es of OFFICIELLER AUSSTELLUNGS- BERICHT HERAUSGEGEBEN DURCH DIE GENERAL- DIRECTION DER WELTAUSSTELLUNG 187 3. BILDENDE KUNST DER GEGENWART. ( Gruppe XXV.) BERICHT VON JOSEF BAYER UND JOSEF LANGL. WIEN. DRUCK UND VERLAG DER K. K. HOF- UND STAATSDRUCKEREI. 1874. DIE MALEREI. ( Gruppe XXV.) Bericht von DR. JOSEF BAYER, Profeffor der Aefthetik an der k. k. technifchen Hochfchule in Wien. Der gegenwärtige Kunftzuftand, wie er fich in der umfaffenden, für die vorherrfchenden Richtungen zumeift auch bezeichnenden Ausftellung in der Kunfthalle abfpiegelte, läfst fich nicht fo leicht nach einfachen Kategorien des Urtheiles abfchätzen. Das Gefammtbild war jedenfalls ein fehr reiches und glänzendes; aber die Frage nach dem tiefergreifenden, nachhaltigen Fortfchritte in der Kunft beantwortet fich nicht allein aus dem allgemeinen Eindrucke jener Glanzerfcheinung heraus. Statiftifch betrachtet, ftellt fich das gegenwärtige Verhältnifs der Production fehr günftig; die Kunftthätigkeit ift unzweifelhaft in vielen Händen, und demgemäss ift auch das Ausftellungsbedürfnifs in der Steigerung begriffen. Gegen die 3973 Kunftwerke, welche die Parifer Ausftellung von 1867 im Ganzen aufwies, tritt die unfere mit der imponirenden Gefammtfumme von 6060 Werken aus dem Bereiche aller drei bildenden Künfte auf, von denen wieder die weitaus gröfsere Zahl auf die Malerei entfällt. Darunter wuchs die franzöfifche Ausstellungsziffer am wenigften, von 1043 auf 1573, weil damals fchon die Production und die Ausftellungsfähigkeit grofs genug war; Deutfchland dagegen ift von 555 auf 1026, Oefterreich- Ungarn von 193 fogar auf 1079 geftiegen. Freilich entfcheidet die umfoviel geringere Betheiligung von damals nicht in ganz gleichem Mafse für das geringere Quantum der Production, namentlich da, wo es fich um die Verfendung von Kunſtwerken an einen fremden Ausstellungsort handelt; doch drückt immer eine fo bedeutende Ziffern differenz etwas und fogar viel, wenn auch nicht Alles aus. Wie es qualitativ um die gegenwärtige Kunftthätigkeit fteht, diefs hält wirklich fchwer, ganz rundweg und beftimmt mit einem Worte, das man nicht mehr einzufchränken und halb zurückzunehmen braucht, zu beantworten. Die Antwort können wir nur, von Land zu Land vorgehend, mit Rückficht auf die fpeciellen Kunftzuftände präcifer geben. Der allgemeinfte Eindruck liefse fich wohl nur fo ausfprechen: Alles, was an der Kunft fich äufserlich lehren, üben und mittheilen läfst, was in ihr von der fertigen Hand zu Hand, weniger Jenes, was vom ſchaffenden Geift zum Geift übergeht, das ift in der That im regften Fortfchritt, in rühriger Entwicklung begriffen. Jene Eigenfchaften, wodurch fich die I* 2 GI Dr. Jofef Bayer. - Kunft dem Publicum präfentabel macht: Leichtigkeit und Eleganz des Vortrages, finnliche Kraft und zugleich Gefchmack im Colorit, eine auf die gefällige Wirkung gerichtete Wahl des Motives und dergleichen mehr diefs Alles ift ficherer als je in der Hand und fogar in vielen Händen, und weil man folche Eigenfchaften fo mannigfach verbreitet und ausgebildet findet, fo ift die Kunft jetzt vielleicht aus ftellungsfähiger geworden, als fie es früher war. Dasjenige auch, was fogar in der Maffe, bei rafcher Ueberficht fofort wirkt, was kein intimeres, in ftillere Betrachtung fich verfenkendes Studium der einzelnen Werke erfordert, das ift in den meiften Fällen da, und die Summirung diefer Eindrücke gibt eben jenes glänzende Gefammtbild, von dem ich früher fprach. Das Uebungsfeld ift gröfser und weiter, der Gedankengehalt geringer und leichtwiegender geworden; ich meine da die künftlerifchen Gedanken und productiven Eingebungen, nicht die fogenannten, in Kunftwerken auszudrückenden„ Ideen". Wie die Dinge nun ftehen, bewegt fich die Technik freier als je, gleichfam als Herrin im Haushalte der Kunft, aber freilich vielleicht nur aus dem Grunde, weil der eigentliche Herr, der fchaffende Genius, im Augenblicke nicht zu Haufe zu erfragen ift. Die dominirenden Talente im gröfseren Stile, welche die Richtung, die Wege der Kunft innerhalb ihres Wirkungskreifes auf längere Zeit beftimmten, find entweder nicht mehr unter den Lebenden, wie Ingres und Delacroix bei den Franzofen, oder von der Höhe ihres Schaffens abwärts gehend, wie der Belgier Gallait; den kürzlich gefchiedenen Kaulbach können wir da kaum mitnennen, weil es ihm trotz feiner perfönlich grofsen, künftlerifchen Eigenfchaften nicht gelang, einen Schuleinflufs zu begrün den. Nun ift die Demokratie der mittleren Talente an die Stelle der Autokratie der hervorragenden Geifter getreten. Damit fetzen wir die Kunftzeit des gegen wärtigen Momentes in der allgemeinen Schätzung keineswegs herab. Einmal ift die Anzahl jener mittleren Talente eine fehr namhafte, die Verbreitung eines ganz refpectablen Durchfchnittsmafses der Kunftbegabung fogar günftiger, als fie es während des Einfluffes jener gröfseren, leitenden Künftler gewefen und gerade diefs entfcheidet den in die Breite gehenden Fortfchritt der Kunft. production, den wir in dem oben bezeichneten Sinne mit voller Befriedigung conftatiren müffen. ich Wir beginnen nun unfere Umfchau durch die wichtigſten Kunftländer, deren nähere Betrachtung uns eben die meifte Belehrung bietet. So ungern von mir felbft rede, fo ift es doch an diefer Stelle nöthig, wo es fich um das Verhältnifs der Perfönlichkeit zur Sache handelt. Ich bin weder Kunftgelehrter im ftricten Sinne, noch praktiſch gefchulter Kenner, und weifs recht wohl, dafs man mit einer allgemeinen äfthetifchen Bildung allein an die Beurtheilung eines vielfach bedingten Kunftzuftandes fchwer herantreten kann. Dazu kommt noch diefs, dafs ich, bis auf die letzten Jahre hin in provinziell eingefchränkter Stellung lebend, nichts dafür thun konnte, meinen in der Stille gepflegten Kunftſtudien durch Bildungsreifen, durch ein reicheres Material von Anfchauung den nöthigen ficheren Rückhalt zu geben. Man kann nur im Strome fchwimmen lernen, nur einer grofsen Menge von Kunftwerken gegenüber, die man allmälig kennen gelernt hat, künftlerifch fehen lernen, wenn man nicht in der zufammenfluthenden Fülle der Eindrücke, wie fie unfere Weltanschauung darbot, hilflos unterfinken foll. Es erging mir auch felbft im Anfange nicht beffer, bis ich erft nach und nach den Andrang der neuen Erfcheinungen nach dem Schema meiner früheren Studien mir gruppirte und ordnete. Gewifs hätte ich die Aufgabe diefes Berichtes nie übernommen, wenn fich eine berufenere, eine durchaus fachkundige Feder dafür hätte bereit finden laffen, was aber nicht der Fall war. Möge denn der Lefer fich's genügen laffen, hier an der Hand eines eifrig und ehrlich Lernenden felbft auch zu lernen, foweit diefs eben möglich ift. Und fo treten wir denn, weil die heimatlichen Kunftzuftände unferem Intereffe doch zunächft ftehen, bei unferem Rück blicke vor Allem an die öfterreichiſch- ungarifche Abtheilung der Kunsthalle heran. S, g Die Malerei. e of 3 fo er g en e h er به e e S n ES t $ $ I. Oefterreich- Ungarn. Wir waren fehr ftattlich im eigenen Haufe vertreten; auch war die Anzahl des neu Producirten, oder des zwar Aelteren, aber nicht allgemein Bekannten,. grofs genug, dafs man fich die Anleihe bei der modernen Abtheilung des Belvedere wohl hätte erfparen können. Dagegen wäre Wien allein ganz wohl in der Lage gewefen, der„ Specialausftellung der Stadt Paris" ein bedeutfames Seitenftück gegenüberzuftellen, und in Entwürfen, Farbenfkizzen, Cartons ein überfichtliches Bild deffen zu geben, was an monumentaler und decorativer Malerei, in religiöfer und profaner Richtung, vom Bau der Lerchenfelderkirche und des Arfenals bis auf jenen des Opernhaufes, dann weiter bis auf die Banquierpaläfte und Ringftrafsen- Bauten hinab diefe Jahre hindurch producirt worden ift. Es wäre eine folche Sammlung, in möglichfter Vollständigkeit zufammengeftellt, wohl eine der inftructivften Partien der grofsen Kunftausftellung geworden, und hätte an fich die Illuftration eines der intereffanteften Capitel der modernen Kunftgefchichte abgegeben. Es ift übrigens ziemlich fchwierig, in den frifchen und regfamen, aber bunt durcheinanderlaufenden Kunftbeftrebungen Oefterreichs eine klare und beftimmte Ueberfchau zu gewinnen. Nach grofsen Gruppen laffen fie fich wohl zufammenftellen, weniger nach entfcheidenden Richtungen fondern. An erfter Stelle tritt uns felbftverständlich das Wiener Kunftleben entgegen, fowohl nach der Bedeutfamkeit einzelner hervorragender Künftler, als auch nach dem Quantum der Production und dem Ausgreifen in die gröfsere Mannigfaltigkeit der Stoffe. Den Wiener Stadt- und Modemalern ftellen nun die Tyroler ihre bäuerlichen Sittenmaler, wie Defregger, Math. Schmidt, Al. Gabl und Andere gegenüber, die bei voller Wahrung ihrer Eigenthümlichkeit doch mit München im nächften Schulzufammenhange ftehen. Das böhmische Kunftleben, das fchon feit längerer Zeit in matteren Pulfen fchlägt, nährt fich an der ziemlich dürftigen Hauskoft der Prager Akademie, fo weit nicht die bedeutfameren Talente, wie Jar. Czermak bei Gallait, Gabriel Max in München, ſchon bei Zeiten unter andere Einflüffe traten. Eine grofse, in der modernen Kunſtwelt gar ftattlich fich präfentirende Gruppe bilden die polnifchen Maler; ihr Charakter ift durchaus eigenthümlich ausgeprägt, nicht fowohl was die vielfach divergirende Kunftweife, als den ftarken Grundzug der nationalen Empfindung, das Zufammentreffen in demfelben, durch das hiftorifche Vaterlandsgefühl bedingten Stoffkreife betrifft. Selbſtverſtändlich greift diefe Gruppe weit über Oefterreichs Grenze nach Ruffifch- Polen hinüber; auch die Schulherkunft der einzelnen Maler mufs an verfchiedenen Orten, in München, in Brüffel, wohl auch in Paris erfragt werden; gleichwohl hat Oefterreich den Bedeutendften der Polen, Ján Matejko aus Krakau, der zudem in Wien gebildet ift, auf feiner Künftlerlifte ftehen, und aufserdem zählen unter den Malern, die bei Oefterreich ausftellten, H. v. Rodakovski, Walery Eljasz, Julius Koffak, Fr. Tepa zu der anfehnlich vertretenen galizifchen Landsmannfchaft. Ungarn, welches fich in der Kunsthalle in fcharfer dualiſtiſcher Scheidung dem übrigen cisleithanifchen Oefterreich gegenüberftellte, können wir in künftlerifcher Beziehung durchaus nicht als volle Reichshälfte, fondern eben wieder nur als Gruppe gelten laffen, die gegenüber der polnifchen um Vieles leichter in die Wagfchale fällt. Dazu zeigt fich allenthalben die Dependenz der äufseren Kunftbildung von Wiener, Münchner, Düffeldorfer Einflüffen bei unausgegohrenem volksthümlichen Naturell, das mit jenen Schuleinwirkungen oft feltfam im Kampfe liegt. Ein tüchtiges Streben tritt vielfach hervor, die Reſultate ftehen noch zu erwarten. Wenn wir nun zunächft zu den Wienern zurückkehren, fo müffen wir da manches wohl fchon bekannte Wort wiederholen. Das Wiener Kunſtwefen 4 - Dr. Jofef Bayer. ift ein gar complicirter Sammelbegriff, wie er ebenfo vielfach nach anderen Beziehungen hin wiederkehrt. Es gibt fo einen gewiffen Kern von Wiener Originalkunft aber was hat fich nicht fonft Alles daran gefetzt! Echte Wiener der Herkunft nach wie Steinle, Schwind, vor allen Rahl, dann auch Canon, haben fo ftark nach Aufsen gewirkt, fo weite Kreife ihrer nachhaltigen Wirkung gezogen, dafs man einige Mühe hat, fich zu befin nen, dafs fie von hier aus felbft aus engerer Sphäre ihren Ausgang nahmen; Andere, wie Friedländer, v. Lichtenfels, Ammerling, Guft. Gaul find mehr nur Künftler von localem Einfluffe geblieben; eine ganze, nicht unanfehnliche Künftlerniederlaffung aus dem Reich", die fich hier zufammengefunden, hat wieder allmälig den nicht näher definirbaren Wiener Kunft charakter nicht allein angenommen, fondern ihn felbft zu fchaffen und ver vollſtändigen geholfen. Und worin befteht beiläufig derfelbe? Ihn bezeichnet vielleicht das leichte und rafche Erfaffen mannigfacher Stoffe zunächft mit Rückficht auf die wirkfame finnliche Erfcheinung, die bequeme Art, fich auszudrücken bei etwas laxer künftlerifcher Gefinnung eine gewandte, weltläu - - in dem fige, felbft brillante Technik, der man allerdings nicht immer genau auf den Pinfel fehen darf, wenn fie nur ihre Wirkung erzielt. Diefs gilt freilich für den immer ganz achtbaren Durchfchnitt, von dem fich die zahlreichen ernfteren Beftrebungen um fo bedeutfamer abheben. Auch darf man die Conftatirung diefes Thatbeftandes nicht mifsverftehen. Wien ift eben eine Grofsftadt von aufserordentlicher Bedeutung, aber ohne compacten nationalen Rückhalt; ein Centrum, in das viele Radien zufammenlaufen, aber deffen Peripherie vielfach verdämmert und fchwankt. Man kann unter diefen Umftänden nur ein glückliches, felbft glänzendes Zufammentreffen von künftlerifchen Kräften in diefem Mittelpunkte erwarten, aber nicht ein Gefammtrefultat aus tieferer Wurzel auf gefogener idealer Beftrebungen, das nur ein zufammengefafstes, grofses Volks thum zu bieten vermag, und( wie wir es zu unferem Trofte wenigftens fehen auch unter günftigeren Bedingungen jetzt nicht anderwärts viel beffer bietet. In einem Punkte können wir in der Parallele, die wir den anderen Kunftvölkern gegenüber auf der Ausftellung ziehen konnten, völlig mit uns zufrie den fein: man hat etwas bei uns inzwifchen gelernt und fogar viel, beinahe noch mehr gelehrt. Wenn auch die Wiener Kunft in die Tiefen des bedeutenden Lebens feltener hinabtaucht, und fich mehr nur an feine glänzende und wirkfame Aufs enfeite hält, fo hat fie eben in diefer Richtung frifchen Erfaffen der malerifchen Erfcheinung, der Bemeffung ihres Farbenwer thes in dem geübten Auge, in der Kunft des Malens an fich aufserordentliche Fortfchritte gemacht. Ein Name allein, der von Hans Makart, bedeutet in diefem Fortfchritte geradezu eine Eroberung. Er vertritt da jene höchfte Steigerung der fpecififch Wiener Kunftanschauung, die nicht nach einer geiftig grofsartigen, fondern nach der feftlichen Erfcheinung des Lebens hinftrebt, in dem heiteren Triumphe der fchönen Wirklichkeit vor Allem fich wohlgefällt. Einen folchen hat uns Makart damals im Künftlerhaufe, gleichzeitig mit der Weltausftellung, in feiner ,, Katharina Cornaro" vorgeführt. Es repräfentirt diefes grofse Gemälde fo recht den farbenblühenden, finnlichen Idealismus der Wiener Kunft, der von dem farbigen Realismus, welcher im Dienfte des charakteriftifchen Aus druckes fteht, fehr wohl zu unterfcheiden ift. Die unerfättliche coloriftifche Schwelgerei, die fich in der Gluth des Tons, in dem wirksamen Widerſpiel und Zufammentönen der Farben gar nicht genügen kann, findet ihr entsprechendes Seitenftück in dem Bilderdrang, dem oft unruhigen Farbenfchimmer der poetifchen Schilde rung fo mancher öfterreichifcher Dichter, von Halm bis weiter hinab auf Hammer. ling; auch das ift finnlicher Idealismus in der Poefie. Uebrigens hat die Kunft. form Makart's mit der hiftorifchen Gattung beinahe nichts gemein; fie ift gleich fam das Genre im Feierkleide, eine Kunft für die Feftfchau und den Genufs, nicht für die ernſtere Stimmung und geiftige Erhebung. Es liegt kein Vorwurf darin, Die Malerei. 5 en er te 1, fe 1; l ht 7. T et it 5- n n wenn wir diefe Richtung als eine decorative bezeichnen; wo eben das finnliche Moment in der Kunft überwiegt, gibt es aus diefer Grundlage heraus keine andere Steigerung, als zur decorativ wirkenden Compofition, die ja felbft einen monumentalen Charakter annehmen kann. So wurden die Venezianer, diefe nächften infpirirenden Vorbilder Makart's, fofort decorativ, wie fie mit ihren Compo fitionen ins Grofse gingen. Ein rafcher Blick auf die Malereien des Dogenpalaftes überzeugt uns ohne Weiteres davon, mögen fie nun mythologifch, allegorifch oder religiös fein; fo Tizian's grofses Präfentationsbild mit dem Dogen Grimani in der Sala delle quatro porte, die mythologifchen Wandbilder Tintoretto's und der ,, Raub der Europa" von Paolo Veronefe in der Sala dell' Anticollegio, die thronenden Venezien und die„ Präfentation des Siegers von Lepanto vor Chriftus", ebenfalls von Veronefe in der Sala del Collegio. Diefe Beiſpiele aus der Kunftgefchichte liefsen fich leicht noch häufen, aber es ift hier nicht unfere Aufgabe, ein kunfthiftorifches Repetitorium zu geben. Makart's Bild pafst. ebenfo gut als glänzender Schmuck in eine Fefthalle; nur läfst fich allerdings dagegen einwenden, dafs die Huldigung vor der Schönheit, die hier der herrlichen Venezianerin, der Fürftin von Cypern dargebracht wird, zu dem gegenwärtigen Leben keine andere Beziehung hat, als die der blofsen Augenweide. Der ideelle Gehalt in der Kunft, das was in ihr zum Gedanken ſpricht, kann jedem Zeitalter entstammen; die Darftellung des Feftpomps ift aber eigentlich nur für die Zeit da, die das Vorbild desfelben in der Wirklichkeit aufzuweifen hat. Die Hauptgattung der Wiener Kunft ift im Uebrigen die Genremalerei, aber auch diefe mehr von ihrer finnlich- malerifchen Seite, als nach der durch den Gegenftand wirkenden, nach der charakteriftifchen oder pfychologifchen Richtung. Wie Menfchen und Dinge bei einer gewiffen Beleuchtung, unter einer beftimmten Farbenwirkung ausfehen, nicht was fie ihrem Wefen nach find und was fich von diefem Wefen im Bilde anfchaulich machen läfst das ift's, was die richtigen Wiener Genremaler zunächft in ihrem Studio intereffirt. So hat Alois Schönn viel herumgemalt, gelegentlich auch, wie in der ausgeftellten ,, Siefta türkifcher Frauen", die franzöfifche Orientmode mit mäfsigem Erfolge mitgemacht, bis er endlich mit feinen Marktfcenen, feinen Fifchern und Volksgruppen im Süden Pofto fafste. Es ift nicht italienifches Volksthum, fondern lediglich die Lichtwirkung der italienifchen Sonne, was ihn dabei anzog. Sein„ Fifchmarkt in Chioggia", ein anderer im Ghetto zu Rom, dann fein Bild aus dem Belvedere " Fifcher an der genuefifchen Küfte" und Aehnliches mehr find nichts als Farbenfchilderungen in grellem, unvermitteltem, faft beunruhigendem Lichte. H. Grasberger machte in einem Kunftreferat der„ Preffe" die ganz richtige Bemerkung: ,, Sie find nicht unwahr, diefe ftarken Contrafte, aber die füdliche Natur weift auch manches gedämpftere Licht- und Farbenfpiel auf, das nicht nur angenehmer wirkt, fondern auch Perfonen und Sachen mehr zur Geltung kommen läfst." Es kommt nur darauf an, ob fie der Künftler felbft zur Geltung bringen wollte, nachdem er fich einmal feinen malerifchen Specialeffect ausgefunden hatte. In feinen italienifchen Bildern ift Schönn vorzugsweife Farbenvirtuófe, der durch einen oft übertriebenen coloriftifchen Reiz zu wirken fucht; dagegen zeigt er fich mit einfacheren Mitteln als ein wirklich geiftreicher Beobachter und Charakteriſtiker in dem ,, Vorhof einer Synagoge" und dem ganz vorzüglichen Gänfemarkt in Krakau". Ein mehr äufserlich malerifches Intereffe ift es auch, welches die Vorliebe für venezianifche Scenen bedingt, die meiftens, wie bei Eugen Blaas als hiftorifche Coftümebilder im Sinne der feinen, eleganten Farbenwirkung benützt werden; fo in feiner„ Dogareffa" oder in feinem„ Brautzug in S. Marco". Auch wenn er einmal einige hübfche Wafferträgerinen an einer Cifterne aus dem gegenwärtigen Venedig uns vorführt, ift es nicht ein Stück Volksexiftenz, fondern nur die gefällige malerifche Erfcheinung, die er da im Bilde fefthält. Ebenfo wird das hiftorifche Genre meift nur coloriftifch ausgebeutet: fo in den Bildern des talentvollen und farbenfinnigen Wilhelm 29 6 Dr. Jofef Bayer. Koller, eines Olmützers, der in Brüffel der Malweife von Leys fich anfchlofs- , Kaifer Maximilian I. bei Dürer"," Kaifer Karl V. bei Fugger",„ Ein Gaukler des XV. Jahrhunderts". Wir haben da nicht im hiftorifchen Sinne individualifirte Figuren und Situationen vor uns, fondern nur ein beiläufig aufgegriffenes gefchicht liches Motiv als finnlich feffelndes Farbenbild. In gleicher Weife, als malerifche Zeitftaffage und Scenerie ift Koller's„ Margaretha, aus der Kirche kommend" behandelt. Ueberall in derfelben Art diefe reinlich und anziehend gemalten Geftalten, in feinen und klaren Umriffen, ohne Rückficht auf die Luftwirkung wie auf flachen Plan nebeneinander geftellt, aber in der forgfamen und gefchmackvollen Durchführung trotz der angeeigneten Manier von namhaftem Kunftwerthe. Wo einmal die bewegtere gefchichtliche Epifode zur Darstellung kommt, wie in Leopold Löffler's" Kaifer Rudolph von Habsburg in Lebensgefahr bei Murten“ und„ Herzog Alba zu Rudolftadt", ift die Aufgabe bei aller anerkennens werthen Tüchtigkeit etwas akademifch nüchtern gelöft; immerhin ift das letztere Bild von Löffler neben der Behandlung des gleichen Gegenftandes von Fr. Wide mann in München entfchieden im Vortheil. Das, Turnier zur Zeit Maximilian's I von Fr. Ruben ift ein romantifch- hiftorifches Sittenbild, ganz hübsch in der conventionellen Art, wie man es fo malt, wenn Einem nichts Volles und Lebendiges einfällt ein recht forgfam ausgeführter Bilderbogen gefchichtlicher Illuftration. Es verfteht fich von felbft, dafs fich der unvermeidliche dreifsig. jährige Krieg, wie in jedem Salon, auch auf der Weltausftellung einfinden mufste fo in dem Bilde von Jof. v. Berres ,, Wallenftein, fchwediſche Documente verbrennend". Im Ganzen halten fich die Wiener Künftler dem objectiven Ernfte der wirklichen Gefchichte ziemlich fern; auch liegt ihrer Sinnesart die fingirte Anekdote weit näher als die hiftorifche, befonders wenn jener ein theatralifchwirkfamer Zug, ein leidenfchaftlich packendes Moment abzugewinnen ift. So wirkt das glänzend durchgeführte Bild von Heinrich v. Angeli:„ Der Rächer feiner Ehre", wie eine illuftrirte Scene aus einem Senfationsroman; ebenfo auch deffen„ Verweigerte Abfolution". Das erftere Bild ift fo charakteriftifch und anfchaulich, als es eine erfundene Situation durch die belebende Kraft der malerifchen Phantafie nur immer werden kann; freilich macht es eben nur mehr den Eindruck einer fehr gut gefpielten Theaterfcene mit Bühnenftellungen und Bühnenleidenfchaft, als eines wirklichen Lebensbildes. Auch hier tritt der Maler dem Charakteriſtiker, die äussere techniſche Vollendung der beabsichtigten pathe. tifchen Wirkung felbft wieder in den Weg. Ganz treffend hebt da Friedr. Pecht hervor, dafs der pfychologifche Inhalt doch nicht den Hauptreiz, den entfchei denden Vorzug des Bildes ausmache; diefer beftehe offenbar in der wirklich bewunderungswürdigen Ausführung des Einzelnen, befonders des Stofflichen. ,, Dabei ift der Ton von einer Feinheit, die Figuren ftehen fo frei, find fo von Luft umgeben, nichts tritt heraus oder bleibt zurück, dafs diefer artiſtiſche Reiz über den pfychologifchen weit hinausgeht, ja ihn entfchieden beeinträchtigt. Bei einer folchen Scene, die in rafchefter Bewegung vor fich geht, da haben wir doch nicht Zeit, jedes Fältchen an den Halskraufen der Betheiligten, das Deffin jeder Stickerei an ihren Gewändern auf's ausführlichfte zu ftudiren. Da fieht man zunächft auf die Köpfe und Hände, die Bewegung der Perfonen... und eben defshalb, weil man doch jeden Knopf und jede Litze fo genau und ruhig gefchmackvoll ausgeführt fieht, wie das bei fich heftig bewegenden Perfonen unmöglich, verliert das Ganze an Wahrfcheinlichkeit; man glaubt, je länger man fie ſpielen ſieht, immer weniger an die Gefchichte." Es kommt hier wieder darauf hinaus, was ich fchon früher hervorhob: das Intereffe an der malerischen Erfchei nung tritt, der Wiener Kunftweife gemäfs, auch hier bei dem affectvollen Gegen ftande zunächft in den Vordergrund. Der virtuofe Pinfel befchäftigt fich( felbft bei der Schilderung der Leidenfchaft) zuviel mit dem äufseren Menfchen, ftatt das jenige, was den inneren in diefem Momente erregt, überzeugend zu verfinnlichen; es ce t. e i Die Malerei. 7 der Ausdruck des Affectes befchränkt fich zu fehr nur auf die Stellung und Bewegung, auf ,, Geberden, die man auch ſpielen könnte", und fällt eben dadurch ins Theatralifche, das fich mit jener äufserlichen, techniſch exacten Vollendung ganz wohl verträgt. Mehr wirklicher leidenfchaftlicher Gehalt fcheint in der Beichtftuhl. fcene Angeli's zu liegen; die Verzweiflung der händeringenden Bäuerin, die clericale Erbarmungslofigkeit des Paters find da, fo möchten wir beim ersten Blicke glauben, fehr eindringlich zur Anfchauung gebracht. Wenn wir aber näher zufehen, müffen wir hinzufügen: eindringlich wohl, aber zugleich mit einer fich vordrängenden Abficht. Der Geiftliche erfcheint uns, je genauer wir feine Züge ftudiren, wie ein Charakterfpieler, der feine Rolle chargirt fpielt. Es bekommt eben der Wiener Kunftrichtung nicht wohl das fehen wir gerade bei ihren namhafteren Repräfentanten wenn fie aus dem ruhigen finnlichen Behagen an der Erfcheinung, aus dem geniefsenden Anfchauen und Darftellen in die Schilderung des Affectes übergeht; fie bleibt auch da finnlich und äufserlich und erfetzt durch grelle Züge das, was ihr an Tiefe und Energie mangelt. - Jenes völlig ungetrübte, ruhige Behagen, den hellen, weltfreudigen Blick, der mit heiterer Objectivität ins Leben fieht und das frifch Angefchaute, unbefangen Wahrgenommene mit bewunderungswürdiger Farbenfrifche wiedergibt, befitzt in feltenem Mafse Ludwig Paffiny. Obgleich er derzeit dem Berliner Künftlerkreife angehört und feine herrlichen Aquarell- Meifterftücke theils der königlichen Nationalgallerie in Berlin angehören, theils fich fonft in Dresden oder in Berlin im Privatbefitz befinden, fo hat er fie doch, feiner Wiener Herkunft eingedenk, den öfterreichifchen Sälen als werthvolle Zierde zugedacht. Italien ift die Welt, in der Paffiny's beobachtendes Auge heimifch ift. Seine mannigfachen Volkstypen, feine Kinder auf der Strafse und in der Schule, feine Frauen und Pfaffen ftellt er unermüdlich vor den Pinfel, den er mit fo feiner und ficherer Meifterhand führt. Die weichere Natur des Wieners zieht es überhaupt nach dem Süden; er hat fich dort eine zweite Heimat für feine Genrekunft gefchaffen, und Venedig fcheint da das nächfte malerifche Abfteigquartier, wie etwa bei Rudolf Geyling, wenn nicht eine dauernde Niederlaffung zu fein, wie bei Eugen Blaas. Andere öfterreichifche Maler gehen in Italien zunächft nur auf coloriftifche Abenteuer aus, wie etwa der oben befprochene Al. Schönn. Paffiny dagegen ift ebenfo bedeutender Colorift wie geiftvoller Beobachter; ja unter den Eroberungen, die die Kunft feit jeher am Leben gemacht hat, ift die feine eine der überraschendften und vollſtändigften und zugleich eine der liebenswürdigften. Es gibt keinen erfreulicheren Eindruck in der Kunft, als wenn ein Maler mit fo klarem Gemüth und Auge fich ganz in feinen Stoffkreis einlebt und fich fo einen malerifchen Fonds anlegt, aus dem er bei aller beftimmten Art der Geftaltung immer etwas Neues herauszufchöpfen vermag. Er fchildert uns das temperamentvolle, leicht erregte, aber in feiner Erregbarkeit gutmüthige Volk Oberitaliens und Venedigs, das für den Beobachter von Wiener Herkunft, der doch auch Temperament hat, fo manche verwandte Seite darbietet. Die Fifcher von der Riva dei Schiavoni oder von Chioggia, die Jungen, die in der Chriftenlehre katechifirt werden, die Frauen, felbft aus der befferen Gefellfchaft, die fich von ihrem geiftlichen Berather einen Stachel aus ihrem wunden Gewiffen ziehen laffen, fie gehören Alle zu demfelben lenkfamen, beſtimmbaren, halbkindlichen Gefchlecht, für das fich Paffiny eine unvergleichliche malerifche Menfchenkenntnifs gebildet hat, und zur Vervollſtändigung gehören die Volksdeclamatoren und Vorlefer dazu, die ihr naives und empfängliches Auditorium mit mässigem Aufwande enthufiasmiren, die Priefter geringeren oder höheren Ranges, die es klug lenken oder fchlau überliften. Wie prächtig ift der fenfationelle Erfolg gefchildert, den der Vorlefer in Chioggia vor feinem Publicum von Fiſchern und Schiffsknechten feiert. Die Volksfeele offenbart fich fo recht da, wo eine gemeinfame ftarke Erregung auf fie wirkt; in den fcharf individualifirten Gefichtern spiegelt fich der Eindruck auf die mannigfachfte Weife; es ift gar fchön zu fehen, wie in folchen Naturen, die 8 Dr. Jofef Bayer. zunächft mit der Arbeit der Fauft, mit der Handhabung der Ruderſtange ihre Tage verbringen, ein naiver Idealismus aufblitzt und fich mit unmittelbarer finnlicher Gewalt ihrer Gemüther bemächtigt. Einen nicht fo vollständigen pädago. gifchen Erfolg hat fchon jener junge Geiftliche bei feinem Religionsunterrichte. Es find freilich römifche Rangen, die er in die Lehre nimmt; die heilige Stadt erzeugt ein pfiffigeres Knabengefchlecht. Der erbauliche Einflufs des frommen Lehrers reicht nur in die nächfte Nähe; weiter hinten emancipirt fich der knabenhafte Muthwille immer ungebundener, obgleich man den Burfchen dabei nicht im Geringften gram werden kann. Ein Bild von feinftem pfychologiſchen Reize ift die Beichtfcene in der Sacriftei, wo eine junge Dame offenbar fehr verlegen und zer knirfcht einem geiftlichen Herrn entgegentritt, dem diefe Art von confidentiellen Mittheilungen aus fchönem Munde nichts Neues zu fein fcheint; eine ganze kleine Gefchichte liegt in dem Bilde, das fo köftlich aus der Beichte fchwatzt. Die ,, Domherren im Chor", die eben mit dem Rauchfaffe feierlich beräuchert werden, find aber vor Allem ein Meifterftück feiner, fchlau beobachtender Charakteriſtik. Eine bezeichnendere Elite höchft individueller clericaler Charakterköpfe aus der höheren Hierarchie kann man nicht wieder beifammen fehen. Und bei alledem ift der Maler keineswegs ein Satiriker; die fcharf angeſchaute Wirklichkeit trägt ihre leife Ironie in fich felbft, welche der Darfteller in dem fpiegeltreuen Bilde auffängt, ohne fie mit Abficht zuzufchärfen. Man fühlt wohl den leichten, fchmun zelnden Zug heraus, mit dem er feine Geftalten im bezeichnenden Momente erfafst und fixirt; aber nirgends überfchreitet feine helle und beftimmte Auffaffung die Grenze der Objectivität. Und mit diefer Klarheit und fonnigen Weichheit der malerifchen Anfchauung vereinigt fich eine durchgebildete Aquarelltechnik, welche bei längerer Schau immer neuen Genufs gewährt. Neben dem durchaus natürlichen Paffiny treten die forcirten, wenn auch coloriftifch fehr verdienftlichen Bilder Charles Herbfth offer's nicht in das günftigfte Licht. Franzöfifcher Einflufs ift in der Wahl und Behandlung der Gegenftände, wie in der auf einen finnlichen Farbenreiz berechneten Technik wohl zu erkennen; wer aber im Sinne der Franzofen wagt und fpeculirt, muís noch kühner und refoluter wagen, um gleich ihnen eine blendende und finnbe thörende Wirkung zu erzielen. Eine Scene des tollften religiöfen Paroxismus, wie die auf dem„ Friedhof von St. Médard in Paris" darzuftellen, ift fchon an fich ein wunderlich gewähltes Thema; zudem erftarren hier die Aeufserungen des feltfamen Wahnfinnes in bloise Attituden bei höchft fauberer coloriftifcher Behandlung, ftatt fich in eiu finnlich ergreifendes Bild von wirklicher, aufgewühlter Leidenfchaftlichkeit aufzulöfen. Entblöfste Brüfte, herausgewälzte Augen und halbunmögliche Stellungen allein thun es nicht. Die anderen, kleineren Bilder, wie„ Die Herausforderung"," Eine Plünderungsfcene"," Ein Duell" erinnern ftark an die franzöfifchen Rococomaler; es find doch eigentlich blofse manie rirte techniſche Probleme ohne felbftſtändige Empfindung, die uns fofort kalt laffen. Da wurde uns denn gleich wieder recht behaglich deutfch zu Muthe, wenn wir neben diefer franzöfirenden Experimentalmalerei Kurzbauer's wohlbekanntes Bild„ Die ereilten Flüchtlinge" aus unferer Belvederegallerie betrachteten; das ift fo ganz ein mit liebenswürdiger Laune und fchalkhafter Beobachtung vorgetragenes Gefchichtchen im allerbeften Sinne des Münchner Genres. Es wäre zu bedauern, wenn die Wiener Genrekunft der Mode und dem Luxus, fowie den Gelüften reicher Kunftliebhaber nachziehend, fich ihren deutfchen Charakter entwinden liefse, und auf der Suche nach dem Pikanten dasjenige, was unferer Gemüthsart gemäfs ift, aus den Augen verlöre. Dann würde die Nuditätenmalerei, die bereits lange im beften Zuge ift, bei uns immer mehr um fich greifen, und jene Bacchantin, wie fie Felix nach franzö fifcher Manier ins Grüne gebettet, ihre immer zahlreichere nackte Camaraderie finden; nebenbei würde die blofse Pikanterie, wie in der Schönen, die auf gefährlichen Wegen" wandelt, von Jofef F ux, die gefchmackvolle breitcoloriftifche es of те 0. Es dt en m e e e 1, t t 1. e g h S T S e 1 - Die Malerei. - 9 Behandlung ohne weiteren beftimmten Inhalt, wie in deffen ,, Taubenopfer", in die Hauptlinie der eleganten falonmäfsigen Genrekunft treten, gelegentlich dann die oder jene in ein malerifches Coftüme gefteckten Banquierjungen, die zum Namensfefte des Papa's fertig gemalt fein müffen, die würdigfte Aufgabe derfelben ſchliefslich bilden. Der Gefchmack der Plutokratie, obgleich fie fich ihre Kunftliebhabereien etwas koften läfst, wirkte nicht im höheren Sinne fördernd auf unfere Kunft ein; den technifchen Wetteifer derfelben fteigerte fie wohl, aber fie höhlte ihren inneren Gemüthsfonds aus. Gerade bei uns, wo vor einem Menfchenalter bereits die gemüthvoll anregende Auffaffung des nächften Lebens im Genre durch Meifter Waldmüller die erfte verjüngende Neubelebung früher als fonftwo in Deutfchland gefunden, läuft heutzutage die Genrekunft Gefahr, zu blofse Modemalerei zu werden. Und doch hat fie von Haus aus einen fchlichten, deutfchen Zug, und unfere Künftler hätten, wenn fie fich felbft recht verftänden, mehr den Beruf Volksmaler als Gefellſchaftsmaler zu fein. Auffallend ift in unferem gegenwärtigen Genre die gänzliche Vernachläffigung der nächften localen Anregungen. Das Wiener Volksthum verwifcht fich allmälig in feinen charakteriftifchen Aeufserungen, aber es ift noch Vieles fehr malenswerth, was eben nicht gemalt ift. Selbft was die Benutzung der ganz äufseren Phyfiognomik des Wiener Treibens betrifft, haben fich z. B. unfere Maler von dem genialen Berliner Menzel felbft den Eszterházykeller wegnehmen laffen. Es ftellt fich fo ziemlich nur der einzige Friedr. Friedländer, der jedoch zur alteren Wiener Schule gehört, mit feinen ftädtifchen oder ländlichen Volksfcenen gelegentlich ein, die freilich von ungleichem Werthe find; einmal führt er uns in dem älteren Belvederebilde vor die Hausflur des Verfatzamtes", oder er läfst feine herrfchaftlichen Jäger charmiren, feine Stelzfüfse von Veteranen renommiren und dergl. mehr. Allerdings hat feine Auffaffung etwas Eingefchränktes und geht im Ernſt wie im Humor nicht fonderlich tief; er hat mehr gemüthliche Beziehungen als charakterifirende Kraft für den Lebenskreis und die Gegenftände, die er darftellt, aber als ein Vertreter eines Zuges, der uns im Leben und in der Kunft verloren zu gehen anfängt, immer ein namhaftes Verdienft. Von entfchiedenem künftlerifchen Werthe, ebenfo anziehend in der Auffaffung wie malerifch- zufammenftimmend in der Wirkung, waren einige ländliche Scenen von Leopold Müller:„ Am Brunnen",„ Die letzte Tagesmühe"( im Belvedere),„ Drefcher" etc. Wenn wir noch Franz Rumpler's Bild„ Bei der Grofsmutter" und Carl Riedl's ,, Mittagsfchläfchen des Pfarrers" und" Der kleine Reconvalescent" mit verdienter Anerkennung erwähnen, fo wären wir auch nebenher mit der fpärlich vertretenen humoriftifchgemüthlichen Richtung im Wiener Genrebild zu Ende. Die köftlichen Meifterbildchen von A. Pettenkofen, deren einundzwanzig ausgeftellt waren, geleiten uns über die Leitha hinüber, wo die Volkstypen und Trachten immer feltfamer und bunter werden und die Genremalerei, die ihnen ihr Studium zuwendet, endlich ganz und gar den malerifch ethnographifchen Charakter annimmt. Einem fo untergeordnet naturwüchfigen Volksthume, wie dem der Czikos und Zigeuner, das mehr im Allgemeinen durch Temperament und Race, als durch perfönliche Eigenfchaften wirken kann, entſpricht ganz das kleine Bilderformat; das Bezeichnende concentrirt fich da und das Rohe und Stumpfe tritt zurück, oder macht fich doch weniger aufdringlich geltend. Bei einer entsprechenden Vergröfserung, bei wichtigerer Behandlung der Einzelfigur fpricht fich die geringe, geiftige Bedeutung, der fragliche Werth des Individuellen immer unabweislicher aus und das Bild wirkt unerfreulich. Wir fahen diefs an den Zigeunerinen und Walachinen von Georg Vaftay( in der ungarifchen Abtheilung) trotz des coloriftifchen Verdienftes zur Genüge. Pettenkofen bringt alles malerifch Brauchbare und zugleich Charakteriftifche in feinen kleinen Gruppen- und Staffagenbildchen zur vollen Geltung; diefe lagernden Zigeuner, die ungarifchen Marktfcenen, die im Galopp hineilende Honvédfähre, das Rendezvous nach ländlich- fittlicher Art u. f. w., diefs Alles macht den rich 10 - Dr. Jofef Bayer. tigen, naturfrifchen Eindruck, fowohl durch die rafch erfafste Beobachtung, als die geiftreiche und fichere Handfchrift des Pinfels. Des Charakteriftifchen haben wir in diefer Kleinmalerei gerade genug und verlangen da nicht nach mehr. Die ungarifchen Maler geben uns aber nach diefer Richtung mehr, als nöthig und eben erquicklich ift. Im transleithanifchen Genrebild geht es bunt genug und keineswegs civilifirt und fäuberlich her;„ ruhende Betyaren"( Johann Gregufs), verfchiedene Bettler( Bela Grofs),„ muficirende Zigeuner"( Johann Valen tini), treiben fich da nebeneinander umher. Am meiften energifche Eigenthüm lichkeit nach diefer Seite freilich auch mehr Energie als Gefchmack- zeigt Mich. Munkácsy, der magyarifche Genremaler par excellence. Er fteigt noch tiefer in feiner Stoffwahl herab vom verwahrloften Volke zum richtigen Gefindel. Mit Vorliebe malt er jenen Theil der Menfchheit, der dem argwöhnifchen Auge der Polizei und dem ftrafenden Arme der Juftiz am nächften fteht. Reif für das Gefängnifs oder doch für den Gemeindekotter find feine Geftalten alle; wenn nicht als Verbrecher, fo kann man fie doch als Vagabunden unbedenklich einzie hen. Munkácsy ift der Maler der Verlotterung und des Branntweinraufches; als folcher erfcheint er auch in den ausgeftellten Bildern Nachtfchwärmer" und Wankende Heimkehr". Nie bringt er es zur Darstellung eines luftigen Exceffes, wo der Eindruck der Verkommenheit durch Humor gemildert würde; feine allerdings geiftreiche Technik, die Alles refolut und kühn hinfetzt, die düfter geftimmte, ganz merkwürdige Haltung feiner Bilder, in der er, wie Dr. A. Springer richtig gefehen, den franzöfifchen Einfluss auf fich wirken läfst, als ob er Ribot's aus fchwarzen und weifsen Tönen gemifchtes Colorit nach Ungarn verpflanzen wollte, kann uns artiftifch in hohem Grade intereffiren, aber nicht mit der Stoffwahl und Grundftimmung feiner Bilder verföhnen. " " Indem wir uns wieder nach Wien zurückwenden, müffen wir da wenigftens im Vorübergehen der bedeutenden und gefchmackvollen Entwicklung der Bildnifsmalerei gedenken. Wien vereinigt einmal eine Anzahl auserlefener Talente in diefer Gattung, deren Gedeihen auch, wie in Paris und Berlin, mit den Beziehungen zu den diftinguirten Gefellſchaftskreifen zufammenhängt. Den repräfentativen Anftand bei Männern, die gefellſchaftliche feine Haltung bei Frauen, überhaupt jenen Ausdruck der Perfönlichkeit, der durch ihre Stellung zur Welt bedingt wird, wiffen unfere Porträtmaler vortrefflich wiederzugeben, nicht immer die intimern pfychologifchen Züge, das feinere, poetiſch- finnige, oder charakteriftifch zugefchärfte Element der Individualität, auch da, wo es wirklich aus der Phyfiognomie hervorzuholen wäre. Eine elegante und effect. volle Technik vervollſtändigt in den meiften Fällen den falonfähigen Eindruck der Wiener Porträtkunft. Angeli und Fr. Lenbach treten da mit einer Reihe glänzender Leiftungen in den Vordergrund; ihre beiden Kaiferbildniffe brauchen wir an diefer Stelle einfach nur zu erwähnen, da ihre vergleichende Befprechung fchon als Zeitungsftoff in den Weltausftellungstagen fich erfchöpfte. Neben feinem Meifter Amerling trat uns J. M. Aigner wieder als der langbewährte Bildnifsmaler von feinem künftlerifchen Gefühle und gefchmackvoller techniſcher Durchbildung in drei ausgeftellten Porträts entgegen. Lafite. Schrotzberg, Guftav Gaul, Ar. Oeconom o brachten ihre eigenthümlichen Vorzüge und Manieren in bezeichnenden und werthvollen Leiftungen zur Geltung. Ed. Charlemont ftellte ein Bildnifs zweier Knaben in der malerischen Tracht des XVII. Jahrhundertes aus, anmuthig und zwanglos in der Stellung und von grofsem coloriftifchen Reize. Das Kriegsbild war in der öfterreichifchen Ausftellung nicht zahlreich vertreten. Die militärifchen Actionen, wie fie Sigm. l'Allemand mehr mit fcharfem Auge für das Detail als mit Wiedergabe des Totaleindruckes des entfcheidenden Gefechtes zu verfinnlichen pflegt, find bekannt genug. Wir fahen hievon wieder drei meifterhafte Proben,„ Die Erftürmung des Belvedere in der Schlacht bei Cuftozza ( 1866)"„ Die Schlacht bei Caldiero( 1805)" und„ Die Schlacht bei Kolin", theils Die Malerei. 11 s n e d t 1 im Befitze Sr. Maj. des Kaifers von Oefterreich und Sr. kaif. Hoheit des Erzherzogs Albrecht. Deutlich und beftimmter drückt fich das Kampfgewühl und die kriegerifche Leidenfchaft in den Schlachtbildern von Wilhelm Emele aus: Die Schlacht bei Würzburg( 1796)"," Die Schlacht bei Nerwinden( 1793)", " Reitergefecht bei Langenbruck( 1866)", der für grofse Choc's der Cavallerie eine glückliche Art bewegter und zufammenfaffender Darftellung hat. Von Blaas, dem Vater waren die geiftreich entworfenen Farbenfkizzen von feinen Schlachtfresken im Arfenal ausgeftellt. Der Marinekampf fand eine glänzende künftlerische Vertretung in Bolonachi's ,, Seefchlacht von Liffa". Die nähere Würdigung der Leiftungen in der Landfchafts- und Thiermalerei, im Architekturftück und dergleichen entzieht fich einem zuſammenfaffenden Kunftberichte, der das Bild des gegenwärtigen Kunftlebens nur in grofsen Umriffen wiedergeben, und blos bei einzelnen Erfcheinungen, die, eine Richtung beftimmend, in den Vordergrund treten, länger verweilen kann. Das rafcher Wechfelnde in der Kunft; die deutlicher wahrnehmbaren Veränderungen und Fortfchritte in derfelben gehören zunächft den Darftellungen des bewegten Menfchendafeins an. Auch ift die Landfchaft vor Allem eine zu ftille Gattung für die grofse Kunftfcenerie auf einer Weltausftellung; fo etwas geniefst man ruhiger und mit gefammelterem Sinne im Schönbrunnerhaufe oder bei den Ausstellungen im Künftlerhaus. Allerdings war die öfterreichifche Landfchaftsmalerei gleich den übrigen Kunftgattungen fehr würdig und wirkfam auf der Ausftellung vertreten. Mannigfach genug ftellt fich das Naturbild der öfterreichifchen Länder dem Auge des Malers dar: wir haben den Wald und das Mittelgebirge mit feinen ftilleren landfchaftlichen Reizen, die hochaufgethürmte Alpenwelt, die breithingefpannte Ebene der ungarifchen Pufzten, die pittoreske Küfte und das hochaufraufchende Meer. Und unfere Landfchafter ftellen ihre Studien vielfeitig und umfaffend genug an, um fich wenigftens ein gutes Stück diefer unerfchöpflichen Anregungen zu Nutze zu machen. Anfpruchslos in der Wahl des Motivs, aber fehr fein und ftimmungsvoll in der Naturauffaffung zeigte fich Ed. von Lichtenfels in feinen Bildern, An der Donau"," Dorfpartie aus Niederöfterreich" und den„ Motiven aus Lundenburg". A. Ditfcheiner's" Moorgegend" und„ Seeufer" zeigen eine liebevolle Naturbeobachtung bei grofsem coloriftifchen Verdienfte. L. Halauska hat den malerifchen Gebirgsfinn, er ift bei Salzburg und am Atterfee zu Haufe, aber brachte uns daneben auch eine gute Fähre am Main"; Hanfch ift ein trefflicher Maler des Hochgebirges, in das er uns wieder in feinem„ Gebirgsbach" und feiner„ Gebirgswildnifs" führte, um uns dann in einem vorzüglichen Bilde den weiten Blick auf die hohen Tauern mit dem Wiesbachhorn und dem Grofsvenediger zu eröffnen. G. Seelos wählt feine Motive in Südtyrol; er brachte Partien aus Meran und dem Eggenthal und ging von da hinab bis an die Küfte von Genua; Obermüllner trat uns in feinen ebenfo poetifchen als malerisch vorzüglichen Alpenbildern„ Ein Friedhof in der Natur",„ Blick auf den Montblanc" und" Am Bodenfee" mit feiner wohlbekannten Meifterfchaft wieder entgegen. Eugen Jettel nimmt unter den Wiener Landfchaftern einen ganz vorzüglichen Rang ein; fein ,, Motiv von Hinterfee", die Viehweide am Waffer", und vor Allem die„ Partie an der Küfte von Dieppe" zeigte ebenfo feine ftimmungsvolle Auffaffung, wie fein hohes coloriftifches Talent. Auch Rob. Rufs zog es wieder einmal nach den holländifchen Canalanfichten und Windmühlen hin; es ift zunächft der äussere malerifche Reiz, die decorative Wirkung der Vedute, durch welche er da mehr mit wohlberechneten, als mit empfundenen Mitteln, aber in ganz glänzender Weife zu wirken weifs. Sein Schlofshof bei Burgeis in Tyrol" ift aus dem Belvedere bekannt. Em. Schindler findet fich, was wir nur loben können, nicht veranlafst, in die Ferne zu fchweifen, da das Gute doch fo nahe liegt; er bringt doch einmal auch das herrliche Stück Landfchaftspoefie, das uns fo knapp vor der Nafe liegt, die Partien aus der Praterau, in trefflicher Weife zur Geltung; fo in den Bildern: " Am Kaiferwaffer"" Am Landungsplatze" " " 12 Dr. Jofef Bayer. Unter den ungarifchen Landfchaftern ift zunächft Victor Meszöly in München hervorzuheben; er hat einen„ Plattenfee im hellften Morgenlichte" ausgeftellt, ein eigenthümlich frifches, wirkungsvolles Landfchaftsbild. Jener kleineren naturaliftifchen Landfchaft, die fich zunächft dem Bilder markte zuwendet, hätte die Landfchafts compofition im grofsen monumental- decora tiven Sinne, wie fie bei uns der hochbegabte Rahlfchüler Jof. Hofmann in eminenter Eigenthümlichkeit vertritt, gleichfalls auf der Weltausftellung gegenübergeftellt werden follen, um das Bild der öfterreichifchen Kunftbeftrebungen auch nach diefer Seite hin zu vervollſtändigen. Ich weifs es nicht recht, warum die Bildertrilogie Hofmann's, die er in einer etwas feltfamen Künftlergrille, Drama, Tragödie und Idylle" überfchrieb( alfo ein Stück Gedankenmalerei in Landfchafts. form), aus der öfterreichischen Abtheilung exilirt war und fich damals in den Saal der Handelsakademie zu einer wenig dankbaren Separatausftellung zurückziehen mufste. Unter den öfterreichifchen Thiermalern ift der Wiener Otto von Thoren, der fich in Paris aufhält, fichtlich von Troyon's Auffaffungsweife und Manier beein flufst. Seine, Kühe, von Wölfen angefallen" find aus dem Belvedere, feine„ Nähe des Wolfes" aus der Akademie der bildenden Künfte bekannt; fonft brachte er noch mehrere vorzügliche Bilder zu felbftbewufsten hohen Preifen, in denen das Thierftück in die Stimmungslandfchaft wirkfam hinübergenommen ift. Jof. v. Berres, der mehrere fehr gute Bilder ausftellte( ,, Ungarifcher Pferdemarkt"," Hundeporträt",„ Neapolitanifche Ochfenhändler"," Römifche Pferde an der Tränke") zeigt fich der Manier Thoren's ziemlich verwandt, cultivirt aber mit Vorliebe das Rind und das Pferd; G. Ranzoni verbindet wieder die landfchaftliche Stimmung der Pufztafläche oder des Buchenwaldes glücklich mit der Beobachtung des Treibens der Schafheerden. C. Bühlmeyer's fchönes Bild„ Abtrieb von der Alpe" kannten wir aus dem Belvedere; X. Huber brachte Pferde, Kühe, Schaf heerden mit guter Landfchaft dazu, fowie der Salzburger Paufinger wieder das Leben der Gemfen und ihre Jagdbedrängnifs mit Vorliebe ftudirt hat. Es ift' nun Zeit, dafs wir uns wieder zu der grofsen Malerei zurückwenden, die fich auf der öfterreichifchen Abtheilung in Entwürfen, Cartons und Zeichnungen mehr nur als Gaft, denn als Hausgenoffe eingefunden hat. Vom Alt meifter Jofef Ritter v. Führich fahen wir abermals drei Cartons zu feinen grofsen, feierlich ftilvollen Fresken in der Lerchenfelder Kirche, dann eine neuere hochbedeutfame Leiftung von ihm, die Gefchichte des verlorenen Sohnes" in acht Blättern, in Befitze der Kunstakademie. Man fieht in dem letztgenannten Cyclus, dafs feine bedeutende, im geweihten Banne einer ftreng bedingten religiöfen Anfchauung eingefchloffene Idealwelt mit dem Alter nichts an productiver Kraft, an Reinheit und Adel des Umriffes einbüfst. Sein längst bekanntes Belvederebild ,, Maria's Gang über das Gebirge" hiefsen wir gleichfalls inmitten des profanen Welttreibens der Ausftellungskunft mit herzlicher Verehrung willkommen. In diefer religiöfen Idylle liegt foviel echte Schönheit und Poefie, dafs auch ein minder orthodoxes Herz, wie das des Meifters und feiner Partei, fich davon innig ergriffen fühlt. Führich's Schüler, L. Mayer, hat ein älteres Bild ,,, Jerufalem nach dem Tode Chrifti", ausgeftellt, das fich durch eine ergreifende poetifche Stimmung hervorthut, während fein grofser„ Ecce homo" auf der Weltausftellung nicht fonder lich Figur machte. Der Herr fieht bei den religiöfen Darftellungen vielleicht nur auf das Herz, doch wir profanen Menfchenkinder und Kunftfreunde möchten in der Farbe und künftlerifchen Anordnung da auch etwas Erfreuliches zu fehen bekommen. Um nun zu Führich's weltlichem Gegenfatze in der grofsen Malerei überzugehen, fo fei hier der Schule Carl Rahl's gedacht, die freilich der Ausftellung faft ganz fern blieb. Als ein Ehrendenkmal an den aufserordentlichen Meifter wurden feine Farbenfkizzen zu dem Fries für die Univerſität von Athen zur Schau gebracht, und von feinen Schülern war aufser den Ungarn Than und Lotz zunächft der hochbegabte, der Kunft allzu früh entriffene Ed. Bitterlich, mit feinen Cartons für Die Malerei. 13 den Vorhang im Opernhaufe und den decorativen Entwürfen für das Palais Guttmann, dann Chriftian Griepenkerl mit der Aquarell- Studie feines Hochzeitszuges des Poſeidon und der Amphitrite und vier Entwürfen zu den Wandmalereien im Sitzungsfaale zu Athen fehr bedeutfam vertreten. Von den älteren Meiftern, an deren Namen fich bereits ein kunfthiftorifcher Begriff knüpft, hatte fich Ed. Steinle unter den Aquarelliften eingefunden; er erzählte uns in feiner Weife, mit finnig feiner Auffaffung die Gefchichte des Kaufmannes von Venedig, aber mehr als ein naiv romantifches Märchen, wie als eine malerifche Wiedergabe des Shakespeare'fchen Stückes. - Dem hiftorifchen Stile, weniger was den Gegenftand, als die Art der Behandlung betrifft, gehören nun auch die grofsen Bilder von Canon an, die fich jedenfalls den hervortretendften Kunfterfcheinungen der Weltausftellung anreihten. Er ift ein Künftler von grofser, allerdings gefuchter Eigenthümlichkeit; man merkt bei ihm fofort die Abficht, feine Bilder gleich als Galleriewerke von der Staffelei herabzunehmen. So tritt denn Canon gewiffermafsen in eine nachträgliche Concur. renz mit den alten Meiftern und reproducirt mit kluger Berechnung der Wirkung ihre Technik und Manier freilich weniger in Rückficht darauf, wie fie unter dem Pinfel wirklich entftanden ift, als wie fie nach der Hand ausfieht. Es hat denn auch, wie Fr. Pecht bemerkt, das Colorit feiner fämmtlichen Bilder etwas Gläfernes und Gelbes, als ob ein dicker, alter Firnifs auf ihnen läge". Ich halte diefe Richtung für bedenklich, obgleich Canon mit einer ftark ausgeprägten künftlerifchen Individualität für fie einfteht. Das Befte, was man von den claffifchen Schöpfungen der älteren Malerei fagen kann, ift diefs, fie fähen aus, als wären fie heute gemalt; für zweifelhafter halte ich den Vorzug eines modernen Werkes, von dem man behauptet, es fähe einem venezianifchen oder flandrifchen Bilde frappant ähnlich, bis auf die zur Täufchung mitgehörige Umbildung des Colorits durch die Zeit. Canon fchliefst fich übrigens nicht nur in der Technik, in dem Streben nach Kraft und Tiefe der Farbe ( doch ohne jene feiner empfundenen Vermittlungstöne, welche immer ein Geheimnifs der originellen Meifterfchaft bleiben) gewiffen claffifchen Vorbildern an- er thut es auch in dem künftlerifchen Gedankenzuge, in der ganzen Weife der Compofition. So ift denn fein grofses Bild ,,, die Loge des heiligen Johannes", welches einen Ehrenplatz im Centralfaale einnahm und nun dem Belvedere angehört, etwa in der Weife einer Santa converfazione oder eines religiöfen Ceremonienbildes aus der beften italienifchen Kunftzeit zurechtgedacht. Erft bei näherer Betrachtung fehen wir, dafs das vermeintliche Altarblatt eine moderne Aufklärungs- Idee mit den Ausdrucksmitteln der alten religiöfen Kunftconvenienz fymbolifirt. Neuen Wein giefst man nicht in alte Schläuche der Spruch aus dem Evangelium gilt auch hier. Ift ein moderner Inhalt malerifch auszudrücken, fo fei auch die künftlerifche Ausdrucksweife, die Art der Symbolik, ebenfo der technifche Vortrag ein folcher, dafs man es fühlt, der ganze Gegenftand des Bildes fei nach Stoff und Form aus der modernen Empfindung frifch und urfprünglich emporgeftiegen. So wie Canon das Bild gemalt hat, macht es trotz des würdig- ernften, feierlichen Aufbaues feiner Compofition eher den Eindruck abfichtlich geiftreicher Täufchung, gleichfam eines rationaliftifch gefälfchten Altarblattes- es wirkt mit einem Worte nicht überzeugend, fowie auch den einzelnen, rein figurirenden Geftalten die innere Befeelung fehlt. Zuletzt kommt man auf die Vermuthung, der Künftler fuche zu feinen technifchen Experimenten die Stoffe, nicht umgekehrt zu den Stoffen, die ihn erfüllen, den entsprechend technifchen Ausdruck. Sein„ Rüdenmeifter"," Der Fifchmarkt", der, Page" und die„ Früchteträgerin", die ebenfalls ausgeftellt waren- jedes diefer Bilder geiftreich durchftudirt und von merkwürdiger, kühner Energie der techgehören, wie die geiftlichen Herren in der Loge St. Johannis in diefelbe Gattung der mehr künftlichen, malerifchen Probleme. nifchen Behandlung - - Nur im Vorübergehen kann ich hier der fehr fpärlich vertretenen Gruppe der böhmifchen Maler gedenken, die fich im Ausstellungsgedränge fo ziemlich verlor. Chr. Ruben hat zu feiner Zeit, als er noch Akademie director in Prag war, 14 Dr. Jofef Bayer. eine gewiffe akademifche Richtung im Münchener Sinne, freilich formal- kalt und ziemlich abgeftanden, dahin verpflanzt und diefe nicht eben fruchtbaren Einflüffe fcheinen noch immer nachzuwirken. Es hat fich dort eine matte, hiftorifirende Richtung feftgefetzt, die zwifchen energifchem Naturalismus und höherem Stil fo akademifch in der Mitte hängt und fchwebt; felbft tüchtige und edel angelegte Talente, wie Carl Swobodą, von dem„ Die befiegten Mailänder vor Kaifer Bar baroffa" ausgeftellt waren, konnten fich davon nicht recht frei machen. Einen eigenthümlicheren Weg fchlug fpäter Jof. M. Trenkwald ein, obgleich er aus ähnlichen Schuleinflüffen feine künftlerifche Herkunft leitet. Sein grofses Bild: ,, Leopold des Glorreichen Rückkehr vom Kreuzzuge", welches fich jetzt im Belvedere befindet, hat eine Menge äufserft fein empfundener Einzelheiten, während es auf den eigentlich hiftorifch- dramatifchen Zug, auf die zufammenfaffende Einheit des Eindruckes faft ausdrücklich verzichtet. Es ift ein echtes Hiftorienbild der romantifchen Gattung, von einer mehr in erzählender Art fich ausbreitenden Compofition, die fich in der liebevollften Ausführung der einzelnen Epifoden mit finnigem Behagen ergeht. Sonft bleibt von den Prager Malern nicht viel zu berichten. Em. Lauffer fchlug mit dem Bilde, Graf Eberhard der Greiner, der feinen Urenkel nach der Schlacht bei Difflingen begrüfst"( im Kaiferpavillon ausgeftellt) in die akademifch hiftorifirende Hauptrichtung der Prager Schule, aber nicht ohne namhaftes Talent und eine gewiffe Frifche und Kräftigkeit des Vortrages. Von dem der Kunft leider durch den Tod entriffenen, trefflichen Porträtmaler Johann Brandeis fahen wir ein vorzügliches, fcharf bezeichnetes Bildnifs. Guido Manes hat ein anziehendes Talent fürs Genre, das fonft in der Prager Schule fehr wenig gepflegt wird; ebenfo Victor Barvitius. Jof. Hellich malt nach einer langweiligen, aber erbaulichen Schablone, die ihm für Stil gilt, religiöfe Hiftorien; etwas Aehnliches, wie diefer in feinen Kreuzwegbildern, thut auch Anton Jedlitzka in feinen, Werken der Barmherzigkeit." Fr. Sequens( gegenwärtig in Rom) hat fich, wie wieder feine letzte Verkündigung Maria's" zeigt, faft unrettbar in die Vorbilder Fiefole's und der älteren Sienefen verfchaut. Eine ftarke Neigung zur Gefchichtsmalerei, mehr von nationalen Inftincten, als einem künftlerifchen Programm ausgehend, finden wir fowohl bei den Polen als bei den Ungarn. Jene werden nicht müde, ihr politifch zerftücktes Vaterland im Bilde wenigftens als Ganzes wieder herzuftellen, den Ruhm und die fchweren Leidenszeiten desfelben mit aller vergegenwärtigenden Kraft der Farbe und der ausdrucksvollen Charakteriſtik neu auferftehen zu laffen; bei ihren magyarifchen Nachbarn, deren nationale Landespolitik ebenfo in ihrem ftark ausgeprägten, special hiftorifchen Bewufstfein wurzelt, nimmt diefer Cultus der gefchichtlichen Erinnerungen, wie eine malerifche Feftfeier der politifchen Verjüngung Ungarns, fogar einen officiellen Charakter an: fo insbefondere in dem Compendium der ungarifchen Gefchichte in Bildern, das Lotz und Than für das Treppenhaus des Nationalmuseums entworfen haben und welches gerade von Attila bis auf Koffuth hinabreicht. Künftlerifch fteht aber die hiftorifche Elegie der Polen jedenfalls höher als der nationale Gefchichtspanegyricus der Magyaren, aus deffen bildlicher Darſtellung man förmlich die Eljenrufe herausfchreien hört. Wie quantitativ- ftark aufser jenen fehr tüchtig und achtenswerth, wenn auch etwas conventionell gezeich neten Stiegenhaus Compofitionen die Recapitulation der Landesgefchichte in der ungarifchen Kunft fonft noch vertreten ift, zeigt fchon ein flüchtiger Blick in den Katalog. Da wäre z. B. das Bild:„ Tölöki im Schloffe Arva, feinen Sohn zur Flucht drängend" von B. Székely; ,, Ladislaus Pofthumus unter Cilly's Bevormundung von demfelben;„ Nach der Marchfelder Schlacht" von Moriz Than;„ Die letzten Momente der Vefte Szigeth" von Fr. We ber; Gabriel Bethlen unter feinen Gelehrten" und„ Georg Dozfa, der Freiheitsmärtyrer" von V. Madarász. Allent halben fehlt es da an der künftlerifchen Sichtung und Auslefe des Gegenftandes, ebenfo an der dramatifchen Concentration des bedeutfamen Momentes. Das ftofflich patriotifche Intereffe ift durchaus entfcheidend: Alles erfcheint ohne Unterſchied " Die Malerei. 15 nd de fo gte ar en us d: e- es es n- п en er er t er r S 0 e T - malenswerth, was fich zu irgend einer Zeit in Ungarn zugetragen hat. M. Than, der in der Schule Rahl's etwas gelernt hat, macht wohl auch hier eine rühmliche Ausnahme und hat in der That ein Gefühl für dasjenige, was der hiftorifche Stil be. deutet. Wenn wir uns jetzt zu den Polen zurückwenden, fo nimmt da freilich Jan Matejko eine durchaus eminente, eigenthümliche Stellung ein. Wir können ihn den malenden Epiker der vaterländifchen Gefchichte feines Volkes nennen; er hat dem hiftorifchen Leben desfelben wie Keiner auf den Puls gefühlt. Ohne alle formalen Stilrückfichten geht er direct auf den Gegenftand los und fafst ihn mit energifcher Hand; er ift der Charakteriſtiker oder, wenn ich fo fagen darf, der Phyfiognomiker der polnifchen Gefchichte und fieht den Königen, den Magnaten, den Staroften und den Pfaffen feines Vaterlandes auf Jahrhunderte zurück ſcharf ins Geficht, als ob fie leibhaftig vor ihm ftänden. Obgleich in leidenfchaftlicher Theilnahme, in Liebe wie im Schmerz ganz in dem Gegenftande befangen und dahingenommen, den er fchildert, völlig ein fubjectiver Parteimaler durch und durch hat er doch eine Schärfe und Beftimmtheit der Charakteriſtik, eine ganz aufsergewöhnliche Energie der Geftaltung, mit der er Menfchen und Vorgänge in faft beängftigender Nähe vor unfere Augen rückt. Er verräth uns die intimften Züge des polnifchen Volkscharakters und deutet ihn, legt uns ihn im Bilde aus, ohne es eben zu beabfichtigen wir, die wir als ruhigere Befchauer vor jenen grofsen, figurenreichen Haupt- und Staatsactionen aus der polnifchen Gefchichte ftehen, fehen dann in diefen leidenfchaftlich unftäten oder unklar hinbrütenden Blicken, in diefen Stirnfalten und Gebärden den Schickfalszug, der durch die Erlebniffe des ganzen Volkes bis zu feinem ftaatlichen Ausgange hindurchzieht. Etwas Dumpfes und Gebundenes, in der Intelligenz fowohl wie im Willen, geht durch jene Charaktertypen; man lieft es in ihren Mienen, wie bei dem Nationalhelden Stephan Bathory in der Scene mit den Gefandten Iwan des Graufamen heraus, dafs fie im entfcheidenden Augenblicke, felbft auf der Höhe glänzender Erfolge, nicht das Schlagwort des richtigen Entfchluffes in ihrer Bruft finden werden. Da tritt die fchlangenkluge Vermittlung, welche die Wirkung der That im letzten Moment abzufchwächen und zu fälfchen verfteht, fofort in ihr Gefchäft ein; fo hier der geiftvoll charakterifirte päpftliche Legat, der mit den feinen, fegnenden Diebsfingern fo gefchickt den Erfolg des Schwertes zum gröfsten Theile wieder zu entwenden weifs. In der That find eben diefelben Polen, die wie die Palatine, Magnaten und Landboten des Reichstages auf einem anderen Meifterbilde Matejko's, fich von der Predigt eines rhetorifchen Jefuiten, des Scarga, fo kinderweich zerknirfchen liefsen, gelegentlich der Ueberliftung eines diplomatifchen Jefuiten, wie jenes Antonio Poffevini, immer zugänglich gewefen. Die kirchliche Abhängigkeit, ein fo bezeichnender Zug in dem Staatsleben Polens tritt faft überall in den Bildern Matejko's heraus: fo auch in der„, Union der Polen und Lithauer zu Lublin"( 1569), einem ceremoniellen Staatsact, der mit allem erdenklichen religiös theatralifchen Pomp in Scene gefetzt ift, wo die Verbindung des kirchlich- feierlichen mit einem naiven politifchen Pathos, das Weihevolle und Aufgeregte fo durcheinander gehend faft fchon einen kindifch barbarifchen Eindruck hervorrufen. Aber gerade in diefer charakteriftifchen Wiedergabe ift das grofe Gemälde durchaus meifterhaft, und das Feftliche der Situation gibt auch der Farbenpracht Matejko's den Anlafs, hier in ihrer vollen intenfiven Kraft fich zu zeigen, obgleich er die Technik hier noch nicht mit fo freier Meifterfchaft beherrfcht, wie auf feinem Bilde von Stephan Bathory. Auch als Colorift ift übrigens Matejko zunächft Charakteriſtiker; die Farbe, fo glänzend und kräftig fie bei ihm leuchtet, ift bei ihm Ausdrucksmittel, nicht eitel Selbftzweck; fie gehört eben mit zur finnlichen Erfcheinung der an fich fo bunten, farbenprunkenden polnifchen Gefchichtswelt, die uns der Künſtler von innen und aufsen fo wahrheitsgetreu vorführt. " In der Art, wie er feine Technik handhabt, zeigt fich wohl auch der kühne aber auch unruhige Zug feines echt nationalen künftlerifchen Naturells; fo bringt 2 16 Dr. Jofef Bayer. er denn feine glänzenden Vorzüge nie ganz ins Gleichgewicht. Er hat von dem Warfchauer Reichstag von 1773 in unferem Belvedere bis auf feinen Stephan Bathory, wie ein kundiges Urtheil( von Fr. Pecht) über ihn befagt, die bedeutendften Fortfchritte in der Ausprägung der Charaktere, des Individuellen gemacht, aber zum Theil auf Koften der Gröfse der Auffaffung; das„ Gypferne" in der Färbung, die violetten kalten Lichter, die noch eines feiner vorzüglichen Frauenporträts auf der Ausftellung zeigte, wäre überwunden; dafür ift die ganze coloriftifche Behandlung fleckig, haltungslos und unruhig geworden, jedes Detail fcheint ohne Unterordnung nur für fich da zu fein, Alles fchreit durcheinander und von Harmonie und Stimmung ift kaum mehr die Rede; zudem bekommt im ,, Bathory", wo zu den Farben noch das Weifs des Schnee's blendet und es auf dem Bilde faft keine Schatten gibt, das Ganze dadurch beinahe etwas Gobelinartiges. Indefs find dies bei alledem beneidenswerthe Fehler, fo auffallend fie immerhin fein mögen, und gehen aus einer ausnehmend malerifchen Kraft her vor, die nur ihr Mafs fofort nicht zu finden weifs; wenn Matejko auch wirklich die edle, ftrenge Plaftik feiner Form über der einfeitig entwickelten Energie der coloriftifchen Gegenfätze einigermafsen vergeffen zu haben fcheint, fo dürfte er wohl auch feine achtungsvollen Tadler bald wieder mit einer neuen, aus geglicheneren Wendung feiner Technik überrafchen. Seine Porträts, deren mehrere von hohem eigenthümlichen Werthe ausgeftellt waren, haben denfelben fcharf ausgeprägten nationalen Zug, wie feine hiftorifchen Typen, ja fie find wohl noch fubjectiver gefafst als diefe. Ein gutes Stück polnifchen Gemüthslebens ift in diefe originellen Bildniffe durchgängig verfenkt. Matejko malt eben das Vater land wenigftens als Stimmung zu Allem mit, was er malt. - Neben diefem glänzenden Talente nehmen nun die anderen Maler der galizifchen Landsmannfchaft eine zum Theil zwar fehr achtungswerthe, aber doch untergeordnete Stellung ein. Unter den Zeichnern und Aquarelliften hatten fich mehrere derfelben mit fehr fchätzenswerthen Leiftungen eingefunden: fo Julius Koffak und Valery Eljasz aus Krakau, Fr. Tepa aus Lemberg. Der Erftere, wohl der Bedeutendfte, wirft Reiterattaquen und Kriegsepifoden in glän zender und geiftreicher Aquarelltechnik aufs Blatt; Eljasz verherrlicht die Waffenthaten Kosciuszko's, und Tepa fchildert in netten Genreftudien galizifche Bäuerinen, ackernde Bauern und polnifche Juden. Zum Schluffe hebe ich, da ich eben bei den Zeichnern angelangt bin, noch ein fehr beachtenswerthes Talent in der ungarifchen Abtheilung hervor, das einen ziemlich felbftftändigen, wenn auch etwas abenteuerlichen Weg geht; es ift Mich. Zichy, der eine ganze Reihe von Kohlen, Sepia und Bleiftiftzeichnungen, drei Aquarelle, und aufserdem zwei Cartons(, Chriftus und die Priefter", dann Luther und der Papft") ausgeftellt hat. Es arbeitet in ihm ein gährender Compofitionsdrang, der mitunter die feltfamften Blafen treibt, aber fich vielleicht zu wirklicher Bedeutung herausklären dürfte, wenn zu der Kühnheit des Gedankenwurfs noch die Bildung des künftlerifchen Gefühles, der Sinn für den Adel der Contour hinzuträte. Ohne diefes bleibt das Grofse der Kunft nur in der Intention ftecken, und der effective Eindruck, der wirklich erreicht wird, ift nur der der Bizarrerie. II. Deutfches Reich. ,, Die bildende Kunft hat in Deutfchland feit der letzten Weltausstellung zu Paris 1867 durch den politifchen und materiellen Auffchwung des Reiches einen gewaltigen Zuwachs an Aufgaben und glänzende Mittel zur Ausführung erhalten Zur augenblicklichen Befriedigung des plötzlich erwachten Bedürfniffes nach feft licher Pracht hat fich die blofe Ausdehnung der vorhandenen künftlerifchen Elemente nicht als ausreichend erwiefen. Man fucht nach reicheren Ausdrucksmitteln, als die feit dem Anfang des Jahrhundertes herrfchende knappe Formenftrenge des Clafficismus fie gewährt. Die decorative Malerei und Plaftik, auf lange hinaus völlig em an d. nt. er n. 0- ail nd m uf де ch er er 5. t r h , Die Malerei. 