OFFICIELLER AUSSTELLUNGS- BERICHT HERAUSGEGEBEN DURCH DIE GENERAL- DIRECTION DER WELTAUSSTELLUNG 1 8 7 3. KIRCHLICHE KUNST. ( Gruppe XXIII.) BERICHT VON HANS PETSCHNIG, k. k. Profeffor und Architekt in Wien. WIEN. DRUCK UND VERLAG DER K. K. HOF UND STAATSDRUCKEREI. 1873. VORWORT. Nach dem Programm der officiellen Berichterstattung über die Wiener Weltausstellung 1873 foll der officielle Bericht noch ,, während der Feier des internationalen Feftes abgefafst und aufgelegt werden". Diefe Beftimmung zu erfüllen, übergibt die gefertigte Redaction des officiellen Berichtes in der vorliegenden Form die einzelnen Sectionsberichte der Oeffentlichkeit und glaubt damit den Befuchern der Weltausftellung das Studium derfelben wefentlich zu erleichtern. Nur eine Bemerkung fei an diefer Stelle geftattet. Der vorliegende, wie jeder andere während der Weltausftellungs- Feier publicirte Bericht wird einen Theil des officiellen Berichtes bilden, welcher nach dem Schluffe der Weltausftellung als ein Ganzes erfcheinen und die wiffenfchaftlichen Refultate der Ausftellung für die Dauer erhalten foll. Diefs mag dem Lefer die ftiliftifche Form, in welcher bereits die Vergangenheit der Ausftellung angenommen ift, erklären. PROFESSOR DR. CARL TH. RICHTER, Chefredacteur des officiellen Berichtes. KIRCHLICHE KUNST. ( Gruppe XXIII.) Bericht von HANS PETSCHNIG, k. k. Profeffor und Architekt in Wien. EINLEITUNG. Die letzte Parifer Ausstellung 1867 hatte die kirchliche Kunft nicht in eine Gruppe zufammengefafst; zerftreut, in den verfchiedenen einfchlägigen Gruppen, mufste man diefe Richtung der Kunftinduftrie und des Kunftgewerbes erft mühfam auffuchen, um einen Ueberblick über die Thätigkeit der Arbeit in dem Gebiete der Kirche zu erhalten. Der eminente Einflufs jedoch, den der Cultus zu allen Zeiten auf die Kunfterzeugniffe geübt hat, ift fo unleugbar als das religiöfe Bedürfnifs, das fich in den Völkern immer kund gegeben hat. Defshalb wurde, um die Bedeutung der kirchlichen Kunft zur allgemeinen Anfchauung zu bringen, in der Wiener Weltausftellung eine eigene Gruppe gefchaffen und die kirchliche Kunft felbftftändig zur Darftellung gebracht. Wenn wir in der Cultur- und Kunftgefchichte zurückblicken, fo fehen wir in den Dolmen von Saumur, von Locmariaker, in den celtifchen Monumenten von Carnac, von Stonchenge bei Salisbury mit den regelmäfsig angelegten Grundriffen die Anfänge einer erften kirchlichen Architektur. In Mexico zeigen uns der Incas- Tempel auf Titicaca, das Tempelthor bei Tiagnanaco, die Idole auf den Sandwichs- Infeln, die Opferfteine und Reliefs fchon ausgebildete Bauwerke und kunftvoll gearbeitete Bildnereien; noch mehr erkennen wir, wenn wir die egyptifchen Tempel und Grabmäler der Vorzeit durchforfchen, wie fehr die Kunft fchon in frühefter Zeit beftrebt war, ihr Höchftes zu leiften, wenn fie Cultuszwecken dienen konnte. Mächtig mufste jeden Fachmann der Bau des mexikanifchen Tempels, fowie des egyptifchen von Philae ergreifen, welche in der letzten Parifer Weltausftellung die äufseren Anlagen um den Induftriepalaft fchmückten und uns in die Zeit hohen Alterthums zurückführten, wo untergegangene Völker ein hohes Culturleben gefchaffen hatten und beftrebt waren, den idealen Zwecken durch die Kunft den höchften Ausdruck zu geben. Man kann daher dem Gedanken, die kirchliche Kunft als einheitliche Gruppe zufammenzufaffen, nur die gröfste Anerkennung zollen, und es dürfte gewifs im allgemeinen Intereffe liegen, das Specialprogramm, welches fchon am 15. Jänner 1872 feftgeftellt wurde, hier einzufchalten. Es lautet: I 2 Hans Petfchnig. " Je ausgedehnter der Kreis der Gegenftände ift, welche bei den internationalen Ausftellungen zur Anfchauung gebracht werden, je vollſtändiger fich das Bild der Leiftungsfähigkeit der einzelnen Länder durch die Vertretung aller Productionszweige geftaltet, defto erwünſchter, defto willkommener erfcheint es, wenigftens gewiffe Kategorien von Gegenftänden, welche in einem idealen Zufammenhange ftehen, auch vereint zur Darstellung zu bringen und dem Befchauer eine vergleichende Studie derfelben und die Gewinnung eines Gefammteindruckes der zufammengehörigen Objecte zu ermöglichen. „ Eine folche Vereinigung wird fich wohl am meiſten für die Ausftellung der kirchlichen Kunft empfehlen. Wenn auch die Gegenftände, welche auf dem Gebiete der Kunstgewerbe für Cultuszwecke gefchaffen werden, im weiteften Sinne des Wortes Induftrie- Erzeugniffe oder Waaren find, fo unterfcheiden fie fich doch von allen anderen wenigftens infoferne, als fie nicht den Bedürf niffen des gewöhnlichen Lebens dienen, nicht rafch abgenützt oder verbraucht und noch weniger von den Gefetzen der wechfelnden Mode beeinflusst werden. Auch erfcheint der Zweck, zu dem fie erzeugt wurden, als ein höherer und edlerer, infoferne alle Gegenftände diefer Art beftimmt find, zur Sammlung des Gemüthes beizutragen, durch ihre Gefammtwirkung einen erhebenden, feierlichen Eindruck hervorzubringen. Diefe Abficht, diefen ethifchen Zweck foll die Kirche, in deren Dienft alle Künfte des Mittelalters einen neuen Auffchwung genommen haben, die man folg. lich immerhin als die Ziehmutter der modernen Kunft bezeichnen darf, nie aus den Augen verlieren, weder bei der äufseren Ausftattung, noch bei der inneren Ausfchmückung der geweihten Stätten, für welche ein gewiffer ftattlicher Prunk, eine würdevolle Pracht ftets als paffend erkannt wurde. " Je mehr nun die Künftler und Fabrikanten im Sinne diefer gewifs berech tigten Auffaffung arbeiten, ein je ftrengerer Stil fich in Folge deffen, namentlich in den letzten Jahrzehnten in allen Zweigen der kirchlichen Kunft nachweifen läfst, ein je gründlicheres, verſtändnifsinnigeres Schaffen fich allfeitig bemerkbar macht: defto ungeftörter, genauer und felbftftändiger verdienen die für religiöfe Zwecke beftimmten Werke der Kunft und Kunstgewerbe betrachtet, geprüft und gewürdigt zu werden. Zudem führt das höchft anerkennenswerthe Streben nach der Durchführung ftrenger Stilgefetze, das fich in allen Richtungen der kirchlichen Induſtrie geltend macht, den Betrachter auf den Boden der gefchichtlichen Entwicklung der Kunft zurück, alfo ohnehin weit ab von den gefallfüchtigen, wenn auch gefälligen Luxusartikeln. ,, Diefe Erwägungen find es, die den oben angedeuteten Wunsch veranlafst haben, es möge jedes Land die Gegenftände der kirchlichen Kunft in einem abgefonderten Raume zur Ausstellung vereinigen, wobei jedoch dem oberften Grundfatze, dafs die einzelnen Länder ihre Ausftellungen einzig und allein nach ihrem eigenen Ermeffen einrichten, nicht nahe getreten werden foll. Eine Bemerkung aber müffen wir hier noch befonders hervorheben. Die in Gruppe XXIII zu vereinigenden Objecte verfolgen den Zweck, die neueſten Leiftungen der Künfte und Kunstgewerbe auf kirchlichem Gebiete zur Anfchauung zu bringen. Darum find vor Allem die Erzeuger derfelben als Ausfteller geladen; es ergeht aber auch an folche Perfonen oder Körperfchaften, welche durch hier einfchlägige, in ihrem Befitze befindliche Gegenftände die Gruppe XXIII zu bereichern geneigt find, die Bitte, folche einzufenden und bei deren Einfendung die Namen der Producenten bekanntzugeben. " „ In Bezug auf den Inhalt diefer Gruppe wird es genügen, den Text der Gruppeneintheilung" mit wenigen Strichen weiter auszuführen, um zu der Hoffnung berechtigt zu fein, dafs die Ausftellung diefer Gruppe fich als eine der anziehendften und zweckdienlichften geftalten werde. 99 a) Wenn es als wünfchenswerth bezeichnet wird, dafs bei der Kirchendecoration" befonders auf die Ausfchmückung der Wandflächen durch er. ch Ler es, en er es ng uf en en -fht n. r, es k Le S n h n r e 1 1 Kirchliche Kunft. 