OFFICIELLER AUSSTELLUNGS- BERICHT HERAUSGEGEBEN DURCH DIE GENERAL- DIRECTION DER WELTAUSSTELLUNG 1 8 7 3. BAUMWOLLE UND BAUMWOLL WAAREN ( Gruppe V, Section 2) Bericht von DR. ALEXANDER PEEZ, Schriftfteller in Wien UND DIE WIRKWAAREN ( Gruppe V, Section 5.) Bericht von LUDWIG GLOGAU, Fabrikant in Teplitz. WIEN. DRUCK UND VERLAG DER K. K. HOF- UND STAATSDRUCKEREI. 1873. VORWORT. Nach dem Programm der officiellen Berichterstattung über die Wiener Weltausftellung 1873 foll der officielle Bericht noch ,, während der Feier des internationalen Feftes abgefafst und aufgelegt werden". Diefe Beftimmung zu erfüllen, übergibt die gefertigte Redaction des officiellen Berichtes in der vorliegenden Form die einzelnen Sectionsberichte der Oeffentlichkeit und glaubt damit den Befuchern der Weltausstellung das Studium derfelben wefentlich zu erleichtern. Nur eine Bemerkung fei an diefer Stelle geftattet. Der vorliegende, wie jeder andere während der Weltausftellungs- Feier publicirte Bericht wird einen Theil des officiellen Berichtes bilden, welcher nach dem Schluffe der Weltausftellung als ein Ganzes erfcheinen und die wiffenfchaftlichen Refultate der Ausstellung für die Dauer erhalten foll. Diefs mag dem Lefer die ftiliftifche Form, in welcher bereits die Vergangenheit der Ausftellung angenommen ift, erklären. PROFESSOR DR. CARL TH. RICHTER, Chefredacteur des officiellen Berichtes. BAUMWOLLE UND BAUMWOLL- WAAREN. ( Gruppe V, Section 2.) Bericht von DR. ALEXANDER PEEZ, Schriftfteller in Wien. Baumwolle, Baumwoll- Garne und rohe Baumwoll- Gewebe erfcheinen auf Weltausftellungen niemals in einer Weife ausgeftellt, die der commerciellen Bedeutung des Artikels entſpräche. Sie theilen diefes Schickfal mit Kohle, Erzen, Getreide und anderen Maffenartikeln. Dem Charakter der Waare gemäfs, welcher eine individuelle Ausprägung nach Art der Kunftobjecte nicht zuläfst, erfcheinen die zur Ausftellung gebrachten Gegenftände jener Waarenclaffen nur gleichfam als Proben, als Mufter; fie geben uns kein Bild des Artikels, nur Andeutungen; Aufgabe der volkswirthschaftlichen und ftatiftifchen Bearbeitung ift, die hinter jenen Proben ftehenden riefigen Mengen und Werthe dem geiftigen Auge des Befchauers vorzuführen. Die Baumwolle. Rohe Baumwolle, ein Artikel, welcher im Jahre 1872 mit einem Betrage von 950 Millionen Gulden in den Welthandel eintrat, war auf der Wiener Weltausftellung nur durch fünf gröfsere Expofitionen vertreten. I. Baumwolle aus den Vereinigten Staaten( nördliche Quergallerie I b; Gruppe II Nr. 49, 50, 53, 55, 56, 57, 59, 60, 62, 63, 72, 75, Seite 2 des Generalkatalogs). Baumwoll- Ballen in Originalverpackung von den Baumwoll Börfen in New Orleans( Louiſiana) und Mobile( Alabama) zur Ausftellung gebracht. Ausgezeichnet fchöne Baumwolle von Peeler( Louisiana) und Baumwoll- Stauden mit überaus reichen Flocken von der LandwirthschaftsGefellfchaft der Graffchaft Cumberland( Nordcarolina) ausgeftellt. 2 Dr. Alexander Peez. 2. Oftindifche Baumwolle( Britifch Indien, nördliche Quergallerie 3 b; Gruppe II Nr. 47, Seite 801 des Generalkatalogs). Einziger Ausfteller: Die Regierung von Bombay, das Local comité zu Berur. Ueber 700 oftindifche Baumwoll- Proben; über 100 Proben von Bodengattungen; landwirthfchaftliche Geräthe, Baumwoll- Samen, Modelle und Photographien von Mafchinen und Baumwoll- Stauden. 3. Egyptifche Baumwolle( Egypten, füdliche Quergallerie 15 a; Gruppe II, Nr. 3 des Generalkatalogs). Einziger Ausfteller: Der Khedive. 25 Baumwoll- Sorten. 4. Brafilianifche Baumwolle( Brafilien, nördliche Quergallerie 1 b; Gruppe II, Nr. 12, 30, Seite 24 des Generalkatalogs). Verfchiedene kleinere Ausfteller von Baumwoll- Proben, worunter Nr. 14 vom Baron de Buique, aus der Provinz Pernambuco beachtenswerth war. Ferner brafilianifche Baumwoll- Proben in Geftalt einer Tropfftein- Höhle, von der Regierung zur Ausftellung gebracht. 5. Baumwolle aus Algier( Frankreich, nördliche Quergallerie 5 b; Gruppe II, Nr. 550, 582 des Generalkatalogs). 32 Ausfteller von Baumwoll- Proben, die meift aus langftapeliger georgifcher Baumwolle gezogen waren. Intereffante Ausftellung, jedoch wegen allzu geringer Menge der Gefammtproduction wenig bedeutend.( Ausfuhr im Jahre 1872 nur 241.362 Kilogramm, d. i. 4828 Zollcentner.) 6. Aufser diefen fünf gröfseren Expofitionen fanden fich nur noch vereinzelte Proben vor, unter welchen die fchöne Baumwolle von Queensland und Fidfchi- Infeln( England, Colonie Queensland, nördliche Quergallerie 3 b; Gruppe V, Nr. I des Generalkatalogs) verdientes Auffehen erregte, indem diefe Gattungen durch feidenartigen Glanz, Weichheit und Länge der Fafer hinter keiner anderen auf der Ausftellung vertretenen Sorte zurückftanden. Ferner hatten Italien feine Caftellamare- Baumwollen( Italien,' weftliche Agriculturhalle, Gruppe II, Nr. 157173 des Generalkatalogs), Griechenland feine Livadia( Griechenland öftliche Hauptgallerie 15; Gruppe II, Nr. 92-95 des Generalkatalogs), fodann Transkaukafien, Turkeftan, Tunis, China, das Capland und verfchiedene franzöfifche Colonien, wie Taiti, Guadeloupe, Pondichery, Cochinchina und Senegal einige BaumwollProben eingefendet, die weder durch Qualität hervorragten, noch im Handel irgend ins Gewicht fallen. Ein fehr feltfames Licht auf die commercielle Einficht der türkifchen Ausftellungsintereffenten wirft die Thatfache, dafs Levantiner und Makedonifche Baumwolle, die von Oefterreich jährlich in einer Menge von 200.000 Zollcentnern und einem Werthbetrage von circa 10 Millionen Gulden bezogen wird, und in neuefter Zeit auch nach Deutſchland gelangt, auf der Wiener Ausftellung faft gar nicht vertreten waren. Freilich wäre von einer Pflege, welche die türkifche Regierung dem Baumwoll- Bau in ihrem grofsen Reiche zu Theil werden läfst, im Gegenfatz zu Indien und Egypten fo gut wie nichts zu melden gewefen! Um fchon an diefer Stelle einen Begriff zu geben, welche aufserordentlichen Mengen und Werthe von den zur Ausftellung gebrachten Baumwollproben vertreten waren, fügen wir eine Zufammenftellung der Quantitäten hier an, welche im Jahre 1872 aus den hauptfächlichften Productionsländern an die europäiſche Induftrie übergeben wurden: Productionsländer Vereinigte Staaten Oftindien Egypten, Levante etc. Brafilien Weftindien, Peru etc. Zufammen Menge in englifchen Pfunden Percente der Gefammtzufuhr 5917 24 2 891,800.000 610,600.000 241, 100.000 161,000.000 49,000.000 1.953,500.000 9.1 4.8 2.2 100%. Baumwolle und Baumwoll- Waaren. 3 Von diefer Menge von 1953 5 Millionen Pfund, die mit Hinzufügung der in den Vereinigten Staaten felbft verarbeiteten Baumwolle faft eine Milliarde Gulden. Silber im Werth repräfentiren, erweckten allerdings die zur Ausstellung gebrachten Mufter nur eine fchwache Vorftellung! So unvollständig nun aber auch die Roh- Baumwolle auf der Weltausftellung vertreten war, fo boten die vorgelegten Proben doch Anhaltspunkte genug, um die Anzahl wichtiger, den Welthandel beeinflufsender Thatfachen daran anzuknüpfen. In dem höheren und üppigeren Wuchs und der reichen Kapfelfüllung der aus den Vereinigten Staaten ausgeftellten Baumwoll- Stauden, fowie in den mächtigen Ballen, denen die langfasrigen, weifsen und feidenartig weichen Flocken entquellen, läfst fich unfchwer die aufserordentliche Gunft der natürlichen Bedingungen erkennen, unter welchen die Südftaaten Nordamerika's die Baumwolle produciren, fowie fich auch in der zweckmässigen Verpackung und in der foliden Reinigung des Artikels die Vorzüge fpiegeln, die ein von einer europäiſchen Race gebildeter Menfchen geführter Anbau vor der Production von Eingebornen tropifcher Länder voraus hat. Es ift das Bild eines blühenden Gefchäftes, einer mit grofser Sicherheit fich entfaltenden Production, welches aus der faft forglos zufammengeftellten und doch mächtigen Baumwoll- Expofition der Vereinigten Staaten fpricht. Wie ganz anders dagegen Indien! Schon der erfte Blick auf die zur Ausftellung gebrachten Baumwoll- Stauden zeigte, dafs die Pflanze kleiner, karger und dabei verfchiedenartiger fei, weil keine eigentliche neuere Culturpflanze, fondern in mehrere Qualitäten feit uralter Zeit auseinander gefallen. Alle Verfuche, die edleren amerikanifchen Arten in Indien einzubürgern, find mifsglückt. So ift man dahin gekommen, die Aufgabe eines rationellen Anbaues in der Verbefferung der einheimifchen Gattungen zu erblicken. Dem minder feuchten und fetten Boden Indiens mufste die Kunft nachhelfen, und die englifche Regierung ift es, welche mit ganz bewundernswerther Sorgfalt den Bau der Baumwolle in ihre Pflege genommen hat. Bekannt ift, dafs fie in den wichtigeren Productionsgegenden zahlreiche Commiffäre aufftellte, welche die eingebornen Pflanzer berathen, leiten, mit Reinigungsmafchinen verfehen, die Preffen überwachen, in folcher Weife nach Möglichkeit für die Reinheit der Waare forgen und dabei eine genaue Statiſtik über den Stand der Ernte, das Erträgnifs, die Exporte führen. In den Mittelpunkten der bekanntlich über die verfchiedenen Theile Indiens zerftreuten Baumwoll- Productionsgebiete hat die englifche Regierung eigene Mufterwirthschaften ( government farms) errichtet, welche Alles vereinigen, was durch Beiſpiel, Lehre und Unterſtützung den Baumwoll- Bau zu fördern geeignet ift. Und wie weit diefe Intervention der Regierung geht, dafür bot die Ausstellung ein höchft intereffantes Beiſpiel. Von einer der erwähnten Localcommiffionen, dem Localcomité von Berar, waren mehr wie hundert Proben des Bodens vorgeführt, welchem die Baumwoll- Pflanze ihre Nahrung entnimmt. Da ihre Wurzeln tief greifen, fo ift auch der Untergrund berücksichtigt. Hier fieht man die feinen, gefchlemmten Thone des Industhales neben den kiefelhaltigen Proben aus den Hochebenen des inneren Indien. Alle diefe Böden hat die englifche Regierung chemifch unterfuchen laffen, damit ihnen vermittelft rationeller Düngung jene Stoffe zugeführt werden, welche in dem feit uralter Zeit abgebauten Culturboden Oftindiens nicht mehr in fo reichem Mafse vorhanden find, wie in vielen Theilen Amerika's. Notorifch ift, dafs vor einiger Zeit nicht unbedeutende Mengen von Kalifalzen aus Stafsfurt zur Düngung der Baumwoll- Pflanzungen nach Indien bezogen wurden. Diefe Thätigkeit der englifchen Regierung, welche jedenfalls das eingreifendfte Beiſpiel energifcher Volkswirthschafts- Pflege in fich fchliefst, deffen Erkenntnifs uns die Ausftellung vermittelte, gegenüber welchem die belgifchen Lehr- Werkstätten und felbft die Arbeiten der württembergifchen Centralftelle als mässige Anfänge erfcheinen, und welches nur etwa in dem Kenſington Muſeum I* 4 Dr. Alexander Peez. oder dem ihm nachgebildeten Muſeum für Kunft und Induftrie in Wien eine gleichgewichtige Organiſation finden mag, verdient die vollfte Würdigung der praktifchen wie namentlich auch der theoretischen Nationalökonomen. Ohne in ftarrer Unbeugfamkeit an dem vielbekannten Principe des ,, laisser aller" feftzuhalten, und ohne den Vorwurf einer kleinen Inconfequenz zu fcheuen, welche darin liegen dürfte, dafs die Engländer in diefem Falle fich doch nicht damit begnügen ,, an der billigften Quelle zu kaufen" was offenbar die Vereinigten Staaten fein würden- greift die Regierung mit klugem, vorausfchauendem Geifte in das natürliche Getriebe der Production und des Handels regelnd ein, um einem Induſtriezweige zu Hilfe zu kommen, der fich fonft gegenüber ftärkeren Concurrenten nur fchwer entwickeln könnte. - Die englifche Regierung, im Vorbeigehen fei es bemerkt, wird zu diefem Vorgehen fowohl durch wiffenfchaftliche wie politifche Beweggründe beſtimmt, die ja beide überhaupt faft immer untrennbar find. Durch den forcirten Anbau der Baumwolle in Indien wird nicht nur die Menge diefes für die Induftrie unentbehrlich gewordenen Rohftoffes vermehrt und dadurch ein Weltverkehr bei mäfsigeren Preifen erhalten, fondern es bildet auch diefe Production das Mittel, um die indifchen Bevölkerungen durch Vermehrung ihres Wohlftandes zufriedener zu machen und durch den Handel in diefem Artikel an England zu ketten, während fich gleichzeitig England in Indien einen Markt für Fabricate fichert, der allmälig lohnend wird und ficher an Bedeutung gewinnt, jemehr Baumwolle Indien an Europa abzugeben hat. Nicht minder wichtig ift aber auch der Umftand, dafs Indiens Baumwoll- Pflanzungen das Meifte dazu beitragen, um die früher, d. i. vor dem amerikaniſchen Bürgerkriege in höherem Grade als jetzt beftehende Abhängigkeit der englifchen Baumwoll- Induftrie von den Vereinigten Staaten, als gröfstem Rohftoff- Producenten, nach Möglichkeit zu mäfsigen. Diefe Abhängigkeit war weniger bedenklich, folange die füdlichen Sklavenbarone auf dem Capitole in Washington herrfchten, denn zwifchen diefen und den Engländern gab es zahlreiche, fich ergänzende Intereffen, welchen letzteren die englifche Politik durch Ausfcheidung der Südftaaten aus der Union als einer befonderen Staatengruppe während des Krieges eine ftaatliche Bafis zu geben verfuchte. Diefe in der officiellen Anerkennung der Sklavenftaaten als kriegführender Macht klar ausgefprochene Abficht kam durch die kriegerifchen Erfolge der Nordftaaten zum Scheitern, und es ift die Situation für England infofern ungünftiger geworden, als in den Vereinigten Staaten jetzt ftatt der Landlords die Induftriebevölkerung des Nordens das Staatsruder führt und fich in der amerikanifchen Baumwoll- Spinnerei und Weberei eine Induſtrie heranzog, die nicht nur die englifchen Garne und Gewebe fchon jetzt faft vollſtändig vom nordamerikanifchen Markte verdrängt hat, fondern ihnen auch in Südamerika und Oftafien mit amerikaniſchen Geweben Concurrenz zu machen beginnt. Ein zweites England wächft dort heran, welches vor dem alten England die unmittelbare Nähe des Rohftoffes voraus hat und durch Verkauf feiner Ueberfchüffe an Letzteres den einzigen fchwachen Punkt allmälich auszugleichen verfuchen wird, den es gegenüber von England nicht leugnen kann: das theure Capital. Diefe Abgabe der Ueberfchüffe feiner Baumwoll- Production an die europäifche Induftrie hat in den letzten Jahren zum grofsen Vortheile der Vereinigten Staaten wieder die alten Dimenfionen eingenommen. Noch auf der Weltausftellung von Paris im Jahre 1867 konnten Zweifel laut werden, ob die Vereinigten Staaten, der Sklavenarbeit beraubt, jemals im Stande fein würden, ihre frühere Stellung auf dem Weltmarkte wieder zu gewinnen, Zweifel, welche im Jahre 1873 nicht mehr ernſtlich feftgehalten werden können. Langfam, aber unwiderftehlich rückt Amerika in feine alte dominirende Pofition ein." Freie Arbeit und Guanodüngung" ift hiebei feine feltfame, aber durchaus logifche Lofung. Die hohen Löhne der freien Arbeit werden durch intenfiven Betrieb mit ftarker Düngung erträglich gemacht, indem ein gleiches Quantum Arbeit jetzt eine gröfsere Ernte hervorbringt. Die Baumwolle und Baumwoll- Waaren. 