OFFICIELLER AUSSTELLUNGS- BERICHT HERAUSGEGEBEN DURCH DIE GENERAL- DIRECTION DER WELTAUSSTELLUNG 1873 UNTER REDACTION VON DR. CARL TH. RICHTER, K. K. O. Ö. PROFESSOR IN PRAG. ALLGEMEINE BILDUNGSMITTEL. ( Gruppe XXVI, Section 6.) BERICHT VON RUDOLF LECHNER, ALFRED KLAAR, DR. CARL TH. RICHTER. WIEN. DRUCK UND VERLAG DER K. K. HOF- UND STAATSDRUCKEREI. 1874. ALLGEMEINE BILDUNGSMITTEL. DER DEUTSCHE UND OESTERREICHISCH- UNGARISCHE VERLAGS- BUCHHANDEL. ( Gruppe XXVI, Section 6.) Bericht von RUDOLF LECHNER. Der Verlags- Buchhandel des deutfchen Reiches. Der Verlags- Buchhandel des deutfchen Reiches war auf der Wiener Weltausftellung verhältnifsmäfsig gering vertreten. Der Grund davon liegt wohl vorerft in dem officiellen Programm felbft, welches für den Buchhandel im Allgemeinen keine Abtheilung enthält und nur in der Gruppe XXVI von Werken, Zeitfchriften, Lehrmitteln und Leiftungen der Literatur fpricht, welche Unterrichtszwecken dienen. Es fcheint, als wäre man der Anficht gewefen, es eigne fich die literarifche Production nicht für eine Weltausftellung, vielleicht weil der innere Werth der Erzeugniffe nicht wohl einer eingehenden Beurtheilung unterzogen werden könne und die äufsere Form doch nicht die Hauptfache fei. Diefe Anficht fand man auch in buchhändlerifchen Fachblättern ausgefprochen. Dennoch glaube ich, dafs die buchhändlerifche Verlagsthätigkeit fich ganz gut zur Ausstellung eigne, ja dafs die Darftellung der literarifchen Production eines Volkes von grofsem Intereffe für die Befucher und gewifs auch von praktifchem Nutzen für die Fachgenoffen fein würde, und es käme nur darauf an, die Sache richtig anzufaffen. Nach meiner Anficht müfsten folche Ausstellungen nach Fächern wiffenfchaftlich geordnet werden und gewiffermafsen eine Bibliothek aller beften, in den letzten fünf bis fechs Jahren erfchienenen Werke darftellen. Dazu ein vollständiger in erfter Abtheilung nach Wiffenfchaften, in zweiter Abtheilung nach Ver' egern geordneter Katalog, und der Nutzen, fowohl für Verleger wie für das Publicum, wäre in die Augen fpringend. Die Schwierigkeit der Unterordnung des Einzelausftellers dürfte wohl zu überwinden fein, denn die Leiftung des Einzelnen wäre ja leicht aus der zweiten Abtheilung des Kataloges zu erfehen, und die Herbeifchaffung der möglichft vollftändigen Literaturen liefse fich durch die beftehenden buchhändlerifchen Vereine gewifs leicht erreichen. Diefs als frommer Wunfch für eine nächfte Weltausftellung vorangefchickt. muss ich, wie bereits erwähnt, conftatiren, dafs die Betheiligung des deutfchen Verlags- Buchhandels an der Weltausftellung eine verhältnifsmäfsig geringe war, und dafs diefe dem Befchauer, der fonft keine Kenntnifs von den Leiftungen des deutfchen Buchhandels hatte, nur ein unvollständiges Bild geben konnte. I* 4 Rudolf Lechner. Der deutfche Verlag war in Ermangelung einer anderen Beftimmung, infofern er nicht für Unterrichtszwecke pafste, in die Gruppe XII( graphifche Künfte) eingereiht worden; Unterrichtswerke, Lehrmittel etc. waren in Gruppe XXVI gefammelt. - - Von gröfseren Verlegern waren vertreten: Aus Leipzig: F. A. Brockhaus, das mächtige alte Haus, welches in feinem grofsartigen und muftergiltigen Etabliffement alle graphifchen Künfte vereinigt, durch einige feiner zahlreichen Kupfer- und Prachtwerke, E. A. Seemann, Specialverlag von kunfthiftorifchen höchft gediegenen und vortrefflich ausgeftatteten Werken, G. B. Teubner mit feinem grofsartigen Verlage von alten Claffikern und wiffenfchaftlichen Werken, Otto Wigand, durch die grofsen Werke von Ritter, Sanders, Fr. Brandftetter durch feine zahlreichen, gediegenen und Wagner etc., mit befonders gutem Gefchmacke ausgeftatteten Unterrichtswerke und Jugendfchriften, Hinrichs'fche Buchhandlung mit ihren werthvollen ägyptologifchen Werken, Otto Spamer durch feine in der ganzen Welt beftbekannten, reich illuftrirten Jugendfchriften. - - - - - - - Aus Berlin: B. v. Decker's Ober- Hofbuchdruckerei mit dem prachtvoll gedruckten Krönungswerk, neuem Teftament, Oeuvres de Frédéric le Grand, Alex. Dunker mit feinen Stahlftich- Prachtwerken,-Ernft& Korn mit feinem grofsartigen bauwiffenfchaftlichen und technifchen Specialverlag, die Grote'fche Buchhandlung mit ihren fehr hübfch illuftrirten Concurrenzausgaben der deutfchen Claffiker und Kunft- Prachtwerken, Kortkampf mit circa 100 Bänden juriftifcher Verlagswerke, Langenfcheidt mit dem grofs angelegten franzöfifchen Wörterbuche von Sachs und feinen viel verbreiteten Unterrichtsbriefen, W. Möfer mit illuftrirten Prachtwerken, F. Nicolai'fche Buchhandlung mit gut ausgeftatteten Werken in verfchiedenen wiffenfchaftlichen Richtungen, Lipperheide, Verleger der weitverbreiteten Modenwelt, E. S. Mittler& Sohn, grofser Specialverlag von Militärwiffenfchaft, Dietrich Reimer mit den vorzüglichen Kipert'fchen Kartenwerken und Globen, E. Schotte& Comp. mit ihren gefchätzten Relief globen, Tellurien etc.,- Wiegandt& Hempel, landwirthschaftlicher anfehnlicher Specialverlag. - - - - - - Aus Stuttgart: die J. G. Cotta'fche Buchhandlung mit ihrem weltberühmten Claffikerverlag, E. Hallberger, Verleger von gut illuftrirten Wochen- und Monatsfchriften zu ungemein billigen Preifen in aufserordentlich grofsen Auflagen, J. B. Metzler'fche Buchhandlung mit den gediegenen illuftrirten Scheffel'fchen Prachtwerken, Paul Neff mit vortrefflich illuftrirten Prachtwerken,-J. F. Schreiber mit feinem ausgezeichneten, über die ganze Welt verbreiteten Verlag von Kinderbüchern und Tafeln zum Anfchauungsunterricht, Thienemann- Hoffmann mit feinen künftlerifch und mit fehr gutem Gefchmack G. Weife mit den berühmten Stuttgarter ausgeftatteten Jugendfchriften, Bilderbogen. - Aus kleineren Verlagsorten waren erfchienen: - Aus Bremen; C. Müller mit vorzüglichen Farbendruck Prachtwerken. Aus Darmstadt: die Jonghaus'fche Buchhandlung mit der geologifchen Specialkarte von Heffen. Aus Dresden: Meinhold& Söhne mit den vortrefflichen Wandtafeln von Rupprecht. Aus Düffeldorf: Breidenbach& Comp. mit dem Künftleralbum und ihren vorzüglichen Farbendrucken. Aus Glogau: der fehr bedeutende Verleger C. Flemming mit feinen anerkannt guten Landkarten und Jugendfchriften. Aus Gotha: Juftus Perthes mit feinen Kartenwerken, welche einen Weltruf befitzen und zu dem Beften gehören, was in diefer Richtung überhaupt gefchaffen worden ift. Aus Halle: die Waifenhaus- Buchhandlung mit ihrem intelligent geführten, fehr vielfeitigen Verlage. Der deutfche und öfterreichiſch- ungarifche Verlagsbuchhandel. 5 Aus München: Th. Ackermann mit diverfen Büchern und KupferBruckmann mit feinen photographifchen Prachtwerken. werken, - Aus Hamburg: Neftler& Melle mit gefchätzten Schul- Wandtafeln. Aus Regensburg: die grofsen Verleger katholifcher Bücher Manz und Puftet, mit prachtvoll gedruckten Miffales. Aus Weimar: B. F. Voigt mit feinem fehr verdienftlichen und nam haften Verlage aus der Gewerbekunde und Kellner& Comp. mit ihren originellen Wandkarten. Aufserdem war im„ Pavillon des kleinen Kindes" eine gröfsere Menge von Kinderbüchern und Befchäftigungsmitteln ausgeftellt, welche ich gefammelt hatte und wozu die Herren Verleger: Bock( Dresden), Braun& Schneider( München), Bartholomäus( Erfurt), Bretích( Berlin), Dürr( Leip zig), Grunow, Günther( Leipzig), Kröner( Stuttgart), Naumann( Dresden), Nitzfchke( Stuttgart), Plahn( Berlin), O. Rifch( Stuttgart), Rütten( Frankfurt), Schreiber( Stuttgart), Spamer( Leipzig), Thienemann( Stuttgart), Trewendt( Breslau), Weife( Stuttgart) etc., werthvolle Beiträge geliefert hatten. Diefe kleine Ausftellung, welche auf das grofse Publicum viel Anziehungskraft ausübte, gab auch Gelegenheit zu intereffanten Vergleichen, da ich gleichzeitig eine gröfsere Menge franzöfifcher und englifcher Kinderbücher ausgelegt hatte. Es ift einleuchtend, dafs aus der geringen Menge der ausgeftellten buchhändlerifchen Producte allgemeine Schlüffe nicht gezogen werden können, ich bin daher genöthigt, mich, um ein Gefammtbild des deutfchen Buchhandels zu erhalten, an das Allgemeine zu halten, wozu glücklicherweife hinlängliches Material zu Gebote fteht. Zur Beurtheilung der Productionsthätigkeit des deutfchen Buchhandels mögen hier einige ftatiftifche Zuſammenftellungen über den Verkehr im Mittelpunkte des deutfchen Buchhandels, Leipzig, dienen. Die Bücher- Verfendungen von Leipzig ab betrugen*: im Jahre 1866 Zollcentner 116.900 " " 1867 129.300 1868 " " 9 138.200 " " 1869 142.000 " 9 1870 134.500 " 1871 148.500 99 " 9 " 7 1872 158.200 " Zur Erklärung diefer Zahlen möge dienen, dafs Leipzig der Hauptftapelplatz des deutfchen Buchhandels ift. Da dort faft jeder deutfche Buchhändler, fowohl Verleger wie Sortimenter, feinen Commiffionär hat, fo geht ein grofser Theil des Verkehrs zwifchen Verlegern und Sortimentern über Leipzig. Der Leipziger Commiffionär empfängt von feinen Committenten die Beftellungen in Form von kleinen Zetteln( Beftellzettel) und verbreitet diefe wieder durch die anderen Commiffionäre an die Verleger, welche die Bücherpackete ebenfalls wieder durch ihren Commiffionär an die verfchiedenen Commiffionäre der Befteller vertheilen laffen. Diefe fammeln nun die Packete und verpacken fie wöchentlich 2 bis 3 mal an die Sortimenter. Auf diefe Weife werden die directen. Verfendungen vermieden und entſteht hieraus auch die Möglichkeit der Aufzeich nung der vorftehenden Zahlen. Freilich ftellen diefe bei weitem nicht den ganzen Verkehr des deutfchen Buchhandels dar, denn aufser Leipzig gibt es noch namhafte andere Commiffionsplätze, welche den internen Verkehr des Landes beforgen, und diefe find nebft anderen: Berlin, Wien und Stuttgart. Statiftifche Daten über diefe Commiffionsplätze ftehen mir leider nicht zu Gebote. * Die nachfolgenden ftatiftifchen Zufammenftellungen find aus dem Börfenblatt für den deutfchen Buchhandel gefchöpft. 6 betrug: Rudolf Lechner. Die Summe der in Leipzig zur Oftermeffe geleifteten Zahlungen 1866 Thaler Preufsifch Courant 3,150.000 1867 1868 99 وو " 3,146.000 99 27 " 3,546.000 1869 و" 77 " 3,900.000 1870 4.706.000 " 99 1871 1872 99 77 29 29 27 " 9 4,165.000 4,850.000 An Baarpacketen( Bücherfendungen, welche nicht in Rechnung gegeben werden, fondern deren Werth gleich nachgenommen wird) wurde in Leipzig eingenommen: 1866 Thaler Preufsifch Courant 1,767.000 1867 1868 2,182.000 " " 2,297.000 29 " 9 1869 2.529.000 وو " 1870 " 95 " 9 2.537.000 1871 1872 " " " 3.450.000 " 9 " 9 99 4,059.000 Die Production betrug nach den Nummern der Hinrichs'fchen Bibliographie im Börfenblatt: 1866 Nummern 10.756 1867 12.064 99 1868 12.936 1869 13.651 1870 12.740 99 1871 1872 " 13.871 13.925 99 Was von den Zahlen über den Frachtenverkehr in Leipzig gefagt wurde, gilt ebenfo von den Mefseinnahmen und Baarpacketen; denn aufser Leipzig finden auch jährliche Abrechnungen in Berlin, Stuttgart und Wien etc. ftatt, und wird auch dort im internen Verkehr eine grofse Menge von Baarpacketen befördert. Ausserdem wird noch eine fehr grofse Menge von Schul-, Gebetbüchern, Bibeln, etc. an Buchbinder und andere Nichtbuchhändler in directem Verkehre verkauft, welche in den vorftehenden Zahlen nicht vorkommen. Es wird daher nicht gewagt fein, anzunehmen, dafs diefe Summen in der Wirklichkeit fich mindeftens um 50 Percent erhöhen. Die Zahlen der literarifchen Erfcheinungen, wie fie die Hinrichs'fche Bibliographie aufzählt, ftellen aber fo ziemlich vollständig die Summe der jährlich erfcheinenden Bücher im deutfchen Reich und Deutfch- Oefterreich dar und find wohl geeignet, Erftaunen und vielleicht auch einige Beforgnifs über die Fruchtbarkeit der deutfchen Schriftfteller und Verleger hervorzurufen. Seit 1866 ift die Zahl der neuerfchienenen Bücher um 3000 Nummern geftiegen! Nahezu 14.000 neue Bücher( neue Auflagen, Lieferungswerke und Wochenjournale mit inbegriffen) find 1872 gedruckt worden! England weift im Jahre 1873 nur 4991 Nummern aus! Diefe enorme Fruchtbarkeit kann man wohl immerhin als eine Ueberproduction bezeichnen und es unterliegt keinem Zweifel, dafs durch diefe zahlreichen alljährlich erfcheinenden neuen Bücher manche ältere gute Werke dem unverdienten Schickfale des Vergeffenwerdens anheimfallen. Dennoch leiden wahrhaft bedeutende Werke gewifs nicht darunter, brechen fich, wie die tägliche Erfahrung lehrt, ficher Bahn und behaupten fich auf dem Markte. Der deutfche und öfterreichifch- ungarische Verlagsbuchhandel. 7 Fragt man nach der Urfache diefer riefigen Production, welche im Buchhandel anderer Culturvölker nicht ihresgleichen hat, fo finden wir diefe zuerft in der hohen Stufe der Bildung, auf welcher das deutſche Volk fteht und welche die Luft und den Drang zu literarifchem Schaffen in immer weitere Kreife trägt. In zweiter Linie mufs aber die Urfache in der Möglichkeit des Abfatzes der zahllofen literarifchen Producte gefucht werden. Wenn auch nicht jedes gedruckte Buch feinem Verleger einen Gewinn bringt, fo mufs doch angenommen werden, dafs der bei weitem gröfsere Theil der literarifchen Unternehmungen rentirt, denn fonft müfsten naturgemäfs die Zahlen der Erfcheinungen fich vermindern, und nicht, wie wir in dem ftatiftifchen Ausweife fehen, fich ftetig vermehren. Diefe Möglichkeit des Abfatzes liegt aber offenbar in der ganz eigenthümlichen Organiſation des deutfchen Buchhandels und ich halte es daher für nothwendig, diefelbe etwas näher zu betrachten. Das Schulz'fche Adressbuch für den deutfchen Buchhandel von 1873 enthält:*) 4230 Firmen. Von denen befchäftigen fich: 1068 nur mit dem Verlags- Buchhandel. 165 80 29 79 29 " " 92 134 81 16 " 99 " " 99 99 2517 99 22 45 Verlags- Kunfthandel. Verlags- Muficalienhandel. Sortiments- Kunsthandel. Sortiments- Muficalienhandel. Antiquariats Handel. Sortiments-, Buch-, Buch, Antiquar-, Kunft, Mufikalien- und Landkartenhandel( welche theilweife nebftbei auch Papier- und Schreibmaterialien- Handel treiben.) 93 find Expeditionen und Redactionen etc. Unter den vorletzten befinden fich jedoch viele, welche ebenfalls fehr bedeutenden Verlag befitzen. Von oben angeführten Firmen treiben zum Theil neben ihren Hauptgefchäften: 1375 Antiquariats- Handel. 609 Buchdruckerei. 29 Coloriranftalten. 524 Colportage. 160 Colportageverlag. 1610 671 905 47 Colportageverlag und Sortiment. 20 Globenverlag. Kunftsortiment. Landkartenfortiment. Leihbibliothehen. 366 Mufik- Leihanftalten. 473 Journal- und Lefezirkel. 1365 43 54 70 Mufikalienfortiment. Oelfarbendruck- Anftalten. 7 Reliefgloben- und Reliefkarten- Verlag. Schriftgiefserei. Stereotypanftalten. 36 Spiel- und Bilderbogen- Verlag. *) Diefe Zufammenftellungen entnehme ich dem ,, Adressbuch für den deutfchen Buchhandel von O. A. Schulz. 8 Rudolf Lechner. 65 Stahl- und Kupferftich- und xylo 243 graphifche Inftitute. Steindruckereien. Das gefammte Commiffionswefen des Buchhandels vertheilt fich unter neun Haupt- Commiffionsplätze und wird zufammen von 230 Commiffionären beforgt, wovon auf Berlin 40, Leipzig 105, München 9, Prag 14, Stuttgart 16, Wien 29, Zürich 5, kommen. Nürnberg 5, Peft 7, Die 4326 Handlungen vertheilen fich in 1066 Städte nach folgendem Verhältniffe: Firmen 3254 4 Städte 740 im deutfchen Reiche, I in Luxemburg, 188 Oefterreich, 534 461 71 2 99 I I I " 24 2 " den übrigen europäifchen Staaten. Amerika, دو A fien. Von diefen 4326 Buchhändlerifchen Gefchäften gehören alfo nur 538 fremden Ländern, 4212 dem deutfchen Reiche und Oefterreich an und die ausländifchen Gefchäfte, welche das Schulz'fche Adrefsbuch anführt, werden zum nicht geringen Theile von Deutſchen geleitet und bringen fogar mitunter nicht unanfehnlichen deutfchen Verlag. Es ift alfo ein ganz gewaltiger Apparat, welcher der deutfchen literarifchen Production zu Gebote fteht. Wenn nun auch nicht jeder Verleger mit allen Sortimentsbuchhändlern in directer Verbindung fteht, fo gibt es doch viele und eben die bedeutendften, welche weit über 1000 Conti führen. An diefe Gefchäftsfreunde nun fenden die Verlagsfirmen alle ihre Neuigkeiten und gröfstentheils auch die feften Beftellungen das ganze Jahr hindurch in Rechnung und der Sortimenter ift nur verpflichtet, jährlich einmal das Feftbezogene und das von Neuigkeiten Verbrauchte zu bezahlen und das nicht Abgefetzte zurückzufenden oder dem Verleger zur Dispofition zu ftellen. In Leipzig gefchieht diefe Abrechnung jährlich zur Oft ermeffe( vier Wochen nach Oftern), in Berlin und Wien Ende März, in Stuttgart im Juli etc. etc. Die Abrechnung wird ebenfalls durch die Commiffionäre beforgt, und diefe, namentlich die Leipziger, fpielen hier häufig die Rolle von Banquiers, indem fie ihren Committenten mehr oder weniger Credit gewähren. Diefe Art des gefchäftlichen Verkehrs unterfcheidet fich wefentlich von der in Frankreich und England, wo die Verleger in der Regel nichts in Commiffion verfenden, fondern auch von ihren Neuigkeiten fefte Abnahme beanspruchen und nur halbjährigen Credit gewähren. Es ift klar, dafs durch die deutfche Einrichtung der Bücherabfatz aufserordentlich gefördert wird, und dafs daraus für das Publikum und die Schriftfteller grofse Vortheile entſtehen. Einerfeits wird der Druck einer grofsen Anzahl von Manufcripten nur auf diefe Art ermöglicht, anderfeits find durch die Erleichterung des gefchäftlichen Verkehres eine grofse Menge von Sortimentsbuchhandlungen felbft in kleinen Orten von nur einigen taufend Einwohnern entstanden, welche meiftens von intelligenten Leuten geführt werden, die mit wahrem Bienenfleifse dem Gebildeten die neuen Erfcheinungen zugänglich machen und fich die Verbreitung der deutfchen Literatur in alle Schichten der Bevölkerung angelegen fein laffen. Diefer oft gering gefchätzte Der deutfche und öfterreichifch- ungarifche Verlagsbuchhandel. 9 kleine Sortimentsbuchhändler erfüllt alfo eine Culturmiffion und verdient Anerkennung, denn fein Lohn ift im Verhältnifs zu dem mühfamen Gefchäfte ein kärglicher, und hätte er nicht die Liebe zur Sache, er würde fich gewifs anderen, befferen Gewinn abwerfenden Gefchäftszweigen zuwenden. Ich glaube klar gemacht zu haben, dafs der Organismus des deutfchen Buchhandels einen grofsen Antheil an der mächtigen Production der deutfchen Literatur hat, und möchte dies auch Jenen, fowohl Fachmännern als Laien, zu bedenken geben, von denen man jetzt öfter die Anficht ausfprechen hört, der deutſche Buchhandel müffe fich reformiren und mehr kaufmännische Grundfätze annehmen. Das Refultat wäre der Zuftand der Buchhandels in Frankreich, Eng. land und Italien, in welchen Ländern junge Autoren die fchlechteften Ausfichten haben und wo ein intelligenter, über das ganze Land verbreiteter Buchhandel gänzlich fehlt. Welcher aufrichtige Patriot möchte folche Zuftände für wünfchenswerth ausgeben? Es liegt mir noch ob, einen eingehenderen Blick auf die Erzeugniffe des deutfchen Buchhandels zu werfen. Die Ausstattung hat in den letzten fechs Jahren abermals wefentliche Fortfchritte gemacht. Im Allgemeinen findet man die deutfchen Bücher gefchmackvoll gefetzt und gut gedruckt. Die gröfseren Buchdruckereien, welche der deutſche Buchhandel zu Gebote hat, find vorzüglich eingerichtet und ftehen auf der Höhe der Leiftungsfähigkeit. Die Mitwirkung der Kunft nimmt aufserordentlich zu und namentlich ift es der Holzfchnitt, welcher in erfter Linie zu Illuftrationen verwendet und bereits mit feltener Vollendung hergeftellt wird. Welch' riefigen Fortfchritt die deutfche Xylographie gemacht hat, läfst fich am beften erkennen, wenn man illuftrirte Werke und Zeitfchriften, wie fie vor 10 bis 20 Jahren erfchienen, durchblättert. Was wir damals für fchön und gut gehalten, wie fieht es den Leiftungen der neueften Zeit gegenüber aus? Um die Hebung des Holzfchnittes hat fich J. J. Weber in Leipzig grofse Verdienfte erworben. Seine illuftrirte Zeitung fteht nun obenan und hat feine englifchen und franzöfifchen Concurrenten bereits überflügelt. Ebenfo liefert die Keil'fche Gartenlaube Holzfchnitte, wie fie nirgends beffer gefunden werden. Hervorragendes leiftet auch Hallberger in feinen mannigfaltigen populären Unternehmungen. Vieweg hat den Holzfchnitt der Wiffenfchaft dienftbar gemacht in einer Weife, wie fie vollendeter kaum gedacht werden kann; Spamer verwendet ihn in feinen zahllofen gediegenen Jugendfchriften zum Nutzen unferer heranwachfenden Weltbürger; Schäfer in Berlin hat den Holzfchnitt zuerft für eine Modenzeitung ( Bazar) in gröfserem Mafsftabe verwendet und diefe glückliche Idee hat einen wahrhaft koloffalen Erfolg gehabt und eine Unzahl von Nachahmern gefunden. Häufige Verwendung findet der Holzfchnitt jetzt auch fchon von Verlegern claffifcher Schriften und guter moderner Dichter, wie von Grote in feinen Ausgaben der deutfchen Claffiker und von Cotta in vorzüglicher Weife in den Prachtausgaben von Uhland's Gedichten und Wieland's Oberon, Auerbach's Barfüfsele etc, von Metzler in den wundervollen Ausgaben von Scheffel, von Hoffmann in Immermann's Oberhof und fo weiter. Von unfchätzbarem Werthe ift die immer mehr zunehmende Verwendung des Holzfchnittes in den UnterrichtsWerken( Compendien) und Schulbüchern, wo er erläuternd und anregend wirkt. In diefer Richtung leiftet der deutfche Verlag wahrhaft Erstaunliches. Nach dem Holzfchnitte ift es die Lithographie und namentlich der Farbendruck, welcher immer häufiger zur Ausstattung von Verlagswerken verwendet wird und bereits einen hohen Grad der Vollendung erreicht hat. Aufser den Verlagswerken der bereits früher erwähnten Firma Breidenbach und Bach find noch viele fchöne Prachtwerke diefer Art erfchienen bei C. E. Müller in Bremen, Arnold'fche Buchhandlung in Leipzig, Wagner in Berlin. 10 Rudolf Lechner. Die Verwendung der Lithographie für technifche und wiffenfchaftliche Werke ift durch den Holzſchnitt und die Zinkographie ftark gefchmälert worden. Der Kupfer und Stahlftich wird wohl wegen der koftfpieligen, zeitraubenden Herſtellung nur mehr von wenigen Verlegern verwendet; unter diefen Wenigen befinden fich Brockhaus, Cotta und das bibliographifche Inftitut. Endlich mag noch erwähnt werden, dafs die, Photographie jetzt nur mehr felten als Illuftration in gedruckten Werken vorkommt, woran wohl die unverhältnifsmäfsige Koftfpieligkeit und die Gefahr des Verlöfchens nach längerer Zeit die Schuld tragen. Wenn es einmal gelungen fein wird, die Photographie auf mechanifchem Wege vollkommen zu drucken, was gewifs über kurz oder lang der Fall fein dürfte, dann wird der Verlagsbuchhandel nicht fäumen, fich derfelben zu bedienen, und es dürften der Holzfchnitt und die Steinzeichnung eine mächtige Concurrenz zu beftehen haben. Es ift auch als erfreulicher Fortfchritt zu conftatiren, dafs der künftlerifche Gehalt die Illuftration im deutfchen Verlagswerke im Allgemeinen immer mehr durchdringt, das heifst, dafs zu ihrer Herftellung immer häufiger wirkliche Künftler verwendet werden. Das Papier, worauf der deutfche Verlag gedruckt wird, verdient nicht unbedingtes Lob. Gewifs liefern die deutfchen Papierfabriken gutes, fchönes und auch prachtvolles Papier, aber im Allgemeinen fteht es doch hinter dem franzöfchen und englifchen zurück. Namentlich ift es fehr zu bedauern, dafs das deutfche Papier, mittlerer Gattung wenigftens, fo ftark( es heifst, oft bis 60 Percent) mit Holzft off gemengt wird, dafs daraus die ärgften Uebelftände entftehen. Diefes Holzftoffpapier, welches anfangs fehr hübfch ausfieht, verliert, der Einwirkung von Licht oder Wärme ausgefetzt, die durch chemifche Bleiche erzielte weifse Farbe und wird ganz braun und grau. Viele Verleger haben diefs bereits zu ihrem Schaden an folchen Verlagswerken erfahren, welche ihnen von Sortimentslagern remittirt wurden. Deutlich war diefs bei den Zeitungsfammlungen fowohl der deutfchen als öfterreichifchen Abtheilung zu fehen. Faft alle Blätter zeigten fchon nach wenig Wochen eine bräunliche, mehr oder weniger dunkel nuancirte Farbe, zwifchen denen einige weifs gebliebene Stellen fon derbar hervorleuchteten. Unter diefen befand fich in dem öfterreichifchen Tableau eine Nummer der Wiener Preffe", welche auf dem Papier der Times gedruckt war! Und diefes wunderhübfche, kräftige und nicht abfärbende Papier ift in London gerade fo wohlfeil, wie das wahrhaft elende, worauf unfere meiſten Zeitungen gedruckt find! Es wäre von grofser Wichtigkeit für den deutfchen Verlagsbuchhandel, wenn die heimifchen Papierfabriken den franzöfifchen und englifchen nacheiferten und es dem deutfchen Verleger möglich machten, zu feinen Büchern fo prachtvolles Papier zu verwenden, wie es in Frankreich und England faft ausnahmslos, nicht nur bei Pracht-, fondern auch bei gewöhnlichen Büchern, ja fogar bei politifchen Zeitungen der Fall ift. " Was fchliefslich die Buchbinder- Arbeit im deutfchen Buchhandel anbelangt, fo ift auch hier ein erfreulicher Fortfchritt zu conftatiren. Die Geftaltung des deutfchen Buchhandels, welcher feinen Verlag in Commiffion verfendet, erlaubt im Allgemeinen nicht das Einbinden ganzer Auflagen, wie diefs in Frankreich, namentlich aber in England faft durchgehends gefchieht, und es erklärt fich daraus auch die bedeutend höhere Stufe, auf welcher der im Buchhandel vorkommende englifche Einband fteht; dennoch findet man die deutfche fogenannte Gefchenkliteratur, Gedichte, Claffiker, höhere Belletriftik, Albums und Prachtwerke mit grofsem Gefchmacke und oft feltener Vollendung eingebunden und ift auch hier bei Anfertigung der Stanzen die glückliche Verwendung künftlerifcher Kräfte erkennbar. Noch darf bei unferer näheren Betrachtung der deutfchen Verlagswerke nicht unerwähnt bleiben, dafs in neuerer und neuefter Zeit der deutfche Verleger " Der deutfche und öfterreichifch- ungarifche Verlagsbuchhandel. 11 fich beftrebt, zu billigen Preifen zu produciren. Der oft gehörte Vorwurf: , die deutfchen Bücher find zu theuer" hat nur mehr wenigem Verlag gegenüber feine Berechtigung. Seitdem die Claffiker Gemeingut geworden, ift eine Menge guter und hübfch gedruckter, oft unglaublich billiger Claffikerausgaben erfchienen. Man kann überhaupt fagen, dafs faft bei allen Werken, wo die Möglichkeit gröfserer Auflagen geboten ift, auch wohlfeile Preife gefetzt werden. Bei Büchern, wo im Voraus nur auf einen geringen Abfatz gerechnet werden kann, müffen die Preife naturgemäfs höher fein. Diefs ift, wie im deutfchen, auch im ausländifchen Buchhandel der Fall; nur befindet fich der franzöfifche und englifche Buchhandel infofern in einer günftigeren Lage, als beide einen gröfseren, fogenannten Weltmarkt haben und dafs man dort mehr Geld auf den Ankauf von Büchern verwendet. Die deutfche Familie ift viel zu fparfam, was ihren literarifchen Bedarf betrifft, und wir wollen hoffen, dafs doch endlich die Zeit kommen werde, wo es jeder Gebildete für eine Ehrenfache halten werde, feine eigene Bibliothek zu befitzen. In einigem Zufammenhange mit den Bücherpreifen fteht auch die Honorarfrage, das will fagen, dafs diefelben Gründe, welche die Grösse der Auflage beftimmen, auch für die Gröfse des Honorars mafsgebend find. Die Klagen über das geringe deutfche Honorar find übrigens fchon lange nicht mehr wahr und die guten Autoren haben reichlichen Lohn ihrer Arbeit. Was die fchwindelhaften Honorare anbelangt, welche uns öfter in Journalen über den Rhein herüber gemeldet werden, fo möchte ich das deutfche Publicum bitten, folche Nachrichten mit Vorficht aufzunehmen. Die Reclame ſpielt hier eine grofse Rolle. Der fo lobenswerthen Tendenz, durch Herftellung wohlfeiler Bücher die Literaturerzeugniffe auch den minder bemittelten Schichten des Volkes zugänglich zu machen, tritt feit einigen Jahren die fociale Frage durch die endlofen Strikes der Setzer und Drucker hindernd in den Weg. Die Satz- und Druckpreife haben in den letzten Jahren um mehr als 75 Percent aufgefchlagen! Kein billig Denkender wird die Berechtigung der Beftrebungen unferer Arbeiter auf Verbefferung ihres Lohnes für ihre Arbeit beftreiten wollen. Aber der neuefte Tarif der Setzer und Drucker überfchreitet bereits die Grenze des Vernünftigen. Was ift das Refultat? Die Production wird fich wefentlich vermindern. Viele Bücher können nach dem jetzigen Tarife entweder gar nicht gedruckt werden, oder fie werden fo empfindlich vertheuert, dafs der Abfatz darunter leiden mufs. In den meiften Druckereien hat fich auch bereits Mangel an Arbeit eingeftellt und viele Arbeiter find brodlos geworden. Der übertrieben hohe Lohn war ihnen alfo verderblich. Ich zweifle nicht, dafs die Tarife in Kürze wieder auf ein vernünftiges Mafs zurückkehren werden, und diefe Anficht ift auch bereits eine allgemeine in den betreffenden Kreifen. Bevor ich nun zu allgemeinen Schlufsfolgerungen und vergleichenden Betrachtungen übergehe, halte ich es für nothwendig, mich noch vorher mit dem öfterreichifchen Buchhandel fpeciell zu befaffen. Der öfterreichifche Verlags- Buchhandel. Wenn der öfterreichifche Verlags Buchhandel auch einen integrirenden Beftandtheil des deutfchen Buchhandels bildet, fo ift es dennoch nothwendig, ihn abgefondert von diefem zu betrachten, da einer der wichtigften Zwecke einer Weltausftellung wohl der ift, zu zeigen, auf welcher Stufe der Leiftungsfähigkeit die Induftrie des Vaterlandes fteht und eine der vornehmften Pflichten des Berichterftatters, diefs zu unterfuchen und darzuftellen. Der deutfch- öfterreichifche Verlag war in einer recht hübfch hergerichteten Collectivausftellung in dem gedeckten Hofe 13 a zum gröfsten Theile zufammengefafst und bot ein angenehmes Bild. Hier war die Betheiligung 12 Rudolf Lechner. eine zahlreiche und es hatten die meiſten bedeutenden Gefchäfte ihren Verlag gefchickt. Die werthvollfte Ausstellung war unbeftritten die von Wilhelm Brau müller in Wien. Nebft den wiffenfchaftlichen wahrhaften Prachtwerken von Hyrtl, Ranke, Réinifch, Heitzmann, Sacken, Kapofi etc. ftanden hier in grofser Menge wiffenfchaftliche Compendien von Brücke, Stellwag, Schmarda, Hyrtl etc. etc., die hiftorifchen Werke von Arneth, Vivenot, Weifs etc. und aus der fchönen Literatur: Bauernfeld, Hanslik, Anaftafius Grün etc. Der Raum geftattet mir nicht eine nähere Aufzählung. Alle Verlagswerke diefer Firma find auf vortrefflichem Papiere mufterhaft gedruckt. Die Ausdehnung diefes Gefchäftes nimmt immer grofsartigere Verhältniffe an. Was Vielfeitigkeit des wiffenfchaftlichen Verlages anbelangt, fo zählt Braumüller unbedingt zu den bedeutendften Verlegern nicht nur in Oefterreich, fondern in der ganzen Welt. Das zweite bedeutende Verlagsgefchäft, C. Gerold's Sohn, hatte auch eine namhafte Anzahl wiffenfchaftlicher und anderer Werke ausgeftellt, darunter von Scherzer, Arneth, Redtenbacher, Glafer, Napoleon, Halm etc. etc. Auch diefer Verlag ift fehr vielfeitig, enthält namentlich viele Schulund Unterrichtsbücher, welche in unzähligen Auflagen verbreitet find, ift folid und praktiſch in Ausftattung und in eigener Buchdruckerei gedruckt. Eduard Hölzel ftellte vortreffliche Kartenwerke, Albums in Farbendrücken( Alt's Wien) und zahlreiche Oelfarben- Drucke aus. Er war der Erfte, welcher in Oefterreich die Herftellung von Schulatlanten und Wandkarten mit Energie und Gefchick in die Hand nahm und bedeutende Erfolge erzielte. Ebenfo cultivirt er mit grofsem Glücke den Oelfarben- Druck und ging hier bahnbrechend voran. Seine Oelfarbenbilder, immer nach guten Originalien gearbeitet, zeigen eine feltene Vollendung und er hat feine Concurrenten im deutfchen Reiche, in Frankreich und England überflügelt. Diefe Bilder werden fehr ftark exportirt, namentlich nach Amerika. Friedrich Tempsky in Prag, namhafter Verlag von wiffenfchaftlichen Werken und Schulbüchern. Unter den erfteren finden fich die gröfseren Werke von Palacky, Gindely, Helfert, Balling, Becker und das von der Staatsdruckerei übernommene Prachtwerk: Phyfiotypia von Pokorny und Ettingshaufen, welches er zu Ende führen wird. Seine Schulbücher zeichnen fich durch fehr billige Ladenpreife aus. Alfred Hölder, ein junges, aber mächtig aufftrebendes Verlagsgefchäft, Unter den zahlreichen Werken diefer Firma fanden wir: Teirich Ornamente. Etzel öfterreichiſche Eifenbahnen, Porges grofse Handelsbibliothek, Leh. mann Adressbuch, Müller Ethnographie, Köchel Joh. Jof. Fux. Aufserdem verlegte er viele Gymnafial- Schulbücher. L. W. Seidel& Sohn, fehr namhafter Specialverlag von militärwiffenfchaftlichen Werken und Medicin. Sallmayer& Comp., grofser Verlag von Schulbüchern für Volks- und Realfchulen. Faefy& Frick, land und forftwirthschaftlicher Verlag. Schöne, elegante Ausstattung. R. v. Waldheim, Verleger der fehr gefchätzten Wiener Bauzeitung, wovon ein completes Exemplar( 1837 bis 1873) aufgeftellt war. Teirich's Blätter für Kunft Refchauer 1848. Vortreffliche Illuftrationen. Namhafter Colportageverlag. Alles in eigener, fehr ausgedehnter und vorzüglich eingerichteter Druckerei gedruckt, welche faft alle graphifchen Kunftzweige umfasst. Miethke& Wawra mit feiner prachtvollen photographifchen Reproduction der Belvederegallerie. C. Dittmarfch, gefchätzter Verlag von Oeldruck- Bildern und Kalendern. H. Martin, Verlag von Leitner's Waffenfammlung des k. k. Arfenales. Pichler's Witwe, zahlreiche Schulbücher für Volks- und Bürgerfchulen. Der deutfche und öfterreichifch- ungarifche Verlagsbuchhandel. J. Dirnböck, ebenfalls Schulbücherverlag. F. Beck, Verlag von Gymnafial- Schulbüchern. M. Perles, Kalenderverlag. K. Czermak, medicinifche Werke. 