OFFICIELLER AUSSTELLUNGS- BERICHT HERAUSGEGEBEN DURCH DIE GENERAL- DIRECTION DER WELTAUSSTELLUNG 1 8 7 3. SEIDE UND SEIDENWAAREN ( Gruppe V, Section 4) Bericht von ANTON HARPKE, Fabrikant in Wien. Mitglied der internationalen Jury UND DIE POSAMENTIRARBEITEN ( Gruppe V, Section 5) Bericht von CARL GIANI, Fabrikant in Wien. Mitglied der internationalen Fury. WIEN. DRUCK UND VERLAG DER K. K. HOF- UND STAATSDRUCKEREI 1873. XC2- BEBICH VORWORT. " Nach dem Programm der officiellen Berichterstattung über die Wiener Weltausftellung 1873 foll der officielle Bericht noch während der Feier des internationalen Feftes abgefaist und aufgelegt werden". Diefe Beftimmung zu erfüllen, übergibt die gefertigte Redaction des officiellen Berichtes in der vorliegenden Form die einzelnen Sectionsberichte der Oeffentlichkeit und glaubt damit den Befuchern der Weltausftellung das Studium derfelben wefentlich zu erleichtern. Nur eine Bemerkung fei an diefer Stelle geftattet. Der vorliegende, wie jeder andere während der Weltausftellungs- Feier publicirte Bericht wird einen Theil des officiellen Berichtes bilden, welcher nach dem Schlufse der Weltausstellung als ein Ganzes erſcheinen und die wiffenfchaftlichen Refultate der Ausftellung für die Dauer erhalten foll. Diefs mag dem Lefer die ftiliftifche Form, in welcher bereits die Vergangenheit der Ausftellung angenommen ift, erklären. PROFESSOR DR. CARL TH. RICHTER, Chefredacteur des officiellen Berichtes. 7* SEIDE UND SEIDENWAAREN. ( Gruppe V, Section 4.) Bericht von ANTON HARPKE, Fabrikant in Wien. Mitglied der internationalen Fury. Wenn man die beften Leiftungen auf dem Gebiete der Seideninduftrie, wie felbe auf der Ausftellung des Jahres 1873 vorlagen, mit den als beft anerkannten Leiftungen, wie fie die letzte Weltausftellung bot, vergleicht, fo wird man kaum Gelegenheit haben, irgend eine wefentliche Veränderung, einen auffälligen, epochemachenden Fortfchritt zu conftatiren. Trotzdem befteht ein Fortfchritt, und zwar ein für den gefammten Induftriezweig höchft wefentlicher, indem die Erfahrungen der hervorragenden Fabrikanten mehr und mehr zum Gemeingute geworden find, fo dafs, wenn man die Gefammtheit der Production überblickt, unrationelle oder fchlechte Leiftungen zu den feltenen Ausnahmen gehören. Selbft die leichteften Artikel, bei denen früher der billige Preis gleichfam als Entfchuldigungsgrund für mangelhafte Arbeit galt und gerade diefe Artikel insbefondere- werden heute mit förmlichem Raffinement erzeugt. Verſtändige Verwendung von Surrogaten, exacte Arbeit mit verbefferten Hilfsmafchinen, vollendete Appretur vereinen fich, um felbft das aus dem mindeften Material gewonnene Erzeugnifs kaufgerecht zu machen, und laffen oft nur nach aufmerkfamer Prüfung den verhältnifsmässig minderen Werth desfelben erkennen. - Eine tiefgreifende Veränderung vollzieht fich ferner in Folge des Vorherrfchens der glatten Stoffe der Uebergang zur Maffenerzeugung zum Nachtheile der kleineren Induftrie. Der façonnirte Stoff geftattet dem kleineren Fabrikanten, der Intelligenz und Gefchmack befitzt, die lohnende Verwerthung feines Talentes; die Erzeugung desfelben läfst fich felbft von den gröfseren Häufern nur bis zu einer gewiffen Grenze ausdehnen. Diefe Grenze ift nun bei der Fabrication der glatten Artikel ungleich weiter gezogen. Die gröfseren Fabriken find daher immer noch in Ausdehnung begriffen und können fie gerade in Folge derfelben und der damit verbundenen Vortheile zu Bedingniffen arbeiten, welche dem kleineren Induftriellen die Concurrenz zur Unmöglichkeit machen. Wir fehen auch den mechanifchen Betrieb in der Weberei zu fortfchreitender Anwendung gelangen. Standen derfelben bis nun theilweife nicht gelöfte Conftructionsprobleme, fowie die Scheu vor allzuhohen Anlagekoften entgegen, fo ift das erfte Hindernifs durch erzielte Verbefferungen, das zweite durch die Folgen der Arbeiterbewegung befiegt worden. Letztere hat nämlich gerade dort, wo es fich um Erzeugung in grofsen Fabriken, in fogenannten gefchloffenen Etabliffements, handelt, die Handarbeit unverhältnifsmäfsig vertheuert und daher die I h 2 Anton Harpke. Befitzer jener Etabliffements felbft dahin gedrängt, die Hand durch die Mafchine zu erfetzen, wo es nur eben thunlich ift. Von den allgemeinen Bemerkungen zur Befprechung des Einzelnen übergehend, fei noch erwähnt, dafs in vielen Fällen die Ausftellungen kein richtiges Bild vom wirklichen Stande der betreffenden Induftrie geben. Oft zeigen fie wefentliche Lücken, oft künftliche Uebertreibungen. Als erfreuliches Zeichen des richtigen Verſtändniffes zeigte fich in den hier zu befprechenden Induſtriezweigen das faft ausnahmslofe Enthalten von jeder Kunftftück- Macherei, einer Verfuchung, die gerade in der Weberei fehr nahe liegt. Die Lücken gehen natürlich theilweife mit in den Bericht über denn über Nichtvorhandenes zu berichten, ift wohl nicht Aufgabe diefer Zeilen. - Die unter Seide und Seidenwaaren eingereihten verfchiedenen Induftriezweige waren: die Rollfeide( Seidenzucht und Cocons find in Gruppe II eingereiht), die Verarbeitung der Seidenabfälle zu felbftſtändigen Gefpinnften( Floretfeide, Phantafiefeide, Chappe), die Nähseiden- Induftrie, die Seidenfärberei, die eigentliche Seidenweberei( Stoffe und Bänder mit Ausfchlufs der Pofamenterie), die Appretur. Seide produciren bereits alle Länder, in deren Klima der Maulbeerbaum gedeiht; für die grofse Induftrie mafsgebend find jedoch nur die Productionsgebiete Südeuropas und Afiens. Das Productionsgebiet Europas umfafst Norditalien, Südfrankreich, Spanien, den Süden von Oefterreich- Ungarn, die Türkei, Griechenland und Südrufsland. Aufserdem erzeugen auch Oefterreichs nördliche Provinzen, Deutſchland und felbft Schweden Seide. Die Seide der nördlichen Länder ift fchön und fogar nerviger als die der füdlichen; die klimatifchen, hauptfächlich aber die Arbeitsverhältniffe find dort jedoch derart, dafs die Beftrebungen um die Einführung der Seidenzucht fchwerlich je von hervorragender Bedeutung für die Induftrie Europas werden dürften. Die Seide ift in den letzten Jahren beffer geworden, fowohl in Folge des Nachlaffens der fürchterlichen Raupenkrankheit, als auch in Folge der forgfältigen, fortgefchrittenen Behandlung bei ihrer Verarbeitung. Hierin ging Frankreich muftergiltig voran und die italienifchen Spinnereien folgten dem Beiſpiele, dank deffen der heutigen Webe- Induftrie vorzügliches Materiale in genügenden Quantitäten zur Verfügung steht. Die allgemeine Phyfiognomie der europäiſchen Seiden