OFFICIELLER AUSSTELLUNGS- BERICHT HERAUSGEGEBEN DURCH DIE GENERAL- DIRECTION DER WELTAUSSTELLUNG 1873. MUSIKALISCHE LEHRMITTEL UND DAS MUSIKALISCHE ERZIEHUNGS- UND BILDUNGSWESEN. ( Theilbericht der Gruppe XXVI.) BERICHT VON RUDOLF WEINWURM, k.k. Univerfitäts- Gefanglehrer u. Profeffor an der k. k. Lehrerinen- Bildungsanftalt zu St. Anna, Chormeister des Wiener Männer- Gefangvereines und der Wiener Singakademie. WIEN. DRUCK UND VERLAG DER K. K. HOF. UND STAATSDRUCKEREI. 1873. TH VORWORT. Nach dem Programm der officiellen Berichterstattung über die Wiener Weltausftellung 1873 foll der officielle Bericht noch ,, während der Feier des internationalen Feftes abgefafst und aufgelegt werden". Diefe Beftimmung zu erfüllen, übergibt die gefertigte Redaction des officiellen Berichtes in der vorliegenden Form die einzelnen Sectionsberichte der Oeffentlichkeit und glaubt damit den Befuchern der Weltausftellung das Studium derfelben wefentlich zu erleichtern. Nur eine Bemerkung fei an diefer Stelle geftattet. Der vorliegende, wie jeder andere während der Weltausftellungs- Feier publicirte Bericht wird einen Theil des officiellen Berichtes bilden, welcher nach dem Schluffe der Weltausftellung als ein Ganzes erfcheinen und die wiffenfchaftlichen Refultate der Ausftellung für die Dauer erhalten foll. Diefs mag dem Lefer die ftiliftifche Form, in welcher bereits die Vergangenheit der Ausftellung angenommen ift, erklären. PROFESSOR DR. CARL TH. RICHTER, Chefredacteur des officiellen Berichtes. MUSIKALISCHE LEHRMITTEL UND DAS MUSIKALISCHE ERZIEHUNGS- UND BILDUNGSWESEN. ( Theilbericht der Gruppe XXVI.) Bericht von RUDOLF WEINWURM, k.k. Univerfitäts- Gefanglehrer u. Profeffor an der k. k. Lehrerinen- Bildungsanftalt zu St. Anna, Chormeister des Wiener Männer- Gefangvereines und der Wiener Singakademie. Bei den vorangegangenen Weltausftellungen kam die Mufik nur infoweit. in Betracht, als es fich um Organe zur Ausübung diefer Kunft, um mufikalifche Inftrumente und deren Fabrication, um techniſche Erfindungen und Fortbildungen auf dem Gebiete derfelben handelte. Damit war der induftriellen Seite der mufikalifchen Kunft, das ift jener Seite Rechnung getragen, welche dem Begriffe„ Ausftellung" vor Allem entſpricht. Erft der Weltausftellung des Jahres 1873 war es vorbehalten, das culturelle Moment im Allgemeinen hervorzuheben und nach Thunlichkeit zur Anfchauung zu bringen, erft fie gab in Aufftellung der XXVI. Gruppe „ Erziehungs-, Unterrichts- und Bildungswefen" die Gelegenheit, die Mufik nach einer weiteren, dem Wefen diefer idealen Kunft entſprechenden Seite hin in Betracht zu ziehen. Von diefem Standpunkte geht der nachfolgende. Bericht aus, welcher auf Grund der in der Ausftellung befindlichen mufikalifchen Lehr- und Bildungsmittel den gegenwärtigen Stand des bezüglichen Unterrichtes und die Beftrebungen auf diefem Gebiete in den verfchiedenen Staaten darzuftellen verfucht. Auf eine erfchöpfende Darstellung mufs der Referent von vornherein verzichten, da die in der Weltausftellung fich vorfindenden Anhaltspunkte ganz und gar unzulänglich erfchienen. Bei vielen Staaten, darunter auch bei folchen, wo die Mufik bekanntermafsen einer ziemlich eingehenden Pflege im Allgemeinen fich erfreut, wie z. B. Belgien, Dänemark, war das mufikalifche Gebiet officiell gar nicht vertreten; bei vielen anderen Staaten befchränkte man fich darauf, den eingefendeten wiffenfchaftlichen Lehrmitteln auch einige Liederbücher und andere wenig belangreiche mufikalifche Werke beizufchliefsen. Es erfcheint begreiflich, wenn Völker, die im Allgemeinen auf einer niedrigeren Culturftufe ftehen und vielleicht bis zum Augenblicke nicht über die rein finnliche Wirkung des Klangwefens hinweggekommen find, oder wenn Nationen, die in augenblicklicher politifcher oder focialer Umgeftaltung, das ift, in Zuftänden begriffen find, welche die künftlerifche Entwicklung beeinträchtigen, auf eine Repräsentanz in der fraglichen Richtung 2 Rudolf Weinwurm. Verzicht leiften; wo jedoch folche Zuftände nicht obwalten und wo, wie in allen hervorragenden Culturftaaten, man den Einfluss der mufikalifchen Kunft als Bildungsmittel zu würdigen angefangen hat, da mag die geringe Vertretung nach jener Seite hin Befremden erregen. Wenn auch zugegeben werden mufs, dafs die mufikalifche Kunft, an fich betrachtet, dem Wefen und den Zwecken der modernen Ausftellungen von felbft und infolange fich entziehe, als nicht Jedermann die Fähigkeit befitzt, eine etwa aufliegende Partitur zu lefen und den Werth und die Bedeutung derfelben als eines mufikalifchen Kunftwerkes fofort zu erkennen, fo bietet fie anderfeits, fchon nach Analogie anderer wiffenfchaftlicher und künftlerifcher Gebiete, eine Reihe von culturellen Momenten dar, die durch Wort und Zahl dargestellt und in ihrer Bedeutung durch das Auge erfafst werden können. Das Verlangen ift berechtigt, dafs dort, wo es fich in einem gegebenen Momente um ein anfchauliches Bild der gefammten Cultur handelt, auch die Mufik, diefe populärfte und tiefgreifendfte aller Künfte, nicht fehle, und dafs insbefondere die Sorgfalt, welche die verfchiedenen Staaten und Corporationen der Pflege diefer Kunft als Unterrichts- und Bildungsmittel zuwenden, zur Darstellung gelange. Diefer Forderung wurde, wie aus dem Nachfolgenden hervorgeht, nur in den feltenften Fällen entſprochen; im Uebrigen vermifste man in der Weltausftellung faft in allen Ländern ftatiftifche und andere hieherbezügliche graphifche Darftellungen: die Berichte der Mufik- Lehranstalten und Mufikvereine, die wefentlichen Angaben über die ftaatliche oder private Organiſation und Verbreitung des Mufikunterrichtes und viele andere für eine genauere Darftellung diefes Gebietes unentbehrliche Angaben. Nach diefen einleitenden Bemerkungen, welche den Standpunkt des Berichtes und deffen durch die vorliegenden Umftände bedingte Begrenzung kennzeichnen, wenden wir uns nunmehr den einzelnen Ländern zu Oefterreich. In Hinficht auf den Mufikunterricht war die Betheiligung Oefterreichs an der Weltausftellung eine dreifache: 1. Durch die Aufftellung einer ziemlich vollſtändigen Collection der gegenwärtig an den öffentlichen Schulen in Verwendung ftehenden muſikaliſchen Lehrmittel und Liederfammlungen, als Theil der vom k. k. Unterrichtsminifterium veranlafsten Collectivaus ftellung des öfterreichischen Unterrichtes; 2. durch einen auf diefe Collection bezüglichen und im Auftrage des k. k. Unterrichtsminifteriums abgefafsten Bericht über den Mufikunterricht; 3. durch die in diefes Gebiet einfchlägigen Materialien in dem ein Ausftellungs object bildenden öfterreichifchen Schulhaufe. Die wichtigften Angaben des erwähnten Berichtes mögen hier eine Stelle finden. Er conftatirt, dafs die Pflege des Gefanges- wenigftens in dem deutſchen Sprachgebiete der öfterreichifchen Monarchie- von Jahr zu Jahr im Fortfchreiten begriffen ift, an Umfang und Bedeutung zunimmt, dafs der Staat die bezüglichen Beftrebungen begünftigt und neuerdings mit der Einführung von Lehrerprüfungen für Mufik auch nach und nach die geeigneten künftlerifchen Kräfte diefem Gebiete zuzuführen die Abficht hat. Er weift ferner die gefetzlichen Beftimmungen nach, welche hinfichtlich des Mufikunterrichtes an den öffentlichen Lehranstalten in Geltung find, woraus hervorgeht, dafs der Gefangunterricht an den Volks- und Bürgerfchulen, an den Lehrer- und Lehrerinen- Bildungsanftalten obligatorifch ift, an den Realfchulen und Gymnafien jedoch in die Kategorie der fogenannten freien Lehrgegenstände, das ift folcher Gegenftände, eingereiht ift, die nur in gewiffen Fällen, namentlich wenn das bezügliche Unterrichtsbedürfnifs erwiefen und die geeigneten Lehrkräfte hiefür vorhanden find, in den Lehrplan aufgenommen werden. Mufikalifche Lehrmittel. 3 Aufser dem Gefangunterrichte zählt noch zu den obligaten Fächern an LehrerBildungsanftalten Violinfpiel, an Lehrerinen- Bildungsanftalten Clavierfpiel. Für die Lehrerfeminarien ift Clavier- und Orgelfpiel nicht obligat, das heifst die Betheiligung daran ift den Candidaten freigeftellt, jedoch ift für die Möglichkeit des Unterrichtes in diefen Fächern vom Staate Sorge getragen. Was die Zeit anbelangt, fo find dem Gefangunterrichte an Volks- und Bürgerfchulen I Stunde wöchentlich, an den Lehrer- und Lehrerinen- Bildungsanftalten für jedes der genannten Mufikfächer und jeden der vier Jahrgänge diefer Anftalten je 2 Stunden wöchentlich im Lehrplane beftimmt; an den Mittelfchulen, wo der Gefang in Uebung und Pflege ift, werden die Schüler einer ganzen Anftalt gewöhnlich in zwei Gruppen getheilt und in wöchentlich je 2 Stunden unterrichtet. Jener Bericht enthält aufserdem die Zufammenftellung der oben unter Zahl I erwähnten gebräuchlichen Lehrmittel und der Referent kann fich demnach eines näheren Eingehens auf diefe Seite der öfterreichifchen Ausftellung um fo eher entfchlagen, als eine Anzahl der geeignetften Lehrmittel noch bei Befprechung des öfterreichifchen Schulhaufes zur Aufzählung gelangen wird. Die erwähnten Angaben des Berichtes find noch durch Folgendes zu ergänzen: Der Unterricht an den öfterreichifchen Seminarien liegt faft überall in den Händen von Fachmännern. Ihre bisherige Rangordnung war die von Hilfslehrern, doch befafst fich die Regierung in der neueften Zeit mit den Mafsregeln, um diefe Stellungen in einer dem Intereffe der Sache entſprechenden Weife zu organifiren. Die Errichtung öffentlicher Mufikfchulen ift feit der definitiven Organifation des Volks- Unterrichtswefens durch den Staat von der Bewilligung der betreffenden Landes- Schulbehörde und in letzter Inftanz vom k. k. Unterrichtsminifterium abhängig gemacht. Das Gleiche gilt in neuefter Zeit von der Einführung neuer Lehrmittel für Gefang an den ftaatlichen Unterrichtsanftalten. Das Ziel des mufikalifchen Unterrichtes ift ein allgemeines, durch keinerlei Rückficht auf irgend eine Confeffion befchränktes; die Methode war bisher dem Ermeffen des Lehrers anheimgegeben. Die zum Unterrichte an den Staatsanftalten erforderlichen Inftrumente: Claviere, Violinen, Pedalharmoniums etc. werden vom Staate beigeftellt und find die diefem Zwecke in den letzten Jahren zugewendeten Summen ziemlich bedeutend. Auch an mehreren Univerſitäten Oefterreichs finden fich fpecielle mufikalifche Fächer vertreten; fo hat die Univerſität Wien feit 1864 eine aufserordentliche Lehrkanzel für Aefthetik und Gefchichte der Mufik, Graz eine Docentur für diefelben Fächer, Wien noch aufserdem eine Docentur für Gefang. Weitere hieherbezügliche Momente, aus denen die Sorgfalt der öfterreichifchen Regierung, der Reichs- und Landesvertretungen, endlich auch vieler Gemeinden und Corporationen für die Pflege der Tonkunft erhellt, wären noch: die Subventionirung der bedeutenderen Theater in der Reichs- Hauptftadt und in den Landes- Hauptftädten; die alljährliche Einstellung eines Betrages für fpecielle Kunftzwecke und für Unterſtützung begabter Künftler in das von der Reichsvertretung zu bewilligende Budget des Staates von welchem Betrage bisher gewöhnlich ungefähr je ein Dritttheil zu Stipendien für Tonkünftler verwendet wurde; die Organiſation und Erhaltung der Militärkapellen und die Heranbildung der für diefelben erforderlichen Kräfte; die Beförderung der Tonkunft, infoweit fie mit kirchlichen und religiöfen Zwecken zufammenhängt; endlich die directe oder indirecte Unterſtützung von Mufikvereinen, Mufikfchulen und Confervatorien. Unter den letztgenannten Inftituten ift in Oefterreich das hervorragendfte das Confervatorium der Gefellſchaft der Mufikfreunde in Wien, deffen Jahresbericht für das Schuljahr 1872/73 in der öfterreichifchen Unterrichtsausftellung auflag. Daraus entnehmen wir, dafs im genannten Jahre an demfelben 38 Profefforen und Lehrer Unterricht in den verfchiedenen Fächern der Mufik ertheilten, dafs es 493 Schüler zählte und dafs die dem Unterrichte in diefem Schuljahre zugewendete Zeit über 14.000 Stunden betrug; gewifs eine ftattliche Reihe von Ziffern, welche den grofsen - 4 Rudolf Weinwurm. Auffchwung diefes Inftitutes in den letzten 10 Jahren zu illuftriren geeignet find. Einen gleich erfreulichen Einblick in das Gebiet mufikalifcher Cultur gewähren die Jahresberichte und Mittheilungen der öfterreichifchen Mufikgefellſchaften und Vereine, aus welchen hervorgeht, dafs die Pflege der Mufik von Jahr zu Jahr an Intenfität zunimmt und immer weitere Kreife der Bevölkerung zur activen und paffiven Theilnahme gewinnt. Die hervorragendften diefer Vereine finden fich naturgemäss in der Reichs- Hauptftadt und es dürfte genügen, in diefer Beziehung auf die Gefellfchaft der Mufikfreunde in Wien", auf die ,, Wiener Singakademie", auf die" Philharmonifche Gefellfchaft" und auf den weit berühmten, Wiener Männer- Gefangverein" hinzuweifen; doch befitzen auch die Landes- Hauptftädte, fo insbefondere Prag, Salzburg, Brünn, Innsbruck, Graz, Troppau, Linz, Klagenfurt, Laibach, Lemberg, Trieft treffliche Mufikanftalten und Mufikgefellſchaften, und die Affociation zu mufikalifchen Zwecken findet fich vielfach auch in kleineren Provinzftädten und Märkten und erreicht mehr oder weniger anerkennenswerthe künftlerifche Erfolge. " Es würde uns zu weit führen, auf das Gefammtbild mufikalifcher Cultur in Oefterreich noch näher einzugehen; bekannt ift ja einerfeits, welch' geeigneten Boden die öfterreichifchen Länder feit jeher der Tonkunft dargeboten haben, anderfeits der genaue und untrennbare Zufammenhang der Cultur Oefterreichs mit der Gefammtcultur Deutſchlands, deren eingehendere Darftellung aufser dem Bereiche unferer Aufgabe liegt und von vornherein der Bafis einer politifchen Eintheilung widerftreben würde. Nur Eines fei noch hervorgehoben: Die Schattenfeiten in jenem Bilde fehlen weder hier noch anderwärts und treten um fo mehr hervor und verlangen um fo dringendere Abhilfe und Ausgleichung, in je weitere Kreife die Erkenntnifs der fegensvollen Wirkung der Kunft gedrungen ift. Sie beziehen fich hauptfächlich auf Mangel in der einheitlichen und künftlerifchen Organiſation des Unterrichts, auf den Mangel äfthetifcher Ziele in der Kunftübung und auf den Mangel ausreichender Unterſtützung von Seiten des Staates oder der hiezu berufenen Körperfchaften. Man hat feit einiger Zeit auch in Oefterreich angefangen, den hieherbezüglichen Beftrebungen Beachtung zuzuwenden und eine Verbefferung der betreffenden Zuftände allmälig anzubahnen. Um nur Einiges anzuführen: Man ftrebt nach Erweiterung und künftlerifcher Geftaltung des Unterrichtes an den ftaatlichen Lehrer- Bildungsanftalten und nach Aufnahme des Gefanges als eines obligaten Unterrichtsgegenstandes auch an den Realfchulen und Gymnafien; die Mufikbildung an den befferen Confervatorien befchränkt fich nicht mehr allein auf die Erwerbung der erforderlichen techniſchen Fertigkeiten, fondern zieht in ihren Kreis jene Fächer, welche zur Completirung der allgemeinen Bildung geeignet find; an die öffentlichen Aufführungen wird vielfach ein ftrengerer Mafsftab gelegt, welcher auf die Richtung des mufikalifchen Gefchmackes nur fördernd einwirken wird; man hat angefangen, die Frage der Heranziehung der niederen Volksclaffen in gröfseren Städten zu unmittelbarer Bethätigung an der Kunftübung einer Erwägung zu unterziehen. Diefe und ähnliche Beftrebungen werden gewifs die wohlthätigften Folgen für die Zuftände der mufikalifchen Erziehung und der allgemeinen Bildung herbeiführen. Die im öfterreichifchen Schulhaufe exponirten mufikalifchen Lehrmittel ſtehen bereits zum grofsen Theile auf dem letzterwähnten Standpunkte, der nur infoweit ein idealer genannt werden kann, als die Durchführung desfelben erft nach verfchiedenen Richtungen hin anzubahnen fein wird. In der That trifft man in mehreren öfterreichifchen Landgemeinden, in Dörfern, Märkten und kleineren Städten ein ziemlich reges mufikalifches Leben, das feinen Ausgangspunkt vom Schulhaufe, das ift dort nimmt, wo die geeignete Perfönlichkeit, der mufikalifch gebildete Lehrer, fich findet. Solchen Beftrebungen fuchte nun die mufikalifche Ausftattung des öfterreichifchen Schulhaufes entgegen zu kommen. Sie berückfichtigte nicht allein die Bedürfniffe der mufikalifchen Jugenderziehung, indem fie eine Mufikalifche Lehrmittel. 5 Reihe der beften und zugeich billigften gefanglichen Lehrmittel zufammenftellte, fondern bot auch dem Lehramts- Candidaten und dem Lehrer felbft in einer Auswahl vorzüglicher Unterrichtswerke die Mittel zur eigenen Fortbildung und zur erfpriefslichen Wirkfamkeit in der Gemeinde. Es ift ja bekannt, wie mannigfaltige und weitgehende Anforderungen in diefer Beziehung an den Lehrer geftellt werden, der häufig zugleich Organift, Violinfpieler, Dirigent u. f. w. fein foll. Alle diefe Qualitäten find in der kurzen Zeit, welche das Gefetz für feine pädagogiſche Bildung vorfchreibt, nicht in dem erforderlichen Mafse erreichbar; er mufs diefelbe, wenn er anders von dem Ernfte feines Berufes innerlich durchdrungen ift, nach allen Seiten hin zu ergänzen trachten. Demnach erftreckte fich jene Auswahl auf folgende Gebiete der Mufik: A. Gefang, B. Clavier, C. Violine, D. Orgel und Mufikwiffenfchaft, und ftellt fich folgendermafsen dar: Name des Verfaffers oder Herausgebers Titel des Werkes Verleger Preis und Verlagsort A. Gefang. I. Stufe, Gefangunterricht nach dem Gehöre. H. Bönicke „ Der Gefangunterricht nach dem Gehöre; eine VorbereiBrandftetter, Leipzig. 3 Sgr. tung zur Chorgefangfchule." Fr. Schneider, Liederbuch für Volksfchu- H. W. Schmidt, len." I. Heft. 12 Sgr. Erk und Greef ,, Singvögelein." 