OFFICIELLER AUSSTELLUNGS- BERICHT HERAUSGEGEBEN DURCH DIE GENERAL- DIRECTION DER WELTAUSSTELLUNG 187 3. DIE GOLDSCHMIEDEKUNST. ( ARBEITEN IN EDELMETALL UND EDELSTEIN.) ( Gruppe VII, Section 1.) BERICHT VON JAKOB FALKE. WIEN. DRUCK UND VERLAG DER K. K. HOF- UND STAATSDRUCKEREI. 1875. 2787 DECK AND KETY DEV MIEX BEBICHI TH Grabbe ABC I VKBEILEN IN EDETWELVET DIE COFD2CHMIEDEKZ21 ST B CEMEKVI DIKECLIO DEK ME DEK METUNCELED 7221ETTOZC2- BEKICHI OELICIEPTEK VORWORT. Wenn der Verfaffer diefes Berichtes, einer allzufpäten Aufforderung folgend, der er fich dennoch nicht entziehen will, es unternimmt, noch fo lange Zeit nach Thorfchluss eine Darftellung von einem der intereffantesten und wichtigſten Zweige unferer und mit Recht Weltausftellung zu liefern, fo mag das - - als ein kühnes Unterfangen erfcheinen, als ein Unterfangen, das fich gar leicht felber mit dem Mifslingen ftrafen kann. Zwar find feitdem mancherlei Publicationen über die Weltausftellung erfchienen, die auch von feinem Gegenftande reden und feine Notizen ergänzen könnten, um ein ausgeführteres Bild zu verfaffen. Allein, da hier naturgemäfs die Perfönlichkeit des Berichterftatters, feine eigene Anfchauung, fein eigenes Urtheil nicht aufser Frage ftehen, fo zieht er es vor, auf die fremden Quellen Verzicht zu leiften und fich auf das zu verlaffen, was er felber gefammelt, beobachtet und im Gedächtniffe bewahrt hat. Die Darftellung wird fich freilich auf diefe Weife, ftatt des Detailberichtes, mehr in allgemeineren Zügen halten müffen; fie wird die bedeutende Erfcheinung einerfeits, das Typifche und Charakteriftifche andererseits herauszugreifen haben und manchen Namen unerwähnt laffen, der in einem ausgeführteren Bilde nicht fehlen dürfte. Möge fie aber darum der Wahrheit nicht ermangeln! DIE GOLDSCHMIEDEKUNST. ( ARBEITEN IN EDELMETALL UND EDELSTEIN.) ( Gruppe VII, Section 1.) Bericht von JAKOB FALKE. EINLEITUNG. Wenn wir es verfuchen, uns den reichen Stoff überfichtlich zurecht zu legen, den uns die Goldfchmiedekunft darbietet, fo treten uns der Fragen so viele entgegen, es zeigen fich uns der Wege, die wir einfchlagen können, mehrere, fo dafs wir einigermafsen in Verlegenheit find. Wir können dem geographifchen Gange folgen, den uns der Plan der Weltausftellung in der Reihenfolge der Länder vorfchreibt, von Often nach Weften oder von Weften nach Often. von der alten oder der Halbcultur zur modernen Cultur oder umgekehrt, das aber wäre ein fehr äufserliches und mechanifches Verfahren. Wir können ferner die Länder einzeln nach ihrer Bedeutung und Wichtigkeit in Bezug auf den in Rede ftehenden Gegenftand fchildern, eines nach dem andern und fie nach ihren Leiftungen mit einander vergleichen. Wir würden auf diefe Weife aber gar Vieles des Oefteren zu wiederholen haben und zugleich verhindert fein, uns zu einer höheren und allgemeineren Betrachtung des Gegenftandes zu erheben. Das wahre Ziel der Aufgabe fcheint uns vielmehr darin zu liegen, nicht fowohl die Länder und ihre Producte, als die Leiftungen der modernen, der gegenwärtigen Goldfchmiedekunft kennen zu lernen und in ihrem Werthe abzufchätzen, fie in ihrer Art, in ihrer Entftehung zu begreifen, fie mit Hilfe der Vergangenheit mit dem abfoluten Mafsftabe zu meffen, um zu fehen, was ihr fehlt, was ihr noththut, in welcher Richtung, auf welchen Wegen fie fortftreben mufs, um zur Vollkommenheit zu gelangen. Darnach erft wird es möglich fein, was auch in Kürze gefchehen foll, den Standpunkt der verfchiedenen Länder zu vergleichen, um fchliefslich für uns, für Oefterreich, die Nutzanwendung für die Zukunft zu machen. Hieraus geht hervor, dafs wir nicht der Eintheilung nach den Ländern folgen können, fondern dafs wir uns unferen Stoff gegenftändlich zu zerlegen haben, und da ergibt fich die Scheidung von felber. In dem grofsen, weiten Gebiete, das wir allgemein mit dem Namen der Goldfchmiedekunft bezeichnen, das aber alle Arbeiten, oder richtiger alle Kunftarbeiten in edlen Metallen begreift, treten uns zwei grofse Gruppen entgegen, die Arbeiten in Silber und die Arbeiten in Gold. Beide find dem Stile und der Technik nach im Wefentlichen nicht gefchieden, aber doch dadurch getrennt, dafs die Arbeiten in Gold, 6 Jakob Falke. Einleitung. als in dem koftbareren Materiale, in der Hauptfache fich auf den Schmuck oder auf die kleineren Gegenftände befchränken, die gröfseren aber als Gefäfse und Geräthe dem Silber zufallen. Sie laffen fich daher in der Befprechung fehr wohl trennen, und das um fo leichter, als die Behandlung des Silbers in feiner Oberfläche eine Frage ganz für fich felber bildet. Zu diefen beiden Gruppen der Silberarbeiten und des Goldfchmuckes gefellt fich aber eine dritte, die fich eigentlich von der zweiten abzweigt. Zu dem Goldfchmucke treten als ornamentale Ergänzung die Edelfteine hinzu, welche andererfeits auch wieder zur Hauptfache werden und fich des Edelmetalls nur zur nothwendigen Faffung und Haltung bedienen. Diefe " Juwelierarbeiten", mit welchem Namen fie auch gefchäftlich fich von der eigentlichen Goldfchmiedekunft fondern, ohne fich doch ganz von derfelben zu löfen oder ihrer entbehren zu können, werden wir als dritte Gruppe zu befprechen haben. Wir beobachten die angegebene Reihenfolge.) nov idoited XIAOA[ us was msb doctus deiladored hot2 nedois asb and oz megen ab anu asis of sidebandsheimdalbic sib anu neb noge! demo galdelnie iw sib geWeb and do nogies as negegins sist mob mód w ba tiadasgelie ai aslamoginis silab ost eglenedioЯ asb ni gnullsflaunt's77 ab asi 196 au asb dago aga salid mono dos nos mov 1sbo nos do so nov diodolov 135I isb adnanbandedom 1950 al mabomus aurisdicH 19b sabo neils 195 07 sib emel enodai nodine odotinados a adoledus idet als 1 obeЯ ai asb tus gused ai legidol bou gebede doen niesule onź! astili doan oil bau anebas meb doen als meblich busfused nebede aslei agrada elis W sloibus nababy ins 1919 us zu diel baidov doisigus bau nedad aelodiebeiw us no sib Ifowol doin negeil as nineb ademisi anu tiedot adagh 195 lei bobom 15 negauis.I sib als subot sidi bau nebul ni sit nestadoluda de modi ai bau sled nedsbeimda8160 mob tim sisegnare Vob oliH simen nolieged us gaudesta 19liai A ni auditon di as idet di vedel us mu nollem us edatsM nouicida nemmedllous malum asdorfinot si nego nedolow us and solv dai doua eswaist dolgem as briw fine dosad negnalog us o Hotelsida mu asdoisigious obat menebeide web tugba nab 57 nedoom us and sib ut gaubaswasta sib dissoutenu 101 bad asb doza gaulisda sb idola iw aboved deg ausil gehes us dailbangay Bora eta aniwalab misbact notlow nedong meblado do gaubiano sib do dis ab bau nedad mendoissed fudabsimdolbic asb nema meb im nismsglls i anh 91990 nellate neibe ni astiasa sila gioi 19b0asiaA alls 19ds bau die al metodo es long laws and 1911 did taste an dosa indos 1sb2 mob bad ebied instid: A sib blo al astied A sib dab se dobab doobeda nebaidolsa dia nedbil I. Silberarbeiten. Die edlen Metalle haben als Material der Kunft und der Kunftinduftrie eine doppelte Eigenfchaft, einmal die plaftifche und fodann die malerifche. Sie find durch ihre Giefsbarkeit, Dehnbarkeit, Zähigkeit, durch ihre Fähigkeit, das höchfte und zartefte Relief in feinfter und vollendetfter Ausführung anzunehmen, in eminentem Sinne zur Plaftik geeignet; ebenfo aber wirken fie durch die Farbe, fowohl durch diejenige, welche ihnen eigenthümlich ift, wie durch diejenige, welche fie, fei es durch Veränderung, fei es durch Hinzufügung, anzunehmen geeignet find. Wir haben daher auch die Silberarbeiten von diefen zwei Seiten zu betrachten, in Bezug auf die Form, wie in Bezug auf die coloriftifche, Behandlung der Oberfläche, kurz gefagt, in Bezug auf die Farbe. Von erfterer reden wir zunächft. Formelle Behandlung und Geftaltung der Silberarbeiten. Es läfst fich nicht leugnen, dafs in beiden Beziehungen, in Bezug auf Form wie Farbe, die Silberarbeiten im XIX. Jahrhundert auf einen fehr niedrigen Standpunkt herabgekommen waren. Was zuerft die Form betrifft, fo ift die Gefchichte ihrer Veränderung und Umbildung feit dem XVI. Jahrhundert als ein fortwährender Rückgang, als eine ununterbrochene Verfchlechterung zu betrachten. Die wohl abgewogenen Gefäfsformen der Renaiffance, die guten Verhältniffe, die edlen Contouren, die feine und reiche wechfelvolle Gliederung, die getriebene Verzierung fowohl im Ornament wie in den Figuren, die niemals die Linien des Contours zerftört, fondern nur den Schwung derfelben erhöht oder fich unterordnet und in den Rhythmus einfügt alle diefe unfchätzbaren und zur Schönheit fo nothwendigen Eigenfchaften gingen fchon bis zum Ausgange des XVII. Jahrhunderts verloren. Diefes Jahrhundert hatte fich namentlich bei den gröfseren Gefäfsen noch eine gewiffe derbe Gefundheit bewahrt, wenn auch Feinheit und Reichthum entwichen waren; das XVIII. Jahrhundert aber, das im Geifte des Rococo felbft der Symmetrie abhold war, fetzte die gröfste Willkür an die Stelle. Unter den unregelmässigen, gefchwungenen und ausgefchweiften Linien, welche nicht mehr geftatteten, dafs eine Seite der anderen glich, ging unter, was noch Gutes aus der Renaiffance übrig war. Der Willkür und der launenhaften Geftaltung wurde freilich am Ausgang des XVIII. Jahrhunderts wieder ein Ende gemacht, aber was ftatt deffen kam, die nüchternen, fteifen, reiz- und phantafielofen Formen, welche der antikifirende Gefchmack einführte, war um nichts beffer. Die Imitation der Antike, die dazu noch eine falfch verftandene war, löfchte nur die freie Schöpferkraft aus. Als nach dem Sturz des Empire auch diefer Gefchmack wieder befeitigt wurde, da war es eigentlich mit der Goldfchmiedekunft fchon gänzlich am Ende der Formenfinn verloren, die Erfindung verfiegt, alle feinere Technik aus der Uebung gekommen und in Vergeffenheit gerathen. Aus der ganzen Zeit vom zweiten jahrzehent diefes Jahrhunderts bis auf die Erhebung des Gefchmacks in unferen 80 Jakob Falke. Tagen ift mir niemals ein Werk in edlem Metall zu Geficht gekommen, das künftlerifch fich anders als eine Lahmheit oder eine Verirrung dargestellt, ja das auch nur vom Standpunkt der Arbeit unfere befondere Aufmerkſamkeit erregt hätte. Indefs mufste fich doch die Goldfchmiedekunft während diefer Jahrzehnte in beftimmten Formen bewegen und fie that das auch. Diefe Formen- ich erinnere an die Leuchter, Becher, Kannen, Töpfe und fonftiges Silbergefchirr der Tafel waren anfangs allein diejenigen des Rococo, welche ohne alle Schöpferkraft wieder aufgenommen und mechaniſch fortgepflanzt wurden, ohne Leben, ohne Verſtändnifs für ihre Wefenheit. Es waren eben Formen, die geübt wurden in Ermanglung eigener und felbftgefchaffener. - Alsbald trat aber zu diefen überkommenen und verkommenen Bildungen eine neue Kunftart, die man als etwas, was der Zeit eigenthümlich war, mag gelten laffen. Diefs ift der Naturalismus. Wie in Verzweiflung und Rathlofigkeit hatte fich der Zeitgefchmack an die Blume gemacht und fie zum Ein und Alles feiner Ornamentation erkoren, und zwar überall dabei nur möglichft naturgetreue Nachbildung angeftrebt. Wo und wie fie fonft angebracht wurde, war gleichgiltig. Die Blume oder im weiteren Sinne die Pflanze blieb aber nicht blos Ornamentation, fie wurde Form, d. h. fie fetzte fich als Gefäfs oder Geräth an die Stelle der alten, wohlbegründeten naturgemäfsen Formen. Was aber mit den Blumen und Pflanzen gefchehen konnte, das war denn auch mit Thieren und Menfchen möglich, die naturaliftifch ganz in derfelben Art und in demfelben Sinne hinzutraten. Eulen, Füchfe und anderes Gethier wurden zu Gefäfsen, ihre Köpfe bildeten die Deckel, Palmen, welche Schalen trugen, während Neger oder fonft allerlei exotifches Volk den Stamm umtummelten, bildeten Tafelauffätze; Champagnerkühler oder Punfchbowlen beftanden aus hohlen Eisblöcken, über welche Seebären hinwegkletterten. Das war nach der formellen Seite der Zuftand der Dinge bei den Silberarbeiten vor dem Beginn der Reformbeftrebungen in der Kunftinduftrie: einerfeits abgelebte reizlofe Rococoformen, andererfeits- und in diefer Beziehung fuchte man befonders künftlerifche Aufgaben zu löfen naturaliftifche Gebilde. Die Frage ift nun, welche Veränderungen find feitdem eingetreten? Ift der Standpunkt zur Zeit der erften Weltausftellung von 1851 ein überwundener? Haben fich Gefchmack und Arbeit dem Befferen zugewendet? Und in welcher Richtung ift diefes gefchehen? Bei dem Verfuch, diefe Fragen mit voller Sicherheit durch unfere Weltausftellung zu beantworten, ftofsen wir allerdings auf einige Schwierigkeiten. Nicht alle Staaten hatten Silberarbeiten ausgeftellt oder hatten es wenigftens in genügendem Mafse gethan. Frankreich felbft, das diefen Kunftzweig unter feine bevorzugten und glänzendften rechnen kann, war eigentlich nur mit einem einzigen Ausfteller vertreten, mit diefem allerdings in höchft ausgezeichneter Weife. Aber diefer eine, Chriftofle in Paris, hatte die gewöhnlicheren Arbeiten der Mode und des Gebrauchs, wie fie in Frankreich in Uebung find, zu Haufe gelaffen und war nur mit exquifiten Gegenftänden erfchienen. So konnte man an ihm fehr wohl erkennen, was Frankreich zu leiften vermag, nicht aber, was in diefem Lande der herrfchende Gefchmack bei den in Gebrauch ftehenden Dingen ift. Ein deutlicheres Bild, welches die höheren und die gewöhnlichen Leiſtungen zugleich umfafste, gaben die Ausfteller Englands, unter denen Elkington in Birmingham und Hancock in London hervorragten. Noch klarer zeigte fich der Zuftand der Dinge erkennbar bei Deutfchland, das uns eine reiche, mannigfache, in gewiffer Weife felbft grofsartige Ausstellung von Silberarbeiten vor Augen führte. Ihr Eindruck und ihre Ueberficht wurden aber dadurch gefchädigt, dafs die Gegenftände aufserordentlich zerftreut aufgeftellt waren Diefer Umftand beeinträchtigte auch die fonft vortreffliche Collection der Silberarbeiten Dänemark's, das gerade in diefer Beziehung nicht unbedeutend erſchienen war. Auch Holland hatte ein paar Fabrikanten moderner Silberwaaren gefendet, Silberarbeiten. 9 die für das kleine, aber reiche Land einige Figur machten. Italien glänzte nur auf dem Gebiete des Schmuckes, ebenfo auch Portugal, dagegen Spanien und Belgien mit kirchlichen Gegenftänden. Am reichften war naturgemäfs Oefterreich erfchienen, doch wurden auch hier Erkenntnifs und Ueberficht durch die getrennte Aufftellung an gar verfchiedenen Orten zerftört. Neben die. fen modernen europäiſchen Staaten hatten dann noch die Türkei und Indien ihre Beiträge in orientalifcher Art geftellt, während Rufsland zwifchen Afien und Europa mit zahlreichen und bedeutenden Leiftungen eine befondere Stellung in national eigenthümlicher Art einzunehmen trachtete und auch einnahm. Unter diefen Umftänden war es leichter, fich eine Anfchauung von der Leiftungsfähigkeit zu machen oder von dem, was auf der Höhe gefchieht, als von dem Gros der Dinge ein richtiges Bild zu gewinnen. Indeffen mit einiger Combinationsgabe konnte man auch darüber nicht in Zweifel bleiben. So konnte man fich der Wahrnehmung nicht verfchliefsen, dafs in den Silberarbeiten trotz zehn- oder zwanzigjähriger Reformbeftrebungen der gefchilderte Zuftand der Dinge in formeller Beziehung keineswegs ein überwundener Standpunkt ift, dafs vielleicht noch die Maffe des gewöhnlichen Fabrikats einerfeits von Rococoformen oder wenigftens folchen, die abfolut nichtsfagend find, neben naturaliftifchen Bildungen beherrfcht wird. Andererfeits ift aber auch mit gleicher Entfchiedenheit anzuerkennen, dafs man die befferen künftlerifchen Aufgaben faft durchgängig in anderer, höherer Weife zu löfen fucht, fei es durch die Renaiffance, fei es durch griechifche Motive, fei es fonft in anderer Art. In diefer letzteren Beziehung herrfchte eine aufserordentliche Mannigfaltigkeit und folglich auch Unentfchiedenheit und Haltungslosigkeit, ein Charakterzug, der am deutlichften bei den englifchen Arbeiten zu Tage trat, während die öfterreichifchen- ich meine natürlich die befferen und kunftvolleren am meiſten einheitliche Richtung zeigten, und zwar auf dem Wege der Renaiffance. Fragen wir zunächst nach den gewöhnlichen, herkömmlichen und bedeutungslos gewordenen Formen, fo zeigten fie fich ganz insbefondere in Deutfchland und auch in den kleineren Staaten, fowie bei vielen öfterreichifchen Ausftellern zu Haufe, während die Armleuchter, Girandoles, Gefäfse für Speifen, Thee und Kaffee bei dem Parifer Chriftofle, foweit fie dem gewöhnlicheren Gebrauch angehörten, die beftimmtere Form der Stilarten des XVIII. Jahrhunderts angenommen hatten. Bei den beiden holländifchen Fabrikanten Boonebakker& Zoon in Amfterdam und van Kempen in Utrecht, Haag und Rotterdam waren in Vafen, Gefäfsen und Theegeräth die herkömmlichen Formen faft einzig und nur zum Theil von naturaliftifchem Ornament überdeckt; nur hier und da zeigte fich ein Anklang von befferer Richtung in Anftrebung eleganterer Bildung der Contouren, z. B. bei Boonebakker'fchem Theegefchirr mit Elfenbeingriffen. Wie die Holländer grofse Aufgaben anfaffen, werden wir später fehen. Ganz auf dem gleichen Standpunkt ftand unter den deutfchen Fabriken die von Jürft in Berlin, wenn fie auch nach Berliner Art antike Motive damit zu verflechten trachtete, während die dänifche