch hinzu, dafs die erhaltene Kuchenform den Anforderungen des Handels, der Aufbewahrung und des Transportes beffer entfpricht als das nach der Extraction zurückbleibende Pulver. So hält fich der Mehrgewinn an Oel beim Extractionsverfahren mit den Verluften an Extractionsmitteln und den damit verbundenen Gefahren vielleicht nur dann die Wage, wenn das Oel einen verhältnifsmäfsig hohen Preis erlangt hat, oder, wie bei den Olivenprefslingen, fettigen Lumpen etc., auf keinem anderen Wege paffend zu gewinnen ift. Es fcheint übrigens, dafs nur die Fabriken profperiren, welche durch Anwendung eines möglichft einfachen Apparates die Gelegenheit zum Entweichen des fo flüchtigen Schwefel- Kohlenftoffes auf ein Minimum reduciren, felbft wenn fie etwas mehr davon zum Ausziehen brauchen follten. Nach diefem Principe war auch ein hübfches Modell eines Schwefelkohlenftoff- Extractionsapparates conftruirt, das von van Haecht zu Molenbeck St. Jean bei Brüffel ausgeftellt wurde. Wir fanden hier zwei höher ftehende Extractions 4 Dr. Heinrich Schwarz. cylinder, zwei Deftillationsblafen, zwei Kühlfäffer mit doppelten Kühlfchlangen, zwei im Boden eingefenkte Refervoire zur Aufnahme des Schwefel- Kohlenftoffes, der durch eine Wafferfchichte vor Verdunftung gefchützt ift. Eine Mühle zerquetfcht den Samen; derfelbe wird in die Extractionscylinder eingefüllt, ein Deckel aufgefetzt und dicht verfchloffen. Eine Pumpe hebt den Schwefel- Kohlenstoff in den Cylinder, und nachdem er fich genügend mit Oel gefättigt hat, zieht man die Löfung in die Deftillationsblafe ab, um den Schwefel- Kohlenftoff durch Dampffchlangen- Heizung abzutreiben. Auf gleiche Weife wird der im Extractionscylinder nach völliger Entfettung bleibende Reft übergetrieben und in der zweiten Kühlfchlange condenfirt. Dampfkeffel und Dampfmafchine find durch Mauerwerk gänzlich von der eigentlichen Fabrik ifolirt, um die Gefahr einer Entzündung zu vermeiden, und die Rohrleitungen fo eingerichtet, dafs die paarweife vorhandenen Apparate nach Belieben mit einander combinirt werden können. Die dritte Gruppe der vegetabilifchen Fettftoffe bilden Rüb- und Leinöl, die in Deutſchland, England, Frankreich, Oefterreich, zum Theil auch in Russland in der Production den erften Platz einnehmen. Es fanden fich diefelben auf der Ausftellung fowohl in rohem, als raffinirtem Zuftande nebft den gleichzeitig gewonnenen Oelkuchen, von zahlreichen Producenten ausgeftellt. Da in der Qualität diefer Oele in Folge der überall uniformen Darftellungsweife kaum ein wefentlicher Unterfchied exiftirt, genügt es, einige Ausfteller namhaft zu machen, die fich durch Grofsartigkeit des Betriebes auszeichnen. Wir erwähnen vor allen J. Herz in Berlin, der mit 85 Pferdekräften jährlich für 1,500.000 Thaler Oelfaaten verarbeitet, die vereinigten Breslauer Oelfabriken, die Amtsmühle zu Braunsberg bei Elbing( 155.000 Thaler Oelfaaten), Oppenheimer zu Sportau, Weftphalen( 243.000 Thaler Oelfaaten, Specialität entfäuertes Rüböl als Erfatz des Baumöles zum Mafchinenfchmieren), Th. Sievers in Kiel( 227.000 Thaler Saaten), ferner die Wiener Oelinduftrie- Gefellfchaft( Specialität füſses Speife-, Leinöl, Klauenfett, helles Rüböl, Mafchinenöl), Pols& Sohn in England ( Arachis-, Rüb-, Klauen- und Baumwoll- Samenöl), endlich K. Ch. Schmidt in Riga, der 39.000 Pud Lein- und Rüböl und 146.000 Pud Oelkuchen in den Handel bringt. Speciell neu in diefer Branche erfcheint nur das von Johann Friedrich Gärtnerjun. in Rannersdorf( Niederöfterreich) neben rohem Rüböl, Mafchinenöl etc. ausgeftellte Maisöl. Der Mais ift als eine der fettreichften Getreidearten bekannt. Das Korn enthält 6% Fett, die fich in den verhältnifsmäfsig grofsen Keimen( etwa 1/10 des Korngewichtes) concentriren. Die eigenthümliche Feftigkeit des reinen Maisbrotes, die Verwendung als Polenta ohne weiteren Fettzufatz, die Fettfchichte, welche bei der Gährung der daraus bereiteten Maifche obenauf fchwimmt, find auf diefen Fettreichthum der Keime zurückzuführen. Bei dem verbefferten Verfahren der öfterreichifchen Mehlbereitung gelingt es leicht, die Keime abzufondern und für fich, wie es hier gefchehen, auf Oel zu verarbeiten. Das Oel ift hellgelb gefärbt und klar. Die dabei abfallenden Oelkuchen bilden ein vorzügliches Futtermittel, da fie reich an ſtickſtoffhältigen Beftandtheilen und Phosphaten find, fowie noch etwas anhängendes Fett und viel Stärkemehl enthalten. Da das Mehl durch die Entfernung der Keime zur Brotbereitung nur verbeffert wird, fo ift diefer Induftrie ein nicht unbedeutender Werth beizulegen, und dürfte bei allgemeiner Durchführung auch die zu erzielende Menge Fettfubftanz eine ganz beträchtliche fein. An diefer Stelle mufs auch die einzige auf der Ausftellung vorhandene Oelpreffe erwähnt werden, welche von Peter Sibre e zu Driffield in England eingefendet wurde. Es ift eine fogenannte Tiegelpreffe mit vier Prefsplatt- Formen, welche zungenförmige Prefskuchen liefert. Sie ist äufserft kräftig aus Gufs- und Schmiedeeifen conftruirt, hat einen hydraulifchen Prefskolben von 12" Durchmeffer, der im Falle einer nöthigen Reparatur leicht herausgenommen werden kann, ohne die ganze Preffe demontiren zu müffen. Die Preffe ift auf 300 Tons Druck probirt, arbeitet indeffen nur mit etwa 130 Tons, was auf die 113" betragende Fläche der Prefskuchen Die Fettwaaren. 5 vertheilt, mehr als 1 Tonne, genauer 23.6 Zollcentner oder 154 Atmoſphären Druck ausmacht. Die Prefsplatten, welche den Samen aufnehmen, find von ftarkem, inner halb canellirtem Eifenblech gefertigt, mit einem Rande von Filz eingefafst, der als feitliche Begrenzung dient, mit Handgriffen auf der breiten Endfeite verfehen und auf der entgegengefetzten fchmäleren durch Lederftreifen charnierartig verbunden. Auf diefe Art erfpart man jedes leicht zerreifsende Einfchlagtuch, kann den Samen leicht einfüllen, den fertigen Kuchen leicht entfernen und das ausgeprefste Oel findet bequemen Abflufs. Die erhaltenen Oelkuchen find fehr feft und fcharfkantig. Die gleichzeitig ausgeftellte Betriebspumpe kann fechs Preffen auf einmal bedienen; fie hat einen Kolben von 2" Durchmeffer und einen von I". Beide wirken anfangs, wo die Preffe fich rafch fchliefst, gemeinfam; fpäter aber wird, fobald das Ventil des grofsen Kolbens fich öffnet, die ganze Kraft auf den kleinen Kolben übertragen, bis auch deffen Ventil durch feine Hebung den erreichten zuläffigen Druck zu erkennen gibt. Die Arbeit war fauber und fehr folid ausgeführt. Wenn wir uns nunmehr zu den ausgeftellten Thierfetten, und zwar zuerft zum Talg wenden, fo fpielt hierin Rufsland auf der Ausftellung eine der erften Rollen, die feiner Bedeutung im Talghandel entſpricht. Die Länder auf der Oftküfte von Südamerika, Uruguay und Montevideo mit Rindstalg, Auftralien mit Hammelstalg, Nordamerika mit Schweinefett, waren nur fchwach oder gar nicht, jedenfalls nicht entſprechend der Bedeutung ihrer Talgproduction im Welthandel, vertreten. Amerika zeigte uns wenigftens in fehr hübfch ausgeführten Cartons die Manipulation feiner grofsen Schweinefchlächtereien in Cincinnati, St. Louis etc. Nach Ablöfung der werthvollen Fleifchtheile, Schinken, Speckfeiten u. f. w., wird der ganze Reft zur Fettgewinnung mittelft Dampf ausgekocht. Diefelbe Manipulation wird bekanntlich jetzt in Auftralien an den Sitzen der Schafzucht, mit 3-400 Schafen auf einmal in Anwendung gebracht. Von den ruffifchen grofsen Talgproducenten und Ausftellern erwähne ich Panoff, Schaguine& Comp. in Petersburg, die jährlich 150.000 Pud Talg, im Werthe von 700.000 Rubeln, Prockhoroff, der in drei Etabliffements zu Belev, Kozlof und Tambof in Südrufsland 100.000 Pud, Litinguine zu Berdiansk