OFFICIELLER AUSSTELLUNGS- BERICHT HERAUSGEGEBEN DURCH DIE GENERAL- DIRECTION DER WELTAUSSTELLUNG 1 8 7 3 UNTER REDACTION VON DR. CARL TH. RICHTER, K. K. o. ö. PROFESSOR IN PRAG. DIE KURZWAAREN- INDUSTRIE. ( Gruppe X.) BERICHT VON LUDWIG HARTMANN, J. WEIDMANN UND DR. C. TH. RICHTER WIEN. DRUCK UND VERLAG DER K, K, HOF- UND STAATSDRUCKEREI 1874* A KURZWAAREN. ( Gruppe X.) ARBEITEN AUS MEERSCHAUM, SCHILDPATT u. f. w., STÖCKE UND PEITSCHEN. ( Gruppe X, Section 1-4 und 6.) Bericht von LUDWIG HARTMANN, Drechsler in Wien. Bei aufmerkſamer Betrachtung der ausgeftellten Meerfchaum- und Bernftein Waaren kam man bald zur Ueberzeugung, dafs in der Fabrication und Behandlung der Rohproducte feit der Parifer Ausftellung 1867 ein wefentlicher Fortfchritt ftattgefunden hat. Nicht nur die Formen der gangbarften Artikel find viel fchöner als früher, fondern auch die Ausführung in allen Theilen ift viel exacter geworden, wodurch befonders die Exportfähigkeit derfelben wefentlich erhöht wird. Insbefonders in der Bearbeitung des Bernfteines ift man in Wien zu einer Vollkommenheit gelangt, welche die ausländifchen Concurrenten in Staunen verfetzte.- Objecte von Bernftein, wie fie die Wiener Fabrikanten zur Anfchauung brachten, find nie vorher erzeugt worden; und wenn folche auch mehr als Kunftgegenstände, denn als Handelsartikel betrachtet werden müffen, fo übten fie doch auf das grofse Publikum einen fo mächtigen Eindruck, dafs die wenigen analogen Ausftellungen von fremden Staaten faft unbeachtet blieben. Die Handelswelt aber erkennt ganz wohl, dafs befondere Fabrikseinrichtungen und Arbeitskräfte vorhanden fein müffen, um aus diefem empfindlichen Materiale derlei Formen zu erzeugen, und dafs Wien, als die Wiege diefer Induftrie, hierin den erften Rang behauptet und den Weltmarkt beherrschtDer Fortfchritt in der Behandlung des Meerfchaumes fowohl in glatten als gefchnitzten Formen liefs fich am auffallendften bei einem eingehenden Vergleiche mit den diefsfälligen Ausftellungsobjecten anderer Staaten wahrnehmen. Obfchon Paris im Jahre 1867 recht gut gearbeitete Meerfchaum- Waaren exponirte und befonders in gefchnitzten Formen die Wiener zu überflügeln drohte, fo fteht es doch heute weit zurück. Nur in Bernftein- Cigarrenfpitzen waren Stücke I* 2 Ludwig Hartmann. von vorzüglicher Arbeit aus Paris vorhanden, welche Schauftücke jedoch von der Hand eines dort arbeitenden Wieners ftammen. Die gefchnitzten Meerfchaumwaaren aus München beurkundeten eine noch gröfsere Unkenntnifs der Behandlung des Rohftoffes. Dagegen kamen die Ausftellungsgegenstände von Erlangen, welche jedenfalls die bedeutendften fremdländifchen waren, die aber meift von Wiener Arbeitern ſtammen, einer mittleren Wiener. Waare gleich. Die aus Preufsen ausgeftellten Bernftein- Schmuckgegenftände waren fehr fchön gearbeitet und ift hiebei befonders das Material ökonomifch und fachkundig verwendet. Dagegen hat Preufsen in Bernftein- Rauchrequifiten und Beftandtheilen hiezu, nach 1867 mehr erzeugt als jetzt, und wird in diefem Artikel durch die Wiener Concurrenz immer mehr zurückgedrängt. Der Confum an Meerfchaum- und Bernftein- Waaren hat fich von 1867 bis 1872 noch um 30 Percent gefteigert, und foll nach der allgemeinen Meinung feinen Höhepunkt erreicht haben, was wir jedoch negiren, obfchon der Bedarf mit Beginn des Jahres 1873 nachgelaffen hat. Aber man kann beftimmt annehmen, dafs diefer Rückgang durch die gegenwärtige allgemeine Gefchäftslage bedingt war, und dafs bei dem Wiedererwachen des Handels auch diefer Induftriezweig fich neu beleben werde. Auch lehrte die Erfahrung, dafs die Franzofen nach der Ausftellung 1855, bei welcher ihnen das erfte Mal Gelegenheit geboten war, fchöne Meerfchaum- Pfeifen maffenhaft zu fehen, den Pfeifen zu Liebe allgemein zu rauchen begannen, und es ift daher nicht unmöglich, dafs durch den gleichen Eindruck bei vielen Taufenden von Befuchern der Weltausftellung ein ähnliches Refultat erzielt werde. In Schildpatt bot Frankreich in Porte- monnaies und Cigarrentafchen, mit Gold und Silber eingelegt, ganz Vorzügliches. Alles überragend war freilich die franzöfifche Bijouterie- Arbeit. Erfreulich war es auch zu conftatiren, dafs Wien, welches noch 1867 nur unbedeutend in Schildpatt fabricirte, bei der gegenwärtigen Ausftellung mit fehr fchönen und convenablen Artikeln vertreten war. Befondere Aufmerkfamkeit erregten die glatten und gefchnitzten Fächer aus Schildpatt, die auch faft durchwegs vortrefflich waren. Auch Italien hatte fich mit einigen Kunftgegenständen feiner SchildpattSchnitzerei in die Reihe der Induftriellen geftellt. Die von Nürnberg ausgeftell ten plattirten Manfchettenknöpfe waren weniger gut und hübfch. In Hornarbeiten waren von den Wiener Drechslern fehr fchön gearbeitete Pfeifenrohre, Pfeifen- und Cigarrenfpitzen ausgeftellt, die noch keiner Concurrenz durch andere Staaten begegneten. Auch die bei Baden( nächft Wien) und Umgebung gepflanzten Weichfeln zu Pfeifenrohre waren befonders fchön und zahlreich vertreten, und zeigten einen wefentlichen Fortfchritt in der Cultur derfelben, in welcher nur Ungarn mit Erfolg concurrirte. Dagegen waren die von den Wiener Kammmachern exponirten Horn- und Schildpatt- Kämme wohl fehr gut gearbeitet, jedoch gegenüber den analogen Fabricaten aus Deutfchland in Horn und aus der Schweiz in Schildpatt nicht concurrenzfähig. Eben fo verhält es fich mit den von den Wiener Bürftenfabrikanten ausgeftellten Bürften und Pinfeln, die wohl gut gearbeitet und theilweife ganz vorzüglich find, jedoch immerhin nicht mit den bezüglichen Erzeugniffen Deutſchlands und Frankreichs rivalifiren können. In Knochen- und Elfenbein Artikeln kämpfte Deutfchland und Wien mit faft gleichem Erfolge, obfchon nicht zu leugnen ift, dafs in ElfenbeinArbeiten Berlin hervorragender ift, weil Wien für gefchnittene Artikel wenig Arbeiten aus Meerfchaum, Schildpatt u. f. w., Stöcke und Peitfchen. 3 co Arbeiter hat, und die jungen Meifter, in deren Händen diefe erft feit Kurzem auflebende Fabrication liegt, erft ihre Leute hinreichend ausbilden müffen, um erfolgreich in die Concurrenz treten zu können. Diefer Branche würden Fachfchulen bedeutend vorwärts helfen können. Das Material ift ein edles und für die Kunstinduftrie ein vielfach verwendbares. Nach England allein betrug die jährliche Einfuhr während der letzten Jahre 1,200.000 Pfund, für welche Quantität Elfenbein etwa 30.000 Elephanten erlegt werden müffen. Afrika, Oftindien, China und Nordamerika verbrauchen grofse Mengen diefes edlen Stoffes und zeigte die Ausftellung, wie wundervoll diefe Staaten das Material zu verwenden wiffen. Ganz Europa kann davon noch viel lernen. Perlmutterarbeiten, fowohl Galanteriewaare als Knöpfe, hatte Wien vorzüglich ausgeftellt, und find es befonders die Knöpfe, mit welchen die Wiener Fabrikanten den ganzen transmarinen Continent beherrfchen. In Spazierftöcken concurriren Deutſchland und Oefterreich, letzteres mit mehr Gefchmack und präciferer Ausführung der Arbeit, während Deutſchland durch jedenfalls fehr vortheilhafte Handelsverbindungen einen grofsen Export, befonders in Rohrftöcken unterhält. In billigen und doch fehr nett gearbeiteten Naturftöcken behauptet Wien den Rang vor Deutfchland. Die Naturftöcke für Regenfchirme, welche hier in Maffen erzeugt werden, befördern den Auffchwung der Regenfchirm- Fabrication wefentlich, und decken nicht nur den ganzen Bedarf des Inlandes, fondern werden auch nach Rufsland, der Türkei und den Fürftenthümern exportirt. An der Ausftellung von Peitfchen hatten fich England, Deutfchland, Oefterreich und Ungarn betheiligt. Die englifchen Arbeiten find vorzüglich, aber theuer. Die deutfchen find minder gut als die Wiener. Peft hatte vorzügliche Arbeit im nationalen Gefchmacke geliefert. Die Wiener Peitfchenfabrication hängt mit der Stöcke- Erzeugung zufammen, und wird bei der befonderen Entwicklung der letzteren einen noch grösseren Auffchwung in Zukunft nehmen. SonnenRegenfchirme hatten England, Deutfchland und Wien- fchirme England und Wien ausgeftellt- und zeichneten fich die Wiener Sonnenfchirme durch guten Gefchmack aus. Zum Schluffe fei hier noch bemerkt, dafs alle vorerwähnten Artikel( zumeift wie fie Oefterreich zur Ausftellung gebracht hatte), der Gegenftand einer befonderen Aufmerkfamkeit von Seite der auswärtigen Jurors waren, dafs fogar manche von ihnen von Seite ihrer Regierungen den fpeciellen Auftrag hatten, diefelben einem eingehenden Studium zu unterziehen. Diefs läfst jedenfalls fchon für die nächfte Zeit eine gröfsere Rührigkeit der auswärtigen Concurrenz erwarten und es erfcheint fonach hoch an der Zeit, mit der endlichen Errichtung von Fachfchulen für diefe Induftriezweige zu beginnen, deren Nothwendigkeit von Seite des hohen k. k. Handelsminifteriums wiederholt anerkannt wurde, und zu deren Erhaltung auch die Genoffenfchaft der Drechsler ihr Möglichftes beizutragen bereit ift. GALANTERIEWAAREN AUS BRONCE, LEDERUND TASCHNERWAAREN. ( Gruppe X, Section 5.) Bericht von J. WEIDMANN, k. k. Hof- Ledergalanterie- und Tafchnerwaaren- Fabrikant in Wien. Das Material Bronce findet bis auf die heutige Zeit feine wefentliche Verwendung zum Kunftgufse in allen Dimenfionen, vom feinften Schmucke bis zum gröfsten Monumente, da deffen Bildungsfähigkeit, Härte, Elafticität, feine fich felbft fchützende Oxidation( Patina), die vorzügliche Eignung zur Vergoldung, Verfilberung, Färbung etc. fo glücklich fich vereint findende Eigenfchaften find, dafs die Kunft eher Gold und Silber hätte entbehren können, als Bronce. Für Kunft und kunftgewerbliche Werke, bei welchen es fich um feine Durchbildung und foliden Werth handelt, wird daher Bronce immer verwendet werden, während zu anderen Zwecken längft das Eifen und die anderen Metalle als geeigneter oder doch billiger kommend dafür eintraten. Was nun die Ausstellung anbelangt, fo haben wir nur zu erwähnen, dafs die Vertheilung der Objecte eine fehr zerfplitterte war und es fchwer war vom Ganzen eines Gebietes fich einen ficheren Ueberblick zu verfchaffen. Auch hatten die Staaten der Menge nach fehr ungleich ausgeftellt und kömmt für uns, da das Gebiet der grofsen Kunft einer anderen Gruppe( Gruppe VII) und einem anderen Berichte, auf deffen ausführliche Darftellung wir zu verweifen uns erlauben, zugewiefen ift, eigentlich nur Frankreich, Deutfchland und Oefterreich in Betracht. Wir halten uns auch ftricte nur an die in Gruppe X eingereihten Objecte und verweifen, wie fchon erwähnt, die in der öfterreichifchen Abtheilung vertreten gewefenen Fabrikanten, welche in Tafelauffätzen etc. bedeutende Leiftungen in Bronce aufweifen, auf Gruppe VII, wo fie wohl auch die Würdigung ihrer Verdienfte finden werden. Den franzöfifchen, deutfchen und englifchen Ausftellern gegenüber gilt dasfelbe, nur finden diefe fich auch öfters in mehreren Gruppen verzeichnet vor. Das, was fich nun im Allgemeinen bei jeder Arbeit in Bronce, alfo auch der Galanteriewaaren, als befonders zu würdigen herausftellt, läfst fich in drei Hauptmomente: ,, die Erfindung, Modellirung und Fertigmachung"( Gufs, Cifelirung etc.), einth eilen und zwar um fo leichter, als in unferem Zeitalter der Theilung der Arbeit diefe Verrichtungen in der Praxis auch meift je eines Anderen Beruf find. Die Anforderungen in jeder einzelnen Richtung find nämlich fo hoch geftiegen, dafs mehrere mit Erfolg auszuüben, heute um fo fchwieriger wäre, als wir weder Galanteriewaaren aus Bronce, Leder- und Tafchnerwaaren. 5 in der Blüthezeit einer Kunftepoche leben, noch die Talente befitzen, wie fie jene Zeiten gebaren. Die Erfindung eines kunftinduftriellen Gegenftandes, das ift, die Aufgabe: die Form eines Gegenftandes dem Zwecke, zu dem er beſtimmt, und dem Materiale, aus dem er verfertigt ift, angemeffen fchön zu geftalten, ift als erfte und wichtigſte Arbeit Aufgabe der Zeichner und werden namentlich Zeichner von architectonifcher Bildung in diefer Richtung wohl ftets die gröfsten Erfolge erzielen. Volle Kenntnifs der Technik, der Effecte jener Arbeitszweige, welche er verwendet, mufs man beim Zeichner für kunftinduftrielle Zwecke unbedingt vorausfetzen; zu verlangen jedoch, dafs derfelbe diefe Arbeitszweige felbft alle ausübe, wäre ebenfo widerfinnig, als würde man von einem Compofiteur für Orchefter das Spielen aller Inftrumente erwarten. Halten wir Rundfchau, wo auf die Compofition am meiften befonderes und ftetes Bemühen gerichtet ift, fo müffen wir im Allgemeinen und namentlich auch, was die Broncen betrifft, die Franzofen, welche, wie ja längst bekannt, ihre Haupterfolge ihren Deffinateuren verdanken, in erfte Reihe ftellen. Bei uns würdigten nur die erften Firmen diefes Hauptmoment, erreichten aber dann auch in Verbindung mit unferen tüchtigen Architekten Erfolge und erzielten in manchen Zweigen, wie der Glas-, Ledergalanterie-, Möbel- und felbft der Bronce- Induftrie Leiftungen von weitaus künftlerifchem Werthe, als die bezüglichen franzöfifchen Arbeiten. In jenen Zweigen des Kunstgewerbes aber, wo die Aufgaben des Entwurfes dem eigentlichen Baufach ferner ftanden und unfere Architecturen weniger verwendet werden konnten, war bei dem Mangel an gefchulten Fachzeichnern auch fogleich das Uebergewicht franzöfifcher, englifcher und anderer Arbeiten zu merken. Diefs ift beifpielsweife bei den PorzellanFayencen, Majoliken, Stoffmuftern etc. der Fall gewefen. Zurückkehrend zu den bei den Broncen zunächft wichtigen Erforderniffen, finden wir als zweites wefentlichftes derfelben das Modell. In diefem hat fich die geiftige Auffaffung des Entwurfes auszufprechen und findet demnach der Ausführende genug der künftlerifchen Vorwürfe, welche meift noch durch die Rückfichtnahme auf die Beftimmung des Gegenftandes, fowie auf die Art des Materials und der Ausführung wefentlich beeinflusst werden. Die Vorzüglichkeit der Modelle gibt nun wieder bei den Leiftungen der Parifer Bronce Induftrie den Hauptausfchlag. Es fanden fich unter denfelben eine grofse Anzahl, welche, wären fie nicht ihrer Dimenfionen wegen unter Gruppe X Kurzwaaren eingereiht worden, in der Kunfthalle hätten exponirt werden können. Diefe Figuren und Gruppen, deren Hauptbeftimmung nur die ift, zu decoriren, und die immer die Hauptfache bilden, felbft wenn fie bei einem Leuchter, einer Uhr etc. angeordnet find und denen Architektur und Ornament nur als Folie dienen, diefe find es, welche den derartigen Arbeiten der Franzofen den Hauptreiz verleihen, und welche denfelben den Vorrang auf dem Weltmarkte und den Triumph auf allen Ausftellungen verfchafften. Man denke fich z. B. bei den franzöfifchen Broncen alles Figuralifche weg oder nehmen an, wir hätten ebenfo tüchtige Modelleure, wie die Franzofen, fo wird man die Ueberzeugung erlangen, dafs man mit dem übrigen Beiwerk das Rivalifiren fchon unternehmen könnte. Aber eben mit tüchtigen Modelleuren wird es im Allgemeinen bei uns noch lange fein Bewenden haben, denn wenn auch das öfterreichifche Muſeum den von der Akademie lange unbeachtet helaffenen Mangel an zu kunftinduftriellen Aufgaben herangebildeten Bildhauern abzuhelfen fucht, fo liegen die Hinderniffe auch darin, dafs fich unfere Bildhauer lieber der einträglicheren Bau- und Decorationsarbeit widmen, dafs unfere Fabrikanten wegen Mangel an genügendem Abfatz die guten Modelleure nicht entſprechend honoriren können und dafs der Deutfche überhaupt weniger Sinn und im grofsen Ganzen auch den Kunftfinn nicht hat für folche Luxusgegenstände. 