13 B. Lechner, fprachwiffenfchaftlicher Verlag, Schulbücher und Kinderbefchäftigungs- Mittel. Weifs, Gefchichte von Wien. Aus den Kronländern waren vertreten: Innsbruck durch die Wagner'fche Buchhandlung und deren namhaften wiffenfchaftlichen Verlag. Prag durch H. Dominicus' technifchen Verlag. Calve, landwirthfchaftliche Werke. Felkl mit feinen zahlreichen, vortrefflichen Globen. Brünn durch Karafiat's namhaften Colportageverlag. Winiker, Realund Gymnafial- Schulbücher, Claffiker. Lemberg durch Gubrinowiez, Richter und Wild, polnifche Verlagswerke. Peft durch W. Lauffer's zahlreichen ungarischen Verlag. Agram durch Suppan's ausgedehnten füdflavifchen Verlag. Hermannftadt durch Michaelis, Schulbücher in deutfcher Sprache. Debreczin durch Cfathy's ungarifchen Verlag. Aufserhalb der Collectivausftellung hatten ausgeftellt: Die k. k. Staatsdruckerei: Das Prachtwerk Phyfiotypia von Pokorny und Ettingshaufen, Bock's liturgifche Gewänder etc., aufserdem 15 occidentalifche und 16 orientalifche Werke meift wiffenfchaftlichen Inhaltes. Das k. k. militärgeographifche Inftitut: Verfchiedene Proben feiner weltberühmten Kartenwerke. Fr. Manz, Wien, namhafter Specialverlag von Jurisprudenz und zwei Holzfchnitte von ganz ungewöhnlichen Dimenfionen: Anficht von Wien und Anficht der Weltausftellung. C. Fromme, Wien, grofser Kalenderverlag, in eigener, mufterhaft eingerichteter Druckerei fehr gefchmackvoll gedruckt. Reiffenftein, Verlag von vorzüglichen Oelfarben- Druckbildern Unter den zahlreichen Bildern ragte befonders die Tizian'fche Madonna von ungemeiner Vollendung und in einem bisher noch nicht erreichten grofsen Formate hervor. Der Verlag diefer Firma gehört ebenfalls zu dem Beften, was in der Richtung geleiftet wird und hat namhaften Export. Artaria mit feinem fehr bedeutenden Landkarten- Verlage. Lehmann& Wentzel( in der Gruppe XXVI), junger, aber mächtig aufftrebender Specialverlag von technifchen Werken. In der unga rifchen Abtheilung hatten noch exponirt: Aus Peft: Moriz Rath, der jetzt bedeutendfte Verleger von Werken in ungarifcher Sprache. Sein Verlag, welcher die gröfsten Schriftfteller der ungarifchen Nation vereinigt, zeichnet fich durch vorzüglichen Gefchmack und gediegene Ausftattung aus. R. Lampel, 67 Schulbücher. W. Lauffer, 214 Schul und Lehrbücher. Fekete, diverfe ungarifche Bücher. Grill, Schulbücher und Jugendliteratur. Rofenberg, Schulbücher. Aus Klaufenburg: Stein 103 Schulbücher und Lehrmittel. Aus Debreczin: Cfathy, verfchiedene Lehrbücher. Zur Beurtheilung der Productionsthätigkeit des öfterreichifch- ungarifchen Verlags- Buchhandels will ich auch hier, wie beim Buchhandel des deutfchen Reiches, einige ftatiftifche Zufammenftellungen anführen. Nach Mittheilungen der öfterreichifchen Buchhändler Correfpondenz erfchienen: 14 Rudolf Lechner. 1867 1868 1869 1870 Deutfche Slavifche Bücher 1333 1519 1491 1413 27 685 802 471* 980 Ungarifche " 468 53° 476 454 Zufammen. 2486 2851 2438 2847 Unter den in Oefterreich- Ungarn mit dem Buchhandel und verwandten Zweigen im Jahre 1873 fich befchäftigenden 878 Firmen betreiben:** 573 Sortiments64 Antiquar126 VerlagsBuchhandel. 402 Kunft- und Landkarten- Sortiment. 20 99 99 99 4 " 9 99 99 Verlag. Antiquariat. 329 Muficalien- Sortiment. 4 " 3 " 7 Verlag. Antiquariat. 161 Leihbibliotheken und Muficalien Leihanftalten. 79 Colportage. 210 Buchdruckereien. 83 lithographifche Anftalten. 21 Schriftgiefsereien. Ueber Leipzig verkehren 476 Handlungen. In Wien haben 30 Commiffionäre 467 Committenten. " 99 Peft Prag 8 87 29 " 2 I2 " 29 93 " 99 81 inländifche Firmen halten in Wien Auslieferungslager ihres Verlages. 83 ausländifche Firmen haben Commiffionäre in Wien, wovon 61 ihren Verlag ausliefern laffen. Die 878 Firmen vertheilen fich auf die verfchiedenen Kronländer folgendermassen: an 74 Orten 197( Prag 70). In Böhmen Bukowina Dalmatien 3 99 29 4( Czernowitz 2). " 99 Galizien 19 " 19 Kärnten 99 Krain " Kroatien 21 46 1 392 " 6( Zara 3). 2" 55( Lemberg 18). " 6( Klagenfurt 4). 27 6( Laibach 5). II 21( Agram 4). 19 " Küftenland 29 F 77 4 " 16( Trieft 10). Mähren 24 99 29 " 56( Brünn 12). " Niederöfterreich ,, 13 99 178( Wien 160). Oberösterreich II 99 29 22 26( Linz 10). " Salzburg I " 22 6( Salzburg 6). Schlefien 6 " 16( Troppau 6). 99 Siebenbürgen I I " Steiermark IO 10 " 20( Hermannftadt 6). 99 27 99 38( Graz 21). Tirol I I 99 " 9 95 33( Innsbruck 11). " 9 Ungarn 27 71 "" 179( Peft- Ofen 49). Ueber die Summen der Zahlungen und des Baarverkehres an den ofterreichifchen Commiffionsplätzen, fowie über das Gewicht der verfendeten Bücherballen fehlen leider die Auffchreibungen. * Bei diefer Zahl fehlt der polnifche Verlag. ** Aus Perle's Adressbuch des öfterreichifchen Buchhandels 1873. * Der deutfche und öfterreichifch- ungarifche Verlagsbuchhandel. 15 Die Zahlen der erfchienenen Werke von 1867 bis 1870 find nach dem ofterreichischen Bücherkataloge zufammengeftellt, und da diefer feit 1870 wegen Mangels an Abfatz nicht mehr erfcheint, fo fehlen für 1871 bis 1872 halbwegs fichere Anhaltspunkte zu einer Ueberficht. Das alphabetifche Regifter der Bibliographie in der öfterreichiſchen Buchhändlercorrefpondenz ift fehr unvollständig, da viele Verleger die Einfendung ihrer Publicationen an die Redaction verfäumen. Es kann übrigens mit Beftimmtheit angenommen werden, dafs die Production in den letzten drei Jahren wefentlich zugenommen hat. Was nun den öfterreichifchen Verlag im Allgemeinen anbelangt, fo hat er ohne Zweifel in den letzten Jahren abermals entfchiedene Fortfchritte gemacht. Die beſtehenden Firmen haben fich erweitert und viele neue find entstanden, welche rüftig vorwärts ftreben. Die Ausftattung des öfterreichifchen Verlages der hervorragenden Firmen entspricht den modernen Anforderungen. Zahlreiche Buch- und Steindruckereien, wovon einige wahrhaft ausgezeichnete Arbeit liefern, ftehen zur Dispofition, mehrere xylographifche Anstalten leiften das Befte. Das öfterreichifche Papier ift im Ganzen genommen gut, theilweife vorzüglich, verhältnifsmäfsig wohlfeil. Doch auch hier, wie im deutfchen Reiche fpielt der Holzftoff fchon eine grofse Rolle. Auch die mit dem öfterreichifchen Buchhandel im Verkehre ftehenden Buchbindereien haben fich grofsentheils reorganifirt und einzelne von ihnen find im grofsen Stile eingerichtet und den höchften Anforderungen entſprechend. Was die Preife der Bücher öfterreichifchen Verlages betrifft, fo find fie im Allgemeinen mässig und concurrenzfähig. Auch hier find freilich durch die Setzerftrikes Vertheuerungen entftanden. Ueber Honorare gilt in Oefterreich das, was über die des deutfchen Reiches gefagt wurde. Im Grofsen und Ganzen ift der öfterreichifche Verlag in reger Entwicklung begriffen. Wenn es auffiele, dafs das grofse Oefterreich im Verhältnifs zu dem deutfchen Reiche eine fo geringe Summe literarifcher Producte liefere, fo mufs zur Erklärung diefer Thatfache zweierlei erwogen werden. Erftens waren die Verhältniffe in Oefterreich vor dem Jahre 1848 aufserordentlich ungünftig. Ich glaube nicht nöthig zu haben, die allbekannten traurigen Zustände unter der vormärzlichen Cenfur näher zu beleuchten. Factum ift, dafs in dem langen Zeitraume feit Jofef's II. Tod bis 1848 weder Autoren noch Verleger gedeihen konnten. Auf Koften diefer unglücklichen Verhältniffe entwickelte fich ,, draufsen im Reiche" ein mächtiger Verlagsbuchhandel, gegen welchen die Con currenz der öfterreichiſchen jungen Generation nun freilich einen fehr fchweren Stand hat. Zweitens mufs bedacht werden, dafs mehr als die Hälfte Oefterreichs von nichtdeutfchen Stämmen bewohnt ift, deren mittlere und untere Schichten noch auf einer fehr niederen Stufe der Cultur ftehen. Für die Gebildeten diefer Stämme hat fich aber in den letzten zehn Jahren eine nationale" Literatur entwickelt, welche der Kräftigung und dem Abfatze deutfchen Verlages fehr hinderlich ift. Ungeachtet der freien Bewegung, welche die erleuchtete Regierung unferes Monarchen dem Bücherverlage geftattet, hat die Production deutfcher Bücher in den letzten Jahren im Inlande viel Terrain durch die erwähnten nationalen Beftrebungen verloren. Im Auslande aber fteht ihr, wie bereits gefagt, eine übermächtige Concurrenz gegenüber, und dies ift auch der Grund, warum der öfterreichifche Verlag im Durchfchnitte einen vorwiegend localen Charakter hat und wenig exportirt wird. Der öfterreichifch- deutfche Verlag kämpft alfo mit grofsen Schwierigkeiten, und es ift nur noch die Frage, ob fich diefer Zweig der Induftrie, welcher, wie kaum ein anderer, dem Lande, wo er blüht, Ruhm und Ehre bringt, nicht wefentlich heben liefse. Nach meiner unmafsgeblichen Meinung würde es dem Verlagsbuchhandel fördernd fein, wenn fich mehr Kräfte dem Verlage ausfchliefslich widmen möchten. Bis jetzt gibt es in Oefterreich wenige Verlagsbuchhandlungen, welche nicht 16 Rudolf Lechner. auch Sortiment treiben, wodurch ihre Thätigkeit zerfplittert und fie gehindert werden, dem Verlage ihre ganze Kraft zu widmen. Diefer wird in den meiften Fällen nur nebenher, ich möchte fagen, gelegentlich betrieben. Der Sortimentsbetrieb ift aber ein fo zeitraubendes und mühfames Gefchäft, dafs die Verlagsthätigkeit darunter leiden mufs. Männer, welche fich nur mit dem Verlage befchäftigen, haben die nöthige Mufse, ihre Verbindungen mit den Autoren zu pflegen, neue anzuknüpfen und, was das Wichtigfte ift, felbft Ideen zu Verlagsunternehmungen zu geben. Es ift eine Thatfache, dafs ein grofser Theil des bedeutendften und lucrativften deutfchen Verlages aus der buchhändlerifchen Initiative hervorgegangen ift. Ich erinnere nur an die riefige Literatur der Converfationslexica( Brockhaus, Meyer, Pierer, Spamer), des Jugendfchriftenverlages( Schreiber & Schill, Hoffmann- Thienemann, Spamer) und in neuefter Zeit der Claffiker- Gemeingut- Ausgaben( Hempel, Grote, Prochaska) und der fo vielen anderen Sammelwerke in allen möglichen Richtungen, welche meiftens ihr Entftehen verlegerifcher Initiative verdanken. Wenn wir alfo eine gröfsere Menge von ausfchliefslichen Verlagsgefchäften haben werden, wird fich auch die Production wefentlich heben. Auch die Regierung könnte hier fördern, wenn fie fich einmal entfchliefsen möchte, den k. k. Schulbücher- Verlag gänzlich aufzugeben. Es iſt eine grofse Anomalie und im modernen Staate ganz unhaltbar, dafs die Regierung dem Steuerträger Concurrenz macht und ihm eines feiner wichtigften Objecte entzieht. Man hat zwar im Principe die Concurrenz der Privatverleger zugeftanden und auch manche von diefen herausgegebene Schulbücher zuläffig erklärt. Diefs reicht jedoch nicht aus; denn so lange die Staats- Buchhandlung exiftirt, wird fich die Privatinduftrie nie gehörig entfalten und diefes Feldes bemächtigen können. Man fagt: der Schulbücherverlag liefert fehr wolfeile Schulbücher und gibt Armenbücher in unbefchränkter Menge. Das fei ein grofser Vortheil für das Volk. Man darf aber wohl dagegen fragen: find diefe wolfeilen Bücher auch immer gute Bücher? Die Erfahrung antwortet: nein! Und Armenbücher liefert auch der Privatverleger, und dafs ohne Staatsanftalten auch wohlfeile und nebft bei auch vortreffliche Schulbücher entſtehen, diefen Beweis liefert das ganze deutfche Reich, wo mit Aus nahme von Baiern, nirgends mehr Staatsanftalten zur Herftellung von Schulbüchern exiftiren. Der öfterreichifche Verlagsbuchhandel hat in der kurzen Zeit, welche feit Zulaffung der Privatconcurrenz verfloffen ift, erftaunlich viele Schulbücher geliefert und man kann ihm den Vorwurf der Saumfeligkeit nicht machen. Dafs manche mittelmäfsige Producte darunter find, wen möchte diefs Wunder nehmen, wenn man bedenkt, dafs Alles, alfo auch das Verlegen von Schulbüchern, erft gelernt werden muss? Darüber kann ein Zweifel nicht beftehen, dafs die gänzliche Auflaffung des k. k. Schulbücherverlages für den öfterreichifchen Verlagsbuchhandel von gröfster Wichtigkeit wäre, und ich glaube daher der Regierung diefen Schritt im Intereffe der heimifchen Verlagsinduftrie auf das Dringendfte empfehlen zu müffen. Schlufsbemerkungen. Wenn ich fchliefslich noch einen vergleichenden Blick auf den deutfchen Buchhandel( mit Einfchlufs des öfterreichifchen) werfe, fo komme ich zu folgendem Refultat: Der deutfche Buchhandel fteht, was Vielfeitigkeit, Maffenhaftig keit, folide künftlerifche Ausftattung, praktifche Richtung, Befriedigung der literarifchen Bedürfniffe der Familie, Herftellung von Kinderbefchäftigungs- Mitteln, Kinderbüchern, Jugendfchriften und Schulbüchern und populären Schriften für das Volk betrifft, unbedingt auf der erften Stufe. Der deutfche und öfterreichifch- ungarifche Verlagsbuchhandel. 17 An Gefchmack übertreffen uns die Franzofen, durch Verwendung ungleich befferen Papiers die Engländer. Die Franzofen produciren Prachtwerke, wie Hachette's Evangiles, deren Herftellung über eine Million Francs gekoftet haben foll, wie Doré's Bibel und Doré's Dante etc.; Prachtwerke von fo koftfpieliger Art der Herftellung entbehren wir. Dagegen find wir reicher als irgend ein Volk an Prachtwerken mittleren Umfanges und fchönen Luxusausgaben der Lieblingswerke unferer Dichter, in gefchmackvoller Ausftattung zur Zierde des Salontifches. In der literarifchen Production fpiegelt fich wie fonft nirgends das Wefen und der Charakter eines Volkes. Das deutfche Volk, welches ein ungemein ausgebildetes Familienleben hat, befitzt auch eine ebenfo ausgebildete Literatur für dasfelbe. Familienjournale von der Gediegenheit und koloffalen Verbreitung der Gartenlaube, des Daheim, der Illuftrirten Welt, des Ueber Land und Meer und unzähliger anderer gibt es fonft nirgends. So gediegenes und zahlreiches Material für die Kinderftube, fo vortreffliche und unzählige Befchäftigungsmittel, Bilderbücher, Kinder- und Jugendfchriften befitzt keine Nation der Welt, wie die deutfche. Ebenfo producirt der deutfche Buchhandel eine enorme Menge von vortrefflichen Schulbüchern und populär- wiffenfchaftlichen Werken, wie fie nirgends fonft in fo grofser Menge vorkommen. Ich fürchte nicht, zu viel zu fagen, wenn ich dem deutfchen Buchhandel einen Antheil an den Beftrebungen, Bildung, Aufklärung in immer weitere Kreife zu tragen, vindicire. Und hiebei find nicht etwa von vornherein grofse Capitalkräfte thätig gewefen; faft alle Verlagsbuchhandlungen find aus kleinen Anfängen nach und nach emporgewachſen. Auch heute noch, wo fich eine fo fieberhafte Sucht, alle Zweige der Induftrie in grofsem Mafsftabe zu treiben und in Actiengeſellſchaften zu verwandeln, kund gibt, auch heute fpielt das grofse Capital im Buchhandel keine Rolle. Einige Verfuche find wohl gemacht worden, fie find aber nicht über die einleitenden Vorbereitungen hinausgekommen und fpurlos wieder verfchwunden. Wie kaum eine andere induftrielle Thätigkeit, hat der Buchhandel nur aus eigener Kraft gefchöpft. Und nun möchte ich noch einen Wunſch ausfprechen, der dem deutfchen Buchhandel lange am Herzen liegt es ift der nach einer unparteiifchen, tüchtigen und wohlwollenden Kritik, - Es muss dankbar anerkannt werden, dafs unfere grofsen politifchen Blätter fich in neuefter Zeit häufiger mit den Erzeugniffen der Literatur befchäftigen. Dennoch gefchieht in diefer Richtung noch viel zu wenig, und ich glaube, es würden fich unfere Zeitungen den Dank nicht nur der Autoren und Verleger, fondern auch des Publicums erwerben, wenn fie öfter auf die Neuigkeiten des Büchermarktes zu fprechen kämen. 2 BUCHHANDEL UND LITERATUR DES AUSLANDES Bericht von ALFRED KLAAR. Der Titel diefes Berichtes umfafst ein fehr weites, der Inhalt desfelben ein fehr enges Gebiet. Die Literatur der Völker, infofern man fie als den Inbegriff der geiftigen Arbeit auffafst, war überall auf der Weltausstellung vertreten. Vom einfachften Spielzeuge bis zur complicirteften Mafchine darf man behaupten, dass fie in ihrer gegenwärtigen Geftalt einer Art von literarifcher Thätigkeit entſprungen find; wenn aber die Literatur auf indirectem Wege aus der gefammten Production eines Volkes hervorleuchtet, wenn gerade die wiffenfchaftlichen Arbeiten, deren unmittelbarfter Ausdruck ja die Literatur ift, wie Buckle fagt,„ für alle Zeitalter, für immer find, nie jung und nie alt werden, in einem ewigen, unfterblichen Strome fortfliefsen", fo thürmten fich andererfeits der directen Vertretung einer Literatur auf der Weltausftellung grofse, vielleicht unüberwindliche Schwierigkeiten entgegen. Die Gegenftände diefer Claffe überhaupt von einem höheren Gefichtspunkte aufzufaffen, wurde auf der Parifer Weltausftellung im Jahre 1867 zum erftenmale der Verfuch gemacht, und foweit man aus dem von dem Londoner Univerfitätsprofeffor Dr. Eduard Pick erftatteten Berichte schliefsen kann, war die Arbeit keineswegs von einem grofsen Erfolge gekrönt; fie gab Anlass zu ganz intereffanten fragmentarifchen Bemerkungen, gewährte aber kein überfichtliches Bild der buchhändlerifchen Bewegung, gefchweige denn der koloffalen geiftigen Arbeit, deren Vermittlung mit dem Publicum diefem Induftriezweige zukommt. Aehnlich verhielt es fich auch diefsmal mit der Vertretung des ausländifchen Buchhandels, und es fcheint, dafs die fchwache Ausbeute, welche das vergleichende Studium auf diefem Gebiete der Weltausftellung findet, in dem Wefen der letzteren begründet ift. Jedes Ausftellungsobject, das dem instructivem Zwecke des grofsen Unternehmens entfprechen foll, ift an eine zweifache Bedingung geknüpft. Es muss nicht nur fichtbar fein, fondern auch durch das Auge in feiner ganzen Bedeutung erkannt werden können, und es mufs ferner geeignet fein, als Probe, als Mufter einer beftimmten Induftrie zu gelten. Diefen Bedingungen entſprechen die Objecte des Buchhandels wohl nach der Seite ihrer typographifchen Ausftattung und der Buchbinderarbeit, aber keineswegs in Betracht ihres geiftigen Inhalts, der für die zu beurtheilende Verlagsthätigkeit felbftverftändlich am allerfchwerften in's Gewicht fällt. Die Qualität eines Buches zu beurtheilen, ift Sache eines eingehenden Studiums, das man von Befuchern der Ausftellung gar nicht zu sprechen- angesichts der Menge der Objecte nicht einmal der Jury zumuthen kann, und die Buchhandel und Literatur des Auslandes. 19 endlich beftimmte Qualität eines Buches beweift nicht das Geringfte für die Qualität eines zweiten, das aus demfelben Verlagsgefchäfte hervorgegangen ift. Die höchften geiftigen Errungenfchaften einer Literatur können auf einem einzigen verfteckten Blatte ihren Platz finden, das, fo wenig es in's Auge fällt, in feinem bleibenden Werthe ganze Bibliotheken verdunkelt. Dazu kommt noch ein weiterer Umstand; wenn fchon ein Exemplar eines Buches fchwer zu beurtheilen ist, fo gewährt überdiefs die Ausstellung fämmtlicher Verlagswerke einer grofsen Unternehmung noch immer kein Bild der geiftigen und induftriellen Bedeutung, da diefe fich wefentlich nach der Verbreitung und dem Preife richtet, und über diefe Factoren auf den Ausstellungen bisher keine überfichtliche Aufklärung gegeben wurde. Die factifchen Ausstellungen für Buchhandel und Literatur des Auslandes werden jederzeit die ftändigen. Bibliotheken bleiben, deren Vermehrung unter der Controle eines wiffenfchaftlichen Urtheils fteht und die Jury für die Leiſtungen diefes Induftriezweiges wird alle Zeit die literarifche öffentliche Meinung bilden, welche allmälig das Material zu einer Literaturgefchichte herbeifchafft. Was auf den Weltausftellungen in diefer Hinficht exponirt, betrachtet und beurtheilt werden kann, verhält fich zu den factifchen Leiftungen, wie eine Reihe zugekorkter Flafchen ohne Etiquette zu der Weinproduction eines Landes. So fchwer nun aber die Objecte des Buchhandels überhaupt zu exponiren find und fo fchwer der Standpunkt für die Beurtheilung einer derartigen Expofition zu gewinnen ift, liefse fich doch, wie ich zum Schluffe meines Berichtes ausführlicher darzuthun gedenke, auch auf diefem Gebiete ungleich mehr für die Zwecke der Weltausftellung leiften, als thatfächlich durch die Anzahl und Art der Einzelausstellungen gefchehen ift. Den Verfuch einer felbftftändigen Darftellung des Buchhandels hat von allen hier in Betracht kommenden Staaten eigentlich nur Frankreich gemacht. In den Ausftellungen der übrigen Staaten begegnete man entweder nur der Vertretung einzelner Firmen oder die Objecte des Buchhandels erfchienen nicht als folche, fondern in ihrer Beziehung zu Buchdruckereien, Buchbindereien, Lithographien etc. In einzelnen Abtheilungen endlich konnte man vergebens nach einem Buche fahnden. Es fcheint fich eben in den Kreifen der Buchhändler das Bewufstfein feftgefetzt zu haben, dafs bisher der richtige Modus für eine erfolgreiche Ausstellung ihrer Objecte nicht gefunden ift, und daraus mag fich die fchwache Betheiligung im Gegenfatze zu der grofsen von Jahr zu Jahr fteigenden Bedeutung der Buchhändler- Induftrie erklären. Verfuchen wir nun, das wenige Gebotene zu überblicken und im Geifte zu ordnen, fo drängen fich zunächft folgende allgemeine Bemerkungen auf. Immer erfolgreicher bricht fich in fämmtlichen Culturftaaten das Beftreben Bahn, die Erzeugniffe der Literatur einer möglichft grofsen Menge zugänglich zu machen. Die Hebung der Schulen erweckt ein gefteigertes Bedürfnifs nach Büchern und zwar unmittelbar, indem fie diefelben als Hilfsmittel des Unterrichtes nothwendig macht und mittelbar, indem ein gewiffes immer mehr verbreitetes Durchschnittsmafs der Bildung zum felbftftändigen Studium herausfordert. Diefem Bedürfniffe kommt der Buchhandel durch billige Ausgaben guter Bücher entgegen, indem er feinen Gewinn nicht in der Höhe der Preife, fondern in der Maffenhaftigkeit des Abfatzes fucht. Neben diefem Auffchwunge des Buch handels, der fich in der möglichft billigen Vervielfältigung der Bücher ausprägt und der von einem unermefslichen Werthe für die Gefammtfortfchritte der Cultur eines jeden Staates ift, gibt fich ein bemerkenswerther Fortfchritt in anderer Richtung, nämlich in der Herftellung fchwieriger Druckobjecte kund. Die Verbefferungen der Preffe, die Erleichterung der Typenerzeugung, die Erfindungen auf dem Gebiete der Lithographie und der Photographie ermöglichen die Herftellung von Büchern, deren Ausftattung den vereinzelten, mühfam hergeſtellten Kunftwerken von ehemals gleichkommt. Ein drittes Moment ift die in den Verlagsgefchäften immer deutlicher zu Tage tretende Theilung der Arbeit. Mit den Fortfchritten der Specialwiffenfchaften, der unferer Zeit fo eigenthümlichen Detail2* 20 Alfred Klaar. forfchung, mit der Maffenproduction auf belletriftifchem Gebiete ftellte fich die Nothwendigkeit heraus, Verlagsgefchäfte auf ein beftimmtes Gebiet der geiftigen Production einzufchränken; denn dem Verleger ift ein Mafs des Verftändniffes für feine Verlagsartikel nothwendig, das er gegenwärtig nur noch in einer beftimmten Richtung erreichen kann. Literarifche Bewegung im Auslande. Verfuchen wir den Geift jener drei Literaturen zu kennzeichnen, die vereint mit der deutfchen den nachhaltigften Einfluss auf die Cultur ausüben, nämlich der franzöfifchen, engliſchen und italienifchen, fo kann diefs felbſtverſtändlich nur in grofsen Umriffen und nur fragmentarifch gefchehen. Das Gebiet ift zu grofs, die Arbeit auf demfelben viel zu verzweigt, um in dem Rahmen eines Ausstellungsberichtes beherrscht zu werden, und überdiefs find die Anhaltspunkte, welche in der Ausstellung felbft gegeben wurden oder aus vereinzelten Katalogen und Nachweifen der Verlagsfirmen zu fchöpfen find, keineswegs deutlich, feft und untrüglich. In Frankreich haben die fo bedeutungs- und verhängnifsvollen Schickfale der Nation eben fo wenig grofse Veränderungen auf dem Gebiete der fchönen Literatur hervorgebracht, wie die grofsen Siege und politifchen Erfolge in Deutfchland. Es bewährt fich hier wieder die alte Wahrnehmung, dafs grofse politifche Umwälzungen in der fchönen Literatur keinen unmittelbaren Widerhall, fondern erft einen späten Nachhall finden; dafs, wenn nach Goethe's Wort, die Mufe den Einzelnen zu begleiten, doch zu leiten nicht verfteht, fie den Nationen auf den Wegen einer jähen Entwicklung erft aus weiter Entfernung nachzufolgen vermag. Das Unglück der grofsen Nation hat wohl zahlreiche gedruckte Ausbrüche des Zornes, Pamphlete und Schmähfchriften, aber kaum eine bedeutungsvolle Dichtung hervorgebracht. Wer vielmehr die belletriftifchen Leiſtungen feit dem Jahre 1867 überblickt, der findet, dafs fie fich feitab von den welterfchütternden Bewegungen der Jahre 1870 und 1871 in derfelben Richtung fortbewegen, zu der die demoralifirende, aber efpritvolle, keineswegs veredelnde, aber vielfach das Raffinement verfeinernde Zeit des zweiten Kaiferthums den Anftofs gegeben. Diefs gilt wenigftens vom Roman und vom Drama, in welchen Dichtungsarten quantitativ am meiften geleiftet worden ift. In der Lyrik herrfchte ein älterer Einfluss, der der abenteuerlich- romantiſchen Schule Victor Hugo's vor, ohne dafs Meifter oder Jünger es über vergängliche Schöpfungen hinausgebracht hätten. Im Jahre 1871 fprach ein Franzofe, Philarete Charles, das harte Urtheil über feine Landsleute aus:" Vergebens fehe ich mich nach irgend einem Buche von hohem Werthe und moralifchem Inhalte, einem Stücke guter Dichtung oder Gefchichte um." Wenn auch diefe von patriotifchem Schmerze eingegebene Aeufserung als hart und einfeitig bezeichnet werden mufs, fo ift fie doch infofern anwendbar auf unfere Ueberficht, als den meiften Werken der fchönen Literatur feit dem Jahre 1867 trotz aller technifchen Vorzüge, trotz der gefteigerten Virtuofität in der Erfindung, in der Detailmalerei, in der kühnen Ausmalung focialen Elends, und trotz der anfcheinend patriotifchen Tendenz, faft durchwegs der fittliche Halt und die geiftige Hoheit und fomit auch die Grundbedingung für die Erfüllung eines bleibenden Culturberufes abgeht. Am deutlichften prägt fich die zerfetzende und wenn auch nicht felbft entfittlichende, fo doch die Entfittlichung spiegelnde Richtung der neufranzöfifchen Literatur auf dramatifchem Gebiete aus. Das Ehebruchs- und Loretten- Drama, vertreten durch den efpritvollen Sardou, den philofophifchen Dilettanten Dumas fils, Feuillet und Augier, nimmt faft ausfchliefslich das Intereffe in Anfpruch, und Verfuche an das claffifche franzöfifche Drama anzuknüpfen, fei es durch Originaldichtungen, wie Victor Laprade eine in feiner antik gehaltenen Tragödie Harmodius" geliefert hat, fei es durch die Auffriſchungen von Aefchylos, die " 1 7 1 r e t 1 , S 1 e e Buchhandel und Literatur des Auslandes. " 21 Leconte de Lisle in feinen Erinnyen" verfucht hat, blieben unbeachtet vom grofsen Publicum und befchäftigten nur die Literaturkenner und Kritiker. Auf lyrifchem Gebiete ftreben zahlreiche jüngere Kräfte dem Altmeifter Victor Hugo nach, der felbft in den letzten Jahren noch manches grofs concipirte, aber fchwach ausgeführte und tendenziöfe Gedicht( Chanfons des rues et des bois, L'Année terrible) in die Welt hinausfandte; aber nur Wenige kamen über die Grundfehler der Nachahmung, erkünftelte Stimmung und Unfelbftftändigkeit der Auffaffung hinaus. Gedankentiefe und Empfindung bewahrte unter diefen Anhängern Victor Hugo's nur Théophile Gautier, der im Jahre 1872 einen bedauernswerth frühen Tod gefun den hat. Durch fociale Agitationsgedichte machte fich François Coppé bekannt, und als Stütze der neuromantifchen Schule gilt Theodor de Banville. Unter den übrigen Lyrikern ragten Prudhomme, Lemoyne und vor allen der Arzt Chenet mit feinen„ Les Haltes" hervor. Dafs es in den Jahren 1871 und 1872 an Kriegsliedern nicht fehlte, verfteht fich von felbft, aber fie haben nicht nur keinen bleibenden poetifchen Werth, fondern widern zum Theil, wie die Gedichte:„, L'Invafion en 1870" von A. Delpit, durch die Verläumdung an, zu der fich die nationale Leidenfchaft hinreifsen liefs. Eine Ausnahme bilden nur die von einem anonymen Autor herausgegebenen„ Souvenirs: Hiftoire quotidienne", ferner Manuel's empfindungsftarke„ Les Pigeons de la Republique" und die volksthümlichen Lieder im bretonfchen Dialekte. Im Roman haben Victor Hugo ( ,, L'Homme qui rit"), Georges Sand( ,, Monfieur Sylveftre" ,,, Un dernier amour") und About( ,, L'Infâme"," Ahmed le Fellah"), die drei Vertreter des phantaftifchfocialiftifchen, des demokratifch- fentimentalen und des anmuthig- leichten Romans in bekannten Richtungen fortgearbeitet. Flambert, der den Ehebruchs- Roman auf dem Boden der Provinz fpielen läfst, Feydeau, der craffe Naturalift in der Zeichnung des Lafters, Champfleury, Hector Malot und zahlreiche Andere forgten für das Tagesbedürfnifs, das feit den Tagen Dumas und Sue's nur durch grofse Effecte und ftarkes Raffinement befriedigt werden kann. Dumas fils variirte in der ,, L'Affaire Clémenceau" das beliebte Problem des complicirten Ehebruchs. Sardou hielt, in der fpäter dramatifirten Gefchichte„ La famille Benoiton" der leichtfertigen Parifer Gefellſchaft einen Spiegel vor. Das bekannte elfäffifche Dichterpaar Erckmann- Chartrian ftellt eine Specialität auf dem Gebiete des Romans dar, indem es( L'Hiftoire d'un homme du peuple) auf dem einmal eingefchlagenen Wege der Dorfgefchichte rüftig fortfchreitet und nur in den etwas craffen Effecten den Einfluss der Parifer Salonfchriftfteller merken läfst. In, L'Hiftoire d'un plébiscite" ift die Erfindung und Ausführung durch die gehäffige, gegen Deutſchland gerichtete Tendenz getrübt. Wenn auf dem Gebiete der Belletristik in der Maffenproduction vor und nach dem Kriege der nachtheilige Einflufs der Frivolität, welche das zweite Kaiferthum grofsgezogen, herrfchend geblieben ift, fo mufs man dagegen mit Bewunderung die rüftige und umfaffende Arbeit auf wiffenfchaftlichem Gebiete anerkennen, welche, unberührt von den politifchen Umwälzungen und Verwirrungen, namentlich auf philologifchem und hiftorifchem Gebiete, die beften Traditionen des franzöfifchen Volkes wahrte. Nur einzelne wenige Werke follen als Beiſpiele hier angeführt werden; fo der nunmehr vollendete„ Dictionnaire de la langue françaife" von Littré, ein Werk, für welches der berühmte Verfaffer 29 Jahre zur Sammlung des Materiales brauchte und das fodann( begonnen im Jahre 1863) in etwa 10 Jahren vollendet wurde. Das Werk, das auf wiffenfchaftlicher Grundlage die Gefchichte eines jeden franzöfifchen Wortes bringt und dabei in der Darftellung, der Entwicklung die ganze ethnographifche und hiftorifche Bedeutung der Philologie erkennen läfst, fteht auf der Höhe der modernen vergleichenden Sprachforschung und darf als ein Seitenftück der phänomenalen wiffenfchaftlichen Leiftungen der Gebrüder Grimm in Deutſchland bezeichnet werden. Culturgefchichtlich bedeutend ift Jaquemart's" L'Hiftoire de la céramique" ( erfchienen bei Hachette), welche eine Ueberficht der Trinkgefäfse aller Zeiten 22 Alfred Klaar. und aller Völker bietet und dabei überraschende intereffante Einblicke in die focialen Verhältniffe entfernter Zeiten und Länder gewährt. Ein fehr merkwürdiges Sammelwerk ift das im Jahre 1872 vollendete Repertorium der gefammten franzöfifchen Literatur von Oberft Staaff, einem Schweden, der fein ganzes Leben an diefe Arbeit gewendet hat. Das Werk, betitelt„ La litérature françaife depuis la formation de la langue jusqu'à nos jours", bietet ein in feiner Vollständigkeit beiſpiellofes Regifter aller Erfcheinungen auf franzöfifchem Gebiete und bildet zugleich ein aus durchwegs authentifchen Quellen gefchöpftes biographifches Lexikon. Beachtenswerthe hiftorifche Werke find Filleul's Gefchichte des Perikleifchen Zeitalters, Hubbard's Zeitgefchichte Spaniens, und ein höchft merkwürdiges ethnographifches Werk ift Gasparin's " La Françe: nos fautes, nos périls, notre avenir", eine von der bekannten Eitelkeit und Selbſtvergötterung der Franzofen freie, geiftvolle Schilderung des franzöfifchen National charakters." L'éloquence politique et judiciaire à Athènes" von Perrot beabsichtigt eine vollſtändige Gefchichte der griechifchen Rhetorik, deren erfter Theil, die Vorläufer des Demosthenes umfaffend, ebenfo gründlich gehalten als anziehend gefchrieben ift. " In dem von politifchen Stürmen faft unberührten England bewegte fich die fchöne Literatur in dem von uns zu überblickenden Zeitraume von 1867 bis 1872 auf ebenen, durch eine frühere Entwicklung bereits vorgezeichneten Bahnen. Bemerkenswerth ift die verhältnifsmäfsig reiche Pflege der Lyrik und zwar jener reinen Gefühlspoefie, die fonft in den modernen Literaturen grofsen Theils den Werken des Geiftreichthums und der überreizten Phantafie gewichen ift. Tennyfon, bekanntlich der gekrönte Dichter Englands, war der Hauptvertreter diefer Richtung und hat in einer Reihe neuer Gedichte( zum Theile auch epifchen Inhalts) feine aufsergewöhnliche Productivität bekundet. Enoch Arden"," Maud"," Idyls of the King" berühren uns in ihren religiöfen, moralifirenden Abfchweifungen etwas fremdartig, tragen aber doch in ihrem ungemein lieblichen Ausdruck der Empfindung das Gepräge ungekünftelter Poefie. Ebenbürtig neben Tennyson ftellt fich Browning, deffen Gedichte Bells and pome granates"," Chriſtmas eve and Easter day"," Men and Women"," The Ring and the Book" trotz des vielfach überfchwänglichen Ausdrucks, fich durch hohen Schwung und Gedankenreichthum über die Fluth der vergänglichen poetifchen Erzeugniffe des Tages weit erheben. Unter dem Pfeudonym Owen Meredith that fich der Sohn des weltbekannten Romanfchriftftellers Bulwer durch feine Gedichte ,, Clytemneftra ,,, Chronicles and Characters" rühmlich hervor und aufserdem find von neu aufftrebenden Talenten Buchanan, Swineburne, auf dem wenig bebauten Gebiete der Satire der rafch bekannt gewordene Auſtin zu nennen. " Zahlreicher als in früheren Tagen huldigen Frauen in England der lyrifchen Mufe und einen ehrenvollen Namen erwarben fich von diefen Anna Proctor, Mrs. Norton, Mrs. George Lenox Conyngham, und vor Allen Mifs Evans ( George Eliot), die freilich die reichlichften Lorbeeren auf dem Gebiete des Romans erworben hat. Seltfam vernachläffigt erfcheint in England, dem Vaterlande des gröfsten Dramatikers, die dem Theater gewidmete Production. Für das Tagesbedürfnifs forgen neben den Franzofen, deren Stücke weit fleifsiger als Shakeſpeare reproducirt werden, einige Bühnenfchriftfteller von wefentlich blofs technifcher Fertigkeit, wie Marc Cleman, Tom Taylor und Andere, durch Melodramen und Senfationsftücke, theils von originaler Erfindung, theils für die englifche Bühne bearbeitet. Faft unüberfehbar dehnt fich das Gebiet des Romanes aus, auf dem die Engländer, quantitativ und qualitativ in ihrer Production fehr bedeutend, allen Claffen der Bevölkerung die reichlichfte Nahrung zuführen. Von den literarifch bedeutenden Romanfchriftftellern find die altbewährten Namen Disraeli und Collins, von denen noch in den letzten Jahren bedeutende Buchhandel und Literatur des Auslandes. 