OFFICIELLER AUSSTELLUNGS- BERICHT HERAUSGEGEBEN DURCH DIE GENERAL- DIRECTION DER WELTAUSSTELLUNG 1 8 7 3. DER WELTHANDEL. ( Additionelle Ausstellung Nr. 6.) BERICHT VON DR. CARL THOMAS RICHTER, k. k. o ö. Profeffor der Staatswiffenfchaft an der Universität zu Prag. BEITRÄGE ZUM ZWEITEN BANDE. WIEN. DRUCK UND VERLAG DER K. K. HOF- UND STAATSDRUCKEREI 1873. THE VORWORT. Die gefertigte Redaction übergibt auch jene Theile des officiellen Berichtes, welche nach dem Programm der Berichterftattung den ,, zweiten Theil des Ausftellungsberichtes" bilden follen, der Oeffentlichkeit, um den Befuchern der Ausstellung wie mit den einzelnen Berichten über die 26 Gruppen, auch mit diefen Gefammtdarftellungen der orientalifchen Staaten und Völker das Studium der Ausftellung zu erleichtern. Nach dem Schluffe der Ausstellung werden alle diefe freien Hefte in einer neuen Auflage herausgegeben werden, in welcher für den erften Band die Ordnung der 26 Gruppen, für den zweiten Band die geographifche Lage der Staaten zu Grunde gelegt werden foll. Nur mit diefer Organiſation des Druckes und Verlages des officiellen Berichtes fchien es der gefertigten Redaction möglich zu erreichen, was die Generaldirection im Sinne hatte, als fie in dem Programme der officiellen Berichterstattung erklärte ,,, den ganzen Werth eines folch' grofsen und umfaffenden Werkes dem Publicum zugänglich zu machen und vollkommen auszunützen". PROFESSOR DR. CARL TH. RICHTER, Chefredacteur des officiellen Berichtes. DER WELTHANDEL. ( Additionelle Ausstellung Nr. 6.) Bericht von DR. CARL THOMAS RICHTER, k. k. o. ö. Profeffor der Staatswiffenfchaft an der Univerfität zu Prag. EINLEITUNG. ,, Auf wenigen Gebieten des volkswirthfchaftlichen Lebens treten die Fortfchritte unferes Zeitalters in fo einfchneidenden und durchgreifenden Reformen hervor, als auf dem Gebiete des Welthandels, und zwar fowohl in Bezug auf deffen Bedeutung, als auf deffen Umfang. " Wenn die raftlos fortfchreitende Entwicklung des Culturzuftandes der verfchiedenen Staaten und Völkerfchaften den Weltverkehr belebt und die Solidarität der Intereffen mehr und mehr zum allgemeinen Bewufstfein bringt, fo müffen anderfeits die ftets wachfenden Ziffern, durch welche der jeweilige Stand des Welthandels zum Ausdrucke kommt, einen Rückfchlufs auf die Fortfchritte der Länder in materieller und intellectueller Beziehung geftatten. ,, Ein Culturfortfchritt auf irgend einem Punkte der Erde macht fich über den ganzen der Cultur zugänglichen Raum hin fühlbar. Die Alles beherrfchenden Leiftungen der menfchlichen Intelligenz auf technifchem und commerciellem Gebiete und die Ausbildung der Transportmittel, namentlich in Folge der Einführung des Dampfes, waren nicht blofs von den wohlthätigften Wirkungen auf die davon unmittelbar berührten Culturvölker begleitet; fie haben ihre befruchtende Kraft auch weit über den Ocean getragen und nicht nur den Europäer und feine Abkömmlinge jenfeits der Grenzen des von ihm bewohnten Welttheiles an neue und vermehrte Bedürfniffe gewöhnt, ihn arbeitsluftiger, wohlhabender und in Folge deffen kauffähiger gemacht, fondern auch den Bewohner der fernften Zonen, der Jahrhunderte lang gewohnt war, für Befriedigung feiner mässigen und befchränkten Bedürfniffe zu arbeiten, in den grofsen Kreis des Weltverkehres gezogen und ihn befähigt, die Producte feines Schaffens beffer zu verwerthen und andere Erzeugniffe dafür einzutaufchen, deren Verbrauch ihn mehr und mehr den Culturvölkern nähert. Daher die grofse wirthfchaftliche Bedeutung des Welthandels, der raftlos vorfchreitend, durch feine eigene Kraft fich immer neue Gebiete erfchliefst, unaufhaltfam hinwegfetzt über Berge und Meere und für die Dauer keine politifchen Grenzen, fondern nur Productions- und Confumtionsgebiete kennt. Aus diefem Grunde dürfte auch die jeweilige Ausdehnung des Welthandels einen zuverläffigen Mafsftab für den Culturzuftand verfchiedener Zeiten geben, wie auch die Betheiligung eines jeden Volkes an diefem Gefammtverkehre einen Anhaltspunkt für die Beurtheilung feiner Leiftungsfähigkeit fowie für die Kauf- und Confumtionsfähigkeit feiner einzelnen Theile liefert. 