17 vernachläffigt, werden zu frifchem Leben erweckt... Für die Malerei und Plaſtik überhaupt hat der zunehmende Reichthum den Vortheil gehabt, dafs fich das Bedürfnifs, Kunftwerke zu befitzen, in überrafchender Weife gefteigert hat. Die alten Kunftvereine haben ihre unterſtützende Wirkfamkeit zum gröfsten Theile einftellen können; ftatt der fonft gewöhnlichen Gypsmodelle zeigen die Ausftellungen fertige Arbeiten in Marmor und Erz. Die ältere Richtung, welche fich mit einer gedankentiefen Erfindung begnügen zu können glaubte, ift verfchwunden; man fordert tüchtige Ausführung und volle malerische Erfcheinung des Bildes, in der Sculptur genaues Verſtändnifs und fichere Beherrschung aller Mittel." An diefe Sätze, die dem Vorworte zu dem Verzeichniffe der Kunftwerke im amtlichen Ausftellungskataloge des deutfchen Reiches entnommen find, knüpfe ich meinen Bericht über die deutfchen Säle der Kunfthalle an Wohl ift da zunächſt auf den techniſchen Fortfchritt, auf die zunehmende Sicherheit in all dem, was das Aufsenwerk der Kunft betrifft, der entfcheidende Nachdruck gelegt- und an diefer Stelle nicht mit Unrecht. Es ift diefs der Weltausftellungs- Standpunkt, der bis zu einem gewiffen Grade auch auf die Kunft Anwendung findet. Sobald fie fich auf diefer grofsen Arena des technifchen Wettkampfes mit der Induſtrie, den Gewerken, dem Maſchinenwefen zugleich einer gemeinfamen Prüfung unterzieht, mufs fie fich auch einen verwandten Mafsftab der Schätzung gefallen laffen. Der äufserliche Fortfchritt, wie er fich in der ficheren und erfolgreichen Handhabung der Kunftmittel zeigte, beftimmte daher auch wefentlich das Urtheil der Ausftellungsjury, die eine andere Inftanz ift, als jene, aus der die kunftwiffenfchaftliche Beurtheilung ihr Verdict fällt. Die letztere braucht zur Ueberfchau des Fortfchrittes auf diefem Gebiete weit längere Abſchnitte, als es die Ausftellungsepochen find. Der Stoffkreis der Kunft, der Hauptzug des künftlerifchen Erfindens und Geftaltens kann fich in fo wenig Jahren nicht wefentlich verändern; neue entfcheidende Richtungen können nicht leicht von einer Weltausftellung zur anderen wachfen und reifen, wohl können aber neue Fertigkeiten durchgeprobt, die Mache kann ficherer, der Vortrag glänzender geworden fein. Es ift damit nicht ausge fchloffen, dafs inzwifchen die Kunft auch innerlich gewachſen fein kann; aber was fie zunächft an äufseren Ausdrucksmitteln gewonnen hat, das ist dasjenige, was fich nach fo kurzer Zeit im Ganzen deutlich fehen und nach feinem Werthe beſtimmt abfchätzen läfst. - Diefsmal freilich ift der Fortfchritt in der deutfchen Malerei kein fo ganz äufserlicher aber doch nicht wieder fo intenfiv und durchgreifend, wie Manche es durchaus annehmen, denen das kritifche Urtheil mit dem Patriotismus und der Siegesfreude durchgeht. Die Kunft hat ihren eigenen Gang, der fich manchmal fogar in einen Flug verwandeln kann aber nie geht fie im Marfchtempo völlig gleichen Schrittes mit den Thatfachen. Sie wächft nicht auf den Exercierplätzen und Schlachtfeldern, fondern nur in den Ateliers und Kunftfchulen grofs. Diefe find eben ihr Exercierplatz. Die entfcheidenden Zeitereigniffe haben, abgefehen von einzelnen ftofflichen Anregungen in den nicht einmal allzu zahlreichen Zeitbildern, den Hauptzug der deutfchen Malerei insbefondere nicht wefentlich beeinflusst; und follte diefs noch gefchehen, fo bedürfte es dazu einer längeren Nachwirkung. Die Kriegsbilder entfcheiden da auch nichts. Die Palette für diefe neuen militärifchen Ereigniffe war fchon früher vorbereitet und zum guten Theile finden wir fie in denfelben längft bewährten Händen. - Wenn nun auch die deutſche Kunft nicht mit klingendem Spiele und wehen den Fahnen, gleich den deutfchen Heeren, avancirte fo merkte man doch mit freudiger Ueberrafchung auf unferer Ausftellung, dafs fie auf ihre Art im Stillen vorwärts gegangen war, indefs man gerade fein Augenmerk auf andere Dinge richtete. Es regt fich wieder der Wein im Faffe; eine Gährung, die ftiller verläuft, nicht eben tumultuarifch, aber nachhaltig ift, geht im deutfchen Kunftleben der Gegenwart vor fich und wird wohl nach einiger Zeit ihre Ergebniffe ans Licht ftellen. Der Drang nach realem Lebensinhalt, das gefunde Streben, in diefer 2* 18 Dr. Jofef Bayer. Richtung den Beobachtungs- und Darftellungskreis zu erweitern, gibt fich vielfach und in erfreulicher Weife kund. Die Malerei der letzten Epoche geht nicht auf monumentale Eroberungen aus; fie bringt nicht neue Ideen, wohl aber mannigfachere Ausblicke ins naheliegende, wirkliche, und eben auch bedeutfame Dafein. Jene Nebelbildungen, die zwifchen abgefchwächtem- Realismus und unwahrem Idealismus eine ſchwankende Mitte einnahmen, all jene Reflexe der Tafchenbuch- Empfindfamkeit und die fentimentale Pinfelei von ehedem diefes und Aehnliches ift durch die fcharfe Luft, die unfere Zeit durchweht, meift glücklich hinweggefegt. Ebenfo tritt die Anekdotenmalerei, die blofse illuftrirende Verdeut lichung witzelnder Einfälle nicht ganz fo anfpruchsvoll in den Vordergrund. Die Kunft fpielt nicht mehr blos mit der Realität, fondern läfst fich in ernftem Sinne, mit gründlichem Studium der beobachteten Erfcheinungen auf fie ein. Früher, da die monumentale Richtung der Malerei in München einer edlen königlichen Paffion ihre Pflege zu danken hatte, die dann vorübergehend, freilich nur für wenige grofse Aufgaben, auch auf Berlin überging, da trieb der Realismus bei den mitt leren Talenten, deren Pinfel wandfcheu war und fich blos mit den kleineren Leinwand- Formaten befreunden mochte, nur fo nebenbei fein befcheideneres Kleingefchäft. Die Anekdoten- und Gefchichtchenmaler, die Schilderer häuslichen Glückes und die malenden Kinderfreunde, die Darfteller der Hochzeits- und Kindestaufen- Schmäufe ftellten fich fchaarenweife ein und variirten endlos ihr Thema, indefs Andere zahme Bauernmalerei mit obligatem Citherfpiel trieben oder unferen biederen deutfchen Forftleuten zu jeder Jahreszeit, ja felbft mit Vorliebe bei Hundewetter und Schneegeftöber auf die Pürfch folgten. Es gefchah diefs fchon des lieben Publicums willen, dem es zwifchen den jüngften Gerichten" und„ apokalyptifchen Reitern" der grofsen Malerei doch etwas bange wurde, das auf die neue Münchener Mythenfymbolik der, drei Kronidenreiche" in den Feſtfälen der Glyptothek nicht einzugehen wufste und felbft nicht zwifchen den grofsen malerisch verfinnlichten Hauptepochen der Gefchichte im neuen Muſeum zu Berlin fortwährend Treppen auf- und abfteigen wollte. Eben defshalb, weil die grofse ideale Richtung in der Malerei nicht organifch in dem gefammten deutfchen Kunftleben wurzelte, weil Cornelius, Julius Schnorr, Heinrich Hefs mit ihren Intentionen individuell vereinzelt blieben und über die kleine Gemeinde ihrer Mitarbeiter. eines K. H. Hermann, Ph. Foltz, Hermann Stilke und Anderer ihren Einflus nicht erftrecktenweil ferner das im engften Sinne Perfönliche diefer höchften Kunftbeftrebungen auch nur auf die perfönliche Unterſtützung einzelner fürftlicher Kunftfreunde und Gönner traf: fo drang diefes Hohe der Kunft nicht als circulirendes Blut in die Adern des deutfchen Kunftlebens. Der Idealismus blieb ifolirt im Innern feines Heiligthumes und der Realismus trieb fich gefchäftig im Vorhofe herum, ohne einen höheren regelnden Schulgedanken. Das Publicum hatte das Bedürfnifs, fich von den übergrofsen Gegenftänden einer Malerei, die ihm mit abftracter Fremdheit entgegentrat, bei den allerkleinsten Stoffen und jenen gemüth lichen Geringfügigkeiten, die ihm geläufig waren und Beziehungen Leben hatten, fo gut es'anging, zu erholen. So finden wir in einer kaum noch abgelaufenen Periode der neueren deutfchen Kunft neben das Unpopulär Bedeu tende in harter Nähe den populären Durchschnitt einer untergeordneten Production geftellt- ohne Vermittlung und fichtlichen Zufammenhang. Es wird noch eine Zeit koften, ehe die vornehme Erbfchaft der Kunftgedanken, die fich von Carftens bis auf Genelli in immer neuer Umbildung hinziehen, zum wirklichen Gebrauche angetreten und das von jenen Meiftern nur fkizzirte Bild einer grofsen Kunftepoche in farbiger Lebensfülle neu erftehen wird; künftlich befchleunigen läfst fich nun einmal ein folches höchftes Ergebnifs nicht. Der weit richtigere Weg ift der, den Realismus gewiffenhaft in die Lehre zu nehmen, als einen fchattenhaften Idealismus der Kunft aufzuzwingen oder gar im akademifchen Tone die ennuyante Klage über den Verfall des Stiles erheben zu wollen. zu feinem en on ach cht ber me ah. ennd ch ut Die e. da on ge t - d n h a Die Malerei. 19 Ich möchte es unter den gegenwärtigen Umftänden faft für ein Glück halten, dafs die monumentalen Aufgaben jetzt ausbleiben und die Kunft, die vorerft anderweitig mit fich zu thun hat, durch folche Aufgaben nicht genöthigt wird, ihren Stil zu forciren, ftatt ihn naturgemäfs zu fteigern. Ich finde im Allgemeinen die deutfche Kunft auf dem richtigen Wege. Er geht darauf hinaus, Ernft und Gründlichkeit in die realiftifchen Beftrebungen zu bringen. Man hat früher zu kühn in die Spitze hinaufgebaut, jetzt forgt man für eine breitere Bafis. Die kleineren Gattungen, die früher auch in jedem Sinne klein behandelt wurden, füllen fich mit Leben und Inhalt. Das gefundefte Mittel gegen die Abirrung ins Gedankenhafte, der Sinn für das Charakteriftifche, lebensvoll Bezeichnende tritt immer kräftiger und bedeutungsvoller hervor. Die grofsen dominirenden Erfcheinungen, welche die Strömung des Kunftlebens nach grofsen Richtungen theilen, zufammenfaffen und lenken, find wohl in unferer Epoche ausgeblieben, aber wo fänden fie fich jetzt auch fonft? Was aus der Reihe tritt, trägt weniger den Stempel der vollen Genialität, als den des fogenannten„ glänzenden Talentes", das aus der Umgebung hervorleuchtet, ohne fie aber geiftig fo recht zu beherrschen. Es fcheint überhaupt ein Kennzeichen unferer Epoche zu fein, dafs wir uns mit diefem Surrogat des eigentlich Grofsen, mit dem„ Glänzenden" begnügen müffen und nach der vorherrfchenden Gefchmacksrichtung felbft ganz gern damit begnügen. Wenn wir Alles zufammennehmen, fo tritt die deutfche Kunft, wie fie fich uns in einem umfaffenden Ueberblicke auf der Weltausftellung zeigte, in der Breite Achtung gebietend, ja imponirend auf, freilich ohne fich zu einer bedeutenden Höhe emporzugipfeln. Am wenigften können wir erwarten, dafs fich jetzt fchon ein neuer Gipfel in ihr emporhebe. Wohl aber tritt uns die Tüchtigkeit des künftlerifchen Könnens, der technifchen Gefchultheit vielfacher vertheilt und ausgebreitet entgegen, als es je früher der Fall war. Wir können es nur mit Freuden begrüfsen, jene Grundeigenfchaft, die der Solidität der deutfchen Stammesart entfpricht, auch in der Kunft fo reichlich vertreten zu finden. 99 Ein Moment, welches das Vorwort zum deutfchen Katalog gleichfalls hervorhebt, erfordert auch im Verlaufe diefer allgemeinen Charakteriſtik unfere Beachtung. Es ift diefs die Wahrnehmung, dafs der fpecielle Typus der früheren entfcheidenden Kunftfchulen, nämlich der Münchener und Düffeldorfer, fo gut wie verfchwunden ist und auch in anderen Hauptfitzen deutfcher Malerei, die neu hinzukamen, fich ein folcher gemeinfamer Typus nicht weiter gebildet hat. München ift der Vorort einer fehr regen coloriftifchen Schule" geworden, die von den früheren localen Traditionen völlig abweicht und zunächft auf die Thätigkeit Carl Piloty's, welcher zu Anfang der fünfziger Ja re an der dortigen Akademie zu wirken begann, zurückzuführen ift. Franzöfifcher Einflufs drang da fichtlich herüber, obgleich diefe neueren coloriftifchen Beftrebungen nicht auch in gleicher Weife gegen den Stil die Kühnheit, Lebhaftigkeit und Eleganz des Vortrages eintaufchten. Düffeldorf übt keinen akademifchen Einflufs mehr in beftimmter Richtung; es ift nur noch ein Collectivname für die verfchiedenften individuellen Tendenzen, höchftens durch die Pflege der Landfchaft und dann des Genrebildes in geiftreicherem Sinne nach Knaus' und Vautier's Vorgang fich neu hervorthuend. Das Dresdener Kunftleben hat aufser einer durchfchnittlichen, gemäfsigten Zahmheit nichts befonders Bezeichnendes; Frankfurt am Main, Carlsruhe, Stuttgart bilden locale Kunftniederlaffungen, in denen auch kaum entfcheidende Schuleinflüffe hervortreten; eine fehr namhafte Künftlergruppe, auch noch nach Genelli's Hinfcheiden bedeutend, vereinigt in fich Weimar, wo, wie einft für unfere claffifche Literatur, ein glückliches, wenn auch minder hellglänzendes Geftirn zu leuchten fcheint. In Berlin geht bei wachfender Mannigfaltigkeit der Kunftbeftrebungen immer mehr der grofse hauptftädtifche Charakter hindurch, beiläufig fo, wie wir ihn auch in Wien fanden: ein refolutes Herausgehen der Kunft in ftärkere Wir 20 Dr. Jofef Bayer. kungen, eine ausgefprochene Richtung auf das Glänzende und Effectvolle, das zu dem monumentalen Ernfte der früheren Münchener Epoche einen bezeichnenden, fo ganz modernen Gegenfatz bildet. - Wer denn alfo das deutfche Kunftleben der Gegenwart durchaus fchematifiren und fo hübfch überfichtlich nach gewiffen allgemeinen Erkennungszeichen der Schulen fich zurechtftellen möchte, der würde gerade jetzt bei feinem„ kriti fchen Bestreben" etwas in die Enge gerathen. Käme es auf eine ganz genaue Charakteriſtik an, fo müfste man im einzelnen Falle nach den Einflüffen, die von den Ateliers namhafter Künftler ausgehen, Umfrage halten nicht weiter mehi oder nur in zweiter Reihe nach denen der akademifch geregelten Schulen. Die innere gröfsere Ausbreitung jener Richtung, die fich entfchieden den coloriftifchen Wirkungen zuwendet, lockert den uniformen akademifchen Schulzwang, um aber umfomehr den Einfluss perfönlicher künftlerifcher Anregung zu fteigern. Freilich wirken bedeutende Coloriften zunächft nur für das Machwerk fchulbildend, nicht auch für die Kunftideen und Auffaffungsformen. Das Band, welches lediglich die Technik zwifchen Meifter und Schüler knüpft, ift für kurze Zeit ein höchft intimes, um fich aber dann ebenfo fchnell wieder zu löfen da nur eine gewiffe Ideengemeinfchaft, wie fie der Stil und die Compofition allein gibt, jenes Band für die Dauer zu befeftigen vermag. Daher auch die ziellofe und bunte Mannig faltigkeit des gegenwärtigen deutfchen Kunfttreibens in Allem, was Wahl und Behandlung der Stoffe, überhaupt die eigentlich geiftige Auffaffung betrifft: eine Mannigfaltigkeit bedenklicher Art, die man faft Zerfplitterung nennen möchte. - Das Ueberhandnehmen des coloriftifchen Elementes führt häufig zur Gleich giltigkeit gegen die geiftige Bedeutung des Stoffes oder zur Abfchätzung desfelben nach dem Effect. Die Farbe ſpricht eine Allerweltsfprache in der Kunft; gewiffenhaft verwendet fteht fie im Dienfte der fcharfen individuellen Charakteriſtik- wenn fie aber blos auf das Gefällige und Elegante losarbeitet, dann macht fie Zugeftändniffe an jeden Modegefchmack. Sie treibt in der Kunft von Innen heraus das Lebensblut ins Antlitz, aber fie trägt auch die cokette Schminke auf die Wangen. Es gibt eine folche coloriftifch gefchminkte Modekunft, die mit den Wirkungen eines im grofsen Sinne ftudirten Colorits nichts gemein hat; fie macht jetzt ihre Reife durch die Welt und verfucht gelegentlich auch ihre Erfolge in der font ehrlichen deutfchen Kunft. Zum Glücke nur gelegentlich. In der Regel gebraucht man bei uns Deutfchen die Farbe als Ausdrucksmittel, nicht als Selbftzweck coloriftifcher Bravour und Coketterie. Bei allem löblichen Bemühen, die Kraft und Harmonie derfelben zu ftei gern, widerfteht man doch in den meiften Fällen mannhaft der Verfuchung, fich in eine banale, weltläufige Popularität hineinzumalen. Die Deutfchen haben zu wenig kecke Courage, eben auf alle Abenteuer des Pinfels einzugehen; eher ver tiefen fie fich einmal nach ihrer Art in eine feltfame Farbengrübelei, von der der hochbegabte Arnold Boecklin in feinem„ Centaurenkampf" und noch mehr in feiner miftifchbunten„ Pietà" die verwunderlichften Beiſpiele gegeben hat. Sonft bewegt fich in der Regel die deutfche Farbengebung nicht zwifchen den weiteften Extremen; eine feine, aber doch geiftreich bezeichnende Eleganz wie bei Ram berg, eine glänzende, auf die Gefammtwirkung wohl calculirte Farbenharmonie wie bei Piloty, eine für den Zweck des feelifchen Ausdruckes und der aller beſtimmteften Menfchendarstellung mit etwas fpitzem Pinfel hingefchriebene Farbe bei dem genialen Ludwig Knaus, dann das warme, leuchtende, wenn auch nicht immer wahre Colorit des Berliner Farbenvirtuofen Guftay Richter- diefs wären fo einige Haupttöne in der chromatifchen Scala der modernften deutfchen Malerei. Zwifchendurch ſteht eine Reihe der refpectabelften Künftler, welche die Farbe nur wie eine fefte, ausgefchriebene Handfchrift gebrauchen, ohne Rückficht darauf, ob fie zierlich ausfieht, wenn fie nur den künftlerifchen Zweck deutlich und ganz ausdrückt. Ich meine damit folche Maler, welche wirklich mit dem Pinfel ihre Sachen hinfchreiben, nicht blos ihr gezeichnetes Concept illumi VO Die Malerei. 21 niren, wie es früher bei den fchwächlichen Nachzüglern der ftiliftifchen Richtung der Brauch war. Einen bezeichnenden Pinfelftrich voll Beftimmtheit und deutlicher Energie führt da der ältere Berliner Adolf Menzel, immer mit der Abficht auf das Auszudrückende, nicht auf die finnliche Wirkung der Farbe. Freilich gibt es von da herab auch manche Abftufungen bis ins Trockene, vor dem nur eine fo bedeutende künftlerifche Perfönlichkeit glücklich zu bewahren vermag. Nach diefen allgemeinen Bemerkungen wäre es an der Zeit, auf die ein zelnen Gattungen und die Pflege, deren fie fich gegenwärtig in der deutfchen Malerei erfreuen, in Kürze einzugehen. Aus herkömmlichem Refpect beginnt man gewöhnlich mit der religiöfen Hiftorie, die auf dem geräufchvollen Fefte der Arbeit und Induftrie freilich ein etwas allzu feierlicher und fremder Gaft war. Adalbert Begas aus Berlin brachte ,, eine Mutter mit dem Kinde" in edlem claffifchen Gefchmack gemalt, obgleich der Madonnencharakter da etwas zweifelhaft ift; Erich Correns in München zeigt in feiner heilige Familie" viel Anmuth und Feinheit der Empfindung, und Carl Müller in Düffeldorf hat in feiner. ,, Ruhe auf der Flucht nach Egypten" die Innigkeit Fiefole's und der Sienefen ohne jede nazarenifche Affectation unferem Verftändniffe glücklich nahe gebracht. Ein jugendlicher Johannes der Täufer von Ferdinand Schaus in Berlin erinnert nicht eben zu feinem Schaden ftark an Murillo; das Bild ,, Noli me tangere" von Bernhard Plockhorft in Berlin, fchon von früheren Ausftellungen bekannt, ift edel, aber wohl etwas zu modern empfunden. Sehr würdevoll vertritt das alte Teftament ein Abraham mit den drei Engeln" von Ne he.„ Das letzte Abendmahl" von Eduard von Gebhardt in Düffeldorf, ein fonft fehr wackeres Bild, macht dagegen ganz den Eindruck, als ob der Künftler den hiftorifchen Jefus ftatt des mythifchen Chriftus im Kreife feiner Jünger hätte malen wollen. Auch diefen ift jeder ideale Reflex benommen, den der Heiligenfchein und die Tradition über ihre Typen verbreitet hat. Ein Verfuch folcher Art, die heiligen Stoffe ins Nüchterne und Realiftifche hinüberzuführen, nachdem die Kraft, fie in idealem Sinne weiter zu geftalten ausgegangen ift, fcheint mir verfehlt. Für die Kunft find die durch Jahrhunderte durchgebildeten Typen des chriftlichen Geftaltenkreifes, die fortgefetzte malerische Arbeit an diefen Idealen, an der fich die gröfsten Künftler betheiligt haben, die nächſte unleugbare Thatfache. Kann man in diefer Richtung weiter empfinden und jene Geftalten neu zur Anfchauung bringen, nun fo male man fie getroft aufs Neue; wenn nicht- fo künftle und rücke man nicht an diefem traditionell gefchloffenen Kreife. Ich fage diefs keineswegs aus religiöfem Standpunkte, der mir persönlich ganz fern fteht, fondern rein in künftlerifchem Sinne. Wie fich das Chriftusideal und die Apofteltypen bis auf Leonardo da Vinci's Abendmahl und die Tapeten Raphael's hinab entwickelt haben, das wiffen wir genau: es find Geftalten, die nicht blos ein gläubiger Wahn, fondern künftlerifche Begeisterung erzeugte, Geftalten, die, um ein Goethe'ſches Wort hier anzuführen,„ ewig find, weil fie find. Von dem wirklichen Jefus und den wirklichen Jüngern haben wir ohne Vermittlung jener Kunfttradition abfolut keine plaftifche Vorftellung; die heiligen Gefchichten fo etwa im Sinne des modernen hiftorifchen Genres verfinnlichen zu wollen, führt wieder zu einer realiftifchen Fiction, die noch weit mehr in der Luft hängt, als alle Heiligenmalerei felbft mit dem fchwülftigften Wolkenapparate. Es ift ganz dasfelbe, als ob ein griechifcher Bildhauer verfucht hätte, die Götter des Olymps nach der euhemeriftifchen Auffaffung der Mythen als ordinäre Menfchen darzustellen. Von gröfserem Intereffe, als wir es der religiöfen Hiftorie entgegenbringen, von einem Intereffe, in welches fich auch der fcharfe Reiz der Streitfrage mit einmifcht, ift für uns allerdings die profane Gefchichtsmalerei, der wir uns jetzt zuwenden. Diefe Gattung hat auch fo ihre kleine Gefchichte für fich, namentlich was die hiftorifchen Stoffe betrifft, die an die jeweilige Tagesordnung des Malens 22 - Dr. Jofef Bayer. kamen. Eine lange Zeit über dominirte das Mittelalter: die deutfche Kaiferzeit jener Jahrhunderte, wo die Edelſteine der alten Reichskrone noch im romantifchen Glanze leuchteten alfo die Ottonen, die Hohenftaufen und für das tragiſch- fentimentale Bedürfnifs die rührende Geftalt Conradins von Schwaben und die Kinder König Manfreds. Heinrich von Ruftige hat uns ganz in der abgeblafsten Manier jener deutfchen Kaifermalerei einen Otto I. geliefert. Es ift in diefer Richtung nicht mehr viel zu holen. Man hat das Mittelalter ganz fo akademifirt, wie früher einmal die antiken Stoffe. Heutzutage, wo das deutſche Reich ein ganz moderner Staatsbegriff geworden ift und das lebhaftefte Tagesintereffe fich feiner vorwärtsdrängenden politifchen Lebensthätigkeit zuwendet, find uns jene grofsen, auf Leinwand übertragenen Bilderbogen aus dem Mittelalter ziemlich gleichgiltig geworden. Jene ganze Malerei war ein Ergebnifs der Gefchichtsromantik und hatte etwas von dem Schattenhaften der Heiligenmalerei an fich. Intereffanter find uns die Gefchichtsmaler, die fich nach perfönlicher Neigung, nicht blos einem allgemeinen Zuge folgend, ihre Helden felbft wählten. Freilich geriethen diefe auch wieder in eine hiftorifche Tendenz- und Stimmungsmalerei, die man fich aber, wie alles Perfönliche, immer lieber in der Kunft gefal len läfst. Mit einer echten Düffeldorfifch fubjectiven Theilnahme, allerdings mit einer über die ganze Schulrichtung weit hinaus gehenden Tiefe und Kraft ver weilte Carl Friedrich Leffing bei der Darftellung feines Lieblingshelden, des Märtyrers Johannes Hufs; dem Aachener Alfred Rethel war es fpäterhin vergönnt, die Gefchichte feines Helden, Carls des Grofsen, für den Rathhausfaal zu Aachen felbft zu malen und ihn dort in bedeutenden Compofitionen bis in fein geheimnifsvolles Grab hinabzuleiten. Auch Carl Bendemann hatte fich viel früher fchon feinen Helden gewählt, den elegifcheften der biblifchen Propheten, aber im Moment einer hiftorifchen Kataftrophe. Die fanfte Düffeldorfer Schwermuth konnte leicht auch in den Ton der Jeremiade übergehen; dennoch bleibt es ein grofses Verdienft des Meifters, dafs er das biblifche Thema nicht mehr im hergebrachten Sinne des Legendenbildes auffafste, fondern es mit einer gewiffen Entfchloffenheit auf den Boden der Gefchichtsmalerei hinüberführte. Bei feinem neuen Jeremias, den er ausftellte( eigentlich benennt fich das Bild ,, Wegführung der Juden in die baby. lonifche Gefangenfchaft") ift diefs noch in gefteigertem Mafse der Fall, obgleich das berühmte ältere Bild mehr Stimmungsgehalt hat. Der kräftig hervorgehobene Gegenfatz des ftolzen Siegers und der theils verzagten, theils in wilder Aufregung begriffenen Befiegten gibt der Darftellung die volle bedeutfame Spannung eines hiftorifchen Momentes; der Prophet felbft fitzt inmitten der brandenden Wogen der Volksleidenfchaften da wie erftarrt in einem grofsen, geiftig vertieften Schmerz, der über die blofe momentan heftige Empfindung des Nationalunglückes in den Maffen weit hinausgeht. Der Triumphzug des chaldäifchen Herrfchers im Hintergrunde ift wirkungsvoll und bedeutfam angeordnet; wie überhaupt diefes Gemälde, wenn es auch unter der Nachwirkung eines älteren Kunftprinci pes gedacht und ausgeführt ift, zu den ganz wenigen, in höherem Sinne componirten Bildern der deutfchen Ausstellung zählt. Die Seele der Die neue coloriftifche Richtung in Deutſchland hat kein eigentliches gefchichtliches Pathos und darum auch keine Lieblingshelden. Sie fchätzt die hiftorifchen Stoffe meift nur nach demjenigen ab, was fich ihnen in der Farbe abgewinnen läfst, und malt aus der Gefchichte Alles, was da gleifst und glänzt, durch Licht- und Farbeneffecte und naturaliftifche Wiedergabe des Stofflichen fich für den malerifchen Tagesgefchmack verwerthen läfst. deutschen Kunft werden wir im Augenblicke gerade bei diefer pompös heraus geftutzten Gattung am wenigften erfragen. An die Stelle der Compofition in grofsem und ernftem Sinne tritt bei unferen modernen Coloriften eine gewiffe raffinirte Kunft der Infcenirung, die der Bühne abgefehen und auf das Gemälde übertragen zu fein fcheint. Ein prächtiges Farbenfchauftück diefer Art, mit glück Die Malerei. - 23 licher Verwerthung localer ethnographifcher Studien höchft brillant arrangirt, ift der vielbefprochene" Pyramidenbau" von G. Richter; freilich vermag uns diefes Bild, wo die Racentypen und Abftufungen der Hautfarbe, die Stoffwirkung der Gewänder, die Färbung des Gefteins und der fonnige Glanz der Atmofphäre, Alles und Jedes genau nach feinem coloriftifchen Werthe abgefchätzt und benützt ift, faft nur finnlich und äufserlich zu befchäftigen, ohne uns zugleich, was auch kaum beabfichtigt war, einen geiftigen Blick in jene fremde und ferne Culturwelt zu eröffnen. Das thut ein jeder bemalte Mumienfarg beffer, ebenfo die Pharaonenbilder im Flachrelief an den Pylonen der egyptifchen Tempel. Von Herodot hinweg führt uns C. Piloty zu Tacitus von dem Bau der Cheopspyramide zu dem Triumphzuge des Germanicus und zu der Cheruskerfürftin Thusnelda. Man entfchliefst fich fchwer, auf das viel gelobte und viel beredete Gemälde nach längerer Zeit wieder zurückzukommen; und doch mufs es an diefer Stelle gefchehen. Was man auch fagen mag: es iſt weit mehr ein Erzeugnifs des Calculs, als wahrer künftlerifcher Begeifterung. Die Bezeichnung„ Senfationsbild", die man auch diefem Kunftwerke, fogar mit Unterftreichung des Wortes gegeben hat, klingt uns etwas verfänglich und bedenklich. Weder der Gottvater Michel Angelo's, der mit einer malerifchen Allmacht ohnegleichen den beiden grofsen Lichtern des Himmels ihre Bahnen zeigt, noch die Sixtinifche Madonna oder die Schule von Athen von Raphael haben jenes fcharfe und herausfordernde Moment in ihrer Wirkung, das man fenfationell nennen könnte; der herrliche Reiterzug am Parthenon Fries hat auch nichts davon, obgleich man mit diefen Werken ein Höchftes in der Kunft bezeichnet. Das Auffehen ift eine Wirkung, die fich calculiren läfst und die der kluge und gewandte Künftler erreicht, wenn er nicht nur die Kunft, fondern auch fein Publicum ftudirt und einen Ueberfchlag der vielfach erprobten Mittel macht, die fchon früher ihre Schuldigkeit gethan haben. So wirkt denn auch Piloty's grofses Bild durch das volle Enfemble jener Mittel, nicht durch einen grofsen, durchgeiftigten Zug. Es ist auch ein fprechendes Exempel hiefür, wodurch fich die malerifche Infcenirung und kluge Kunft des Arrange. ments von einer fchöpferifchen Compofition in grofsem hiftorifchen Sinne unter fcheidet. Man hat oft von dem Theatralifchen diefes Bildes gefprochen; das wäre nicht fo fchlimm, wenn nur richtiges theatralifches Naturell in demfelben wäre, wie etwa in den Bildern der Franzofen. Aber es fteckt ein gutes Stück Munchener, altbaierifcher Schwerfälligkeit in den eingejochten germanifchen Kriegern und den gefeffelten blond- und rothhaarigen Schickfalsgenoffinen Thusneldens; das theatralifche Moment liegt lediglich in dem Arrangement, in der abfichtlichen Zufammenftellung, und drängt fich darum um fo deutlicher auf. Die Heldin felbft, eine ganz moderne Bühnenfigur, fpielt ihre tragifche Rolle fo recht nach der Kunft. Wie ganz anders spricht fich der tiefe, aber gefafste Schmerz in dem ergreifend ernften Antlitz jener antiken Barbarenfrau in der Loggia dé Lanzi zu Florenz aus, die man wiederholt als eine Thusnelda bezeichnet hat! Nun wohl, eine wirkliche Heroine diefer Art würde in die ganze mehr natu raliftifche Conception und den unruhigen Bühnenpomp des Piloty'fchen Bildes nie recht gepasst haben. Die Bedeutung der Situation wird durch eine Reihe einzelner Haupt- und Nebenzüge fehr fcharf bezeichnet und verdeutlicht; was der Künftler nicht in einfacher Gröfse zufammenfasst, fucht er uns durch folche wohlberechnete Details zu erklären. Diefe Details machen das Werk Piloty's zu einem geiftreichen und beredten Bilde, obgleich in jene malerifche Beredfamkeit auch mancher ftörende, vorlaute Ton eindringt; fo insbefondere der frech aus dem Bilde in das Publicum hinauslachende Soldat, der den greifen Barden an feinem langen Barte zerrt und mit der anderen Hand das Prachtexemplar eines Bären an der Kette führt. Die ftachelnde Wirkung des Contraftes geht durch das ganze Bild hin und her. Die vornehmen römifchen Damen auf der Tribüne find zu Thusnelden, diefe zu ihrem Söhnchen, den fie am Arme führt, die gefangenen deutſchen Frauen untereinander, der finftere Tiberius zu dem Triumphator Germanicus u. f. f. 24 Dr. Jofef Bayer. in contraſtirende Beziehung geftellt. Die Compofition des Bildes redet überhaupt keine andere Sprache, als die des Contraftes. Es ift diefs eines der wichtigften Ausdrucksmittel der Kunft, aber er darf nicht allein für fich fprechen und mufs fich einer höheren, zufammenfaffenden Wirkung unterordnen. Ich habe hier aus meiner Empfindung heraus ziemlich viel gegen das Bild eingewendet, aber doch wird man mir zugeftehen, dafs man nur mit dem wirklich Hervorragenden auch im Widerspruch fich fo eingehend befchäftigt. Es bezeichnet das ungemein wirk fame Bild jedenfalls einen Höhepunkt des coloriftifchen Vermögens der deutſchen Malerei und hat auch fonft eine Rhythmik der Anordnung und einen harmoniſchen Flufs der Linien, wie man fie aufser Piloty bei den Meiftern der abfoluten Farbe äufserft felten zu finden pflegt. Die Stoffe die fonft aus der römifchen Gefchichte gemalt zu werden pflegen, bewegen fich um Nero und die erften Chriften herum. Den Erfteren hat eben auch Piloty feit jenem bekannten Bilde, wo er ihn nach dem Brande die Strafsen Roms durchfchreiten läfst, unferen Ateliers näher gebracht und nun wird jener höchfte Repräfentant des Cäfarenwahnfinns bald gemalt, bald poetifch dargestellt wie von Rob. Hammerling, bald gefpielt wie von Cav. Roffi. Die auffallende Vorliebe für diefe Geftalt ift charakteriſtiſch für die extravaganten Kunftgelüfte unferer Zeit. Unfere Coloriften verfteigen fich dabei nicht fo hoch etwas Feuersbrunft, einige Palaftdirnen und Luftknaben und allenfalls ein bischen Feuerfchein und Reflexe auf weifsen, üppig nackten Leibern das meinen fie, wäre im Ganzen recht gut für die Farbe. Nicht völlig nach diefem Recepte, aber auch nicht höher gefafst ift der Nero" von F. Keller in Carlsruhe. Der Tyrann kraut einer vor ihm fitzenden Dirne in den Haaren, während eine andere, hinter ihm ftehend, fich mit den feinigen zu fchaffen gibt; fo fchaut er hinaus über das brennende Rom. Indels fpielt vorn ein nackter Burfche, der fo beiläufig an den Satyr Periboëtes mahnt, die Flöte. Im Ganzen ift wohl das Bild von vortrefflicher Haltung und energifch wirkender Farbe. Den erften Chriften wendet fich wieder Alb. Bauer in Weimar zu. Sein wohlbekanntes, vorzügliches Bild„ Chriftliche Märtyrer werden von ihren Angehörigen zum Begräbnifs abgeholt" ift ein werthvoller Befitz der Gallerie von Düffeldorf. Es hier noch näher zu befprechen, wäre überflüffig; nur im rafchen Vorübergehen werfen wir noch einen Blick auf das mildfchöne Antlitz des todten Chriftenmädchens, das eben aus der Arena getragen wird, um deffen beruhigte Schmerzenszüge ein Himmelstraum von Verklärung und Seligkeit fchimmert. Die Maler der Gefchichts- Anekdote befchäftigen fich noch immer mit Vorliebe mit dem Unglücke fürftlicher Frauen, fchielen aber bei allem fentimentalen Antheile an demfelben zugleich nach der malerifchen Wirkung des Coftümes. Wenn Folingsby, ein englifcher Künftler aus der Piloty'fchen Schule, eine Johanna Gray mit warmer Empfindung malt, fo mag diefs aus dem nationalen Intereffe gerechtfertigt fein. Herterich's" Friedrich mit der gebiffenen Wange" ift dagegen ein Anekdotenbild im engften Sinne und findet fich auch als ein Stück gemalter Hausgefchichte der Erneftinifchen Linie im Befitze des Herzogs von Coburg. A. Treidler's ,, Churfürftin Elifabeth, die heimlich das Abendmahl in beiden Geftalten nimmt", ein gut gemaltes Bild, führt uns wieder ebenfo in die brandenburgifche Familiengefchichte hinüber. Seitdem Schiller im„ Deutſchen Mercur" vom Jahre 1788 die Hiftorie von dem Frühstücke des Herzogs von Alba auf dem Schloffe von Rudolftadt in fo lebendiger Weife erzählt hat, lugt die Illuftrationsmaierei nach diefer Scene aus. Zweimal wurde die entfchloffene Gräfin Katharina auf unferer Weltausstellung wieder verherrlicht, durch Fr. Wiede mann in München und Leop. Löffler in Wien. Nur beiläufig erwähne ich im Uebergang von dem blofen hiftorifchen Anekdotenbild zu dem bedeutfamer erfafsten gefchichtlichen Genrebild der beiden Darftellungen Luther's in feiner Familie, dann im Kreife der Reformationsgenoffen, mit der Bibelüberfetzung befchäftigt, von Spangenberg in Berlin. Es find recht wackere, in der - Die Malerei. 25 Charakteriſtik löbliche Bilder, aber von einem gewiffen philiftröfen Zug, dabei tonlos und trocken im Colorit, fo dafs fie gleich einem Kirchenliede wie ein officiöfer Ausdruck proteftantifcher Empfindung wirken. Das hiftorifche Genrebild der bedeutfameren Richtung holt feine Anregun gen meiftens aus der neueren Gefchichte. Hier find zunächft des Müncheners Wilhelm Lindenfchmidt Bilder zu nennen, die einen hervortretenden Schmuck der deutfchen Ausftellung bildeten:„ Der Tod des Prinzen Wilhelm von Oranien", John Knox unter den Bilderftürmern" und„ Das Abenteuer Ulrichs von Hutten mit den drei Franzofen in Padua". Der Meifter zeigt fich in diefen Bildern durchaus als geiftreicher hiftorifcher Epifodenmaler, der das Erregte eines fpannenden Momentes in richtiger malerifcher Wirkung zu erfaffen und wiederzugeben weifs. Auguft Fifcher's ,, Erftürmung von Rom durch die deutfchen Landsknechte 1527" gehört bei aller Tüchtigkeit der Ausführung doch zunächft unter die hiftorifchen Coftumeftudien, wo die coloriftifch wirkfamen Röcke die Leute machen. Mitten ins gefchichtliche Leben der neueren Zeit greift mit kühner Hand Max Adamo in München in feinem bekannten Bild„ Der Sturz Robespierre's". Die fieberhafte Erregung der revolutionären Krifis ift beinahe mit jenem malerifchen Blick für das Leidenfchaftliche wiedergegeben, wie er fonft nur den Franzofen eigen zu fein pflegt. Von den oberften Sitzreihen des " Berges" bis hinab zu der entfcheidenden Action des Vordergrundes ift Alles lauter Bewegung und Affect; wir fchauen da förmlich hinab in den dampfenden Krater der Revolution. Der Gegenftand hätte wohl eine Ausführung in gröfserem Mafsftabe vertragen, aber es ift freilich die Frage, ob dafür auch die Kraft des Meifters für die beftimmte Charakteriſtik der einzelnen Figuren und die grofsartigere Zufammenftimmung des Ganzen ausgereicht hätte. So, wie wir es da fehen, wirkt das Bild beiläufig in der Weife, als ob es urfprünglich als Farbenfkizze für eine gröfsere Compofition gemeint, dann aber aus jener Skizze heraus beendigt worden wäre. Damit wären wir auch mit der hiftorifchen Gattung fo ziemlich zu Rande. Die gefangenen Cavaliere vor Cromwell", ein älteres, gewiffenhaft ausgeführtes Bild von Conftantin Cretius in Berlin, dann, die Flucht des Winterkönigs aus Prag" von Otto v. Faber in München gehören in die früher ftark gepflegte Claffe der hiftorifchen Calamitätenmalerei, während uns in dem vielbekannten Gemälde Carl Becker's: Befuch Carls V. bei Fugger", das der königlichen Nationalgalerie entnommen war, ein hiftorifches Novellenbild der heiteren und anziehenden Art entgegentrat. Sowie Becker mit Vorliebe feine Stoffe aus dem Kreife der eleganten Welt nimmt, fo verfinnlichte er uns auch hier ganz das vornehme Behagen des feinen Haushaltes eines Geldfürften aus dem XVI. Jahrhundert und läfst unferen Blick wohlgefällig auf der zierlichen Geftalt der Tochter des Haufes ruhen, die uns da wohl mehr noch intereffirt, als Kaifer und Reich und die fo bequeme Tilgung feiner Schulden. Die ideale Gattung der Allegorie, der Mythologie, des Märchens ift eben nur der Convenienz und dem Namen nach ideal; auf ihrem eigenen Felde rückt ihr fogar der Realismus an den Leib. Boecklin erzielt in dem„ Centaurenkampf mit feinem coloriftifchen Experimente eine dem Gegenftande angemeffenere Wirkung, als in feiner„ Pietà".„ Die über ein Schlachtfeld reitenden Walküren" von Auguft v. Heyden in Berlin haben gleichfalls einen kühnen, poetiſch phantaftifchen Zug.„ Ceres, die ihre Tochter fucht" von Ludwig Thierfch in München zeigt etwas von dem Stilgefühle, das zu diefer Gattung gehört, während Robert Beyfchlag's„ Pfyche" mit ihrem gar zierlichen, feinen Soubrettengefichtchen, das wir auch fonft in den Genrefiguren diefes Malers wiederfinden, doch eine andere, als eine mythologiſch- ideale Stimmung anregt. Echter antiker Adel liegt in der„ Iphigenia" von Feuerbach; es weht um diefe Geftalt ein Anhauch von dem Zauber der Goethe'fchen Dichtung. In Henneberg's" Jagd nach dem Glücke" tritt die Allegorie 26 Dr. Jofef Bayer. nicht als ein froftiges Gedankenproduct auf, fondern fteigert fich im Ausdrucke, wie in der Compofition zu einer tieferen, pathetiſchen Wirkung. Die finnreiche Perfonification des Märchens" von demfelben Meifter führt uns auf diefes Gebiet hinüber, das auch, freilich nur nebenher, auf der deutfchen Ausftellung vertreten war. Aber das Märchen felbft blickt uns nicht mehr mit feinen rührenden Kinderaugen aus der altklugen Technik diefer Bilder an. Die Zeit ift vorüber, wo Schneewittchen, Afchenbuttel und die fchöne Melufine mit zarten, fchmiegfamen Leibern, mit leichtem, zierlichem Geiftertritt in den wunderfamen Aquarellcompofitionen von Moriz Schwind, wohl auch von Eugen Neureuther an uns vorübergeführt wurden. Die Realiften find keine guten Märchenerzähler: fie verfetzen die Traumwelt der Fee Mab ins helle beſtimmte Tageslicht und geben ihr den Anfchein einer genreartigen Wirk lichkeit, welche die zartgewobene Poefte des Märchens völlig zerftört. Befonders ift dies bei Hermann Kaulbach's Hansl und Gretel bei der Hexe" der Fall. Auch Bethke in München(, Rothkäppchen") verfteht nicht recht zu fabuliren. Derfelbe Gegenftand von Paul Meyerheim hat die volle Liebenswürdigkeit feiner übrigen Kindergeftalten in genreartigem Sinne, ob fie nun dem Wolfe im Walde begegnen oder nicht, aber kaum den eigentlich märchenhaften Zug. Dasfelbe wird wohl auch von feinem„ Afchenbrödl" gelten. Auch Franz Meyerheim führt uns in ähnlichem Sinne Schneewittchen und Dornröschen eben nur als anziehende Genrefiguren vor. Vom Märchen kommen wir auf die Literaturmalerei, eine Gattung, die bei uns nie ausgehen will. Im Märchen liegt ebenfowohl ein malerifches, wie ein poetifches Element: wenn wir fo fagen dürfen, ein fchwimmender Geftaltenzug, der der Dichtung ebenfo, wie dem Zeichenftift und der delicateren Palette gemein ift. Anders ift es um jene Stoffe beftellt, welche den berühmten Partien der Literatur entlehnt find. Sie repräfentiren eine förmliche Vorfchufsbank für die unproductive Malerei. Der momentane Vortheil ift dabei erfichtlich genug. Jeder Lefer von einiger Einbildungskraft entwirft fich im Kopfe eine Contour zu den populären Hauptfiguren unferer Dichtungen. Man weifs beiläufig, wie diefe Traumzeichnungen im Kopfe ausfallen, wenn man felbft ein belefener Maler ift. Man greift in diefen Durchfchnitt hinein und hat fofort ein Bild. Dem Geftaltungstriebe der Kunft, dem realen ebenfowenig wie dem idealen, ift damit nicht fonderlich gedient. Zwifchen den Blättern der Bücher fteigen die Figuren nur fchmal und dünn hervor: das wirkliche Leben mufs ihnen Fülle und Wahrheit, der eigenthümliche ideale Zug der Kunft höheren Adel geben; das Leihgefchäft der Lecture, das mitten hinein tritt, nimmt auch eine Zwitterftellung zwifchen der idealen und realiftifchen Richtung der Kunft ein, ohne fie nach einer oder der anderen Seite hin zu fördern. Ich will hier die einzelnen Bilder, welche der bezeichneten Gattung angehören, noch keineswegs abfchätzen, wenn ich fie in einer Reihe aufzähle; jedenfalls find es fehr ungleiche Glieder diefer Reihe. Da wäre die Scene vor den Käftchen aus den„ Kaufmann von Venedig" von Ferdinand Barth in München;„ König Alarich's Begräbnifs nach Platen" von M. v. Beckerath in Düffeldorf; die Mutter mit ihrem Kinde an dem Grabfteine des Ritters", nach der Chronik eines fahrenden Schülers von Clemens Brentano, von Leopold Bode in Frankfurt a. M.; wieder eine Scene aus dem Kaufmann von Venedig" von Alexander Gierymski; Fallſtaff in den„ lufti gen Weibern" von Wilhelm Lindenfchmidt; dann Fallftaff mit Dortchen Lackenreifser" von Ed. Grützner;„ Gretchens Erfcheinung in der Walpurgis nacht von Gabriel Max; Siegmund und Siegelinde aus Richard Wagner's küre" von Theodor Pixis in München; Ophelia, Kränze an die Weidenzweige hängend, von Roland Riffel in Düffeldorf; das Waldfräulein von Zedlitz von Paul Martin in München;„ Lear mit Cordelia" von Friedrich Pecht;„ Elaien nach einer Ballade von Tennyfon von Toby E. Rofenthal; Sufanne aus Figaro's Hochzeit" und Gretchen aus" Fauft" von W. Souchon in Weimar; " Wal Die Malerei, 27 Fauft bei den Bauern unter der Linde von Claudius Schraudolph j. in München; ,, Ueberfall Weifslingen's durch Götz von Berlichingen" von A. Wagner in München. Die Lifte ift kaum noch vollſtändig. Wenn wir da eine Auslefe treffen, fo zeigen fich da die gemalten Opernmotive als die leerften und ungünftigften; fie haben den mindeſten geftaltbaren Fonds und fagen vielleicht defshalb den geftaltungsunfähigen Malern am meiften zu: fo insbefondere die aus dem breiten Mufikbrei Richard Wagner's herauffteigenden Figuren, auf die fich Th. Pixis geworfen hat. Aeufserlich am wirkfamften und wohl auch am meiften lebensfähig ift jene Form des Illuftrationsbildes, die völlig in der genreartigen Auffaffung aufgeht; Barth's Porzia und Baffanio" gehört hieher, ein Bild, das fich ganz in die Reihe des coloriftifch beliebten venetianifchen Coftumegenres ftellt. Als humo riftifche Genrefigur mufs immer wieder der dicke Ritter Sir John herhalten, der nicht nur felbft witzig war, fondern auch der verfchuldende Anlafs zahllofer Malerwitze wurde. Grützner's" Falftaff" hat da alle Eigenfchaften eines populären Genrebildes, und in der Charakteriſtik des Helden das richtige fchlemmerhafte Behagen, während die für die Beleibtheit des Ritters fo unbehagliche Wafchkorbsfcene bei Lindenfchmidt mehr mit geiftreichem Pinfel als mit vollem Humor vorgetragen ift. Zu einem altdeutfchen Genrebilde voll gemüthlichen Gehaltes und treffender Charakteriſtik wufste Schraudolph d. j. die Bauernfcene aus Fauft's Ofterfpaziergang zu beleben. Die Situation der Dichtung ift hier nur das anregende Motiv, das dann felbftftändig in malerifchem Sinne durchgebildet ift. Das, Gretchen" von Max ift eine gemalte Vifion, als folche freilich viel zu farbendeutlich und körperlich, aber immer von ergreifendem Eindrucke. Das Gefpenftige liegt da im Ausdruck dem krankhaft Gequälten ziemlich nahe. Diefes Gretchen ift in malerifchem Sinne ganz eine Schwefter jener blinden Chriftin an der Pforte der Katakomben, die der Maler ebenfalls ausgeftellt hat. Uebrigens durchfchritt die Geftalt Gretchens faft alle Säle der Kunfthalle; feit Ary Schefer hat fie es der Illuftrationsluft der Maler angethan. Gabriel Max gefällt fich überhaupt in der Dämmerfphäre poetifcher Stim mungen, mag nun die Anregung dazu literarifch entlehnt oder eine felbftftändige Eingebung fein. Er träumt und dichtet gern, aber doch immer als Maler, und wenn feine Phantafien ganz ins Bild hineinwachfen und in ihm Körper und Farbe bekommen, kann man fie fich wohl gefallen laffen. Ein überreizter Zug der Empfindung, ein Pulsfchlag der Phantafie, der nicht ganz normal ift, zeigt fich wohl überall; er geht den Bildern des Schmerzes, der Sehnsucht, felbft der Luft auf eigenen Wegen nach und verwechfelt wohl das Ungewöhnliche und Frappante manchmal mit dem Bedeutenden. Das Letztere hat trotz der ungeheuren Diftanz mit dem Alltäglichen und Gewöhnlichen das gemein, dafs es ebenfo natürlich und felbftverständlich erfcheint, wenn es einmal in einem Kunftwerke erreicht und ausgefprochen ift. Gabriel Max ift ein Maler der krankhaften und überreizten Exiftenzen, des fahlen, matten Teints, ob er fchon von frommem Martyrium oder der ermüdeten, weltlichen Sünde herrührt. Seine geblendete Chriftin, fein Gretchen mit dem Blutftreifen um den Hals, die junge, frühverblühte Dame von fehr zweifelhaftem Rufe, die nach dem Balle entkleidet im fahlen Frühdämmerfchein auf dem Bette fitzt, gehören der malerifchen Grundftimmung nach in dasfelbe Gefchlecht; krank find fie eben Alle. Auch fein ,, Mädchen im Frühlingsgrün" ift nicht gefund und felbft der Mai, der fie fproffend umgibt, fcheint uns hektiſch angehaucht zu fein. Max ift ein bedeutendes, ernft ftrebendes Talent, aber die höchfte Göttergunft der Begabung, die freiathmende Gefundheit fcheint ihm nicht verliehen zu fein. Die deutfche Kunft fcheint fich deffen bewufst zu fein, dafs fie der fortgefetzten Auffrifchung durch das Volksleben bedarf. Sie begibt fich auf das Land, wenn fie das Bedürfnifs der gründlichen Genefung fo recht dringend fühlt. Was die Dorfgefchichte in unferer Literatur, das ift das Bauerngenre in der modernen 28 Dr. Jofef Bayer. deutfchen Malerei. Diefe Gattung ift fchon von früherem Datum; aber ehedem war fie nur eine Specialität, ein malerifches Studium jetzt geht fie aus einem tieferen Triebe hervor und gewinnt dadurch in gefteigertem Mafse an Bedeutung und Gehalt. Wenn Hamlet einmal fagt, dafs der Bauer dem Hofmanne nun auf die Ferfe trete, fo könnte man ein ähnliches Wort von der neuen deutfchen Genremalerei brauchen. Auch die Bauern von Knaus, Vautier, Riefftahl, Def regger und Anderen treten mit ihrem höchft realiftifchen Nagelfchuh den vornehmen Geftalten des abgeblafsten idealen Stils längft fchon auf die Ferfe. Die Entwicklung des ländlichen Genres in der deutfchen Kunft hat auch fo ihre kleine Gefchichte für fich. Als die Düffeldorfer noch ihren ausgeprägten Schulcharakter hatten, traten die Dorf- und Volksmaler der conventionell fentimentalen Hauptrichtung der Schule reagirend entgegen. Sie bildeten gleichfam die realiftifch gefinnte Düffeldorfer Linke, die fich von den trauernden Königsföhnen hinweg dem Leben und Treiben des Volkes zuwandte. Die Meiften diefer Maler fuchten fich ihre Specialität heraus und ftudirten fich, wie die Landfchafter in den Localcharakter gewiffer Gegenden, in eine beſtimmte Stammesart und volksthüm liche Lebensweife hinein. So lieferte Rudolf Jordan regelmäfsig feine Bilder aus dem Lootfenleben des Nordfeeftrandes; Chriftian Böttcher war im Schwarzwald, der treffliche J. Becker im Wefterwald und in heffifchen Dörfern zu Haufe, und fo theilte fich weiter das deutfche Volksbild nach Gauen und Landsmannfchaften. Es wäre da von grofsem Intereffe, das aufgefuchte Volksthum und jenes, aus dem der Künftler hervorgegangen oder in das er fich gemüthlich eingelebt hat, näher zu unterfcheiden. Zwifchendurch nahm das Dorfgenre felbft auch etwas Conventionell Sentimentales an. Die Dirndl'n auf dem Kirchgang, die ländlichen Zitherfpieler in fauberer Sonntagstracht, die Sennerinen, die finnend ins Abendroth blicken, waren kein fonderlicher Gewinn gegenüber der Schatten haften Düffeldorfer Wehmuth. Daneben ftellte fich auch eine zwar gefündere, aber ftereotype Gemüthlichkeit der Bauernftube ein, bei der Grofsmutter und Enkel, Bauernföhne, die als ftramme Soldaten wiederkehrten u. f. w. immer wieder herhalten mufsten. In der letzten Wendung, die das deutfche Genrebild nahm, erhob fich aber die Volks- und Sittenmalerei zu einer ganz bedeutenden Höhe. Wir müffen fie geradezu als diejenige Gattung bezeichnen, in welcher jetzt das Herz der deutfchen Kunft am vernehmbarften fchlägt. Man begnügt fich nicht mehr mit äufserlichen Gruppirungen und anekdotenhaften Motiven; die führenden Meifter diefes Faches greifen tief in die Volksfeele und fteigern die Schilderung derfelben oft zum höchften bezeichnenden Ausdruck, der ins Ganze und Volle geht. Ein fkandinavifcher Maler der Düffeldorf'fchen Schule, Adolf Tidemand aus Mandal in Schweden, ift mit feinen Schilderungen des norwegifchen Volkslebens, mit tiefer Empfindung und inniger Befeelung des liebevoll erfafsten Stoffes in die neue, bedeutendere Wendung des ländlichen Genres eingegangen. Sein„ Norwegifcher Brautzug durch den Wald", der in der fkandinavifchen Abtheilung ausgeftellt war, gehört zu den feine Richtung bezeichnenden, wenn auch nicht vielleicht zu feinen hervorragendften Bildern. Dort im Norden ift die Literaturgattung der Dorfgefchichte dem Dorfgenre in der Malerei nachgefolgt; Björnfon fchildert uns, was Tidemand malt, mit verſtärkter Tiefe und Nachhaltig keit der Empfindung. In Deutfchland tritt erft jetzt fo recht die gemalte Dorf gefchichte als eine dominirende Gattung auf. Dafs wir zunächst ein Literaturvolk find, zeigt fich auch darin, dafs fich die entfcheidenden geiftigen Richtungen im richtigen oder auch im verkehrten Sinne bei uns zuerft literarifch und dann erft künftlerifch ausfprechen. So folgten auf die Romantiker der Feder die des Pinfels, auf das Convertitenfieber in literarifchen Kreifen das Nazarenerthum der Malerei, auf den gelehrten Sammeleifer für das Märchen die Nachdichtung desfelben im Aquarell, zuletzt auf die Dorfnovelliften die Dorfmaler, obgleich nicht Alle unter denfelben- fo gewifs nicht der fchlichte Tiroler Bauernfohn Defregger- literarifch von der gedruckten Dorfgefchichte abhängig fein mögen. Die Malerei. 29 Es thut der deutfchen Kunft gut, dafs fie ganz entfchloffen auf die Wurzeln unferer Volksexiftenz zurückgeht. Sie gewinnt dadurch an Kern, was ihr an idealer Hoheit, an grofsem Compofitionsfinn einmal fchon abgegangen ift. Die deutfche Kunft kann nur da etwas leiften, wo fie gründlich vorgeht: fei es nun in gründlicher realiftifcher Beobachtung oder in gründlicher Durchbildung eines idealiftifchen Compofitionsgedankens. Auf dem letzteren Wege geht es nicht mehr; diefe Richtung hat mit Kaulbach's Tode für lange ausgeredet. Auch kön nen nur die genialen, die grofsgefinnten Naturen fich in diefem höheren Sinne künftlerisch äufsern; die Beobachtung des Lebens, die malerifch und pfychologifch getreue Wiedergabe desfelben ift eine ins Breite gehende Arbeit, in welche fich die gröfsere Schaar der Talente, die mehr Tüchtigkeit als Schwungkraft befitzen, mit Erfolg zu theilen vermag. Ludwig Knaus, der allerdings mit feinem geiftvoll charakterifirenden Pinfel fein Beftes auf dem Boden der Volksmalerei leiftet, fowie der Waadtländer Benjamin Vautier, der mit der Illuftration zu Immermann's Oberhof die literarifche Dorfgefchichte zuerft mit der malerifchen vermittelte, find und bleiben noch immer die genialen Chorführer und Chormeifter diefer Gattung, auf der auch die mittleren Talente bei offenem Auge und redlichem Eifer mit- und nachgehen können. Die directe Schuleinwirkung diefer Meifter ift vielleicht nicht fo grofs; defto weiter reichend aber gewifs ihr mittelbarer, richtung beftimmender Einflufs. Da die Bilder von Knaus und Vautier auf der Weltausftellung zur gröfsten Popularität gelangten, fo braucht diefer Bericht, deffen Aufgabe eine Charakteriftik der Richtungen, nicht blose Bilderbefchreibung ift, bei ihnen nicht weiter zu verweilen; auch was zur Vergleichung der beiden„ Leichenbegängniffe im Dorfe" zu bemerken wäre, ift ein bereits erfchöpftes feuilletoniftifches Thema. Sonft theilen fich die Volksmaler zunächst in die Münchener und Düffeldorfer Gruppe. In der erfteren hatte D efregger, der feiner Landsmannfchaft nach entfchieden in die öfterreichifche Ausftellung gehört hätte, eine weitaus überragende, völlig felbftftändige Stellung. Seine Welt ift die heimifche Alm und die Tiroler Bauernftube; nur ausnahmsweife begibt er fich mit feinem„ Preispferd" unter baierifche Bauern. Er ift ein Volksmaler in dem Sinne, in welchem man von Volksfängern in der beften Bedeutung des Wortes fpricht. Das Individualifiren feiner Geftalten ift für ihn kaum eine überlegte künftlerifche Aufgabe, fondern eine ganz natürliche Aeufserung deffen, was von den Eindrücken feiner Heimat in feinem Gemüth und feinem Auge lebt. Er gibt uns die Wahrheit aus erfter Hand; in jeder Bauernftube ſpricht er felbft vor, deren Bewohner er uns im Bilde zeigt; er beobachtet nicht blos diefe kleine, mit dem gefundeſten Blick erfafste Volkswelt, er lebt in ihr und fie in ihm. Während feiner künftlerifchen Wanderjahre blieb fein Blick ftets nach der Heimat geheftet; fremder Stoff und fremde Manier verfing bei ihm nicht. In den Parifer Ateliers wie in der Schule Piloty's eignete er fich eine fichere malerifche Ausdrucksweife für den Inhalt an, der ihn von vornan erfüllte; er lernte da ficher und beftimmt malen, aber nicht coloriftifch experimentiren, was ihm auch feine Bauern malerifch verdorben, die reine überzeugende Kraft feiner Schilderung und feines Vortrags im Kerne beeinträchtigt. hätte. Defregger ift ein feltenes Beiſpiel dafür, wie man fich die Vortheile moderner Technik aneignen und dabei doch innerlich fchlicht und naiv, im reinften Sinne volksmäfsig bleiben kann. Neben Defregger ift die Tiroler Landsmannfchaft in der Münchner Schule -wenn diefer vage Begriff weiter gelten darf noch durch Mathias Schmidt und Alois Gabl vertreten. Sie haben manche verwandte Züge miteinander gemein, obgleich fie doch wieder durch gewiffe individuelle Eigenthümlichkeiten und Grundftimmungen fich voneinander fondern. Schmidt gehört zu den fchneidigen Tirolern; er hat es fcharf auf die Pfaffen, die in den Verftand, den Gemüthsfrieden und wohl auch den Geldbeutel feiner bäuerlichen Landsleute fo manchen ftörenden Eingriff thun. Gegen ein folches polemifches Element im Bilde ift nichts einzuwenden, wenn 30 Dr. Jofef Bayer. nur die lebendige und bezeichnende Charakteriſtik mit der Abficht gleichen Schritt hält. Ich fehe nicht ein, warum das Genrebild harmlofer ausfehen foll als die Wirklichkeit. Solange die Bauern Defregger's nicht klüger und geweckter werden, werden ihnen die Landpfaffen, wie fie M. Schmidt malt, ftets an den Leib rücken. A. Gabl fchildert mit grofsem Talente eine für die ländliche Bevöl kerung alarmirende Scene, die fich da oft wiederholt: den Moment der Affentirung. Es ift etwas Dörfifch- Theatralifches in dem fonft wackeren Bilde, das feine unleug baren Vorzüge hat. J. Hiddemann in Düffeldorf hat in feinem meifterhaften Bilde: Preufsifche Werber zur Zeit Friedrich des Grofsen" denfelben Gegenftand mit geiftreicher Objectivität und fefterer Charakteriſtik behandelt, was alerdings hier leichter anging, wo der Vorgang in eine gewiffe hiftorifche Diftanz geftellt ift. Ed. Kurzbauer, von dem auch das Belvedere ein Bild herlieh, gab in feinem ländlichen Fefte in Württemberg eine humoriftifch belebte Schilderung, zu der das Land mehr nur die Scenerie bietet. Die Düffeldorfer Volksmaler begnügen fich wenigftens in den Bildern, die fie diefsmal ausftellten, nicht durchaus mit der Schilderung einfacher Zuftände, fondern geben uns irgend eine Gefchichte, einen spannenden, felbft aufregenden Moment. So führt uns C. Lafch eine Verhaftung vor, und ebenfo Jul. Geertz die Abführung eines Gefangenen vor das Schwurgericht. In folchen Bildern zeigt fich das Beftreben, die genreartige Schilderung zum dramatifchen Ausdrucke zu fteigern; es iſt aber die Frage, ob diefe Gattung durch die fcharfe Beize des criminaliftifchen Intereffes fonderlich gewinnt. Uebrigens bewegt fich der erftgenannte Meifter doch wohl mit günftigerem Erfolge in der gemüthlichen Sphäre ( wie feine Bilder Des alten Lehrers Geburtstag" und" Mutterglück" darthun), und Geertz fcheint fich auch bei der humoriftifchen Darftellung feiner muthwilli gen Jungen, die nur Verhaftung fpielen, behaglicher zu fühlen. Hub. Salentin der langbewährte Düffeldorfer Meifter im Genrefach, führt uns mit Vorliebe in die Kinderwelt des Dorfes, die er mit heiterer Charakteriſtik und köftlicher Beobachtungsgabe zu fchildern weifs. Das Erfcheinen des kleinen Erbprinzen im Dorfe und die fpafshafte Senfation, die der feine Fürftenknabe unter den länd lichen Rangen und Altersgen offen hervorruft, hat in dem vielbefprochenen Bilde auch feine Wirkung auf das Publicum nicht verfehlt. Ein ganz reizendes Kinder bild ift jenes, das der Katalog unter dem Titel„ Hol' über" anführt, und unter den Andächtigen feiner ,, Wald capelle" find wieder die kleinen Beter am beften gerathen. Im Allgemeinen konnten wir mit Vergnügen wahrnehmen, dafs die füfsliche und fentimentale Auffaffung der Kindernatur in der deutfchen Genremalerei merklich abnimmt und der heiteren und humoriftifchen Behandlung der Kindertypen den Platz räumt. Und auch hierin ift die gefunde Kunft diefen kleinen Gefchöpfen gegenüber in ihrem vollen Rechte. Auch der wilde Range macht einen erfreuli cheren Eindruck, als jene Tragantpüppchen von frommen und fanften Kindern. die wir früher fo häufig zu fehen bekamen. Mit den Volksmalern ift nicht fo leicht abzufchliefsen. Da käme von den Münchenern noch Carl Kronberger hinzu mit feiner ergötzlich charakteri firten ,, Tagfatzung aus der Zeit der Patrimonialgerichte", Hugo Kaufmann's " Auction", Rud. Epp's, Gaukler in der Dorffchenke", Eberle's Bild„ Nach der Taufe", Ed. Young's" Hochzeitszug im Gebirge" u. a. m. E. Harburger ebenfalls zur Münchener Gruppe gehörig, beutet wieder einmal mit viel Humor und Behagen den Contraft zwifchen derber, ländlicher Urfprünglichkeit und ftädtiſcher Ziererei aus, indem er in einer Dorfkneipe zechende baierifche Bauern und einen Engländer mit feiner Lady, die durch irgend einen Zufall dahin ver fchlagen worden find, an einen Tifch zufammenfetzt. Ein anderes Bild von Ant. Seitz, dem bewährten Münchener Künftler, das einen vornehmen Grundherrn nach der Jagd in eine ähnliche Dorfkneipe einkehren und mit dem dicken fchlauer Wirth irgend eine luftige Zwiefprach halten läfst, ift von echtem Genrehumor belebt und mit feinem malerifchen Talent ausgeführt. Von den älteren Düffel S Die Malerei. 31 dorfern hat fich Jordan mit feinem„ Seemannshaus", das der Nationalgallerie in Berlin angehört, und K. Hübner mit drei Stücken eingeftellt, von denen insbefondere„ Die Sünderin vor der Kirchenthür", ebenfalls ein Berliner Galleriebild, dem von diefem Meiſter einft mit Vorliebe gepflegten fentimental- pathetifchen Genre angehört. An refoluter Kraft der Charakteriſtik, fowie auch an malerifcher Verve erfcheinen jene älteren Meifter doch von der neueren Wendung der deutfchen Genrekunft fichtlich überholt. Simmler's vortreffliches Bild„ Der erfchoffene Wilderer" wäre in der Düffeldorfer Gruppe zunächft noch zu nennen; die todesdüftere Gebirgslandfchaft und im Vordergrunde die in einem Bergfpalte liegende Leiche find zu einer ergreifenden Wirkung zufammengeftimmt. Ganz vorzüglich verfteht sich, wie wir fchon feit längerer Zeit wiffen, Wilh. Riefftahl in Carlsruhe auf jene Mittelgattung zwifchen Landfchaft und Genre, wo die Naturfcenerie und dasjenige, was die Menfchenbruft bewegt, fich zu einem tiefanklingenden Accord zufammenfaffen. Seine ausgeftellten Bilder„ Allerfeelentag im Bregenzer Walde" , Die Feldandacht der Paffeyer Hirten" und" Die Trauerverfammlung vor einer Bergkirche am Sentis" waren eminente Belege hiefür. Er kennt die localen Volkstypen eben fo genau wie die Alpennatur, innerhalb deren fich diefes Stück Menfchendafein von der Wiege bis zum Grabe abfpielt; er ift eben fo fcharfer Charakteriſtiker als finnvoller Stimmungsmaler. - Doch wir find mit Riefftahl rafch zu dem ernften Thema der letzten Dinge" gelangt. Mit einem fröhlicheren, freilich auch oberflächlicheren Blicke fchaut Paul Meyerheim in das Volksleben hinein, dasfelbe mehr nur für den durchſchnittlichen Genregebrauch durchmufternd. Zum Theil handelt es fich ihm dabei nur um ein glückliches humoriftifches Motiv, wie in feiner fo populären Menagerie im Dorfe, oder um eine naturaliftifch getreue Wiedergabe, wie in feiner bekannten Schaffchur. In dem„ Abend im Wald" Holzfäller bereiten fich zur Heimfahrt, indefs das verdämmernde Abendroth über den Föhrenwipfeln mit ermattender Röthe fchimmert begibt fich aber der nüchterne Naturalift wieder auf das Gebiet der Stimmungsmalerei. Noch einmal wenden wir uns nach München zurück, um ein in coloriftifcher Beziehung vorzügliches Bild von Hirt, „ Die Hopfenpflückerinen", zu erwähnen, ebenfo die mit niederländifchem Behagen gemalte ,, Grofsmutter" von A. Spring, die für ihre Enkelin Aepfel fchält. Neben den inhaltsreicheren und tiefergreifenden Schilderungen des Volkslebens, die uns im pfychologifchen und charakteriftifchen Sinne befchäftigen, haben folche einfache, fchlichte Situationsbilder auch ihren unbeftrittenen malerifchen Werth. Die deutfchen Genremaler haben im Ganzen fowohl nach der ernften, als der humoriftifchen Seite hin einen faft zu weit gehenden Erzählungseifer; jedes Bild foll uns eine Gefchichte, und zwar möglichft deutlich vorführen. Es thut nichts, ja es ift fogar gut, wenn fich daneben auch folche Bilder wieder einfinden, welche einfach anfprechen, ohne ausdrücklich viel fagen zu wollen. Wo fich die Eindrücke in Maffe herandrängen, bleibt zuletzt nichts Anderes übrig, als fummarifch zufammenzufaffen, fo gern man auch bei dem Einzelnen, was uns bedeutender angeregt hat, verweilen möchte. Das deutſche Genrebild geht gar fehr ins Breite und umfafst die verfchiedenften Lebensbeziehungen der Gegenwart und Vergangenheit, immer im Reflex des deutfchen Gemü thes oder Humors. Gegenüber dem reich vertretenen Dorfgenre ift allerdings die Zahl jener Bilder klein, die das Gefellſchaftsleben der höheren Claffen darftellen; nur wenige darunter nehmen das Motiv aus dem Salon der Gegenwart, wie Albert Keller in München, der in einem Bilde,„ Chopin", die moderne ClavierSentimentalität fehr pikant und in falonfähig elegantem Colorit fchildert. Meiftens wird da in eine frühere Zeit zurückgegriffen, am liebften in die bürgerliche Gefellfchaftswelt des achtzehnten Jahrhundertes, in die claffifche Zeit des Puders, der Spitzen und der Empfindfamkeit, wie diefs z. B. der treffliche A. v. Ramberg in feinem feinen Bilde„ Die Stickerin" that. Unter den Darftellungen, die - 3 32 Dr. Jofef Bayer. durch die einfache Macht des Gegenftandes ohne künftlich beabfichtigte Rührung ergreifen, gehört das treffliche Bild ,, Mozart's letzte Tage" von dem jüngeren Kaulbach.- Die Mönchszelle und der Klofterkeller üben noch immer ihren ftachelnden Reiz auf den Humor der deutfchen Maler aus. Eduard Grützner in München hat uns in feinen ebenfo luftigen als gelungenen Bildern Im Klofterkeller" und„ Die Klofterbräuerei" hievon die ergötzlichften Proben gegeben; R. S. Zimmermann dagegen betrachtet in feinem gröfseren Gemälde Im Vorzimmer eines Fürften" die clericalen Typen von der Soutane bis zur Mönchskutte herab mit einem durch die Zeitftimmung verfchärften fatirifchen Ernfte. - Wenn der deutfche Krieg die ganze Lage des Reiches mit einem gewaltigen Ruck verändert und emporgehoben hat, fo ift das Kriegsbild felbft in den Grenzen der gewohnten Darftellungsweife geblieben. Nach wie vor ftellt fich die militärifche Branche in der deutfchen Malerei nur an die Seite des Genrebildes, nicht der grofsen Hiftorienmalerei; ja fie ift auch obendrein oft eine minutiöfere Nebenart des Genres, da die zufammengedrängte Fülle der Figuren bei dem allzu mässigen Bilderformat eine Verkleinerung derfelben bedingt, die fich auch als eine geiftige dem Stoffe gegenüber herausftellt. Der deutfchfranzöfifche Krieg hat auf diefem Felde kaum zu einer neuen Kunfteroberung geführt. In derfelben fchlichten, faft anspruchslofen Weife, wie früher die klei neren Kriegsactionen, erzählt jetzt das militärifche Zeitbild von 1870 dem Befchauer die gröfsten kriegerifchen Erfolge Deutfchlands. Beinahe fehen die meiften diefer Darftellungen illuftrirten Bulletins ähnlich gemalten Schlachtberichten, die fich an das einfach Thatfächliche halten, den Krieg im Bilde illuftriren, aber nicht im eigentlich höheren Sinne, mit künftlerifcher Kühnheit der Auffaffung darftellen. Das pathetifche Moment im Schlachtenbilde, die Kriegsleidenfchaft fehlt faft durchgängig in den deutfchen Bildern, und am Ende hat auch in dem Kriege felbft die Ausdauer, die Vorficht und Befonnenheit weit mehr die Erfolge herbeigeführt, als das militärifche Pathos. Die Franzofen laufen mit Vorliebe Sturm, in der Wirklichkeit wie im Bilde, die Italiener thun es ihnen nach; bei den deutfchen Kriegsmalern wird auf das Vorbereiten des entfcheidenden Schlages, auf die Zurüftung zu einer kriegerifchen Action oder die Nachwirkung derfelben Gewicht gelegt. Die dramatifche Seite des Krieges, das Gefecht felbft in feinen ſpannungsvollen Momenten kommt feltener und da nicht immer glücklich zur Darstellung. Das Bild von Heinr. Lang in München, Batterie Prinz Leopold im Gefecht bei Villepion" macht da eine rühmenswerthe Ausnahme. Es liegt darin etwas von der richtigen Feldfrifche, wenn ich fo fagen darf; ein entfcheidender Moment, bei dem die baierifche Kriegsehre mit Auszeichnung fich bewährte, ift von dem Künftler, der den Feldzug felbft mitgemacht, fehr charakteriftifch erfafst und wiedergegeben. Ein anderer talentvoller Münch ner, der gleichfalls als Freiwilliger in diefen Krieg zog, Fried. Bodenmüller, brachte ein bedeutfames Kriegsbild, die Action des erften baierifchen Armeecorps v. d. Tann, aus der Schlacht bei Sedan, und dann zwei genreartig gefafste Kriegsepifoden„ Bivouac bei Ingelsheim 5. bis 6. Auguft" und„ Nach der Schlacht von Wörth bei Frofchweiler 6. Auguft". Es find diefs gleichfam Memoirenbilder aus dem Kriege, eine ftimmungsvolle Vergegenwärtigung felbfterlebter Situa tionen. In der militärifchen Genremalerei trat als ein Bild von ergreifendfter Wirkung jenes vom Grafen Ferd. Harrach in Berlin hervor: die Scene zwifchen dem zu Tode verwundeten Preufsen und dem Turco aus den Weinbergen von Wörth eine rührende Verherrlichung echten deutfchen Gemüthes inmitten des verwildernden Krieges. Der vorgefchobene Poften" desfelben Künftlers find lauernde Schützen im Morgennebel,„ aus dem gefpenftifch die Silhouette des Mont Valérien auftaucht" können wir als ein intereffantes Beiſpiel jener Gattung des Kriegsbildes anführen, wo die landfchaftliche Stimmung zur Verfinn lichung des dargestellten Momentes mitwirkt. G. Bleibtreu in Berlin, deffen - es Die Malerei. 