OFFICIELLER AUSSTELLUNGS- BERICHT HERAUSGEGEBEN DURCH DIE GENERAL- DIRECTION DER WELTAUSSTELLUNG 1 8 7 3 UNTER REDACTION VON DR. CARL TH. RICHTER, K. K. O. Ö. PROFESSOR IN PRAG. DER ZEICHNENUND KUNSTUNTERRICHT. ( Theilbericht der Gruppe XXVI.) BERICHT VON J. LANG L, k. k. Gymnafialprofeffor in Wien. WIEN. DRUCK UND VERLAG DER K. K. HOF- UND STAATSDRUCKEREI. 1873. D DER ZEICHNENund KUNSTUNTERRICHT. ( Theilbericht der Gruppe XXVI.) Bericht von J. LANG L, k. k. Gymnafialprofeffor in Wien. Die univerfelle Bedeutung des Zeichenunterrichtes wurde dem vollen Umfange nach wohl erkannt, als fich die Kunft- und Induftrie producte der verfchiedenen Nationen auf den Weltausftellungen begegneten. Es wurde klar, dafs die Form es ift, durch welche die meiften Rohproducte im focialen Verkehre erft zur Geltung gelangen, und dafs die Erziehung der Formen nach äfthetiſchen Grundfätzen die erfte Bedingnifs ift fowohl für eine gedeihliche Entwicklung der Induftrie als für die Hebung des Gefchmackes im Allgemeinen. Schon bei der Londoner Ausftellung im Jahre 1851, wo zum erften Male aus aller Welt die Erzeugniffe der Induftrie zum internationalen Turniere zufammengeführt wurden, fand ein gewaltiger Anftofs zur Reform des Kunftunterrichtes ftatt und England felbft ging damals voran, durch wohlorganifirte Zeichenfchulen den lange von der Willkür geleiteten Gefchmack nach wiffenfchaftlichen Principien zu regeln, das Formenwefen in ein einheitliches Geleife zu bringen und der Fortentwicklung desfelben eine auf äfthetifchen Grundfätzen beruhende Bafis zu geben. Die Induſtrie Frankreichs, welche bis dahin, was Stil anbelangte, den äufseren Einflüffen fol. gend, principlos vorgegangen war und mehr in der virtuofen Mache als durch pofitiven künftlerifchen Gehalt glänzte, fah fich alsbald gezwungen, in diefe Reform einzulenken, wenn ihre Production auf dem Weltmarkt nicht ernftlich bedroht werden follte; denn dem Beiſpiele Englands folgten fpäter Oefterreich, theilweife Deutſchland und in jüngfter Zeit auch Rufsland, und allenthalben waren die Beftrebungen von den beften Erfolgen begleitet. Gleichzeitig mit dem Aufblühen des exacten Kunftunterrichtes entfaltete fich aber in den letzten Decennien in immer mächtigeren Schwingen auch die Kunftwiffenfchaft und trug nicht wenig zur Klärung der äfthetiſchen Anfchauungen unferer modernen Zeit bei. Die Welt hat mit fteigendem Intereffe diefen Umfchwung in der Induftrie auf den weiteren Weltausstellungen, die im Verlaufe von nun zwanzig Jahren in Paris und London abgehalten wurden, verfolgt, aber die Kritik konnte fich dabei blofs an Reſultate halten und felten auf die Urfachen, die im Unterrichte liegen, eingehen, da meift das nöthige Materiale fehlte, durch welches ein Einblick in das Getriebe der I 2 J. Langl. " Formenerzeugung hätte gewonnen werden können. Diefer Forderung ift die Weltausftellung 1873" im reichften Mafse nachgekommen; faft alle Staaten, welche auf dem Gebiete der Induftrie vertreten waren, hatten auch ihren Zeichenund Kunftunterricht repräfentirt und gefucht, die Beftrebungen in diefer Hinficht darzulegen. Der Berichterstatter hat nun nothwendiger Weife bei der Bearbeitung des ausgebreiteten Materiales, welches in Schülerleiftungen, Lehrmitteln etc. aus den verfchiedenen Ländern vorlag, auch ftets die Leiftungen der Induſtrie, als des eigentlichen Ausgangspunktes der jeweiligen Beftrebungen in Betracht gezogen und glaubte zu diefem Hinausgreifen über fein Reffort berechtigt zu fein, da nur dadurch ein richtiges Urtheil über den Unterricht gewonnen werden konnte. Der weitaus gröfsere Theil des Exponirten in der Section des Berichterftatters bezog fich auf den kunftgewerblichen Unterricht, das Uebrige gehörte den Schulen für allgemeine Bildung an, wo durch den Zeichenunterricht das äfthetifche Empfinden in umfangreicherer Weife geweckt werden foll und der Kunft. unterricht als Difciplin der formalen Bildung einzutreten hat. Da diefe Frage allenthalben noch auf eine pofitive Löfung wartet und gerade die Gegenwart eifrig daran arbeitet, fie zu klären, fo hat der Berichterstatter es verfucht, foweit es möglich war, von den verfchiedenen Ländern den gegenwärtigen Stand des bezüglichen Unterrichtes darzulegen und neben den einfchlagenden Gefetzen, Verordnungen etc. fein Augenmerk vorzüglich darauf gerichtet," welche Formen zum Studium für diefen Zweck verwendet werden" und" welche Methoden in Anwendung ftehen". Eine kurze Charakteriſtik der im Gebrauche befindlichen Vorlagewerke, Modelle etc. dürfte diefen Punkt ergänzen. Der Referent glaubt wohl nicht erft hervorheben zu müffen, dafs fein Gebiet, von dem bezeichneten Standpunkte aus aufgefafst, ein weitverzweigtes war und mufs um Nachficht erfuchen, wenn er hie und da feiner Aufgabe nicht ganz gerecht geworden fein follte; die oft ungenügenden Auskünfte über die Lücken des Ausgeftellten mögen es entfchuldigen, wenn manche Partien allgemeiner gehalten erfcheinen. Was fchon in anderen Berichten betont wurde, mufs auch hier wiederholt. werden, dafs nämlich durch die enorme Zerftückelung des Materiales die Arbeit unendlich erfchwert wurde. Gaben fchon vielfach die Bezeichnungen der Gruppen XII und XXV Anlafs, dafs Zufammengehörendes aus der Gruppe XXVI zerftückelt und eine Ueberficht vereitelt wurde, fo kamen im Unterrichtswefen noch die getrennten Ausstellungen in den Schulhäufern dazu, wo ebenfalls Fragmente der einzelnen Unterrichtsmittel zu fuchen waren. Immerhin aber glaubt der Referent Manches aufgezeichnet zu haben, was dem fo hochwichtigen Zweige des Bildungswefens in der Zukunft von Nutzen fein kann. Es ift wohl felbftverſtändlich, dafs die Grofsmächte der Induftrie, wie Frankreich, Deutſchland, Oefterreich, England und Italien eingehendere Behand lung erfuhren als die übrigen Länder, in welchen die Beftrebungen als weniger tonangebend zu betrachten find. Wenn bei Deutſchland und insbefondere bei Frankreich weiter in die Vergangenheit zurückgegriffen wurde, als das Programm des ,, officiellen Berichtes" annahm, fo hat diefs feine Begründung, da es in den früheren Weltausftellungs- Berichten bei Besprechungen unferes Gegenftandes nicht gefchah und es für die Strömung der Gegenwart wichtig erfcheint, die traditionellen Elemente in der Kunftinduftrie näher ihren Quellen zu beleuchten. Oefterreich. Wer die Refultate des Zeichenunterrichtes der öfterreichifchen Volks- und Mittelfchulen mit denen der Anftalten ähnlicher Kategorie anderer Länder verglich, mufste zugeben, dafs im Grofsen und Ganzen diefer Gegenftand hier allenthalben feine weitaus beffere Pflege findet und bedeutendere Erfolge aufzuweifen ie n, m- ht es en es en ur t- en e- 7. ge rt es g- 1. m コー e- n ISC es ht e e- It it n It 1- n S Es n e 1- er ei m n t D- d n Der Zeichen- und Kunftunterricht. 3 hatte. In der relativ kurzen Zeit feit feiner Einführung als Unterrichtsgegenstand haben fich durch die Erfahrung die Lehrmethoden fchon gröfstentheils nach einem einheitlichen Principe geftaltet und gingen jene Anftalten darin als Mufter voran, an welchen eben vorzüglichere Lehrkräfte thätig waren, die den Zweck des Zeichnens als integrirenden Theiles der formalen Bildung auffafsten. Wie alles Neue, fo hatte auch das Zeichnen in den öfterreichifchenSchulen zuerft die Phafen der Kindheit durchzumachen, mufste fich erft einbürgern unter den beftehenden Difciplinen, hatte Vorurtheile zu überwinden und andere Schwierigkeiten zu bekämpfen, bevor die fefte Bafis erreicht wurde, von der aus ein beftimmtes Ziel verfolgt werden konnte. Faft gleichen Schrittes entwickelten fich etwa feit den fünfziger Jahren in Oefterreich( wo wir als Centralftelle Wien betrachten) die Kunftwiffenfchaft, die Induftrie und der Zeichenunterricht. Die Induftrie verlangte Formen die Kunftwiffenfchaft enthüllte fie das Zeichnen trat als Brücke, als vermittelndes Glied zwifchen Beide. Die Reformen, die fich dadurch im Gefchmack vorbereitet haben, können nur durch die Zeichenfäle zu ihrer Durchführung gelangen und das Verlangen der Induſtrie nach diefer Reform einerfeits, das Streben der Kunftwiffenfchaft, diefe durchzuführen, anderfeits machten das Zeichnen zum Centralpunkt der theoretifchen und praktifchen Elemente der Kunfterziehung. Immer näher und näher rückten die Factoren, die nur in ihrem Zufammenwirken von wahrem Nutzen werden können, als in kurzen Zeitabfchnitten die Refultate der Kunft, der Induftrie und des Unterrichtes auf Weltausftellungen fich in nationalen Wettkämpfen gegenüberftellten und dadurch die Strömung befchleunigten. Was England mit dem South- Kenfington- Muſeum und feiner Schule gefchaffen, was in den Hauptftädten von Frankreich und Deutfchland angeftrebt und Rufsland mit feinen Muſeen und Kunftſchulen in Petersburg und Moskau eingerichtet hat, das hat Oefterreich in feinem Muſeum für Kunft und Induftrie gegründet, nämlich dem Reiche einen nothwendigen Centralpunkt für diefe Bewegung. Durch die Hebung des Unterrichtswefens im Allgemeinen, welche fich im letzten Jahrzehent in Oefterreich vollzog, wurde denn auch der Zeichenunterricht in den Schulen für allgemeine Bildung allmälig feiner eigentlichen Beftimmung näher gerückt und hatten wir es anderen Staaten voraus, dafs diefer Gegenftand an unferen Realfchulen, welche wohl ehedem überwiegend technifche Bildung im Ziele führten, von vorneherein als obligatorifch eingeführt wurde und fo eine fefte Bafis gewonnen hatte, auf welcher das Methodifche fich im Laufe der Jahre klären konnte. Die höhere Bedeutung des Zeichenunterrichtes an den Mittelfchulen wurde von Seite der Kunftwiffenfchaft immer mehr und mehr betont; nicht blofs auf das Technifche und die Induftrie follte er Einflufs nehmen; feine gröfsere Aufgabe follte vielmehr darin beftehen, unfere junge Generation zum Verſtändniss der Formenfprache im Allgemeinen zu erziehen, ihren Augen das Schöne in der Natur und Kunft zu erfchliefsen und dadurch den Geift zu bilden und den Gefchmack zu veredeln. Die Errichtung der Realgymnafien, in welchen diefer humaniftifche Theil des Zeichnens ausgefprochener zur Geltung zu kommen hatte, drängte die Frage weiter in den Vordergrund und auch an der Realfchule forderte fie ihre Löfung, als mit dem Jahre 1870 fich ihre Reorganiſation zu Gunften der humaniftifchen Fächer vollzog. Einem Sprichworte nach führen wohl alle Wege nach Rom, und wer fich feines Zieles bewufst ift, wird es, früher oder fpäter, erreichen. Am Meiften wird diefs fliegende Wort in der Kunft angewendet, wo eben das Individuelle meift am Ausgefprochenften hervortritt und doch allerwärts nur ein Ziel ,,, die Wahrheit" angeftrebt wird. Anders verhält es fich jedoch mit dem fyftematiſchen Kunftunterrichte in der Schule; hier find zur Verwirklichung ausgefprochener Tendenzen für das Allgemeine fixe Normen in pädagogifcher Beziehung eine unumgängliche Nothwendigkeit. Nicht Künftler im eigentlichen Sinne follen erzogen werden, fondern gefchulte Denker, die fowie in der Zeit auch im Raume 4 J. Langl. fich Vorftellungen bilden können und durch die Kunftübung zum Begreifen der Kunft befähigt werden. Die Erfahrung hat in diefer Richtung in Oefterreich ftets ihren Einfluss auf die betreffenden Gefetze geltend gemacht, und wenn wir diefe von den fünfziger Jahren an bis zur Gegenwart überblicken, fo fehen wir, wie fich die Lehrpläne für das Zeichnen an den Mittelfchulen allmälig präcifirten und die gefetzlichen Normen auch den methodifchen Theil desfelben in ein einheitliches Geleife zu bringen fuchten. Die letzte diefsbezügliche Verordnung datirt vom 1. September 1873 und enthält für die Volks- und Mittelfchulen den detaillirten Lehrplan für das Freihand- Zeichnen mit den oben dargestellten Tendenzen.* Das Hauptgewicht ift darin auf das Zeichnen plaftifcher Modelle gelegt, und wird es nun die Sorge der Regierung fein müffen, für die Kunfterziehung auf diefem Wege auch den nöthigen Apparat an Unterrichtsmitteln den Anftalten zugänglich zu machen, ein Punkt, welcher auch vom„ kunftwiffenfchaftlichen Congreſs" befonders betont wurde. Die Erfahrungen, die auf der Weltausftellung in Bezug auf den Zeichenunterricht neuerdings gemacht wurden, dürften wohl zur Förderung des guten Princips in mancher Hinficht dienlich fein, und fei es dem Referenten geftattet, hier in kurzem Umrifs den Standpunkt darzulegen, zu welchem er durch eigene pädagogifche Erfahrung und durch den Einblick in die Refultate der auf der Weltausstellung vertretenen diverfen Unterrichtsanftalten gekommen ift. Darüber ift wohl die ganze zeichnende Welt einig, dafs im Unterrichte auf der erften Stufe mit den geometrifchen Formen begonnen und vorerft das Ornament bis zu einem gewiffen Grade gefchult werden mufs, bevor zum Figuralen übergegangen werden kann. Meinungsdifferenzen finden fich nur in Bezug auf Methodik; nämlich ,, wie foll der eine und der andere Theil gelehrt werden", auf das Ausmafs derfelben und die hiezu zu verwendenden Modelle. Das Ornament, fo lange es im wahrften Sinne des Wortes Ornament bleibt, und fich nicht in die variablen Naturformen wie in der Barokzeit verliert, conftruirt fich ftets in einem beftimmten Tact, welcher für die Form Gefetz ift. In der Art diefer rythmifchen Entwicklung, gleichfam in der Eigenthümlichkeit des Wachsthumes des Ornamentes liegt die Charakteriſtik der verfchiedenen Stile; deshalb ift es für den Unterricht unumgängliche Nothwendigkeit, foll der Schüler in den Organismus diefer Formenwelt Einblick erhalten, dafs der Lehrende die Geftalten felbft entwickelt: alfo an der Tafel vorzeichnet. Keineswegs wird aber das Heil der äfthetifchen Erziehung allein in der Kenntnifs aller vorhandenen Ornamentenftile zu fuchen fein; die formale Bildung wird diefs fordern; die Weiterentwicklung der äfthetiſchen Bildung aber wird nur in dem Studium des Beften, was die Völker des Erdballes bisher gefchaffen, fich vollziehen, und werden in der Auswahl der Motive für den Unterricht die hellenifchen, römifchen und Renaiffance denkmäler in erfter Linie zu beachten fein; nebenbei wird aber auch die Natur, die Quelle aller ornamentalen Formen, berücksichtigt werden müffen. Da aber das Ornament ein wenn auch nicht leb- fo doch feelenlofes Gebilde ift, und das Studium desfelben zum Verftändnifs der Kunft in den Schulen für allgemeine Bildung nur als ein techniſch vorbereitendes betrachtet werden mufs, fo wird, fobald der Schüler diefe, Formen im Rythmus" correct wiederzugeben verfteht, und das Techniſche im Darftellen hinter fich hat, das eigentlich bildende Studium der geiftig gehaltvolleren Formen in der menfchlichen Geftalt anzutreten haben. Hier lernt er Seelen durch die Formen kennen, lernt Charaktere fondern, und zugleich die Kunft in ihren Meisterwerken kennen, indem er nach ausgewählten Muftern fich die Technik im Vortrag aneignet. Die neueren franzöfifchen Vorlage. werke gehen alle von diefem Standpunkte aus, und ein unfchätzbares Hilfsmittel befitzt die Gegenwart in den Facfimile Reproductionen in der Photographie. Der Weg im figuralen Zeichnen mufs vom Charakteriftifchen, dem Grellen, Auffallen* Zu vergleichen der Bericht des k. k. Unterrichtsminifteriums über die Collectiv usftellung des öfterreichifchen Unterrichtes S. 409 ff. 5 Der Zeichen- und Kunftunterricht. 5 den zur claffifchen Ruhe der Antike führen. Die Formen eines Phidias werden auf der erften Stufe des figuralen Zeichnens fo wenig am Platze fein, wie die Werke eines Sophokles oder Aeschilos in einem Elementar- Lefebuche. Wenn in vielen Schulen doch damit bisher begonnen wurde, fo blieb eben das figurale Zeichnen nur Ornamentenzeichnen in anderer Art, und konnte ein feineres Auffaffen der Natur des Menfchen, ein Eingehen in das Seelifche nicht ftattfinden. Als Vorfchule für die Antike gehören die Meifterleiftungen des XV. und XVI. Jahrhundertes. Leonardo's Apoftel, Rafael's Köpfe aus der Camera della Segnatura etc., find Modelle, welche in ihren Formen der Phantafie der Jugend näher liegen, da diefs Geftalten find, in welchen Leben pulfirt; die Schönheit eines Zeus Otricolli zu begreifen, gehört einer höheren Stufe an. So vielfach fich auch Anatomen und Künftler ehedem beftrebt haben, die menfchliche Geftalt nach einem beftimmten Canon zu conftruiren und ein Proportions- Ideal zu fchaffen, welches den äfthetifchen Anfchauungen als Grundlage dienen follte, hat doch die Kunft dies nie acceptirt und foll es auch nicht für den Unterricht werden. Wenn von Proportio nen im figuralen Zeichnen die Rede fein foll, fo hat fich diefe ausfchlieslich auf die Wachsthumsgefetze der Knochen zu beziehen, auf die beſtimmten anatomifchen Grundfätze, worin die neuere Forfchung diefer Wiffenfchaft für die Kunft fo fchöne Refultate geliefert hat; aber jedes hohle Recept für das Allgemeine, welches mit den Gefetzen der Natur im Widerfpruche ftehen mufs, ift ferne zu halten. Birgt fie doch noch fo viele Geheimniffe in ihren Differenzen, die in der Jugend, in der Zeit der frifcheften Eindrücke, der tiefften Empfänglichkeit den Geift zum Nachdenken anregen. Das Wahrnehmenlernen des Geiftig Individuellen in den Formen der Natur wird demnach der eigentliche Zweck des figuralen Zeichnens für alle Stufen desfelben fein. Hat es doch kein Lehrer der anderen Fächer fo in den Händen, fich individuell mit jedem einzelnen feiner Schüler zu befaffen wie der Zeichenlehrer. Hier kann der Schwächere, langfamer Arbeitende fo pädagogifch correct zum Ziele geführt werden, wie der Talentirte, da das Vorzutragende, fobald die Hand des Schülers durch das elementare Ornamentenzeichnen frei geworden ift, in den fertigen Vorbildern liegt, und der Vortrag des Lehrers bei der Correctur gefchieht. An diefer Stelle kann er das Individuelle des Schülers berücksichtigen und zugleich den äfthetiſchen und kunftwiffenfchaftlichen Intereffen nach Mafsgabe Rechnung tragen. Der Berichterstatter glaubt in Bezug auf Befprechung der ausgeftellten Schülerarbeiten von Volks-, Bürger- und Mittelfchulen auf die im Auftrage des k. k. öfterreichifchen Unterrichtsminifteriums verfafsten Berichte des Herrn Profeffors Prandauer und des Herrn Regierungsrathes E. Walfer verweifen zu dürfen, da im Wefentlichen hier nur eine Wiederholung derfelben ftattfinden würde. Es genüge eine kurze Skizze der Wahrnehmungen zur allgemeinen Charakteriftik. In den Volksfchulen wird gröfstentheils nach ganz richtigen Grundfätzen vorgegangen, und lagen aufser den Wiener Schulen befonders von jenen der gröfseren Provinzftädte mitunter muftergiltige Arbeiten vor. Dafs noch hie und da( vorzugsweife in Steiermark und füdlicher hinab) das„ Bildchenmachen" gepflegt wird, ift eben nur dem Umftande zuzufchreiben, dafs noch nicht überall Lehrer vorhanden find, die im Zeichnen die nöthige Vorbildung befitzen. Solchen Uebelftänden wird am beften durch die Einführung der ftigmographifchen Hefte entgegengetreten, was fich in einem grofsen Theil der Volksfchulen Böhmens, wo fich ebenfalls des Zeichnens unkundige Lehrer befanden, ganz gut bewährte. Das Streben, das für die erfte Unterrichtsftufe anerkannt einzig richtige Syftem, nämlich von den geradlinigen geometrifchen Formen zum freien Contur- Ornamente * II. B. S. 127 ff. u. S. 405 ff. 6 J. Langl. vorzugehen, dnrchzuführen, zeigt fich allerorts in der erfreulichften Weile, und ift die Thätigkeit, welche die öfterreichiſche Lehrerwelt im Schaffen von diesbezüglichen Vorlagewerkenentwickelt, rühmlichft hervorzuheben. Zahlreiche Arbei ten, die, dem guten Principe folgend, im Wefentlichen wenig Verfchiedenheit zeigten, lagen neben den bereits publicirten noch in Handzeichnungen vor. Die ftigmographifche Methode wird vielfach mit gutem Erfolge in der erften Stufe des Unterrichtes angewendet. Getheilter wird das Zeichnen an den Bürgerfchulen betrieben, wo befonders in Böhmen an manchen Anftalten die Wahl der Vorlagen Vieles zu wünſchen übrig läfst. Dagegen lagen von den mährifchen, fchlefifchen und öfterreichischen Anftalten diefer Kategorie gröfstentheils gute Arbeiten vor. An den Lehrer- Bildungsanftalten, wo in erfter Linie das Contourornament zur Geltung zu kommen hat und Uebungen darin mittelft Tafelzeichnens zu pflegen find, wird diefem auch meiftens in entſprechender Weife Rechnung getragen, nur find vielfach noch ältere Ornamentenfchulen ohne ausgefprochenen Stil in Verwendung, und werden auch Köpfe im Schatten nach Julien und dergl. gezeichnet, was dem exacten Formenftudium mehr Eintrag thut, als Nutzen fchafft. Mufterhaft hatte die deutfche Lehrer Bildungsanftalt in Prag den correcten Lehrgang in ihren Schülerarbeiten dargestellt. Die Realfchulen waren faft durchwegs mit vorzüglichen Leiftungen vertreten und obenan ftanden hierin die Anftalten von Wien felbft. Die Lehrmethoden fanden fich mit geringen Verfchiedenheiten, die eben aus den individuellen Anfchauungen der Lehrer und oft auch örtlichen Verhältniffen der Schulen hervorgehen, faft überall gleich, und haben zum grofsen Theil fchon die neueren befferen franzöfifchen Vorlagewerke und die vom öfterreichifchen Mufeum für Kunft und Induftrie publicirten Modelle etc. Eingang gefunden. In den böhmifchen Realfchulen, welche noch nach dem alten Syftem eingerichtet find, wird noch übermäfsig Bau- und Situationszeichnen getrieben. Im Freihand- Zeichnen waren die Refultate durchfchnittlich gut, nur war es auffallend, dafs bei Zeichnungen nach Gypsmodellen mit zwei Kreiden faft durchwegs viel zu dunkle Papiere benützt werden, auf welchen die Formen nur hart und gequält dargestellt werden können. In der Wahl der technifchen Mittel find für alle Welt die Franzofen noch immer muftergiltig. Viele Schulen und darunter vorzüglich die Prager hatten auch fehr klar den Lehrgang illuftrirt. Nur einige Anftalten des öftlichen und nordöftlichen Böhmens hatten den Zweck der Ausftellung verkannt und Schauobjecte geliefert, worunter theilweife die gewaltigften Verirrungen in Bezug auf Gefchmack und pädagogifche Erziehung des Formenfinnes vorkamen. Das ornamentale Zeichnen wird meift viel beffer betrieben als das figurale, was aber nur zu oft dem Mangel an guten Vorlageblättern zuzufchreiben ift. Es fehlen überall für die erfte Stufe, wie fchon oben erwähnt, naturaliftifch aufgefafste Contourftudien, durch welche der Schüler allmälig zu dem mafsvollen Schönen der Antike geführt würde. Der Weg durch Julien's ,, Etudes d'apres l'Antique" zeigt keine günftigen Refultate. Die Formen find an und für fich zu nüchtern, als dafs fie anregen würden und dann zu manierirt im Vortrag, als dafs ein Nutzen in diefer Hinficht erzielt werden könnte; und gerade der Vortrag mufs im figuralen Zeichnen nach gediegenen Muftern ftudirt werden, da er in fo viele Nuancen zerfällt, die durch die Empirie nur fchwerfällig, aus einer Befchreibung aber nie gelernt werden können. Wenn hie und da gute Handzeichnungen von den betreffenden Lehrern oder Photographien nach folchen benützt wurden, fo überrafchten in der Regel die Erfolge. Der„ Cours de dessin" von Ch. Bargue, zweiter Theil, ift in Bezug auf das Vortragsftudium für die höheren Claffen der Mittelfchulen bis jetzt das Empfehlenswerthefte. In den Realgymnafien herrfcht im Zeichenunterricht noch grofse Verfchiedenheit. An den Wiener Anftalten kommen die Erfolge denen der Unterreal Der Zeichen- und Kunftunterricht. 7 chulen gleich; nur zeigten fich in Bezug auf das Ausmafs des ornamentalen und figuralen Zeichnens grofse Differenzen. In anderen Anftalten wird zwar meift der Lehrgang der Realfchule feftgehalten, aber das Syftem wird, da der Gegenftand für einen Theil der Schüler in den höheren Claffen facultativ ift, meift fallen gelaffen, und das Angenehmere dem Nützlichen vorgezogen Von den gewerblichen Fortbildungsfchulen waren vorzugsweife die Wiener mit ganz tüchtigen Leiftungen, fowohl im Zeichnen als Modelliren, vertreten. Eine Reform derfelben ift foeben im Vollzuge, und dürften in der Zukunft diefe Anftalten mit weniger Schwierigkeiten zu kämpfen haben, als es bisher der Fall war. Durch die Errichtung von vorbereitenden Claffen werden die Schüler gleichmäfsiger vorgebildet in diefen nun mehr höheren Curfen erfcheinen, und wird hoffentlich die oft gerügte ungleiche Frequenz durch zweckmäfsige Mafsregeln von Seite der Behörden behoben werden. Von den eigentlichen Gewerbefchulen waren nur einige mit Schülerarbeiten in der Collectivausftellung des öfterreichifchen Unterrichtswefens repräfentirt. Darunter glänzten die Bau- und Mafchinen- Gewerkfchule in Wien und die Gewerbefchule in Prag. Der gröfsere Theil der eigentlichen Fachfchulen hatte, als vom k. k. Handelsminifterium fubventionirt, im Pavillon des Welthandels ausgeftellt. Da diefelben in dem Berichte der Commiffion der Collectivausftellung nicht einbezogen wurden, fo ift hier auf ihre Leiftungen eingehender Bedacht zu nehmen. * Das Gewerbedepartement bildete die VI. Gruppe in der vom k. k. Handelsminifterium veranstalteten Ausftellung, und war in Betreff der diefsbezüglichen Schulen über die örtliche Vertheilung derfelben in den cisleithanifchen Kronländern eine Ueberfichtskarte ausgeftellt. Es war daraus erfichtlich, dafs bis jetzt der Norden Böhmens die meiften derartigen Anftalten befitzt; zunächft kamen Schlefien und Mähren; in den übrigen Kronländern vertheilten fich( mit Ausnahme Galiziens) die Zahlen relativ ziemlich gleich. Beigeftellte Tabellen gaben über die Errichtung der einzelnen Schulen nähere Auskunft, und zeigte es fich, dafs vor dem Jahre 1872 im ganzen Reiche deren blofs zehn beftanden, und zwar zu Reichenbeng, Steinfchönau, Wien, Bielitz, Brünn, Auffig, Haida, Gablonz, Hallein und Afch. Seit dem Jahre 1872 find 23 neu errichtet worden, und zwar in Rumburg, Graz, Rietz, Znaim, Innsbruck, Imft, St. Ulrich( im Grödenthal), Gablonz, Hochftadt, Landskron, Rochlitz, Rothmühl, Gmünd, Tachau, Walkern, Mondfee, Zwittau, Hallftadt, Graslitz, Schönbach, Petrowitz, Carlftein und Hohenelbe.** Im Nachftehenden feien die Refultate der einzelnen Anftalten im Kurzen fkizzirt. Glasinduftrie- Schule in Steinfchönau( errichtet 1855). In der allgemeinen Schule wird in drei Gruppen( oder Stufen) gezeichnet, und zwar in Gruppe I Compofitionen von Verzierungen auf Grundlage der geometrifchen Formenlehre( Linearzeichnen); in Gruppe II Compofitionen von Verzierungen gothifcher Ordnung in beftimmte Räume( freie Blattornamentik mit der Feder gezeichnet), und in Gruppe III Renaiffance- Ornamente. In der Abtheilung für Lehrlinge werden neben elementaren Ornamenten Blumen nach franzöfifchen Origi nalen, die vom öfterreichifchen Muſeum publicirten ,, Renaiffance- Intarfien", dann vorzüglich Gefäfsformen( nach diverfen Mufeen) und auch figurales Zeichnen ( nach Julien) geübt. In der Abtheilung für Meifter und Gehilfen wird das Zeichnen in derfelben Weife fortgefetzt, und waren fowohl von Zeichnungen als plaftifchen Arbeiten die gediegenften Leiftungen vorhanden. Auch die aus* Mit Ausnahme der Manufactur- Zeichenfchule und der Baugewerk Schule von F. Märtens in Wien. ** Aehnliche Anftalten werden im laufenden Jahre in bedeutender Anzahl noch weiter eröffnet. 8 J. Langl. geftellten Glasgefäfse waren fehr gefchmackvoll und zeigten ein allmäliges Verlaffen des alten franzöfifchen Stiles in dem Einkehren zur Renaiffance. Leider wird an der Volksfchule des Ortes, welche für die Fachfchule im elementaren Zeichnen vorbereiten foll, nicht nach dem richtigen Syftem vorgegangen; es wird theils mit Zirkel und Lineal gearbeitet, dann aber wieder die Landfchaft cultivirt. Die Zeichnen- und Modellirfchule für Glasinduftrie in Haida( errichtet 1870), hatte ganz vortreffliche Leiftungen, fowohl im Zeichnenfach als in den praktiſch ausgeführten Glasarbeiten vorgelegt. Die Anftalt verfügt jedenfalls über bedeutende Kräfte, und wäre es nur zu wünfchen, dafs im Grofsen und Ganzen der Unterricht fyftematifcher betrieben würde. Leider wird auch hier fchon in der Stadtfchule auf der erften Stufe das Ornament zu wenig gepflegt und nach den verwerflichen" Hermes- Vorlagen" die Landfchaft und die Blumen gepflegt. Der Talentirtere bricht fich am Ende auch auf diefem Wege Bahn zur technifchen Fertigkeit, bleibt aber dennoch immer mehr oder weniger Dilettant, was felbft bei den bedeutenderen Arbeiten der Lehrlinge und Gefellen der Fachſchule hier bemerkbar ift. Dafelbft werden Blumen nach franzöfifchen Muftern gut copirt, nur mangelt meift das richtige Verſtändnifs für Licht und Schatten, da im Ganzen zu wenig nach Gyps gezeichnet wird. Auch„ Julienköpfe" ( mit zwei Kreiden) find in Verwendung, die mitunter wahrhaft virtuos copirt waren; das Formenverftehen wird aber dadurch nicht gefördert. Mit fehr viel techniſcher Gewandtheit waren( ebenfalls nach franzöfifchen Muftern) einige Aquarellköpfchen copirt. Auch Blumenftücke nach Farbendruck- Bildern verdienen, was die Mache anbelangt, volles Lob. Die Schule arbeitet noch ganz im franzöfifchen Gefchmack; für die neuere Richtung mangeln ihr gediegene Vorlagen. Zeichnen und Modellirfchule für Thoninduftrie in Znaim ( errichtet 1872). Die Anftalt ift erft im Entſtehen begriffen und daher begreiflich dafs die Leiftungen fich noch im Befcheidenen hielten. Der Lehrgang und die hiezu verwendeten Originale waren gut. Die Zeichnen- und Modellirfchule für Glasquincaillerie in Gablonz( errichtet 1870) war im Ganzen mit fehr lobenswerthen Arbeiten vertreten. Die verwendeten Modelle und Vorlagen( meift vom öfterreichiſchen Mufeum) kennzeichneten das Streben der neueren Richtung. Auch fanden fich hübfche Blumen- und Landfchaftszeichnungen( Calame). Ein Mangel war nur in Bezug auf Technik im Gypszeichnen bemerkbar; es wird nämlich mit Kreide auf weifsem Papier in Strichmanier gezeichnet und zu früh zum Figuralen übergegangen. Die praktiſchen Refultate der Anftalt verdienen volle Anerkennung. Seit 1872 ift mit der Anftalt auch eine Fachfchule für Glaschemie verbunden. Von der Holzfchnitz- Schule in Gröden waren. ornamentale Schnitzwerke und ein in anatomifcher Beziehung ganz correcter ,, Chriftus auf dem Kreuze" ausgeftellt. Aus der Lehr- Werkstätte für Holzfchnitzerei( des Sebaftian Steiner) in Innsbruck( errichtet 1872) waren ornamentale Sachen, Thierftücke und kleinere Figuren ausgeftellt, die in technifcher Beherrfchung des Materiales nichts zu wünſchen übrig liefsen, aber ganz im traditionellen Schweizer Stil gehalten waren. Lehr- Werkstätte für Holzinduftrie in Imft( errichtet 1872). Im Ornamentalen ift das Streben nach Stil wahrnehmbar; nur find die Formen noch etwas schwer und breit; im Figuralen lagen fehr nette Studien vor und ift es fehr lobenswerth, dafs antike Mufter dazu gewählt werden. Die Holzfchnitz- Schule in Mondfee und die Fachfchule für Holzfchneiderei und Marmorinduftrie in Hallftadt find noch junge Anftalten und haben vorerft den Elementar- Zeichenunterricht zu pflegen, von welchem auch recht anftändige Refultate vorlagen. Der Zeichen- und Kunftunterricht. 9 In der Holzfchnitz- Schule zu Hallein( errichtet 1871) wird das Zeichnen in zwei Abtheilungen gelehrt und zwar in Claffe I das Ornament( nach Herdle und Taubinger) geübt, und in Claffe II dasfelbe nach einfachen Gypsmodellen in Schatten fortgefetzt; bei letzterem mangelte die nothwendige Technik. Die Modellirungen waren recht nett. In den Holzarbeiten herrfcht zwar der naturaliftifche Schweizer Stil noch vor, doch find hie und da Anklänge an feftere( Renaiffance-) Formen fchon bemerkbar. Die Zeichnungen der Holzfchnitz- Schule in Gmünd zeigten theilweife ganz hübfche Refultate, doch gewährten fie keinen Einblick in die Lehrmethode, da ganz Mangelhaftes unmittelbar neben dem Vollkommenen lag. Die erft feit Jänner 1873 eröffnete Holzfchnitz- Schule in Wallern ( Böhmen) zeigte in ihren vorgelegten Schülerarbeiten, dafs der dafelbft im Zeichnen eingefchlagene Weg der ganz richtige ift. Die Ornamente mit Bleiftift und Feder waren correct und nett durchgeführt. Etwas fchwächer hielten fich die Linearzeichnungen. Auch von der Schule für Holzinduftrie in Tachau lagen hübfch gezeichnete Ornamente und Blumen vor, fo wie fehr fleifsig gearbeitete Modelle von Holzverbindungen. Die höhere Webefchule in Gumpendorf( Wien) hatte in umfangreicher Weife ihren Lehrgang durch die Schülerleiftungen dargestellt. Die Zeichnungen, durchgehends Stoffdeffins etc. zeigten auch ftets die Uebertragung auf den Webeftuhl. Ueberrafchende Arbeiten hatte auch der Wiener Frauen- Erwerbverein ausgeftellt. Diefelben beftanden in farbigen Flachornamenten und Blumen, von welch' letzteren wahre Virtuofenftücke in Deckfarbe vorlagen, fo dafs die Kühnheit der Pinfelführung kaum Mädchenhänden zuzutrauen war. Die höhere Baugewerkfchule des Ferd. Märtens in Wien hat die Beftimmung, einem möglichft grofsen Theile, auch den ärmeren, und durch Umstände minder vorgebildeten Lernbegierigen Gelegenheit zur fachlichen Ausbildung zu geben. Ihrer Aufgabe als Fachfchule entſprechend, wird nur das ihrem fpeciellen Zwecke Dienende, gelehrt, welches darin befteht, tüchtige Meifter, Bauleiter, Poliere, Werkmeifter etc. heranzubilden. Die Anftalt befteht aus einer Vorbereitungsfchule und drei Fachſchulen, und zwar für Maurer, Steinmetze und Zimmerleute; fie erhielt fich Anfangs aus Privatmitteln, wurde aber ihrer Erfolge wegen zur bedeutfameren Entfaltung im Jahre 1868 von der Commune und im Jahre 1872 auch vom Staate fubventionirt. Die Schule hat feither unter ftets fteigender Frequenz einen erfreulichen Auffchwung genommen und fich auch in Betreff der nöthigen Hilfswiffenfchaften nach verfchiedenen Richtungen in zweckdienlicher Weife ergänzt. Die vorgelegten Refultate gaben der trefflich geleiteten Anftalt neuerdings das befte Zeugnifs und rechtfertigten den Ruf, welchem fie feit Jahren bereits genügt. Von der Wiener Uhrmacher- Fachfchule find nette Linearzeichnungen( Mechanik) zu erwähnen; fonft hatte die Anftalt nur ihre treffliche Collection. diefsbezüglicher Wandtafeln für den Unterricht ausgeftellt. Sehr lobenswerthe Refultate hatte die mechanifche Lehr- Werkftätte in Klagenfurt aufzuweifen. Es wird dafelbft mit den gewöhnlichen geometrifchen Zeichenübungen begonnen und allmälig auf einfache Conftruction. von Maſchinentheilen etc. übergegangen, was fich dann progreffiv auf complicirtere Gegenstände fortfetzt. Auch nett gearbeitete praktiſche Leiftungen in kleinen Modellen von Mafchinen find lobend zu erwähnen: Die Webefchule in Rumburg( befteht erft feit dem Jahre 1872) brachte durchgehends ausgezeichnete Refultate zur Anfchauung. In zahlreichen Portefeuilles wurde der correcte Lehrgang klar dargelegt, welcher vom Contour ornamente( Herdle) ausgeht und allmälig zu complicirten farbigen Flachornamenten fortfchreitet; an der Schule find die neueften und beften Vorlagewerke in 10 J. Langl. Verwendung, und wird befonders auf das exacte Studium der verfchiedenen Stile Werth gelegt. Auch das Linearzeichnen zeigte den beften Erfolg. Schon von früher her allenthalben vortheilhaft bekannt find die Leiftungen der mährifchen höheren Webefchule in Brünn. Im Mufterzeichnen. wird mit Herdle's Ornamenten und Naturblumen begonnen, daran fchliefsen fich Studien der Farbenfcalen, Nomenclaturen etc., Uebungen in Muftern mit Streif und Meliereffecten, Blumenmalen mit Deckfarben in beftimmten Tönen mit Rückficht auf Anwendung für Druck und Weberei, Rofetten- und Palmettenftudien für Damaftbehandlung, Patronenübungen etc. In dem höheren Jahrgange werden dann complicirtere Ornamente mit Farbe in allen Stilen für die verfchiedenen Zwecke der Weberei geübt. Es darf wohl nicht erft hervorgehoben werden, dafs in all' diefen Zweigen Meifterhaftes vorlag und die Schule in ihrer Kategorie in Oefterreich entfchieden den erften Rang einnimmt. Als Lehrer ift an der Anftalt Herr Georg Rödel thätig, nach deffen Originalentwürfen auch gröfstentheils gearbeitet wird. Es lagen von dem bewährten Meifter auch zahlreiche Handzeichnungen in Skizzen für textile Induſtrie vor, fowie feine publicirten Ornamentenfchulen, die alle feine eminente Begabung für diefes Fach beurkundeten. Es feien hier auch die Entwürfe für Zeugdruck, Stickerei etc. von J. Holfelder erwähnt; fie verbinden die Renaiffanceformen mit dem noch beftehenden franzöfifchen Gefchmack. Die anderen Schulen hatten meift nur praktifche Arbeiten ausgeftellt, deren Befprechung nicht in diefes Reffort gehört. Von Zeichnungen find nur noch die Leiftungen der Schule des technifch- gewerblichen Muſeums in Krakau hervorzuheben Es lagen gut gezeichnete Ornamente und virtuos ausgeführte Gypsköpfe( in Kreide und Kohle) vor, die an technifcher, künft lerifcher Vollendung wohl nichts zu wünſchen übrig liefsen. Dem Bedürfniffe nach gewerblichen Zeichnenfchulen wird denn, wie fchon oben angedeutet, gegenwärtig in Oefterreich allerorts Rechnung getragen und dürfte deren Einfluss auf die verfchiedenen Induftriezweige gewifs bald in erfreulicher Weife zu Tage treten. Die bereits erzielten Erfolge der öfterreichifchen Kunftgewerbe auf der Weltausftellung können nur anregend in diefer Hinsicht wirken. Es fei dem Referenten hier geftattet, anknüpfend auch die Thätigkeit und die Erfolge der Kunft- Gewerbefchule des öfterreichifchen Mufeums für Kunft und Induftrie in einigen Worten zu berühren, da diefes Inftitut gleichfam als Mufter allen anderen voranzugehen hat und mit dem Muſeum felbft als die Centralftelle des kunftgewerblichen Unterrichts in Oefterreich zu betrachten ift. Die Ausftellung der Schülerarbeiten fand nicht im Weltausftellungs- Rayon ftatt, fondern im Mufeumgebäude felbft. Die reichen Sammlungen von Kunft- und kunftgewerblichen Gegenständen, welche der Schule zu Gebote ftehen, die tüchtigen Lehrkräfte, die an ihr thätig find, fowie die reichen Unterftützungen, welche die Studirenden( in Stipendien) geniefsen, mufsten ein rafches Emporblühen der Anftalt zur Folge haben. Dafs Induftrie- und Kunftmufeen ihren wahren Einflufs auf die Kunstgewerbe nur durch damit verbundene Schulen ausüben können, deffen wird man fich in neuerer Zeit überall bewusst und dürfte die Einrichtung unferes Inſtitutes mit den des South Kenfington- Mufeums als muftergiltig zu betrachten fein. Die Aufgabe der Schule ift es, für die Bedürfniffe der Kunftinduftrie tüchtige Kräfte heranzubilden, fomit werden jene Zweige der Kunft, welche mit den Gewerben in nächfter Verbindung ftehen, als die Hauptgegenftände des Unterrichtes betrachtet und bedingen die Gliederung der Anftalt. Diefe Zweige find: 1. Die Baukunft in ihrer Anwendung auf die Ausfchmückung der Gebäude; 2. die Bildhauerei; 3. das ornamentale und 4. das figurale Zeichnen und Malen in ihren Beziehungen auf die Kunstgewerbe. Der Zeichen- und Kunftunterricht. 11 Für noch nicht hinreichend gebildete Afpiranten der Fachschulen ift ein vorbereitender Curs eingerichtet. Eine Reihe von technifchen und wiffenfchaftlichen Nebenfächern verfchaffen den Zöglingen jene allfeitige Ausbildung, welche zu einem erfolgreichen Wirken im Kunstgewerbe nöthig ift. Aufser den ordentlichen Schülern haben auch Hofpitanten zur Vervollſtändigung ihrer künftlerifchen Ausbildung Zutritt. Die ausgeftellten Arbeiten gaben ein klares Bild von der Thätigkeit der einzelnen Schulen und den Tendenzen in Bezug auf die neuere Gefchmacks richtung. Es wird an anderer Stelle des Berichtes diefer Punkt eingehender befprochen werden, und fei hier nur hervorgehoben, dafs die Kunftſchule hierin in muftergiltiger Weife vorangeht. Aus dem vorbereitenden Curfe waren Zeichnungen nach figuralen und ornamentalen Modellen, aus der Stillehre, der Projections- und Schattenlehre, ferner der Perfpective und Anatomie ausgeftellt. Die Fachfchule für figurales Zeichnen war mit trefflichen Studien nach der Antike und dem lebenden Modelle und mit Draperieftudien( in verfchiedenen Darftellungsmitteln) repräfentirt. Die Bildhauer- Schule brachte Studien nach der Antike und dem lebenden Modelle; dann auch eigene Entwürfe. Defsgleichen lagen, neben Aufnahmen von vorhandenen kunftgewerblichen Gegenftänden, reizende Entwürfe aus der Architekturſchule vor; diefe Abtheilung glänzte auch in ihren praktiſchen Leiftungen, ( namentlich in Möbeln), die von den Schülern nach ihren eigenen Entwürfen ausgeführt waren. Die Schule für Ornamenten-, Thier- und Blumenmalerei hatte gleichfalls reizvolle Compofitionen ausgeftellt. Holz-, Email- und Porcellanmalerei war in fehr gelungenen Proben vertreten. Höchft intereffant waren ferner die Löfungen einer beftimmten Aufgabe( die auch im Texte vorlag) von verfchiedenen Schülern, für Sgraffito decorationen etc. Die Entfaltung der Kunftfchule auf dem Gebiete der praktifchen Arbeiten ift leider noch durch die gegebenen Räumlichkeiten eine zu begränzte und wird diefer wichtige Theil der Schule für die Beeinfluffung des Kunftgewerbes erſt im vollen Umfange zur Geltung gelangen, fobald das neue Gebäude der Schule bezogen werden kann, wo dann auch für das Studium der verfchiedenen tech nifchen Proceduren geforgt und Ateliers für Emailirung, Glas- und Porcellan malerei, Holzfchnitzerei etc. eingerichtet werden follen. Den zweiten Theil der Ausftellung bildeten die künftlerifchen Publicationen des Muſeums, welche aus Gypsabgüffen, galvanoplaftifchen Nachbildungen und Photographien beftehen, uud die feit feinem Beftehen veröffentlichten kunft wiffenfchaftlichen Schriften. Ungarn. " Eine Befprechung der ungarifchen Kunftunterrichts- Verhältniffe mufs fich vorläufig blofs auf das befchränken, was im Zuge" ift. Der gegenwärtige Stand derfelben ift gegenüber den Ländern im Weften noch ein äufserft primitiver. Ungarn hat fich noch lange mit den realen Bedürfniffen der Volksbildung zu befchäftigen, ehe den idealen wird Rechnung getragen werden können und hat vorerft von der Volks- und Mittelfchule aus das Allgemeine zu pflegen, bevor Specialdisciplinen in ihrer höheren Bedeutung an die Reihe zu kommen haben. Es ift daher fehr fraglich, ob die Anftrengungen, die von der Regierung aus in Bezug auf Kunftbildung im Lande allenthalben fchon gegenwärtig gemacht werden, rafch ihre Früchte bringen können; ob es nicht zweckdienlicher wäre, die gefammten Mittel dazu zu verwenden, für die nächfte Zukunft eine gediegene Bafis in Hinficht der allgemeinen Bildung zu fchaffen und den idealen Bildungselementen die nothwendige Zeit zur organifchen, naturgemäfsen Entwicklung zu laffen. Freilich müfste dabei die Nation noch geraume Zeit darauf verzichten, fich mit den anderen Staaten in den höchften Culturproductionen meffen zu wollen; 12 J. Langl. ift diefs aber heutzutage noch möglich?