Fabrik von Chriftefen in Kopenhagen zwar fich nicht von der jüngsten Vergangenheit und ihrer Art losgefagt hatte, aber doch dem Gefchirr durchwegs edlere und elegantere Linien zu geben trachtete. Wir werden später bei Gelegenheit des Schmuckes auch andere gute Seiten diefer Fabrik kennen lernen. Unter denjenigen Fabriken der ganzen gebildeten Welt, welche noch dem wildeften Naturalismus huldigen, ftehen die deutfchen obenan, und zwar war es auf der Weltausstellung felbft diejenige von Koch& Bergfeld in Bremen, welche ihn am ungemifchteften zum Ausdruck brachte. Ihr zur Seite ftellte fich aus Süddeutſchland Dominicus Kott in Schwäbifch- Gmünd mit Glasfchalen tragenden Eichbäumen, unter denen allerlei Jäger und Jagdthiere ihr Wefen trieben. Das Verkehrtefte, weil Anfpruchsvollfte, in diefer Richtung hatte aber wohl Bruckmann in Stuttgart gefendet, der die poefie- und reizvollen Zeichnungen 10 Jakob Falke. Schwind's zum Märchen von den fieben Raben in diefer naturaliftifchen Art zu Tafelauffätzen und Gefäfsen verwendet und noch dazu mit allerlei unpaffendem Zopfornament verfehen hatte. Dicke Eichbäume mit vergoldetem Laub und Vögeln darin tragen Glasfchalen, die wieder mit Rococo Ornament von vergoldetem Silber behängt find; der Stamm wurzelt in vergoldeter Silberplatte, die mit Fruchtkränzen behängt ift und auf drei Voluten als Füfsen ruht. Schon das ift finnlos genug; im hohlen Stamm aber oder um denfelben, im Gebüsch und Gewächs, das ihn umgibt, gehen im freien Relief die Scenen aus dem Märchen vor fich. Man kann wahrlich in der Meinung, etwas Gutes und Grofses zu fchaffen, nicht weiter irre gehen stribisl as sw mom ssib sin als Indeffen ftehen die deutfchen Arbeiten in diefer Art nicht ifolirt, die englifchen treten ihnen faft würdig zur Seite. Es klingt faft unglaublich, dafs die erften Namen Englands in ihrem Zweige Elkington und Hancock trotz aller nunmehr zwanzigjährigen Reformbeftrebungen in England dennoch es wagen, mit dem ganzen Gelichter der Thiergefäfse auf einer Weltausftellung zu erfcheinen, und ebenfo mit allen jenen gröfseren Gegenftänden, bei denen fich einfach eine Landfchaft oder ein Genrebild tafchenfpielerifch in ein Gefäfs oder einen Tafelauffatz umwandelt. Die Collectionen, welche beide genannten Firmen zur Ausftellung gebracht hatten, waren voll davon. bladed negaublic asdoli sdag Glücklicherweife waren das nicht die einzigen Gegenftände, welche die englifchen Silberwaaren vertraten. Nicht bloss gab es einen anderen Ausfteller, Shaw& Fisher, der in praktischem, insbefondere für den Theetiſch beftimmtem Geräth faft durchwegs hübfche und elegante Formen zeigte, ohne einem beſtimmten Stile zu folgen; auch jene grofsen Fabrikanten, insbefondere Elkington, der feine Stärke in Silber hatte, wie Hancock die feine in Gold- und Edelſteinfchmuck, führten jene naturaliftifchen Arbeiten doch nur im Gemisch mit anderen und glänzenderen Gegenftänden uns vor Augen." is Я wood Eben diefes Gemifch der Formen und Stilen aber ift wiederum charakteriftifch wie für die ganze neuere englifche Kunftinduftrie, fo insbefondere für die Silberarbeiten. Die grofse Ausstellung von Elkington war ein Mufter dafür, in der man alle Kunftart vereinigt fah, die auf diefem Gebiete verfucht wird. In dem Tafelgeräth, in den grofsen Gewinnftgegenständen oder Preisftücken für Wettrennen und Preisfchiefsen fah man neben dem Naturalismus zahlreich griechifche Motive, andere Beifpiele in den Formen des Rococo oder Louis XV., andere und mitunter fehr tüchtige Arbeiten, wie Vafen oder figurenreiche Schalen in der Weife der Renaiffance, andere mit indifchen oder felbft chinefifchen Motiven, letzteres namentlich in dem Falle wenn Email zur Ornamentation hinzutrat. goudsin ni gadi 195lled nov grabla mis oil sigios sb br nisdas Ebenfo konnte man in der Bildung und Zeichnung der Figuren, in der Behandlung des Reliefs verfchiedene Manieren unterfcheiden, davon namentlich die eine, fchwerer und fteifer, englifchen Urfprung verräth, die andere mit mehr Leichtigkeit und Grazie allerdings auch nicht ohne eine gewiffe Manierirtheit gar fehr an franzöfifchen Einflufs erinnert. Und diefes letztere ift nicht ohne beſtimmten Grund, denn als die Engländer ihre Schwäche in Sachen des Gefchmacks erkannten, haben fie zu ihren anderen Bemühungen auch franzöfifche Künftler herüberkommen laffen und fich ihrer bedient. So glänzte insbefondere Elkington fchon auf früheren Ausftellungen mit figurenreichen Arbeiten des bekannten Vechte und diefsmal waren es die Arbeiten eines anderen Franzofen, Morel Ladeuil, welche fich vor den übrigen fowohl durch ihre eigenthümliche Phyfiognomie, wie durch gröfsere Feinheit in Erfindung und Durchführung auszeichneten.is xidoand douba mus noflolimega me ndi Dadurch haben die gröfseren künftlerifchen Leiftungen in der Expofition Elkington's, die bedeutenderen Preisftücke und Tafelauffätze einen doppelten Charakter erhalten. Bei den einen befteht die Löfung in einer denkmalartigen Darftellung; es ift geradezu ein im Grofsen gedachtes Monument mit Hauptfigur • Silberarbeiten. 11 auf dem Poftamente, mit Reliefs und verfchiedenen Gruppen oder Figuren am Fufse und zu den Seiten, alles durch allerlei allegorifche Gedanken verbunden, wie fie eben bei Denkmälern in Uebung find. Der Unterfchied ift nur, dafs diefes Monument in Silber( oder einer ftellvertretenden Metall compofition) ausgeführt und, weil für die Tatel beftimmt, in kleinen entsprechenden Dimenfionen gehalten ift. Die andere Art hält daran feft, dafs das, was für die Tafel beſtimmt ift, auch als Gefäfs erfcheinen mufs, gibt demfelben eine entsprechend reiche Bildung und fügt ihm nach der künftlerifchen Intention weiteren, mehr oder minder bedeutungsvollen Schmuck hinzu. Jene Art, die monumentale, war bei Elkington vorzüglich durch einen grofsen Tafelauffatz, die„ Internationale Volunteerpreistrophäe" vertreten, eine Arbeit des Engländers Wilms, mit Hauptfiguren und Gruppen, mit Göttern und Göttinnen, Pferde- und Ochfengeſpann, Alles frei auf Piedeftal und Unterfatz geftellt. Die andere Art hatte ihr bedeutendftes Beiſpiel in der fogenannten„ Helikonvafe" von Morel- Ladeuil, welche in der Idee ihres reichen Beiwerkes die Verbindung von Poefie und Mufik verkörperte. Diefe Vafe, reich in der Compofition, fchön in der Profilirung, von dunklem Stahl mit Incruftationen in Gold, mit Figurenfchmuck in getriebenem Silber, fomit auch von Seiten der Technik überaus intereffant, war ohne Frage das ausgezeichnetfte Stück aller englifchen Goldfchmiedearbeiten, wenn nicht überhaupt die bedeu tendfte Leiftung unter allen ihres Gleichen auf der Weltausftellung. nov Was hier in England und zwar bei demfelben Ausfteller vereinigt erfcheint, diefe doppelte, fo verfchiedenartige Löfung gröfserer Aufgaben, findet fich bei den übrigen Staaten meiftens getrennt oder doch in vorwiegender Neigung nach der einen oder der anderen Art. Wer auf altem Standpunkt fteht, folgt der monumentalen Art, wer fchon durch die Principien der Gefchmacksreform mehr aufgeklärt erfcheint, ftrebt nach rationellerer Löfung in Art der Helikonvafe.ble modo Jene Methode findet noch durchgängig bei den kleineren Staaten ftatt. So ift ein Tafelauffatz bei dem Holländer van Kempen, der die Beft immung eines Ehrengefchenks hat, vollſtändig in der Form eines grofsen Mo numents gehalten, mit würfelförmigem Poftament und Seitenfiguren und einer krön enden weiblichen Figur fammt dem niederländifchen Löwen. Von dem Dänen Chriftefen in Kopenhagen war eine ähnliche Aufgabe in der Form eines monumentalen Brunnens mit vier Schalen gelöfet, dazu mit den Gottheiten des Meeres, Neptun und Galathea und Tritonen, nebft allegorifchen Figuren der Wiffenfchaften und der Künfte. glot pulls A 1919 adsl ayibrotin ni 9 In2 Diefelbe Art der Löfung ift durchaus vorherrfchend bei den grofsen künftlerifchen Aufgaben, die den Goldfchmieden Berlin's in letzter Zeit in ungewöhn lichem Mafse zu Theil geworden find. Die ruhmvollen Kriegser eigniffe, die Dankbarkeit gegen die fiegreichen Führer, die in glänzenden und koftbaren Ehrengefchenken ihren Ausdruck fand, haben eine Anzahl der grofsartigften Aufträge für die Goldfchmiedekunft hervorgerufen. Dafs fie fämmtlich in der gefchilderten monumentalen Art gelöfet worden find, darin liegt die Urfache theils in der Berliner Tradition, theils in dem Vorhandenfein zahlreicher wohlgefchulter Bildhauer bei faft gänzlichem Mangel fpecieller Künftler für die Kunftinduftrie. dad neb Diejenigen Berliner Goldfchmiede, welche vorzugsweife mit der Ausführung folcher Werke betraut worden find, waren einerfeits Sy& Wagner, andererfeits Vollgold& Sohn. Von Demjenigen, was fie auf die Weltausftellung in diefer Art gefendet hatten, wollen wir nur ein paar Gegenftände erwähnen. Der eine von Sy& Wagner bildet eine Erinnerung an die Schlacht von St. Privat. Es ift ein architektonifches Poftament mit freiftehenden Gruppen und allegorifchen Figuren. Ein anderer Gegenftand derfelben Fabrik ift dem Abend nach der Schlacht von Rézónville gewidmet: es ftellt den König felbft dar in einer Gruppe mit Bismarck, Moltke und Roon auf einem Poftament. Es ift alfo völlig Bildhauerarbeit im Kleinen. Dasfelbe gilt von einem dritten Silberdenkmal aus der Fabrik von Vollgold, welches mit der Boruffia auf einem Poftament 12 Jakob Falke. und drei freien Figuren zur Seite zur Erinnerung an die Stiftung des eifernen Kreuzes gefchaffen worden. Der vorwiegend plaftifche oder vielmehr bildhauerifche Charakter aller diefer Arbeiten aus Berlin zeigt fich auch darin, dafs ihre farbige Seite, die doch für Silber oder Metall wefentlich ift, fehr vernachläffigt worden, wenn auch nicht mehr fo, wie es früher in Berlin der Fall war. Wir werden darauf noch zurückkommen. In den übrigen gröfseren Silberarbeiten Berlin's, d. h. in dem, was Geräth oder Gefäfs ift, und als Schale, Leuchter, Kanne u. f. w. beftimmten Zwecken dient, machen fich noch zweierlei künftlerifche Stilarten geltend, insbefondere bei den genannten grofsen Fabriken. Einerfeits entdeckt man im Ornament wie in den Formen und auch in der Behandlung den Einflufs der berühmten antiken Gefäfse des Hildesheimer Fundes, die im Muſeum zu Berlin aufbewahrt werden, andererfeits macht fich gerade im Gegenfatz gegen antike Motive, die bisher in Berlin mehr als irgendwo anders in der Kunftinduftrie protegirt wurden, eine Hinneigung zur Renaiffance fichtbar, befonders zur deutfchen. Diefe Richtung zur deutfchen Renaiffance, ſpeciell mit den Vorbildern von Nürnberg und Augsburg, tritt aber noch bei weitem klarer hervor in den wenigen gröfseren Silberarbeiten, welche von Nürnberg aus auf die Weltausstellung gefendet waren. Wir meinen damit insbefondere zwei fehr kunftvolle Gegenstände, der eine von Kreling entworfen, der andere von Wanderer, beide von dem Silberarbeiter F. Winter in Nürnberg ausgeführt. Beide treten auch infofern in Gegenfatz gegen die Berliner Silbermonumente, als hier ähnliche Aufgaben nicht im Sinne der Bildhauerei, fondern im Geifte der Kunftinduftrie gelöfet find. Die Arbeit von Kreling, ein Tafelauffatz in Form eines grofsen Pocals auf reichgefchmücktem Poftament, bildet eine Erinnerung an das Jubiläum der berühmten Mafchinenfabrik von Cramer- Klett in Nürnberg und fchmückt fich in Figuren, Ornamenten und Infchriften in getriebener Arbeit mit einer Fülle von finnreichem Detail, das auf den Moment Bezug hat. Nicht das Gleiche kann man von der zweiten Arbeit fagen, die, übrigens in demfelben Alt- Nürnberger Stil gehalten, eine Art Schale oder Vafe man weifs eigentlich nicht recht was- darftellt und in der Zufammenftellung der Gedanken wie des künftlerifchen Details wenig Sinn und Ueberlegung verräth. Mit mehr Entfchiedenheit als irgendwo anders find es die öfterreichifchen Silberarbeiten, d. h. die neueren, befferen und vorragenden, welche dem Stil der Renaiffance in allerdings fehr freier Auffaffung folgen. Allerdings zeigte fich auch hier unter der Menge, namentlich aber bei denjenigen Arbeiten in imitirtem Silber Vieles von alter und gewöhnlicher Art und Manches, das den Naturalismus noch nicht abgeftreift hatte, aber alle Arbeiten, die etwas bedeuten follten, liefsen gereinigten Gefchmack und ein befferes und edleres Streben mit gefunderen Principien erkennen. Kein Tafelauffatz oder ähnlicher Gegenftand war in Art eines Monumentes gedacht und gefchaffen, vielleicht mit einziger Ausnahme des Ehrengefchenks von Seiten der Stadt Trieft für Tegethoff bei Klinkofch, deffen abfonderliche Jdee: Neptun, der hoch vom Felfen herab ein Schiff in's Meer fchleudert, auf Rechnung der Stadt Trieft kommt und nicht auf Rechnung des Fabrikanten. Alle gröfseren Gegenftände, die für den Schmuck und den Gebrauch der Tafel beftimmt waren, ftellten Vafen, Schalen und insbefondere auch flache Blumenvafen dar. Das hinderte nicht, dafs fie reichlich, oft nur zu reichlich von freien Figuren oder von figürlichem Relief Gebrauch gemacht hatten. Sollen wir aus der Menge guter und echt künftlerifcher Arbeiten Einzelnes namentlich herausheben, fo gedenken wir zuerft eines grofsen filbernen Tafelfchmucks nach den Entwürfen des Profeffors V. Teirich in der grofsen Collection von V. Mayer's Söhnen in Wien. Derfelbe beftand aus einem Auffatz nebft den dazu gehörigen entſprechenden Gegenftänden von Armleuchtern, Fruchtund Confectfchalen, alles in reinen Renaiffancemotiven klar und durchfichtig in Silberarbeiten. 13 edlen Linien und Verhältniffen, dazu mit angemeffenem Figurenichmuck durchgeführt. Was uns als nicht angemeffen an dem Auffatz auffiel, war die ifolirte Stellung figürlichen Schmuckes auf blank polirter fchwarzer Ebenholzplatte, wodurch fie nicht gehörig mit dem eigentlichen Gefäfs verbunden erfchienen. Ueber die Farbe, die dem Silber gegeben oder gelaffen war, werden wir auch fpäter zu fprechen haben. Aus dem gleichen Geifte, wie er im öfterreichifchen Muſeum der vorherrfchende ift, zeigten fich ähnliche Gegenftände in der Ausftellung von Granichftädten in Wien: Auffatz nebft Girandolen und Schalen, alles mit Figuren zierlich und finnig gefchmückt. Diefe Arbeiten waren in Erfindung und Modellirung Werke des Bildhauers O. König, der wie Teyrich Profeffor an der Kunftfchule des öfterreichifchen Muſeums ift. Alle diefe erwähnten Gegenftände find allerdings nicht auf directe Beftellung aus dem Publicum hervorgegangen, fondern aus Veranlaffung der Weltausftellung entftanden. Sie find alfo, genau genommen, nicht als Zeugen für den im Publicum herrfchenden, Gefchmack zu betrachten. Nichtsdeftoweniger find fie charakteriftifch und aus dem allgemeinen Gefichtspunkt beachtenswerth, einmal weil fie die Leiftungsfähigkeit ihrer Urheber bekunden, und fodann, welchen Weg, welche Art und diefsmal find es die richtigen die erften und beften Namen der Induftrie heute für nothwendig halten, wenn fie glänzen wollen. - - Die Fabrik von J. Klinkofch dagegen hatte nicht nöthig gehabt, fpeciell für die Ausftellung arbeiten zu laffen. Sie führte in reicher Collection vor Augen, was auf directe Beftellung aus dem Publicum hervorgegangen war. Dennoch liefs diefs im Wefentlichen keine andere Richtung erkennen, wenn diefelbe auch nicht ungemifcht war. Die grofsen Auffätze und andere Geräthe für die Grafen Chotek und Zichy, für den Baron Werthheim, der Tafelauffatz der Donauregulirungscommiffion, die Arbeiten für Todesco und Efterhazy, das alles bewegte fich einerfeits auf den Principien echter Silberarbeit innerhalb der Linien der Kunftinduftrie, andererfeits im Geifte der Renaiffance, wenn auch mit gar ver. fchiedenen Neigungen je nach dem Gefchmack des Urhebers oder des Eigenthümers. So neigten die einen( von Hanfen) zur Antike, andere mehr zu einer etwas freien oder barocken Spätrenaiffance, andere wieder näherten fich franzöfifcher Art; Einiges auch zeigte fich in orientalifcher Imitation gefchaffen. Das alles ift nicht zu verwundern, wenn man weifs, wie viel individueller, oft fehr wunderlicher Gefchmack bei der Entftehung folcher Arbeiten mitfpielt. Der Gefammteindruck, namentlich wenn man ältere und neuere Arbeiten verglich, war nur erfreulich. Wenn wir einige der Arbeiten in der Collection von Klinkofch, die allerdings, wie angedeutet, franzöfifchen Geift athmen, ohne Nachbildungen oder Nachahmungen zu fein, ausnehmen, fo zeigten fich alle befferen und vorragenderen Gegenftände der öfterreichifchen Silberinduftrie frei von jedem franzöfifchen Einfluffe. Das beftätigte die Ausftellung Frankreichs felbft, die in grösseren Silberarbeiten allerdings in Chriftofle nur einen einzigen Repräfentanten hatte, diefen aber umfaffend und charakteriftifch genug. Wie wir fchon oben angedeutet, hatte Chriftofle die gewöhnliche Tageswaare zu Haufe gelaffen und war im Ganzen nur mit edleren oder anfpruchsvolleren Gegenftänden erfchienen. Was davon für den Gebrauch der reicheren Tafel an Gefäfsen, Schalen, Girandolen oder fonftigen Gegenftänden beftimmt war, folgte den künftlerifchen Motiven des XVIII. Jahrhunderts, insbefondere jenen der zweiten Hälfte, welche durch den Gefchmack des letzten Kaiferthumes wieder in Mode gekommen find. Es bildeten diefe Gegenftände aber nur eine und die minder intereffante Seite der Collection von Chriftofle. Wie die Franzofen für den Bedarf ihrer Kunftinduftrie, immer nach Neuem trachtend, die Vergangenheit und Gegenwart aller Orten um Motive durchforfchen, fo trug auch diefe zweite Hälfte der Chriftofle Collection, welche mehr den Charakter des blofsen Luxus und der freien 14 Jakob Falke. Phantafie hatte, durchaus bunten und gemifchten Charakter. Da gab es vortreffliche Imitationen und freie Erweiterungen indifcher und japaniſcher Art; da gab es Gefäfse und Geräthe in fpätantikem Stil, zu denen insbefondere der fchon oben erwähnte Hildesheimer Silberfund angeregt hatte; da gab es reizende Arbeiten in reiner Renaiffance mit Laubwindungen, die auf das Zierlichfte durch. gebildet und ausgearbeitet waren; da gab es endlich Gegenftände in der mehr barocken oder fchweren Art des XVII. Jahrhunderts, insbefondere im Stil Louis XIII., der fich neben Louis XVI. in Mode behauptet.