33 Kunftweife ausreichend bekannt ift, illuftrirte den deutfchen Krieg in zwei Bildern:„ Einzug des Kronprinzen in das brennende Wörth" und" Redoute von Chatillon vor Paris"; von beiden ift letzteres das bedeutendere, überhaupt eine der allervorzüglichften Leiftungen Bleibtreu's. Der„ Uebergang nach Alfen" aus der königlichen Nationalgallerie in Berlin ift eines feiner früheren, fchon wohlbekannten Meifterbilder. Wenn wir noch Emil Hünten's aus Düffeldorf lebendig charakterifirtes Gefecht der grofsherzoglich heffifchen Divifion vom 18. Auguft 1870, fowie des Berliners A. von Werner vortreffliches Bild ,, General Moltke vor Paris", dann zuletzt noch das während der Ausftellung vielbesprochene Zeitbild von Gyfis ,, Napoleon gefangen" nach Gebühr hervorheben, fo wären wir mit der unmittelbaren künftlerifchen Ausbeute des deutfchen Krieges, wie fie fich auf der Ausstellung präfentirte, fo ziemlich fertig. Nicht fo ganz mit der Gattung des Kriegsbildes überhaupt. Da wären vor Allem aus der polnifchen Künftlerniederlaffung in München zwei hervorragende Talente, Jofef Brandt und M. Gierymski, an diefer Stelle zu nennen. Der Erftere ftellte ein ganz imponirendes Schlachtenbild, Die Türkenfchlacht bei Wien im Jahre 1683", aus, welches in dem grofsen Zuge der Kampfbewegung, fowie in der reichen und doch haltungsvollen Farbenwirkung den meiften andern Bildern diefer Art auf der deutfchen Ausftellung fich überlegen zeigte. Vor Allem war es eine in dramatifchem Sinne gut componirte Schlacht, wo die entfcheidende Wendung im Kampfe mit finnlicher Deutlichkeit vors Auge tritt. Die gepanzerten polnifchen Reiter find es, die, eben keilartig vordringend und das Gewoge der Schlacht theilend, mit unwiderftehlicher Macht fich auf das türkifche Lager geworfen haben; hinter ihnen dringen die Reihen der Oefterreicher und Baiern nach; im Vordergrunde die verftörten Gruppen der Fliehenden; im ganzen Bilde eine gewaltige, aber doch künftlerifch beherrfchte Bewegung der Maffen. Von dem deutfchen Phlegma in der Schlachtenmalerei wird man da kaum etwas gewahr; das erregtere polnifche Naturell förderte da fichtlich den Maler in diefer mehr phantafiereichen Auffaffung des Krieges. Max Gierymski erzählt uns wieder, der Gegenwart näher rückend, Vorgänge und Epifoden aus dem polnifchen Aufftande von 1864. Friedr. Pecht, der diefen Künftler wohl von München her näher kennt, hebt richtig hervor, dafs es ihm bei feinen Stoffen doch weniger um Darftellung der Menfchen, als um irgend eine mit befonderer Prägnanz ausgefprochene landfchaftliche Stimmung zu thun ift. Aber diefe ift eben von bezeichnender Wirkung, und wirft einen vollen Reflex auf den Gegenftand felbft. So fchildert er uns Kofaken, die in langem Zuge, begleitet von Raben, über eine fchneebedeckte Fläche hinreiten, fo winterlich fchaurig und traurig wie nur möglich; polnifche Vedetten auf einer Strafse in brennender Sommerglut; ein polnifches Infurgentencorps, das im Walde gelagert in der Frühe auffitzt, wo die heitere Morgenftimmung, wie die Leute felbft, vortrefflich gegeben find; ferner eine Weichfelufer- Sonne, wo in tieffter Sommerabend Dämmerung fich allerlei Volk am Waffer umtreibt, Weiber, Kinder und Soldaten, und man auf dem höchften Theile des Ufers Häufer fieht, in denen fchon Lichter brennen. So einfach, fo gefliffentlich nüchtern- photographifch die Gegenstände in der Zeichnung find, fo eigenthümlich grofs ift der coloriftifche Reiz, den der Künftler darüber zu breiten weifs." Auch die köftlichen Bilder von Profeffor Wilhelm Dietz in München wären im Zufammenhange der kleinen Epifode aus dem foldatifchen Treiben mitzunennen; fo „ Der Ueberfall",„ Der Schimmel"," Vor dem Zelte". Es ift diefs eine Nebengattung, wie fie von älteren Meiftern des Genres, wie Wouvermann, mit Vorliebe gepflegt wurde; eine Verwerthung der Kriegsftoffs in der kleinften Dofis und lediglich im Sinne des malerifchen Motives. " Von den Schlachtfeldern und den verfchiedenen Darftellungen kriegerifchen Treibens wende ich mich nun dem ftilleren Naturbereiche der Landfch ft zu, nicht ohne einiges Bangen an die fchwer überfichtliehe Maffe des in d. fem Fache Ausgeftellten heranzutreten. 3* 34 Dr. Jofef Bayer. Es ist kaum möglich, die deutfche Landfchaftsmalerei auf einer Weltausftellung zu ftudiren. Ihr Hauptcharakter zeigt fich, wenige Ausnahmen abgerechnet, in einem feinfinnigen Naturalismus, in einem liebevollen Detailftudi um der Natur. Die Stimmungs- und die Vedutenlandfchaften gehen nebeneinander einher, greifen auch oft ineinander über. So wefentlich hat fich das allgemeine Gepräge der landfchaftlichen Auffaffung feit geraumer Zeit in Deutſchland nicht geändert, und da hält es fchwer, die deutfche Landfchaftskunft in grofsen Zügen nach Ablauf einer kürzeren Zeit wieder zu charakterifiren. Und diefe grofsen Züge find es eben, die man bei einem folchen Anlaffe, wie es die Weltausftellung war, gleichfam mit der Hand erfaffen möchte, um da einen Anhaltspunkt für die Charak teriftik zu gewinnen. Es hat fich unter den deutfchen Landfchaftern eine ganze Schaar von Talenten aller Rangftufen eingeftellt, die man zum Theil nur auf kleineren Ausftellungen richtig würdigen kann, wo fich die Eindrücke nicht fo vielfach zufam mendrängen. Die ftarke künftlerifche Subjectivität wird fich auch in der Landfchaft inmitten der übrigen grofsen Kunftproduction zur richtigen Geltung bringen- weniger der ob auch noch fo verdienftliche Durchfchnitt. Und diefer prävalirt entfchieden. Eines mufste man bei einer Umfchau in diefer Gattung conftatiren, dafs die Naturftudien unferer Maler allenthalben in die Breite gehen, dafs die deutfche Landfchaftsmalerei auf einer geradezu unermüdlichen Jagd nach dankbaren Motiven begriffen ift. So fehr wir diefes emfige Ablaufchen der mannigfachften Natureindrücke, diefes Herumfchauen nach allen Seiten hin zu würdigen wiffen, fo kommt es doch hier noch auf etwas Anderes an, um in die Landfchaftskunft einen grofsen malerifchen wie poetifchen Zug zu bringen. Gerade die grofsen Maler diefer Gattung haben oft mit einfachen Motiven die höchften Wirkungen erreicht. Auch hier gilt es, nicht blos der Fülle der Erfcheinungen nachzugehen, Touriftenlandfchafterei zu trei ben, überwältigende Naturfcenen im Bilde mit feiner Empfindung niedlich zu ver kleinern, Gletfcher und Alpenfeen zur Salonlandfchaft zurechtzuftimmen und dergleichen mehr; fondern irgend ein Stück gut beobachteter Natur mit voller und ganzer Individualität zu erfaffen, dafs man gleich fieht, fo habe diefe Natur, ob klein oder grofs, im Gemüth und im Auge diefes Malers gelebt. Nur eine mäfsige Anzahl der modernen deutfchen Landfchafter entspricht annähernd jenem höchften Begriffe, und das find auch wieder die älteren Künftler, die lang erprobten Namen. Da wir hier nicht auf einzelne Leiftungen näher eingehen können, fo wollen wir wenigftens etwas landfchaftliche Kunftgeographie oder, wenn man will, Kunft ftatiftik treiben, nur um zu fehen, wie weit der Bereich der deutfchen Landfchaftsftudien um fich greift. Ich gehe da einmal ganz fyftematifch, was fonft nicht meine Art ift, nach Ländern und Gauen vor. Zunächſt war die Schweizer Alpenwelt von Münchenern und Düffeldorfern mehrfach und auch bedeutfam im Bilde wiedergegeben. " ,, Vierwaldstätter Ich zähle da einfach auf: den, Rofenlauigletfcher im Berner Oberland" von J. G. Steffan, von ganz grofsartiger Auffaffung; einen„ Vierwaltftädter See und das Wetterhorn" von , Wetterhorn" von Horft Hacker; wieder einen See mit dem Uri- Stock" von Julius Lange; dann abermals einen„ Vierwald ftätter See" und den Grindelwald Gletfcher" von dem bewährten Landfchafts maler Leopold Voefcher. Zu diefen Münchenern tritt der Düffeldorfer Alfred Chavannes mit einer Schweizer Landfchaft" hinzu. Aus der Weimarer Künft lergruppe ftellte fich der Director der dortigen Kunftfchule Graf von Kalck reuth mit einigen feiner bedeutenden Alpenbilder ein:„ Die Jungfrau, der Mönch und Eiger",„ der Vierwaldstätter See mit dem Rothftock", waldftätter See". Obgleich von der naturaliftifchen Auffaffung ausgehend, nähern fich diefe Bilder durch grofsen Sinn faft fchon der Stillandfchaft. Profeffor Theodor Hagen brachte ein Motiv von der„ Gotthardftrafse", Johann Chri ftian. Heerdt aus Frankfurt am Main eines vom„ unteren Murgfee". Der " Motiv vom Vier Die Malerei. 35 r n e t U t Reichenbachfall" von A. Hörter in Carlsruhe war bedeutend in der Wafferwirkung, frifch und virtuos in der Farbe. Von den Schweizer Alpen geleitet uns der Münchener Julius Rofe bis zum Montblanc hinan; wieder einer der bedeutendften deutfchen Landfchafter, Valentin Ruths, der nebenbei in feinem ,, Frühlingstag" und" einem heffifchen Dorf bei Abenddämmerung" zwei fchöne Stimmungsbilder bot, führte uns in dem Gletſcher von Argentières ein grandiofes Gebirgsbild vor. Leopold Voefcher, den ich fchon früher nannte, brachte das „ Mer de glace" am Montblanc, von ähnlichem Werth wie feine anderen Alpenbilder und die Via mala Schlucht". " Nach Nordtirol machten die Münchner Tob. Andreae( ,, Kufftein im Nebel") und A. Doll(„ Mühle im Wippthale am Brenner"," Motiv aus dem Unterinnthale bei Brixlegg": Aquarelle) ihre landfchaftlichen Ausflüge. Reichlicher fanden fich die Motive aus Südtirol ein; abermals find hier mehrere Münchener, als: C. Maibach( ,, Caftello di Dublino im Sorcathal"), E. Kirchner mit einem vorzüglichen, in ftilmäfsigerem Sinne aufgefafsten Bilde von Montano, Julius Lange ( Schlofs Arco"). A. Lohr( ,, Motiv aus dem Pfelderthale") zu nennen; zu ihnen gefellt fich auch wieder Johann Chriftian Heerdt aus Frankfurt am Main mit feinem Dorf Tirol bei Meran". - Oberbaiern liegt den Münchener Landfchaftsftudien zunächft bequem; da brachten denn E. Gleim und Nic. Pfyffer jeder ein„ Motiv bei Brannenburg", Jofef Hahn die ,, Hohe Göll am Hinterfee", Fr. Leinecker ein„ Motiv aus der Ramsau" fämmtlich Münchener Künftler. Vor Allem find bekanntlich die oberbaierifchen Gebirgsfeen ein Wanderziel der Studienfahrten, und jeder derfelben wieder Gegenftand eines befonderen malerifchen Specialcultus. An erfter Stelle fteht noch immer, wie fchon feit Menfchengedenken, der Chiemfee; Motive von daher, gelegentlich auch Stimmungs- und Gewitterbilder malten die Münchener Boshart, H. Deuchert, E. Gleim, Emil Hellrath( der ein befonders fchönes, ftimmungsvolles Bild vom„ Klofterteich" brachte), Julius Köckert, A. Meermann, R. Schietzold, zu denen aus der Weimarer Schule der Freiherr von Gleichen Rufswurm hinzutrat. Den hochverdienten, aber nachgerade altgewordenen Meifter Heinrich Heinlein finden wir etwas abfeits wandelnd, in einer Bucht am Walchenfee" und nebenher auch in einer Enzianhütte in einem Geklüfte des Oberinnthales". Am Oberfee bei Berchtesgaden haben fich gelegentlich Julius Lange in München, dann Adalbert von Waagen mit ihrer Studienmappe niedergelaffen; ein ,, Motiv vom Gofaufee" malte der Düffeldorfer C. Jungheim, den„ Königs fee bei Morgenbeleuchtung" der Münchener F. v. Hoffftetten. Am Starnberger See treffen wir Carl Heffner mit einem" Waldesdurchblick auf den See" und Arno Meermann, dem wir fchon am Chiemfee begegneten, beide aus München. Arnold Steffan allein hat fich am Traunfee in unferem Salzkammergut mit zwei Landfchaften eingeftellt; eine Bodenfeelandfchaft brachte ferner Heinrich Rafchaus München. Spärlicher vertreten waren die deutfchen Flufslandfchaften. Dem Rhein widerfuhr nur mässige Ehre, die Donau war fichtlich vernachläffigt. Die„ Profilanficht des Rheinfalls" von Profeffor Ed. Pape in Berlin ift allerdings als treffliches Landfchaftsbild hervorzuheben; C. Maibach in München ftellte neben feinem füdtiroler Bilde ein„ Rheinthal mit Ragatz" aus, und der Düffeldorfer W. Klein geleitete uns fofort an den Niederrhein. Für die Donau und noch überdiefs für die in der Regulirung begriffene, zeigte nur J. Blau in München ein landfchaftliches Intereffe. Die Mainlandfchaft war blos von C. P. Burnitz in Frankfurt am Main, aber auf vorzügliche Weife durch fein„ Bamberger Landfchaftsbild" und fein„ Mainufer bei Frankfurt" vertreten. " Das deutfche Mittelgebirge, das Wald- und Hügelland fand nur vereinzelte Pflege, aber zum Theil gerade von einigen vornehmeren Talenten. Es thäte auch gut, wenn es häufiger gefchähe. Hier gerade finden fich am zahlreichften jene Motive, die entweder durch ſtillen Reiz anziehen, oder fich auch 36 DI. Jofef Bayer. im grofsen und ernften Sinne zu erhöhter, künftlerifcher und poetifcher Wirkung fteigern laffen; während hingegen die Darftellungen des vermeintlich Gröfsten in der Natur, die Alpenbilder, fo häufig zu kleinlicher Vedutenmalerei herabfinken. In den Harz zunächft geleiten uns zwei ältere Bilder Leffing's; er wufste damals gar wohl, was fich den Waldthälern und Felswänden diefes romantifchen Gebirgsfleckes für die landfchaftliche Compofition abgewinnen läfst. Freilich erfchienen jetzt die Leffing'fchen Bilder etwas ftumpf und matt in der Färbung neben dem frifcheren, energifcheren Colorit der neueren landfchaftlichen Nachbarfchaft. Auch mahnt die Staffage, eine Gruppe Soldaten aus dem 30jährigen Krieg, die einen gefallenen Officier auf ihrem Waldwege finden, gar fehr an den Gefchmack älterer Meifter, welche ihre weitläufigen Landfchaften mit verkleiner ten Hiftorien, romantifchen Genrebildern en miniature, Jagdftücken etc. zu ftaffiren liebten. Eine folche redfelige Staffage, die wieder eine eigene Gefchichte für fich erzählt, theilt die Stimmung, ftatt in den Accord der Landfchaft mit einzuklingen. Eine Harzlandfchaft nach gewöhnlicher naturaliftifcher Art brachte ferner H. L. Frifche aus Düffeldorf. Nach Weftphalen verfetzte uns wieder in einem bedeutenden Landfchaftsbilde ein wohlbekannter Meifter erften Ranges, dem wir weiterhin noch einmal begegnen werden, Andreas Achenbach; ebenfo auch Paul Hoffmann in Düffeldorf. Die heimlich reizvolle Landfchaft Thüringens liegt den tüchtigenWeimarern C. Buchholz und Hans P. Fedderfen für ihre Studien nahe genug; aus Sachfen brachte der Düffeldorfer C. Jungheim, den wir fchon am Gofaufee trafen, eine Anficht von Tharand; ein Motiv aus dem Spreewald C. Krüger aus Dresden, eine gute Anhalt'fche Waldlandfchaft W. Schröter in Karlsruhe; Der Teutoburger Wald war durch zwei Landfchaftsbilder von P. Flickel in Weimar und Carl Ludwig in Düffeldorf vertreten. H. Funk, Profeffor in Stuttgart, ftellte ein ,, Haidebild aus der Eifel" aus, ein durchaus poetifch gedachtes und fchön geftimmtes Bild. Die heffifche Landfchaft repräfentirte Fritz Ebel in Düffeldorf und in vorzüglichfter Weife Val. Ruths. Die Münchener zieht es ab und zu in die defolaten Gegenden des Freifinger Moors, wie den treff lichen Dietrich Langko, oder in das Dachauer Moos, wie Paul Weber. Dem reinen Stimmungsbilde ift ein abfolutes Nichts an Linien- und Umrifswirkung gerade genug; und fo find denn die Moorgründe der Münchener Umgebung ein wahrer claffifcher Boden für die Stimmungslandfchaft geworden. Meiter Ed. Schleich ftellte fich mit ein paar herrlichen Ifarlandfchaften, eine Morgen- und Spätabendftimmung, nach feiner lang bekannten und bewährten Weife ein. Was vom Alpenland über Tirol hinaus liegt, ift auch aufserhalb der gewöhn lichen landfchaftlichen Kunfttouren gelegen; fo war denn Steiermark gar nicht, Kärnten nur durch zwei Bilder von Willroider in München( ,, Landfchaft aus, Oberkärnten" ,,, Verlaffener Steinbruch aus Unterkärnten") in den deutfchen Sälen vertreten. Und damit verlaffen wir den auch deutfchen Boden und ziehen mit der reifeluftigen Schaar unferer Landfchafter hinaus in die Fremde. Die Karpathen zunächft find fchon denn deutfchen Landfchaftsftudien fremd genug. Dort treffen wir ausnahmsweife R. Assmus in München(„ Ein Karpathendorf") und G. Genfchow in Düffeldorf(, Wafferfall im Tatragebirge"); fonft durchftreifen die deutfchen Landfchaften felten diefe Gegenden, wo es wohl manches fchöne Motiv, aber ficherer noch eine fchlechte Unterkunft gibt Bequemer ift da jedenfalls der Weften; fo brachte aus Frankreich Wilh. Bos hart, ein namhafter Landfchafter der Schleich'fchen Richtung, eine wohlgeftimmte Flufslandfchaft, die Brücke über die Seine bei Rouen", der Berliner Herm. Efchke ein Mondfcheinbild:" La plage du Riz bei Douarnenez" in der Bretagne. Die Manier Ch. Hoguet's ift in ihren glänzenden Vorzügen wie in ihren manierirten Eigenheiten bekannt genug, dafs man einfach auf feine hieher gehörigen Bilder(„, Mühle auf Montmartre"" Küfte bei Fécamp") nur zurückzu- O Die Malerei. 37 weifen braucht. Das niederländifche Flachland ift auch in der deutfchen Kunft eine mehrfach gepflegte Specialität; die holländifche Morgenlandfchaft mit Vieh ftaffirt, von Rich. Burnier in Düffeldorf, die trefflichen Stimmungsbilder von P. F. Peters in Stuttgart aus der Umgebung von Nymwegen( ,, Abend an der Waal", dann noch ein Morgen- und Abendbild) find an diefer Stelle zu nennen. 99 Nach Norwegen und feinen Fjords, nach der Waffer-, Felfen- und Nebelwelt des Nordens mit den kühl und dunftig durchbrechenden Lichtern geleitet uns Knud Baade in München( ,, Motiv an der Küfte Norwegens"), Johann Duntze in Düffeldorf( ,, Norwegifcher Fjord") und Hans Gude in Carlsruhe ( ,, Norwegifche Küftenlandfchaft" und" Hafen von Chriftiana") Wie bekannt, ist der Letztere ein Meifter in der Verfinnlichung des vom Sonnenglanz überblitzten Wellenfchlags; die Wirkung des Lichtes fowohl, wie der endlos fich fortfetzen. den Bewegung bei weitem Horizont weifs er in bewunderungswürdiger Weife wiederzugeben. ,, Der Hafen von Chriftiana" war wieder eine feiner brillanteften Leiftungen in diefer Art. Ein anderes Hauptbild von ihm zierte die kleine, nur 71 Nummern ſtarke Ausftellung von Norwegen. Ein Fjord zwifchen ungeheuren fchwarzen Felsmaffen, rings der Ausblick auf das weite Meer, deffen Brandung an einem jener Felfen fich bricht, zur Rechten ein halbverfumpftes, klippiges Geftade mit einem Fifcherdörfchen und kleinen Barken, die davor auf den Wogen treiben, diefs ift die Scenerie des Bildes; ein Sturm zieht eben herauf, deffen Anhauch man förmlich verfpürt und ein feiner Sprühregen mit hie und da durchblitzenden Sonnenblicken hüllt die grandiofe landfchaftlche Scene in einen grauen Schleier. Mit Recht bemerkt Fr. Pecht, dafs die wilde Grofsartigkeit der nordifchen. Natur in ihrer drohenden Majeftät kaum überzeugender wiedergegeben werden könne, als in diefem claffifchen Bilde, das doch kaum eine andere Farbe, als alle Nuancen von Grau zeigt". Wir können an diefer Stelle gleich die übrigen Landfchafter der fchwedifchen und norwegifchen Künftlergenoffenfchaft mitnehmen, die zum grofsten Theil eine Düffeldorfer Kunftcolonie des Nordens bilden. Da wäre zunächft L. Munthe mit einer weiten, fchneebedeckten Ebene bei düfterer Abendstimmung hervorzuheben; dann Morten Müller mit drei meifterlichen Bildern:„ Motiv aus Thebmarken"," Abendftimmung"," Fichtenwald"; N. B. Moeller mit einer Partie von der Weftküfte Schwedens", einer„ Mondfcheinlandfchaft von Oilo in Valders"; Johann und Amaldus Nielfen mit trefflichen norwegifchen Küftenlandfchaften: A. Rafs muffen mit zwei Fjordbildern, Hermann Schauche mit dem ,, Wafferfall in Sogn" und dem„ Fjord in Hardanger" und Andere mehr. Ed. Berg's" Ufer des Mälarfees" und" Fifcherdorf in Bohuslehn" verdient neben anderem Vortrefflichen noch befonders hervorgehoben zu werden, ebenfo die verdienftvollen Bilder von Wahlberg, Jacobfen und Nordgren. Faft durchwegs find die die norwegifchen Landfchaften Küftenbilder mit dem düfteren romantifchen Reiz der elementaren Aufregung und einer malerifchen Lichtwirkung. Die Natur der Heimat erfcheint in ihnen richtig ftudirt und bei der vorwiegenden Einfachheit des Motives trotz der überwältigenden Gröfse desfelben zu gröfserer künftlerifcher Wirkung gebracht, als diefs durchfchnittlich bei der complicirteren Scenerie unferer Alpenbilder der Fall ift. " Da wir fchon einmal am Meere find, fo wenden wir uns noch den übrigen Küften- und Strandlandfchaften der Nordfee, fowie den wenigen Marinen zu, welche die deutfche Ausftellung aufwies. Andreas Achenbach's Hafendamm von Vlieffingen", auf den die erregten Meereswellen rechts und links anftürmen und den fie an einzelnen Stellen als Spritzfluthen überftrömen, zeigt die ganze Kühnheit des berühmten Meifters und die Familiarität feines Pinfels mit den Elementen; dazu trat eine andere nicht minder werthvolle " Hafenpartie von Oftende".„ Eine holländifche Küfte" und„ Eine Marine bei Amfterdam" ftellte Wagner- Deines in München aus; Moriz Erdmann in Berlin einen„ Strand bei Braderup"( Infel Sylt), von bedeutender Wirkung; 38 Dr. Jofef Bayer. R. Frefenius von Frankfurt am Main eine Abendftimmung an der Nordfee" Unter den Marinen find die Nordfee- und Sundbilder von dem Münchener W. Xylander, fehr wirkfam in der Mondbeleuchtung geftimmt, zunächft zu nennen, dann weitere, fehr verdienftliche Leiftungen in diefer Gattung von dem Hamburger Franz Hünten, den Münchenern Carl v. Malchus, G. Michel, von Thiefenhaufen( Oftfeebild) und Andere. Ein, Motiv vom frifchen Haff" ftellte Rudolf Jonas aus Berlin ,,, Strandbilder von der englifchen Küfte" R. v. Pofchinger in München aus. Recht anfehnlich ſtellte fich die italienifche Landfchaft zur Schau. Doch überwiegt auch hier die naturaliftifche Auffaffung, die zunächft auf die Lichtwirkung der füdlichen Sonne und die Intenfität des Colorits, weniger auf die grofsen landfchaftlichen Umrifslinien ihr Augenmerk richtet. Hier, wo die Natur felbft mit reinerer und ftrengerer Hand zeichnet, als anderswo und den Künftler gleichfam direct in die Schule des Stiles nimmt, follte die Landfchafterei nicht fo ausfchliesslich auf die coloriftifchen Wirkungen losgehen, wie es bei der jetzt vorherrschenden Richtung in der Kunft doch meiftens gefchieht. Diefe vertritt zunächft in der italienifchen Landfchaft Oswald Achenbach, der, wenn man fo fagen darf, den ganzen Farbenreiz der Realität in der italienifchen Landfchaft und Staffage erfchöpft, und allerdings in der Wahrheit feines Localtones und der meift fonnig glänzenden Haltung feiner Bilder bei allem Naturalismus oft fogar poetifch wirkt. Freilich ift diefs mehr nur die zufällige Poefie der momentanen Naturerfcheinung, nicht die höhere des im grofsen Sinne überfchauten und zufammengefafsten Naturbildes. Sein„ Blumenfeft in Genzano" ift ein italienifches Strafsenbild mit der reichen, feftlichen Staffage einer Proceffion, dem aber der volle Abendglanz über den buntgefchmückten Häufern zufammt der Blumenfülle, die auf dem Wege fich hinbreitet, eine wahrhaft prachtvolle, blendende Haltung gibt. Weit bedeutender ift aber fein hinter dem Campo fanto von Neapel anfteigender Vefuv, der bei all dem, was den vollen Reiz des naturaliftifchen Eindruckes bedingt, zugleich wie ein componirtes Bild wirkt; dasfelbe gilt auch von einem andern Bilde von feltener Schönheit und wohl zufammengeftimmter landfchaftlicher Harmonie, der„ Villa Torlania bei Frascati". Albert Flamm, der in der Naturauffaffung wie im Gebrauche der Kunftmittel fich Oswald Achenbach zunächft beigefellt, brachte nur ein Bild in feiner bekannten wirkungsvollen Art: ,, Ein Motiv aus dem Volsker- Gebirge". Ein gewiffes feines Hinüberneigen zur ftilifirenden Auffaffung finden wir bei dem Düffeldorfer Alfred Metzener, in feinem„, Lago di Tenno" und einem„ Gardafee". Jungheim ftellte zu feinen deutfchen Landfchaften auch ein fchönes italienifches Landfchaftsbild ohne nähere Bezeichnung aus. Profeffor Ferdinand Knab in München brachte einen Garten in Italien" mit glühender Abendbeleuchtung, ein Bild von imponirender Wirkung; Chr. Wilberg in Rom eine„ Villa Pamfili" von hervorragendem Werthe. Neben ihm war Lindemann- Frommel in Rom mit feiner Ausficht von Taormina" und dem„ Thal des Pouffin" ein fo ziemlich vereinzelter Vertreter des ftärker betonten Stilgefühles in der füdlichen Landfchaft. Unter den emfigen Weimarer Landfchaftern brachte Profeffor Carl Hummel eine verdienftvolle corficanifche Landfchaft: eine„ Ausficht über den Canton von Serraggio". Der Düffeldorfer Meifter Aug. Leu, fonft zunächft wie Wenige im Norden heimifch, liefs diefsmal die Sonne über dem Bufen von Sorrent in etwas zu gelben Tinten untergehen. Sowie die Infel Capri eine Lieblingsftation der Reifefeuilletoniften ift, fo wird fie auch ohne Unterlafs über die Malermappe hinweg cernirt; die Ausstellung bot eine ganze kleine Collection folcher Capribilder zur Schau. Da fand fich Ernft Körner in Berlin mit einem„ Monte Caftiglione", A. Lutteroth in Berlin mit einer fehr schönen Landfchaft aus Capri ein. Noch zwei weitere Berliner Maler, H. Efchke und Albert Hertel gefellten fich gleichfalls hinzu. Jener verfuchte fich wieder einmal an dem malerifch riskirten Problem der„ Blauen Grotte", Hertel brachte eine Strandfcene von Capri und den„ Ausblick vom 97 Die Malerei. 39 Hotel Pagano"; Robert Heck in Stuttgart ftellte eine Felspartie, den„ Arco naturale in Capri", Waldemar Rau in Dresden eine Anficht der Infel felbft aus. Bedeutend im Range waren die Bilder von Profeffor Auguft Bromeis in Kaffel: eine italienifche Landfchaft aus der königlichen Nationalgallerie in Berlin und ein„ Motiv bei Olevano". Die„ Villa Hadrian" von Guftav Closs in Stuttgart zeigt wieder eine ftilvollere Haltung, Eduard Agricola's( aus Carlsruhe) Ruine des Polio bei Neapel" bei verdienftlicher Mache eine kältere, mehr conventionelle Landfchaftsmanier. Adolf Höffler von Frankfurt am Main malte beliebte Taffo- Eiche in Rom. Der Münchener Bernhard Fries brachte ein Abruzzenbild; Carl Happel eine„ Vedute am Golf von Neapel". Dazu kommt noch fchliesslich der Dresdner, Auguft Reinhardt mit einem Landfchaftsbild von Girgenti, und fo wäre denn damit unfere, voyage pittoresque" durch Italien fo ziemlich beendigt. " Als fremdartigere Zugabe ftellte fich denn die orientaliiche Landfchaft, wenn auch nur vereinzelt ein; fo in den Bildern A. Heerenburg's aus Dresden:„ Die Memnonkoloffe in Ober- Egypten"," Abufchär an der Küfte von Iran"," Die Ebene von Paphos in Cypern", dann in des Leipzigers C. W erner Aquarellen aus Egypten und Paläftina. Dazu kam weiter die exotische Landfchaft mit ihrem gefteigerten Reize, zunächft nach der Seite des virtuofen Farbeneffectes durch ein älteres Bild von Hildebrandt ,, Ein heiliger See zu Birma" vertreten. Die andere Seite, die Grandiofität der vegetativen Natur, fafste wieder Profeffor Ferdinand Bellermann in Berlin in feinem„ Südamerikanifchen Urwald aus Venezuela" ins Auge. Diefes tropifche Waldbild, fowie das Motiv von der Hochebene von Merida" find allem Anicheine nach bedeutende Landfchaftsbilder, die man aber ohne Vergleichung mit dem Naturvorbilde doch nicht ganz würdigen kann. Landfchaften ohne örtliche Bezeichnung des Motivs, aber dabei doch mit deutlich ausgefprochenem Localcharakter gab es auf der deutfchen Ausstellung ziemlich viele, und darunter nicht die geringften an künftlerischem Werthe. Da fand fich denn zunächft Meifter Adolf Lier in München mit vier höchft anziehenden Bildern ein. Es waren diefs fo eigentlich ftimmungsvolle Charakterlandfchaften der vier Jahreszeiten, ein Frühling mit all der frifchen Blüthenherrlichkeit der Bäume und dem lichtdurchglänzten, weifsen Gewölke am Himmel, eine prachtvolle, fommerlich geftimmte Abendlandfchaft, eine Landftrafse im Herbfte mit entlaubten Alleebäumen bei feinem Regen, dann ein Garten im Winter, wo das Abendroth zwifchen den kahlen Baumftämmen glüht. Von A. Vollweider in Carlsruhe fahen wir drei gute Waldbilder, bei denen nur eine kräftigere Färbung wünschenswerth gewefen wäre; einen grofsen Sinn für die Poefie der Waldlandfchaft zeigte auch diefsmal Carl Ebert in München in einem Buchenwald und noch einem zweiten bedeutend componirten Bild diefer Art. Stademann in München ftellte fich wieder mit feinen Eis- und Schneebildern von wohlbekannter Meifterfchaft ein. Zu den am beften gezeichneten Landfchaften, harmonifch in der Haltung und edel wirkend in der Compofition, gehörte ein Landfchaftsbild des Düffeldorfers A. Weber, das der königlichen Nationalgallerie in Berlin entnommen war. Neben feinen Bildern aus Capri brachte der Berliner Erneft Körner ein prächtig glühendes Abendroth am Damm'fchen See"; gute Stimmungslandfchaften in Lier's Richtung, gelegentlich mit Weidevieh ftaffirt, die Münchener Hermann Baifch, Wenglein, Weishaupt und fo gäbe es noch manches Verdienftliche zu nennen, wenn fich dem Berichterstatter nicht die feineren und frifchen Eindrücke des Details trotz aller Notizen vor den Bildern felbft in der Erinnerung nicht fchon halb verwiſcht hätten. Um aber mit dem Bedeutendften zu fchliefsen, fei zuletzt noch der grofsen Stillandfchaft Friedrich Preller's mit der mythologifchen Staffage von Diana und Aktäon gedacht. Trotzdem das Colorit etwas kühl und dünn wirkt- mehr als bei den berühmten Odyffeelandfchaften des Meifters in Weimar, denen die - 40 Dr. Jofef Bayer. nachträglich gemachten Naturftudien in Unteritalien in der Farbe ſehr aufge holfen haben macht das grofse Gemälde durch den Adel der landfchaftlichen Compofition einen durchaus imponirenden, ja hohen Eindruck. In der Thiermalerei bewährte fich wieder, wie immer feither, die Münchener Kunft. Friedrich Voltz verfteht es ganz befonders, dem„ fchwer hinwandelnden Rind" eine idyllifche Stimmung abzugewinnen und das Thierftück mit der Poefie des landfchaftlichen Eindruckes harmonifch zu vereinen. Seine Viehweide im Herbft" und vielleicht noch mehr ein zweites kleineres Bild,„ Kühe am See", find neue, fchöne Proben feiner uns fchon wohlbekannten Meiſterſchaft. Das mehr dem Genre verwandte Thierftück, gleichfam die erzählende und charakterifirende Behandlung desfelben, war nach der humoriftifchen Seite aufs vorzüglichfte durch ein grofses Schafbild von Otto Gebler vertreten, während das. Thierleben in Situationen der Aufregung von Braith in feiner Heerde, die auf der Alm an einem hochangefchwollenen Bache inne hält, auf grandios- ernfte Weife, von C. Roux in den Schafen, die von preufsifchen Uhlanen in Frank reich hergetrieben werden auf mehr draftifche Art dargestellt ift. Das Hochwild ift zunächst von Guido v. Maffei in München, dann auch Ed. Ockel in Berlin vortrefflich erfafst; dazu kommen dann noch des Berliners C. Steffeck Pferde ftall- Scenen und des Müncheners Benno Adam Parforcehunde. Das Architekturbild und die Stadtvedute war nicht allzu zahlreich, aber dafür bedeutfam repräfentirt. Carl Gra e b's Intérieur aus dem Dom von Halberstadt( Eigenthum der Nationalgallerie in Berlin) zeigt die Meifterfchaft des Künftlers im günftigften Licht. G. Schönleber's aus München, Strafse in Genua" ift von ernfter und eigenthümlicher Wirkung; die ganz landfchaftlich behandelten Krakauer Veduten königliches Schlofs und Vorftadt von Krakau - von den in München gefchulten Polen W. Malecki find von fehr anfprechender, lichter und ftimmungsvoller Haltung. Louis Mecklenburg's S. Giorgio maggiore in Venedig bei Abendbeleuchtung" braucht man nur einfach zu erwäh nen, um eine alte Bekanntfchaft von fo manchen Kunftausftellungen her in Erinne rung zu bringen. Die Ereigniffe des Jahres 1870 haben neben dem Kriegsbild auch die Por träts der militärifchen Berühmtheiten in den Vordergrund geftelit. Da wäre zunächft Lenbach's Kaifer Wilhelm, von ebenfo virtuofer Farbe als keck nachläffiger Zeichnung, ein Bismarck und ein Moltke von Otto Heyden in Berlin, dann wieder ein Moltke in feinem Arbeitszimmer zu Verfailles von A. v. Werner. Der vornehme Militär- wohl von königlichem Geblüt- den Profeffor C. Steffeck zu Pferde gemalt, fitzt wahrfcheinlich nur dem Letzteren zulieb im Sattel, da ja Pferde die nächfte Specialität des Künftlers find. Immer häufiger werden in Deutfchland auch die fogenannten eleganten Porträts, die uns gleichfam die gefellſchaftliche Stellung der Perfon notificiren, den zunächft für eine diftinguirte Aufsenwelt exiftirenden Menfchen zeigen; wie bei Guftav Graef in Berlin( Porträt des Minifterpräfidenten Grafen von Roon, ferner zwei vornehme Damenbildniffe); Ernft Hildebrand in Berlin( drei Damenporträts); Profeffor A. Weber ebendafelbft( ein Frauenbildnifs) u. f. w. Profeffor Julius Schrader erfreute uns durch einige fein charakterifirte Bildniffe grofser Gelehrten, in deren Zügen wir zunächft die tief gezogenen Spuren der Gedankenarbeit, weniger die äufseren Beziehungen der Repräsentation fanden; er ftellte ein Porträt Humboldt's, dann zwei weitere von Profeffor A. Wolf und Ranke aus, neben denen fein Moltke auch faft wie ein Kriegsgelehrter, was er denn auch it, ausfah. Die bezeichnenden, gut individualifirten Porträts von Profeffor Fr. Reiff in Aachen.verdienen gleichfalls eine ehrenvolle Nennung. A. Hörter in Carlsruhe brachte ein treffliches Bildnifs von Ed. Devrient; Charles Verlat ein belgifch archaifirendes von Profeffor Preller. Neben den fchärfer gefafsten Porträts felbftſtändiger und bedeutender Perfönlichkeiten, die fich ihren Charakterkopf durch ihre Gedankenarbeit oder praktiſche Thätigkeit felbft ausgearbeitet haben, e- en e er k e 1 S Die Malerei. 41 dann neben den weltläufigen Repräfentationsporträts, die viel zahlreicher noch mitgehen, ift glücklicherweife das gemüthliche, häuslich geftimmte Bildnifs auch noch vertreten, dem man es anmerkt, dafs es zunächft auf die Familienglieder und intimeren Hausfreunde traulich hinabfchauen foll. Freilich findet der Effect. diefer moderne Verfucher, auch oft Einlafs in die Heimlichkeit des Haufes. Von Profeffor Guftav Richter in Berlin wurde ein Porträt feiner Frau, einer Tochter Meyerbeer's, mit dem Jüngften auf dem Arme und ein Selbftbildnifs des Künftlers( wenn ich nicht irre) mit einem luftigen Knaben, der zum Fenfter hinaus toaftet, zur Ausftellungszeit fehr populär. Es find Bilder von glänzendfter Eleganz des Colorits, aber bei allem gewinnenden fympathifchen Reiz doch ohne das feinere, intime Gefühl des Hausbildniffes. Das ftille Glück daheim foll fich nicht ausdrücklich, wie es hier gefchieht, dem grofsen Publicum zur Schau bieten und in eine wenn auch immerhin gemüthliche Beziehung zu der Strafse, zu den draufsen Vorübergehenden ftellen. Wir treten gern ins Haus, um da den Menfchen in feinen engften traulichften Beziehungen aufzufuchen; es ziemt fich aber nicht, dafs fich der häusliche Menfch fo felbft auf die öffentliche Bühne ftelle. " Gegen die Modemalerei, wie fie auch in der Piloty'fchen Schule nachgerade zu einer geläufigen Methode wird, reagiren in München einige begabte jüngere Künftler, wie Hans Thoma, Carl Haider und Wilhelm Leibl, letzterer auch zunächft im Bildnifs. Er gehört zu Jenen, die in der Parteiftellung der Kunft auf der äufserften realiftifchen Linken fitzen. Ganz richtig bezeichnet Pecht feine altdeutfch coftumirte Dame als ein ,, coloriftifches Bravourftück" von hervorragendem Range, wenn auch der Künftler mit der Form, nicht dem Charakter, zu Gunften der Farbe etwas zu cavalièrement umgeht"; ebenfo anerkennt er in den beiden mit einander zechenden Malern, einem geistreichen Genrebild Leibl's, das„, eminente Naturgefühl". Leibl gehört unter die refoluten und wagenden Künſtler; er geht der Erfcheinung direct an den Leib, ohne ein Compromifs mit der zu glättenden Eleganz, diefer weltmännifchen Converfationsfprache der Kunft, zu fchliefsen. ,, Er ift Realift in des Wortes fchärffter Bedeutung"-fo charakterifirt ihn ein fcharffinniger Kunftartikel die Münchener Kunft nach dem Tode Kaulbach's", der mir eben jetzt in der„ Neuen freien Preffe" Nr. 3527( vom 21. Juni 1874) vorliegt " er kennt keine geläuterte Auffaffung, gefchweige denn Idealifirung und Erhöhung des Gegenstandes, den er darftellt; ja er verfchmäht jedes leife Zugeftändniss an den conventionellen Gefchmack, jedes augenfällige Arrangement, jedes entgegenkommende Zurechtlegen des nicht felten unintereffanten Vorwurfes. Er malt die Dinge, wie er fie fieht, ohne Unterfchied und Vorliebe, gleichgiltig dagegen, welchen Rang ein Object in der natürlichen oder moralifchen Ordnung einnimmt." Das Urtheil ift fehr zutreffend; und ein folcher Radicalismus in der Kunft thut ganz gut, fobald fie einmal Miene macht, fich in conventionelle Bahnen zu verfahren. - Auf einem längeren Umwege kommen wir„ via München" wieder nach Berlin zurück; von den neuhiftorifchen Porträts Bismarck's und Moltke's zu den impofanten, richtig hiftorifchen Reiterporträts des grofsen Kurfürften und Friedrichs II. von Profeffor Camp haufen. Sie gehören in ihrer fchlichten, ernften Gröfse zu jenen Bildern, in denen fich das wohlbegründete Bewufstfein des preufsifchen Ruhmes ausdrückt. Auf diefe beiden monumentalen Fürftengestalten mufs derfelbe immer zurückgehen, wenn er feine Erinnerungen gründlich recapitulirt Neben diefem ernſteren Zuge in der norddeutfchen Malerei will mir- um nur noch einen beiläufigen Seitenblick in eine andere Gattung zu werfen der neue Berliner Modegefchmack um fo weniger behagen, wie er z. B. in Auguft von Hey. den's Bild„ Werbung der Gefandten des Königs von Frankreich um Blimenis von der Provence" bedenklich genug fich kundgibt. Das Bild gehört in das Genre der gefuchten Pikanterien. Die Princeffin mufs fich, aus den Bettgardinen vortretend, diefen Herren völlig nackt zeigen, damit fie fich von ihrer körperlichen Tadel - 42 Dr. Jofef Bayer. lofigkeit gründlich überzeugen können. Man fieht ordentlich, wie den nicht mehr ganz jungen Mitgliedern der Jury, die über diefes weibliche Cabinetsftück in natura entfcheiden foll, die Augen bei dem Verdict lüftern übergehen. Die Berliner Kunft fcheint aber auch, wie die von Wien, dem grofsftädtifchen Nuditätenkitzel nicht widerftehen zu können. Gegen die Nacktheit in der Kunft ift nichts einzuwenden; wohl eben gegen diefes elegante, modifche Gefchmäckchen an Nuditäten, welches fich halb lüftern, halb verfchämt, aber immer doch fcheinbar anftändig geberdet. Um den Bericht über die deutfche Abtheilung mit der Erwähnung eines hervorragenden Werkes zu fchliefsen, fo nenne ich zuletzt noch Adolf Menzel's wohlbekanntes Bild, die„ Krönung in Königsberg 1862", das der Nationalgallerie in Berlin einverleibt ift. Es hat vielfachen Widerspruch erfahren; auch ein befonnener und geiftreicher Beurtheiler, wie Dr. Adolf Görling( in feiner„ Gefchichte der Malerei", II. Band, Seite 261) fagt, dafs diefes Werk die Vorzüge wie die Mängel des genialen Künftlers lebhaft zu Gefühle bringe. ,, In diefem umfangreichen Ceremonienbilde", meint Görling,„ hat Menzel den naturaliftifchen Eigenfinn fo weit getrieben, dafs er zu Gunften der vollen Wahrheit felbft auf eine der male rifchen Gefammtwirkung günftigere Lichtwirkung verzichtet hat, als fie der Schauplatz der Ceremonien darbot." Friedrich Pecht ereifert fich faft bis zur Heftigkeit über diefes Bild; er findet die Hauptfigur, den König felbft, höchft imponirend, die Umgebung dagegen um ihn ganz formlos aufgefchichtet, obgleich das individuelle Wefen eines jeden Einzelnen mit feltener Energie aufgefafst fei; das ganze Menfchengedränge fchwanke wie in einem Erdbeben durch die offenbarften Fehler in Lichtvertheilung und Luftperfpective; das Publicum verliere fich im Hinter grunde in langen Reihen und fähe fehr gelangweilt aus, weil es ohne alle pikante Lichtwirkung gemalt fei. Menzel, der das feinfte Auge für jeden einzelnen Zug befäfse, habe die Erfcheinung in ihrer Totalität fo unvollkommen wiedergegeben, dafs fie unwahr ausfähe. Bei alldem glaube ich, dafs der Künftler es wohl auf die Gefammterfcheinung abgefehen habe, doch ohne fie recht in Auge und Hand bekommen zu können. Da machten fich denn die negativen Seiten des Bildes, die Lichtarmuth, die Trockenheit des Vortrages u. f. w., zunächft bemerkbar; man fieht, wie bei allen halb erreichten künftlerifchen Abfichten mehr nur, was der Künftler zu einem beftimmten Zwecke aufgab, als womit er da hinauswollte. Das Bild wirkt bei alldem bedeutend, wenn auch zugleich mit einem gewiffen nüchtern feierlichen, echt preufsifchen Ernft; über die künftlerifche Schwierigkeit der Aufgabe, die Totalerfcheinung einer fo grofsen Verfammlung in Aug und Bild feftzuhalten und unter entſprechender Beleuchtung malerifch getreu zu fixiren, liefse fich noch weiter rechten. Indem wir diefe Frage vorläufig der weiteren fachkundigen Erwägung überlaffen, wenden wir uns jetzt den anderen Abtheilungen der Kunsthalle zu, wo dann Frankreich, als politifcher und artiftifcher Gegensatz zu Deutſchland, unferer gleichmäfsig abwägenden Betrachtung zunächft liegt Frankreich. Ein hervorftechendes Merkmal, welches die franzöfifche Malerei in dem grofsen Ausstellungswettkampf charakterifirte, war das Imponirende des Gefammteindruckes, das Zufammengehen der Einzelnwirkungen der vielen hier vereinigten Kunftwerke in gewiffe grofse Hauptzüge, die das Auge und das Gefühl ſchnell herausfindet, ohne dafs fie fich fo genau im Worte fixiren liefsen. Das mächtig Durchgreifende einer grofsen malerifchen Gefammterfcheinung drang fich fogleich beim Eintritte in die franzöfifchen Säle auf, ehe man noch daran gehen konnte, das Einzelne nach feinem vielfach abgestuften Werthe zu prüfen und auf fich wirken zu laffen. Man wurde fofort deffen inne, dafs diefer ganze Verein von Geftalten, mochten fie der Mythe oder Allegorie, dem bedeutenderen hiftorifchen Dafein oder den befcheideneren Lebenskreifen der Genrewelt entftammen, irgend Die Malerei. 43 ar n er !, S wie zufammengehöre und aus einer gemeinfamen nationalen Kunftanfchauung feine Herkunft leite. Gewifs war den deutfchen Bildern nicht minder deutlich ihr nationaler Urfprung auf die Stirne gefchrieben, und doch fprachen fie in einem ganz anderen Sinne zu uns. Das Rein- Individuelle entfchied da den erften Eindruck; man mufste von Bild zu Bild gehen, die einzelnen Maler in ihrer Eigenthümlichkeit fchätzen und würdigen lernen und erft nach diefen vielen, allmälig angeknüpften und gepflegten Kunftbekanntfchaften kam man mehr auf dem Wege der Abftraction des Urtheils zu der allgemeinen Vorftellung deffen, was beiläufig die deutfche Kunft in ihrem gegenwärtigen Zuftande fei. Die Gefammtwirkung hatte etwas Zerftreutes, oft ganz Ungleichartiges, weil die Wirkung des Einzelnen zu fehr überwog. Namentlich im Genrefache beeinträchtigt die deutfche Gründlichkeit in der Charakteriſtik und Seelenmalerei oft die ruhig zufammenftimmende malerifche Gefammthaltung; aus jedem Bilde war da eine andere Gefchichte abzulefen, und zwar allmälig und bedachtfam, wie aus einem gut gefchriebenen Buche. Wo fo viele Maler fich aufs Erzählen und Schildern legen, mufs man ihnen einzeln folgen, jedem Gefichte feine feelifche Bedeutung abfragen, und für die grofse Ueberfchau ift da wenig gewonnen. Der individuali firende Trieb, der durch unfere Literatur geht, ſpricht fich ebenfo auch in unferer Kunft aus. Bei den Franzofen war diefs kein abgezogener Begriff, fondern eine unmittelbare finnliche Wirkung, die uns da fagte: Das ift die franzöfifche Kunft, wie fie fich eben jetzt präfentirt. - - Das Erfte und Unmittelbare, was man wirklich fah, und fich nicht blos aus verfchiedenen Merkmalen combinirte, das war eben der allgemeine Kunftcharaktererft in zweiter Reihe löfte fich diefes Allgemeine in die individuellen Unterfchiede auf. Man konnte fich von diefer Art der Wirkung fofort überzeugen, wenn man rafchen Ganges die vier franzöfifchen Hauptfäle durchfchritt. Ob man da den Perfeus von P. Blanc der Medufa den Kopf abfchlagen fah, ob man einen Blick über den Sclavenmarkt Giraud's hingleiten liefs, oder den Schäferhund Troyon's fixirte, der von erhöhtem Standpunkte aus die Schafheerde vor fich Revue paffiren läfst ob man Regnault's General Prim, ftolz. zu Pferde fitzend, fich nach dem Pöbelchorus von Madrid umblicken fah, oder Breton's Proceffion durch das fonnige Kornfeld folgte ob man fich von Jules Lefebvre's„ nackter Wahrheit" mit ihrer hocherhobenen Leuchte den ganzen Saal mit einem Male beleuchten liefs, oder den aus der Synagoge vertriebenen Chriftus von Laurens mit echt franzöfifch- theatralifchem Pathos die Treppen hinabfteigen und Barrias' Sokrates in ähnlicher Geberde fich zum Tode rüften fah: es ging durch alle diefe Geftalten, fo verfchiedener Herkunft fie fein mochten, ein verwandter nationaler Familienzug; fie fprachen im malerifchen Sinne dasfelbe ſtark und nachdrücklich accentuirte Franzöfifch. Aber noch mehr: fie redeten auch deutlich die Sprache der grofsen Kunftſchulen, die in Frankreich feit der Blüthezeit des Einfluffes von Ingres, Delacroix und Delaroche trotz der vielfach berufenen Verwilderung der neueften franzöfifchen Kunft. zuftände noch immer ihre ftarke und unverkennbare Nachwirkung äussern. Das entfchiedene Hervortreten des nationalen Zuges, und zwar nicht blos dem geiftigen Inhalt nach, fondern in der finnlichen Erfcheinung, in der augenfälligen Lebensäufserung- diess ift ein ganz unfchätzbarer Vorzug für die bildende Kunft. Es kommt in der Malerei nicht blos darauf an, wie viel Gemüthsfond und innerliches Leben hinter den Bildern fteckt, fondern vielmehr darauf, was von dem volksthümlichen Naturell und Geifte völlig in die Darftellung aufgeht. Trifft diefe Bedingung zu, dann ergibt fich daraus eine Leichtigkeit und Sicherheit im Ausdruck und Vortrag, welche ganz fälfchlich als Oberflächlichkeit aufzufaffen wäre, blos weil Alles, was man da ausdrücken will, wirklich an die Oberfläche kommt. Die moderne franzöfifche Malerei hat, ganz abgefehen von den fittlichen 44 Dr. Jofef Bayer. Bedenken, die man gegen fie erheben mufs, Eines mit den beften Kunftzeiten gemein: fie befitzt das richtige Gleichgewicht zwifchen künftlerischer Abficht und techniſchem Vermögen, fie hat für ihre Intentionen die richtigen malerifchen Ausdrucksmittel, und fie kennt überhaupt, wenigftens der Regel nach, keine anderen Intentionen, als folche, die malerifch auszudrücken find. Diefs ift es, was die Franzofen im Augenblicke noch immer als das erfte Kunftvolk der Gegenwart erfcheinen läfst, obgleich ihre Leiftungen von der Ver derbnifs ihres Gefellſchaftslebens fehr deutlich fignirt find. Wir haben in Deutſchland, und auch nicht mehr im letzten Moment, einzelne genialere Künftler, als fie die Franzofen aufweifen können; bei uns ift der Werth des Individuums für das künftlerifche Schaffen zu erfragen, was aber die umfaffende Kunftübung, die lebensvolle Ausbreitung der Schuleinflüffe bedeutet, das zeigt fich nur fo ganz in Frankreich. Dazu kommt der Vortheil gewiffer nationaler Eigenfchaften, die leicht in den malerifchen Ausdruck übergehen: die Grazie, das Pathos, der Affect, die fich lebhaft und gleichfam mit einer gewiffen finnlichen Fertigkeit äussern, die Seelenbewegungen, die nicht innerlich gebunden find und rafch und bezeichnend fich der Bewegung und Stellung mittheilen. Hat auch Alles diefes einen überreizten Zufatz, jenen eigenthümlichen modernen Charakter, in dem die Berechnung des Effectes mitinbegriffen ift, fo darf man doch den fpecififch künftlerifchen Werth davon nicht unterfchätzen. Man darf fich mit einem Worte durch dasjenige, was uns an der franzöfifchen Malerei aus ethifchen Gründen oder aus folchen der verfchiedenen nationalen Empfindungsweife heterogen oder wohl auch abftoffend erfcheinen mag, nicht im objectiven Kunfturtheil als folchem beirren laffen. Ich berührte früher die Schuleinflüffe, die aus der letzten Zeit des Auffchwunges der franzöfifchen Malerei fehr ftark und nachdrücklich bis auf den gegenwärtigen Zeitpunkt herüberwirken. Es ift diefs ein befonders wichtiges Moment zum Verſtändnifs des franzöfifchen Kunftlebens. Unfere bedeutendften deutfchen Meifter, welche die Kunft am tiefften durchdachten und durchempfanden, finden wir bald in freiwilliger und wohl auch unfreiwilliger Ifolirung; fo wie fie fich fchwer dazu entfchloffen, vom Malergerüfte zur Staffelei herabzufteigen, fo wurde es um fie herum bald ftille in ihren Ateliers. In unferen Tagen gibt fo ziem lich nur die Schule Piloty's in München einen Mittel- oder Durchgangspunkt für gewiffe Kunftbeftrebungen ab. Im Uebrigen hat die deutfche Kunft weniger ihre ftetigen Lehrjahre, als ihre experimentirenden Wanderjahre mit wechfelnden Verfuchsftationen. Hie und da fpringt ein frifcher Quell in der deutfchen Kunft hervor, zeigt fich in der Nähe feines Urfprungs als ein gar munteres Gebirgswaffer, aber er bildet in feinem weiteren Laufe kein tieferes Rinnfal und nimmt nur wenig von den benachbarten Zuflüffen in fich auf. Der deutfche Particularismus und Individualismus in der Kunft( der von der energifch ausgeprägten Individualität wohl unterſchieden werden mufs, denn diefe fammelt, wo jener zerftreut) zeigt ſich vornehmlich darin, dafs fo wenige Ateliers einen entfcheidenden und weithin fichtbaren Einfluss ausüben. Die officiellen Meifterfchulen an den Akademien und das Kunftprofefforenthum bieten keinen Erfatz für die Schule, die fich durch fpontane Anziehungskraft bildet. Auch der bedeutendfte Meifter wirkt nicht mehr im rechten lebendigen Sinne, wenn er nur als beftallte Lehrkraft" zu wirken hat. In Frankreich theilt fich das Kunfleben nach grofsen und breiten Strö mungen, die von namhaften Meiftern ausgehen. Der Strom trübt fich in feinem weiteren Laufe; er ift dann in weniger reinliche Ufer gefafst, aber fein Bett ift breit und voll. Die Originalität der hervorragendften Künftler zog fich da nicht auf fich felbft zurück, fondern wirkte triebkräftig nach Aufsen; fie fchuf neue überraschende Auslegungen des Begriffs der nationalen Kunft, fie wirkte mit der vollen Ueberredungskraft neuer glänzender Manieren, und was fo in die Welt hinaustritt, fchafft fich immer in ihr Raum und gewinnt lebendigen Einfluss. Die Malerei. 45 Man hat off den Franzofen vorgeworfen, dafs fie zu direct auf den Effect losgehen, aber zuletzt zeigt fich doch nur in dem Wirkenden, nicht blos in dem Erfonnenen die Kraft der Kunft. Wenn die modernfte franzöfifche Malerei oft eine unlautere Buhlfchaft mit dem Effecte treibt, fo haben die Führer der entfcheidenden Richtungen aus letzter Zeit das wirklich Bedeutende, das fie anftrebten, eben auch mit finnlicher Kraft der Wirkung auszufprechen gewufst, und in diefer Art darf man den Effect wohl gelten laffen. Nur folche ftark prononcirte Ausdrucksweifen können auch für längere Zeit ihren Einflufs bewahren, und geben dann, indem fie fich fchulmäfsig vererben, auch wenn fich der geiftige Gehalt vermindert, der Kunft jene äufserlich imponirende Gefammterfcheinung, wie fie uns in den franzöfifchen Sälen entgegentrat. Sie ift wefentlich ein Ergebniſs gewiffer, in compacten Maffen auftretenden Hauptfchulen, zu denen die einzelnen Maler ihre Zugehörigkeit auch ausdrücklich bekennen. Jean Ingres' reinerer Einflufs ift noch nicht ganz verwifcht; zum Panier des energifchen und vielfeitigen bei aller Kraft des Ausdruckes doch künft. lerifch gemäfsigten Delaroche bekennt fich noch eine ftattliche Reihe von Künftlern; etwas Wenigere, folgen der Fährte des geiftvoll wagenden Dela croix. Picot's Schule wirkt noch aus den Tagen der Juliregierung nach; Couture's Einwirkung, deffen Atelier im Anfange der fünfziger Jahre mit Schülern fich füllte, ift zurückgetreten, aber nicht gerade erlofchen; Horace Vernet's Schule fondert fich deutlich genug aus; Charles Gleyre, der den formalen Idealismus in der Kunft wohl auf bequemere und fafslichere Weife als Ingres felbft zu vermitteln wufste, bewahrt als fchulbildender Meifter auf lange hinaus feine Bedeutung. Ganz befonders zahlreich ift aber der Schülerkreis von Lion Cogniet in der neueften franzöfifchen Malerei vertreten; wie häufig lafen wir nicht in dem Katalog den Zufatz:" élève de L. Cogniet"! Er hat, feitdem er. fich felbft von der Production zurückgezogen, als Lehrer nachhaltig auf das jüngere Gefchlecht Ein flufs geübt; er insbefondere verftand es, feinen Stil- und Formfinn zu popularifiren, indem er zugleich durch coloriftifches Verftändnifs den Neigungen der Zeit entgegenkam. Die fpecififch modernen Einflüffe gehen nun weiter in umfaffender Weife von Cabanel und Gérôme, den tonangebenden Meiftern des zweiten Empire aus; in der Landfchaft machen Corot, Bertin, Daubigny, ebenfalls Schule. Die franzöfifche Ausftellung hat fich allerdings dadurch fehr in Vortheil zu fetzen verftanden, dafs fie ganz gegen das Programm bis auf mehrere Decennien zurückgriff und auch noch einige berühmte Todte citirte, um die prunkhafte Infcenirung diefer Expofition vervollständigen zu helfen. Hätte man fich ftreng nur auf die Production der letzten Ausftellungsperiode befchränkt, dann hätte es auch nicht an einzelnen fehr bedeutenden Leiftungen gefehlt, aber die Wirkung des Enfembles wäre weit befcheidener geblieben. So aber bekamen wir eigentlich eine ausgepackte Gallerie moderner Kunftwerke älteren und jüngeren Datums zu fehen, die entweder fchon früher wiederholt ausgeftellt waren oder bereits in öffentlichen und Privatfammlungen fich befinden. Das Palais Luxembourg allein ftellte ein fehr anfehnliches Contingent von Bildern. So konnte man in den franzöfifchen Sälen einen ganzen Curfus neuerer Kunftgefchichte durch die Zeit des zweiten Kaiferreiches bis in jene des Juli- Königthums und der Reftauration hinauf durchmachen. Delacroix, von dem eine Reihe bedeutender Bilder umherhingen, geleitete uns bis in die romantifche Schule der franzöfifchen Malerei zurück. Die Ingres'fche Schule war ftark vertreten und der berühmte Meifter felbft trat uns in dem Zeichnungsentwurfe zu feiner„ Apotheofe Homer's" entgegen. An die ältere Malerei des Kriegs- und Soldatenlebens aus der Kunftepoche des Julikönigthums gemahnte uns H. Bellangé, noch ein Schüler des alten Gros, mit feiner wohlbekannten„, Epiſode von dem Rückzuge aus Rufsland". Die von Paul angeregte gefchichtliche Richtung konnte man wenigftens nachwirken fehen. Allmälig kam man dann durch verfchiedene Mittelftufen zu der modernen Delaroche 46 Dr. Jofef Bayer. Darftellung des Nackten mit ihrem gefuchteren finnlichen Reiz. Wir konnten auf dem, Triumph Flora's" von Cabanel feine gefallenen weiblichen Engel durch die frühlingshellen Lüfte jubiliren und in reizendem Reigen in die Höhe fchweben fehen, während gegenüber der düftere Wiertz die gefallenen Engel männlichen Gefchlechtes mit biblifch ftrenger Unerbittlichkeit in den flammenden Abgrund ftürzte. Wir konnten weiter die entkleideten Halbweltideale der modernen franzöfifchen Malerei in den verfchiedenften finnlich herausfordernden Stellungen zumeist in jener der„ Venus Anadyomene" von Cabanel abgelaufchten LieblingsAttitüde mit dem fchwimmenden Blicke, der weichlichen Schlaffheit der Glieder und der heftig gewölbten Wellenlinie der einen Hüfte, immer und immer fchauen und wieder fchauen. Auch die keufche Sufanne, die Jean Jacques Henner fchon 1864 aus Rom eingefchickt, ftieg abermals vor unferen Augen aus dem Bade, um ihre Reize auch vor dem Wiener Weltausftellungs- Publicum zu ent hüllen, und jene nackte Schläferin Antigna's, eines Schülers von Delaroche, über der eine braunrothe Teufelsfratze hockt und den fpitzen Arm in ihr weiches fchwellendes Fleiſch ſtemmt jenes feltfame Un Cauchemar" benannte Bild aus dem Parifer Salon von 1866 hatte fich gleichfalls bei uns eingefunden. Endlich kamen wir wieder unter angekleidete Menfchen und zu jenen Malern, die das Sittenbild in der modern- realiftifchen Richtung vertreten. Aus den Boudoirs, wo hinter feidenen Vorhängen mit halbverfchloffenen Augen die lüfterne Sinnlichkeit laufcht, geleiteten uns die Socialiften des Pinfels, die Darfteller der niederen Volksclaffen, in die Manfarden, welche die Armuth bewohnt. Das Eine ftellte fich als Raffinement dar wie das Andere und Beides erwies fich als echt franzöfifch, die fexuelle wie die focialiftifche Malerei, die forcirte Sinnenluft wie das forcirte Elend. Auch hier begegneten wir wieder demfelben Antigna, deffen„ Scene aus einer Feuersbrunft" wohl das Bild von 1850 im Luxembourg fein dürfte. Aus der Enge der Strafsen, aus den dunftigen Wohnungen des Proletariats führte uns zuletzt Jules Ad. Breton hinaus ins Freie in feine fo ftimmungsvollen und malerifchen Bauernidyllen aus Artois, über die fich bald warmer Mittagsfonnenglanz, bald weicher Dämmerungsfchein verbreitet, um uns da auch wieder in feiner„ Segnung der Felder" von 1857 und in den„ Aehrenleferinen" von 1859 die früheren Zeugniffe feiner erften Erfolge vorzuführen. Zwifchendurch konnten wir, um uns durch die Einkehr in den Naturfrieden von den ftachelnden und erregenden Eindrücken vollends zu erhohlen, vor dem prachtvoll normannifchen Weidevieh Troyon's verweilen oder unter den Eichengruppen Theodor Rouffeau's in feinen fchönen Waldpartien von Fontainebleau uns finnend ergehen. Diefe beiden berühmten Todten waren gar wackere und emfige Ausfteller. Troyon( geftorben 1865) war mit nicht weniger als 12 Bildern( Katalog Nr. 614 bis 625), Rouffeau( geftorben 1867) mit 9 Bildern( Katalog Nr. 565 bis 573) vertreten. Diefe Werke der älteren Meifter, mit denen man die Ausstellung fo reich lich ftaffirte, brachten allerdings Haltung und erhöhte Bedeutung in diefelbe und gaben auch Gelegenheit, den Zufammenhang der neueften Production mit der unmittelbar vorangegangenen prüfend zu verfolgen. Je mehr wir uns dem gegen wärtigen Zeitpunkte nähern, defto bedenklicher wird freilich ein entfcheidendes Symptom: es ift das offenbare Mifsverhältnifs der zunehmenden Gewandtheit und Verve im Machwerk zu dem inneren künftlerifchen Gehalt, der gleichmässig im Sinken begriffen ift. Die Malerei, wie es jetzt in Frankreich um fie fteht, ift eine technisch glänzend eingefchulte Kunft, der aber die Gefinnung und das Ideal, die felbftſtändige künftlerifche Ueberzeugung faft gänzlich abhanden gekommen. Daher auch das willkürliche Umhertaften nach Gegenständen der Darstellung, bei deren Wahl zuletzt nur die Speculation, nicht ein inneres Bedürfnifs, am wenigften die fchon obfolet gewordene Begeisterung entfcheiden; daher auch oft die Rathlofig keit in diefer Richtung, da man doch nicht immer wieder die beliebten Halbwelt. ideale ohne jeden plaufiblen Vorwand zu reproduciren vermag. Die Malerei. 47 f h m d r Wie foll man malen? Darauf haben felbft die Künftler zweiten und dritten Ranges von den erprobten Schulen her, aus denen fie hervorgingen, eine Auskunft in Bereitfchaft. Was foll man malen? Darauf weifs die Kunft aus fich felbft heraus keine Antwort, fie mufs fie von den Stimmungen der Gefellfchaft, von dem Tag und der Mode erfragen, und es wirkt immer demoralifirend auf diefelbe, wenn fie fo viel herumfragen, und das, was man von ihr erwartet von Aufsen her erlaufchen mufs. Ein Verhängnifs für die neufranzöfifche Kunftrichtung ift ihre vollſtändige gefellſchaftliche Abhängigkeit; fie führt bei aller äufseren technifchen Sicherheit zu einer völligen Zerfahrenheit in den anzuftrebenden Zielen. Die franzöfifche Kunftkritik weifs diefs fchon feit langer Zeit; aber die Kritik allein kann da nicht helfen, und fie gefällt fich fogar in der Betrachtung diefes Zuftandes, weil er Gelegenheit gibt, in geiftreicher und witziger Weife über ihn zu klagen. Das treffende Wort Th. Gauthier's fällt uns da immer wieder ein: „ Wenn der Kopf unficher ift, fo ift die Hand um fo fefter; die Gewandtheit ift Allen als Erbe zugefallen; ein Ungefchickter ift eine Seltenheit, und wenn alle diefe Leute etwas auszudrücken hätten, wie gut würden fie fich ausdrücken!" Dies ift fchon ziemlich lange gefagt, gilt aber bis zum heutigen Tage, ja es gilt immer mehr. Das zweite Kaiferreich hat viel an der Kunft verfchuldet. Sie ift während diefer Periode äufserlich glänzender und innerlich leerer geworden; die Richtungslofigkeit und Frivolität derfelben hat da gleichfam einen halbofficföfen Charakter angenommen. Seither ift die franzöfifche Gefellſchaft in dem gewaltigen Umfchwunge der Dinge noch nicht recht zur Befinnung gekommen, als dafs die Kunft, von den Zuftänden der letzteren völlig bedingt, bereits in neue Bahnen hätte einlenken können. So fpiegelt auch die Weltausftellung im Wefentlichen noch ziemlich das unveränderte Bild der letzten imperialiftifchen Epoche ab. Wenn nun da den Stoffen felbft, namentlich wo fie das ideale Gebiet ftreifen, die höhere Befeelung fehlt, fo ift der Stoffkreis der franzöfifchen Malerei äufserlich noch immer weit genug gezogen; allerdings zehrt fie da zum Theil auch von einem conventionellen und überlieferten Vorrathe. Wir beginnen unfere Betrachtung zunächft mit den religiöfen Gegenftänden. Das Chriftenthum ftellt fich in der franzöfifchen Malerei in wechſelnden Formen dar. Es kreuzen fich da verfchiedene Richtungen: theils die künftlerifche Schulüberlieferung, die von dem Einfluffe von Ingres, von Hyppolite Flandrin, Alphonfe Perin und A. ausging, theils die kirchlichen Impulfe der religiöfen Empfindung, denen fich das leicht erregbare franzöfifche Naturell zu Zeiten auch hingibt. - Die Kunft zeigt da häufig nur die Exantheme der letzteren Richtung, die bei ihr dann fichtlich an die Oberfläche heraustreten. Das Nazarenerthum unferer Nachbarn fördert zum Theil noch feltfamere Erfcheinungen zutage, als feinerzeit bei uns. Man braucht da nur einen Blick auf die ascetifchen Heiligengeftalten von Jean Marie Doze eine Reproduction feiner in der Kirche von St. Cervaffy ausgeführten Malereien( Nr. 213 bis 216) zu werfen, um fich davon zu überzeugen. Das ift die richtige archaifirende Kunftfrömmigkeit, doch ohne jene innige Rückempfindung älterer frommer Kunſtweife, wie bei den deutfchen Nazarenern. Ein affectirtes Muckerthum, ein füfslicher, augenverdrehender Tendenzcultus blickt uns aus den Bildern von Charles H. Michel fchon faft mit einer frommen Grimaffe an( Nr. 495 bis 497:„ Das Kreuz";" Die heilige Communion";„ Die Bekehrung des heiligen Auguftin"). Doch diefs find nur Ausnahmen: die vorherrfchende Ausdrucksform für die religiöfen Stoffe bleibt in der franzöfifchen Malerei noch immer diefelbe, wie für jene des Alterthums und der Sage: die der Emphafe und des Pathos. Wie die antiken Helden, fo werden auch die geheilig. ten Geftalten der Bibel und des Evangeliums für fie zu theatralifchen Heroen. Von diefer Art ift namentlich der Chriftus von Jean Laurens( Nr. 409), der in dem Moment, wo er aus der Synagoge vertrieben wird, einen pathetiſch- wirkfamen 4 33 48 Dr. Jofef Bayer. Abgang gewinnt; im Uebrigen ein ausdruckvoll und energifch concipirtes Bild. Michel Dumas fteht mit feiner„ Verfuchung Chrifti"( Nr. 219) noch innerhalb der Schranken der Ingres'fchen Schule, ohne doch ihren vollen Inhalt aufgenom men zu haben. Dem Compofitionsfchema, dem eintönigen Colorit fehlt bei allem formalen Sinne für das Bedeutfame des Gegenftandes die individuelle Seele. Jean Gigoux, der allenthalben herummalende franzöfifche Eklektiker, der in der nackten Geftaltenwelt der Mythologie heimifcher ift, als in den erbaulichen Stoffen des Evangeliums, ftellte gleichwohl neben feiner„ Galathea" und„ fterbenden Cleopatra" auch einen„ barmherzigen Samaritaner"( Nr. 287) aus. Ein zweiter von Theodule Ribot( 549) übt das Werk der Barmherzigkeit an einem Wanderer, der als verkürzte Actfigur behandelt ift. Eugène Leygue, ein Schüler Delacroix's, brachte eine„ Samaritanerin"( Nr. 452), doch ziemlich entfernt von der genialen Manier des Meifters; von dem älteren Charles Lefébvre( Nr. 420 und 421) fahen wir eine„ Erziehung der heiligen Jungfrau" und eine„ Magdalena", die letztere natürlich eine echt franzöfifche Büfserin. Auch Cabanel ftellte etwas Religiöfes aus, einen Johannes Baptifta; malerifch eine glücklich wirkende Figur, doch ohne befondere Empfindung. Legendarifche Stoffe brachten de Conninck, Douillard, le Camus Duval, Merfon, Jean Nemo z; für manche diefer Darftellungen, z. B. die ,,, Vogelpredigt des heiligen Franz von Aflifi" von L. Pros per Roux, dem trefflichen Schüler von Delaroche, fehlt freilich uns modernen Menfchen nachgerade die nöthige Einfalt des Herzens, um da ganz ernsthaft in den Sinn der Legende einzugehen. Unter den verfchiedenen Heiligen, welche fich mitten unter das nackte Frauenvolk und die fonftige frivole Bildernachbarfchaft der Ausftellung hineingewagt haben, find die beiden hei.igen Einfiedler St. Paul und St. Anton, dann der St. Severinus von Eugène Thirion( Nr. 600 und 601) die bedeutendften und ftilmäfsigften, auch im Colorit breit und ernft gehalten. Beinahe nur fcherzweife erwähne ich in diefem Zufammenhange das präch tige Bild ,, La tentation"( Nr. 643) von G. Vibert. Eigentlich follte es nicht in einem Zuge nach fo ernfthaft gemeinten Heiligenbildern genannt werden; denn faft macht es den Eindruck einer parodirten Legende. Wenn die Verfuchung des heiligen Antonius fchon von den Niederländern her auch für die Einbildungskraft der Maler eine Verfuchung war, ins Wüftabenteuerliche oder Grellfinnliche zu gehen, fo regt fich bei Vibert diefem Stoffe gegenüber der Schäker. Er gibt der Legende eine pikante moderne Nuance; frivole Carnevalsmasken fetzen mit Weinbechern und neckendem Spotte dem geängftigten Mönche zu, der fich vor diefem phantasmagorifchen Befuche aus dem Ball der grofsen Oper, der ihn in feiner Zelle überfällt, in fein Gebet hineinflüchtet, um finnliche Brunft durch andächtige Inbrunft niederzukämpfen. Wenn wir nun wieder ganz ins ascetifche Chriftenthum zurück wollen, fo finden wir uns bei Alph. Maraton's", betendem Mönch" und", Philipp II., der im Escurial Reli quien betrachtet" gerade am rechten Orte. Beide Bilder( Nr. 510, 511) haben bei namhaftem künftlerifchen Verdienft jenen Zug unangenehmer, pfäffifch- tendentiöfer Bigotterie, von der man in der modernen Kunft ab und zu eine neue Auflage zu machen verfucht. Georges Becker's, Witwe des Märtyrers"( Nr. 27) fchlägt wieder in die fentimentale Religiofität hinüber, in jene chriftlich- melodramatifche Stimmung, die aus den Katakomben, an den Märtyrergräbern und ihren theil weife fehr unorthographifchen Infchriften melancholifche Nahrung fchürft. Uebri gens ift Becker ein Schüler Gérôme's; feine Chriftenwitwen find alfo in der Ateliernachbarfchaft von türkifchen Almehs und nackten Hetären aufgewachſen. Das Raffinement in der Kunft grenzt immer zufammen, liege es nun auf der weltlichen oder der religiöfen Seite. Einmal fieht uns die franzöfifche Malerei mit dem lüfternen Hetärenblicke an, das andere Mal zeigt fie uns das bethränte Magdalenenauge; jetzt entblöfst fie herausfordernd den üppigen Leib, dann kafteit fie wieder das finnliche Fleiſch. Die Malerei. 49 Ein gefährlicher Ueberreiz zeigt fich nach beiden Seiten hin, in der exceffiven Sinnlichkeit wie der gelegentlich ausbrechenden religiöfen Exaltation. Der Gefchmack an dem claffifchen Idealkreis der Mythologie und Heroenfage haben die Franzofen noch immer beibehalten; es ift diefs ein altes romanifches Erbftück. Emil Levy behandelt da, wenn ich fo fagen darf, mit Efprit und Anmuth die mythologiſche Novelle; bald mehr nach der pikantironifchen Seite, wie in dem„ Urtheil des Midas"( Nr. 448), bald auch in den ergreifenderen Momenten, wie in feinem„ Tod des Orpheus"( Nr. 449, vom Salon 1866). Bis zum Tragifchen erhebt er fich da freilich nicht; die kleine Manier der Zeichnung läfst es an fich fchon nicht zu, und die Mänaden, die unter Flötenklang und Cymbelnfchall den Orpheus umtoben, bleiben noch in ihrer Raferei zierlich und anmuthig. Die pathetiſche Gattung des Mythenbildes geht bei den Franzofen ins grofse Format, hat da aber meiftens etwas formaliftifch Leeres, rein Decoratives, Tapetenartiges. Ein prahlerifcher Zug liegt nebenbei auch in diefen alten nackten Haudegen, die der lernäifchen Schlange auflauern, die Medufa köpfen oder die Chimäre befiegen; in der Manier, wie fie diefe heroriſche Arbeit bei Jean Bin, bei P. Blanc, bei P. Lehoux erledigen, ift fchon fo etwas von der national- franzöfifchen Heldenbravour. " Dünn in der Farbe und flach in der Empfindung, zu leer im Ausdrucke und in der Compofition für die anfpruchsvoll grofse Leinwand ift dasjenige, was uns Jules Machard in feinem ,, Narcifs"( Nr. 459) und feiner„ gefeffelten Angelica" ( Nr. 460) aus der antiken und romantifchen Sage vorzutragen hat. Von kräftigerer Durchbildung der Körperform fchien Layraud's„ Marfyas"( Nr. 411), hing aber für eine genauere Beurtheilung zu hoch. Sobald wir fun bei den Nymphen und Dryaden, bei den nackten Göttinen und dem olympifchen Demimondegefchlechte des bacchifchen Kreifes anlangen, gewinnt die Farbe an Reiz des Incarnates, und ftatt der mangelnden Idealität und Formenreinheit gibt es wenig. ftens finnlich lockendes Fieifch und Blut in diefer ,, claffifchen" Walburgisnacht. Da wäre denn die Diana auf der Infel Scyra"( Nr. 125) von H. de Callias, die„ Dryade"( Nr. 443) von Jacques Lematte, Leon Riefener's- ,, Erigone" ( Nr. 553), ein„ Satyrweib im Bade"( Nr. 491) von Jules Meynier ,,, die Nymphe und Bacchus"( Nr. 424) von Jules Lefebvre, die„ Bekränzung der Ariadne durch Bacchus"( Nr. 535) von Jean Pon'cet, Jofef Ranvier's Kindheit des Bacchus" ( Nr. 541). Wo aber einmal die poetifche Seite der Mythe geftreift wird, da wird die Darftellung fofort akademifch- kühl, ftatt fich zu Stil und Idealität zu erheben; fo in Dupain's" Tod der Nymphe Hefperia"( Nr. 222). Henri Giacomotti ftellt bei uns wieder feine„ Entführung der Amymone"( Nr. 280) aus, die 1865 in Paris viel Beifall gefunden. Er ift ein Nymphenmaler par excellence, wenn ihm nicht gerade fromme Märtyrerbilder, wie z. B. die Zerreifsung des Hippolyt durch wilde Pferde, zu anderer Zeit zu fchaffen geben: Eines ein Raffinement wie das andere. Unter den vielen alten Bildern, mit denen man die franzöfifche Ausftellung decorirte, befand fich auch die Galatea" von Gigoux( Nr. 285), in dem Augenblicke dargestellt, wo eben das Steinbild Pygmalion's zum Leben erwacht. Ueber das alte Bild fetzen wir ganz einfach ein altes, aber ganz zutreffendes Urtheil her.