6 J. Weidmann. Wo den Franzofen ihre Figurenmodelleure nicht beiftehen können, z. B. bei den Luftern, fieht man auch fogleich, dafs die Leiftungen von denen der Concurrenten übertroffen werden. Endlich zur dritten, der fertigmachenden Arbeit, vorzugsweife dem Cifeliren kommend, läfst fich aus oben Erwähntem fchon folgern, dafs dort, wo am meiften erzeugt und am beften gezahlt wird, in Paris, auch diefe manuelle Fertig. keit am ausgebildetften vorhanden ift und durch den traditionellen Ruhm und angeborenen Kunftfinn getragen wird. Wenn wir bei Besprechung der Leiftungen der einzelnen Länder vorzüglich im Auge behalten, was dort zu lernen, was bei uns zu verbeffern ift, fo fchliefsen wir uns hiebei nur den Reformbeftrebungen an, denen fich eine Anzahl von bedeutenden Fachmännern feit Jahren mit Erfolg widmet, um Künftler und Publicum auf den rechten Weg zu führen und glauben damit unfern Bericht beachtenswerther zu geftalten, als es durch Anführung zweifelhafter ftatiftifcher Daten oder einer detaillirten Befchreibung einzelner vorzüglicher Objecte der Fall geworden wäre. Zur bleibenden und nutzbringenden Erinnerung an bedeutende Leiftungen. würde auch die ausführlichfte Befprechung nicht den Werth einer graphifchen Publication haben und wollen wir bei diefer Gelegenheit unfer Bedauern ausdrücken, dafs unferes Wiffens noch keine Einleitungen getroffen find, um einer folchen würdigen Publication, wie felbe gelegentlich der Londoner und Parifer Ausftellung erfchien, entgegenfehen zu können. Die franzöfifchen Broncen. Jedermann, auch der Laie in Kunftfachen, wird nach Befichtigung der in der Hauptgallerie ausgeftellten Parifer Broncen bleibend den Eindruck empfangen haben, einer Kunftinduftrie gegenübergeftanden zu fein, der langjähriges Mühen als Bafis und feiner Gefchmack als Führer dienten und deren Erzeugniffe von vorzüglichen technifchen Kräften ausgeführt wurden. Der Kenner ift natürlich mit jenem, was meift im franzöfifchen Wefen liegt und fich vorzugsweife in oft allzufreiem und unorganifchem Hinarbeiten auf blofsen momentanen Effect äufsert, nicht einverftanden, er bewundert aber doch meift den Schwung, die Fantafie, die in der Erfindung liegt; öfter noch wird er durch Farbe und Wirkung befriedigt, noch öfter aber überrafcht ihn das Gefchick, mit dem diefe letzteren über Mängel in der Erfindung hinweghelfen müſsen. Immerhin begegnet man bei den franzöfifchen Broncen felten dem Kindifchen oder Gefchmacklofen, was keineswegs gering anzufchlagen ift. Die franzöfifchen, richtiger Parifer Broncen dienen in erfter Linie zur Decoration, daher die grofse Anzahl von figuralen Compofitionen meift allegorifchen Vorwurfes, die in mehreren Gröfsen vorhanden nur zu diefem einen Zwecke erfunden und angefertigt wurden. Eine grofse Zahl fucht dem in Frankreich durch den Gebrauch der Kamine entstehenden allgemeinen Bedürfniffe, diefe mit einer Standuhr, Leuchtern, Vorfätzen etc. zu zieren, zu entsprechen. Der Aufgabe, zu decoriren, wird nun mit grofser Sorgfalt, Berechnung und Zuhilfenahme der verfchiedenften Materialien und Effecten zu entsprechen gefucht, die Compofition fo angeordnet, dafs die Maffenvertheilung und Silhouette von den verfchiedenften Standpunkten eine günftige ift; die Färbung der Bronce wird meift nuancirt und matt gewählt und da die Franzofen im Allgemeinen jetzt nach ihrer Weife vom XVIII. Jahrhundert bauen und decoriren, fo laffen fich auch ihre Broncen, welche die Innenwände zu zieren haben, überall leicht und ftimmungsvoll einfchmiegen. Die verhältnifsmäfsige Billigkeit diefer decorativen Broncen, welche eine natürliche Folge des grofsen Abfatzes ift, wird von einigen Parifer Fabrikanten noch weiter gefördert, indem fie ftatt echtem Materiale Zink verwenden, das an feiner Oberfläche galvanifch verkupfert wird. Es mufs hiebei natürlich auf die Galanteriewaaren aus Bronce, Leder- und Tafchnerwaaren. 7 Feinheit und Solidität einer cifelirten Bronce- Arbeit verzichtet werden, doch wird anderfeits durch diefes Verfahren in Folge der leichteren Anfchaffbarkeit der Gegenstände die Verbreitung des Kunftfinnes in weiteren Kreifen gefördert. Auch die Art der Ausstellung der franzöfifchen Broncen war eine ganz Vorzügliche, denn ihre offenen, aber mit Plafonds verfehenen Abtheilungen erhielten das Licht concentrirt auf die Objecte und die Vermeidung von Gläfern oder Spiegeln benahm die Veranlaffung zu Lichtzerftreuungen, Reflexen, falfcher oder blendender Beleuchtung. Selbft im Mittelgang war das wenige vorhandene Licht für die einzelnen Abtheilungen noch vollkommen ausreichend. Diefe Ausftellungsweife bot zudem in gefchäftlicher Beziehung den Vertretern der Ausfteller und dem Publicum die gröfste Bequemlichkeit und mag felbe, was Leichtigkeit des Abfchluffes und Billigkeit der Herftellung betrifft, als Inftallationsweife für Broncen oder für Gegenftände wie Majoliken, Fayencen etc. als beachtenswerth empfohlen werden. Uns auf Gruppe X befchränkend, erwähnen wir nur, dafs die figurale Richtung vorzüglich repräfentirten: Marchand, Paillard- Romain, Thiebaut & fils, welche Gegenftände in gröfserer Ausführung brachten und Blot& Drouard, Denière, Haudebine, Ranvier& Comp. und Sufse frères mit folchen in gefuchteren kleineren Dimenfionen. Die Wiedergabe von Vögeln und anderen Thieren in wohl meift fehr naturaliftifcher Weife vertraten Pantrot & Vallon und Peyzot. Von Perrot waren hübfche Schreibtifch- Geräthe, von Bagues, Domange- Rollin, Lefèbre, Lewy Morizot Oppenheimer, Ranvier& Comp., Vullierme- Burgiard etc. jene bekannten und gefuchten Objecte wie Uhren, Candelabres, Leuchter, Kamin- Vorfätze, Blumenftänder etc. in mannigfachfter Form und verfchiedenfter Art der Ausführung vorhanden. Schliefslich wollen wir den franzöfifchen Beleuchtungsapparaten und dabei wieder fpeciell den Luftern eine befondere Beachtung widmen( wie wir dasfelbe betreffenden Ortes auch mit den englifchen, deutfchen und öfterreichi fchen Leiftungen diefer Art thun wollen), weil uns die hiebei zu erfüllende Aufgabe fchon durch ihr häufiges Vorkommen als eine fo wichtige erfcheint, dafs der Luxus nur in der Art der Löfung derfelben liegt und weil kein Material hiezu geeigneter ift und allgemeiner angewendet wird als die Bronce. Die exponirt gewefenen Lufter halten wir für den fchwächften Theil der franzöfifchen kunftinduftriellen Bronce- Arbeiten, was wohl darin liegen mag, dafs es bei diefen, wo das Figuralifche fehlt oder doch fehr untergeordnet ift, befonders ftörend wirkt, wenn Zierrath und Glasftücke ohne Sinn für den Charakter des Hängenden, für Silhouette, für fich zeichnende Linien etc. aneinander gehäuft find. Das grellfte Beiſpiel hievon gab wohl ein Lufter bei einem der tüchtigſten Parifer Broncefabrikanten, deffen Haupttheil drei Säulen bildeten, deren Schäfte marmorirt waren und auf deren vergoldeten Capitälen fich Schnörkel aufftützten, an denen das Ganze hing. Befonders unglücklich fanden wir gerade die für gröfsere, reiche Räume gedachten und prunkend ausgeführten Lufter, da fie entweder fo voll von dicht aneinander angebrachten Glasprismen und Glasplatten waren, dafs das Sehenlaffen der Conftructionstheile, die doch immer von Metall find, ganz aufgegeben ift und nur auf Glitzern und Flimmern reflectirt wird oder aber, wenn bei Luftern von Bronce die Schnörkel fo willkürlich überladen und unharmonifch aneinander gedrängt find, dafs der Gefammteindruck weit davon bleibt, als ein künftlerifcher bezeichnet werden zu können. Eine mafsvolle Combination von Glas und Bronce, welche geeignet ift, den Lichteffect zu erhöhen und ftatt die Broncelinien zu beeinträchtigen, fie in ihrer Wirkung zu unterſtützen( wie diefs z. B. in unferem neuen Opernhaufe betreffs des Lufters dafelbft in gelungener Löfung zu finden ift), diefe fuchte man unter allen ausgeftellt gewefenen franzöfifchen Luftern gröfserer Dimenfion vergeblich. 8 J. Weidmann. Barbedienne& Comp. hatten zwei grofse Lufter ausgeftellt, die fich durch die Verwendung des Emails von den eben erwähnten zwei Luftertypen übrigens gut unterfchieden. Einer davon hatte das Email auf Reifen angebracht, die wieder durch ein Spangenwerk in reizender Weife mit einander verbunden waren und zeigte deffen Verwendung in, wie wir fanden, ganz muftergiltiger, gefchmackvoller Art, während wir beim zweiten fowohl Entwurf als Emailverwendung als weniger gelungen erachteten. Jene Lufter, welche in gewöhnlicheren Dimenfionen für die Salons- und Arbeitsräume unferer Wohnungen beftimmt find, zeigen meift die Arme für die Flammen im äufseren Kreife und bleiben diefe Theile fefthängend, indefs im Inneren eine Lampe mit Glasfchirm angebracht ift, welche fich herabziehen läfst und deren Gegengewicht meift ein kugelförmiger Körper bildet, durch welchen die Ketten gehen, an denen die Lampe hängt. Diefe Conftruction fand nun in den Expofitionen von Buffet& Comp., Chabrie& Jean, Gagneau frères, Graux, Lacarrière frères, Delatour & Comp., Schlofsmacher, Tardieu etc. in der mannigfaltigften Weife ihre künftlerifche Löfung. Paillard- Romain hatten unter ihren zahlreichen prächtigen Objecten auch einen Lufter von Bronce mit gemalten Gläfern von charmanter Wirkung und fchönen Details. Der Reiz diefer Lufter fcheint zu fteigen bei Abnahme der Dimenfion, denn von Boudoirluftern, Ampeln, Blumenfchalen etc. fanden wir bei Denière, Servant, Sufse frères ganz gefchmackvolle und originelle Leiftungen. Hier wollen wir auch der aus gefchmiedetem Eifen verfertigten Veftibulelampen gedenken, welche Zierden abgaben den Ausftellungen der Bronce fabrikanten Denière, Bagues, Lacarrière frères, Delatour& Comp. Aus der von uns in Obigem gegebenen, aus unferer Anfchauungsweife hervorgegangenen Betrachtung hat man erfehen, dafs fich diefelbe wohl meift nur mit der Erfindung der Form der ausgeftellten franzöfifchen Broncen befchäftigte; es bleibt uns daher noch zu erwähnen, dafs die technifche Ausführung derfelben in allen Richtungen der mitverwendeten Materialien und Hilfsverfahren zur Erzielung der beabfichtigten Wirkung, wie die Cifelirung, Emailirung, die Färbung, Vergoldung etc., als eine ganz virtuofe bezeichnet werden mufs. Wir müffen geftehen, dafs uns in Oefterreich vorzüglich diefe letzten zum Erfolge fo wichtigen Bedingniffe fehlen und noch lange fehlen werden, daher es uns auch wohl nicht fo bald gelingen wird, in gröfserem Umfange und nicht wie bisher in nur fpärlichen Ausführungen, die wohl oft das tüchtigfte Können darlegten, ein Rivalifiren mit den franzöfifchen Leiftungen in Bronce- Induftrie aufnehmen zu können. Oefterreich. Wie die franzöfifchen Broncen ihre Entstehung und ihren Markt in Paris haben, fo bafirt die öfterreichifche Bronce- Induftrie auf der Thätig. keit in Wien. Die Grofsftädte bilden nämlich als Sammelpunkte die Elemente zum Schaffen folcher kunftinduftrieller Werke und bergen vorzugsweife jene Kreife, in denen Intereffe und die Mittel vorhanden find, fich diefelben zu erwerben. Die Parifer Broncen repräfentirten fich nicht allein durch ihre Zahl und die ihnen allen in mehr oder minder gleichem Grade eigenen Vorzüge, wie originelle Erfindung, gute Ausführung, Färbung etc. in fo impofanter Weife, fondern namentlich auch, weil diefelben gefchlofsen exponirt waren und mindere Leiftungen fern blieben. Bei den Wiener Broncen, die der Menge nach nebft den franzöfifchen am ftattlichften vertreten waren, wohl meift in Folge deffen, weil die Ausftellung in loco ftattfand, charakterifirten fich ziemlich auffallend zweierlei Arbeitsrichtungen. Während nämlich unfere erften Firmen längft in Verbindung mit unferen bewährteften Architekten und Modelleuren ftilgerecht und fchön erfundene und vorzüglich ausgeführte Arbeiten brachten, von denen einige fogar höher geftellt werden müffen, als die bezüglichen franzöfifchen, wandelt eine grofse Zahl unferer Galanteriewaaren aus Bronce, Leder- und Tafchnerwaaren. 