OFFICIELLER AUSSTELLUNGS- BERICHT HERAUSGEGEBEN DURCH DIE GENERAL- DIRECTION DER WELTAUSSTELLUNG 1 8 7 3 UNTER REDACTION VON DR. CARL TH. RICHTER, к. к. o. ö. PROFESSOR IN PRAG. DAS GEWERBLICHE UNTERRICHTSWESEN. ( Gruppe XXVI, Section 4.) BERICHT VON ARMAND FREIHERRN VON DUMREICHER. WIEN. DRUCK UND VERLAG DER K. K. HOF- UND STAATSDRUCKEREI. 1874. TH DAS GEWERBLICHE UNTERRICHTSWESEN. ( Gruppe XXVI, Section 4.) Bericht von ARMAND FREIHERRN VON DUMREICHER. Die Stellung des gewerblichen Unterrichtswefens im Culturleben > der Gegenwart. Ausftellungen gewerblichen Unterrichtswefens bieten der Betrachtung dankbaren und überreichen Stoff, und von all' den mannigfachen Gebieten individuellen wie ftaatlichen Seins und Schaffens, welche in der Wiener Weltausftellung Vertretung gefunden, erfüllt nur wenige ein Inhalt, den eine fo ftarke Strömung der Zeit trägt; denn nie zuvor begegneten fich wie heute in den continentalen Induftrieftaaten die Gedanken des Nationalökonomen und des Staatspädagogen fo fehr auf gleichem Wege und ftrebten fo bewufst dem Ziele nach, der bisherigen empirifchen und darum fchwanken Entwicklung des Gewerbewefens von nun an in der Schule einen feften Unterbau zu fchaffen. In folche Richtung hinein drängen gegenwärtig zahlreiche zufammenwirkende Factoren die Geifter. Während die einzelnen Zollgebiete, fortgeriffen von dem freihändlerifchen, Zuge, der unfere Epoche beherrscht, fich zu ftrafffter Anfpannung ihres induftriellen Könnens getrieben fehen, während ein märchenhaft gefteigertes Verkehrswefen alte, hochentwickelte Induftrieftaaten mit zermalmender Concurrenzkraft auf dem entlegenften Boden auftreten läfst, und während der alfo gefallene Schutzzoll des Gefetzes und des Raumes allerorten und in jedem Zweige den Gewerbsmann das zu lernen zwingt, was irgend ein Anderer im fernften Lande bereits kann, vollzieht fich innerhalb der Gemarkungen der einzelnen Staaten ein gewaltiger focialer Procefs, der, vorbereitet von einem glänzenden Auffchwunge der Naturwiffenfchaften, eingeleitet und gefördert durch ein mächtig emporgedeihendes Mafchinenwefen und ins Unberechenbare gefteigert durch die überall unaufhaltfame Entwicklung der Gewerbefreiheit, im wirthfchaftlichen Leben des einzelnen Landes der Grofsinduftrie jenes Uebergewicht dem Kleingewerbe gegenüber leiht, mit dem in der Weltwirthfchaft reiche und ftarke Induftrieftaaten fchwächere und ärmere zu erdrücken drohen. So müffen diefe Entwicklungen ebenfo dem Staatsmanne, deffen Blick fich auf internationale Verhältniffe richtet, die Aufgaben des gewerblichen Unterrichtswefens als tief bedeutende enthüllen, wie dem, der vorwiegend den inneren Zuftänden und den Fragen der Socialpolitik feine Aufmerkfamkeit widmet. Wir ſtehen da vor einer unabfehbaren Kette werdender Geftaltungen, deren Endpunkte noch in kimmerifchem Dunkel liegen. Die abendländifchen Culturvölker, in ihren Wohnfitzen von einer die Arbeitskraft fördernden Ermässigung aller phyfikalifchen und organifchen Gegenfätze begünftigt, haben durch den riefigen Hebel der Beherrfchung der Naturkräfte im Grofsen fich zur Weltherrschaft I* 21 Armand Freiherr von Dumreicher. aufgefchwungen; aber fchon tauchen die erften Zweifel auf, ob fie die Herrfchaft über fich felbft zu bewahren vermögen, und ob ihre Gefellſchaft nicht von der unerhörten Umwälzung in den Productionsverhältniffen der Zerfetzung und Zerrüttung entgegengeführt wird. So gibt eine Entwicklung, deren Samenkorn, Keimkraft und Wachsthum in den Naturwiffenfchaften liegt, heute den Staatswiffenfchaften neue Probleme zur Löfung. Und die Staatskunft der Gegenwart hat, indem fie die grofse Frage zu klären trachtet, dem gewerblichen Unterrichtswefen ihr Intereffe zugewendet und den Staatsorganen ein neues, bisher nur von anderen Intereffenten unvollkommen gepflegtes Verwaltungsgebiet zugewiefen. Für jene Organe ein fchwieriges Verwaltungsgebiet; darum fo fchwierig, weil ihnen hier die Traditionen mangeln. Denn der Staat war Jahrzehnte lang mit feiner Unterrichtsadminiftration hinter den wirthschaftlichen und focialen Ereigniffen zurückgeblieben. Nachdem er bereits in der zweiten Hälfte des XVIII. Jahrhundertes die Leitung oder Beeinfluffung der alten Gelehrtenfchulen als feine Aufgabe erkannt und zugleich der Verbreitung elementarer Bildung in den Volksmaffen feine organifatorifche Kraft zugewandt, nachdem er fodann auch dem erfolgreicheren Betriebe und der erweiterten Anwendung der Erfahrungswiffenfchaften durch Gründung einer neuen Art von Hochſchulen Rechnung getragen, und in Folge deffen fpäter auch die Bifurcation der Mittelfchule durchgeführt hatte, fchien ihm das Gebäude abgefchloffen, fein Beruf erfüllt, fein ftaatspädagogifches Geftaltungsvermögen erfchöpft. Indeffen waren aber neue Bedürfniffe grofs gewachfen, welche er im Anfange ignoriren und deren Befriedigung er allenfalls privater Strebfamkeit überlaffen zu können glaubte. Doch ftets weiter und weiter fchob das fortfchreitende Leben diefe Bedürfniffe in den Vordergrund, und immer zweifellofer drängte fich die Erkenntnifs auf, in wie hohem Mafse die Lücke im Unterrichtsfyfteme allgemeine Intereffen gefährdet. Schon feit den erften Decennien unferes Jahrhundertes fing auf dem europäifchen Feftlande jene für Staat und Gefellſchaft bedeutfame Veränderung in der Production fich zu bilden an: die Arbeit auf Verkauf begann ftatt der Arbeit auf Beftellung fich einzubürgern, die Erzeugung für den localen Markt ftrebte dem Weltmarkte zu, die Theilung der Arbeit vollzog fich allmälig in mehr und mehr gewerblichen Zweigen, neue Erfindungen vereinfachten und erhöhten den induftriellen Betrieb, gröfsere Unternehmer benützten die billigfte Arbeitskraft, die Mafchine, und bemächtigten fich des ausfchlaggebenden Einfluffes auf Einkaufswie Verkaufspreife. Auch Kaufs- und Fabriksherren fanden fodann ihren Meifter in mit unerhört grofsen Mitteln arbeitenden Actienunternehmungen. Die Oekonomie der continentalen Länder trat in die Epoche der Capitalsherrfchaft ein. Das fociale Ergebnifs diefer Entwicklung ift ein neuer Stand, der Arbeiterftand. Neue Elemente und Mitglieder der ehemals zünftigen Gewerbe bilden ihn; er umfafst ländliche Volksbeftandtheile, welche in letzterer Zeit den Fabriken zugeftrömt find, aber auch alte bürgerliche Kreife, Handwerks- Gehilfen und Kleingewerbetreibende, welche eine gefellſchaftliche capitis deminutio erlitten haben. Mit der Entftehung eines neuen Standes find dem Staate auch neue Pflichten erwachfen, deren Erkenntnifs er näher und näher kommt, je fchärfer das Claffenbewufstfein in den Arbeitern fich auszuprägen und eine breite und ftarke Volksfchichte von den übrigen Staatsgenoffen zu ifoliren beginnt. Diefe Pflicht befteht für ihn um fo gewiffer, als er, dringenden Anforderungen des Zeitalters entſprechend, dem Gewerbsmanne ein Jahrhunderte altes, hiftorifch gewordenes Recht genommen hat, ein Privilegium, welches in Form von Innungs- und Zunftgefetzen ftarken Schutz gewährt hatte. In edlerer Geftalt kann der Staat nunmehr eine Entfchädigung hiefür nicht fchaffen, als indem er dem von Das gewerbliche Unterrichtswefen. neuer Concurrenz hart Bedrängten Bildungsftätten bietet, welche ihm die Erwerbung jenes Wiffens und Könnens ermöglichen, deffen er den veränderten Verhältniffen gegenüber nicht mehr entrathen darf. Abgefehen von folchem ethifchen Momente, hat aber der Staat auch ein Lebensintereffe, die Kluft zu überbrücken, welche Geift und Capital vom vierten Stande trennt, und dem mittleren Gewerbeftande als focialem Zwifchengliede jene Fürforge angedeihen zu laffen, welche er der Förderung höherer induftrieller Thätigkeit durch reiche Dotirung polytechnifcher Inftitute und durch Errichtung von Realfchulen bereits zugewendet hat. Zurückgebliebene Unterrichtseinrichtungen haben nachgerade den ungefundeften Zuftand gefchaffen. Alle Bildung ftrebt vom Volksboden weg und hält fich, gleich warmer Luft, nur in den oberen Schichten auf, und die wiffenfchaftlich oder künftlerifch höchftftehenden Leiter moderner Werke fehen unter fich faft nichts als einen Haufen mechanifch arbeitender Handlanger. Eine fo naturwidrige Trennung von Kopf und Arm, eine folche Ausfchliefsung des Arbeiterftandes vom geiftigen Gehalte feines eigenen Thuns läfst für die Zukunft des Gewerbewefens, für die fittliche Tüchtigkeit des Volkes, für unfere ganze Cultur befürchten. Und Hilfe von innen heraus kann da nicht kommen. Der Staat, die Gemeinde mufs hier eintreten. Denn der einzelne Gewerbszweig ift unter den heutigen Verhältniffen, bei der Zerfahrenheit der perfönlichen Intereffen nicht mehr im Stande, unter feinen Mitgliedern die Traditionen des Handwerkes voll und fchulgerecht weiterzuführen, in der Art etwa, wie die Bauhütte des Mittelalters fich ihre Schule felber zog und den Arbeiter, den Steinmetz zum Baumeifter, ja zum Künftler heranbildete. Darum mufs heute dem öffentlichen Intereffe durch öffentliche Organe genügt werden, wenn es anders in den Augen der Staatslenker ein öffentliches Intereffe genannt zu werden verdient, dafs eine zahlreiche Menge kleinerer, ein wohlumhegtes Familienleben pflegender Gewerbetreibender fich ihre Selbftftändigkeit erhalte, und dafs das neueftens vom Zufluffe frifcher Elemente faft abgedämmte Bürgerthum keiner Verderben zeugenden Stagnation verfalle, fondern dafs vielmehr der Mittelftand im Emporringen der markigften, energievollften Volkskräfte fich ewig neu gebäre zum Heile der Gefellfchaft, des Staates und der Cultur. Wie ein in den ruhigen Wafferfpiegel gefchleuderter Stein zieht die grofse gefellfchaftliche Frage ftets weitere und wei tere Ringe um fich; fie ift zu diefer Stunde bereits in den Bereich eingetreten, welchen eine fernerblickende Socialpolitik überfchauen foll. Diefe Erwägungen find fo wichtig, dafs fie felbft jene anderen in Schatten ftellen, welche die Nothwendigkeit einer eifrigen Pflege des gewerblichen Unterrichtswefens zum Zwecke der Erzielung befferer Concurrenzfähigkeit der Induftrie eines Staates mit der aller anderen zum Ausgangspunkte nehmen. Allerdings liegt die letztere Auffaffung den gouvernementalen Kreifen in der Regel näher, da die Steigerung der Steuerkraft, die Erweiterung der Ausfuhr, die Vermehrung der Handelsbeziehungen und dadurch des äufseren Einfluffes und der politifchen Macht rafcher und handgreiflicher in die Erfcheinung treten, und da die von allen Culturvölkern mehr oder minder angenommenen Principien des Freihandels- Syftemes gebieterifch zur Erhöhung der induftriellen Spannkraft zwingen. Denn feit dem Jahre 1776, da Adam Smith's denkwürdiges Werk ,, Wealth of nations" die Preffe verliefs, hat, unendlich langfam, aber unverrückbar dem Ziele zufchreitend, eine Bewegung die Welt durchzogen, von welcher ein Land nach dem anderen erobert und zur Befchleunigung feiner gewerblichen und commerciellen Fortfchritte genöthigt worden ift. Ein klar bewufstes Streben in folcher Richtung haben aber namentlich auch die feit zwei Decennien veranſtalteten grofsen internationalen Ausftellungen zur Folge gehabt. Indem fie den Trägern jedes Gewerbszweiges eine lebendige Darftellung der induftriellen Kraft ihrer Mitbewerber in anderen Staaten vor 247 4 Armand Freiherr von Dumreicher. Augen führten und fie auf Bemühungen aufmerkfam machten, durch welche fremde Unternehmer mittelft vervollkommneter Technik ihnen einen bisher ficher beherrfchten Markt abzujagen drohten, regten fie die Einen zu frifchem Nach- und Aufftreben an, rüttelten Andere aus felbftbefpiegelndem Narcifsdafein auf und wirkten befruchtend und anfpornend in taufendfacher Beziehung. So hat denn auch das Intereffe an den Fragen des gewerblichen Unterrichtes von Ausstellung zu Ausftellung eine Steigerung erfahren, und heute wird bereits von keiner Seite mehr verkannt, wie bedeutfam für jeden Staat das Studium des induftriellen Bildungswefens feiner Concurrenten ift. In den dem Unterrichte gewidmeten Abtheilungen der Wiener Weltausftellung entfalteten fich lehrreiche Bilder der Pflanz- und Pflegeftätte jener gewerblichen Kräfte, deren mächtiges Schaffen wir in fo vielen anderen, den Gewerben angewiefenen Gruppen exponirt fahen. Doch zeigte die Ausftellung anderfeits, dafs faft in ganz Europa, einige kleinere Länder ausgenommen, das GewerbefchulWefen noch in anfänglichen Entwicklungsftadien befangen ift und eine allfeitig befriedigende Ausgeftaltung erft von der Zukunft erwarten läfst. Aber gerade diefes Werden der heranwachfenden Schöpfungen zu verfolgen, wie es von einer Ausftellung zur anderen ftets deutlichere Umriffe und feftere Form gewinnt, bietet ja der Beobachtung die belehrendften Erfcheinungen und dem Studium den feffelndften Reiz. Neben allen diefen in knappfter Kürze angedeuteten focialen und national ökonomifchen Gefichtspunkten, welche heute der Werthfchätzung des gewerblichen Unterrichtes fo fehr zu Statten kommen, macht endlich zu deren Gunften noch ein ftärkster Zug der Zeit fich geltend, welcher, Hoffnungen fchwellend, fchon jetzt unfere Tage verfchönt: mit der ganzen Macht einer rein geiftigen, von idealem Bedürfniffe getriebenen Bewegung vollzieht das Abendland eine Wandlung und Läuterung feines Gefchmackes. In einigen der gröfseren Brennpunkte europäifcher Cultur fieht die Gegenwart eine begeiſterte Schaar beredter Verkünder der Reform unermüdlich thätig; fie wirkt in Wort, in Schrift, in Bild auf die Zeitgenoffen und verfteht fich mit wunderbarem Eifer und Gefchick darauf, das Volk für ihre äfthetifche Ueberzeugung zu erwärmen. 27 Ihre rafche Entfaltung hatten auch diefe Beftrebungen der Entwicklung des Ausstellungswefens zu danken. Was die feineren und reicheren Geifter fchon vorher mit Unbehagen empfunden: die jämmerliche Zerrüttung und Verwahrlofung des Gefchmackes im europäiſchen Gewerbe, das ftellte die erfte internationale Ausftellung zu London in craffer Realität und Vollständigkeit vor aller Welt Augen. Man erkannte nicht blofs den Mangel an Einheit und Originalität, die charakterlofe Mannigfaltigkeit der Imitationen, die Verwirrung und Vermifchung der Stile, fondern man fah auch, dafs in aller induftriellen Thätigkeit das Kunftgefühl überhaupt zu Grunde gegangen fei, dafs man die Gefetze der Farben verkenne, dafs man vom Relief kein Verſtändnifs, fo wenig wie Gefühl für die Linie habe, dafs man überhaupt gar nicht mehr wiffe, was fchön fei, ja was nur Wirkung mache."( J. Falke. Die Erfahrungen jener erften Weltausftellung, welche unter Anderem unferen Gewerbetreibenden auch die werthvolle Bekanntfchaft mit der künftlerifch weit überlegenen Induſtrie der orientalifchen Völker eingetragen hatte, zeitigten alsbald ihre Früchte. England ging mit der epochemachenden Gründung des South- Kenfington- Muſeums und einer mit felbem verbundenen KunstgewerbeSchule voran. Oefterreich folgte im Jahre 1864 als der erfte der Staaten des Feftlandes mit der Errichtung eines ähnlichen Muſeums nach, und adjungirte diefem einige Jahre fpäter gleichfalls eine Schule, welche alsbald folche überrafchende Erfolge erzielte und darum auch fo grofse, alle Erwartung überbietende Theilnahme fand, dafs ihr bereits feit mehr als Jahresfrift der in einem ausgedehnten neuen Gebäude reichlich zur Verfügung geftellte Raum zu enge und die Führung eines abermaligen Neubaues nachgerade unabweisbar geworden ift. Das gewerbliche Unterrichtswefen. 5 Seither ahmten auch andere continentale Länder diefe Schöpfungen mehr oder minder glücklich nach. In ganz Europa gerieth die Bewegung im Gebiete kunftgewerblicher Läuterung und Schulung in Flufs. Seit der letzten Parifer Ausftellung hat fie bedeutende Fortfchritte auf. zuweifen, und heute befchränkt fich die Wirkfamkeit derfelben keineswegs mehr auf einzelne Centren, auf grofse kunftgewerbliche Lehranftalten; vielmehr rufen die hervorragendften Culturftaaten nach und nach an allen wichtigen Punkten Zeichen und Modellirfchulen in Verbindung mit der Induftrie ins Leben und fuchen durch fachkundige, theils aprioriftifch, theils kunftgefchichtlich vorgehende Unterweifung ein richtiges, zweckbewufstes Formgefühl zu wecken, fowie durch die Aufftellung gutbewährter Abbilder- und Mufterfammlungen den Gefchmack auch des gemeinen Arbeiters zu lenken und zu verfeinern. So zeigte denn die Wiener Ausftellung auf mehr Gebieten und in ftärkerem Mafse als ihre Vorgängerinen eine Umkehr von der früheren naturaliftifchen und finnlofen Compofitions- und Ornamentationsweife zu gröfserer Vernunftmässigkeit, Strenge und Stilgerechtigkeit. Wenn auch unfere neuefte Culturpolitik, indem fie im wiffenfchaftlichen Geifte ihrer Zeit mittelft der fyftematiſch und hiftorifch unterweifenden Schule die Gefchmacksreform zu bewirken trachtet, einen in der Gefchichte der Kunftgewerbe bisher nicht dagewefenen Weg befchreitet und wenn auch in Folge deffen ftatt der bezaubernden Naivetät alter Meifterleiftungen des Kunft- Handwerkes eine gewiffe Reflectirtheit im kunftinduftriellen Schaffen der Gegenwart hervortritt, fo bezeichnet doch der jetzige Zuftand einen riefigen Fortfchritt gegen eine jüngft vergangene Periode und geftattet die zuverfichtliche Erwartung, dafs der einmal vom Wufte der Verwilderung gefäuberte und forgfam beftellte Boden in einer folgenden Epoche volle und reine Blüthen hervorbringen werde. So hat denn gegenwärtig der gewerbliche Unterricht nach zwei Richtungen die Aufgabe, Ergebniffe moderner Wiffenfchaft für die beruflichen Zwecke des Gewerbeftandes zu popularifiren: was die exacten Wiffenfchaften feit hundert Jahren an im Leben anwendbaren Errungenfchaften zu Tage gefördert haben, foll den Gewerbetreibenden in Schulen erfchloffen werden, welche die Refultate diefer mathematifch- naturwiffenfchaftlichen Forfchungen in praktiſcher, knapper Lehre darbieten; ebenfo wie auch die reichen Fundgruben culturhiftorifchen und ethnographifchen Wiffens, welche in unferer Zeit eine mannigfaltige Ausbeute künftlerifcher Geftaltungen geliefert und die Einficht in Entwicklung, Zweck, Zufammenhang und Sinn diefer Formen geklärt haben, für die Hebung der Induftrie nutzbar gemacht, und zur äfthetifchen Erziehung des Volkes verwerthet werden müffen. Auf folchem Wege allein kann in den occidentalen Ländern einerfeits die grofs. artig erweiterte Kenntnifs der Materie und ihrer Gefetze der gefammten Bevölkerung zum Segen werden und anderfeits die hochentwickelte Gefchichtswiffenfchaft als unerfchöpflicher Jungbrunnen die Phantafie des gewerbetreibenden Volkes veredeln und bereichern mit einer vielgeftaltigen Fülle wiedererweckter, dem fchönen Schaffen anderer Zeiten oder Nationen entnommener Formen. Das gewerbliche Unterrichtswefen einzelner Staaten. Nachdem der Gegenftand diefes Berichtes in feiner Bedeutung für das Culturleben der Gegenwart charakterifirt und dadurch in die richtige Sehlinie gerückt ift, wird im Folgenden wohl mit erhöhter Sicherheit ein Urtheil über die Stellung gefällt werden können, welche das gewerbliche Unterrichtswefen auf der Wiener Weltausftellung eingenommen hat. Wenn auch England, Frankreich, Belgien, Holland auf diefem Felde überhaupt nur fpärlich und durchaus nichts ausgeftellt hatten, was nicht fchon von früheren Expofitionen her bekannt gewefen wäre, fo bot dafür die Ausftellung 6 Armand Freiherr von Dumreicher. des weiten deutſchen Culturkreifes in eben demfelben Gebiete eine um fo reichere Fundgrube für Betrachtung und Studium. Mit einiger Vollständigkeit waren nämlich nur Oefterreich und Deutfchland vertreten. Eine eingehendere Behandlung der betreffenden Ausftellungen diefer beiden Reiche wird defshalb um fo nothwendiger beinahe den ganzen unferem Berichte zugemeffenen Raum ausfüllen, als das von der Redaction aufgeftellte Programm die letzte Parifer Weltausftellung zum Ausgangspunkte der kritifchen und gefchichtlichen Betrachtungen aller Detailberichte genommen wiffen will, und als die diefsmalige, fehr ungleichmäfsige, lückenhafte und ausfchliefslich Zeichnungen und Malereien enthaltende Ausftellung der anderen Staaten die Conftatirung von feit der 1867er Expofition etwa eingetretenen Veränderungen und allenfalls vollzogenen Fortfchritten im Gewerbe- Schulwefen zur Unmöglichkeit macht. Insbefondere im Hinblicke darauf, dafs die bedeutendften Induſtrieländer des Weftens, namentlich England und das die vorige Ausftellung veranſtaltende Frankreich, überhaupt feinerzeit in Paris in diefem Gebiete ftärker ausgeftellt hatten, fowie mit Rückficht auf die ausführliche Darstellung der Organiſation des gewerblichen Unterrichtswefens der romanifchen und angelfächfifchen Weftländer in dem öfterreichifchen officiellen Weltausftellungs- Berichte vom Jahre 1867, dürfen wir uns hier defto kürzer faffen, je gröfsere Aufmerkfamkeit wir der Expofition der deutfchen Staaten, deren gewerbliche Unterrichtsorganifation im öfterreichifchen Berichte über die Parifer Ausftellung nicht mit gleichmässiger Ausführlichkeit behandelt worden war, zuwenden müffen, und je mehr Raum der Befprechung des öfterreichifchen gewerblichen Unterrichtswefens aufbehalten werden mufs, welches in den allerletzten Jahren befonders rafche und ausgedehnte Veränderungen erfahren hat. Es ergeben fich fomit für unfere Darſtellung drei Gruppen, deren erfte die deutfche, deren zweite die öfterreichifche und deren dritte die Gewerbefchul- Ausftellung aller übrigen Länder umfafst. Wenn wir die Schilderung des deutfchen gewerblichen Unterrichtswefens hier voranftellen, fo leitet uns hiebei hauptfächlich der Gedanke, dafs dasfelbe für die Beurtheilung der analogen Leiftungen Oefterreichs den natürlichen Mafsftab bildet und dafs es darum erwünfcht erfcheint, wenn die Darftellung öfterreichifcher Verhältniffe welcher Lefer und Verfaffer wohl das meifte Intereffe entgegenbringen, fich auf Vorausgegangenes beziehen kann. Die Deutfchland und Oefterreich gewidmeten Abfchnitte werden fich demgemäfs in je zwei Theile gliedern, deren erfter die Organiſation des gewerblichen Unterrichtes in diefen Reichen darzulegen und deren zweiter die zur Ausftellung gebrachten Objecte zu behandeln haben wird. Eine Darſtellung der Organiſation des gewerblichen Schulwefens darf nämlich nicht umgangen werden, wenn die Befprechung der von den verfchiedenartigen gewerblichen Unterrichts anftalten exponirten Gegenftände richtiges Verſtändnifs foll finden können. Im dritten Abfchnitte werden wir kaum mehr als einen rafchen Blick auf die Ausftellung der anderen Länder werfen und im Uebrigen auf die erfchöpfende Darftellung verweifen, welche im Referate über den Zeichen- und Kunftunterricht den wenigen Ausftellungsobjecten aus nichtdeutfchen Gewerbefchulen zu Theil geworden ift. Deutfches Reich. Die Organifation des gewerblichen Unterrichtes in den deutfchen Staaten. Nächft dem die Weltausftellung veranſtaltenden Staate hatte, wie fchon gefagt, das deutfche Reich allein ein ziemlich umfaffendes Bild von feinem gewerblichen Unterrichtswefen gegeben. Dafs es gerade Deutfchland war, das in Das gewerbliche Unterrichtswefen. 