5 fchwere Frage der Heranziehung genügender Arbeitskräfte wurde durch Betheiligung der Arbeit am Gewinne nach Möglichkeit überwunden. Der Verdienft der Arbeiter fteigt nach diefem, an vielen Orten mit Vortheil durchgeführten Arbeitsfyfteme mit der gezogenen Menge, und es ift ficherlich in humanitärer Beziehung als ein grofser Erfolg zu bezeichnen, dafs das unvollkommenfte Arbeitsfyftem, die Sklavenarbeit, jetzt durch das vollkommenfte, die Betheiligung der Arbeitskräfte am Unternehmergewinn, erfetzt wird.*) Allerdings behauptet man, dafs durch die Richtung der arbeitenden Kräfte auf Maffenproduction die frühere, unbedingt zuverläffige Reinheit der nach Europa gelangenden Baumwolle etwas nothgelitten habe, aber anderfeits ift der Antrieb unverkennbar, welchen die Production. der Vereinigten Staaten in den letzten Jahren bekommen hat. Die nordamerikanifchen Ernten betrugen: Jahre 1856-1857 1857 1858 1858-1859 Taufende von Ballen 2.990 . 3.118 1859-1860 1860-1861 1867-1868 1868-1869 • . 1869-1870 1870-1871 1871-1872. 1872-1873( Schätzung). . 3.850 . 6.075 . 3.660 2.577 . 2.414 3.155 .4.347 2.975 . 3.700 Wie aus diefer Zufammenftellung folgt, hat die Ernte der Vereinigten Staaten bereits feit 1869-1870 begonnen, die Productionsziffer aus der Zeit vor dem Kriege einzuholen( abgefehen vom Ausnahmsjahre 1859-1860), und erfahrene Sachkenner behaupten, dafs im Laufe der nächften Jahre die nordamerikaniſche Baumwoll- Production noch zunehmen und die Concurrenz derfelben gegenüber den anderen Bezugsländern noch gewaltiger fein werde. Um diefen Verhältniffen ziffermäfsig näher zu treten, dafür dient folgende Ueberficht, die den Antheil darftellt, welchen die Vereinigten Staaten, Oftindien, Brafilien, Egypten und Weftindien nebft den kleineren Bezugsquellen in vierjährigen Zeitperioden von 1846 bis 1870, fodann in den Jahren 1871, 1872 und 1873( Schätzung) an der Gefammtverforgung des europäifchen Baumwoll- Marktes genommen haben: ( In Taufenden von Originalballen; 1711 bedeutet alfo 1,711.000 Ballen). 1846 Bezugsland bis bis 1850 1851 1856 1861 1866 bis bis 1855 1860 1865 bis 1871 1872 1873 1870 Vereinigte Staaten 1.711 2.290 2.865 Oftindien 232 352 540 793 1.380 1.6531 1.601 3.114 2.036 2.466 1.538 1.696 1.550 Brafilien 131 149 153 201 614 680 1.006 760 Egypten etc. 129 214 162 418 418 445 513 560 Weftindien etc. 30 30 35 73 175 240 237 240 2.233 3.035 3.755 2.865 4.481 Zusammen 6.017 5.488 5.576 Diefelbe Ueberficht, auf englifche Pfund reducirt und in Percentualantheile überfetzt, läfst noch fchärfer das Verhältnifs der einzelnen Productionsländer in den verfchiedenen Zeitperioden hervortreten: *) Auch in Algier beginnt man auf die Vorzüge des Syſtems der Betheiligung der Arbeiter am Gewinne aufmerkfam zu werden, und hofft darin das Mittel zu erblicken, die eingeborne Bevölkerung zum Baumwoll- Bau mitzuverwenden, was bisher noch nicht gelungen war. Dr. Alexander Peez. 9 Bezugsland ( In Millionen englifcher Pfunde; 7494 bedeutet alfo 749,400.000 Pfund.). 1846-50 1851-55 1856-60 1861-65 1866-70 1871 1872 1873 Pfund pCt. Pfund pCt. Pfund pCt. Pfund pCt. Pfund pCt. Pfund pCt. Pfund pCt. Pfund pCt. Vereinigte Staaten 7494 814 1.0030 79'6 1.254's 80'6 347 319 7240 441 1.3639 597 8918 456 1.080.1 521 Oftindien 835 91 126 101 1944 125 496's 457 5764 35'1 5537 242 6106 312 5580 269 Brafilien. 210 2'2 23's I'g 24'5 I'5 322 3'0 980 60 108' 4's 161 83 121 6 5.9 Egypten etc. 606 66 100'6 7'9 76° 1 4'9 1965 18 205'9 12'5 2092 9'1 241 12 263 12' Weftindien etc. 63 07 6305 74 0'5 15 s I'4 36.g 2'3 504 2'2 49 8 2'6 504 24 Zufammen. 9208 100 1.2604 100 1.557 100 1.0881 100 1.641 100 2.286 100 1.641 100 2.2860 100 1.954's 100 2.073' 100 Baumwolle und Baumwoll- Waaren. 7 Aus diefer Tabelle ergibt fich, dafs die Vereinigten Staaten, die in der Periode 1856-60 eine Menge von 1.254,900.000 englifchen Pfund Baumwolle nach Europa verfchifften, in der Zeit von 1861-65, in welche der Bürgerkrieg fällt, diefe Exporte auf 347,300.000 Pfund per Durchfchnittsjahr finken fahen. Aber mit der reichen Ernte des Jahres 1871 ift bereits der höchfte Durchschnitt aus der Zeit vor dem Kriege( Periode 1856-60) nicht nur erreicht, fondern fogar überholt. Etwas anders ftellt fich die Wage, wenn man die Percentualantheile zum Mafsftabe nimmt, dann allerdings haben die Vereinigten Staaten ihre früheren 80 Percent oder vier Fünfttheile der gefammten europäifchen Baumwoll- Verforgung bis heute noch nicht wiedergewonnen. Hier zeigt fich alfo der Einflufs des amerikanifchen Bürgerkrieges von feiner guten Seite, denn die durch die hohen Preife während der Krife in Ausficht geftellte und wirklich gezahlte Prämie war fo hoch, dafs dadurch die BaumwollProduction in Oftindien, Weftindien, Brafilien und Egypten einen mächtigen. Antrieb empfing, und es haben die genannten Länder fämmtlich ihre Ernten vermehrt und einen namhaften Theil am Welthandel in Baumwolle auch dann feftgehalten, als die Vereinigten Staaten wieder mit all' der Wucht, welche ihr treffliches Erzeugnifs ihnen ftets fichern wird, auf dem Weltmarkte auftraten. Befonders gilt diefs von Oftindien. Dank der amerikanifchen Sperre, dank der raftlofen Bemühungen der englifchen Regierung, fowie dank des erleichterten Transportes nach Europa durch den Ausbau des indifchen Bahnnetzes und den Suezcanal ift der Antheil Oftindiens, der freilich fchon in den Jahren 1840-1860 in guter Entwicklung begriffen war, von 10-13 Percent vor dem Kriege, auf 24-31 Percent nach dem Kriege geftiegen. Ausserdem ift das oftindifche Erzeugnifs beffer geworden, indem aus früher minder gut accreditirten Gegenden jetzt gröfsere Mengen befferer Baumwolle unter guten Typennamen nach Europa gelangen. In annähernd ähnlichem Verhältniffe, wie Oftindien, haben Egypten und Brafilien ihre Baumwoll- Production gefteigert. Der rege Wetteifer, der unter den verfchiedenen Productionsländern. herrfchte, wurde wach erhalten durch die feit dem amerikanifchen Kriege bis zum heutigen Tage von den Baumwoll- Pflanzern erzielten höheren Preife. Vor dem Kriege waren die Durchfchnitts- Preife für die nach England eingeführte Baumwolle: Jahr 1856.. 1857. 1858. 1859.. 1861. 1862. D. per 1 Pfund P • 6 5.75 6.60 . 6.10 6.20 5.75 .7.10 D. per 1 Pfund Während des Krieges betrugen die Preife: Jahr 1862. 1863. 13.90 20.00 1864. 1865. 21.80 • . 15.10 Nach dem Kriege dagegen waren die Durchfchnitts- Preife: Jahr D. per 1 Pfund 1866. . 13.00 1867. . 9.75 1868. 9.20 1869. . 10:50 1870. 8.80 1871. 7:50 1872. 8.75 1873( Schätzung) 7.75 8 Dr. Alexander Peez. Aus diefen Ziffern folgt, dafs auch nach dem Kriege die Preife, ungeachtet einer im Ganzen feit 1866 ftets weichenden Tendenz, noch nicht auf den normalen Stand vor dem Kriege zurückgegangen find. Ift diefe Thatfache nicht etwa das Ergebniſs geänderten Geldwerthes, was kaum anzunehmen, fo wird fie am richtigften, da Amerika nach wie vor den Preis der Baumwolle beſtimmt, auf die etwas höheren Koften der freien Arbeit in den Vereinigten Staaten, fowie auf die durch den Krieg erhöhten Steuern in letzterem Staate zurückzuführen fein. In dem erhöhten Baumwoll- Preife participirt demnach Europa an den Koften und Laften der füdftaatlichen Rebellion und des Bürgerkrieges. Immerhin beträgt die Differenz gegen früher 12-2 D. per Pfund, d. i. 20 Percent des Waarenpreifes. Auf foviel beläuft fich alfo noch immer die Prämie, mit welcher Oftindien, Brafilien, Egypten etc. im Vergleiche zu den früheren Preifen arbeiten. Dafs durch diefe Preiserhöhung die Baumwoll Induftrie nicht gefördert ward, ja dafs auf diefen Umftand die zeitweilig fehr gedrückte Lage der letzteren in den meiſten europäiſchen Ländern zurückzuführen fei, dafür möchte Manches fprechen. Theuerer Preis vermindert den Verbrauch und lockt die Concurrenz von Surrogaten hervor. Gleichwie durch das mehrjährige Verfchwinden der nordamerikanifchen Baumwolle vom Markte die afiatifche und brafilianifche Baumwolle einen kräftigen Antrieb erhielt, fo eroberten fich durch die Theuerung der Baumwolle während und nach dem Kriege Flachs, Hanf und billige Schafwollen, alfo jene Artikel, die in gewiffen Verwendungen mit der Baumwolle concurriren können, ein erweitertes Verbrauchsgebiet. Ueber das Preisverhältnifs diefer Artikel untereinander gibt folgende dem„ Economift" entlehnte Tabelle manche intereffante Auffchlüffe. Nimmt man nämlich den Durchfchnittspreis der fechs Jahre 1845-1850 als Bafis( 100) an, fo variirten die Preife wie folgt: Jahre Baumwolle Rohfeide Flachs und Hanf Schafwolle 1845-50 1851 1. Jänner IOO IOO IOO IOO 86 113 94 113 1853 1. Juli. II7 IIO 125 • 1857 I.„ 95 204 121 146 1858 1. Jänner 73 156 113 105 1863 1. 314 149 136 I4I " 1864 1. 460 139 137 154 " 1865 1. 363 157 132 159 1866 1. 383 200 140 144 " 1 1867 1. 227 183 116 144 99 1868 1. IOO 161 121 115 " 1869 1. " 155 183 124 104 1870 1. 173 99 174 116 96 1871 1. 118 183 116 88 99 1872 1. 14I 169 115 133 " 1872 1. Juli 136 178 120 151 132 169 118 157 1873 I. Jänner Wie fich aus diefer Zufammenftellung ergibt, ift dem gewaltigen Steigen der Baumwoll- Preife in den Jahren 1863-1866 Rohfeide kaum gefolgt; wohl aber war diefs bei Hanf und Flachs und am ftärksten bei Schafwolle der Fall. Billige Schafwoll- Sorten ftanden am 1. Jänner 1865 um 59 Percent höher, fielen aber auch mit der Baumwolle( und bei reichlichem Ertrag der Heerden) vom Jahre 1857 ab fehr beträchtlich. Dagegen brachte die neuefte Zeit wieder eine namhafte Erhöhung Baumwolle und Baumwoll- Waaren. 9 der Schafwoll- Preife, welche dazu beiträgt, zwifchen Baumwolle und Schafwolle wieder das richtige Verhältnifs herbeizuführen. Werfen wir noch einen rafchen Blick auf die Wege, welche der Welthandel in Baumwolle einfchlägt, fo liegt die wichtigfte feit der Parifer Ausftellung von 1867 eingetretene Veränderung in der neuen Strafse, welche die oftindifche Baumwolle, um nach Europa zu gelangen, einfchlägt. Der gröfste Theil der oftindifchen Ernten geht jetzt auf Schraubendampfern durch den Suezcanal, und der dadurch erzielte Vortheil liegt nicht nur in leichterer und kürzerer Verbindung und der etwas billigeren Fracht, fondern auch in dem Umftande, dafs die neue Ernte nicht mehr, wie fonft bei dem Wege um das Cap, in der zweiten, fondern jetzt in der erften Hälfte des Jahres auf die europäiſchen Märkte kommt. Die Verfchiffungen aus Oftindien nach Europa betrugen im Jahre 1872: 1,700.000 Ballen ( zu 360 Pfund englifch) im Werthe von 140 Millionen Gulden ö. W. Silber und fie richteten fich nach Liverpool, Havre, Barcelona, Marfeille, Trieft und Odeffa. Von der Ernte der Vereinigten Staaten von 3,056.000 Ballen( zu 439 Pfund) wurden im Jahre 1872: 1,099.000 Ballen im Inland verarbeitet, 1,454.000 Ballen gingen nach England, 319.000 Ballen nach Deutfchland, Oefterreich, der Schweiz und Rufsland und 184.000 Ballen nach Frankreich und theilweife nach der Schweiz. Was Egypten betrifft, fo betrug die Ausfuhr aus diefem Lande im Jahre 1821 erft 964 Centner, im Jahre 1831: 186.675 Centner, im Jahre 1841: 193.507 Centner, im Jahre 1851 348.439 Centner, im Jahre 1873 2.168.181 Centner. Die Verfendung der egyptifchen Baumwolle, welche überall gefucht ift, wo über Nummer 40 gefponnen wird, erfolgte im Jahre 1872 nach folgenden Ländern: Nach England. Frankreich • 1.667.385 Centner 186.426 143.964 وو " • 91.1 40 62.676 " " 99 " Italien( Venedig) Oefterreich " Rufsland. " anderen Ländern " 16.590 2.168.181 Centner. Aufser England ift die Schweiz der wichtigfte Verbrauchsplatz für egyptifche Baumwolle; ihr Bedarf erfcheint unter den Sendungen nach Frankreich, Oefterreich, befonders aber nach Italien( Venedig) mit eingefchloffen. Die Exporte Brafiliens, die im Jahre 1870-1871: 1.920.000 Centner betrugen, kommen in kleinen Ballen( zu 150 Pfund) nach Liverpool, Hamburg, Havre und Barcelona. Was endlich die Levante betrifft, fo werden von ihrer Gefammtproduction von circa 300.000 Ballen( zu 385 Pfund englifch) nach Oefterreich circa 100.000 Ballen verfendet, 60.000 Ballen nach Spanien und 40.000 Ballen nach England, 40.000 Ballen nach Frankreich, während circa 60.000 Ballen im Inland bleiben mögen. Aus einer Zufammenfaffung diefer Daten geht fchon hervor, dafs England im Baumwoll- Handel bei Weitem die erfte Rolle spielt. Von 5.488.000 Ballen, welche Europa im Jahre 1872 empfing, gelangten 3.880.000 Ballen, alfo weit über zwei Drittel nach England. Von diefen wurden dann 743.000 Ballen im Wege des Zwifchenhandels an den Continent abgegeben. Für England hat diefe dominirende Stellung einen grofsen Werth, nicht nur wegen der am Zwifchenhandel haftenden Profite, fondern auch weil es, indem der Markt in England liegt, feinen Spinnern die erfte Auswahl und die befte Benutzung der Conjuncturen fichert, weil es ferner feiner Schifffahrt Verdienfte zuführt und feine eigenen Fabricate in Zahlung auch für die vom Continente verbrauchten Baumwoll- Mengen dazwifchenfchiebt. Natürlich find diefs ebenfoviel Gründe für den Continent, fich vom englifchen Zwifchenhandel loszumachen. Da aber England durch Capitalkraft und befonders durch den grofsen Bedarf für die in England 10 - Dr. Alexander Peez. - felbft befindlichen 39.5 Million Spindeln gegenüber den circa 19 Millionen Spindeln des Continents noch immer ein mächtiges Uebergewicht befitzt, fo ift jene Emancipation keineswegs leicht. Doch macht fie Fortfchritte. Beweis dafür eine Zufammenftellung der- langfam abnehmenden- Baumwoll- Sendungen, für welche der Continent noch dem englifchen Zwifchenhandel dienftbar ift; fie betrugen: Ballen 1.136.000 Jahr 1866. 