OFFICIELLER AUSSTELLUNGS- BERICHT HERAUSGEGEBEN DURCH DIE GENERAL- DIRECTION DER WELTAUSSTELLUNG 1 8 7 3. DIE STICKEREI UND DIE SPITZEN ( Gruppe V, Section 8) Bericht von DR. FERDINAND STAMM UND DIE FRAUENARBEITEN ( Anhang zu Gruppe V) Bericht von FRAU HELENE FREIIN V. RODITZKY, Vorfteherin des Civil- Mädchenpenfionats, Jofefftadt, Wien. WIEN. DRUCK IJND VERLAG DER K. K. HOF- UND STAATSDRUCKEREI. 1873. VORWORT. Nach dem Programm der officiellen Berichterstattung über die Wiener Weltausftellung 1873 foll der officielle Bericht noch ,, während der Feier des internationalen Feftes abgefafst und aufgelegt werden". Diefe Beftimmung zu erfüllen, übergibt die gefertigte Redaction des officiellen Berichtes in der vorliegenden Form die einzelnen Sectionsberichte der Oeffentlichkeit und glaubt damit den Befuchern der Weltausftellung das Studium derfelben wefentlich zu erleichtern. Nur eine Bemerkung fei an diefer Stelle geftattet. Der vorliegende, wie jeder andere während der Weltausftellungs- Feier publicirte Bericht wird einen Theil des officiellen Berichtes bilden, welcher nach dem Schluffe der Weltausftellung als ein Ganzes erfcheinen und die wiffenfchaftlichen Refultate der Ausstellung für die Dauer erhalten foll. Diefs mag dem Lefer die ftiliftifche Form, in welcher bereits die Vergangenheit der Ausftellung angenommen ift, erklären. PROFESSOR DR. CARL TH. RICHTER, Chefredacteur des officiellen Berichtes. DIE STICKEREI UND DIE SPITZEN. ( Gruppe V, Section 8.) Bericht von DR. FERDINAND STAMM. In der Spitzeninduftrie und in der Stickerei müffen wir gegenwärtig zwifchen der Handarbeit und der Mafchinenarbeit unterfcheiden. " Im Jahre 1782 wurde in England der Webftuhl für Spitzengrund, im Jahre 1809 die Bobbinetmafchine, im Jahre 1850 in den Vereinsftaaten von Nordamerika die Nähmafchine eingeführt und auf der Ausftellung 1873 kamen die Stickmaschinen zur Expofition. Der Mechanismus der Mafchine hat daher mit feinem mächtigen Rüftzeug den Kampf mit der Kunftfertigkeit der Frauenhand auf der ganzen Linie entwickelt und da bei der freien Entwicklung der wirkenden Kräfte in der gefammten Gewerbsthätigkeit einerfeits nicht an eine Unterdrückung der Mafchine zu denken ift, und anderfeits nicht an eine völlige Befiegung und Lahmlegung der Frauenhand, fo kann der Ausgang des Wettkampfes eben nur zu einem Ausgleich führen, in welchem die Theilung der Arbeiten zwifchen Hand und Mafchine beftimmt wird, und ihre Gebiete abgegrenzt werden. Freilich hat die Mafchine anfangs Verheerungen unter den Klöpplerinen hervorgebracht, denn es unterlief, milde gefagt, manche Täufchung" im Handel, indem fich die Mafchinenfpitze als„ echte Spitze" ausgab; auch die Einführung der Nähmafchine nahm anfangs mancher Hand das Brot, und fo wird auch die Stickmafchine von der Weltausftellung aus wieder neuen Schrecken verbreiten; aber die Handarbeiterinen mögen den Muth nicht finken laffen, der Angriff der Spitzenmafchine ift in England, Frankreich und Belgien abgefchlagen, neben der Mafchinenfpitze blüht in diefen Ländern die Induſtrie der Handfpitzen, und auch in Böhmen und Sachfen, die fehr in diefem Kampfe litten, beginnt eine neue Blüthe der Handfpitzen- Induftrie, wie die Weltausftellung Zeugnifs davon gab. Die Handnäherin und Stickerin aber können fich immer noch ein Gebiet abgrenzen, auf welches ihnen die Mafchine nicht fchädigend folgen kann. Die Weltausstellung 1873 ift dadurch befonders anziehend, dafs fie zum erften Male einen nahezu vollſtändig allgemeinen Ueberblick über die gefammten Länder geftattet und dabei mag denn in Bezug der Stickerei und Spitzenerzeugung auffallen, dafs viele Länder von dem hier angegebenen Kampfe der Mafchine gegen die Hand noch ganz unberührt find. Im hohen Norden fitzen die Frauen auf dem ganz abgefchloffenen Gebiete der Landfchaft Darlekarlien noch ruhig bei der Spindel und dem Webftuhle und fticken 2 Dr. Ferdinand Stamm. und nähen mit dem felbftgefponnenen Faden in die felbftgewebte Leinwand Zeichnungen, deren Züge an die Runen mahnen, und verfertigen Spitzen, welche nachzuahmen noch keinem Fabrikanten eingefallen ift. Die Chinefen, welche zu 400 Millionen Seelen, mehr als ein Drittel der ganzen lebenden Menfchheit, zählen, brauchen fich nicht erft durch ein Prohibitivfyftem vor der Ueberfluthung der Schweizer Mafchinen- Stickwaaren zu fchützen, ihre Handftickerei in bunten Farben, auf beiden Seiten des Stoffes von gleichem Anfehen, wird wohl noch lange von der Stickmafchine unangefochten bleiben, denn nach ihrer jetzigen Einrichtung kann diefe die Fäden nicht fo leicht wie die Hand nach verfchiedenen Farben aufnehmen und abreifsen und noch weniger das Ende der Fäden fo vernähen, dafs man es in der Zeichnung nicht bemerkt. Nahezu der ganze Orient, dann Rufsland, auch Spanien, Italien, Griechenland find noch unberührt von diefem Wettkampfe der Mafchinen und haben in der Hausinduftrie der Frauen eine uralte Technik und ererbte Formen und Eigenheiten der Zeichnung bewahrt, welche wenigftens mit den Formen ihres Kunftftiles übereinstimmen. Wir wollen nun zunächst die Handftickerei in Betrachtung ziehen und hier von der Hausinduftrie ausgehen. Wir beginnen mit China, das in feinen ausgeftellten Buntftickereien die Aufmerkſamkeit der fachkundigen Frauen unter den Befuchern der Ausftellung am lebhafteften anregte und auch verdiente. Die Technik, die Zeichnung und die Farbe ift daran hervorzuheben. Der Grund, worauf die bunten Stickereien ausgeführt werden, ift entweder ein glatter Stoff, Atlas und glatte Seide, oder ein fehr feiner, aber fchütterer Stoff nach Art des Stramins. Auf dem glatten, dichten Stoffe werden die Zeichnungen mit den gewöhnlichen Stichen ausgeführt, eigenthümlich ift nur der mannigfache Wechfel des Stiches bei derfelben Stickerei, um nach der Art des gezeichneten Gegenftandes verfchiedene Wirkungen hervorzubringen. Mit Vorliebe bringt die chinefifche Stickerin die Zeichnungen von Federn und allerlei Geflügel, dann von Schmetterlingen, weniger von Blumen, welche wieder bei den abendländifchen Frauen den gewöhnlichen Gegenſtand der Zeichnung bilden. Diefe Wahl ift zu loben. Die Vögel und Schmetterlinge haben reichere und glänzendere Farben als die Blumen, und die Feder läfst fich in der Stickerei täufchend nachahmen, indem man die zarten Fafern des Bartes der Feder durch lange Stiche in derfelben Richtung darftellt. Der fliegende Vogel ift auch auf einer Tapete und auch auf einem Gewandftücke, zweckmäfsig angewendet, ein gerechtfertigtes Motiv. Der fchüttere Stoff, auf welchen die Chinefen fticken, unterfcheidet fich von unferem gebräuchlichen Stramin durch feine Feinheit. Während die abend. ländifchen Frauen einen Stramin zur Tapifferie anwenden, welcher 3 bis 6 Fäden auf den Centimeter oder 6 bis 12 Fäden auf den Wiener Zoll hat, zähle ich auf dem vor mir liegenden gazeartigen Stoff, worauf eine chinefifche Stickerei ausgeführt ift, 17 Fäden auf einen Centimeter oder 38 Fäden auf den Wiener Zoll. Auf diefem feinen Stoffe ift die Stickerei nach Art der Tapifferie oder Straminftickerei ausgeführt, aber immer fo, dafs die Zeichnung und Farbe auf beiden Seiten des Stoffes gleich erfcheint. Das ift nur möglich, indem jedes Fadenende gut vernäht, das heifst, durch wiederholte Stiche unter den aufliegenden Faden verfteckt wird. Es gibt chinefifche Stickereien von einer Feinheit, dafs man wie bei ihren Filigranarbeiten oder Elfenbein- Schnitzereien glaubt, fie feien unter der Loupe gearbeitet. Die Eigenthümlichkeiten der chinefifchen Zeichnung find bekannt. Die Ornamente find fonderbar verzerrt oder eine ängftliche Nachahmung von fremd Die Stickerei und die Spitzen. 3 artigen Naturgegenständen. Kunftforfcher haben aber aus der Vergleichung der chinefifchen Ornamente von verfchiedenen Zeitaltern ihrer Gefchichte nachgewiefen, dafs der Stil ihrer Ornamentik eben folche Veränderungen durchgemacht hat, wie der anderer Völker und dafs erhaltene Kunftfachen aus alten Zeiten, die chinefifchen Antiquitäten, eine weit gefälligere Ornamentik zeigen, die am meiften Aehnlichkeit mit der phantafievollen reichen Ornamentik der Indier hat. Die jetzigen Ausfchreitungen der Ornamente, der chinefifche Stil, ift daher mit der bei uns überwundenen Rococcozeit oder dem Barockftil zu vergleichen, der als eine Ausfchreitung und Verzerrung der edlen Renaiffance angefehen werden kann. Was die Wahl der Farben betrifft, fo herrfchen die hellen und kräftigen Hauptfarben von Roth, Gelb und Blau vor, die verblafsten und die verdunkelten Farben, fowie das farblofe Schwarz und das fchmutzige Grau, welches fich in dem Abendlande fo breit macht, find auf den chinefifchen Stickereien faft ganz vermieden. Die Zuſammenſtellung der Farben ift immer harmoniſch und wirkfam. Die vorzüglichen Farbftoffe und der Glanz der Seide, deren fie fich zu ihren Stickereien bedienen, begünftigen hier den Gefchmack der Stickerin. Gold und Silber ift immer nur als Farbe den anderen Farben eingefügt und dort gebraucht, wo man das fchöne Gelb der chinefifchen Seide noch nicht für kräftig genug hält, und den Glanz erhöhen will. Spiegelndes Gold, wie es der Goldlahn und die Goldflitterchen bilden, kommt auf chinefifchen Stickereien nur felten vor. Die Stickerei der Japanefen ift nach der Technik der Zeichnung und Farbe jener der Chinefen verwandt, aber im Allgemeinen weniger kunftvoll und weniger mühevoll gearbeitet. Das Ornament ift leichter und gefälliger, meift nur auf einer Seite des Stoffes vollkommen ausgeführt, alfo mit einer Lichtfeite und Kehrfeite. Auch in den japanefifchen Stickereien herrfchen die Nachahmungen der Vögel und Blumen vor. Auf der Wiener Ausstellung war der mit Farben prangende Hahn im Kreife der Hühner und Küchlein, Weizenkörner aufpickend, zahlreich dargestellt. Die Zeichnungen der Japaneſen find aber reiner, als die der Chinefen und unferem Auge gefälliger. Die Beimengung der grotesken Figuren von Drachen, anderen Ungeheuern und von Symbolen, welche unfer Auge anwidern, fehlt faft gänzlich. Wenn im Orient im Allgemeinen die Stickerei fehr verbreitet ift, da die leichten Gewänder, die Zelte und andere leichte Schutzmittel gegen die läftige Sonne reichlichen Stoff und Anregung zur Verzierung boten, fo kann man Indien die eigentliche Heimat derfelben