* 1 nov gullsh Diefer formellen Mannigfaltigkeit der Stilarten entſprach ein gleicher Reichthum an verfchiedenen Decorations- und Behandlungsweifen der Oberfläche. Jegliche Technik war hier vertreten, wie fie nur am Silber vorkommt und an einem Stück, einem Cabinetkaften, der als Paradeftück der Ausftellung fungirte, fogar alle mit einander. Auf diefe zweite malerifche oder farbige Seite der Silberarbeiten kommen wir noch später ausführlich zu fprechen. bonfins gouilsflaun ging Ein zweiter franzöfifcher Silberarbeiter, Emile Philippe in Paris, deffen Stärke freilich in Schmuckfachen befteht, kommt mit einigen Gegenftänden, insbefondere Caffetten, Salzfäffern und kleineren Geräthen für den Tifch auch hier in Betracht. Diefe Arbeiten, obwohl gering in ihren Dimenfionen, ftellen fich auf rein künftlerifchen Standpunkt. In Zeichnung wie in Ausführung höchft vollendet, reizend in der Erfindung, mit ihren Motiven in der beften Renaiffance ruhend, find fie fämmtlich kleine Cabinetftücke. In nov dinde sid Mit einem ähnlichen Standpunkt und ähnlichen Zielen fcheidet fich auch ein öfterreichifcher Fabrikant aus der Menge feiner induftriellen Genoffen aus. Wir meinen H. Ratzersdorfer in Wien. Seine Gegenftände: Pocale, Kryftallgefäfse, Caffetten und Schmuckkäftchen, Uhren, Schalen, reich verzierte Waffenftücke follen mehr dem Schmuck, dem feinften Luxus, als dem eigentlichen Gebrauche dienen. In den Formen fich an die Motive der Renaiffance, in ihren verfchiedenen Weifen vom XVI. wie vom XVII. Jahrhundert haltend, überdecken fie fich mit aufserordentlich reichem Schmuck fowohl in figürlichem und ornamentalem Relief wie mit translucidem Schmelz und Emailmalereien. Auch in der Vergoldung nehmen fie gewöhnlich alten Charakter an. ibigion 02 21mins Das Befondere, was diefe einzelnen Fabrikanten individuell anftreben, das erfcheint wie nationale Tendenz in der ganzen ruffifchen Goldfchmiedekunft. Wenigftens zeigte fie fich fo auf unferer Weltausftellung, wohin allerdings wohl mit Vorliebe und Abficht das Eigenthümliche und Befondere gefendet war. Diefe eigenthümliche Seite der fehr reich vertretenen ruffifchen Goldfchmiedekunft ift aber nur fcheinbar echt und nur fcheinbar national; es ift eine ganz moderne, bewufste und abfichtliche Einführung von künftlerifchen oder ornamentalen Motiven, die allerdings national find, aber einem ganz anderen Zweige der Kunft oder der Induftrie angehören. Sie treten daher ebenfo fehr gemifcht, wie hier in der Goldfchmiedekunft am unrechten Orte auf. assh ம sib Was Rufsland an wirklich nationaler Kunft fich bewahrt, das ift der Holzbau feiner Wohnhäufer fammt deren Verzierung mit bemalten, aus Holz aus gefägten Ornamenten. So einfach diefe in ihrer geometrifchen Art aus geraden Linien mit Durchbrechungen zu fein fcheinen, fo haben fie doch ihr Eigenthümliches, welches fich gerade fo in anderen Ländern nicht wieder findet. Auch das Holzgeräth des Haufes bietet viel Eigenes in derfelben Art. Diefes Ornament nun und diefe Formen des Geräths haben fich moderne Beftrebungen in Rufsland erkoren, um daraus einen nationalen Kunftftil zu fchaffen. Man fieht leicht, dafs das ein ziemlich unfruchtbarer, unbefriedigender, einfeitiger und verkehrter Verfuch ift, wenn man die höchft einfachen Formen und Motive aus ihrem fehr befchränkten Material auf alle Zweige der Kunftinduftrie ausdehnen will, zumal auf Zweige, die wie die Goldfchmiedekunft Feineres, Befferes, Reicheres zulaffen und verlangen. siswa bleib done gun olodalolomb visom o nelle asion asb bau auzu asalold asb so ob dem solow noise of Silberarbeiten. 15 Nichtsdeftoweniger ift die ruffifche Goldfchmiedekunft nach dem Zeugnifs der Ausftellung fchon fehr weit in diefem Verfuche gegangen. Die bedeutendsten Ausfteller: Owtfchinnikoff in Moskau, Poftnikoff in Petersburgu. A. hatten viele und zum Theil grofsartige Silberarbeiten in diefem Stile ausgeftellt, Samovars, Auffätze, Theegefchirr, Pocale u. f. w., welche in ganz glücklicher Uebertragung das bemalte Holzornament durch farbiges Email wiedergegeben hatten, Obwohl fo die Gegenftände in diefer Weife zum Theil eine fehr hübfche farbige Wirkung zeigten, gab fich doch das Verfehlten des Beginnens an den überaus fteifen Formen, gradlinigen Contouren, eckigen Henkeln und dem bandartigen Ornament leicht zu erkennen. ftratu no doon bang blog Diefen Stil zeigten aber nicht alle ruffifchen Silberarbeiten, noch war er unvermifcht in Anwendung. Bei Owtfchinnikoff fah man overfchiedenen Gegenftände, z. B. Auffätze oder, hohe Schalen, bei denen ruffifche Holzmótive und ganz naturaliftifche Bildungen förmlich abwechfelten, for dafs z. B. einer ruffifch geformte Schale auf naturaliftifchem, von Knaben umfpieltem Eichbaumen ruhte und diefer wieder in national geformtem Fufs wurzelte. Ein anderer Goldfchmied, Safikoff in Petersburg und Moskau, hatte fogar vorwiegend/ naturaliftifche Gegenstände zur Ausftellung gebracht, daneben aber auch einige fchöne Renaiffancepocale und eine Reihe griechifcher Gefäfse, bei denen die Formen der Terracottavafen mitfammt ihrer Decoration einfach auf Silber übertragen waren auch ohne Zweifel ein Irrthum Tied asid rob do as sobr Todlie Was die Ruffen hier anftreben, nämlich national zu fein, das waren die türkifchen und die indifchen Silberarbeiter in der 6That Jene wir fchliefsen die alten türkifchen Nebenländer ein nehmen allerdings in keiner Weife einen hohen Rang ein, weder in Bezug auf ihre Form und das ift noch ihre befte Seite noch in Bezug auf die Ausführung. Letztere ift fogar meiftens fehr untergeordnet. Was fie auszeichnet oder vielmehr kennzeichnet, ift die reiche Anwendung, die fie vom Filigran machen. Hiemit überziehen die ganze Gefäfse oder fetzen Schalen, Taffen u. f. w. daraus zufammen.ov gullofeunioW rolqur Weit beffer, vortrefflicher und origineller find die Silberarbeiten, welche von Indien zur Ausstellung gefendet waren. Wir haben hier zunächst die Gefäfse im Auge, Kannen, Vafen, Schalen, Flafchen und Flacons. Ihre Eigenthümlichkeit befteht eben fo fehr in den originellen, zum Theil fehr fchönen, fchlanken Formen, wie in der Verzierung, welche gewöhnlich das ganze Gefäfs( mit zierlichen Blumen und Ranken in getriebener und cifelirter Arbeit wie eine Decke überzieht. Decoration und Formen wären wohl für uns lehrreich und verwendbar. Anftatt der abgelebten Formen, die noch immer in Gebrauch ftehen, könnten fie dem e gewöhnlicheren Geräth neuen Reiz verleihen. Freilich wird die Menge der Stilarten, auf welche fich die heutige Silberwaaren- Fabrication Europa's bereits eingelaffen, dadurch nur noch um eine vermehrt werden. 19alu 19li ode: 19V anb o aiswal nodotiq bordsley asb gunfishV TUJ .molleft des Silbers. motion is e und alle Farbige Behandlung des Silbers. bus emel obiad 1950 20 90 100 gauritiam sib 19bow as a deduxtoyod olioT soboidotror sib sto ob doub a19dli2 Ift diefe bunte Mannigfaltigkeit der Stilarten, wie fie fich aus der vorangegangenen Darftellung ergibt, in formeller Beziehung charakteriftifch, fo begeg nen wir in der künftlerifchen, Behandlung der Oberfläche fowohl techniſch wie coloriftifch der gleichen Unsicherheit, dem gleichen Suchen und Streben und auch wohl gelegentlichem Umhertappen. Diefs foll aber nicht gerade als ein Tadel ausgefprochen fein, vielmehr dient es als ein Beweis, dafs die bisherigen meift verkehrten, felbft armfeligen Manieren ins Wanken gekommen find, dafs die Nothwendigkeit von wirklich Neuem und Befferem zur Ueberzeugung wird, und dafs, wenn zum Theil auch fuchend und irrend, doch mit einer gewiffen Entfchiedenheit neue Bahnen, betreten werden. A tab lus 9gio waitubal moto 117115 16 Jakob Falke. Reden wir zunächft von der eigentlichen Farbe oder Färbung des Silbers und fodann von den Hilfskünften wie Niello und Email, welche den edlen Metallen reichere coloriftifche Effecte hinzufügen. Es ift ein höchft auffallender Unterfchied zwifchen den älteren und den modernen Silberarbeiten, dafs jene durchweg vergoldet waren, diefe aber ebenfo der Regel nach nicht vergoldet find. Aus dem Mittelalter kann man fagen, find alle Silberarbeiten, die uns erhalten, vergoldet. Referent weifs fich in der That keiner irgend bedeutenderen Silberarbeit vor dem XVI. Jahrhundert zu erinnern, die nicht vergoldet wäre. Auch aus den Zeiten der Renaiffance find filberne, nicht vergoldete Gegenftände noch von äufserfter Seltenheit. Zum Beiſpiel alle die grofsen Zunft- und Prachtpocale aus dem Silberfchatz des Königs von Hannover ( jetzt im öfterreichifchen Muſeum ausgeftellt) find ausnahmslos vergoldet. Erft feit der Mitte des XVII. Jahrhunderts wird das blanke weifse Silber bei Kunft. arbeiten häufiger, gewinnt die Oberhand im XVIII. und tritt in faft ausfchliefslichen Gebrauch in der erften Hälfte des XIX. Jahrhunderts. Ift diefe Veränderung ein äfthetiſcher Gewinn oder ein Rückfchritt? Wenn wir damit in Verbindung bringen, dafs der Kunftgefchmack in allen Zweigen gewerblicher Thätigkeit vom XVI. Jahrhundert bis zur Mitte des XIX. fich faft in ununterbrochenem Verfall befand, fo ift man wohl von vornherein geneigt, auch diefen Uebergang von der Vergoldung zum Silber nicht anders zu betrachten. In der That kann fich der blafse, kalte Ton des Silbers, fein ftechender Glanz mit dem Reize des Goldes nicht meffen und betrachten wir die Silbergefäfse decorativ, d. h. welche malerifche oder coloriftifche Wirkung fie auf Credenzen, auf Tifch und Tafel in ihrer Umgebung mit den übrigen Gegenftänden zufammen machen, fo müffen fie auch darin hinter dem Golde zurückſtehen. Das Gefühl, dafs der blofse Ton, die Naturfarbe des Silbers für den Effect fo koftbarer Gegenftände nicht ausreiche, hat fich auch der modernen Fabrikation aufgedrängt und wir begegnen daher bei den Gegenftänden unferer Weltausftellung verfchiedenen Methoden und Verfahrungsweifen, entweder dem Effect nachzuhelfen oder auch das Unangenehme, was im Silber liegt, zu dämpfen und aufzuheben. Der erftere Zweck verfolgt die Methode, das Silber weifs zu fieden, ein Verfahren, das in früheren Kunftperioden wohl niemals geübt worden ift. Nach unferer Anficht bedeutet es nichts weiter als eine Potenzirung gerade der unangenehmen Eigenfchaften des Silbers. Dennoch gab es viele Gegenftände diefer Art auf der Weltausftellung, die meiſtens mehr dem gewöhnlichen Gebrauche angehörten, doch auch andere, die Anfprüche erhoben. Zu diefen Letzteren find in erfter Linie zu zählen die fchon oben erwähnten naturaliftifchen Gefäfse von Dominicus Kott in Gmünd, die das Verkehrte ihrer Compofition noch durch das Verkehrte ihrer äufseren Behandlung erhöhten. Sie waren fo recht geeignet, zur Verurtheilung des Verfahrens den praktifchen Beweis vor Augen zu ftellen. Bei weitem die meiſten Silbergegenftände auf der Ausftellung hatten entweder die Mattirung oder die Polirung oder beide zufammen angewendet, um durch den Contraft die verfchiedenen Theile hervorzuheben. Es ift, wenn man will, das einfachfte und naturgemässefte Verfahren, die Oberfläche des Silbers zu behandeln, aber nicht die fchönfte und reizvollfte. Die Mattirung läfst das Silber in feiner natürlichen Erfcheinung wirken, die Polirung erhebt diefelbe zum ftrahlenden Glanze. An fich läfst fich weder gegen die eine noch gegen die andere Weife ein Einwand erheben und ebenfo wenig gegen ihre Verbindung, wenn fie richtig gefchieht, d. h. fo dafs die glatten Theile polirt werden, diejenigen, welche im Relief gehalten find, mattirt. Die polirten Gegenftände oder Theile zumal werden auf gefchmückter, lichtüberftrahlter Tafel immer einen reichen Effect machen. Es hatten daher auch alle europäifchen Völker, die in diefem Induſtriezweige auf der Ausftellung vertreten waren, davon Anwendung Silberarbeiten. 17 gemacht von dem gewöhnlichften Tifch- und Theegeräth bis zu Kannen und Schalen, Vafen und Girandolen. Es zeigte fich aber doch, dafs man verfchiedentlich und zumal bei bevorzugten künftlerifchen Arbeiten in zweierlei Weife daran Anftofs genommen hatte. Einmal waren es die Modelleure und Cifeleure, welche fich fagen mufsten, dafs ihre Arbeit, das Relief, fei es nun figürlich oder ornamental, in der natürlichen Erfcheinung des Silbers nicht zur Wirkung gelangt; dafs das Relief fchon den gewöhnlichen Glanz des Silbers nicht verträgt, wieviel weniger die Polirung. Andererfeits aber war man mit der Farbe des Silbers nicht zufrieden, weil fie zu wenig Effect zeigte, zu wenig coloriftifche Reize bot. Die Einen fuchten alfo, um die Modellirung klarer zu machen, den Glanz des Silbers zu brechen und gänzlich zu befeitigen; die Anderen fügten neuen Reiz durch Vergoldung hinzu, während jene fich zu ihrem Zwecke des Mittels der Oxydirung bedienten. Diefe zwei Richtungen oder Wege traten bei den bedeutenderen künftlerifchen Arbeiten klar hervor, und zwar im Ganzen fo, dafs jene, die Oxydirung, vorzugsweife in Oefterreich befolgt wurde, die andere, die Vergoldung, mehr in Deutſchland, wenigftens in den Hauptorten wie: Berlin, Nürnberg, München. Frankreich fchlug einen Mittelweg ein; die kleineren Staaten, wie Dänemark und Holland, begnügten fich bei ihren denkmalartigen Aufgaben, deren wir oben gedacht haben, mit der Mattirung, während England, wie es für dasfelbe heute charakteriftifch ift, diefe und andere Weifen in buntem Gemifch angewendet hatte. Die Oxydirung hat den Nachtheil, dafs fie das Silber in feiner Wefenheit tödtet, dasselbe grau, ftumpf, bleiern und fchwer macht. Es gibt zwar verfchiedene Mittelstufen vom lichten Grau bis faft zum Schwarzen, und diefe Mittelftufen zeigten fich auch in verfchiedener Anwendung bei den öfterreichiſchen Arbeiten, aber fie alle hatten dem gleichen und gemeinfamen Fehler nicht entgehen können. Das Silber mufs blank fein bis zu einem gewiffen Grade, fonft hört es auf. Edelmetall zu fein; die verfchiedenen künftlerifchen Anfchauungen, die malerifche und die plaftifche, müffen einen Ausgleich eingehen. Man darf die eine nicht wegen der anderen opfern. Am weiteften in der Oxydirung war in der öfterreichifchen Abtheilung der Tafelfchmuck bei Granichftädten gegangen. Derjenige unter den Oefterreichern, welcher noch am meiften von der Vergoldung Gebrauch gemacht hatte, war Klinkofch. In früheren Zeiten hatten die grofsen Berliner Silberfabrikanten ebenfalls alle Gegenstände unvergoldet gelaffen und bei ihren gröfseren plaftifchen Aufgaben fich mit der einfachen Mattirung begnügt. Das war diefsmal nicht mehr der Fall. Alle die denkmalartigen Auffätze, die zur Erinnerung an grofse Männer und grofse Thaten gefchaffen waren, hatten nicht ausfchliefslich, aber reichlich von der Vergoldung Gebrauch gemacht und fie contraftirend mit dem Silber in Wirkung gefetzt, ungefähr fo, wie es auf den jetzt in Berlin befindlichen antiken Gefäfsen des Hildesheimer Fundes gefchehen ift. Und wie bei diefen, wo die Zeit fchon mitgewirkt haben mag, war auch die Vergoldung fehr matt und fchwach, man möchte fagen, noch zaghaft gehalten. Kräftiger, aber auch nur in theilweifer Anwendung zur Erhöhung des malerifchen Gefammteffectes zeigte fich die Vergoldung bei den oben erwähnten Nürnberger Arbeiten, die nach Kreling und Wanderer aus dem Atelier von Winter hervorgegangen find. Wir können nicht umhin, in diefem Vorgehen einen Fortfchritt anzuerkennen. Nach dem Beiſpiele vergangener Kunftzeiten müffen wir es für berechtigt und wünfchenswerth erachten, wenn bei den Silberarbeiten von der Vergoldung ein weitaus reichlicherer und entfchiedenerer Gebrauch gemacht wird, als gegenwärtig gefchieht. Wir fagen das mit ganz befonderer Rückficht auf die öfterreichifchen Leiftungen, welche, wie wir anerkannt haben, ausgefprochene Verdienfte hatten, aber die malerifche oder coloriftifche Seite der Goldfchmiedekunft viel zu fehr aufser Acht liefsen. 