9 Bronce- Arbeiter in Galanterie- Artikeln noch immer jene Wege, gegen welche alle erfahrenen Kunft- Schriftfteller fchon vor Jahren gelehrt und gefchrieben haben und welche feither das ftehende Thema für die tüchtigen Federn von Lübke, Teirich, Bucher, Ilg etc. geben, um den Gefchmack des Publicums zu beffern und die Reform auf dem Gebiete der Wiener Bronce- Artikel zu fördern. Leider zeigte unfere Ausftellung durch fo viele kleine Bronce- Arbeiten, dafs jenes ernfte Mahnen von wenig Erfolg begleitet war, und wird man es uns, der guten Abficht wegen, wohl verzeihen, wenn wir hier durch einige markante Beiſpiele beizutragen fuchen, die grofse Ausdehnung jener Schaffensweife. einzufchränken und die Rückkehr zur künftlerifchen Form, anpaffend dem Zweck und dem Materiale des Gegenftandes, anzuregen. Bei zahllofen Wiener Artikeln in Nippes, Rauchrequifiten. Schreibtifch Garnituren, Neceffaires etc. ift es nämlich allgemein Gebrauch, einen Einfall in Bronce auszuführen, der beinahe niemals mit der Beftimmung des Gegenftandes oder mit dem Materiale feines Vorbildes auch nur im leifeften Zufammenhange fteht, bei dem die Form zur Nebenfache, das Neufein, das vermeintlich Witzige zur Hauptfache geworden ift. Wir fanden z. B. ein Taubenhaus als Tabakbewahrer, unten die Hundshütte zu den Zündhölzchen beftimmt, die Tauben halb fo grofs wie der Hund; einen Ziehbrunnen als Cigarrenbehälter, oder auf einer unfchön con ftruirten Bronceplatte einen natürlichen Gartenzaun in Bronce imitirt, deffen Thüre mit der Infchrift: Entrée défendue, aufgehend das Bild der Geliebten birgt u. f. w., und das Alles von erfteren Fabrikanten gebracht. Wir müffen uns leider geftehen, dafs alle diefe Arbeiten mit ihrem fpielenden, gedankenbaren Wefen, bei denen figuralen Details möglichft aus dem Wege gegangen ift, oder wo deren vorhanden, felbe doch fehr mangelhaft ausgeführt find, wo das ausgefchnittene Blech mit oft in Oelfarbe naturaliftifch darauf gemalten Blumen und der gebogene Draht Hauptrollen fpielen, alle diefe Refultate verfehlten Bemühens, deren Farbe faft immer Gold ift, um möglichft aufzufallen, nicht vorhanden wären, wenn das Publicum bis heute noch nicht Gefallen an ihnen fände. Ein Publicum erziehen verftehen wenig Fabrikanten. Wie wäre es fonft z. B. möglich, dafs eine ebenfalls von einer der erfteren Firmen ausgeführte, aus zwölf Objecten in Oxydfarbe beftehende Schreibtifch- Garnitur, die 31 hellverfilberte Pintfchköpfe mit rothen Augen darauf vertheilt zeigt, ausgeftellt werden konnte und noch dazu ein gut und leicht verkaufbarer Artikel ift. Solche Abfonder-. lichkeiten müffen über das Fehlen eines reellen oder künftlerifchen Werthes des Gegenftandes hinweghelfen und ift die Neuheit oder Mode meift das einzige Motiv ihrer Wahl. Die Ausführung ift dabei oft eine fehr nette, was freilich defshalb weniger zu fagen hat, weil Allem, was zu cifeliren wäre, fei es ornamental oder figural, möglichft ausgewichen ift. Die Farbe ift beinahe immer Gold oder Silberoxyd, ohne Rückficht, wie fich diefs im Gebrauche, befonders bei Schreibtifch Geräthen, in Bälde geftaltet. Indem wir nun zur Anführung der Leiftungen hervorragender Fabrikanten fchreiten, kommen wir nach unferer rücksichtslofen, aber nothwendigen Beurtheilung jener, befonders die Wiener Artikel charakterifirenden Specialität in Broncewaaren zurück zu der erfterwähnten guten Richtung, welche Oefterreich auf der Wiener Ausftellung ganz vorzüglich repräfentirte. Wir bemerken dabei nur, dafs Broncen rein figuralen Vorwurfes und nur decorativen Zweckes, wie es deren eine fo grofse Anzahl unter den Parifer Arbeiten gab, bei uns in ähnlicher Art nicht vorkommen und dafs wir in Betreff der prächtigften Leiftungen wieder auf den Bericht der Gruppe VII, Metallinduftrie verweifen müffen, welcher faft das ganze Gebiet der Bronce- Arbeit erfchöpft hat. Die gröfste Mannigfaltigkeit in den ausgeftellt gewefenen Broncen zeigte fich vor Allem bei der Firma Dziedzinski& Hanufch, welche Oefterreichs Bronce- Induftrie fchon auf der Parifer Ausftellung fo würdig vertrat und die 10 J. Weidmann. feither raftlos ftrebte, durch tadellofe Ausführung von Entwürfen erfter Künftler unfere kunstgewerbliche Induftrie in gefunder und ftilvoller Richtung zu fördern. Wir fanden dort meiſterhaft ausgeführte Spiegelrahmen, Uhren, Leuchter, Lampen. Ständer, Schreibtisch- Garnituren, einen reichgefchnitzten Schreibtisch mit emaillirten Bronce- Einlagen etc. Weiters können wir der alten und renommirten Firma Auguft Klein in Galanterie- Broncewaaren Erwähnung thun und unfere vollfte Anerkennung ausdrücken betreffs des bei ihren Erzeugnissen allfeitig herrfchenden Gefchmackes, der Vielfeitigkeit der Erfindung und der Schönheit und Vorzüglichkeit der technifchen Ausführungen in Email, Verfchneidung, Gravirung etc. Die Verwendung von Bronce überwog bei den Arbeiten obiger Firma entfchieden jene von Leder, die Bronce war aber auch dort, wo fie nur als Montirung vorkam, ftets in gefchmackvollfter und exactefter Art ausgeführt. Gefchmackvolle Arbeiten in Galanterie bronce- Artikeln fanden fich noch bei Ludwig Böhm, Hollenbach's Witwe, Grüllenmeyer, Faber, Bechmann, Lux. Bei den beiden letztgenannten Firmen, welche techniſch ganz Vorzügliches leiften, findet man fchon die Eingangs erwähnten Sonderbarkeiten, wie Schreibtisch- Garnituren für Artilleriften, ganz aus Kanonen und Kugeln beftehend, für Seeleute, für Freunde der Ritterzeit Tintenfafs, Petfchaft etc., alles mit Burgzinnen und Schiefsfcharten. Den zwölf zu einer folchen Garnitur gehörigen Gegenftänden wird auf diefe Weife zu einer Zufammengehörigkeit zu verhelfen gefucht, welche ohne den auf jedem Stücke angebrachten emaillirten Epheublättern, Delphinen, Sphinxen, Drachen, halben Pferden étc. fich durch Uebereinftimmung in fonftigen künftlerifchen Formen wohl kaum bemerkbar gemacht hätte. Bergmann hatte eine grofse durch Waffer getriebene Standuhr und zwei Hänguhren ausgeftellt, deren Gehäufe ganz in Bronce in fehr fleifsiger Weife ausgeführt waren und bei denen uns nur die Zeichnung für zu wenig dem Charakter des Materials angemeffen erfchien. Standuhren in Bronce, die bei den Franzofen einen fo viel erzeugten und guten Verkaufsartikel bilden, da der Gebrauch der Kamine dort einen fo allgemeinen Anlafs der Verwendung gibt, findet man bei uns meift nur in einzelnen koftbaren Exemplaren, wie deren bei A. Klein, bei Dziedzinsky& Hanufch, der Productivgefellfchaft der Wiener Bronce- Arbeiter zu fehen waren. Da bei uns die Kamine nicht gebräuchlich find, fo fuchen wir den feften Stützpunkt im Nagel an der Wand und bildete fich dadurch die undankbare Aufgabe der hängenden Uhrkäften heraus, die, nebenbei bemerkt, in künftlerifcher Löfung trotz dem vielen Vorhandenen auf der Ausftellung noch viel zu wünſchen übrig liefsen. Die Beleuchtungsgegenstände der Wiener Bronce- Arbeiter endlich gehören zu deren beften Leiftungen und übertreffen vorzugsweife an Stilreinheit und überladungsfreier Form entfchieden jene aus Paris, Birmingham und dem deutfchen Reiche. Bei den meiften, feit Jahren entstandenen, grofsen Neubauten, unter welchen fo viele Paläfte und öffentliche Gebäude find, zeichneten die betreffenden Architekten auch die decorativ die decorativ fo wichtigen Beleuchtungsgegenstände und entwickelte fich fo durch die vielen, unter gutem Einfluss ausgeführten Aufträge diefer Zweig unferer Bronce- Induftrie befonders günftig. Nur in jenen currenten Artikeln, die fertig gewählt werden und wo die Billigkeit den Ausfchlag gibt, können unfere Gaslufter und Gasarm- Fabrikanten mit den Birminghamer und deutfchen Erzeugniffen noch nicht concurriren; es ift aber auch da die Ausficht vorhanden, dafs, wenn das Gas billiger wird, an Verbreitung zunimmt und namentlich allgemeiner in Wohnräumen Verwendung findet, durch den vergröfserten Abfatz fich auch die Preife unferer Artikel diefer Art niedriger ftellen werden. Die beiden Firmen Dziedzinski& Hanufch und Hollenbach's Witwe, welche mit Ausnahme von Broncefchmuck in allen Aufgaben der BronceInduftrie durch tüchtige Leiftungen vertreten waren, hatten auch eine grofse Zahl 著 Galanteriewaaren aus Bronce, Leder- und Tafchnerwaaren. 11 von Luftern von einfachfter aber immer künftlerifcher Form, bis zu jenen reichfter Compofition, zu welchen die erfterwähnte Firma auch das Email und Glas in paffendfter Weife verwendete, ausgeftellt. Wir müffen hier auch die fo allgemein und mit Recht bewunderte Ausftellung der Lobmayer'fchen Glaswaaren erwähnen, weil fie Candelaber und Lufter enthielt, bei welchen die mitverwendete Bronce ebenfo glücklich im Ent wurfe, wie vorzüglich in Modell und Ausführung erfchien. Von den Firmen, welche fich vorzugsweife mit der Fabrication von Gasbeleuchtungs- Apparaten befchäftigten, waren auf der Wiener Weltausftellung Hoerner& Dantine, Grüllemayer, Scheler, Wolff& Comp. durch höchft beachtenswerthe Leiftungen vertreten und trugen diefelben mit bei zu dem im Ganzen fchönen Erfolge, welchen die öfterreichifche Bronce- Induftrie fich errang und zu den wefentlichen Fortfchritten, welche fie feit der Parifer Ausftellung machte. Wie oben erwähnt, fehen wir demnach aus vielen Wiener Broncearbeiten, dafs die Möglichkeit und auch die Bedingungen, Vorzügliches zu leiften, wohl vorhanden find, dafs eine derartige Leiftungsfähigkeit bei uns jedoch nur einzelne Firmen und nicht, wie bei den Parifer Artikeln, die gefammte Bronce- Induftrie aufzuweifen hat. Wir möchten demnach, in wenig Worte gefafst, nur wünſchen, dafs unfere guten Arbeiten allgemeiner und billiger, unfere billigen Erzeugniffe aber, befonders was Gefchmack anbelangt, beffer würden, wobei freilich auch das Publicum das Seine thun mufs, foll diefer Induftriezweig in Wien fich auf künftlerifch gefundem Wege fo weiter entwickeln und mächtig werden, wie er es nach feinen Leiftungen auf der Wiener Ausftellung in Ausficht ftellte. England, beffer Birmingham, war, ausgenommen die weltberühmte Firma Elkington& Comp. die wegen ihrer zahlreichen und koftbaren Leiſtungen in edlen Metallen und Schmuck in Gruppe VII gereiht ward, in Broncewaaren vorzüglich nur durch Beleuchtungsapparate vertreten. Dasfelbe war der Fall bei den Broncen aus dem deutfchen Reiche, wo ebenfalls aufser durch die Expofition von Ravené und Süfsmann unfere Aufmerkfamkeit vorzüglich durch die vielen Beleuchtungsgegenstände in Anspruch genommen wurde. Diefs und die ziemlich gleichartigen Conftructionen derfelben, und das allerorts erfichtliche Rivalifiren der Birminghamer Fabrikanten mit jenen der Berliner Actiengeſellſchaften beftimmt uns, die Ergebniffe unferer Betrachtung betreffs Beider unter Einem und noch vor Anführung der fonftigen Leiftungen des deutfchen Reiches auf dem Gebiete der Bronce- Induftrie hier vorausgehen zu laffen. An den zahlreich ausgeftellten Luftern beider Nationen bemerkten wir vor Allem, dafs fie beinahe durchwegs für Gas conftruirt waren und dafs diefes dort auch fehr allgemein in Wohnräumen Verwendung finden mufs, weil die Lufter meift durch Gegengewichte, deren je nach Arm- Anzahl und Ausftattung 3 bis 8 vorhanden waren, equilibrirt wurden, wodurch das Licht tiefer geftellt und fo am Arbeits- oder Lefetifch der Familie beffer ausgenützt werden kann. Wenn nun diefe Gegengewichte durch ihr Vorkommen gerade an dem Orte, wo andere Conftructionen am fchlankften find und durch die Veränderlichkeit ihrer Stellung wohl einerfeits die künftlerifche Löfung erfchweren, fo mufs doch zugegeben werden, dafs die Verwendung von gewöhnlichen einfetzbaren Lampen noch ungünftigere Refultate aufwies und dafs die Handhabung und der Lichteffect eines herabziehbaren Gaslufters gegen einen für Kerzen angenommenen weitaus vortheilhafter ift. Haben wir demnach nur einmal billiges Gas und felbes allgemeiner in den Wohnungen eingeführt, fo wird oberwähnte Conftruction gewiſs die meiftgewählte fein und dürfte es dann auch gelingen, den künftlerifchen Theil der Aufgabe noch vollkommener zu bewältigen. 