23 Publicationen ausgegangen find und neben diefen als jüngere Kräfte die gelehrte Stilkünftlerin Mifs Evans, Reade, der Nachfolger von Dickens und Thackeray, der Vertreter des chriftlich- focialen Romans Kingslay, der aus fernen Welten fchöpfende Trollope, der Effayift Henry Holbeach und bezeichnender Weife ein deutfcher Schriftfteller, Julius Rodenberg, deffen in englifcher Sprache gefchriebener Originalroman ,, King by the Grace of God" felbft von Briten zu den beften Erzeugniffen der Nationalliteratur gezählt wird. Die in ihrer Art merkwürdig gefchickten, phantafiereichen und in der Detailmalerei den guten Schriftftellern ebenbürtigen Verfaffer von Senfationsromanen, wie Mifs Braddon, Miftr. Booth, Capitän Mayne Raid und Andere mehr, waren in unferem Zeitraum gleichfalls nicht müfsig und überfchwemmten nicht nur den englifchen Markt mit ihren für die Leihbibliotheken unentbehrlichen Producten. Ein Seitenblick auf die englifche Literatur in Amerika gewährt die intereffante Wahrnehmung, dafs fich mitten in dem Getriebe der effecthafcherifchen Tagesliteratur und praktiſch nüchterner Publicationen eine poetifche, fchwärme rifch und mitunter religiös angehauchte Richtung geltend zu machen weifs. Einen nationalamerikaniſchen Zug weift diefe Richtung in den fieben Gefängen auf, in denen Joaquin Miller, der rafch berühmt gewordene Sänger der neuen Welt, feine Erlebniffe im Lande der Goldgräber in phantaftifcher Einkleidung berichtet. Bemerkenswerth ift ferner Longfellows" The divine Tragedy", ein ftreng religiöfes Paffionsgedicht, das fich mit feiner erkünftelten Begeisterung den berühmten Liedern des amerikaniſchen Dichters nicht an die Seite ftellen kann. Auch in Italien hat die Vollendung des grofsen politifchen Einigungswerkes zunächft noch keinen fichtlichen Einfluss auf die Pflege der fchönen Literatur ausgeübt. In Manzoni wurde der Beherrfcher der grofsen reformatorifchen Bewegung auf literarifchem Gebiete zu Grabe getragen, ohne dafs ein gleich umfaffender und energifcher Geift feine Erbfchaft angetreten hätte. In der Kunft. form mafsgebend für das ganze jüngere Poetengefchlecht Italiens ift Manzoni mit feinen philofophifchen und politifchen Gedanken nicht mehr tonangebend. Die italienifche Literatur ringt nach einem neuen Inhalte und wie in allen ähnlichen Perioden wird die Production von der Kritik überwuchert; unterdeffen fehlt es nicht an poetifchen Verfuchen, welche ein literarifches Mittelgut repräfentiren. Die Lyriker Prati, Aleardi, Zanella haben fich durch patriotifche Lieder einen angefehenen Namen gemacht. Giofuè Carducci erwarb fich durch feine mafslos leidenfchaftlichen Gefänge viele Anhänger und ein bemerkenswerthes Buch ift der Piccolo Romanziere von Enrico Panzachi, eine Nachahmung des bekannten Romanzenkranzes von Heine. Auf dramatifchem Gebiete wird fehr viel producirt, um dem Tagesbedürfnifs der Bühnen zu genügen. Originalftücke treten an Stelle. der franzöfifchen Producte, die man allmälig gänzlich aus den italienifchen Thea tern verdrängt hat. Neben dem Luftfpiel, das fich in den hergebrachten italienifchen Formen bewegt, behaupten das Rührdrama und das Senfationsftück die erfte Stelle. Durch glückliche Verfuche, auf komifchem Gebiete die claffifchen Traditionen zu bewahren und zugleich modernen Inhalt in die alten Formen zu giefsen, that fich Ferrari hervor; neben ihm find Coffa, der noch immer productive Giacometti, Coftetti, Carrera und Cavallotti, der demokratifche Tendenzdramatiker, zu nennen. Am fchwächften ift der Roman vertreten, auf deffen Gebiete nur die Verfuche Guerzoni's und Donati's eine edlere Richtung anbahnen. Im Uebrigen herrfcht die Nachahmung franzöfifcher Autoren und eine krankhaft fentimentale Richtung, welche der höheren Bildung ermangelt. Der gediegene hiftorifche Roman, der fo lange Zeit in Italien blühte, hat gegenwärtig keinen Vertreter. Ernft, erfolgreich und umfaffend war das Streben der italienifchen Nation in den letzten Jahren auf wiffenfchaftlichem Gebiete, fowohl was die Naturforfchung, als was die Gefchichte und Archäologie anlangt. Die hiftorifche Forfchung hat durch die 24 Alfred Klaar. Wiedereröffnung der lange verfchloffen gewefenen Archive neue Nahrung gefunden und gleichzeitig äufsert die nach dem bedeutungsvollen Jahre 1859 durchgeführte Schulreform in der Gegenwart den glücklichften Einfluss auf die Pflege claffifcher Studien. Das Archivio ftorico wurde durch wichtige neue Arbeiten, namentlich durch die Gefchichte Savonarola's von Pasquale Villari bereichert. Vom höchften Werthe für die claffifche Philologie ift die Gefchichte der claffifchen Literatur von Tamagni und nur beifpielsweife follen die Arbeiten Vannucci's, Fabbretti's, Fiorelli's und Trezza's erwähnt werden. Zur Gefchichte der Philofophie lieferten Ferri, Berti und Conti beachtenswerthe Beiträge. Buchhandel und Verlag des Auslandes. Im Folgenden werden auf Grundlage perfönlicher Anfchauung und der für die Ausftellung veröffentlichten Kataloge Bemerkungen über die Ausftellungsobjecte der einzelnen Länder gegeben; dafs diefelben, da das Ausftellungsmaterial auf unferem Gebiete nichts weniger als vollſtändig und überfichtlich geordnet war, nur fragmentarifch ausfallen können, wurde fchon im Eingange angedeutet. Auch war es unmöglich, in diefen kurzen Skizzen überall denfelben Eintheilungspunkt feftzuhalten, da die in der Ausftellung felbft gebotenen Anhaltspunkte bei der Vertheilung unferer Objecte auf verfchiedene Gruppen fehr ungleichartiger Natur waren. Ein Hinübergreifen auf verwandte Gebiete war unter folchen Umftänden nicht zu vermeiden, und wo die eigentlichen Ausstellungsobjecte entweder gar nicht oder in kaum beachtenswerther Weife vertreten waren, glaubte der Berichterftatter, den zum Zwecke der Ausftellung erfchienenen ftatiftifchen Nachweifen Beachtung fchenken und Glauben beimeffen zu dürfen. Frankreich. Am gefchmackvollften in der Ausftattung, am reichften im Inhalt, am überfichtlichften in der Anordnung war von allen Ausflellungen des Buchhandels die franzöfifche. Sie war im Grunde genommen die einzige, aus welcher der in beſtimmter Richtung arbeitende Geift eines Volkes den Beobachter anfprach und die, wenn fie auch fo wenig wie eine andere, ein folides ftatiftifches Material darbot, doch wenigftens durch die Anfchauung ein ungefähres Bild der literarifchen Gefammtthätigkeit vermittelte. Zwei Momente fprangen als Kriterien der franzöfifchen Arbeit auf diefem Gebiete fofort in's Auge: der rege Gemeinfinn im Wirken der Verleger und der Wetteifer derfelben in der möglichft gefchmackvollen Ausftattung ihrer Erzeugniffe. Ein Centralorgan für die Beftrebungen des Buchhandels, der Buchdruckerei, des Papiergefchäftes, des Handels mit Muficalien und mit Kupferftichen wurde in einem Vereine der Inhaber aller aufgezählten Gefchäftsbranchen, welche an der Herftellung eines Buches oder graphifchen Kunftwerkes betheiligt find, zu Paris gefchaffen; das Wirken diefes Vereines, der in ähnlicher Weife wie der Verein der deutſchen Buchhändler, durch die Herausgabe des Börfenblattes für den deutfchen Buchhandel fich durch die Herausgabe der„ Bibliographie de la France" und des Journal général de l'Imprimerie et de la Librairie" grofse Verdienfte um den Buchhandel erwirbt, wurde durch die Verleihung des Ehrendiploms gewürdigt. Unter den franzöfifchen Verlagsfirmen nimmt das weltberühmte Haus Hachette& Comp. einen anerkannt hervorragenden Rang ein, fowohl durch die Grofsartigkeit des Gefchäftsbetriebes, durch die technifche Vortrefflichkeit der Producte, als durch die ernfte Unterſtützung von Cultur- und Bildungszwecken. Man kann behaupten, dafs diefe Firma feit ihrem Beftande eine ganze Bibliothek gefchaffen hat, welche für fich die Quelle einer abgefchloffenen harmonifchen Bildung darftellt. Das jüngfte Verlagswerk, welches nach zwölfjähriger Arbeit erft zur Ausftellung vollendet wurde, gilt zur Zeit als ein unerreichtes Mufter der Vervollkommnung graphifcher Künfte. Die Herſtellung des Werkes, der grofsen Buchhandel und Literatur des Auslandes. 25 Prachtausgabe des Evangeliums, mit Illuftrationen von Bida, unter Mitwirkung von Roffigneux, koftete nicht weniger als 1,200.000 Francs. Der jüngfte im Auguft 1873 erfchienene Katalog der Verlagswerke von Hachette bietet ein überfichtliches Bild der gleichmässigen Pflege aller Literaturzweige vom primitiven Schulbuche an bis zu den in den riefigften Dimenfionen angelegten Wörterbüchern, Encyklopädien und Sammelwerken faft jeder Art. Eine höchft bemerkenswerthe Specialität bilden die zu aufserordentlich billigen Preifen hergeftellten Bibliotheken der fchönen Literatur, des populären Wiffens und der praktifchen Kenntniffe. Um das Streben der Firma in ihren beiden Hauptrichtungen zu kennzeichnen, wollen wir bei zwei Gruppen der Verlagswerke ein wenig verweilen. Bei der einen, in welcher fich das Streben nach gröfster Vollständigkeit des Inhaltes und möglichfter Vervollkommnung der Ausführung ausfpricht und welche die fchwierigften und theuerften Verlagswerke umfasst, und bei der anderen, welche das tägliche Brot der geiftigen Nahrung für die Menge liefert und bereits feit geraumer Zeit jene Aufgabe der Popularifirung bedeutender nationaler Schriftfteller erfüllt, welche fich in Deutfchland Reclam in Leipzig und das„ Bibliographifche Inftitut" in Hildburghaufen geftellt haben. Von encyklopädifchen Werken und Dictionären find folgende im Verlage von Hachette erfchienen eines über franzöfifche Sprache von Littré, deffen Bedeutung an einer anderen Stelle diefes Berichtes bereits gewürdigt worden, ein geographifches, welches Frankreich, Algier und die Colonien umfafst, von Adolphe Joanne unter Mitwirkung einer Gefellſchaft von Hiftorikern und Geopraphen, eines über die chrift. lichen Alterthümer, das in vier grofsen Abtheilungen das Refultat erfchöpfender Studien über die Sitten der erften Chriften, über einfchlägige Monumente, Kleidungen und Möbel und eine Gefchichte der chriftlichen Archäologie bietet, von Abbé Martigny, eines über griechifche und römifche Alterthümer unter der Redaction von Darmberg und Saglio, eines über die Synonyme der franzöfifchen Sprache von Lafaye, eines über die alte und moderne Geographie von Meiffas und Michelot, ein hiftorifches über Frankreich von Lalanne, ein Univerfallexikon über das Leben auf dem Lande und in der Stadt, redigirt von Beleze, ein Univerfallexikon der Wiffenfchaften und Künfte in II Bänden, ein Univerfallexikon der Gefchichte und Geographie, ein Univerfalatlas, ein Univerfallexikon über die Zeitgenoffen( alle drei redigirt von Bouillet), eines über die mathematifchen Wiffenfchaften und eines über die Chemie. Von den billigen Ausgaben foll nur die Bibliothek der hervorragenden franzöfifchen Schriftfteller, die der befferen einheimifchen und fremden RomanSchriftfteller und die der populären Literatur hervorgehoben werden, von denen jeder Band I Franc 25 Centimes koftet. Kleinere nützliche Schriften werden in Ausgaben, welche 50 oder blos 25 Centimes koften, von der Verlagshandlung Hachette verbreitet. Von den illuftrirten Werken nennen wir den von Doré verbildlichten Don Quixote und die prachtvolle gleichfalls mit Bildern von Doré gezierte Ausgabe von Dante. Neben Hachette ragt unter den gröfseren franzöfifchen Verlagsfirmen das Haus Firmin Didot frères, fils et Comp. hervor. Auch deffen Wirkfamkeit erftreckt fich faft auf fämmtliche Gebiete der Belletriftik und der wiffenfchaftlichen Literatur. Eine Specialität bildet die befondere Herausgabe der hiftorifchen und literarifchen Hauptwerke des Mittelalters, worunter eine neue Ausgabe von Froiffart, dem liebenswürdigen Chroniften( 1322 bis 1400), und die Memoiren von Commynes über das Regiment von Louis II. und Karl VIII. Auch in dem Verlage der lateinifchen und griechifchen Claffiker nimmt Didot den erften Rang ein. Eine befondere Ausftellung von ftatiftifchen Werken hat die Stadt Paris veranſtaltet, ein ebenfo fchönes wie geordnetes Bild der ftädtiſchen Thätigkeit. Wenn diefe Berichte und Pläne, welche im Wefentlichen die Anftrengungen der Stadt darftellen, neue Afyle und Volksfchulen für die Kinder und Specialfchulen zu errichten, auch nicht unmittelbar unferer Gruppe angehören, fo können fie 26 Alfred Klaar. doch auch als culturgefchichtlich bedeutende Erzeigniffe der Literatur in diefem Berichte gewürdigt werden. Die fpecielle Pflege gewiffer Zweige des Buchhandels, die fich in diefer Induftrie immer mehr Bahn bricht, und deren fchon im Eingange gedacht wurde, tritt befonders anfchaulich in Frankreich hervor. So befaffen fich die Firmen Baudry und Ducher& Comp. vornehmlich mit grofsen architektonifchen Werken, Paul Ducrocq und Lefèvre mit gut ausgeftatteten Jugend- und Kinderfchriften; Belin Veuve mit wohlfeilem Claffikerverlag, J. Dumaine mit militärifchen Werken und Landcarten, E. Roret mit technifchem und naturwiffenfchaftlichem Verlag, hauptfächlich für das gröfsere Publicum, J. Rothfchild mit prächtigen Illuftrationswerken( darunter das bekannte Buch„ Les promenades de Paris") und Levy mit artiftifchen Werken, Jouauft mit Werken im Renaiffanceftyl, Morel& Comp. mit wahrhaft grofsartigen techniſch vollendeten Büchern über bildende Kunft, Hetzel mit Erziehungs- und Bildungsfchriften, Chaix mit Werken über Eifenbahnwefen, Guillaumin& Comp. mit Büchern über Volkswirthschaft und Finanzwefen, Gauthier- Villars mit technifchen und artiftifchen Schriften, H. Renouard mit der Gefchichte der bildenden Künfte", Techener und Pillet mit bibliographifchen Werken, das grofse Haus Mame & fils in Tours mit maffenhaft erzeugten Gebet- und Erbauungsbüchern, defsgleichen Le coffre fils und Pouffielgue frères mit frommen Schriften, Le Roy mit Werken über Alterthumskunde, Le Brument mit Specialgefchichte, Magny mit genealogifchen Schriften, Lacroix mit Buchdruck und Buchhandel für Ingenieurarbeiten, Plon vornämlich mit hiftorifchen, politifchen und militärifchen Werken und endlich Lemoin mit Muficalien und Mufikgefchichte. دو Von intereffanten Einzelwerken und periodifchen Schriften erheifchen folgende noch eine befondere Würdigung: Die von Menard geleitete, mit technifcher Vollendung ausgeführte:" Gazette des Beaux Arts"( europäiſcher Courier für Kunft und Sehenswürdigkeiten), welche in wohlthätiger Weife für die Verbefferung des Gefchmackes in Kunft und Kunftgewerbe wirkt, das reich ausgestattete Journal„ L'Illuftration"( herausgegeben von Ate Marc& Comp.), die Sammlung der franzöfifchen Claffiker nach den Originaltexten des XVI. Jahrhunderts( herausgegeben von Alphonfe Lemerre), die bildliche Darstellung der Coſtume vom 4. bis 19. Jahrhundert( herausgegeben von Jaquemin), das Werk„ Les Humanités modernes" von Profeffor Ph. Kuff, das ,, Album der Welt" und ,, die Schlöffer Frankreichs" ( herausgegeben von Lheureux Pages& Comp.), das Wörterbuch der Künfte und Manufacturen( herausgegeben von Laboulaye) und endlich das franzöfifch- lateinifchchinefifche Wörterbuch der lebenden Mandarinenfprache von Paul Ferny ( gedruckt bei Ad. Lainé). Der ftarke nationale Zug im franzöfifchen Wefen, der in feinen extremften Aeufserungen manches Staatsunglück heraufbefchworen hat, führte auf der anderen Seite zu centralifirenden wiffenfchaftlichen Beftrebungen, in deren Anordnung und gewiffenhafter Durchführung die Franzofen als Mufter voranleuchten können. Ein anfchauliches, impofantes Bild einer derartigen Thätigkeit bot die Ausstellung des franzöfifchen Unterrichtsminifteriums; eine überfichtliche Darftellung der gefammten Schulentwicklung, die zugleich in ihren höheren Stufen die Ausbreitung der wiffenfchaftlichen Literatur in grofsen Zügen dem Beobachter vorführte. Die von der Regierung veranstaltete Ausftellung umfafste alle officiellen Berichte über den Unterrichtsorganismus, Nachweifungen über die Fortfchritte auf dem Gebiete ihrer Wiffenfchaft und eine grofse Anzahl von Differtationen pro gradu, aus denen die lebendige Vermittlung des wiffenfchaftlichen Lehrftoffes zu entnehmen war. Befondere Hervorhebung verdient die vom Gouvernement angeordnete und von Firmin Didot beforgte Herausgabe des für die Gefchichte Frankreichs ungemein wichtigen Werkes„ Documents inédits", in welchem die Tabula peutingeriana und Jourdan's Gefchichte der Parifer Univerfität enthalten find. Buchhandel und Literatur des Auslandes. 27 Wer die wahrhaft überwältigend grofse Summe geiftiger Arbeit in der Ausftellung erblickte, der erhielt ein Gefühl davon, wie inmitten der Hüllen wechfelvoller und verwirrender politifcher Bewegungen, wie in den vergänglichen Formen von Königthum, Kaiferthum und Republik, fich ein Kern rüftig vorfchreitender, ungemein emfiger Nationalarbeit behauptet hat. Die Lichtfeite des Strebens nach Gloire, das fo oft über Europa und Frankreich feinen düfteren Schatten geworfen hat, trat hier in dem traditionell bewahrten Princip der Franzofen, die Machtfrage als eine Culturfrage aufzufaffen, zu Tage. Ein Bild vieljähriger und erfolgreicher Thätigkeit in Erforschung der franzöfifchen Gefchichte gewann man auch aus den nationalen Archiven( Paris), und grofse Leiftungen auf dem Gebiete der Specialforfchung wies die Société des antiquaires de Normandie auf. Um von der literarifchen Production Frankreichs überhaupt ein überfichtliches Bild zu geben und die Vertheilung der Arbeit auf die verfchiedenen Gebiete der Literatur erkennen zu laffen, foll hier ein ftatiſtiſcher Nachweis über die Anzahl der im Jahre 1869 erfchienenen Bücher folgen. Es wird abfichtlich das letzte Jahr vor dem grofsen deutfch- franzöfifchen Kriege gewählt, weil in der Folgezeit die productiven Arbeiten felbftverſtändlich aus ihren regelmässigen Bahnen gelenkt und überdiefs die ftatiftifchen Nachweifungen aus den folgenden Jahren mannigfach behindert wurden. Im Jahre 1869 wurden nach einer an der Hand des Rheinwald'fchen Gefammtkataloges vorgenommenen Zählung nahezu 4800 Bücher auf den Markt gebracht. Diefelben vertheilen fich folgendermafsen auf die verfchiedenen Gebiete der literarifchen Production: Théologie 403( 329 katholifche, 68 proteftantifche, 5 ifraelitifche und I griechifch- katholifches Werk), Philofophie 119, Rechtswiffenfchaften 258( Legislation und Adminiftration), Staatswiffenfchaften 98, Handel und Finanzen 57, Gefchichte fammt ihren Hilfswiffenfchaften 382, Politik 364, Biographien 112, Geographie 169, fchöne Literatur im Ganzen 937, darunter 282 kritifche Werke und Gefammtausgaben berühmter Autoren, 332 Romane, 215 dem Theater gewidmete Werke und zwar 32 kritifche und 182 Theaterstücke, endlich 108 poetifche Werke, theils lyrifchen, theils epifchen Inhaltes. Naturwiffenfchaften ( allgemeiner Natur, Phyfik, Chemie, Anthropologie, Zoologie, Botanik, Mineralogie, Geologie, Paläontologie) 242, Medicin 402, Mathematik 215( mit Einfchlufs der Werke über Aftronomie, Optik, Militärwiffenfchaft und Schifffahrt), Technologie 305, worunter Eifenbahn, Mafchinenwefen, Kunftgewerbe, Agricultur, Gartenbau und Hauswirthschaft, fchöne Künfte 169, darunter 22 allgemeine, 14 architektonifche, 46 über Malerei und Sculptur, 16 muficalifche, 7 photographifche und endlich 64 Werke, welche fich mit Archäologie und mittelalterlicher Kunft befchäftigen. Philologie und Linguiftik 160, 14 über Sprachen überhaupt, 50 über orientalifche, 57 über claffifche und 39 über moderne Sprachen. Erziehungsfchriften 223, darunter 97 Lehrbücher, 94 Jugendfchriften und 32 pädagogifche Werke. Die in diefer Aufzählung nicht enthaltenen 172 Schriften find Annalen, Almanache und Monographien verfchiedenen, aufserhalb der angeführten Fächer liegenden Inhaltes. Wie man aus diefer Aufzählung erfieht, ift auf dem Gebiete der fchönen Literatur der Roman, auf dem der Wiffenfchaft Theologie, Medicin, Gefchichte und Politik am stärksten vertreten. Diefes Verhältnifs ift als ein im Wefentlichen gleiches auch in den Jahresüberfichten von 1867 und 1868 wahrzunehmen.* * Als Mafsftab zur Vergleichung mögen hier ftatiftifchen Daten dienen, aus denen fich ein Durchfchnittsmafs der literarifchen Gefammtproduction in Deutfchland entnehmen läfst. Von 1851 bis Ende 1872 hat der Buchhandel Deutfchlands etwa 200.000 Novitäten auf den Markt gebracht, in mässiger Steigerung jährlich etwa 10.000. Eine detaillirtere Ueberficht ift in dem Berichte des Herrn R. Lechner zu finden. 28 Alfred Klaar. England. In faft bedauerlicher Weife gab fich der praktiſche Sinn der Engländer, welche die Unzulänglichkeit des Modus, in welchem gegenwärtig noch die Ausftellung des Buchhandels veranstaltet wird, herausgefunden haben mögen, in einer faft vollſtändigen Vernachläffigung unferes Gebietes kund. Die einzige gröfsere Verlagsfirma, welche ein Bild des englifchen Buchhandels bot, war das Haus Owen Jones in London. Die Hauptverdienfte diefes Haufes beftehen in der Hebung des guten Gefchmackes bei Künftlern, Producenten und Concurrenten nicht nur in England, fondern man darf fagen, in der ganzen gebildeten Welt. Mittelbar und unmittelbar gibt fich diefes Streben durch Feftftellung neuer Principien in den verfchiedenen Zweigen der Kunft und ihrer Anwendung auf die Kunftinduftrie, dann durch die Herausgabe vorzüglicher Werke über Ornamentik mit erläuterndem Text( Alhambra, Grammer of Ornament etc.) zu erkennen. Die letztgenannten Werke find zuverläffige Wegweifer auf architektonifchem Gebiete und bilden in Form und Farbe eine wahre Fundgrube muftergiltiger Beiſpiele für die ganze zeichnende Welt. Abgefehen von diefer Firma, war die englifche Verlagswelt mit ihrer aufserordentlich reichen, namentlich quantitativ ungemein fruchtbaren Thätigkeit auf der Ausftellung fehr fpärlich vertreten. Ein Bild grofsartiger Propaganda, wie bei allen bisherigen Ausftellungen, boten die englifchen pietiftifchen Geſellſchaften in einer Collectivausftellung ihrer frommen Bücher, die bekanntlich in Millionen unentgeltlich oder zu Spottpreifen in der ganzen Welt verbreitet werden. Die Bibelgefellfchaft„ Britiſh and Foreign Bible Society" wurde im Jahre 1804 gegründet und erfüllte feither mit immer fteigendem Eifer den Beruf, die heilige Schrift ohne Noten und Commentar in der ganzen Welt zu verbreiten. In einem umfangreichen, gefchmackvollen Auslagskaften waren ihre Objecte, Bibeln in allen Sprachen und Dialekten, zu fehen. Die ,, Religious Tract Society" verbreitet in derfelben Weife nicht nur Bibeln, fondern religiöfe Schriften aller Art. Die Book- Hawking Union betreibt fehr fchwunghaft die Colportage ähnlicher Erzeugniffe zu Verkaufszwecken unter armen Leuten und unter dem Landvolke. Die Society for Promoting Chriftian Knowledge läfst endlich in ähnlicher Weife nebft religiöfen Werken auch belehrende und Unterhaltungsfchriften verbreiten. Die bedeutendfte der angeführten Gefellſchaften ift die Bibelgefellfchaft, welche im Jahre 1804 in der ausgefprochenen Abficht, das Wort Gottes in der ganzen Welt zu verbreiten, gegründet wurde. In 68 Jahren hat fie nicht weniger als 165 Millionen Francs auf Ueberfetzung, Druck und Verbreitung der heiligen. Schrift verwendet und aus ihren Depôts find nicht weniger als 65 Millionen Bibeln in mehr als 200 Sprachen und Dialecten hervorgegangen. In allen Hauptftädten Europas hat fie Agenten, Correfpondenten, Colporteure und Depôts und ihre Wirkfamkeit erftreckt sich auf alle Welttheile und alle Völker. In Verbindung mit den grofsen Miffionsgefellſchaften hat fie die Bibel unter den Syriern, Perfern, Indiern, Chinefen, Abyffiniern, Kaffern, den Bewohnern der Infel Madagaskar, von Neufeeland und Mexico, unter den Eskimos, kurzum unter fämmtlichen der Propaganda nur irgendwie erreichbaren Völkerfchaften verbreitet. Der 69. Jahresbericht, welcher im Jahre 1873 erfchienen ift, weift eine Gefammtverbreitung von 212 Millionen Exemplaren aus. Hilfs- und Zweiggefellſchaften wurden in allen Theilen Englands und in den Colonien gegründet. Gegenwärtig beftehen nicht weniger als 4360 Hilfs-, Zweig- und Verbindungsgefellſchaften in Grofsbritannien felbft und 1080 in den englifchen Colonien und anderen Provinzen. Viele diefer Gefellfchaften werden. von Frauen geleitet, welche der frommen Propaganda grofse Dienfte geleiftet haben. Der Colportage, welche überall, wo die Behörden keine Schwierigkeiten in den Weg legen, ungemein fchwunghaft betrieben wird, verdankt diefe Gefellſchaft, welche die erften Verfuche der Colportage im grofsen Style machte, ihre Bedeutung auf buchhändlerifchem Gebiete. Buchhandel und Literatur des Auslandes. 29 Obwohl nicht unmittelbar auf unfer Gebiet gehörig, darf das South Kensington Mufeum wegen feines grofsen Einfluffes auf Kunft und Literatur nicht übergangen werden. Durch feine Sammlungen, die damit verbundenen Belehrungen und einfchlägigen Vorträge verbreitet es Einficht und Bildung in den weiteften Kreifen und hat fowohl dadurch, wie durch den Zeichenunterricht und die Heranbildung von Zeichenlehrern und Werkführern für das Kunstgewerbe, eine ganze technifche Literatur hervorgerufen. Aus den britifchen Colonien in Indien lagen mehrere beachtenswerthe Zeugniffe eines fyftematiſchen Strebens nach Bildung und Civilifation vor. Auf unferem Gebiete ragten die Ausstellungen des Local comités von Madras, las Bücher, Zeitungen und Erziehungsfchriften vorlegte, des Comités von Bombay. das Schriften, Karten und Zeitungen zur Einficht auflegte, des Local comités der nordweftlichen Provinzen, das unter anderen Werken eine fehr umfaffende Bibliotheca Indica ausgeftellt hatte, die Regierung von Bombay mit ihrem unter Anderem zur Ausftellung gebrachten Wörterbuche der Sanskrit- Wurzeln und dem Gloffarium über die Zend- Avefta und endlich Dr. Leitner in Lahore mit zahlreichen Zeugniffen feiner civilifatorifchen Wirksamkeit hervor. Der letztgenannte Gelehrte, deffen in Indien gedruckte Werke in mehreren Sprachen ausgeftellt waren, hat die gröfsten Anftrengungen für Erziehung und Bildung gemacht und widmete nicht nur feine ganze geiftige Kraft, fondern auch einen grofsen Theil feines Vermögens( 300.000 fl.) den von ihm verfolgten Culturzwecken. Intereffant war es, einen Einblick in die grofse Verbreitung des Zeitungswefens im englifchen Indien zu gewinnen; es erfcheinen zahlreiche Tagblätter und Fachzeitungen in der Sprache der Eingeborenen, Urdoo- und Hindu- Zeitungen, Zeitungen in der Punjab- Sprache, in Myfore Canavefifche Gefpräche über Gerichtsfachen" und andere. 