OFFICIELLER AUSSTELLUNGS- BERICHT HERAUSGEGEBEN DURCH DIE GENERAL- DIRECTION DER WELTAUSSTELLUNG 1 8 7 3 UNTER REDACTION VON DR. CARL TH. RICHTER, K. K. 0. Ö. PROFESSOR IN PRAG. DAS BAUERNHAUS MIT SEINER EINRICHTUNG UND SEINEM GERÄTHE. ( Gruppe XX.) BERICHT VON DR. K. J. SCHRÖER. WIEN DRUCK UND VERLAG DER K. K. HOF- UND STAATSDRUCKEREI. 1874. D DAS BAUERNHAUS MIT SEINER EINRICHTUNG UND SEINEM GERÄTHE. ( Gruppe XX.) Bericht von DR. K. J. SCHRÖER. Allgemeines. Bei Feftftellung der Gruppen zur Wiener Weltausftellung von 1873 wurde die XX. in folgender Weife näher beftimmt: " Das Bauernhaus mit feinen Einrichtungen und feinem Geräthe: a) ausgeführte Gebäude, Modelle und Zeichnungen von Bauernhäufern der verfchiedenen Völker der Erde; b) vollſtändig eingerichtete und mit Geräthen ausgeftattete Bauernftuben." Diefe Beftimmung ift leider nicht zugleich von folchen näheren Erläute rungen begleitet gewefen, die eine Uebere inftimmung der Auffaffung in Bezug Mindeſtens ift das auf Zweck und Ziel des Gegenftandes herbeigeführt hätten. Specialprogramm der XX. Gruppe vom 1. October 1871 nicht überall richtig aufgefafst worden. Diefs hatte die Folge, dafs die Aufftellung diefer Gruppe, entweder, weil man den Zweck nicht einfah, übergangen wurde, wie z. B. von Seite eines hervorragend praktifchen Volkes wie die Engländer, oder dafs fie unter ganz verfchiedenen Gefichtspunkten aufgefafst wurde, oder, in Folge einer unklaren Auffaffung, verfehlte und zwecklofe Darftellungen erzielte. 99 Wir wollen abfehen davon, dafs von„, Bauernhäufern der verfchiedenen Völker der Erde" eigentlich wohl nicht die Rede fein kann, indem eine auf Ackerbau und Viehzucht begründete Wirthfchaft und fomit ein Bauernftand nur überhaupt bei einem beftimmten Kreis von Völkern vorhanden ift. Wir müffen ferner auch in Bezug auf diefe Völker wohl den weiteften Begriff für Bauernftand gelten laffen, denn nicht überall ift der Grundbefitz in den Händen von Bauern im engeren Sinne, den der Deutfche mit dem Worte verbindet; es werden demnach nicht nur Vollbauern und Halbbauern, fondern auch Koffaten oder Büdner, Häuslinge oder Kleinhäusler und Pächter hier als Bauern anzufehen fein, wenn fie fich nur mit Feldbau befchäftigen und nicht einem ftädtifchen Gemeinwefen, fondern einer Landgemeinde angehören. I* 2 Dr. K. J. Schröer. Wenn eine folche Auffaffung nun vielleicht als felbftverſtändlich erfcheine mag, fo war doch damit noch nicht der Zweck und das Ziel der Ausftellung, wi die Aufgabe, die fich für den Ausfteller von Bauernhäufern daraus ergibt, übe jeden Zweifel erhaben. Es konnte diefe Gruppe den Zweck haben, die Baukun für landwirthfchaftliche Zwecke zu heben; dann war die Aufgabe die, mit de einfachften Mitteln die zweckmäfsigften Bauten und Einrich tungen herzuftellen. Es konnte aber auch der Zweck fein, der naiven volks mäfsigen Baukunft künftlerifche Motive abzugewinnen und diefelben ftiliftifci idealifirt zur Anfchauung zu bringen. Es konnte endlich die Abfich fein, beſtimmte ländliche Anwefen, wie fie in Wirklichkeit find zur Anfchauung zu bringen, fowie Nationaltrachten ausgeftellt waren Diefs hätte zunächft einen belehrenden ethnographifchen Zweck, es hätte aber neben diefer theoretifchen auch eine praktifche Bedeutung gehabt indem eine folche Ausftellung ein geeignetes Mittel fcheint, den wichtigen Stan der kleineren Landwirthe in den Wettkampf der Völker mit heranzuziehen un deffen Theilnahme lebendig anzuregen. Es konnte fich dabei immer auch das Streben geltend machen, auch die Lage und das Schickfal eines Volkes dem allgemeinen Intereffe der Welt näherzurücken Diefe an dritter Stelle angeführten Gefichtspunkte waren wohl die bei Feft ftellung der XX. Gruppe mafsgebenden, die freilich von den Ausftellern nich überall gleich richtig aufgefafst worden find, wenn auch alle Ausfteller von Bauer häufern, mit Ausnahme des ruffifchen, von diefer Auffaffung ausgingen. Mufterhäufer, Vorfchläge zu möglichft zweckmäfsigen billigen Wohnungen ammt Einrichtung für Landwirthe find nicht vorgekommen. Die Auffaffung war alfo allgemein die, dafs es fich um Aufftellung wirkliche Bauernhäufer mit ihrem Inhalte, oder um Aufftellung von Modellen derfelber handelt. Bei ihrer Beurtheilung konnte in erfter Reihe nur die Echtheit und Vollständigkeit, mit der die Aufgabe gelöft wurde, in Frage kommen. In zweiter Reihe kam dann in Betracht die Wichtigkeit, die der ausgeftellte Gegenſtand an fich hat. Es kann die Darftellung von Zuftänden, Sitten und Gebräuchen, foweit eine folche durch ein Haus und deffen Einrichtung, befonders wenn es von ein gebornen Infaffen bewohnt wird, möglich ift, je nach dem Schickfale, der Lage und Neuheit eines Volksftammes, letzteres in Bezug auf die übrige Welt, gröfser oder geringere Theilnahme erregen, und es wird das Verdienft der Ausftellung von diefer Seite denn auch höher oder geringer angefchlagen werden. Diefe Gefichtspunkte berühren das Verdienft des Ausftellers, der in de meiften Fällen hier von dem Erzeuger zu unterfcheiden ift. Sowie aber die Gefchicklichkeit oder der Gefchmack des Erzeugers bei Gegenftänden des häus lichen Gewerbfleifses einer Anerkennung und ermunternden Auszeichnung wert fein kann, fo kann wohl auch hier, wo das Ausgeftellte nicht Nachahmung, fonden urfprüngliches Erzeugnifs ift, das Gefchick und der Gefchmack des Erzeugers Würd gung finden. Das Preisgericht ift auf folche Erwägungen nicht näher eingegangen und fprach fowohl den preiswürdigen, als auch den verfehlten Objecten der XX. Gruppe ohne Unterfchied gleichmässig diefelbe Anerkennung zu. Nur das walachifche Haus fcheint vergeffen. Wenn dadurch wirklich verdienftliche Ausstellungsobjecte zurück gefetzt erfcheinen, fo foll diefs wahrfcheinlich aufgewogen werden durch die Aufmunterung, die man dem Gegenftande im Allgemeinen zuwenden wollte. Ob ein rein fittengefchichtlicher Zweck nun der Aufgabe einer Weltausftel lung entspricht oder nicht, ob die Mühe und die Koften einer folchen Ausstellung die die Betheiligung entfernterer Ausfteller faft ausfchliefst, durch irgend ein Ergebnis für die Ausfteller hinreichend aufgewogen wird, bleibe dahingeftellt. Die Thatfache läfst fich nicht in Abrede ftellen, dafs die wenigen Bauern häufer, die auf dem Ausftellungsplatze zu fehen waren, auf die Befucher ein aufserordentliche Anziehungskraft übten. Es war in der That auffallend, dal kaum ein anderer Gegenftand der Kunft und des Gewerbfleifses, dafs alle Pracht ne W Libe unf de ch lks fci ich nd ren aber abt Can un age el eft ich ern ge cher ben und iter an veit ein age Gere ung den die ius Perth en di ind Ope aus ckdie el ng ein ΓΠ ine als ht Das Bauernhaus mit feiner Einrichtung und feinem Geräthe. 3 Wie aller Glanz kaum fo ungetheilte Theilnahme erregten, als diefe fchlichten Häufer überm ,, Heuftadelwaffer". Wenn ein Gegenftand noch allgemeiner anzog, fo waren es die Häufer der Japanefen. Es fprach fich darin eben aus, dafs der intereffantefte Gegenftand für die Menfchheit doch immer nur der Menfch felbft ift. freute man fich fchon zu Anfang der Ausftellung auf die Eröffnung des„ Wigwam". Man dachte im Waldesdunkel ein Indianerzelt zu finden, von Rothhäuten bewohnt, mit denen man die Friedenspfeife zu rauchen hoffte. Man fand fich freilich bald enttäuscht. Das Indianerzelt hatte nichts von einem echten Wigwam und in demfelben wurden von Mohren verfchiedene Getränke, ganz nach der Art der modernen Trinkhallen, gegen hohe Preife verabreicht. Das ift es nicht, was man fuchte. So ein Wohnhaus mufs echt und von eingebornen Infaffen bewohnt fein, dann übt es aber auch ganz entfchieden die gröfste Anziehungskraft aus. Wir möchten diefe Bauernhäufer nicht gerne miffen auf einer Ausstellung, im Gegentheil wünſchten wir fie nur noch reicher und vollständiger vertreten. Wenn fich wegen Schwierigkeit des Transportes auch in Bezug auf diefe Gruppe die ganze Welt nicht mitbetheiligen konnte, fo war es doch fchon ein Gewinn, wenn der Bauer der einem Ausftellungsplatze näher gelegenen Länder mit feinem Anwefen vertreten war. Für den Landmann des Landes, wo die Ausstellung ftattfindet, ift diefe Gruppe von grofsem Werthe. Es wird damit die Lethargie, die ihm gewöhnlich eigen ift, gebrochen. Dafs die Ausftellung auch ihn angeht, wird ihm an diefen Objecten verftändlich, und fo wird durch fie die Strömung des höheren Culturlebens in Verbindung gebracht mit feiner einfachen Welt. Sämmtliche ausgeftellte Bauernhäufer, neun an der Zahl, waren aus der öfterreichiſch- ungrifchen Monarchie, mit Ausnahme des ruffifchen und des elfaffifchen. Schon aus diefem Umftande ift erfichtlich, dafs die Nähe oder Entfernung der Ausfteller bei diefem Gegenftande entfcheidend und daher eine allgemeine Theilnahme der Völker kaum denkbar ift. Die ausgeftellten Häufer find: Das fächfifche Bauernhaus aus Michelsberg in Siebenbürgen; das deutfche Bauernhaus aus Geidel in Ungarn, Neutraer Gefpanfchaft; das Szekler Bauernhaus aus Siebenbürgen; das rumänifche Bauernhaus aus Oravicza im Banat; das Vorarlberger Bauernhaus; das Elfäffer Bauernhaus; das ruffifche Bauernhaus; das galizifche Bauernhaus; das kroatifche Bauernhaus. go Die öfterreichifche Meierei", in der Kaffee getrunken wurde, hatte doch ein zu modernes, ftädtifches Gepräge, um hieher gezählt zu werden. Sehr zu beklagen ift, dafs die vielen im Kataloge erfcheinenden Modelle von Bauernhäufern zum Theile nicht zu finden, zum Theile wohl auch gar nicht ausgeftellt waren. Wie anziehend klingt die Angabe des Generalkataloges, Seite 234 7. Caftellani Ritter Augufto, Rom. Altrömifches Bauernhaus.". Auch der italienifche Katalog führt es an; dort heifst es:„ Caftellani Augufto, Roma. Antica Cafa colonica dell agro romano. 4995." Und doch hat kein Mitglied der italienifchen Ausftellungscommiffion es gefehen; es war nicht zu finden. Einer der Herren Ausftellungscommiffäre fprach die Vermuthung aus: Caftellani fei eine alte Firma in Rom, ein altes Haus", daraus habe man, aus Mifsverftändnifs, una cafa antica colonica" gemacht. Er hat fonft fchöne Juwelierarbeiten ausgeftellt! Auch die übrigen Modelle von italienifchen Bauernhäufern find nicht zu finden. Ebenfo gelang es bei gründlicher Nachforfchung, die viel Zeit koftete, weder die türkifchen, noch die rumänifchen, noch die franzöfifchen, amerikaniſchen, fchwedifchen Bauernhaus- Modelle aufzufinden. Nach Angabe des Kataloges hat Dr. K. Leyer in Graz Pläne mit Text von Typen der in Steiermark vorkommenden Bauernhäufer ausgeftellt. Alle Nachfrage darnach " 4 Dr. K. J. Schröer. war vergeblich.-Im Hofe 14 b ftand ein Modell eines Bauernhaufes, ohne Nummer, ohne Zettel; Niemand vermochte anzugeben woher es war! Befonders merkwürdig war das Ergebnifs der Nachforfchung nach den ungrifchen Bauernhaus- Modellen, deren der Katalog 24 anführt. Da diefelben nach dem Katalog nicht zu finden find, ergab fich bei einer perfönlichen Anfrage bei der ungrifchen Ausftellungscommiffion, dafs fie alle nicht vorhanden waren! Da nun aber im füdlichen Hofe 14 a doch gegen fieben, fehr fleifsig ausgearbeitete, intereffante Bauernhaus- Modelle von Ungarn ftanden, fo mufste gefragt werden: ob denn nicht unter den 24 Nummern des Kataloges diefe fieben enthalten find! Diefs war nicht der Fall, die vorhandenen Modelle gehörten zur Gruppe XXI: Haus induftrie! Man hatte offenbar unter„ Hausinduftrie" eine Induftrie verftanden, die Hausmodelle macht. Das hinderte nun nicht, diefe doch vorhandenen Bauernhaus- Modelle im Berichte über die XX. Gruppe, wo fie hingehören, zu befprechen. Nun ftellt fich aber heraus, dafs die hohen Nummern, mit denen diefe Modelle bezeichnet waren, einer früheren Katalogifirung angehörten, und dafs man durchaus nicht mehr anzugeben wufste, welche Nummern des Kataloges darunter zu fuchen find. Man weifs alfo nicht, aus welcher Gegend, von welchem Volkftamm ein jedes diefer Modelle herrührte. Auf eine Befprechung namenlofer Modelle aber einzugehen, müffen wir doch verzichten. Am vollkommenften haben ihre Aufgabe jedenfalls gelöft Herr Carl Schochterus aus Hermannftadt und die Presburger Handels- und Gewerbekammer, die Ausfteller des fiebenbürgifch fächfifchen und des Geidler Bauernhaufes.- Das fchöne Vorarlberger Haus verdient wohl auch hervorgehoben zu werden, doch vermifst man hier die Vollständigkeit der inneren Einrichtung. Die netten Bewohnerinnen desfelben repräfentirten eine Seite der Hausinduftrie, gewährten aber nicht das Bild der Familie. Auch fehlte hier eine erklärende Beigabe.- Das Szekler Haus war mehr mit dem Trödel eines Krämers angefüllt, als mit echtem Hausgeräth vom Lande. Die Erftgenannten haben je ein Wohnhaus eines Dorfes, vollkommen echt und wahr, auf dem Ausftellungsplatze dargeftellt, wie es an Ort und Stelle zu finden ift Die Häufer waren in ortsüblicher Weife völlig eingerichtet, fie waren von eingebornen Infaffen bewohnt und die Ausfteller haben in beiden Häufern je eine Brochure für den Zweck fchreiben und in Druck legen laffen, die jede nöthige Aufklärung enthalten. Die Gefchichte und Lage des betreffenden Volksftammes verdient im hohen Grade die allgemeine Aufmerkfamkeit, fie find der übrigen Welt wenig bekannt und fo wäre denn hier wohl aller Grund vorhanden gewefen. den Ausftellern die vollfte Anerkennung zu Theil werden zu laffen. Was den Antheil der Erzeuger anlangt, fo ift hier zu unterfcheiden. Das fiebenbürgifche Haus ift infofern nur Imitation, als es ein Haus aus Backſteinen, wie fie an Ort und Stelle find, darftellte, aber aus Holz mit Mörtel verkleidet ift. Das Geidler hingegen war Urerzeugnifs, aus Baumftämmen des Geidler Waldes gezimmert, von dem Inwohner desfelben felbft auf dem Ausftellungsplatze auf geftellt. Es empfiehlt fich von felbft die Befprechung diefer Häufer voranzuftellen, und wenn wir bei ihnen am längften verweilen müffen, fo liegt diefs auch in dem Gegenftande, da fie eben den reichften Stoff bieten. Dabei foll nicht verfchwiegen fein, dafs eigentlich diefe beiden Häufer allein es find, die den Berichterstatter veranlafsten, die Bauernhäufer überhaupt näher zu betrachten, indem der Volksftamm, von dem fie herrühren, für ihn ein Gegenftand langjähriger Forfchungen ift. Seine Mittheilungen über die Gefchichte und Sprache der Deutfchen des ungrifchen Berglandes, die feit dem Jahre 1858 in de Sitzungsberichten der kaiferlichen Akademie der Wiffenfchaften erfchienen find, * 1. Wörterbuch der deutfchen Mundarten des ungrifchen Berglandes. Wien, Gerold, 1858. 2. Nachtrag dazu, dafelbft 1859. 3. Darftellung der deutfchen Mundarten des ungrifche Berglandes. Mit einer Karte der deutfchen Anfiedlungen im nordweftlichen Ungarn. 1864 4. Die Laute der deutfchen Mundarten des ungrifchen Berglandes, dafelbft 1864. ohne den lben rage Da tete den: ind! aus die é im aber waren Das Bauernhaus mit feiner Einrichtung und feinem Geräthe. 5 die Veranlaffung, dafs die Ausfteller des Haufes aus Geidel ihn beauftragten, eine kleine Schrift abzufaffen, die dem Geidler Haufe beigegeben war, und in demfelben verkauft wurde. Diefs führte weiter die Aufforderung der Wiener Zeitung und der Generaldirection der Ausftellung herbei, den Bericht über die Bauernhäufer zu übernehmen. Die Bauernhäufer wurden, wie gefagt, viel beredet, es find auch Abbildungen derfelben in den Tagesblättern erfchienen; erläuternde, allfeitig würdigende anderweitige Befprechungen blieben faft ganz aus. Es wurde von den Ausftellern eben zu wenig geforgt dafür, dafs die Befucher über den Ausftellungsgegenstand fich unterrichten konnten. So wurde z. B. das Szekler Haus fchweigend hingeftellt, auf den Ausftellungsplatz, von Szeklern bewohnt, die kein Wort Deutfch fprachen und die Befucher fragten fich wohl einer den anderen: was ein Szekler ift? Uebler ftand es noch um die öden, leerftehenden Häufer, zum Theil ohne Einrichtung, ohne Bewohner, ohne irgend einen Fingerzeug über ihren Urfprung. Es ist unter folchen Umftänden eine mifsliche Sache um die Berichterftattung. Ueber das Geidler Haus zu fchreiben, berechtigten den Berichterftatter wohl feine Forfchungen über die Mundarten des ungrifchen Berglandes. Wenn diefe, doch nur einfeitige, zunächft die Sprache angehende Vertrautheit mit dem einen Objecte ihn einigermafsen in die Lage fetzten, über denfelben zu berichten, fo könnte wohl mit Recht gefragt werden, ob diefe Eignung denn auch für die übrigen analogen Objecte ausreichen wird? Darauf kann der Berichterstatter nur erwiedern, dafs er die Aufgabe, infofern fie ihm geftellt wurde, zunächst vom Standorte des Linguiften aufgefafst hat, und fich zu diefer Auffaffung für berechtigt hält, weil fie ihm geftellt wurde. Von der Sprache ausgehend einen Einblick zu gewinnen in die Gefchichte, in die Sitten und Beziehungen eines Volksftammes zu anderen ift oft der einzige Weg, auf dem gefchriebene Urkunden uns in diefen Hinfichten keinen Auffchlufs geben. Der Berichterstatter hat diefen Weg bereits wiederholt betreten*** und wird denn auch hier einiges Thatfächliche auf diefem Gebiete heranziehen, infofern es etwa geeignet fcheint, das Intereffe für den vorliegenden Gegenftand zu erhöhen. Der Zweck der Ausftellung der Bauernhäufer, infofern er darin liegt, dafs diefer Gegenftand den Antheil der das Land bebauenden Bevölkerung heranziehen foll, tritt dabei in den Hintergrund. Dafür wird ein kleiner Beitrag geliefert zur Erhöhung des Antheils der Gebildeten für den Gegenftand. Diefer Antheil liegt in der Strömung der Zeit, befonders innerhalb der germanifchen Welt. Es darf daher auch ein geringer Beitrag gerechtfertigt erfcheinen, der dazu einladet, bei einem Gegenftande wie das Bauernhaus länger zu verweilen. iner eben icht Auf ten Carl und und vohl der eine hlte Födel Erft ahr, ift eineine hige mes gen fen. den che an Das des auf len. his ufer upt ein chte des d. Cold che 864 Sohn. 1870. Die zuerft genannten Häufer I., 2. find deutfche Bauernhäufer. Diefs veranlafst uns vorher einen Blick zu werfen auf die Gefchichte des deutfchen Bauernhaufes überhaupt, worauf wir dann öfter zurückweifen werden. Das deutfche Bauernhaus und deffen Gefchichte. Tacitus gibt in feiner Schrift über Deutſchland einige Andeutungen über die deutfchen Wohnhäufer. Er fagt im fechzehnten Capitel:„ Ihre Dörfer bauen die Deutfchen nicht nach unferer Weife in verbundenen und zufammenhängenden Bauten; jeder läfst Raum um fein Haus herum. Auch der Bruchfteine und Ziegel bedienen fie fich nicht. Gewiffe Stellen beftreichen fie forgfältiger mit fo reiner und glänzender Erde, dafs es wie gemalt ausfieht. Sie machen * Ein Haus und feine Bewohner aus Geidel, befprochen von Dr. K. J. S., Presburg 1873. ** Von dem Berichterstatter kamen Befprechungen in der Wiener Abendpoft vom 8., 21. und 29. Mai, 5. und 19. Juni, 8. und 17. Juli und 7. Auguft. *** Zuletzt in feinem 33 Wörterbuch der Mundart von Gottfchee." Wien, K. Gerold's 6 Dr. K. J. Schröer. auch unterirdifche Höhlen, die mit Dünger belegt und im Winter als Zuflucht, fowie zur Aufbewahrung der Frucht benützt werden."