2 18 Jakob Falke. Es gibt, ohne zur vollen Vergoldung greifen zu müffen, noch einen Weg, der dem Silber Glanz und Farbe, alfo fein Wefen läfst, und doch auch dem Relief fein Recht bewahrt, ohne zur ftumpfen Oxydirung greifen zu müffen. Diefen Weg hatten die Franzofen oder vielmehr Chriftofle bei vielen feiner fchönften und reizendften Arbeiten, namentlich auch bei folchen, die mit Laub und Figuren gefchmückt waren, eingefchlagen. Er befteht einfach darin, dafs man den Gegenftand vergoldet und die Vergoldung bis auf einen zarten, warmen Schimmer wieder abreibt. So bleibt das Silber in feiner Eigenthümlichkeit, verliert aber gänzlich den kalten und ftechenden Ton und erfcheint höchft angenehm für das Auge. Diefes Verfahren iſt aus künftlerifchem Gefichtspunkte im höchften Grade beachtenswerth. Auf diefe bisher erwähnten Verfahrungsweifen befchränkte fich im Allgemeinen die Behandlung der Oberfläche bei den modernen Silberarbeiten. Wir fehen dabei von der Cifelirung oder Gravirung als gemeinfamer Technik ab. In diefer rein technifchen Beziehung wäre nur das zu erwähnen, dafs das Treiben des Silbers bei künftlerifchen Gegenftänden zur Verzierung mit Ornament oder Figuren, das in alter Kunft allbeliebt und verbreitet war, heute eine verhältnifsmässig fehr feltene Procedur ift und in faft allen Fällen durch den Gufs und nachfolgende Cifelirung erfetzt wird. Die häufigfte Anwendung des Treibens gefchieht bei den kirchliehen Gegenftänden, auf welche wir noch in Kürze zu sprechen kommen werden. Doch haben wir vorher noch von einigen fpeciellen Decora tionsweifen des Silbers zu reden, die allerdings heute am häufigften bei den Schmuckarbeiten oder in der kirchlichen Kunft angewendet werden, jedoch uns auch in den nationalen Arbeiten und hier und da auch bei den modernen begegnen. Wir meinen insbefondere Niello und Email. Das Niello, die Ausfüllung ausgravirter Verzierungen auf der Silberplatte mit metallifcher Schwärze, gehört ebenfalls zu den technifchen Ornamentationsarten, welche, im Mittelalter und noch in der Frühzeit der Renaiffance viel geübt, heute aus der modernen Goldfchmiedekunft verfchwunden waren. Nur die nationale Kunft des Orients und Rufslands hat fie bewahrt. Von daher ftammten auch vor allem die Beiſpiele auf der Ausftellung. Es waren theils Waffen, insbefondere Dolchfcheiden, die mit niellirten Silberplatten belegt waren, vorzugsweife Arbeiten aus dem Kaukafus. Uebrigens kennen fie auch verfchiedene Provinzen des türkifchen Reiches. Der Effect in der Verbindung der polirten Schwärze mit dem Silber ift gut und fein, die Ausführung aber bei diefen orientalifchen Waffenftücken keineswegs fo vollendet und ausgezeichnet, wie bei den älteren Arbeiten, insbefondere Italiens. Die Zeichnung ift breiter und gröber gehalten. Auch die ruffifchen Niellen, die nach dem hauptfächlichften Fabrikationsort unter dem Namen der„ ,, Tula- Arbeiten" weltbekannt geworden, find keineswegs mehr das an Schönheit, Feinheit und Originalität, was fie einft waren. Jede Ausstellung und insbefondere die unfere, wo fie bei verfchiedenen Goldfchmieden in grofser Zahl erfchienen waren, zeigt den Rückfchritt vergröfsert, und zwar befteht diefer Rückfchritt darin, dafs die alte Weife aufgegeben wird und das Genre fich zu modernifiren, fich auf europäiſchen Fufs einzurichten trachtet. Die alten Arabesken, die fich in reizenden Zügen und Verfchlingungen fo hübfch über die blanke Silberfläche vertheilten, werden erfetzt durch Städte- Anfichten, Landfchaften oder gar Porträts, und was das Schlimmfte ift, es wird der Grund vergoldet, wodurch eine ganz ordinäre Wirkung ftatt der feinen und vornehmen Haltung entsteht. Zugleich verfchlechtern fich die Formen diefer kleinen, fonft fo zierlichen Gefäfse und Geräthe, fo dafs das Genre in jeder Beziehung finkt. Je mehr diefer Verfall in Rufsland eintritt, je mehr foll die europäiſche Fabrikation daran denken, das Genre für fich aufzunehmen und zu verwerthen. Es müfste freilich nach den alten Vorbildern gefchehen oder nach dem, was noch in echter Weife im Orient gefchaffen wird. Der Anfang ift auch bereits dazu Silberarbeiten. 19 gemacht und nicht blos in der kirchlichen Kunft. Allerdings, was auf der Ausftellung bei zwei öfterreichifchen Fabrikanten von niellirten Silbergegenftänden, meiftens kleinem Schmuck, zu fehen war, das erfchien keineswegs auf dem rechten Wege. Aber wenn die Technik einmal aufgenommen ift, fo ift es eine leichtere Sache, fie auf den guten Weg zu leiten. Neuere Arbeiten, die nach der Weltausstellung gefchaffen find und von denen alfo hier nicht zu reden ift, zeigen, dafs das Niello in Oefterreich Fortgang und guten Fortgang findet. Das Email gehört allerdings in feiner grofsartigften Anwendung, die es in den letzten Jahren erhalten hat, der Bronzefabrikation an, und andererfeits ift es der Schmuck, der mehr und mehr es auch für fich wieder benützt, indefs haben wir auch hier bei den Silberarbeiten davon zu reden. Zwar die eigentliche Fabrikation der europäiſchen Länder macht fehr wenig oder gar keinen Gebrauch davon, wenigftens bei allen Gegenftänden, die einen praktifchen Zweck haben. Selbft bei grofsen denkmalartigen Auffätzen, wo es fehr wohl angebracht wäre, trifft man es noch nicht. Was man fieht oder vielmehr auf der Ausstellung fah, das erfchien hier bei dem Silber als Ausnahme. Wir rechnen dahin einzelne, höchft reizende franzöfifche Gefäfse von Chriftofle, bei welchen das in Nachahmung chinefifcher Arbeiten heute in Mode gebrachte Email cloifonné mit grofsem Glücke auf Silber übertragen war. Wir rechnen ferner dahin ruffifche Silberarbeiten in ziemlicher Anzahl, eben jene, die in dem oben gefchilderten vermeintlichen nationalen Stile gehalten find und, weil fie gefärbte Holzornamente imitirten, auf Metall die entsprechenden Farben ganz fachgemäfs in Email herftellten. Wir rechnen endlich hierher die Luxusgeräthe des Wieners H. Ratzersdorfer, die vom Email einen höchft vielfeitigen Gebrauch machen, fowohl als gemaltes Email mit kleinen Figuren auf lichtem Grunde, wie translucide in vertieften Ornamenten, fowie auch endlich in opaker Art. Von der reichlichen. Anwendung, welche die kirchliche Goldfchmiedekunft vom Email macht, werden wir alsbald zu reden haben, ebenfo wie von dem Email auf Schmuckgegenftänden. Sonft gedenken wir nur noch einiger indifchen Silbergefäfse, welche ornamental mit translucidem Email verziert waren. Die Ausführung derfelben reichte aber bei weitem nicht an das hinan, was Indien in Email bei den eigentlichen Schmuckgegenftänden leiftet. Eine dritte Art der Decoration von Metalloberflächen, deren wir neben Niello und Email noch zu gedenken hätten, würde die taufchirte oder in cruftirte Arbeit fein, die Einlage eines Metalls in ein anderes durch Einfchlagen oder Auffchlagen. Obwohl die Unterlage ftatt des Edelmetalls heute gewöhnlich Stahl, Eifen oder Bronze ift, fo wird diefe Technik doch vorzugsweife vom Goldfchmied geübt, und darum fei ihrer auch an diefer Stelle, wenn auch nur mit kurzen Worten, gedacht. Diefe fo reizende, noch im XVI. Jahrhundert insbefondere in der Waffenfchmiedekunft fo viel geübte Technik ift oder war vielmehr aus der europäiſchen Kunft ganz verfchwunden und nur im Orient bewahrt. Aus dem Orient find daher auch auf unfere Weltausftellung die zahlreichften Beiſpiele gekommen, faft fämmtlich Waffen oder Rüftungsftücke von Stahl mit Gold eingelegt. Die fchönften und reichften hatte Indien ausgeftellt und darnach Perfien. Was aus dem Kaukafus und aus den verfchiedenen Provinzen der Türkei gekommen war, meift Klingen und Läufe von Flinten und Piftolen mit eingefchlagenen Silberfäden, das ftand fchon an Werth bedeutend zurück. Reizend und vollendet dagegen waren die Bronzegefäfse von Japan, welche über und über netzartig mit eingefchlagenen Silberfäden umzogen waren. Doch auch Europa hat die alte Technik bereits wieder aufgenommen und zum Theil mit grofsem Erfolge. Vereinzelt allerdings war eine öfterreichifche, fpeciell Wiener Arbeit, ein reich gefchnitzter Cabinetkaften, deffen Schiebladen mit taufchirten Platten( Silber in Stahl) verziert waren. Diefe Arbeit rührte fpeciell von Ratzersdorfer her. Der Kaften felbft mit allen Zeichnungen dazu 2* 20 Jakob Falke. war Erfindung des Profeffors Teirich am öfterreichifchen Muſeum und war für den kaiferlichen Hof gemacht. Ebenfo vereinzelt waren die ausgezeichneten taufchirten Ornamente von Gold in Stahl an einem englifchen Tafelauffatz bei Elkington, deffen fchon oben unter dem Namen der Helikonvafe gedacht worden ift. Dagegen traten die fpanifchen Arbeiten in diefem Genre bereits wie ein voller Induftriezweig auf, weit hinaus über den Standpunkt eines blofsen intereffanten Verfuches. Zwei Fabrikanten, Zuloaga, den wir bereits von der Parifer Ausftellung her kennen, und Teodoro Ybarzabel, vertraten ihn mit zahlreichen Gegenftänden. Es waren Prachtfchilde, Vafen und fonftige Gefäfse, Käftchen, Piftolen, Dolche, Degengriffe und mancherlei Gegenftände des Schmuckes, alles mit Gold und Silber in Eifen oder Stahl taufchirt und zum Theil in Verbindung mit getriebener Arbeit, wie bei den reich mit Figuren verzierten Schilden, deren ſchönftes Exemplar dem öfterreichifchen Muſeum geblieben ift. Die hohe Vollendung in der Ausführung, die Reinheit und Schönheit der Ornamente und Arabesken weifen auf eine intelligente Leitung hin und bekunden einen hohen Grad des Gefchmackes. Kirchliche Goldfchmiedekunft. Wir hatten uns die kirchliche Goldfchmiedekunft für eine befondere Befprechung aufgefpart. Das Motiv dafür liegt in den Zuftänden der Gegenwart. In früheren Zeiten folgte die kirchliche Kunft dem Stile der Zeit oder ging ihr auch unter Umständen voran. Das ift auch ganz in der Ordnung. Sie hat nichts Befonderes für fich, keine eigene Technik, keine eigenen Formen, es fei denn, dafs fie die allgemeinen Gefäfsformen für ihren Gebrauch zugerichtet oder ihnen Symbole unterfchoben hätte. Heute ift das nun zum guten Theile anders. Die kirchliche Goldfchmiedekunft hat fich in Stil und Form, felbft in der Technik, zum Theil fogar in den Fabrikanten vom civilen Handwerk gefchieden. Sie war es, welche die Reform des Gefchmackes auf ihrem fpeciellen Gebiete eigentlich begann, und fie wandte fich mit ihren Neuerungen dem Mittelalter zu, erft der Gothik, dann auch dem romanifchen Stil. Sie nahm die alten Formen wieder auf, mit den alten Formen aber auch die alte Technik, das Treiben des Silbers, das Filigran, das Niello, das Email in feinen verfchiedenen mittelalterlichen Arten. Dabei ift fie aber auch heute ftehen geblieben, während die Reform der civilen Goldfchmiedekunft durchaus nicht die Richtung auf das Mittelalter, vielmehr auf die Renaiffance und die antiken Vorbilder genommen hat, wie wir das bereits gefehen haben. So gehen alfo heute in der Goldfchmiedekunft zwei Wege und Stile neben einander, der mittelalterliche auf dem kirchlichen Gebiete, der der Renaiffance und der Antike auf dem civilen. Wie die kirchlichen Arbeiten der Goldfchmiedekunft auf unferer Ausftellung, obwohl fie übrigens durchaus nicht mit Vollständigkeit vertreten waren, uns lehren, gehen aber auch in ihr wieder zwei Wege neben einander, der alte und der neue. Der alte bewegt fich in den Formen des Rococo- oder des Jefuitenftils, in denjenigen Formen, die erft feit dem XVII. Jahrhundert ihre Entstehung erhalten haben und von denen eben die Reform fich zu befreien ftrebte. Diefer alten und glücklicherweife veralteten Art gehören alle Geräthe und Gefäfse von Monftranzen, Ciborien, Kelchen, Kreuzen u. f. w. an, welche, meift aus unedlem Metall oder imitirtem Silber gearbeitet, für den Gebrauch der ärmeren oder gewöhnlichen Pfarrkirchen gefchaffen werden. Die bei weitem gröfsere Zahl gehört ihnen an. Sie find noch befonders bei den öfterreichifchen Silberwaarenfabriken vertreten. mit theueren Gegenftänden auch bei den italienifchen. Silberarbeiten 21 Diesfeits der Alpen gehören alle befferen kirchlichen Silbergegenstände, alle diejenigen, welche mit einer gewiffen künftlerifchen Abficht gefchaffen worden, foweit fie für den katholifchen Gottesdienft beftimmt find, einem der mittelalterlichen Stile an. Davon machten auf der Ausftellung nur einige franzöfifche Arbeiten neben vielen mittelalterlichen die Ausnahme. Sonft folgten die belgifchen, die öfterreichifchen, die rheinifchen und weftphälifchen, die Münchener der gleichen Tendenz. Die höchft bedeutende kirchliche Goldfchmiedekunft des Rheinlandes war freilich nur in fehr unzulänglicher Weife vertreten. Unter den mittelalterlichen Stilen ift vorwiegend der gothifche in Uebung, doch hat auch der romanifche, insbefondere um feines Emails willen( Zellenfchmelz wie Grubenfchmelz), viele Freunde gewonnen. Aachener Goldfchmiede arbeiten in diefem Stil mit grofsem Glück und Gefchick. Der gothifche Stil wird im Allgemeinen bei allen befferen und bedeutenderen Leiftungen mit ebenfo grofsem Glanze wie entſprechender Richtigkeit geübt, und wie in Wien, wo unter anderen die Architekten Schmidt und Lippert den Goldfchmieden zu Hilfe kommen, fo gefchieht es auch anderswo. Es ift das Verftändnifs des gothifchen Stils jetzt fo weit durchgedrungen, dafs man fich nunmehr an die gleichen Vorbilder des Mittelalters hält, und nicht wie früher, an die fteinerne Ornamentation der Kirchen. Es gab aber auch Ausnahmen von diefer Regel auf der Weltausftellung, fo die für den billigen Bedarf gefchaffenen Geräthe der Rockenftein'fchen Fabrik in München, welche durchgehends das fchwere geometriſche Steinmafswerk mit Pfeilern, Säulen und Capitälen auf das Metall übertragen hatten. Da die kirchliche Goldfchmiedekunft in den einzelnen Ländern nur von wenigen Fabrikanten geübt wird, fo waren es auch nur einzelne, die fie auf der Ausftellung vertraten. Von Frankreich war es das Parifer Haus Pouffielque Rufand, welches eine aufserordentlich reiche und glänzende Collection zur Anfchauung gebracht hatte. Diefe Arbeiten, die alle Geräthe bis zu den grofsartigften Reliquiarien umfafsten, waren bei weitem vorwiegend mittelalterlich, und zwar erkannte man dabei das Beftreben, die Echtheit fo weit zu führen, dafs alle Eigenthümlichkeit der Zeichnung, die des Stils fowohl, wie die der Unbeholfenheit Nachahmung fand. Dennoch beeinträchtigte die überaus ftarke Vergoldung, welche allzubreiten Raum einnahm, den alterthümlichen Eindruck. Auch denjenigen Geiftlichen, welche noch nicht zum Gefchmacke für mittelalterliche Art durchgedrungen waren, hatte übrigens diefe Fabrik Rechnung getragen. Eine Anzahl Gefäfse und Geräthe in echten Zopfformen oder mit verzopften Ornamenten innerhalb reinerer Formen zeugte dafür. Die bedeutende rheinifche Goldfchmiedekunft hatte, fo viel uns davon erinnerlich, nur allein eine grofsartige filberne Monftranz in gothifcher Kirchenform von J. Simon in Trier auf die Ausftellung gefendet. Aus Weftphalen waren W. Rentrop und Arnold Künne zu Altena erfchienen, beide mit einer gröfseren Serie von Gegenftänden, davon die meiften mittelalterlich waren, obwohl weder die Gothik dabei befonders glücklich, noch Effect und Ausführung von befonderer Feinheit. Auch Belgien hatte nur einzelne Gegenstände gefendet, diefe aber mit befonderen künftlerifchen Anfprüchen, daher fie auch in der Kunftausftellung ihren Platz erhalten hatten. Die Fabrikanten waren A. Bourdon de Bruyne in Gent, der ein grofses romanifches Reliquiar in Sargform gefendet, reich emaillirt und mit freien Figuren, und J. Wilmotte fils in Lüttich. Letzterer zeigte ein frühromanifches Crucifix, etwa im Stil von 1100, die Chriftusfigur mit emaillirtem Schurz ganz in der fteifen unvollkommenen Art jener Zeit gehalten, fowie einen frühromanifchen Kelch mit Filigran und niederer Kuppe und noch einige wenige andere Arbeiten. Genügend zur vollen Ueberficht der Art und Leiftungsfähigkeit des Landes hatte allein auf diefem kirchlichen Gebiete Oefterreich oder vielmehr Wien ausgeftellt. 