OFFICIELLER AUSSTELLUNGS- BERICHT HERAUSGEGEBEN DURCH DIE GENERAL- DIRECTION DER WELTAUSSTELLUNG 1 8 7 3. FERTIGE KLEIDER. ( Gruppe V, Section 7.) BERICHT VON IG. ORTMANN, ANTON KREUZIG, JOSEF MIGOTTI, WILHELM PLESS, FRANZ UND MAX STIASNY. WIEN. DRUCK UND VERLAG DER K. K. HOF. UND STAATSDRUCKEREI. 1873. BEB DEB TH VORWORT. Nach dem Programm der officiellen Berichterstattung über die Wiener Weltausstellung 1873 foll der officielle Bericht noch , während der Feier des internationalen Feftes abgefafst und aufgelegt werden". Diefe Beftimmung zu erfüllen, übergibt die gefertigte Redaction des officiellen Berichtes in der vorliegenden Form die einzelnen Sectionsberichte der Oeffentlichkeit und glaubt damit den Befuchern der Weltausftellung das Studium derfelben wefentlich zu erleichtern. Nur eine Bemerkung fei an diefer Stelle geftattet. Der vorliegende, wie jeder andere während der Weltausftellungs- Feier publicirte Bericht wird einen Theil des officiellen Berichtes bilden, welcher nach dem Schluffe der Weltausftellung als ein Ganzes erfcheinen und die wiffenfchaftlichen Refultate der Ausstellung für die Dauer erhalten foll. Diefs mag dem Lefer die ftiliftifche Form, in welcher bereits die Vergangenheit der Ausftellung angenommen ift, erklären. PROFESSOR DR. CARL TH. RICHTER, Chefredacteur des officiellen Berichtes. FERTIGE KLEIDER. ( Gruppe V, Section 7.) FRAUENKLEIDER UND COSTUME. Bericht von IGNAZ ORTMANN, Modewaarenhändler in Wien. Die Lebensbedürfniffe der Menfchen find höchft mannigfaltiger Art und es ift gewifs, dafs je höher die Gefittung und der Wohlftand fteigt, in defto ausgedehnterem Mafse fich diefelben mehren und vervielfältigen. Unter diefen Bedürfnissen aber ift eines, an welchem die Menfchen wohl die zahlreichften Verfchiedenheiten und Abweichungen an den Tag legen, und das von ihnen vielen und rafch wechfelnden Veränderungen und Ausbildungen unterzogen wird, wie kein anderes. Es ift diefs das Kleid und die Art und Weife der Bekleidung. Nicht genug, dafs fich die Menfchenracen aufser dem Bau der Knochen und durch die Farbe ihrer Haut unterfcheiden, heben fie fich noch durch die Verfchiedenheit ihrer Anzüge von einander gewaltig ab, und die Bewohner eines jeden Himmelsftriches, jedes Landes, ja faft jedes Bezirkes und nicht felten fogar jedes einzelnen Dorfes kleiden fich nach einem anderen Modus, und unterziehen diefen Modus abermals einer fteten Umwandlung; aufserdem montirt fich noch beinahe jeder einzelne Menfch wieder nach feinem eigenen individuellen Gefchmack und fchafft ein reiches wechfelndes Bild des Menfchen und der Kleidung. Noch niemals trat uns diefe Thatfache greifbarer vor die Augen, als wenn man bei einer Wanderung durch die Hallen der Wiener Weltausftellung diefem Gegenftande einige Beachtung fchenkte. Man fah dort die Trachten und Anzüge faft aller Nationen und Völker, die durch die Kleider felbft oder durch plaftifche Abbildungen oder durch Gemälde und Photographien zur Schau ausgeftellt waren. Man konnte dabei leicht erkennen, dafs die Völker von niederer Culturftufe die Veränderungen ihrer Anzüge nicht in fo rafch aufeinander folgender Reihenfolge vornehmen wie diefs die civilifirteren Nationen thun; immerhin aber, konnte man auch bei den Erfteren die gleiche Sucht, wenn auch in einem minderen Grade, der Kleiderveränderung wie bei den letzteren fehr leich bemerken. Und gehen wir auf diefe Frage noch etwas näher ein, fo fehen wir, dafs es die fchönere Hälfte des Menfchengefchlechtes, dafs es die Frauen find, die den gröfseren Theil diefer Wechfelfucht befitzen. Sie find es auch, die hierin weitaus mehr Phantafie entfalten und ihre Körperformen durch immerwährend veränderte und nach ihren Begriffen ftets vortheilhaftere Umhüllungen zu verfchönern trachten. 1 2 Ignaz Ortmann. Wir wollen Umfchau halten über die Frauenkleider, welche uns von allen. Weltgegenden zur Anficht eingefchickt worden find; wollen aber nicht von unferen weiblichen Antipoden, den Bewohnern von Queensland oder von den Samojeden, Kirkifen oder den vielfältigen Trachten der Bewohner von Turkiftan berichten, fondern, da uns diefe doch allzuweit entrückt fcheinen, auch für das wirthschaftliche Leben der Culturwelt noch wenig Bedeutung haben, befchränken uns blofs auf jene Landesgebiete, die uns äfthetiſch und wirthschaftlich bedeutend erfcheinen. Wenn wir die Induftriehalle von Weft nach Oft im Geifte wieder durchfchreiten, fo fehen wir am Eingange einer links liegenden Quergallerie eine reichgekleidete Dame aus Indien vor uns ftehen, die uns genügenden Beweis gibt, welch' aufserordentliche Erfindungsgaben die Frauen befitzen, um ihren Körper zu decoriren. Die Büfte diefer indifchen Dame war durch eine eng anliegende, aus grüner Levantine, artig gearbeitetem Seidenftoff gemachte Jacke bedeckt, unter der, aus Gaze gemacht, das Chemifette und die Aermel hervorfchauten; von den Hüften bis zu den Füfsen herab fiel ein faltiger Rock aus blauem, fchwerem Seidenftoff. Sowohl die Jacke als auch der Rock waren mit vielen Gold- und Silberbörteln verziert. Beide Kleidungsftücke wurden um die Taille durch einen aus Goldborten zufammengefügten Gürtel feftgehalten, welcher mit feinen beiden Enden eine herabfallende reiche Goldquafte bildete. Ein aus rothem( Bobbinet) Tüll vom Kopf bis zu den Knien reichender Schleier, der wieder an feinen Kanten mit reichem Gold- und Silberfchmuck bordirt war, fiel über diefen Anzug. Die Ohren diefer Dame waren mit ungeheuer reichhältigen Behängen angethan, die Nafe war mit einem goldenen, ovalen Reif durzogen, der mindeſtens zehn Centimeter Durchmeffer hatte, und fafs an dem linken Nafenflügel ein mit Perlen gezierter Goldknopf oder Rofette, gleichfam um das Verfchieben des Ringes in der Nafe zu verhindern. Aufser diefem waren noch die Stirn, der Hals, die Arme, Finger und Zehen reich mit Schmuck beladen. Die neben diefer Dame ausgeftellten, reich mit Gold auf Gold geftickten. indifchen Shawls, Tücher und Echarpen nebft vielen anderen Toilettegegenständen von blendender Pracht und Mannigfaltigkeit unterſtützen unfere am Eingange gemachte Behauptung. In einer anderen, von der indifchen entfernteren Galerie ftand eine nicht. minder geputzte Dame aus China. Diefelbe war in einen weiten blauen Atlaspaletot mit weiten Aermeln gehüllt, die Vordertheile desfelben legten fich übereinander und liefsen die Formen ihrer Taille wenig beobachten. Diefer Oberrock. oder Paletot war mit bunter Flachftickerei,( deren Unübertrefflichkeit uns durch die feit vielen Jahren von dorther nach Europa eingeführten Creppontücher hinreichend bekannt ift), reichlichft verziert. Unter diefem Kleidungsftück, welches bis an die Knie reicht, fiel ein dunkelrother Crepprock hervor, der die Füfse total verfteckte, und nach rückwärts in eine kleine Schleppe auslief. Diefer Schlepprock war mit ganz dünnen Goldfäden verfchnürt und läfst fich der Reichthum, fowie die gefchmack- und ftilvolle Blattzeichnung und ungewöhnliche Präcifion diefer Verfchnürung nicht leicht fchildern. Der Kopf der Dame war mit einem fehr reichen, aus Gold und Blumen componirten kronenartigen Schmuck bedeckt. Ihre Ohren hatten eine ziemliche Laft von zwei phantaftifchen Ohrgehängen zu tragen. So fehr auch diefe Chinefin ihre Füfse unferen Augen verborgen hielt, fo konnten wir doch durch die nebenan ausgeftellten, fchön geftickten, kleinen Schuhe fehen, dafs die Chinefinen gewifs auch diefem Theil ihres Körpers mehr Aufmerkfamkeit, als gerade nöthig zuwenden mögen. Frauenbekleidungen. 3 Neben diefer reichen Mandarinenfrau konnten wir in der chinefifchen Abtheilung noch mehrere andere theils vollständige Anzüge, theils einzelne Theile von folchen wahrnehmen. So fahen wir zwei reich geftickte Theatermäntel, mehrere Sonnenfchirme, Kopffchmuck- Gegenftände, ferner Frauen- Beinkleider, Hemden und Strümpfe aus Gentian Gaz, die alle zeigen, welch hoher Luxus in Damenanzügen in China herrfcht. Die in derfelben Abtheilung ausgeftellt gewefenen, von Papiermaffe gefertigten Puppen, welche uns die Trachten der bürgerlichen Claffen veranfchaulichten, zeigten uns abermals, wie divergirend fich die Gefchmacksrichtungen bei jedem einzelnen Individuum äussern. Wenn die Chinefen auch nicht fo viele Variationen wie unfere Damen in den Schnitten ihrer Kleider vornehmen es bedünkt uns, dafs fie darin eine gewiffe Stabilität beobachten- fo fahen wir doch, welche Mannigfaltigkeit fie in der Wahl und Zufammenftellung der Stoffe, der Farben und der Decorirung entwickeln können. Japan dagegen hat uns nur eine grofse Menge der verfchiedenartigften, Stoffe für Damenkleider vorgelegt, welche fo viel Intereffe boten, dafs fie fchon von vielen anderen Seiten und in den öffentlichen Blättern eingehendft beleuchtet worden find. Uebrigens gehören uns auch die Stoffe als folche nicht an. Im Coftüm mögen fich die Japanefen wenigftens nach den lebendigen Exemplaren, die im Originalcoftüm die Ausftellung befuchten, wenig von den Chinefen unterfcheiden. Die Reformen des gegenwärtigen Beherrfchers des oftafiatifchen Kaiferreiches find gewifs noch nicht fo tief ins Volk eingedrungen, dafs fie alles Originelle fchon vernichtet hätten. Wenigftens waren drei bis vier etwas verborgene und nicht vollſtändige Frauenanzüge, worunter ein fchöner Damen- Schlafrock, von der alten Originalität. Perfien dagegen hat den alten Ruf feiner Stoffweberei nur wieder neu bewährt, indem es uns eine reiche Sammlung der fchönften und gefchmackvollften Cachemir- Long- Shawls und Umhängtücher, in denen es mit den indifchen Fabricaten gleiches Renommé behält, zur Anficht übermittelt hat. Die meiften Frauenanzüge aber konnten wir in der Türkei bewundern. Wir müffen es uns jedoch verfagen, diefe ins Unendliche gehenden Arten der Trachten einzeln zu befchreiben, wodurch dem Lefer doch nie das richtige Bild gegeben werden kann. Nur fo viel mufste jeder Befchauer erkennen, dafs der Typus diefer Anzüge unter den afiatifchen Völkern jenem der indifchen Frauen am nächſten kommt. Die türkifche Frau trägt meiftens eine Wefte aus Seide, worunter ein Chemiſette aus Tüll, Algerienne oder einem anderen Baumwoll- Stoffe liegt, einen fehr faltenreichen Rock, der unten bis auf zwei Oeffnungen für die Füffe zugenäht ift und faft einer Pumphofe ähnelt; in vielen Fällen bindet fie eine reich mit Gold geftickte Gazefchürze um. Von den Schultern fällt ein Tuchpaletot mit weit offenen Aermeln herab. Ihre Fufsbekleidung befteht meiftens aus groben, jedoch buntgeftrickten Harrasftrümpfen und Chagrinleder- Schuhen, Pantoffeln oder auch halbhohen Stiefeln. Auffallend ift bei ihnen die Verfchiedenheit der Gebräuche, fich zu verfchleiern. Die Eine hüllt ihren ganzen Kopf und das Geficht in ein faft dichtes Gewebe derartig ein, dafs ihr nur eine kleine Spalte zur Durchficht ihrer Augen offen bleibt. Die Andere hat an ihrer Kopfbedeckung, die aus einer fchwarzen Kappe befteht, ein aus fchwarzem Rofshaar gewebtes Schürzchen angebracht, das bis über das Kinn herabreicht. Eine Dritte trägt auf ihrem Haupte einen Blumenkranz, von welchem aus eine unzählige Menge Goldfäden in reicher Fülle bis zu ihren Knieen herabrollen und ihr Geficht verbergen. 1* 4 Ignaz Ortmann. Seide wird für die Toiletten der eleganteren Türkinen am meiſten angewendet, auch ſpielt bei ihnen die Stickerei, Tambourarbeit und Verfchnürung durch Gold, Silber und Seide eine hervorragende Rolle. Der Gold, Silber-, und Juwelenfchmuck wird auch hier in der übermäfsigften Weife angewendet. Vorzüglich bekunden die Türkinen eine grofse Vorliebe, fich mit Silber- und Goldmünzen zu fchmücken. Mehrere fah man auf der Ausftellung, deren Ohrgehänge bis über den Bufen herabreichten, und fo wie bei jener Indierin fahen wir auch bei einer Türkin die Nafe zu beiden Seiten durch je einen Goldknopf, mit Edelſteinen befetzt, verziert. Die in der türkifchen Abtheilung übrigens ausgeftellten Stickereien bekundeten nicht mehr jene Originalität, durch die fie fich einen nicht unverdienten Ruf erworben hatten. Diefsmal konnten wir nur Wenigem unter diefen Artikeln unferen Beifall fchenken, worunter ein weifser Shawls gehörte, der von dem deutfchen Gewerbemufeum angekauft wurde. Tunis hatte mehrere recht vornehme Frauen in feiner Abtheilung ftehen, die von den türkifchen in ihren Coftümen abweichen. Im Gegenfatze zu der türkifchen Braut trägt die tunefifche ftatt des langen, weiten, anderfeits befchriebenen Kleidungsftückes enge, halbanliegende, bis über die Wade herabreichende Hofen, diefe find aus buntem, fchwerem Seidenftoff gemacht und mit reicher Goldftickerei beladen. Ihr Oberkörper fteckt in einer engen, goldgeftickten Jacke, unter der ein ebenfo gefticktes Gazehemd( Tunica) hervorfällt; ein rothes Seidentuch mit Goldborduren umhüllt fie von oben bis unten in ihrem rückwärtigen Körper, und ift fie aufser mit einem Goldkranz auf dem Haupte noch mit einer Menge zwecklos herabhängender, bunt geftickter Bänder aufgeputzt. Ihre Füfse trugen goldgeftickte, fpitzige Schuhe. Wer vermag es endlich, die reichhaltigen, mannigfaltigften und phantafievollften Gruppen und Trachten der Griechen, Rumänen, Walachen, Dalmatiner und öfterreichifchen Küftenbewohner zu fchildern? Wer könnte die vielfarbigen, malerifchen Coftume hinreichend befchreiben die uns von Schweden und Norwegen, von Holland in feinen niederländifchen und von Mähren in feinen hanakifchen Bauerntrachten hingeftellt wurden? Wie anziehend waren nicht die nach Dutzenden zählenden, von Papierpappe fo kunftgerecht ausgeführten Figürchen, von denen uns jedes einzelne einen anderen Typus der fpanifchen Volkstrachten zeigte? Wir wollen aber nicht weiter auf die Kleidungen uns fremder Nationen eingehen, fondern, da diefelben zumeift nur in den Geweben, aus denen fie gemacht, von Intereffe, diefe aber in der nationalen Hausinduftrie und in der Betrachtung der Webftoffe weitere Beachtung finden, uns ein wenig in den Garderoben unferer heimifchen Damen umfehen. Leider müffen wir bemerken, dafs gerade der Zweig, die BekleidungsInduſtrie für Frauen, der eine fo umfangreiche Ausdehnung hat, der fo viele Taufende von Menfchen befchäftigt, den in feinen fchrankenlofeften und verfchiedenartigften Productionsrichtungen nahezu die meiften anderen Induftriegruppen unterſtützen, dem jeder Menfch mehr oder weniger tributpflichtig werden mufs, dafs gerade diefer Induftriezweig nur in dem fpärlichften Mafse auf der Weltausstellung 1873 vertreten war. Oefterreich war durch vier Firmen aus Wien; Ungarn durch eine Firma aus Peft; Frankreich durch eine Firma von Paris; England durch eine Firma von London vertreten. Diefe geringe Betheiligung findet darin ihren Grund, dafs die Producenten wegen eben der voran befprochenen Moden- Wechfelfucht der Damen von der Betheiligung an der Ausftellung fernegehalten wurden; denn das Kleid, welches Frauenbekleidungen. 