* Ueber diefe Höhlen, fonft Tungen genannt, ift nachzulefen Wilhelm Wackernagel in Haupt's Zeitfchrift für deutfches Alterthum. 7, 128 ff. Die altgermanifchen Wohnftätten waren demnach einzeln ftehende hölzerne Blockhäufer,** theilweife mit Lehm beftrichen. Näheres über die Geftalt diefer Wohnungen in ältefter Zeit ist nicht bekannt. Doch fpricht Heinrich Otte in feiner Gefchichte der deutfchen Baukunft von der Römerzeit bis zur Gegenwart, Leipzig 1861, S. 43-46, darüber eine Vermuthung aus. Er nimmt nämlich an, dafs aus der feftftehenden Geftalt deutfcher Bauernhöfe, wie fie jetzt find, ein Rückfchluss auf die Vergangenheit gemacht werden könnte. Unter den deutfchen Bauernhöfen laffen fich aber vornehmlich zwei Haupttypen unter fcheiden: der altfächfifche und der fränkifche. Die erftere Bauart hält Otte für die ältefte, weil in dem altfächfifchen Bauernhaufe Menfchen und Thiere noch unter Einem Dache beifammen wohnen. 99 Dagegen wies nun Moriz Heyne in Pfeiffer's Germania 10, 55 ff. nach, dafs im Gegentheil die fränkifche Bauart die ältere fei, und dafs die fogenannte altfächfifche fich erft fpäter aus der Vereinigung kleiner Wohnungen mit Stallanlagen entwickelt habe. Das altfächfifche Bauernhaus hatte in Wirklichkeit, wie auch das angelfächfifche, nicht die längliche Form des bekannten weftfälifchen, vulgo altfächfifchen, fondern war quadratisch angelegt. Der nähere Nachweis darüber bei Heyne a. a. O. Eine weitere Entwicklung des altgermanifchen Hausbaues war das Anlegen verfchiedener Bauten für die einzelnen Zweige der Wohnung und Wirth fchaft." Heyne a. a. O. S. 97. In Bezug auf diefen Punkt ift nun gleich hier zu bemerken, dafs die Koften des Transportes und der Aufftellung die Ausfteller freilich veranlafst haben, fich auf das Wohnhaus im engeren Sinne zu befchränken und von der Aufstellung von Nebengebäuden abzufehen, fo dafs dadurch das Bild, das gewonnen wurde, immer ein unvollständiges bleibt. Zu den mit Raumverfchwendung oft angelegten Bauernhöfen, mit grofsen Zwifchenraumen zwifchen Wohnhaus und Scheuer, den eigentlichen Höfen, mit Stallungen, dem Garten hinter der Scheuer und Feldern hinter dem Garten war hier nicht Raum. Der Eingang in die Wohnung im Bauernhaufe findet fich in der Regel im Hofe. Diefs ward aber nur erfichtlich bei dem Elfäffer, dem ruffifchen und dem Szekler Haufe, die auch das Einfahrtsthor zur Anfchauung bringen. Wir werden uns daher nur mit der Wohnung im engeren Sinne zu befchäftigen haben. Das oben erwähnte weftfälifche Bauernhaus, von dem man eine Schil derung und Abbildung unter Anderem auch findet in O. Spamer's illuftrirtem Converfationslexikon, 2. Bd., Sp. 359, 360 ift ganz eigenthümlich angelegt. Gegen die Strafse zu befinden fich die grofse Einfahrt in die Diele, die über dachte Drefchtenne, die rechts und links von Stallungen eingefchloffen ift. Hinter diefem länglichten Haupt- Beftandtheile des Haufes, das mit einem riefigen Strohdache eingedeckt ift, befindet fich auch die Wohnung, deren Fenfter hinten hinaus gehen. Von drei Seiten ift ein folches Haus gewöhnlich vom Obftgarten umgeben. In der Mitte der Wand, zwifchen Diele und Wohnung, befindet fich der Herd, über dem kein Schornftein angebracht ift. Der Rauch hat keinen anderen Ausgang als durch die Thüren. * Vicos locant non in noftrum morem conexis et cohærentibus ædificiis: uam quisque domum fpatio circumdat ne cæmentorum quidem apud illos aut tegularum ufus: quædam loca diligentius illinunt terrâ ita purâ ac fplendente. ut picturam ac lineamenta colorum imitetur folent et fubterraneos fpecus aperire eosque multo infuper fimo onerant suffugium hiemis et receptaculum frugibus. ** Siehe im Allgemeinen darüber: Pfahler's Handbuch deutfcher Alterthümer S. 590. cht, elm ande cht er rt, an, ein len Cer art and ch, die mer aus rm gt. ng für 97 lie fst er as ng nd er el nd zu 1- m t. er S 1. 1. Das Bauernhaus mit feiner Einrichtung und feinem Geräthe. 7 Die Wohnung befteht gewöhnlich aus der Wohnftube in der Mitte, hinter der Herdwand und den kleinen Schlafkammern rechts und links. Ein Stockwerk und Wohnräume oberhalb find nicht vorhanden. Die Wände diefer Häufer beftehen aus Fachwerk mit Flechtwerk ausgefüllt, welches mit Lehm beftrichen wird. Ganz verfchieden von der Bauart der weftfälifchen Bauernhäufer find die in den übrigen Gegenden Deutfchlands, die unter einander viel Gemeinfames haben. Hier mag nur hervorgehoben werden dasjenige, woran uns die zu befprechenden Häufer hin und wieder erinnern werden. " Das rhein fränkifche Bauernhaus hat feine Giebelfeite der Strafse zugekehrt, wie das fiebenbürgifch- fächfifche Bauernhaus, der Eingang in den " Hausären"( Flur, Vorhaus) aber befindet fich im Hofe, ebenfalls wie im fiebenbürgifchen Haufe. Vom Flure oder Hausären gerade aus gelangt man in die Küche; fo auch im Geidler und Vorarlberger Haufe. Rechts befindet fich die Wohnftube und daneben die Schlafkammer, im Vorarlberger Haufe der Gaden". Zwei andere Seiten des Hofes werden eingefchloffen von der Scheuer und den Stallungen; die vierte Seite bildet eine Einfriedigung und die Einfahrt in den Hof nach der Strafse zu. Vom Hausären aus führt eine Treppe in das Obergefchofs zu den Schlaf- und Speifekammern. Auch diefe Häufer beftehen aus Fachwerk, doch find die Fächer weifs getüncht und die Balken mit Farbe angeftrichen, was an die Angabe des Tacitus erinnert: dafs es wie gemalt ausfieht.* - - Die oberfächfifchen Bauernhäufer find im Erdgefchoffe in der Regel feftes Mauerwerk, im Stockwerke Fachwerk. Ebenerdig gelangt man vom Thore aus links in die grofse Wohnftube, neben der noch ein Staatszimmer ift. Dem Eingange gegenüber find Küche und Speifekammer angebracht. Vom Flure rechts gelangt man in den Kuhftall. Im Flure befindet fich ferner die Treppe, die in das obere Stockwerk führt. Dort befinden fich die gewöhnlich unbenützte, wohleingerichtete obere Stube und mehrere Schlaf und Aufbewahrungskammern. Eine eigenthümliche, malerifche Bauart hat fich in den Alpenländern entwickelt; in der Schweiz, in Tirol, in Baiern, Salzburg, Steiermark, Kärnten. Sie befteht gröfstentheils aus Holzbau und ift auffallend durch die weitvorfprin genden Dächer aus Brettern oder Schindeln, mit Steinen befchwert, und durch die zum Theile farbigen und durch Holz- Schnitzwerk verzierten Geländergänge. Sehr nüchtern und nichts weniger als volksmäfsig fehen dagegen die kafernenartigen Bauerngehöfte Oberöfterreichs aus, die eine ältere urfprüng. lichere Bauart wohl erft in unferem Jahrhundert verdrängt haben. Die Ausdrücke, die die einfachften Gegenftände von Wohnung und Hausgeräth bezeichnen, find der Mehrzahl nach deutfch. Mitgebracht aus der Urzeit der Gemeinfamkeit mit den übrigen indogermanifchen Sprachen find nur die Ausdrücke das Tor und die Türe, Sanskr. dvâra neutr. und dvâr femin., gr. 9úpa, lat. fori, lith. dváras, flav. dvera, goth. daúr, neutr. daurô fem., ahd. tor, neutr. turi und tura fem., mhd. tor, tür. Die übrigen Ausdrücke haben fich eigenthümlich deutſch, nach der Trennung, entwickelt, oder fie find entlehnt, was aber nur bei der geringeren Zahl der Fall ift. Die Entlehnungen find lateinifchen Urfprungs. Manchmal treten in den einzelnen deutfchen Mundarten verfchiedene Ausdrücke für denfelben Gegenftand ein, was ebenfo bezeichnend ift, wie der Umftand der Entlehnung. Das Wort Haus ift allen deutfchen Stämmen gemein. Goth. hus( kommt zwar nur in der Zufammenfetzung gudhus, Gotteshaus, vor), altfächf., althochd., * Ut picturam ac lineamenta colorum imitetur. Siehe S. 6. 33 8 Dr. K. J. Schröer. mittelhochd., angelf., altfries., altnord., mniederl., und jetzt noch aleman. und niederd. hûs, engl. houfe, nld. huis, fchwed. hus, dän. huus. Es fcheint urfprünglich Schutz und Schirm zu bedeuten, wie fich aus ver wandten Ausdrücken ergibt. Goth. huzd der Schatz, Hort, bedeutet das Gehütete und Hirt und Herde find damit wohl verwandt. Damit ftimmen lat. curare und custos. Es ift in das Magyarifche übergegangen in der Form ház( fprich hâs). Das Dach, ahd. dah, mhd. dach, altnord. thak, angelf thäc, fchwed. tak, nld. dak, ift verwandt mit decken, urverwandt mit lat. tegere. Der oder die Firft, der oberfte Längebalken des Daches, ahd. mhd. die firft, ift nicht fo allgemein verbreitet bei den germanifchen Stämmen, obwohl eine uralte Wortbildung. Es ftimmt zu Sansk. prastha: Ebene auf einem Berggipfel. Die Halle, ahd. halla, angelf. heal, and. höll, der hallende Raum, ein offener Säulenbau. Daher frz. halle. Die Laube, Laubhütte, offener Gang am Haufe, ahd. loupâ( urfprünglich loupia), daher fpätlat. laupia, lobia, logia, frz. loge, ital. loggia( woraus logiren). Der Saal, ahd. fal, altnord. falr; daher ital fala, frz. falle, falon. Die Herberge, ahd. heri berga, daher ital. albergo, frz. auberge. Der Gaden, das Gemach, ahd. kadum, mhd. ga dem. Das Gemach, mhd. gemach. Das Zimmer, ahd, zimbar, altfächf. timbar von goth. tim rjan. Diefs Wort tritt in vielen Mundarten zurück, indem dafür anfpruchsvollere Namen eintreten, wie Stube, heiz bares Zimmer und Kammer, lat. camera. Die Diele, ahd. dillâ. Die Schwelle, ahd. daz fwelli. Die Bühne, mhd. büne, nd. bûn. Der Balke, ahd. balko, daher ital. balcone. Der Hof, ahd. angelf. hof. Der Garten, ahd. garto, goth gardo, gards ift urverwandt mit griech. pros lat. hortus, ruff. gorod. Daher rumän. gard Zaun, ital. giardino, frz jardin etc. Der Stall, ahd. ft al, daher ital. ftallo, frz. etal etc. Die Stube Heizgemach, fchon in der lex aleman. ftub a, ift in alle Sprachen Europas über gegangen. Die Scheune, ahd. fkugina, dann fchiune. Die Scheuer, ahd. fciura, fpätlat. scuria, fpan. escuria, franz. écurie. Der Schorftein Schornftein und der Rauchfang find deutfche, aber nicht fehr alte Bil dungen. In älterer Zeit kannten unfere Ahnen dergleichen nicht. Auch der Schlott mhd. flât ift nicht fehr alt. Hingegen fcheint die Effe alt, ahd. eiffa, effa, was wohl urfprünglich die Feuerftelle bezeichnete. Der Herd, ahd. hert Der Ofen, goth. aú hns, ahd. ofan. Der Stuhl, goth. ftôls. ahd. ftuol. Der Seffel, goth. fitls, ahd. fezal. Der Schrank, ahd. fcrank. Man fieht, dafs die Mehrzahl der noch gebräuchlichen Benennungen für die gewöhnlichen Wohnungs- und Einrichtungsbeftandtheile deutfch ift. Viele find fogar aus dem Deutfchen in die romanifchen Sprachen übergegangen, ein Zeugnifs für den mächtigen Einflufs, den die Germanen dort auf die Neugeftaltung des Lebens übten, vgl. halle, laube, faal, herberge, balken, garten, ftall, fcheuer, ftube. Lateinifchen Urfprungs find die Ausdrücke: Aern aus area. Eftrich aus astrum astricus. Fenſter( im Volksliede Schauladen, goth. augadaúrô, ahd angatorâ) aus fenestra. Die Kachel, aus cacabulus. Die Kamer, aus camera. Der Keller, aus cellarium. Die Küche, aus vulgär lat. coquina Der Palaft und die Pfalz, aus palatium. Der Rahmen, aus rama. Der Schemel, aus scamnum. Der Schrein, aus scrinium. Der Tifch, aus discus, dioxos, gothifch: biuds, ahd. piot, biet. Der Tram, vielleicht au trabs; fiebenb. fächf. noch trôf. Unten werden wir noch einige andere deutfche Ausdrücke kennen lernen, die nicht fo allgemein üblich find. Das fächfifche Haus aus Michelsberg in Siebenbürgen. Wenn man vom Heuftadelwaffer her bei der englifchen Kirche und dem öfterreichifchen Schulhaufe vorbei zu den Bauernhäufern kam, fo erblickte man Das Bauernhaus mit feiner Einrichtung und feinem Geräthe. 9 und ver das men orm ä c re. die ohl em nde ner ia, Tal, eri hd. hd. nd eizDie Der Der OTOS frz. be ber er, in em an Bil der fa ert De: afs hen em den ens be m hd. aus na. Der aus au che links an der Strafsenecke ein freundliches, weises, gemauertes Haus, rechts ein Blockhaus aus rohen Balken gezimmert. Das erfte war aus Michelsberg in Siebenbürgen, das andere aus Geidel in Ungarn. Wenn hier, wie ich glaube, der Zufall gewaltet hat, dafs diefe beiden Häufer fo neben einander geftellt erfchienen, fo war es ein glücklicher Zufall. Es find zwei Häufer Eines und desfelben deutfchen Stammes, der feit 700 Jahren von Deutfchland getrennt, zum Theile in Ungarn, zum Theile in Siebenbürgen fortlebt. Beide Theile wiffen von einander nichts und haben fich unter verfchiedenen Verhältniffen verfchiedenartig entwickelt. Die in Siebenbürgen haben ihr freies Gemeinwefen bewahrt und haben fich auf der Höhe deutfcher Gefittung erhalten und den geiftigen Zufammenhang mit dem Stammlande nie verloren. Sie ftellen den freien deutfchen Bauer dar, wie er fich auch in der Ferne, unter anderen Völkern oben erhält und ein menfchenwürdiges Dafein behauptet. Einen Gegensatz zu ihnen bilden die Deutfchen des ungrifchen Berglandes, aus deren Mitte das andere Haus ift. Es führt uns den Zuftand eines Deutfchen desfelben Stammes vor Augen, aber eines deutfchen Heloten. Von feinem Helotenthume fprechen wir später. Intereffant ift es, zu fehen, wie die Sprache der Bewohner beider Häufer, fo fehr fie fich äufserlich bei beiden verfchiedenartig entwickelt hat, in den Ausdrücken, die am häufigften vorkommen, im Wortfchatze, übereinftimmt. Wir finden da Ausdrücke, die, obwohl deutfch, doch in Deutfchland erlofchen oder nur auf befchränktem Gebiete bekannt, beiden gemein find. Der Giebel des freundlichen mit Ziegeln gedeckten Haufes zeigte unter dem Grün des Kaftanienbaumes, der davor ftand, eine Infchrift: 10 Dr. K. J. Schröer. Der Kaifer führt das Schwert, Der Bauer führt den Pflug, Wer alle beid nicht ehrt, Der ift gewis nicht klug. Die Sitte, die Häufer mit Sprüchen zu zieren, herrfcht auf dem Lande bei den Siebenbürger Sachfen noch allgemein, während fie in den Städten fchon im Schwinden ift. Der rührige Sammler und Sprachforfcher der Siebenbürger Sachfen Jofef Haltrich gab in einem Schäfsburger Programm von 1867 eine gehaltvolle Mittheilung über, deutfche Infchriften in Siebenbürgen", in der 336 folcher Infchriften gefammelt find. Obiger Spruch fteht auch fchon in Haltrichs Sammlung unter Nr. 160 mit der Angabe:„ Jakobsdorf im Grofsfchenker Bezirk". Daher ift dann wohl der Spruch entlehnt. Er ift alfo echt volksthümliches Erzeugnifs, nicht zur Weltausftellung gemacht. 99 Das Haus ift von diefer Seite von einem Gartenzaune umgeben; hinter dem Haufe wird der Gartenraum breiter. Vor dem Haufe, auf der Weftfeite, müffen wir uns den Hofraum denken, der weiter durch die Scheunen abge. fchloffen wird, hinter denen wieder ein gröfserer Garten fich anfchliefs. Der Eingang befindet fich denn auch wie im rheinfränkifchen Haufe, das wir oben fchilderten, im Hofe. Das konnte auf der Ausftellung nicht zur Anfchauung gebracht werden Diefe Hoffeite des Haufes ift durch die Aufgangstreppe, die zur Laube führt, ausgezeichnet. Diefe Laube, die auch in der Zips und in Schlefien vorkommt, in der Mundart 1îf* genannt, bildet oben einen Vorplatz des Vorhaufes. Man überfieht von da das Innere der Wirthfchaft wie von einem Fenfter., Der Bauer fchaut von da Morgens nach Wind und Wetter, Abends nach den Pferdedieben aus, wenn der zottige Hund ihre Nähe bellend verkündigt; die Bäuerin fitzt da mit Nachbarinnen im Gefpräch, die Tochter pflegt auf der Brüftung ihre Blumen."( Aus der Brochure, die auf der Ausftellung verkauft wurde.) Unter derfelben befindet fich der Keller, der die Wein- und Vorrathskammer enthält und das Erdgefchofs ausfüllt. Die Wohnung ift oben. Wir treten von der Laube in das Vorhaus, deffen Hintergrund die Küche bildet, wie im rheinfränkifchen Haufe. Diefen Theil des Vorhaufes läfst der Verfaffer der genannten Brochure unberührt. Urfprünglich gehört die Küche wohl nicht hieher. Sie heifst hier mit einem Ausdruck von unfächfifchem**( öfterreichifchem) Gepräge kuchel. Die fächfifche Küche, kôches( Kochhaus) genannt, befindet fich fonft in einem frei für fich ftehenden Häuschen. Der Schornftein heifst in der Mundart käp f. kîp f., daher kipekratzer, Schornfteinfeger. In der Zips heifst der Schornftein käu f., wohl eine Nebenform von käp. Im ungrifchen Berglande kommt dafür noch der Ausdruck kôch m. vor, der auch in das Slovakifche eingedrungen ift. Das Dach ift mit Ziegeln gedeckt. Rechts gelangt man aus dem Vorhaufe in die gröfsere Wohnftube, deren Fenfter man an der Giebelfeite des Haufes auf dem Bilde fieht. Links befindet fich ein kleineres Zimmer, daneben mit dem Eingange von der Küche aus die Speckkammer, hier båflîfchkummer genannt. Båflîfch das ift Bach en fleifch von Bache, das ift Speckfeite, bedeutet Speck. Die Sachfen haben in Siebenbürgen den Spottnamen der Speckfachfen, weil fie den Speck lieben. So hiefsen ehedem die Zipfer Ferkelmacher, das ift Ferkeleffer, weil fie Freunde gebratener Ferkel find. Das grofse Wohnzimmer macht einen fehr freundlichen Eindruck. In der Ecke fteht der grofse Kachelofen, an der Wand links ein Glasfchrank mit dem Sonntagsftaat der Hausbewohner. Daneben das wohlgefüllté ftattliche Bett. * Die italienifche loggia, franzöfifch loge( daher logiren) ift deutfchen Urfprungs. Zunächft aus dem Spätlateinifchen logia, lobia, laupia, welches aus ahd. loupja, loup på das ift Laubhütte entstanden ist. Die fiebenbürgifche Form lif kommt am nächften der aachifchen löif, holl. luif, in Schlefien und in der Zips leub, lê b. Siehe oben S. 8. ** Ueber den Ausdruck fächfifch, den ich hier als den landesüblichen anerkenne, obwohl er eigentlich unrichtig ift( die Siebenbürger Deutfchen find im Ganzen Franken, nicht Sachfen) foll weiter unten gefprochen werden. en en Cef iten er n ur er e, e. er en ng ie in tz m ds t; er It pe n re er де P n ir n n e h e e 1. t. 5. " 1 11 t Das Bauernhaus mit feiner Einrichtung und feinem Geräthe. 