1867. . 1.015.000 1868.. 915.1 20 1869. 1870. 1871.. 1872. 791.850 658.430 910.330 743.000 Hoffentlich wird die durch das Kriegsjahr 1871 herbeigeführte Zunahme der indirecten Bezüge bereits im laufenden Jahre 1873 wieder ausgeglichen fein. Von den deutfchen Häfen hat Bremen von jeher dem directen Handel befondere Sorgfalt zugewendet. Von den 1.122.233 Zollcentnern, welche diefer Nordfee- Hafen im Jahre 1871 an Baumwolle bezog, fallen nur 87.636 Centner auf die indirecte, dagegen 1.034.597 Centner auf die directe Einfuhr.( Im Jahre 1872 ift allerdings diefe directe Einfuhr auf circa 700.000 Centner gefallen.) Es bezogen nämlich direct: Häfen Bremen Amfterdam. Antwerpen • Im Jahre 1871 .316.000 . 163.000 II0.000 Im Jahre 1872 193.000 Ballen 162.000" 144.000" Die hohen Importziffern von Amfterdam und Antwerpen, die erft aus neueſter Zeit datiren, erklären fich aus dem Umftande, dafs jetzt Elfafs und die Schweiz ihre Baumwolle zum gröfsten Theil über Holland und Belgien und nicht mehr über Frankreich beziehen. Am weiteften in der Emancipation von England ift übrigens Frankreich vorgefchritten, indem es durch Marfeille die vom Mittelmeer und Oftindien kommenden, durch Havre aber die amerikanifchen Baumwollen an fich zieht. Ein ganz ähnliches Verhältnifs für Deutfchland- Oefterreich herbeizuführen, mufs die fich ergänzende Aufgabe der Nordfee- Häfen Bremen, Hamburg und des Mittelmeer- Hafens Trieft fein. Sie haben die Miffion, die Baumwollen direct den Urfprungsländern zu entnehmen und nach Bedarf über das mittlere Europa zu vertheilen. In hiftorifchen und geographifchen Urfachen liegt es begründet, dafs Oefterreich fchon feit Beginn feiner Baumwoll- Induftrie einen Haupttheil des Baumwoll- Bedarfs über Deutfchland bezog; im Jahre 1871 find von einer Gefammtzufuhr von 1,204.179 Zollcentnern mehr wie ein Drittel, nämlich 433.380 Centner über Deutſchland zu uns gelangt. Ganz neu aber ift, dafs auch Deutfchland in den letzten Jahren eine nicht mehr unbeträchtliche Quote feines Bedarfs an oftindifchen und Levantiner Sorten über Oefterreich bezieht. Die hieher gehörigen Ziffern find: Jahr 1862.. 1863. 1864 1868. 1869. 1870. Einfuhr von Baumwolle nach Deutfchland über Oefterreich in Zollcentnern. 19.736 26.999 32.159 89.568 104.361 183.433 Während die Einfuhren in den Jahren 1862-1864 fich auf mässige Mengen von Levantiner Baumwollen bezogen, macht fich feit dem Jahre 1868 für den Baumwolle und Baumwoll- Waaren. 11 ftärkeren Bezug oftindifcher Baumwollen der Einfluss des Suezcanals geltend. Für die fpäteren Jahre fehlen die officiellen Angaben, doch beziffern die Nachweife der öfterreichifchen Südbahn- Gefellſchaft die über Trieft- Venedig und den Brenner nach Süd- Deutfchland gelangte Baumwoll- Menge im Jahre 1871*) auf 367.311 Centner und im Jahre 1872 auf 184.427 Centner. Da fich diefe Ziffer lediglich auf den Brenner bezieht, während doch auch über Paffau und Bodenbach Oefterreich Baumwolle abgibt, fo ift die Annahme berechtigt, dafs auch im Jahre 1872 die Zufuhren von Baumwolle nach Deutfchland die Ziffer von 1870 überfchritten haben, wenn fie auch nicht das Ausnahmsjahr 1871 erreichten. Durch den Suezcanal ift, von Jahr zu Jahr entfchiedener hervortretend, die Lage der Häfen am mittelländifchen Meere für den directen Bezug der Baumwolle eine ungemein günftige geworden. Insbefondere find dadurch Trieft und Venedig um die ganze Entfernung von Trieft nach Liverpool voraus, während vorher, d. i. fo lange, als die oftindifche Baumwolle um das Cap ging, der englifche Riefenhafen einen wefentlichen Vorfprung vor den Häfen an der Adria hatte. Diefe günftigere Pofition fpricht fich zunächft in einem Wiederaufleben Venedigs und einem rapiden Auffchwunge des Triefter Handels aus. Die Baumwolleinfuhr Venedigs ift von circa 20.000 Zollcentnern im Jahre 1868 auf circa 260.000 Centner im Jahre 1871 geftiegen. Im Jahre 1872 ift wieder ein Rückfall auf circa 150.000 Centner eingetreten. Was Trieft betrifft, fo hat fich deffen Baumwoll- Einfuhr in folgender Weife entwickelt: Jahr 1867.. 1868. Zollcentner • 270.550 1869. 1870 1871 . 326.567 343.375 461.859 . 775.233 Die Urfprungsländer der im Jahre 1871 in Trieft eingelaufenen Baumwolle waren die folgenden: Oftindien Egypten Türkei England • Ursprungsland Vereinigte Staaten. Menge in Centnern • · 307.965 212.216 . 136.809 88.141 19.978 4.238 1.703 Verfchiedene Länder 4.183 Zufammen. • 775.233 Griechenland. Brafilien In diefen Daten fpiegelt fich der Triefter Baumwoll- Handel ziemlich genau ab, und es läfst fich conftatiren, dafs er mit Ausnahme der aus England empfangenen 88.141 Centner durchaus auf directem Verkehre beruht, wenn auch freilich Trieft mehr Vermittler und Spediteur als Eigenkaufmann ift und noch die Zahlungen an Bombay durchweg durch englifche Credite erfolgen. Was die Beftimmungsorte der in Trieft abgeladenen Baumwolle betrifft, fo find diefs in erfter Reihe die öfterreichifchen Spinnereidiftricte, alfo vor Allem Niederöfterreich und Böhmen. Ausserdem aber paffiren, wie bereits erwähnt, namhafte Mengen durch Oefterreich hindurch nach dem deutfchen Reiche und der Schweiz. Die, zur Zeit der Parifer Weltausftellung von 1867 ausgefprochene *) Wegen des Krieges vermied der Handel in diefem Jahre die franzöfifchen Bahnen und fuchte einen Weg nach Süd- Deutfchland und der Schweiz durch die neutralen Häfen Trieft und Venedig. 12 Dr. Alexander Peez. Anregung, eine Verforgung der ruffifchen Spinnereien über Trieft zu verfuchen*), hatte den Erfolg, dafs die betheiligten öfterreichifchen Bahnen für diefen Handelszug einen billigen Tarif aufftellten, deffen Ergebnifs war, dafs im Jahre 1867 16.000 Centner nach Rufsland beftimmter Baumwollen über Trieft eingingen. Allein die ruffifche Regierung wufste rafch diefen Sendungen ein Ende zu machen und diefelben durch Begünftigungen verfchiedener Art von Trieft nach Odeffa zu lenken. Kurz nachdem diefs im Often gefchehen war, drohte auch im Weften dem Triefter Handel ein Schlag, da in dem zu grofser Bedeutung gelangten Transit nach Süd- Deutſchland und der Schweiz das neu erwachte Venedig als Nebenbuhler auftrat. Venedig befitzt durch feine weftlichere Lage für den Verkehr nach den oberdeutfchen Spinnereibezirken( Augsburg, Vorarlberg etc.) einen Vorfprung von 28 Meilen vor Trieft Die hierher gehörigen Entfernungsziffern find: Trieft- Wien- Salzburg- Augsburg.... 149 Meilen Trieft- Marburg- Brenner- Augsburg Trieft- Verona- Brenner- Augsburg • . • 131 11212 8412 " " Venedig- Verona- Brenner- Augsburg Trieft beforgt nun eine Ueberflügelung durch Venedig, und die einfichtigften Kaufleute unferer Hafenftadt richteten defshalb grofse Hoffnungen auf eine Bahn über den Predil**), die allerdings den Vorfprung Venedigs von 28 Meilen auf 834 Meilen vermindern würde, jedoch wegen ihrer fehr bedeutenden Herſtellungskoften bekanntlich im Reichsrathe auf entfchiedenen Widerfpruch ftiefs. Ein Vermittlungsvorschlag geht dahin, einftweilen vom Predil abzufehen, für die Strecke Trieft- Meftre Tariferleichterungen eintreten zu laffen und eine Bahn in nordweftlicher Richtung von Trevifo durch die Valfugana nach Trient zu unterſtützen, wodurch der Nachtheil, um welchen Trieft hinter Venedig zurückfteht, von 28 auf 14 Meilen verkürzt würde. Unter allen Umftänden ift die Frage von grofser Bedeutung und ihre Löfung würde vielleicht am beften als Glied einer Reihe anderer Mafsregeln erfolgen, welche eine engere Verkettung von Trieft mit dem öfterreichifchen Hinterlande bezwecken. Dafs Letzteres das natürlichfte Abfatzgebiet von Trieft bildet und dafs eine blühende einheimifche Induftrie die ficherfte Stütze des Handels von Trieft ift, davon dürfte diefe Seeftadt fich mehr und mehr überzeugen. Aufser dem Abfatz nach dem Inlande gilt es, für die oftindifchen, egyptifchen und Levantiner Sorten in Deutfchland einen dauernden Markt zu gewinnen, und es müfste, dünkt uns, etwa mit Hilfe von Tariferleichterungen möglich fein, zunächft das öftliche Baiern( Bayreuth, Bamberg) und Sachfen mit Baumwolle zu verforgen und dauernd als Abnehmer feftzuhalten, da Venedig, wenn auch durch geographifche Lage begünftigt, doch in Bezug auf Handelsverbindungen, Capitalskraft und kaufmännifche Erfahrungen noch beträchtlich hinter Trieft zurückſteht. Die Baumwoll- Spinnerei und Weberei. Während in der Production und dem Handel mit dem Rohmaterial feit der letzten Weltausftellung von 1867 eine Reihe der wichtigften Veränderungen eintrat, läfst fich von der induftriellen Verarbeitung der Baumwolle keineswegs dasfelbe fagen. Sieht man von der Druckerei ab, wo die Verwendung eines neuen Farbftoffes allerdings grofse und verdiente Aufmerkfamkeit erweckte, fo war auf der Wiener Weltausstellung nicht nur keine bahnbrechende Erfindung, fondern kaum nur eine Neuerung von Wichtigkeit im Gebiete der Baumwoll- Induftrie zu verzeichnen. Spinnerei und Weberei bewegten fich im gewohnten Geleife. Sehr beſtimmt fprach fich diefs in der Maſchinenabtheilung aus, wo hinfichtlich unferes Induftriezweiges eine auffallende Unfruchtbarkeit conftatirt wurde, die einen fcharfen Aus*) Vgl. den officiellen ,, Bericht über die Weltausftellung zu Paris im Jahre 1867", Bd. IV, S. 37. **) Vgl. die Schrift von Herrn Heinrich Efcher: ,, Trieft und fein Beruf als Weltmarkt", Trieft 1872. Baumwolle und Baumwoll- Waaren. 13 druck darin fand, dafs die wegen ihrer umfaffenden und vorzüglichen Fabrication von Spinnftühlen bekannte Firma Gebrüder Platt& Comp. in Oldham diefsmal lediglich für die Schafwoll- Induſtrie beſtimmte Maſchinen zur Ausstellung brachte. Die Technik der Baumwoll- Induftrie mag manchen kleineren Fortfchritt verzeichnen; ohne Zweifel hat man gelernt, aus geringeren Sorten brauchbare Garne zu ſpinnen, man hat verbefferte Oeffnungsmaschinen und felbftputzende Karden aufgeftellt und verwendet Kämm- Mafchinen nicht mehr blofs für die feinften Nummern; wohl hat fich die Zahl der Selfactors faft überall vermehrt, kurz- die Spinnerei und Weberei haben fich normal entwickelt und es find manche Lücken ausgefüllt, manche fchwache Punkte verbeffert worden- aber eine wefentliche Aenderung ift feit 1867 nicht vorgekommen, wefshalb auch diefer Theil unferes Berichtes kürzer gefafst werden kann. Die Lage der verfchiedenen Spinnereibezirke der Erde wurde bereits im Früheren bezeichnet durch Angabe der Confumtionsgebiete, wohin die rohe Baumwolle durch den Welthandel verfendet wird. Obwohl bei der Auswahl der Standorte für die Baumwoll- Spinnerei der einzelnen Länder inder Regel gefchichtliche, nicht aber volkswirthschaftliche Gründe mafsgebend waren, fo laffen fich doch zwei Gruppen fcheiden: 1. Spinnereien, die, auf englifche Steinkohle bafirt, in der Nähe der See liegen, von woher fie auch die überfeeifchen Rohftoffe beziehen. Hierher gehören die Spinnereien Englands, der Normandie, Cataloniens, fowie die grofsen ruffifchen Spinnereien in der Nähe von St. Petersburg. 2. Spinnereien, die, vorzüglich auf Wafferkraft geftellt, im Binnenland liegen. Sie umgeben wie ein Gürtel das Alpengebirge, häufen fich in der Schweiz und Vorarlberg am dichteften an, fetzen fich durch die oberdeutſchen Spinnereien zur Donau fort, bilden in Niederöfterreich nochmals ein wichtiges Centrum und laufen durch Steiermark und Görz bis faft zum Adriatifchen Meere. Ihr Motor ift die( durch die abfchmelzenden Schnee- und Gletfchermaffen als Sommerrefervoirs) perennirende Wafferkraft der Alpen, welcher freilich jetzt an vielen Orten durch Einfügung von Dampfkräften nachgeholfen werden mufste. Eine kleinere Zone von Baumwoll- Spinnereien hat fich in Sachfen, Böhmen, Baiern und Schlefien an die Wafferkräfte des Erzgebirges und Riefengebirges angefetzt. Eine eigenthümliche Zwifchenftellung nehmen die Spinnereien der Vereinigten Staaten ein, die, in Maffachuſetts, New- York und Penfylvanien gruppirt, je nach ihrer fpeciellen Lage dem einen oder andern Syfteme angehören, in nicht wenigen Fällen die Vorzüge beider vereinigen. Legt man die handelspolitifchen Verhältniffe zu Grunde, fo ftehen die Baumwollfabriken der Vereinigten Staaten und des europäiſchen Continentes, die fich noch durch mehr oder weniger hohe Zölle vor der englifchen Uebermacht zu decken fuchen, den englifchen Spinnereien gegenüber. Die relative Bedeutung diefer drei Gruppen findet ihren Ausdruck in dem Verhältniffe, in welchem fie an dem Verbrauch der in den Welthandel gelangenden Baumwolle Theil nahmen. Hierüber gibt der ,, Economift" folgende Ziffern: 1860 1870 1871 1872 Ländergruppen Taufend Ballen Perc. Taufend Ballen Perc. Taufend Ballen Perc. Taufend Ballen Perc. England Continent Vereinigte Staaten 2.817 50 6 1.749 322 2.697 52'6 1.521 297 3.118 483 2.167 33'5 2.893 49'0 1.938 32'8 957 1721 909 177 1.176 182 1.064 182 Zuſammen. 