- Der Geift der Gegenwart reifst Alles mit fich fort, und wer ftille fteht, geht rückwärts! Ungarn mufs miteilen, fo gut es eben geht; hat aber forgfältig im Hintergrunde feine gewaltigen Lücken auszubauen, die eine brachgelegene Vergangenheit gefchaffen hat. Erft dann, wenn eine geiftige Communication nach allen Richtungen hergeftellt fein wird, ift ein reelles Produciren auf dem Gebiete der Kunft und Wiffenfchaft zu erwarten. Alles vorreife Zufammenraffen kann nur ein haltlofes Bild geben, welches entweder auf fremden Stützen balancirt oder im leeren Scheine brillirt. Die ungarifche Ausftellung mufste auf denjenigen, welcher es wahr mit der Sache nimmt, diefen Eindruck machen. So lange die magyarifchen Künftler ihre Ausbildung ausfchliefslich in auswärtigen Ländern erhalten, ift deren Kunft keine ungarifche; fo lange der Induſtrie ihre Formen und ihre gefchickten Arbeiter nicht im Lande felbft erzeugt werden, ift fie keine nationale. Das Streben, nationale Elemente zu veredeln, ift nach diefer Richtung überhaupt gar nicht vorhanden, trotzdem das Land einen bedeutenden Denkmäler- Reichthum und eine ganz originelle Volksinduftrie befitzt. Ungarn hat im letzten Jahrzehnt mehr für die Kunftpflege gethan, als früher in Jahrhunderten gefchehen war. Sammlungen wurden angelegt oder reorganifirt, Vereine zur Hebung der Kunft gegründet, Schulen errichtet, Stipendien creirt und reiche Aufträge heimifchen Künftlern gegeben. Die Früchte diefer Beftrebungen hat denn die Zukunft zu bringen. Als Centralftelle für die Pflege des Kunftunterrichtes im weiteren Sinne, wurde eine Anftalt ins Leben gerufen, welche in ihrer Organiſation den gegenwärtigen Verhältniffen entſprechend für die Hebung des genannten Bildungsgegenftandes vom wohlthätigften Einfluffe fein wird. Es ift diefs die königl. ungarifche Landes- Zeichnenfchule und das damit verbundene ZeichnenlehrerSeminar in Peft.( Eröffnet 1. November 1871). Es können Verordnungen und Gefetze im Unterrichtswefen zu keiner rationellen Durchführung gelangen, wenn nicht befähigte Lehrkräfte hiezu vorhanden find. Wenn auch fchon in der von der Königin Maria Therefia herausgegebenen„ Ratio educationis publicae" der Zeichenunterricht für die Elemen tar- und höheren Normalfchulen beftimmt erfcheint, fo wird man doch vergebens nach den Spuren irgend welcher Refultate fuchen. Es fehlten eben Lehrer und Lehrmittel. Diefem Mangel foll nun durch die neu ins Leben gerufene Anftalt vor Allem abgeholfen werden. Seit dem Beftehen der Realfchulen, in welchen der Zeichenunterricht eine bedeutendere Rolle zu fpielen hat, wurde das Bedürfnifs officielle Nothwendigkeit; überdiefs wurde in Ungarn der Zeichenunter richt obligatorifch an den Gymnafien eingeführt. Was nun die Einrichtung der genannten Schule anbelangt, fo war es ganz angezeigt, ihr mehr den Charakter einer höheren Kunftgewerbe- Schule mit befonderer Rückficht auf die freien Künfte zu geben, als den einer Kunftakademie, welche, wie fchon einmal der Verfuch lehrte, weder der Kunft noch der Induftrie unter den obwaltenden Verhältniffen viel Nutzen fchaffen würde. Die Direction wurde in die Hände des Herrn G. Keleti gelegt, welcher im Auslande die reichften Studien über den Kunftunterricht gemacht hat und nach feinen Erfahrungen auch die Schule organifirte. Der Hauptzweck diefer Lehranftalt ift es denn, Zeichnenlehrer zu bilden, welche den Forderungen der Gegenwart und den gefteigerten Bedürfniffen des Landes genügen; ferner auf die Entwicklung der heimifchen Induftrie durch kunft gewerblichen Unterricht fördernd und veredelnd einzuwirken, dann aber auch begabtere Schüler für den künftlerifchen Beruf gründlich vorzubereiten. Diefe vorgefteckten Ziele fucht die Anftalt theils durch praktiſche Anweifung in allen drei Fächern der bildenden Künfte, theils durch einfchlägige wiffenfchaftliche Lehrcurfe zu erreichen. Die Anftalt befteht fomit: Aus einer gemeinfchaftlichen Vorbereitungsclaffe. Der Zeichen- und Kunftunterricht. 13 Aus einer höhern Zeichenfchule, welche wieder in drei Fachclaffen zerfällt; nämlich: Für figurales Zeichnen und Malen; für architektonifches und ornamentales Zeichnen; für figurale und ornamentale Plaftik. Hiezu kommt die Abtheilung für Xylographie. Als Ergänzung des praktiſchen Unterrichtes dienen die Vorträge über Anatomie, defcriptive Geometrie, Perſpective, Schattenlehre, Kunftgefchichte und andere Fächer. Zur Fortbildung im Zeichnen für Gewerbetreibende, welche tagsüber durch ihren Beruf in Anspruch genommen werden, dient der regelmässige Abendcurs. In der Vorbereitungsclaffe werden nur folche Schüler aufgenommen. welche die Unterrealfchule, das Untergymnafium, eine Bürgerfchule oder eine höhere Volksfchule mit genügendem Erfolg befucht haben. Zur Aufnahme in eine der Fachclaffen ift erforderlich, dafs der Schüler entweder die Vorbereitungsclaffe der Anftalt oder die Volkslehrer- Präparandie oder eine der obigen Staatsanftalten mit gutem Erfolge befucht, aufserdem aber im Freihand- Zeichnen bereits eine entsprechende Fertigkeit erlangt habe. Die an diefer Anftalt vom Staate ftipendirten Zeichen Lehramts- Candidaten( zur Zeit 13, mit jährlichen 300 Gulden) haben aufser der Vorbereitungsclaffe einen dreijährigen Lehrcurs mit vorgefchriebenem Studienplan zu abfolviren, worauf diefelben einer Lehrerprüfung unterzogen werden, und je nach dem Erfolge der Prüfung ein Befähigungszeugnifs erhalten. Die Unterrichtsrefultate, welche von der Schule ausgeftellt waren, können als fehr befriedigend bezeichnet werden; fie zeigten durchwegs eine gediegene Auffaffung und im Vortrag eine freie, künftlerifche Behandlung, was in Bezug auf die kurze Zeit des Beftehens der Anftalt um fo anerkennenswerther ift. Defsgleichen waren die Arbeiten der Architekturabtheilung( im Linearzeichnen) mufterhaft zu nennen. An den Realfchulen mangelt es im Allgemeinen, wie erwähnt, eben noch an gefchulten Lehrkräften; eine Ausnahme hievon conftatirten übrigens die Leiftungen der Pefter und Ofner Anftalten. In erfter Linie ift hierin die BudaPefter ftädtifche Ober- Realfchule zu nennen. Die Arbeiten, obfchon fpeciell für die Ausftellung gewählt, zeigten einen feften, richtigen Lehrgang, eine forgfältige, vom künftlerifchen Verftändnifs geleitete Wahl der Originale und ein fachkundiges Handhaben der technifchen Mittel. Im Linearzeichnen waren leider zu viele Ausstellungsblätter vorgelegt, aus welchen wenig Einficht in den Lehrgang und die Methodik gewonnen werden konnte. Die Zeichnungen waren, befonders im Mafchinenfach, brillant aber nur zu brillant in der Farbe und in für die Schule übermäfsiger Ausführung. - Auch an der königl. Ofner Ober- Realfchule ift der Lehrgang ganz correct; doch mufste es zweifelhaft erfcheinen, ob die vorgelegten Arbeiten in der That als Refultate des Unterrichtes zu betrachten waren, oder ob damit blofs der Lehrgang gezeigt werden follte. Dasfelbe mufs vom geometrifchen Zeichnen gefagt werden, wo nach den noch beftehenden Einrichtungen auch Situations-, Bau- und Mafchinenzeichnen repräfentirt wurde, aber in einer Weife, dafs es für das Alter der Schüler bewunderungswürdig genannt werden müfste. Durch ganz gediegene und angemeffene Arbeiten war auch die Pefter Staats- Oberrealfchule vertreten; defsgleichen waren die Modellirungen von beiden Pefter königlichen Anftalten recht lobenswerth. Von den übrigen Schulen des Landes leuchteten die Leiftungen der Prefsburger Oberrealfchule am vortheilhafteften hervor; auch an der Kafchauer und Graner Realfchule wird nach gutem Syfteme gearbeitet, nur zeigte fich an der letztgenannten Anftalt wie an den meiften anderen der Provinz noch ein auffallender Mangel an guten Originalen; dasfelbe gilt auch von den meiften Anstalten 14 J. Langl. in Siebenbürgen, unter welchen nur die Mittelfchule zu Hermannftadt Befriedigendes zeigte. Von den Volksfchulen, die nunmehr in Ungarn fchon gefetzlich geregelt find, waren aufser der Pefter katholifchen Mädchenfchule( Landfchaften, Blumen etc.) keine Schülerarbeiten im Zeichnen ausgeftellt. Die Durchführung eines geregelten Zeichenunterrichtes in den unterften Schulen dürfte hauptfächlich in dem Mangel an gehörig dafür gebildeten Lehrern noch ihre Schwierigkeiten finden. Damit nach einem einheitlichen Syfteme allerorts vorgegangen werde, wurde von der Regierung ein Leitfaden für den Zeichenunterricht herausgegeben, nach welchem die Lehrenden fich zu halten haben. Wir wiederholen nur das am Eingange Ausgefprochene, dafs eben in Ungarn auf diefem Felde erft Alles im Zuge" ift und die getroffenen Einrichtungen vielleicht erft bei einer nächften Weltausftellung eine eingehende Kritik herausfordern dürften. Deutſchland. Dafs die deutfche Ausftellung diefsmal in der Induſtrie und Kunft bei der Concurrenz mit den anderen Staaten einen hervorragenden Platz einnahm, wird wohl jedermann ohne Frage zugeben. Die Maffe fowohl als die Vielfeitigkeit der Productionen zeigte, dafs es der Nation nicht an Reichthum von Talenten mangle, die höchften Ziele anzuftreben und dafs fie alle Mittel befitze, auch auf dem Wahlplatze der Arbeit die Siegespalme zu erreichen. Dafs diefs aber trotz aller Anftrengungen noch nicht gefchehen, dafs der„ Kampf in den Formen" noch immer zu Ungunften der Deutfchen ausfallen mufste, ift hauptfächlich den Mängeln des Kunftunterrichtes, dem Mangel der Kunftpflege überhaupt zuzufchreiben. Als mit Anfang diefes Jahrhunderts die deutfche Kunft fich in bedeutenden Talenten zu entwickeln begann und befonders von den baierifchen Fürften unterſtützt in monumentalen Aufgaben emporblühte, fpielte die Induftrie noch lange die untergeordnete Rolle, da einerfeits die vornehmen Wege der Kunft das Kunft- Handwerk wenig berührten, anderfeits aber der franzöfifche Gefchmack überall zu tiefe Wurzeln gefchlagen hatte, als dafs die Deutfchen mit Reformen der beftehenden Mode hätten opponiren können. So wenig nationalen Charakter die deutfche Induftrie feit der Entartung des Gefchmackes im XVII. Jahrhundert bis zum heutigen Tageim Allgemeinen- zu befitzen fcheint, fo find es dennoch die Elemente der älteren nationalen Kunft gewefen, welche fich gegen den Anfchlufs an die franzöfifche Richtung fträubten und, wenn auch verkümmert und vernachläffigt, ihre Eigenthümlichkeit bis heute bewahrten. Deutfchland hatte vor der Barokzeit in Kunft und Induftrie glänzende Epochen. Die deutfche Renaiffance, in welcher fich die überlieferten mittelalterlichen Formen mit jenen der Antike vermälten, bildet in ihrer reichen Entfaltung im XVI. Jahrhundert die eigentliche Bafis unferer natio nalen Kunft. In der Malerei löften fich die mittelalterlichen Elemente in der antiken Formenanfchauung vollends auf; ein edler Realismus entwickelt fich in der modernften Zeit neben den idealiftifchen Beftrebungen. Die Plaftik trägt die Spuren jener Zeit noch deutlicher an fich, ift aber ebenfalls im Begriffe, durch die Antike fich dem Realismus zuzuwenden. Die Architektur, welche zur Zeit in ihre gothifchen Formen die antike Decoration aufnahm, klärte fich in jüngfter Zeit wieder, als mit der vollſtändigen Wiedererweckung der griechifchen Kunft die Läuterung der Stile fich vollzog. Diefer Strömung in der Entwicklung der Künfte folgte aber, wie fchon angedeutet, nur ſchüchtern die Kunftinduftrie. Auf dem brachgelegenen Felde ging eher eine Löfung als weitere Verfchmelzung der an fich dualiftifchen Elemente vor fich. Das induftrielle Gefchick ift bei den Deutfchen damit nicht abhanden gekommen, aber der erfindende Geift mangelt, das Vorhandene weiter zu entwickeln. Der Zeichen- und Kunftunterricht. 15 Wer in den deutfchen Unterrichtsausftellungen die zahlreichen Portefeuilles mit Zeichnungen aus den verfchiedenen Kunftſchulen durchblätterte, konnte finden, dafs neben gothifchen und antiken Vorbildern vorzugsweife die Renaiffanceformen vertreten waren. Wo im felbftftändigen Schaffen aber der Verfuch gemacht wurde, diefe verfchiedenen Elemente zu vereinigen, ftörte bisher fo zu fagen mehr ein Stil den anderen, als dafs eine organifche Verfchmelzung derfelben ftattgefunden hätte. Für die Klärung der Ornamentik in der deutfchen Induftrie fehlt noch überall in den Schulen das fo nothwendige Studium der Natur und fpeciell der Pflanze; fo lange blofs Hergebrachtes copirt wird, kann von einer Entwicklung neuer Elemente nicht die Rede fein. Aus der Natur ift dann auch das Verſtändnifs für den Zweck des Ornamentes zu fchöpfen, nämlich das Beziehen zum Gegenftand und zum Materiale oder die Kunft zu lernen, das Harmonifche der Profaformen in die Formen eines rhythmifchen Aufbaues zu übertragen. Die deutſchen kunftgewerblichen Schulen ftehen mit der Induſtrie vielfach in regfter Wechfelbeziehung, und ift ihr Einfluss vielleicht ebenfo mafsgebend wie in Frankreich und anderwärts, was fchon daraus erhellen mag, dafs beiderfeits die gleichen Mängel und Vorzüge zu Tage treten. Die Erfahrungen, die von den Deutfchen auf den früheren Weltausftellungen in Bezug auf ihre Induftrie gemacht wurden, haben wohl langfam eine Wandlung im Gefchmack veranlafst, aber eine entfchiedene Reform ift bisher noch nicht durchgedrungen. Freilich fehlte bis vor Kurzem hiezu die ftaatliche Einheit und mit ihr ein nothwendig leitender und anregender Impuls von„ Oben" herab; dann aber, was fchon Gottfried Semper in feinen„ Vorfchlägen zur Anregung eines nationalen Kunftgefühles" bei Gelegenheit der erften Londoner Weltausftellung niederfchrieb;„ ein zweckmäfsiger allgemeiner Volksunterricht des Gefchmackes". Erft in der jüngsten Zeit beginnt fich's auf allen Seiten zu regen, und wenn die Zukunft rüftig weiter arbeitet, fo dürfte bald der Kunftunterricht feine ihm gebührende Stelle in der Schule einnehmen. Das Zeichnen, welches aufser den Kunftſchulen bisher blofs in den gewerblichen Fortbildungsanftalten, den Sonntags- und Abendcurfen etc. gepflegt wurde, findet nun auch fchon theilweife in den allgemeinen Unterrichtsanftalten Eingang, mit der Miffion, den Sinn für das Schöne in den Formen zu wecken. Vieles bleibt zwar in diefer Hinficht noch zu wünfchen und Vieles ift noch der Hoffnung anvertraut, die vollfte Anerkennung aber verdient fchon jetzt das energifche Streben der deutſchen Zeichenlehrer, welche fich mit dem regften Eifer um ihren Gegenftand annehmen und befonders in Bezug auf Methodik und zweckmäfsige Vorlagewerke für den elementaren Unterricht bereits Treffliches geleiftet haben. Zu bedauern war es nur, dafs auf der Ausftellung wenig Schülerarbeiten aus den Volks- und Mittelfchulen vorlagen; das Meifte bezog fich auf die Fach- und Fortbildungsfchulen, in welcher Hinficht( befonders aus Süd- Deutfchland) ein klares Bild der gegenwärtigen Beftrebungen gewonnen werden konnte. In den folgenden Berichten über das Ausgeftellte der einzelnen deutſchen Länder hat fich denn der Berichterstatter dem vorhandenen Materiale nach vorzugsweife an den gewerblichen, refpective induſtriellen Unterricht gehalten und von den Volks- und Mittelfchulen vielfach nur die auf den Gegenftand bezüglichen gefetzlichen Verfügungen, die aufgelegten Vorlagewerke und fonftigen Unterrichtsapparate der Befprechung unterzogen. Das Materiale war auch in diefer Hinficht ein fehr reiches und hatten überdiefs die meiſten Staaten darauf Bedacht genommen, durch fchriftliche Erläuterungen zu ergänzen, was wegen Raummangels oder anderer Umstände der Ausftellung ferngeblieben war. Baiern. Die Unterrichtsausftellung Baierns erftreckte fich über alle Kategorien von Bildungsanftalten, von der Erziehung des Kindes in den erften Lebensjahren an bis zu den technifchen und kunftgewerblichen Hochfchulen. Zahlreiche 2 16 J. Langl. ftatiftifche Tabellen, Programme etc. gaben über die Gefammtorganiſation des Unterrichtswefens und den gegenwärtigen Stand desfelben in der umfaffendften Weife Auffchlufs, fo dafs von jedem einzelnen Unterrichtszweige eine klare Ueberficht gewonnen werden konnte. Traditionell ruht der Schwerpunkt des Zeichenunterrichtes in Baiern in den kunstgewerblichen Schulen mit den Centralftellen in München und Nürnberg. Der Gegenftand dient faft ausfchliefslich den Gewerben, und wurden ihm aufser den praktiſchen, felbft bis in die neuefte Zeit, keine weiteren Abfichten unterlegt. Es darf wohl nicht auffallen, dafs in Baiern trotz des Aufblühens der Kunft an Akademien, trotz der zahlreichen von kunftfinnigen Königen gefchaffenen Sammlungen, Mufeen, Denkmäler etc. das Kunſtverſtändnifs im Volke noch vieles zu wünſchen übrig läfst, da die Erziehung dafür in den Schulen bisher gänzlich mangelte. Und diefs bleibt denn doch ftets der Hauptzweck des Zeichenunterrichtes, dafs das Auge für das Formenlefen und für das Begreifen derfelben erzogen werde. Seit die deutfche Kunft durch Cornelius wieder erweckt wurde, haben fich für diefen Unterrichtszweig nach genannter Richtung ja fo viele Bahnen erfchloffen, dafs es am meiften Befremden mufs, wenn in dem Lande, wo diefe Wiedergeburt der deutfchen Kunft fich vollzog, der Erziehung des Volkes dafür keine Beachtung gefchenkt wurde.„ Obgleich der Zeichenunterricht", fagt J. Bahm in feinem ftatiftifchen Handbuch des baierifchen Volksfchulwefens( 1872),„ fchon nach dem Lehrplan vom Jahre 1811 obligater Unterrichtsgegenstand der Volksfchule ift, wird er an den meiften Volksfchulen bis heute nicht gepflegt; nur in den gröfseren Städten wird er theilweife gelehrt, und ift es mehr als auffallend, dafs gerade in Nürnberg, der erften Gewerbeftadt Baierns, diefer Lehrzweig gar nicht cultivirt wird." Was von Schülerarbeiten aus den baierifchen Volksfchulen vorlag, zeigte auch bei den wenig bedeutenden Erfolgen keine ausgefprochene Methode. Eine Ausnahme bildeten hierin nur die Münchner Schulen, wo nach dem neuen Lehrplan vom Jahre 1872 fchon in der erften Claffe mit dem Zeichnen auf Schiefertafeln begonnen und in den nächften Claffen dann auf Papier von den einfachen geometrifchen Formen zum Conturornamente vorgefchritten wird. Den befferen Methoden fchloffen fich auch die Schulen von Kirchdorf und Aichbach an, in welch' letzterem Orte auch die ftigmographifchen Hefte mit Nutzen in Verwen dung ftehen. Es mag jedenfalls vielfach mit Urfache an der geringen Pflege des Zeichenunterrichtes in den baierifchen Volksfchulen die getheilte, unfyftematiſche Vorbereitung der Lehrer an den Seminaren fein Die vorgelegten Arbeiten zeigten diefs in auffälliger Weife. Das Gefetz für die Bildung der Lehrer vom Jahre 1866 fchreibt für die drei Curfe folgenden Gang vor: ,, I. Curs: Uebungen des Auges und der Hand im Zeichnen nach entſprechend grofsen Körpern mit ebenen Oberflächen; Erläuterung des Sehens und fonach erfte Andeutung über Perfpective; Uebungen von regelmässigen Curven und Spiralen als Grundform für Ornamentik. II. Curs: Zeichnen einfacher römifcher Ornamente nach Wandtafeln und, wenn thunlich, auch nach plaftifchen Vorlagen. Zeichnen der Proportionen des menfchlichen Kopfes und feiner Eintheilung in einfachen Umriffen. III. Curs: Fortfetzung der Uebungen im Zeichnen nach Wandtafeln und nach dem Runden. Zeichnen des menfchlichen Kopfes und feiner einzelnen Theile in verfchiedenen Gröfsenverhältniffen. Linearzeichnen: Auftragen, Theilen und Meffen gerader Linien, ebener Winkel und Figuren, Conftruction von Mafsftäben mit Beihilfe von Linealund Reifszeug." Die zahlreich vorliegenden Leiftungen der verfchiedenen Lehrerbildungs- Seminaren zeigten, dafs diefen Forderungen nur theilweiſe entfprochen wird; dabei waren von keiner Anftalt die Blätter in fyftematiſcher Folge geordnet, dafs ein Einblick in das methodiſche Fortfchreiten hätte gewonnen werden können. Auch der Mangel guter Originale machte fich vielfach geltend. Herdtle's für die Volksfchulen fo praktiſche Ornamente waren aufer den Anftalten zu Straubing und Rofenheim nirgends zu finden; meift werden ver Der Zeichen- und Kunftunterricht. 17 altete Idealformen copirt, die wohl an die Antike, die Renaiffance oder Gothik erinnern, aber in ihrer Laxheit eher die Tendenzen des Zopfthums vertreten; ebenfo fteht es mit dem figuralen Zeichnen, was übrigens nur nebenbei betrieben wird. Das Zeichnen nach Gypsornamenten zeigt dort Erfolge, wo gutes Conturzeichnen vorangeht; fo lagen ganz nette Arbeiten von den Seminaren zu Speier und Lauingen vor, nur fanden fich in den Portefeuillen der letzteren Anftalt auch verwerfliche Landfchaften. Zeichnungen nach Naturmodellen ( geometrifchen Formen) brachte das Seminar zu Kaiferslautern. Die Anftalten in Würzburg, Freifing, Bamberg und Eichstädt halten fich vorwiegend an das Conturornament; ausnehmend viel nach Gyps wird im Seminar zu Paffau gezeichnet, aber in einer wenig empfehlenswerthen Strichmanier, durch welche nie die Modulation der Form fo beherrscht werden kann, wie im Tonzeichnen. Bezüglich des geometrifchen Zeichnens ift von den genannten Anftalten zu erwähnen, dafs meift Projectionszeichnen in Anwendung auf einfache Architekturmotive, wie Säulen etc. betrieben wird; ein fyftematifches geometrifches Zeichnen ift noch wenig durchgeführt. Von J. Böhm lag ein Handbüchlein für ,, zeichnende Geometrie", fpeciell für die Lehramts- Candidaten verfafst, vor, welches in feiner bündigen Form fich zur Ausfüllung diefer Lücke beftens empfehlen dürfte. An den Realgymnafien Baierns wird das Zeichnen, wenn auch nicht mit bedeutenden, fo doch meift recht anftändigen Erfolgen gepflegt. Es werden faft ausfchliefslich Ornamente gezeichnet und auf ftrenge Conturen das Hauptgewicht gelegt. Die Vorlagen, halten fich an die Renaiffance und Gothik; Zeichenmittel find Bleiftift und Feder. Die erfte Claffe beginnt mit der geometriſchen Formenlehre, an welche fich in der zweiten Claffe freiere Conturornamente anfchliefsen; in der dritten und vierten Claffe wird dann das fchattirte Gypsornament geübt und mit den talentirteren Schülern auch das figurale Zeichnen berücksichtigt. Das baierifche Realgymnafium hat laut einer königlichen Verordnung vom Jahre 1864 die Aufgabe, neben einer allgemeinen wiffenfchaftlichen Fortbildung die entfprechende Vorbereitung für jene Berufsarten zu gewähren, welche eine nähere Vertrautheit mit den exacten Wiffenfchaften erfordern; es hat hiernach wefentlich den Studien für den technifchen Staatsdienft die nöthige Grundlage zu geben und fetzt, dem humaniftifchen Gymnafium parallel laufend, das Wiffen aus den vier Claffen der Lateinfchulen voraus. Es wird demnach auch dem Zeichnen ein bedeutenderer Spielraum eingeräumt, als diefs bei den Anftalten ähnlichen Charakters in Oefterreich der Fall ift, wo freilich die Zweitheilung im Unterbau liegt, die Richtung eine vorwiegend humaniftifche ift und auf das Linearzeichnen wenig Rücksicht genommen wird. Die Geometrie ift nämlich der Mathematik zugetheilt und wird nur in der vierten Claffe neben dem Freihand- Zeichnen auch Projectionszeichnen betrieben, was aber in den vier Stunden per Woche felbft verftändlich nur von geringem Belang fein kann. In den baierifchen Realgymnafien find in den erften drei Claffen drei bis vier und zwei Stunden der Geometrie und durchgehends fechs Stunden dem Zeichnen gegeben und find nach dem von der Regierung beftimmten Programme ftufenweife Conftructionen in der Ebene, Projectionslehre, Schatten conftructionen und Perfpective zu nehmen. Das Realgymnafium in München hatte nach dem„ Leitfaden für den LinearZeichenunterricht" von L. Edelmann, München 1871( der Verfaffer ift an der Anftalt als Lehrer thätig) fehr lobenswerthe Arbeiten vorgelegt, welche auch dem Lehrplane vollkommen entſprachen. Nicht dasfelbe ift von den meiften anderen Anſtalten zu fagen; es wird im Allgemeinen fogleich mit dem Projiciren begonnen und faft ausfchliefslich das Bau- und Architekturzeichnen cultivirt; hie und da auch conftructive Perſpective gepflogen, aber ohne beſtimmten, einheitlichen Lehrgang. Die erften Säulenordnungen fpielen auch hier, wie überhaupt im gefammten Linearzeichnen der baierifchen Schulen die Hauptrolle. 2* 18 J. Langl. Dem Münchner Realgymnafium kam das Regensburger in guten Freihandzeichnungen zunächft und wurde nur durch fchlechte figurale Vorlagen wieder verdorben, was im Ornamente durch ,, Herdtle" gut gemacht war. Wahre Miffethaten im figuralen Zeichnen fanden fich auch in den Portefeuilles der Anftalten von Nürnberg und Würzburg, wobei ganze Acte mit der Feder gezeichnet erfchienen! An letzterer Schule wird übrigens gut mit Bleiftift nach Gypsornamenten gearbeitet. Das Zeichnen an den übrigen Lateinfchulen fpielt auch in Baiern wie allerorts eine ziemlich ifolirte Rolle und wird fie fpielen, fo lange nicht von beiden Seiten, von den realen und den humaniftifchen Fächern eine Brücke angebahnt wird. Die revidirte Ordnung der lateinifchen Schulen und der Gymnafien im Königreiche Baiern vom Jahre 1863 duldet das Zeichnen als facultativen Gegenftand und überläfst es dem ,, Pflichteifer der Rectorate und Lehrer, dafs durch geeignete Belehrung ein lebhaftes Intereffe dafür bei der Jugend erweckt werde". Dafs diefe Verordnung ein Schlag ins Waffer war, wird begreiflich fein- ohne dafs den betreffenden Rectoraten und Lehrern ein Vorwurf zu machen wäre. Eine Ahnung des Bedürfniffes nach dem Zeichenunterricht taucht wohl in dem ,, Entwurf einer Ordnung gelehrter Mittelfchulen im Königreiche Baiern"( ausgearbeitet von der Berathungscommiffion 1870) wieder auf, aber blofs als Irrwifch, feftgehalten wurde der Gedanke noch keineswegs. Der betreffende Paragraph ( 2) heifst: ,, Der Unterricht im Zeichnen ift den bisherigen Beftimmungen der Studienordnung nach als ein facultativer Lehrgegenftand unter die Lehrfächer der Studienanftalten aufgenommen. Bei der Wichtigkeit diefes Unterrichtes für die Erweiterung des Formenfinnes und die Bildung eines geläuterten Gefchmackes ift die Frage eine wohl berechtigte, ob derfelbe nicht wenigftens für die Claffen der lateinifchen Schule als ein obligater Lehrgegenftand vorgefchrieben werden follte. Da indeffen die Commiffion hierüber keine Verhandlung gepflogen hat, fo ift in dem vorliegenden Entwurf in Uebereinstimmung mit den bisherigen Beftimmungen der Zeichenunterricht als ein facultativer Unterrichtsgegenstand behandelt worden." Diefe Frage bleibt dann vorläufig noch offen; aber fie tritt von Tag zu Tag ernfter an die humaniftifchen Bildungsanftalten heran. Der Kunftunterricht pocht mit Gewalt an die Pforten der Gymnafien und fie werden den Titel ,, humaniſtiſche Bildungsanftalten" im vollen Umfange erft rechtfertigen, bis diefe leider zu lange vernachläfffigte Disciplin ergänzend zu den beftehenden getreten fein wird. Wir wenden uns zu jenen Schulen, in welchen das Zeichnen vorwiegend gewerbliche Intereffen zu vertreten hat, nämlich den gewerblichen Fortbildungsfchulen und den eigentlichen Induftrie- oder Gewerbefchulen. Faft jeder bedeuten dere Ort in Bayern hat feine meift von der Commune erhaltene gewerbliche Fortbildungsfchule, in welchen zum Theil rein gewerblichen, dann aber auch land wirthschaftlichen und commerciellen Intereffen Rechnung getragen wird. Diefe Schulen haben zunächft den Zweck, den Handwerker in Bezug auf feinen Beruf weniger für das fpeciell Fachliche, als vielmehr für die allgemeine Bildung vorzubereiten, um gediegene gewerbetreibende Männer zu erziehen, die neben dem Wiffen in ihrem Fache auch eine gewiffe geiftige Reife befitzen, den heutigen focialen und politifchen Anforderungen entſprechen. Dafs in diefen Anftalten das Zeichnen nach jeder Richtung eine wichtige Rolle zu fpielen berufen ift, wird Niemand in Frage ftellen. Es ift damit für's Allgemeine läuternd auf den Gefchmack einzuwirken und dann die fo nothwendige techniſche Fertigkeit zu pflegen, welche fich unmittelbar ins Praktiſche überträgt. Dem erfteren wird nur durch einen fyftematifchen Lehrgang mit gut gewählten Vorlagen entſprochen werden können, während das letz tere von der Thätigkeit und dem Fleifse der Schüler abhängen wird. Die baierifchen gewerblichen Fortbildungsfchulen laffen leider im Allgemeinen, den vorgelegten Arbeiten nach in beiden Richtungen noch Vieles zu wünſchen - f ] 1 S 1 1 r n n Der Zeichen- und Kunftunterricht. 1 übrig. Es mag wohl die Haupturfache an den fchwachen Erfolgen fein, dafs die Vorbildung der Schüler von der Elementarfchule aus eine äufserft ungleichmässige ift und überhaupt der fchwächere Theil der Schüler jener vorbereitenden Claffen den Fortbildungsfchulen zugeführt wird, dann aber find oft locale Verhältniffe zu berücksichtigen, welche ein fyftematifches Vorgehen im Unterricht beeinträchtigen. Gediegene Vorlagewerke wären aber dann das dringendfte Bedürfnifs in den Zeichenfälen. Wer jedoch die zahlreichen Portefeuilles diefer Kategorie von Schulen durchblätterte, mufste in Bezug auf den letzten Punkt noch manchen Mangel conftatiren. Es ftehen zum grofsen Theil noch Formen im Ornamente in Verwendung, die veraltet und felten in Bezug zur Praktik ftehen. Was das Technifche anbelangt, wird dann meift zu früh in Schatten gearbeitet, vielfach auch das Formenzeichnen verlaffen und zum Bildchenmachen in Landfchaften die Zuflucht genommen. Im linearen Zeichnen mangelten in den meiften Schulen die Grundelemente der Geometrie; es werden Zirkelübungen von Flächendecorationen, Mofaikböden etc. auf der erften Stufe gepflegt, an welcher fich dann das Progeftions- und Bauzeichnen anfchliefst. Eine lobenswerthe Ausnahme bildeten nur die Arbeiten der Schule zu Töls, von welcher gute Contourornamente und fehr anftändige Fachzeichnungen vorlagen; auch von Grünzburg ift Befferes zu verzeichnen; gutes Streben zeigten ferner die Anftalten von Werdenfels, Landsberg und Aichach. In den Fortbildungsfchulen der landwirthschaftlichen Richtung wird auch das Situationszeichnen hie und da mit ziemlichem Erfolge geübt. Beffere Refultate werden felbftverſtändlich in den Tagesfchulen erzielt und lagen von der Anftalt in Rofenheim ganz gediegene Arbeiten vor. Es dürfte hier auch der Platz fein, die Leiftungen der Regensburger Baugewerk- Schule zu erwähnen, welche den Lehrgang in allen Sectionen des Bauzeichnens klar illuftrirten und an und für fich zu dem Beften gezählt werden konnten, was im Linearzeichnen von den baierifchen Unterrichtsanftalten überhaupt ausgeftellt war. Die Erfolge des Zeichenunterrichtes an den eigentlichen Gewerbefchulen waren im Allgemeinen befriedigend zu nennen und verdienten die fogenannten Kreis- Gewerbefchulen*( von Kreismitteln erhalten) theilweife den Vorzug, was übrigens der reicheren Dotirung und der befferen Situirung diefer Anftalten zuzufchreiben ift. In der Einrichtung der Schulen ift vielfach localen Bedürfniffen Rechnung getragen und herrfcht im Allgemeinen die commercielle Richtung vor; einen ausgefprochen gewerblichen( induftriellen) Charakter befitzen nur die Schulen von Nürnberg und München. Die vorgelegten Schülerzeichnungen zeigten durchgehends ein zweckmässiges Syftem im Unterrichtsgang. Es wird zumeift im erften Curfe des Freihand- Zeichnens mit den Herdtlefchen oder Volz'fchen Uebungsblättern begonnen und im zweiten Curfe zu leicht fchattirten und Gypsornamenten übergegangen, zugleich aber das Projectionszeichnen in umfaffender Weife durchgenommen; im dritten Curfe wird dann mehr fachliches Zeichnen gepflegt und zwar im Freihand- Zeichnen ausfchliefslich nach der Natur gearbeitet und im linearen Architektur- und Mafchinenzeichnen betrieben. Sehr gute Arbeiten lagen vor von den Gewerbefchulen zu Würzburg, Regensburg, Nürnberg und Fürth. Letztere Anftalt hatte auch eine umfangreiche Sammlung von ftereometrifchen Modellen( aus Glasflächen gebildet) ausgeftellt, welche von dem verdienftvollen Mitgliede des Lehrkörpers der Schule Dr. Langhans gefertigt waren und an exacter Ausführung und praktifcher Zufammenftellung andere ausgeftellte Lehrmittel diefes Genre weit hinter fich liefsen.** * In Baiern beftehen im Ganzen 31 mittlere Gewerbefchulen, wovon fechs der bedeutendften den Namen Kreis- Gewerbefchulen führen. ** Der Berichterstatter glaubt diefe treffliche Arbeit hier befonders hervorheben zu müffen, da fie merkwürdigerweife von der Jury überfehen wurde. 20 J. Langl. Lobende Erwähnung verdienen dann noch die Leiftungen der Schulen von Beyreuth und Freifing. Die Münchner Handwerker- Fortbildungsfchule glänzte vorzüglich im ( technifchen) Linearzeichnen; den Ornamenten, fo trefflich fie mitunter ausgeführt waren, fehlte, wie leider der deutfchen Induftrie überhaupt, die Grazie. Die Wachsboffirungen und Cifellirarbeiten waren in technifcher Hinficht in der Mache gewifs tadellos, nur lag in dem Stile eine gewiffe Schwere, welche die Klarheit der Motive vielfach beeinträchtigte. Die an der Anftalt in Verwendung ftehenden Wandtafeln von L. Volz ,, Ornamenten- und Architekturfchule"( vorwiegend gothifche und griechifche Motive) find ein praktifches Lehrmittel; mir wäre ein ftärkeres Betonen des Heiteren, Anmuthigen, deffen reiche Quellen in die Renaiffance reichen, wünfchenswerth gewefen. In den Zeichnungen, welche vom., polytechnifchen Centralverein in Würz burg" ausgeftellt waren, konnte keine befondere Gefchmacksrichtung entdeckt werden. Der Anfang im Conturornamente ift gut; dagegen mangelhaft das fortgefetzte figurale und Landfchaftszeichnen. Auch das Stab- und Körperzeichnen in folch' übermäfsiger Ausführung, wie es die Arbeiten zeigten, ift Zeitverfchwendung. Anerkennung verdienten dagegen die plaftifch- ornamentalen Zeichnungen, nur fand fich durchwegs zu dunkles, gefchmackwidriges Papier. Ganz unbedeutend war das figurale Zeichnen nach Gyps und der Natur; beffer die Farbenftudien von Blumen, Stillleben etc. Die Blume, refpective Pflanze, von der doch das Ornament auszugehen hat, wird leider, wie fchon im Eingange erwähnt, in den deutfchen Zeichenfchulen im Allgemeinen wenig gepflegt; doch ift ein befferes Beftreben hierfür bereits bemerkbar. Ein ganz treffliches Lehrmittel zum Uebergang vom ornamentalen zum Natur- Pflanzenzeichnen brachte J. Filfer( München) in einer Collection von Gypsabgüffen lebender Blätter, die in ihren natürlichen Bewegungen trefflich in das feftere Material übertragen waren. Sonft wurde an Vorlagewerken in letzterer Zeit in Baiern nicht viel producirt. Profeffor H. Weifshaupt's, des eifrigen Kämpfers für die Hebung des Zeichenunterrichtes, treffliche Arbeiten für das Linear- und Ornamentenzeichnen find allenthalben zu bekannt, als dafs fie hier mehr als der Erwähnung bedürften. E. Volz, Lehrer für das Zeichnen und Boffiren an der Kreis- Gewerbefchule zu Kaiferslautern, hat fich mit feinen Vorlageheften und Wandtafeln für den ElementarZeichenunterricht fehr verdient gemacht. Durch ihn findet befonders in den Zeichenfchulen der Pfalz die für die erfte Unterrichtsftufe fo praktiſche ftigmographifche Methode ihre Verbreitung. Seine kleinen, netten Heftchen dafür verdienen, der forgfältigen, fyftematifchen Zufammenftellung der einfachften geometrifchen Formen wegen, die vollfte Anerkennung; desgleichen find des Verfaffers Vorlagen für den Linear- Zeichenunterricht zum Gebrauche für die unteren Abtheilungen an technifchen Schulen recht zweckdienlich. Den Glanzpunkt der baierifchen Unterrichtsausftellung bildeten dann, wie fchon früher erwähnt, die Arbeiten der höheren Kunft- Gewerbefchulen von Nürnberg und München. In München vertreten die Intereffen der Kunftinduftrie vor züglich die königliche Kunft- Gewerbefchule und der Kunft- Gewerbeverein; die Pflege der eigentlichen Kunft ift der Akademie der bildenden Künfte zugewiefen, welche unter Kaulbach und Piloty gegenwärtig als der Centralpunkt der deutfchen Malerei angefehen werden kann. In Nürnberg find beide Tendenzen in einer Schule vereinigt, und hat diefe ältefte Kunftſchule Deutfchlands( ihr Gründer Joachim v. Sandart 1606 bis 1688) befonders in den zwei letzten Jahrzehnten unter Krelings trefflicher Leitung nach jeder Richtung bedeutfamen Auffchwung genommen. Die von dem Inftitute ausgeftellten Gegenftände geben ein klares Bild von den Beftrebungen in Bezug auf Gefchmacksrichtung und von dem eingeführten Lehrplane, welchem die Beftimmung zu Grunde liegt, die künftlerifche Ausbildung der Schüler in allen Fächern Der Zeichen- und Kunftunterricht. 21 bis zur höchftmöglichen Vollendung anzuftreben, und zugleich die Anwendung der Kunft auf die Gewerbe und dadurch die Veredlung der letzteren fich zum Ziele zu fetzen. Der Unterricht beginnt mit dem Ornamentenzeichnen nach plaftifchen Modellen und hat der Schüler, nach correcter Wiedergabe der Conturen, die ebenfo wichtige innere Bewegung der Formen zu ftudiren. Das Modelliren im Ornamente gefchieht meift nach Zeichnungen mit theilweifer Benützung alter Vorbilder und das für das Induftrielle fo nothwendige Uebertragen vom Graphifchen ins Plaftifche zu lernen. Für die Uebung in der Holz- und Metalltechnik werden an der Anftalt fowohl Holzfchnitzerei- als Cifelirarbeiten gefertigt, die entweder als Modelle in die Werkstätten der Gewerbetreibenden übergehen oder direct für kirchliche oder profane Zwecke verwendet werden. In der Architektur führt das conftructive Zeichnen nach antiken, gothifchen und Renaiffancemuftern zu felbftftändigen Entwürfen baulicher und baugewerklicher Gegenftände und der Anwendung der Architektur auf die Ausftattung kunftgewerblicher Objecte. Im figuralen Fache folgt nach der Antike das Naturftudium im Porträt und dem Acte fowohl im Zeichnen als im Modelliren. Damit ftehen auch die Uebungen im Malen in Verbindung. - Das Inftitut pflegt auch den das Kunstgewerbe fördernden Zweck, unter Leitung der einzelnen Lehrer von den Schülern gröfsere plaftifche oder bildliche Gegenstände zu gewerblichen Zwecken auf Beftellung auszuführen, fo auch rein künftlerifche Aufgaben in derfelben Weife zu löfen. Die Anftalt bildet fonach durch diefe aus der Erfahrung hervorgegangene Einrichtung, was der deutfchen Induftrie vielfach mangelt und was an der Spitze diefes Auffatzes betont wurde, eine Brücke zwifchen der Kunft und dem Kunftgewerbe. Die Organiſation der Nürnberger Kunftfchule, fo wie wir fie hier flüchtig gefchildert haben, läfst mit ihren Ergänzungen der kunftwiffenfchaftlichen und anatomifchen Vorträge, der Zuhilfenahme verfchiedener Vervielfältigungsmittel für ihre Productionen etc. gewifs keinen Wunfch übrig; es handelt fich nur darum, wie die Richtung der Schule( in Bezug auf Stil) fich zu der allgemeinen Strömung der Zeit verhält und welche Rolle fie in diefer Beziehung in der Gegenwart und für die nächfte Zukunft für die deutfche Induftrie fpielt. Wir berühren damit freilich eine Frage von viel allgemeinerer Bedeutung, nämlich: was fpielt die Gothik heute mehr für eine Rolle im Baulichen und Induftriellen überhaupt? Wer das alte Nürnberg durchwandert, wird es begreiflich finden, dafs in Mitten der lebendigften Traditionen des Mittelalters, unter den fchönften Blüthen der deutfchen Kunft in einer Kunftfchule dafelbft diefe Elemente noch fortleben müffen, felbft wenn anderwärts die Zeit längft der Kunft ein neues Gewand gefchaffen und der in fteter Entwicklung wandelnde Gefchmack fich in reichen Veränderungen erging. Seitdem die moderne Kunft vorzugsweife durch die Vorbilder der italienifchen Renaiffance wieder zur Natur zurückkam und die dichtende Phantafie ihre reinften Quellen wieder erkannte, verlor die Gothik das Gebiet der Profankunft gänzlich; fie lenkte fpeciell zum Kirchlichen hin, in welchem fie fich ja in der Vergangenheit in den grofsartigften Schöpfungen entfaltet hatte. Hier allein wird fie auch noch ihr Fortkommen finden, fowohl im Baulichen als im Kunftgewerklichen. Die Nürnberger Kunftfchule, die ehedem vorwiegend die Gothik pflegte, hat nun wohl, von der Zeit gedrängt, nach und nach die deutfche und auch die italienifche Renaiffance aufgenommen. Die heiteren Formen des Südens neben den ftrengen, markigen des Nordens!