5 der Aussteller der Generaldirection fchon im Monate April verfügbar ftellen mufste, ift durch den rapiden Wechfel der Mode im Juni fchon wieder halb antiquirt, und verfehlt fomit zum gröfsten Theil feinen Zweck. - - Ein zweiter Factor diefer kleinen Betheiligung mag auch dem Umftande zugefchrieben werden, dafs fich diefer Artikel was befonders für den öfterreichifchen Fabrikanten gilt nicht als Exportartikel betrachten läfst. Das Frauenkleid ift nur auf einen kleinen Kundenkreis befchränkt, den fich kein Fabrikant durch eine Ausftellung der vorerwähnten Gefchmacksveränderung wegen erheblich erweitern würde. Die Urfache aber, warum diefer Artikel keine Exportation erzielen kann, liegt vor Allem in unferen allzu theueren Lebensverhältniffen, die fchon zu oft befprochen find, als dafs wir fie wieder aufzählen follten. Oefterreich, welches durch drei kleine, weniger bekannte Wiener Häufer vertreten war, brachte uns mehrere Strafsentoiletten, einige Soirée- und Ballkleider und einen Schlafrock. Diefelben waren durchgehends mit fehr viel Fleifs gearbeitet, zeugten von lebhafter Phantafie und Erfindungsgabe. Auch find, das fei hier zur Ehre unferer Induftrie, wie fchwach fie auch vertreten war, erwähnt, fämmtliche Ausftellungen prämiirt worden. Ungarn, durch eine bekannte renommirte Pefter Firma erfteren Ranges repräfentirt, hatte eine ſehr ſchöne, reichhaltige Ausstellung gefchaffen, die dem Haufe alle Ehre macht. Wir wollen nur erwähnen ein recht gefchmackvoll zufammengeftelltes Ballkleid, welches von apfelgrüner Faille gemacht, mit Theerofen und echten Brüffeler Applicationsfpitzen geputzt war und die fchauluftigen Damen magifch anzog. Frankreich, in deffen Abtheilung ein Parifer Haus feine fehr zahlreichen Toiletten ausgeftellt hatte, hat uns leider keinen feiner Heroën der Mode vorgeftellt. Immerhin aber war die Expofition diefes einen Haufes grofsartig zu nennen. Wir bemerkten dort ungewöhnlich reich und fchwer geftickte Strafsen-, Soirée- und Vifitekleider. Defsgleichen mehrere Ballkleider und Sammt confectionen von grofsem Werthe Die Stickereien waren mit einer bewunderungswürdigen Technik durchgeführt. Bezüglich der Schnitte der Kleider hielt fich das Parifer Haus an die Vorfchriften der jetzigen Mode, ohne uns eine originelle Idee zu verrathen. England. Das Londoner Haus hatte ebenfalls eine namhafte Anzahl reicher Faillekleider zur Ausftellung gebracht. Diefelben waren alle fehr mühevoll arrangirt, hatten prachtvolle Stoffe in fich, und waren auch die Farben derfelben fo recht nach dem gediegenen englifchen Gefchmack, allein wir glauben kaum, dafs fie den Gefchmack unferer continentalen Damen befonders angelockt haben werden. Bei Betrachtung diefer europäiſchen Damentoiletten mussten wir unwillkührlich einen Rückblick auf jenes in der additionellen Ausftellung befindliche Hochzeitskleid aus filberdurchwebtem Stoff mit goldgeftickter Bordure uns geftatten und konnten die Dimenfionen der Frauenkleider von Einft und Jetzt bewundern. Diefes Kleid, welches aus dem Anfange des XVIII. Jahrhunderts herrührt, hatte zu feiner Anfertigung etwa 10 Ellen Stoff erfordert, wogegen die Kleider, welche unfere heutigen Damen tragen, und wovon wir einige von der Ausftellung anführten, nicht weniger als 40 bis 50 Wiener Ellen, mitunter fogar darüber, beanfpruchen. Eine Ueberzeugung haben wir und es wäre eine grofse Ungerechtigkeit oder beiſpiellofe Anmafsung und Selbftüberhebung, wenn wir ein Refumé unferer Erfahrungen auf dem Gebiete der Frauenbekleidungen machen, und nicht bekennen wollten, dafs die Moden der gefammten Völker des Erdballes, foweit fie von europäifcher Cultur berührt find, ihren Urfprung in Frankreich, in Paris, haben. Es 6 Ignaz Ortmann. Frauenbekleidungen. mag Viele geben, die in diefen Worten eine Demüthigung finden, allein diefs ändert diefe Thatfache nicht. Es ift Paris, woher wir die Moden unferes Hutes und unferes Rockes erhalten, und nach der Vorfchrift von Paris trägt die modern fein wollende Dame heute ihr Kleid lang, morgen winzig kurz, von dorther erhält fie Ordre, ob fie ihr Haar pudern, färben oder kräufeln foll, ob der Hut ihr im Nacken oder auf der Stirne oder Nafe fitzen mufs. Gar oft fehen wir von Frankreich her die wunderlichfte Idee diefes oder jenes Toilettegegenftandes kommen, welche Anfangs felbft von der modefüchtigften, koketteften Dame ungläubig belächelt und zurückgewiefen wird, da es ihr zu excentrifch und affectirt erfcheint; doch in nicht allzu langer Zeit darauf wird diefelbe nicht nur von ihr, fondern fogar von den modefteften und einfachften Hausfrauen, die fich anfcheinend um keine Mode kümmern, nicht nur allein acceptirt, fogar fehr oft in der Bizarrerie noch übertrieben. Wir erinnern blofs an, Crinoline und Chignons. Wir können fomit von fämmtlichen Ausftellern Wiens, Pefts, Londons und Paris fagen, dafs fie gute Copien der verfloffenen Saifon gebracht hatten. Wohl lange noch wird es dauern, bevor es einem anderen Lande aufser Frankreich gelingen dürfte, feinen Einfluss auf Moden fo geltend zu machen. Damit fchliefsen wir unfere kurze Betrachtung, da die geringe Zahl der Ausfteller wenig Veranlaffung bot, nach ftatiftifchem Material zu forschen, das aus früheren Berichten fchon bekannt und wenig in den letzten Jahren erweitert worden ist, und weiter die wenigen Ausftellungsobjecte uns nicht erlauben konnten, weite Excurfionen in die Gebiete der Induftrie überhaupt zu machen, was übrigens dem Rahmen des Programmes der Berichterftattung auch nicht entfprechend und gewifs auch nicht angezeigt gewefen wäre. MÄNNERKLEIDER UND COSTUME. Bericht von ANTON KREUZIG, Schneidermeifter, Handelskammer- Rath und Experte der Jury. Wenn wir über diefe Abtheilung berichten, fo müffen wir vor Allem vorausfchicken, dafs wir uns blofs auf das Wichtigfte und Nothwendigfte, und zwar auf die Productions- und handelspolitifchen Verhältniffe befchränken, denn wollten wir das Gebotene eingehend befprechen, fo würden wir einen ganzen Band damit füllen können: indem, was Reichhaltigkeit und Mannigfaltigkeit betrifft, keine der früheren Auftellungen etwas Aehnliches geboten und alle Genres von der theuerften Uniform und dem feinften Salonkleid, reich in Gold geftickte Mefsornate und Kirchenparamente zur Anfchauung gebracht wurden, fo wie auch in Feinheit und Gefchmack die Expofition der Männerkleider glänzend genannt zu werden verdient. Was die Reichhaltigkeit betrifft, mögen die Ziffern als Beleg gelten, da mit Ausfchlufs der dalmatinifchen, flavifchen und anderen Nationaltrachten 1603 Stücke ausgeftellt waren. Befonders hervorragend war aber Oefterreich- Ungarn vertreten, welches mit 1332 Stücken daran participirte. Von den übrigen Ländern hatten fich Deutfchland, befonders aber Dänemark am reichhaltigften und beften betheiligt. Anton Kreuzig. Männerkleider und Coftüme. 7 Wenn wir nun auf das Specielle übergehen, fo können wir nicht umhin, die zur Befprechung zu bringenden Kleider in vier Hauptkategorien einzu theilen, als: Moderne und Salonkleider; Uniformen und Livréen; Kleider für Export und Nationaltrachten, Coſtume und Specialitäten. Was nun die erfte Kategorie betrifft, fo müffen wir bei der objectivften Beurtheilung Wien die Palme zuerkennen, indem bei der diesjährigen Ausftellung die Richtigkeit des in Paris im Jahre 1867 gefällten Urtheiles neuerdings beftätigt wurde. An der Spitze ftand jedenfalls die genoffenfchaftliche Collectivausftellung, welche nebft ihrer Reichhaltigkeit auch zugleich meifterhaft in der Ausführung der einzelnen Stücke war; es war für Jeden die befte Gelegenheit geboten, fich von der Tüchtigkeit der feit lange berühmten Wiener Arbeitskräfte zu überzeugen, obwohl zu unferem Leidwefen fich diefelben von Jahr zu Jahr verringern, indem durch das Ueberhandnehmen der fogenannten Confection in neuefter Zeit mehr Gewicht auf Maffenproduction gelegt wird. Es war in diefer Collection überhaupt Alles, was vom Kleidermacher verfertigt wird, zu finden, vom Kinderkleid angefangen bis zur Militäruniform und der feinften Salonarbeit; ein Hauptgewicht hatten viele der Theilnehmer an der Collection auf blofse Handarbeit gelegt und es ift nicht zu viel behauptet, wenn wir fagen, dafs die meiſten diefer Arbeiten Meifterftücke genannt zu werden verdienten. Von den einzelnen Firmen waren die meiſten fehr würdig vertreten; befonders waren wir aber von den Leiftungen Ungarns fehr angenehm überrafcht, ja diefelben bewiefen uns, dafs man mit den bisherigen Behauptungen ,,, Ungarn fei blofs ein Agriculturftaat", fehr im Unrecht war, indem man uns nur zu deutlich bewies, dafs Ungarn auch auf dem Gebiete des Gewerbes leiftungsfähig fei und bedeutende Fortfchritte gemacht habe; denn nicht blofs aus Peft, wo befonders Gefchmackvolles und Gediegenes die Firma Grünbaum& Wiener exponirte, fondern auch aus den kleineren Provinzftädten fanden wir fehr gut und fleifsig gearbeitete Gegenftände. Prag hat feinen alten Ruf ,,, die Nähfchule der Welt zu fein", auch diefsmal bewährt. Unter den Ausftellern aus Prag ragte befonders die Firma Mottl's Söhne, auf welche wir noch später zu fprechen kommen, hervor. Auch Brünn, der Sitz der ModeftoffFabrication, war durch mehrere Firmen gut repräfentirt. Im deutfchen Reiche waren die Firmen Muermann und Claus& Lewin Compagnie française durch recht hübfche Collectionen vertreten. Dänemark war wider Erwarten reichhaltig auf dem Kampfplatze erfchienen, indem es Deutſchland an Zahl überflügelte und Mehreres recht Verdienftvolles zur Anfchauung brachte. Zu bedauern war, dafs Frankreich und England fich fo gering betheiligten, indem uns jedes Land blofs einen Ausfteller fandte. Da uns nun befonders Letzteres ftets als Vorbild in der Anfertigung von praktifchen und gediegenen Männerkleidern galt, fo ward deffen geringe Theilnahme um fo fchmerzlicher empfunden. Amerika zeigte uns durch die Firma Henry Prouse Cooper fehr deutlich, dafs man auch dort gute und gefchmackvolle Kleider zu machen verftehe. Aus Italien Aus Italien wurde uns durch die Firma Boconi eine Collection hübfcher und fehr preiswürdiger Gegenftände zur Anfchauung gebracht. In Uniformen, foweit diefelben in Gruppe V eingereiht waren, fowie auch in Livréen bot unftreitig Oefterreich das Schönfte und Gediegenfte. An der Spitze fteht die Firma des k. k. Hoffchneiders Jofeph Keller, welcher durch Ausftellung einer Marfchalls- Uniform für Se. Majeftät den Kaifer Franz Jofef bewies, was Technik und Ausführung bei Anfertigung eines Kleidungsstückes vermögen, indem diefelbe nicht blofs Fachmännern, fondern fogar Laien durch Schnitt und Ausführung überraschte. 8 Anton Kreuzig. Ferner war die Collectivausftellung noch durch mehrere Parade- und Campagne- Uniformen für Generale und Oberofficiere, fowie auch Akademiker reichlich und gut vertreten. Sehr Verdienftvolles leiftete auf diefem Gebiete auch Prag, und zwar die Firmen Vavruska und der Hofkleidermacher Chvapill, welch' Letzterer drei Anzüge für Se. k. k. Hoheit dem Kronprinzen Rudolf ausftellte, und zwar eine Artillerie Oberftenuniform, eine InfanterieOberftenuniform und einen Morgenanzug, fämmtlich mit den Landeskronen auf der inneren Brufttafche in Gold geftickt verfehen. Diefelben waren Meiſterſtücke der Compofition. Ungarn war durch mehrere recht gut gearbeitete Hufsarenuniformen vertreten. In Rufsland hatten wir Gelegenheit, die durch die Firma A. Litni gebrachten Uniformen zu bewundern, welche mit befonderer Präcifion gearbeitet In Schweden war durch die Firma E. Färnlund die Uniform für Se. Majeftät den König Oscar ausgeftellt, welche von der Gediegenheit des Schnittes und der Ausführung Zeugnifs gab. waren. Dänemark war reichhaltig und mit guten Erzeugniffen verfehen. Die Schweiz hatte blofs Uniformen ausgeftellt, welche von der republikanifchen Einfachheit. Zeugnifs gaben, dabei aber fehr praktiſch und fchön ausgeführt waren. In Livréen war die Auswahl geringer, aber wieder waren es meift Wiener Firmen, welche in diefem Genre excellirten, darunter in der Collection der Genoffenfchaft die Firma Franz Lowetinsky, welche eine ganze Serie der Livréen des k. k. öfterreichifchen Hofes zur Darstellung brachte, ebenfo auch die Firma des k. k. Hoffchneiders Uzel& Sohn, welche fehr gefchmackvolle und correct gearbeitete Hoflivréen für Edelknaben etc. ausgeftellt hatte. Die Exportkleider, ein Artikel, welcher für Oefterreich eine befondere, und bei richtiger Erkenntnifs und Erfaffen der gegebenen Verhältniffe eine fehr grofse Bedeutung erlangen dürfte, haben in Oefterreich befonders zwei Firmen würdig vertreten, welche durch ihre überrafchend billigen Preife geradezu frappirten, und zwar die Firmen Schwarzmann& Comp. und M.& J. Mandl. Die erftere der beiden Firmen, welche ihr Gefchäft im Jahre 1855 mit fehr befcheidenen Mitteln begonnen, ift heute eine der renommirteften und in allen gröfseren Städten des Orients beftens accreditirte. Der Umfatz, welchen diefelbe erzielt, belauft fich laut Ausweis jährlich auf 1,790.000 fl. öfterreichiſcher Währung. Stoffe verarbeitet diefelbe jährlich um 500.000 fl. inländifche und 700.000 fl. ausländifche. M.