„ Der Gegenftand, fchon früher von Girodet behandelt", fo äussert fich darüber Dr. Julius Meyer,„ reizte den Coloriften, an ihm die Kraft feiner belebenden Farbe zu zeigen. Aus dem wollüftigen Fleifche foll das Blut, das eben in den Adern zu fliefsen beginnt, glühend hervorleuchten, gehoben noch durch den Contraft der Marmorfarbe, in der die Beine bis zum Knie noch gefangen find; was dem„ Charivari" zu der nicht unpaffenden Caricatur Anlafs gab, diefe Galatea als eine nackte Frauensperfon darzuftellen, die nur noch nicht ihre Strümpfe ausgezogen hat." " Ueberhaupt mufs für die Götterleiber zumeift die Nacktheit auf Beftellung, in Boudoir's wie in Ateliers, herhalten; ftatt der edlen Contour der nackten 4* 50 Dr. Jofef Bayer. Körperform nur die Ueppigkeit des entblöfsten Fleiſches. Wenn aber die antiken Künftler gelegentlich die Phrynen in Göttinnen verwandelten, fo machen die modernen Franzofen die Göttinen wieder zu Phrynen. Es ift einmal die Nachfrage nach Nuditäten in der franzöfifchen Kunft fehr grofs: da mufs denn auch, wo die Mythologie als Vorwand nicht mehr ausreicht, die Allegorie und Perfonification zu Hilfe genommen werden, die ja auch ein willkommener Freibrief für das Nackte ift. Endlich folgt dann die Nudität als Selbftzweck, ohne jeden Prätext, und zuletzt dann als cynifche Pointe diefer ganzen Gattung das widerliche Motiv des Sclavinenmarktes, die Nacktheit des lebendig feilgebotenen Menfchenfleifches. - - - Nuditäten, unter allegorifcher Etiquette auf den Markt gebracht, hatte die franzöfifche Expofition mehrere aufzuweifen; fo die, Nacht" von Alboy- Rebou et( Nr. 2), den, Frühling" von Bouvier( Nr. 82), den„ Schlaf" von B. v. Gironde ( Nr. 293) und vor Allem die Primadonna in der Schauftellung des Leibes und der wirkfamen Actftellung: Jules Lefebvre's ,, Wahrheit"( Nr. 423). Der letztgenannte Künftler fcheint überhaupt nur das Weib, an fich", ohne jede verhüllende Zuthat zu malen;„ La Cigale"( Nr. 425) und die Femme couchée"( Nr. 422), letztere im Befitz des rechten Mannes, des Herrn Al. Dumas fils, find weitere virtuofe Proben diefer geilen Körpermalerei. Von ehrlicher Allegorie, die wirklich einen Gedanken durch Figuren finnbildlich ausdrücken will, enthielt die franzöfifche Abtheilung auch mancherlei, das freilich zuweilen neben der wohlgemeinten Abficht und forgfältigen Behandlung auch den Stempel der Langweile trag: fo z. B. die„ nationale Elegie"( Nr. 22) von R. Balze;„ Der Greis und die drei Jünglinge", Illuftration zu einer Lafontaine'fchen Fabel( Nr. 141) von Ch. Coëffin de la Foffe;„ Becher und Leier"( Nr. 539) von L. Priou, wenigftens von frifcherer und lebhafterer Farbe, als fie fonft bei Allegorien Brauch ift;„ Die Wahrheit von der Lüge verleitet"( Nr. 578) von Frau Ad. Salles Wagner; „ Die Comödie"( Nr. 537) von J. Poncet; ,, La Piété"( Nr. 603). und„ Die Muſe und der Dichter"( Nr. 604) von Ch. Timbal, das letztere Bild von guter Haltung, wenn auch von mittelmäfsiger Compofition. Das wirkfamfte und figurenreichfte der allegorifchen Bilder war jedenfalls„ Das Glück" von Achille Sirouy( Nr. 594) Ein Thema fürwahr, das unferer von fpeculativen Glücksträumen aufgeregten Zeit ernftlich zu fchaffen gibt, und über das blofe allegorifche Spiel weit hinausgeht. Von den Abenteurern der Weltmeer- Ritterfchaft, den Eldoradoträumern bis zu unferen Börfenglücksrittern hinab, fehen Alle mit fieberhafter Erregung nach der Göttin hin, die mit behenden Füfsen die gläferne Kugel unter fich weiter fchiebt; das Thema von der Jagd nach dem Glücke" ift fürwahr ein zeitgemässes geblie ben, und ift es immer mehr geworden, feitdem fchon Albrecht Dürrer feine„ grofse und kleine Fortuna" concipirte. In diefem Stoffe haben wir eine Concurrenz zwifchen einem deutfchen und einem franzöfifchen Künftler vor uns. Henneberg's Bild ift von ergreifenderer, phantaftifcher Tragik; bei ihm ift's wirklich eine wilde Jagd nach der lockenden Irrwifchgeftalt der Glückshexe, die unwiderftehlich nachziehend über den Abgrund hinfauft, und ein einzelner Wahnverblendeter ift's, der da dem Phantom in tollem Ritte nachfetzt. In dem grofsen Gemälde Sirouy's blickt ein ganzes aufgeregtes Menfchengedränge zu der übel berufenen Göttin empor, die es in der Höhe überfchwebt; fie wirft Kronen und Gefchmeide, Lorbeerkränze und Gold unter die raffgierige Menge Männer und Frauen, Vornehm und Gering durcheinander- die fich unter einander ftofsen, drängen, niederwerfen, um die gleifsenden, durch die Luft fliegenden Gaben zu erhafchen. Ift Henneberg's Compofition origineller und geiftvoller, fo können wir dem franzöfifchen Bilde, wenn es auch mehr für die decorative Wirkung arrangirt erfcheint, eine glänzende malerifche Wirkung nicht abfprechen. Das Phantaftifche und Abenteuerliche mifcht fich überall der franzöfifchen Kunft bei; rein präparirt tritt es aber in einer eigenen Gruppe von Bildern in ganz verwunderlicher Form auf. Es find feltfame Nachzügler der n e r n S 0 Die Malerei. 51 romantifchen Schule, die uns da entgegentreten. Ein folcher ift zunächft Augufte Glaize, ein Schüler des Romantikers Eugène Devèria, den es fchon von früher her gelüftete, feine peffimiftifche Gefchichtsanfchauung im Bilde fymbolifch vorzutragen. Man kennt fein älteres Bild ,,, Le Pilori", von der Weltausftellung 1855, auf dem die Märtyrer der Humanität, des Fortfchrittes und des Wiffens in langer Reihe an Schandpfähle gekettet find. Wir finden da Sokrates, Chriftus, Columbus, dann auch Salomon de Caus mit Galilei, eine Auswahl von Duldern für eine grofse Idee, wie fie der Künftler nach feinem Gutdünken zufammenftellte. Am Fufse der Eftrade, von der fich die Pranger erheben, lagern fich die allegorifchen Figuren des Elends und der Gewalt, der Dummheit und der Heuchelei. In dem ausgeftellten Bilde ,, Spectacle de la folie humaine"( Nr. 295) tritt uns nun eine Variante diefer Manier, das Zerrbild der Culturgefchichte zu fymbolifiren, abermals entgegen. Die Blutgräuel der Chriftenverfolgungen, der Inquifition, der Glaubenskriege etc., jene Momente der Gefchichte, wo der fanatifche, der beftialifche Zug in der Menfchheit durchbrach, find wie auf einer Freske oder einem Gobelin nach Abtheilungen zufammengeftellt und davor fteht der Maler felbft, mit bitterfarkaftifcher Miene fich gegen das Publicum verbeugend, als ob er dasfelbe aufforderte, fich an diefem bildlich zufammengefafsten Compendium der Weltgefchichte zu fpiegeln. Eigentlich foll der bildende Künftler nach dem guten alten Wort hinter fein Werk zurücktreten und es allein für fich fprechen laffen; hier tritt er aber buchftäblich vor fein Bild und verläugnet in feiner eigenen phyfiognomifchen Selbftcharakteriſtik nicht einen Moment die verrannte Subjectivität, welche diefen culturhiftorifchen Fiebertraum hervorgerufen. Das Bild gehört in die Gattung der tollgewordenen Gedankenmalerei, und man kann diefs um fo mehr beklagen, da es fonft ganz entfchiedene malerifche Vorzüge, fowie eine merkwürdige Compofitionskraft in der Bewältigung des widerftrebendften Stoffes bekundet. P. Glaize der Sohn, der Schüler feines Vaters und Gérôme's, fteht nach dem ausgeftellten Bilde ,, Das erfte Duell"( Nr. 296) zu fchliefsen, zu der Richtung des Vaters in naher Beziehung. Was ftellt er da vor? Zwei nackte Athleten der Urzeit ringen in brünftiger Wuth an einem Abgrunde um den Befitz einer Dame, die noch vor der Epoche des Feigenblatts lebt; fie ift das Weib an fich, zugleich das Weib als Thier, das mit gefühllofer Neugierde zufieht, was für einen Ausgang wohl der Kampf um fie haben werde. Das wären in der That die richtigen prähiftorifchen Menfchen, wie fie zu dem Gefchichtsbilde des älteren Glaize paffen; der Sohn dichtet nur die peffimiftifche Genefis, die entsprechende Vorgefchichte hinzu. Die raffinirte Beſtialität, von den erften Menfchheitstagen an im Zuge, kann fich dann weiterhin um fo gloriofer offenbaren. Xavier Alph. Monchablon hingegen führt uns fcheinbar wieder mit feinem Bilde ,, Les terreurs de Caïn" ( Nr. 500) auf den Boden der biblifchen Genefis zurück. Aber in der That nur fcheinbar: diefer Kain fteht fo zwifchen Byron und Victor Hugo mitten inne, und hat von daher etwa feinen fcheuen, wilden Blick geborgt. Damit es auch an dem materiell wirkenden Schrecken nicht fehle, mufste Mazeppa auf dem Bilde von L. F. Guesnet( Nr. 308) wieder einmal noch auf das wilde Steppenpferd gebunden werden. Freilich fticht gegen den craffen Vorgang, wie Friedr. Pecht richtig bemerkt, die heitere glänzende Farbe auffallend ab, die dem Bilde in der coloriftifchen Wirkung faft ein fröhliches Ausfehen gibt. Um das Enfemble des Schreckhaften und Phantaftifchen zu vervollſtändigen, darf auch die Hexe nicht fehlen. Henri Axenfeld führt fie( Nr. 20) in einem düfteren Nachtftück inmitten des unheimlichften Treibens vor; fie beugt fich über ein ermordetes Kind, deffen blutige Glieder fie zu irgend einem unheimlichen Zauberwerk gebrauchen wird. Es ift nicht gut, bei folchen Darſtellungen länger zu verweilen, nicht blos weil fie an fich gräfslich find, fondern weil das Gräfsliche in denfelben mühfam gefucht und zufammengeklügelt ift. Da die franzöfifche Malerei feit dem Beginne des zweiten Kaiferreiches fo ganz im Dienfte der Gefellſchaft fteht und ihren Stimmungen und Schaugelüften 52 Dr. Jofef Bayer. huldigt, fo finden in ihr die ernſten Geftalten der Gefchichte jetzt nur einen fehr eingefchränkten Raum. Sie cultivirt das Sinnlich- Wirkfame und Reizende, das Pikante und Aufregende, nicht aber das gehaltenere hiftorifche Pathos, zu dem der ganzen Zeit der Ernft der Rückfchau, fowie auch das ftolze Gelüfte der David'fchen Epoche fehlt, ihr eigenes Spiegelbild in früheren Heldenzeiten aufzufuchen. Mehr nur als eine akademifche Tradition ſteht noch das Bild des Alterthums da, um mit einem äufserlichen theatralifchen Effect gelegentlich producirt zu werden. Felix Clement( Nr. 135) entwickelt in feinem Tode Cäfar's bei trockener Färbung eine gewiffe Gröfse und dramatifche Energie der Compofition, der freilich zum ftilvollen Eindrucke die Harmonie der Linien fehlt; Robert Fleury dagegen taucht die tragifche Kataftrophe von Korinth in die Reize einer blühenden Farbe und macht die Darftellung des erfchütternden Unglücks durch die nackten Frauengeftalten, die fich vor dem Altar der Schutzgöttin niederwerfen, finnlich pikant( Nr. 555). Felix Barrias fchildert den Abfchied Sokrates' von feiner Familie und feinen Schülern in dem pathetifchen Stile der claffifchen franzöfifchen Tragödie( Nr. 25). Benjamin Ulman's grofses Gemälde„ Sulla und Marius"( Nr. 627) hat etwas von dem ftrengen Ernfte eines Römerbildes und ſcharfe, ausdrucksvolle Charakteriſtik der Köpfe, ftellt aber einen Moment dar, der malerifch nicht anfchaulich zu machen ift und auch durch die lange hiftorifche Note des Kataloges kaum verdeutlicht wird. Als der kaiferliche Autor fein Buch über Cäfar fchrieb und deffen Strategie im gallifchen Kriege ftudirte, fchritt diefer auch ab und zu durch die Bilder folcher Maler hindurch, die fich in der Regel nicht mit welthiftorifchen Perfönlichkeiten befaffen; fo folgt ihm auch Guftave Boulanger auf dem Zuge nach Gallien( Nr. 77), während er fonft lieber bei den eleganten Salondamen und Blumenmädchen von Pompeji ver weilt. Freilich ift Boulanger's Cäfar eben auch nur zu einer Genrefigur ver kleinert. " Die franzöfifche Gefchichte dient, merkwürdig genug, nur noch zu genreartigem Gebrauche. Man befchränkt fich da fchon feit geraumer Zeit nach einem bezeichnenden Worte Julius Mayer auf die Schilderung der malerifchen Vergangenheit", und hat es fo ziemlich aufgegeben, den geiftigen Gehalt der frühe ren Epochen im Bilde wiederzugeben. Wenn man in einer illuftrirten franzöfifchen Gefchichte blättert, fo trifft man da auf Zeiten, die viel Farbenverlockendes haben. Das bunte Mittelalter, die glänzende und gefchmackvolle Renaiffance von Franz I. bis auf Heinrich IV., das pompöfe Hofleben Ludwig's XIV., die läffig feine Eleganz der Regentfchaft, dies Alles bietet eine reiche Ausbeute coloriftifch dankbarer Stoffe. Und jemehr fich das technifche Können nach der Seite des Colorits hin fteigert, defto mehr kommt der hiftorifche Menfch nur in feiner Aeufserlichkeit in Betracht. Die bewegenden Mächte der Gefchichte treten nicht weiter ins Bild; höchftens die elementare Leidenfchaft, der Moment spannungs voller Erregtheit findet in der hiftorifchen Epifodenmalerei Raum, nicht aber die grofsen Züge, die den gefchichtlichen Menfchen über das gewöhnliche Mafs emporwachfen laffen. Dagegen kommen Gewaltthätigkeiten, Morde und Maffacrefcenen um fo häufiger an die Reihe, denn Blut ift auch für die Coloriften von Fach, ein ganz befonderer Saft". Wenn wir ein wenig fchematifiren wollen, fo ergibt fich für das hiftorifche Genre aus der franzöfifchen Gefchichte folgendes Ergebniſs für die Weltausftellung: Erfte Gruppe: Gallifche Vorzeit und früheftes Mittelalter. Da verfucht man auch theilweife, in eine grofse Manier zu gehen, bringt es aber doch nur zu einem decorativen Effectftücke, wie Alfred Didier in feinen nor manniſchen Seekönigen an der Küfte Frankreichs( Nr. 209) oder zu einer Art militärifchen Genrebildes der Vorzeit, wie Ev. Luminais in feinen gallifchen Plänklern und Vedetten( Nr. 456 bis 458). Zweite Gruppe: Mittelalterliches Coftume- und Anek dotenbild, letzteres von der deutfchen Art der Anekdotenmalerei durch einen Die Malerei. 53 n r : leidenfchaftlichen, ienfationellen Zug fich unterfcheidend. Hierher gehören z. B. die Bilder von Ifidor Patrois, fein, Jacques Coeur"( Nr. 523) und die. Johanna d'Arc"( Nr. 524), gegen welche Soldaten, die fie bewachen follen, ein NothzuchtsAttentat verfuchen. Die dritte Gruppe: Die Renaiffance; Coftumeftudien, malerifche Einzelfiguren, hiftorifche Typen aus der Epoche der kleidfamften Trachten, der liederlichften Sitten und des entfeffelten religiöfen Fanatismus, des ebenfo lebensluftigen als blutgierigen Frankreich in den Tagen der letzten Valois und der nächften Folgezeit. Da wäre zu nennen: Jofef Chavet's" Heinrich III. in St. Cloud"( Nr. 125); Erneft Duez's ,, Ein Jahrestag aus der Zeit Heinrich's IV. ( Nr. 218); Jules Ravel's, Gefangennehmung Bonnivard's", ein nachbarlich nahe liegender Stoff, durch Byron's Gefangenen von Chillon angeregt, wirkfam erfafst und componirt und von trefflicher coloriftifcher Haltung( Nr. 542); Ferdinand Roybez's" Edelknabe aus der Zeit Heinrich's III.( Nr. 575), eine rein farblich wirkende hiftorifche Genrefigur, ebenfo Lucien Gros's, Büchfenfchütze aus der Zeit Ludwig's XIII." Dazu kommen als Gegenftück die Blutfcenen und Maffacrebilder, die Vor- und Nachſpiele der Greuel- und Rache Acte jener Zeit: fo von Eugène Fichel„ Die Nacht vom 24. Auguft 1572 vor der Metzelei"( Nr. 255); eine Scene aus der Bartholomäusnacht( Nr. 350) von Louis G. Ifabey, in fkizzenhafter Weife geiftreich und breit mit grofsem Farbenfinne hingeſetzt; dazu noch ein Rückgriff in die Blutzeiten des Mittelalters von Benjamin Ulmann , Carl V., der auf feinem Einzuge in Paris vor den Leichnamen feiner Gegner Etienne Marcel, Philipp Giffart und Jean de Lisle ftille hält"( Nr. 626). 99 Vierte Gruppe: Die Zeit Richelieu's, Mazarin's und des grofsen Königs, für welche die franzöfifche Literatur und Kunft durch alle Wendungen der politifchen Gefinnungen hindurch einen unveränderten Reſpect bewahrt hat. Da wäre das effectreich gedachte Bild eines älteren Künftlers Henri Schopin, eines Schülers von Gros, Vifion des Cardinals Richelieu auf feinem Sterbebette"( Nr. 582); dann jenes Bild von Hégésippe Vetter, in welchem der Künftler uns Mazarin in feinen letzten Augenblicken vorführt( Nr. 635); ferner fein bekanntes Gemälde„ Molière als Gaft Ludwig's XIV."( Nr. 636), auf dem die verdutzten Höflinge fich wie unfreiwillige Luftfpieltypen um das fcharfe Auge des komifchen Dichters zu gruppiren fcheinen. Bekanntlich ift H. Vetter ein Künftler, der fich mit Vorliebe in feinen trefflichen Bildern durch den Humor Rabelais und Molière's infpiriren liefs; wir hatten Gelegenheit, in jenem Bilde vom Salon 1864 hievon eine anziehende Probe zu fehen.„ Der Nachmittag im Schlofs" aus der Zeit Ludwig's XV. von Mme. Armand Leleux( Nr. 438) hält fich ganz im Durchfchnitte des Genrebildes. Fünfte Gruppe: Die Zeit der Revolution und des erften Kaiferreiches. Hier kommen wir aus dem Coftumebild heraus und gelangen zu den Scenen politifcher Leidenfchaft, wie fie in dem franzöfifchen Naturell immer wieder aufzuckt. Weiterhin geht in den Stoffen der Kaiferzeit das hiftorifche Genre fachte in das Kriegsbild, in eine Nachlefe des Ruhmes oder der Leiden der grofsen Armee über, oder verläuft fich in das ruhigere Gefellfchaftsbild aus den Tagen des erften Empire. Charles Louis Müller ift vor Allem der Maler der neueren Gefchichtsepoche Frankreichs und zunächft der Revolution, nachdem er mit feinem berühmten Bilde„ Verlefung der letzten Opfer der Schreckenszeit zur Hinrichtung im Gefängniffe" St. Lazare"( ausgeftellt im Salon 1851) zuerst mit fo grofsem Erfolge diefes Feld betreten hat. Sein„ Lanjuinais auf der Tribüne, 2. Juni 1793"( Nr. 509), das Bild, das fich auf unferer Weltausftellung befand, verfetzt uns mit ergreifendem Ausdrucke mitten in die hochauffchlagenden Wogen jener Zeit und fixirt in meiſterhafter Weife das Momentane des erregteften Affectes. Claudius Jacquand bringt uns in einem wohl älteren Bilde ,, Bonaparte zu Nizza 1794", eine rührende Anecdote aus dem Leben Napoleon's. Bellanger's Epiſode aus dem Rückzuge von Rufsland wurde fchon früher genannt; Meiffonier, 54 Dr. Jofef Bayer. dem grofsen Meifter im kleinen Genre, werden wir auch ſpäter ausnahmsweife auf der napoleonifchen Heeresftrafse wieder begegnen. Ein erheiterndes Nachfpiel zu den napoleonifchen Kriegsfcenen wäre dann fchliefslich das Bild„ La Romance à la mode" von Jules Worms( Nr. 653), eine mit viel Humor und geiftreicher, fcharfer Charakteriſtik gefchilderte Scene aus dem Salonleben des Empire. Diefe Ueberfchau zeigt uns beiläufig, wie viel die franzöfifche Gefchichte auf der modernen Palette wiegt. Ihr Bild wird in der neueften Malerei nur nach Farben componirt oder vielmehr blos in kleinere Bilder und Bildchen zerlegt; nur die Darftellungen der Revolution erheben fich ab und zu zu einer gröfseren Auffaffung, und auch diefe hält für die Dauer nicht mehr nach. Wenn die hiftorifche Gattung immer mehr einfchrumpft, fo dehnt fich das Genre- nach dem gewöhnlichen Kunftbegriffe, den man damit verbindet- in glei chem Mafse aus, fo dafs man feine Grenzen faft nicht mehr zu beftimmen vermag. Früher was es nur ein Fach in der Malerei, jetzt hat die ganze Kunft, und diefs nicht in Frankreich allein den genreartigen Charakter angenommen. Dort ftellt fich aber das Verhältnifs doch noch ganz befonders. Man hat es da verftanden, die Genrekunft zu einer grofsen Gattung zu fteigern, fie mit dem bunteften Farbenfchimmer, mit dem reichften wechſelnden Glanze eines blendenden Lebensfcheines auszuftatten. Ein Reichthum von Stoffen breitet fich da aus, die, fo verfchieden ihre Herkunft fein mag, alle für den Eindruck der finnlichen Schau und des pikanten Reizes zurechtgeftellt werden. Der Orient und das Alterthum müffen mit herhalten, den genre artigen Stoffkreis zu erweitern und im Sinne des modernen franzöfifchen Gefchmackes fich in Scene fetzen zu laffen. Léon Gérôme hat nach beiden Seiten hin die ftärksten Impulfe gegeben. Hier wie dort fucht er den gefteigerten Sinnenreiz oder das gewaltfam Erregende auf; er ift der richtige, in feiner Art grofse Meifter der Kunft für ein blafirtes Gefchlecht, das frappirt und gepackt, nicht ergriffen und bewegt fein will, auch für den ruhigeren Normalgenufs in der Kunft nicht mehr fo leicht zu haben ift. Bei ihm treten wir in das Gynaeceum oder in das antike Amphitheater, in den Harem, auf den Sclavenmarkt oder die Blutftätte mitten hinein in die Sinnenluft oder das finnliche Grauen. Das Menfchendafein ift feil für den fexuellen Genufs oder für das aufregende Schauſpiel des Sterbens. Die Benennung des prachtvoll gemalten Bildes von unferer Ausstellung ,, A'Vendre"( Nr. 277), wo fich neben Papageien und anderer Waare ein paar üppige nackte Weiber auch als Kaufgegenstände an die Mauer eines Marktftandes lehnen, und das Motto feines berühmten Gladiatoreneinzuges in die Arena: Ave Caefar Imperator, morituri te falutant diefs find überhaupt die bezeichnenden Auffchriften und Schlagwörter jener Welt, wie fie Gérôme uns vorführt. Es iſt eine farbenfchimmernde, von allem finnlichen Glanze des Colorits umleuchtete, aber geiftverlaffene Welt, in welcher der Menfch faft nur als ein Object dargestellt wird für fremdes raffinirtes Gelüfte. Gérôme ift der Maler des Leibes ohne Seele. Schöne Sclavinen und robufte Fechterfclaven, Hetären, orientalifche Almehs, Phrynen ohne Unterfchied der Nationalität, der durch die allgemeine Nacktheit leicht befeitigt wird, find die Hauptperfonen auf der Bühne feiner Gemälde. Und vor diefe Bühne gehört ein Publicum, welches entweder mit lüftern- begehrendem Blicke dreinfieht oder mit graufamer Paffion den Daumen nach abwärts kehrt, wie die vornehmen Damen auf Gérôme's berühmtem, meifterhaftem Bilde:" I Gladiatoren"( Nr. 273). - Die Es wird bei ihm nacktes Fleiſch gezeigt- fei es in den griechifchen Interieurs oder in den Heimlichkeiten des türkifchen Frauengemaches- oder Fleiſch gemacht, ob durch die Gladiatorenwaffe in der römifchen Arena oder das Henkerfchwert der orientalifchen Despotenwirthschaft. Das Leben wie der Tod wirken durch den gleichen raffinirten Ueberreiz auf uns ein.- Die von dem Meifter ausgeftellten Bilder einzeln zu befprechen, ift bei der bereits feftftehenden kunftgefchichtlichen Stellung, die er in der franzöfifchen Malerei einnimmt, ziemlich überflüffig. Unter Die Malerei. 55 den fieben Nummern, mit denen er vertreten war, war das früher erwähnte Bild Gladiateurs" wohl das bedeutendfte und überhaupt eines der glänzendften Kunftwerke der Weltausftellung; die Mofcheethüre in Cairo, an der die abgefchlagenen Köpfe hingerichteter Beys gar niedlich aufgefchichtet find- diefer fcheufslichen Staffage des Vordergrundes mit einem malerifch bezaubernden abgefehen von Blicke in das Intérieur ift fchon von dem Salon 1866 her bekannt. - An Gérôme fchliefst fich nun die ganze Gruppe der Orient maler und Derjenigen, die das Alterthum für Genrezwecke benützen, unmittelbar an. Theils ftehen fie unter feinem Einfluffe, theils begegnen fie ihm, wenn ihre Schulherkunft etwa fchon eine frühere ift, auf demfelben Wege. Boulanger geht in feinen reizenden Genrebildern aus Pompeji( Nr. 78 und 79) nicht auf den fchärferen Sinnenreiz los, fondern begnügt fich da mit jener coketten Grazie, die jenen franzöfifchen Römerinen ganz zierlich fteht.„ Die fterbende Kleopatra" von Giboux ift fchon ein älteres Bild; es gehört einfach in die Claffe der Nuditätenmalerei mit Benützung einer beftimmten hiftorifch gegebenen Situation. Im antikifirenden Genre- und Studienbild, treten fonft noch Alboy- Rebout( Nr. 3) und J. Dehaufsy( Nr. 79) hinzu. Victor Giraud, ein Schüler Picot's, fchlägt mit feinem„ ,, Sclavenhändler" gleichwohl ganz in die Art Gérôme's. Das in Frankreich vielfach gemalte Thema des Weiberverkaufes auf offenem Markt ift ftatt des fonft üblichen orientalifchen Schauplatzes in die antike Scenerie verfetzt, wieder nur eine Variation von Gérôme's: A'Vendre. Die grofse Meifterfchaft in der Farben bravour und Modellirung des Nackten verdeutlicht aber die Widerlichkeit des Gegenftandes, ftatt fie zu mindern. Und nun noch zu den Orientmalern. Da, wo fie die fremde Stammesart mit energifchem Pinfel in ihrer Eigenthümlichkeit fchildern, wirken fie künftlerifch am bedeutfamften: fo abermals Boulanger in feiner„ Erinnerung an die Sahara"( Nr. 80) und in der ,, Flucht der Kabylen"( Nr. 81). Befonders auf dem letzteren Bilde find die nackten, dunkelfarbigen Körper in ihrem hageren, fehnigen Bau vortrefflich gezeichnet; die Aufregung in den Köpfen und der ganzen Bewegung, das Drängende der Flucht, die einen Berg hinab gerade auf den Befchauer losgeht, erfcheint meifterhaft erfafst. Auch Léon Bonnat begegnen wir im Orient mit feiner„ Strafse in Jerufalem" und den Sheiks von Allabah"( Nr. 61 und 62); ebenfo L. Aug. Belly mit feinen bereits lang bekannten„ Pilgern nach Mecca"( von 1861). Der Letztere ging, wie man weifs, von der Landfchaft aus, verfteht es aber auch, das volle Sonnenlicht und den wolkenlofen Himmel für die orientalifche Staffage wirkfam zu verwerthen. Felix Clement, von dem im Centralfaale der Tod Cafar's" ausgeftellt war, ift feiner vorwiegenden malerifchen Gewohnheit nach gleichfalls Orientmaler; er iſt in dem Strafsenleben Cairo's zu Haufe, wie fein älteres Bild:" Fêtes au Caire"( Nr. 140) zeigt, und liebt es, uns ebenfó Typen und Einzelftudien aus Egypten, Nordafrika und der Levante vorzuführen: fo einen Berberknaben, der einen kleinen Hund kneift( Nr. 137), eine Wafferverkäuferin aus Caferzaiak( Nr. 138), eine ägyptifche Pomeranzenhändlerin( Nr. 139). " 9 G. Guillaumet ftudirt wieder mit Vorliebe die Landbevölkerung Nordafrikas zufammt der landfchaftlichen Wirkung der ausgebrannten Natur mit ihrem trockenen Sonnenglanze, den fcharfen, grell beftimmten Localfarben(„ Weiber von Douar am Fluffe", Nr. 311;„ Feldarbeiter an der Grenze von Marokko", Nr. 312); ein eigenthümlich geftimmtes Bild bringt er zudem in feinem„ Abendgebet in der Sahara"( Nr. 312). Auch darum pilgern die franzöfifchen Maler fo häufig nach dem Orient, weil fie für ihre brillante, immer noch nach einer Ueberfteigerung des Effectes ftrebende Technik des heifsen Sonnenfcheines und der blendenden Farbe nie genug haben können, die man dort eben aus erfter Hand bezieht.- Wieder nur einzelne Volkstypen und Halbfiguren, vergrösserte malerifche Abfchriften aus der Studienmappe, aber von vorzüglichfter Ausführung, brachte die bewährte Künftlerhand Charles Landelle's: ein Fellahweib( Nr. 383), eine Jüdin von 56 Dr. Jofef Bayer. - Marokko als Wafferträgerin( Nr. 385), eine Almeh( Nr. 387); zwifchendurch aber auch, mit beliebiger Erweiterung der ethnographifchen Studien, Zigeuner und Zigeunerinen, einen Serbenknaben und eine Circaffierin. Das eigentliche, intimere Sittenbild der algerifchen Provinz und Egyptens ift in liebenswürdiger Weife durch Mr. Henriette Browne vertreten. Da ift kein blofes, äufserlichmalerisches Befchauen der fremden Volksart, die etwa zur Studie ausreichen mag fondern durchaus ein gemüthliches Sich- Einleben in diefelbe, wie fie das richtige Genrebild fordert. Die vorzügliche Künftlerin ift bei den Parteien in dem orientalifchen Gerichtshof und unter der Schuljugend von Cairo( Nr. 98 und 99) fo heimifch, wie unfere deutfchen Genremaler es nur irgendwie unter den Schwarz wälder Bauern und der bezüglichen lieben Landjugend fein können Die feine Eleganz ihres Pinfels bei grofser, detaillirender Beftimmtheit, die helle Tonleiter ihrer Farbe erinnert übrigens, wie Jul. Meyer hervorhebt, deutlich an ihren Meifter Chaplin. Jules Clarin, ein Schüler Picot's, brachte einen Teppichhändler aus Tanger", gut gemalt, aber bei Weitem nicht fo individuell. Wenn die Judenmalerei fo ziemlich durch das Genrefach aller Länder geht, bald fentimentalernsthaft, bald nur mit einem malerifchen Intereffe an dem fremdartigen und feltfamen Extérieur, bald auch mit einem ironifch- malitiöfen Zuge, der fchon bei uns in Oefterreich beginnt und fich durch Polen und Rufsland hin nicht nur in den focialen Beziehungen, fondern auch auf der Palette fteigert: fo fcheint in Frankreich zunächst nur der orientalifche Jude das volle malerifche Bürgerrecht zu haben. Alfred Deñodency, der zunächft den Charakter des fpanifchen Wefens in Local und Colorit treu wiederzugeben verftand, hat fpäter dem jüdifchen Leben im Orient, namentlich in Marokko, feine Aufmerkfamkeit zugewendet. Wir fahen von ihm auf der Weltausftellung eine„ jüdiſche Hochzeit" und ein„ jüdiſches Feft in Tanger"( Nr. 182 und 184). - Die richtige, modern- franzöfifche Verwerthung des Orientes ift allerdings jene nach der Seite des Sinnenreizes und dann der malerifchen Blutgier, wenn man uns diefes Wort geftatten mag. Jetzt müffen vorerft noch etliche Tänzerinen auftreten, von denen es zweifelhaft ift, ob wir fie für wirkliche Almehs oder für etwas mehr entkleidete Ballerinnen zu halten haben(„ Braïfa, die Tänzerin") ( Nr. 163) von Pier Cot, eine Almeh in Cairo( Nr. 633) von Em. Vernet Lecomte; dann bekommen wir gelegentlich durch die gelüfteten Vorhänge des Harems eine nackte Odaliske zu fehen, wie jene von F. Roybet( Nr. 579) und als Schlufstableau folgt dann eine orientalifche Henkerfcene, das Bild einer Hinrichtung inmitten der Pracht und Herrlichkeit eines maurifchen Herrfcherpalaftes. Ich erwähne da das vielbefprochene und vielbeftrittene Bild von Al. Regnault:„ Exécution fans jugement"( Nr. 544). Im Gräfslichen ift da allerdings das Aeufserfte geleiftet. Der Henker, der fich eben mit theatralifcher Geberde den Säbel am Gewande abwifcht- die unheimliche Beziehung der beiden Köpfe zu einander: desjenigen, der noch auf den Schultern fitzt und des abgefchlagenen auf dem Boden, der mit verglaften Blick zu feinem Henker emporzufchauen fcheint- dazu die niederriefelnde, mit grauenhafter Wahrheit gemalte Blutlache auf der weifscn Marmortreppe des Palaftes: diefs Alles gibt einen Gefammteindruck des mit finnlicher Unmittelbarkeit fich aufdrängenden Entfetzens, wie man ihm in der Kunft nicht leicht wieder begegnet. Mit der Blutfcene contraftirt würdig der feftlich- heitere, faft märchenhafte Farbenfchimmer des Intérieurs der Alhambra, welcher den mit höchfter coloriftifcher Virtuofität ausgeführten Profpect des Gemäldes bildet.( Die Aquarellftudien dafür das Motiv ift von, dem Saale der beiden Schweſtern" entnommen- find an fich fchon von feltener Meifterfchaft; wir fahen fie gleichfalls unter der reichen und höchft werthvollen Collection von Zeichnungen und Aquarellen, welche die Franzofen ausgeftellt haben). Trotz des entfetzlichen Gegenſtandes feffelt uns das Bild Regnault's künftleriſch in hohem Grade; das bizarre, blutig- häfsliche Problem ift mit grofsem malerifchen Sinne gelöft, der Henker, wie der Rumpf des Enthaupteten find nicht ohne Grofsheit - - ganz merk Die Malerei. 57 der Auffaffung und der erftere, bei all feiner theatralifchen Haltung, die übrigens in die franzöfifche Kunftweife mit eingerechnet werden mufs, beinahe fchon eine Figur im echten hiftorifchen Stil. Jedenfalls hat die franzöfifche Kunft in Regnault, der, wie man weifs, am 19. Jänner 1871 im Gefechte von Buzenval fiel, eines ihrer glänzendften Talente verloren. Als ein Prunk- und Ceremonienbild aus dem orientalifchen Alterthume könnte man füglich Charles Chazal's Königin von Saba"( Nr. 128) bezeichnen. Im biblifchen Sinne ift das Bild nicht gedacht, eher findet man fich an eine affyrifche Hoffcene gemahnt, die nach den ninivitifchen Reliefs in modernifirter Weife arrangirt und colorirt ift. Wir haben an diefem Bilde, das fonft in der Farbe feftlich wirkt, auch fo eine Probe von der Rückwirkung der modernen Ausgrabungsftudien auf die Kunft. An die Stelle der grofsen hiftorifchen Auffaffung ift die hiftorifche Coftümkunde getreten; der gefchichtliche Sinn hat fich an das archäologifche Intereffe entäufsert. Die Ausftattungsoper und das Ballet bedienen fich heutzutage ebenfo des archäologifchen Effectmittels, wie gelegentlich die Malerei. Chazal's Königin von Saba, fo wie in der deutfchen Ausstellung der Pyramidenbau von Guftav Richter fchlagen da künftlerifch in diefelbe Richtung, wie Verdi's" Aida" oder die Ausftattung zu dem grofsen Ballet Sardanapal. Wenn man die ftärkeren Reizmittel des Effectes aus dem Orient bezieht, fo fucht man die anfprechenden malerifchen Motive wieder mit Vorliebe in Italien und Spanien auf. In beiden Ländern kehrt die franzöfifche Genrekunft häufig ein. Befonders fanden wir die italienifchen Stoffe ebenfo reichlich als anziehend vertreten. Ein guter Theil davon waren Studien und Einzelfiguren; fo Charpentier's junge Italienerin"( Nr. 124), Ed. Sain's„ Mädchen von Capri"( Nr. 577), de Connink's reizende Römerin( Nr. 177). Auch hier war das Weib, wie überall im franzöfifchen Genre, bevorzugt. Schönen Italienerinen, wenigftens folchen mit einem pikanten oder intereffanten Zuge, fahen wir allenthalben in die tiefen fchwarzen Augen, dagegen trafen wir kaum an einer Stelle auf umfaffendere Schilderungen aus der Volkswelt felbft. Einfache und anfprechende Momente aus dem Gefühlsleben der Mutter, des Mädchens und des Kindes, durch die natürliche Anmuth und lebhafte Aeufserung des italienifchen Naturells gehoben, brachten in ausgezeichneter Weife zunächft der treffliche William Bouguereau, dann auch Diogène Maillard vor allem Léon Bonnat. Namentlich deffen„ römifche Mutter", der ihr Töchterchen fo recht herzhaft um den Hals fällt( Nr. 64), erfreute fich bei der Ausstellung einer grofsen Popularität. Es iſt diefs auch in der That ein ebenfo liebenswürdiges, als bedeutendes Bild, aus dem uns vier leuchtende Augen voll Temperament und Liebe entgegenblicken. Das glänzende und warme Colorit, fo wie die treffliche Modellirung erhöhen den Werth der anmuthig abgefchloffenen Darſtellung. Nicht weniger anziehend, voll frifcher anmuthender Naivetät war ein anderes kleines Bild von Bonnat, mit der Bezeichnung:„, Non piangere!" ein italienifcher Junge fein Schwefterchen beruhigend, dem die Thränen in den Augen ſtehen. Das find bei aller Einfachheit ftets fruchtbare Motive, die fich für die Genremalerei immer wieder empfehlen. und Die Frauengruppe in dem etwas anfpruchsvoll grofsen Gemälde Jean Benner's„ Nach dem Sturm zu Capri" hatte zu viel Pofe und theatralifches Pathos, als dafs man wirklich darin eine richtige Aeufserung der italienifchen Volksfeele wahrnehmen könnte. Sehr intereffant war es uns hingegen, Erneft Hébert's bekanntes Bild: Die Frauen von Cervara", die eben vom Brunnen kommen( Nr. 223), und noch eine zweite italieniſche Brunnenfcene desfelben ( Nr. 224) auf der Ausftellung zu finden. Das erftere war mit feiner„ Rofa Nera" ichon 1859 in Paris ausgeftellt; es gehört mit Recht zu den berühmten Bildern des Meifters. Sowie Robert der Epiker des italienifchen Sittenbildes war, fo ift Hébert gleichfam der Lyriker desfelben; der plaftifch grandiofen Behand32 58.. Dr. Jofef Bayer. lung des erfteren tritt bei ihm zugleich eine gewiffe malerifche Weichheit gegenüber. Sein Hauptthema find eben die Brunnenfcenen, die eben fo unerfchöpflich an Poefie, wie an malerifchem Reiz bleiben.- Damit auch die italienifche Kirchthür und Strafsenftaffage nach ihrer derb realiftifchen Seite zur Geltung kommen, fo hat uns T. Robert Fleury die alten Weiber vom Platze Novana in der Kirche St. Maria della pace( Nr. 556) vorgeführt. Es find die Damen der Halle" vom Gemüſemarkte zu Rom. Von Spanien wiffen uns die franzöfifchen Genremaler auch Mancherlei zu erzählen. Die Arena der Stiergefechte bietet da zunächft intereffante Motive für das novelliftifche Genrebild dar, denen der aufregende Reiz, felbft auch ein gewiffes tragifches Intereffe nicht fehlt. Dahin gehört das Bild von Jules Worms Picador partant pour la courfe"( Nr. 652) und Pierre Giraud's " La Devifa"( Nr. 291); beide ebenfo ftofflich intereffant, wie malerifch effect voll behandelt. Georges Vibert's" Une Cour de Diligence"( Nr. 639) ift wieder ein geiftreiches, luftiges Gegenftück zu jenen ernften Bildern mit echt fpanifchen, humoriftifch aufgefafsten Typen. Enrique Melida, felbft ein Spanier, der fich zur franzöfifchen Schule bekennt, gibt uns in dem Bilde„ Une Meffe de Relevailles en Espagne( Nr. 478) eine ebenfo bezeichnende als gut gemalte Genrefcene. Das unterhaltende Genrebild im engeren Sinne des Wortes, in welchem fich der deutfche Malerhumor fo fehr gefällt, mit feinen kleinen Ge fchichtchen, feinen bald deutlich ausgedrückten, bald halb zu errathenden Beziehungen fanden wir in der franzöfifchen Ausftellung weniger vertreten. Die Franzofen haben nicht jenen unermüdlich redfeligen deutſchen Erzählungseifer im Bilde, und thun recht daran. Die Genremaler der bedeutenden Kunftzeiten, fo die guten Niederländer, hatten diefe Paffion auch noch nicht und begnügten fich ftets nur mit der einfachen, malerifch dankbaren Situation. Der Humor im Bilde, ebenfo das Pikante und Anregende darin liegt in der Geberde und Bewegung, in gewiffen feinen charakteriftifchen Zügen, ohne dafs wir dabei eine ganze Anekdote mit in den Kauf bekommen müffen. Bunte Lebensbilder, in diefem Sinne erfafst, von feiner Beobachtung und meift grofser coloriftifcher Fertigkeit, bot die franzöfifche Ausstellung mehrere zur Schau. Da wären zunächft die vorzüglichen Bilder von Et. Berne Bellecour:„ Nach der Proceffion"( Nr. 40),„ Ruffifcher Chaffeur"( Nr. 41), ,, Aus dem Sattel gehoben"( Nr. 42); fämmtlich Cabinetsftücke von auserlefe nem Range. Dasfelbe gilt von den Genrebildern Georges Vibert's:„ Der Hochzeitsmorgen"( Nr. 641),„ Ein Trödler"( Nr. 642). Sein Proträt des Schaufpielers Coquelin von der Comédie Françaife in der Rolle des Mascarill und des Herrn Albert Goupil in perfifchem Coftüm find intereffante Beiſpiele einer geiftvollen genreartigen Benützung der Bildnifsmalerei. Unter den Genrebildern der humoriftifchen Richtung ift Pierre Frère's" Bubenfchlacht mit Schneeballen"( Nr. 265) mit glücklichfter Laune erfafst und von geiftreicher Behand lung; das anmuthige Element im Genre, mit ebenfo grofser Feinheit in der Empfindung, wie in der malerifchen Ausführung, vertritt auf das Vorzüglichfte W. Bonguereau in den Bildern:„ Das Gelübde zur heiligen Anna"( Nr. 72). Verführung"( Nr. 73),„ Die Spinnerin"( Nr. 74). Hart daneben ftellte fich wieder das Bizarre, noch obendrein in wildfremder Umgebung, in L. Leloir's " Zauberin"( Nr. 450), die mit ihren Schlangen, die fie um Hals und Arme hinüberwirft, fich vor einem Publicum von Wilden producirt, die mit glotzenden Blicken dareinfehen. Von einem malerifchen Intereffe, ohne durch den abfichtlichen Reiz des Nackten wirken zu wollen, find die badenden Frauen zu Douarnenez" von Fr. Bridgeman( Nr. 91), einem Newyorker und Schüler von Die Möncherei, für das deutſche Genrebild ein breites Feld fatyrifcher Schärfe und humoriftifchen Behagens, fpielt in der franzöfifchen Kunft kaum eine " Gérôme Die Malerei. 59 Rolle. Theils ift da der katholifche Refpect noch ziemlich grofs, theils entfcheidet fich der malerifche Tact da, wo Mönche figuriren, für den Gebrauch derfelben als Staffagefiguren in Klofterhöfen oder ftimmungsvoll gehaltenen Intérieurs. Hieher wären die trefflichen Klofterftudien aus Nizza( Nr. 281-283) von Theophile Gide zu rechnen: dann das Laboratorium der Capuzinerapotheke in Rom von Armande Leleux( Nr. 436). Der Letztere hat noch eine Reihe fehr anziehender Genrebilder ausgeftellt; zwei davon find aus dem Schweizer Volksleben gegriffen:„ Die proteftan tifche Trauung"( Nr. 431) und„ La cauferie à la fontaine"( Nr. 432). Es find wohl auch ältere Bilder diefes erprobten Genremalers, der unter die wandernden Maler gehört, zuerft fchon in den Vierzigerjahren Scenen aus dem Schwarzwalde und aus Tirol brachte, dann gelegentlich in der fpanifchen Pofada mitkneipte, hierauf auch in der Schweiz fich umfah und endlich italienifche Mönche vor feine Palette nahm. Auch Guftave Jundt, ein Strafsburger, der fich noch als Schüler von Drolling bezeichnet, ift ein Reifemaler, wohl auch ein Gefchichtenerzähler, ein Freund der Bauernanekdote, die er fich wiederum aus dem Schwarzwalde und aus Tyrol herbeizuholen liebte: eine Paffion, in der fich fein elfäffifchmanifches Naturell nicht verläugnet und worin er mit anderen Elfaffer- Landesgenoffen, felbft mit den bedeutenderen G. Brion gelegentlich zufammentrifft. Obgleich der Kunftſchule nach franzöfifch, gehören doch die Elfäffer Maler in der Empfindungsweife zu uns. Von den Bildern Jundt's wären diefsmal die ,, Amme im Walde"( Nr. 372),„ Ein Wafchplatz"( Nr. 373),„ Seiltänzer im Regen"( Nr. 374), Die Rückkehr vom Fefte"( Nr. 375) zu erwähnen; ein franzöfifches Tendenzbild des Elfaffers, durch den Krieg von 1870 angeregt, kommt fpäter noch an die Reihe. -gerEinen ganz eigenen Eindruck macht es, dafs wir gelegentlich auch die franzöfifche Gelehrtengefchichte im Genrefache auftauchen fehen. Da malt Eugène Fichel, ein Schüler von Delaroche, einmal ,, Daubenton in feinem Laboratorium der Mineralogie und Ornithologie"( Nr. 253) und„ Lacépède, die Naturgefchichte der Fifche fchreibend"( Nr. 254). Das find allerdings nichtsweniger als malerifche Motive; gleichwohl ift der ftille, ruhig fortwirkende Gelehrtenfleifs in dem Ausdrucke der Köpfe fowohl, als in der ganzen Umgebung der wiffenfchaftlichen Werkstätte mit feinem und gewiffenhaftem Pinfel charakterifirt. Fichel fteht in der Delicateffe und Sorgfamkeit der Ausführung, fowie in dem mikrofkopifchen Auge für das Detail Meiffonier fehr nahe; nur ift er in der kleinen Malerei nicht fo geiftreich wie diefer. Wir werden auf die gröfseren Meifter im Kleinen gleich zu fprechen kommen. Vorerft müffen wir aber noch ein ganz grofses Bild aus der Gelehrtengefchichte von A. Feyen- Perrin,„ Die Vorlefung über Anatomie von Dr. Velpeau"( Nr. 246) erwähnen. Es ift die moderne Variation des wohlbekannten Rembrandt'fchen Themas. Das Demonftriren und aufmerkende Mitfolgen und Beobachten in den Köpfen ift gut charakterifirt; fie machen den Eindruck von Porträts in einer beftimmten Situation. Mit Rembrandt ift es freilich fchwer, da zu concurriren. Doch nun zu Meiffonier. Mit grofser Achtung begrüfsten wir in der Ausftellung die gröfseren und kleineren Bilder des berühmten Meifters( Nr. 479 bis 485). Man weifs, was diefer Name wiegt und bedeutet. Er hat von dem holländifchen Cabinetsbild der beften Zeit eine freie Ueberfetzung im eleganteften modernen Franzöfifch geliefert, und diefs ift fo eigentlich feine Specialität. Fern von dem leidenfchaftlichen Zuge der modernen franzöfifchen Richtung, entwickelte er bei fich eine kühle Schärfe der Beobachtung, eine bewunderungswürdige Reinlichkeit und Beftimmtheit des Colorits und jene Feinheit des malerifchen Sehens, die im Kleinen ihre Wunder wirkt. In feinem koftbaren Bildchen fafst fich gefundes Gemüth und klarer Blick in eine engbegrenzte Wirklichkeit knapp und beftimmt zufammen. Faft möchte man diefem Meifter gegenüber glauben, dafs Beides in der franzöfifchen Kunft fich nur in diefer Miniaturform concentriren 60 Dr. Jofef Bayer. läfst, während es in ihren gröfseren Formen bei aller effectvollen Darftellung zergeht. Da wird fie mehr grofsfprecherifch als grofs und gibt das Gemüth an die bewufste Phantafterei, die beobachtete Wirklichkeit an eine für den Effect zurechtgeftellte preis. Meiffonnier machte bekanntlich feine Studien zunächft in den Sälen des Louvre; er copirte nicht geradezu die alten Cabinetsmaler, aber er fah durch ihre Bilder hindurch in ihr Auge und fragte ihnen das Geheimniss ab, wie fie die Menfchen und die Dinge anfahen und im Bilde wiedergaben. So gelang es ihm bei lebendigem Leibe eine Kunfthändler- und Auctionstaxe für feine Leiftungen zu erreichen, wie fie fonft nur bei den Werken altberühmter Meifter vorkommt. So fcharf ausgeprägt ift feine Eigenthümlichkeit, dafs felbft feine kleinen coloriftifchen Gebrechen, der kühle graue Ton, der durch feine etwas grell aufgefetzten Localfarben geht, fein mehr fcharf hinfchreibender als faftig malender Pinfel, die mitunter mangelhafte Abtönung in den Mittel- und Hintergrund hinein nicht als Fehler, fondern nur als ein bezeichnendes individuelles Merkmal gelten, wie man folches auch an älteren Meiftern nicht tadelt, fondern vielmehr als eine Befonderheit, als Erkennungszeichen hervorhebt und fchätzt. Und fo ift es auch bei Meiffonnier. Jene kleinen Mängel find zugleich Bedingung feiner fo durchaus beſtimmten Ausdrucksweife. Die aufmerkſammen Befucher der Ausftellung hatten Gelegenheit genug, die Eigenthümlichkeit des Meifters an den Bildern ,, Der Schildermaler"" Eine Kugelpartie zu Antibes"," Ausgang einer Kartenpartie"," Der Weg von Salice nach Antibes" zu ftudiren. Die Epiſode aus irgend einer der Schlachten Napoleon's I. dagegen zeigt uns ihn auf dem Felde der Kriegsmalerei, zu dem ihm 1859, wo er im Gefolge des Kaifers den italieniſchen Feldzug mitmachte, ein officieller Anlafs geboten wurde. Ich kenne nicht fein militärifches Hauptbild:„ Der Kaifer vor Solferino", das im Salon von 1864 aus: geftellt war und fich nun im Luxembourg befindet. Die vereinzelte Probe, die wir diefsmal fahen, vermag uns in diefer Richtung Meiffonier's nicht hinreichend zu orientiren. Es ist viel charakteriftifche Beftimmtheit in dem Bild; ob aber der geniale Kleinmeifter für den Esprit militaire nach franzöfifchen Begriffen völlig ausreiche, mögen die Franzofen felbft entfcheiden. Das Bild ift übrigens nicht fertig gemalt und die Farbe befonders in dem fcharfen Grün unvermittelt und grell. Mit Meiffonier in der zierlichen Kleinmalerei verwandt find die reizenden Bilder von Eugène Feyen. Wenn fich Meiffonier in der Regel nur auf wenige Figuren befchränkt und nur feltener, wie in feinen„ Joueurs des boules" oder in dem Bilde ,, Der Sonntag" fich unter viele Mefchen, in das bunte Treiben des Volkes begibt, fo ift Feyen fo recht in der Menfchenmenge zu Haufe. Dabei weifs er doch feine niedlichen Figürchen ohne Andrang und Verwirrung hinzuftellen und fie felbft in diefer Kleinheit bewunderungswürdig individuell zu faffen. Seine Wäscherinen von Cancalais"," Die Verfammlung auf dem Mont Dole", dann zwei prächtige Strandfcenen( Nr. 241 bis 244) find bezeichnende Proben feiner eigentlichen Meifterfchaft, fo wie der glatten, feinen, allerdings auch etwas kühlen Manier feines Vortrages. 94 Das ländliche Genre, die Schilderung des Bauernlebens, hat in Frank reich auch fo wie in Deutſchland eine bedeutende Entwicklung genommen Allerdings unterfcheidet fich das franzöfifche Bauernbild von dem deutſchen bei läufig fo, wie eine Dorfgefchichte der Georges Sand von einer von Auerbach oder Jeremias Gotthelf. Gewöhnlich gefteht man den franzöfifchen Bildern, die das Leben und Treiben des Landvolkes fchildern, die malerifche Wirkung zu, will aber in ihnen einen Abgang des feelifchen Lebens, eine mehr äufserliche Auffaffung der Bauernexiftenz nach der mehr typifchen, als individuellen Seite bemerken. Empfindung möchte ich in den bedeutenderen Leiftungen diefer Art keineswegs vermiffen; es ift eben ein anderer Zug des Empfindens, als bei uns; und es ift auch wohl kein Fehler, dafs die Empfindung da ganz in dem male. rifchen Ausdrucke aufgeht. Hat das deutſche Bauerngenre eine mehr ins Einzelne gehende gemüthvolle Charakteriſtik, fo das franzöfifche wieder mehr Haltung Die Malerei. 61 und allgemeine Stimmung. Wenn unfere perfönliche Bekanntfchaft mit den Dorffchulzen, den Grofs- und Kleinbauern der Bretagne und Normandie auch nie fo eingehend und intim wird, wie mit den Bauern unferes Schwarzwaldes oder der oberbaierifchen und Tiroler Alpenthäler, fo empfangen wir dort doch auch den vollen Eindruck der ländlichen Exiftenz und fühlen uns durch fie geftimmt und bald freundlich, bald ernft angemuthet, felbft wenn wir uns nicht veranlafst fühlen, jedem Einzelnen diefer biederen Landleute fo fcharf ins Geficht zu fehen. Neben dem porträtirten und haarklein erzählten Bauernleben in unferen deutfchen Bildern hat jene Schilderung desfelben im Allgemeineren gleichfalls ihre Berechtigung. Wir hatten Gelegenheit, die beiden bedeutendften Meifter des bäuerlichen Sittenbildes auf der Weltausftellung nebeneinander zu fehen: Jean François Millet und Jules Adolphe Breton. Von dem Erfteren war fein ,, Sämann" ausgeftellt und jenes merkwürdige Bild, welches das ländliche Genre ins PhantaftifchTragifche hinüberführt und von der Ausstellung 1859 einftmals zurückgewiefen worden war:„ Der Tod und der Holzhacker." Der Letztere brachte aufser den längftbekannten Bildern, Die Segnung der Felder" und„ Die Einberufung der Aehrenleferinen" aus der Sammlung im Luxembourg, zwei vorzügliche Gemälde, die fich im Privatbefitz befinden:„ Die Freundinen"( Nr. 87) und die„ Brunnenfcene"( Nr. 89). Millet ift herber und fchroffer als Breton; obgleich Naturalift, hat er einen gewiffen Stil in der Art, die Form breit und feft zu umfchreiben, das Colorit auf wenige entfchieden hingefetzte Töne zu befchränken, die aber doch die volle Wirkung der Naturwahrheit wiedergeben. Es ift ein rüftiger Bauernftil in der Malerei, den er fich gefchaffen, feinem Gegenftande und feiner Auffaffung des Landlebens durchaus gemäfs, derb und markig, ohne doch niedrig zu werden; und fowie der Landmann während feiner fchweren Arbeit nicht leicht ein überflüffiges Wort verliert, fo ift auch die Pinfelführung Millet's zufammengefasst, ernft und fchweigfam, ohne alle Farbenplauderei. Er fchildert den Bauerncharakter, wie er in feiner Befchäftigung aufgeht, meift freudlos, ernft und verfchloffen; fo ift fein Sämann", der diefsmal ausgeftellt war, fo auch feine anderen zum Theil wohl bedeutenderen Bilder, die fich in Frankreich befinden: die, Heubinder", die ,, Schnitter beim Mittagsmahl", der Bauer, der ein Bäumchen gepfropft hat oder auf feine Hacke geftützt ausruht u. dgl. Breton ift farbenfreudiger als Millet; fein Auge ift heller und hält weitere Umfchau, fein Horizont, auch in buchstäblich malerifchem Sinne genommen, ift gröfser. Man athmet bei ihm den Hauch der Flur und des Getreidefeldes ein und fieht die blauen Kornblumen zwifchen den Halmen hervorleuchten. Er ift fo recht ein Maler der Feldarbeit, der Mühen um die Ernte und des heifsverdienten Segens, den fie den Landleuten bringt. Die Mädchengeftalten überwiegen bei feinen Darftellungen des bäuerlichen Lebens, fie bringen einen mildernden, anmuthenden Zug in die Schilderung der ländlichen Arbeit. Die Tageszeiten derfelben weifs er im Einklang der Naturftimmung vortrefflich zu fchildern, und wenn man bei Millet zunächft an die harte Plackerei des Bauernftandes gemahnt wird, fo fühlt man bei Breton fo recht mit, was denn auch ein ländlicher Feierabend nach den Mühen des Tages bedeutet. Seine„ Aehrenleferinen", die beim einbrechenden Abend zur Heimkehr gerufen werden, find ein Mufterbild diefer Art. Ich erinnere hier an ein treffendes Wort aus Julius Mayer's Gefchichte der modernen franzöfifchen Malerei, das nicht nur diefs Bild, fondern die Auffaffungsweife Breton's überhaupt kennzeichnet:" Was über diefe harte Realität einen poetifchen Hauch und Schimmer ausgiefst," das ift die feine über das ganze Bild gleichmässig ausgebreitete Lichtftimmung. Darin ift Breton Meifter. Er weifs die Landfchaft wie die Menfchen in das feelenvolle Element des Tons, hier in die fanfte dämmerige Stimmung des fpäten Abends hereinzunehmen und doch den Figuren Deutlichkeit der Formen und die Klarheit der Localfarbe zu laffen." Derfelbe Vorzug tritt bei dem neueſten der Bilder Breton's, den beiden lebensgrofsen Mädchen am Brunnen" hervor. Ein mildes Helldunkel bei klarem Luftton webt ע " 62 Dr. Jofef Bayer. feine Schleier um das Gemälde. Die beiden Mädchen, von denen das eine den Krug fchon gefüllt hat, und das andere ihn noch knieend hält, find von einer fchlichten Anmuth, die den vollen Reiz einer Idylle übt. So fucht das ländliche Sittenbild der Franzofen das Landvolk bei der Arbeit des Tages oder der Ruhe des Abends, bei härteren oder einfacheren Befchäftigungen auf. Es fchildert dasfelbe mehr nach generellen als perfönlichen Zügen; es läfst die landfchaftliche Wirkung mit der ländlichen Existenz in diefem eingefchränkten Menfchendafein zufammenwirken, deffen ftrenge Härte durch die weichumfangende Stimmung von Luft und Licht wie gemildert erfcheint. Solche Bauernfcenen, wo die einzelnen Geftalten individuell heraustreten, ein Paar Augen in einem fcharf charakterifirten Angefichte fich auf uns heften, finden wir da nicht. Die Details des Familienlebens in der Bauernftube, das Sonntagstreiben in der Schenke, der Kirmestanz und der Ausbruch feftlicher Luft fcheinen da ein ebenfo fremdes Element zu fein, wie andererfeits die mit tieferem Ernfte erfafsten Momente des bäuerlichen Lebens. Bezeichnend ift es, dafs, wie über haupt in der franzöfifchen Kunft, auch im ländlichen Genre das Weib den Vortritt hat. So bringt uns Augufte Feyen- Perrin einmal eine Kornfchwingerin als Einzelfigur, dann wieder eine Gruppe von Bäuerinen aus Cancale, in derfelben Befchäftigung begriffen. Edmund Hedouin, der mit Vorliebe das arbeitfame Treiben des Landvolkes fchildert, aber dabei mehr einen gefchärften realiftifchen Blick, als den poetifchen Zug Breton's zeigt, ftellte abermals feine ,, Aehrenleferinen aus Loiret" aus, die fich im Luxembourg befinden, zudem eine„ Bäuerin aus St. Jean de Luz in den Unterpyrenäen". Jean Trayer zeigt uns einen Kreis bretonischer Schneiderinen, die mit ihrer Nadel auf dem Lande wohl keinen Sparpfennig verdienen. Luftiger geht es bei Marchal's ,, Dienftmädchen- Jahrmarkt zu Buchsweiler im Elfafs" zu. Eigentlicher Humor ift freilich nicht in dem Bilde, ja die Art, wie die Bauern die in einer Reihe aufgeftellten Mägde muftern, hat fogar faft einen frivolen, fehr unländlichen Beigefchmack. Die drallen, frifchen Elfafferinen von demfelben Maler, die auf dem Kirchgange unterwegs im Freien Luther's Choral anftimmen, vereinigen dagegen fehr gut den Eindruck der Lebens. luft mit dem der naiven Andacht. Bekanntlich hat der Elfafs für die franzöfifchen Genremaler feit jeher neben der Bretagne und Normandie die gröfste Anziehungs kraft geübt. Diefes Land hat nun nicht allein der Staat, fondern wohl auch die Kunft in Frankreich verloren, und die deutfche Volksmalerei, im Schwarzwald längft fchon fefshaft, dürfte fich wohl bald auch das Gebiet bis zu den Vogefen hin annectiren. Es mag weh thun, wenn auch die Kunft vorausfichtlich eine Provinz verliert. Guftave Brion und der ebenerwähnte Charles Marchal,-jener felbft ein Elfaffer aus Rothau, aber Schüler von Guérin, diefer ein Parifer,- haben fich in die elfafs'fche Stammesart mit Eifer einftudirt und deutfches Volkswefen mit franzöfifchen Kunftmitteln, oft, aber auch mit einem ftarken Anklange an die deutfche Empfindungsweife wiederzugeben gefucht. Bei Marchal, der erft fpäter fich von den Pikanterien des modernen Parifer Lebens hinweg dem Elfafs zuwandte, fieht man wohl die Abficht durch, fich dem Naiven nähern zu wollen, wie in beiden obenangeführten Bildern, die fchon von 1863 und 1864 herdatiren. Tiefer in feiner Empfindung geht Brion. Er nähert fich auch hierin den deut fchen Volksmalern, dafs er gleich diefen auf die Bedeutfamkeit der Situation Gewicht legt, das Leben des Landmannes in Freud und Leid nach feinen wichtigeren Momenten, felbft mit detaillirender Charakteriſtik der einzelnen Figuren, vorführt. Er erzählt und fchildert, wie wir es in Deutſchland bei unferen Darftel lungen aus den Bauernkreifen gewohnt find, wenn auch mit jener flüchtigeren nier der Ausführung, die wieder feiner franzöfifchen Kunstweife eigen ift. Die Ausftellung brachte mehrere, allerdings nicht durchaus die bezeichnendften Bilder von ihm; fo feine„, Rheinflöffer",„ Die Hochzeitsgefchenke" und„ Die Pilger St. Odile". Um fchliesslich uns wieder dem anderen Ende Frankreichs zuzukehren, fo bildet in der Bauernmalerei die Bretagne einen gar intereffanten Gegenfatz " Mavon Die Malerei. 63 zum Elfafs. Es iſt eine mehr dumpfe, befangene Exiftenz, ein eingefchränktes, abgefchiedenes Bauernleben gegenüber dem freieren Wefen, den offenen Stirnen und hellen Augen, die uns im Elfafs, in der Wirklichkeit fowohl, als im Bilde, entgentreten. Eugen Leroux ift( fo wie Fortin) in der Häuslichkeit der dürftigen bretonifchen Hütten heimifch und weifs uns das Stück Leben, das fich da in engftem Raume abfpielt, malerifch anfchaulich zu machen. Sein Bild ,, Vor der Beerdigung"( Nr. 445) im Innern eines Haufes in der Bretagne zeigt uns die Ausstellung der Leiche eines breton'fchen Bauern. Es hat die richtige Stimmung des Momentes und jenen brütenden Zug der Trauer, der fich freilich nicht zu der ergreifenden Kraft der Bauernbegräbniffe von Knaus und Vautier erhebt. Einen gelegentlichen Blick in die Bretagne läfst uns auch Charles Giraud thun; in den Bildern:„ Die Rückkehr vom Markte"( Nr. 289) und„ Fifcherin von der Küfte der Bretagne"( Nr. 290). Nicolas Berthon ift wieder der Maler des Landvolkes aus der Auvergne und beobachtet diefe kleine locale Welt mit fcharfem, realiſtifchem Blicke. Sein, Tanz aus der Auvergne"( Nr. 47), das frifchbelebte Bild„ Die Barbierin von Chatel Guyon"( Nr. 50) und noch zwei andere Localbilder diefer Art( Nr. 48 und 49) zeugen ebenfo von feiner grofsen malerifchen Begabung, wie von feinen realiftifchen Neigungen. Alexander Collette gehört mit feinen, Erdarbeitern"( Nr. 145), der„ favoyifchen Bäuerin"( Nr. 146) und einer andern von Cernay la Ville( Nr. 147) der vollſtändigen Aufzählung wegen auch in diefe Gruppe. - - Die Schlachtenmaler haben fich diefsmal von der franzöfifchen Ausftellung fern gehalten, und zwar aus begreiflichen Gründen, die in der Stimmung der Zeit liegen. Die Erinnerungen an den Krieg von 1870 tauchten hie und da, aber ziemlich kleinlaut auf. Nur die Kriegsepifode, das militärifche Genrebild fanden wir vertreten; von der Hauptfache, den Angriffsactionen und den Schlachten felbft brachten die Bilder keine Kunde. Alexander Protais, ein genialer Vertreter des Soldatenbildes, ftellte fich wohl auch diefsmal ein. Er führt uns mit Vorliebe den Krieger als Individuum, nicht als Maffe vor. Das tragifche Einzelgefchick auf dem Schlachtfelde intereffirt ihn; er weifs es ergreifend zu fchildern und in feinen meiftens tiefen Localfarben in der entsprechenden düftern Tonart zu ftimmen. Auf jenem Bilde( Nr. 540), welches kurzweg nach der verhängnifsvollen Jahreszahl 1870" benannt ift, ift es auch wieder der einzelne Soldat, auf den er den Blick des Befchauers lenkt aber feine Darftellung hat hier eine weitere tragifche Perfpective. Auf dem todesöden, mit Leichen bedeckten Felde fehen wir einen verwundeten Soldaten, der fich fpähend erhebt, ob er die Fahne in Sicherheit bringen könne, die er feinem gefallenen Cameraden abgenommen. Im Hintergrunde zuckt ein Feuerfchein auf über das Bild breitet fich wie ein Trauerflor eine tiefe, fchmerzvolle Stimmung aus. Ganz objectiv gefafst ift der ,, Kanonenfchufs"( Nr. 39) von Et. Berne- Bellecour, ein Bild, das mit Recht in der Ausstellung fehr populär wurde. Die Situation ift mit einem fo fcharfen Beobachtungstalent fixirt und wiedergegeben, die Typen der Officiere und der Mannfchaft, die fich über die Böfchung lehnen, um die Wirkung des Schuffes zu verfolgen, find von fo überzeugender Charakteriſtik, dafs das meiſterliche Bild, wie alles Wahre in der Kunft, fofort feffelt und dauernd intereffirt. Ein vorzügliches Epifodenbild aus dem Kriegsleben ift auch„ Die internationale Ambulance im Schneegeftöber" von Ed. Caftres( Nr. 120); die Figuren abermals fehr bezeichnend, das Ganze in die Naturftimmung der Winterlandfchaft trefflich mit hineingenommen. Der fonft friedliche Elfaffer Genremaler Guftave Jundt gerieth einmal durch den Krieg auch in den tendentiöfen Militarismus hinein. Er zeigt uns internirte Soldaten, wie fie unter dem Rufe, Vive la France!" die Schweiz verlaffen( Nr. 378). Der Mobilifirte( Nr. 528) von Léon Perault gehört ebenfalls unter die gemalten Reminifcenzen von 1870. Das hiftorifche Kriegsgenre, das in vergangene Zeiten zurückreicht, war mehrfach und glücklich vertreten; fo in einer Scene aus dem dreifsigjährigen Kriege von Lucien Gros 5 64 Dr. Jofef Bayer. ( Nr. 305), wie in der ebento farbig wirkfamen, als charakteriftifchen Revue deutfcher Landsknechte"( Nr. 439) von Louis Leloir. Der ältere Philippoteaux geleitet uns durch die Einnahme der grofsen Redoute in der Schlacht an der Moskowa"( Nr. 532) wieder auf die napoleonifchen Schlachtfelder. " Die literarifch angeregte Illuftrationsmalerei, die bei den Deutfchen und den Engländern eine fo bedeutende Pflege findet, ift bei den Franzofen in mässigerem Gebrauche. Auch da mufs man ihnen zugeftehen, dafs fie das poetifche Motiv ganz in die malerifche Wirkung umzufetzen wiffen und infoferne über die blofse Illuftration hinausgehen. Von Jules Bertrand war der„, Tod der Virginie"( nach Bernardin de St. Pierre) und ein„ Grethchen im Kerker"( Nr. 52 und 53) ausgeftellt. Dem erfteren Bilde begegnete ich fchon vor Jahren auf einer Kunflausftellung; es ift von einem ergreifend rührenden Zauber. Weit weniger vermag man diefem franzöfifchen Grethchen zuzuftimmen, fowohl was die unfchöne Stellung, als auch den Ausdruck betrifft. Alexander Cabanel malte den Tod der Francesca von Rimini und des Paolo Malatefta( Nr. 108) etwa im Stil der grofsen Oper, mit mehr äufserlichem Pathos, als tieferer Empfindung. Beide fpielen den Tod für die Wirkung auf den Zufchauer. Die Technik ift die wohlbekannte glänzende, aber auch berechnete Cabanel's. Es ist kaum möglich bei dem überreichen Ausftellungsftoffe der franzöfifchen Abtheilung da eine vollſtändige Umfchau zu halten. Das Porträt an fich verdiente fchon eine eingehende Befprechung, fowie überhaupt eine vergleichende Betrachtung der Porträtkunft nach den einzelnen Ländern viele lehrreiche Gefichtspunkte darböte. Wie der einzelne, gegenwärtige Menfch im Bildniffe erfafst und wieder gegeben wird, diefs ift bezeichnend für die ganze Menfchen darftellung, für die gefammte Ausdrucksweife einer nationalen Kunft. Die bedeutenderen Franzofen individualifiren fcharf und fchlagend im Porträt, aber in einem ganz andern Sinne als die Deutfchen. Sie haben ein rafches, geiftreiches Auge für das Bezeichnende, das Habituelle einer Perfönlichkeit, aber fie geben ihr Wefen mehr mit Esprit, als mit tiefer eindringendem, ruhigem Blick wieder. Ihre Bildniffe bereiten uns einen fo überraschenden und frappanten Eindruck, wie ihre übrigen Kunftleiftungen; wir machen eine mehr fchnelle, als eine eingehende Bekanntfchaft mit einer ganzen Gallerie von Perfönlichkeiten. Ihr Porträt ift auch meiftens das Bild des Menfchen in der Gefellſchaft und für diefelbe; das intimere Bildnifs, das Porträt als Familienbild, die Darftellung des Menfchen im Haufe oder für das Haus ſteht der franzöfifchen Bildnifskunft fchon ferner. In jener entfcheidenden Hauptrichtung nehmen die Bildniffe des Fräuleins Nelie Jacquemart( Nr. 356 bis 365) den oberften Rang ein. An Energie und Glanz der Farbe, an der Behandlung der Incarnation, wie des Stofflichen in der Gewandung, vor Allem aber an geift. reicher Individualifirung in echt franzöfifchem Sinne finden fie kaum ihresglei chen. Diefe geniale Porträtmalerin ift in ihrer Kunft fo ganz gefellſchaftliche Menfchenkennerin. Sie hat ein fehr helles Auge dafür, den Menfchen rafch da auszufinden, was er vor der Welt gelten und wie er vor ihr erfcheinen möchte. und im wohlbeobachteten Momente auch wirklich vor ihr erfcheint. Ohnehin malt fie meiftens Perfönlichkeiten, die etwas Wichtiges nach Aufsen hin vor ftellen und wo ein guter Theil des Menfchen in das Gefühl der äufseren Stellung und der Repräfentation aufgeht.- Cabanel's Porträt der Frau Pinchot und ihrer Kinder( Nr. 110) ift ein fehr elegant und fein gemaltes Coftümebildnifs, vor nehm und hoffähig in Haltung und Farbe. Der Kopf Liszt's ift wie prädeftinirt für die franzöfifche Porträtkunft und Layraud gibt auch feinen eigenthümlichen Ausdruck in geiftvoller Weife wieder. Grofsentheils Vorzügliches trat uns ferner in den Bildniffen von W. Bouguerreau, Carolus Duran, Charles Bonne grâce, Claude Gaillard u. A. m. entgegen, ohne dafs wir hier auf ihre eigent lichen Kunftvorzüge näher eingehen können. Die Charakteriſtik der franzöfifchen Landfchaftsbilder müffen wir uns verfagen, wie wir auch in der deutfchen Abtheilung nur flüchtigeren Blickes an ihnen Die Malerei. 