2 Di. Carl Thomas Richter. „ Aber nicht nur die Maffenhaftigkeit des Verkehrs, fondern auch die Mannigfaltigkeit der Artikel desfelben hat, dank den allgemeinen Culturfortfchritten und der dadurch veranlafsten Vermehrung der Bedürfniffe, nie geahnte Dimenfionen angenommen. „ Mit den Fortfchritten der Induftrie, mit der erreichten vielfeitigen Verwendbarkeit mancher Naturproducte und mit der Entdeckung neuer Stoffe werden immer neue Artikel in den Bereich des Welthandels gezogen und die eingetretenen Erleichterungen in den Communicationsmitteln tragen wefentlich dazu bei, um Ueberflufs und Mangel an allen Punkten der Erde auszugleichen. ,, Trat doch vor einigen Decennien noch in Folge von Mifsernten die Hungersnoth mit ihrem Schreckengefolge faft alljährig auf einem anderen Punkte der Erde auf, während heute Getreide fowohl an Werth wie an Maffe der wichtigfte unter allen Artikeln des Welthandels geworden ift und Hungersnoth gegenwärtig in die Claffe jener Heimfuchungen reiht, welche die Culturvölker mit einiger Vorausficht und nur mäfsigem Kraftaufwande ferne zu halten vermögen. " Wer hätte wohl vor wenigen Jahren noch die hohe Bedeutung des Petroleums, jenes damals völlig werthlos erfcheinenden Erdproductes, vorausgefehen? An nicht wenigen Orten der Erde, und an diefen in unmefsbaren Quantitäten gewonnen, liefert es heute die Ladung für ganze Handelsflotten und zählt zu den bedeutendften Verfrachtungsartikeln der Eifenbahnen. Eine weitere Erfcheinung der Neuzeit ift die völlige A enderung der lange gewohnten Verkehrsrichtung für viele Artikel. Baumwolle, der zweitwichtigſte Artikel des Weltverkehres, wurde Jahrhunderte lang, bis zum Beginne des amerikanifchen Bürgerkrieges, ausfchliefslich aus den Vereinigten Staaten bezogen; um diefe Zeit fah man dem Verfiegen der bisherigen Quelle mit Bangen entgegen. Da traten Egypten. Oftindien, Brafilien u. f. w. in die Concurrenz. Die Krife wurde mit Hilfe diefer neu gewonnenen Quellen überftanden, aber ein Theil der fchwerbeladenen Baumwoll- Schiffe, welche früher ausfchliefslich zwifchen den Häfen der Vereinigten Staaten und Liverpool verkehrten, bevölkert nunmehr bleibend das indifche und das rothe Meer. Und dabei hat Amerika durch diefen Ausfall an feinem bisherigen Hauptausfuhrs- Producte, mit dem es die ganze Welt in feiner Abhängigkeit zu halten fchien, nur wenig verloren. Das Land hat feine disponiblen Kräfte anderen Productionszweigen zugewendet; wenige Jahre der Entbehrung haben genügt, die Ausfuhrsziffern Amerikas wieder auf die frühere Höhe zu bringen und heute fteht es in Bezug auf feine Theilnahme am Welthandel noch glänzender da als vor Beginn des Bürgerkrieges. In Erkenntnifs der aufserordentlichen Bedeutung des Welthandels und von dem Wunfche geleitet, den Antheil zu veranfchaulichen, welchen einige der wichtig. ften Hafenplätze Englands, insbefondere Liverpool und Hull an dem internationalen Güteraustauſche haben, machten bereits auf der erften Weltausftellung in London im Jahre 1851 die bezüglichen Localcomités den ebenfo intereffanten, als lehrreichen Verfuch, die Gröfse des durch jene Hafenplätze vermittelten Verkehres und die Artikel, über welche fich derfelbe erftreckt, dadurch darzuftellen, dafs die Gegenftände des Ein- und Ausfuhrhandels in Muftern vorgeführt und mittelft Angabe der Ein- und Ausfuhrmengen, der Provenienz und des Abfatzgebietes, des Preifes u. f. w. illuftrirt wurden. Obgleich den beiden Comités für die Durchführung diefer Idee nur wenig Zeit und höchft befcheidene Mittel zu Gebote ftanden, fo war doch der Verfuch vom beften Erfolge begleitet und es erwiefen fich diefe additionellen Ausstellungen für den Laien wie für den Fachmann gleich lehrreich und nutzbringend. Während dadurch dem erfteren ein Bild des Umfanges des Aufsenhandels der erwähnten Häfen fich entrollte und Ergebniffe zugänglich gemacht wurden, welche früher das faft ausfchliefsliche Eigenthum von Kaufleuten und Statiſtikern waren, wurde dem Fachmanne Gelegenheit geboten, feine Kenntniffe hinfichtlich der Bezugsquellen und Abfatzgebiete zu erweitern, und fogar ihm unbekannte Artikel in den Kreis feiner Combinationen zu ziehen. t ; r e 1 n e r 7. e r n Sa 1, n h e Der Welthandel. 