3 Teppiche und auf Glasfenfter Rückficht genommen werde, fo gefchieht das eben aus dem Grunde, weil in beiden Beziehungen noch viel zu leiften ift, ehe unfer Jahrhundert fich mit der Vergangenheit zu meffen vermag. Die koftbaren Paramente, jene kunftvoll gewirkten und geftickten Teppiche, mit welchen die Kirchen bei feierlichen Anläffen ausgefchmückt werden, fcheinen der Induſtrie unferer Tage faft zu ferne zu liegen und kommen den Kirchenfonds unferer Sprengel meift zu hoch zu ftehen. Wie weit find wir von jener grofsen Epoche entfernt, wo man felbft für die nach Rafael's Cartons ausgeführten Teppiche keine edlere Beftimmung wahrnahm, als zum Schmucke einer Kirchenwand beizutragen? Wenn wir nun die Einfendung folch' finnreicher Wandzierden auch kaum zu hoffen wagen, fo erwarten wir wenigftens neue Mufter der fo allgemein gebräuchlichen Fufsteppiche für kirchlichen Gebrauch. Einer anderen fehr wirkfamen Wandverkleidung hoffen wir in den Glasmofaiken zu begegnen. Auch wenn wir die altehrwürdigen Glasgemälde unferer Dome betrach ten, werden wir trotz allen Fortfchritten unferer Tage zur Befcheidenheit gemahnt. Den architektonifchen Teppichftil der älteren Zeit hat man zwar fchon hie und da mit durchgeführtem Verſtändniffe nachgeahmt; auch an geftaltenvollen, gleichfam fprechenden Glasgemälden find wir feit wenigen Jahrzehnten reicher, aber in Bezug auf den tiefen, fatten, leuchtenden Glanz der Farben, auf eine finnreiche, klare Symbolik der Compofition gibt es noch immer fo viele Schwierigkeiten zu überwinden, fo viele Oberflächlichkeiten zu befeitigen, dafs wir bei der anerkannten Regfamkeit, die gegenwärtig auf dem Gebiete der Glasmalerei waltet, den neueften Leiftungen in diefem Kunftzweige mit erhöhtem Intereffe entgegenfehen. Ungleich mehr vernachläffigt die moderne Induftrie die Erzeugung von charakteriftifchen Bodenfliefen für Kirchen. Es wären defshalb Steinmofaiken, namentlich nach geometrifchen Muftern, in Kreifen, Rauten und ähnlichen Formen, ferner gebrannte und glafirte Thonplatten mit farbig eingelegten Zeichnungen fehr willkommen. Oelgemälde und Statuen, die religiöfe Vorwürfe behandeln, gehören nur dann in diefe Gruppe, wenn fie als integrirender Theil eines Altares auftreten oder eine ausfchliefslich kirchliche Beftimmung haben, wie z. B. Stationsbilder. Im Allgemeinen follen derlei Werke in der Ausftellung der modernen Kunft erfcheinen, wofelbft auch alle vollständigen Anfichten architektonifcher Neubauten einzureihen find, während in Gruppe XXIII nur Entwürfe zu einzelnen Theilen der inneren Ausftattung aufgenommen werden. b) Die„ Gegenftände der Kircheneinrichtung" gehören hauptfächlich den verfchiedenen Zweigen der Plaftik in Holz, Stein und Metall an. Bei dem gothifchen Altar, dem finnig verfchlungenen Gitter, den Chorftühlen, oft mit ftatuarifchem Schmuck gezierten Schränken zur Aufbewahrung kirchlicher Gefäfse oder liturgifcher Gewänder bis zum hohen Lefepult und den gewöhnlichen Kirchenbänken hinab, haben Kunfttifchler, Schloffer und Broncearbeiter den Beweis zu liefern, dafs fie aus den verfchiedenen Fachorganen und Vorlagblättern, für welche die Kirchen, Kapellen und Sakrifteien uralter Capitel und Klöfter durchmuftert und ausgebeutet worden find, Nutzen gezogen haben. Neu componirte, glücklich erfundene Sculpturen und Ornamente aller Art, fei es nun an den genannten Einrichtungsftücken oder an den Prachteinbänden der Evangeliarien und Miffales werden der gröfsten Aufmerkfamkeit begegnen. Endlich follen in diefer Abtheilung auch Orgeln, Kirchenuhren und Glocken zur Ausftellung gelangen. I* 4 Hans Petfchnig. Der Altar und Kanzelfchmuck" mufs einestheils von den Webern und Stickern, anderntheils von den Goldfchmieden, Broncearbeitern etc. beigeftellt werden. Auch in diefer Beziehung hat die Vorzeit fo Vielerlei und in fo trefflicher Weife vorgearbeitet, dafs die Vertreter der Kunftgewerbe nur nach vorgenommenen fpeciellen Studien an die Erzeugung hieher gehöriger Gegenftände, wie: Altardecken, Antipendien, Handtücher, Kreuze, Kelche, Monftranzen, Steh- und Hängeleuchter, Reliquiarien u. f. w. gehen follten, um ihnen vielleicht noch einige neue, organifch entwickelte Motive zuzuführen. Denn die gemusterten Wirk- und Webftoffe nicht minder, als die fogenannten heiligen Geräthe waren es eben, in deren Mannigfaltigkeit die Phantafie, in deren ftilvoller Ausstattung das Kunftvermögen der verfchiedenen Epochen der kirchlichen Kunft einen ebenfo glänzenden, als charakteriftifchen Ausdruck gefunden. Hier gilt es auserlefen reine Formen, edlen, gediegenen Reichthum aufzu weifen. Endlich find noch d) die bei der Taufe und Leichenbeftattung in Verwendung kommenden Objecte" anzuführen, auf deren zahlreiche Vertretung ebenfalls Werth gelegt werden mufs. Vom Weihbrunn- Keffel und Taufbecken bis zu den Grabmonumenten, Grabplatten und Grablampen foll der Befchauer einen Ueberblick erhalten. Wenn wir uns nun von der Kirche felbft zu ihrem Dienfte wenden, find fchliesslich die Mefsgewänder in Betracht zu ziehen. Zur Veranfchaulichung derfelben möge das fein und gefchmackvoll durchbrochene Chorhemd neben dem reich durchwebten Brokat der anliegenden Cafula oder des faltenreichen Pluviales Platz finden und endlich auch die flatternde Kirchenfahne und der ftattliche Baldachin nicht fehlen. Es verfteht fich von felbft, dafs die Weltausftellung nicht ausfchliesslich den Gegenftänden eines fpeciellen Ritus geöffnet ift. Wir sprechen von einer kirchlichen Kunft im Allgemeinen; das Gefagte bezieht fich daher auf alle unter a), b), c), d) fich einreihenden Gegenftände, welchem Ritus fie angehören mögen." Leider aber kann der Berichterstatter nicht verfchweigen, dafs der hohe Gedanke, der fich in diefem Specialprogramme ausfpricht, nicht fo gewürdigt und aufgefasst wurde, als er hätte gewürdigt und aufgefafst werden follen. Im Ganzen mässig befchickt, theils auch zerftreut in anderen Gruppen, hatte man kein umfaffendes Bild der kirchlichen Kunft im Sinne des Programms aufge ftellt, und mühfam, erdrückt von den anderen Erzeugniffen der Induftrie, mufste man die Gegenftände diefer Gruppe zufammenfuchen. Selbft die Jury hatte eine fchwierige Aufgabe, die Arbeiten für kirchliche Kunft überall herauszufinden. Die kirchliche Architektur. Wenn wir uns zuerft den einfchlägigen Baulichkeiten zuwenden, fo fanden wir in dem Palafte des Vicekönigs von Egypten das alte Grabmal des Benihaffan, ein Felfengrab aus der 12. Dynaftie, welche in das Ende des III. Jahrtaufends vor Chriftus gefetzt wird. Intereffant war dabei der, von zwei Säulen getragene Porticus. Man fieht darin den ausgeprägten Vorläufer der griechifchen Architektur, daher man diefe Säulen als protodorifche bezeichnet. Die Cannelirung der Säulen, ihre ftramme Einziehung nach Oben, die Deck platte, das Gebälke, tragen fo fehr das Gepräge primitiver griechifcher Kunft, dafs man fich fogar leicht zur Annahme verleiten laffen könnte, hier ein griechifches Bauwerk vor fich zu fehen. Im Innern wird die in Segmentbögen behaute Decke von vier Säulen mit dem bekannten altegyptifchen Capital der gefchloffenen Lotosblume getragen. n 1. g 1. . - - t r 1 Kirchliche Kunft. 5 Die Säulen find polychromirt und die Wände durchwegs mit gemalten Darftellungen gefchmückt. Die Lotosblume wird als Symbol der materiellen Welt, die aufftrebende Lotosfäule als Sinnbild der emporringenden irdifchen Kraft aufgefafst. Die Aufftellung diefes Felfengrabes war daher fehr belehrend für den Kunftforfcher, und grofse Anerkennung verdient die egyptifche AusftellungsCommiffion, das uralte Denkmal den Befuchern der Ausftellung zugänglich gemacht zu haben. In demfelben Hofe, dem eben befchriebenen Grabmale gegenüber, lag die Mofchee, ein mohamedanifcher Bau, der zwar keine Copie eines beftehenden Bauwerkes war, fondern ein felbftftändiges Werk des viceköniglichen Hofarchitekten Herrn Schmoranz nach Studien der in Kairo gemachten Aufnahmen. Intereffant war bei näherer Befichtigung die conftructive Bauweife, der Uebergang vom Viereck ins Achteck und das Auffetzen der runden Kuppel auf zellenartig vorragende Werkftücke. Die Mofchee mit dem fchlanken Minaret, dem reichen Leiftenwerk auf dem Kuppeldach, dem färbigen Friefs in den vergitterten Fenſtern machte einen ungemein günftigen Eindruck, ebenfo wirkte der luftige, etwas überhöhte Raum im Innern wohlthuend auf den Befchauer. Im Innern war ein Umgang im gleichen Niveau mit dem Obergefchoffe angebracht, der durch weite und hohe Oeffnungen die Umfaffungsmauer der Mofchee durchbrach, und das Innere in feiner Höhe wohlthätig theilte. Die Durchführung war ftreng ftiliftifch, die Wirkung malerifch, wie überhaupt dasganze Gebäude als eine der hervorragendften Bauten im Ausftellungsrayon bezeichnet werden kann. In nördlicher Richtung zwifchen dem Oftportale des Ausftellungspalaftes und der Kunfthalle ftand der Brunnen des Achmet. Wenn diefes Bauwerk auch ftrenge genommen nicht zu den kirchlichen Gebäuden zu rechnen ift, fo läfst fich doch diefer Votivbau auf das religiöfe Gefühl der Wohlthätigkeit zurückführen, welches der Koran an vielen Stellen gegen feine Mitmenfchen zu üben lehrt. Das Bauwerk an und für fich mit feinem reichornamentirten, weit vorfpringenden Schattendache, feinem fchönen Gitterwerk, den rhythmifch angeordneten Friefsen, Alles durch gefättigte und harmonifch geftimmte Farben und Vergoldung gehoben, war ein fchönes Beiſpiel der