99 Nordamerika. So wenig die Bücherausftellung der Vereinigten Staaten geeignet war, auch nur ein fchwaches Bild der literarifchen Bewegung und der buchhändlerifchen Induftrie jenfeits des atlantifchen Oceans zu geben, fo gewährte doch das Wenige und Fragmentarifche einen wahrhaft überraschenden Ausblick auf die Thätigkeit, durch welche in der gröfsten aller Republiken von Staats wegen die geiftige Arbeit unterstützt wird. Wenn man fo oft mit kühlem Lobe, oder gar mit Tadel der amerikanifchen Nüchternheit gedenkt, wenn theoretifche Gelehrte, Dichter und Künftler fich fo oft von einem Staatswefen glauben abwenden zu müffen, in dem der dominirende praktifche Sinn jedes abfolut ideale Streben zurückzudrängen fcheint, fo koftet es Nichts, als einen ernften Einblick in die literarifche Gefammtthätigkeit Nordamerikas, um zu erkennen, dafs der materielle Gewinn, auf den die Amerikaner mit fo viel Nachdruck im Einzelnen hinarbeiten, im Grofsen und Ganzen wiederum in imponirend grofsem Style der geiftigen Arbeit zugewendet wird, und dafs fich in der alle fürftliche Grofsmuth weit überragenden Unterſtützung der Schulen und aller ernften wiffenfchaftlichen Disciplinen das Streben offenbart, das, was den Vereinigten Staaten an einer hiftorifchen Entwicklung der Literatur abgeht, durch ausgedehnte, verzweigte und reich dotirte Stiftungen in modernem Geifte zu erfetzen. Von dem immenfen Bücherreichthum Nordamerikas, das die induftrielle Seite des Buchhandels zur höchften Blüthe gebracht und in der Menge der Production die alte Welt weitaus übertroffen hat, gab die Ausftellung kein entfprechendes Bild. Von den grofsen Verlagsfirmen waren nur Harper brothers& Comp. in New York, ein Haus, das 600 Menfchen befchäftigt und jährlich über 2 Mil lionen Bücher verkauft, und Lippincott& Comp. in Philadelphia, vielleicht das gröfste Verlagsgefchäft der Welt, in hervorragender Weife vertreten. Neben diefen fiel die Ausftellung der Firma Appleton& Comp. in New York durch das grofse topographifche Werk über Nordamerika vortheilhaft auf. Einen tieferen 30 Alfred Klaar. Einblick in die ungemein reichhaltige Production der Vereinigten Staaten gewährte die Ausftellung von Journalen, von welchen der Buchhändler E. Steiger mehr als 5000 verfchiedene Exemplare gefammelt und in zahlreichen Folianten claffificirt hat; ferner die Unterrichtsausftellung mit dem grofsen Organismus von Lehrbüchern für fämmtliche Schulen und endlich die Ausstellung von öffentlichen Bibliotheken, von denen nicht weniger als 55 ihre Kataloge zur Einficht aufgelegt hatten. Die Congrefs- Bibliothek und die Aftor'fche Bibliothek reihen fich nach Menge, Wahl und Anordnung der Werke den bedeutendften in der ganzen Welt an. Eine Specialität bilden die Handwerker Vereinsbibliotheken( Worcefter und Lowell), die in der Reichhaltigkeit und praktifchen Auswahl des Inhaltes als Mufter bezeichnet werden können. Unter der grofsen Anzahl von ausgeftellten Erziehungs- Journalen nimmt das von Dr. Henry Barnard in Hintfort herausgegebene, das feit 25 Jahren erfcheint, mit grofsen Opfern erhalten wird und werthvolle Nachweifungen über den Unterricht von den hervorragendften Männern der Vereinigten Staaten enthält, den erften Rang ein. Einen Einblick in die musterhafte Organiſation und das ausgebreitete Wirken auf literarifchem Gebiete gewährte die amerikanifche Affociation für fociale Wiffenfchaft, ein Verein von Gelehrten und Menfchenfreunden, welche den focialen Fortfchritt anftreben; theoretifch und praktiſch die Schulen unterftützen und mit grofsem Aufwande an Geld und Kraft Forfchungen im Gebiete der Jurisprudenz der Reformen im Pönalfyftem und der Sanitätsfragen anftellen laffen. Ebenfo impofant bewährt fich die Humanität in der fchon erwähnten Bibliothek Aftor's in New York, welche unmittelbar nach der Bibliothek des Congreffes der Vereinigten Staaten die wichtigfte und umfangreichfte des ganzen Landes ift. Sie enthält 200.000 Bände und umfafst alle Doctrinen und Literaturzweige. Gegründet wurde fie von John Jacob Astor, welcher 2 Millionen Francs darauf verwendet hat. Deffen Sohn fetzte die Wohlthätigkeit fort, indem er eine Anzahl Gebäude der Bibliothek ,, die zum unentgeltlichen Gebrauch des Publicums beſtimmt ift, widmete. In anderer Art wirkt das Lowell- Inftitut in Bofton, vom Stifter, deffen Namen es trägt, auf eigene Kosten gegründet, für die Verbreitung der Bildung in den weiteften Kreifen. Es forgt für Vorlefungen über wiffenfchaftliche und literarifche Gegenftände, die von den ausgezeichnetften Männern der Vereinigten Staaten abgehalten werden. Im Jahre 1872 fanden 264 Vorlefungen ftatt. Von dem Bürgerfinn, dem foliden umfaffenden Streben nach Heranbildung einer tüchtigen Jugend gibt das nationale Erziehungsbureau in Waſhington ein wahrhaft überrafchendes Beiſpiel. Nur beiläufig fei erwähnt, dafs die Betheiligung Amerikas an der Weltausstellung wefentlich Verdienft diefes Bureaus war, das nicht nur die Anregung gegeben, fondern auch kein Opfer für die Verwirklichung diefes Gedankens gefcheut hat. Dasfelbe Bureau hat den Congrefs dazu vermocht, den reichen Ertrag, den der Verkauf von Länderftrecken lieferte, für Unterrichtszwecke zu beftimmen. Als Verleger tritt das Bureau durch die Herausgabe eines koloffalen, die ftatiftifchen Ausweifungen über den Gefammtunterricht in den Vereinigten Staaten umfaffenden Werkes auf, das als Controle des gefammten riefigen Schulkörpers, als Vermittlungsorgan jedes Fortfchrittes einen unfchätzbaren Werth hat und für welches der Congrefs nicht weniger als 40.000 Dollar jährlich bewilligt. Italien. In Beziehung auf Literatur wie auf Buchhandel bot Italien fehr zahlreiche, mitunter fehr intereffante Ausstellungsobjecte. Die Ausftellung der königlichen Regierung zeigte das Beftreben, die endlich erfchloffenen archivalifchen Schätze des Landes zu ordnen und zu fammeln. Herr Fiorelli in Neapel, dem, wie bekannt der planmäfsige Vorgang bei den Ausgrabungen in Pompeji und bei der durchgreifenden Neugeftaltung des bourbonifchen Muſeums zu danken ift, erwarb fich durch fein Werk Gli scavi di Pompeji" die höchfte Auszeichnung. Die » Buchhandel und Literatur des Auslandes. 31 Acclimatifationsgefellſchaft in Palermo ftellte ihre in der wiffenfchaftlichen Welt rühmlich bekannten Memoiren aus, Profeffor Dr. Cantoni in Parma eine ausführliche Klimatologie Italiens und ein Werk über denfelben Stoff Profeffor Serra Carpi in Rom, Ritter Heinrich Dalmazzo& Ludwig Calligeris in Turin vier Exemplare des polyglotten Wörterbuches" Le compagnon de tous", Anton Vecco& Comp. in Turin verfchiedene fchön ausgeftattete Ausgaben des„, magnum bullarum", Giachetti& Comp. in Florenz eine illuftrirte Gefchichte der chriftlichen Kunft, Dr. Albert Errera in Venedig ein Werk über das Gewerbe und die Schifffahrt und ein Specialwerk über die venetianifchen Gewerbe, Peter Moretti in Mailand zwei illuftrirte Bände des Prachtwerkes ,, L'Italia monumentalis"; die Comissione provinziale di antichità e belle arti in Molife eine Befchreibung des campanifchen Muſeums und des hiftorifchen Archivs zu Capua und die Lega d'insegnamento in Verona eine Gefchichte diefes Vereines, der feinen Zweck, die Schulen zu unterftützen, im weiteften Ausmafse erreicht. Neben diefen hervorragenden Einzelwerken find Ausftellungen der Unione typographia in Turin, die einen bedeutenden wiffenfchaftlichen Verlag hat, der Firma Bona in Turin, welche fich vorwiegend mit der Herausgabe von Reifebüchern und orientalifchen Werken befchäftigt, der Firma Trèves fréres in Mailand, welche durch die Publication: La science du peuple" fich grofse Verdienfte erwarb, des Verlagsgefchäftes Negro in Turin lobend hervorzuheben. Unter den zahlreichen politifchen, fatirifchen und fachlichen Zeitfchriften, von denen Probenummern auflagen, zog namentlich das von Chizzolini in Mailand herausgegebene Journal" L'Italie agricole" durch die Reichhaltigkeit des Inhaltes und die fplendide Ausftattung die Aufmerkfamkeit der Kenner auf fich. Als Verlagsfirmen für Muſicalien hatten die Firmen Sciabili in Florenz, Casperini in Padua, Canti in Mailand, Trebbi in Bologna, Manganelli in Ancona und endlich die Claudiana- Buchdruckerei in Florenz zahlreiche Werke ausgeftellt, die fich namentlich durch den forgfältigen und deutlichen Druck der Noten auszeichneten. Schweiz. Verhältnifsmässig gut war die Schweiz auf unferem Gebiete vertreten; nur zeigte fich der Uebelftand, dafs der Buchhandel nach dem Eintheilungsgrund der Gruppen keinen felbftftändigen Platz fand, in der Ausftellung diefes Landes fehr auffällig. Man mufste die Objecte an drei verfchiedenen Orten mühfam zufammenfuchen: in der Ausftellung der graphifchen Künfte, in der Unterrichtsabtheilung und endlich in dem befonderen Pavillon der Schweiz, wo die periodifche Literatur vertreten war. Faffen wir das, was zerftreut wahrzunehmen war, in Gedanken zufammen, fo gibt fich ein Bild ziemlich regen literarifchen Lebens und einer belebten Buchdrucker- und Buchhändler- Induftrie die indefs nur wenig über die Grenzen des Landes hinausgreifen. In einer Gefellſchaft der Buchdrucker gibt fich die Neigung der Schweizer für die Affociation ausnahmsweife in einer Art kund, welche den ftrengen Cantonsgeift zurückdrängt. Die Ausfteltung des Vereines Schweizerifcher Buchdruckereibefitzer", welche nebft anderweitigen Druckforten auch zahlreiche Bücher aufwies, vertrat nicht weniger als 50 Firmen aus fämmtlichen Cantonen. Eine der reichften Expofitionen hatten J. Rieter und Biedermann( Winterthur und Zürich). Gebrüder Kar& Benziger gaben Proben eines reichen Gebetbücher- Verlages, deffen Objecte fich theils durch prächtige Ausftattung theils durch grofse Billigkeit auszeichneten. 99 Was die Unterrichtsliteratur anlangt, fo rechtfertigte fie durch die Vollftändigkeit und grofsentheils auch durch die Qualität der Lehrmittel, welche zur Ausftellung gelangten, den weitverbreiteten Ruf, den das Schulwefen der Schweiz geniefst. Hervorragend waren in diefer Richtung die Ausstellungen der Cantone Zürich und Argau, den Haupttheil der Lehrbücher lieferten in diefen Cantonen die naturwiffenfchaftlichen Werke die nach einer fehr rationellen Methode zur Grundlage des Volksfchul- Unterrichtes gemacht werden. 32 Alfred Klaar. Zeugnifs höchft gründlicher Quellenftudien über die fchweizerifche Vorzeit gab die„ Allgemeine fchweizerifche gefchichtsforfchende Gefellſchaft" durch den Einblick, den fie in ihr Archiv und in ihre Publikationen( Anzeiger für fchweizerifche Gefchichte) gewährte. Die ,, Schweizerifche Naturforfcher- Gefellſchaft" erwarb fich gerechte Anerkennung durch das umfangreiche, mühfam gefammelte Material zur Verbreitung naturwiffenfchaftlicher Kenntniffe. Der Schweizerifche Alpenklub" gab in den Jahrbüchern, Panoramen, Excurfionskarten, Inftructionen für Gletscherreifende und verfchiedene Monographien gleichfalls ein Bild fehr reger, literarifcher Thätigkeit. 99 Eine eigenthümlich intereffante Erfcheinung bilden die fchweizerifchen Journale in deren Zahl, Inhalt und Wirkungskreis der cantonale Geift der Schweiz ein lebendiges Spiegelbild erhält. Der eigenfinnig föderaliftifche Sinn der Schweizer, ihre Kirchthurm- Politik auf der einen, ihr ftarkes Heimathsgefühl, ihre tüchtige Selbſtverwaltung, ihr Intereffe für Schul-, Vereins- und Familienwefen auf der anderen Seite, ſpricht fich in einer Unzahl von kleinen Journalen aus, die wenige Meilen aufserhalb des Cantons kaum irgend ein Intereffe zu erregen im Stande find. Eine ftarke politifche Richtung, der Bedeutung über die Grenze der Schweiz hinaus zugefprochen werden könnte, tritt eigentlich nur in den ultramontanen Zeitungen hervor. Diefe haben einen einheitlichen Charakter in den verfchiedenen Cantonen und einigen fich zuweilen auch, um gegen die Einigung zu Felde zu ziehen. Im Ganzen jedoch tragen die Journale mit Ausnahme etwa der Basler Zeitung", des„ Bund" in Bern, der ,, Berner Volkszeitung" und des„ Journal de Genève" wefentlich nicht das politifche Gepräge und befchränken fich auf häusliche Angelegenheiten des Cantons, als ob fie nicht für die Welt und die Gegenstände in der Welt da draufsen nicht für fie beftänden. 29 Die Zahl der Zeitungen beläuft fich nach den Mittheilungen der eidgenöffifchen ftatiftifchen Commiffion auf 412 und es nehmen daran, der Menge nach geordnet, die verfchiedenen Cantone folgendermafsen theil: Bern 64, Zürich und Waadt 47, Aargau 40, Genf 25, St. Gallen 24, Neuenburg 18, Bafel- Stadt und Thurgau 16, Graubünden 15, Teffin 14, Solothurn 13, Freiburg 12, Luzern II, Schwyz und Schaffhaufen 10, Bafelland 6, Appenzell A. Rh. und Wallis 5, Glarus 4, Obwalden und Zug 3, Nidwalden 2, Uri und Appenzell I. Rh. 1. Anders ift die Reihenfolge, wenn die Zahl der Zeitungen mit der der Bevölkerungen zufammengehalten wird; es ftehen dann über dem Gefammtdurchſchnitt von 6479 Einwohnern auf je 1 Zeitung 13 Cantone, voran Bafel- Stadt( 2985), hierauf kommen Genf( 3730), Schaffhaufen( 3772), Schwyz( 4770), Obwalden( 4805), Waadt( 4930), Argau( 4972), Neuenburg( 5405), Solothurn( 5747), Thurgau( 5831), Nidwal den( 5850), Zürich( 6059) und Graubünden( 6119); von dem Durchschnitt entfernen fich in abfteigender Linie Zug( 6998), Bern( 7914), St. Gallen( 7959), Teffin( 8544), Glarus( 8788), Bafel- Land( 9021), Freiburg( 9236), Appenzell A. Rh.( 9745), Appenzell I.Rh.( 11.909), Luzern( 12.031), Uri( 16.107) und Wallis( 19.377), fo dafs der letztgenannte Canton um volle fünf Sechstheile gegen den erftgenannten zurückbleibt. Die 412 Zeitungen vertheilen fich der Sprache nach fo, dafs 266 deutfch, 118 franzöfich, 16 italienifch, 5 romanifch und I englifch herausgegeben werden; 6 Zeitungen, die Bibliographie der Schweiz, die Zeitfchrift für Schweizer Statiſtik, die Fremdenblätter von Interlaken und Luzern, das Centralblatt des Zofingervereines und das Amtsblatt von Wallis enthalten theilweife doppelten Titel und Auffätze oder Anzeigen in deutfcher oder franzöfifcher Sprache; die volle Zweifprachigkeit ift aber in keinem Blatte durchgeführt. Belgien gab in den Schulausftellungen ein überfichtliches Bild der Unterrichtsliteratur und ebenfo in den amtlichen Berichten des Minifteriums des Innern eine impofante Darftellung des in diefem Königreiche fo hoch entwickelten Schulwefens. Als eine bedeutende literarifche Leiftung mufs die von der Centralgefellſchaft der belgifchen Lehrer in Brüffel herausgegebene Zeitfchrift ,, Le Pogrès" Buchhandel und Literatur des Auslandes, 33 hier Erwähnung finden. Die Gefellfchaft ,, De Tockomft" in Antwerpen gewährte einen Einblick in die von ihr gegründete reiche Volksbibliothek und in die zweckmäfsigen Einrichtungen, die Schätze der Wiffenfchaft den weiteften Kreifen nützlich zu machen. Zahlreiche wiffenfchaftliche Werke, unter denen die juriftifche Literatur fehr reich vertreten war, hatte Bruylant Chriftophe in Brüffel ausgeftellt. In der Ausftellung des Verlegers de Grave in Gent erregte das Werk ,, Les ateliers d'apprentissage des Flandres" die Aufmerkfamkeit der Kunſtverſtändigen. Der Verleger Braun in Nivelles, der Herausgeber der Zeitfchrift ,, L'Abeille", hatte eine fchöne Sammlung pädagogifcher Werke zur Ausstellung gebracht. Niederlande. In der Ausftellung der Niederlande fiel auf unferem Gebiete vor Allem die Expofition des königlich niederländifchen Minifterium des Innern( Abtheilung Unterricht) ins Auge. Seit Einführung der neuen Schulgefetze in den Jahren 1857( Elementarfchule) und 1863( Mittelfchule und technifche Schule) war das Bedürfnifs nach Lehrmitteln ein gefteigertes und fpornte die wiffenfchaftliche Production mannigfach an. Die königliche Regierung hatte inmitten der Induftrie- Ausftellung den ganzen Apparat von Gelehrfamkeit niedergelegt, der für die Hochſchulen in Bewegung gefetzt wurde. Die Werke, nach welchen Gefchichte und römifches Recht vorgetragen wird, bildeten in ihrer forgfamen Nebeneinanderftellung eine ganze Bibliothek, in der kein einfchlägiger europäiſcher Autor von Bedeutung vermifst wurde. Unter den Verlagswerken der übrigens nicht fehr zahlreich vertretenen Buchhandlungsfirmen verdienen die linguiftifchen Arbeiten befondere Erwähnung. So die japanefifche Grammatik von Kurtius bei Sythoff in Leyden erfchienen, ferner die zahlreichen orientalifchen Druckwerke, das malayifch- niederländifche Wörterbuch( herausgegeben von niederländifch- indifchen Gouvernement) und andere. Ein grofsartiges Werk hatte Dr. Lecmans über die Denkmale Javas ausgeftellt. Dänemark war in Betreff von Verlagswerken fehr fchwach auf der Ausftellung vertreten; nur der Buchdrucker Bianco Luno in Kopenhagen lieferte in zahlreichen Büchern ein Bild hervorragender induftrieller Thätigkeit. In philologifch gelehrten Kreifen erregten die Werke des Profeffors Waldemar Schmidt, die vom Verfaffer felbft ausgeftellt waren, allgemeines Auffehen, darunter die Gefchichte Syriens, welche mit zahlreichen, vom Verfaffer felbft gezeichneten, Keilfchrift- und Hieroglyphentypen verfehen war. Schweden. Die wenigen Objecte, welche Schweden ausgeftellt hat, find fehr charakteriftifch für die mufterhafte Ausbildung der fchwedifchen Humanitätsanftalten. Das grossartige Inftitut für Blinde und Taubftumme, in das feit der Gründung( 1846) 900 Taubftumme und 200 Blinde aufgenommen waren, wiefs ein befonders reiches Unterrichtsmaterial für Blinde und Taubftumme aus. Ein grofser Theil der Buchdrucker- Arbeiten war von den Zöglingen der Anftalt felbft ausgeführt. Unter den aus den übrigen Buchdruckereien hervorgegangenen Erzeugniffen nehmen die Zeitungen und Zeitfchriften einen hervorragenden Platz ein. Einige dem Specialkataloge entnommene Daten kennzeichnen den Auffchwung der Journaliſtik; im Jahre 1871 erfchienen 216 Zeitungen und davon 52 in Stockholm. Es wurde berechnet, dafs im Jahre 1870 allein durch die Poftanftalt 6,000.000 inländifche und 300.000 ausländifche Nummern expedirt worden find; feitdem aber hat das Zeitungslefen im Lande bedeutend zugenommen. Die officielle Zeitung„ Poft och Inrikes Tidningar" ift bereits 229 Jahre alt, alfo eine der älteften auf Erden. Eine befondere Beachtung verdienen die wenig gewürdigten gefetzlichen Beftimmungen über Prefsfreiheit, die an Liberalismus in Europa kaum irgendwo 3 34 Alfred Klaar. ihresgleichen finden. Einige Beftimmungen über die Prefsfreiheits- Verordnungen vom Jahre 1812( das vierte unter den Grundgefetzen des Reiches) mögen diefe Behauptung erhärten. " Der Veröffentlichung einer Schrift", heifst es dort, darf keine Cenfur vorangehen und es find dazu keinerlei Privilegien erforderlich. Zur Herausgabe von Zeitungen oder periodifchen Zeitfchriften bedarf es nur einer Anmeldung beim Juftizminifter und das Gefuch kann nur dann abgewiefen werden, wenn der Anfucher wegen eines fchimpflichen Verbrechens verurtheilt oder für unwürdig erklärt worden ift, für Andere vor Gericht das Wort zu führen. Die idealfte Anforderung, welche bisher deutfche Journaliſten in ihren Verfammlungen geftellt haben, nämlich das Poftulat, dafs die Prefsdelicte keiner befonderen Behandlung unterzogen, fondern einfach unter das Strafgefetz geftellt werden, ift im Wefentlichen in Schweden verwirklicht. Es ift principiell in dem Grundgefetze über Prefsfreiheit ausgefprochen, deffen Beginn lautet:" Unter Prefsfreiheit verfteht man das Recht eines jeden Schweden, Schriften zu veröffentlichen, ohne dafs ihm zuvor von der öffentlichen Macht Hinderniffe in den Weg gelegt werden dürfen, fowie ferner, dafs er hernach wegen des Inhaltes derfelben nur vor einem gefetzlichen Richterſtuhle zur Verantwortung gezogen und in keinem anderen Falle dafür beftraft werden kann, als wenn diefer Inhalt mit einem deutlichen Geſetze im Widerfpruch fteht, welches gegeben ift zur allgemeinen Ruhe, ohne die allgemeine Aufklärung zurückzuhalten." Die Buchdrucker- Kunft hatte fich in Schweden, das zu Ende des XV. Jahrhundertes zu den vorgefchrittenften civilifatorifchen Staaten zählte, fehr früh eingebürgert. Das ältefte in Schweden gedruckte Buch, das von wandernden Buchdruckern herrührte( Vita five legenda cum miraculis Katherinae) ift im Jahre 1474 erfchienen. Schon 1495 fcheint Schweden eine fefte Buchdruckerei befeffen zu haben; im Jahre 1740 gab es 18, im Jahre 1840 74, im Jahre 1870 143 Druckereien. Bücher waren in der fchwedifchen Ausftellung nur von zwei bedeutenden Firmen ausgeftellt: von Haegg ftroem und Norftedt& Söhne in Stockholm. letztere that fich durch die Ausstattung illuftrirter Werke hervor. Die Spanien hat auf unferem Gebiete zahlreiche Proben von Lehrbüchern, Erziehungsfchriften und eine reiche Auswahl der journaliſtifchen Literatur ausgeftellt. Streng wiffenfchaftliche und belletriftifche Werke waren fpärlicher vertreten; verhältnifsmäfsig am reichften die hiftorifchen und medicinifchen Schriften. Eine Durchficht der Lehrbücher zeigte, dafs der einfeitige clericale Geift den Unterricht noch immer beherrfcht. In den Zeitfchriften, von denen 75 ausgeftellt waren, war jedes Genre vertreten. Durch prachtvolle Ausftattung fiel das bei Miguel Guizarro in Madrid erfchienene, mit gefchmackvollen Lithochromien verfehene Werk ,, Die Frauen Spaniens" auf. Eine Revue der Archive, Mufeen und Bibliotheken lieferte die Redaction der, Revifta" in Madrid. Durch die Herausgabe von Volksgefängen erwarben fich Gimenez in Valentia und die, Comifion provincial de Guipuzcoa" Verdienfte. Literarifche Werke hatte Revilla y Alcántara in Madrid, philofophifche Bücher Cubé in Barcelona, eine reiche Volksbibliothek Bantinos in Barcelona und Gefchichtsbücher Martin Periz in Madrid ausgeftellt. Portugal. Unter den Ausftellern Portugals kann nur die Nationaldruckerei in Liffabon, ein in feiner gefchichtlichen Entwicklung und fortdauernden Wirkfamkeit fehr bedeutungsvolles Inftitut, Anfpruch auf befondere Erwähnung und Würdigung erheben. Zwar hat die Buchdrucker- Kunft in Portugal fehr früh eine Heimftätte, gefunden; fchon aus den Jahren 1470 und 1474 datiren die von eingewanderten Deutfchen herrührenden erften Verfuche; 1489 wurde bereits eine fchöne, reine Ausgabe des Penthateuco hebraico veranſtaltet und als im Jahre 1580 der König Dom Manuel Allen, welche die Buchdrucker Kunft ausübten, diefelben Privilegien, Freiheiten und Ehren ertheilte, welche die Ritter feines Buchhandel und Literatur des Auslandes. 35 Haufes genoffen, nahm die Buchdruckerei allmälig einen ziemlich grofsen Auffchwung und wurde von Portugal aus auch nach Afien verbreitet. Allein zu einer Pflege derfelben im grofsen Stile, zu einer ausgebreiteten Thätigkeit im Dienfte der Schule und der Literatur wurde erft durch die Errichtung der Nationaldruckerei in Liffabon im Jahre 1768 der Grund gelegt. Pombal, der geniale Minifter des Königs Dom Jofé I., war es, der nicht nur den Feinden der geiftigen Freiheit, den Jefuiten, den Weg aus dem Lande zu weifen wufste, fondern auch in der Impreffao regia eine Bafis für den Auffchwung der geiftigen Arbeit fchuf. Die Anftalt wurde als Vorbild und Schule der Typographie gegründet, förderte aber bereits zu Beginn auch unmittelbar pädagogische und literarifche Zwecke, indem dafelbft Schulbücher gedruckt und billig verkauft wurden. Einen finanziellen Halt gewann das Unternehmen durch das Privilegium zur Erzeugung von Spielkarten. Die Einnahmen, welche diefes Privilegium hereinbrachte, mufsten eine Zeit lang die Koften der übrigen Druckarbeiten beftreiten, einer der früheften glücklichen Verfuche, durch eine Befteuerung des Vergnügens Induftrie und Unterricht zu fördern. Bis auf den heutigen Tag wurde die Anftalt ihrer Aufgabe, die Buchdruckerei zu vervollkommnen, in fortfchreitender Weife gerecht. Sie befteht gegenwärtig aus vier Abtheilungen, der Buchdruckerei, der Schriftgiefserei, der Lithographie und der Spielkarten- Fabrik, befchäftigte im Jahre 1871, bis wohin die ftatiftifchen Ausweife, reichen gegen 300 Arbeiter und erhielt fich fpäter auch, nachdem im Jahre 1861 das Spielkarten- Monopol gefallen war, aus eigenen Mitteln. Der Einfluss auf die Literatur war natürlich in fpäteren Zeiten ein wefentlich indirecter, doch erfcheinen bis zum heutigen Tage im Verlage der Anftalt felbft hiftorifche und lexikalifche Werke, die namentlich in Anbetracht des Quellenmateriales, das ihnen zu Grunde liegt, von Bedeutung für die Wiffenfchaft find. Didaskalifche Werke hatten Brida, Holland und Semion in Liffabon ausgeftellt, induftrielle Schriften Pento in Liffabon und eine Statiftik der fehr ausgebreiteten, alle Fächer umfaffenden portugiefifchen Preffe lieferte Henrique Carvalho Proftes. Griechenland. Die geheiligte Culturftätte, auf welcher fich im Völkerleben zuerft in allen Gebieten des Denkens und Fühlens jene fchöne, freie Menfchlichkeit entwickelte, der wir die Grundlage unferer humaniftifchen Bildung verdanken, wurde erft in der zweiten Hälfte des XVIII. Jahrhundertes etwa vor einem Säculum, nachdem fie Jahrhunderte lang chaotifchen politifchen Bewegungen preisgegeben war, wieder durch ein frifch emporftrebendes, nach Bildung und geiftigem Auffchwung ringendes Volksthum geweiht. Die Neugriechen, wenn auch nur zu fehr geringem Theile Abkömmlinge der alten Hellenen, beftrebten fich, die alten claffifchen Traditionen wieder zu beleben und die abendländifchen Hochfchulen, welchen die griechifche Jugend in Schaaren zuftrömte, geriethen in die Lage, einen Theil der Bildung, welche fie den alten Hellenen verdankten dem neu emporftrebenden Griechenland zurückzuerftatten. Es war urfprünglich freilich nur eine Treibhaus- Literatur, der wefentlich Ueberfetzungen als Nahrung dienen mussten, doch fanden fich allmälig auf dem Gebiete der naiven Volkpoefie, deren Erzeugniffe man ordnete und fammelte, ganz anfehnliche Schätze neugriechifchen Urfprungs vor; die eifrige Pflege der Gefchichte und Theologie an den neu gegründeten Schulen und Lyceen trug gute Früchte und das zunächft durch fremde Producte erweckte Bedürfnifs für Kunftpoefie hat, vereint mit den antikifirenden Beftrebungen, welche die grofsen althellenifchen Dichtungen wieder unter das Volk zu bringen fuchten, bereits manches beachtenswerthe Talent zur Production angeregt. Der Traum von einer galvanifchen Wiederbelebung des alten Hellas hat felbftverſtändlich nicht die geringfte Hoffnung auf Verwirklichung, aber zum mindeſten hat die Schwärmerei viel dazu beigetragen, ein Land, das zwifchen den Gefahren orientalifcher Ver3* 36 Alfred Klaar. weichlichung und füdflavifcher Verwahrlofung fchwebte, für die Cultur zurückzugewinnen. Wo die Literatur, wie in Neugriechenland, fich noch, in der früheften Jugend der Entwicklung befindet, ift die Ueberficht der Gefammtproduction wefentlich erleichtert, und fo ift denn diefes Land das einzige von allen auf der Weltausftellung vertretenen, welches den Verfuch unternahm, einen vollſtändigen Nachweis über die literarifchen Erzeugniffe vom Jahre 1868 bis 1872 inclufive zu bieten. Der betreffende Katalog ift über Einladung der Commiffion für Förderung der Nationalinduftrie in Griechenland von Demetrius A. Coromilas zufammengeftellt worden. Nach demfelben find in dem angeführten Zeitraume von fünf Jahren, der zwifchen der Parifer und der Wiener Weltausftellung liegt, abgefehen von den periodifchen Schriften, etwa 550 Bücher erſchienen, die fich nach Jahren und Literaturzweigen geordnet folgendermassen vertheilen: Im Jahre 1868 erfchienen im Ganzen IIO Bücher, wovon I der Bibliographie, 8 der Linguiftik( über griechifche und franzöfifche Sprache), II der Pädagogik, 4 der Theologie, 4 der Kirchengefchichte, 4 den Rechts- und Staatswiffenfchaften, 4 der Medicin, 2 den Naturwiffenfchaften, 8 der Gefchichte, 7 den Hilfswiffenfchaften der Gefchichte, 2 der Geographie, 3 der Archäologie, 3 den Künften und 3 der Technologie angehören. Die fchöne Literatur hatte in diefem Jahre 47 Producte aufzuweifen, darunter 15 Ueberfetzungen( 2 aus dem Altgriechifchen, I aus dem Lateinifchen, I aus dem Italienifchen, 5 aus dem Franzöfifchen, 2 aus dem Deutfchen und 2 aus dem Englifchen) und 42 neuhellenifche Originalwerke. Die Wahl der Werke zur Ueberfetzung hat mitunter das Intereffe der Curiofität; fo befchränkt fich beispielsweife die aus dem Deutfchen auf die beiden Werke„ Der gekrönte Tyrtäus" von König Ludwig I. von Baiern und Schiller's Luftfpiel„ Der Parafit". Unter den Originalwerken find die dramatifchen Producte verhältnifsmäfsig ftark vertreten, unter diefen wiederum die Comödien. Nicht unintereffant ift die Notiz, dafs fich Mavromichalis ohne Scheu vor Shakeſpeare des, Coriolan" Stoffes bemächtigt und ein Drama gefchrieben hat, das im Jänner 1868 auf dem Nationaltheater zu Athen mit Beifall gegeben wurde. Unter den theologifchen Werken fällt ein Buch von Zikos D. Roffy auf; es führt den Titel ,, Ueber die Einigung aller Religonen und aller Kirchen" und- der Verfaffer ift Profeffor der Theologie am Seminarium Rizari. Eine ähnliche liberale Tendenz fcheint indefs in der Literatur nicht durchgängig zu herrfchen und auch an zelotifchen Vertheidigern der Orthodoxie kein Mangel zu fein. Diefs geht aus einem Werke von Makrakis hervor, das den Titel führt ,, Die Freimaurerei, enthüllt nach ihren Urkunden, zur Schande derjenigen, welche diefe Plage in unfer Vaterland verpflanzt haben." Von periodifchen Zeitfchriften find im Jahre 1868: 10 herausgegeben worden. Im Jahre 1869 find 102 Bücher erfchienen, wovon I der Bibliographie, 13 der Pädagogik, 6 der Theologie, 3 der Kirchengefchichte, 8 den Rechts- und Staatswiffenfchaften, 5 der Medicin, 2 der Naturwiffenfchaften, 9 der Mathematik, 8 der Gefchichte, 5 der hiftorifchen Hilfswiffenfchaften, 5 der Geographie, I der Archäologie, 2 der Aeſthetik und I der Technologie angehören. Die fchöne Literatur wurde um 2 altgriechifche, 2 italienifche, 8 franzöfifche, I deutfches und 1 fkandinavifches Werk( Offian) und 14 neugriechifche Originalproducte bereichert. Unter den letzteren befindet fich ein zweiactiges Drama, in welchem Papayeoriou die Verurtheilung des Kaifers Maximilian von Mexico behandelt. Von periodifchen Zeitfchriften find auch in diefem Jahre zehn erfchienen. Die Anzahl der im Jahre 1870 erfchienenen Bücher beträgt 86, wovon I der Bibliographie, 4 der Linguiſtik( lateinifch, griechiſch und franzöfifch), 8 der Pädagogik, 5 der Theologie, 2 der Kirchengefchichte, 7 den Rechts- und Staatswiffenfchaften, 3 der Medicin, I der Naturwiffenfchaften, 4 der Mathematik, 9 der Gefchichte, 2 den hiftorifchen Hilfswiffenfchaften, graphie, I der Archäologie und 7 der Technologie angehören. Die fchöne Literatur wies I italienifches, 6 franzöfifche, I englifches( Lear von ShakeI der Geo Buchhandel und Literatur des Auslandes. 37 speare) und 22 neugriechifche Werke aus. Die Zahl der periodifchen Werke blieb unverändert. Im Jahre 1871 wurden 132 Bücher herausgegeben, wovon 5 der Linguiſtik, I der Philofophie, 14 der Pädagogik, 7 der Theologie, 17 der Gefchichte, 4 den gefchichtlichen Hilfswiffenfchaften, 6 den Rechts- und Staatswiffenfchaften, 6 der Medicin, 2 den Naturwiffenfchaften, 7 der Mathematik, 17 der Gefchichte, 3 der Archäologie und 6 der Technologie angehören. In der fchönen Literatur ergab fich ein Zuwachs von I lateinifchen, 4 italienifchen, 16 franzöfifchen und 28 neuhellenifchen Originalwerken, darunter ganze Reihen von Comödien von Phatzéas und Vlachos. Die Zahl der periodifchen Zeitfchriften hob fich auf 15. Im Jahre 1872 endlich wurden 122 Bücher edirt, wovon I der Bibliographie, 6 der Linguiftik, 3 der Philofophie, 18 der Pädagogik, II der Theologie, I der Kirchengefchichte, 24 den Rechts- und Staatswiffenfchaften, 4 der Medicin, II den Naturwiffenfchaften, 5 der Mathematik, 10 der Gefchichte, 9 den Hilfswiffenfchaften der Gefchichte, I der Archäologie, 2 der Aefthetik und 14 der Techno logie angehören. Die fchöne Literatur war durch 5 altgriechifche, 3 italienifche, 8 franzöfifche, I deutfches und durch 22 neugriechifche Originalwerke vertreten. Die Zahl der periodifchen Zeitfchriften hob fich auf 31. - - In der Ausftellung der übrigen Länder war unfer Gebiet entweder gar nicht oder doch nur durch kaum mafsgebende Einzelobjecte vertreten. In der Ausftellung der Türkei lagen in der Unterrichtsabtheilung 75 von Seiner Excellenz Marco Pachu, dem Director der medicinifchen Schule, ausgeftellte Werke auf, grofsentheils Ueberfetzungen, welche zum Gebrauche der an der genannten Schule vortragenden Affiftenten beftimmt find. In derfelben Abtheilung befanden fich naturhiftorifche Schriften von Dr. Abdullah Bey und eine Gefchichte und Geographie des ottomanifchen Reiches, ausgeftellt von Madame Furet, Vor-. fteherin der armenifchen Mädchenfchule in Ortakeu. In der vom öfterreichifchen Generalconful Ritter von Overbeck zufammengeftellten und eingebrachten Abtheilung der chinefifchen Ausftellung befand fich ausgeftellt von N. B. Denys ein Münzbuch, ein chinefifches Wörterbuch und ein Strafgefetzbuch. Unter der Aegide des egyptifchen Unterrichtsminifteriums, das fich durch die Gründung des Muſeums zu Cairo grofse Verdienfte um die Gefchichte des Landes und um die Culturgefchichte überhaupt erworben, waren Zeitfchriften und Werke über das egyptifche Unterrichtswefen und eine reichhaltige Sammlung egyptifcher Literaturwerke ausgeftellt. In der Ausftellung von Hawaii( Sandwichsinfeln) befanden fich nebft einem hawaii'fchen Wörterbuche die Mufterexemplare zweier politifcher Wochenjournale, von denen das eine officiell, das andere ,, unabhängig" ift. Beiläufig follen an diefer Stelle noch die„ Gefchichte der Vögel Neufeelands", eine ftreng wiffenfchaftliche, umfangreiche Arbeit von Walter Lawry Buller in Neufeeland( englifche Colonien), die, ethnographifchen Studien" von Sago in Guyana( franzöfifche Colonien) und das zweibändige Werk„ Befchreibung von Cochinchina" von Garnier in Cochinchina( franzöfifche Colonien) erwähnt werden. Fragen wir uns nach diefem kurzen Rundgange je durch die einzelnen Länder der manche bemerkenswerthe Wahrnehmung im Einzelnen, aber nirgends eine Ueberficht geftattet hat, nach den Bedingungen und Modalitäten einer glücklicheren Vertretung der Literatur in der Weltausftellung, fo werden wir finden, dafs der Buchhandel überhaupt nicht durch einzelne Exemplare, fondern einzig und allein durch ftatiftifche Nachweifungen dargestellt werden kann. Den Stand* Die wenigen Bücher, welche in die angeführten Materien nicht eingereiht find, finden fich in dem zu Grunde liegenden Katalog unter dem Titel„ Divers" aufgezählt und find grofsentheils Statuten und Jahresberichte. 