3 " Zum zweiten Male führte Liverpool diefe Idee auf der im Jahre 1862 in London ftattgefundenen Weltausftellung aus. Auf der im Jahre 1868 in Havre abgehaltenen Ausftellung kam der gleiche Gedanke, von dem unterzeichneten Generaldirector, als damaligen Vicepräfidenten der befagten Ausstellung angeregt, in einer durch graphifche Darftellungen vervollkommneten Weife zur Ausführung. Die lebhaftefte Anerkennung wurde auch einer ähnlichen Ausftellung, welche im September 1. J. in Trieft ftattfand, zu Theil. In Havre fowohl, als auch in Trieft. wurden gerade diefe Abtheilungen als die Glanzpunkte der bezüglichen Ausftellungen bezeichnet. ,, Die Weltausftellung 1873 in Wien foll nun in weiterer Ausführung diefes Gedankens den Antheil zur Anfchauung bringen, welchen die wichtigften Hafenplätze und Weltmärkte der Erde am Welthandel haben. ,, Diefe additionelle Ausftellung foll aus den wichtigften Häfen fowie aus den Hauptplätzen des Binnenlandes( Leipzig, Nifchnij Nowgorod, Kiachta etc.) eine vollſtändige Collection von Muftern aller jener Rohftoffe, Hilfsftoffe und Fabricate aufnehmen, welche Handelsartikel des betreffenden Platzes bilden. " Bei jedem einzelnen Mufter follen die nachftehenden Daten namhaft gemacht werden: I. Provenienz und Abfatzgebiet; 2. Einfuhr- und Ausfuhrmengen; 3. Durchfchnittlicher Marktpreis auf dem betreffenden Platze während des Jahres 1871, Maximum und Minimum der Preisfluctuation in diefem Jahre; 4. Art der Verwendung( und zwar nur in genereller Angabe). " Was den Inhalt des zweiten Theiles diefer Ausftellung, die graphifchen Darftellungen anbelangt, fo follen diefe Folgendes zur Anfchauung bringen: I. Den Antheil, welcher den einzelnen Ländern am Gefammtverkehr in jedem Stapelartikel zukommt; 2. Die Fluctuationen des Exportes der Hauptartikel jedes Landes, den Fluctuationen des Gefammtverkehres in dem betreffenden Artikel gegenübergeftellt; 3. Darftellungen, welche die Vertheuerung der Waare zwifchen Producenten und Confumenten zur Anfchauung bringen. Selbſtverſtändlich ift hier nur jener Theil der Vertheuerung in Betracht zu ziehen, welchen die Waare in der Zeit erfährt, während der fie als Welthandelsartikel figurirt; fo zwar, dafs für die Endglieder der Darftellung nur Weltmärkte, nicht aber Productions- und Confumtionsgebiete mafsgebend erfcheinen; 4. Darftellungen des Weltverkehres im Grofsen und Ganzen, ohne Rückfichtsnahme auf die einzelnen Waarengattungen: Tafeln, welche den Antheil eines jeden Landes am Gefammtverkehre veranfchaulichen; Tafeln, die den Verkehr der einzelnen Länder unter fich darftellen; Schifffahrts, Fracht- und Affecuranzftatiftiken; Tabellen zur Darstellung der Cursfluctuationen zwifchen den wichtigeren Handelsplätzen u. f. w. " Diejenigen der vorbenannten graphifchen Darftellungen, welchen nicht eine gröfsere Anzahl von Jahren zu Grunde gelegt werden kann, follen auf Grundlage von Durchfchnittsziffern aus den Ergebniffen der letzten zehn Jahre ausgeführt werden; zugleich wäre es wünſchenswerth, dafs diefen Darftellungen auch folche für jene Jahre des Decenniums beigeben würden, in welchen der Verkehr ein Maximum oder Minimum betrug." So lautete das„ Specialprogramm für die Darftellung des Welthandels", der fechsten Abtheilung der fogenannten additionellen Ausftellungen. Es war am 30. November 1871 publicirt worden, und trug die Unterfchrift des Präfidenten der kaiferlichen Commiffion Erzherzog Rainer und des Generaldirectors Freiherrn v. Schwarz- Senborn. Man kann nicht beffer die Wichtigkeit und Bedeutung einer folchen Ausftellung und die Art und Weife der Organifirung derfelben felbft darftellen, als es 4 Dr. Carl Thomas Richter. hier gefchehen ift. Die Summen jener materiellen Güter, welche fich in der Welt als Welthandels- Güter bewegen und die Welt felbft in Bewegung fetzen, erfcheinen darin, der Materie vollkommen entkleidet, wie vergeiftigt und nur in ihren Aufgaben und Wirkungen betrachtet, in denen fie in der That einen mächtigen, ja faft den gröfsten Antheil nehmen an der Entwicklung und Förderung der Cultur der Menfcheit und an der Ausbildung einer gleichen, die Menfchheit immer mehr und mehr nach Völkerftämmen und Staaten