65 де ht n e r 2 I T e r vorübereilten. Die feinen Unterfchiede in der Naturbeobachtung der einzelnen Künftler können in einer fummarifchen Befprechung nicht ihre Würdigung finden. Mit blofser Nennung ift da nicht viel gethan; dennoch fei, um nur der formalen Referatspflicht an diefer Stelle zu genügen, Dasjenige hier genannt, was fich zunächft als Vorzüglichftes auch der rafcheren Betrachtung darftellte. Zunächſt die herrlichen Stimmungslandfchaften von Charles François Daubigny, jenes Meifters, der bekanntlich einen Wendepunkt in der neueren franzöfifchen Landfchaftskunft bezeichnet; die Schnee- Landfchaften von Fleury Chenu von bewunderungswürdiger Wahrheit und ftimmungsvoller Haltung; ein Wald im Schnee, im Abenddämmerfchein mit aufgehendem Mond, der fich im Eife fpiegelt, von Emil Breton, von bedeutendfter Naturempfindung; eine treffliche Baum- Landfchaft von Paul Huët; das Thal von Joury von Viollet le Duc, grofs componirt und ftimmungsvoll gehalten. Die der Stillandfchaft fich nähernde Gattung, die in Frankreich trotz des vorherrfchenden Realismus noch immer vertreten ift, wurde durch die Namen Paul Flandrin, Jean Bapt. Corot getragen, während in der naturaliftifchen Behandlung der Landfchaft aufser Daubigny, dem Vater, noch deffen Sohn, dann Jules Hereau, Bernier, Ziem u. A. zunächſt fich hervorthaten. - Zum Schluffe erwähne ich noch gewiffe eigenthümliche und bedeutende Leiftungen, die früher in einem anderen Zufammenhange nicht anzuführen waren. Einmal die Bilder von Desgoffe, die eine ganz eigene künftlerifche Specialität für fich bilden. Er fucht bekanntlich die Gegenstände feiner Darftellung unter den Kunftcuriofitäten der Renaiffance; koftbare Vafen, Kannen und Schalen von Bergkryftall, Achat, Onyx und Amethyft, emaillirte Schmuckfachen und Elfenbeinfigürchen find die Objecte feiner minutiöfen malerifchen Liebhaberei, die er mit einer fabelhaften Genauigkeit wiedergibt. Freilich erreicht er damit nur die Wirkung eines äufserft virtuofen Kunftftückes; er gibt uns, wie J. Meyer fehr richtig fagt, nur ein Stück Muſeum in einem Stück Spiegel". Die Ausftellung enthielt( Nr. 199 bis 201) einige feiner Hauptleiftungen diefer Art. Ganz im Gegenfatze zu feinem glättenden, überfeinen, detaillirenden Pinfel gefällt fich Louis Ifabey in einer breiten, die Farben refolut und unvermittelt hinfetzenden Skizziftenmanier, hinter der aber ein rafches Talent der Erfindung ein bedeutender Sinn für figurenreiche Gruppirung und breite Wirkung der Farbe liegt. Der Eigenfinn, nicht über die Farbenfkizze hinauszugehen, ift freilich an fich fchon eine Manierirtheit. Gleichwohl gehörten feine effectvollen, mit Figuren reich ftaffirten Intérieurs, dann feine mit ficherer Farbenempfindung hingefchriebenen Compofitionen„ Die Hochzeit"," Das Frühftück im Walde",„ Die Taufe" zu den originellften Bildern der Expofition. So treffen wir in der franzöfifchen Kunft allenthalben auf Contrafte, die aus dem Beftreben hervorgehen, durch feltfamen Gebrauch der Kunftmittel Aufmerkfamkeit zu erregen und dem Ziele des Effectes in einfeitig verfolgten Richtungen nachzugehen. Belgien. Die belgifche Ausftellung präfentirte fich fehr vortheilhaft. Sie ftellte eine namhafte Anzahl von Kunftwerken- Alles zufammen 298 Nummern und darunter fehr viel Tüchtiges, ja fogar in eminentem Sinne Hervorragendes, aus. Im Verhältniffe zu der geringen geographifchen Ausdehnung ift diefe glänzende Concentration von Kunftbeftrebungen auf engftem Raume bewunderungswürdig; der fcherzhafte Statiſtiker würde fagen, es käme in Belgien viel Kunft auf jede Quadratmeile. Aber auf die Ausdehnung kommt es ja in diefen Dingen gar nicht an. Wie viel Kunftleben hat fich in dem kleinräumigen Venedig von den Bellini's an bis auf die Spätzeit des Palma Giovane concentrirt! Vieles wirkt auch in Belgien zufammen, um die Kunft äufserlich zu fördern. Ihre Pflege gilt dort als eine Staatsfache, als eine nahezu öffentliche Angelegenheit. Die Kunfterziehung wird 5* 333 66 Dr. Jofef Bayer. methodiſch betrieben und vereinigt die akademifche Disciplin mit den perfonlichen Einflüffen und Anregungen der Meiſterſchulen. Ohne dafs eben die belgifche Malerei eine monumentale Richtung nähme, können doch bedeutendere Werke des Ankaufs für Staatsgebäude oder Rathhäufer, fowie für ftädtiſche Muſeen gewärtig fein. Als Belgien felbftftändig wurde, fand man unter den Specialitäten, welche die Eigenthümlichkeit des Volkes und Landes conftituirten, auch eine lebendig nachwirkende nationale Kunfttradition vor und fühlte fich zu ihrer fortgefetzten Pflege wie zu einer Ehrenfache verpflichtet. Zu denjenigen Kundgebungen, in denen fich fpecififch belgifches Wefen ausfpricht, die geiftige Selbstständigkeit des rührigen Kleinftaates nach Aufsen hin fich zeigt, gehört eben auch die Kunft, oder vielmehr da in den Küftenländern von jeher das Auge mehr auf dem malerifchen Reize der Erfcheinung und ihrer Details, als auf den grofsen plaftifchen Formen ruhte- ganz befonders, ja faft ausfchliefslich die Malerei. - Freilich, Selbftftändigkeit in diefem Sinne ift nicht immer auch völlige Unabhängigkeit. Die Künftler des Landes find auf eine gute Zeit bei den Franzofen in die Schule gegangen, aber doch, um fchliefslich als richtige Belgier aus ihr hervorzugehen. Wenn fich auch jetzt ftarke Parifer Mode- Einflüffe in gewiffen Brüffeler Ateliers vorfinden, fo wird es doch nie gelingen, Belgien als eine franzöfifche Kunftprovinz zu annectiren. Das Volksnaturell, welches zwifchen hollän difchem Phlegma und auffprühender franzöfifcher Beweglichkeit eine eigene Mitte hält, fichert der heimifchen Malerei auch da, wo Fremdes vorübergehend auf fie wirkt, ihr eigenes Gepräge. Man ahmte zur Zeit die Coloriften Frankreichs nach, ohne aber geiftig mit ihnen desfelben Weges zu gehen und mit ihren malerifchen Ausdrucksmitteln dasfelbe fagen zu wollen, was diefe anftrebten. Techniſch eignete man fich die franzöfifche Farbe an, nicht aber auch das Pathos und die Leidenfchaft, die in ihr zuckte und glühte. Es ift charakteriſtiſch, dafs gerade zur Zeit diefes Einfluffes Delacroix, der Führer des grofsen coloriftifchen Umfchwunges in Frankreich, in belgifchen Ateliers faft als Barbar verfchrieen war. Die Tiefe der Stimmung und des Affectes, die in feiner Farbenwelt fich ausdrückte, trat dem vlämifchen Wefen fehr bald als ein Fremdes entgegen, fo äufserlich feffelnd fein Colorit auch erfcheinen mochte. Bald fchied fich denn Beides auf das Beftimmtefte: die vlámifch- belgifche Farbenfreudigkeit ohne tiefere innere Erregung, dann die auch im Hiftorifchen mehr fchildernde und erzählende Richtung und drüben bei den Franzofen die in Scene gefetzte Farbe, das pathetifch- dramatifche Element, das kühne und geiftvolle Experimentiren mit den Mitteln des coloriftifchen Ausdruckes. - Es iſt eigenthümlich, wie bei den Belgiern die der Landesgefchichte zugewendete patriotifche Richtung der Malerei mit dem technifchen Fortfchritte im Colorit innig zufammenhängt. Als fie ihre bewegtefte Gefchichtsperiode, von Kaifer Maximilian und Maria von Burgund an bis auf den Compromifs, den Herzog von Alba und die Geufen hinab, auf ihren Leinwanden zu recapituliren anfingen, da waren diefe malerifchen Gefchichtsftudien zugleich auch ein Sieg der Farbe über die letzten Nachwirkungen des David'fchen Clafficismus, für den diefer während feines zehnjährigen Aufenthaltes in Brüffel einen Anhang geworben. Das war dazumal wirklich ein franzöfifcher Annectirungsverfuch in Kunftfachen, aber ohne nachhaltigen Erfolg. Es währte nicht lange und die Führer der neuen Richtung fühlten fich, auf dem einheimifchen Gefchichtsboden neu erftarkt, patriotifch wie künftlerifch als echte Belgier. Ein beftimmtes Wollen n der Kunft, das fich befonders in der confequent feftgehaltenen Stoffwahl kund gibt, führt auch häufig zu einem ficheren technifchen Können: fo war es hier. Die hervorragenden Gefchichtsmaler find zugleich die bahnbrechenden Coloriften der belgifchen Malerei; es wurde ihnen fofort klar, dafs die Hauptepoche der vaterländifchen Gefchichte, die im XVI. Jahrhunderte spielte, fchon in dem Coftüme, der Scenerie und der ganzen äusseren Erfcheinung auf eine kräftige und n- ie re e 29 e rt S f h S Die Malerei. 67 glänzende Färbung dringe, um nach ihrem eigenften Wefen verfinnlicht zu werden. Die Forderungen des Stoffes und ihre eigenen künftlerifchen Inftincte kamen einander auf halbem Wege entgegen; das Colorit trat gleichfam mit hifto rifcher Legitimation auf, und der reiche, nicht fo ſchnell zu erfchöpfende Kreis der einheimifchen Gefchichtsftoffe, denen nach Seite der Farbe immer etwas abzugewinnen war, gab dem Realismus der belgifchen Kunft eine gewiffe Gefchloffenheit und Vornehmheit und bewahrte ihn vor dem Zergehen in die kleinen Gattungen, dem allzu grofsen Uebergewichte des Genres und der blofsen, inhaltsleeren Pinfelvirtuofität. Dies fcheint mir die wichtigſte Ausbeute jener Wendung im belgifchen Kunftleben zu fein, die mit Guftav Wappers begann, in Ed. de Bièfve und Nicaife de Keyfer fo erfolgreich fich fortfetzte, um dann in Louis Gallait ihren Höhepunkt zu erreichen. Allerdings kam man da in der ideellen Durcharbeitung des Stoffes über eine gewiffe Stufe nicht hinaus. Das gefchichtliche Leben ift in dem Glanze der Technik, in dem brillanten Colorit wie in einer farbigen Prachterfcheinung gleichfam eingefangen; innerhalb derfelben ift nur mässige Bewegung, faft nirgends ſpricht fich die volle Kraft der Handlung aus. Die porträtartige Charakteriſtik ift vorherrfchend, nicht der eigentlich dramatifche Zug; fo felbft in Bièfve's Hauptbild: " Der Compromifs des niederländifchen Adels". Auch Louis Gallait, der fich innerhalb des Kreifes der belgifchen Kunft zu der höchften hiftorifchen Darftellungskraft erhob, drückt in feiner berühmten„ Abdankung Carl's V.", hierin dem deutfchen Leffing verwandt, mehr die Stimmung des hiftorifchen Momentes und der bedeutfamen Handlung, als diefe Handlung felbft nach ihrer vollen dramatifchen Geltung aus. Weiterhin befchränkt er fich ganz darauf, das hiftorifche Stimmungsbild im höchften malerifchen Sinne durchzubilden; er umgeht den entfcheidenden dramatifchen Moment und malt nur das Vor" oder„ Nach" zu demfelben:„ Egmond mit feinem Beichtvater im Kerker"," die Brüffeler Schützengilde vor den Leichen Egmond's und Hoorn's. Die glänzendfte techniſche Detaillirung der Farbenwirkung und die pfychologifche der über das Bild fich verbreitenden Stimmung klingen da in einen Accord zufammen; der volle dramatifche Ausdruck würde eine folche breite und feine Detaillirung nicht mehr zulaffen, die Farbe müfste zum Ausdrucksmittel eines bewegteren, ins Grofse gehenden hiftorifchen Styls werden, das ganze belgifche Behagen der coloriftifchen Einzelausführung wäre ans feiner Ruhe aufgeftört. Hier fallen, wie fo häufig, die bezeichnendften Vorzüge und zugleich die Grenzen einer Kunftrichtung in demfelben Punkte zufammen. Es bleibt noch immer fchwer zu entfcheiden, wie weit jenes farbige Stück niederländifcher Gefchichte infpirirend auf die Durchbildung des Colorits gewirkt, oder inwiefern das gefteigerte coloriftifche Bedürfnifs, mehr nur einem äusserlichen malerifchen Zuge folgend, fich jener Gefchichtsftoffe als der techniſch möglichft dankbarften und zugleich im nationalen Sinne populärften Stoffe bemächtigt hat. In dem letzten Stadium, in welchem fich gegenwärtig die belgifche Malerei befindet, hat jedenfalls diefe hiftorifche Kunftbegeisterung merklich nachgelaffen. Was die Ausstellung in jener Richtung aufwies, ift meiftens von viel früherem Datum und rührt von den älteren bewährten Meiftern der Brüffeler Schule her. Solche Bilder find Schauftücke aus einer Gallerie moderner Maler, keine eigentlichen Ausftellungsobjecte, die uns über den Kunftzuftand in feiner letzten Phafe unterrichten. Im Allgemeinen zieht es die belgifche Malerei von der hiftorifchen Höhe wieder nach abwärts ins Genrefach. Nur ift im letzteren jedenfalls viel von der vornehmen und glänzenden Behandlung, von dem höheren malerifchen Gefchmacke geblieben, der fich an jenen Gefchichtsftoffen gefchult hat. Unter den älteren Meiftern begegnen wir Nicaife de Keyfer, dem bereits verstorbenen Henri Leys, Eduard de Bièfve und Louis Gallait. Von dem Erfteren hing im internationalen Saale fein„ Karl V. in Tunis"; von Bièfve war die„ Gräfin Sabine von Egmond" ausgeftellt, die vom Himmel die Befreiung 3333 68 Dr. Jofef Bayer. ihres Gatten erfleht. Henri Leys konnten wir in den Porträts Philipp's des Guten", der„ ,, Maria von Burgund", fowie befonders in einem gröfseren Bilde, ,, Lancelot van Urfel, Bürgermeifter von Antwerpen, die Bürgermiliz zur Vertheidigung der Stadt haranguirend", in feinen archaifirenden Grillen ftudiren, die ihn dazu verführten, mit aller Meifterſchaft moderner Technik zu alterthümeln und fich in die Weife der älteren Niederländer, zunächft die des Memling fo hineinzuklügeln, fo wie fich unfere Nazarener in die Weife der kölnifchen oder altfienefifchen Schule hineinempfindelten. Wenn wir ihn auf dem„ Fefte der Büchfenfchützen von Antwerpen" innerhalb der Reminiscenzen der beften niederländifchen Kunftblüthe als einen ganz veränderten Menfchen wieder antrafen und die ganze Haltung und Compofition des Bildes, das prachtvolle warme Helldunkel feines Colorits höchlich bewundern mufsten, fo konnten wir uns doch nicht verläugnen, dafs diefer Meifter einer abftract künftlerifchen Richtung verfallen war, die gleichfam Manier auf Manier pfropft. Es ift diefs eine Malerei für Kunftgenoffen, nicht fürs Publicum, fowie einmal unfere Romantiker eine Literatur wieder für Literaten züchteten. Gallait geht aus dem Kreife des hiftorifchen Stimmungsbildes in den beiden Gemälden„ Der Friede" und„ Der Krieg" ins Allgemeine, ja faft Allegorifche, nicht eben zum Vortheile feiner Kunftweife; wo man Kraft des Ausdruckes erwarten follte, ftöfst man nur auf eine in der Antithefe fich ergehende Abfichtlichkeit, die in der Darstellung des„ Krieges" fogar verletzend wirkt. Wir wollen nun fehen, was fich hieran in der hiftorifchen Kunft zunächft anfchliefst. Gefühlsmomente, Situationen, welche an die Rührung appelliren, der Frauen Klag' und Leid im Drang der Ereigniffe treten da. wie fchon in dem Bilde von Bièfve, in den Vordergrund; fo auch in dem verdienftvollen Gemälde von Albrecht de Vriendt:„ Jacobine von Baiern, die Philipp, den Guten, von Bur gund um Gnade für ihren Gemal bittet; dann in einer Compofition verwandter Richtung von Emil Wauters:„ Maria von Burgund, die Schöffen Gents um Gnade für ihre Räthe Hugonet und Humbercourt anflehend". Julian de Vriendt's ,, Heilige Elifabeth, die von den Bewohnern Eifenachs zurückgewiefen wird" geht fchon ins Legendarifche hinüber. Im Ganzen thut es der Gefchichtsmalerei nicht gut, wenn das melodramatifche und fentimentale Element fich in ihr zu fehr vordrängt; der tragifche Schmerz foll in ihr eine hervorragende Stelle haben, nicht aber die Emotion und Schauftellung des hochgeftellten Unglücks für das Mitleid. Die Gefchichtsmalerei ift eine Kunftgattung männlichen Gefchlechtes; grofse Gefchicke follen fich da nicht blos in Frauenthränen feucht abfpiegeln. Auch fonft ift es nicht gerathen, dafs die rührende Epiſode, ob fie fchon Männer oder Frauen betrifft, mit der vollen Wichtigkeit der hiftorifchen Gattung fich zur Geltung bringt. Emil Wauters fcheint vor Allem fich in der Darftellung des Erfchütternden zu gefallen, das mit ftarker Wirkung auf unfer Mitleid eindringt. Neben feiner flehenden Maria von Burgund hat er feinen, wahnfinnigen Hugo van der Goes" ausgeftellt. Es ift ein durchaus vorzügliches Bild fowohl im phyfiognomifchen Ausdrucke der Hauptperfon, als der poetifch bedeutfamen Ver finnlichung des Zuftandes; die malerifche Kraft und Tiefe des Vortrages kommt dem vortrefflich zu Statten, was der Künftler ausdrücken wollte. Doch hier find wir eben ganz bei der rührenden Epifode angelangt, fo fehr die Auffaffung und Darftellung fich noch der hiftorifchen Richtung der belgifchen Kunft verwandt zeigt. Von de Bièfve und Gallait führt ganz fachte der Weg bis zu Stoffen diefer Art hinab. Der individualifirende, porträtartige Zug der belgifch- hiftorifchen Kunft, im befcheideneren Rahmen des hiftorifchen Sittenbildes verwendet, tritt uns in Alexander Markelbach's trefflichem Bilde„ Antwerpner Rhetoren, die fich auf eine Disputation vorbereiteten", fehr bezeichnend entgegen. Es ift ein richtiges Stück niederländifcher Gelehrtenrepublik aus dem XVII. Jahrhunderte. Es ift auffallend, dafs die Belgier nur bei einheimifchen Gefchichtsftoffen charakteriſtiſch find; greifen fie in die Fremde, in das Mittelalter oder gar ins Die Malerei. 69 Alterthum zurück, fo finden wir fie auf den Wegen des coloriftifchen Eklekticismus, oft auch nur des blofsen effectvollen Arrangements. Das Bild des älteren Meifter Guftav v. Wapper's:„ Bocaccio der Johanna von Nepal fein Decamarone vorlefend" ift nur coloriftifch und zudem im Sinne einer älteren Technik zu beurtheilen; fonft ift es ein blofses Farbenfchauftück und gehört, abgefehen von dem finnlichen Reize des tiefften Negligés der Damen, ganz in die Reihe der Vorlefebilder, die in der belgifchen Kunft eine gewiffe Rolle spielen. Jofef Stalaert's Tod der Dido" hat ebenfo etwas von franzöfifchem Pathos, wie von franzöfifcher Farbentechnik; ift übrigens gut componirt und von harmonifcher Wirkung. Slingeneyer's Bild, das fchlechthin Carthago" benannt ift eine auf den Trümmern der Stadt hingeftreckte Frau mit zwei todten Kindern, darüber ein tragifch verglühendes Abendlicht- ift auch zunächft im Sinne der Farbenund Beleuchtungswirkung zu nehmen. 99 - Im Genrefach überwiegt bei den Belgiern ein gewiffer weltmännifch- eleganter Zug. In diefer Gattung zeigt fich Brüffel als ein Klein- Paris und treibt gelegentlich Modemalerei. Die gemüthliche Austiefung des Genres in deutfchem Sinne ift dem belgifchen Wefen nicht recht erreichbar, obgleich manche Maler nahe daran ftreifen; gewöhnlich aber begnügen fie fich mit einer mehr techniſch wirkfamen, als geiftig inhaltsreichen Löfung ihrer Aufgabe. Eigentlich gehen da zwei Strömungen nebeneinander, die, wie das Waffer zweier Flüffe in der Nähe der Einmündung, auf eine Strecke hin fich deutlich unterfcheiden laffen, dann aber wieder ineinander übergehen und verfchwimmen. Es ift diefs einmal der ganz moderne franzöfifche Gefchmack, der hier deutlicher als in der Hiftorienmalerei herüber wirkt und daneben wieder die einheimifchen Traditionen aus der Blüthezeit des flandrifch- holländifchen Genres, wo Teniers der Jüngere ebenfo Anregungen gibt, wie die Atlafs- und Toilettenmaler von dazumal. Jene moderne Richtung fteht unter dem Einfluffe der Gefellfchaft, diefe, mehr nur in artiftifchem Sinne nationale, unter dem der einheimifchen Gallerien. Oft geht Beides ineinander über; gerade hier fcheint mir die Technik wie die Auffaffung nicht fcharfe Grenzen einzuhalten und fich kaum ein anderes Programm zu ftellen, als das des Pikanten und Gefälligen, aus welchen Kunftmitteln es auch beftritten werden mag. Florentin Willems gab dem Cabinetsftücke und der Feinmalerei, wie fie einft Terburg und Netfcher vertraten, eine moderne Auffrifchung und nachgerade auch einen modernen Inhalt; eine den älteren Bildern nachempfundene Manier ohne Manierirtheit verbindet fich bei ihm mit einem frifchen heiteren Blick ins gegenwärtige Leben. Dagegen repräfentirt Alfred Stevens fo ganz den Parifer SalonmodeGefchmack des zweiten Kaiferreiches und malt unermüdlich feine Boudoirfcenen, feine Damen aus der guten, wie aus der halben Welt, überhaupt jene weiblichen Toilettenexiftenzen, bei deren niedlichen und pikanten Gefichtern uns am allerwenigften beifällt, was in ihrem Innern vorgeht, und ob hinter dem feinen Corfet auch fo etwas wie ein Herz fchlägt. Ueber diefem Frauenvolke leuchtet die Parifer Sonne; eine lichtblaue und rofenrothe Modefärbung überwiegt durchaus; tiefere, kräftigende Schatten find in der hier dargestellten Welt ebenfowenig, wie in der ihr ganz entsprechenden Technik. Einen intereffanten Gegensatz zu Alfred Stevens bildet Jean Bapt. Madou, ein wohlbekannter Führer der neueren vlämifchen Richtung im Genrefach. In den Bildern mit zwei oder drei Figuren, die von ihm ausgeftellt waren, führt er ebenfo Männer aufser der Mode vor, wie Stevens Frauen nach der Mode malt: ift diefer ein Darfteller der glatten Eleganz, fo ift jener ein Maler des Schneidigen, der geiftreichen Charge. Er ift von den älteren niederländifchen Genremalern angeregt; aber das fcharf Pointirte in feinen Bildern ift ebenfo wieder ein moderner Zug. Bei einer gewiffen Verwandtſchaft mit der älteren Technik und Beobachtungsweife ift ihm doch das altniederländifche Behagen ziemlich fern. Er fieht feine Figuren durch den fcharfen Stecher an, den die Ironie an den Augenwinkel drückt. So direct er auf das Charakteriftifche losgeht, fo fcheint er mir darin doch nicht mannigfaltig zu fein; 333333 70 Dr. Jofef Bayer. er fpielt da nach Virtuofenart immer nur auf einer Saite. In naher Beziehung zu Stevens ftehen die Damenbilder von Guftav de Jonghe und die Kinderbilder von Jean Verhas, die einen wie die andern ganz im Sinne falonfähiger Malerei mit feinem, gefchmackvollem Pinfel und dabei mit juft fo viel Empfindung gemalt, als es diefe zunächft auf die Eleganz gerichtete Vortragsweife verträgt. Jenes uns Deutſchen fo vertraute Genre, welches mit gemüthlichem Antheil und mit Humor ins Volksleben greift, war auf der belgifchen Ausftellung fchwach vertreten. Das vlämiſche Dorf fpielt mehr als Profpect in der Landfchaft eine Rolle, als dafs im Figurenfach fein Lebensinhalt zu einer vielfeitigeren Darftellung käme. Nur Adolf Dillens ift hier wieder in gebührenden Ehren zu nennen, dem feine Volksfcenen aus Flandern und Zeland fchon früher einen Namen gemacht; fein„ Werber“ und„ die Kirmes in Süd Beveland" zeigen frifchen Humor und lebendige Auffaffung. Mehr nur malerifch intereffant durch wohlgeftimmte Farben und Beleuchtungswirkung find die Intérieurs, bei denen das genreartige Sujet fich der Gefammthaltung unterordnet, eine von mehreren Belgiern mit Vorliebe betriebene Gattung. Hieher gehören die Bilder von Victor Lagye, unter denen, die Hexe" als Arzneibereiterin aufser dem wohlabgewogenen malerifchen Effect auch durch die Behandlung der Figuren intereffirt; bei Henri de Brackeleer(„ Der Geburtstag der Grofsmutter"," Ein Künftleratelier") ift es faft nur die treffliche coloriftifche Haltung, nicht der figurale Inhalt, der uns da anzieht. In einem fehr guten Intérieur von David de Noter find die Figuren nach altem Malerbrauch von anderer Hand, nämlich von Jules Goupil hinzugemalt. Einzelfiguren in gröfserem Format. in gröfserem Format. meift malerifch geftellte Modellftudien ohne weiteren geiftigen Inhalt, waren bei den Belgiern feit jeher beliebt:„ Das Mädchen bei der Toilette" und„ Die junge Sclavin, ihre Herrin erwartend" von Charles Hermans gehören bei ihren technifchen Vorzügen völlig hieher. Volkstypen, fowohl in einzelnen Studien wie in grösseren Gruppen, find gleichfalls beliebt, werden aber meiflens nur äufserlich nach ihrem coloriftifchen Werthe abgefchätzt. Eugen Smits hat einer folchen Collection von Typen, die er in einem gröfseren Bilde" Roma" zufammenftellt, bei allem gediegenen Ernft der Ausführung auch in malerifchem Sinne nicht viel abge. wonnen. Beffer gelang ihm diefs bei dem italienifchen Fenfter" und der Wahrfagerin". Slingeneyer bietet auch in diefer Richtung Treffliches in feinem ,, Fellahmädchen" und der„ Strafsenfcene in Tunis", fowie in der„ Orangenverkäuferin“.„ Die junge Hexe" von Jean Fr. Porta els nähert fich in dem kühnen phantaftifchen Zug und der coloriftifchen Ausführung der franzöfifchen Effect malerei, während Jofef Dyckman( ,, Der blinde Mann"," Alte betende Frau") mit fein detaillirter Behandlung eine weiche gemüthliche Auffaffung nach germanifcher Sinnesart verbindet, die ftark an die fentimentale Stimmung des Befchauers fich wendet. Der Lebenskreis, den das belgifche Genre durchmifst, ift nach diefer rafchen Umfchau in den Ausftellungsfälen nicht grofs. Zunächft ift, wie wir fahen, das Augenmerk auf die malerifche Wirkung gerichtet. Die gute Gefellſchaft tritt im Bilde mehr in gleichgiltigen Epifoden, als in bezeichnenden Situationen auf; dabei findet fich mehr Eleganz in der Färbung, als Grazie in der Stellung und Bewegung. Ebenfo epifodifch ift ferner das Volksleben behandelt, ohne jene Austiefung durch Gemüth oder Humor, die wir hier zu erwarten gewohnt find. Der belgifche Pinfel befafst fich im Genrefach nicht fonderlich mit Seelenmalerei. Das Strafsenleben tritt zunächst nach feiner malerifchen Aufsenfeite nicht in den charakteriftifchen Momenten auf. Die Atelierftudie tritt in den häufigen Einzelfiguren etwas vordringlich in die Kunft. Diefs beiläufig drängt fich zunächft der zufammenfaffenden Betrachtung auf, fo fehr auch einzelne Erscheinungen über diefes Niveau hinausgehen mögen. Im Allgemeinen aber darf man wohl fagen: wenn bis vor Kurzem die Gefchichtsmalerei der belgiſchen Die Malerei. 71 Technik ein höheres Ziel wies, fo geht die Genremalerei dort grofsentheils in dem technifchen Ziele auf. Sie ift zunächft eine Domäne der malerifchen Gefchicklichkeit. Die bedeutenden Ausnahmen hievon find meift von älterem Datum. Nur feltener erhebt fich das Genre zu einem inhaltsreicheren Situationsbild, das durch Energie und humoriftifche Schärfe der Charakteriſtik oder durch Ernft des Gefühles, durch ftimmungsvolle Haltung über die gewöhnlichere Behandlung diefer Gattung hinausginge. Das vorzügliche Bild von Jofef Lies,„ Der Feind naht, ift eben nicht mehr das Werk eines lebenden Meifters. Franz Vinck's ,, Einzug eines Schützenkönigs" übertrug die achaifirende Manier des Henri Leys mit grofsem Gefchicke auf eine heitere Epifode des guten altniederländifchen Bürgerlebens. Gegenüber diefen hellen farbigen Bildern breitet fich ein tiefer Ernft über Conftantin Meunier's ,, Begräbnifs eines Trappiften" aus. Die Stimmung diefes Bildes ift in malerifchem wie in poetifchem Sinne gleich bedeutfam. Intereffant ift es, die Belgier fich einmal auch zur Allegorie rückwenden zu fehen, in welcher einft die flandrifche Kunft fich fo vielfach erging. Man weifs, wie fiegreich das üppige Fleiſch von Rubens auch in diefes abftracte Kunftgebiet eindrang. So kühn geht Eugen Smits in feinem Gang der Jahreszeiten" aller dings nicht ins Zeug; gleichwohl weht uns aus diefem edel componirten Bilde, was Umriffe und Stellung der Figuren, ja auch die coloriftifche Haltung betrifft, fo ein Hauch aus dem XVII. Jahrhunderte der flandrifchen Kunft an. Wenn auch nicht an das Gröfste, fo gemahnt uns das Bild doch an das Gute jener Zeit. Die religiöfe Hiftorie ift durch eine fehr würdig gehaltene Mater dolorofa von Meunier ziemlich vereinzelt vertreten; wo bringt fonft Belgien feinen vielen Katholicismus in der Kunft unter? Wie Anton Jofef Wiertz in feiner ungeheueren Leinwand den Engelfturz darftellt und die biblifche Mythe nach feiner Weife ins ungeheuerlich Phantaftifche emportreibt, fteht diefem Berichte nicht an, weiter auseinanderzufetzen. Es war wohl lehrreich, jenes riefige Gemälde und die Photographienfammlung nach den Hauptwerken von Wiertz auf unferer Weltausftellung zu finden übrigens gehört aber die nähere Beleuchtung diefes bereits 1863 verftorbenen Malers, der fich felbft eigenfinnig weit ab vom Wege ftellte und bei dem Genialität und mit Methode betriebener Wahnfinn hart aneinander grenzen, fchon völlig der Kunftgefchichte an. - Sowie die belgiſche Gefchichtsmalerei fich an der porträtartigen Auffaffung kräftigt und von ihr Beftimmtheit und Lebensfülle leiht, fo erhebt fich das Porträt felbft in fo vornehmer Nachbarfchaft zu einer edleren und bedeutfameren Gattung. Das Erbe und der Kunftfegen der alten flanderifchen Maler fcheint da noch immer nachzuwirken; wenn uns auch bei Gallait in dem Porträt des Staatsminifters Dumortier und jenem des Herrn Saint Paul de Sinçay ganz moderne Menfchen entgegentreten, fo find fie doch mit jener malerifchen Beobachtungsgabe erfafst, die fich in Flandern und Holland von Van Dyk, Frans Hals etc., wenn auch mit fehr veränderter Technik bis heute in gerader Linie vererbt zu haben fcheint. Noch immer find die hervorragenden Belgier die Maler des Individuellen, aber mehr in feiner ruhigen Erfcheinung, als in feiner activen Aeufserung; daher der eminente Beruf zum Porträt. Hinter den Franzofen mögen fie hierin an Verve und geiftreich kühner Behandlung, nicht aber an beftimmter Kraft der Individualifirung zurückſtehen; die Perfönlichkeit tritt klar und voll aus dem Bilde in felbftredender Gegenwart. Alexander Robert's Porträt des dänifchen Malers Hägelftein, de Keyfer's Porträt des Sir John Murray Naesmyth und andere wären unter den wenigen, aber trefflichen Bildniffen in den belgifchen Sälen da zunächft zu nennen. In der Landfchaft der Belgier ift es auch wieder die Technik in befferem Sinne, welche die Wirkung meiftens entfcheidet. Ein klarer und fcharfer Sinn für locale Motive und Naturerfcheinungen, die bei ihrer nicht allzugrofsen Mannigfaltigkeit um fo genauer ftudirt werden können- ftatt der eigentlichen 72 Dr. Jofef Bayer. Landfchaftspoefie eine mehr nüchterne Auffaffung und Beobachtung, zu der fich aber als Erfatz für das poetifche Stimmungselement malerifche Kraft und Wärme des Vortrags gefellt: das fcheinen mir fo eigentlich die Grundzüge der belgifchen Landfchaftsmalerei zu fein. Von dem mäfsigen Berglande der Ardennen, aus dem die Studien in den Mappen der einheimifchen Maler nicht allzu zahlreich find( von Franz Keelhoff brachte z. B. die Ausstellung eine Anficht aus den Ardennen), fteigt fie hinab in die Flächen an die Ufer der Maas, der Schelde und der Marne, um fich dann behaglich in den Anblick der Stillwaffer am Strande zu verlieren. Hier fraternifirt dann die Landfchaft mit der Marine. Das innere Land ift durch die gemüthliche Dorfvedute, die Baumgruppen an den Flussufern und die Waldlandfchaft mit hell einfallendem Sonnenlicht vertreten; wie in der deutfchen Landfchaft der Berg, fo prävalirt hier der Baum, für deffen durchfchienenes Laubgrün die belgifche Palette die richtigen Farben bereit hält. Mit Vorliebe verweilt die landfchaftliche Beobachtung in den„ Kempen", bei den malerifchen Mühlen dafelbft( das ausnehmend fchöne Bild von dem bereits verftorbenen Theodor Fourmois), ihren Wiefengründen mit Weidevieh und ihren Schaf hürden( Louis Robbe, Eugéne Verboeckhoven), wo gelegentlich der Thier maler den Landfchafter ablöft. Dazu kommt die forgfältige Beobachtung von Luft und Wolken, von Morgen- und Abendlicht und von Gewitterftimmung, wie in den ganz vorzüglichen Bildern von Jean P. F. Lamorinière. Die belgifche Thiermalerei bewährte auch auf unferer Ausstellung ihren erprobten Ruf. Jofef Stevens excellirte durch feine Epiſode aus dem Hundemarkt in Paris", von Verboeckhoven fahen wir wieder feine einft berühmten Schafe, Jean de Haas brachte ein grofses Bild mit weidendem Rind.- Von vorwiegend technifchem Intereffe, aber dabei in Rücklicht auf frifche energifche Färbung und die Wirkung der Perfpective meiftens von entfchiedenem Werth ift das belgifche Architekturbild und die Strafsenvedute; es feien in diefer Gattung die vorzüglichen Sachen von J. Fr. Carabain, von Fr. Stroobant und Jean B. Van Moer nur in fummarifcher Würdigung erwähnt. Italien. Man hat den modernen Italienern häufig den Vorwurf gemacht, dafs die Nachwirkungen ihrer grofsen Kunftvergangenheit in den Leiſtungen der Gegenwart fo wenig hervortreten. Es hätte faft den Anfchein, als wäre diefs Alles nur für die„, Foreftieri", die zugereiften Maler und ihre für Studien temporär gemie theten Ateliers da. Diefer Vorwurf dürfte doch etwas einfeitig und ungerecht fein. Einmal haben die Italiener da, wo fich von der Kunft wirklich erben läfst, in der That diefes Erbe angetreten und bis in unfere Tage hinein verwerthet; fo in der Ornamentik ihrer Kunftinduftrie, insbefondere ihrer fchönen Majoliken, wo das edle und phantafievolle Ornament des Cinquecento noch immer feine heiteren Ranken treibt. Vererben läfst fich in der Kunft eben nur das Ueberlieferungs. fähige beftimmte, im nationalen Kunftftile entwickelte Formen, die dann von Hand zu Hand gehen, von Gefchlecht zu Gefchlecht übermittelt werden können. Der grofse productive Zug gehört lediglich dem Zeitalter oder vollends nur der eminenten Begabung des Einzelnen an. Die ganze italienifche Renaiffancemalerei, von ihrem kräftereichen Aufgange bei den Quatrocentiften bis zu ihrem kräftevergeudenden Niedergange in den Schnellmaler- Schulen der Spät- Neapolitaner nach Art der Luca Giordano und Solimena ift ein völlig gefchloffener Lebensgang der Kunft, grossartig, aber doch dabei normal abgelaufen, der von da an, wo er fein natürliches Ende gefunden, fich nicht mehr fort- und nachleben läfst. Nachdem fchon die Eklektiker mit ihren gelehrten akademifchen Principien, die letzten Caracciften und letzten Römer fo ziemlich verthan hatten, kam noch ein in Die Malerei. 73 ftrenger häuslicher Kunftzucht und im feften Glauben an die hohen italienifchen Vorbilder aufgewachſener Deutfcher Raphael Mengs, nach Italien, um die allerletzte Nachlefe des Eklekticismus zu halten, die letzten noch übrigen Halme vom Rande des Feldes abzulefen und als Fremder jene Kunftzeit, die fchon den Einheimifchen fremd zu werden begann, hiftorifch abzufchliefsen. Es täufcht und beirrt zwar bei einem noch lebenden und thätig wirkenden Volke, das fogar nach anderer Seite einen neuen vielverfprechenden Auffchwung nimmt, von einer grofsen Kunft aus noch ziemlich naher Vergangenheit reden zu hören, die ganz hiftorifch fertig fein foll, ohne mit dem Volke, das fie erzeugt hat, gleichmäfsig wieder fort- und aufzuleben. Und doch ift es nicht anders. Die Malerei der italienifchen Renaiffance ift ebenso eine gefchichtlich abgefchloffene Kunftwelt, wo nichts mehr hinzu noch hinweg zu thun ift, wie es in ähnlicher Weife die in der Zeit uns fo fernftehende claffifche Sculptur des Alterthums ift. Mit folchen ganz fertigen grofsen Epochen gibt es keinen anderen Zufammenhang, als jenen, den man felbft auffucht, den der Studien. Diefe find rein eine Angelegenheit des perfönlichen Bildungsganges; der allgemeine Kunftzuftand im Grofsen und Ganzen kann nicht lediglich das Gepräge folcher Studien tragen. Was der kunftbegabte Nachbar im Augenblicke malt und wie er es malt, wirkt da ganz ungleich entfcheidender, als was der grofse Vorfahr, fogar bei einem Volke vom älteften Kunftadel gefchaffen haben mag. Denn noch einmal: die Gefammtproduction kann nur von unmittelbaren, lebendigen Anregungen leben; fie mufs directe Einflüffe und Impulfe ererfahren, fo fehr es dem Einzelnen für feine Kunftbildung auch frommen mag, auf eine gewiffe Strecke weit den hiftorifchen Weg einzufchlagen und in die Schule der älteren Vorbilder zu gehen. Diefs Alles nun vorausgefetzt, wie fteht es da um die moderne italienifche Malerei? Was ift ihr bezeichnender Charakter, wenn fie nicht an die eigene Renaiffance anknüpft und doch dabei echt italienifch, wirklich national fein foll? Es ift eben eine ganz junge, aus den Bedingungen der Gegenwart neu herausgewachfene Kunft, nur bedingt originell, und diefs mehr in der Auffaffungsweife gewiffer nationaler Stoffe und in dem allenthalben durchbrechenden italienifchen Naturell, als in der künftlerifchen Behandlungsweile felbft, worin viel des Angelernten, ja felbft des flüchtig Abgeguckten unterlaufen mag; eine Kunft voll unruhigen juvenilen Drangs fo zwar, dafs diefe Gährung kaum anders verlaufen könnte, wenn man dort in neuerer Zeit ganz von vorne angefangen und nicht large glorreiche Jahrhunderte voll der höchften Thaten des künftlerifchen Schaffens hinter fich hätte. Wo hätte fich auch da zunächft anknüpfen laffen? Jene clafficiftifche Richtung, dem Bonaparteftil Jacques L.David's verwandt, welche in Mailand bei Andrea Appiani, in Florenz bei P. Benvenuti, in Rom bei Vincenzo Camuccini ihre vornehm kühle, malerifche Phrafeologie ausbildete, die fo bis in die dreifsiger Jahre nachhielt: fie war durch die rafcheren Pulfe unferer Zeit überholt, die abfolut keinen Formalismus, kein akademifches Wefen mehr verträgt. Frifche Anregungen gingen in neuerer Zeit von Oberitalien aus; wieder war es das farbenfreudige Venedig, dann Mailand ein wichtiger Vorort neuitalieniſcher Kunft, wo von Franco Hayez, von feinen Schülern Domenico und Gugl. Induno für den Sieg des Realismus und der wärmeren coloriftifchen Behandlung tapfer gewirkt wurde. Nun malte man fich in die kleineren, dem Leben näher ftehenden Gattungen ein: man ftudirte die Strafse und ihre Gruppen, man bildete fich ein da kam dem Italiener über Nacht das Zeitereignifs und die politifche Wendung feiner nationalen Zustände ins Haus und die Morgenfonne der neuen Epoche fchien auch den Malern in ihre Ateliers, direct auf ihre Leinwanden, die nun mit einem Male in gröfserem Format befchafft werden mussten. diefs kaum zur Abklärung der italienifchen Kunftzuftände bei, ja es ftörte geradezu ihre normale Entwicklung. Genrefach aus Es trug - Der moderne Italiener hält fich nun auch mit dem Pinfel in der Hand feinem politifch- nationalen Pathos verpflichtet und macht fich demgemäss an Stoffe, die 190 74 Dr. Jofef Bayer. da mehr gut italienifch, als gut gemalt ausfallen. Wenn die Gedankenmalerei die Kunft abftract und unlebendig macht, wie wir es in Deutſchland vielfach erfahren haben, fo geräth fie durch die Tendenzmalerei in der Regel in leichtfertige und forglofe Behandlung. Das einige Italien ſpiegelt fich eben nicht vortheilhaft in der Malerei ab, und namentlich, wo fie dem Re galantuomo eine perfönliche patriotifche Huldigung bringt, fei es bei feinem Einzuge in Rom( Sagliano in Neapel), oder in dem Thronfaale mit Garibaldi( Bufi aus Bologna) oder bei der Inauguration der herculanifchen Ausgrabungen( Eugen Tano aus Florenz), kommen wir über blofse Cavalcaden oder Ceremonienfcenen nicht hinaus. Es fcheint diefem Patriotismus der Palette einfach zu genügen, den populären König und die modernen Helden der Nation nur recht häufig dem Volke zu zeigen, nicht aber fie in wirklich bezeichnender und bedeutfamer Action vorzuführen. Vielleicht ift es erft fo beffer, denn fonft käme gewifs ein Zug theatralifcher Aufregung hinzu. Die Erfüllung der politifchen Wünfche der Nation ift noch von zu jungem Datum, als dafs die Kunft fie fchon mit ruhiger Hand, aber grofsem Sinne erfaffen und darftellen könnte. In Allem, was zur malerifchen Technik gehört, erfcheint das moderne Italien faft wie eine Kunftfiliale von Frankreich; nur find die technifchen Mittel häufig mehr nach der allgemeinen Wirkung abgefchaut, als mit gründlicherem Verſtändniffe und ernfterer Behandlung benützt. Das Raffinement der neufranzöfifchen Malerei wirkt deutlich herüber, weniger die zugrundeliegenden gröfseren Kunftbeftrebungen. Zunächst zeigt fich diefs bei den auch in Italien beliebten Nuditäten. Es wäre ganz verkehrt, gegen das Nackte in der Kunft zu polemifiren. Die Auflehnung gegen dasfelbe möge für alle Zeiten den Päpften der Gegenreformation, die über das viele nackte Fleifch des Cinquecento plötzlich erfchraken, fowie dem ehemaligen preufsifchen Cultusminifter Mühler neidlos überlaffen fein. Aber der ehrliche künftlerifche Cultus des Nackten ift doch wefentlich verfchieden von jener pikanten Schauftellung desfelben, die ausdrücklich auf den lüfternen Effect losarbeitet. Die nackte Phryne, die, wie von dem eigenen wollüftigen Blute gejuckt, in coquet herausfordernder Stellung mit jenem unfagbaren metiermässigen Lächeln dafteht, diefe frivole marmorne Verfuchung befand fich bekannt. lich in erfter Reihe unter den italienifchen Sculpturen, und auch Clefinger hat unter den Franzofen diefelbe Dame ebenfo ſplitternackt, aber dabei im reichften Gemmen- und Goldfchmucke vorgeführt, der wieder eine kleine Specialausftellung für fich bildete. Bezeichnend ift es, dafs die moderne Kunft der romanifchen Völker mit Vorliebe zu diefer Geftalt zurückkehrt; auch die nackten Fräulein, die als„ Bachantinen", als„ Nymphen nach dem Bade" oder auch ohne jeden mythologifchen Vorwand in allen Sälen der Kunsthalle, mit Ausnahme der deutfchen, im Waldesgrün des Ueberfalles gewärtig, herumlagen, gehören zu demfelben Gefchlechte. So auch das nach dem Bade im Walde eingefchlafene Mädchen von Cattaneo in Rom, das allerdings feine unläugbaren malerifchen Verdienfte hat. Eine„ Idylle aus Theben" von Viotti in Turin gibt uns wieder eine Nudität unter archäologifchem Vorwande. Weil in egyptifchen Wandgemälden aus der Zeit der Rhamfefiden die hockenden, harfenfpielenden Sclavinen bei den Hoffeften völlig nackt erfcheinen, fo glaubte der Künſtler in feinem, in affectirtem Archaismus mit einem Hieroglyphenrahmen verfehenen Bilde hievon die paffende malerische Nutzanwendung machen zu können. Uebrigens ift fein Bild wirkfam beleuchtet und die Geftalt der jungen Sclavin im fonnigen Lichte, ganz in der Weife franzöfifcher Technik trefflich modellirt. Meiftens merkt man es diefen Damen geradezu an, dafs fie fich ad hoc, nämlich, um fo gemalt zu werden, ab fichtlich erft ausgezogen haben. Buchftäblich ift diefs bei der Brautfchau von Rob. Fontana in Mailand der Fall. Ich weifs nicht, wo in Rufsland ein folcher Gebrauch exiftiren foll, nach welchem fich die Bräute vor ihrer Vermählung unbekleidet den prüfenden Blicken ihrer Cameradinen zeigen. Abgefehen davon Die Malerei. 75 war diefes Bild eines der beftgemalten, coloriftifch glänzendften der italienifchen Ausstellung. Der leuchtende Körper in dem gar trefflich gehaltenen helldunklen Intérieur, die neugierig guckenden, glücklich charakterifirten Mädchen und dazu der Blick durchs Fenfter auf die fchneebedeckten Dächer, das Alles gab ein fehr gut geftimmtes Enfemble. Ein franzöfifcher Zug geht auch durch ein anderes Bild desfelben Künftlers hindurch, welches eine Illuftration des Nonnenballets aus„ Robert der Teufel" verfucht. Wie dort mit der Sonne, operirte er hier mit dem Monde; nur ift man nicht ganz im Klaren darüber, ob man es mit dem wirklichen oder dem Theatermonde zu thun hat. Es liegt immer etwas Bedenkliches darin, Decorationseffecte der grofsen Oper wieder in das Staffeleibild zurückzuübertragen, namentlich wie hier, bei einem phantaftifchen Stoffe. Unwillkürlich beeinflusst die Scenerie und künftliche Beleuchtung der Bühne den Blick des Künftlers; er reproducirt eine Opernreminifcenz, ftatt uns ein freiconcipirtes malerifches Märchen zu geben Bei alledem hat das Bild die volle Pikanterie des theatralifch Gefpenftigen und Abenteuerlichen. Auch in der Neigung zu malerifchen Orientreifen glaube ich eine franzöfifche Einwirkung wahrzunehmen. Wenn nichts Weiteres dabei erzielt wird, fo ift doch das Eine erreicht: die Schwelgerei im fonnigen Licht und in refolut hingefetzten Localfarben. In diefem Sinne geht nach dem Orient auch die Mekkafahrt der Coloriften. Profeffor Stefan Uffi aus Florenz macht uns nun geradezu zu Zeugen des Aufbruches einer grofsen Pilgercarawane nach dem heiligen Mekka. Es war das farbenberedtefte Bild der italienifchen Kunftfäle, voll Sonnenglanzes, heifsen Staubes und bunten Menfchengewimmels. Das Ganze kann als eine brillante ethnographifche Studie gelten, beiläufig fo, wie der Pyramidenbau von dem Berliner Guftav Richter; entfcheidend ift dabei der orientalifche Charakter, die gut getroffenen Typen und nicht das hiftorifche Zeitalter. Ueberhaupt exiftirt der ganze Orient für unfere Malerei blos ethnographifch, nicht gefchichtlich. St. Uffi gibt in feinem grofsen Gemälde in der That eine reiche und lebensvolle Zufammenftellung typifcher Geftalten, zu einer Monftreproceffion mit allem dazu gehö rigen Spectakel vereinigt; Derwifche und Fromme, Gaukler und Schlangenbefchwörer, das treibt fich bunt und toll durcheinander, und doch behält dabei das Ganze eine harmonifche Haltung im Colorit und ift auch in jenem Sinne componirt, wie ihn ein fo weit gehender Realismus eben verträgt. Ganz in dasfelbe Orientgenre, trotz des Hinweifes auf eine gefchichtliche Thatfache, gehört des Mailänders Tullus Maffarani anfpruchsvolles Bild, das uns die Verbrennung der Alexandrinifchen Bibliothek verfinnlichen foll. Ich mufs fagen, dafs es mir in der ausfchweifenden Willkür feiner Zufammenftellung, in feiner malerifchen wie hiftorifchen Buntfcheckigkeit, die das Fremdartigfte durcheinanderwirft, geradezu unbegreiflich war. Das ift ja ein Rendezvous von Masken aus ganz verfchiedenen Zeitaltern, und fonft auch nichts Anderes! Da fehen wir im Vordergrunde die Saraftro- artige Geftalt wohl des letzten Alexandrinifchen Bibliothekars, ganz Opernfigur; daneben einen halbnackten Kerl mit dem altegyptifchen Schurz und dem Kopffchmuck der Uräusfchlange, aus einem alten Wandbild von Theben herabgeftiegen; in nächfter Nachbarfchaft ein paar gebräunte kriegerische Geftalten mit tartarifchen Phyfiognomien und ähnlicher Ausrüftung und Bewaffnung. Die Schätze der Alexandrinifchen Bibliothek, mit denen die Bäder Omar's geheizt werden follen, find mittelalterliche Codices, in Schweinsleder gebunden, ftatt antiker Schriftrollen. Ohne allen denkbaren Grund wird im Hintergrunde eine nackte, nur mäfsig verfchleierte Dame auf einer Tragbahre von einigen robuften Kerlen hereingetragen, der mehrere Frauen in jenem Theatercoftüme folgen, das wir bei dem Wartburger Sängerfeft in Wagners„ Tannhäufer" zu fehen gewohnt find. Dazu lehnt fich rechts über eine Ambonenbrüftung mit Moſaikmuftern im altchriftlichen Bafilikenftil irgend ein Jude oder Araber, indefs weiter vorn eine völlig unbefchäftigte Odaliske auf einen Teppich fich hinftreckt, in deren Nähe der Maler, um die tolle Buntheit voll zu machen, noch ein epifodifches Frucht3333323 76 Dr. Jofef Bayer. ftück abgelagert hat. Damit in dem Bilde ja die letzte Spur der Confequenz getilgt fei, ift auch fchon der maurifche Stil in der Architektur anticipirt, fo dafs man annehmen mufs, die Alexandrinifche Bibliothek fei bereits eine arabifche Stiftung. Wenn fich das Bild für ein hiftorifch angeregtes Traumgeficht ausgibt, fo mag es als ein folches gelten; in einem anderen Sinne wiffen wir anderen nüchternen Leute trotz des effectvollen Arrangements, das für den erften Blick imponiren mag, kaum eine rationelle Deutung des feltfamen Werkes zu finden. Eine Anknüpfung an die guten Vorbilder der grofsen einheimifchen Kunftzeiten tritt uns, wie fchon eingangs bemerkt wurde, nur hie und da als Ergebnifs individueller Studien entgegen. Dafs die vereinzelten modernen Künftler Italiens, die wir auf diefem Wege antreffen, nicht, wie fo manche fromme deutſche Maler fich in die Prä- Rafaeliten verfchauen und mit affectirter Kindlichkeit archaifiren, damit hätte man wohl keinen Grund, unzufrieden zu fein. Amos Caffioli gemahnt uns zwar in feinem vortrefflichen Bilde Salvani fammelt Almofen, um feinen Freund aus dem Gefängniffe loszukaufen", an die Weife gewiffer Quatro. centiften, wenn diefe, wie Filippino Lippi, Carpaccio und Andere die legendarifchen Vorgänge und Wundergefchichten in die Canäle und Strafsen oder auf den Marktplatz ihrer Heimatftädte verfetzen und die zahlreich herbeiftrömenden Bürger zu unmittelbaren Zeugen derfelben machen. Die Freude am Charakteriſti fchen, das durchbrechende Intereffe am gegenwärtigen realen Leben, das damals plötzlich fich regte, gab fich bekanntlich mit einem frifchen und fröhlichen Uebermafse kund, das uns ganz eigen anmuthet: ftatt einiger bezeichnenden Typen geben jene Maler deren gleich ein ganzes Gedränge und bringen fo die ftädtifche Landsmannfchaft nach allen Gilden und Zünften zu Ehren. Ein altitalienifches Strafsenbild diefer Art von feinempfundenem, ganz wenig alter thümelndem Realismus gibt uns nun Caffioli in feinem verdienftvollen Bilde. In bezeichnenden, genreartigen Details, in der Ausführung des Epifodifchen nach der älteren Manier durchaus nicht fparfam, zeigt diefes Bild in den Gruppen, wie in den einzelnen Figuren ganz die liebevoll detaillirende Charakteriſtik, die der Meifter jenen Quatrocentiften nicht fowohl abgefchaut, als nachempfunden zu haben fcheint. Jofef Bertini aus Mailand gibt uns in feinem Gemälde, Leonardo da Vinci und Beatrice d'Efte" die Darftellung einer Atelierfitzung; ein bekanntes, nicht fehr zu empfehlendes Thema, das Gefchäft des Malens wieder zu malen. In der Behandlung der Contour und der verfchmolzenen, etwas lackartig wirkenden Farbe fucht fich der Maler einigermassen der alten lombardifchen Schule zu nähern; er fcheint aber diefes nur dem Gegenftande zu Gefallen, aus dem Refpect vor dem Atelier Leonardos gethan zu haben. Seine vorherrschende Malweife ift diefs nicht, wie feine anderen, durchaus modern colorirten Bilder ,, Franz I. und Marfchall Trivulcio" und das fein und elegant gemalte Porträt der Princeffin Margharita, fowie ein zweites meifterhaftes, all' amico Tinzi" bezeichnet ausreichend bewiefen. Anton Ciferi's„ Niedermetzelung der Makkabäer" zeigt ein Compofitionsgefühl im gröfseren Sinne, eine ernfte gediegene Auffaffung und jenen bedeutenden Zug, wie er der richtig verftandenen Aufgabe des Hiftorienbildes gemäfs ift. Ciferi ift ein Florentiner. Man darf wohl annehmen, dafs das Studium der Meifter der fpätflorentinifchen Schule aus der zweiten Hälfte des XVI. und dem Anfange des XVII. Jahrhundertes fowohl in der Farbe, wie in der Compofi tion nicht ohne Einfluss auf ihn geblieben ift. Man glaubt fich da nicht allzuweit von Aleffandro Alori und Cigoli zu befinden, ohne dafs dabei die Selbſtſtändig keit des modernen Meifters Abbruch leidet. Die Neigung zur Allegorie, die gelegentlich hervortritt, wäre wohl gleichfalls fo ein Stück Gedankenerbfchaft aus der Renaiffance. Ich hätte gegen diefe Kunftgattung nicht fo viel einzuwenden, als vom Standpunkte gewiffer äfthetiſcher Theorien dagegen geltend gemacht wurde. Wenn die Kunft einmal durch den Rationalismus und eine nüchterne Lebensauffaffung entgöttert ift, wenn Die Malerei. 77 die religiöfen Ideale künftlerifch abfterben oder nur fchattenhaft reproducirt werden, dann bietet die Allegorie ein gewiffes Erfatzmittel für die höhere Idealwelt dar, welche die Kunft doch fchwer zu miffen vermag. Die Renaiffance hat neben die Geftalten der kirchlichen Legende und die wiederzurückgeführten Götter des heidnifchen Olymps eine reiche Fülle allegorifcher Erfindungen hingeftellt, denen fie beinahe den Hauch individuellen Lebens zu geben wufste. Raphael, der unvergleichlichfte Meifter der legendarifchen und hiftorifchen Kunft, war auch zugleich der genialfte Allegoriker unter den Cinquecentiften; doch gehört eben die volle Reinheit des Umriffes, eine gewiffe gedankenhafte Hoheit des Stiles und Klarheit der auszudrückenden Beziehungen nothwendig dazu, um diefe Art künftlerifcher Ausdrucksweife zu rechtfertigen und die äfthetifchen Bedenken gegen diefelbe zu widerlegen. Die klügelnde und überladene, bald nüchterne und bald wieder fchwülftige Allegorik der Spätrenaiffance und des Zopfes ift aller dings wieder ganz angethan, der Ablehnung der Theorie Recht zu geben. Eugen Agneni, ein Hauptvertreter der neuallegorifchen Richtung, behandelt nun diefe Art von Gedankenmalerei wieder in fehlerhaft modernem Sinne mit dem ausgefprochenen Streben, in den Contraften fchlagend, in den auszudrückenden Gedanken fcharf pointirt zu wirken. Sein Hauptthema ift der Kampf der Naturmächte mit der Eifenbahn- und Induftrialcultur der Gegenwart oder vielmehr das tragifche Erliegen der erfteren unter der fiegreich vordringenden Gewalt der kühnften menfchlichen Unternehmungen. Der Durchftich der Landenge von Suez, die Bohrung des Tunnels im Mont Cenis, der Maffenmord der Dryaden beim Aushauen der Forfte werden in diefer Weife finnbildlich gefafst. Es find in Handlung gefetzte Allegorien mit einer gleichfam leidenfchaftlichen Spannung der Gegenfätze. Es war diefs einftmals die königliche Domäne des Rubens, die Allegorie zu dramatifiren und zu einer effectvollen Handlung zu fteigern; er dichtete da völlig als Maler, während der moderne Italiener die gefucht verwegenen Einfälle feines Kopfes nur mit unzureichendem Pinfel zu illuftriren vermag. Das Auszudrückende geht nicht in der malerifchen Ausdrucksweife auf. Wir fehen da lauter Abfichten, aber keine in künftlerifches Gleichgewicht gebrachte Compofitionen vor uns. Er ift weder Colorift noch Stilift, obgleich er von Beiden etwas borgt und ebenso diefe beiden Darftellungsweifen mit einander verwirrt. Die mehr als Tableau aufgeftellte Allegorie, welche die Einheit Italien" verfinnlichen foll, macht die Compofitionsfehler und den Mangel an reinem Liniengefühl um fo bemerkbarer, weil wir uns da auf dem geläufigeren Boden des allegorifchen Schemas befinden und die Ausrede auf das Gewagte und Aufsergewöhnliche des Vorwurfes wegfällt. Einen breiten Raum- fo fcheint es nimmt in der italienifchen Malerei der Cultus der nationalen Gefchichtserinnerungen ein, insbesondere jener der Vorgefchichte der Italia una und jener Opfer und Leiden, die den Prolog zur Begründung der jetzigen politifchen Zuftände der Halbinsel bildeten. Es geht bei folchen Darftellungen nicht ohne einen gewiffen theatralifchen Zug ab; gleichwohl finde ich hier das ftoffliche Intereffe in der Kunft trotz aller gegentheiligen äfthetiſchen Auseinanderfetzungen berechtigt. Es mag immerhin den patriotifch gefinnten Maler reizen, eine künftlerische Satisfaction an den widerftrebenden Gewalten zu nehmen, welche die Wünsche der Nation hintertreiben wollten und die Vorkämpfer derfelben dem Kerkerdunkel oder dem Tode überlieferten. Schlecht kommen dabei insbefondere die Bourbonen weg; fo zeigt uns der Neapolitaner Nicolo Parifi das Schickfal des Patrioten Carlo Poerio, der auf Befehl der Bourbonen mit gemeinen Sträflingen zufammengekettet wird, und Raphael Tancredi fucht uns, in eine frühere Zeit zurückgreifend, durch die Scene zu erfchüttern, wie der neapolitanifche Admiral Caracciolo einem niedrigen, perfiden Verrathe zum Opfer fällt. In diefen und ähnlichen Bildern liegt eine gewiffe fenfationelle Schauftellung nationalen Unglücks, aber fie find jedenfalls mit Verve gemalt und echt 333333 I 78 Dr. Jofef Bayer. italieniſch empfunden. An Kriegsbildern aus der Zeit der letzten Kämpfe ift noch weniger ein Mangel. Die gröfste Wirkung unter denfelben machte des Römers Mich. Cammarano„ Erinnerung an den Feldzug von 1870". Es ftellt eine Bajonnette Attaque italienifcher Berfaglieri in vollem Sturmlauf dar und hat durchaus jenen efprit militaire", den die Franzofen feit Horace Vernet vom Kriegsbilde verlangen, fogar mit einem ftarken Anfluge prahlerifcher Bravour. Man fieht nicht ohne Bangen diefer rabiaten Tapferkeit in die wild entflammten Augen, umfomehr, da die ftürmende Colonne, von Sonnengluth ebenso wie von kriegerifcher Leidenfchaft erhitzt, direct auf den Befchauer in feindfeligfter Abficht fich ftürzt. Das Bild ift übrigens von der vortrefflichften coloriftifchen Wirkung und war äufserlich wohl das effectvollfte der italienifchen Ausftellung. Neben den neu- italienifchen Erinnerungen wird auch fleifsig in der älteren italienifchen Gefchichte zurückgeblättert; in der Regel treiben aber da die italienifchen Maler blofse Specialgefchichte, zunächft novelliftifch und romanhaft mit möglichfter Hervorhebung des fpannenden Momentes. Wir befinden uns da irgendwo zwifchen hiftorifchen Roman- und Opernfcenen, aber nirgends auf dem Boden des echten Hiftorienbildes; im beften Falle treffen wir auf noble repräfentative Haltung oder ftarke leidenfchaftliche Aeufserungen des nationalen Naturells, aber felten oder nie auf eine Durchgeiftigung des Stoffes in höherem Sinne. Der Ueberfall, die auf der Lauer ftehende Rache, der zum Stofs bereite Dolch kehren mehrfach wieder, und Gegenftände diefer Art fcheinen in der Wahl der Maler bevorzugt zu fein. So die Epiſode aus der florentinifchen Gefchichte, die Cefar Muffini aus Mailand malte: Der Bruder Imelda's dei Lambertazzi, der ihr und ihrem Geliebten, dem Feinde feines Gefchlechtes, auflauert und das kofende Paar überfällt; dann eine andere Epifode, ebendaher entlehnt, wieder von einem Mailänder El. Pagliano: Die Verfchwörung der Amedei gegen Buondelmonte, der von den Brüdern und Vettern feiner Geliebten an der Schwelle des Haufes ermordet wird. Das letzte Bild namentlich ift prächtig gemalt und gibt die leidenfchaftliche Spannung des Momentes mit grofser Wahrheit wieder: es läfst fich diefem Bilde gegenüber nicht läugnen, das der Italiener fo eine Verfchwörung auch mit malerifchem Kennerblicke zu erfaffen verfteht. Der Venetianer Raphael Giannetti fchildert uns einen chevaleresken Act Giovanni Barbarigo's, der der Königin Maria von Ungarn die Freiheit fchenkt, im grofsen Format, aber mehr in eleganter coloriftifcher Ausführung als mit grofsem hiftorifchen Sinne. Das fehr fleifsig gemalte Bild wirkt zunächft farbig, doch nicht charakteriftifch: die betheiligten Perfonen fehen mit fehr modernen Gefichtern darein und haben ein entfchieden opernhaftes Ausfehen. Sonft hat das Bild allerdings jene malerifchen Vorzüge, welche die bevorzugte Stelle, die ihm in dem internationalen Saale angewiefen war, rechtfertigten. - Das Weib geliebt oder beleidigt, beglückend oder fich rächend, aber immer affectvoll und pathetifch- fchreitet mit Theaterfchritten durch die ganze italienifche Gefchichtsmalerei hindurch. So malt uns auch Lod. Stabile aus Neapel eine nicht Jedem geläufige Scene, wie Camiola Turinga aus Meffina die Hand des Prinzen Orlando von Aragon aus triftigen Gründen, die aber nicht auch mitgemalt werden können, feierlich ausfchlägt. Gegen Vaterlandsverrath, auch in früheren Zeiten verfchuldet, ift der italienifche Pinfel ftets unerbittlich; fo läfst der Neapolitaner Jac. di Chiroco den Vaterlandsverräther Buofo da Duera, an der Thüre eines Klofters hingeftreckt, ohne Weiteres noch einmal Hungers fterben. Von der bewährten Hand des Prof. Francesco Hayez war der letzte Gang des Dogen Marino Falieri ausgeftellt, ein wohl componirtes, würdig gehaltenes Bild, zugleich von fchöner coloriftifcher Wirkung. Wenn wir aus der Hohenftaufenzeit die ,, Mailänder Confuln gegenüber den Gefandten Friedrich's I." von demfelben Meifter, dann die mehr nur in äufserlichem Sinne componirte Schlacht von Bene vento von dem Neapolitaner Andrea Cefali hinzunehmen und zum Schluffe noch dem wirkfam, aber mit einem gewiffen theatralifchen Effect infcenirten Triumph Die Malerei. 79 zuge Mafaniello's von Vincenzio Marinelli folgen wollen, fo wären wir nach diefer Seite hin mit den malerifchen Gefchichtsftudien der Italiener fo ziemlich fertig. An die Seite der eigentlichen Gefchichtsmalerei tritt eine erkleckliche Anzahl von Bildern, die fich damit begnügen, in der Vorführung bedeutfamer Einzelfiguren dem vaterländifchen Heroencult zu huldigen. Oft ftehen oder fitzen diefe Geftalten blos in finnender Haltung da, ohne jede beftimmte Situation; fie werden ganz einfach vor den Pinfel citirt. Es ift diefs, ich möchte fagen, die malerifche Anwendung von der Redefigur der Apoftrophe. Da hätten wir in diefem Sinne einen fehr nachdenklichen Machiavell" von dem Mailänder Pier. Cel. Gilardi; zwei Galilei's" von Ponz. Loverini aus Mailand und von Gius. Boschetto aus Neapel; den ganz unausweichlichen, Dante" wieder zweimal von Aug. Mazzia aus Mailand und Gius. Penfabene aus Palermo; weiter einen Savonarola" von Ign. Affanni und einen„ Torquato Tasso von Fort. Aureggi aus Mailand. Da wäre denn fo ziemlich der Kreis der populärften Geftalten aus der Ruhmeszeit Italiens beifammen; ihnen gefellt fich noch ein„ Alexander Volta" zu, der in dem Bilde des Mailänders Rinaldi neuerdings die Entdeckung der Elektricität machen mufs. 95 Mit Vorliebe verweilen die italienifchen Maler bei der Gefchichte des heimifchen Kunft- und Literaturlebens, um da ihre Stoffe fich zu fuchen. Die literarifche, fowie die Künftleranekdote mufs wiederholt herhalten, um bald nach der pathetiſchen Seite, bald in mehr genreartiger Auffaffung benützt zu werden. Auch da müffen wir uns mit einfacher Nennung begnügen. Hieher gehört z. B. Eug. Agneni's, Domenichino, der vor feinem Nebenbuhler Ribera flieht"; Teob. Patini's geiftreiches und charakteriftifches Bild, das uns das Atelier Salvator Rofa's zeigt;„ Die Tochter Tintoretto's" von dem Mailänder Eleut. Pagliano;„ Michel Angelo bei dem Urbinaten" von dem Florentiner Preti und vielleicht noch einiges Andere diefer Art. Die literarifche Anekdote war in Enr. Gamba's( aus Turin) geiftreich heiterem Bilde aus Goldoni's Leben im beften Sinne einer anziehenden genreartigen Auffaffung vertreten. Der berühmte Luftfpieldichter ergötzt fich, in einer Gondel vorüberfahrend, an einer Zankfcene von Marktweibern und weifs mit Kennerblick das komifche Motiv der Situation zu würdigen. Das Bild ift von fehr bezeichnender Charakteriſtik, dabei fein, elegant colorirt und trefflich in der Haltung. Da in den Malergefchichten im Bilde meift viei Pathos und Sentimentalität verbraucht wird, fo war uns diefs erheitern de Stück Wahrheit und Dichtung" doppelt willkommen. " Das Alterthum, fagenhaft wie gefchichtlich, hellenifch, aber häufiger noch römifch, liegt dem Intereffe der italienifchen Kunft noch immer nahe genug. Es regt fich noch ab und zu im Grunde des claffifchen Bodens und zwifchen den Ruinen fteigen die claffifchen Geftalten deutungsvoll empor. Das Befte im Mytho logifchen fchien mir die„ Sirenenfage" von Ed. Dabono aus Neapel, ein wirklich poetifches Bild. In der Darstellung von Anakreon's Tod von dem Neapolitaner Mich. Tedesco find namentlich die Frauengeftalten weder griechifch noch fchön; ein fahler, leichenhafter Ton fcheint fich von der Hauptgeftalt über das ganze Bild und die plötzlich erftarrende Heiterkeit feiner Gruppen zu verbreiten. Es ift in der Stimmung gut intentionirt, aber nicht maleriſch richtig ausgeführt. Gius. Sciuti aus Mailand brachte aufser einer„ pompejanifchen Scene" einen, Pindar bei den olympifchen Spielen". Das letztere Gemälde gibt in Anordnung und Haltung ein durchaus würdiges Bild einer feftlichen Verfammlung, allerdings nicht mit hinreichender Concentration des Vorganges. Dafs auch Frauen als Feftgenoffinen bei den olympifchen Spielen vorkommen, ift ein archäologiſcher Schnitzer. Lebhafter als in Hellas geht es auf den Bildern in Rom her. Wir erhalten da ein Stück römifcher Gefchichte nach italienifcher Lesart und Interpretation Lod. Muffini aus Siena verfinnlicht uns das Capitel aus Sueton, das 6 80 Dr. Jofef Bayer. uns die letzten Lebensftunden Nero's fchildert, aber mehr mit malerifchem Fleifs der Ausführung in dem Intérieur und Beiwerk, als in der Charakteriſtik des verzweifelnden Tyrannen, der keine fonderliche Energie der Auffaffung zeigt. Gius. Boschetto aus Neapel, von dem wir fchon einen Galilei anführten, fchildert uns die Epiſode einer auf der Flucht ergriffenen Sclavin in Rom mit aller aufregenden Wirkung, die in der Situation liegt. Diefer Maler zunächft ift es, der die ganze Lebhaftigkeit, ja Heftigkeit des italienifchen Naturells in die Auffaffung römifcher Stoffe überträgt. Sein grofses Bild, welches die Ausstellung der Profcriptionstafeln Sulla's und die Wirkung davon auf das mordluftige Gefindel darftellt, halte ich in diefem Sinne für eines der bezeichnendften Werke der neuitalienifchen Kunft und in der Beredfamkeit der verwilderten Affecte, die fich in Stellung, Gefticulationen und Mienen kundgibt, für ganz vortrefflich. Bei den römifchen Stoffen haben wir auch der letzten Veftalin" von Vinc. Hayez in Ehren zu gedenken. Mit frem dländifcher Gefchichte geben fich die Italiener nicht viel zu fchaffen und dann behandeln fie diefelbe entweder novelliftifch oder opernhaft, immer auf den calculirten Einzeleffect des Momentes, mag er nun fpannend, auf eine feine Spitze geftellt fein, oder die Rührung und den Affect im vollen Mafse entfeffeln. Schon die einfache Angabe der Stoffe deutet auch die Richtung und vorherrfchende Auffaffungsweife an. So zum Beiſpiel A. Cattaneo in Rom: Cardinal Ferdinand von Medici bei Franz I., dem der Verdacht auffteigt, er fei eben vergiftet worden"( novelliftifch); Lod. Norfini in Florenz:„ Jacob II., der feinem Neffen, dem Herzog von Monmouth, die Begnadigung verweigert" ( pathetiſch im Sinne der hiftorifchen Oper) und fo weiter. Wir kommen auf die italienifche Genremalerei, eine Gattung, welche fich die Italiener, feitdem jene Repräfentanten der Mailänder Schule, die Genremaler Domenico und Guglielmo Induno, die Fahne des Realismus aufgehifst haben, erft in neuerer Zeit zu eigen machten. Die objective Beobachtung, den liebevoll eindringenden, gefchärften Blick, der diefer unerfchöpflichen Gattung die gröfsten malerifchen Eroberungen in den kleinften Gebieten erringt, befitzen die Italiener noch nicht Sie find für die künftlerifch confequente Durchbildung des Genrefaches bei aller Lebhaftigkeit momentaner Beobachtung zu flüchtig, zu erregt und unruhig. Auch hier gehen fie gern direct auf die spannenden Momente, die Spitze der Situation los; im Gegenfatze zu der deutfchen Gemüthstiefe, die ihren ganzen Segen diefer Kunftgattung zutheil werden läfst, überwiegt im italienifchen Genre der ftachelnde Reiz des Pikanten oder Erregenden, des Sentimentalen oder Leidenfchaftlichen. Auch wo der Stoff heiter erfafst wird, ift er zugefpitzt, auf die momentane Situationswirkung geftellt. Das theatralifche Wefen des Italieners bricht auch hier durch; er kann auch im Genre nicht ruhig beob achtend erzählen, er mufs Alles womöglich mit ftarker gefticulirender Begleitung in Scene fetzen. Das ftimmt wohl nicht zu dem äfthetiſchen Principe diefer Gattung, im einzelnen Fall kann es aber wieder ein Vorzug fein; jedenfalls ift es für das italienifche Kunftnaturell charakteriftifch. Wie ſpannungsvoll ift die Scene aus einem italienifchen Hausdrama, die uns Dom. Induno unter dem Titel:„ Un amore occulto" vorführt! Und in diefer Art geht es fort. Die Empfindung äufsert fich ftark, mit jener eigenthümlichen romantifchen Sentimentalität, die von dem ftilleren deutfchen Empfindungsleben wefentlich verfchieden ift. Da wäre zum Beiſpiel eine im Kirchftuhl betende vornehme Italienerin, die ihren Gatten oder ihren Sohn in Gedanken auf einem Schlachtfelde zu fuchen hat, von M. Bianchi aus Mailand, für diefe Richtung befonders bezeichnend. Das Muttergefühl gibt fich im Genrebild, fei es in Freud oder Leid, auch mit einer gewiffen pathetifchen Lebhaftigkeit kund; fo in den coloriftifch vortrefflichen Bildern von Lod. Bufi in Bologna ,,, Mutterfreude" und" Mutterfchmerz". Der Jammer der Witwen und Waifen tritt ziemlich anfdringlich an unfer Mitleid heran; zum Beiſpiel in den Die Malerei. 81 Bildern von Cecrope Barilli in Rom, von Rubbio in Florenz, von Alex. Zezzos in Venedig. 