ift in Folge der durch die Raupenkrankheit nothwendig gewordenen Einfuhr japanefifcher Eier bedeutend verändert. Die fchöne goldgelbe Race mit ihrem charakteriftifchen Seidengeruche ift beinahe zur Seltenheit geworden. Die heutigen Seiden find weifs, grünlich, bräunlich bis zu den fchmutzigften Nuancen, die gemeiniglich auch als Kennzeichen minderer Qualität zu betrachten find. Der ftärkfte Seidenproducent Europas ift Italien, und in diefem nimmt die Lombardei den erften Rang ein. Um einen annähernden Begriff von der Grofsartigkeit des Umfatzes in Rohfeide zu geben, genügen folgende Ziffern: Die Seidentrocknungs- Anstalten Europas conditionirten im Jahre 1872: 92 Millionen Kilogramme Seide, im Werthe von mehr als einer Milliarde Francs. Hievon find Grège für Zwirnerei 30%, gezwirnte Seide für Weberei 70%. Die Totalziffer vertheilt fich auf die einzelnen Länder wie folgt: Italien 4,000.000, Frankreich 4,200.000, die Schweiz 662.000, Deutfchland 580.000, Wien 150.599 Kilogramme. Hiebei ift zu bemerken, dafs Wien fowie Deutſchland und die Schweiz grofse Quantitäten Seide beziehen, die in Italien und Frankreich ftagionirt werden, es find daher die letztangeführten Zahlen mit der Verbrauchsquote jener Plätze oder Länder nicht ganz identifch. In obigen Ziffern find die importirten( afiatifchen) Sorten inbegriffen, welche mehr als zum Dritttheile daran participiren. An Italien reiht fich Frankreich unmittelbar an. Oefterreichs Seidenproduction in Südtirol ist nicht Seide und Seidenwaaren. 3 unbedeutend, das Urmateriale ift vorzüglich, die Bearbeitung desfelben reicht aber an die Italiens nicht hinan. Ungarn würde in feinen füdlichen Theilen alle Bedingniffe zu einer ausgedehnten Seidencultur befitzen, um deren Einführung fich bereits die Kaiferin Maria Therefia bemüht hat. Die übrigens dünn gefäete- Bevölkerung mochte jedoch diefen Culturzweig nicht aufgreifen, der eben nur dann zu feiner grofsen Bedeutung gelangt, wenn er nicht von Einzelnen mit Opfern gepflegt, fondern ein wirklich nationaler zu werden im Stande ift. - Die Schweiz producirt in ihrem füdlichen Theile ebenfalls Seide, jedoch nicht in bedeutenden Quantitäten. Griechenland und die Türkei fchicken theils ihre Greggien zur Verarbeitung nach Frankreich und Italien, theils confumiren fie ihre Seide felbft im Wege der Hausinduftrie. Rufsland producirt nicht unbeträchtliche Mengen Seide, namentlich in Kaukafien. Von Seite der ruffifchen Vertreter wurde grofser Werth auf die von einem Moskauer Haufe exponirten Stoffe aus Seide ruffifcher Provenienz gelegt, indeffen dürften in der Bearbeitung derfelben noch bedeutende Fortfchritte gemacht werden müffen, bis fie zum vollkommenen Erfatze der italienifchen Sorten dienen könnte. Das afiatifche Gebiet zerfällt in fünf Hauptgruppen: Die Türkei( Brussa), Perfien, Indien( Bengalen), China und Japan. Die Leiftungen in diefen Gruppen find aufserordentlich verfchieden; überall findet man Vortreffliches und unmittelbar daneben Schlechtes. Im Durchfchnitte ftehen die afiatifchen Seiden im Werthe unter denen europäifcher Provenienz; die mindeft werthvollen find die perfifchen und bengalifchen. Europa confumirt jedoch enorme Quantitäten aller diefer Seiden, da deffen eigene Production den Bedarf nicht zu decken im Stande ift. Als die Verheerungen der Raupenkrankheit in Europa ihren Culminationspunkt erreicht hatten, wäre deffen Seideninduftrie ohne die Zuhilfenahme der afiatifchen Sorten, namentlich Chinas und Japans ernftlich gefährdet gewefen. Leider verleitete die erhöhte Nachfrage nach denfelben die Erzeuger, mit geringerer Aufmerkfamkeit vorzugehen und hatte diefs eine bedeutende QualitätsVerminderung zur Folge. Die unmittelbare Confequenz hievon war, dafs die europäifchen Fabrikanten, in ihrem Vertrauen erfchüttert, wo nur möglich wieder auf die einheimifchen Producte zurückgingen, welche in Folge der mittlerweile eingetretenen Befferung auch wieder leichter zu befchaffen waren. Ein bedeutender Preisrückgang in obenerwähnten Sorten mufste naturgemäfs eintreten, indem diefelben in vielen Fällen nur mehr für jene Artikel Verwendung fanden, bei denen weniger die Qualität als der Preis des Materiales in Anbetracht gezogen wird. Die japanefifche Regierung ift fich des ftattgefundenen Umfchwunges wohlbewusst, und hat zu Jeddo und Tamyoka zwei Mufteretabliffements gegründet, welche, unter der Leitung bewährter Männer ftehend, die Reorganifation der japanefifchen Seiden anftreben. Die Jury hat auch diefe zwei Etabliffements in faft demonftrativer Weife ausgezeichnet, um dem Gründer derfelben, dem gegenwärtigen Handelsminifter, ihren Dank für eine Mafsregel auszufprechen, welche im Intereffe der europäiſchen Seideninduftrie wärmftens begrüfst werden mufs. Die chinefifchen Seiden zeichnen fich in ihren befferen Sorten durch die makellofe Weifse aus, doch mag als Curiofum erwähnt werden, dafs auf der Ausftellung die erften Proben von in China gezogener gelber Seide europäiſcher Provenienz vorkamen. Ob diefs der Beginn einer zukunftsreichen Cultur fein oder ein blofses Experiment bleiben wird, ift heute noch nicht zu beftimmen. Die in China und Japan exponirten Gefpinnfte und Gewebe von Bombyx Yama Mai( dem Eichenfpinner) laffen es nicht bedauern, dafs die Verfuche, jene Cultur in unferen Gegenden einzubürgern, zu keinem Refultate führten. Die Verwendung der Chappe( Gefpinnft aus den bei der Seidenfpinnerei u. f. w. fich ergebenden Abfällen) hat aufserordentliche Ausdehnung gewonnen. 4 Anton Harpke. Sie dient, in der Weberei als Schufs und Kette verwendet, theils als Surrogat, um die bisher aus reinem Materiale erzeugten Gewebe zu imitiren, theils als felbftftändiges Materiale, welches Effecte hervorbringt, die anders nicht zu erzielen wären. Sie hat ferner als Nähfeide wie als Franfenfeide geradezu coloffale Verbreitung gefunden. Chappe fpinnen alle Induſtrieſtaaten Europas, als: England, die Schweiz, Frankreich, Deutfchland, Oefterreich, Italien u. f. w. Die Güte der Producte ift felbftverſtändlich fehr verfchieden; es ift hiebei die von den einzelnen Etabliffements verwendete Sorgfalt bei Einkauf des Materiales ein mafsgebender Factor. Oefterreich befitzt in diefem Fache Fabriken, die Vorzügliches leiften, und feien diefelben hauptfächlich darum erwähnt, weil die Chappefpinnerei den in Oefterreich verhältnifsmässig jungen Induftriezweigen beizuzählen ift. Die Chappe wird vor ihrer Verwendung vielfach der fogenannten FadenAppretur( Sengen, Leimen, Glänzen) unterzogen. Diefe mehrfach verfchiedenen