4 83 Alfred Klaar. Buchhandel und Literatur des Auslandes. punkt einer literarifchen Beurtheilung der Verlagsobjecte müffen wir überhaupt bei Seite laffen, dafür bietet eine Ausftellung gerade den berufenen Kräften nicht die geringfte Gelegenheit, immerhin aber hat auch die materielle Seite des Buchhandels ihre hohe geiftige Bedeutung. Die Quantität der in einem Lande erzeugten Bücher, dann insbefondere die quantitative Vertretung der belletriftifchen und wiffenfchaftlichen Literatur und jedes einzelnen Zweiges in diefen Literaturen, die Art der Verbreitung, die Billigkeit der Ausgaben, der Werth und die Wahrung des geiftigen Eigenthums, Alles diefs find Momente, welche, auch abgefehen von dem fpeciellen Inhalt der Bücher, höchft bedeutfame Ausblicke auf die Cultur, die Neigungen und die Productionsfähigkeit einer Nation geftatten. Um nur ein Beiſpiel zu erwähnen, gibt es literarifche Erfcheinungen, welche nur eine Collectivbedeutung befitzen. Vom äfthetifchen Standpunkte find derartige Erzeugniffe rafch ein für allemal gekennzeichnet, dagegen gewinnen fie durch die Maffenhaftigkeit ihrer Auftre tung eine nicht zu unterfchätzende Culturbedeutung. Eine grofse Menge franzöfifcher. Romane ift fozufagen literarifch uniformirt und die literarifche Bedeutung diefer Hervorbringungen läfst fich in Kürze ein- für allemal feftftellen. Dagegen ift es von grofsem Intereffe, zu erfahren, wie ftark die Anzahl ähnlicher Bücher fei, in welcher Art fie der Menge zugeführt werden, wie lange fie fich auf dem Markte erhalten u. f. w. u. f. w., um darnach die Richtung, die Stärke und die Verbreitung der geiftigen Bedürfniffe zu beurtheilen. Ebenfo, verhält es fich mit zahlreichen Lehrbüchern, Sammelwerken, Lexiken oder mit jenen Werken berühmter Autoren( der Nationalclaffiker), über welche das endgiltige Urtheil bereits gefprochen ift, kurzum, nicht der geiftige Inhalt der Bücher als Culturträger, fondern ihre Erzeugung und Verbreitung als Culturmeffer können auf einer Ausftellung erfichtlich gemacht werden. Diefs gefchieht aber nicht durch die Schauftellung einzelner Bücher, welche höchftens einen Ueberblick der Buchbinderarbeiten und typographifchen Fortfchritte geftatten, fondern durch ftatiftifche Aufstellungen, Kataloge und Tabellen, welche einen fehr wichtigen Beitrag zur Gefchichte der Gegenwart bilden könnten. Der internationale Patentcongre fs. 39 d) weil durch die obligatorifche vollständige Publication der den Gegenstand des Patentes bildenden Erfindung die grofsen Opfer an Zeit und Geld, welche die technifche Durchführung anderenfalls der Induftrie aller Länder koftet, bedeutend vermindert werden; e) weil durch fie das Fabriksgeheimnifs, welches den gröfsten Feind des technifchen Fortfchrittes bildet, den Boden verliert; f) weil den Ländern, welche kein rationelles Patentwefen haben, dadurch grofser Nachtheil erwächft, dafs ihre talentvollen Kräfte fich Ländern zuwenden, in denen ihre Arbeit gefetzlichen Schutz findet; g) weil erfahrungsgemäfs der Patentinhaber am wirkfamften für fchnelle Einführung feiner Erfindung forgt. II. Ein wirkfames und nützliches Patentgefetz mufs folgende Grundlagen haben: a) Nur der Erfinder felbft oder fein Rechtsnachfolger kann ein Patent erlangen; b) dasfelbe darf dem Ausländer nicht verfagt werden; c) mit Rückficht hierauf ift eine vorläufige Prüfung geboten; d) ein Erfindungspatent mufs eine Dauer von 15 Jahren haben oder auf diefe Zeit ausgedehnt werden können; es mufs mit feiner Ertheilung eine vollständige, zur technifchen Anwendung der Erfindung befähigende Publication verbunden fein; f) die Koften der Patentertheilung müffen mäfsig fein, je doch mufs es durch eine fteigende Abgabenfcala in das Intereffe des Erfinders gelegt werden, ein nutzlofes Patent baldmöglichft fallen zu laffen; g) es mufs durch ein gutorganifirtes Patentamt Jedermann leicht gemacht werden, die Specification eines jeden Patentes zu erhalten, fowie zu erkennen, welche Patente noch in Kraft ftehen; h) die Nichtausübung einer Erfindung in einem Lande foll das Erlöfchen des Patentes nicht nach fich ziehen, wenn die patentirte Erfindung überhaupt einmal ausgeführt worden und es den Angehörigen des betreffenden Landes ermöglicht ift, die Erfindung zu erwerben und anzuwenden. Ausserdem empfiehlt der Congrefs: i) dafs gefetzliche Beftimmungen getroffen werden, nach welchen der Patentinhaber in folchen Fällen, in welchen das öffentliche Intereffe diefes verlangt, veranlafst werden kann, feine Erfindung gegen angemeffene Vergütung allen geeigneten Bewerbern zur Mitbenutzung zu überlaffen. Im Uebrigen und insbefondere rückfichtlich des bei Ertheilung von Patenten zu beobachtenden Verfahrens weift der Congrefs auf das englifche, amerikanifche und belgifche Patentgefetz, fowie auf den für Deutfchland vom Verein deutfcher Ingenieure ausgearbeiteten Patentgefetz- Entwurf als beachtenswerth hin. III. In Anbetracht der grofsen Ungleichheit der beftehenden Patentgefetzgebungen und in Anbetracht der veränderten internationalen Verkehrsbeziehungen der Jetztzeit liegt das 4 40 Dr. C. Th. Richter. Der internationale Patentcongrefs. Bedürfnifs für Reformen vor, und es ift dringend zu empfehlen, dafs die Regierungen fobald wie möglich eine internationale Verſtändigung über den Patentfchutz herbeizuführen fuchen. Schlufsrefolution. Der Congrefs ermächtigt das vorbereitende Comité, das in diefer erften Verfammlung begonnene Werk fortzufetzen und feinen Einfluss aufzubieten, dafs die angenommenen Grundfätze bekannt werden und zur praktifchen Geltung gelangen. Das Comité wird gleichfalls autorifirt, einen Austausch der Meinungen über den Gegenftand herbeizuführen, fowie Conferenzen unter den Freunden des Erfinderfchutzes von Zeit zu Zeit zu veranlaffen. Zu diefem Zwecke wird das vorbereitende Comité hiemit als ftändiges Executivcomité conftituirt, mit der Ermächtigung, Mitglieder zu co optiren, und Zeit und Ort für den nächften Congrefs zu beftimmen, falls ein folcher für die Förderung der erreichten Refultate zweckmäfsig erfcheinen follte. ALLGEMEINE BILDUNGSMITTEL. ( Gruppe XXVI, Section 6.) DIE SOCIAL- ÖKONOMISCHEN BILDUNGSMITTEL. Bericht von DR. CARL TH. RICHTER, k. k. o. ö. Profeffor der Staatswiffenfchaften an der Univerfität zu Prag. Auf der Parifer Weltausftellung hatte man, durch die Kaiferin Eugenie angeregt und von Napoleon III mit Vorliebe unterſtützt, eine befondere Gruppe gebildet, um den Befuchern der Ausftellung jene Mittel und Einrichtungen zu zeigen, welche in überwiegender Weife, Bildung und Erziehung, Wohlfein und Zufriedenheit der arbeitenḍen Claffe befördern. Man hatte dafür Abtheilungen gebildet, für die Volksbibliotheken zur Unterweifung und Belehrung der Arbeiter, für die Möbel, Kleidungsftücke und Nahrungsmittel jeden Urfprunges, die fich durch Nützlichkeit und zugleich durch Wohlfeilheit auszeichnen. Dann wurden Mufter von Wohnungen und Häufern ausgeftellt, welche fich durch Wohlfeilheit und Zweckmäfsigkeit in Bezug auf Gefundheit und Wohlftand auszeichnen. Daran reihten fich endlich in felbftftändigen Claffen Producte aller Art, welche von felbftftändigen Handwerkern erzeugt waren, und Inftrumente und Verfahrungsweifen, welche für das felbftſtändige Handwerk eine befondere Bedeutung befitzen. In verfchiedenen anderen Abtheilungen fand man Einrichtungsgegenstände, Küchengeräthe und dergl., welche dem Leben des Arbeiters durch Sparfamkeit und Zweckmäfsigkeit dienen könnten. Diefes ganze Gebiet der Ausftellung vom Jahre 1867, wie es ein Verfuch war, hatte doch den günftigen Erfolg, dafs es in einer Zeit, in welcher die Wogen der fogenannten Arbeiterfrage faft in allen Ländern Europas ziemlich hoch gingen, den Befuchern der Ausftellung zeigte, was einerfeits durch Gemeinden, Vereine und zuletzt durch die Arbeitgeber für das Wohl der arbeitenden Claffen gefchehen könne und was anderfeits der Arbeiter felbft leiften und fchaffen kann und foll. Diefe Ausftellungsabtheilung war keineswegs vollkommen und das ganze Leben der arbeitenden Claffen berührend, aber fie ftrebte doch nach allen Gebieten und verfuchte für jedes einzelne Theile der Belehrung und Entwickelung und einzelne Behelfe für das Wohlfein und die Zufriedenheit der arbeitenden Claffen darzuftellen. Die Wiener Weltausftellung hat nun im Gegenfatze zu diefer vorhergegangenen Weltausftellung weder in einer felbftftändigen Gruppe, noch in irgend einer Section diefe Frage angeregt und dafür zur Betheiligung an der Ausftellung eingeladen. Kaum dafs in der letzten Abtheilung der 26. Gruppe mit einigen allgemeinen Schlagworten wie„ Fortbildung der Erwachſenen" oder„, Leiftungen der Vereine, welche die allgemeine und fachliche Ausbildung des Volkes zum Zwecke haben", des grofsen Gebietes der fogenannten focialen Frage gedacht I* 2 Dr. Carl Th. Richter. wurde. Die Ausstellung hatte übrigens doch Raum in einzelnen Gruppen und brachte, theils in der Gruppe 21: die nationale Hausinduftrie, theils in der Gruppe 19 das bürgerliche Wohnhaus mit feiner inneren Einrichtung und Ausfchmückung und endlich in der oben erwähnten letzten Abtheilung der Gruppe 26: Erziehungs-, Unterrichts- und Bildungswefen, einige Ausftellungsgegenstände, die wenigftens Zeugnifs gaben, dafs die einzelnen Ausfteller der Frage, die, wenn auch nicht mehr fo mächtig und alle Gemüther aufregend, fo doch immer noch von Bedeutung und dauernder Beachtung werth, gedachten. Wenn man übrigens im Vergleiche mit der Parifer Weltausftellung 1867 die Vollständigkeit der Wiener Weltausftellung behaupten will, fo kann man auch die Kleidungsftücke und Nahrungsmittel, die fich durch Nützlichkeit und Wohlfeilheit auszeichnen, als vertreten gewefen annehmen. Denn in der Gruppe IV. Nahrungs- und Genufsmittel als Erzeugniffe der Induftrie, kamen unter den Conferven, Extracten und Fleifchwaaren einzelne Ausftellungsgegenftände zur Befichtigung, welche zumeift für den Fleifchconfum der arbeitenden Claffen von befonderer Wichtigkeit find oder fein können. Der Referent über diefe Section der IV. Gruppe Carl Warhanek hat darauf hingewiefen. Was die Kleidungsftücke, die fich durch Wohlfeilheit und Billigkeit auszeichnen, anbelangt, fo hat die fogenannte Confection und die Ausstellung der Maffenproducte der Kleiderinduftrie genug Ausftellungsgegenstände gezeigt, die in ihrer Billigkeit und doch guten Qualität kaum mehr übertroffen werden können und faft dem geringften Einkommen zugänglich find. Durch die WirkwaarenInduftrie, wie fie Ludwig Glogau in feinem Berichte Gruppe V, Section 5 dargestellt hat, ift die Schafwolle und das warme und gefunde Wollkleid bis in die unbemittelten Kreife der Bevölkerung eingedrungen. Unter den Kautfchukwaaren haben wir ganze Anzüge, aus Kautfchukabfällen erzeugt, gefehen, welche feft und dauerhaft und zumeift geeignet find, bei befchmutzenden Arbeiten als Bekleidung zu dienen, und um den Preis von 3 fl. öfterreichifcher Währung verkäuflich find. J. Schnek berichtet des Weiteren darüber in feinem Berichte über Gruppe VI, Section 4. Diefs mufs man anerkennen, um wenigftens nicht zu glauben, dafs man die Frage der Erhaltung und des Wohlfeins der arbeitenden Claffen ganz vergeffen habe. Aber das grofse Ganze, wie es die Parifer Weltausftellung zur Darstellung zu bringen verfuchte, die Zuſammenfaffung aller diefer Elemente des Lebens war nicht vorhanden und als darauf ausdrücklich bezüglich waren nur wenige Ausftellungsgegenstände von wenigen Staaten gebracht worden. Ich glaube, dafs diefs doch einen ganz beftimmten Grund hat und es fei geftattet, mit einigen wenigen Worten darauf zu fprechen zu kommen. Es ift kein Menfchenalter her, wie man oft zu glauben fcheint, dafs die Frage nach dem Wohle der arbeitenden Volks claffen aufgeworfen wurde. Sie bewegt feit Jahrtaufenden die Menfchheit und tritt fcharf ausgeprägt in der Gefchichte des römifchen Reiches und der Gefchichte des Mittelalters hervor. Sie bildet einen Theil der Städtegefchichte Deutfchlands und oft ift uns in der Darftellung des Zunftlebens, der Anfäffigmachung u. f. w. die Spur der vorliegenden Frage erhalten. Sie tritt in neuer Geftalt mächtig auflodernd in den Bauernkriegen hervor und den ftädtifchen Kämpfen Nord- Deutfchlands und anderer Staaten. Sie findet in der franzöfifchen Revolutionszeit durch die Erklärung der Freiheit der Arbeit und des oft mifsbrauchten Rechtes auf Arbeit ihren erften Abfchlufs und spielt von da an hinüber in das politifche Leben, wo fich allmälig das Recht auf Arbeit in ein Recht auf politifche Rechte und es ift wohl nicht zu viel gefagt, oft auch als ein Recht auf Vorrechte ausbildet. In diefe Zeit fällt die ungeheure Entwicklung der europäiſchen Induftrie, der Uebergang der Arbeitskräfte zur allgemeinen Benützung der Dampfkraft, der regelmäfsigen und allmäligen Befriedigung der Bedürfniffe durch das Gewerbe zur Maffenproduction und zur Verarbeitung von koloffalen Mengen Rohftoffe zu Maffenproducten in Die focial- ökonomifchen Bildungsmittel. 3 einzelnen Fabrikscentren; Aufhäufung von Arbeitskräften, Zufammendrängung derfelben an einzelnen Orten und in einzelnen zu ungeheurer Ausdehnung wachfenden Fabriken, Nothwendigkeit grofser Anlags- und Betriebscapitalien, um in der induftriellen Welt Stand zu halten, kurz Capitalswirthfchaft, der eigentlich wirthschaftliche Ausdruck der Dampfkraft und ihrer Benützung in der Induſtrie, welche ja nur die technifche Seite diefes Lebens bedeutet, ift das Kennzeichen der modernen Zeit. Die letzte Aeufserung derfelben ift der aus der Maffenproduction und den grofsen Betriebs- und Anlagscapitalien hervorgehende Capitalsgewinn, der nicht mehr als langfam erworbener Profit der Arbeit, fondern als wie fich felbft erzeugender Zins des Capitales und wie ohne Arbeit erworben, nur durch die Macht des Befitzes fich felbft fchaffend erfcheint. Da tritt die Frage auf, was in Mitte diefer Bewegung der Antheil der Arbeitsleiftung ift, die ja nicht mehr durch Selbftftändigkeit und Tüchtigkeit, fondern nur als dienftbares Element des Capitales, das heifst der Dampfmafchine fich bewähren kann. Die Antwort, die das Capital auf diefe Frage gab, war der Lohn, der Lohn, der fich einfach durch Nachfrage und Angebot ergibt, und als niederfter Lohn durch die Koften der Arbeit beftimmt wird. Dafs man in diefer Antwort zuerft allgemein, dann häufig und heute noch im Einzelnen zu weit ging und die Koften der Arbeit nach der äufserften Nothdurft des menfchlichen Lebens berechnete, gehört bereits der Gefchichte an. Man hat allmälig erkennen gelernt, dafs hohe Arbeitslöhne keineswegs immer die Production vertheuern, eben fo wenig als niedrige Arbeitslöhne fie ftets billiger machen. In Rufsland z. B. find ja, wie bekannt, die Nominalpreife der Arbeit billiger als überall in Europa und nichtsdeftoweniger ift die Gütererzeugung, z. B. die Eifenproduction dafelbft viel koftfpieliger als in England. Es mufste daher Jedermann einleuchten, dafs die lang gepredigte Nothwendigkeit, billige Arbeitslöhne zu behaupten, einmal keine wiffenfchaftliche Berechtigung hat, dafs die Höhe des Lohnes aber auch gar nicht von dem Willen der Menfchen, fondern von den wirthschaftlichen Verhältniffen überhaupt abhängt. Man hat in einer anderen Richtung die Billigkeit des Arbeitslohnes in der höchften Ausnützung der Arbeitskraft durch die faft übermenfchliche Vermehrung der Arbeitsftunden anzuftreben lange gefucht. Man lernte erft fpäter erkennen dafs ebenfo wenig als niedriger Arbeitslohn ein Zeichen billiger Production ift, ebenfo wenig eine geringere Zahl der Arbeitsftunden als unbedingte Veranlaffung geringerer Production betrachtet werden kann. Der ruffifche Feldarbeiter, um bei dem obigen Beiſpiel zu bleiben, beginnt im Sommer fchon zwifchen 2 und 3 Uhr Morgens feine Arbeit und beendigt fie um 9 Uhr Abends; trotzdem vollbringt ein englifcher Farmarbeiter in feiner zehnftündigen Arbeit das Arbeitsrefultat von zwei ruffifchen Arbeitern. Die Beiſpiele laffen fich fo ins Unendliche vermehren, fo dafs man allgemein annehmen kann, dafs mit der Verminderung der Arbeitszeit bei fonft tüchtiger fittlicher und wirthfchaftlicher Bildung nicht nur die Quantität, fondern auch die Qualität der Arbeit gefteigert wird. Die Erkenntnifs diefer Grundfätze brauchte lange Jahre, bis fie allgemein wurde, ebenfo wie die Erkenntnifs jener Grundfätze, die den Arbeiter in feinen Forderungen bei der oben angeregten Frage leiten follen. Von Anfang an war die Frage nach feinem Rechte in eine ganz eigenthümliche Geftalt gekommen, und politifche und fociale Verhältniffe drängten fie auf eine ganz merkwürdige Bahn. Wie follte dem Arbeiter auch die oben angeregte Idee feiner Stellung und feiner Berechtigung klar fein zumeift in Mitte des Capitales, das nur zur Geltung kam und der grofsen Induftrie, die fie entwickelte und von diefer felbft nicht begriffen wurde. In der Vernichtung des kleinen Gewerbes fah er durch das grofse Capital feine eigene Freiheit und Zukunft, indem er fie früher immer erreichen konnte, nicht nur begrenzt, fondern zerftört. Er fah fich als ewiger Diener der Mafchine, als Arbeiter in der Fabrik, um fein Leben betrogen. Und doch, je gröfser die Arbeitermaffen wurden, die fich an einem Orte, 4 Dr. Carl Th. Richter. in einem Etabliffement anhäuften und damit zu gleicher Zeit die Maffenproduction förderten, je mehr damit der grofse Induftrielle fich ausbildete, und gerade in der Zahl feiner Arbeiter und Mafchinen feine eigene Gröfse im wirthschaftlichen Leben ausdrückte, feinen Reichthum und feinen Gewinn dadurch bekundete, defto mehr wuchs im Arbeiter das Bewufstfein grofs, dafs er ja allein die Grundlage der wirthfchaftlichen Bedeutung der Unternehmung, die Quelle des Erwerbes und Gewinnes nicht für fich, denn er war mit dem Lohn" von vornherein abgefunden, fondern für den Gefchäftsherrn und Unternehmer fei. Er arbeitete und erzeugte die Güter, der Unternehmer war blofs Befitzer, Befitzer des Capitales, der Unternehmungskraft und darum allein, defshalb nur der Berechtigte für die Ernte des Gewinnes. Je mehr der Capitalsherr im Anfang diefer Bewegung auf den unrechten Boden. des Gedankens ftand, den auch die Wiffenfchaft damals vertrat, durch niedrige Löhne den Gewinn zu vermehren, defto mehr fpitzte und fchärfte fich die Gegnerfchaft zwifchen Arbeitnehmer und Arbeitgeber zu. In dem Kampfe um Verbefferung der Lage des Arbeiters drängte diefer, bald auf politifchen Boden hinüber gerathend, bald dabei fociale Umwälzungen anftrebend, zu dem altchriftlichen Gedanken von der Unfruchtbarkeit des Capitales. Je mehr in der Noth die Sorge um neu zu erwerbende Rechte die Arbeiterclaffen erfafste und verdüfterte, defto berechtigter und natürlicher erfchien ein Gedanke, den im Jahrtaufend fchon wahre und falfche Volksfreunde, Religionslehrer und Reformatoren vertreten hatten, für den auch im XIX. Jahrhunderte reich begabte Männer eintraten, als der wahre Sporn zum Kampfe. Das Capital ift nichts als aufgehäufte Arbeit, Arbeit aber nur vom Arbeiter erzeugt, daher ihm, wenn er Capital nicht befitzt, widerrechtlich entzogen. Capital bildet fich nur durch Arbeit, der Arbeiter daher allein die wahre Quelle des Capitals, Capital wird nur durch Arbeit nutzbar und in feiner Menge wieder nur immer durch Arbeit vermehrt. Der Arbeiter ift daher immer und überall die. Quelle des Capitalbefitzes und der Capitalsvermehrung. In Wirklichkeit ftand aber diefen Schlüffen und Folgerungen der Arbeiter capitallos dem Capitalsbefitzer gegenüber, der befafs und den Befitz vermehrte, ohne zu arbeiten. Der Capitalsbefitzer ift daher, wie er durch unrechtes Gut zum Befitze kam, dauernd der Erbe fremden und ungerechten Gutes. Derjenige, der den berechtigten Anfpruch an den Gewinn hat, derjenige, der eben das Gut erzeugt, wird durch eine verhältnifsmässig geringe Abfchlagszahlung, durch den Lohn, abgefunden. Wenn der Lohn auch an fich nicht unrecht ift, fo ift er doch dauernd und überall für die Leiftung der Arbeit ungenügend und eben darum dennoch unrecht. Damit war von beiden Seiten die Grundlage jenes grofsen Kampfes gelegt, der das XIX. Jahrhundert bis in unfere Zeit herauf bewegt und den man, als er in die Gefellſchaft eingriff, mit dem kurzem Worte die ,, fociale Frage" nannte. Sie hat in diefem Titel allmälig nicht nur einen wirthfchaftlichen Inhalt, fondern auch und überwiegend einen politifchen. Das Jahr 1848 brachte ihn fehr fcharf zum Ausdruck und um den Namen eines Louis Blanc bewegt fich durch Jahre hindurch nach diefer Richtung hin die Gefchichte. In friedlicheren Zeiten und nach ihm, nahm Ferdinand Laffalle das gleiche Ziel für fein vielbewegtes Leben wieder auf. Die Zeit reifte auch allmälig die Gedanken, die wir fchon oben ausgedrückt haben und brachte Reformen für Capital und Arbeit, welche die ganze Frage zu löfen verfuchten. Nach der wirthfchaftlichen Entwicklung Europa's fchon, durch die vermehrte Nachfrage nach Gütern, die eine Nachfrage nach Arbeit erzeugte, durch die Entwicklung der Arbeit felbft und der Mafchine wurde die Qualität der Arbeiter von immer gröfserer Wichtigkeit und äufserte fich fortgefetzt im Steigen der Preiſe. Man fah, dafs die Arbeit ein Gut ift, wie das Capital, das durch beftimmte Gefetze beſtimmt geregelt wird. Die Löhne ftiegen in fortgefetzter Weife zuerft durch äufsere Bewegungen, welche die ungerechtfertigt niederen Löhne und defshalb ungerechten Preife der Arbeit befeitigten, dann aber durch die Natur des Gefetzes, dafs die fortfchreitende Gütervermehrung durch die Entwicklung der Güternachfrage nothwendig die Nachfrage nach Arbeit, als eine Lohnerhöhung geftatten Die focial- ökonomifchen Bildungsmittel. 5 mufste, da diefer entſprechend das Angebot der Arbeit fich nicht gleich vermehrte. Der Capitalsgewinn wurde immer kleiner, der Arbeitsgewinn gerade in diefem Verhältnifs immer gröfser, Capital und Arbeit mufsten auf diefem Wege durch die Natur der Gefetze fchon fich friedlich und ausgleichend nähern. Neben diefer wirthfchaftlichen Aufklärung ging die fociale Entwicklung. Taufendfach verfchieden ift das, was man nach diefer Richung die fociale Frage nennt. Um den Namen eines Schulze- Delitzfch, um die fociale Inftitution der Rochedaler Pionniere bis zur hohen geiftigen Bewegung, welche heute noch die Frage des Ausgleiches von Arbeit und Capital als Ziel des Denkens und Strebens gefetzt hat, liegt eine grofse und reiche Gefchichte, die gleichfalls wie die Entwicklung der Theorie der Wirthschaftslehre die Erkenntnifs vertritt und allgemein zu machen fucht, dafs Arbeit und Capital zwei gleichberechtigte Kräfte des wirthschaftlichen Lebens find, denen gleichberechtigt nach dem Gefetze der Wiedererzeugung der Güter Zins- und Gewinnprämien zukommen. Unendliches ift in diefer Richtung im Laufe des XIX. Jahrhundertes gefchehen und zumeift die letzten zwanzig Jahre zeigen uns ein Bild, dafs wie eine neue Ordnung des wirthfchaftlichen Lebens aus dem Geifte bewährter Männer und aus der Entwicklung der Wiffenfchaft für jeden hervorgeht, der ohne Vorurtheil und böfen Willen der Gefchichte und ihren Thatfachen gerecht werden will. Auf der einen Seite hat die Concurrenz der Capitalien, an der fich allmälig ganz Europa betheiligte, die Uebermacht des einzelnen Capitals gebrochen und gezeigt, dafs der einft von vielen Seiten angefochtene Satz, dafs die Concurrenz und die Freiheit derfelben alle Ungleichheiten des Lebens ebnet und der Tüchtigkeit allein Recht gibt, denn doch eine grofse Wahrheit enthält. Mufste ja doch in diefer Strömung das Capital felbft zu jenem Mittel greifen, das man einft blofs den Arbeiter als mächtig wirkend und fegenbringend darftellte und das heute allein das Capital wirkfam erhält, zur Affociation, zur Actiengeſellſchaft. Und gerade an ihr konnte man leicht erkennen lernen und erkannte man auch, dafs das Capital niemals ungehindert fich vergröfsert und mit diefer feftgefetzten Vergröfserung auch den Gewinn fortgefetzt vergröfsert. Dann erkannte das Capital auch, dafs feine befte Wirksamkeit uur gewährt und erhalten wird, wenn die Arbeitskraft felbft im vollen Wohlfein und gerechten Erwerbe fich erhält. Daraus entſtehen die Summen jener Thatfachen, welche heute ichon als Refultate des Kampfes, den die Arbeiterfrage darftellt, anerkannt werden. Es ift diefs die Summe der verfchiedenen Vereine, bei welchen der Capitalsbefitzer theils materielle, theils geiftige Unterſtützung gewährt. Es ift diefs weiter die Summe jene Inftitutionen, welche die einzelnen Unternehmungen für die Entwicklung des Wohlfeins ihrer Arbeiter, theils gemeinfam, theils für das einzelne Unternehmen geltend gefchaffen haben. Wir meinen die Schiedsgerichte oder Arbeitergerichte, welche von Mundella zum grofsen Segen des Friedens zwifchen Arbeiter und Herren in England angeregt worden find und die auf dem Continent annäherungsweife nirgends noch ganz, theils gut, theils fchlecht nachgeahmt worden find. Wir meinen weiter, die Kranken- und Unterſtützungscaffen, die Penfions- und Witwen- Verforgungscaffen, die Errichtung von Arbeiter fchulen, öffentliche Vorträge, Bibliotheken und endlich eine der wichtigſten Inftitutionen, die Arbeiterwohnungen. Nicht eine Inftitution, die auf diefem Boden errichtet worden ift, und von diefen Kräften ift heute unerprobt oder, wenn einmal gefchaffen, wieder zu Grunde gegangen. Ein Zeichen, dafs fie gut find, dem richtigen Bedürfniffe richtig entfprechen. Alle, wie verfchieden fie auch geftaltet fein mögen, haben den einen wirth fchaftlichen Charakterzug, dafs fie jenen Theil, der im Güter- Erzeugungsproceffe niemals durch den Lohn dem Arbeiter abgetragen werden kann, ihm aber doch an der Gewinnbewilligung im Güterverkehr zukommen foll, nun auch wirklich zukommen laffen. Der Lohn ift ja immer und mufs wie der Preis des Rohftoffes von Vornherein ein ficherer Rechnungsfactor für die Unternehmung fein. Er wird daher nicht nach der 6 Dr. Carl Th. Richter. Leiftungstüchtigkeit im Werke beftimmt, fondern er gibt durch die äusseren Momente von Angebot und Nachfrage, wie wir fchon oben erwähnten und wie bekannt, fein niederftes Refultat. Jenes, ich möchte fagen, ethifche Moment aber deffen, was der Arbeiter wirklich gefchaffen hat, und was im Preife des Gutes dann hervortritt, ift im Lohn nicht enthalten. Wollten wir es kurz fagen, fo liefse fich das Ganze vielleicht ausdrücken in dem Satze, dafs der Lohn nur der einfache Rechnungs- oder Koftenpreis der Arbeit ift, aber nichts enthält von jener unbeftimmbaren und doch dem Arbeiter zuftehenden Gewinnquote, die man bei jeder wirthfchaftlichen Unternehmung, alfo auch bei der Arbeit in Rechnung fetzen mufs; das Capital trägt fie nun ab durch die Summe jener focialen Inftitutionen, welche, durch das Capital gefchaffen, dem Arbeiter zu Gute kommen. Auf der anderen Seite hat fich die fogenannte fociale Frage, vom Arbeiter felbft in der Löfung verfucht, in anderer Geftaltung ausgebildet. Ein einziges, Allen bekanntes Wort, bringt diefe Beftrebungen zum Ausdrucke die Selbsthilfe. Die vielgenannten Pionniere von Rochedal bildeten für ganz Europa das praktiſche Beiſpiel, Schulze- Delitzfch die Theorie des ganzen Gebietes, neben einer reichen, auch bald in den Thatfachen hervortretenden Thätigkeit. Die fchwachen Kräfte des Einzelnen follten fich einen mit jenen der Andern und fo eine Kraft bilden, welche das Kleine und Schwache durch die Verbindung mit Anderen gleichen und gleichftrebenden, die Genoffenfchaft, zu einer ficheren, fchützenden und weiter führenden Macht bilden. Auf allen Gebieten des Lebens follte diefe Genoffenfchaft durchgeführt werden, und wurde auch in mehr als 20jährigem Bemühen wirklich durchgeführt. Die Confumvereine follten die Erhaltung des täglichen Lebens billiger und beffer machen; fie erftrecken fich über alle menfchlichen Bedürfniffe, und erfcheinen als Vereine zur Befchaffung billiger und guter Lebensmittel, als Kleidervereine u. f. w.; fanden in den Rohftoff- Vereinen, den Vereinen zur Befchaffung billiger und guter Werkzeuge eine befondere Ausbildung für das kleine Gewerbe, an welche fich die Magazinsvereine und andere genoffenfchaftliche Unternehmungen anfchloffen. Die höchfte Ausbildung und nutzbarfte Verwendung fand der genoffenfchaftliche Gedanke in der Bildung der Creditvereine, welche fich heute über ganz Deutfchland ausdehnen, und in einem Central- Creditvereine vereinigt, deffen Anwalt Schulze Delitzfch ift, ihre gemeinfame Verbindung fanden. Auch in Oefterreich fanden diefe Inftitutionen Nachahmung. Zahlreiche andere genoffenfchaftliche Verbindungen, welche Leben und Sterben, die Kranken-, Penfions- und Altersverforgungs- Caffen, welche Witwen und Waifenthum, die Witwen Caffen, Waifenvereine u. f. w. als Ziel ihrer Sorge und Bemühungen zum Inhalte haben, wurden gefchaffen. Die wichtigfte Entwicklung hat neben den Spar- und Creditvereinen die Verbindung der Arbeiter zur genoffenfchaftlichen Production, die Productiv Genoffenfchaft, für längere Zeit vertreten. Aber es fcheint heute, als ob damit doch noch keineswegs der einft gehoffte, ficherfte Ausweg für die Löfung der fogenannten Arbeiterfrage gefunden worden wäre, wenigftens laufen von verfchiedenen Seiten aus Deutfchland in der letzten Zeit Nachrichten ein, von der Auflöfung früher gebildeter Productiv- Genoffenfchaften. So hat fich, um nur ein Beiſpiel, aber eines bei einem tüchtigen Stamme zu geben, in Württemberg, in dem Jahre 1871 die Zahl der Productiv- Genoffenfchaften nicht nur nicht vermehrt, fondern es haben fich die Schuhmacher und Schloffer Productivgenoffenfchaften in Stuttgart, die Harmoniumfabrik dafelbft, die Weberaffociation in Grofs Kifslingen aufgelöft. Möglich, dafs auch in anderen Theilen Deutſchlands ein gleich ungünftiger Erfolg erzielt wurde. Dabei ift es freilich wahr, dafs in Frankreich, wo die Productivgenoffenfchaften am früheften gegründet wurden, diefelben dauernd gedeihen. Gelingen und Mifslingen diefer Inftitutionen waren Veranlaffung zum Verfuche, andere Formen derfelben zu fchaffen, in welchen, um es kurz zu fagen, Arbeitgeber und Arbeitnehmer zufammenwirken, und durch die Betheiligung Die focial- ökonomifchen Bildungsmittel. 7 der Arbeiter am Unternehmungsgewinn die Frage des Friedens zwifchen Arbeiter und Herrn, gelöft werden follte. 