12 J. Weidmann. In künfterifcher Beziehung fanden wir an den Birminghamer wie deutfchen Luftern unverkennbar und überwiegend franzöfifchen Einflufs und ift diefs um fo bemerkenswerther, da die Engländer ihre mittelalterliche Richtung, die gerade in der Metallinduftrie fehr fchöne Arbeiten aufwies, und die Berliner ihre antikifirende ftrenge Richtung aufgaben und beide nun in ihrer Handelswaare barocke Motive aufnahmen, wohl vorzugsweife um im Hinblick auf den grofsen Export die Verkäuflichkeit diefer Bronceartikel zu fördern. Bezüglich der techniſchen Ausführung, wie Gufs, Cifelirung, Vergoldung, Färbung etc. ftehen die Birminghamer Fabricate im Allgemeinen auf einer höheren Stufe, als jene des deutfchen Reiches und ift diefs namentlich der Fall bei den reizend und originell erfundenen und in reinfter dem Material in Conftruction und Behandlung gelungen angepafster Art ausgeführten Luftern von Ratcliff& Tyler, welch' letztere auch ziemlich die einzigen Vertreter jener fpecififch englichen, oft polychrom behandelten Metallwaaren find, die aufser Lande, wo nun dem Renaiffanceftile ftets mehr gehuldigt wird, weniger Beachtung und Verwendung finden. Am reichften vertreten war die bedeutende Firma Winfield& Comp. durch an Erfindung und Ausführung gleich vorzügliche Lufter und wollen wir hier auch an deren viele Arbeiten aus Bronceröhren wie der Bettftellen, Fauteuils etc. erinnern. Chas Phillip, Blews& Sons, Beft& Lloyd, fowie Partridge& Comp. waren durch viele oft fehr reiche und meift techniſch vorzüglich ausgeführte Arbeiten in Bronceluftern vertreten. Vom deutfchen Reiche find es meift Actiengefellfchaften aus Berlin, welche der Wiener Weltausftellung eine grofse Anzahl von Luftern felbft gröfster Dimenfion für Theater etc. und in mannigfaltigfter Form fandten. Man konnte bei diefen Objecten auch die Mitverwendung des Glafes wahrnehmen, was bei den Birminghamer Luftern nicht der Fall war. Die glänzendften Leiftungen zeigte uns die Actiengeſellſchaft, vormals Walker in Berlin, dann kamen die Lufter der Actiengefellfchaft, vormals Spinn& Sohn in Berlin, die Objecte der Actiengeſellſchaft, vormals Schäfer& Haufchner in Berlin, welche die Leiftungsfähigkeit der Berliner Fabrikanten in currenten Artikeln darthun und die Schwierigkeit für unfere Fabrikanten, in diefen die Concurrenz mit Berlin und Birmingham beftehen zu können. Aus Berlin fandte noch Kramme Lufter von reichem, wohl etwas kleinlichem Detail, aber vorzüglich fchöner und reiner Metallarbeit. Aus Mainz waren von einer Actiengefellfchaft für Gasapparate einige fchön mit Glas combinirte Lufter und ftilvoll gehaltene mächtige Gascandelaber exponirt. Was aufser Luftern und Beleuchtungsgegenständen von kleinen Broncen vorhanden war, ift bald berichtet, insbefondere da den hierunter verftandenen Gegenständen die Selbftftändigkeit fehlt, um befonders zu intereffiren. Selbft die reichhaltige Ausftellung von Ravené und Süfsmann aus Berlin in emaillirten Broncen liefs bei aller Vorzüglichkeit in der technifchen Ausführung, Farbenftimmung, Gravirung etc. in den Entwürfen die franzöfifchen Vorbilder erkennen. So war z. B. ein Tabakftänder nach der franzöfifchen Zeitfchrift ,, L'art pour tout" ausgeführt, hier und in derfelben Gruppe auf gleiche Art entftanden, bei einem Wiener Galanteriewaaren- Händler zu treffen. Sehr gelungen fanden wir bei Ravené& Süfsmann eine Collection von emaillirten Thürgriffen. Waagen& Comp. in Berlin hatten gute Candelaber, Statuetten und Thiergruppen ausgeftellt, die jedoch ebenfalls durch ähnliche franzöfifche Arbeiten ihre Vorbilder erhielten. Von Herxter in München waren einige nette Statuetten genreartigen Vorwurfes vorhanden. Schliefslich wollen wir noch der Eigenthümlichkeit Erwähnung thun, dafs uns das deutfche Reich keine jener Nippesgegenstände, welche in der öfterreichiſchen Abtheilung eine fo auffällige Rolle fpielen, in Bronce fandte, dafür aber eine grofse Anzahl meift zu beftimmten praktifchen Zwecken dienende Artikel, sehr nett in Eifen gegoffen uns vorführte. Galanteriewaaren aus Bronce, Leder- und Tafchnerwaaren. 13 Wenn diefe Arbeiten, deren Zimmermann in Hanau, das Harzer Bergwerk in Mägdefprung, Meves Nachfolger etc. ganz gelungene Güfse an Form und Reinheit ausgeftellt hatten, auch wegen ihres Materiales in Gruppe VII gereiht wurden, fo fchienen fie uns doch durch die Analogie mit jenen in Bronce ausgeführten, in Gruppe X gereihten Galanterie artikeln erwähnenswerth. Das Entfprechen einer beftimmten Anforderung wird dabei Hauptfache, Werth durch das Material oder dekorative Wirkung zur Nebenfache, wofür auch der populärfte Orden, das eiferne Kreuz, als Beiſpiel dienen kann. Italien. Die Italiener, in der Behandlung des Marmors noch immer die Erften der Welt, waren diefs wie bekannt zu ihrer Zeit auch als Modelleure und Cifeleure von Kunftbroncen. Heute componiren die Franzofen nicht nur in einer Weife, die weit über dem Genrehaften, Naturaliftifchen der Italiener fteht, fondern fie find auch als Cifeleure gegenwärtig die gebildetften und technifch gewandteften. Im Befitze fo vieler Meifterwerke, befonders aus der Renaiffancezeit, bethätigen fich die italienifchen Kunfthandwerker in Bronce längft nicht mehr mit bedeutendem Erfolge im Erfinden. Ihre heutigen Werke find faft nur Reproductionen, die aber meift mit feinem Kunftverſtändniffe und grofser manueller Gefchicklichkeit. angefertigt find. Viele diefer Arbeiten verlieren hiedurch an jener decorativen Verwendbarkeit, welche beiſpielsweife die franzöfifchen Broncen auszeichnet. Für Thürklopfer, fchwere Kerzenleuchter, riefige Candelaber oder Kaminvorfätze, Gitter, etc. können doch wohl nur Mufeen als Käufer angenommen werden. Die Farbe der reproducirten Broncen ift nach Obigem wohl vorher zu beftimmen, es ift jene, welche die Patina' der Originale möglichft genau imitirt. Helle Vergoldungen, wie bei den unferen oder die vielen Nuancen in der Farbe, wie bei den franzöfifchen Broncen, mangeln an den italienifchen vollſtändig. Die bedeutendften Exponenten auf der Wiener Weltausftellung waren Michieli und Udina Luigi in Venedig, die übrigens in Gruppe VII ausgiebig gewürdigt worden find. Wir können nur der Anfchauung beipflichten, dafs die italienifche Kunftinduftrie der Kleinbronce wenig Bedeutung hat. Es erübrigt uns nur noch, einiger Leiftungen in Bronce zu gedenken, welche fich als Arbeiten einzelner Firmen jener Länder repräfentirten, welche wir in Bezug auf Bronce Induftrie in Obigem nicht befonders anführten, weil das Vorhandene auf der Wiener Weltausftellung uns weder in kunftinduftrieller Richtung eigenthümlich, noch als Handels- oder Exportartikel des betreffenden Landes von Bedeutung fchien. So waren z. B. die ausgeftellten Objecte des in Petersburg etablirten Franzofen Chopin im Charakter der Parifer Arbeiten angefertigt und nur bei drei Luftern die Verbindung mit gefchliffenen ruffifchen Steinen, Trauben bildend, neu, wenn auch nicht nachahmenswerth. Schebanoff in Moskau hatte nette kleine Gegenftände gebracht. Sonftige ruffifche Broncen, fehr naturaliftifch aber lebendig aufgefafste Genreftatuetten nationaler Vorwürfe waren nicht als Handelsbroncen induftrieller Richtung exponirt, fondern als Kunftbroncen bei den Gemälden im Pavillon des Amateurs und entziehen fich daher der vorliegenden Beurtheilung. Belgien hatte Bronce nur in der Halbgallerie und zwar nur als Montirungsbeigabe zu Porzellan für Lampen, Blumentöpfe etc. durch Lelorrain Claude aus Brüffel vertreten. Seine Fabrikanten, wie die fo mancher anderer Länder, dürften eben im Bewufstfein der Leiftungen der Franzofen es vorgezogen haben, lieber nicht zu erfcheinen. Jene Länder oder Fabrikanten, welche ihre Eigenthümlichkeit in den Grenzen, die Schönheitsgefühle, Stil etc. ftellen, zu wahren wiffen, haben vor Jenen, 14 J. Weidmann. deren Thätigkeit unfelbftftändig ift, unter allen Umftänden den Vortheil voraus, dafs ihre Arbeiten jederzeit Intereffe erwecken und ihr Streben Antheil finden wird, während Letztere bei einer Gelegenheit wie eine Weltausftellung einen Induftriezweig nicht vertreten können, da es unklug wäre, neben den Originalen mit Copien zu kommen. Diefs gilt nun von Japan und China in keiner Weife. Wir verweifen auf den Bericht Gruppe VII, Section 4, wo die fchönen und originellen Arbeiten diefer Länder ausgiebig gewürdigt find. Wenn wir in unferem Berichte über Kunftbronce und Kunftgüffe Frankreich den Vorrang zufprechen mussten, fo erfüllt es unfer Nationalgefühl mit Stolz, dafs wir in dem gegenwärtig zu befprechenden Induftriezweige Oefterreich, das heifst Wien als Erfindungsftätte aller Originale nennen dürfen, ohne den Vorwurf von Parteilichkeit fürchten zu müffen. Dafs fie die Wiener Lederwaaren- Induftrie auch nicht annähernd erreichen können, fcheinen die meiften fremden Firmen wohl gefühlt zu haben, da fie, die Deutfchen ausgenommen, fehr fchwach vertreten waren. Als gefährliche Concurrenz werden uns ftets Frankreich und Amerika genannt, welche Unmaffen von Lederwaaren zu aufserordentlich billigen Preifen liefern follen. Wo blieben fie während der Weltausftellung? Sie waren nicht erfchienen, weil ihre Arbeiten der Qualität nach eben fo wenig wie nach dem Preife derfelben concurriren können, und ihr Handel nur unter dem Schutze der hohen Zölle ihrer Länder lebensfähig ift. Oefterreich zunächft ftellte das gröfste Contingent, das deutfche Reich durch die fogenannten Offenbacher Artikel; Frankfurt am Main, München, Berlin hatten Mufter gefandt. Frankreich wies 4 bis 5 Ausfteller auf, welche jedoch weniger eigentliche Ledergalanterie- Waaren verfertigen, als vielmehr das Leder nur als nebenfächliche Hülle in Form von Koffern, Caffetten für ihre fehr fchön, gut und zierlich gearbeiteten Toilette- Artikel verwenden. England, Italien und Rufsland hatten je einen Ausfteller gefchickt, Amerika und alle übrigen Länder die Ausftellung gänzlich gemieden. - Faffen wir die Momente der Erzeugung von Lederwaaren zufammen, fo beginnt diefe zunächft mit dem Zu- Papier- bringen, das heifst Aufzeichnen der Idee. Bis vor zwei oder drei Jahren führte man einen Einfall fchlecht und recht fogleich in Leder aus, wiederholte und verwarf den Gegenftand fo lange, bis er die gewünſchte Vollkommenheit erreicht hatte eine nutzlofe Zeit- und Geldverfchwendung, die leider auch noch jetzt bei fehr vielen Fabrikanten vorkömmt. Die Idee ift entweder Eigenthum des Zeichners, oder wie meiſtens des Fabrikanten, wenigftens foweit es Technik und Rückficht auf die Bedürfniffe des Publicums betrifft. Am meiften geeignet zum Mitarbeiter bei diefem Induſtriezweige ift der Architekt, da er den Gedanken ftilgemäfs zum Entwurfe bringt, und diefen für die Werkstätte verwendbar darftellt. Wenn er richtig arbeiten foll, wird er fich über praktiſche Ausführung feiner Pläne Verſtändnifs und Fachkenntnifs angeeignet haben. Bei nachfolgender Maffenproduction wird dann wohl noch verbeffert, vereinfacht, den Forderungen des Käufers, der Erleichterung des Arbeiters angepafst. Durch eben diefe Maffenerzeugung, fo wie durch die Concurrenz der übrigen Fabrikanten, die, wenn fich ein Mufter als gut bewährt, felbes ebenfalls fogleich aufnehmen, wird der Preis durch längere Zeit erzeugter Gegenftände fo billig, dafs er nirgends mehr erreicht werden kann, und als Mufter gewiffermafsen Monopol ift, wie die meiften englifchen es find. Zur Ausführung felbft find- ich fpreche hier von allgemein gangbaren Artikeln und nicht von fogenannten Prachtftücken, welche bei vielen Fabrikanten leider mehr Goldfchmied- Arbeit als Lederwaare find Leder, Seide, Bronce und andere Beftandtheile nöthig. Hier einfchalten will ich nur einige Worte über das bei der Lederwaaren- Fabrication hauptfächlich verwendete Leder. Galanteriewaaren aus Bronce, Leder- und Tafchnerwaaren. 15 Gewöhnlich ift die erfte Frage des Käufers, ob das verwendete Leder echter Juchten fei und der Frage folgt das fofortige Riechen zur angebotenen Waare Allerdings wird hierin mancher Schwindel getrieben. Was heifst nicht alles Juchten! Da nennt man Schaf-, Lamm-, Kalbleder, englifchen Juchten u. f. w. Viele diefer imitirten Juchten werden mit Birkenöl parfumirt und riechen abfcheulich, wenn auch nicht nach Juchten. Jedoch auch echter ruffifcher Juchten ist von grofsem Schönheit- und Werthunterfchied und fchwankt imPreife um circa50 Percent. Der befte Juchten und einzig für feine Lederwaare verwendbar ift der von Savin in Petersburg, der auch durch die Jury auf der Wiener Weltausftellung durch die Fortfchrittsmedaille ausgezeichnet wurde. Man unterfcheidet den fogenannten Malia, gefalzten, glatten und Werhock- Juchten. Ich erwähne hier felbftverftändlich nur die von Lederwaaren- Fabrikanten verwendeten Sorten und nicht die übrigen noch exiftirenden z. B. Natur-, Stiefeljuchten u. f. w. Maliajuchten geht nach dem Gewicht und wird per Centner verkauft, ift fpitz( im verfchobenen Rechteck) carrirt und wird meift geglättet( was hier in Wien gefchieht) zu minder feinen Artikeln verwendet. Gefalzter Juchten, der fo wie Malia nach dem Gewicht in Handel kömmt, ift gewöhnlich im Quadrat carrirt; felber ift, da er durch das Wegfalzen überflüffig dicker Theile leichter geworden, ziemlich theuer und wird für feine Waare geglättet oder im Naturzuftande verwendet. Der in Rufsland glatt gearbeitete Juchten wird von den Wiener Lederarbeitern durch Befeuchten und Walken noch glatter und glänzender gemacht, und gibt eine fehr feine Sorte, die in letzter Zeit für fogenannte weiche Waare fehr modern geworden ift. Auch diefer wird nach dem Gewicht verkauft, ift von den drei Gattungen der theuerfte und exiftirt wie alle übrigen in verfchiedener Gröfse und Stärke. Werhockjuchten wird nach dem Werhock, einem ruffifchen Flächenmaffe, berechnet; ein Fell hat 25 bis 45 Werhocks. Auch er ift verfchiedener Stärke. Er wird felten geglättet und meift für gröfsere Caffetten und für Tafchnerwaaren im Naturzuftande verwendet. Derfelbe hat fehr fchöne, fpitz carrirte Narben von befonderer Reinheit. Eine Gattung Juchten, die in Wien fchon feit Jahren nicht mehr benützt wird, ift der fogenannte Chagrinjuchten. Es iſt diefs nur reiner Naturjuchten, was immer für einer Gattung( meiftens Malia); der zuerft roth gefärbt, dann gleich Schaf, Bock- oder Gaisleder chagrinirt, das heifst mit einer eifernen Rolle gekörnt wird, alfo künftliche Narben erhält. Diefe fchlechtefte und billigfte Gattung wird noch von Offenbacher, Berliner und Parifer Fabrikanten verwendet. Hier füge ich eine Täufchung bei, die von einigen Wiener Tafchnern ftark benützt wird. Da nämlich, wie erwähnt, Juchten nach dem Gewicht gefchätzt und feine bedeutende Stärke für Reifefäcke u. dergl. von grofsem Vortheil ift, fo verwenden fie