& J. Mandl ift eine der älteften Firmen, welche die Fabrication von Exportkleidern in Schwung brachte; diefelbe beſteht nahezu 50 Jahre, hat gegen 1000 Nähmaschinen nebft den nöthigen Hilfs- und Handarbeitern in Betrieb, und liefert jährlich 400.000 bis 500.000 Stücke nicht blofs für Europa, fondern auch für China, Japan und Amerika, befitzt in den bedeutenderen Städten Agenturen. An Stoffen werden für feinere Arbeit mehr in- als ausländifche, für Exportwaare mehr ausländifche als inländifche verarbeitet. Aus dem oben Citirten ift zu erkennen, dafs bei richtiger Erkenntnifs. fowie bei rationellem Betriebe die Kleiderfabrication Oefterreichs einzig und allein den Markt im Orient zu beherrfchen im Stande ift, ja noch mehr, dafs durch die Billigkeit der öfterreichifchen Kleider die Gefchmacksrichtung der orientalifchen Völker betreffs Bekleidung eine für unferen Kleiderhandel fehr günftige werden dürfte, wodurch wir mehr und mehr Abfatzquellen erfchliefsen und dadurch dem Vaterlande, fowie der gewerbetreibenden Bevölkerung einen namhaften materiellen Gewinn zuführen können. Im deutfchen Reiche hatten die Firmen Gebrüder Frankenftein aus Bielefeld und J. Kallmann aus Ham burg, welche theils nach China und theils nach Amerika einen ziemlichen Export unterhalten, fehr gut fortirte Collectionen ausgeftellt. Eine reiche Zukunft dürfte man der Lodenröcke- Fabrik von L. Frei in München prophezeien, indem deren Erzeugniffe recht gefchmackvoll und befonders billig fich darftellten. Männerkleider und Coftüme. 9 In Coftumen und Nationaltrachten ftand jedenfalls Ungarn unerreicht da. Diefer Sieg ift wohl theils der gefchmackvollen und gut kleidfamen Richtung diefer Nationaltrachten zuzufchreiben, allein nicht wenig trug auch die exacte Ausführung und reiche Ausstattung dazu bei. An der Spitze ftand wieder die Firma Grünbaum& Wiener; allein auch noch Andere hatten einzelnes Verdienftvolles in Magnatenröcken etc. geleiftet. Einige recht hübfche Gegenstände hatte auch Rufsland und Griechenland in diefem Genre ausgeftellt. In Specialitäten war die Ausstellung der k. k. Hoflieferanten Mottl's Söhne aus Prag grofsartig, indem beinahe das ganze Object eine Specialitätenfammlung genannt zu werden verdiente. So wollen wir vor Allem nur ein Exemplar herausgreifen und zwar einen Reifemantel, welcher in vier Farben als Jagd-, Reifeund Plaidmantel zu tragen ift und deffen Knöpfe, eine Erfindung der Firma, dem Reifenden jeden nothwendigen Behelf bieten, da der eine eine Uhr, der andere einen Compafs, der dritte ein Spielwerk u. f. w. enthielt. Ueberhaupt war faft jedes Stück eine Neuerung und tonangebend für die Mode in Stoff, Schnitt und Ausführung. Diefes Etabliffement, welches feinen Weltruf bereits in den Jahren 1862 und 1867 auf den Ausftellungen bekundete, und welches in diefem Jahre das vierzig jährige Jubiläum feines Beftehens feiert, befitzt feinen Kundenkreis nicht nur unter den hohen und höchften Herrfchaften des Inlandes, fondern derfelbe erftreckt fich grofsentheils auch auf das Ausland, Deutfchland, Russland u. f. w. Wie bedeutungsvoll und tonangebend diefe Firma bei Einführung neuer Moden ift, mag nicht blofs beweifen, dafs die Chefs zu Ehren- Directionsmitgliedern der europäiſchen Modenakademie ernannt wurden, fondern mehr noch, dafs nicht felten Stofffabrikanten fich dafelbft den Rath einholen, was für die künftige Saifon fabricirt werden foll. Als Beleg hiefür mögen noch dreifsig Privilegien und Mufterfchutz- Patente für Erfindungen auf dem Gebiete der Mode, fowie für practifche Neuerungen der Bekleidungsinduftrie gelten. Als weiteres Verdienft und zur Nachahmung mag noch angeführt werden, dafs zur Fabrication ein ganzes Haus eigens eingerichtet ift, wodurch erftens die Herftellung beffer überwacht wird, als wenn diefs aufser dem Haufe gefchehen würde, fowie auch die Chefs dadurch in die Lage verfetzt find, einen wefentlich günftigen Einfluss auf die geiftige und materielle Hebung ihrer Arbeiter ausüben zu können, wodurch deren fociale Stellung eine viel günftigere wird. Die Firma Rothberger brillirte in gleichem Genre mit einer eigenthüm lich fchönen Serie von Schlafröcken, welche ganz neu in ihrer Compofition und befonders gefchmackvoll waren. In der genoffenfchaftlichen Collection war ein Jagdrock aus fteierifchem Loden ausgeftellt, welcher ohne Naht aus einem Stücke gewalkt eine befonders fchöne Ausführung hatte. Erfunden und gefertigt war er von einem Arbeiter Namens Adolf Tracht. Schliefslich können wir nicht unerwähnt laffen einen fchwarzen Salonanzug, ausgeftellt in Spanien von S. Adler& Comp. aus Habana. Die Art der Arbeit war eine fo eigenthümlich fchöne, dafs es nutzlofe Mühe wäre, diefelbe befchreiben zu wollen, fo war man z. B. verfucht zu glauben, dafs die Einfaffung der Kanten gar nicht genäht fei. Bei Fachmännern, welche denfelben unterfuchten und prüften, rief diefe Arbeit das gerechtfertigtefte Staunen hervor. Wenn man nun das Gefammtbild überblickt und die verfchiedenen Vergleiche anftellt, fo kann man fich der Anficht nicht verfchliefsen, dafs, wenn Oefterreich auf dem betretenen Wege fortfährt, wenn es fortwährend bemüht ift, die Gefchmacksrichtung zu veredeln, und jene Vervollkommnung, welche die KleiderInduftrie noch zu erreichen fähig ift, anftrebt, wenn es bei moralifcher Unterftützung von Seite der Regierung fich die orientalifchen Abfatzquellen immer mehr zu erfchliefsen beftrebt, man mit Recht behaupten kann, dafs es den erften Rang in der Bekleidungsinduftrie einnehmen und behaupten wird. So finden wir 10 Anton Kreuzig. Männerkleider und Coftüme in den Jahresberichten der niederöfterreichifchen Handels- und Gewerbekammer, dafs fich die Confumtion der öfterreichifchen Kleider feit dem Jahre 1867 jährlich um 10 Percent, in einigen Jahren fogar um noch mehr gehoben hat; ferner dafs Wien in feinerer, fowie die Provinzfabriken in Exportwaare keine Concurrenz zu fürchten haben. Um nun die eigentliche Höhe auf diefem Gebiete zu behaupten, werden allerdings einige Grundbedingungen nothwendig werden. Man müfste vor Allem dahin fich bemühen. Lehr- Werkstätten zur Heranbildung weiterer tüchtiger Arbeitskräfte ins Leben zu rufen. Für die weitere Entwicklung des Exportes müfste die Theilung der Arbeit vollkommen durchgeführt werden, was jedoch in dem Weichbilde Wiens fchwer durchführbar wäre, indem felbft dann noch die Arbeitskraft zu koftfpielig wäre, da diefelbe feit dem Jahre 1867 um 60 Percent theuerer geworden; man müfste ganz einfach dem Beiſpiele anderer Kleiderfabrikanten folgen und die Fabrication für den Export in die Provinzen verlegen, was bei den heutigen Verkehrsverhältniffen gar keine Schwierigkeiten bietet. Selbft Affociationen, wenn richtig geleitet, würden durch Thatkraft und Verſtändnifs Erfpriefsliches leiften können; diefelben würden für feinere Mittelwaare reichlichen Abfatz finden und fich in diefem Artikel felbft an dem Export betheiligen können. Dafs diefelben leiftungsfähig find, konnte die Collectivausftellung beweifen. Wenn noch fchliefslich für die Heranbildung von tüchtigen Zeichnern für Modenblätter geforgt würde, wodurch wir uns vom Auslande emancipiren konnten, an welches wir jährlich deshalb viele Taufende von Gulden verfenden, wenn bereits beftehende, wie z. B. die Internationale Modenzeitung F. A. Hofmann, welche fich bereits eines fehr guten Rufes bei Fachmännern des In- und Aus landes erfreut, gehoben und veredelt werden, fo kann man kühn behaupten dafs Oefterreich mit anderen Ländern nicht nur muthig in die Schranken treten kann, fondern, wir wiederholen es, dafs es den erften Platz in der Fabrication von Männerkleidern einnehmen und behaupten wird. KINDERKLEIDER. Bericht von JOSEF MIGOTTI, k. k. Hof- Knabenkleider- Lieferant, Privilegiumsbefitzer in Wien. Die Wichtigkeit der Kinderbekleidung erkannte man fchon im Alterthume, denn mehrere Gefetzgeber jener Zeit erliefsen eigene Normen für diefelbe. Auch die Römer hatten bereits gewiffe Abftufungen in der Knabenbekleidung, welche erft mit den beftimmten Jahren oder durch Gewandtheit und Kraft bei den öffentlichen Spielen erlangt werden konnten; diefe Kleidungen mussten dem Klima in diefem grofsen Reiche angemeffen fein, für die wärmeren Himmelsftriche waren weite Gewänder aus leichtem Wollengewebe, für die nördlicher gelegenen Länder enger anliegende Wämfer von dichten Filzftoffen im Gebrauche. Als Vorzug bei allen galt die möglichfte Begünftigung der freien Bewegung. Gegentheilig geftaltete es fich im Mittelalter; das rauhe Ritterthum verfuchte es längere Zeit durch Einzwängung in Eifenpanzer und Lederkoller aus den Knaben kleine Männer zu machen und fie fchon frühzeitig zu den oft ftattfindenden Fehden und Beutezügen abzuhärten, allein mit wenig Erfolg; kräftige Naturen wurden zwar wirklich ftark und abgehärtet, die fchwächlichen dagegen gingen Jofef Migotti. Kinderkleider. 11 dabei zu Grunde und die geringe Zunahme der damaligen Bevölkerung zeigt deutlich, dafs manche Einrichtungen diefer Zeit für das allgemeine Wohl nicht die richtigen waren. Erft dem fpäteren Bürger- und Mittelftande war es vorbehalten, die Kinderbekleidung zum Heile der heranwachfenden Generationen entfprechend umzugeftalten; feit einigen Decennien jedoch und fpeciell feit den mehrfachen Ausftel. lungen hat diefe Induftrie einen allgemeinen Auffchwung genommen und rafche Fortfchritte gemacht. Die Ausfteller, welche bei den früheren Expofitionen nur fpärlich vertreten waren, find diefsmal reichlich erfchienen. bracht. Es hatten nahezu alle Länder Europas ihre Kinderkleider zur Schau geAus Paris fahen wir die Erzeugniffe eines erften Haufes( V essiere Paulin). Die Feinheit der Stoffe, der gefchmackvolle Aufputz, die forgfältige Zuſammenftellung bekundeten deren Vorzüglichkeit. Zwei in Cartonage befindliche Garnituren waren befonders bemerkenswerth, fie enthielten Alles zu einem Kinderanzug erforderliche, vom Hütchen bis zu den Schuhen; bei gleicher Stückzahl koftete das minder ausgeftattete 15 Francs, während das andere reich dotirte mit 200 Francs notirt war; diefe bedeutende Firma befafst fich blofs mit der Confection von Kinderkleidern und Wäfche und erzielt einen jährlichen Umfatz von circa 6 Millionen Francs. Italien( Bocconi aus Mailand) ftellte gut gearbeitete und lobenswerthe Stücke, durch welche in Anbetracht, dafs dafelbft meiftens Arbeiterinen zur Anfertigung derfelben verwendet werden, dem Gewerb fleifse diefer Firma ein rühmliches Zeugnifs gegeben war. Spanien brachte originelle, kunftvoll mit Leder benähte Jagdkleider für Knaben, deren Hauptvorzug jedoch in der Einfachheit des Schnittes und Gefäl ligkeit der Form lag. Von der Firma Kalman aus Hamburg zeichnete fich die nett und zierlich gearbeitete Knabenuniform vortheilhaft aus, da fie der jetzigen Gefchmacksrichtung folgend, grellen Aufputz vermieden und den ftrammen auch die Jugend gut kleidenden Militärtypus, der gegenwärtig in Deutfchland vorherrfchend ift, zur Aufchauung brachte. München( Frey) Zeigte uns das baierifche Gebirgscoftüme, eine für Knaben von 6 bis 14 Jahren fehr praktiſche Tracht, welche wegen ihrer Bequemlichkeit und aufserordentlichen Billigkeit fich weitaus einen Ruf verfchaffte. Aus Prefsburg( Tedesco) war eine reichhaltige Collection von Knabenkleidern ausgeftellt. Sie waren für den Bedarf in den ungarifchen Ländern und zum Export beftimmt, und hatten demzufolge reichlichere Verzierungen und Befatze von Schnüren, Börteln und Knöpfen aufzuweifen, als dies bei uns üblich ift. Auch bei der ungarifchen Hausinduftrie fanden wir graziöfe Stücke, welche muftergiltig in Form und Schnitt als Repräfentanten der ungarifchen Nationalkleidung vielfeitige Anerkennung fanden. Aus Petersburg war das fo kleidfame, dem dortigen Klima entſprechende Nationalcoftume zu verzeichnen; es ift für Kinder im ganzen ruffifchen Reiche im Gebrauche, und zählt zu den Eigenthümlichkeiten jenes Landes. Rumänien, der als Pionnier in den Orient hineinragende Staat, gab blofs Urtypen der Kinderbekleidung zur Anficht, und zeigte dadurch zweifelsohne unferer gefchäftigen Kaufmanns- Welt ein Feld für ihre Thätigkeit. Griechenland gab mit feinen malerifchen Kindercoftumen ein Bild der feinen Goldverzierungen des Orients und der mühfamen Nadelarbeit der früheren Zeit. Selbft die Polarbewohner brachten uns die mit Leder überzogenen Kiftchen zur Anficht, worin fie ihre Kinder vor den Unbilden des arktifchen Winters bewahren, und als Gegenfatz fahen wir das Negermädchen blofs mit einer Umhüllung von Palmblättern vor den fengenden Sonnenftrahlen gefchützt; beide 12 Jofef Migotti. gedeihen bei einem Durchfchnitts- Temperaturunterfchiede von 43 Grad Celsius, wenn diefe Differenz durch entſprechende Bekleidung ausgeglichen wird. Weitaus das gediegenfte jedoch brachte Wien, der Hauptfitz der Kinderfchneiderei. Es herrfchte in diefer Branche ein allgemeiner Wetteifer, die Producte des Fleiſses und der Induftrie zur Geltung zu bringen. Von 15 Ausftellern aus Wien wurden über 200 Kinderanzüge exponirt. Einen befriedigenden Eindruck auf den Beobachter machte die Zweckmässigkeit der Stoffe und Mannigfaltigkeit der Formen; es zeigte fich das für den Kinderfreund erfreuliche Beftreben, Schnitt und Form dem Alter und der Gröfse und, was befonders beachtenswerth, dem Klima und der Witterung anzupaffen; da diefs für das Wohlbefinden der kleinen Weltbürger von eingreifender Bedeutung ift, und in der rationellen Bekleidung derfelben eben ein Theil ihrer künftigen Gefundheit liegt. Der Hoflieferant Herr Carl Hofmann brachte hochfeine Kinderkleider und Wäfche zur Schau, welche meift mit der Hand gearbeitet, nach befonderen Modellen angefertigt, die felbftftändige Wiener Kindermode in würdiger Weife vertraten. Hervorragend waren zwei Prachtftücke von Kinder- Tragmäntel, beide fein mit Soitas benäht, der Eine von weifsem Piquet mit