7 diefem Zweige reicher ausgeftellt hatte, als andere Staaten, erfchien um ío werthvoller für den Volkswirth und Schulmann Oefterreichs, als dasfelbe einerfeits feinen nationalen, gefellſchaftlichen und ökonomifchen Verhältniffen nach von fämmtlichen europäiſchen Induſtrieftaaten den weftöfterreichifchen Ländern am nächften fteht und fomit unter den ähnlichften Bedingungen im Gebiete gewerblichen Unterrichtes arbeitet wie diefe, und als anderfeits eine der wichtigften Arten gewerblicher Lehranstalten gerade in Deutſchland fich zuerft und am fruchtbarften ausgebildet hat und fodann von dort über Belgien nach Frankreich, England und neueftens nun auch nach Oefterreich verpflanzt worden ift. Die moderne, ganztägig und täglich unterrichtende Gewerbefchule, auch ,, mittlere" Gewerbefchule genannt, im Gegenfatze zur gewerblichen Hochfchule, oder„ höhere" Gewerbefchule zur Unterfcheidung von der gewerblichen Fortbildungsfchule- hat fich nämlich vor mehr als vierzig Jahren insbefondere im nördlichen Deutfchland zu entwickeln angefangen und unter dem belebenden Einfluffe und den gebieterifchen Anforderungen des praktifchen Gewerbelebens zu hauptfächlich nach bau- und mafchinengewerblicher Richtung fich fpaltenden Organismen ausgeftaltet, deren didaktifch- pädagogifche Traditio nen von Jahrzehnt zu Jahrzehnt fich mehr feftigen und deren Einrichtungen fich in den verfchiedenften Theilen des Reiches allmälig gleichmäfsiger formen. In nicht mehr ferner Zeit dürfte die mittlere Gewerbefchule zu einem kaum minder feften pädagogifchen Begriffe geworden fein, wie die von älteren Ueberlieferungen getragenen Gattungen von Lehranstalten der deutfchen Culturftaaten. Die ältefte Baugewerbe- Schule des ganzen deutfchen Culturgebietes ift die im Jahre 1823 errichtete Münchener; und die erfte norddeutſche BaugewerkSchule wurde vom Kreis- Baumeifter Haarmann zu Holzminden im Herzogthume Braunfchweig vor mehr als vier Decennien gegründet. Allmälig entstanden ähnliche, dem Bedürfniffe der ftrebfameren Arbeiter dienende Anftalten, theils von Privatunternehmern, theils von Gemeinden ins Leben gerufen, erhalten oder unterſtützt, in den meiften Mittel- und Kleinftaaten Deutſchlands, zumal auch mehrere Staatsregierungen ihr Intereffe den neuen Schöpfungen fchenkten und mehrfach, wie namentlich in dem fonft fo fparfamen, in Unterrichtsangelegenheiten aber ftets freigebigen Sachfen, fehr bedeutende Mittel zu folchen Zwecken verwendeten. Den baugewerblichen traten, der induftriellen Entwicklung Deutfchlands gemäfs, mit der Zeit maſchinengewerbliche Schulen zur Seite oder wurden als ergänzende Abtheilung den fchon beftehenden Baugewerk Schulen angefügt. Bis heute hat fich eine Gliederung herausgebildet, derzufolge eine folche Anftalt in der Regel aus einem den beiden oder den mehreren, etwa noch chemifchen Abtheilungen gemeinfamen Vorbereitungscurfe und aus hieran fich anfchliefsenden, getrennten Fachcurfen befteht. Preufsen. In Preufsen fanden diefe Anftalten, welche die Arbeiterclaffe für bestimmte, fcharf begrenzte Gruppen verwandter Gewerbe auszubilden ftreben, minderen Anklang und der Staat wendete feine Pflege faft ausfchliefslich Gewerbefchulen von mehr allgemeinem Charakter zu, welche in mancher Hinficht den früheren öfterreichifchen Realfchulen nicht unähnlich waren und welchen lange Zeit als vorwiegende Aufgabe zufiel, dem königlichen Gewerbe- Inftitute zu Berlin technifch vorgebildete Schüler zuzuführen. Vom Jahre 1817, wo zu Aachen die erfte derartige Anftalt gegründet wurde, bis zum Jahre 1869, in welchem eine folche zu Oppeln ins Leben trat, wurden 27 folche Schulen in Preufsen errichtet; gegenwärtig beträgt deren Zahl 30. Nach dem Organifationsplane vom 5. Juni 1850 follten an diefen ProvincialGewerbefchulen vorzugsweife Mathematik, Naturwiffenfchaften und die verfchiedenen Richtungen des Zeichnens in zwei Jahrgängen Pflege finden. Als Bedingung der Aufnahme wurde eine Vorbildung gefordert, welche der an einem Gymnafium bis zur Quarta inclufive oder an einer höheren Bürger- oder Stadtfchule erreichbaren entſpricht. 8 Armand Freiherr von Dumreicher. Der Reorganifationsplan vom 21. März 1870 dehnte fodann den Gefammtcurs der Gewerbefchulen auf drei Jahrgänge aus, fügte den Unterricht in neueren Sprachen in den Lehrplan ein, und verfchärfte die Aufnahmsbedingungen auf das bedeutendfte, fo dafs die Candidaten nunmehr die Reife für Secunda eines Gymnafiums oder einer Realfchule erfter Ordnung( in Oefterreich 7. Claffe) nachzuweifen haben. Aus dem früheren Lehrplane gingen in den neuen folgende Unterrichtsgegenftände, theilweife mit wefentlicher Hinausrückung des Lehrzieles, über: Mathematik, Phyfik, Chemie, Mineralogie, Mechanik, Mafchinenlehre, mechaniſche und chemifche Technologie, Freihand- und Linearzeichnen, Bau- und Mafchinenzeichnen, Bau- Conftructionslehre und Modelliren; neu hinzu kamen: deutfche, franzöfifche und englifche Sprache, Gefchichte, Geographie und Comptoirwiffenfchaft. Die beiden unteren Claffen umfaffen vorwiegend den theoretischen Unterricht, während die dritte als Fachclaffe für die Anwendung des Erlernten auf das Gewerbe beftimmt ift. Diefe Fachclaffe befteht aus vier Abtheilungen: 1. für diejenigen Schüler, welche höhere technifche Lehranstalten: als ein Polytechnicum oder die Berliner Gewerbe- Akademie befuchen wollen( allgemein wiffenfchaftliche Abtheilung); 2. für bau- technifche; 3. für mechanifch- technifche; 4. für chemifchtechnifche Gewerbe. Wie ernft die geiftige Hebung des Gewerbeftandes von Seite des preufsifchen Staates gemeint ift, erhellt aus dem Circular des Minifters an die könig. lichen Provinzialregierungen vom 21. März 1870, in welchem zur Motivirung des Reorganifationsplanes gefagt wird:„ Der angehende Gewerbetreibende mufs im Stande fein, die Fortfchritte anderer Nationen auf dem Gebiete der Technik und Induftrie zu prüfen und in feinem, fowie im allgemeinen Intereffe zu verwerthen; zu diefem Zwecke mufs er fich die franzöfifche und englifche Sprache mindeſtens fo weit angeeignet haben, als zum richtigen Verftändniffe der darin abgefafsten technifchen Werke erforderlich ift. Die phyfifchen Verhältniffe der Erdoberfläche, ihre Beziehungen zur Waffer-, Pflanzen- und Thierwelt dürfen ihm nicht unbekannt fein. Er bedarf endlich eines Einblickes in die Entwicklungsgefchichte der Völker und Staaten, in ihre Verkehrsverhältniffe und ihre Handelsbeziehungen zu einander." Es ift einleuchtend, dafs diefe Schulen nicht den Arbeitern, fondern nur den Söhnen bemittelterer gewerblicher Unternehmer zugänglich find und fich darin wefentlich von jenen früher erwähnten Baugewerk- und Mafchinen- Gewerbefchulen unterfcheiden. Der Organifationsplan vom Jahre 1870 fpricht übrigens aus, dafs es der Gemeinde überlaffen bleibt, im Falle des Bedürfniffes Vorbereitungsclaffen für die Gewerbefchule einzurichten. Diefe Vorbereitungs claffen follen ein in fich abgegrenztes Penfum haben und unter der Leitung des Directors der Gewerbe. fchule ftehen." Wo folche Vorbereitungs- oder„ niedere" Gewerbefchulen von den Communen ins Leben gerufen wurden find diefelben dreiclaffig, ftreben faft einzig die Vermittlung allgemeiner Bildung an und fordern zur Aufnahme den Nachweis der Reife für Obertertia( welche der fünften öfterreichifchen Gymnafialclaffe gleichkommt). Somit fällt auch diefen Communal- Gewerbefchulen nicht die Aufgabe zu, den eigentlichen Arbeiter, der ja nur die Bildung der Volksfchule fein eigen nennt, zum felbftftändigeren gewerblichen Fachmann emporzuheben. Baugewerk- Schulen in dem letzteren Sinne finden fich übrigens auch auf preufsifchem Boden, fo die ftädtifchen Anftalten zu Eckernförde in SchleswigHolftein, zu Nienburg und Hildesheim in Hannover, zu Idftein in Naffau, zu Höxter und Siegen in Weftphalen. Von gewerblichen Lehranstalten, welche der Verwaltung des preufsifchen Minifteriums für geiftliche, Unterrichts- und Medicinalangelegenheiten unter ſtehen, wären aufserdem hier noch zu erwähnen: die Kunft- und Gewerkfchulen Das gewerbliche Unterrichtswefen. 9 in Berlin und Danzig, die Kunft-, Bau- und Handwerks- Schulen zu Breslau und Erfurt und die Kunft- und Baugewerk- Schule in Magdeburg. Die Ausbildung der Arbeiter fucht Preufsen durch fogenannte HandwerkerSchulen( Fortbildungsfchulen mit Abend- und Sonntagsunterricht), welche mit den Gewerbefchulen in lofer Verbindung ftehen, zu fördern; aufserdem beſtehen noch etwa 700 Sonntagsfchulen. Doch vermitteln diefe Curfe, indem fie faft ausfchliefslich einen elementaren Wiederholungsunterricht ertheilen, keine fachliche, den gewerblichen Bedürfniffen der Lehrlinge entgegenkommende Bildung und können daher dem Arbeiter keineswegs, wie z. B. die Wintercurfe der Baugewerk- Schulen, die Möglichkeit bieten, fich durch geiftige Anftrengung, Sparfamkeit und Fleifs in eine höhere fociale Schichte aufzufchwingen. Der eigentliche gewerbliche Fachunterricht ift in Preufsen, von einigen Webefchulen abgefehen, noch wenig entwickelt. Unter den Webefchulen behauptet, feit die im Jahre 1845 gegründete ältefte zu Elberfeld im Jahre 1868 wieder eingegangen ift, die Mühlheimer den erften Rang, welche Werkmeifter, Fabrikanten, fowie Einkäufer und Verkäufer des Manufacturfaches bildet und in vier Curfe gegliedert ift. Der erfte ift dem allgemeinen Unterrichte im Vorbereiten der Materialien zum Weben, der zweite der Kamm- oder Trittweberei, der dritte der Jacquardweberei, der vierte der Vermittlung der Kenntnifs der Rohftoffe, der Appretur der gewebten und der Calculation der zu fabricirenden Stoffe gewidmet. Eine Schule für Mufterzeichnen ift mit der Webefchule in Verbindung gebracht. Die Dauer des Curfes beträgt ein Jahr. Das hohe Unterrichtsgeld ( 90 Thaler) befchränkt den Kreis der Schüler fo ziemlich auf die wohlhabenderen Claffen. Zu Crefeld in der Rheinprovinz, zu Grüneberg in Schlefien und zu Einböck in Hannover beftehen ähnliche Anftalten. Sachfen. Vorwiegender als bisher in Preufsen hat das in Sachfen herrfchende gewerbliche Unterrichtsfyftem die Bedürfniffe des Arbeiterftandes im Auge. So knüpfen die feit 1837 errichteten, in drei Wintercurfe gegliederten Baugewerk- Schulen zu Chemnitz, Leipzig, Plauen, Zittau und Dresden direct an die Volksfchule an und verlangen von ihren Zöglingen nur noch den Nachweis einer vorausgegangenen praktifchen Verwendung im Steinmetz-, Polier-, Stuccateur- oder Zimmergewerbe. Den Zwecken der anderen grofsen Induftrien dient in vorzüglicher Weife die Werkmeifter- Schule in Chemnitz, welche fowohl für mafchinen- technifche als auch für chemifche Gewerbe eigene Abtheilungen enthält und gleichfalls bei ihren Schülern nur elementare Bildung vorausfetzt. Drei halbjährige Claffen formiren einen Lehrcurs, fo dafs in anderthalb Jahren die Zöglinge als fachlich vollkommen gebildete Werkmeifter des Mafchinen-, Webe, Spinner-, Brunnen- und Mühlenbauer- etc. oder des Färber, Bleicher-, Brauer-, Brenner etc. Gewerbes von der Anftalt abgehen. Aufserdem befteht in Chemnitz eine Gewerbe- Zeichenfchule, an welcher von Lehrkräften der Werkmeifter- Schule in den Abendftunden der Wochentage im geometrifchen und Freihand- Zeichnen fowohl Lehrlingen als auch felbftftändigen Gewerbsleuten Unterricht ertheilt wird. Ausfchliefslicher als an diefer tritt an der in der Regel eine fünfjährige Unterrichtszeit umfaffenden königlichen Schule für Modelliren und Mufterzeichnen in Dresden die kunft gewerbliche Richtung hervor, welche fowohl Modelleure für die auf plaftifche Geftaltung und Ausfchmückung als auch Mufterzeichner für die auf flache Decoration angewiefenen Gewerbe erzieht. Minder entwickelt zeigt fich bis jetzt das gewerbliche Fortbildungs- Schulwefen Sachfens. Im Verhältniffe zu dem hohen Stande der Induftrie diefes Landes fcheinen zwanzig folcher Schulen eine allzu niedrige Anzahl. Im Gegenfatze zu den gleichartigen Anftalten Preufsens findet an den fächfifchen Fortbildungsfchulen das fachliche Moment ftarke Betonung, indem der gewerbliche Zeichengenaue Rückficht auf die local vorwaltenden Gewerbszweige nimmt und unterricht 10 Armand Freiherr von Dumreicher. auch fonft getrachtet wird, die Fertigkeit des Arbeiters in der Ausübung beftimmter Induftrien praktifch zu fördern. Aufserdem befitzt Sachfen mehr als 90 Sonntagsfchulen mit Elementarunterricht und eine Reihe gewerblicher Fachſchulen. Unter den letzteren nehmen die niederen Webefchulen zu Chemnitz, Glauchau, Frankenberg, Oederan, Werdau, Hainichen und Mittweida einen hervorragenden Platz als eigentliche Arbeiterfchulen ein. Ebenfo wie diefe dienen die Pofamentirfchulen in Buchholz und Annaberg dem praktiſchen gewerblichen Unterrichte. Endlich mögen hier auch die feit 1817 allmälig ins Leben gerufenen dreiunddreifsig Klöppel- und Stickfchulen für Mädchen im fächfifchen Erzgebirge und die Zeichen- und Malfchulen für HolzSpielwaaren Induftrie zu Seiffen und Grünhainichen Erwähnung finden. Die hier mitgetheilten Daten müffen dem Beobachter wohl die Ueberzeugung aufdrängen, dafs in Sachfen im Gebiete gewerblicher Unterrichtsverwaltung die focialpolitifche Strömung, welche hauptfächlich die Hebung der niederen Stände anftrebt, die vorherrfchende ift. Doch wird das Intereffe der höheren Gewerbetreibenden, auch abgefehen vom wiffenfchaftlich- polytechnifchen Unterrichte, defswegen keineswegs vernachläffigt. Die höhere Webefchule zu Chemnitz wie die Webefchule zu Grofs- Schönau und die höhere Wirkereifchule zu Limbach wollen Fabrikanten, Meiftern und Manufacturiften eine gründliche fachliche Ausbildung geben und haben in der That die Concurrenzfähigkeit der fächfifchen Induftrie, die namentlich im Gebiete der Wirkwaaren- Erzeugung durch Belgien bedroht war, fichtlich gekräftigt. Andere Staaten Nord Deutfchlands. Von Gewerbefchulen im nördlichen Deutfchland wären noch zu nennen: zwei Baugewerbe- Schulen in dem übrigens auch vierzehn Fortbildungsfchulen befitzenden Herzogthum SachfenCoburg- Gotha, eine im Grofsherzogthum Mecklenburg( zu Schwerin) und eine in Bremen; ferner eine 1841 zu Lübeck errichtete Gewerbefchule, welche vorwiegend den Charakter einer Fortbildungsfchule trägt. Durch vielfeitige und rationelle Pflege der Bildung des Gewerbeftandes zeichnet fich aber vor fämmtlichen norddeutfchen Staaten die freie Stadt Hamburg aus, deren Ober- Schulbehörde in der allgemeinen Gewerbefchule und der Schule für Bau- Handwerker eine wahre Mufteranſtalt gefchaffen hat. Beide Schulen haben einen gemeinfamen Lehrkörper, die Aufnahmsbedingungen gehen über den Nachweis der nothdürftigften Elementarbildung nicht hinaus. Die allgemeine Gewerbefchule ertheilt Abend- und Sonntagsunterricht; aufserdem wird aber Gewerbetreibenden, welche mehr Zeit auf ihre Ausbildung im Zeichnen verwenden können, während der Tagesftunden Unterricht in den verfchiedenen Zweigen desfelben gegeben, und zwar zunächft im Freihand- und Zirkelzeichnen, in der darftellenden Geometrie und im Fachzeichnen für das Bau- und Möbelfach und für die Kunstgewerbe. Die Schule für Bau- Handwerker gibt täglichen und ganztägigen Unterricht. Sehr beachtenswerth find ferner die Beftrebungen des Vereines zur Förderung weiblicher Erwerbsthätigkeit in Hamburg, deffen Gewerbefchule für Mädchen, wiewohl fie erft feit dem Jahre 1867 befteht, gediegene Leiftungen aufzuweifen hat. Diefe Hamburger Schulen find mit Lehrkräften in fo reichem Ausmafse verfehen, wie kaum ähnliche Anftalten fonft irgendwo, und die rationelle Art, in welcher der Unterricht an denfelben ertheilt wird, macht fie zu einem der würdigften Objecte des Studiums für den Schulmann. Heffen Darmstadt. Eine kräftige Entwicklung hat das gewerbliche Forbildungs- Schulwefen im Grofsherzogthum Heffen feit geraumer Zeit genommen; Ende der dreifsiger Jahre begannen die Beftrebungen des heffifchen LandesGewerbevereines nach folcher Richtung. Heute zählt das Ländchen bereits 46 folcher Inftitute mit 3000 Schülern. Das hauptfächlichfte Gewicht wird auf den Das gewerbliche Unterrichtswefen. 11 Zeichenunterricht gelegt, welcher die fachlichen Bedürfniffe der jungen Gewerbetreibenden nach Möglichkeit berücksichtigt; dem Zeichnen zunächft finden Arithmetik, Geometrie, Stilübungen aufmerkfame Pflege. 151 Aufser diefen Handwerker- Schulen find als Lehranstalten mit täglichem, ganztägigem Unterrichte die 1850 errichtete Winter- Baufchule in Darmftadt, die Kunstgewerbe- Schule in Mainz und die Kunftinduftrie Schule in Offenbach hervorzuheben, fo dafs fich denn das gewerbliche Schulfyftem Heffens, fowohl was Fortbildungs- als auch was gewerbliche Mittelfchulen betrifft, als ein gut ausgeftaltetes zeigt. Baiern. Das gewerbliche Unterrichtswefen in den drei füddeutfchen Staaten weift einen wenig einheitlichen Charakter auf, indem in Württemberg und Baden feit Längerem auf die Fortbildungsfchulen ebenfo fehr das Hauptgewicht gelegt wird, als diefelben bis vor wenigen Jahren in Baiern vernachläffigt wurden. Doch hat das letztere Königreich in jüngfter Zeit hierin bedeutende Fortfchritte gemacht, und ift dasfelbe heute, die mit Gewerbefchulen verbundenen Curfe abgerechnet, bereits im Befitze von etwa 130 gewerblichen Fortbildungsfchulen, welche in je eine Elementar- und mehrere Fachabtheilungen gegliedert find. Während der erften Abtheilung die Aufgabe zufällt, neben Ertheilung eines Wiederholungsunterrichtes in den Gegenftänden der Volksfchule die Anfangsgründe des Zeichnens zu lehren, umfafst der Unterricht der Fachcurfe Conftructions-, Architektur- und kunftgewerbliches Zeichnen, ornamentales oder figürliches Modelliren in Thon, Gyps oder Wachs, Arithmetik, Chemie, Phyfik, Buchführung und gewerbliche Materialienkunde, und geftaltet fich entſprechend den fpeciellen Bedürfniffen der einzelnen Gewerbe. Mittlere Gewerbefchulen, welche nur Volksfchul- Bildung vorausfetzen, wurden in Baiern fucceffive in bedeutender Zahl feit 1833 errichtet; gegenwärtig beftehen deren 33; die 8 bedeutendften unter diefen führen den Namen königlicher Kreis- Gewerbefchulen. Diefelben umfaffen gewerbliche, commercielle und landwirthschaftliche Abtheilungen und tragen fomit einen gemifchten Charakter an fich, der manche Bedenken wachrufen mufs. Die wichtigften Lehrgegenftände find: deutfche, franzöfifche und englifche Sprache, Gefchichte und Geographie, Arithmetik, Phyfik, Chemie, Handelskunde, Freihand- und Linearzeichnen und Modelliren. Der Unterricht vertheilt fich auf drei Jahrescurfe, und bezüglich der Durchführung desfelben ftrebt das Lehrprogramm vom 2. October 1870 einen möglichft gemeinfamen Unterricht der verfchiedenen Abtheilungen an, fo dafs im erften Jahre noch gar keine Spaltung eintritt, und auch im zweiten Curfe in der gewerblichen und landwirthfchaftlichen Abtheilung ein und diefelben Fächer gelehrt werden und erft im zweiten Curfe der Handels- und im dritten Curfe der anderen Abtheilungen fich die fpeciellen Fach- Lehrgegenftände fondern. Im Range am nächften ftehen diefen Anftalten die Baugewerk- Schulen in München und Nürnberg, welche in zwei Wintercurfen in deutfcher Sprache, Arithmetik, Geometrie, Linear, Conftructions- und Ornamentenzeichnen, Phyfik, Modelliren, Bau- Conftructionslehre, Mechanik und Buchführung Unterricht ertheilen, an die Volksfchule anfchliefsen und von den eintretenden Schülern den Nachweis einer mindeſtens zweijährigen Befchäftigung in einem Bau- Handwerke fordern. Eine ähnliche Stellung, wie fie in Sachfen die Chemnitzer Werkmeifter Schule einnimmt, kömmt in Baiern den beiden königlichen Induftriefchulen in München und Nürnberg zu, welche in eine mechanifch- techniſche, eine chemiſchtechniſche und eine bau- techniſche Abtheilung fich verzweigen, ihre Aufgabe in je zwei ganzjährigen Curfen löfen, und neben dem beruflichen Wiffen im engeren Sinne auch die Kenntnifs moderner Sprachen vermitteln. Allen drei Abtheilungen ift der Unterricht in den grundlegenden Wiffenfchaften, Arithmetik, Geometrie, Chemie, Mineralogie gemeinfam. Diefe Schulen verfolgen wie die königlichen Gewerbefchulen in Preufsen den zweifachen Zweck, fowohl Gewerbetreibenden 12 Armand Freiherr von Dumreicher. - eine in fich abgefchloffene Bildung für den praktifchen Beruf zu geben, als auch für das Studium an einem Polytechnicum vorzubereiten eine Verquickung zweier Ziele, welche manche Nachtheile mit fich bringen mag, aber auch nicht ohne gute Seiten in focialer Beziehung fein dürfte. Die verhältnifsmäfsig liebevollfte Pflege finden in Baiern die Kunstgewerbe. Die königlichen Kunstgewerbe- Schulen in München und Nürnberg nehmen einen fehr bedeutenden Rang unter den ähnlichen Anftalten Deutfchlands ein; ja die letztgenannte Schule hat innerhalb der deutfchen Reichsgrenze überhaupt kaum eine ebenbürtige Rivalin.. An der Münchener Kunftgewerbe- Schule wird fowohl im Ornamentenzeichnen nach plaftifchen Vorbildern als auch im Zeichnen, Coloriren und Entwerfen von Flachornamenten für die in der Textilinduftrie nothwendige Decoration, für Tapeten etc Unterricht ertheilt; ferner im Modelliren in Thon und Wachs, im Schnitzen, Treiben, Cifeliren und Emailliren. Eine erhöhte allgemeine künftlerifche Bildung der Gewerbetreibenden fucht die Schule durch Unterricht im architektonifchen Zeichnen wie durch Vorträge über Kunftgefchichte und Stillehre zu erzielen. Unter den Aufnahmsbedingungen findet fich neben der Forderung genügender Vorkenntniffe im elementaren Freihand- und Linearzeichnen auch der Nachweis über zurückgelegte Lehrjahre eines Kunftgewerbes vorgefchrieben. Ziele von bedeutendfter Höhe ftellt fich die unter v. Krelings Leitung blühende königliche Kunftgewerbe- Schule in Nürnberg. Der Zeichenunterricht an diefer Anftalt umfafst Ornamentzeichnen, Zeichnen nach dem lebenden Modelie, Ausführung von Cartons für Gemälde u. f. w. Gemalt wird nach plaftifchen Gegenftänden wie nach dem lebenden Modelle und die Ausführung eigener Compofitionen bildet den Höhepunkt der künftlerifchen Leiftungen diefer Gruppe. In der Abtheilung für Sculptur reicht der Unterricht gleichfalls bis zum Modelliren nach dem lebenden Modelle und nach eigener Compofition, und wird aufserdem die Technik der Holzfchnitzerei, des Gravirens und Cifelirens und des Erzgiefsens gelehrt. Die Architekturabtheilung endlich leitet ihre Schüler zu ftilgerechter Löfung kunftgewerblicher Aufgaben an und bewegt fich hiebei faft ausschliesslich in den Formen der Renaiffance und Gothik. Wenn wir von allen gleichartigen Lehranstalten Deutfchlands nur der Nürn berger eine eigenthümliche und ziemlich felbftftändige ftiliftifche Richtung zuerkennen dürfen, fo mag fich folche Thatfache aus alten und glänzenden reichsftädtifchen Traditionen erklären, welche für die künftlerifchen Strebungen der Gegenwart einen unerfchöpflichen Boden abgeben. Ein rühriges gewerbliches und künftlerifches Leben der Umgebung kömmt der Nürnberger Schule mannigfach zu Statten, und aus dem Beftande der neuangelegten Gallerie auf dem Rathhaufe, wie des germanifchen Muſeums, der Merkel'fchen Sammlung und vor Allem des vor wenigen Jahren gegründeten baieri fchen Gewerbemuſeums erwächft dem kunftgewerblichen Unterrichte reichliche Anregung und Unterstützung. Württemberg. Gröfsere Aufmerkſamkeit als irgend welcher andere Staat wendet Württemberg feit einigen Decennien dem gewerblichen Unterrichtswefen zu. Die königliche Baugewerk- Schule in Stuttgart, eine reich dotirte, von etwa 700 Schülern befuchte Anftalt, ertheilt im Winterhalbjahre einen nur die Bildung der Volksfchule und einige praktiſche Verwendung in einem Baugewerbe vorausfetzenden fyftematifchen Unterricht in den bau- und mafchinen- technifchen Fächern. Die Lehrgegenftände der einzelnen Fachabtheilungen find in der Regel auf fünf halbjährige Curfe vertheilt. Aufser den Mafchinenbauern und Bau Handwerkern fteht die Schule auch den Arbeitern anderer mehr oder minder verwandter Gewerbe offen: als Schieferdeckern, Schloffern, Glafern, Schreinern und Drechs lern, Stuccateuren, Graveuren, Gold- und Silberarbeitern u. f. w. Der von der Das gewerbliche Unterrichtswefen. 