1. Heft. Halle. Bädecker, Effen. 1 Sgr. 3 Pf. II. Stufe, Gefangunterricht nach Noten. J.J. Schäublin, 30 Wandtabellen für den Bahnmeier, Leipzig. Gefangunterricht." J. P. R. Rein- ,, Für Schule und Haus." Breitkopf& Härtel, ecke Sammlung ein-, zwei- und mehrftimmiger Lieder aus Leipzig. neuerer und neuefter Zeit. Baierifcher Liederbuch für VolksfchuVolksfchullen." lehrer- Verein Roller Dannheimer, Kempten. 2 Thlr. 5 Sgr. Liederbuch für die öfter- Mährifch- Trübau. reichifchen Volksfchulen." Erk und Greef, Singvögelein." 2., 3. und Bädecker, Effen. à 1 Sgr. 3 Pf. H. Bönicke H. Bönicke 4. Heft. III. Stufe, Vorbereitung zum Chorgefange. ,, Chorgefangfchule". I. Curfus enthaltend 92 ein- und zweiftimmige Uebungen und Gefänge für Sopran und Alt; 2. Curfus, 66 mehrftimmige Uebungen für Sopran undAlt. Commentar zum 1. Curfus. Brandftetter, Leipzig. 3½ Sgr. 5 Sgr. 99 3½ Sgr. 23 6 Rudolf Weinwurm. Name des Verfaffers oder Herausgebers H. Bönicke Titel des Werkes Verleger und Verlagsort IV. Stufe, Fortbildung. Chorgefangfchule." 3. Curfus, 89 Uebungen, Lieder und Gefänge für Sopran, Alt, Tenor und Bafs zum Gebrauche für Mittelfchulen und Gefangvereine. Partitur. H. Bönicke, Chorgefangfchule für Männer Stimmen" enthaltend 66 zwei- und vierftimmige Uebungen und Gefänge zum Gebrauche für Seminarien Preis Brandftetter, Leipzig. 12 Sgr. 12 Sgr. und Männer- Gefangvereine. J. Heim Sammlung von Volksge- Depôt der Züricher fängen für den gemifchten Schulcommiffion. Chor", enthaltend 254 Num10 Sgr. mern in Partiturausgabe. 99 15 Sgr. Fr. Schubert Sämmtliche Chorgefang- Ed.Peters, Leipzig. Werke für Frauenchor" in Partitur mit untergelegtem Clavierauszug. Fr. Schubert Sämmtliche ChorgefangWerke für Männerchor." Fr. Schubert, Chorgefang- Werke für 2 Thlr. " I Thlr. 15 Sgr. " gemifchten Chor." B. Clavier. " Kinder- Clavierfchule." H. Wohlfahrt Anaft. Struve 50 harmonifirte Uebungsftücke zu 2 und 4 Händen." 4 Hefte. Breitkopf& Härtel, Leipzig. Kahnt, Leipzig. à 15 Ngr. C.H.Hohmann ,, Prakt. Clavierfchule" 3 Curfe. W. Schmid, Münch. à 2212 Ngr. L. Köhler , Erfter Unterrichtsgang im André, Offenbach. Clavierfpiel." H. Bönicke, Der erfte Unterricht im Breitkopf& Härtel, J. Knorr · ע Pianoforte- Spiel." de." 2 Theile. C. Reinecke Op. 54, Vierhänd. Clavier, Ausführliche ClaviermethoLeipzig. Kahnt, Leipzig. Senff, Leipzig. à 15 Ngr. Kahnt, Leipzig. I Thlr. 20 Ngr. à 10 Ngr. " ftücke." 2 Hefte. J. Handrock Op. 32,„ Der Clavierfchüler im erften Stadium." 2 Hefte. Op. 199, 30 kleine melo- Gotthard, Wien. difche L. Köhler C. Czerny Unterrichts- Stücke." 3 Hefte. ,, 100 Uebungsstücke." Holle, Wolfenbüttl. Mufikalifche Lehrmittel. Name des Verfaffers oder Herausgebers Titel des Werkes Verleger. und Verlagsort J. Mofcheles Op. 107,„ Tägliche Studien Kiftner, Leipzig. über die harmonifirten Scalen." 59 vierh. Charakterftücke. 2 Hefte. Preis à 2 Thlr. 7 Bertini , Etuden." Op. 29 und 32. R. Volkmann ,, Mufikalifches Bilderbuch." Litolff, Braunfchweig. Kiftner, Leipzig. 10 Sgr. à 20 Ngr. Zu 4 Händen, 2 Hefte. Bertini " Etuden." Op. 100. 10 Sgr. C. Czerny Schule der Geläufigkeit." " 3 Hefte. Litolff. Holle. Stephen Heller Op. 45,, Etudes melodiques." Schlefinger, Berlin. à 22½ Sgr. R. Schumann Op. 15.„ Kinderfcenen." L. Plaidy Cramer R. Schumann Clementi Seb. Bach S. Lebert " 9 " Technifche Studien." , Etuden." 2 Hefte. Op. 82. Waldfcenen." " Gradus ad Parnassum." Breitkopf& Härtel. " 25 Ngr. 2 Thlr. 15 Ngr. Ed. Litolff. Senff, Leipzig. I Thlr. 5 Ngr. Ed. Litolff. ,, Das wohltemper. Clavier." Holle, Wolfenbüttl. 2 Thlr. 5 Ngr. ,, Inftructive Ausgabe claffi- Cotta, Stuttgart. fcher Clavierwerke"( Haydn, Mozart, Beethoven, Schubert, H. Ulrich " 9 Weber). Leuckart's Hausmufik." Leuckart, Leipzig. Sammlung claffifcher Inftrumentalwerke im vierhändig. Arrangement, bisher 13 Lieferungen. à 15 Ngr. C. Violine. Moriz Schoen, Praktifcher Lehrgang für Leuckart, Leipzig. d.Violinunterricht." 25 Lieferungen. C.H.Hohmann Praktifche Schule für W. Schmid, Münangehende Violinfpieler." 5 Curfe. Op. 85, 60 Uebungen." L. Janfa F. Krieger R. Kreutzer " F. David " 9 Hefte. à 12 Ngr. à 18 Ngr. chen. Spina, Wien. 3 Thlr.22Ngr. 2 Thlr. " Technifche Studien." Forberg, Leipzig. Etuden für Violine", revidirt Leuckart, Leipzig. 1 Thlr. 15 Nge. von Hering. Vorftudien zur hohen Breitkopf& Härtel, Schule des Violinfpieles. Leichtere Stücke aus Werken berühmter Meifter des 17. und 18. Jahrhunderts für Violine und Clavier bearbeitet." Bisher 10 Hefte. Leipzig. 8 Name des Verfaffers oder Herausgebers Rudolf Weinwurm. Titel des Werkes Verleger und Verlagsort Preis D. Orgel und Mufikwiffenfchaft. G. Hertzog " C.H.Hohmann, Praktiſche Orgelfchule für Schmid, München. Jul. André H. Rink B. Kothe Ad. Heffe A. B. Marx E. F. Richter Orgelfchule." angehende Organiften." „ Orgelfchule." Deichert, Erlangen. 2 Thlr. 22½ Ngr. André, Offenbach. 3 fl. 36 kr. à 1½ Thlr. ,, Praktifche Orgelfchule." Simmrock, Bonn. 6 Theile. ,, Handbuch des Organiften." Leuckart, Leipzig. " Sammlung von Orgelcompofitionen." 20 Hefte. " ,, Allgemeine Mufiklehre." Breitkopf& Härtel. , Harmonielehre." " C.H.Hohmann, Harmonie- und General- Schmid, München. bafs- Lehre." Diefe Zufammenftellung führt, wie man fofort erkennt, die muſikaliſche Bildung auf allen Gebieten, namentlich aber auf dem Gebiete des Gefanges, bis zu dem Punkte eigentlich künftlerifcher Uebung fort. Sie fetzt voraus, dafs man es nicht, wie bisher, bei den geringen mufikalifchen Anregungen und mangelhaften Kenntniffen bewenden laffe, die in der Volksfchule erworben werden. Auch darüber hinaus und durch das ganze Leben foll die Kunft, der ein fo hoher Einfluss auf die fittliche und gemüthliche Richtung des Volkes zukommt, den Menfchen begleiten. Demnach finden fich fchon in der 2. Stufe der Abtheilung ,, Gefang" mehrere Werke aufgezählt, die ebenfowohl in den höheren Claffen der Volksfchulen und den anfchliefsenden Mittel- und Lehrerfchulen, als auch dort verwendet werden können, wo die Mittel und Wege vorhanden find, die weitere mufikalifche Bildung des Volkes ins Auge zu faffen. Diefs ift bisher nur einfeitig, nur nach der Richtung des Männergefanges und auf private Initiative hin gefchehen. Das künftlerifche Ziel aber darüber herrfcht nur eine Meinung - mufs der gemifchte Chor fein, der ja den Männergefang gleichfalls in fich fafst. Der Weg hiezu ift in den Ueberfchriften zur 3. und 4. Stufe der Abtheilung Gefang: Vor bereitung zum Chorgefange" und" Fortbildung" angedeutet und eine Anzahl der beften hiehergehörigen Werke angegeben. Es wäre Sache der Staatsbehörden und der Gemeinden, die Löfung diefer Frage, an welcher die Kunft und die Gefellſchaft ein gleiches Intereffe haben, in die Hand zu nehmen. - " Was nun einzelne der hier angeführten Werke betrifft, fo find aus der Abtheilung Gefang die von künftlerifchem Hauche belebten Unterrichtswerke von Bönicke( derzeit Mufikdirector in Hermannftadt) insbefonders hervorzuheben; eine beffere Sammlung kleiner ein- und zweiftimmiger Lieder aber als die von Reinecke( weiland Mufiklehrer in Altona) wird man trotz der zahllofen Erfcheinungen auf diefem Gebiete kaum entdecken können, wenn auch nicht zu verkennen ift, dafs die pädagogifche und methodifche Anordnung des kleinen Büchleins noch zu wünſchen übrig läfst und feine Anwendbarkeit in der vorliegenden Form( ohne die nothwendige Clavierbegleitung) nur in der Hand eines tüchtigen Fachmannes möglich ift. Den Schäublin'fchen Gefangunterrichts- Werken wie auch den Sammlungen von Heim werden wir noch an anderem Orte Schweiz begegnen und bei diefer Gelegenheit Näheres, namentlich über die letzteren, mittheilen; des erfteren 30 Wandtabellen für den Gefangunterricht - - in der Mufikalifche Lehrmittel. 9 erfcheinen dem Referenten als das vorzüglichfte Werk dieter Art. Die fchönen, aufserordentlich billigen und dabei vollſtändigen Ausgaben der Chorwerke Schubert's aus dem Verlage von Peters haben lange fchon die Anerkennung des Publicums erworden. Unter den Clavierwerken haben wir die bekannten Werke eines Czerny, Bertini, Köhler, Clementi, Cramer gefunden, über deren Werth zu fprechen wohl überflüffig wäre. Die Claffiker Haydn, Mozart, Beethoven, Weber, Schubert waren vertreten durch die grofse und aufserordentlich werthvolle„ inftructive Ausgabe claffifcher Clavierwerke" aus dem Verlage Cotta in Stuttgart. Diefe Ausgabe, an welcher bekanntlich Liszt, Bülow, Faifst und mehrere andere hervorragende Künftler mitgearbeitet haben, ift eines der fchönften Denkmäler deutfchen Kunftfinnes und wird überall unentbehrlich fein, wo es fich nebft kunftgerechter Ausführung der Tonwerke um das geiftige Verftändnifs derfelben handelt. Ausserdem fand fich auch die unter dem Namen„ Leuckart's Hausmu fik" bekannte vortreffliche Sammlung claffifcher Inftrumentalwerke im vierhändigen Arrangement. Die in den weiteren Gebieten noch aufgezählten Werke find fchon durch ihren Titel hinlänglich charakterifirt. Zu bemerken ift nur noch, dafs in allen Gebieten für die erften Stadien des Unterrichtes mehrere Werke angeführt worden find, theils um der fo verfchiedenartigen natürlichen Begabung und der damit zufammenhängenden pädagogifchen Auswahl, theils um der nothwendigen Rückficht auf den Maffenunterricht in der Schule oder den Einzelunterricht in der Familie Rechnung zu tragen. An mufikalifchen Inftrumenten waren vorfindlich: ein kleines Harmonium( älterer Art) und eine Violine im Schulzimmer, letztere von der Firma Lemböck in Wien, und in der Wohnung des Lehrers ein fehr fchönes Pianino aus der Fabrik des Herrn Ehrbar in Wien. Letztere Firma geht dem Vernehmen nach eben daran, die Fabrication eigener aufserordentlich billiger und folider Schulinftrumente in Angriff zu nehmen. Eine weitere Art der Betheiligung Oefterreichs und fpeciell Wiens an der Weltausftellung, die während des Zeitraumes derfelben hier ftattgefundenen Aufführungen, liegen aufser dem Bereiche unferer Befprechung. Sie waren und find allerdings, wie hier nur kurz bemerkt werden foll, geeignet, ein anfchauliches Bild der Pflege der Tonkunft zu geben und der Kaiferftadt Wien den Ruf zu wahren, welchen fie feit Langem als eine der erften und bedeutendften Mufikftädte der Welt geniefst. Ungarn. Der Auffchwung, der fich in der neueften Zeit in Ungarn auf allen Unterrichtsgebieten kundgibt, wird auch die erfreulichften Folgen für das muſikaliſche Gebiet herbeiführen. Ein anfchauliches Bild diefes Auffchwunges gibt der„ Bericht des königlich ungarifchen Minifteriums für Cultus und Unterricht" an den( ungarifchen) Reichstag über den Zuftand des öffentlichen Unterrichtes in den Jahren 1870 und 1871, welcher die für die Weltausftellung zufammengeftellte Collectivausftellung im Unterrichtsfache illuftrirt. Der Bericht widmet der Mufik und dem Mufikunterrichte ein eigenes, wenn auch fehr kurzes Capitel, dem wir einige bemerkenswerthe Angaben entnehmen. Seit dem Jahre 1868 ift für die Elementarund Bürgerfchulen Gefang, für die Lehrer- Bildungsanftalten Gefang und Mufik als obligatorifcher Lehrgegenftand erklärt, und die Regierung läfst es fich angelegen fein, dafür zu forgen, dafs diefe Lehrgegenftände„ nicht nur im Lehrplan figuriren, fondern dafs die Jugend in denfelben auch wirklich gebildet und durch diefe Schulerziehung der edlere Gefang und die edlere Mufik im Volke verallgemeinert werde". Es fehlte bis dahin an geeigneten Lehrmitteln in ungarischer die Regierung veranlafste ihre Abfafsung- es fehlte ferner an den Sprache - 10 - Rudolf Weinwurm. Lehrkräften die Regierung fchickte, wie aus anderen Stellen jenes Berichtes hervorgeht, einige befonders begabte Lehrer ins Ausland, damit fie die Kenntniffe in ihrem fpeciellen Fache ergänzen und fie nach ihrer Rückkehr den VolksfchulLehrern mittheilen, für welche Ergänzungslehrgänge in verfchiedenen gröfseren Städten des Landes angeordnet wurden. Dadurch wurde auch die Methode des Gefangunterrichtes- über welche wir noch weiter unten zu fprechen haben werden in vielen Theilen des Landes eine einheitliche. Weiter führt jener Bericht an, dafs in das Budget der Jahre 1871 und 1872 je 2500 Gulden als mufikalifche Stipendien und Unterſtützungsgelder eingeftellt waren und dafs mit einem gleichen Betrage das Pefter National confervatorium unterſtützt wurde. Diefes hatte im Jahre 1871 12 angeftellte Musiklehrer und 217 Schüler und leiſtete bei nur geringem jährlichen Einkommen aufserordentlich Erfpriefsliches. Auch das Vereinswefen hat fich in Ungarn fchon fehr entwickelt. - Die in der Collectivausftellung vorfindlichen mufikalifchen Lehrmittel waren zwar fehr wenig zahlreich, doch gewährten fie einen deutlichen Einblick in die beim Unterrichte acceptirte Methode und in den Umfang des Unterrichtes. Für die Bedürfniffe der allererften Jugend forgen mehrere Hefte„ Kinderlieder" etc. ,, zu Fröbel's Entwicklungsfyftem" von Kohányi, die für den Unterricht nach dem Gehöre recht brauchbar angelegt find. Sie enthalten viele Nummern deutfchen Urfprunges, überdiefs auch einige original- ungarifche Weifen. Zwei Hefte davon find auch in einer deutſchen Ausgabe erfchienen. Die weiter vorfindlichen Unterrichtswerke, in summa 33, wurden laut Katalog theils vom Minifterium, theils von Verfaffern und Verlegern der Collection einverleibt. Unter ihnen nahmen die auf Veranlaffung des Minifteriums verfafsten Werke von Stefan Bartalus vor Allen anfere Aufmerkfamkeit in Anfpruch. Es find die mit den Nummern 410-413 und 1118-1120 im Katalog bezeichneten Werke in ungarifcher Sprache mit folgenden Titeln Gefangs- ABC für Volksfchulen 1., 2., 3. und 4. Jahrgang", ferner damit correfpondirend:" Leitfaden für Volksfchul- Lehrer zum Unterrichte im Singen, 1., 2., 3. und 4. Jahrgang" und„ Einleitung zum Clavier- und Orgelfpiel". Der in diefen Gefang- Unterrichtswerken angewendeten Methode werden wir im Verlaufe diefes Berichtes noch an zwei Orten begegnen, nämlich in Amerika und( wie es fcheint im gemeinſamen Stammlande derfelben) in der Schweiz. Im letzt genannten Lande foll fie zu Anfang diefes Jahrhunderts von Michael Pfeiffer, der eine Zeit lang an der Peftalozzi'fchen Anftalt den Gefangunterricht leitete, wahrfcheinlich über Anregung Peftalozzi's, und nach ihm von Johann Georg Nägeli, dem Vater des Volksgefanges", beim Maffenunterrichte zuerft angewendet worden fein. Von dort verbreitete fie fich in andere Länder; in mehreren Theilen der Schweiz fteht fie noch gegenwärtig in Anwendung, wie diefs namentlich die in der Schweizer Abtheilung exponirten Werke von Johann Weber in Zürich darthun, welche fich Bartalus anfcheinend zum Mufter genommen hat. Jene Methode entwickelt die Elementarkenntniffe der Mufik in aufserordentlich langfamem Stufengange, wie er der geringen Faffungskraft im frühen kindlichen Alter wohl angemeffen fein mag, und zertheilt fie nach ihren Grundelementen, nach Tonhöhe, Rhythmus, Notation u. f. w. Die Notenlinie z. B., die bekanntlich aus einem Syftem von fünf über einander gefetzten Linien und den entſprechenden Zwifchenräumen besteht, wird nach jener Methode im Anfange durch eine einzige Linie repräfentirt, der fich nur nach und nach und in langen Zeiträumen die übrigen Linien anfchliefsen( das zuerftgenannte Bartalus'fche Werk z. B. weift erft im 4. Jahrgange die gewöhnliche Notenlinie auf). Ein näheres Eingehen auf die Methode und einen weiteren Vergleich zwifchen den angeführten Werken der ungarifchen und fchweizer Abtheilung müffen wir uns hier verfagen. Schien es auf dem Gebiete des Gefangunterrichtes angemeffen, eine tüchtige Lehrkraft mit der Bearbeitung eines bezüglichen Werkes in ungarifcher Sprache und mit Rückficht auf locale Verhältniffe und etwa nothwendige Verbefferungen, Erweiterungen und Abänderungen zu betrauen, fo war es nach der Mufikalifche Lehrmittel. 11 Meinung des Referenten überflüffig, auf anderen Gebieten der mufikalifchen Erziehung die nationale Production wachzurufen. Das alte ungarifche Sprüchlein: ,, Extra Hungariam nulla vita, Si est vita, non est ita" mag zwar in vielen Beziehungen des Lebens noch heute feine Geltung haben, ja, man könnte ihm fogar eine fpecififch muſikaliſche Beziehung beilegen, wenn es fich allenfalls um die Nationalinftrumente Cymbal und Czakan handelte; der Unterricht in diefen bildet aber wohl keinen Gegenftand der ungarifchen Semi narien; hier handelt es fich um Clavier-, Violin- und Orgelfpiel, und Unterrichtswerke dafür find in Hülle und Fülle und in einer Qualität vorhanden, die nicht leicht übertroffen werden wird. Die Regierung konnte fich die Sorge um ein ,, Anleitungsbuch zum Clavier- und Orgelfpiel", der Verfaffer die Mühe einer folchen Arbeit erfparen; man hätte einfach eines der hiehergehörigen befferen deutfchen Werke, z. B. Czerny, Köhler, Hohmann, Rink, Hertzog etc., in dem begleitenden Texte ins Ungarifche überfetzen und fich allenfalls damit begnügen follen, es zu einem fehr billigen Preife in die Hände der Schüler gelangen zu laffen. In der That fteht das unter dem eben erwähnten Titel von Bartalus verfafste Werk hinter ähnlichen Leiftungen bei anderen Nationen zurück, wenngleich die Richtigkeit der darauf bezüglichen Bemerkung des Minifters im officiellen Berichte zugegeben werden kann:„ Ich habe mich durch perfönliche Anfchauung und Erfahrung davon überzeugt, dafs...... .. Jünglinge, die vor einem Jahre noch gar nichts von Mufik verftanden, obwohl gemeinſam lernend, fowohl im Clavier als auch im Orgelſpiel überraschende Fortfchritte machten." 