reichen, malerifch wirkenden Architektur, welche der Orient als mohamedanifchen Bauftil in Wien zur Anficht brachte, und zeigte, wie die Kunft einen einfachen, aber humanen Gedanken in fchöne, wohlthuende Formen zu kleiden im Stande ift. Wenn wir hier ein Bauwerk bewunderten, bei dem ein glücklich begüterter Kunftfreund dem Architekten Gelegenheit geboten hat, feiner Phantafie freien Lauf zu laffen, und die Opfer nicht fcheute, es prachtvoll durchführen zu laffen, fo konnte man in der„ Krieau" ein Beiſpiel fehen, in welchem fich auch zeigte, wie mit einfachen, primitiven Mitteln ein Bau zur künftlerifchen Bedeutung emporgehoben werden kann. Es war diefs die ungarifche Holzkirche, von der ungarifchen Ausstellungscommiffion zur Aufftellung der Holzcultur Ungarns verwendet. Diefe Kirche war ebenfalls keine Copie, fondern das Refultat von Studien, die Architekt Profeffor Koch im Szathmarer Bisthum gemacht hat. Sie veranfchaulichte uns jenen Typus von Dorfkirchen, welche deutfche Coloniften in den reichen Holzgegenden Ungarns feit ihrer Anfiedlung traditionell erbaut haben. Obgleich eigenartig und bedingt durch das Materiale, haben felbe doch einen der romanifchen Architektur verwandten Charakter. Schon unter Stefan dem Heiligen, fpäter unter Emerich, Andreas II. und Bela IV., alfo im XI., XII. und XIII Jahrhundert, kamen deutfche Coloniften in das Ugocsáer, Bergher, Marmarofer Comitat und führten hier ihre Holzkirchen, ähnlich den norwegifchen Bauten, wie felbe noch heute vorkommen, auf. Charakteriftifch ift immer der Thurm mit hohem fpitzen Helm und feiner Glockenftube. 6 Hans Petfchnig. Eine Empore läuft im Innern herum und die Decke ift gewölbartig gefchalt. Kleine Kleeblatt- Fenfter mit Butzenfcheiben erhellen fpärlich den Raum. Wenn diefer Bau, wie er im Ausftellungsraume zu fehen war, vollſtändig kirchlich inftallirt worden wäre, fo hätte die Inneneinrichtung auch Gelegenheit geboten, die originellen Arbeiten, wie fie fich in ihrer traditionellen Einfachheit vererbt haben, zur Anfchauung zu bringen, und fo einen Vergleich zu geftatten, wie das künftlerifche Gefühl für ideale Zwecke auch mit befchränkten Mitteln Gutes und Schönes an verfchiedenen Orten zu leiften vermag. Ein kleiner Tempel in der externen japanefifchen Abtheilung aus Zedernholz zeigte uns dagegen wieder eine ganz eigenthümliche Stilifirung der Ausfchmückung, wobei Blattwerk, Vögel etc., Broncelöwen, welche ftark an die romanifche Stilifirung mahnen, als Aufsenfchmuck dienten. Im Induftriepalafte felbft fahen wir zwei Modelle des Tempels Naiku, wo Amaterafu Ohomirkami, die Ahnfrau des kaiferlichen Haufes, verehrt wurde, und welcher vor 2025 Jahren erbaut worden fein foll; ferner Gekwu, beſtimmt zur Anbetung von Kunirotokachino Mikoto, unferes Schöpfers, vor 1396 Jahren erbaut. Die beiden Tempel find ohne allen Schmuck aus Zedernholz hergestellt, mit einem Stroh- oder Rohrdach verfehen, und liegen in einem eingefriedeten Raume, der noch mehrere andere kleinere Bauten einfchliefst. Der erfte heifst auch der innere, der zweite der äufsere Tempel. Das hohe Alter befitzen jedoch diefe Holzbauten nur dem Principe nach, da felbe alle 21 Jahre ganz neu, jedoch vollkommen identifch mit den alten, wieder erbaut werden. Auch China brachte mehrere Modelle von Pagoden und heiligen Stätten aus Marmor angefertigt. Intereffant war die aufgeftellte Betmafchine. An einem einfachen Geftelle, welches durch zwei Querleiften verbunden ift, fteht fenkrecht eine Achfe, um diefe dreht fich ein Tambour, roth lackirt, mit ornamentirten, vergoldeten Rändern. An diefer Trommel ift das Gebet mit grofsen, in Relief gehaltenen, vergoldeten, Buchftaben in chinefifcher Schrift angebracht. So oft nun die Trommel umgedreht wird, ift das Gebet als gefprochen zu betrachten. Bei einiger Uebung kann man rafch mit der nöthigen Anzahl von Gebeten fertig werden. Es ift diefs der höchfte Ausdruck des Formalismus, der leider in den meiften Religionen das Geiftige überwuchert und fo zum Indifferentismus führen mufs. In unmittelbarer Nähe diefer den Europäern fremden Welt trat uns die claffifche Welt der alten Griechen entgegen. Abgüffe, fowohl von Götterbildern, freilich in meift verftümmeltem Zuftande, ferner Bauformen antiker Tempel, und zahlreiche höchft intereffante Photographien, unter denen jene vom Erechteon und Akropolis hervorvorragten, fchmückten die Ausstellung. Auch Photographien ſpäterer griechifch- byzantinifcher Kirchen- Bauwerke zeigten uns die Umwandlung kirchlicher Architektur auf jener Stätte durch die Einführung der chriftlichen Religion. Mit Bedauern fah der Kunftforfcher diefe Refte der höchften idealen Kunftblüthe zerbröckelt und in Staub verfunken; doch der Geift, der fo Edles und Schönes gefchaffen, er lebt fort und befruchtet noch fortwährend das Kunftbeftreben der nachlebenden Generationen. Angrenzend bot Rufsland einige Photographien ruffifcher Kirchen, in jener, man kann fagen, barbarifch- pittoresk ausgeftatteten byzantinifchen Kunft, in welche fpäter tartarifche Formen einbezogen worden find. Hervorragend und immer tonangebend für diefe Bauten ift die Kathedrale Vafili Blagenoi zu Moskau. Trotz der fpäteren Einführung des abendländifchen Stiles unter Peter dem Grofsen wurde der alte ruffifch- byzantinifche Stil für Kirchen und kirchliche Gebäude ebenfo für ihre Ausftattung beihalten und wird noch heute cultivirt, wie es das preisgekrönte Concursproject der Kathedrale von t. 419 g it it n - e 0 1 r t Kirchliche Kunft. 7 Tiflis, welches vom Architekten Huhn in der ruffifchen Abtheilung der Kunfthalle ausgeftellt war, zeigte. Es würde hier zu weit führen, über die architektonifchen Leiftungen der Jetztzeit auf dem Gebiete des Kirchenbaues in Rufsland fich eingehend auszufprechen, nur fo viel fei erwähnt, dafs die Zeichner, welche in einer ziemlichen Anzahl kirchliche Gegenftände etc. ausgeftellt hatten, Vorzügliches leifteten, und unter ihnen die Studien des Architekten Mefchmacher befonders hervorragten. Reichhaltig war die Collection von Cultusbauten, welche uns die Niederlande von Java, und England von Indien in guten Photographien brachten. Die freiftehenden Tempel, die Dagaps, die Pagodenbauten und Grottentempel der brahma'iftifchen und buddha'iftifchen Religion waren gewifs für jeden Archäologen von hohem Intereffe. Noch mehr erfichtlich wurden diefe Bauformen durch die Naturabgüffe, welche England aufgeftellt hatte. Geradezu überwuchert von Reliefs, in der phantaftifchen, barockften Form erinnerten manche Details, zumal von Friefsen, an die ſpätere romanifche Bauweife in unferen Landen. Pyramidal aufwärts ftrebend, mit ftarken, reich verzierten Abfätzen, oft mit Kuppeln gefchloffen, von Menfchenfiguren, Löwen, Elephanten, Vögeln und anderem Gethiere in Verbindung mit Pflanzenornamenten und geometrifchen Linien belebt, zeigt diefer kirchliche Bauftil eine Eigenart und einen Reichthum, der uns höchlich überrafchen mufste. Wenn wir in diefe Hallen blickten, fo ftaunten wir über den grofsen Einflufs des Cultus auf das Kunftleben und müffen ftaunen, welche Schwierigkeiten überwunden worden find zur Verherrlichung der buddha'iftifchen und brahma'iftifchen Religion. Frankreich hatte ebenfalls Zeichnungen und Sculpturen aus dem kirchlichen Gebiete gebracht. Die Direction der Arbeiten" ftellte Entwürfe und Monographien grofser Kirchen aus, unter denen fich die Dreifaltigkeitskirche von Ballu in moderner Renaiffance befonders auszeichnete, St. Ambroife, romanifch gehalten, ebenfalls von Ballu, ferner die Liebfrauenkirche am Kreuz von Herel, modern mit Zugrundlage romanifcher Bauweife, die Auguftinskirche von V. Baltard, originell im Grundrifs, vom Haupteingang fich gegen den Chor erweiternd, mit einer fchönen Kuppel gefchloffen. Die St. Bernhardskirche von Auguft Magne, ein franzöfifch- gothifcher Bau, eine Synagoge in der Siegesftrafse, romanifirend von Darcollier. Die Jofefskirche, franzöfifch- gothifch, von Ballu, welcher Architekt grofse Kirchenbauten im modernen Renaiffance- im romanifchen und gothifchen Stil aufzuführen Gelegenheit hatte, ift gleich bedeutend. Beachtenswerth ift weiter die St. Laurenziuskirche vom Architekten Bufeux, welcher dabei ins XV. Jahrhundert zurückgegriffen hat, Fifchblafen- Mafswerk in den vielgetheilten Hauptfenftern und ein zierlicher durchbrochener Dachreiter beleben das Kirchengebäude. Auch ift die Kirche St. Pierre de Montrouge von Voudremer mit dem Ciborienaltar im Querfchnitt fehr anerkennenswerth. Aufserden find fchöne Relieffkizzen aus der Klothildenkirche und Wand malereien, Farbenfkizzen zu Glasfenftern für die Dreifaltigkeitskirche von Oudinot, Skizzen für die Zwickelbilder auf Goldgrund von Barrial ausgeftellt gewefen. Ein fchön in Farben ausgeführtes Travée aus der Dreifaltigskeitskirche vom Decorationsmaler Benuelle, Plafonds- Farbenfkizzen für St. Rochus, vom Maler Roger zur Ausftellung gefchickt haben viel Beifall gefunden. Portugal hatte ein Tableau vergleichender Pläne von Dombauten, welche J. da Silva zufammengeftellt hat, gebracht. Dabei waren vor Allem die Kathedrale du Porto, de Lisbone, Alectaca Braya und Batalha bemerkenswerth; mittelalterliche Kirchen, dreifchiffig mit polygonem Chor und Kapellenanbauten. 