13 Anftalt geftiftete volkswirthschaftliche und gefellfchaftliche Nutzen rechtfertigt den grofsen Jahresaufwand von ungefähr 36.000 Gulden füddeutfcher Währung. Von den übrigen württembergifchen Fachſchulen verdienen aufser der Frauen- Induftriefchule zu Reutlingen abgefonderte Erwähnung nur die vier Webe fchulen zu Reutlingen, Heidenheim, Sindelfingen und Leuchtingen, da die Fort bildungsfchulen in Württemberg theilweife fachlichen Charakter befitzen und fo eine gröfsere Anzahl felbftftändiger Fachſchulen als entbehrlich erfcheinen laffen. Grofsartig entwickelte Fortbildungsfchulen bilden die eigentlichfte Specialität des württembergifchen Unterrichtswefens. Hinfichtlich ihrer inneren Einrich tung theilen fie fich in nachfolgende Gruppen: Stadtfchulen, in welchen Sonntags- und Abendunterricht in gewerblichen und commerciellen Fächern ertheilt wird, und bei welchen offene Zeichen. fäle beftehen. Solche gibt es in Stuttgart, Ulm, Heilbronn, Reutlingen und Ravensburg. Numerifch kömmt unter diefen Stuttgart der erfte Rang zu, da dort neben der vereinigten Sonntags- und Abendfchule und einer kaufmännifchen Fortbildungsfchule auch eine weibliche Fortbildungsfchule befteht. Stadtfchulen, in welchen blofs gewerblicher Sonntags- und Abendunterricht ertheilt wird, und in welchen offene Zeichenfäle beftehen. Deren gibt es 15. Unter diefen weifen den relativ ftärksten Befuch die Schulen zu Ehingen und Geislingen auf. Schulen, welche gewerblichen Sonntags- und Abendunterricht ertheilen und welche keine offenen Zeichenfäle befitzen, deren beftehen 92 in 71 Städten und 21 Dörfern. Gewerbliche Abendfchulen ohne Sonntagsunterricht gibt es in 4 Städten und 6 Dörfern, und Zeichenfchulen ohne anderen Fortbildungsunterricht in 13 Städten und 20 Dörfern. Wenn wir uns hier über diefen bemerkenswerthen Unterrichtsorganismus nicht weiter verbreiten, fo gefchieht diefs mit Rücksicht auf die intereffante Publication, welche die königliche Commiffion für die gewerblichen Fortbildungsfchulen in Württemberg aus Anlafs der Wiener Weltausftellung herausgegeben hat. In diefem 57 Seiten ftarken, lehrreiche hiftorifche und ftatiftifche Daten enthaltenden Werkchen wird der Schulmann die Mittheilungen fo mancher werthvoller Erfahrungen niedergelegt finden, und es enthebt uns diefe Veröffentlichung nebenbei bemerkt die einzige ihrer Art von allen an der Ausftellung theilnehmenden Staaten Deutſchlands einer ausführlicheren Darftellung, welche ja ohnediefs kaum mehr als eine Abfchrift der genannten Publication zu fein vermöchte. Auf die zur Ausftellung gebrachten Leiftungen der württemberg'fchen Schulen kommen wir fpäter zurück. -- Baden. In dem kleinen„ Mufterftaate" Baden find gewerbliche Fortbildungsfchulen feit einer Regierungsverordnung vom Jahre 1834 allmälig ins Leben getreten. Gegenwärtig 43 an der Zahl, theilen fie fich in der Regel in zwei Claffen und lehren Arithmetik, Geometrie, Zeichnen, induftrielle Wirthfchaftslehre, deutfchen Auffatz, fowie nach Bedürfnifs Naturkunde, Mechanik und Model liren. Ein leifer Anflug fachlicher Tendenz tritt an einigen diefer Schulen hervor Seit 1870 find in Carlsruhe Fachcurfe zum Zwecke der Ausbildung von Lehrerinen für weibliche Handarbeiten errichtet worden. Wenn auch den Gewerbefchulen im badifchen Unterrichtswefen eine geringere Rolle zukommt als im württem bergifchen, fo erfcheinen diefelben doch im Verhältniffe zum Umfange des Landes bedeutend genug entwickelt und geniefsen ihre Leiftungen in den fachmännischen Kreifen Deutfchlands auch eines durchaus günftigen Rufes. Hiemit find wir am Schluffe unferer Darftellung angelangt, da wir, um nicht allzu weitfchweifig zu werden, die kleinften Staaten um fo mehr übergehen zu dürfen glauben, als in ihnen felbftftändige Entwicklungen des gewerblichen Schulwefens nicht hervorgetreten find und wohl auch nicht hervortreten konnten, 14 Armand Freiherr von Dumreicher. und als die wenigen, bisher nicht erwähnten Länder Deutfchlands fich an der gewerblichen Unterrichtsausftellung nicht betheiligt haben. Trotz des verfchiedenen Grades, bis zu welchem in dem einen und dem anderen deutfchen Staate bis heute das gewerbliche Unterrichtswefen emporgediehen ift, mufs doch zweifellos zugeftanden werden, dafs wie auf fo vielen pädagogifchen Gebieten, auch auf diefem Deutſchland fich gegenwärtig den meiften Culturftaaten überlegen zeigt. Speciell Oefterreich wird nur mit grofsen Opfern an Geld und durch angefpanntefte geiftige Kraft ein durch Jahrzehnte Verfäumtes nachholen können. Die Vertretung des gewerblichen Unterrichtes der deutfchen Staaten auf der Wiener Weltausftellung. Königreich Preufsen. Entfprechend dem Stande feines gewerblichen Unterrichtswefens hatte Preufsen feinen gewerblichen Mittelfchulen in der Ausftellung eine vorwiegende Vertretung zugewiefen. Schon was wir von den räumlichen Bedingungen, unter welchen diefe Schulen ihre Wirkfamkeit entfalten, zu fehen bekamen, erweckte bedeutende Vorftellungen von der Vorforge der Regierung für diefe Anftalten. Die königlich preufṣifche Handelsverwaltung hatte Pläne von den ProvinzialGewerbefchulen in Kaffel, Gleiwitz und Brieg, fowie von der Webefchule in Mühlheim am Rhein ausgeftellt, nach welchen fich die Localitäten diefer Anftalten nicht nur als fehr weitläufige und ftattliche, fondern auch als zweckmäfsig eingetheilte und eingerichtete Gebäude darftellten. Die Ausftattung diefer Schulen mit Lehrmitteln inländifcher Erzeugung erwies fich in Preufsen als eine leicht durchführbare, wie man fich durch Betrachtung einer Reihe von Expofitionen von preufsifchen Buchhändlern und von Fabrikanten wiffenfchaftlicher Apparate und Modelle überzeugen konnte. Eine der älteften Unternehmungen ift die 1761 von Carogatti in Königsberg gegründete Fabrik phyfikalifcher und mechanifcher Inftrumente und Apparate. Der gegenwärtige Befitzer, Otto Moewig, hatte eine Serie hübfch ausgeftatteter Lehrmittel ausgeftellt, als: Modelle von Dampfmafchinen der verfchiedenften Syfteme mit liegenden und ftehenden Keffeln, von Locomotiven und Locomobilen, von Baggerwerken, Wafferhebwerken, Druckpumpen, Paternofter- Werken, Wafferfchnecken u. f. w.; ferner Modelle von Vertical- und Kreisfägen, Mühlen, Dampframmen, Dampffchiffen etc. Diefer Expofition reihte fich die Ausftellung der 1823 errichteten Fabrik von J. C. Schlöffer in Königsberg würdig an, welche Modelle verfchiedenfter Arten von Dampfmafchinen, Locomotiven, Locomobilen, dann eines Dampfhammers, einer Verticalfäge, einer Saugpumpe, einer Kreisfäge, einer Stampfmühle, eines Paternofter- Werkes, einer Dampframme, einer Hochdruckmafchine u. f. w. umfafste. Die 1845 gegründete Fabrik des Mechanikers J. G. Lochmann in Zeitz hatte aufser Luftpumpen und hydraulifchen Preffen heizbare Modelle einer Locomotive, einer Dampfmafchine und eines Dampffchiffes ausgeftellt. So fehr die Sauberkeit der Arbeiten der drei genannten Firmen anerkannt werden mochte, müffen wir doch geftehen, dafs der didaktifche Werth gerade der niedlichften Expofitionsobjecte folcher Art als ein fehr zweifelhafter erfcheint. Denn an complicirten Mafchinen lernt der Schüler nur dann, wenn er fie in voller Gröfse praktiſch arbeiten fieht, und für den Gebrauch, der Schule genügen gut gearbeitete Mafchinen- Elemente. Die Firma Adolf Paris zu Wilfter in Holftein hatte eine Sammlung von Apparaten für den Anfchauungsunterricht in den Naturwiffenfchaften, darunter fpeciell 34 Apparate für die Elementarmechanik der feften, flüffigen und luftförmigen Körper ausgeftellt. Die Erzeugung folcher Lehrmittel bildet eine Specialität der erwähnten, feit Kurzem beftehenden Fabrik und waren die Das gewerbliche Unterrichtswefen. 15 exponirten Gegenftände durchaus für die Zwecke des Unterrichtes wohl berechnet. Ferner hatte Dr. Th. Schuchardt's Fabrik in Görlitz eine Sammlung chemifch- technifcher Producte, Repräfentanten fämmtlicher Elemente, Gebrauche von Gewerbefchulen zur Expofition gebracht. zum Von preufsifchen Buchhändlern, welche Lehrmittel für den gewerblichen Unterricht ausgeftellt hatten, wären Wilhelm Roth in Wiesbaden und Cohen und Rifch in Hannover insbefondere zu erwähnen. Der Verlag der letzteren Firma war unter Anderem durch zwei Lieferungen Flächenverzierungen des Mittelalters" von dem um die deutfche kunftgewerbliche Bildung fo verdienten Herdtle und durch vier Hefte der bekannten Publication, Kunft und Gewerbe" vertreten. " An Lehrmitteln baugewerblicher Richtung hatte die königliche höhere Gewerbefchule zu Kaffel treffliche Modelle für den Unterricht in den Bauwiffen fchaften und in der Stereometrie, unter Anderem das Dach der Kirche zu Meldorf in Holftein, einzelne Holzverbindungen etc. exponirt. Mit den Tendenzen künftlerifcher Erziehung in Preufsen machte uns die königliche Unterrichtsverwaltung durch eine Auswahl aus den Unterrichtsvorlagen der Kunftſchulen in Berlin, Breslau und Erfurt bekannt. Von denfelben Lehranftalten kamen auch Sammlungen von Zeichnungen der Schüler aus je einer Claffe zur Ausftellung. Sonft waren Schülerarbeiten von preufsifchen Gewerbefchulen auffallend fchwach und fchlecht vertreten. Die königliche Provinzial- Gewerbefchule in Saarbrücken natte eine Anzahl fleifsig gemachter Zeichnungen- Köpfe und Ornamentezur Ausftellung gebracht, in welchen der Charakter der Paradearbeit mit übermäfsig ausgetüpfelter Schattirung allzufehr hervortrat. Die didaktifche Werthlofigkeit folcher, dem Schüler koftbare Zeit raubender, auf das wenig urtheilsfähige, grofse Publicum berechneter Ausftellungsobjecte kann nicht oft genug betont werden. Dagegen konnte an der Saarbrückener Expofition die Anordnung gelobt werden, welche einen Einblick in den durchaus gut durchdachten Lehrgang des Zeichenunterrichtes geftattete. Fein und genau ausgeführt waren eine Anzahl Zeichnungen der Schüler des Confervators des Muſeums Wallraf- Richartz in Köln, Johannes Nieffen. Eine gewiffe antikifirende, kühle Glätte und ftrenge Stilgerechtigkeit bildeten den hervorftechenden Zug diefer nach plaftifchen Modellen, mit forgfältiger Abftufung der Töne verfertigten Arbeiten. der Die vom Curatorium der höheren Webefchule zu Spremberg exponirten Schülerarbeiten erweckten die möglichft ungünftige Vorftellung von Gefchmacksbildung der Leiter diefer Lehranftalt. Die leider auch andere Expofitionen verunzierenden gewebten Porträts hingen da gleich Prachtftücken an den Wänden. Ein nur aus dem riefigen Dreimafter enträthfelbarer, alter Fritz," ein arg mifshandelter Bismarck, eine als„ Germania" bezeichnete weibliche Jammergeftalt und mehrere andere praktifche Illuftrationen zu einer Aeſthetik des Hässlichen erinnerten hier an ähnliche, leider auch in den Ausftellungen einiger anderer Staaten vorgekommene Verfündigungen. Erfreulichere Eindrücke bereiteten die wenigen Ausftellungsobjecte, welche die Fortbildungsfchulen Preufsens eingefandt hatteu. So gaben die vom Centralvorftande des Gewerbevereines für Nafsau ausgeftellten Zeichnungen der Handwerker- Fortbildungsfchulen Zeugnifs von der verftändigen Art, in welcher der Zeichenunterricht an diefen Inftituten ertheilt wird. Die in Mappen verwahrten Zeichnungen liefsen erkennen, dafs der Zweck des Unterrichtes in fchlicht reeller Weife verfolgt wird, und dafs nur die architektonifchen Zeichenvorlagen, welche etwas veraltet fchienen, forgfältiger ausgewählt werden follten; Schauftücke an follten; Schauftücke an den Wänden fehlten gänzlich. 2 16 Armand Freiherr von Dumreicher. In etwas marktfchreierifcher Art hatte der Berliner Handwerker- Verein durch eine bunte Wanddecoration mit in ftolzem Lapidarftil abgefafster Infchrift der Welt feine Exiftenz ins Gedächtnifs gerufen. Hoffentlich haben fich hiedurch nicht allzu viele Befucher des deutfchen Unterrichtspavillons von einem genaueren Studium der Wirkfamkeit diefes grofsen und fegensreich wirkenden Vereines abfchrecken laffen. Aufser Zeichnungen, einem trefflichen, von der Unterrichtscommiffion des Vereines herausgegebenen Lehrbuche und anderen Druckfachen befand fich unter den Ausftellungsgegenftänden eine Brochure, welche über die Thätigkeit und Organifation diefer im Jahre 1843 gegründeten, gegenwärtig 2500 Mitglieder umfaffenden und über ein Barvermögen von 40.000 Thalern verfügenden Corporation umftändliche Nachricht gibt. Von dem anfehnlichen Vereinshaufe waren Grundund Aufriffe ausgeftellt. Es enthält entſprechend geräumige Unterrichts., Verfammlungs- und Erholungslocalitäten. Die Vorträge, welche in den wöchentlich viermal ftattfindenden Verfammlungen gehalten werden, find unentgeltlich und umfaffen alle Zweige gemeinnützigen Wiffens mit Ausfchlufs der Tagespolitik und des religiöfen Gebietes. Neben einem von tüchtigen Lehrern ertheilten Elementarunterrichte werden noch folgende Disciplinen betrieben: Einfache Buchführung, Wechfelkunde, doppelte Buchführung, franzöfifche und englifche Sprache, Gefang, Stenographie, Mufterausnehmen, Zeichnen, Modelliren, befchreibende Geometrie und Turnen. Seit einigen Jahren befteht auch eine vom Vereine ins Leben gerufene Baugewerk- Schule. Die mehr als 5000 Bände zählende Vereinsbibliothek wird im Sommer durchfchnittlich von 500, im Winter von etwa 700 Lefern benützt. Im Uebrigen entſprach der Eindruck der preufsifchen Ausftellung dem thatfächlichen Sachverhalte, nach welchem das gewerbliche Fortbildungs- Schulwefen namentlich in Betreff des kunftgewerblichen Unterrichtes in Preufsen weit zurückfteht hinter den Leiftungen und Organiſationen anderer deutfcher Länder( insbefondere der drei füddeutfchen Staaten). " Nach den in neuerer Zeit von dem Statiftiker Schwabe gegebenen Nachweifungen über den Umfang der Betheiligung der Frauen an der Arbeit in Berlin mufste jeder Ausftellungsbefucher mit gefpanntem Intereffe an die Expofition des Berliner Lettevereines zur Förderung höherer Bildung und Erwerbsfähigkeit des weiblichen Gefchlechtes" herantreten. Leider war die Ausftellung weiblicher Handarbeiten, wenn auch das Vorhandene qualitativ befriedigen mufste, quantitativ nicht bedeutend, und aufser diefen Handarbeiten nur noch ein Bericht über die Thätigkeit des Vereines exponirt. Bei der vielfachen Nachahmung, welche die Schöpfung des edelgefinnten Lette in allen Theilen Deutfchlands und auch in Oefterreich gefunden, kommt der Ausftellung des Berliner Vereines neben dem praktiſchen ein hiftorifches Intereffe entgegen und zu Gute. Schliefslich mag hier noch erwähnt werden, dafs Berlin fich auch in feiner Bedeutung als Verlagsort von zur Hebung gewerblicher Fachbildung beftimmten Zeitungen auf der Ausftellung documentirte, indem der bekannte Redacteur F. A. Günther feine ,, deutfche Schuhmacherzeitung", feine, deutſche Gerberzeitung", feine ,, deutſche Sattlerzeitung", feine ,, deutfche Töpferzeitung" und endlich fein Werk die Fabrication des lohbaren Leders in Deutſchland" aufgelegt hatte. Königreich Sachfen. Wenn man das, wie wir oben ausgeführt haben, fehr entwickelte Gewerbefchul- Wefen Sachfens nach feiner Vertretung auf der Wiener Weltausftellung beurtheilen wollte, fo käme man zu fehr falfchen und mangelhaften Vorftellungen. In der vom königlich fächfifchen Minifterium des Cultus und öffentlichen Unterrichtes veranſtalteten Collectivausftellung waren die Gewerbefchulen, auf welche der genannte Staat doch fo bedeutende Mittel verwendet, geradezu ignorirt worden. Von den mittleren Gewerbefchulen Sachfens hatten nur die königliche Schule für Modelliren, Ornament- und Mufterzeichnen in Dresden und das Tech Das gewerbliche Unterrichtswefen. 17 nicum Frankenberg nennenswerthe Objecte ausgeftellt; und zwar die erfte Anftalt eine Reihe fehr tüchtiger, ftilreiner und wunderbar exact ausgeführter Gypsvorlagen für Freihandzeichnen und Modelliren nach Angabe des Profeffors Krumbholz und des Lehrers Hähnel, die zweitgenannte Schule eine Suite von Mafchinen conftructionen und Maſchinenzeichnungen, welche fehr ftattlich Figur machte, ferner einige Profpecte, Jahresberichte und andere auf die Anftalt bezügliche Druckfachen. Wenn wir noch die Apparate für alle Zweige der reinen und angewandten Chemie zum Schulgebrauche hier anführen, welche der Mechaniker Franz Hugershoff in Leipzig ausgeftellt hatte, fo find wir mit unferem Thema bereits zu Ende. Von niederen Fachfchulen waren nur die Klöppel- und Spitzenfchulen vertreten durch Sortimente der Spitzengattungen, durch Arbeitsgeräthe der Schüler und durch intereffante Darftellungen des Lehrganges im Grundiren und im Sticken. Da die gleichartigen öfterreichifchen Induftrien in Böhmen und Krain ähnlicher Schulen dringend bedürftig find, fo bot diefer Theil der fächfifchen Unterrichtsausftellung dem inländifchen Fachmanne wichtige Materialien. Leider war über einen Zeichenunterricht an den Klöppelfchulen aus diefer Ausftellung nichts zu entnehmen. Aufser einiger von der Gefammt commiffion zur Hebung der fächfifchen Spielwaaren- Induftrie in Dresden exponirter Spielwaaren vermögen wir keiner bemerkenswerthen fächfifchen Ausstellungsobjecte gewerblich- pädagogifcher Art mehr zu erwähnen.. Freie Stadt Hamburg. Die Hamburger Unterrichtsausftellung verdient fchon defshalb befonders hervorgehoben zu werden, weil fie eine der wenigen war, welche bezüglich der Schülerarbeiten die Beftimmungen des Programmes gewiffenhaft eingehalten hatte. Diefe fehr fachgemäfsen Beftimmungen hatten gefordert, dafs jeder Arbeit Name, Gewerbszweig und Alter des Schülers, die Dauer feiner bereits an der Schule zurückgelegten Unterrichtszeit, die Zahl der wöchentlichen Unterrichtsftunden und der Name des Lehrers beigefügt werde. An der Hand folcher Daten allein läfst fich in die Leiftungsfähigkeit einer Lehranftalt und in den Gang des Unterrichtes ein klarer Blick thun. Den Geift des Reellen, der die Hamburger Expofition beherrschte, konnte man aufserdem daraus entnehmen, dafs alles effectvolle Voranftellen glänzender Lehrmittel und Schulhaus- Pläne vermieden und. der Schwerpunkt durchaus in die wie fchon bemerkt- Stück für Stück mit den genaueften Qualificationen verfehenen Schülerarbeiten verlegt war. Diefe letzteren, ihrer Natur nach die geeignetften Objecte für Schulausftellungen, waren ferner in fo bedeutender Zahl vorhanden, dafs ein Erkennen des wahren Sachverhaltes dadurch vollkommen gewährleiftet wurde. Das Hauptgewicht fchien auf Zeichnungen gelegt, wie denn auch in Hamburg im gewerblichen Unterrichte das Zeichenfach die hervorragendfte Pflege findet und der Einflufs der Lehrkräfte der allgemeinen Gewerbefchule auf den Betrieb diefes Lehrgegenftandes an den Volksfchulen auffallend an den von den letzteren Anftalten exponirten Objecten hervortrat.* Die Hamburger Ober- Schulbehörde hatte im deutfchen Unterrichtspavillon 3 Drehftänder und 45 Mappen mit Zeichnungen gefüllt. Von den elementarften Anfängen des Unterrichtes an den Volksfchulen bis zu den fchwierigften Compodenfelben zu * Wir können nicht umhin, hier auf die eingehende Darftellung zu verweifen, welche im 36. Hefte diefes Berichtes( der Zeichen- und Kunftunterricht von J. Langl) Seite 41 bis 44 der Einrichtung der Hamburger Schulen und der Organiſation des Zeichenunterrichtes an Theil geworden ift, und glauben den fachmännifchen Kreifen Oefterreichs die Beachtung der lehrreichen Schilderung der Hamburger Thätigkeit in diefem Gebiete umfo wärmer empfehlen zu follen, als wir der Ueberzeugung find, dafs die Entfendung eines öfterreichifchen Pädagogen nach Hamburg zu längerem Studium der bezüglichen Einrichtungen, des Lehrganges und der erzielten Erfolge im Intereffe unferes gewerblichen FortbildungsSchulwefens dringend gewünſcht werden mufs. Im Laufe diefes Winters werden in Hamburg auf Koften der Stadt 19 Zeichen- und Modellirfäle eröffnet, in welchen täglich in den Abendftunden 2000 Handwerkern gleichzeitig Unterricht ertheilt werden foll. 2* 18 Armand Freiherr von Dumreicher. fitionen der Gewerbefchüler war die hindurchgehende Einheitlichkeit der Lehrmethode in die Augen fpringend und bei Vermeidung allen dem grofsen Publicum. fchmeichelnden Glanzes kam die klare, den Unterrichtsgang darlegende Anordnung der Zeichnungen den Wünſchen des Fachmannes auf ganzem Wege entgegen. Auch die complicirteften Zeichnungen, Modellirarbeiten oder fertig ausgeführten kunftinduſtriellen Objecte waren eigene Entwürfe der Schüler. Diefs mufs defshalb nachdrücklich betont werden, weil in den Expofitionen vieler anderer Schulen die fchönften, beftechendften Leiſtungen der Schüler nur Copien von Meifterhänden gefchaffener Vorbilder waren. Dem die Hamburger Gewerbefchul Ausftellung betrachtenden Laien mag darum manchmal ebendiefelbe Arbeit recht unfcheinbar vorgekommen fein, welche dem Kenner die aufrichtigfte Achtung vor den Erfolgen diefer Unterrichtsanftalt einflöfste. Unter den nach eigener Compofition ausgeführten kunftgewerblichen Schülerarbeiten befanden fich übrigens mehrere, welche auch vor hochgefpanntem abfolutem Urtheile trefflich beftanden. So namentlich ein Wandfchrank zur Verwahrung von Schmuck, ein Spiegel, ein. Albumdeckel( Holzfchnitzereien), ferner ein Gitter und ein Wandleuchter( Metallgufs). Diefe fämmtlich mafsvoll, im edelften Renaiffanceftile entworfenen Arbeiten. waren auch techniſch tadellos ausgeführt und bezeugten ebenfo wie zahlreiche theils nur mit Bleiftift, theils farbig zu Papier gebrachte Compofitionen, dafs die für die Geftaltung des gewerblichen Unterrichtes in Hamburg mafsgebenden Kreife in der vollen Strömung der modernen Gefchmacksreform mit feftem Willen klar erkannten Zielen zufteuern. Eine nahe geiftige Verwandtfchaft mit den lauterften der gleichartigen kunftinduftriellen Strebungen auf dem Wiener Boden mag manchen Fachmann überrafcht und erfreut und an eine andere Kunftgebiete betreffende Aeufserung des vielerfahrenen Dramaturgen Heinrich Laube erinnert haben, die ein auffallendes Zufammentreffen des Gefchmackes des Wiener und Hamburger Theaterpublicums conftatirt. Der Verein zur Förderung weiblicher Erwerbsthätigkeit in Hamburg hatte fehr rationelle und von den Schülerinen felbft entworfene weibliche Handarbeiten. und Zeichnungen ausgeftellt. Diefe Arbeiten zeichneten fich ebenfo durch einfache, der Natur des Materiales entſprechende, jede Verzierung im Sinne des künftlerifchen Motivs verftändnifsvoll entwickelnde Compofition wie durch genaue und faubere Ausführung aus. Einige Pläne des Schulgebäudes gaben dem Befchauer einen bedeutenden Begriff von der Ausdehnung der Anftalt. Als ganz im gleichen Geifte geleitet zeigte fich in der Ausftellung das fogenannte Paulfenftift, eine Mädchen- Volksfchule, welche tüchtige Arbeiten der Schülerinen und Pläne des ftattlichen Schulhaufes exponirt hatte. Grofsherzogthum Heffen. Den Glanzpunkt der heffifchen Unterichtsausftellung bildete in Wien wie fchon auf allen vorhergegangenen Weltausftellungen die Expofitionen von Lehrmitteln des polytechnifchen Arbeitsinftitutes von J. Schröder in Darmſtadt. Diefe berühmte, feit 1837 wirkende Firma hatte auch diefsmal quantitativ wie qualitativ fehr bedeutend ausgeftellt. Ein faft den ganzen Durchmeffer des deutfchen Unterrichtspavillons einnehmender Glasfchrank enthielt eine grofse Sammlung von Unterrichtsmodellen für Stereometrie, darftellende Geometrie, Kryftallographie, Mafchinenwefen, für Hoch- Waffer- und Eifenbahn- Bau, für Metallurgie, Technologie etc., aufserdem Zeichen- Werkzeuge, als Reifsfchienen, Winkel, Curven, Lineale u. f. w. Die ähnlichen Ausftellungen der früher erwähnten preufsifchen Firmen wurden durch die Maffenhaftigkeit wie durch die vollendete Ausführung des Einzelnen in der Schröder'fchen Expofition gänzlich verdunkelt. Das Intereffe des einheimifchen Fachpublicums wandte fich diefer Ausftellung umfo lebhafter zu, als Schröder, welcher nach den meiften Ländern Wefteuropas und Amerikas feine Lehrmittel exportirt, in neuefter Zeit auch in Oefterreich ein Abfatzgebiet gewonnen hat. Und diefs ficher nicht zum Schaden unferes gewerblichen Unterrichtes. Das gewerbliche Unterrichtswefen. 