dünnen, fchwachen Juchten, den fie mit Schafleder zufammen cachiren, ungefähr wie man gewöhnliches Holz mit feinem Holze fournirt. Die Arbeit fieht dann ganz gut aus, das Leder fcheint dick und ift um 20 Percent billiger als reelle Waare. Aufser Juchten werden noch verarbeitet: Lamm-, Gais-, Bock-, Kalb-, Seehund-, Crocodil- Leder, Pergament, fowie Schaf- und Spalt- Leder für Futter. Alle diefe Ledergattungen kommen gröfstentheils, wenigftens die für feine Waare verwendbaren, aus Mainz, Frankfurt, Paris etc. Das Hauptmaterial alfo, das Leder, mufs aus fremdem Lande gebracht werden, mit Zoll und Spefen belaftet und zeitweife zu hohem Courfe an den Fabrikanten gelangen, um fpäter als vollendeter Wiener Galanterie- Artikel wieder hin; auszuwandern. Dasfelbe gilt von der allgemein als Futter verwendeten Moirée françaife und antique, die in Wien gar nicht erzeugt wird. Kommen wir nach diefer Abfchweifung zur Ausführung zurück. Nach der Zeichnung werden vom Werkführer, in gröfseren Fabriken von einem Mufterarbeiter die Zufchneide- und Arbeitsmodelle angefertigt, der 2 16 J. Weidmann. Zufchneider fchneidet hierauf das erforderliche Material zu, welches dann an die verichiedenen Arbeiter, Vergolder u. f. w. zur Ausführung übergeht. Von den vielen kleinen Beftandtheilen, welche zu jedem einzelnen Gegenftande nöthig find, zu fprechen, mangelt uns hier der Raum und würde die Geduld des gütigen Lefers allzufehr in Anfpruch nehmen. Wollen wir die verfchiedenen Wiener Lederwaaren eintheilen, fo nennen wir als erfte und Hauptgattung die fogenannte weiche Waare, die feit den letzten Jahren den Wiener Markt beherrfcht. Es find diefs Portemonnaies, VifitkartenEtuis, Brieftafchen u. f. w., welche ganz weich, nur aus Leder ohne jeden Metallbeftandtheil als höchftens einem Schlöfschen angefertigt find. Diefe Gattung ist die fchwierigfte in der Erzeugung, da fie keine Hilfsmafchine geftattet, fondern allein durch die Hand des Arbeiters aus einem Stück Leder geformt werden mufs. Viele Arbeiter, viele Hände und nur wenig gute, wie fchwer ift da die Ausführung einer grofsen Lieferung in gleicher Qualität, und eben diefe Gattung wird hauptfächlich für den Export nach Amerika, England u. f. w. verfertigt. Rahmenarbeit ift bedeutend älter als die weiche Arbeit. Portemonnais, Cigarren- Etuis u. f. w. in Bronce, oder anderen Metallrahmen gefafst find die ältefte, aber noch immer begehrte Sorte. Sie find bedeutend leichter zu erzeugen, da der Rahmen fchon die Hauptform bildet und auch Klötze und andere Hilfsmittel hiebei verwendbar find. Dazu gehören auch die einft in Maffen erzeugten und auch heute noch gefuchten Handfchuh- und Sacktuch- Soufflets. Holzarbeit ift gewöhnlich die der Gröfse nach imponirendfte Gattung. Darunter verfteht man Caffetten in allen Formen, zu allen möglichen und unmöglichen Zwecken; Käftchen, zuerft aus Holz gebaut, dann mit Leder überzogen. Auch gewiffe Sorten von Mappen gehören zu diefer Gattung. Der Arbeiter hiezu mufs gefchickt fein, die Arbeit erfordert Aufmerkfamkeit, Reinlichkeit. Da diefer Artikel jedoch nicht in Maffen erzeugt wird, fo genügen in der Regel die hierin geübten Arbeiter, werden aber doch theurer als andere bezahlt. Albumarbeiter und Buchbinder laffen wir hier, als zur Gruppe XI gehörig, unerwähnt. Dafs Tafchner- und Ledergalanterie- Arbeiter in einem Berichte genannt werden, hat darin feinen Grund, dafs hochfeine Waaren wohl nur in Ledergalanteriewaaren- Fabriken, welche auch mehrere Tafchnergefellen befchäftigen, erzeugt werden, während unfere eigentlichen Tafchner entweder nur für Kaufleute von diefen gegebene Beftandtheile montiren, alfo eigentlich keine felbftftändigen Fabrikanten find oder nur mittelmäfsige Waare erzeugen. Die zur Waare nöthigen Bronce, Holz- und andere Beftandtheile werden von erften Fabrikanten theilweiſe im Haufe erzeugt. Viele Hilfsarbeiter werden auch aufser dem Haufe befchäftigt, wovon jeder einzelne eine gewiffe Arbeit am meiften eingeübt hat, die er an die verfchiedenen Wiener Fabrikanten und auch viel für den Export zur Nachahmung der hiefigen Mufter liefert. Gehen wir nun nach diefer Einleitung auf die Ausftellung felbft über und wenden wir uns da zuerft nach Oefterreich. Eine ftattliche Gallerie voll Wiener Lederwaaren ift dem Lefer erinnerlich. Den erften Eindruck machte das lebhafte Roth des Juchtens, dann wurde unfer Auge beinahe ermüdet durch die immer wiederkehrenden Porzellaneinlagen auf Caffeten, Mappen, Albums etc., wobei in erbarmungswürdiger Weife die Kindergruppen von Klimfch und die Wand- und Plafondgemälde des Wiener Opernhaufes geplündert wurden. Nebft den figuralifchen Einlagen erfchienen auch fehr viel Blumen, welche ftark naturaliftifch behandelt und wie die Figuren fehr fteif ausfahen. Porzellaneinlagen find ziemlich alt und waren fchon vor zwei Jahren wenig mehr gangbar, wurden aber wegen Mangel an Neuem wieder auf den Markt gebracht und Kaufleute befonders hatten fie en maffe ausgeftellt. Sie beftechen das Auge durch die minutiöfe Art der Malerei; im Intereffe der Kunft wünſchten wir fie aber geeigneter verwendet und ftiliftifcher ausgeführt. Galanteriewaaren aus Bronce, Leder- und Tafchnerwaaren. 17 Dem zunächft ftanden Ledermofaiken, welche allerdings einen fehr alten Urfprung haben, durch ihre jetzige Art der Erzeugung aber, die zwar eine unrichtige ift, den Eindruck von Neuem machten. Man legt ein genarbtes Leder, glattes, lichtes Kalbleder, nach den Hauptconturen der Zeichnung und bemalt es dann. Wir fanden unter diefen Arbeiten manch' werthvolles Werk von Künftlern guten Namens. Eine zweite Art Ledermofaik in Verbindung mit Bronce, wie wir felbe häufig bei Wappenarbeiten fanden, ift weit richtiger und von fehr gutem Effect, aber nur für ftilifirte und ornamentale Vorwürfe verwendbar. Sehen wir nun von den fogenannten couranten Artikeln, Wappen- und Monogrammmofaiken, welche manche Ausfteller brachten, ab, fo finden wir nur noch wenige Specialitäten, welche wir bei Befprechung der einzelnen Ausftellungen zu würdigen haben. Vor allen Wiener Fabrikanten diefer Branche ift Auguft Klein( nicht zu verwechfeln mit Moriz Klein) derjenige, welcher mit wirklicher Ausdauer, Energie und mit grofsen perfönlichen Opfern den Wiener Artikel für den Welthandel reifte. Hat ihm auch der nun verftorbene Girardet den Weg gezeigt, fo ift es doch Auguft Klein, der zuerft diefe Wiener Specialität in der Welt verbreitete. Er ift nicht nur ein tüchtiger Fabrikant, fondern auch von hervorragendem Unternehmungsgeift, was feine grofsen Niederlagen in Paris, London und Petersburg, welche er kaum mit grofsem pecuniären Erfolge etablirte, beweifen. Wirft man ihm auch heute vor, dafs er auf feinen Lorbeeren ruhe, und bot feine Ausftellung auch nichts auffallend Neues, fo zeigte fie doch nur Gutes, Vollkommenes, Mannigfaches in Farbe und Form. Vermifst man auch ziemlich die eigentliche Lederwaare in feiner Expofition und fieht man vorwiegend Bronce und anderes Material vertreten, fo darf man nicht vergeffen, dafs Klein eben Bronce und Lederwaaren- Fabrikant ift und in letzter Zeit die erftere Induftrie bevorzugt hat. Erfte Zeichner und Architekten ftanden ihm zur Seite und faft jedes Stück ift vorzüglich in Entwurf und Ausführung. Greifen wir aus feiner reichen Sammlung von Prachtftücken einige befonders werthvolle heraus, fo ift diefs vor Allem das ftilvoll gehaltene Miffale, dem Abte Helfersftorfer gehörig, welches fich durch fchönes Email auszeichnet. Hübfche Werke find auch zwei Albums, eines Eigenthum der Erzherzogin Gifela, das andere des Erzherzogs Rainer, letzteres mit Limofiner Email geziert. Auch einige Sammetcaffetten, mit Edelfteinen und Unter feiner kleinen Emailblättern gefchmückt, fahen fehr gefchmackvoll aus. Waare fanden wir einen, wenn auch nicht neuen, fo doch durch ihn allein und gut vertretenen Artikel, nämlich von fchwarzem Leder in lichtes Leder eingelegte Silhouetten. J. Weidmann* ift einer der bedeutendften Fabrikanten von Ledergalanterie- und Tafchner- Waaren, deffen hervorragende Ausftellung durch die Fortfchrittsmedaille ausgezeichnet wurde. Seine gröfseren Ausftellungsobjecte, worunter viele Enveloppes und Prachteinbände, fielen befonders durch ihren reinen Stil auf. Die Sammlung kleiner Waaren bildete ein Unicum durch Verfchiedenheit in Formen und Farben, was um fo höher zu fchätzen, als jeder einzelne Gegenftand in feiner eigenen Fabrik erzeugt wird. Befonders anerkennenswerth waren feine Ledermofaiken, Originale von Makert, Profeffor Sturm, Lach u. f. w., fowie Monogramme und Wappen in Lederprägung. von Rofenberg und Gebrüder Rodeck hatten grofse Collectionen Lederwaaren ausgeftellt. Erfterer, der einen riefiger. Platz am Eingang der Rotunde inne hatte, begnügte fich übrigens damit, zehn bis zwölf Mufter auszu ftellen und von Schaufenfter zu Schaufenfter, deren er acht hatte, regelmäfsig, wenn auch abwechfeind in Form und Farbe, zu wiederholen. Wir fanden nichts Neues, aber durchaus feinftens und vorzüglich gearbeitete Waare. * Der Herr Referent wollte nicht über feine Ausftellung berichten. Wir haben uns oben eingefügtes Urtheil von erfahrener Seite eingeholt. Die Redaction. 2* 18 J. Weidmann. Rodeck, der weit vielfeitiger ausftellte, brachte viel fchöne Nippes, Kleinigkeiten, einzelne fehr ſchön gearbeitete grofse Stücke. Er allein hatte mehrere aus Leder geflochtene Arbeitskörbe verfchiedener Form. Seine reiche Sammlung von Wappen und Monogrammen in echten Steinen find wohl mehr Arbeit des Juweliers, nehmen fich aber fehr effectvoll aus. Beide Ausfteller find nur Kaufleute und erzeugen nicht felbft; wenn fie demnach Vorzügliches boten, fo dankt man diefs erftens ihrem geläuterten Gefchmacke, dann aber den tüchtigen Fabrikanten Moriz Zander, Thil, Zibulka etc., von denen fie ihre Lederwaaren beziehen, die aber leider aus Rückficht für ihre beftändigen Abnehmer bis jetzt jede felbftftändige Ausftellung vermieden. Moriz Klein ift gleichfalls Kaufmann, wogegen er zwar proteftiren wird, da er eine kleine Fabrik in eigener Verwaltung hat. Nachdem wir uns jedoch nur mit feiner Ausstellung zu befchäftigen haben, fo mufsten wir uns diefe Bemerkung geftatten, da der durchwegs gute, ja vorzügliche Theil derfelben ein Werk der Herren Pollak& Jappich war, welche ehemals Werkführer bei Auguft Klein waren, dort eine ausgezeichnete Schule, beinahe bis zum Nachtheile ihres damaligen Chefs genoffen und die es verftanden haben, in reinem Stile neue, fchön ausgeführte Stücke zu fchaffen. Unter Anderem fanden wir einen grofsen Kaften aus gefchnitztem Rindsleder, der eine vorzügliche Reproduction derartiger antiker Arbeiten ift. Weniger entſprach unferem Gefchmacke ein grofser Kaften von fchwarzem Holze, mit Juchten eingelegt und reich mit Bronce verziert. Schön find auch die Federcaffetten, obwohl felbe bei Lederwaare nichts zu thun haben. Auch einige reich ausgeftattete Säcke waren ausgeftellt von neuer, aber, wie wir glauben, höchft unglücklicher Form. Auch brachte er eine Sammlung von Silhouetten, aber nicht wie Auguft Klein in Leder eingelegt, fondern der leidigen Concurrenz zu Liebe blofs auf lichtem Leder gedruckt. Diefs gefchieht auf fehr einfache Weife. Mit der Laubfäge wird die Form aus einem Stücke dicken Meffingbleches gefchnitten, diefelbe dann mit Schwärze überzogen und endlich auf das lichte Kalbleder geprefst. Allerdings ift diefes Verfahren billig, der fo bedruckte Gegenftand aber von minderem Werth. Einige Arbeiten, aus feiner eigenen Fabrik ftammend, meift Damen- und Gürteltafchen, waren mit fehr reicher, complicirter, färbiger Ledereinflechtung oder auch Einflechtung aus Pfauenfeder Kielen verfehen, erinnerten aber unferer Anficht nach zu fehr an kroatifche Hausinduftrie. Im Uebrigen fand man bei feiner Expofition noch mancl.' fchön gearbeiteten Gegenftand, wenn auch Gemeingut der Wiener LederwaarenFabrication. Johann Etz, ebenfalls nur Kaufmann und nicht Fabrikant, hatte in der Rotunde ausgeftellt. Auch er hatte gleich den Anderen Schönes und Gutes gebracht. Neu und ſpeciell nur bei ihm fanden wir Albums, Mappen, Käftchen aus weifsem Pergament mit gemalten Blumen, was fehr gut ausfah. Jacques Löw, Fabrikant, hatte hauptfächlich grofse, mit Leder überzogene Holzgegenftände gebracht, meift in barocken Formen, die uns daher nicht genügen. Nichtsdeftoweniger find feine Leiftungen um fo höher zu fchätzen, da er als Taubftummer ein ziemlich grofses Gefchäft felbftftändig leitet. F. Neuber, Klein's Söhne, Heinrich Schobelt etc. brachten hübfche courante Waare. Wunder& Kölbl waren durch Ledermofaiken vertreten, welche zumeift nur Copien bekannter Bilder und nicht durchwegs fchön in Farbe waren. Weit beachtenswerther fanden wir hingegen feine Einbände mit Handvergoldung, welche unferes Wiffens in der X. Gruppe nur er allein gebracht hatte und die zur Beurtheilung eigentlich in die XI. Gruppe gehören. Man möge uns hier eine kleine Abfchweifung erlauben. Mufeen und Gewerbefchulen empfehlen auf's Wärmfte ähnliche antike Büchereinbände mit Handvergoldung zur Nachahmung. Nichtsdeftoweniger fanden wir in der ganzen Ausftellung von Wiener Lederwaaren nichts Aehnliches. Diefs mag wohl darin feinen Grund haben, dafs mehr Einbände gefordert Galanteriewaaren aus Bronce, Leder- und Tafchnerwaaren. 