9.99 Diefelbe Methode im Gefangunterricht, wie Bartalus, befolgt Nagy in feinem„ Enektanitásra gyakorlókörny"( Gefangbuch für Volksfchulen) und dem correfpondirenden Leitfaden für die Lehrer," Vezérkönyv az énektanitásban népiskolák számára"( Nr. 414 und 1121 des Katalogs), nur fafst er fich etwas kürzer und fondert die Lieder von dem vorangegangenen theoretifchen und Uebungstheile. Unter den Liedern finden fich auch mehrere deutfche Weifen mit ungarifchem Text, z. B. ,, Kukuk ruft's aus dem Wald"," Weifst du, wie viel Sterne ftehen," ferner Liedchen von Anfchütz, Sechter. Das Werkchen ift in feiner aufliegenden Geftalt für die 1. und 2. Claffe der Volksfchulen beftimmt, es ift fomit unvollendet, obzwar in feinem Erfcheinen etwas älteren Datums als das früher erwähnte von Bartalus. Es fcheint faft, dafs die beiden Verfaffer gleichzeitig um die Gunft der Regierung fich bewarben, dafs jedoch Nagy in diefer Beziehung unterlegen fei und auf die Weiterführung feines Werkes verzichtet habe. Von den übrigen noch ausgeftellten Werken heben wir noch folgende hervor:„ Egri dalnok...."( Auserlefene Sammlung ernfter und heiterer Gefänge für ungarifche Gymnafien, Realfchulen und gefellige Kreife) für Sopran, Alt, Tenor und Bafs, einige auch blofs für Männerftimmen gefetzt und in Erlau erfchienen. Sowohl in diefer Sammlung ( Nr. 421) als in der„ Harmonia, 50 dalgyüjtemény", Sammlung von 50 Liedern für Männerftimmen( Nr. 1141 des Katalogs) traf man eine Reihe wohlbekannter Lieder und Gefänge in ungarifcher Uebertragung; wir führen hier nur an: Kapelle und Chor aus dem Nachtlager von Kreutzer; Gebet aus Freifchütz, Chor aus Preciosa, Gebet vor der Schlacht und Lützow von Weber; Loreley von Silcher; Chöre aus Tannhäufer, Lohengrin und fliegender Holländer von Wagner; Volkslied, Jägerlied, Choral von Mendelsfohn; die Nacht von Schubert; Abendftunden von Mozart; Ständchen von Marfchner etc. Ka poffy's" Szerkönyv kathol. kántarock számára"( Ritualbuch für katholifche Cantoren, Katalog Nr. 1132) enthält eine grofse Anzahl kirchlicher Gefänge mit fpecieller Rückficht auf liturgifche Zwecke. Der Text ift ungarifch, theilweife auch lateinifch, der mufikalifche Satz ift durchaus für Männerftimmen. Das Werk trägt auf dem Titelblatte eine Empfehlung von Fr. Liszt, ift in Erlau 1870 erfchienen und dafelbft, wie auch in mehreren anderen Lehrer- Bildungsanftalten eingeführt. Auffällig darin, wie auch in anderen ähnlichen ungarifchen Werken find die für die Char 12 Rudolf Weinwurm. woche beftimmten Gefänge, die Paffionsgefänge, die mit vertheilten Rollen im Anfchlufs an die biblifche Erzählung der Leidensgefchichte in den Kirchen aufgeführt werden. Künftlerifche Ausbildung hat Langer's, Gefanglehre" in 2 Theilen ( ungarifch- deutfch, Katalag Nr. 1126 und 1127) im Auge; das Werk fteht dem Vernehmen nach am Confervatorium in Peft in Verwendung; desgleichen Huber's Violinfchule"( Katalog Nr. 1124), die für den erften Unterricht fehr brauchbar zu fein fcheint. Dem Kataloge der Collectivausftellung entnehmen wir ferner die Bemerkung, dafs im laufenden Jahre die Errichtung einer„ Landes- Mufikakademie" befchloffen wurde, die noch heuer eröffnet werden foll. In Siebenbürgen herrfcht ein ziemlich entwickeltes muſikaliſches Leben; Hermannftadt namentlich befitzt eine blühende Mufikfchule und einen hohe künftlerifche Ziele verfolgenden Mufikverein. Deutſchland. - Man würde fehlgehen, wenn man fich nach den Anhaltspunkten, welche die hieherbezügliche Ausftellung Deutfchlands in der Gruppe XXVI bot, ein Gefammtbild mufikalifchen Erziehungs- und Bildungswefens in Deutſchland bilden wollte. Das bedeutendfte Mufikland der Welt, das fowohl nach Seite der mufikalifchen Schöpfungen, als nach Seite der Mufikübung und der Anftalten zur Pflege der Tonkunft gegenwärtig unbeftritten den erften Rang behauptet, begnügte fich mit der Einfendung einiger Lehrmittel, die an Volks- und Mittelfchulen und Seminarien in Gebrauch ſtehen! Wenn doch wenigftens diefe Sammlung vollſtändig gewefen wäre, damit man ein Bild des Schulunterrichtes gewonnen hätte! Sie war jedoch, wie dem Referenten bekannt ift, fehr unvollständig und dürfte kaum mit Ausnahme Sachfens, das etwas beffer vertreten war die Hälfte deffen repräfentirt haben, was gegenwärtig an den Schulen wirklich in Verwendung fteht. Abgefehen davon, hat man in den hiehergehörigen Ländern( wieder mit Ausnahme Sachfens) es verfäumt, die mufikalifchen Werke in eine Rubrik zufammenzuftellen und ordentlich zu katalogifiren, fo dafs ihre Auffindung in der Collectivausftellung mit aufserordentlicher Mühe verbunden war. Nur der fächfifche Katalog ift ein Muſter von Anordnung und Genauigkeit und erleichterte in geeigneter Weife die Arbeit. Mittheilungen und Angaben, die fich auf die Pflege der Tonkunft und die Mufikbildung in weiterem Sinne beziehen, fuchte man faft überall vergebens. Ueber die hervorragendften Mufikinftitute der Welt, eine Leipziger, Berliner, Münchener u. f. w. mufikalifche Hochfchule, deren gegenwärtige Zuftände gewifs von allgemeinem Intereffe fein würden, war nichts zu finden, defsgleichen nichts über die Zuftände des muſikaliſchen Vereinswefens, das doch in dem mit Vereinen fo überaus gefegneten Deutfchland eine fo bedeutende Rolle fpielt. Unter folchen Umftänden mufs fich der Referent, gemäfs dem für diefen Bericht vorgezeichneten Plane, auf eine Sichtung des wirklich vorhandenen Materials befchränken, der nur einige mit nicht geringer Mühe aus verfchiedenen Quellen gefammelte allgemeine Bemerkungen über den Musikunterricht an Schulen vorhergehen follen. A. Preufsen. Nach den Falk'fchen Regulativen vom 15. October 1872 ift der Gefangunterricht an den Volksfchulen obligat und werden demfelben in der Unterftufe I Stunde, in der Mittel- und Oberftufe je 2 Stunden wöchentlich zugewendet. Ziel ift die fichere Einprägung einer Anzahl von Chorälen und Volksliedern, letztere möglichft mit allen Strophen der bezüglichen Texte. Der Lehrplan für Mufikalifche Lehrmittel. 13 Mittelfchulen"( worunter man in Preufsen die der Volksfchule fich anfchliefsenden fechsclaffigen Bürger- und Realfchulen verfteht) enthält gleichfalls den Gefang als obligaten Lehrgegenftand und fchreibt die Grundzüge der einzuhaltenden Methode gefetzlich vor. Der bezügliche, fehr intereffante Abſchnitt der Regulative lautet: ,, Gefang. Sechste Claffe. Zwei Stunden. Stimm- und Treffübungen innerhalb des Tonumfangs von bis d. Als Tonarten kommen vorzugsweife in Betracht: G-, F- und D- dur. Die fämmtlichen Treffübungen find mit beftimmter taktifcher( zweiund dreitheiliger) Betonung auszuführen. Als Tonzeichen dient die Ziffer. Es wird durchgehends nur in den Stärkegraden von mezzo- forte und piano gefungen. Einübung von etwa fechs bis acht Choralmelodien und einigen( acht bis zehn) einftimmigen weltlichen Gefängen aus dem Bereiche obiger Tonarten. Fünfte Claffe. Zwei Stunden. Der bisherige Tonumfang wird durch die Töne und erweitert. Die Stimm- und Treffübungen erftrecken fich auf die Töne von bis f. Sämmtliche Uebungen treten in beftimmter taktifcher Form auf. Zwei-, drei- und viertheiliger Takt unter der Form von einfachen, doppelten und dreifachen Takttheilen und Taktgliedern erften Ranges. Die Ziffer dient als Tonzeichen. Einübung von acht bis zehn Choralmelodien und eben fo vielen weltlichen Liedern. Alles einftimmig und im Bereiche der in Claffe fechs vorgekommenen Tonarten auszuführen. Vierte Claffe. Zwei Stunden. Als Tonzeichen tritt die Note auf. Die Stimm- und Treffübungen werden an der C- dur- Tonleiter gemacht. Auch Gefänge aus F- und G- dur können nach der( bis jetzt noch etwas mangelhaften) Notenbezeichnung eingeübt werden, mit der durch den Standpunkt der Kinder gegebenen Befchränkung. Die bisherigen rhythmifchen Tonverhältniffe im Zweiviertel-, Dreiviertelund Vierviertel- Takt werden an der Note veranfchaulicht und eingeübt. Aus dem dynamifchen Elemente tritt poco- forte und forte nebft lindem crescendo und diminuendo auf. Acht bis zehn Choralmelodien und weltliche Lieder aus C., F- und G- dur werden eingeübt. Alles noch einftimmig zu fingen. Dritte Claffe. Zwei Stunden. Stimm- und Treffübungen in den Tonarten C-, F- und G- dur. Der Tonumfang erhält eine Erweiterung durch die unterhalb gelegenen Töne h, a, g. Die Töne fis und 6 in der G- und F- dur- Tonleiter gelangen jetzt zur gründlichen Anfchauung und Einübung. Auch die übrigen chromatifchen Töne cis, gis etc. find vorzuführen. Vorführung und Einübung des Dreiachtel- und Sechsachtel- Taktes nebft Einführung der Tondauer von anderthalb Takttheilen. Vorführung und Einübung der Paufen und Paufezeichen. Einführung in den zweiftimmigen Gefang. Zehn einftimmige Choralmelodien, zehn bis zwölf weltliche Lieder, in einund zweiftimmigem Tonfatze. Zweite Claffe. Zwei Stunden. Stimm- und Treffübungen in den Tonarten D-, B-, A- und Es- dur. , Einführung in die verfchiedenen Tempograde. Viertheilige Gliederung der Takttheil- Noten in den bisherigen Taktarten, Vorführung der auf viertheilige Gliederung des Takttheiles geftützten punktirten Form. Als Stärkegrad tritt Forte hinzu. Zehn bis zwölf theils ein-, theils zweiftimmige Choräle. Zehn bis fünfzehn zweiftimmige weltliche Lieder. Erfle Claffe. Zwei Stunden. Es werden die bekannteren Moll- Tonarten: A-, D-, E-, G- und C- moll vorgeführt und eingeübt. 2 14 Rudolf Weinwurm. Einführung in den dreiftimmigen Gefang für zwei Soprane und ein Alt. In Schulen mit mehr als fechs Claffen kann der Gefang für gemifchten Chor eintreten. Die Bäffe haben fich alsdann in fehr mäfsigem Tonumfange zu ergehen. Das Auswendigfingen ift vorzugsweife auf einftimmige Choräle und Lieder, weniger auf drei- und vierftimmige Tonfätze anzuwenden." - Diefe Methode ift offenbar im Hinblicke auf ein ganz beftimmtes Werk- vielleicht das weiter unten angeführte, allerdings beachtenswerthe von Kotzolt- vorgefchrieben worden. Ob eine Entfcheidung in Fragen künftlerifchen Inhalts Sache des Gefetzes fei, möge dahingeftellt bleiben. Der Referent möchte behaupten, dafs es unter allen Umftänden gerathen fei, Spielraum zu laffen zur Auswahl unter mehreren guten Unterrichtswerken, welche die Regierungen durch geeig. nete Fachmänner in Evidenz zu bringen und zu halten hätten. Durch eine Vorfchrift, wie die vorftehende, find alle anders gearteten Unterrichtswerke von der Benützung von vorneherein ausgefchloffen, mögen fie auch noch fo viele innere Vorzüge befitzen. Der immenfe Reichthum Deutſchlands an derartigen Werken ift bekannt; fie bildeten und bilden noch immer die, Grundlage für ähnliche Leiftungen faft in der ganzen übrigen Welt; nicht minder bekannt ift, dafs etwa zwei Dritttheile derfelben in das Gebiet der Dutzendwaaren zu rechnen find, ohne künftlerifchen Beruf, ohne pädagogifchen Ernft abgefafst, Producte gewinnfüchti ger Speculation oder leidiger Eitelkeit. Immerhin reftirt eine anfehnliche Anzahl von Werken, welche die angeführte Methode nicht befolgen und dennoch vortreff lich find. Sie enthält zwar manches Gute, z. B. die Beftimmungen über die Stärkegrade, in welchen gefungen werden foll, im Ganzen aber erfcheint fie dem Referenten als ungenau, unvollständig und die Luft an der herrlichen Kunft eher hemmend als befördernd. Jeder Fachmann wird um nur Einiges zur Begründung unferer Meinung anzuführen- z. B. wiffen, dafs bei einer grofsen Zahl der SopranKinderftimmen die höheren Töne f, g u. f. w.( die fogenannte Kopfftimme) oft ganz klar und deutlich anfprechen und mufikalifch verwendbar find, während die darunter liegenden oberen Töne des Bruftregifters h, c, d noch gar nicht oder nur unvollkommen vernehmbar find. Eine künftlerifche Methode wird nun darauf ausgehen, vorerft jene oberen Töne nicht brach liegen zu laffen und ferner die Stimme von jenen aus nach abwärts zu entwickeln, um die Verbindung mit dem Bruftregifter nach und nach zu gewinnen. Vergleiche man nun hiemit die obenangeführ ten Vorfchriften für die fünfte Claffe:„ Der bisherige Tonumfang wird durch die Töne é und erweitert; die Stimm- und Treffübungen erftrecken fich auf die Töne von bis f." Man wird vielleicht einwenden, dafs es fich hier um die Stimmentwicklung im Maffenunterricht handle, nicht um die Stimmbildung im eigentlichen künftlerifchen Sinn. Dem wäre zu entgegnen, dafs der Maffenunterricht nicht darauf ausgehen darf, das Stimmmaterial zu ruiniren, dafs aber in unferem Falle das Gefetz den Ruin der Stimme geradezu herbeiführen würde. Kann man es ferner gerechtfertigt finden, dafs das Gefetz für die fechste und fünfte Claffe vorfchreibt: Als Tonzeichen dient die Ziffer"? Die Ziffer ift bekanntlich ein Sinnbild des. Zahlenbegriffes, nimmermehr ein Anfchauungsmittel des Tonbegriffes, für diefen bildet fie einen ungenügenden und nur ganz ausnahmsweife zuläffigen Nothbehelf, für ihn ift die Note und find die übrigen Zeichen der mufikalifchen Notation da, deren Aneignung man Kindern, welche die Mittelfchule befuchen und für diefe ift ja jenes Gefetz beftimmt wohl ohne Schwierigkeit zumuthen darf. - Indem wir von weiteren Bedenken hinfichtlich diefer Methode abfehen, wenden wir uns den Verfügungen hinfichtlich des Mufikunterrichts an preufsifchen Schullehrer- Seminarien zu. Diefe find in vielen Beziehungen muftergiltig. Zum Verſtändnifs derfelben mufs hier vorausgefchickt werden, dafs fchon die Auf nahme in ein preufsifches Seminar in der Regel auch an den Nachweis der Leiftun gen in der Mufik gebunden ift, und zwar im Gefange, Clavierfpiele, Violinfpiele, a S Mufikalifche Lehrmittel. 15 der allgemeinen Mufiklehre und Harmonienlehre, und dafs bei Beurtheilung diefer Leiftungen ein ziemlich ftrenger Mafsftab angelegt wird, z. B. ,, der Präparand foll im Clavierfpiele fämmtliche Dur- und Moll- Tonleitern mit dem richtigen Fingerfatz feft einftudirt haben, einige leichte memorirte Stücke, Etuden, Sonatinen vortragen, auch leichte Clavierfätze mit einiger Sicherheit vom Blatte ſpielen können". Das Regulativ vom 15. October 1872 beftimmt für den Unterricht während der( drei) Seminarjahre Folgendes: i e 1 ,, Mufik. I. Clavierfpiel. In der dritten Claffe rein techniſche Uebungen für Anfchlag und Geläufigkeit; eigentliche Etuden in einer Stufenfolge, wie fie in den befferen Clavierfchulen gegeben ift; freie Tonftücke; auffteigend etwa von den Clementi'fchen Sonatinen in einer Reihe, worin neben bewährten Aelteren auch das berechtigte Neue Vertretung findet. In der zweiten Claffe Fortfetzung der Etuden; bei befonders begabten und geförderten Schülern felbft bis zum Cramer'fchen Werke hin; Sonaten von claffifchen Meiftern wie Mozart, Beethoven, Haydn u. f. w. nach einer vom Lehrer zu treffenden progreffiven Anordnung. In der erften Claffe bleibt das Clavierfpiel Privatübung. II. Orgelfpiel. Der Seminarift hat von Claffe zu Claffe in der eingeführten Orgelfchule nach dem Mafse feiner Begabung und feiner Vorbildung fortzufchreiten. Ausserdem fallen jeder Claffe noch allgemeine Aufgaben zu, nämlich: Der dritten: Fortgefetzte Uebung fämmtlicher Nummern des eingeführten Choralbuches; der zweiten: Einfpielen der in der Harmonielehre analyfirten und transponirten kleinen Orgelfätze, Abfpielen derartiger Stücke vom Blatte. Sichere Aneignung eines Vorfpieles zu jedem gebräuchlichen Choral, als Ausrüftung für würdiges gottesdienftliches Orgelfpiel; der erften: Choral- Transpofition, Uebung im Moduliren, Erfinden kleiner Choraleinleitungen und einfacher Zwifchenfpiele. III. Harmonielehre. Diejenigen Seminariften, welche zum Organiftendienfte nicht ausgebildet werden follen, haben zwar nichts deftoweniger an dem Unterrichte theilzunehmen, aber nur das Penfum der dritten Claffe und aus dem der erften den gefchichtlichen Theil zu abfolviren. Dritte Claffe. Aufftellung und Einübung der Dreiklänge in dur und moll, der Septimen- und Nonenaccorde nach ihren Hauptformen und den Grundgefetzen ihrer Verbindung. Zweite Claffe. Befeftigung der Zöglinge in der Kenntnifs des harmonifchen Materials und fortwährende Verwendung desfelben im Ausfetzen von Chorälen, fowie im Analyfiren, Transponiren und Einfpielen kleiner harmoniſcher, vom Lehrer gegebener Orgelfätze. Erfter Curfus der Modulation. Erfte Claffe. Harmonifirung des Chorals und des Volksliedes. Erfindung einfacher Choraleinleitungen, Bildung von kirchlich würdigen Zwifchenfpielen. Zweiter Curfus der Modulation. Die alten Tonarten. Einiges zur Kenntnifs der wichtigsten Formen der Vocal- und der Inftrumentalmufik. Bau und Pflege der Orgel. Einiges zur Gefchichte der Mufik. IV. Violinfpiel. Die Seminariften werden nicht nach Jahrescurfen, fondern nach dem Mafse ihrer Fertigkeit in Abtheilungen gefondert. Jede Abtheilung hat die Aufgaben der eingeführten Elementar- Violinfchule von Stufe zu Stufe correct zu löfen. Neben diefer formalen Aufgabe find folgende in Bezug auf den Stoff und die Fertigkeit zu löfen: 2* e t S ] 16 Rudolf Weinwurm. a) fefte, gedächtnifsmässige Einübung der Choralmelodien, fowie der in der Seminarfchule vorkommenden Volkslieder, b) Heranziehung von Duetten in fyftematiſcher Folge, c) Einführung der oberen Abtheilung in die höheren Lagen. V. Gefang. Dritte Claffe in befonderem Unterrichte: Elementarübungen zur Stimmbildung und zur felbftthätigen Auffaffung und Darftellung der melodifchen, rhythmifchen und dynamiſchen Tonverhältniffe. Choräle und Volkslieder, erftere einftimmig, letztere ein-, zwei- und dreiftimmig. Aufserdem: Gemifchter Chor combinirter Claffen. Weiterführung der Elementarübungen, und zwar a) in eigentlichen, als felbft. ftändige Tonftücke