- Die verfchiedenen Elemente berühren fich, aber vereinigen fich nicht zu neuer Fruchtbarkeit. So achtenswerth die Leiftungen der Schule nach den verfchiedenen Richtungen hin genannt werden müffen, fo war daraus doch nur zu erkennen, dafs in diefem Nachahmen des Hergebrachten auch ihr Erreichtes liegt. Es fehlen die pulfirenden - 22 J. Langl. Elemente, die zu neuen, lebensvollen Formen anregen; den Compofitionen wird immer die Originalität mangeln, wenn nur vorhandene Motive, combinirt" werden. Dort wo der Verfuch gemacht wird, die Nürnberger und Augsburger Vorbilder freier zu behandeln, verliert das Ornament feinen eigentlichen Kern und ernüchtert in den fort und fort aufgerollten Lederftreifen, wodurch zwar ein bewegtes, aber nichts weniger als anmuthiges Formenfpiel erzielt wird. Die Gothik foll im Kirchlichen fich fortentwickeln, wenn von einer Entwicklung überhaupt die Rede fein kann; die Profankunft mufs aber in ihren ornamentalen Motiven von der Natur ausgehen und hat im Dialekte der Renaiffance die Formen für ihre Zwecke zu geben, wenn dem Fortfchritte ebene Bahnen geöffnet fein follen. Diefs bildet denn noch die Lücken in der Nürnberger Kunftfchule. Die Grazie, das Belebende hat aus der Natur geholt zu werden, fowie das Techniſche in den Kunftproducten zu ftudiren ift. Einen rühmenswerthen Anlauf nahm das Inftitut befonders unter Kreling's einflussreicher Leitung in diefer Hinficht fchon im figuralen Fache, wo das Naturftudium fowohl im Zeichen als in der Plaftik eifrigft gepflegt wird. Die zahlreichen Büften und Acte zeigten leider nur im Allgemeinen ein etwas zu frühes Einlenken in das allerdings für das Gewerbliche hochzufchätzende Umfetzen von Zeichnungen ins Plaftifche. Die Formen fchwanken meift noch; es mangelt die Sicherheit im Flächenlegen, die nur durch gründliches Studium nach guter Plaftik oder der Natur erreicht werden kann. In diefem Ringen nach der Form unterliegt natürlich dann das Individuelle, das Geiftige der Auffaffung, welches wie der Duft der Blume dem Antlitz gehört. So mangelte auch den Reliefacten das feinere Gefühl und oft der organifche Zufammenflufs in den Formen, was nur wieder durch gründliches anatomifches Studium und ein nach der Antike gefchultes Können zu erreichen ift; auch wäre dem hohen, faft runden Tractemente das edle Profil der Parthenonreliefs vorzuziehen, wodurch in dem exacteren Formenanfchneiden befonders der Anfänger an ein ftrengeres Formhalten überhaupt gewöhnt würde. Welchen Stilcharakter die zahlreich ausgeftellten Ornamente hatten, wurde erwähnt; fie zeugten alle von der technifchen Gewandtheit der Schüler*. Auch nett gearbeitete Wachsboffirungen, meift als Verzierungen für Gefäffe, Geräthe etc. beftimmt, find erwähnenswerth. Sehr fchöne, ja mitunter mufterhafte Entwürfe lagen in Möbelzeichnungen vor, welche auch an der Anftalt ausgeführt wurden; wie überhaupt in Einrichtungsftücken die Schule auch in anderer Beziehung und befonders im Kirchlichen Rühmliches leiftet. In den baulichen Entwürfen herrfcht die Gothik vor und gaben Photographien und Zeichnungen von der bedeutenden Thätigkeit des Inſtitutes auch nach diefer Richtung Zeugnifs. Die ausgeftellten Holzfchnitzereien bewegten fich wie die Gypsornamente in der Gothik und Renaiffance und liefsen ebenfalls in technifcher Vollendung nichts zu wünſchen übrig. Bei den Zeichnungen wäre nur zu tadeln, dafs die meiften zu viel" ausgeführt waren. Zeit ift Gold- und am meiften für die Kunftjünger; das lithographifche Austüpfeln der Flächen, der Hintergrunde etc. ift aber nicht blofs Zeitverluft, fondern zugleich geifttödtend. Was den Vortrag im Zeichnen anbelangt, ftehen die franzöfifchen Schulen fowohl den deutfchen als den italienifchen noch als Mufter gegenüber, nämlich mit den einfachften Mitteln auf kürzeftem Wege den Zweck zu erreichen. Es fcheint wohl und wäre lebhaft zu wünfchen, dafs die Anftalt blofs auf die Ausftellungsobjecte diefe Zeit verwenden liefs, obfchon damit der Zweck der Ausftellung wieder als verkannt bezeichnet werden müfste, denn gerade in dem Vergleichen der verfchiedenen gangbaren Vortragsmetho den liegt ja ein Hauptmoment für den Fortfchritt. Die gezeichneten Studienköpfe nach der Natur( in Kreide auf weifsem Papier) zeugten von tieferer, individueller Auffaffung als die der Plaſtik; auch die Acte in Kreide und Kohle * Das Inftitut vervielfältigt die meiſten Schülerarbeiten zum Gebrauche für andere Schulen und wurden bis jetzt 436 Modelle für diefen Zweck aufgelegt. Der Zeichen- und Kunftunterricht. - 23 offenbarten ein exactes Studium. Freilich fanden wir darunter auch Namen, die fchon längft das Meifterdiplom in der Kunft erhalten haben! Die Oelftudien waren alle wie von einer Hand gefchaffen; ob diefs ein Vortheil oder Nachtheil der Schule ift, können wir nicht näher unterfuchen. Das Streben des Kunftunterrichtes in allen deutfchen Kunftſchulen geht im Zeichnen vorwiegend nach der Durchbildung der Form und berücksichtigt vielfach zu wenig die denn doch wichtige malerifche Täufchung, d. h. die Nuancen in den Schattentiefen. Die gezeichneten Gypsmodelle erfcheinen in ihren grellen Lichtern und Schatten meift als Broncemodelle; ein leichterer, freierer Vortrag bleibt überall zu wünſchen. Es ift eigenthümlich, dafs als Zeichenmittel der fo dankbare Röthel überall verfchmäht wird. Die ftets wachfenden Sammlungen des Gewerbemufeums in Nürnberg, welchem auch von der Wiener Weltausftellung wieder Bedeutendes zuflofs, dürfte den gewerblichen Unterricht für die Folge nach und nach den modernen Beftrebungen näher führen, was der Induftrie des Nürnberger Bezirkes nur vom Vortheile fein wird. " Ebenfo wie in Nürnberg hat auch in München das Kunstgewerbe einen fpecififch localen Charakter. Hier flochten fich in die germanifchen Elemente durch das reichere Kunftleben im Allgemeinen ganz eigenthümlich heitere, vielleicht romantifche Motive, die mit befonderem Gefchick allen Branchen der Kunftinduftrie einverleibt werden. Hier, wo Schwind, der Vater des Märchens" in der Kunft, feine zaubervollen Geftalten aus dem Innern der Berge, der Steinburgen und dem Dunkel der Wälder in Schlingwerk und Arabesken hervortreten liefs, wo der Meifter des Humors Kaulbach feit Jahrzehnten wirkt und eine Schaar heiterer Kunftjünger der anderen die Hände reicht, deren unverwüftlicher Witz neben echt deutfchem, poetifchem Gemüthe in den„ Fliegenden Blättern" fein claffifches Tagebuch fand: Hier mufste ein Reflex diefes Kunftlebens auf die Induftrie ftattfinden und umfomehr, als ja viele der bedeutendften Künftler fpäter in diefe Sphäre ihre Hauptthätigkeit verlegten. - Den Centralpunkt für diefe Entwicklung bildet der Münchner„ Kunftgewerbe- Verein", von dem feit dem Jahre 1851 die„ Zeitfchrift für Kunstgewerbe" herausgegeben wird, welches Werk auch in zahlreichen Bänden auf der Ausftellung als die Beftrebungen des Vereins kennzeichnend vorlag. Ausserdem war noch eine bedeutende Anzahl Handzeichnungen aus dem Atelier des Vereins ausgeftellt, die in den verfchiedenften Zweigen der Kunftgewerbe den ,, Münchner Stil" weiter charakterifirten. In dem Brunnen vor dem neuen Münchner Rathhaufe hat fich diefes heitere Verbinden des Figürlichen mit der Architektur fogar bis zum Monumentalen gewagt in diverfen Geräthen, Gefäfsen etc., hier begegnete es uns blofs in der ausgelaffenften Weife. Die Ornamentik löft fich überall in menfchlichen oder thierifchen Formen auf; das malerifche Gefchick baut oft die wunderlichften Dinge zufammen, ohne dafs wir uns darüber beleidigt fühlten: fo wächft aus einer Greifenklaue ein Hirſchkopf, in deffen Geweih ein Trinkhorn gefetzt ift; ein Harlequin übt an einem Gefäfse Gymnaftik und bildet in der zufälligen Attitude den Henkel desfelben; Gnomen und Nixlein tummeln fich an allen Ecken herum; das Auge ergötzt fich daran und verzeiht dem Gefchick und dem Humor, mit welchem die Sachen gemacht find, das frivole Spiel mit der Aeſthetik. Die Stilrichtung, welche in der königlichen Kunftgewerbe- Schule in München gepflegt wird, hält fich, wie die Ausstellung zeigte, vorwiegend an die Renaiffance, jedoch wird auch auf ältere claffifche Motive zurückgegriffen. Die Zeichnungen bewegten fich meift in Decorationsmotiven, wohin auch der Schwerpunkt der Schule gelegt zu fein fcheint. Hier belebt ein eifriges Studium der Pflanze die Motive und zeigte fich deffen wohlthätiger Einflufs insbefondere bei den farbigen Decorationsftudien. Die Gypsornamente, von den Schülern meift nach kleinen Skizzen von Director H. Dyck gefertigt, zeigten ein tüchtiges Verftändnifs der Form und waren mit viel Delicateffe durchgeführt; dasfelbe gilt von 24 J. Langl. den Holzarbeiten und Broncen. Schwächer war das figürliche Zeichnen; auch hierin war jedoch der Lehrgang fyftematifch dargestellt, und konnten die Leiftungen von Stufe zu Stufe verfolgt werden, was bei der Nürnberger Schule nicht der Fall war. Im Architekturzeichnen fanden fich Studien der griechifchen und römifchen Denkmäler, dann Renaiffance- Paläfte und Grabmäler mit all' ihrem reichen decorativen Schmuck, Pompejanifche Wanddecorationen u. A. m. Es ift hier von München noch zu erwähnen, dafs auch die Pläne des neuen Polytechnicums ausgeftellt waren und von der Anftalt die zum Verkauf beftimmten Abgüffe der„ Aegineten" aus der Glyptothek. In der Induftriehalle begegneten wir noch der Ausftellung der Holzfchnitz- Schule zu Werdenfels( bei Partenkirchen). Die trefflichen Arbeiten zeigten, dafs dafelbft in dem ungezwungenen Naturftil allmählig feftere Formen zur Geltung kommen und an die Stelle der hohlen Bravour, worin die Schweizer bekanntlich das Gröfste leiften, nach und nach äfthetiſche Regeln treten. Würtemberg. Seit Jahren geht Würtemberg allen anderen deutfchen Staaten in der Pflege des gewerblichen Unterrichtes voran und befitzt bis heute relativ die meiſten diefsbezüglichen Schulen. Schon auf der letzten Parifer Ausftellung imponirten die Leiftungen diefer Anftalten im hohen Grade und bildeten auch diefsmal den Glanzpunkt in der deutfchen Unterrichtsausftellung. Die zahlreichen Zeichnungen, Modellirungen und fonftigen kunftgewerblichen Arbeiten nahmen einen grofsen Theil des nördlichen Flügels vom Pavillon der XXVI. Gruppe des deutfchen Reiches ein, und waren mit denfelben theils die Wände decorirt, theils lagen fie in Portefeuilles oder in Glaskäften zur Anficht vor. Ueberrafchend war es, dafs allerorts mit nahezu gleich guten Erfolgen gearbeitet wurde und felbft die jüngeren Schulen mit den lobenswertheften Leiftungen vertreten waren; es zeigte diefs nur, wie trefflich das gefammte Unterrichtswefen nach diefer Richtung organifirt und wie fehr ein einheitliches Syftem dem Unterrichte felbft förderlich ift. Leider wurde bei der Ausftellung nur auf die Refultate der Schulen Rückficht genommen und nicht in fortfchreitenden Zeichnungen die Methode näher illuftrirt, was gerade der Erfolge wegen wünfchenswerth gewefen wäre. Im Königreiche Würtemberg beftehen bis jetzt an 155 Orten( 110 Städten und 45 Dörfern) gewerbliche Fortbildungsfchulen, welche fich ihrer Einrichtung nach in folgende Gruppen theilen: Fortbildungsfchulen, in welchen Sonntags- und Abendunterricht in gewerblichen und kaufmännifchen Fächern ertheilt wird und offene Zeichenfäle beftehen( 5). Fortbildungsfchulen mit gewerblichem Sonntags- und Abendunterricht nebft offenen Zeichenfälen( 15). Fortbildungsfchulen mit Sonntags- und Abendunterricht ohne offene Zeichenfäle( 92). Fortbildungsfchulen mit gewerblichem Abendunterricht ohne Sonntagsunterricht( 10). Reine Zeichenfchulen ohne weiteren Unterricht( 33). Die Schülerzahl, welche 1870 bis 1871 in 150 gewerblichen Fortbildungsfchulen 8876 betragen hatte, belief fich 1871 bis 1872 in 155 Schulen auf 9763, wovon 7430 unter und 2333 über 17 Jahre zählten. Ausserdem befitzt das Land an technifchen Lehranstalten die polytechniſche Schule und die Baugewerk- Schule in Stuttgart und für die Pflege der Kunft fpeciell die Kunftfchule dafelbft. Der Zeichen- und Kunftunterricht. 25 Es ift unmöglich, hier die Leiftungen jeder einzelnen Anftalt zu befprechen, da damit der geftattete Raum weit überfchritten werden müfste; es dürfte übrigens zur allgemeinen Charakteriſtik genügen, blofs das Bemerkenswerthe zu berühren. Im Freihand- Zeichnen wird allgemein mit den Herdtle'fchen Vorlageblättern, herausgegeben von der königlichen Commiffion für die gewerblichen Fortbildungsfchulen, begonnen. Das Werk hat fich durch feine Vorzüge auch in den meiften deutfchen und öfterreichifchen Schulen eingebürgert, und wird damit im fyftematifchen Fortfchreiten von den geometrifchen Grundformen zum krummlinigen Ornamente, befonders das Conturzeichnen gefchult; dabei aber Gelegenheit geboten, mit den Schülern auch einfache Pinfelübungen im Anlegen mit der Farbe vornehmen zu können. Ift im Conturzeichnen eine gewiffe Gewandtheit in Bezug auf Auffaffung und des Techniſchen im Darftellen erreicht, fo wird anfangs nach geometrifchen plaftifchen Körpern, dann aber fogleich zu Gypsornamenten vorgefchritten, und zwar erft in Conturen und allmählig mit Schatten. Zu diefem Zwecke wurde in der Modelliranftalt der königlich würtembergifchen Centralftelle für Gewerbe und Handel in Stuttgart eine Serie von mehr als 400 Gypsmodellen angefertigt, die wieder in fucceffiver Reihenfolge von den geradlinigen geometrifchen Formen ausgehen, dann aber von der einfachften Blattform fich zu reich entwickelten Ornamenten fortfetzen, welche in beftimmte Räume componirt, zugleich die eventuelle praktifche Verwendung zeigen. Dem Stile nach gehören die Motive faft ausfchliefslich der Renaiffance, wenige der Gothik und älteren antiken Stilen an. Zum Uebergang für das Naturblumen- Zeichnen wurden auch Abgüffe von Pflanzen etc. in die Sammlung aufgenommen. Für das figurale Zeichnen findet fich eine Collection von Abgüffen nach antiken Büften, Torfen, Extremitäten, Reliefs und kleinen Rundftatuetten; defsgleichen ift für das Studium der theoretifchen Formen eine Serie von Modellen angereiht. Ein grofser Theil diefer ganz vorzüglichen Sammlung war auch ausgeftellt und eine illuftrirte Preislifte derfelben vorgelegt. Die Zeichnungen nach Gyps werden in den Schulen durchwegs mit Kreide oder Kohle auf weifsem Papier ausgeführt, wobei der Ton bis zum höchften Licht fortgezogen wird. Es ift diefe Manier beinahe in ganz Deutfchland üblich, obfchon dabei die meifte Zeit verloren geht und das getonte Papier der Franzofen vorzuziehen wäre. Die Ausführung der Arbeiten war mitunter meifterhaft und konnte nur die Geduld der Schüler bewundert werden, wenn oft auch bei quadratfchuhgrofsen Hintergründen der Ton minutiös ausgetüpfelt erfchien- freilich mit dem gleichzeitigen Bedauern um die dafür verwendete Zeit. Das Uebermäfsigfte hierin hat die Schule von Rottenburg geleiftet, wo bei grofsen Decorationsftücken für Füllungen die ganze Grundfläche in ein gleichmässiges Korn gelegt war. Diefes zu lange Verweilen an der Form überhaupt ift auch meift die Urfache, dafs in den Schattentönen vielfach zu tief gegangen wird und wie in den baierifchen Schulen die gezeichneten Modelle nicht mehr als Gyps, fondern im Tone der Bronce erfcheinen. Ein entfchiedenes Flächenanlegen mit weniger Ausführung ift für das Formenftudium denn doch dem mühevollen, zeitraubenden Durchbilden vorzuziehen. Im Ornamente, welches immer einem beftimmten Rhythmus folgt, fällt dann die Unficherheit in der Beherrfchung der Form weniger auf als im figuralen Zeichnen, was fich auch in mancher der Schulen deutlich bemerkbar machte. Der fachliche Unterricht im Zeichnen richtet fich nach den örtlichen Bedürfniffen und wird an den meiften Anftalten auch im Linearzeichnen ganz Vorzügliches geleiftet. Wir führen zur näheren Beleuchtung des Zeichenunterrichtes in den gewerblichen Fortbildungsfchulen Würtembergs nur einige Anftalten mit ihrer Leiftungen im Folgenden an: 26 * J. Langl. Aalen: Vorwiegend Mafchinenzeichnungen mit einfachen Anlagen der Querfchnitte; dann gezeichnete Ornamente nach Plaftik; Wachsboffirungen( meiſt in Gypsabgüffen) von reichen Renaiffancefüllungen in leichter, ftilvoller Durchführung. Biberach: Architektonifche Zeichnungen, auch fehr effectvoll mit Farbe behandelt; Ziegel- Rohbau, Schweizer Stil und Renaiffancemotive; dann auch rein Decoratives in Ornamenten; grofse Federzeichnungen von Contourornamenten und figurales Zeichnen, letzteres fchwächer. Von Modellirungen: Renaiffanceornamente, Büften, Thorwaldfen's Relief„ Der Tag". In der Holzfchnitzerei: Füllungsverzierungen, Rahmen etc. mit bedeutender technifcher Vollendung. Ellwangen: Schön durchgeführte Architekturftücke; fyftematiſche Darftellung der Projections- und Schattenlehre. Efslingen: Projectionszeichnungen, Mafchinen- und Architekturtheile, dann kleine Oellandfchaften, Blumen etc. für den Bedarf der örtlichen Induftrie. Geislingen: Wird das Linearzeichnen fehr ausführlich und fyftematifch durchgeführt und auch das Wichtigfte der Perfpective genommen. Im techniſchen Zeichnen vorwiegend Baufach; die Arbeiten waren elegant und präcife durchgeführt; auch gediegene Möbelzeichnungen verdienen Erwähnung. Da in Geislingen die Elfenbeinfchneiderei einen Haupt- Induſtriezweig bildet, fo wird im Freihand- Zeichnen vorwiegend das Kleinornament gepflegt und folgen die Formen der Renaiffance und der blanken Natur; die ausgeftellten Elfenbeinarbeiten waren im Ornamente nur etwas zu überladen. In den gröfseren Modellirungen und Holzfchnitzereien werden mehr die deutfchen Motive nachgeahmt. Gmünd: Hier wird vorzugsweife der Metallinduftrie Rechnung getragen und für die tüchtige Ausbildung der Graveure, Cifeleure etc. geforgt; es lagen fehr fchöne Zeichnungen nach antiken Muſtern und fertige Metallarbeiten von reizender Durchführung vor. Giengen: Gut gezeichnete Ornamente in Kreide und Röthel nach Gyps und Bauzeichnungen. Ehingen; Architekturen, Möbelzeichnungen, Gefäfse etc.; auch fehr fchön in Farbe durchgeführt. Hall: Hübfche Zeichnungen decorativer Motive, nur etwas hart in der Farbe; Studien aus der darftellenden Geometrie. Heilbronn: Faft alle Fächer des gewerblichen Zeichnens; befonders erwähnenswerthe, fchön gezeichnete Gypsornamente( dasfelbe von Balingen). Ludwigsburg: Meift decorative Motive in Farbe für Decorateure, Tapezierer etc.; dann auch Projections- und Mafchinenzeichnungen. Sulgau: Gute architektonifche Zeichnungen und Holzfchnitzereien, vorwiegend im gothifchen Stil. Ravensburg: Alle Fächer des Zeichnens; vorzüglich fchöne Projectionsund Situationszeichnungen; auch gute Farbenftudien in Oel. Rottweil: Alle Fächer des Zeichnens; im Freihand- Zeichnen Anwendung aller Mittel; hervorzuheben find befonders fchön copirte Calame- Landfchaften; im Linearzeichnen fehr hübfche Projectionen und Steinfchnitte; auch lagen gute baudecorative Modellirungen und gefchmackvolle Holz- und und Elfenbeinfchnitzereien vor. Rottenburg: Wie oben erwähnt, fchöne Gypszeichnungen, eine grosse in Holz gefchnitzte Rahme, die nur durch zu viel ornamentales Schlingwerk etwas überladen war; auch eine grofse, mehr tektonifche Umrahmung im Gypsmodell und recht humorvoll erfundene Thiergruppen in Holz. Schweningen: Vorwiegend kleine Landfchaften und Blumen etc. in Oel für den Bedarf der Schwarzwälder Uhreninduftrie. * Sind die gewerblichen Fortbildungsfchulen der betreffenden Orte zu verftehen. Der Zeichen- und Kunftunterricht. 27 Mit erwähnenswerthen Leiftungen waren ferner vertreten die gewerblichen Fortbildungsfchulen von Ulm, Kirchheim, Laupheim, Mergentheim, Tübingen, Neresheim, Aethauffen, Elingen, Blaubeuren, Waldfee, Herbertingen, Spaichingen und Horb. Die Reutlinger Frauen- Arbeitsfchule hatte fehr gefchmackvolle Handarbeiten und auch fehr nette Zeichnungen ausgeftellt. Der Unterricht im Zeichnen und Coloriren ftellt fich an diefer Anftalt in ftufenweifer Entwicklung die Aufgabe, die Schülerinnen zu eigenem Erfinden und Ausführen von gefchmackvollen Muftern für die verfchiedenen Zweige der weiblichen Handarbeiten anzuleiten; demfelben geht zur Seite der Unterricht im Conftruiren von geometrifchen Flachfiguren und Körpern. Auch die Zimmermaler- Schule in Reutlingen hatte Leiftungen ihrer Schüler vorgelegt, die jedoch in Hinficht auf Gefchmack Manches zu wünſchen übrig liefsen; dasfelbe wäre von den Deffins der dortigen Webefchule zu fagen, welche weder in Bezug auf Farbenharmonie noch in den Formen befriedigten; etwas leichter und graziöfer waren die Motive der Webefchule von Heidenheim. Stuttgart, als die Centralftelle des kunftgewerblichen Unterrichtes, nahm mit feinen höheren Schulen felbftverſtändlich auch bezüglich der Leiftungen die bedeutendere Stelle ein, und wir haben hier im Anfchluffe des bereits Erwähnten zunächft von der königlich würtembergifchen Kunstgewerbe- Schule zu fprechen. Die Leiftungen diefer Anftalt waren im Mittelraume des Pavillons in hübfcher decorativer Anordnung ausgeftellt, fo dafs die verfchiedenen Schularbeiten gleichfam ein architektonifches Ganzes ausmachten. Es war von der Commiffion darauf Rückficht genommen, alle Zweige des Zeichnens und Modellirens, welche an der Anftalt gepflegt werden, zur Anficht zu bringen. Im Stile dominirte die Renaiffance; doch fanden fich unter den Zeichnungen auch fehr fchöne Studien nach claffifchen Denkmalen, Pompejanifchen Wanddecorationen u. a. Sehr zu loben waren Conturornamente, die, mit den einfachften Mitteln( in einem Ton mit Sepia) plaftifch gemacht, für den Zweck der Gewerbetreibenden gewifs ebenfo dienlich find, als die minutiös ausgeführten Kreideftudien. Von den ausgeftellten plaftifchen Gegenftänden verdienen befonders die ftilvollen Metallarbeiten hervorgehoben zu werden. Die Holzfchnitzereien zeugten von bedeutender techniſcher Gewandtheit der Verfertiger. Schwächer war nur die figurale Plaftik vertreten, worin denn freilich eine gründliche Schulung in gewerblichen Kreifen mit grofsen Schwierigkeiten zu kämpfen hat. Die Anatomie des Ornamentes löft fich in der einfachen tactmässigen Entwicklung des Motives auf und ift in der Praxis bald zu erreichen; anders verhält es fich jedoch bei der Geftalt des. Menfchen, bei welchem die Formen mehr der Willkür folgen und ftets von einer geiftigen Idee durchdrungen fein müffen. Beffer war das Figurale im Zeichnen fowohl nach der Antike als nach dem Acte repräfentirt. Im Linearzeichnen hält hält man fich in der Architektur und dem Decorativen ausfchliefslich an die claffifchen Vorbilder. Die königliche Baugewerk- Schule zu Stuttgart hatte von ihren Schülern aus allen Gebieten des gewerblichen Zeichnens vorzügliche Leiftungen ausgeftellt; darunter die Pläne ihres ftattlichen Gebäudes felbft. In fchöner Zufammenftellung ( auf zwei Wänden in dem füdlichen Tracte des Pavillons) wurden Aufnahmen von Bauwerken verfchiedener Stile, decorative Architekturwerke( worunter mufterhaft durchgeführte, polychrome, griechifche Ornamente) und felbftftändige Entwürfe der Schüler in dem Gebiete der Architektur und des Mafchinenbaues Anfchauung gebracht. - zur Der Zweck der Baugewerk- Schule ift es, zunächft durch fyftematifch geordneten Unterricht Baugewerk- Meifter, Hoch- und Waffer- Bautechniker, Geometer und Mafchinenbauer für ihren Beruf auszubilden. Der Unterricht zerfällt in einen vorbereitenden und fpeciellen Berufsunterricht, und wird letzterer nicht nur in theoretifcher, fondern auch in praktifcher Richtung gegeben. 2 28 J. Langl. Eine Unterweifung in den gewerblichen Handarbeiten, die auf Werk- und Bauplätzen oder in Werkstätten erlernt werden können, findet jedoch an der Baugewerk- Schule nur betreffs folcher Arbeiten ftatt, welche bei dem dermaligen Stand der localen Praxis an den genannten Orten entweder gar nicht oder nur ausnahmsweife erlernt werden können. Die Schule führte bis zum Jahre 1864 blofs Wintercurfe; mit dem Jahre 1865 wurden auch Sommercurfe eingerichtet und die Anftalt bisher noch nach verfchiedenen Richtungen erweitert. Die vorgelegten ftatiftifchen Tafeln zeigten eine ftete Zunahme der Frequenz. waren Aus den„ Abendfchulen" und dem" offenen Zeichenfaale" waren ebenfalls ausgezeichnete Arbeiten ausgeftellt und befonders von den Schülern des letzteren wieder virtuos durchgeführte Gypszeichnungen. Schwächer die Naturköpfe.- Auch von den Schülern des„ Sonntagscurfes für Maler" lagen aus den verfchiedenften Zweigen der Zeichenkunft gediegene Leiftungen vor. Die polytechniſche Schule hatte die Pläne ihres herrlichen Gebäudes ausgeftellt; dann Autographien von Architekturen und die bekannte Sammlung ,, Architektonifche Studien", herausgegeben vom Architektenverein am Polytechnicum in Stuttgart. Das Inftitut zählte im Studienjahre 1871 bis 1872 eine mathemathifche Abtheilung( in zwei Claffen) und eine technifche Abtheilung mit fechs Fachſchulen. Die Kunftſchule in Stuttgart hatte diverfe Naturftudien und felbftſtändige Compofitionen von den Schülern vorgelegt. Von letzteren fiel uns befonders eine reizend gedachte Sommerlandfchaft mit reicher Staffage und eine im Geifte Schwinds gehaltene Zeichnung zu dem Märchen„ Siebenfchön" auf. Die Studienköpfe in Oel zeigten das befte Streben. Mit fchwächeren Leiftungen war das figurale Studium repräfentirt. Wir haben nun noch der Pflege des Zeichenunterrichtes an den Volksfchulen in Württemberg zu gedenken. Der Gegenftand wird laut einer Verfügung des königlichen Minifteriums vom 21. Mai 1870 an den Volksfchulen gelehrt, wo einerfeits das Bedürfnifs, anderfeits die Lehrkräfte vorhanden find; jedoch nur unter der Vorausfetzung, dafs 30 Wochenftunden im Gefammtunterrichte nicht überfchritten werden und die obligaten Lehrfächer keine Beeinträchtigung erfahren. Eine weitere Ausdehnung des Zeichenunterrichtes ift der befonderen Uebereinkunft der Gemeindebehörde mit dem Lehrer überlaffen. In der Regel beginnt der Zeichenunterricht nicht vor dem zwölften Jahre der Schüler, und ift als Zweck und Ziel vorgefchrieben, dafs durch denfelben die Schüler ein Verſtändnifs der Formen fowie einige Gefchicklichkeit in der Darftellung bekommen, damit der Schönheitsfinn entwickelt und geübt, anderentheils aber der Brauchbarkeit der Schüler im Leben vorgearbeitet werde. Im Reglement über das Pädagogische wird nur das eigentliche Freihand- Zeichnen( ohne Hilfsmittel) geftattet und zwar anfangs nach Wandtafeln und später nach Vorlagen, wobei durchwegs nur das ftrenge Conturzeichnen im Auge behalten wird. Die ausgeftellten Arbeiten zeigten überall ein einheitliches Syftem( v. Herdtle's Werk) und die beften Erfolge. Die Conturornamente waren in ziemlich grofsem Mafsftabe ausgeführt, was für den Zweck des Zeichnens in der Volksfchule nur dienlich fein kann. Auch von den Lehrerfeminaren waren Leiftungen im Zeichnen ausgeftellt, und liefs fich fowohl in Freihand- als Linearzeichnen eine treffliche Lehrmethode erkennen. Es werden im Curs I Conturornamente mit Bleiftift und Feder, im Curs II geometriſche Körper in Schatten und Gypsornamente in Kreide oder Tufch und im Curs III Wandtafel- Zeichnen als Studium für den praktifchen Unterricht geübt. Im geometrifchen Zeichnen wird theils Conftructives aus der Geometrie und theils Projectionslehre in Anwendung auf Architektur etc. vorgenommen. Recht gute Arbeiten hatten die Lehrerfeminare von Efslingen, von wo auch das Situations. und Bauzeichnen vertreten war, und Gmünd ausgeftellt. Der Zeichen- und Kunftunterricht. 29 1 r 1 r e h n S n 16 . g S e CD e S n 2. 2 e 0 r t 1. r k r e r S n e. n t, به تو S d t. s e An den Zeichnungen der Stuttgarter Frauenfchule ift neben der fchönen Ausführung vorzüglich die forgfame Auswahl gefchmackvoller Motive hervorzuheben. Erwähnung verdienen auch noch die Arbeiten der Sträflinge, die in guten Studien nach Gypsmodellen, in farbigen Ornamenten, Mafchinen- und Linearzeichnungen etc. vorlagen. Um zweckmäfsige und praktiſche Vorlagewerke hat fich, wie fchon erwähnt, die Commiffion für die gewerblichen Fortbildungsfchulen in Württemberg die gröfsten Verdienfte erworben. Für die erften Unterrichtsftufen find die von E. Herdtle verfafsten Schulen das Befte, was wir überhaupt derzeit befitzen, wofür auch die reiche Verbreitung derfelben fpricht; es fei davon hier nur die Sammlung von„ Flächenverzierungen des Mittelalters und der Renaiffance"( nach den Originalen gezeichnet von F. H.) der reizenden Motive wegen hervorgehoben. Für den Fachunterricht wurde von der Commiffion eine Serie von Vorlagen für alle Gewerbszweige herausgegeben, welche in Einfachheit und Klarheit der Darftellung fowohl als in der zweckmäfsigen Auswahl der Objecte nichts zu wünſchen übrig läfst. Die meiften Blätter enthalten neben den Zeichnungen auch für diefelben einen kurzen erklärenden Text. 99 Die Vorlageblätter für technifches Freihand- Zeichnen" von P. Hölder ( meift für Eifen) find gut, aber ohne ausgefprochenen Stil. Sehr fchöne Aufgaben über Schattenlehre, Intenfitäts curven etc. enthält C. Riefs's" Schattirungskunde". Auch Guido Schreibers ,, Körperftudien" find für die erfte Stufe, um zu zeigen, wie die Plaftik dargeftellt werden foll, empfehlenswerth.„ Das Zeichnen der Stereometrie als Vorfchule zur darftellenden Geometrie" von A. Brude ift für den Uebergang vom geometrifchen Zeichnen in der Ebene zum Zeichnen im Raume ⚫der darftellenden Geometrie berechnet. Unferes Erachtens ift es denn doch beffer, die Stereometrie fogleich mit guten Lehrmitteln in der geometrifchen Projection durchzuführen, wenn diefe fortgefetzt werden foll. Die zeichnende Geometrie von G. Müller" ift ein fehr praktiſches Werkchen, durch welches der Schüler vorzugsweife im Handhaben feiner Werkzeuge gefchult wird. Die„ Sammlung naturaliftifcher Ornamente" für Zimmermaler von Ch. Kämmerer enthält hübfch gezeichnete Blätter in franzöfifchem Gefchmacke. Als Weltblatt für die Kunftinduftrie war die Stuttgarter, Gewerbehalle" in fieben verfchiedenen Sprachen ausgeftellt. Rühmlich hervorzuheben ift hier noch Conrad Wittwer's Verlag( Stuttgart) von architektonifchen Werken. Baden. Das Grofsherzogthum Baden hatte fich wie in Paris 1867 auch auf der Wiener Weltausftellung im Unterrichtswefen wenig betheiligt. Den gewerblichen Fortbildungsfchulen wird in diefem Lande die befte Pflege gewidmet, und beläuft fich deren Zahl gegenwärtig auf 43; in demfelben wird jedoch weniger rein fachliche, fondern vorwiegend allgemeine Bildung angeftrebt. Auch wird feit 1870 in dem Lande für die Ausbildung des weiblichen Gefchlechtes reichlich Sorge getragen. Es lagen nur Schülerarbeiten von der gewerblichen Unterrichtsanftalt in Carlsruhe vor. In denfelben wurden die meiſten gewerblichen Fächer repräfentirt, und verdienen davon befonders decorative Entwürfe, Gefäfse und Möbel ihres eleganten, gefchmackvollen Stiles und der exacten künftlerifchen Ausführung wegen hervorgehoben zu werden. Auch treffliche Studien nach griechifchen und orientalifchen( polychromen) Ornamenten verdienen erwähnt zu werden. Von Modellirungen war nur Weniges, zumeift Ornamentales ausgeftellt. An Vorlagewerken lagen auf:„ Ornamentenzeichnen für Bürger- und Gewerbefchulen" von W. Tönius( Carlsruhe); die Formen bewegen fich in ver 30 J. Langl. " Die Landfchaftsftudien" von fchiedenen Stilen; der Vortrag ift etwas hart. J. W. Schirmer( † 1863), herausgegeben von Vogelweider( Carlsruhe) find ausgezeichnet reproducirt und dürften auch für Kunftfreunde eine willkommene Gabe zur Erinnerung an den poefievollen Landfchaftsmaler fein. Preufsen. Wenn auch langfamer als im Süden Deutſchlands, fo beginnt denn doch allmälig auch fchon in den preufsifchen Volks- und Mittelfchulen der Zeichenunterricht eine breitere Bafis zu gewinnen. Schon in dem Normal- Lehrplan vom Jahre 1863 wurde die wohlwollende Fürforge für diefen Gegenftand dargelegt und befonders die Pflege desfelben an den mittleren Schulen in's Auge gefafst. Die den Realfchulen und Gymnafien zu Grunde gelegten Lehrpläne wurden zur Zeit von einer Commiffion, beftehend aus Künftlern und Schulmännern, ausgearbeitet und liefsen gewifs nichts als die nothwendige Zeit zu wünſchen übrig, um diefelben dem vollen Umfange nach auch durchführen zu können. Der Gegenftand wurde darin als allgemeines Bildungsmittel aufgefafst und daher als integrirender Theil des Lehrplanes aller höheren Schulen betrachtet. In der Realfchule hat diefen Normen nach das Zeichnen für die Technik und Kunft vorzubereiten und mufs fich die Aufgabe ftellen, die graphifchen Darftellungen auf die geometrifchen Grundoperationen zurückzuführen und durch praktifche Einübung der Projec tionslehre, durch mathematiſch begründete Perfpective, fowie durch fortgefetzte Zeichenübungen nach Gypsmodellen das Verſtändnifs des Raumes und der Form zu vervollständigen. An den Gymnafien, wo dann weniger die techniſche, fondern mehr die aefthetiſche Seite des Zeichnens hervorzukehren ift, wird der Unterricht in vier, an den Realfchulen in fünf Curfe oder Stufen abgetheilt, die unabhängig von dem Fortfchreiten der Schüler in den Claffen fich nach deren Befähigung und deren Fortfchritten in dem Gegenftande felbft fondern. Es foll den weiteren Beftimmungen nach auf der erften Stufe mit der allgemeinen Formenlehre begonnen werden und zwar nach Wandtafeln oder Tafelzeichnungen; im zweiten Curfe hat dann das Zeichnen nach geometrifchen Modellen nebft ornamentalen und figuralen Vorlagen fich anzufchliefsen und im dritten und vierten Curfe das Gypszeichnen im Ornamente zu folgen mit fortgefetzten Uebungen des Figuralen, wobei in der Wahl der Vorlagen und Modelle befonders auf die Bildung und Veredlung des Gefchmackes Rückficht zu nehmen ift. Dem Lehrer wird innerhalb diefer Grenzen in Bezug auf Methodik vollkommen freier Spielraum gelaffen und ganz richtig bemerkt, dafs Mancher mittelft der Methodik, nach welcher er felbft unterrichtet worden ift, als Lehrer gute Refultate erreichen fich befferen wird, während er unter dem Zwange einer, wenn auch an Methode, mit der er nicht vom Haufe aus vertraut ift, vielleicht nur Unzuläng liches leiften würde. Wenn den Wünſchen diefes Lehrplanes die Erfolge weder an den Gymnafien noch an den Realfchulen bisher entfprochen haben, fo hat diefs in erfter Linie feinen Grund darin, dafs, wie gefagt, dem Gegenftande zu wenig Zeit zugewiefen wurde. Mit zwei Stunden in der Woche ift es fchon durch die langen Intervalle fchwierig, die Fertigkeit im Tacte zu halten, gefchweige denn das Intereffe, welches Die königlich preuvorzugsweise durch die Erfolge gefördert wird, anzuregen. fsifche Unterrichtsverwaltung hatte keine Schülerarbeiten der Mittelfchulen vorgelegt, um daraus auf der Ausstellung ein Urtheil fchöpfen zu können. Es zeigte fich jedoch bei dem Durchblättern der zahlreich vorhandenen Schulprogramme, wie in dem Gegenftande das gewünſchte Ziel an den meiſten Anftalten entweder nicht erreicht oder derfelbe in einer Weile aufgefafst und gelehrt wird, welche mit den Intentionen des Lehrplanes nicht übereinftimmt. Vielfach ift das Zeichnen in den Gymnafien unter die Rubrik" Fertigkeiten" geftellt und damit fchon die Stellung des Gegenftandes an den betreffenden Anftalten ausgefprochen. Dann finden fich wieder Claffenrapporte, wo auf der erften Stufe fchon mit dem Kopf d e ht er n gt ie it et en le eil en fs en ECte m rn ht gig ng en en mat guOSen, md rd um ch en en ng. en nie Ten lle es euorgte me, der che en die ann pfDer Zeichen- und Kunftunterricht. 31 zeichnen begonnen wird, an welche fich das Zeichnen von fchattirten Gebäuden und Landfchaften anfchliefst. Weiter folgen dann grofse Köpfe mit Kreide, Baumfchlag- Landfchaften, Thiere etc." da ift wohl bei den talentirteften Schülern in Zweifel zu ziehen, ob diefs Alles mit zwei wöchentlichen Lehrftunden auch erfolgreich betrieben wird! Nicht viel günftiger fteht es bezüglich der normirten Zeit an den Realfchulen, wo das karge Plus an Stunden dann für das dafelbft weiter durchzuführende Linearzeichnen zu verwenden ift. In Preufsen beftehen bekanntlich zwei Ordnungen von Realfchulen und aufserdem die höheren Bürgerfchulen, welche den Realfchulen zweiter Ordnung ähnlich eingerichtet find. Letztere Anftalten ſtehen in wiffenfchaftlicher Beziehung unter denen erfter Ordnung und wäre damit einer befferen Pflege des Zeichenunterrichtes wohl Gelegenheit geboten. Aber auch an diefen Anftalten hängt jeweilig Vieles von der Einficht der betreffenden Rectoren ab, ob die Wichtigkeit diefes Gegenftandes anerkannt wird. do's Den allgemeinen Beftimmungen vom 15. October 1872 nach werden den drei Claffen der Bürgerfchule je zwei Stunden für den Zeichenunterricht zugetheilt. Die bezüglichen Normen find jedoch fo" juridifch" abgefafst, dafs es jedenfalls den Fachmännern überlaffen bleiben mufs, fich das Befte für ihren Gegenftand daraus zu deuten. Der Entwurf lautet:"( I. Stufe.) Linearzeichnen nach Vorzeichnungen des Lehrers an der Wandtafel unter Hinweifung auf die geometrifche Grundlage derfelben.( II. Stufe.) Geometrifche Anfichten von einfach geftalteten Gegenständen nach gegebenem verjüngten oder erweiterten Mafsftabe; Copiren einfach fchattirter Vorlegeblätter verfchiedener Art.( III. Stufe.) Elemente der Perfpective; Zeichnen von Holzkörpern, Gypsmodellen und Naturgegenständen; Schattiren mit fchwarzer Kreide, Tufche und Sepia; Copiren ausgeführter Ornamente, Köpfe etc." msb asilo Die Klagen, welche fchon wiederholt von den höheren technifchen Schulen in Preufsen verlauteten, dafs die aus den Mittelfchulen kommenden Eleven im Linearzeichnen mangelhaft vorgebildet find, haben auch für das freie Zeichnen ihre Geltung, nur wird mit demfelben eben von der Mittelfchule aus kein weiterer praktifcher Zweck verfolgt, ein idealer dem Stande der Dinge nach aber am Wenigften erreicht. So ifolirt demnach der Gegenftand noch immer an den preufsifchen Schulen dafteht und vorläufig hauptfächlich noch an der befchränkten Zeit krankt, fo erfreulich ift die rege Thätigkeit der Zeichenlehrer, welche befonders in den letzten Jahren unermüdlich darauf hinarbeiteten, ihren Gegenftand zu der ihm gebührenden Geltung zu bringen. Diefelben haben den„ Verein zur Förderung des Zeichenunterrichtes" gegründet, um durch ein gemeinfchaftliches Vorgehen in Bezug auf Methodik, Vorlagewerke etc. vorzugsweife im Elementarunterrichte der Disciplin eine fichere Bafis zu geben, durch zeitweilig ftattfindende Ausftellungen von Schülerarbeiten und das Zeichnen betreffenden Lehrmitteln fich von dem Stande diefes Unterrichtszweiges Ueberzeugung zu verfchaffen und eventuelle Neuerungen in Discuffion zu ziehen. Der Verein hatte feinen ,, Comitébericht" über die letzte derartige Ausftellung, die in Berlin 1870 abgehalten wurde, vorgelegt und in der kritifchen Besprechung ein deutliches Bild von dem Stande des Zeichnenunterrichtes in Nord- Deutfchland entworfen. Da derfelbe von Fachmännern herrührt, fo mögen bei der folgenden Befprechung einige Noten daraus hier ergänzen, was fich aus der Ausftellung 1873 eben durch den Mangel an Schülerarbeiten nicht erfehen liefs. In den allgemeinen Beftimmungen vom 15. October 1872" find den oberen Volksfchul- Claffen(§. 13) wöchentlich zwei Zeichenftunden nebft zwei Stunden Raumlehre, was wohl als Formenlehre aufzufaffen ift, zugewiefen. In der weiteren Ausführung diefes Punktes(§. 