5.568 1000 5.127 1000 6.461 1000 5.895 100'0 Nach diefer Aufftellung hat fich alfo das relative Kraftverhältnifs zwifchen England, dem Continent und den Vereinigten Staaten feit 1860 nur unbedeutend verändert; England, das im Jahre 1860 mit 50.6 Percent am Gefammtverbrauch 14 Dr. Alexander Peez. der zur Verfpinnung mit Mafchinen gelangenden Baumwolle participirte, hatte im Jahre 1872 noch einen Antheil von 49'0 Percent, und von den verlorenen 16 Percent haben der Continent o 6 Percent, die Vereinigten Staaten aber I Percent erworben, ein Verluft für England, der um fo unbedenklicher ift, als England in der Zeit von 1860-1872 gerade feine Feinfpinnerei noch weiter ausbildete, alfo aus einem geringeren Antheil an verarbeiteter Baumwolle einen höheren Werth erfponnen haben kann. Die Zahl der Spindeln und die Ziffer des Baumwoll- Verbrauches in obigen drei Gruppen waren im Jahre 1872 die folgenden: Ländergruppen. Ver. brauch Gefammtverbrauch per Spindelzahl Spindel engl. Pfund englifche Pfund Ballen zu 400 Pfund England Continent Vereinigte Staaten • 39,500.000 32 18,580,000 43 8,350.000 57 Zuſammen. 66,430.000 38 23 1.264,000.000 800,000.000 476,000.000 2.540,000.000 3, 160.000 2,000.000 I, 190.000 6,350.000 Hieraus ergibt fich, dafs der gefammte Continent und die Vereinigten Staaten zufammengenommen nur 26.93 Millionen Spindeln den englifchen 39.5 Millionen entgegenftellen, dafs aber der Gefammtverbrauch der beiden erften Gruppen mit 1276 Millionen Pfund den englifchen Confum von 1264 Millionen Pfund im Jahre 872 überholt hat, ein Umftand, der, wie bereits bemerkt, in dem Ueberwiegen der Feinfpinnerei in England wurzelt. in Prüft man das Verhältnifs der wichtigften europäifchen Induftriegruppen untereinander, fo bieten fich hinfichtlich des Verbrauchs des Rohftoffes Taufenden von Ballen folgende Ziffern: Veränderung Verbrauchsland 1860 1870 1871 1872 von 1860 bis 1872 England 2.758 2.804 3.495 Mittleres Europa*) 754 734 I. 117 3.137 1.013 Frankreich 728 433 595 596 + 13's Percent +34 3 18 " Rufsland Spanien. 278 282 519 • 500 -+ 79'9 46 156 155 199 175 + I'2 29 Hiernach ift der Verbrauch Rufslands an roher Baumwolle am rafcheften geftiegen. Was die Rubrik„ Mittleres Europa" betrifft, fo ift deren Zunahme um 343 Percent nicht blofs der inneren Einrichtung, fondern auch der Herübernahme des Elfafs von Frankreich an das deutfche Reich zuzufchreiben. Ueber die Spindelzahl in den einzelnen Ländern, den Verbrauch per Spindel, den Gefammtverbrauch und den wöchentlichen Verbrauch für 1872 liegen. folgende Daten vor( nach englifchen Gefandtfchaftsberichten und Aufftellungen *) In der Abtheilung ,, Mittleres Europa" find Oefterreich, Deutfchland, die Schweiz, Holland und Belgien zufammengefafst, da fie thatfächlich ein gemeinfames Verbrauchsgebiet bilden. Die fonft üblichen Rubriken ,, Trieft" ,,, Holland"," Belgien", als Empfangsplätze erwecken durchaus unrichtige Vorftellungen, da z. B. die Schweiz bei diefer Eintheilung gar nicht, Oefterreich aber nur mit den über Trieft eingeführten Baumwoll- Mengen erfcheint, während ,, Holland" und ,, Belgien" mit grofsen Verbrauchsmengen auftreten, obwohl letztere im Wefentlichen nur Durchfuhren find. Baumwolle und Baumwoll- Waaren. 15 des Herrn Ott- Trümpler in Zürich, in einzelnen Punkten ergänzt durch die neueften Daten von der Weltausftellung 1873): Länder Spindeln Verbrauch pr.Spindel Gefammtverbrauch DurchfchnittsVerbrauch per Woche Anzahl pCt. i.engl. Pfd. in engl. Pfunden i. Ball.à 370 engl. Pfund Ballen pCt. England. Vereinigte Staaten Frankreich. Deutſchland 39,500.000 59'1 8,350.000 12'5 5,200.000 77 5,100.000 Schweiz 2,060.000 Rufsland 2,000.000 Oefterreich 1,600.000 Spanien 1,400.000 Belgien Italien 650.000 500.000 07 77332210 7'6 3'1 30 24 2'4 10 3534266 100 32 1.264,000.000 57 38 785 476,000.000 3,416.220 24.740 1,286.480 65.690 48'8 184 197,600.000 534.000 10.270 86 49 7'60 228,000.000 616.200 11.850 88 80 27 60 67 70 56,600.000 120,000.000 152.970 2.940 2'20 324.320 6.240 4'70 106.900.000 288.920 5.560 4'10 48 78 67,200.000 181.620 3.490 2'60 43 27,900.000 75-540 1.450 1'10 48 24,000.000 64.860 1.250 O'90 Schweden, Norwegen, Dänemark Holland 300.000 230.000 0'5 60 48.650 26.730 93° 0'70 5I 0'04 O' 43 Summe. 66,890.000 100 18,000.000 9,800.000 40 2.696,000.000 7,016.510 134.461 100 Wie es fich für den Hausherrn ziemt, waren auf der Weltausftellung zu Wien die öfterreichifchen Induftriellen der Baumwoll- Branche ziemlich vollständig vertreten, fo dafs in Bezug auf Spinnerei, Weberei, Zwirnerei, Appretur, Färberei und Druckerei nur fehr wenig bedeutendere Etabliffements die Ausftellung nicht befchickt hatten; obwohl nun letztere noch an Ueberfichtlichkeit gewonnen hätte, wenn mehr Collectivausftellungen vorhanden gewefen oder die ganze Baumwollclaffe öftlich in eine einzige Abtheilung zufammengefafst worden wäre, fo bot doch auch in der nun einmal gewählten localen Trennung die öfterreichiſche Baumwoll- Induftrie ein hochintereffantes Bild dar, das in gleicher Vollständigkeit fobald nicht wiederkehren wird- das Bild eines Induſtriezweiges überdiefs, der feit der Parifer Ausftellung von 1867 zwar keinen rapiden Auffchwung, wohl aber eine ftete Verdichtung und Verbefferung in einzelnen Punkten nachweift und fich mit anerkennenswerther Thatkraft bemüht, der unleugbar vorhandenen grofsen Schwierigkeiten Herr zu werden. Um in einigen Hauptziffern die Umriffe des Induftriezweiges darzuftellen, dazu dient zuerft eine Ueberficht, welche die eigene Garnproduction Oefterreichs ( der Zollcentner Roh- Baumwolle als 80 Centner Garn ergebend berechnet), ferner die Einfuhr fremder Garne, endlich den Gefammtverbrauch Oefterreichs an Garnen und die Percente, mit welchen Inland und Ausland an der Verforgung des Garnmarktes theilnehmen, zur Anfchauung bringt: Eigene Garne ( Roh- Baumwolle- 20%) Gefammtverbrauch an Garnen Fremde Garne Im Jahre Production in Centnern Einfuhr Perc. Perc. in Centnern Menge in Centnern Perc. 1861 698.238 780 1867 587.439 74's 197.279 197.692 22'0 895.517 IOO 25 2 785. 131 IOO 1868 645. 353 76'1 202. 212 23.9 847.565 IOO 1869 663.004 804 1870 722.667 811 161.433 168.044 19'6 824.437 IOO 18.9 890.711 IOO 1871 926.170 79 4 1872 869.353 77 255.532 239.736 2016 22'7 1,165.906 1,124.885 IOO IOO 16 Dr. Alexander Peez. Demnach find fowohl einheimifche Production wie Garneinfuhr in den letzten Jahren namhaft geftiegen; die erftere hält ihren Antheil von 76-81% ziemlich feft, doch ift die Einfuhr feit 1870 in noch rafcherer Zunahme begriffen als die inländifche Garnproduction. Die Ausfuhr öfterreichifcher Garne ift unbedeutend und betrug im Jahre 1872 nur 4920 Centner. Was die fertige Waare betrifft, fo ftellt fich der Grenzverkehr in folgender Weife heraus: Jahre Einfuhr nach Oefterreich Ausfuhr aus Oefterreich 1861 4.203 31.264 1867 6.018 28.331 1868 9.257 21.550 1869 14.586 25.492 1870 13.591 20.905 1871 21.798 21.990 23.500 1872 30.857 Demnach hat fich feit den Jahren 1868 und 1869, in welchen die neuen Handelsverträge in Kraft traten, die Einfuhr von Baumwoll- Waaren fehr ftark vermehrt, ja, es hat diefelbe in den erften fünf Monaten des Jahres 1873 wieder um 4688, d. i. 35.71% gegenüber der gleichen Periode des Vorjahres zugenommen. Die Ausfuhr dagegen ift ziemlich ftationär geblieben. Die Lage der Gefammtinduftrie läfst fich demnach dahin zufammenfaffen, dafs der innere Markt für Garne und Gewebe in rafcher Entwicklung begriffen ift, das Ausland jedoch in ftärkeren Verhältniffen an demfelben participirt als das Inland, unbefchadet deffen, dafs letzteres in einzelnen Zweigen Vorzügliches leiftet. Die öfterreichifche Baumwoll- Induftrie zerfällt geographifch in drei Hauptgruppen: Böhmen, Niederöfterreich und Oberöfterreich, endlich Vorarlberg. Böhmen zählt die meiſten Spindeln und überwiegt bedeutend in Weberei und Druckerei; in Niederöfterreich liegt der Schwerpunkt in den zahlreichen Spinnereien, während Vorarlberg in Färberei und neueftens in Buntweberei nach Schweizer Art feine Specialität beſitzt. Das in Oefterreich geltende Gewichts- Zollfyftem war die nächfte Urfache, dafs unfere Induftriellen bei der Erfpinnung von feinen Nummern nur in Ausnahmsfällen Convenienz finden. Die öfterreichifchen Hauptnummern find 4-12, 14-26, 28-32, 34-42, 48-62, Niederöfterreich ſpinnt 4-42, Vorarlberg und Tirol 14-42, während Böhmen fämmtliche Qualitäten von 4-62 producirt. Niederöfterreich ſpinnt befonders defshalb feine niedrigen Nummern, weil es die Handweberei von Ungarn und Siebenbürgen, die noch immer im Winter vom Landvolk als Nebenbefchäftigung betrieben wird, fowie die Barchentweberei von Profsnitz und Zwittau mit Garnen verforgt; Böhmen und Vorarlberger haben durchfchnittlich etwas feinere Nummern. Diefe Richtung der öfterreichifchen Spinnerei auf gröbere Nummern hat zur Folge, dafs vorzugsweife oftindifche Baumwolle zur Verwendung gelangt. In Durchfchnittsjahren find/ oder 60% des in Oefterreich verarbeiteten Rohftoffes aus Oftindien bezogen. Daneben ift Levantiner Baumwolle eine Lieblingsforte vornehmlich Niederöfterreichs und wird am Anfange der Saifon, wo die Qualitäten noch fehr fchön find, wenn Preife nicht zu hoch, der oftindifchen vorgezogen, fodann für Garne bis zu Nr. 20 als Beimifchung überhaupt verwendet. Obwohl bei gewiffen Preisconjuncturen die nördlicher liegenden Spinnereibezirke noch immer oftindifche Baumwolle über Liverpool beziehen, fo kommt doch bereits das Gros über Trieft. Die Fracht von Bombay nach Trieft per Suezcanal tritt langfam, aber ftetig in ein richtigeres Verhältnifs, d. h. wird etwas billiger als die Fracht von Bombay nach Liverpool; nach Circular vom Baumwolle und Baumwoll- Waaren. 17 24. Juli 1873 beträgt diefelbe per Tonne von 40 Cubikfufs für Bombay- Trieft 2 Pfund Sterling 10 Shilling, für Bombay- Liverpool 2 Pfund 15 Shilling. Diefe kleine Differenz zu Gunften von Trieft wird noch etwas verftärkt durch die Avance, welche die Fracht von Trieft zur Spinnerei vor der Fracht Liverpool- Spinnerei voraus hat. Für Niederöfterreich mag jetzt der Bezug über Trieft einen Vortheil von 1-2 Gulden per Centner gewähren. Der nähere Weg und rafchere Bezug, die directe Fühlung mit der Bezugsquelle, fowie die vermehrte Concurrenz des Anbotes werden allmälig weitere günftige Folgen mit fich bringen. Sieht man von den mäfsigen Vortheilen ab, welche der durch den Suezcanal bewirkte Umfchwung im Handel mit Oftindien hervorrief, fo läfst fich nicht behaupten, dafs die Productionsbedingungen für die öfterreichifche BaumwollSpinnerei feit 1867 günftiger geworden wären. Faft überall find die Wafferkräfte fchwächer, die Kohlen nicht billiger geworden, während die Löhne allenthalben geftiegen find. Auch bleiben unfere Spinner hinfichtlich der Anfchaffung der Mafchinen noch durchaus auf das Ausland angewiefen. Die niederöfterreichifchen Spinnereien, deren Errichtung bis in die erften Jahre diefes Jahrhunderts zurückgeht, liegen dicht gruppirt an den Wafferadern, welche, füdöftlich von Wien aus den Alpen hervorbrechend, unterhalb Wiens zur Donau hinabeilen. Die als Hilfsmotoren aufgeftellten Dampfmaschinen werden mit einer in der Nähe des„ Steinfeld" gewonnenen geringwerthigen Braunkohle geheizt, zu deren Verbrennung die Röfte eigens eingerichtet find; die befferen Kohlen werden aus Mähren und Schlefien bezogen. Grofse Schwierigkeiten macht den niederöfterreichifchen Spinnern die Arbeiterfrage, da die Arbeiter von weit herbeigezogen und durch Einrichtungen an die Etabliffements gefeffelt werden müffen, die, wenn auch in humanitärem Sinne günftig und auch auf die Dauer vortheilhaft, doch zunächft die Spefen der Production bedeutend vermehren. Ueberdiefs erhöhen fich die Löhne fortwährend, und find unter dem concurrirenden Einfluffe des Wiener Arbeitsmarktes in den letzten zwei Jahren durchweg um 20-30% geftiegen. Böhmen und Vorarlberg befinden fich hinfichtlich der Zahl und Auswahl der Arbeitskräfte in etwas befferer Lage. Obwohl es ein fchöner Erfolg ift, auf älteren Mafchinen gutes Garn zu erzeugen, fo liegt doch ein grofser Vortheil für einen Spinnereibezirk darin, wenn er recht zahlreiche Fabriken neuefter Conftruction in feiner Mitte zählt. Diefes Vorzuges erfreut fich insbefondere Böhmen, doch find auch in Niederöfterreich in den letzten Jahren einige Etabliffements mit ganz neuen Mafchinen ausgerüftet worden. Die allmälige Erfetzung der Spinnmafchinen älterer Conftruction durch neue Selfactors, die ftärkere Erzeugung von Bobbinetgarnen, die lebhaftere Entwicklung der mechanifchen Weberei das find bekannte Zielpunkte, die bei Eintreten halbwegs günftiger Conjuncturen in Verbindung mit dem Umfchwunge des Baumwoll- Handels der öfterreichifchen Baumwoll- Spinnerei wieder die frühere Bedeutung zurückgewinnen würden. - Die Deckung des Bedarfes an ausländifchen Garnen, wobei Cops ficher die gröfsere Hälfte bilden, wird von Deutfchland, England und der Schweiz beftritten. An der Einfuhr von feinen Garnen hat die Schweiz mit 10% und England mit 90% Antheil. Als eine neue feit 1867 eingetretene Errungenfchaft ift ichliefslich zu verzeichnen, dafs eine Wiener Firma( Fabricationsplatz Hardt in Oberösterreich) recht gute Nähgarne, die befonders bei Nähmaschinen Verwendung finden, zur Ausstellung brachte. Gut entwickelt ift in Oefterreich die Rothgarn- Färberei. Böhmen, Mähren, Vorarlberg, Krain und das Küftenland zählen nicht wenige Fabriken für diefen Induftriezweig, der wegen feines grofsen Abfatzes, befonders nach dem Oriente, viel Beachtung verdient. Ueber die Zahl der öfterreichifchen Spinnereien nach HandelskammerBezirken im Jahre 1871, über die Spindelzahl, den Percentantheil der einzelnen 2 18 Dr. Alexander Peez. Gruppen an der gefammten Spindelzahl des Reiches, ferner über die Motoren und den verbrauchten Rohftoff, liegen folgende Daten vor:*) Motoren HandelskammerBezirk Wien Linz Prag Reichenberg Eger Budweis Zahl der Etabliffements Verbrauch Spindeln Dampfmafchinen Turbinen Wafferräder Arbeiter Pferdean roher Baumwolle kräfte 31 H7 7 Zahl pCt. 430.204 28.9 81.872 54 Zahl pCt. Zahl pCt. Zollctr. pCt. pCt. 30 он 27 I II 7H 27 3.586 23'8 6.868 29'6 352.699 305 3 796 53 44 7 77-776 5'1 8 00 2 677 45 62 15 12 492.650 322 112.973 21.880 47 74 I'4 41 784 34 42 18 IO I 2 202 5.376 356 7.657 33'0 992 66 1.887 140 O'g 443 1.030 1.265 5'4 81 72.714 6'3 347-727 300 97.134 84 13.486 I'2 53.303 46 I 9 Zufammen für Böhmen. 