ausgeprägten Vocalifen und Solfeggien, b) in mehr und mehr eingehender Behandlung der Intervalle, befonders aber auch der Accorde und ihrer verfchiedenen Geftalten. Fefte Einprägung der gangbarften Kirchenmelodien. Mehrftimmige Choräle. Figuralgefänge: a) die liturgifchen Chöre, welche die erfte Claffe auch dirigiren lernt; b) andere geiftliche Chorgefänge, Motetten, Pfalmen von claffifchen Meiftern; c) weltliche Chorlieder unter befonderer Betonung des edleren Volks- und des Vaterlands- Liedes. Erfte Claffe in befonderem Unterrichte: Methodiſche Anleitung zur Ertheilung des Gefangunterrichtes in der Volksfchule, verbunden mit prakti fchen Uebungen. Ausführung von gemifchten Chorgefängen in Gemeinfchaft mit der Oberclaffe der Seminarſchule. Der Unterricht hat die Ausbildung der Seminariften zu guten Gefanglehrern, zu Cantoren und Organiften zum Ziele. Die Erreichung diefes Zieles darf nicht durch die Ausbildung einzelner Zöglinge zu Virtuofen beeinträchtigt werden. Auch find die Seminariften zum Verftändniffe der Meifterwerke zu erziehen und dadurch vor der Neigung zu bewahren, in der Kirche den Gemeinden, im Unterrichte den Schülern eigene Compofitionen ftatt derfelben zu bieten. Die Stundenzahl von je fünf für die beiden unteren, drei für die Oberclaffe ift fo zu verftehen, dafs bei Abtheilungsunterricht in den technifchen Gegenständen jede Abtheilung die betreffende wöchentliche Stundenzahl erhält." Das Mufik- Lehramt in den preufsifchen Seminarien ift fowohl hinfichtlich des Gegenftandes als der damit betrauten Perfonen den anderen Fächern vollkommen gleichgeftellt. An den preufsifchen Gymnafien ift, wie aus mehreren in der Ausftellung befindlichen Gymnafialprogrammen hervorgeht, der Gefang als facultativer Gegenftand eingeführt. Um nun auf die preufsifche Collection mufikalifcher Lehrmittel überzugehen, fo fanden fich dafelbft im Ganzen 51 Werke für Gefang, II für Clavier, 7 für Violine, 13 für Orgel und 3 auf Theorie und Mufikwiffenfchaft bezügliche. Unter den Gefangswerken waren 25 Liederbücher und Sammlungen ein-, zwei- und mehrftimmiger Gefänge, Choräle u. f. w. mit fpecieller Rückficht auf Schulen, 7 Sammlungen von Gefängen für gemifchten Chor, II Sammlungen für Männerchor und 8 Werke, die auch das Methodifche des Gefangunterrichts in ihr Bereich ziehen. Die bemerkenswertheften find folgende: Th. Drath:„ Der Gefanglehrer und feine Methode, ein Hilfsbuch für Präparanden und Candidaten des Schulamtes, für Seminariften und Lehrer beim Schul- und Privatunterrichte, zugleich auch eine Beigabe zu dem SchulLiederbuch des Verfaffers", Berlin, Stubenrauch 1865; Th. Rode:„ Leitfaden für den Gefangunterricht, in fünf Abtheilungen und mit Rückficht auf alle Bedürfniffe von den Volksfchulen angefangen bis zu den höheren Unterrichtsanftalten und Seminarien abgefafst", Berlin, Gut tentag, 1870; H. Bönicke:" Chorgefang- Schule"( fiehe unter Oefterreich). T r d e. 71 d it rf d ſe PA en es n g ن مع n, e₁ en m- 189 e m 1. mit 加 zu t Mufikalifche Lehrmittel. 17 H. Kotzolt:„ Gefangfchule für den a capella- Gefang" in vier Curfen für Realfchulen, Gymnafien und Seminarien fowie für Volks- und höhere Töchterfchulen und Commentar hiezu, Berlin, Trautwein 1869; Die Sammlungen von Erk und Greef, die ob ihrer Billigkeit, verhältnifsmässig guter Ausftattung und Brauchbarkeit eine ganz aufserordentliche Verbreitung und nur einen einzigen gefährlichen Concurrenten in den weiter unten anzuführenden Schweizer Sammlungen gefunden haben. Von diefen Sammlungen find hervorzuheben: Erk und Greef:„ Singvögelein"( fiehe unter Oefterreich), Erk und Greef:" Sängerhain", Sammlung heiterer und ernfter Gefänge für Gymnafien, Real- und Bürgerfchulen, ein-, zwei-, dreiund mehrftimmig, 3 Hefte; Fr. und L. Erk:" Frifche Lieder und Gefänge für gemifchten Chor zum Gebrauche an Gymnafien und anderen höheren Lehranstalten" 3 Hefte; L. Erk:„ Sammlung mehrftimmiger Gefänge für Männerchor" zum Gebrauche für Seminarien, Gymnafien und Singvereine, 2 Hefte; W. Greef:„ Männerlieder" 10 Hefte, in nahe an 300.000 Exemplaren verbreitet; diefe Sammlungen find fämmtlich bei Bädecker in Effen erfchienen; Steinhaufen:„ Neues und Altes für mehrftimmigen Männergefang", Neuwied, Heufer; Sering: Concordia", Auswahl deutfcher Lieder für Männerchor, Magdeburg, Heinrichshofen; Stein:„ Sammlung von Liedern und Gefangübungen für den Unterricht in höheren Schulanftalten mit befonderer Rückficht auf höhere Töchterfchulen", Potsdam, Stein 1866. Kreutz:„ Liederbuch für die oberen Claffen der Bürgerfchulen fowie für Gymnafien", Halle, Schmidt. Jacob:„ Liederwäldchen", Sammlung von Volksweifen mit alten und neuen Texten für die Kleinkinder- und Volksfchulen, Effen, Bädecker; Musica sacra", Sammlung für gemifchten Chor( ohne Angabe eines Verfaffers), Göttingen, Vaudenhöck& Ruprecht. " E. Kuhn: Theoretifch praktiſche Gefangfchule für Volksfchulen, Töchterfchulen und Mittelfchulen", Mannheim, Bensheimer 1871. Unter den Clavierwerken treffen wir die allbekannten: Czerny, 100 Uebungsftücke und Schule der Geläufigkeit; Clementi, Sonatinen; Bertini, Etuden; Cramer, Etuden; Köhler, op. 50; Mozart, Sonaten, revidirt von Köhler; Handrock, op. 40 und einige weniger belangreiche Werke; unter den Violinwerken die für Präparandien und Seminaranftalten abgefafsten Schulen von Sering, Volkmar, Mettner, Michaelis; unter den Orgelwerken die bekannte Schule in 3 Theilen von Ritter, ferner ein gutes Werk von Sering unter dem Titel:„ Der theoretifch- praktiſche Organift", mehrere Hefte, Leipzig, Körner; ferner noch Choralbücher, Vor- und Nachfpiele etc. von Steinhaufen, Rink, Hentfchel, Kothe, Volkmar. Die mufikalifche Theorie iſt nur durch wenige Werke vertreten, unter denen Th. Drath's„ Mufiktheorie, enthaltend Elementar-, Harmonie- und Formenlehre in kurzgefafsten Erläuterungen, Regeln, Notenbeiſpielen und Uebungsaufgaben", Berlin, Stubenrauch 1870, eingehender Beachtung empfohlen werden kann. B. Sachfen. Laut dem Gefetze über das Elementar- Schulwefen vom 9. Juni 1835 ift Gefangbildung ein Unterrichtsgegenstand in den Volksfchulen und„ foll hauptfächlich zur Erzielung eines reinen und milden Kirchengefanges gereichen, und ift daher mit Einübung der gebräuchlichften Kirchenmelodien zu verbinden." 18 Rudolf Weinwurm. Das Regulativ für Realfchulen vom 2. Juli 1860 1chreibt im§. 94 Fol gendes vor: ,, Alle Schüler find verpflichtet, am Gefangunterrichte theilzunehmen, foweit nicht aus gefundheitlichen Rückfichten, namentlich zur Zeit der Mutation der Stimme, mit Genehmigung des Directors und nach vorgängigem Gehör des Gefanglehrers eine zeitweilige Dispenfation davon eintritt. Derfelbe erftreckt fich in drei Abtheilungen auf wöchentlich eine Stunde Choralgefang und für die Anfänger auf eine Stunde Uebung im Notenlefen. Diejenigen, welche zum Chor gehören, haben überdiefs zwei Stunden Figuralgefang." Das Regulativ für Gymnafien beftimmt im§. 76: ,, Der Gefangunterricht wird zunächft allen Schülern zur Ausbil dung ihrer Stimme, zur Erlernung der Kirchenmelodien für den kirchlichen Gebrauch, und zwar in' den drei Unterclaffen in wöchentlich zwei, in allen übrigen Claffen in wöchentlich einer Stunde ertheilt. Von der Theilnahme an diefem Unterricht haben die Rectoren nach Vernehmung mit den Gefanglehrern nur die Schüler zu dispenfiren, deren Stimme mutirt, oder für die aus anderen Gründen nach ärztlichem Zeugniffe von der Theilnahme an diefem Unterrichte Nachtheile zu befürchten ſtehen." Der Bekanntmachung des Cultusminifteriums vom 15. Juni 1859, welche die Ordnung der evangelifchen Schullehrer- Seminare zum Gegenftande hat, entnehmen wir folgende hiehergehörige Beftimmungen: ,,§. 36. Die nächfte Stelle unter den Unterrichtsgegenständen( nach dem Religionsunterrichte) gebührt der mufikalifchen Ausbildung, weil diefelbe das andere Stück ift, was den Lehrer zum kirchlichen Dienfte befähigt und ihm zur Bildung und Erziehung feiner der chriftlichen Gemeinde zuwachfenden Schulkinder für kirchliche und häusliche Andacht unentbehrlich, überdiefs auch ein wichtiges Mittel zu feiner eigenen Veredlung, zur Beför derung feines Fortkommens und zur Befferung feiner äufseren Lage ift. Es follen daher in Zukunft Jünglinge ohne alle mufikalifchen Naturanlagen überhaupt nicht und ausnahmsweife nur in dem Falle in das Seminar aufgenommen werden, wenn diefer Mangel durch andere wirklich ausgezeich onete Gaben und Eigenfchaften für den Lehrerberuf einigermafsen aufgewogen wird und nur in diefem einzigen Falle follen in Zukunft Seminarzöglinge, und zwar nur nach eingeholter ausdrücklicher Genehmigung der Kreisdirection, eine theilweife Dispenfation von der Theilnahme am vollſtändigen mufikalifchen Unterrichte erlangen können. Alle Zöglinge aber, denen eine folche Dispenfation aus jenem einzig ftatthaften Grunde nicht zu Theil geworden ift, haben fich fowohl bei den Schulamts- Candidaten- als bei der Wahlfähigkeits- Prüfung auch der vollſtändigen mufikalifchen Prüfung zu unterziehen." ,,§. 37. Der mufikalifche Unterricht im Seminar umfafst die Unterweifung feiner Zöglinge im Violinfpiel, Clavierfpiel, Orgelfpiel, Gefang und Generalbafs. Im Violin fpiel foll es jeder Seminarift bis zu der Fertigkeit bringen, die gangbarften Choräle und Schullieder rein und ausdrucksvoll, erftere womöglich auch auswendig, vorzutragen. Mit den fähigften Schülern mögen auch leichtere Duette und Quartette geübt werden. Das Clavierſpiel foll, weil es der allgemeinen Mufikbildung, der Orgelfertigkeit, dem Gefange und der Generalbafs- Lehre zur wefentlichen Förderung dient und aufserdem für nicht wenige Schulamts- Candidaten das einzige Mittel bleibt, die im Seminar erworbene Fertigkeit im Orgelfpiele fich zu bewahren, in jedem Seminar während der ganzen Bildungszeit eines Zöglings betrieben werden. Richtige techniſche Behandlung des Inftrumentes, die Fertigkeit, gediegene Tonftücke von mässiger Schwierigkeit mit Ausdruck vorzutragen, Sinn und Gefchmack für claffifche Claviercompofitionen ernften Styles zu wecken 1 r n e 1. n 1. n n e n er де ch gt h- h, r- ft. en f h- en e, is en ne eil ei ng ernd eit ll, ern iel ge em im em en. ne nd en e Mufikalifche Lehrmittel. 19 und auszubilden, ift die Aufgabe diefes Unterrichtes. Der Unterricht im Orgel fpiel foll die Seminariften befähigen, einft das Amt eines Organiften würdig zu verwalten. Dazu gehört mindeftens, dafs diefelben jeden ausgefetzten Choral nach dem Hiller'ichen oder einem ähnlichen Choralbuche, fowie gedruckte einfache Zwifchen- und leichte Vorfpiele mit kunftgemäfsem Vortrage vom Blatte ſpielen lernen. Die Gefchicklichkeit, gute Zwifchenfpiele und kurze, durchaus kirchlich gehaltene Vorfpiele felbft zu erfinden, ift wünſchenswerth, und wird darum ebenfalls, jedoch nur bei dazu hinreichend begabten Zöglingen, ernftlich anzuftreben fein. Dem Unterrichte ift eine gute Orgelfchule zu Grunde zu legen, welche von den elementaren Manual- und Pedalübungen ausgehend, nach inftructiver Methode zum Vortrage von Orgelcompofitionen verfchiedener Form führt und auch für höhere technifche Leiftungen, welche jedoch nur mit gut befähigten Schülern erreicht werden können, einen ficheren Weg bahnt. Sobald die elementaren Uebungen der Schüler abfolvirt find, was in der Regel nach einem halben Jahre möglich fein wird, tritt das Choralfpiel als ftehende Uebung ein und wird mit den Uebungen der Orgelfchule bis zum Schluffe der Seminar- Bildungszeit fortgefetzt. Aufserdem ift ein kurzer Unterricht über den Bau der Orgel, fowie über die bei diefem Inftrumente vorkommenden Fehler und deren Abftellung zu ertheilen. Der Unterricht im Gefange ift für den künftigen Beruf in Kirche und Schule von grofser Bedeutung und überdiefs als eines der wichtigſten Mittel zu behandeln, in fittlicher und äfthetiſcher Beziehung veredelnd und bildend auf das Gemüth der Seminarzöglinge einzuwirken. Der Gefanglehrer hat daher vor Allem die techniſche Ausbildung der Stimme und des Gehörs durch wohlgeordnete Uebungen in der Tonbildung und im Treffen zu pflegen, demnächft aber als Hauptaufgabe anzufehen, dafs, fo lange es noch an einem Landes- Gefangbuche fehlt, jeder Schüler von den in den Gefangbüchern des Bezirks gangbarften Choralmelodien in der Regel 60 bis 70 auswendig, die übrigen aber ficher von Noten fingen lerne. Endlich find, wie gute Lieder, fo insbefondere geiftliche Figuralgefänge zu üben und die Zöglinge nicht nur in Bekanntfchaft mit hieher gehörigen guten Tonerzeugniffen zu fetzen, fondern auch zu paffenden Wahlen für feftliche Gelegenheiten zu befähigen. Der Unterricht im Generalbafs hat zunächft ein einfaches theoretifches Verftändnifs derjenigen Tonftücke zu vermitteln, die der Schullehrer als Gefanglehrer, Cantor und Organiſt einzuüben oder vorzutragen hat, fodann foll er die dazu befähigten Schüler zu correcter Invention einfacher Vor- und Zwifchenfpiele für die Orgel führen. Die Unterweifung hat fich nur innerhalb des reinen Satzes zu bewegen und da zu behandeln: die Lehre von den Tonleitern und Intervallen, von den Accorden und deren Verbindung zu mufikalifchen Sätzen, von der Modulation, von den Cadenzen und Nebennoten. In den praktifchen Arbeiten ift in der Regel über den einfachen Choralfatz für vier Stimmen und die Anfertigung von ganz einfachen Vor- und Zwifchenfpielen nicht hinauszugehen. Während für den Gefangunterricht im Chore oder in einzelnen Seminar- Abtheilungen wöchentlich mindeſtens drei, und für Generalbafs wöchentlich eine Stunde für jede Claffe getrennt anzufetzen find, find die übrigen Unterrichtsftunden für die mufikalifchen Uebungen von der gröfseren oder geringeren Anzahl der Zöglinge abhängig und darnach zu beftimmen." Der über die ausgeftellten Lehrmittel abgefafste fächfifche Katalog war, wie fchon früher erwähnt wurde, mufterhaft angeordnet. Bei den mufikalifchen Werken gibt er zunächft den Namen des Verfaffers, dann den Titel des Werkes, Verlagsort und Verleger. Zur Vollständigkeit fehlt fomit nur die Angabe des Preifes. Unter die befferen Werke wir richten uns nach der alphabetifchen Ordnung - 20 Rudolf Weinwurm. des Katalogs und fetzen die entſprechenden Nummern desfelben hier bei- möchte der Referent folgende zählen: " Nr. 430 Elfsner E.: 30 Lieder und Canons", Löbau, G. Elfsner( namentlich gute Texte für Kinder im zarten Jugendalter). » 433 Flade O. op. 7," Chorfolfeggien zum Gebrauche an höheren Lehranftalten", 4 Stufen, Dresden, Hoffarth. , 437 Gaft:„ Hiller's vollſtändiges Choralbuch", Plauen 1867, Hohmann. 440 Hering K. E.: 250 Choräle", Bautzen, Weller. , 441 Ifrael:" Anleitung zur Erfindung von Choral- Zwifchenfpielen", Annaberg, Nonne. " 27 77 " 444 Löchner: ,, Sammlung vierftimmiger Lieder und Gefänge für Gymnafien, Real- und Bürgerfchulen", Leipzig, Klinghardt. 445 Lohfe:„ Auswahl von Gefängen für höhere Schulen", Plauen, Hohmann. 447 Lohfe:„ Der Gefang in der Schule zu Plauen", Plauen, Hohmann. 448 Meifsner K. F.:,,Winke und Rathfchläge für Cantoren"( enthält eine gute Anweifung zur Prüfung einer Orgel), Leipzig, Klinkhardt. 451 Müller J. G.:„ Liederkranz", 3 Hefte( namentlich das erfte Heft mit 40 kleinen einftimmigen Liedern empfehlenswerth für Volksfchulen), Dresden, Friedel. ,, 458 Reichardt B.: 54 Lieder und Canons", Plauen, Neupert. ,, 462 Scharfe G.:„ Die Entwicklung der Stimme", 3 Theile, Dresden, Hoffarth. 23 465, 466, 467 Schütze F. W.:,,Handbuch zur praktifchen Orgelfchule", ,, Praktiſche Harmonielehre" ,,, Beiſpielbuch zur Harmonielehre"; Leipzig Arnold. » 472 Steglich Ed.:„ Choralbuch." " 475 Wermann O.:,,60 fignirte Choräle", Dresden, Brauer. , 476 Wermann O.:,,Technifche Uebungen für das Clavierfpiel", Dresden, Brauer. » 479 Becker C. E.:,,Gefänge für wendifche Schulen", 2 Hefte, Bautzen 1856 ( weniger muſikaliſch als literarifch intereffant, es ift zweifprachig, wendifch und deutfch, und enthält lauter urfprünglich deutfche Lieder in zwei ftimmigem Satze). C. Baiern. Der Gefangunterricht ift in den baierifchen Elementarichulen feit längerer Zeit obligatorifch; an den Mittelfchulen( Gymnafien und Realfchulen) bildet er einen facultativen Gegenſtand, wie auch der Unterricht in Streichinftrumenten, namentlich der Violinunterricht. Die letztere Beftimmung ift in dem ,, Entwurf einer Ordnung der gelehrten Mittelfchulen auf Grund der Befchlüffe des königlichen Staatsminifteriums vom 30. October 1869" enthalten. Jeder Claffe find zwei wöchentliche Unterrichtsftunden für jeden diefer Gegenstände zugewiefen. Das Normativ für die Bildung der Schullehrer und Lehrerinen vom 29. September 1866 beftimmt drei Jahre für die vorbereitende( Präparandien) und zwei Jahre für die Fachbildung( Seminarien). Jedem Seminar ift laut§. 54 ein vom Könige ernannter Infpector vorgefetzt ,,, bei deffen Beftellung die Bifchöfe, beziehungsweife die proteftantifchen kirchlichen Oberbehörden, gutachtlich vernommen werden". Laut§. 55 find dem Infpector zwei Lehrer beizugeben, der erfte diefer Lehrer ,, bei deffen Beftellung gleichfalls die gutachtliche Vernehmung der Bifchöfe, beziehungsweife der proteftantifchen kirchlichen Oberbehörden, einzutreten hat, foll in der Regel und insbefondere dann, wenn der Inspector felbft nicht ein Geiftlicher ift, dem geiftlichen Stande angehören." Man wird fich dem Mufikalifche Lehrmittel. 