und Bolfchov, der aus 50.000 Schafen und 1000 Ochfen für 400.000 Rubel Talg erzeugt. Auch Rumänien, Ungarn und die meiſten Grofsftädte treten als grofse Talgproducenten auf, die letzteren befonders, wenn durch Einrichtung von Schlachthäufern eine rationelle Gewinnung des Talges durch Hochdruck- Dampf in gefchloffenen Gefäfsen möglich ift. Dann ift naturgemäfs auch die Gewinnung von Blutalbumin damit verbunden, das wir in der That von mehreren Talgproducenten gleichzeitig ausgeftellt fanden. Auch ein öfterreichifcher Ausfteller, Uiblein& Sohn in Wien, brachte Rohtalg und gereinigtes Unfchlitt zur Ausftellung. Meift gelangt der Talg bei uns direct in die Hände der Seifenfieder und Stearinfabrikanten. Je frifcher der Talg zum Ausfchmelzen kommt, defto beffer ift fein Geruch, defto weniger werden die Nachbarn beläftigt. Mit Dampfbetrieb erfcheint er weniger gefärbt als beim Ausfchmelzen über freiem Feuer. Wenn er durch Lagern weifser und härter wird, fo mag diefs theilweife in einem freiwilligen Zerfallen der Glycerinverbindung und in der Abfcheidung freier Stearinfäure feinen Grund haben. Diefer Vorgang wird befonders beim Lagern des unausgefchmolzenen Rohtalges eintreten, wo die beigemifchten Fleifchtheile in Fäulnifs übergehen und dadurch das Zerfallen einleiten. Solcher Talg ift dann leichter zu verfeifen, und bei der Stearinfabrication erfordert er weniger Kalk. Von der amerikanifchen Production fand Referent nur fogenanntes Ladoril-, Specköl, ausgeftellt, das aus dem gefchmolzenen Schweinefett nur dadurch gewonnen wird, dafs man diefes in grofsen Baffins fehr langfam abkühlen läfst. Es fcheidet fich dann unreines Margarin in Kryftallen aus, von denen das Specköl abläuft, refpective durch Preffen getrennt wird. Die zweite Gruppe der thierifchen Fettftoffe bilden die aus Seethieren, Wallfifchen, Robben, den verfchiedenen Gadusarten, aus Haififchen, Häringen u. f. w. 6 Dr. Heinrich Schwarz. gewonnenen Thran. Die eigentlichen Thrane waren nur fehr fchwach vertreten. Wir fanden aus Grönland confervirten Robbenfpeck, und dazu gehörigen, fchön hellbraunen Dreikronen- Thran, eben folchen von Bergen und Hammerfeſt in Norwegen, ferner Wallfifchthran von Martinique, der von den fich feit einigen Jahren häufig dort zeigenden Wallfifchen ftammt, Seehunds- Thran von Gebrüder Salina in Kafan, jedenfalls nur Handelsartikel, endlich von A. Schultz in Aftrachan Häringsthran, der ebenfo, wie der ebengenannte Seehunds- Thran aus dem caspifchen Meere zu ftammen fcheint. Von einer grofsen Anzahl Ausfteller wurde dagegen Leberthran in befonderer Schönheit und Reinheit geliefert. Derfelbe foll wegen feiner vorwaltend medicinifchen Verwendung hier nur kurz berührt werden. Der befte Leberthran wird aus den frifchen Dorfchlebern, am beften durch Auskochen mit Dampf bereitet. Mack aus Tromfoe, Steens vom Nordcap, Pallizer aus Petersburg, die franzöfifchen Colonien St. Pierre und Miquelon ftellten folchen Leberthran aus, der fo hell und wenig gefärbt war, wie das Olivenöl und diefem auch im Gefchmacke naheftehen foll. Früher wurden die Dorfchlebern an der Sonne liegen gelaffen, bis der Thran austrat, der natürlich ranzig und mit Fäulnifsproducten ver unreinigt war. Es mag übrigens auch viel derartiger Thran beim Auskochen der Fifchabfälle zur Bereitung des Fifchguano gewonnen, viel dunkler Thran nachträglich gebleicht werden, was z. B. zu Paris in bedeutender Ausdehnung( 450.000 Kilo jährlich) gefchehen foll. Gebrüder Cats in Gröningen, welche das LeberthranGefchäft in fehr bedeutender Ausdehnung betreiben, laffen ihr Product auf den Loffodeninfeln( Norwegen) ausfchliefslich nach der zuerft angegebenen Methode darftellen. Wallrath endlich, das Product des Pottwallfifches, findet fich in der englifchen und amerikaniſchen Abtheilung nur zu Kerzen verarbeitet, daneben Wallrath- Oel, das befonders hell, wenn auch nicht gerade fparfam in Lampen brennen foll. Wenn auch in phyfikalifcher und chemifcher Beziehung etwas abweichend, ift doch das Wachs der Bienen immer noch zu den Fetten zu rechnen. Man fand auf der Ausftellung auch das Wachs in zahlreichen Expofitionen von rohem und gebleichtem Wachs, von Wachskerzen und Wachsftöcken, von Wachsblumen und Wachsfrüchten vertreten. Es ift indeffen leicht zu erkennen, dafs feine Zeit als Luxuskerzen- Material vorüber ift. Wenn nicht in den katholifchen Ländern die Kirche mit Hartnäckigkeit an reinem Wachfe bei ihren Ceremonien fefthielte, würde es noch in viel gröfserem Mafse feinen Platz den billigeren Surrogaten haben überlaffen müffen. Italienifche Ausfteller unterfcheiden in der That fchon Cere di Chiese, d. h. reines Wachs, und Cere del Commercio, bei welchem ein Verfatz mit Paraffin etc. zuläffig erfcheint. Das Rohwachs ftammt vorwaltend aus Ländern mit wenig intenfivem landwirthschaftlichen Betriebe. In der reichen Sammlung von rohem und gebleichtem Wachfe, welche Antonio Mafotti von Roveredo ausftellt, findet fich aufser hannover'fchem und Brandenburger Wachs nur folches aus dem Orient und Weftindien. Gewiffe Theile der Lüneburger Haide, der märkifchen Sand- und Kieferflächen laffen eben keinen intenfiven landwirthschaftlichen Betrieb zu. Diefe Beobachtung beftätigt fich, wenn wir die Einzelnausftellungen des Orients, Griechenlands, Afrikas und der Colonien befichtigen, wo auch ftets das Wachs als Ausftellungsobject eine wefentliche Rolle spielt. Seitdem das Bedürfnifs nach Verfüfsungsmitteln beffer und billiger durch Zucker als durch Honig gedeckt wird, und der Honig felbft da, wo er unentbehrlich fchien, bei der Lebkuchen- und Methbereitung, feinen Erfatz im Stärkefyrup gefunden hat, ift die Bienenzucht zum Zurückgehen, wenigftens bei uns, verurtheilt. Wenn die fo rationell entwickelte Zeidlerei der Neuzeit auch noch auf Honigproduction hinarbeitet, fo arbeitet fie doch ficher nicht mehr auf Wachsproduction hin. Die Biene fammelt nicht etwa das Wachs, nein, fie producirt es aus ihrem Körper, aus dem von ihr verzehrten Honig, natürlich mit grofsem Verlufte. In richtiger Erkenntnifs diefes Umftandes und in Rückficht darauf, dafs die Biene nicht eher Honig eintragen kann, bis fie dafür die Zellen gebaut, dafs endlich der mehrgewonnene Honig beffer bezahlt Die Fettwaaren. 7 wird, als fein phyfiologifches Aequivalent an Wachs, fucht der rationelle Bienenzüchter den Waben ihren Honig zu entziehen, ohne ihre Form zu zerftören, um fie den Bienen zur neuen Füllung darzubieten, und hängt fogar künftlich erzeugte dünne Wachsblätter mit Zellenanfängen in die Bienenwohnungen ein. Unter diefen Verhältniffen mufs die Menge des gewonnenen Wachfes ein Minimum fein. Die rohen Wachsforten find meiftens grünlich, gelblich, bräunlich bis dunkelbraun gefärbt, umfo dunkler, je älter die Waben waren, aus denen fie gewonnen wurden. Zur Bleichung wendet man felten chemifche Mittel( Weinfäure, verdünnte Schwefelfäure, Chlorgas oder Chlorkalk) an, da das fo erzeugte Wachs, das wahrfcheinlich Chlor in die Zufammenfetzung aufnimmt, fchlecht brennt, fondern benützt die uralte Bleichmethode durch Luft und Sonnenlicht. Die Wachsbleicher, ich nenne Mafotti, Altmann jun. und F. Dollinger in Wien, Fifcher in Biftritz, Montalard in Lyon u. A., ftellten meiftens rohes und gebleichtes Wachs in der Form feiner, gekräufelter Spähne aus, was eben die fogenannte Naturbleiche charakterifiren foll. Es wäre freilich leicht, durch nachträgliches Bändern eines chemiſch gebleichten Wachfes eine Täufchung hervorzurufen. Profeffor Cavaliere Zinno aus Neapel ftellte eine Probe gebleichten Wachfes aus, bei der er angab, fie fei ohne Chlor und chlorige Säure gebleicht. Wahrfcheinlich liegt hierin die Andeutung, dafs es