Guipure- Stickerei, der Andere von Cachemir mit weicher Seidenbefranzung. Die Collectivausftellung der Schneidergenoffenfchaft wiefs mehrere Nummern von Kinder- und Knabenkleidern auf; die Erzeugniffe der zwei Firmen J. Kral und Franz Maly find namentlich hervorzuheben, da fie durch reine Arbeit, gefällige Form und vorzüglichen Schnitt dem Wiener Gewerbefleifse zur Ehre gereichen. Die vom Etabliffement S. Lövy ausgeftellten feinen Knabenkleider verdienen wegen der zweckmäfsigen Wahl der Stoffe, und correcter Ausführung der Arbeit befondere Beachtung, fie zeigten regen Fortfchritt und guten Gefchmack. Grofsartig war die Ausftellung der Exporteure. Die bedeutendften derfelben Schwarzmann, Mandl, Grünbaum, Kaffovitz etc. haben eigene Locale in welchen die zum Export beftimmten Stücke nach Normalmafsen zugefchnitten und an die Arbeiter begeben werden. Dadurch, dafs die etwaigen Fehler auch im fertigen Zuftande leicht abgeändert werden können, eignen fie fich vollkommen zum Export. Derfelbe hat heute einen riefigen Umfang erreicht und ift in ftetiger Zunahme, der Orient ift die Haupt- Abfatzquelle; von den fertigen, auf dem Lager gehaltenen grofsen Maffen werden regelmässige Sendungen über die Zollgrenze fpedirt. Die Stappelplätze find: Bukareft, Ibraila, Odeffa, Conftantinopel, New- York, von welchen Plätzen aus Serbien, Rumänien, die Türkei, Griechenland, der füdliche Theil von Rufsland und Nordamerika mit diefem Wiener Fabricate verfehen werden. Der Abfatz wird durch den Drang der orientalifchen Völkerfchaften nach abendländifcher Kultur und Aneignung der europäifchen Sitten und Gebräuche befonders begünftigt, und von der Zweckmäfsigkeit und Billigkeit, wodurch fich diefe Importwaare von den orientalifchen Prunkgewändern der Kinder vortheilhaft unterfcheiden, wefentlich unterſtützt; dennoch mufsten jahrelange Verfuche gemacht werden, um diefen Handel, welchem die damals noch ungeregelten Gefetzverhältniffe jener Länder, die hohen Schutzzölle und traditionellen Vorurtheile hindernd im Wege ftanden, Eingang und Anerkennung zu verfchaffen. Die Ausfuhr bei den gröfseren hiefigen Firmen im Jahre 1872 betrug: bei Schwarzmann Mandl " 9 Grünbaum 77 Kaffovitz " Tedesko 23.000 26.000 25.000 8000 II.000 Kinderkleider. 13 Stück ganze Anzüge. Es ift daraus der grofse Mafsftab erfichtlich, mit welchem Umfatz und Export betrieben werden. Die Haupturfache des Aufblühens diefer Induftrie in Oefterreich liegt einerfeits in dem Umftande, dafs die inländifche Stofffabrication fich vorzüglich zu derfelben eignet; die Brünner und Reichenberger Schafwoll- Soffe vereinigen Feftigkeit der Gewebe mit Elafticität und entſprechen durch Haltbarkeit der Farben, grofse Auswahl, und verhältnifsmässige Billigkeit derart, dafs ausländifche Fabricate nur felten mehr zur Verwendung kommen. Anderfeits hat fich die Fabrikation der Kinderkleider hier von der Männer- und Frauenfchneiderei gänzlich emancipirt. Einzelne Induftrielle haben diefes Fach zum felbftſtändigen Erwerbszweig ausgebildet und errangen als Specialiften bedeutendere Erfolge, als diefs beim allgemeinen Betriebe möglich gewefen wäre. Dem Schöpfer der Kinderkleider- Confection in Wien Johann Migoti gebührt das Verdienft, die Hebung diefes Gefchäftszweiges, bei welchem jetzt in Wien allein über 3000 Perfonen beiderlei Gefchlechtes ihren Lebensunterhalt finden, erfolgreich durchgeführt zu haben. In der Werkstätte diefes Induſtriellen war die Schule für diejenigen Gehilfen, welche fich dem Kinderfache widmen wollten, und durch die Heranbildung guter Arbeiter war es möglich, diefen Erwerbszweig derart zu vervollkommnen, dafs Wien jetzt als der befte Einkaufsplatz für fchöne Kinderkleider anerkannt ift, Fortfchritte gemacht hat, wie fie nicht gröfser gedacht werden können, und in commercieller und gewerblicher Beziehung einen Triumph feierte, der von wenigen Gefchäftskreifen noch erreicht wurde. Allerdings trug der Umftand dazu bei, dafs fich die Matadore der Parifer Knaben- Bekleidungskunft von der Bewerbung ferne hielten, allein fie hätten an der bereits entwickelten Wiener Induftrie einen ebenbürtigen Gegner gefunden, der, wenn er von der Fabrication der Zubehör ( Börtel, Knöpfe, Schnüre, Aufputz) ebenfo wirkfam unterftützt wird, wie diefs in Frankreich und England thatfächlich der Fall ift, feinen Platz bis zur gänzlichen Umwandlung der orientalifchen Kleiderformen rühmlich behaupten und durch die geographifche Lage begünftiget, die vaterländifche Induftrie zur weiteren Geltung bringen wird. HÜTE AUS FILZ, SEIDE UND STROH. Bericht von WILHELM PLESS, Hutfabrikant in Wien. Die Betheiligung der öfterreichifchen Filz- und Seidenhut Fabrikanten war eine fehr lebhafte. Das gröfste Contingent ftellte Wien, dreifsig Ausfteller. Der Totaleindruck, den die Wiener Collectivausftellung diefer Branche machte, war fehr günftig und zeigte Gefchmack und Verftändnifs. Der Fortfchritt, den diefe Induſtrie in den letzten Jahren in Oefterreich gemacht hat, ift ein fehr bedeutender. Vor der letzten Parifer Weltausftellung war namentlich die FilzhutFabrication noch in den Kinderfchuhen; um fo erfreulicher ift es, conftatiren zu können, dafs feit diefer Zeit durch Einführung der neueften Mafchinen und durch ein fleifsiges Streben diefe Fabrication einen folchen Auffchwung genommen hat, dafs ihre Erzeugniffe ebenbürtig den beften anderer Culturftaaten zur Seite ftehen. Auch hat der Export in den letzten Jahren bedeutend zugenommen und haben wir hauptfächlich die Käufer der unteren Donaugegend und Rufslands, die fonft ihren Bedarf in Frankreich deckten, gewonnen. Wir betrachten nun die einzelnen 14 Wilhelm Plefs. Leiftungen auf der Ausstellung und können nach dem grofsen Auffchwung der Wiener Induftrie mit Recht fpecialifiren. Die Firma Jofef Köhrer zeigte Seidenhüte von vorzüglicher Qualität, lebhaftem Feuer und guter Ausführung. Ein Stulphut mit dem öfterreichifchen Wappen, fehr kunftvoll gearbeitet, verdient vor Allem hier Erwähnung. Peter Habig& Comp. führte uns die diverfen Moden feit Anfang diefes Jahrhunderts ftufenweife vor. Auch verdienen deffen Seiden- und Filzhütte, namentlich erftere, alle Anerkennung. Ignaz Chriftian zeigte Hütte, von demfelben auf der vorletzten Parifer Expofition ausgeftellt, welche heute noch fehr fchön find; auch war das neu Ausgeftellte der Zeit entsprechend. P. A. Krufs' Filzhüte waren gut und preiswürdig. Seine Mittelwaare ift für den Export beftimmt. Jofef Reinitz ift ebenfalls ein En- gros- Gefchäft für gute Filzhüte in mittlerer Qualität, eben fo wie Doležal& Reichwein. Ihre Ausftellung brachte uns ihre grofsen Exportartikel. Franz May's Filz- und Seidenhüte erwarben fich alle Anerkennung, fo wie C. Mefsner's Filz- und Seidenhüte von guter Arbeit, befonders in den Filzhüten. Gebrüder Zerdig zeigten uns Nationalhüte von allen öfterreichischen Provinzen, auch zeugten deren moderne Filz- und Seidenhüte von redlichem Fleifs. Die Firma Wilhelm Plefs wurde einftimmig anerkannt und haben ihre Filzhüte durch die Weichheit des Stoffes und Schönheit der Farbe die allgemeine Aufmerkfamkeit erregt. Diefelbe Firma erzeugt auch einzig in Deutſchland und Oefterreich fchöne milchweifse Kinderhüte, die dem franzöfifchen Product, das feit Langem berühmt ift, vollkommen gleich berechtigt zur Seite ftehen und allgemein bewundert wurden. Die Fabricate von S.& J. Fränkel, Haar- und Hutfilz- Fabrik, brillirten durch ihre fehr finnreiche Aufftellung der verfchiedenen Haargattungen in allen Mengen und Farben, auch hat diefe Fabrik in Erzeugung von Hutfilzen allen Fleifs entwickelt und lieferte hierin ganz Gediegenes. Brüder Böhm, Haar- und Hutfilz- Fabrik, veranfchaulichten ebenfalls die diverfen Haargattungen. Zu erwähnen ift, dafs diefe Fabrik in Oefterreich einzig und allein Hutfilze erzeugt aus Haar und Schafwolle gemifcht; die Hüte aus folchen Filzen bereitet, ftellen fich billiger als Hüte von reinem Haare, die Qualität ift keine befondere, aber doch beffer und dauerhafter als ein ordinärer Haarhut. Diefe Fabrication hat jedenfalls eine Zukunft. Beide zuletzt erwähnten Fabriken haben auch durch Errichtung ihrer ganz bedeutenden Hutfilz- Fabriken das Verdienft für fich in Anspruch zu nehmen, die Hutinduftrie im Allgemeinen gefördert zu haben, indem der weniger bemittelte kleinere Hutfabrikant, der fich die koftfpieligen Mafchinen nicht anfchaffen kann, in die Lage gefetzt wird, fich folche mit der Mafchine gemachten Filze, die bedeutend gleichmäfsiger, billiger und beffer find als Handarbeit, zu kaufen und hiedurch eher die Concurrenz der gröfseren Fabrikanten ertragen kann. Dafs die Induftrie im Allgemeinen in Wien auf ganz gefunden Füfsen fteht, wurde dadurch, dafs felbft kleinere und jüngere Firmen ganz Erfreuliches leifteten, am beften bewiefen; auch ift befonders hervorzuheben, dafs die Gefchmacksrichtung der Wiener Hutfabrikanten eine vorzügliche ift; man fah im Allgemeinen gefällige fchöne Formen und brillante Ausftattung. Auch die Provinzen haben fchöne Waare zur Ausftellung gefandt, J. Hückel's Söhne aus Neutitfchein glänzten mit Velourhüten, deren lebhafte Farbe und feueriges, dichtes Haar diefes Fabricat fehr auszeichnet; auch verdienen deren glatte Filzhüte alles Lob. C.& P. fratelli Pevini aus Trieft brachten Seidenhüte von gefchmackvoller Façon und lebhaftem Feuer. Ein Seidenhut ohne genähte Naht verdient befonders Erwähnung. Hüte. 15 Samuel Janowitz von Brünn mit Filz- und Seidenhüten zeugten von fleifsiger Arbeit, zumal verdienen die erfteren alle Anerkennung. Val Grofsft einer aus Bozen zeigte uns die unendlichen Abftufungen der Kopfbedeckung im Tirolerlande; auch hat derfelbe einen Teppich von Filzabfällen ausgeftellt, welcher erwähnt zu werden verdient. Böhmen war durch zwei Firmen vertreten. Röhring& Comp. aus Prag eine bedeutende Fabrik für Erzeugung von Wollhüten zum Export und Anton Srba aus Prag mit Woll-, Haar- und Seidenhüten. Die Betheiligung des deutfchen Reiches war eine ebenfo zahlreiche als die der öfterreichifchen Abtheilung. Die deutfche Filz- und Seidenhut- Induftrie wurde von jeher mehr gepflegt als bei uns in Oefterreich; praktifche vortheilhafte Mafchinen waren dort viel früher in Anwendung, defshalb ift die Maffenerzeugung eine viel ftärkere und der überfeeifche Export ein bedeutenderer. Die Firma H. Schuchard in Darmstadt hat fich befonders durch ihre weichen und walkfarbenen Hüte ausgezeichnet. Gebrüder Merk in Offenbach lieferten ganz Gediegenes von Filzhüten, auch waren die Farben fehr mannigfaltig und fchön; das Fabricat bekundet entfchiedenen Fortfchritt. Auch Mökel in Homburg bot fehr Gelungenes von Filzhüten, fowohl in Farbe als Qualität, ebenfo wie Mayfer& Sohn in Ulm und Kramer& Söhne in Lahr. Guftav Schweifs in Offenburg brachte Filzhüte von durchgehends guter Qualität und forgfältiger, gefchmackvoller Adjuftirung. Dié oben angeführten fechs Firmen find die hervorragendften der deutfchen Ausstellung in der Filzhut- Branche. Ausgezeichnet waren die Wollhüte der Firma C. J. Wilke in Guben. Ihre Fabrik, vor wenigen Jahren noch ganz unbedeutend, ift heute riefig emporgewachfen. Das Ausgeftellte war das Vollendetfte, was wohl je in dem Genre auf einer Ausftellung gezeigt wurde. Uebrigens verdienten die Seidenhüte von Theodor Müller aus Berlin, von Adolf Dufaur aus Hamburg und Carl Sick und C. Bortfeld aus Bremen auch Anerkennung. Die Ausstellung des Letzteren brachte eine Specialität in zweifärbigen Hüten, z. B. auswendig grün, inwendig fchwarz; die Hüte find nicht aus Doppelfilz, fondern aus einem gearbeitet. Wenn die zuletzt aufgetragenen Farben haltbar find, was bezweifelt werden mufs, wäre diefe Methode von grofser Wichtigkeit, denn die Farbe ift offenbar im kalten Zuftande ftark angefetzt, durch einfaches. Beftreichen des Filzes aufgetragen, auch find die Hüte vorzüglich gut gewalkt. J. C. Zehme, München, zeigte faft ausfchliefslich bordirte Gala- und Uniformhüte in origineller guter Ausführung. Ungarn hat fich ebenfalls lebhaft an der Weltausftellung betheiligt und war durch 17 Firmen vertreten. In Ungarn wird die Hutmacherei fleifsig betrieben; faft in jedem kleineren Orte ift diefer Zweig vertreten, da jeder Bauer dort einen Hut trägt. Die Erzeugung befchränkt fich aber zumeift auf ordinäre Haar- und Schafwoll- Hüte, in feinen Filzhüten, mit Ausnahme von Peft, wo einzelne Firmen fich mit Erzeugung von folchen Hüten befaffen, wird in befferer Waare das ganze Land von Wien aus verforgt. Brüder Guentzer aus Peft, Seiden- und Filzhüte, verdienen alles Lob.. Sowohl ihre Seiden- als Filzhüte find von guter Qualität, ebenfo wie die Artikel von S. Kron& Sohn aus Peft, Asmann in Peft und Gerersdorfer aus Agram. Italien war durch 15 Firmen vertreten. Diefes Land hat in den zwanziger und dreifsiger Jahren noch ziemlich Exportgefchäft gemacht, ift aber in neuerer Zeit von anderen Ländern überflügelt 16 Wilhelm Plefs. worden, und befchränkt fich gegenwärtig die Erzeugung auf den Bedarf im eigenen Lande. Belgien war durch die, man kann fagen, weltberühmte Filzhut- Fabrik Vimine& Comp. vertreten. Die Firma macht auch in Wien ihrem Rufe alle Ehre. Velourhüte von vorzüglicher Qualität, fo auch die glatten Filzhüte in ordinärer und feiner Qualität waren mufterhaft gearbeitet, die Farben ebenfalls vorzüglich und, was das Befte ift, die Preife fabelhaft billig, fo billig, dafs fich dem Fachmann die Frage aufdrängt, was hier gezahlt ift, ob Adjuftirung oder Rohmaterial, gefchweige von Nutzen zu reden. Aber es darf nicht unerwähnt gelaffen werden, dafs hiefige Firmen bedeutende Beftellungen bei der Firma Vimine& Comp. zu machen verfuchten und die fonderbare Antwort erhielten: es liege nicht in ihrem Intereffe nach Oefterreich zu arbeiten. Die Fabrik macht übrigens bedeutenden überfeeifchen Export. Frankreich war leider fehr fchwach vertreten; es wäre intereffant gewefen hier den Mafsftab des Fortfchrittes anzulegen, denn Frankreich war unftreitig