19 Auf die anderen, übrigens fehr tüchtigen heffifchen Ausfteller von Lehrmitteln wirkte die Nachbarfchaft des grofsen Schröder'fchen Schrankes drückend. So auf die von Zeichenlehrer L. W. Möfer in Darmstadt ausgeftellten Unterrichtsmodelle für Geometrie, darftellende Geometrie und perfpectivifches Zeichnen und auf die Ausftellung von Zeichen- Werkzeugen der Fabrik von Friedrich Löffer in Darmstadt. Ferner waren von Lehrmitteln Vorlegeblätter für den Zeichenunterricht an gewerblichen Fortbildungsfchulen durch die grofsherzogliche„ Centralftelle für die Gewerbe und den Landes- Gewerbeverein" in Darmftadt, welche Herausgeberin derfelben ift, zur Ausftellung gebracht worden In diefen, auch aufserhalb Heffens verbreiteten und rühmlich bekannten Vorlegeblättern, wie in den von derfelben Centralftelle exponirten Schülerarbeiten der Handwerker- Schulen kam eine gediegene ftiliftifche Richtung zum Ausdrucke, und war befonders ein fein und doch ziemlich kräftig entwickelter Farbenfinn um fo erfreulicher zu bemerken, als diefer leider in der Regel in anderen ähnlichen deutfchen Arbeiten vermifst zu werden pflegt. Durch guten Gefchmack ragten insbefondere die Entwürfe einiger Möbel, eines Fächers und eines Kruges hervor. Uebrigens waren in noch bedeutenderer Zahl tüchtige Schülerarbeiten baugewerblicher und maſchinentechnifcher Art da. Die Schreibhefte von zahlreichen heffifchen HandwerkerSchulen, welche zur Einficht auflagen, gaben den vortheilhafteften Begriff von den Erfolgen des an diefen Anftalten ertheilten elementaren Fortbildungsunterrichtes. Endlich hatte das„ Comité für Frauenbildung und Erwerb" in Darmſtadt einige Proben von Frauenarbeiten aus Schulen und dem Alice- Bazar ausgeftellt, welche fich in Zeichnung und Farbe über die Durchfchnittshöhe analoger moderner Leiftungen von anderwärts nicht erhoben, aber auch nicht durch Bizarrerien die Blicke auf fich zogen, wie das bedauerlicher Weife mehreren derartigen Schulausftellunen im deutfchen Unterrichtspavillon nachgefagt werden kann. Königreich Baiern. Unter den aus Baiern zur Ausftellung gekommenen Unterrichtsmitteln erregte bei der Mehrzahl der Befucher die gröfste Aufmerkſamkeit eine vom Zeichnungsinftituts- Inhaber Jacob Filferin München exponirte Sammlung von 150 Naturabgüffen in Gyps von Blättern und Pflanzen in verfchiedenen Motiven. Die Anfichten der Fachmänner über diefe Unterrichtsmittel waren aber getheilt. Zwar mufste die fchöne, forgfältige Ausführung der Pflanzenabgüffe allgemein anerkannt werden, bezüglich der Frage jedoch, ob diefe Gypsmodelle, welchen auch bei forgfältigfter Behandlung eine gewiffe Steifheit nicht benommen werden kann, für den Zeichenunterricht empfehlenswerth feien, gingen die Meinungen auseinander. Und in der That fcheint die diefen Abgüffen anhaftende leblofe Starrheit wenig geeignet, den Schüler zum Erfaffen und zur Wiedergabe des wahren Charakters des Blattes und der Pflanze anzuleiten. Ferner hatte die Mafchinen- Werkstätte der königlichen Kreis- Gewerbefchule in Würzburg hübfche Modelle von Mafchinenelementen für den Unterricht im Mafchinenzeichnen ausgeftellt und fich dadurch als wohldotirte Anftalt ausgewiefen. Ob an diefer Schule das Syftem herrfche, nur nach plaftifchen Modellen und nie nach Vorlagen zu zeichnen, konnte hieraus nicht mit Sicherheit gefolgert werden. Löblich wäre aber folches Syftem jedenfalls. Ausserdem befanden fich einige Lehrmittel für gewerblichen Unterricht in der Expofition der baierifchen Volksfchulen und in der vom„ Polytechnifchen Centralverein für Unterfranken und Afchaffenburg" veranstalteten Ausftellung. Kaum beachtenswerther als diefe fich in allen Ausftellungen gewerblicher Schulen gleichartig wiederholenden Lehrmittel waren die von demfelben Vereine exponirten, meift nach veralteten Figuren- und Landfchaftsvorlagen fchlecht gemachten, übermäfsig ausgeführten Schülerarbeiten der unterfränkifchen Fortbildungsfchulen, der höheren Zeichen- und Modellirfchule in Würzburg und der Holzfchnitzer- Schule in Bifchofsheim vor der Rhön. Die Arbeiten der letztge 20 Armand Freiherr von Dumreicher. nannten Schule zeigten fo ziemlich denfelben vorwiegend naturaliftifchen Charakter, welcher nördlich der Alpen in der Holzfchnitzerei, infoferne fie nicht der Kunftfchreinerei dient, noch überall hervortritt. Diefe Thatfache erwies auch die Expofition einer anderen baierifchen Schule, welche nicht im deutfchen Unterrichtspavillon, fondern in der Hauptgallerie des Induſtriepalaftes eine bedeutende Menge von Schülerarbeiten auf demfelben Tifche mit den Waaren einiger Metallartikel- Fabrikanten nicht eben leicht auffindbar ausgebreitet hatte. Es war diefs die Schnitzfchule zu Werdenfels im Bezirke Partenkirchen. Die Technik in den Arbeiten diefer Schule zeigte fich als eine ganz gut ausgebildete und einigen Thierftücken mufste grofse Lebenswahrheit nachgerühmt werden; aber alle Freude an dem täufchenden Spiele diefer Lebenswahrheit und an der Sicherheit und Sauberkeit jener Technik konnte mit dem platten Naturalismus nicht verföhnen, der die Erzeugniffe einer fchrankenlofen und doch ideenarmen Phantafie beherrfchte. Eine läuternde Einwirkung auf den Unterricht an diefen kleinen Schnitzfchulen würde den beiden Kunftgewerbe- Schulen Baierns gar wohl anftehen und ihre mannigfachen Verdienfte um ein Neues und wahrlich nicht Geringftes vermehren. Die Münchner königlich baierifche Kunft gewerbe- Schule hatte auf der Wiener Weltausftellung fich nicht ganz glücklich vertreten laffen. Eine hohe, grell und plump decorirte Wand bildete den unruhigen Hintergrund des von den Arbeiten der genannten Schule occupirten Tifches. Schlimm genug, dafs diefe Arbeiten, ftatt unbefangene Beobachter zu finden, vorerft die ungünftige Meinung widerlegen mufsten, welche die rothen und gelben Felder der Wandflächen von dem Farbenfinne und die neben plaftifch hervortretende Gypspilafter in falfcher Stellung gemalten Confolen von den architektonifchen Begriffen und der Conftructionsmethode der Schulleiter bei jedem gebildeten Befchauer erzeugen mochten. Da genauere Angaben bei den Schülerarbeiten fehlten, war leider ein Einblick in den, den einzelnen Schüler betreffenden Unterrichtsgang ausgefchloffen. Solche Vernachläffigung fchädigt die Ausftellung einer wirklich tüchtigen Lehranftalt, da manche fchöne Leiftung eines Schülers erft dann in ihrem vollen Werthe gewürdigt werden kann, wenn man die Dauer der Unterrichtszeit kennt, innerhalb welcher folche Leiftungsfähigkeit erzielt wurde. Der an der Anſtalt im Allgemeinen eingehaltene Lehrgang war jedoch durch die Anordnung der Arbeiten veranfchaulicht. Diefe ausgeftellten Arbeiten beftanden aufser den bereits erwähnten fchweren und roh behandelten Wandmalereien in Gypsmodellen, Schnitzwerken, Cifelirarbeiten, Zeichnungen und Flachornamenten. Die Mehrzahl der in Gyps ausgeführten Objecte waren gut gemacht, alle ftilifirt und von befriedigendem Gefchmacke. Unter den Holzfchnitzereien fanden fich einige treffliche Sachen; fo ein hübfches Wandfchränkchen, zwei in ebenmässigen Verhältniffen aufserordentlich graziös aufgebaute Candelaber und mehrere kleinere Geräthe mit befcheiden angewandter Polychromie. Alle diefe Gegenftände gehörten dem beften Renaiffanceftile an, einige, namentlich die hölzernen, braunen Candelaber machten den Eindruck edler Vornehmheit. Ein Urtheil über den vollen Werth diefer Ausftellungsobjecte läfst fich leider nicht fällen, da nicht zu erfehen war, ob diefelben von den Schülern nach ihren eigenen Entwürfen ausgeführt worden. Guter Gefchmack und gewandte Technik müffen ferner auch den Metallarbeiten und der überwiegenden Zahl der in mehreren Mappen enthaltenen Zeichnungen nachgerühmt werden. Der griechifche, römifche und Renaiffanceftil theilten fich in diefen in die Herrfchaft. Eine ähnliche Richtung verfolgten die von der Münchner HandwerkerFortbildungsfchule ausgeftellten technifchen Linear- und kunftgewerblichen Zeichnungen, Cifelirarbeiten und Wachsboffirungen. Diefe kunftinduftriellen Arbeiten legten trotz des Mangels an Leichtigkeit in der Behandlung des Ornamentes doch im Ganzen von den in München in den Kunstgewerben empor Das gewerbliche Unterrichtswefen. 21 ftrebenden ftiliftifchen Tendenzen fchönes Zeugnifs ab. Eine mehr romantifche Richtung charaktérifirte die zahlreichen vom Atelier des Kunft Gewerbevereines in München ausgeftellten Entwürfe, welche von fehr verfchiedenem Werthe waren. Einige recht wirkungsvoll componirte und auch in der Farbe gelungene Compofitionen von Möbeln und Geräthen theilten Mappe oder Wand mit den bizarrften Abgefchmacktheiten. Letztere bildeten jedoch glücklicherweife nicht die Mehrzahl und einige Entwürfe von Seitz und von Barth, welche die Witze einer ſchlimmen Zeit des Verfalles mit Vorliebe cultivirten und Schwäne mit abnehmbarem Kopfe zu Trinkpocalen, deutfche Reichsadler zu Effig- und Oelgefchirren, Pantoffel zu Salz und Pfeffergefäfsen als Motive verwendeten, wurden durch manches fchöne, phantafievolle Blatt, in welchem die willkürliche und phantaftiſch ſpielende Compofitionsweife einer gewiffen malerifchen Wirkung und märchenhaften Reizes nicht entbehrte, reichlich aufgewogen. Ein Anflug viel edlerer Romantik tritt wie ein Familienzug in vielen Leiftungen der Nürnberger Kunstgewerbe- Schule auf; aber nicht fowohl blofs mittelalterlicher Romantik als vielmehr auch jener Romantik, welche der Zeit der Wiedererweckung des Culturlebens der antiken Völker, der fchöpferifchen Epoche des XVI. Jahrhundertes in den Augen des fehnfuchtsvollen Sohnes des Säculums der Eifenbahnen innewohnt. Diefe anfehnliche Nürnberger Anstalt hatte die Ausftellung mit Zeichnungen, Schnitzarbeiten, Gypsmodellen und Cifelirarbeiten ihrer Schule fehr reich befchickt und nahm in ihrem Gebiete den erften Rang im deutfchen Unterrichtspavillon ein. Schöne Entwürfe von Renaiffancemöbeln, gut gemachte Architekturzeichnungen, reizende Holz-, Metall- und Gypsarbeiten ſprachen es beredt aus, dafs die feit Entdeckung des Caps der guten Hoffnung und feit der grofsen Bahnverän derung des Welthandels allmälig verfunkenen Ueberlieferungen in unferen Tagen wieder erwacht find und dafs eine grofse Epoche, in der Nürnberg, den in Kaufmannsgefchäften erworbenen Reichthum den Werken der Schönheit zuwendend, fich eine eigene charaktervolle Kunftwelt fchuf, von nun an nicht mehr vergeffen ift. Solche fernwirkende, mächtige Vergangenheit mag es erklären, dafs hin und wieder ein archaifirendes Gepräge den Compofitionen der Nürnberger Schule aufgedrückt erfcheint; eine gewiffe Magerkeit, welche an manchen kunftgewerblichen Arbeiten auffällt, hängt hiemit zufammen und ift übrigens der Eigenart diefes Stils vollkommen angemeffen. Man wird da an ein anderes Kunftgebiet und an ein treffendes Wort Grillparzer's erinnert, das eine Gattung deutfcher Poefie als„ Nürnbergerei" bezeichnete. Die Nürnberger Kunftgewerbe- Schule fteckt fich fo hohe Ziele, dafs ein detaillirtes Eingehen auf ihre Leiftungen mehr die Aufgabe des Kunftreferates als des unferen ift, wefshalb wir uns auf obige allgemeine Bemerkungen befchrän ken und die an der Ausstellung der Anftalt hervorgetretenen Mängel hier nicht erörtern zu follen meinen. Königreich Württemberg. Vollständiger als alle anderen deutſchen Staaten hatte auf der Wiener Weltausftellung das Königreich Württemberg die verfchiedenen Zweige feines gewerblichen Schulwefens zur Anficht gebracht und dadurch den Befucher in die Kenntnifs der ganzen Stufenleiter feiner den induftriellen Claffen dienenden Lehranstalten verfetzt. Der für fämmtliche Gewerbetreibende gleich wichtige Gegenftand, welcher nicht mit Unrecht die Sprache der Technik genannt worden ift, das Zeichnen, wird an den württembergifchen Volksfchulen fo weit gelehrt, dafs der Unterricht an den Fortbildungsfchulen an eine bereits vorhandene elementare Ausbildung in diefem Lehrfache anknüpfen kann. Defswegen war es auch vom Standpunkte des gewerblichen Unterrichtes von grofsem Intereffe, die Art kennen zu lernen, wie an den Lehrerfeminarien die künftigen Volksfchul- Lehrer zur Ertheilung des in Württemberg feit nunmehr zwanzig Jahren in ftets gröfserem und gröfserem Umfange eingeführten, heute an 22 Armand Freiherr von Dumreicher. Hunderten von Schulen gepflegten Zeichenunterrichtes vorbereitet werden. Zeichnungen, welche hievon einen günftigen Begriff gaben, hatten die Seminare zu Efslingen und zu Gmünd ausgeftellt. Diefe Zeichnungen waren nach durchaus gut gewählten Vorlagen mit geübter Hand gemacht; erfreulicher wäre es freilich, wenn bei diefem meift elementaren Unterrichte Vorlagen gar nicht mehr oder doch in viel befchränkterem Mafse, als diefs an den genannten Anftalten der Fall zu fein fcheint, in Verwendung kämen. Uebrigens drängte fich wohl jedem fachkundigen Befucher der württembergifchen Unterrichtsausftellung die Wahrnehmung auf, dafs in diefem Lande der im Zeichenunterrichte zu Tage tretende Gefchmack fo weit ein ganz guter ift, als diefer Unterricht fich auf elementare Gegenftände befchränkt, dafs er aber defto mehr zu wünfchen übrig läfst, je bedeutender feine Aufgaben werden und mitunter eben dann ganz vermifst wird, wann eine Arbeit kunftgewerblicher Art ihn am meiften fordert. Der Unterricht im Freihand- Zeichnen beginnt an den württembergifchen Schulen mit den auch aufserhalb des Landes fehr verbreiteten, tüchtigen Herdtle' fchen Vorlagen. Hierauf wird zum Zeichnen nach plaftifchen, geometrifchen Modellen übergegangen und fchliefslich das Arbeiten nach Gypsornamenten in Angriff genommen. Für Lehrmittel hat die Regierung reichliche Vorforge getrof fen durch Herausgabe der bereits erwähnten Herdtle'fchen Vorlageblätter( edirt von der königlichen Commiffion für die gewerblichen Fortbildungsfchulen) und durch Anfertigung von über 400 Gypsmodellen von geometrifchen Formen, Ornamenten, Pflanzen und figürlichen Objecten( aus der Modelliranftalt der könig lichen Centralftelle für Gewerbe und Handel). Soweit mit Benützung diefer Lehrmittel an den Schulen gearbeitet wird, erzielt der Unterricht fehr achtbare Refultate, nur die zu grofse Zeitverfchwendung, welche eine die Lithographie imitirende Manier bedingt, mufs bei den Arbeiten nach Gyps bedauert werden, da das Bildchenmachen" mit den Zwecken der Schule nichts zu thun hat. Wenn auf den bisher erwähnten Stufen des Zeichenunterrichtes im Allgemeinen Befriedigendes geleiftet wird, fo nimmt aber leider die Tüchtigkeit der Arbeiten durchgängig ab, je directere Beziehung zur gewerblichen Praxis fie haben. Eine Auswahl aus den Leiftungen von 53 Fortbildungsfchulen, welche die„ königliche Commiffion für gewerbliche Fortbildungsfchulen" in Stuttgart vorgeführt hatte, lieferte nach folcher Richtung zahlreiche Belege. Aufser Freihand, Linear- und Fachzeichnungen enthielt diefe Expofition auch Modellirarbeiten, Decorationsmalereien, Holz- und Elfenbein- Schnitzereien und Steinhauer- Arbeiten. An der überwiegenden Mehrzahl der erwähnten Objecte war von Einflüffen der nun feit einem Jahrzehnt in Deutfchland in Flufs gekommenen Gefchmacksreform nur fehr wenig zu bemerken. Vielmehr herrfchte eine veraltete, willkürliche, häufig rein naturaliftifche Richtung vor und der Gefchmack der Franzofen, wie er vor fechs und mehr Jahren war, jedoch ohne die Grazie der Franzofen, fchien häufiger mafsgebend gewefen zu fein, als es für Württembergs gewerbliche Entwicklung erwünſcht fein kann. Die meiften Entwürfe von Möbeln und anderen Geräthen des Haufes wie faft alle Arbeiten in Holz zeigten eine unfchöne Plumpheit und Starrheit; die Decorationsarbeiten wiefen häufig grelle und unvermittelte Farbenzufammenftellungen und eine der Anmuth entbehrende Härte der Linien auf; naturaliftifche Blumen erfchienen als beliebtefter Schmuck der verfchiedenften Gegenftände und auch das eine und andere gefucht fcherzhafte Motiv bezeugte das Vorhandenfein eines anderwärts in Deutfchland im Schwinden begriffenen Ungefchmackes. So hatte die Schule in Rottweil ein riefiges, mit Kreide ftärkft fchattirtes, ganz graufchwarz gehaltenes Blumenftück mit einem fchweren, überaus plump gearbeiteten, dunkelbraunen Holzrahmen umgeben und damit eine an und für fich abfcheuliche, befonders aber der fpeciellen Natur des Gegenftandes in erftaunlicher Weife widerfprechende, düftere Wirkung hervorgebracht. Dieielbe Das gewerbliche Unterrichtswefen. 23 Schule hatte ein in hellem Holz gefchnitztes Käftchen ausgeftellt, deffen gar keinem Stile angehörender Bau mit harten und kahlen, willkürlich erfundenen Verzierungen einen gar unerfreulichen Anblick gewährte. Die von Reutlingen ausgeftellten Zimmermaler- Arbeiten zeugten zwar nicht immer vom feinften Farbenfinn, wiefen aber in ihrer Art beffere Sachen auf, als die erwähnten Rottweiler Ausftellungsobjecte. Die Gmünder Schule hatte einige recht tüchtige Gravir- und Cifelirarbeiten ausgeftellt, deren ornamentaler und figürlicher Schmuck alle billigen Anforderungen befriedigte. Dagegen waren von derfelben Schule einige Zeichnungen und Aquarelle da, welche an der tiefften Grenze der Mittelmäfsigkeit ftanden. Namentlich eine nach der Natur gemalte Aquarelle, welche zwei Silberkannen auf einem mit fpitzengarnirtem weifsblauem Tuche bedeckten Tifche darftellte, erfchien, abgefehen von der fteifen Behandlung der Tuchfalten und anderen Ungefchicklichkeiten der Ausführung, fchon durch Wahl und Aufftellung der zu copirenden Objecte als eine typifche Leiftung des fpiefsbürgerlichen Ungefchmacks, der fo vielen kunftinduftriellen Arbeiten württembergifcher Schulen einen ihnen eigenthümlichen Stempel aufprägte. Ein ebenfalls von Gmünd ausgeftellter, in Holz gefchnitzter Vifitkarten- Behälter mit der Devife ,, Niemand zu Haufe" gehörte der Kategorie jener Arbeiten an, die den Mangel künftlerifcher Erfindung durch fogenannte gute Einfälle zu decken fuchen, aber kaum zur Gefchmacksveredlung der aufwachfenden gewerbetreibenden Generation beitragen dürften und darum von der Schule ftreng ausgefchloffen fein follten. Die Geislinger und Rottweiler Elfenbein- Schnitzereien, meift ungraziös und naturaliftifch, wiefen nur wenige nicht ganz reizlofe Arbeiten auf, und die Uhrenfchild- Malereien von Schwenningen bewegten fich meift innerhalb der banalen, bunten Decorationsweife, welche in diefem Genre noch immer vorherrfcht. Die Ausstellung der württembergifchen Fortbildungsfchulen, welche hauptfächlich durch grofse Maffen von ganze Wände bis zum Gefimfe bedeckenden Zeichnungen zu wirken fuchte, gewährte nur in den einfacheren Gegenftänden, in welchen eine künftlerifche Seite gar nicht oder erft in zweiter Linie hervorzutreten braucht ,, Befriedigung. So waren das Befte unter den exponirten Schülerarbeiten die Schreib- und Rechnungshefte und durfte auch an den einfacheren Zeichnungen das hervortretende didaktifche Moment anerkannt werden. Ferner verdienen einige fehr praktiſche Handbücher für Gewerbsleute, welche zur Einficht auflagen, rühmende Hervorhebung. Die Entwürfe und Ausführungen von Deffins für wollene, halbwollene, feidene und leinene Stoffe, welche von den Webefchulen in Reutlingen und Heidenheim eingefendet waren, glänzten zwar nicht durch graziöfe Leichtigkeit der Zeichnung und augenerfreuende Farbenwirkung, waren aber in ihrer Art beffer als manche Arbeiten der Fortbildungsfchulen. Diefe Schulen lehren eben das, was in der betreffenden Induftrie Württembergs heutigen Tages„ geht", und der Gefchmack der Confumenten befchränkt ja die Lehrer in ihren Beftrebungen. Unter diefen Verhältniffen ift es fchon ein Vorzug, dafs kein Stück von ganz entfchiedenem Ungefchmack vorhanden war. Zu den befferen ihrer Gattung konnte auch die Ausftellung der Frauenarbeits- Schule in Reutlingen gerechnet werden, welche den methodifchen Unterrichtsgang der Schule durch Vorführung von Zeichnungen und fehr zahlreichen Handarbeiten darlegte. Zwar in keinem Stücke von feiner Eleganz, vielmehr durchgehends im fchwerfälligen Gefchmacke des niederen, kleinftädtifchen deutfchen Mittelftandes gehalten, machten diefe Arbeiten doch oder eben defshalb den Eindruck leichter Verwerthbarkeit, und überzeugten Jedermann von der wohlthätigen Wirkung, welche die in denfelben unterrichtende Anftalt auf die Erwerbsfähigkeit des weiblichen Gefchlechtes übt. Als geradezu gediegen und felbft künftlerifch lobenswerth erfchienen die Reutlinger Arbeiten aber, wenn man fie mit der wunderlichen Ausstellung der 24 Armand Freiherr von Dumreicher. katholifch- kirchlichen Inftitute verglich, welche ihre didaktifchen Leiftungen im Fache der Frauenarbeiten in unmittelbarer Nähe der