Verfahren bilden nur in geringem Mafse felbftftändige Erwerbszweige, die gröfseren Confumenten beforgen meift jene Vorbereitungsarbeiten in ihren eigenen Etabliffements, da deren mehr oder minder gelungene Durchführung oft über die Verkäuflichkeit der betreffenden Artikel entfcheidet. Die Fadenappretur, bereits zur Zeit der letzten Weltausftellung vielfach in Anwendung, hat feither viel an Ausdehnung und Bedeutung gewonnen und auf andere Stoffe, zum Beiſpiel Baumwoll- Zwirn angewendet, Veranlaffung zu verfchiedenen ganz rationellen Surrogirungen gegeben. Die Nähfeiden- Induſtrie ift ein bedeutender Erwerbszweig, in welchem es einzelne Häufer Deutſchlands und Frankreichs zu ftaunenswerther Bedeutung gebracht haben. Auf der Ausftellung waren alle Induftrieftaaten Europas mit wenigen Ausnahmen worunter Oefterreich- vertreten. - Die Seidenfärberei hatte unmittelbar vor der letzten Weltausftellung eine Umwälzung erfahren, wie fie felten in einem Induftriezweige vorkommen mag. Es geschah diefs durch die Einführung der Anilinfarben. Die feither zu fignalifirenden Veränderungen find nicht bedeutend zu nennen, fie find eben Confequenzen der neu eingefchlagenen Richtung; ein Nachholen, ein Befeftigen, ein Vereinfachen. Speciell wäre nur der Einführung des Saffranins zu gedenken. Die in letzterer Zeit in Anwendung gekommenen metamorphofirenden Farben find, fo frappant fie auch wirken, doch fchwerlich von durchgreifender Bedeutung. Die Schwarzfärberei hat feit 1867 infoferne namhafte Fortfchritte gemacht, als bei mässiger Schwerung eine jedenfalls gröfsere Halbtbarkeit des Fadens erzielt worden ift. Die übermäfsige Chargirung hat trotz allem Raffinement der Behandlung die baldige Zerftörung des Fadens im Gefolge eine Abftellung diefer nur zu häufigen Uebertreibungen, die hauptfächlich im Intereffe des Confumenten zu wünfchen wäre, ift jedoch nur im Wege einer natürlichen, allmäligen Reaction zu erwarten. Auf der Ausftellung war Frankreich durch feine Lyoner Färber glänzend vertreten. Deutfchland und die Schweiz haben ihren Part nur markirt, obfchon fie Etabliffements befitzen, deren Bedeutung weit über die Grenzen ihrer Länder geht. Oefterreich war bei nicht allzu zahlreicher Vertretung würdig repräfentirt und find die Leiftungen feiner Färber hauptfächlich auf dem Gebiete der Schönfärberei ihren gröfser entwickelten ausländifchen Collegen an Güte gewifs ebenbürtig. Italiens Färber betheiligten fich in minder hervorragender Weife, die der übrigen Staaten faft gar nicht. Wir beginnen nunmehr mit der Befprechung der eigentlichen Seidenweberei, und zwar mit dem mächtigften Repräfentanten derfelben, mit Frankreich. Vielfach war die Meinung verbreitet, dafs Frankreichs Induftrie durch die Vernachläffigung, welche fchon feit geraumer Zeit den façonnirten Stoffen zu Theil wird, grofse Einbufse erlitten haben müffe, nachdem man gerade jene Artikel mit Recht als die eigenfte Domäne der franzöfifchen Induftrie betrachtet. Die im Auftrage der Handelskammer von Lyon veröffentlichte Denkfchrift über die Lyoner Seide und Seidenwaaren. 5 Seideninduftrie gibt uns jedoch Daten an die Hand, welche beffer als alle Aus ftellungen beweifen, dafs jene Induſtrie dem gefährlichen Umfchwunge wohl zu begegnen wufste. Wir entnehmen jenem Exposé folgende Ziffern des franzöfifchen Exportes: Glatte Seidenwaaren Façonnirte Seidenwaaren Gemifchte Seidenwaaren Bänder. • 1855 1862 1867 1871 1872 Millionen Francs .142 39 49 60 18 16 17 193 294 324 308 30 9 4 134 117 47 61 III IIO Gefammtexport von Seidenwaaren, Pofamenterien u. f. w. 358 363 422 497 488 Die im Lande felbft confumirte Waare wird mit einem Drittel der Gefammtproduction angenommen, und würde alfo letztere im Jahre 1872 bei 700 Millionen Francs betragen haben. Dabei ift in Betracht zu ziehen, dafs 1871 und 1872 mit einem Dritttheile in die Kriegsperiode fallen.*) Die Ausstellung Lyons umfafste die verfchiedenften Stoffarten. Eine der gröfsten Vorbedingungen des Erfolges der franzöfifchen Fabrication liegt darin, dafs fich jedes Haus eine ihm zufagende Specialität erwählt, die es ausfchliefsend cultivirt, und in welcher es dann auch eine hohe Leiftungsfähigkeit entwickelt. Wir finden vertreten: den façonnirten Kleiderftoff in feiner prächtigften Entfaltung, Gazeftoffe, Tapeten, Möbel- und Kirchenftoffe, façonnirte Stoffe für Confection, fowie für Export nach beftimmten Gegenden; den glatten Stoff vom fchwerften Faille und Atlas bis zum leichteften Hutfutter, Sammte, Krepp, Foulard, kurz jede Gattung Stoffe und jede, mit wenigen feltenen Ausnahmen, in muftergiltiger Vollendung. Lyons Induftrie ift gröfstentheils noch Hausinduftrie, diejenigen Häufer jedoch, welche das grofse Gefchäft in den glatten Artikeln an fich gezogen, haben aufserhalb Lyons auch zahlreiche gefchloffene Etabliffements gegründet, welche vielfach bemerkenswerth find durch die mit denfelben verbundenen Inftitutionen zum Wohle der Arbeiter. Das gefammte Gebiet der Lyoner Seidenweberei umfafst nach dem bereits citirten Berichte die Zahl von 120.000 Stühlen. Die franzöfifche Bandinduftrie, deren Hauptfitz St. Etienne ift, war auf der Ausftellung nur ungenügend vertreten. Die vorhandenen Expofitionen glatter und façonnirter Bänder, wie die von Sammtbändern u. f. w. waren jedoch, als erften Häufern angehörig, in ihrer Art vorzüglich. St. Etienne ift gegenwärtig mit der Reorganifation feiner Fabriken befchäftigt. In Folge des faft ausfchliefslichen Vorherrfchens des glatten Artikels vollzieht fich hier der Uebergang von der Hausarbeit zur grofsen Fabrik mit Zuhilfenahme des mechanifchen Betriebes, eine Umgeftaltung, auf welche der Charakter des Mühlftuhles ohnedem, als gewiffermafsen natürlich, hinweift. Deutſchlands Seideninduftrie zeugt von ganz bedeutendem Fortfchritte. Diefelbe umfafst die Erzeugung von fchwarzen und färbigen Sammten, Hutplüfchen, fchwarzen und färbigen Seidenftoffen vom Faille bis zum leichteften Futterartikel, von Kirchenftoffen, façonnirten Stoffen für den Orient u. f. w. Crefeld, der vorzüglichfte, aber nicht ausfchliefsende Sitz der deutfchen Seideninduftrie, machte im Jahre 1872, bei einem Stande von 3200 Stühlen, einen Umfatz von 25.7 Millionen Thaler gegen 20 5 Millionen im Jahre 1870. Die deutfche Bandinduftrie war, wenn gerade nicht in effectvoller Weife, doch durch Namen von beftem Klange vertreten. Sie befchäftigt fich ausfchliefsend *) Die Production von Lyon( das heifst der Lyoner Häufer fammt ihren Dependenzen) wird für 1872 mit 460 Millionen beziffert, worunter