17 Die heitere Kinderexiftenz, mit der fich die neuitalieniſche Salonfculptur fo viel zu fchaffen gibt, nimmt in der Genremalerei einen befchränkteren Raum ein; Einzelnes diefer Art, wie„ Das Bad" von Caj. Chierici aus Reggio, ift von herzgewinnender, lachender Lebensluft. Das bäuerliche Genre und die Volkstypen finden merkwürdigerweife weniger Pflege, obgleich fie für charakteriftifche Auffaffung, ja felbft für eine rein malerifche Behandlung fo dankbar wären: die Bauernfamilie" von Enr. Bartez ago in Mailand, das„ bäuerliche Nationalfpiel" von Alfr. d'Andrade in Genua, die„ lombardifchen Bäuerinnen" von Raph. Casne di in Mailand und dergleichen find fpärlich vertretene Beiſpiele diefer Art. Die junge römifche Gärtnerin" von Arth. Moradei in Ravenna, welche eben ihre Waare ausfchreit, ein prächtiges Halbfigurenbild, ift ein rechtes Kind aus dem Volke, wie man deren auf der italienifchen Ausftellung gern mehrere gefehen hätte. Dagegen fanden wir gelegentlich den keuchenden Arbeiter dort vor, mit dem echten mürrifch- focialiſtiſchen Zuge. Narc. Malatefta in Modena läfst in feiner Familie des Ueberläufers" die düfteren Schlagfchatten eines aufregenden Ereigniffes in die Bauernftube fallen; die italienifche Malerei liebt ein mal in der Wahl der Sujets diefe ftärkeren Reizmittel. Geronimo Induno, deffen Bauernfamilie fich um den Kram eines Heiligenbilder- Haufirers drängt, zeigt uns in diefem techniſch meiſterhaften Bilde das heimifche Bauernleben in einem andern Sinne, als wir es von unfern deutfchen Genremalern gewohnt find. Der italienifche Pittore verhält fich entfchieden als Städter und beobachtet gelegentlich, aber mehr nur in äufserlicher Weife das Landvolk, ohne fich in feine Exiftenz tiefer einzuleben; die gemalte Dorfgefchichte fteht ihm noch ziemlich fern, die im Augenblicke fogar die bezeichnendfte Specialität unferer deutfchen Kunft bildet. Der deutfch gemüthlichen und innigen Auffaffung im Genre nähert fich am meiften noch Ant. Rotta in Venedig an, aber auch wieder mit einem merklichen Zufatze von Sentimentalität. In der Hauptfache befchäftigt fich das italienifche Genrebild mehr mit der fogenannten guten Gefellſchaft und mit dem malerifch hiftorifchen Coftumbild aus früheren Zeiten, dem namentlich das Venedig des XVI. Jahrhundertes mit feinen Gondelfahrten, feinen Mandolinenftändchen und Carnevalsfcenen eine willkommene Ausbeute bietet. Auch für die malerifche Entfaltung des gegenwärtigen italienifchen Lebens, wie es fich bei öffentlichen Feften, bei Aufzügen und dergleichen kund gibt, haben die Italienier den richtigen allgemeinen Blick, der hier vollkommen genügt, fo fehr ihnen an anderer Stelle der Sinn für das im Einzelnen Bezeichnende ge. brechen mag. Ich hebe ftatt mancher Beifpiele die Kreuzweg- Proceffion im Coloffeum" von Anatol Scifoni in Rom hervor, die Alles, was ein folcher Aufzug an Farbenwerth und malerifch wirkfamer Sonderung der Gruppen darbietet, fehr glücklich benützt. Das Thierftück und die Landfchaft, welche in der nordifchen Malerei eine fo eminente Pflege finden, treten in Italien auffallend zurück. Es gäbe da nur eine mäfsige Anzahl des Guten, noch eine geringere des Bezeichnenden, das befonders hervorzuheben wäre. Carl Pittara aus Rom brachte in dem Gefpann eines" piemontefifchen Pfluges" und des ,, Marchigianer Karrens" ganz treffliches Rind in gut durchempfundener landfchaftlicher Umgebung; von Carl Mancini in Mailand verdienen einige Landfchaften rühmliche Erwähnung, und Achill Vertuni's" Anfichten des Agro Romano" und fein„ Blick von der Höhe der Apenninen" erregten durch ihre energifche Naturauffaffung felbft allgemeinere Aufmerkfamkeit. Zwifchendurch gab es noch manches Tüchtige und Beachtenswerthe, das aber unter dem Andrange der Eindrücke fchwer im Gedächtniffe haften bleibt. Von einer ausgefprochenen landfchaftlichen Kunftrichtung, einer im umfaffenderen Mafse durchgebildeten Naturbeobachtung der fo unerfchöpflichen Motive des herrlichften Landes kann in Italien, fo wie es den Anfchein hat, noch nicht 6* 82 Dr. Joief Bayer. recht gefprochen werden; deutfche und franzöfifche Landfchaftsmaler fetzen noch immer ihre Pilgerfchaft auf diefem, auch für die grofsen plaftifchen Naturformen claffifchen Boden fort, während die einheimifche Production der Landfchaftsmalerei hinter diefem fchwunghaft betriebenen Kunftexport fichtlich zurückbleibt. Seitdem die Politik und das patriotifche Pathos den Italienern auch in der Kunft foviel zu fchaffen gibt, ift die religiöfe Hiftorie fo ziemlich beifeite geftellt. Die italienifchen Säle machten durch den faft gänzlichen Abgang religiöfer Bilder einen ausgefprochenen weltlichen Eindruck und wir haben diefs in Anbetracht der Kunftverhältniffe der Gegenwart nicht fonderlich zu beklagen. Was fich aus den italienifchen Kunftzuftänden herausgähren wird, wie die verfchiedenen, zum Theil einander widerftrebenden Elemente derfelben fich ins Gleichgewicht fetzen werden, ift eine Frage an die Zukunft. Es regt fich gar fehr in der italienifchen Malerei, freilich ohne innere Stetigkeit. Sie ift eben eine fpät verjüngte Kunft mit etwas forcirtem juvenilen Charakter, die von den Eigenfchaften der Jugend das Wagnifs, dem fich zuweilen auch der Leichtfinn an die Ferfe heftet, nicht aber fo ganz die Frifche und den normalen Entwicklungsdrang befitzt. An Talent gebricht es nicht, wohl aber an Ernft und Vertiefung, an der klaren Einficht in die leitenden Kunftaufgaben Der angeborne italienifche Formenfinn wirkt fort, doch ohne die Leuchte des Ideals, die früher die Wege der italienifchen Kunft erhellt hat; der moderne Realismus hat fich, namentlich von dem Norden Italiens, von Mailand und Turin aus Bahn gebrochen, doch ohne fich zu einer charakteriftifchen Energie zu fteigern. die diefer Richtung das Ideal zu erfetzen vermag. So ift es denn jener, elegante Naturalismus", der zwifchen dem Formal- Schönen und Realiftifch- Ausgeprägten auf gewundenen Pfaden mitten hindurch geht, bald nach diefer, bald nach jener Seite fich neigt und für keine fich endgiltig entfcheidet, welcher fich als das nächfte Kennzeichen der italienifchen Kunft auch bei ganz flüchtiger Ueberfchau aufdrängt. Damit kommt man freilich nicht weit, fo rafch man auch das Publicum auf diefem Wege gewinnen mag Die italienifche Kunftbedarf einer ernften Gewiffenserforfchung, wenn es mit ihr trotz aller Beweglichkeit und eines vielfeitig rührigen Strebens wirklich auf wärts gehen foll. Hat fich da einmal die Begabung, die reichlich vorhanden ift, mit einer beftimmten, ausgefprochenen Kunftgefinnung ins Gleichgewicht gefetzt, dann wird es auch an diefer Richtung nach aufwärts nicht weiter fehlen VIII. England. Die englifche Expofition, an Oelgemälden und Aquarellen nicht mehr als 121 Nummern umfaffend aber dabei qualitativ fehr gewählt, war für Jeden, der auf moderne Kunftſtudien in der Weltausftellung ausging, fehr lehrreich. Der Gegenfatz zu Italien fällt zunächft in die Augen. Dort, auf der apenniniſchen Halbinsel ein richtiges Kunftvolk, das aber leichtfertig und flüchtig geworden und mit dem Talente mehr fpielt, als es austieft; hier auf dem britifchen Infellande eine Nation voll grofsartig- praktifcher Thätigkeit, in deren Adern nur wenig Tropfen echten Künftlerblutes rollen, die aber, wenn fie fich einmal mit der Kunft befafst, diefelbe mit dem gleichen gemeffenen Ernft und eben der Gewiffenhaftigkeit betreibt, wie ihre übrigen vielumfaffenden Angelegenheiten. Der gründliche Fleifs, die Accurateffe und fichere Verftändigkeit des englifchen Induftrialgeiftes fcheint fich da auch auf die Kunft übertragen zu haben. Anmuth, Feuer und Kraft findet fich da wenig, aber ein grundfolider Zug geht entfchieden durch. Es ift eine Kunft, wie fie der Gefinnung der„ höhft ehrenwer then" Esquires und Ladies entſpricht, in deren Salons diefe Bilder zu hängen pfle gen, die erft mit dem Enſemble der comfortablen englifchen Hauseinrichtung den richtigen zufammenftimmenden Eindruck machen. Charakter liegt in diefer Malerei vor Allem, und diefs nicht blos im natio nalen, fondern auch im ethifchen Sinn. Freilich hat fie zum Theil etwas von der M Die Malerei. 83 matteren Lebenskraft, der zarten Hinfälligkeit der Treibhauspflanze, auch da, wo fie fich ein kräftig ftrotzendes Ausfehen zu geben fucht. Die Engländer fahen eben ein, dafs zum vollſtändigen geiftigen Haushalte einer Nation auch die Kunft gehöre, und als ihnen diefs klar wurde, forgten fie auch für eine folche. Bezeichnend fcheint mir diefs, dafs fie dort mehr nur Ausdrucksmittel für Stimmungen und Gefinnungen ift, die in einem andern Boden, als in der Welt des Ateliers wurzeln. William Hogarth war zunächft Moralift und fcharfer Beobachter der Menfchen, für deren Thorheiten und Verirrungen er den echt englifchen Scharfblick pfychologifcher Beobachtung befafs, und diefen Tendenzen lieh er feine Radirnadel und feinen Pinfel. Der englifche Familienfinn infpirirt die Malerei für die Kinderbilder und gibt ihnen, wie dem„ Mafter Lambton" von Lawrence etwas fo Liebliches, Zartgepflegtes, beinahe Verwöhntes. Das gefchärfte Intereffe für alles Individuelle und Perfönliche läfst das Porträt in England gedeihen, wohl aber auch als burlesken Begleiter deffelben die Caricatur. Mit der Jagdliebe und dem Sport der Pferderennen hängt all das feit Edwin Landfeer gemalte Wild und die zahllofen Preispferde zufammen, die in folcher Ueberfülle nur den Engländer allein nicht langweilen. Der fcharfe Beobachtungsfinn verweift die englifche Malerei auf die realiftifche Richtung. Wenn ein Engländer ausnahmsweife im Idealismus macht und akademifirt, dann geräth er faft unfehlbar ins Leere und Oede, in eine ſchulgerechte Kälte und Förmlichkeit hinein, von der z. B. Benjamin Weft in feinen Bildern aus der claffifchen Gefchichte und Mythe bedenkliche Beiſpiele lieferte. Aber Realismus ift für die Bezeichnung einer ganzen nationalen Kunſtweife ein zu vages Wort. Ift nicht die belgifche, die holländifche Malerei, die neue Münchner Schule unter Piloty's Einflufs, die düffeldorfifche Pflege des Genrefaches ebenfalls realiftifch? Und welche Verfchiedenheiten treten uns da entgegen, für die nur eine ganz fcharfe Charakteriſtik das zutreffende Wort findet. Der englifche Realismus drückt in der Malerei fowohl als in der Dichtung, namentlich in der Schilderung des Romanes, das echt germanifche Princip des Individualismus in höchfter Potenz aus. Sowohl der Realift wie der Idealift kann uns Typen geben, das heifst, die Erfcheinungen mehr zufammenfaffend und dem allgemeinen Eindruck nach darftellen. Die englifche Kunft gibt uns da, wo fie fich am stärksten zeigt, nur das Eigengeartete, fcharf Significante wieder; fie fafst das Individuum an jener Stelle, wo es am individuellften ift, ohne Sorge dafür, wie es fich dann repräfentiren möge. So find auch die englifchen Maler vor Allem Charakteriſtiker, und felbft wo fich der Humor und die komifche Richtung einftellt, da ftammt fie durchaus aus derfelben Quelle. Ihre Darftellung geht nicht mit directer Tendenz auf das Komifche los, fondern diefes findet fich ungefucht ein, fobald es durch das Charakteriftifche an die Oberfläche herausgetrieben wird. Diefer prononcirte Individualismus geht durch alle Gattungen, durch die Menfchen- fowie die Thierdarftellung. Der englifche Köter im Bilde ift ein höchft perfönlicher Hund; und auch fonft fieht das englifche Auge die Thierwelt pfychologiſch auf das individuel! Unterfcheidende an, während anderswo das gemalte Vieh oft nur ganz generelles Vieh ift. Die Thierbilder des fchon früher erwähnten Landfeer, fein Hund des Lords und des Portiers, feine damenhaft coketten Meerkatzen u. f. w. find bekannt genug; doch um einen näherliegenden Beleg zu nennen, bieten für das eben Bemerkte die beiden prachtvollen Hunde desfelben Malers, die ihm auf feinem Selbftporträt als freundfchaftliche Kritiker in die Mappe gucken, ein ganz eminentes Beiſpiel, das uns von der Weltausstellung her zunächft geläufig ift. Doch das eben Bemerkte bedarf der Einfchränkung, um als richtig zu gelten. Der Tendenz auf das icharf Bezeichnende und Charakteriftifche tritt eine andere Richtung entgegen, welche fie ebenfo häufig kreuzt und hemmt. Sie ftammt aus dem ftark entwickelten Convenienz- und Schicklichkeitsgefühl der englifchen Gefellſchaft, welches auch bedingend auf die Kunft und ihre fpontanen Triebe wirkt. Mehr als anderswo fteht diefelbe in England unter der gefellſchaftlichen 2323 84 Dr. Jofef Bayer." Disciplin und Gefetzgebung. Durch diefe Gegenwirkung ift der charakteriftifche und individualifirende Grundzug nicht zurückgedrängt, wohl aber ins Zahme getrieben und gezügelt. Das Individuelle bleibt, aber es verfteift fich in conventionellem Sinne und wird dann trocken und kalt. Man könnte Beiſpiele hiefür der ganzen englifchen Malerei, insbefondere der Porträtkunft entnehmen, die übrigens auf der Ausftellung aufser den Bildern des berühmten Millais, dann jenen von Sir Boxall nicht fehr bedeutend vertreten war. Der entfchloffenen Aeufserung des Realismus als einer ftarken und vorwärtsdringenden Kunftgefinnung weichen die Engländer auch im Genre und der Hiftorie aus; fie näheren fich bei aller ausgefprochenen Fähigkeit des Individualifirens der vollen künftlerifchen Wahrheit nur auf eine gewiffe höfliche Diſtanz. In der Farbe von einer zahmen und kühlen Delicateffe, in der Zeichnung ohne kühne Beftimmtheit und grofses Liniengefühl, halten fie fich gegenüber den Entfcheidungsfchlachten, die für den Realismus in Frankreich und Belgien auf der Wahlftatt der Kunft gefchlagen werden, in einer neutralen Ferne. Dabei gehen fie ruhig auf ihrem eigenen Wege des Individualifirens fort aber nur im Sinne der feinen und fcharfen Wiedergabe, nicht in jenem der energifchen und bewältigenden Auffaffung. Energie in der Kunft fcheint einmal ein Verftofs gegen die englifchen Gefellſchaftsregeln zu fein. Nebenbei wird auch fleifsig auf der Palette dem Stahlftiche vorgearbeitet, namentlich in der fo ftark betriebenen illuftrirenden Richtung der englifchen Kunft. Wie überhaupt bei den nordifchen Völkern die literarifche Auffaffung häufig den Ausgangspunkt für die artiftifche bildet, fo ganz insbefondere bei den Engländern. Ihre Nationalpoefie in erfter Reihe, aber auch die anderen Literaturen gelten ihnen gleichfam als Aufforderung, fort und fort ein malerifches Bilderbuch daraus zu machen. Schon Fuefsli fprach den freilich ganz unrichtigen Grundfatz aus, dafs die Dichtkunft das reichfte Feld für die Malerei darbiete, und man weifs, mit welchem Eifer er und vor ihm fchon George Romney fich an der Boydell fchen Shakespearegallerie betheiligten. Nun nahm die Illuftrationskunft einen immer breiteren Raum in der englifchen Malerei ein. Bekannt find William Allan's Darstellungen nach Walter Scott; C. R. Leslie hat fich in Shakespeare, Cervan tes und Yorik hineingemalt, William Powell Frith ebenfo aus Shakespeare, Goldfmith und Molière feine Stoffe genommen, Francis Stone Liebesfcenen aus aller lei Romanen nacherzählt. " Manchmal geräth der englifche Realismus durch die Illuftration nach Dichterwerken auf einen melodramatifchen Seitenweg, wie bei Georges Cattermole u. A. Die Weltausftellung zeigte ziemlich viel Bilder diefer Art. Una unter den Waldnymphen" von W. E. Froft, ein fonft fehr refpectables Bild, ift doch zunächst ein malerifch vorgetragenes Modemärchen, deffen Heldin ziemlich ladylik inmitten ihrer phantaftifch wilden Umgebung dareinfieht. Elmore verfinnlicht uns die Strophen der Bürger'fchen Lenore, in denen der Kirchhofsfpuk losgeht, im echten Wolfsfchluchtsftil, aber nicht ohne einen Sinn für die Poefie des Schauerlichen und die malerifche Verdeutlichung desfelben. C. W. Cope läfst Othello dem Brabantio feine Abenteuer erzählen und fchildert uns nach Chaucer die Hochzeit Grifeldens. Mit köftlichem Humor charakterifirt Orchardfon die Scene, wo Falftaff fich fchuldbewufst hinter die Tapete zurückzieht, und John Pettie läfst nicht minder glücklich den Clown aus„ Wie es Euch gefällt“ mit echter Schalks narrengalanterie dem Schäfermädchen den Hof machen. Selbft das Hiftorifche nimmt feinen Umweg durch die Anregung der Dich tung, vornehmlich des Romans. So in dem vorzüglichen Bilde von Marcus Stone:„ Eduard II. und fein Günftling Pierce Gavefton", welches nach Walter Scott ein Stück scharf bezeich netes engliſches Mittelalter uns vorführt. Wo die englifchen Illuftrationsmaler mit dem Realismus in der Poefie zufammentreffen, fehen fie mit dem Dichter Die Malerei. 85 haarfcharf nach derfelben Richtung; fie faffen das, was er gemeint, im Kern und folgen ihm nicht blos, wie es fonft häufig in diefer Gattung der Fall ift, als fchwächlich nachdichtende Copiften. Es ist im Allgemeinen nicht rathfam, dafs die Maler fich ihre Bilder herbeilefen; in diefem Falle, wo die malerifche Anfchauung mit folcher Beftimmtheit hinzutritt, kann man fich jedoch die Illuftrations. kunft fchon gefallen laffen. Doch auch da, wo die Engländer die wirkliche Gefchichte unmittelbar im Bilde darftellen und fie nicht blos dem hiftorifchen Romane nachmalen, verhalten fie fich der Auffaffung nach mehr illuftrirend, als dafs fie fich eine eigentlich hiftorifche Compofitionsaufgabe ftellen würden. Hier auch geht ihre Tendenz auf das Charakteriftifche, nicht auf den idealen Augenblick in der Begebenheit, der künftlerifch fixirt und verewigt werden foll." Des Herzogs von Argyll letzter Schlaf von E. M. Ward, in lebensgrofsen Figuren gemalt, macht hievon wohl eine Ausnahme und geht fchon im Format über die gewöhnlichen Abfichten des hiftorifchen Genrebildes hinaus; auch ift die tiefe und ernfte Haltung der Farbe. fehr abweichend von dem feinen grauen Silberton und der füfsen bunten Färbung benachbarter Bilder, fchon coloriftifch zufammenftimmend mit dem tragifchen Vor wurf des Gemäldes. Unter den Aquarellen hat Gilbert's„ Einzug der Jungfrau Jeanne d'Arc in das befreite Orleans" einen hiftorifch bedeutenden Zug und eine Breite und Kraft des Vortrages, wie man fie kaum bei den Oelgemälden im benachbarten Saale vorfand. Dagegen nimmt Yeames in dem Bilde Königin Elifabeth den franzöfi fchen Gefandten nach der Bartholomäusnacht zur Audienz empfangend" feinen Gegenftand beiläufig fo, als ob er zuerft für eine grofse illuftrirte Zeitung entworfen und dann erft in Farben übertragen wäre. Der Moment ift wohl fehr bezeichnend mit grofser vergegenwärtigender Kraft charakterifirt; aber in diefer Weife ift man gewohnt, einen fenfationellen Staatsact illuftrirt, nicht das hiftorifch Bedeutfame malerifch ausgedrückt zu fehen. In der englifchen Genremalerei begegnen fich zweierlei Züge, von denen man doch glauben follte, dafs fie fehr ferne abftehen: das Phlegma und die Sentimentalität; der Humor geht fo zwifchen durch. Empfindfame Stimmungen drücken fich nicht blos im Genre aus, fie verbreiten auch ihre Reflexe über die regenfeuchten Horizonte der meift elegifch gehaltenen Landfchaften, in denen auch der übliche Regenbogen felten fehlt. Der treffliche Philipp Calderon, der in dem köftlichen Bilde„ Nach der Schlacht" einen fehr gefunden Humor ausfpielt, läfst in einem anderen Gemälde„ die Seele in das Antlitz der Geliebten fich ausfeufzen"; S. L. Fildes( ,, Stille und füfse Ruhe") treibt gefellſchaftliche Contemplation im Bilde und G. F. Watts malt fogar einen Todesengel. In diefe fentimentale Stille fchallt der Lärm ganz aufmunternd herein, den die ſchottischen Schuljungen des verdienftvollen, bereits hingefchiedenen Sir G. Harvey machen. Man fieht daraus, dafs die Freude über die entlaffene Schule" unter der Bubenfchaft in aller Herren Länder gleich grofs ift. Auch Mark's" Zug der Bettler zur Stadt" ift trefflich gemalt und humoriftifch fehr gut charakteri firt. Unter den Volksfiguren, die, wie es fcheint, in der modernen englifchen Malerei nur befchränkteren Zutritt finden, ift manches Vorzügliche. In erfter Stelle der„ Fayencehändler" von Nicol, ein Muſterſtück jener scharf detaillirenden englifchen Charakteriſtik, die den Menfchen fo genau ins Geficht, ja bis in das Gebifs des Mundes hineinfieht. Wir hätten da ein glänzendes Beiſpiel jener Genre kunft, die ganz porträtmässig individualifirt, nicht den Typus oder ein Stück Volksleben, fondern immer nur den einzelnen Mann als folchen fieht.- Dafs in der englifchen Malerei neben den verfchiedenen, wohl aufgetakelten Fahrzeugen und Marinen auch das Schiffs volk feine Vertretung im Genre finden mufs, verfteht fich von felbft. Von J. C. Hook(„ Des Schiffsjungen Brief",„ Aufhiffen der Segel") gab es in diefem Fache zwei bezeichnende Bilder. Hie und da klingt auch ins Volksbild ein leifer Ton der Sentimentalität, aber daneben auch eine vollere und 223 33333 86 Dr. Jofef Bayer. ernftere Empfindung hinein. So befonders in den durch Reproductionen lang bekannten Bildern von Faed, deren unmittelbare Bekanntfchaft aus der Weltausftellung fchon defshalb, weil fie einen Höhepunkt der englifchen coloriftifchen. Technik bezeichnen, fehr intereffant fein musste. Die drei Waifen auf dem Friedhofe im Hochland" find wohl die bedeutendften unter den vielen Darftellungen, in denen der mitleidsvolle Cultus des Waifenkindes von Italien bis zum Norden in der Kunsthalle gepflegt wurde; bei dem berühmten Bilde„ Der Letzte feines Stammes" genügt die einfache Erwähnung, um die bedeutende Wirkung deffelben in Erinnerung zu bringen. - Wenn man die wenigen Bilder, welche Figuren aus dem Volke darftellten, durchmuftert, fo hat man den Eindruck, als ob fie alle die Probe des Einlaffes in das Vorzimmer beftehen könnten: fie find fein, anftändig und manierlich, haben ihr fauberes Sonntagskleid an und Exceffe find von ihnen ebenfowenig zu befürchten, als man von ihnen eines freudigen, vollen Ausbruches des Volksnaturells gewärtig fein kann. Auch werden die Leute aus dem Volke nur einzeln in dem faſhionablen Salonbilde vorgelaffen, nicht in gröfserer Menge, wo es doch nicht fo ruhig herginge. Das Intérieur der Bauernstube und der Dorffchenke mit ihrer Gemüthlichkeit und ihrem ftellenweife nicht ganz correcten Behagen diefes Lieblingsthema des deutfchen Genrebildes ift der englifchen Kunft fremd, fowie auch das englifche Volksthum kein rechtes urfprüngliches Bauernleben mehr hat. Dagegen dürfte das vornehmere Gefellfchaftsbild dort eine weit grössere Bedeutung noch haben, als man es aus einigen, wirklich auserlefenen Proben der Ausftellung völlig entnehmen mag. An diefer Stelle ift die nüchterne Eleganz der Farbengebung die ziemlich behutfame Delicateffe des Pinfels faft fymbolifch für die refervirte anftändig kühle und gemeffene Haltung des gefellſchaftlichen Lebens in England. Die kräftige und entfchiedene Färbung der Franzofen, das leichtfertig elegante Modecolorit eines Stevens wäre als malerifches Ausdrucks mittel geradezu ein Attentat gegen die englifchen Geſellſchaftsideen. Jenes fchöne Bild von Fildes, das wir unter feinem fentimentalen Titel fchon früher erwähnten, eine Wafferpartie junger Herren und Ladies mit obligater Mufikbegleitung, ift fo ein Stück gefellfchaftlicher Poefie nach englifchem Gefchmacke. In mehr realiſtiſchem Sinne geleitet uns Frith in die elegante Societät des Seebades von Ramsgate und fordert uns gleichfam auf, feine bezeichnenden und ergötzlichen Gruppen durch die Lorgnette zu betrachten. Er weifs uns dabei auch malerisch für die Luft- und Reflexwirkungen feines feinen und geiftreichen Bildes im höchften Grade zu intereffiren. In gefchloffenem Raume fpielt das Behagen englifcher Häuslichkeit in der milden Beleuchtung des Bildes, auch da, wo es eine Decoration aus früherer Zeit aufftellt, wie bei der trefflichen ,, Schachpartie" von Horsley. Sonft greift das Genre in wenig andere Gebiete hinüber. Das ethnographifche Studienbild( Elmore:„ Auf den Dächern der Häufer", John Lewis: Eine Strafse in Cairo", Hodgfon:„ Der Schlangenbändiger") macht die orientalifche Mode mit und importirt aus dem Often einigen warmen Sonnen fchein und kräftigere Localfarben in die englifche Malerei. Das Genre mit idealem Anfluge gräcifirt ein wenig, wie das trefflich componirte und gezeichnete Bild von Leighton, einem Schüler Steinle's in Frankfurt, das fich Kleobulus und Kleobule nennt; aber der antike Stoff ift mit falonfähigem Clafficismus ganz novelliftifch behandelt. Findet die Mythe manchmal Einlafs, fo bedarf dagegen die englifche Hochkirche keinen legendarifchen Succurs. In der englifchen Salonkunft und eine folche ift ja ausfchliefslich die Malerei des britiſchen Infel landes- wird der Herrgott aus dem Spiele gelaffen. Man hat dort fo viel officiofe Andacht, eine fo ftreng eingehaltene Sonntagsfeier, dafs man darüber die religiöfen Anklänge in der Kunft wohl entbehren kann. Die englifche Landfchaftsmalerei müfste man an Ort und Stelle ein gehend ftudiren, um über fie ein ganz zutreffendes Urtheil abzugeben. Sowie fich überhaupt die landfchaftliche Natur im Bilde nach dem Menfchen richtet, das ift Die Malerei. 87 nach feinem Auge und feiner vorherrfchenden Gemüthsftimmung, fo ganz befonders hier. Die Natur in den englifchen Bildern erfcheint zuweilen mürrifch, in ein gewiffes Phlegma verfunken, zuweilen auch empfindfam angehaucht- nur feltener mächtig und grofsartig oder von reiner idyllifcher Heiterkeit, zu welcher auch fonft mehr Sonne gehörte. Innerhalb diefer Grenzen zeigt fich aber derfelbe individualifirende Naturfinn, wie in der Schilderung des menfchlichen Dafeins. Die gleiche liebevolle Wiedergabe des Wirklichen mit feinen Pinfelftrichen und zarten Abtönungen der Farbe. Turner, der einen Höhepunkt in der ganzen neuen Landfchaftsproduction bezeichnet und von dem Bolckow ein Prachtbild hergeliehen hat, ragt freilich über jede den Durchfchnitt bezeichnende Charakteriſtik weit hinaus. Er fieht mit feinem künftlerifch geklärten Auge das Naturbild reiner und heller, als es die Ungunft des heimifchen Klimas gewährt. Seine grofse Landfchaft, ein Motiv von den Themfe Ufern mit reicher Staffage von Weidevieh, ift in der gehaltenen Ruhe wie in der Behandlung der Atmoſphäre ein voller Nachklang der breit und ferne austönenden landfchaftlichen Stimmungsaccorde bei Claude Laurin. An Turner's Seite tritt Linnel mit feiner, Windmühle", die gleichfalls unter den älteren Schauftücken, deren es auf der Ausftellung mehrere gab, einen Hauptrang einnahm. Im Uebrigen fieht es in den anderen Landfchaftsbildern ziemlich verregnet aus; auch die Hochlandsmotive, die häufig herhalten müffen, präfentiren fich mehr mit grämlichem als mit grofsartigem Ernfte. Faft möchte man glauben, dafs die Natur da felbft am Spleen litte. Wirklich grandios, von einer eigenen elementaren Landfchaftspoefie, die ganz aus dem Feuchten heraus, aus fchäumenden Wildbachwogen, fchweren Wolken und wafferziehenden Lichtftrahlen ihre originellen Wirkungen zaubert, ift Graham's" Flufsanfchwellung in den fchottifchen Hochlanden". Um nur noch das zunächft Beachtenswerthe in der Landfchaft hervorzuheben, nenne ich an diefer Stelle Redgrave's Waldbilder und eine Abenddämmerung von Vicat Cole, ohne damit den Werth fo mancher anderer Landfchaftsbilder, befonders unter den Aquarellen, verkürzen zu wollen. Ueberhaupt gehören die letzteren Leiftungen, auch fo im Figurenfach wie im Thierflück und Architekturbild, zu den bedeutendften künftlerifchen Eindrücken, die wir auf der Weltausftellung erhalten konnten. Es kam uns fo vor, als ob im Aquarell der englische Kunftgeift fowohl in der Erfindung wie in der Farbe aus feiner fonft fo behutfamen und refervirten Stellung heraustreten würde. Im Oelbild hat das englifche Colorit zuweilen etwas Glanz, meift aber eine an die Paftellmanier erinnernde, trockene Gedämpftheit, kaum in einem Falle wirkliche Wärme und Gluth. Woher follte fie auch kommen? Sie ift kein blos technifches Moment -fie fpringt aus dem Blut und Naturell auf die Palette über. Aber im Aquarell, diefem Seitentract der Kunft, wo es weniger officiös hergeht, wagen es felbft die Engländer, einiges Naturell zu haben und ihre Ideen in mehr refoluter, kräftig wirkender Farbe hinzufetzen. Auch in der Behandlung des Stoffes entwickeln fie eine leichte, kecke Eleganz, die fonft der umftändlichen englifchen Kunft ferner liegt, fie werden gelegentlich novelliftifch pikant trotz der Franzofen, bedeutfam charakterifirend in gefchichtlichen Scenen, wie der fchon genannte John Gilbert, voll Verſtändnis für die Farbenpoefie und die feineren malerifchen Wirkungen, wie die meiſten Landfchafter- und Architekturmaler unter den Aquarelliften. Man geräth in Verlegenheit, einzelne Namen, wie des bereits hingefchiedenen W. Deane, dann E. Duncan, C. Haag, D. Roberts, F. Tayler, F. Walker, Cooper und andere zu nennen, wo man einer ganzen impofant entwickelten, mit vollfter technischer Sicherheit entwickelten Kunftrichtung gegenübersteht. 88 Dr. Jofef Bayer. Die übrigen Kunftländer. Holland, die Schweiz, Rufsland, die fkandinavifchen Länder, Spanien, Nordamerika. Nachdem ich fo ziemlich die Hauptländer der gegenwärtig blühenden Kunftthätigkeit eingehender befprochen, mufs ich mich darauf beschränken, den Reft der Aufgabe nur in der allgemeinften Faffung zu erledigen. Da ich erft ziemlich lang nach Schlufs der Ausftellung an die Abfaffung diefes Berichtes ging, fo wurde mir die Arbeit bei dem nicht mehr gegenwärtigen Stoffe fo mannigfacher Anfchauungen, die mühfam und ftückweife aus der Erinnerung neu zu beleben waren, immer fchwieriger und ermüdender. Der ftets fich erneuernde Verfuch, aus dem Notizenmateriale fich den Eindruck halbwegs herzuftellen, diefes innere Schauen mit dem Gehirn ftatt mit dem Auge ift für die Dauer hinaus kein normales geiftiges Gefchäft. Man fieht fich zuletzt einfach genöthigt, ein Ende zu machen. - Unter den Haupt- Kunftländern hätte allerdings noch Holland eine eingehendere Befprechung finden follen. Der eine Saal, in dem die Niederländer ausftellten, machte mit feiner immerhin ftattlichen Zahl von 167 Bildern einen fehr abgefchloffenen, beinahe gallerieartigen Eindruck. Der nationale Kunftcharakter spricht fich in der holländifchen Malerei denn nur von diefer Kunft kann da allein die Rede fein- geiftig wie techniſch auf das Nachdrücklichfte aus. Ueber alle Gattungen, wie fie dort eben gepflegt werden, ob Genrebild, Landfchaft oder Thierftück, breitet fich die gleiche folide Ruhe, dasfelbe behäbige Phlegma, an der Natur wie Menfch theilzuhaben fcheinen; die Auffaffung durchaus urrealiftifch, aber nicht aus beſtimmter Kunfttendenz, fondern weil es fich da von felbft verfteht und das nationale Kunftwefen fich von altersher nicht anders äufsert und ausfpricht; die Technik gewiffenhaft und reinlich, forgfam beendigend, in der harmoniſch zufammenftimmenden Haltung, die fich bei der rafchen Ueber fchau ganzer Bilderreihen zeigt, auf eine gewiffe Gleichartigkeit des künftlerifchen Sehens, fowie auf fehr beftimmt fortwirkende locale Schultraditionen hindeutend. So ungemein ftattlich der Haupteindruck der holländifchen Malerei fich erwies. fo wenig trat da verhältnifsmäfsig die einzelne Künftlerperfönlichkeit in ihrer Eigenart und in hervorragender individueller Bedeutung heraus. Der Genremaler Ifraels, der über das alte Rembrandt'fche Kunfterbe des Helldunkels mehr mit voller techniſcher Meifterfchaft, als mit einer den Stoff befeelenden Genialität verfügt, dominirte mit feinen Bildern die holländifche Ausftellung. Sein Begräbnifs der Katalog verzeichnet das Bild mit der Auffchrift:„ Durch Finfternifs zum Licht" war wohl darunter das Bedeutendfte. Wir befinden uns in einem fehr ärmlichen Hauswefen, aus dem eben der Sarg mit der Leiche des Vaters hinaus. getragen wird, während die Mutter mit zwei Kleinen trauervoll in der Stube zurückbleibt. Der Titel bezeichnet zunächst den Helldunkel- Effect des Bildes, den man wohl nach Belieben auch finnbildlich nehmen könnte: aus dem dämmeri. gen Dunkel der Stube tragen factifch die Träger den Sarg hinaus an das Licht, das hell durch die offene Thüre von draufsen hereinfällt. Die Wirkung iſt immerhin eine treffliche und ftimmungsvolle, und wir verlangen und erwarten es auch nicht von dem holländifchen Meifter, dafs er über das rein Malerifche der Auffaffung hinausgehe, und nach deutfcher Art, wie es eben Knaus und Vautier in fo ergreifender Weife gethan, die Darftellung ins pfychologifch Charakterifirende hinüberführe. Van Trigt ift unter den Holländern der Einzige, der mit feinem " Melanchton" und der„ Predigt des Juftus Jonas vor Johann Friedrich von Sachfen" den hiftorifchen Boden betritt und nach gehaltvolleren Stoffen greift; er thut es aber auch mit ftarker Betonung der technifchen Wirkung, wie denn namentlich fein in einem halb dunklen Hörfaale lehrender Melanchton mit den zum Theil nur - ex 333333 Die Malerei. 89 von Reflexlichtern erhellten, charaktervollen Köpfen der Zuhörer wieder ein reizvoll gehaltenes Helldunkelbild ift. Das Genre bild fchildert die behäbige holländifche Familienexiftenz, gelegentlich auch Wirthshausfcenen und etwas Bauernleben. C. Bisfchop, Bles, Herm. ten Kate haben fich da mit Bildern von erprobtem Werthe eingefunden. Etwas von der alten holländifchen Kunftzeit fteckt der modernen Malerei der Niederländer noch im Geblüt: fo mahnt die , Werkstatt eines Waffenfchmiedes" von Liegeman gar fehr an die Intérieurs von Oftade. Das Fifcherleben, beiher auch die Häringsräucherei ftellt B. J. Blommers als echt holländifchen Localftoff dar; Lootfen und Matrofen, fo recht gebeizt von der fcharfen Seeluft, malt mit geiftreich charakterifirendem Pinfel Elchanon Verveer, fo in dem vorzüglichen Bild„ Die See- Invaliden" aus dem Muſeum im Haag. Die Landfchaft ift auf Haide, Wiefe und etwas Wald, auf Baumgruppen, Bach und Mühle befchränkt und häufig mit Weidevieh ftaffirt; gelegentlich kommt auch die Canal- Landfchaft hinzu. Alles von fehr tüchtiger und ficherer Technik, aber nicht von fonderlich individueller Naturauffaffung. Befonders trat da William Roelofs, der bekannte Schüler Hendrik Backhuijfen's, mit feinen meifterlichen Landfchaftsbildern hervor; dann J. G. Vogel, A. Mauve, Bilders, van Borfelen, Maaten, Destrée, van Everdingen und J.B. Tom, der Letztere ſpeciell mit Viehftaffagen und Thierftücken. Holländifche Stadtanfichten von eminentem Werthe( Zütphen, Noordwyk, Scheveningen) ftellte S.L. Verveeraus, ebenfo Bosboom und Spring er vorzügliche Architekturen; van Heemskerek beherrscht mit Meifterfchaft die Gattung der Marine. blirt - Die Schweiz hat fich auf der Ausftellung in einem eigenen Saale etanicht fo ganz mit Recht, da ja die Kunft zu Lande felbft nicht im eigenen Haufe wohnt. Es gibt eine Anzahl namhafter, ja bedeutender Schweizer Künftler, kaum aber eine eidgenöffifche fchweizerifche Kunft, die fich gleich der franzöfifchen und belgifchen aus dem Landesbegriffe heraus ableiten liefse. Da fertigt doch die Schule den allein giltigen Heimathsfchein aus, und jener der Schweizer Maler lautet meiftens auf Düffeldorf, München, wohl auch auf Paris, fowie wieder die Teffiner Sculptur künftlerifch nach Mailand zuftändig ift. Wie das dreifprachige Land, redet auch dort die Kunft in ebensoviel Zungen und Schulrichtungen. Bei all diefer Verfchiedenheit gibt es aber doch etwas Hindurchwirkendes in ihr, einen gewiffen Schweizer Grundcharakter, mit dem aber die Kunft mehr unbewufst ringt, als dafs fie ihn zum Ausdrucke brächte; es ift der trockene und derbe Pofitivismus der fchweizerifchen Sinnesart, der als ein eigentlich kunftwidriger Zug fogar den Künftlern felbft im Nacken fitzt und auch den höheren Intentionen ernüchternd fich beimifcht. Die Holländer find doch auch Realiften und diefs trotz den Schweizern; aber der grofse Unterfchied in der holländifchen Kunft ift der, dafs fie feit jeher nichts Anderes ausdrücken will, als diefe Anschauung und Gefinnung, und der volksthümliche Realismus bei ihr ganz und gar in den künftlerifchen Ausdruck übergegangen ift. Die Schweizer nehmen in der artiftifchen Production eine unbeftimmte Stellung ein zwifchen dem Induftrialfinn ihrer Lebenspraxis und dem Bischen aus Deutfchland herftammen den Idealismus, von dem man immerhin etwas für die Kunft auffparen zu müffen glaubt. Es ift fo ein Parnafs zwifchen Fabriksfchloten. Der Widerfpruch, der in die Darſtellung nicht rein aufgehende Lebensinhalt bringt da gelegentlich das Langweilige und Trockene herein. Die äufseren Kunftverhältniffe, ihre Exiftenzbedingungen zunächft, ftellen fich in der Schweiz durchaus nicht günftig. Dr. Rob. Rüdy, der fie wohl kennt, fprach fich in einem trefflichen Feuilleton der„ Preffe"( vom 29. Juli 1873)„ Die Schweiz in der Kunfthalle" folgendermassen darüber aus:„ Was die fchweizerifche Eigenart und ihre Gefinnung in Kunstfachen betrifft,... fieht es da, zumal in dem überwiegend deutſchen Theile der Schweiz, fehr mifslich aus. Nicht nur, dafs ihr zwei bedeutende Factoren mehr oder weniger abgehen- ein in claffifchen 90 Dr. Jofef Bayer. Studien gebildetes Beamtenthum und die der Kunftliebhaberei fich zuwendenden Rentiers auch die übrigen Stände, die etwa von der Univerfität hervorgehen. find mit der grofsen Majorität des Bürgerthums in der Anficht einig, die fchönen Künfte feien brodlofes Zeug.... Man hat zwar durch die Affociation zu helfen gefucht und die Kunftvereine haben manches Erfpriefsliche gewirkt, aber das Gefammtrefultat der Ankäufe zeigt fich doch nicht als ausreichend. Dazu kommt noch Eines: Die kläglich verbauerte katholifche Kirche beftellt gar wenig, und für ihre geringen Bedürfniffe lieferten die beiden Defchwanden nach der Scha blone ihre charakterlofen Madonnen und Engelsköpfchen." " Jala So ift denn der fchweizerifche Künftler, auch abgefehen von der fremden Herkunft feines Schulzufammenhanges, der noch in anderen Umftänden feinen Grund hat, meift nur ein Gaft in feiner Heimath. Er hat fich in fremden Schulen herangebildet und malt im Ausland und für das Ausland. Die vornehmen Namen, die man in der fchweizerifchen Abtheilung der Kunsthalle traf, find alte Bekannte von deutfchen Ausftellungen und von dem Parifer Salon und es fieht ein wenig darnach aus, als ob fie nur aus Patriotismus einige kleinere Bilder hereingeftiftet hätten, um das Heimathland fich würdig präfentiren zu laffen." 99 Freilich gehört unter diefe„ kleineren Bilder" keineswegs das bewunderungswürdige„ Begräbnifs in einem Dorfe des Schwarzwaldes" von Benjamin Vautier; diefer Schweizer aus Laufanne, gegenwärtig ein Hauptrepräfentant des Kunftlebens in Düffeldorf, der lange fchon in der deutfchen Kunft- Landsmannfchaft nationalifirt ift", hat da feiner Heimath auf der Ausftellung einen gar bedeutfamen Ehrenbefuch gemacht. Auch die zwei anderen Bilder Vautier's, „ Confultation beim Advocaten" und" Am Krankenbette", gehörten zu den erften Zierden des Saales. In gezien ender Entfernung folgte ihm Conrad Grob aus Andel fingen( jetzt in München), der, fo wie früher vom Schmiede- Ambos Hubert Salentin. aus der Schlofferwerkstätte zur Palette überging. Sein Maler, der auf der Studienreife im Dorfe ein Bauernmädchen abconterfeit, während fich die anderen weiblichen Familienglieder neugierig verwundert hinzudrängen. ift ein frifches und liebenswürdiges Bild. E. Stückelberg in Bafel nähert fich mit feinem ,, Narcifs", feiner ,, Echo" und der Wahrfagerin" den franzöfifchen Vorbildern bei feinem Talent, aber mancher Willkürlichkeit im Colorit. Ganz nach Frankreich gehört bekanntlich Charles Gleyre von Laufanne, als einer der namhafteften, fchulbildenden Meifter der franzöfifchen Kunft. Es war eben eine landsmännifche Höflichkeit. wenn er fich diefsmal mit dem Bilde" La Charmeuse" bei den Schweizern einfand. 1e asdalisosiowdal bangaivinilo dob 155 Nous Die Gefchichtsmalerei und das hiftorifche Genre tritt bei den Schweizern nur fo nebenher auf und doch böte die eidgenöffifche Gefchichte felbft hiezu einen reichen, nicht leicht zu erfchöpfenden Stoffkreis dar. Auch käme dazu ein wefentlicher künftlerifcher Vortheil: das Hereinwirken das Hereinwirken der landwirth fchaftlichen Scenerie in die hiftorifche Action, das fich malerifch ebenfo im grofsen Sinne verwerthen liefse, wie diefs Schiller poetifch in feinem"," Wilhelm Tell" auf fo unvergleichliche Art gethan. Aber unter allen Richtungen der Kunft ift gerade die hiftorifche am wenigften praktiſch und marktfähig, und die Schweizer find eben praktifche Maler. Auch kommen fie in der Fremde nicht allzu häufig dazu, patriotifche Gefchichtsmalerei zu treiben, von der z. B. die Polen unter allen Umftänden nicht laffen. Nur was fich hievon für den genreartigen Gebrauch herrichten läfst, alfo die leichter behandelte Gefchichtsepifode, findet da aufmerkfamere Beachtung und Pflege. Auf der Ausftellung war das Schweizer Gefchichtsgenre nach der Seite der humoriftifchen Charak teriftik durch die Kappeler Milchfuppe" von Alb. Anker in höchft frifcher und anfprechender Weife vertreten, der hier einen Anekdotenftoff aus dem einheimifchen Reformationskriege mit glückl chem Griff benützte. Die Darftellung eines gefchichtlichen Momentes von fentimental- pathetifchem Gehalte wurde von A. Weckeffer aus Winterthur( derzeit in Rom) in der Segnung des 99 Die Malerei. 91 Alois Reding durch feinen Vater vor der Schlacht an der Schindellegi" ganz verdienftlich, aber mit einem nicht fo rein zufammenftimmenden Eindruck verfucht. Der, Auszug der Abgebrannten im Sabinerbilde" von demfelben Künftler ift ein ernftes, düfter gehaltenes Bild, das fich mehr zur einheitlichen Wirkung zufammenfafst. Der Züricher Arnold Corrodi in Rom intereffirt fich dort für italienifch- hiftorifche Charakterfcenen, weniger vom Standpunkte des Com pofitionsgehaltes, als des äufserlichen Arrangements und der coloriftifchen Wirkung, die fich ihnen abgewinnen läfst; fo in feiner ,, Staatsaction im Dogenpalafte", dann in einem anderen Bilde ,, Petrarca vor dem Könige von Neapel", wo freilich der bedeutende Dichter und Gelehrte als ein gewöhnlicher theatralifcher Declamator für den bekannten malerifchen Modegebrauch benützt wird. An verfchiedenen Gaisbuben, verunglückten Gemfenjägern, englifchen Touriften etc. vorbei, die ich früher unter den Genrebildern ohne befondere Verantwortung verfchweigen durfte( nur die„ Ingenieure" und die„ Botaniker" im Gebirge von Raph. Ritz, vielleicht auch das„ Aelplerfeft im Appenzeller Gebirg" von Rittmeyer verdienten etwa in diefem localen Genre einige Beachtung) wenden wir uns fofort wieder zu einer Hauptzierde des Schweizer Saales, den Thierftücken von Rudolf Koller in Zürich herüber. Seine Schweizeridylle" das weidende Vieh auf der Alpe im Nebel, die„ Herbftweide" und" Pferdefchwemme" find fämmtlich Meiſterſtücke in genauer Beobachtung der Thiernatur. Während Troyon z. B. feine Thiere, ohne es felbft mit dem Bau derfelben allzu genau zu nehmen, mehr nur dem allgemeinen Habitus und der Bewegung nach naturwahr behandelt, zugleich mit nächfter Rückficht auf die malerifch zufammenftimmende Gefammtwirkung, um derenwillen er felbft in der Wahrheit des Einzelnen mancherlei nachgiebt: fo ift Koller in der Charakteriſtik feines Weideviehs bis auf die Specialität der localen Race und Züchtung durchaus fcharf und beſtimmt; er individualifirt fein Rind, indefs es der Franzofe mehr nur gruppirt, da er auch hier zunächft in geiftreicher Weife auf einen gewiffen decorativen Eindruck bedacht ift. " وو Die Landfchaft ftellte, wie es fich bei der überreichen Anregung dazu im Herzen der Alpenwelt von felbft verfteht, den anfehnlichften Beitrag zu den gerade 100 Nummern, deren die Schweizer Ausftellung an Oelgemälden zählte. Soviel ich mich erinnere, fchien die Wage des Bedeutenderen nach der Seite der franzöfifchen Schweiz, namentlich der Genfer Maler hin auszufchlagen; freilich hatte von den Deutfchen einer der hervorragendften Meifter, Steffan, bei den Münchenern ausgeftellt. Unter den Alpenlandfchaften find wohl in erfter Reihe die von Guftav Coftan in Genf ,, Herbftlandfchaft" und Schneefturm" zu nennen; Diday brachte in meifterhafter Färbung den Aquäduct von Frejus und den Salève bei Sonnenuntergang", Alb. Lugardon die ,, Engftleralpe" mit weidendem Vieh, Fr. Zimmermann( ebenfalls wie die Vorgenannten in Genf) ,, einen Sonnenuntergang am Genfer See" und das„ Arvethal". Zu diefen Künftlern gefellte fich zunächft Louis Jacottet aus Echallens, mit feinem ,, Handeckfall". Die herrliche italienifche Landfchaft von Arthur Calame ,, Strand am Mittelmeere"- neben Coftan's Bildern unftreitig das Befte im Landfchaftsfache, was die Schweizer Ausftellung bot zeigt den hochbegabten Sohn im vollen künftlerifchen Erbe feines genialen Vaters. Das Landfchaftsbild aus Italien war fonft noch durch die wohlgeftimmten, naturwahren Bilder von Hermann Corro di aus Zürich, Pinienwald in den Maremmen" und" Ninfa in den pontinifchen Sümpfen" vertreten; in dem forgfamen Studium der Localftimmung der italienifchen Küften- Sumpflandfchaft der richtige Gegenfatz zu der einheimifchen gefunden Alpenluft, die fonft in den anderen Bildern des Saales vorherrfchte. Auf der Seite der Landfchaftsmaler aus der deutfchen Schweiz ftünde noch Carl Bodmer in Zürich, der zwei duftige Waldftücke, Fuchshöhle" und", Waldwiefe", ausftellte; Möller in Winterthur mit einem Föhnwetter am oberen Reichenbach" und einem„ Herbftwetter am 29 - " 27 3335 92 Dr. Jofef Bayer. Wetterhorn" u. A. Noch wäre eine Gebirgslandfchaft von Aug. Berthoud in Interlaken mit der ergreifenden Staffage des todten Gemsjägers rühmend zu erwähnen; unter den Aquarellen endlich die vorzüglichen italienifchen Anfichten: ,, Vico" ,,, Sorrent"," Caftel Gandolfo" und ,, Campagna di Roma" von Sal. Corrodi dem Vater. - Von ruffifcher Malerei als Ausdruck einer felbftftändigen einheimifchen Schulentwicklung kann noch nicht die Rede fein, wie überhaupt nicht bei der Kunft der flavifchen Völker. Die nationale Prägung tritt wohl deutlich genug hervor, aber mehr nur ftofflich, in der Wahl und Auffaffung der Gegenstände, nicht der Form nach, als eigentlicher nationaler Kunft charakter. Ein eifriges Streben gibt fich wohl durchaus kund: die Ruffen ftehen fo recht im Stadium des künftlerifchen Wollens, das fich freilich ungleichmäfsig äufsert, und bei einem fchwankenden, hie und da ins Naive und Rohe zurückfallenden Gefchmacke oft zu feltfamen artiftifchen Kunftgebungen führt. Gelehrigkeit und Anregfamkeit in Kunftfachen theilen die Ruffen mit den Polen, obgleich die letzteren ein noch höher entwickeltes, beweglicheres Kunftnaturell haben; in der artiftifchen Emigration in München, in Paris, in Brüffel gibt es immer wieder irgend ein eminentes polnifches Talent, das die Schule ziert und zugleich mit einem eigenthümlichen individuellen Zuge heraustritt. Wenn übrigens die Polen nicht vermeiden, über ihre politifche Theilung leidenfchaftliche Klage zu führen, fo wäre eine artiftifche Theilung Rufsland nach den Schulen, wo die einzelnen Künftler etwas gelernt, eine wahre Wohlthat, felbft für die eigene Selbfterkenntnifs und Orientirung der ruffifchen Kunft über fich felbft. Es bleibt nicht aus, dafs, wenn man Kunftwerke blos nach einem politifchen Begriffe vereint wie diefs in dem ruffifchen und bei uns ebenfo in dem ungarifchen Ausftellungslocale der Fall war immer das ftoffliche Intereffe über das äfthetifche vorwiegen wird, das Dilettantifche fich dann ganz unbefangen neben das künftlerifch Gereiftere ftellt, felbft die fchulfremde, wild aufgefchoffene Malerei zwifchendurch unter diefem oder jenem Vorwande fich mit herzudrängen darf. Der Gefammteindruck wird unter folchen Umftänden nur ein beunruhigend bunter und verworrener fein, ja bei allem Vortrefflichen, das der Einzelbetrachtung entgegentritt, im grofsen Ganzen- warum foll ich den harten, aber wahren Ausdruck zurückhalten? doch ein halb barbarifches Ausfehen erhalten. Damit will ich der Anerkennung, die dem Einzelnen im vollen Mafse gebührt, nicht im Geringften entgegentreten. Was zunächft die hiftorifche Malerei betrifft, fo zeigen da die Ruffen völlig den ehrgeizigen Drang des Sturm und Drangwefens in der Kunft, ganz direct auf die bedeutenden, oder richtiger, auf die ungewöhnlichen Stoffe loszugehen, und je ungewöhn licher und feltfamer diefe fein mögen, um fo beffer. H. J. Semiradky's grofses Bild ,, Die Sünderin" nach Totstoi's gleichnamigem Gedicht ift dafür gleich das bezeichnendfte Beiſpiel. Ein Chriftus in fo fremdartiger Uebertragung aus dem Evangelifchen ins Ruffifch- Novelliftifche überfetzt, ihm gegenüber die Opernfigur der eleganten Sünderin, eine pikantere Magdalena in einem dramatifch gefpannten Moment diefs Alles zufammen ift eine harte Zumuthung für unfere Empfindung, die fich da kaum zurechtfinden kann. War es fchon ein Mifsgriff des Dichters, auf die evangelifche eine moderne Legende zu pfropfen, fo ift es ein noch grösserer von Seite des Malers, fo etwas darzuftellen. Uebrigens hat Semiradsky, wenn man von dem Verhältniffe zum Gegenftande abfieht, ein coloriftifch glänzendes Bild geliefert; es befitzt etwas von dem modern franzöfifchen Reiz, ift von effectvoller, allerdings theatralifcher Anordnung der ganzen Scenerie und gefchickten Berechnung der malerifchen Wirkung des Sonnenlichtes auf die Mauerflächen und Figuren. Waffili Werefchtagin malte ein Stück drakonifcher Kirchenjuftiz aus der Zeit der ftrengften Zucht: Ein Mönch wird wegen feiner Habgier nach dem Strafurtheile Gregor's des Grofsen mit feinem Geldbeutel lebendig begraben. Wieder ein ganz feltfames, ja grufeliges Thema, aber fehr gut gemalt und com - Die Malerei. 93 ponirt, mit bedeutfamen Köpfen und Geftalten. Aus der ruffifchen Sage brachte uns derfelbe Maler den Helden Dobrynja; aus der neueren ruffifchen Gefchichte Nicolai Gay einen„ Peter den Grofsen und Carewitfch Alexis", den Letzteren mit einem ganz confiscirten Prinzengefichte, niedergedonnert und doch dabei unverbefferlich. In der monumentalen Richtung der Malerei waren Theodor Bruni's Cartons zu den Fresken in der Ifaakskirche im höchften Mafse beachtenswerth: ein durchaus intereffanter Verfuch, für den religiöfen Gegenftand im Sinne der griechifch- ruffifchen Glaubensempfindung und doch zugleich nach den Anforderungen der edleren Kunft einen ftiliftifchen Ausdruck zu finden, ohne im Geringften nach Art der alten Ikonoftafen- Heiligen zu archaifiren. Beinahe glaubten wir da eine freie ruffifche Ueberfetzung der Compofitionsweife von Cornelius vor uns zu fehen. Nebenbei fanden wir auch ein Stück gemalter ethnographifcher Ausftellung in dem ruffifchen Saale: z. B. eine„ Zigeunerin", dann ein„ mordwinifches. Mädchen", ferner die ruffifchen Sectirer" Duchoborzi" von Alexius Charlamoff; eine Frau aus dem Gouvernement Kursk" von Gregor Sfed off, vor wiegend Coftümftudie;" wandernde Bettler" von J. M. Prianifchnik off; endlich, vor Allem charakteriftifch, aber für den Culturmenfchen nichtsweniger als erfreulich, die„ Barkenzieher an der Wolga" von Elias Riepin. Macht es an fich fchon keinen erhebenden Eindruck, die Pferde Arbeit des Schiffziehens von keuchenden Menfchen verrichten zu fehen, fo wird derfelbe doppelt deprimirend, wenn man diefe Kerle mit den wirren ins Geficht fchlagenden Haaren, mit den ftumpf- brutalen Zügen näher durchmuftert. Inmitten des intenfiven Sonnenglanzes, der über der breiten Wafferfläche und dem trockenen Uferboden brennt, tritt die wildfremde, barbarifche Gruppe in beunruhigender greifbarer Nähe an uns heran. In der energifch wiedergegebenen, fonnigen Haltung, wie in der Charakteriſtik der Figuren ift das Bild übrigens ganz vortrefflich. Einen Blick in die ruffifche Volksfeele, Schilderungen aus dem Leben und Treiben des Volkes nach der gemüthlichen oder humoriftifchen Seite hin gaben uns mehrere echt nationale Genremaler von gutem Aug' und frifcher Auffaffung. Zunächft Conftantin Makowsky in einem grofsen Bilde, die„ Butterwoche in Moskau", einem völligen Compendium des Strafsenlebens dafelbft bei feftlichem Anlaffe, mit einer Reihe fcharf bezeichneter Typen durch alle Claffen der Gefellſchaft. hinab; dann Wladimir Makowsky in einigen nicht minder verdienftlichen Genrebildern:„ Knöchelfpielende Bauernjungen" ,,, Empfangszimmer eines Arztes" und„ Die Nachtigallenliebhaber". Zwei Kinderbilder von Carl Huhn in Peters burg wohl keinem Ruffen, Kinder und Kätzchen" und" Das kranke Kind" find eben fo gemüthlich anziehend, als fein behandelt. - - - Von kriegerifchen Darftellungen enthielt die ruffifche Abtheilung einiges Vorzügliche. Zunächft Alexander Kotzebue's grofses Gemälde Avantgardengefecht bei Karftula in Finnland 1809". Der dargestellte Kampfmoment die Ruffen haben eine von dem Feinde fchon theilweife in Brand gefteckte Brücke forcirt, während diefer, hinter langen Verhauen verfchanzt, fich zum letzten Kampfe zufammennimmt ift geiftreich und lebendig vergegenwärtigt, die Be handlung der Soldatengruppen trotz der wenig kleidfamen Adjuftirung jener Zeit von grofsem malerifchen Reiz; zugleich gefellt fich dazu der merkwürdig wahre Localton des Ganzen, der nach Fr. Pecht's eingehender Schilderung diefes Bil. des uns fo ganz den Charakter jener zerftreuten Kämpfe in einem menfchenarmen, öden, aus Seen, Sümpfen und nackten Felfen beftehenden Lande zeigt und uns das Rauhe, die düftere Dürftigkeit diefer nur mit Waffer und Steinen gefegneten Natur, fowie das Schreckliche eines Kampfes in folch' unwirthlicher Gegend auf's Deutlichfte anfchaulich macht." Von Bogdan Willewalde waren drei Schlachtbilder( von Grochow, Bronnizi, Gravelotte) ausgeftellt; kleine Cabinetsftücke meifterlicher Bataillenmalerei, von feinfter, faft allzu zierlicher Durchbildung. Peter Grufinsky gab eine fehr charakteriftifche Epiſode aus dem 94 Dr. Jofef Bayer. ruffifchen Kriegsleben mit Talent wieder:„ Kaukafifche Bergbewohner, beim Herannahen ruffifcher Truppen ihr Dorf verlaffend". Noch wären Johann Schifchkin's geiftreiche und originelle Federzeich nungen zu erwähnen, dann von Landfchaften E. Dücker's Strandbild, ferner von Alexius Bogoljub off ein„ Eisgang auf der Newa" und„ Die grofse Rhede in Kronftadt", um auch nach diefer Seite hin die flüchtige Ueberfchau der ruffifchen Expofition zu vervollſtändigen. Einige Polen aus Wilna und Warfchau haben ebenfalls bei den Ruffen ausgeftellt; fo Ignaz Korwin Milewski, der in zwei Bildern polnifche Juden beim Gebet, wie es fcheint, mit fehr richtiger Beobachtung fchilderte: ein Vorwurf allerdings, in diefer Art der Auffaffung mehr bezeichnend als anziehend. Uebrigens treffen wir die Polen auch hier zu meift auf dem Boden nationaler Gefchichtsmalerei, den fie mit Vorliebe pflegen, obgleich mit der patriotifchen Gefinnung da nicht immer, wie bei Matejko, auch das Talent gleichen Schritt hält. So malte W. Gerfon in Warfchau einen„ König Sobiesky, der in Willjanow Bäume pflanzt", und noch einen zweiten polnifchen Stoff ,,, Keiftut undWitold, Jagello's Gefangene"; ein beachtenswerthes Bild diefer Richtung brachte noch ein zweiter Warfchauer mit einem deutfchen Namen Stanislaus, König von Polen, die Künftler empfangend". 22 - Unter den fkandinavifchen Staaten fand fich Dänemark mit 83 Gemälden ein. Die Bilder der Profefforin Elifabeth Jerichau- Baumann- 15 an der Zahl bildeten da wieder eine kleine Specialausftellung für fich. Es war immerhin intereffant, die künftlerifche Thätigkeit diefer in früheren Jahren vielbefprochenen Malerin fo in einem gewiffen Zufammenhange zu überblicken und von einer gröfseren Wandfläche, wo die Bilder nebeneinander hingen, gleichfam ablefen zu können. Aufser dem von Paris her bekannten Gemälde„ Die Schiffbrüchigen", welches im Centralfaal hing. waren in der dänifchen Abtheilung folgende Bilder von ihr ausgeftellt:„ Chriftliche Märtyrerinen in den Katakomben", Mutterfreude( Capri)" ,,, Hirt von der Akropolis",„ Mädchen von Hymettos",„ Fellah";" Auf den Gräbern von Memphis"," Zulma, die Favoritin", Ein dänifcher Fifcher mit feinem Kinde"," Zwei Mädchen aus dem Foundling- Hofpital",„ Liebesworte", " Amerika"," Ein Meerweib"," Porträt de Königin Olga von Griechenland", ,, Porträt des Profeffors Jerichau". Wir hatten da fo ziemlich die Richtungen ihrer Kunftthätigkeit beifammen: die Stoffe von ernftem Gehalte, wo denn in der That ,, Die Schiffbrüchigen" von ergreifender Wirkung find; die mit einem gewiffen grofsen Sinne erfafsten Genrefiguren aus Italien, Griechenland und Egypten, die Schilderungen aus dem däni fchen Volksleben, die mythifch- allegorifche Gattung und fchliefslich das Porträt. Ich weifs nicht, zu welcher Zeit alle einzelnen Bilder gemalt find, jedenfalls ift die Manier und Technik nicht mehr vom jüngften Datum. Eine entfchloffene Kräftigkeit und markige Auffaffung geht entfchieden hindurch nebenher aber auch eine gewiffe Schärfe und Trockenheit. Das Urtheil Dr. Ad. Görling's in feiner Gefchichte der Malerei zeigte fich diefen Bildern gegenüber als richtig und zutreffend:" Ihre Leiftungen zeichnen fich durch eine für ihr Gefchlecht feltener bis zur naturaliftifchen Unfchönheit gehende Energie und Kühnheit der Charakteriſtik aus, die dort am unangenehmften auffällt, wo fie in das Gebiet der Allegorie hinübergreift." Von dem Letzteren konnten wir uns auch diefsmal überzeugen. Wir vermifsten den weiblichen Zug in den Bildern der Künftlerin, die durchaus wie ftrenge, ja harte Mannesarbeit erfchienen. Es ift fo, als ob das ganze Verhältnifs der bedeutenden Frau zur Kunft mehr in dem Willen, als in der Empfindung fich wirkfam zeigte, und doch liegt in der letzteren die eigentliche Macht des Weiblichen in der Kunft, fowie im Leben. Sonft bot die dänifche Ausftellung neben einer Reihe tüchtiger Leiftungen, die von einer gewiffenhaften und nach verfchiedenen Seiten hin gepflegten Kunftübung Zeugnifs gaben, nicht viel des befonders Eigenthümlichen und Charakte Die Malerei. 95 riftifchen; der„ Fangetanz der Eingebornen in der dänifchen Colonie Godthaab" von Carl Rasmuffen gehört da höchftens zu dem Abfonderlichen. Sehr anziehend durch ergötzlichen Humor, wie durch treffliche techniſche Behandlung waren die Genrebilder Profeffor Carl Bloch's; zunächft das am Kochherd eingefchlafene, vom Feuerfchein beleuchtete Dienftmädchen, fein„ Fifcherknabe" und drei fehr luftige Capucinaden:„ Der taube Mönch"," der Capuciner mit Zahnfchmerzen" und„ der Frater Küchenmeifter, der Hühner rupft". Die Marine, fowie die Fjord- und Küftenlandfchaft war durch C. Sörenfen, A. Melbye, G. Libert, G. Groth, Chr. Eckardt fehr ftattlich vertreten; einen Blick in Scenerie und Volksthum von Island gewährte Profeffor H. Schiött( ,, Ein Sagalefer in einer isländifchen Bauernftube"," Anficht von Tingewalle"), fügte aber freilich in dem Bilde ,, Braga und Idun" etwas conventionelle nordifche Mythologie hinzu. Eine weitere Probe derfelben wurde uns in der fchwedifchen Abtheilung( die nebenbei bemerkt nur 43 Bilder enthielt) gleich in grofsem Format in M. Winge's Gemälde„ Der Kampf Thor's mit dem Riefen" geboten. Es ift kaum möglich, die nordifchen Götter aus den Nebeln, in die ihre Geftalten längst zerfloffen find, in beftimmten künftlerifch brauchbaren Umriffen wieder hervorzuholen. Ein Verfuch diefer Art führte höchftens zu einem kalten und leeren, deco. rativen Phantafieftücke wie eben hier. Graf Georg v. Rofen in Stockholm treibt, wie es fcheint, mit Vorliebe fchwedifche Specialgefchichte im Bild; von ihm war ein„ König Erich XIV." in einer nicht klar geftellten Situation, und„ Herr Thüre Jenffon, vom Reichstage zu Wefteräs zurückkehrend." Pecht fah diefs in dem erftgenannten Bilde, der wahnfinnige König folle von einem Geiftlichen zur Unter fchreibung einer Abdication genöthigt werden; A. W. Ambros fand darin die Verweigerung der Unterzeichnung eines Todesurtheiles. Ich habe mir weiter nicht die Mühe einer beftimmten Anficht über die Situation des Bildes genommen; nur die Verrücktheit des Königs, fowie die Unzuläffigkeit des fo gefafsten Moments für die richtig erwogene künftlerifche Darftellung möchte ich keinen Augenblick bezweifeln. Ein Genrebild von Fagerlin, dann drei folche von Jernberg ( ,, Markttag"," Vorbereitungen zum Feftmahle",„, 12 Uhr") waren von frifcher und erfreulicher Wirkung; ein heiteres und charakteriftifches Volksbild aus heimatlichem Land war aber insbefondere„ Eine Hochzeit in Blekinge" von Nordenberg, der gleich den beiden zuletzt genannten Künftlern in Düffeldorf lebt. Die hervorragenden Landfchafter unter den Schweden, den Genremaler A. Tidemand, welcher als Profeffor in Düffeldorf wirkt, dann die Landfchaftsmaler aus der norwegifchen Kunftgenoffenfchaft dafelbft habe ich bereits an anderer Stelle mit der Malerei des deutfchen Reiches mitbefprochen; dorthin gehören auch diefe Künftler nicht nur der Schule und Richtung nach, fondern in mehreren Fällen auch durch einen langjährigen Wirkungskreis. So leben von den 29 Malern, die zufammen mit 69 Bildern die norwegifche Abtheilung, befchickten, nur 12 in der Heimath; und zwar in Chriftiania: Eckersberg, v. H anno, Morten Müller, Amaldus Nielfen, Ed. Skari, J. Thurmann, Chr. Wexelfen; in Bergen: A. Askew old, Frants Boe, A. Rasmuffen, J. Lofting; in Stavanger: Benetter. In Düffeldorf verweilen allein zehn von den Norwegern, die ausgeftellt haben: A. Tidemand, L. Munthe, N. B. Möller, A. Normann, K. Lorck, Jacob Schive, Herm. Schauche, Vinc. Lerche( der das Aquarell mit einer Reihe trefflicher Architekturftudien aus dem Drontheimer Dom, der Marienkirche in Bergen, dem Dom von Roeskilde u. f. w. vertrat), Sophus Jacobfen und E. Bodom; in Karlsruhe finden wir aufser Profeffor II. Gude noch Johann Nielfen, Frithjof Smith, Otto Sinding, And. Difen; in München lebt Knud Baade, in Paris der Schlachtenmaler P. N. Arbo. Es ergibt fich aus diefer einfachen Zufammenftellung von felbft, dafs wir die norwegifche Kunft aufser Lande, und zwar zunächft in Düffeldorf 7 96 Dr. Jofef Bayer. aufzufuchen haben, da auch die Meiften derjenigen, die wieder in der Heimath thätig find, von dort ihre Kunftbildung herleiten. Wir wären nun mit der rückblickenden Umfchau in der Kunfthalle der Weltausftellung fo ziemlich zu Rande, fo weit wir da ins Volle greifen konnten und die nöthigen Anhaltspunkte zu einer inftructiven Gruppirung der Kunfterfcheinungen, zu einer vom Einzelnen ins Allgemeine hinübergeführten Betrachtung fich uns ergaben. Das blos Vereinzelte und Zerftreute, das fich nicht zum Gefammtbilde eines beftimmten Kunftzuftandes in deutlich erkennbare Beziehung bringen liefs, lag aufser der Aufgabe diefer Befprechung. So auch z. B. die Bilder, die im fpanifchen Pavillon in wahllofer Zufammenftellung ver einigt waren. - Neben einigen gröfseren Sachen von höherer künftlerifcher Richtung überwog da entfchieden die kleinere Bilderbagatelle, zum Theile von verdächtigſtem dilettantifchen Ausfehen. Manche Bilder, wie Mercada's" Tod des heiligen Franz von Affifi", ein„ Seneca, nachdem er fich die Adern geöffnet" von Domin guez, Johanna die Wahnfinnige" von Valles etc., dazu einige tüchtige Architekturen würden nähere Betrachtung verdienen; da mir aber die letzte Parifer Weltausftellung fremd blieb, wo fich die Spanier angeblich beffer präfentirt haben follen, ich auch fonft nie eine gröfsere Anzahl von modern- fpanifchen Werken beifammen gefehen habe, fo weifs ich in der That nicht Befcheid, in welchem Kunftzufammenhange da auch das wenige Beffere fteht. Dagegen könnte die artiftifche Verwilderung, die bedenkliche Zuchtlofigkeit in der Wahl der Motive, im Vortrage und der Technik, wie fie fich in den kleinen Genrebildern von der Strafse und aus dem Volksleben, in den Landfchaften und Stillleben kundgab, zu ganz unerfreulichen Schlüffen über den gegenwärtigen Kunftzuftand in Spanien führen. wenn wir wirklich diefes Ausftellungsmaterial als typifch und bezeichnend anzufehen hätten. Griechenland zeigte fich in der Sculptur jedenfalls intereffanter und bedeutfamer, als in der Malerei; die rumänifche Bildergruppe, abfeits im Induftriepalafte, geftehe ich nicht näher beachtet zu haben. Was von Amerika herüber kam, gehört eben auch nur zu dem Vereinzelten, zu dem zufällig Eingetroffenen; aus Brafilien war nur ein„, hiftorifches Gemälde aus dem Kriege mit Paraguay" da, ein roh hingeworfenes, tapetenartiges Bataillenbild; immerhin ein merkwürdiges Exempel, wohin eine ganz ifolirte Kunft gelangen mag. Aus Nordamerika gab es etwa ein Dutzend Gemälde auf der Ausstellung. M. Waterman aus dem Staate Rhode Island hat einen„ ,, Gulliver in Lilliput" grofs gemalt; es ift diefs ein Stoff, der, wie alles Phantaftifche der Art, wohl dem Aquarell, nicht aber dem Oelbilde zuzuweifen ift. Das Bemerkenswerthefte, was die Kunfthalle von amerikaniſcher Kunft aufzeigte, waren wohl die Landfchaftsbilder von Albert Bierstadt in New- York im Centralfaale:" Der Smaragdteich in den weifsen Bergen von New Hampfhire" und noch eine zweite grofse Landfchaft aus Amerika. Bei einem gewiffen profpectartigen, beinahe decorationsartigen Ausfehen imponirten diefe Bilder durch eine grofse Scenerie und eine umfaffende Weite der landfchaftlichen Anfchauung. " Ich fchliefse nun diefen Bericht, nicht ohne die Beforgnifs, dafs bei der verspäteten Abfaffung desfelben und meiner nicht eben vollständigen Orientirung in Kunftfachen fich manche Irrthümer im Detail eingefunden haben dürften, die der kundige Lefer berichtigen und entfchuldigen mag. Vielleicht wird er aber wenigftens mein redliches Beftreben wahrnehmen, einer nicht frei gewählten Aufgabe nach Möglichkeit gerecht zu werden, und überall doch die Hauptlinien der gegenwärtigen Kunftentwicklung nachzuziehen, foweit ich fie wie in punktir. ten Andeutungen in dem überreichen Bildervorrathe der Ausftellung wahrzunehmen glaubte. DIE SCULPTUR. ( Gruppe XXV.) Bericht von JOSEF LANGL. Einleitung. Es dürfte wohl überflüffig fein, hier weitläufiger voranzufchicken, welche Rolle die Sculptur in der Culturgefchichte von den Dämmerungen vorhiftorifcher Zeiten an bis zur Gegenwart gefpielt hat: aller Welt ftehen die Denkmale aus verwichenen Jahrtaufenden, von der Hand der Wiffenfchaft geordnet, vor Augen, und aller Welt ift darin der allmälige Stufengang unferes Wiffens und Könnens in greifbaren Bildern dargelegt. Reflexe des politifchen, religiöfen und focialen Lebens treten uns in markigen Scenen felbft noch aus jenen Epochen entgegen, von denen kein gefchriebenes Blatt die Zeit bewahrt hat, über die jede Tradition fchweigt. Steine erzählen uns im Nilthale ein Culturleben, das vor 4000 Jahren dort in höchfter Blüthe ftand; Steine fchildern uns aus unbekannten Zeiten die Gedankenwelt der Hindu, und wieder nur Steine begegnen uns in den Ebenen Mefopotamiens, an den Ufern des Euphrat und Tigris, dort in der Wiege des allmälig nach Weften fich weiter entwickelnden Culturzuges, in deffen Strombette wandernd wir dann auf griechifchem Boden die bildende Kunft, in ihrem höchften Triumphe ftrahlend, als Spiegelbild einer neuen idealen Welt entfaltet finden. Wir lefen in Bilderwerken die Blüthe und den Untergang dcs Griechenvolkes; fehen in ihnen die Macht Roms auf- und niedergehen und begleiten das Chriftenthum von feinen primitiven bildlichen Darftellungen der erften Jahrhunderte unferer Zeitrechnung an bis zur Glanzzeit feiner Aera im Cinquecento. In dem Zeitalter der Klärung und Läuterung der Weltanschauung, in welchem der Begriff des modernen Staatslebens aus dem befchränkten mittelalterlichen Gemeinwefen, durch weltgefchichtliche Fügungen begünftigt, fich zum Leitftern der Freiheit des Geiftes formulirte, fallen dann der Kunft die Feffeln, die bis dahin eine verknöcherte Scholaftik um fie gebunden, und die individuelle Phantafie gelangt zur Herrfchaft über die Traditionen. Von den Claffikern wird der Staub der Vergeffenheit gefchüttelt und in ihrem Geifte in den Darftellungen der Natur näher getreten; es werden an der Hand der Wiffenfchaft ihre Räthfel zu löfen gefucht. und ihre Reichthümer an Schönheiten dem Auge wieder geoffenbart. Gegen die Reaction des XVIII. Jahrhunderts, die im Barockftile, dem verwilderten Dialekte der Renaiffance, ihren künftlerifchen Ausdruck fand, wurde von einem Winkelmann, Leffing, Goethe etc. mit denfelben Waffen zu Felde gezogen, mit welchen zur Zeit die Wiedererweckung der Kunft durch die Medicis durchgeführt worden: die hellenifchen Vorbilder wurden wieder zu Regulatoren der verirrten Tendenzen. 