fich um eine andere chemifche Bleichmethode, vielleicht mit übermanganfaurem oder chromfaurem Kali handelt. Dem Bienenwachs am nächften ſteht das Pflanzenwachs, Myricawachs vom Cap der guten Hoffnung, chinefifches Wachs, Carnauba und Ocubawachs von Braauf den Ausftellungen diefer Länder filien, und find diefe Wachsforten auf vertreten. Solche wachsartige Ueberzüge auf Früchten und Blüthen kommen auch bei uns in minimalen Mengen auf vielen Pflanzen vor, ich erinnere nur an den Hauch der Pflaumen, und die tropifchen Pflanzen, welche zur Gewinnung der genannten Wachsforten dienen, charakterifiren fich eben nur durch das maffenhafte Auftreten des Wachsüberzuges. Die Pflanzenwachfe, an und für fich fchon ziemlich hell gefärbt, werden doch noch einem Bleichproceffe unterworfen und kamen auch hievon Proben zur Ausftellung. Als dritter mächtiger Concurrent des Bienenwachfes ift endlich in neuefter Zeit das Erdwachs oder der Ozokerit aufgetreten, was für uns umfo mehr Intereffe hat, als diefes Product faft ausfchliefslich Oefterreich angehört. Das Erdwachs kommt bekanntlich in Galizien am Nordrande der Karpathen zu Drohobycz und Boryflaw nefterweife im Salzthon vor und wird theils durch Tagebau, theils durch unterirdifchen Betrieb gewonnen. Sein Vorkommen hängt ficher einerfeits mit dem des Petroleums, anderfeits mit dem des Salzes zufammen. In der fehr grofsartigen Ausftellung der galizifchen Erdöl- und Erdwachs Intereffenten*) lag dasfelbe im rohen Zuftande mit Einfchlüffen von faferigem Gyps und hellen, farblofen Steinfalz- Kryftallen, ebenfo aber auch in dem Zuftande vor, wie man es nach dem Schmelzen und Abfchöpfen von den erdigen Beftandtheilen durch Eingiefsen in fchwach konifche Formen erhält. Dabei ift die dunklere Farbe, die fich leicht durch das Austreiben der Luft erklärt, die ftarke Zufammenziehung beim Erkalten, die fich durch das Einfinken der Oberfläche zeigt, endlich der dem rohen Bienenwachfe fehr ähnliche Bruch zu bemerken. Aus diefem dunkelbraunen, faft fchwarzen Material wurden fchon frühzeitig in Galizien Kerzen gefertigt, die trotz ihrer unfchönen Farbe mit mit gutem Lichte brannten. Als nun die Gewinnung gröfsere Dimenfionen annahm, gerieth man zuerft auf den Abweg, das Erdwachs als ein Rohmaterial zur Paraffinerzeugung zu verwenden. Wenn man es der zerftörenden Deftillation unterwirft, erhält man in der That ein Deftillat, das neben Photogen und Solaröl reichliche Mengen eines fchwer fchmelzbaren *) Die Ausfteller Hochftetter in Wien, Dingler in Mährifch- Oftrau ftellten, wie es fchien, das Erdwachs nur als Rohmaterial ihrer Fabrication aus. Auch aus Rumänien( Georgescu Petrache u. A.) und Transkaukafien( Gebrüder Siemens) lagen Erdwachs- Proben vor. 8 Dr. Heinrich Schwarz. Paraffins liefert. Während aber das rohe Erdwachs zu feiner Verflüffigung eine Temperatur von circa 60° C. bedarf, ift das gefammelte Deftillat bei gewöhnlicher Temperatur nur butterartig und verflüffigt fich bei circa 35° C. vollkommen. Man opfert alfo dem Beftreben, das Material zu entfärben, die bei Lichtmaterial hochgefchätzte Eigenfchaft der Schwerfchmelzbarkeit. Es ift daher als ein ungemeiner Fortfchritt zu betrachten, dafs es in neuefter Zeit gelungen ift, das Erdwachs direct zu bleichen. Man erhält dadurch eine vom beften weifsen Wachfe kaum zu unterfcheidende Maffe, wie es fcheint, mit geringem Verlufte. Diefe Bleichung brachte in der ausgezeichnetften Art I. C. Otto in Frankfurt an der Oder in der deutfchen chemifchen Abtheilung zur Anfchauung. Aus Erdwachs in den verfchiedenen Stadien der Bleichung war ein Poftament aufgebaut auf dem fich eine Säule von dem reinften, gelblich weifsen Material erhob. Es wäre intereffant zu wiffen, ob die Dimenfionen der einzelnen Beftandtheile etwa den Percenten des gewonnenen Productes entſprachen. Guftav Wagemann in Wien, die galizifche Actiengeſellſchaft für Naphtafabrication, Dingler in Mährifch- Oftrau ftellten übrigens gleichfalls gebleichtes Erdwachs aus. Aus England brachte I. C.& I. Field in Lambeth( London) gebleichten Ozokerit und daraus gefertigte Kerzen zur Ausftellung, welche nach Profeffor Letheby's Unterfuchungen fehr günftige Lichteffecte geben follen, indem 75 4 Gewichtstheile derfelben ebenfo viel Licht liefern, als 100 Gewichtstheile Wallrath. Der Schmelzpunkt, mit 59° C. angegeben, kommt dem des Wachfes fehr nahe und erlaubt daher auch in tropifchen Ländern den Gebrauch der Ozokeritkerzen, wo die gewöhnlichen Paraffinkerzen fich biegen würden. Es handelt fich augenfcheinlich hier ebenfalls nur um gebleichtes Erdwachs. Die Art der Bleichung wird übrigens bis jetzt als Geheimnifs behandelt. Die Erzeugung von sogenanntem Ceresin war durch eine Ausstellung der k. k. priv. Fabrik in Stockerau repräfentirt. Es handelt fich hier um eine Vermifchung des gewöhnlichen Bienenwachfes mit mehr oder weniger weichem Paraffin. Die Aehnlichkeit mit reinem Wachs, fowohl im rohen als gebleichten Zuftande ift frappant, der Preis natürlich bedeutend niedriger. Von den Fetten, als Rohmaterialien betrachtet, gehen wir nunmehr zu den daraus producirten Fabricaten, den fetten Säuren und Glycerin einerfeits und den Seifen anderfeits über. In den meiften induftriell entwickelten Staaten exiftiren Stearinfabriken, die faft ohne Ausnahme in den verfchiedenen Abtheilungen vertreten waren. Ich nenne da Price Patent Candle Works, Battersea London, ferner Souffrine& Comp. in St. Denis bei Paris, Venèque zu Ivry( das alte Haus Milly), Vialon& Comp. zu Lyon, Gebrüder Lanza in Turin, Liljeholm's technifche Fabrik in Stockholm, die Apollokerzen- Fabrik in Schiedam und die königl. Stearinfabrik in Amfterdam, die Pommerenzdorfer und Badifche Fabrik in Deutſchland, die Fabriken am Petrof in Jelez, Botte in Minsk( Rufsland), die Fabrik von Holmblad in Kopen hagen, die Florafabrik in Peft, die Siebenbürger Stearinfabrik in Hermannftadt und endlich die zahlreichen öfterreichifchen Fabriken. Von allen diefen Ausftellern zeichnen fich die öfterreichifchen nicht allein durch die Gröfse ihrer Ausftellungsobjecte, was durch die wefentlich leichtere Ausftellung zu erklären wäre, fondern auch durch die gleichmässige Güte ihrer Producte aus. Bei der weiten räumlichen Trennung der Ausftellungsgegenstände ift es für den einfachen Berichterstatter kaum möglich ein Urtheil darüber abzugeben, ob eine oder die andere Fabrik beffere, d. h. weifsere oder härtere Waare geliefert. Jedenfalls beweift auch diefe Ausstellung, dafs Oefterreich in diefem Induftriezweige eine hervorragende Stellung einnimmt. Diefe ift nicht allein auf den Bezug von vortrefflichem Rohmaterial, fehr hartem Talg aus Oefterreich, Ungarn, den Donaufürftenthümern, Südrufsland etc., fondern auch auf eine fehr intelligente, frühzeitig alle Vortheile erfaffende Leitung des Betriebes zurückzuführen. Das Ausftellungsobject der Sarg'fchen Fabrik in Liefing, ein Poftament mit der Büfte Milly's, gab in wenigen fchlagenden Daten die Gefchichte diefer Induſtrie in Oefterreich, in welcher jene Fabrik einen Hauptplatz einnimmt. Die Fettwaaren. 