nennen. Durch die Engländer wurden denn auch auf der Weltausftellung 1873 fehr fchöne Stickereien aus Indien herbeigebracht, darunter kunftvolle Shawls und Gewänder, befonders in Goldftickerei. Als die koftbarften und fchönften mögen jene angefehen werden, wo das Gold den Grund der Stickerei bildet, und die Zeichnung durch verfchiedenfarbige Seide ausgeführt ift, wie das Gewand, das die Figur des Nabob in feinem gefchmückten Zelte trug. Auch andere Arten von Buntftickereien waren aus Indien ausgeftellt, die von dem hohen Stande der Stickerei bei einem Volke zeugen, das an Kunftfertigkeit und Kunftfinn, an Phantafie und feinem Gefühle für Farbenharmonie den meiften anderen vorangeht, aber diefe Ausftellung ftand jenen in London 1862 und in Paris 1867 nach, und liefs eher auf einen Rückfchritt als Auffchwung fchliefsen. Die Engländer find feit längerer Zeit Herren des fchönen Indien und die Induftrie des Volkes fteht unter ihrem Schutze. Man hätte nun erwarten follen, dafs die Engländer von den muftergiltigen Arbeiten und der hohen Kunftinduftrie des Volkes, mit dem fie in regftem Verkehre ftehen, den gröfsten Nutzen ziehen würden, indem fie nach diefen Muftern ihre eigene Induftrie künftlerifch veredelten, dafs fie namentlich ihren Farbenfinn an den indifchen Muſtern ausbilden, und die reiche Ornamentik zur Bereicherung der eigenen Ornamentik in allen Kunftgewerben ausnützen werden; und es fehlte auch nicht an zweckmäfsiger Belehrung dazu durch Kunftforfcher, welche in fehr werthvollen Werken diefe Schule der 4 Dr. Ferdinand Stamm. Ornamentik in England zu verbreiten fuchten; allein es gefchah und gefchieht in unverantwortlicher Weife das Gegentheil, wie die Engländer in ihrer Ausftellung 1873 vielleicht unwillkürlich verrathen haben. Anftatt die fchönen, echten Farben, wie fie die Indier zu bereiten wiffen, in die englifche Färberei einzuführen und den englifchen Stoffen dadurch einen höheren, immer geltenden Werth zu verfchaffen, führen fie die Eintagsfarbe, die dem Renommée der Textilinduftrie im Allgemeinen gefährlichen Anilinfarben, nach Indien ein und laffen die kunftfertigen Gewebe und Stickereien damit verderben; anftatt die guten Mufter und das indifche Ornament in England einzuführen, laffen fie in Indien Stoffe mit fchottifchen Muftern weben, langweilige Viereckmufter, Grau in Grau oder in fehlerhaften Farben- Zuſammenftellungen. Die Ausftellungen von Perfien und der Türkei ergänzen die Kunftinduftrie der Stickerei des Orientes in der gefälligften Weife. Die perfifchen Stickereien geben durch Technik, Zeichnung und Farbenpracht Zeugnifs, dafs diefe Kunftinduftrie aus der Blüthezeit des Volkes in lang vergangenen Jahrhunderten noch erhalten ift, wenn auch in den befcheidenen Grenzen der Hausinduftrie, während fie einft einen reichen Ausfuhrartikel bildete. Auch unter den verfchiedenen Völkern, welche das türkifche Reich vereinigt, hat die Kunftinduftrie der Stickerei aus der Blütheperiode der Vorherrfchaft der Muhamedaner fich vererbt, wie die zahlreich ausgeftellten Proben der türkifchen Abtheilung zeigen. Ueberblicken wir den ganzen Orient, fo bemerken wir bei den verfchiedenartigen Stilarten der Ornamente der Chineſen, Indier, Perfer, Araber und Mauren doch eine Gleichartigkeit der Farbenharmonie, die fich in ihrer Buntftickerei zu erkennen gibt. Die farbige Stickerei herrfcht vor zum Unterfchiede des Abendlandes, bei deffen Völkern die Weifsftickerei vorherrfcht und die Zeichnung zur Hauptfache wird. Das gefammte Abendland hat feine Kunftbildung aus Griechenland empfangen. Die kunftfinnigen Hellenen wurden vertrieben und vernichtet, andere Völker fetzten fich im Lande feft, die von der griechifchen Kunftblüthe abgetrennt waren. Die Stickereien aus Griechenland, welche in der Weltausftellung 1873 zur Anfchauung kamen, find in morgenländifchen Stilarten wie die der Türken gehalten. Wir müffen in Italien die hellenifche Kunftrichtung und den griechifchen Stil auffuchen und wir finden ihn auch in allen Fächern der Kunftinduftrie. Die Ausftellung der Frauenarbeiten und Schulen aus Italien und namentlich die Stickereien von dort bieten einen fchönen Beleg dafür. Diefe Ausstellung gehörte zu den fchönften aller Völker und zeugte von der bedeutenden Höhe der Kunftbildung, welche nicht nur unter den Männern, fondern auch unter den Frauen in Italien verbreitet ift. Es waren vorzügliche Goldftickereien und Buntftickereien darunter, welche den guten Gefchmack in der Farben- Zufammenftellung zeigen; noch vorzüglicher waren aber die Stickereien Weifs auf Weifs oder Schwarz auf Weifs, wo die Zeichnung und die Schattirung allein wirken mufs. Mehrere Ausftellerinen, Meifterinen mit der Nadel, hatten fich verfucht, mit dem Zeichenftift und der Zeichenfeder des Künftlers zu wetteifern und haben mit fchwarzer offener Seide auf weifsem Atlas geftickte Bilder angefertigt, welche für feine Kupferftiche gehalten werden können. Andere haben in den eigentlichen Grenzen der einfärbigen Stickerei die Zeichnungen Weifs auf Weifs ausgeführt und grofse Wirkung damit erzielt. Die Schönheit der Ornamentzeichnung im Renaiffanceftile, die Feinheit und Reinheit der Ausführung in den zarteften Linien ift gleich bewunderungswürdig. Noch Andere haben die weifse Zeichnung auf gleichem Grunde gehoben nach Art eines Reliefs in Holz oder Metall. Es ift das nicht ohne Gefahr einer Uebertreibung und Verzerrung, befonders wenn die Zeichnung in grofsem Maſsſtabe angelegt wird, weil dann die Hochrelief- Stickerei plump und widerlich erfcheint. Die Stickerei und die Spitzen. 5 Die ausgeftellten Arbeiten aus Italien hielten fich aber ftreng in der Art des Niedlichen, etwa wie man ein Relief auf einer kleinen Elfenbein- Tafel ausführt, mit dem die Stickerei auch Aehnlichkeit hatte und nur durch das matte Weifs fich vortheilhaft von der Elfenbein- Schnitzerei unterfchied.- In den Buntftickereien wetteifert die Italienerin erfolgreich mit den Farben der Malerpalette. Der hohe Glanz der Seide, welcher alle Farben verfchönert, ift durch die dem Maler zur Verfügung ftehenden Farben nicht zu erreichen, ebenfo nimmt die Schafwolle eine fo kräftige Sättigung der Farbe an, dafs fie der Maler nicht auf feiner Palette findet. Wenn nun die Stickerin, wie der Gobelinweber, eine kunftgebildete Malerin ift, und eine fchöne Zeichnung mit dem Effecte des ihr zur Verfügung ftehenden Colorites zu verbinden weifs, fo ift ihr der Sieg über die Aquarell- und Oelmalerei gewifs. Die italienifche Ausftellung der Frauenarbeiten zeigte folche Siege der Kunftftickerei. Auch ihre Goldftickereien find vorzüglich, fei es nun, dafs fie das Gold nur in feinen weitgefchwungenen Linien anwenden und damit eine glänzende und doch angenehme Wirkung erreichen; fei es auch, dafs fie in der fchwerften Goldftickerei nach Art der Orientalen durch verfchiedene Arten Goldfäden und durch verfchiedene Sticharten den Glanz des Reichthums durch eine kunftvoll orna mentirte Zeichnung noch veredeln. Von Italien, der Heimat der abendländifchen Kunft, aus verbreitete fich die Stickerei als ein Kunftwerk der Frauenhand vorzugsweife auf zwei Wegen durch Europa und feine Colonien, wie fich gefchichtlich nachweifen läfst und wie die Weltausftellung 1873 beſtätigte. Einmal durch die Pflege der fchönen Künfte an den Höfen und dann durch die Frauenklöfter. Alle durch ihren Einfluss auf die Politik oder durch ihren Antheil an der Hebung der Cultur berühmt gewordenen Fürftinen, Königinen und Kaiferinen waren auch vorzügliche Stickerinen, wie die Kunftgefchichte lehrt und ift durch die Kleinodien der Kunftmufeen an alten Stickereien und Spitzen in Deutſchland, Frankreich, England und anderen Staaten belegt. Im Mittelalter beftanden am Kaiferhofe und an anderen Fürftenhöfen förmliche Bildungsanftalten für Töchter aus den Adelsgefchlechtern, an deren Spitze die Hausfrau vom Hofe felbft ftand. An Arbeit fehlte es den Mitgliedern des" Frauenzimmers" nicht. Für die Feftlichkeiten des Hofes, für Turniere und andere Schauftellungen waren zahlreiche geftickte und verzierte Gewänder nothwendig, fie wurden auch, wie uns die Heldengefänge und die trockene Gefchichte erzählen, als Gefchenke und Angedenken vertheilt, und fo kamen diefe Kunftarbeiten der Frauenhand in weite Kreife. Von diefen kunftfinnigen königlichen Frauen wurden zahlreiche Frauenklöfter gegründet, manche mit dem beftimmten Zwecke, in ihren Schulen adelige Fräulein in den Wiffenfchaften und in den Künften zu unterrichten, nach Art der modernen Penfionate. In diefen Kreifen wurden nun grofsartige kunftvolle Arbeiten ausgeführt. Alte Krönungsmäntel, wie fie noch mehrere Höfe bewahren, Mefsgewänder, wie z. B. die fogenannten burgundifchen in der kaiferlichen Schatzkammer zu Wien, geben Zeugnifs von diefer Kunftblüthe an Höfen und in Klöftern. Von beiden Kreifen aus verbreitete fich die Kunftfertigkeit der Frauen und namentlich die Stickerei, worunter auch die Spitzenarbeiten begriffen find, weiter und weiter bis unter die Frauen des Volkes, wenn auch nur das weniger Kunftvolle in der Technik aufgenommen und auf wohlfeile und geringe Stoffe angewendet wurde. Hier wurde es aber feftgehalten und vererbte fich von Gefchlecht zu Gefchlecht durch viele Jahrhunderte als Hausarbeit, während die Ausbildung der Gewerbe und Fabrication in den hohen Volksfchichten Alles geändert hat. Wenn man von diefem Standpunkte aus die Stickereien in den verfchiedenen Abtheilungen der Ausftellung überfchaut, fo kann man fich manches überrafchende Räthfel in der Arbeitsart und in der Ornamentik erklären. 