30) heifst es dann:„ In dem Zeichenunterrichte find alle Kinder gleichzeitig und gleichmässig zu befchäftigen und bei fteter Uebung des Auges und der Hand dahin zu führen, dafs fie unter Anwendung von Lineal, Mafs und Zirkel vorgezeichnete Figuren nach gegebenem verjüngten oder erwei3 32 J. Langl. terten Mafsftabe nachzuzeichnen und geometriſche Anfichten von einfach geftalteten Gegenftänden nach gegebenem Mafsftabe darzuftellen vermögen, z. B. von Zimmergeräthen, Gartenflächen, Wohnhäufern, Kirchen und anderen Körpern, welche gerade Kanten und grofse Flächen darbieten. Wo diefes Ziel erreicht ift, kann befonders begabten Kindern Gelegenheit gegeben werden, nach Vorlegeblättern zu zeichnen." Es wurde fomit officiell die Methode von Domfchke, die fchon feit einigen Jahren in den Berliner Gemeindefchulen allenthalben eingebürgert war, für die erfte Stufe allgemein empfohlen. Dem Referenten liegt es ferne, über den Werth diefer Methode ein Urtheil abgeben zu wollen, da er nicht Gelegenheit hatte, in die dadurch erzielten Refultate Einficht zu nehmen; dafs rafchere Fortfchritte in Bezug auf eigentliche Formenlehre erzielt werden dürften, will er nicht in Zweifel ziehen; bedenklich ift es nur, ob der Schüler durch das Nachahmen der Formen mit mechanifchen Hilfsmitteln in jenem Grade das freie Auffaffen lernt, wie es durch felbftftändiges Wiedergeben des Gefchehenen erreicht wird. Bisher wurde der Zeichenunterricht an den Berliner Gemeindefchulen nach der Domfchke'fchen und der Dupuis'fchen Methode betrieben, und zwar follte Domfchke's" Wegweifer" für das Naturzeichnen der Dupuis'fchen Methode vorarbeiten. Die Figuren wurden aus dem" Atlas" von dem Lehrer an der Tafel grofs vorgezeichnet und von den Schülern mit Hilfe des Kandels und des Zirkels oder auch mit Lineal und Mefspapier gleichzeitig nachgezeichnet. Schon in dem oben erwähnten Berichte heifst es aber, dafs durch die Erleichterung, welche durch das Herbeiziehen diefer Hilfsmittel dem Zeichenunterricht gefchaffen wurde, von vorneweg den Schülern die unmittelbare freie Auffaffung verleidet wurde und die freie Entwicklung der Zeichenfertigkeit hinderte, welche gerade bei der Dupuis'fchen Methode dann am nothwendigften war". Ift es daher fehr fraglich, ob die genannte Methode überhaupt zu dem Ziele führt, welches dem Zeichnen an der Volksfchule gefteckt ift, fo ift es entfchieden verwerflich, wenn Landfchafts-, Thier- und Figurenbilder mit in den Anfangsunterricht hereingezogen werden, wie es bei den Domfchke'fchen Tafeln der Fall ift. Ebenfo gewagt ift aber auch dann die Dupuis'fche Methode, bei welcher durch freies Zeichnen nach Flächen und Körpermodellen gleichzeitig die empirifche Einübung der Perspective angeſtrebt werden foll. Dazu gehört unbedingt eine gewiffe Reife des Verftandes, welche den Schülern in der Volksfchule noch nicht zuzumuthen ift, und, wenn die Methode überhaupt mit Erfolg betrieben werden foll, eine möglichft geringe Schülerzahl, was bekanntlich in den Volksfchulen allenthalben vorläufig noch ein frommer Wunfch der Lehrenden bleibt. " Die Erfolge, welche bei der oben bezeichneten Ausftellung vorgelegt wurden, waren defshalb auch fehr getheilt und zeigten, dafs auch zum Theile den betreffenden Lehrern das gehörige Verſtändnifs in Betreff der Perfpective mangelte, was felbftverſtändlich die Refultate diefer Methode von vorneherein beein trächtigen mufste. Wenn demnach damals viele Schulen diefen vorgefchriebenen Lehrgang verliefsen und fich auf's ,, Bildchenmachen" verlegten, fo hatten fie doch das Intereffe den Schülern für den Gegenftand nicht genommen, wenn auch dabei nichts Pofitives gelernt wurde. Dafs diefem Uebelftande der fich widerfprechenden Methoden allmählig Abhilfe gefchaffen wird, zeigten fchon die zahlreichen Vorlagewerke für die erfte Stufe des Zeichenunterrichtes, welche, in Berlin entftanden, zur Weltausstellung gefandt wurden. Davon find die von dem genannten Zeichenlehrer- Vereine herausgegebenen Wandtafeln zur Zeichenmethode" von Herzer, Jonas und Wendler in ihren einfachen, leicht fafslichen Formen als praktiſcher Lehrgang fehr empfehlenswerth; defsgleichen bieten Ed. Eichen's Wandtafeln für den richganz Elementar- Zeichenunterricht" als Vorfchule des Modellzeichnens einen tigen Weg, nur wäre das Heranziehen der freieren Formen der Naturblumen für den Zweck fraglich, dagegen fehr lobenswerth des Verfaffers Betonen( in der " Der Zeichen- und Kunftunterricht. 33 e n n 1 S e n n d al n i- g t- n e le d en ie d St en de 1. er gt en n- en ch ei ig te ng ernd ng en h- ür er Erläuterung), dafs die Schüler fo grofs wie nur möglich die Figuren zu zeichnen haben, und zwar im erften Entwurf mit der Kohle. Schon bei der erwähnten Ausftellung in Berlin( 1870) erregten die Handzeichnungen des„ Stufenganges für den Elementarunterricht" von Zimmermann ( Lehrer in Zurckau) gerechtes Auffehen und wurde allgemein der Wunfch ausgefprochen, dafs der Verfaffer durch Vervielfältigung feine Blätter auch anderen Schulen zugängig mache Auf der Weltausftellung waren die Tafeln ebenfalls erfchienen und hatten fich der günftigften Beurtheilung zu erfreuen. Wir kommen noch bei Sachfen näher auf diefe Arbeiten zu fprechen. Zu bedauern war es nur, dafs von der fo tüchtig geleiteten Volksfchule in Mainz, deren Schülerarbeiten ebenfalls zur Zeit in Bezug auf Methodik ein fehr beifälliges Urtheil ernteten, nichts eingefandt wurde. In den Provinzen Preufsens wird das Zeichnen dort gut betrieben, wo eben der betreffende Lehrer des Gegenftandes befähigt ift. Es führt diefer Satz uns hier auf den Zeichenunterricht in den Schullehrer- Seminaren, von von wo ja die Pflege desfelben für die Volksfchule auszugehen hat. Bisher fanden fich hierin freilich noch grofse Lücken und wurde, wenn wir dem Berichte weiter folgen, derfelbe durch die häufig ganz ifolirte Lage der Domicile nicht felten in Frage geftellt. Den beftehenden Zeichenlehrern wurde dafelbft nur wenig Zeit für ihre Thätigkeit eingeräumt, und da es ihnen an ausreichender Befchäftigung fehlte, wurden diefelben meift aus den wiffenfchaftlichen Lehrern gewählt. Nur an den Seminaren in gröfseren Städten waren tüchtige Kräfte dazu vorhanden, und wurden auch meift gute Refultate erzielt. Wenn die neueren Beftimmungen in Bezug auf den Zeichenunterricht an den Volksfchulen durchgeführt werden follen, wird wohl die Regierung dafür Sorge tragen müffen, dafs demfelben auch an den Lehrerbildungs- Anstalten in entſprechender Weife Rechnung getragen werde. Auch in Bezug auf auf den gewerblichen Zeichenunterricht ift NordDeutfchland gegenüber den füdlichen Ländern noch weit im Rückftande. Noch bis vor Kurzem lag Alles, was in diefer Hinficht zur Förderung der Kunftinduftrie gefchah, in den Händen von Vereinen, und war es gerade in Preufsen, wo von der Regierung aus am längften gezögert wurde, diefem hochwichtigen Factor für den Wohlftand die gebührende Aufmerkfamkeit zu fchenken. Mit Ausnahme des Berliner Handwerker- Vereines, durch welchen vorzugsweife die norddeutſche Tifchlerei und Weberei einigermafsen gehoben wurden, gab es bis vor nahe zehn Jahren in Preufsen keine Anftalten, in welchen die Kunftgewerbe in ergiebiger Weife eine Unterſtützung gefunden hätten. Die ftädtifchen Gewerbefchulen gewährten eine mehr allgemeine, wiffenfchaftliche Bildung, als dafs den Specialfächern Rechnung getragen werden konnte; defsgleichen war die Einrichtung der Fortbildungsanftalten nicht darnach angethan, eine Pflanzftätte des kunftgewerblichen Unterrichtes zu werden, abgefehen von den ganz unzureichenden SonntagsFreifchulen. Das königliche Gewerbe- Inftitut ift mehr techniſche Anftalt und die königliche Akademie der Künfte gehört fpeciell der Kunft, fo dafs auch von diefer Seite der Kunftinduftrie wenig gedient wurde.* In dem Reorganifationsplane vom 21. März 1870 wurde der Gefammtcurs der preufsifchen Gewerbefchulen auf drei Jahre ausgedehnt und dem Lehrplane die modernen Sprachen einverleibt. Das Lehrziel wurde( in Folge verfchärfter Aufnahmsbedingungen) in den meiften Gegenständen höher geftellt, und zog aus der neuen Einrichtung vorwiegend das Linearzeichnen Vortheile. Im Allgemeinen behielten die Schulen den Charakter von technifchen Schulen, was fchon in der Motivirung des Reorganifationsplanes deutlich ausgefprochen erfcheint; dafelbft heifst es:„ Der angehende Gewerbetreibende mufs im Stande fein, die Fortfchritte * Ueber die Verhältniffe des kunstgewerblichen Unterrichtes in Preufsen bis zum Jahre 1866 zu vergleichen: Die Förderung der Kunstinduftrie in England und der Stand diefer Frage in Deutſchland von Dr. H. Schwabe, III. Theil, S. 188 ff. 3* 34 J. Langl. anderer Nationen auf dem Gebiete der Technik und Induftrie zu prüfen und in feinem, fowie im allgemeinen Intereffe zu verwerthen; zu diefem Zwecke mufs er fich die franzöfifche und englifche Sprache mindeſtens fo weit angeeignet haben, als zum richtigen Verftändniffe der darin abgefafsten Werke erforderlich ift. Die phyfifchen Verhältniffe der Erdoberfläche, ihre Beziehungen zur Waffer-, Pflanzenund Thierwelt dürfen ihm nicht unbekannt fein. Er bedarf endlich eines Einblickes in die Entwicklungsgefchichte der Völker und Staaten, in ihre Verkehrsverhältniffe und ihre Handelsbeziehungen zu einander." Es liegt wohl auf der Hand, dafs diefe höheren gewerblichen Anftalten nicht für die Erziehung der arbeitenden Claffe beftimmt find, fondern damit nur Bemittelten Gelegenheit zur allfeitigen Fortbildung nach den Bedürfniffen der Zeit gegeben ift. Vorbereitende Claffen als„ niedere Gewerbefchulen" bleiben, wo fie nöthig find, den betreffenden Gemeinden zu errichten überlaffen. Gröfsere Kunftund Gewerbefchulen beftehen in Preufsen bis jetzt nur in Berlin, Danzig, Breslau, Erfurt und Magdeburg. Im Uebrigen find auch bis heute noch die Fachſchulen in Preufsen wenig entwickelt; eine Ausnahme bildet bis jetzt nur das Manufactur fach, in welchem ein erfreulicher Auffchwung in diefer Beziehung zu verzeichnen ift. Die Bedürfniffe nach folchen Schulen treten aber von Jahr zu Jahr allenthalben deutlicher hervor und werden diefer Richtung auch von Seite der Regierung nach und nach freundlichere Blicke zugewendet. Unmittelbar nach dem Kriege mit Frankreich wurden die verfchiedenen Gemeinden von Induſtrie- Orten in Preufsen durch ein Circular des Minifters für Handel und Gewerbe( Haid) aufgefordert. nach dem Beiſpiele Frankreichs Zeichen- und Induftriefchulen ins Leben zu rufen und darauf hingewiefen, welche Wichtigkeit diefelben für die Gewerbe haben und wie fie die eigentliche Bafis des Wohlftandes in Frankreich bilden. Zugleich wurde eine Regelung in Betreff der Lehrkräfte für das Freihand- Zeichnen und Modelliren an den gewerblichen Schulen angebahnt. Wie weit fich feit diefer Zeit die Beftrebungen realifirt haben, war auf der Weltausftellung nicht erfichtlich. Ein umfaffendes Bild feiner Thätigkeit entrollte nur der Berliner Handwerker- Verein in Bezug auf die Einrichtung und Weiter entwicklung feiner Schulen. Es lagen ftatiftifche Tafeln, Berichte bis zum Ausftellungsjahre und die Pläne des Vereinshaufes vor. Neben den Vorträgen in den wiffenfchaftlichen Fächern wird das Zeichnen in all' feinen verfchiedenen Zweigen in der gründlichften Weife gepflegt und wurden bei der letzten Amfterdamer internationalen Ausftellung die Arbeiten aus der Schule des Vereines mit der filbernen Medaille ausgezeichnet. Da fchon in den frühereren Jahren ein bedeutender Theil der Mitglieder den Baugewerben angehörte und nach diefer Richtung eine befondere theoretifche und auch fachliche Ausbildung im Zeichnen wünfchenswerth erfchien, fo wurde im Jahre 1864 von dem Vereine eine befondere Schule für Bauhandwerker gegründet, durch welche in vier auffteigenden Lehrcurfen Eleven der Baugewerbe fich bis zur Meifterprüfung ausbilden konnten. Die Betheiligung war befonders in Anbetracht des letzten Punktes eine fehr lebhafte und hat fich trotz der neuen norddeutſchen Gewerbeordnung, in welcher die Handwerker- Prüfungen abgefchafft wurden, die Zahl der Schüler noch auf einer namhaften Höhe erhalten. Dem Berichte nach wird in diefen Fachcurfen des Vereines vom Winterfemefter 1873 und 1874 an eine noch zweck dienlichere Organiſation eingeführt. Von den königlich preufsifchen Provinzial- Gewerbefchulen lagen nur Arbeiten aus der Anftalt in Saarbrücken vor, und bezeugte diefes Beiſpiel, dafs an diefen Schulen wohl im Allgemeinen das Zeichnen von tüchtigeren Kräften gelehrt wird als an den Communalanſtalten, welches Urtheil auch bei der Berliner Ausftellung 1870, wo fie vertreten waren, faft ähnlich gefällt wurde. Das Fortfchreiten von den einfachen geometrifchen Grundformen zum freien Ornamente nach den Wandtafeln von Fürftenberg, dem Lehrer an der Anftalt. war in den vorgelegten Zeichnungen klar veranfchaulicht, und ift der Methode 1 1 4 1 r t 1 e 1 I S r Der Zeichen- und Kunftunterricht. 35 fowohl als den Erfolgen ungetheiltes Lob zu fpenden. Die Zeichnungen nach Gyps, im Ornamente und der Figur, waren von der zarteften Durchbildung und mir für den Zweck faft zu minutiös à la Lithographie ausgeführt. Ebenfo anfprechend waren die Zeichnungen nach plaftifchen Modellen von den Schülern der unter der Leitung des Confervators Nieffen ftehenden Zeichenfchule im Muſeum Wallraf- Richartz zu Köln am Rhein. Die delicate Modulation der Form wetteiferte mit der Präcifion der Contouren. Auch von dem Gewerbeverein in Naffau lagen Proben der Leiftungen der Handwerker- Fortbildungsfchulen vor, die befonders im Linearzeichnen, fowohl was Exactheit und Reinheit der Ausführung als den zweckmäfsigen Lehrgang anbelangt, volles Lob verdienten. Nur wären im decorativen Fachzeichnen und den Architekturen neuere, frifchere Motive wünfchenswerth. Wird doch fo viel des Guten heutzutage producirt! Correct war der Lehrgang im ornamentalen Zeichnen. Sonft hatte die preufsifche Unterrichtsverwaltung noch die Pläne der Gebäude von den Gewerbefchulen von Brieg, Gleichwitz, Caffel, Mühlheim, des Lehrerfeminars bei Mettmann und des rheinifch- weftphälifchen Polytechnicums zu Aachen ausgeftellt; letzteres im Stile der italienifchen Frührenaiffance von impofanter Wirkung. Bezüglich des Linearzeichnens an den wiffenfchaftlichen und elementaren Bildungsanftalten ift noch zu bemerken, dafs leider zumeift der eigentliche Zweck derfelben überfehen wird und die pofitiven Refultate keineswegs mit den auf dem Papier gezeigten übereinftimmen. Als eines Theiles der Mathematik foll dadurch in der Selbftthätigkeit vorzugsweife das ftreng logifche Denken im Raume eingeübt und nebenbei ein exactes, forgfältiges Arbeiten angewöhnt werden. Nur zu oft wird aber blofs auf den letzten Punkt Gewicht gelegt und in der technifchen Fertigkeit zu prunken gefucht. Es werden die verfchiedenen Aufgaben, welche der Schüler nach den Vorträgen felbft entwickeln und löfen foll, einfach nach Vorlagen copirt und dadurch dem Gegenftand fein eigentlicher Zweck genommen. Es iſt nichts Geifttödtenderes für einen Schüler als das Copiren einer Zeichnung, die er nicht verfteht, und bei der er die verfchiedenen conftructiven Hilfslinien blofs dadurch findet, indem er fie bis zum Rande des Papieres verlängert und diefe Punkte fcalenmäfsig auf fein Bret überträgt. Anders wird felbftverftändlich der Gegenftand in den Fachfchulen aufgefafst, wo das Praktifche mit der Theorie in unmittelbarem Zufammenhang fteht. Vielfach wurde es bedauert, dafs die eigentlichen Hochſchulen, wie die königliche Gewerbeakademie und die königliche Bauakademie mit Studienzeichnungen der Ausftellung fern geblieben find, während fie fich doch fonft bei ähnlichen Gelegenheiten ftets reiche Lorbeern fammelten. Das erftere Inftitut wurde im Jahre 1821 von Beuth ins Leben gerufen und hatte zur Zeit blofs 13 Schüler; bis zum Jahre 1869 ftieg die Zahl derfelben auf 608 und fank nur im Jahre 1871 in Folge der Kriegsereigniffe auf 281 zurück; ift feither aber wieder in rapidem Wachfen begriffen. Die Anftalt hatte nur zwei Glasfchränke mit ihrer ausgezeichneten Modellenfammlung von Mafchinentheilen für das Studium der Mechanik ausgeftellt, welche Objecte die Aufmerkfamke it der Fachmänner lebhaft auf fich zogen. Von den Schülern der königlichen Bauakademie waren die an der Anftalt benützten Wandtafeln für den kunftgefchichtlichen Unterricht ausgeftellt und die nach Profeffor C. Bötticher's Entwürfen ausgeführten Vorbilder und Studienblätter", eine herrliche Sammlung fowohl zur Illuftration von kunftwiffenfchaftlichen Vorlefungen als zum Studium im Copiren felbft. Erwähnt fei hier ebenfalls " * Von der Anftalt waren auch fehr fchone Dachstuhl- Modelle und ein Eadenmodell von einem dreiaxigen Hyperboloid( conftruirt vom Director Wiecke, ausgeführt von Ackermann) exponirt. 36 " J. Langl. die nach den Grundfätzen von C. Bötticher's Tektonik der Hellenen" bearbeitete Grammatik der Ornamente" von E. Jacobsthal, welche als Lehrmittel für höhere Architekturfchulen vorlagen. Die Studierenden des Inftitutes hatten auch ihre zum Zwecke des Studiums der Baudenkmäler angefertigten Autographien ausgeftellt; diefelben erfcheinen feit 1872 auch im Handel und zeichnen fich neben der forgfältigen Auswahl der Objecte und der netten Ausführung noch befonders dadurch aus, dafs fämmtliche Blätter in einem Mafsftabe gezeichnet find, was dem vergleichenden Studium von grofsem Vortheile ift. Das intereffante Werk, von welchem bereits vier Hefte erfchienen find, hat mit der antiken, altchriftlichen und romanifchen Baukunft begonnen und wird fich über die gothifchen und RenaiffanceDenkmäler bis auf die Werke der neueften Zeit erftrecken. Nebenbei fei erwähnt, dafs der Preis von 25 Silbergrofchen pro Lieferung ein ftaunenswerth billiger ift. Der Einflufs Schinkels hat fich am meiften in den Berliner Arckitekturfchulen geltend gemacht und belebt fein Geift noch allenthalben das Schaffen der Gegenwart. Hat fich auch feine fchöpferifche Kraft nicht auf feine Schule vererbt, fo verblieben ihr doch feine künftlerifchen Grundfätze. Den Charakter der Berliner bautechniſchen Beftrebungen bezeugen am deutlichften die namhaften Publicationen auf diefem Felde. Die weltbekannte Firma„ Ernft& Korn" bildet als Verlagshandlung ja den Centralpunkt für ganz Deutfchland; ihre ausgeftellten Werke nahmen nahezu eine ganze Abtheilung des Mitteltractes im Pavillon der XXVI. Gruppe ein. Es würde zu weit führen, die neueren Erfchei nungen hier alle zu befprechen; in Fachkreifen find ja diefe Werke alle durch den Handel bekannt, und mag es genügen, der rühmenswerthen Thätigkeit der Firma hier Erwähnung gethan zu haben. Von anderen bedeutenderen Erfcheinungen, den Kunft- und Zeichenunterricht betreffend, find von dem Ausgeftellten Profeffor E. v. d. Launitz's Wandtafeln des antiken Lebens und der Kunft" obenan zu nennen. Mit diefen Blättern wurde der Anfang gemacht, den kunftwiffenfchaftlichen Unterricht an den Mittelfchulen einzuführen und die Frage darob überhaupt in Flufs gebracht. Das Werk. hat allenthalben feine Verbreitung gefunden und bedarf wohl keiner weiteren Anpreifung. Die Ornamente aller claffifchen Kunftepochen" von W. Zahn( 1870) find fehr fchön( in Farbe) durchgeführt, doch zu klein, um auch als Zeichnungsvorlagen dienen zu können.- Die, ornamentalen Vorlagen" von Bogler( Wiesbaden bei Roth) zeichnen fich durch Einfachheit und Klarheit der Form aus; defsgleichen verdienen die aus demfelben Verlage hervorgegangenen „ Ornamente" von J. A. Müller erwähnt zu werden. - י " Weniger empfehlenswerth ift das Ornamentenzeichnen" von Domfchke mit zwei Kreiden; die Motive find abgetragen und der Vortrag hart und fchwarz. Die Zeichenfchule in Wandtafeln" von Trofchel ift in der Formenlehre und im Ornamente gut; die Fortfetzung im Figuralen verwerflich; die Tafeln für Projectionslehre überflüffig; denn diefe mufs vom Lehrer vorgetragen und die Figuren an der Tafel felbft gezeichnet werden. Die " Berliner fyftematifche Zeichenfchule" von W. Hermes hatte fich in 19 Bänden in ihrer Jubelausgabe vom Jahre 1872 repräfentirt. Dilettanten mögen diefe Hefte immerhin gewidmet fein, für den ernften Zeichenunterricht taugen fie nicht. Auffallend mangelhaft waren die diverfen Bilder für den niederen Anfchauungsunterricht. Mit Ausnahme von Schnorr's Bibelbildern erhob fich nichts über das Niveau der gewöhnlichen Bilderbogen. Sachfen. Die Ausftellung der königlich fächfifchen Regierung umfafste im deutfchen Unterrichtspavillon, wie fchon im Vorworte des bezüglichen Specialkataloges vorausgefchickt wurde, der Hauptfache nach nur folche Lehrmittel und 29 1 T n 1 n r S n 1 ゴ n h n r n e d r e n n t r 1 " 9 Der Zeichen- und Kunftunterricht. 37 andere Gegenftände für die Zwecke des Unterrichtes, welche von Gelehrten, Künftlern, Schulmännern und Induſtriellen des Königreiches herrührten". Im Weiteren hiefs es dann, dafs aber felbft in diefer Hinficht kein vollftändiges Bild gegeben werden konnte, da von den zahlreichen und bedeutenden einfchlagenden Werken und Arbeiten aller Art, welche von den Lehrern an der Landesuniverfität und den technifchen Hochfchulen des Landes ausgegangen find, nur fehr wenige zur Ausftellung gelangt waren." Ueber die Urfachen diefes Fehlens" wurde nicht weiter Auskunft ertheilt, und es fcheint, als ob die Raumfrage eine bedeutendere Entfaltung der fächfifchen Unterrichtsausftellung nicht zugelaffen haben mochte, was nur bedauert werden müfste, da bekanntlich das fächfifche Unterrichtswefen fowohl in Bezug auf allgemeine Volksbildung als in den gewerblichen Richtungen einen hohen Rang einnimmt. Ueber die allgemeinen Einrichtungen und die Statiſtik gab ein fpeciell für die Ausftellung verfafster Bericht die nöthigen Auskünfte. Bezüglich des gewerblichen Unterrichtes wird in Sachfen vorzugsweife den Bedürfniffen der Arbeiter Rechnung getragen, und find gegenüber Preufsen Fachfchulen in viel bedeutenderem Mafse entwickelt, demgemäfs fpielt auch der Zeichenunterricht in den gefammten gewerblichen Schulen des Landes eine gewichtigere Rolle, denn in dem ftärkeren Betonen des Fachlichen hat derfelbe ftets ausgefprochenere Tendenzen zu vertreten. Als Vorbildung wird an den meiften Anftalten blofs der Unterricht der Volksfchule angenommen, und dauern, wie beispielsweife an den Baugewerks- Schulen zu Chemnitz, Leipzig, Plauen, Zittau und Dresden, die Curfe drei Jahre( blofs im Winter) unter gleichzeitig praktifcher Ausübung des Gewerkes. Sachfen befitzt auch eine bedeutende Anzahl von Webefchulen, unter welchen die zu Chemnitz, Glauchau, Frankenberg, Oederna, Werdau, Grofs- Schönau, Hainichen, Limbach und Mittweida die hervorragendften find. In letzterer Zeit wurde auch der Holz- und Spielwaaren Induſtrie im fächfifchen Erzgebirge ein forgfames Auge zugewendet und für die Hebung derfelben in Seiffen und Grünhainichen Zeichnen- und Malfchulen eröffnet. Wie erwähnt, war auf der Ausftellung von Schülerarbeiten wenig vorgelegt; nur die technifchen Hochfchulen zu Dresden und Frankenberg waren darin umfaffend vertreten; fonft lagen Vorlagewerke, Modelle und andere Hilfsmittel für diefen Unterrichtszweig vor. Durch das Volksfchul- Gefetz vom Jahre 1873 wurde das Zeichnen als obligat auch in den unteren Schulen eingeführt, wo es übrigens fchon früher an manchen Orten beftens gepflegt wurde. Als ganz ausgezeichnete Lehrmittel für die erfte Stufe des Zeichenunterrichtes find die Vorlagewerke von H. Schmidt und W. Zimmermann( Lehrer an den Zwickauer Mittelfchulen) hier zuerft zu nennen. Nach der Schmidt'fchen Methode werden im Anfange die einfachften geometrifchen Grundformen von dem Lehrer an der Tafel vorgezeichnet, damit die Schüler das Entſtehen der Figuren lernen und später die complicirteren Formen mit den gegebenen Hilfslinien( die roth angegeben find) frei nach den Tafeln copirt. Die Schattenlinien haben nach vorangegangener Erklärung die Schüler felbft zu fuchen und werden Hintergrund und Zwifchenflächen mit leichten Farbentönen angelegt. Die Zimmermann'fchen Tafeln verfolgen im Allgemeinen denfelben Weg. Die Formen find in kräftigen fchwarzen Umriffen hervorgehoben und durch Farbentöne gefordert, was zur Deutlichkeit für die Ferne viel beiträgt. Die Hilfslinien, welche der Schüler nach dem Entwurfe auf feiner Zeichnung wieder zu entfernen hat, find roth punktirt. Die Methoden verbannen jedes Hilfsmittel und gehen darauf hinaus, neben dem Auge in erfter Linie auch die Hand zu bilden. Als Grundlage diefer, was Syftematik anbelangt, mufterhaften Vorlagewerke wurde F. W. Tretau's( Profeffor in Chemnitz) Kleiner Zeichner" genommen; bei den ornamentalen Formen 1 38 J. Langl. aber vorzugsweife die Werke von Herdtle und Weifs haupt benützt. Die Refultate des Zeichenunterrichtes an der Zwickauer Realfchule verdienten in jeder Hinficht die vollfte Anerkennung. In den höheren Claffen wird dafelbft auch das Verwandeln der Formen als Compofitionsübungen mit recht fchönen Erfolgen betrieben. Durch das Anlegen der Zwifchenflächen im Flachornamente gewinnt die Zeichnung ein lebendiges Ausfehen, und erhält der Schüler zugleich Gelegenheit, mit dem Pinfel umgehen zu lernen. In der Prima wird an genannter Anftalt dann auf leicht getontem Papier nach den Dresdener Gypsornamenten gezeichnet, wobei ebenfalls, um die Grundfläche zu dämpfen, Farbe in Verwendung kommt. Recht lobenswerthe Arbeiten lagen auch von der dafelbft befindlichen Mädchen- Fortbildungsfchule vor. Weniger anfprechend waren die Schülerarbeiten der Realfchule in Chemnitz, woraus kein beftimmter Lehrplan erfichtlich wurde. Hier fanden fich auch Licht- und Schattenftudien an geometrifchen Körpern, grofs mit Kreide durchgeführt, was den Schülern viel Zeit nimmt und wenig Nutzen bietet. Dagegen hatten wieder ganz hübfche Leiftungen die Bürgerfchule von Werdau und die Landesfchule von Planitz vorgelegt, aus welchen auch der Lehrgang klar erfichtlich war. Was aus den Dresdener Schulen an Zeichnungen vorlag, zeigte, dafs gerade in der Hauptftadt des Landes diefer Unterrichtszweig bisher nach fehr getheilten Richtungen gepflegt wurde. Blumen, gemalte Landfchaften, fogar ganze menfchliche Figuren kamen in den unterften Claffen vor; dabei wird Projections- und Perfpectivzeichnen betrieben, was dem Alter der Schüler nicht zuzumuthen ift. Am weiteften in diefen Verirrungen ging wohl die achte Bezirksfchule, aus welcher neben Hermes' Landfchaften auch grofse Köpfe nach Julien( gewifcht) vorlagen. Beffere Leiftungen mit geregelterem Lehrplane find aus der erften Bürgerfchule, der erften Gemeindefchule und der Freifchule des Vereines zu Rath und That" zu verzeichnen. In den Mädchenfchulen wird nach der Fröbel'fchen Zeichnenmethode meift gut begonnen, aber zu rafch mit Blumen und Landfchaften der Weg zu einem klaren Formenverftehen abgefchnitten. " Von den Lehrerfeminarien lagen nur aus der Anftalt zu FriedrichsftadtDresden Zeichnungen vor und wurde darin zugleich der Lehrgang in den vier Stufen dargelegt. Es wird nach Tretau's ,, Kleinem Zeichner" begonnen, mit Herdtle's Ornamenten fortgefetzt und zum Naturzeichnen übergegangen, und zwar zuerft nach geometrifchen Holzmodellen und dann nach Gypsornamenten. Aufser den bereits erwähnten Vorlagewerken der Zwickauer Schulen find von Zeichen- Lehrmitteln die plaftifchen Modelle für den Unterricht FreihandZeichnen und Modelliren" aus der königlichen Schule für Modelliren und Mufterzeichnen in Dresden rühmend hier anzuführen. Diefe Modelle wurden von Profeffor Krumbholz und Hän el entworfen und haben die Beftimmung, fich dem elementaren Zeichnen anzufchliefsen und den Unterricht bis zum Rundmodell fortzufetzen. Die Sammlung befteht aus drei Serien und umfafst die erfte theils fymmetriſche, theils frei behandelte Blattformen und ornamentale Motive, letztere vorzugsweife im Stile der italienifchen Renaiffance, die zweite in fortfchreitender Entwicklung gröfsere Ornamententheile bis zu ganzen abgefchloffenen Ornamenten ( im felben Stile) in Bezug ihrer localen Verwendung, und die dritte bewegt fich dann zwifchen der reinen, ftrengen Ornamentik und der naturaliftifchen Richtung und zeigt den fchon vorgefchritteneren Schülern, in welcher Weife fich die vegetabilifche Natur zu ornamentalen Zwecken verwenden läfst. Da das Unternehmen auf keinerlei Gefchäftsfpeculation angelegt ift, fondern die Arbeiten zunächft aus dem eigenen Bedürfniffe der Anftalt, gute plaftifche Vorlagen zu befitzen, hervorgegangen find, dabei aber der gute Zweck verbunden wurde, auch anderen Schulen Modelle zugängig zu machen, wodurch die Bildung des Gefchmackes und des Schönheitsfinnes angeftrebt werden könne: fo wurde der Preis durch die Vervielfältigung in der eigenen Giefserei fo niedrig geftellt, dafs Der Zeichen- und Kunftunterricht. 39 es auch minder dotirten Anftalten möglich fein kann, fich diefelben anzufchaffen. Die I. Serie( 12 Modelle) koftet 6 Thaler, II. Serie( 12 Modelle) 9 Thaler, III. Serie ( 9 Modelle) 10 Thaler. Ift fchon die forgfältige Auswahl der Motive und die fyftematifche Zufammenftellung derfelben eine ausgezeichnete zu nennen, fo mufs die Ausführung als mufterhaft bezeichnet werden. Die Kanten befitzen eine Schärfe und Reinheit, wie es felbft an Originalmodellen felten angetroffen wird. Es feien diefe Vorlagen allen Anftalten auf das Wärmfte empfohlen. Kleinere Zeichen- Vorlagewerke, welche noch von verfchiedenen Autoren auflagen, boten nichts befonders Bemerkenswerthes; defsgleichen müffen Seltmann's Modelle für den Zeichenunterricht( Holzkörper von verfchiedenen geometrifchen Formen, aus denen Figuren componirt werden können) als ein etwas fchwerfälliges Lehrmittel bezeichnet werden. Bekannt find die nützlichen ftigmographifchen Hefte Fröbel's für die erfte Stufe des Unterrichtes. Für den Anfchauungsunterricht lagen Schwarz's und C. Ehrenberg's Bibelbilder und die ,, deutfche Gefchichte" in Bildern( von mehreren Künftlern) vor; für die höheren Unterrichtsanftalten dann Overbeck's herrlicher Atlas zur griechifchen Kunftmythologie". Von dem umfangreichen Werke find bis jetzt zwei Bände„ Zeus" und" Hera" erfchienen. Die königlich polytechnifche Schule in Dresden hatte Arbeiten der Studirenden aus allen Fächern des technifchen Zeichnens und Modelle für Brückenbau ausgeftellt. Befonders intereffant waren die Arbeiten aus der Abtheilung für mechanifche Technik, in welchen die Mafchinen einer FlachsgarnSpinnerei und einer Papierfabrik in zahlreichen Blättern dargestellt wurden. Die Ingenieur- Abtheilung hatte ein Project zur Ueberbrückung der Elbe bei Dresden, Entwürfe im Eifenbahn- Bau, Eifenbahn- Hochbau, geodätifche Arbeiten etc. aus geftellt. Unter den Modellen befanden fich viele, welche noch nach den Angaben des Dr. E. Winkler zur Zeit gefertigt wurden, als der nunmehr an der Wiener Hochfchule thätige Profeffor als Affiftent an der Dresdener Schule fungirte. Das Polytechnicum in Frankenberg hatte ebenfalls in fchöner Anordnung die Leiftungen der Studirenden zur Ausftellung gebracht und lagen zahlreiche Mappen und Hefte aus der Vorbereitungsclaffe( meift mit Studien aus der darftellenden Geometrie) und treffliche Arbeiten aus den Fachfchulen( vorwiegend Mafchinenzeichnungen) auf. Erwähnt fei hier auch die Ausftellung der fächfifchen Spielwaaren, welche von der Commiffion zur Hebung diefes Induftriezweiges veranstaltet wurde. Mit Recht wird darauf hingearbeitet, dafs auch die erften Bilder, welche dem Kinde in die Hand gegeben werden, fchon den Formenfinn wecken follen, und allmälig in die fabriksmäfsig erzeugten Spielwaaren ein befferer Gefchmack eingeführt werde, damit das Auge das Edlere fühlen lernt. Im fächfifchen Erzgebirge hat fich diefe Induftrie feit Jahrhunderten im Volke fortgeerbt und werden deren Producte über die ganze Welt verbreitet. Die genannte Commiffion ift von der fchönen Anficht geleitet, auf die allmälige Ausbildung derfelben hinzuwirken, was die vollfte Anerkennung verdient. Wie fchon erwähnt, war es nur zu bedauern, dafs von den fächfifchen Fortbildungsfchulen keine Schülerarbeiten vorlagen. Welche forgfältige Pflege dem gewerblichen Zeichnen in Sachfen zugewendet wird, war aus dem oben citirten Berichte der königlich fächfifchen Unterrichtsverwaltung( Seite 27 bis 33) erfichtlich, wo die Einrichtung der verfchiedenen Anftalten, ihre Eintheilung in Kategorien etc. ausführlich dargelegt wurde. Heffen. Aus dem Grofsherzogthum Heffen lagen von Schülerarbeiten im Zeichenfache faft ausfchliefslich Leiftungen der Handwerker- und Fortbildungs 40 J. Langl. fchulen auf. Diefe Anftalten haben fich feit dem Jahre 1838, wo die erften in Darmftadt, Mainz und Giefsen errichtet wurden, in bedeutender Weife vermehrt, fo dafs fich derzeit in jedem Städtchen des Landes eine derfelben befindet. Der Befuch ift überall freiwillig und war der Unterricht, an welchem Lehrlinge und Gefellen theilnehmen können, bis vor Kurzem unentgeltlich; jetzt wird ein mäfsiges Schulgeld( 6 bis 30 kr. per Monat) von den Schülern eingehoben; jedoch find notorifch Arme von deffen Entrichtung befreit und werden an einigen Anftalten noch mit koftenfreier Abgabe von Zeichnen- und Schreibmaterialien unterſtützt. Das Hauptgewicht wird im Unterrichte auf das techniſche Zeichnen gelegt, und fchliefsen fich die anderen Fächer, wie Geometrie, Rechnen, Stilübungen etc., mit Hinficht der praktifchen Bedürfniffe an. In Anbetracht der knapp zugemeffenen Zeit wird nur dahin geftrebt, das für den Handwerker Nothwendigfte und Nützlichfte zu lehren und werden minder wichtige Unterrichtszweige nicht berückfichtigt. Die Schülerarbeiten werden nicht prämiirt, aber alljährlich einer befonderen Commiffion eingefandt, von diefer geprüft und erfolgt darüber ein Bericht, deffen allgemeiner Theil veröffentlicht; der fpeciell kritifche aber den Schulvorftänden und Lehrern vertraulich mitgetheilt wird. Viele Verdienfte hat fich um diefe für die verfchiedenen Gewerbe fo wohlthätigen Schulen der heffifche Gewerbeverein erworben, von welchem die erfte Anregung zur Errichtung derfelben ausging, und der feither Alles gethan hat, um die Anftalten zu vermehren und zu heben. Das Wichtigfte feiner Thätigkeit beftand aber in dem Veranlaffen der Herftellung praktiſcher und zweckmäfsiger Vorlageblätter. Den Grund zu diefer trefflichen Sammlung für alle Fächer des Gewerbewefens legte der frühere Secretär des Vereines, jetzt grofsherzoglicher Oberbaurath Röfsler. Die Vorlageblätter für die Handwerks- Zeichenfchulen im Grofsherzogthume Heffen" fowie die fpäter erfchienenen ,, Mufterzeichnungen für Techniker und die verfchiedenen Zweige des Gewerbebetriebes" haben fich feither in wiederholten Auflagen weit über die Grenzen des Landes verbreitet, für deffen Schulen fie zunächft gefchaffen wurden, und werden ihrer einfachen praktiſchen Darftellung wegen für gewerbliche Schulen ftets ein treffliches Lehrmittel bleiben. Sie illuftrirten auf der Ausftellung am fchönften die Thätigkeit und Fürforge des genannten Vereines für die Hebung der Gewerbe. " Die Arbeiten der Schüler können in Hinficht, dafs die Schulen blofs in Abend- und Sonntagscurfen beftehen, keine fo ftrenge Kritik fordern, wie die aus Tagesfchulen; fie zeigten durchgehends das redlichfte, befte Streben, welches auch zumeift von gutem Erfolge begleitet war. Vorwiegend wird das Mafchinenzeichnen gepflegt; doch fanden fich von einzelnen auch ganz nette FreihandZeichnungen nach Vorlageblättern und nach Gyps. Zum Vortheile des technifchen Linearzeichnens wäre es nur wünfchenswerth, wenn das Projectionszeichnen im Allgemeinen ausgiebiger gepflegt würde; darin zeigten manche Schulen Lücken. Im Ornamente wird meift gut in Contouren gezeichnet, was bei der befchränkten Zeit felbft für die befferen Schulen nützlicher ift, als ein langwieriges Ausfertigen von Schattirungen. Von weiteren Hilfsmitteln für den Zeichenunterricht nahmen, wie bei früheren Ausftellungen, auch diefsmal J. Schröder's Modelle den hervor ragendften Rang ein. Die reiche Sammlung enthielt Darftellungen für die Geometrie, darftellende Geometrie, Mafchinenkunde, Steinconftructionen und Eifenbahn- Bau, Zimmerwerks- Baukunft, Metallurgie und Landwirthschaft. Schröder's Arbeitsinftitut ift durch feine ausgezeichneten Leiftungen allenthalben fo rühmlich bekannt, dafs wohl hier ein näheres Eingehen in diefelben überflüffig ift. Friedrich Löffer hatte ebenfalls Modelle für den Unterricht in der darftellenden Geometrie ausgeftellt, und waren die Körper aus Holz gefertigt und in die Ebenen gefetzt, auf welchen die Projectionen derfelben fammt den Hilfslinien ausgezeichnet waren. Der Zeichen- und Kunftunterricht. 41 Auch fehr inftructive Apparate über Perfpective find von demfelben Autor zu erwähnen. Für den Elementar- Zeichenunterricht hatte J. Kumpa grofse Wandtafeln ausgeftellt( Verlag von W. Peyerle in Darmftadt), in welchen von den einfachen geometrifchen Elementen in fyftematifcher Weife zum freien Ornamente vorgefchritten wird. Die Formen find breit, in tiefem Ton auf Weifs gezeichnet, und ift das Werk für die erfte Unterrichtsftufe fehr empfehlenswerth. Neben den gewerblichen Schulen war auch die Realfchule in Darmstadt mit Schülerzeichnungen vertreten, und zwar mit ganz achtenswerthen Erfolgen; nur dürfte das Blei der Kreide als Darftellungsmittel für den erften Unterricht vorzuziehen fein. Ein weniger günftiges Urtheil mufs über das fortgefetzte Zeichnen an diefer Anftalt gefällt werden, es mangelt ein feftes Princip; in noch höherem Grade aber am Gymnafium in Darmſtadt, welches ebenfalls Zeichnungen vorgelegt hatte. . Hamburg. In kaum einer zweiten Stadt Deutfchlands wird gegenwärtig der Zeichenunterricht forgfamer und gewiffenhafter gepflegt als in Hamburg. Durch das rege Zufammenwirken intelligenter, tüchtiger Lehrer an der dafelbft befindlichen allgemeinen Gewerbefchule hat fich an diefer Anftalt( was nunmehr auch auf die Volksfchulen übergegangen ift) eine beftimmte Lehrmethode ausgebildet, die in ihrem wohlgeordneten, ftufenmäfsigen Fortfchreiten mufterhaft genannt zu werden verdient. Der günftige Eindruck, welchen die Ausftellung auf die Befucher machte, war aber nicht allein den vorgelegten fchönen Refultaten zuzufchreiben, fondern auch dem forgfältigen Arrangement, der gewiffenhaften Adjuftirung des Ganzen, wodurch der Zweck der Ausftellung ein Bild von Methode und Erfolg zu geben im vollten Mafse erreicht wurde. Es waren Proben der Leiftungen von den Elementarfehulen, der allgemeinen und Bau- Gewerbefchule und der MädchenGewerbefchale ausgeftellt; der fyftematifche Lehrgang aber in gewohnten Blättern ( auf Turbinen) zur Anfchauung gebracht. Bevor wir diefen näher in Betracht ziehen, mögen einige Worte im Allgemeinen die Organiſation und Einrichtung der von O. Jeffen trefflich geleiteten Anftalt fkizziren. - - Die allgemeine Gewerbefchule in Hamburg wurde im Jahre 1865 eröffnet mit der Aufgabe, allen Gewerbetreibenden die für ihren Beruf nothwendige wiffenfchaftliche und künftlerifche Ausbildung zu geben, welche in der Werkstätte nicht erlangt werden kann. Neben den anderen wiffenfchaftlichen und commerciellen Fächern ift dem Zeichenunterrichte das weitefte Gebiet eingeräumt, und fallen demfelben in den verfchiedenen Claffen nicht weniger als 218 Stunden( wöchentlich) zu, und zwar für das Freihand- Zeichnen Zirkelzeichnen . • Fachzeichnen für Bau- Handwerker, Möbeltifchler etc. und Vortrag für Schiffbauer 66 Stunden 28 " " 99 " für Mafchinenbauer, Schloffer etc. für Spängler etc. " " für Maler und Bildhauer etc. für Lithographen.. • 29 99 99 99 99 12 29 86842∞∞ 28000 IO 6 • 44 B Zeichnen nach lebenden Pflanzen und Thieren Kunftgewerbliche Formen- und Farbenlehre Ornamentzeichnen und Entwerfen. Decoratives Malen Modelliren in Thon. Elementarzeichnen für Knaben 42 J. Langl. Der Unterricht ift an Wochentagen von 5 bis 9 Uhr Abends, und an Sonn tagen von 8 bis 12 Uhr. Die unter derfelben Leitung ftehende Schule für Bau- Handwerker bietet diefen gründliche und umfaffende Ausbildung im theoretifchen Unterricht und fachliche Anleitung im Zeichnen. Der vollſtändige Curfus kann in drei WinterHalbjahren durchgemacht werden. Dem Zeichnen fallen im Ganzen 112( wöchent liche) Stunden zu, und zwar im folgenden Ausmafs für die einzelnen Fächer: Freihand- Zeichnen Zirkelzeichnen Darftellende Geometrie. Baukunde, Bauconftructions Lehre, BaukoftenBerechnung, Bauzeichnen 30 Stunden ΙΟ " 18 54" Die Unterrichtszeit ift täglich von 8 Uhr Morgens bis 7 Uhr Abends mit angemeffener Unterbrechung. An der allgemeinen Gewerbefchule find auch noch drei Curfe des Elementarzeichnens für Knaben eingerichtet. Es werden alljährlich zu Oftern Ausftellungen der Schülerarbeiten veranftaltet, wobei jedoch Preisvertheilungen oder fonftige Auszeichnungen nicht ftattfinden. An den vereinigten Anftalten find aufser dem Director gegenwärtig 18 Lehrer und 15 Hilfslehrer befchäftigt und erreichte die Frequenz im Winterfemefter 1872 und 1873 1161 Schüler. Es fpricht wohl diefe Zahl hinreichend für die zweckmäfsige Leitung der Anftalt; ihren ausgezeichneten Ruf hat fie aber vorzugsweife den Erfolgen in den Zeichenfächern zu danken. Die Methode im Elementarunterrichte ift kurz zufammengefafst folgende: Die Schüler beginnen mit Netzzeichnen, und zwar mit der Geraden in den verfchiedenen Richtungen, in der Verbindung zu einfachen Irrwegen, Borduren etc. wobei nach und nach zu complicirteren, fternförmigen Figuren vorgefchritten wird. Der Lehrer zeichnet auf der mit dem quadratifchen Netz verfehenen SchulWandtafel vor, während die Schüler gleichzeitig erft auf Schiefertafeln und später in Heften nachzeichnen; daran fchliefst fich eine kurze, aber gründliche Uebung: 1. im Verwandeln einer Figur in die ihr entgegengefetzte; 2. im Verwandeln der Gegenfätze und 3. im Zufammenfetzen neuer Formen. Endlich läfst der Lehrer auch Figuren ins Netz zeichnen, welche er ohne Netzlinien auf der Tafel vorzeichnet. Auf diefer Stufe hält fich fomit der Unterricht im Allgemeinen an die Fröbel'fchen Grundfätze. Nach diefem folgt das Zeichnen nach gedruckten Wandtafeln; zunächft im Claffen, dann im Abtheilungs- und endlich im Einzelunterricht. Der Unterricht im Zeichnen wird von dem Unterrichte in der fyftematifchen Formenlehre getrennt ertheilt. Die Wandtafeln bieten nur ebene Gebilde in frontaler Anficht und ohne Hilfslinien. Letztere haben die Schüler unter Anleitung des Lehrers felbft zu finden. Es wird mit geradlinigen Figuren begonnen, die der Lehrer zugleich an der Netztafel vorzeichnet( bisher nach Dr. Stuhlmann's Wandtafeln) und auf krummlinige, ornamentale Formen übergegangen( nach H. Wohlien's Wandtafeln*). Haben die Schüler hierin die nöthige Fertigkeit erreicht, fo beginnt das Zeichnen nach körperlichen Gegenftänden im Einzelunterricht. Jeder Schüler( bisweilen wohl auch zwei oder drei) zeichnet nach einem befonderen Modelle, welches in I bis 15 Meter Entfernung vor ihm aufgeftellt ift. Die perfpectivifchen Veränderungen lernt der Schüler mittelft des Vifirens mit dem Bleiftift durch die blofse Beobachtung des Körpers erkennen, abfchätzen und darftellen. Den Anfang bilden F. Heimerdinger's Holzmodelle"; daran و, * Es kommen nach einer Privatmittheilung in der Folge nur mehr H. Wohlien's Tafeln in Verwendung. Der Zeichen- und Kunftunterricht. 