Foulards 50, Krepp 8, Tüll 14, Sammt 30, Atlas 25, fchwarze Taffte und Failles 165, färbige Taffte und Failles 120, diverfe glatte Gewebe 10, façonnirte Kleiderftoffe 8, Kirchen- und Möbelftoffe 10, gemifchte Gewebe 20 Millionen Francs. # 32000 6 Anton Harpke. mit Erzeugung glatter Waaren, und cultiviren einzelne Fabriken blofs den fchwarzen Artikel. Die deutfchen Bandfabriken haben keinen eigentlichen Haupt- oder Centralplatz, fie find im Lande zerftreut. Gröfsere Etabliffements befinden fich bei Elberfeld und im Grofsherzogthum Baden. Letztere Gruppe ift von grofser Bedeutung und befinden fich darunter Häufer, die 3-800 Stühle und meift mit mechanifchem Betriebe befitzen. Mit Ausnahme der letzterwähnten Fabriken ift in Deutfchland meift das Syftem der Hausarbeit eingeführt und wird es auch noch lange bleiben. Der dortige Arbeiter fieht dabei als fein fchönftes Ziel die Möglichkeit, fich anfäfsig zu machen; er zieht den beftehenden Modus aus diefem Grunde der Arbeit in den Fabrikskafernen vor. Das Syftem der Hausinduftrie fchliefst übrigens nicht die Exiftenz von Unterſtützungs-, Verforgungs- und anderen humanitären Anftalten aus, wie felbe mit vorzüglichem Erfolge namentlich in Crefeld, fowie auch in anderen Orten beftehen. Die Schweiz hat eine lebhafte Seideninduftrie, deren Hauptplatz Zürich*) für die Stoff-, und Bafel für die Bandweberei ift. Der Export fchweizerifcher Seidenwaaren wird mit 215 Millionen Francs angegeben. Der Confum im eigenen Lande ift ebenfalls in Rechnung zu ziehen, und daher die Ziffer der gefammten Production entſprechend höher. Bafel und Zürich haben die Form der Collectivausftellung gewählt, und find felbft die bedeutendften Fabriken nur durch einzelne Coupons vertreten. Wir erfahen daraus, dafs fich die Schweizer Stoffweberei gröfstentheils auf die Erzeugung glatter Mittel- und ganz leichter Waare befchränkt. Bafel brachte nebft glatten Bändern aller Gattungen auch façonnirte Waaren, namentlich in breiten Schleifenbändern. Italien hat feit 1867 Vieles für feine zu jener Zeit ftark zurückgebliebene Seidenweberei gethan. Die von feinen erften Häufern exponirten glatten Waaren zeugten von erfolgreichem Bemühen, fich den fortgefchrittenen Rivalen wieder würdig an die Seite ftellen zu können. Englands Seideninduftrie war nur fpärlich vertreten. Erwähnenswerth find feine fchönen Popelins, fowie die Stoffe für Cravaten und Schleifen, für MännerHalstücher u. f. w. Die Bandfabrication von Coventry, die 1862 alle Welt durch ihr impofantes Auftreten erftaunte, aber fchon 1867 ungenügend repräfentirt war, fehlte diefsmal gänzlich. Rufsland, welches bei früheren Ausftellungen nur in feinen Kirchenftoffen ruffifchen Stiles, in Goldbrocaten u. f. w. vertreten war, brachte nebft diefen auch glatte und geftreifte Stoffe von theilweife fehr guter Fabrication. Portugal macht alle Anftrengungen, feinen Bedarf an Seidenwaaren durch inländifche Fabricate zu decken und ift diefs Beftreben um fo anerkennenswerther, als es fich hier um die förmliche Neubildung des ganzen Induftriezweiges handelt. Schweden war durch einen einzigen Ausfteller vertreten, der in glatten Stoffen wirklich Tüchtiges leiftet. - - Oefterreich the last but not the least fchliefst die Reihe der europäifchen Fabriksftaaten. Seine Seideninduftrie befchäftigt fich mit der Erzeugung von glatten Stoffen, Sammten, Plüfchen, Gazen, Futterftoffen, façonnirten Stoffen für Herren- Modewaaren, als auch für den Landbedarf und für den Export nach den füdöftlichen Ländern, Foulards und gedruckten Foulardstüchern, Möbel- und Kirchenftoffen, mit einem Worte, von fämmtlichen Artikeln der modernen Induftrie mit alleiniger Ausnahme des grofsen Façonnés für Kleiderftoffe. In der Erzeugung von glatten Stoffen, fowohl fchwarz als färbig, find hier bedeutende Fortfchritte gemacht worden, in Folge deren Oefterreich, was deffen beffere Leiftungen anbelangt, keinen Vergleich mit den beften Erzeugern jedes Landes zu fcheuen hat einem Haufe *) Zürich befchäftigte 1867 18.665 Stühle. Heute verfügt es über 27.000 Stühle, darunter 1150 mechanifche. Seide und Seidenwaaren. 7 blieb es fogar vorbehalten, durch die wahrhaft claffifche Erzeugung feiner fchweren färbigen Stoffe das abfolut Befte in jenen Artikeln zu bringen. Die Bauernartikel und die Artikel für den Orient bewegen fich in fo eng gezogenen Grenzen, dafs innerhalb derfelben wenig für Ausftellungsobjecte dankbarer Spielraum ift, nichts deftoweniger verdienen jene Artikel als bedeutende Specialität des Kaiferftaates volle Beachtung. In wahrhaft brillanter Weife fanden wir den kunftgewerblichen Theil der öfterreichifchen Seidenweberei vertreten. Unter dem Einfluffe des Muſeums für Kunft und Induftrie hat fich die Erzeugung der ftilifirten Möbel und Kirchenftoffe zu eminenter Bedeutung emporgefchwungen. Die Leiftungen Wiens in diefer Richtung find muftergiltig, und zeigt ein Vergleich mit früheren Epochen einen ftaunenswerthen Fortfchritt. Der Hauptfitz der öfterreichifchen Seidenweberei ift Wien, doch dürfte die Mehrzahl der Etabliffements bald nur mehr die commercielle und techniſche Vertretung in diefer Stadt haben, nachdem die Arbeits-, Mieth- und andere Verhältniffe die Entfernung der Fabriken aus dem Weichbilde der Hauptftadt dringend erfordern. Aufser der Wiener Gruppe beftehen noch in den übrigen Ländern der Monarchie einzelne felbftftändige Häufer, und zwar in Böhmen, Mähren, Schlefien und Tirol, welche zumeift ganz Tüchtiges in Stoffen, Sammten, Sammtbändern u. f. w. leiften. Aehnliches, was von der Seidenzeug- Fabrication gefagt wurde, gilt von der Bandinduftrie Oefterreichs. Mit Ausnahme des reichen Façonnés finden fich alle Arten des Bandes in achtenswerther Weife vertreten, vom fchweren Faillegürtel bis zum Grège und Halbfeiden- Band, ebenfo Sammtbänder aller Gattungen und façonnirte Waare für den Landbedarf. Vorwiegend werden gegenwärtig die leichteren Artikel erzeugt. Das Syſtem der Fabrication ift ausfchliefslich das der gefchloffenen Fabriken, die bedeutenderen Etabliffements find bei verbleibendem Sitze der Häufer in Wien in die Provinzen verlegt, der.mechanifche Betrieb ift bereits an mehreren Orten in gröfserem Mafse durchgeführt. - In allen anderen europäiſchen und fremden Ländern ift die Seidenweberei als nationale Hausinduftrie zu betrachten. Diefs gilt namentlich von Griechenland, der Türkei, Egypten, Marocco, Indien und Perfien. Die ottomanifche Regierung unterhält zu Hereké eine Mufterweberei, welche von beftem Einfluffe auf die in technifcher