6 Dr. Ferdinand Stamm. Allen fachverständigen Frauen fällt es auf, dafs die Handftickereien der Bäuerinen aus Rumänien, Mähren und aus dem hohen Norden von Schweden gleiche Mufter haben. Den Kunſtforfcher mag es noch mehr überraschen, dafs diefe Mufter genau diefelben find, wie fie vor drei Jahrhunderten der Venetianer Friedrich de Vinccolo nach noch weit älteren Arbeiten abgezeichnet und in einem Mufterbuche veröffentlicht hat. Das Mufterbuch war lange Zeit vergeffen und wurde erft durch die Thätigkeit der neuen Kunftmufeen wieder zur Geltung gebracht, weder die rumänifchen noch die fchwedifchen Frauen haben in unferen Tagen ihre Ornamente daraus genommen, fondern von den ererbten Mufterbändern, die von Mutter auf Tochter übergehen oder von verfchliffenen alten Gewändern; die gemeinfame Quelle ift in den Klöftern zu fuchen, die von Italien ausgingen oder von den Höfen des Mittelalters. Die brafilianifchen Stickereien und Spitzen überrafchen auch durch ihre Aehnlichkeit mit den ſpaniſchen und portugiefifchen, aber nur fo lange, bis man fich erinnert, dafs fie eben nur von den Nachkommen der nach Südamerika eingewanderten Spanierinen und Portugiefinen gearbeitet find. Der Zufammenhang der Induftrie aller abendländifchen Länder liegt auf der Ausftellung uns ebenfo klar vor Augen, wie der Zufammenhang der weiblichen Arbeiten aus dem Orient. In der öfterreichifchen Ausftellung kann man die Berührung der Grenzen zwifchen beiden beobachten; Dalmatien ornamentirt morgenländifch, auch an den Stickereien der Magyaren bemerkt man orientalifche Ornamente, die Siebenbürger Sachfen haben das abendländifche Ornament am weiteften nach Often getragen, in der Bukowina und in Galizien vermengen fie fich. Auch Spanien läfst an feinen Stickereien erkennen, dafs es abwechselnd von romanifchen und arabifchen Kunftrichtungen beherrscht war. Die Frauenarbeiten aus den Städten und aus den Adelskreifen, welche aufser Italien nur Oefterreich ausgeftellt hat, zeigen, dafs hier jeder Zufammenhang der neuen Zeit mit der alten Zeit fehlt. Dasfelbe würde wahrzunehmen fein, wenn Deutſchland, Frankreich und England aus den bürgerlichen und adeligen Frauenkreifen Arbeiten gebracht hätten. Die Induftrie, welche für alle Bedürfniffe forgt, hat fich dazwifchen gedrängt. Die Frauen fticken wenig und wenn fie fticken wollen, wiffen fie nicht recht, nach welcher Technik und nach welchem Stil. Da foll eine illuftrirte Mufterzeitung oder ein Berliner Tupfblatt aushelfen, aber die Redaction diefer Zeitungen und die Kunftverlags- Handlungen wiffen es auch nicht, und fo kann nur ein Babel von neuen Verfuchen eintreten, wie die Ausstellung der Dilettantinen zeigte, oder allgemeine Entmuthigung, welche die Frauenhände ruhen läfst, während fie doch ganz vorzugsweife zur Kunftfertigkeit geeignet find, wie die Frauenarbeiten zeigen, welche ihnen in der Vorzeit grofsen, unfterblichen Ruhm eintrugen, wenn fie fich eben auf das ihnen vorbehaltene Gebiet befchränken, wozu befonders die Kunftſtickerei gehört. Mögen die Frauen darauf verzichten, eine neue Technik, wie z. B. die bei Anfertigung der Frivolitäten, zu ergrübeln, wenn fie fich in der Weltausftellung die verfchiedenen Stickereien anfahen, fo werden fie fo viele fchon erprobte Arten des Stiches und anderer technifchen Vortheile gefunden haben, dafs fie einfehen können, fie genügen, die fchönften Wirkungen damit zu erreichen. Auch die vorhandenen guten oder echten Farben genügen, wie befonders die Buntftickereien aus Indien, China und Japan beweifen, und fie können die leicht vergänglichen Anilinfarben entbehren. Was endlich die Zeichnung betrifft, welche der Stickerei erft den wahren, bleibenden Werth gibt, fo hängt fie immer von dem Zweck des verzierten Stoffes ab, denn als Gewand oder Kleidungsstück, als Wandtapete, als Decke, als Ueberzug eines Polfters oder eines Geräthes u. f. w. mufs die Zeichnung der Stickerei in dem Stile des Gegenftandes gehalten fein, wozu die Stickerei als Schmuck und Verzierung dienen foll. Die Stickerei und die Spitzen. 7 Um aber den Stil zu beurtheilen und darnach die Zeichnung zu entwerfen oder auch nur nach Vorlagen auszuwählen, mufs fich die Frau eine allgemeine Kunftbildung erwerben oder den Rath eines Kunfterfahrenen einholen. Es ift das für eine Frau nothwendiger und koftet weniger Mühe als etwa die Erlernung des Clavierfpiels, auf welche fie mehrere Jahre zu verwenden kein Bedenken trägt. Die Ausftellungen der Frauenarbeiten in der italienifchen, fchwedifchen und befonders die Dilettantenarbeiten in der öfterreichifchen Abtheilung hatten, von einer Kritik des Einzelnen ganz abgefehen, den grofsen Werth, dafs fie das eifrige Streben und den ernften Willen der Frauen zeigten, das angeborene künftlerifche Talent wieder auf einem dem Frauenberufe würdigen Kunftgebiete geltend zu machen, und einen bienenartigen Fleifs verrathen haben, den fie auf Werke verwenden, die den Frauen der Vorzeit hohen Ruhm eingetragen und auch den Frauen der Jetztzeit den Lorbeer der Kunftfertigkeit winkend entgegen halten. Die Mittel dazu find für die heranwachfenden Mädchen die verbefferten Arbeitsfchulen und für die Frauen die in den Mufeen für Kunft und Induftrie wieder aufgefchloffenen Fundgruben der alten Kunft.*) Der abgeriffene Faden mufs wieder angeknüpft werden. Das Vereinswefen ift die neue Form gemeinfamer Arbeiten. So mögen fich Frauenvereine bilden zur Hebung der Kunftinduftrie der Frauen durch Unterricht in der Technik und durch Verbreitung guter Mufter und Vorlagen. Die Maſchinenftickerei. In den meiften Staaten des Abendlandes, befonders in Oefterreich, Deutfchland, Frankreich, England und der Schweiz hat fich neben der Hausarbeit ein befonderes Näherei- und Stickereigewerbe herausgebildet, das in einzelnen Gegenden von Frankreich, in der Schweiz und in Oefterreich zu einem Fabricationszweig erweitert ift mit ausgeführter Arbeitstheilung. Ein Unternehmer vertheilt den Stoff und die Stickmufter an einzelne Arbeiterinen und vertreibt die erzeugte Waare im Handel. Wie bei anderen Fabricationszweigen, z. B. bei der Uhrmacherei, arbeitet dann ein Mädchen ein und dasfelbe Mufter auf einem fchmalen Streifen Jahre lang. Es lag nun nahe, diefe leichte, einförmige Arbeit durch eine Mafchine ausführen zu laffen und die Stickmafchine wurde erfunden und in Verwendung genommen, wie fie in der Ausftellung 1873 viel Auffehen erregte. Die Mafchine befteht aus einem grofsen, fenkrecht geftellten Rahmen, in welchem der Stoff ausgefpannt ift, auf welchem die Stickerei nach einem beftimmten Mufter wohl hundert und mehr Mal zugleich ausgeführt werden foll. Zu diefem Zwecke fteht auf beiden Seiten des Rahmens ein bewegliches Geftell, das eine lange Reihe von Zangen trägt. Das Geftell kann auf Rollen vorwärts gegen den aufgespannten Stoff und wieder zurück geführt werden, wobei fich die Zangen zugleich öffnen. und wieder fchliefsen. Einer Zange diefsfeits des aufgefpannten Stoffes fteht immer eine Zange auf der anderen Seite genau gegenüber. Dazu kommt eine Nadel, die auf beiden Seiten zugefpitzt ift und in der Mitte das Oehr für den Faden hat. Die eingefädelten Nadeln werden mit dem einen fpitzigen Ende in die Zangen der einen Seite gefteckt, und nun beginnt das Spiel des Mechanismus. Die Zangenreihe bewegt die Nadeln gerade gegen den Stoff und fticht fie mit dem anderen fpitzigen Ende durch. In diefem Momente ftehen auf der anderen Seite die offenen Zangen, bereit die durchgefteckte Nadel am anderen Ende zu faffen und mit dem Faden durchzuziehen. Durch einen Mechanismus, den der Arbeiter leitet, werden die durchgezogenen Nadeln etwas verrückt, um an einer neuen Stelle, wie es die Zeichnung verlangt, von den Zangen, welche jetzt die Nadeln halten, wieder durchgeftochen *) Siehe: Die Frauenarbeiten von Helene Freiin v. Roditzky. 8 Dr. Ferdinand Stamm. zu werden, und dann ergreifen fie die Zangen diefsfeits des aufgefpannten Stoffes, um fie mit den Faden durchzuziehen. So wechfelt das Spiel der Zangen wie die Finger zweier Hände, die abwechſelnd rechts und links die Nadel durchftechen und die Stiche ausführen. Sinnreich ift der Mechanismus, die Zangenreihen und auch die Nadeln zu ftellen, damit fie der Linie einer Zeichnung folgen. Dazu dient ein Hebelwerk in der Form eines Storchſchnabels oder Pantographen. Der Arbeiter an der Seite des Rahmens hat die Zeichnung in grofsem Mafsftabe vor fich, und wo er den Zeiger am Hebel in der Zeichnung aufftellt, dort führt die Mafchine die Stiche mit hundert Nadeln in derfelben Ordnung aus, aber in dem verkleinerten Mafsftabe, wie die Stickerei beabfichtiget ift. Die Zeichnung kann auf diefe Art fehr genau ausgeführt werden. Jeder Stich mit der Mafchine dauert länger als mit der Hand einer geübten Stickerin, da aber bei der Stickerei fchmaler Streifen auf der einen Mafchine, welche in der Ausftellung arbeitete, diefelbe zweihundertundacht Mal neben einander mit ebenfo viel Nadeln, die alle der Hebelftellung zugleich folgen, ausgeführt wurden, fo kann man berechnen, dafs die Arbeit wohl fünfzig bis hundert Mal ſchneller vollendet wird als mit der Hand. Die Mafchine mufs aber der Hand noch viele Stickereien überlaffen, da fie nur für Weifsftickerei von mäfsiger Feinheit eingerichtet ift. Die Nadel mufs feft und ftark fein, fie hat das Oehr an der mittleren ftarken Stelle und muss den Faden neben der Nadel durch den Stich zwängen, fo dafs der Stich ein übermäfsig grofses Loch macht, das der Faden allein nicht füllt. Sie führt nur eine Art Stiche aus und ift für Buntftickerei, wo der Faden oft gewechfelt werden muſs, nicht anwendbar. Das bezieht fich nur auf die Technik; in der künftlerifchen Leiftung, wo die Handftickerin nach ihrem Gefchmacke und Kunftgefühle die Zeichnung während der Arbeit zur gröfseren Wirkung bringt, kann die Stickmaschine noch weniger mit der kunftfertigen Hand wetteifern. Die Handfpitzen. Die Londoner internationale Ausftellung 1862 brachte die englifchen Spitzen zur Geltung. Nicht allein Alles, was in dem Ausftellungspalafte an vorragender Stelle von Spitzen aufgehängt war, mehr noch, was an einem fchönen warmen Sonntag im Hydepark die luftwandelnden Ladies und Misses in der Form von Schleiern, Mantillen, Shawls und Borten an Spitzen trugen, war fo fchön, fo kunftvoll und reich, dafs es den Sachkenner entzücken mufste. Der zarte Lilienteint der blondlockigen Engländerinen wird durch einen Spitzenfchleier noch erhöht, und wieder erhöhen diefe ätherifchen Geftalten die Wirkung der zarten Spitzen. Der Gaft aus füdlichen Gegenden konnte diefe Frauen, wie fie über den grünen Sammtteppich des Parkes hinzogen, für Feenerfcheinungen aus einem Mährchen halten. Die Parifer Weltausftellung vom Jahre 1867 zeigte, was die franzöfifche Spitzeninduftrie leiften kann, in vollfter Pracht. Hier war die Spitzenrobe das Meisterwerk, und wenn man auf der Etiquette einer folchen Robe las, dafs fie zwanzig Taufend Francs kofte, fo konnte man auch dann, wenn man weniger vertraut war mit der Technik diefer Induſtrie, fchon ermeffen, welche Arbeitsmühe, Kunftfertigkeit und Kunftleiftung in einem folchen Werke der Nadel oder des Klöppels enthalten fei. Wer nun die Gunft genofs, einem Ballfefte im Hôtel de Ville oder einem Hoffefte in der Ausftellungsfaifon anzuwohnen, und hunderte Damen in folchen Spitzenroben auf rothem Sammt und blauer Seide, jede Robe nach einer befonderen freien Zeichnung, jede ein Original, fo dafs man von der Spitzenrobe einer oder der anderen Herzogin, wie von ihrem Diamantenfchmuck in befonderer Faffung Die Stickerei und die Spitzen. 