9 Es wurde eingeführt in Oefterreich die Kalkverfeifung 1838, die Deftillation 1850, die Verfeifung unter Hochdruck nach Fouché& Wright 1858, die Verfeifung im Autoclav nach Milly 1865, die fabrikliche Gewinnung des Glycerins 1854, feine Deftillation 1867, endlich feine Kryftallifation 1872. Vor Allem das kryftallifirte Glycerin verdient unfere Aufmerkſamkeit, und ift es geradezu als eine der bedeutendften Novitäten der Ausstellung aufzufaffen. Nachdem es vor etwa 2 Jahren zufällig bei Winterkälte entdeckt und von Profeffor A. W. Hoffmann in Berlin näher unterfucht worden war, ift es der Sarg'fchen Fabrik gelungen, dasfelbe nach Belieben fabriksmäfsig herzuftellen. Ueber die Methode der Darstellung ist bisher nichts Näheres bekannt geworden. Wahrfcheinlich wird fehr reines Glycerin im Vacuum möglichst vollſtändig entwäffert und dann ftärkeren Kältegraden ausgefetzt, worauf man den flüffig bleibenden Antheil von den Kryftallen abgiefst. Das kryftallifirte Glycerin verflüffiigt fich bei circa 150 C., konnte daher vom Publicum nur in den erften Tagen der Ausftellung in fefter Form gefehen werden. Nicht weit von der Sarg'fchen Ausftellung fanden wir die der erften Seifenfieder- Gewerkfchaft, oder, wie die Firma bekannter ift, der Wiener Apollokerzen Fabrik. Diefs ift eine der gröfsten Fabriken der Art, da fie jährlich nahezu 4 Millionen Kilo Talg verarbeitet, den fie zum Theil felbft aus Auftralien und Südamerika bezieht. Von der gewonnenen Oleïnfäure wird über 1 Million Kilo zu Seife verarbeitet, der Reft verkauft. Wie weit verbreitet das Renommée der Firma ift, beweift der Umftand, dafs im Auslande die befferen Stearinkerzen als Apollokerzen bezeichnet, und die Verpackungsform( Orangepapier) und der Firmaftempel möglichft nachgeahmt wird. 2 Dampfmaſchinen, 9 Dampfkeffel, 9 Dampf- Kochkeffel, 26 grofse hydraulifche Preffen, ein Robert'fcher Vacuumapparat zum Concentriren des Glycerins, 4 Seifenkeffel zu je 5600 Kilogramm, 200 Seifen- Formkäften, 50 Dochtflecht-, 10 Kerzenfchneid- und Polirmafchinen, 140 männliche und 192 weibliche Arbeiter beweifen genügend die Grofsartigkeit des Betriebes. Die Verfeifung unter hohem Druck und mit nur 3% Kalk foll zuerft in diefer Fabrik angewendet, und dabei als wefentliche Verbefferung gegen den urfprünglichen Apparat von Milly nicht directes Feuer, fondern hochgefpannter Dampf zur Erhitzung benützt worden fein. Eine dritte fehr hübfche Ausftellung brachte die Johann Hoffmann'fche Fabrik in Algersdorf bei Graz. Es ift diefs ein fehr gefchmackvoll aus Stearinkerzen und Stearingufs aufgebauter Tempel mit einer ebenfalls aus Stearin gegoffenen Figur der Styria. Die Eleganz der Form und Decoration würde das Object der Kunftausftellung zuweifen, falls es aus anderem Material gebildet wäre; diefes Material aber felbft verdient feiner Härte und Weifse wegen alles Lob. Auch die Fabriken von Semmler und Frenzl in Brünn haben gute Kerzen geliefert, Himmelbauer in Stockerau als Specialität die fogenannten Helioskerzen, ein Gemifch von weichem Paraffin und Stearin, das genügend hart ift und wefentlich billiger zu ftehen kommt. Er erzeugt das Paraffin dazu aus galizifchem Erdwachfe. Alle diefe Fabriken arbeiten faft nur mit Talg, den fie jetzt ohne Ausnahme mit nur drei bis vier Percent Kalk, aber unter hohem Druck in gefchloffenen Kupferkeffeln verfeifen. Die Keffel müffen fehr dickwandig fein, um dem nöthigen Druck von circa acht Atmoſphären zu widerftehen, und müffen aus Kupfer gefertigt werden, da das Eifen fehr rafch von der fauren Kalkfeife angegriffen wird. Es kommt noch hinzu, dafs Spuren beigemifchten Kupferoxydes, die Säure nur bläulich, Eifenoxyd aber gelblich färbt und fo die gewünſchte Reinheit des Weifs ftärker beeinträchtigt. Selbft diefe theueren Kupferkeffel müffen nach acht bis zehn Jahren Betrieb erneuert werden, weil fonft ein Zerreiffen derfelben zu fürchten wäre. Man fpart durch diefe Methode fehr wefentlich an Chemikalien; die faure Kalkfeife trennt fich fehr bequem im gefchmolzenen Zuftande von der wäfferigen Flüffigkeit, und diefe felbft ift eine ziemlich concentrirte Löfung von Glycerin, das nach Entfernung des Kalkes durch Oxalfäure und Entfärbung durch Knochenkohle durch Abdampfen concentrirt und zuletzt nöthigenfalls 10 mit Dampf deftillirt wird. Dr. Heinrich Schwarz. Bei der maffenhaften Verwendung, welche das Glycerin jetzt in den verfchiedenften Zweigen der Induſtrie findet, bildet fein Werth einen bedeutenden Factor der Rentabilität. Hierdurch hat die Kalkverfeifung wenigftens dort, wo reiner Talg verarbeitet wird, entfchieden das Uebergewicht über den Schwefelfäure Verfeifungs und Deftillations- Procefs gewonnen, wobei das Glycerin geopfert werden mufs. Nur da, wo tropifche und Abfallfette die Hauptmaffe des Rohmaterials ausmachen, die mittelft des letzteren Proceffes eine gröfsere Ausbeute an feften Säuren ergeben, behauptet er noch das Feld. Die Schiedamer Fabrik, welche gleichzeitig nach dem Kalk- und Schwefelfäure- Verfahren dargeftellte Producte vorführt, zeigt dadurch recht deutlich, dafs fie beiderlei Rohmaterial gleich bequem beziehen kann. In Frankreich will man mit dem Kalkzufatze bis auf ein Percent herabgegangen fein, was indeffen nur bei ftark ranzigen Fetten möglich ift. Unter gewiffen Umständen geht die Selbftentmifchung z. B. beim Palmöl foweit, dafs aus den Fäffern bei längerem Lagern faft reines concentrirtes Glycerin abtropft. Bei fo verändertem Material kann in der That ein folches Minimum von Kalk genügen. Seife wird faft in allen Ländern der Welt in gröfserer oder geringerer Menge producirt und von zahlreichen Ausftellern ausgeftellt, von denen natürlich nur einzelne namhaft gemacht werden können. Es ift leicht zu erkennen, dafs in den Ländern des Mittelmeeres immer noch das Olivenöl in feinen geringften, nicht mehr zu anderen Zwecken tauglichen Sorten als Seifenmaterial die Hauptrolle fpielt. Die altberühmte Genuefer, Marſeiller, ſpaniſche Seife findet fich in unveränderter Art auf der Ausftellung, nur wird fie jetzt wahrfcheinlich feltener mit der Barillafoda, fondern mit folcher aus Kochfalz bereitet. Der Seife aus Olivenöl fteht die aus der Oleïnfäure der Stearinfabriken am nächften, die ja faft ausfchliesslich zur Seife verwendet wird. Die Heimat der eigentlichen Talg- Kernfeifen ift Deutfchland und Oefterreich; aus Rufsland ftammt die Hanf-, Leinöl., Thran-, Schmierfeife, während England das Gebiet der Palm-, Cocusnufs-, Palmkern- und Harzfeifen ift. Durch die Entwicklung der Induftrie und des Handels vermifchen fich diefe Unterfchiede, doch find fie in ihren Umriffen auch noch auf der Wiener Ausftellung zu erkennen. Nur die Oleïnfeife ift univerfell, wie die Stearinfäure, deren Nebenproduct fie bildet. Sehr zu loben ift es, dafs die Ausfteller faft überall darauf hingearbeitet haben, eine möglichft neutrale und trockene Seife für Fabrikszwecke herzuftellen. Ein motivirtes Urtheil über die exponirten Seifen wäre nur nach einer grofsen Anzahl vergleichender Analyfen möglich, da der Werth der Seife geradezu von ihrer Zufammenfetzung abhängig ift. Es wäre zu wünſchen, dafs die Ausfteller genaue Analyſen ihrer ausgeftellten Mufter beigelegt hätten. Ein einziger Ausfteller, L. Küntzel mann in Dresden, war offen genug, einem Seifenblock die Auffchrift ,, Schwindelfeife" bei- und anzugeben, dafs darin auf ein Kilo Fett 12 Kilo Waffer enthalten find. Er ftellt übrigens auch noch andere vortreffliche Seifen, fo gekörnte Oleïnfeife, LeinölSchmierfeife, diefelbe mit Talg combinirt, gekörnte Thranfeife, Talg- Kernfeife mit Carbolfäure gefüllt, Bimsftein-, Honig-, Harzleim- Seife aus und ift überhaupt einer der gröfsten Induftriellen in diefer Branche, indem fich fein Umfatz im Jahre 1871 auf 411.000 Thaler belief. Seine Specialität ift übrigens Schmierfeife, die befonders fchön durch Einmengung glimmerartiger Schuppen von ftearinfaurem Natron erfcheint. Auch H. Oettinger in Mannheim mit wöchentlich taufend Centner Seife, F. Gruner in Efslingen mit feinen medicinifchen und technifchen Seifen, Gräger in Mühlhaufen( in Thüringen) find lobend anzuführen. Die Seifenfabrikanten Hartl& Sohn in Wien brachten die verdünnte Aetznatron- Lauge in einem Dampfkeffel zur Concentration und verwenden den Dampf zum Betriebe einer Dampfmaschine, zum Schmelzen des Unfchlittes und zum Kochen der Seife. Erwähnen will ich noch, dafs die Maffe Glycerinfeife, welche jetzt zu Toilettezwecken benützt wird, nicht mehr durch Zufatz von Glycerin zu einer alkoholifchen Seifenlöfung und Abdeftillation des Alkohols, Die Fettwaaren. 