die Lehrmeifterin in diefer Induftriebranche für die ganze Welt. Die Firma Pinaud in Paris, weltbekannt, brachte faft lauter goldbetrefste Galahüte, die Filzhüte waren von ziemlich guter Qualität, die Seidenhüte hingegen äufserft mittelmäfsig. Erwähnenswerth ift nur noch Durft, Wild frères, in Paris mit guten weifsen Kinder- Filzhütchen. Portugal zeigte nur durch die Firma Cofta Braga in Porto mit recht guter Arbeit, eine befondere Gefchmacksrichtung in Filzhüten, die gröfstentheils in citrongelber Farbe gehalten waren. Brafilien war collectiv durch mehrere Firmen vertreten; die Waare war nicht übel gearbeitet, erhob fich aber nicht über die Mittelmäfsigkeit; neu find indeffen die dort ausgeftellten Hüte aus Palmenrinde, diefelben find appretirt, netzartig durchfichtig, aber nicht elaftifch und würden, da die Holzfafern weit von einander laufen, bei Regenwetter keinen Schutz gewähren. England war nur durch Chriftis in London, die gröfste Fabrik der Welt, würdig vertreten. Die wenigen Ausftellungs- Gegenftände waren von gediegenfter Arbeit und feineren Qualitäten. Die Firma läfst fich aber auch enorm theuer bezahlen und hat vor allen Oefterreich deren Concurrenz nicht zu fürchten. In ordinärer Waare freilich ift die Fabrik aufserordentlich billig, weil das Mafchinenwefen dort mehr Anwendung findet. Es werden die geringeren Gattungen von Anfang bis zu Ende mit Mafchinen gearbeitet. Aufser diefer Firma brachte noch Woodhams Macqueen& Johnfon recht gute Filzhüte, aber theuer, hingegen waren Schafwoll- Hüte, und diefs fcheint die Force der Fabrik zu fein, ftaunend billig, bis zu 1 fl. öfterreichifcher Währung per Stück. Rufsland war nur durch wenige Firmen vertreten und bot das Ausge. ftellte nichts Erwähnenswerthes. Nur Theodor Weigt aus Warfchau errang Beachtung, da die ausgeftellten Hüte der neueren europäifchen Richtung fich anfchliefsen. Die Induftrie der Strohhüte und Geflechte war vertreten durch 22 Ausfteller aus Oefterreich Deutſchland 28 99 " 14 der Schweiz 99 وو 7 Italien 99 3 Frankreich " I " England I 29 99 Belgien und I Rufsland. " 29 Hüte. 17 Bei anderen Ländern fanden wir nur einzelne Objecte exponirt, die bezüglich des Handels kaum Erwähnung verdienen und meift Erzeugniffe primitiver Natur find. Oefterreich wiefs zwar nicht die gröfste Zahl Ausfteller auf, doch war dasfelbe gewifs fowohl nach der Menge als der vorzüglichen Fabrication der Waare würdig vertreten. Die Wiener Fabrikanten können im Allgemeinen bezüglich der Preife von feinen Hüten, namentlich mit Deutfchland, nicht Concurrenz halten. Die. enorm gefteigerten Wohnungsmiethen und hohen Arbeitslöhne, fo wie der fühlbare Mangel an Arbeitskräften vertheuern die Erzeugniffe. Zudem haben in den lelzten Jahren die Unzahl von unbefteuerten( Agenten) Reifenden und hier etablirten Agenten ausländifcher Firmen einen grofsen Theil des Bedarfes der Provinzkunden den hiefigen Fabrikanten entzogen. Als befonders beachtenswerth erfchienen die beiden Firmen: P. Ladftätter& Söhne und J. Oberwalder& Comp., welche nach Abtretung Italiens die Fabrication der fogenannten Venezianer und Pafanerhüte im krainerifchen Orte Dombfchale einführten und zur gröfsten Vollkommenheit brachten, fo dafs deren Artikel, fowohl Geflechte, wie aus diefen angefertigte Hüte für den grofsen Markt durch ihre ungemeine Billigkeit fich exportfähig gemacht haben, was diefe obenbenannten beiden Firmen durch Fleifs und Opfer dahin brachten, da felbe fich Arbeiter aus Italien dahin nehmen mussten, bis die einheimifche Bevölkerung in diefer Arbeit unterrichtet wurde. Franz Harak nahm nachträglich in dem genannten Orte diefe Fabrication auch in Angriff, fo wie F. A. Suppancic in Laibach, der fein Etabliffement ,, Erfte krainerifche Strohhut- Fabrik" benennt. Von den erftgenannten Firmen ift es namentlich L adftätter, welcher fowohl in der fchönen Arbeit und Appretur, fo wie billigen Preifen der Erzeugniffe Tüchtiges leiftet. Ein Verfuch desfelben, gefpaltetes Strohgeflecht( fo genanntes Brüffeler) nach Art der echten Florentiner Hüte zu nähen, verdient Erwähnung. Franz Harak verdient in Bezug auf Maffenerzeugung und in Betreff der Billigkeit feines Productes, und zwar von I fl. 20 kr. per Dutzend angefangen, Erwähnung. Die Firma P. Meftrozi hatte Strohhüte ausgeftellt, wie diefelbe folche in den Handel bringt, die Preife find im Allgemeinen fehr nieder, gute reine Appretur, vorzügliche Näharbeit zeichnet diefes Fabricat vortheilhaft aus, die arangirten Hüte zeugten von gutem Gefchmack. J. Mayer, als eines der gröfsten Detailgefchäfte, verdient Beachtung, da deffen Hüte fehr fleifsig gearbeitet waren, fich auch vortheilhaft durch fchöne, gefchmackvolle Formen auszeichneten. Sehr nette, reine Arbeit, vorzügliche Näherei und Appretur zeigten die ausge ftellten Hüte von F. Ditfch und A. Poftler. Unter den Kürfchnerwaaren hat Wopalensky in Wien recht nette, aparte Strohhüte ausgeftellt, fo wie J. Hoffmann unter Leinwäfch- Waaren feine Kinderhüte. Letzterer ift aber nicht Selbfterzeuger. Viele der hiefigen Strohhut- und Hutfabrikanten exponirten auch elegante, gefchmackvoll arangirte Damen- und Kinderhüte, worin von denfelben ein grofser En- gros- Abfatz in die Provinzen erzielt wird. Von den Modiftinen verdienen Erwähnung: Amalie Jacubovitz mit gefchmackvollen, gut verkäuflichen Hüten; Betti Galimberti mit theuren, feinen Schauftücken; Bodenftein und J. Rofenkranz mit fchöner, reiner Waare. Im Ganzen zeigte die öfterreichiſche Ausftellung diefer Branche eine ent fchieden gefchmackvolle Richtung und theilweife eigene originelle Formen. 2 18 Wilhelm Plefs. Befonders fchön waren die aus der Hand appretirten Brüffeler Hüte( 7 Halm welche in der angenehmen Steife und fchönen Weifse allen anderen ausländifchen, meift mit Hutpreffen erzeugten derlei Hüten vorzuziehen find. Deutfchland. Die Fabrication der Strohhüte zeigte einen entfchiedenen Fortfchritt, vorzügliche, zum Export geeignete Waaren, ziemliche Einheit in den Formen, gröfstentheils mit Hutpreffen appretirt, daher die fehr fteifen, ftark glattgeprefsten Brüffeler Hüte( 7 Halm) für den hiefigen Bedarf, befonders in den feinen Gattungen, nicht geeignet find. Merkwürdig reich waren Phantafiehüte vertreten, deren Bedarf doch von Jahr zu Jahr abnimmt. Arrangirte Hüte fanden wir nur wenige vor, aber diefe meift von fehr billiger Gattung. Feine gefchmackvolle Hüte exponirten die Firmen: Lefrere& Delatre in Cöln; F. A. Brunner in München und O. de Langenhagen in Saar Union, deffen fchön gebleichte und rein gearbeitete Palmhüte alle Anerkennung verdienten. Vereinigte Dresdner Strohhut- Fabrik in Dresden erfchien mit vorzüglich fchönen, mit der Mafchine genähten Strohhüten. Bezüglich der Preife konnten wir leider keine genügende Auskunft erhalten, infoweit diefs aber möglich war, erfahen wir die Preiswürdigkeit feinerer Gattung gegen hiefige Fabricate, die jedenfalls durch die Maffenerzeugung und billigen Arbeitslöhne und Wohnungsmiethe erzielt werden kann. Schweiz hat nur durch wenige Firmen Strohhüte ausgeftellt, meift Geflechte, worin das Land in gewiffen Gattungen Vorzügliches producirt und davon grofse Maffen nach allen Welttheilen ausführt. Beachtenswerth waren die Hüte von Indermühle; Jeanneres& Comp. Neuenburg mit fchönen Männerhüten und arrangirten Damenhüten; Spühler D. mit fehr billigen Hüten, und Fifcher& Comp. in Meifterfchwanden mit fehr fchön gebleichten Panamahüten. Die Betheiligung der Schweizer Strohmanufacturen war demnach eine geringe zu nennen, da viele der gröfsten Firmen fehlten. Italien. Die ausgeftellten Strohhüte und Geflechte zeigten meift nur dort einheimifche Fabricate, von fogenannten echt Florentiner Hüten, Florentiner und Pedale, fowie Riciotti, Roft und Phantafiegeflechten und andere heimifche Specialitäten. Das Vorzüglichfte exponirten J. J. Cubli in Florenz und Toscano in echt Florentiner Hüten und Geflechten. Giuſeppe Menotti& Comp. in Carpi, Bafterzeugung, Baftgeflechte, Baftplateau und Hüte waren fehr fchön. Auch hier fehlten viele der gröfseren Firmen, und war daher die Betheiligung ebenfalls eine fehr geringe. Die Erzeugung diefer echten Florentiner Hüte in Italien ift eine maffenhafte. Selbe werden theils ungeformt, theils geformt als Männer-, Knaben-, Damen- und Kinderhüte in die ganze Welt verfendet. Auch in Paris wurden von verfchiedenen Firmen derlei echte Florentiner geformt, felbe kommen aber gegen die italienifchen namhaft höher zu ftehen, und wurden früher nur wegen der neuen modernen Formen gefucht, feit einiger Zeit liefert aber Italien ebenfalls der neueften Mode gut entfprechende Formen. Die Fabrication der Baftgeflechte und Baftplateau ift eine fehr grofse und vor Hüte. 19 zügliche, und beziehen die Schweiz und Frankreich derlei Rohwaare, um felbe dann gefärbt und die Plateau als weifs gemacht im Handel zu bringen. Frankreich war durch drei Parifer Häufer vertreten, durch DurftWild, Mattenberger- Chevy und Dellatre. Sie brachten alle fchöne Erzeugniffe, Specialitäten im färbigen Baft, echtem Baftplateau und Phantafiehüte. In Nouveautés liefern jedenfalls die Parifer ftets das Befte und find dort eine grofse Anzahl Firmen, welche durch ihre Reifenden in allen Ländern nach Muftercollectionen der verfchiedenen Erzeugung Aufträge entnehmen. Von diefen Hüten werden meift nur Mufter beftellt, da felbe theuer zu ftehen kommen. Dortige Fabrikanten, worunter auch die obigen zwei Firmen, laffen ihre eigenen Agenten reifen und erzielen auf ihre Erzeugniffe namhafte En gros- Beftellungen. England war nur durch Vyse Sons in London vertreten mit ausgezeichnet fchönem Geflechte, vor züglicher Näharbeit, Appretur und guten Formen. Es fehlten auch hier alle anderen renommirten Firmen, was umfo mehr zu bedauern ift, als eben England mit Strohhüten den gröfsten Handel macht; fogenannte echt englifche Geflechte find eine Specialität, welche fich durch befondere Gleichheit der Flechtung und hohen Glanz auszeichnen. Die englifchen Hüte zeigten auch eine eigenthümliche Näharbeit, ganz verfchieden mit der bei uns gebräuchlichen, fowie eine vorzügliche fchöne Appretur. Belgien hatte wenig, Rufsland nur Gewöhnliches ausgeftellt. Der Fachmann kann nur mit gröfster Befriedigung auf die Leiftungen und den Fortfchritt in diefem Gefchäftszweige blicken und das eifrige Streben anerkennen, welches durch die Einführung der Hutpreffen, Nähmafchinen und Verbefferung in dem Bleichverfahren feit einigen Jahren erzielt wurde. Ihrem Zwecke nach würde auch die Fezfabrication in unfer Referat gehören. Da fie jedoch in ihrer Erzeugung der Hutfabrication ganz fremd und allein der Wirkwaaren- Erzeugung angehört, fo verweifen wir auf das Referat darüber. Nur einige Bemerkungen darüber feien geftattet. Die Fezfabrication ift eine Specialität Oefterreichs, wo fie in Böhmen und Wien fehr tüchtig gepflegt wird. Die Lage der Wiener Fezfabrication ift aber heute gegen frühere Jahre eine wenig beneidenswerthe. Nicht im Stande der billigen Arbeitskraft Böhmens die Spitze zu bieten, waren die Fabrikanten in Wien und deffen nächfter Umgebung genöthigt, nach und nach die Anfertigung ordinärer Waare, in welcher der grofse Confum befteht, hauptfächlich Strakonitz zu überlaffen und fich ausfchliefslich auf feine Waare zu werfen. Der Bedarf in feinen Qualitäten ift zu gering, um fämmtliche Wiener Fabriken laufend zu befchäftigen, und obgleich es den Anftrengungen der Wiener Fabrikanten, durch fchöne Waare das Renommée zu erhalten gelungen iſt, dürften die erzielten Preife bei dem veränderten Umfatz und den ftets höher gehenden Arbeitslöhnen nicht im Einklang ftehen, denn eher an Reducirung der Fabriken und nicht an eine Ausdehnung oder eine Bekämpfung der auswärtigen Concurrenz wird gedacht. Nur die angeftr ebte Veredlung des Artikels, wenn ich fo fagen darf, war feither im Stande, den Orient immer wieder zu dem Wiener Fabricat zurückzuführen. Einmal die fchon angeführte beffere Qualität, neben einer pünktlichen, überlegenen Ausführung des Fabricates, wobei hauptfächlich die Futter von Holzftroh, Batift mit Kautfchuk und Leder, welche das unter dem Fez getragene Siehe Ludwig Glogau ,,, Die Wirkwaaren". 2* 20 Wilhelm Plefs. Hüte. weifse Baumwoll- Turbantuch erfetzen, zu beachten ift, erhalten bei der befferen Claffe noch den Confum. Eine vom Erfinder patentirte Verpackung diefer gefütterten und ungefüt terten feinen Fez, welche dadurch ohne Verluft der Appretur und ohne vorheriges Umbügeln im Orient auf den Markt kommen, gehört neben dem billigen Holzftroh- Futter mit zu den Fortfchritten, welche die Wiener Fabrication aufweifen kann, und welche ihr noch erlaubt, das Feld des Abfatzes für feine Waare mitzubehaupten. Die böhmifche Fezfabrication im Pilfner Handelskammer- Bezirk zu Strakonitz, Pifek und Huffinetz durch altberühmte Firmen vertreten, ift zu bekannt, als dafs wir von Neuem darauf zurückkommen müfsten. HANDSCHUHE. Bericht von FRANZ UND MAX STIASNY, Handfchuhfabrikant in Wien, Mitglied der internationalen Jury. Unter den Artikeln, welche vormals als befonderes Zeichen des Luxus galten, nunmehr aber Bedürfnifs und Gegenftand bedeutender Fabrication geworden, weil fie zu einem allgemeinen Bedarf fich ausgebildet, nehmen Leder- Handfchuhe den erften Rang ein. Sie theilen fich je nach dem dazu verwendeten Materiale in Ziegen-, Lammleder-, Wafch- und Wildleder- Handfchuhe. Da Frankreich die Erzeugung von Ziegenleder- Handfchuhen, in der es Vortreffliches leiftet, zumeift an fich zog, fo haben Oefterreich und Deutſchland, in richtiger Erkenntnifs der gröfseren Abfatzfähigkeit des billigeren Fabricates, fich den Lammleder- Handfchuhen zugewendet, und leiften, wie diefs die Ausftellung bekundete, Vorzügliches in feinen und mittelfeinen Qualitäten. In hervorragender Weife war die Wiener Handfchuh- Fabrication auf der Ausstellung durch einheitliche Eleganz ihrer gefchmackvollen Collectivausftellung vertreten. In derfelben fanden fich die verfchiedenen Sorten Handfchuhe, wie folche nach allen Weltgegenden exportirt werden. Wefentliche Verbefferungen die in der Erzeugung diefes Artikels durch Einführung von Schneide-, Control- und Nähmafchinen erreicht wurden, haben dem öfterreichifchen Fabricate, deffen Hauptorte Wien und Prag find, einen fehr guten Ruf und damit neue grofse Abfatzquellen gefchaffen. Seit einigen Jahren wurde der Begehr in England und Amerika ein fehr bedeutender und hat fich der Export nach diefen Ländern insbefondere, wie auch nach der Schweiz, Holland, den Donau- Fürftenthümern, Rufsland und dem Orient fehr gefteigert, wie diefs aus folgender Zufammenftellung erfichtlich ift. Der Export Oefterreichs an Handfchuhen betrug 1863 1864 1865 · 1866 1867 1868 · 1869 1870 1871 1872 • Oe. W. fl. 660.000 918.000 1,368.000 1,884.000 2,349.000 2, 814.000 3, 159.000 .3,309.000 4, 218.000 4,509.000. Franz und Max Stiasny. Handfchuhe. 