9 fprach, und wer vor Allen die Kaiferin in einer Spitzenrobe fah, die vierzig Taufend Francs koftete, Alles von franzöfifchen Händen verfertigt, der konnte fich von der Ausdehnung und Blüthe der franzöfifchen Spitzeninduftrie einen richtigen Begriff machen. Auf allen Ausftellungen war die berühmte belgifche Spitzeninduſtrie würdig vertreten, wenn fie in London auch wenn fie in London auch der englifchen, in Paris der franzöfifchen einheimifchen Induftrie an Reichthum der Ausftellung nachftand. Man kann nun fragen: Hat in der Wiener Weltausftellung 1873 die öfterreichifche Spitzeninduftrie den Vorrang unter den Spitzen eingenommen, wie bei den vorangehenden Ausftellungen die einladenden Staaten? Man durfte das nicht erwarten. Oefterreich hat noch keine fo reiche Bevölkerung wie Grofsbritannien und Frankreich, es zählt noch nicht die Damen nach Taufenden, welche fich Spitzenfhawls zu 500 Guineen und Spitzenroben zu 20.000 Francs kaufen und keinen Spitzenfhawl und keine Spitzenrobe mit einer Zeichnung tragen, die noch eine zweite Dame im Lande befitzt; und Oefterreich hat auch noch keinen fo entwickelten Spitzenhandel wie Belgien, der über Millionen Gulden Betriebsfond verfügt und Verbindungen mit allen Culturländern hat. Noch fehlt auch unferen Damen der patriotifche Stolz, ein gleich gutes einheimifches Erzeugnifs vielleicht defshalb vorzuziehen, weil es wohlfeiler ift; zu den Fehlgriffen der Producenten kommen alfo in Oefterreich auch noch Unvollkommenheiten der Käufer; allein wir werden doch auch von einem erfreulichen Auffchwung erzählen können, welchen in der letzten Zeit die Spitzeninduftrie nahm, wie die Ausftellung zeigte. Was die Gruppe der Spitzeninduftrie in der Weltausftellung 1873 vor den früheren Ausftellungen auszeichnete und befonders anziehend machte, das war die Vollständigkeit der Sammlung, indem die meiſten Staaten, welche die Ausftellung befchickten, auch Spitzen brachten. Wir beginnen mit jenen aus der türkifchen Abtheilung, welche bisher dem europäiſchen Markte fremd geblieben find, mit den fyrifchen Spitzen. Sie find die einzigen Spitzen aus dem Oriente, und nach der Technik wie nach der Form ganz eigenartig. Zum Theile gefchlungen, zum Theile geknüpft, bilden fie kleine Zacken, wahre Spitzen oder Zähnchen, Dentelles, oder auch verfchieden geformte Sternchen, die, aneinander gereiht, zu einem reizenden Befatz von Gewändern und Schleiern dienen. Der Orientale liebt die Farbe, auch diefe Spitzen find meiftens färbig und bunt. Aus Gold nehmen fie fich prächtig aus. Bei aller Feinheit find fie doch dichter als alle anderen Spitzen des Abendlandes und daher ein Uebergang von dem Gewebe zur durchbrochenen Spitze. Wir machen die Mufeen für Kunstinduſtrie auf diefe Spitzen aufmerkfam. Diefe Anftalten find zunächft berufen, diefer Arbeit Eingang unter den abendländifchen Frauen zu verfchaffen, indem fie Proben davon in ihre Sammlungen aufnehmen und zur allgemeinen Anfchauung bringen. Im Oriente vertritt das gazeartige, durchfichtige Gewebe als Schleier und Oberkleid die Spitze. Diefes Gewebe trägt dann eine zarte Stickerei, meift aus Goldfäden, welche die Zeichnung der Spitzen bilden. Kommt die Spitze vor, wie es in der chinefifchen Abtheilung der Fall ift, fo ift es in der Form der ausgezogenen Arbeit, wobei ftellenweife das Gewebe verdünnt wird durch das Ausziehen einzelner Fäden und die übrigen Fäden fo verknüpft und angeordnet werden, dafs eine Zeichnung entſteht. Diefe Arbeit führte zum rechtwinkligen oder fchrägen Netz, deffen Mafchen man in einer Weife ausfüllte, dafs die Füllung eine Zeichnung bildet. Wenn wir aus den Proben, welche die Wiener Weltausftellung zur überfichtlichen Anfchauung brachte, den Urfprung der abendländifchen Spitzen aus dem Oriente auch nicht nachweifen können, fo nehmen doch die Kunftforscher, wie Nardi, an, dafs die Italiener die Verfertigung der Spitzen von den Saracenen in Sicilien und die Spanier von den Mauren gelernt haben, und in der That 10 Dr. Ferdinand Stamm. deuten die fremdartigen Namen, womit die Italiener die Spitzen und das Spitzenmachen bezeichnen, darauf hin. Der Hauptgrund, warum die Spitze im Abendlande eine fo hohe Ausbildung und weite Verbreitung fand, liegt wohl darin, dafs die Spitze nur durch die Zeichnung ohne Rücksicht auf die Farbe wirkt, alfo nur ganz weifs oder ganz fchwarz, ja dafs fie gefärbt weniger beliebt ift; der Orientale hingegen will Alles färbig haben, daher er das reine Weifs und das tiefe Schwarz in grofsen Flächen meidet. Die Spitze in ihrem wahren Wefen ift eine vom Stoffe abgehobene Zeichnung. Die Zeichnung ift entweder nur durch die einzelnen Fäden lofe aneinander gereiht, wie Point coupé Guipure und mehrere Arten der alten venetianifchen Spitzen, oder fie hat einen fehr zarten weitlückigen Grund, welcher die Farbe der Unterlage der Spitze nur etwas dämpft. Das gefärbte Kleid, über welchem die Spitze getragen wird, oder auch die noch zartere Unterlage des Teintes der Wange oder des Armes, den die Spitze fchmückt, ift der eigentliche Grund, von welchem fich die Spitze als Ornament abhebt. Den Werth der Spitze beftimmt daher nicht fowohl der Stoff und die Farbe. als vielmehr die Schönheit der Zeichnung. Die Verfertigungsweife oder Technik, welche die Schönheit der Zeichnung, ihren Schwung und ihre Abwechslung fördert und der Phantafie des Zeichners die wenigften Feffeln anlegt, ift daher auch als die vorzüglichfte anzufehen. Im Allgemeinen hat die Spitzenarbeit im Abendlande denfelben Weg der Verbreitung gefunden, wie wir ihn für die Stickerei angedeutet haben, neben der Hausinduftrie hat fich aber früher, als bei der Stickerei, die für den Handel arbeitende Gewerbsthätigkeit entwickelt. Nach der Zeitfolge hat fie zuerft in Italien und Spanien, dann in Frankreich und England geblüht und fich zuletzt in den Niederlanden und in einigen Gegenden von Deutſchland, hier befonders auf dem Erzgebirge, entwickelt. Wenn wir die in der Weltausftellung 1873 ausgeftellten Spitzen nach ihrem Range in der Volkswirthfchaft richtig beurtheilen wollen, fo müffen wir die Hausinduftrie, die Erzeugung der Spitzen zum eigenen Gebrauch oder nur als Neben arbeit und die für den Handel beftimmte Gewerbsthätigkeit und Fabrication unterfcheiden. Die letztere ift vorzugsweife in Frankreich, England, Belgien und in Deutfchland entwickelt, in den anderen Ländern ift die Spitzenarbeit auf der Stufe der Hausinduftrie ftehen geblieben oder auch vor dem früher ausgebreiteten Handelsgewerbe auf diefe Stufe wieder zurückgegangen. So hat Schweden fehr intereffante Spitzen aus Darlekarlien ausgeftellt, welche, wie man uns fagte, feit Jahrhunderten in gleicher Weife die Frauen als Nebenarbeit und meiftens zum eigenen Gebrauche verfertigen. Sie ſpinnen fich dazu den Flachs, weben das Gefpinnft und verfertigen daraus nach einer in früheren Jahrhunderten durch die Klofterfrauen eingeführten Weife Spitzen mit althergebrachten Muſtern. Es ift das die ausgezogene Arbeit, in Italien Punto tirato, in Frankreich fils tirés genannt. Durch das Ausziehen einzelner Fäden aus einem Gewebe wird ein lückiges Netz gebildet und mit der Nadel werden dann die Fäden unter einander verbunden und das Netz fo ausgefüllt, dafs fehr gefällige Ornamente entſtehen. Noch eigenthümlicher find die ruffifchen Spitzen, die gleichfalls nur als häusliche Nebenarbeit ausgeführt werden. Die Zeichnung befteht in einem vielfach gewundenen Bande, das mit den Krümmungen des Wurmes Aehnlichkeit hat, und das durch engeren und weiteren Spitzengrund zufammengehalten wird. Eine entfernte Aehnlichkeit hat die Zeichnung mit der genuefifchen Guipure aus älterer Zeit. Die Stickerei und die Spitzen. 11 In Italien, das einft von Venedig und Genua aus koftbare und fehr fchöne Spitzen in den Handel brachte, ift die Spitzenarbeit auf die Hausinduftrie zurückgegangen. In der Verbindung mit der kunftvoll ausgebildeten Stickerei verfertigen die Frauen, wie wir an den ausgeftellten Proben in der Weltausstellung fahen, noch fehr fchöne Spitzen in der Weife der alten italienifchen Spitzen. Man konnte fich davon aus der Vergleichung der ausgeftellten neuen Spitzen mit der fehr intereffanten Sammlung alter italienifcher Spitzen, Merletti, überzeugen, welche in der Expofition des amateurs von Italien ausgeftellt war. In Italien findet die Spitze auch eine häufige Verwendung zur Verzierung der Kirchen und zu Paramenten. Sie werden zum grofsen Theile von Klofterfrauen angefertigt und fo hat fich die alte Kunftfertigkeit in der Spitzenerzeugung in Italien auch nach dem Niedergange des Handelsgewerbes auf diefem Felde erhalten. Ein ähnliches Verhältnifs findet in Spanien und Portugal ftatt. Sie können keine namhafte Spitzeninduftrie aufweifen, doch zeigen die auf die Ausftellung gefendeten Proben von Spitzen, dafs dafelbft eine ausgebreitete Hausinduftrie in Spitzen, fowie in der Kunftftickerei befteht. Die Technik und die Ornamentik ift jener der alten italienifchen Spitzen ähnlich. Von Portugal aus wurde die Spitzenarbeit nach Amerika übertragen, wie die ausgeftellten ſchönen Spitzen in der brafilianifchen Abtheilung zeigen. Auch in anderen Ländern finden wir Spitzenarbeiten als Hausinduftrie, fo namentlich in mehreren Kronländern von Oefterreich, in Dalmatien, den Alpenländern, in Mähren und Galizien, dann in Ungarn und Siebenbürgen, aber überall hat nur die Landbevölkerung daran feftgehalten; die wohlfeile und ſchöne Mafchinenfpitze verdrängte die Handfpitze, befonders im Mittelftande. Nur in Frankreich, England, Belgien und im böhmifchen Erzgebirge hat die hart bedrängte Induftrie der Handfpitze den Kampf mit der Mafchinenfpitze fiegreich beftanden; fie hat fich nicht nur gegenüber der heftigen