80 Hans Petfchnig. In der amerikanifchen Abtheilung trafen wir auf Photographien von Kirchen, in welchen die englifch- gothifche Architektur beibehalten und meift in Rohbau aufgeführt ift. Ein Zeichen auch hier, wie Amerika vertraut mit dem Leben und Geifte des Mutterlandes ift, das es gründete und dann bevölkerte. Wir haben diefen engliſch- deutfchen Geift und Charakter auch in anderen Richtungen der Induftrie und Kunft wahrgenommen. Vor der Südfront des Induftriepalaftes weftlich gelegen, nahm ein gothifches Bauwerk unfere volle Aufmerkfamkeit in Anfpruch. Es war diefs der Ueberbau eines Grabmales; die Tumba durfte auf ausdrücklichen Befehl des Herrn Generaldirectors nicht aufgeftellt werden, wodurch diefer Bau dem Publicum im Allgemeinen unverftändlich geworden ift. Eine Stufenanlage bildete den Unterbau; der Aufbau felbft wurde von fechs Säulen getragen, in deffen mit fteilen Giebeln abgefchloffenem Hauptdach fich vier Giebel, die fich über die fpitzbogigen Oeffnungen erhoben, einfchnitten. Die fechs gefchliffenen Säulenfchäfte waren aus prachtvollem Rofagranit, der aus Sachfen herbeigefchafft wurde, angefertigt, Bafen und Capitäle, Figuren und Ornamente, Dach und Giebel, die Rippen des inneren Gewölbes etc. waren harter, feinkörniger Sandftein. Diefes für jeden Fachmann fehr beachtungswerthe Werk ift aus der Steinmetz- Werkstätte des Herrn Baurathes Anton Wafferburger in Wien hervor gegangen und eigens für die Weltausftellung angefertigt worden. Es gab Zeugniss von der Vorzüglichkeit der Steinmetzarbeiten auf dem Wiener Platze und zeigte eine befondere Reinheit der Arbeit fowohl in den Werkstücken, als auch in der reichen bildnerifchen Ausfchmückung. Ebenbürtig reihte fich die für die neuerbaute Fünfhaufer Kirche beftimmte, freiftehende Kanzel aus Sandſtein, welche an der Oftfeite der Rotunde aufgeftellt war, an. Originell erfunden, mit intereffantem Steinfchnitte an der freiftehenden Stiege, vorzüglich ausgeführt, fowohl in dem figuralen als ornamentalen Theile gehörte diefes Object der kirchlichen Architektur mit zu den beften, was die Ausftellung zeigte, und wird immer ein Kunftfchmuck der neuen Kirche bleiben. Der Schalldeckel, aus gefchnitztem Eichenholz, und das Stiegengitter, aus Metall vorzüglich gearbeitet, zeigten die Eigenthümlichkeit des Materiales. Der Bildhauer Schönthaler hat in diefem Werke gezeigt, welches Verftändnifs für ftiliftifche Formen mit Rückficht auf das Materiale in den Ateliers der Wiener Bildhauer zu finden ift. Man kann diefes Werk als muftergiltig für die gothifche Architektur anfehen. Eine bedeutende architektonifche Arbeit in der Rotunde war weiter der metallene Auffatz auf dem Walm eines fteilen, gothifchen Kirchendaches. Er ift von Saeger, Bildhauer in Paris, entworfen und modellirt; reich mit Ornamenten und Figuren in Blei und Kupfer getrieben und zeigte jene charakteriftifchen Formen, welche man als franzöfifche Gothik insbefondere bezeichnet. Ebenfalls in der Rotunde ftand der Aufbau einer Kanzel aus Eichenholz der Gebrüder Goyers aus Louvain in Belgien. Reich ornamentirt, mit figuralifchem Schmuck belebt, fchlank aufgebaut, von fehr wohlthuenden Verhältniffen, in ausgefuchtem Eichenholze fleifsig und flott gearbeitet, verdiente diefe Kanzel umfomehr Anerkennung, als Belgien gerade in diefer Beziehung mitunter fehr unglücklich ftilifirte Arbeiten aufzuweifen hatte, die feltfam contraſtiren mit den reichen, mittelalterlichen Bauten, welche die Städte Belgiens in grofser Anzahl fchmücken. An diefe grofsen Werke der Architektur reihten fich als Bauten noch die Altäre an. Leider waren aber diefelben im Ganzen nicht ftark vertreten. Eduard Stehlik aus Krakau hatte in der Gallerie für Glasgemälde einen fpätgothifchen Altar aus feinkörnigem Sandftein ausgeftellt. Derfelbe war von guter Kirchliche Kunft. 9 Zeichnung, fleifsig und fauber gearbeitet, fowohl in den Gefimsgliedern, als auch in der Ornamentik reich und tüchtig ausgeführt. Die drei Felder, welche mit gemalten Bildern auf Goldgrund ausgefüllt waren, dürften bei einer definitiven Verwendung durch polychromirte Reliefs erfetzt werden müffen, was dem Stile entſprechender wäre als die gemalten Darftellungen. In nächfter Nähe diefer Arbeit ftand ein ziemlich grofses Modell eines reich detaillirten Altars aus Sandftein von Neuwirth aus Meidling bei Wien. Obgleich manche Fehler in Bezug auf die Gliederung vorhanden waren, fo war die grofse Arbeit doch für einen einfachen Arbeiter ein verdienftvolles Werk, und zeugte von anerkennungswerthem Kunftftreben. Der in Gypsmarmor ausgeführte mufivifche Tabernakelaltar, welchen Ignaz Heinze aus Wien in der englifchen Kirche ausgeftellt hatte, und deffen Auffatz mit emaillirten Platten gefchmückt war, kann nicht zur Nachahmung empfohlen werden, denn die kirchliche Kunft foll im Material vor Allem echt fein. Sind die Koften für Marmor zu hoch, fo nehme man Sandftein oder Holz, felbft weiches, wenn polychromirt, ift ricntiger in der Anwendung als diefer nachgeahmte Marmor, welcher doch immer auf den erften Blick als unecht zu erkennen ift. Friedrich Pichler aus Wien ftellte dafelbft einen Renaiffance- Altar mit polychromirten Figuren aus. Hier wurde das in der Renaiffance- und Zopfperiode allgemein angewendete Mittel, Holz durch Anftrich in Marmor zu verwandeln, beibehalten. Der ganze Bau, fowie die Figuren waren aber recht mittelmäfsig und können keine weitere Würdigung für fich in Anspruch nehmen. Viel beffer und von ruhiger Wirkung war der fpätgothifche Altar von J. Munter aus Karnad in Tirol. Hier war das Holzwerk reich vergoldet und durch verftändige Polychromie gehoben. In der Rotunde war ebenfalls ein fpätgothifcher Altar von Gregor Zavadil aus Znaim aufgeftellt, welcher in ganz richtiger Polychromirung und Vergoldung eine ganz treffliche, einheitliche Wirkung machte. Ein grofser Renaiffance- Altar von Ildényi Károly aus Peft lehnte an einem Pfeiler der Rotunde. Es war geradezu jammervoll anzufehen, wie das weiche Holzwerk durch einen ganz miferabel ausgeführten Anftrich das Anfehen von Marmor und Malachit erhalten follte. Die grofsen Figuren ftrahlten ganz in Vergoldung und fchienen als Beispiel aufgeftellt worden zu fein, wie man es nicht machen foll, denn der ziemlich gute Entwurf war durch den Anftrich total um feine Wirkung gebracht worden. Auch aus München war ein wenig wirkungsvoller Renaiffance Altar von Hans Vordermayer in der Abtheilung des deutfchen Reiches aufgeftellt. Die bekannte Mayer'fche Kunftanftalt hatte fehr bedeutend ausgeftellt, und war von vornherein zu erwarten, dafs eine fo renommirte Anftalt Bedeutendes leiften werde. Grofsartig angelegt und reich durchgeführt, machte ein durch Vergoldung und Polychromie gehobener romanifcher Altar eine bedeutende Wirkung, doch war das Ganze zu hoch aufgebaut gewefen, was bei Altären romanifchen Stils nicht paffend und nicht richtig ift; der romanifche Stil will mehr die Breite als Höhe betont wiffen und unterfcheidet fich dadurch von den aufftrebenden gothifchen Altar- Bauwerken. Auf die zahlreichen anderen Arbeiten diefer Anftalt kommen wir im Verlaufe unferer Befprechung am paffenden Orte noch zurück. Muftergiltig aufgelöft dagegen war ein romanifcher Altar aus Bronce von Pouffilque Rufand aus Paris. Freilich ist hier edles Material mit reicher feiner Ornamentirung, die eben in Bronce fchön ausgeführt werden kann, verwendet; hiezu kommen noch die fchönen Emails und die gefchmackvolle Adjuftirung mit den ebenfo reich durchgeführten Leuchtern. Die feine Vergoldung und Zifelirung, Alles wirkte zufammen, 10 Hans Petfchnig. um die Wirkung des Objectes hervorzuheben und als ausgezeichnet erfcheinen zu laffen. Noch gehören zu den Aufbauten die Orgeln, aber aufser der Orgel von Steinmeyer& Comp. aus Oetting in Baiern, welche für die Brigittenauer Kirche beftimmt ift, und fich durch ein fchön entworfenes Gehäufe auszeichnet, ift