11 fondern einfach durch Zufammenfchmelzen von Seife und Glycerin hergeſtellt wird. Freilich ift dann das Freifein von überfchüffigem Alkali, was fonft diefe Seife für empfindliche Haut fo empfiehlt, nicht vollkommen gefichert. Das Giefsen von Büften, Schalen und anderen Decorationsftücken aus folcher Seife erfcheint unpaffend wegen zu ftarker Transparenz. Auch die aus undurchfichtigen Cocusoder Kernfeifen hergeftellten Ornamente machen keinen angenehmen Eindruck. Laurencinin Marſeille, der drei Büften von Thiers auf einmal ausgeftellt, gab den Gegnern diefes Staatsmannes Gelegenheit zu allerlei fpöttifchen Randgloffen. Durch ausgedehnte Seifenfabrication zeichnen fich noch aus Kaifer& Goier in Petersburg mit jährlich 200.000, und Soukouff ebendafelbft mit 160.000 Pud Production. Aus Oefterreich will ich noch F. Fifcher in Simmering mit einem grofsen Sortiment diverfer Seifen, Uiblein& Sohn in Wien mit Schmierfeife, Schellinger ebendahier mit Harzfeife erwähnen. Die Erzeugung von Seife aus blofsem Abfallfett, Küchen- und Walkfett brachten unter Anderen Houzeau aus Rheims, R. Thomfon aus Riga und Jungfer aus Görlitz zur Anfchauung. Dafs natürlich auch die grofsen Stearinfabriken faft ohne Ausnahme viele und gute Seife producirten und ausftellten, ift felbftverſtändlich. Beim Kerzengufs ift als Neuigkeit die Anbringung von 4 in der Länge des Lichtes verlaufenden Durchbohrungen zu erwähnen, die unter Anderen Venèque in Lyon zur Ausftellung brachte. Hierdurch foll das Ablaufen des gefchmolzenen Stearins nach Aufsen verhindert werden, was aber unferer Anficht nach beffer durch ein richtig gewähltes Verhältnifs zwifchen Kerzen- und Dochtdicke gefchieht. Zu demfelben Zwecke empfiehlt I. C.& I. Field den Lychnophylax, eine auf das obere Kerzenende aufzufteckende eigenthümliche gläferne Lichtmanchette, die in dem Mafse, als das Licht abbrennt, hinabfinken foll. Das letzte Glied diefer Section bilden die Schmieröle und Schmierfette für leichtere und fchwerere Mafchinentheile. Während früher hauptfächlich fette Subftanzen als Schmiermittel Verwendung fanden, fpielen jetzt die Harzöle und Harzöl- Kalkfchmieren( die fogenannten belgifchen Patent- Wagenfette) ferner die paraffinreichen Solaröle und befonders einige rohe, fehr fchwere Petroleumforten ( Vulcan- und Globeöl) endlich feifenartige Combinationen von Fettftoffen mit kohlenfauren Alkalien, auch Löfungen von trockener Seife in Theerölen, für fich oder mannigfaltig combinirt, eine wefentliche Rolle. Je mehr ein folches Schmiermaterial den Kraftverluft durch Reibung vermindert, je länger es diefe Eigenfchaft bewahrt, je langfamer es felbft verharzt, je weniger es die bewegten Metalltheile angreift, defto beffer ift es. Ein gewiffer Grad von Zähflüffigkeit ift befonders bei fchwerbelafteten Achfen erwünſcht, indem fonft das Schmiermittel zwifchen den fich reibenden Theilen herausgeprefst wird. Auch bei leichten, aber fehr rafch laufenden Achfen ift etwas Dickflüffigkeit rathfam, da fonft das Schmiermittel durch die Centrifugalkraft zu rafch zerftreut wird. Das früher allgemein angewendete Baumöl wird jetzt vielfältig durch Rüböl erfetzt, das man entweder im rohen Zuftande nach längerem Ablagern verwendet, oder mit fehr wenig Schwefelsäure raffinirt und möglichft vollkommen auswäfcht. Die beim Raffiniren nebenbei entftehende freie Oelfäure ift freilich fo nicht zu entfernen. Höchftens durch Digeftion mit Alkohol wäre diefs möglich, da diefer wohl freie Oelfäure, aber kein oder nur wenig neutrales Oel auflöft. Durch Zufatz von Ricinusöl, Harz, Harzöl, in Oel gelöftem Kautfchuk fucht man diefem entfäuerten Oele die nöthige Dickflüffigkeit oder Cohäfion zu geben, die beim Raffiniren fich vermindert. Solche Maſchinenöle werden von fehr vielen Oelfabrikanten ausgeftellt. Die Eigenfchaft, in der Luft zu verharzen, befonders bei Gegenwart von Metallen und bei Erwärmung tritt befonders bei fetten Oelen aus dem Pflanzenreiche hervor. Nur das hochgereinigte Olivenöl, noch mehr das Klauenöl, ein thierifches Fett, find davon ziemlich frei. Sie dienen daher als bevorzugtes Schmiermittel für Uhren und Nähmaschinen. 100 12 Dr. Heinrich Schwarz. Auch von diefer Art von Oelen find verfchiedene Mufter befonders von Schweizern ausgeftellt. Auch Deutſchland, und zwar Württemberg, wo die Uhreninduftrie blüht, hat zwei Ausfteller folcher Oele aufzuweifen. England und Amerika haben in ihrem Wallrath- und Specköl ebenfalls vortreffliche Schmieröle. Die Zahl der Ausfteller von gemifchten Schmieren iſt eine fehr grofse. Befonders fchön und vollſtändig ift die betreffende Sammlung von Guftav Wagemann in Wien. Die Producte der trockenen Deftillation. Unter den Producten der trockenen Deftillation haben wir mehrere Gruppen zu unterfcheiden, je nach dem Material, welches der Deftillation unterworfen wird. Die zuerft zu berührende Harzinduftrie ift gerade in Oefterreich hoch entwickelt. Ein ziemlich ausgedehnter Landftrich zwifchen Wiener- Neuftadt und Gloggnitz, das fogenannte Steinfeld, ift allein durch den Anbau der Schwarzföhre und die rationelle Gewinnung des Harzes und anderer Producte daraus nutzbar zu machen gewefen. Andes& Fröbe in Simmering zeigen in einer hübfchen Zufammenftellung die Art der Gewinnung, die dazu verwendeten Werkzeuge und das gewonnene Product. Mehrere ausgedehnte Fabriken, fo Franz Furtenbach in Wiener- Neuftadt, Emanuel Biach in Therefienfeld( Niederöfterreich) und andere verarbeiten den Terpentin durch Dampfdeftillation auf Terpentinöl, Kolophonium u. f. w., und verwandeln aufserdem das Harz durch trockene Deftillation in Harzeffenz oder Pinolin, in fchweres Harzöl und Pech. Das Harzöl dient endlich durch Zufammenbringen mit wenig Kalkhydrat zur Herſtellung verfchiedenfarbigen, oft durch Kienrufs bläulich gefärbten Wagenfettes. Auch Guftav Wagemann in Wien und J. Wille in Carolinenthal bei Prag leiften in diefer Branche Vortreffliches. Amerika, welches in Virginien, Frankreich, welches in dem fandigen Lande zwifchen Bayonne und Bordeaux ähnliche Harzgewinnungen im ausgedehnteften Mafse betreiben, war auf der Ausstellung in diefer Branche kaum vertreten. Aufmerkfam ift darauf zu machen, dafs Portugal im Staatsforfte Leiria feit Jahren ein Terrain von 1600 Hektaren, mit Pinus maritima beftanden, diefer Induftrie gewidmet hat. Das erhaltene Product enthält viel Terpentinöl. Im Jahre 1871-72 wurden dort 275 Millionen Kilo Terpentin gefammelt, welche circa 45 Millionen Kilo Terpentinöl, 189 Millionen Kilo Kolophonium und 36 Millionen Kilo gelbes Harz lieferten, während der Reft als Rohterpentin in den Handel kam, deffen Abfatz nach London und Liffabon ging. Ebenfo ftellte Spanien Harz von Guadarama aus. In Schweden und Rufsland wird weniger Harz, als vielmehr durch trockene Deftillation kienigen, harzhaltigen Holzes Holztheer und Kienöl gewonnen und weiter gereinigt. Die fchwediſche Domäne Finfpong, welche das vorzügliche Kanoneneifen liefert, benützt einen Theil des ihr zu Gebote ſtehenden Holzes zur Deftillation und ftellte den gewonnenen Theer, das daraus erhaltene, gereinigte Kienöl u. f. w. in ihrem Separatpavillon aus. Aehnliche Producte brachte in der ruffifchen Abtheilung Rakowicki, Gouvernement Mohilew, zur Ausftellung, ebenfo die Fabrik zu Tarenguis in Finnland. Deutſchland hat nur eine geringe einheimifche Harzproduction, die z. B. im Thüringer Wald nur eben noch