Beziehung noch fehr unentwickelte Induftrie jenes Landes fein wird. Die von den eben genannten Ländern exponirten Artikel könnten in vielen Fällen, von der europäiſchen Induftrie mit ihren fortgefchrittenen Hilfsapparaten aufgenommen, Anlafs zur Schaffung eines lohnenden Exportes abgeben. Bedeutend unterfchieden von den Leiftungen des weftlichen Afiens heben fich die Producte Chinas und Japans ab. Bieten die Leiftungen Chinas, welches zum erften Male in organifch zufammenhängender Weife auf einer Ausftellung erfchien, Gelegenheit, in den feit undenklicher Zeit gleichgebliebenen Stand feiner Seideninduftrie Einblick zu nehmen, fo war es Japan, welches durch die ungleich gröfsere Intelligenz, welche bei Erzeugung der ausgeftellten Gegenftände vorwaltete, förmlich überrafchte. Wir fanden hier Leiftungen, welche, an und für fich beachtenswerth, in Berücksichtigung der primitiven Hilfsmittel, mit denen fie zu Stande gebracht, geradezu ftaunenswerth genannt werden müffen. - Façonnirte Stoffe von wirklicher Schönheit, zweirechtige Atlaffe, Sammte, glatt und golddurchwirkt, Kreppe in den intereffanteften Varietäten, glatte und geftreifte Taffte, Gewebe nach Art der Gobelins, Gazen, Bänder kurz alle Gebiete der Weberei waren hier vertreten und nicht als Curiosa, fondern unverkennbar den Stempel der Induftrie tragend. Eine ganz eigenthümliche Technik der japanefifchen Weberei befteht in der Verwendung des Papieres, haarfein gefchnitten, als Eintrag( Brofchirung). Das Papier kommt in ihren Stoffen vergoldet, verfilbert, oxydirt und färbig lackirt vor; 8 Anton Harpke. es wird auch fogar zum Plaquiren von Seidenfäden benützt. Bei Verwendung jener Metallimitationen erhält der gewebte Stoff jedenfalls gröfsere Schmiegfam. keit und Weichheit als bei den in Europa üblichen Methoden. Die Zeichnungen der Japanefen, obfchon ftets nach ihrer Weife ftilifirt, verleugnen doch nie die Natürlichkeit in jenem Maſse, wie diefs fo häufig bei den Chinesen der Fall ift. Wenn fich Japans Induftrie unfere Hilfsmafchinen aneignet- woran kaum zu zweifeln ift wird fie es bei dem Fleifse und der Gefchicklichkeit ihrer Arbeiter bald zu den fchönften Refultaten gebracht haben. - Von dem äufserften Often Afiens wieder nach Europa zurückkehrend, find noch zwei wichtige Hilfsinduftrien der Weberei: Appretur und Mafchinenbau zu erwähnen. - Eingangs diefes Berichtes wurde bereits der hervorragenden Stellung, welche die Appretur namentlich bei den aus minderem Materiale erzeugten Artikeln einnimmt, gedacht. einnimmt, gedacht. Auf der Ausftellung war fie in felbftſtändiger Weife durch eine einzige hervorragende, franzöfifche, Firma vertreten. Die öfterreichifchen Appreteure haben fich begnügt, bei einzelnen Ausftellern ihre Mitwirkung zu conftatiren und mufs daher fpeciell hervorgehoben werden, dafs jene Hilfsinduftrie in der letzten Epoche wefentliche Fortfchritte gemacht hat und dafs fie es heute durch die Tüchtigkeit ihrer Leiftungen dem einheimifchen Fabrikanten ermöglicht, mit feinen ausländifchen Collegen gleichen Schritt zu halten. Die Hilfsmafchinen der hier befprochenen Induftriezweige gehören, als in andere Gruppen eingereiht, nicht in den Rahmen diefes Berichtes, indefs könnte derfelbe nicht vollſtändig fein, ohne ihrer wenigftens zu erwähnen. Was die Mafchinen für die Weberei betrifft, fo treibt das Vorherrfchen des glatten Artikels, fowie die zunehmende Concurrenz in denfelben, den Fabrikanten und fomit auch den Conftructeur, die Leiftungsfähigkeit der Stühle bis zur Grenze der Möglichkeit anzufpannen, ein Bemühen, welches namentlich beim Bandftuhle feinen markanten Ausdruck gewinnt. Die Anwendung der doppelreihigen und der Circularladen fteigert die Production wefentlich, befonders wenn fie mit mechanifchem Betriebe in Verbindung gebracht wird. Der Stoff- Webeftuhl für Kraftbetrieb hat ebenfalls viele Verbefferungen erfahren, fowie die anderen Hilfsmafchinen der Weberei, als Spul-, Wind- und Zettelmafchinen, hauptfächlich mit Rückficht auf den mechanifchen Betrieb. Im Allgemeinen gilt auch hier der bereits im Laufe diefer Zeilen ausgefprochene Satz, dafs in der verhältnifsmässig kurzen Zeit, die feit 1867 verfloffen, wenig Neues gebracht wurde, dafs aber die Erfahrungen der Fortgefchrittenen mehr und mehr zum wirklichen Gemeingute geworden find. Die Schweiz hat fich am lebhafteften bei der Ausftellung der befprochenen Hilfsmafchinen betheiligt. Sie bringt Band- Mühlftühle für verfchiedene Artikel, Stoffftühle, Zettelmaſchinen, fämmtlich für mechanifchen Betrieb. Eine ausgeftellte Seidenwäge-( Sortir-) Mafchine löft ein fchwieriges Problem in fcharffinniger Weife; ob mit praktiſchem Erfolge mufs erft die Zeit lehren. Oefterreich, refpective Wien, exponirte einen Bandftuhl mit einzelnen neuen Details, Spul-, Wind-, Zettel-, als auch viele andere Hilfsmafchinen und Vorrichtungen, fowie vorzügliche Jacquardmafchinen der verfchiedenften, theilweife in Wien erdachten Varietäten für alle Zweige der Weberei. Deutfchland, Frankreich, Belgien brachten ebenfalls verfchiedene, ini Principe bereits gekannte Maſchinen für die Weberei fowie für die Appretur. Zum Schluffe erübrigen nur noch einige Worte über die in der befprochenen Induftriegruppe vorgenommene Beurtheilung. aus Die Seideninduftrie mit ihren Hilfsinduftrien, ihren Hilfsinduftrien, die Mafchinen genommen, war durch beiläufig 700 Ausfteller vertreten, worunter die Türkei, welche jeden einzelnen Gegenſtand als felbftftändige Ausftellungsnummer im Seide und Seidenwaaren. 9 Kataloge anführte, nicht inbegriffen ift, ebenfo nicht die afiatifchen Länder, die theils collectiv, theils nach Departements und Provinzen beurtheilt wurden. Italien zählte 210, Frankreich 160, Oefterreich 107, Deutfchland 47, die Schweiz 52, Griechenland 24, England 22, Spanien 22, Portugal 14, Ungarn 12, Rufsland 10, Schweden 3, Belgien und die Niederlande je einen Ausfteller. - Von den Ausftellern Oefterreichs waren 4 als Mitglieder der Jury aufser Concurs, 2 wurden für das Ehrendiplom vorgefchlagen, 36 erhielten Medaillen ( 9 Fortfchritts-, 27 Verdienftmedaillen), 35 ehrenvolle Erwähnungen. Die Beurtheilung in der Section für Seidenwaaren war eine verhältnifsmässig ftrengere, als in anderen Branchen, nachdem die erften Firmen feien es nun die Frankreichs, Italiens, Deutfchlands, Oefterreichs oder der Schweiz- eine folche Bedeutung erreicht haben, dafs der hiedurch gefchaffene Mafsftab die mittleren Leiftungen empfindlich beeinträchtigte, Leiftungen, deren Aequivalente in den meiften der