99 Wenn wir die ganze Reihe diefer Inftitutionen betrachten, fo ergibt fich unzweifelhaft eine Menge höchft ftattlicher Verfuche, welche die fo alte Frage zu löfen verfuchten. Es ift heute, als ob der Gedanke, der England feit Jahren beherrfcht, und den Thomas Braffey in feiner Schrift Work and Wages fchon ausgefprochen hat, heute allgemein geworden ift:„, The Work is too caft for any Government to undertake. It can only be accomplifhed by fe selfhelp, and felf facrifice of the whole nation". Mag alfo, wie wir diefs fchon früher, und in einem Berichte über die fociale Frage auf der Parifer Weltausftellung" an die Vierteljahresfchrift für Volkswirthschaft, Cultur und Gefchichte ( Berlin 1867) ausgefprochen haben, mag alfo der Reiche allen gerechten Forderungen fich geneigt zeigen, mag der Arbeiter durch Genügfamkeit, Bildung und Mäfsigkeit, fowie durch genaue Kenntnifs des Arbeitsmarktes zur Hebung feiner Lage beitragen. Es ift nicht die Aufgabe der Menfchheit, nur durch Kampf und Zerftörung fich zu entwickeln, fondern auch durch fügfames Anfchmiegen an das, was Zeit und Erfahrung als gut gereift haben. 99 Wir mufsten diefs vorausfchicken, weil es fcheint, als ob diefe Gedanken allmälig allgemein geworden feien. Zeigt fich doch auch in der eigenthümlichen Ruhe der beiden Parteien, welche wiffenfchaftlich am kräftigften die fogenannte fociale Frage durchgearbeitet haben, in den beiden Parteien der deutfchen Nationalökonomie, von denen die eine dem Gedanken Schulze- Delitzích' und der Selbsthilfe treu geblieben, die andere, welche den Namen der Kathederfocialift en als befonderes Kennzeichen fich zugezogen hat, und eine befondere Neigung zu einer, man mufs der Wahrheit gerecht werden, nur fogenannten Staatshilfe hat, es zeigt fich, dafs die ganze focialiftifche Bewegung in ein Stadium der Ruhe eingetreten ift, in welchem man gewiffermafsen den alten Errungenfchaften Zeit läfst, fich für die Dauer zu bewähren, und das ab und zu auftauchende Neue zu einer ftilleren Gährung zurückdrängt. Die Partei der deutfchen Nationalökonomen und ebenfo auch der englifchen, welche durch die Selbsthilfe die grofsen Fragen der Zeit zu löfen geftrebt haben, überlaffen die Gegenwart und hoffentlich auch die Zukunft der Wirkfamkeit diefer Gedanken! Die Partei der fogenannten Kathederfocialiften, welche in allen Ländern, zumeift auch in England Anhänger hat, und in Deutſchland durch hervorragende Perfönlichkeiten vertreten wird, hat den Gedanken der Staatshilfe, von jeher ein gefährliches Wort, feit einiger Zeit und zumeift im Octobercongrefs des Jahres 1873 dahin abgefchächt, dafs eigentlich die ganze Frage auf das Gebiet der Staatsverwaltung hinübergefchoben, und die berechtigte Reform zahlreicher wirthschaftlicher Gefetze wie der Fabriks- Gefetzgebung, der Bauordnungen, der Gefetze über die Schulpflicht u. f. w., die uns zum Theile aus längft vergangenen Tagen noch anhaften, als Ziel ihrer Beftrebungen ausgefprochen wurde. Ift es nun wirklich der Fall, dafs die Sicherheit der Ueberzeugung, dafs auch die Zeit und nicht blofs Wunfch und Wille der Menfchen die Organiſation der Gefellſchaft und Ordnung des wirthschaftlichen Lebens reifen mufs, immer mehr Platz greift, fo mag diefs auch der Grund fein, dafs die Wiener Weltausftellung wenig auf einzelnen Gebieten, gar nichts auf anderen Gebieten der Fragen, die wir hier zu betrachten haben, gebracht hat, und dafs es eigentlich dem Berichterftatter nur oblag, die Gründe diefes Mangels der Ausftellung in Kurzem und Allgemeinem darzulegen. Die Parifer Ausftellung hat das ganze Gebiet vielfach vollkommener erfchöpft, und fünf Jahre, die feither vorübergegangen find, machen wahrhaftig einen kurzen Zeitraum aus, um Neues und Epochemachendes zu fördern. Wir fahen daher auf der Wiener Weltausftellung weder eine felbftftändige Gruppe, noch eine felbftftändige Section dem Gebiete der fogenannten focialen Frage gewidmet. 8 Dr. Carl Th. Richter. Wir fanden die darauf bezüglichen Gegenftände, wie wir fchon früher fagten, zum Theile, aber nicht mit beftimmter Beziehung zu unferem Gegenftande in der Gruppe IV, zumeift Section 5, und der Gruppe V, Section 7, zum Theile auch, aber nur wenige Gegenftände berührend, unter den Arbeitsmafchinen Gruppe XIII, Section 2, und in dem Gebiete der Werkzeuge und Verfahrungsweifen für Maurer, Steinmetzer, Tifchler, Schloffer u. f. w. vertreten. Hieher nun, und in diefe Gruppe und Section gehören auch die einzelnen Arbeiterwohnungen und Arbeiterhäufer, welche zur Ausftellung gebracht wurden. Zur Gruppe XXVI gehört das Gebiet der Volksbibliotheken, jener Vereine, welche die allgemeine und fachliche Ausbildung des Volkes zum Zwecke haben, und auch das Vereinswefen mit anderen Zielen und Zwecken. So alfo ift das Gebiet, dem wir eine kurze Berichterftattung allein widmen können, zerriffen und zerftreut, unvollkommen und ohne jede befondere Abficht mit den Lebensrichtungen und Lebensbedürfniffen zufammengewürfelt gewefen. Wäre an irgend einer Stelle der Organifation der Weltausftellung, in irgend einem der Programme der einzelnen Gruppen eine beftimmte Abficht ausgedrückt worden, nach welcher man aber nicht mehr als etwas Befonderes und von dem grofsen Ganzen felbftftändig Ausgefchiedenes die hier berührte Frage angefehen wiffen wollte, fo könnte man dadurch allein fchon einen grofsen Fortfchritt anerkannt fehen, und der Wiener Weltausftellung das Recht einräumen für eine neue Zukunft der Anknüpfungspunkt gewefen zu fein. Mit der Abfchwächung der Standesunterfchiede, mit der Auflöfung aller Claffen und gefellſchaftlichen Abgrenzungen, wie fie unfere Zeit kennzeichnet, mit der gleichen Berechtigung, welche jedem Bürger des Staates vor dem Gefetze und im politifchen Leben eingeräumt ift, und mit dem Gedanken, dafs jede Arbeitskraft, wo immer und wie immer fie fich geltend machen will, dadurch nicht nur berechtigt, fondern allen anderen gleichberechtigt erfcheint, mit all' diefen Momenten unferes modernen Lebens ift jede Grenze, welche das eine oder das andere Gebiet, die eine oder die andere Bewegung oder Lebensfrage aus dem grofsen Ganzen ausfcheidet, längft befeitigt worden. Es gibt daher auch keine Arbeiterfrage mehr, die auf felbftftändigen Bahnen vorwärts dringt, es gibt nur eine folche in Mitte des ganzen übrigen Lebens, die wie diefes, in diefem und mit diefem allein vorwärts bewegt und zur Entwicklung gebracht werden kann. Wir fühlen es fo feit Langem und haben verfucht, in den früheren Andeutungen über die Beziehungen der Lohnfrage zum Capital es fchon auszudrücken, wir fühlen es feit Langem, dafs eine Intereffengemeinfchaft auch auf diefem Gebiete eingetreten, und der Theil des Lebens nur mit dem Ganzen, die einzelne Aeufserung nur in Mitte der gefammten Lebensbewegung zur Geltung gebracht werden kann. Wenn davon die Organiſation der Wiener Weltausftellung ein Bewufstfein gehabt hätte, und in diefem Geifte den einzelnen Theil unferes focialen Lebens mit dem Ganzen hätte verbinden wollen, dann könnte man, wie wir fchon fagten, einen Forfchritt darin erkennen. Wir zweifeln aber fehr, dafs diefs der Fall war, denn auch in den angedeuteten Gruppen, die in den officiellen Erläuterungen zur Gruppeneintheilung" oft bis ins weitefte Detail nach ihrem Inhalte aufgezählt und dargelegt werden, findet fich auch nicht ein Wort, das auf die Erkenntnifs des oben angedeuteten Gedankens fchliefsen liefse. Wir find daher auch nicht im Stande, mehr in der Berichterstattung zu thun, als die Weltausftellung wirklich felbft geboten und wollen in Kurzem der einzelnen Ausftellungsgegenstände, wie fie fehr dünn gefäet, und bald mit diefer, bald mit jener Gruppe vereinigt, zur Darftellung kamen, gedenken. Zur Orientirung erwähnen wir, dafs wir, als unferer Betrachtung angehörig, das Volksbibliotheks- Wefen hier einbeziehen, foweit es eben zur Darstellung kam, das Vereinswefen und endlich als das einzige, was eine befondere Darftellung gefunden hat, die Frage der Arbeiterhäufer und Arbeiterwohnungen und des Sparcaffawefens. Die focial- ökonomifchen Bildungsmittel. 9 Die Volksbibliotheken. Wir folgen den Staaten in der Betrachtung, wie fie in der Induftriehalle aut einander folgten. Amerika hatte einige Kataloge feiner zahlreichen Bibliotheken, wie fie theils befonderen Vereinen, theils der Gefammtheit angehören, zur Ausftellung gebracht. Zu den erfteren zählen die fogenannten Mechanik- und mercantile Bibliotheks Gefellfchaften, von denen die New- Yorker Gefellſchaften, die Gefellſchaft zu Bofton, Brockfield, die Kataloge ihrer Bibliotheken ausgeftellt hatten, und in denen zumeift Schriften englifcher und amerikaniſcher Autoren und natürlich überwiegend technifchen Inhaltes vertreten find. Zu den zweiten zählen die Staatsbibliotheken von Wafchington, Wefton, Winchefter, Worchefter und die Bibliothek des Jünglingsvereines zu New- York, welche gleichfalls ihre Kataloge und einzelnen Werke zur Ausftellung gefchickt hatten. Der Charakter aller diefer Bibliotheken ift dadurch zur Genüge gekennzeichnet, dafs fie zumeift als öffentliche Bibliotheken anerkannt und allgemein zugänglich find. Sie enthalten englifche und amerikanifche, franzöfifche und deutfche Schriften hiftorifchen, geographifchen und fchönwiffenfchaftlichen Inhaltes. Die amerikaniſche Bibelgefellfchaft von New- York, die feit einem halben Jahrhundert gegründet, Taufende von Zweiggefellſchaften zählt und Millionen von Bibeln in allen Sprachen vertheilt hat, war auf der Ausstellung nur durch ihre Kataloge vertreten. Mit befonderer Beziehung auf das Leben der Arbeiter und die Bildung derfelben find die Handwerkervereins- Bibliotheken, von denen Lovell und Detrait die Kataloge derfelben zur Ausftellung gefchickt hatten. Mit hieher gehören die Kataloge der Athenäumsbibliotheken von Pittsfield und Weft- Newton mit Schriften, überwiegend der Technik, Mechanik und Chemie angehörend. England hat leider gar nichts zur Ausftellung gebracht, obgleich es das Land ift, in welchem das Volksbibliotheks- Wefen zuerft in ausgedehnter Weife beachtet wurde. Ebenfo find Leihbibliotheken und Lefezimmer über das ganze Land zerftreut und zumeift zur Benützung der Arbeiter von Gemeinden und Arbeitervereinen oder Vereinen, welche fich die Errichtung von Arbeiter- und Volksbibliotheken zur Aufgabe gefetzt haben, errichtet worden. Buchhändler und Verleger unterſtützen auf das Freigebigfte diefe Vereine, was wir zur Darnachachtung für die deutfchen und auch öfterreichifchen Verleger hier doch hervorheben müffen. Auch Frankreich, das auf der Parifer Weltausstellung eine grofsartige Sammlung der Kataloge der Bibliotheken für das Volk und für die Arbeiter ausgeftellt hatte, war nur in ganz einfeitiger Weife in Wien vertreten. Einige Statuten und Kataloge von Bibliotheken in Paris fanden fich vor; dann eine Denkfchrift von Louis Bég non über die in Thenuille gefchaffenen Einrichtungen zur För derung der Volkserziehung und Entwicklung des Gewerbefleifses und der Volkswirthfchaft, unter welchem die Bibliothek der Stadt eine befondere Stellung einnimmt. Gefchichtliche Schriften, Lehrbücher der Geographie, der Chemie und der Mathematik bilden einen Hauptbeftandtheil derfelben. Dann hatten fich die Bibelgefellſchaften von Paris eingefunden mit ihren Rechenfchaftsberichten und verfchiedenen Ausgaben der Bibel und des neuen Teftamentes, ftreng in Glaskäften verwahrt gewefen und felten zugänglich. Für den Vertrieb ihrer Schriften fanden die Gefellfchaften in Wien nur einen fehr ungünftigen Boden. Bei diefer geringen Betheiligung ift wenig über die Fortfchritte des Bibliothekwefens in Frankreich zu fagen. Und doch hat das Gefetz vom 1. Juli 1862, nach welchem jede Schule eine öffentliche Bibliothek errichten foll, ganz günftige Wirkungen für die Entwicklung des Volksbibliotheks- Wefens erzeugt. Auch die neben den Schulen gefchaffenen Volks- und Arbeiterbibliotheken, welche von den hervorragendften Perfönlichkeiten Frankreichs entweder geleitet oder wenig 10 Dr. Carl Th. Richter. ftens gefchützt werden, haben eine grofse Entwicklung erreicht. Wenn die Schulbibliotheken heute in Frankreich bei den 30.000 öffentlichen Schulen wenigftens bei einem Drittel eingeführt find, fo zählen Paris und die gröfseren Städte Frankreichs nach Hunderten ihre Arbeiter und Volksbibliotheken. Auch ift es bekannt, wie viel der Franzofe, zumeift von der rafch auftretenden Tagesliteratur lieft, und dafs gerade dadurch die Schriftfteller Frankreichs fo rafch populär werden. Es wäre daher gewifs höchft fchätzenswerth gewefen, wenn man von Frankreich eine Darftellung feines Volks- und Arbeiter- Bibliothekswefens, aber auch dabei der Benützung der Bibliotheken erhalten hätte. Wir meinen damit, diefs fei hier gleich erwähnt, keineswegs blofs die Angabe der Zahl der benützten Bücher, denn diefelbe hat nur einen verfchwindenden Werth. Wir meinen damit eine Statiſtik der Bücher und der Zahlen, nach denen man erkennt, wie oft gewiffe Bücher ausgeliehen und benützt worden find. Es ift gewifs charakteriftifch, dafs man nur felten in den Lefecabineten von Paris, die zu gleicher Zeit kleinere oder gröfsere Bibliotheken haben, in den letzten fechziger Jahren, alfo in einer Zeit, in welcher das napoleonifche Regiment die Gemüther fehr düfter ftimmte, dafs in diefer Zeit nur felten Thiers' franzöfifche Revolutionsgefchichte vorhanden und zu haben war. Und das wäre die Aufgabe einer Darftellung des allgemeinen Volksund Bildungswefens, fo weit es eben das Bibliothekswefen betrifft. Man mufs zeigen, welche Bücher und wie vielfach diefelben Bücher vom Volke begehrt werden. Nur dadurch läfst fich aus dem Bibliothekswefen ein richtiger Schlufs auf Verbreitung und Nutzen der Literatur ziehen. Wie weit die übrigen romanifchen Völker, Portugal, Spanien, Italien fich in diefem Gebiete feit den letzten Jahren entwickelt und hervorgethan haben, wiffen wir nicht. Die Ausftellung hat uns in Nichts darüber einen Auffchlufs gegeben. Bedeutend dagegen find feit den letzten Jahrzehnten die Fortfchritte des Volkes und Arbeiter- Bildungswefens in Schweden, und wenn es wahr ift, dafs das Verfchwinden des Branntwein- Trinkens mit der Verbreitung der Bildung in den niederen Volksclaffen gleichen Schritt hält, dann kann in der That die Verminderung der Branntwein- Production auf die Entwicklung des Volks Schulwefens und die Vermehrung der Volksbibliotheken zurückgeführt werden. In den fünfziger Jahren betrug die Zahl der Branntwein Brennereien in Schweden 4500 und betrug die gefammte Production mehr als 30 Millionen Kannen. In den fechziger Jahren war die Anzahl der Brennereien auf 4- bis 600 gefunken und betrug die Production kaum mehr als 14 Millionen Kannen. Diefs Verhältnifs ift heute noch geltend und, fagt die amtliche Statiſtik Schwedens, die Zahl der Verbrechen hat in dem nämlichen Verhältniffe abgenommen, wie der Branntweinverbrauch. ,, Das ift ein grofser, gefellfchaftlicher Vortheil." Eines der befonderen Lafter der nördlichen Länder hat fomit in Schweden an Boden verloren und wenn auch die fortgefetzte Erhöhung der Branntwein- Steuer und die Vergröfserung des Bierconfums den gröfsten Antheil an diefem günftigen Verhältniffe haben, fo hat doch die Verbreitung einer allgemeinen Bildung die Sittlichkeit des Verhältniffes und das zufriedene Ertragen desfelben fehr befördert. Es gibt in Schweden kaum zwei von je hundert Kindern, welche keinen Unterricht empfangen und wie eigenthümlich das Elementar- Unterrichtsfyftem zumeift in den nördlichen Theilen des Landes durch den wandernden Schullehrer, der von Flecken zu Flecken, von Haus zu Haus für einige Wochen feinen Unterricht ertheilt, auch fein mag, die Unterrichtsentwicklung ift doch in Schweden eine äufserft glückliche und günftige. Jedermann kann lefen und die Buchdrucker- Preffen find dauernd und vollauf befchäftigt. Im Verhältniffe zur Bevölkerung hat Schweden die meiſten Zeitungen. Es ift daher natürlich, dafs auch das Volks- Bibliothekswefen eine entsprechende Entwicklung erfahren hat, und fehr anmuthig und anziehend war die faubere Ausftellung einzelner Mufterwerke der fchwedifchen Schul- und Volksbibliotheken im fchwediſchen Schulhaus. Seit ungefähr fünfzehn Jahren hat man, die Nützlichkeit der Volksbibliotheken erkennend, folche in allen Gemeinden anzulegen begonnen " Die focial- ökonomifchen Bildungsmittel. 11 und fleifsig in Anspruch genommen. Man hat es vor Allen den Prieſtern als Pflicht auferlegt, zur Gründung diefer Bibliothek anzuregen und zur Benützung derfelben aufzumuntern. Die Gemeinden gründen diefelben, Gefchenke unterſtützen fie und kleine Gebühren für die Benützung der einzelnen Bücher geben einen genügenden Fond, um alle Jahre neue Werke anfchaffen zu können. Befondere Vereinigungen literarifch gebildeter Männer geben von Zeit zu Zeit Anweifungen heraus, welche die beften Bücher enthalten, die die Volksbibliotheken anfchaffen follen. Eine folche Anvifning å Böcker Tjenliga för Sockenbibliothek", welche in dem fchwedifchen Schulhaufe auflag, zeigte uns, welche von den in Schweden feit den fechziger Jahren erfchienenen Schriften den Bibliotheken empfohlen worden find. Es find diefs religiöfe Schriften, unter denen Luther's Schriften und Thomas a Kempis eine befondere Stellung einnehmen. Hiftorifche Schriften, bei denen die fchwedifche, norwegifche und dänifche Gefchichte, dann auch die Gefchichte Deutſchlands, Mignet's Gefchichte Frankreichs befonders hervortreten, am reichften weiter Werke der Geographie und Naturgefchichte beachtet erfcheinen, und den Inhalt diefer vortrefflichen Anweifung bilden. Wir erwähnen derfelben fo ausführlich, weil hier ein nachahmungswürdiges Mufter der Unterſtützung des Volks- Bibliothekswefens gegeben ift. Die übrigen nordifchen Staaten haben fich nicht weiter an diefer Ausftellung betheiligt, ebenfowenig als leider Deutfchland. Wir fanden wohl in der deutfchen Abtheilung einzelne Vereinsftatute, die der Beachtung würdig noch fpäter erwähnt werden follen, welche einzelne Andeutungen von Volks- und Arbeiterbibliotheken enthalten. Etwas Ausführliches aber und das ArbeiterBildungswefen betreffend, haben wir nicht auffinden können. Wir bedauern aufrichtig, dafs auch O efterreich, ähnlich wie Deutſchland, nichts von feinen Volksbibliotheken und Bibliotheken der Vereine zur Anficht gebracht hat. Und doch ift in diefer Richtung viel gefchehen. Die zahlreichen Vereine, vor Allen die Bildungsvereine, zahlreiche andere Inftitute, wie das Mufeum für Kunft und Induftrie in Wien, der niederöfterreichifche Gewerbeverein, das deutfche Cafino, der deutfch- hiftorifche Verein u. f. w. in Prag haben öffentliche Bibliotheken, deren Benützung Jedermann zugänglich ift und die auch in der That zumeift von Gewerbetreibenden und Arbeitern benützt werden. Freilich wäre auch hier mit der blofsen Ausitellung der Kataloge der einzelnen Werke wenig gethan gewefen. Gerade bei einem aufftrebenden Staate, bei einem feit der conftitutionellen Verfaffung allgemein rege gewordenen Bildungsdrange wäre es wichtig, die Zahl der ausgeliehenen Bücher und die Art der meift benützten Werke kennen zu lernen. Weil wir von dem Zufammenhang der öffentlichen Bibliotheken, fo weit diefelben eben nicht fachwiffenfchaftliche find, Bibliotheken, die der Wiffenfchaft angehören und den Männern der Wiffenfchaft, weil wir von dem Zufammenhange der Bibliotheken mit der Gefammtentwicklung ausgehen, beachten wir nicht die Zahl der fogenannten öffentlichen Leihbibliotheken, die ein Gefchäft aus dem Bücherverleihen machen, und die in Oefterreich wie in Deutſchland eine ungeheuere Verbreitung haben; obgleich es auch hier gerade bei Oefterreich einen beftimmten Werth hätte, jene Bücher kennen zu lernen, welche am meiften von den verfchiedenen Gefellſchaftskreifen benützt werden. Nach den Erfahrungen, die wir gemacht, nach den einzelnen Notizen, die wir in einzelnen Städten Oefterreichs gefammelt, glauben wir, dafs man den Kopf fchütteln würde, wenn fie allgemein wären, und dafs man den Nutzen der Leihbibliotheken nicht befonders hoch anfchlagen würde. Wenn wir uns in der Ausftellung Oefterreichs umfahen, fo fanden wir blofs bei den einzelnen Eifenbahn- Gefellſchaften und der Donau- Dampffchifffahrts. Gefellſchaft die hier bezügliche Frage erörtert. Die gröfseren Transportgefellfchaften haben mit der Summe ihrer anderen focialen Inftitutionen auch das Bibliothekswefen gefördert und wenigftens in der Darstellung der einzelnen Etabliffements der Bibliotheken für ihre Arbeiter und Beamten gedacht. Wie in 12 Dr. Carl Th. Richter. der grofsen Mufterftadt Mühlhaufen der Erfolg der angelegten Bibliothek lange zweifelhaft war und in befter Weife fichergeftellt wurde, als andere fociale Inftitutionen, wie Arbeiterwohnungen, Penfionscaffen, Arbeiterfchulen u. f, w. eingerichtet wurden und fich bewährten, fo fcheint auch bei den Bibliotheken unferer Verkehrsanftalten, die übrigens alle auch noch fehr jung find und auf die Anregung, welche die Parifer Ausstellung 1867 gab, zurückgeführt werden können, der Erfolg noch keineswegs fichergeftellt zu fein. Nur die Donau- DampffchifffahrtsGefellſchaft erklärt in der Gefchichte ihrer Kohlenbergwerks- Colonie zu Fünfkirchen, auf welche wir noch oft zu fprechen kommen werden, und für deren ganze Erfcheinung und Bedeutung wir auf unfere Schrift ,, Oefterreichifche Pionniere", Berlin 1873, verweifen, die Donau- Dampffchifffahrts Gefellſchaft erklärt, dafs ihre im Jahre 1866 gegründete und heute beiläufig 1300 Bände zählende Arbeiterbibliothek fo benützt wird, dafs beiläufig jeder Band bei einer Bevölkerung von 2772 Seelen acht bis zehnmal im Jahre ausgeliehen werde. Die Schulkinder betheiligen fich an der Erhaltung des Bibliotheksfondes durch freiwillige wöchentliche Einzahlungen von I bis 2 Kreuzer. Kreuzer. Bei anderen Bibliotheken, wie bei der Arbeiterbibliothek der Südbahn wird eine Leihgebühr von 5 Kreuzer per Monat für das Ausleihen eines Buches bezahlt. Vereinswefen. Je fchwieriger das Leben in der Gefammtheit wird, defto ernſter wirken die Verhältniffe auf das Leben der Arbeiterclaffen und der niederen Volksclaffen überhaupt. Selten begreifen diefe Claffen den endemifchen Zufammenhang der entfernteren Elemente des modernen Lebens. Je gröfser die Einkommensbildungen find, je reicher durch die Entwicklung der einzelnen Zweige der Wirthfchaft die Menfchen werden, defto höher fteigen alle Preife. Je mehr Gold in Europa fich aufhäuft, defto fchwieriger wird es für die arbeitenden Claffen, das Leben zu unterhalten. Was der Arbeiter fchafft, erzeugt und verwandelt fich in Gold, was aber keineswegs den Hunger ftillen und den Durft löfchen kann. Es hat die Arbeiter Englands fehr erbittert, dafs oft fabelhafte Capitalien keine Verwendung finden können und fie haben geglaubt, dadurch allein ihre Lage zu verbeffern, wenn fie beffer, bezahlt werden. Aber in demfelben Mafse, als fich die Arbeitslöhne erhöhten und in England in allen Gewerben zugenommen haben, find alle Preife geftiegen und fteigen auch allenthalben bei den gleichen Verhältniffen. Die zunehmende Theuerung der Preife hat das fociale Problem fehr tief in das Bewufstfein der Völker gebracht. Man hat einft bei der Erkenntnifs der Noth die Bäckerläden geftürmt, und noch vor einem Jahre haben die Frauen in Schottland den Befchlufs gefafst, fo lange kein Fleifch zu kaufen, bis es billiger geworden ift. Auch die wirthschaftlichen Gelehrten kamen zu beftimmten Vorfchlägen und es ift bekannt, dafs in der Nothzeit des Jahres 1849 Prouthon behauptete, man könne die Noth der Arbeiter nur durch die Verminderung ihres Einkommens vermindern man müffe daher den Arbeitern um 25 Percent weniger Lohn geben, aber auch die Summe aller anderen Preife um gerade fo viel verringern. Nur dadurch kann man den Kaufwerth des Geldes felbft vermindern. Man ift feit Langem abgekommen, durch folche radicale Mittel Hilfe zu erreichen und hat fich gewöhnt, die Philo fophie des Elends zu ftudiren und auf den Grund der Sache einzugehen. haben hier nicht die Aufgabe, die Gefchichte der gefammten focialen Bewegung zu fchreiben. Es genügt die Bedeutung der einzelnen Fragen zu kennzeichnen. Vielleicht zieht man daraus für die Zukunft und zumeift für die Aufgabe der Ausftellungen Nutzen. Es ift freilich eine fchwierige Sache, aber es wäre auch unbedingt eine fehr lohnende Aufgabe, die Summe aller Behelfe darzuftellen, welche die Zeit, die Mühe und Sorge der Einzelnen, vor Allem aber das Vereinswefen gefchaffen hat, um Leben und Entwickelung der arbeiten den Claffen und . Wir Die focial- ökonomifchen Bildungsmittel. 13 der Maffe der niederen Volkskreife zu leiten und zu befördern. Man könnte daraus einen Spiegel der Zeit bilden, ihrer beften Fortfchritte, ihres Glückes und ihres Elends. Die Wiener Weltausftellung hat auch auf diefem Gebiete nur wenig und das Wenige nur lückenhaft zur Darstellung gebracht. Wir wollen in dem Folgenden die Summe aller jener Inftitutionen kennzeichnen, welche, wie verfchieden fie untereinander find, doch das eine Ziel verfolgen, das wir oben gekennzeichnet haben. Nur die Frage der Arbeiterwohnungen und Arbeiterhäufer fcheiden wir hier aus und wollen im letzten Abfatze diefelbe felbftftändig behandeln. Hier hat die Ausftellung wenigftens annähernd Material geliefert. Amerika hat neben der Darftellung feiner wiffenfchaftlichen Organiſation auch die Organiſation feines wirthschaftlichen Erziehungs und Bildungswefens dargestellt. Von der Summe aller anderen Erziehungsbehelfe von feinen Schulen, von feinem ausgebildeten Vereinswefen, von der Thätigkeit feiner zahlreichen fördernden und unterſtützenden Gefellfchaften hat es uns nichts berichtet. Nur die amerikaniſche Bibelgefellſchaft von New York hat auch auf anderen Gebieten, als der Verbreitung der 22 Millionen Bibeln und der Millionen von Tractaten, einige Nachrichten über ihre fonftige Thätigkeit und der mit ihr in Verbindung ftehenden Gefellſchaften zukommen laffen. Das amerikaniſche Vereinsleben wird zum gröfsten Theile, zumeift was die Gründung von Schulen und Unterstützungsvereinen anbelangt, von den verfchiedenen Bibelgefellfchaften, den Gefellfchaften für innere Miffion" den„ Seemannsfreunden", den einzelnen Frauenvereinen und Frauenbewahr- Anftalten vertreten. So unterhält die Gefellfchaft für innere Miffion" in New- York an 900 Miffionäre, deren Sonntagsfchulen von 65.000 Kindern befucht werden. Ein anderer Miffionsverein wendet fich den Negern zu und hat an 500 Lehrer, die im Jahre 1868: 38.000 Schüler unterrichteten. Die Seemannsfreunde haben feit ihrem zehnjährigen Beftehen mehr als 100.000 Bücher zur Belehrung und fittlichen Befferung der Matrofen angefchafft und vertheilt. Die Einnahmen diefer Vereine find fehr bedeutend, wie zahlreich fie auch find. zieht fich mit ihnen neben den Schattenfeiten, an denen es der amerikanifchen Gefellſchaft nicht fehlt, ein vielfach verzweigtes Band eines werkthätigen Chriftenthums, das auf Heilung der moralifchen Gebrechen der Bevölkerung gerichtet ift und den eigentlichen Charakter der amerikanifchen Volksrepublik ausmacht. وو " Es England, das Mutterland der gefammten Vereinsorganifation, die Schöpferin der Confumvereine, der Productivgenoffenfchaft, der Einigungsämter u. f. w., hat fich mit gar nichts aus dem Leben feiner Arbeiterclaffen betheiligt. Möglich, dafs man glaubte, die Inftitutionen diefer Art find längft in der ganzen Welt bekannt, fie haben Bücher erzeugt, die eine Bibliothek bilden und unter ihren Autoren Männer aller Nationen haben, möglich, dafs man glaubte, es laffe fich für das ganze Gebiet nichts Neues zeigen und es ift die Zeit vorbei, in welcher man der Zukunft neue Bahnen zu fchaffen vermag, kurz nichts bot uns die Ausftellung und es ift nicht unfere Aufgabe zurückzukommen auf die taufend Mechanikinftitute, welche im Lande verzweigt find und von Taufenden von Arbeitern befucht werden, zurückzukommen auf die Confumvereine aller Art, wie fie jedes Städtchen in England befitzt, endlich auf die Productivgenoffenfchaften und auf die zahlreichen Gewerkvereine, welche Arbeit und Erwerb erleichtern und zu befördern trachten. Wünschenswerth wäre es freilich gewefen, wenn die Ausftellung Veranlaffung gegeben hätte, ein grofses Bild der Thätigkeit und Entwicklung Englands in diefer Richtung zu geben. Wichtig wäre es vor Allem gewefen, wenn die neueften Refultate der Einigungsämter, welche heute in Deutfchland und Oefterreich mit aller Haft angeftrebt werden, zur Darstellung gebracht worden wären. Wir müffen uns begnügen, auf die Literatur zu verweifen. Frankreich hat früher als andere Staaten auf dem Gebiete der Arbeiterfrage Manches geleiftet. Es hat zuerft die Productivgen offenfchaften eingeführt und damit gute Refultate erzielt. Auch auf der Ausftellung in Wien hat es mit 14 Dr. Carl Th. Richter. zahlreichen Statuten und Ausweifen der Vereine und Genoffenfchaften fich betheiligt. Neben den zahlreichen Statuten feiner gewerblichen Fachfchulen, die weit bekannt und die in allen gröfseren Städten Frankreichs eingerichtet find, neben feinen reichen, gut eingerichteten Zeichenfchulen, welche in Paris, in Nantes, Evreux, Rochefort fur mer, in Cinguantin, in Rouen, Vichy und in anderen Städten für Knaben und Mädchen eingerichtet find, und welche Frankreich mit einem Heere guter gewerblicher Zeichner ausrüften und in praktiſcher Ordnung für den Lehrling und ftrebfamen Arbeiter eingerichtet, ihre Unterrichtsftunden auf den Abend verlegt haben, neben diefen Inftituten waren durch ihre Statuten und Rechenfchaftsberichte noch vertreten, das ifraelitifche Confiftorium zu Paris, das auf Grund Rothfchild'fcher Stiftungen ein Waifenhaus, Krankenhaus und Afyl und ein Schutzhaus für ifraelitifche Mädchen, auf Grund von Stiftungen Bifchofheim's, eine Ausbildungsfchule für Mädchen und einem Schutzverein für Arbeite rinen verwaltet. Weiter erfchien die Gefellfchaft der Kinderfreunde aus Paris, welche zu ihrem Zwecke die Unterbringung armer Knaben in die Lehre hat. Dann haben zahlreiche Schutzvereine aus Paris, wie Schutzverein für Lehrlinge und in Fabriken arbeitende Kinder, die Schutzanftalt für junge Arbeiterinen in Paris, die Gefellfchaft für die Erziehung von Knaben der Arbeiterclaffe und zahlreiche Waifenanftalten aus Paris und anderen Städten Frankreichs ihre Rechenfchaftsberichte ausgeftellt, bei denen eben nur zu bedauern war, dafs die Berichte verfchloffen und Niemand anwefend war, um Auskunft zu ertheilen. Wir müffen uns begnügen, die Exiftenz zu conftatiren. Beachtenswerth war die von Groult in Vitry fur Seine gegründete Waifenanftalt, in welcher die Kinder nach der Schule in den Werkstätten und der Fabrik allmälig herangezogen und zu Arbeitern ausgebildet werden. Der fchon während der Lehrzeit gewonnene Arbeitslohn deckt alle Auslagen für die Erziehung des Kindes. Ueberhaupt haben die Waifenhäufer, ob privat oder öffentlich, auf Stiftungsvermögen ruhend oder von den Gemeinden erhalten, eine grofse Aus- und Durchbildung für fich entwickelt und alle Con feffionen ebenfo wie die verfchiedenen Gefellſchaftskreife haben ihre befonderen Afyle und Waifenanftalten. Die franzöfifchen Arbeitervereine haben fich an der Ausftellung nicht betheiligt, was jedenfalls zu bedauern ift, da in Frankreich alle Arten von Arbeitergenoffenfchaften und Vereinen einen guten Boden gefunden haben. Es wäre ganz wichtig, bald zu erfahren, wie weit diefe Vereinigungen fich feit der Zeit entwickelt haben, als die Einmifchungen des napoleonifchen Regiment fich abfchwäch ten. Freilich ift es bekannt, dafs nur die polizeiliche Einmifchung dauernd Statt hatte, denn mit Stolz haben die Parifer Arbeiter jede materielle Unterſtützung von Seiten Napoleons, wie oft fie ihnen auch angetragen wurde, zurückgewiefen. Auch die franzöfifchen Induftriellen haben diefsmal nicht, wie im Jahre 1867 Bericht über die focialen Inftitutionen bei ihren Fabriken eingefchickt. Aber es ift bekannt und die Inftitutionen von Mühlhaufen, heute freilich Deutſchland angehörend, haben feit langen Jahren den Ruhm franzöfifcher Induftriellen und ihrer Sorge für die Arbeiter erhalten. Jedes grofse Etabliffement, wir erinnern nur an Schneider's Eifengewerke von Creuzot, jedes Etabliffement hat in Frankreich für feine Arbeiter Schulen, Krankencaffen, Penfionscaffen u. f. w. eingerichtet. Die hundertjährige Gleichheit der Bürger Frankreichs vor Recht und Gefetz, die Ausgleichung der gefellſchaftlichen Claffen, welche einen Standesunterfchied und am wenigften den zwifchen Arbeiter und Herren fchon lange nicht mehr kennt, hat diefe wohlthätige und fegensreiche Entwicklung unterftützt und befördert. Sicherlich kann nichts die gefellſchaftlichen Zuftände Frankreichs beffer beleuchten, als eine Gefchichte des Arbeiterftandes und feines Lebens und feiner Entwicklung. Wir können nur bedauern, dafs die Wiener Weltausstellung eine folche nicht gebracht hat, denn trotz aller focialen Politik, alles Socialismus bis zum Kathederfocialismus haben gerade wir auf diefem Gebiete noch viel zu lernen und viel zu vergeffen. Ebenfo wenig wie Frankreich vollftändig, hat Die focial- ökonomifchen Bildungsmittel. 