22 Jakob Falke. In feiner Ausftellung zeigten fich beide oben gefchilderte Richtungen klar und deutlich neben einander, die alte, welche fich in den Formen der Zopfzeit bewegt, insbefondere durch W. Bachmann und durch Herrmann vertreten, die andere durch Matzenauer, fowie durch Brix& Anders. Jene fucht den Effect durch blankes und weifses Silber, höchftens durch Vergoldung, diefe hat nebft den mittelalterlichen Formen auch alle edle Technik des Mittelalters aufgenommen, das Filigran, die getriebene Arbeit, das Niello, das translucide Email, den Zellenfchmelz und Grubenfchmelz und übt fie in höchft forgfältiger Weife. Die coloriftifche Wirkung, die auf folcher Technik beruht, pflegt noch durch Edelfteine erhöht zu werden. Nehmen wir nur hinzu, dafs die beften Kenner des Mittelalters unter den Architekten die Zeichnungen zu liefern pflegen, fo müffen wir diefen Zweig der öfterreichifchen Kunftinduftrie als zu den glän zenderen gehörig betrachten. Er fteht nicht hinter feinen Concurrenten in irgend einem anderen Lande zurück. II. Schmuckarbeiten in Gold und Silber. Wir zerlegen für unferen Bericht die Schmuckarbeiten in zwei Theile, in diejenigen, die lediglich aus Gold oder Silber beftehen oder bei denen das Metall die Hauptfache ift, und in diejenigen, bei denen es fich eben nur um den Werth und die Zuſammenfetzung der Edelſteine handelt. Wir geftehen, die Trennung ift etwas gewaltfam, aber der gegenwärtige Brauch kommt uns dabei zu Hilfe. Die Trennung findet bei den Gegenständen, zum Theil felbft im Gefchäfte ftatt. Einft war das nicht fo. Noch die Goldfchmiedekunft der Renaiffance ging in ihren Schmuckarbeiten darauf aus, mit Gold, Email und Edelſteinen einen zugleich plaftifchen und farbigen Effect zu erzielen und gerade in diefer Art. deren Eigenthümlichkeit in der Vereinigung diefer Mittel befteht, hat fie uns die reizendften Kunftarbeiten im Kleinen hinterlaffen. Mehr und mehr ift man in der Folgezeit darauf ausgegangen, die drei Beftandtheile zu trennen, das Gold und die Edelfteine jedes für fich im Schmuck wirken zu laffen, und das Email ftatt à des decorativen Schmelzes in Miniaturfchmelzmalerei zu verwandeln, welche mit kleinen figürlichen Scenen flache Gegenftände überdeckte. Wenn man von der kunftreicheren Ausbildung des Edelfteinfchliffes abfieht, die vielleicht nicht. wenig zu diefer Entwicklung beigetragen hat, fo mufs man im Allgemeinen diefe Trennung als einen Niedergang im Gefchmack betrachten. Für den eigentlichen Goldfchmuck, von dem wir hier zunächft reden, zeigte fich der Verfall noch in einer anderen Weife. Man hätte erwarten follen, dafs mit dem Aufhören der farbigen Verzierung die eminent plaftifche Eigenfchaft des Goldes nun erft recht hätte zur Geltung kommen follen, dafs nun der Schmuck hätte das Reliefornament, fei es in Laub, fei es in Figuren, zur höchften Vollendung ausbilden follen. Aber gerade das Gegentheil trat ein. Mit dem allgemeinen Sinken des Gefchmacks verlor fich auch diefe Seite der Kunft, und was am Ende im XIX. Jahrhundert übrig blieb, war der Goldwerth des Metalls und der goldene Schein. So erklärt fich die Eigenthümlichkeit des modernen Goldfchmucks, wie er vor wenigen Jahrzehnten faft einzig im Gebrauche ftand, einerfeits die Plumpheit und die Schwere der Formen, bei denen z. B. bei Armbändern die Mafse des verwendeten Goldes allein noch in Schätzung ftand, andererfeits die völlig glatte Behandlung der Oberfläche ohne alles Relief, ohne alle Arbeit. Allenfalls ein ebenfo plump in der Mitte eingefetzter Stein hatte auch weiter keine Wirkung und keinen Zweck, als den materiellen Werth zu erhöhen. Endlich konnte eine fo magere, armfelige Kunft doch nicht auf die Dauer genügen und man mufste nach irgend einer Form oder Geftaltung trachten. Da traten nun zwei durchaus moderne Motive zur Hilfe. Einmal war es der Naturalismus der Blumenliebhaberei, welche wenigftens Laub und Relief dem Goldfchmuck zurückgab, wenn, auch die Arbeit, der Freiheit der Natur entgegen, mechanifch mit Preffung hergeftellt wurde. Zum anderen ging auch die in den Galanteriegegenftänden herrfchende Art, einen Gegenftand unter der Form eines anderen darzuftellen, auf den Schmuck über. So drang das finnlofe Ornamen 24 Jakob Falke. tationsgenre der Riemen, Schnallen, Bänder, Schleifen, Manfchetten und was der gleichen mehr ift, auch in der Goldfchmiedekunft ein. Das Gemifch aller diefer Elemente bildete die Kunftart des Schmuckes, der Armbänder, Brochen, Ringe u. f. w. in den fünfziger Jahren diefes Jahrhunderts. Wie auf allen Gebieten der Kunftinduftrie, fo regte fich auch hiergegen die Oppofition. Sie kam aber diefsmal von anderer Seite und in anderer Art und nicht gerade in abfichtlicher Reform. Der neue Stil oder die neue Mode des Schmuckes, welche zunächft die Arbeit verfeinern, die Technik erweitern, die Formen veredeln follten, war der antike. Die antiken Schmuckgegenstände wurden faft zugleich von zwei Seiten als Vorbilder aufgeftellt, in Italien und in Frankreich, aber in verfchiedenem Sinne. In Italien galt es zunächft, die treue Wiedergabe des antiken Schmuckes in all' feiner Schönheit und Feinheit; in Frankreich handelt es fich dagegen um neue Formen für die Mode. Den griechifchen und etruskifchen Formen folgten ägyptifche und byzantinifche, und da auch die italienifchen Beftrebungen dem dortigen modernen Schmucke zugute kamen, fo war diefer bald aller Orten von antiken Motiven durchdrungen, ohne dafs die alten fchon darum befeitigt gewefen wären. Ift die Buntheit der Stilarten dadurch nur vermehrt worden, fo ift doch andererfeits der Einfluss des antiken Schmuckes nur vom gröfsten Vortheil gewefen. Sehr geringen Einflufs hat dagegen, ganz im Gegenfatz gegen die Silberarbeiten, der Renaiffancefchmuck gezeigt, doch hat er feine Traditionen, die wieder aufzuleben beginnen. Es ift das zunächft im nationalen Schmucke der Fall, der noch eine felbftftändige Stellung neben der Mode einnimmt. Die Weltausftellung gab uns über alles das genügenden Auffchlufs; man konnte gar leicht erkennen, welche Stellung die einzelnen Länder theils zu den gefchilderten Zuftänden des Modefchmuckes, theils zu den natio. nalen Traditionen einnehmen. Die Ausftellung der Schmuckgegenftände war höchft vielfeitig, ja allum. faffend; kein Zweig der Kunftinduftrie zeigte vielleicht weniger Lücken. Frankreich, Italien, England, Deutſchland, Oefterreich, Dänemark vertraten all' den modernen Schmuck und doch mit grofsen Eigenthümlichkeiten oder Varietäten. Noch mannigfaltiger faft zeigte fich der nationale Schmuck, zu dem von Europa insbefondere Norwegen, Portugal und Ungarn Beiträge geftellt hatten; aufserdem vor allem Indien, die malayifchen Infeln Hollands, China und Japan, NordAfrika von Aegypten bis Marokko. In Bezug auf den modernen Schmuck nahm Italien vielleicht die eigenthümlichfte Stellung ein durch die Richtung, welche die Nachahmung des antiken Schmuckes feinen Goldarbeiten gegeben hatte. In diefer fpeciellen Richtung waren diefelben die vorragendften auf der Weltausftellung, die erften Leiftungen des reinen Goldfchmuckes, die heute gefchaffen werden. Daneben glänzte Italien auch auf dem Gebiete des nationalen Schmuckes durch feine Filigranarbeiten. Frankreich, das, wie fchon angedeutet, auch feinerfeits Art und Formen des antiken Schmuckes adoptirt zeigte, war auch im Schmuck feinem fonftigen Charakter treu geblieben, Motive, Vorbilder, Ideen von aller Welt aufzunehmen und in fein Eigenes, in die Mode umzufetzen. So gab es faft keinen Schmuck anderswo, der nicht auch unter den franzöfifchen Arbeiten zu fehen gewefen wäre. Als Nachtreter Frankreichs in diefer feiner Art erfchien der reich vertretene deutfche Schmuck der füdweftdeutfchen Städte Hanau, Pforzheim, Stuttgart u. a. England imitirt wie Frankreich die Motive jeder Art und jedes Landes, aber ohne fie in eigener Weife zu überfetzen und zu verwandeln. Auch Dänemark, in deffen Kunftinduftrie fich feit Thorwaldfen eine antikifirende Richtung geltend macht, hatte in fchönen Beiſpielen Goldfchmuck in antiker Art zur Ausftellung gebracht, daneben aber auch nordifche Filigranmotive verwerthet. Bei Oefterreich überwog bei weitem der Edelfteinfchmuck vor dem verhältnifsmässig unbedeutenden Goldfchmuck. Diefs find die charakteriftifchen Züge der hauptfächlichften Fabriksländer des modernen Goldfchmuckes. Schmuckarbeiten in Gold und Silber. 25 In Italien ift bekanntlich die antike Richtung des Goldfchmuckes durch die Goldfchmiedfamilie der Caftellani in Rom und Neapel begonnen worden. Diefe Familie behauptete darin auch den erften Platz auf der Weltausftellung; aber fie ftand durchaus nicht mehr allein. Nur waren die übrigen Fabriken, wie Belezza in Florenz und T werembold in Turin, noch zugleich mit Schmuck in anderer Art und insbefondere auch mit fpeciellen Juwelierarbeiten vertreten. Die Art des antiken Schmuckes beruht einmal auf den charakteriftifchen Formen, die fich dem Baue der Glieder, welche fie zu fchmücken haben, anfchmiegen, fodann auf der reichen Hinzufügung des Filigrans, fei es in Fäden, fei es in Körnern, mit welchen fammtartig die gekrümmten Flächen überdeckt werden. Diefes Filigran in gleicher Feinheit herzuftellen und mit gleicher Vollendung anzuwenden, das war die Hauptfchwierigkeit, welche zweifelsohne von keiner europäifchen Fabrik in gleicher Weife wie von Caftellani gelöft worden ift. Vielleicht hat auch keine die Erfüllung der Aufgaben in gleichem Mafse erftrebt. Eine dritte Eigenthümlichkeit des antiken Schmuckes befteht in der ornamentalen Hinzufügung kleiner Figuren, eine vierte endlich in der befcheidenen Anwendung von Email. Beides war in gleicher Weife von Caftellani gefchehen und zum Theil auch von Anderen, wie denn gerade die Verwendung des figürlichen Ornamentes eine Eigenthümlichkeit des italienifchen Goldfchmuckes war, den derfelbe faft allein befafs. Am vorzüglichften zeigten fich in diefer Beziehung die Arbeiten des bereits genannten Twerembold in Turin. Aber die italienifchen Goldfchmiede find bei der blofsen Nachahmung des antiken Schmuckes, fo ernft und fo künftlerifch fie diefelbe genommen haben, doch nicht ftehen geblieben. Sie haben die antike Art auf anderen Schmuckarbeiten, die Italien eigenthümlich find, weiter angewendet. Wir meinen damit die gefchnittenen Steine und die kleinen Mofaikbildchen in römifcher Art, deren Verwendung und Verwerthung zum Schmucke durch die Goldfaffung gefchieht. Diefe Faffung war bisher nach Art aller Montirungen der Juwelierarbeiten von ziemlich roher und plumper Art. Die italienifchen Goldfchmiede haben nun aber die antike Faffung mit gedrehten und gekörnten Fäden und fonftigen Motiven darauf angewendet und dadurch hat das ganze Genre als Schmuck aufserordentlich gewonnen. Franzöfifche und nordifche Goldfchmiede find ihnen darin gefolgt. Die Wiederaufnahme des antiken Filigrans war gerade in Italien um fo leichter möglich, als fich hier das Filigran traditionell erhalten hatte, und zwar im Volksfchmuck. Gegenwärtig wird das Filigran bereits wieder fabriksmäfsig betrieben daher wir auch an diefer Stelle davon reden wollen und fein Gebrauch hat fowohl den Bereich des Volksfchmuckes wie die Grenzen des Landes überfchritten. Gleich dem türkifchen Filigran benützt man auch das italienifche zu allerlei kleinen Geräthen von Körben und Behältern; die Hauptanwen dung ift aber zum Schmucke jeglicher Art für Haar, Hals, Bruft und Arme. Die Art der fpiralig gebogenen, an den Ausgangspunkt zurücklaufenden und dort befeftigten Fäden ift immer ziemlich die gleiche; die Motive find nicht zahlreich. Neuerdings hat man aber auch nicht ohne Glück Blätter und Blumen in Filigranfchmuck darzuftellen verfucht. Die Verfuche erfcheinen um fo gelungener, je weniger fie naturaliftifche Art anftreben. Das Material diefer Arbeiten ift durchgängig Silber, aber zum Schmucke meiftens vergoldet, was z. B. bei den nordifchen Arbeiten nicht der Fall ift. Die Hauptfabriksftätten find Turin und Genua, erfteres auf der Ausftellung durch M. Meyer( Beretta), letzteres durch Salvo vertreten. So reich die Ausftellung Frankreichs in Schmuckarbeiten war, fo hatte man doch den gewöhnlicheren Goldfchmuck zu Haufe gelaffen. In Folge deffen überragten einerfeits die fpeciellen Juwelierarbeiten, andererfeits zeigte fich die ausgeftellte Collection verhältnifsmäfsig frei von den fchlimmften populären Motiven, den Schnallen, Riemen, Manfchetten, Hufeifen, Pferdeköpfen und was 26 Jakob Falke. dergleichen fonft auf diefem Gebiete graffirt. Dagegen war, wie wir noch später fehen werden, viel Naturalismus gerade bei den Juwelen, wo er am wenigften hingehört. Der befte Goldfchmuck war in antikem Stile gehalten und in diefer Beziehung müffen die Arbeiten von Fontenay in Paris hervorgehoben werden. Als fonftige charakteriftifche Seiten des franzöfifchen Schmuckes gab fich einerfeits viel Farbe kund, andererfeits eine gewiffe Vielfeitigkeit, wenn nicht Allfeitigkeit. Die Vorliebe für eine farbige Haltung des Schmuckes zeigte fich nicht blos in reichlicherer Verwendung von Steinen, fondern auch in der Verbindung mit Email. Aus letzterer Ornamentation hatten einzelne Fabrikanten faft eine Specialität gemacht, fo Emil Philippe aus dem mehr decorativen byzantinifchen Zellenfchmelz, insbefondere bei Kreuzen und anderem religiöfen Schmuck, die Fabrik von Pavié und Pavillié dagegen von der Miniaturmalerei auf Emailgrund. Aehnlich waren die Arbeiten von Paul Manteau und Salleron, die von Letzterem befonders mit religiöfen Gegenftänden. Die andere charakteriftifche Eigenfchaft, die Vielfeitigkeit, fprach fich darin aus, dafs die franzöfifche Induftrie den Schmuck aller Welt bei fich einführt und imitirt. So fah man den italienifchen Cameenfchmuck mit antikifirenden Faffungen, die italienifchen Korallenarbeiten, felbft den indifchen und brafilianifchen Schmuck mit goldig oder opalifirend fchillernden Käferflügeln. Auch der buntfarbige, unechte türkifche Schmuck mit Emailfarben war nachgeahmt. Ueberhaupt bildete folcher unechter Schmuck mit Email, falfchen Steinen und falfchen Perlen einen nicht unbedeutenden Theil der franzöfifchen Schmuckcollection. Diefe Arbeiten wiffen mit grofsem Gefchick brillanten Effect zu machen und find nicht felten von fehr guter Zeichnung, von befferer oft als die echten Gegenftände, weil bei diefen der Modegefchmack regiert, bei jenen aber häufig die Imitation guter alter oder nationaler Vorbilder obwaltet. Ift in diefer Weife der franzöfifche Schmuck allumfaffend, fo ift doch der einzelne Fabrikant Specialift in einem einzelnen Genre oder erfchien doch mindeftens fo auf der Ausftellung. Im Gegenfatz fucht in England der einzelne Fabrikant allumfaffend zu fein. So zeigte fich Hancock von London, in Wien allerdings eigentlich der einzige englifche Ausfteller in modernem Schmuck. Seine Hauptftärke beruhte freilich in den reichen Juwelierarbeiten, auf die wir noch später zu fprechen kommen, aber auch fein Goldfchmuck war nicht minder zahlreich wie bedeutungsvoll. Alle Stilarten und Stilunarten, kann man fagen, die heute in Uebung find, waren in feiner Collection vertreten. Die feinften und vollendetften Arbeiten lagen neben den plumpften und gewöhnlichften. Antikifirende Zeichnungen griechifcher, etruskifcher, byzantinifcher und ägyptifcher Art mifchten fich mit ganz modernen, mit den Hauptftücken des Schnallen- und Manfchettenftils. Höchft fimpel und fchwerfällig gegliederte Armbänder contraftirten mit zierlichen Filigranarbeiten und vortrefflich ausgeführtem Zellenfchmelz. Was Grofsbritannien fonft noch von Schmuck gefendet hatte, war mehr abfonderlicher Art. Dahin rechnen wir einen fchottifchen Fabrikanten, Atchinfon in Edinburg, mit allerlei kleinen Silbergegenständen, deren Haupteigenthümlichkeit in Verwendung von Krallen und Vogelfüfsen beftand. Wir dürfen den Urfprung alfo wohl in den fchottifchen Hochlanden fuchen. Wie fchottifche Motive, fo hatte derfelbe Fabrikant auch altirifche Motive entlehnt, fowohl von den alten in Irland gefundenen Brochen, fowie von den Steinkreuzen mit ihrem fchlangenartig verfchlungenen Ornament. Um das eigentliche Genre des modernen Schmuckes mit dem Gemifch feiner verfchiedenartigen Elemente, wie wir dasfelbe oben gefchildert haben, kennen zu lernen, war keine Ausftellung lehrreicher als diejenige der Schweiz und ganz insbefondere diejenige Deutſchlands. Die Schweiz verfolgt mit ihrer Induftrie keine idealen Ziele. Es handelt fich bei ihr allein um das Gefchäft und die am leichteften und ficherften verkäuf Schmuckarbeiten in Gold und Silber. 