verbindenden Civilifation. Das find fürwahr nicht verfchiedene Worte für vielleicht diefelbe Sache. Für uns ift die eine immer die mehr äufsere Geftaltung, die ftaatliche und bürgerliche Formgebung, ich möchte fagen, das mehr materielle; die Andere die Vergeiftigung des in That und Gedanken, im Thun und Laffen, im Schaffen und Erzeugen zum Ausdruck kommenden Lebens gewefen. Man kann diefe und jene befchreiben, von diefer und jener die Gefchichte darftellen nach einzelnen Gebieten und Theilen, für einzelne Völker und Staaten, und nach dem grofsen Ganzen für die Welt und für die Menfchheit. Man kann fie auf ein Jahrhundert einfchränken, und über Jahrhunderte ausdehnen. Aber wie immer man fie erkennt, betrachtet und befchreibt, man wird ficher für Beide verfchiedene Gefichtspunkte in den Vordergrund ftellen, für Beide von verfchiedenen Ausgangspunkten ausgehen müffen und, wie auch immer dabei das Gebiet des Einen jenes des Anderen berühren, ja oft vollſtändig in die Betrachtung aufgenommen werden wird, gewifs doch zu anderen Zielen und Urtheilen gelangen. Kann man, um nur ein Beiſpiel für das, was wir meinen, zu geben, kann man Kunft und Wiffenfchaft, ihre Geftaltung und Entwick lung aus einer Periode der Culturgefchichte, und wäre fie die kleinfte, ausfcheiden? Und doch! Wird die Civilifation und Macht eines Staates oder Volkes entfcheidend von ihr berührt und beeinflufst? Deutfchland ftand an der Spitze der Civilifation der Welt in jenen erften Jahrhunderten unferer modernen Gefchichte, als die Zweige alles höheren Wiffens kaum grünten und die erften Anfänge ihrer Blüthe im geheimnifsvollen Dunkel von einigen Wenigen feftgehalten wurden, und fein ganzes Kunftbedürfnifs durch die derbe Arbeit einiger lang unvollkommenen Gewerbe befriedigt wurde. Die Cultur Griechenlands erblühte noch, als feine civilifatorifche Macht erbleichte und Rom erbeutete, was ihm Gröfse, Stolz und Civilifationsmacht niemals geben konnten, Wiffen und Wiffenfchaft, Plaſtik, Malerei und Dichtkunft. Und doch! Wie überzeugt wir von diefem Gedanken auch find, wie fördernd für die Klarheit der Gefchichte und ihrer Darftellung wir fie auch halten, wenn fie beachtet werden, für die Aufgabe, die wir mit der Darftellung des Welthandels zu erfüllen haben, müfen wir ftets auf Beide in ihrem grofsen Ganzen als Refultate der Weltgefchichte, wie in ihren einzelnen Aeufserungen hinblicken. Der Welthandel ift ein Grundpfeiler, der raftlos fortfchreitenden Entwicklung des Cultur zuftandes der verfchiedenen Staaten und Völkerfchaften", wie das erwähnte Programm fagt. Aber er ift auch ein Theil der Civilifation der Staaten und der Macht derfelben, der, wie an derfelben erwähnten Stelle gefagt wird ,,, durch feine eigene Kraft immer neue Gebiete erfchliefst, unaufhaltfam hinwegfetzt über Berge und Meere, und für die Dauer keine politifchen Grenzen, fondern nur Productionsund Confumtionsgebiete kennt", das heifst, der in der Ausgleichung aller Intereffen und darum Gemeinſamkeit derfelben die Menfchheit allmälig zu einer friedlichen Zufammengehörigkeit erhebt, trotzdem fie über verfchiedene Welttheile zerftreut, und durch fefte und unwandelbare Grenzen von einander getrennt fcheint. Diefs in unferer Darſtellung zum Ausdruck zu bringen, müffen wir mit der Betrachtung des wirthschaftlichen Lebens der Staaten, ihrer Cultur, oft das ganze ftaatliche Leben derfelben, ihre politifche Entwicklung und jene ihrer Gefetze und Rechte, ihre Civilifation, berühren. Diefs zu erfüllen, ganz und vollſtändig zu fein und doch den Rahmen nicht all zu fehr erweiternd, wollen wir im erften Theile unferer Betrachtung, mehr zur Erinnerung, als um Neues zu fagen, die Gefchichte des Welthandels" ausführen, Der Welthandel. 