11 Rund umher an den Wänden laufen Banke, zum Theile Truhen, zum Theile Lebnenbänke( Sieh im Wortverzeichniffe). In der Ecke rechts fteht ein grofser Tifch, daneben Stühle. An der Wand hinter demfelben die årmerô oder almeroa, der bemalte Wandfchrank, im ungrifchen Berglande die almerei genannt, aus lateinifch armarium. Den Schmuck des Zimmers bilden die Gefchirrrahmen an den Wänden und Bildniffe, wie hier die Luther's und des fiebenbürgifchen Reformators Honterus, denn die Siebenbürger Sachfen find ausnahmslos Proteftanten. Die reich gefüllten Rahmen, riemen, im ungrifchen Bergland räme, find bemalt und zierlich gefchnitzt. Sie halten einen grofsen Vorrath von Schüffeln, Tellern, Krügen, Kannen aus Thon, Zinn, gemalt und verfchiedenartig geziert. Diefes Gefchirr ift fchon wegen der oft befonderen Formen intereffant, manchmal auch wegen ihres Alters. Auch unter dem Vorrath des Haufes auf der Ausftellung befand fich altes Zinngefchirr mit intereffanten Gravirungen. Darunter find einige aus dem XVII. Jahrhunderte, worauf die Zeichnungen an Holzfchnitte des XVI Jahrhundertes mahnen Bemerkenswerth find darunter befonders Darftellungen aus der Thierfage. Die deutfche Thierfage, die urfprünglich befonders bei Franken und in den Niederlanden heimifch war, lebt im Volksmunde noch bei den Siebenbürger Sachfen, auch ein Zeugnifs für ihre Herkunft. Darüber erfchien eine vortreffliche Abhandlung von J. Haltrich im Schäfsburger Programm von 1855: Zur deutfchen Thierfage. Das kleinere Wohnzimmer auf der anderen Seite des Haufes ift ähnlich eingerichtet wie das gröfsere. Auffallend ift hier der Anftrich der Möbel, des Tifches, Schrankes und der Stühle. Verfchieden von den buntbemalten Möbeln, wie man fie fonft in folchen Häufern trifft, find diefe braun bemalt, und zwar Holz imitirend. Solcher Anftrich foll gewöhnlich fein. Die Bewohner des Haufes find die Bauersleute Johann Krafft und feine Gemalin Anna, geborene Hann, mit ihrem dreijährigen Töchterlein Anna. Sie fprechen unter fich ihre fchwerverftändliche Mundart, gegen Fremde aber ein gebildetes Deutfch, das auf guten Schulunterricht fchliefsen läfst. Die Schulen der Siebenbürger Sachfen find vielleicht die beften in der Monarchie. Im XII. Jahrhunderte von König Geifa ins Land gerufen, hatten die Siebenbürger Sachfen von jener Zeit an eine verbriefte autonome Verfaffung und genoffen die Rechte eines freien Volkes, in deffen Mitte es keine Leibeigenfchaft gibt. Sie haben bewiefen, dafs fie folcher Freiheit werth waren, wie fie es noch find. Schon im XIV. Jahrhunderte gehörte zum organifchen Ganzen einer jeden Gemeinde bei ihnen ein Schulhaus mit einem Schulmeifter. Als die Regierung 1849 bis 1850 den Unterricht an unferen Gymnafien neugeftaltete, war man erftaunt, zu finden, dafs es bei den Siebenbürger Sachfen faft gar nichts zu reformiren gab! Die Siebenbürger haben bei einer Zahl von 208.000 Seelen fünf Lehrerfeminare, fünf Gymnafien und eine Realfchule, mehrere Untergymnafien und Realfchulen, Gewerbe- und Ackerbaufchulen. Ein Gymnaſium auf 40.000 Seelen! Auf je 50 Kinder entfällt ein Volksfchullehrer und von diefen haben über die Hälfte das Gymnafium abfolvirt und Maturitätsprüfung gemacht. Die Zahl der fchulbefuchenden Kinder ift gröfser, als die der fchulpflichtigen, weil viele auch über die Schulpflicht hinaus in der Schule bleiben. Das' find Thatfachen, die von keinem Lande der Welt überboten, von fehr wenigen erreicht werden. Das Anftändige und Intelligente im Wefen der genannten Infaffen des fiebenbürgifchen Haufes, befonders die fittige Anmuth der Frau, machten einen gewinnenden Eindruck. - * Beide Familiennamen kommen vor in Marienburg's Abhandlung: Die fiebenbürgifchfächfifchen Familiennamen, Sieb. Archiv 1857. Im ungrifchen Bergland kommt der Name Kraft vor z. B. in Leutfchau 1660, Schemnitz 1858. Hann ift ein echt fiebenbürgifch- fächfifcher Name. Der Hann heifst in Siebenbürgen der Vorftand einer Gemeinde, der Schulze. Richter. Es ift das niederrheinifche honne m. altfächfifch hunno, centurio, Hundertmann, Hauptmann, ahd. hunno, aus hunto, Die ungrifchen Familiennamen Hunto, Hunt, Hont, von denen auch die Honter Gefpanfchaft ihren Namen hat, find wohl nichts Anderes. 12 Dr. K. J. Schröer. Sie theilten mir nach dem hochdeutfch gefchriebenen Hausinventar die fächfifchen Ausdrücke der verzeichneten Gegenftände und die Namen der Haus. beftandtheile mit, die ich hier alphabetifch anreihe, zugleich als Sprachprobe. - - almrô f. Wandfchrank, zierlich bemalt. Die Formen wechſeln: almroa armrô; in der Zips* almerei; aus lat. armarium.- aern m. der gefchlagene Fufsboden im Vorhaus; fo auch in der Zips. backfchêf f. plural backfcheiben Backfcheiben, im Geidler Haus heifst die backfchêf: kuchenfcheibe, vergl. fchêf.battfâck m. Bettfack.- battfpunn f. Bettgestelle; holl. bedfponde vergl. lat. sponda.bockelhauw f. eine mit Perlennadeln befetzie koftbare Haube, bockeln eine folche Haube auffetzen. Dabei werden Haarnadeln mit verziertem Kopf zum Feftftecken verwendet; bockeln bedeutet urfprünglich vielleicht ftechen vergl. bickel m. dens ferreus fossorum Schmell. I. 150; dann wäre auch bickelhûbe die Nebenform von boggelhûbe, nicht ein„ beckenförmiger Helm", fondern eine mit bickeln feftgefteckte Haube. Wahrfcheinlich find unter beiden Formen, da diefer Sinn nur für Frauenhauben pafst und auch Männerhelme bickel- und boggelhûbe hiefsen, zwei verfchiedene Wörter und Bedeutungen zu fuchen. Zips bockelhaub.- bråt fànn f. Bratpfanne.- brêchküerw m. Obftkorb; brêchen brechen, befonders Obft pflücken.bruendeifen n. der eiferne Feuerhund auf dem Herd.- buerten m. der kronenartige Kopffchmuck der Jungfrauen, auch dromel genannt. mhd. borte m, in der Zips borten. bunk f. plur. bink, Bank.- dâk f. Bettdecke.defchdéoch n. plur. def.chdecher Tifchtuch. dirpel m. (= dürpel) die Schwelle; in der Zips türpel, ein echt rheinfränkifches Wort, das fchon in feinem zweiten Theil Berührung mit den Römern beurkundet. Es ift ent ftanden aus Tür pfahl( pfâl aus lat. palus). Es erfcheint zuerft in der Form duropellis. Für die Urheimat der Deutfchen der Zips und Siebenbürgens ift das Wort ein fprechendes Zeugnifs. vergl. felpes. drechdeoch n. Handtuch, dröch trocken, Zips trêch, tréog- drêhuolz n. Walgerholz, vergl. buerten.- felpes n. Futterfchwinge, auch Wafchkorb, aus Holzfchienen geflochten. Diefs ift ein fehr merkwürdiges Wort. In Deutſchland nur auf ein beftimmtes kleines Gebiet befchränkt, ift es doch fowohl der Siebenbürger als der Zipfer Mundart eigen und in Nordungarn fogar in das Slovakifche übergegangen. Das Wort lautet in Ruhla in Thüringen fölwes n. Regel: die Ruhlaer Mundart S. 185 bemerkt dazu: ,, diefes in Thüringen fonft nicht bekannte Wort ift offenbar(!) eine Ableitung von ahd. felwa f. salix." Er polemifirt dann weiter gegen Vilmar, der es in feinem Idiolikon von Kurheffen S. III mit füllfafs erklärt. Derfelbe berichtet ferner: es fei in Thüringen und Henneberg gebräuchlich, in Heffen faft unbekannt. Korbflechter fchmalkaldifcher Dörfer hiefsen Fölwes macher. Das Grimm'fche Wörterbuch bezeichnet das Wort Füllfafs als figerländifch. - - dromel Schon Leonhard Frifch kennt das Wort und erklärt es füllfäffer vasa e virgis vel asserculis texta ad apportandos carbones in fodinis". Adelung findet das Wort Füllfafs im Gebrauch 1. im Bergbau, 2. bei Müllern und Bäckern= 2 Dresdner Scheffel und 3. als Füllgefäfs. Im ungrifchen Berglande heifst es flovakifch filfas, Palkowitfch flovakifches Wörterbuch 290, in den Häudörfern, wo f zu w wird: wöl was und welwas, auch welwäffel= füllfäfslein. Aus alledem ift erfichtlich, dafs in Bezug auf die Ableitung doch Vilmar gegen Regel recht behalten wird. Für uns ift es hier befonders überrafchend, wenn wir fehen, wie diefe Schwingen oder geflochtenen Wannen im Siebenbürger und Häudörfler Haus * Der Zipfer Dialekt zerfällt in verfchiedene Mundarten des ungrifchen Berglandes Ich citire hier, Kürze halber, immer nur mit der allgemeinen Bezeichnung Zips. Die Verwandt fchaft diefer mit der Siebenbürger Mundart ift aus den oben angegebenen Gründen befonders intereffant. lie a, ہے کہ k. n- e; ln en tet 11. cht De. en ie. atbft en nd. ettm. as nt rm ift ch. el en ein er en. mer ift ter rt. in s als sa Dei es ch ar fe us es. dters Das Bauernhaus mit feiner Einrichtung und feinem Geräthe. - 13 fich fo ähnlich find und in beiden Häufern mit demfelben Worte noch heute bezeichnet werden, mit einem Worte, das man fonft in der öfterreichischen So ein Wort ift Monarchie nicht kennt, das auch in Deutfchland felten ift. eine Urkunde, die uns die Verwandtfchaft diefer Anfiedlungen bezeugt, wenn fie auch 700 Jahre fchon getrennt, und wenn auch andere Urkunden nicht vorhanden find. Wir werden noch andere folche Ausdrücke finden. Vergl. oben dir pel. - - - - - - - - - - - feng frâen hiem bd n. feines Frauenhemd. flíefchbretj n. Fleiſchbrett. frâ gîrkel m. Frauengürtel. gaffel f. Gabel; auch in der Zips; nd. und nld. gaffel. gebinn n. Zimmerdecke. In Aachen gebön; in der Zips bünn, binn f. Dachboden. gîrkäl m. Gürtel, grôf hiem bd grobes Hemd. grüofs hochzet däppel n. grofser Topf, grofs Hochzeit Töpfel. hêftel n. Plural heftlen filberne, vergoldete, mit Steinen befetzte Spange, Bruftfchmuck der Frauen, mhd. heftel, heftelîn.hidn f. Bettanfatz. Etwahît f. die Höhe, fchlef. hichte.híembd n. det feng van muen, das feine Männerhemd. hiewendéoch n. Haupttuch. -híewer m. Heber; ein Weinheber aus einem Flafchenkürbis. hüafen Hofen. huendfafz n. Wafchbecken; ahd., mhd. war hantfaz der gewöhnliche Ausdruck für Wafchbecken, lavatorium. huet m. Hut. kiedl m. Kittel. Prachtvolle geftickte Kittel find vorhanden: met dem fchurz boengäl, met fegd o gold geftickt, met gieler fegd geftickt( mit dem Schürzenbändel, mit Seide und Gold geftickt, mit gelber Seide geftickt).-kíerfchel triejeltjen n. Kerichtsfafs, Kehrfeltrühelchen. klîd n. Tuchrock für Männer und Frauen. kloft f..Zange; in der Zips kluft, fo auch nd. und nld. daher flovak. kluchta. kôp m. plur. kêp Wafferkanne von Tannenholz; auch in der Zips kopp m. Kanne. Diefs ift die alte Bedeutung von ahd. chuph, kopf, lat. cuppa, woraus Kopf.krieneifen n. Reibeifen; eigentlich Kreneifen von krien, mhd. krên: kren, Meerrettich.- lâs lung f. Wolldecke. Haltrich( Plan 17) fchreibt lúeslenj f. Schuller, Wörterbuch 39: losleng f. làtar, lotar f. Laterne. léanbunk f. Bank mit einer Rückenlehne.lecht n. Licht. lechtfcheir n. Lichtfcheere. lêffel m. Löffel. lengdéoch n. Leintuch. lichtert m. Leuchter. mé old f. Mulde. mierfel m. Mörfer. munkel m. Mantel.- nôlden Nadeln. péälz m. der Staatsrock. pros péälz m. Frauenleibchen, Bruftpelz.pül m. Pfühl, Polfter. pülzech f. Polfterzieche. quatfch f. hölzerne Klammer, die den Schleier zufammenhält. Haltrich fchreibt( Plan 100) quätfch. in Biftritz fagt man dafür kräl.- riem f. riemen Geftelle, Rahmen; Zips rem, reme, ahd. rama f. mhd. rame f.- rôft m. der Hauptbalken an der Zimmerdecke, darauf die tramen liegen, vergl. trôf. Auch im Geidler Haus heifst diefer Balken rûft. Wieder ein bedeutfames Beiſpiel der Uebereinftimmung, vergl. fölpes, dirpel. Das Wort kommt fo rein in Deutfchland kaum fonft wo vor. Im Baierifchen fcheint es in ruesbaum erhalten, im Naffauifchen vielleicht in rüftral, Schmeller 3, 138. Kehrein 334. Es ift das altfächfifche und angelf. hrôft, engl. rooft, nl. ro eft.- fchap f, Wafferfchöpfer, Schöpflöffel aus Kupfer oder Blech, in Hermannftadt fchäp f., in Schäfsburg fchâper, Haltrich( Plan 88), holländifch heifst fchep ein Löffel voll. fchêf f. Scheibe, Teller; auch in der Zips kömmt fcheibe in diefer Bedeutung vor. fchêfken n plur. fchêfker, Schaff. fchåf n. plur. fchaffer Zuber, Haltrich( Plan 88). fchéoghen fchéojen plur. Schuhe, Stiefel; frâfchéoghen Frauenfchuhe. Auch in der Zips gilt noch der deutfche Ausdruck Schuhe für Stiefel. fchid f. Mefferfcheide- fchniezeldéoch - - - - - - - - - - - n. Kopfputz, Kopftuch. fchuplàdkaften m. Komode, Schubladkaften. fientjen n. Seiher.- fpäjel m. Spiegel. - - fpennrâd n. Spinnrad. - fpefs m. Spiefs. das ift Schemmel. Zu-tjen vergl. fientjen. - - - fpennrocken m. Spinnrocken ftâltjen n. Stülchen, fte ol m. plur. ftâl Stuhl. Auch in der Zips ift Seffel unüblich.- ftocheifen n. Schüreifen.- ftrîfa ak m. Strohfack. - trôf m. plur. trêf der Tram. Die Form weift direct auf lat. trab- s, 14 - Dr. K. J. Schröer. - - üawendéoch wengflofchi vergl. rô ft.- trun f. Truhe, Deminutiv triejeltjen n. trunebunk f. Bank die zugleich eine Truhe ift. Der Sitz kann aufgehoben werden n. Vorhang, Ofentuch. Damit wird der Ofenwinkel verhängt. Weinflafche.- wêfchfchoffn. Wafchwanne. zîchen Zeichen, Haus und Hof marken, nur mehr als Gemeindemarken im Gebrauch, aber fehr ähnlich vielen der von Homeyer( Haus- und Hofmarken. Berlin, 1870.) mitgetheilten. Michelsberg hat das Zeichen, Heltau hat das Zeichen: Aber auch walachifche Ort fchaften haben folche Zeichen angenommen, z. B. Refchinar hat das Zeichen: Diefs Zeichen wird dem Rind oder Pferd auf den Hinterfchenkel gebrannt; der Namenszug des Befitzers, aus einem oder zwei Buchftaben beftehend, wird auf das Horn oder den Huf angebracht. Eine Strafe von 10 bis 15 fl. hat der zu zahlen, der, wenn er ein Vieh aus einer anderen Gemeinde kauft, das alte Gemeindezeichen überftempelt. Der neue Stempel mufs an einer anderen Stelle angebracht werden. Es erfchien 1826 zu Hermannftadt eine Sammlung von 243 folcher fiebenbürgifcher Viehbrand- Zeichen in Steindruck zum Gebrauche der Behörden, befonders bei Viehdiebftählen. Sie find zum Theil runenartig, zum Theil Bilder, aber auch lateinifche Initialen kommen darunter vor. Solche Samm lungen follen lithografirt und gedruckt auch in Ungarn vorhanden fein.- zîcker m der geflochtene Korb, baier. zecker.- ziems Sieb. So auch in der Zips, nl. tems, frz. tamis, ital. tamigio. In Gottfchee heifst zemse f., ahd. zemifa, die Kleie.Das Haus des fächfifchen Bauers aus Siebenbürgen ftellt uns den Zuftand des deutfchen Anfiedlers in der Fremde, und zwar als Coloniften aus alter Zeit von der fchönften Seite dar. Ohne unmittelbaren Einflufs des Zeitgefchmackes, der wie überall, fo auch in den Städten Siebenbürgens das Eigenthümliche verwifcht hat, fehen wir hier noch eine Gefittung, wie fie in ununterbrochener freier Ent wicklung geworden ift und durch ftäten Verkehr der Gebildeten des Volkes mit dem Mutterlande fich mit der früheren Heimat doch auf gleicher Stufe erhalten hat. Diefe in der Abgefchiedenheit fchwierige Aufgabe konnte diefes Völklein nur löfen durch befondere Thatkraft und durch befondere Einrichtungen, die ihre freie Verfaffung begünftigte. Solche find das hier fo merkwürdig ausgebildete Genoffenfchaftswefen. Schon in älteften Zeiten fanden Gauverfammlungen und Reichstage ftatt, an denen auch das Volk Theil nahm. Die Selbstregierung durch das Genoffenfchaftswefen beherrfcht bis in unfere Zeit noch das ganze Leben. ,, Das Schwergewicht des ganzen Gemeinwefens," fagt die im fiebenbürgifch fächfifchen Haufe aufliegende Brochure, beruht nach aufsen auf dem gefchloffenen Eigengebiete mit unabhängiger Gerichtspflege unter dem vom Könige gefetzten Königsgrafen, nach innen auf dem Principe der freien Wahl. Von den kleinften Verbindungen des öffentlichen Lebens, der Zehnt- und Nachbarfchaft bis zum höchften Einigungspunkte der Gefammtheit, der Gauverfammlung, wird der Leiter freigewählt. Wenn der Vater fich feinen Schulmeifter und Pfarrer feinen Zehntmann, Nachbarvater, Aldermann, Hannen( darüber oben Seite II) und Richter frei wählt, fo lernt der Sohn fich diefes Rechtes fchon in der Schule bedienen, denn da fteht er am Gregoriustage unter dem gewählten Schulkönig und als Jüngling in der Bruderfchaft der Burfchen feiner Gemeinde unter dem freigewählten Altknecht." ,, Knecht" ift der gewöhnliche Ausdruck für Burfche, fo auch im ungrifchen Berglande; die Knechte bilden in jeder Gemeinde eine Bruderfchaft, deren Haupt der Altknecht ift. Die Bruderfchaft hat ihre gefchriebenen„ Bruderfchafts artikel", nach denen Streite gefchlichtet, Vergehen beftraft werden u. f. w. Auch in der Zips gibt es noch Bruderfchaften, die am Tage Johannes des Täufers beim Bruder bier ihr Oberhaupt wählen. So wohlgeordnet fcheint aber dort diefe Einrichtung nicht mehr, als in Siebenbürgen. Hier fteht dem Altknecht ein gewählter Beamtenftand zur Seite Cank och h f Hof der hat Ort en: nnt; vird r zu alte elle Von der zum mm m. ms and Ceit der fcht Ent mit ten lein hre ete ind rch ch men ten le aft ird er. nd ule mig ter en en ts ch ers e Das Bauernhaus mit feiner Einrichtung und feinem Geräthe. 