15 Belgien von feinen zahlreichen focialen Inftitutionen irgend Etwas zur Ausstellung gebracht und doch hat das Land, wie bekannt, die Summe aller Fragen der Entwicklung und des Wohlfeins der arbeitenden Claffen genau ftudirt und in die Praxis eingeführt. Auch die Schweiz hat uns nur mit einzelnen Statuten feiner Gefangsvereine und einzelner wiffenfchaftlicher gemeinnütziger Gefellſchaften ausgezeichnet. Dagegen hat Schweden eine Reihe von Berichten und Statuten, die durch den vorzüglichen Katalog in der vorzüglichften Weife erläutert waren, gefandt, aus denen wir erkennen, wie reich heute alle Anregungen des Lebens und der Wiffenfchaft in diefem Lande ihre Früchte reifen. Zumeift beziehen fich diefe feine Anftalten auf das weibliche Gefchlecht und die Entwicklung der Erwerbsfähigkeit desfelben. Es lagen auf die Statuten und der Bericht der weiblichen Volks- Hochfchule in Samuelsberg, welche, fo neu fie ift, denn fie wurde 1870 erft gegründet, doch einen gerade für uns Oefterreicher beherzigenswerthen Gedanken enthält. Was thun wir denn für die Entwicklung des weiblichen Gefchlechtes? Was haben wir gethan für die Schulbildung und literarifche Erziehung desfelben? Nichts, gar nichts! Kaum dafs die Privatthätigkeit, die Thätigkeit einzelner Vereine, auf die wir weiter unten zu fprechen kommen werden, die Fragen, welche fich hiebei aufwerfen, annähernd geprüft haben. Und in dem kleinen Schweden, mit etwas mehr als 4 Millionen Seelen, bei welchen freilich das weibliche Gefchlecht etwas überwiegend ift, fehen wir in dem oben genannten Inſtitute eine Schule, welche den Zweck hat, unter den Töchtern des Bauernftandes eine höhere Bildung zu verbreiten, gute Mütter und Erzieherinen aus ihnen zu bilden. Man lehrt fie Religion, die heimifche Sprache, Gefchichte und Geographie, Arithmetik und Geometrie, Buchführung, Naturlehre und Zeichnen. Zahlreiche Arbeits- und Nähfchulen für Kinder der ärmeren Claffe find über das Land verbreitet, in welchen unentgeltlich Unterricht im Spinnen, Weben, Nähen, Zeichnen, Stricken, Häkeln und Strohflechten ertheilt wird; zahlreiche Haushaltungs- Schulen, für deren Zwecke wir bei uns nicht einmal eine Unterrichtsftunde haben, erziehen dem Lande taugliche Dienftboten, gute Arbeiterinen, felbft Lehrerinen und endlich gute Hausfrauen. In Stockholm hat eine folche Anftalt 295 Mädchen in letzter Zeit Unterricht, Unterhalt und Pflege gegeben. Dazu kommen die fogenannten Kinderheine, welche gleichfalls ihre weiblichen Schützlinge zu Dienerinen ausbilden, dann die Flickfchulen, von denen in Stockholm allein 4 mit 16 freiwilligen Lehrerinen und die Sonntags- und Abendfchulen, in denen ärmere Kinder von den Töchtern der gebildeten Claffen unterrichtet werden. In Stockholm dürfte die Zahl der Lehrer und Lehrerinen an diefen Schulen 140 und die Zahl der Zöglinge 2000 betragen. Aus diefem guten, gemeinnützigen Körper fehen wir die tüchtigen weiblichen Lehrer und Künftler hervorgehen. Die„ Zeitfchrift für die Familie" ift von Damen redigirt, unter den Medailleuren ift eine Frau die gefchicktefte und bei der königlichen Münze in Stockholm angeftellt. Bei der königlichen Akademie der Wiffenfchaften leiten Frauen die einzelnen Abtheilungen, fo die zoologifche und geologifche Abtheilung, auch führen Frauen die Rechnungen der Akademie. Eilf Frauenzimmer find als Gehilfinen beim Zeichnen in der Anftalt für Kartenwerke in Stockholm befchäftigt. Als Organiften find 4, als Telegraphiften 168 und als Poft- Stationsvorsteher 38 Frauenzimmer im Staatsdienfte. Faft in allen Gewerben ift das weibliche Gefchlecht vertreten und es gibt weibliche Uhrmacher, Goldfchmiede, Buchbinder, Glafer, Drechsler u. f. w. Und wir quälen uns erft mit der Entfcheidung der Frage ab, ob das weibliche Gefchlecht zur Bildung und zur Wiffenfchaft berufen fei! Wir wiffen nicht, ob man für die gewerbliche Entwicklung Schulen errichten foll, und ob es nützlich fei, dem weiblichen Gefchlechte Erwerbsquellen zu eröffnen. Deutfchland, die Quelle des Socialismus nach feiner glücklichen, wiffenfchaftlichen und praktifchen Ausbildung hat wie in Paris 1867 auch in Wien 1873 für das ganze Gebiet unferer Betrachtung nichts geliefert. Wohl hat Deutfchland 2 16 Dr. Carl Th. Richter. zumeift durch Süddeutfchland einzelne Arbeiten der Frauenvereine zur Ausftellung gebracht, und wir können daraus wohl erkennen, dafs man nicht ganz vergeffen hat, die freilich auch in der Gruppenordnung nicht felbftftändig bedachte Frage zu vertreten. Aber diefe einzelnen Arbeiten, welche die württemberg'fche Commiffion für die gewerblichen Fortbildungsfchulen, von denen 50 in Württemberg beſtehen, die Arbeiten, welche der Vorftand des badifchen Frauenvereines und das Comité ähnlicher Vereine in Darmftadt zur Ausftellung gebracht haben, können wohl ein Bild geben, wie Unterricht und Erziehung wirkfam find. Keineswegs aber, wie diefe Anftalten organifirt und in welcher Weife ihre Benützung durchgeführt ift. Der Berliner Handwerkerverein unter dem Präfidium des bekannten Volksmannes Franz Dunker hat die Grundriffe feines Vereinshaufes, einige Zeichnungen der Schüler feiner Erziehungsanftalten und eine Sprachlehre mit einzelnen ausgewählten Lefeftücken vorgelegt. Dafs diefer Verein einer der älteften, gröfsten und nützlichften Vereine für die Entwicklung des Arbeiter ftandes ift, dafs diefer Verein zahlreiche andere gleiche Inftitutionen angeregt hat, dafs er ein einigendes Band ift für den tüchtigen und ftrebfamen Handwerker, das konnte man aus der Ausftellung nicht errathen. Bei diefer geringen Betheiligung kann man eben nur fagen, dafs man felten weifs, wie Ausftellungen der idealen Bildungsmittel, des geiftigen Lebens der Menfchheit durchgeführt werden follen. Wir können heute ganz beftimmte Antwort darauf geben, nachdem die additionelle Ausftellung der Frauenarbeiten, wie fie Oefterreich muftergiltig dargestellt hat, praktiſch zeigte, wie folche Ausstellungen gemacht werden follen. Wir werden darauf gleich zurückkommen. Bei der Grofsartigkeit einzelner focialer Inftitutionen fragen wir uns aber, wo denn jene Ausftellungsgegenstände geblieben find, die fchon in Paris 1867 fo viel Aufmerkfamkeit erregten, die als ein grofses Ganzes einer Arbeiterftadt auch leicht und höchft intereffant hätte dargeftellt werden können. Wir meinen die Arbeiterftadt Mühlhaufen. Zwifchen Mühlhaufen und Alternach an den beiden Ufern des Canales um die Stadt, in unmittelbarer Nähe der Fabriken liegt jene von Blumen und Bäumen gefchmückte Arbeiterftadt, in der fich, ein Zeichen deutfchen Geiftes, trotzdem die ganze Anlage unter dem napoleonifchen Regiment gefchaffen worden ift, in der fich Bäder und Wafcheinrichtungen, Bäckereien und auf den Grundfätzen der Confumvereine errichtete Verkaufslocale, die Bibliothek, eine vorzügliche Kinderbewahr- Anftalt von den Frauen der Fabrikanten geleitet, eine Garküche für die unverheirateten Arbeiter, ein Hofpital, ein Invalidenhaus u. f. w. befindet. Nichts von Alledem war zu fehen. In ähnlicher Weife hat es O efterreich gehalten und nicht ein Statut, nicht eine gemeinnützige Anftalt, nicht einen Verein oder eine Genoffenfchaft konnten wir auffinden. Nur die Kindergärten waren mit einzelnen Statuten, einzelnen Spielen und Arbeiten vertreten. So wenig wie in Deutfchland man die ftatiftifchen Berichte über die Entwicklung des Genoffenfchaftswefens von Schulze- Delitzsch finden konnte, fo wenig fand man in Oefterreich die vortreffliche Arbeit über das Genoffenfchaftswefen von Dr. John,( Prag 1870). Nur der allgemeine Beamtenverein, jenes grofse, Oefterreich ganz originell angehörige Werk, hatte feine Statuten und einen Rechenfchaftsbericht vorgelegt Wir können hier nur darauf verweifen, und müfsten ein Buch fchreiben, wollten wir die Bedeutung diefes grofsartigen, genoffenfchaftlichen Unternehmens des Weiteren kennzeichnen. Man musste die Unterrichtsabtheilungen verlaffen, die einzelnen Pavillons unferer grofsen Bahnen auffuchen, um zu wiffen, dafs in Oefterreich gar viel befteht, was Zeugnifs ablegt von der glücklichen Erkenntnifs, dafs das Wohl der unteren Volksclaffen insbefondere der Arbeiter die Grundlage für Wohlfein und Gedeihen der Wohlhabenden und Reichen ift. Es ift bekannt, dafs das grofse Etabliffement Johann Liebig& Comp. Vieles für feine Arbeiter gefchaffen hat durch Schulen, Kinderbewahr- Anftalten, vorzüglich eingerichtete Küchen- und Krankenpflege, wobei jedem Arbeiter während der Krankheit die Die focial- ökonomifchen Bildungsmittel. 17 Hälfte des Lohnes fortgezahlt, die ärztliche Behandlung und die Verabreichung der Medicamente auf Koften des Arbeitgebers geleiftet wird. In ähnlicher Weife, ja viel bedeutender noch hat die beftrenommirte Firma Philipp Haas& Söhne bei ihren grofsen und weit verzweigten Fabriken durch Wohnungen, Kranken-, Penfions- und Aushilfs caffen für ihre Arbeiter geforgt. Wir hören diefs bei der Befichtigung der Ausftellung Liebig's, oder bei der Betrachtung der glanzvollen Ausstellung von Philipp Haas& Söhne. Zu fehen war freilich nirgends Etwas. Nur, wie bereits erwähnt, in den Pavillons unferer grofsen EifenbahnGefellſchaften war auf die vorliegende Frage Rückficht genommen. So hat die Südbahn ein Approvifionirungsmagazin für die Familien der untergeordneten Beamten und Diener eingerichtet, aus welchen diefelben Waaren aller Art zu niedrigeren Preifen, beiläufig 20 Percent niedriger als die gewöhnlichen Preife und in befter Qualität und mit zahlreichen Erleichterungen der Bezahlung beziehen können. Der jährliche Umfatz diefes Magazines beträgt heute 200.000 fl. Die Einkäufe werden auf Grund von Einfchreibebücheln beforgt, nach denen der Arbeiter feinen Bezug vom Lohne abzahlt oder beffer vom Abzuge vom Lohne deckt, der kleinere Beamte verpflichtet ift, fünf Tage nach Empfang feines Gehaltes feine Rechnung zu bezahlen. Aufserdem hat die Gefellſchaft ein Afyl gegründet, welches zugleich als Kinderfpital benützt werden kann. Eine Schule, nach den neueften Plänen erbaut und reichlich mit allen Hilfsmitteln verfehen, gewährt nach drei Claffen Knaben und Mädchen vom 6. bis zum 14. Lebensjahre Unterricht. 250 Kinder haben feit den letzten zwei Jahren Unterricht genoffen. Diefes Afyl und Schulhaus ift mit der Arbeitercolonie und der Haupt- Werkstätte in Marburg, wo beiläufig 1000 Arbeiter befchäftigt werden, verbunden. Auch in Meidling bei Wien ift in neuerer Zeit ein Afyl zur unentgeltlichen Aufnahme von Kindern im Alter von zwei bis fieben Jahren errichtet worden. Es befteht daneben auch eine Kranken- und Unterstützungscaffa, welche die Gefellſchaft reichlich dotirt und eine befonders geordnete Krankenpflege, welche von barmherzigen Schweſtern geleitet wird. Diefelben leiten auch das Afyl und die damit verbundene Schule für gröfsere, bereits fchulpflichtige Mädchen. Die Arbeiten diefer Schule werden verkauft und der Erlös den betreffenden Mädchen in der Sparcaffa fruchtbringend angelegt. Die Gefellfchaft wird nun auch einen Invaliden- Penfionsfond und eine Witwen- und Waifen- Unterſtützungscaffa für Werkstätten- Arbeiter, bei welcher der Fond durch eine dreipercentige Einzahlung jedes Profeffioniften von dem Lohne desfelben und durch eine Prämienbildung, welche die Gefellſchaft im Betrage von 6000 fl. zahlt, gebildet wird, ins Leben rufen. In ähnlicher Weife hat die öfterreichifche Nordweftbahn für ihren Beamtenkörper geforgt. Er befteht aus 6000 Köpfen und bietet gewifs fchöne Aufgaben für die Sorge der Direction. Wir laffen die einzelnen Anftalten in kurzer Befchreibung folgen. Das Penfionsinftitut der Gefellfchaft fichert jedem Bedienfteten gleich bei feinem Dienftantritte für den Fall feiner fofortigen definitiven Anftellung oder fobald er eine folche nachträglich erlangen follte, unter den im Penfionsftatute aufgeführten, mit der gröfstmöglichften Milde interpretirten Bedingungen, Jahrespenfionen und Unterſtützungen zu. Der unter der Controle eines Comités aus gewählten Mitgliedern der Penfionsberechtigten der Bahn verwaltete Penfionsfond beftand nach dem Jahresabfchluffe für 1872 aus 262.280 fl. 24 kr. Um den Bahnbedienfteten in Erkrankungs- und Verletzungsfällen durch Beifchaffung unentgeltlicher ärztlicher Hilfe, durch unentgeltliche Verabreichung von Medicamenten und chirurgifchen Apparaten, dann durch Behändigung von baaren Geldbeträgen Unterſtützung zu gewähren, wurde weiters ein Krankenunterstützungs Inftitut errichtet, deffen Einkünfte aus den in den diefsbezüglichen Statuten, welche auch über den Gefammtorganismus diefes Inftitutes Auskunft geben, näher fpecificirten Einnahmspoften beftehen. * 2* 18 Dr. Carl Th. Richter. Die wohlthätigen Intentionen desfelben werden in immer weiteren Kreifen des Beamtenkörpers gewürdigt; Zeuge deffen der fchon in namhafter Anzahl erfolgte Beitritt von freiwilligen Mitgliedern. Ende 1872 betrugen für beide Bahnen: das Vermögen des Kranken- Unterſtützungsfondes 41.295 fi. 59 kr.; die Einnahmen des Inftitutes im Jahre 1872: 45-392 fl. 71 kr.; die Ausgaben 29.596 fl. 67 kr. Zur gegenfeitigen Unterſtützung bei Todesfällen hatte fich bereits im Jahre 1867 und zwar aus felbfteigener Initiative aus Bedienfteten der Süd- norddeutfchen Verbindungsbahn ein Sterbecaffen- Verein gebildet, welcher fich fchon über das gefammte Bahnnetz ausgebreitet hat. Derfelbe verfolgt den Zweck, beim Ableben eines Mitgliedes feinen Hinterbliebenen zur Beftreitung der durch diefen Todesfall auflaufenden höheren aufsergewöhnlichen Auslagen eine Unterftützung zu gewähren. Diefer Verein zählte im Jahre 1872: 1469 Mitglieder bei einer Gefammteinnahme von 2900 fl. und hat während der Dauer feines Beftandes nahezu Hundert Familien unterstützt. Der Spar, Vorfchufs- und Affecuranzfond„ Grofs- Rittershaufen" befteht, um feinen Mitgliedern durch Uebernahme verzinslicher Einlagen Gelegenheit zur Anlage von Erfparniffen zu bieten; denfelben durch Verwendung der disponiblen Fonds Vorfchüffe zu ertheilen; ihnen Lebensversicherungen bei vertrauenswürdigen Affecuranzgefellſchaften zu vermitteln und die Leiftung der Prämien möglichft zu erleichtern; die Rechte feiner Mitglieder gegen die betreffenden Affecuranzgefellſchaften zu vertreten. Mit Schlufs des Jahres 1872 nun fafste diefer Verein eine Mitgliederzahl von 1073 Köpfen mit einem verficherten Capitale von 1,048.470 fl. 1 kr., wofür 26.791 fl. 28 kr. an Prämien erlegt wurden. Für Todesfälle der Jahre 1871 und 1872 wurde an verficherten Capitalien der Betrag von 23.000 fl. ausbezahlt. Der höchfte der ertheilten Vorfchüffe betrug 1600 fl., der kleinfte 20 fl., und repräfentirte das durch Ertheilung von Vorfchüffen vom Fonde erworbene Vermögen mit Ende 1872 den Betrag von 14.613 fl. 58 kr. Im Solche Inftitutionen find auch bei den anderen Eifenbahn- Gefellſchaften eingeführt, fo bei der Staatsbahn, der Nordbahn und Elifabethbahn. Auch die Donau Dampffchifffahrts- Gefellſchaft, die erfte in Oefterreich als Mufter für alle anderen ähnlichen Inftitutionen, hat in der Kohlen- Bergwerks Colonie zu Fünfkirchen, ebenfo wie in Peft- Ofen bei der gröfsten Schiffswerfte des Continentes zahlreiche fociale Inftitutionen ins Leben gerufen und man konnte darüber in dem fchönen Pavillon der Gefellfchaft belehrende Auskunft erhalten. Jahre 1857 gründete die Bergverwaltung zu Fünfkirchen ein grofses Waarenmagazin und richtete dasfelbe nach den Ideen der Confumvereine ein. Die Colonie verzehrte damals 6000 Centner Meh!, wonach man leicht die übrigen Bedürfniffe meffen und den Gewinn des Waarenmagazins berechnen kann. Im Jahre 1871 wurden 9269 Centner Mehl, 456 Centner Speck, 315 Centner Fett, 123 Centner Seife f. w. confumirt. Bei einer Bevölkerung von 2772 Seelen! Das Confummagazin erzielte damit einen Umfatz von 160.000 fl. und war im Stande, an die Mitglieder nach Abzug von 5 Percent für gemeinnützige Zwecke 7 Percent des durchfchnittlichen Faffungsbetrages, alfo 11.136 fl., zu vertheilen. Mit dem Gewinnfte aus dem Magazin hat fich die Arbeiterbevölkerung eine Kirche erbaut, deren Pfarrer die Gefellſchaft wieder unterhält, dann wurde eine Kleinkinder- Bewahranftalt gefchaffen und in Verbindung wieder mit der Gefellfchaft eine Schule, die befte jedenfalls in ganz Ungarn, nach ihrem Baue und nach ihrer Einrichtung, welche 19.000 fl. gekoftet hat. Die Gefellfchaft felbft baute ein Spital mit 40 Betten, einer Apotheke, einem Secirzimmer und einer Wohnung für den Krankenwärter. Die Einrichtung hat die Bruderlade beforgt, ebenfo wie diefe ein Vergnügungslocal mit Gefellſchaftsräumen gegründet und endlich im Jahre 1870 und 1871 eine viergängige Dampfmühle, welche die Colonie in der Nacht durch eine 900 Klafter lange Wafferleitung mit Waffer verforgt und am Tage Mehl für die Colonie und Die focial- ökonomifchen Bildungsmittel. 19 Umgebung erzeugt. Diefe Dampfmühle ift bei Tagesarbeit allein im Stande, per Jahr mehr als 20.000 Centner Mehl zu liefern. Ferne von der grofsen Culturftrafse unferes heutigen Lebens hat deutfche Arbeit diefes fchöne Werk gefchaffen, welches uns in der That überhebt, in der Fremde nach Beifpielen zu fuchen für die focialiftifche Bewegung und deren Hilfsmittel für das Wohl der einzelnen Volksclaffen. Wir kommen bei der Betrachtung der Arbeiterhäufer noch auf die Gefellſchaft zurück und wollen am Schluffe noch der fchon einmal erwähnten Frauen- Erwerbvereine, die in fo rühmlicher Weife den Pavillon der Frauenarbeiten mit einer höchft bedeutenden Ausftellung gefchmückt haben, gedenken. Seit längeren Jahren bewegt die Frage der Erziehung des weiblichen Gefchlechtes und der Entwicklung der Erwerbsfähigkeit desfelben einzelne ftreb fame Männer der Wiffenfchaft und hochbegabte Frauenkreife. Die Regierung felbft hat nach diefer Richtung wenig oder eigentlich nichts gethan. Die Gemeinden haben fich bemüht, die Volks und Bürgerfchule durch die Töchterfchulen zu entwickeln, einzelne Klöfter haben durch ihre Schulen, zum grofsen Theile auf praktifche Ziele gerichtet, die Entwicklung der Erwerbsfähigkeit des weiblichen Gefchlechtes ins Auge gefafst. Bei den Gefängniffen für weibliche Sträflinge hat man defsgleichen die Befferung derfelben durch Arbeit ins Auge gefafst und fucht durch wirthschaftliche Erziehung die Liebe zur Arbeit und zum geordneten und regelmässigen Erwerbe zu entwickeln. Alle diefe Anftalten mit dem ganzen Schwarm der fchlechten und fchlechteren Privatanftalten, welche das wenig bebaute und von der Regierung ganz vernachläffigte Feld der weiblichen Erziehung und höheren wirthschaftlichen wie wiffenfchaftlichen Ausbildung ausbeuten, fie haben fich an der Ausftellung der weiblichen Arbeiten mit wahren und trügerifchen Leiftungen betheiligt und damit verfucht, ein Zeugnifs zu geben von der Bildungsund Arbeitstüchtigkeit des weiblichen Gefchlechtes in Oefterreich. Mit wahrem Glanze traten an die Spitze diefer Ausftellung die beiden grofsen Frauen- Erwerbvereine von Wien und Prag, von denen die Vereinsmitglieder des erfteren, die umfichtige Frau von Schrötter, die thatkräftige und fleifsige Priska von Hohenbruck. die gelehrte Doctorsgattin Endres und A. Koppel es übernommen hatten, die Ausftellung der Frauenarbeiten zu ordnen und zu leiten. In der Grenze unferes Berichtes bleibend, haben wir uns nicht um die einzelnen ausgestellten Arbeiten zu kümmern und verweifen dafür auf den Bericht von Baronin Roditzky. Uns kümmert nur der Verein felbft, die Organiſation desfelben und feine Bedeutung. Der Wiener Frauenerwerb- Verem, im Jahre 1865 gegründet, verfügt heute durch Mitgliederbeiträge, Sammlungen und Gefchenke über ein fehr bedeutendes Capital und dürfte demnächft in fein eigenes Haus,„ den Frauen und der Frauenarbeit gewidmet", einziehen. Er hat heute eine grofse Handelsfchule, welche von 77 Schülerinen, eine Vorbereitungsfchule, die von 18, eine Zeichnenfchule, die von 81, eine grofse Arbeitsfchule für weibliche Handarbeiterinen, die in Summa 1872 von 409 Schülerinen befucht wurde. Ein Telegraphencurs hat feit den letzten zwei Jahren 79 Schülerinen gehabt. Die gefchäftliche Seite des Vereines wird theils durch die Uebernahme von Arbeiten, theils durch felbftftändige Arbeiten der Schülerinen, die in einem befonderen Gefchäftslocale in Vertrieb gebracht werden, vertreten. Im Jahre 1872 belief fich das Vermögen des Vereines auf 16.650 fl. 75 kr., die Ausgaben nur auf 8526 fl. 13 kr. Das iſt eine Organi fation, welche von dem Prager Frauenerwerb- Verein, der keine fo reichen Mittel hat, angeftrebt wird und in kleinerem Mafsftabe auch erreicht ift, von keinem anderen ähnlichen Inftitute in ganz Deutfchland auch nur annähernd erreicht wird. Sie fteht mitten im praktifchen Leben und hält die idealen Ziele der wiffenfchaftlichen Ausbildung feft im Auge. Der Prager Frauenerwerb- Verein im Jahre 1869 gegründet, vertritt alle Richtungen, Schulen und gefchäftlichen Abfichten, wie der Wiener Frauenerwerb- Verein. Nur ift er, den kleineren Verhältniffen der deutfchen Bevölkerung entsprechend, der Zahl der Schülerinen nach und feinen Mitteln kleiner und begrenzter. Die Handelsfchule mit dem Vorbereitungscurs zählte 20 Dr. Carl Th. Richter. 1872: 80 Schülerinen, die Arbeitsfchulen zufammen 146. Die Ausgaben betrugen 3370 fl. Das Vermögen betrug 8322 fl. 26 kr. Diefe Vereine nun haben, von dem Wiener Frauenerwerb- Verein geleitet, eine fo vorzügliche Ausftellung durchgeführt, dafs man an ihr lernen konnte, wie Ausftellungen von Vereinen gemacht werden follen. Der Unterricht in den Schulen war fyftematiſch aufgebaut durch ftatiftifche Tabellen über den Schulbefuch, die Stundenzahl und Stundeneintheilungen und ftieg allmälig, die Unterrichtsordnung felbft repräfentirend, hinauf bis zur Veranfchaulichung der Refultate des literarifchen und praktiſchen Unterrichtes. Neben den Arbeiten der Nadel und der Mafchine, in denen der Wiener Frauenerwerb- Verein fehr Bedeutendes leiftet, fah man die Schreibhefte der Vorbereitungscurfe, die Gefchäftsbücher der Handelsfchulen, wobei der Prager Frauenerwerb- Verein, unterſtützt durch die geringere Zahl der Schülerinen, Vorzügliches gefchaffen hat. Erft in diefem Kreife der Ausstellung entwickelte fich die Maffe der Ausftellungsgegenstände, welche doch immer eine feftgefchloffene Einheit in den Statuten und Rechenfchaftsberichten, reich mit ftatiftifchem Material ausgerüftet, Leben und Bewegung des Vereines zeigten. Und fo follen diefe Ausstellungen von Vereinen welcher Art immer durchgeführt werden. Einheit des Ganzen in Statuten, Rechenfchaftsberichten und ftatiftifchen Tabellen, Entwicklung des Ganzen nach feinen einzelnen Theilen, nach feinen nutzbaren Wirkungen durch veranfchaulichende Objecte. Die Arbeiterwohnungen. Schon die Ueberfchrift, welche wir diefem ganzen Abfchnitte unferer Betrachtung gegeben, zeigt, dafs es uns nicht darauf ankommt, über Fragen, welche den Civilingenieur angehören, irgendwie uns des Weiteren zu ergehen. Wir müffen es auch dem Berichterstatter über Gruppe XXII ,, das bürgerliche Wohnhaus", überlaffen, Vorzüglichkeit, Bequemlichkeit und Billigkeit von Bau und Erhaltung bürgerlicher Wohnungen, foweit die Ausftellung dafür etwas geboten hat, zu berichten, ebenfo wie es ihm anheim fällt, über Schönheit und Zweckmässigkeit der Einrichtung fein Urtheil abzugeben. Wir verfuchen auch keineswegs in das Gebiet der Gruppe XVIII hinüberzugreifen und bei einem einzelnen Theile zu berichten, was dem Bau- und Civilingenieur- Wefen, dem Hochbau und Wafferbau, den Induftriebauten und dem Cultur- Ingenieurwefen angehört. Wir wollen allein nach dem Ausgangspunkte, den wir in der Einleitung feſtgeſtellt haben, jene Mittel und fociale Inftitutionen kennzeichnen, welche die Ausstellung uns geboten hat und die berufen find, das Leben der Arbeiter und der unteren Volksclaffen zu verbeffern. Und hieher gehört in erfter Richtung die Frage der Arbeiterwohnungen und Wohnhäufer, die überwiegend und fo bedeutend einen humanitären Charakter hat, dafs dabei die eigentlich technifche Seite, das Ingenieurmäfsige, vollſtändig verfchwindet. Und darum nehmen wir den Bericht für uns in Anspruch und wollen in Kurzem die Refultate der Wiener Weltausstellung kennzeichnen. Die angeregte Frage gehört mit zu den noch ziemlich neuen und bildet einen noch keineswegs vollſtändig entfchiedenen Theil der fogenannten focialen Frage. Man ift ja heute über das Princip noch nicht einmal einig und ftreitet noch hin und her, ob das Kafernenfyftem oder das Cottagefyftem das eigentlich zu empfehlende fei. Man weifs alfo noch nicht einmal, ob die Frage der Wohnungen und des Hausbefitzes blofs nach theoretifchen Grundfätzen und nach den Wün fchen über das, was das befte ift. entfchieden werden foll oder ob dabei doch auch die realen Verhältniffe, wie z. B. die Grund- und Bodenpreife, die Bauordnungen u. f. w. beachtet werden müffen. Es ift nicht unfere Aufgabe, diefe Die focial- ökonomifchen Bildungsmittel. 21 Fragen des Weiteren zu erörtern und wir können getroft auf die grofse Literatur derfelben, bis auf die fchönen Arbeiten von Emil Sax herauf und bis auf die Thätigkeit des deutfchen volkswirthfchaftlichen Congreffes 1873, verweifen. Weiter gehört das ganze Gebiet, wie wir fchon angedeutet haben, noch der neueften Zeit an und dürfte im Laufe der Zeit viele Wandlungen durchmachen. Die Frage greift ja fo tief in die Ordnung des Lebens und der Familie ein, und die geficherte Wohnung, der eigene Befitz ift die Quelle des vollen Selbftbewusstfeins, der Liebe und Anhänglichkeit nicht nur zum Haufe und zur Familie, fondern auch zur Heimat und zur bürgerlichen Gefellſchaft. Sie iſt eine Quelle der Ordnung des häuslichen Lebens und zu gleicher Zeit der Ordnung der Gemeinde und fomit auch des Staates. Das hat man erkannt und wenigftens darüber ift man einig, dafs es mit ein Theil des Glückes und der Ordnung der bürgerlichen Geſellſchaft ift, wenn man wenigftens dem Heere der Arbeiter eine lichte, luftreiche und gefunde Wohnung bietet, Factoren, die alle um fo werthvoller find, je mehr der Befitz der Wohnung zu einem Befitze des Haufes felbft fich ausbildet. Und darauf kehrt auch zum grofsen Theile der Zweifel zurück über die Vortheile des Cottagefyftems und der Kafernirung. Sucht das Erfte das Haus ifolirt oder aus Sparfamkeitsrückfichten im Baumaterial in nur kleinen Gruppen von zwei oder vier Häufern herzuftellen, fo hat das Kafernenfyftem den Plan des Zinshaufes für fich in Anfpruch genommen und fucht bei der Menge der Wohnungen nur durch die Möglichkeit eines billigen Miethzinfes den Bedürfniffen zu genügen. Das Cottagefyftem gibt unzweifelhaft die Möglichkeit des eigenen Befitzes oder wenigftens des allmäligen Erwerbens desfelben. Das Kafernenfyftem kann diefs niemals gewähren, aber es hat in gröfseren Städten, bei Theuerung von Grund und Boden, von Arbeitsmaterial und Arbeitskraft dennoch die Fähigkeit, eine billige und gute Wohnung dem Arbeiter zu bieten. Dafs der Vorzug des Cottage fyftems, den Arbeiter und feine Familie für fich leben zu laffen, fomit unbehelligt und abgefchnitten von jedem näheren Verkehre, ebenso wenig von befonderer Bedeutung ift, als die Nachtheile des Kafernenfyftems, den Arbeiter mit feinen Berufsgenoffen zufammen zu drängen, und durch die Vereinigung der Arbeiter in einem Haufe Streit und Zerwürfnifs fich nothwendig bilden müffe, ift heute ein längft überwundener Standpunkt. In Frankreich hat Napoleon III. in Paris mehrere folche Arbeiterkafernen errichtet, ebenfo wie die Arbeiter felbft fich Arbeiter Zinshäufer gebaut haben, die keineswegs fchlechte Folgen erzeugten. Im Innern Londons beftehen defsgleichen mit grofsem Capital erbaute Zinshäufer, wir erinnern nur an das in Albert Street, Spitalsfield in London für 60 Familien und mehr als 200 unverheiratete Arbeiter errichtete Arbeiter- Zinshaus, das gleichfalls, fo lange es fchon befteht, immer gefucht war und keineswegs zu Unruhen und Streit Veranlaffung gab. Auch Oefterreich kennt derartige Inftitutionen. Die Arbeiter- Zinshäufer je für acht Familien, welche Joh. Liebig in Reichenberg erbaut hat, find bekannt, ebenfo die nach ähnlichen Gefichtspunkten erbauten Häufer auf dem Wiener Berge und zur Wienerberger Ziegelfabriks- Actiengeſellſchaft gehörig. Wir haben uns oft hier wie dort über den Frieden, über die Sauberkeit und Reinlichkeit unterrichten laffen. In neuefter Zeit hat die k. k. privilegirte Südbahn- Gefellfchaft in Meidling bei Wien eine Arbeiterkaferne errichtet, die zur vollen Zufriedenheit der Gefellfchaft geleitet und benützt wird. Wir werden darauf noch des Weiteren zu fprechen kommen. Für das Cottagefyftem wird man nun freilich überall eintreten müffen, wo Grund- und Bodenpreife, die Arbeits- und Lohnverhältniffe überhaupt, die Errichtung einzelner Arbeiterhäufer und den Uebergang derfelben in das Eigenthum der Arbeiter möglich machen. Seit Jahren ift dafür die Cité ouvrière von Mühlhaufen ein landläufiges Beifpiel, auch was Schönheit, Nützlichkeit und Segen des ganzen Syftems anbelangt, fo dafs gerade wir Oefterreicher ganz vergeffen, dafs wir 22 Dr. Carl Th. Richter. gleichfalls eine folche Arbeiterftadt haben, für welche die Grundfteine viel früher gelegt worden find, als die zur Arbeiterftadt von Mühlhaufen. Wir werden darauf zu fprechen kommen, denn es thut Noth, auch diefe Inftitutionen bekannt zu machen, nachdem die Franzöfifche, deren Gründung faft durchschnittlich in den Anfang der fechziger Jahre fällt, längst bekannt ift. Guebeviller, Beaucourt, die Arbeiterhäufer der Eifen- und Kohlengewerkfchaft Creuzot zählen gleichfalls hieher. Wir haben von all dem auf unferer Ausftellung nichts gefehen. England hat alle Mufter der Arbeiterhäufer bereits praktisch verfucht. Neben feinen Arbeiterkafernen hat es Wohnhäufer für vier Familien, für zwei Familien und hat diefelben theils in Gruppen, in welchen zwei Seiten gemeinfam find, theils in folchen, in denen blofs eine Wand den beiden Häufern gemeinfam ift, errichtet. Auch Deutfchland hat fich feit Jahren mit der Frage befchäftigt und auch zu jeder Ausftellung Mufter und Modelle von Arbeiterhäufern und Wohnungen gefendet. Praktiſch aber ift noch wenig gefchehen. Es fcheint, als ob man zumeift für die grofsen Bevölkerungscentren in der Frage felbft über Art und Weife des Baues, über Lage und Entfernung vom Arbeitsorte noch nicht entfchieden wäre. Es ift in jenen Diftricten, wo Kohlenbau und Eifengewerke betrieben werden, mancherlei, fowohl von Privaten und Gefellſchaften, ebenfo wie vom Staate, wo derfelbe, wie z. B. in Saarbrücken zahlreiche Arbeiter befchäftigt, gar Vieles gefchehen und man hat dabei in erfter Richtung die Wohnung und das billige Wohnen ins Auge gefafst. In einem Berichte über den Saarbrückner Bezirk lag ein erläuternder Text mit mehreren Muſtern von Arbeiterhäufern, welche der Staat erbaut hat, auf, in welchen man wenigftens annähernd fah, dafs in Deutſchland die Frage immer ins Auge gefafst wird. Gehen wir nun zu den Erfcheinungen und den Material über, welches die Weltausstellung gebracht hat. Wie England feit Langem die Arbeiterhäufer und wie nach feiner praktifchen Richtung auch die Theorie mit gutem Grunde, wie es überhaupt bei der Behandlung der Frage gehalten werden follte, die Arbeiterhäufer in folche auf dem Lande und in folche in den Städten eintheilt, fo müffen auch wir von Vorneherein über diefe dadurch beftimmte Richtung der Arbeiterhäufer einige Worte voraus fenden. Vor Allem gilt, dafs das bei dem Baue der Arbeiterhäufer benützte Material immer von den Verhältniffen beftimmt wird, und dafs es demnach nothwendig ift, immer das billigfte Material zu benützen. Dabei ift wohl zu bedenken, dafs die Billigkeit des Materiales nicht allein vom Material felbft, und dem mehr oder weniger grofsen Reichthum eines Ortes an denfelben oder durch die leichtere Beifchaffung beftimmt wird, fondern dafs die entfcheidenden Factoren dabei, die Arbeiter und der Arbeitslohn, Länge und Dauer der Bauführung, von befonderer Wichtigkeit ift. Das hat ja neben der Trockenheit und Feuerficherheit des Materiales in England, Frankreich und auch in Deutfchland das Gufs Mauerwerk und die Verwendung desfelben, zumeift bei jenen Bauten, wo Billigkeit und Schnelligkeit der Herstellung in erfter Richtung ftehen, befördert. Die Berechnung ergibt, dafs derartige Häufer um 30 bis 40 Percent und bei der gleichzeitigen Herſtellung von mehreren, fogar noch um viel mehr billiger zu ftehen kommen, als die nach anderem Baufyfteme erzeugten. Die Ausftellung hat leider von diefen Verfuchen der letzten Jahre nichts zur Anficht gebracht, wie wichtig auch die Sache für grofse Fabriken und dichte Arbeiterbevölkerungen fein mag. Der Berliner Baumeifter E. H. Hoffmann hat wohl ein Modell eines Haufes zur Ausftellung gefandt, das bei der Stettiner Portland- Cementfabrik in Zillchov aus Cementconcret hergeftellt worden ift, bei welchem aber jede Angabe über die Koften des Baues fehlte. Ein anderes, nicht unintereffantes Modell eines Arbeiterhaufes war von E. G. Jaehne, Arzt in Berthelsdorf bei Herrenhut ausgeftellt, das freilich nicht zu der heute in England und Frankreich geübten Baumethode gehört, das aber durch feine überraschende Billigkeit und die Zeit, in der das einen Stock hohe Die focial- ökonomifchen Bildungsmittel. 