anderen Gruppen gewifs höher prämiirt worden wären als hier. Es mögen daher jene, welche fich zu hart beurtheilt glauben, bedenken, dafs es nur die notoriſche Ueberlegenheit der erften Firmen war, welche bei Zuerkennung der Auszeichnungen eine gröfsere Referve auferlegte, fo dafs, wenn je, gerade hier der alte Satz gilt, der da lautet: Das Beffere ift der Feind des Guten. DIE POSAMENTIRARBEITEN. ( Gruppe V, Section 5.) Bericht von CARL GIANI, Fabrikant in Wien. Mitglied der internationalen Jury. Einer jener Induftriezweige, welche ihrer Natur und Wefenheit nach in zwei verfchiedenen Techniken, der des Webens und der des Flechtens, wurzeln und deffen Entstehung in die älteften Zeiten zurückverlegt werden mufs, ift die Pofamentirarbeit. Sie war, foweit fie die Gallons und Litzen, Franfen, Quaften und Schnüre, wie auch Knopferzeugung umfafst, würdig auf der Wiener Weltausftellung vertreten. In den folgenden Zeilen wollen wir es verfuchen, ein möglichft eingehendes Bild alles in diefei Hinficht Gebotenen zu geben und fchicken nur behufs Verftändigung voraus. dafs die geographifche Eintheilung uns als Grundlage dient. Nordamerika und England haben in der Pofamentirinduftrie gar nichts zur Anficht gebracht, obwohl beide Staaten, befonders England, alle Urfache hätten, jene eigenthümlichen Franfen und Quaften zu zeigen, welche, den ftrengen Charakter Altenglands an fich tragend, die ganze folide Pracht mit der nationalen Pedanterie vereint zeigen. Brafilien führte uns in einem Pflanzenfafer- Geflechte, wie auch in der daran applicirten Bordure eine Art urwüchfiger, faft an Indianerfchmuck erinnernder Federnpofamenterie, eine fehr originelle Arbeit, vor.( Ausftellung Para.) Indien mit feinen märchenhaften Stoffen und Stickereien liefs nur fehr fchwer die Grenze erkennen, an welcher fich Stickerei und Pofamenterie fcheiden, in allen Fällen aber zeigt es uns wiederholt, dafs die Wiege der Menfchheit auch die des guten Gefchmackes ift. Man findet hier nicht wie im Occident die Erzeugniffe des Schreiners und Drechslers als mafsgebende Grundlagen, hier ift die Quafte z. B., was fie ihrer Natur nach fein foll, ein Büfchel dichter, fchmiegfamer Fäden, welche durch ein Fadennetz an beftimmten Punkten zufammengehalten und auch nur mit Zierathen textiler Natur gefchmückt find. Die Technik felbft kann eine vollkommenere fein, Abirrungen aber von dem gegebenen Stoffe und deffen Naturbedingungen find vom Standpunkte des guten Gefchmackes unbedingt zu verwerfen. Frankreich, diefe fcheinbar prädeftinirte Stätte für Pofamenterie, hat durch die von ihm in diefer Branche zur Anficht gebrachten Ausftellungen bewiefen, dafs diefe Prädeftination und Weltherrfchaft in ihren Grundfeften erfchüttert und andere Völker nur den moralifchen Muth und raftlofes Streben zu entwickeln brauchen, um den bis nun innegehabten Monopolismus zu vernichten. Die Pofamentirarbeiten. 11 Parriot Laurent in Paris hat freilich in gefchmackvoller Weife jene Erzeugniffe, in welchen er excellirt, zur Anfchauung gebracht; es find diefs Knöpfe und Pofamenterien für Damenconfection. Befonders Neues oder für Andere technifch Unerreichbares vermochten wir aber nicht dabei zu entdecken. Camille Weber in Paris hat auf der Parifer Ausftellung 1867 entfchieden fchöner und beffer exponirt; feine diefsmaligen Objecte zeigten nicht allein nichts Neues, fondern was noch fchiimmer, es fanden fich darunter geradezu antiquirte Gegenftände, fo dafs man faft verfucht war zu glauben, er habe Befferes in feinem Magazin, als jenes ift, was er der Beurtheilung der civilifirten Welt unterbreitet hat. Die Firmen Dieutegard& Antheaume, Balay G.& Comp. Bon amour, Benodier père et fils und L. Spork haben in Damen- Confectionsartikeln fchön ausgeftellt, aber nicht derart, dafs man Urfache hätte, zu behaupten, ihre Leiftungen feien unübertrefflich. Joncerrand fils ainè in St. Etienne brachte Gallons für Möbel, welche theilweife von gutem Gefchmack zeugten. Grangier& Reymondon in St. Chamond, Brun Camille in St. Etienne, Gros& Lamarry in Paris haben gewöhnliche Litzen zur Anficht gebracht und in jeder Hinsicht ihre Concurrenzfähigkeit mit den gleichen Fabricaten Barmens bewiefen. Was man aus einem fo unfcheinbaren Artikel, wie Knöpfe find, machen kann, haben nebft Parriot Laurent auch die Herren Neau& Lecompte in Paris durch ihre diefsbezügliche Ausstellung bewiefen und mehr noch durch den ftatiftifch feftgeftellten grofsen Gefchäftsbetrieb, welchen fie zu erzielen verftanden. Das Haus Parent& Comp. fteht ihnen faft ebenbürtig zur Seite. Italien, Spanien, Portugal, Belgien, wie auch die Schweiz hatten fehr wenig in diefer Induftrie ausgeftellt, was aber, befonders von dem erftgenannten Lande, zur Anficht gebracht wurde, läfst den aufrichtigen Wunfch in uns laut werden: es hätte beffer gethan, nichts zu fchicken, denn felten noch haben wir alte franzöfifche Vorbilder mit fo geringem Verſtändnifs für Form und Farbe wieder gegeben gefunden. H. J. Hanfen in Kopenhagen hat in anerkennenswerther Weife fich bemüht, von dem Beftehen des Pofamentirgewerbes in Dänemark Zeugnifs zu geben, mehr fchien feine Ausstellung nicht bezwecken zu wollen und diefes Ziel hat fie auch erreicht. Schweden, Norwegen und die Niederlande boten ebenfalls nichts in diefer Beziehung. Deutfchland hat in Pofamenterien vohl Mehreres ausgeftellt, es bedünkt uns aber, als hätte es die Wichtigkeit diefer Induftrie mehr ins Auge faffen und eine regere Betheiligung anftreben follen. Berlin, Dresden und Frankfurt a. M. wären allein im Stande gewefen ein anıtändigeres Contingent zu ftellen als alle übrigen zufammengenommen. Gebrüder Bühlmann in Berlin, Oppermann in Einbek, Ebel in Berlin und Schärf in Brieg haben Möbelpofamenterien ausgeftellt; doch können wir nur den Fabricaten des Letzgenannten ein beifälliges Urtheil zollen, die übrigen find gut gemacht, aber fchwach in Erfindung, Form und Farbe. Remfcheid& Thöme, Saatweber& Weftcott wie auch die Barmer Collectionsausftellung boten gut fabricirte Objecte, deren Werth in ihrer Eigenfchaft als grofse Confumartikel liegt, Anfprüche weiterer Art erheben fie nicht. B. Gutkind, Weifsmüller, Gebrüder Bühlmann, Reinhold Wolf Bacher, L. Damm, Berghaus, Klemm& Comp. haben in Damenconfec tions- Pofamenterie wohl nicht impofant, aber doch anerkennenswerth ausgeftellt, in mancher Hinficht ebenfo gut als die Franzofen. Bergen kamp in Barmen, Dibbert in Altona haben in Knöpfen Gutes und Schönes gebracht, Siemfen 12 Carl Giani. in Hannover bewies durch die von ihm