von anderen Fabrikanten auf das Aeufsere wenig Sorgfalt verwendet worden. Eine mit Weifs und Gold ftaffirte Tifchlergothik, wie man fagt, fand fich am häufigften und zeigte, dafs die Orgelbauer auf die äufsere Ausftattung ihrer Werke auch heute noch, trotz der hohen Anforderung, die man heute an jede Arbeit, die höheren Zwecken dienen foll, ftellt, wenig Gewicht legen. Die kirchliche Sculptur. Von Sculpturen war die aus Tiroler Marmor gemeifselte, in der eng. lifchen Kirche aufgeftellte Statue der Madonna, die Schlange zertretend, von Chriftian Thöni aus Brixen, fehr fchön aufgefafst und edel und fein durchgeführt. Aufserdem waren von demfelben noch eine Immaculata aus Marmor und eine Madonna mit dem Kinde aus Holz ausgeftellt, beide fehr anerkennenswerthe Arbeiten. Vor dem Gypsaltare in der englifchen Kirche ftand ein geftrecktes fchwarzes Kreuz auf reich ausgeftattetem Sockel vom Stift Seitenftätten. Der Chriftus mit den vier Evangeliften aus Elfenbein, die Engel und Beigaben ebenfalls in Elfenbein ausgeführt, müffen als vorzügliche Arbeit diefer in unferer Zeit fo fehr vernachläffigten Kunft anerkannt werden. Es wäre wohl zu wünſchen, dafs diefes edle Material, welches fowohl im Mittelalter als auch in der Renaiffance eine fo bedeutende Verwendung gefunden hat, wieder zu Ehren käme. Freilich, die heutige Forderung„ nur billig", hindert die Neubelebung diefer edlen Kunft, da fowohl das Material an und für fich als auch die Arbeit in felbem niemals billig zu befchaffen ift, und folche Arbeiten nur durch tüchtige und geübte Künftler, gleichfalls fchon des koftbaren und edlen Materiales wegen, ausgeführt werden können. Mehrere polychromirte Figuren aus Holz gehörten mehr dem Handwerk als der Kunft an. Dafür ragte aus Allen muftergiltig eine grofse Madonnenftatue aus der Mayer'fchen Kunftanſtalt in der deutfchen Abtheilung( München) hervor. Die an und für fich vorzügliche Bildhauer- Arbeit war in wunderbarer Weife durch eine reiche, ftofflich gehaltene Polychromie gehoben, und gab ein fchönes, nachahmungswürdiges Mufter, wie die Form durch Farbe zu einer Gefammtwirkung geführt werden kann, ein Vorzug, welchen wir an alten Meisterwerken oft mit Neid bewundern. Ausserdem waren eine grofse Anzahl fchöner, wenn auch einfacher poly. chromirter Figuren aus Holz und aus Maffe aus diefer Anftalt ausgeftellt worden. Erwähnenswerth ift darunter der Kreuzweg, der für Kirchen mit feiner RenaiffanceUmrahmung einen fchönen Schmuck abgeben kann. Eine ziemlich grofse Engelfigur aus Zinkgufs dagegen, fehr wohlthuend in Kupferbronce ftaffirt, war beachtungswerth, namentlich für Aufsenverwendung in Kirchen und Kapellen. Eine ebenfo behandelte Engelfigur ftand auch in der franzöfifchen Abtheilung, von der„ Direction der Arbeiten" aufgeftellt. In der Gallerie für Glasgemälde fah man ein recht fchön modellirtes, in Farbe ſtaffirtes Chriftuskind aus Wachs von Julius Talrich aus Paris. Die kirchliche Glasmalerei. Wir kommen nun zu einer anderen Richtung der kirchlichen Kunft. Eine grofse Bedeutung haben nämlich in neuerer Zeit die Glasgemälde in der kirchlichen Kunft wieder erlangt. Nachdem diefe Kunft lange ganz abhanden gekommen ב ב e 1 1 1 5 Kirchliche Kunft. 11 war, wurde felbe durch das fleifsige Studium der mittelalterlichen Monumentalwerke wieder wachgerufen. Vor Allem hatte das neue Aufblühen der gothifchen Architektur diefen Schmuck, als Hauptbedingung eines kirchlichen Baues, in feiner Wirkung betont, und fo entftanden wieder nach kleinen Anfängen und mifsverftandenen Verfuchen einzelne Glasgemälde, bis fich allmälig eine Entwicklung zeigte, die Werke herftellte, welche mit den alten wetteifern konnten. Hat man in München unter dem grofsen Kunftkönig Ludwig den falfchen Weg eingefchlagen, auf einer Platte ganze Gemälde darzuftellen, und felben den Charakter von durchfichtigen Oelgemälden zu geben verfucht, fo ift man fpäter auf den richtigen Weg gelangt, das Glasgemälde mufivifch zu behandeln, in der Compofition Rückficht auf Fenfterconftruction zu nehmen und ein Glas beizufchaffen, welches durch feine Stärke den äufseren Witterungsverhältniffen widerfteht, das Tageslicht nur durchfchimmern läfst und doch intenfiv und reichhaltig in den Farbennuancen fein kann. Die Generaldirection hat diefem Zweige der Kunftinduftrie mit guter Beachtung feines modernen Charakters eine eigene Gallerie in der Krieau bauen laffen, und fo für Glasgemälde einen internationalen Sammelpunkt gefchaffen. Leider haben bedeutende Anftalten ihre Anmeldung zurückgezogen, wodurch Lücken in der Gallerie entftanden find, die ftörend auf die Gefammtausftellung wirkten. Zwei grofse Glasgemälde von mehr als 40 Fufs Höhe find nun vor Allem zu beachten. Es find diefs das für Mödling beftimmte grofse Fenfter, welches J. Neuhaufer aus Innsbruck ausgeftellt hat, und jenes von F. X. Zettler aus München, welches eigens für die Ausftellung angefertigt wurde. Das Mödlinger Fenfter wirkt durch die einheitliche Compofition von Profeffor Klein, während Zettler darauf bedacht war, das Fenfter auch im Nothfalle theilen zu können, und fo auf die einheitliche Gefammtwirkung nicht das ganze Gewicht legen konnte. Während man im Mödlinger Fenfter die ausgeprägte Manier des Profeffors Klein, der fich zumal am Rhein und in Holland die Anerkennung der dortigen Fachmänner erworben hat, fogleich erkennt, machen fich im Zettler'fchen Fenfter die Studien nach Fiefole mit den einfachen, in langen Linien abfallenden Gewandungen geltend. Farbenprächtig find beide und Zettler hat mit Verſtändnifs auch folche Gläfer zu benützen gewufst, die fchon an und für fich eine fanfte Abtönung vom lichten in den tieferen Ton haben. In alten Glasgemälden, ich erinnere an die fchönen Fenfter in Viktring aus dem vierzehnten Jahrhundert, ift die Verwendung von abgetöntem Glas an vielen Stellen erfichtlich, fo bei dem Fifch als Helmzier, der am Kopfe blafs, gegen die Schwanzfpitze tiefroth nuancirt ift. Neuhaufer hatte aufser dem Mödlinger Fenfter noch zwei kleinere fchlanke Fenfter für St. Valentin, ein ftreng romanifches für Grofsmartin in Cöln und ein Renaiffancefenfter, fchön in der Compofition und Färbung, gebracht. Meyer's Neffen aus Böhmen haben keine fachmännifche leitende Hand, daher die Glasgemälde, welche fie ausftellten, den ernften Anforderungen unferer Zeit nicht genügen konnten; auch Heilig in Wien hat nicht die richtige Manier. Die Bilder fahen zu porzellanartig aus. Das Glasgemälde aber hat in den meiſten Fällen von der Entfernung zu wirken. Geiling aus Wien hat im letzten Momente feine Anmeldung zurückgezogen, was fehr zu bedauern war. Uebrigens waren von ihm die grofsen halbkreisförmigen Fenfler am Süd- und Nordportal, welche die bedeutende Stellung des Künſtlers in der Glasmalerei genugfam zeigten. Die deutfchen Glasmaler haben kleinere Glasgemälde gebracht; die meiſten Künftler aber haben ihre erfte Anmeldung fpäter zurückgezogen, wefshalb diefe 12 Hans Petfchnig. Richtung der deutfchen Kirchenkunft nicht fo ganz gut vertreten war, als man nach den Anmeldungen hätte glauben können. Meift der fpätgothifchen Richtung angehörig, find befonders die Umrahmungen der deutfchen Bilder ftark verzopft, die Figuren find zu stark ausgefleifselt. Kellner aus Ulm hat ein altes Glasgemälde fo gut imitirt, dafs man es in der That für ein altes halten konnte. Einzelnes der deutfchen Glasmaler war übrigens ganz anerkennungswerth. H. Dobbeltaire aus Brügge hat den Stammbaum Chrifti in romanifcher Weife hergeftellt, und hier durch Retouchirung der Scheiben dem Alter nachgeholfen. Allein wenn man die Delicateffe der alten romanifchen Ornamente, wie z. B. die von N. Kreutz bei Baden kennt, fo fah man hier, dafs dem Ornamente die Zartheit und feine Detaillirung fehlt, welche die alten Kunftwerke fo fehr auszeichnet. Die Figuren waren aber gut ftilifirt, nur die Madonna mit dem Chriftuskinde ftand nicht ganz im Einklange mit den übrigen Figuren. Walravens aus Brüffel war nicht bedeutend. Obwohl Frankreich mehrere grofse Bilder erft im letzten Momente abgemeldet hatte, war es doch gut vertreten, aber zeigte weniger Einheit als Deutfchland und Oefterreich und vertrat alle möglichen und unmöglichen Richtungen. A. Luffon& Leon Lefevre aus Paris ftellten ein romanifches Fenfter aus, vorherrfchend in Blau, brillant in den Farben, emailartig wirkend, in Zeichnung, Ornament und Raumeintheilung ftreng ftiliftifch durchgeführt. Ein kirchliches Renaiffancefenfter, die Magdalena und die drei Frauen beim Grab Chrifti, war zwar äufserft brillant in der Farbenwirkung und