19 werden, die als Decorationsftücke im Salon aufgelegt werden, während fich jene Bände mehr für die Bibliothek eignen. Auch find die Koften fo hoch, dafs man prachtvolle, plaftifch ausgeftattete Werke, welche dem Gefchmacke des kaufenden Publicums beffer entsprechen, viel billiger ausführen kann. F. Nowotny& Söhne ift einer der bedeutendften Fabrikanten billiger Lederwaare für den grofsen Export und hat uns auch feine couranten Mufter in reicher Auswahl gezeigt. Ignaz Lukfch bereicherte uns mit einem neuen Artikel, den er privilegiren liefs. Es find diefs Portemonnaies, Kartenetuis etc. aus einem gelblichen Kalbleder, auf welchem Holzflader in dunklerem Braun gedruckt ift. Wir finden es nun wohl begreiflich, wenn theures Material durch billigeres imitirt wird, halten es jedoch für widerfinnig, billiges Material, wie hier das Holz ift, durch das bedeutend theurere Leder zu imitiren. Es ift diefs eben wieder ein Beispiel jener Abfonderlichkeiten, zu denen manche Fabrikanten die Zuflucht nehmen, um Neues und Bizarres zu liefern, denn fo wie wir hier Holz durch Leder imitirt fahen, fo fanden wir bei einem anderen Fabrikanten in derfelben Gruppe umgekehrt Leder durch Holz nachgeahmt. Eduard Becher hatte fehr fchöne Albums ausgeftellt. Die grofse Zahl der Wiener Ausfteller in diefem Induftriezweige erlaubt es nicht, jeden Einzelnen zu befprechen. Wir haben uns defshalb auf die Erften, Vorzüglichften befchränkt, find jedoch weit davon entfernt, behaupten zu wollen, dafs alle Uebrigen nicht auch faft durchwegs Gutes geleiftet. Wenn wir, um gleich im Lande zu bleiben, auf die Wiener Tafchnerwaaren- Induftrie übergehen, fo kommen wir auf die fchon früher erwähnte Bemerkung zurück, dafs das Vorzüglichfte von eingerichteten Säcken und gefchmackvollen Damentafchen in den Ausftellungen des Leder- Galanteriewaaren- Fabrikanten Auguft Klein, fowie der Lederwaaren- Händler Rofenberg, Rodeck und Etz zu fehen war. In dem Hofeinbau der Gruppe VI, wo die eigentlichen Tafchner ausgeftellt hatten, bemerkten wir eine grofse Pyramide von Koffern und einfachen Säcken. Ein Theil davon hatte feinen Urfprung in Hermann Kramer's Fabrik, eines unferer beften Tafchner. Wenn man ihm auch nicht nachfagen kann, dafs er hochfeine Waare oder mit grofsem Aufwand ausftellte, fo waren die Gegenftände doch alle gut und folid gearbeitet und wir find überzeugt, dafs er nur aus gefchäftlichen Rückfichten nicht mehr Reichthum entwickelte. Aus demfelben Grunde vermifsten wir einen anderen, vorzüglichen Tafchner, Habermann. Neben Kramer hatte Schittenhelm, der wohl in letzter Zeit auch nicht mehr felbft fabricirt, courante Waaren, Koffer und Tafchen, ausgeftellt. Gabrieli brachte Jagdartikel und war in diefem Fache ziemlich der Einzige. Demnächft am Beften vertreten waren Dürrmeyer, Würzel, Veitel etc. wenn man auch in all' dem Gebotenen den Wiener Artikel, der fich bei LederGalanteriewaaren fo charakteriftifch durch feine Feinheit kennzeichnet, nicht recht wieder findet. Ja fo manche Gefchmacksverwirrung erfchreckte uns geradezu. So hat ein Ausfteller Tafchen und Koffer gebracht aus fchwarzem Leder mit Pfauen. feder- Kielen, in überladener Weife nach den nichtsfagendften Zeichnungen geftickt, nach Art der Tiroler Gürtel. Ein Kofferfchlofs entdeckten wir in Form der Rotunde angefertigt Entfetzliche Begriffsverwirrung! Diefes Alles ift aber muftergiltig gegen das, was Herr Hochedlinger gefündigt. Man ftelle fich grofse Damenkoffer vor, aus Juchten, alfo einem theuren Materiale, mit Ornamenten in einer Weife und mit einer Verfchwendung beladen, dafs man nicht entfcheiden kann, ob das Zweckwidrige oder das Lächerliche vorherrfchend fei. Diefe Koffer find mit Meffing, Zinkblech und ftarken Nägeln kreuz und quer befchlagen, dazwifchen glitzern Platten von farbigem kryftallifirten Bleche, aufgenagelte blecherne Füllhörner, darunter, als fielen fie eben heraus, verfilberte und vergoldete Kreuzer, Spielmarken, färbige Glasfteine u. f. w. in malerifchfter Unordnung und endlich als höchftes Refultat menfchlichen Erfindungsgeiftes waren an den Seiten auf 20 J. Weidmann. genagelte Glasfpiegel vertheilt, worauf man papierne Figuren, wie felbe bei Gratulationskarten vorkommen, aufgeklebt hatte. Doch genug davon. Die Productivgefellſchaft der Tafchner hatte unter Anderem einen eingerichteten Sack ausgeftellt, der mit 1000 fl. notirt war. Er war gut, was Naht und techniſche Ausführung anbelangt, nur zu reich ausgeftattet, wie feiner Gefchmack es nicht wünſcht. Ueberhaupt ift es ein charakteriftifcher Zug unferer Tafchner, dafs fie glauben, das Beftechendfte zu leiften, indem fie nach irgend einer in der Regel nicht fehr werthvollen Zeichnung Pappendeckel ausfchneiden, unter das Aufsenleder kleben und die Contouren mit färbiger Seide abfteppen. Neue, originelle oder befonders praktiſche Formen, welche wohl in diefem Fache fehr fchwer zu erfinden find, waren auch auf der Wiener Ausftellung nicht; möchten aber alle Tafchner eine einfache, prunklofe, dem Zwecke entſprechende Richtung annehmen, wie es fchon Viele gethan, fo würden fie bedeutend Edleres erzielen, als durch diefe gewerblichen Spielereien. Was Ungarn gebracht, ift wohl meift Wiener Fabricat. So ftellte Posner aus Peft eine Sammlung fehr fchöner Albums aus, welche zu irgend einem beftimmten Zwecke gedient hatten und ihm von dem jetzigen Befitzer leihweife überlaffen wurden, und welche alle Erzeugniffe aus Ed. Becher's Fabrik in Wien find. Deutfches Reich. Wien zunächft wird wohl, fpricht man von Lederwaaren- Induftrie, am meiften Offenbach, in neuer Zeit auch Berlin, München, Stuttgart genannt. Offenbach ift bedeutend in feinen couranten, praktifchen Artikeln; die Waare ift bei billigem Preife doch gut und zweckmäfsig gearbeitet, befitzt aber bei Weitem nicht die raffinirte Zierlichkeit der Wiener Artikel. Hauptfächlich verlegen fich die Offenbacher auf Erzeugung kleiner, nothwendiger Gegenstände, als Vifitekarten- Täfchchen, Brieftafchen mit. grofsem Beutel für ihre lieben Thaler, fowie auch Unmaffen ganz einfacher Beutel zu ftaunend niederen Preifen. Die meiften gröfseren Fabrikanten erzeugen alle Beftandtheile ihrer Waaren im Haufe. Sie verarbeiten faft nur mittelmäfsige Lederforten und füttern ihre Artikel nicht wie wir mit Seide, fondern gewöhnlich mit Leder, was fie billiger und dauerhafter macht. Auch hier treffen wir faft durchwegs Wiener Mufter, wenn auch von früheren Jahrgängen und da und dort verändert, aber nirgends verbeffert. Jacob Mönch& Comp. ift wohl eine der erften Firmen dort, demzunächft dürften Bofen& Comp. ftehen, die aber nicht ausgeftellt hatten; Lehmann brachte hübfche weiche Waare aus Kalbleder, E. Knieppe hatte einige nette Albums ausgeftellt, Koch's Waaren gehören zu den beften Offenbachs. Holz warth& Löffel erzeugen die billigften Mufter, beiläufig wie in Oefterreich die Firma L. Nowak aus Prag. Man bekommt dort ein Dutzend Portemonnaies um 65 kr., das Dutzend zu I fl. 50 kr. gehört da fchon zu den Luxusgegenständen. Freilich ift Alles daran nur Papier und Leinwand, bei den beften Waaren Spaltleder und wird die Arbeit in Strafanftalten oder von Knaben und Mädchen erzeugt. Bofart, der nur Gegenftände mit Spielwerken ausgeftellt hatte, hat durch feine Formen, Lederthürme u. f. w. zur Gefchmacksverfeinerung in der Kunftinduftrie eben nicht beigetragen. Ihm zur Seite ftand ein zweiter Ausfteller der mit Leder überzogene, als Neceffaires dienende Bierkrüge, Drehorgeln mit einem mit Leder überzogenem Manne und Aehnliches brachte. Haas& Comp. hatten eine ziemlich reiche und gut fortirte Ausftellung, find jedoch Kaufleute und nicht Fabrikanten. Diefelben konnten demnach leicht Mannigfaltiges bringen, da fie die Ideen und verfchiedenen Fabricate von vielen Fabrikanten fammeln und fo verhältnifsmäfsig billiger mit fortirten Muftern verfehen fein konnten. Wer es weifs, was es heifst, ein neues Mufter in einer Fabrik einzurichten, und welchen Koftenaufwand diefs erfordert, wird uns gewifs recht geben. Galanteriewaaren aus Bronce, Leder- und Tafchnerwaaren. 21 Frankfurt am Main erzeugt genau dasfelbe Genre wie Offenbach und war durch Gebrüder Buck am bedeutendften vertreten. Vitus, Kullrich& Schluck aus Berlin brachten einige hübfche Albums. Ofterloh aus Rudolftadt hatte aus Natur- Schafleder geflochtene Körbchen, mit geprefsten Lederblumen geziert, ausgeftellt. Der Artikel ift billig, doch fcheint er uns mehr für Kinder paffend. Unftreitig der bedeutendfte deutfche Ausfteller, mindeftens der, welcher doch verfuchte, kunftinduftrielle Leiftungen zu bieten, war Efchenbach aus München. Wenn wir auch nur mit Wenigem, das er gebracht, ganz einverftanden find, fo merkte man doch das Beftreben, der Wiener Induftrie nachzukommen. Wir fahen bei ihm faft nur ganz grofse Stücke, z. B. einen mit Leder überzogenen Schreibtisch in natürlicher Gröfse, auf demfelben aber als Theil einer in Leder montirten Schreibtifch- Garnitur ein Stehpult, worauf ein Buch liegt, in welchem die Uhr angebracht ift. Diefs ift jedenfalls ein mehr komifches als künftlerifches Spiel mit Verhältniffen. Weit beffer gefielen uns feine Ledernippes, welche mofaikartig mit gravirtem, fchwarz und roth eingelaffenem Perlmutter eingelegt waren. Ein Paar Riefencaffetten aus Schweinsleder, die eine mit Eifen, die andere mit oxydirter Bronce befchlagen, imponirten durch ihren Umfang. Die meiften übrigen Ausfteller hatten ebenfalls Gutes gebracht, wenn auch in weniger reicher Auswahl. Von den Tafchnern ift ziemlich das Gleiche zu berichten, wie von denfelben aus Oefterreich. Das Befte, wenn auch gar nichts Hervorragendes, fanden wir auch hier bei den Leder Galanteriewaaren- Fabrikanten. Von den eigentlichen Tafchnern erwähnen wir Gebrüder Stockhaufen aus Offenbach. Frankreich war in der eigentlichen Leder- Galanteriewaaren- Induftrie nicht vertreten. Was wir fanden, waren meift Neceffaires, wobei aber wieder die in Paris fo gut und viel erzeugten Einrichtungsftücke die Hauptrolle ſpielten. M. Max brachte Photographie- Albums und einige Portefeuille- Artikel, welche in die Gattung der Offenbacher Waaren einzureihen find. Ebenfo ftellte Midocq. Schulz in Paris eingerichtete Caffetten aus, die aber unferer Anficht nach weder durch Qualität noch durch Zweckmäfsigkeit mit der feinen Wiener Waare concurriren können und als billige Artikel im Vergleiche mit den Wiener Fabricaten von Riederer& Mader zu theuer find. Walker ift wohl der befte Tafchner von Paris, feine eingerichteten Koffer find gut, ihr Glanzpunkt ift jedoch abermals die Einrichtung. Alle übrigen Mufter fcheinen Wiener Kinder zu fein, wenn fie auch durch langen Aufenthalt in der Fremde fich nicht eben zu ihrem Vortheil verändert haben. In derfelben Seitenrippe fanden wir in einem Wandkaften prachtvolle Einbände mit reicher Handvergoldung ausgeftellt. Sie ftammen aus verfchiedenen Zeiten und waren von mehreren Ausftellern, meift den jetzigen Privateigenthümern ausgeftellt. Diefe Sammlung bildet eine wahre Fundgrube für Mufeen, welche derartige Arbeiten mit Vorliebe fuchen. Eben folche nicht minder fchöne Arbeiten in Handvergoldung fanden wir in England. Ausserdem war die Lederwaaren- Induftrie dort nur noch durch einige Sohlleder- Koffer von altbekannter Solidität und mehrere fehr primitive Säcke vertreten. Italien und Rufsland, fowie die übrigen Länder brachten Nichts oder doch nichts Nennenswerthes. In China und Japan fanden wir keine eigentliche Lederwaaren- Induftrie, aber hie und da ein einfames, fackartig zufammengenähtes Täfchchen, gewöhnlich mit einem höchft einfachen Verfchlufs verfehen, als Tabakstafche dienend. Doch felbft diefe find nicht aus Leder, fondern blofs aus dem fehr zähen, feften, lederartig gekörnten, japanefifchen Papier verfertigt. KINDER- SPIELWAAREN. ( Gruppe X, Section 7.) Bericht von DR. CARL TH. RICHTER, k. k.o. ö. Profeffor der Staatswiffenfchaften an der Univerfität zu Prag. Wenn wir in der Gefammtheit der Induftrie Fortfchritte aller Art in einem beftimmten Zeitraume kennzeichnen, fo vermögen wir ficher auch immer die Gründe und Veranlaffungen derfelben ficher zu ftellen. Bald ift es ein neuer Markt, alfo das Auftreten neuer Confumenten, bald ift es die Entwicklung der Technik, alfo eine Neugeftaltung der Production, bald endlich ift es das höhere geiftige Leben, die Kunft, mit welcher verbunden die Induſtrie neugeftaltet erfcheint. Bei jeder Induftrie, zumeift bei der Grofsinduftrie, welche unfer bedürftiges Leben jeden Augenblick berührt, ift diefs Alles am leichteften zu erkennen. Welch' andere Stellung aber nimmt das Gebiet der Spielwaaren- Induftrie ein! Wohl in keinem anderen Zweige der menfchlichen Arbeit trifft man eine gröfsere Mannigfaltigkeit an als in jenem, welcher die Kinderwelt in der Form von Spiel. zeug mit Gegenftänden der Anregung und Bildung für das wirkliche Leben verfieht. Das Reich der Natur fowohl, wie das Leben des Menfchen, feine Nahrung, Kleidung und Wohnung, feine nützlichen Befchäftigungen, kurz Alles, was der äufseren Wahrnehmung fähig und zur plaftifchen Geftaltung nur immer geeignet ift, bietet der Spielwaaren- Induftrie den Stoff für ihre Darftellungen. Erzeugt fie eine Welt im Kleinen, fo vereinigt fie für die Arbeit alle Gewerbe und alle Arbeitsrichtungen. Der Drechsler und der Tifchler, der Töpfer und Büchfenmacher, der Mechaniker endlich und der Schiffbauer, fie treten dabei mit ihrem beftimmten Berufe hervor, neben dem„, Aftelmacher", wie man in Böhmen den Holzzufchneider für den Spielwaaren- Schnitzer nennt, und der kaum 20 bis 30 kr. Tagelohn verdient, bis zu dém Schachtelmacher, der das Dutzend für 15 kr. abliefert. Und doch, der Markt diefer Induftrie ift fo eigenthümlich und wenn er im Raum die ganze Welt umfasst, in der Zeit ift er an die fchönen Tage des Jahres, an die Feier des Chriftfeftes, an den Namens- und Geburtstag der kleinen Confumenten gebunden. Freilich wird dann die Lieferzeit mit einem kategorifchen Imperativ dictirt. Für diefe Zeiten regt die Arbeit ihre Hände und der Abfatz ift ein ficherer. Dann forgt auch wieder immer die glückliche Ungefchicklichkeit und der kräftige Geftaltungstrieb aller Kinder, der in jungen Jahren fich nur in der Veränderung der Form zeigt, für die Unterſtützung der Spielwaaren Induſtrie. Und feit Jahrhunderten, ja felbft feit Jahrtaufenden mag es fo gewefen fein. Es war fo, als die Römer ihre Kinder befchenkten und am Namengebungstage Verwandte, Freunde und Sclaven den Kindern, Creffundia", Klapper zeug, oder ,, Gnorismata", Wiedererkennungszeichen zum Gefchenke gaben oder um den Hals hängten. Es war fo, als die Griechen Schildkröten, Hafen, Affenmütter mit ihren Jungen im Arm, welche in ihren hohlen Körpern klappernde Steinchen bargen, für ihre Kinder erzeugten. Liebten fie doch die Erzeugung Kinder- Spielwaaren. 