Concurrenz erhalten, fondern auch veredelt und als echte Spitze gegenüber der unechten den Vorrang behauptet. Die Weltausftellung 1873 gibt davon neues Zeugnifs. Was den Reichthum und die äufsere Form der Spitzenausftellungen betrifft, fo nimmt die aus Belgien die erfte Stelle ein. Die erften Firmen der Handfpitzen Fabrication haben wahre Meifterwerke an Roben, Umhängtüchern, Schleiern und anderen Spitzenarbeiten und zugleich fo zahlreich ausgeftellt, dafs der belgifche Spitzenhof einen Glanzpunkt im Ausftellungspalafte bildete. Wir müffen auch hier wieder neue Fortfchritte in der Technik und in der Feinheit und Pracht der Ornamentik anerkennen. Die Mode der langen Roben bietet der Zeichnung eine grofse Fläche, und der Zeichner kann feine Entwürfe mit kühnerem Schwunge durchführen. Die edlen Ornamente der Renaiffance walten in der Zeichnung vor. Die Spitzenfabrication hält hierin gleichen Schritt mit den verwandten Induftrien, namentlich mit der Seidenweberei und dem Cattundrucke. Hier und da ift das Ornament des indifchen Shawls aufgenommen oder kunftverftändig eingefügt. Frankreich hat feine Spitzenausftellung nicht fo felbftftändig gefondert wie auf der letzten Parifer Ausftellung und auch nicht fo reich befchickt, weil es mit dem ihm zugewiefenen Raum ſparen musste, um allen Zweigen feiner umfangreichen Induftrie gerecht zu werden; das Ausgeftellte war aber immer noch zahlreich und fo vorzüglich, dafs wir Frankreich gern die zweite Stelle in der Expofition einräumen. Was den Fortfchritt in der Technik und die effectvollen Neuerungen betrifft, geht es Belgien voraus. Die allein mit den Klöppeln hergeftellten Spitzen oder Dentelles, fowie die allein mit der Nadel angefertigten Spitzen oder Points zeigen eine glückliche Verwendung der verfchiedenen Mafchen, die in dichterem Netz und mit ftärkeren Fäden den Grund ausfüllen und die Gefammtwirkung erhöhen. Darin befteht eben der eigenthümliche Reiz diefer Spitzen, welche die gröfste Mannigfaltigkeit in dem Grund und in der Zeichnung zuläfst. 12 Dr. Ferdinand Stamm. Eine andere Abtheilung der Spitzen bilden alle Arten, wo der Grund entweder mit der Hand oder mit der Mafchine befonders angefertigt wird und dann von der Hand die Zeichnung unmittelbar hineingeftickt oder befonders mit der Nadel oder auf dem Klöppelkiffen gearbeitet und auf den Grund eingeſetzt oder mit dem Netze eines Grundes verbunden wird, die Application, Chantilly und andere Spitzen. Hier können fich die Mafchine und die Hand durch geordnete Arbeitstheilung oder auch durch die gemeinſame Betheiligung an einem Werke oder Arbeitsftücke verföhnen. Nur in Frankreich fchreitet die Annäherung am meiſten vor. Freilich wird man dann die Namen echte und unechte Spitzen, welche bisher Hand und Mafchine trennten, müffen fallen laffen; es ift eben ein Mittelglied dazwifchen getreten. Aus Grofsbritannien ift nur wenig an Handfpitzen ausgeftellt, aber immerhin Vorzügliches, welches beweift, dafs diefe Induftrie noch immer den alten hohen Rang einnimmt. Neues fällt darunter nichts auf, es wären denn die mit einem Schiffchen genetzten„ Frivolités", welche in der englifchen Abtheilung als Schularbeiten ausgeftellt find. Diefe Arbeit kommt auch unter den Dilettanten- und Schülerarbeiten anderer Länder, namentlich in Oefterreich, vor. Sie verfprechen als eine„ frivole" Laune der Mode wenig Dauer und find denn doch zu luftig. Auch ihre Technik läfst keine fchöne Zeichnung ausführen. Wir überlaffen es übrigens einer anderen Feder, darüber des Weiteren zu fprechen. Den gröfsten Fortfchritt in der Handfpitze hat feit der letzten Weltausftellung in Paris Oefterreich gemacht, wie die Ausftellung aus dem böh mifchen Erzgebirge zeigte. Wenn fich dafelbft auch trotz der Concurrenz der Mafchinenfpitze eine feit Jahrhunderten gegründete Induſtrie von Handſpitzen erhalten hatte, fo verfäumte fie, fich mit der Kunft zu verbinden und durch gefchmackvolle Zeichnung die mühfame Arbeit zu veredeln, wodurch ja eben die Handarbeit in Frankreich und Belgien fich gegenüber den Maſchinenfpitzen ihr Gebiet ficherte. Das wurde nun in der letzten Periode eingeholt. Die Regierung und Vereine gründeten Mufteranſtalten und Zeichenfchulen. Viele Taufende gefchickte Klöpplerinen und Spitzennäherinen waren in kurzer Zeit auf die in Belgien ausgebildete Technik der verfchiedenen Arten der Handfpitze eingearbeitet. Die muftervolle Zeichnung kam durch die kunftfertige Hand der Arbeiterine zur vollen Wirkung und die in Handel gebrachten Spitzen aus dem Erzgebirge waren von den belgifchen nicht zu unterfcheiden. Die Ausftellung in der öfterreichifchen Abtheilung konnte die Befucher davon überzeugen. Vier Arbeiterinen aus dem Erzgebirge, welche in der Ausstellung felbft die verfchiedenen Spitzenarbeiten ausführten, zeigten zugleich die hohe Stufe der Kunftfertigkeit, welche unter Taufenden verbreitet ift. Die Maſchinenfpitzen. Es find nahezu hundert Jahre, dafs der erfte Webftuhl für den Spitzengrund, und vierundfechzig Jahre, dafs die Bobbinetmafchine erfunden wurde. Neben ihr hat fich die Handfpitze in der Hausinduftrie erhalten und ift das HandſpitzenGewerbe zu einer neuen Blüthe gediehen. Das mag beweifen, dafs fie neben einander beftehen können, gefichert und friedlich. Nur im Anfange des Kampfes entſtand Verwirrung, weil der Markt die beiden Waaren vermengte und die Käufer fie verwechfelten. Wenn fich die Maſchinenfpitze für echte Spitze ausgab und zehnmal billiger war als die Handfpitze, fo mufste die letzte ungekauft liegen bleiben. Allein die Käufer kamen bald von der Täufchung zurück. Schon die gröfsere Feftigkeit der Handfpitze gibt ihr einen Vorzug. Die Stickerei und die Spitzen. 13 Im erften Kampfe begingen die Händler mit echter Spitze auch einen Fehler. Sie glaubten, fie könnten mit der Maſchinenfpitze concurriren, wenn fie die Handfpitze ftatt aus Flachsgarn aus Baumwollengarn anfertigen liefsen und an Arbeit und Zeichnung fparten, um fie recht billig zu geben. Dadurch verloren fie die wohlhabenden kunftfinnigen Käufer, ohne die Menge, welche beide Spitzen nicht unterfcheidet, zu gewinnen. Erft als man den umgekehrten Weg einfchlug, die fchmale, wohlfeile Spitze ganz aufgab und durch guten Stoff, genaue, kunftvolle Arbeit und originelle Zeichnungen die echte Handfpitze nach ihrem Wefen veredelte, konnte man fich halten und gewann die wohlhabenden Käuferinen wieder. Jede Handfpitze kann durch ihre Zeichnung ein Original werden, wie eine Handzeichnung oder ein Gemälde, und fie foll es auch. Die Mafchinenfpitze copirt die eine Zeichnung hundert und taufend Mal und fteht zur Handfpitze im Verhältniffe der Copie zum Originale. Die Maſchinenfpitze kann nie Original werden, es müfste denn von dem einen Mufter nur ein Stück oder eine Elle gewebt werden, dann käme diefe Maſchinenfpitze aber theuer; die Handfpitze foll nicht zur wiederholten Copie herabfinken, fonft entwerthet fie fich. Im richtigen Verftändniffe ihres Wefens halten beide ihren Markt auseinander. Selbſtverftändlich aber eifert die Mafchinenfpitze immer noch, der Handfpitze möglichft ähnlich zu werden, jedes Jahr bringt neue Verbefferungen an den Spitzenmafchinen, und Grofsbritannien, Frankreich, die Schweiz, das deutfche Reich und andere Länder hatten gewebten Spitzengrund und Mafchinenfpitzen, Vorhängftoffe und andere fpitzenartige Gewebe von vorzüglicher Schönheit ausgeftellt, welche die neuen Fortfchritte bewiefen. Dennoch konnte man bemerken, dafs eben die Theilung der Arbeit zwifchen der Hand und der Mafchine immer mehr in der Art geregelt wird, dafs die Mafchine den Grund und wohl auch beftimmte Umriffe der Zeichnungen ausführt und die Hand durch die Vollendung der Zeichnung den eigentlichen künftlerifchen Antheil an dem gemeinfchaftlichen Werke nimmt. Auf diefem gemeinfchaftlichen Gebiete ift bereits der Friede zwifchen Hand und Mafchine gefchloffen. DIE FRAUENARBEITEN. ( Anhang zu Gruppe 5.) Bericht von FRAU HELENE FREIIN V. RODITZKY, Vorfteherin des Civil- Mädchenpenfionats, Jofefftadt, Wien. Allgemeines. In früh erer Zeit, ja felbft bei der letzten Weltausftellung in Paris im Jahre 1867, konnte ein Bericht über Frauenarbeiten fchwer in ein anderes Gebiet hinübergreifen als in das der Kunftftickerei und der Spitzenklöppelei. Waren auch damals fchon Frauenhände, aufser den Arbeiten und Leiftungen ihres eigentlichften Berufes vielfach thätig und befchäftigt, fo gefchah es doch nur mehr im Stillen. Man beachtete diefe weibliche Thätigkeit nicht, man duldete fie nur oder betrachtete fie mit einem gewiffen Mifstrauen. Seit den letzten Jahren iſt dies ganz anders geworden. Man wendet die gröfste Aufmerkſamkeit der Frage der Erwerbsfähigkeit und Erwerbsbefähigung der Frauen zu. Vieles, unendlich vieles ift in diefer Beziehung von Oefterreich, Deutſchland, England und Amerika etc. gefchehen. Die Jahresberichte der verfchiedenen Vereine, welche das obengenannte Ziel anftreben, zeigen die erfreulichften Refultate ihrer Bemühungen. Wie erftaunlich Vieles hat z. B. der erft im Jahre 1866 gegründete Wiener Frauen- Erwerbverein geleiftet und wie viel mehr kann er bei dauernder Entwicklung der anzuftrebenden Ziele noch leiften! In ähnlicher Weife müffen wir des Prager Frauen- Erwerbvereins, im Jahre 1869 gegründet, gedenken. Aber beide Vereine ftehen erft im Beginne der Thätigkeit, die fich noch immer mehr nach allen Richtungen hin ausdehnen, durch Gründung von Specialfchulen und Vereinen erweitern mufs. Es ift erft der Grundftein gelegt, auf dem fich das ganze Gebäude erheben foll, denn im Verhältnifs zum grofsen Ganzen find ja erft wenige Frauen herangebildet, die berufen find, nicht allein ihren Erwerb felbftftändig zu finden, fondern auch durch ihr Beiſpiel, ihre Fertigkeit bildend auf die Uebrigen einzuwirken, den Wunfch nach Selbftthätigkeit, den Geift regen Strebens zu wecken, den Gefchmack heranzubilden und zu veredeln. Die befondere Aufmerkſamkeit und Theilnahme, welche man für die Frauenarbeit im Allgemeinen hat, der Wunfch, den nutzbringenden Zweck der Weltausftellung befonders diefem ganz neuen und fo wichtigen Zweige des wirthschaftlichen Lebens und der focialen Geftaltung zuzuwenden, indem man im Vergleiche mit den Leiftungen der Nationen unter einander beffer erkennen und verftehen lernt, was hier und dort noch mangelt oder verbeffert werden foll, war der Grundgedanke zu der Ausftellung im Pavillon für Frauenarbeiten. Urfprüng Die Frauenarbeiten. 