delicat in der Ausführung, allein es überfchritt vollſtändig die Grenzen der Glasmalerei und war ein durchfichtiges Oelbild. Die Darftellungen, landfchaftliches Beiwerk und architektonische Umrahmung, waren ganz naturaliftifch aufgefafst; der Effect war es, der hier erftrebt fein wollte. In einem glücklichen Gegenfatze zu diefen Glasgemälden ſtand jenes von Attin aus Chartres. Es war eine vorzüglich gelungene Imitation eines Glas fenfters aus St. Quentin, dem XVI. Jahrhundert angehörig, und ftellte die Ent hauptung der heiligen Barbara vor, mit gleichzeitiger Darſtellung von auseinander liegenden Epifoden. Hier wurde, um das Alter täufchend nachzuahmen, auch retouchirt, eine Manier, welche die Franzofen gerne bei neuen Glasgemälden ausführen. So find die Fenfter der neu erbauten Kirche von St. Denis bei Paris durchweg alt gemacht. In Deutfchland und Oefterreich fcheut man fich vor folchen Kunftgriffen und überläfst die Patina der Zeit. Lorin hatte ein Bild im romanifirenden und eines im Renaiffanceftil gebracht. Die Gemälde waren gut, aber ftanden nicht in erfter Linie. Didron aus Paris hingegen hatte im ,, Schiff Petri" ein ganz vorzügliches Werk geliefert, nur waren die Figuren etwas zu gedrängt und zu grofs für das Format. Prächtig und charakteriftifch find die Köpfe, reich und in vorzüglicher Farbenwirkung die Gewandungen gewefen. Das Schiff ift mit„ Cié" gezeichnet und durch kleine Thürmchen decorirt. Die färbigen ornamentalen Fenfter, welche Didron ausftellte, waren von fehr brillanter und doch harmonifcher Farbenwirkung und gut ftilifirt. " Eine unmögliche oder wenigftens nicht zu billigende Richtung für Glasgemälde vertrat das grofse Senfationsbild von Charles des Granges zu Cler mont Ferrand, der letzte Curaffier" aus der Schlacht von Reichshofen, auf einem Schimmel, nahezu in Naturgröfse und fo naturaliftifch als möglich gemacht. Die fenfationelle Abficht drängte fich in diefem Vorwurfe auf den erften Blick auf; und man mufs Mühe und Arbeit bedauern, die auf eine fo verfehlte Arbeit angewendet worden find. Solche Gefchichten find fo wenig geeignet für Glasfenfter, als der Egyptograph im fchwarzen Frack mit Notizbuch und Griffel unter egyptifchen Alterthümern, welchen Befnard aus Lyon ausgeftellt hat. Ebenfo gehört das Glücksrad mit den fünf nackten Frauengeftalten der Zeichnung nach in das„ Journal amufant". h Kirchliche Kunft. 13 Nicht unerwähnt kann ich das in diefer Halle aufgeftellte heilige Grab von E. Zbytek aus Olmütz laffen. Es war diefs das Prototyp jener kirchlichen Ausftattung, welche von Mefsnern und Kirchenpröpften protegirt, von den fogenannten Kirchenftaffirern ausgeführt und von der gläubigen Landbevölkerung bewundert wird. Die glitzernden Glasftücke, von rückwärts beleuchtet, in einer dunklen Ecke der Kirche aufgeftellt, wirken myfteriös und erwecken ein gläubiges Grufeln. Leider werden folche Ausftattungen vom Clerus weit mehr als die wahre kirchliche Kunft, die dem Gefetze der Schönheit und Erhabenheit entſpricht, cultivirt. Es ift daher nicht zu verwundern, dafs Laien und Geiftliche, namentlich vom Lande, Nachfragen nach diefem Werke hielten und gewifs Beftellungen gemacht haben. Den mufivifchen Glasmalereien zunächft ftehen die Moſaiken, fowohl die antiken aus Marmor, als auch die moderneren aus Glasfchmelz. Wir können in diefer Richtung nur einen Ausfteller und feine Ausstellung allein nennen; freilich hat diefelbe einen wahrhaft internationalen Namen. Es ift diefs die Expofition von Dr. Salviati aus Venedig. Ganz Europa kennt feine Arbeiten, fchätzt fie hoch und Aufträge kommen aus aller Herren Länder nach Venedig, wo am Canal Grande feine Kunftanſtalt liegt, zu welcher Murano das Material liefert. Der Kampf, welchen Salviati führte, um diefe beinahe verfchollene Kunftinduftrie wieder ins Leben zu rufen, war fchwer und langwierig, aber fiegreich wurde er ausgefochten, frifch fteht heute diefer Kunftzweig da, voll Anerkennung von Fachmännern und der gebildeten Laienwelt Salviati greift zurück auf die älteften Vorbilder. Facsimile aus Katakomben von Torcelo zu Neapel, dem VI. Jahrhunderte angehörig, ein fchöner Fries und die Figuren von St. Nicolaus und St. Marco, aus der Santa Sofia in Conftantinopel, ein Fries aus Monreale in Palermo und aus Rom, eine Madonna aus der Capelle dei Mascoli zu St. Marco in Venedig, byzantinifche Arbeiten aus Ravenna, aber auch vorzügliche Arbeiten aus unferer Zeit bis zu den modernften, hatte Salviati in feiner intereffanten Expofition ausgeftellt. Die grofse Figur der Minerva im Veftibule der Kunfthalle nach Profeffor Laufberger's Entwurf dürfte eine der letzten Arbeiten gewefen fein, die aus diefer Kunftanftalt hervorgegangen find. Mit ruhigem und ftolzem Bewufstfein kann Salviati auf fein jahrelanges, mühevolles Streben und Ringen zurückblicken, er hat keinen Rivalen, und hätte er einen, fo würde er doch immer den erften Platz einnehmen. An anderer Stelle wird noch Salviati's hervorragendes Wirken feine Anerkennung finden, da aufser den Mofaiken auch die ganze fchöne Glasinduftrie, in welcher Venedig als Specialität einzig dafteht, in feiner Expofition in reichhaltigftem Mafse vertreten war. Die Mofaikarbeiten des Vaticans find verdienftvoll, reichen aber in monumentalem Gröfsenumfang nicht an die Salviati's. Die kirchliche Plaftik. Einen weiteren, höchft wichtigen Zweig der kirchlichen Kunft bilden die Metallarbeiten, zu welchen fowohl die aus Gold und Silber gefertigten Paramente, als auch jene aus Roh- und Gelbgufs, aus Zinn, Eifen und Blei gefertigten Arbeiten zu rechnen find. Vor Allem haben fehr beachtenswerthe Leiftungen der Wiener Kunftinduftrie, zumeift die von Jofef Chadt gefertigten Emailplatten, welche die vom Prager Dombau- Verein ausgeftellten Reliquiare zieren, die Aufmerkfamkeit auf fich gezogen. Es waren diefs die gröfsten Emailplatten auf der Weltausftellung 14 Hans Petfchnig. gewefen und von einer Reinheit in Flufs, wie felbe kaum fchöner gemacht werden können. Das Email wird in Wien erft feit dem feften Auftreten der Gothik bei kirchlichen Werken cultivirt, und Chadt war es, der nach vielen angeftrengten Verfuchen endlich das Email zu einer folchen Vollkommenheit brachte, dafs er in Mitte der grofsen Concurrenz auf der Weltausftellung unbedingt den erften Platz einnahm. Ueberhaupt waren die fechs Reliquiare, fowohl was Zeichnung als Ausführung betrifft, ganz vorzüglich und gereichen der Wiener Kunftinduftrie zur hohen Ehre. Diefen Arbeiten zunächft ftanden die vom Linzer Dombau- Vereine ausge ftellten Kirchenutenfilien aus dem Atelier der Herren Brix& Anders, ein fchönes Partikelkreuz mit den vier Evangeliften in Email translucide, Chriftus aus Elfenbein, dann Leuchter und verfchiedene andere Kirchengeräthfchaften. Brix& Anders hatten übrigens auch in der öfterreichifchen Abtheilung. felbftftändig eine bedeutende Collection ausgeftellt. Monftranzen, Kelche, Ciborien, Lampen, Leuchter, Weihrauch- Fäfschen, Kännchen, aus edlem und unedlem Metall, meift vergoldet, find nach Entwürfen der erften Wiener Architekten, welche fich der kirchlichen Richtung gewidmet haben, ausgeführt worden. Stilftrenge und Ernft zeichnete diefelben aus; auch die techniſche Arbeit, der Gufs, die Cifelirung, das Email etc. verdienen alle Anerkennung. Franz Ludwig Adler aus Wien hatte ebenfalls eine ganz gute Expofition von Paramenten gebracht, jedoch ftehen diefe Erzeugniffe weit hinter jenen von Brix und Anders. Der von den Wiener Kunftinduftriellen noch immer wenig beachtete Fundamentalfatz, dafs der gute Entwurf, d. h. die Zeichnung die Hauptfache iſt, zeigte fich leider nur zu häufig in diefer und mancher anderen Branche und drückte den Werth der Kunfterzeugniffe trotz guter technifcher Ausführung gar fehr herab. Aus den Provinzen hatten Albert Samaffa und N. Schreiner( Laibach) Kirchenutensilien gebracht. Die Arbeiten des Erfteren zeichneten fich durch gute Technik, fchöne, ftiliftifche Form aus, während die Schreiner's fowohl in deffen eigenem Intereffe, als auch in dem des guten Gefchmackes beffer weggeblieben wären. Matzenauer aus Wien hatte einige fchön gearbeitete Gefäfse für katholifchen Cultus zur Anficht gebracht. Eine Filigranmonftranze aus Silber, mit Edelſteinen befetzt, von Stefan Jeftovitz, verdiente die volle Aufmerkfamkeit, die ihr entgegen gebracht wurde, wegen der fchönen und mühevollen Arbeit, wie auch der Präcifion in der Detailausführung. Wenn man dabei noch berücksichtigt, dafs der Ausfteller felbft nur Arbeiter ift und nur in den freien Stunden an diefem Werke arbeiten konnte, fo verdient die Liebe zu feinem Metier, die Ausdauer und Selbſtverleugnung, das Opfer aller freien Stunden durch mehr als ein Jahr, um diefes aus vielen Hundert zufammengefetzten Theilen beftehende Werk zu vollenden, alle Anerkennung. Es zeigt fich dabei, dafs, wenn der Arbeiter unmittelbar Intereffe an feinen Ausführumgen hat, das Kunft- Handwerk rafch wieder fo aufblüht, wie es im Mittelalter und der Frührenaiffance der Fall war. Rufsland hat in Paftinkoff und Klebnikoff zwei fehr ftrebfame Firmen, die fpeciell in der ruffifch- byzantinifchen Kunft Vorzügliches leiften. J. Willmatte Sohn aus Lüttich hatte fonderbarer Weife feine Reliquiare in der Kunsthalle ausgeftellt. Es waren diefs vorzügliche Werke der höheren Kunftinduftrie mit ausgezeichneten Emails, reicher, fchöner Detaildurchführung. Von A. Bourdon de Bruque aus Gent ftand in der Rotunde eine vorzügliche Collection von Kelchen, Monftranzen, Reliquiaren, Partikelkreuzen etc. aus edlem Metalle, reich mit Email und Edelgeftein gefchmückt, durchwegs gothifchen Stile. im en Dei en er en ls ur e. in us g. FPS 1. h וב n r Kirchliche Kunft. 