5 und hier fchon die Elemente, Bedingungen und Grundlagen unferer ganzen Aufgabe kennzeichnen. Dann wollen wir die wirthschaftliche Geftaltung der einzelnen Staaten, wie fie als Grundlage des Welthandels fich ausgebildet hat, befchreiben und die Welthandels- Producte", um am Schluffe felbft ,, den Welthandel und feine Geftalt" überfichtlich darftellen zu können. Dem aufmerkfamen Lefer werden die Beziehungen diefer Abſchnitte zum erften Theile der Betrachtung nicht entgehen, ebenfowenig wie die Nothwendigkeit desfelben für die Klarheit und volle Erkenntnifs des Anderen. Wenn wir hierbei Manches wiederholen, fo mag man verzeihen. Es gibt Dinge, die nie oft genug gefagt werden können, und fo oft gefagt werden müffen, bis fie das Gemeingut Aller find. Und bedarf es für die Sorge, vollſtändig und genau fein zu wollen, noch einer Rechtfertigung, fo kennzeichnen wir gleich die Stellung diefer Arbeit. Sie foll als Einleitung für den zweiten Band des officiellen Berichtes dienen, jenes Bandes, der fich zur Aufgabe geftellt hat, die Völker und Staaten in ihrem wirthschaftlichen Leben darzuftellen, die feit Jahrtaufenden das Ziel alles Strebens unferer modernen Cultur gewefen find, das Ziel der Erkenntnifs und Forfchung, das Ziel des Handels und Verkehres, und durch welche zahlreiche Grundlagen unferer Cultur beeinflusst werden. Das oben angeführte Programm der Darftellung des Welthandels enthält neben feiner ernften Auffaffung desfelben auch noch die Angabe, wie und was auf der Wiener Weltausftellung zur Geltung kommen foll. Es foll Provenienz und Abfatzgebiet, Einfuhr- und Ausfuhrmengen, durchfchnittlicher Marktpreis und Preisfluctuation im Jahre 1871 und die Art der Verwendung enthalten. Es foll weiter der Antheil der einzelnen Länder am Gefammtverkehr in jedem Stapelartikel, die Fluctuation des Exportes der Hauptartikel jedes Landes u. f. w., wie das Programm fagt, angegeben werden. Die Thatfachen, wie fie die Ausftellung brachte, fagen wir es kurz und offen, find diefem Programme nicht im Entfernteften gefolgt. Aber, es fei trotzdem geftattet, hier noch der dabei betheiligten Ausfteller und ausgeftellten Gegenftände zu gedenken. Wir erfüllen damit eine Pflicht der Dankbarkeit, da wir, wie unvollkommen die Ausftellung nach diefer Richtung im Ganzen war, wie ungenügend, ein vollkommenes Bild des Weltverkehres zu geben, doch im Einzelnen viel Gutes und Schätzenswerthes fahen und bei einer fo fchwierigen Aufgabe wie die der Darftellung des Welthandels auch der Verfuch, zumeift wenn er doch eigentlich der erfte war, fchon Anerkennung verdient. Wollten wir der Darstellung des Welthandels nach den einzelnen Induftrieund Handelsartikeln folgen, fo müfsten wir allein die ganze Weltausstellung in unfere Betrachtung einbeziehen. Da lag jedenfalls das befte Bild des Welthandels und der Weltinduftrie vor. Die Organiſation der Weltausftellung fchränkte aber von vorne herein das ganze Gebiet auf einen befonderen Pavillon ein und hat dadurch natürlich die Prüfung fehr erleichtert, aber freilich auch die Bafis gefchaffen für eine fcharfe Kritik. Nur was der Einzelne rafch und leicht im Ganzen und in feinen Theilen überfehen kann, das wagt er zu beurtheilen und um fo fchärfer zu kritifiren, je weniger Schwierigkeit ihm die Erkenntnifs gemacht hat. Neben diefem Pavillon hat die Munificenz eines Privatmannes ein zweites Gebäude gefchaffen, das, was Grofsartigkeit der Ausführung und Sicherheit der Erreichung des Zweckes betraf, weit die Holzbude des Welthandels überragte. Wir meinen den " Cercle oriental", von Dr. Emil Hardt erbaut. In dem ftilreichen Gebäude fanden theils durch Karten und graphifche Darstellungen, theils durch Mufterfammlungen die Handelsbeziehungen des Orients zu Europa ihre Darftellung. Was aber bedeutender war als diefe Darftellung, das war die Abficht, durch die Errichtung des Gebäudes zur Erhaltung und Förderung der Handelsbeziehungen Oefterreichs zum Oriente thatkräftig beizutragen. Und diefe Abficht wurde infoferne auch erreicht, als durch die Bildung eines ,, Comités für den Orient und Oftafien" und die dauernde, von dem öfterreichifchen Generalconful in Conftan 6 Dr. Carl Thomas Richter. tinopel Hofrath Ritter v. Schwegelgeleitete Thätigkeit diefes Comités die Ausftellungen der orientalifchen und oftafiatifchen Völker gründlich ftudirt und taufendfältige Anregungen in diefer Beziehung für die öfterreichiſche Induſtrie gefchaffen worden find. Auch der zweite Band des officiellen Ausftellungsberichtes, dem ich die Betrachtung über den Welthandel als Einleitung vorfetze, ift eine Frucht diefer Studien. In ihnen finden fich auch die einzelnen