43 fchliefsen fich einfache Gypsmodelle und Geräthe unter Berücksichtigung von Licht und Schatten. In den Mädchenclaffen wird dann noch in der oberen Abtheilung das Zeichnen von Stickmuftern angefchloffen, und werden die Schülerinen zunächft mit den wichtigften Elementarformen vertraut gemacht, dann zum Abändern und Benutzen einer gegebenen Form für verfchiedene Zwecke geführt und fchliesslich zum felbftftändigen Erfinden angeleitet. In der Gewerbefchule wird ausfchliefslich nach Modellen gezeichnet, und zwar im Anfang mit Contouren und allmälig zum Schatten fchreitend, dabei aber die verfchiedenen Darftellungsmittel berücksichtigt. Das figurale Zeichnen wird nur von jenen Gewerbebefliffenen geübt, die derfelben in der Praxis bedürfen. Die ausgeftellten Arbeiten bewiefen, dafs an der Anftalt alle Richtungen des Zeichnens gewiffenhafte Pflege finden, dafs dem Ornamente das Studium der Blume zur Seite fteht und es nicht verfäumt wird, auch die Selbftthätigkeit im Erfinden anzuregen. Die Objecte, welche aus den Fachcurfen der Decorateure, Möbeltischler etc. vorgelegt waren, zeigten in dem zweckmäfsigen, einfachen Aufbau der Formen und in der richtigen Geftaltung und Anwendung des Ornamentes, dafs die Schule dem Fortfchritte in Bezug auf Reform des Gefchmackes, welcher fich in England und Oefterreich Bahn bricht, mit regftem Eifer folgt. Es werden bei der Darftellung der Gegenftände, die nicht als Bilder auf dem Papier zu gelten haben, fondern nur für die praktiſche Ausführung gefchaffen werden, die leichteften Mittel angewandt und alle überflüffige Malerei und zeitraubende Ausführung vermieden. An der Anftalt wird nur gezeichnet und modellirt und ift es dem Fleifse und der Thunlichkeit der einzelnen Schüler überlaffen, in ihren Werkstätten Entwürfe, die fie in der Schule unter der Leitung ihrer Lehrer machen, auszuführen. Es ift diefs ein treffliches Mittel, die Vortheile der Schule unmittelbar in das Gewerbe zu verpflanzen und dadurch das Intereffe für die Schule in den Kreifen der Induftriebefliffenen rege zu halten. Einzelne Objecte, welche auf diefe Weife durch die Anftalt gefchaffen wurden, waren auch ausgeftellt und zeugten von ganz edler Gefchmacksrichtung. Befonders hervorragend waren davon die Tifchlerarbeiten. In den Modellirungen( in Gyps und Wachs) waren ornamentale und figurale Vorwürfe behandelt und verdiente die exacte, ftrenge Behandlung der Formen volles Lob. Ebenfo fyftematifch wie im Freihand- Zeichnen wird auch im Linearzeichnen vorgegangen, und finden die geometrifchen Conftructionen ftets in praktiſchen Beiſpielen ihre Anwendung. Ganz tüchtige Arbeiten lieferte befonders die Schule für Bau- Handwerker, aus welcher auch fehr hübfche bauliche Entwürfe vorlagen. Der Vortrag war in den Zeichnungen ebenfo präcis als einfach, und waren nirgends fogenannte Ausftellungsblätter zu finden, die fonft blofs die Augen der Laien zu feffeln berufen find. Sehr gute Arbeiten lagen auch von der feit 1870 unter der Aufficht und Verwaltung der allgemeinen Gewerbefchule ftehenden St. Pauli- Gewerbefchule vor. Brillirten die Hamburger Gewerbefchulen auch nicht in pomphaften Tableaux, und begnügten fie fich, in befcheidener Form ihre Leiftungen dem Urtheile des Publicums vorzulegen, fo zogen fie gerade durch ihr ungefchminktes Auftreten die Aufmerkfamkeit der Fachmänner in hohem Grade auf fich, und konnten fich die Leiftungen von allen Seiten ungetheilter Anerkennung erfreuen. Das Inftitut hatte faft feine fämmtlichen Lehrkräfte zum Befuch der Ausftellung nach Wien gefchickt und dürften die dafelbft gemachten weiteren Erfahrungen das Aufblühen der Anftalten um fo mehr fördern.* * Es war nur zu bedauern, dafs dem Hamburger gewerblichen Muſeum diefsmal wenig Mittel zur Verfügung geftellt waren, um Einkäufe von kunftinduftriellen Gegenständen auf der Weltausftellung zu veranlaffen, in welcher Hinficht die Sammlungen Deutfchlands, Oefterreichs und Rufslands reichlicher bedacht waren. 44 J. Langl. Seit dem Jahre 1867 ift in Hamburg auch eine Mädchen- Gewerbefchule( in Tagescurfen) eröffnet, welche alle Lehrfächer für allgemeine Bildung umfasst, und wo dem Zeichnen ebenfalls eine befondere Pflege zu Theil wird. Vorzugsweife ift es das Mufterzeichnen, welchem in der höheren Claffe Aufmerksamkeit zugewendet wird. Der Unterricht darin beginnt mit der Darftellung von einfachen Linienverzierungen, Bändern etc. nach fkizzenartigen Andeutungen und folgen dann Verfuche im Erfinden von Rofetten, Flächenverzierungen etc. für Bekleidung und fonftige häusliche Zwecke. Die ausgeftellten Zeichnungen und ausgeführten Objecte zeigten ein ficheres Handhaben der Form und einen gefunden Sinn im felbftftändigen Schaffen. Viele Mufter, die von den Schülerinen der Anftalt erfunden wurden, haben ihren Weg durch diverfe Modejournale weiter gefunden. Lobend find auch die Schülerarbeiten des, Vereines zur Förderung weiblicher Erwerbsthätigkeit" zu erwähnen. Die Mädchenfchule des Frauenvereines in Paulfenftift hatte Zeichnungen vorgelegt, welche die Zweckmäfsigkeit der Hamburger Methode ebenfalls beſtätigten. Frankreich. Bei keiner Nation hat feit mehr als einem Jahrhundert das Zeichnen an und für fich eine bedeutfamere Rolle gefpielt als bei den Franzofen. Mit Recht konnte man behaupten, dafs fie ihren Wohlftand zum gröfsten Theil ihren Zeichenfchulen zu verdanken haben, welche ja die Hauptftützen ihrer Induftrie auch noch heute bilden. Wir müfsten unfere Blicke weit in die Vergangenheit zurück werfen, wollten wir auf die Urfachen eingehen, wodurch fich ihre Kunft und vorzugsweife ihre Kunstinduftrie über alle Welt dominirend emporfchwingen konnte und bis in die jüngfte Zeit in Bezug auf Gefchmack fich tonangebend erhielt. Erft die freien Wettkämpfe auf Weltausftellungen rüttelten den Nationalgeift anderer Völker aus dem blinden Gehorfam auf, und an der Hand der Kunftwiffenfchaft wurde gegen die Schwächen und Mängel des Hergebrachten zu Felde gezogen. England ging energifch voran; Oefterreich und auch zum Theile Deutſchland folgten nach; die Reform, die von der Londoner Ausftellung 1851 ihren Urfprung nahm, ift bis heute, dank den Mufeen und Kunftſchulen, fchon fiegreich vorgedrungen und hat felbft in Frankreich eine Wandlung in den Formen hervorgerufen; nur find die traditionellen Anfchauungen zu tief gewurzelt, als dafs bei einem fo kunftbegabten Volke, welches mit gerechtem Stolz auf feine Erfolge in der Vergangenheit blicken kann, fich ein rafcher Umfchwung vollziehen könnte. Es ift unabweisbare Thatfache, dafs die Kunftbeftrebungen, welche doch bei jedem Culturvolke unbewusst zu Tage treten, in unferer Zeit mehr als ehedem bevormundet, gepflegt und auch dirigirt werden können. Zunächft ftehen uns durch die rege Thätigkeit auf dem Gebiete der kritifchen Kunftwiffenfchaft die Claffiker der Vergangenheit zu Gebote, die in Sammlungen dem Volke vorgeführt auf den Gefchmack desfelben Einflufs nehmen können, und dann find es die Zeichenfchulen, oder allgemeiner der Kunftunterricht, durch welchen direct auf die Productionen der Kunft und des Kunft- Handwerkes eingewirkt werden kann. In England und Oefterreich ftehen diefe Mittel zur Reform des Gefchmackes in der Kunstinduftrie in erfolgreichfter Anwendung. Die Oppofition gegen die hergebrachten franzöfifchen Kunftanfchauungen, von diefer Bafis aus betrieben, hat aber in Frankreich diefelben fchon längst dagewefenen Mittel zum Bewufstfein gebracht. und nicht zu verkennen find in der jüngften Zeit die energifchen Beftrebungen. durch den Zeichenunterricht läuternd auf die Gefchmackserziehung zu wirken. Es wurde ehedem in den franzöfifchen Zeichenfchulen wenig Werth darauf gelegt. eine beftimmte Richtung des Stils zu cultiviren oder zu veredeln; in der technifchen Fertigkeit, dem Gefchick der virtuofen Nachahmung, im Aeufserlichen allein brillirte der Franzofen gerühmte nationale Kunft und darin ftehen fie auch Der Zeichen- und Kunftunterricht. 45 heute noch unübertroffen da. In wie ferne es ihnen gelingen wird, ihre technifchen Errungenfchaften zu wiffenfchaftlichen und rein künftlerifchen Beftrebungen auszunützen, davon hängt die Stellung ihrer Induftrie nun in der Zukunft ab. Die Concurrenz auf der Ausftellung 1873 dürfte für Frankreich abermals von weit gehendem Einfluffe gewefen fein. Dafs in der Kunft der Franzofen, fowohl in der Malerei und Plaftik als im Decorativen fich vorzugweife das Aeufserliche- hier im Leichten, Anmuthigen, dort im Pompöfen, Theatralifchen entwickelte und die tiefere Empfindung, der feelifche Inhalt ferne blieb, findet feine Begründung in der Gefchichte ihrer Kunft felbft. Die Höfe waren es, welche fie im Dienfte des Luxus erzogen; nicht aus der Poefie und dem Bedürfnifs des Volkes ging fie hervor. Es ift fchon charakteriftifch, dafs in der Renaiffance periode vom Süden herauf in Frankreich nur jene Elemente Eingang fanden, die gleichfam als heiteres Ornament der edlen Gebilde jener Glanzepoche in Italien auswuchfen. - Kein Enthufiasmus für die grofsen Schöpfungen der ernften Kunft fpiegelte fich in Frankreich wieder: hier wird nur die leichte, elegante Decoration aufgenommen, die aber ohne tiefere Bafis bald verflacht und entartet. Fontainebleau bildet gleichfam den Anfang des fpecififch Eigenthümlichen in der franzöfifchen Kunft, welches in der Barockzeit dann in der pomphafteften, theatralifchen Weife fich weiter entfaltete. So fehr wir das Hohle und Nichtsfagende der franzöfifchen Kunft unter Ludwig XIV. und Ludwig XV., den leeren Aufwand der Mittel als Gefchmack verwerflich zurückweifen müffen, fo können wir doch nicht leugnen, dafs durch die reiche Kunftpflege von Seite der Höfe und der Ariftokratie die franzöfifchen Künftler fchon damals zu einem technifchen Gefchick gelangten, welches felbft in ihren Werken der Barockzeit fchon bewunderungswürdig ift. Vorzugsweife war es die Kunftinduftrie und die ihr am nächften ſtehende Plaftik, in welcher Virtuofes geleiftet wurde und wovon fich die Traditionen noch bis heute erhielten. Selbftftändiger ging die Malerei ihre Wege. Von der Revolution an tritt dann auf allen Gebieten der Kunft ein gewaltiger Umfchwung ein. Das erfte Kaiferreich bildet die Periode des Clafficismus. Was David für die Malerei, war Canova und Bofio für die Plaftik. Die Malerei fchlägt aber in die Romantik um und wendet fich im zweiten Kaiferreich zum vollendeten Realismus. Die Plaftik behält die antike Formgebung, aber auch zum grofsen Theil den hohlen Pathos des Rococo. Und die Induftrie, das Ornament?- In die Elemente des Rococo treten die Formen der reinen Natur. So wie fie ift, wird fie copirt; das Ornament wird zur Hauptfache, die Grundform des Gegenftandes aber dadurch gänzlich vernachläffigt, das Gefühl und Verftändnifs für die Form in Bezug auf den Zweck geht verloren und die Materie, der Stoff kommt im widerlichften, falfchen Sinn zur Anwendung. Die künftlerifche Geftaltung des Ornamentes, die organifche Entwicklung desfelben aus den Gebilden der Natur für die zweckmäfsige Grundform des Objectes in der richtigen Verwendung der Materiale, find dagegen die Beftrebungen der Reform. ንን , Wie weit ift nun in Frankreich feit der letzten Ausstellung diefe Klärung der Formen in der Induftrie vorgefchritten? Welche Mittel werden in den Schulen angewendet, in diefem Sinne fortzuarbeiten? Und welchen Einflufs könnte diefer eventuelle Umfchwung in dem Kunftunterrichte auf die eigentliche Kunft in Frankreich ausüben?" Diefs find beiläufig die Punkte, welche der Berichterstatter bei der Beurtheilung der Lehrmittel, Schülerarbeiten etc. ins Auge fafste. Trübe Tage liegen für Frankreich zwifchen dem Jahre 1867 und 1873; die Kriegsfurie hatte in die Kunft- und Induftrie- Werkstätten gewaltige Paufen gefetzt, aber nichts deftoweniger war das Land in der reichften Ausstattung auf dem Wahlplatze der Arbeit erfchienen. In der Kunft( Malerei und Sculptur) wurde nicht viel des Neuen gebracht und wurde im Grofsen und Ganzen der traditionelle Charakter repräfentirt, aber in der Induftrie konnte ein bedeutender Fortfchritt 46 J. Langl. in der Wandlung des Gefchmacks wahrgenommen werden. Zwar dominirt noch immer der Stil aus der Zeit Louis XV., noch immer finden wir die Blume, und das plaftifche Ornament auch dort, wo Beides nicht hingehört: jedoch Schritt für Schritt dringt fchon die ftilifirte Form vor, und das ehemals verpönte Architektonifche findet feinen Eingang in Stoffdeffins, in den Broncen, Fayenzen etc. Es mag der mehr als ehedem gereizte Nationalftolz mit- Urfache fein, dafs weniger die Elemente der allgemeinen Reform Eingang finden, als die Imitation des alten und vorzugsweife des Orientes, wobei jedoch dem nationalen Charakter zufolge vielfach das Effectvolle dem eigentlichen Schönen vorgezogen wird. Wir haben nun zunächst zu erörtern, welche Richtung in Bezug auf Stil an den Schulen gepflegt wird, und auf welcher Stufe der Kunftunterricht überhaupt gegenwärtig in Frankreich fteht. In Betreff des erften Punktes müffen wir hier an die Spitze ftellen:„ Was gezeichnet wird", denn mit den Formen, in welchen der Zeichner erzogen wird, fpricht er fpäter als Ausübender, oder findet doch feinen Gefallen daran. Die Wichtigkeit, welche Vorlagen, Modelle etc. für den Zeichenunterricht haben, wurde in Frankreich längft anerkannt, und feit Jahrzehnten beherrfchen damit alle Welt die Parifer Verleger. Julien mit feinen zahlreichen Vorlagewerken war bis in die fünfziger Jahre herein der tonangebende Autor und nicht nur in Frankreich, wo es überhaupt Zeichenfchulen gab, fand man feine glatt gezeichneten Köpfe, feine phrafenhaften Ornamente, beftechlich für das Auge- bedenklich für einen rationellen Unterricht. Das figurale Zeichnen mufste damit entfchieden auf Abwege gerathen, und auf der Weltausftellung beftätigten diefs wieder die Schülerarbeiten vieler Anstalten, an welchen noch die älteren Schulen des genannten Autors in Verwendung ftehen. Neben diefem wurde dann das leichte Ornament cultivirt, worin vielleicht Bilordeaux das Elegantefte leiftete und die Blume. Im letzteren Genre entstanden nun frühzeitig und noch bis heute muftergiltige Vorlagen: diefs war ja das Hauptelement in der Induftrie! Nun kamen die Weltausftellungen und die Concurrenz forderte exactere Formen in der Induftrie, die aber nur durch den Kunftunterricht eingeführt werden konnten. Der Umfchwung, der auf diefem Gebiete in den letzten Jahren fich in Frankreich vollzog, war das bedeutfamfte Signal für den allmäligen Umfchwung des Gefchmacks in der franzöfifchen Kunftinduftrie. Vorlagewerke entftanden nicht mehr wie ehedem aus der Phantafie Einzelner; es wurde bei der Wahl der Motive ftrenger vorgegangen, und zu den Claffikern eingedenk. 29. Die Firma Julien" felbft brachte die ,, Etudes d'aprés l'antiques", die aber leider wieder nur zu genial, zu breit gezeichnet waren, als dafs fie für die Elementarftufe des figuralen Zeichnens muftergiltig genannt werden könnten. Im Ornamente wurde zunächft zur Renaiffance umgekehrt; dann aber Motive und Formen aus der ganzen Kunftgefchichte, von den Indern, Aegyptern etc. angefangen, bis herauf zum Zopf in den Vorlageblättern vorgeführt. Es mag das Imitiren verfchiedener Stile in der modernen franzöfifchen Induftrie damit in Wechfelbeziehung ftehen. Eine Anzahl hervorragende Verleger, wie Delagrave, Delarue, Ducher, Monrocq( frères), Baudri, Morel etc. erzeugten in diefer Hinficht wahre Prachtwerke. Das Zurückgreifen nach den claffifchen Vorbildern und insbefondere im Figuralen nach der Antike, fteigerte fich noch feit der letzten Ausftellung und ward diefs Beftreben auch von der Regierung in Frankreich felbft bis zur Gegenwart reichlichft unterſtützt. Zwar find im Allgemeinen die Früchte noch nicht überall zu Tage getreten, aber energifches Hinarbeiten, edlere Elemente in das Formenwefen zu bringen, mufs allenthalben conftatirt werden. Von den neueſten Erfcheinungen, die auf der Ausftellung vorlagen, ift vor Allem F. Ravaiffon's" Claffiques de l'art, modellés pour l'enfeigement du deffin" zu nennen. Die Photographien find gröfstentheils nach den claffifchen plaftifchen Der Zeichen- und Kunftunterricht. 47 Werken des Souvre, dann aber auch nach den Handzeichnungen der Meifter in folcher Weife aufgenommen, dafs fie leicht mit Kreide oder fonftigem Materiale copirt werden können. Vorzügliche Beleuchtung und gut gewählter Hintergrund verfchaffen befonders den plaftifchen Objecten die vollfte Klarheit der Form. Das Werk umfafst 200 Blätter und ift leider nur zu brillant ausgeftattet, um Gemeingut werden zu können.( Per Blatt 8 Francs. sitol hasz Es foll einem Wunfche der Regierung zufolge an fämmtlichen Zeichenfchulen, Lyceen etc. in Frankreich eingeführt werden, um den Gefchmack an der Antike zu läutern und die Kunftanfchauungen in ein einheitliches Geleife zu bringen. Vorläufig befitzen es wenige Schulen von Paris. In den Provinzftädten, wo die älteren Elemente noch in tieferen Wurzeln ftecken, haben fogar die neueren Beftrebungen hie und da noch mit argen Vorurtheilen zu kämpfen. In den Tendenzen zwar allgemeiner, aber alle früheren Productionen überragend ift der„ Cours de deffin par Ch. Bargue-( avec le concours de Gérome)." Der erfte Theil enthält Plaftik nach antiken Modellen in äufserft delicater, malerifcher Behandlung; der zweite Theil bringt dann getreue Copien nach claffifchen Werken verfchiedener Art, Handzeichnungen etc. aus allen Zeiten, wobei auch auf die„ guten" deutfchen Meifter nicht vergeffen wurde. Der Vortrag ift leicht, aber exact und nur in einer Kreide. Diese vorzüglichen Blätter( feit 1868) haben ihren Weg auch ſchon nach vielen öfterreichifchen Schulen gefunden und wäre ihre allgemeine Verbreitung nur wünſchenswert. Die„ Exercices au fufain pour préparer à l'etude de l'academie d'après nature"( Hachette 1871) find für höhere Zeichenfchulen als Vorübungen zum Actzeichnen ganz trefflich zu verwenden. Das Werk befteht blofs aus Entwürfen und it in erfter Linie auf gewandtes Auffaffen und correctes Proportioniren der Geftalten Rückficht genommen. Aus dem Verlage Monrocq frères ift der„ grand Cours d'animaux" p. H. Lalaife hervorzuheben; der Vortrag ift wohl etwas frei, aber die Formen mit viel Verſtändnifs wiedergegeben; dagegen lenken die„ Modèles d'après nature" p. J. Ducollet et Felon wieder ganz in die Manier Julien's ein. Von Ornamenten ift der ,, Cours d'ornement" p. Lièvre( Goupil 1868) als vorzüglich in der Auswahl der Motive hier an die Spitze zu ftellen. Die Objecte, Originalmodelle in allen Stilen, find auf lichtgrau getontem Papier in Kreidemanier( unterwifcht) in leicht fafslicher Weife dargestellt. Mit derartigen Vorlagen läfst fich wohl Stillehre in den Zeichenfälen betreiben. Ein ähnliches Werk, nur die Kunftgefchichte in noch grösserem Rahmen umfaffend, ift jenes von Camille Chazal( Et. Hachette). Die erften Blätter fchildern Egypten in Figur, Ornament und Architektur; in ähnlicher Weife folgt dann der Orient, die Claffiker des Alterthums und herauf bis zur Renaiffance. Bei dem letzten Hefte über franzöfifche Kunft ift leider der Zweck als Zeichnenvorlage nicht mehr ganz im Auge behalten worden; die kleineren Genrefachen hätten auch füglich weggelaffen werden können. Im ähnlichen Sinne ift das von dem verdienftvollen frère M. Victoris zufammengeftellte Werk für den Elementarunterricht im Ornamentenzeichnen ,, Enfeignement populaire du deffin d'Ornament" durchgeführt. Die Motive find in Umriffen mit geometrifchen Grundftrichen und leicht fchattirt in hiftorifcher Anordnung dargeftellt. Das Werk ift in den meiften Primärfchulen, die unter der Congregation der Schulbrüder ftehen, eingeführt; wir kommen über die Unterrichtserfolge damit weiter unten noch zu sprechen. In vielfacher Verwendung fteht in den genannten Schulen auch der durch eine leichte, elegante Vortragsweife ausgezeichnete„ Cours d'ornament" par le frère Athanafe. Die Formen beginnen auf den erften Blättern fogleich mit Palmetten, Schneckenlinien etc. und fchreiten bis zu mäfsig fchwierigen Motiven vor, welche den claffifchen Denkmälern der Renaiffance, der Griechen und Römer, Etrusker und der Gothik entnommen find. Die Darftellungsweife ift in einer Kreide auf leicht getontem Papier. - 4 2 48 J. Langl. Vorlagewerke für die erfte Stufe des Unterrichtes find in letzterer Zeit in Paris maffenhaft producirt worden, und ift im Ganzen zu bemerken, dafs das Hauptaugenmerk fchon bei Beginn des Unterrichtes auf eine künftlerifche, freie Darstellungsweife gerichtet ift. Es handelt fich dabei nicht und darin unterfcheiden fich die Franzofen wefentlich von den Deutfchen um die Begründung der Form, um den geometrifchen Aufbau derfelben; das Geradlinige wird rafch abgethan oder einfach überfprungen, und fogleich auf den Gegenſtand, auf das freie, entwickelte Ornament hingearbeitet, und finden überhaupt lange Contourübungen als folche felten ftatt. - Sowie die gefammten Kunftleiftungen der Franzofen dahin ausgehen, zu intereffiren, den Moment im Brennpunkte zu erfaffen und in reicher Abwechslung das Auge anzuregen, fo finden wir auch in den erften Unterrichtsmitteln des Zeichnens fchon diefen nationalen Zug deutlich ausgefprochen. Es hat gewifs in vielen Beziehungen fein Gutes für fich, wenn in der erften Altersftufe des Kindes die Phantafie an Formen, welche unmittelbar aus dem Leben genommen find, genährt wird und das Zeichenheft zunächft den Zweck des lehrreichen Bilderbuches erfüllt, aber zugleich damit die Gelegenheit geboten ift, auf leichtem Wege die Formen nachahmen zu können. Das Intereffe für das Schöne fchon in einer Zeit anzuregen und feftzuhalten, wo mehr oder minder unbewusst die Thätigkeiten des Geiftes fich erft entfalten, ift allerdings ein pädagogifches Kunftftück; es kann aber auf ficheren Erfolg gerechnet werden, wenn fich das Belehrende dem Inftinctiven der menfchlichen Natur anfchliefst. So wie jeder andere Gegenftand bedingt auch das Zeichnen für jede Stufe eine gewiffe geiftige Reife; das Schauenlernen, als die Hauptdifciplin dafür, kann aber nur durch einen reich gepflegten, angemeffenen Anfchauungsunterricht gehoben werden. Von den neueren Erfcheinungen für die erfte Stufe des Formenunterrichtes feien von den thätigen Parifer Verlegern hier blofs die hervorragenderen namhaft gemacht. L'ecolier Parifienne", fimples modèles de deffin avec efquiffe( Monrocq) bietet in kleinen Heften eine Collection einfacher Formen aus den verfchiedenen Fächern des Zeichnens und hat, wie das Motto auf dem Titelblatte fagt, den Zweck, die Hand im Linienziehen zu unterrichten und das Auge für die Form zu erziehen. Die Figuren find in kräftigen Contouren durchgeführt und daneben( rechts) im feinen Rifs, welcher anfangs blofs nachzuziehen ift; in der Folge wird dann das Copiren felbftftändiger. Staunenswerth ift der Preis, zu welchem die Hefte( bis jetzt 60) im Handel erfcheinen, à: 10 Centimes. In ähnlicher Weife, aufserdem aber noch mit kurzem, erläuterndem Texte verfehen, find die Hefte Le deffin pour tous",( Methode Caffagne) eingerichtet. Das ganze Werk geht zwar weit über das Darftellungsvermögen der Kinder, für die es beftimmt ift, hinaus, befonders wäre diefs bei den Etudes du genre zu bemerken, aber der Zweck ift eben, mehr das Auge als die Hand für die Formen zu erziehen und vorzugsweife diefes mit dem Wichtigften und Schönen aus Kunft und Natur bekannt zu machen. Dafür erfcheint in der für den Formen- und Zeichnen unterricht überaus thätigen Verlagshandlung Monrocq frères überdiefs das Journal:„ Le petit artifte"( jeden 1. und 15. des Monats), in welchem in buntefter Abwechslung aus allen Gebieten des Zeichnens Motive mit kurzem Text vorgeführt werden. Wer die bisher erfchienenen Bände durchblättert, wird anerkennen müffen, dafs fowohl die Wahl als die mitunter ganz künftlerifche Ausführung der Objecte danach angethan ift, für den Formenunterricht anregend und zweckdienlich zu wirken. Um das Kind für die Nachahmung der Formen zu intereffiren, find auch Luzanne's Schiefertafel- Vorlagen ein ganz empfehlenswerthes Mittel. Die Zeich nungen find auf der linken Hälfte der Fläche roth ausgeführt und werden durch eine vertical aufgeftellte Glasplatte auf die andere leere Hälfte gefpiegelt, wo die Hand des Zeichners die Contouren dann nachfährt. " Die„, Cahiers d'enfeignement pratique du deffin, par J. Carot", die„ Cahiers esquiffes de deffin d'ornement, par A. le Béalle", fowie die Arbeiten von S r n t S ft n 1. m as zt te t. ir Cu en ft as er rt n. te zu ch h- ch rs on Der Zeichen- und Kunftunterricht. 49 J. Bardin, L. Grunblot, Blery etc. verfolgen dann fchon weitere Zwecke des eigentlichen Zeichenunterrichtes und ift im Allgemeinen nur zu bemerken, dafs überall das plaftifche Ornament vorherrfcht. Die lebende Blume tritt mehr und mehr in den Hintergrund; auch ift Landfchaft mit Recht vom erften Unterrichte ausgefchloffen. Seit Calame's unvergleichlichen Lithographien ift auch nichts Hervorragendes in diefem Genre erſchienen.-Für das elementare figurale Zeichnen ift merkwürdigerweife noch wenig geleiftet worden. Der Kunftunterricht in Frankreich ift eben dem Hauptzuge nach dem Praktifchen, der Induftrie zugewendet, nach welcher Richtung in allen Specialgebieten bisher ja wahre Prachtwerke erfchienen find und die Parifer Verleger, trotz den englifchen Beftrebungen noch immer unübertroffen daftehen. Es würde den gegebenen Raum hier überfchreiten, nur das Hervorragendfte anzuführen. Die Werke find aller Welt gegeben und mag es genügen, hier darauf hingewiefen zu haben. - Auch für den Unterricht im Linearzeichnen lagen zahlreiche Werke vor, die jedoch alle in einem Geleife fich bewegten, nämlich nach dem allgemeinen Theile fogleich die praktiſche Anwendung zum Ziele nahmen. Das Bedeutendste war wieder die vorzügliche Arbeit des frère Victoris, Cours de deffin geometrique et induftriel", welche fchon von der Ausftellung 1867 her vortheilhaft bekannt war. Gleichzeitig waren auch die dazu gehörigen Modelle( in Gyps und Blech) ausgeftellt. Erwähnung verdient dann auch ,, Deffin linéaire induftriel appliqué à la mechanique et à la conftruction par M. S. Petit." Von Modellen zur darftellenden Geometrie find noch zu verzeichnen: zweckmäfsig zufammengeftellte Collectionen von Rives, Delagrave, A. Julien u. A. Befonderes oder Neues boten fie nicht. Hachette& Comp. hatte Holzmodelle für darftellende Geometrie und Steinfchnitt- Conftructionen und kleine Mafchinenmodelle exponirt. Diverfe Modelle für Schloffer, Tifchler, Mafchinenarbeiter etc. waren von der école profeffionelle in Evreux zur Ausstellung gefandt. - Wir wollen uns nun, da wir die neuere Richtung der Vorlagewerke im Allgemeinen gekennzeichnet haben, den Schulen, refpective dem Unterrichte im Zeichnen felbft zuwenden, und in den zugleich vorgelegten Schülerzeichnungen die Methoden, Einrichtungen, Beftimmungen etc. näher in Betracht ziehen. Es ift bekannt, dafs das Unterrichtswefen in Frankreich noch heute Vieles zu wünſchen übrig läfst und trotz den Anftrengungen der Regierung, der Gemeinden und humanitären Gefellſchaften die allgemeine Volksbildung noch eine fehr mangelhafte ift. Der Schulzwang ift nicht durchgeführt, und fo kommt es, dafs felbft in der Metropole, in Paris, es in den Elementarfchulen zur Seltenheit gehört, wenn von der ärmeren Claffe Kinder mehr als drei Jahre dem Unterrichte beiwohnen. Nach den Daten eines Berichtes der Handelskammer in Paris vom Jahre 1864 wurden fchon damals durch die Fabriken und fonftigen Etabliffements in Paris 25.000 Kinder im Schulalter dem Unterrichte entzogen; diefe Zahl hat fich aber bis heute noch bedeutend vermehrt. Dafs dem Zeichenunterrichte fomit in der Volksfchule keine hervorragende Rolle zufällt, wird begreiflich erfcheinen. Trotzdem wird aber der Gegenftand an vielen Anftalten( als unobligat) geübt, und ift fpeciell in Paris an den Municipalfchulen für jedes Arrondiffement ein eigener Zeichnenlehrer angeftellt. Ungleich beffer und fyftematifcher wird das Zeichnen an jenen Elementarfchulen gepflegt, welche durch die frères chretiens beftellt find. Obfchon auch hier die Methode der freien Wahl der betreffenden Lehrer überlaffen bleibt, fo hat fich im Allgemeinen denn doch durch die von der Congregation felbft herausgegebenen Vorlagen und Schulen ein gewiffes Syftem eingebürgert, welches mehr oder minder erfolgreich durchgeführt wird. Die Kinder beginnen im Durchschnitt * Einem Berichte der Société pour l'inftruction élementaire vom Jahre 1870 zu Folge erhalten in Frankreich überhaupt 2 Millionen Kinder gar keinen Unterricht, und gibt es 14 Millionen Erwachfene, die weder lefen noc fchreiben können. ** 50 J. Langl. mit 9 bis 10 Jahren in den Anftalten zu zeichnen, und zwar Freihand- und Linearzeichnen als ganz getrennte Fächer. Es entfallen dadurch im Freihandzeichnen die Vorübungen in den geometrifchen Formen und wird, wie fchon erwähnt, fogleich auf das rythmifche Ornament losgefteuert. Die zumeift in Verwendung ftehenden Vorlagen find die bereits genannten von P. Victoris und Athanas; auch zum Theile noch von J. Carot. Die betreffende Zeichnung wird von dem Lehrer grofs auf der Tafel vorgezeichnet und erklärt; jeder Schüler( bei gröfserer Anzahl auch je zwei) hat dasfelbe Original als lithographirte Vorlage vor fich in derfelben Ausführung wie die Zeichnung erfcheinen foll. Die Schüler zeichnen allerorts auf leichtgetontem Papier mit Kohle und corrigiren durch Wegwifchen( mit Feuerfchwamm oder Tuch) die Formen fo lange, bis fie richtig erfcheinen; dann folgt die Ausführung in Kreide oder auch in Bleiftift. Die vorgelegten Schülerarbeiten zeigten auf diefem Wege oft ganz überraschende Erfolge und find davon jene der école de St. Sulpice( Paris) und St. Michael( Havre) befonders hervorzuheben. Durch die Methode, das plaftifche Ornament nach der Vorlage zu üben, ift der Uebergang zum Gypszeichnen ein viel leichterer, als von den bei uns allenthalben eingeführten Contour-( Feder-) Ornamenten. In den zahlreichen, mit den elementaren Unterrichtsanftalten verbundenen Penfionaten in Frankreich, die befonders in den Provinzftädten vielfach von den„ frères" beftellt find und fich oft Schüler bis zum Alter von 14 bis 16 Jahren befinden, wird das Natur-( Gyps-) Zeichnen meift mit den beften Erfolgen betrieben. Die Modelle gehören im Ornamente faft ausfchliesslich der Renaiffance und im Figuralen der Antike an. Von den maffenhaft vorgelegten Portefeuillen aus den verfchiedenen Unterrichtsanftalten in der Provinz zeigten leider nur wenige einen fyftematifchen Lehrgang; es fanden fich meift nur ausgewählte Schauftücke von bevorzugteren. Schülern, die mitunter allerdings unfere Bewunderung in Anfpruch nahmen, aber für den eigentlichen Zweck der Ausftellung wenig mafsgebend waren. Nur das konnte aus Allem conftatirt werden, dafs jeder Lehrer fein ihm befonders zufagendes Genre, pflegt und ein einheitliches Princip im Allgemeinen nicht durchgeführt ift. In der Regel culminirt der Zeichenunterricht an den genannten Anftalten blofs in der virtuofen Mache, und artet, da ihm pofitive Ziele ferne liegen, auch oft in leeren Dilettantismus aus. So werden beiſpielsweife in der école communale in Marſeille neben den verwerflichen grofsen Julien-( Kreide-) Köpfen, faft ausfchliefslich Heiligenbilder nach fchlechten Lithographien gezeichnet; in dem Penfionat St. Jofef zu Beauregard- Thionville nebft Ornamenten, Figuren und Landfchaften, aus welchen erfichtlich war, dafs das Zeichnen dafelbft nur zur Unterhaltung dient. In Befançon wird wieder die Kohlenlandfchaft geübt etc.;- dagegen brachte das Penfionat zu Touloufe einen ziemlich fyftematiſch zufammengeftellten Lehrgang von den einfachften geometrifchen Formen an bis zum frei entwickelten Ornamente. Gute Gypszeichnungen fanden fich in den Mappen der Anftalten von Moulins, Rouen und Clermont, wo auch nach den neueren Vorlagewerken mit Erfolg gearbeitet wird. In den bedeutenderen Städten find mit den meiften diefer Anftalten auch Abendcurfe verbunden, die von Gewerbetreibenden befucht werden und an welchen das Zeichnen demgemäfs mehr fachlich betrieben wird. Vorzügliches wird in diefen Curfen im conftructiven Zeichnen geleiftet, wie überhaupt das Linearzeichnen fchon in den unteren Unterrichtsanftalten gut gepflegt wird; aber auch im freien Zeichnen lagen fehr lobenswerthe Arbeiten vor. Wir heben hier nur die der Schulen St. Auguftin und St. Etienne du Mont ( Paris) hervor. Ausgezeichnete Zeichnungen nach Gyps hatten die Schulen von Reims und Befançon vorgelegt. Wir kommen damit wohl fchon auf das Gebiet der Specialfchulen, in welchen bekanntlich das Zeichnen in Frankreich am meiften florirt; vorerft haben wir aber nur noch einen Blick auf die höheren Volksfchulen, die Lyceen( die écoles fecundaires überhaupt) zu werfen, an welchen der Zeichenunterricht weniger fachlich, als vielmehr allgemein bildend betrieben werden foll. Der Zeichen- und Kunftunterricht. 51 Diefem Zwecke ift unfer Gegenftand in den franzöfifchen Schulen bisher nicht nachgekommen, da fchon von den Primärfchulen an im Unterrichte zumeift Specialrichtungen verfolgt werden und das Zeichnen nur für die praktifchen Zwecke der Induftrie gepflegt wird. Dem Kunftunterrichte im allgemeineren Sinne, das heifst der Erziehung des Volkes zum Verftändnifs der Kunft, wurde in Frankreich bisher eben fo wenig Beachtung gefchenkt, als in den anderen Staaten. und ftehen die franzöfifchen Lyceen als Lateinfchulen diefer Difciplin fo ferne, wie noch in Deutfchland und Oefterreich In der amtlichen Verordnung für den Zeichenunterricht an den Lyceen( Departement Seine) ift auch diefe Intention gar nicht ausgefprochen und find darin neben den zugewiefenen Stunden( 1 bis 2 per Woche) nur Vorfchriften für den Lehrgang gegeben, die übrigens fo wenig gehalten werden, als fie eben gehalten werden können. So foll in den erften zwei Jahren bei wöchentlich einer Stunde das Ornament abfolvirt werden; in den nächftfolgenden zwei Jahren( mit 2 Stunden wöchentlich) die menfchliche Figur und Perfpective und fo fort, fo dafs in den letzten Claffen( mit 2 Stunden wöchentlich) ,, Figuren in Licht und Schatten nach Gyps" zu zeichnen kämen!- Was zur Ausstellung an Schülerarbeiten diefer Kategorie hergefandt war, zeigte nur, dafs der betreffende Lehrende eben den Gegenftand ganz willkürlich nimmt und ihm wenig Ernft beilegt. Einige Anftalten aus der Provinz hatten freilich wieder den Fehler begangen, wahre Prachtftücke mit Schülernamen auf der Ausftellung vorzulegen( fo von Nimes), dafs man füglich fchweigend darüber hinweg gehen mufs. Dasfelbe wurde auch von vielen Communalfchulen( und befonders vom Departement Seine) der Ausftellung gegenüber im Linearzeichnen begangen; diefs müfsten denn Wunderkinder fein, die mit 12 Jahren Locomotive mit allen Schnitten in allen Projectionen, oder complicirte Architekturen in Perfpectiven mit folcher Exactheit und technifcher Gewandtheit darzuftellen vermöchten, wie fich manche der Schulen nicht gefcheut, folche Arbeiten den Fachleuten zur Bewunderung vorzulegen. Aus den höheren Curfen der écoles communales( laïque) von Paris waren fehr anftändige Leiftungen ausgeftellt; es wird zumeift nach der erwähnten Methode das leichtfchattirte Kreideornament cultivirt. Das Zeichnen in den nach dem Mufter der école Turgot eingerichteten Schulen( Colbert, Lavoifier. Auteuil) hat mehr den Charakter des Profeffionellen, für welche Zwecke auch die Anftalten zunächft beftimmt find; das conftructive Zeichnen ift vorherrfchend.