21 - nach nicht wundern, wenn die Endziele der muſikaliſchen Bildung gleichfalls eine vorwiegend kirchliche Färbung annehmen und wenn, wie aus dem Folgenden hervorgeht, manche Werke- namentlich im Gebiete des Gefanges gefetzlich empfohlen werden, welche diefe Empfehlung vom künftlerifchen Standpunkte aus nicht vertragen würden. Die auf die mufikalifche Bildung bezüglichen Beftimmungen jenes Normativs lauten wie folgt: a) Präparandenanftalten. I. Curs( Fahr). A. Gefang. ,, Erlernung der allgemeinen Regeln für die Stimmbildung in Bezug auf Körperhaltung, Mundftellung und Athmen. Singen der Dur- und Moll- Tonleiter. Allgemeine Mufiklehre verbunden mit verfchiedenen Treffübungen und Abfingen kleinerer Tonfätze innerhalb der diatonifchen Leiter. B. Clavier. Erklärung der Taftatur nach den verfchiedenen Octaven. Notenkenntnifs und Takteintheilung. Fingerübungen im Umfange von fünf Tönen. Spielen leichter Dur- und Moll- Tonleitern. Hiebei find zu benützen: Clavierfchule von Wohlfahrt, Theil 1, Etuden von Alois Schmid für fünf Noten, 100 Uebungsftücke von Czerny Heft 1, oder der erfte Anfang für Clavierfchüler von Enkhaufen. C. Violine. Bemerkungen über die Haltung der Violine und richtige Führung des Bogens verbunden mit Streichübungen der leeren Saiten, Spielen der leichten Dur- und Moll- Tonleitern. Uebung im Treffen der verfchiedenen Intervalle. Leichte Uebungsftücke in der erften Lage. Zu benützen ift Hohmann's Violinfchule Curs I. II. Curs. A. Gefang. Treffen fchwierigerer Intervalle. Richtiges Abfingen kleiner Tonfätze mit zufälligen Verfetzungszeichen. Bei vorhandenen Mitteln werden die beiden Stimmlagen Sopran und Alt zu zweiftimmigen Gefängen verwendet. Auf das richtige Athmen ift befonders Rückficht zu nehmen. B. Clavier. Einüben der fchwereren Tonleitern mit beiden Händen und durch zwei Octaven. Fortfetzung der hundert Uebungsftücke von Czerny und der Schule von Wohlfahrt. Zwei- und vierhändige Sonaten von Diabelli, Mozart, Haydn, Clementi und Enkhaufen. C. Violine. Erlernung fämmtlicher Tonleitern. Studien leichter Etuden und Duetten zur gründlichen Erreichung der Taktfeftigkeit und des Treffens. Zu benützen ift Hohmann's Schule, Curs II. D. Harmonielehre. Intervallenlehre. Lehre von Confonanzen und Diffonanzen. Erkennung der auf den verfchiedenen Stufen der harten und weichen Leiter ruhenden Dreiklänge. Verbindung von zwei oder mehreren Dreiklängen mit genauer Rückficht auf reine 22 Rudolf Weinwurm. Stimmführung. Die Verbindungen der Dreiklänge des I., IV., V., I. Tones( Cadenzen) find in allen Lagen und in allen Tonarten auswendig zu spielen. III. Curs. A. Gefang. Durch die vorausgegangenen Uebungen wird der Schüler im Stande fein, wenn ihn die Mutation nicht hindert, auf dem Kirchenchore mitzuwirken. Die Gefangübungen erftrecken fich in katholifchen Anftalten auf fehlerfreien Vortrag leichter deutfcher oder lateinifcher Meffen, in proteftantifchen Anftalten auf Erlernung einiger leichter Motetten von Rink oder Drobifch, fowie auf die Fähigkeit, die minder fchweren vierftimmigen Choräle aus dem baierifchen Melodienbuche von Zahn ftimmenweife fingen zu können. B. Clavier. Einüben der progreffiven Etuden von Bertini, op. 29, Paffagenübungen von Czerny, Sonaten von Haydn, Mozart, Clementi, Bertini's vierhändige Etuden. C. Orgel. Erklärung der Pedal claviatur und der verfchiedenen Regifter. Uebungen von einfachen Cadenzen. Rink, die erften drei Monate auf der Orgel. D. Violine. Gefteigerte Uebung im Spielen von Etuden und Duetten. Der III. Curs der Violinfchule von Hohmann. Als Treffübungen follen in katholifchen Anftalten Violinftimmen aus Meffen und Vefpern von Horák, Michael Haydn, Mozart ftudirt werden. E. Harmonielehre. Umwendungen der Dreiklänge. Verbindungen derfelben mit Dreiklängen. Die freien Septaccorde und ihre Umwendungen. Schriftliche Beiſpiele nach Hoh mann's Generalbafs- Schule. Förfter's Beiſpiele, 1. Heft. Da die Leitung der Figuralmufik bei kirchlichen Feften zu den Berufspflichten der Schullehrer gehört, fo find auch fchon die Zöglinge der Präparandenfchule mit der Behandlung anderer Streich- und Blasinftrumente thunlichft bekannt zu machen, indem ohnehin im Seminar wenig Zeit hiefür erübrigt werden kann. Der Unterricht hierin ift jedoch für keinen Zögling geboten. b) Schullehrer- Seminare. I. Curs( Fahr). A. Gefang. 1. Für katholifche Anftalten. Theorie des Choralgefanges. Einübung der Pfalmtöne, Antiphonen und anderer Kirchengefänge. Einftimmige kirchliche Choräle find mit und ohne Orgelbegleitung, welche der Sänger felbft zu fpielen hat, einzuüben. 2. Für proteftantifche Anftalten. Auswendiglernen mehrerer Chorale aus dem baierifchen Melodienbuche für die proteftantifche Kirche. Choräle für vier Männerftimmen nach der Zahn'fchen Bearbeitung. Ebenfo vierftimmige Volkslieder mit paffenden Texten, z. B. nach der Bearbeitung von Rietz. Mufikalifche Lehrmittel. B. Clavier. 23 Progreffive Etuden. Die Schule der Geläufigkeit oder die Paffageübungen von Czerny. Zugleich ift der Clavierunterricht als Vorübung der auf der Orgel vorzutragenden Stücke zu benützen. C. Orgel. Wiederholung des im III. Curfe der Präparandenfchule Erlernten. Genaue Einübung der Pedalclaviatur. Präludien und Verfetten nach Rink's praktiſcher Orgelfchule oder Brofig's Orgelbuch. In katholifchen Seminarien find Ett's Cantica sacra einzuüben. In proteftantifchen Anftalten: Einübung aller Choräle im baierifchen Melodienbuche für die proteftantifche Kirche. Leichte Präludien aus Hertzog's Präludienbuche, Theil 1 und 2, und aus dem Orgelbuche von Ett. D. Violine, Wiederholung und gefteigerte Uebung zur Befeftigung des Lehrftoffes in den drei Vorbereitungsjahren. Hohmann's Violinfchule, IV. Curs. Geübtere follen fich bei figurirter Kirchenmufik und bei Orcheftervorträgen betheiligen. E. Harmonielehre. Die Lehre von den gebundenen Septaccorden und ihren Umwendungen. Die Lehre von den Vorhalten und ihren Umwendungen. Orgelpunkt. Spielen bezifferter Bäffe. Beiſpiele aus Hohmann's Schule. Förfter's Generalbafs- Beiſpiele, Heft 2 und 3. II. Curs. A. Gefang. 1. Für katholifche Anftalten. Sicherer Vortrag der Officien für die kirchlichen Fefte, als da find: Weihnachten, Charwoche etc. Die Officien pro defunctis. Der Figuralgefang nimmt feinen Stoff aus der Kirchenmufik. Jeder Zögling mufs die Befähigung erlangen, deutfche und lateinifche Meffen vorzutragen. Als Enfembleübungen follen Quartette für vier Männerftimmen ftudirt werden. 2. Für proteftantifche Anftalten. Fortfetzung im Auswendiglernen von Chorälen. Als Enfembleübungen: Kirchengefänge für den Männerchor aus dem 16. und 17. Jahrhundert von Zahn;„ Volksklänge", Lieder für vierftimmigen Männerchor von L. Erk; geiftliche Männerchöre, herausgegeben von Greef. B. Clavier. Der Clavierunterricht foll auch in diefem Curfe die Vorübung der auf der Orgel vorzutragenden Stücke fein. Befonders Befähigte mögen Sonaten von Beethoven oder Clementi's Gradus ad Parnassum ftudiren. C. Orgel. I. Für katholifche Anftalten. Spielen von Verfetten, dann fämmtlichen Kirchenliedern und Chorälen, welche im Kirchenjahre vorkommen. Ausweichungen und freies Präludiren. Rink's 3. Theil. Cadenzen in den Kirchentonarten. 2. Für proteftantifche Anftalten. Als Vorftudien zu den fchwierigen Präludien follen J. S. Bach's vierftimmige Choräle benützt werden. Sodann follen die gröfseren Präludien und Choralbearbeitungen aus Hertzog's und Ett's Präludienbuch eingeübt werden. Freies Präludiren, Kirchen- Tonarten. 24 Rudolf Weinwurm D. Violine. Der 5. Theil von Hohmann's Schule ift einzuüben und durch fleifsiges Studiren von Etuden die Fertigkeit zu erringen, die erfte Violinftimme von gröfseren Meffen oder Ouverturen von Mozart und Haydn rein vortragen zu können. E. Harmonielehre. Die Lehre von der Modulation. Beiſpiele von Ausweichungen in verfchiedenen Tonarten find theils fchriftlich, theils praktiſch auf dem Clavier vorzunehmen. Befähigtere follen gegebene Melodien oder Choräle vierftimmig unterfetzen. In beiden Curfen ift, foweit hiezu die Zeit vorhanden ift, der fchon im Vorbereitungsunterricht begonnene Unterricht in anderen Inftrumenten fortzufetzen. Der Unterricht hierin ift jedoch für keinen Zögling geboten. Von den mufikalifch beffer befähigten Seminariften dürfen Orchefterübungen in einer Wochenftunde, fei es zum Studium leichterer claffifcher Mufikftücke, fei es zur Begleitung von Chorgefängen, vorgenommen werden. Förmliche Productionen dürfen nur bei befonders feierlichen Anläffen, aufserdem aber nur mit Genehmigung der Kreisregierung ftattfinden. Die Pflege der fogenannten Blechmufik bleibt unbedingt unterfagt." In jedem diefer Curfe( Jahre) find der Mufik wöchentlich 6 Stunden im Lehrplane zugewiefen. Die Aufnahmsprüfung für Seminare ift laut§. 75 auch für Mufik zu machen und hat der Afpirant wenigftens die„ genügende" Befähigung nachzuweifen. Für die Bildung von Lehrerinen ift der Mufikunterricht auf Gefang und Clavier befchränkt. In der baierifchen Unterrichtsabtheilung fanden fich im Ganzen 28 mufi kalifche Werke vor von folgenden Verfaffern: Göttfried, Grell, Helm, Kornmüller, Krieger, Krieger und Kellner, Löfflad, Lützel, Maier, Renner, Scherer, Tifchler, Winkler, Zahn, Zahn und Helm und eine vom baierifchen Volksfchullehrer- Verein herausgegebene, recht gute Liederfammlung für Volksfchulen. Aufser dem eben genannten dürften am meiſten Beachtung verdienen folgende Werke: Renner: ,, Liederbuch für Volksfchulen", Regensburg 1872, Coppenrath; Helm und Zahn:„ Ausgewählte geiftliche Arien von Händel, Bach und Haydn mit Clavierbegleitung", 2 Hefte, Nürnberg, Löhe; Tifchler:" Methodifche Elementar Violinfchule mit ausreichendem Uebungsftoffe für die erften Unterrichtsjahre", 3 Theile, Landshut 1869, Thomann; Helm:„ Allgemeine Mufik- und Harmonielehre", Nürnberg, Löhe; Krieger: ,, Harmonielehre", Erlangen, Deichert; Krieger:„ Der rationelle Mufikunterricht", Verfuch einer mufikalifchen Pädagogik und Methodik, Leipzig, Schäfer; 22 Musica ecclesiastica"( ohne Angabe eines Herausgebers), Freiburg, Herder; Winkler:„ Allgemeine Mufiklehre und Harmonie- und Compofitionslehre", Nördlingen, Beck. Schliefslich haben wir in Baiern noch von einer fehr merkwürdigen Mufikanftalt zu melden, deren Kenntnifs uns durch die Unterrichtsausftellung der Stadt München vermittelt wurde. Dafelbft lag ein ftattlicher Band auf mit der Ueberfchrift ,, Münchener Fortbildungsfchulen", der Nachrichten über das Entftehen, die Einrichtung, Lehrpläne, Koften u. f. w. diefer unter Subvention der Bürgerfchaft in München beftehenden Schulen enthält. Darunter ift nun ein Capitel:„ Die Central- Singfchule" und eine ausführliche Gefchichte diefer Anftalt, der wir folgendes Wefentliche entnehmen: Die erfte Anregung zur Errichtung der Anftalt fällt in das Jahr 1829. Ein Hoffänger, Namens Löhle, und ein Beamter, Namens Fifcher, wurden mit der Ausarbeitung des Planes von Seiten der Regierung beauftragt. Der Magiftrat Mufikalifche Lehrmittel - 25 ficherte einen jährlichen Beitrag von 300 Gulden unter der Bedingung zu, dafs arme und talentvolle Schüler unentgeltlich aufgenommen würden, während die übrigen ein monatliches Schulgeld von 48 Kreuzern zu entrichten hatten. Löhle bereitete eine Anzahl von Elementarlehrern zur Ertheilung des Gefangunterrichtes ( hauptfächlich mit Rückficht auf Peftalozzi'fche Grundfätze) während des Jahres 1829/30 vor und unter feiner Leitung wurde die Anftalt im Jahre 1830 eröffnet. Unter grofser Theilnahme der Bevölkerung fchien das Unternehmen zu gedeihen, jedoch bald, insbefondere feit Löhle's Tod 1837, trat der Mangel an ergiebiger Dotation hemmend auf. Der Magiftrat wendete fich an die Regierung um Zuſchüffe aus Staatsmitteln; die Regierung fand fich aber hiezu nicht bewogen, obwohl fie den entfcheidenden Einfluss auf die oberfte Leitung der Anftalt fich vorbehalten auch Franz Lachner bekleidete hatte. Nach mehrfach wechfelnder Leitung eine Zeit lang zwifchen 1842 und 1843 das Amt eines ,, Vorftandes der CentralSingfchule"- und nachdem die Anftalt im Jahre 1843 gänzlich fiftirt worden war, wurde fie im Einvernehmen mit der Regierung am I. Jänner 1845 unter dem Namen„ Städtifche Singfchule" unter der Leitung des Infpectors Koch wieder eröffnet und befteht noch gegenwärtig. Die Chronik diefes zweiten Abfchnittes der Gefchichte der Anftalt ift minder bewegt als die frühere. Das Schulgeld ift feit 1861 in zwei Claffen auf 48 und 36 Kreuzer monatlich feftgefetzt. Zum Eintritte in die Anftalt genügen die Elementarkenntniffe, die in der Volksfchule erworben. werden; der Unterricht wird zwei Mal wöchentlich in je zwei Stunden ertheilt. Als Lehrziel gilt: Singen vom Blatte, Chorgefang; die Methode ift dem Lehrer überlaffen. Durch Befchlufs der Gemeinde wurde vom Jahre 1872 an den beſtehenden zwei Curfen ein dritter angereiht, da der Zeitraum von zwei Jahren fich zur Erreichung des Lehrzieles als ungenügend erwies. Jeder der drei Curfe ift einem Lehrer anvertraut; der Inſpector ift der techniſche Leiter der Schule. Der gegenwärtige Status ift laut den dort beiligen den Nachweifen 30 Schüler, 63 Schülerinen. Der Aufwand aus Gemeindemitteln für diefe Anftalt ift in dem Voranfchlage des Jahres 1873 mit 525 Gulden eingeftellt, wobei bemerkt werden mufs, dafs die Koften für Beleuchtung, Beheizung etc. in diefer Summe nicht enthalten find, fondern beim Aufwand für die Elementarfchulen zur Verrechnung gelangen, da deren Localitäten zugleich auch für die Zwecke der Central- Singfchule benützt werden. Leider find in dem Berichte die an der Anftalt in Verwendung befindlichen Lehrmittel und die Erfolge des Unterrichtes nicht erfichtlich die Exiftenz der Anftalt an und für fich aber ift von folcher Bedeutung, dafs man wünſchen möchte, diefes unferes Erinnerns einzig daftehende Beiſpiel der kunftfinnigen Stadt Münchenmöchte auch in anderen gröfseren Städten Nachahmung finden. Es leuchtet wohl von felbft ein, welch' immenfer Nutzen für die Bildung des Volkes im Allgemeinen und fpeciell für die Kunft aus folchen Fortbildangsanftalten" erwachfen kann und mit welch' geringem Aufwande er, wie das vorliegende Beiſpiel zeigt, erreichbar ift. - " D. Württemberg. - Nach dem Normal- Lehrplan für Volksfchulen( eingeführt mit Minifterialverfügung vom 21. Mai 1870) ift der Gefangunterricht an denfelben obligat. Der bezügliche Abfchnitt lautet: ,, Singen. Zweck und Ziel im Allgemeinen. Durch den Unterricht im Singen, welcher zugleich feinen Beitrag zur Bildung der Sprachorgane zu geben hat, follen die Schüler fo weit gebracht werden, dafs fie fähig find, fich an dem gottesdienft 26 Rudolf Weinwurm. lichen Gemeindegefange zu betheiligen, beziehungsweife denfelben zu fördern. Zugleich follen fie eine Anzahl von paffenden weltlichen Liedern mit aus der Schule nehmen. Hiebei ift überhaupt auf die Bildung des mufikalifchen Gehörs, auf die Entwicklung der Stimme und wo möglich auf eine grundlegende Bekanntfchaft mit dem Ton- und Zeichenfyftem mittelft elementarer Uebungen Bedacht zu nehmen. Dadurch foll diejenige Singfertigkeit erzielt werden, welche die Schüler in den Stand fetzt, die nach dem Austritt aus der Schule fich darbietenden Gelegenheiten zur Weiterbildung zu benützen. I. und II. Abtheilung erhalten einen befonderen Gefangunterricht fo lange, als fie auch fonft in zeitlicher oder räumlicher Abfonderung von den beiden oberen Abtheilungen gefchult werden. Am Schluffe des dritten Schuljahres müffen geübt fein: 10-15 Choral- und ohngefähr 8 fonftige Melodien( katholifch etwa 10 Kinderlieder, ebenfo in der ifraelitifchen Schule); die diatonifche Leiter und der Accord 1, 3, 5, 8 auf- und abfteigend; all diefes mufs richtig und ohne weitere Beihilfe als Angabe des Grundund Anfangstones gemeinfchaftlich und auch in kleineren Gruppen gefungen werden können; auch follen die Kinder vorgefungene leichtere, leitereigene Tonfolgen richtig nachzufingen im Stande fein. Der Stoff wird geeigneten Sammlungen entnommen. Bei der Auswahl ift darauf zu fehen, dafs die Melodie gut ins Ohr fällt, dafs fie fliefsend und lebendig, der Text aber angemeffen und würdig fei. Trocken profaifche oder kindifch fpielende Reimereien müffen ferngehalten werden. In der evangelifchen Schule werden vornehmlich die in der Gemeinde gebräuchlichen Melodien zu den Memorirliedern diefer Stufe gefungen. Behandlung. Das Singen gefchieht hier vorherrfchend nach dem Gehör und ift einftimmig. Die tonrichtige Einübung ift durch die Violine, der gute Vortrag durch das Vorfingen des Lehrers, nach Umständen auch eines fähigen älteren Schülers zu unterstützen. Da bei dem Choralfingen der Rhythmus durch die Fermaten am Schluffe der Zeilen häufig unterbrochen wird, fo ift auf Taktrichtigkeit defto mehr bei den Kinderliedern zu halten; auch mufs bei allem Singen fchon von den erften Anfängen an für die entsprechende Körperhaltung, die richtige Oeffnung des Mundes, ein gutes Vocalifiren, beſtimmtes Intoniren, fangmäfsige Ausfprache des Textes, für Mafshalten in der Stärke des Tones fowie für das richtige Athemholen geforgt werden. Einzelgefang ift zuläffig, aber nicht geboten. Den Kindern darf keine Ueberfchreitung des natürlichen Umfanges ihrer Stimme zugemuthet werden, daher der Singftoff auch nach diefer Rücksicht ausgewählt fein mufs. Kinder mit fchlummernder Singfähigkeit dürfen beim Unterrichte nicht zurückgeftellt, und folche Schüler, welche beim Gefange ftark detoniren, können erft dann vom Mitfingen ausgefchloffen werden, wenn fich der Mangel nach längeren Verfuchen als ein unverbefferlicher herausgeftellt hat. III. und IV. Abtheilung. Das Ziel ift das oben im Allgemeinen feftgefetzte. Stoff. Uebungen in der Tonleiter, den Intervallen und im Takt, vornehmlich in Verbindung mit der Einübung von Melodien. Ohngefähr 15 Arien und Volkslieder und evangelifcherfeits neben den für die zwei erften Abtheilungen bezeichneten Chorälen von den übrigen vorgefchriebenen Choralmelodien bis zur Gefammtzahl von 60. In den katholifchen Schulen find die durch das Gefangbuch vorgefchriebenen Melodien von zwei Werktags- Meffen und der zum Mitfingen der Kinder geeigneten Sonn- und Feftags- Lieder, der Vefperpfalmen, Hymnen und Antiphonien und Cafuallieder( etwa 36) einzuüben. Mufikalifche Lehrmittel. 