86 705.279 461 74 36 56 7.185 47'6 11.252 484 531.061 45'9 Graz 3 30 25.928 17 +2 4 2 I 260 160 I 7 410 I's ΓΟ 35° I'5 29.019 2'5 10.040 O'9 Laibach I 10.400 07 . Innsbruck. 69 6 71.626 10.000 40 47 07 Bozen Zufammen f. Tirol 81.626 7 54 . . . 19 6 5 810 5'3 878 3's 44.132 3'8 I 120 0'8 170 07 7.448 0'6 . 7 5 93° 61 1.048 4's 51.580 44 Feldkirch 18 Görz 8 2 171.818 112 19.428 57 5 I5 13 I 14 7 4 1.852 12 1.858 80 33° 2'2 410 I'S 103.547 26.463 8.9 2'3 1,157.712 100 Im Ganzen. 155 1,526.555 100 117 102 99 15.099 100 23.226 100 Befondere Beachtung fand auf der Wiener Ausftellung die Collectivausftellung der niederösterreichifchen Baumwoll- Spinner, von welcher fich nur wenige Induftrielle ferngehalten hatten. Ueberfichtlichkeit, gefchmackvolles Arrangement und ftrenge Fefthaltung des Grundfatzes,„ nur die wirklich und regelmäfsig producirte Waare auszuftellen", zeichneten diefe Ausftellung aus, welche überdiefs durch Karten, Proben des Rohftoffes und des Productes in den verfchiedenen Stadien feiner Verarbeitung etc. wirkfam unterſtützt ward. Eine Specialität bilden noch die Strickgarne von Pottendorf in Niederöfterreich. Letzteres Etabliffement hatte Garne( auf Hübner'fchen Maſchinen gekämmt) bis Nr. 60 ausgeftellt. Ganahl in Feldkirch( Vorarlberg) brachte Garne bis Nr. 40, aus oftindifcher Baumwolle erfponnen; ferner Grüllmayer ( Oberösterreich) Garne bis Nr. 100, Tannwald( Böhmen) Garne bis Nr. 100 und Johann Liebieg& Comp.( Böhmen) Zwirne von Nr. 120 zur Ausftellung. Die zahlreichen Gebirge Oefterreichs, fowohl die Alpen und Karpathen, wie namentlich das Erzgebirge, Riefengebirge und die Sudeten, find der Sitz von Weberbevölkerungen, welche, urfprünglich mit Leinenweberei befchäftigt, dann meift zur Baumwoll- Weberei übergingen und jetzt theilweife in gefchloffenen Fabriken mit Mafchinenkraft arbeiten, theilweife aber auch noch immer bei der Handweberei verblieben find, die fie neben kleinem Feldbau betreiben. Seit dem Jahre 1867 hat fich die Lage diefer Weberbevölkerungen nicht unbeträchtlich gebeffert. Die ftarke Nachfrage nach Arbeit, eine Folge des regen Unternehmungsgeiftes, gewährte mindeſtens den phyfifch kräftigen Arbeitern eine lohnendere Befchäftigung aufserhalb ihrer engen Heimat, wodurch das entfetzliche Herunterbieten verhütet wurde, das bei unbeweglichen, auf einen einzigen *) Nach Mittheilungen der Induftriellen, zufammengeftellt von Director J. Pechar und Dr. A. Pe e z. Baumwolle und Baumwoll- Waaren. 19 Erwerbszweig angewiefenen Bevölkerungsgruppen zu fo traurigen Folgen geführt hat. Gründlicher und dauernder noch ift die Abhilfe, wenn die Eifenbahnen, wie es in den letzten Jahren in Oefterreich vielfach gefchah, zahlreicher an die Gebirge herantreten, fie durchfchneiden und durch den Handel und die Gewerbe, die fich an ihnen anfiedeln, die Arbeitsgelegenheit in kurzer Zeit verdoppeln und verdreifachen. Jetzt war die Errichtung von Etabliffements ermöglicht, welche ja gerade die Gegenden mit billigem Taglohn auffuchen, und die Arbeit erhielt theils in Fabriken ihre natürliche Organiſation, theils wurde fie, wenn vereinzelt als Hausinduftrie verbleibend, weit zugänglicher, und es konnte an ihre Veredlung gedacht werden. Dadurch ward auch bei uns jene fo fehr wünfchenswerthe Arbeitstheilung angebahnt, vermöge deren die Production der einfachen, glatten Stoffe den mit Mafchinenkraft ausgerüfteten Etabliffements anheimfällt, während die façonnirten Stoffe für die Hausinduftrie und Handarbeit verbleiben, welche Letztere durch praktiſch eingerichtete Fachſchulen einer höheren Leiftung fähig wird. Dafs feit dem Jahre 1867 der Fachunterricht in unferer Branche eine wefentliche Vermehrung erfuhr, das gehört zu den erfreulichften Fortfchritten, die in der öfterreichifchen Baumwoll- Induftrie zu verzeichnen find. Es wurde nämlich nicht blofs in den aus einer älteren Zeit herrührenden Webfchulen für Schafwolle auch der Baumwoll- Weberei eine gröfsere Beachtung gefchenkt, fondern es find auch, dank der einfichtsvollen Förderung des Handelsminifteriums und unter rühmlicher Mitwirkung der Induftriellen, in Rumburg- Warnsdorf, in Rochlitz, Aufsig, Afch bei Eger, in Zwittau und Landskron Lehr- Werkstätten errichtet worden, welche in erfter Reihe der Baumwoll- Induftrie zu dienen berufen find. Eifenbahnen und Lehr- Werkftätten werden in den Weberbezirken der öfterreichifchen Gebirge, diefen Sitzen eines gewiffermafsen hiftorifchen Elends, der Noth ein Ende machen, indem fie einerfeits die Grofsinduftrie beflügeln und anderfeits für die Hausinduftrie wieder lohnende, vor den Hochfluthen der Mafchineninduftrie gefchützte Zufluchtsftätten eröffnen. Diefe ganze Entwicklung ift aber erft in der Entstehung begriffen; von ftaatlicher Seite fpät nach ihrer Bedeutung erkannt,*) und erft vom Handelsminifter Dr. Banhans kräftig gefördert, bedarf fie noch fortwährend der forgfamften Pflege, wird aber dann zur Erhebung unferer Baumwoll- Induftrie auf eine höhere Stufe von gröfstem, heilfamftem Einfluffe fein. Während in folcher Weife die Handweberei ihrer Veredlung entgegengeht, ift anderfeits die Mafchinenweberei in Oefterreich feit 1867 nicht unbedeutend vorangefchritten. Die Zahl der Kraftftühle wird mit ungefähr 17.500 zu beziffern fein, wovon auf Böhmen circa 10.000 die Gegend von Rochlitz allein zählt auf Nieder- Oefterreich 3500 und auf Vorarlberg- Tirol 4000 deren 3000 fallen mögen. - Die Erzeugniffe der öfterreichifchen Mafchinenweberei find theilweife vortrefflich. In der Appretur find grofse Fortfchritte gemacht worden. Die bunten und geftreiften Futtercattune, mit denen die Firmen S. Barlow in Manchefter zuerft auf der Parifer Ausftellung von 1867 erfchien, werden jetzt auch bei uns ( z. B. in Trumau- Marienthal) in guter Qualität producirt. Befonders erfreulich ift auch die Zunahme der mechanifchen Buntweberei, deren Erzeugniffe fowohl in Trumau- Marienthal( Nieder- Oefterreich), als auch in Bludenz ( Vorarlberg), letztere nach Schweizer Art für den Orient gefertigt, auf der Weltausftellung von 1873 als öfterreichifche Novitäten erfcheinen. Afch und Auffig in Böhmen find der Sitz einer Handweberei, welche aus Baumwoll, Schaffwoll- und Seidengarnen Frauenkleider erzeugt, die theilweife dem Exporte übergeben werden. *) Die erften eingehenden Vorfchläge über Errichtung eines Syftems von fachlichen Lehr- Werkstätten in Oefterreich f. im ,, Jahrbuch" des Vereines der Induftriellen, Jahrgang 1866, Seite 201. 2* 20 Dr. Alexander Peez. Die Weifswaaren, Tarlatana, Piquets der Wiener Vorftadtinduftrie bilden einen Artikel, der fich nicht ohne Erfolg an die im Auffchwung begriffenen Confectionsarbeiten der Hauptftadt anfchmiegt. Was die billigen Hofen- und Rockftoffe( Moleskins u. f. w.) betrifft, die in Warnsdorf in Böhmen producirt werden, fo ift diefer Induſtriezweig feit 1867 namentlich infofern fortgefchritten, als er ftärker zum Mafchinenbetrieb überging, doch kommt er an Ausdehnung den concurrirenden Induſtriegruppen zu Gladbach ( Rheinlande), Gent und Flers( Frankreich) nicht gleich. Grofses und verdientes Auffehen erweckten die Baumwoll- Sammte von Niedergrund( Böhmen), welche von der Jury den berühmten Sammten von Linden( Hannover) und Manchefter an die Seite geftellt wurden. Die anderen Länder. Die Baumwoll- Induftrie Deutfchlands, wie faft alle Induftriezweige diefes Landes von der viel älteren und ftärkeren Production Grofsbritanniens bei geringen Zöllen gedrückt und überdiefs unter der früheren ftaatlichen Zerfplitterung und der politifchen Unficherheit leidend, hat fich nur fehr mühfam emporgefchwungen; da fie aber mit Fleifs und Zähigkeit voranging und keinen Schritt zu Neuem machte, bevor nicht alle bereits zurückgelegten Staffeln völlig befeftigt waren, fo hat fie eine namhafte innere Kraft angefammelt, und es wird nur noch einer befferen Organiſation der durch den früheren Particularismus bunt zufammengewürfelten und zerfplitterten Kräfte bedürfen, um in Verbindung mit den reichen und vielfeitigen Refourcen, welche das neugewonnene Elfafs gerade in diefem Fache bietet, der deutfchen Baumwoll- Induftrie bald eine wefentlich verftärkte Stellung auf dem Weltmarkte zu gewinnen. Die deutfche Baumwoll- Spinnerei mit den Hauptfitzen in Ober- Deutfchland, Sachfen, dem Niederrhein und Hannover zählt gegenwärtig 5'1 Million Spindeln, wovon 2.1 Million fich in Elfafs befinden. Der Baumwoll- Verkauf betrug im Jahre 1871: 2,336.518 Centner. Die allmälige Entwicklung der deutfchen Spinnerei wird fich aus einer Vergleichung der Antheile ergeben, welche einerfeits das Inland und anderfeits das Ausland an der Verforgung des einheimifchen Garnmarktes genommen haben. Eigene Garne Roh- Baumwolle Fremde Garne - 20% Jahre Production, Centner Einfuhr, Centner Percent 1836-1840 148.617 357-743 707 1841-1845 220.764 456.936 67.4 1846-1850 262.943 477-498 64'5 1851-1856 440.689 497-747 53 o 1857-1860 775.483 518.573 40'1 1861-1866 780.521 241.178 23'6 1867-1870 1,122.010 285.614 20'3 1871 1,869.215 405.542 17's In dem Sinken des Percentantheils der fremden Garne von 70.7% in den Jahren 1836 bis 40 auf 17.8%, im Jahre 1871 fpricht fich die ftetige innere Kräftigung der deutfchen Baumwoll- Spinnerei deutlich aus. Uebrigens werden gerade die höheren und werthvolleren Nummern noch immer aus England und der Schweiz bezogen. Die Ausfuhr von Garnen bezifferte fich im Jahre 1871 nur auf 51.312 Cent Baumwolle und Baumwoll- Waaren. 21 ner und richtete fich hauptfächlich nach Oefterreich. Die Ausfuhr von Baumwollwaaren betrug im Jahre 1871: 194.801 Centner. Auf den Weltmarkt kommen in erfter Reihe die fächfifchen Strumpfwirker- Waaren und Strickgarne, die Rothgarne von Elberfeld, die Bänder, Borden und Litzen von Barmen, die billigen Hofenftoffe von Gladbach und in neuefter Zeit die Baumwoll- Sammte von Ettlingen( Baden) und Linden( Hannover), die gefammte Production des letzteren Etabliffements wird nach England verkauft. In den deutfchen Webereien find gegenwärtig 101.000 Kraftftühle thätig, wovon mehr als die Hälfte in Elfafs. Daneben arbeitet noch eine fehr bedeutende Handweberei. Auf der Ausftellung waren insbefondere die Spinnereien und Webereien von Augsburg, die fich auf Wafferadern von 5000-6000 Pferdekräften ftützen, durch eine Collectivausftellung vertreten. Bemerkenswerth ift, dafs in neuefter Zeit auch München, das fich lange gegen die Grofsinduftrie ablehnend verhielt, die grofsen Wafferkräfte der Ifar für Baumwoll- Induftrie dienftbar macht. Immerhin raufchen in Ober- Deutfchland( wie in Oefterreich) noch Hunderttaufende von Pferdekräften unverwendet von den Alpen herab. Seit dem Jahre 1867 hat fich die Fabrication von Nähfaden und Zwirnen für Nähmaschinen namentlich vermehrt, wie die Expofitionen der„, Sächfifchen Nähfaden- Fabrik", der Dresdner Nähmafchinen- Zwirnfabrik" und der„ Zwirnerei- und Nähfaden Fabrik" Göggingen in Baiern fämmtlich grofse Actiengeſellſchaften bewiefen haben. Ein intereffanter Artikel auf der Ausftellung waren ferner die für den Orient beftimmten Denircotons von Ebersbach in Sachfen und Langenbielau in Schlefien, die fich zu einem wichtigen Handelsobject entwickeln könnten. Ebenfo verdient hervorgehoben zu werden, dafs die mechanifche Buntweberei( Production von Drills und Bettzeug etc.) neuerdings von dem Augsburger Hause L. A. Riedinger im grofsen Mafsftabe( mit 572 Kraftftühlen) aufgenommen wurde. Endlich kommen wir noch zu dem Elfafs, diefem mächtigften BaumwollBezirke des Continents. Obwohl auf der Ausftellung nur unvollständig vertreten, bedurfte es nur der wenigen Proben, welche die Firmen A. Herzog& Comp. in Bogelbach, Schlumberger Sohn& Comp, in Mühlhaufen, Hartmann& Sohn in Münfter, H. Frey- Wiez& Comp. in Gebweiler einfandten, um fowohl die fchönen Garne und Zwirne, die unvergleichlichen Gewebe, fowie die Druckwaaren des Elfafs zu würdigen. Auf Letztere kommt diefer Bericht noch befonders zurück. Die Baumwoll- Induftrie der Schweiz bildet ein wohl durchdachtes Ganze, das fich von der Spinnerei durch Weberei, Zwirnerei, Appretur und Färberei bis zur bedruckten Waare und Stickerei aufbaut. Die Spindelzahl hat fich von 16 Million im Jahre 1865 auf 2 059 Millionen im Jahre 1873 vermehrt. Aus 57.500.000 Zollpfund meift amerikaniſcher und egyptifcher Baumwolle, in deren Zufuhr Trieft, Venedig und Marfeille wetteifern, erzeugt die Schweiz 52,500.000 Pfund Garn meift feiner Qualität. Die Durchfchnittsnummer ift 45. Ein Theil der Garne wird nach Deutſchland, Oefterreich, Frankreich und Italien ausgeführt. Auf der Ausftellung glänzte als Spinnerkönig H. Kunz in Zürich mit 200.000 Spindeln, welcher Garne bis Nummer 500 zur Vorlage brachte; neben ihm J. J. Rieter& Comp, in Winterthur. Die Finalproducte der Schweizer Baumwoll- Induftrie gipfeln in drei Gruppen; es find diefs I. die Rothwaaren- Production von St. Gallen und Glarus; 2. die Buntweberei orientalifcher Artikel( Ginghams u. f. w.) mit dem Sitze in St. Gallen und dem in Thurgau, wovon Mathias Näf aus Niederuzwyl ein befonders fchönes Sortiment zur Ausftellung brachte; 22 Dr. Alexander Peez. 3. die Stickwaaren von St. Gallen und Appenzell, welche theils mit der Hand von Stickerinen Appenzells, des Rheinthals, des Bregenzer Waldes und Schwabens gearbeitet, theils auf mehr wie 4000 Mafchinenftühlen vermittelft Blattftich- Stickerei in St. Gallen, Appenzell und dem Thurgau fabricirt werden. Hierzu kam noch ein neuer Zweig, nämlich die mechanifche Crochetftickerei oder Kettenftich- Stickerei, bei welcher kleinere Maſchinen mit einer Nadel