21 Bei den bedeutenden Fortfchritten, welche die Handfchuh- Induftrie feit einer Reihe von Jahren gemacht, wäre es nun wünfchenswerth und geboten, dafs zur Hebung der hierbei fo wichtigen, jedoch ftationär gebliebenen Lederfärberei von Seite der Regierung durch Anordnung populärer Vorträge über Chemie und durch Ertheilung von Reifeftipendien beigetragen würde. Jede Vervollkommnung diefer für die Handfchuh- Fabrication fo wichtigen Branche wird dem Fabricate zu Gute kommen, feinen Ruf heben, deffen Abfatz fördern helfen. - Wenn nun noch bemerkt wird, dafs die Handfchuh- Fabrication eine jener wenigen Befchäftigungen bildet, welche Taufenden von Frauen Arbeit am häuslichen Herde und zwar bei nur geringen Auslagen für Werkzeuge durch Nähen, Steppen und Tambouriren bietet, fo liegt in der Hebung diefes Gewerbes auch die Förderung der Frauenarbeit und die des Wohles und der Sittlichkeit ganzer auf diefen Erwerbszweig angewiefener Gegenden. Deutfchland war auf der Weltausstellung durch viele Fabriken, darunter auch den bedeutendften, in würdiger Weife vertreten.- Wie in Oefterreich wird auch dort vorwiegend Lammleder verwendet. Günftige Localverhältniffe, welche den Fabrikanten die Möglichkeit bieten, mit der Handfchuh- Fabrication auch die Gerberei und Färberei zu vereinen, und die Einführung all' der in diefen Fächern vorgekommenen Neuerungen zur Vervollkommnung des Fabricates, haben die Leder- Handfchuhe Deutſchlands zu einem fehr bedeutenden Exportartikel geftaltet. - Es gibt im deutfchen Reiche Städte, in welchen die Handfchuh- Fabrication zu den Haupt- Erwerbsquellen zählt; fo Altenburg( Sachfen), Halberstadt( Preufsen), Erlangen( Baiern), Arnftadt( Thüringen), Haynau( Schlefien), Efslingen( Württemberg). Frankreich, als Haupt- Fabricationsftätte der Ziegenleder- Handfchuhe, nimmt bekannter Weife in diefem Artikel den erften Rang ein, fowohl durch ausgezeichnete Qualität feines Leders und deffen vorzügliche Gerbung und Färbung, als auch durch die vollendete Ausführung des Fabricates felbft. Frankreichs Handfchuhe waren auf der Wiener Weltausftellung durch fünf Fabriken gut, wenn auch nicht zahlreich vertreten. Die bedeutende Fabrication Englands, welche leider auf der Weltausftellung nicht exponirt war, befchränkt fich zumeift auf ftarke Handfchuhe, die unter dem Namen Dogskin bekannt find, und wozu gröfstentheils Schaffelle vom Cap verwendet werden; die Leiftungen hierin find vorzüglich. Italiens Handfchuh- Induftrie hat fich feit der Parifer Ausftellung 1867 wefentlich verbeffert und war auch in Wien gut vertreten. Rufsland, Dänemark, Schweden, Spanien und Portugal fabriciren gute Handfchuhe meift für den heimifchen Bedarf. Bemerkenswerth ift, dafs Amerika zum erften Male diefen Artikel auf einer Weltausftellung exponirte. Diefer Induftriezweig, der dort mangelnder Arbeitskräfte wegen in unbedeutendem Mafse betrieben wurde, hat durch Erfindung und Verbefferung der Nähmafchinen wefentliche Unterftützung gefunden. Diefe Zunahme der dortigen Fabrication könnte fich dem europäiſchen Exporte dahin, und insbefondere dem von Oefterreich, in Laufe der Zeit fehr nachtheilig geftalten, wenn nicht weitere Verbefferungen und Fortfchritte hier angeftrebt werden. Ueberblicken wir die Gefammtheit der Leiftung der Handfchuh- Fabrication auf der Wiener Weltausstellung, fo war diefelbe durch 96 Fabrikanten vertreten, die fich auf die einzelnen Länder in folgender Anzahl vertheilen: Oefterreich 29, Ungarn 4, Rufsland 3, Amerika I, Frankreich 5, Belgien I, Deutfchland 39, Portugal 2, Italien 7, Schweden I, Dänemark 4. 22 CRAVATEN UND HALSBINDEN. Bericht von JOSEF MIGOTTI. Diefe kleinften aller Kleidungsstücke, welche erft feit einigen Jahrzehnten in allgemeinen Gebrauch genommen wurden, find nunmehr Modeartikel erften Ranges geworden, und in unferer Ausftellung in reichlicher und würdiger Weife zur Schau gebracht worden. Der einfache, urfprünglich unbedeutende Seidenftreif, welcher dem Hals zu Schutz und Zierde dienen foll, ift durch Zuhilfenahme der verfchiedenften Stoffe und Anwendung von Mafchen, Knoten, Schlingen, Knöpfen und Ringen in taufendfältige Formen gebracht, welche eine folche Vollendung erreicht haben, dafs man neue Verbefferungen kaum mehr für möglich halten würde, wenn uns die diefem Fache angehörenden Induftriellen nicht immer wieder vollgiltige Gegenbeweife liefern würden. Bei Beginn unferer Umfchau fahen wir in England die grofsen Londoner Firmen Lloyd Attree Smith, Slater Bukingham, Welch Margetfon, welche durch gediegene, als folid bewährte Mufter unfere Aufmerkfamkett in Anfpruch nahmen; fie find einfach, meift einfärbig, nur mit den unumgänglich nöthigen Beigaben verfehen, und Zierathen möglichft meidend. Wengleich die nach Londoner Methode mit den fchweren Oberftoffen zugleich auch gefütterten Stücke der englifchen Cravate einen etwas fchwerfälligen Charakter geben, fo zeichnet fie fich doch durch vornehmes Anfehen und bekannte Dauerhaftigkeit aus. Von Frankreich verdient das grofse Haus, Hajem ainé Maifon du fenix in Paris, welches mit dem Ehrendiplom ausgezeichnet wurde, des grofsartigen Betriebes wegen, unfere volle Beachtung. Es befchäftigt über 5000 Arbeiter und 1000 mit Dampfkraft betriebene Nähmafchinen, und erzielt in Cravaten, Halsbinden und Wäfche einen jährlichen Umfatz von 9 bis 10 Millionen Francs; ihre Waaren entfprachen in jeder Hinficht, zeigten uns graziöfe Formen und glückliche Zufammenftellung. Ueberhaupt ift bei diefem Artikel die Art und Weife des Legens einer Mafche, das eigenthümliche Zufammenziehen einzelner Theile mittelft Knopf oder Ring, oder eine einzige geniale Schürzung oft von grofser Bedeutung und bringt dem glücklichen Erfinder Ruf und Gewinn, und entfchädigt ihn für viele mifslungene Verfuche. Ferner excellirten Frofsard aus Paris mit feinen Specialitäten aus bordirten Cravaten, welche er in allen Abftufungen und Gröfsen und in den feinften Ausführungen brachte, und Leprevoft, welcher blofs weifse Binden und Cravaten erzeugt, diefes Fach jedoch auf das Ausgedehntefte betreibt; man fand in feiner Sammlung die Hochzeits- Cravate in prachtvoller, die Minifterbinde in reicher Ausftattung, ebenfo alle Gattungen von Communion-, Empfang-, Livreecravaten, in der dem Gebrauche entſprechenden Adjuftirung, und aus den feinften Seiden-, Leinen- und Wollstoffe angefertigt. Aus Lyon ftellte Augier eine aus den dortigen berühmten Seidenftoffen zufammengeftellte Collection aus, welche uns reine, mit minutiöfer Genauigkeit ausgeführte Arbeiten vor Augen brachte. Das Haus Debruyker( maifon du fenix) aus Brüffel war befonders durch feine in eigenthümlicher Weife mit künftlichen Blumen gefchmückten Damen cravaten und Schleifen in vortheilhafter Weife vertreten. Jofef Migotti. Cravaten und Halsbinden. 23 Taggini aus Mailand gab in einer zahlreichen Sammlung von Binden und Halstüchern ein überfichtliches Bild der in Italien üblichen Halsbekleidungen, welche, der Temperatur entſprechend, dort meift offen und locker getragen werden. In Deutfchland fcheint man der Cravate eine geringere Bedeutung beizulegen, da fie in unferer Ausftellung nur fehr fpärlich vertreten war, und oftmals durch Binden, Schleifen, und wollene oder gewirkte Tücher erfetzt wurde. Das Haus Hakenberg aus Neufs zeigte indefs. fchöne fchwarze Saloncravaten, welche durch Form und Ausftattung fich befonderes Verdienft erwarben. Auch aus Rufsland fahen wir in den von Reichel in Warfchau ausgeftellten Halsbekleidungsftücken anerkennenswerthe Fortfchritte feit dem Jahre 1867 und bedeutende Verfeinerung der Fabrication. In der öfterreichifchen Abtheilung fanden wir diefe Induftrie auf der höchften Stufe der Vervollkommnung. Die Collectivausftellung der Wiener Pfaidler, Cravatenmacher und Stickergenoffenfchaft brachte von der üblichen fchwarzen Halsbinde bis zu den feinften Phantafieftücken alle Gattungen in vielfältigfter Weife zur Schau. Diefe Ausftellung gab in jeder Hinficht Zeugnifs von den enormen Fortfchritten, welche Wien in den letzten Jahren in diefem Fache machte, und von der hohen Ausbildung diefer Induftrie; die Wiener Fabricate übertrafen die englifchen und franzöfifchen Erzeugniffe bei Weitem an Gediegenheit und Eleganz, an Schönheit der Formen und Frifche der Farben; jeder Vergleich mufste zu Gunften Oefterreichs entfchieden werden. Unter den erften Induftriellen diefes Faches mufs Ignaz Hönig benannt werden( welcher das Ehrenamt eines Jurors bekleidend aufser Preisbewerbung ftand). Seine Cravaten und Halsbinden- Fabricate waren meift nach feinen eigenen Zeichnungen angefertigt; mehrere neue Knotenfchlingungen waren dabei in Anwendung gebracht, und zur Befeftigung jener Binden, welche ohne Halstheile find, dienten zweierlei Neuigkeiten von Cravatenhältern; bei der Einen war die Cravate mittelft Federkraft an den Halskragen gefchloffen, während die andere ( Mignon genannt) fich im Kragenknopf einhängte und ihre beiden Flügel unter den Halskragen ftützte. Die gefammten Fabricate waren gediegen und vollkommen, und trugen den Stempel der Einfachheit und Solidität. Die Firma Friedmann ftellte ebenfalls in hervorragender Weife aus, ihre Erzeugniffe theils aus franzöfifcher und Crefelder, theils aus Wiener Waare, müffen namentlich wegen des befonderen Schnittes der Schleifencravate und der aufserordentlich feinen Näharbeit erwähnt werden, wodurch fie fich Beifall und Prämiirung errangen. Brüder Matura brachten ihre belobten Erzeugniffe, welche hauptfächlich in den öfterreichifchen Provinzen und durch den Export Abfatz finden, fie zeichneten fich durch befondere Billigkeit und praktifche, leicht anlegbare Formen aus. Einen grofsen Antheil an dem Auffchwung diefes Erwerbszweiges in Oefterreich hat auch das weibliche Gefchlecht; viele früher unbefchäftigte Hände wandten fich diefem leichten und dankbaren Erwerbe zu, und bewirkten ein Befferund Billigerwerden diefer Erzeugniffe. Befonders die Frauenvereine, diefe Pflanzftätten der Zukunft der weiblichen Berufsentwicklung, gaben durch ihre ſchönen Ausftellungen auffallende Beifpiele des Nutzens der Affociation, und erfreuliche Beweife ihrer philanthropifchen Thätigkeit; fie forgen nicht nur für den Unterricht und entſprechende Befchäftigung der heranwachfenden weiblichen Jugend, fondern fuchen auch durch vortheilhafte Verwerthung der meift in Wäfchwaaren und Putzfachen, Halstüchern und Cravaten beftehenden Handarbeiten ihren Mitgliedern und Pflegebefohlenen dauernden Erwerb und Lebensunterhalt zu verfchaffen, und fie dadurch zu weiterem Arbeitsbetriebe aufzumuntern. Auch von der inländifchen Stofffabrication wurde die HalsbekleidungsInduftrie auf das Kräftigfte und Erfolgreichfte unterſtützt, während franzöfifche und englifche Seiden- und Halb- Seidenwaare fich als fchwer und fpröde zu genanntem Zwecke erweifen, fich auch im Preife derart ftellen, dafs die Concurrenz des 24 Joief Migotti. Cravaten und Halsbinden. Auslandes nicht zu befiegen wäre, eignet fich die inländifche, namentlich Wiener Waare, welcher durch Manipulation und Appretur eine aufserordentliche Weichheit und Milde vérliehen wird, vorzüglich dazu. Vom fanitären Standpunkte jedoch mufs die in Wien übliche Form der Halsund Bruftbekleidung als ungenügend bezeichnet werden. Während nämlich der übrige Körper zwei, oft dreifach( warm) bedeckt wird, find diefe Theile häufig nur einfach oder gar nur durch das Hemd vor Wind und Wetter gefchützt; die Nachtheile, welche bei dem mitunter rafch eintretenden Temperaturwechfel fich daraus ergeben, find von competenter Seite oftmals befprochen worden, und werden durch die Mortalitätsberichte, nach welchen 65 Percent der Bevölkerung den Hals- und Bruftkrankheiten erliegen, auf traurige Weife illuftrirt. Erft in letzter Zeit hat man durch Erfindung und Verbefferung der breitgelegten, bis unter das Gilet reichenden Napier cravate und die in allgemeinen Gebrauch kommenden Flanell- Unterhemden, welche am blofsen Leibe getragen. werden, in diefer Richtung eine entsprechende Reform angebahnt. Der Export diefer Erzeugniffe findet nach Deutfchland und Rufsland, hauptfächlich jedoch nach jenen Ländern des Orients ftatt, in welchen der moderne europäiſche Kleiderfchnitt bereits Eingang gefunden hat, und geftaltet fich zu einem lucrativen, immer lebhafteren Handel, welcher unferem Gewerbefleifse gröfsere Ausdehnung verfchaffend und neue Abfatzgebiete eröffnend, den allgemeinen Wohlftand befördern hilft, und Oefterreich feiner grofsen Beftimmung: Der Mittelpunkt und Stappelplatz des Welthandels zu werden, mehr und mehr entgegenführt. MIEDER. Bericht von ANTON KREUZI G. Die Mieder find einer jener Theile der Bekleidungsinduftrie, welcher wohl nicht mit manch Anderen, deren Beftehen feit den Anfängen der Menfchheit und deren Cultur datirt, und daher auch nicht mit jenen an Anciennität wetteifert, fondern deffen Entftehen wir theils dem Raffinement der Mode, theils auch verfchiedenen anderen Motiven verdanken. Die Gefchichte des Alterthums weifs uns wenigftens nichts von Miedern oder Schnürbrüften zu erzählen; zu jener Zeit überliefs man die Entwicklung des menfchlichen Körpers ganz einfach der Natur und deren Einwirkungen. Die Voreltern aller Völker waren nur darauf bedacht, den Körper naturgemäfs entwickeln zu laffen und Alles zu vermeiden, was deffen Kräftigung und Stärkung nachtheilig fein konnte. Erft im Mittelalter wurde daran gedacht Schnürbrüfte einzuführen und der Natur Concurrenz zu machen. Es wurde der Verfuch gemacht, manchem weiblichen Körper eine gefälligere Form zu geben. Von den erften Verfuchen jedoch bis in die neuefte Zeit hat diefe Erfindung grofse Wandlungen durchgemacht, da diefe Verfuche nicht blofs bei dem weiblichen Gefchlechte ihren Ausgangspunkt fanden, fondern auch die Manie des Schnürens in das männliche Gefchlecht überging, da es bei jungen Männern eines exclufiven Standes nahezu Ehrenfache war, eine fchöne Taille zu befitzen, welche nur durch das Mieder erzielt wurde. Diefer Artikel hat nun bis heute eine fo riefige Bedeutung erlangt, dafs wir nicht umhin können, demfelben einige Worte zu widmen. Es wurden in diefem Artikel fo namhafte Erfindungen und Verbefferungen eingeführt, dafs man heute bereits eigene Mieder für alle Phafen, welche das weibliche Gefchlecht von der Natur durchzumachen gezwungen iſt, befitzt. Anton Kreuzig. Mieder. 