27 In den ifraelitifchen Schulen find etwa 40 Lieder, 25 religiöfe und 15 weltliche einzuüben. Behandlung. Die bei Abtheilung I und II gegebenen Regeln find fortwährend zu befolgen. Zu wünſchen ift, dafs von den älteren Schülern nicht blofs nach dem Gehör, fondern auch unter Beihilfe von Ton- und Taktzeichen( Noten oder Ziffern) als Anfchauungs- und Erinnerungsmitteln gefungen werde. Einzelgefang ift auf diefer Stufe zu pflegen. Die Melodie ift bei allen Singftücken von fämmtlichen Schülern einzuüben. Diefs gilt namentlich für die im Gottesdienft gebräuchlichen Gefänge. Das zweiftimmige Singen aus dem vierftimmigen Satz ift in der Schule durchaus unzuläffig. Zum mehrftimmigen Gefang taugt überhaupt keine Harmonifirung, bei der nicht auch die Unterftimmen ihren ohrfälligen dem natürlichen Secund entfprechenden- Gang haben. Ganz unzuläffig ift, alle Mädchen zur Melodie, alle Knaben zur Unterftimme zu nehmen, vielmehr find aus beiden Gefchlechtern je nur etliche, und zwar diejenigen für die Unterftimme zu bilden, deren natürliche Stimmlage hiezu geeignet ift. Tritt in der älteften Abtheilung bei einzelnen Schülern der Anfang der Mutation, beziehungsweife die Entwicklung ein, fo find diefelben um der Stimmbildung wie um der Gefundheit willen vor jedem anftrengenden Singen zu bewahren." An den Mittelfchulen ift nach eingezogener Erkundigung der Gefangunterricht facultativ. An den Präparandenanftalten bildet Mufik infoweit ein obligates Fach des Unterrichtes, als die hierin erworbenen Kenntniffe bei der Aufnahmsprüfung für ein Staatsfeminar dargethan und in Anfchlag gebracht werden müffen. Diefe Prüfung umfafst laut Minifterialverordnung vom 16. Juni 1866: a) Kenntnifs der Noten, Taktarten, Dur- und Moll- Tonleitern und ihrer Verwandfchaft; b) im Singen: Fähigkeit, ein bekanntes Kirchen- oder Schullied auswendig, ein minder bekanntes leichteres nach Noten melodifch und rhythmifch richtig vorzutragen; c) im Clavierfpiel: Die Fähigkeit mit richtiger Haltung, regelrechtem Fingerfatze und ficherem Anfchlage, die Tonleitern, eine Anzahl zweckmäfsiger Fingerübungen und einige leichtere Clavierftücke aus einer Vorfchule zu fpielen; d) im Violinfpiel: Die Fähigkeit mit reinem Ton und richtiger Bogenführung die gebräuchlichften Tonleitern, ferner ein einfaches Kirchen- oder Schullied zu spielen; e) im Orgelfpiel, das übrigens, wie bisher, nur bei den katholifchen Präparanden Prüfungsgegenftand ift: Die Fähigkeit, aus einer Orgelfchule die erften Uebungen auf dem Manual mit richtiger Fingerordnung und regelrechtem Anfchlag zu fpielen. Bezugnehmend auf diefe Verordnung haben die Unterrichtsbehörden, das königliche evangelifche Confiftorium unterm 8. Februar 1867 und der königliche katholifche Kirchenrath unterm 9. Jänner 1867 Inftructionen veröffentlicht und darin folgende Werke zur Benutzung empfohlen: Davin:„ Elementarmufik- Lehre für Schulafpiranten", Silcher: ,, Gefanglehre für Schulen", Widmann:„ Kleine Gefanglehre für die Hand der Schüler", Bönicke: Chorgefang- Schule", 29 Zweigle: Elementarfchule für den Clavierunterricht", " Weeber: Die Tonleitern für Clavier", Clementi: Die bekannten fechs Sonatinen für Clavier, Hoppe:„ Violinfchule", Mettner: Violinfchule", 29 28 Rudolf Weinwurm. Mayer: Schullieder- Sammlung", Brähmig: ,, Violinfchule", Braun:„ Orgelfchule". Einige aus diefen Werken lagen auch in der württembergifchen Unterrichtsabtheilung auf, aufserdem noch: Weeber„ Männerchöre"; Sering„ Gefangfchule für Männerftimmen"; Schletterer ,, Chorgefang- Schule"; Weber und Kraufs„ Liederfammlung für die Schule", 4 Abtheilungen; Schütze, Orgelwerk"; Ritter, Orgelfchule"; Braun, Orgelfchule" umgearbeitet von Mayer; Fink„ Choralvorfpiele"; Mayer„ Orgelwerke"; Widmann„ GeneralbafsUebungen"; Richter ,, Harmonielehre". Mehreren diefer Werke find wir bereits in früheren Abtheilungen begegnet. Weitere Angaben über den Mufikunterricht in den württembergifchen Seminarien waren im Ausftellungsraume nicht erfichtlich. Durch private Mittheilung wurde dem Referenten bekannt, dafs dem berühmten Sänger Julius Stockhaufen vor mehreren Jahren die Oberaufficht über den Gefangunterricht an allen öffentlichen Lehranftalten des Königreiches übertragen wurde. Aus einem ftatiftifchen Werke über das Unterrichtswefen in Württemberg ( aus dem Cotta'fchen Verlag) entnehmen wir ferner, dafs das Confervatorium der Mufik in Stuttgart aus Staatsmitteln fubventionirt wird und dafs der Status im Winterfemefter 1871/72 folgender war: Anzahl der Profefforen und Lehrer 27, der Zöglinge 453, der Unterrichtsftunden wöchentlich 542. Schweiz. Die Schweiz war auf unferem Gebiete in der Weltausstellung glänzend vertreten, nicht nur durch eine faft vollſtändige Collection der gegenwärtig an den öffentlichen Unterrichtsanftalten in Verwendung ftehenden muſikaliſchen Lehrmittel und eine auf die Entwicklung des Vereinswefens Bezug nehmende Sammlung, fondern noch überdiefs durch einen vortrefflich angelegten ftatiftifchliterarifchen Bericht über die fchweizerifchen Mufik- und Gefang vereine. Diefelbe Sorgfalt, welcher fich die Mufik und die mufikalifche Erziehung feit langer Zeit in der Schweiz feitens der öffentlichen Behörden erfreut, trat auch hier wieder zu Tage und die Expofition wie auch jener Bericht müffen geradezu mufterhaft genannt werden. Ein Gefammtbild der hieher bezüglichen fchweizerifchen Einrichtungen wäre wohl nur dadurch erreichbar, dafs man die Verfügungen, wie fie in den einzelnen Cantonen gelten, neben einander ftellte. Um jedoch unferen Bericht in befcheidenen Grenzen zu halten, befchränken wir uns darauf, einige wichtigere und wefentliche Momente kurz zu berühren, wobei wir theils die Anhaltspunkte benützen, die uns die Ausftellung felbft bot, theils auch auf private Mittheilungen und Erfahrungen uns ftützen. Der Gefangunterricht ift in der Schweiz an den Volks- und Mittelfchulen allenthalben obligatorifch und es find demfelben in der Regel zwei wöchentliche Stunden eingeräumt; er wird in den meiften Volksfchulen mittelft der Violine, in Mittelfchulen bei Clavier, hier und da auch bei Harmonium ertheilt. Die mufikalifchen Lehrmittel werden in der Regel von den Cantonal- Lehrervereinen geprüft, und es werden dann an die Erziehungsbehörden bezügliche Vorfchläge gemacht; letztere entfcheiden hierüber endgiltig. Nicht in allen Cantonen find diefe Lehrmittel obligatorifch; in einigen, wie z. B. im Canton Bafel Stadt, werden fie nur zum Gebrauche empfohlen. Mehrere gefangliche Lehrmittel wurden von Seminarlehrern im Auftrage der betreffenden Erziehungsbehörden verfafst und dann auf Staatskoften gedruckt. Nicht fo gleichmäfsig liegen die Verhält nifse auf dem Gebiete des Mufikunterrichtes in den Seminarien. Jeder Canton hat hier feine eigenen Verfügungen, die vor Allem mit Rückficht auf locale Bedürf niffe entworfen find. Gefangunterricht ift felbftverſtändlich an allen Seminarien Mufikalifche Lehrmittel 29 Lehrgegenftand, die demfelben zugewendete Zeit und Methode aber ergibt an verfchiedenen Anftalten unterfchiedliche Abweichungen. An der Mehrzahl der Seminarien wird aufserdem noch in der Harmonielehre, im Violin- und Clavierfpiel und in der Methodik des Gefanges Unterricht ertheilt, Orgelunterricht nur in den Cantonen, in welchen die Gemeinden Orgeln haben. Dem Chorgefange wird in der Schweiz eine ganz befondere Pflege zugewendet und er hat dafelbft eine Verbreitung gefunden wie nirgends anderwärts. ⚫ Faft jede Gemeinde hat ihren aus freier Vereinigung hervorgegangenen Männerchor, in mehreren Städten finden wir auch Frauenchöre mit felbftftändiger Organifation. Das Verdienft in diefer Beziehung läfst fich zurückführen auf Hans Georg Nägeli( den Componiften der weltbekannten Melodie ,, Freuet euch des Lebens") geboren 1768 zu Zürich und dafelbft geftorben 1836. Er gab den Anftofs zur Einführung des Männergefanges in das Volksleben, componirte felbft viele Werke für Männerftimmen und fchrieb aufserdem, angeregt durch die Peftalozzi'fche und Pfeiffer'fche Methode im Jahre 1809 eine„ Gefangbildungs- Lehre", die noch heute in vielen Partien nicht veraltet ift und die Grundlage für eine Reihe ähnlicher Werke wurde. Nägeli's Ideen und feine patriotifchen und religiöfen Gefänge fanden rafche Verbreitung; allenthalben wurden Sängervereine gebildet und Sänger herangebildet. Der oben erwähnte graphifch- ftatiftifche Bericht über die Schweizer Gefangvereine, bearbeitet von Ignaz Heim in Zürich, dem gegenwärtigen Director des„ eidgenöffifchen Sängervereines", gibt die hieher bezüglichen, höchft intereffanten Daten. Er ift äufserft forgfältig zufammengeftellt nach folgenden Rubriken: Name des Gefangvereines, Sitz des Vereines nach Canton und Gemeinde, Gründungsjahr, Zahl der Sectionen und Mitglieder, ob der Verein eine Zeitfchrift publicirt? feit wann? wie oft? Stärke der Auflage, ökonomifche Verhältniffe in Rückficht auf Vermögen zu Ende des Jahres 1871, Einnahmen und Ausgaben im Jahre 1871. Nebft dem find bei vielen Vereinen Notizen über ihre Wirkfamkeit beigefetzt. Diefer Bericht führt an, dafs Pfarrer Weifshaupt in Appenzell im Jahre 1818 das erfte Central- Sängerfeft organifirte und dafs Zürich, Aargau, Thurgau, St. Gallen, Schaffhaufen und noch andere Städte alsbald diefem Beiſpiele folgten. Schon im Jahre 1824 berechnete Nägeli die Zahl der in Vereinen thätigen Sänger auf 20.000. Bei allen Canton- und Volksfeften ſpielten und ſpielen auch heute noch die mufikalifchen Aufführungen eine grofse Rolle; bei vielen derfelben wurden Preife ertheilt für die beften Leiftungen im Chorgefange. Im Jahre 1842 ift es den Sängervereinen von Aarau und Zürich gelungen, alle hervorragenden Männer- Gefangvereine der Schweiz zu einem grofsen Ganzen zu vereinigen: zum„ eidgenöffifchen Sängervereine". Seit 1843 gibt es bei den gröfseren Sängerfeften„ Wettgefänge" nach den beiden Kategorien: Kunftgefang und Volksgefang.„ Diefe Einführung verurfachte mancherlei Diffonanzen, die man durch immer erneute Reglemente für die Preisrichter und die Vereine zu löfen fuchte, bisher immer vergebens"( Siehe Bericht S. 230). Der Status zu Ende des Jahres 1871 war folgender: Anzahl der Gefangvereine 1593, Zahl der Mitglieder 50.000, Vermögen 239.173 Francs, Einnahmen 273.854 Francs, Ausgaben 225.204 Francs. Diefe enorme Verbreitung des Männergeianges, eines zwar berechtigten, jedoch einfeitigen und in vieler Beziehung unkünftlerifchen Gebietes der Muſik, hat nach unferer Meinung auf den Gefchmack des Volkes nicht veredelnd gewirkt. Der Sinn für gröfsere Formen, für reinere Klangwirkungen, für die eigentlichen Schätze unferer claffifchen Kunft erftirbt unter der Unmaffe von fchalen Producten mufikalifcher Kleinkunft, die dem Volke immer wieder als edle Koft angepriefen und dargereicht werden. Auf die verheerenden Wirkungen jenes Gebietes auf die Stimmorgane ganzer Generationen wollen wir hier nicht erft aufmerksam machen. Aus der Mitte des Schweizer Volkes felbft erheben fich bereits Stimmen, welche 3 30 Rudolf Weinwurm. den künftlerifchen Standpunkt betonen und die Pflege des gemiichten Chores als gleichberechtigtes Ziel der Volksbildung hinftellen. Diefen Standpunkt vertritt mit Einficht und Entfchiedenheit insbefondere J. J. Schäublin, ein um die mufikalifche Jugenderziehung in der Schweiz hochverdienter Mann, deffen Werken wir noch weiter unten begegnen werden, in feiner gleichfalls in der Schweizer Abtheilung aufliegenden Brochure:" Ueber die Bildung des Volkes für Musik und durch Mufik". Zwar hat man hier und da angefangen, in die Programme der Cantonsfefle auch gemifchte Chöre aufzunehmen, und an mehreren Orten, namentlich in den gröfseren Städten, verbinden fich unter der Aegide der gleich unten zu befprechenden Mufikvereine Frauen- und Männerchöre zur Pflege des gemifchten Chores; der Männergefang dominirt aber bei allen feftlichen Gelegenheiten und allerorten in einem feine künftlerifche Berechtigung weitaus überfteigendem Mafse. Auf welchem inneren Eintheilungsgrunde die erwähnte Theilung diefes Gebietes in Kunftund in Volksgefang beruht, vermag der Referent trotz genauer Durchficht des vorfindlichen Materiales nicht anzugeben, wir treffen im Gegentheile in den Sängerfeft- Sammlungen Nummern( z. B. Kreutzer's" Kapelle"), die fowohl unter der Rubrik Kunftgefang, als ein ander Mal unter der Rubrik " Volksgefang" vorkommen. Nebftbei zeigt aber die Durchficht diefer Hefte und die Durchficht der Liederfammlungen, dafs felbft auf dem Gebiete des Männergefanges in künftlerifcher Hinficht noch viel zu thun übrig bleibt. Man darf lange blättern, um irgend einem claffifchen Namen zu begegnen; am häufigften kommt noch Mendelsfohn vor, Schubert und Schumann find höchft mangelhaft und auf eine Weife vertreten, die ihre Bedeutung für diefes Gebiet nicht erkennen läfst. In den Liederfammlungen, deren einige noch weiter unten zur Aufzählung gelangen, trifft man mufikalifche Sünden und Gefchmacksverirrungen, die fich allenfalls mit dem Mangel claffifcher Nummern auf diefem Gebiete entfchuldigen, wohl aber nicht rechtfertigen laffen. Was foll man z. B. fagen, wenn man in einer der verbreitetften und fonft brauchbarften diefer Sammlungen: ,, Volksgefänge für den Männerchor, herausgegeben von einer Commiffion der Zürich'fchen Schulfynode" unter Nr. 56 und dem Titel:„ Schwur freier Männer" den wundervollen Doppelchor ,, Bacchus hymne" aus der Antigone von Mendelsfohn, einen der Glanzpunkte diefes Werkes, in einer Geftalt und Faffung findet, die fich kaum befchreiben läfst: ohne Begleitung; der Doppelchor auf einen einfachen reducirt; rhythmifche Aenderungen, die dem urfprünglichen Ductus widerftreiten; das Tonftück blofs im erften Theile benützt und demnach aus einander geriffen und fchliefslich ein Text untergelegt, der von hellenifcher Schönheit und dithyrambifchem Schwunge wohl gar nichts an fich hat? Oder wenn in derfelben Sammlung ( Nr. 179) ein inftrumentales Variationenthema Beethoven's als Männerchor verarbeitet wird auf einen Text:" O Welt, du bift fo fchön"? Oder wenn man das zauberduftige Lied Schumann's:„ Erftes Grün" in einer Verballhornung für Männerchor antrifft, entkleidet des geradezu unentbehrlichen Reizes der Begleitung? Oder wenn man in einer anderen Sammlung:„ Neue Volksgefänge für den Männerchor" I. Heft, Seite 51 den zweiten Satz aus der Sonate op. 90 von Beethoven bis zur Unkenntlichkeit entftellt, als Männerchor unter dem Titel: " Fahr wohl, du gold'ne Sonne" findet? Derartige Beifpiele wären noch mehrere anzuführen; fie zeigen aufs Deutlichfte die Gefahren, die dem mufikalifchen Gefchmacke aus einfeitiger Kunftübung erwachfen. Jener Bericht enthält auch die Nachweite über die Schweizer Mufikvereine, nach den vorerwähnten Rubriken abgefafst von Mufikdirector Methfeffel in Bern. Ihre Gefammtzahl beträgt 210; die Zahl der Mitglieder 6461; Vermögen 253.591 Francs; Einnahmen 255.621 Francs; Ausgaben 280.129 Francs; die Gründung der meiſten datirt aus den Jahren 1850 bis 1870; die älteften Vereine find: Mufikcollegium in Winterthur( 1629), Cäciliengefellfchaft in Rapperswyl Mufikalifche Lehrmittel. 31 ( 1737), Concertgefellfchaft in Bafel, Stadt( 1750), Mufikcollegium in Zofingen ( 1750), in Schaffhaufen( 1760), in Brugg( 1788), in Lenzburg( 1795). Als befonders hervorragend durch ihre Bedeutung und Leiftungsfähigkeit werden unter Anderen namhaft gemacht: Die Gefellſchaften in Winterthur, Zürich, Bern, Luzern, Bafel, Lenzburg, Zofingen. Unter den ausgeftellten Lehrmitteln finden wir nur Gefangswerke, theils in deutfcher, theils in franzöfifcher Sprache, darunter mehrere, denen wir bereits an anderen Orten diefes Berichtes begegnet find, namentlich die Werke von J. R. Weber( fiehe Ungarn), Schäublin und Heim( fiehe Oefterreich). Weber's Methode ift ausführlich enthalten in" Anleitung zu einem rationellen Gefangunterricht in der Volksfchule und fpecielle Behandlung der Gefang- Lehrmittel der Cantone Bern, St. Gallen und Appenzell", St. Gallen 1869, Huber; im genaueften Zufammenhange mit ihr ftehen feine„ Gefangtabellen", Bern, Lips, und feine„ Gefangbücher für die erfte, zweite und dritte Stufe der Primarfchule" Bern, Antenen, fowie die für den Canton Zürich von ihm bearbeiteten Gefangbücher. Unter Schäublin's hieher gehörigen Werken machen wir namentlich auf folgende aufmerkfam: " , Wandtabellen zum Gefangunterricht", ,, Gefanglehre für Schule und Haus", Leipzig, Bahnmeier " " Kinderlieder"( anfchliefsend an das Tabellenwerk)," 9 " وو , Lieder für Jung und Alt", a) Ausgabe für die Schweiz, b) Ausgabe für Deutſchland, mit Hinweglaffung der localen Texte, 2 Bändchen, wovon namentlich das zweite mit durchaus dreiftimmigen Liedern und Chorgefängen empfohlen werden kann.