- Von den écoles commerciales( von der Handelskammer gegründet) hatte die Schule der Avenue Trudaine 23 Schülerarbeiten ausgeftellt, die gröfstentheils in Decorationsftücken und Deffins für Stoffe beftanden, in Bezug auf Stil aber nichts befonders Neues boten. In den Mädchenfchulen für den allgemeinen Unterricht wird zwar überall gezeichnet, doch ftehen die Leiftungen hinter jenen der Knabenfchulen. Bevor noch die Contour hinreichend geübt ift, wird fchon zu den Blumen und Landchaften übergegangen, was felbftverſtändlich dann in die Spielerei des Dilettantismus ausartet. Erfolgreicher wird der Zeichenunterricht an den( weiblichen) écoles profeffionelles, und zwar mehr in jenen, die unter dem Patronate des Archevèque Mgr. Guilbert ftehen als in den von Duruy ins Leben gerufenen. Von den erftgenannten Anftalten find bis jetzt in den verfchiedenen Arrondiffements von Paris, je nach den örtlichen Verhältniffen, 21 eingerichtet und erfährt das Zeichnen befonders in Bezug auf die weiblichen Induftriearbeiten feine Pflege. Befondere Erwähnung verdient ihrer netten Handarbeiten und gefchmackvollen Zeichnungen wegen die école profeffionelle der Faubourg poifonniére. Es mag aus dem bisher Gefagten erhellen, wie viel der Zeichenunterricht in den Schulen für allgemeine Bildung in Frankreich noch zu wünſchen übrig läfst und wie vor Allem noch ein Centralpunkt mangelt, von welchem aus beftimmte Principien allgemein zur Geltung gebracht werden könnten. Dafs es aber in einem Staate, wo das Unterrichtswefen noch in fo getheilten Händen 52 J. Langl. liegt, ja grofsentheils der Privatinduftrie überlaffen bleibt, feine Schwierigkeiten hat, Reformen einzuführen, wird Niemand in Zweifel ziehen; die Anftrengungen, die von der Regierung auch feit 1870 in diefer Hinficht gemacht werden, verdienen alle Anerkennung und wäre der Zukunft Frankreichs nur zu gratuliren, wenn Alles zur Durchführung gelangt, was bereits in Gefetzen gefchrieben fteht. Die Franzofen haben zumeift aus den Bedürfniffen ihre Neuerungen gezogen und fo brachte das Jahr 1870 für ihr Unterrichtswefen, was die letzten Weltausftellungen für ihre Induftrie: die Reform. Dafs fie in der Induftrie allen übrigen Staaten auf der neuen Bahn des Gefchmackes Stand halten können, bewiefen fie uns im Prater deutlich; dazu haben fie traditionelle Vortheile in wie ferne aber die Reformen im Unterrichtsgebiete fich vollziehen werden, ift noch eine Frage der Zukunft. Der Luxus bei den Grofsen in Frankreich felbft hielt während und nach der Barokzeit die franzöfifche Kunftinduftrie in Flor, und verfchaffte ihr Verbreitung über die ganze Welt. Die reiche Befchäftigung erzog jene zahlreichen Induftriefchulen, durch welche die franzöfifchen Arbeiter im Kunft- Handwerke jene techniſche Routine gewannen, welche fie noch heute auszeichnet. Was von der Regierung, von den Gemeinden und einzelnen Induftriellen für den kunftgewerblichen Zeichenunterricht gethan wurde, war, wie erwähnt, weniger in der Abficht, den Gefchmack zu veredeln, als den Wohlftand zu heben und die Gefchäfte in Blüthe zu erhalten. Alle Welt glaubte ja willig und fand fchön, was von Frankreich kam. War es nun anderen Nationen vorbehalten, die Formen aus der Willkür wieder den Gefetzen zurückzuführen, fo hat Frankreich doch den Vortheil, aus feiner Vergangenheit eine Legion von techniſch gebildeten Arbeitern zu befitzen, die auch der Reform ihrer Kunftinduftrie nun zu Gute kommen, während anderwärts erft gefchult werden muss. Die Specialfchulen für die Gewerbe entftanden nach den örtlichen Bedürfniffen und haben in den Provinzen meift einen rein localen Charakter; in Paris find die gröfseren Schulen mehr für allgemeine Intereffen eingerichtet. Die Stadt hat aufser den höheren Kunftfchulen gegenwärtig vierzig öffentliche Zeichen fchulen, welche theils von der Commune, theils von der Regierung und auch von Privaten erhalten werden. An allen Municipalfchulen werden überdiefs Abendcurfe im Zeichnen gehalten, in welchen Lehrlinge und Erwachfene unentgeltlich Unterricht geniefsen. Die Mehrzahl diefer Abendclaffen wurde erft im Jahre 1864 eröffnet und hob fich die Frequenz bis zum Jahre 1869 von 1200 bis 4000; nach dem Kriege fank die Zahl auf 2000 zurück. Welche Aufmerkſamkeit die Commune Paris in letzterer Zeit den gewerblichen Fortbildungsfchulen zuwendet, zeigen am deutlichften ihre fteigenden Ausgaben hiefür, die fich im Anfange der fünfziger Jahre mit 30.000 Francs bezifferten und heute bereits die Summe von 350.000 Francs erreicht haben. Die vorzüglicheren Zeichenfchulen, welche gegenwärtig Paris zählt, wurden meift fchon früher von tüchtigen Künftlern gegründet und später von der Commune fubventionirt. Davon find die von E. Levaffeur und Juft. Lequien noch immer die hervorragendften. Die Schülerleiftungen waren auf der Ausstellung der Expofition de la ville de Paris" einverleibt, wo auch das treffliche Modell der Lequien'fchen Schule ausgeftellt war; es zeigte uns den grofsen gemeinfchaftlichen Zeichen- und Modellirfaal mit aller Einrichtung bis ins kleinfte Detail; anftofsend dann beiderfeits die Säle für wiffenfchaftliche Vorlefungen, den Saal für das Naturmodell, die Modellfammlung, das Bureau etc. Die äufserfte zweckmäfsige Adaptirung diefer Schule wurde fchon bei der letzten Parifer Ausftellung prämiirt und fand auch in Wien von den Fachmännern vielen Beifall. Es werden bei Lequien, fowie in den meiſten anderen MunicipalZeichnenfchulen, alle Fächer des freien und linearen Zeichnens gelehrt und imponirte die Ausftellung der genannten Schule fowohl durch die künftlerifche Vollendung, als auch durch die Vielfeitigkeit der Arbeiten. In der Wahl der Motive Der Zeichen- und Kunftunterricht. 53 im Ornamente ift in diefen höheren Schulen zwar noch nicht mit dem Hergebrachten gebrochen;* das Rococo treibt noch fein heiteres Spiel in ziemlich ausgelaffenen Variationen und hat fich befonders in der Schule Levaffeur's noch erhalten. Neben diefem tritt aber fchon mit ziemlicher Entfchiedenheit die Renaiffance in das Feld und kommen mit den Vorbildern der claffifchen Architektur auch deren ornamentale Motive zur Anwendung. Weit näher der Antike hält fich das figurale Zeichnen. In der Figur haben die Franzofen überhaupt nie fo ausgeartet wie im Ornamente und ihre Vorliebe für antike Formgebung befonders in der Plaftik ift charakteriftifch. Der Vortrag ift im Zeichnen zwar durchgehends malerifch, dabei aber die Modulation keineswegs vernachläffigt und ift ftets das Streben nach vollendeter Täufchung wahrnehmbar. Das Gefühl für Licht und Schatten ift in den franzöfifchen Schulen in viel höherem Grade erzogen, als in den deutſchen, in welchen das Hauptgewicht auf die Durchbildung der Form gelegt wird und der eigentlich malerifche Effect hintangefetzt bleibt. Die deutfchen Gypszeichnungen haben ein plaftifches Ausfehen, aber die Schatten find meift unwahr im Ton und übertrieben fchwarz. Schon in der Wahl des Papiertones find die Franzofen feinfühlender und kommt es nie vor, dafs auf Papieren gezeichnet wird, deren Localton nicht mit dem Ton des Objectes übereinftimmt. Die Actftudien zeigten eine fcharfe, individuelle Auffaffung bei gutem Verftändnifs der Anatomie. Sehr lobenswerth waren bei Lequien( fils) die gepflegten Uebungen in Croquis nach dem lebenden Modelle; die Stellung des Actes wird nach je zwei Stunden gewechfelt und haben die Schüler in diefer Zeit die Natur fo fertig wie möglich aufzufaffen und darzuftellen, ein jedenfalls praktifcherer Weg für das Studium derfelben, als die minutiöfe Ausführung der Objecte, welches in den deutfchen Kunftfchulen noch fo häufig Mode ift. Es bleibe hier nicht unerwähnt, dafs die neuen, oben befprochenen Vorlagewerke in den Municipal- Zeichenfchulen allgemein mit den beften Erfolgen in Verwendung ftehen und mit Julien das Feld geräumt ift. Im Architekturzeichnen waren von claffifchen Motiven griechifche Säulen und Tempel ausgeftellt; auffallend wenig aus der italienifchen Renaiffance. Das Meifte, was an Façaden gezeichnet wird, ift der franzöfifchen Prunkzeit entlehnt oder hält fich an die nüchternen Productionen der Neuzeit. Dagegen florirt das eigentlich conftructive Zeichnen in allen Branchen und vorzüglich im Mafchinenfach. Modellirarbeiten hatten nur die genannten Schulen Le quien und Levaffeur exponirt. Es waren Figurenreliefs nach der Natur und der Antike, die durchwegs malerifche Behandlung zeigten; auch Renaiffance- Ornamente, Büften etc. Die felbftftändigen Compofitionen bewegten fich noch vielfach im Barokftil. Die Schule Levaffeur's hatte auch Pflanzen, nach der Natur modellirt ( in Gyps und Wachs), vorgelegt. Gute Zeichnungen waren ferner ausgeftellt von der école de deffin de rue St. Bernhard 20, école de rue d'Algire und von der école d'avenue d'Italie. Unter den weiblichen Municipal- Zeichenfchulen glänzte die unter der Leitung der Madame Levaffeur ſtehende zumeift in Blumenftudien, aber auch mit ganz gediegenen Figuren und Ornamenten. Diefer Schule kamen zunächst die vom V. und XVI. Arrondiffement. " Die école de deffin" der„ manufactur national des gobelins" hatte fehr intereffante Zeichnungen und Gobelinftudien ausgeftellt. Die Schule ift von den Profefforen Lucas und Maillard trefflich geleitet und wird dafelbft vorzugsweife das figurale Fach und das Blumenftudium gepflegt. * In demfelben Schwanken befinden fich auch gegenwärtig die für kunftinduftrielle Zwecke arbeitenden Deffinateurs. Die Ausftellung derfelben befand fich in der füdlichen Quergallerie der franzöfifchen Abtheilung. V. Dumont, Prignot, J. Dubuiffon coquettiren noch alle mit dem S ile der Zeit Ludwig XV.; zu edleren, fefteren Formen hält fich fchon Edan. J. Gonelle und Charles François bleiben in ihren Shawldeffins unübertroffen. 54 J. Langl. Von der école fpecial d'architectur( gegründet 1865) waren theils Originalarbeiten, theils Photographien nach folchen vorgelegt. Die Schule ift ihrer hervor. ragenden Leiftungen nach bekannt und wurden feit ihrem Beftehen durch fie auch eine bedeutende Anzahl von Architekturwerken publicirt, wovon die„ fragments d'Architecture"( Paris, Morel) als das hervorragendfte zu bezeichnen find. Aus den Provinzftädten lagen ferner treffliche Arbeiten vor von den renommirten écoles profeffionelles zu Rouen, St. Quentin, Havre, Lyon( la martinere) und der école induftrielle de ville de Lille. Auch aus der Normandie und Bretagne, wo die meiſten écoles manufacturelles( in Verbindung mit Fabriken) exiftiren, waren zahlreiche Mappen mit guten Zeichnungen vorhanden. Im Süden bilden noch immer vorwiegend Touloufe und Bordeaux Centralpunkte des Kunftunterrichtes und find ihre Schulen die Vorbilder jener der kleineren Städte. Die Schulen von Bordeaux neigen fich mehr dem Induftriellen zu, während in Touloufe( unter M. Gaillard's Leitung) mehr das Akademifche, rein Künſtlerifche gepflegt wird. - - Gelegenheit ift in Frankreich überall und fpeciell in Paris wohl am meiften dem Arbeiter gegeben, fich künftlerifch zu bilden und die Regierung hat es auch zu keiner Zeit verfäumt, dahin zu wirken, dafs die gebotenen Vortheile auch fruchtbringend ausgenützt werden. Haufsmann hat unter Napoleon zwar Vieles nach diefer Richtung gethan, aber Vieles galt es noch durchzuführen, als die verhängnisvolle Kriegskataftrophe einen gewaltigen Einfchnitt in den Lauf aller Dinge in Frankreich machte. Energifcher noch als früher nahm das jetzige Minifterium die Frage wieder zur Hand und arbeitet vorzugsweife für die Hebung der Bildung in der arbeitenden Claffe. Man ift fich wohl bewufst, dafs die Induftrie in erfter Linie dazu berufen ift, dem Lande feine verlorenen Milliarden wieder zurückzuführen und ift fich wohl bewufst, dafs ein Stillftehen bei dem Emporftreben der anderen Nationen Rückwärtsfchreiten hiefse. So fehr auch die Specialfchulen in Paris floriren und durch fie den Gewerben eine nicht unbedeutende Anzahl kunftgefchulter Arbeiter zugeführt werden, bei dem Gros der arbeitenden Claffen bei den Lehrjungen befonders, dem jungen Nachwuchs, ift es fowohl mit der allgemeinen als fpeciellen Bildung noch äufserft mangelhaft beftellt. Von dem jetzigen Infpecteur general de l'inftruction publique M. Gréard wurde defshalb im vergangenen Jahre in einem Memoire an den Präfecten des SeineDepartements in ausführlicher Weife über die„ écoles d'apprentis" Bericht erftattet und zugleich Vorfchläge eingebracht, wie den beftehenden Mängeln abzuhelfen wäre. Die höchft intereffante Schrift zeigt, dafs der Verfaffer in Betreff diefer Frage für Frankreich die eingehendften Studien gemacht hat und durch die rückhaltslofe Darlegung der beftehenden Uebelftände die ernſteften Ziele im Auge führt. Nicht mit Unrecht fagt der Autor bei der Schilderung der fklavifchen Ausnützung der Lehrlinge von Seite der Lehrherren:" On coupe l'arbre au pied pour en cueillir le fruit" und" on écrafe le fruit dans fa fleur". Diefer Sätze traurige Wahrheit ift ja auch aufserhalb Frankreich und fpeciell in Wien leider erfahren und werden allenthalben Anftrengungen gemacht, diefem Uebel zu fteuern. Strenge Mafsregeln laffen fich von Seite der Regierungen nicht durchführen, da diefe in Widerfpruch mit den freien Conftitutionen des Gewerbewefens überhaupt kämen; es können demnach nur Verfügungen getroffen werden, die der Zukunft Heil und nicht den Gewinn des Augenblickes im Ziele führen. Nachdem der Verfaffer obgenannter Schrift die beftehenden Unterrichtsanftalten für Gewerbetreibende, als: die penfionats und externats d'aprentis, die écoles profeffionelles, écoles induftrielles etc. in Bezug auf Inftitutionen und die erzielten Erfolge ausführlich gefchildert hat, unterzieht er die Frage über Preife und Concurfe in Bezug auf Vor- und Nachtheile für den Unterricht einer eingehenden Erörterung. Die Municipaladminiftration hatte im Jahre 1847 Prämien für die Schülerleiftungen gefchaffen, um das Intereffe für die Schulen zu heben. Bald fah man Der Zeichen- und Kunftunterricht. 55 aber ein, dafs es bei der ungleichen Vorbildung der Schüler fchwierig fei, neben dem Talente zugleich den Fleifs zu belohnen, und fo wurden( 1854) ftatt deffen Stipendien geftiftet. Leider ſpielte dabei die Speculation der Lehrherren wieder eine die Sache verkennende Rolle und der Nutzen für das Allgemeine blieb problematifch. Es wurden fodann( 1864) zahlreiche Abendcurfe eröffnet, um reichere Gelegenheit zur Fortbildung der Gewerbetreibenden zu geben und damit die Zahl der öffentlichen Zeichenfchulen auf 33 vermehrt.* Es wurden Concurfe mit Preifen eingeführt, die alle zwei Jahre bei Gelegenheit der Ausftellungen der „ Union de beaux arts" abgehalten wurden; aufserdem ftellte die Commune jedem Vorfteher der Zeichenfchulen jährlich im Verhältniffe zur Schülerzahl Medaillen zur Verfügung, die von dem betreffenden Profeffor an die fleifsigften Schüler zur Vertheilung kamen. Um aber auch die Erwachfenen( Gehilfen, Gefellen etc.) zu animiren und das Intereffe zur Fortbildung rege zu erhalten, wurden auch für diefe jährliche Concurfe mit Auszeichnungen gefchaffen.** Gréard unterzieht ferner die in Frankreich beftehenden Fachfchulen einer eingehenden Kritik, fucht in Beifpielen die Verhältniffe des allgemeinen und fachlichen Unterrichtes in den verfchiedenen Anftalten darzulegen und entwirft mit Zugrundelegung der Syfteme, nach welchen die bereits bestehenden Schulen zu Creuzot, Nantes, Havre und Paris eingerichtet find, das Programm für eine Muſterſchule, welche den Anforderungen der Zeit und den Verhältniffen von Paris am entſprechendften erfcheint. In der Conclufion empfiehlt der Autor dann der Regierung, dafs in Paris fogleich eine derartige Schule zu errichten fei, die allen fpäter zu fchaffenden als Mufter dienen foll; dafs ferner die Bevölkerung von der Regierung aufzufordern fei, die Lehrjungen zum Befuche der Fortbildungscurfe zu verhalten; dafs die Regierung die von den Genoffenfchaften erhaltenen Gewerbefchuten unterſtütze und die Entwicklung der fonftigen Zeichenfchulen in jeder Hinsicht fördere. Die leitenden Behörden find diefen Wünſchen bisher im vollften Mafse nachgekommen und haben in einer Reihe von Verfügungen dargelegt, dafs fie den kunftgewerblichen Unterricht felbft in den ärgften politifchen Kämpfen nicht aus dem Auge verlieren und gerade darin die Wiedererholung des Landes fuchen. Als ,, Reglement général fur l'enfeignement du deffin dans les écoles primaires et dans les claffes d'aprentis ou d'adulte de la ville de Paris" gelten noch die Verordnungen vom Jahre 1865( von Duruy und C. E. Haufsmann). Die Prüfung, welche Zeichenlehrer der écoles municipales vor der hiezu beftimmten Commiffion abzulegen haben, befteht für das freie Zeichnen: 1. In der Ausführung einer Zeichnung nach einem Gypsornamente; 2. in einer Zeichnung nach einer antiken Statue; 3. in einer vollkommen durchgebildeten Zeichnung der menfchlichen Geftalt nach der Natur; 4. aus einer freien Compofition eines Ornamentes mit figuralen Motiven( kann nach Belieben von den Candidaten gezeichnet oder modellirt werden); 5. in der Correction eines Ornamentes und einer Figur an einer Schülerzeichnung, welche der Candidat vor der Commiffion ( en expliquant à haute voix) vorzunehmen hat. Für das Linearzeichnen hat der Candidat: 1. Nach einem gegebenen Programme eine architektonifche Aufgabe, und 2. eine Aufgabe aus der darftellenden Geometrie zu löfen; ferner 3. mündliche Prüfung abzulegen über die Elemente der Mathematik, Geometrie, darftellende Geometrie, Perſpective, Architektur und Mechanik. * Im Jahre 1851 gab es deren blofs fechs. ** Die noch beftehenden Beftimmungen hiefür find folgende: Von je 25 Schülern einer Anftalt können 3, die der betreffende Profeffor ihren Fortfchritten gemäfs beftimmt, an dem Wettkampfe theilnehmen. Die Schüler der verfchiedenen Schulen verfammeln fich in einem Locale der Adminiſtration und haben unter Aufficht zwei Zeichnungen zu liefern, und zwar 1. die Copie eines Ornamentes nach gegebener Vorlage und 2. die Copie eines Ornamentes nach einem Gypsmodell. Es werden jährlich drei Preife und fechs ehrenvolle Erwähnungen verliehen. Jeder Medaille ift ein vom Präfecten unterzeichnetes Diplom beigegeben. 56 J. Langl. Zur Ueberwachung des Zeichenunterrichtes find( für das Departement Seine) nach der Organiſation vom Jahre 1865( Artikel 2) zwei Infpectoren ernannt, welche einer Commiffion über die Thätigkeit der Lehrer zu berichten und für die Confervirung der Schulen zu forgen haben. Diefe Commiffion befteht aus fünfzehn Mitgliedern und werden alljährlich ein Drittel davon erneuert. Sie prüft die Candidaten, fchlägt die Modelle( Originale) für den Zeichenunterricht vor und entfcheidet über Reglements, Methoden, Programme etc., welche das Zeichnen in den verfchiedenen Schulen betreffen. Der Dienft der Infpectoren wurde in vier Artikeln im Jahre 1870 von den Präfecten Henri Chevreau genauer präcifirt und in einem Circular des jetzigen Directors de l'enfeignement Gréard weiter betont, dafs jede Zeichenfchule des Departements im Jahre mindeſtens zweimal infpicirt werde und dem Präfecten genaue Berichte zu erftatten feien. Die Sorgfalt und Opferwilligkeit, mit welcher in Frankreich der Zeichenunterricht gepflegt wird, gilt wohl ausfchliesslich noch der Induftrie, die ja dafür bisher dem Lande die reichften Zinfen eintrug.* Dafs aber auch die Kunft, welche dort ftets mehr als den Deutfchen dem Kunftgewerbe dienend zur Seite ftand, von der Regierung als wichtiger Factor für die Induftrie erkannt wird, belehrte wohl ein Spaziergang durch die Kunfthalle. Nahe zwei Dritttheile der 1024 Nummern von Gemälden und plaftifchen Werken trug im Kataloge den Satz„ Appartient à l'Etat". Die Millionen, die dafür ausgegeben wurden, floffen auf anderen Seiten wieder reichlichft dem Staate zurück und es wäre diefe Politik Frankreichs in der Kunft anderen Staaten nur zu empfehlen. Der Lorber ziere nicht allein das Schwert, fondern auch die Leier einer Nation, und dafs die Kunft von Oben herab gepflegt werden mufs, ward uns fchon im claffifchen Alterthume bewiefen; nur verfäume man nicht, fowie zu jener Zeit, auch das Volk zum Verſtändniffe dafür zu erziehen ein Punkt, welcher in Frankreich ebenfo noch feiner Löfung wartet, wie bei uns. - Italien. Es gibt wenig Zweige in der Kunftinduftrie, deren Urfprung und erfte Blüthe nicht auf italienifchem Boden zu fuchen wäre. Der Umfchwung, welcher im Cinquecento fich bezüglich der Kunft in diefem Lande vollzog, fand auch gleichzeitig im Kunft- Handwerke ftatt; wie dort die Geftalten plötzlich zum Leben erwachten, fo löfte fich hier das Ornament aus feiner ftrengen Architektur, fprofs in einer Fülle von Leben auf und entwickelte in den Formen und Motiven einen Reichthum und eine Mannigfaltigkeit, dafs jene an fich felbft nach der Paufe, die durch die Barockzeit in die reinen Kunftbeftrebungen eintrat, der neueren Induſtrie eine unerfchöpfliche Quelle wurden. Die italienifche Induftrie Ausstellung zeigte fo recht, welchen Einflufs gute Vorbilder auf die Entwicklung des Formenwefens in der Kunftinduftrie zu nehmen im Stande find. Italien gleicht ja fo zu fagen heute einem Muſeum von Denkmälern aller Kunftzweige, die eben vor wenigen Jahrhunderten auf diefem Boden ihre höchften Triumphe feierten. Im fteten Hinblick auf diefe Herrlichkeiten ift es nicht möglich, dafs die Induftrie die alten, edlen Traditionen verlaffen kann; fie baut fort, benützt die vorhandenen Motive und verpflanzt fie wie der Gärtner feine Blumen in den verfchiedenartigften Compofitionen zur Decoration der Objecte, was fchliesslich zur Selbfterfindung im Geifte der Alten führt. Aus der Renaiffance haben fich aber auch nebft den Formen die verfchiedenen Techniken fortgeerbt, und Italien fteht in gewiffen Zweigen der Kunft darin noch heute unübertroffen da. Der Geift des Ornamentes hat fich aus jener Glanzperiode ungetrübt in der Induftrie vererbt; in der Figur, der eigentlich * Die Verkehrslifte zeigte im Jahre 1851 1300 Millionen Francs, im Jahre 1869 4000 Millionen Francs, wovon faft die Hälfte der Luxusinduftrie gehörte. e 1 a 0 r r e n n e m er e e e t r h 1- Der Zeichen- und Kunftunterricht. 57 künftlerifchen Geftalt, ftieg er von dem erhabenen Ernft zum Naiven, Profanen. herab. Peinlich mufste es den Kunftfreund berühren, in den italienifchen Sculpturen eine fo glänzende Technik an fo viel Nichtsfagendes verfchwendet zu fehen. Es würde zu weit führen, hier auf die Hauptzweige der italienifchen Kunftinduftrie in Bezug auf die Formen und das Technifche näher einzugehen. Ihre Glas- und Marmorarbeiten, Fayencen, Broncen, und obenan die Holzfchnitzereien find Erbgut der claffifchen Periode des XV. und XVI. Jahrhundertes. Innig hängt mit diefen verfchiedenen Zweigen der Induftrie die traditionelle Erziehung des Formenwefens durch die Schulen zufammen. Es iſt z. B. auffallend, dafs in der Stoffornamentik, die feit Langem in den Schulen ignorirt wird, die Traditionen aus der Renaiffance faft ganz erlofchen find und am meiften fremde( franzöfifche) Elemente Eingang gefunden haben. Ein Beweis, welcher Zufammenhang zwifchen dem Kunftunterricht und der Formbewegung in der Induftrie befteht. In Italien hat zwar nur der Handel die Modelle für die Schule beftimmt und die im Geifte der Renaiffance erzogenen Künftler machten die Formen traditionell; wenn nun die Künftler mit der franzöfifchen Blume in den Stoffdeffins der Mode folgten. kümmerte fich nicht die Schule darum; hätte aber die Schule die Zeichner auch in diefem Zweige an den claffifchen Formen erzogen, fie würden gewifs das Feld behauptet haben. Der Zeichenunterricht ift in Italien demzufolge in den Induftriebezirken mehr als Bedürfnifs und findet auch überall die forgfältigfte Pflege. Die fcuola tecnica hat zumeift auch den Charakter einer Induftriefchule, in welcher mehr befondere technifche Zwecke verfolgt werden, als dafs den Elementen der allgemeinen Bildung Rechnung getragen würde. Ueberall fprach auch aus den Zeichnungen der praktiſche Zweck des Decorateurs, felbft im linearen Zeichnen. wo ftets das geometrifche Ornament( Mofaikböden etc.) eine bedeutende Rolle fpielte. Die Ausftellung war mit Schülerarbeiten im Zeichenfache fehr reich befchickt. Aus allen Provinzen des Landes, das ferne Sicilien nicht ausgenommen, lagen Portefeuilles auf, und war es bei der Maffe des intereffanten Materiales nur zu bedauern, dafs weder in geographifcher Beziehung, noch nach den Kategorien der Anftalten irgend welche fyftematifche Anordnung getroffen war und überdiefs die Regierung es verfäumt hatte, zu näheren Auffchlüffen über das Unterrichtswefen einen Fachmann für die Ausftellung zu beftimmen. Auf die Darftellung des Lehrganges wurde nur theilweife Rückficht genommen; zumeift fanden fich blofs Ausftellungsobjecte, das heifst die beften Leiftungen der Schüler. Wir beginnen mit Norditalien, dem Theile, welcher die Ausstellung am reichften befchickt hatte. Das ,, Iftituto induftriale e profeffionale" zu Turin hatte Schülerleiſtungen aus allen Gebieten des Zeichenfaches vorgelegt. Befonders hervorragend waren die Arbeiten der technologifchen Abtheilungen, unter denen auch der Lehrgang in der vorbereitenden Claffe klar dargestellt wurde. Aus den Fachcurfen war neben tüchtigen Leiftungen im Mafchinen- und Architekturzeichnen auch das Situationszeichnen mit trefflichen Arbeiten vertreten. Im freien Zeichnen brillirte das Ornament( in Blei). Der Zeichenunterricht ſteht an der Anftalt unter der ausgezeichneten Leitung des Profeffors G. A. Boidi, von welchem auch zahlreiche fachliche Werke vorgelegt waren, die hier Erwähnung verdienen. Sein ,, Manuale di difegno lineare geometrico" umfafst die Formenlehre, angewandt in geometrifchen Ornamenten, die Projectionslehre, angewandt in Bauobjecten, und das Wichtigſte der Perfpective. Als Fortfetzung für die höheren Curfe ift dann des Verfaffers„ L'Ingegnere" zu betrachten, in welchem Werke die darftellende Geometrie ausführlich durchgenommen erfcheint und vorzugsweife Beiſpiele aus dem Mafchinenfache herbeigezogen find. Für das Baufach bietet der„ Corfo compiuto di difegno geometrico induftriale" eine treffliche Schule im Conftructiven, während fein„ Manuale di difegno architectonico" fchöne Motive für Decoratives in der Architektur enthält. 58 J. Langl. " Für das Freihand- Zeichnen ift Boidi's Corfo elementare d'ornato" nach den gefetzlichen Beftimmungen des Lehrplanes für die erfte Unterrichtsftufe verfafst und fchreitet von der einfachen Blattform allmählig zum entwickelteren Ornamente vor; als Fortfetzung und zugleich als Vorübung für das Naturzeichnen fchliefst fich daran der„ Corfo progreffivo d'ornato ombreggiato a due dinti," worin neben Renaiffance- auch gothifche Formen vorkommen. Etwas ftörend ift es an diefen Blättern, dafs der Tondruck blofs das gezeichnete Modell ausfüllt und der Grund des Papieres weifs ift; fonft ift der Vortrag und die Behandlung der Form fehr nett. Für die weibliche Induftrie hat der Verfaffer einen„ Corfo di difegno a mano libera" von Blumen gearbeitet, die in Sepia und bunten Farben ausgeführt als minder gelungen zu bezeichnen find. Ganz in franzöfifchem Gefchmack find dann die Motive im" Corfo di difegno applicato ai lavori donneschi" gehalten. Die Thätigkeit Boidi's erftreckte fich auch auf das Gebiet des topographifchen Zeichnens, und lag dafür ein, Corfo metodico teoricopratico di difegno topografico" mit fehr fchönen Tafeln vor, in welchen die Elemente des Situationszeichnens in hübfcher Anordnung zufammengeftellt waren. - Von Turin war ferner die„ Scuola di ornamentacione del r. mufeo induftriale" mit fehr fchönen Modellirarbeiten vertreten, und brillirten diefelben vorzugsweife in der virtuofen Technik, dem Beherrfchen der Form. Vom Profeffor Pietro Giufti, dem Leiter der Schule, war ein kunftvoll in Holz gefchnitzter Rahmen ausgeftellt, an dem im Stile der Frührenaiffance eine Fülle reizender Motive in gefchmackvollfter Weife zu einem Ganzen vereinigt war. Von Giufti lagen auch zwei Bände Handzeichnungen von Entwürfen für decorative Holzplaftik vor, die. durchwegs im Geifte der Renaiffance gehalten, durch das Hereinziehen figürlicher und thierifcher Formen manch' neues, originelles Motiv zeigten. In der„ Scuola governativa di Po" in Turin wird meift nach älteren franzöfifchen Meiftern gearbeitet, und waren die Erfolge von geringerer Bedeutung. Sehr gediegene Arbeiten hatte die" Scuola civica feminile di difegno induftriale" zu Genua ausgeftellt; aus denfelben konnte auch die an der Anftalt gebräuchliche Methode wahrgenommen werden, welche in manchen Beziehungen mit der in Frankreich üblichen übereinftimmt. Die Schülerinen beginnen nämlich mit dem Entwerfen von einfachen Formen, grofs mit Kohle auf grauem Papier, und ziehen diefe mit dem Pinfel im Tufche aus; in den fortgefetzten Uebungen werden dann auch Flächen angelegt und die Formen mit der Feder ausgezogen. Daran fchliefst fich das Zeichnen nach Draht- und plaftifchen ( geometrifchen) Modellen und das Ornamentenzeichnen nach Gyps. In den höheren Curfen dehnt fich das Naturzeichnen dann auch auf andere Gegenftände, wie Blumen, Obft etc., aus, und wird nebenbei das Flächenornament in Farbe geübt. Nach hinreichenden Vorftudien werden die Schülerinen fchliefslich zu felbft ftändigen Compofitionen geführt. Die ausgeftellten Arbeiten diefer Art verdienten, fowohl was die techniſche Ausführung als gefchmackvollen Stil anbelangt. unbedingtes Lob. Die Renaiffanceformen waren auf manchen der Blätter in fo zarter, anmuthiger Weife von der( Natur-) Blume umfpielt, dafs die an und für fich widerfprechenden decorativen Elemente fich ganz harmonifch dem Zwecke " fügten. Faft ausfchliefslich im franzöfifchen Gefchmack wird an der Scuola profeffionale per le artigani" gearbeitet. Auch von diefer Schule war der Lehrgang im Zeichnen recht überfichtlich dargeftellt. Nichts Befonderes boten die Zeich nungen aus der Scuola tecnica occidentale" zu Genua. 22 Sehr anfprechende Leiftungen der Schüler hatte dagegen das„ Iftituto tecnico" zu Aleffandria vorgelegt. Es zeigte fich fowohl im Freihand- als Linearzeichnen ein ganz correcter Lehrgang, und war befonders das Mafchinen- und Architekturzeichnen gut vertreten. Sehr lobenswerth waren auch die topo 1 Der Zeichen- und Kunftunterricht. - 59 graphifchen Zeichnungen; nur im Figuralen fielen Schwächen auf, die fich auch dort bemerkbar machten, wo fich in das Ornament figürliche Motive mifchten. Von der Anftalt ähnlichen Charakters in Guneo waren fchön gezeichnete Contourornamente, Architekturen und hübfche Möbelzeichnungen vorhanden. Von Mailand hatte nur die ,, Scuola fuperiore di agricoltura" Schülerleiftungen im Zeichnenfache ausgeftellt. Unter denfelben fanden fich befonders nett und mit viel Gefchick gearbeitete Landfchaften( Calame) in Blei auf Tonpapier und mit Weifs gehöht; dann auch Blumen nach franzöfifchen Muftern, die im Vortrag jedoch hinter den Originalen zurückblieben. Wahrhaft minutiös ausgeführte Blätter nach plaftifchen Ornamenten hatte die„ Reale Scuola tecnica" von Pavia eingefandt. Die Zeichnungen waren theils mit Bleiftift oder Kreide, theils im Tufche ausgeführt und die Plaftik bis zu photographifcher Täufchung nachgeahmt; diefelbe faft übermäfsige Ausführung machte fich auch im linearen Zeichnen geltend, wo befonders bei den Perfpectivftudien an den ftereometrifchen Körpern das non plus ultra im„ Auspinfeln" geleiftet war. Sonft erfchien aber das eigentliche Conftructive, das Geometrifche an und für fich vernachläffigt, und waren vorwiegend geometrifche Ornamente und Decorationsftücke für das Baufach vor handen. Die Scuola tecnica" zu Lodi brachte gute Ornamente und getufchte Zeichnungen nach geometrifchen Körpern; im Linearzeichnen Conftructives, die Säulenordnungen und Mofaikböden. Weniger anfprechend waren die Arbeiten aus der„ Scuola ferali di Carità" zu Lodi. Ganz fyftemlos wird an der ,, Scuola popolare della focietà d' induftriale e belle arti" in Vigevano- Lomellina gezeichnet; es wird nach der franzöfifchen Weife mit den Ornamenten wohl begonnen, aber neben mangelhaftem Gypszeichnen in rein dilettantifcher Weife Landfchaften, Blumen und dergl. geübt; defsgleichen waren die Refultate der„ Scuola communale maschile- feminile" zu Codogno trotzdem nur Schauftücke ausgeftellt waren nicht zu loben; mit Ausnahme von einigen hübfch gezeichneten Köpfen, mangelte bei Allem die Schule, das Verftändnifs der Form und des Vortrages. Sehr gediegene Arbeiten im Linearzeichnen waren vom„ Iftituto tecnico" zu Mantua vorhanden; fowohl im Mafchinen- und Baufach als auch im Situationszeichnen. Das Reale Iftituto induftriale" zu Piacenza hatte eine Sammlung von Naturabgüffen( Plattformen) und auch modellirten Ornamenten ausgeftellt, die für den Zeichenunterricht recht empfehlenswerth waren. " - - Wie bei der letzten Parifer Ausftellung war auch diefsmal das„ Patrio iftituto Manin" zu Venedig mit hervorragenden Leiftungen vertreten. Im erften Curfus wird nach der gewöhnlichen Weife von den einfachen geometrifchen Formen zum complicirten Ornamente vorgefchritten und im zweiten Curfus dann zum Zeichnen nach plaftifchen Modellen übergegangen. Diefelben waren( in Tufch und Blei) von ebenfo exacter als künftlerifch gediegener Ausführung. Das Hauptgewicht wird aber an der Anftalt auf das eigentliche Fachzeichnen gelegt, wovon für alle Zweige der Kunftinduftrie Eminentes vorlag. Untergeordneter erfchien das Linearzeichnen gepflegt. Eine ganz eigenthümliche Methode verfolgt in der erften Stufe des Zeichenunterrichtes die„ Reale fcuola tecnica" zu Venedig. Es wird nämlich conftructive Perfpective betrieben, wobei aber theilweife auch mit freier Hand hineingezeichnet wird( mitunter waren übrigens auffallende Fehler erfichtlich); daran fchliefsen fich Körperftudien nach der Natur ( minutiös ausgeführt) und mangelhaftes conftructives Zeichnen. Der Hauptfleifs bei den meiften diefer Zeichnungen war jedoch auf die oft kunftvoll durchgeführten Umrahmungen derfelben gelegt, wobei die complicirteften Renaiffanceund à la Grece"-Verzierungen vorkamen, welche gewifs drei-, viermal foviel Zeit in Anspruch nahmen, als das dargestellte Object erforderte. Das Projectionszeichnen war gut und ziemlich ausführlich; in bekannter virtuofer Darftellung dann getufchte Gypsornamente, auch in Gruppen mit anderen Gegenftänden zu kleinen„ Stillleben" arrangirt etc., mitunter recht malerifch, aber ftets als Schauftücke; Zeitverfchwendung bleiben folche Arbeiten dennoch immer. 60 J. Langl." Die„ Scuola tecnica et ferale" zu Ravenna hatte in grofsen Blättern gute Contouren von Renaiffance ornamenten, defsgleichen getufcht, und gröfsere Gruppen von Modellen und Geräthen in Farbe fowie hübfche Architekturen ausgeftellt. Im gleichen Niveau hielten fich die Arbeiten der Scuola tecnica" zu Trevifo und war von der Anftalt auch das Projectionszeichnen gut vertreten und ausnahmsweife auch das Figurale. In dem„ Iftituto tecnico" zu Udine wird in ziemlich ausführlicher Weife das conftructive Zeichnen und die darftellende Geometrie durchgenommen; daran fchliefsen fich geometrifche Ornamente( Mofaikböden) und die Säulenordnungen; auch im Freihand- Zeichnen findet dafelbft das Flachornament in der Farbe feine befondere Pflege. Aus der" Reale Scuola tecnica e fcuola feftiva" find hübfch gezeichnete Ornamente in Blei und Tufch erwähnenswerth; fonft war die Zufammenftellung der Arbeiten ziemlich planlos. Wenn wir uns nunmehr dem Süden zuwenden, fo haben wir zu allererft der prachtvollen Leiftungen aus der„ Scuola tecnica pareggiata" zu Ferrara zu gedenken. Die Zeichnungen diefer Schule, faft ausfchliefslich Renaiffance ornamente, waren zum Theil in Blei, zum Theil in Tufche und Farbe mit bewunderungswürdiger Delicateffe durchgeführt, und brillirten befonders wieder die in Italien überhaupt fo beliebten Gruppenbilder. Vom Linearzeichnen waren gute Projections. ftudien, dann Säulen, Bogenftellungen etc. vorhanden. Im Freihand- Zeichnen ebenbürtig, nur mit ftärkerer Betonung des Farbigdecorativen ftanden die Leiftungen der„ Scuola tecnica diurna" zu Bologna; auch lieferte diefe Anftalt treffliche Architekturftücke. Zu den hervorragendften der Ausstellung überhaupt gehörten jedoch die Arbeiten aus der ,, Scuola tecnica ferale" diefer Stadt. Es fanden fich darunter in der vollendetften künftlerifchen Ausführung grofse decorative Renaiffanceverzierungen( mit verfchiedenen Mitteln dargeftellt), wahre Bravourftücke von„ Stillleben", Blumen, Früchten etc., Zeichnungen nach Schmuckfachen aus der beften Zeit, reizvolle Gefäfse, Möbel etc.- kurz Studien für alle Zweige der Kunftinduſtrie. In fehr überfichtlicher Weife war von der techniſchen Gemeindefchule Dante" in Florenz der Lehrgang und die Methodik des Zeichenunterrichtes in den Schülerleiftungen dargelegt. Die Schule hat zum Zweck, denjenigen jungen Leuten, welche fich einer beftimmten Laufbahn, fei es im öffentlichen Dienfte der Induftrie oder auch der Landwirthfchaft widmen wollen, eine angemeffene allgemeine Bildung zu geben. Die fpecielle Ausbildung wird ihnen dann in den technifchen Hochfchulen ertheilt. Sie befteht aus vier Claffen und fallen dem Zeichenunterrichte in der erften fünf und in den folgenden je neun Stunden zu. Die Freihand- Zeichnungen, von den einfachen Contouren zum Gyspsornamente fyftematifch vorfchreitend, gehörten zu dem Beften, was von den italienifchen mittleren Schulen ausgeftellt war. Die Darftellung gefchieht mit den einfachften Mitteln, oft allein mit Blei; aber in einer Zartheit und Delicateffe, die für das Alter der Schüler( 13 bis 17 Jahre) bewunderungswürdig zu nennen ift. Neben den plaftifchen Zeichnungen fanden fich auch mufterhaft behandelte Flächenornamente( Frührenaiffance). Das Linearzeichnen wird ähnlich wie an unferen Realfchulen betrieben, mit fofortiger Anwendung auf Bau- und Mafchinenkunde. Ganz ausgezeichnete Arbeiten, befonders was darftellende Geometrie und Mafchinenzeichnen anbelangt, lagen auch von der„, Scuola tecnica municipale Leon Battista Alberti" vor; die FreihandZeichnungen zeigten durchwegs eine leichte, künftlerifche exacte Behandlung. - - aber immerhin Die ,, Scuola tecnica" zu Perugia brachte neben guten Ornamenten befonders fchöne Zeichnungen nach Renaiffancegefäfsen, Möbeln mit Intarfien etc. In der Scuola maschile" diefer Stadt werden faft ausfchliesslich Mofaikböden conftruirt. Mit prächtigen Leiftungen im freien Zeichnen und hübfch dargeftelltem Lehr e r 1 1 e 1 e e Er e וד r ], 1, :) n er 1. n 1. n S er t. Der Zeichen- und Kunftunterricht. 61 gang war ferner die ,, Scuola tecnica" zu Orvieto vertreten. Unter den Arbeiten waren befonders die bei den Italienern mit Vorliebe" getufchten" Gypsornamente wieder von der delicateften Ausführung; fchwächer erfchien das geometriſche Zeichnen an diefer Anftalt; dagegen recht gut das Projectionszeichnen.- Brillant nach jeder Richtung des Zeichnens hatte fich die„ Scuola tecnica" zu Lodi repräfentirt; die Gypszeichnungen waren wieder meift getufcht, dagegen gröfsere Architekturen, Decoratives etc. mit der Feder reizvoll fchraffirt. Wahre Bravourftücke lagen ferner an Schatten Conftructionen vor; man bewundert die Geduld, die technifche Fertigkeit und freut fich der fchönen Arbeit aber die praktiſche Stimme mufs denn doch diefs Alles Zeitverfchwendung heifsen! Was die genannte Schule im Linearen, das leiftet die„ Scuola tecnica di disegno in sant arcangelo di Romagna" im freien Zeichnen. Es lagen grofse Blätter in Kreide nach Florentiner und römifchen Renaiffance- Denkmälern vor, die aber in einer Vollkommenheit dargestellt waren, dafs es nur wünſchenswerth erfchien, wenn diefe Arbeiten auf Stein zur Vervielfältigung gebracht worden wären; fie würden ein Prachtwerk geben. Erwähnenswerth find ihrer guten Leiftungen wegen auch noch die technifchen Schulen' von Afcoli piceno und Piftoja; die Anftalt des letzteren Ortes hatte auch fehr fchön den Stufengang in den Schülerzeichnungen dargestellt. Aus dem füdlicheren Italien nahmen die Schulen von Neapel den hervorragendften Rang ein. Die„ Scuola di disegno applicato alle arti" der„ focietá centrale operaria napoletana" hatte fehr gelungene Arbeiten ausgeftellt. Es werden an der Anftalt alle Zweige des Zeichnens gepflegt und überall der praktifche Zweck, die Anwendung im Auge geführt; auch das figurale Zeichnen. welches mit Ausnahme einiger Schulen in Norditalien faft überall vernachläffigt wird, war theilweife in fehr hübfchen Leiftungen repräfentirt. - Es ist wohl überflüffig zu erwähnen, dafs nur nach„ Julien gezeichne wird. Nebft diefer Anftalt hatten auch die rühmlichft bekannten" Reali iftituti tecnico e di marina mercantile" Leiftungen aus den Zeichenfächern vorgelegt, die fowohl im Architektonifchen als im Mafchinen- und Schiffbau- Technifchen den guten Ruf der Anftalten neuerdings beftätigten. Von Freihand- Zeichnungen find fchön gearbeitete Kreide ornamente zu erwähnen. Das Inftitut hatte auch die Pläne und Anfichten feines Gebäudes vorgelegt. Im Anfchluffe fei hier auch der trefflichen Arbeiten im technifchen Zeichnen für maritime Zwecke des R. Iftituto di marina mercantile di piano" zu Sorrento gedacht. 99 Wenn wir noch die befriedigenden Leiftungen der„ Scuola tecnica provinca" zu Salerno erwähnen, fo dürften wir das Wichtigfte berührt haben, was von der Halbinfel Italien an Schülerzeichnungen zur Wiener Weltausstellung gefandt wurde. Von der Infel Sicilien hatte die„ Società operaria di Meffina" Zeichnungen ausgeftellt, die jedoch fowohl in der Wahl der Modelle als in der Ausführung Manches zu wünſchen übrig liefsen. Es waren vorwiegend figurale Studien, unter denen die nach Julien's Vorlagen noch die beften genannt werden konnten. Ganz ohne Verftändnifs waren Acte( wahrfcheinlich nach Handzeichnungen) copirt. Den fchattirten Ornamenten mangelte die leichte Technik, die fonft gerade die Italiener auszeichnet. Sehr hübfche Refultate hatte dagegen die ,, Scuola tecnica" zu Nola eingefandt; es wird dafelbft im linearen und freien Zeichnen nach dem gewöhnlichen Lehrgang gearbeitet, und verdienten die Erfolge volles Lob. - Von der Infel Sardinien hatte die ,, Scuola tecnica" zu Cagliari die Ausftellung mit Arbeiten ihrer Schüler befchickt, welche jedoch nur im linearen Theile gut zu heifsen waren; im Freihand- Zeichnen wird( nach franzöfifchen Originalen) im Ornamente und Figuralen fyftemlos und ohne Erfolg gezeichnet. Es mag aus dem Gefagten erhellen, dafs es in Italien nicht am Streben fehlt, die Traditionen der reichen Kunftinduftrie fortzuführen und durch Schulen ftets neue Kräfte dafür zu erziehen; dafs aber die Formen felten über diefe 62 J. Langl. Tradition hinausgehen und mithin von einem Fortfchritte diefsbezüglich feit Jahren wenig bemerkbar ift, hat feine Urfache lediglich in den Schulen, in welchen eben nur das Alte nachgeahmt wird und neue Elemente aus der Univerfalquelle für alle Kunft, der Natur, nicht herangezogen werden. Schon der Mangel des figuralen Zeichnens wirkt hemmend auf die freiere Entfaltung des Ornamentes ein, und gerade diefem mufs in erfter Linie in den Unterrichtsanftalten Rechnung getragen werden, wenn das Volk auch zum höheren Verſtändnifs der Kunft erzogen werden foll. Der italienifchen Induftrie fteht heute nicht mehr wie im Cinquecento eine grofse Kunft zur Seite, die einen weiteren Impuls auf fie ausüben würde; fie arbeitet allein auf den alten Wegen fort und erhält blofs an Geiftigem, was damals ihr verliehen. Freilich ift die Zeit, in welcher Reformbeftrebungen mit Bewufstfein in der Kunftinduftrie angeftellt werden, eine noch fehr junge und die Denkmäler Welt Italiens noch lange nicht dafür erfchöpft aber gerade in dem Lande, wo edlere Formen heimifch find, könnte zuerft eine freiere Bewegung im Geifte des Fortfchrittes ftattfinden. Wenn wir die Publicationen für die Zwecke des Kunftunterrichtes feit 20 Jahren überblicken, fo ift der Inhalt derfelben gewifs in zwei Dritttheilen den Denkmälern Italiens entnommen. England, Frankreich, Deutfchland und Oefterreich haben die Schätze diefes Landes für die Erziehung der heimatlichen Kunft herangezogen und fie als Schule für die Fortbildung des Gefchmackes benützt. - Die politifchen Verhältniffe Italien's mochten es wohl hauptfächlich gewefen fein, die ein felbftftändiges Verwerthen des im Lande Vorhandenen bisher hinderten. Jetzt, wo die lange angeftrebte Einheit vollzogen ift, dürfte auch in diefer Hinficht eine erfreulichere Thätigkeit fich entfalten. Was von neueren Publicationen in Betreff des Zeichen- und Kunftunterrichtes vorlag, beftand gröfstentheils in Photographien, einem Induftriezweig, der bekanntlich befonders im Reproduciren in Italien gegenwärtig auf der höchften Stufe fteht.