und gröfsere mit 12 bis 44 Nadeln in Anwendung kommen. Diefe Baumwoll- Induftrie hat für die öftliche Schweiz ungefähr diefelbe Bedeutung wie die Uhrenfabrication für die weftliche Schweiz; viele Millionen von Gulden werden jährlich durch Export diefer Waaren der Schweiz zugeführt, und es hat dies kleine Land, dank feiner völligen Hingabe an die Intereffen der Arbeit, in nicht wenigen Zweigen der Baumwoll- Induftrie jede Concurrenz überwunden. Obwohl die Baumwoll- Induftrie Frankreichs mit dem Elfafs gleichfam die rechte Hand verloren hat, fo bildet diefelbe noch immer mit ihren circa 5 Millionen Spindeln, circa 50.000 Kraftftühlen und zahlreichen, gefchickt betrie, benen Handftühlen eine fehr achtungswerthe Macht, die ihren wichtigſten Verbündeten in der Herrfchaft der franzöfifchen Mode findet. Die hervorragendften Erfcheinungen, mit welchen Frankreich die Wiener Ausstellung betrat, waren die prächtigen Mouffeline und Vorhängftoffe von Tarare; meift trefflich gezeichnet und ausgeführt, werden fie in neuefter Zeit auf mechanifchen Stühlen fabricirt, und man glaubt, dafs dadurch den Schweizer Stickereien eine fehr gefährliche Concurrenz bereitet werde. Aufser diefen berühmten Artikeln erregten die Gewebe von Ledoux- Bédu in St. Quentin ebenfoviel Auffehen als Bewunderung, fowohl hinfichtlich ihrer fchönen, die Rohfeide imitirenden Farbe, als ihrer trefflichen Ausführung, fowie des Umftandes halber, dafs diefe auf Kraftftühlen erzeugten Gewebe theilweife gleich in Falten gelegt erfcheinen( wahrfcheinlich durch eingefchobene Rundftäbe wie bei der Sammt- und Teppichweberei, nur dafs hier die Falten aufgefchnitten, dort aber glatt gebügelt werden). Durch diefe Erfindung greift der mechanifche Stuhl, indem er Hemdeneinfätze und gefaltete Röcke erzeugt, in das Gebiet der Confection hinüber. Die Baumwoll- Induftrie Englands mit 39'5 Millionen Spindeln und 400.000 mechanifchen Stühlen bildet die riefigfte induftrielle Kraft, die überhaupt in der Welt exiftirt. England verarbeitete im Jahre 1872: 1.175,345.000 Pfund Baumwolle und erfpann daraus 1.040,380.000 Pfund Garn, wovon 211,940.000 Pfund als Garn und 698,840.000 Pfund als Gewebe exportirt und 129,600.000 Pfund im Inland verbraucht wurden. Der Werth des ausgeführten Garnes betrug 167 Millionen Gulden, der exportirten Gewebe 699 Millionen Gulden und der im Inland verbrauchten Baumwoll- Producte 156 Millionen Gulden. Der Werth der Gefammtproduction wird auf 1022 Millionen Gulden angefchlagen; zieht man davon den Preis des Rohftoffes mit 480 Millionen Gulden ab, fo bleiben 542 Millionen Gulden übrig, welche England in Form von Löhnen, Capitalzins und Unternehmergewinn durch die Baumwoll- Induftrie in einem einzigen Jahre verdient hat. Gleichwohl zeigen fich zwei Wölkchen am Horizont, die der englifchen Baumwoll- Induftrie mit der Zeit gefährlich werden könnten: die feit dem Jahre 1871 eingetretene Kohlentheuerung, welche die mechanifche Kraft in England theuerer macht, und ferner die zunehmenden Anfprüche der Arbeiter, welche im Jahre 1872 fich weigerten, die kurzftapelige Surat- Baumwolle zu verfpinnen. Zur Wiener Ausftellung fandte England nur folche Baumwoll- Producte, die in Oefterreich und den Nachbarländern einen befonders günftigen Markt finden, alfo namentlich feine Garne( Droffelgarn bis Nummer 120), Stickgarne und Nähzwirne und ausgezeichnete Gewebe, die letzteren befonders hervorragend aus der riefigen Fabrik von Horrockses Miller& Comp. in Prefton, die mit 200.000 Spindeln und 3644 Webftühlen arbeitet. Baumwolle und Baumwoll- Waaren. 23 Sehr zu bedauern bleibt es, dafs die Vereinigten Staaten faft gar nicht die Ausftellung befchickten. Die wenigen, allerdings theilweife fehr guten Proben, z. B. von James Y. Smith in Providence( Rhode- Island) und der Langdon manufacturing company, gaben kaum einen Begriff von der grofsen Baumwoll- Induftrie der Vereinigten Staaten, welche in den letzten Jahren, auf den nahen Bezug des trefflichften Rohmateriales geftützt, fchnellere Fortfchritte gemacht zu haben fcheinen, als ihre Concurrenten im alten Europa. Die Spindelzahl wird auf 8:35 Millionen, die Zahl der Webftühle auf 160.000 beziffert. Die Zahl der Fabriken war 956, und es wurden von ihnen im Jahre 1870: 40 Millionen Dollars an Löhnen ausgezahlt. Bemerkenswerth ift, dafs kleinere Partien amerikanifcher Baumwoll- Fabricate nach Canada, Brafilien, Mexico, Hayti und China ausgeführt wurden, zufammen für 2'3 Millionen Dollars. Gleich den Vereinigten Staaten durch hohe Schutzzölle gedeckt und auf einen grofsen inneren Verbrauch geftützt, hat auch in Rufsland feit 1867 die Baumwoll- Induftrie ziemlich bedeutend zugenommen. Techniſch am weiteften vorgefchritten find die grofsen Spinnereien bei St. Petersburg darunter die ausgedehnteften Etabliffements der Welt, z. B. Krenholm bei Reval mit 500.000 Spindeln und 4500 Webftühlen. Auf Wafferkraft und englifche Kohle geftellt, verfpinnen fie meift amerikaniſche Baumwolle und erreichen vermöge des Zollfyftems höhere Nummern als Oefterreich oder Deutfchland. Mit mehreren diefer Spinnereien find auch mechanifche Webereien verbunden. Kraftftühle find in Rufsland circa 15.000 im Gange. Im Innern des Landes ift noch eine enorme Anzahl von Handwebern thätig, welche, im Sommer Bauern, die fechsmonatliche Winterszeit hinter dem Webftuhle verwerthen. Hervorragend ift die Production von Rothwaaren um Moskau. Rufsland bezieht Baumwolle aus Kaukafien und Buchara und wird ohne Zweifel verfuchen, diefer Production auch in Chiwa und den anderen Ländern Mittelafiens einen ftärkeren Antrieb zu geben. Bevor noch die Heere zufammenftofsen, bekämpfen fich dafelbft die ruffifchen und englifchen Baumwoll- Fabricate. Von den übrigen Ländern ift noch die Baumwoll- Induftrie von Belgien zu nennen, welche durch die Collectivausftellung der Handelskammer von Gent vertreten war und in billigen Piqués, Decken, Hofenftoffen etc. ihre Stärke hat. Italien zeigte manchen erfreulichen Fortfchritt. Es brachte Garne, aus Caftellamare- Baumwolle gefponnen, und befitzt in den Fabriken der Gebrüder Poma in Biella und Cantoni in Mailand ganz bedeutende Etabliffements, die mit Schweizer Mafchinen ausgerüftet und von Schweizer Gegenmeiſtern geleitet find, und von denen erfteres in Buntweberei mit den Schweizern bereits im Export nach dem Orient wetteifert. Aus Griechenland waren gut gearbeitete Hartwatergarne für die Walachei ausgeftellt, und auch die Türkei hatte einige Garnproben aus kleinafiatifchen Baumwollen eingefendet. Bedeutender find die Spinnereien in Oftindien, die etwa 400.000 Spindeln befitzen. Sie find jedoch, weil vor der Zeit der Eifenbahnen errichtet, wegen Nähe des Rohftoffes in die niedere Zone gelegt worden, von deren Feuchte die Mafchinen leiden. Auch find die Kohle und das englifche Auffichtsperfonal fehr theuer, fo dafs kein rechter Fortgang in der Entwicklung diefer Spinnereien ftattfindet. Ernfter würde die afiatifche Concurrenz, wenn die Chinefen als Arbeiter ihre Gewerbe mit europäiſchen Mafchinen bewaffnen würden, doch fcheint diefer Zeitpunkt noch nicht nahegerückt. Baumwoll- Druck. Während Spinnerei und Weberei einen gewaltigen Handel und ein mächtiges und höchft finnreiches Mafchinenwefen in Bewegung fetzen, beanfprucht das Bedrucken der Baumwoll- Stoffe noch aufserdem umfaffende Leiftungen der Chemie und des Kunftgefchmackes, und zwar erfteres wegen der Auswahl und Bereitung der Farben und der meift complicirten Methoden des Auftragens derfelben, letzteres 24 Dr. Alexander Peez. aber wegen der Mufter, die theils beftehenden Nationaltrachten entſprechen, theils den Strömungen der Mode folgen müffen oder auf felbftftändigen Wegen die Veredlung der Mode zu einer ftilgerechten Kunftinduftrie verfuchen. Indem in folcher Weife der Baumwoll- Druck gleichfam als die Krone und Spitze einer faft alle Seiten der Gefammtindustrie umfaffenden Pyramide erfcheint, tritt die Wichtigkeit diefes Induſtriezweiges in die richtige Beleuchtung. Die bedeutfamfte, feit 1867 auf dem Gebiete der Baumwoll- Induftrie eingetretene Neuerung betrifft die Baumwoll- Druckerei; es ift dies der Erfatz der für die Rothfärberei und Rothdruckerei fonft fo wichtigen Krappfarben durch das Alizarin. Seitdem es im Jahre 1868 den deutfchen Chemikern Gräbe und Liebermann gelang, den unter dem Namen" Alizarin" bekannten Farbftoff der Krappwurzeln aus dem Anthracen, einem der im Steinkohlen- Theer vorkommenden Kohlen- Wafferftoffe, zu erzeugen, nahm die Production des fogenannten künftlichen Alizarin einen rapiden Auffchwung, und es find feit 1870, wo die Einführung bereits als gefichert angefehen ward, allein im deutfchen Reiche 10 bis 12 meift fehr bedeutende Alizarinfabriken entftanden( wovon 4 in Elberfeld, zur Verforgung der dortigen Rothgarn Färbereien). Die Folge wird fein, dafs, da das Alizarin fämmtliche Krapp- Präparate zu erfetzen vermag, der Anbau des Krapps an Werth abnimmt, der Farbftoff felbft aber auf dem neuen Wege zum Vortheile der Gefammtinduftrie beffer und billiger hergeftellt wird, als vorher. Die auf der Wiener Weltausftellung von 1873 vorgeführten Rothgarne und Rougewaaren waren zum gröfseren Theile fchon mit künftlichem Alizarin gefärbt. Nur die ruffifchen ( Moskauer) Färbereien, die in dem berühmten Wolgakrapp( Marena), deffen Wurzeln fieben Jahre lang in der Erde bleiben, das vorzüglichfte Farbmaterial befitzen, hatten noch durchweg am alten Material feftgehalten. Die Baumwoll- Druckinduftrie, welche in gewiffem Sinn als eine locale Färberei aufzufaffen ift, arbeitet für zwei ganz verfchiedene Bevölkerungsclaffen, nämlich einerfeits für die Nationaltrachten des europäifchen Landvolkes und des Orients( welcher den Unterfchied zwifchen ftädtifcher und ländlicher Tracht nicht kennt), und anderfeits für den Modebedarf der fogenannten gebildeten Welt, fei es an Kleidung, fei es an Vorhäng- und Möbelftoffen. Beide Productionsrichtungen verlangen eine gefonderte Betrachtung. I. Die für Nationaltrachten arbeitenden Druckfabriken haben meift unabänderliche oder nur langfam fich ändernde Mufter auszuführen. Der Kunftgefchmack hat hier keinen Spielraum; folide Ausführung und befonders Echtheit und Dauerhaftigkeit der Farben ift Alles; und da beftimmte Nationaltrachten doch nur in einem begränzten Gebiete herrfchen, fo ift die Herftellung der Stoffe in der Regel für die ausländifche Maffeninduftrie nicht lohnend genug, fondern bildet, mindeſtens in Europa, die Domäne der einheimifchen Druckfabriken. Eine befondere Stellung unter den bedruckten und gefärbten Artikeln diefer Art nehmen die bereits früher erwähnten Rothgarne und Rougewaaren ein, welche in Europa wie in den Colonien und befonders in dem Orient wegen ihrer Farbe und der Dauerhaftigkeit derfelben eine erfte Rolle spielen und daher im Exporte von grofser Bedeutung find. Während auf der Weltausftellung in Rothgarnen Elberfeld( Dunkelnberg; mit künftlichem Alizarin färbend) das fchönfte Roth gebracht hatte, wetteiferten in Rougewaaren die Druckereien von Moskau( Morosoff, Hübner) und Glarus; beide Gruppen exportiren nach dem Orient. Vorzügliche Waare in Farbe und Ausführung hatte auch die Firma Steiner gebracht, ein aus dem Elfafs ftammendes Haus, welches, nach England ausgewandert, mit einem Capitale von 6 bis 8 Millionen Pfund Sterling arbeitet; diefe Firma hatte fich felbft vor der Jury als„ aufser Mitbewerbung" erklärt. Die Rougewaaren- Fabrication der Schweiz hat fich auch nach Vorarlberg und Süd- Deutfchland verbreitet, und namentlich im erften induftriellen Ländchen eine fehr thätige Vertretung gefunden( C. Ganahl in Feldkirch u. A.), während gute, für locale Volkstrachten Baumwolle und Baumwoll- Waaren. 25 beftimmte Indigoblau- Artikel von Buda- Peft( Goldberger und Ofner Blaufärberei und Cattundruckerei), ferner aus Vorarlberg( S. Schindler) und Wien( Szongott) zur Ausftellung gebracht waren. Eine rühmliche Erwähnung verdienen die von verfchiedenen Ländern exponirten Nationaltypen und Nationaltrachten. Sie find keineswegs, wie von mancher Seite gefchehen ift, als eine Spielerei zu betrachten, fondern neben dem ethnographifchen Intereffe haben fie auch noch eine namhafte volkswirthschaftliche Bedeutung, weil hinter ihnen grofse Maffen von Confumenten von Stoffen und anderen Fabricaten ftehen, wefshalb das dauernde Studium diefer Figuren den Induftriellen fehr angelegentlich zu empfehlen ift. 2. Neben der Verforgung des Localbedarfs arbeitet die DruckwaarenFabrication für den ftets gröfser werdenden Markt von kosmopolitifchen Modeartikeln, worunter Frauenkleider, Herrenhemden, Möbel- und Vorhängftoffe die wichtigſten find. An der Spitze diefer Productionsgebiete fteht bekanntlich Elfafs, wo die von Augsburg hieher verpflanzte Technik der Druckerei die höchfte Ausbildung erlangte. Viele wichtige Erfindungen in diefem Fache find hier gemacht worden, und Mülhaufen war ftets die Hochfchule des Baumwoll- Druckes. Aus den beften amerikanifchen oder egyptifchen Baumwollen gefponnene Garne wurden in den berühmten Webereien des Elfafs zu den fchönften Geweben verarbeitet und diefe empfingen in den Druckereien eine kunftgemäfse Veredlung, welche von den beften Parifer Zeichnern entworfen, von der Parifer Mode aller Welt empfohlen und an die erlefenfte Kundfchaft verkauft ward. Der franzöfifche Markt war diefen Artikeln durch hohe Zölle gefichert; bei dem auswärtigen Abfatze erleichterte die Modethorheit die Erlangung eines hohen Preifes. Die in England, Deutfchland und Oefterreich übliche genaue kaufmännifche Berechnung war jedoch für Mülhaufen nicht in gleichem Mafse eine Nothwendigkeit, und die wichtige Frage tritt nunmehr an die Baumwoll- Druckereien des Elfafs heran, ob fie unter den geänderten Verhältniffen, vom franzöfifchen Markt durch hohe Zölle ferngehalten, und bei erfchwerter Mitwirkung