Reutlinger Expofition ausgebreitet hatten. Da waren die pfundfchweren Blumenknäuel auf Ruhekiffen, die mit grellen Blumen faft ohne alle Anordnung überftickten Lehnftühle, die Pudel in Perlenftickerei, die wollenen Papageien und feidenen Landfchaften und andere Ausgeburten der fchlimmften Gefchmacksperiode unferes Jahrhundertes in fchreiendfter Farbenpracht vertreten, und legten Zeugnifs ab, dafs die reformirende Strömung des letzten Jahrzehntes an den Kloftermauern der Schulfchweſtern zu Rottenburg, wie der Franziskanerinen zu Sieffen, Saulgau, Bonlanden und Leutkirch fpurlos ihre Wellen vorbeigetragen hat. Im Ganzen beffer repräfentirte fich die vom königlichen Cultusminifterium exponirte Collection von Erzeugniffen einiger weiblicher Arbeitsfchulen, wiewohl auch in diefer hin und wieder Objecte von gräulichem Ungefchmacke zu finden waren. Von mit einer Volkfchule verbundenen Curfen, wie die zu Dewangen und Ehingen, läfst fich nicht Grofses verlangen, doch können die einfachften, primitivften Arbeiten dem Materiale gemäfs und mit Gefchmack gemacht werden, und armfelige Prachtftücke, wie einen geftickten Pintfch, hätte das letztgenannte Inftitut aus feiner Ausftellung lieber ausfchliefsen oder vielmehr überhaupt von den Schülerinen nie anfertigen laffen follen. Die Stuttgarter Kunstgewerbe- Schule hatte fich mit ihrer Ausftellung im Unterrichtspavillon des deutfchen Reiches gegenüber der Expofition der gleichartigen Münchner Anftalt niedergelaffen und forderte dadurch unwill kürlich zu Vergleichungen heraus. Angaben über das Alter und die Dauer der Unterrichtszeit der Schüler fehlten hier wie bei der Münchner Schule. Der Katalog fagte zwar:„ Arbeiten nach dem Stufengange des Unterrichtes", über diefen Stufengang war aber aus den ausgeftellten Objecten nichts zu entnehmen. Der Naturalismus fpielte hier im Gegenfatze zu den Münchner Arbeiten noch eine bedeutende Rolle. Von den Gypsarbeiten waren alle fchön ausgeführt, manche aber in den Motiven verfehlt; fo unter den verfchiedenen Medaillons eines mit einer fchweren, gefüllten Rofe. Als fehr graziös mufs dagegen ein Renaiffance- Degengriff in Gyps bezeichnet werden. Unter den in Metall ausgeführten Sachen fand fich wenig Gutes; ein Weihbrunnkeffel, getriebene Arbeit und galvanifch vergoldet, war von geradezu gemeinem Gefchmack, ein Crucifix mit einer Mufchel ohne alle künftlerifche Auffaffung, die übrigen Gegenftände meift fchwerfällig und naturaliftifch, eine der wenigen Ausnahmen ein gut aufgebauter filberner Pocal. Die Porzellanmalereien, faft nur Wappenfchilder, wurden durch Kälte der Farbe in ihrer Wirkung beeinträchtigt. Weit hinter den Münchner Leiftungen blieben die Holzfchnitzereien zurück, welchen alle Anmuth und Feinheit des Stiles fehlte. Diefe Arbeiten der Kunstgewerbe- Schule erklärten es auch, dafs die gleichen Mängel an den Holzfchnitzereien der Fortbildungfchulen beftehen. Hinter dem von den erwähnten Arbeiten occupirten Tifche ftieg wie bei dem gegenüberftehenden Tifche der Münchner Schule eine Wand auf. Die Decorationsmalerei auf derfelben zeichnete fich vor ihrem vis- à- vis durch ruhigere Stimmung, wenn auch nicht eben durch befonders feinfühlige Farbenzufammenftellung aus. Das Befte waren aber einige in Aquarell ausgeführte architektonifche Entwürfe und gelungen insbefondere ein Himmelbett im Renaiffanceftile und einige andere Compofitionen von Möbeln. Die Linearzeichnungen, meift Copien von antiken und Renaiffancevorbildern oder Entwürfe in den genannten Stilrichtungen, ver dienten alle Anerkennung. Die Baugewerbe- Schule in Stuttgart imponirte mit dem Plane ihres ftattlichen, aus Sandftein- Quadern palaftartig aufgeführten Schulhaufes, das einen schönen Säulenhof umfchliefst, mit Zeichnungen von der Möblirung der Das gewerbliche Unterrichtswefen.. 25 Lehrfäle und mit einem Katalog der reichhaltigen Bibliothek. Ferner lagen fehr praktiſch abgefafste, autographirte Unterrichtscompendien fammt den zugehörigen gleichfalls autographirten Zeichnungen, mehrere Druckfchriften über die Einrichtungen der Schule und eine graphifche Darftellung zur Schulftatiftik auf. Die in reicher Auswahl ausgeftellten Schülerarbeiten erwiefen fich würdig des grofsen und koftfpieligen Apparates. In einer Reihe von Mappen waren trefflifche Conftructionszeichnungen, Entwürfe ganzer Gebäude, Aufnahmen von Architekturwerken verfchiedener Stile u. f. w. enthalten. An den Wänden waren die effectvollften Arbeiten ausgebreitet, unter welchen ſchöne polychrome, griechifche Ornamente befonders hervorftachen. Jedenfalls ftellte fich in Wien diefe Schule als die befte der württembergifchen gewerblichen Unterrichtsanftalten dar. Der Gefammteindruck, welchen das gewerbliche Unterrichtswefen Württembergs auf der Wiener Weltausftellung machte, läfst fich dahin charakterifiren, dafs mit grofsem Aufwande an Fleifs und Geldmitteln die geiftige Hebung des Gewerbeftandes und die Steigerung feiner Erwerbsfähigkeit angeftrebt zu werden, dafs aber ein zu enger culturhiftorifcher Gefichtskreis diefe kleinftaatlichen Strebungen einzufchränken und eine zweckbewufst fchöpferiſche Veredlung und Verfeinerung des wenn man fo fagen darfäufseren Culturlebens der württembergifchen Gefellſchaft zu hindern fcheint. - " Grofsherzogthum Baden. Das badifche gewerbliche Unterrichtswefen war 1873 in Wien fchwach vertreten. Die Carlsruher gewerbliche Lehranstalt hatte gefchmackvolle Schülerarbeiten, Studien nach antiken und orientalifchen Ornamenten, Entwürfe von Gefäfsen und Möbeln und einige wenige Modellirarbeiten zur Ausftellung gefandt. Einige im Gefchmacke ziemlich mittelmäfsige Mufter von weiblichen Handarbeiten, deren Anfertigung an der Volksfchule gelehrt wird", und einige im Katalog als„ Kunftarbeiten" bezeichnete Frauenarbeiten können noch hierher gerechnet werden. Diefe Objecte waren vom Vorftande des badifchen Frauenvereines in Carlsruhe eingefendet worden. Die Bezeichnung derfelben als„ Mufter" rechtfertigte die Annahme, dafs man da keineswegs Schülerarbeiten vor fich habe, und die präcife Ausführung fchien diefe Annahme zu beſtätigen. Oefterreich. Die Bedeutung und Organifation des gewerblichen Unterrichtes in Oefterreich. An keinem Orte verdiente eine Ausftellung gewerblichen Unterrichtes fo ernfte Würdigung von Seite der Bewohner wie in der induftriellen und politifchen Hauptftadt Oefterreichs. Denn neben allen Factoren, welche die neuere wirthfchaftliche Entwicklung des gefammten Continentes beeinfluffen, und neben allen Erwägungen in gefellfchaftlicher Richtung, welche alle Culturländer betreffen, wird hier auch eine Betrachtungsweife vom ftaatlichen Standpunkte aus von faft gleich grofser Bedeutung wie vom focialen. Ift ja doch die Entwicklung, welche die in Oefterreich feit nicht viel mehr als einem Jahrzehnt aufgerichtete moderne Staatsform nehmen wird, ftreng abhängig von der Entwicklung des Bürgerftandes, des eigentlichften Schöpfers und Vertreters diefer Form; und derjenige Volksftamm, in welchem die öfterreichiſche Staatsidee fich am lebendigften und fefteften ausgebildet hat, der deutfche Stamm, findet hauptfächlich in feinem entwickelteren Gewerbewefen jenes Mehr an wirthschaftlicher Kraft, welches er fo ausfchlaggebend in das ftaat. liche Leben zu übertragen weifs, indem er es den centrifugalen, vorwiegend ackerbauenden Majoritäten gegenüber politifch in die Wagfchale legt und fo ftaatfördernd und ftaaterhaltend verwerthet. Gerade diefe politifch werthvolle 26 Armand Freiherr von Dumreicher. wirthschaftliche Kraft wird heute von den gewaltigen Veränderungen im gewerblichen Betriebe, welche den Hankwerker- Stand ftets mehr zerfetzen und die Grofsinduftrie zur Alleinherrfchaft führen, in mehr denn einer Beziehung bedroht. Unter den Schutzmitteln aber, welche gegen diefe Gefahren aufgeboten werden müffen, nimmt, neben der Gründung von Vorfchufsvereinen, Rohftoff- Genoffenfchaften, Magazinvereinen, Productivaffociationen, die Organiſation eines tüchtigen gewerblichen Unterrichtes eine erfte Stelle ein. Aber nicht nur dem Kleingewerbeftand der Städte mufs in folcher Weife zu Hilfe gekommen werden; auch auf dem Lande erwächft dem gewerblichen Unterrichte die Aufgabe, Gefahren zu begegnen und Schädigungen wenigftens zu mildern, welche ein feit Kurzem in der Landwirthschaft Europas beginnender Procefs von unabfehbarer Tragweite in fich birgt. Die neueften Fortfchritte des modernen Communicationswefens im Often des Welttheiles führen ausgedehnte, fruchtbare Agriculturgebiete in den grofsen Weltverkehr ein; ein fich rafch entwickelndes Syftem von Schienenfträngen fteigert das ökonomische Ausftrömungsvermögen der Donau- und Weichfelländer nach dem Weften und ermöglicht dem fernften Bewohner der weiten öftlichen Tiefebenen den Abfatz feines Ueberfluffes an landwirthfchaftlichen Erzeugniffen. Wenn bisher in Folge deffen acute Erfcheinungen noch nicht aufgetreten find, fo dankt diefs die wefteuropäiſche Bodencultur einzig dem Umftande, dafs die gegenwärtige tiefgreifende Umwälzung iu feinen Agrarverhältniffen Rufsland einftweilen an der vollen Ausbeutung feiner fo fchnell und eifrig vermehrten Ausfuhrmittel hindert. - Jedenfalls aber bedrohen die neuern Aenderungen in den europäiſchen Verkehrs- und Productionsbedingungen den Bauernftand in den weftlichen Län dern mit fchweren Erfchütterungen, insbefondere den Bauernftand in den öfterreichifchen Gebirgsländern, minder die meift flavifchen Bevölkerun gen in den gefegneten Niederungen Böhmens, Mährens und Unter- Steiermarks. In dem letzten Decennium hat fich die Bevölkerung der öfterreichischen Alpenländer um 3.62, der Sudetenländer um 8.40, der Karftländer um 10'60, der Karpathenländer um 1813 Percent vermehrt. Das find Zahlen, die zu ernfteftem Nachdenken anregen. Ein Wechfel im landwirthschaftlichen Betriebe fowohl, wie eine ausgedehntere Entwicklung der Hausinduftrie in unferen Alpengebieten fcheinen die einzigen Mittel zur Ueberwindung der unvermeidlichen Krife, und hiemit erwachfen einem neuorganifirten gewerblichen Fachunterrichte Aufgaben von tieffter Bedeutung für die Lebensintereffen des Volkes und des Staates. Während ein Theil der deutfch- öfterreichifchen Gebirgsbewohner, da er im Bau von Cerealien nicht mehr zu concurriren vermag mit der Production der ungarifchen Hinterländer, fich ausfchliefslich der Viehzucht wird zuwenden müffen, wird ein anderer Theil nur durch Vervollkommnung und Wiederbelebung alter, an manchen Orten fchon dem Ausfterben naher, fowie durch Einführung neuer, den localen Verhält niffen angemeffener Hausinduftrien fich vor Verarmung und Untergang retten können. Diefem letztern Proceffe aber kann und mufs durch Gründung von Fachfchulen und Lehr- Werkstätten, durch Vermehrung der Kenntniffe und Hebung des Gefchmackes werkthätig nachgeholfen werden. So fordert in Oefterreich die wirth fchaftliche, gefellfchaftliche und ftaatliche Lage eine allfeitige Ausbildung des lange vernachläffigten gewerblichen Unterrichtswefens. Sie fordert diefs dringend, denn die Kraft des ftaatlich wichtigften Elementes in Oefterreich fchmilzt an der Bafis. Bedenklich grofs erfcheint fchon jetzt die Menge der Kleinbürger, die aus dem dritten in den vierten Stande hinabgeftiegen find, und die Zahl der Gebirgsbauern, die ein veralteter Betrieb und eine neue Concurrenz in Gant und um Haus und Hof gebracht haben. So zeigen fich denn, während in den Fabrikftädten die Arbeiterbevölkerung riefig anwächft, auch bereits die erften Anfänge eines ländlichen Proletariats Das gewerbliche Unterrichtswefen. 27 Keineswegs kann aber die mächtige Entwicklung der Grofsinduftrie einiger Hauptplätze focial und ftaatlich erfetzen, was dem Volke in feinen breiteften Schichten an felbftftändigen Exiſtenzen verloren gegangen ift. Was zunächft den Rückgang in der Claffe der kleineren Unternehmer betrifft, fo erklärt es fich aus dem Zuftande unferes gewerblichen Unterrichtswefens nur allzuleicht, warum derfelbe in Oefterreich noch auffälliger in die Erfcheinung tritt als in anderen betriebfamen Ländern, in welchen ja auch die. meiften der die Grofsinduftrie einfeitig begünftigenden Productionsfactoren mächtig genug wirken. Denn einer diefer Factoren wenigftens, die Benützung der von der fortfchreitenden Wiffenfchaft gebotenen Hilfsmittel, fteht anderwärts nicht in gleichem Mafse im Alleinbefitze der Grofsinduftrie wie in Oefterreich. Diefes Oefterreich, welches doch im Beginne des XIX. Jahrhundertes allen Staaten des deutfchen Culturgebietes mit der Gründung polytechnifcher Lehranstalten für den höheren Gewerbebetrieb vorangegangen war, unterliefs es, von einem unbedeutenden Anfatze in den vierziger Jahren abgefehen, bis in die neuefte Zeit, fein gewerbliches Unterrichtsfyftem nach unten auszubauen, und erzog daher feiner Induftrie einzig eine naturgemäfs wenig zahlreiche Claffe wiffenfchaftlich gebildeter Arbeiter, fo dafs fein Gewerbeftand zu einem Heere von Officieren und Mannfchaften, aber ohne Unterofficiere wurde. Und ein tüchtiges Unterofficiers- Corps vor Allem gibt der Armee ihr feftes Gefüge. In jüngfter Zeit ift die Lücke im gewerblichen Unterrichtsorganismus noch empfindlicher geworden, da eine längft erwünſchte Reform nunmehr der öfterreichifchen Realfchule den reinen und ausfchliefslichen Charakter einer Vorbereitungsanftalt für die technifche Hochfchule gegeben hat. An unmittelbar verwendbaren Berufskenntniffen bietet daher die Realfchule jetzt natürlich noch weniger als früher, an allgemeiner Bildung dagegen mehr, als der unbemittelte Praktiker, dem die für den Schulbefuch gefparte Zeit Geld ift, in feinem Handwerke zu verwerthen vermag. Es erfcheint fomit als unabweisbar, dafs dem ftrebfameren Arbeiter und Gehilfen wie auch dem gereifteren Lehrlinge eine Schule geboten werde, an welcher das einem oder mehreren verwandten Gewerben zu Grunde liegende berufliche Wiffen mit Einfchlufs der vorbereitenden Hilfskenntniffe und des Zeichnens in einer Ausdehnung gelehrt wird, wie fie der heutige Gefchäftsbetrieb verlangt. Eine folche mittlere Gewerbefchule wird, wenn fie ihr Ziel erreichen foll: ihre Schüler für mittlere Stellungen im Gewerbeleben als Werkmeifter, Werkführer, kleinere felbftftändige Unternehmer, Monteurs, Bau- und Mafchinenzeichner u. A. m. zu bilden, der Ertheilung täglichen und ganztägigen, auf das knappfte und praktifchefte eingerichteten, übrigens meiftens auf die Wintermonate befchränkten Unterrichtes nicht entrathen können; ihr Publicum wird fie in den Söhnen der minder wohlhabenden Gewerbsleute und in fparfamen, aufftrebenden Arbeitern finden, welche von ihrem Arbeitslohne die Koften ihres Unterhaltes während der Dauer des Curfes und das( erfahrungsgemäfs anfpornend wirkende) Schulgeld erübrigt haben; ihr Vorbild endlich wird fie hinfichtlich der Organifation und der Unterrichtsmethode in den Gewerbefchulen Deutfchlands fuchen, welche bereits auf eine nach vier Decennien zählende Entwicklung zurückblicken. In den letzten Jahren ift denn auch die Einficht von der Nothwendigkeit folcher neuer Schöpfungen in Oefterreich zum Durchbruche gekommen. Der im Jahre 1865 in Wien nach dem Mufter der Anftalten in Holzminden und Nienburg gegründeten Märtens' fchen Baugewerks- Schule wurde durch die Gewährung von Subventionen von Seite des Staates ein erweiterter Wirkungskreis eröffnet, defsgleichen auch der Prager Gewerbefchule. Im Jahre 1870 erfolgte fodann die Aus 28 Armand Freiherr von Dumreicher. geftaltung der k. k. Gewerbe- Zeichenfchule in Wien zu einer Bau- und MaſchinenGewerbefchule und die Subventionirung einiger gewerblicher Lehranstalten in Provinzialftädten. Eine gröfsere adminiftrative und organifatorifche Bewegung im Gebiete des gewerblichen Mittelfchul- Wefens macht fich jedoch erft feit Jahresfrift bemerkbar. Nunmehr darf aber auch erwartet werden, dafs im Laufe der nächften Jahre eine Reihe von folchen Schulen in Landes- Hauptftädten und anderen wichtigen Induftrialplätzen Oefterreichs vom Staate und von anderen Intereffenten wird ins Leben gerufen werden. Da mufste es denn eine günftige Fügung genannt werden, dafs gerade im Beginne einer folchen neuen Epoche eine reichbefchickte Ausstellung allen unfern betheiligten Kreifen und vor Allem den Organen der Unterrichtsadminiftration die Gelegenheit bot zu vergleichenden Studien über die Leiftungen, Einrichtungen und Tendenzen einer grofsen Zahl gewerblicher Lehranstalten der entwickelteren Induftrieftaaten. Aber auch in anderen Zweigen des gewerblichen Unterrichtes können wir einer gewiffenhaften Beachtung der anderwärts gewonnenen Erfahrungen und erzielten Erfolge, wie fie in der Ausftellung zur Erfcheinung kamen, nicht entrathen. Denn unfere Organiſation der gewerblichenFortbildungsfchulen erfreut fich bis heute, mit einziger Ausnahme des Landes Niederöfterreich, kaum gröfserer Reife als unfer mittleres gewerbliches Schulwefen. Wer fich in der Ausftellung davon überzeugte, was in einigen anderen Staaten an diefen, nur über Abendftunden und Sonntage verfügenden Anftalten geleiftet wird, und wer die grofse extenſive Wirkung auf den gefammten niederen Arbeiterftand in Anfchlag bringt, welche von diefen häufig zu Pflichtfchulen erklärten Curfen ausgeht, der wird lebhaft bedauern müffen, dafs diefer feiner Natur nach umfangreichfte Zweig des gewerblichen Unterrichtes bisher nur in einer einzigen Provinz Oefterreichs eine gefetzliche Regelung erfahren hat. Denn darüber darf man fich einer Täufchung nicht hingeben, dafs die Hebung der geiftigen Kraft in der Maffe unferer Arbeiter um fo energifcher angeftrebt werden mufs, als das lang verkümmerte, nunmehr faft neu begründete und viel angefeindete Volksfchulwefen wohl nur fehr langfam eine allerwärts fruchttreibende Blüthe wird entfalten können. Das aber fteht aufser Frage, dafs eine gedeihliche ununterbrochene Entwicklung im Gebiete öfterreichifcher Induftrie nur dann erwartet werden kann, wenn man die Zukunft des Gewerbewefens von unten auf ficherftellt durch eine allgemeine und rationelle Heranbildung der ganzen aufwachfenden gewerbetreibenden Generation. Läfst doch auch die Wiener Weltausftellung wieder vielfach erkennen, wie die Länder des deutfchen Zollvereines der rechtzeitigen Erkenntnifs der gewaltigen Culturbedeutung der Schule wie auf anderem, fo auch auf wirthschaftlichem Gebiete jene bewundernswerthen Erfolge danken, die einem methodifchen und umfichtigen Vorgehen auf richtiger Grundlage nie zu fehlen pflegen. Als fehr wünſchenswerth wäre es erfchienen, wenn kleinere Fachfchulen für bestimmte Induftriezweige in der Ausstellung eine ftärkere Vertretung gefunden und zahlreichere Parallelen mit den öfterreichifchen Expofitionen diefer Art herbeigeführt hätten, namentlich defshalb, weil diefe letztere Gattung öfterreichifcher Induftriefchulen, eine Schöpfung der allerjüngften Zeit, wie fie faft durchwegs ift, an einem leicht erklärlichen Mangel jeglicher pädagogifchen Tradition leidet, einem empirifchen Vorgehen der Staatsadminiftration ihr Beftehen dankt und eine klare und billige Würdigung umfomehr erfchwert, je fpärlicher die Gelegenheit zum Vergleiche mit der Richtung, dem Streben und den Erfolgen ähnlicher Anftalten in anderen Induftrieländern fich darbietet. An die Erfolge zwar könnte, was jene kaum begründeten öfterreichifchen Fachſchulen betrifft, ohnediefs keinesfalls ein ftrenger Mafsftab gelegt werden; dagegen hätte fich das abfolute Urtheil, welches über die an ihnen zur Erfcheinung kommende Richtung fich allerdings bereits jetzt fällen läfst, vielleicht in Folge zahlreicher Das gewerbliche Unterrichtswefen. 