15 lich follten durch diefelbe die Leiftungen der Frauen in allen Gebieten zur Anfchauung gebracht und auch die andern Nationen aufgefordert werden, der weiblichen Thätigkeit als folcher eine befondere Stätte in ihren Ausftellungen anzuweifen. Leider fcheiterte diefes urfprüngliche Vorhaben. Die öfterreichifche Ausftellung ftand in diefer Beziehung vereinzelt da und auch nicht in jener Vollständigkeit, wie fie angeregt worden war. Die Ausftellung der Frauenarbeiten im fchwedifchen Jägerhaus kam der öfterreichifchen an Reichhaltigkeit zunächft und übertraf fie an Vielfeitigkeit. Wir fanden dafelbft nebft vielen Proben weiblicher Kunft und Gefchicklichkeit in den verfchiedenften Gebieten z. B. auch künftliche Gebiffe von weiblichen Zahnärzten. Was die Verwendung der Frauen als praktiſche Aerzte betrifft, fo kann man fich bei uns eines gewiffen Mifstrauens nicht erwehren. In Amerika haben fich die weiblichen Aerzte aber fchon Bahn gebrochen und einen grofsen Wirkungskreis gefchaffen; auch in Rufsland finden fie fchon Verwendung. Die Ausftellung der weiblichen Handarbeiten in der italienifchen Schulabtheilung, wie jene in dem deutfchen Unterrichtspavillon reiht fich in ganz trefflicher Weife an die früher gekennzeichneten Ausftellungen an. Dr. Carl Holdhaus, kaiferlicher Rath, Secretär der niederöfterreichifchen Handels- und Gewerbekammer und A. F. Migerka, k. k. Hofrath und Sectionsrath im Handelsminifterium, haben in fo eingehender Weife die Betheiligung der Frauen in der Fabriksinduftrie durch ein befonderes Werk ftatiftifch zufammengeftellt und in Bild und Arbeitsproben zur Darftellung gebracht, dafs uns hierüber nichts mehr zu fagen erübrigt und wir im Folgenden nur die Schulund Dilettantenarbeiten, die dazu gehörige und hier einfchlägige Hausinduftrie und Kunftftickerei zu befprechen haben, obwohl diefe verfchiedenen Arbeiten oft fo in einander greifen, dafs eine ftrenge Claffificirung und Scheidung derfelben beinahe unmöglich ift. Leiftungen der Schulen und Vereine. So weit es möglich war, haben wir das grofsartig aufgehäufte Material durchgefehen und geprüft. Es liefert die Menge des Dargebotenen einen erfreulichen Beweis für die in den Schulen auch in Bezug auf Handarbeit entwickelte Thätigkeit, und es ift erftaunlich, zu welcher Genauigkeit und Reinheit der Arbeit es die kleinen Hände der Schulkinder oft bringen. Welch' eine Anzahl von Strümpfen, Kinderjäckchen, Häubchen, gehäkelten und geftrickten Mufterbändern, Merktüchern etc. lag hier vor; der kleinen und gröfseren Luxusarbeiten gar nicht zu gedenken, die ftreng genommen nicht in das eigentliche Gebiet der Schularbeiten gehören. Und nicht nur die Wiener Schulen waren hier beftens vertreten, auch die Schulen der verfchiedenen Kronländer lieferten eine in jeder Beziehung tüchtige Ausstellung. Was den Gang des Arbeitsunterrichtes an den Schulen anbelangt, welcher uns in verfchiedenen Lehrplänen zur Anfchauung gebracht wurde, machen fich verfchiedene Meinungen geltend; die Einen find dafür, mit dem Unterrichte im Stricken, die Anderen mit dem im Häkeln zu beginnen. Die gröfste Aufmerkfamkeit bei dem Arbeitsunterrichte in der Schule mufs auf eine praktiſche Richtung gewendet werden. Erfreulich ift es daher zu fehen, wie von fo vielen Schulen Flick- und Stopparbeiten eingefendet wurden, ein Beweis, dafs man diefer fchweren, nicht immer angenehmen, aber defto nothwendigeren Arbeit immer mehr Sorgfalt fchenkt. Ganz Ausgezeichnetes leiften in diefer Beziehung die Italiener. Unter der Auffchrift: " Lavori casalinghi" war ein Album von einer Schule aus Florenz ausgeftellt, welches Mufter von Schülerinen verfertigter Kunftſtoppereien enthielt und gewiſs für alle Frauen von gröfstem Intereffe war. Desgleichen fand man befonders fchöne 2* 16 Helene Freiin v. Roditzky. Stoppereien in Frankreich, Schweden und der Schweiz. Von einer Mädchenfchule in der Schweiz wurde uns mitgetheilt, dafs die Schülerinen erft dann feinere oder fogenannte Luxusarbeiten machen dürften, wenn fie alle vorgefchriebenen Arbeiten im Stricken, Nähen, Flicken zur Zufriedenheit vollendet haben, und find für diefe feinen Arbeiten überhaupt nur die letzten fechs Wochen des Curfes beftimmt. In all den auf den Schul- und Vereinsunterricht bezüglichen Abtheilungen lagen einzelne fehr fchöne und feine Näharbeiten und gut ausgeführte einfache Weifsftickereien vor. Befonders fchöne Nähereien ftellte der Wiener Frauenverein für Arbeitsfchulen aus; die in dem Specialkatalog für die Ausftellung öfterreichifcher Frauenarbeiten, z. B. mit den Nummern 593, 595, 613, 620, 621 bezeichnet waren und genähte und geftickte Herren- und Damenhemden und Corfetten zeigten. Der Prager Frauen Erwerbverein ftellte zumeift Mafchinnähereien aus. Diefe fo fchnelle Art der Näherei hat dem eigentlichen fchönen Weifsnähen grofsen Eintrag gethan, indem es diefe Arbeit beinahe zur Luxusarbeit erhob oder erniedrigte. In der fchwedifchen Schulabtheilung waren ganz nette, von neun- und eilfjährigen Kindern verfertigte Näharbeiten, die wie alle Schularbeiten treffliche Leitung und fleifsige Ausführung kennzeichnet, aber an Glanz und Schönheit den Arbeiten der Vereine nachftehen. Der Grund übrigens, warum die Arbeitsfchulen der Frauen- Erwerbvereine Schöneres und Gefchmackvolleres liefern als die Volksfchulen, mag darin feine Erklärung finden, dafs erftere felbft das Material und den Schnitt geben, auf Beftellungen arbeiten, den Kindern einen Theil des Gewinnes zuerkennen und dadurch die Eltern für die Sache gewinnen. In der Volksfchule hat die Lehrerin mit gröfseren und fchwereren Hinderniffen zu kämpfen, da hier gewöhnlich die Eltern das Material liefern und die Arbeit nach ihrem oft nicht richtigen Gefchmacke ausgeführt haben wollen. Die Freimaurerfchule in Dresden ftellte auch eine fehr hübfche und praktiſche Collection von Schularbeiten in dem deutfchen Unterrichtspavillon aus. Befondere Erwähnung verdient wohl der Lehrgang der weiblichen Handarbeiten, welcher von Fräulein Gabrielle Hillardt in mehreren Tafeln zufammengeftellt war und gewifs bei jedem Sachverständigen das gröfste Intereffe erweckte und die gröfste Anerkennung fand. Von der Ausftellung der Privatfchulen im Pavillon für Frauenarbeiten waren befonders Nr. 782( Specialkatalog), ein Sophapolfter in farbiger Stickerei, nach einem Mufter aus dem Mufeum und Nr. 830, ein Polfter mit farbiger Stickerei auf Mull bemerkenswerth. Eine befonders anerkennende Erwähnung verdienen auch die verfchiedenen Klofterfchulen. In Frankreich ift der weibliche Unterricht überhaupt und ſpeciell der in weiblichen Handarbeiten in den Händen verfchiedener Frauenorden. war die Auch in Deutfchland lieferten die Schulen der Francis canerinen von Sieffeu, der Schulfchweftern in Rottenburg gröfstentheils fehr fchöne Arbeiten. Die Erfteren ftellten den ganzen Lehrgang in verfchiedenen Tabellen aus. Das Klofter St. Urfula von Wien betheiligte fich auch mit recht hübfchen Arbeiten, darunter Nähereien und Stickereien. Befonders bemerkenswerth Nummer 519, ein geftickter Tafchentuch- Behälter, und Nr. 529, ein in Knüpfarbeit verfertigter Lichtfchirm, der leider in fchlechter Beleuchtung ftand, fo dafs der Effect der mühfamen Arbeit nicht zur vollen Geltung kam. Derfelbe Orden aus Innsbruck brachte ein fehr hübfches Muſterband, Nr. 545, von verfchiedenen Filetund Guipure-, Häkel-, Stick- und Strickarbeiten. Nr. 1419 zeigte einen von Schülerinen der Congregation der Töchter des göttlichen Heilandes fehr ſchön gearbeiteten Teppich. In dem portugiefifchen Schulhaufe waren auch weibliche Arbeiten ausgeftellt, doch war mit Ausnahme der recht nett ausgeführten Dentelles au fuseau nichts von Bedeutung. Die geftickten Vögel aus einer Klofterfchule waren hübfch gearbeitet, aber fie repräfentirten eine Richtung der Arbeiten, der man nicht das Wort reden kann. Die Frauenarbeiten. 17 Ueberhaupt zeigen fich Wiederholungen derfelben Gefchmacksverirrungen bei all' den verfchiedenen Ausftellungen, als ob fie in mancher Zeit geradezu epidemifch gewefen wären. Man fieht wohl, wie der beffere und edlere Gefchmack mit mehr oder minderem Erfolge gegen folche Verirrungen ankämpft, aber es wird jedenfalls noch einige Zeit bedürfen, bis er den vollſtändigen Sieg über die alten Vorurtheile erringt. In Oefterreich waren es unter den Erziehungsanftalten vor Allen die Schweftern vom armen Kinde Jefu in Oberdöbling, welche durch ihre fchönen und kunftgerechten Stickereien zuerft den Sinn für ftilrichtige Arbeiten und Zeichnungen in diefem Zweige weckten. Das gröfste Verdienft aber gebührt dem öfterreichifchen Muſeum, das durch alle ihm zu Gebote ftehenden Mittel, durch feine Schulen, durch Vorlefungen und hauptfächlich durch die Ausgabe guter Vorlagen für Stickmufter den irre gegangenen Gefchmack in rechte Bahnen zu leiten verfucht. Die Arbeiten der Blinden und Taubftummen find auch in den verfchiedenen Schulabtheilungen zur Ausstellung gekommen Man fieht, mit welchem Eifer der Unterricht in diefen Anftalten betrieben wird, wie man keine Mühe fcheut, die armen Blinden heranzubilden und ihnen durch praktiſche Arbeiten nicht nur Befchäftigung und Zerftreuung, fondern hauptfächlich die Möglichkeit des Erwerbes zu sichern. Die Wahl der Arbeiten fcheint fich ganz nach den Anlagen und Talenten der armen Unglücklichen zu richten, denn wir fanden da die verfchiedenartigften Leiftungen auf der Ausftellung vertreten. Beinahe wunderbar ift es, wie weit es die Schüler der Blindenanftalten in ihren manuellen Fertigkeiten gebracht haben; da find feine, in verfchiedenen Muftern geftrickte und gehäkelte Decken und Häubchen, ja felbft farbige Stickereien nebft feineren und gröberen Korbgeflechten. Die Leiftungen der verfchiedenen Länder in diefen humanen Beftrebungen find, nach ihren Ausftellungen zu fchliefsen, überall fo ziemlich gleich. Im Wiener Verforgungshaufe für Blinde werden meift Arbeiten auf Beftellung übernommen, befonders werden dort um ein Billiges recht hübfche Strümpfe verfertigt. Andere Staaten haben leider nichts in diefer Richtung ausgeftellt. Die weiblichen Sträflinge der verfchiedenen Strafanftalten