27 lichften Dinge. Sie folgt daher dem modifchen Gefchmacke, wie er von Frankreich ausgeht; ihn zu leiten und zu führen, felber neue Ideen zu geben, neue Bahnen zu zeigen, ift nicht ihre Sache. Die Schmuckarbeiten haben bei ihr eine folide Bafis, infofern als fie mit der Uhrenfabrikation in Verbindung ftehen, welche zur Decoration derfelben Techniker bedarf. Es fpielt daher auch in den Schweizer Schmuckarbeiten das gemalte Miniaturemail, wie es namentlich im XVIII. Jahrhundert Mode war, eine grofse Rolle. Auch fonft gehören die meiften Gegenftände der Art dem XVIII. Jahrhundert an, insbefondere dem Stil Louis XVI. Daneben macht fich auch der moderne Eklekticismus in höchft eigenthümlicher Weife bemerklich, indem den Gegenftänden felbft die entfprechende Bezeichnung des Stils ausdrücklich hinzugefügt ift. So lernen wir einen griechifchen, einen etruskifchen, einen ägyptifchen, einen affyrifchen Stil kennen, felbft einen amerikanifchen, der uns bis dahin unbekannt war und wohl erft in der Schweiz erfunden wurde. Man fieht, die Schweizer Induftrie weifs fich zu accommodiren. Alle Gegenftände find übrigens hübfch ausgeführt, Email und Gravirung, wie die verfchiedenen Farben des Goldes mit Gefchick behandelt. Was den Schweizer Schmuck im Kleinen charakterifirt, das gilt von demenigen Deutfchlands im Grofsen. Die Schmuckinduftrie Deutfchlands, obwohl fie nur in einem Theile des Landes und an ganz beftimmten Orten, insbefondere in Hanau, Offenbach, Pforzheim, Schwäbisch Gmünd, Stuttgart ihren Sitz hat, ift in keiner Weife zu unterfchätzen. Sie arbeitet im Grofsen für den Export und umzieht die Welt; fie fucht das Bedürfnifs der Mode zu befriedigen, wie fie gleichzeitig felbft der Fabrikation des nationalen Schmuckes fich zu bemächtigen trachtet. Sie affimilirt fich dem Gefchmacke der verfchiedenen Länder wie dem Schönheitsgefühle des Inlandes. Die künftlerifchen Leiftungen diefer Schmuckftädte waren allerdings bisher in keiner Weife bedeutend. Diefe Induftrie fuchte gleich der fchweizerifchen nichts zu erfinden, noch weniger neue Bahnen des Gefchmackes und der Kunft zu eröffnen. Sie folgte, wo fie fich nicht dem Landesgefchmacke anfchmiegte, lediglich dem Vorgange Frankreichs und erlaubte fich nur die Vorbilder, die fie von dort fich verfchaffte, beliebig zu verändern. Das Verfahren war ein nicht viel anderes als die gewöhnlichen Elemente, bald fo, bald fo, wie ein Kartenfpiel zu mifchen. Und viel anders ift es auch heute nicht, nur find eben beffere Elemente und beffere Motive, insbesondere durch die Imitation des antiken Schmuckes in diefen Kunftzweig eingedrungen. So find die künftlerifchen Beftandtheile diefes deutfchen Schmuckes von dreierlei Art: erftens find es die oben gefchilderten Motive, die wir mit der Bezeichnung des Manfchettenftils zufammengefafst haben; zweitens find es naturaliftifche Ornamente von Blumen, Laub und Ranken, und die dritten Beftandtheile haben die Nachahmung oder Modernifirung des antiken Schmuckes hervorgerufen. Diefer letzteren gehören auch alle die Kettchengehänge an, die heute auch da beliebt find, wo fie nicht hingehören. Von diefen drei Beftandtheilen ift es insbefondere der letztere gewefen, welcher einerfeits die Technik durch die Einführung des Filigrans erweitert hat, andererfeits überhaupt, weil die Originale ganz andere Anforderungen ftellten, die ganze Arbeit verfeinert, man kann fagen, das ganze Genre gehoben hat. Man muss das anerkennen, foviel man auch an dem, was uns die Weltausftellung von deutfchem Schmucke vor Augen führte, ausfetzen mag, fo fehr man Urfache hat, die wilde Vermifchung der verfchiedenartigen Motive, den Mangel an Originalität und Erfindung zu tadeln, fo fehr insbefondere dasjenige, was nach antiken Motiven gefchaffen wird, in jeder Beziehung hinter den Vorbildern zurückfteht. Man mufs einen relativen Fortfchritt zugeben fowohl in der Verfeinerung der Arbeit, wie insbefondere in der Erweiterung der Technik. Diefe hat nunmehr aufser dem bereits erwähnten, wenn auch in fparfamer Anwendung ftehenden Filigran auch mannigfach das Email hereingezogen; fie verwendet 28 Jakob Falke. Korallen, Cameen, Edelſteine und bedient fich des verfchiedenartigen Goldes zu coloriftifchen Effecten, die freilich keineswegs immer glücklich ausfallen. Diefe Verbindung des grünlichen und des rothen Goldes, deren Erfindung oder hauptfächlichfte Verwendung erft dem XVIII. Jahrhundert angehört, erfcheint uns überhaupt eine fehr gefährliche Ornamentation, deren man fich nur mit gröfster Vorficht bedienen follte. Wir haben fchon manchen Effect dadurch geftört gefehen. Es ift fchwer, aus der grofsen Menge der deutfchen Goldfchmiede, die auf der Ausftellung vertreten waren, einzelne herauszuheben. Der Werth hält fich ziemlich auf dem gleichen Niveau, doch pflegt der Eine mehr diefe, der Andere mehr jene Art und Richtung und darin ift auch der Eine glücklicher als der Andere. Von Hanau z. B. möchten wir vor allem Biffinger& Sohn wegen feinerer Arbeiten nennen; ihnen kommt zunächft in diefer Beziehung Steinhauer & Comp., doch find deren Zeichnungen unklarer und überhaupt minder gut. Diefen ftehen als Vertreter der fchlimmen Seiten moderner Art J. Backes, G. W. Schehl, C. Koch und Otto Weber& Comp. gegenüber. Letztere find insbefondere Vertreter des Manfchettenftils, während Ernft Schönfeld den Naturalismus allerdings in fehr verfeinerter Art betreibt. In Specialitäten find zu nennen: C. Kurr- Schüttner mit Korallen, Agaten, Malachiten, Mufcheln, aber mit unbedeutenden Faffungen; J. M. Krug mit kleinen Emails, Diehls mit Perlen und Steinen. Unter den Stuttgarter Fabrikanten erfcheint als die erfte und befte Firma Meyer& Pleuer, insbefondere mit franzöfifch- antikifirenden Arbeiten; Berg& Comp. dagegen ftehen auf der entgegengefetzten Seite. Auf diefer letzteren find auch die Gmünder Fabrikanten zu nennen: Otto& Comp. mit wildem Naturalismus, Gebrüder Kuttler in ähnlicher Richtung. In Pforzheim ftellen fich auf die beffere Seite Nützelberger, Gfchwind& Comp., deren Arbeiten, wenn auch verfehlt im Stil, um der feinen Faffungen willen zu loben find; Basler und Flendrich, fowie W. Mürle mit hübfchen Emails. A. Kiehne übt den Naturalismus wenigftens in fehr feiner Art. F. Becker, Haack& Nagler, A. Gerwig huldigen theils dem Manfchettenftil, theils dem Naturalismus, während G. Saacke und Maifchhofer, letzterer in Verbindung mit Korallen, vorzugsweife das veraltete Motiv bandwurmartiger Verfchlingungen zu Schmuckarbeiten benützen. Eine ähnliche Collectivausftellung wie die diefer deutfchen Schmuckfabrikanten befand fich auch in der öfterreichifchen Abtheilung. Diefe Collectivausftellung enthielt den gewöhnlichen Goldfchmuck, wir müffen leider fagen, den fehr gewöhnlichen, denn fo viel wir auch an den deutfchen Arbeiten auszufetzen fanden, diefe Art der öfterreichifchen machte noch einen weit ungünftigeren Eindruck. Es waren die Motive nicht blos der verkehrteften modernen Art, es fehlte nicht blos an aller Erfindung und Originalität, es ftand auch die Arbeit felbft an Feinheit und Mannigfaltigkeit der Technik hinter den deutfchen zurück. So fehr wir bei den öfterreichifchen Silberarbeiten das Beftreben nach wahrhaft künftlerifchen Leiftungen anerkennen mufsten, ebenfo fehr läfst diefe Art des Schmuckes nicht überfehen, dafs die reformatorifchen Bemühungen auf dem Gebiete der Kunftinduftrie noch nicht bis zu ihnen gedrungen find. Hier liegt noch ein Feld der Thätigkeit völlig brach. Doch waren diefs bei weitem nicht die einzigen Schmuckarbeiten, die in der öfterreichifchen Abtheilung ausgeftellt waren. Eine Anzahl Juweliere, die höchft koftbaren Edelſteinfchmuck dem Publicum vor Augen geführt hatten, bewiefen, dafs die Bedeutung des öfterreichifchen Schmuckes, wie wir noch näher fehen werden, auf einer anderen Seite liegt. Aufser diefen, zum Theil grofsartigen Bijouterien gab es aber auch noch mancherlei eigenthümlichen Schmuck, der wenigftens Beachtung verdient. Dahin rechnen wir z. B. niellirten Silberfchmuck von Luftig& Vidal, fowie von Markovitfch& Scheidt, bei denen freilich Schmuckarbeiten in Gold und Silber. 29 die Art der Zeichnung in den Ornamenten keineswegs genügte; ebenfo rechnen wir dahin namentlich bei der erfteren Firma emaillirten und incruftirten Schmuck. Vor allem gehört hierher die Imitation des alten ungarifchen Schmuckes mit Steinen, Perlen und Email, fo dafs der Effect ein durchaus farbiger ift. In Wahrheit ift diefe Manier eine Tradition der Renaiffance und ihres Schmuckes, die fich bei dem ungarifchen Coftüm erhalten hat, heute erneuerten Beifall findet und von jenem befchränkten nationalen Gebiete auf ein allgemeineres Feld übergeht. Die Fabrikanten diefes Schmuckes find in Wien, wie die bereits genannte Firma von H. Ratzersdorfer oder zugleich in Peft anfäffig, wie die Gebrüder Egger. Man fah daher diefen Schmuck in der öfterreichifchen wie auch in der ungarifchen Abtheilung. Ein befonders fchönes Beiſpiel von reicherer Art ( Eigenthum des Grafen Edm. Zichy) hatte E. Biedermann in Wien zur Ausftellung gebracht. Einer der Wiener Goldfchmiede, Hermann Böhm, hatte aber auch eine exceffive Anwendung diefer Manier gemacht, indem er einen kolof falen runden Schild und eine grofse Axt nach ungarifcher Art in überaus reicher Weife damit überzog, fo reich, dafs die Gegenftände felbft als Prunkftücke finnlos waren und kein Vergnügen übrig blieb, als die Freude an der guten Arbeit des Details. Auch die dänifchen Schmuckarbeiten verbanden wie die öfterreichifchen nationale Elemente mit ganz modernen und fuchten jene für den modifchen Gebrauch zu verwerthen. In diefer gemifchten Art bot die Schmuckcollection des fchon genannten Kopenhagener Silberfabrikanten Chriftefen nicht geringes Intereffe. Es fanden fich in derfelben vortreffliche Imitationen antiken Schmuckes, welche wohl den italienifchen am nächften kamen und andere Goldarbeiten von Armbändern, Ohrgehängen, Hals- und Bruftfchmuck, welche altnordifche mit Glück zu modernifiren trachteten. Beide Arten machten fehr guten Eindruck, nur leider war diefer Eindruck durch eine Collection des gewöhnlichften Schmuckes im Schnallen- und Manfchettenftil wieder gefchädigt. Ein ähnliches Beftreben, nordifche Schmuckelemente zu modernifiren und für den allgemeinen Gebrauch zu verwerthen, fah man in der norwegifchen Ausstellung bei einem Goldfchmied von Chriftiania, Toftrup. Norwegen gehört zu den Ländern, wo fich im Bauernfchmuck das Silberfiligran feit Jahrhunderten erhalten hat. Die Motive desfelben, Rofetten, Knöpfe, bandartige Filigranverfchlingungen in frühmittelalterlicher Weife, dazu kleine klirrende Anhängfel mit Kettchen, verwendet Toftrup zu Diademen und anderem Kopffchmuck, zu Ohrgehängen, Halsbändern, Brochen, Ketten und Kreuzen, verbeffert und ftilifirt die Zeichnung und fchafft fo manch' reizendes effectvolles Stück, das oft in feiner Präcifion antiken Eindruck macht. Auch andere Artikel, wie Schalen, Leuchter, Körbe, die wir hier aber unberücksichtigt laffen, macht derfelbe Fabrikant aus Filigran. Das gleiche Gemifch, wie es bei dem Dänen Chriftefen zu fehen war, das Gemifch des modernften Schmuckes der verwerflichften Art mit wahrhaft reizenden Gegenftänden, konnte man auch in der Schmuckausftellung Rufslands wahrnehmen. Aber dasjenige, was wir hier das Reizende nennen, bewegte fich nicht in antiken Formen, fondern in einem fehr farbigen Genre und zum Theil auch in den Motiven der ornamentalen Holzarchitektur, die wir fchon bei den gröfseren Silberarbeiten Rufslands näher befprochen haben. Diefe Arbeiten, deren man zahlreiche Beiſpiele in den Collectionen von W. Adler und Otto Krumbügel in Moskau fah, durch ihr reizendes Email im Allgemeinen von höchft gefälligem Eindruck, litten doch an den fteifen Formen der Originalmotive, die fich hier im gefchmeidigen Golde faft noch mehr bemerklich machten, wie bei den Silberarbeiten. Bei weitem fchöner und anmuthiger war ein anderes Genre von Bijouterie bei Tfchitfcheleff, Goldarbeiter und Juwelier in Moskau: Schmuckgegenftände aus kleinen verfchlungenen Goldbändern, die zierlich durch einander laufen, alles farbig emaillirt mit Perlen, Diamanten und farbigen 30 Jakob Falke. Steinen, ausgezeichnet ebenfo durch den Effect wie durch die Freiheit und Feinheit der Zeichnung. Ihnen zur Seite ftanden andere Gegenftände mit zitternden Blumen, die Perlen und Diamanten trugen und bei jeder Bewegung glitzerten. Auch das naturaliftifche Genre mit aufgelegten Blumen, Zweigen und Blättern, in verfchiedenfarbigem Golde dargestellt, hatte in Rufsland feinen Vertreter gefunden, und zwar in dem bereits genannten W. Adler. Die Arbeiten waren wenigftens fein und zierlich und darum in ihrer Art nicht ohne Reiz. Kannte der moderne Schmuck bis in die letzten Jahre das Filigran nicht mehr, fo bildet es überall die Eigenthümlichkeit des nationalen Schmuckes. Wo fich ein folcher erhalten hat, da ift auch Filigran fein wefentlichfter Beftandtheil. So haben wir es fchon bei Italien gefehen, fo ift es im öfterreichifchen Gebirge, fo in den füdlichen Donauländern, fo in Holland, auf den Infeln der Nordfee, fo in Norwegen. Auf der Ausftellung war freilich diefer Schmuck nicht von überall her vertreten; fo fehlten durchaus die intereffanten holländifchen Arbeiten. In Norwegen wie in Jtalien hat das nationale Filigran unter Führung intelligenter Goldfchmiede bereits wieder moderne Bedeutung gewonnen. Ebenfo ift es in Portugal, das eine reiche und fchöne Collection goldenen und vergoldeten Filigranfchmuckes zur Ausftellung gebracht hatte, zierliche, feine, exacte Arbeiten, die den Beifall verdienten, den fie fanden. Zu der gleichen Bedeutung haben fich die Filigrane der Donauländer, wie die der Türkei noch nicht erhoben. Ueberhaupt find die heutigen Schmuckarbeiten der Türkei, wenigftens wie fie fich auf der Ausftellung darftellten, in keiner Weife von befonderem Werthe. Der unechte Schmuck hat wenigftens farbige Reize, aber er wird fo vielfach anderswo fabricirt und in die Türkei erft importirt, dafs man das Rechte vom Falfchen fchwer unterfcheiden kann. Mancherlei originelle Formen, wenn auch keineswegs feine Arbeit, zeigte der Schmuck der fyrifchen Frauen, zumal von den Stämmen des Libanon, auch derjenige jüdiſcher Frauen jener Gegenden und Paläftina's. Die Stirnbinden mit Gehängen, die Ohrgehänge waren befonders beachtenswerth. In gleicher Weife intereffirte durch feine eigenthümlichen Formen der Schmuck Aegyptens, auch zeigte fich die Arbeit, namentlich bei den goldenen Gegenftänden, nicht ohne Feinheit und Schönheit; die filbernen Halsketten, Armbänder u. f. w. waren dagegen viel eher plump und fchwer und grob im Filigran. Färbige Decoration von Email und Steinen bemerkte man fehr wenig dabei. Ein ganz anderes Genre von Schmuckarbeiten ift dasjenige vom öftlichen und füdlichen Afien, welches etwa mit Perfien beginnt. Hier gefellt fich zum Filigran die farbige Decoration, fei es durch Steine, fei es durch Email, in höchft ausgezeichneter Art. Zwar die perfifche Fabrikation fcheint in diefer Beziehung im Verhältnifs zur Vergangenheit bedeutungslos geworden zu fein. Dagegen fah man in einer Ecke der ruffifchen Ausftellung ganz vortreffliche Schmuckgegenstände aus Turkeft an, die insbefondere von den dort heimifchen Tur kifen eine reiche und ausgezeichnete Anwendung machten. Gerade um diefes Punktes willen waren jene auch fonft gut gearbeiteten Gegenftände höchft beachtenswerth. Auch von China und Japan waren unter den Schmuckgegenftänden nur die Filigranarbeiten von Bedeutung. Japan zeigte allerdings auch eine Anzahl Gegenstände unechten Schmuckes von Ringen, Knöpfen und fonftigen kleinen, zum Theil fchon für den europäiſchen Gebrauch gearbeiteten Dingen, die fich durch die Originalität der Erfindung, wie durch die Genauigkeit der Arbeit auszeichneten. Sie waren meift aus Kupfer oder Bronze, verfilbert und vergoldet, taufchirt oder auch emaillirt. Weit vorragender aber waren die Filigrane China's, fowohl die in Silber wie in Gold. Jene, die von Silber, waren nicht nur von äufserfter Feinheit des Fadens und mannigfacher Zufammenfetzung, fie hatten auch die Eigenthümlichkeit, dafs fie mitten in Filigran fich noch mit emaillirten Blumen fchmückten; eine Verbindung, die, wie es fcheint, heute allein in China Schmuckarbeiten in Gold und Silber. 31 in Uebung fteht. Künftlerifch noch vorzüglicher waren die Goldfiligrane, meift Schmuckgegenftände, wie: Brochen, Ohrgehänge, Armbänder, die, in gefchnitz ter Elfenbeincaffette eine Garnitur bildend, fchon für den europäifchen Gebrauch beftimmt erfcheinen. Ihrer künftlerifchen Art nach beftehen fie aus Filigranfcheiben oder Platten, auf denen im freien Relief und in ganz freier natürlicher Bewegung ohne alle Spur chinefifcher Bizarrerie Vögel und andere Thiere fich bewegen. Die Goldfäden, aus denen fie gebildet worden, find von feinfter Art. Zuweilen find auch die Platten aus dem gelben Hornftoff eines beſtimmten Vogelfchnabels gefchnitten, mit Reliefs verziert und mit Filigran gefafst. Diefe in ihrer Art höchft vollendeten Arbeiten zeichneten fich auch durch ihre grofse Billigkeit aus. Sie hätten der Induſtrie jedes Landes Ehre gemacht; in der chinefifchen Abtheilung fcheinen fie vom Publicum faft unbeachtet geblieben zu fein. Was von den Schmuckgegenständen China's und Japans, fowie des übrigen Orients gilt, die vorragende, oft einzige Bedeutung des Filigrans, das kann man von Indien und feinem Schmucke nicht behaupten. Allerdings fpielt auch hier das Filigran eine grofse Rolle, und es gibt in diefer Art Arbeiten von Silber, zum Volksfchmucke gehörig, namentlich Armbänder und Halsgehänge, von höchfter Feinheit. Ebenfo fah man unter dem malayifchen Schmucke, wie er von Java und Sumatra in der holländifchen Abtheilung ausgeftellt war, Goldfiligrane von gröfster Vollendung, wenn auch barocker in der Form als die indifchen. Aber der übrige Schmuck, den uns Indien zur Ausftellung gebracht hatte, namentlich derjenige in Verbindung mit Email und Edelſteinen, obwohl kaum ein Stück erften Ranges darunter war, überwog an Bedeutung die Filigranarbeiten. Keine Nation vielleicht liebt den Schmuck wie die indifche, keine weifs ihn aber auch, felbft den unechten, fo effectvoll zu geftalten, keine fetzt die Steine gleich gefchickt zu prächtiger Decoration zufammen, keine übertrifft fie in der Behandlung des transparenten Emails. Wir haben allerdings nicht auf unferer Ausftellung, fondern zu London- Goldarbeiten gefehen, die in reizenden Arabesken mit verfchiedenfarbigem, translucidem Email verziert waren, von einer Schönheit fowohl der Arbeit, des Gefammteffectes, wie der einzelnen Schmelzfarben, dafs fie in allen diefen Beziehungen den fchönften Arbeiten der Renaiffance an die Seite gefetzt werden konnten. Aber auch unfere Ausstellung zeigte in diefer Beziehung manches Vorzügliche und Beachtenswerthe, z. B. Armbänder oder Halsbänder, aus grünemaillirten Goldfcheiben beftehend, in deren durchfichtigen Schmelz wieder die zierlichften Goldornamente mit Jägern und Jagdthieren, Bäumen und Laub eingefetzt waren. Diefe beiden Seiten des indifchen Goldfchmuckes, das Email und die Verwerthung der Steine, zeichnen denfelben vor allen übrigen nationalen Arbeiten derfelben Art aus und empfehlen ihn am meiſten der modernen Goldfchmiedekunft zur Beachtung. Eine dritte Seite ift die eigenthümliche Goldtaufchirung auf Stahl, die zwar meiftens bei anderen Gegenftänden, zumal Waffenftücken, angewendet, aber auch zu Schmuckgegenftänden benützt wird - III. Schmuckarbeiten in Edelſteinen. Im Eingange zu unferer Befprechung des Goldfchmuckes haben wir die wohl allgemein anerkannte Behauptung aufgeftellt, dafs diefe Arbeiten feit den Zeiten der Renaiffance bis auf unfere jüngften Tage