15 Der Unteraltknecht, der Wortknecht, Staatsanwalt, öffentlicher Ankläger, zwei Uertenknechte, die bei Gaftmahlen die Bewirthung beforgen, der Schaffner, der, den Anftand in den Rockenftuben überwacht und bei Tänzen den Saal herrichtet. Alle 14 Tage hält die Bruderfchaft Gerichtstag. Die Aufnahme in die Bruderfchaft gefchieht feierlich nach der Confirmation, durch die der Knabe zum Range eines„ Knechtes" emporfteigt. Am Gerichtstage hat fich jeder Schuldige felbft anzuklagen, wogegen ihm die halbe Strafe erlaffen wird. Gefchieht diefs nicht, fo verfällt er der ganzen Strafe. Eine Berufung findet ftatt an die Knechtväter. Das find zwei gewählte Mitglieder des Presbyteriums. Die oberfte Inftanz ift das Pfarramt. Sehr ftattlich fieht es aus, wenn die Bruderfchaft eines Dorfes mit ihrer Fahne auf guten, fchönen Pferden einem neugewählten Pfarrer im Galopp entgegen reitet. Allen Staat entfaltet natürlich die Bruderfchaft bei dem Begräbniffe eines Knechtes, wobei auch manch fchöner Brauch zur Geltung kommt. Es fchliefst fich da der Bruderfchaft auch noch die Schwefterfchaft" der Gemeinde an, die Genoffenfchaft der ledigen„ Dirnen". Kaum ein zweiter deutfcher Volksftamm hat eine Literatur aufzuweifen über feine volksthümliche Sprache, Sitte, Bräuche, Mythen, Lieder, Sagen, Märchen und Gefchichte, wie die Siebenbürger Sachfen. Wir führen nur einige Schriften an: J. Haltrich: Zur deutfchen Thierfage; Programm von Schäfsburg 1855. J. Haltrich: Die Stiefmütter; Schäfsburg 1856, J. Haltrich: Deutfche Volksmärchen aus dem Sachfenlande in Siebenbürgen; Berlin 1856. J. Mätz: Sächfifche Bauernhochzeit; Programm von Schäfsburg 1856. Fr. Müller: Siebenbürgifche Sagen; Kronftadt 1857. Fr. Fronius: Eine Kindstaufe aus Siebenbürgens Vorzeit und Gegenwart 1857. Gefchichte der Siebenbürger Sachfen von G. D. Teutfch; Kronftadt 1858. Fr. Fronius: Sächfifches Bauernleben, im Hausfreund 1862. Fr. Fronius: Die fächfifche Bruderfchaft, im fächfifchen Hausfreund 1863. G. Schuller: fächfifcher Brauch bei Tod und Begräbnifs; Schäfsburg, Programm 1863, 1865. Fr. Müller: Deutfche Sprachdenkmäler aus Siebenbürgen; Hermannftadt 1869. Fr. W. Schufter: Siebenbürgifch- fächfifche Volkslieder; Hermannftadt 1865. J. K. Schuller: Beiträge zu einem Wörterbuche fiebenbürgifch fächfifcher Mundart; Prag 1865. J. Haltrich: Plan zu einem Idiotikon; Kronftadt 1865. Fr. Fronius: Kinderleben, im fiebenbürgifchen Hausfreund 1862. J. Haltrich: Deutfche Infchriften in Siebenbürgen; Schäfsburger Programm 1867. J. Haltrich: Zur Culturgefchichte der Sachfen in Siebenbürgen; aus der Hermannftädter Zeitung 1867. J. Roth: Laut- und Formenlehre der ftarken verba im fiebenbürgifch fächfifchen Archiv für fiebenbürgifche Landeskunde; Hermannftadt 1872. Der fiebenbürgifch- fächfifche Bauer; Hermannftadt 1873( aufgelegen im fieben bürgifch- fächfifchen Bauernhaufe auf der Weltausstellung). - Werfen wir noch einen Blick auf das fiebenbürgifch- fächfifche Bauernhaus, indem wir der Gefchichte des Volksftammes gedenken, von dem es ein Zeugnifs gibt. Vor 700 Jahren löfte fich derfelbe vom grofsen deutfchen Volke los, ein kleiner Zweig. Das Zweiglein erhielt fich frifch und grün bis in unfere Zeit; diefs Haus ift ein Blatt davon. Die Zeit, da die Lostrennung gefchah, wird durch Urkunden beftimmt, die Gegend, aus der die Auswanderung ftattfand, ift mit Sicherheit aus der Mundart zu erkennen, ebenfo wie die Verwandtfchaft mit den Zipfern. Sie werden Sachfen genannt und nennen fich felbft fo, obwohl fie eigentlich. wie fchon oben bemerkt, dem Hauptbeftandtheile nach niederrheinifche Franken find. Das Vordringen des Sachfenvolkes im flavifchen Gebiete nach Südoften, das mit Otto dem Erlauchten beginnt, hat den Sachfennamen bis an Oefterreichs Grenzen vorgefchoben und im Zufammenhang damit fteht das weitere Vordringen folcher Sachfen, denen fich auch andere mitteldeutfche Elemente zugefellt haben. Sie haben auch in der Zips die urfprünglichen Flandern 2 16 Dr. K. J. Schröcr. und Rheinfranken verftärkt und ihnen den Namen Sachfen verliehen. Name lich zum Bergbau in Ungarn und Siebenbürgen kamen Bergleute aus Sachfen. Siebenbürgen nennt man„ Deutfche" die katholifchen Fremden, die einheimifche Proteftanten find Sachfen. Es gibt ängstliche Seelen, die fürchten, dafs das Völklein der Siebenbürg Sachfen, das fich fo rühmlich gehalten 700 Jahre lang, jetzt untergehen wen unter dem Drucke der magyarifchen Herrfchaft. Wenn das auch kaum ernftli zu befürchten ift, fo möchte man doch wohl wünfchen, dafs der Tag komme, die Staatsmänner Ungarns die Weisheit der Könige, die die Deutfchen ins La gerufen, wieder finden und würdigen lernen, welches Kleinod diefes Element das Land und wie es im Staatsintereffe gelegen ift, es in feiner Eigenart fchützen und zu pflegen, nicht aber feiner Entwicklung und feinem Gedeihe Schwierigkeiten zu bereiten. Das Geidler Bauernhaus. Macht das Haus des fächfifchen Bauers aus Siebenbürgen den freundlichfie Eindruck, fo ftimmt uns das Geidler Bauernhaus eher traurig. Es ift das Bild de Armuth, des mühevollen Kampfes um das Dafein, das nur infoferne wieder i tröftlicherem Lichte erfcheint, indem wir hier doch auch eine gewiffe Tüchtigke erkennen müffen, die über das blofs Nothwendige kräftig hinausftrebt. Diefs wi uns recht fühlbar, wenn wir an die dürftigen Holzhütten der Walachen denken Das Bauernhaus mit feiner Einrichtung und feinem Geräthe. 17 me m. I fche Düre wer ftli e, T La ntf rt eihe fter de kei in en oft in den gefegnetften Gegenden oder an flovakifche in der Arver Gefpanfchaft, bei einer Lage der Bewohner, die der der Geidler gleich ift. Wenn man das Haus innen und aufsen betrachtet, fo kann es einem unbegreiflich fcheinen, wie Deutſche in unferem Jahrhunderte und doch nicht fo gar weit von Deutſchland, über 60 Meilen näher als die Siebenbürger Sachfen, in fo primitiven Häufern wohnen können. Es trägt Alles daran den Charakter der Abgefchiedenheit vom Weltverkehre, wie ein Wohnhaus eines auf eine Infel verfchlagenen Robinfon. Nichts deutet hin auf die Bekanntfchaft mit Erzeugniffen des Gewerbfleifses eines gewöhnlichen Handelsplatzes. Alles hat der Bewohner fich felbft bereitet, das Haus mit allen Einzelheiten, das Hausgeräth und die Kleidung. - - Es wurde oben das Haus des fiebenbürgifchen Deutfchen als das eines freien deutfchen Mannes bezeichnet und im Gegenfatze zu demfelben das aus Geidel als das Haus eines deutſchen Heloten. Diefe Bezeichnung bedarf einer Rechtfer tigung. Es könnte dagegen eingewendet werden, dafs die Häufer der Deutfchen in Ungarn doch nimmermehr als mit diefem Haufe gekennzeichnet erfcheinen. können. Andrer Art find, fowol die Häufer von Presburg, Peft, Ofen, Kafchau, Oedenburg, Leutfchau, Käsmark, Temesvár u. f. w., die zum Theil mit Wiener Häufern an Schönheit und Pracht wetteifern können es find doch auch Häufer von Deutfchen in Ungarn als auch die behaglich eingerichteten Bauernhäufer der Schwaben im Banat. Diefs bewiefe hinreichend, dafs der Deutfche in Ungarn ganz wohl gedeihen könne; er fei auch ebenfo ein freier Mann, wie jeder Andere. Und dennoch wird die nationale Stellung des Deutfchen im Allgemeinen fo lange immer als ein Helotenthum zu bezeichnen fein, fo lange er keine deutfchen Schulen bekommt, in denen er die Bildung erlangen kann, die er als Deutfcher haben mufs, um zum Wohle des Staates und zu feinem eigenen Beften zu gedeihen. Die 208.000 Siebenbürger Sachfen haben fünf deutfche Gymnafien. Die 300.000 Schwaben im Banat, die 300.000 Hienzen an der fteierifch- öfterreichifchen Grenze, die 100.000 Deutfchen im ungrifchen Berglande, die 1,592.043 des ganzen Landes Ungarn haben nicht ein einziges deutfches Gymnafium, nicht eine einzige deutfche Realfchule! Der gebildete Stand ift gezwungen fich zu magyarifiren; damit ift der Deutfche zum Helotenthum verurtheilt. Daher ift abzuleiten der beklagenswerthe Mangel an Bildung in Ungarn auch bei den Deutfchen, die mit den Siebenbürger Sachfen in keiner Weife den Vergleich aushalten. Diefs Helotenthum tritt nun wohl in der Form hilflofer und unbehilflicher Armuth nicht hervor, wo der Deutfche, in grofsen Städten befonders durch den Handel, in fruchtbaren Gegenden durch feinen Fleifs, fich Wohlftand erwirbt; überlegen ift er doch immer den übrigen Völkerfchaften. Es wird aber handgreiflich erfichtlich bei jenen armen Häudörflern, Hinterwäldlern in unfruchtbaren Gegenden, zu denen die Geidler gehören, die auch der Mittel beraubt find, durch die der Deutfche anderwärts auch in folchen Gegenden fich zu helfen weifs, der Mittel der Bildung. Wie eine folche Verlaffenheit möglich ift und wie grofs fie ift, diefs begreift man nur, wenn man die Verhältniffe genau kennt. Die Häudörfer ftehen wohl im Zufammenhange mit den ungrifchen Bergftädten, von denen fie durch den Verkehr, durch den Einfluss der dortigen Intelligenz Unterſtützung finden follten. Man muss aber den ganzen Jammer der in diefen Bergftädten herrfchenden Bildung kennen, um zu begreifen, was davon zu erwarten ift. Die eingebornen Bürger, urfprünglich„ Sachfen", wie die Zipfer und Siebenbürger Deutfchen, durch die Schulen ihrer Nationalität entfremdet, bemühen fich, Magyaren zu spielen, radebrechen auch öffentlich gerne magyarifch. Von deutfchen Büchern fieht man bei ihnen natürlich nichts. Bei diefer Abkehr von ihrer angeftammten Nationalität aber werden fie keineswegs Magyaren, fondern durch den täglichen Verkehr mit den Honoratioren der flovakifchen Umgebung, die ebenfalls Magyaren fpielen, aber doch lieber flovakifch reden, immer mehr Slovaken. In Neufohl wird fchon 2* 33.33 18 Dr. K. J. Schröer. in den Häufern der Vornehmeren flovakifch gefprochen. Der Zuftand der Bil dung in jenen Städten ift denn auch ein folchen Verhältniffen entſprechender. Abgefchnitten von jedem Bildungselemente erfticken diefe Städte in geiftiger Trägheit und Imbecillität. Wenn von da aus etwas für Schulen gefchieht, fo gefchieht es von Seite der Panflaviften im Intereffe des Slaventhums, oder von den Anderen im fruchtlofen Bemühen zu magyarifiren; die Volksbildung iſt aber dabei der Verkümmerung unbarmherzig preisgegeben. Wie fegensreich müfsten hier ein tüchtiges deutfches Gymnafium, eine deutfche Realfchule wirken! Wir wollen aber einen Blick werfen auf die Gefchichte der Häudörfer und dann das Geidler Haus näher betrachten. Ich halte mich dabei an die von mir verfafste oben erwähnte Brochure: Ein Haus und feine Bewohner aus Geidel. Gründung der Häudörfer. Aufser den Deutfchen des öfterreichifch fteirifchen Grenzgebietes Ungarns, die mit den deutfchen Bewohnern Oefterreichs und Steiermarks wohl Eines Stammes find und wahrfcheinlich fchon bei der Ein wanderung der Magyaren ihre jetzigen Sitze innehatten, find als die älteften deutfchen Bewohner Ungarns und Siebenbürgens anzufehen, die Siebenbürger Sachfen und die Deutfchen des ungrifchen Berglandes. Sie find der Hauptmaffe nach unter dem ungrifchen Könige Geifa II.( 1141 bis 1161) ein gewandert und erhielten beftimmte Freiheiten. Sowohl die fieben Stühle oder Gerichtsftätten des alten Landes in Siebenbürgen, deren Mittelpunkt Hermannftadt ift, als auch die Zips und die ungrifchen Bergftädte find in jener Zeit colonifirt worden, und zwar durch Flandern und Franken vom Niederrhein. Sitten und Gebräuche, Familiennamen und Mundart deutes noch vielfach auf diefen Urfprung hin. Spätere Zuwanderungen aus Mittel Deutfchland und zum Theile auch aus Oefterreich haben fich diefen erften Ein wanderern beigemifcht. Doch haben im Ganzen die Siebenbürger Sachfen, bis i unfere Zeit in der Sprache vorwaltend den fränkifch- niederrheinifchen Charakter bewahrt; das flandrifche Element ift auch bei ihnen mehr zurückgetreten und nur in Einzelheiten noch erfichtlich. Die Bewohner der Zips und der ungrifche Bergftädte haben durch den Einfall der Tataren fehr stark gelitten und gröfsere Zuwanderungen aus Oberfachfen, Schlefien, Thüringen und anderen Gegenden haben nun ftattgefunden, wodurch die Sprache der Zips und der ungrifchen Bergftädte einen ganz anderen Charakter erhalten mufste. Doch verrathen eine Reihe von Ausdrücken, darunter folche, die, obwohl deutfch, doch in Deutſchland erlofchen oder mindeſtens fehr felten und diefen Deutfchen und den Sieben bürger Sachfen gemeinfam eigen find, noch immer die urfprüngliche Gemeinfan keit der Abftammung der erften Colonien in Siebenbürgen und Ungarn. So: der türpel, die Schwelle; der ertag, Tagwerk, fo viel Ackerlandes, als in einem Tage bearbeitet wird; laawend( læwet, læbert), eine Art Suppe; der honk lich( hantlich), eine Art Brot oder Kuchen; matzen, küffen; füllfafs daher flovakifch filfas, föllfäfslein( welweffel), die Schwinge, in Sieben bürgen felpes; der rooft, Balken; die feife, Bächlein u. a. m. Die Bergftädte in Ungarn, die ehedem nur von Deutfchen bewohnt waren, bildeten einen Städte bund, der noch im XV. Jahrhunderte von Schemnitz bis an die Theifs reichte Diefe Bergftädte find im Verlaufe der Zeit zum Theil flavifirt worden. Die deutfch geblieben find, fprechen noch jetzt eine zum Zipfer Dialekt zu rechnende Mundart. Durch Zuwanderung von Häuern aus dem mittleren Deutſchland, aus Oefter reich, Steiermark und Krain, ift die fogenannte Gründener Mundart entstanden die in den Bergbau treibenden Orten der Zips, in den übrigen ungrifchen Berg ftädten und in den von da aus gegründeten Colonien gefprochen wird. Die Grün dener Mundart unterfcheidet fich von der der übrigen Zipfer durch die Verwand lung des W in B im Anlaute: baffer Waffer; biffen wiffen; bir wir; bunfch Wunfch. Die von den ungrifchen Bergftädten aus gegründeten Märkte und Dörfer müffen eine weitere Zuwanderung aus der windifchen Mark erhalten haben. Bil er. ger fo en Del ier nd mir ch chs Cin ten er ind ein der nk Ite en ten tel Cin si ter mur hen ere len en ine and en der em k fs en dte te te fch and er en rg in d ch nd en Das Bauernhaus mit feiner Einrichtung und feinem Geräthe. 19 Ihre Sprache, fonft im Allgemeinen der Gründener Sprache nahe verwandt, nähert fich um einen Schritt noch mehr als diefe der deutfch- lombardifchen Sprache, wie fie noch in den VII comuni Italiens und in Gottfchee gefprochen wird. Sie verwandeln z. B. nicht nur die anlautenden W in B, wie jene Deutfch- Lombarden, fondern auch wie fie die anlautenden F in W( letzteres nicht in allen Orten), z. B. wäuer Feuer. Diefe, von den ungrifchen Bergftädten( aufserhalb der Zips) aus colonifirten Märkte und Dörfer heifsen mit einem gemeinſamen Namen Häudörfer, ihre Bewohner Häudörfler, auch Krickerhäuer, von dem bekannteften diefer Orte, der Stadt Krickerhäu, zum Theil auch Handerburzen, von dem Handel mit Wurzen und Kräutern, der befonders in dem Orte Münichwies( flovakifch Vritzko genannt) getrieben wird. Häu bedeutet foviel als Rodung, Aushau, und wird in Urkunden mit silvæ extirpatio, Waldausrodung überfetzt. Die meiften der Häudörfer find angelegt in unwirthlichen, felfigen Urwäldern, die den Slovaken, die das flache Land fchon feit Jahrhunderten innehatten, unbewohnbar fchienen. Wir haben nun über die Gründung einiger diefer Häudörfer urkundliche Nachrichten. In einer Urkunde des Kremnitzer Stadtarchives findet fich, dafs diefe Bergftadt, die jetzt noch ganz deutfch ift und in der auch der Häudörfler Dialekt gefprochen wird, im Jahre 1360 einem gewiffen Herrn Glafer, dem Sohne Gerhard's, eine waldige Befitzung verliehen habe. Diefe Befitzung habe er zu bevölkern und er und feine Nachkommen haben das Erb- Schulzenamt dafelbft( populanda silvosa possessio scultetia hereditaria). Diefe Befitzung heifst von nun an in den Urkunden Glafirshaw, Glozerhaw und Glafferhaw. Sie heifst heute noch bei den deutfchen Bewohnern Glaferhäu( ausgefprochen Glôferhâ) und fteht unter der Herrfchaft der Stadt Kremnitz. Auf den Landkarten und in geographifchen Handbüchern wird der Ort Skleno genannt. So überfetzen nämlich die Slovaken irrthümlich den Namen, als ob derfelbe einen Ort von Glafe bezeichnete, indem Glafer doch nur der Familienname des Gründers ift. So wurde fchon 1342 Kunefchhäu bei Kremnitz gegründet, das in Urkunden Kunushaw heifst. Im Jahre 1364 gründete ein fcultetus Kricker: Krickerhäu, und fo mögen denn auch um jene Zeit die übrigen Häudörfer entftanden fein, wie: Neuhäu( ung. Uj Lehota), Prochetzhäu( Prochot), Trexelhäu( Jano- Lehota), Hanneshäu( in Urkunden Hanushaw, fonft Lúcska), Käferhäu( Jaszenove), Breftenhäu( Briesztya), Benefchhäu ( Maizel), Schmidshäu( Tuffina). Noch heute nennen die Häudorfler eine Niederlaffung im Walde ein Häu. So fand ich eine folche bei Schmidshäu, die allgemein Mechls hâ( Michels Häu) genannt wurde. Aber auch die anderen deutfchen Orte diefer Gegenden der Honter, Barfcher, Thuróczer und Neutraer Gefpanfchaft, die zum Theil weder durch ihre Lage, noch durch ihre Namen als Häue zu bezeichnen find, werden unter dem Namen der Häudörfer mitbegriffen, fprechen mit geringen Veränderungen diefelbe Mundart und werden wohl auch, wie die übrigen, gröfstentheils im XIV. Jahrhunderte entstanden fein. Es ift bemerkenswerth, dafs auch das deutfche Ländchen Gottfchee in Krain, wie ich in meiner Schrift Wörterbuch der Mundart von Gottfchee, Wien 1870, nachgewiefen habe, um 1360 bevölkert wurde. Es liegt ebenfalls in felfigen Urwäldern, die von den Slovenen für unbewohnbar gehalten wurden. Eine Sage, die fich auf die Anfiedlung der Häudörfler bezieht, die in Szegedy's rubricae juris hungarici, Tirnau 1734, II. pagina 96 mitgetheilt ift, widerlegt fich aus dem Obigen von felbft. Nach derfelben hätte Carl V. nach der Schlacht bei Mühlberg 1547 feinem Bruder Ferdinand eine Zahl kriegsgefangener Sachfen zugefandt, von denen die Häudörfler herftammen follen. Wie wir fahen, find diefe Anfiedlungen viel älter. Einzelne datiren fogar aus noch früherer Zeit, z. B. Deutfch- Pilfen, ein Marktflecken, magyarifch Börzsöny, der urkundlich mit dem Namen Berfen fchon 1227 genannt wird. Fejér cod. dipl. Hung. III. 2, 106 und 233 20 Dr. K. J. Schröer. Deutfch- Praben, das vielleicht um 1275 entftand, als die terra Prouna dem Grafen von Rechk verliehen wurde. Fejér cod. dipl. Hung. V. 2, 307. Sämmtliche, Häudörfer", wir müffen uns diefes Namens in Ermanglung eines befferen bedienen, unter denen manche Marktflecken find und nicht Dorf, fondern Stadt genannt werden, zählen eine Bevölkerung von etwa 35.000 Seelen, wobei die Bewohner der Bergftädte nicht mitgezählt find. Sie find folgende: In der Honter Gefpannfchaft: Lorenzen( Vámos- Mikola) und Deutfch- Pilfen ( Börzsöny); in der Barfcher Gefpannfchaft: Paulifch( Pila), Hochwies( Welko Pole), Prochetz häu( Prochot), Trexelhäu( Jano- Lehota), Neuhäu( UjLehota), Deutfch- Litte( Kaproncza), Hanneshäu( Lúcska), Perg, Kuneshäu, Blofufs; in der Thuróczer Gefpannfchaft: Ober- und Unter- Turz ( Felfő és Alfó Turcsek), Glaferhäu( Skleno), Alt- und Neu- Stuben( Stubnya), Käferhäu( Jaszenove), Hedwig( Hadviga), Windifch- Praben( TótPróna), Breftenhäu( Briesztya), Münich wies( Vriczko); in der Neutraer Gefpannfchaft: Andreasdorf( Koss. Bel notit. Hung. IV, 445 nennt es noch ganz deutfch; jetzt follen nur mehr die alten Leute dafelbft deutfch fprechen), Krickerhäu( Handlova), die Zeche( Czach), Deutfch- Praben( NémethPróna), Betelsdorf( Szolka), Benefchhäu( Maizel), Schmidshäu( Tuffina), Geidel( Gajdel), Fundftollen( Chvojnicze). Zufammen 31 Ortſchaften. Ihre Lage ift näher erfichtlich aus der Karte, die in meiner Schrift: Darftellung der deutfchen Mundarten des ungrifchen Berglandes, Wien 1864, enthalten ift. Das Geidler Haus und feine Bewohner. Das Haus, das auf der Wiener Weltausftellung 1873 ausgeftellt und als ein Haus aus Geidel bezeichnet war, ift auf Koften der Handels- und Gewerbekammer des Presburger Diftrictes in der genannten Ortſchaft von Eingebornen in üblicher Weife gezimmert und auf dem Weltausftellungs- Platze von dem Häudörfler Andreas Steinhübel, fefshaft in Schmidshäu( in Geidel felbft wollte fich keiner entfchliefsen zur Weltausftellung zu kommen), aufgeftellt worden. Den Familiennamen Steinhübel fand ich in einer Matrikel vom Jahre 1635 zu Deutfch- Praben und vom Jahre 1819 zu Kuneschäu, 1858 in Schemnitz, Oberftuben, Geidel und Schmidshäu. Wir fehen daraus, dafs wir einen Repräsentanten einer verbreiteten Häudörfler Familie vor uns hatten, zugleich auch, wie diefe Häudörfler unter einander und die Bergftädte mit ihnen( Schemnitz) verfchwägert find. Steinhübel war hier mit feinem Weibe Eleonore, geborne Grofs, und mit beider kleinem dreijährigen Söhnchen Honnes, auch Hanfel genannt. Der Familiennamé Grofs, freilich auch fonft nicht felten, ift im ungrifchen Berglande häufig. Ich finde ihn im Jahre 1497 in Kafchau, 1528 in Kremnitz, 1627 in Käsmark, 1643 in Krickerhäu, Kuneschhäu, 1730 bis 1785 in Lorenzen und 1858 in Geidel, Glaferhäu, Unterturz, Schmids häu, Oberftuben, Trexelhäu, Zeche. Alfo fehlt es auch ihr nicht an Ver wandtfchaft, die fich über das ganze Gebiet, bis in die Zips hinein, zu er ftrecken fcheint. Das Haus erfchien wohl fehr einfach, fo hineingeftellt wie es dafteht, mitten in die Ausftellung der hervorragendften Leiftungen des Gewerbfleifses und der Kunft, zu der die gefammte Menfchheit wetteifernd beigefteuert. Dennoch ftellte es etwas dar, was ganz einzig in feiner Art ift. Es zeigt uns den Deutfchen, deffen Kühnheit, Arbeitskraft und geiftige Begabung auch an deutfchen Hinterwäldlern Amerikas bewundert wird, etwa auf der Stufe der Durchschnittsbildung des XIV. Jahrhundertes ftehen geblieben, als Hinterwäldler Ungarns! Auf felfigem, zerklüftetem Boden, im Urwalde, wo kein anderes Volk auf zukommen wagte, haben fie ihre Hütten gebaut und ihr Leben eingerichtet, fo dafs fie, ganz auf fich angewiefen, Alles mit eigenen Händen bereiten. Das Haus, n g f. 3, 11 n 0 j. S t- er h t- er et es d r 5 2, en ch z) не n is r. r. t, 15 n er er f. S, - Das Bauernhaus mit feiner Einrichtung und feinem Geräthe. 