( Ebendafelbft.) Die Heim'fchen Sammlungen find von einer erftaunlichen Billigkeit bei gröfstentheils praktifcher Anlage, guter mufikalifcher Redaction und Ausstattung. Sie haben in kurzer Zeit eine ganz aufserordentliche Verbreitung gefunden. Letztere wird nur einigermafsen beeinträchtigt durch eine grofse Anzahl von Liedern im Schweizer Dialekt und durch manche mufikalifche Fahrläffigkeiten Das Publicum nimmt aber diefe Momente mit in den Kauf, da die Sammlungen andererfeits fehr viele Vorzüge aufweifen. Auch eine Art von Interdict, das gegen diefelben von Seiten einiger deutfchen Mufikalienhandlungen auszuüben verfucht wurde und darin beftand, dafs man die Werke gegenüber dem Publicum verfchwieg und deren directen Bezug zu behindern verfuchte, und zwar aus dem Grunde, weil der Herausgeber eine Anzahl von Compofitionen der neueren claffifchen Meifter ohne Bewilligung der Originalverleger in die Sammlungen aufgenommen hatte, war ihrer Verbreitung kaum hinderlich. In der Schweizer Collection lagen diejenigen auf, welche auf Veranlaffung der Zürich'fchen Schulfynode von J. Heim abgefafst und herausgegeben wurden: ,, Sammlung von drei- und vierftimmigen Volksgefängen für Knaben, Mädchen und Frauen, Liederbuch für Haus, Schule und Vereine." 232 Chöre für Sopran und Alt, Partiturausgabe; " Sammlung von Volksgefängen für gemifchten Chor." 254 Nummern in Partitur, 10. Stereotypausgabe; " Sammlung von Volksgefängen für den Männerchor." 235 Nummern in Partitur, 26. Auflage. Preis für jede diefer Sammlungen bei directem Bezug vom Depot in Zürich 8 Ngr. Wenn man bedenkt, dafs eine einfache Salonpiece oder ein Tanzftück für Clavier im Mufikalienhandel ebenfoviel oder häufig mehr koftet als eine folche ganze Sammlung in Partiturausgabe, fo wird man erft den richtigen Mafsftab für Beurtheilung diefer Leiftungen gewonnen haben. Heim hat diefe Sammlungen fortgefetzt und bereits neue, ebenfo billige Hefte für Männerchor und für gemifchten Chor veröffentlicht; auf welchen Umftand hiemit im allgemeinen Intereffe hin3* 32 Rudolf Weinwurm. gewiefen fei. Von den übrigen Getangs- Lehrmitteln mögen hier noch folgende Erwähnung finden: Elfter: Gefangbuch für die Gemeindefchulen des Cantons Aargau, drei Abtheilungen; a) für die unteren Schulclaffen oder für Kinder von 6-9 Jahren, b) für die mittleren " " " " 9-12 " c) für die oberen Schulclaffen oder für Schüler von 12-15 Jahren und für diefelben Claffen der Bezirksfchulen. Davon ift namentlich die erfte Abtheilung mit gut gewählten und methodiſch geordneten ein- und zweiftimmigen Liedern empfehlenswerth. Käftlin: Lehrapparat für den Mufikunterricht aus Holz mit Schiebtäfelchen zur Veranfchaulichung der Elementarkenntniffe. Das ausgeftellte Modell koftet nach eigener Erklärung des Verfaffers 80 Francs. Der Vorzug, den die Anwendung diefes Apparates beim praktifchen Unterricht mit fich brächte, ift nach der Meinung des Referenten gegenüber einem Tabellenwerk, deffen Anfchaffung doch mit bedeutend geringeren Koften verbunden ift, nicht belangreich. L. Kurz: Repertoire musical pour les écoles", 3 Hefte, Neuchatel. Faft fämmtliche Nummern des Werkchens find deutfchen Urfprungs; empfehlenswerth ift das 3. Heft: Chants pour quatre voix mixtes. J. Verfel:„ Reçueil de chants à trois et quatre voix égales pour les Colléges écoles moyennes et pour les premières écoles primaires." Laufanne. Auch in diefer Sammlung finden fich viele deutſche Nummern in franzöfifcher Uebertragung. Die aufliegenden Werke von Meylan und Hoffmann zeigen, dafs in einigen Cantonen, namentlich in Genf, Neuchatel und Vaud auch die franzöfifche Ziffernmethode im Gefangunterricht herrfcht. Der Referent hat bereits gelegentlich der preufsifchen Abtheilung über diefe Methode berichtet und es fei demnach geftattet, auf die bezüglichen Stellen hinzuweifen. Es finden fich noch einige weniger belangreiche Sammlungen dreiftimmiger Lieder für gemifchten und für Männerchor( darunter die weitverbreitete, obwohl mufikalifch inhaltsleere Sammlung:„ Das Rütli"; ferner die intereffanten Gefangs hefte für die eidgenöffifchen Sängerfefte von 1848( Bern), 1850( Luzern), 1852 ( Bafel), 1860( Olten), 1862( Chur), 1864( Bern), 1866( Rapperswyl), 1868( Solothurn), 1873( Luzern); fchliesslich noch mehrere ältere kirchliche Gefangbücher, Mufikdrucke und Liederfammlungen, die vom Standpunkte der Mufikgefchichte und der Typographie fehr intereffant zu fein fcheinen. Italien. Auf dem Gebiete der mufikalifchen Erziehung ift Italien höchft mangelhaft vertreten. Es kann wohl vorkommen, dafs man die Ausftellung des„ Ministerio dell' instruzione publica" ftundenlang durchfucht, ohne ein einziges mufika lifches Werk anzutreffen. Ob die thatfächlichen Verhältniffe des Landes damit im Einklange find, bleibe dahingeftellt. An den Volksfchulen ift Gefangunterricht nicht obligatorifch; wie weit die Pflege der Mufik an Lehrer- Bildungsanftalten geht, darüber fehlen gefetzliche Beftimmungen und es dürften, wie dem Referenten verfichert wurde, hier ähnliche oder gleiche Verhältniffe obwalten, wie in Frankreich. Unter den wenigen in der Collection des Minifteriums befindlichen Leiftungen auf diefem Gebiete heben wir die Werke von Varifco hervor, die zwar den Ansprüchen, mit welchen der Deutſche an derartige Leiftungen herantritt, nicht vollſtändig genügen, jedoch in Oberitalien ziemliche Verbreitung gefunden haben und beim Schulunterricht in mehreren gröfseren Städten in Verwendung ftehen. Wie grofs und ftaunenswerth die natürliche Begabung des Mufikalifche Lehrmittel. 33 italienifchen Volkes für Gefang ift, geht aus diefen Varifco'fchen Werken recht deutlich hervor; die erften Uebungen fchon nehmen in der Regel die Form von OpernCantilenen an und der getragene Gefang- das letzte Ziel ftimmlicher Ausbildung- waltet hier durchaus, auch in den Liederfammlungen vor.( In dem Werkchen:„ I primi Doni di Fröbel, Fiori di Melodie pei gardini e afili d'infanzia composte per Canto con accomp. di Pianoforte o Harmonium" trifft man z. B. unter Nr. 10 ,, Al fanciuletto, che dorme" eine viertaktig gegliederte Melodie und dem kleinen Kinde ift fomit die Aufgabe geftellt, vier Takte in mässigem Tempo in einem Athem zu fingen!) Von demfelben Verfaffer lagen noch auf:" Canti o Melodie popolari", 3 Hefte, mit Clavierbegleitung, prämiirt von der italienifch- pädagogifchen Gefellſchaft; , l'Orfeonista italiano, nuova publicazione di canti e melodie popolari per diverse voci" gleichfalls mit Clavierbegleitung;„ Manuale per insegnamento del canto alla prima età" und" Corso completo di canto"; fchliefslich ein Unterrichtswerk für Clavier:" Corso di Lezioni progressive", das jedoch einen Vergleich mit den befferen ähnlichen Werken Deutfchlands nicht vertragen würde. Frankreich. Obzwar die Ausftellung des franzöfifchen Unterrrichtsminifteriums in der Gruppe XXVI als fehr umfangreich fich repräfentirte, fo ift doch die Ausbeute für unfer Gebiet nur eine geringe und war überdiefs erfchwert durch den Mangel einer überfichtlichen Ordnung und eines Specialkatalogs. Allerdings mag fie zu den thatfächlichen Zuftänden des hieherbezüglichen öffentlichen Schulwefens in richtigem Verhältniffe ftehen, denn diefe liegen nach den Erfahrungen, die aus der Durchficht der betreffenden Lehrmittel und nach fonftigen Anhaltspunkten gewonnen wurden, noch ziemlich im Argen. An den Volksfchulen Frankreichs ift Gefangunterricht gefetzlich nicht vorgefchrieben; es wird zwar hier und da gefungen, aber nur wie das Titelblatt einer muſikaliſch unbedeutenden, doch weitverbreiteten ,, Liederfammlung der Schulbrüder" fich ausdrückt rapport avec l'esprit de l'église"; es ift fomit derfelbe Zuftand der Dinge, wie er ehedem vor der Einführung der Schulreformen auch in mehreren deutfchen Ländern und in Oefterreich geherrfcht hat; man begnügt fich mit der Einübung einiger religiöfer Lieder, von einem eigentlichen fyftematifchen und fortfchreitenden Unterricht wird jedoch abgefehen. In einigen gröfseren Städten Frankreichs follen zwar in diefer Beziehung fchon feit längerer Zeit wefentliche Aenderungen eingetreten feinfo hat namentlich Paris eine eigene Commiffion zur Uéberwachung des Gefangunterrichtes in den Communalfchulen, unter deren Mitgliedern man eine Reihe glänzender Namen lieft doch find diefs eben nur vereinzelte Beifpiele und Ausnahmen von der Regel. ,, en In welcher Ausdehnung Mufik an den Lehrer- Bildungsanftalten ( mit 3 Jahren) gepflegt wird, ift leider aus dem Organifationsgefetze nicht erfichtlich. Man fcheint hier der localen Organiſation Raum gelaffen und im Uebrigen, nach mehreren in der Collection befindlichen Lehrmitteln zu fchliefsen, das einzige Gewicht der mufikalifchen Bildung auch hier auf die kirchliche Seite der Tonkunft gelegt zu haben. Der Unterrichtsplan für das Pädagogium in Verfailles z. B., welcher dem aufliegenden Grundrifs des Gebäudes diefer Anftalt beigefetzt war, findet feinen Schwerpunkt einzig im ,, Plain Chant"( Choralgefang), deffen Ausführung und Begleitung; desgleichen haben mehrere der ausgeftellten Lehrmittel z. B. Naudet: Méthode très- élémentaire d'Harmonium; Battmann: Méthode d'Orgue Harmonium; Clément: ,, Le livre d'Orgue" einzig diefes Ziel im Auge. Liederfammlungen, wie fie in Deutſchland zu Dutzenden exiftiren, find in Frankreich, wo der Born des Volksliedes weniger reich fprudelt und die Schätze der 34 Rudolf Weinwurm. älteren Zeit kaum mehr im Bewufstfein des Volkes fortleben, feltener vertreten; die Ausftellung enthielt nur fechs derartige Werke, darunter folgende beachtenswerthe: Vaft: ,, Récréations muficales, 30 Choers variés à 3 voix égales."; Rogat: ,, Chants de jeuneffe, Solos et Choers à 3 voix égales avec accompagne ment de Piano ou d'Orgue"; Lemoine: ,, Chants d'école", II Hefte zwei- und dreiftimmiger Gefänge, theils mit, theils ohne Accompagnement; Baumier, ein gefchriebenes Heft, jene Lieder enthaltend, welche in der Communalfchule in d'Angers geübt werden, unter denen wir folgende deutfche in franzöfifcher Uebertragung finden: ,, Ueb' immer Treu und Redlichkeit", ,, Alle Vögel find fchon da" ,,, Fuchs, du haft die Gans geftohlen", Komm, lieber Mai" ,,, Der gute Camerad"; dagegen wird in allen Stufen des Gefangunterrichtes auf Vocalexercitien ein befonderer Nachdruck gelegt; diefe fpielen fowohl in den vorfindlichen Elementarmethoden als auch in den Lehrplänen verfchiedener Schulen eine hervorragende Rolle und die Production auf diefem Gebiete ift eine aufserordentlich ergiebige, um nicht zu fagen luxuriöfe. Es fanden fich Solfeggienwerke für eine, zwei, drei, vier Stimmen, mit und ohne Begleitung, von den einfachften bis zu den complicirteften Formen und wie hoch die Ziele find, die man fich dabei ftellt, geht daraus hervor, dafs man bei Durchficht mehrerer diefer Werke häufig in Zweifel kommen kann, ob der mufikalifche Satz für Menfchenftimmen oder für Streichinftrumente eingerichtet ift. Als die intereffanteften daraus heben wir hervor die ,, Symphonies vocales ou Solfèges d'enſemble à 3 et à 4 voix" von Chelard, die einund zweiftimmigen Solfèges von Carulli et Lemoine und das Solfège von Rodolphe. Von Elementarunterrichts- Methoden find bemerkenswerth: Mouzin , Petite Grammaire musicale à l'usage des écoles primaires.." und Chochery ,, Premières leçons de lecture musicale.." Ob die Auswahl der weiteren in der franzöfifchen Unterrichtsausftellung vorfindlichen mufikalifchen Werke mit Rückficht auf den Unterricht in Lehrer- Bildungsanftalten oder aber mit Rücksicht auf die Fachbildung in Confervatorien getroffen wurde, bleibt ungewifs. Für das erftere fpricht eine Anzahl von Werken, theils für Clavier, theils für Violine, deren Anwendung in Seminarien gewifs am Platze fein würde, für das letztere der Umftand, dafs fich eine Reihe von Methoden für Inftrumente vorfand, deren Uebung und Pflege wohl nur einen Gegenftand der Confervatorien bilden kann. Auf dem Gebiete des Clavierunterrichts begegnete man auch hier den bekannten Namen eines Czerny, Bertini, Heller, Henfelt( Etudes characteristiques), aufserdem war Lemoine durch eine gute Schule und durch zwei- und vierhändige Etudenhefte, Duvernoy durch eine Elementarfchule und waren die folgenden Componiften durch Etuden vertreten: Schulhoff, op. 13; Taubert, op. 40; Ravina, op. 28; Rofenhain, op. 17; Lefebure- Wely, op. 23 und 24; Vilbac; Luffy. Für Violine fanden fich zwei recht gute Werke: Mazas ,, Méthode de Violon" und Herman ,, Méthode compléte de Violon" für Violoncell eine Schule von Lebouc; an theoretifchen Werken unter Anderem die weitverbreitete Harmonielehre von Catel und ein beachtenswerthes, eben im Erfcheinen begriffenes Werk von Luffy ,, Traité de l'expression"; und fchliefslich fanden fich Schulen für fämmtliche Inftrumente in einer fehr billigen, gleichförmigen und brauchbaren Ausgabe der Firma Ik elmer& Comp. in Paris. Die bisher angeführten mufikalifchen Werke bedienen fich fämmtlich der gewöhnlichen Notenfchrift; es wurde jedoch bereits früher bemerkt, dafs an vielen Orten Frankreichs die Galin- Paris- Chevé'fche Ziffernfchrift in Verwendung fteht. Die Verbreitung derfelben wurde namentlich durch den Umftand begünftigt, dafs die Gefangvereine und ,, Liedertafeln"( ,, Orphéons"), die fich feit dem Anfange der fünfziger Jahre nach dem Vorgange Deutfchlands und der 4 Mufikalifche Lehrmittel. 35 Schweiz allenthalben in Frankreich gebildet haben, fich zum grofsen Theile diefer Notation, wenigftens für den Beginn ihrer Uebungen, bedienten. Auch an vielen jener Schulen, in denen Gefangsunterricht betrieben wird, ift diefe Ziffernmethode einheimifch. In der Unterrichtsabtheilung finden fich nun mehrere diefer chiffrirten Werke, ja fogar eine von Chevé nach der Ziffernmethode abgefafste Harmonielehre. Noch weiter ,, vereinfachte" angeblich L. Danel die mufikalifche Notation durch eine ,, Buchftaben- Methode"; feine diefsbezüglichen Vorfchläge find enthalten in mehreren Artikeln eines ausgeftellt gewefenen ,, Journal populaire de Musique et de Chant" und praktiſch durchgeführt in dem fich anfchliefsenden ,, Petit Solfège". Der Referent glaubt in diefen Beziehungen auf die Bemerkungen hinweifen zu dürfen, welche hier fchon bei einer früheren Gelegenheit ihren Platz gefunden haben. Es fei fchliefslich nur noch erwähnt, dafs das Bild, welches man über die mufikalifche Bildung und Erziehung auf Grund der in der franzöfifchen Unterrichtsabtheilung ausgeftellt gewefenen Lehrmittel gewinnen würde, ein ganz und gar unvollständiges, weder mit den thatfächlichen Verhältniffen übereinstimmendes, noch auch der hohen Stellung angemeffenes fein würde, die Frankreich auf dem Gebiete der mufikalifchen Kunft feit Langem eingenommen hat und gewifs auch in Zukunft behaupten wird. Niederlande. Dem auf Veranlaffung des Minifteriums des Inneren abgefafsten und in der Gruppe XXVI vorgelegenen Berichte über die Elementar- und Mittelfchulen im Königreiche der Niederlande entnehmen wir folgende hieherbezügliche Angaben: Nach dem Gefetz vom 13. Auguft 1857 ift der Gefangunterricht an allen Elementarfchulen obligat. Dem entfprechend wird auch auf die mufikalifche Ausbildung in den Lehrer- und Lehrerinen- Seminarien grofser Nachdruck gelegt und erftreckt fich das Examen zum Erlangen einer Fähigkeitsacte als Lehrer auch auf die Theorie des Gefanges. Den gegenwärtigen Zuſtand des Unterrichtes fchildert jener officielle Bericht mit folgenden Worten: „ Gefang. Diefer Theil des Volksunterrichtes ift in den letzten Jahren allgemein eingeführt worden, trägt aber noch nicht die Früchte, welche nach folch' einem Zeitverlaufe davon zu erwarten waren. Zu einem kräftigen Erwachen der Singluft unter dem Volke hat er wenigftens noch nicht überall geführt. Die Fortfchritte der Schüler find fehr abhängig von der mufikalifchen Anlage und dem Gefchmack der Lehrer. Während in mehreren Schulen zwei- und fogar dreiftimmige Lieder richtig gefungen werden und ein auf die Wandtafel gefchriebenes einfaches Thema von den Schülern der höchften Claffe gleich auf den erften Blick gefungen wird, fcheinen anderswo der fchleppende Ton und das laute Schreien, wodurch fich öfters der Gefang der weniger gebildeten Volksclaffe kennzeichnet, nicht immer befiegt werden zu können." An den Mittelfchulen wird Gefangunterricht nicht ertheilt, wenigftens erfcheint er nicht unter den Gegenständen des vorgefchriebenen Lehrplanes. Eine Collection von Lehrmitteln war in der niederländifchen Abtheilung nicht vorfindlich, man müfste denn die eigentlich in Gruppe XII rangirenden Verlagswerke des Buchhändlers Wolters in Groningen, die allerdings vieles Hieherbezügliche aufweifen, als folche anfehen. Diefs hat infoferne einige Berechtigung, da die in diefem Verlage vorfindlichen mufikalifchen Werke am Staatsfeminarium in Groningen und in den dortigen Elementarfchulen in Verwendung ftehen. Dazu zählen insbefondere die Werke von J. Worp, nämlich: " De zingende Kinderwereld", Kinderlieder für eine und zwei Stimmen mit Clavierbegleitung, mehrere Hefte; ferner Liederfammlungen für Schulen, zwei 36 Rudolf Weinwurm. und dreiftimmig; einige Solfeggienhefte( Oefeningen voor Stemvorming") und einige Orgelwerke. Das zuerft genannte ift laut Vorrede eine Ueberfetzung und theilweife Bearbeitung des gleichnamigen deutfchen Werkes:„ Die fingende Kinderwelt" von Graben- Hoffmann, das fehr viele Kinderlieder- Dichtungen von Hoffmann v. Fallersleben enthält, die längft in den hochdeutfch Auch die fprechenden Kreifen der Niederlande verbreitet und beliebt waren. übrigen Liederbücher enthalten viele Uebertragungen urfprünglich deutfcher Lieder in die verwandte Sprache, und felbftverſtändlich begegnet man in den Sammlungen für Orgel vielen deutfchen Namen, die den genannten Werken zur Empfehlung gereichen. Weitere Anhaltspunkte für unferen Bericht lagen leider nicht vor. Diefs ift umfo