geduldet wird. Es verarbeitet indeffen viel fremdes, befonders amerikaniſches Harz. Meguin aus Saarlouis verarbeitet jährlich 15.000 Centner Harzöl zu Mafchinenfchmieren und gewinnt nebenbei noch Pinolin, Pech und andere Producte. Eine zweite Gruppe bilden das Petroleum, das Photogen und Paraffin, diefe vortrefflichen Beleuchtungs- Kohlenwafferftoffe. Streng genommen ist das Petroleum keineswegs als Product der trockenen Deftillation aufzufaffen. Es ftimmt indeffen in feinen Eigenfchaften und feiner Verwendung fo vollkommen mit dem Photogen Producte der trockenen Deftillation 13 ctc. überein, dafs wir uns über diefe theoretifche Frage hinwegfetzen können. Wenn auch das Petroleum in kleinen Mengen in den verfchiedenften Gegenden der Erde aufgefunden wurde, fo find doch nur einige Länder in diefer Beziehung von grösserer Bedeutung. Den erften Rang nimmt darunter ohne Zweifel Nordamerika ein, und kommt der jährliche Productionswerth des Petroleums dort unmittelbar hinter dem der Baumwolle und des Weizens zu ftehen. Oefterreich in Galizien, Rufsland in den transkaukafifchen Ländern und am kafpifchen Meere, Hinterindien ( Rangoon), endlich Rumänien fchliefsen fich mit nahezu gleicher Bedeutung an. Amerika hatte keineswegs feine Production entſprechend ausgeftellt. Die Oleophene- Oel- Company in New- York lieferte Kerofenöl und Stephenson Brothers in Philadelphia gereinigtes Paraffin, das wahrfcheinlich auch aus dem Petroleum ftammt. Rufsland ift durch die Gebrüder Siemens in Zarskoe Kolodzi in Transkaukafien, fowie durch einige Ausfteller, welche fich mit der Raffination vielleicht amerikanifcher Oele befchäftigen, und intereffanter Weife auch durch den Sibirier Sidorow repräfentirt, der in feiner Specialausftellung in Sibirien gefundenes Rohpetroleum vorführt. Rumänien zählt zahlreiche Ausfteller fowohl von Erdöl, als von Erdwachs und fängt in der That an, eine bedeutende Rolle in diefen Artikeln zu fpielen, zumal die Gewinnungskoften dort fo niedrig find, dafs z. B. das Rohpetroleum trotz Eingangs- und Ausgangsfteuer und 30 Meilen Land- und Eifenbahn- Transport in Galizien mit dem dortigen Product concurriren kann. Rangoon war in der englifchen Abtheilung mit Petroleum nicht vertreten. Oefterreich ift in Galizien mit reichen Petroleumfchätzen gefegnet. Am Nordende der Karpathen, in den unterften Stufen des Gebirges findet fich Petroleum von Bochnia bis zur Grenze der Bukowina auf eine Erftreckung von 60 Meilen und ift in nicht weniger als 151 Ortfchaften nachgewiefen. Es ift dort fchon feit langer Zeit bekannt, wie die zahlreichen, von der provinciellen Bezeichnung desfelben( ropa) abgeleiteten Ortsnamen beweifen. Gleichwie in Nordamerika das Petroleum, was in ftehenden Wäffern, an den Ufern der Bäche, in flachen Gräben auf dem Wafferfpiegel fich fammelte, fchon von den Indianern abgefchöpft und als Heilmittel verwendet wurde, wird Aehnliches auch aus Galizien berichtet. Der Unterfchied liegt nur darin, dafs in Amerika die Berg- Gefetzgebung über Petroleum aufser allem Zweifel geftellt war, in Galizien dagegen noch heutzutage höchft fchwankend ift, dafs dort Unternehmungsgeift, Capital und leichte Communication vorhanden waren, während Galizien gerade in diefen Beziehungen fehr zurückgeblieben ift. Nachdem fchon feit dem Jahre 1848 jüdifche Unternehmer die Gewinnung des Petroleums eingeleitet, entwickelte fich auf diefer Grundlage feit 1853 ein wilder Raubbau mittelft flacher Schächte, die auf die oberen Schichten des Petroleum führenden Mergels abgeteuft, und, nachdem der nächfte Umkreis erfchöpft, verlaffen und durch neue Schächte erfetzt wurden. Seltener wurde der geförderte Mergel in Wafser aufgefchlemmt wo dann das anhaftende Petroleum zur Oberfläche ftieg. Allmälig trat indeffen ein etwas energifcherer induftrieller Betrieb ein, fo dafs die Ausbeute im Jahre 1866 etwa die Gröfse von 166.000 Centnern erreichte. Leider ift fie feitdem wieder bis auf 70.000 Centner im Jahre 1871 herabgegangen. Grofse Verdienfte um diefe Induftrie hat fich der frühere Apotheker Lukafiewicz erworben, der zu Bobrka 35 Schächte oft bis zu einer Tiefe von 700 Fufs niedergetrieben und dabei in den unteren Teufen das amerikaniſche Bohrfyftem in Anwendung gebracht hat. Dafs auf diefe Art günftigere Refultate, ebenso wie in Amerika zu erreichen find, ergibt fich aus der Thatfache, dafs einzelne diefer Schächte täglich bis zu 100 Centner Petroleum geliefert haben. So lange die Photogen-, refp. Petroleumpreife hoch ftanden, waren die Koften des Transportes ( per Centnermeile Landfracht 60 Kreuzer) und die unvollkommene Reinigung die Veranlaffung, den Preis des Rohproductes loco Grube niedrig zu halten; jetzt haben fich diefe Uebelftände etwas vermindert, doch dafür ift der Preis des gereinigten Oels ftark gefunken. So finden wir die Erfcheinung, dafs in dem Zeit raume 1854-1872 die Preife des Rohöls loco Lemberg per Centner nur zwifchen 2 14 Dr. Heinrich Schwarz. 7-534 Gulden fchwanken. So viel fcheint feftzuftehen, dafs noch genügend Rohmaterial durch rationellen Betrieb zu gewinnen und dafs diefs ebenfo leicht und vollſtändig, als das amerikaniſche Oel zu reinigen ift, ja vor diefem noch den Vorzug befitzt, dafs es weniger leicht flüchtige und daher mehr eigentliche Beleuchtungsöle enthält, die bei einigen Oelen vollkommen frei von Paraffin find, daher felbft bei ftrenger Kälte nicht gefrieren. 14 Ausfteller ftellen theils gereinigtes, theils rohes Petroleum aus, von denen ich die galizifche Actiengeſellſchaft für Naphtafabrication, Ig. Lukafiewicz zu Chorkowa, Lauterbach, Goldhammer, Gartenberg& Comp. in Drohobycz, endlich T. G. Delaval zu Grybow als Producenten, Dingler in Mährifch- Oftrau, Hochftetter und G. Wagemann in Wien als Raffinateure hervorheben will. Die Reinigung des Petroleums ift gut durchgeführt, das Paraffin läfst eher etwas zu wünfchen übrig. Die Wichtigkeit des galizifchen Erdwachses habe ich fchon früher hervorgehoben. Als Curiofität will ich noch berühren, dafs der Amerikaner Ch. Pratt in New- York ein fo fchwer entzündliches Petroleum( Aftralöl) erzeugt zu haben angibt, dafs das Oel, in Blechkaften und Holz gut verpackt, in einem Waarenfpeicher felbft einen Brand ohne Entzündung durchgemacht haben foll(?). Auch ein Modell zur Aufbewahrung von Petroleum unter Waffer von P. Jakovenko in Odeffa und ein Mefsapparat zum Detailverkauf von Petroleum verdienen Beachtung. Das Petroleum erfchien nach dem ungeheueren Auffchwunge, den feine Gewinnung in Nordamerika nahm, beftimmt, der kurz vorher aufgeblühten Induftrie der Photogen- und Paraffingewinnung den Garaus zu machen. Freilich find alle Fabriken, welche mit armem Material, wie Schiefer, Torf etc. arbeiteten, zu Grunde gegangen; dagegen erhielt fich einerfeits die Deftillation der Bogheadkohle in England, anderfeits die der hellen Braunkohle in SachfenThüringen aufrecht und im lohnenden Betriebe. Erfteres Material, das von Young in England in grofsartiger Weife ausgebeutet wird, liefert bei der Deftillation bis zu 50% Theer, der befonders reich an Oelen, von hohem Siedepunkte, aber geringem fpecififchen Gewichte ift, die mit glänzendem Lichte und vollkommen gefahrlos verbrennen. Die von der Murajewnifchen Kohlengruben- Gefellſchaft im Gouvernement Rjäfan ausgeftellte Bogheadkohle ift dem engliſchen Materiale fehr ähnlich, und die daraus dargestellten Producte laffen nichts zu wünschen übrig. Die Braunkohlentheer- Induftrie dagegen verdankt ihre Erhaltung dem Umftande, dafs der aus dem vorliegenden Material gewonnene Theer befonders paraffinreich ift, und haben daher die Ausfteller mit Recht diefes fchöne Product in den Vordergrund geftellt. Nicht