7* 21 Jofef Langl. Die Ländergrenzen find auf dem Boden der gegenwärtigen Culturwelt nicht mehr wie im Alterthume unwegfame Gebirgszüge, Meere oder Wüften; die Linien, welche die Diplomatie auf dem Erdglobus zieht, fallen nicht immer mit jenen zufammen, welche einheitliche Völkerftämme oder Nationen umgrenzen; überdiefs umfchliefst durch den Auffchwung der Verkehrsmittel, denen kein Berg zu hoch, kein Meer zu weit ift, alle Völker das Band der geiftigen Verbrüderung, fo dafs Wiffenfchaften und Künfte heute weniger nationalpolitifchen, als vielmehr kosmopolitifchen Intereffen zu dienen berufen find. Die Zeit ift um, in der Völker die Kunft ihr charakterifirendes Eigenthum nennen konnten; den Nationen der Gegenwart fehlt dazu einerfeits jede tiefere religiöfe Begeisterung und andererfeits die nothwendige Ifolirtheit. Diefes Aufgehen in gemeinfchaftlichen Tendenzen nahm wohl feinen Anfang fchon in der Renaiffance, war aber zur Zeit noch in Italien, feiner Geburtsftätte, zu fehr unter dem Schirme des Katholicismus, als dafs ein nachhaltiges Echo in den anderen Culturländern erklungen wäre; erft als die geiftigen Freiheitskämpfe auf deutfchem Boden fich vollzogen hatten, erft als die Kunft fich den Verirrungen der Barockperiode entwand, konnte fie allerwärts vorurtheilslofer einem gemeinfchaftlichen Ziele zufteuern. Die Ideenwelt ift eine gröfsere geworden; die Phantafie der Künftler ift nicht mehr an beftimmte gemeffene Kreife gebunden: neben einem Schatze glanzvoller Poefien fteht ihr die Gefchichte mit ihren reichen Bildern und das unmittelbare Leben der Gegenwart zu Gebote, Motive zur Darstellung zu wählen. Das Schaffen folgt der individuellen Infpiration; die Kunftproducte find die reinen Reflexe des Empfindens und die Natur, der Urquell alles Schönen, ift zum alleinigen Vorbilde der Darftellung geworden. Die Kunft ift von diefem Standpunkte aus wohl wieder der Spiegel des Zeitalters, vorläufig des Zeitalters des Mannigfachen. Was das Nationale in der Kunft betrifft, fo ift es mehr das Perfönliche, Individuelle des Schaffenden, welches allerdings von Zonen und Sprachftämmen abhängt und in Bezug auf das Stoffliche und auch auf die Formgebung gewiffe Charakteriſtiken innerhalb beftimmter Terri torien zeigt: keineswegs aber ift es von der Zukunft mehr zu erwarten, dafs irgendwo die Kunft ausfchliefslich fich politifchen oder religiöfen Zwecken unterordnen wird. Steuern wir alfo der vollen Freiheit in Bezug auf das Stoffliche entgegen und fetzen als unbedingte Nothwendigkeit diefer Freiheit den Realismus in der Formgebung voraus, fo ift es die wichtigfte Frage für die Gegenwart, in der fich diefer Umfchwung vollzieht; welchen Einfluss hat der Classicismus( hier in der Plaftik), von dem zu Anfange diefes Jahrhunderts ausgegangen wurde, auf die Productionen bis zur Gegenwart genommen, welcher Nachklang ift bei den HauptKunftvölkern( den Deutfchen, Franzofen und Italienern) in der unmittelbaren Naturnachahmung noch wahrnehmbar, und welche Charakteriſtiken treten in Bezug auf die Wahl der Vorwürfe bei den einzelnen Nationen und im Allgemeinen zu Tage? Die Weltausstellung 1873 illuftrirte in umfaffender Weife den gegenwärtigen Stand der Anfchauungen und die beftehenden Tendenzen. Der Berichterstatter hat denn feine Aufgabe von dem oben bezeichneten Standpunkte aus aufgefafst und verfucht im Nachftehenden ein Bild des Schaffens der Gegenwart in der Sculptur zur Beantwortung jener Fragen zu geben. Die Maffe des Vorhandenen liefs es wohl nicht zu, bei dem gemeffenen Raume hier jedes Einzelne der Befprechung zu unterziehen; es wird jedoch genügen, die wichtigften charakterifirenden Werke in näherer Beleuchtung hervorgehoben zu haben." Vorauszufchicken ift hier nur eine kurze Bemerkung über die Art und Weife der Aufftellung der Sculpturen auf der Ausftellung felbft. Sie, als die Edelfte unter den Künften, als die Blüthe menfchlichen Schaffens und jedweder Thätigkeit, die uns über das reale Alltagsgefchäft zu idealen Kreifen emporhebt, hätte doch bei einem internationalen Fefte, wie es in nie dagewefenem Glanze Die Sculptur. 3 fich in den Praterauen vollzog, die bevorzugtefte Rolle spielen follen, die fchönfte Schale hätte den edelften Kern erwarten follen; denn weitaus mehr als die Malerei bedarf das plaftifche Werk einer ftimmungsvollen Umgebung und einer wirkungsvollen Beleuchtung, da ja nur Formen fprechen und in der Linienfchönheit allein die Intention des Künftlers zum Ausdrucke gelangt; in diefem Punkte ift denn die Sculptur auf der Weltausftellung 1873 übel weggekommen. Für alles Andere fand der Befuchende zweckmässige Räume, Pavillons etc., nur der Plaftik war kein Plätzchen gewidmet, wo fie fich im Zuſammenhange hätte entfalten können und ihre Werthfchaft zur Geltung gekommen wäre. Vieles von ganz Bedeutendem ging dem Gros des Publicums dadurch verloren und ſpielten plaftifche Kunftwerke überhaupt mehr die Rolle des Decorativen, als die einer felbftändigen Bedeutung auf der Weltausftellung. Die Marmorarbeiten der Italiener fand man in der Induftriehalle an allen Ecken und Enden bei äufserft zerftreuendem Hintergrunde und in meift ganz wirkungslofer Beleuchtung. Die wichtigften Werke der Franzofen waren in den Sälen der Malerei in der Kunfthalle untergebracht, wo fie vielfach total vom Oberlichte gefchlagen wurden und überdiefs durch Goldrahmen und Farben im Hintergrunde jeder ruhigen Betrachtung entzogen waren. Die beften Gegenftände, die überhaupt von der deutfchen Plaftik fich vorfanden, waren vor dem Weft- und Südeingange poftirt, wo fie den aus- und einwogenden Maffen nur im Wege ftanden und den Tag über Sonnenlicht hatten. Nur Weniges der öfterreichifchen und fchweizerifchen Plaftik war in den öftlichen kleinen Nebenfälen der Kunfthalle einigermafsen geniefsbar placirt Ganz verloren gingen begreiflicherweife die Bildwerke, welche in dem eigenthümlichen Clair- obscur der Rotunde fich der Welt zu präfentiren hatten. Es war zu bedauern, dafs, während gerade in der Gegenwart die Träger des Humanismus am regften daran arbeiten, den Kunftfinn im Volke durch Mufeen, Sammlungen, Schulen etc. wieder zu beleben, es in der Ausftellung im Prater verfäumt wurde, darin anregend zum Verftändniffe des Schönen in der Form zu wirken, was doch mit wenig Mitteln hätte bewerkstelligt werden können. Werden doch, feit die Malerei fich vollends dem Realismus zugewendet hat und in den Seelenfchilderungen ihre Triumphe feiert, leider die Sympathien für die Plaftik im Publicum immer geringer und noch immer läfst eine Erziehung des Geiftes für das Edle im Raume an unferen humaniftifchen Bildungsanftalten auf fich warten; Perikles wird noch immer ohne Phidias in der Gefchichte gefchildert, das XV. und XVI Jahrhundert tradirt, ohne nur die Namen zu erwähnen, die für alle Zeiten mit goldenen Lettern in der Kunft- und Culturgefchichte prangen, unvergänglicher als manche Heldenfcala, mit der das Gedächtnifs unferer Gymnafiaften gequält wird. - Rückblick. Wenn die Griechen die Formen der Natur unbewufst nach gewiffen Gefetzen in eine ftrengere Tektonik fetzten und darin ihre Götterideale zu perfonificiren fuchten, fo folgten fie wohl zunächft dem Geifte ihrer Mythen, in welchen ja nach ähnlichen Gefetzen das Reale ins Wunderbare, Uebernatürliche umgefetzt erfcheint als Potenz des wahrgenommenen Schönen. Auch als das philofophifche Denken fich gegen das leere Dahinleben in den hergebrachten Vorftellungen auflehnte, als dem vorgefchrittenen Bewufstfein in der Kunft Befriedigung gefchaffen werden musste und Phidias in vollfter Freiheit feine Geftalten in Marmor fchuf, blieben es noch beftimmte tektonifche Normen, nach denen die Naturformen höher geftimmt wurden, als fie das Leben begegnen liefs. Dem Geheimnifsvollen der menfchlichen Natur wurde in der Erfcheinung nicht näher zu treten verfucht; fremd blieb der Kunft noch die Scala feelifcher Affecte und das Kunftwerk hielt fich in feiner Bedeutung noch rein auf der Stufe der 88 4 Jofef Langl. Symbolik der Idee. Der olympifche Götterkreis konnte aber nicht beffer perfonificirt werden; das Volk nicht beffer in den Götterftatuen felbft geehrt fein, als wenn in denfelben jede Individualität verläugnet und die Kunft zum Ausdrucke des Gemeinwefens wurde. Die ethifch reinen, edlen Charaktere, in welchen die Götter Griechenlands in den Gefängen Pindar's und den Dramen des Aefchylos und Sophokles auftreten, fanden in den Werken des Phidias auf den Giebeln des Parthenon ihre plaftifche Verkörperung, und wenn antike Sculpturen als Vorbild menfchlicher Hoheit für alle Zeiten zu gelten haben, fo werden es die„ Elgin marbles" fein. Wir fehen in dem Pantheon der griechifchen Göttergeftalten von dem heiteren Kinde Eros an bis zu dem Symbole männlicher Würde Zeus, von Aphrodite, der lieblichen Jungfrau, bis zur Mutter Hera, wie die griechifche Kunft wohl Altersftufen in der Geftaltung berücksichtigte, nirgends aber tritt in dem anatomifchen Relief irgend welches perfönliche Gefühl oder eine feelifche Emotion zu Tage; ein ernftes, faft wehmüthiges Lächeln fpricht überall der halbgeöffnete Mund, als ob um mit W. Schlegel zu sprechen die Götter es geahnt hätten, dafs -- ihr Reich von keiner Dauer fein werde. Der neu auftretende chriftliche Cult verlangte jedoch fchon Seelen in feinen Geftalten; eines Menfchen Sohn ftand an der Spitze der neuen Religion und die Kunft hatte nicht mehr Symbole von Begriffen, fondern leibhafte Menfchen darzustellen, des Lebens unmittelbarfte Wahrheit. Obfchon im Katholicismus, wie er auf italienifchem Boden fich später zu entfalten begann, die kofmopolitifchen Ideen des Urhebers, des Centralmenfchen fich nicht in der Weife entwickelten, dafs die Kunft, die mit dem Volke und dem Zeitgeifte wandelte, in ihnen derart aufgehen konnte, wie auf griechifchem Boden in den Gefängen Homer's und Hefiod's, obwohl die vollſtändige Emancipirung der Kunft von der Religion vorauszusehen war, fo wirkten die Elemente diefer neuen Gedankenwelt doch fördernd auf die Anfchauungen der Natur und rückte diefe der Kunft um ein gewaltiges Stück näher. Brachte das XV. Jahrhundert fchon in der naiven Naturna chahmung eines Lucca della Robia, Donatello und Ghiberti Geftalten, die aus der von der Antike herübergefponnenen Starrheit allmälig erwachten, fo vollzieht fich in energifcher Weife der Umfchwung mit den Koryphäen der folgenden Periode, in welcher der Kunft auch eine neue Wiffenfchaft von höchfter Bedeutung zuwächft, die von da an ihren Einflufs geltend macht: nicht mehr das Aeufserliche in feiner ftarren Leblo figkeit kann dem Künftler genügen, feine Gedanken greifen tiefer; aus dem Innern entwickelt er feine Formen, fucht ihre Begründung und ftudirt die Erfcheinungen der Phyfiognomik. Mit Marcantonio della Torre, Jac. Berengario da Carpi und vor Allem dem grofsen Vefal tritt die Anatomie als Begleiterin zur Kunft und ebnet ihr die Bahnen zur Wahrheit. Dem leblofen, hohlen Idealismus war dadurch wohl eine Schranke geboten, aber nicht dem Manierismus, in welchem die gefammte Kunft in der Ausartung des kirchlichen und höfifchen Luxus thatfächlich für ein Jahrhundert verfiel. Die Antike ward wieder zu Hilfe gerufen, die verfahrenen Anfchauungen in das richtige Geleife zu lenken und von diefer Bafis aus die verlorenen Ziele der Renaiffance wieder aufzunehmen verfucht. Es war eine ganz eigenthümliche Periode, die des modernen Clafficismus, durch welche die Kunft fich allmälig zu ihrer Freiheit wieder emporzuringen hatte, eine Periode, in welcher fich bei den gemeinfamen Tendenzen fchon fcharf das National- Individuelle der drei Hauptvölkerfchaften ausprägte, welche zu den eigentlichen Trägern der modernen Kunft berufen waren; es find diefs die Italiener, die Deutfchen und die Franzofen. Canova war der Erfte, der die Plaftik aus den barocken Verirrungen wieder in ihre Grenzen zurückführte und in edlerer Einfachheit den claffifchen Vorbildern nachftrebte. Gelang es ihm auch nicht, feinen Schöpfungen hohe, Die Sculptur. 5 monumentale Würde zu verleihen, und haftet feinen Formen im Ganzen auch noch eine gewiffe Geziertheit und Nüchternheit an, die theatralifchen Affecten näher liegt, als tieferer Wahrheit: fo war fein Einfluss auf feine Zeitgenoffen und die folgenden Generationen von Plaſtikern doch von gröfster Bedeutung. Italien, fein Heimatland, wird von feiner Zeit an die Pflanzfchule der Künfte für die ganze civilifirte Welt. Die Anmuth und Grazie in der Darftellung( vorzugsweife des weiblichen Ideals), in welchen Canova feine Triumphe feierte, fand bei den Italienern, den Virtuofen in der Marmorbehandlung, die begabteften Nachahmer; Chaudet und fpäter Bosio verpflanzten die antikifirende Richtung nach Frankreich, die dort bis in die neuefte Zeit fich dominirend erhielt; in Dannecker, dem Schöpfer der berühmten Ariadne( in Bethmann's Mufeum zu Frankfurt a. M.), begegnet uns in Deutfchland Canova's Idealismus. Die Malerei, die bis dahin mit der Plaftik aufser geringem Schwanken gemeinfamen Tendenzen ergeben war, beginnt aber mit jener Epoche( dem Anfange diefes Jahrhunderts) ihre felbftftändigeren Wege zuwandeln; fie bemächtigte fich der Stoffkreife, die noch lange der Plaftik ferne blieben, vor Allem der nationalen Poefie; fie wandelt den Dichterfternen nach und greift zum Realismus, in Deutſchland wie in Frankreich; die Romantik webt fich in die Schöpfungen der Literatur und bildenden Kunft, und fo fteigen aus ihren ifolirten Höhen die Grazien wieder zum Volke herab. Die Mufen werfen die ftarren Masken hohlen Affectes dahin und kreifen wieder mit den Horen in ungezwungener, natürlicher Anmuth. Tiefere Wurzeln, als in Frankreich, fchlug der Idealismus wohl inj der deutfchen Kunft, die mit Carftens, Cornelius, Overbeck, Schnorr neben der Nachahmung des würdevollen Ernftes der griechifchen Vorbilder auch zum Reflexe edler germanifcher Elemente wurde; aber der letzte Repräfentant diefer Künftlerkette, W. v. Kaulbach, entledigte fich auch der letzten Bande traditioneller Vorurtheile und fchuf feine Ideale nicht allein mehr nach den leblofen Marmorbildern, fondern nahm aus der Natur, was die Form an Schönheit verlangte. Neben diefen Namen, die den Stamm der modernen deutfchen Malerei bilden, fehen wir jedoch die daraus entfproffenen Zweige fammt und fonders in den vollendeten Realismus einkehren. Mit Führich dürfte wohl auch der letzte Stern der chriftlichen Kunft untergehen, und es bleibt den lehrenden Kunfthiftorikern überlaffen, das Andenken der Stiliften zu feiern, das Publicum von heute wird fich jedoch kaum mehr für fie erwärmen; es will die Kunft verftehen, fie foll ihm wahr und natürlich fein und nicht, wie manche Münchner Freske, ein ftarres Räthfel, ein unlösbarer Rebus. In nicht fo directe Correfpondenz mit dem Volke konnte ihrer Wefenheit nach die Plaftik treten. Bei Thorwaldfen feierte das Griechenthum in feiner ganzen Strenge und Reinheit feine Erneuerung: ihm hat die moderne Plaftik hauptfächlich die formelle Vollendung zu danken. Gottfried Schadow brachte dann zuerft die realiftifche Richtung energifch zum Durchbruch und erfchlofs ihr wieder das Gebiet, das fie fchon zwei Jahrhunderte vor ihm bedeutungsvoll betreten hatte. Die Schule gewann unter der einflussreichen Wirkfamkeit Chriftian Rauchs in Berlin feften Boden und fand dafelbft bis heute ihre tüchtigften Vertreter, obfchon Fried. Tieck und feine Schüler in einer Reihe von bedeutenden Schöpfungen noch ftrenge der antiken Auffaffung ergeben blieben. Die neueren Meifter der Berliner Schule, unter denen viele, wie Drake, Kifs, Bläfer, Kalide, W. Wolf etc., fich zu ganz felbftftändiger Bedeutung emporfchwangen, blieben wohl vorwiegend dem edlen Naturalismus treu, nahmen jedoch in manchen ihrer Werke noch die Antike zum Hintergrunde, bis Reinhold Begas mit feinen lebensfrifchen Gruppen wieder in den reinften Realismus einkehrte. Seine„ Bacchantenfamilie“ und„ Pfyche von Pan getröftet" feierten in den Fünfziger- Jahren auf den deutfchen und franzöfifchen Ausftellungen einen wahren Triumphzug. 6 Jofef Langl. Mit dem feinfühlenden, tief empfindenden Ernft Rietfchel verpflanzten fich die Tendenzen der Berliner Schule nach Dresden. Rietfchel gehört unter den Plaftikern diefes Jahrhunderts neben Rauch und Thorwaldfen die nächfte Stelle. Sein Talent bewährte fich an monumentalen Werken ebenfo, wie an Idealfchöpfungen; überall begegnen wir der edelſten Auffaffung, hoher Formvollendung und fcharfer Charakteriſtik. Es darf hier nur auf feine unvergleichliche Leffingftatue( Braunfchweig) hingewiefen werden, um alle Bedenken gegen den Realismus in der modernen Plaftik niederzufchlagen. Nicht in demfelben Geifte führt Ernft Hänel die Dresdner Schule weiter. Seine Richtung kann wohl keineswegs antikifirend genannt werden, feinen Geftalten ift Anmuth und ein gewiffes Leben nicht abzufprechen: man fühlt aber immer den Architekten und den nüchternen Einfluss Genelli's in feinen Linien, die meift fo fchön als langweilig find. Treuer und bei weitem lebendiger bewegt fich Schilling in diefer ftilifirenden Richtung. Seine vier Tageszeiten, Gruppen auf der Brühl'fchen Terraffe in Dresden, gehören zu dem Bedeutendften, was die moderne Plaftik aufzuweifen hat. Auch fein für Wien beftimmtes Schillerdenkmal vereinigt lebensvolle Wahrheit mit edler, monumentaler Würde. In München entwickelte Lud. Schwanthaler in der Kunftepoche unter König Ludwig feine reiche Thätigkeit und fchuf eine Reihe monumentaler Werke, die jedoch vorwiegend in dem Charakter des Decorativen blieben und keine felbftftändige Richtung in fich führten. Die Maffe der Arbeiten und die körperliche Hinfälligkeit Schwanthaler's vereitelten eine gründliche Durchbildung der Form von Seite des Schaffenden und konnte zumeift nur in dem Anlehnen an die Antike die fchärfere individuelle Charakteriſtik der Geftalten umgangen werden. Auch mangelte es der Münchner Schule bis zur Neuzeit an bahnbrechenden Talenten Schaller, Widemann, Burgger erhoben fich nicht viel über ihren Meifter; der begabtefte aus der Schule Schwanthaler's war noch der leider zu früh verftorbene Hans Gaffer. Wie gegenwärtig die Dresdner, nahm zur Zeit die Münchner Schule auf die Entwicklung der Plaftik in Wien bedeutfamen Einfluss. Gefchickte Decorateure find auch die Wiener Bildhauer von Klieber an geblieben; dafs fich aber trotz mancher ausgefprochener Talente die Wiener Schule zu keiner Bedeutung erheben konnte und felbft bis heute noch, wo in den letzten Jahren doch ein regeres Leben in die Kunftverhältniffe fuhr, jede gröfsere Aufgabe im Auslande beftellt werden mufs, hat feine Urfachen in ganz localen Verhältniffen, deren wir bei Befprechung der öfterreichifchen Plaftik auf der Weltausftellung en paffant gedenken wollen. 27 Es ift ein charakteriftifcher Zug unferer modernften Zeit und gerade der Gegenwart, dafs in dem Strome der materiellen Tendenzen, in welchem fich der Weltgeift bewegt, mehr als in einer anderen Epoche den Saiten der Lyrik gelaufcht wird, und gerade in der Kunft das Seelifche, Naive, was zum Herzen geht", weit mehr Beifall findet, als das wahrhaft Grofse, Erhabene und Ernfte. Je mehr fich die Gedanken im realen Leben über den Horizont der Vergangenheit emporfchwingen und geradezu jedes Gefühlsleben verläugnen, defto empfäng. licher zeigt fich der Geift dafür in der Idealwelt der Kunft. Sie ift zum Afyl des Seelenlebens geworden; das Begegnen entwohnter Stimmungen ruft uns zum Beifall: wir freuen uns, die Poefie des Dafeins in Bild und Wort und Tönen zu geniefsen, da uns das Leben felbft nur fpärlich diefe bietet; zu rafch verwiſcht die farbenreiche, bunte Welt oft fchön Empfundenes, die Kunft erweckt in ihren Bildern wieder die Erinnerung und erhält, wenn auch nur in Schattenträumen. was uns in der Welt fremd geworden. Defshalb find auch diejenigen Künfte, in welchen die lyrifchen Wellen am tiefgreifendften fchwingen, dem Volke am fympathifchften und heutzutage die beftgepflegten. Hierin fteht denn obenan die Mufik. Sie ift für unfere modernen Kunftverhältniffe im Allgemeinen ein Factor, der für die Wandlung des Gefchmacks, felbft in der bildenden Kunft, von hoher Die Sculptur. 7 Bedeutung ift. Die Mufik ift heute Gemeingut aller Welt, ihr Cultus in den gebil deten Kreifen ein über alle anderen Künfte dominirender. In der Melodie entfliehen die Gedanken am leichteften und angenehmften dem trockenen Boden des Lebens, und feit Claviere erfunden find, wen foll es Wunder nehmen, wenn Euterpe in den Kreis der Familie tritt und allen anderen Mufen den Platz ftreitig macht? Wir fehen es in der Literatur und wir fehen es in der Malerei, wo Mufik gefchrieben oder gemalt wird, ift der Beifall. Und welche Stellung nimmt diefer Welt gegenüber die Plaftik ein? Soll fie kann fie diefer allgemeinen Strömung folgen? Kann fie ihrer Wefenheit nach überhaupt heute mehr mit ihren Schwefterkünften um die Gunft des Publicums in dem Mafse concurriren, dafs fie wieder zu jener Stellung und Bedeutung gelangt, wie einft im Alterthume oder felbft in der Renaiffance, ohne auf Abwege zu gerathen? - - Es war auf der Weltausftellung 1873 der kleine ,, weinende Knabe" von Guarniero, der vom Publicum tagsüber fchaarenweife umftanden und nicht weniger als einundzwanzigmal bei dem Künftler beftellt wurde, den Plaftikern wohl ein Warnungszeichen, aber zugleich ein Fingerzeig für die Zukunft. Soll die Kunft leben, fo bedarf fie des Beifalls; denn kein Künftler ift der irdifchen Bedürfniffe ganz entbunden und kann nach den olympifchen Höhen wandern, um von den Göttern Nektar für fein Dafein zu erhalten er ift gezwungen und wird in der Regel von dem Zeitgeifte unbewufst mitgezogen, fich dem herr fchenden Gefchmacke, der aus gar vielen und mannigfachen Quellen feine Färbung bezieht, zu accommodiren. Wenn das Publicum den italienifchen Sculpturen auf der Ausftellung vor allen anderen, viel edleren Werken Beifall zollte, fo darf diefs weitaus nicht als eine Verirrung des Gefchmacks betrachtet werden, welcher der denkende Künftler opponiren foll: nicht der Hohlheit der Vorwürfe galt der Beifall, nicht den finnlichen Reizen, welche eine Anzahl der Statuen wohl zur Schau trug, fondern allein der Vollendung und Wahrheit der Formen- dafs die Gefichter nicht le blofe Ornamente, das heifst feelenlos- antikifirend, fondern individuell- charakteriftifch waren, dafs man im Antlitz, dem Spiegel der Seele, auch Reflexe von Empfindungen wahrnahm, die, wenn auch nicht der Ausdruck bedeutungsvoller, tieffinniger Ideen waren, immerhin aber das Vorhandenfein eines Gefühlslebens zur Erfcheinung brachten. Es ift nicht abfolut nothwendig, dafs die Plaftik ihre Vorwürfe von der Strafse und aus der Kinderftube hole, man ahme darin nicht die Italiener nach; Gefühlsleben, was vor Allem die Welt heute in der Kunft fucht, begegnet auch in Geftalten höheren Ranges, deren Verkörperung der Würde der Plaftik angemeffen ift, aber man verfuche, Seelen in der Weife durch die Form wiederzugeben, wie die Italiener ihre meift harmlofen Gedanken zum Ausdrucke zu bringen fuchen, in der Wahrheit, die in der greifbaren Form, wie in den abftracten Regionen des philofophifchen Denkens nur vom Realen, der Natur ausgehen kann. Gerade das Volk der Denker, die Deutfchen, follten den Hauptzug ihres nationalen Charakters, das Ausprägen des Geiftig. Individuellen am Wenigften in der Maske des griechifchen Gefichtes verläugnen und in der Ohnmacht eines immerhin bewunderten Zeitalters deffen Gröfse nachahmen wollen. Das Erhabene foll nicht auf Koften der Wahrheit erftrebt werden; es wird kein Vorwurf dem Kunftwerke fein, wenn es in der Wahrheit reizt: das Edle braucht nicht verloren zu gehen, wenn das Weib in feiner Weiblichkeit dargeftellt wird und die Former die Täufchung der platonifchen Liebe bewahren; darin beruhe ja gerade der Stolz der Kunft, im Sittlichen der Welt Gleichniffe der Vollendung vorzulegen. die fie in ihrem organifchen Leben nur durch die Gefetze der Moral erftreben kann. Die Kunft fei aber nicht blos ein Spiegel der phyfifchen Erfcheinungen: ihre weitaus höhere Aufgabe liegt in dem Reflectiren des Seelenlebens; fie greife in den Formen weder über die phyfifchen Gefetze der Natur hinaus, noch fuche fie in einem trockenen Idealismus dem Leben läuternde Bilder vorzulegen, die dem heutigen Empfinden mehr weniger unverftändlich find. Nur auf diefem 8 Jofef Langl. Wege kann die Plaſtik in der gegenwärtigen Weltftrömung zu den Tiiumphen gelangen, die ihren fchmiegfameren Schwefterkünften bis jetzt viel näher lagen. - Die deutfche Sculptur. Es mufste jeden Freund der Kunft befremden, dafs die deutfche Sculptur auf der Wiener Weltausftellung fo lückenhaft, ja man könnte den Franzofen gegenüber fagen armfelig vertreten war. Die meiften Namen von gutem Klange fehlten, und was von anderen zur Ausstellung kam, gehörte vielfach gerade zu den fchwächeren Arbeiten der Meifter; nebenbei dann viel Schülerhaftes, Unreifes- was im Ganzen genommen keineswegs geeignet war, einen günftigen Gefammteindruck hervorzubringen. Es ift zwar in letzterer Zeit in allen deutfchen Staaten an bedeutenderen Aufträgen eine fühlbare Ebbe eingetreten; Monumentales ift in der jüngften Epoche nicht viel auf deutfchem Boden entftanden, dafs die bevorzugten Talente befchäftigt worden wären; aber gerade diefer Paufe wegen hätte man erwarten follen, dafs auf der erften Weltausftellung in einer deutfchen Stadt zum Mindeften Entwürfe oder Modelle in reicherem Mafse vertreten gewefen wären. Verlangen doch die Thaten der Nation aus der jüngften Vergangenheit fo manches Erinnerungszeichen für künftige Gefchlechter, zu deren Ausführung die Plaftik wohl in erfter Linie berufen ift. Wo blieben doch die Entwürfe zum Denkmale auf dem Niederwalde? Soll die Siegesfäule in Berlin die einzige künftlerifche That in Folge des franzöfifchen Krieges fein? Und warum wird doch das Feld der Idealplaftik, worin die Franzofen und Italiener fo fruchtbar find, fo fpärlich, ja geradezu ängftlich bebaut?- Mannigfache Urfachen treffen wohl hier zufammen. Die deutfchen Plaftiker ftecken gröfstentheils noch zu tief in der antiken Stilifirung, ihre Arbeiten find zu fehr von der akademifchen Kälte umweht, als dafs das Publicum davon angezogen würde; das Streben, antike Hoheit ganz modernen Sujets zu verleihen, hatte jene Hohlheit und Nüchternheit in der Form zur Folge, die ganz richtig mit ,, akademifch" bezeichnet wird; denn gerade die Akademien und unfere gröfseren Kunftfchulen waren und find zum Theil noch der Sitz der Traditionen, an denen mit unverrückter Confequenz feftgehalten wird, und in welchen oft die entwicklungsreichften Talente durch die Erziehung nach der hergebrachten Schablone verflachen. Ein weiterer Grund, dafs die Plaftik bei den Deutfchen in geringerem Maſse dem Volke gegeben ift, als bei den Franzofen und Italienern, ift ihr vornehmes Verfchliefsen der Induftrie gegenüber. Erft in den letzten Jahren wird eine Verbrüderung der Kunft mit dem Kunfthandwerke in den deutfchen Kunftſchulen wieder angeftrebt, was gewifs beiden Theilen nur zum Vortheile fein wird. Dann mangelte aber bisher zum tieferen Verftändnifs der Kunft überhaupt in allen unferen gelehrten Schulen jedweder geregelte Kunftunterricht und beginnt fich's erft in allerjüngfter Zeit zu regen, lange Verfäumtes in diefem Punkte der allgemeinen Volksbildung nachzutragen. Wenige Werke der deutfchen Sculptur auf der Ausftellung waren von fo chlagendem Effecte und künftlerifcher Bedeutung, dafs fie auf ein nachhaltiges Echo in der Erinnerung des Publicums Anfpruch machen könnten; in Folgendem wollen wir das Hervorragendfte in kurzer Befprechung berühren. Von monumentalen Werken ift hier wohl Adolph Breymann's( Dresden) Statue Heinrich's des Löwen"( nördlicher Hof der Rotunde) voranzufetzen. Die edle, würdevolle Auffaffung, der íchöne natürliche Flufs der Linien und vor Allem der harmonifche Aufbau des kleinen Denkmales, das Uebereinftimmen der tektonifchen Formen des Piedeftals mit der Figur machten auf den Befchauer den angenehmften, befriedigendften Eindruck; als weit weniger anfprechend mufs das koloffale Denkmal„ Maximilian's II." von Zumbufch bezeichnet werden.( Hinter der Rotunde.) Wohl mag die äufserft unruhige Umgebung dem Gefammteindrucke mit gefchadet haben; der Hauptfehler an dem im Einzelnen gewifs lobenswerth Die Sculptur. 9 - gearbeiteten Werke beruht aber zunächft fchon im Aufbau des Ganzen und dann in der für monumentale Objecte immerhin gefährlichen Zufammenftellung allegorifcher Figuren mit einem realen Hauptmotiv:„ Ich will Frieden haben mit meinem Volke!" Wenn wir in Coftüm und Porträt einen Mann erkennen, der leibhaftig mit uns gelebt hat und den wir in diefem Bilde ehren, wer berechtigt da vier koloffale, uns ganz fremd erfcheinende Geftalten am Fufse des Piedeftals, blos um der guten Eigenfchaften des Gefeierten willen die Aufmerkfamkeit von deffen Bilde abzulenken? Wenn Symbolik an einem Monumente eine Rolle spielen foll, fo hat fie fich doch vor Allem dem Hauptobjecte unterzuordnen; en relief feien die Noten unter'm Strich, die das Dargeftellte weiter commentiren, nur nicht in dominirender Vollplaftik, wie es in neueren Entwürfen überhaupt wieder beliebt zu werden fcheint. " Anders verhält es fich wohl, wenn das Denkmal zum Ausdrucke umfaffender Ideen, zur Verkörperung des Abftracten dienen foll; da wird das Ganze zum Symbol der Begriffe und die Gliederung im Tektonifchen wird in der Definition des Grundgedankens fich dem geiftigen Zuſammenhange nach zu entfalten haben. M. Wagmüller( München) hat mit feinem Entwurfe zu einem deutfchen Nationaldenkmale( Kunfthalle) in diefer Art ein ganz geniales Werk geliefert; trotz der freien und flüchtigen Behandlung war die Skizze von der grofsartigften Wirkung; auch der Entwurf zu einem monumentalen Brunnen" zeigte von dem Talente des Künftlers in Bezug auf das harmonifche, effectvolle Aufbauen des Ganzen, wenn hiebei auch die etwas zu malerifche Behandlung der Formen fchon an das ,, Barocke" erinnerte. Wie edel Wagmüller übrigens feine Arbeiten auch zu vollenden weifs, bezeugte feine reizvolle Broncegruppe ,, Das Mädchen mit der Eidechfe" und feine Marmorgruppe„ Mädchen mit dem Kinde fpielend". Durch beide Arbeiten ftreift ein zarter, humorvoller Zug, der mit feelenvollem Empfinden in der delicateften Formenbehandlung feinen lebendigen Ausdruck findet; dabei ift aber keineswegs in der Darstellung die Grenze des Plaftifchen überfchritten. Der Hauptrepräfentant der realiftifchen Plaftik, Reinhold Begas, war mit vier Werken vertreten( Kunfthalle), unter welchen eine Copie( in Bronce) feiner bekannten Gruppe" Venus, Amor tröftend" als das befte zu bezeichnen war. Der kleine zürnende Schelm, der gegen alle akademifche Regel feinem Unmuthe fo lebendig in der Geberde Ausdruck gibt, hat zur Zeit die Stiliften in nicht geringe Beftürzung verfetzt; die tröftende Venus, da fie als„ Weib" dargestellt war, wurde ebenfo gefcholten, als ihr ungezogenes Söhnlein die Welt fand aber unbehindert Gefallen an dem Werke, in welchem die gewöhnten ftrengen Mythengeftalten auch einmal mit Fleiſch und Blut, mit Seelen und Empfindungen dargestellt waren. Der Olymp, welchen Begas uns in feiner Plaftik vorführt, ift freilich nicht der der Griechen: er läfst die Götter in einer der Zeit entfprechenden Incarnation erfcheinen und benützt fie zum Ausdrucke feiner künftlerifchen Ideen. Wir werden von Begas nicht verlangen, dafs er tragifche Charaktere aus den Mythen herbeizieht; aber die naiven, anmuthigen Elemente werden in ihm ftets den talentvollften Ueberfetzer finden. In feinem„ Mercur"( Wefteingang der Kunfthalle) und einem kleineren Brunnenfigürchen ift es auffallend, wie Begas jeder hergebrachten akademifchen Actſtellung abfichtlich aus dem Wege geht und in die Bewegung neue Motive zu legen fucht. Des Künftlers Marmorfigur ,, Badendes Mädchen" war leider im Centralfaale vor Piloty's Bild aufgeftellt, wo fie vom Publicum geradezu erdrückt wurde. Das anmuthige Werk war von früheren Ausstellungen her bekannt und beftätigte in allen Theilen nur wieder die bekannten Vorzüge des Meifters. : Von feinen Nachfolgern hat M. Otto( Berlin) mit feiner Gruppe, Faun und Nymphe"( füdlicher Eingang) einen ganz glücklichen Wurf gethan. Der ftruppige Waldgott hat das zarte Wefen umklammert, ihm einen Kufs zu rauben; mit Energie aber wehrt fich die arme Bedrängte und nimmt keinen Anftand, dem Zudringlichen felbft etwas unzart in den Bart zu fahren Der natürliche Flufs der Linien, fowie der leichte realiftifche Vortrag im, anatomifchen Relief machte die 10 Jofef Langl Gruppe zu dem Anziehendften in der deutfchen Kunftabtheilung. Als Pendant ftand( am Südeingange der Kunfthalle), Delila's Triumph" von C. Daufch( derzeit in Rom). Die Idee mufs freilich als eine etwas gewagte bezeichnet werden, den fchlafenden Simfon fitzend darzuftellen und Delila mit der Scheere ihm auf den Schoofs zu poftiren; der Künftler konnte dem Vorwurf auch keine weiteren Reize abgewinnen und legte das Hauptgewicht auf das Arrangement und die Durchbildung der Form, was ihm auch trefflich gelungen ift. Befonders ift der Geftalt der Delila in diefer Beziehung das Schönfte nachzufagen; die Erfcheinung war für ihre Bezeichnung nur zu würdevoll, zu nobel; die Durchführung im Detail bei allem Realismus edel und exact. In ftrenger Naturwahrheit, wenn auch in gemeffeneren Grenzen als bei den genannten Meiftern, bewegt fich auch Jof. Kopf( Stuttgart) in feinen Werken, deren eine reiche Anzahl auf der Ausftellung erfchienen war. Wenigen Künftlern der Gegenwart mögen fo viele Steine auf ihrer Laufbahn begegnet fein, als J. Kopf ( geboren zu Umbingen in Württemberg); mit wahrhaft bewunderungswürdiger Energie aber bekämpfte er alle Hinderniffe und zählt heute zu den beften deutfchen Bildnern. Seine Hauptwerke befinden fich alle in feinem Vaterlande und wären darunter vorzugsweife die gediegenen Porträte des württembergifchen Hofes hervorzuheben. Auf der Ausftellung waren feine„ badenden Knaben"( Marmor, in der Kunfthalle) das Gelungenfte in zarter, anmuthvoller Auffaffung und vollendeter Durchführung. Der ältere, der feinen jüngeren Bruder auf den Schultern trägt, ift foeben im Begriffe, mit dem fchüchtern vorgeftreckten Fufse ins Waffer zu fteigen, worüber der Kleine in nicht geringe Angft geräth und mit halb weinendem Gefichte fich an Hals und Kopf klammert. - So genrehaft der Vorwurf an und für fich ift, erhob der Künftler durch die feinen pfychologiſchen Reize und die eminente Behandlung der Form dennoch die Gruppe zu einem plaftifch abgefchloffenen Ganzen. Auch feine„ Pietas"( Südeingang der Kunsthalle) hatte grofse Vorzüge, und war daran befonders die Geftalt des Chriftus mit edler Empfindung und feinem anatomifchen Verftändniffe durchgeführt. Wie wohlthuend es doch ift, den Geftalten des chriftlichen Cultus hie und da in der Kunft als Mitmenfchen- was fie ja in der That waren zu begegnen, in ihren Köpfen Gemüth und Empfinden zu lefen und in ihren Leibern das lebensfähige Schöpfungsideal zu erkennen! Dafs die moderne Kunft fich wieder von der Antike aus entwickelte, war der fpecififch religiöfen Kunft wohl keineswegs vom Vortheile. Das Volksthümliche in der chriftlichen Kunft verfchwand fchon während der Barockzeit; die hohlen, trockenen Geftalten wurden leerer Zierrath der Altäre, Ornamente der Kirche; tiefere Geltung hatten fie im Kreife der Gläubigen nicht mehr. Die neuere Kunft ging aber, wie gefagt, nicht direct zur Natur zurück, fondern knüpfte bei der Philofophenzeit der Kunft der Griechen an; philofophirende Elemente bemächtigten fich auch zunächft der religiöfen Kunft, und die fogenannten ,, Nazarener" illuftrirten den katholifchen Cult nun vom kritifchen Standpunkte und fuchten damit weniger auf das Gemüth der Gläubigen zu wirken, als den modernen theologiſchen Ideen Befriedigung zu verfchaffen. Die Typen, die in der Renaiffance fich entwickelt hatten, wurden zwar aufgenommen, blieben aber für die Welt ftumm, und wenn die bildende Kunft auf der Weltausftellung 1873 als Reflex der Zeit angefehen werden kann, fo find der Jetztwelt die griechifchen Götter wieder näher als die Geftalten des Chriftenthums; unter den gefammten nahe an taufend plaftifchen Werken waren drei Chriftusftatuen und davon kam eine auf Deutfchland, die wir eben erwähnten, während der Götterftaat des Olymps noch in allen Variationen feine Verkörperung findet. Das ftarre Fefthalten an der von der Antike herübergenommenen ftilifirten Formgebung, das völlige Verzichtleiften auf alles Vergängliche, Irdifche und leider nur zu oft auch auf gefundes Naturftudium- mufste der religiöfen Kunft ihren heutigen Stand bedingen - Die Sculptur. 11 Erwähnen wir noch achtungsvoll Kopf's" Amor und Pfyche"( Marmorgruppe, Kunfthalle) und bleiben am Südeingange, wo wir noch M. Schulz's ( Berlin) Gypsgruppe„ die Nacht als Charitas" finden. In dem Schoofse der fitzenden weiblichen Geftalt fchlummern zwei allerliebfte Knäblein, gefchützt von dem Mantel der Ruhefpenderin; der Eindruck der Gruppe war ein durchwegs edler und mufste nur wieder bedauert werden dafs für fie kein ruhigeres, ftimmungsvolleres Plätzchen gefunden wurde. Voll Anmuth und Leben waren Ferdinand Miller's jun.( München) ,, Indianerbube"( Kunfthalle) und W. Engelhardt's( Hannover) ,, Schleuderer". Letztgenannte Gruppe, deren Original in der Kunftfammlung zu Darmſtadt fich befindet, gehört zu den Perlen unter des Meifters Werken und ift durch die Vervielfältigung wohl allenthalben bekannt. F. Miller's Figuren für einen Brunnen in Cincinnati find fchön; bewegt und originell erfunden, nur etwas roh in der Ausführung. A. Donndorf( Dresden) hatte das Modell des Reiter- Standbildes des Grofsherzogs Carl Auguft von Weimar( in Gyps, Südeingang der Kunfthalle) ausgeftellt, welches, edel aufgefafst, fich in hübfchen Linien aufbaute; das Werk war jedoch zwifchen den zwei Pfeilern fo unglücklich placirt, dafs es zu keiner Geltung gelangen konnte. Donndorf( ein Schüler Rietfchel's) hat jüngft bei der Concurrenz um die Ausführung des Corneliusdenkmals( in Düffeldorf) den Sieg errungen und auch diefs Werk bereits übernommen. Was von den deutfchen Bildhauer- Profefforen, das heifst von den Meiftern. die zugleich an Kunftfchulen als Lehrer thätig find, ausgeftellt war, gibt wenig Anlafs zu kritifchen Erörterungen über die Tendenzen der deutfchen Plaſtik. Sie waren fammt und fonders nur noth dürftig vertreten; zumeift mit älteren bekannten Werken. Friedrich Drake( Berlin) hatte neben einigen kleineren Objecten die Statue feines Meifters" Ch. Rauch" ausgeftellt( Wefteingang); ein Werk voll edler, würdevoller Auffaffung, welches neben den franzöfifchen Bronce und Marmorarbeiten im fchlichten Gypsabgufs in der Ausftattung wohl etwas armfelig ausfah; defsgleichen ging G. Kaubert's( Frankfurt) Eva" ( nebenan) durch das nüchterne Material und die zerftreute Beleuchtung verloren. Die Figur mit dem obligaten Apfel und der Schlange am Baumftamme bot auch kein befonders neues Motiv; defsgleichen konnte den anderen Arbeiten des fonft verdienftvollen Meifters kein weiteres Intereffe abgewonnen werden. Kaubert's fchönfte weibliche Geftalt bleibt denn doch immer feine„ Loreley." " Auguft Wittig's( Düffeldorf)„ Hagar und Ismael"( Marmor, Mittelfaal) war wohl in der Form und vorzüglich in den nackten Theilen mit viel Empfindung durchgebildet, liefs aber im Ganzen kühl; dasfelbe gilt auch für M. Widemann's( München) jugendlichen ,, Hermes"( Marmor, Kunfthalle), der immerhin anmuthig bewegt war, aber eigentliches Leben vermiffen liefs. In ähnlich ftilifirter Manier hielten fich die Arbeiten Emil Wolff's( Rom), von denen eine„ Judith" ( Marmor, Mittelfaal) ganz hübfche Einzelmotive befafs, die leider nur wieder durch das zu forgfältige akademifche Arrangement der Lebendigkeit der Figur Eintrag thaten. Des Künftlers„ trauernde Pfyche"( Kunfthalle) erinnerte in ihren glatten, eleganten Formen an die befte Zeit Canova's. Weit Lebensvolleres begegnete uns in Albert Wollf's( Berlin) neueften Arbeiten, die in den Seitennifchen des Hauptportales der Rotunde aufgeftellt waren, nämlich die Statuen der Juftitia" und der„ Kunft und Induftrie"( Bronce) für das Piedeftal des Monu mentes König Friedrich Wilhelm's III. im Luftgarten zu Berlin. Befonders letztere Gruppe imponirte durch grofsartige Auffaffung und virtuofe technifche Vollendung. Als ganz fchöner Gedanke ift B. A finger's Marmor Grabmal( Hochrelief, Südeingang der Kunfthalle) zu bezeichnen. Eine edle Frauengeftalt fchreitet aus der Pforte der Gruft die Stufen hinab und blickt bedeutungsvoll in die Ferne. Die tektonifche Einrahmung der Figur verlangte wohl eine ftilvollere Behandlung der Formen, was dem Künftler befonders in der Draperie meifterhaft gelungen 12 Jofef Langl. ift, ohne in die nüchternen, akademifchen Alltagsmotive verfallen zu fein. A finger ift einer der wenigen deutſchen Bildner, die noch mit Vorliebe religiöfe Motive zur Darftellung wählen; feitdem Mayer's Kunftanftalt in München( ausgeftellt im nördlichen Hofe der Induſtrie- Abtheilung) die Kirchen fo billig mit Heiligen verforgt, hat denn freilich die eigentliche chriftliche Plaftik einen fchweren Stand, und ift es kein Wunder, wenn die begabteften Künftler, wie beifpielsweife Knabl, fchon Jahre lang faft unbefchäftigt find. Was noch von deutfcher Sculptur ausgeftellt war, gehörte zum gröfseren Theil dem Minderbedeutenden an und bewegte fich ausfchliefslich in der ftilifirenden Richtung E. Andrefen's" Genius des Ruhmes"( Marmor, Kunfthof) und C. Schlüter's" Germane"( Wefteingang der Kunfthalle) erhoben fich nicht viel über die akademifche Actftudie; H. Schubert's Gypsgruppe" Jakob ringt mit dem Engel"( Wefteingang der Kunsthalle) mufste neben den gediegenen franzöfifchen Arbeiten doppelt fchwerfällig erfcheinen; fein jugendlicher„ Faun" war ebenfo langweilig in der Form, wie C. Steinhäufer's ,, Ophelia", die„ Loreley" von Vofs,„ die Spinnerin" von Gerhardt u. A. m. Dafs das mechanifche Copiren der Antike noch immer einem gründlichen anatomifchen Studium vielfach von Seite der Bildhauer vorgezogen wird, ift leider die Haupturfache, dafs den Formen meift das Leben mangelt und unfere Plaftik das Publicum kalt läfst. Die Anatomie fpielt an unferen Kunftfchulen noch immer eine zu ifolirte Rolle und greift diefe hochwichtige Disciplin felten direct in das Naturftudium felbft ein. So lange die Profefforen der Anatomie nicht felbft ausübende Künftler und die Lehrer im Actfaale find, wird fich im Allgemeinen der Realismus noch immer auf fchwankendem Boden bewegen. Hie und da wird wohl ein Genie fich den Traditionen entwinden und fich in den Lehrjahren feine individuelle Anfchauung nicht erfticken laffen; wie Wenigen gelingt aber diefes? Die Antike fpielt in unferen Kunftfchulen( in der Plaftik) noch eine zu dominirende Rolle, die Anatomie gibt nicht viel mehr, als die fchematifche Topographie der Formen; auf das Pfychologiſch- Anatomifche, was freilich auch nicht an Modellen, am allerwenigften aber an der Antike ftudirt werden kann, fondern aus dem Leben felbft geholt werden mufs, dahin erftrecken fich nirgends noch die Vorlefungen. Es fei ferne, damit ausfprechen zu wollen, dafs etwa das gefammte Seelenleben des Menfchen in feinen Reflexen philofophifch analifirt werden. folle; dafs Lachen und Weinen, Hafs und Neid etc. nach gewiffen Recepten in der Kunft dargestellt werden foll oder die unbewussten Erfcheinungen nach irgend welchen Gefetzen zu regeln feien aber auf die Mittel zu den Erfcheinungen, alfo auf das Eingehen in die Urfachen der Erfcheinungen follte mehr Werth gelegt und die Formentopographie von vorne weg in diefem Sinne behandelt werden. Harlefs hat in feinem Werke einen kühnen Verfuch gethan, als Anatom den lebenden Menfchen zu zergliedern; Duchenne hat in intereffanter Weife die„ Symbolik der Mienen", die Räthfel des menfchlichen Antlitzes, zu enthüllen gefucht: aber noch immer fehlt den Künftlern ein fchlagfertiger Führer im Actfaal, wo bisher gröfstentheils nur die Empirie das Auge für die Beobachtung der Natur und des Lebens erzog. 99 Für das Studium der Formentopographie der menfchlichen Geftalt ift von dem talentvollen Bildhauer Ch. Roth( München) aus der Ausftellung noch deffen anatomifche Figur"( Athlet) zu erwähnen, die äufserft lebendig aufgefafst, in correcter Weife das Spiel der Muskeln in ihrer Thätigkeit zeigt. Der Berichterftatter kann für die Leiftungen Ch. Roth's auf dem Gebiete der Künftleranatomie hier nur das Lob wiederholen, das er an anderer Stelle fchon einmal ausgefprochen. * Zu vergleichen in Lützow's ,, Zeitfchrift für bildende Kunft" Nr. 35, 1873. ,, Zur plaftichen Anatomie". Die Sculptur. 13 Die öfterreichische Sculptur. Der Donauftadt hat nie eine befondere Glanzepoche in der Sculptur geblüht; keine Namen von Weltruf haben Werkstätten in ihren Mauern aufgefchlagen, die Kunft hat hier von jeher in befcheidenen Sphären dahingelebt, und wenn wir einen Blick auf das Centralinftitut für die Künfte, auf die Akademie werfen, fo finden wir auch dort von feiner Gründung an bis in die jüngften Tage eine Befcheidenheit im Schaffen und Wirken, dafs die Gefammtthätigkeit des Inftitutes nichtsweniger denn als eine mit dem Volke und der Welt correfpondirende bezeichnet werden mufs. Vorübergehend hatte wohi die Malerei Dämmerungen eines regeren Lebens: Füger's Name hatte zur Zeit guten Klang; Führich ift in feinem Genre hoch gefchätzt; Rahl malte wohl nicht fürs Volk und ging in Form und Farbe zuweilen über das Schöne hinaus, leiftete aber als denkender Maler Vorzügliches; Geiger war als Lehrer und Künftler eminent; Steinfeld und vor Allen Zimmermann brachten die Wiener Landfchaftsfchule zu Ehren doch die Plaftik? Ihre Gefchichte bietet am allerwenigften Intereffantes, wenig des Bedeutungsvollen. Nie hat fie fich von der Antike getrennt, nie einen Anlauf genommen, auf feinere Darftellung einzugehen, und felbft als die Naturmodelle eingeführt und ganz treffliche Acte modellirt wurden, blieb den felbftftändigen Compofitionen der Realismus fremd, da kein Empfinden für complicirtere Affecte oder Effecte überhaupt vorhanden war. Von den älteren Meiftern Fifcher und Zauner abgefehen, erhoben fich auch Käsmann und Schaller zu keiner befonderen Selbftftändigkeit und blieben in ihren Formen halb Schwanthaler, halb Canova; fo pompös fie auch manche ihrer Gruppen aufbauten, mehr als das techniſche Gefchick bewundern wir in ihnen nicht. - Klieber war der Gefchäftsmann par excellence, und feine Arbeiten find decorativ mitunter Meifterftücke; höhere künftlerifche Weihe befitzen fie mit wenig Ausnahmen nur in befcheidenem Mafse. Aus Klieber's Atelier ging Fr. Bauer hervor. Das Jahr 1848 warf für die Kunft feine dunklen Schatten bis weit in die fünfziger Jahre herein; erft zu Ende derfelben, als durch läuternde politifche Ereigniffe für Künfte und Wiffenfchaften die Epoche der Gegenwart fich vorzubereiten begann, als das alte Wien feine Mauern abfchüttelte und fich nach allen Richtungen dem Fortfchritte die Bahnen geöffnet, wurde es in den Ateliers wieder lebendiger, und fuhr der Geift der Arbeit wieder in die Werkstätten der Kunft. Vor Allem gab es in der Architektur reiche Befchäftigung; es fehlte auch nicht an talentirten jungen Kräften in den Schulen, da praktifch active Profefforen da waren, die anzuregen und zu begeiſtern wufsten. Wer die Ringftrafse heute durchwandert, wird anerkennen müffen, dafs die letzten Decennien hier in der Architektur entwicklungsreicher waren als früher Jahrhunderte. Die Architekturfchule ift aber nicht nur der Localität, fondern auch den Fortfchritten nach als getrennt von der Malerei und Plaftik in der Akademie zu betrachten. Nur die Landfchaftsfchule erhob fich, wie bereits erwähnt, unter Alb. Zimmermann in einer bedeutenden Anzahl talentvoller Schüler, und glänzt die öfterreichische Landfchaftsmalerei gegenwärtig hauptfächlich in Namen aus jener Epoche. Doch war diefem genialen Meifler und Lehrer kein langes Wirken an dem Inftitute befchieden, wie leider auch Rahl zu früh feinem Schülerkreife freilich für immer entriffen wurde. - Das Schaffen erlahmte, da Niemand anregte, und die Hiftorienmalerei fchlummerte fanft neben der Plaftik, fowie es auch in der Schule Führich's an " gefunden" Schülern mangelte. 14 - Jofef Langl. Bauer, dem die moderne Welt fo zuwider war, wie der modernen Welt die akademifche Plaftik, konnte auf feine Schüler keinen bedeutfamen Einfluss üben, da er als fleifsiger Lehrer fei er hoch gefchätzt als Künftler nicht jenes univerfelle Terrain beherrschte, welches einem Lehrenden gegeben fein mufs. Darüber find wohl die Kunftpädagogen einig, dafs nicht der Schüler in dem Lehrer, fondern der Lehrer in dem Schüler aufgehen muſs und feine Individua lität fich der Individualität des Schülers gegenüber rein objectiv zu verhalten hat. Man kann den fechsjährigen Knaben zur Lautirung des A B- C zwingen, aber den gereiften Jünglingen Vorurtheile octroyiren, hiefse den Vogel fliegen lehren wollen, indem man ihm die Flügel ftutzt. Die Schule Bauer's erzog Decorations- Bildhauer, die für die Neubauten Wiens( und bei den Weltausftellungs Gebäuden ward es neuerdings beftätigt) trefflich den Architekten unterftützten; freie Künftlerbahnen eröffnete fie nicht. Wenn Einzelne anderwärts( meift in Dresden) fich weitere Ausbildung verfchafften, war wohl meift der erfte Trieb fchon erlahmt, und das Vorurtheil gegen allen Realismus tief genug gewurzelt, um fie nur als elegantere Stiliften in die Heimath zurückkehren zu laffen. - - - Es wäre für die gegenwärtige Wiener Plaftik höchft charakterifirend, einige Epifoden hier anzuführen, die der Schreiber diefes in feinen Lehrjahren felbft miterlebte, die das Gefagte näher illuftrirten; doch geftattet es hier weder der gemeffene Raum noch der Titel diefer Abhandlung. So mancher Stern, in deffen Lichte fich freilich Wenige erwärmten, ift gefunken, und bald werden die neuen Räume der Akademie der bildenden Künfte hoffen wir es auch von einem neuen Geifte bezogen werden, und ift es nur zu wünſchen, dafs mit den neu herangezogenen Kräften neues Leben in die Plaftik kommt und die Staatsunterſtützungen ferner beffere Früchte tragen als in der Vergangenheit. Dem Streben nach höheren Zielen, fei es in was immer für einem Fach, fobald es in focialen, Wettkämpfen gepflegt werden foll, fchadet nichts fo fehr als das Gefpenft der Protection; wo es mit feinem Gifthauch fich einfchleicht, da ift oft weniger die That an und für fich das Bedauernswerthe, als der Reflex diefer That, in welchem das Vertrauen welkt und das edelfte der Gefühle, das des Rechtes, fchwankend wird. - Dafs unter den obwaltenden Verhältniffen die Wiener Bildhauerfchule keine Talente anzog und die Intelligenz in ihrem Kreife eher fank als fich erhob, wird als natürlich erfcheinen. Die Begabteren, mit welchen fich leider auch meift Befcheidenheit paarte, mufsten verflachen wegen Mangels an reelkünftlerifcher Befchäftigung; die anderen konnten fich trotz Befchäftigung nicht über das Niveau des Handwerksmäfsigen erheben, und fo repräfentirte fich die Wiener Plastik auf der Weltausftellung denn hauptfächlich in Objecten, die man( mit wenig Ausnahmen) als Mittelgut zu bezeichnen pflegt. Manches von den Entwürfen und kleineren Modellen der Idealplaftik zeigte jedoch, dafs es unferem Vaterlande nicht etwa an Talenten mangle, auch die höchften Ziele der Kunft zu erftreben, dafs wir für die moderne Strömung die begabteften Vertreter hätten und nur der richtige Mann an die Spitze gehört, die alten Traditionen abzufchütteln und die Elemente des Zeitgeiftes in das Schaffen einzuführen. Erwähnen wir zu allererft Kundtmann's Gruppe„ Der barmherzige Samariter" als entfchieden edelftes Werk, welches die öfterreichiſche Plaftik aufzuweifen hatte; dasfelbe hatte Kundtmann fchon in den fünfziger Jahren bei Hähnel in Dresden gearbeitet und gab es bei der grofsen akademifchen Ausstellung im St. Annahaufe zur Zeit neben Begas' Gruppen zwifchen Stiliften und Realiften zu heftigen Disputen Anlafs. Der natürlich fchöne Aufbau der Gruppe, die correcte, im Nackten eher naturaliftifch als antikifirend durchgeführte Modulation des Details find Vorzüge, die fich felten in folcher Vollendung wiederfinden. Befäfse Paris feit fünfzehn Jahren ein folches Modell von einem feiner Künftler, wir wären ihm ficher auf der Weltausstellung mit der Devife„ appartient à l'état" in Marmor begegnet. Kundtmann ift gegenwärtig als Nachfolger Bauer's Profeffor Die Sculptur. 15 an der Wiener Akademie und gehört weitaus nicht zu jenen ftrengen, gegen die Natur unbarmherzigen Stiliften der deutfchen Schulen; feine neueren Werke belebt gerade im Fleifche ein ausgefprochener Realismus, der in der edlen Auffaffung wohl die Antike zum Vorbilde nimmt, darunter aber das Leben der Natur nicht vergibt. Seine zwei ausgeftellten Reliefs ,, ein Centaur, wie er einen Knaben Flöte blafen lehrt" und eine Centaurin, ein Mädchen tanzen lehrend", mögen als Beftätigung des Ausgefagten dienen; auch fein reizend componirter ,, Bacchuszug" fchliefst fich diefen Tendenzen an. ,, C. Zumbufch war in der öfterreichifchen Plaftik nur mit einigen Por träten vertreten, darunter das des Grafen von Moltke( in Medaillonform) von trefflicher Wirkung. Von gröfseren Reliefcompofitionen war D. Werner's" Jagdauszug" wohl das Befte unter dem Ausgeftellten. Werner ift zwar ein Hannoveraner, hat jedoch feine Thätigkeit nach Wien verlegt, fo dafs die Befprechung feines Werkes hier gerechtfertigt erfcheinen wird. Der lange Fries war auch, was bekanntlich wenigen Objecten der Plaftik auf der Ausftellung zu Theil wurde, trefflich beleuchtet ( durch Oberlicht im kleinen Eckfaale der Kunfthalle). Der figurenreiche malerische Zug war in fchön abgewogene Gruppen gegliedert, die jedoch unter fich in lebensvoller, dramatifcher Beziehung ftanden. Zeichnung und Vortrag( im griechifchen Relieffchnitt) waren von mufterhafter Vollendung. " ን In der Detailausführung konnten fich wohl J. Rössner's Reliefs mit diefer Arbeit meffen, fo befonders, wie Gretchen das Orakel fragt"; nur zwängte fich in der Compofition Manches ,, ins Relief", was den natürlichen Flufs der Linien beeinträchtigte. Von monumentaler Plaftik und der Idealplaftik im grofsen Stile waren nur Entwürfe und Modelle in Gyps ausgeftellt. V. Pilz ift gegenwärtig für ernftere, gröfsere Aufgaben wohl der begabtefte unter den Plaſtikern. Leider ift von feinen bedeutenderen Entwürfen bisher nichts zur Ausführung gekommen. Seine Skizze des Schwarzenberg- Reiterftandbildes, welches fchon zur Zeit der erften Concurrenz im Zauner'fchen Atelier als der gelungenfte unter den damals eingelaufenen Entwürfen bezeichnet wurde, ift es wohl trotz des Hähnel'fchen Werkes für ein Monument noch immer geblieben. In den anderen ausgeftellten Arbeiten, dem ,, Auftriamonumente"," Goethe und feine Zeit", Kaifer Max" etc. documentirte der Künftler überall feine vollfte Herrfchaft über die Maffen und bezeugte, dafs er oft dem complicirteften Motive die Tektonik des Ganzen anzuordnen verfteht. Als gewagt mufs nur die Idee mit den koloffalen allegorifchen Figuren an den Stufen des Piedestals bezeichnet. werden; fie würden bei der Ausführung im Grofsen den Effect des Hauptgegenftandes, der doch über Alles dominiren foll, gewifs im hohen Grade beein trächtigen. Weniger im Grofsartigen und Effectvollen, dafür aber mit feinerem Gefühle für Linienfchönheit und anmuthvolle Würde begegnet A. Wagner in feinen Entwürfen. Wie zart der Künftler Formen zu behandeln weifs, davon gibt wohl fein reizendes Gänfemädchen auf dem Brunnen der Brandstätte genugfam Zeugnifs; wie er Charaktere aufzufaffen verfteht- fein für das Künftlerhaus beſtimmter " Michel Angelo". Die verfchiedenen Entwürfe zu Denkmalen( Schiller, Goethe, Tegethoff) gehörten zu den vorzüglichften Arbeiten der Ausstellung. Wir fchliefsen hier die Leiftungen Pöninger's an, unter denen das edel aufgefafste und bis ins Detail forgfältig durchgeführte Reiterbildnifs des Herzogs Carl Wilhelm von Braunfchweig als das gelungenfte Werk zu bezeichnen ift. Pöninger war lange Zeit in Fernkorn's Atelier thätig und nachmals alleiniger Leiter der k. k. Erzgiefserei und ift fchon manches treffliche Werk aus feinen Händen hervorgegangen. 8 16 Jofef Langl. Von den jüngeren Künftlern ift wohl E. Hellmer einer der talent- und hoffnungsvollften. In der Auffaffung bewahrt er den Ernft der Antike und in den Formen die ftrenge Individualität der Natur. Schon fein verwundeter Achill", die erfte Leiftung, mit welcher der Künftler vor die Oeffentlichkeit trat, erntete reichen Beifall, der auch feinen folgenden Arbeiten nicht vorenthalten blieb. In feiner ( ausgeftellten)„ Andromeda" hielt er fich im Ganzen wohl mehr an die antiken Vorbilder; lebensvoller in Compofition und Form war dagegen das Relief ,, Hyppolit's und Phädra's Tod". Benk wurde ganz von Bauer erzogen und fand feine weitere Ausbildung in Dresden. Sein Talent offenbart fich fchon in feinem Entwicklungsgange; daher weniger in dem feineren Auffaffen feelifcher Emotionen, als vielmehr im tektonifchen Anordnen der Maffen, im fchönen Fluffe der Linien und im plaftifchen Gefammtaufbau der Gruppen. Als die bedeutendfte unter feinen ausgeftellten Arbeiten ist das Koloffalmodell der Auftria( zur Ausführung in Marmor für das k. k. Arfenal in Wien beftimmt) anzuführen. Seine Genovefa"," Ruhe auf der Flucht nach Egypten", und„ Madonna mit Chriftus und Johannes" find Arbeiten aus des Künftlers Studienjahren, und Ausdruck der Wiener und Dresdener Schule. Sehr frifch und lebendig componirt war eine Zeichnung, für eine Fruchtfchale ( in Bronce auszuführen) beftimmt, die das Thema„ Liebe, Wein und Gefang" in der anmuthigften Weife behandelte. " Wie bei Benk, fo bewegen fich auch Al. Düll's Arbeiten alle im Geifte Bauer's; feine Lieblingsthemata„ Der verlorene Sohn",„ Pietas" begegnen uns auch hier wie bei anderen feiner Schüler wieder. In freieren Linien baut fich des Künftlers Rebekka" auf. 99 Düll ift gegenwärtig an der Seite Kundmann's an der Akademie in Wien als Affiftent in der Schule für Plaftik thätig. Von A. Schmidgrüber überraschte eine hübfche Brunnenfigur( Marmor), die ebenfo graciös componirt als techniſch gewandt durchgeführt war. Sein Albrecht Dürer"( für das Künftlerhaus beſtimmt) ift bereits älteren Datums und als charaktervoll durchgeführte Geftalt wohl allenthalben bekannt. ท Entfchiedenes Talent verrieth die Gruppe" Pero und Cimon" von E. Alexius; bei guter Anatomie in der Form bauten fich die lebensvoll gehaltenen Geftalten in ganz impofanten Linien auf und mangelte es auch den Köpfen nicht an Empfindung. Schon in der ganzen Anordnung der Gruppe zeigte fich eine gewiffe wohlthuende Freiheit, die dem Betrachtenden die Geftalten viel näher rückte als es fonft bei den abgewogenen akademifchen Attituden der Fall ift. Als weit fchwächer mufs die Arbeit Matzan's ,, Thetis tröftet Achilles"( Gypsgruppe) bezeichnet werden, die vor Allem an der Unficherheit der Formen krankte; das Suchen nach Effect in einem der Antike entlehnten Gefichte bleibt fchon an und für fich eine heikle Sache und fordert neben gründlicher Kenntnifs der pfychologifchen Erfcheinungen die volle Herrfchaft über das anatomifche Relief, was dem jungen Künftler vorläufig noch abgeht. Von Fr. Gaftell( aus Schwanheim, derzeit in Wien) ift hier ein Gypsrelief,„ die Auffindung Abels" darftellend, der malerifchen, lebendigen Compofition halber zu erwähnen. Im Porträt find die Arbeiten V. Tilgner's voranzuftellen. Die fcharfe Charakteriſtik im Detail und lebensvolle Auffaffung der Individualität find Vorzüge, die uns in allen feinen Büften begegnen. Auf der Ausftellung fand fich neben Anderem von dem Künftler das Porträt der Hoffchaufpielerin Wolter und H. Laube's origineller Kopf. Deloyé ftreift in feinen Formen zuweilen ans Barocke und haben feine Porträte nicht felten etwas Gefchraubtes, Geziertes, was auch an feiner Gypsgruppe..Je t'aime" bemerkbar war. Von Fr. Melnitzky, dem befchäftigteften( decorativen) Bildhauer Wiens, waren einige Marmorftatuen ausgeftellt und rührte auch die TerracottaGruppe auf dem Triumphbogen des Kunfthofes, Schifffahrt und Induftrie"( für Die Sculptur. 17 die Akademie der Wiffenfchaften in Athen beftimmt) von ihm her; fämmtliche Arbeiten bezeugten neuerdings den tüchtigen Praktiker, der feine meift für die Architektur berechneten Aufgaben in der wirkfamften Weife zu löfen verfteht. Einen auffallenden Contraft bildeten zu der fpecififch Wiener Plaftik die Arbeiten des Trientiners Malfatti; fie waren eben die Arbeiten eines Italieners und glänzten im blanken Realismus und in virtuofer Technik.„ Eine Enttäufchung" nannte der Künftler eine feiner Marmorftatuen, die an delicater, präcifer Ausführung zu dem Schönften gehörte, was überhaupt Italien in der Sculptur aufzuweifen hatte. Ein Mädchen in ganz modernem Seidengewande, welches die Arme ganz nachläffig herabhängen läfst, als Attribut blos ein zerknittertes Schreiben in der Rechten hält und mit lächelnd- bitterer Miene, ihren Schmerz und Zorn verleugnend, vor fich hinftiert, ift denn doch ein zweifelhaftes Sujet für die Plaftik; und doch war das Figürchen anziehender als fo manche ftarre olympifche Hoheit feiner Umgebung, die in dem Gewande des akademifchen Schnittes vornehm des Lebens Fleifch und Blut verleugnete. - Von kleinerer Plaftik find Profeffor O. König's reizvolle Gypsgruppen der befonderen Erwähnung werth; fie fchilderten heitere Epifoden aus dem Leben und Treiben Amors in der naivften und anmuthigften Weife. Hier finden wir den kleinen Schelm, wie Mama Venus ihn Bogenfchiefsen lehrt; dort fchmückt fie ihn mit Blumen; wir fehen, wie er ein Nixlein verführt, dann aber wieder, wie er, von einer Nereide gefangen, fich vergebens bemüht, den Umfchlingungen des Fifchleibes zu entkommen; wir treffen ihn bei den Mufen, in ihren Künften Unterricht nehmend etc. humorvolle Nippfachen, an denen gern das Auge verweilt! In ähnlicher Weife, nur noch fchärfer in der Ausführung charakterifirend, begegnete uns Rohrdorf in feinen humoriftifchen Gruppen, die freilich nicht dem Olymp, fondern blankweg der Strafse entnommen find. Er greift feine Vorwürfe aus dem täglichen Leben und weifs befonders heitere Scenen in wahrhaft claffifcher Schärfe in Terracotta wiederzugeben. Seine fatalen Gäfte", zwei Handwerksburfchen, die dem Wirthe die Zeche nicht bezahlen können, die„ erfte Schwimmlection", die„ Falfchfpieler" unter Anderen werden wohl Jedermann in lebendiger Erinnerung bleiben. 99 Von Medailleurarbeiten verdienen eine Gufsmedaille in Bronce auf ,, Prinz Eugen" von Profeffor K. Radnitzky und vorzügliche Wachsboffirungen von S. Scharff und J. Tautenhayn befondere Erwähnung. Es wurde bereits oben angedeutet, dafs die Wiener Plaftiker fich an der decorativen Ausfchmückung der Weltausftellungsgebäude in hervorragender Weife betheiligten, und Vielen wird der Eindruck der herrlichen Portale mit ihren reichen plaftifchen Motiven noch lebendig im Gedächtniffe fein, wefshalb wir hier in aller Kürze noch der Namen gedenken wollen, welchen die Urhe berfchaft des Wichtigften zufällt. 27 Die Hauptgruppe auf dem Südportale,„ Auftria", von geflügelten Genien und allegoriíchen Figuren umgeben, die Völker des Erdballs begrüfsend, wurde. von V. Pilz ausgeführt; die koloffalen pofaunenden Engel in den Dreifchlitzen zwifchen dem Bogen und dem Architrave entftammten Pönninger's Atelier; der reizvolle Kinderfries war von Deloyé, die allegorifchen Figuren in den Nifchen Friede" und" Wohlftand" von Koch modellirt. Die wirkungsvollen Medaillons Ihrer Majeftäten hatten Donath zu ihrem Urheber. In der Tiefe der Eingangshalle auf dem fortlaufenden Kämpfergefimfe des Hauptbogens erhoben fich die edlen Geftalten der ,, Auftria" und" Hungaria" von Hellmer. An der Ausführung der allegorifchen Figuren des Nord-, Weft- und Oftportales betheiligten fich Preleuthner, Schmidgruber und Gaftell; die impofanten Atlantengruppen über den Bogen des Oft- und Weftportales kamen aus Me l- nitzky's Atelier; der plaftifche Schmuck über den Eingängen der Kunsthalle und des Pavillons des Amateurs wurde von J. Beuk und Hellmer und die 8* 18 Jofef Langl. Giebelfiguren der Maſchinenhalle,„ Zeus, Aeolus, Pluto und Neptun" von J. Si l- bernagel ausgeführt. Von ungarifcher Plaftik, wenn überhaupt davon die Rede fein darf, mögen nur die Arbeiten J. Engel's Erwähnung finden und darunter die Gruppe ,, Achilles und Penthefilea"( in der Rotunde) als Beftes und in der Compofition als gelungen bezeichnet werden; die Arbeiten, die in der Kunsthalle etc. aus geftellt waren, boten wohl wenig des Bemerkenswerthen. - Die franzöfifche Sculptur. Es iſt eine auffallende Erfcheinung, dafs fich in der franzöfifchen Plaftik der Umfchwung zum Realismus keineswegs in fo fchlagender Weife vollzog als in der Malerei, und dafs felbft bis heute noch die meiften Bildner der idealen Formgebung mit Vorliebe ergeben find, obfchon fie in ihren Vorwürfen weniger den hohen Ernft der Antike anftreben, fondern einerfeits mehr das Naive, Reizende andererfeits aber das Effectvolle, Auffallende auffuchen. Mit Bofio, dem Zeitgenoffen Canova's, trat die Sculptur in Frankreich aus der wüften Zeit des Rococo in ein edleres Gewand und fuchte in dem Anlehnen an die Antike den Formen mafsvollere Eleganz abzugewinnen und der Compofition beſtimmte Schönheitsprincipien zu Grunde zu legen. Bofio's Einfluss auf feine Zeit war von hoher Bedeutung; ein anfehnlicher Schülerkreis führte die Idealrichtung fort, die wohl bei dem Genfer James Pradier befonders in der Darstellung weiblicher Schönheit ihren gefeiertften Vertreter fand. Pradier's Geftalten, wie die leichte Dichtung"," der Frühling" etc., wanderten in zahllofer Vervielfältigung durch die Welt und verbreiteten den Ruhm des Meifters auch aufserhalb des Landes feiner Thätigkeit; noch auf der Weltausftellung 1873 begegneten uns an zahlreichen Orten( befonders bei den Erzgiefsern) feine poefievollen, edlen Figuren. In Jean Pierre David d'Angers und feiner Schule brach fich dann zuerft der Realismus Bahn; die Feffeln der antiken Formgebung wurden mit aller Entfchiedenheit abgeworfen, es wurde zum wirklichen Leben, zur Natur zurückgekehrt. " Das Auftreten des Realismus in der Sculptur war aber weit weniger oppofitionell als in der Malerei, wo durch Courbet Delacroix, Delaroche etc. ein hitziger Parteikampf mit den Vertretern der älteren Richtung eines David, Ingres etc. heraufbefchworen ward. Es dürfte kaum ein zweiter Künftler David( d'Angers) an Vielfeitigkeit der Schöpfungsgabe und an Productionskraft zur Seite zu ftellen fein. Auf allen Gebieten der Darftellung: der Gefchichte, des Religiöfen, der Allegorie, fowie im Porträte begegnen wir ihn in gleicher Höhe der Vollendung und finden uns ftets von der Wahrheit des vorgeführten Gegenftandes gefeffelt; freilich kümmerte er fich oft wenig um die Grenzen des Plaftifchen und griff nicht felten übermüthig nach Effectmitteln, die fich der Wefenheit der Sculptur nicht mehr unterordneten fo befonders in feinen Reliefcompofitionen immerhin aber war feine reiche Thätigkeit( bis 1855) für die gegenwärtige franzöfifche Plaftik von höchfter Bedeutung. Seine Nachfolger kehrten zwar mehr oder minder wieder zur idealen Formgebung zurück, aber die Geftaltung war durch das Berücksichtigen der feineren Affecte, die einmal der Natur entlehnt in der Plaftik Eingang gefunden hatten, aus den trockenen Schemen und der Hohlheit der früheren Afterclafficität herausgetreten und der Reiz des Lebens pulfirte wieder in den Formen. - - Wohl ift aber zu beachten, dafs felbft dort, wo die franzöfifche Plaftik im reinften Realismus auftritt, fie nie in den Vorwürfen trivial wie bei den Italienern wird; eines gewiffen Adels entbehrt fie felbft in der Darftellung mehr genrehafter Sujets nicht, und darf wohl nur an Duret's, Rude's, Hebert's und Jouffroy's Geftalten erinnert werden, um diefs beftätigt zu finden. Die Sculptur. 