einen ununterbrochenen Rückfchritt gemacht haben. Man kann von dem fpeciellen Juwelenfchmucke wohl nicht das Gleiche fagen. Wenigftens ift der kryftallinifche Schliff der Edelſteine, ihre Politur und damit ihr Glanz und Farbenfpiel, alfo ihre Wirkung unleugbar durch die Art ihrer Bearbeitung und Zurichtung in den letzten Jahrhunderten erhöht worden. Wir nehmen das überhaupt als eine Erhöhung ihres Werthes an, auch des künftlerifchen, da ja in diefem Glanze und Farbenfpiele überhaupt ihr eigentliches Wefen ruht. Diefe Erhöhung und Vervollkommnung aber hat wieder eine andere Folge gehabt, deren Werth vielleicht zweifelhafter ift. Sie hat bewirkt, dafs die Steine, die fonft nur in Verbindung mit edlem Metalle und edler Arbeit auftraten und ein verzierendes Beiwerk waren, nunmehr felbftftändig und zur Hauptfache geworden find. Man fetzt fie für fich zufammen, fo dafs das Metall nur den Halt und die Verbindung abgibt und daher möglichft zu verfchwinden hat, oder fügt fie nicht um des Scheines, nicht um der gemeinſamen Wirkung willen in das Metall ein, fondern um den materiellen Werth zu erhöhen. Metallarbeit, Faffung haben alfo mehr oder minder ihre Bedeutung verloren. Die Kunft des Juweliers ift nach diefer Seite hin eine rohere geworden. Ift diefes im Allgemeinen richtig, fo gilt es noch insbefondere in Bezug auf die Diamanten. Je mehr fich der Diamant in den letzten Jahrhunderten durch die künftliche, raffinirte Schleifung aus der Tafelform in den gefpitzten Brillanten verwandelt hat, je mehr dadurch fein Feuer, fein Farbenfpiel erhöht worden, je mehr ift feine Faffung in den Hintergrund gedrängt, man kann fagen, unfichtbar geworden. Statt der fchwarzen Folie im Goldkaften, die man ihm noch im XVI. Jahrhundert gab, feinen Glanz zu vermehren, ift heute die Regel, ihn mit fo wenig farblofem Silber wie möglich à jour, alfo durchfichtig, zu faffen. Stein an Stein gedrängt, das ist heute die Art. Nun mufs er aber doch irgendwie auch fo in der Zufammenftellung mit feines Gleichen beftimmte Form annehmen und irgend künftlerifche Figur erhalten, denn nur der Solitär vermag allenfalls in einfamer Gröfse fich felbft zu genügen. Wie diefs heute gefchieht, wie dennoch künftlerifche Geftaltung gemäfs dem Gefchmacke der Zeit an ihn herantritt, das konnte man auf unferer Weltausftellung in vollauf genügender Weife wahrnehmen. In genügender Weife, fagen wir, denn in der That ift wohl noch keine Ausftellung fo reich und glänzend mit Brillantenfchmuck verfehen gewefen. Man hätte erwarten follen, dafs nach den zahlreichen Funden, die man insbefondere am Cap gemacht, der Diamant in Schätzung und Vorliebe gefunken fei. Aber eher das Gegentheil ift eingetreten. Den Schleifern in Amfterdam ift nur mehr Arbeit gekommen und mit vermehrter Arbeit ihr Lohn geftiegen. Das erneuerte Intereffe, welches jene Fundftätten diefem Steine zugewendet haben, hat auch der Vorliebe dafür erneuerten Schwung gegeben. Schmuckarbeiten in Edelſtein. Diejenigen Länder, welche auf der Weltausstellung vorzugsweife mit Brillantenfchmuck in die Concurrenz eintraten, waren England, Frankreich und Oefterreich; neben ihnen zeigte fich Italien mit glücklichen, aber materiell minder werthvollen Gegenftänden. Dafs eines diefer Länder eine beſtimmte künftlerifche Art, einen beftimmten Stil in der Geftaltung diefes Schmuckes allein oder völlig vorwiegend beobachtet hätte, kann man nicht fagen. Es zeigte fich auch darin die Zerriffenheit des modernen Gefchmackes und wie überall eine alte Manier neben den Anfängen einer neuen. Wenn man das Material und feine künftlerifche Art anfieht, die ganz beftimmte kryftallinifche Form, die Wirkung durch ewig wechfelndes Farbenund Lichterfpiel, fo follte man denken, dafs gerade diefe Eigenfchaften am allerwenigften paffend wären, um Naturgegenftände auch naturaliftifch, d. h. mit der zufälligen Form der Natur darzuftellen. Was kann noch eine Rofe fein, deren Blätter dicht und doch unregelmässig zufammengeftellt, aus lauter kleinen, eine gekrümmte Fläche bedeckenden Diamanten beftehen? In der That ift auch eine folche Blume weder als Rofe fchön, d. h. als Gebilde der Natur, noch ift fie geeignet, durch ihre Form die fpecififchen Eigenfchaften des Steines zu begünftigen; im Gegentheil, die Form ift ihrer Wirkung hinderlich. Nichtsdeftoweniger bildete ein folcher Naturalismus bei dem Brillantenfchmuck auf unferer Weltausftellung faft die hauptfächlichfte Kunftweife und insbefondere waren es die franzöfifchen Juweliere, welche fie übten. Wir nennen in diefer Beziehung vor allen die beiden Parifer Firmen Otterbourg und Mellerio( dits Meller). Bei erterem fah man folche Diamantrofen, die völlig wirkungslos waren, als ob die Lichtftrahlen fich gegenfeitig aufhöben. Beffer fchon war ein anderes Diadem derfelben Firma aus fternförmigen Blumen, weil die regelmässige Geftalt folcher Blumen mit der Wirkung der Strahlen in Harmonie fteht. Wir werden darüber fogleich noch näher zu fprechen haben. Jedoch muss man fagen, hatten fich jene Franzofen in ihrer erfinderifchen Art nicht auf fo einfache Motive befchränkt. Mellerio hatte z. B. bei einem koftbaren Schmuck zu einem Diadem das Motiv eines Pfauen benützt, der feinen brillantenbefetzten Schweif ausbreitet. Ein anderes Diadem beftand aus Blumendolden mit Farrenblättern dazwifchen, die Blumen dolden fo geftellt, dafs fie bei jeder Bewegung erzitterten und dadurch ftets erneuerte Strahlen hervorriefen. Ein Vogelflügel, von einem Pfeil durchbohrt, alles mit Diamanten bedeckt, nur die Spitze des Pfeiles von einem Rubin gebildet, diente als Broche. Ein fehr beliebtes Motiv war der Schmetterling, bei dem fich auch andersfarbige Steine mit den Brillanten naturaliftifch verwenden liefsen. Das Motiv der fteten Bewegung und Strahlung war mehrfach auch von einem dritten Parifer Juwelier, Boucheron, benützt worden, indem er Blumen mit Staubfäden gebildet und auf die federnden Staubfäden Diamanten gleich Thautropfen gefetzt hatte. Diefe Arbeiten waren unleugbar reizend in ihrer Art. Ein vierter, Rouvenat, hatte nicht ohne Glück den Paradiesvogel fich erkoren und den ganzen Vogel wie den goldenen Schwanz mit Diamanten befetzt und doch war in feiner Collection ein Diadem, mit grofsen Sternen in der Mitte, jenem noch überlegen. Wie fehr die Natur und ihre Nachahmung in diefen Dingen hauptfächlich ſpielen, zeigt ein heute aufserordentlich beliebtes Motiv des Schmuckes, das Gehänge von Kettchen oder fonftigen Anhängfeln, das fich bei dem Brillantfchmuck in einen Wafferfall verwandelt, der vielleicht gar aus einer Mufchel fliefst. Im Gegensatz zu den verhältnifsmäfsig zahlreich anwefenden franzöfifchen Juwelieren, war es von England eigentlich nur ein einziger Ausfteller, der für den Edelfteinfchmuck in Frage kommt; die Ausftellung desfelben war materiell aber um fo grofsartiger. Das ift Hancock von London. Der aufserordentlich reiche und koftbare Schmuck, den er für Lord und Lady Dudley im Laufe weniger Jahre gearbeitet hatte, war ihm für die Ausftellung zur Verfügung gestellt worden; darunter befand fich ein aufsergewöhnlich grofser Diamant, der Stern 3 34 Jakob Falke. von Südafrika genannt. Aber diefe Gegenftände waren nicht das Einzige, was Hancock an Brillantfchmuck dem Publicum vor Augen zu führen hatte. So grofs aber der materielle Werth von Hancock's Ausftellung war, fo wenig bedeutend war die Kunft, die an die Herſtellung diefer Schmuckarbeiten gewendet war. Prachtvolle Steine, prachtvolle Perlen, und unter den erfteren wie Diamanten, fo auch Amethyfte und Saphire von grofser Schönheit- das ift viel, aber es war eigentlich auch alles. Die Franzofen hatten felbft ihren naturaliftifchen Motiven nicht immer, aber doch meiftens noch Reiz und Gefälligkeit abzugewinnen gewufst; dem Engländer war das bei der gleichen Art nicht gelungen. In feinen natürlichen Rofen oder Aehren oder in dem veralteten Motiv der Schleifen und Bänder fah man wohl die Steine blitzen, aber man erkannte nicht mehr was Rofe, was Aehre, was Schleife fein follte. Auch diejenigen Gegenftände aus diefem Schmuck, insbefondere Diademe, welche nicht naturaliftifch gehalten waren, entbehrten doch einer klaren, beftimmten und fchönen Zeichnung, fo dafs fchliefslich der Effect, namentlich wenn der Schmuck auf dem Haupte fitzt, das er zieren foll, wohl blendend, aber unedel ausfällt. Zum beften in Bezug auf Zeichnung gehörte unter den Hancock'fchen oder Dudley'fchen Diademen eines, bei welchem die Spitzen mit länglichten Perlen gekrönt waren und ein anderes aus Korallen. Noch beffer war ein drittes Brillantdiadem mit fternartigem Motiv, das aber nicht zum Schmuck der genannten Dame gehörte. Was dem Engländer fehlte, die gefällige Zeichnung, das war am meisten bei den Italienern zu finden. Vorragend bei den italienifchen Goldfchmieden war allerdings, wie wir gefehen haben, der eigentliche Goldfchmuck, aber auch die Juwelierarbeiten boten grofses Intereffe. Manches Stück war von höchft anfprechender und liebenswürdiger Compofition. Wir erinnern z. B. in der Collection von Twerembold in Turin an den ebenfo finnig wie decorativ hübfch componirten Kopffchmuck, die Nacht in der Geftalt eines geifselfchwingenden und fackeltragenden Genius, deffen Fackel von einem grofsen Diamanten ftrahlte, den andere Diamanten, die an zarten, kaum fichtbaren Goldfäden befeftigt waren. fternartig umgaben. Schon diefe Art, die Diamanten wie frei fchwebend und doch in federn der Bewegung auf der Schneide zarter Goldbänder zu befeftigen, ift ein fehr glücklicher Gedanke. Die italienifchen Juwelierarbeiten boten mehr dergleichen, was zum Nachdenken und zur Beachtung anregte, z. B. ein Solitär in fchwarz emaillirter Mufchel oder eine grofse Perle, die in einer Diamantmufchel fafs. Jenes Verfahren, die Diamanten getrennt auf der Schneide eines Goldbandes zu befeftigen, war befonders hübfch bei einem Halsbande angewendet, das aus gröfseren und kleineren, in diefer Weife mit Diamanten befetzten Sternen gebildet war. Auch in der Zufammenftellung verfchiedenfarbiger Steine zeigten die italienifchen Juwelierarbeiter gelungene Gegenftände. Sie machten überhaupt, obwohl fie nicht zahlreich waren und an materiellem Werthe hinter anderen zurückftanden, doch den Eindruck, dafs die Nation für folchen Schmuck eine natürliche Begabung befitzt und mit inftinctivem Gefühl in diefen Dingen fehr fein und forglich zu Werke geht. - Was Italien feinem natürlichen Gefchick verdankte es bewährt diefes übrigens nicht auf allen Gebieten der Kunftinduftrie- das leiftete O efterreich mit bewufster Kunft. Wir nennen Oefterreich als den vierten Staat unter denjenigen, die mit ihrem Juwelengefchmeide das vorragende Intereffe auf der Weltausftellung erregten, wollen es damit aber keineswegs auf den vierten Rang ftellen. Stand feine Fabrikation in dem gewöhnlichen Goldfchmuck hinter derjenigen Deutſchlands zurück, fo erhob es fich dagegen weit in den eigentlichen Juwelierarbeiten. Oefterreich hat auf diefem Gebiet auch noch feine Specialitäten, deren wir zuerft gedenken wollen. Das find die Granaten und die Opale. Jene freilich bei ihrem verhältnifsmäfsig geringen Preife vertreten nur ein ziemlich niederes Schmuckarbeiten in Edelſtein. 35 Genre; und fo war auch die Kunft, die an fie verwendet wurde, bisher eine ziemlich geringe. Die kleinen Steine wurden in Reihen zufammengeftellt oder umftanden in gedrängten Kreifen einen gröfseren, meift abgerundeten Stein, um fo durch die Maffe zu erfetzen, was dem einzelnen Stein an Kraft und Wirkung abging. Es konnte einem dabei die Wahrnehmung nicht entgehen, dafs der runde Schliff nicht glücklich ift und ein grofser runder Stein in der Mitte die Wirkung des Schmuckgegenftandes eher verringert, als erhöht. Viel hat fich feitdem der böhmifche Granatenfchmuck nicht geändert; doch konnte man auf der Ausstellung mit Befriedigung wahrnehmen, dafs die Gefchmacksreform, die heute überhaupt mit dem Schmuck begonnen hat, auch an ihm nicht vorübergeht. Viele Motive, die erft der jüngften Zeit angehören, namentlich Gehänge und antikifirende Formen laffen fich auch fchon bei den Granaten fehen. Wir nennen beifpielsweife die Arbeiten der Firma Neuftadt in Prag. Uebrigens find das Genre und feine künftlerifche Höhe überall ziemlich gleich. Die zweite Specialität der öfterreichifchen Juwelen ift der Opal, mit feinem reizenden Farbenfpiel und feinem milden Glanze ein höchft edler Stein. Es ift wohl anerkannt, dafs die ungarifchen Fundftätten die fchönften und beften Beifpiele liefern. Es ift daher auch nur billig, dafs die öfterreichifche Juwelierkunft ihn in bevorzugter Weife verwerthet. Die Milde feines ganzen Wefens verlangt offenbar auch eine entsprechende zierliche Faffung und verhältnifsmässig zarte Umgebung, wenn er mit anderen Steinen in Verbindung tritt. Perlen entsprechen ihm am meiften. Soll er mit Diamanten zufammengeftellt werden, fo darf es nur fo gefchehen, dafs fie ihn fchmal und zierlich umrahmen; treten fie breiter, kräftiger auf, fo tödten fie ihn. Von folcher Art, wo die Verbindung ganz richtig in diefer mafsvollen Weife gehalten war, fah man vortreffliche Beiſpiele in einer fchönen Schmuckgarnitur mit ausgezeichneten länglichen Opalen in der Ausftellung der Wiener Juwelenfirma V. Meyer's Söhne. Als Specialität mit Opalfchmuck erfchien die ungarifche Firma von L. Goldfchmidt. Eine reiche Collection von Stirnbändern, Halsbändern, Brochen, Ohrgehängen, Armbändern. Ringen u. f. w. bot eine Fülle fchöner Steine und fchöner Gegenftände. Im Gan zen waren auch hier die richtigen Principien eingehalten, fowohl in der Faffung wie in der Zuſammenftellung. Nur hier und da war fehlgegriffen, fo z. B. wenn der Opal cameenartig gefchnitten und zu Reliefporträts verwendet wird. Sowohl das ifirende wechfelnde Farbenfpiel, wie die Weichheit und leichte Brechlichkeit laffen ihn dazu vollkommen ungeeignet erfcheinen. Aber auch ohne diefe Specialitäten wäre Oefterreich fein Rang und fein Intereffe in Bezug auf den Juwelenfchmuck auf der Ausftellung gefichert gewefen. Nicht blos ein Ausfteller, wie bei England, fondern eine Reihe von Juwelieren führten uns Arbeiten vor Augen, die fich über das Gewöhnliche erhoben. Wir nennen: Kobeck& Aegidi, E. A. Köchert, E. Biedermann, Victor Meyer's Söhne, Grannichftädten und endlich H. Hartung. Zeigte uns die erftgenannte Firma den reichften Schmuck, fo möchten wir in Bezug auf edle und angemeffene Zeichnung an Köchert den Preis erkennen. Im Allgemeinen war in der Geftaltung diefer Bijouterien und namentlich der reichften der Naturalismus vorherrfchend, in der Art, dafs der ganze Schmuckgegenftand, z. B. das Diadem, einen einzigen Blüthenzweig oder einen Kranz bildete, fei es nun, daſs er ganz in Brillanten oder mit Hilfe anderer farbiger Steine, welche die Blüthen vorftellten, ausgeführt war. Diefes Motiv war befonders von Kobeck und Aegidi, fowie auch von Granichftädten geübt, bei jenen z. B. mit Rubinen unter Diamanten, bei Granichftädten in fehr zarter Weife zugleich mit Türkifen, welche einen Straufs Vergifsmeinnicht vorftellten. Man kann in diefem Falle fehr hübfche, zierliche, reizvolle Effecte erzielen, aber keine vollkommenen. Jene Arbeiten. vergeffen, dafs fie beftimmt find, einen anderen Gegenftand, den Frauenkopf zu verzieren, dafs fie ihn fchmücken, heben, verfchönern follen und dafs fie zu diefem Zwecke componirt fein müffen. Diefen Zweck fetzen fie aber aus den Augen, 36 Jakob Falke. wenn fie irgend einen dritten Gegenftand, eine Blume, einen Blüthenzweig, einen Kranz oder gar ein Thier nachbilden. Wenn fie damit Ziel und Zweck erreichen, fo ift das zufällig. Wir wollen jene Decorationsmotive nicht aus der Juwelierkunft, nicht von den Edelſteinen verbannen, aber fie müffen einer höheren Abficht untergeordnet werden, und es wird fich daraus ergeben, dafs fie eher ftilifirt und regelmässig zu behandeln find, als mit der Unregelmässigkeit der Naturnachahmung, die ohnehin fchwer in dem widerftrebenden eigenartigen Material zu erreichen ift. Es kommt noch hinzu, dafs die Edelſteine felbft ihrer kryftallinifchen Natur und Geftaltung nach auf eine mehr regelmässige, ftrengere künftlerifche Compofition des Schmuckes hinweifen und dafs auch die Art ihrer Wirkung das Gleiche verlangt. Und diefes letztere gilt ganz insbefondere vom Diamanten. Seine künftlerifche Wirkung befteht, wie fchon angegeben, in dem ewig wechfelnden Lichterfpiel, in dem Aufleuchten und ebenfo rafchen Verfchwinden der farbigen Blitze. Wollte man zu diefer Eigenfchaft auch noch die Zeichnung unruhig und willkürlich halten, fo würde der Effect aufhören, ein Effect der Kunft zu fein; es wäre ein Effect des unbeherrschten Zufalls. Es folgt daraus, dafs man richtiger handelt, die unruhigen, unficheren Strahlen gewiffermafsen in Zwang und Bann zu thun, ihnen beſtimmte Linien, fichere Richtung anzuweifen. Und diefs kann nur dadurch gefchehen, dafs man die Zeichnung, die Anordnung der Steine in gewiffer Regelmässigkeit hält, vor allem aber, indem man den fternartigen Charakter begünftigt und wiederkehren läfst. Ift das richtig für den Brillantfchmuck an fich, fo gilt es noch insbefon. dere in Bezug auf den Gegenfland, der damit gefchmückt werden foll. Ein fchöner, edler Kopf