von Paris ihre alten Preiſe erzielen, Diefe Frage ift um ihre bisherigen Productionsrichtungen beibehalten können. fo berechtigter, als das zweite grofse Productionsgebiet Frankreichs, die Normandie, fehr energifche Verfuche macht, den Mülhaufer Artikel an fich zu reiſsen. Erft eine künftige Weltausftellung wird die Beantwortung diefes Problems bringen. Neben den Druckwaaren des Elfafs, die auf der Wiener Weltausftellung nur vereinzelt vertreten waren, befitzt das deutfche Reich in Berlin, den Rheinlanden und in Baden zahlreiche gröfsere Etabliffements, die eine gute Mittelwaare erzeugen. England hatte von feiner unermesslichen Production kaum eine Probe zur Weltausftellung gefendet, da es, dank der gut entwickelten öfterreichifchen Production, nur wenig Abfatz hier erwartet. Seine Etabliffements haben die Theilung der Arbeit ftreng durchgeführt, fo zwar, dafs fie oft zu Haufe nicht einmal appretiren. In einem um fo koloffaleren Mafsftabe wird das Bedrucken durchgeführt. Die Firma Potter in Manchefter erzeugt mit 42 Mafchinen allein jährlich 1 Million Stücke, das ift foviel, als zu Ende des vorigen Jahrhunderts die Gefammtproduction Englands betrug. In neuefter Zeit hat Glasgow den Verfuch gemacht, die hochfeine Mülhauser Waare zu erzeugen, und die theuerften Parifer Zeichner find eben für die fchottifche Induftrieftadt in Anfpruch genommen. Die englifchen und fchottifchen Druckfabriken arbeiten durchaus mit Mafchinen und bedrohen daher nicht nur die Schweiz, fondern auch Mülhaufen felbft, wenn diefes fich nicht bald aufrafft, mit einer gefährlichen Concurrenz. In der Schweiz arbeiten im Canton Glarus zahlreiche kleine Fabriken, deren jede 2 Rouleaux und circa 100 Drucktifche befchäftigt. Sehr viel Beachtung fanden auf der Ausftellung die Druckwaaren Spaniens. In Catalonien mit dem 26 Dr. Alexander Peez. Baumwolle und Baumwoll- Waaren. Mittelpunkte Barcelona find Spinnerei, Weberei und Druckerei gut entwickelt, und es war namentlich eine grofse Actiengeſellſchaft, La España, welche von ihrer bedeutenden Jahresproduction von 200.000 Stück bedruckter Cattune recht gelungene Proben eingefendet hatte. Nur leiden diefe Fabriken durch die Arbeiterverbindungen, wie denn die Internationale unlängft decretirte, dafs nicht. mehr wie früher 4 Arbeiter, fondern 9 per Drucktifch von den Druckfabriken Barcelonas befchäftigt werden follen! Italien war durch die mit 7 Rouleaux arbeitende Fabrik von Schläpfer- Wenner bei Salerno ziemlich gut vertreten; von Schweizern errichtet, producirt dies Etabliffement gute Mittelwaare. Die Druckereien Rufslands zeigten trotz der hohen Zölle, hinter denen fie arbeiten, einen bedeutenden Fortfchritt, weil innere Concurrenz bereits genügend vorhanden ift. Sie arbeiten für den grofsen inneren Markt und exportiren beträchtlich nach Afien. Was endlich Oefterreich betrifft, fo hat es gerade in der Druckerei eine erfreuliche Entwicklung genommen, da einige mit grofser Capitalskraft ausgerüftete Etabliffements an der Spitze ftehen und, unterftützt von der in Oefterreich in neuefter Zeit erfolgreich gepflegten Gefchmacksbildung, fogar die Traditionen der einft bei uns zu einer gewiffen Blüthe gelangten Feininduftrie wieder aufgenommen haben. Die berühmte Fabrik von Fr. Leitenberger in Kosmanos, die fich feit 1867 durch eine eigene Spinnerei und Weberei abgerundet hat, brachte Druckwaaren von hoher Vollkommenheit des Gewebes, der Appretur, der Mufterwahl, der Farbe und Ausführung. Die Fabrik färbt Rofa mit Alizarin und ätzt alle beliebigen Farben aus glatt Anilinfchwarz; auch brachte fie die mit dem Heliograph gravirten Walzen zur Ausftellung. Die bedeutenden Druckereien in Prag( Holefchowitz und Smichow, beide jetzt Actiengeſellſchaften) haben ihre Force in Violett und in roth- gelben Tüchern, während Neunkirchen in Niederösterreich recht gelungene Möbelftoffe nach Art der Mülhauser zur Ausftellung brachte. Wir fchliefsen unfere Ueberficht, indem wir einige der gröfsten beftehenden Etabliffements nach ihrer Jahresproduction fchätzungsweife zufammenftellen: England. Potter in Manchefter 1,000.000 Stück. 500.000 500.000 400.000" 9 Daglish Falkoner in Glasgow James Black وو 99 Continent. Fr. Leitenberger in Kosmanos Dolfus Mieg in Mülhaufen وو وو 350.000" Liebermann in Berlin 300.000 99 Schlieper& Baum in Elberfeld 250.000" 200.000 La España in Barcelona. Internationaler Congrefs zur Erörterung der Frage einer einheitlichen Garnnumerirung. Auf Einladung der Generaldirection der Wiener Weltausftellung fand in der Zeit vom 7. bis 11. Juli 1873 eine Vereinigung von Fachmännern aus Deutſchland, Frankreich, England, Rufsland, Italien, Belgien, Schweden und Oefterreich ftatt, welche nach fünftägigen Verhandlungen folgende Befchlüffe fafste: 1. Die gegenwärtig beftehenden Garnnumerirungs- Syfteme erfchweren und beläftigen den Verkehr. In Anbetracht, dafs Garne heute ein Artikel des internationalen Verkehrs geworden find und diefer fich mit jedem Handelsvertrage, mit jedem neuen Schienenftrange, jeder neuen Telegraphenleitung, jeder Weltausftellung vervollkommnet, ift es in hohem Grade wünſchenswerth, die Befeitigung des bemerkten Hemmniffes mit aller Kraft anzuftreben. Gerade aber die Gegenwart erfcheint hiefür angezeigt, weil in ihr das fich bereits über eine Reihe von Staaten erftreckende Geltungsgebiet des metrifchen Mafs- und Gewichts Garn- Congrefs. 27 fyftems um ein neues, 70 Millionen Bewohner zählendes Productionsgebiet vergröfsert wurde. 2. Es erfcheint bei richtiger, der Natur der Spinnftoffe entſprechend getroffener Wahl der Mafs- und Gewichtseinheiten möglich, fämmtliche Spinnftoffe nach demfelben Principe zu numeriren. 3. Als diefes einheitliche Princip empfiehlt fich das metrifche. Die Nummer des Gefpinnftes wird durch die Anzahl von Metern gegeben, welche in einem Gramm enthalten find. 4. Die Länge des Strähns wird für alle Gefpinnftgattungen auf 1000 Meter feftgefetzt. mit der Unterabtheilung von 10 Gebinden zu 100 Meter. 5. Weifenlänge und fomit die Anzahl der Fäden im Gebinde wird für die verfchiedenen Gefpinnftgattungen nach reiflicher Erwägung der techniſchen Momente durch den ftändigen Ausfchufs feftgeftellt werden. 6. Die Richtigkeit der Nummer eines Garnquantums ift nur nach einer gröfseren Anzahl von Metern, jedenfalls nicht weniger als einem Strähn, gefetzlich zu beurtheilen. Die Beftimmungen darüber, fowie über die Fehlergrenzen der Nummern der einzelnen Gefpinnftgattungen, entſprechend der Natur derfelben, werden dem ftändigen Ausfchufse zur Faffung übertragen. 7. Die Mitglieder des ftändigen Ausfchufses werden durch den Congrefs gewählt. Die in Wien wohnhaften Mitglieder bilden ein engeres Comité, welchem die Pflicht des Bureaus für den Gefammtausfchufs und die Leitung der gemeinfchaftlichen Angelegenheiten bis zum nächftjährigen Congreffe übertragen wird. Der Gefammtheit der Ausfchufsmitglieder eines Landes liegt die Pflicht der Verbreitung und Förderung für das betreffende Land durch Erwirkung gefetzlicher Beftimmungen oder durch freie Vereinbarung unter den Induftriellen u. f. w. ob. Gemeinfchaftliche organifche Beftimmungen für den Congrefs bedürfen der mündlichen oder fchriftlichen Zuftimmung der Mehrheit der Mitglieder des gefammten ftändigen Ausfchufses. Derfelbe kann fich durch Wahl neuer Mitglieder verſtärken. Wien, II. Juli 1873. Ritter v. Reckenfchufs, Präfident der Handels- und Gewerbekammer für Niederösterreich, Präfident des Congreffes. Dr. F. Migerka, k. k. Minifterialrath und Delegirter der Generaldirection, erfter Vicepräfident des Congreffes. Guftav v. Pacher- Theinburg, Spinnereidirector, Generalreferent. Schriftführer: J. Duckerts, Secretär der Handelskammer in Verviers. Dr. H. Grothe, Ingenieur und Docent in Berlin. Dr. Max Weigert, Fabriksbefitzer in Berlin. Verificatoren: Centner Charles, Delegirter der Spinnereien in Verviers. F. C. Gottlieb, Vertreter der Handelskammer in Leipzig. Der General director: Freiherr v. Schwarz- Senborn. DIE WIRKWAAREN. ( Gruppe V, Section 5.) Bericht von LUDWIG GLOGAU, Fabrikant in Teplitz. Die Wiener Weltausftellung, fo reichhaltig auch auf derfelben die Textilinduftrie vertreten war, bot doch, im Grofsen und Ganzen betrachtet, kein umfaffendes Bild jenes wichtigen Artikels, welchen man unter dem allgemeinen Titel ,, Wirkwaaren" fubfummirt. Mannigfache Gründe haben diefe Thatfache, fozufagen, verfchuldet. In erfter Reihe liegt die Haupturfache in dem karg zugemeffenen Raume, welcher Umftand namentlich viele Induftrielle des deutfchen Reiches veranlafste, ihre Anmeldungen zurückzuziehen und diejenigen, welche trotz des kleinen Platzes, der ihnen überlaffen wurde, die Ausftellung befchickten, konnten ihre Erzeugniffe nicht in jener anfprechenden Weife repräfentiren, welche Wirkwaaren wegen ihrer grofsen Mannigfaltigkeit erfordern. Und fo ift es gekommen, dafs einer der wichtigſten Artikel des Welthandels, man kann es getroft fagen, auf der Wiener Weltausftellung eine mehr als fecundäre Rolle spielte. Für diefe Section der Textilinduftrie war es mehr als für andere Zweige derfelben von grofsem Nachtheile, dafs die Gruppirung im Ausftellungsgebäude innerhalb der einzelnen Staaten erfolgte, wodurch die wenigen, mit kleinem Raume bedachten Expofitionen unter der grofsen Maffe des Gebotenen total verfchwinden mufsten. Speciell für Oefterreich ift diefe Thatfache tief zu beklagen einestheils defshalb, weil Oefterreich auf dem Felde der Wirkwaaren- Induftrie eine hervorragende Stellung einzunehmen berechtigt ift, welcher Umftand bis jetzt noch nicht allfeitig bekannt und gewürdigt wurde anderfeits es von Wichtigkeit gewefen wäre, dem Orient und Rufsland, den ftärksten öfterreichifchen WirkwaarenConfumenten, ein vollſtändiges Tableau unferer grofsen Production vorzuführen. Aber abgefehen von diefen wohl fehr wichtigen Nebenumftänden fand der Fachmann, welcher die Mühe des Auffuchens der einzelnen Ausfteller nicht fcheute, viel des Intereffanten auf diefem Gebiete, und wir können, ohne zu übertreiben, es ausfprechen, dafs feit der Parifer Weltausftellung von 1867 kein Zweig der Textilinduftrie folche Fortfchritte gemacht hat, wie eben die WirkwaarenFabrication. - Diefer Fortfchritt manifeftirt fich nach zwei Richtungen hin, der erfte und geradezu wichtigere Fortfchritt ift die Ausdehnung der Production, nicht allein in den fogenannten Stapelartikeln- ordinärer Sorte fondern vielmehr in den Luxusfachen für den Verbrauch in der befferen Claffe der Gefellſchaft. Die Wirkwaaren. 29 Wir machen hiebei eine ganz merkwürdige Wahrnehmung. Während die übrigen Producte der Textilinduftrie von den oberen Schichten fich mehr nach unten in der Bevölkerung verallgemeinern, finden wir bei den Wirkwaaren das umgekehrte Verhältnifs. Gewirkte Artikel, ohne Gefchmack in der Ausführung aus mittelmäfsigem Material hergeftellt, waren bis vor Kurzem nur Confumtionsartikel der arbeitenden Claffen. Heute finden wir in allen Kreifen der bürgerlichen Gefellfchaft Wirkwaaren, theils als Luxus-, theils als Verbrauchsartikel. Die feinften Materialien werden hiezu verarbeitet, diefe Induftrie hat es verftanden, für alle wirklichen und eingebildeten Bedürfniffe ftets Neues und Gefchmackvolles zu fchaffen und fo ein Terrain zu erobern, welches jährlich an Ausdehnung gewinnt und in Folge der ftets wechfelnden Mode eine hübfche Zukunft haben dürfte. Und wie es nun bei allen Modeartikeln der Fall ist, hat nicht die billigfte Waare den Vorzug, fondern jenes Fabricat, welches bei gediegenem Materiale eine gelungene moderne Ausführung bietet, eine Thatfache, die mit Rückficht auf den Gewinn der Unternehmer nicht zu unterfchätzen ift. Der zweite Fortfchritt der Wirkwaaren- Induftrie feit 1867 befteht in der Mannigfaltigkeit des zur Verarbeitung kommenden Materiales Faft alle Gattungen von Seide, Woll- und Baumwoll- Garn finden ihre maffenhafte Verwendung. Eine fehr bedeutende, obgleich nicht zu wünſchende Ausdehnung hat die Verarbeitung von Shoddygarnen in der Wirkwaaren- Production gefunden. Solche Abfallgarne, felbft der ordinärften Sorte, werden zu ftarken Winterjacken für Männer verarbeitet und wird dadurch den ärmeren Claffen der Bevölkerung zu ftaunend billigen Preifen ein relativ haltbarer Winterartikel geboten. Neben diefen wichtigen Momenten fortfchreitender Entwicklung der Wirk waaren- Induftrie dürfen wir nicht vergeffen, dafs die techniſchen Hilfsmittel fich ftetig verbeffern, wenn auch nicht gerade eine ganz neue Mafchine feit der Parifer Ausftellung vom Jahre 1867 aufgetaucht ift. Denn feit der Erfindung des Rundftuhles, der für diefe Induftrie epochemachend war, ift keine Mafchine erdacht worden, welche in der Productionsweife fo tief eingegriffen hätte, wie der von Jacquin zu Ende der dreifsiger Jahre diefes Jahrhunderts erfundene Rundftuhl. Was in den letzten Jahren Neues und Zweckmäfsiges gefchaffen wurde, bafirt auf dem Principe des Rundftuhles, wenn auch die Conftruction eine verbefferte und die Leiftungsfähigkeit der betreffenden Mafchine eine gröfsere und fichere geworden ift. Die Lamb'fche Strickmafchine, von Amerika aus im Jahre 1868 mit grofser Reclame in die Welt gefchickt, hat eine fehr begrenzte Verwendung, fie leidet an zwei Hauptgebrechen. Das erfte und gröfsere Uebel ift ihr ziemlich complicirter Mechanismus, welcher einen geübten Arbeiter erfordert, der zweite, vielleicht nach und nach zu befeitigende Uebelftand befteht in der Nadeleintheilung, welche vornemlich nur fich für die Herftellung von ftärkeren Waaren eignet, während ein feines baumwollenes Gewebe bei der gegenwärtigen Conftruction noch nicht darauf gearbeitet werden kann. Nichts deftoweniger hat fich die Induftrie diefer Mafchine, welche vom Erfinder gleich der Nähmaschine für den Hausgebrauch gefchaffen fein follte, bemächtigt, und fie ift in vielen Fabriken Oefterreichs und Deutfchlands im Betriebe. Speciell die Wiener Vorftadt- Induftrie hat Strickmafchinen im Gange und verforgt mit den auf denfelben erzeugten, guten wollenen Strümpfen den Stadtconfum. Eine billige Waare läfst fich auf der Strickmafchine fchon in Folge des hohen Arbeitslohnes und der geringen Leiftungsfähigkeit derfelben gegenüber den Rundftühlen nicht herftellen. Die Ausftellung ift mit Strickmafchinen fehr reich befchickt worden, wir fanden in der Mafchinenhalle 7 Ausfteller von Strickmafchinen, und zwar: 30 Ludwig Glogau. 