23 Haus aufgeführt werden kann, fehr auffiel. Es ift aus Backsteinen gebaut und foll in drei Monaten herftellbar nicht mehr als 800 Thaler koften. Was im Uebrigen das Material anbelangt, fo wird der Backſtein oder der Bruchftein und neben dem Stein das Holz für Stiegen, Deck- und Riegelwände verwendet und natürlich dabei immer die gröfste Oekonomie in den Baukoften angeftrebt werden müffen. Unfere Baugefetze und Bauverordnungen hemmen in der That fehr die Entwicklung der Billigkeit und Schnelligkeit des Baues und haben noch viel nach diefer Richtung hin an fich felbft zu reformiren. Gehen wir nun zu den einzelnen Ausftellungsobjecten über, fo müffen wir von Vorneherein geftehen, dafs gegenüber dem Reichthum von Arbeiterhäufern und Wohnungen in Paris 1867 in Wien fehr wenig zu fehen war. Für England waren die Gefellſchaften zur Verbefferung der Lage der arbeitenden Claffen aus London, dann die Improved Induftrial Dwellings Company, welche fchon in Paris mit ihren Arbeiterhäufern vertreten waren und die neben anderen Gefellſchaften in und um London, Wohnungen für die arbeitenden Claffen, Arbeiter- Zinshäufer für zwei, vier, oft auch bis zwanzig und fechzig Familien erbauen, erfchienen, und hatten auch in Wien verfchiedene Typen in Zeichnungen und Modellen, nach denen die neugebauten Häufer für Familien und ledige Arbeiter errichtet worden find, ausgeftellt. Die erftere Gefellſchaft hat in den 10 Jahren ihres Beftandes 2,350.000 Gulden für Neubauten oder Adaptirungen älterer Häufer ausgegeben und in 1268 Gebäuden 6000 Perfonen Wohnungen gegeben. Auch die zweite Gefellfchaft, die mit einem Actiencapital von 21 Millionen Gulden gegründet wurde, hat heute Arbeiterhäufer in London errichtet, die faft 2000 Perfonen beherbergen. Das Capital verzinft fich beiläufig mit 5 Percent. Frankreich hat mit gar nichts diefsmal die Ausftellung befchickt, fei es, dafs man nicht daran dachte, die Fürforge Frankreichs nach diefer Richtung hin zu repräfentiren, fei es, dafs man nicht wollte, nachdem man die fchönfte Frucht der Beftrebungen, Mühlhaufen, an Deutfchland verloren hatte. Das kleine induftriereiche Belgien hat feit Jahren die Frage der Arbeiter- häufer ftudirt und für die Parifer Ausftellung 1867 hatte es mehrere Modelle der verfchiedenften Art zur Anficht gebracht. Es hat ja hervorragende Induftrielle und zu gleicher Zeit Actiengeſellſchaften, welche mit der Errichtung von Arbeiterhäufern fich befchäftigen. Dafs Belgien ein guter Boden für die Durchführung der ganzen Angelegenheit ift, das zeigt einmal die kräftig entwickelte Induftrie, der Reichthum des ganzen Landes und die Tüchtigkeit der Gefellfchaft überhaupt. Für die Wiener Weltausftellung hat Belgien nur einige Berichte und Statuten gefendet. Ein Bericht fchildert das von der Kohlengrube Carbonnage du Haffard in Micheroux für die Arbeiter gebaute Louifenhôtel, in welchem 200 Perfonen untergebracht werden können. Wafferleitung und Gasbeleuchtung find in dem Gebäude eingeführt, Badeanftalten, Wafchanftalten und Trockenmagazine, dann eine Bäckerei und ein Kaffeehaus, ein Magazin für Lebensmittel find in demfelben eingerichtet, fo dafs in einem Haufe alle Bedürfniffe des Lebens befriedigt werden können. Die Miethe ift eine äufserft billige. Die Societé anonyme des maisons ouvrières, gegründet zu Liége den 21. September 1867, erklärt in ihrem Berichte dafs fie nach dem Mufter der Mühlhaufer Arbeiterhäufer bereits vier Arbeiterviertel, jedes mit 30 bis 40 Häufern angelegt habe, und dafs die Nachfrage nach Wohnungen eine eben fo grofse ift, als das Gedeihen des ganzen Unternehmens eine ungeahnte Entwicklung angenommen hat. Die Niederlande haben einige Pläne und Modelle von Arbeiterwohnungen, welche in Haag von dem für Arbeiterwohnungen beſtehenden Vereine errichtet worden find, zur Ausftellung gefchickt, die nichts Befonderes zeigen und den bekannten Mühlhausner Muftern nachgebildet find. Einen anderen Plan hat Amfterdam eingefendet, nach welchem acht Familienhäufer ein befonderes Arbeiterviertel bilden und neben einander erbaut werden. Für je ein 24 Dr. Carl Th. Richter. folches Viertel ift eine gemeinfame Schule, und für das Kleingewerbe eine gemeinfame Werkstätte beigegeben. Auch die Schweiz hat in Zeichnungen einzelne Arbeiterhäufer ausgeftellt, wie fie in den induftriereichen Städten in Winterthur, Zürich und Bafel beftehen, und auch in Genf durch die Sociéte corporative immobilière errichtet find. Die Häufer find durchwegs den befchränkten Bedürfniffen des Arbeiters entfpre chend, aber überaus wohnlich, nach ihrer inneren Ordnung und äusseren Ausfchmückung. Wir brauchen übrigens, wie lieblich die Häufer im Bilde auch ausfahen, keineswegs die Schweiz als Mufter hinzuftellen, als Mufter für die Verbindung des Guten mit dem Schönen. Oefterreich hat dergleichen Mufterhäufer fowohl bei Privatetabliffements, wie bei Actiengeſellſchaften. Die ältefte Inftitution und Mufteranſtalt vertritt jedenfalls die Kohlenbergwerks Colonie von Fünfkirchen. Wir werden darauf zu fprechen kommen und erwähnen nur noch, dafs wir aufser den oben angeführten Modellen photographifche Anfichten der von Heinrich Ad. Meyer, Elfenbein- Händler in Hamburg, errichteten Arbeiterwohnungen ausgeftellt fahen, welche durch die Schönheit des Baues, ebenfo wie die äufsere Ausfchmückung fehr wohlthätig wirkten. Es find dabei zwei Arten von Arbeiterwohnungen benützt. Erftens Arbeiterwohnungen für Verheiratete, in denen je zwei Familien unter einem Dache wohnen, und Arbeiterwohnungen, wo je vier Familien zufammen wohnen und manchmal auch Unverheiratete. Bei diefen Arbeiterwohnungen hat jedoch jede Familie ihren eigenen Eingang und einen eigenen Garten, fowohl vor als hinter dem Haufe. Die beiden Eckwohnungen jedes Complexes enthalten Parterre; drei Zimmer, Küche, Speifekammer und Wafferclofet. Die beiden Mittelwohnungen ein Zimmer weniger, doch kann hier der Hausflur während der wärmeren Jahreszeit das dritte Zimmer erfetzen. Alle Wohnungen haben ferner eine Treppe hoch ein Zimmer und Bodenraum, der die Abtheilung einer Kammer geftattet, aufserdem einen kleinen Keller, eine bedeckte Veranda an der Hinterfeite des Haufes und endlich Wafferleitung. Sie find im Jahre 1866 erbaut und ein Complex von vier Wohnungen koftete damals 5200 Reichsthaler. Der 900 Fufs tiefe Platz dazu 550 Reichsthaler. Die Miethe der Eckwohnungen ift 60 Reichsthaler preufsifch Courant, die der Mittelwohnungen 48 Reichsthaler. Das Anlagecapital verzinft fich alfo nur mit 34 Percent. Die anderen Arbeiterwohnungen find von den vorigen dadurch verfchieden; dafs nur zwei Familien unter einem Dache wohnen, und dafs fie zwei Stockwerke, alfo weniger Grundfläche, haben. Sie liegen etwas weiter von bebauten Strafsen entfernt und konnten defshalb nicht mit Wafferclofets und Wafferleitung ver forgt werden. Sie kofteten, obgleich fie ebenfo geräumig, wie die vorhin befchriebenen Eckwohnungen find, ohne Hinzurechnung des Grundes, nur taufend Reichsthaler preufsifch Courant per Wohnung, und tragen eine Miethe von 44 Reichsthaler. Der Ertrag ift alfo weniger günftig als bei den vorigen. Wir kommen nun zu jener Thätigkeit, welche Oefterreich auf der Ausftellung entfaltete und können von Vorneherein fagen, dafs das Land, wie nie früher, mit vielen feiner Errungenfchaften auf dem focial- ökonomifchen Gebiete hervorgetreten ift. In Paris 1867 waren blofs zwei Typen von Arbeiterhäufern zur Ausftellung gekommen. Auf der Wiener Ausftellung dagegen betheiligte fich Böhmen, Niederöfterreich, Steiermark und auch das Küftenland; in diefen Ländern wieder haben an erfter Stelle unfere grofsen Verkehrsanftalten beiläufig 50 Typen, in Modellen und Zeichnungen zum Ausdruck gebracht. An der Spitze ftand die Collectivaus ftellung des deutfch- polytechnifchen Vereines in Prag mit 26 Ausftellern von Arbeiterwohnungen, wie fie von den Induftriellen Böhmens, in erfter Richtung von der Actiengeſellſchaft für chemifche und metallurgifche Producte in Auffig, von einzelnen Induftriellen im induftriereichen Gebiete von Tetfchen bis hinauf nach Rumburg und W arnsdorf, dann von der Die focial- ökonomifchen Bildungsmittel. 25 öfterreichifchen Staatseifenbahn- Gefellſchaft für das Wohl und die Verbefferung der Lage der Arbeiter errichtet worden find. Die Colonie der öfterreichifchen Staatseifenbahn- Gefellfchaft ift für die Kohlenarbeiter in Brandeifl und Kladno errichtet und es ift dabei für Alles mitgeforgt worden. Schulen, Kinderbewahr- Anftalten, Bade- und Wafchhäufer, Reftaurationen für die Arbeiter find hier ebenfo wie bei den Arbeiterhäufern in Auffig eingerichtet. Es ist nur zu bedauern, dafs der deutfch- polytechnifche Verein, der es hätte am leichteften thun können, nicht für eine genaue Statiftik diefer Verhältniffe in Böhmen geforgt hat. Was die Typen felbft anbelangt, fo boten fie nichts Neues und find theils dem Mühlhaufener Syfteme nachgebildet, theils den Wohnungen für mehrere Familien wie fie bei Liebig, bei Philipp Haas& Söhne und anderen in duftriellen Etabliffements bereits beftehen. Gleich bedeutend wie diefe Ausftellung, vor Allem durch das beigegebene Material der Benützung und der aufgelaufenen Koften war die Darftellung der Arbeitshäufer, wie fie die k. k. priv. Südbahn und die k. k. priv. Donau- Dampffchifffahrts- Gefellſchaft durch Album und Textbuch und die letztere auch durch ein fchönes Bild zur Anficht brachte. Die Südbahn- Gefellfchaft hat in Marburg Arbeiter- Werkstätten, in welchen fie 1000 Arbeiter befchäftigt. Um diefelben gut und gefund zu beherbergen, zu gleicher Zeit die Arbeiter inniger mit dem Etabliffement zu verbinden, erbaute die Gefellſchaft auf einem ihr gehörigen Terrain 28 einftöckige Häufer mit je 6 bis 12 gefunden Wohnungen. Jede verheiratete Partei hat dabei ihren Boden, Keller, eine Holzlage und einen Stall für Geflügel und Schweine. Jede Partei ift überdiefs im Genuffe eines kleinen Hausgartens. Die Häufer find aus Backſteinen erbaut und liegen von ihren Gärten umgeben in Gruppen, die durch breite, fich rechtwinklig kreuzende Gaffen getrennt find. Jede Wohnung hat einen gefonderten Eingang. Die erften Häufer der Colonie wurden Ende 1869, die letzten im Jahre 1872 bezogen. Die Colonie birgt nun eine Bevölkerung von mindeſtens 1200 Seelen; die Wohnungen find verhältnifsmäfsig billiger, gefünder und bequemer als die der Stadt Marburg oder der benachbarten Dörfer. Die Gefellfchaft hat Grund und Boden unentgeltlich überlaffen und auch die Bauten durch ihre Organe ohne jegliche Entfchädigung mit dem von der Penfionscaffe zu billigen Zinfen entliehenen Gelde ausgeführt. Für die Colonie wurden ein Afyl und eine Schule errichtet, die wir bereits früher befchrieben haben. Eine zweite, gleichbedeutende Inftitution ift das grofse Arbeiterhaus in Meidling bei Wien. Als die in Wien und nächfter Umgebung graffirende Wohnungsnoth fich befonders den Arbeitern und dem fubalternen Dienftperfonale fühlbar gemacht hatte, überliefs die Gefellfchaft im Jahre 1869 dem Penfionsfonde in nächfter Nähe Wiens( Station Meidling) unentgeltlich Grund und Boden zum Bau eines Haufes für Minderbedienftete. Das darauf erbaute Haus hat ein Area von 806 Quadratklaftern, ift dreiftöckig und erforderte einen Bauaufwand von 150.000 fl. Urfprünglich wurden 90 Wohnungen für Verheiratete und 20 Zimmer für Ledige( letztere einfach eingerichtet) hergeftellt. Die Wohnungen beftehen theils aus I Küche, I Zimmer und 1 Cabinet, theils aus I Küche und 1 Zimmer. Zu jeder Wohnung gehört I Boden und 1 Keller. Vor dem Haufe ift ein geräumiger Vorgarten. Die Beleuchtung gefchieht mittelft Gafes. Die Miethzinfe find für die gröfseren Wohnungen durchfchnittlich 100 fl., für die kleineren 80 fl., für die einzelnen Zimmer für Ledige 52 fl., und ftellen fich um circa 25 Percent niedriger als in den benachbarten Häufern. Was die für Ledige beftimmten Zimmer betrifft, hat man die Erfahrung gemacht, dafs das Perfonale diefelben wenig fucht. Die Ledigen fcheuen das Alleinwohnen, weil es ihnen an Bedienung fehlt, weil fie ihr Hab und Gut nicht ohne Aufficht laffen wollen, weil es ihnen an mancher Bequemlichkeit fehlt, und ziehen vor, als Afterparteien bei anderen Parteien zu wohnen. Diefe 26 Dr. Th. Carl Richter. Beobachtung hat die Gefellfchaft beſtimmt, nach und nach 13 folcher Zimmer je mit der nächftanftofsenden Wohnung zu vermiethen; folch' gröfsere Wohnungen nehmen dann gerne Parteien, welche Ledige in Aftermiethe nehmen. Gegenwärtig wird das Haus bewohnt von 90 Familien mit 410 Familiengliedern, 82 Afterparteien und 7 Ledigen. Ein Beweis, wie gefucht diefe Wohnungen find, ift, dafs ftets 30 bis 40 Parteien vorgemerkt find, welche um derlei Wohnungen nachfuchen. Die Localaufficht im Haufe führt ein Gefellſchaftsbeamter als Hausinfpector, welcher als Entfchädigung für feine Mühewaltung nur den halben Zins zahlt für die im felben Haufe von ihm benützte Wohnung. Theils um dem Penfionsfonde die Gelegenheit zu geben, die Fondsgelder ficher und rentabel anzulegen, theils um den auf dem Südbahnhofe Bedienfteten Gelegenheit zu geben, in der Nähe des Bahnhofes gefunde und billige Wohnungen zu bekommen, fchenkte die Gefellſchaft dem Penfionsfonde Grund und Boden zum Bau eines Wohnhaufes bei der Favoritenlinie. Das Haus ift vierftöckig, der Bauaufwand ift 210.000 fl., das Erträgnifs für den Penfionsfond ift 7 Percent. Das Haus umfafst 48 theils gröfsere, theils kleinere Wohnungen und 12 Gewölbe. Die Wohnungszinfe find um circa 10 Percent billiger als in den nächstgelegenen Häufern. Auch bei diefem Haufe ift ein Afyl und eine Kinderfchule eingerichtet, von denen wir fchon früher berichtet. Auch die anderen Bahngefellſchaften haben die Nothwendigkeit eingefehen, in diefer Richtung für ihre Arbeiter zu forgen. Sehr bedeutend verfprechen die Arbeiterwohnungen und Colonie- Anlagen der k. k. privi egirten öfterreichifchen Nordweftbahn zu werden. Bei Anlage der Bahnhöfe und Stationen wurde wohl für die Unterbringung der zur Ausübung des Dienftes unbedingt erforderlichen Beamten und Diener in den gefellſchaftlichen Gebäuden Sorge getragen; diefe Vorforge konnte fich jedoch nicht auf dasjenige Dienftperfonale und auf die Arbeiter erftrecken, welche nicht eigentlich zum inneren Stationsdienft verwendet werden, fondern vielmehr an den Haupt- Knotenpunkten der Bahn ftationirt werden müffen, um von dort ihre Dienſtleiſtungen über eine gröfsere Strecke auszuüben. Wenn fich nun diefe Leute in den benachbarten Ortfchaften gröfstentheils einmiethen mussten, wo es jedoch an den entſprechenden Wohnungen fehlte, oder für die Miethe der vorhandenen Localitäten unverhältnifsmäfsig hohe Zinfe verlangt wurden, fo war die Erhaltung tüchtiger Kräfte dauernd erfchwert, die Luft zur Veränderung der Stellung ftets wachgehalten und der Dienft bei dem hiedurch hervorgerufenen grofsen Wechfel natürlich beeinträchtigt. Die Etablirung von Beamtenwohnhäufern und Arbeitercolonien wurde dadurch fchon lange ein Gegenftand des eingehendften Studiums für die Verwaltung der grofsen Bahngefellfchaft. Das Refultat langer Berathung wird nun bald, wenigftens wie die ausgeftellten Pläne der Colonien der Gefellſchaft bewiefen, thatfächlich vollendet fein und wird wohl den eben gefchilderten Uebelftänden, denen die Bedienfteten aus eigener Kraft nicht entgegentreten können, abgeholfen werden. Diefe Colonien werden an den Haupt- Knotenpunkten der Bahn angelegt, und find bereits die für Jedlerfee und Nimburg beftimmten Baulichkeiten in der Ausführung begriffen und werden vollendet, in der nächften Zeit für billige und gute Unterbringung der Beamten und des gröfsten Theiles des Arbeiterperfonales leicht und beftens Gelegenheit bieten. Für Errichtung von Schulen, Spitälern, Reftaurationen in diefen Arbeitercolonien werden foeben die hiefür nöthigen Pläne angefertigt und dürften demnächft endgiltig feftgeftellt werden. " Hat dann der Arbeiterftand" fo fchreibt uns die Direction der Gefellſchaft, ,, eine gute Wohnung mit einem kleinen Nutzgarten und einen Antheil an den gefellfchaftlichen Wafchküchen und Badecabineten, fo wird fich bei demfelben Die focial- ökonomifchen Bildungsmittel. 27 der Hang zu einer gemüthlichen Häuslichkeit immer mehr entfalten, der Sparfamkeitsfinn geweckt werden, und aus den meift dermalen in derangirten Verhälniffen lebenden Familien ein folider Arbeiterftand fich entwickeln, deffen Kinder, in gut geleiteten Schulen erzogen, den Grundftock einer anhänglichen, fleifsigen und brauchbaren Arbeitercolonie abgeben werden." Die Baukoften und Mietherträgniffe werden fich in folgender Weife geftalten: In Jedlerfee: Beamten Wohngebäude Baukoften 100.000 fl. 80.000 168.270" وو Miethertrag 7888 fl. 5840 12.696 Verzinfung 7.68 Percent 99 7 وو 7.5 20.000 " 1400" 7 وو ور وو 40.000" ܟ 2570 " 6.42 99 42.000 2780 6.62 99 وو وو • 148.000 II. 280 参考 19 7.65 27 70.000" 4288 6.12 وو " 7 105.000" 5720 " 5.5 99 63.000" 5616 99 8.9 99 60.500" 4400 27 7: 3 27 Gebäude für Zugbegleitungs- Perfonal Arbeiterhäufer Reftauration In Nimburg: Gebäude für höhere Beamte 99 niedere " 4 Wohngebäude für Zugsperfonal 4 Arbeiterhäufer, einftöckig 4 9 99 " 9 ebenerdig, grofs IO " ebenerdig, klein Durch ähnliche Verhältniffe, wie die oben erwähnten, ift die DonauDampffchifffahrts- Gefellfchaft veranlafst worden, bei ihren KohlenBergwerken in Fünfkirchen die Frage der Arbeiterhäufer in Angriff zu nehmen. Der dauernde Wechfel der Arbeiter machte die ganze Unternehmung unficher und um die Arbeiter mit der fteigenden Entwicklung der Aufgabe der Kohlengewerke in Fünfkirchen an dem Unternehmen feftzuhalten, legte die Direction Grundfteine zu Arbeiterwohnungen, welche als die erften und muftergiltigften in Oefterreich und mit der gefammten Ausbildung der Colonie alles Aehnliche überragen. Hoch über den Schornfteinen, dem Rufs, Staub und Rauch, auf dem Bergrücken, der das Kleinbabas- und Kapofstasthal trennt, dann auf dem füdlichen Bergrücken, der die Kohlen- Bergwerke gegen das Land hinein abfchliefst, umgeben von einer weiten, herrlichen Hügellandfchaft, da liegt eine Stadt von 226 fauberen Häufern und einer Bevölkerung von 2772 Seelen, in Mitten eine Kirche, eine grofse Schule und Bibliothek, mit einem Krankenhaufe, einer Kleinkinderbewahr- Anftalt, einem Turnplatze und in einer fchattigen Promenade mit einem Vergnügungslocale für Tanz und Gefang. Wir haben einige diefer Anftalten früher fchon befchrieben und erwähnen hier nur noch, dafs die Anfänge diefer Colonie in das Jahr 1848 zurückreichen und feit den letzten zehn Jahren unter der verdienftvollen Leitung des gegenwärtigen Directors der Gefellſchaft, Ritter v. Caffian, ihre hohe Entwicklung erhalten hat. Nach drei verfchiedenen Arten ift hier im Laufe der Jahre die Wohnungsfrage gelöft worden. Man verfuchte zuerft den Bau von Doppelwohnungen mit gemeinfchaftlicher Küche und gemeinfchaftlichem Eingange. Jede Wohnung beftand aus einem grofsen Zimmer und einer Speifekammer. Diefe Bauart und Eintheilung des Baues empfahl fich für die erfte Zeit als billig und fchnell beftellbar. Sie iſt auch ganz paffend für Unverheiratete oder Verheiratete ohne Kinder. Haben aber die Verheirateten Kinder, fo führt der gemeinfchaftliche Eingang und die gemeinfame Küche leicht zu Zänkerei und Unzufriedenheit. Diefer Beforgnifs für die weitere Entwicklung auszuweichen, verfuchte man bald die Anlage von Coloniehäufern mit je einer Wohnung für eine Familie. Der erfte Bau fetzte die Küche in die Mitte des Haufes fo grofs, dafs fie nun die ganze Tiefe des Haufes einnimmt und neben der Eingangsthür zur Wohnung auch noch durch ein diefer gegenüberliegendes Fenfter Licht und Luftzug gewinnt. Rechts und links von ihr liegen Zimmer, grofs und geräumig, mit reichem Licht und gefundem Zug. Bei 28 Dr. Carl Th. Richter. der Billigkeit des Baugrundes und zuletzt auch des Baumateriales, denn die Colonie hat ihre eigenen Ziegelfchläge und Steine zur Genüge, verfuchte man, als das Bedürfnifs nach folchen Häufern immer gröfser wurde, einen noch comfortableren, aber auch verfchwenderifchen Bau. Die dritte Art der Coloniehäufer hat zwei in der Gaffenfront gelegene Zimmer, deren Thüren rechts und links vom Herde in die Küche münden. Von diefer aus gelangt man in die Speisekammer und in ein drittes zu einer Arbeiterwohnung gehöriges und an ledige Arbeiter vermiethbares Stübchen. Zu jedem Haufe gehören noch 10 Quadratklafter Hof, in welchem der Düngerhaufen, ein Schweine- und ein Hühnerftall feinen Raum hat. Der Hof liegt gewöhnlich vor dem Theil des Haufes, durch welchen der Zugang zu demfelben ftattfindet. Die Fenfter der Wohnzimmer dagegen gehen in einen Garten, der in einem Mafse von circa 100 Quadratklaftern gleichfalls jedem Haufe zugetheilt ift und je nach Bedarf, und wir können es fagen, auch Bildung, theils als Blumengarten und fomit als Unterhaltungsort, theils als Gemüfégarten und fomit als wirthschaftliche Nutzung verwerthet wird. Alle Häufer find Doppelhäufer, fo dafs je zwei eine gemeinfchaftliche Seitenwand haben. Im Jahre 1868 beftanden 166 folche Häufer, 1870 fchon 210 und heute 226, von denen 49 bereits Privateigenthum. Sie bilden zufammen die alte Colonie auf dem Bergrücken des Kleinbabas- und Kapofstanthales und die Caffiancolonie, an der feit den letzten drei Jahren fleifsig gefchaffen wurde, das Andenken des gegenwärtigen Directors auch in diefem Gebiete dauernd zu erhalten. Die Donau- Dampffchifffahrts- Gefellſchaft hat die Häufer aus ihrem Fonde gebaut und vermiethet fie ausfchliefslich an Arbeiterfamilien. Bei einem Zinfe von 3 Gulden 15 Kreuzern per Monat für Haus und Garten und mit Abzug aller Steuerlaften trägt das darin angelegte Capital 3 bis 4 Percent. Das ift fehr wenig bei dem Verdienfte, den man heute aus dem Capital zu ziehen fich gewöhnt hat. Aber man darf die Wohlthätigkeit und den Nutzen der Inftitution nicht darnach bemeffen. Die Nachfrage nach Wohnungen ift eine fehr bedeutende, denn Jedermann fühlt, wie behaglich es in den fauberen und freundlichen Häufern unter Bäumen und Blumen zu wohnen ift. Die Gefellfchaft konnte in den Moralitätsverhältniffen genau mit der Vermehrung der Colonie häufer die wefentlichen Fortfchritte zum Befferen bemerken. Die Verheiratungen nahmen zu, die unehelichen Kinder in rafcher Progreffion ab. Die Sterblichkeit hat fich bedeutend verringert und das geiftige Leben ist ein vollkommen neugeftaltetes geworden, wie wir fpäter noch darftellen werden. Ein Wechfel der Arbeiter kommt felten, unter den in den Häufern wohnenden gar nicht mehr vor. Die Arbeitsleiftung fteigert fich mit jedem Jahre. Jm Jahre 1870 wurden per Mann im Jahre 299 Schichten gegen 262 des Jahres 1869 verfahren. Die durchfchnittliche Jahresleiftung per Mann, in Kohle ausgedrückt, betrug 3700 Centner oder per Tag 12 bis 13 Centner. Im Jahre 1871 hatte fich die Arbeitsleiftung per Mann um 55 Centner gefteigert und kommt heute den Leiftungen der bedeutenderen Kohlenwerke in Schlefien, an der Ruhr und in der Saargegend gleich. Das find die Refultate der Wiener Weltausftellung auf dem Gebiete der fogenannten focialen Frage. Sie geben annähernd Zeugnifs, dafs auch in den letzten Jahren rüftig fortgearbeitet worden ift und dafs man fich bemüht hat, fowohl von Seiten der Arbeiter, als von Seiten der Arbeitgeber Neues und Treffliches zu fchaffen, die angeregten Gedanken und Thatfachen einer früheren Zeit glücklich auszubilden. Dafs dabei gerade bei uns in Oefterreich nach vielen Richtungen hin die Thätigkeit und Fürforge der Arbeitgeber überwiegend ift, darf keineswegs auffallen. Die auf einem breiteren Boden der Volksbildung entwickelten Elemente der focialen Frage in Deutfchland, auf einer gröfseren focialen Ausgleichung und gefellſchaftlichen Freiheit in Frankreich gefchaffenen, ähnlichen Inftitutionen bedurften weniger der Unterſtützung der Reichen und Begüterten. In Oefterreich aber fehlte lange das erfte fördernde Element und fehlt heute noch das, was Frankreich auszeichnet. Es mufste daher, wir möchten fagen von Oben Die focial- ökonomifchen Bildungsmittel. 29 her angeregt und zum Theil gefchaffen werden, wofür die Arbeitskräfte wohl genügendes Verſtändnifs hatten, es zu begreifen, aber nicht die Macht, es durchzuführen. Und das darf keineswegs als ein Mangel der grofsen ganzen Entwicklung angefehen werden. Mit dem Fortfchreiten der Induftrie wachfen ja auch, wie die Sorgen der Arbeit, die Pflichten der Arbeitgeber. Gemeinfames Zufammenwirken - das ift das Refultat, welches aus den Darftellungen der Wiener Weltausftellung hervorgeht, und das zu gleicher Zeit die Bahn zeigt, auf welcher die Zukunft fortfchreiten foll. Das Sparcaffawefen. Am Schluffe haben wir, um vollſtändig zu fein, noch eine kurze Betrach tung anzufchliefsen, und müffen in wenigen Worten der Ausftellung der erften öfterreichifchen Sparcaffa in Wien und des Sparcaffawefens gedenken. Die erfte öfterreichifche Sparcaffa in Wien hatte es übernommen, in einem eigenen Gebäude eine überfichtliche Darftellung des öfterreichiſchen Sparcaffawefens zur Anfchauung zu bringen. Zahlreiche Tabellen zeigten die Bewegung der meiften öfterreichifchen Sparcaffen, die Guthaben der Intereffenten, die Ein- und Auszahlungen, eine vollſtändige Sammlung von Statuten und gedruckten Rechenfchaftsberichten für 1871, mehrere grofse Zifferntableaux und Karten, fowie eine Anzahl graphifcher Darftellungen gaben ein anfchauliches Bild über die Entftehung, die Einrichtung und das Gedeihen diefer humanitären Anftalten in Oefterreich. Mehr noch als diefs erläuterte eine Schrift ,, Oefterreichs Sparcaffen" von Heinrich Ehrenberger, herausgegeben von der erften öfterreichifchen Sparcaffa in Wien 1873, die Ausftellung., Viele Befucher der Ausftellung mögen an dem zierlichen Pavillon der Wiener Sparcaffa, ohne ihm Beachtung gefchenkt zu haben, vorübergegangen fein, viele, welche das Studium der ausgeftellten Tabellen verfuchten, find wohl von der Maffe des Gebotenen und der Schwierigkeit, das gewaltige Ziffernmaterial zu bewältigen, bald wieder von dem vollkommenen Durchftudiren desfelben abgekommen. Und dennoch gehört die Ausftellung der Wiener Sparcaffa zu dem Schönften und als Verfuch zu dem Neueften, was die Wiener Weltausftellung geboten hat. Ein wahres Culturmoment, ein Zeichen fortfchreitender und fich entwickelnder Sittlichkeit, alle Theile der öfterreichifchen Gefellfchaft ehrend, trat hier verkörpert vor die Augen. Wenn Sparen nichts anderes als Capitalbildung bedeutet und die Sparfamkeit die Quelle der Capitalsbildung der ärmeren Claffen ift, fo ift ja der glückliche Stand der Sparcaffen ein Zeichen des allgemeinen Wohlftandes und das Wachfen der erfparten Summen die befte Aeufserung des Wachfens des Reichthums eines Volkes überhaupt. Wie die Gefundheit der niederen Volksclaffen die Grundlage der Gefundheit der Höheren, Reicheren ift, fo ift der Capitalbefitz jener, Vermehrung der Nutzbarkeit und fomit Anwachfen des Capitals diefer Volksclaffen. Wir vermögen es nicht, das reiche Material der Ausftellung der öfterreichifchen Sparcaffen zu erfchöpfen. Nur zwei Tabellen entlehnen wir dem oben angegebenen Materiale und fchliefsen damit unfere ganze Betrachtung. Es liegt in denfelben und ihren wenigen Ziffern mehr Belehrung, als wir durch die weiteften Betrachtungen zu geben im Stande wären. 30 Staaten Dr. Carl Th. Richter. Die focial- ökonomifchen Bildungsmittel. Tabelle der europäiſchen Sparcaffen. Jahr Anzahl der Sparcaffen Einleger- Gutin Gulden öfterhaben mit Jahresfchlufs reichischer Währung Einwohnerzahl Eine Sparcaffe auf Köpfe der Bevölkerung Währ. per Kopf Guthaben in Gulden öfterrd. Bevölkerung Durchfchnittliches auf eine haben in Guld. fallendes Gutöfterr. Währung Sparcaffe ent123 63,259.336 1,783.565 14.500 253,295.308 38,067.094 Dänemark 1869 520 Frankreich. 1868 Filialen 598 I.118 Poft- Sp. 4.338 170,250.040 1871 gewöhnl. 489 388.204.588 31817.108 35'5 514.304 34.049 6.7 226.561 Grofsbritannien 6.596 17.6 115.766 4.824 558,454.628 Italien.. •. 1867 201 95,074.760 24,273.776 120.765 3'9 Niederlande Norwegen . " 1865 182 7,948.833 3,652.070 30.066 2'2 • 1865 233 38,384.665 1,701.478 7.302 2016 Oefterreich • 1871 2II 341,137-380 20,394.980 96.658 16.73 473.008 43.675 164.741 1,616.765 Preufsen. 1871 830 289,381.209 24,643.415 29.691 II 7 348.652 Schweden • 1869 222 26,712.332 4,168.525 18.777 6'4 120.326 Schweiz 1862 230 52,617.056 2,510.494 10.915 20'9 228.770 Spanien Ungarn 1867 16 6,395.450 15,673.536 979.596 0'4 399.716 1870 135 122,964.070 15,509.455 114.885 7'93 910.845 Tabelle der Sparcaffen in den im Reichsrathe vertretenen Ländern, 1871. Land Sparcaffen Flächeninhalt Anzahl der in geographifchen QuadratMeilen Eine Sparcaffe auf geographifche QuadratMeilen Anzahl der bewohnten Häufer Eine Sparcaffe auf bewohnte Häufer Bevölkerung nach der Zählung 1865 Eine Sparcaffe auf Köpfe der Bevölkerung Niederöfterreich Oberösterreich Salzburg. Steiermark • Kärnten Krain Küftenland Tirol und Vorarlberg Böhmen Mähren 21 Schlefien Galizien Bucowina Dalmatien +3 TO123122619012 41 20 I 360'08 217'90 130'15 8.78 10'89 130'15 179.184 32 407.84 12'74 I 188.42 181 42 62.81 105.241 20.212 20.214 160.440 5.014 44.709 14.903 4.370 5.262 1,954.251 731.579 151.410 47.664 36.579 151.410 1.131.309 35.353 336.400 112.133 181 42 I2 145'10 532 68 72'55 44 39 72.001 78.780 72.001 463.273 463.273 39.390 582.079 291.039 127.710 10.642 878.907 73.242 56 943 70 16.85 632.404 II.293 5,106.069 91.180 4° 3'77 19 23 280.301 13.348 1,997.897 95.137 93'50 IO 39 62.082 6.898 511.581 56.842 10 1.425'78 142 58 835.123 83.512 5,418.016 541.812 I 189.83 933 36 189.83 116 18 93.939 93.939 74.186 511.964 511.964 37.093 442.796 221.398 Summe. 211 5.452'53 25.84 2,766.314 13.110 20,217.531 95.818