19 Nie hat fich die Sculptur in Frankreich von der Induftrie fo fehr abgefondert, wie es in Deutſchland bis in die jüngste Zeit der Fall ift; der ftete Contact war beiden Theilen nur von weitgehendftem Nutzen; einerfeits fanden Talente reichliche Befchäftigung und blieben kunftgeübte Hände nie brach liegen, und andererfeits gelangte durch das Heranziehen künftlerifcher Kräfte eine Anzahl Kunftgewerbe( vorzugsweife die Broncefabrication) in der Welt zur dominirenden Stellung, was dem Lande Ruhm und Geld eintrug. Diefes Factum wurde auch von den verfchiedenen Regierungen in Frankreich bis zur Gegenwart ftets wohl im Auge behalten und der Kunft von Seite des Staates reiche Unterſtützung geboten. Was auf der einen Seite ausgegeben wurde, flofs ja auf der anderen reichlichft wieder zurück; und welchen Werth auch die gegenwärtige Regierung auf die Künfte legt, zeigte wohl deutlich die Ausftellung: kein Land war in der Sculptur fo reich und glänzend vertreten wie Frankreich, und zumeift ging die Expofition der Objecte auf Koften des Staates, denn nahe zwei Dritttheile des Ausgeftellten trugen im Kataloge den eingeklammerten Satz ,, appartient à l'état". Es mufste für uns Deutfche befchämend fein, auf dem Wahlplatze der Arbeit in einem fo erhabenen Kunftzweige Frankreich gegenüber fo armfelig vertreten zu fein, wo es doch von früher her bekannt war, worin die Stärke diefes Landes hauptfächlich befteht, und wodurch es gröfstentheils zu feinem Wohlftande kam. Freilich haben die Franzofen in Bezug auf Entwicklung der Talente den Vortheil, dafs fie weniger Bildhauerprofefforen haben, aber defto mehr fleissige und befchäftigte Meifter; der Kunfteleve hat nicht das Gute, was ihn die Mutter Natur mitgegeben hat, in feinen Lehrjahren verfteckt zu halten er wählt feine Meifter nach deren Schöpfungen und erzieht fich felbft nach den feinem Individuell zufagenden Vorbildern. - Die franzöfifche Ausftellung bot, wie in der Malerei, fo auch in der Sculptur keineswegs viel Neues( das aus den letzten fechs Jahren datirte), fondern umfafste die Production von nahezu zwei Decennien. Ging hierin alfo die Commiffion über das aufgeftellte Programm hinaus, fo durfte ihr darob wohl keineswegs ein Vorwurf gemacht werden; denn auch andere Staaten repräfentirten einen weiteren Zeitraum der Kunftthätigkeit als den von der letzten Ausstellung an, und weifs wohl alle Welt, was für Paufen in den vergangenen vier Jahren die Ereigniffe in Frankreich in die Kunftthätigkeit und Induftrie gefetzt. haben, fo dafs das Vorführen von älteren Arbeiten als gerechtfertigt erfcheinen mag. Da es, wie berührt, in Frankreich gegenwärtig weit weniger als in Deutſchland ausgefprochene Schulen in der Plaftik gibt und mehr aus dem Ueberein ftimmen der Individualität der Künftler eine Majorität in Betreff beftimmter Charakteriſtiken fich bildet, fo dürfte es wohl gleichgiltig fein, in welcher Folge wir die Befprechung der hervorragendften Objecte nehmen; es ift vorzuziehen, hierin die Topographie der Ausftellung in der Kunfthalle zu berücksichtigen, um das Gedächtnifs des freundlichen Lefers in unferer Rundfchau nicht durch fprungweifes Herausheben der einzelnen Werke zu ermüden. Wir beginnen denn unfere Wanderung vom Achmed- Brunnen aus nach dem Haupt- Mittelfaal, wenden uns durch die franzöfifche Abtheilung zum Nordportale und kehren durch die weftlich gelegenen Seitenfäle zum Haupt-( Weft-) Eingange wieder zurück. Zunächft begegnet uns C. Bourgeois' ,, Pythia auf dem Dreifufs". Das wahrfagende Weib war pompös aufgefafst, im Momente der höchften Ekftafe; vielleicht, wie uns Plutarch einen Fall fchildert, in einer Aufregung, die durch die nervenreizenden Dämpfe fogar den Tod der Priefterin herbeiführte. Die Linke fährt in das reich herabwallende Haar, die Rechte hebt fich prophetifch empor; die verzerrten Augen, der geöffnete Mund, die fliegenden Draperien geben der Geftalt etwas Furienhaftes, mehr Bewufstes, als dafs darin der eigentlich krankhafte Zuftand gefchildert würde. Die Formenbehandlung lehnte fich an die Canova's. 20 Jofef Langl. Bedeutendere Werke traten uns aber in der( Weft-) Portalhalle felbft entgegen. Darunter ift wohl E. Frémiet's Reiterftatue ,, Louis d'Orléans"( Bronce) der kecken ungezwungenen Auffaffung und der legeren Behandlung der Form wegen voranzuftellen. Der kühne Rittersmann fafs mit feinem langen Spiefse in aller Ruhe fo flott und lebendig auf feinem Gaule droben, dafs ihn wohl mancher Held, dem ein„ bewegtes" Reitermonument zu Theil wurde, um diefen fchlichten Effect beneiden könnte. Frémiet ift bekanntlich einer der begabteften Thierbildner unter den franzöfifchen Plaftikern, und war eine bedeutende Anzahl vorzüglicher Arbeiten diefes Genres von dem Künftler in den Nebenfälen der franzöfifchen Kunftabtheilung ausgeftellt. Neben ihm treffen wir Cain als Meifter auf diefem Felde; er holt feine Vorwürfe meift aus der Wüfte; der Leu, der Tiger etc. find feine Lieblinge, die er mit wahrhaft claffifcher Wahrheit in Erz wiederzugeben verfteht. Jedermann werden die zwei Broncegruppen des Künftlers in Erinnerung fein, die am Weftportale der Kunsthalle zu beiden Seiten der Aufgangsftufen auf. geftellt waren. Von fchlagendftem Effect war befonders die nördliche Gruppe, wie der Tiger das Krokodill erwürgt". Die grüngraue Patina erhöhte noch den Reiz der lebenswahren Formen, die, in breiten Flächen aufgebaut, trotz der rein naturaliftischen Auffaffung das Werk plaftifch wirkfam erhielten. " Die packende Lebendigkeit diefer Gruppe beeinträchtigte wohl zum Theil den Effect des Pendants,„ ein Löwe, der einen Straufs erlegt hat", doch zeigte fich auch darin des Künftlers Talent im hohen Grade. Von Cain rührten auch die Thiergruppen vor dem Eingange der südlichen Quergallerie der franzöfifchen Induftrie- Abtheilung her, und waren fämmtliche Werke im Atelier Chriftofle" gegoffen. وو Von Broncen ift hier noch Maillet's, Chaffeur" der edlen idealen Auffaffung wegen zu nennen. Maillet ift einer der begabteften Schüler Pradier's und der Schöpfer einer Anzahl reizvoller Gruppen an der Façade der neuen Oper in Paris. Neben dem erwähnten Werke ftand J. Crauk's Statue des„ Marfchalls Pelliffier" ( Marmor), die in den Detailformen wohl etwas weich behandelt war, jedoch in der Gefammtauffaffung und vorzugsweife im Kopfe eine gewiffe Energie nicht verleugnete. Crauk ift befonders Meifter im Portrait und fchuf zur Zeit für das Parifer Stadthaus das Bildnifs der Kaiferin Eugenie. Erwähnen wir aus der Vorhalle noch J. Baujault's, Gaulois" als lebendig, wenngleich etwas theatralifch aufgefafste Figur und wenden uns fonach zu den Objecten des Centralsaales. In der Mitte begegnete uns Caudron's Statue„ Molière's", des geiftvollen Luftfpieldichters und Directors der„ troupe de monfieur". Die legere Haltung der Figur und befonders die feine Auffaffung des Kopfes, aus deffen Zügen wohl die„ précieufes ridicules" zu lefen waren, gaben dem Werke einen vornehmen, edlen Reiz und verliehen ihm hohe Anziehungskraft. Zu bedauern war es nur, dafs die Figur mitten im Kreuzfeuer der Malerei ftand und fich der Betrachtende zumeift erft den Platz erkämpfen mufste. Caudron ift ein Schüler David's und bewegt fich in feinen Formen ficher und elegant innerhalb der naturaliftifchen Grenzen. Mehr der idealen Richtung gehört CarrierBelleufe an, deffen unter dem Adlerflügel fchlafende Hebe( Marmor) zu den reizvollsten Werken der franzöfifchen Plaftik auf der Ausftellung gehörte. Mit überfchlagenen Füfsen, die fich in fchönen Linien durch äufserft mafsvolle Draperiemotive zeichneten, fafs das zarte Wefen fo lieblich in der Nifche des fchützenden Greifenfittigs, fchlummerte fo holdfelig an der Bruft des mächtigen Vogels, dafs wohl nichts als der belebende Athemzug zu wünſchen übrig blieb. Das Werk dürfte wohl des Künftlers berühmtem„ Kufs" würdig zur Seite ftehen. Von Sculptur in grofsem Stile find hier die Werke von Dieudonné und Barrias zunächft zu erwähnen. Beide Künftler find Vertreter der idealen Richtung und imponirten ihre grandiofen Gruppen durch edle, mafsvolle Auffaffung und vollendete Durch Die Sculptur. 21 bildung der Form; befonders des letzteren„ Spartacus" war von grofsartiger Wirkung und die Geftalt des Jünglings in Bezug auf Anatomie ein Meiſterſtück. Dieudonné's verlorenes Paradies"- Eva, die Schuldbeladene, finkt Adam mit thränenfchwangeren Augen in die Arme, während zu ihren Füfsen zwei Kinder mit dem verhängnifsvollen Apfel fpielen- baute fich als Gruppe in fchönen Linien auf, erinnerte aber in den Formen lebhaft an die antikifirende Richtung Bofio's. Dasfelbe wäre Millet's ,, Mercur" nachzufagen, obfchon diefer Künftler als Schüler David's im Uebrigen weniger den Idealiften angehört. Als äufserft anmuthige und lebensvolle Figur ift aus diefem Saale noch Cailles ,, Bacchus"( Bronce), der mit einer emporgehaltenen Traube einen jungen Tiger neckt, zu erwähnen. Bei folchen heiteren, harmlofen Vorwürfen kommt es denn freilich vorzugsweife auf die virtuofe, elegante Mache an, der wir bei den franzöfifchen Bildnern durch die Reihe begegnen; wahre Bravourftücke befon. ders in Bronce waren in den eigentlichen Sälen der franzöfifchen Kunft zu finden, die wir denn in flüchtigem Gange durchwandern wollen. " 9 Lequesne's Nègre romain" mit Souvenirs vom Bacchusfefte( laufend dargeftellt) erinnerte in der lebendigen, charaktervollen Auffaffung und in der breiten, ficheren Behandlung der Musculatur lebhaft an den borghe fifchen Fechter; trotzdem die Figur im Ganzen genommen nur ein groteskes Genreftück genannt werden mufste, war fie durch die technifchen Vorzüge von fchöner plaftifcher Wirkung. Das harmonifche Ineinandergreifen der Formen über dem feften Knochenbau und vor Allem der Ausdruck des pulfirenden Lebens im äufseren Relief gaben diefer und in gleich hohem Grade der Statue von C. Bourgeois, dem ,, Schlangenbändiger", jenen hohen Reiz, welchen ftets die Wahrheit der Darftellung auf das Auge auszuüben vermag. Ein Neger tanzt vor einer kleinen Schlange und feffelt das Thier durch die Töne feiner Flöte; zugleich aber übt er die Dreffur mit einem Stäbchen in feiner Linken. Das Balanciren der Geftalt in der tanzenden Bewegung hatte der Künftler in eminenter Weife für die Schönheit der Linien ausgebeutet, was bei der mufterhaften Ausführung den höchften Effect erzielte. In graciöfer Auffaffung wetteiferte mit den genannten Geftalten auch E. Delaplanche's ,, Knabe auf der Schildkröte"; das Motiv wurde feit Rud e's" Neapolitanifcher Fifcherknabe"( Muſeum Luxemburg) von verfchiedenen Künftlern wiederholt. Delaplanche läfst den Knaben auf dem Rücken des Thieres balanciren, welches fich vergebens abmüht, mit feiner ungewohnten Laft weiter zu kommen. Wie felten verirren fich doch die deutfchen Plaſtiker zu ähnlichen, naiven, aber ihre Wirkung nie verfehlenden Vorwürfen! Das plaftifche Genre bewegt fich bei den Franzofen durchwegs in der Sphäre des Anmuthigen und bewahrt bei der würdevollen, idealen Auffaffung dennoch ftets den Reiz der Natur. Wie fehr die Plaftik fogenannte malerifche Elemente in fich aufnehmen kann, ohne ihre bedingten Tendenzen zu gefährden, hat wohl P. Dubois am eklatanteften in feinen Bronceftatuen gezeigt. Wer kennt nicht feinen„ Florentiner Sänger"? Das reizende Figürchen gehörte wieder zu den Perlen der Ausftellung; auch fein weltbekannter " Johannes" begegnete uns wieder. Minder glücklich war diefsmal der Künftler in feiner Marmorftatue ,, Narcifs", wie überhaupt das Sentimentale fich mit der franzöfifchen Kunft fo wenig vereinbart, als der ganze Charakter der Nation dazu inclinirt. Geiftreich in der Nonchalance und al fresco im Affect, ift die Devife; feine Nuancen des Seelenlebens in der Ruhe wiederzugeben, liegt ihrer bildenden Kunft fo ferne wie der Poefie. Als reizendes Figürchen, das durch die Wahrheit in der Bewegung zu dem Anziehendften der Ausftellung gehörte, ift hier auch J. Blanchard's„ Jeune Équilibrifte" zu erwähnen; die jugendlichen Formen waren mit dem feinften Verftändniffe behandelt. Blanchard ift ein Schüler Jouffrois, des auf die jüngere Künftlergeneration vielleicht eiuflufsreichften Meifters der Gegenwart, und zeichnen fich alle feine Werke befonders durch feines Gefühl und lebensvolle charakteriſti88 22 Jofef Langl. fche Bewegung aus. Auch bei Moreau- Vauthier's ,, Amor" waren diefe Vorzüge anzuerkennen; nur ſtörten bei der Figur auffallende Proportionsfehler an den oberen Extremitäten. A. Mercie's" David" mangelte in der ganzen Compofition der franzöfifche, esprit"; wie der Hirtenknabe das Schwert in die Scheide fteckt, ift nicht die Pointe des Ereigniffes für ein plaftifches Werk, fo wenig die Idee des Wiener Schwarzenberg- Denkmals für die Plaftik taugt. Ins rein Malerifche verfiel nur E Hebert mit feiner Schaudergruppe " Les Fiancés". Ein bis zum Skelet Verwefter steigt aus dem Grabe und umarmt " fie", die Todte und nun mit ihm Vereinte! Auf dem Deckel der Gruft fteht als Devife et toujours et jamais". ንዓ Bronce ift das Material der Vervielfältigung; die meiften Werke werden auch ſpeciell für diefen Zweck von den Künftlern gefertigt und wird wohl in der Wahl der Sujets fchon von vorneweg mehr oder weniger auf das Gros des Publi cums Rückficht genommen, daher uns meift heitere, anmuthige, naive Vorwürfe begegnen, die decorativ verwendbar find; ein gröfseres Gebiet umfaffen dagegen die Marmorfculpturen. Die Sujets werden aus allen Kreifen herangezogen; wir finden die griechifchen Mythen mit derfelben Vorliebe plaftifch illuftrirt wie die Werke moderner Poeten; Pikantes aus dem täglichen Leben ebenfo geiftreich verkörpert wie Symbolifches in Idealgeftalten. Ganz à part liegt wohl die Bibel der franzöfifchen Plaftik; die Genefis allein mit ihren Geftalten intereffirt noch die Bildner; das Weib und der Sündenfall- diefes merkwürdige Räthfel, welches Mofes der denkenden Nachwelt niedergefchrieben, in dem doch Alles verborgen liegt, was unfere Beftimmung im Unklaren hält es zieht fich ja wie ein rother Faden durch unfer ganzes Dafein und dürfte wohl die franzöfifche Literatur bisher in der ungefchminkteften Form deffen Löfung verfucht haben; die bildende Kunft ergeht fich aber dabei weniger in den Tiefen der pfychologifchen Geheimniffe fondern verwerthet blos die Erfcheinung, das Aeufserliche, und überläfst jede weitere philofophifche Analyfe dem Denken des von der Erfcheinung angezogenen Befchauers. - Es ift ganz charakteriftifch wie ein Franzofe Eva nach dem Sündenfalle" in der Plaftik auffafst! Die Statue, welche E. Delaplanche ausgeftellt hatte, zeigte uns keineswegs das fchwache, in Schmerz zerfliefsende Weib, keineswegs die Reue über die begangene Sünde, welche für die Zukunft des Menfchengefchlechtes fo verhängnifsvoll werden follte; das war eine Brunhild nach der Brautnacht, die zornentflammt das Schickfal verdammt, das ihrer Beftimmung einen Querftrich gefpielt hat. Diefe furienhafte Auffaffung hatte allerdings keinen tieferen pfychologifchen oder philofophifchen Hintergrund; fie gefiel dem Künftler um des Effectes willen, welchen er in dem faft übermässigen Formenaufwande auch reichlichft erzielte. 99 Diefelbe Rolle hatte wohl auch F. Leroux's„ Somnolence" zu fpielen. Was foll ein fchönes Weib in malerifcher Attitude auf einem Lehnfeffel fitzend. mehr als reizend erfcheinen! Der durch die Form erzielte Effect hat zu befriedigen; dafs juft die Figur Somnolence heifst, ift Nebenfache. Wird doch gar oft in wichtig eren Fällen das Sujet Nebenfache um der Erfcheinung willen. So hatte A. Schoene werk gewifs nur darum ein Motiv aus der Dichtung Cheffiers zur Darftellung gewählt, um unter dem Titel„ ,, la jeune Tarentine" eine reizvolle Mädchengeftalt in einer gewifs an die Grenze des Effectvollen ftreifenden Stellung an den ,, bords de Camarine" zur Darstellung zu bringen. Die Figur war in anatomifcher Beziehung von wunderbarer Wahrheit, in der Durchführung von höchfter Vollendung; aber Niemand kümmerte fich bei dem Anblicke wohl um Cheffier's Dichtung. Um der Figur einen Namen zu geben, nannte auch V. Fengère- des- Forts feinen meifterhaft gemeifselten liegenden Act Abel mort"; milder und gewifs ebenfo annehmbar hätte die Figur auch als, fchlafender Hirtenknabe" bezeichnet werden können. Die Sculptur. 23 Die Barockzeit, fo fehr fie feit den Reformbeftrebungen in der Kunft als vergangen zu betrachten ift, klingt denn doch noch bei einigen franzöfifchen Plaftikern hie und da in deren Werken nach und erinnerte darunter der begabte J. Clefingerin feinen Marmorarbeiten vielleicht am lebhafteften an den Gefchmack Ludwigs XIV. Seine Gruppen„ Ariadne auf dem Tiger" und„ der Raub der Jungfrau Europa" fungirten auf der Ausftellung als Spiegelbilder der Zeit jener hohlen, nichtsfagenden Decorationskunft. Ungleich anziehender waren dagegen des Künftlers Broncen, darunter eine Tänzerin mit Caftagnetten" von leichter graciöfer Bewegung und elegantefter Durchführung. Auch feine„ Phryne vor dem Areopag hatte bedeutende Vorzüge. Befondere Erwähnung verdienen daran die an den Schmuckringen angebrachten imitirten, von Staiger in Paris gefchnittenen Gemmen. 99 Wohl näher der antiken Formgebung, aber in der Conception denn doch noch mit der Geziertheit des vorigen Jahrhundertes kokettirend, ftanden die beiden Bacchus- Gruppen von J. Perraud und A. Doublemard. Des letz teren ,, Erziehung des Bacchus" ein Satyr läfst den jungen Gott des Weines Trauben in einem Gefäfse eintreten war voll des köftlichften Humors; in nicht minder heiterer Laune hatte auch Perraud feinen Vorwurf aufgefafst, wo der kleine Bacchus auf den Schultern eines Faun fitzt und diefen in aller Derbheit an feinem langen Ohre zieht. - Noch bleibt uns übrig, aus den( Haupt-) Sälen der Malerei einige Gruppen zu erwähnen, in welchen den Vorwürfen nach mehr ruhiges, tiefergreifendes Empfinden zum Ausdrucke zu gelangen hatte, worin freilich, wie ſchon ange. deutet, die franzöfifchen Künftler meift zur Maske der Antike greifen und fich auf die blofse Schönheit der Form befchränken. B. Frifon's" première Impreffion", ein junges Mädchen blickt mit ziemlich unleferlichen Gefühlen ein Bildnifs an, E. Chatrouffe's Source et Ruiffeau, L. Perrey's, L'innocence et Amour", Boiffeau's ,, La fille de Céluta", um ihr Kind weinend, Barrias'" La fileufe de Mégare" theilen alle die Vorzüge edelfter Formvollendung, aber auch jene Nüchternheit in der Gefühlsfprache. " Eine Anzahl hervorragender Werke der franzöfifchen Plaftik waren in der nördlichen Eingangs- Vorhalle aufgeftellt und infoferne beffer als die an anderen Orten zu geniefsen, da fie doch einigermassen ruhigeren Hintergrund befassen und vom Sonnenlichte verfchont blieben. Die Statue ,, Mirabeau's" von Truphême gehörte zu den geiftvollft aufgefafsten Portraitftatuen, die ausgeftellt waren. Durch fchöne Linien zeichnen fich Truphême's Werke, die wohl zumeift mehr naiver Natur find, alle aus, hier offenbarte aber der Künftler auch fein Talent im Ernften, Energievollen und zeigte befonders in der Behandlung der Gewandung aus dem vorigen Jahrhundert, die für die Plaftik immer etwas Unerquickliches bleibt, feine Meifterfchaft. Von grofsartiger Wirkung war auch Lepère's ,, fterbender Spartaner bei den Thermopylen"; das Zufammenbrechen des Heldenkörpers, das Schwinden der Kraft war in dem anatomifchen Relief mit bewunderungswürdiger Wahrheit wiedergegeben; defsgleichen ftand der Ausdruck des Kopfes mit dem der dargestellten Momente in edler Harmonie. Minder einheitlich und am wenigften griechifch" war desfelben Künftlers ,, Diogenes", der in feiner affectirten Stellung und feinem rein gallifchen Kopftypus eher an einen modernen Gaukler als an den alten Cyniker erinnerte. 99 L'Hiolle's Narcifs" und", Arion auf dem Delphin" können in Bezug auf exacte Durchführung als meifterhaft bezeichnet werden; nur mangelte wieder den Köpfen jedwedes Leben; befonders auffallend, ja geradezu enttäufchend. war diefe Kälte" im Gefichtsausdrucke bei dem in fich felbft verliebten Narcifs. Wo der Kopf nicht ſpricht, bleibt auch die Bewegung der Geftalt ftumm und mögen die Formen noch fo virtuos behandelt fein; diefem begegneten wir auch in J. Perraud's Verzweifelndem": man konnte fich nicht in diefer Attitude 99 99 24 Jofef Langl. den Hoffnungslofen denken, da das Geficht gar nichts fprach! Einen Anlauf zur feineren Charakterifirung nahm wohl L. Perrey in feinem„, Geizigen", doch kam dabei der realiftifch gehaltene Kopf wieder mit den antikifirenden Formen des übrigen Körpers in Widerspruch. Der Harpagon fitzt zufammengekauert auf feinen Geldfäcken, hält einen davon feft umklammert und blickt ängftlich nach der Ferne. Der Zufall ftellte in die unmittelbare Nähe diefer Statue A. Noel's Relief ,, La morte". Hier begegneten wir in einem ergreifenden Bilde dem vollendeten Realismus. Ein verblühtes Weib liegt todt auf dem Lager dahin geftreckt, und eine häfsliche Alte neigt fich, fie an den Armen faffend, zu ihr herab Wohin diefs Bild gehören mag? Der Tod bedarf in der Kunft verföhnender Motive; die Erinnerung an die Vergänglichkeit foll nicht in grauenhaften oder gar häfslichen Bildern erregt werden; in wie edlen Gedanken feierten doch die Griechen auf ihren Stelen das Andenken des Dahingefchiedenen; lebhaft erinnerte E. Hébert's ,, L'Oracle"( Relief) an diefe fchlichten Scenen. Von Reliefs fei noch Soldi's reizend componirter„ Akteon" erwähnt und von Gruppen Conny's, Charité fraternelle"; ein gefallener Athlet wird von feinem Bruder theilnahmsvoll unterftützt ein an und für fich etwas trockener Vorwurf, der auch durch die kalte antike Behandlung der Form von diefer Seite kein Intereffe bot. Von tief ergreifendem Eindrucke war jedoch die zwifchen den Mittelpfeilern fitzende ganz verhüllte Geftalt von Cabel. Lag fchon in der ganzen Bewegung etwas Myftifches, Schmerzverbergendes, fo fprach aber der wahrhaft claffifch modellirte Kopf in feinem unvergleichlichen Ausdrucke Infchrift am Sockel für Frankreich bedeutete, nämlich„, 1871". - - Alles, was die In den kleineren Sälen der franzöfifchen Abtheilung( retour vom Nord- bis zum Mittel Haupteingange) fanden wir fogleich im erften Saale zwei reizvolle weibliche Figürchen, die, was anmuthige Bewegung und edle, liebevolle Durchführung anbelangt, wohl ihres Gleichen fuchten; es waren diefs J. Franceschi's ,, Revei!" - ein Mädchen vom Schlafe erwachend, das in holdfeliger Unfchuld zwei kofende Täubchen betrachtet und eine ,, Mufe" von Aizelin; letzteres Figürchen war auch in Bronce bei Barbedienne( in der Induftriehalle) ausgeftellt. Aizelin's zartes Gefühl für weibliche Formen zeigte fich übrigens auch in eminenter Weife an feiner Pfyche( Hauptfaal nebenan) und feiner Amazone( nördliche Vorhalle). Cordier's Arbeiten, die hier in bedeutender Anzahl ausgeftellt waren, müffen allerdings als intereffant bezeichnet werden; ob des künftlerifchen Werthes würden wir, befonders bei feinen„ Lampadaires", einer Fellah und einer Araberin ( aus Onyx und Bronce), einiges Bedenken tragen. Cordier ift der ungeftüme Realift, der mit allen Mitteln( fo mit dem vereinigen verfchiedenen Materiale( auf den Effect losgeht, fich aber dabei oft wenig um das Exacte der Form kümmert; feine Draperien erinnern mitunter ftark an die Barockzeit. Cordier holt feine Modelle aus aller Welt zufammen und birgt wohl jeder feiner originellen Köpfe eine intereffante Gefchichte, welchem Umftande er auch vorzugsweife feinen Ruhm zu verdanken hat. Bronce in verfchiedene Patina zu legen, ift in der Plaftik, um die Maffen zu fondern, ein wohlerlaubtes Effectmittel; hatten doch die Griechen felbft den e llen Marmor in ähnlicher Abficht mit Farbe belegt und damit ihre Sculpturen und die Architektur zu beleben gefucht. In der franzöfifchen Bronce- Induſtrie findet neueren Datums das„ Polychrome" in der Patina wieder feine befondere Pflege und wird mit viel Glück auch an bedeutenderen Kunstobjecten angewendet. So treffen wir am Ausgange unferer Wanderung noch ein Werk, welches zu den vorzüglichften Arbeiten diefer Art auf der Ausftellung gehörte, nämlich Rochet's ,, Caffandra"( ausgeführt im Atelier Chriftofle). Die Tochter des Priamus ftürzt, von Ajax verfolgt, fchutzflehend zur Bildfäule der hehren Minerva. War die Geftalt fchon an und für fich in der energifchen Bewegung im Gegenfatze zu der ftarren Göttin von grofsartiger Wirkung, fo wurde diefe vornehmlich durch die Sonderung der Hauptmaffen durch Gold und Silber) in der Patina noch in bril Die Sculptur. 25 lanter Weife gehoben. Die effectvolle Gruppe war nur leider fo ungünftig( zwifchen zwei Fenftern) aufgeftellt, dafs fie vom Publicum nicht ihrem Werthe nach beachtet wurde. Wir kämen zu weit ins Induftrielle, wollten wir noch dem Ausgeftellten der franzöfifchen Erzgiefser, wie Barbedienne, Durenne etc. eingehende Betrachtung widmen; es würde indefs zu keiner weiteren Charakterifirung der franzöfifchen Plaftik Anlafs geben, da wir ja dort zumeift denfelben Namen begegneten, die wir in den Werken der Kunfthalle kennen gelernt haben. Die italienifche Sculptur. - viel bewunderten und auch vielgeZur objectiven Beurtheilung der fchmähten modernen italienifchen Sculpturen ift es wohl nöthig, einen Blick auf die Vergangenheit zu werfen und der Verhältniffe zu gedenken, welche die Urfachen ihrer heutigen Vorzüge und Mängel in fich fchliefsen. In keinem anderen Lande können wir die Gefchichte der bildenden Kunft vom Anfange diefes Jahrtaufendes in vorhandenen Denkmälern fo genau verfolgen wie in Italien und darin einerfeits den Einflufs religiöfer und politifcher Verhältniffe, andererfeits den Kampf um den Realismus neben den antiken Traditionen beobachten. Wer je aus dem kühlen Norden über die Alpen nach dem gelobten Lande der Künfte hinabzog und den Herrlichkeiten der Renaiffance feine Bewunderung zollte, wird fich der Wehmuth und des Bedauerns nicht erwehren können, dafs von dem glanzvollen Anlaufe, welchen die Sculptur damals zu ihren höchften Zielen nahm, auf die Gegenwart nur ein matter Widerfchein gekommen ist, dafs die Kunft überhaupt in fich felbft zerfallen musste, ehe fie diefe Ziele erreichte, und die Urfachen der Erweckung reinerer Tendenzen auch die Urfachen zu deren Untergang waren. In der Poefie und in der bildenden Kunft entfaltete fich der griechifche Mythenkreis; die Freiheit des Denkens nach allen Richtungen der geiftigen Bedürfniffe hielt Volk, Kunft und Religion in inniger Wechfelbeziehung und gab der Nation jene Einheit und fittliche Kraft, die wir ftets an den Hellenen bewundern. In vielen Beziehungen geradezu entgegengefetzte Verhältniffe brachte das Chriftenthum der Kunft. Keine Idealwelt wurde den Denkern geoffenbart; fefte unwandelbare Dogmen nahmen dem Schaffen den freien Flug der Selbftftändigkeit, und war von vornweg eine Weiterentwicklung des Stoffgebietes oder eine ideale Gliederung desfelben fchon durch das Wort„, Glaube" unmöglich. 99 - So plaftifch auch die Geftalten des neuen Teftamentes erfcheinen mochten und fo fehr das Concrete des neuen Stoffkreifes die Naturanfchauung in der Kunft förderte dem Volke ftanden diefe Erfcheinungen kalt gegenüber fie waren ja nur gemalte oder gemeifselte Gefetze, die wohl gläubig verehrt wurden, in ihrem Wefen aber keineswegs mehr in jenes intime, klare Verhältnifs zum Leben treten konnten wie die Geftalten des Olymps im Alterthume. Der eigentlich reale hiftorifche Boden war der Kunft noch fremd; fie mufste durch das religiöfe Gebiet erft dahin geführt werden; die nothwendige reale Auffaffung der Geftalten konnte hiezu wohl als Vortheil angefehen werden, doch ftand diefer lange hartnäckig die traditionelle antike Formgebung im Wege; erft als die Künftler fich über diefe erhoben hatten und ihre Ideale unmittelbar der Natur entlehnten, konnte fich das Stoffgebiet nach anderen Richtungen hin erweitern und war die Möglichkeit geboten, dafs die Kunft, wenn auch nimmer von religiöfer Seite her, wieder mit dem Volke in directen Contact trete. Triumphe hatte die Malerei in diefem Wandel bis gegen 1630 gefeiert, da fie weniger an die Antike gebunden war als die Plaftik, in der fich diefe Tendenzen nur langfam vollzogen und die ihrer 26 Jofef Langl. Ziele( in der Barockperiode) verluftig wurde, bevor fie fich zur nothwendigen Freiheit emporgefchwungen hatte. Wenn wir die Künftlerkette von Niccolo Pifano( 1230) bis herauf zu Michel Angelo überblicken, fo offenbart fich bei Allen zunächft der Drang nach Freiheit in der Formgebung; doch vollzieht fich die Entwicklung des neuen Idealftils in den auf dem Leben bafirten Formen nicht in fo leichter Weife. Einerfeits erhält fich die Antike, die als Grundlage der Schönheitsprincipien angenommen wird, noch zu dominirend in den Darftellungen, als dafs ein feineres Empfinden gefchult werden könnte; und andererfeits verfällt die Kunft wieder in den blanken Realismus, in dem( wie z. B. bei Donatello, Verrocchio, Mazzoni) oft das Charakteriftifche über das Schöne geftellt wird, oder fie greift in das Gebiet der Malerei( wie bei Ghiberti) und überhebt fich der ihrer Wefenheit nach beftimmten Gefetze. Nur einzelne Meifter, unter denen Lucca della Robbia( im XV.) und Andra Sanfovino ( im XVI. Jahrhundert) den erften Rang einnehmen, verbinden bei feinem Naturfinne mit milder, inniger Empfindungsweife zugleich auch hohe Schönheit der Form. Die Thätigkeit aller Bildner diefer Zeit bewegte fich jedoch faft ausfchliefslich im Kirchlichen, wo, wie fchon angedeutet, der Kunft unfichtbare Schranken geftelit waren. Die Profanfculptur des XVI. Jahrhundertes erging fich zumeift als Decoration der Architekturen, blos in Allegorien; in den Geift des Volkes konnte fie auch von diefer Seite her nicht eindringen. Was die Sculptur im XV. Jahrhundert an Leben von der Natur aus erreicht hatte, zum Erhabenen und Schönen empor zuführen, das noch Willkürliche den edlen Gefetzen der Plaftik unterzuordnen, dazu nahm das XVI. Jahrhundert wohl einen kühnen Anlauf, aber zu bald folgte in der Ausartung des Aeufserlichen die Erfchlaffung aller ordnenden Principien und die Phrafe trat an die Stelle des Natürlichen. Michel Angelo, der die menfchliche Geftalt wie kein Bildner bis zu feiner Zeit ftudirte, deffen gewaltige, ungeftüme Natur jedoch ftets nach höheren Stilgefetzen in der Darftellung rang und das Erhabene im Uebermenfchlichen fuchte, fteht an der Grenze jener Glanzepoche der Sculptur: nicht feinen Geift finden wir mehr in den Werken feiner Nachahmer, wohl aber die in vollendeten Manirismus ausartende virtuofe Behandlung des Aeufserlichen. Lorenzo Bernini war der Hauptmeifter diefer denkwürdigen Epoche und der gefeiertefte und meiftbefchäftigte Künftler feiner Zeit. Die Parole in der Kunft hiefs von nun an, Affect"; die Mittel jedoch, die zur Erreichung desfelben angewendet wurden, blieben nicht natürliche: wie die Draperie alien Gefetzen der Schwere Hohn ſprach, in derfelben Weife ging die Anatomie ins Regellofe und trug diefe Wiffenfchaft in mancher Hinficht fogar zur Vollendung des craffen Realismus noch bei. Das Schönheitsideal diefer Zeit kokettirte wohl zuweilen noch mit der antiken Auffaffung, wie überhaupt der Werth der Antike trotz des prononcirten Realismus keineswegs mifsachtet wurde: nur wurde alles Edle und Einfache nach dem Geifte der Zeit umgemodelt und die fchlichte Natur wie die erhabenen Vorbilder des Alterthums ins Phrafenhafte, Theatralifche umgefetzt. Ludwig XIV. konnte Bernini den„ erlauchten Meifter" nennen; denn für Frankreich wurde der Günftling des römifchen Hofes dasfelbe, was er für Italien war der tonangebende Beherrscher des Gefchmackes. Das Leben Bernini's glich einem Künftler- Triumphzug; Könige und Päpfte buhlten geradezu um feine Gunft, und wenn man die Anzahl feiner Werke in der Sculptur, Malerei und Architektur überblickt, fo kann man dem Meifter wohl nicht die Bewunderung feines Genies verfagen, aber auch nicht begreifen, wie nach der unmittelbar vorangegangenen Epoche, nach Lionardo und Raphael und im Angefichte der Antike die Welt an diefen Verirrungen des Gefchmackes Befriedigung finden konnte. Diefe Zeit war es denn vornehmlich, in welcher die virtuofe Marmortechnik in den reichbefchäftigten Ateliers der Italiener ihre Ausbildung erlangte. Abfichtlich wurden die complicirteften Aufgaben zu löfen gefucht, um nur in dem Künftlichen" zu brilliren, worüber freilich auf jeden weiteren Gehalt am Gegen20 Die Sculptur. 27 ftande verzichtet wurde. Es darf wohl nur auf die berühmten Statuen der Capelle der Sangri in Neapel aus jener Zeit hingewiefen werden, um noch für die Gegenwart der italienifchen Plaftik eine Reminiscenz zu geben: da ift( von San Martino) ein„, Chriftus" ganz in Linnen gehüllt, eine fogenannte„ Pudicità"( von Corradini), ebenfalls nur der„ Künftlichkeit" halber ganz von durchfcheinender Draperie umflort und als das non plus ultra des Genuefen Queirolo Gruppe, il Difinganno", ein Mann ift in einem Fifchnetz verftrickt und wird von einem herbeifchwebenden Genius befreit. Diefes Suchen nach complicirten Motiven um der Technik willen, bei gänzlicher Vernachläffigung tieferen Empfindens, hat fich denn theilweife noch bis in die Gegenwart vererbt. Die modernen italienifchen Sculpturen find, was Anatomie anbelangt, aus dem Barockftil wohl wieder zum Natürlichen zurückgekehrt, die Wahl der Vorwürfe erinnert aber noch lebhaft an jene nüchterne Zeit. Die Bildner haben ihrem Gefchicke nur ein ftrengeres Naturftudium unterlegt, fie find in Porträts, in unmittelbaren Copien des Vorhandenen die unübertrefflichen Meifter; das Wiedergeben feelifcher Emotionen gelingt ihnen jedoch nur im Sinne der Barockzeit: entweder füfsliche Sentimentalität oder theatralifcher Affect; überall begegnet uns eine gewiffe reflectirende Abfichtlichkeit, wir vermiffen nicht Seelen in ihren Geftalten, wohl aber Geift. Neben diefer realiftifchen Richtung, die feit der Wiederbelebung der Kunft in der italienifchen Sculptur gepflegt wird und die ihren Urfprung fchon in der Barockzeit nahm, findet die ideale Formgebung Canova's noch ihre eifrigen Nachahmer. Das Denkmal Clemens' XIV.( S. S. Apoftoli zu Rom) war das Signal zur Umkehr aus dem Zeitalter der äfthetiſchen Verirrungen. Hätte auch Canova weiter nichts als diefes Werk gefchaffen, fein Name müfste in der Kunftgefchichte für alle Zeiten als bedeutungsvoll genannt werden. Wenn auch nicht mehr der Geift, fo wurde doch die mafsvolle Einfachheit der Antike wieder der Anfchauung vorgehalten und von diefer Bafis aus der Weg zur Wahrheit, zur Natur angeftrebt. Italien war jedoch nicht mehr der Boden, auf welchem' die Kunft neuerdings die Stufen zu den Idealen emporwandeln konnte; die politifchen Ereigniffe von der franzöfifchen Revolution angetangen bis zur Errichtung des neuen Königreiches konnten allem Anderen eher als der Kunft im Lande förderlich fein; dafür aber wurde, unbehindert von allen Wirren, Rom der Mittelpunkt der Künftlerfchaft des Auslandes, und waren es vorzugsweife die deutfchen Meifter, die dort ihre Werkftätten auffchlugen und mit einem bedeutenden Schülerkreife bis in die jüngfte Zeit ein reges Kunftleben in der Tiberftadt erhielten. Die Finanznoth des neuen Staates geftattete es der Regierung wohl am allerwenigften, die Kunft zu unterſtützen; liefs ja doch manche reale Nothwendigkeit noch Vieles zu wünſchen übrig: was konnten die Künftler thun, als fich an die fremden Nationen wenden? Es ift diefs eine traurige Thatfache im Angefichte einer fo glanzvollen Vergangenheit- doch unter den obwaltenden Verhältniffen nicht anders denkbar. Die Anregung zu gröfseren, ernfteren Arbeiten fehlt der Gegenwart, ebenfo wie es an bedeutenderen Aufträgen mangelt; wie viel Sammlungen mufsten doch veranftaltet werden, ehe Bartolini's Pyrrhusgruppe( Eigenthum der Stadt Florenz) in Marmor ausgeführt werden konnte! Die italienifchen Bildhauer find angewiefen, für den Export zu arbeiten und dürfen, da fie zunächft das Publicum der Ausftellung berücksichtigen müffen, fchon defshalb keine geiftig complicirten Probleme zur Darstellung wählen, fondern mehr das Naive und Anmuthige, leicht Verſtändliche cultiviren; dafs fie hiebei in die Schablone verfallen und das Stoffgebiet nicht von grofsem Umfange fein kann, mufs einleuchten. Sie copiren, was ihnen im täglichen Leben begegnet und find zumeift Realiften; feltener verfteigen fie fich in idealer Formgebung nach den Mythen oder zur Allegórie. - Am ficherften bewegen fie fich in unmittelbárem Nachahmen der Natur, im " plaftifchen Photographiren", was auch dem Publicum am nächften liegt und feinen Zweck erfüllt, nämlich gefällt. Die Plaftik gleicht in diefer Beziehung fo recht der modernen italienifchen Mufik: füfse, leichte Melodien, die ein- oder 28 Jofef Langl. - zweimal fich gefällig anhören, dann aber monoton werden oder Affect in leerem, phrafenhaftem Rhythmus, wie Verdi feinen„ Zorn" zuweilen im Walzertempo auszudrücken beliebte. Mit dem Religiöfen ift es in der italienifchen Plaftik wohl gänzlich vorbei, fowie noch zu bemerken ift, dafs das ,, Relief", welches fchon im XVI. Jahrhundert blos mehr ein Anhängfel der Malerei war, in der modernen Zeit ebenfalls fehr fpärlich gepflegt wird; felten findet man in Ausstellungen mehr diefe Darftellungsweife. Es ift fchwer, gegenwärtig in Italien von fogenannten Schulen in der Plaftik zu fprechen, obfchon es deren im eigentlichen Sinne des Wortes im Lande eine Anzahl gibt. Die Gleichartigkeit der Production ift fo allgemein, dafs felbft bei genauefter Prüfung nur kleine locale Abweichungen hervortreten. Dafs in Rom noch vorwiegender die ideale Richtung gepflegt wird, ift wohl zunächft dem Einfluffe der bedeutenden fremden Meifter zuzufchreiben, die dort ihre Ateliers aufgefchlagen hatten und fich durchwegs an die antike Formgebung anlehnten. Der kürzlich verftorbene Tenerani( 1869), ein Schüler Canova's und Thorwaldfen's, kann wohl als der begabtefte unter den neueren Meiftern gelten. In Florenz fcheinen die Vorbilder der Meifter aus dem XV. und XVI. Jahrhundert wieder Einfluss zu gewinnen; lebensvolle Naturauffaffung, feine individuelle Charakteriſtik tritt feit Bartolini's und Dupré's Thätigkeit auch bei den zahlreichen Schülern diefer Meifter allenthalben zu Tage. Der eigentliche naive Realismus ift aber vorzugsweife im nördlichen Italien und vielleicht am ausgefprochenften bei den Mailänder Künftlern zu finden. Die Mailänder Sculpturen dominirten auch auf der Weltausftellung und fanden fchon der Vorwürfe halber bei dem Gros des Publicums am meiften Beifall, Es war nur zu bedauern, wie fchon am Eingange erwähnt, dafs viele der reizvollen Figürchen durch die Art und Weife der Aufftellung total um ihre Wirkung kamen: die meiſten derfelben waren nämlich in der Induftriehalle( im weftlichen Tranfept) neben allen erdenk lichen anderen Gegenftänden placirt und hatten weder gutes Licht noch ruhigeu Grund. Die Mehrzahl der Arbeiten war fchon im Jahre 1871 bei Gelegenheit der grofsen Ausstellung in Mailand( in der Brera) exponirt und, wie fich der Berichterftatter mit Vergnügen erinnert, dort in fo delicater Weife arrangirt und beleuchtet, dafs man in der That über dem Zauber der Arbeit das Nichtsfagende der Gegenstände vergeffen konnte. Es wurde damals wohl von einigen Seiten gegen die Färbung des Lichtes( mit Blenden) Einfprache erhoben doch gewifs mit Unrecht! Es gibt doch kein einfacheres Mittel, dem Marmor die fpröde Weifse zu nehmen, als das Licht mit einem angenehmen Farbentone zu dämpfen. Welch wunderbarer Effect wird doch damit bei Dannecker's ,, Ariadne"( Frankfurt, Bethmann's Muſeum) erreicht! -- Ein junger deutfcher Bildhauer, Adolf Hildebrand( derzeit in Florenz), hatte zur Zeit der Weltausftellung im öfterreichifchen Muſeum für Kunft und Induſtrie einen„ fchlafenden Hirten" in Marmor ausgeftellt und der Oberfläche durch Einreibung von Tabakfaft eine äufserft milde, wohlthuende Patina verliehen, was als Mittel zur Dämpfung der unangenehmen Härte des Marmors hier erwähnt fein mag. Laffen wir von den Mailänder Künftlern den Profefforen Tantardini und Magni hier den Vortritt. Tantardini ift der feine Idealift, das heifst in dem Sinne, dafs er die Natur in ihrer edelften Geftaltung wiederzugeben fucht, ohne dabei in irgend welche ftrengere Stiliftik zu verfallen; das Zarte, Weibliche fpricht ihm am meisten zu; er behandelt feine Formen mit bewunderungswürdiger Eleganz und weifs auch in die Bewegung der Geftalten viel Anmuth zu legen. Seine„ Betrachtende" und die„ Badende" zeigten bei den genannten Eigenfchaften einen leichten, gefälligen Linienflufs, was auch feine„ Italia" am Cavourdenkmal auszeichnete. Von der edlen Figur war ein Gypsabgufs( Vorhalle des nördlichen Amateur Die Sculptur. - 29 Pavillons) ausgeftellt, der hier freilich in der gegebenen Pofition wenig Effect geben konnte; wer aber in Mailand von der Via del Giardino aus dem Monumente begegnet, wird gewifs von der Erfcheinung der ,, Schreibenden" angenehm überrafcht fein; ftörend ift leider dabei nur die Geftalt Cavour's felbft in moderner Kleidung; eine Büfte würde wohl eher zu dem unten ausgefprochenen Gedanken paffen. Ein reizendes Figürchen war auch ,, die Leferin" von demfelben Künftler; nur liefs das Köpfchen, fo fchön es auch war, kalt; dem Motive wäre doch ein Reflex im Antlitz fo nahe gelegen. - " Mit mehr Pathos weifs dagegen Magni feine Geftalten auszuftatten. Die " Juftitia" war eine impofante Erfcheinung; trotz der ausgefprochen realiftifchen Formgebung bewahrte die Geftalt eine gewiffe Erhabenheit und vornehme Würde; wohl beeinträchtigten die etwas zu gerade laufenden Linien der Drapirung die Zeichnung des Nackten, wie es überhaupt bei Magni zu tadeln ift, dafs er im Faltenwurf fich zu viel an das todte Modell hält und manchen„ Bruch" ganz unmotivirt einfetzt. Die Fehler traten befonders an feinem Sokrates" hervor, einer übrigens edel aufgefafsten Figur, an welcher der antike Kopf mit viel Gefchick ins ,, Realiftifche" umgefetzt erfchien. Bei des Künftlers Beatrice" war nur die reizvolle Ausführung zu bewundern; der Künftler hat daran die Anmuth der Keufchheit geopfert; die Verzückte" blickte gar zu ftarr nach den himmlifchen Höhen und konnte den Befchauer keineswegs erwärmen. Ein wundervolles Köpfchen voll zartefter Empfindung zeichnete dagegen feine„ Sappho" aus; an der Geftalt ftörten nur wieder die zu profaifchen Faltenmotive. ,, 99 Ani populärften wurden auf der Ausftellung die Sculpturen des Mailänders Quarniero, da er mit feinen Vorwürfen dem Publicum fo recht ins Gemüth griff; ,, die Jugend Raphael's" nannte er einen gar fentimental dahinblickenden Knaben im Florentiner Coftume, der, den Stift in der Hand, mit der Mappe graciös an einer gebrochenen Säule lehnt; die Rofe der Unfchuld" reichte ein halbentblöfstes und darüber wohl etwas verfchämtes Mädchen dem Befchauer entgegen. Das Kind des Tages war jedoch fein„ erzwungenes Gebet"; ein kleiner Knabe im Hemdchen wird zum Beten gezwungen und fucht feine Thränen und feinen Unwillen zu„, verbeifsen". Wir haben des an und für fich nichtsfagenden Gegenftandes fchon in der Einleitung gedacht und können hier nur wiederholen, dafs das Publicum nur defshalb den Kleinen fo fanatifch umfchwärmte, weil er eine Seelenftimmung auszudrücken fuchte, worin Quarniero freilich nur in diefem leichten Genre als einer der begabteften unter den Mailänder Realiften zu bezeichnen ift. Seine Geftalten intereffirten, fie gaben zum Mindeften ein Stück Leben, wenn auch von der edelſten der Künfte, der Sculptur, höhere Tendenzen in Bezug auf das Stoffliche zu verlangen wären. - Als Gegenftück zu dem erwähnten jungen Raphael konnte Egido Pozzi's ,, Michel Angelo" gelten, ein Figürchen voller Grazie und vollendetfter Durchführung, an welchem jedoch einige Proportionsfehler in den oberen Extremitäten. zu verzeichnen wären. Der jugendliche Künftler hat einen Satyr in einen Steinblock gemeifselt und blickt, den Kopf auf den Arm geftützt, nachfinnend auf fein Werk ,,, als ob ihm bange Zweifel über feine Künftlerlaufbahn aufftiegen", wie die beigegebene Erklärung bemerkte. Harmlos in die Saiten des Gefühls zu greifen, oft nur um der Erfcheinung einen Vorwand zu geben, find es denn zumeift jugendliche Geftalten, die von den italienifchen Bildnern auf das Schaupiedeftal gebracht werden. In wahrer Legion erfchienen Kinderfigürchen, an denen das„ Naive" in allen möglichen Variationen gefchildert wurde. Zu den befferen diefer Gattung gehörten von den Mailändern die Arbeiten von Peduzzi, Calvi, Zanoni, Pereda und Pietro dal Negro. Das Meifterftück in techniſcher Beziehung lieferte jedoch für diefes Genre Donato Baccaglia mit feiner Gruppe„ die Seifenblafe". Es mufs geradezu eine Keckheit genannt werden, für eine Marmor fculptur einen folchen Vorwurf zu wählen!" Auf einer blumenumrankten Balu 30 Jofef Langl. ftrade fitzt oder balancirt vielmehr ein Knabe und hält an einem Röhrchen eine Seifenblafe( in Glas nachgebildet) empor, nach welcher ein zweiter, in rein fchwebender Stellung an dem Poftamente emporkletternd, übermüthig die Hand ausftreckt" Arme und Füfse hingen dabei fo frei herum, das Ganze war fo luftig gebaut, dafs man bei der vollendeten Ausführung über die Bravour des Meifsels nur zu ftaunen vermochte. Ein ähnliches Virtuofenftück hatte übrigens auch Branca in feinem Traubendieb" geliefert. A. Bezzola fchilderte einen launenhaften„ Modellino"; vergebens fchmeichelt eine junge Künftlerin ihrem Amor- Modell, feine gewifs heitere Rolle weiter zu fpielen der kleine Schelm fträubt fich gegen das langweilige Gefchäft in ganz köftlicher Geberde, die übrigens lebhaft an Begas'" zürnenden Amor" erinnerte. 29 99 Ganz im Dufte mittelalterlicher Romantik brachte C. Teffin unter der Devife La bocca mi baccio tutto tremante" die Liebenden Paolo und Francesca" in Marmor zur Erfcheinung.„ Il baccio" wäre wohl der einfachere Titel der Gruppe gewefen, an welcher übrigens das Arrangement in der Gewandung manch hübfches Motiv bot. Barzaghi führte uns an das Nilufer und liefs uns von der Tochter des Pharao den kleinen Mofes im Binfenkörbchen präfentiren; die Geftalt war reizend durchgeführt, nur drängte fich, wie an des Künftlers„ Phryne", das Sinnliche etwas auffällig in den Vordergrund, was wohl auch bei Imanuelle's ,, Mädchen im Bade", dem„ Schlaf der Unfchuld" und der" Eva" von Argenti und fo manch Anderen mit berechneter Abficht der Fall war. Die Figur Imanuelle's hätte wohl der anatomifchen Gewiffenhaftigkeit nach, mit welcher das betreffende Modell copirt war, beffer ,, die Frau im Bade" heifsen follen. Barzaghi's Eitle", ein Kind, das fich im Schleppkleid probirt, erinnerte an Makart's Amoretten. 9 Bemerkenswerth ist, dafs mit dem vollendeten Realismus in der Form auch die Compofition fich wenig um die plaftifchen Gefetze kümmert und darin rein malerifch zu Werke gegangen wird. Wie abfichtlich fanden fich Werke, die diefer Richtung angehörten, in der Vorhalle des nördlichen Amateur- Pavillons ausgeftellt, von welchen wir Oldofredi's, Chislehurst", Napoleon, tief gebeugt auf einem Lehnstuhle fitzend, und Larrochi's( Profeffor in Siena) originelle Gruppe, Tobias, eine Leiche beftattend" erwähnen wollen; es begegnete wohl zum erften Male in der Plastik, in dem Piedeftal einer Gruppe ein Grab gehauen zu finden und darüber mit gefpreizten Füfsen eine Geftalt einen Leichnam an einem Tuche in die Tiefe fenken zu fehen. Das Werk befafs jedoch, befonders in den nackten Theilen, grofse Vorzüge und war auch fonft, wenn man einmal der Möglichkeit der Darstellung zuftimmte, fehr fchön aufgebaut. Nebenan ftand auch Oldofredi's Kriegsgenius", der vor feinen Werken zurückfchaudert; eine impofante Figur, die wohl fchon in ihrer gemeinen Haltung( fitzend mit aufgefchlagenem Fufse) das rauhe Gefchäft andeutete, in welchem mit jenen Werkzeugen hantirt wird, die zu ihren Füssen lagen. Ob fich die Plaftik zur Erhöhung des Effectes in einem Bildwerke zweierlei Materiales bedienen darf, hat wohl fchon das Alterthum entfchieden, und wird ja die Schönheit von Phidias' chriselephantinen Statuen von den Schriftftellern über alle Mafsen gepriefen. Calvi's Büften des„ ,, Othello" und der„ Selica" in Bronce und Marmor waren als decorative Stücke gewifs von überrafchender Wirkung, mochte man auch gegen ,, Büften mit Armen" einiges Bedenken tragen. " Von den Genuefer Künftlern hatte Monteverde( früher in Rom) mit feiner Gruppe Jenner, am eigenen Kinde die Einimpfung verfuchend" für den Realismus einen kecken Trumpf ausgefpielt. Wer follte doch einen folch profanen Vorwurf für eine lebensgrofse Gruppe in der Plaftik annehmbar halten! Die Sculptur. 31 Und doch wufste der Künftler in feinem Werke durch die Schärfe der Charakteriſtik und die tiefe pfychologiſche Wahrheit den Befchauer zu feffeln. Der kleine, fich fträubende Knabe, der nicht weifs, was mit ihm gefchieht, die gefpannte Aufmerkſamkeit des nachmals fo berühmten Verfaffers der„, Inquiry in to the causes and effects of the variolae vaccinae" waren fich gegenfeitig trefflich ergänzende Contrafte und machten das Werk einheitlicher und abgefchloffener, als manche fchüchtern componirte Epiſode aus dem Olymp. Mondeverde's brillante Technik ift von feiner Gruppe„ Kinder mit Katzen ſpielend"( Münchener Ausftellung 1869) her bekannt. Als reizendes Figürchen, mit unendlich zarter Empfindung behandelt, mufs hier auch des Künftlers Columbus" Erwähnung finden. " - Er ftellte uns nicht den gewaltigen, kühnen Weltumfegler vor noch ift's der fehnfuchtsvoll nach dem Meere blickende Knabe, der wohl aus dem zufammengefchlagenen Buche die Nahrung faugt zu feinen Plänen, nach dem Weften hinzufegeln. - Wie fehr für die Italiener das Gebiet der Plaftik ein unbegrenztes ift, hat Tabacchi( Turin) mit feinem Debardeur am ausgelaffenften bewiefen. Es gehört wohl von technifcher Seite eine Verwegenheit dazu, eine Figur, auf einem Marmortifche fitzend, darzuftellen andererfeits kommt man aber denn doch in Verlegenheit, ob man den Künftler fchelten oder belachen foll, ein Sujet für die Sculptur von der Mascherata" geholt zu haben. Solche Vorwürfe werden doch felbft im Journal amusant nur in lofer Contour gezeichnet: der Italiener nimmt keinen Anftand, fie in edlem Marmor zu verkörpern als ob es ihm ebenfo wenig Mühe koftete! - Als Repräfentant der idealen Richtung erfchien von den Turinern Jofef Tini, deffen Marmorftatuen„ Frühling" und„ Herbft" ganz im Stile Canova's gehalten waren. Als Romantiker wäre den genannten Meiftern Cuglierero ( Turin) hier anzufchliefsen. Seine Marmorgruppe„ Pompejanifche Idylle" befitzt zwar wieder eine gewiffe Dofis jener keufch- finnlichen Reize, in welchen die platonifchen Aesthetiker den Untergang aller Kunft erblicken; doch hat der Künft. ler hier die Geftalten fo unfchuldig poftirt, wie Canova in feiner Gruppe„ Amor und Pfyche fich küffend"; nur ift es in dem berühmten Werke der Villa Carlotta nicht fo fehr mit dem Weiblichen auf den Befchauer abgefehen als hier, wo die unbefangene Naivität, die fchon Boulanger in feinen pompejanifchen Epifoden ziemlich lofe fpielen läfst, wohl an ihrer Grenze erfcheint. Holdfelig neigt, fie", an den Pfeiler gelehnt, ihr Köpfchen nach rückwärts und neckt den Knaben, der fich zum Kuffe neigt, fo zierlich mit der Hand am Kinne, dafs in dem zarten Sträuben wohl nur ein zartes Verlangen zu lefen ift. Von den Florentinern wollen wir Piatti in feinen Arbeiten hervorheben, in denen fich Anmuth und Schönheit der Linien mit hoher Formvollendung paart. Seine ,, Angelica" kann fich ohne Scheu neben die mediceifche Venus ftellen; in edler Auffaffung bei der reizvollften Durchführung( befonders in der Drapirung) zeigte fich feine„ Jone". Als Virtuos in Marmor producirte fich im wahrften Sinne des Wortes der gegenwärtig in Florenz lebende Teffiner Caroni.( Die Arbeiten waren in einem kleinen Saale der Schweizer Kunftausftellung in der Kunfthalle exponirt.) Neben allerlei fcherzhaften Kinderfcenen, deren Titel, als die Kälte", der Eindruck des Waffers"," die kleine Leda" wohl fchon die Art und Weife der Behandlung bezeichnen mögen, fand fich ein Figürchen die Jugend", an dem der Meifsel wieder Bewunderungswürdiges geleiftet hatte. 77 " 9 Aus einem Rofenftrauche fchwebt eine Mädchenknofpe mit Schmetterlingsflügeln in holdfeliger Verzückung empor und hat fich zur Freiheit des Dafeins nur noch dem hemmenden Netze zu entwinden, das ihre Füfse umfchlungen hält. Als Titel wäre wohl beffer„ Frühling" zu wählen doch wen kümmert bei folchen Erfcheinungen, bei denen es blos auf den Duft der Sache ankommt, der Titel! - 9 32 Jofef Langl. Diefelbe Vollendung in technifcher Hinficht zeigte uns der Künftler auch an feiner„ Afrikanerin"; fo realiftifch die Formen gehalten waren, fo fchön waren fie auch. Ein ganz fonderbares Effectftück hatte Grilla in feiner„ lefenden Blinden" gebracht: das arme unglückliche Wefen taftete mit den Fingern in einem Buche mit erhabenen Lettern, und dem Befchauer blieb es überlaffen, das Bild fich aus. zumalen, wozu ihr ftarres Antlitz die Folie bot.inques ishlo " Von den Römern hatte Maffini in feiner Fabiola" ein Meifterftück in der Drapirung geliefert; wie überhaupt in der ganzen Geftalt die Natur fozufagen abgefchrieben erfchien. Bottinelli's ,, Eitelkeit", Rofetti's, Naivetät“,„ die Quelle der Liebe" etc., fowie Rondoni's" Bacchantin" waren anmuthige Geftalten, bei denen die Formen fich zumeift an die ideale Richtung hielten. Anfiglioni's Sculpturen gingen nur auf technifche Bravour aus; viel mehr war an ihnen nicht zu bewundern. Zur Erinnerung an Monti's" Traum der Freude" brachte er neben Anderem auch eine ganz verfchleierte fchwebende Geftalt als Flora". Die blinde Nidia", Blumen pflückend, von Dinotti, mufs wohl als unplaftifches Motiv bezeichnet werden, war aber durch die reizvolle Behandlung des Details von anfprechender Wirkung. " Es dürfte das Angeführte für die Charakteriſtik der gegenwärtigen italienifchen Sculptur genügen; denn, was fich unter den nahe 300 ausgeftellten Werken Weiteres vorfand, war weniger bedeutend und fchlofs fich der einen oder anderen der localen Richtungen an, die übrigens, wie aus dem Gefchilderten erfichtlich fein mag, unter fich nur geringe Unterfchiede zeigen. Die Sculpturen der übrigen Staaten. Den befprochenen Grofsmächten der Kunft gegenüber bot die Plaftik der anderen Staaten keine auffallenden Sonderheiten in Bezug auf die allgemeinen Beftrebungen. Die Künftler erhalten ja ausfchliefslich ihre Ausbildung auf deutfchem, franzöfifchem oder italienifchem Boden, und ift es begreiflich, dafs fie fich in ihren Productionen je den betreffenden Schulen anfchliefsen. Vielfach ift es denn auch die nationale Verwandtfchaft mit einer diefer drei Hauptvölkerfchaften, dafs die Künftler fchon von Haufe aus ähnlichen Tendenzen ergeben find. So finden wir beiſpielsweife in der Schweiz die deutfche, franzöfifche und italienifche Richtung vertreten; Belgien hält fich an Frankreich, England an Italien, Rufsland an Deutfchland und Italien etc. Nur die Künftler Dänemarks correfpondiren feit Thorwaldfen direct mit dem alten Griechenland; wie auch die modernen Bildner diefes einftigen Kunftlandes noch Reflexe des goldenen Zeitalters zur Erfcheinung zu bringen fuchen. Griechenland hatte Sculpturen aus dem Alterthume und der neueften Zeit auf der Ausftellung repräfentirt; die Ueberrefte von den Bauten der Akropolis und Anderes aus Attica wurden in Gypsabgüffen vorgeführt, an denen freilich das Gros des Weltausftellungs- Publicums mit gerin gem Intereffe vorübereilte; höchftens zogen hie und da die Photographien des ehrwürdigen Burgfelfens einen Philhellenen an, die Gedanken in der Vergangen heit fchweifen zu laffen doch wie wenige waren diefs! - Als der begabtefte unter den Bildnern der Gegenwart, die in Attica ihre Werkstätte haben, ift Leonidas Droffis hier anzuführen. Seine Werke, die in bedeutender Anzahl auf der Ausftellung erfchienen waren, lehnen fich unmittelbar an die alten Vorbilder an und find durchwegs vom edelften Geifte getragen. Glücklicher ift der Künftler jedoch in Einzelftatuen als in gröfseren Compofitio. nen, welchen( wie bei den Giebelfculpturen der Sina'fchen Akademie) der organifche Zufammenhang fehlt und wo die Geftalten nur aneinandergereiht ausfehen. Die Sculptur. 33 Von hoher Schönheit und vorzüglicher Durchführung war feine Penelope; die zarte Behandlung der Drapirung erinnerte lebhaft an die weiblichen Geftalten des Oftgiebels vom Parthenon; auch die„ Sappho" zeigte von edler Auffaffung, und war es dem Künftler trefflich gelungen, die Geftalt in den reizvollen Motiven der Gewandung durchzuzeichnen; etwas kühl war nur der Ausdruck des Kopfes. Die Statue Alexander der Grofse" machte durch den maffigen Aufbau der Formen wohl einen impofanten Eindruck; nur ftörte den Effect einigermafsen die unentfchiedene Haltung der Figur; Stand- und Spielfufs hielten ihre Rollen zu getheilt. 99 Ebenfalls ganz vom Geifte der Antike getragen und in Bewegung und Form gleich lebensvoll war G. Vitalis' ,, Thefeus". Der Held ift eben im Begriff, fich die Sandalen anzuriemen, erfcheint aber durch einen Vorgang in der Ferne abgelenkt und hat ftolz das helmgekrönte Haupt dahingewendet. Gegen die Ergänzung der mileifchen Venus von J. Koffos( der Künftler läfst fie ihr Spiegelbild fchauen) wäre wohl manches einzuwenden; im Ganzen war jedoch die herrliche Statue( Originalgröfse in Marmor) mit grofsem Verſtändniffe copirt. Von draftifchem Effecte war dagegen der nicht ferne davon placirte " gefangene Neger" von Vitzaris, der auf feinem elenden Lager fitzend den Befchauer fo verfchmitzt anblinzelte, dafs er in feinem traurigen Lofe eher ergötzte, als das Erbarmen wachrief; wie es der Gegenſtand verlangte, waren die Formen im derbften Realismus gehalten. Wenn wir noch der originellen Idee - " das Syftem des Kopernicus" plaftifch in einem Genius mit einer Weltkugel von G. Brutos dargestellt gedenken und auch noch den ziemlich kühlen„ Schnitter" von Philippotis erwähnen, fo dürften wir von dem Bedeutenderen der modernen griechifchen Sculpturen auf der Ausftellung nichts vergeffen haben. " Der ftrenge hellenifche Stil wird von dem Dänen Jerichan, dem begabten Schüler Thorwaldfen's, mit edler Confequenz feftgehalten. Von feinen ausgeftellten Arbeiten erinnerte der Fries, die Hochzeit der Roxane" am lebhaf teften an feinen grofsen Meifter, deffen Alexanderzug" ihm allerdings zum Vorbilde diente. Die Compofition ift reich an lebensvollen Gruppen, deren Zufammenftrömen nach dem Centralpunkte( dem Brautpaare) dem Werke eine wohlthuende Einheit verleiht, was vielleicht in manchen Punkten bei Thorwald. fen's Fries nicht der Fall ift; als am gelungenften dürften wohl die Partien der herbeigeführten Stiere, der Tanzenden und Muficirenden und des Trinkgelages - zu bezeichnen fein; ganz an die edlen Geftalten des panathenäifchen Feftzuges erinnerten die„ Griechen" links von der Hauptgruppe. In Bezug auf die Durchführung ift diefe befonders in den nackten Theilen zu loben; die Drapirung erfchien in manchen Partien etwas fchwerfällig. Von einem Totaleindrucke des gewifs bedeutenden Werkes war felbftverftändlich keine Rede, da nur Theile des Ganzen in Gypsabgüffen ausgeftellt waren. und eine Ueberficht nur aus ziem lich fchlechten Photographien gewonnen werden konnte. 29 Des Künftlers ,, badende Mädchen" find von früheren Ausftellungen her bekannt; fie fitzen wie zwei Nixlein beifammen und fchauen in die Ferne; die Köpfe waren mit zartem Empfinden durchgeführt, nur fchade, dafs die übrigen Formen in der Starrheit der antiken Formgebung das Leben verläugneten. Voll Leben und Feuer war dagegen des Meifters Broncegruppe der Pantherjäger" ( Vorhalle des füdlichen Amateurpavillons). Derfelbe hat ein Junges geraubt und ift im Begriff, die an ihn heranfpringende Mutter mit der Lanze zu durchbohren. Erwähnenswerth ift von dem Künftler noch ein„, Chriftus am Kreuz"( Marmor) als Unicum auf der Weltausftellung. 190 leidubal ob nende Die Arbeiten von Hafsciriis. Saabye und Thielmann( fimmtlich aus Kopenhagen) boten kein befonderes Intereffe.bnov low sibisdo 77 9* 34 Jolef Langl. Von der fkandinavifchen Halbinfel waren in der Plaftik blos drei Künftler mit je einem Werke auf der Ausftellung erfchienen. Erwähnenswerth ift davon die Marmorftatue" David" von Borch( Chriftiania). Der Hirtenknabe hält dankend zu Gott den Stein empor. Die Geftalt hatte im Nackten fchöne Details und machte im Ganzen einen gefälligen Eindruck; etwas kalt liefs indefs der Kopf. " In der ruffifchen Kunftabtheilung fielen befonders die Arbeiten Walter Runeberg's auf. In den Formen wohl etwas nüchtern, mangelt feinen Geftal ten jedoch keineswegs edle Zeichnung und würdevolle Auffaffung; fein Beftes war die Gruppe„ Apollo und Marfyas"; ein äufserft zart durchgebildetes Figürchen der ,, fchlummernde Amor"; etwas ängftlich dagegen die Gruppe ,, Pfyche mit Cupidonen". Ein mehr realiftifcher Zug geht durch die Arbeiten Tfchishoff's, was fowohl bei feinen Marmorgruppen im Unglück“ und„ Blindekuhfpiel" und noch ausgefprochener in feinen Porträtreliefs zu Tage trat. Ganz an die akademifchen Regeln hielt fich Brozk in feiner Gruppe, das erfte Liebeslispeln"; an die Italiener lehnte fich Kamensky mit feiner Gruppe„ der erfte Schritt" an. Wie ein kleiner Knabe unter Aufficht der Mutter„ gehen lernt", ift denn doch ein für die Plaftik etwas profaner Vorwurf! Ganz eigenthümlich hatte der Künftler in einer zweiten Gruppe die ,, Politik" fymbolifirt. Die Geftalt verhüllte fich den Mund, hatte auf dem Schofse Schwert, Feder, Orden und Depefchen liegen, trat mit dem Fufse auf das Geld und hielt einen Hund am Halsbande, der mit einer Katze ſpielte! Weitzenberg's Idealgeftalten zu den Verfen ,, Das Herz ift geftorben, die Welt ift leer" und" So bleichet meine Jugend, wie die Kränze fchnell verblüh'n" hatten manches hübfche Detail, im Ganzen erwärmten fie wenig. Die kleinen Broncegruppen( meift Thiere) von Kadt und Lanaray hielten fich an die franzöfifchen Vorbilder. England, welches fich fo fehr bemüht, feiner Kunft und Induftrie ein felbftftändiges nationales Gepräge zu geben, mag diefs in allem Anderen eher als in der Sculptur erreichen. So wenig plaftifchen Sinn wir in der englifchen Malerei entdecken, fo wenig verftehen es auch die Bildner, das Leben plaftifch zu verkörpern. Seit John Flaxman glorreichen Andenkens die edle Einfachheit der Antike in feinen Umrifszeichnungen zu Dante und Homer wieder in Erinnerung brachte, folgte die gefammte Sculptur Englands der idealen Formgebung, was jedoch bei den unfähigen Nachfolgern diefes Meifters in Hohlheit und Nüchternheit ausarten mufste. Mangelt daher fchon der Form jedes Leben, fo bieten in der Regel auch die Vorwürfe kein befonderes Intereffe; fie tragen zumeift jene verfchwommene Sentimentalität zur Schau, in welcher die Mylady intereffant zu fein fucht, und entbehren einerfeits den Reiz der Anmuth, andererfeits jede Energie. Wenden wir uns gleich zu dem Werke eines der bedeutenderen Meifter, zu C Marshall's Undine"; melancholifch lehnt das feuchte Weib an einem Fels und blickt ziemlich gedankenarm in die Weite. Die Formen waren fchön und von bewunderungswürdiger Glätte, doch kalt wie das Materiale, aus dem fie gemeifselt. Diefelbe edle Langweile brütete auch über Stephen's ,, Euphrosyne, und Cupido". J. Durham's Marmorgruppe„ Schlaf ein", ein Kind mit einem Hunde, und Adams- Acton's Guiocatore" boten nichts Erhebliches. Ein frifcherer Geift belebte nur die kleinen Thierftücke( Bronce), von denen H. W. Davis ,, laufender Stier" und die Arbeiten J. E. Boehm's befonders hervorzuheben find. 99 Wenn wir, unferer Pflicht getreu, auch einen Blick nach den Ländern jen feits des Oceans werfen, fo haben wir vom ganzen Erdtheil nur ein Werk zu ver zeichnen, nämlich die ,, fchlafende Schönheit" von Ames van Wart( New- York) ( Wefteingang der Induftriehalle). Der Künftler hatte darin Tennyson's Gedicht ,, der Tagtraum" illuftrirt; auf einem ziemlich gefchmacklofen Sopha ruhte, die Schönheit", die wohl von den Paffanten wenig in ihren Träumen geftört wurde. Die Sculptur. 35 Von belgifcher Plaftik machten fich zunächft die Arbeiten Ch. A. Fraikin s bemerkbar. Seine Marmorgruppe„ ein erftes Kind" war mit viel Leben aufgefafst; nur drängte fich bei dem fchon an und für fich unplaftifchen Motive das Sinnliche etwas zu derb in den Vordergrund. Des Künftlers Büfte der Königin und Dutrieux Büfte des Königs waren hübfch modellirt, weiteres Intereffe boten fie nicht. Glänzend war von den Belgiern die Medailleurkunft in den Namen Sandoz, Jacques und Charles Wiener und J. Danfe vertreten. Von den Schweizer Plaftikern waren F. Schlöth aus Bafel( derzeit in Rom) und Rob. Dorer( Baden, Argau) mit bedeutenden Arbeiten auf der Ausftellung erfchienen. Von Schlöth ift zunächft das für Bafel beftimmte Jakobsdenkmal zu verzeichnen, welches in der Rotunde ausgeftellt war. Die fchlechte Beleuchtung, fowie die ftörende Umgebung vereitelten wohl einen ruhigen Totaleindruck des Werkes, wie es überhaupt ftets mifslich bleibt, fürs Freie beftimmte Plaftik im gefchloffenen Raume zu beurtheilen. So viel konnte jedoch wahrgenommen werden, dafs die äufserft lebendig componirten Figuren ihren Effect nicht verfehlen werden; die Geftalten am Piedeftal dürften unferes Erachtens nur zu bewegt gehalten fein, und das Auge von der Hauptgeftalt, welche denn doch zunächft imponiren mufs, zu fehr ablenken. Ob die Wirkung nicht einheitlicher wäre, wenn die gigantifche Helvetia, ftatt mit fliegender, in ruhiger Drapirung erfchiene, wollen wir hier blos berühren; zum Mindeften erreichte Dorer mit feinem„ Genfer Nationaldenkmal" in der ruhigen, würdevollen Auffaffung feiner Geftalten denfelben, wenn nicht noch grösseren Effect. Dorer's Werk baute fich auch fchon vom Piedeftal an in fchöner Harmonie auf, und wäre dafür nur ein befferer Ort der Aufftellung( als in der Rotunde) wünschenswerth gewefen. Von Schlöth ift dann noch ein Marmorrelief„ Ganymed vom Adler in dem Olymp getragen" als lebendig componirt und fleifsig durchgeführt zu erwähnen; feine Marmorgruppe„ Adam und Eva" erhob fich jedoch nicht viel über akademifch ftilifirte Actftudien. Recht zart behandelt und gelungen, in die Kreisform componirt, waren Ruf's Marmorreliefs die vier Tageszeiten". " 9 Von Spanien, dem Heimatlande Murillo's und Velasquez's, wo heutzutage wohl die Kunft im tiefen Schlummer ruht, hatten nur zwei Bildner aus Barcelona, A Vallmiyana und R. Nobas, ausgeftellt, und zwar erfterer einen fehr fchön gearbeiteten Chriftus im Grabe"( Marmor) und letzterer eine charaktervolle Büfte des Dichters des Don Quixote. 90 Längft find die Hallen im Prater gefchloffen und in alle Welt zog wieder heimwärts oder ging dem Orte feiner Beftimnung zu, was fich zum internationalen Fefte als Culturzeugnifs eingeftellt hatte. Rafch blättert die Zeit im Buche der Ereigniffe und fchlägt im Fluge in die Vergangenheit, was in der Zukunft verborgen ruht. Manches Blatt fällt wohl der Vergeffenheit anheim, und manches erlebte Ereignifs ftreift fpäter in der Erinnerung nur einem Irrwifch gleich durch die Gedankenwerthlos dem Streben und Ringen unferes Dafeins! Wohl Keinem von all' den Taufenden, die im Sommer 1873 von Nah und Fern nach den Paläften des Praters hinab gewandert, werden jedoch die Tage des dortigen Aufenthaltes fobald aus dem Gedächtniffe entfchwinden; das Riefenwerk, wie es in niedagewefener Pracht vor Augen lag, hat in feiner Grofsartigkeit und feinem Reichthume gewifs auf Jeden den unvergesslichften Eindruck gemacht. Theilte fich das Intereffe auch zunächft in Fachgruppen und fuchte jeder vorerft das„ Seine" unter dem Ausgeftellten: in den Hallen der Kunft traf fich alle Welt und wird ihr Andenken allerorts am lebendigften bleiben; fand doch ein Jeder in den mannigfachen Reflexen des Lebens und der Natur, was feinem Empfinden fympathifch war und die Funken wohlthuend entflammte, die das Leben fonft gebunden hält. Gleichgiltig wandeln wir oft an Dingen vorbei, die, von des. Künftlers Hand dargestellt, uns anregen und zum Nachdenken auffordern; felbft das Unbe 36 Die Sculptur. Jofef Langl. deutende, aus dem Weltgewühle herausgehoben, kann uns Gedankenkreife eröff nen, in welchen fich unfer Empfinden veredelt und wir der Erkenntnifs näher rücken. Diefe hohe Pflicht kann jedoch die Kunft nur erfüllen, wenn fie ftets die Natur zur Quelle nimmt und in der Form die vollendete Wahrheit anftrebt! im Die allgemeine Strömung der Zeit ift diesen Tendenzen günftiger denn je, und in den Bahnen, in welche bereits die Malerei eingelenkt hat, edlen Realismus wird auch die Plaftik ihr Heil in der Zukunft zu fuchen haben!