15 Weniger Beachtung wurde den aus Gelbgufs hergeftellten Leuchtern, Lampen, Altarkreuzen gefchenkt, aber auch diefe Utenfilien follen nach guten Zeichnungen ausgeführt werden, um felben einen künftlerifchen Werth bei dem weniger edlen Metalle zu geben. Aus dem deutfchen Reiche ift überhaupt verhältnifsmässig wenig in der Richtung der kirchlichen Kunft ausgeftellt gewefen. Elfter aus Berlin brachte romanifche Candelaber aus Bronce, vergoldet, mit Glaspaften und kaltem Email gefchmückt. Sie ftanden vereinzelt da. Aus München ftellte Rockenftein Leuchter, Monftranzen, Mefskännchen in dem bekannten Münchener gothifchen Stile aus; ferner R. Staeble in moderner romanifcher Richtung; Wöring eine Collection von Grablaternen und Lampen; Kurz aus Stuttgart Zinngefäfse, mittelalterlich, aber ohne befonderen künftlerifchen Werth. A. Delhus aus Strafsburg hatte Kronleuchter aus Bronce, Renkrop aus Weftphalen Gefäfse, Kunne aus Altena Silbergefäfse von ganz guter Arbeit ausgeftellt. Was Frankreich betrifft, fo hält die diefsjährige Ausftellung keinen Vergleich mit der Ausftellung vom Jahre 1867 auf heimifchem Boden und jener im Jahre 1870 in Rom, wo Frankreich in dominirender Weife vertreten war, aus. Pouffielque Rufand aus Paris hatte freilich an und für fich glänzend ausgeftellt und repräfentirte die kirchliche Richtung Frankreichs in diefer Branche in hervorragender Weife. Brillant, reichhaltig und mit befonderem Chic, fowohl im Entwurf als in der Ausführung, zeigten diefe Arbeiten eine hohe Stufe der Vollkommenheit. Kelche, Kreuze, Monftranzen, Bifchofsftäbe, Candelaber, Reliquiare, ein ganzer Altar, Tabernakel, kurz Alles, was an Metallarbeiten für die Kirche nothwendig ift, hatte diefer bedeutende Induftrielle gebracht. Auch war das Ganze fehr günftig und überfichtlich aufgeftellt. Vorwiegend waren diefelben im romanifchen Stile durchgeführt, der gothifche Stil felbft, wo er Anwendung gefunden, lehnte fich an die Frühperiode an und zeigte Verwandtfchaft mit der romanifchen Stilperiode, befonders im Detail. Nicht zu leugnen aber ift das Beftreben nach Effect und Beftechung durch pikante Details. Das Raffinement in der Anordnung und Anfertigung fpielt in der franzöfifchen Kunftinduftrie immer eine hervorragende Rolle, felbft Gegenstände, welche mit vollem Ernft empfunden werden follen und welche Stilftrenge verlangen, werden mit jener blendenden Ausftattung verfehen, wie Toilettegegenftände der Damenboudoirs. Der beftechende Gefchmack, der den Franzofen eigen ift, hilft ihnen über alle ftiliftifchen Schwierigkeiten hinweg, woher es auch kommen mag, dafs kein Stil ftrenge und confequent durchgeführt wird und jedem Stil das Gepräge des fpecififch franzöfifchen anhaftet. Denn auch die erwähnte bedeutende Collection kirchlicher Kunft war mehr brillant als ernft, mehr pikant als ftrenge, mehr auf Effect als auf ruhige Würde berechnet; beftach daher den Laien mehr als jede andere Expofition in diefer Branche, ohne aber dem Kenner vollkommen wohl gethan zu haben. Aus Spanien waren ein prachtvolles, reich ausgeftattetes Vortragekreuz in reicher gothifcher Metallarchitektur mit Nifchen, Baldachinen und figurenreicher Ornamentik und Gefimsgliederung, dann zwei grofse Leuchter, moderngothifch, ein emaillirtes Broncekreuz, maffig gehalten, von Francesco de P. Ifaura aus Barcelona zur Ausstellung gebracht worden und bewiefen, dafs eine einmal in einem Lande feftgewurzelte Kunft auch durch Krieg und Revolution nur schwer auszurotten ift. England, welches doch in kirchlicher Ausftattung Vorzügliches leiftet und den eigenthümlich ausgeprägten gothifchen Nationalftil fefthält, hat fich mit Ausnahme von Fliefen, die für Kirchenpflafter verwendbar find, und einigen Bronce 16 Hans Petfchnig. leuchtern und Pultträgern gar nicht an der Ausftellung kirchlicher Kunftarbeiten betheiligt. Die Kirchenftoffe. Schliefslich bilden die kirchlichen Stoffe und Stickereien eine hervorragende Branche der kirchlichen Kunft. In erfter Linie fteht heute fchon Oefterreich und gebührt feit Jahren der Giani'fchen Kunftanftalt in Wien vor Allen das Verdienft, diefe gewerb liche Richtung wieder zu Ehren gebracht zu haben. Giani, einer der wenigen Induſtriellen Oefterreichs, welche ihr Fach nicht nur als gewinnbringendes Gefchäft betreiben, fondern auch Intereffe, Ver ftändnifs und Liebe für dasfelbe haben, wurde oft prämiirt und hat aller Orten, befonders im Auslande, Anerkennung gefunden. Vor Allem war er beftrebt, die verrotteten Arbeiten, die leider als letzte Ableger der Zopf- und Rococcoperiode die Branche lange beherrfchten und in naturaliftifchen Blumenmuftern ihre einzige Aufgabe fanden, zu befeitigen. Giani's erftes Auftreten fiel in jene Periode, wo der bekannte Canonicus Dr. Pock die reichhaltigen mittelalterlichen Originalmufter bekannt machte, und die kirchliche Kunft, durch das Studium der Archäologie geläutert und durch das Eingreifen talentvoller Fachmänner durchgebildet, in allen Zweigen ftiliftifch reformirt wurde. Merkwürdiger Weife nahm der Clerus, zumeift der öfterreichiſche, an diefer Umftaltung wenig Antheil, fondern blieb bei den zopfigen Formen und den grofsgeblumten Muftern, und bei den in Oel gemalten ftatt geftickten Heiligen. figuren, lehnte vor Allem die Einführung der alten faltigen Schnitte ab, und behielt mit Zähigkeit die hohen, zugefpitzten Infeln, womöglich ganz aus Goldſtoff und dergl. mehr. Unter folchen Verhältniffen und von den Hauptfactoren nicht unterſtützt, gehörte eine grofse Selbſtverleugnung dazu, um trotzdem das als beffer Erkannte durchzuführen. Theilweife wenigftens ift es auch gelungen, einzelne geiftliche Herren zu gewinnen, allein die grofse Menge bleibt noch immer bei der verzopf ten, ausgearteten Richtung, wodurch es erklärlich wird, dafs neben eminent Gutem auch aufserordentlich Schlechtes geleiftet wird. Die Ausftellung gab ein treues Bild diefes Zuſtandes. Noch fchwieriger war es, der Kunftftickerei Eingang in den kirchlichen Bedarf zu verfchaffen. Diefe edle Kunft, die im Mittelalter von hohen Frauen geübt wurde und von der die burgundifchen Gewänder in der kaiferlichen Schatzkammer in Wien ein fo bewunderungswürdiges Zeugnifs geben und im vollen Mafse als Nadelmalerei bezeichnet werden können, diefe edle Kunft war ganz verfchollen oder wurde ohne alles Verſtändnifs in einer traurigen neuen Geftalt gehandhabt. Porträte in Kreppftickerei, Landfchaften mit Trauerweiden und Schwänen oder gedankenlofe Straminarbeit, mit naturaliftifchen Tigern und Löwen, waren allgemein beliebt und felbft kirchliche Gewänder wurden mit grofsen, grellfärbigen, naturaliftifchen Blumen von hohen Spenderinen auf Stramin ausgeführt. Neben den Seidenftoffen nahm fich diefe Stickwoll- Arbeit höchft fonderbar und banal aus, und nur ein verdorbener Gefchmack konnte eine folche Combination für gut finden. Freilich, die Flachftickerei erfordert Uebung, Gefchicklichkeit und gewifs auch Talent, denn nur dann kann eine Farbenfkizze fo ausgeführt werden, dafs diefelbe nach ihrer Wirkung den Entwurf weit übertrifft; die Flachftickerei ift eben darum auch eine Kunft und keine mechanifche Arbeit. Den Induftriellen, zumal Giani, der die Stickerei mit der Stoffweberei als Ganzes verband, erwuchs übrigens in den letzten Jahren, als man diefs Alles begreifen lernte und in die Induftrie einzuführen begann, ein gefährlicher iten Kirchliche Kunft. 