21 die Geräthfchaften, die Kleidung, die Speifen bereitet jeder von Grund aus fich felbft. Dabei ift unter ihnen eine Ordnung und Disciplin wahrzunehmen, wie man fie bei den Slovaken nicht findet, die fie in fruchtbareren Landftrichen umwohnen. Die Häudörfler find durchaus bekannt als tüchtige Arbeiter von zuverläffiger Ehrlichkeit. Körperlich find fie kräftiger als die Slovaken, ihnen auch in jeder Art von Arbeit überlegen. Sie verdienten in hohem Grade die Gunft der Regierung. Wo fie gröfseren Wohlftand errungen haben, wie in Krickerhäu, Deutfch- Praben, Schmidshäu, forgen fie zwar felbft für fich und bedürfen keiner Hilfe. Wo der Boden aber allzu arm ift, wie in Geidel, Münichwies, da wäre dringend geboten, dafs durch gute Schulen der einreifsenden Verwilderung Einhalt gethan würde. In Münichwies müffen die deutfchen Kinder in eine flovakifche Schule eines Nachbarortes gehen, lernen flovakifch lefen, und verftehen die Sprache nicht. Weil ihre Mundart nicht jedem verftändlich ift, wird behauptet, fie feien Halbflovaken, was unwahr ift. Wohl hat man ihnen flovakifche Beichtformeln und Gebete bei gebracht, auch lernen die Männer im Verkehre flovakifch; die Weiber können nur deutfch, die Sprache in der Familie ift die deutfche. Auch die Familiennamen find deutfch, nur theilweife amtlich ins Slovakifche überfetzt. Auch in Geidel ift leider die Schule fchlecht beftellt. Die Folge ift Verwilderung. Das Haus ift eingefchloffen von der Hürde( jerte*), fo heifst der aus dünnem Holz- Flechtwerk beftehende Zaun. Die Häufer der Häudörfler ftehen einzeln, nicht neben einander verbunden. Sie find ganz von Holz, ohne Eifen-, Steinoder Ziegelbeftandtheilen, innen mit Lehm beftrichen. Alfo ganz noch wie Tacitus in der oben angeführten Stelle ein germanifches Haus befchreibt. Wie alle Häufer unferer Hinterwäldler, ift es ftockhoch,„ zweenftöckig", und befteht aus folgenden Beftandtheilen: Das Erdgefchofs ift abgetheilt in ein Vorzimmer, durch das man eintritt, fürhaus genannt, und geradeaus, der Eingangsthür gegenüber das ft übel. Diefs ftimmt zu der oben gefchilderten Ein heilung des rheinfränkifchen Bauernhaufes. Das ftübel ift zugleich die Küche mit dem Herd. Ein Schornftein ift nicht angebracht. Der Rauch mufs durch Thür und Fenfter hinaus. Dasfelbe bemerkten wir beim altfächfifchen Bauernhaufe S. 7. Bemerkenswerth ift, dafs man bei alledem in den Häudörfern von Schadenfeuern nichts hört. Rechts vom fürhaus ift die ftube, das Wohnzimmer, der Hauptbeftandtheil des Haufes. Im erften Stocke heifst der gröfsere Raum ober dem fürhaus und dem ftübel die büne. Der Raum ober der Stube ift in zwei Kammern abgetheilt, wie im oberfächfifchen Bauernhaufe. Diefe Kammern find Vorrathskammern; wenn die Familie fich vergröfsert, Schlafkammern. Der Raum ober der Bühne und den Kammern, der oberite Raum unter dem Dache, fteht gewöhnlich leer und heifst das Oberfte (' s öberfchta). Von der Bühne aus geht noch eine Thür auf den hölzernen gang. der fich nach der Länge des Haufes und um die Ecke herum, auch der Stubenfeite des Haufes entlang, hinzieht. Der Nafenvorfprung des Daches auf diefer Seite, unten bunt bemalt, wird das türmel genannt. Die Höhe des Geidler Haufes bis zum Dachfirft beträgt 4 Klafter 5 Schuh. Die Länge der Eingangsfeite ift 4 Klafter 512 Schuh, die andere Seite 2 Klafter 5 Schuh. Das Vorarlberger, das Siebenbürger fächfifche und das croatifche Haus haben ungefähr die gleiche Höhe. In den gröfseren, wohlhabenderen Orten, wie z. B. in Deutfch- Praben, fieht man diefe Bauart fchon reicher entwickelt, fo dafs die Häufer ftädtiſches Anfehen gewinnen und einen malerifchen Anblick gewähren. Wie das Haus dafteht, vertritt es die Bauart des deutfchen Hinterwäldlers Ungarns in den allerärmften Gegenden. Ohne Zufammenhang mit dem grofsen Volke, dem er angehört und von dem er wenig Kunde hat, abgefchieden * Ich bemerke hier, dafs ich die Hauptwörter, wo fie in mundartlicher Form mitgetheilt find, in Uebereinstimmung mit denen aus fremden Sprachen, die zuweilen citirt werden, mit kleinen Anfangsbuchftaben fchreibe 22 Dr. K. J. Schröer. von grofsen Völkerftrafsen, fchlägt er fich dort durch und fchafft Alles, was er braucht, wie gefagt, mit eigenen Händen. Unfer Haus ift denn auch mit Proben diefer Erzeugniffe des häuslichen Gewerbfleifses gefüllt, fo dafs man eine Vorftellung bekommt von dem Leben der Bewohner, ja auch von dem Schmucke des Lebens, der nicht fehlt. So einfach Alles ausfieht, fo zeugt es doch von einem Geift, der felbft bei gröfster Armut kräftig hinausftrebt über die Grenzen des nur Nothwendigen. Man fieht, der deutfche Colonift ift nicht nur Ackerbauer oder Hirte, wie der Slovake, der Walache in manchen Gegenden, fondern er hat das Streben nach allfeitiger Bethätigung. Er trägt in fich das Bild von einem Zuftande höherer Gefittung und fucht es zu verwirklichen; er ift Tuchweber, Leinweber, Schneider, Schufter, Zimmermann, Bergmann, Hirte, Ackerbauer, Köhler, Jäger, Fifcher, je nach Umftänden und oft Alles in einer Perfon. Nur die Eifenarbeiten macht er nicht felbft, aber nicht, weil er es nicht könnte, fondern weil der Zigeuner gegen fo billige Entlohnung das Nöthige anfertigt, dafs er feine eigene Mühe beffer auf Anderes ver wendet. Neben dem ftolzen Vorarlberger Haufe auf dem Weltausftellungs- Platze, das dem Geidler gegenüber ftand und neben dem Haufe des Siebenbürger Sachfen auf der anderen Seite, fieht es freilich arm aus. Dafs es ftockhoch ift, wie alle Häufer der Häudörfler, dafs es in feiner Einrichtung den Keim zu ftädtiſch bürgerlichem Leben verbirgt, gewahrt man nicht auf den erften Blick. Dabei ift aber befonders Eines hervorzuheben: dafs Alles daran urfprünglich und echt ift. Das Haus mit feinem ganzen Inhalte ift in Geidel von Eingebornen gemacht und hier von dem Bewohner Steinhübel wieder aufgerichtet, wohl auf Koften der Handels- und Gewerbekammer des Pressburger Diftrictes, fonft aber ohne alles Dazwifchen treten fremden Gewerbfleifses, ohne allen fremden Aufputz. Diefs fpringt befonders bedeutfam in die Augen bei einem Blicke auf das hinter dem Geidler Haufe ftehende kroatifche Haus, das an Umfang und Anfehen dem Geidler Haufe nicht unähnlich ift. Die Bohlen, aus denen es zufammengefügt ift, find aber mit der Dampffäge erzeugt. Die Thür- und Fenfterftöcke find moderne Tifchlerarbeit. Die Küche hat einen Sparherd neuefter Art. Die Bekleidung des Mannes. Die Kopfbedeckung befteht entweder aus einem breitkrämpigen Filzhute oder einer Kappe von Schaffell. Die Filzhüte werden in Deutfch- Praben gemacht Das Wort kappe fpricht der Häudörfler nicht in öfterreichifcher Weife koppn oder kappl, fondern immer kapp', kappe. Die Fufsbekleidung nennt er fchuhe, fowohl die hohen Stiefel, die in Deutfch- Praben gemacht werden, als die zu Haufe bereiteten Lederfchuhe mit Riemen, die auch in Dopfchau kirpel, in den Häudörfern kiarpetzen( vergl. lat. crepida, flovak. krpec) genannt werden. Das fremde Wort Stiefel( ital. ftivále, von lat. aestivalis) ift in den Häudörfern, wie in Siebenbürgen unbe kannt. Das Hemde( ,, hemb") ift von felbftbereiteter Leinwand im Haufe genäht, fo auch die gatte( magyar. gatya), die leinene Unterhofe. Die weifse Tuchhofe, fowie der weifse Tuchrock( rock") find ganz Hauserzeugnifs. Die weibliche Kleidung. Die Haube(, haup") ift aus Leinwand, oft reich geftickt; in Deutfch- Praben gibt es noch Gold- und Silberhauben, bockelhauben genannt, wie bei den Siebenbürger Sachfen. Die Fufsbeklei dung ift gleich der der Männer. In Deutfch- Pilfen tragen die Weiber rothe Schuhe. Das Hemd befteht aus zwei Stücken. Die Schultern und Bruft bedeckt ein gefäl telter Kragen,„ müderla"( Mieder) genannt. Der untere Theil des Hemdes, das pendelhem b", wird von Achfelbändern( pendeln) feftgehalten. Auch bei den fiebenbürgifchen Weibern kommt ein Bändelhemd vor, aber von anderer Form. Der Sonntags- Kopfputz der Frauen heifst das ,, drümel", vergl. fiebenbürgifch- fächfifch ,, dromel" und mittelhochdeutfch bei Wolfram Ueber das Hemd kommt der reich gefchmückte„ prufleck"( Bruftfleck), oft von ,, drümel"? Seide, auch geftickt, in Krickerhäu, prusfleck" genannt( flovak. wurde daraus prusliak, magyar. pruszlik). Dazu kommt die fchüürze"( Schürze) und er 10 hen ben ein mut der der ger und ter, ach cht ige er ze, auf fer em ers us on nd en as en gt d er te er it 1. 1. Das Bauernhaus mit feiner Einrichtung und feinem Geräthe. 23 der ,, küttel". Ein röckel von weifsem Tuch wird über Alles angezogen. Die Braut ift mit einem Krönlein gefchmückt, Börtlein genannt( ,, pöartl"), in der Zips borten, wie in Siebenbürgen buerten, magyarifch und flovakifch wurde daraus párta. Die Theile des Haufes haben wir fchon oben benannt. In der stube( das. Wort Zimmer ift ungebräuchlich, der Häudörfler kennt nur ftuben, ftübel und kamern) fehen wir aufser den ftühlen( der Ausdruck Seffel ift ungebräuchlich) und dem tifche, vor Allem den riefigen kachelofen und den zierlich bemalten Schrank, genannt die almrei", in Siebenbürgen armeroa. Ein den Ofen entlang, oben befeftigtes Geftelle aus fchmalen Brettern zum Wäfche trocknen heifst ft engeln. Neben dem Ofen befindet fich ein kleiner Herd, über dem ein irdener Schirm befeftigt ift, der in einen Schlauch endet und in die Wand hineinläuft. Diefs ift der k olofen, darauf wird Feuer an den Abenden gemacht; es dient zur Zimmerbeleuchtung. Die Zimmerdecke durchzieht der Hauptbalken, rûft genannt, fiehe oben S. 14, rôft, der die trêm, Tramen, trägt, fiehe oben S. 14, trôf. Der Wandrechen, auf dem das Gefchirr aufgehängt ift, heifst die reme, in Krickerhäu hräm, in Siebenbürgen riem f. f. d. Spinnrocken und Webeftuhl deuten auf die Winterarbeit in der Stube. Statt des Bügeleifens gebraucht die Häudörflerin noch das glättglas, das uns als alterthümliches Geräthe auffällt. Im ftübel finden wir aufser dem nöthigften Töpfergefchirr noch folgende Küchengeräthfchaften: Die butte, was man in Wien büttel nennt, mit einem Handgriff zu tragen; die mehltis, das Mehlgefäfs; das butterfafs( der in der Zips übliche Ausdruck kirn, Butterfafs, kirnen, buttern, kirnmilch, Buttermilch, in Siebenbürgen körmelch, holländ. kern, kernen fehlt hier),„ butterweffel", mit dem Stöfsel( ftierl); der trog, zum Brotteig Kneten; die knetfche, Geftelle für den Trog( vergl.„ die knetfche ift auf dem Wefterwald ein befonderes Brechbänkelchen"; Kehrein, Volksfprache in Nafsau, I, 232); die kärlein oder brotkärlein, die Brotformen; die ,, fche arr", die Trogfcharre; die kuchenfcheiben, vergl. Siebenbürgerfächfifch fchêf, runde Holzteller mit einem Stiel, zum Teiganmachen und dergl.; das tribholz, eine kleinere Art von Walgerholz zum Teig auswalgen; das ribeifen, das hackmeffer zum Aepfelfchnitz- Schneiden und dergl.; das leffelbretel, die kreck( Feuerkrücke) u. f. f. Was die Speifen anbelangt, ift befonders hervorzuheben das lääbet, in Siebenbürgen lâwend genannt, eine Brühe oder Suppe. Befonders ift fchottenlääbet, Molkenfuppe, als Frühſtück beliebt. Doch gibt es auch ein krautlääbet, effiklääbet, bohnenlääbet, orbeslääbet( Erbfen) u. a. m. Eine Kuchenart, forbeng genannt, ift befonders in Geidel beliebt. Zu Weihnachten werden gewiffe Teigwürfel gebacken, man nennt fie krônhâpel ( Krähenhäupter) oder auch putfchkala, die dann mit Waffer überbrüht, mit Mohn oder mit Käfe beftreut, gegeffen werden. Bei den Slovaken heifsen diefe krônhâpel opekance. Eine andere Mehlfpeife, die mit Mohn, mit Käfe, wohl auch mit Pflaumenmus oder in der Suppe gegeffen wird, ist bei den Deutfchen im ungrifchen Berglande überall ausgebreitet, doch mit kleinen Veränderungen fowohl des Namens als auch der Zubereitung. Sie heifst in der Zips letfchelchen, lifchkelchen, lifchklerchen, in Geidel, wo fie als Weihnachtskuchen auftritt, loketfchen. Der hantlich, in Siebenbürgen honklich, ift in der Zips wohl noch allgemein bekannt, in Geidel nicht. In Deutfch- Praben hat man auch noch pêlfchen, in Siebenbürgen und in der Zips bêltfchen genannt, breitgebackene Kuchen; auch fankuchen( daher flovakifch pankuch, magyarifch fán k), was hier Eierkuchen find. Fleiſch ifst man in den Häudörfern wenig. Gemüfe find Erbfen, Bohnen, Linfen, Kraut, Rüben; in Krickerhäu heifsen die Möhren morchel, in der Zips muren. Unter erdappel verfteht man in Krickerhäu den Kürbis. Erdäpfel, meeräppel in Krickerhäu genannt, find beliebt. Hervorzuheben ift noch das Dürrobft, gedörrte Aepfel und Birnfchnitten 24 Dr. K. J. Schröer. ( ,, eppeftecke, pirnftecke"), Pflaumen(„ flauma") und„ heabeftleng", eine kleine, runde Pflaumenart, die den Mehlfpeifen beigemifcht werden. Zu den Holzarbeiten des Mannes finden wir viele Werkzeuge, die ich nicht alle aufzuzählen vermag: die eiferne nülle, womit er die Rinne in den Holzfchindeln macht, den durchfchlag, den negber( Bohrer), hobel, die hacke etc. Auffallend war ein in der Stube an der Decke hängender, länglicher Korb aus Korbgeflecht, das wiegenkörbel, worin das jüngere Kind gebettet und gewiegt wird. Im fürhaus, ärn, im ftübel, im Gärtchen und vor dem Haufe, finden. wir noch ausser den gut gearbeiteten Geidler Holzkiften, verfchiedene Geräthe. Das Füll fafs oder Füllfäfslein( daher flovakifch filfas, fiehe Palkowitfch flovakifches Wörterbuch, S. 290), gefprochen wellwefsl, in Siebenbürgen fälpes, f. d., die aus Holz geflochtene Schwinge oder Schwingwanne. Das wellwäffl im Geidler Haufe fieht gerade fo aus, wie das fälpes im Haufe des Siebenbürger Sachfen daneben. An Geräthen bemerken wir noch unter dem fchindelgedeckten Dachboden und im Gärtchen vor dem Haufe das aus Ruthen geflochtene hühnerkörbel, den runden, oben offenen hühnerfturz, das kräxl oder heukräxl, den Rückenkorb, den Pflug fammt dem jo och; denfchliffftân, Schleifftein, die fchnaipang, Schnitzbank, hölzerne heugabeln, eiferne Mift ( ,, Stân"?) gabeln und dergl. m. Wenn wir das Ganze überblicken, fo fcheint es uns faft, als ob einfacher der Menfch kaum wohnen könnte. Nur wenn man etwa, wie gefagt, das walachifche Haus daneben ftellt, fo fällt uns das Vornehmere des Haufes aus Geidel auf. Der ftockhohe Bau mit dem Gang im oberen Stockwerke, mit dem Thürmel, den Kammern oben, der Stube unten, der Küche mit dem Herde und dem mannigfaltigen Geräthe der Einrichtung. Scheunen und Schoppen ftehen meift abfeits, die Häufer felbft in urgermanifcher Weife vereinzelt: suam quisque domum spatio circumdat.