mehr zu bedauern bei einem Lande, das einftens einem vollen Jahrhundert der Mufikgefchichte feinen Namen gab und in dem auch gegenwärtig viele hervorragende Concertgefellſchaften und Mufikinftitute thätig find für die Pflege und Beförderung der Tonkunft. Spanien. Spanien, das unter endlofen inneren Kämpfen leidende Land überrafchte die Befucher der Weltausftellung durch eine ziemlich zahlreiche und wohlgeordnete Expofition von Gegenständen der XXVI. Gruppe. Darunter fanden fich auch viele mufikalifche Werke, theils gefchrieben, theils gedruckt und dazu beftimmt, den gegenwärtigen Stand des muſikaliſchen Unterrichtes an den gröfseren Mufikanftalten des Landes zu veranfchaulichen, zugleich aber auch Zeugnifs zu geben von dem eigenthümlichen Reichthum des Landes an Volks liedern. Nicht weniger als eilf folche Sammlungen von Volksliedern aus Andalufien, Afturien, Catalonien und anderen Theilen des Landes lagen auf, darunter einige von hohem mufikalifchem oder mufikgefchichtlichem Intereffe, wie die Sammlungen von Fuertes, Santesteban und Muñez- Robres. Sie enthalten eine Fülle von Tanzliedern: Bolero's, Seguidilla's, Zapeteado's, Fandango's u. f. w.; an die Stelle der urfprünglichen Begleitung durch Guitarre oder Mandoline ift in den neueren Ausgaben das Clavier getreten. Von den Werken für den mufikalifchen Unterricht find hervorzuheben die im Verlage von A. Romero in Madrid erfchienenen Gefangfchulen und Methoden, für faft alle mufikalifchen Inftrumente, in fehr hübfcher einheitlicher und praktifcher Ausgabe; für den Unterricht in Seminarien fcheinen mehrere vorfindliche Choral- und Officienbücher zu dienen, wie auch die recht gut zufammengeftellte, wenn auch fchwer leferliche Notentabelle von Flores Laguna, die als Führer durch die mufikalifche Notenfchrift vom Beginne bis zur Gegenwart dienen kann; das wiffenfchaftliche Gebiet der Mufik war gleichfalls durch mehrere Werke vertreten, unter denen wir die„ Historia de la musica española" von Mariano Soriano Fuertes, Madrid 1855, hervorheben. Ferner fanden fich noch einige intereffante Angaben über Anftalten zur Pflege der Tonkunft, namentlich über die Madrider National- Mufikfchule, die Concertvereine dafelbft und die ſpaniſchen MännerGefangsvereine. Die„ Escuela National de Musica" in Madrid ift gegründet im Jahre 1830, ihre definitive Organiſation datirt jedoch aus der neueften Zeit: vom 2. Juli 1871. Der Unterricht wird von zehn Profefforen und von Hilfslehrern gegeben; die Gefammtanzahl der Schüler und Schülerinen zu Ende December 1872 war 866. Die Sociedad de Conciertos" in Madrid, eine aus freier Vereinigung von Mufikfreunden hervorgegangene Gefellſchaft, ift im Jahre 1866 gegründet und hatte laut einem von Jofé Maria Provenza veröffentlichten Bericht über ihre Thätigkeit bis zum vorigen Jahre 43 Aufführungen, in welchen in summa 110 Inftrumental- und 14 Choralwerke zu Gehör gebracht wurden. Unter den Componiftennamen treffen wir 13 deutfche( Beethoven, " Mufikalifche Lehrmittel. 37 Händel, Haydn, Mendelsfohn, Meyerbeer, Mozart, Nicolai, Schubert, Schumann, Spohr, Johann Straufs, Wagner, Weber), 16 ſpaniſche, 6 franzöfifche ( Auber, Gounod, Labarre, Mehul, Onslow, Thomas), 9 italienifche, 2 englifche ( Paquis, Wallace), I dänifchen( Gade), I ruffifchen( Glinka). Auch eine„ Sociedad de Cuartetos"( Streichquartett- Gefellſchaft) befitzt Madrid, und zwar bereits feit 1863. Die Anzahl der Aufführungen beträgt im Durchfchnitt jährlich fechs, Beethoven, Haydn, Mendelsfohn, Mozart, Schumann, Spohr, Weber bilden die Bafis des Repertoires, das aufser den Streichquartetten auch Werke für Clavier allein und für Clavier und Violine etc. in fein Bereich zieht. Die Angaben über die ,, Sociedades corales", die wir gröfstentheils einem Werke von Mariano Soriano Fuertes entnehmen, reichen nur bis zum Jahre 1865; man zählte zu Anfang diefes Jahres in den verfchiedenen Provinzen des Landes in summa 85 folcher Vereine, die nach franzöfifchem Mufter organifirt und in einem Gefammtbunde„ Associacion Euterpense" vereiniget waren. Die ältefte diefer Gefellfchaften ift die in Barcelona 1850 gegründete„ Euterpe", die meiſten übrigen find in dem Decennium 1860 bis 1870 gegründet. Die gemeinfamen Fefte wurden in Barcelona abgehalten, das erfte am 17. September 1860; daran nahmen ungefähr 200 Sänger Theil, beim folgenden, am 9. October 1861 betheiligten fich zwölf Gefellſchaften mit 420 Mitgliedern, beim dritten, vom 27. bis 29. September 1862, wobei auch ein Wettkampf mit Preisvertheilung ftattfand, war die Anzahl der Sänger bereits 1200, beim vierten am 4., 5. und 6. Juni 1864, überftieg diefe Anzahl bereits 2000. Seit jener Zeit fcheinen diefe Gefellſchaften unter den politifchen Verhältniffen erheblich gelitten zu haben. Schweden. Gefangunterricht wird in Schweden faft an allen öffentlichen Schulen ertheilt, er ift an den Volksfchulen obligat fchon feit dem Jahre 1842, desgleichen an den Mittelfchulen in den drei unterften Claffen, in den folgenden Claffen der Mittelfchulen werden nur diejenigen Zöglinge davon befreit, welche keine mufikalifchen Anlagen haben, oder fich im Stimmwechfel befinden. An den Mittelfchulen ift aufserdem der Unterricht in der„ Inftrumentalmufik" als facultativer Gegenftand eingeführt und für jeden Zögling mit zwei Stunden wöchentlich bedacht( königliche Ordonnanz vom 29. Jänner 1859). An den Lehrer- und Lehrerinen- Bildungsanftalten wird„ Mufik und Gefang" gelehrt. Genauere Daten hierüber lagen uns leider nicht vor; nur fei bemerkt, dafs die beiden erften Jahre des dreijährigen Curfes vorzugsweife der eigenen Ausbildung des Candidaten gewidmet find, während er im dritten Jahre bereits felbftthätig an der Uebungsfchule des Seminars einzugreifen hat. Als Begleitungsinftrument beim Gefangunterricht dient, felbft in den Volksfchulen, ein Harmonium( Physharmonika). Es ift ftaunenswerth, zu welch' billigen Preifen diefe Inftrumente in Schweden hergeftellt werden. In dem ein Object der Weltausftellung bildenden, fchwedifchen Schulhaufe" fanden fich zu Anfang zwei der artige Inftrumente; der Preis des kleineren von Nyftröm in Carlftadt würde fich laut privater Mittheilung ungefähr auf 45 fl. öfterreichiſcher Währung, der des gröfseren Inftrumentes von Wilgren in Stockholm ungefähr auf 65 fl. öfterreichifcher Währung ftellen. Dabei find die Inftrumente, wenn man eben nur den Gefangunterricht an den Volksfchulen im Auge hat, vollkommen zweckentfprechend; befcheiden, aber nett in ihrem Aeufseren und von recht angenehmem Klang und folider Befchaffenheit. Auch was weiter an mufikalifchen Lehrmitteln im fchwedifchen Schulhaufe fich findet, ift anregend und vergleichsweife fehr intereffant. Zu den befferen an Volksfchulen und Seminarien derzeit in Verwendung ftehenden mufikalifchen Werken möchten wir insbefondere die folgenden rechnen: 4 38 Rudolf Weinwurm. - Sandberg( Seminarrector in Stockholm):„ Sångbock för skolor", Nr. 154 des Kataloges. Es enthält 50 Nummern, theils einftimmig, theils mehrftimmig, unter den letzteren auch einige für gemifchten Chor, und fchliefst fich was hier befonders hervorgehoben werden mufs an das in den Volksfchulen eingeführte Lefebuch an, dem die Liedertexte entnommen find. Ein ähnliches Werk desfelben Verfaffers" Folksskolans sångbok", Katalogs- Nr. 153, enthält hundert ein- und mehrftimmige Gefänge, gröfstentheils fchwedifche Volksmelodien, aber auch einige deutfche in fchwedifcher Uebertragung, z. B. Mozart's" Komm', lieber Mai", Weber's Chor aus„ Oberon". Lundh( Mufiklehrer am Seminar in Stockholm): ,, Tonträffningsskola", Katalogs. Nr. 159, Sammlung von 450 Uebungen zum Gefangunterricht an Seminarien, ausgehend von dem Umfang von fünf Tönen und ihn allmälig erweiternd. Cronhamn( Profeffor am Confervatorium in Stockholm):„ Sånglära" für Volksund Elementarfchulen in zwei Ausgaben, a) für den Lehrer mit Beigabe einer methodifchen Anleitung; b) für den Schüler, Katalogs- Nr. 156. Jofephfon( Mufikdirector an der Univerfität Upfala):„ Skolsänger", Katalog Nr. 152; ein- und mehrftimmige Lieder für die höheren und niederen Schulen in drei Theilen. Darin finden wir eine Reihe der beften deutſchen Gefänge in fchwedifcher Uebertragung. Schliefslich feien noch die hübfchen fchwediſchen Choralfammlungen für Kirchen- und Schulgebrauch hervorgehoben, deren mehrere im fchwediſchen Schulhaufe auflagen, und die fowohl durch ihre handfame Form, als durch ihre mufikalifche Ausftattung fich vortheilhaft bemerklich machten. Rufsland. In der ruffifchen Abtheilung fanden wir unter Gruppe XXVI aufser einer in Petersburg erfchienenen Clavierfchule von Villoing und einigen ManufcriptCompofitionen desfelben Verfaffers nur noch die Gefangs- Lehrmittel, die an dem Volkslehrer- und Lehrerinenfeminar in Jywässkylä, Grofsfürftenthum Finnland, Gouvernement Wafa in Verwendung ftehen. Es find die beiden folgenden: " Kleine Gefanglehre und fünfzig Lieder", herausgegeben von H. Wächter und: ,, Suomalainen Laulufeppele"( Sammlung von Gefängen?) von E. A. Hag fors, Helfingör 1871; beide in finnländifcher Sprache, das erfte ein- und zweiftimmig, das andere für gemifchten Chor. Wenn man die beiden Werke nur nach ihrem muſikaliſchen Inhalte betrachten würde, könnte man leicht glauben, es mit deutfchen Werken zu thun zu haben, fo häufig finden fich deutfche Melodien und deutfche Componiftennamen. Erft die Betrachtung des Textes, eines ganz und gar fremden Idioms, belehrt uns eines Anderen und zeigt uns, dafs deutfche Volksweifen und die Errungenfchaften deutfcher Kunft auch im grofsen Czarenreiche angetroffen werden. Selbftftändiger, obwohl mufikalifch weniger belangreich, ift noch das kleinere Werkchen, die Gefanglehre etc. von Wächter; es bringt unter den fünfzig kleinen Melodien nur fieben deutfche, nämlich Nr. 7 und 15: „ Mit dem Pfeil, dem Bogen", Nr. 8:„ Geftern Abend ging ich aus", Nr. 20 und 28:„ Kommt ein Vogel geflogen"( entftellt), Nr. 24 Fuchs, du haft die Gans geftohlen", Nr. 29: ,, Es ritten drei Reiter zum Thore hinaus". Die übrigen Liedchen, obwohl fie auch häufig an die Anfänge deutfcher Melodien erinnern( z. B. 43 und 44) fcheinen einheimifchen, d. i. finnländifchen Urfprunges zu fein, und find als folche hauptfächlich durch die rhythmifche Gliederung intereffant. Die billige und praktiſche Sammlung von Hagfors aber ift laut Vorrede des Verfaffers durchaus eine Anthologie aus mehreren deutfchen Werken, und zwar wurden für den erften Theil: ,, Auswahl ernfter Gefänge" die bekannten Werke von Jacob, Erk und Mufikalifche Lehrmittel. 39 Greef benützt; für den zweiten Theil: ,, Choralbuch", die entſprechenden Werke von Hentfchel und ,, der Lehrmeifter im Orgelfpiele" von W. A. Müller. Die Auswahl und das muſikaliſche Arrangement find übrigens vortrefflich; Druck und Ausftattung entſprechend. Bei diefen wenigen Zeilen mufs es der Referent bewenden laffen, da auch bei diefem Lande weitere Objecte und Anhaltspunkte in der Gruppe XXVI nicht vorlagen. Vereinigte Staaten von Nordamerika. Das ein Object der Weltausftellung bildende ,, amerikanifche Schulhaus", wie auch mehrere Objecte, die unter Gruppe XXVI im WeltausstellungsPalaft felbft vorkamen, zeigten den erfreulichen Umftand, dafs man angefangen hat, dem Gefangunterrichte an den amerikaniſchen Schulen befondere Aufmerkfamkeit zuzuwenden. Damit ftimmt überein, dafs unter den öffentlichen Schulbehörden mehrerer Staaten ein fpecieller Repräfentant für Mufik( ,, Superintendent" oder auch„ Superviſor of Mufic") fich findet, deffen Aufgabe es ift, den mufikalifchen Unterricht an den öffentlichen Schulen zu überwachen. Der Generalkatalog der Ausftellung enthielt bei dem Objecte ,, amerikanifches Schulhaus" ausdrücklich den Beifatz:„ ,, mit gewöhnlicher, in den Ruraldistricten von Amerika gebräuchlicher Einrichtung". Man kann dem Lande nur gratuliren, welches den Aufwand nicht fcheut, die Schulhäufer betreffs unferes Gebietes nicht nur mit einigen der unten angeführten Liederbücher und einem Mufik- Tabellenwerke, fondern insbefondere noch mit einem Begleitungsinftrumente für den Gefang auszuftatten, wie das hier vorfindliche. Es ift ein recht gutes Harmonium( Schulorgel) von der Firma Mafon& Hamlin Orgel- Company in Bofton, die, wie wir vernehmen, einen Zweig ihrer Fabrication fpeciell für die Bedürfniffe der Schulen eingerichtet hat. Sie liefert zu diefem Zwecke vieroctavige Inftrumente zum Preife von ungefähr 85 fl. öfterreichiſcher Währung, ein für amerikanifche Verhältniffe immerhin fehr billiger Preis, wenn er auch den Vergleich mit den in Schweden erwähnten Preifen nicht verträgt. Das im Schulhaufe befindliche Inftrument ift nun freilich keines diefer allerbilligften; es hat fünf Octaven Umfang, zwei Verftärkungsregifter und eine Schwebeton- Vorrichtung, und der Preis würde fich, ficherem Vernehmen nach, auf ungefähr 250 Gulden ö. W. ftellen. Die reicher fundirten Schulen, wie auch die Seminarien benützen zum Accompagnement gewöhnlich diefe Inftrumente, die fich vorkommenden Falls auch zu felbftftändiger Leiftung wenigftens für die Anfänge des Unterrichts qualificiren. In den Seminarfchulen werden beim Unterrichte ferner noch Claviere und Harmoniums mit Pedal( Zimmerorgeln) verwendet. Die grofsen Vortheile, welche ein derartiges Begleitungsinftrument und fei es auch eines der allerbilligften beim Gefangunterrichte gegenüber der in faft allen übrigen Staaten beim Volksunterrichte herrfchenden Violine mit fich führt, leuchten von felbft ein. Entgegenftehende Meinungen glaubt der Referent auf den bezüglichen Abfchnitt des der öfterreichifchen Unterrichtsausstellung beigegebenen officiellen Berichtes verweifen zu dürfen. Die ausgeftellten amerikanifchen Lehrmittel boten ein doppeltes Intereffe. Einmal an und für fich, indem fie die Methode des Unterrichtes zeigten, ferner aber auch, indem fie den Einflufs anderer Länder nachwiefen, der fich hier, den natürlichen Verhältniffen entſprechend, in hervorragender Weife geltend machte. Mag es namentlich für den Deutfchen fchon intereffant fein, der Verbreitung feiner Volksmelodien in europäifchen Ländern nachzugehen in welcher Beziehung im Laufe des Vorangegangenen manche Andeutungen gegeben wurden fo wird diefes Intereffe geradezu zur Herzensfache bei einem Lande, das einen grofsen Theil feiner Blüthe und Cultur der deutfchen Einwanderung verdankt. Das deutfche Volkslied spielt nun in den aufliegenden amerikanifchen Liederbüchern - 40 Rudolf Weinwurm. Mufikalifche Lehrmittel. eine fehr bedeutende Rolle, und zwar nicht allein in den zweifprachigen Sammlungen wie z. B. Reffelt:" Deutfch- englifches Liederbuch", New- York, Steiger, fondern auch in den rein englifchen ein- und zweiftimmigen Liederbüchern. Aller Orten begegnen wir lieben alten Bekannten, den Freunden und Gefährten unferer eigenen Jugend und wir begrüfsen fie als folche, wenn fie auch hier und da mit einem fremdartigen Kleide angethan find, vielleicht auch ihren Namen und ihre Herkunft verleugnen wollen und die weite Reife oft nicht ohne nachtheiligen Einfluss auf ihre urfprünglich gefunde Organiſation geblieben ift. Den praktifchen Theil des Gefangunterrichtes beftreitet faft überall und mit geringen Ausnahmen Deutfchland und der kleine Amerikaner freut fich z. B. mit denfelben Klängen wie der kleine Junge Deutſchlands, dafs der ,, Winter" fortgezogen, dafs der„ Mai" gekommen, dafs der„ Kukuk" ruft, dafs der„ Tannenbaum" auch im Winter grünt, dafs das„ Glöcklein klingt"; er warnt den ,, Fuchs, der die Gans geftohlen" hat, er ruft zum Reigen herbei" u. f. w. u. f. w. Die Aufzählung würde aufserordentlich anwachfen, wenn man fie noch auf die dreiund vierftimmigen Sammlungen ausdehnen wollte, die mit manchem deutfchen Werke auch das gemein haben, dafs fie künftlerifchen Geift und Anordnung vermiffen laffen. Die Methode des Elementarunterrichtes ift, im Ganzen genommen, eine befriedigende. Jede Schule befitzt ein Tabellenwerk, an welches fich der Unterricht in den erften Jahren anfchliefst. Die im amerikanifchen Schulhaufe vorfindlichen Tabellen( Mufic Charts) find von Mafon und Sharland in Bofton verfafst und halten ungefähr den Gang ein, den die Schäublin'fchen( fiehe Schweiz) oder die bekannten Silcher'fchen Wandtabellen verfolgen. Neben diefen Wandtabellen fteht dann, insbefondere in den oberen Jahrgängen, ein Liederbuch in Verwendung. Mehreren diefer Liederbücher ift eine kurze methodifche Anleitung für die Hand des Lehrers vorausgefetzt, fo dafs fie auch für die Zwecke der Lehrer- Bildungsanftalten verwendet werden können. Auch die früher erwähnte Schweizer Methode( ausgehend von einer Linie) finden wir hier vertreten in einem Werke von Loomis„ First Steps in Mufic", New- York und Chicago. Am meiften verbreitet follen die Mafon'fchen mufikalifchen Lehrmittel fein, deren einige hier auflagen. Aufserdem fand fich vor eine Sammlung von Sololiedern, Duetten, Terzetten, Quartetten der beften Meifter unter dem Titel ,, The cantara", herausgegeben von Nash und Bristow New- York, und mehrere Sammlungen kirchlicher Gefänge, Hymnals und Choralbücher. Andere Gebiete des mufikalifchen Unterrichts find nicht vertreten. Liefs das Vorhandene im Allgemeinen noch viel zu wünfchen übrig, fo kann man doch die Hoffnung daran knüpfen, dafs die Vereinigten Staaten binnen kurzer Zeit grofse Fortfchritte auf diefem Gebiete aufzuweifen im Stande fein werden. Die in diefem Berichte nicht angeführten Länder waren in der Gruppe XXVI, foweit in derfelben das mufikalifche Gebiet in Frage kommt, nicht vertreten.