jede Braunkohle ift zu lohnender Verarbeitung auf Theer geeignet. In ganz Deutfchland exiftirt nur ein verhältnifsmässig kleines Terrain in der preufsifchen Provinz Sachfen- Thüringen zwifchen den Städten Halle, Weiſsenfels Zeitz gelegen, wo eine eigenthümliche, fein pulvrige, in trockenem Zuftande hellgelbe Braunkohle, meift im Ausgehenden der Flötze, in Neftern und fchwachen Lagern vorkömmt und fich durch eine bis zu 16% des Gewichtes der frifchen Kohle fteigende Ausbeute hellgefärbten, fpecififch leichten Theeres auszeichnet, der überdem durch feinen ftarken Paraffingehalt felbft bei Sommertemperatur feine butterartige Confiftenz bewahrt. Diefe Schmier- oder Schweelkohle wird von der gleichzeitig gefundenen dunkelbraunen Feuerkohle getrennt gehalten und mit gröfster Sorgfalt gewonnen. Der preuſsifche Morgen folcher Kohle, d. h. das Ausbeutungsrecht wird den Grundbefitzern mit 3000 Thalern, ja noch höher bezahlt. Es fcheint, dafs nur noch in Böhmen einige wenige Vorkommniffe diefer Schweelkohle exiftiren. Bei der Analyfe zeichnet fie fich durch ihren bis auf 11% fteigenden WafferftoffGehalt aus. Sie fchmilzt am Licht gleich Siegellack und läfst fich daraus durch kochenden Alkohol ein bei circa 70° C. fchmelzendes, hellgelbes Harz ausziehen. Aus diefer Kohle wird bei fchwacher Rothglut durch Deftillation in liegenden oder ftehenden Eifenretorten der Theer gewonnen. Producte der trockenen Deftillation. 15 Letztere gewähren durch das Einfetzen einer Säule von übereinander geftülpten eifernen Glocken den Vortheil, dafs nur eine dünne Schichte Kohlen von der Hitze zu durchdringen ift und der erzeugte Theer unmittelbar abgeleitet wird. Bei der Reinigung des Theers ftrebt man jetzt dahin, unnöthige Deftil lationen zu vermeiden, weil man gefunden hat, dafs dadurch die Ausbeute an werthvollem Paraffin vermindert wird. Es ift das Verdienft Dr. B. Hübner's in Zeitz, dafs er durch directe Behandlung des Theers mit etwas Schwefelfäure und nachträgliche Deftillation über Kalk eine Deftillation des Paraffins entbehrlich macht und fo über 2% mehr davon gewinnen kann. Seitdem das weiche Paraffin, das man fonft bei der fchliefslichen Reinigung durch viele heifse Schwefelfäure zerftörte, als Zufatz zu Stearin Verwendung findet, ift man auch hiermit auf das geringfte Mafs zurückgegangen. Die grofsen Fortfchritte, welche diefe Induftrie gemacht, zeigen fich nicht allein in der vorzüglich arrangirten Ausftellung, welche von den zu diefem Zwecke vereinigten Firmen, Hübner in Zeitz, Sächfifch- Thüringen'fche Actiengeſellſchaft zu Halle, Werfchen-Weifsenfelfer Actiengeſellſchaft zu Weifsenfels, Hallifche Mineralöl- und Paraffinfabrik von König& Comp., C. R. Riebeck in Halle, Bunge& Corte in Ober- Röblingen und Vehrigs& Söhne in Teuchern gemacht, fowie in der ifolirten Ausftellung von Rössner, Schneider& Comp. in Zeitz, fondern vor Allem in den ftatiftifchen Zahlen, welche die fehr bedeutende Ausdehnung diefer Fabrication nachweifen. Im Jahre 1871 producirten 41 Theerfchweelereien in diefem Bezirke in 1844 liegenden und 610 ftehenden Retorten aus 2,639.676 Bergtonnen( à 250 Pfund) Schweelkohle mit Aufwand von 2,353-551 Tonnen Feuerkohlen( à 300 Pfund) 676.477 Centner Theer. Es wurden 1.350 Arbeiter( inclufive Familienglieder 4.650 Perfonen) befchäftigt. Das Anlagecapital betrug circa 2,298.882 Thaler. Die Fabriksanlagen ftammen aus der Zeit von 1856-71. Der fo erhaltene Theer wurde in 17 Raffinerien verarbeitet. Das Quantum betrug 704.349 Centner. Es wurde mit 870.779 Tonnen Feuerkohle, 1.318 Arbeitern( inclusive Familien 3.939 Köpfe) und einem Anlagecapital von 2,952.000 Thalern auf Photogen, Solaröl, Paraffinöl, Paraffin und Asphalt verarbeitet. Die zur Reinigung angewendete Soda wird vielfältig durch Eindampfen und Glühen regenerirt, auch mit der Reinigungs- Schwefelsäure Glauberfalz daraus bereitet und Theeröl( Carbolfäure) daraus gewonnen. Die Schwefelfäure dient nach Abfcheidung des gebundenen Theers zu Superphosphat, Ammoniakfalz und Eifenvitriol; der aus ihr abgefchiedene Theer zur Rufsbereitung. Gegen diefe mächtige Induftrie der Braunkohle müffen analoge Darftellungen aus Liasfchiefer etc. zurücktreten, zumal hier die Aushilfe durch das gewonnene Paraffin fehlt. Sehr zu beachten ift es, dafs gewiffe Sorten des durch Dr. Hübner z. B. dargestellten Paraffins einen Schmelzpunkt von circa 63° C. zeigten, während fonft ein folcher von 53-55° C. der normale war. Die schwerften Oele werden jetzt, wie die analogen Petroleumrückstände durch Einfliefsenlaffen in ftark erhitzte eiferne Retorten in fchweres Leuchtgas verwandelt, das fehr fparfam und mit guter Lichtentwicklung verbrennt. P. Suckow aus Breslau ftellte einen hierzu beſtimmten completen Apparat aus, der überall leicht anzubringen und fo conftruirt ift, dafs er ungemein leicht eingemauert werden kann. Weit verfchieden von diefem leichten Braunkohlen- Theer( 0.905-0.920 fpecififches Gewicht) ift der viel fchwerere Steinkohlengas- Theer, welcher bei viel höherer Temperatur aus Steinkohlen in Chamottaretorten als Nebenproduct der Leuchtgas- Erzeugung gewonnen wird. Obwohl nur durchſchnittlich 5% der verwendeten Kohlen an Theer erhalten werden, fo macht diefs doch bei der grofsen Verbreitung der Gasbeleuchtung eine coloffale Gefammtmenge aus. Man nimmt an, dafs in London allein jährlich 30 Millionen Centner Kohlen, in ganz Eugland 200 Millionen Centner zu Gas verarbeitet werden, was dem obigen Verhältniffe entsprechend 1'5, refpective I'II Millionen Centner Theer ergeben würde. Die Production der übrigen Welt kann man auf ein gleiches Quantum veranfchlagen. Es hat Zeiten gegeben, wo man nicht wusste, wie man über diefes Nebenproduct 2% 16 Dr. Heinrich Schwarz. disponiren follte, und folche Maffen davon fich anhäuften, dafs man den Theer als Brennmaterial verwenden mufste. Immer aber hat die Technik und die Wif fenfchaft dann auch eine neue Verwendung des Theers oder feiner Beftandtheile gefunden, durch welche wieder ein Mangel ftatt des Ueberfluffes eintrat. So ift auch jetzt eine ftark fteigende Tendenz der Theerpreife vorhanden. Es dient der Theer direct zu Dachpappen und anderem Dachdeckungs- Material, zur Herſtellung von Asphalt, zu Asphaltröhren, zum Anftrich von Holz u. f. w. Noch viel mannig. faltiger wird feine Verwendung, wenn man ihn der Deftillation unterwirft. Heben wir nun die wefentlichften Körper, die fo gewonnen werden, das Benzol, die Carbolfäure, das Naphtalin und fchliefslich das Anthracen hervor, fo eröffnet jede diefer Subftanzen eine Reihe höchft intereffanter und für die Bedürfniffe des Menfchen wichtiger Verwendungen. Es würde hier zu weit führen, auf diefem Gebiete ins Detail zu gehen. Die befte Ueberficht auch über die quantitativen Verhältniffe gewährt das beigelegte Tableau, das ich der Güte des deutfchen Ausftellers Joh. Chr. Leie in Bochum verdanke. Ganz naturgemäfs ift diefe Induftrie auf hochentwickelte Staaten befchränkt, die einmal Leuchtgas confumiren, anderfeits fo viel wiffenfchaftliche Bildung befitzen, um diefe auf rein wiffenfchaftlicher Bafis ruhende Induftrie betreiben zu können. Deutſchland ſteht in diefer Beziehung derzeit an der Spitze und beherrfcht z. B. in der Induftrie der Theerfarben faft ausfchliefslich den Markt. Es kann uns daher nicht Wunder nehmen, dafs zahlreiche Ausfteller von dort die Ausftellung mit Theerproducten befchickt haben. Ich nenne darunter Jul. Rütgers in Breslau, der in 3 Etabliffements, Erkner bei Berlin( 65.000 Centner), Angern an der Nordbahn( 40.000 Centner) und Niederau bei Meifsen( 25.000 Centner), zufammen 125.000 Centner Theer deftillirt. Herr Rütgers ift bekanntermafsen einer der