29 zu Gebote ftehender Vergleiche mit den Tendenzen gleichartiger ausländifcher Anftalten öfter in ein relatives- je nachdem milderes oder härteres verwandelt. Ein Mangel, welchen die gewerbliche Unterrichtsverwaltung Oefterreichs mit der der meiften anderen Länder theilt, und welcher darum in der Natur der Sache zu fuchen fein dürfte, befteht darin, dafs die oberfte Leitung diefes pädagogifchen Zweiges nicht in einer Hand vereinigt ift. Dafs eine folche Zerfplitterung in der höchften Centralverwaltung in den verfchiedenften Staaten zu Tage tritt, läfst auf überall mehr oder minder gleichartig wirkende Urfachen fchliefsen. Und in der That erfcheint es einerfeits naturgemäfs, dafs die oberfte Centralftelle für die Unterrichtsadminiftration auch die an die Volksfchule anknüpfenden, das Lehrperfonale der Volksfchulen wie der Mittelfchulen benützenden, vielfach mit anderen Unterrichtsinftituten verbundenen und pädagogifcher Einficht mindeſtens in gleichem Mafse wie andere Schulen bedürfenden gewerblichen Lehranstalten verwalte und überwache, anderfeits aber läfst fich nicht verkennen, dafs die höchfte Centralftelle für Handel und Gewerbe in viel genauerer, fortlaufender Kenntnifs der vielfach wechſelnden und manchmal mit dem Tage entſtehenden Bedürfniffe der fpeciellen Landesinduftrien fteht, dafs fie mit den am gewerblichen Unterrichte zunächft intereffirten Claffen einen geregelten Verkehr pflegt und überhaupt innerhalb einer von wirthschaftlichen Ideen erfüllten Atmoſphäre fich bewegt, welche die Lebensluft des Schulmannes. nicht ift. In Oefterreich wurde in neuefter Zeit ein Ausweg aus den Unzukömmlichkeiten einer Doppelverwaltung gefucht. Man verfiel auf die Einfetzung einer ftändigen Commiffion für Gewerbefchul- Angelegenheiten, welche aus Vertretern und Vertrauensmännern des Handels- und des Unterrichtsminifteriums gebildet und mit dem Rechte ausgeftattet wurde, fich von Fall zu Fall in unbefchränkter Weife durch Beiziehung von Sachverständigen zu verftärken. Bei allen Anläffen, wo es fich nicht um Mafsnahmen rein adminiftrativer Art handelt, wird feit dem Frühjahre 1872 das Gutachten diefer Commiffion von den Minifterien eingeholt und dadurch ein organifches Zufammenwirken der beiden oberften Stellen ermöglicht. Bezüglich der Abgrenzung der Competenzen gelten feit der Einfetzung der genannten Commiffion folgende Gefichtspunkte: Schulen von ausgefprochen fachlichem Charakter, welche fich an eine beftehende Fabriks oder Hausinduftrie anlehnen und Lehrgegenftände allgemein gewerblicher Natur nicht, oder nur in befchränktem Umfange in das Gebiet ihres Unterrichtes einbeziehen, fowie insbefondere Schulen für Weberei, unterftehen der oberften Leitung des Handelsminifteriums. Dagegen find dem Reffort des Unterrichtsminifteriums zugewiefen: Schulen welche in ihren Unterricht Lehrgegenftände allgemein bildender Natur( z. B. Mathematik, Mechanik, allgemeine Chemie) in einem gröfseren Umfange aufnehmen; ferner Schulen, welche wie die gewerblichen Fortbildungsfchulen( im Gegenfatze zu den gewerblichen Fach curfen) oder die mit den Volksfchulen verbundenen Fortbildungscurfe theilweife die Beftimmung haben, die Lücken der Volksfchulbildung zu ergänzen; endlich Lehranstalten, welche als eigentliche gewerbliche Mittelfchulen anzufehen find, z. B. Baugewerke- Schulen, WerkmeifterSchulen( mittlere Schulen für die Mafchineninduftrie) insbefondere dann, wenn fie( wie beispielsweife die Bau- und Mafchinen- Gewerbefchule in Wien, die Akademie für Handel und Induftrie in Graz) in mehrere Fachabtheilungen gegliedert find. Da gegenwärtig das gewerbliche Unterrichtswefen Oefterreichs in rafchefter Entwicklung, man darf faft fagen, von Woche zu Woche erweiterte Geftalt annimmt, fällt es fchwer, hier eine ähnliche Darftellung zu geben, wie fie von dem confolidirteren Zuftande Deutſchlands entworfen werden konnte. Statiftifche Daten wären morgen veraltet. Denn während vom Unterrichtsminifterium in dem gegen wärtig laufenden Schuljahre drei neue mittlere Gewerbefchulen in Brünn, Bielitz 30 Armand Freiherr von Dumreicher. und Czernowitz den in anderen Städten bereits beftehenden hinzugefügt werden, während die von der Regierung ausgehende Anregung zur Inangriffnahme fernerer ähnlicher Neufchöpfungen in verfchiedenen Gegenden eine vielleicht demnächft erfolgreiche Bewegung hervorruft und während unter dem frifchen Eindrucke der Wiener Weltausftellung locale Kräfte, vom Staate unterſtützt, an einigen gröfseren Induſtrieorten Mufterlager in Verbindung mit Unterrichtsinftituten errichten, arbeitet der Landesausfchufs von Niederöfterreich an der Ausgeftaltung und Vermehrung der von ihm zahlreich gegründeten Fortbildungsfchulen und ruft dadurch auch an anderen Punkten des Reiches manche nacheifernde Beftrebung hervor, und fpannt die eifrige Thätigkeit des Handelsminifteriums ein grofses, fich ftets verdichtendes Netz gewerblicher Fachschulen, Verfuchsftationen und Lehr- Werkftätten über die ganze Monarchie aus. Solche Sachlage rechtfertigt es hinreichend, wenn wir unfere Darftellung der Organiſation des öfterreichifchen gewerblichen Unterrichtswefens auf die über die Oberleitung diefes Adminiftrationszweiges gegebenen Daten einfchränken und uns der Schilderung der Betheiligung der gewerblichen Lehranstalten Oefterreichs an der Wiener Weltausftellung um fo eher zuwenden, als fich im Folgenden mannigfacher Anlafs darbieten wird, im Zufammenhange mit der Befprechung der Ausftellungsobjecte auch wichtiger organifatorifcher Fragen zu gedenken. Die Vertretung des gewerblichen Unterrichtswefens Oefterreichs auf der Wiener Weltausstellung. Der oben mitgetheilten Theilung der Oberleitung gemäfs fanden fich die von den öfterreichifchen gewerblichen Unterrichtsinftituten eingefandten Objecte getrennt in den Ausftellungen der Minifterien des Unterrichts und des Handels vor. Ausftellung des Unterrichtsminifteriums. In der in einem Seitenhofe des Induftriepalaftes vom k. k. Minifterium für Cultus und Unterricht veranſtalteten Ausftellung von Schul- und Unterrichtsgegenständen waren die Gewerbefchulen durch 14 Nummern vertreten. Die Commiffion für die Collectivausftellung des öfterreichifchen Unterrichtsminifteriums hat eine umfangreiche, die umfaffendften Materialien enthaltende Publication in zwei Bänden unter dem Titel Bericht über öfterreichifches Unterrichtswefen aus Anlafs der Weltausstellung 1873" herausgegeben. Im zweiten Theile diefes für jeden öfterreichifchen Schulmann fortan unentbehrlichen Quellenwerkes find eingehende, von anerkannten Fachleuten erftattete Referate über die einzelnen Partien der öfterreichifchen Unterrichtsausftellung enthalten. In dem vom Regierungsrathe Eduard Walfer verfafsten Berichte über den Unterricht im Zeichnen und Modelliren( Mittelfchulen, XII, Seite 405 bis 424) werden die Leiftungen der Gewerbefchulen in den genannten Disciplinen mit folcher Ausführlichkeit und Sachkenntnifs befprochen, dafs uns hier kaum eine Nachlefe übrig bliebe. Wir begnügen uns defshalb mit der Verweifung auf den erwähnten Bericht und wenden uns in Folgenden der Betrachtung der vom k. k. Handelsminifterium veranſtalteten Gewerbefchul- Ausftellung zu. Ausstellung des Handelsminifteriums. Der„ Specialkatalog der Collectivausftellung der vom k. k. Handelsminifterium fubventionirten Fachfchulen im Pavillon des Welthandels" gibt in gedrängter Kürze ftatiftifche und hiftorische Daten über die Entwicklung und den gegenwärtigen Stand des gewerblichen Fachschul- Wefens in Oefterreich. Schade, dafs diefer Katalog erft im Laufe des letzten Drittels der Ausftellungszeit erfchienen ift! Die aus ihm erfichtlichen Angaben hätten manches abfolut ausgefprochene Urtheil gemildert. So aber haben Taufende die Ausstellung der genannten Fachfchulen gefehen, ohne ihr gegenüber den einzig zuläffigen Standpunkt, der durch die Rückficht auf die Jugend diefer Schöpfungen gegeben ift, einnehmen zu können Das gewerbliche Unterrichtswefen. 31 Die Regierung hat in diefem Gebiete eigentlich nur ihren guten Willen ausgeftellt, nur diefen ausftellen können. Wenige Mittheilungen aus der neueften Gefchichte der öfterreichifchen gewerblichen Fachfchulen werden zur Aufhellung folchen Sachverhaltes genügen. - Noch in den erften Monaten des Jahres 1872 befafs Oefterreich 7 WebeLehranstalten, 3 Fachzeichen- Schulen für Glasinduftrie und Glasquincaillerie und I Schule für Holzfchnitzerei und bereits im Frühjahre 1873 wies die Statiſtik desfelben Unterrichtszweiges folgende Zahlen auf: 12 beftehende, 9 in Errichtung begriffene Webe- Lehranstalten, I beſtehende, I in Errichtung begriffene Wirkereifchule, I beftehende, I in Errichtung begriffene Pofamentirfchule, I beftehende, 2 in Errichtung begriffene Fachſchulen für Porzellan- und Thoninduftrie, 9 beftehende, 5 in Errichtung begriffene Fachfchulen für Holzfchnitzerei, Marmorinduftrie und verwandte Gewerbe, 5 Fachfchulen für Glasinduftrie, 5 beftehende, 4 in Errichtung begriffene Fraueninduftrie- Schulen und Mufter- Werkstätten für Spitzenerzeugung, 2 beftehende, 5 in Errichtung begriffene mechanifche Lehr- Werkstätten, Mafchinenund Baugewerbe Schulen und Fachfchulen für Waffenfabrication, 2 beftehende und 2 in Errichtung begriffene Lehr- Werkstätten für Stroh- und Korbflechterei und Siebmacherei, I Fachschule für Schneider, I Lehr- Werkftätte für Schuhmacher, 4 beftehende, 2 in Errichtung begriffene Fachfchulen für Spielwaaren- Erzeugung, Uhren und Mufikinftrumenten- Fabrication. Endlich war die Gründung von 9 neuen Fachfchulen für verfchiedene, namentlich Kunftgewerbe im Sommer 1873 im Zuge". Somit hatten fich die gewerblichen, vom Staate fubventionirten Fachſchulen innerhalb Jahresfrift von II auf 44 vermehrt und waren ferner 40 Schulen in Errichtung begriffen. Wir ftehen da vor der Thatfache einer adminiftrativen Schöpfungskraft, wie fie in der Gefchichte der europäifchen Schulverwaltung fich extenfiv vielleicht noch nie im gleichen Mafse geäufsert hat, und faft bangend fragen wir uns, ob menfchliche Energie mit kühner Ueberwindung des trägen Waltens der Gefetze organifchen Wachsthums Jahrzehnte lang unbeachtete und vernachläffigte Inftitutionen mit einem Schlage ins Leben zu rufen vermag, Inftitutionen des Unterrichtes, die felbft nach vorfichtigfter Erforschung von Boden, Sonne und Wind erfahrungsgemäfs langfam genug Wurzel zu fchlagen und nur allzu leicht zu entarten pflegen. Möge grofsherziger Opferbereitheit und raftlofer Thatkraft ein ebenfo nachhaltiger als rühmlicher Erfolg nicht verfagt fein! Wie immer auch die Zukunft fich geftalte, fo viel erhellt jedenfalls aus den obigen Angaben, dafs in der Gegenwart ein definitives Urtheil über die Leiſtungsfähigkeit der plötzlich in folcher Maffe gefchaffenen Anftalten um fo weniger gefällt zu werden vermag, als innerhalb der Frift eines Jahres, eines Halbjahres oder gar nur einiger Monate eine neu errichtete Schule wahrhaft charakteriftifche Ergebniffe ihrer didaktifchen Wirkfamkeit noch nicht erzielt haben kann. Hieraus ergibt fich für die Kritik der zur Ausftellung gebrachten Arbeiten die Nothwendigkeit der Anwendung von zweierlei Mafsftäben, je nachdem diefe Arbeiten von einer der eilf älteren oder von einer der vierundvierzig neugegründeten Anftalten herrühren; und während bei den erfteren die Beurtheilung fowohl Lehrftoff und Lehrmethode als auch Tendenz und Ausführung zu berücksichtigen gezwungen ift, darf fie die Ausftellungsobjecte der letzteren kaum auf mehr prüfen als auf die Exiftenz zweckbewufster Strebungen und auf die Berechtigung der vorhandenen Intentionen, wie felbe insbefondere in der Wahl des Lehrmateriales zum Ausdrucke gelangen. Webefchulen. Als der focial- politifch wichtigfte unter den Gewerbszweigen, welche Oefterreich gegenwärtig auf dem Wege der Schule zu fördern trachtet, erfcheint die Webe Induftrie, da diefelbe unter den 2,273.316 Menfchen, welche nach 3 32 Armand Freiherr von Dumreicher. der Volkszählung vom 31. December 1869- nicht felbftthätige Familienglieder und Befitzer und Arbeiter von Hüttenwerken ungerechnet- im Gewerbebetriebe Oefterreichs befchäftigt find, mit einer Arbeiterbevölkerung von 797.398 Seelen den oberften Poften einnimmt. Welche Bedeutung aber der genannten Induſtrie auch unter dem rein. wirthschaftlichen Gefichtspunkte beigelegt werden mufs, erhellt daraus, dafs vom Geldwerthe der gefammten jährlichen Induftrie Production, welcher in runder Ziffer mit 1500 Millionen Gulden zu veranfchlagen ift, etwa 150 Millionen auf die Induftrie in Flachs und Hanf, ungefähr 140 Millionen auf die Schafwoll- und 120 Millionen auf die Baumwoll- Induftrie entfallen. Das Gewicht folcher Thatfachen erklärt es denn auch, dafs diefem Gewerbszweige allein bereits vor dem Jahre 1870 bedeutendere Förderung durch Schulen zu Theil geworden war. Es beftanden nämlich fchon vor dem bezeichneten Zeitpunkte in Oefterreich fünf Webe- Lehranstalten, darunter drei höhere zu Wien, Brünn und Reichenberg, welche alle Zweige der Textil- Induftrie in ihren Unterricht einbeziehen. Die beiden anderen älteren Webefchulen Bielitz- Biala und Auffig, fowie alle feither errichteten, find entweder niedere Webefchulen, welche fich in ihrem Lehrziele den localen Induftriebedürfniffen anfchliefsen( aufser den obengenannten gehören hieher Afch, Rumburg, Rochlitz, Zwittau, Hohenelbe und die Pofamentirfchule in Wien) oder Lehr- Werkftätten( wie Auffig. Landskron und Rothmühl). Die hervorragendfte der höheren Webefchulen ift die im VI. Bezirke in Wien. Als Schule für Mufterzeichner im Jahre 1845 ins Leben gerufen, hat fie fich nach mannigfachen Schickfalen zu einer in zwei Curfe gegliederten, mit einer vorzüglichen Manufactur- Zeichenfchule verbundenen Webe- Lehranstalt entwickelt. Die Ausftellung diefer Schule hätte, wenn man fchon die Provenienz der Staatsfubventionen im Katalog als Kriterium der Zugehörigkeit der bezüglichen Ausftellungsobjecte andeutete, eigentlich nicht in den Pavillon des Welthandels, fondern in den Hof des Unterrichtsminifteriums gehört, da letztere Centralftelle feit Jahren die genannte Anftalt ganz erhalten und in jüngfter Zeit ihr wenigftens bedeutende Unterſtützungen gewährt hatte. Doch mag ein Abweichen von dem im Allgemeinen für die Ausftellung angenommenen Principe hier mit einigem Rechte als fachgemäfser erfchienen fein, da nach der vereinbarten Abgrenzung der Competenzen künftig dem Handelsminifterium die Oberleitung, refpective financielle Unterftützung der in Rede ftehenden Anftalt obliegen wird. - Diefe Schule hatte aufser einer Auswahl aus ihren reichen, wohlgeordneten Lehrmitteln Schülerarbeiten in grofser Menge ausgeftellt. Der genaue Einblick in den Gang des Unterrichtes, welcher durch die gediegene Art der Ausstellung eröffnet wurde, mufs hier umfomehr lobend hervorgehoben werden; als wir bei den Ausftellungen anderer Schulen leider nur mehr felten eines gleichen Vorzuges werden Erwähnung thun können. Die Schülerarbeiten aus dem Webe- und Zeichnungsfache die Zeichnungen zeigten ftets die Uebertragung auf den Webeſtuhlwaren durchaus correct ausgeführt und vom trefflichften Gefchmacke, und die grofse Zahl derfelben bürgte für die reelle Tendenz, welche die Veranſtalter der Expofition geleitet hatte. Wir können nicht umhin, befonders zu betonen, dafs die Entwürfe von Deffins faft ausnahmslos der ftiliftifchen Richtung huldigten, welcher die öfterreichifche Kunftinduftrie auf mehr als einem Felde in jüngfter Zeit fo glänzende Erfolge dankt, und zwar heben wir diefs im Hinblicke auf die Arbeiten mehrerer Provinzfchulen hervor, welche fich in diefer Beziehung leider noch wenig beeinflufst zeigten von den hoffnungsvollften Strebungen im Gewerbewefen des eigenen Staates. Zu diefen Schulen mufste bedauerlicherweife nach dem Augenfcheine ihrer Ausftellung auch die höhere Webefchule in einem der drei bedeutendften Induftrieplätze Oefterreichs gezählt werden. Die 1852 errichtete Reichenberger Schule hatte Arbeiten von Schülern der beiden Semefter und des Buchhaltungs Das gewerbliche Unterrichtswefen. 33 Curfes, darunter vier Stück Teppiche, zwei Stück Gobbelins, ein Stück blauen Damaftes, mehrere Decken und dergl. m. ausgeftellt. Bei gewandter Technik fprach fich in den Arbeiten ein wenig gefchulter künftlerifcher Sinn aus, ja mehrere geradezu abfurde Sachen, deren Anfertigung und Ausftellung bei einigem Verftändniffe den Leitern der Anftalt nie hätte beikommen können, zeigten die dort mafsgebende Richtung im allerübelften Lichte. Charakteriftifch genug hiefür waren die ausgeftellten, einer„ höheren" Schule durchaus unwürdigen Arbeiten aus dem Zeichenunterrichte und es konnte darnach kaum mehr Wunder nehmen, dafs auch einige fchwarz in weifs gewebte Landfchaften in kleinen Goldrähmchen an den Wänden prangten. Ein gewebtes Portrait Seiner kaiferlichen Hoheit des Kronprinzen Rudolph wurde glücklicherweife noch rechtzeitig caffirt, ehe aller Welt Augen die unglaubliche Verirrung gefchaut hatte, deren loyale Motive wohl fchwer zu ihrer Entfchuldigung hätten geltend gemacht werden können. Glücklicherweife haben feit Eröffnung der Wiener Weltausftellung und unter den moralifchen Einflüffen derfelben die Verhältniffe in Reichenberg bereits einen hoffnungerweckenden Umfchwung genommen und läfst die im Werke befindliche Gründung eines Gewerbemuſeums und einer Zeichenfchule dafelbft, fowie die eifrige Unterſtützung folcher localer Beftrebungen von Seite der Staatsregierung die Anbahnung einer tüchtigeren kunftgewerblichen Erziehung der jüngeren Generation erwarten. Die im Jahre 1866 eröffnete mährifche höhere Webereifchule in Brünn, welche wie die Wiener und die Reichenberger Anftalt in zwei Stufen gegliedert ift, präfentirte fich mit fünf Büchern Schülerarbeiten, einem Buche mit gewebten Stoffproben, Mufterzeichnungen und einer gröfseren Anzahl von in der Schule erzeugten Geweben aller Art in ziemlich vollſtändiger und fehr einnehmender Weife. An den Schülerarbeiten war nicht nur die Technik lobenswerth, fondern auch die Zeichnung der weitaus überwiegenden Mehrzahl der Objecte ftilgerecht und die Farbe von glänzendem Effecte. Der Unterricht im Mufterzeichnen beginnt an diefer Schule mit Herdtle's Ornamenten und Naturblumen. und fteigt zu Uebungen in geftreiften oder melirten Muftern, in Blumen-, Rofetten-, Palmettenftudien etc. auf. Hieran fchliefsen fich im zweiten Jahrgange Compofitionen in Farbe für die verfchiedenen Gattungen der Weberei. Zur Ergänzung der Ausftellung diefer Schule dienten die von dem Lehrer des Mufterzeichnens an derfelben, Georg Rödel, exponirten Lehrmittel, als: Entwürfe von Deffins und ausgeführte Arbeiten in Seide und anderen Stoffen. Ein ausgebildeter, manchmal brillante Wirkungen erzielender, felten fehlgreifender Farbenfinn und eine faft immer gut entwickelte confequente Verwendung der Motive liefsen diefe Lehrmittel als empfehlenswerth erfcheinen. Nachdem folches über die Leiftungen des Lehrers mitgetheilt worden, braucht kaum noch erwähnt zu werden, dafs die Schülerarbeiten faft alle auf das Trefflichfte in ftilifirten Muftern entworfen waren. Von den niederen Webefchulen ift dem Alter nach die erfte die im April des Jahres 1866 eröffnete Bielitz- Bialaer. Zur Ausftellung hatte diefelbe Coupons von Rock- und Hofenftoffen, Damaftgewebe, mehrere Mufterbücher und Zeichnungen gebracht. Der Eindruck der fchön und gleichmäfsig gewobenen Arbeiten wurde leider abermals durch einige abfcheuliche Bildniffe beeinträchtigt, welche wohl der Ausstellung ein ftattlicheres Relief hatten geben follen. Der in Dingen des Bielitzer Gefchmackes minder Eingeweihte mufste es wohl für ein Zeichen von Gemüthlofigkeit nehmen, dafs die dortige Webefchule dem Handelsminifter für die Zuwendung einer Subvention damit dankte, dafs fie fein nicht allzu gefchmeicheltes, gewebtes Conterfei in die Oeffentlichkeit brachte. Seine Excellenz mag fich damit tröften, dafs ihm eine Auftria an derfelben Wand Gefellfchaft leiftete, welche der Spremberger Germania im deutfchen Unterrichtspavillon eine gar würdige Schwefter war. Ahnliche Sünden hat die Webefchule zu Afch in Böhmen auf dem Gewiffen, welche ein Fauteuilgewebe mit den Porträts des öfterreichifchen Kaifer3* 34 Armand Freiherr von Dumreicher. paares, dem Reichs-, dem böhmifchen Landes- und dem Afcher Stadtwappen ausgeftellt hatte. Was fonft von diefer wie von den Schulen in Rochlitz in Böhmen, in Zwittau in Mähren und von den Lehr- Werkstätten in Auffig und in Landskron in Böhmen eingefendet worden war, blieb innerhalb der Grenzen anftändiger Mittelmäfsigkeit. Die Fachfchule der Pofamentirergen offenfchaft in Wien, im Jahre 1870 eröffnet und vom k. k. Handelsminifterium, wie auch alle vorgenannten Inftitute, fubventionirt, hatte das Modell eines Pofamentir- Handftuhles mit Wellen, ein Gimpenrad, ein Gold- Spinnrad, ferner praktifche Schülerarbeiten und Zeichnungen ausgeftellt. Die letzteren, forgfältig ausgeführten Arbeiten hielten fich fo ziemlich auf der Höhe, welche das Pofamentirgewerbe gegenwärtig in Wien einnimmt. Auszeichnende Hervorhebung verdient die mit Subvention des Handelsmini fteriums erft feit Beginn des Jahres 1872 beftehende Zeichen und Webefchule in Rumburg. Die Ausftellung diefer Schule fiel unter allen Concur rentinen durch mufterhafte, den Lehrgang offen darlegende Arbeiten auf. Diefe Arbeiten umfafsten den gefammten Zeichenunterricht. Tüchtige Linearzeichnungen, gut gewählte Ornamente nach Herdle's Vorlagewerk, endlich reiche farbige Compofitionen von ftrenger Stilrichtung füllten die Mappen und bedeckten die Wandfläche. Eine ebenfo gefchmackvolle, als ftilgerechte, fich dem Motiv entfprechend entwickelnde Zeichnung überrafchte nicht minder in der angenehmften Weife als das feine Gefühl für Farbe, welches fich in den als Schülerarbeiten bezeichneten Entwürfen ausfprach. Merkwürdig genug war diefer Leiftungen, welche zu den beften ihrer Art gehörten, im Kataloge gar keine Erwähnung gethan worden. Wenn man die Ausftellung der öfterreichifchen Webe- Lehranftalten im Ganzen überblickte und die Jugend der Mehrzahl diefer Inftitute in Anfchlag brachte, fo durfte das Gefammturtheil immerhin weit günftiger ausfallen, als der vielen Einzelheiten gegenüber unvermeidliche Tadel zuzulaffen fcheint. Fachschulen für Bau- und mechanifche Gewerbe. Oefterreich befafs bisher nur wenige Schulen für die Bau- und mechanifchen Gewerbe. Die k. k. Bau- und Mafchinen- Gewerbefchule in Wien, die Fachcurfe an den Gewerbefchulen in Prag und Graz, die Baugewerkfchule von F. Märtens in Wien, endlich die mechanifchen Lehr- Werkstätten in Klagenfurt und Graz( an der Aka demie für Handel und Induftrie) waren bis vor Kurzem die einzigen Anftalten ihrer Art auf öfterreichifchem Boden. Seit dem Herbfte des Jahres 1873 find die vom Unterrichtsminifterium errichteten Gewerbefchulen in Brünn und Czernowitz hinzugekommen. Demnächft wird von dem genannten Minifterium eine Gewerbefchule für bauliche, mechanifche und chemifche Induftrie in Bielitz- Biala eröffnet werden; der Landesausfchufs von Niederöfterreich hat mit dem Winterfemefter 1873 eine Fachschule für Mafchinenwefen in Wiener- Neuftadt ins Leben gerufen. Eine Reihe anderer Lehranstalten gleicher Richtung foll nach der Abficht der Regierung in allen hervorragenden Induftrieplätzen der Monarchie fucceffive gegründet werden. Die in Rede ftehende Art von Schulen gehört in den Reffort des k. k. Minifteriums für Cultus und Unterricht. In der vom k. k. Handelsminifterium veranſtalteten Expofition waren defshalb nur die mechanifche Lehr- Werkstätte in Klagenfurt und die Märtens'fche Baugewerkschule in Wien durch Ausftellungsobjecte vertreten, da blofs diefe Anftalten von der bezeichneten Centralftelle Subventionen beziehen. Die Märtens'fche Schule hatte fich aufserdem auch an der Collectivausftellung des Unterrichtsminifteriums betheiligt. Die von Fridrich Märtens im Jahre 1864 in Wien errichtete, vom Unterrichts- und Handelsminifterium, von der Stadtgemeinde Wien und dem Lande Das gewerbliche Unterrichtswefen. 