haben auch ganz gute Arbeiten geliefert, was um fo verdienftvoller ift, da wahrfcheinlich die meiften in ihrem früheren Leben wenig an feinere Handarbeit fich gewöhnt hatten. Ein genähtes und gefticktes Corfet, ein Jäckchen und Häubchen aus Klöppelarbeit; eine in Tambourftich ausgeführte Altarfpitze; ein Mufterband von genähten Hemdeinfätzen verdienen befondere Erwähnung. Aus den Strafanſtalten anderer Länder ift nur in der Abtheilung des deutſchen Reiches aus der Pfarre Fräfsle in Gurtwill aus Baden ein Mefskleid ausgeftellt, gut gearbeitet, doch mit einem fo complicirten Deffin, dafs es eines eigenen Comentars bedürfte. Von den verfchiedenen Frauen- Erwerb- oder anderen Vereinen, welche denfelben Zweck verfolgen, haben der Wiener und Prager Frauenerwerb- und der Letteverein, fo auch andere ähnliche Vereine aus Darmftadt, Carlsruhe und Hamburg die Ausftellung befchickt. Die beiden öfterreichifchen Vereine find am vollſtändigften vertreten, und haben nicht nur Arbeiten von Schülerinen der Nähfchule, fondern auch von den Schülerinen der Zeichen- und Handelsfchule ausgeftellt. Der Wiener Verein, insbefonders auch noch die Arbeiten feiner franzöfifchen, englifchen und Telegraphenfchulen, welche klar darthun, wie viel auch in diefer Beziehung fchon geleiftet wurde. Von befonderer Wichtigkeit ift der ausgeftellte Lehrgang des Zeichenunterrichtes und die von den Schülerinen felbft entworfenen Zeichnungen. Ein ähnlicher Verein aus Hamburg lieferte fchöne Zeichnungen, welche eigene Compofitionen der Schülerinen find. 18 Helene Freiin v. Roditzky. Der badifche Frauenverein in Carlsruhe ſtellte eine Decke in Segeltuch aus mit Zeichnung von Fr. Prof. Schrötter; eine Arbeit von Fräulein Steiner, die fehr viel Gefchmack verrieth. Auch errang eine hübfche Mappe und eine Bettafche( desgleichen nach einer Zeichnung von Fr. Prof. Schrötter und von Fräulein Lang ausgeführt) viel Aufmerkfamkeit. Der Letteverein aus Berlin fchickte einige in Gold gefafste Medaillons mit fehr künftlich und mühevoll ausgeführten kleinen Blumenbouquets, deren Anfertigung viele Gefchicklichkeit und Genauigkeit erfordert. Rumänien hatte eine fehr hübfche Arbeitsausftellung veranſtaltet. Das dortige ganz vorzüglich eingerichtete Findelhaus, das alle Findlinge jeden Alters und jeder Religion aufnimmt, hat eine Elementarfchule, eine höhere Schule, in welcher die Kinder zu Lehrerinen herangebildet werden und ein Atelier( eine Arbeitsfchule), in welchem jene Schülerinen aufgenommen werden, welchen die Anlagen zur höheren geiftigen Ausbildung fehlen. Von den Schülerinen find fehr fchöne Filet- Guipure- Arbeiten ausgeftellt, die mit grofser Genauigkeit ausgeführt find, dann Nähereien, Weifs- und Buntftickereien für Nationalcoftume, von den kleineren Mädchen fehr hübfch geftrickte Strümpfe, ganz rein gearbeitete Häkelarbeiten, die vorgelegt waren, wie fie aus der Hand kamen. Sehr guten Effect machte eine auf Segeltuch ausgeführte Arbeit, Möbelftoff imitirend, die leicht nachzumachen ift. Im Allgemeinen find die Mufter der rumänifchen Stickereien fchön, einfach und edel gehalten, auch erinnern fie fehr im Genre an jene Mufter, die uns im fchwedifchen Jagdpavillon geboten wurden. England war auf der Weltausftellung in Bezug auf weibliche Arbeiten nur durch irifche Spitzen vertreten, die theils von Schulkindern, theils von Erwachfenen geklöppelt, gehäkelt oder genäht wurden, und wovon befonders einige als fehr fchön gearbeitet erfchienen. Dilettantenarbeiten. Merkwürdig ift es, wie fich eine uralte und mühfame Kirchen- und Klofterarbeit in den verfchiedenften Ländern erhalten hat, felbft in jenen, die fchon feit Jahrhunderten proteftantifch find, io z. B. in Schweden. Wir meinen eine beſtimmte Spitzenarbeit und eine Art Leinengitter, das in früherer Zeit ausfchliefslich zur Verzierung der Alben( einem Theile des katholifchen Prieftergewandes) und der Antipendien benützt wurde. Wir finden fie wieder, befonders die letzteren in Brafilien, wo fie durch aus Portugal kommende Nonnen verbreitet wurden. Auch aus Maracaibo war ein mit folchen Spitzen verziertes Tafchentuch ausgeftellt. Diefe Leinengitter find weit mühfamer als jene, welche man unter den gewöhnlichen„ jouren" verfteht, denn es find die Fäden aus der Leinwand oder dem Batifte oft bis zu 13 Elle ausgezogen und mit denfelben ausgezogenen Fäden in verfchiedenen Stichen herrliche aus Laub- und Blumenornamenten beftehende Deffins eingearbeitet. In der brafilianifchen Abtheilung findet man ganz befonders fchöne Arbeiten diefer Art. Aehnlich, aber noch bei Weitem mühfamer ift eine Arbeit, welche in der italienifchen Schulabtheilung ausgeftellt war und die Auffchrift trägt:„ Pedera di Trina ad ago sopra un sol pezzo di tela sfilata. Stile 500 ritrovato ed eseguito da Clorinda Nencini vedova Doneti". Unter der Nummer 4864 war zwar nur eine Ecke vollendet, doch fah man deutlich, wie diefe mühfame Stickerei gemacht wird. In derfelben Abtheilung fahen wir auch ganz herrliche Weifsund Buntftickereien und man frägt fich oft mit Staunen, ob diefe Arbeiten zu den Schüler und Dilettanten oder zu den gewerblichen Kunftftickereien gehören. Befonders fchön waren die in Flachftich ausgeführten Bilder der Stickerin Lagomaggiore, ferner die in derfelben Abtheilung ausgeftellt gewefene Stickerei Visita delle tre Marie al Sepolcro, das fchön geftickte Sacktuch und das Bild: Magdalena Die Frauenarbeiten. 19 am Grabe, von Bertoluzzi Antonia mit der Etiquette 5036, von Servi Amalia 4943 und von Maria Roma 4519. Befonders fchön geftickt war das Sacktuch mit 4505 bezeichnet und von Orfanello aus Ancona ausgeftellt. Der beinahe reliefartig geftickte Nadelpolfter 4502 delle figlie di Modena, das mit 4392 bezeichnete Sacktuch, deffen befondere Stickerei gleich auffiel, waren von Marasoli Adele aus Piacenza. Die von Mirt Marie aus Meftre mit der Nummer 4532 verfertigte Garnitur Chemifette und Manchetten) zeichnete fich durch befondere Spitzenftiche aus; fowie die von Trevefe Giulia 4529 ausgeftellten Lavori d'invenzione durch Leichtigkeit und Grazie, Gibellini Aurelia brachte ein fehr fchön gefticktes Sacktuch; die Piazetta di San Marco von Andreatta Elisa aus Padua und noch viele andere forderten unfere wärmfte Anerkennung für die in ihrer Weife ausgezeichneten Leiftungen. Im fchwedifchen Pavillon fand man fehr fchöne Spitzen auf Weifsftickereien, worunter befonders zwei, von einer 80- jährigen Frau verfertigt, unfere Bewunderung erregten, und die theils durch aufgelegte, theils durch unterſpannte Wolle, auf welche dann die verfchiedenen Stiche ausgeführt werden, befonderen Effect hervorbrachten. Sehr ſchön war auch ein gefticktes Toilettekiffen mit Fliegen. Befonders vortheilhaft machten fich die auf einfärbiger Seide oder Wollrips mit ganz einfachem Stiche ausgeführten Stickereien, welche bunte Webereien ganz trefflich imitiren. In Spanien waren einige recht hübfche Stickereien, die fich durch gleichen Stich, richtige Zeichnung und gute Schattirung auszeichneten, zu fehen, leider waren es nur fogenannte geftickte Bilder. Doch verdient befondere Erwähnung: Die Dame in Trauer", ein glücklicher Gedanke war es, fie mit abgewandtem Gefichte dargestellt zu haben. Die Stickerei in fchwarzen Fäden, ein Schlofs darftellend, war der Arbeit nach grofsartig ausgeführt. In der Abtheilung des deutfchen Reiches waren die durch ftilgerechte Mufter befonders bemerkenswerthen kirchlichen Linnenftickereien der Gefchwifter Oslander aus Ravensburg in Württemberg. Hier war auch ein fehr hübfches Chorhemd in Häkelarbeit beachtenswerth. Sehr hübíche, reine Weifsftickereien waren von Erbert und Sohn aus Plauen ausgeftellt. Die mit den Etiquetten 5574, 5565 und 5568 verfehenen Gegenftände verdienten befondere Beachtung. Zu erwähnen find auch noch die Weifsftickereien von Demuth aus Halle. Was die fogenannten Dilettantenarbeiten im öfterreichifchen Pavillon betrifft, fo findet man da einige recht hübfche in Weifs- und Buntftickerei ausgeführte Arbeiten, befonders aber verfchiedene fchöne Häkeleien und Spitzenimitationen. Wir wollen hier die hübfchen Arbeiten nach den Nummern des Specialkataloges anführen. Nr. 915, eine von Roth Julie ausgeführte Weifsftickerei für eine Altarfpitze, fehr rein gearbeitet. Nr. 917, Decke für ein Taufkiffen von Scheffler und Racz in Bezan, die Taufe Chrifti darftellend, wovon befonders die Goldftickerei ganz ausgezeichnet war. Nr. 926 brachte von Nekola Adele eine fehr hübfche Imitation venetianifcher Spitzen. Recht gelungen war der von der Kunftftickerei- Schule des Herrn Uffenheimer in Innsbruck ausgeftellte Chriftus im Flachftich, deffen Verfertigerin leider nicht angegeben war, und der eben dafelbft verfertigte Tifchteppich. Gräfin Zichy- Metternich ftellte mehrere Arbeiten aus, darunter ein Taufdeckchen im Flachftich mit einem Spruchbande, das fich um die ganze Decke fchlingt, unter der Nr. 993, und ein Kinderkleidchen Nr. 1393 in Frivolitäten und Filetguipure. Sehr fchön in Zeichnung und Ausführung war Nr. 948, eine im Tambourftich ausgeführte Altartuch- Spitze von den Schulfchweftern von Notre Dame in Johannesberg. Nr. 955 ein Polfter in Flachftickerei von Kanz Amalie, darftellend ein fehr naturgetreu mit feltenem Fleifse ausgeführtes Bouquet von Alpenblumen. Beinahe noch fchöner und befonders durch herrlichen Farbenfchmelz ausgezeichnet war Nr. 1362, ebenfalls Alpenblumen im Flachftich. Der mit Nr. 963 bezeichnete geftickte indifche Shawl von Baronin Bülow ift befonders 20 Helene Freiin v. Roditzky. hervorzuheben und die kleine Bordure, eine ganz ausgezeichnete Nachahmung der echten Shawlbourduren. Bei dem unter Nr. 991 von Sommer Pauline in Haarfeide und Goldftickerei ausgeftellten Album war erftere befonders fehr fein und genau ausgeführt. Ebenfo die Anficht von Prag, Nr. 1355, von Kanders Julie, und 1361, ein gefticktes Bild nach O. Pletsch von Baier Marie in Bielitz. Ferner dürfen nicht unbeachtet bleiben die in figuraler Seiden- und Goldftickerei verfertigten Mefsgewänder der Congregation der Töchter des göttlichen Heilandes, Nr. 1378 und 1379. Von Strick arbeiten waren befonders bemerkenswerth durch gleiche Mafchen die von Kunfchner Agnes ausgeftellten 13 Paar Strümpfe, dann ein Ueberwurf über ein Seidenkleid, Nr. 1159, und Nr. 1393, ein