Ausftellungsobjecte im Cercle oriental fo gründlich benützt, dafs wir felbft derfelben nicht weiter zu gedenken brauchen. Das grofse, reiche und anregende Ganze gehört allein hieher. Kehren wir daher zum Pavillon des Welthandels zurück. Wir fehen ab von dem mit Poft- und Eifenbahn- Wagen Oefterreichs nicht gefchmackvoll vollgepfropften rückwärtigen Raum des Pavillons. Was an ftatiftifchem Materiale fich vorfand, haben wir an anderer Stelle benützt; das Uebrige möchten wir gern aus der Erinnerung verbannen. Rechts vom Eintritt in den Pavillon in einigen kleinen Räumen hatte die englifche Commiffion durch Herrn Profeffor Archer eine Sammlung der Einfuhrartikel aufgeftellt, die die Summe aller Rohftoffe enthielt, durch Tabellen für jede einzelne Gruppe erläutert, und Menge, Bezugsort und Zweck der Waaren angab, alfo die Summe der Rohftoffe, die 1871 nach England geführt worden ift. War die Sammlung in fo kleinen Gläschen, wie fie die Muſeen und viele Handelsfchulen recht gut zieren würden, zufammengebracht, fo waren die tabellarifchen Erläuterungen in einer faft unnahbaren Höhe aufgehängt, und es koftete grofse Mühe, wenigftens die gewichtigſten Importartikel, wie Thee, Jute, Manilahanf, Hörner, Thierzähne u. f. w. zu ftudiren. Wir gedenken an anderen Stellen des riefigen Umfanges des englifchen Handels, der hier in einer fauberen, nur leider gar zu kleinen Form dargeftellt wurde. Bedeutend und fleifsig gearbeitet war die Karte des Handels der Schweiz von Dr. H. Wartmann, im Auftrage der eidgenöffifchen Commiffion herausgegeben, und gleichfalls in dem engen Raume eines kleinen Zimmers exponirt. Sie zeigte die Abfatzgebiete der Schweizer Induſtrie in hiftorifcher Entwicklung von 1770 bis 1870, ein grossartiges Bild des Fleifses einer Nation, die ihre natürliche Lage faft von allen Welthandels- Beziehungen auszufchliefsen fcheint. Von Jahr zu Jahr erweitert fich das Handelsgebiet der Schweiz, bis es 1870 faft die ganze Welt und jedes Land Europas einfchliefst. Eine Ergänzung diefes Bildes, gewiffermassen der Grund und Boden, aus dem die grofsartige Handelsentwicklung der Schweiz entstanden, bildeten die vier Karten der Fabriksgebiete der wichtigften Schweizer Induſtrien. Weniger bedeutend und die Wirkung nur fchädigend war ein kleiner Kram von Tücheln und Stoffen, die Mufter der bedeutendften Handelsartikel der Schweiz fein follten. Gleichfalls fleifsig und fchön ausgeführt waren die Karten und graphifchen Tafeln des Poft-, Telegraphen- und Bankwefens, des auswärtigen Handels und des Zollwefens von Portugal, welche die portugiefifche Regierung felbft ausgeftellt hatte. An einzelnen für fich beſtehenden Objecten fanden fich noch weiters eine Münz- Weltkarte von Eggers aus Bremen und ein Atlas der Induftrie und des Handels des Königreiches Böhmen von Profeffor Dr. C. Th. Richter, welche an einer anderen Stelle ihre Würdigung finden.* Wir kommen nun zu jener Ausstellung, welche weitaus den gröfsten Raum im Pavillon des Welthandels einnahm und die durch ihr in der That herausforderndes Auftreten gerechtes und ungerechtes Lob, gerechten und ungerechten Tadel am meiften erzeugte. Wir meinen die Ausftellung der Handels- und Gewerbekammer von Trieft unter Leitung des Commiffärs derfelben, Herrn Hugo Maffopuft. Wir fkizziren diefelbe ganz kurz. In einer oft in grofsen, oft in kleinen Mafsen ausgeführten Mufterfammlung von faft dritthalbtaufend Nummern wurden die Ein- und Ausfuhrartikel des Triefter Hafens, nach der Ordnung der drei Naturreiche dargestellt, in mehreren * A. Steinhaufer: Geographifche Bildungs- und Unterrichtsmittel Der Welthandel. 