23 folchen Spielzeuges, dafs Lucian felbft, wie er erzählt, Schafe, Ochfen und Pferde anfertigte. Und aus dem Leder machten fie Häufer und Schiffchen und mancher gute Vater mag wie König Agefilaus auf dem Steckenpferde feinen Kindern vorgeritten fein. Die Spielwaare ift heute zum Culturträger geworden und Spielzeug, zumeift deutfche s, war auf dem chinefifchen und japanefifchen Boden fchon vorräthig, ehe Krieg und Handelsverträge die Märkte Oftafiens Europa erfchloffen. Die Miffionäre, die nach Grönland zogen, ebenfo wie jene, die Afrika auffuchen, führten das Evangelium und Spielzeug mit, um durch das Vertrauen der Kinder die Eltern zu gewinnen. Es ift daher eine Induftrie, die nur fcheinbar anfpruchslos, im Grofsen aber eine Bedeutung hat, und zumeift im Productionsproceffe, vielleicht auch im Handel, mit keiner anderen verglichen werden kann. Und welche Bedeutung nimmt fie in Mitte unferer heutigen, Wiffenfchaft und Leben bewegenden, focialen Frage ein. Sie verträgt ebenfowenig einen hohen Arbeitslohn, als fie die Vertheuerung der Holzpreife verträgt. Sie iſt daher in einigen der hervorragendften Erzeugungsdiftricte in die Höhe der Gebirge, wo fich Holzreichthum und Armuth an Befchäftigung, man kann faft fagen glücklicherweife ergänzen, hinaufgedrängt worden. Und folgt diefer Bewegung die grofse Induftrie mit ihren höheren Löhnen, fo entzieht fie im Augenblick der Spielwaaren- Induftrie die Arbeitskraft. Als im böhmifchen Erzgebirge, jenem Hauptfitz der billigften Spielwaaren, welche die Welt producirt, die Baumwoll- Spinnereien eindrangen, verloren fich die Arbeiterinen aus den Spielwaaren- Werkstätten. Hier konnten fie nicht mehr wie 2 fl. per Woche verdienen, dort zahlte man 3 fl. Die Concurrenz auf dem Weltmarkte ift bei unferem Artikel eben an den billigften Preis gebunden. Dagegen fehen wir, gleichfalls wichtig für die angeregte fociale Frage, ebenfo wie für die ökonomifche Wiffenfchaft überhaupt, die eigenthümlichfte Gefchäftsbildung, welche wenigftens in dem grofsen Spielwaaren- Bezirk des böhmifchen Erzgebirg- Kammes, Ober- Leitensdorf, Katharinaberg u. f. w., fich ausgebildet hat. Hier ift jeder Arbeiter fein Gefchäftsherr, und wenn der eine nur Bäumchen fchnitzt, der andere fie malt, der eine Männchen oder Thiere, der wieder nur Häuschen fchnitzt, der andere fie mit Fenſtern verfieht und Rauchfänge oder die Kleider malt und die Gefichter, jeder ift felbftftändig und überläfst das halbfertige Erzeugnifs je nach der Beftellung an den anderen, bis endlich nach Vollendung der Zurichtung der letzte Arbeiter das fertige Product dem Händler, der auch der eigentliche anregende Unternehmer ift, überläfst; Glied reiht fich fomit an Glied und in der grofsen Kette ift auf Grund einer praktiſch gewordenen und nicht von der Theorie gefchaffenen Arbeitstheilung Jeder Arbeiter und Herr. Mag man daraus für manche andere Zweige unferes induftriellen Lebens die glückliche Anwendung machen. Die meiften ökonomifchen Geſetze verbreiten fich eben weniger durch die Theorie, als durch den Drang und Zwang des grofsen vollen Lebens. Wenn wir nach diefer Betrachtung, in der wir das Gebiet in feinem ficheren Charakter darzuftellen verfuchten, zur Betrachtung der Spielwaaren- Induftrie auf der Weltausftellung übergehen, fo müffen wir, um die Kürze und die Art der Darftellung des Folgenden zu erklären, auf den Bericht von Dr. Ferdinand Stamm: ,, Leben und Erziehung des Kindes bis zum fchulfähigen Alter"( der Pavillon des kleinen Kindes) Gruppe XXVI, Section I, verweifen. Dort ift das Spielzeug, wie es auf der Ausftellung von den verfchiedenen Nationen gezeigt wurde, des Weiteren befchrieben und find Gegenftände und Ausfteller zahlreich genannt. Nur die Induftrie, die Arbeit und Erzeugung der Kinder- Spielwaaren ift dort mit gutem Rechte fortgeblieben. In der Gruppe X aber erfcheint diefelbe und wir wollen uns in unferem Referate darauf befchränken, die drei grofsen fpielwaarenproducirenden Kreife zu kennzeichnen: Frankreich, und hier gilt fo recht der Satz: Paris ift Frankreich, Deutfchland mit der älteften Stadt des grofsen deut 24 Dr. Carl Th. Richter. fchen Gewerbes, Nürnberg und Umgebung, dann mit den Diftricten des Thüringer Waldes und des fächfifchen Erzgebirges, endlich Oefterreich, wo im Salzkammergute, im Grödener Thale von Tirol die aller Welt bekannten fogenannten Berchtesgadener Waaren erzeugt werden, und endlich den Kreis des böhmifchen Erzgebirges, wo eigentlich für die Entwicklung der Arbeit und die Charakteriſtik der billigen Erzeugung am meiften zu lernen ift. Dabei können wir eine Bemerkung nicht unterdrücken. Die Proteftantenverfolgung in Oefterreich hat aus Böhmen, Salzburg und Tirol in einer längftvergangenen, unglücklichen Zeit zahlreiche und treffliche Kinder- Spielwaaren- Arbeiter verdrängt, die dann bald in Nürnberg Nürnberger Tand", im Thüringer Walde und im fächfifchen Erzgebirge ihr Gefchäft fortfetzten. Heute noch ftehen die Arbeiter im böhmifchen Erzgebirge mit den Anrainern auf fächfifchem Grunde in inniger Verbindung und geht an die zahlreichen Namensvettern viel böhmifche Spielwaare, zumeift Drechslerwaare in unbemaltem Zuftande, für welche der Zwifchenverkehr zollfrei ift, hinüber nach Sachfen, während von dort wieder zur Completirung der Lager feinere Waare herübergefchickt wird. Es find eben ftammverwandte, heimatsvertraute Kreife, die fich in der Induftrie wiederfinden, nachdem fie fich, wenn auch knapp an der Grenze niedergelaffen, von ihrer alten Heimat getrennt haben. - Wie England feinen Charakter auch in den Spielwaaren, die es erzeugt, nicht verleugnet und zum grofsen Theil nicht Spielerei, fondern Spiele im ernſteften Sinne des Wortes producirt,-es hatte fich nur ein Ausfteller aus London eingefunden und derfelbe bezeichnet feine Ausstellung mit dem eben erwähnten ernſteren Worte, wie England dabei der Gewerbe und gewerblichen Vorrichtungen zumeift gedenkt, oder die Uebung der Sinne und der körperlichen Kräfte im Auge hat und fo den bei uns fehr mifsbrauchten Fröbel'fchen Erziehungsgrundfatz ,,, das Lernen zum Spiel zu machen", in der glücklichften Weife umgekehrt hat und das Spielen fchon zum Lernen macht, was es fein foll, fehen wir in Frankreich, das durch eine glänzende Ausftellung vertreten war, den Gedanken des Lernens im Spiel, der Erziehung in den Anfängen des Lebensalters nur felten berücksichtigt. Frankreich war durch die erften Parifer Firmen: Bontems B., Durinage F., Maifon Giroux, Jumeaux P. F., Maréchal& Buffart und Rémond J. A. vertreten. Alle brachten Toilette puppen, prachtvoll in der Ausftattung, fchön und präcife in der Arbeit, aber beſtimmt nur für Jene, die der Himmel mit reichen Glücksgütern gefegnet hat. Mag man in diefen Kreifen felbft dem Kinde fchon Pracht und Glanz, und da auch das Glänzendfte von Kindeshänden zerriffen wird, Verfchwendung einimpfen, die grofsen Kreife der Bevölkerung aller Herren Länder find vor folchen Spielwaaren gefchützt. Wir wollen dabei nicht verkennen, dafs die Köpfe der franzöfifchen Puppen Gefchmack und Schönheit der Form, Natürlichkeit und Lebendigkeit auszeichnet, felbft wenn fie nicht mit dem Mechanismus ausgerüftet find, nach welchem fie die Augen auf- und niederfchlagen oder durch einen Druck auf den Körper den Mund öffnen und Laute von fich geben. Hier kann die gefammte deutfche und öfterreichifche Spielwaaren- Induftrie nur lernen, denn wenn die Anforderungen berechtigt find, nach welchen heute fo früh als möglich dem kindlichen Geifte Formenfinn und Schönheit der Form eingeimpft werden foll, und fie find unzweifelhaft berechtigt, dann muss man auch trachten, das, was dem Kinde die erften Formbegriffe beibringt, das Spielzeug, insbefondere die Puppe, entſprechend formgerecht zu geftalten. Wie nach diefer Richtung hin in den Wachsköpfen oder jenen aus Pappe, find die Franzofen heute noch unübertroffen in der Erzeugung von Puppenkörpern und Köpfen aus Kautfchuk. Man kann nur wünfchen, dafs die Erzeugung von Spielwaaren aus diefem Stoff fich immer mehr verbreite und dem entfprechend fich billiger geftalte. Nichts treibt mehr den Thattrieb des Kindes in die Bahnen der Zerftörungsluft, als das Kinder- Spielwaaren. 25 leicht zerbrechliche Spielzeug. Lernt dabei das Kind feine Kraft und fein Bewufstfein üben, die wahrhaftig nicht zu früh entwickelt zu werden brauchen, fo lernt es eben auch zerttören und endlich vergeuden. Gleichbedeutend und dem Luxus der franzöfifchen Spielwaare entſprechend zeigte fich Frankreich wieder mit feinen fich bewegenden und fingenden Vögeln und feinen automatifchen Menfchen und Thiergeftalten. Die fingende Nachtigall, der tanzende und brummende Bär, das freffende Häschen, Dinge, die heute auch in Wien, Berlin und anderen Städten nachgemacht werden, das Trio der muficirenden Neger, die ihre Mufik mit Mienenfpiel begleiten, werden wohl jedem Befucher der Ausftellung aufgefallen fein. Den Namen des Spielzeugs mögen diefe Sachen verdienen. Den Charakter deffelben haben fie nicht. Und zum Glücke verficherte uns der Vertreter der Firma Bontems, dafs all' die Dinge mehr von Grofsen für Grofse, als für Kinder gekauft würden. Auch hat man es, was die Production anbelangt, der künftlichen Mechanik wegen hiebei in der That mit vereinzelten, freilich eigenthümlich gearteten Kunftwerken zu thun und nicht mit einem gewerb lichen Product oder gar dem Product einer Maffeninduftrie. Wahren Spielcharakter und im beften Sinne des Wortes hatten in der franzöfifchen Abtheilung nur die kleinen Puppenkäften, Wäfchcommoden und dergl. Wir können nicht leugnen. dafs wir allenthalben gerade diefen Gegenftänden mit befonderer Vorliebe gefolgt find. Nichts kann, fo fcheint es uns wenigftens, für die Heranbildung des Mädchenfinnes, den Sauberkeit, Ordnungsliebe und Reinlichkeit als erfte gute Eigenfchaften fchmücken, fo fehr beitragen, als das frühe Gewöhnen an den eigenen Schrank. die beftimmte Schublade für Küchenwäfche oder Kleidungsftücke u. f. w. Man fordert heute fehr viel vom weiblichen Gefchlechte, ja faft fo viel wie vom Manne. Aber die Erziehung des weiblichen Wefens liegt noch allenthalben fehr im Argen. Wenige Menfchen wiffen, dafs für das Mädchen mehr als für den Knaben das Spielzeug die erfte Erziehung bedeutet, weil man es eben durch das Spiel erziehen kann und weil das Mädchen auch viel länger fpielt, als der Knabe und in der That auch länger fpielen kann und foll, wenn es dabei lernt. Dafs wir von all' dem bei den mit Recht viel bewunderten und auf allen Gebieten der Arbeit fo tüchtigen Japanefen und Chinefen Nichts bemerkten, hat uns überrascht und das Wenige, was wir fahen, wie gierig auch die Raritätenfammler darauf ftürzten, wahrhaftig nicht erfreut. Zumeift das, was man Puppen nennt, die Figuren, nationalen Geftalten u. f. w., machten uns wenigftens einen fehr widrigen Eindruck, und fcheinen wenig geeignet zu fein, den Drang nach fchöner Form und Farbenharmonie zu unterftützen. Wir nehmen dabei nur die einzelnen Thiergeftalten aus, die nach ihrem Material ausgezeichnet, wir erinnern an die aus feiner Seide erzeugten Kätzchen u. f. w., auch in ihrer Pofition fehr luftig und wirkfam, in ihren Formen aber wie die chinefifche und japanefifche Zeichenkunft beengt und befchränkt erfchienen. Endlich können wir nicht leugnen dafs die Ueppigkeit mancher Scenerie, zumeift der chinefifchen Puppen, uns, wenn nicht bedenklich machten, fo doch wenigftens erftaunten. Doch fcheinen, wenigftens nach den Preifen, die man den europäifchen Käufern in Wien machte, die in China und Japan erzeugten Spielfachen nicht für die grofse Bevölkerung der Länder beftimmt zu fein. Für die arbeitet Deutfchland und Oefterreich und hat vor den englifchen Kanonen und vor dem Zwang zu Handelsverträgen der deutfche ,, Wurftel", die deutfche ,, Landfchaft", das deutfche, Küchengeräthe" die Häfen diefer Länder bereits erfchloffen. Und dennoch fpringt uns eine Wahrnehmung fehr deutlich in die Augen. Nirgends bei den Japanefen und Chinefen, nicht in ihren Kinderzimmern und nicht in ihren Ausftellungen, ebenfowenig unter den hundert Püppchen und Mannequins, nicht Pup pen, aber unzweifelhaft Vorbilder für Puppen, welche Indien ausgeftellt hatte, fand man das bei uns in Deutfchland und überhaupt auf dem Continente fo beliebte Soldatenfpiel und den Soldaten. Man hat fo oft mit - 26 Dr. Carl Th. Richter. Bedauern hervorgehoben, dafs man in Deutſchland, zumeift unter dem Nürnberger Tand, ebenfo in den Zehn- Kreuzer- Schachteln