ausgeftellten Flachspofamenterien, dafs diefes Material ein fehr dankbares fei und möchten wir felbes Fachgenoffen zum aufmerkfamen Studium empfehlen. Die Strohgeflechte von Reichel in Dippoldiswalde und Hummel in Furtwangen find gut gemacht. Auf Oefterreich übergehend erachten wir es als geboten vorauszufchicken, dafs wir viel zu eifrige und aufrichtige Patrioten find, um unferen Landsleuten unverdiente Lobfprüche zu fagen, dafs wir es aber als eine heilige Pflicht betrachten, das aufgefundene Gute und Lobenswerthe in das gehörige Licht zu bringen. Diefe letztere Aufgabe wird im gegebenen Falle wefentlich durch das anerkennende Urtheil erleichtert, welches nicht allein die Jury, fondern auch das gefammte Ausland über die nie geahnte Leiftungsfähigkeit und Gefchmacksentwicklung Oefterreichs faft einftimmig gefällt hat, ein Urtheil, welches hoffentlich dazu beitragen wird, einerfeits das geringe Selbſtvertrauen Oefterreichs zu kräftigen, anderfeits aber deffen Induftrie zum conftanten, energifchen Fortfchreiten anzufpornen. Das Vermögen, Gutes zu leiften, ift conftatirt, der energifche Wille, Befferes zu bringen, mufs beweifen, dafs wir den eigentlichen Werth der Ausftellung richtig aufgefafst haben. Die Ausftellung von C. Drächslerin Wien bot in Möbelpofamenterien Gallons, Quaften, Franfen und Borduren, das Gefchmackvollfte, was erfonnen werden kann und liefs den einft tonangebenden franzöfifchen Rivalen weit hinter fich; in gleichem Streben, aber mit geringeren Refultaten, bemüht fich das relativ junge Haus Luckfchanderl& Chwalla, der erftgenannten Firma eine ehrenhafte Concurrenz zu machen; ein folcher Wettkampf ift nicht nur für beide Firmen ehrenvoll und nutzbringend, fondern auch für die gefunde Entwicklung einer derartigen Induftrie fehr wünfchenswerth. Gutruf arbeitet ebenfo wie Stepsky und Scherer in Artikeln des grofsen Confums. Ihre Ausstellung repräfentirte in erfchöpfender Weife die von ihnen erzeugten Artikel. O efterreicher, Teltfcher und Kapper haben gute Objecte ausgeftellt, ob felbe, befonders was den Erfteren betrifft, deren wirkliche courante Erzeugung repräfentiren, ift eine Frage zweiten Ranges und find nicht wir es, welche darüber zu urtheilen haben. Seelig& Steglich, J. Anton und Schmidtl's Söhne haben fich in höchft anerkennenswerther Weife bemüht, durch ihre Ausstellungen die Thätigkeit der öfterreichifchen Induſtrie auf diefem Gebiete zur Anficht zu bringen und ift diefs befonders den beiden Erfteren auch gelungen. Die Priorität Frankreichs auf diefem Gebiete ift in der Natur der Verhältniffe und vornehmlich im Mangel einer gebildeten Arbeiterclaffe begründet, beides Urfachen, welche nicht unbezwinglich find. Schönbaumfeld, Ehrlich& Hock in Wien haben in dem unſcheinbaren, aber fehr wichtigen Artikel„ Hemdknöpfe" Anerkennenswerthes geleiftet, ebenfo Math. Salcher's Söhne, welche die Fabrication von Knöpfen für Herrenconfection, ebenfo rationell als gut betrieben, zur Beurtheilung brachten. Eine Specialität Oefterreichs vertreten die Firmen Anton Egerer, Eduard Meinhardt und A. Feller durch die von ihnen gebotene Ausftellung von Stick-, Web- und Confectionschenillen. Diefer Artikel, früher ftark in Berlin und Frankreich erzeugt, ift durch rationellen Betrieb ein Haupt- Exportartikel Oefterreichs geworden und haben die Erzeugniffe oberwähnter Fabrikanten vornehmlich Egerer's die gefammte ausländifche Concurrenz auf dem Markte Englands und Amerikas aus dem Felde gefchlagen. Hille& Hampel, F. E. Paul und Silberbauer haben in Leinenund Baumwoll- Bändern gut ausgeftellt, ebenfo L. Leibenfroft und L. Müller. Viele mögen an der Ausftellung von A. Grofsmann theilnahmslos vorübergegangen fein, und darum halten wir es für unfere Pflicht, die Aufmerksamkeit auf den von genannter Firma ausgeftellten unfcheinbaren Artikel, Damencoiffuren Die Pofamentirarbeiten. 13 Netze hinzulenken und als Begründung beizufügen, dafs mit der Anfertigung diefer Waare eine grofse Anzahl Menfchen fich ihr Fortkommen verdient und diefs befonders in Gegenden, in welchen vordem wegen Mangels jeder Induftrie Armuth und Elend gewaltet hatten. Sowohl im Lande felbft, als auch aufserhalb der Landesgrenzen finden die Haarnetze grofsen Abfatz und repräfentirt diefes Genre auch eine Wiener Specialität. Joh. Schwarz& Söhne, J. Ritter, J. Patfch und W. Plfchek in Wien haben durch ihre Expofition von Gallons und Litzen für Hüte, Herren- und Damenconfection die Concurrenzfähigkeit Oefterreichs dargethan, befonders die erftere Firma hat durch eine reiche Collection von Hutgallons, welche in gefchmackvollfter Weife zufammengeftellt ist, die Anerkennung der internationalen Jury, und zwar in reichlich verdientem Mafse hervorgerufen, es iſt felbe in ihrer Art ein Meifterwerk und beweift den feindurchbildeten Farbenfinn ebenfofehr als die Leiftungsfähigkeit der Anftalt felbft. Lang und Puxbaum, beide in Wien, ftellten Wagenborten aus in guter Ausführung, doch waren fie unzweckmäfsig placirt und ungenügend vertreten. Bevor wir von Oefterreich fcheiden, müffen wir einer Pofamenterie- Expofition gedenken, welche, wenn auch nur als Beftandtheil einer anderen fich zeigend, doch vollkommen geeignet ift, befprochen zu werden, wir meinen die im Pavillon Oberleither er vorkommende Flachspofamenterie. Ift die Conception und Durchführung oberwähnten Pavillons fchon in jeder Hinficht ein als Unicum daftehendes Meifterwerk, die Poefie des Flachfes auf eminente Art zum Ausdruck bringend, fo hat die dabei in Anwendung gebrachte Pofamenterie einen Löwenantheil hievon und verdienen die dabei betheiligten Firmen B. Mofchigg& Sohn und Hutterftrafser alle Anerkennung, während der geiftvollen Conception des Ganzen, einem Werke des Herrn Profeffors Ferdinand Lieb, das höchfte Lob gezollt werden mufs. Die Pofamenterie von Metallgefpinnften war in Amerika, England, Frankreich, Belgien, den Niederlanden, der Schweiz, Italien, Spanien und Portugal theils gar nicht, theils fehr wenig vertreten; erft in Deutfchland begegneten wir einer in diefer Richtung ebenfo rationell betrie benen als auch zur Ausstellung gebrachten Induſtrie. Tröltfch& Hanfelmann, Scheiblein& Comp. und Stollberg in Weifsenburg bei Nürnberg haben fowohl in Artikeln des europäiſchen als auch des Exportbedarfes ausgeftellt, und verdient befonders die erfte, nahezu hundert Jahre beftehende Firma, ihres grofsen Exportes nach dem Orient halber befondere Erwähnung. Die Qualität des Gebotenen ift faft durchgehends gleich, nur haben Tröltfch& Hanfelmann durch die