35 Niederöfterreich unterſtützte Baugewerk- Schule( Winterfchule) fetzt fich zur Aufgabe, Zimmer-, Steinmetz-, Maurer- und Baumeifter zu bilden. Sie knüpft an die Praxis an und fetzt nur Volksfchul- Unterricht voraus. Ihre zur Ausftellung gebrachten Schülerarbeiten, Copien und Entwürfe, wurden kaum von den Leiftungen einer anderen Winter- Baufchule irgend eines Landes übertroffen. Einige Bedenken wurden jedoch wachgerufen durch allzu fehr nach Reclame ausfehende Paradeftücke; und insbefondere Entwürfe von luxuriös ausgeftatteten Monumentalbauten fchienen weder Schülerarbeiten in dem gewöhnlichen Sinne diefes Wortes, noch überhaupt im Einklange mit den fpeciellen Zwecken einer Winter- Baufchule. Die im Jahre 1862 eröffnete mechanifche Lehr- Werkstätte in Klagenfurt hat die Aufgabe, junge Gewerbetreibende, welchen der Befuch einer höheren technifchen Unterrichtsanftalt unmöglich ift, die Gelegenheit zur Erwerbung fachlicher Bildung zu bieten. Der Unterricht gliedert fich in drei Jahrgänge und umfafst folgende Gegenftände: die Erlernung aller in das Mafchinen- Baufach und die Metallarbeiten einfchlagenden Hand- und Maſchinenarbeiten, fowie die Behandlung und Bedienung der Dampfmafchine; ferner Maſchinen-, Freihand- und Ornamentzeichnen, Mathematik, Phyfik, Chemie, Mechanik und Projectionslehre. An der Ausftellung hatte fich die Lehrwerkstätte mit mehreren Werkzeugen und Zeichnungen und einigen Mafchinenmodellen betheiligt. Die Schülerarbeiten, beginnend mit geometrifchen Zeichnungen, vorfchreitend zu einfacheren Conftructionen von Mafchinentheilen und in der Darftellung complicirter mechanifcher Objecte gipfelnd, bezeugten die fchlichte Tüchtigkeit der Lehrmethode. Die ausgeftellten Modelle von verfchiedenen Mafchinen waren fehr hübfch und correct ausgeführt. Zur Gruppe der hier in Rede ftehenden gewerblichen Lehranstalten gehört ferner die erft im October 1872 eröffnete Fachfchule der Wiener Uhrmacher Genoffenfchaft, welche fich die Heranbildung von theoretisch und praktifch gefchulten Uhrmacher- Gehilfen zum Ziele fetzt. Diefe Schule hatte eine Sammlung der an ihr im Unterrichte gebrauchten, vorzüglichen Wandtafeln und forgfam ausgeführte Schülerzeichnungen aus dem Gebiete der Mechanik ausgeftellt. Fachschulen für Glas- und Thoninduftrie. Zur Förderung der Glasfabrication gab es vor dem Jahre 1870 in Oefterreich nur eine Fachschule, die 1856 errichtete ,, Kunft- Gewerbefchule für Glasinduftrie" zu Steinfchönau. Seither wurden diefem uralten und weltberühmten Gewerbszweige Böhmens, deffen Geldwerth jährlich etwa 20 Millionen Gulden beträgt, noch vier Lehranstalten vom Handelsminifterium gewidmet. Während die Schulen zu Steinfchönau und Haida vorwiegend der Gefchmacksbildung in der Decoration und der Förderung der Technik im Schliffe ihre didaktifche Kraft zuwenden, fucht die Fachzeichen und Modellirfchule in Gablonz in Verbindung mit einer Specialfchule für Glaschemie das als Hausinduftrie betriebene Glasquincaillerie- Gewerbe zu heben. Eine im Jahre 1872 ins Leben gerufene Wanderfchule hat die Beftimmung, die Technik der Glasfpinnerei und Gefpinnftverarbeitung zu vervollkommnen, welche vor einem halben Jahrhundert aus Murano in einige Hausinduftrie- Bezirke Böhmens verpflanzt worden ift. Die Schule in Steinfchönau ertheilt Tagesunterricht. Ausserdem befteht an ihr ein Sonntagscurs. Der Unterricht umfafst: Geometrifches und Freihandzeichnen, Malen, Modelliren und Compofition von Gefäfsformen und Gefäfsdecorationen. In der Ausftellung fanden fich von der genannten Schule mannigfache Objecte, als: Schülerzeichnungen, Aquarellftudien, Thonmodelle, Gypsabgüffe und fertige Hohlglas- Arbeiten mit Schliff, Schnitt, Vergoldung und Malerei. Diefe Ausstellung läfst fich allgemein leider gar nicht charakterifiren, denn zwei ganz 36 Armand Freiherr von Dumreicher. verfchiedene Zeit- und Stilrichtungen liefen in ihr fremd neben einander her. Während viele Gegenftände hinfichtlich der Gefäfsform wie der Art des decorativen Schmuckes dem Wefen des Materiales zu entfprechen und deffen fpecififche Vorzüge künftlerifch zu verwerthen fuchten und während manchen Objecten ein löbliches Studium der beften Renaiffancemufter anzufehen war, zeigten mindeftens ebenfoviele andere Arbeiten ein aller Initiative bares Verweilen auf nahezu überwundenem Standpunkte und eine willenlofe Nachahmung des nachgerade veralteten Stiles der Franzofen. So war die von den hervorragendften der öfterreichifchen Glasinduftriellen bereits aufgegebene Manier der Porzellanimitation in Glas verhältnifsmäfsig ftark vertreten und mehrere gleich niedlichen Porzellanmalereien ausgeführte Genrebildchen, Frauenportraits und mythologifche Scenen bezeugten, dafs die Steinfchönauer Kunftgewerbe- Schule anftatt der heraufwachfenden Generation principienftreng und zielbewufst eine Richtung anzuweifen, welcher die Zukunft gehört, fogar hinter den Tendenzen der begabteren öfterreichifchen Praktiker zurückgeblieben ift, wiewohl doch diefe Praktiker vom confervativen und banalen Zeitge fchmacke viel unmittelbarer abhängig find als die Schule. Die Zeichnungen und Modellirarbeiten machten im Ganzen einen gefälligen Eindruck. Bei näherer Betrachtung fielen freilich manche pädagogifche Mifsgriffe auf. So konnte an einigen Zeichnungen reich decorirter Renaiffancegefäfse bemerkt werden, dafs die Hauptconturen ganz falfch verliefen, dafs gröbfte perfpectivifche Fehler begangen waren und dafs der Schüler, welchem die complicirte Aufgabe anvertraut worden war, offenbar noch nicht die nothwendige Sicherheit in der Wiedergabe felbft weit einfacherer Objecte nach dem Runden fich zu eigen gemacht hatte. Techniſch fehr fchön ausgeführt und von reizender Wirkung waren dagegen einige Glasarbeiten im Renaiffanceftil, namentlich ein prächtiger, gefchmackvoll decorirter Pocal von gefchliffenem Hohlglafe im Werthe von 1000 fl. öfterreichifcher Währung. Die 1870 eröffnete Zeichen- und Modellirfchule in Haida hatte fich an der Ausftellung mit Zeichnungen und einigen Schülerarbeiten in Glas betheiligt. Von zweierlei an diefer Schule zu Tage tretenden Richtungen kann hier kaum wie bei Steinfchönau die Rede fein. Vielmehr herrfchte nahezu ausfchliefslich der naturaliftifche Gefchmack. Gefäfse von zopfiger Geftalt, durch tiefe grüne, rothe oder blaue Farbe des dem Glafe eigenthümlichen Reizes beraubt, gefchmückt mit in geleckter Manier gemalten, medaillonförmig umrahmten Frauenbildniffen, zeigten die Schule in der Hinterhand aller tüchtigeren Strebungen im Gebiete modernen Knnftgewerbes. In den Zeichnungen überwog in bedauerlicher Weife die naturaliftifche Blumen- und Landfchaftmalerei nach franzöfifchen Vorlagen, und eine markant hervortretende Syftemlofigkeit, von welcher keinerlei Erfolge fich hoffen laffen, zwang zu dem Schluffe, dafs es den Leitern des Unter richtes an Verſtändnifs der Lehrmethode nicht minder als des kunftgefchichtlichen Proceffes fehlt, in welchem fich die öfterreichifche Induftrie gegenwärtig befindet. Höchftens zwei bis drei Entwürfe von Vafen und Pocalen konnten als anftändige Leiftungen bezeichnet werden; anderes mochte als Compofition für Ausführung in Porcellan hingehen, nicht aber für Glasarbeit. Der zu Ende des Jahres 1870 in Gablonz eröffneten Zeichen- und Modellirfchule fällt die Aufgabe zu, Graveure, Bronce- und Glasarbeiter im Zeichnen bis zur Fertigkeit im felbftftändigen Entwerfen auszubilden. Der Unterricht erftreckt fich auf Zeichnen, Stillehre, Perfpective und Anatomie, ferner auf Modelliren in Thon und Wachs. Die Technik in den zur Ausftellung gebrachten Zeichnungen und Modellirarbeiten war in Anbetracht der kurzen Existenz der Schule nich allzu ftreng zu beurtheilen. Doch dürfen im Intereffe der Sache einige Wahrnehmungen nicht verfchwiegen werden. Ein fchon bei Steinfchönau gerügter Fehler der Lehrmethode, die vorzeitige Uebertragung zu fchwieriger Aufgaben an noch minder reife Schüler trat auch hier hervor. Die nach Gypsmodellen Das gewerbliche Unterrichtswefen. 37 angefertigten Zeichnungen von Köpfen gehörten zu den fchlechteften der ganzen Ausstellung erträglicher waren die Blumenftücke, und in pädagogifcher wie induftrieller Richtung fchienen ganz zwecklos die äufserft unbeholfen gemachten Landfchaften( mit Bleiftift und in Aquarell), darunter die überaus dunkel gehaltene Copie einer wilden Hochgebirgsgegend nach Calame. Von den Thonmodellen liefsen einige die nothwendige Leichtigkeit vermiffen, mehrere waren geradezu plump. Trotz alledem mufs die Gefchmacksrichtung an der in Rede ftehenden Schule im Ganzen als gute anerkannt werden. Sie gewänne Anfpruch auf unbe. dingtes Lob, wenn nicht aufser den vortrefflichen Gypsabgüffen des öfterreichifchen Mufeums und der Modellir- Werkstätte in Stuttgart hin und wieder andere Lehrmittel verfehlter Wahl benützt würden. Die Sammlung von Glasflüffen und Glasmofaik Arbeiten, welche die Gablonzer Glaschemie Schule exponirt hatte, erfchien neben den Leiftungen der Zeichenfchule in günftigerem Lichte, als fonft wohl der Fall gewefen wäre. Endlich waren von der Wanderfchule für Glasfpinnerei in Gablonz und Morchenftern fehr fchöne, von Schülern verfertigte Glasgefpinnfte von täufchendem Seidenglanze ausgeftellt. Die öfterreichifche Thonwaaren Induftrie, deren Productionswerth im Jahre etwa 25 Millionen ausmacht, war bis vor Kurzem in pädagogifch didaktifcher Beziehung gänzlich vernachläffigt. Erft feit dem Herbfte des Jahres 1872 befteht in Znaim eine Fachzeichen und Modellirfchule zur Hebung des Gefchmackes für Formung und Decoration von Thongefäfsen. Für die PorcellanInduftriegebiete im nordweftlichen Böhmen werden demnächft Fachſchulen in Carlsbad und Ellbogen errichtet werden. Die Znaimer Fachzeichen und Modellirfchule war wie fo viele andere Anftalten in Folge ihrer erft nach Monaten zählenden Exiſtenz kaum in der Lage, auf der Ausftellung mit Erfolgen von Bedeutung hervorzutreten. Wenn auf Grundlage der exponirten, fehr einfachen Schülerarbeiten defshalb fich einerfeits ein die Leiftungsfähigkeit und Richtung des Inftitutes charakterifirendes Wort nicht ausfprechen läfst, fo kann doch auch anderfeits kein befonders auffälliger Mangel conftatirt werden. Vielmehr fchien, fo weit das fpärliche und primitive Materiale ein Urtheil überhaupt geftattete, der Gang des Unterrichtes rationell. Die Lehrmittel der Anftalt wurden feinerzeit von fachkundiger Hand ausgewählt, ein Umftand, welcher feinen Einfluss auf die ftiliftifche Richtung der Schule wohl fpäter wahrnehmbar äussern dürfte. Fachfchulen für Holz- und Marmorinduftrie. In den forftreichen Gebirgsländern Oefterreichs. wo gewaltige, thalumfäumende Höhenzüge den Gefichtskreis verengen, hat fich im Volke feit Jahrhunderten jener in fich abgefchloffene und das Naheliegende fcharf beobachtende Sinn entwickelt, in welchem plaftifche Geftaltungskraft und künftlerifche Schaffensluft wurzeln, und aus ferner Zeit ift der Ruf alter berühmter Bildfchnitzer und manch wurmftichiges Meifterwerk ihrer Kunft bis auf die Gegenwart gekommen. Aber der Verfall des modernen Gefchmackes war bis in die Berge hineingedrungen und hatte fchliefslich auch die blofse einfache Technik verkümmern und an manchen Orten faft ausfterben laffen, fo dafs in unferem Jahrhunderte der Bedarf Oefterreichs an Holzfchnitzereien zum grofsen Theile aus dem Auslande gedeckt werden musste und die Schweiz, die baierifchen Alpen und der Schwarzwald für den Export in Länder arbeiteten, in welchen eine Fülle von Talent für das genannte Kunstgewerbe verwahrloft oder in rückwärtsfchreitender Entwicklung entartet war. Und doch könnte bei richtiger Pflege diefe Kunftinduftrie zu umfo bedeutenderer Entfaltung gebracht werden, als ja die Wiener Luxus- Möbelfabrication gleich der verwandten Parifer, in den naheliegenden Alpenländern fich eine treffliche und billige Bezugsquelle von gefchnitzten Möbelbeftandtheilen, figür 38 Armand Freiherr von Dumreicher. lichem Schmucke und häufiger vorkommenden Ornamenten zu erfchliefsen vermöchte, und als in den Alpengebieten wie in den gebirgigen Landestheilen Böhmens, Mährens und Schlefiens grofsartige Schätze faft unbenützten, edlen Schnitzholzes fich vorfinden. Von folchen Erwägungen geleitet, rief die öfterreichiſche Regierung mit hochherziger Munificenz feit dem Jahre 1871 neun Fachfchulen für Holzinduftrie ins Leben und bereitete die fernere Errichtung von fünf folchen Schulen vor. Die Wahl der Orte für diefe Schulen wurde beftimmt theils durch die notorifche Existenz zahlreicher Talente in einer Gegend, theils durch das Vorhandenfein des Rohmateriales und befonders befähigter heimifcher Lehrkräfte, theils endlich neben diefen Factoren durch die Thatfache des Ausfterbens bisheriger Erwerbszweige. Umstände der letzteren Art wirkten ausfchlaggebend darauf ein, dafs die übrigens für Holzfchnitzerei fehr befähigte Bevölkerung des Salzkammergutes, deffen Salineninduftrie vielleicht ein wefentlicher Rückgang bevorfteht, mit mehreren Fachfchulen bedacht wurde. Nach einem gewifs fehr richtigen Gedanken der Regierung follte ferner darauf gefehen werden, dafs jede der Fachſchulen womöglich eine befondere Specialität der Holzinduftrie pflege. So follte die Lehr- Werkstätte in Imft vorzugsweife die Herftellung von Wohnungsausftattungen, die Schule in Mondfee die Erzeugung von Renaiffancemöbeln und Thiergruppen, jene in St. Ulrich im Grödener Thale das Schnitzen von Heiligenfiguren und Kinder- Spielwaaren, jene in Wallern die Verfertigung von Möbelzierathen und Uhrkäften, jene in Innsbruck die figürliche Holzplaftik und Relieffchnitzerei ins Auge faffen. Die ältefte unter den Fachfchulen für Holzinduftrie ift die 1871 eröffnete Halleiner. An der Ausstellung hatte fich diefelbe mit Zeichnungen, Gypsmodellen und Holzfchnitzereien betheiligt. Die nach Vorlagen angefertigten Ornamentzeichnungen waren ganz anerkennenswerth, minder gut gemacht dagegen die fchattirten Zeichnungen nach Gypsmodellen. Die ziemlich unbedeutenden Modellirarbeiten konnten weder Lob noch Tadel herausfordern. Der Gefammteindruck der Ausftellung war jedoch insbefondere defshalb ein günftiger, weil die auf Erzielung täufchender Effecte verzichtende Wahrheitsliebe der Schulleitung fich deutlich im Arrangement ausfprach. Ausdrückliche Erwähnung verdient der Umftand, dafs den Arbeiten genaue Daten über die Schüler, welche felbe verfertigt hatten, beigegeben waren und dafs dadurch fo manche Arbeit, welche an fich wenig vorftellte, in den Augen des Befchauers bedeutend an Werth gewann. Unter den Holzfchnitzereien spielten kleine Bilderrahmen die Hauptrolle. Diefelben waren ausnahmslos naturaliftifch gehalten und trotz der fauberen Ausführung, welche allen nachgefagt werden mufs, befand fich nicht ein wirklich gefchmackvolles Exemplar darunter. Der traditionelle fogenannte Schweizer Stil herrfcht eben in diefer Gebirgsinduftrie noch immer alleingebietend, und die Reformbewegung der grofsen Culturcentren hat bisher ihren Wellenfchlag noch nicht bis in die entlegeneren Gebiete fortgepflanzt. Eigentliche Abgefchmacktheiten, wie fie anderwärts mehrfach vorkamen, fanden fich jedoch unter den Halleiner Ausftellungsobjecten nicht vor. Die vom Handelsminifterium fubventionirte Lehr- Werkstätte des Holz- Bildhauers Johann Griffemann in Imft war unter allen HolzfchnitzSchulen die einzige, in deren Arbeiten ftiliftifche Tendenzen, und zwar mit aller Entfchiedenheit hervortraten. Die von der genannten Anftalt ausgeftellten Möbel( Tifch und Stühle) und anderen Objecte der Wohnungsdecoration( Gefimfe, Confolen, Friefe etc.) trugen den Charakter einer etwas fchweren, hin und wieder in die Barocke übergehenden Renaiffance, und liefsen nicht daran zweifeln, daſs ein fo ausgeftatteter Innenraum wenigftens den entfcheidenden Vorzug einheitlicher und ausgeprägter Stimmung befäfse, trotz des einen und anderen nicht im Geifte der höchften Kunftperioden gefchaffenen Details. Einige figürliche Arbeiten nach der Antike waren fehr tüchtig ausgeführt, und die Ausstellung diefer Lehr Das gewerbliche Unterrichtswefen. 39 Werkstätte machte überhaupt im Ganzen unter den Expofitionen der gleichartigen Schulen bei Weitem den beften Eindruck. Eine aufserordentliche Gewandtheit der Technik zeichnete die von der Lehr- Werkftätte Sebaftian Steiner's in Innsbruck ausgeftellten Arbeiten aus. Zwar find die von Steiner mit Vorliebe gepflegten Reliefbilder in Holz, welche übrigens im Handel hohe Preife erzielen, künftlerifch ganz verfehlt, die Mache an denfelben aber verdient unbedingtes Lob. Namentlich der von Alphons Walcher gefchnitzte Zitherſpieler in einer Tiroler Bauernftube mufs aus folchem Gefichtspunkte als gefchickt angefertigtes Kunftftück hervorgehoben werden. Einige Figuren, wie Andreas Hofer, Kaifer Max I., waren nach den in Innsbruck befindlichen Originalen vortrefflich ausgeführt. Die Thierftücke und ornamentalen Objecte wichen in keiner Weife von der hergebrachten naturaliftifchen Manier ab. Allen Arbeiten aber fah man den Einflufs an, welchen ein erfahrener und hochbegabter Bildfchnitzer auf diefelben genommen hatte. Die Leiftungsfähigkeit diefes Leiters der Innsbrucker Lehr- Werkstätte wurde durch eine im Induftriepalafte ausgeftellte Schnitzerei nach einem der berühmten M. Colin'fchen Marmorreliefs vom Grabdenkmale Kaifer Maximilians glänzend dargethan. In falfcher Kunftrichtung mit vollendeterer Technik zu arbeiten, fchien kaum mehr möglich. Die Holzfchnitzerei- Schule in St. Ulrich im Grödener Thale hatte Thiergeftalten, Crucifixe, Bilderrahmen und dergl. zur Ausstellung gebracht. Die Körperformen eines gekreuzigten Heilandes waren anatomifch richtig dargestellt, einige Thiere nicht ohne Lebenswahrheit ausgeführt, die ornamentalen Arbeiten wiefen dagegen eine Gefchmacksrichtung auf, unter deren Herrfchaft diefer Induftrie eine bedeutendere Zukunft niemals erblühen kann. Da die Fachfchule für Holzinduftrie zu Tachau in Böhmen erft am 1. Jänner 1873 eröffnet worden war, konnte fie wohl auf der Ausftellung mit hervorragenden Unterrichtsrefultaten unmöglich glänzen. Die ausgeftellten ornamentalen und Blumenzeichnungen, wie auch einige Modelle von Holzverbindungen waren übrigens ganz anftändige Leiftungen. Die zur felben Zeit wie die vorige eröffnete Schule zu Wallern in Böhmen hatte fich auffallend ftark an der Ausftellung betheiligt. Leider ftärker als ihrem erft zu begründenden Rufe nützlich fein konnte. Denn während man die Zeichnungen im Ganzen und Grofsen gelten laffen durfte, konnte eine gleiche Duldung den ausgeführten Arbeiten gegenüber kaum geübt werden. Befondere Erfolge darf man von einer fo jungen Schöpfung allerdings nicht fordern, die Tendenz zum Richtigen und Guten jedoch kann bemerkbar fein. Und leider war folche Tendenz durchaus zu vermiffen. Eine ganze Reihe von Zeichnungen und Arbeiten in Holz wies das fonderbare Motiv eines verlotterten Bretterzaunes, in welchen ein Loch zur Aufbewahrung der Uhr oder von dergleichen eingefchnitten war, auf. Drei Stück halbaufgefchlitzter Maiskolben(?) konnten aufgeklappt werden, und überraschten dann durch ein in ihnen verborgenes Tintenzeug. Geflochtene Körbe, fteif in Holz gefchnitzt, follten als Behälter für allerlei kleine Gegenftände dienen kurz, ein erfindungsarmer Naturalismus vernichtete mit feiner ganzen gemeinen Plumpheit jeden Reiz in diefen kläglichften Ausgeburten moderner Holzplaftik. Von Gmünd in Kärnten wie von Mondfee und Hallftadt im Salzkammergute waren nur unbedeutende elementare Zeichnungen ausgeftellt. Die erftgenannte Schule, welche auch einige wenige, fchwierigere Schülerarbeiten exponirt hatte, machte es durch Unterlaffung aller Nachweifungen unmöglich, über den Gang des Unterrichtes zu urtheilen. Fachfchulen für Frauenerwerb. Während die Agitation in der fogenannten Frauenfrage in Nordamerika. und England eine vorwiegend politifche und in Frankreich eine revolutionär 40 Armand Freiherr von Dumreicher. focialiftifche Färbung angenommen hat, ift ihr bisher in Deutſchland der Charak ter rein wirthschaftlicher Beftrebung erhalten geblieben. Der auf dem Arbeitertage in Gera 1867 ausgefprochene Satz:„ Die Frau ift wirthschaftlich zu allen Arbeiten berechtigt, zu denen fie befähigt ift", gibt dem Standpunkte, welchen die Deutfchen dem Probleme gegenüber einnehmen, treffenden Ausdruck. Wie faft alle fchöpferifchen Ideen und geiftigen Bewegungen find auch die mit der Frauenfrage zufammenhängenden Strebungen aus Deutfchland nach Oefterreich verpflanzt worden. Die etwa feit den erften fünfziger Jahren genau conftatirbaren Bemühungen edelgefinnter, in Wien anfäfsiger norddeutſcher Frauen um die Ausbildung der ärmeren weiblichen Claffe in Arbeiten, welche der Ordnung im Haufe und dem Erwerbe für das Haus gleichmässig zu Gute kommen, bereiteten den Wiener Boden fo weit vor, dafs um die Mitte der fechziger Jahre bereits an die Gründung eines grofsartigen Vereines gedacht werden konnte, welchem die Theilnahme der gefammten wohlhabenden und gebildeten Gefellſchaft eine fruchtfpendende Zukunft in Ausficht ftellte. Dafs in Folge folcher Entwicklung die Frauenfrage in Oefterreich in deutfcher Formel geftellt wurde, gab von Anfang an der Agitation eine praktiſche naturgemässe Richtung. Es hat fich diefelbe bis jetzt glücklicher Weife den auf reelle Erfolge gerichteten, von aller widernatürlichen Phantafterei freien Charakter der deutfchen Beftrebungen bewahrt und dadurch auch die werkthätigen Sympathien der leitenden politifchen Kreife erworben. Die öfterreichifche Regierung konnte zu folchen modernen Tendenzen um fo freundlicher Stellung nehmen, als fie in diefer Sache an ältere Staatstraditionen anzuknüpfen in der rühmlichen Lage war. Schon Kaiferin Maria Therefia hatte die Wichtigkeit der Heranbildung des weiblichen Gefchlechtes richtig gefchätzt und die Errichtung zahlreicher Spinnftuben in Böhmen eifrig betrieben, und feit dem Beginne des neunzehnten Jahrhundertes trachtete die Regierung befonders im Erzgebirge die Hausinduftrie des Spitzenklöppelns durch Gründung von Lehrwerkftätten zu heben. Diefe Inftitute vermochten fich leider auf die Dauer nicht zu halten und einem gleichen Schickfale erlagen die im Jahre 1867 in 16 Orten errichteten Lehr- Werkstätten für Spitzenklöppelei. Die Veranſtaltungen zur Förderung der weiblichen Erwerbsfähigkeit durch ein wohlorganifirtes Vereinswefen nach bewährter deutfcher Art haben dagegen in neuefter Zeit glänzende Erfolge gehabt, und es fteht zu hoffen, dafs in einer Reihe von öfterreichischen Städten die in Wien, Prag, Graz und Klagenfurt erzielten Refultate zu opferwilligem Nachftreben aneifern werden. Der Wiener Frauen- Erwerbverein, im November 1866 ins Leben gerufen, hatte fich während eines fiebenjährigen Beftandes fo weit entwickelt, dafs er 1872 bereits acht Schulen verwaltete und mit materieller Unterſtützung der Regierung und anderer Körperfchaften den Bau eines neuen Schulhaufes unternehmen konnte. Die erwähnten Schulen find folgende: Eine Vorbereitungsfchule, eine höhere Bildungsfchule in zwei Jahrgängen, eine Handelsfchule, eine Sprachfchule für franzöfifche und engliſche Sprache, eine Zeichenfchule, eine höhere Arbeitsfchule mit zwei Jahrgängen, eine Nähfchule, eine Telegraphenfchule. Die genannten Schulen des Vereines wurden bis zum Schluffe des Schuljahres 1872 von 4331 Schülerinen befucht. An der Ausftellung hatte fich der Verein mit weiblichen Handarbeiten, Zeichnungen und schriftlichen Arbeiten betheiligt. Sämmtliche genannte Arten von Schülerarbeiten waren fehr reich vertreten und legten glänzendes Zeugnifs ab für die Wirkfamkeit des Vereines. Die Das gewerbliche Unterrichtswefen. 