( Siehe oben S. 6.) Das Szekler Haus Unmittelbar an das Haus des Siebenbürger Sachfen fchlofs fich das Haus eines Szekler Bauers. Diefes gewifs intereffante Haus, das, wie das Michelsberger und das Geidler, von eingeborenen Infaffen bewohnt war, wurde von den Ausftellern fo ftiefmütterlich in die grofse Welt hinaus geftofsen, dafs man nicht begreift, wie man foviel Koften. aufwenden mag, als diefer Gegenftand, fein Transport, feine Aufftellung, feine Unterhaltung verurfachen musste, wenn man ihn fo forglos feinem Schickfal über laffen wollte, wie diefs hier gefchehen ift. In der zweiten Auflage des Weltausftellungs- Kataloges, wo, wie wir fahen, in dem Verzeichniffe der XX. Gruppe Bauernhaus mit Einrichtung, fo viele Gegen ftände( 24) aufgezählt find, die nicht zu finden waren, wird man das Szekler Haus vergeblich gefucht haben: es ift gar nicht verzeichnet! Im Haufe felbft fand man einen Szekler und eine Szeklerin, die mit dem diefem Volke eigenen Selbftgefühl in ihrer Sprache verficherten, dafs fie keine Sprache der Welt verftehen als nur fzeklerifch, das ift magyarifch. Nicht einmal mit feinem Landsmann und Nachbarn auf der Weltausftellung, dem Siebenbürger Sachfen, kann fich der Szekler verftändigen, ebenfowenig mit dem Bewohner des Geidler Haufes aus Ungarn, der auch ein Deutfcher ift. Wäre es hier nicht am Platze gewefen, fowie diefs im Geidler und im Siebenbürger fächfifchen Haufe gefchehen ift, eine Schrift und zwar in deutfcher Sprache- abfaffen zu laffen, die im Haufe feilgeboten werden und aus der der Befucher der Ausftellung fich belehren konnte? Aber auch die innere Ausftattung des Haufes wurde mit der gröfsten Gedankenlofigkeit vorgenommen. Die vordere Stube war über und über angefüllt e e t n e S S 1 Das Bauernhaus mit feiner Einrichtung und feinem Geräthe. r S EKLER HAUS י e t 25 S 1 י mit dem Trödel eines Krämers vom Lande; der Ausfteller, Herr Borfodi, foll Kaufmann fein. Kinder- Spielwaaren, Peitfchen, Reitgerten von der eleganteften Façon, Gefchirre, Holz- Schnitzwerke wurden hier feilgeboten und verkauft, was ein Nebengefchäft des guten Szeklers war, der auf diefe Art den Bazar der Japaneſen copirt, nur mit dem Unterfchiede, dafs feine Waare verfchiedenartiger Trödel war, der durchaus nicht darauf Anfpruch machen konnte, den Szekler Gewerbfleifs kennzeichnend zu repräfentiren, wie der japaniſche Bazar den japanifchen! In der Hinterftube ftand unter Anderem ein kleines altes Clavier! Der gute Szekler fagte darüber, er habe es mitgebracht, weil es ein Alterthum fei. Doch kann weder er, noch die Frau darauf spielen, auch ift das Möbel durchaus kein Gegenftand, der fonft bei Szekler Bauern zu finden ift! Was foll man fich hier von den Ausftellern denken? Einen geringen Theil von Befuchern der Ausflellung mag es fo recht klar geworden fein, was ein Szekler ift. Diefer nur im öftlichen Theil Siebenbürgens vorkommende Volksftamm ſpricht magyarifch und bildet von altersher eine der drei ftändifchen Nationen Siebenbürgens. Man hält fie für die ältefte derfelben und zwar für zurückgebliebene Hunnen. Die zweite ftändifche Nation find die Magyaren, die im IX. oder X. Jahrhunderte den nördlichen Theil des Landes einnahmen. Die dritte Nation find die Sachfen, die im XII. Jahrhunderte von König Geiza II. ins Land gerufen wurden und den füdlichen Theil des Landes urbar machten. Die Anfiedlung aller diefer drei„ Nationen" an den öftlichen, nördlichen und füdlichen Grenze deutet auf eine Anordnung hin, die kaum eine 26 Dr. K. J. Schröer. zufällige ift. Der weftlich an Ungarn anftofsende Theil blieb unbefetzt: es war wohl die Aufgabe der Grenzhut gegen feindliche Nachbarn der Grundgedanke der Könige, die diefe Anfiedelungen ins Leben riefen. Der alte Wappenfpruch der Sachfen der Hermanftädter Anfiedlung hiefs: ,, ad retinandam coronam", zur Wahrung der Krone. Die Szekler werden in den älteften Urkunden cuftodes limitum, ftrenui milites Hüter der Grenzen, rüftige Krieger- genannt. Das fpricht wohl ziemlich deutlich für diefe Annahme. - Jede der drei ftändifchen Nationen hatte ihre Verfaffung für fich. Erft im Jahre 1437 fchloffen fie ein Schutz- und Trutzbündnifs gegen die Türken, woraus fch später eine weitere Gemeinfamkeit der Intereffen und die entſprechenden Organe derfelben in der fiebenbürgifchen Gefammtverfaffung entwickelten. Die Rumänen oder Walachen waren dabei als Nation nicht vertreten. Von ihnen werden wir noch fprechen bei Betrachtung des walachifchen Bauernhaufes. Was nun den Stamm der Szekler anlangt, fo fcheint Manches dafür zu fprechen, als ob fie ein von den Magyaren verfchiedenes Volk wären. Bei der Gefchloffenheit ihrer Verfaffung gönnten fie ehedem auf ihrem Boden nicht einmal dem Magyaren das Recht der Anfiedlung als gleichberechtigtem Mitbürger. Bei dem namenlofen Notar Bela's, der Quelle und Fundgrube vieler ungefchichtlicher Sagen, wird( im 50. Capitel) eine Sage erzählt vom Urfprunge der Szekler. Als Arpad ein Heer gegen den Herzog von Bihar entfendet habe, feien alle Szekler( Siculi),„ die früher des Königs Atila Völker waren", diefem Heere zugelaufen und haben fich ihm angefchloffen. Nach einer anderen Sage waren die Szekler zurückgelaffene Wachtpoften Atila's. Diefelben wurden einft vom Feinde überfallen. Da kamen ihnen auf der Kriegsftrafse, fo nennt der Szekler die Milchftrafse am Himmel, himmlifche Heer fchaaren zu Hilfe, die Geifter hunnifcher Helden. Das find nun Sagen, wie fie ja fo leicht auftauchen, um einen verlorenen oder vergeffenen Zufammenhang zu erklären. Immerhin fieht man aus alledem, dafs es doch intereffant wäre, diefes Volk näher zu kennen. Sollte es wirklich ein Reft der alten Hunnen fein? Unterfcheiden fie fich in Sprache, Brauch und Sitte von den übrigen Magyaren? Wenn man nun der magyarifchen Sprache von Jugend auf kundig ift, wie der Berichterstatter, wenn man, wie er, noch nie mit Székler Landvolk gefprochen. fo wird man wohl überrafcht fein, im Gespräch mit den Székler Landleuten auf der Ausstellung zu finden, dafs fie das reinfte Magyarifch fprechen, wie es in Ungarn überall zu hören ift und durch mundartliche Eigenheiten bei Weitem nicht fo viel von der Schriftfprache abweichend, als etwa der Palotzer Dialekt. Ein Hunnenreft, der bis zur Einwanderung der Magyaren fich- 400 Jahre hindurch erhalten hätte, und dann auch noch abgetrennt von den Magyaren bis in unfere Zeit fortlebte, follte dasfelbe Magyarifch fprechen als die übrigen Magyaren? Dem fteht doch, felbft wenn man den Zufammenhang zwifchen Hun nen und Magyaren zugeben wollte, ein grofses Bedenken im Wege. Die Magya ren find aus einer Mifchung von Kabaren und Kazaren hervorgegangen die fich erft nach dem Hunneneinfalle vollzogen hat; fie müffen fich daher in der Sprache fchon defshalb merklich von den Hunnen unterfcheiden. Dann haben fie in Ungarn einen grofsen Theil ihres Wortfchatzes von Serben, Walachen, Slovaken und Deutfchen angenommen, und zwar in einer Form, die nicht in fo hohes Alter bis zur Völkerwanderung hinauf reicht; und diefe erft in fpäterer Zeit in die Sprache aufgenommenen Fremdwörter gebrauchen die Székler fo gut als die übri gen Magyaren. Die Székler find demnach kein Reft der Hunnen. Was fie find, fagt übrigens ihr Name ziemlich deutlich und wir werden uns der Deutung, die fich ungezwungen aus dem Namen ergibt, umfoweniger widerfetzen können, als fie ganz zu der Annahme ftimmt, die fich fchon oben mit ziemlicher Wahrfcheinlichkeit aus anderen Gründen ergeben hat. Die Székler Das Bauernhaus mit feiner Einrichtung und feinem Geräthe. 27 find Anfiedler, Coloniften von den ungrifchen Königen an die öftlichen Grenzen Siebenbürgens zum Zwecke der Landesvertheidigung hin gepflanzt, wie die„ Nation der Magyaren" in den Norden und die ,, Nation der Sachfen" in den Süden. Székler, magyarifch Székely*, bedeutet nichts Anderes, als Anfiedler. Magyarifch szék, heifst der Stuhl, die Niederlaffung; daher das Zeitwort székel- ni, das ift fiedeln, fich zur Wohnung niederlaffen. Székely ift der Anfiedler, Saffe. So wie der Name des Elfaffes entstanden ift aus eli- sâzonô lant, ein Land der Elfaffen, fowie Holftein aus holt saten, Holzfaffen, entftanden ift, hiefsen die Székler fchlechtweg Siedler, Saffen, Coloniften. Es find Magyaren, die von den Königen mit befonderen Freiheiten an jene Grenzen gefetzt find. Sie find alle Edelleute, d. i. von Leibeigenfchaft frei, fowie ja die Siebenbürger Sachfen auch, leben in einem bergigen Gebiete von etwas Ackerbau, Viehzucht und Holzhandel. Zahlreich findet man fie in fächfifchen Ortfchaften als Dienftboten. Auch im Aeufseren find die zwei Repräfentanten des Széklerftammes auf der Ausftellung durchaus nicht verfchieden von den ungrifchen Magyaren. Unter letzteren unterfcheidet man befonders zwei Typen. Der Eine mit dunklem Haar und dunklem Auge, edel gefchnittenem Profil, fchlankem Wuchs; der andere mit breitem Geficht, etwas kalmükifch gedrückt, mit kurzem Hals, zuweilen afchblondem Haar und bleifarbem Auge. Aehnlich laffen fich auch bei den Türken zweierlei Typen, die von einander ganz verfchieden find, unterfcheiden, fo wie man auch bei dem jüdifchen Volke den fpitznafigen Arabertypus neben dem ftumpfnafigen Negertypus oft in Einer Familie nebeneinander antrifft. - Merkwürdiger Weife find die beiden Székler im Széklerhaufe auch Vertreter beider Typen. Der Mann mit breitem Gefichte und ftumpfer Nafe, blondem Haar, die Frau mit dunklem Haar und Auge und regelmäfsigem Profil. Er heifst Farkas, das ift Wolf, ein auch in Ungarn häufiger Name; ihr Name ift Gálfi( das ift des Gallus Sohn). Beide find verheiratet, aber nicht mit einander. Das Széklerhaus fällt auf durch das ungewöhnlich hohe Dach. Der auf der Abbildung erfichtliche Thurm hinter dem Dache gehört zum Gebäude für ungrifche Forfterzeugniffe. Das ftattliche Einfahrtsthor ift mit bemaltem Schnitzwerk verziert. Ober der Thür, neben dem Thore befindet fich, wie auf der Wand des Siebenbürger fächfifchen Haufes eine Infchrift: bëke a belëpökre Friede den Eintretenden, áldás a kimenőkre! Segen den Austretenden. Isten segedelmi böl epitette ezt a házad Borsodi Demeter 1873- ba. Mit Gotteshilfe baute diefs Haus Demetrius von Borsod 1873. In alterthümlicher Weife wird die Länge des Vocals noch mit zwei Punkten bezeichnet. Als Name des Erbauers war früher ein anderer angegeben; man fah, dafs derfelbe weggeftemmt und neuerlich durch einen andern erfetzt worden ift. Die Székler find der Schrift kundig; fie find Proteftanten helvetifchen Bekenntniffes. Neben dem Eingange ift eine Bank mit einem Vordache angebracht. Indem wir in den Hof eintreten, fehen wir recht hoch aufgefchoffenes Welfchkorn, das der Székler hier angebaut hat. Auf der anderen Seite läuft am Haufe hin ein Gang unter dem vorfpringenden Dache, wo Ackergeräth aufbewahrt ift. Darunter bemerken wir eine hölzerne Heugabel, färbig lackirt, aus einem Stück und einen hölzernen, gleichfalls farbigglänzenden Rechen. Diefs find Liebesgaben, die der Burfche vor dem Schnitte feinem Mädchen gibt. Vom Hofe aus tritt man rechts in das Wohnhaus, zunächft in ein kleines Vorhaus, das rechts in die Wohnftube, links in die kleinere Stube führt. Im Vor* Das sz klingt wie deutfches fz, fcharfes f; der Accent bezeichnet die Länge des Selbftlautes, ly ist= lj wie frz. 11 in fille. Alfo Székely Seekelj, beinahe Seekäj. 28 Dr. K. J. Schröer. haufe hängen von der Decke Tabakblätter herab. Wie in Ungarn, fo ift demnach auch im Szeklerland der Magyare ein grofser Freund der Tabakpflanze. Die niedere Wohnftube mit kleinen Fenſtern bietet wenig Eigenthümliches. Im Zim mer hängen Schwammmützen von der Decke herab, die verkauft wurden. Auf dem Tifche lag in Form eines Fifches ein dunkelbraunes Brot, von welchem der Szekler dem Befuchenden ein Stück abfchneidet und anbietet. Es ift eine Art primitiven Lebkuchens, ein Leckerbiffen des Széklers: Székelyi pogács ( fpr. Szeekelji pogaatfch) genannt. Sonft war das Zimmer aufser dem gewöhnlichen Geräth von einfachen Bän ken, Stühlen und dem Tifche, mit verfchiedenen Waaren zum Verkaufe, angefüllt, wie fie bei Krämern auf dem Lande angetroffen werden. Diefe Gegenstände können ebenfowenig auf szeklerifche Eigenthümlichkeit Anfpruch machen, als es dem Szekler befonders eigen ift, dergleichen Handel zu treiben. Ohne uns bei diefem Kram aufzuhalten, wollen wir diejenigen magyari fchen Ausdrücke betrachten, mit denen der Szekler die Gegenftände benennt, die uns hier zunächft in die Augen fielen. Dabei zu beachten, welche Gegenstände mit eigenen unentlehnten magyarifchen Wörtern benannt find, und von welchen Völkern die Fremdwörter genommen find, diefs gibt ein intereffantes Bild von der Entstehung der Cultur, die durch das Szekler Haus vertreten war. Unentlehnte magyarifche Wörter fcheinen: ágy( fpr. aadj.) das Bett; fal die Wand; fedél das Dach; fejkötö Kopfbinde, Kopftuch; ajtó die Thüre; gyepü der Zaun; gaty a die Unterhofe; obwohl altflav. gašti, doch auch finnifch kaatio wogulifch kaš; ing das Hemd; nadrág die Hofe, obwohl altflav. nadragy fcheint es doch magyarifch Miklosich S. 42; küszöb die Schwelle; szék der Stuhl, auch fe czél, vielleicht deutfch vergl. mhd. fezzel, ahd. fezal Seffel; tetö der Giebel; tüzhely Feuerftätte, Herd. Von Slaven entlehnt find: ablak das Fenfter, flav. oblok; asztal der Tifch, altflav. stolь Miklos. S. 55 die Finnen entlehnten ihr Wort für Tifch, pöitä aus dem Gothifchen( biuds, ahd. piot); die Slaven ihr stolь aus goth. stôls Stuhl, litth. ftalas, wo vielleicht Urverwandtfchaft anzunehmen ift, Gr. gr. III., 433; die Deutfchen ver gafsen ihr biuds, piot und entlehnten ihr Tifch aus latein. discus, was wohl immer mit der Entlehnung des genannten Gegenftandes in einer beftimmten fremden Form verbunden war; garádics die Treppe, Miklos. S. 28, fetzt an: gradič; gereben( auch háhel aus dem Deutfchen) die Hechel; altflav greben; gerenda der Balken, altflav. gręda; kabát der Rock, flav. kabát aus caputium; kalap und kalpak der Hut, flov. globuk, türkifch kalpak; köpeny eg der Mantel, flov. kepenek aus capa; pogács Kuchen, flav. pogatfcha aus lat. focatius, ital. focaccia; sapka, csapka, sipka Mütze flav. und rumän. šapkь, šipkь, Miklos. S. 23, mhd. schapel, tschapel altfrz. chapel, ital. capello aus mlat. cappa, japan. kapa Mantel; szoba Stube. Diefes über ganz Europa in der Bedeutung Ofen, Zimmer verbreitete Wort ftammt aus dem Deutfchen, altflav. istьba, nflav. izba, ferb. soba, rumän. soba Ofen, finn. tupa altnd. stofa ahd. stuba etc.; udvar Hof, altflav. dvor; villa die Gabel, flav. vila. Von Deutfchen entlehnt find: aratni, das Feldbauen, ahd. artôn; eke, Egge, ahd. egida, mnld. egghe, nd. egge. Diefe Form haben demnach die Magyaren nicht von Hochdeutfchen, fondern von Niederländern; erkély, Erker, mhd. erkêr; ércz, Erz, mhd. erze; gárgya, Zaun, vergl. kert; ház( fpr haas), goth. hus, ahd. und mhd. hûs, engl. houfe, ahd. haus, nld. huis; kályha, Kachelofen, ahd. chachala; kohnya, konyha, Küche, ahd. kuchina aus coquina, flov. kuhnja, walach. kohnь, Miklos. Fremdwörter buch 103. Slav. im magyar., S. 37; kert, Garten, goth. gards und garda, ahd. gart und garto, ital. giardino etc.; gárgya, Zaun, fcheint nur eine Nebenform; laibli Leibchen, Bruftbekleidung, öfterr. Leibl; pad, der Haus. boden, die Bank; daher padlás, Dachboden, vergl. ahd. podam, altflav m- ie m- uf er Art CS n- It, le Is ri ie de en on mt. d; er 10 БУ er -1; k 5 S, Vo er hl en n: V. V. ch = a 1, a te a, of, d. a, де S. ད Das Bauernhaus mit feiner Einrichtung und feinem Geräthe. 29 podь; pantlika, Band, Bändchen; parta, Mädchen- Kopfputz, in der Zips der borten, bei den Siebenbürger Sachfen: der buerten, mhd. der borte. Im Nibelungen- Liede( B. 573) heifst es: man fach( 54 burgundi che Jungfrauen) under liehten porten gân, auch flov. párta; perém, das Bräm, die Verbrämung, mhd. brem; prufzlik, weibliches Leibchen, Mieder, aus Oefterreichichem bruftfleck. Bei Häudörflern prûfleck( in Lorenzen, Deutfch- Praben), prusfleck in Krickerhäu; flov. prusliak; fzoba f. oben; táska, Tafche, altfränk. taska, mhd. tafche, davon ital. tasca etc., zu ahd. zascôn; vefztli, die Wefte, goth. vafti von vasjan, kleiden, urverwandt lat. veftis, franz. vefte. Das nhd. Wefte ift wohl unmittelbar aus dem Franzöfifchen entlehnt. Aus romanifchen Sprachen entlehnt find: almáriom, Wandfchrank, lat. armarium; kamara, die Kammer, lat. camera; kémény, der Schornftein, Kamin, lat. caminus, daher auch magyar. kemencze; fzekreny, Schrank, Schrein, lat. fcrinium, lauter Wörter, die auch bei Slaven und Deutfchen eingedrungen find und daher wohl aus diefen Sprachen entlehnt ein können. Indem ich mich hier nur auf die Benennungen der im Szeklerhaufe in die Augen fallenden Gegenftände befchränke- viel vollſtändiger ift die Aufzählung der flavifchen Ausdrücke im Magyarifchen, z. B. bei Miklofifch, fiehe dafelbft S. 16 ergibt fich folgendes Bild: Der Magyar befafs eine Wohnung, lakás, von lakni aus rumänifch a locui, wohnen, an der die Thüre, ajtó, die Schwelle, küszöb, die Wand, fal, das Dach, fedél, mit dem Giebel, tető, und die Feuerftolle, tüzhely, bemerkbar waren. In derfelben befand fich das Bett, ágy, der Sitz, fzék. Von Kleidungsftücken find wahrzunehmen: Schuhe, Stiefel, czipö, cfizma, Hemden und Hofen, nadrág, gatya, Kopfbinden, fejkötő. Ein Zaun, gyepü, umgab das Haus. Von Slaven lernte er kennen: Das Fenfter, den Tifch, die Treppe, das heizbare Zimmer( das die Slaven von den Deutfchen hatten), ebenfo den deutfchen Kachelofen, die deutfche Küche, Kuchen etc. Kleidung und Geräth ift, wie wir fahen, faft durchaus von Deutfchen und Slaven entlehnt. Unter den Verkaufsgegenständen, die im Szeklerhaufe zu haben waren, wurden auch gedruckte fliegende Blätter verkauft, wie auch fonft in Marktladen,„ gedruckt in diefem Jahr." Darunter find Szeklerlieder: Székelyi dalok, wohl das Anziehendfte gewefen. Was der Deutſche fo gar nicht befitzt, das überaus grofse Wohlgefallen an fich felbft, die Vorliebe für Alles, was ihm eigen ift, befitzt der Magyar in fo hohem Mafse, dafs auch ein Theil diefes Volkes, wie der Szeklerftamm, ein Szekler Nationalgefühl ausgebildet hat, fo ftark, dafs der Deutfche darüber nur ftaunen kann. Mag man immer fagen, diefes Nationalgefühl habe etwas Hohles, weil es eigentlich keinen Inhalt hat wenn der Deutfche auf etwas ftolz ift, fo ift er es auf eine That oder auf eine Tugend- fo liegt doch eine Naivetät in diefem Selbftgefühl, dazu eine Innigkeit und Wärme, dafs wir ihnen nicht gram fein können, ja dafs wir uns davon angezogen fühlen, wenn wir auch darüber lächeln müffen. - In einem diefer Lieder heifst es: Vom Szeklergau aus Marofch- Szék, da bin ich her, Eine Szeklermutter pflegte, liebte mich gar fehr. Ein Stock- Szekler war, das war mein Vater auch, Und ein Szekler herz ward mir vom Vater auch! So geht es in fchwärmerifcher Begeisterung für das Szeklerthum fechs Strophen hindurch fort. Es ift keine Frage, dafs diefe Eigenfchaft der Begeifterungsfähigkeit für das eigene Volksthum die Quelle ungewöhnlicher That kraft, wie die Quelle des Glückes ift für den Befitzer. Enttäufchungen können wohl nicht ausbleiben beim Zufammenftofse mit der Aufsenwelt. Viele der Lieder beziehen fich auf die kriegerifchen Neigungen des Szeklers. Mit dem tapferen Sachfen Siebenbürgens bildete der tapfere Szekler eine 28 Dr. K. J. Schröer. Schutzwehr des Landes gegen hereinbrechende Horden Jahrhunderte lang und hat manch' guten Kampf gekämpft. Die Sekler find auch Proteftanten wie die Sachfen. Mögen die blutigen Erinnerungen aus jüngerer Zeit, die beide Völker trennen, indem die Szekler für Losreifsung von Oefterreich und die Sachfen für den Gedanken der Reichseinheit gekämpft, allmälich verblaffen und die Szekler in friedlichem Wetteifer mit den deutfchen Brüdern ftreben ihnen gleichzukommen! Das rumänische Haus. Im äufserften Nordoften des Ausftellungsraumes, hinter den ungrifchen Forfterzeugniffen, dort, wo felten ein Befucher der Ausftellung fich hinverirrte, befand fich ein hölzernes Bauernhaus, das im officiellen Kataloge ebenfalls nicht erwähnt ift. Es war ein walachifches oder rumänifches Haus, und zwar aus Oravicza im Banat. Es gibt dafelbft ein Deutfch Oravicza( fprich: Orawitza) mit etwa 4000 und ein Walachifch- Oravicza mit etwa 2000 Einwohnern. Das Haus ift aus Holzbalken roh erbaut wie das Geidler, das Szekler, das kroatifche und das galizifche. Es ift das einzige Bauernhaus eines romanifchen Volks ftammes. Freilich keines der weftlichen Romanen, die, mit germanifchem Blute verquickt, eine hohe Bildungsftufe einnehmen, fondern der öftlichen Romanen, der Rumänen. Das Haus ift fehr einfach. Es vertritt unter den Häufern der Ausftellung einen beftimmten Typus, indem es kein oberes Stockwerk hat, dagegen rechts and lie er Für er h- ב Das Bauernhaus mit feiner Einrichtung und feinem Geräthe. 