Taufzeug von Dorfmeifter Rofalie. Als Specialität fei hier Nr. 1010 erwähnt, zwei Strümpfe zu gleicher Zeit geftrickt von Beuer Anna aus Reichenberg. Von Nähereien waren beachtenswerth die unter Nr. 1103 von Ried Marie, Nr. 1104 von Roshirt Clotilde, Nr. 1109 von Scheidl Barbara ausgeftellten Herrenhemden. Die gröfste Reichhaltigkeit bot wohl die Ausftellung der Guipure, Point lace und Frivolitätenarbeiten. Ganz ausgezeichnet find einige Imitationen der alt venetianifchen Spitzen, Nr. 1241, von den Schweſtern Cargnelli in Trieft und die in Häkelarbeit von Kreuzberger Amalie verfertigte Copie einer alten Venetianer Spitze. Eine ganz befondere, ungemein mühfame Arbeit wurde von einer durch ihre früheren Kunftarbeiten bekannten Dame, Anna Löwenthal aus Wien, unter Nr. 1321 ausgeftellt. Es war dies eine Garnitur, Broche und Ohrringe, in Gold gefafst. Die Blumenbouquets, feinfte Mofaik darftellend, find ganz in Seidenfäden geknüpft. Sowohl der Fond als die Bouquets geben Zeugnifs von grofser Gefchicklichkeit und bewunderungswürdiger Geduld. Eine Schmetterlingfammlung aus Trieft zog die Aufmerkfamkeit auf fich durch fehr gelungene Nachahmung der von der Natur durch Farbenfchmelz und Zeichnung fo unnachmachlichen Schmetterlingsflügel. Noch finden fich eine grofse Anzahl von Holz- und Porzellanmalereien, künftlichen Blumen, Lederarbeiten vor, die wohl die Aufmerkſamkeit auf fich zogen, allein kaum alle aufgezählt werden können. Ueberhaupt gibt es keine Art Handarbeit, die nicht wenigftens im Pavillon der Frauenarbeiten vertreten war. Doch können wir uns nicht enthalten zu bemerken ,, dafs dabei viel des Gefchmacklofen und Nutzlofen unterlief und die Mehrzahl der Leiftungen zeigte, dafs die häusliche Befchäftigung der Frauen und Mädchen, die fogenannte Dilettantenarbeit noch lange nicht den richtigen Weg gefunden hat, fich ſchön und nützlich zu geftalten. Hier haben die Frauenvereine durch Anlage von Mufterfammlungen, Ausgabe von Vorlagen u. f. w. einen grofsen Wirkungskreis noch auszufüllen. Die weiblichen Arbeiten der Hausinduftrie. In verfchiedenen Abtheilungen der Weltausftellung wird uns diefelbe vor Augen geftellt, fowohl im Pavillon für Frauenarbeiten, im fchwedifchen Jagdpavillon, wie in der Hanakengruppe, in der Abtheilung von Dalmatien, Rumänien etc. In den öfterreichiſchen Kronländern herrfcht die Hausinduftrie noch am regften in Mähren, Schlefien, Krain, der Bukowina, Croatien, Siebenbürgen, Dalmatien. Ungemeine Sorgfalt verwenden die Frauen hier auf ihren Schmuck. Sie weben ihre Stoffe felbft, fticken die verfchiedenen Kleidungsftücke oft mit gröfserem oder geringerem Gefchmack, weifs oder bunt, mit Seide und Perlen und wenn die Arbeiten im Ganzen genommen nicht immer zu den feinen und fchönen gehören, fo haben fie doch einen grofsen traditionellen Werth. Die Zeichnung und Farbenmifchung find faft immer muftergiltig. Bemerkenswerth ift es, dafs genau diefelbe Die Frauenarbeiten. 21 Art der Arbeit der Mufter und Gewebe in den entfernteften, felbft aufser Europa liegenden Gegenden zu finden ift. Im fchwedifchen Jagdpavillon war eine höchft intereffante Collection der Hausinduftrie zufammengeftellt. Die Zeichnungen der meift von Bäuerinen gewebten Teppiche zeichneten fich befonders durch gefchmackvolle Deffins aus. Mit befonderer Pietät hängt man dort an den fogenannten altfchwediſchen Muftern, die einzelnen Motive aus dem fo reichen nordifchen Sagenkreife darftellend. Es wäre höchft wünſchenswerth, wenn diefe Deffins durch Muftervorlagen gröfsere Verbreitung fänden. Die Reichhaltigkeit und Vielfeitigkeit der dort betriebenen Hausinduftrie erklärt fich leicht durch die langen Winterabende, in denen man aufser dem Haus keine Befchäftigung hat. In der türkifchen Abtheilung fanden wir eine ganz befondere Art von weiblicher Arbeit, die bei uns gar nicht bekannt ift und deren Nachahmung und Verbreitung fehr zu empfehlen ift. Wir fprechen von den weifsen und buntfarbigen Spitzen, von denen einige recht hübfche Exemplare ausgeftellt waren, aber häufig noch viel fchöner verfertigt werden.*) Diefe Arbeit wird meift von Griechinen gemacht, heifst türkifch: kiné, griechifch: bibiles, auch rochania und wird von offener Seide, welche man befonders dreht, durch den fogenannten LuftmafchenStich mittelft Nähnadel verfertigt. Sie dienen hauptfächlich als Verzierung der Joppen und des Kopfputzes türkifcher, armenifcher und griechifcher Frauen. Die in weifser Seide ausgeführten Kinés find die werthvollften, die fchönen Deffins geben Zeugnifs von der Erfindungsgabe und Gefchicklichkeit der Verfertigerinen. Ein Nachtheil ift, dafs diefe werthvolle, die Augen anftrengende Arbeit fo fchnell fchmutzt und müffen diefe Spitzen wie die Bruffaer Seidenhemden durch Schwefeldampf geputzt werden. Die zu diefen Spitzen erforderliche Seide bekömmt man aber nur im Oriente, woher man fie kommen laffen müfste, wollte man bei uns diefe Arbeiten einführen und nachmachen. Das follte jedoch nicht davon abfchrecken laffen, diefe kunftvolle Arbeit zu verbreiten, die höchft dauerhaft ift und fich fehr gut zur Verzierung auch unferer Kleider und Coiffuren eignen würde. In Perfien, wo es bis jetzt noch keine Fabriken gibt, fteht die Hausinduftrie nach allen Richtungen in gröfster Blüthe. Wir fehen in der perfifchen Abtheilung die herrlichften Teppiche und der flüchtige Befchauer ahnt wohl nicht, mit welcher Mühe und Anftrengung diefelben verfertigt werden. Die bunten eigenthümlichen Deffins find da nicht eingewebt, fondern eingeftickt, dann erft mit Seide darauf geftickt. Welche Geduld und Genauigkeit erfordert eine folche Arbeit, an der die ganze Familie oft 2-3 Jahre befchäftigt ift und die um den erftaunlich wohlfeilen Preis von 300-500 Francs zu erftehen ift! Aber mit Bedauern fieht man, dafs hie und da auch die Orientalen ihre eigenthümlichen Zeichnungen, ihre charakteriftifchen Farben aufgeben, um nach europäifchen Muſtern zu arbeiten, wobei es häufig gefchieht, dafs fie überdiefs eine unglückliche Wahl treffen. So fieht man in der perfifchen Abtheilung Schuhe mit befonderer Befriedigung vernahmen wir, dafs fie von einem Herrn geftickt feien mit in Flachftich ausgeführten Blumenbouquets, welche durch Zeichnung und Farbenzufammenftellung gar nicht in die perfifche Abtheilung zu paffen fcheinen. Ueberhaupt gefchieht es fo leicht, dafs man im Beftreben, fich die Fortfchritte und geiftigen Errungenfchaften anderer Nationen anzueignen, die eigene Richtung ganz aufgibt und ftatt zu gewinnen nur eintaufcht, wenn nicht verliert, was folgerichtig zum Untergange alles Charakteriftifchen in Zeichnung, Farbe und Gefchmack führen mufs. - - Aus Tiflis waren auch einige fehr hübfch ausgeführte Goldftickereien und Teppiche in Tambourftich ausgeftellt, defsgleichen fchöne Goldftickereien von Griechenland. Ganz eigenthümlicher Art find die indifchen Goldftickereien, die wie die zarteften Gewebe den eigentlichen Grundft off ganz zu überziehen fcheinen. Man * Siehe Ferdinand Stamm: Die Stickerei und die Spitzen 3 22 Helene Freiin v. Roditzky. konnte wohl bewundernd davor ftehen, doch fehlt uns die Zeit und das herrliche Material, um folche Stickereien nur annäherungsweife nachbilden zu können. In den europäiſchen Staaten, Schweden ausgenommen, tritt an die Stelle der Hausinduftrie nun immer mehr und mehr die fabriksmäfsig organifirte Induftrie auch für die zarteften Arbeiten und fehen wir diefelbe in der Schweiz, in Frankreich, im böhmifch- fächfifchen Erzgebirge am ausgeprägteften ausgebildet. Dort werden die Arbeiten von den Fabriksherren vertheilt, die Einwohner find befchäftigt und finden Verdienft; damit geht freilich das Befondere im Allgemeinen unter; die Hausinduftrie zieht fich immer mehr in entlegenere Winkel zurück und wird uns in Jahren vielleicht nur durch einzelne Mufter in Muſeen zur Anfchauung gebracht werden können. Aber ficherer Verdienft, geordnete Befchäftigung zieht in das Haus ein. Ferne von der Bewegung, die fich in Europa vollzieht, bei den Staaten und Völkern anderer Welttheile, hat fich noch manche eigenartige Blüthe der Frauenarbeit behauptet, und wir können uns nicht enthalten, hier noch darauf hinzuweifen, obgleich fie in den Bericht der Kunftblumen wohl auch Erwähnung finden werden, ähnlich wie mancher Gegenftand unferer Betrachtung fchon im Berichte von Ferdinand Stamm zur Geltung kam. Wo aber die Ordnung der Arbeitsleiftung ebenfo wie die geleiftete Arbeit felbft fo innig ineinander greift, läfst fich eine mathematiſch genaue Trennung wohl nicht einhalten und die Wiederholung ift der Vollständigkeit halber geboten. Doch wollen wir uns fehr kurz faffen: In der brafilianifchen Abtheilung nämlich erregten die Federblumen von Mademoiſelle Nathé allgemeine Bewunderung. Diefes Gefchäft nimmt fchon Mädchen mit 8 Jahren auf, um ihnen diefe Arbeit zu lehren, in welcher fie es bald zu einer ftaunenswerthen Fertigkeit bringen, um entweder zu Haufe oder in einem Gefchäfte die Arbeit als Erwerb zu üben. Oft nimmt diefes Etabliffement auch Waifenkinder auf, die dann dort ganz erzogen werden. Ihre gefchicktefte Arbeiterin ift gegenwärtig ein folches, eine junge Mulattin, die noch nicht 16 Jahre alt ift. Die jungen Arbeiterinen müffen nach der Natur ihre Arbeit bilden. Man gibt ihnen eine Blume zum Mufter und fie copiren fie dann in Federn. Die Myrthenbouquets, Camelien, Nachtfchatten und ein kleiner Zweig rother Blüthen, wie fie die Ausftellung zeigte, waren Kunſtwerke. An den befonders gefuchten Fächern war die feine Biegung der Federn bemerkenswerth, ebenfo wie die wohlthuende fanfte Mifchung der Farben. Gegenüber in der amerikanifchen Abtheilung waren mehrere aus Wachs verfertigte Blumenbouquets von Mifs Bloody vod ausgeftellt, die mit unendlicher Weichheit modellirt waren. So fehen wir in der kurzen Skizze, die wir gegeben, dafs der Satz, den Dr. Ferdinand Stamm in feinem Berichte aufftellt, der Satz: dafs der weiblichen Hand noch viel zu thun übrig bleibt, vollkommen wahr ift. Die weibliche Hand hat damit den Stolz, dafs fie behaupten kann, daſs, wenn auch die Mafchine ihr allenthalben nachdringe, diefe doch nimmer Alles wird fchaffen können, was die weibliche Hand leiftet, und wenn fie es einmal thut, wird die Hand doch fchon längft wieder das Neuere gefchaffen haben.