des böhmifchen Erzgebirges, dem Soldatenfpiel einen mehr als bedenklichen Raum gönne. Sollte es wirklich die Luft am Soldaten fein, welche den Kindern des gefammten civilifirten Continentes innewohnt und die der Spielwaaren- Fabrikant gefchäftsmäfsig auszunützen hat? Dann müfste dem japanefifchen und chinefifchen Kinde ebenfo, wie dem türkifchen Knaben, denn Kinder find ja überall gleich, diefelbe Luft innewohnen; und der japanefifche und chinefifche Spielwaaren Erzeuger müfste ebenfo munter Soldaten in Zinn und Blei giefsen oder aus Holz fchnitzen, wie der Nürnberger Fabrikant oder der Spielwaaren Händler aus dem Erzgebirge. Wir haben von jeher diefe Anficht für falfch gehalten, und immer bedauert, dafs man damit dem Culturberuf unferer Zeit und dem von der Philofophie gelehrten ewigen Frieden, eine fo fchlechte Ausficht in die Zukunft gibt. Wir haben aber auch niemals geglaubt, dafs es das Soldatenthum ift, welches unfere Kinder feit einem halben Jahrhunderte reizt, und wie die Dinge liegen, auch weiter reizen wird. Es ift die Armuth an Coftümen, der Mangel der Farbe, jedes Entfchwinden von Phantafie, welches das Kleid der europäiſchen Culturvölker kennzeichnet. Wir find einander Alle gleich, oder glauben es wenigftens, und gehen daher Alle im gleichen Kleid. Die Gleichheit des Kleides kann aber nur durch Einförmigkeit und Einfachheit für die Dauer erhalten werden. Der fchwarze Frack, der fchwarze Gehrock, der Cylinder haben die Wiedergeburt der Nation und ihrer Hantirung aus den Kinder- Spielfchachteln und aus der Spielwaaren- Erzeugung verdrängt und der regen und lebhaften Phantafie des Kindes den vielfarbigen, prächtig gefchmückten, coftümirten Soldaten gegeben. Auf den Bilderbogen erfcheint er, den Zwifchenraum der Zeit verdrängend, neben dem Roccoco- Coftüme und dem faltenreichen farbigen Coftüme der Apoftel. Tauchen wir felbft, wie wir gehen und ftehen, darin auf, fo erfcheinen wir auf den Bilderbogen wie in den Schaufenftern der Spielwaaren- Händler als Carricaturen, die man beliebig mit bunten Farben bedecken kann. Doch kehren wir zur Befchreibung der Ausftellung zurück und betrachten wir die deutfche Spiel waaren- Induftrie und jene von Oefterreich. Die deutfche Spielwaaren- In duftrie hat fich in drei Hauptgebieten zum Grofsbetrieb und für den Export entwickelt. Zu Nürnberg und Umgebung, von wo aus die deutfchen Spielwaaren durch Zwifchenhändler nach den entfernten Punkten des Weltmarktes geführt werden, dann in Thüringen, wo den Hauptfitz das kleine meiningen'fche Städtchen Sonneberg mit zahlreichen Dörfern in der Umgebung bildet, und Weiber und Kinder nun fchon feit mehr als hundert Jahren fchnitzen, hämmern und malen, und endlich in dem fächfifchen Erzgebirge. Uebrigens hat man auch in anderen Städten, zumeift wenn die hohe Kunft, Pracht und der Bedarf des Augenblickes in der Spielwaaren- Erzeugung hervortreten, die Spielwaaren Induftrie eingeführt. In kleiner Waare hat in den letzten Jahren auch Württemberg die Fabrication eingeführt, und einen ganz achtbaren Export bereits erzielt. Alle diefe Richtungen waren theils in der Gruppe VIII, theils mit den aufserordentlich fchönen Lehrfpielen architektonifcher, gefchichtlicher, geographifcher und phyfikalifcher Natur, wie fie Nürnberg und Fürth in vortrefflicher Weife erzeugt, in der Gruppe XXVI, Nummer I vertreten. Es find allenthalben Gefchäfte, die in den Anfang des Jahrhundertes zurückreichen und, in fortfchreitender Entwicklung das Neue erfaffend und Neues gebärend, die KinderfpielwaarenInduftrie der ganzen Welt beftimmen. Wir erinnern an Elias Greiner in Laufcha, gegründet 1820, an G. Söhlke in Berlin, gegründet 1819, an Samuel Kraus aus Rodach bei Coburg, gegründet 1820 u. f. w. Der Gefchäftsumfatz der einzelnen Firmen iſt oft 30- bis 50.000 Gulden oder 20- bis 40.000 Thaler. Der Gefammtumfatz des Meininger Oberlandes beträgt 4 bis 5 Millionen Thaler und 1871 gingen auf der Werrabahn 453.000 Centner Spielwaaren als Gut hin und her. 59 Percent davon Kinder- Spielwaaren. 27 waren fertige Waaren, und gingen nach den verfchiedenen Märkten, 41 Percent oder 187.000 Centner entfielen auf die Einfuhr von Hölzern, Rohftoffen und Hilfsmaterialien aller Art. Kennzeichnet diefs nach einer Richtung die Maffe, fo genüge es, um die Vielfeitigkeit der Induftrie begreiflich zu machen, dafs Sonneberger Firmen ihren Reifenden Mufterbücher bis 16.000 verfchiedene Nummern enthaltend mitgeben für ihre Reife durch die ganze civilifirte und uncivilifirte Welt. Reiche und arme Provinzen und Länder kaufen natürlich verfchiedene Waarenqualitäten, und fo ift die Erkenntnifs des Bedarfes ein gleichbedeutender Zweig im Gefchäfte, wie die Production felbft. Amerika, Java, Auftralien find die beften überfeeifchen Abnehmer, und kaufen, wie grofs der Export, nur theure Waare. In Europa ift England die befte Abfatzquelle der deutfchen Spielwaare. Rufsland bezieht überwiegend einen grofsen Theil feiner Luxus- Spielwaare aus Frankreich. Nürnberg und Fürth liefert heute eine unglaubliche Menge der verfchiedenartigften Waaren. In überwiegender Weife aber werden die kleinen Geräthfchaften und Gegenftände angefertigt, welche durchfchnittlich höher im Preife ftehen, als die gewöhnlichen Spielfachen. In Nürnberg werden die Eifenbahnzüge, Locomotiven, Waggons u. f. w., in 80 Klempner- Werkftätten die weltberühmten Blech Spielwaaren in grofsen Maffen producirt. Dann ftammen die Spiel fachen höherer Art wie Zauberlaternen, Schwimmvögel, Fifche mit magnetifchen Fangnadeln gleichfalls aus Nürnberg und Fürth. Die Zinngiefserei ift feit der aufserordentlichen Ausbildung der Thonwaaren- Fabrication allenthalben und auch in Nürnberg bedeutend zurückgedrängt worden. Die heute noch beftehenden zwanzig Zinngiefsereien in Nürnberg erzeugen jene Soldaten, die man auf der Ausftellung in ganzen Schlachten ausgeftellt fah; dann Uhren, Kinderfchmuck und Möbel, und verarbeiten dabei übrigens noch immer eine folche Maffe von Metall, dafs die gröfseren Etabliffements im Jahr durchfchnittlich 150 Centner Metall verbrauchen. Was übrigens Nürnberg und Fürth ausgezeichnet, das ift die Solidität der Waare, Schönheit und Richtigkeit der Zeichnung. Auch concurrirt Nürnberg in diefer Richtung ganz kräftig mit Berlin, Kaffel und München. Fürth fteht übrigens in einem gewiffen Abhängigkeitsverhältniffe zu Nürnberg, indem es meift für Nürnberger Häufer arbeitet. Die Spielwaaren- Region des Thüringer Waldes und des fächfifchen Erzgebirges ift jüngeren Alters als jene von Nürnberg, aber in den letzten JahrzehnHier werden ten zu gleicher handelspolitifcher Bedeutung emporgewachfen. gleichfalls auf einer glücklichen Arbeitstheilung ruhend, wobei eine Hand für die andere arbeitet, die unglaublich billigen menfchlichen Figuren und Thiergeftalten aus Holz mit Bäumen, Häufern, Ställen u. f. w. gefchnitzt, und in Schachteln ver packt. Hier werden die bekannten Gewürzfchränkchen, Salz und Mehlfäfschen, Schachteln jeder Gröfse, Klappern, Schnurren, Nufsknacker; im meiningen'fchen Städtchen Sonneberg dann auch noch Schiefertafeln, Griffel, Wetzfteine erzeugt, und bieten den thätigen Kaufleuten diefer Gegend, welche in den Nord- und Oftfeehäfen, in England und Frankreich, in den fkandinavifchen und amerikanifchen Ländern ihre Gefchäfte und Zweigniederlaffungen haben, die ftets begehrte und immer abfatzfähige Waare. Von Sonneberg ging auch die plaftifche Bildnerei, die Arbeit aus Papiermaché und Steinpappe aus, und arbeitet man heute neben den alten Zweigen des Gefchäftes hier wie im fächfifchen Erzgebirge in Leder, Kautfchuck, Porzellan, Glas u. f. w. Die öfterreichifche Spielwaaren- Fabrication, deren allgemeinen Charakter wir fchon früher gekennzeichnet haben, war gleichfalls auf der Ausftellung ganz bedeutend vertreten. Die Wiener Spielwaaren- Händler zogen vor Allem die Aufmerkfamkeit auf fich. Ferdinand Stamm hat in feinem Berichte bereits der hervor. ragendften Firmen gedacht. Wir erwähnen hier nur, dafs Wien keineswegs für Oefterreich wie z. B. Paris mit feiner Spielwaaren Erzeugung für Frankreich die gleiche Bedeutung hat. Der Werth der Parifer Spielwaaren beträgt im Durch 28 Dr. Carl Th. Richter. " fchnitte per Jahr 10 Millionen Francs, der von Wien mag kaum 200.000 Gulden betragen. Wien erzeugt überhaupt nur hochfeine Waare, wie der Generalftab des Kaifers von Oefterreich", die feine Kindercalefche", die Carl Kietaibl in Wien ausgeftellt hatte. Feine Puppen, dann die verfchiedenen Spielwaaren, die zu gleicher Zeit Unterrichtsmittel find, alfo Lefe-, Schreib-, Zeichnen- und Rechenfpiele werden hier erzeugt, und ift damit Wien ganz bedeutend anregend feit beiläufig 20 Jahren den eigentlichen Kinderspielwaaren- Diftricten vorausgegangen. Diefe Diftricte find, wie wir fchon früher angedeutet haben, das Salzkammergut und befonders das Grödener Thal in Tirol. Man zählt hier mehr als 300 felbftftändig befteuerte Erzeuger von Kinderfpiel-, fogenannte Berchtesgadener Waare. Das unftreitig wichtigfte Gebiet aber ift die Region des böhmifchen Erzgebirges. Die Kinderfpielwaaren- Erzeugung entftand hier wie wohl allenthalben aus der Drechslerei und foll in der Mitte des vorigen Jahrhundertes der verabfchiedete Cavallerie- Stabstrompeter Samuel Hiemann das erfte bedeutende Handlungshaus für Spielwaaren gegründet haben. Heute dehnt fich um die beiden Mittelpunkte, Oberleutensdorf und Katharinaberg, in weiten Kreifen die Spiel waareninduftrie aus, und befchäftigt als Dreher, Schnitzer, Papiermaché und Blecharbeiter und als Maler neben dem Hilfsgewerbe der Schachtelmacher und „ Aftelhacker", fchon an 3000 Perfonen. Das Charakteriftifche der böhmifchen Spielwaaren- Erzeugung liegt darin, dafs dem Drechsler die wichtigfte Arbeit zugewiefen ift. Hier fteht der ungemeinen Handwerk- Fertigkeit fchon die Mafchine zur Seite, die durch Wafferkraft getriebene Drehbank. In der Regel find die Drehtellen an Mühlwerken angebracht, und werden von deren Eigenthümern gegen einen Tageszins von zwei bis drei Kreuzern vermiethet. Durchfchnittlich treibt ein Wafferwerk zehn folcher Drehftellen, und find dabei nicht nur Männer, fondern auch Mädchen, die das Dreheifen gleich gewandt handhaben, befchäftigt. Hier nun werden neben den durch den Drechsler fertig gemachten Arbeiten, wie: Pfeifen oder Cigarrenfpitzen, Büchfen und Knöpfe, die fogenannten„ Reife" gedreht, welchen die böhmifche Spielwaaren- Induftrie ihre unglaubliche Rafchheit der Erzeugung und ihre unübertroffene Billigkeit verdankt. Es ift das Ei des Columbus. Man dreht 4 bis 5 Zoll ftarke hölzerne Scheiben von 12 bis 14 Zoll Durchmeffer nach gewiffen Modellen und fpaltet dann die Scheibe nach ihrer Peripherie. So viel Figuren in rohen Conturen gibt eine Scheibe als fie Stücke gibt. Wir fahen oft aus einer folchen Scheibe 50 Reiter, aus einer anderen ebenfo viel Pferde, Hunde, Hirfche und Ochfen fpalten. Ein Dreher bringt 15 Reifen im Tage zu Stande, was bei dem geringen Wochenlohne von drei bis vier, höchftens fünf Gulden die erftaunliche Billigkeit der böhmifchen Spielwaare erklärt. Von den Stücken, die felbftftändig auf die Drehbank kommen, wie z. B. die Bäumchen, wird als Tagewerk die Erzeugung von 700 Stück angenommen. Sechzig Stück, für deren Holz der Arbeiter fechs Pfennige zahlt, werden mit zwei Neugrofchen entlohnt. Dem Drechsler kommt nur der Boffirer an Wichtigkeit und Höhe des Erwerbes gleich. Diefer grofsartigen Ausbildung, verbunden mit der fchon erwähnten aufser ordentlichen Arbeitstheilung, fehlt nur noch ein, wir möchten fagen, focialer Behelf. Farben, Firnifs, Leim u. f. w., die die Spielwaaren- Induftrie in grofsen Mengen verbraucht, werden noch immer im Kleinen vom Detailhändler und fomit theuer bezogen. Eine Vereinigung zur Anfchaffung von Materialien im Grofsen und zu en- grofs- Preifen, ein Confum oder Rohftoff- Verein ift nicht gekannt, und ift trotz mancherlei Anregungen nicht begreiflich zu machen. Die Concurrenz und die Noth der Leute wird es vielleicht erzwingen. Sind nun die taufend verfchiedenen Sachen durch taufend verfchiedene Hände fertig gemacht, dann kommen die Leute zu den Liefertagen vom Gebirge herab, und bringen dem Händler, der eigentlich der die Arbeit beftimmende Unternehmer ift, ihre Waare. Der bringt Soldaten, der Andere Waffen, der Eine Bäume, der Andere Häufer und Hausgeräthe, Alles in Dutzenden oder in Schock zufammen Kinder- Spielwa aren. 29 gebunden. Eine Welt im Kleinen entwickelt fich dem finnigen Befchauer. Dann beginnt das Sortiren und Verpacken, eine kaum zu überfehende Befchäftigung, bei der zumeift Mädchen jahraus jahrein vollauf befchäftigt werden. Bedenkt man, dafs hier zumeift Spielwaaren erzeugt werden, von denen das Dutzend adjuftirter Schachteln einen bis acht Gulden koftet, fo ift der Werth der böhmifchen Spielwaaren- Erzeugung, der auf 300.000 Gulden gefchätzt wird, der Repräfentant einer ungeheuren Arbeit. England und Frankreich beziehen vom Erzgebirge nur die billigfte Waare, wo das Dutzend Schachteln im en grofs- Verkaufe 20 bis 60 Kreuzer koftet; Rufsland und die Donauländer find die Confumenten der feinen Waare. Amerika und Oefterreich felbft confumiren alle Sorten. Eine Welt kann der einfame Gebirgsbewohner fomit bei feiner Arbeit träumen. Er kann hinausziehen in aller Herren Länder und die Meere durchfchiffen, und in feiner engen armfeligen Stube die Luft nachträumen, die er den weifsen und fchwarzen Kindern der Erde, immer arbeitend und im Schweifse feines Angefichtes erzeugt für 20 bis 30 Kreuzer Taglohn!