31 und links vom Eingange je ein Zimmer. Zu diefer Art gehört das fiebenbürgifchfächfifche, das Szekler-, das rumänifche und das galizifche Haus; verfchieden von diefer Art find das Elfäffer, das Vorarlberger, das Geidler und das ruffifche. Das rumänifche Haus war wohl das kleinfte von allen. Es war unbewohnt und fah fehr primitiv und öde aus. Wenn wir fchon beim Anblicke des Geidler Haufes über die Armuth und Einfachheit des Ganzen ftaunen, fo erfcheint es uns neben diefem rumänifchen Haufe doch wie ein Palaft. Das Geidler Haus hat eine Küche, abgetheilt vom Vorzimmer, und einen kleinen Herd, im erften Stockwerke Schlafkammern und einen Geländergang, der um zwei Seiten des Haufes herumläuft; an der Stirnfeite ein„ türmel". Daneben das rumänifche, ganz ichmucklos, nichts weiter enthält als ein Zimmer rechts und ein Zimmer links neben dem Vorhaufe. Im Vorhaufe wird auf der Erde Feuer gemacht, über dem ein Keffel hängt. Dabei ift zu erwägen, dafs der Geidler in einer der ärmften Gegenden des Landes, der Rumäne im fruchtbaren Banat wohnt. In der Mitte des Zimmers rechts fteht ein fehr kleiner primitiver Webſtuhl, An den Wänden diefes und des anderen Zimmers hängen Kleider und andere Gegenftände, die deutfch und rumänifch auf einem beigegebenen Zettel bezeichnet find:, kes, Túbákbäutel"; fleura, Flöte; klabetz, Pelzmütze; truhe(?), Tabakspfeife von Holz; oglinde, Spiegel; bruefchor, Gürtel; kimefch de om, Männerhemd; bruslug, Leibchen; ismenje, Schlafhofe, peptar, Wams. ploske, Holzflafche; fakje, Kopftuch; streitzä, Hirtentafche. Mehrere " Vorderfchürzen" katrincze und„ Hinterfchürzen": kiffeli. So ungenügend diefe Beigaben des walachifchen Bauernhauſes waren, fo belebten fie es doch einigermafsen und erinnerten an das Volk felbft und an deffen Leben. Die Rumänen Ungarns, Siebenbürgens und der Moldau und Walachei oder Rumäniens betrachten fich gerne als die Ureinwohner des Landes oder doch als Zurückgebliebene aus der Zeit der Römerherrfchaft in Dacien. Neuere Forfchungen haben bewiefen, dafs die Continuität römifcher Einwohnerfchaft in diefen Gegenden durch ein Jahrtaufend unterbrochen ift. In der Ausftellung Rumäniens war der Goldfchatz von Petroffa ausgeftellt, der dafelbft 1837 ausgegraben worden ift. Er ftammt aus dem IV. oder V. Jahrhunderte. Der könnte uns wohl erzählen, ob damals Rumänien von Rumänen bewohnt war. war. Der Schatz ftammt von damaligen Bewohnern des Landes, er trägt eine Infchrift, welche aber befteht aus altgermanifchen Runen und diefe Runen enthalten altgermanifche Worte! Man hält den Schatz für den eines Gothenfürften, etwa des Athanarich. Siehe darüber Wiener Abendpoft" vom 23. Auguft 1. J. Die Rumänen find als ein wanderndes Hirtenvolk allmälich aus dem oftrömifchen Reiche herüber gekommen und in Siebenbürgen und Ungarn, wohl erft nach Einwanderung der Siebenbürger Sachfen vorgedrungen. Wenn fie nach der Siebenbürger Verfaffung völlig rechtlos waren, fo ift diefs diefem Umftande zuzufchreiben. Sie benennen die Flüffe Aluta, Tibiscus nicht mit Namen, deren Form eine rumänifche Umgeftaltung der urkundlichen römifchen Form ift, fondern die Aluta nach der fiebenbürger- fächfifchen Benennung Alt: Oltu und den Tibiscus nach der magyarifchen Benennung Temes: Temešiu. Weiteres darüber fiehe bei Rösler, Dacier und Romänen. Wien, 1866. S. 71 f. " Unter allen romanifchen Nationen ift die walachifche oder rumänifche die einzige, die, wie fchon bemerkt, nicht aus einer Mifchung mit germanifchem Blute hervorgegangen ift. Hier ift das römifche Element mit dem flavifchen vermifcht. Dadurch ſtehen die Rumänen zurück. Hiermit ift nicht gefagt, dafs die Slaven den Germanen fo weit zurückftünden an Begabung. Für die flavifche Welt ift der Tag noch nicht angebrochen, fie fchlummert noch, träumt wohl auch. Ob ihr Tag je kommen wird, das zu erörtern, ift hier nicht der Platz. Die Germanen find das weltbewegende Element des Tages feit dem Sturze Roms. Und mit ihnen in erfter 3 188 మూ 32 Dr. K. J. Schröer. Reihe ftehen jene Romanen, die mit ihnen blutverwandt find. Die Rumänen gehören zur flavifchen Welt. Die oben angeführten Ausdrücke fcheinen mundartlich von der Schriftfprache abweichend und darum beachtenswerth. Wenn wir fie näher betrachten, fehen wir zugleich auch, welch' ein Gemifch die rumänifche Sprache ift. Kes heifst fonft kife a und ift türkifch kife, kifea de tutun, Tabaksbeutel, türkisch tütün kifefi. Rösler, griechifche und türkifche Beftandtheile in Rumänien. Wien, 1865. S. 38;-fleura, Flöte. Rösler a. a. O. gibt an fleur, Plaudertafche und leitet es ab von phúapos. Zu vergleichen ift zu der Bedeutung Flöte m agyar. furulya, Hirtenflöte, das Miklofifch: Slav. im Magyarifchen 56 zu fvire lb ftellt, daneben furuly a auch die Formen furelya und virelya beftehen. Aenlich klingt wohl auch pihópa, Lindenbaft. Die gewöhnliche rumänifche Form für Flöte flujer könnte auf lat. flare zurückgehen;-klabetz, Mütze, eine Nebenform fcheint kalpak, das auch magyarifch und türkifch ift, flovakifch klobuk;- oglinde, Spiegel, fonft oglinda ift flavifch; ferbifch ogledalo Miklofifch: Die flavifchen Elemente im Rumänifchen unter oglindь;- brueschar, Gürtel, fonft cingatore; kimefch de om, Männerhemd, fonft: camafche de omu. Zu mlt. camisia, franz. chemife, vergleiche Diez II., 102; bruslugift das oben magyarifch vorgekommene prufzlik, das aus bruft fleck entſtellt ift;- ismenje, Schlafhofe, fonft ismena, Hofe. Aus ferb. ismiena, Miklof: sflav. im Rumänifchen; peptar, Wams, aus pepta, lat. pectus, Bruft;-katrintze, Schürze. Magyarifch karincza, katrintza und katrinka in demfelben Sinne. In der magyarifchen Bibelüberfetzung des Münchener Codex( XV. Jahrhundert). Evang. Lucas 19, 20 ift fudarium( Schweifstuch): katrincza überfetzt. Die Bezeichnungen des Haufes und feiner Theile find fehr intereffant. Aus der römifchen Bauernfprache haben fich erhalten die Ausdrücke: aco peremintu das Dach, vergl. ital. coperto; caldare der Keffel ital caldaro; camora das Zimmer, lat. camara; cafa das Haus, lat. casa; curte der Hof, ital. corte, lat ,. cohors, chors; fereftra das Fenfter, lat. fenestra; mafa der Tifch lat. mensa; locuinta die Wohnung, fiehe darüber unten; porta das Thor; fcannu der Stuhl, lat. sc amnum; usche die Thüre, uscio, lat. oftium. Das Haus war demnach fehr einfach. Wenn auch die Römer allen Luxus kannten, und wenn auch ihre Nachkommen z. B. die Italiener, die Ausdrücke dafür bewahrten, zu den Vorfahren der Rumänen, den Hirten, ift davon nichts gedrungen. Sie kannten keinen Herd, ihre Thüre hatte keine Schwelle. Wir fahen, dafs das walachifche Bauernhaus keinen Herd hat. Den Begriff entlehnten fie von den Albanefen; fie nennen den Herd vatra, alb. Bárpe; vergl. auch flovakifch watra, Feuer im Freien; die Schwelle nennen fie auch mit einem albanifchen Worte prag, flovakifch práh. Wie aber das germanifche Wefen in das Leben aller Völker Europas umgeftaltend eingriff, fo ift auch hier wahrzunehmen, dafs eine grofse Zahl von Ausdrücken germanifchen Urfprungs ift. Ein Theil davon, den die rumänifche Sprache mit dem Italienifchen und anderen romanifchen Sprachen gemein hat, gehört einer älteren Zeit an, wo das Rumänifche noch mit der Vulgärfprache des römifchen Reiches im Zufammenhange ftand. Ein Theil ift fpäter aus der flavifchen und der magyarifchen Sprache, oder direct aus dem Deutfchen her übergenommen. Deutfche Wörter: detu, fprich: zetzu, dfets, Seffel. ahd. fëz, fëzal; gardu n. der Zaun, auch alb. garde, goth. gards duós, 6ixía, àun; graidu m. der Stall, ftimmt in der Bedeutung zu goth. garda m. v. Stall; gradina Garten, ital. giardino ift in alle rumänische Sprachen übergegangen; locuinta Wohnung, von: a lo cui wohnen; ital. alloggiare ift auf logia zurückzuführen, das, wie wir oben S. II fahen, von laubja Laube abftammt. Sollte a locui auf das lat. locare( vergl. caftra Das Bauernhaus mit feiner Einrichtung und feinem Geräthe. 33 locare) zurückzuführen fein, dann wäre die Aehnlichkeit mit ital. alloggiare eine zufällige und locuinta zu den romanifchen Wörtern zu ftellen; patre m. Bette, goth. badi, Bette, magyar. pad Bank. Davon verfchieden erfcheint die Stammfilbe in den rumänifchen Formen: podu Dachboden, Brücke, Bühne, podela, podina Fufsboden, die auf das deutfche Boden ahd. podam mhd. bodem zurückzuführen find. Im Slavifchen pod tabulatum, pad Hausboden, Boden, Bank, magyar. pad Bank, Boden; flovak. podláž magyar. padlás, Boden, Diele, fieh Miklofich flav. im magyar. S. 47, wird nicht klar, wie die Begriffe Bette und Bank mit dem Begriffe Boden zu vereinigen find. Durch die Verfchiedenheit der Formen patu Bette und podu Boden im Rumänifchen, die den Formen goth. badi Bette und ahd. podam entſprechen, wird wahrfcheinlich, dafs auf diefe germanifchen Formen zurückzugehen ift; dann ift magyar. pad Bank von pad Boden zu trennen. Ueber die Etymologie von ahd. podam und fl. pod fiehe Grimm Wörterbuch 2, 209 goth. badi gehört zu bidjan, lat. petere zu Sansk. pat cadere; ahd. podam zu Sansk. budhua aus bath fodio; fala f. Vorhaus, Thor; ital. fpan. port. prov. fala aus ahd. sal n. Saal, Vorfaal; soba f. Ofen, alb. isbe, altfl. iftьba, daher tfchech. izba, ferb. foba, magyar. fzoba: Zimmer. Aus ahd. ftubâ heizbares Gemach. Ital. wurde daraus ftufa. Es ift erfichtlich, dafs die rumänifche Form hier aus dem Serbifchen oder Magyarifchen entlehnt ift; šura f. Scheuer; ahd. scûra, sciura mhd. fchiure. Daher magyar. csür frz. écurie. - Aus der Zeit der Gemeinfamkeit mit den von germanifchem Elemente verquickten römifchen Leben haben die Rumänen demnach noch die germanifchen Wörter für Garten, wohnen, Wohnung und Vorfaal. Die übrigen genannten Ausdrücke find aus dem Slavifchen oder Magyarifchen entlehnt. Ob zetzu dețu magyar. szék ahd. fëz, graidu Stall, patu Bett, podu Boden, šura Scheuer, nicht uomittelbar und fchon in alter Zeit entlehnt find, darf gefragt werden. Deutfches im Rumänifchen wird angeführt in Diez rom. Gramm 1,140. Schott walach. Märchen S. 25. Dazu wäre manches nachzutragen z. B. baiu Qual, das auch magyar. b aj heifst, ift gewifs nicht zu goth. balv jan zu ftellen eher zu goth. vai ahd. wê gr. oúai altfr. wai. Das Vorarlberger Bauernhaus. Unter allen ausgeftellten Bauernhäufern den freundlichften Eindruck machte das Vorarlberger Bauernhaus. Im Kataloge ift es merkwürdiger Weife nicht in der XX.( Bauernhaus), fondern in der XIX. Gruppe( bürgerliches Wohnhaus) einge. tragen, jedoch als„ Bauernhaus" bezeichnet und dargestellt von der Ausftellungscommiffion Feldkirch, Vorarlberg. Seiner Bauart nach unterfcheidet es fich fowohl von dem gewöhnlichen Tiroler oder Schweizer Stil und gleicht in feiner einfachen Form und Eintheilung im Ganzen dem deutfchen Bauernhaufe am Rhein und in Mittel- Deutfchland, wie wir es oben fchilderten. Der Eingangsthür gegenüber befindet fich die Küche und rechts vom Vorhaufe aus gelangt man in die Wohnftube, in die„ ftube", das heifst, das heizbare Zimmer. Vom Vorhaufe aus gelangt man in den oberen Stock in die ,, kammern." Links vom Eingange im Flure fchliefst fich fonft in Vorarlberg fogleich an das Wohnhaus der Kuhftall an, was hier nicht zur Darstellung gebracht ift. Diefe Eintheilung fanden wir auch oben S. 7 im rhein- fränkifchen und im Wefentlichen auch im oberfächfifchen, fowie auch im Geidler Bauernhaufe. Hier hat fich nur diefe einfache Form durch das Hinzukommen neuer Bedürfniffe zu einem reicheren Organismus entwickelt. Das Erdgefchofs wurde gehoben, fo dafs 3* 34 Dr. K. J. Schröer. Vorarlberser Bauernhaus man auf Stufen zur Eingangsthüre gelangt. Der fo einfache Gang im erften Stockwerke des Geidler Haufes, die Laube beim fiebenbürgifch- fächfifchen Haufe, ift hier eine breite Gallerie,„ der Schopf" genannt, die fowohl ebenerdig als im erften Stockwerke die Eingangsfeite des Haufes ziert, und nach einer Seite offen, an den Seiten gefchloffen und oben gedeckt, ein angenehmer Aufenthaltsort im Freien ift, der, wie die Tifche, Bänke und Stühle dafelbft zeigen, von der Familie benützt wird. Zu der Stube ift ein zweites Gemach hinzugekommen, der gaden genannt, das Schlafzimmer, an das fich noch ein kleines Zimmer, das ftübel, anfchliefst. Diefen Räumen entſprechen im erften Stockwerke ähnliche Zimmer in derfelben Eintheilung, die aber nicht heizbar find, und alle zufammen kammern heifsen. Auch die Rückfeite des Haufes ift mit Gallerien verfehen, die hier mehr als Vorrathskammern für Holz,„ der Holzfchopf," und dergl. benützt werden. Was aber dem Haufe ein fo freundliches Ausfehen verleiht, das find die fchönen Verhältniffe und die nette Ausführung des Ganzen. Es ift ein Holzbau. Der gröfste Theil der Aufsenfeite ift gefchindelt", das ift fchuppenartig mit rund auslaufenden, feinen Schindeln bedeckt. Dadurch aber, dafs ein Theil des Haufes, mit richtigem Verſtändniffe der Conftruction, nicht gefchindelt ift, tritt die Zeich nung ausdrucksvoller hervor und gewinnt das Ganze an Leben. An der Gaffenfeite, die uns die ganze Tiefe des Haufes von fünf Fenſtern zeigt, find die Wand mit dem erften und die Wand mit dem letzten Fenfter nicht gefchindelt. Das erfte Fenfter ebenerdig und im erften Stocke gehört zu dem Schopf, zur vorderen Gallerie des Haufes, alfo zu einem leichteren Vorbau. Diefe Schopffenfter ftehen 7 4 Das Bauernhaus mit feiner Einrchtung und feinem Geräthe. 35 auch nicht in gleicher Höhe mit den drei mittleren Fenftern, die ebenerdig zur Stube und zum Boden, oben zu den Kammern gehören. Das letzte Fenfter gehört zum„ ftübel", diefs ift aber nur eine Abtheilung des hinteren Schopfs, alfo auch ein leichterer Anbau. Der gemauerte Unterbau mit den Kellerfenftern, ift natürlich auch nicht gefchindelt. Die Verhältniffe der Fenfter machen einen behäbigen Eindruck; fie find grofs, in ziemlicher Entfernung von einander und deuten auf lichte, geräumige Zimmer. Bis zum Dachfirft ift das Vorarlberger Haus kaum höher, als das Geidler; bei dem letzteren nimmt aber einen grofsen Theil der Höhe das hohe Dach ein; die Zimmer find niedrig. Bei dem Vorarlberger Haufe ift das Dach leicht und mehr flach, am Rande mit Schnitzwerk geziert, dafür find die Zimmer höher. Was nun die Einrichtung und die Bewohner des Haufes anlangt, fo ftand das Vorarlberger Haus hinter dem fiebenbürgifch- fächfifchen und felbft dem Geidler darin zurück, dafs weder Vollständigkeit der inneren Einrichtung eines Bauernhaufes angeftrebt war, noch in Bezug auf die Bewohner das Bild des Familienlebens gegeben wurde. Sowohl der Inhalt des Zimmers, als die Refchäftigung der Bewohnerinnen machten den Eindruck einer Fabrik und ftellten nur eine Seite häuslicher Gewerbethätigkeit dar, die weiblichen Stick arbeiten Vorarlbergs. - Die Mädchen, die das Haus bewohnten, in ihrer eigenthümlichen Tracht, mit ihrem anmuthigen alemannifchen Wefen, machten allerdings den beften Ein druck und es kann ihnen nicht Schuld gegeben werden, wenn fie uns den vollen Begriff des ländlichen Familienlebens zu geben nicht im Stande waren. Einige bemerkenswerthe Ausdrücke, die im Vorarlberger Haufe zu hören waren, mögen auch hier mitgetheilt werden. Die dile, Diele, hier in der Bedeutung Zimmerdecke; ahd. dillâ; fürben auskehren; fürbentrückli n. das Kehrichtfafs, vergl. ahd. furapjan, furban, mhd. vürben, daher ital. forbire franz. fourbir; gaden m. kleineres Zimmer mit einem Fenfter neben der Stube; ahd. gadum mhd. gaden; häfs n. die Kleidung; häfskaften Kleiderfchrank mhd. hæze n. von hâz m;- keer m. Keller, auch in Appenzell und Unterwerden kehr m. Keller; Stalder 2, 93;-mefsli n. die feltfame Kopfbedeckung der Montafonerinnen, ein cylinderförmiger, hoher Männer- Filzhut ohne Krämpe; mottl n. Mädchen, könnte als meitel von mhd. meit, maid, Magd aufgefafst werden; denn mhd. ei wird in Vorarlberg oft o vergl. rotte; vergl. jedoch grödnerifch mutta mädchen;-ômer m. Eimer vergl. rotte, mottl; rotte f. das Geftell, ahd. reita s. d. f; fchaffrotte, Küchenfchrank, ahd. scafareita;- fchapel n. der goldene Kopffchmuck der Jungfrauen an Fefttagen. Eine Art Krone, mhd. fchapel n. Kranz als Kopffchmuck, altfranz. chapel aus fpätlatein capa japanifch kapa Mantel;- fchopf m. Vorhaus, Geländergang, ahd. fchop f veftibulum, introitus; mhd. fürfchopf porticus; fch melk f. Mädchen vergl. Schmeller 3, 470. Schöpf 603; fchüffelft enn f. Schüffelgeftelle; feffel m. der gepolsterte Stuhl; ftul m. der hölzerne gewöhnliche Stuhl; ftube f. das heizbare Zimmer; ftul f. feffel; troc m. eine comodenartige, aus hartem Holz ge chnitzte grofse, tifchhohe Truhe, deren obere Platte aufgehoben wird, um etwas hinein zu legen; ahd. troc, altfranz., wallach. troc, ital. truogo. - Das Wort fchopf kommt in obiger Bedeutung in Schöpf's tirolifchem Idiotikon nicht vor, doch bemerkt Stalder in feinem Schweizer Idiotikon 2, 348: der fchopf heifse auch die Hausflur in einem Bauernhaufe in Appenzell, alfo ganz in der Nachbarfchaft von Vorarlberg. Diefs eine Wort bezeugt uns fogleich, dafs der Vorarlberger nach Stamm und Sprache nicht zum markomannifchen( baierifchen) Tiroler, fondern zum alemannifchen Schweizer zu rechnen ift. Vorarlberg ift das w eftlichfte Gebiet unferer Monarchie, das einzige, in dem die alemannifche Mundart gehört wird, die Mundart jenes deutfchen Stammes, aus dem fowohl die Welfen als die Hohenftaufen, die Habsburger wie die Hohenzollern entfprungen find. 36 Dr. K. J. Schröer. Das Ländchen ift herrlich gelegen. Von Tirol, der Schweiz und Baiern begrenzt, an den Bodenfee und vier bis fünf Meilen lang auch an den Rhein ftreifend, reich an Wäldern und Weidetriften in den fchönen Alpenthälern. In diefem Ländchen denken wir uns nun den fleifsigen, begabten, alemannifchen Volksftamm, der durch Gewerbfleifs und Handel das reichfte Leben hervorruft! Die Bevölkerung des Ländchens, nicht viel über 110.000 Seelen ftark, entwickelt eine aufserordentliche Gewerbthätigkeit. Dort werden in 18 Kalköfen jährlich 52.000 Zentner Kalk gebrannt, hier, in der Schwarzacher Schlucht, werden jährlich 40.000 Zentner Wetzfteine erzeugt; an den Bergabhängen find 118 Sägemühlen thätig, die etwa 11 Million Breter hervorbringen, und hoch oben in der Alpenwelt wird Käfe und Schmalz producirt, wovon im Jahre gegen 15.000 Zentner ins Ausland gehen. Gegen 50.000 Zentner Baumwolle werden in den Spinnereien verarbeitet und von den Webereien in façonnirte Gewebe umgeftaltet. Mit dem Rothgarn Vorarlbergs wird faft die ganze Monarchie verforgt. Und welchen Fleifs die weiblichen Hände entfalten, bezeugen die Stickereien Vorarlbergs! In Dörfern der Ebene, im Bregenzer Walde, auf der Höhe und im Thale fieht man des Sommers Frauen und Mädchen vor den Häufern unter den reichen Obftbaum- Pflanzungen oder in dem gefchilderten„ Schopf" fleifsig fticken und im Winter findet man in den Häufern überall Gefellſchaften mit Stickereien befchäftigt, Arbeiten, die im Handel felbft nach Amerika gehen und mit denen das weib. liche Gefchlecht fchöne Summen erwirbt. Ueberall gewahrt man Nettigkeit und Ordnung und das ungezwungene Benehmen, das dem Vorarlberger eigen ift, die Schönheit und Anmuth des ganzen Volksftammes, die allfeitige Thätigkeit, Alles trägt dazu bei, die Naturfchönheit des Landes auf das erquickendfte mit freundlichen Staffagen zu beleben. Aus diefer Welt ift das Vorarlberger Bauernhaus, bei deffen Anblick uns die Worte eines Vorarlberger Dichters, Vonbun, einfallen, die zugleich als Mundart- Probe hier ftehen mögen: I mein i fech mis Aettis Huus ( Ich meine, ich fehe meines Vaters Haus), Es gugglet ftill zom Bomgert uus ( Es fchaut ftill aus dem Baumgarten heraus) Und s' ftigt der Rooch( Rauch) vom Schindladach Zem Obedhimmel( Abendhimmel) uuf alsgmach. I mein, i fech noch d's Söllerli, Es fchimmert wiifs im Obedfchie( Abendfchein) Und d'Huusehr ifchd druuf zemakoo( zufammengekommen) Und wil a bitz fi z'Rueha loon ( Und will ein wenig ausruhen). Der Aetti( der Vater) zündt fi Pfiifli aa Und d'Muetter fetzt fie nebe dran Und hebt( hält) de Jüngfchta noch im Arm So fargfam decht( doch) und, oh, fo warm! So umgeben und belebt müffen wir uns das Vorarlberger Haus denken. Und zu diefer häuslichen Szene vor dem Haufe denken wir uns nun noch, dafs hoch von der Höhe herab ein Lied eines Alpenhirten gehört wird. Vonbun hat einige aus dem Munde des Volkes aufgefchrieben, z. B.: Dia n'i liab, muafs liabla fii ( Die ich liebe, mufs lieblich fein), Sos wird fie friili nit die mii ( Sonft wird fie nicht die meine), Mit Farba frifch und g'fund, Mit Bagga voll und rund, Mit Ooga wie zwö Sternelii; Korz fie muafs halt liabla fii! Das Bauernhaus mit feiner Einrichtung und feinem Geräthe. 