25 Das Mieder hat eine äfthetiſche und zugleich auch fanitäre Wichtigkeit. So kann durch ein fchlecht geformtes Mieder der fchönfte Körperbau verunftaltet werden, und der erfte Kleiderkünftler( Künftlerin) wird nicht im Stande fein, über ein derartig verunftaltetes Mieder ein Kleid mit fchöner und gefälliger Form herzuftellen. In fanitärer Richtung kann man mittelft der Mieder befondere Vortheile, fowie auch Nachtheile erzielen. Jener Fabrikant, welcher anatomifch richtig geftellte Mieder zu erzeugen im Stande ift, wird durch diefelben z. B. die Entwicklung des Körpers bei jungen Mädchen nicht nur nicht hemmen, fondern durch fein gut conftruirtes Mieder fo manche Verunftaltung des Körpers hintanhalten, als da find: Die üble Gewohnheit der fchiefen oder gebückten Haltung, welche durch ein hiefür geeignetes Mieder paralyfirt werden kann. Schlechte und unrichtig conftruirte Mieder können aber auch befonders nachtheilig auf die Gefundheit wirken durch zu ftarken Druck auf den Magen, oder durch Einklemmung des Bruftkorbes, fowie auch das allzu ftarke Zufammenfchnüren von befonders nachtheiligen Folgen begleitet ift, indem die inneren Organe nicht nur in ihrer Entwicklung gehemmt, fondern auch in höchft nachtheiliger Weife verfchoben und gedrückt werden. Hingegen kann ein richtig conftruirtes Mieder der Trägerin desfelben nicht nur eine gefällige Form verleihen, fondern auch ein eigenthümliches Behagen und Wohlbefinden verfchaffen. Wie oft mag es im Leben vorkommen, dafs wir über Körperformen entzückt find, ohne zu ahnen, welchem Künftler von Miederfabrikanten wir diefes Entzücken verdanken. Dafs die Wichtigkeit gegenwärtig aber auch noch eine andere Bedeutung hat konnten wir zur Genüge bei der diefsjährigen Weltausftellung beobachten, indem diefer Artikel bereits eine hervorragende Rolle auf dem Weltmarkte fpielt, und jedenfalls in Zukunft von noch gröfserer Ausdehnung werden dürfte; befonders hervorragende Wichtigkeit für den Export hat die Erfindung der gewebten Mieder, da diefelben bedeutend billiger als die genähten herzuftellen find. So hatten wir Gelegenheit, im deutfchen Reiche Firmen von befonders hervorragenden Verdienften auf diefem Gebiete kennen zu lernen, als: die Firma Gros& Comp. aus Bruchfaal, welche im Jahre 1871 605.000 Stücke im Werthe von 1,200.000 fl. ö. W. erzeugte und ihren Hauptmarkt in England und Amerika befitzt; ferner D. Rofenthal& Comp. aus Göppingen, welche im felben Jahre 500.000 Stück verfertigte, und hat diefelbe ihre Niederlagen in London. In genähten Miedern hatte C. Alexander Putzey aus Berlin befonders Hübfches und Gefchmackvolles ausgeftellt. Jäger& Comp. aus Reutlingen hatten befondere Sorgfalt auf ihre orthopädifchen Mieder( Geradehalter) verwendet. Das deutfche Reich war überhaupt fehr reichhaltig vertreten, ein Beweis, dafs diefe Induſtrie fehr ftark cultivirt wird und daher auch lohnend fein mufs. Frankreich hingegen hatte fich fchwächer betheiligt, indem uns blofs drei Parifer Firmen ihre Erzeugniffe zur Anfchauung brachten, wo wir uns bei zwei derfelben der Anficht hingeben, dafs diefelben die Ausftellung zu oberflächlich behandelten, denn obwohl fie recht gefchmackvoll ausgeftellt hatten, fo glauben wir doch, dafs fie vielleicht noch Befferes zu leiften im Stande find. Hervorragend Schönes lieferte die Firma der Madame Leoty, welche blofs für Kunden und Beftellungen, nebft Frankreich nach Amerika, 80 bis 90 Arbeiterinen und zwölf Nähmafchinen befchäftigt, und wie wir uns überzeugten, in Form, Gefchmack und Ausarbeitung nicht leicht übertroffen werden dürfte. England und Amerika brachte uns in diefem Induftriezweige gar nichts, wodurch auch erklärt ift, dafs Deusfchland und Frankreich ihre Abfatzgebiete in jenen Ländern finden. - Aus Spanien brachten uns einige Firmen hübfche Collectionen, wir hatten dafelbft Gelegenheit, eine reiche Abwechslung in Formen, fowie in der Art der Anfertigung und Ausstattung zu bewundern; wir fanden dafelbft nicht blofs Gegenftände für den praktifchen Gebrauch, fondern auch die Phantafie unp das Nationale fpielten eine bedeutende Rolle; obwohl diefe Erzeugniffe nicht gerade 26 Anton Kreuzig. Mieder. für den Weltmarkt geeignet, erhielt doch der Fachmann manchen Fingerzeig, welcher von Nutzen fein dürfte. Italien hatte fpärlich und blofs in Exportwaare ausgeftellt; mit demfelben befafst fich befonders die Firma Luigi Pescatori aus Parma für die gröfseren. Städte Italiens und nach Kairo, und liefert diefelbe jährlich circa 48.000 Stücke. Die Firma Celoni aus Florenz brachte einige Exemplare von Geradehaltern, welche von Fleifs und Studium Zeugnifs geben. In Belgien überrafchte uns die Firma Loutrel Baftin aus Brüffel durch eine befonders gefchmackvolle Expofition, wir fanden dafelbft fo viel Fleifs mit Gefchmack vereinigt, dafs wir kühn behaupten können, es fei ein würdiger Rivale der Madame Leoty aus Paris. Ungarn war blofs durch einen Ausfteller, F. Laube aus Peft repräfentirt, welcher eine hübfche Collection von genähten Miedern ausgeftellt hatte. Oefterreich war reichhaltig auf dem Kampfplatze erfchienen und brachten uns mehrere Firmen befonders gediegene Leiftungen zur Anfchauung. In gewebten Miedern hatte blofs die Firma Siegfried Teutfchländer aus Wien ausgeftellt, bei der wir leider mit Bedauern conftatiren müffen, dafs wir trotz wiederholter Anfragen keine Antwort über nähere Details erhielten, und doch ift gerade diefe Fabrication von befonderer Wichtigkeit, indem diefelbe beftimmt erfcheint, alles Andere in diefem Artikel für den Export aus dem Felde zu fchlagen, fich daher für Oefterreich ein nicht zu unterfchätzendes Gebiet eröffnen dürfte. Aber bis heute fcheint fichergestellt, dafs es mit Deutfchland in diefem Genre nicht concurrenzfähig ift. Die Firma Adolf Klein brachte eine ganz neue Erfindung, und zwar aus Bändern geflochtene Mieder, welche ebenfalls für den Export beftimmt zu fein fcheinen. Auch hierüber konnten wir nichts Pofitives erfahren. Diefelben, aus elaftifchen Bändern geflochten, haben den befonderen Vortheil für fich, dafs fie fich jeder Körperform anbequemen und keinen Druck verurfachen, fondern in Folge ihrer Weichheit eine angenehme Empfindung hervorbringen. Den Glanzpunkt bildete unftreitig die Firma des J. F. Scheffer aus Wien, welche den Kampf in Gefchmack mit den beften Erzeugniffen in der ganzen Expofition erfolgreich beftand, fowie diefelbe Alles vom Gewöhnlichften bis zum Eleganteften vereint hatte. Befonders hervorzuheben find die Geradehalter für junge Mädchen, fowie die Reit- und Säugemieder, welche von befonderer anatomifcher Richtigkeit Zeugnifs geben und mit befonderer Präcifion ausgeführt waren. Wenn wir nun zum Schluffe den Vergleich zwifchen den genähten und gewebten Miedern,„ Corfettes", anftellen, fo können wir mit ziemlicher Sicherheit behaupten, dafs die Weberei der Näherei fehr wenig Schaden zufügen dürfte, obwohl nicht zu verkennen ift, dafs es bei dem erften Eindrucke, welcher die gewebten Mieder in ihrer gefchmackvollen Ausftattung, fowie überraschenden Billigkeit auf den Befchauer machen, den Anfchein hat, als ob diefelben beftimmt wären, den Markt allein zu beherrfchen; allein die Näherinen können. darüber vollkommen beruhigt fein, indem bereits gegenwärtig fchon der Weberei eine fefte Grenze gezogen ist. Den Export wird unftreitig der Webftuhl beherrfchen, was jedoch für Kunden und Beftellungen erforderlich ift, leiftet nur die kunftgeübte Hand, welche mit Zuhilfenahme der fo willkommenen Nähmafchine fo Vollkommenes zu leiften im Stande ift, dafs es weder einer Mafchine, noch einem Webeftuhl jemals möglich werden dürfte, mit der Handarbeit erfolgreich concurriren zu können; nur wünſchen wir im Intereffe der öfterreichifchen Induftrie, dafs fie fich des Artikels, und zwar befonders für den Export noch mehr bemächtigen möge, als diefs bis heute gefchah. 27 CAMASCHEN. JOSEF Bericht von MIGOTTI. Wenn man in den der Kunft gewidmeten Räumen unferer Ausftellung die Meifterwerke der Malerei und Sculptur befichtigte, und fich das Studium einzelner Theile zur Aufgabe gemacht hatte, fo wunderte man fich über die bei den hiftorifchen Gemälden zur Anfchauung gebrachte Gleichförmigkeit der Fufsbekleidungen, welche in der ganzen antiken Zeit andauerte und bis in die neuen Jahrhunderte hineinreicht. Wir fehen den allgemeinen Gebrauch der aus Holz- oder Lederftücken beftehenden, nach verfchiedenen Fufsformen gefchnittenen Sandalen, welche mit den dazu gehörigen Binderiemen um Vorfufs und Wadenbein gewunden waren und meiftens unterhalb der Kniebeuge befeftiget wurden. Die Unzulänglichkeit diefer Bekleidungsform, welche weder vor Froft und Näffe, noch vor zufälligen Verletzungen fchützte, fondern blofs das ficherere Auftreten ermöglichte, gab Anlafs, dafs in fpäterer Zeit Obertheile an die bisher alleinigen Sohlen befeftigt wurden und mit diefer wichtigen Verbefferung eine totale Umwandlung der Fufsbekleidung herbeigeführt wurde. Erft feit diefer Zeit fanden die vielen Erfindungen und Veränderungen auf diefem Gebiete ftatt, welche wie Abfchnitte die verfchiedenen Zeitalter bezeichnen, und zu dem jetzigen vervollkomneten Stande des Befchuhung führten. Eine der wichtigeren Erfindungen, welche gemacht wurden, um nicht nur den Fufs, fondern auch die nunmehr verfeinerte Befchuhung zu fchützen, war die Gamafche. Die Nützlichkeit diefes Kleidungsstückes ift überall bekannt, es leiftet vortreffliche Dienfte, fchützt den Fufs und hält ihn warm, ohne feine Beweglichkeit zu hindern. Obfchon die Anfertigung, der Gebrauch, die Reinigung desfelben mit mancher Schwierigkeit verbunden ift, welche eine allgemeine Verbreitung desfelben hemmen, fo bricht es fich dennoch immer mehr und mehr Bahn. In Spanien, Mexico, Griechenland und der Türkei wird die bis zum Knie reichende Gamafche getragen, fie bildet einen Theil der nationalen Kleidung, und wird in den Erfteren diefer Länder mit feitwärts frei herabhängenden Bändern benäht, wodurch der ganzen Tracht ein malerifches Gepräge verliehen wird; in den letztgenannten zeichnet fie fich durch glänzenden Aufputz aus. In Mitteleuropa kommt fie häufig im Gebrauch und wird in jüngfter Zeit auch vom weiblichen Gefchlecht gerne benützt, um fich vor den Nachtheilen der Erkältung und Durchnäffung der Füfse zu verwahren, welche Schädlichkeiten, nach den Ausfpruche berühmter Aerzte, bei zarteren Organismen oftmals die Urfachen hartnäckiger Herz- und Nierenkrankheiten find. In den Alpenländern trägt fie der Tourift, um fich vor der Kälte, in den Weingegenden der Winzer, um fich vor dem Sonnenbrande, in den fumpfigen Maremmen Süditaliens der Jäger, um fich vor den Biffen der Schlangen zu fchützen. In mehreren Armeen ift fie als Equipirungsftück eingeführt, welches feine Tüchtigkeit, namentlich in den Winterfeldzügen oftmals bewährt hat. Wirkliche Sehenswürdigkeiten diefes Artikels waren in der griechifchen Abtheilung unferer Ausftellung zu finden; fie gehörten zum Coftume der vornehmen Griechen, waren reich mit Gold verziert und zum Preife von 800 Francs das Paar verkäuflich; des befonderen Schnittes wegen verdienten fie die Beachtung aller Fachleute. 