3 Aussteller aus Amerika, darunter die Lamb' knitting Compagnie aus Chicopee mit 8 Sorten Strickmafchinen. I Aussteller aus der Schweiz( Couvet in Neuenburg). 3 11 aus Deutſchland. Faft fämmtliche ausgeftellte Strickmafchinen find, abgefehen von den Breitedimenfionen und der Nadeleintheilung, ziemlich gleich conftruirt, fo viel wir jedoch erfahren, find die von Otto Kummer in Dresden gelieferten und exponirten Strickmafchinen für den Fabriksbetrieb praktifcher als die amerikaniſchen Maſchinen und ftark in Deutfchland und Oefterreich in Verwendung. Bevor wir zur Befprechung einer anderen ausgeftellten Wirkmafchine, der fogenannten Rundftühle übergehen, halten wir es nicht für überflüffig von dem grofsen Einfluffe zu sprechen, welchen die Einführung diefer Mafchine auf den Entwicklungsgang der WirkwaarenInduftrie gehabt. Man kann es getroft ausfprechen, dafs erft die Erfindung des Rundftuhles die Strumpfwirkerei aus den Feffeln des Kleingewerbes erlöfte und diefer Mafchine ift es lediglich zu danken, dafs Wirkwaaren ein Welt- Handelsartikel geworden find. Auf den Rundftühlen, deren Arbeitsleiftung eine ganz enorme ift und deren Handhabung eine leichte, felbft' 14jährigen Mädchen leicht zugänglich ift, werden alle Sorten Strümpfe von der ftärksten bis zur feinften Sorte, aus dem verfchiedenften Materiale, fowie ebenfo mannigfaltige Sorten Jacken, Hofen, Unterröcke etc. gefertigt. Allerdings können die Rundftuhl- Waaren gegenüber den auf fogenannten Coulirftühlen erzeugten Strumpfwaaren nicht den Anfpruch auf Solidität des Fabricates machen, dagegen aber ift die Möglichkeit der Maffenproduction und die aufserordentliche Billigkeit hervorzuheben. Deutfchland, vornemlich die Chemnitzer Gegend befchäftigt viele Rundftühle und hat feit Jahren einen enormen Export folcher Rundftühle nach England, Amerika, Japan und den Orient. Auch Oefterreich ift nicht zurückgeblieben und concurrirt im Often nicht fchwer mit dem fächfifchen Fabricate, welches übrigens aus dem heimifchen Markte längft verdrängt ift. England beherrscht mit feinen Nottinghamer Rundftuhl- Fabricaten in Unterzieh- Jacken aus Seide, Wolle und Halbwolle den italienifchen Markt und die Levante, und es ift felbft der Chemnitzer und in den letzten Jahren auch in Stuttgart fehr gepflegten Rundftuhlwaaren- Induftrie nicht gelungen, England aus feiner, doch nur in diefem Artikel dominirenden Stellung zu verdrängen. Von Rund-. ftühlen fahen wir in der Mafchinenhalle, franzöfifche Abtheilung, ein Sortiment Rundftühle für den Hand- und Elementarbetrieb, ausgeftellt von E. Buxtorf in Troyes. Diefe Mafchinen zeichnen fich durch äufserft foliden und finnreichen Bau aus, und geftatten die vielfeitigfte Anwendung für Mufterwaaren; überhaupt find die die Franzofen Franzofen in der Conftruction von Rundftühlen fehr vorgefchritten und geradezu tonangebend. Nicht minder vorzüglich find die ausgeftellten Rundftühle von Fouquet& Frauz und von Stücklen& Terrot in Stuttgart. Diefe Specialität Stuttgarts im Maſchinenbau ift allfeitig anerkannt und fo verforgen diefe Fabriken Deutſchland und Oefterreich mit den meiften Rundftühlen. Auch Chemnitz ift durch die Rundftuhl- Fabrikanten G. Hilfcher, Brauer& Ludwig, fowie durch May& Stahlknecht vertreten. Die Chemnitzer Rundftühle find wohl billiger als die Stuttgarter, aber nicht fo exact conftruirt. Von Wirkmafchinen ift noch der mechanifche Kettenftuhl, von Ernft Saupe aus Leinbach in Sachfen ausgeftellt, zu erwähnen. Diefer mechanifche Kettenftuhl hat in letzterer Zeit gröfsere Verbreitung in der Fabrication von Tuchund Tricotftoffen zu Handfchuhen, fowie zur Herftellung von gemusterten Luxusftoffen gefunden. Der hohe Preis aber, welcher für diefe Stühle( das Stück circa 600-800 Reichsthaler preufsifch Courant) gefordert wird, fteht in keinem Verhältnifs zu ihrer Leiftungsfähigkeit. Zu bedauern ift, dafs England, welches Vorzügliches im Bau von Wirkmafchinen leiftet, nichts darin ausgeftellt hat. Die Wirkwaaren. 31 Spulmafchinen, Kettel- und Nähmafchinen für die Wirkwaaren- Fabrication haben G. Hilicher und Brauer& Ludwig aus Chemnitz exponirt diefe Hilfsmafchinen zeigen weder einen Fortfchritt, noch fonft ein bemerkenswerthes Moment. Auf dem grofsen Felde der Wirkwaaren- Induftrie fanden wir auf der Wiener Weltausftellung 92 Ausfteller, welche fich nach Staaten gefondert, in folgender Weife gruppirten: 2 Ausfteller England Frankreich 12 " Belgien I 99 Schweiz 5 99 Italien 3 99 Deutfchland 41 99 ንን Oefterreich 28 Summa 92 Ausfteller. Unter diefen 92 Ausftellern find die Fabrikanten türkifcher Kappen( Fez) mit einbezogen. Wir fanden faft alle Gebrauchs- und Luxusartikel, aus den verfchiedenften Materialien erzeugt, vertreten und müffen uns bei der Fülle des Stoffes darauf befchränken, die hervorragenden Induftriellen diefes Faches zu befprechen, nachdem wir bereits im Eingange unferes Berichtes über die fortfchreitende Entwicklung der Wirkwaaren- Induftrie das Nöthige bemerkt haben. So beginnen wir denn mit England, welches nächft Frankreich die beften und folideften Wirkwaaren liefert. England war durch die grofse Firma J. und R. Morley in Nottingham und London repräfentirt. Die ausgeftellten Fabricate in Jacken, Strümpfen, Socken etc. zeichnen fich durch Gediegenheit des dazu verwendeten Materiales, durch reguläre, exacte Arbeit nach jeder Richtung hin aus. Das Gleiche ift von den meiften franzöfifchen Wirkwaaren zu fagen, aber die hohen Preífe machen diefe Fabricate exclufiv und find meift nur für jene Kreife berechnet, welchen es nicht darauf ankommt, die Befriedigung ihrer Bedürfniffe gut zu bezahlen. Vorzügliches in gewirkten Handfchuhen in Wolle, Seide und Zwirn haben Falle, Jeune& Comp. in Lyon gebracht. Eine bezeichnende Specialität der Franzofen find die ausgeftellten Theatertricots aus Baumwolle und Seide, fie überrafchen durch ihre ausgezeichnete Façon, gelungene Farbe und Feinheit der Ausführung. Die Schweiz war, wie fchon angeführt, durch fünf Ausfteller vertreten. Soweit vorgefchritten diefes Land in den anderen Zweigen der Textilinduftrie ift, fo gering find die Leiftungen in der Wirkwaaren- Branche. Es find ganz befcheidene Sächelchen, die weder grofse Technik noch befonderen Gefchmack zeigen, es fcheint überhaupt, dafs diefer Induftriezweig in der Schweiz noch in der Entwicklung begriffen ift. Hervorragend auf dem Gebiete der Maffenproduction und Reichhaltigkeit. der Artikel ift in erfter Reihe Deutſchland, dann Oefterreich. Die Ueberlegenheit Deutſchlands ift durch deffen riefigen Export von Wirkwaaren nach allen Weltgegenden conftatirt und wir erwähnen aus Deutſchland zuerft die Ausftellung der Weltfirma Ch. Zimmermann& Sohn in Apolda ( Thüringen), welche Stadt der erwähnten Firma ihr Aufblühen verdankt. Ch. Zimmermann& Sohn fabriciren vornemlich wollene Wirkwaaren, deren Abfatzgebiet fich über die ganze Welt erftreckt. Die ausgeftellten Artikel zeigten eine über 32 Ludwig Glogau. legene Technik, gefchmackvolle Ausführung und genaue Kenntnifs der verfchiedenen Abfatzgebiete. Durch geläuterten Gefchmack excellirten die ausgeftellten Phantafieartikel der Firma Hildebrand& Comp. in Berlin. Hermann Grüner in Chemnitz und C. H. Härtel in Waldenburg in Sachfen brachten fchöne Sortimente in baumwollenen Strümpfen, Socken etc., welche durch ihre fchöne Ausführung bei fehr billigen Preifen als fehr leiftungsfähig erkannt wurden. L. F. Rötzer in Burgftädt in Sachfen leiftet Verdienftvolles in der Fabrication von feidenen, baumwollenen und wollenen Jacken, dasfelbe ift auch von den Fabricaten gleichen Genres der Firma Ludwig Mayer in Stuttgart der Fall. Aus Italien hatte die Firma Heinrich Beati in Mailand feidene Strümpfe und Socken ausgeftellt, welche mit Recht als das Schönfte galten, was in gewirkter Waare auf die Ausftellung gebracht wurde. Die prachtvolle Farbenftellung, die reguläre Arbeit und die verftändige Behandlung des Materiales werden jeden Fachmann befriedigt haben. Wir kommen nun zu Oefterreich. Diefer Zweig der Textilinduftrie ift verhältnifsmässig jung in Oefterreich, wir können aber mit Freude conftatiren, dafs er trotz oder in Folge feiner Jugendlichkeit recht kräftig emporgewachfen ift und zu einer fchönen Zukunft berechtigt.*) Sowohl die techniſche Seite diefer Induftrie ist bei uns concurrenzfähig ausgebildet, auch die Productionskraft ift fortfchreitend, ebenfo ift die Gefchmacksentwicklung eine richtige, für den heimifchen und öftlichen Markt paffend. Im Often namentlich in Rufsland concurriren öfterreichifche Wirkwaaren erfolgreich mit den deutfchen Fabricaten. - Die Hauptfitze der Wirkwaaren- Fabrication find in Böhmen, dort ift Afch, Nixdorf, Teplitz, Böhmifch- Kamnitz in erfter Reihe zu nennen. Dann folgen Wien, Jägersdorf und in letzter Zeit auch Vorarlberg. Strakonitz in Böhmen producirt viel in ordinären gewalkten Strümpfen, hauptfächlich aber türkifche Kappen. Man fchätzt nach neueren Berechnungen die Jahresproduction von Wirkwaaren in Oefterreich auf circa 25 Millionen Gulden, von welcher Summe 5 Millionen Gulden auf die türkifchen Kappen entfallen. Die letztangeführte Summe zeigt, zu welch' grofser Bedeutung fich die Fezfabrication in Oefterreich herausgearbeitet hat. Ihre Erzeugniffe haben das franzöfifche Product im Orient faft ganz verdrängt, die Handelsverbindungen nach der Levante, Tunis, Tripolis, Perfien, Syrien etc. find direct. Auch nach Amerika wurden fogenannte ordinäre Negerkappen in letzter Zeit in grofsen Poften exportirt. Der Wichtigkeit diefes grofsen Exportartikels entſprechend, fanden wir fieben Ausfteller türkifcher Kappen in Wien. Die ausgeftellten Fez find verfchiedenfter Façon und Farbe dem Gefchmacke und den Gebräuchen der Orientalen angepasst. Die bekannten Fabrikanten Wolf Fürth& Comp. in Strakonitz, Gebrüder Weil& Comp. in Neu- Strakonitz, A. Volpini& Sohn in Wien haben ihren alten Ruf durch ihre Kappenausftellung glänzend bewährt. In wollenen Wirkwaaren jeden Genres, reichhaltig in den Artikeln mannigfachfter Art, gefchmackvoll in der Ausführung, haben die Teplitzer WirkwaarenFabriksgefellfchaft Rufs- Glogau in Teplitz und die ihnen ebenbürtigen Gebrüder Klinger in Nixdorf in Böhmen ausgeftellt. Diefe zwei Firmen zählen mit Recht zu den erften Repräfentanten diefer Induftrie. Concurrenzfähig in ihren Preifen gegenüber Deutfchland, find diefe Fabriken mit den neueften technifchen Hilfsmitteln ausgerüftet und zeigen eine grofse Productionskraft. Eine folide, fehr fauber gearbeitete Waare in baumwollenen, wollenen und feidenen Jacken, Strümpfen etc. hatte die Firma Philipp Michel's Söhne in *) Wir müffen hier bemerken, dafs der Verfaffer diefes Berichtes einer der Erften war, die die grofse Bedeutung diefer Induſtrie erkannt haben und muthvoll an die Spitze der volkswirthschaftlichen Bewegung getreten find. Dem Etabliffement Glogau, heute Rufs& Glogau, folgten erft die heute in Teplitz beftehenden zahlreichen Fabriken. D. Red. Die Wirkwaaren. 33 Gärten bei Nixdorf in Böhmen ausgeftellt; ihre Erzeugniffe verdienen alles Lob und reihen fich an das befte englifche und franzöfifche Fabricat würdig an. Heller& Comp. in Teplitz leiften in Phantafie waaren und Handarbeiten recht Gefchmackvolles, ebenfo in anderen wollenen Wirkwaaren. Ihre Preife find bei gleich fchönem Fabricate niedriger als jene der gleichen Waare in Deutſchland. Die junge Firma Gröber& Heinzle zu Bregenz in Vorarlberg ift auf dem beften Wege vorwärts zu kommen, ihre ausgeftellten Luxuswaaren zeigten guten Gefchmack und faubere Ausführung. - Die Collectivausftellung der gewalkten Strümpfe der Jägersdorfer Schafwoll- Induftrie ift fehr bemerkenswerth, ihre Waaren find allgemein beliebt, gut in Farbe, Walke und Façon. Die ausgeftellten Fabricate derfelben Sorte von F. und J. Pilz in Böhmifch- Kamnitz zeichnen fich durch ihre Billigkeit aus. Wenn wir das Refultat unferes Berichtes über die öfterreichifche Wirkwaaren- Induftrie zufammenfaffen, können wir nur wiederholen, dafs in diefem Zweige der Textilinduftrie Oefterreich feit der letzten Parifer Weltausftellung von 867 rüftig vorwärts gegangen ift und den Wettkampf mit anderen Nationen ehrenvoll beftanden hat. Noch einige kurze Bemerkungen. Nicht alle von den ausgeftellten Wirkwaaren find mittelft Maſchinen oder anderen Werksvorrichtungen hergeftellt; ein grofser Theil derfelben ift Frauenarbeit ohne Zuhilfenahme irgend eines befonderen technifchen Hilfsmittels. Wir meinen damit die vielen ausgeftellten Häkel- und Knüpfarbeiten. Näheres darüber war im Frauenpavillon zu fehen und in den von den Herren Doctoren Migerka und Holdhaus herausgegebenen Erläuterungen. über die Verwendung der Frauenarbeit in der Induftrie zu lefen. Diefe Frauenarbeiten fowie der Umftand, dafs faft der gröfste Theil der Wirkwaaren- Induftrie auf Hausarbeit bafirt ift, laffen mit Recht erwarten, dafs die Regierungen, abgefehen von dem wirthschaftlichen Nutzen jeder Arbeit, der aufftrebenden Wirkwaaren- Induftrie eine hervorragende Aufmerkfamkeit widmen werden. Gewerbliche Schulen find auch hier nöthig und wir fchliefsen uns dem Rufe unferer Herren Collegen im officiellen Berichte gerne an und rufen der Regierung zu, das einft laut und oft in Oefterreich ausgefprochene Wort„ Bildung ift Macht" nicht als blofse Phrafe verhallen zu laffen. 3