- Neben grofsen Copien nach Gemälden der claffifchen Meifter ift hier des hohen Intereffes wegen die vorzügliche Publication der Handzeichnungen aus der PinaUnter dem Titel„ Sulle scoperte kothek in Venedig von A. Srini zu erwähnen. 1872" ift in archeologiche nelle città et provincia di Roma negli anni 1871. prachtvollen Bildern( v. fratelli Rofa) die alte Tiberftadt mit ihrer Umgebung felbft auf der Ausstellung erfchienen. - Von lithographifchen Werken fei noch genannt ,, Racolta di Ornamenti" nach Terracotten in Siena( aus dem XV. und XVI. Jahrhundert) von S. Rotellini und G. Breuci( Siena 1873); reizvolle Renaiffance- Motive in die verfchiedenften Räume componirt und„ Mufaici chriftiani e faggi pavimenti della Chiefe di Roma"( aus dem XV. Jahrhunderte) von G. B. di Roffi in fchöner chromolitho graphifcher Ausführung. England. Es wurde bereits hervorgehoben, dafs England nach der erften Londoner Weltausftellung im Jahre 1851 allen Staaten Europas darin voranging, durch den Zeichenunterricht den beftehenden Gefchmack in der Kunstinduftrie zu refor miren und damit feine eigenen Productionen diefer Richtung zu heben. Als Centralftelle diefes Unternehmens wurde das South- Kenfington- Muſeum mit der damit verbundenen Kunftſchule gegründet und ein eigenes Adminiftrativamt für Kunft und Wiffenfchaft( Science and Art- Departement) eingeſetzt. In allen bedeutenden Induftrieftädten des Landes wurden Schools of Art" errichtet( bis jetzt über 100), in welchen den jeweiligen Bedürfniffen entsprechend Unterricht im Zeichnen, Malen und Modelliren ertheilt wird. Die Vorbilder, nach welchen diefe Schulen arbeiten, gehen alle von der Centralftelle, der reichen Sammlung des genannten Inſtitutes aus, welches auch in allen anderen Beziehungen für den S t n 7 1 r n d n 9 i n , er n r- S er ir n IS nt D g En Der Zeichen- und Kunftunterricht. 63 Kunftunterricht feinen Einfluss geltend macht. Neben diefen Anftalten beftehen dann noch zahlreiche Abendcurfe für Gewerbetreibende, welche ebenfalls in den angedeuteten Intentionen eingerichtet find.* Es find nun zwei Jahrzehnte verfloffen, feit diefe Bewegung in England begonnen und mit vielem Intereffe wurde auf den Weltausftellungen die Wandlung in der englifchen Kunftinduftrie in Bezug auf Veredlung des Stiles verfolgt. Mit grofser Spannung wartete man ihrer auch auf der Wiener Ausftellung und hoffte, dafs gerade in Hinficht auf den kunftinduftriellen Unterricht ein intereffantes Bild fich entrollen werde. Die Hoffnungen wurden nach diefer Richtung getäuscht. England hatte diefsmal das Hauptgewicht auf die Repräfentation feiner Colonien gelegt; es entfaltete feine afiatifchen Reichthümer, die heimifche Induftrie war lückenhaft, der Unterricht äufserft flau vertreten. Aufser einigen Schülerarbeiten der Kenfington- Schule und einigen Publicationen diefes Inftitutes war weiter nichts vorhanden. Es mufste befremden, dafs ein Land, von welchem doch die Idee zu Weltausftellungen zuerft ausgegangen ift, gerade das hochwichtige Capitel über den Kunftunterricht, dem es feine heutige Stellung in der Induftrie gegenüber den anderen Staaten verdankt, geradezu ignorirte. Dafs der Einfluss der englifchen Kunftfchulen auf das Formenwefen feit zwanzig Jahren von gröfster Bedeutung war, hat jedermann wahrgenommen; doch haben noch keineswegs die ursprünglichen Tendenzen ihre Ziele erreicht und dürfen, wenn wir in der englifchen Kunftinduftrie die Erfolge des Kunftunterrichtes lefen, die Schulen noch nicht auf ihren Lorbeeren ruhen. Der Gefchmack hat fich entfchieden veredelt, die Formen find durchwegs kunftgemäfs, ftilvoller geworden, bewegen fich aber weitaus noch in keinem einheitlichen Geleife, fondern laufen vielmehr in allen Stilen, nach allen Richtungen auseinander. Einen felbftftändigen Weg hat die englifche Kunft vielleicht nur in der Flächendecoration eingefchlagen; dort find die Formen einheitlich, modern ftilvoll, fie bleiben es auch noch an den Möbeln, wo das polychrome Flächenornament Eingang gefunden hat; aber in den Silberwaaren, Broncen, Fayencen und Majoliken wird die gefammte Kunftgefchichte vom alten Indien an bis herauf in die Barockzeit illuftrirt.- Bei letzteren Induftriezweigen fordert denn freilich die hiftorifche Technik auch meift den hiftorifchen Stil, da ja in der Regel mehr den Amateurs als dem kunftgemässen Gefchmack Rechnung getragen wird. Die Hauptaufgabe der wiffenfchaftlichen Leitung des Kunft. unterrichtes in England dürfte aber in der Zukunft fein, diefer Zerfplitterung der Stilrichtung zu fteuern und die Imitation in die Wege des felbftftändigen Schaffens zu lenken. Ob jedoch England es je erreichen wird, in der Kunft und Kunftinduftrie in Bezug auf das Technifche im Künftlerifchen allfeitig eine tonangebende Rolle zu fpielen, ift noch eine Frage der Zeit. Darin find die Franzofen und Deutfchen heute weit voraus, und darf es nicht Wunder nehmen, wenn z. B. die fchönften Erzeugniffe einer Firma„ Minton" von franzöfifchen und deutfchen Künftlern herrühren. Die englifche Nation ift wohl eine kunftfinnige, aber im Grofsen und Ganzen wenig kunftbegabte, das konnte jeder Unbefangene wieder in der Kunsthalle wahrnehmen; und in einem Lande, wo die eigentliche Kunft nicht tonangebend ift, bleibt es ftets problematifch, ob die Kunstinduftrie felbftftändig fich zur höchften Stufe emporfchwingen kann. Das Formenwefen liegt in England, trotz aller Erfolge, noch in der Gährung und dürfte wohl fpäter, wenn fich die Klärung vollzogen haben wird, fich ein Urtheil über den Apparat des Kunftunterrichtes fällen laffen, welcher mit den beften Intentionen ins Werk gefetzt wurde. Wenn wir nun einen Blick auf die Ausftellung der Kenfington- Schule werfen, fo finden wir für alle Zweige der Kunftinduftrie nette, ftilvolle Arbeiten, die Eine * Die Organiſation der Muſeen und des Kunftunterrichtes in England wurde fchon in den öfterreichischen Weltausstellungs- Berichten von 1862 und 1867 ausführlich behandelt. umfaffende Darftellung der Verhältniffe bietet Dr. Hermann Schwabe ,, Die Förderung der Kunftinduftrie in England etc." Berlin 1866. Ut 5 64 J. Langl. das Streben nach einem einheitlichen Principe im Geifte der Reform überall offenbaren. Hervorragend waren die Leiftungen nicht zu bezeichnen; fie liefsen im Ganzen kühl. Die Leitung des Mufeums hatte an einer Tafel die Claffeneintheilung des Inftitutes dargestellt und gefucht, wo möglich von jeder Branche Etwas zu exponiren. Dadurch wurde eigentlich das Bild der Thätigkeit der Schule zerftückelt; denn zwei bis drei Blätter aus einer Specialabtheilung konnten diefe wenig charakterifiren. Auch war es verfäumt, die Programme des Inftitutes feit 1867 aufzulegen, wodurch das Fragmentarifche der Ausstellung hätte ergänzt werden können. Nur mit Mühe konnte der Lehrgang in der vorbereitenden Claffe verfolgt werden. Es waren davon Contourornamente nach Plaftik, dann fchattirt in Sepia und gezeichnete geometrifche Modelle in Kreide vorhanden. Von den höheren( Special-) Claffen waren Copien nach Originalmodellen in diverfen Stilen, Naturfludien und felbftftändige Compofitionen ausgeftellt; das Befte darunter waren die Entwürfe in Flächenverzierungen für Tapeten, Stoffe etc. Die Blume wird mit Sorgfalt ftudirt und in edler Weife zum Ornamente benützt; nur hie und da, befonders bei den Muftern für Fächer", erinnerte ihre Verwendung an den franzöfifchen Gefchmack. Die Compofition des Ornamentes bezieht fich ftets auf den fertigen Gegenſtand und ift der Zweck der Verzierung immer im Auge behalten. Eine geringere Rolle spielte unter dem Ausgeftellten das figurale Zeichnen. Obfchon einige antike Statuen an forgfältiger Ausführung nichts zu wünſchen übrig liefsen, war deffen Schwäche fchon offen in den anatomifchen Studien ( nach dem Discuswerfer) blofsgelegt. Von Naturftudien( Acten) waren nur wenige Blätter ausgeftellt. An Plaftifchem fanden fich nur einige Ornamente und figurale Reliefs, ohne befondere Bedeutung. Das Befte darunter war ein Relief des( anatomifchen) Discuswerfers, an welchem die Formen correct und wahr dargestellt waren. Vom Linearzeichnen lagen Projections- und Perſpectivftudien, Einiges vom Mafchinenfach und hübfche Architekturen auf, unter denen ftilvolle Zimmerdecorationen befonders hervorzuheben find. Eine Reconftruction des LyfikratesDenkmals zu Athen, die fich mit geringen Abweichungen an den Entwurf Hanfen's hielt, verdient der netten, forgfältigen Durchführung wegen Erwähnung. Das Hervorragendfte jedoch, was das Inftitut ausgeftellt hatte, beftand in den Radirungen, die von den Schülern nach Gegenftänden des Muſeums für den Zweck der Vorbereitung ausgeführt wurden. Die ungemein reiche Collection enthielt Blätter von grofser Schönheit; defsgleichen verdienen die von der Anftalt publicirten Chromolithographien nach dem Originale des Muſeums ungetheiltes Lob. Es feien hier auch die von dem talentvollen E. F. Poynter A. R. A. componirten, decorativen Zeichnungen:„ Die zwölf Monate" und„ Die vier Jahreszeiten" erwähnt, welche der Künftler für das Kenfigton- Muſeum( als decorative defings for the grill Room) gefchaffen. Es wurde bereits oben erwähnt, dafs England feine auswärtigen Befitzun: gen in umfangreicher Weife auf der Ausftellung vertreten hielt. Darunter nahm Indien mit feiner Induftrie und feinen Kunftfchätzen den erften Rang ein. Intereffant war darunter die Expofition der School of Art" zu Bombay, welche Modelle und Handzeichnungen der Schüler, fo wie Photographien nach diefen zur Anfchauung brachte. Es find ganz eigenthümliche Wege, welche an der Schule in Bezug auf Stil verfolgt werden. So fanden fich im Modelliren und Zeichnen die Pflanze, das altindifche Ornament und europäiſche Renaiffanceformen gepflegt. Die Compofitionen, welche aus diefen drei verfchiedenen Elementen hervorgingen, zeigten nicht viel Einheitliches und waren meift überladen. Am gelungenften erfchienen noch die Mufter, in welchen die alten heimifchen Formen nachgeahmt waren. Der Zeichen- und Kunftunterricht. 65 Die Verfuche in der figuralen Malerei nach kunftgemässer Weife erhoben fich nicht viel über die Fabricate der Dilettanten. Rufsland. Auch in der ruffifchen Induftrie ift gegenwärtig das Formenwefen in einer bedeutfamen Umwälzung begriffen. Es durchkreuzen fich zwar noch die verfchiedenften Elemente und machen das Gefammtbild nichts weniger als einheitlich; aber bei näherer Beobachtung ift wahrzunehmen, wie fich nach und nach eine Sonderung der Stile vollzieht und eine Klärung in Bezug auf Principien ftattfindet. Wer bei der letzten Parifer Ausftellung noch zweifeln mochte, ob die alte flavifche Ornamentik in der Induſtrie wieder erneuert und eingeführt werden könne, mufste bei der Wiener Expofition im Angefichte der ruffifchen Goldfchmiede- und Webearbeiten anerkennen, dafs diefer Stil durch die Pflege von Seite der Kunftwiffenfchaft fogar eine bedeutende Zukunft vor fich hat. Die Anftrengungen, welche vorzugsweife in Moskau und Petersburg gemacht werden, die durch den franzöfifchen Einflufs verdrängten nationalen Formen wieder zur Geltung zu bringen, find bisher von den beften Erfolgen begleitet. Wir wollen es dahingeftellt fein laffen, wie viel Byzantinifches und Griechifches neben eigentlich Ruffifchem in diefem nationalen Stil ift darum kümmert. fich ja Rufsland felbft nicht weiter; man nimmt, was den Slaven vor etwa 400 bis 500 Jahren eigenthümlich war und wendet es im modernen Geifte an; das Originelle intereffirt und ift des Beifalls von Seite des Publicums immer ficher. Durch das wiffenfchaftliche Vorgehen in dem Erneuern diefer alten Kunft wurde für fie befonders in der Goldfchmiederei wieder eine ganz fefte Bafis gegründet. Der Stil führt nicht fo entwicklungsreiche Elemente in fich, um vielleicht eine Weltverbreitung zu finden; er wird ruffifch bleiben, und find die fremden, meift veralteten franzöfifchen Formen in Rufsland einmal gänzlich befeitigt, fo hat feine Induftrie dadurch in der That wieder einen nationalen Charakter gewonnen und wird durch ihre Originalität gefucht und gefchätzt werden. Die Ausstellung illuftrirte diefe Beftrebungen in der intereffanteften Weife und war es zu bedauern, dafs durch die oft genug gerügte Zerftückelung das Gefammtbild auch hier total zerriffen wurde, und nur mühfelig von den entlegenften Punkten zufammengetragen werden konnte, was in fyftematifcher Reihenfolge fich vor den Augen des Befchauers entwickeln follte. So hatte die Société d'encouragement des arts" die ,, Société zu St. Petersburg in der Hauptgallerie, das Kunft- und Induftriemufeum mit der damit im Contact ftehenden Zeichenfchule„ Stroganoff", zum Theil im nördlichen Pavillon der ,, amateurs", zum Theil aber in der nördlichen Quergallerie des Induftriepalaftes ausgeftellt; die intereffanteften Induftrie- Erzeugniffe waren wieder dem internationalen Markt in der Rotunde zugetheilt, fo dafs es trotz der gewiffenhafteften Forfchungen nicht unmöglich fein kann. gerade wichtige Dinge überfehen zu haben. Wir ziehen zuerft die Kunftfchule„ Stroganoff" zu Moskau in Betracht, da fie die Ausstellung am reichften befchickte und nach allen Richtungen ein deutliches Bild ihrer Thätigkeit entrollte. In zahlreichen Portefeuills und grofsen Wandtableaux war der fyftematifche Lehrgang der vorbereitenden und der Fachclaffen dargestellt. Neben diefen Arbeiten, auf die wir weiter unten noch näher zu fprechen kommen, lagen auch die Handbücher und Vorlagewerke auf, welche von dem Inftitute für die Zwecke des Unterrichtes herausgegeben wurden. Diefelben verfolgen den gewöhnlichen Lehrgang bis zu den fchattirten Ornamenten, welche aber fchon vorwiegend in byzantinifchen und altruffifchen Formen auftreten. Auch für den Linear- Zeichenunterricht waren zweckmäfsige Lehrmittel vorhanden. Für die weitere Ausbildung der Schüler forgt dann die reiche Sammlung des Induſtriemufeums, welches feit 1868 eröffnet, die Entwicklung der Schule befonders in Hinficht der nationalen Kunftbeftrebungen fördert. 5* 66 J. Langl. Der Zweck der Anftalt ift lediglich der, dem Kunft- Handwerke gefchickte Arbeiter zuzuführen, die Induftrie von der fklavifchen Nachahmung zu befreien und fie zu Originalformen heranzuziehen. Den bedeutfamften Einfluss auf diefe Beftrebungen nimmt das Muſeum, und war für die Ausftellung desfelben im Nordpavillon der Kunfthalle ein ganzer Saal überlaffen. Es befanden fich dafelbft( in einer Auswahl) die von den nationalen Denkmälern gefammelten Modelle von Ornamenten in Gypsabgüffen, in Thon und Galvanoplaftik; Nachbildungen alter Kunftwerke, Gefäfse und andere Geräthfchaften, Photographien, Handzeichnungen von Kunftwerken, wodurch fich das Muſeum und die Schule gegenfeitig unterſtützen und die von dem Inftitute veranlafsten Publicationen. Darüber das höchft intereffante ,, Stroganoff'fche Bilderbuch"( publicirt 1869), welches zu dem Zwecke veröffentlicht wurde, die Bildertypen zu erhalten, welche im XII. Jahrhundert in Rufsland mit der orthodoxen Religion eingeführt wurden. Als das Hauptwerk des Muſeums der Stroganoff'fchen Schule mufs jedoch, was angewandte Kunft betrifft, die Herausgabe der„ Gefchichte der ruffifchen Ornamentik", gefchöpft aus authentifchen Handfchriften* des X. bis XVI. Jahrhundertes, betrachtet werden. Die Tafeln wurden nach den Originalen in Paris in Farbendruck forgfältig ausgeführt, und bildet das Werk gleichfam die Grundlage für die Reformen, welche in der ruffifchen Induftrie gegenwärtig angeftrebt werden. Zur Klärung des Gefchmackes wurde ein Haupt- Augenmerk auch darauf gelegt, die in Rufsland fo verbreitete volksthümliche Heiligenbilder- Malerei zu heben und diefe Kunft auf jene reinen Formen der alten griechifchen Typen zurückzuführen, in welchen fie fich dereinft fo anmuthig entfaltete und die nur durch das Heranziehen fremder Kunftelemente verloren gingen. Aus der Schule treten alljährlich eine bedeutende Anzahl Gewerbekünftler und Zeichner, welche dann die Intentionen derfelben in die Induftrie übertragen. Neben dem erzieht aber die Kunftfchule auch die Zeichenlehrer für andere Anftalten, welche diefelben Zwecke( in den Provinzftädten) verfolgen. Der Zeichenunterricht hat befonders in Moskau auf Anregung der Stroganoff- Schule feit 1867 einen höchft erfreulichen Auffchwung genommen. Nicht nur, dafs der Gegenftand in den Elementar- und Realfchulen obligatorifch eingeführt wurde, find zehn Sonntagsfchulen für Gewerbetreibende gegründet und an der Univerſität ein Zeichencurs für Studirende errichtet worden; abgefehen dafs viele Fabrikanten Zeichenfchulen fpeciell für ihre Inftitute eingerichtet haben. Es fteht zu erwarten, dafs diefem Beiſpiele die anderen Manufacturftädte folgen werden. Wenn wir nun die Leiftungen der Schüler näher in Betracht ziehen, fo kann vorausgefchickt werden, dafs durchwegs ein frifcher, künftlerifcher Geift die Arbeiten belebte, und in den vorbereitenden Claffen, wo im eigentlichen Sinne des Wortes das Zeichnen gelehrt wird, der Unterrichtsgang der ganz richtige war. Nur konnten wir nicht begreifen, warum bei der ausgefprochenen Tendenz der Schule noch hie und da Copien nach alten franzöfifchen Kreideornamenten vorkommen, die im Stile den eckigen, exacten ruffifchen Flachmodellen geradezu entgegengesetzt find. Bezüglich des Vortragftudiums fand fich freilich unter den vom Muſeum publicirten Werken nicht viel Befonderes, und dürften vielleicht blofs zu diefem Zwecke die franzöfifchen Mufter dienen. Sehr gediegen waren die nach byzantinifchen und altruffifchen Modellen gearbeiteten Zeichnungen aus den höheren Curfen. Die Studien im Decorationsfache waren( in Leimfarben) mit grofser technifcher Gewandtheit behandelt; dem Stile nach erfchienen die ruffifchen nationalen Elemente ziemlich frei angewendet. Die Force der Schule zeigte fich jedoch in den Zeichnungen von Gefäfsen, kirchlichen Geräthen, Rahmen etc., für edles Metall, was wohl für Moskau begreiflich fein kann, da ja dafelbft der Hauptfitz der Goldfchmiede ift. In den Möbelzeichnungen halten fich die Hauptformen, was übrigens ganz richtig ift, an die moderne Richtung der Deutſchen * Meift griechifche und flavifche. Der Zeichen- und Kunftunterricht. 67 und Franzofen und tritt nur im Ornamente das exact Nationale wieder hervor. Erwähnung verdienen auch die fehr fchönen kalligraphifchen Arbeiten. Eingehend wird auch das Zeichnen für die textilen Zwecke betrieben, wobei nur bezüglich der Farbenharmonie noch manche Wünfche übrig blieben. Auch hierin fanden fich wieder franzöfifche Blumen den Deffins untermifcht. Das geometrifche Zeichnen wird in den Elementarcurfen fehr ausführlich genommen und auch Projectionslehre und Perfpective umfaffend gepflegt; daran fchliefsen fich dann die Fachcurfe für Bau- und Mafchinenkunde, worin nach beiden Richtungen tüchtige Arbeiten vorlagen. Weniger günftig mufs das Urtheil über das figurale Zeichnen lauten; es wird nach den Julien's Vorlagen mit Kreide auf weifsem Papier gearbeitet und zu viel Werth auf die Schattirungen gelegt. Die Gypszeichnungen waren zu lithographifch" behandelt; die Acte ohne gründliches Verftändnifs der Formen. Freilich hat das ruffifche Ornament keine figürlichen Motive in fich und bezieht fein Leben blofs durch die Farbe; allein eine Kunftſchule, wenn fie auch vorwiegend das Ornament zu pflegen berufen ift, foll nie das figurale Zeichnen hintanfetzen; für die Freiheit und Veredlung der Formen in jeder Beziehung ift das Studium der menfchlichen Geſtalt vom reichften Nutzen. 99 In ganz ähnlichem Sinne arbeitet in St. Petersburg die„ Société d'encouragement des arts". Sie hatte aus ihrer Induftriefchule nur Zeichnungen der ,, Claffe de Compofition" ausgeftellt, die vorzüglich genannt werden konnten. Es waren meift Gefäfse und kirchliche Geräthe für Gold und Email, Bücherdeckel, profane und kirchliche Holzarbeiten etc., vorwiegend im byzantinifchen Stil. Auch hatte das Muſeum der Gefellfchaft eine intereffante Collection plaques emaillées" aus dem XIV. und XV. Jahrhundert als Mufter für die Schule ausgeftellt, fowie eine Sammlung von nationalen Gewändern und anderen Hausgegenständen, welche die ruffifche Volksinduftrie illuftrirten. Die von dem Inftitute herausgege. benen Nationalornamente" beziehen fich meift auf textile Kunft, und werden damit die Tendenzen der allgemeinen Reform in Rufsland verfolgt. Neben diefen fpeciell kunftgewerblichen Schulen waren von Russland noch die technologifchen Inftitute von St. Petersburg und Moskau mit Lehrmitteln für den praktiſch- technifchen Unterricht auf der Ausftellung vertreten. In beiden Inftituten wird neben dem Theoretifchen ein Hauptwerth auch auf die praktiſche Ausübung der verfchiedenen Fächer gelegt, und ift befonders die Moskauer techniſche Schule darnach eingerichtet, die Zöglinge in allen Zweigen des Mafchinenbaues und der Mechanik auch in der Werkstätte heranzubilden. Die Anftalt zerfällt in zwei Abtheilungen und zwar in eine allgemein wiffenfchaftliche und eine fachwiffenfchaftliche oder Specialabtheilung mit je dreijährigem Curfus. Die Lehrmittel, welche ausgeftellt waren, bezogen fich nur auf den praktifchen Unterricht in den Werkstätten, welcher ganz fyftematifch in den verfchiedenen mechanifchen Fertigkeiten der Drechslerei, Tifchlerei, Metalldreherei, Schlofferei etc. ertheilt wird. Die Schule hat darin nicht den Charakter, wie die in Frankreich exiftirenden, mittleren techniſchen Schulen( zu Châlons, Aix, Angers etc.), wo blofs techniſch gebildete Werkführer erzogen werden; fie ift lediglich Hochfchule, an welcher das Theoretifche den anderen europäifchen Hochfchulen gleichkommt, und dient der praktifche Unterricht nur zur Ergänzung des theoretifchen Wiffens. Es befteht zu diefem Behufe bei der Anftalt eine gröfsere Mafchinenfabrik mit Arbeitern auf Taglohn, welche Beftellungen auf Dampfmaſchinen, Werkzeug- Mafchinen, Pumpen und fonftige landwirthschaftliche Mafchinen annimmt und ausführt* Es konnten leider wegen Raummangel von den einzelnen Kategorien der Lehrmittel nur Bruchtheile ausgeftellt werden, was zu bedauern war, da gerade * Die Fabrik liefert jährlich Mafchinen bis zur Summe von 100.000 fl.; diefelbe hatte auch Objecte in der Mafchinenhalle ausgeftellt. 68 J. Langl. das Pädagogifche der Sache dadurch nicht in voller Klarheit zur Anfchauung gebracht werden konnte. Nach der getroffenen Anordnung zerfielen die Lehrmittel für die verfchiedenen Fächer in drei Gruppen und zwar gehörten zur erften diejenigen Werkzeuge, mit welchen der Lehrling fich vertraut machen foll, bever er zu arbeiten anfängt, und zu deren Gebrauch er während der Arbeit felbft angeleitet werden foll; zur zweiten Kategorie gehörte dann die Sammlung von Modellen, welche dazu beftimmt find, auf fyftematifchem und ftufenweife fortfchreitenden Wege die verfchiedenen Handgriffe in dem betreffenden Fache zu erlernen; die letzte Gruppe bildete dann die Sammlung folcher Gegenftände oder Werktheile, bei deren Bearbeitung alle Stadien der betreffenden Facharbeit vorkommen, welche in den vorhergehenden Curfen durchgenommen worden find. Es genüge hier die Bemerkung, dafs auf der Ausftellung diefe vorzüglichen Sammlungen von Seite der Fachmänner die günftigfte Beurtheilung erfuhren und die Schule nach dem oben angedeuteten Syfteme feit den vier Jahren ihres Beftehens mit den glänzendften Erfolgen arbeitet. Das Arrangement der Ausftellung war mufterhaft zu nennen und ward von der Direction des Inftitutes. ( dem Director Victor Della- Vofs) auch für nähere Aufklärung darüber Sorge getragen. Exponirt war: Eine Sammlung von Inftrumenten für den Unterricht in der Drechslerei; eine Sammlung von Arbeiten zur fyftematifchen Erlernung der Drechslerei; eine Sammlung von Inftrumenten für den Unterricht in der Modelltifchlerei; eine Sammlung von Modellen der gebräuchlichften Holzverbindungen; eine Sammlung von Modellen für die Giefserei zur Erlernung ihrer Anfertigungsweife; eine Sammlung von Inftrumenten für den Unterricht im SchmiedeHandwerke; eine Sammlung von Schmiedearbeiten zur fyftematifchen Erlernung des Schmiede- Handwerkes; eine Sammlung von Inftrumenten in der Metalldreherei; eine Sammlung von Arbeiten zur Erlernung der Metalldreherei; Modelle von Bohrern und Senkkolben( 6 Mal vergrössert); Modelle verfchiedener Feilenhiebe( 24 Mal vergröfsert), zur anfchaulichen Erlernung ihrer richtigen Conftruction; Modelle von Gewindebohrern und Gewindebacken( 6 Mal vergrössert); eine Sammlung von Bohr- Werkzeugen, Durchfchlägern und Reibahlen für den Unterricht in der Maſchinenfchlofserei; eine Sammlung von Mefsinftrumenten für den Unterricht in der Mafchinen bau- Schlofferei; eine Sammlung von Arbeiten zur fyftematifchen Erlernung der Maſchinenfchlofferei( in drei Curfen); ftände; Richtplatten und Apparate zum Anreifsen der zu bearbeitenden Gegeneine Modellfammlung von Maſchinentheilen zur anfchaulichen Erlernung ihrer Behandlung auf der Richtplatte. Die polytechniſche Schule zu St. Petersburg ift feit 1864 in die Reihe der Hochfchulen einbezogen und wird an der Anftalt das Praktifche ebenfalls in umfangreicher Weife gelehrt; nur dafs dafelbft noch der chemifchen Facultät ein erweiterter Spielraum gegeben ift. Die Ausftellung wurde nur mit Muftermodellen für Mafchinenbau befchickt, welche mit mathematifcher Präcifion gearbeitet waren. Ausserdem hatte das Inftitut eine Anzahl ausgezeichneter Schülerzeichnungen( ebenfalls aus dem Mafchinenfach) exponirt. Ganz felbftftändig war Finnland in der XXVI. Gruppe erfchienen, und Zeichenunterricht mit Lehrmitteln und Schülerzeichnungen. Wer in dem kleinen aufgelegten Heftchen, welches kurze Notizen über das Land und zwar im Der Zeichen- und Kunftunterricht. 69 das Ausgeftellte enthielt, die Beftrebungen auf dem Gebiete des Unterrichtes in diefer nordifchen Provinz verfolgte, mufste fich von dem Vorgelegten in hohem Grade angezogen fühlen. Das Land ift verhältnifsmäfsig arm und die Induftrie noch auf einer niedrigen Entwicklungsftufe; Schifffahrt und Ackerbau bilden noch vorwiegend die Erwerbsquellen der Bewohner; nichtsdeftoweniger aber hat fich das Bildungswefen in dem abgelaufenen Decennium in der erfreulichften Weife gehoben und ift es befonders feit der Trennung von der Kirche( 1867) im rafchen Auffchwung begriffen. Dem Zeichnen wurde, feit zur Hebung der HandwerksInduftrie eine befondere Behörde ,,, die Manufactur- Direction", eingefetzt ist, eine gröfsere Beachtung zu Theil, und wurden in allen bedeutenderen Orten Sonntagsund Abendfchulen hiefür errichtet. Aufserdem forgt für eine höhere künftlerifche Ausbildung der Handwerker eine Gewerbefchule zu Helfingfors. Auch an den meiften Volksfchulen wird der Zeichenunterricht gepflegt, und waren Proben hievon aus der Normalfchule und dem Volksfchul- Lehrer- und Lehrerinenfeminar zu Jyväskylä ausgeftellt. Die Erfolge waren befcheiden, aber zeigten ein gutes Streben. Die Vorlagen für den erften Unterricht von G. A. Hippinfen haben nur den Mangel, dafs fie viel zu kleinlich gehalten find, was auch an den Schülerzeichnungen auszuftellen war. Aus dem Ganzen wurde aber erfichtlich, dafs das Volk Talent für Formen befitzt und es nur auf tüchtige Lehrer ankommen wird ,. das künftlerifche Empfinden pädagogifch zu erziehen. Schweiz. Die Unterrichtsausftellung der Schweiz befand fich im oberen Stockwerke des eleganten„ Chalet fuiffe", welches im Hofraume zwifchen der vierten und fünften füdlichen Quergallerie des Induftriepalaftes als felbftſtändiges Ausftellungsobject errichtet war. Diefelbe beftand jedoch vorzugsweife nur aus den angewandten Lehrmitteln, der Darftellung der Lehrmethoden, ftatiftifchen Berichten etc. Schülerarbeiten waren nur von der ftädtiſchen Specialfchule für Kunstgewerbe in Genf ausgeftellt. Nichts defto weniger aber konnte aus dem aufgelegten Materiale für den Unterricht und aus den Erzeugniffen der Induſtrie des Landes ein Bild der Beftrebungen in Hinficht des Zeichen- und Kunftunterrichtes gewonnen werden. Schwierigkeiten zur Ueberficht bot nur die Zerfplitterung in die verfchiedenen Cantone, von welchen eben jeder wegen der örtlichen und der Bevölkerungsverhältniffe feine eigene Verfaffung und in Bezug auf den Unterricht feine ſpeciellen Einrichtungen befitzt. In Betreff des Zeichenunterrichtes herrfcht aber dennoch eine gewiffe Einheit und wird allenthalben fogar fchon in den Kleinkinder- Schulen damit begon. nen. In den meift dreiclaffigen Elementarfchulen ift neben dem, Zeichnen auch Geometrie eingeführt, welcher Gegenftand dann in den Secundärfchulen weiter fortgeführt wird. An den Induftriefchulen, welche fo ziemlich mit den( früheren) öfterreichifchen Unterrealfchulen übereinftimmen und fich in kaufmännifche und techniſche Abtheilungen fpalten, geniefst der Zeichenunterricht befonders in letzteren forgfame Pflege; defsgleichen wird ihm an den Lehrerbildungs- Anstalten ein aufmerkfames Auge zugewendet und haben die Candidaten überall Prüfung darüber abzulegen. Die Schweiz ift durch ihre Bodenverhältniffe mehr als ein anderes Land gezwungen, zur Induftrie Zuflucht zu nehmen. Der Mangel an Rohftoffen verwies aber die Bewohner frühzeitig der Kunftinduftrie naheliegende Gewerbe zu pflegen, und haben fich gewiffe Zweige zur hohen Vollkommenheit entwickelt, fo dafs damit reichlichft Export getrieben wird. Die Schweizer Holzfchnitzereien, Uhren, Gewebe, Flechtereien etc. geniefsen einen Weltruf und bringen jährlich Hunderte von Millionen ins Land. Aber trotz des fteten Verkehres mit dem Auslande, trotz der zahlreichen Zeichenfchulen zur Hebung des Künftlerifchen in den Gewerben 70 J. Langl. ift in den Productionen noch wenig Fortfchritt in Bezug auf Gefchmack wahrnehmbar. Es wird auf allen Gebieten an den älteren Traditionen feftgehalten und dienen die Schulen meift nur zur Weiterverbreitung des ererbten, techniſchen Gefchicks. Die Schweizer Holzfchnitzereien hängen noch an dem blanken Naturalismus, welcher auch dort in der ungezwungenften Weife angewendet wird, wo der Gegenftand feftere, ftilifirtere Formen verlangte. Selbft in den bedeutenderen Schulen und Ateliers diefes Induftriezweiges findet keine tiefere, künftlerifche Auffaffung Eingang. So wird in Meyringen, Interlaken, Brienz etc. nur nach Natur- Gypsabgüffen ftudirt und fpielt die Pflanze überall die Hauptrolle. Bo finger in Interlaken hatte eine Serie folcher Modelle ausgeftellt, die in Anordnung und technifcher Ausführung das Befte waren, was auf der Ausftellung überhaupt in diefem Genre zu fehen war. Blumen mit durchbrochenen Stengeln und ganz hohlaufliegendem Blätterwerk, oft wie abfichtlich recht complicirt arrangirt, waren mit der gröfsten Treue in das fefte Material übertragen. Diefe Modelle wären befonders den deutfchen Schulen zu empfehlen, in welchen die Stilifirung wieder in zu tiefen Wurzeln fteckt und den Formen oft die gefunde Freiheit mangelt. Wer die Arbeiten eines Althans, Moor( Meyringen), J. Grofsmann( Ringgenberg), Flück, Stähli, Roetter( Brienz) etc. im Parterre des genannten Schweizerhaufes betrachtete, fand überall neben den zierlichen, manierirten Thiergeftalten die Pflanze, Laub, Aftwerk und dergl. in der vollendetften technifchen Ausführung, aber ohne feften Kern. Die Schweizer brauchten einen Früllini", damit ihr Gefchick zu Edlerem, Künftlerifchem verwerthet würde. " Die Uhreninduftrie, welche im Südweften, im Neuenburg'fchen Jura und vorzugsweife in Genf ihren Sitz hat, zeigt in Bezug auf künftlerifche Ausstattung ebenfalls wenig Veränderungen. Der franzöfifche Gefchmack ift noch der vorherrfchende nur hie und da, wie bei Bonnet, Delesnaux und Chautre zeigen fich ftilvollere Formen, welche fich aber mehr den glatten, nüchternen, englifchen, als den deutfchen oder italienifchen nähern. Dasfelbe gilt für die Schmuckgegenftände; hierin dürfte fich übrigens zuerft eine Wandlung im Gefchmack vollziehen und vielleicht gerade durch den Einflufs Englands, welches in diefem Induftriezweige am weiteften in der Reform der Formen vorgefchritten ift. Auch arbeitet die oben erwähnte Specialfchule der Kunftgewerke in Genf mit auf die Veredlung der Formen hin. Die ausgeftellten Zeichnungen, meift Bijouteriegegenftände, waren von brillanter Ausführung und zeigten in der Wahl der Motive das befte Streben. Es fanden fich neben Copien nach den neueren franzöfifchen Werken ( ,, l'art pour tous" etc.) Studien in allen Stilen, dann Pflanzen in das Ornament umgefetzt, kurz Methoden, welche einen Fortfchritt bedingen. Auf den Seiden ftoffen fanden fich faft durchwegs franzöfifche Formen dagegen in den Baumwoll- und Leinen- Textilwaaren noch die eigenthümlichen, an den Orient erinnernden Mufter, die fich noch aus den älteften Zeiten erhalten. haben. So lange die eigentliche Kunft in der Schweiz keine beffere Pflege findet, ift es nicht zu erwarten, dafs das Formenwefen in der Induftrie irgend welchen bedeutfamen Auffchwung nehmen wird. Es fehlt vor Allem noch dafür eine Centralftelle, eine Akademie im Lande, um der nationalen Kunft einen ftabilen Boden zu verfchaffen. Von der gemeinfchaftlichen Regierung werden jährlich blofs 2000 Francs für die hiftorifche Kunft verwendet; von den Cantonregierungen und den einzelnen Gemeinden gefchieht ebenfalls wenig; es ift demnach nicht Wunder zu nehmen, wenn die meiſten Schweizer Künftler nach Deutfchland, Frankreich und Italien auswandern. Die Schweiz befitzt faft in allen hervorragenden Städten Muſeen, mitunter wie zu Bafel, Winterthur und St. Gallen mit ganz Bedeutendem; diefelben find jedoch( mit Ausnahme der archäologifchen Sammlung in Zürich) in ihrer Einrichtung noch wenig geeignet, den Kunftunterricht im Lande zu fördern. Der Zeichen- und Kunftunterricht. 71 Eine rege Thätigkeit entwickeln aber die verfchiedenen Kunftvereine und Künftlergefellfchaften, deren in Argau, Bern, Bafel, Freiburg, Genf, St. Gallen, Luzern, Schaffhaufen, Solothurn, Winterthur und Zürich exiftiren. Es werden vielfach Ausftellungen veranstaltet, Gemäldefammlungen angelegt, gröfsere Kunftwerke beftellt etc., um in der Bevölkerung den Kunftfinn zu wecken. Von den Lehrmitteln in Bezug auf den Zeichenunterricht war unter dem Ausgeftellten Nachftehendes aus den verfchiedenen Cantonen bemerkenswerth: Canton Argau.„ Mufterhefte für das ftigmographifche Zeichnen" von A. Burri; auch ,, Hefte für das geometrifche Körperzeichnen;" letztere autogra phirt und mit Erklärungen verfehen als Skizzenhefte für die Schüler. Canton Bafel Land. ,, Vorlagen für das Freihand- Zeichnen" für Primärund Secundärfchulen von C. V ollmy; einfache, zweckmäfsige Formen. Canton Bern. ,, Der Zeichenunterricht für Volksfchulen" von A. Hutter, ( Lehrer des technifchen Zeichnens an der Cantonfchule in Bern und am Seminar zu Münchenbuchfee). Beginnt mit geometrifchen Figuren und geht auf freie Pflanzenformen über; im Linearzeichnen: Geometrifche Conftruction, Projectionslehre und Perfpective. Canton St. Gallen. ,, Modelle für den elementaren Claffenunterricht im Freihand- Zeichnen" von G. Bion; verfchiedene geometrifche Formen aus färbigem Carton ausgefchnitten, um diefelben in Zufammenftellungen an der Tafel als Mufter anzuheften. 13 Canton Turgau. Vorlagen für das technifche Zeichnen" für induftrielle Fortbildungsanftalten von J. H. Kronauer( Profeffor in Zürich); die geometrifchen Grundfätze, dann mechanifche und baugewerkliche Beiſpiele; dreifsig Tafeln von fehr fchöner Ausführung. Von demfelben Verfaffer ,, Anfangsgründe des geometrifchen Zeichnens" für Volks- und Gewerbefchulen.- ,, Schoop's Zeichenfchule für Volksfchulen"; in fehr hübfchem Stufengang von den ftigmographifchen Heften zum freien krummlinigen Ornamente. Canton Teffin. ,, Corfo parietale d'ornamenti" von A. Roffi; grofse Wandtafeln mit derben, fchwarzen Contouren von einfachften Blattformen fortfchreitend zu gröfseren Blumen und Ornamenten, auch Thierformen etc.; Lehrgang etwas verwirrend. Von demfelben Verfaffer ,, Corfo progreffivo d' ornamenti"; Contourornamente und fchattirt in zwei Kreiden; hart im Vortrag. Es waren ferner von dem Autor ältere ornamentale Werke in Kupferftich ausgeftellt, die jedoch, wie die Arbeiten des Luganer Profeffors Ferri in Bezug auf Gefchmack Vieles zu wünſchen übrig laffen. Ferri hatte auch feine Stiche nach den reizvollen Marmorreliefs der Kirche St. Lorenzo in Lugano ausgeftellt; fetzte jedoch durch feinen Vortrag die Formen um ein Jahrhundert fpäter. Canton Waadt. ,, Recueil de deffin linéaire" von Th. Stenilen; noch. nach älteren Principien zufammengeftellt. 11 Canton Zürich. ,, Vorlagen zum geometrifchen Zeichnen" von Ferdinand Graberg; meift Motive für das Baufach.- Von demfelben Verfaffer: Wandtafeln für den erften Unterricht im Freihand- Zeichnen"; Blätterformen, wobei jedoch eigenthümliche Randfchattirungen die Form eher ftören als ergänzen. An Handzeichnungen lagen noch vom A. Corrodi aus Winterthur ,, Landchaftsvorlagen" vor, die fich in hübfchen Motiven und netter Ausführung empfahVon demfelben Verfaffer verdienen auch hübfche Studien zur Pflanzenornamentik" Erwähnung. len. - Die Niederlande und Belgien. Wie bei früheren Weltausftellungen war auch diefsmal die Betheiligung der Niederlande in der Unterrichtsgruppe keine fehr rege. Aufser verfchiedenen auf die Schulen Bezug habenden Werken waren Schülerleiftungen nur von der ,, Gefellſchaft der Arbeiterclaffe in Amfterdam" ausgeftellt. Eine Ueberficht über 72 J. Langl. das Gebiet der Volks- und Mittelfchulen des Landes wurde indefs in einem fpeciell für die Weltausftellung von der Regierung veranlafsten Berichte dargelegt, welchem bezüglich des Zeichenunterrichtes die nachftehenden Daten im Auszuge entnommen find. Nach dem Gefetze vom Jahre 1857 wurden in den Elementarunterricht neben anderen Fächern auch die Anfangsgründe der Formenlehre und das Zeichnen aufgenommen. Der erftere Gegenftand wird aber noch nicht überall und zumal nicht da, wo ältere Lehrer den Schulen vorftehen, in der richtigen Weife aufgefafst. Wo er als eine Art Geometrie behandelt wurde, aber ohne die fcharf logifche Beweisführung, welche dabei erforderlich ift, hat er wenig Nutzen geftiftet. Nur wo er gebraucht wird als Mittel, um dem Vorftellungsvermögen der Schüler zu Hilfe zu kommen, oder als eine Vorbereitung zum Zeichenunterrichte hat er zur Ausbildung beigetragen. Auch das Zeichnen ift feither erft an einigen öffentlichen und Privatfchulen zu feinem Rechte gelangt; es befchränkt fich aber gröfstentheils nur auf das Nachzeichnen der an der Wandtafel vorgezeichneten Figuren auf Schiefertafeln. Erft in letzterer Zeit haben einige Hilfslehrer Fähigkeitsacte für diefes Fach erlangt, was hoffentlich zur Hebung des Gegenftandes beitragen wird. In den feit 1863 geregelten Mittelfchulen fpielt das Zeichnen befonders an jenen eine bedeutfamere Rolle, welche zur Ausbildung des Handwerker- Standes eingerichtet find. Früher gab es nur eigentliche Zeichenfchulen, in denen der Unterricht fich blofs auf Freihand- und Linearzeichnen erftreckte und fogenannte Induftriefchulen, wo auch Mathematik und Naturwiffenfchaften gelehrt wurden. Der neuen Beftimmung zu Folge follte diefe Art mittlerer Schulen im weiteren Sinne allgemeine Bildung verfchaffen und wurde als eigentliche Bürgerfchule( mit Abend- und Tagescurfen) eingerichtet. In allen Gemeinden mit mehr als 10.000 Einwohnern follten derartige Anftalten errichtet werden, was jedoch bis jetzt nicht allgemein durchführbar war. An vielen Orten blieben auch die älteren Zeichenfchulen neben den neuerrichteten Anftalten. Die Frequenz ift befonders in den Abendfchulen in ftetem Wachfen begriffen; weniger befucht find die Tagesfchulen. Die Schüler find zwar verpflichtet, an allen Unterrichtsfächern Theil zu nehmen, doch ift es auch an einigen Schulen geftattet, dafs fie blofs einzelnen Gegenftänden beiwohnen können; was befonders in den höheren Claffen im Zeichenfache der Fall ift. Die Zahl der noch beftehenden Zeichenfchulen betrug im Jahre 1871 dreifsig, an welchen 108 Lehrer über 2500 Schülern Unterricht ertheilten. An 22 diefer Schulen umfafste der Unterricht blofs das Freihand- und Bauzeichnen, an den übrigen wurde auch Mathematik, Phyfik und Mechanik gelehrt; an drei derfelben auch Modelliren. Zu den vorzüglichften diefer Anftalten gehören die königliche Schule für bildende Künfte in Herzogenbufch, die Akademie der bildenden Künfte in Haag und die von der Gefellfchaft des Handwerker- Standes zu Amfterdam errichtete Gewerbefchule. An den höheren Bürgerfchulen fallen dem Zeichnen in den zwei unteren Claffen je 4, in den drei oberen je 2 Stunden zu. Bei der Abiturienten- Prüfung wird vom Candidaten gefordert, dafs er die Fertigkeit befitze, ein Ornament mit Schatten nach Gyps zu zeichnen und einen Kopf nach einer Vorlage zu fkizziren. Soviel in allgemeinften Umriffen über die Einrichtungen und gefetzlichen Beftimmungen. Welchen Einfluss der Zeichenunterricht in den Niederlanden auf die Induftrie übt, konnte felbftverſtändlich aus dem vorliegenden Materiale nicht gewonnen werden. Es zeigte nur die Ausftellung, dafs von ihrer Glanzzeit, im XVI. und XVII. Jahrhundert auch jede Spur verwiſcht ift. Aus den Zeichnungen der oben erwähnten Schule der Arbeiterclaffe in Amfterdam war nicht viel von der neueren Strömung auf diefem Gebiete wahr* Verfafst vom Infpector der Primärfchulen St. Pravé. Der Zeichen- und Kunftunterricht. 