gröfsten SchwellenImprägnateure Europas. Er benützt dazu theils Chlorzink, theils das carbolfäurehaltige, fchwere Oel des Steinkohlen- Theers, das zuerft von Bethell in England hierzu angewendet wurde. Er ift gezwungen, einen beträchtlichen Antheil folchen Oeles aus England zu beziehen neben dem, welches er felbft in den eigenen Fabriken gewinnt. Er ftellt fehr fchönes Benzol, kryftallifirte Carbolfäure u. f. w. aus. Ich erwähne ferner Brönner in Frankfurt a. M., eine der älteften Fabriken, die fchon 1846 errichtet wurde, und fich durch ihr Brönner'fches Fleckenwaffer einen Weltruf verfchafft hat. Neben dem leichten Oel wurde auch Carbolfäure, Naphtalin, künftliches Alizarin en Pâte, trocken und in Kryftallen ausgeftellt. Blumberger& Comp. in Oberhaufen hat feine Specialität mehr in Dachpappen und Desinfectionsmitteln. Leie& Comp. in Bochum ift von mir fchon früher erwähnt; eine Specialität diefer Fabrik find die Asphaltröhren aus eingedicktem Steinkohlen- Theer und endlofem Papier, für Gas- und Wafferleitungen, die fehr billig, fehr haltbar, dem Rofte nicht unterworfen und leicht zu verlegen find. F. Rudolf in Höchft, welcher neben Steinkohlen- Theer auch Petroleum deftillirt, zeichnet fich durch befonders feinen Lampenrufs aus Naphtalin aus. Die Gefellfchaft für Anilinfabrication in Rummelsburg bei Berlin tritt wefentlich als Confument der erften Raffinationsproducte, Benzol etc. auf, die fie auf Anilin und andere Verbindungen von hoher Reinheit verarbeitet. Man erkennt leicht, dafs zwei ausgezeichnete Chemiker Dr. Maretius und Dr. Mendelsfohn, Schüler des berühmten Profeffors Hofmann, die Fabrik dirigiren. Auch J. W. Weiler& Comp. in Cöln lieferten in ihrem chemifch reinen Anilin und Tolnidin werthvolle Präparate. Aus Oefterreich fanden wir die Firma Mayer& Müller mit Producten aus Steinkoklen- Theer, hauptfächlich Schmiermaterialien angeführt, doch ift auch ein Theil der oben erwähnten Ausftellung von Rütgers für uns fo in Anfpruch zu nehmen. Es ift zu bedauern, dafs diefe Induſtrie des Steinkohlen- Theers in ihrer höheren Entwicklung in Oefterreich bis jetzt noch keinen Boden gefunden hat. Unferes Wiffens wird in Oefterreich nirgends in Anilin- und Anilinfarben- Erzeugung gearbeitet, und dürfte es in der That jetzt zu fpät fein, in diefen Artikeln Deutſchland Concurrenz machen zu Producte der trockenen Deftillation. 17 wollen. In der englifchen Abtheilung ist nur die Ausstellung des bekannten technifchen Chemikers Crace Calvert in Manchefter zu erwähnen, deffen farblofe kryftallifirte Carbolfäure zu medicinifchem Gebrauche in England und auf dem Continente fehr beliebt ift. Gleichzeitig ftellte er mit Carbolfäure gefüllte Seife, fowie Pikrinfäure, ihre Salze, Corallin und damit gefärbte Stoffe aus. Von Frankreich ift hier die grofse Parifer Gasgefellſchaft mit ihren aus den Nebenproducten, Theer und Ammoniak, gewonnenen Präparaten, ferner H. Vedles, Pont d'Asnières, Clichy, zu erwähnen, der neben dem aus Benzol dargeftellten Anilin, auch folches direct aus dem Theer erzeugt hat. Im Allgemeinen find bei den Grundmaterialien für die Theerfarben in neuerer Zeit keine wefentlichen Verbefferungen zu verzeichnen. Nur das Anthracen hat befondere Bedeutung gewonnen, das in den letzten fchweren Oelen enthalten ift, und zu deffen Darftellung jetzt vielfältig der Theer bis zur Coaksbildung abdeftillirt wird, um diefes für die Darftellung des künftlichen Alizarins fo wichtig gewordene Product in möglichft grofser Menge zu gewinnen. Dasfelbe kommt in mehr oder weniger gereinigter Form bei den meiften der erwähnten Ausfteller vor. Es bleibt noch die Deftillation des Holzes und analoger Subftanzen zu Holztheer und Holzeffig übrig. Auf diefem Gebiete hat Oefterreich zahlreiche Ausfteller aufzuweifen. Die alte Tradition der Holzdeftillation in Blansko, wo Reichenbach feine berühmten Unterfuchungen anftellte, die in verfchiedenen Richtungen das Fundament unferer Kenntniffe der trockenen Deftillation geworden find, wirkt noch heutzutage fort. Von diefen unferen Ausftellern will ich Gebrüder Dollfufs in Strefowitz bei Prag, die rohen und gereinigten Holzeffig und aus Kohlenftaub gefertigte Briquettes darftellen, und Johann Ramach in Namieft in Mähren erwähnen, der Holzeffig, holzeffigfaure Salze und Holztheer vorführte. In Deutfchland ift Dr. Oppler in Fürther Kreuzung bei Nürnberg zu nennen, der wahrfcheinlich aus den Abfallproducten von Holzgas- Anftalten Holzeffig, Eifenbeize etc. neben Ammoniakfalzen und Zinnpräparaten producirte, fowie der chemifche Verein zu Mainz, deffen Erzeugniffe eine nähere Befprechung verdienen. Es wird bekanntlich im Grofsherzogthum Heffen fehr viel Eichen- Schälwald cultivirt, deffen vorzügliche Spiegelrinde wefentlich den Ruf des rheinifchen, fpeciell des Mainzer Leders begründet hat. Nach dem Abfchälen der Rinde bleibt das Holz in etwa zolldicken, kurzen Knüppeln zurück. Diefes Holz wird nun, uns mittheilt, als Deftillationsmaterial benützt; durch forgfältige Regelung der Temperatur erhält man eine hohe Ausbeute von fehr guter Rothkohle und daneben werthvollen Holzeffig, der in der bekannten Art gereinigt wird, an Holzgeift und Theer. Im Ganzen befitzt der Verein 7 Fabriken, die im Jahre 1871 für 380.000 Thaler Waaren producirten. Etwa 500 Arbeiter und 20 Beamte find dabei befchäftigt. Aufser diverfen effigfauren Salzen( darunter fchöner Grünfpan) und der aus Holzkohlen- Abfall erzeugten Prefskohle find intereffante Proben von Butter-, Valerian- und Capronfäure vorgeführt, die aus den Mutterlaugen des holzeffigfauren Natrons dargeftellt worden find. Das Vorkommen diefer Säuren darin ift erft in neuerer Zeit nachgewiefen worden. Die Deftillation des Holzes in Finfpong( Schweden) habe ich fchon früher erwähnt. wie man Zum Schluffe foll noch der Brittish Seaweed Company zu Dalmuir bei Glasgow Erwähnung gethan werden, welche nach Stanfords Patent das Seegras oder den Tang, ftatt ihn zu Afche zu verbrennen, nach dem Trocknen und Comprimiren in Retorten bei mäfsiger Temperatur deftillirt. So erhält man Theer und eine, Effigfäure und Ammoniak haltende wäfferige Flüffigkeit. Die rückständige Kohle gibt durch fyftematifches Auslaugen einen bedeutend höheren Ertrag an Jod- und Kalifalzen als die alte Methode der Einäfcherung. Die ausgelaugte Kohle könnte ſtatt Knochenkohle zur Entfärbung benützt werden. Man zieht es vor, fie zur Desinfection von Fäcalien anzuwenden, dann das Gemifch zu trocknen und aufs Neue zu deftilliren, wodurch man reichlich Ammoniak erhält. Die hier rückftändige 18 Dr. Heinrich Schwarz. Kohle dient aufs Neue zur Desinfection und reichert fich dadurch fo ftark mit Kali und Phosphaten an, dafs fie fchliefslich, befonders nach Zufatz des gewonnenen fchwefelfauren Ammoniaks, einen fehr werthvollen Dünger bildet. Diefer Dünger, die Kohle für fich, das Ammoniakfalz, der effigfaure Kalk, Holzgeift und endlich die aus der Afche dargestellten Präparate der Jod- und Kalireihe bilden eine fehr reiche, werthvolle Collection. dig Technisch- chemische Producte aus dem Steinkohlentheer. Bildlich nach der Reihenfolge ihres Ursprungs und der relativen Grösse ihres Volumen zu einander dargestellt. Roh- Benzol und Ammoniakwasser Mittelvel Ammoniakwasser Roh- Benzol AnthraceenKreosotoel Rohe Carbolsäure haltiges Oel Ammoniak Benzol Tolnol Steinkohlentheer Reine Carbolsäure Salmiak Schwefels. Nitro Nitro- Pikrinsäure Corallin Annon Benzol Tolnal ☐ ☐ Steinkohlentheer- Pech Impraignirungs- Roh- Naphtalin Roh- Anthraceen Del Anilin Toluidin Rosanilin Fuchsin Bleu de Lumiére Rothviolet Parma Blauviolet ☐ Nigrosin ☐ Bismarck Jodgrün Reines Anthraceen Reines Naphtalin Alizarin Martinsgelb ☐