41 weiblichen Handarbeiten verleugneten nicht ihre Entftehung inmitten einer eleganten Grofsftadt und die Mehrzahl derfelben unterfchied fich durch ein gewiffes unfagbares Etwas auffallend genug in Zeichnung und Farbeneffect von den ähnlichen Arbeiten anderer deutfcher und öfterreichifcher Inftitute. Ebenfo waren die Zeichnungen faft fämmtlich von trefflichem Gefchmacke. Die farbigen Flachornamente übten kräftige und doch ruhige Wirkung aus und unter den Blumenftücken fanden fich Malereien von geradezu erftaunlichem Glanze. des Vortrags. Eine Reihe fehr fchöner Entwürfe für Straminftickerei, für Tapeten, für Sonnenfchirm- Ueberzüge, Sophalehnen, Bettteppiche, Portièren, Kiffen u. f. w. waren reizend componirt und mit ficherer Gewandtheit zu Papier gebracht, wie denn die Mache der meiften Zeichnungen mit dem Gefchmacke der Idee Schritt hielt. Diefs mag defto ftärker betont werden, als beide Vorzüge bei Schülerarbeiten fich felten vereint vorfinden. Die fchriftlichen Arbeiten aus verfchiedenen Gebieten des Unterrichtes( Arbeiten der franzöfifchen, englifchen und der Telegraphenfchule) bezeugten nicht minder die Trefflichkeit der Schulleitung als Handarbeiten und Zeichnungen. Der Prager Frauen Erwerbverein, nach dem Mufter des Wiener gegründet, unterhält feit dem 1. Jänner 1869 eine Handelsfchule, eine Nähfchule, einen Lehrcurs für Kindergärtnerinen und einen Curs für Telegraphie. Mit November 1873 trat unter Leitung des Vereins auch noch eine Lehr- Werkstätte für Cartonnage und Buchbinderei ins Leben. Die ausgeftellten Hand- und Mafchinnähereien von Schülerinen waren recht gefchmackvoll und fchön ausgeführt. Die von der Mädchen Arbeits- und Fortbildungsfchule in Graz( eröffnet 1866) und von der Induftriefchule des Frauen- Erwerbvereines in Klagenfurt( errichtet 1866) ausgeftellten Handarbeiten verdienten als den Zweck erfüllende alle Anerkennung, ohne aber eingehenderer Befprechung bemerkenswerthe Seiten darzubieten. Das Gleiche gilt von den Strohgeflechten, Handfchuhen, geklöppelten Spitzen und Strohhüten der im April 1873 eröffneten, vom Handelsminifterium fubventionirten Mädchen- Induftriefchule zu Hochft adt in Böhmen. Von Hermann Uffenheimer's Spitzenklöppel- Schule zu Rietz in Tirol, welche feit 1872 befteht und vom Handelsminifterium unterftützt wird, waren einige Guipurefpitzen von tadellofem Gefchmacke eingefendet worden. Eine grofse Anzahl weiblicher Handarbeiten von öfterreichifchen Volks und Bürgerfchulen war an einem anderen Orte, im Pavillon für Frauenarbeiten, ausgeftellt. Der Gefammteindruck mufs als ein günftiger bezeichnet werden, namentlich in Betreff der von den Wiener Volks- und Bürgerfchulen und vom Wiener Frauenverein für Arbeitsfchulen ausgeftellten Arbeiten, aber auch aus der Mehrzahl der von den Provinzialftädten ausgeftellten Objecte fprach mehr Grazie und Sinn für Mafshalten als aus den meiften ähnlichen Arbeiten im deutfchen Unterrichtspavillon. Bedauert mufste werden, dafs durch die Ausstellung in verfchiedenen Räumlichkeiten die Wirkung vielfach zerfplittert war; fo befanden fich manche der früher erwähnten vorzüglichen Leiftungen des Wiener Frauen- Erwerbvereines nicht im Pavillon des Welthandels, fondern in der letztgenannten Localität. Nach dem, was hier bisher über die einzelnen öfterreichifchen Fachfchulen mitgetheilt worden, ftellt fich deren Werth als ein aufserordentlich verfchiedener dar und kann in einem Worte über die ganze Ausftellung ein richtiger Ausfpruch nicht gethan werden. Denn während an einigen Punkten ein kräftiges Streben nach edleren Geftaltungen bereits feine erften Erfolge aufweift, zeigen fich an anderen kaum die erften Schwingungen einer neuen Bewegung. Die auf gewerblich- pädagogifchem Gebiete allenthalben in Europa aufgetauchte Reformarbeit ift eben bis jetzt in Oefterreich nur um wenig mehr als anderwärts über ein jugendliches Stadium hinausgekommen, noch in keinem Lande 42 Armand Freiherr von Dumreicher. und kaum in einer Disciplin haben die alten gährenden Elemente fich zu beftimmten Körpern kryftallifirt, noch ringt das neunzehnte Jahrhundert nach feften einheitlichen Formen feinės äufseren Culturlebens und die bereits vor zwei Jahr zehnten von Semper ausgegangene Anregung eines nationalen Kunftgefühles" hat fich bisher noch in keiner Gegend des weiten deutfchen Culturgebietes auf die Maffe des Volkes erftreckt. Wenn fchon folche allgemeine Lage einen wahrhaft befriedigenden Eindruck einer Ausftellung gewerblicher Fachfchulen heute noch nicht zu Stande kommen läfst, um wie viel mehr mufste die Ungunft der Verhältniffe fich in einem Falle fteigern, wo erft kürzlich in den Boden gepflanzte Schöpfungen ein Bild ihrer fruchttreibenden Wirkfamkeit hätten entfalten follen. Unter folchen Umftänden war es ein kühner Entfchlufs der Regierung, dennoch die Veranſtaltnng diefer Ausstellung zu wagen und die Refultate einer zweijährigen, mit bedeutenden Geldopfern entfalteten organifatorifchen Thätigkeit durch vielleicht verfrühte Veröffentlichung den mannigfachften Mifsverftändniffen auszufetzen. Eine wichtige Erwägung mochte hier fragentfcheidend eingewirkt haben. Die Regierung mufste nämlich für fich felbft eine Gelegenheit herbeiwünfchen, wo fie einen Ueberblick über das Gefammtergebnifs ihrer bisherigen Anftrengungen und einen Einblick in die an ihren Schulen zu Tage tretende Richtung gewinnen und zugleich das Urtheil weitefter fachmännischer Kreife vernehmen konnte. Und eine folche Gelegenheit bot die Wiener Weltausstellung in ausgezeichneter Weife. Wenn wir die Ausftellung der gewerblichen Fachſchulen unter dem Gefichtspunkte folcher Belehrung über den Zuftand der Gegenwart und über die fich aus demfelben ergebenden Forderungen der Zukunft betrachten, fo müffen wir fagen, fie habe ihren Zweck erfüllt und dadurch ihre Veranſtaltung gerechtfertigt. Welche Forderungen aber an die Zukunft zu ftellen feien, kann in der That für Niemanden zweifelhaft fein, der einerfeits die Ausftellung mit einiger Aufmerkfamkeit ftudirt hat und anderfeits über das Wefen und die Grundlagen der durch diefe Fachſchulen zu hebenden Induftrien klar geworden ift. Die weitaus überwiegende Mehrzahl diefer Fachfchulen foll nämlich dem Kleingewerbe oder der Hausinduftrie dienen, und es handelt fich fomit zunächft für jeden Kenner wiffenfchaftlicher Theorie und praktifcher Verhältniffe um Beantwortung zweier Fragen: Gibt es in der Wirthfchaft der Neuzeit überhaupt noch Gebiete, in welchen Kleingewerbe und Hausinduftrie fich naturgemäfs auf die Dauer und aus eigener Kraft neben der Grofsinduerhalten werden? und bejahenden Falles: Worin ift das charakteriftifche Moment zu fuchen, welches diefe Gebiete zur natürlichen Domäne des Kleingewerbes und der Hausinduftrie macht? Und wir werden nicht lange zu fuchen brauchen, um zu finden, dafs in dem Mafse, als ein einer Gattung von Gütern aufgedrücktes Gepräge individueller Arbeit deren Verkehrswerth zufteigern im Stande ift, die Eignung der Grofsinduftrie zur Erzeugung diefer Güter abnimmt, dafs alfo, je wichtiger die künftlerifche Seite in einer Gattung von Gütern an fich erfcheint und je ftärker und tüchtiger fie im concreten Falle ausgebildet worden ift, defto gröfs er auch der Vortheil fein muss, welchen bei deren Production das Kleingewerbe der Grofsinduftrie gegenüber befitzt. Wenn es nun keinem Zweifel unterliegt, dafs jenes gefuchte charakteriftifche Moment kein anderes als das künftlerifche fein kann, fo ift der weitere Schlufs unabweisbar, dafs die künftlerifche Bildung und die Gefchmackserziehung die wichtigſte Aufgabe von Anftalten fein mufs, welche zur Entwicklung und Erftarkung des Kleingewerbes dienen follen. Der Punkt, auf welchen nicht mehr und nicht weniger als Alles ankommt bei Beurtheilung der Ausftellung der gewerblichen Fachschulen liegt fomit auf der Hand: in erster Linie mufs die Ausstellung auf den in ihr zur Erfcheinung gekommenen Gefchmack geprüft werden. -- Das gewerbliche Unterrichtswefen.. - 43 Da läfst fich denn freilich die Thatfache fchwer befchönigen, dafs eine geringe Zahl faft die Minderzahl der Schulen bisher den Anfprüchen genügt, welche in folcher Beziehung unerbittlich an fie geftellt werden müffen, ja dafs fogar mehr als eine Schule ihre Zöglinge zur Verfertigung von Gefchmacklofigkeiten anleitet, welchen feinerzeit alles Anrecht auf ein Plätzchen in der in London beftandenen chamber of horors zugekommen wäre. Das ift die werthvolle Lehre der Ausstellung. Wenn nicht alle Anzeichen trügen, fo wird fie keine verlorene fein. Solcher Hoffnung darf man fich um fo eher hingeben, als der Regierung eine in Dingen der praktifchen Verwaltung fo feltene Gunft der Verhältniffe zu Statten kömmt, in Folge deren fich hier die idealen und die realen Intereffen vollftändig decken; denn, wenn es einerfeits wahr ift, dafs die Gefchmackserziehung den Kern der Frage bildet, und wenn anderfeits die Thatfache feftfteht, dafs die moderne europäifche Kunftinduftrie in eine Epoche fich aufwärts bewegender Entwicklung eingetreten ift, fo trifft für die Adminiftration des gewerblichen Fachfchul- Wefens der künftlerifche mit dem national- ökonomifchen Gefichtspunkte genau zufammen, da es dann zweifellos erfcheint, dafs die Tüchtigkeit der Gefchmacksbildung der Gewerbetreibenden die Rolle beftimmt, welche die WebeGlas, Thon, Holz. etc. Induftrie auf dem Markte fpielen wird. Dafs die Dinge fich wirklich fo verhalten, ift auch bereits durch die Erfahrung erwiefen, indem der Weltruf, den fich die Wiener Kunftinduftrie in kurzer Zeit erworben hat, auf Rechnung der reformatorifchen Einflüffe zu ftehen kommt, welche in Wien auf den Gefchmack der Gewerbsleute fich geltend gemacht haben. Diefe erfolggekrönten Wiener Beftrebungen haben einem Theile der öfterreichifchen Induftrie einen ihm eigenthümlichen Charakter aufgeprägt, und auf der Befonderheit diefes Charakers beruht die Concurrenzkraft der betreffenden Gewerbszweige auf dem Weltmarkte. Die ganze Entwicklung treibt darum naturgemäfs darauf hin, nunmehr, der Gefammtheit der hier in Betracht kommenden öfterreichifchen Gewerbserzeugniffe diefen Charakter mitzutheilen und auch die bisher unbeeinflufsten Gebiete des Reiches in die vom Centrum ausgehende kunftinduftrielle Bewegung hinein zu ziehen. Fachſchulen, welche man in den Provinzen errichtet, fiele fomit als wichtigfte Aufgabe die bahnbrechende Uebertragung der in der Hauptftadt bewährten Tendenzen in alle entfernteren Induftriegegenden und die Erziehung des heran wachfenden Gefchlechtes im Geifte der Reform zu. Gegenwärtig aber arbeitet die Mehrzahl der Fachfchulen in den Provinzen, indem fie den Gefchmack der Jugend in ausgelebten Stilrichtungen und in geiftiger Abhängigkeit vom Auslande erzieht, und der aufwachfenden Generation in einem Fache veraltete Mufter und Formen franzöfifcher, in einem anderen den platten Naturalismus fchweizerifcher Induſtrie als einzige ideelle Nahrung zuführt, den von Wien ausgehenden Beftrebungen geradezu entgegen, fo dafs befürchtet werden mufs, dafs Selbftftändigkeit, Auffchwung und Zukunft des öfterreichifchen Kunstgewerbes durch den Beftand mehrerer diefer Schulen eher gefchädigt als gefördert werden. - - Es heifst das Wefen geiftigen Schaffens verkennen, Probleme löfen zu wollen, bevor man fie noch correct aufgeftellt hat. Eine Formulirung des Problems, wie fie in den obigen Ausführungen verfucht worden ift, fcheint leider nicht mit voller Präcifion ftattgefunden zu haben, ehe die Organiſation der öfterreichischen gewerblichen Fachfchulen trotz des empfindlichen Mangels an für diefe befonderen pädagogifchen Zwecke vorgebildeten Lehrern in grofsartigem Mafsftabe in Angriff genommen wurde. Doch haben fich die realen Verhältniffe fofort von felbft geltend gemacht und es kann conftatirt werden, dafs die Regierung den felben alsbald, foviel in ihrer Macht ftand, mit Energie und Einficht Rechnung zu tragen fuchte. So wurden im Auftrage der Staatsleitung durch Vermittlung des Mufeums für Kunft und Induftrie in Wien den meiften Fachfchulen tüchtige Vorlagewerke zugewendet, zu deren Anfchaffung theils das Handelsminifterium, theils das Unterrichtsminifterium bedeutende Summen widmete. Ferner trug und trägt 44 Armand Freiherr von Dumreicher. die Leitung des genannten Mufeums mit Unterſtützung des Handelsminifteriums auch Sorge für die Ausarbeitung neuer gediegener Vorlagewerke. So wurde ihr durch eine vom Handelsminifterium gewährte Subvention die Entfendung des Profeffors Valentin Teirich nach Italien zu dem Zwecke ermöglicht, um Vorlagen für eingelegte Marmorarbeiten und für Broncen zu gewinnen. Zur Anfchaffung von Spitzen-, Stick-, Weberei- und anderen Muftern erhielt das Muſeum namhafte Jahresfubventionen. Auch hat bereits die Ausarbeitung eines Vorlagenwerkes für Tifchlerei begonnen; ein Original- Stichmufterbuch der Renaiffance erfchien vor längerer Zeit im Buchhandel, und mittelft einer Subvention, welche das Handels- und das Unterrichtsminifterium zu gleichen Theilen trug, ward die Abfaffung kurzer, populär gehaltener Lehrbücher über Stillehre und über Kunftgefchichte für Zeichen- und Gewerbefchulen in Angriff genommen. Nachdem die Regierung durch die Ausstellung tieferen Einblick in die Gefammtleiftungen der gewerblichen Fachſchulen zu nehmen und fich hiebei namentlich über die Qualification der von ihr angeftellten Lehrer zu unterrichten in der Lage war, kann ein erfolgreiches adminiftratives Wirken in diefen Angele genheiten um fo ficherer gehofft werden, als bereits eine Reihe von in neuerer Zeit getroffenen Mafsnahmen erkennen läfst, wie hoch der Werth eines einheit lichen Arbeitens der gewerblichen Fachſchulen im Sinne der Tendenzen der Wiener Kunft- Gewerbefchule gegenwärtig von Seite der Staatsleitnng angefchlagen wird. So wurde in der Pfingstwoche 1873 im Handelsminifterium mit Conferenzen begonnen, in welchen die Organiſation und die Lehrpläne der gewerblichen Fachſchulen einheitlich und fyftematiſch in Berathung gezogen wurden. Zuerft beriethen die auf Koften des Handelsminifteriums zur Befichtigung der Weltausftellung nach Wien berufenen Leiter und Lehrer fämmtlicher von dem genannten Minifterium fubventionirten gewerblichen Fachſchulen im Vereine mit hervorragenden Induftriellen, Technikern und Schulmännern gruppenweife die Organifation der Webe, der Holzfchnitzerei- und Metallinduftrie, der Porzellan-, Glasund Thoninduftrie, endlich der Frauen- Erwerbfchulen. Hierauf wurde eine Commiffion bewährter Fachmänner unter dem Vorfitze des Directors des Muſeums für Kunft und Induftrie Hofrathes Rudolph v. Eitelberger mit der Aufgabe betraut, Lehrziel, Unterrichtsgang und Vorlagenwerke für den Zeichenunterricht an fämmtlichen gewerblichen Fachfchulen feftzuftellen. Mehreren Arten von Fachſchulen wurde ferner die Verpflichtung zu periodifchen Ausftellungen von Schülerarbeiten im Muſeum für Kunft und Induſtrie in Wien auferlegt, damit dadurch ein Contact diefer Anftalten mit der Wiener kunftgewerblichen Bewegung hergeftellt und die Beauffichtigung der Wirkfamkeit derfelben durch Fachleute erften Ranges ermöglicht werde. Diefe fämmtlichen Mafsnahmen kommen den oben dargelegten Bedürfniffen in eminenter Weife entgegen und berechtigen zur Annahme, dafs den gewerblichen Fachfchulen Oefterreichs vielleicht eine weit glücklichere Zukunft bevorſtehen dürfte, als es die diefsmalige Ausftellung derfelben hätte erwarten laffen. Wenn wir an der Spitze unferer Ausführungen hervorgehoben haben, dafs die Ausftellung unferes erft neubegründeten gewerblichen Fachfchul- Wefens nur auf die in ihr zur Erfcheinung gekommene Richtung geprüft werden könne, und wenn wir im Verlaufe unferer Darstellung eingeftehen mussten, dafs diefe Richtung bisher eine vielfach falfche fei, fo befinden wir uns am Schluffe unferer Erörterungen in der erfreulichen Lage, an das einfichtsvolle Vorgehen der Regierung die Hoffnung auf eine fchöne und gefunde Entwicklung jener wichtigen pädagogifchen Schöpfungen knüpfen zu können, deren thatkräftige Begründung dereinft noch fpätefte Generationen der Gegenwart danken mögen. Andere Staaten. Es wurde bereits an anderer Stelle diefes Berichtes angekündigt, dafs wir die Ausstellung von Objecten des gewerblichen Unterrichtes der übrigen Länder Das gewerbliche Unterrichtswefen.. 45 nur mit wenigen Worten berühren werden. Denn erftens ift die Organiſation des gewerblichen Unterrichtswefens diefer Staaten im öfterreichifchen officiellen Ausftellungsberichte vom Jahre 1867 feinerzeit mit der nothwendigen Ausführlichkeit befchrieben worden und find die feit diefem Jahre eingetretenen Aenderungen nicht erheblich genug, um uns hier zu abermaligem Eingehen auf diefe Seite des Gegenftandes zu veranlaffen; was aber die 1873 nach Wien eingefendeten Ausftellungsobjecte gewerblich- pädagogifcher Art betrifft, fo gehörten diefelben faft ausfchliefslich dem Gebiete des Zeichenunterrichtes an und wurden in diefer Eigenfchaft im officiellen Ausftellungsberichte der Generaldirection der Weltausftellung unter dem Titel„ der Zeichen und Kunftunterricht" von Profeffor J. Langl mit folcher Ausführlichkeit und Sachkenntnifs gewürdigt, dafs hier dem dort Gefagten um fo weniger etwas hinzugefügt zu werden braucht, als eine abermalige Befprechung derfelben Thatfachen und Fragen auf ein blofses Wiederholen hinauslaufen müfste. Aufser Gegenftänden des Zeichenunterrichtes fanden fich aber von Leiftungen gewerblicher Schulen nur noch einige weibliche Handarbeiten auf der Ausftellung, welche im officiellen Berichte unter dem Titel die Frauenarbeiten" von Freiin Helene v. Roditzky befprochen worden find. " Somit geben wir hier über den Inhalt der gewerblichen Unterrichtsexpofitionen der übrigen Staaten nur eine knappe, auf das Meritorifche nicht eingehende Ueberficht und verweifen bezüglich aller Details auf die drei citirten Berichte. Ungarn war im Gebiete des gewerblichen Unterichtes fo gut wie gar nicht vertreten, und es dürfte folche Art der Repräfentation auf der Wiener Weltausftellung dem thatfächlichen Stande diefes pädagogifchen Zweiges in dem wenig entwickelten Ackerbau- Lande entſprechen. Von den Gewerbe- Zeichenfchulen Frankreichs, deren Zahl etwa auf 40 fich beläuft, hatten mehrere an der Ausftellung fich betheiligt, ebenfo verfchiedene Special- Induftriefchulen und Volksfchulen. Insbefondere waren die Ausftellungen von Zeichnungen der Schulen der frères chrétiens, der écoles communales( laïque) von Paris, der écoles commerciales, der weiblichen écoles profeffionelles fehr bedeutend. Einige der ausgezeichneten, von der Gemeinde fubventionirten Parifer Zeichenfchulen waren in der Ausftellung der Stadt Paris" vertreten; unter Anderen durch ein hübfches Modell ihrer Zeichen- und Modellirfäle die Lequien'fche Schule. " Von der genannten Anftalt und von der berühmten Levaffeur' fchen Zeichenfchule waren Modellirarbeiten ausgeftellt. Unter den Expofitionen der Schulen überwiegend fachlichen Charakters glänzten die der„ école de deffin" und der manufactur national des gobelins zu Paris" fowie die der„ écoles profefionelles" von Rouen, St. Quentin, Havre und Lyon, ferner die der école induftrielle de Lille. Endlich waren von verfchiedenen Fabrikfchulen( écoles manufacturelles) der Normandie und Bretagne und von kunftgewerblichen Zeichenfchulen in Bordeaux und Touloufe zahlreiche Schülerarbeiten ausgeftellt. Frauenarbeiten franzöfifcher Schulen waren in fehr geringer Zahl eingefendet worden. Der gewerbliche Unterricht Italiens erfchien durch Zeichnungen in Wien ftark vertreten, fobald man die italienifche scuola tecnica( eigentlich Realfchule) als Gewerbefchule gelten läfst, wofür die an diefen Anftalten vorherrschende Richtung allerdings Anhaltspunkte darbietet. Aufser einer grofsen Zahl diefer Schulen hatten fich auch viele eigentlich induftrielle Lehranstalten mit theilweife trefflichen Leiftungen an der Ausstellung betheiligt; fo vor Allem drei Turiner Anftalten, als: das Iftituto induftriale e profeffionale mit ausgezeichneten technologifchen Schülerarbeiten, die scuola di ornamentacione del reale muſeo indu triale mit prachtvollen Modellirarbeiten und die scuola governativa di Po mit Schülerzeichnungen; ferner drei Genuefer Schulen: die scuola civica feminile di difegno induftriale mit trefflichen Zeichnungen der Schülerinen, und mit minder 46 Armand Freiherr von Dumreicher. Das gewerbliche Unterrichtswefen. guten, franzöfifcher Schule angehörenden Zeichnungen die scuola profeffionale per le artigani und die scuola tecnica occidentale. Vom iftituto tecnico in Aleffandrien waren vorwiegend tüchtige Mafchinen- und Architektur, minder gediegene figürliche Zeichnungen exponirt. Vorzüglich war das„ Patrio iftituto Manin" in Venedig durch kunftgewerbliche Entwürfe, und durch gute Schülerarbeiten die Scuola di difegno applicato alle arti in Neapel vertreten. England hatte nur einige Arbeiten der Kunftſchule des South- Kenfington Muſeums eingefendet, deren Würdigung dem Kunftreferate vorbehalten bleiben mufs. Objecte aus der Sphäre des englifchen mittleren und niederen gewerblichen Unterrichtes fehlten auf der Wiener Ausftellung gänzlich. Stärker hatte Rufsland in diefem Gebiete ausgeftellt und die gediegenen Arbeiten der zur Erziehung tüchtiger Kunft- Handwerker beftimmten Schule„ Stroganoff" in Moskau und der Induſtriefchule der„ Société d'encouragement des arts" verdienten in Anbetracht des ernften Strebens und der originellen Richtung, welche in ihnen zur Erfcheinung kamen, ein aufmerkfamftes Studium von Seite der Kunftinduftriellen, Kunftgelehrten und Schulmänner. Die Schweiz hatte in den engen Räumen des zierlichen Interlakener Chalets einige auf den gewerblichen Unterricht bezügliche Gegenftände ausgeftellt. Die mit gewandtefter Technik gemachten Holzfchnitzereien der Schulen, in Meyringen, Interlaken und Brienz waren fämmtlich in dem traditionellen Stile gehalten; eine auf dem Wege der Schule verfuchte Gefchmacksreform verkündete fich kaum durch ein leifes Anzeichen; die einzigen Leiftungen, welche einen harmonifchen Eindruck hervorriefen, waren von der Specialfchule der Kunftgewerke in Genf ausgeftellt. Der Lehrgang an diefer vorwiegend der Ausbildung von Bijouterie- Arbeitern gewidmeten Schule, welche Zeichnungen nach Racinet und anderen franzöfifchen Vorlagewerken exponirt hatte, fcheint ein guter zu fein, und namentlich auch das Umfetzen der natürlichen Pflanze in die ftilifirte, welches die Aufgabe mehrerer ausgeftellten Schülerarbeiten bildete, fprach für das Vorhandenfein höherer kunftgewerblicher Ziele. Nur war es in einem Falle befremdend, eine fehr unbeholfen gezeichnete, natürliche Pflanze und daneben ein gewandt gemachtes, aus diefer ftilifirtes Ornament als Arbeit eines und desfelben Schülers bezeichnet zu fehen. Mehrere Vorlagewerke und Modelle für den Zeichenunterricht bezeugten, dafs in der Schweiz in diefem didaktifchen Gebiete eine ziemlich rege Thätigkeit herrfcht. Aus Holland waren nur Schülerzeichnungen von der„ Gefellſchaft der Arbeiterclaffe in Amfterdam" eingefendet worden; aus Belgien nur Schülerarbeiten und Lehrmittel von dem Penfionat jener frères chrétiens", welche auch in der franzöfifchen Unterrichtsabtheilung eine hervorragende Rolle spielten; aus Schweden war nur von der Schule des Gothenburger Gewerbevereins eine Reihe tüchtiger Schülerzeichnungen aus den Gebieten des Linearzeichnens, der decorativen Malerei, des Maſchinen- und Hochbaues zur Ausftellung gekommen. Sonft waren nur noch einige weibliche Handarbeiten fchwedifcher Volksfchulen exponirt, welche von einem anderen als dem Standpunkte des gewerb lichen Unterrichtes zu beurtheilen find. Dänemark und Spanien hatten die Ausftellung des gewerblichen Unterrichtes gar nicht, Portugal fehr fchwach befchickt. Die in letzterem Staate zu Porto beſtehende Affociation commercial", welche fich die Hebung der Kunftgewerbe zum Ziele fetzt, hatte eine Suite polychromer plaftifcher Ornamente maurifchen Stils ausgeftellt. Ausserdem befanden fich von weiblichen Arbeiten im portugififchen Schulhaufe einige correct ausgeführte Spitzen neben fehr gefchmackswidrigen Stickereien. Ueber den Stand des gewerblichen Unterrichtswefens Amerikas konnte auf der Wiener Weltausftellung keine Belehrung gefchöpft werden,