73 zunehmen. Die ornamentalen Objecte waren im Grofsen und Ganzen mit Verftändnifs gezeichnet und hiezu franzöfifche und deutfche Modelle verwendet. Befondere Erwähnung verdienen Federzeichnungen nach Gefäfsen und decorativen Motiven; fchwächer waren die figuralen Studien( nach Julien). Dagegen lagen nach allen Richtungen des Linearzeichnens recht lobenswerthe Arbeiten vor und zeigten durchgehends vom praktiſchen Verſtändnifs des Gegenftandes. Die ausgeftellten Holz- und Gypsmodelle erhoben fich nicht viel zu complicirteren Formen, offenbarten jedoch das befte Streben. Von den auf den Zeichen- und Kunftunterricht Bezug habenden Werken find zu nennen:" De kleine Teekenaar" von J. Groeneveld( für Schiefertafel), eine fyftematiſche Schule für die erfte Unterrichtsftufe von welcher der Anfang gut ift, die weiteren Blätter aber weit über das Darftellungsvermögen der Kinder hinausgehen; ferner ,, Sudien naar het levend model" von J. H. Egenberger, mit zwei Kreiden, wovon die Contouren den fchattirten Objecten vorzuziehen find: desfelben Verfaffers„ Minerva's Teekenles," Vorlagewerk für figurales Zeichnen, läfst im Vortrag Manches zu wünfchen übrig. Berghms ,, Teekenvoorbeelden voor School en Huis" find flott gemacht, nur gehörten Thierköpfe nicht in diefen Bereich. Für Architektur waren die trefflichen Werke der„ Société pour la propagation de l'architectur à Amfterdam" und vom Ingenieurfach die Verhandlungen des„ Köniklijk inftitunt van Ingenieurs" ausgeftellt. Als fehr fchön ausgeftattetes Werk ift noch Th. M. M. v. Prieken's„ Burgerlijke Bouwkunft" zu erwähnen. Unter der Ausftellung der afiatifchen Colonien der Niederlande verdient das grofsartige Denkmäler- Werk ,, Bôrô- Boudour dans l'Ile de Java", publicirt auf Anordnung des Minifters der Colonien, hervorgehoben zu werden. Belgien. Faft eben fo fpärlich wie die Niederlande hatte Belgien die XXVI. Gruppe der Ausftellung befchickt. Von der Regierung waren nur Pläne und Anfichten der vorzüglicheren Schulgebäude, Ueberfichtskarten in Bezug auf das Unterrichtswefen, einige Lehrwerke und in verfchloffenen Käften* officielle Rapporte, Gefetze etc. vorgelegt. Umfaffender hatte nur das von den„ Frères chrétiens" beftellte Penfionat von Carlsburg ausgeftellt. Es waren diverfe Lehrmittel und Schülerleiftungen in recht überfichtlicher Weife zufammengeftellt. Das Hervorragendfte darunter bildeten die von dem Director der Anftalt J. J. Piron gefertigten Lehrmittel für darftellende Geometrie. Auf grofsen Wandblättern wurde in fyftematiſcher Weife der Lehrgang in vielfachen Beiſpielen entwickelt, welcher an trefflich gearbeiteten Modellen aus Carton mit den angezeichneten Hilfslinien und den Riffen der Projectionen näher zur Anfchauung gebracht wurde. Die Modelle gehörten zu den einfachften und zugleich zweckmäfsigften, welche überhaupt auf der Ausftellung für darftellende Geometrie vorhanden waren; fie hatten neben der Bequemlichkeit und billigen Herftellungsweife gegen andere noch das voraus, dafs die drei Ebenen beweglich waren und durch das Auflegen derfelben ein deutlicherer Einblick in die Darftellung der Projection gegeben werden konnte. Das Werk foll dem Vernehmen nach von der Regierung aus publicirt werden, was im Intereffe des Unterrichtes nur zu wünſchen ift. Die Schülerzeichnungen des Penfionates waren vorzugsweife im linearen Zeichnen zu loben, und fcheint die darftellende Geometrie an dem Inftitute befonders gepflegt zu werden. Von anderen Lehrmitteln, die fich noch vorfanden, find Stroeffers ( Draht) Modelle für den Unterricht in der Stereometrie, Trigonometrie und Kryftallographie zu erwähnen. Die Zweckmäfsigkeit derfelben ift allenthalben bekannt, und haben diefe Arbeiten von Fachmännern vielfach die günftigften * Dem Berichterstatter war es unmöglich, zur Einficht derfelben zu gelangen. 74 J. Langl. Urtheile auch in der Preffe erhalten. Sehr inftructiv ift bei den mathematifchen Körpern die Unterfcheidung der Grundform von der verwandelten Figur durch die Farbe, was die Anfchauung wefentlich erleichtert. Nur dürfte für den Claffenunterricht der Mafsftab, in welchem die Modelle gehalten find, etwas zu klein fein. Von dem Verfertiger waren auch Holzmodelle und Perfpectivapparate ausgeftellt. Von F. Licot, dem Director der Zeichen- und Modellirfchule zu Nivelles, lag( in Wandtafeln) ein„ Cours de deffin linéaire à vue, bafé fur la géometrie vor, in welchem die Elemente der Formenlehre erft mit dem Freihand- Zeichnen zufammen genommen werden, an welches fich dann Projectionszeichnen und Ornamentenzeichnen anfchliefst. Der Verfaffer hält die Elemente des freien Zeichnens mit denen des linearen noch vereinigt, wo eigentlich die Trennung von felbft fchon vor fich geht und läfst in feinem Werke in bunter Reihenfolge Blätter nach der einen und der anderen Richtung folgen, was unferem Erachten nach für beide Disciplinen nicht von Vortheil fein kann. Für das Studium der Perfpective ift F. Boffuet's" Refumé du traité de perfpective linéaire", was fyftematifche Anordnung und Klarheit der Zeichnungen betrifft, als ein ganz gediegenes Werkchen zu verzeichnen. Wenn wir noch einen Blick nach der anftofsenden Ausftellung der belgifchen Buchhändler werfen, fo haben wir für unferen Zweck Ch. Claefeus ( Lüttich) Verlag von Prachtwerken für Kunft, Archäologie und Kunftinduftrie zu notiren und das in Brüffel( heftweife) erfcheinende Werk von C. Colinet und Soran Requeil des reftes de notre art national du XI à XVI siècle" feines intereffanten Inhaltes wegen zu erwähnen. Schweden und Norwegen. Wer die freundlichen Räume des fchwedifchen Schulhaufes auf der Welt ausftellung befuchte, konnte wahrnehmen, dafs dem Anfchauungsunterrichte in diefem Lande im reichften Mafse Rechnung getragen wird. Es fanden fich bildliche Darftellungen für die Naturgefchichte, Charakter- und Zonenlandfchaften für die Geographie, Modelle für die Geometrie etc., kurz jeder Gegenftand hatte, fo weit es die Möglichkeit erlaubte, feine Objecte zur Illuftration. In dem richtigen Werthfchätzen diefer Mittel wird dann auch für das Zeichnen, durch welches ja das Auge ,, Sehen lernen" mufs, Sorge getragen und war das Beftreben, einen zweckmässigen Zeichenunterricht durchzuführen, fchon aus den Wandtafeln, welche ebenfalls im genannten Schulzimmer aufgehängt waren, wahrnehmbar. Das verhältnifsmäfsig arme und wenig bevölkerte Land befitzt keinen befonderen Induftriezweig, in welchem die Form eine bedeutende Rolle spielen könnte; mit Ausnahme der alten Fayence- und Porzellanfabriken( auf der Ausftellung durch ,, Guftavsberg" und Börftrand" repräfentirt) forgt die übrige Induſtrie nur für die Bedürfniffe des Landes, welches jedoch in Bezug auf Luxusartikel und dergl. fich in zu befcheidenen Grenzen hielt, als dafs bis zur Gegenwart fich in den Formen ein nationaler Charakter gebildet hätte. Rühmenswerth find aber die Beftrebungen der Regierung, die Volksbildung felbft in den entlegenften Bezirken durch Schulen zu heben, und wurde ein deutliches Bild von dem gegenwärtigen Stande des Volks- und Mittelfchulwefens in zwei eigens für die Weltausftellung verfafsten Berichten vorgelegt. Lobend mufs ferner anerkannt werden, dafs von der Regierung Sorge getragen war, auf dem Platze auch mündlich nach jeder Richtung Auskunft zu ertheilen, die leider bei den Unterrichtsausftellungen anderer, felbft hervorragender Staaten oft trotz aller Bemühungen für den Berichterstatter nicht zu erreichen waren. Mit der Geometrie und dem Linearzeichnen wird fchon in der Volksfchule begonnen; felbftverſtändlich ift aber der Gegenftand nicht allgemein einführbar. da es unter den 7528 Unterrichtsanftalten 1145 ambulante gibt, die im Jahre zwei bis vier Mal den Ort wechfeln, um in den ärmeren Gegenden des Nordens die Kinder # Der Zeichen- und Kunftunterricht. 75 doch mit dem Wichtigften des elementaren Unterrichtes bekannt zu machen; in den feften Schulen findet der Gegenftand fchon vielfach feine gute Pflege. Die Geometrie befchränkt fich, dem Alter der Schüler angemeffen, auf die Eigenfchaften der geometrifchen Figuren, das Ausmeffen und Berechnen derfelben. Im Freihand Zeichnen, welches erft in jüngster Zeit in den hervorragenderen Anftalten eingeführt wurde, wird meift nach G. Salomann's oder Sandberg's Wandtafeln gezeichnet. Es find einfache geometrifche Formen, die als zweckmäfsig zu bezeichnen find. Leider hat an manchen Schulen( und diefs gilt befonders von Stockholm), wo wahrfcheinlich fchon früher gezeichnet wurde, diefe gute Methode noch nicht Eingang gefunden und trafen fich auch hier wieder nach Berliner und schlechten Parifer Vorlagen„ Bildchen", die nur den Dilettanten unterhalten können, für einen Recht gute rationellen Zeichnenunterricht aber vollends verwerflich find. Arbeiten waren von der Schule St. Claras( Stockholm) vorgelegt; auch die Schule St. Nicolai hatte auf grofsen Blättern, mit dem Pinfel ausgezogen, gute Contourornamente ausgeftellt,- verderblich zeigte fich nur wieder das figurale Zeichnen nach Wandtafeln. Auch mit dem Linearzeichnen an diefer Anftalt können wir uns nicht einverftanden erklären. Die Schulen St. Maria, St. Nicolai und St. Katharina hatten ferner von ihren Schülern angefertigte Wandbilder für den phyfikalifchen und naturgefchichtlichen Unterricht vorgelegt, die wohl für diefe Gegenftände recht zweckdienlich fein mögen, aber dem Zeichnen nichts weniger als förderlich find. Recht befriedigende Arbeiten im Ornamente und der Geometrie hatte die Taubftummen- Anftalt( Manilla- Inftitut) zu Stockholm ausgeftellt. - In den fchwedifchen Mittelfchulen, welche die, reale und humaniftifche Richtung getrennt verfolgen, ift das Zeichnen obligatorifch für die reale und die vier unteren Claffen der humaniftifchen Linie; für die oberen Claffen ift die Theilnahme an demfelben freiwillig. Es find in dem Lehrplane bis jetzt nur zwei Stunden wöchentlich für den Gegenftand angefetzt, was uns zum mindeften für die reale Richtung unzureichend erfcheint. Das Zeichnen wird von felbftftändigen Lehrern unterrichtet, doch gehören diefe noch in die Kategorie der fogenannten Uebungslehrer und find in ihrer Stellung den Lectoren, Adjuncten und Collegen untergeordnet. Treffliche Schülerarbeiten diefer Art von Unterrichtsanftalten waren von Gothenburg ausgeftellt*. Es wird an der dortigen höheren Mittelfchule das Freihand- Zeichnen nach den Salomann'fchen Wandtafeln begonnen und dann geometrifche Körper nach der Natur gezeichnet, mit recht guten Erfolgen; daran fchliefst fich das figurale und ornamentale Zeichnen, meift nach franzöfifchen Vorlagen. Trotz der vielen Mängel, welche diefe Originale für Zeichenunterricht befitzen, waren doch Blätter darunter von der ausgezeichnetften Durchführung. Julien's Köpfe mit zwei Kreiden fanden fich vielleicht in der ganzen Ausftellung nicht fo nett copirt, wie hier; die Zeichnungen nach Gypsmodellen( der Stuttgarter Sammlung) und anderen Studien nach plaftifchen Gegenftänden zeugten von tüchtigem Verftändnifs der Formen; neben diefen fanden fich auch Landfchaften nach Calame und anderen guten Meiftern. Das Linearzeichnen befchränkt fich auf das Nothwendigfte der Planimetrie und Stereometrie. Mit ähnlich guten Refultaten im Freihand- Zeichnen war auch die Mittelfchule von Oerebro vertreten. Das Befte, was jedoch im Zeichenfache von Schweden vorlag, kam aus der Schule des Gewerbevereines in Gothenburg. Diefe Anftalt wurde im Jahre 1848 von einer Gefellfchaft Induftrieller( Gewerbevereine) gegründet, um den Arbeitern verfchiedener Gewerke Gelegenheit zu verfchaffen, fich in den nothwendigften technifchen und künftlerifchen Fächern weiter auszubilden. Da die Mittel zu einer bedeutfameren Entwicklung den Anforderungen der Zeit zu entsprechen - - nicht mehr ausreichten und das Bedürfnifs diefer Schule aller* Auf dem Bodenraume des Schulhaufes. 76 J. Langl. feits anerkannt wurde, fo nahm fich im Jahre 1865 die Commune ihrer an und erweiterte die Thätigkeit derfelben nach den verfchiedenften Richtungen. Die Schule fteht noch unmittelbar unter der Direction des Gewerbevereines und wird von diefer ftets ihr Vorfteher gewählt. Der Unterricht ift allgemein und dauert vom 15. September bis zu dem darauffolgenden Mai. Im Zeichenfache wird gelehrt: Freihand- Zeichnen, decorative Malerei, Perſpective, Linearzeichnen ( Geometrie etc.), Mafchinen- und Hochbau und Modelliren. Der Unterricht im Freihand- Zeichnen wird in vier, den verfchiedenen Standpunkten der Schüler entſprechenden Claffen von für jede Claffe befonderen Lehrern ertheilt und finden in jenen bei Ueberfüllung der Claffen wieder Parallelabtheilungen ftatt. Zeichenmaterialien erhalten die Schüler unentgeltlich. Die Frequenz hob fich von 20 des Jahres 1850 bis heute auf 508 Schüler, was wohl genug für das Aufblühen der Anftalt fpricht. Alljährlich werden bei Ausftellungen die hervorragenden Leiftungen prämiirt. Die hier vorgelegten Arbeiten waren fieben Claffen der Schule entnommen, und zwar von Claffe I die Anfangsgründe des freien Zeichnens nach Salomann's Wandtafeln, in fehr netten Leiftungen; in Claffe II werden Contourornamente fortgefetzt und mufterhaft das Naturzeichnen nach Modellen geübt; in Claffe III und IV wird dann theils nach guten Vorlagen, theils nach complicirteren Modellen das Darftellen mit verfchiedenen Mitteln fortgefetzt. Es fanden fich darunter Gypsornamente( meift Renaiffance) in virtuofer Ausführung, auch tüchtig gezeichnete Köpfe und Figuren in Kreide( nebft der Antike). Aus der Abtheilung für Decorationsmalerei waren Proben( in Leimfarben) in vorwiegend franzöfifchem Gefchmack ausgeftellt. Das Linearzeichnen wird äufserft fyftematifch und gründlich betrieben. Nach den Elementen der Geometrie wird projicirt mit fofortiger Anwendung auf praktiſche Fälle; dann folgen Schatten- und Perfpectivconftructionen, in welch' letzteren auch auf die verfchiedenen Methoden Rückficht genommen wird. Das eigentliche Fachzeichnen bewegt fich dann, wie fchon erwähnt, vorzüglich in der Bau- und Mafchinenkunde, und lagen nach beiden Richtungen fehr achtenswerthe Arbeiten vor. Es war nur zu bedauern, dafs die Leiftungen der Anftalt in fo beengter Räumlichkeit untergebracht waren, und eine Ueberficht fchwer gewonnen werden konnte. So viel mufs aber conftatirt werden, dafs in allen Fächern auf richtigen Wegen gearbeitet wird und die Refultate des Unterrichtes, wie fie vorlagen, ungetheiltes Lob verdienten. Norwegen hatte die Unterrichtsgruppe nicht befchickt und war auch in der Induftrie nur mit feinen nationalen Arbeiten vertreten, aus welchen blofs der traditionelle heimifche Gefchmack kennen gelernt werden konnte. Die Schnitzereien zeigten keine befonderen Formeneigenthümlichkeiten und war von einer Ornamentik daran keine Rede; mehr Zeichnung zeigten die Spitzenarbeiten, Stickereien und Gewebe, wo bei letzteren beftimmte geometrifche Formen vorherrfchen und die Farben nicht ohne Gefchmack gewählt find. Derb und unkünftTerifch find ihre Schmuckfachen. Manches Gute fand fich übrigens in der Kunsthalle, was jedoch nicht dem Kunftunterrichte im Lande, fondern den Akademien der Deutfchen zu Gute zu rechnen ift; die meiften norwegifchen Künftler find in Düffeldorf, Carlsruhe, München etc. Dänemark. Auch diefes Land hatte die XXVI. Gruppe fpärlich befchickt. Es lagen vom Zeichenunterricht nur Leiftungen aus den Volksfchulen in Kopenhagen vor; diefelben beftanden in Projectionszeichnungen, angewandt auf gewerbliche Der Zeichen- und Kunftunterricht. 77 Gegenftände, und in Contourornamenten, theils nach Vorlagen und theils( nach Gypsmodellen, vorwiegend nach antiken Muftern. Es iſt, als ob der Geift Thorwald fon's fchon bis in die Schulzimmer eingedrungen wäre; in der Induſtrie begegnet er uns überall, und fanden fich feine Zeichnungen reizvoll in die griechifchen Formen der Gefäfse, Geräthe etc. componirt, die vielleicht nirgends fo getreu imitirt werden, wie in Kopenhagen. Der Grofsmeifter der Plaftik war übrigens in kleinen gelungenen Nachbildungen feiner Werke in Bisquit( von Jörgenfen in Kopenhagen) auf der Ausftellung felbft vertreten. Am meisten erinnerte aber an ihn Jerichau's" Hochzeit Alexanders mit Roxane" in der. Kunftausftellung. Das kleine Land hat feinen edleren Gefchmack in der Induſtrie nur dem Impulfe diefes grofsen vaterländifchen Künftlers zu danken, und iſt es erfreulich, dafs die Formen ftets mit gutem Verſtändnifs auch in das Materiale componirt werden. Brinkopf( Kopenhagen) hatte reizend ftilifirte Möbelzeichnungen ausgeftellt, und waren die Formen in edler einfacher Renaiffance nebendem auch äufserft zweckmäfsig. Vom feinften Gefühl in rhythmifchen Contouren zeugten Chriftefen's Gold- und Silberwaaren. Spanien und Portugal. Neben Italien bietet bei keinem Lande die Vergangenheit der Kunftinduftrie fo viel des Intereffanten als Spanien. Schon die arabifch- maurifche Kunft entfaltete fich auf diefem Boden in ihren fchönften Blüthen; eine Anzahl ganz neuer Induftriezweige entſtand dann, als nach der Vertreibung der Maurenfürften ein neuer Welttheil feine Gaben dem Lande zuführte, und Städte, wie: Cordova, Toledo, Madrid, genoffen in ihren fpeciellen Erzeugniffen zur Zeit einen Weltruf; aber nicht blofs die Induftrie auch die Kunft erhob fich in den Namen eines Murillo, Valesquez etc. zu einer Höhe, dafs aller Welt Augen auf fie gelenkt wurden. Und diefs Alles ift vorübergegangen und kaum mehr als die Erinnerung davon geblieben. - Wenn in Italien in gewiffen Zweigen des Kunftgewerbes fich noch das techniſche Gefchick ererbt hat, und noch heut zu Tage die alten Formen in den Zeichenfchulen und durch diefe in der Induftrie fortleben, fo wird man vergebens in Spanien darnach fuchen. Die politifchen Stürme, die faft unausgefetzt über das Land einherzogen und mit ihren culturhemmenden Feffeln noch gegenwärtig jede Entwickelung daniederhalten, haben die Fäden der ruhmvollen Vergangenheit längst zerriffen, und was die Induftrie gegenwärtig in Spanien an Formen bietet, beruht nur geringentheils mehr in Imitation des Alten( Fayencen- und Taufchirarbeiten); im Grofsen und Ganzen dominirt der franzöfifche Gefchmack. Wer die Stoffe Barcelonas und Valencias in der Ausftellung betrachtete, konnte höchftens bei den Erzeugniffen der letzteren Stadt hie und da die reformirenden Elemente wahrnehmen; fonft herrfcht fo ziemlich allgemein die planlofe Willkür in Farbe und Form. Die Ausftellung der Gruppe XXVI war im erften Stockwerke des fpanifchen Pavillons in der erften Zone untergebracht und umfafste dem Kataloge nach wohl viel Intereffantes und Wichtiges zur Charakteristik der gegenwärtigen Verhältniffe; allein es ward dem Berichterftatter unmöglich, irgend welche Auskunft über das vorhandene Material zu erhalten. Es waren nämlich weder Nummern an den Gegenftänden, um mit dem Kataloge diefelben aufzufinden, noch wufsten die anwefenden Vertreter Befcheid zu geben. An Freihand- Zeichnungen hingen ganz oben an den Wänden Rahmen mit ziemlich mangelhaft copirten Julien- Köpfen und franzöfifchen Kreideornamenten( darunter einiges Getufchtes) und lagen in einem verfchloffenen Glasfchrank einige gut gezeichnete Gypsköpfe in Kohle vor. Woher fie gekommen, war nicht eruirbar. Eingebunden fanden fich Linearzeichnungen von der 78 J. Langl. , Efcuela normal central" zu Madrid, in welchen die Formenlehre, geometrifche Ornamente, Bau- und Mafchinentheile behandelt waren. Es ift ganz begreiflich, dafs bei dem Mangel einer bedeutfamen Kunftinduftrie im Lande das künftlerifche Zeichnen eine geringe Pflege findet und mehr Gewicht auf das Technifche gelegt wird, welchem in den nothwendigen modernen Bauten von Eifenbahnen, Häfen, ftrategifchen Werken etc. ein reiches Feld geboten ift. Es zeigte fich auch in fämmtlichen Werken, die über den Zeichenunterricht vorlagen, dafs das Technifche überall vorwiegend betont ift. Wir heben befonders M. Borrell's Werk ,, Tratado teórico y pratico de dibujo" in Anwendung auf die Künfte und die Induftrie hervor, da dasfelbe fich durch die vorzügliche Ausführung der Tafeln( in Kupferftich) und eine treffliche Anordnung in Bezug auf den fortfchreitenden Stufengang auszeichnet. In den erften Theilen wird die Geometrie, Projectionslehre, das geometriſche Ornament, angewandt auf die Baukunft, Schattenlehre etc. behandelt, gleichzeitig aber im FreihandZeichnen aus den geometrifchen Grundformen das Ornament entwickelt, welchem das Acanthusblatt zu Grunde gelegt ift. Fortgefetzt wird dann das Linearzeichnen an architektonifchen Objecten, wobei vorzugsweife griechifche, römifche und gothifche Denkmäler zum Mufter genommen find. Der Text mit fehr fchön ausgeführten Holzfchnitten erklärt die hiftorifche Entwickelung der Stile, und ift, mit befonderer Berücksichtigung des Erwähnten, als Gefchichte der Baukunft zu betrachten. Borrell ift Profeffor des Zeichnens am Inftituto de san Ifidoro in Madrid und arbeitet gegenwärtig noch an der Vollendung feines Werkes, von welchem bis jetzt fechs Theile erfchienen find. Für conftructives Zeichnen, befonders im Mafchinenfach, find noch N. Valde's, Manual del Ingeniero y Arquitecto" und Artemis Perez's ,, Academia de Artileria"( Madrid 1868) als bedeutendere Leiftungen unter dem Ausgeftellten zu erwähnen. Für Situations- und Kartenzeichnungen gibt das fehr fchön ausgeftattete Werk Dubujo topográfico" von M. Rindava ets eine treffliche Anleitung. Von den höheren technifchen Schulen fanden fich nur Schülerarbeiten aus der Efcuela de Ingenieros industriales de Barcelona" vor. Es waren faft ausfchliefslich Mafchinenzeichnungen, die in jeder Beziehung als vorzüglich zu bezeichnen " waren. Von einem Lehrer des genannten Inftitutes D. Joaquin Mata war auch ein Werk unter dem Titel„, Curso de dibujo induftrial" ausgeftellt, in welchem die Geometrie und ihre Anwendung auf Bau- und Maſchinenkunde fehr fchön durchgeführt war; weniger empfehlenswerth könnte der Theil des Freihand Zeichnens genannt werden wo einfach ältere franzöfifche Originale copirt erfchienen. Was noch weiter für das Linearzeichnen vorlag, war älteren Datums und von geringer Bedeutung, fo dafs es füglich hier übergegangen werden kann. Portugal. Weit mehr als Spanien hatte fich das kleine Land Portugal darum angenommen, fein Unterrichtswefen auf der Weltausftellung zu repräfentiren; wenn auch hier wieder der Vorwurf gemacht werden mufs, dafs für die Auskünfte über das Vorhandene äufserft mangelhaft geforgt war und Berichterftatter manchen vergeblichen Gang zu machen hatten. Portugal hatte fein Schulhaus auf der Ausftellung und darin neben den gebräuchlichften Unterrichtsmitteln auch diverfe Schülerleiftungen ausgeftellt. Der Eindruck des Ganzen war ein befriedigender; nur mangelten zu näherer Orientirung die ftatiftifchen und fonftigen gefetzlichen Anhaltspunkte, welche anderwärts entweder in Brochuren aufgelegt oder in Tafeln erfichtlich gemacht wurden. Der Berichterftatter konnte nur aus der in Liffabon erfcheinenden Der Zeichen- und Kunftunterricht. 79 ,, Gazeta pedagogiga", die unter Anderem fich vorfand, das Wichtigfte über die allgemeinen Einrichtungen des Unterrichtswefens erfahren, welches, fo weit es für den Zeichenunterricht eben wichtig ift, hier berührt werden foll. Portugal kennt feine ifolirte Lage und weifs, dafs es in Bezug auf die Cultur keine felbftftändige Rolle spielen kann, fchon defshalb, da die Sprache des Landes keine Weltfprache ift, und fomit die bedeutendften Erzeugniffe der Literatur dem Volke mehr oder weniger fremd bleiben; aber es fchliefst fich nach Kräften dem Fortfchritte an und fucht gerade durch die Schule einen Contact mit den Culturvölkern Mitteleuropas herbeizuführen. Dafs hierin zunächft auf Frankreich reflectirt wird, mufs begreiflich erfcheinen. So ift die franzöfifche Sprache in allen Schulen obligater Lehrgegenstand, und find auch die übrigen Einrichtungen gröfstentheils nach franzöfifchen Muftern durchgeführt. Die Induftrie ift ganz von franzöfifchem Gefchmack beherrfcht; das fchlichte Nationale ift fo unbedeutend, dafs es kaum wahrnehmbar ift. Das Imitiren alter franzöfifcher Kunftzweige, wie Paliffy- Fayencen, ift wohl als Specialität hervorzuheben, gibt aber nur wieder ein Zeugnifs, wie die Formenfchule in Portugal von Frankreich abhängt. Manier hatte in feiner im Jahre 1867 in Paris publicirten„ Carte de l'inftruction primaire en Europe" Portugal in die letzte Kategorie gefetzt und behauptet:„ La population eft ignorante, les écoles font peu nombreuſes et mal frequentées. On ne compte qu'un écolier pour 81 habitants", was fchon zur Zeit entfchieden ein Irrthum war, da fchon im Jahre 1864 laut des ftatiftifchen Ausweifes 2774 Schulen( mit 99.256 Schülern) exiftirten, und fomit auf je 42 Bewohner ein Schüler kam. Seither wurde aber trotz der ungünftigen politifchen Verhältniffe nichts verfäumt, den Volksunterricht zu heben und befonders durch die Gründung von Lyceen auf die Verbreitung der allgemeinen Bildung hingewirkt. Portugal befitzt gegenwärtig in jedem feiner Bezirke ein Lyceum( mit den Infeln 21), deren Vorfteher zugleich Infpectoren der Volksfchulen find, und die alle wieder dem Directeur de l'inftruction publique unterftehen, in welcher Organiſation der Unterricht nach ganz einheitlichen Principien gepflogen wird. Einen namhaften Auffchwung haben in jüngfter Zeit auch die Lehrer- Bildungsanftalten im Lande genommen. Gezeichnet wird an allen Schulen, und lagen als Vertretung der verfchiedenen Anftalten Leiftungen aus der„ Real Cafa Pia", dem„ Lycée national" und der ,, Efcola Normal" vor, fämmtliche in Liffabon. Leider mufste aus den Arbeiten des freien Zeichnens erkannt werden, dafs, obfchon das befte Streben vorhanden ift, nicht die beften Wege zur Erreichung des Zieles eingefchlagen werden; vor Allem machte fich der Mangel an guten Vorlagen geltend. In dem Inftitute ,, Real Cafa Pia" wird auf der elementaren Stufe nach dem von Profeffor A. J. Picard fpeciell für den Unterricht an der Anftalt beftellten quadrirten Heften nach feinem " Corfo Elementa de defenho" vorgegangen; der Stufengang wäre darin wohl zu billigen, nur fand er fich in den vorgelegten Heften der Schüler felten durchgeführt, und war meiftens zu rafch alles Mögliche in den Kreis der Darstellung gezogen und die Kreide und Feder zu frühzeitig angewendet; fortgefetzt wird dann das Zeichnen nach franzöfifchen Ornamenten mit ganz mittelmässigen Erfolgen. Sehr fpärlich waren die Uebungen im Naturzeichnen. Weit beffer ift das Linearzeichnen an der Anftalt gepflegt, welches fchon in dem vorgelegten„ Relatorio" für den„, Curs induftriel" beffere Principien zeigte. Es werden die wichtigften Sätze der„ ebenen Geometrie" durchgenommen, dann Bautheile, Säulenordnungen und gröfsere Architekturftücke gezeichnet, dann Projections- und Schattenlehre eingehend behandelt und fchliefslich zum Mafchinenund Architekturzeichnen übergegangen( meift nach den franzöfifchen Etudes au Lavis). Es fanden fich befonders unter den Arbeiten der letzteren Kategorie trefflich durchgeführte Blätter. 6 80 J. Langl. Ungleich gediegenere Leiftungen waren vom„ Lycée national" ausgeftellt, aber auch wieder vorwiegend im Linearzeichnen. An dem Inftitute ift F. Motta als Lehrer in den Zeichenfächern thätig, deffen ganz gediegene Werke für den Zeichenunterricht an Lyceen ebenfalls vorlagen. Sein ,, Compendio de defenho linear" verfolgt denfelben Weg, nach welchem J. Picard's Werk angelegt ift. Es wird fyftematifch die Geometrie, Projectionslehre und Geometrie behandelt und dann auf praktifche Fälle aus der Bau- und Mafchinenkunde übergegangen. Im Freihand- Zeichnen beginnt der Curs mit quadrirten Heften und fteigt von der geometrifchen Form zum Ornamente auf, welchem aber bei Motte kein ausgefprochener Stil zu Grunde liegt. Die exponirten Zeichnungen zeigten, dafs bis zum Contourornamente in der richtigen Weife vorgegangen wird; nur fanden fich häufig gefchmackswidrige Formen darunter. Mangelhaft waren die Proben aus dem figuralen Zeichnen. Im Linearzeichnen war das Mafchinenfach durch einige fehr fchön gearbeitete Blätter repräfentirt. Aus der Architektur war aufser einigen Säulen nichts von Bedeutung vorhanden. 29 Die„ Efcola Normal" hatte( von Lehrerinen) gut gezeichnete Contourornamente nach fchlechten Muftern und hart fchattirte Kreide ornamente nach Bilordeux"," Julien" etc. ausgeftellt. Mit diefen Vorbildern ift wohl kein Gefchmack zu erziehen! Dasfelbe gilt von den Arbeiten aus dem„ Penfionat de bienfaifance pour jeunes filles" und der„ Efcola regia das Mercieiras", in welch' letzterem Inftitut die Wahl der Meifter eher den Gefchmack verderben als veredeln müffen. Von der ,, Affociation commercial", die zu Porto ihren Sitz hat und fich um die Hebung der Kunftinduftrie im Lande fchon manche Verdienfte erworben hat, war eine Anzahl decorativer polychromer Ornamente( in Gyps und Holz) exponirt, in welchen maureske Formen gelungen nachgeahmt waren. Die Brochuren. über die Thätigkeit der Gefellſchaft waren hinter Glas und Rahmen in der Induftriehalle ausgeftellt; dem Berichterstatter war es unmöglich, zur Einficht in diefelben zu gelangen. Amerika. Von einem unferer hervorragendften deutfchen Kunftgelehrten wurde nach der erften Weltausftellung in London 1851 der bedeutfame Satz ausgefprochen, dafs eine Organiſation des Kunftunterrichtes, übereinftimmend mit den Grundfätzen, auf welchen der damals von England in Vorfchlag gebrachte Plan gegründet war, noch leichter dort durchführbar wäre und beffer wirken könnte, wo keine alten Kunftüberlieferungen zu überwinden find und die freieften Inftitutionen beftehen, nämlich in den nordamerikanifchen Freiftaaten. Diefer Satz hat allerdings feine tiefe Wahrheit; ob aber dem Stande der Dinge nach gegenwärtig fchon ein Unternehmen in diefer Hinficht von Erfolg fein kann, wäre in Frage zu ftellen. So lange Amerika noch in der Entwicklung lebt, fo lange ausfchliesslich der Materie nachgejagt wird und alle Kräfte darin angefogen werden, gibt es keine idealen Tendenzen; und wenn hie und da Anregungen dazu ftattfinden, fo werden nur die von Europa herübergezogenen Traditionen weiter zu fpinnen verfucht, welche aber in der fremden Atmoſphäre eher noch verkümmern oder entarten als emporblühen können. Was Amerika in der Kunft und vorzugsweife in der Plaftik producirt, ift europäifchen Urfprungs; die Induftrie geht mehr auf das Praktifche als künftlerifche aus und ift von einer befonderen Gefchmacksrichtung noch keine Rede. Die Hauptftädte Europas werden den Luxus für Amerika auch noch weiterhin zu beforgen haben. Am eheften könnte fich vielleicht noch in der Baukunft ein felbftftändiger Charakter entwickeln; bis jetzt zeigt aber auch fie nur europäiſche Motive, die oft als Kleid den kühnften Conftructionen in Folge der reicheren Mittel pompös Der Zeichen- und Kunftunterricht. 81 angewendet werden. Die ausgeftellten Photographien von Chicago, Cincinnati und Philadelphia gaben darüber charakteriftifche Beiſpiele. Nur durch wohl organifirte Mufeen und tüchtigen Kunftunterricht in der Schule läfst fich der Gefchmack erziehen; in beiden Punkten aber fteht Amerika noch auf der unterften Stufe. Wenn wir hier zunächft von der Schule fprechen, fo mufs allerdings zugegeben werden, dafs ihre Bedeutung überall wohl erkannt wird und dem Unterrichte die reichften Mittel zu Gebote ftehen. Dem amerikaniſchen Schulhaufe wurde auf der Ausftellung von Fachmännern viel Beifall zu Theil; das Unterrichtsmateriale kann in den Unionftaaten mufterhaft genannt werden: aber damit ift noch nicht Alles erreicht; die erfte Bedingung bleibt in der Schule immer die Lehrkraft, und daran mangelt es in Amerika noch allenthalben, abgefehen dafs noch kein Syftem in Bezug auf Kategorien der Schulen exiftirt und jeder Staat, ja vielleicht jede Stadt andere Einrichtungen befitzt, was ebenfalls einer gedeihlichen Gefammtentwicklung des Bildungswefens hinderlich ift. Es mufs daher begreiflich erfcheinen, wenn Hochfchulen im Charakter der europäifchen bis jetzt nicht zu Stande kamen. Trotz diefer minder günftigen Aufpicien haben fich aber und befonders in letzterer Zeit vielfach Stimmen erhoben, dafs das Zeichnen in den Schulen eingeführt werde, und zwar mit den Intentionen, wie es in neuerer Zeit in Europa gefchieht. In den hervorragenden Städten wird es auch bereits betrieben und lagen Refultate in der Ausftellung vor. Diefelben konnten wohl fchon der erwähnten Umftände halber nicht von befonderer Bedeutung fein, felbft wenn die beften Originale und die befte Methode in Verwendung ftänden; aber gerade der letztere Punkt läfst am meiften zu wünſchen übrig. So wird an vielen Schulen im Zeichnen Unterricht ertheilt, ohne dafs der betreffende Lehrer felbft befondere Kenntnifs von dem Gegenftand befäfse und dazu meift die Berliner Schule( von Hermes) als Vorlage benützt! Hie und da find wohl in den gröfseren Städten eigene Zeichenlehrer beftellt, aber wie foll ein rationeller Unterricht möglich fein, wenn diefelben meift in einer Ueberzahl von Schulen befchäftigt find? So fagt ein Bericht aus Toledo( Ohio), dafs dafelbft für 74 Schulzimmer ein allgemeiner Lehrer für Zeichnen beftimmt ift! Die Methode war in den ausgeftellten Arbeiten diefer Schulen nicht zu erfehen; dasfelbe gilt von dem ,, Grammar Schools" zu New- York, wo nur Landfchaften, Thiere, Blumen etc. gezeichnet werden. Blofs hie und da wird der Verfuch gemacht, geometrifche Körper nach der Natur darzuftellen, was bei der mangelhaften Vorbildung der Schüler jedoch wenig Erfolg zeigte. Von einigen höheren Schulen in New- York waren( von 12- bis 15jährigen Schülern) hinter Glas Zeichnungen von Gefäfsen, Geräthen etc., dann Copien von Köpfen, Landfchaften und Thieren( nach Hermes und Julien) ausgeftellt, die wohl etwas beffer gearbeitet waren, aber mehr als„ Bilder" fungirten, als dafs dadurch der Unterricht illuftrirt worden wäre. Eine Anzahl Ornamente( nach Bauer's Vorlagen) waren fo gleichmäfsig copirt, dafs es zweifelhaft erfchien, ob unter den verfchiedenen Namen, die fich unterfchrieben fanden, auch verfchiedene Hände wahrzunehmen waren. In Chicago fteht es ebenfo; nur werden dafelbft nebenbei viel Landkarten gezeichnet und dabei das Hauptgewicht auf die farbige Umränderung der Meere gelegt. Die Inftruction für den Zeichenunterricht in den Schulen diefer Stadt (§. 16) betont nur die Wichtigkeit und den Werth des Gegenftandes für die verfchiedenen Induftriezweige und enthält kein beftimmtes Programm für den Stufengang im Unterrichte. Von dem ,, Common Schools" in Cincinnati lagen in wahren Prachteinbänden Schülerarbeiten vor, wo im Zeichnen von der ganzen Claffe derfelbe Gegenftand gezeichnet war, fo dafs ein und diefelbe Figur fich in einem Bande oft 50 bis 60 Mal wiederholte.* Es waren meitt kleine geometriſche Ornamente, * Wurde behördlich angeordnet. 6* Jo 82 J. Langl. Der Zeichen- und Kunftunterricht. Sternfiguren etc. ziemlich gleichmäfsig gearbeitet und lag doch ein gewiffes Princip darin: dagegen begegneten uns wieder haarfträubende Sünden wider allen guten Gefchmack in den Arbeiten der„ Teachers-"," Normal-" und„ Highfchools". Im Schulhaufe lagen als Unterrichtsmittel für das Zeichnen die Spencerfchen Zeichenhefte auf, in welchen die Formen auf der linken Hälfte des Papieres vorgezeichnet waren und die Schüler diefelben rechts auf den freien Raum zu copiren hatten. Der Stufengang führte in ziemlich fyftematifcher Weife von den einfachften geometrifchen Formen zur Darstellung von Gefäfsen, Geräthen und dergl. Am beften wird, dem Ausgeftellten nach, in Bofton, überhaupt in Maffachufetts der Zeichenunterricht betrieben. Hier ift in den meiften Schulen„ The Drawing- Book of Standard reproductions and original defings for public fchools, Drawing- Claffes and Schools of art" von Walter Smith eingeführt. Das Werk empfiehlt fich befonders in feinen erften Theilen für den Elementarunterricht, in welchem auf geometrifcher Grundlage bis zum leichten Ornamente vorgefchritten wird; im zweiten Theile, der Fortfetzung des Ornamentes, mangelt dem Vortrag die Frifche und den Formen ein ausgefprochener Stil. Weiter folgen dann in ziemlich willkürlicher Anordnung Köpfe, Thiere, Blumen, felbft ganze menfchliche Figuren, aber Alles in trockenen, kalten Contouren in Federmanier. In dem ,, Public- Schools" wird überall nach diefem Syftem gezeichnet und werden die erften Uebungen meift auf Schiefertafeln vorgenommen. Im Weiteren finden dann auch Studien nach plaftifchen Modellen ftatt, und zeigten die vorgelegten Leiftungen recht gute Erfolge. Es kommen dabei theils ftereometrifche Körper, theils Gefäfsformen, Vafen und dergl. in Verwendung. " Das Bildchenzeichnen" wird hier nur wieder in den Mädchenfchulen eifrig betrieben, wo ausfchliefslich Julien's und Hermes' Vorlagen in Verwendung ftehen. Von den„ Drawing Claffes" waren( nach Smith's Vorlagen) Zeichnungen vorgelegt, welche nur befcheidene Erfolge zeigten; dagegen verdienten die Arbeiten der„ Free Induftrial Drawing Claffes" des Staates of Maffachuſetts volles Lob; es fanden fich darunter befonders hübfch gezeichnete Köpfe( nach Gyps mit zwei Kreiden) und gute Ornamente. Was von dem Ausgeftellten der übrigen Länder auf den Kunftunterricht Bezug hatte, war zu unbedeutend und unmafsgebend, als dafs der Referent für nöthig gehalten hätte, es hier fpeciell anzuführen. Wenn eine Schule in Athen fchlecht gezeichnete( franzöfifche) Blumen und einige Köpfe nach Berliner Vorlagen als Zeugnifs des heutigen Kunftunterrichtes in Griechenland vorlegte, wenn von Conftantinopel( Calame's) Landfchaften, von der technifchen Schule zu Kairo mangelhaft copirte Köpfe( nach Julien) ausgeftellt waren: fo konnte daraus nur erfichtlich fein, wie fehr die Erziehung des Gefchmackes alldort darnieder liegt. Am meiften verletzten das Auge folche dilettantifche Arbeiten in der griechifchen Ausstellung, unmittelbar neben den claffifchen Fragmenten der Akropolis. Diefe ehrwürdigen Refte der Kunft, fie waren auf der Weltausftellung in Mitten des modernen Strebens und Ringens, welches fich auf allen Gebieten des Könnens und Wiffens offenbarte, eine wehmutherregende Illuftration der Vergänglichkeit, aber zugleich in ihrer unfterblichen Schönheit die edelften Vorbilder, in Allem das Höchfte anzuftreben. * Die Modelle waren auch ausgeftellt.