7 grofsen Sälen den Befuchern gezeigt. Die Darſtellung der Artikel des Pflanzen, Mineral- und Thierreiches war weiter fo geordnet, dafs die gleichen Producte aus den verfchiedenen Orten neben einander geftellt waren und dem Studirenden es überliefsen, die Verfchiedenheit der Qualität zu prüfen und fich felbft daraus den Grund für die Mengen des Handels oder Geringfügigkeit desfelben zu fuchen. In dem Saale, der die Producte des Thierreiches darftellte, ragte eine grossartige Sammlung von Badefchwämmen, die Darftellung von Badefchwamm- Fifchereien und des Badefchwamm- Handels, wie fie die Gebrüder Eckhel zur Ausft ellung brachten, befonders wohlthuend hervor. Aus einer diefer Sammlung beigegebenen Schrift„ Der Badefchwamm in Rückficht auf die Art feiner Gewinnung" u. f. w., von Georg v. Eckhel, Trieft 1873, erfahren wir, dafs der Werth der Ausfuhr von Bade- und Pferdefchwämmen 1871: 1,020.000 fl. öfterreichifcher Währung, der Werth der Durchfuhr 118.000 fl. öfterreichiſcher Währung betrug. Eine fchön ausgeführte, dem kleinen Werke beigegebene Karte gibt eine Ueberficht der Orte, wo im mittelländifchen und adriatifchen Meere die Schwämme gefifcht werden, mit Andeutung der ergiebigen und minder ergiebigen Fundorte. Eine zweite Sammlung von Morpurgo und Parente, die auf dem Triefter Markte vorkommenden Häute und Felle darftellend, war gleichfalls recht belehrend und fchön zufammengeftellt. Diefe Muſterfammlungen, die in einzelnen Theilen mit oft decorativem Effect aufgeftellt waren, wurden ergänzt durch eine Reihe von ftatiftifchen Arbeiten, die, nach der tabellarifchen, graphifchen und kartographifchen Methode fleifsig und forgfam zufammengeftellt, das Bild des Triefter Handels erläuterten. Ein- und Ausfuhrmengen, Provenienz und Deſtination enthielten die einzelnen Tabellen, wie fie den Waarenmuftern von Gruppe zu Gruppe beigegeben waren. Die Darſtellung der Gröfsenverhältniffe der einzelnen Artikel in der Handelsbewegung für das Jahr 1871, dann die Ziffernbewegung und die Werthbeftimmungen der einzelnen Artikel war in mehreren graphifchen Tafeln, endlich die Handelsrichtungen Triefts in kartographifcher Darftellung gegeben. Einfuhr und Ausfuhr war dabei bedacht und die Gröfse der Linien zeigte nach Taufenden von Centnern die Gröfse der Handelsbewegung des einzelnen Artikels. Diefe ftatiftifchen und graphifchen Arbeiten waren vom Secretär der Triefter Handelskammer Herrn C. A. Zenker gearbeitet. Das war das grofse und unzweifelhaft forgfam aufgebaute Bild des Handels Triefts und feines Hafens, das auf jeden Befucher des Pavillons ganz überrafchend wirkte, allein den Mann der Wiffenfchaft ebenfo wenig wie den erfahrenen Kaufmann befriedigen wollte. Und das ift leicht erklärlich. Der Laie fucht eben immer nur und überall das Einzelne und fühlt fich vom Einzelnen befriedigt, wenn es eben als Erfcheinung gut und wahr ift. Der Erfahrene aber und der Bewufste fucht das Einzelne immer und überall in feinem Zufammenhange mit dem Ganzen. Er fucht es als Theil des Ganzen und kann nur befriedigt fein, wenn es in diefer Geftaltung ihm Wahrheit entgegenbringt. Wahrheit aber ift oft Verhältnifsmäfsigkeit, nichts Anderes als Ebenmäfsigkeit. Und wie die Ausftellung der Triefter Handelskammer als einzelnes Object, abgefehen von einzelnen kleinen Bedenklichkeiten, als ganz gelungen betrachtet werden mufs, war fie als ein Theil der Darftellung des Welthandels ganz und gar mifslungen. England gehörte in diefer Richtung in die grofsen, hellen Säle, die Trieft einnahm, Trieft käme an einen Theil der dunklen, gedrückten Wand, die England eingenommen. Und auf diefe Erkenntnifs läfst fich Lob und Tadel, welche der Pavillon des Welthandels im Einzelnen und Ganzen gefunden, zurückführen. Das Lob gehörte dem Einzelnen, der Tadel dem mifslungenen Ganzen. Und doch find faft alle Ausfteller, wie fie im Pavillon des Welthandels fich eingefunden und zerftreut im Induftriepalafte ihre Leiftungen ausgeftellt hatten, von der Jury ausgezeichnet worden. Mit gutem Rechte! Jede einzelne Arbeit hat dort ein grofses Verdienft, wo immer nur eine ftumme Sache, ein Bild, ein Zettel, 8 Dr. Carl Thomas Richter. Leben und Geift bedeuten und ausdrücken foll. Wie Alles, was auf diefem Boden geleiftet worden ift, nur als ein Verfuch angefehen und gewürdigt werden mufs, fo war jeder Verfuch ein Meiſterwerk, denn jeder fördert ficher die endliche Erkenntnifs des Beften. Das Weitere wird diefs noch mehr beleuchten. Noch eine Vorbemerkung fei geftattet. Der officielle Bericht über eine Weltausftellung follte von jeher die Refultate der Weltausstellung darftellen, aber auch immer einen Abfchlufs enthalten des ganzen wirthfchaftlichen und geiftigen Lebens der Culturvölker. Wir haben es daher für unfere