17 eine der erb ach eren, zte in mi's lie he en irt an en n. nd off zt, te me f. m es d ב Concurrent in den frommen Schweftern zum Kinde Jefu in Döbling, welche vom Rhein her Stickereien und geübte Stickerinen acquirirt hatten. Während die Induftriellen Steuern zuzahlen haben, ihnen auch bedeutende Regieauslagen für Arbeitsfäle und Arbeitskräfte erwachfen, fallen für die frommen, vom Erzbifchof befonders protegirten Schweftern diefe grofsen Auslagen weg und ihre Concurrenzift leicht erklärlich und um fo bedeutender, als die hohe kirchliche Protection ihnen fichere und gut honorirte Arbeiten zuführt. Diefe die fleifsige Induſtrie fo bedrückenden, künftlich grofsgezogenen gewerblichen Werkstätten, welche aufserhalb der Staatsgefetze ftehen, welche ganz mit Unrecht und ohne volkswirthschaftlichen Werth Vermögen anfammeln, gegen Recht und Gefetz und auf Koften fchon beftimmter bürgerlicher Induſtrien Gewerbe und Handel treiben, müffen früher oder fpäter entweder in die ftaatliche Ordnung einbezogen oder durchgreifend reformirt werden. Wenn trotzdem Giani heute eine grofse Anzahl Stickerinen befchäftigt, fo ift das ein Beweis feines unermüdlichen Strebens, und zeigt, dafs im Publicum diefer lang verfchollene Kunftzweig wieder gefchätzt und anerkannt wird. Neben der immerhin koftfpieligen Stickweife wurde fpäter auch die Application eingeführt, nämlich jene Darftellung, wo Gemälde etc. aus wirklichen Stoffen nach der Zeichnung ausgefchnitten, dann aufgenäht und die entſprechende Schattirung darauf geftickt wird. Es laffen fich in diefer bei Weitem billigeren Darftellungsweife ſchöne Wirkungen erzielen, wie mehrere Beiſpiele, die Giani in der englifchen Kirche aufgeftellt hatte, bewiefen, und die gewifs in jeder Beziehung jenen in Oel gemalten Heiligenfiguren, die noch heute häufig verwendet werden, vorzuziehen find. Man durfte ja nur, um diefs klar zu erkennen, die Arbeiten Giani's z. B. mit jenen Oberbauer's, wie fie in den ungarifchen Gallerien ausgeftellt waren, vergleichen. Carl Giani hatte fowohl in der englifchen Kirche, als auch in feiner Expofition bei den Seidenftoffen in der öfterreichifchen Abtheilung Originalmufter in romanifcher und gothifcher Weife reichhaltig ausgeftellt, aufserdem fchön geftickte kirchliche Gewänder, Infeln in alter Form und edler Zeichnung, von denen befonders jene für den Abt Bubic beachtenswerth war, Traghimmel und Fahnen mit vorzüglich ausgeführten Figuren in Application, ein Tauftuch für proteftantifche Confeffion, von origineller Zeichnung, ftreng ftiliftifch im Ornament und harmonifch in der Farbenwirkung, auch einen Vorhang für ifraelitifche Cultuszwecke mit romanifchen Anklängen. Hermann Uffenheimer aus Innsbruck reiht fich, was Stickerei betrifft, anerkennenswerth dem Streben Giani's an, und ftellte in der englifchen Kirche eine prachtvolle Collection von Kirchenornaten aus, reich geftickt, theils mittelalterlich, theils einer modernen Richtung angehörig mit Anklägen an die mittelalterliche Stilweife. Auch waren bemerkenswerth die vorzüglichen Tambourirungen von Weifszeug. Der Linzer Dombau-Verein ftellte einen geftickten Ornat mit Chriftus und Maria im reichen Weinlaub- Ornament von derfelben Firma aus. Albert Kaftner aus Wien brachte für das Stift Admont ein Pluvial aus dem XVII. Jahrhundert, neu inftallirt, jedoch ohne richtiges Verſtändnifs für ältere Stilweife, dann eine Cafula, reich in Relief- Goldftickerei, für den Fürft Primas von Ungarn, einen modernen Ornat in Silberftoff mit reicher Goldftickerei, wobei nur zu bedauern ift, dafs fo viel Arbeit und edles Materiale auf fo unverantwortliche Art mifsbraucht wurde. Ferner fanden fich dafelbft recht hübfche Weifsftickereien von Therefia Lemik aus Wien und Elife Wurft aus Inzersdorf ausgeftellt, jedoch fehlte das ftiliftifche Element in der Zeichnung. 2 18 Hans Petfchnig. Krickl& Schweiger mit Arbeiten vom Olmützer Domcapitel folgen der Richtung, welche eingangs als verwerflich bezeichnet wurde, und bedauerlich ift der Mangel an Verftändnifs für kirchliche Kunft, welche das Olmützer Domcapitel durch diefe Anfchaffung dargethan hat. Oberbauer aus Peft hatte nicht nur allein weniger als mittelmäfsig, fondern auch überdiefs meift Paramente ausgeftellt, welche ihre Geburtsftätte aufserhalb Oefterreich- Ungarns haben. Das zunächft gelegene Rufsland hatte von Schadrine Stickereien und von Sapoinik off kirchliche Stoffe gebracht. Das deutfche Reich hatte fich nicht fo lebhaft betheiligt, als es wenigftens von Süd- Deutfchland zu vermuthen war. Die fächfifche Regierung ftellte einen geftickten Baldachin, Stühle und Kniedecken, nach dem Entwurf des Malers Andree, aus, welche Giani in gewohnter vorzüglicher Weife ausgeführt hat. Aus Crefeld fandte die renommirte Firma Cafaretto gewebte Seidenftoffe im romanifchen und gothifchen Stile; leider hat diefe Firma in diefer Richtung nicht Alles gezeigt, was fie zu leiften vermag, und fo fchlecht exponirt, dafs man gar keinen Einblick in ihre Leiftungsfähigkeit gewann. Gendeiren und Ebner aus München brachten gut ftilifirte Webereien und Stickereien. Eigenthümlich waren die zu kirchlich- decorativen Zwecken fehr verwendbaren gedruckten Wollftoffe mit Goldmuftern. Aus Stuttgart war ein fchön gefticktes Pluvial der Gefchwifter Horn zu fehen. Gefchwifter Jörres aus München hatten ſchön geftickte Fahnen und tam bourirtes Weifszeug von vorzüglicher Arbeit ausgeftellt, wobei nur die Zeich nung Manches zu wünfchen übrig liefs. Ofiander von Ravensberg aus Württemberg hatte gut ftilifirte Tambourirungen auf Weifswäfche, eine wahre Specialität in diefer Branche, zur Ausftellung gebracht. Aus Leipzig war nur von Hietel„ der Baum des Lebens" auf einen Vorhang für ifraelitifche Cultuszwecke fchön gearbeitet. Schliefslich wäre ein dicker Kirchenteppich von Jofef Dierzer aus Wien noch zu erwähnen, welcher die Altarftufen in der englifchen Kirche deckte, der zwar, was Qualität und Technik betrifft, fehr anerkennenswerth, aber roh in der Erfindung und im Detailornament war und dadurch an Werth fehr verlor. In Teppichmanier gearbeitete Heiligenfiguren hatte Thomas Tafsling & Comp. aus London ausgeftellt. Aus Mailand waren von Fil. Giuffani kirchliche Stoffe mit Stickereien in naturaliftifcher, fchlecht ftilifirter Weife und fehr mittelmäfsiger Technik in der italienifchen Abtheilung ausgeftellt. Die übrigen Länder hatten fich in diefer Branche nicht betheiligt. Unbe greiflich, dafs Frankreich in diefer Richtung fo zurückhaltend war, denn wer die kirchliche Ausftellung 1870 in Rom gefehen hat, konnte fich von dem reichen Wirken Frankreichs in allen Zweigen der kirchlichen Kunft leicht überzeugen. Die Arbeiten Kreichganer's in Paris nahmen zum Glück einen hervorragenden, ja fogar den erften Platz in der ganzen Ausftellung, was kirchliche Stickerei betrifft, ein. Ihre Technik ift immer bewundernswerth. Henry in Lyon hatte nicht das Befte gefchickt, was er zu leiften vermag. Vor Allem hat Oefterreich, freilich auf eigenem Boden ftehend, diefsmal die kirchliche Richtung vorzüglich vertreten, und das Streben nach Reinheit der Gefchmacksrichtung zeigte fich allenthalben auf allen Gebieten der kirchlichen Kunft trotz der ungünftigen Verhältniffe und trotzdem, dafs zwei hervorragende Factoren, Clerus und Adel, fich nur ausnahmsweife zur Förderung des Guten und Schönen in Oefterreich herbeigelaffen haben. Vorwiegend herrfcht in Oefterreich heute die mittelalterliche Stilrichtung, romanifch und gothifch, vor, indefs dürfte die Zukunft der Renaiffance auch auf Kirchliche Kunft. 19 kirchlichem Gebiete gehören, denn es iſt nicht anzunehmen, dafs die ftarke Strömung, welche die Architektur in diefer Richtung genommen hat, fich nicht auch auf die kirchlichen Gebäude und die kirchliche Kunftinduftrie erftrecken follte. Verfolgt die Architektur diefe neue Bahn, fo folgt ihr das Kunstgewerbe ficher bald nach, da die ftiliftifche Durchführung des Mobiliars und der Geräthfchaften bis auf die Stoffe etc. zur Ausfchmückung immer vom Architekten ausgehen und von ihm geleitet werden. Leichter wird es übrigens gewifs fein, das Kunft- Handwerk und die Kunftinduftrie in die uns näher ftehende Renaiffance zu leiten, als es war, diefelbe aus der verzopften Rococcotradition in die ftrenge Stiliftik des Mittelalters herüber zu führen. Nur zögernd und fogar widerwillig folgte das Kunft- Handwerk den Anforderungen der Architektur auf ein ihm ganz fremdes Gebiet, und diefes fchwer und langfam erlangte Verſtändnifs dürfte, wie gefagt, wenn die Strömung der modernen Renaiffance anhält, was nach Allem zu vermuthen ift, bald einer neuen Richtung weichen.