37 n == n n <, t, e n 1 Wenn wir die geräumigen Zimmer des Vorarlberger Bauernhaufes betraten, lernten wir die Vorarlberger Stickerinnen kennen, die auch Proben ihrer Arbeit ausgeftellt hatten. Sie tragen, wie bemerkt, ihre eigenthümliche Nationaltracht. Eine aus dem Bregenzer Walde, die eigenthümliche, fchwarze, pyramidifche Wollmütze, kappe genannt, eine andere aus Montafon, einen hohen Filzcylinder ohne Krämpe, das mefsli. Auch das goldene Krönlein, fchap el genannt, das nur bei feftlichen Gelegenheiten getragen wird, wurde auf Verlangen freundlich gezeigt. Nur die Verfchiedenheit der Tracht deutet noch auf die Verfchiedenheit der Abftammung hin. Die Montafoner, die jetzt deutfch fprechen, find nämlich romanifcher Abftammung. Noch bis ins XVII. Jahrhundert hinein wurde hier der fogenannte rhäto- romanifche Dialect gefprochen. Aufser diefen urfprünglich nicht alemannifchen Vorarlbergern romanifcher Abftammung zählt das Ländchen auch noch 6000 Walfer in den beiden Walferthälern, die Bergmann für burgundifchen Stammes erklärte. Sie unterfcheiden fich in der Sprache etwas von den übrigen Vorarlbergern; ihre Mundart ift verwandt jenen deutfch- lombardifchen Mundarten, von denen die der fogenannten Cimbri und die von Gottfchee die bekannteften find.** Wer nähere Auskunft über Vorarlberg fucht, dem ift zu empfehlen, das Büchlein von Dr. Jofef Ritter v. Bergmann, dem hochverdienten Gefchichtsfchreiber Vorarlbergs, feines Heimatslandes: Landeskunde von Vorarlberg. Mit einer Karte. Innsbruck und Feldkirch 1868. Das Elfäffer Bauernhaus. Die elfafs- lothringifche Landescommiffion für die Wiener Weltausftellung hat ein„ Modell eines elfäffifchen landwirthschaftlichen Anwefens" ausgeftellt, ,, welches zugleich zur collectiven Aufnahme aller angemeldeten Gegenstände aus Gruppe II( Land- und Forstwirthschaft) und IV( Nahrungs- und Genufsmittel) diente( Siehe Katalog der Ausftellung des deutfchen Reiches, S. 551)." Aufserdem war das Haus als Gaftwirtshaus benützt. Dasfelbe entſprach leider nicht dem Aushängefchilde, mit der Auffchrift„ Zum Bure Hifel", worunter fogar noch das volksmässige Pentagramm als Bierzeichen, mit einem fchäumenden, gefüllten Glafe in der Mitte, angebracht war. Es wäre nun nicht übel gewefen, wenn man hier einen ländlichen Schenkwirt aus dem Elfafs mit entsprechender Dienerfchaft angetroffen hätte, die landesübliche Speifen und Getränke zu mäfsigen Preifen vorfetzten. Diefs war leider nicht der Fall. Abgefchmackt modern franzöfelnde Kellner und moderne Ausftellungspreife, was Alles nicht in das länd liche Anwefen pafst. Ober der Einfahrt ftand die Infchrift: Halt feft am Reich Bauer, Es fall füfs oder fauer, was eine doppelte Deutung zuliefs. Das Elfaffer Bauernhaus ftellte nicht nur den Theil eines ländlichen Anwefens dar, der zur Wohnung dient, fondern auch die Nebengebäude. Das Ganze beftand aus zwei ftockhohen Fachwerk- Bauten, die durch eine Mauer mit dem Einfahrtsthore verbunden waren. Rechts neben der Einfahrt befand fich das eigentliche Wohnhaus, links fehen wir die Wirtſchafts- Gebäude, die auch den hinteren Hofraum einnehmen. * Si truogen ûf ir houbet von golde liehtiu bant: daz wâren fchapel rîche( Nibelungenliede 1654( 1594). Das Wort wurde bereits oben befprochen. ** Ein ,, cimbrifches Wörterbuch" von Schmeller und Bergmann erfchien bekanntlich 1855, ein Wörterbuch der Mundart von Gottfchee 1870, fiehe oben Seite 5 38 XPX Dr. K. J. Schröer. www Die Bauart hat etwas ftädtifches. Die älteren Häufer von Strafsburg unterfcheiden fich nicht viel von dem zur Wohnung dienenden Theile diefes Bauernhaufes. Auch in Strafsburg fehen wir nämlich noch ältere Häufer aus Fachwerk. Ueber das Innere bot uns das Elfäffer Haus wenig Belehrung, da es zum Theile als Gaftwirthschaft, zum Theile als Ausftellungsraum benützt war. Ein verfchloffen gehaltenes Bauernzimmer mit Holzgetäfel fcheint nur den Zweck gehabt zu haben, bei dem Befuche der deutfchen Kaiferin gezeigt zu werden. An jenem Tage fafsen Elfäffermädchen in jenem Zimmer und ſpannen, die nach diefem Befuche wieder verfchwunden find! Siehe darüber Wiener Abendpoft vom 8. Juli 1873. - Der Eingang des Wohnhaufes, von dem aus rechts die verfchloffene Bauernftube fich befindet, die Treppe im Flure, die zu dem oberen Stockwerke führte, zeigten eine Anlage, wie fie bereits befprochen ift. Die Räume links vom Eingange, zu Gafthaus- Zwecken benutzt, liefsen ihre urfprüngliche Beftimmung nicht erkennen. Das Haus machte im Ganzen einen günftigen Eindruck und liefs auf eine hohe Culturftufe des Elfäffer Bauernftandes fchliefsen. Dem Programm der XX. Gruppe: Das Bauernhaus mit feinen Einrichtungen und feinem Geräthe ift es nur zum Theile nachgekommen, indem es die äufsere Geftalt des Bauernhaufes anfchaulich machte, die innere Eintheilung und Einrichtung aber wegen Verwendung des Haufes zu anderen Zwecken nicht darzustellen verfuchte Das Bauernhaus mit feiner Einrichtung und feinem Geräthe. Das ruffifche Bauernhaus. 39 Es hat Aufregung verurfacht, dafs das ruffifche Bauernhaus, von Gromoff in Petersburg ausgeftellt, vom Architekten Winterhalter gebaut, durch das Preisgericht vor allen anderen Bauernhäufern ausgezeichnet wurde. Nach dem Kataloge gehört es in die XX. Gruppe, das Preisgericht hat es aber als Gegenftand der XVIII. Gruppe als architektonifches Kunftwerk, ausgezeichnet. Diefs war es in der That und kam eigentlich in der XX. Gruppe nicht in Betracht. Es find die Motive dem ruffifchen Bauernhaufe entnommen und idealifirt zur Darstellung gebracht worden. Ruffen, die es befuchten. lachten darüber und fagten:„ Lüge, Lüge! nirgends in Rufsland findet man folche Bauernhäufer!" Wenn das Haus als echtes Bild eines ruffifchen Haufes aufträte, wäre ein folcher Ausruf wohl berechtigt gewefen und wenn es in die XX. Gruppe geftellt ward, war er es auch. Da aber über der Thür der Name des Architekten Winterhalter zu lefen war, fo haben wir hier keine„ Lüge" vor uns, fondern ein Kunftwerk nach Art ruffifcher Häufer. Es ift ein Holzbau, reich verziert mit Schnitzwerk. Eine Wand von Holzgitter und Breterwerk mit dem bedachten Einfahrtsthore verbindet die beiden Theile des Ganzen. Vor der Einfahrt links befindet fich das Wohnhaus, zu dem eine befondere Eingangsthüre führt. Das Wohnhaus beſteht aus einem ebenerdigen Zimmer mit kleinen länglichten Fenftern, wie fie auf dem Bilde zu fehen find und aus einem Zimmer im erften Stockwerke mit grofsen Fenſtern und gefchmackvoller Einrichtung, wohl Alles nach Angabe des Architekten. In diefem Zimmer fafs ein Ruffe, der auch deutfch konnte. Wenn das Haus nicht als echtes Bauernhaus gelten konnte, diefer Mann ist zweifellos ein echtes Exemplar, etwa eines ruffifchen Soldaten, bei dem das Anfehen, das er fich im Hinblick auf die Macht, die er vertritt, gab, feltfam ftimmt zu feiner Bildung.- Ein harmlofer Befucher richtete an ihn die Frage, indem er auf ein Zimmergeräth wies:" Was ift das?" worauf der Ruffe mit zornigem Blick ihn anfuhr mit der Antwort:„ Das geht Sie nichts an!" Auf die Frage: Wie nennt man das ruffifch?" antwortete er:„ Das brauchen Sie nicht zu wiffen!" Der Fragende lachte und fragte weiter, worauf der ruffifche Ausstellungsmann mit der Miene eines Gendarmen, der einem Verbrecher auf der Spur ift, fragte:„ Was fragen Sie folche Dinge?"- Diefe Figur war nun wohl originell, gibt uns aber, wie wir gefehen haben, nichtsdeftoweniger über das Innere eines ruffifchen Bauernhaufes keinen Auffchlufs.- In dem Wohnhaufe befand fich neben dem ebenerdigen Zimmer noch eine kleine Küche und dann ein nach der Hoffeite offener Raum, der als Drefchtenne und Scheuer benützt werden mag. In der Ecke kommt man in einen Pferdeftall. Die hintere Hoffeite hatte wieder einen feitlich offenen Scheuerraum, und die zweite Ecke einen Kuhftall. " Auf der rechten Seite neben der Einfahrt fehen wir ein kleineres Gebäude, das als Vorräthekammer benützt werden mag. Diefe Eintheilung wird wohl im Allgemeinen in ruffifchen Bauernhäufern fo vorkommen, wenn hier auch Alles viel vollkommener und reicher ausgeführt erfchien. Beachtenswerth ift, dafs die Eintheilung im Ganzen zu den deutfchen Bauernhäufern ftimmt und von der des kroatifchen und galizifchen Haufes abweicht. Das galizifche Bauernhaus. Das einzige Bauernhaus auf der Weltausftellung, das mit Stroh gedeckt war, war das galizifche. Es ift dem rumänifchen ziemlich ähnlich.- Auch diefes Haus war benutzt von der landwirthschaftlichen Abtheilung der Brodyer Ausftellungscommiffion zu einer forftlichen Collectivausftellung. Es war alfo auch hier das Innere nicht eingerichtet und die Aufgabe der XX. Gruppe nicht erfüllt 40 - Dr. K. J. Schröer. worden. Ueber das Haus fanden wir keine Auskunft. Ob es das Haus eines Ruthenen oder Polen oder Slovaken war?- Einige Heiligenbilder in den Zim mern fahen ruffifch- byzantinifch aus. Einige gemalte Möbelftücke waren ohne befondere Eigenthümlichkeit. Die Eintheilung des Haufes, das nur die Woh nung im engeren Sinne darftellt, ftimmte mit der des walachifchen Haufes. Das Haus war ebenerdig. Dem Eingange gegenüber der Herd, rechts und links je ein Zimmer, wie im Siebenbürger fächfifchen, im Szekler und im walachifchen Bauernhaufe. Das kroatifche Bauernhaus. Diefes Haus hatte viel von fich reden gemacht. Es war immer verfchloffen und als an den Vorftand der kroatifchen Ausftellungscommiffion defshalb eine Anfrage geftellt wurde, erklärte er: Einen Theil brauche er als Empfangszimmer, einen Theil brauche ein Anderer als Wohnung und dergl., man könne das Haus von Aufsen fehen. Es war fo hoch als das Geidler Haus, hinter dem es ftand. Ebenfo ein ftockhohes Blockhaus. Nur waren die Balken nicht von dem Erbauer zurechtgehauen, fondern das Erzeugnifs einer Dampffäge. Die Thür- und Fenfterver kleidungen aber waren moderne Tifchlerarbeit. An die volle Einhaltung des Programms hatten die Ausfteller felbft nicht gedacht. Hervorzuheben ift, dafs hier wie in den galizifchen, walachifchen und den fiebenbürgifchen Häufern von dem Eingange aus rechts und links je ein Zimmer angebracht ift; indem aber die anderen Häufer, an denen wir diefe Eintheilung bemerkten, vorn ebenerdig waren, hatte das kroatifche Haus ein Stockwerk, wie das Geidler, Vorarlberger, Elfäffer etc. Statt eines Geländerganges, wie das Geidler Haus hatte, fahen wir am kroatifchen Haufe nur einen kleinen Balcon im erften Stockwerke in der Mitte Rückblick. Der Stoff, den uns die neun Häufer der Ausftellung boten, war nicht hinreichend, um daraus allgemeine Typen volksmäfsiger Bauart abzuleiten. Dennoch ift das Uebereinstimmende und Abweichende, das wir an ihnen wahrgenommen haben, derart, dafs es hervorgehoben zu werden verdient und vielleicht zu weiteren Beobachtungen Anregung gibt. Den Bauernhäufern ift in der Regel eigen, dafs fie in einem Hofe ftehen, fo dafs vorn die fchmälere Giebelfeite des Wohnhaufes auf die Gaffe, die breitere in den Hofraum zu ftehen kommt. Das Siebenbürger fächfifche Haus z. B. hat man fich der breiten Seite nach im Hofe ftehend zu denken, und die fchmälere Seite mit der Infchrift fteht der Gaffe zugekehrt. Bei dem Geidler Haufe ift die Gaffenfeite die mit dem Thürmel etc. Das Szekler, das Elfäffer und das ruffifche Haus, die auch den Hofraum und das Einfahrtsthor in denfelben darftellen, machen diefe Stellung erfichtlich. Die Stellung der wirthschaftlichen Nebengebäude ift nur in dem Elfäffer und ruffifchen Haufe zu erfehen. Im erfteren freilich war der Zweck der einzelnen Räume verdeckt, weil diefelben, wie bemerkt, zu Ausftellungszwecken verwendet wurden; im letzteren war Alles idealifirt, fo dafs wir nicht wiffen, in wiefern das Bild, das wir gewinnen, der Wirklichkeit entspricht. Wir haben unfere Betrachtung auf die Wohnung im engeren Sinne befchränkt. Diefe Wohnungshäufer nun zerfallen in zwei deutlich unterfcheidbare Typen. Das Wohnhaus ift entweder nur ebenerdig oder es hat noch ein oberes Stockwerk Wenn es ein oberes Stockwerk hat, dann ift die Eingangsthür nicht mes im ne bh. Das je en en ne er, us ein ht. er. Les en er ng ie as m h n e e r 1 1 T Das Bauernhaus mit feiner Einrichtung und feinem Geräthe. 41 in der Mitte der breiten Seite des Haufes im Hofe, fondern mehr links. Sie führt in den Flur, von dem man geradeaus in die Küche und rechts in die Stube gelangt. Links ift kein weiteres Zimmer angebracht, fondern hier fchliefsen fich unmittelbar Stallungen, Scheunen oder andere Wirthschaftsräumlichkeiten an. Vom Flure aus führt eine Treppe in das obere Stockwerk zu den Kammern, das heifst unheizbaren Schlafzimmern und Vorrathsräumen. Diefs ift der Grundtypus, wie es fcheint, des deutfchen ländlichen Wohnhaufes. Wir fanden diefe Grundzüge in Bauernhäufern des mittleren Deutſchland, oben Seite 7 f., und ebenfo in den Häufern aus Geidel, Vorarlberg, in dem Elfäffer und im ruffifchen Haufe, nur dafs im letzteren, wie im oberfächfifchen Bauernhaufe, oben Seite 8 f., das Hauptgebäude links vom Einfahrtsthor fteht, indem es fich fonft rechts befindet, wodurch alle Verhältniffe modificirt find und auch vom inneren Eingange aus die Stube links, wie in Oberfachfen, nicht rechts, wie in Franken, zu fuchen ift. Der zweite Typus von Häufern, die auf der Ausftellung vertreten waren, hat kein oberes Stockwerk, aber ftatt deffen vom Flure aus fowohl rechts als links je ein Zimmer. Das finden wir im Szekler, im rumänifchen und im galizifchen Haufe, fo dafs wir hier vielleicht eine uralte Tradition zu erkennen haben, die von dem deutfchen Typus verfchieden ift. Das Siebenbürger fächfifche Haus und das kroatifche fuchen beide diefe verfchiedenen Typen zu vereinigen. Erfteres hat neben dem Flure ein Zimmer rechts und eines links und kein oberes Stockwerk. Hingegen ift die ganze Wohnung fo hoch herausgebaut, dafs eine Treppe hinauf zur Eingangsthüre führt. Dafs hier die Küche vom Flure nicht abgetheilt ift, fo dafs man den Herd von der Eingangsthüre aus vor fich fieht, erinnert an das rumänifche Haus, nur dafs hier kein Herd angebracht ift, fondern das Feuer auf der Erde gemacht wird. Das kroatifche Haus hat ein Zimmer rechts und eines links vom Eingang und doch ein oberes Stockwerk. Intereffant ift, dafs der Rumäne mit dem Gegenftande auch das römifche Wort für den Herd verloren hat; er nennt den Herd mit einem albanifch- flavifchen Worte watre. Bei diefem Volke, das fich von den weltbeherrfchenden Römern ableitet, fahen wir die primitivfte Art einer Wohnung. Wie der volksmäfsige Bau auf Grundlage des angegebenen Typus fich erweitern läfst durch Zubau von Kammern und Gaden etc., das fehen wir bei dem Elfäffer und dem Vorarlberger Haufe. Ift der Typus des deutfchen Bauernhaufes, der auch nach Rufsland übergegangen ift, wie wir ihn oben nach den Häufern auf der Ausftellung in Grundzügen angedeutet, alt und allgemein deutſch, fo ift doch nicht anzunehmen, dafs derfelbe die einfachfte Art deutfcher Wohnhäufer darftellt. Es mufs eine noch einfachere Stufe vorangegangen fein. Diefs fcheint fich daraus zu ergeben dafs das Wort Zimmer, das das einfach gezimmerte Gemach bezeichnet, für keine Räumlichkeit diefer Häufer verwendet wird. Im Geidler Haufe heifst die Küche Stübel, die heizbare Wohnftube: Stube, die oberen Räume heifsen Kammern. Ebenfo im Vorarlberger Haufe. Daraus möchte zu fchliefsen fein, dafs das Haus, in welchem das Hauptgemach Stube heifst, mit der Einführung von Zimmeröfen zufammenfällt und eine höhere Entwickelungsftufe bezeichnet. Zur felben Zeit mögen die unterirdifchen Tungen( fiehe oben S. 6) als Winteraufenthalt aufser Gebrauch gekommen fein. t