28 Jofef Migotti. Gamafchen. Auch die Türkei war durch Prachtexemplare vertreten, deren Hauptwerth in feiner und reicher Goldftickerei beftand. Aus dem Norden hatten die Firmen Schottländer& Goldfchmidt und Chriftenfen( in Copenhagen) fehr intereffant ausgeftellt. Erftere brachten vorzügliche Jagdgamafchen von dichtem Stoffe, leicht zum Knöpfen und mit einer befonderen Schlingenvorrichtung verfehen, um fie an die Beinkleider zu befeftigen. Letzterer fendete aus den dortigen, fo fehr gerühmten wafferdichten Stoffen verfertigte kurze, fogenannte Knöchelgemafchen, worunter ein Paar nicht zum Knöpfen, fondern mit einem eigenthümlichen Verfchlufs durch biegfame Stahlfpangen verfehen war, fie entſprachen allen Anforderungen und übertrafen an Leichtigkeit und Haltbarkeit alles bisher Gefehene. Auch das Haus Mottl( Prag) brachte die kurze Knöchelgamafche in feiner Arbeit; fie bürgert fich als zierliches Promenadeftück immer mehr ein und ift auch in der neuen Militäradjuftirung zum Gebrauch beftimmt; die Vortheile der Leichtigkeit und Stofferfparnifs werden jedoch reichlich wieder aufgewogen durch den geringeren Schutz, den fie gewähren. Die Collection Furtmüller's aus Wien war die reichhaltigfte, wir fahen Herren- und Damengamafchen verfchiedenfter Gattung, fie empfahlen fich durch eigends dazu fabricirte und haltbar gefärbte Stoffe, vereinigten Eleganz, Schmiegfamkeit mit grofser Dauerhaftigkeit und erfreuen fich einer fteigenden Beliebtheit. Gewirkte Schafwoll- Gamafchen waren reichlich vorhanden, fie zeichnen fich durch leichtes Anpaffen und bequemes Anziehen aus, und dienen vorzugsweife der Kinderwelt, welcher fie durch Vollkommenheit des Schutzes bereits unentbehrlich geworden find. Mehrere Wiener Kinderkleider Firmen hatten ebenfalls diefe Garderobeftücke der Kleinen, jedoch aus Tuch und feinen Schafwoll- Stoffen in vollendeter Weife zur Anficht gebracht, und zeigten auch in diefem Genre die folide Wiener Kleiderarbeit und ihre Ueberlegenheit über derlei andere Fabricate. Im Ganzen ift diefe Induftrie noch einer grofsen Ausdehnung fähig und grofsartigere, mit kundiger Hand gemachte Verfuche, diefem Kleidungsstück allgemeineren Eingang zu verfchaffen, würden ficherlich mit lohnendem Erfolg gekrönt werden. WÄSCHE. Bericht von JOSEF MIGOTTI. Ein wohlbeftellter Wäfchefchrank war von jeher fowohl im Fürftenhaufe, als in der Hütte der Stolz und Schmuck der forgfamen und umfichtigen Hausfrau. Die Einrichtung und Verforgung desfelben bildete zur Zeit, als noch Edelfräulein und Bäuerin am Spinnrocken fafs, um den Fäden des Gewebes die beliebige Feinheit zu geben, nebft dem Weben, Bleichen und Glätten desfelben, den gröfsten Theil der weiblichen Befchäftigung. Diefs ift heute anders geworden. Waren unfere Frauen fchon durch die riefigen Etabliffements des Continentes für Spinnerei, Weberei und Bleicherei, welche die Grundftoffe der Wäfche in grofser Güte, Schönheit und Billigkeit liefern, des mühevollften Theiles der WäfcheErzeugung enthoben, so vollzog fich durch die wichtigfte Erfindung auf diefem Gebiete, durch die Nähmaschine und deren Anwendung zur Wäfchefabrication, Jofef Migotti. Wäfche. 29 eine weitere, tiefgreifende Veränderung; und durch die allgemeine Verbreitung diefes neuen Hilfsmittels und die Verbefferungen desfelben durch die Amerikaner Wheeler und Wilfon, entſtand die ftaunenswerthe Wäfche- Induftrie der Jetztzeit, welche fowohl den Bedürfniffen des Lebens, als auch den Anforderungen des Comforts die reichlichften Dienfte leiftet, und die frühere Handarbeit beinahe gänzlich aufser Gebrauch fetzt. Wenngleich bis heute noch ein Kampf zwifchen Hand- und Mafchinarbeit befteht, fo kann bei den fortwährend neuen Verbefferungen der letzteren über den Ausgang desfelben kein Zweifel mehr walten. Die Eintheilung der Wäfche wird gewöhnlich nach den bekannten vier Hauptgattungen: als Leib-, Bett-, Tifch- und Luxuswäfche vorgenommen, welche wieder in verfchiedene Unterabtheilungen zerfallen; wir müffen jedoch die geographifche Eintheilung unferer Ausftellung zur Grundlage unferes Berichtes nehmen und beginnen demzufolge mit Amerika, dem Lande der Erfindungen. Die Firma F. Sachfe& Son in Philadelphia brachte eine bemerkenswerthe Gattung von Herrenhemden, mit rückwärtigem Verfchluffe, welche Neuerung den Vortheil bietet, dafs diefelben nicht durch das Befeftigen an den fichtbaren Stellen vorzeitig verunftaltet werden, und zeigte in der ganzen Collection eine ausgezeichnete, hier noch nicht bekannte Appretur. S. N. Moody aus New- Orleans glänzte durch correcte Arbeit feiner Erzeugniffe, und befonders durch feine eigenthümlichen, fchön combinirten Phantafie- Brufteinfätze; das Schauftück eines Hemdes zum Preife von 400 fl. wurde vielfach bewundert, allein ein praktiſcher Erfolg dürfte kaum daraus gefchöpft werden. Aus Frankreich hat das Haus J. Laquille C. Sazerat in Paris zweckmäfsig angefertigte Flanellhemden gebracht; diefelben vereinigten fchöne Formen und reiche Stickereien mit grofser Nützlichkeit, denn diefe aus befonderen Stoffen gewebten Hemden überziehen unferen Körper gleichfam mit einer zweiten poröfen Haut, welche die rafche Abkühlung desfelben verhindert, und dem Oberkörper vollkommenen Schutz gewährt. Hajem ainé Maifon du fenix in Paris wurde bereits( fiehe Cravaten) befprochen; die Leiftungsfähigkeit und der Ruf diefer Firma, deffen Gefchmacksrichtung und Schnitte einem grofsen Theile der Gefchäftswelt als Muftervorlagen dienen, find allbekannt. Gray May& Comp. zeigten uns tadellofe Kragen und Manchetten aus Papier, welche die aus Leinwand und Shirting verfertigten täufchend nachahmen und diefelben in manchen Fällen erfetzen; fie find in Bezug der Wäfchökonomie bemerkenswerth. Joao Jofe Vasques aus Liffabon brachte geftickte, mit Goldfäden durchzogene Hemden zur Anfchauung, wie fie dort mit Vorliebe getragen werden; fie haben ein eigenthümliches Anfehen und werden hauptfächlich bei feftlichen Gelelegenheit gebraucht. Debruyker Maifon du fenix in Brüffel ftellte in feiner reichen und fehens werthen Wäfche collection auch eine Specialität Damenkragen von feiner Lein wand und Shirting aus, bei welchen das fonft gebräuchliche Anheften an die Kleider durch eine neue Schlingenmethode vermieden wird. Francis Vallet aus Genf zeigte uns durch die hübfchen Miniaturmodelle feiner Ausftellung einfache und befonders praktifche Unterbeinkleider- Schnitte für Herren, und brachte einen neuen, fogenannten Spitzfattel- Schnitt in feinen Herrenhemden zur Anfchauung, welcher mancherlei Vortheile bietet. Aus dem deutfchen Reiche fahen wir die berühmten Hemdbruft- Einfätze von Bielefeld, welche fich einen Weltruf erworben haben. Die Fabrication diefes Artikels hat fich dafelbft in bewundernswerther Weife entfaltet, und wird im gröfsten Mafsftabe durch Hunderte mit Dampf- und Wafferkraft bewegter Webereien, Bleichereien, Nähereien, Glättefabriken, Preffen und Appreturen betrieben, und 30 Jofef Migotti. die Erzeugniffe diefer koloffalen Induſtrie werden in Millionen von Stücken allen Welttheilen zugefendet. Die Bielefelder Collectivausftellung brachte uns die Producte des Kunftfleifses und der gewerblichen Thätigkeit in vollem Mafse; die Ajourarbeiten von Fritz von Laer, die geftickten Einfätze von S. Mayer& Comp. waren in Compofition und Ausführung gelungen, und ebenfo wie die Ausftellungen von Carl Heidfieck, Bertelsmann und Sohn, Sievers und Stadtlantner, Ortman und Braunhofener, reich ausgeftattet und den Ruf diefer Firmen entſprechend durchgeführt. Die Bielefelder Waare zeichnete fich nebft vortrefflichem Materiale durch neue, elegante Mufter, exacte Arbeit und vollendete Appretur aus und rechtfertigte die grofse Nachfrage, welche nach diefen Artikeln dauernd befteht, vollkommen. Jaeger& Voltz in Strafsburg a. E. und Lorenz Hoffmann in Nördlingen waren durch gediegene Arbeiten rühmlichft vertreten. Die vollftändigft entwickelte Wäfche- Induftrie Europa's fanden wir in Oefterreich, namentlich in Wien, wo fie zu einem bedeutenden und wichtigen Erwerbszweig herangewachſen ift. Ebenfo wie Leipzig als Markt für den Buchhandel gilt, wurde Wien durch die Thätigkeit der Induftriellen diefes Faches zum permanenten Markte für alle Wäfchegattungen, an welchen jährlich Taufende von Kaufleuten und Agenten aus allen Welttheilen ihre bezüglichen Einkäufe und Beftellungen machen, und den weiteren Verfandt beforgen. Es wurden in Wien und Umgebung grofsartige Wäfchefabriken errichtet, welche nicht nur den Localbedarf und den Verbrauch der öfterreichifchen Provinzen vollständig decken, fondern auch die bekannte Exportwaare erzeugen, welche wegen des guten Materiales, richtigen Schnittes, reiner Arbeit und ihrer Billigkeit allfeitig gefchätzt und als gefuchter Handelsartikel überall hin verfendet wird. Zum Materiale diefer berühmten Wäfche- Erzeugung wird von den Leinengeweben meiftens die fchwere Rumburger und die fogenannte fchlefifche Waare verwendet; von Baumwoll- Stoffen werden für Leibwäfche am häufigften Shirtinge und Chiffons benützt, während Perkails und Batifte zur Anfertigung von Damenund Negligé- Artikel gebräuchlich find. Die Wiener Firmen brachten eine fo reichhaltige Sammlung von fchönen Wäfcheartikeln, dafs nur die beispielsweife Aufzählung der intereffanteften Gegenftände und Neuigkeiten geftattet ift. In erfter Linie zeichnete fich die Collectivausftellung der Pfaidler, Cravatenmacher und Stickergen offenfchaft aus, welche durch die muftergiltige Aufftellung ihrer Erzeugniffe die Bewunderung aller Fachmänner hervorrief; leider war der angewiefene Platz ungünftig und dem Werthe und der Bedeutung diefer Induftrie nicht vollkommen entſprechend, da er durch andere gröfsere Objecte verdeckt und fchwer zugänglich war. S. Jägermayer's k. k. Hofwäfche- und Wirkwaaren- Handlung( feit 1678 in den Büchern des Wiener Magiftrates eingetragen) ftellte fich die Aufgabe, den Wäfcheüberzug eines Bettes als gröfstes feiner Erzeugniffe zur Schau zu bringen, und löfte diefe Aufgabe in glänzender. Weife durch ein in feiner Art einziges Kunftftück, zu deffen Herftellung über 3000 Arbeitstage erforderlich waren; fowohl die Deckenkappe, als die drei Pölfter diefes koftbaren, aus blauem Atlas. beftehenden Stückes waren mit handgeftickten Rofenguirlanden verfehen und auf reichem Valenciennegrund mit geftickten Genien und Krone verziert, und gab Zeugnifs von dem Kunftfleifse und der Leiftungsfähigkeit diefer altbekannten Firma. Die ausgeftellte Leibwäfche reihte fich im Materiale und der Ausführung den vorzüglichften an. Die k. k. Hof- Wäfchefabrik E. Fogl erzeugt, wie diefs aus den ausgeftellten Fabricaten zu erfehen war, alle Gattungen von. Leib-, Tifch- und Bettwäfche von der billigen Militär bis zu der feinften, die franzöfifche übertreffenden Luxuswäfche; die Fabrik ift mit allen neuen Einrichtungen, Zufchneidemaschinen, Preffen Wäfche. 31 und Modellen verfehen und kann durch diefe Hilfsmittel fortwährend gleichmäfsige Waare erzeugen, wodurch das Commiffionsgefchäft vereinfacht und der Export erleichtert wird. Das grofse Haus für Herrenwäfche- Confection Julius Knotz war in hervorragender Weife vertreten; von feinen Neuigkeiten zeichnete fich befonders eine Gattung Herrenhemden aus, welche ohne angenähte Knöpfe ausgefertigt und mit den dazu gehörigen privilegirten Einlageknöpfen zugefchloffen werden, diefe letzteren find von den Abfällen jedes Stückes, mithin vom felben Materiale erzeugt, und können mit Leichtigkeit mittelft Seife und Bürfte gewafchen werden. Die vom felben Haufe zuerft in Handel gebrachten, elegant ausgeftatteten, fogenannten Wellenbrüfte für Herrenhemden haben die aufserordentliche Eigenfchaft, dafs fie nicht gefteift und geglättet zu werden brauchen; fondern auch nach dem Wafchen ihre Originalfaçon beibehalten. Die Wäfcheabtheilung des k. k. Hoflieferanten J. Prix zeichnete fich durch grofse Auswahl, gute Zufammenftellung und vorzügliche Ausftattung aus, das Leinenbatift- Hemd zum Preife von 500 fl. ift befonders der Stickerei wegen ein Prachtftück zu nennen, welches gerechte Bewunderung erregte. Schoftal& Härtlein excellirten mit vorzüglichen Erzeugniffen von Damen- Negligé- Artikeln, welches Fach diefes Haus auf das befte vertritt. Die grofse Firma Kramer& Neumann, k. k. Hoflieferanten, hatte( im Raume befchränkt) nur Fragmente ihrer Erzeugniffe gebracht, welche aber von der Leiftungsfähigkeit diefes Haufes die glänzendften Beweife gaben. Die Tauf- und Hochzeits- Ausftattungen, womit es fich am meiften befchäftigt, waren vorzüglich gearbeitet und befonders gefchmackvoll zufammengeftellt. Eine neue Art von Monogrammen, nach Freihand- Zeichnungen gedruckt, gab der ausgeftellten Tifchwäfche eine zierliche Form und ein befonders diftinguirtes Anfehen. Ignaz Hönig's berühmte Fabricate wurden zwar bereits( fiehe Cravaten) befprochen, allein die Wäfcheabtheilung feiner Fabrik mufs nochmals benannt werden, da die ausgeftellten Wäfchegattungen zu den beften Oefterreichs zu rechnen find. Auch in Böhmen, im Pilfner Kammerbezirke zu Pilfen und Klattau, wird die Wäfche- Erzeugung durch einige grofse Etabliffements fehr fchwunghaft betrieben und beträgt der Jahresumfatz heute fchon mehr als 300.000 fl.; doch repräfentirte nur ein Ausfteller aus Klattau diefe grofse, zumeift für induftriearme Gegenden fehr einträgliche Induſtrie. Aus Ungarn haben wir anerkennenswerthe Leiftungen der Wäfchefabrication zu vermerken: die Firmen Brachfeld, Münz, Kohn& Comp. und Hollos in Peft brachten Proben von feiner Arbeit und gutem Gefchmacke; die ungarifche Wäfchefabrication entwickelt fich in letzter Zeit auf rafche Weife, und mehrere diefer Firmen haben anfehnliche Exportgefchäfte aufzuweifen. Rufsland, welches bis jetzt feinen Bedarf an Luxuswäfche aus dem Auslande bezog, zeigt uns eine fchöne Collection von im Lande felbft erzeugten Waaren, welche den franzöfifchen Erzeugniffen zur Seite geftellt werden können. Die Häufer Reichel in Warfchau und Florand in Petersburg entwickeln befondere Thätigkeit und zeigten Herren- Leibwäfche, welche von den Fortfchritten. der ruffifchen Wäfchefabrication das befte Zeugnifs gab. Für den Export ift die geographifche Lage Oefterreichs die günftigfte, welche man fich denken kann, beinahe im Mittelpunkte des induftriell und mer cantil vorgefchrittenften Continentes, an der mächtigften Wafferftrafse Europa's gelegen, mufste es fich bis vor Kurzem, mit der Rolle des Vermittlers zwifchen der producirenden Induftrie des Weftens und den confumirenden Ländern des Oftens begnügen. Durch richtiges Erkennen der Lage und Verhältniffe und rechtzeitige Benützung der durch Kriege und andere Ereigniffe in den Nachbarländern eingetretenen Handels- und Betriebsftörungen hat die öfterreichifche Fabrication 32 Jofef Migotti. Wäfche. einen allgemeinen mächtigen Auffchwung genommen und ungeahnte induftrielle Erfolge errungen. Oefterreich fabricirt die bisher tranfito vermittelten Waaren bereits grofsentheils felbft und führt fie auf kürzeren Wegen zu billigeren Preifen an ihre Beftimmungsorte, dabei bleibt nebft dem Handelsgewinne auch der Gewinn des Erzeugers im Lande, der heute fchon nach Millionen zählt. Da fich diefer Umfchwung bereits vollzogen hat, fo ift es Aufgabe der Regierung, fowie der gefammten öfterreichifchen Induftriewelt, mit Energie und vereinten Kräften diefe Errungenfchaft zu erhalten und unfere mercantile Beherrfchung des Orients zu befeftigen.