von regelmässiger Bildung verlangt einen Schmuck von gleicher Art; nur ein folcher, der ebenfalls in edler Form und fchönen Linien gehalten ift, wird ihn wahrhaft zieren, nur ein folcher wird die königliche Figur auch königlich fchmücken. Ein blos hübfcher, pikanter Kopf mit unregelmässigen Zügen enthält fich ohnehin beffer des grofsartigen bedeutungsvollen Schmuckes. Wer Gelegenheit hat, folche Beobachtungen zu machen, wird fich leicht von der Wahrheit überzeugen. Solcher Art der Compofition entſprachen von allen ausgeftellten Juwelierarbeiten am meiften( neben einigen italienifchen) diejenigen von E. A. Köchert, vor allem jene Brillantgarnitur nach den Zeichnungen von Th. Hanfen. Vielleicht hätten, um die Zeichnung klarer zu machen, was bei Brillanten doppelt nothwendig erfcheint, die Linien getrennter, die Oeffnungen noch weiter gehalten werden können. Diefelben Gegenstände waren aufserdem noch in zweierlei Weife gelungen, einmal in der gefchickten Verbindung von Perlen mit Diamanten, andererfeits in der richtigen Anwendung von Thierfiguren, in diefem Falle von Vögeln, ohne damit in den Charakter des Naturalismus zu verfallen und der Unregelmäfsigkeit Vorfchub zu leiften. Wir zweifeln nicht, dafs diefer Charakter des Edelfteinfchmuckes fich in nächfter Zeit mehr und mehr Bahn brechen wird, zumal er mit der ganzen Art der Reform des Gefchmackes in enger Verbindung fteht. Er wird freilich noch auf manchen Widerftand ftofsen, und zwar bei den Trägerinen felber. So lange unfere Damen ftatt des allein richtigen oder zuläffigen Gehänges fich eine einzelne Perle, einen einzelnen Stein an das Ohrläppchen ftecken, als ob er wie ein Pilz daraus hervorgewachfen wäre, fo lange find fie nicht auf der Höhe, um einen wahrhaft fchönen und edlen Schmuck verftehen und fchätzen zu können. Es ift aber zu hoffen, dafs das Gute Mode wird, wenn auch nur auf dem Wege der Neuheit und auf diefe Weife zur Herrfchaft gelangt. Sonft wäre für den Augenblick nicht viel Hoffnung vorhanden. Vergleichende Schlufsbetrachtung. Unfere bisherige Darftellung ergibt, dafs alle Goldfchmiedearbeiten der Welt, in welchem Material fie auch ausgeführt fein mögen, in Bezug auf ihre künftlerifche Art in zwei grofse Gruppen zerfallen: in die nationalen Arbeiten und in diejenigen der modernen Cultur. Diefs ift im Wefentlichen auch eine geographifche Scheidung, doch trifft letztere nicht ganz zu, da auch moderne Culturftaaten fich nationalen Schmuck bewahrt haben und zum Theil ihn zu moderniren trachten. Diefe bilden gewiffermafsen das Mittelglied, den Uebergang zwifchen den beiden grofsen Gruppen. Der nationale Schmuck ift heute fehr befchränkt in feiner Technik und bedient fich durchgängig durch alle Länder hindurch einer gemeinfamen technifchen Decorationsweife, ob nun in Silber oder Gold, des Filigrans. Es iſt das in ganz Afien der Fall, in Afrika, in allen Provinzen der türkifchen Herrfchaft. und in fehr vielen Ländern Europa's, felbft im äufserften Weften, in Portugal und im höchften Norden, in Norwegen, defsgleichen im Süden, in Italien. Diefe drei genannten Länder trachten auch bereits dahin, das Filigran wieder dem modernen Schmuck, von dem es aufgegeben war, zurückzugewinnen. Ift das Filigran allem nationalen Schmuck gemeinfam, fo gibt es doch auch Unterfchiede, und diefe beftehen einerfeits in der gröfseren und geringeren Feinheit, andererfeits in der Zeichnung der Ornamente, welche es zu bilden hat, obwohl auch diefe fehr viele gemeinfame Charakterzüge bieten. In erfterer Beziehung möchten wir als durch Feinheit ausgezeichnet, die chine fifchen, zum Theil die indifchen, die malayifchen, die italienifchen und allenfalls die portugiefifchen Filigranarbeiten hervorheben, in anderer Beziehung, um ihrer Originalität willen, ebenfalls die chinefifchen, fodann die italienifchen und die norwegifchen. In den meiften Fällen befchränkt fich die Decoration des nationalen Schmuckes auf das Filigran, in vielen treten Steine hinzu, wie in Perfien und Turkeftan, zuweilen Email wie in China; die volle Vielfeitigkeit des heutigen modernen Schmuckes, den Reichthum feiner zum grofsen Theil erft jüngftens wiedergewonnenen Technik zeigt nur die Goldfchmiedekunft Indiens. Sie bedient fich neben dem Filigran der getriebenen Arbeit, des Taufchirens, Niellirens und Emaillirens und weifs von Diamanten und farbigen Steinen einen äufserft effectreichen Gebrauch zu machen. Im modernen Europa erhebt fich kein Staat in der Goldfchmiedekunft fo über feine Concurrenten wie Indien über die anderen Länder des nationalen Schmuckes. Mag man in gewiffem Sinne Frankreich als Führer der Mode auch auf diefem Gebiete betrachten, fo gilt das doch nur in befchränkten Grenzen und im Allgemeinen auch nur für die gewöhnlicheren Gegenftände und die landläufige Waare. Je mehr die Goldfchmiedekunft der eigentlichen Kunft fich nähert und höhere Anfprüche erhebt, um fo mehr zeigt fich die Selbftftändigkeit und Eigenthümlichkeit der einzelnen Länder. Diejenigen, die dabei in Frage kommen, find Frankreich, England, Deutſchland, Oefterreich, Italien, neben ihnen - auf unferer Weltausftellung wenigftens Rufsland, Dänemark, die Schweiz, Holland und Belgien, letzteres allerdings nur mit kirchlichen Gegenftänden. - Wirklich tonangebend und die Mode führend erfcheint uns Frankreich nur in dem gewöhnlichen Schmuck, in der eigentlichen Handelswaare. Frank 38 Jakob Falke. reich ift es auch wohl, welches darin die antiken Motive eingeführt hat, obwohl es felber mag von Italien beeinflufst worden fein. Seine Nachtreter in diefer Handelswaare find die deutfchen Fabriksftätten, die fich zu gewiffer Vielfeitigkeit der Technik und Feinheit der Arbeit aufgefchwungen haben, in Erfindung und Zeichnung aber noch gänzlich unfrei find. Die grofsen Silberarbeiten Deutfchlands dagegen von Berlin, München, Nürnberg find völlig felbftftändig in ihrem Kunftcharakter, fehr verfchieden unter fich und doch in gleicher Weife allefammt unabhängig von Frankreich und verfchieden von franzöfifcher Weife. Andere gröfsere Silberarbeiten Deutſchlands, z. B. von Stuttgart, Bremen und anderen Orten, folgen noch dem Naturalismus und üben damit noch eine Weife, die bereits von Frankreich perhorrescirt wird. Ihre gewöhnlichen Gegenftände jedoch, Leuchter oder fonftiges Tifch- und Theegeräth, das formell nicht höhere Anfprüche erhebt, bewegt fich in herkömmlichen, abgelebten, zum Theil noch ftark vom Rococo durchwachfenen Formen. Auch Frankreich hat diefes Genre für feinen Hausgebrauch noch nicht abgeftreift, aber es erfcheint kluger Weife damit nicht mehr auf den Weltausftellungen. In demjenigen, was es der Völkerconcurrenz vor die Augen der Welt bringt, ftrebt es höhere Ziele an, doch fchwankt es dabei in feinen künftlerifchen Richtungen. Es liegt in feiner Art, dafs es nicht blos technifch, fondern auch ftiliftifch abfichtlich nach der Vielfeitigkeit trachtet. Während die gröfseren öfterreichifchen Silberarbeiten entfchieden die Tendenz der Renaiffance zu erkennen gaben, war etwas Aehnliches bei Frankreich nicht der Fall. Die grofse Ausftellung von Chriftofle- einer für viele zeigte zahlreiche, echt franzöfifche Gegenftände im Stil Louis XV. und Louis XVI., manche, die auf die Renaiff ance zurückgingen, viele in antikifirender Art, namentlich mit Benützung des Hildesheimer Fundes; andere endlich, welche chinefifche, japanefifche und indifche Imitation erkennen liefsen. Gemeinfam war nur allen diefen verfchiedenartigften Stilweifen eine Umwandlung oder Franzöfifirung in höchft modernem Geifte. Der Naturalismus fand allerdings auch noch feine Vertretung in Frankreich, und zwar gerade in den koftbaren Juwelierarbeiten, allerdings nicht in fo brutaler Weife wie in Deutfchland, fondern mit gewiffer franzöfifcher Feinheit und Mäfsigung. Nicht ganz, aber doch nahezu zeigten die Goldfchmiedearbeiten Englands, diejenigen in Metall wie die in Juwelen, diefelbe Vielfeitigkeit wie die Frankreichs, aber während auf die letzteren der franzöfifche Geift ein gemeinfames, wohl erkennbares Cachet gedrückt und fie fo zu feinem wahren Eigenthum gemacht hatte, blieben die englifchen Arbeiten getrennt und unvermittelt in ihrer Vielartigkeit. Man erkannte in der englifchen Ausftellung in den filbernen Tafelauffätzen, im Speife- und Theegefchirr, wie in Gold- und Edelſteinfchmuck den Reichthum des Landes und die Gröfse und den Umfang der Aufgaben, aber es war das Gute neben das Schlechte, das Fremdartigfte neben das Gewöhnliche geftellt, als ob kein Urtheil vorhanden fei über das, was gut oder fchlecht, was nachahmenswürdig oder zu vermeiden fei. Man fah Griechifches, Aegyptifches, Byzantinifches, Franzöfifches, Chinefifches, Japanefifches u. f. w., aber fehr wenig, von dem man fagen konnte: das ift englifch. Die langjährigen reformatorifchen Gefchmacksbeftrebungen in England haben aufserordentlich viel Anregung gewährt, aber wie auf anderen Gebieten, fo auch auf diefem noch keineswegs zur Klärung der Ideen geführt. Ganz anders ftehen die Dinge in Italien. Trotz der tiefen Verfunkenheit des Gefchmackes, welcher die gebildeten Claffen Italiens anheimgefallen waren, und ganz insbefondere auch die Kirche mit ihrem Bedarf an künftlerifchen und kunftinduftriellen Gegenftänden, trotz alledem hat fich in der italienifchen Induftrie viel gute Kunftarbeit traditionell erhalten, theils durch den Abfatz an die Fremden, theils durch das Schmuckbedürfnifs des Volkes. Beides ift der Goldfchmiedekunft zugute gekommen, hat ihr nicht blos immer einen eigenthümlichen Charakter bewahrt, fondern hat fich auch als gute Vorbedingung Vergleichende Schlufsbetrachtung. 39 für eine Erhebung diefes Kunftzweiges in unferen Tagen erwiefen. So fchlecht daher die italienifchen Silberarbeiten für die Kirche heute find und die welt- lichen Gegenftände, die auf der Ausftellung fo gut wie nicht vertreten waren, fcheinen kaum beffer zu feinfo eigenthümliche, fo gute, ja zum Theil ausgezeichnete Seiten bieten die italienifchen Schmuckarbeiten. In ihnen liegt die Stärke der heutigen italienifchen Goldfchmiedekunft. Sie iſt es, welche zuerft den antiken Schmuck wieder aufgenommen und, während Frankreich nur ein neues Motiv der Mode daraus machte, ihn in aller feiner Schönheit und Feinheit wieder zu erreichen trachtete. Mit diefem Goldfchmuck nimmt Italien vom rein künftlerifchen Staudpunkt aus den erften Platz ein unter allen Concurrenten. Es hat aber aufserdem feine eigenthümlichen Seiten im Filigran, in den gefchnittenen Steinen, im Mofaik und in Korallen und feine eigentlichen Juwelierarbeiten ftehen auch mit in erfter Linie. Auch Rufsland behauptet in der Goldfchmiedekunft eine eigenthümliche Stellung. Es will darin national fein, aber in diefem nationalen Charakter wiederum modern. Es will nicht der Mode folgen, fondern feinen eigenen Kunftftil haben und mit diefem allen modernen Forderungen genügen. Der Stil, von wirklich nationalen Elementen, die aber der Baukunft angehören, auf die Goldfchmiedekunft übertragen, ift daher nur ein angenommener, ein künftlich nationaler. Er ift daher nicht frei von Fehlgriffen, ja er ift verkehrt in feinem Grundprincip, und er mifcht fich mit verfchiedenen anderen Elementen. mit Naturalismus, mit Rococo und Antike. Diefs ift der Charakter der ruffifchen Goldfchmiedekunft und er gilt gleichmässig für die Arbeiten in Silber, Gold und Edelſteinen. Byzan tinifche oder afatifche Elemente find, wenn man von den Arbeiten aus dem Kaukafus abfieht, fehr wenig erhalten, und wo fie noch vorhanden find, wie in den Silberniellen von Tula, da find fie im Begriff, unter moderner Art zu Grunde zu gehen. Eine Haupteigenthümlichkeit diefer vermeintlich nationalen ruffifchen Goldfchmiedekunft befteht in der reichlichen Verwendung von Email und bei den Schmuckarbeiten von Edelſteinen. Daher bieten diefe ruffifchen Gegenstände durchgängig ein fehr farbiges Aeufsere dar, wozu viel Vergoldung tritt. Das bildet einen Hauptunterfchied von den modernen Silberarbeiten Europa's, bei denen Email und Vergoldung heute verhältnifsmäfsig felten find. Ganz auf modernem Standpunkt ftehen die kleineren unter den genannten Staaten Europa's, obwohl fie wieder verfchieden unter einander find oder ihre Hauptftärke in verfchiedenen Zweigen liegt. Die Schweiz hat ihre Stärke in den Schmuckgegenftänden von mehr currenter Art und diefe folgen franzöfifchen Vorbildern. Das reiche Holland fchmückt feine Tafel mit Silbergefchirr und auch diefes lehnt fich an die gewöhnliche franzöfifche Art an. Nur Dänemark hat mit vorwiegender Hinneigung zur Antike, die fich ebenfowohl im Schmuck wie im Silbergeräth ausfpricht, einen eigenthümlichen Charakterzug. Von allen Staaten zeigt Oefterreich am beften und deutlichften den Uebergang, in welchem fich heute der Gefchmack und insbefondere die Goldfchmiedekunft befindet. Die Reformbeftrebungen unferer Zeit haben vielleicht nirgends fo fefte und fichere Wurzeln gefchlagen, aber man fieht auch deutlich, wie tief und wie weit diefer Einflufs geht. Je mehr Intelligenz herrfcht, je entfchiedener ift der Einfluss, je gelungener find die Refultate. Es ift in der That eine Reform der Intelligenz, die von oben nach unten geht. Die Spitzen find davon ergriffen, die grofse Menge noch nicht. Es muss das Licht, wie die Morgenfonne, von den Höhen in die Thäler und auf die Flächen herabfteigen, mufs fie erleuchten und erwärmen. Die Ausftellung Oefterreichs in der Goldfchmiedekunft betheiligte fich an allen drei Zweigen, die wir befprochen haben, quantitativ vielleicht gleichmässig, aber qualitativ in fehr ungleicher Weife. Im Allgemeinen gemeffen, ftand der gewöhnliche currente Goldfchmuck weit hinter den beiden anderen Zweigen, den Silberarbeiten und dem Juwelenfchmuck, zurück. Damit foll aber nicht gefagt 40 Jakob Falke. fein, dafs diefe beiden tadelsfrei gewefen, aber fie zeigten doch fehr viel Gutes und diefes in hoffnungerweckender Weife für die Zukunft. Was fie Gutes hatten, das lag auf dem Wege der beabfichtigten Reform und bewegte fich auf dem kirchlichen Gebiete in den Stilen des Mittelalters, auf dem civilen in der Richtung der Renaiffance. Aber das Gute hatte überall fein Gegenbild neben fich. Was reich, vornehm war und für etwas gelten follte, das zeigte- obwohl keineswegs ausfchliefslich höchft vortreffliche Leiftungen fowohl für die Kirche wie für das Haus; was für den mittleren und den niederen Gebrauch beftimmt, das gab ordinären Geift und ordinäre Formen zu erkennen. - Man fieht daher leicht, wohin vor allem fich die Beftrebungen zur Hebung der Goldfchmiedekunft in Oefterreich richten müffen. Sie müffen vor allem den gewöhnlicheren Gebrauchsgegenstand, die gröfsere Production ins Auge faffen, und das gilt, weil das Bedürfnifs gleicherweife vorhanden ift, auch gleicherweife für den Bedarf der Kirche, des Haufes und der Perfon. Natürlich wird damit nicht behauptet, dafs das reichere und vornehmere Genre nunmehr vollendet fei und der Bemühungen nicht mehr bedürfe, aber die neuefte Tendenz in demfelben ift gut und wird von felber trachten, das zu ergänzen, was fehlt, oder diejenigen, die noch fchwankend find und irren, in ihre Bahn hineinzulenken. Ift das Bewufstfein, die Ueberzeugung einmal gekommen von dem, was noth thut, fo wird auch wohl gefchehen, was gefchehen mufs. Diefes aber fcheint uns vorzugsweife das zu fein, dafs fich die Goldfchmiedekunft von den eigentlichen Bildhauern und Architekten unabhängig ftelle, dafs fie fich ihre eigenen Künftler fchaffe, die das Material, feine Eigenfchaften, feine Fähigkeiten genau kennen und auch als erfinderifche Köpfe den höchften Anforderungen und Aufgaben gewachſen find. Das ift die eine Seite deffen, was noth thut; man kann fie heute fchon mit einiger Zuverficht den grofsen Goldfchmieden und Juwelieren felbft überlaffen. Wenn die Schule des öfterreichifchen Muſeums von ihnen richtig benützt wird, fo kann mit ihr diefer Seite des Bedürfniffes entfprochen werden. Aber für die Maffenproduction, für die Handelswaare, die veredelt werden. mufs, für die Benützung der Materialien, welche das Land in mancherlei fchönen, zum Theil billigen Steinen bietet, müffen die Beftrebungen tiefer und mehr in die Breite gehen. Um auch der Dorfkirche ein gut geformtes Gefäfs zu liefern, um den Goldfchmuck gefällig, fein, anfehenswürdig zu machen, um aus den Granaten, Topafen und anderen hübfchen und effectvollen Steinarten einen nicht blos billigen, fondern zugleich auch trefflichen, reizvollen Schmuck zu fchaffen, um die bisherigen techniſchen Verfahrungsweifen zu vervollkommnen, die alten, nun wieder belebten zu lehren und zu verbreiten, dazu find Fachfchulen nöthig, welche einerfeits die Hand in aller Weife bilden, andererfeits die Fähigkeit ver fchaffen, nicht blos die gute, gefchmackvolle Zeichnung zu verftehen, fondern fie auch zu liefern. Wenn auf diefe Weife durch praktifchen und theoretifchen Unterricht die ausgezeichnete Begabung des öfterreichifchen Volkes gerade auch für diefen Zweig der Kunftinduftrie aus dem Schlummer geweckt und zur vollen Thätigkeit gehoben wird, fo glauben wir, wird die öfterreichifche Goldfchmiedekunft im Stande fein, in jedem Zweige das Gleiche zu leiften und der Concurrenz der Welt die Spitze zu bieten.