Exponirung färbig gemufterter Goldgallons uns die Möglichkeit gegeben, deren Thätigkeit auch auf diefem Gebiete zu beurtheilen. Ebermayer und Schmuck& Söhne in Nürnberg haben gleiche Artikel in gleich anerkennenswerther Weife ausgeftellt. Die Expofition von C. A. Weftmann in Dresden aber machte uns faft zweifeln, dafs diefes feit 130 Jahren in einer Familie beftehende Haus Anfpruch auf Anerkennung erhebt; feine Ausftellung war entfchieden mifsglückt, da felbe weder quantitativ noch qualitativ jene grofsen Vorzüge zur Kenntnifs des Befchauers brachte, welche der Fabrication diefer ehrenhaften Firma eigen find. Der allfeits fich geltend machende Platzmangel mag wohl grofsentheils Schuld daran fein, wir fühlen uns aber verpflichtet, zu bemerken, ein Haus, wie das genannte, wäre es fich felbft fchuldig gewefen, darauf zu dringen, dafs die deutfche Reichs commiffion ihm einen würdigeren Platz angewiefen hätte, und diefs umfomehr, als viel weniger wichtigen, nicht füddeutfchen Induftrien diefs eingeräumt wurde. Die Jury hat auch in Würdigung diefer Momente die Beurtheilung des Haufes C. A. Weftmann auf günftigerer Grundlage vorgenommen. Franz Thill's Neffe und J. Lefchhorn in Wien haben in ebenfo reicher als gefchmackvoller Weife ihre Producte exponirt; beide arbeiten faft ausfchliefs2 14 Carl Giani. lich für die kaiferliche Armee und erregten deren Leiftungen fowohl in Betreff der Vergoldung als der Technik allgemeine Bewunderung feitens der ausländifchen Jury. J. Sauczek hat nebft Militärartikeln auch Gallons und Pofamenterieartikel für kirchliche Zwecke ausgeftellt und in letzterem Genre den Deutfchen und Franzofen eine empfindliche Concurrenz gefchaffen. Die reichhaltige Ausftellung von kirchlichen Gallons übertrifft in der Auswahl die gleichartige deutfche, fteht in Betreff der Technik und Farbe den Franzofen würdig zur Seite; ein von ihm ausgeftellter Glockenzug im Renaiffanceftil ift eine für den Pofamentirftuhl fchwierige und darum lobenswerthe Leiftung, nur hätten wir deffen Farbenftimmung harmonifcher gewünſcht. Die Ausstellung von J. Blazincic bot nebft manch Anderem auch eine Specialität in Schnürmacher- Arbeiten und Gefpinnftflechtereien, welche ebenfo intereffant als anerkennenswerth find. A. Schimper's Witwe in Wien, welche nur in unechten Metallgefpinnften und Pofamenterie, aber ziemlich ftark arbeitet, hat ihr Möglichftes gethan, um ein Bild diefer ausgebreiteten Induftrie zu geben, und mufs diefs umfo anerkennender hervorgehoben werden als andere, bedeutend ältere und gröfsere Firmen Oefterreichs es unterliefsen, diefen quantitativ wichtigen Induftriezweig zu repräfentiren. In Ungarn hat nur Jakob Schön in Pest Anerkennenswerthes in Goldpofamenterien für Militärzwecke und Nationaltrachten ausgeftellt, alle übrigen Ausfteller boten Mittelmäfsigkeiten. Rufsland zeigte wie in manch anderen Branchen, fo auch in dem der Pofamenterie, dafs es den Werth des Fortfchrittes in der Arbeit wohl zu würdigen verftehe, jeder aufmerkſame Befucher der ruffifchen Abtheilung muss der Kunftinduftrie Rufslands ein raftlofes Streben nebft eminenter Technik zugeftehen und kann nur wünſchen, felbe möge, vor allzu Bizarrem fich hütend, auf dem betretenen Wege fortfchreiten. Griechenland und Rumänien boten wenig Bemerkenswerthes auf dem Gebiete der Pofamenterie; dagegen waren die diefsbezüglichen Ausftellungsobjecte in Tunis, Marocco und Egypten fehr intereffant und unter Umftänden auch für den Fachmann von Werth. Befonders das letztere Land hatte fehr bemerkenswerthe Goldpofamenterien zur Anficht gebracht. Perfien bot wenig Bemerkenswerthes, defsgleichen China, während Japan aufserordentlich intereffante Objecte in anfcheinend anfpruchslofer Art zur Anficht brachte. Die Schnüre und Seidengeflechte von Kioto, die Netzarbeiten von Jeddo find höchft bemerkenswerth und bot endlich Japan in den mit gefchnittenem Goldpapier- Lahn überfponnenen Gefpinnften eine Specialität, welche für manche Induftrien geradezu epochemachend einwirken kann. Allerdings exiftiren ähnliche Dinge bereits in Europa, jedoch wurden fie noch niemals auf fo rationelle Art zur Anficht gebracht. Die von der Türkei in ziemlich fyftemlofer Weife gebrachten Pofamenterien gaben den abendländifchenFabrikanten hinreichenden Stoff zum Nachdenken. Die Arbeiten von Samos, und endlich die aus Stoffcompartimenten in fehr zarter Weife hergeftellten Blumenpofamenterien höchft intereffant; ein Gleiches gilt von den guipureartigen Goldpofamenterien. Eigenthümlich und in mancher Beziehung beklagenswerth ift das immer mehr zu Tage tretende Beftreben des Orientes von jenen typifchen Farben abzuweichen, in welchen der namenlofe Reiz feiner Fabricate liegt, es macht fich eine immer weitergreifende Aufnahme der modernen, nichts weniger als äfthetiſch richtigen Farbennuancen geltend. Man kann diefen Rückfchritt im Fortfchritte in Gewebe und Stickerei conftatiren.*) Afien und Afrika find bereits von dem Beftreben angekränkelt, die gleifsenden Farben des Occidentes zu acclimatifiren und iſt es *) Siehe Ferdinand Stamm: Spitzen und Stickereien. Die Pofamentirarbeiten. 15 leicht möglich, dafs bei folchem Fortfchreiten binnen relativ kurzer Zeit Orient und Occident ihre Rollen werden vertauſcht haben. Auf das Empfindlichfte wurde die Wahrheit des hier Gefagten bei den vielfach ausgeftellten Arbeiten der Türkei zumeift demonftrirt, in welchen neben den primitiven Farbentönen die modernen Nuancen placirt find. Das Schlufsrefumé unferes Berichtes gipfelt in der eingangs desfelben abgegebenen Anficht, dafs die Pofamenterie als folche gut auf der Ausftellung vertreten war, dafs aber Oefterreich vor Allem feinen Beruf dargethan hat, auch in diefer Gewerbsbranche die Führerfchaft zu übernehmen. Es fei uns fchliesslich geftattet, dem lebhaften Wunfch Ausdruck zu geben, Regierung wie Regierte mögen aus den oberwähnten Refultaten jenen Nutzen ziehen, welcher denfelben innewohnt, und möge befonders die Erftere energifch dahin wirken, dafs durch Fachſchulen und Mufterwerkftätten junge intelligente Hilfskräfte herangebildet, durch Reorganifirung der Confulate entſprechender Rechtsfchutz im Auslande gefchaffen und endlich alle jene Gefetze befeitigt werden, welche, wie z. B. der Puncirungszwang, geradezu lahmlegend auf einzelne Branchen der Pofamenterie einwirken. Offenes Auge, redlicher Wille und ftrengfte Gewiffenhaftigkeit find berufen, für Oefterreich aus der Wiener Weltausftellung einen Nutzen zu ziehen, welcher mehr als hundertfach alle gebrachten Opfer aufwiegt.