Aufgabe gehalten, nicht nur die Refultate der Ausftellung zu fammeln, fondern auch die in unfer Gebiet einfchlägige Literatur zu benützen. In dem Folgenden führen wir die im Verlaufe der weiteren Darftellung benützten Werke auf: Scherer: Gefchichte des Welthandels; Fifcher: Gefchichte des deutfchen Handels; Fefsmaier: Gefchichte des oberrheinifchen Bundes; Hüllmann: Gefchichte des byzantinifchen Handels; Kiffelbach: Der Gang des Welthandels; Martin: The Statesman's Yearbook 1873; Leone Lewi: Hiftory of Britiſh Commerce, 1863-1870; P. Smith: Railway, Banking, Mining and Commercial Almanak; M. Block: L'Europe politique et fociale 1869 u. f. w. Das preufsifche Handelsarchiv, die Auftria", die Vierteljahrs- Schrift für Gefchichte, Volkswirthschaft und Cultur, die Kataloge für die Wiener Weltausftellung, insbefondere: Statiftique de l'Égypte, Amtlicher Katalog der Ausftellung des deutſchen Reiches, Specialkatalog der Ausftellung des Königreiches der Niederlande, Norwegifcher Specialkatalog, Katalog der Ausftellung Schwedens, Catalogue des Produits des Colonies françaiſes, Notice de l'Empire du Japon, The Britiſh Section at the Vienna univerfal Exhibition 1873; dann die Zeitungen mit ihrem reichen, dem Tag gehörigen Material: Neue freie Preffe 1869 bis 1872, Die Preffe 1869 bis 1872, Der deutfche Oekonomift 1870 bis 1872 u. f. w. Von vorzüglicher Wichtigkeit endlich war für uns E. Behm's geographifches Jahrbuch 1866, 1868, 1870 und 1872, in welchem C. v. Scherzer und Franz X. Neumann Sammlungen von der umfaffendften Bedeutung für die Bewegung des Welthandels gebracht haben, die fich, da Band 4, 1872 fchon die neueften erreichbaren Zahlen bringt, fchwer überholen laffen. GRUNDZÜGE DER GESCHICHTE DES WELTHANDELS. Geheimnifsvoll ift das Walten in der Natur! Geheimnifsvoll fcheint das Walten in der Gefchichte der Menfchheit zu fein. Jene ift fparfam und haushälterifch in der Schöpfung ihrer Werke und benützt, ftill fchaffend, immer wieder die abgeftorbenen Stoffe zu neuen Gebilden. Und wie hier, fo fcheint auch, wenn wir das Leben der Menfchheit verfolgen, ein einmal ausgefponnener und verwebter Faden in ihm niemals verloren zu gehen, fondern immer wieder aufs Neue, wenn auch in veränderter Geftalt, zur Wirkfamkeit zu kommen. Vergifst man diefs manchmal in der Gefchichte der Staaten und Völker in der Handelsgefchichte dürfen wir es niemals vergeffen, denn wir können nur mit diefem Gedanken zu einem gerechten Urtheil gelangen, was ift und nicht ift, richtig begreifen, was fein könnte und fein follte, in feinem allmäligen Gedeihen vorbereiten. noch kein Zwirnfaden vernäht, der nicht von den Wirkungen des dreifsigjährigen Krieges oder der preufsifch- öfterreichifchen Uneinigkeit im vorigen Jahrhundert - Es wird Der Welthandel. 9 beeinflusst wäre." Und was mufste nicht Alles vorausgehen, fagt Peez*, bis die Errichtungskoften einer Baumwoll- Spindel zu Manchefter nur ein Pfund Sterling, bei uns aber ungefähr das Doppelte betragen. Die Gefchichte der amerikaniſchen Colonien, die Negereinfuhr dahin, die Auffchliefsung der englifchen Kohlenlager, die Stellung der Ariftokratie, die Erbauung der Canäle, die Erfindung der Dampfund Spinnmafchinen, die ganze Politik von Walpole und Pitt, das find auf englifcher Seite einige Erinnerungsfäulen, woran wir die grofsen Gedankenbilder anknüpfen können, die vor unferem geiftigen Auge bei diefer Gelegenheit vorüberziehen. Und liegt nicht umgekehrt in der Thatfache, dafs wir fo maffenhaft englifche Twifte verbrauchen und dafs die Errichtung unferer Spinnereien fo bedeutend theuerer ift, die ganze fchmerzliche Gefchichte vom Verfall des mittelalterlichen deutfchen Handels und der Induftriethätigkeit eingefchloffen?" Diefs ganz begreiflich zu machen, wollen wir in grofsen Zügen, wie es diefer Arbeit geftattet ift, die Gefchichte des Welthandels in der Erinnerung unferer Lefer wieder beleben. Wir müffen dabei den Rath nützen, denn der Urquell der Poefie, die Edda, dem grofsen Odhin in den Mund legt: Zur Fahrt ins Weite Fülle dein Ränzel, Fülle es weislich mit Weisheit. Viel gröfseren Werth Als Gold hat Weisheit! Sie deckt des Bedürft'gen Bedarf. Von dort, wohin wir die Wiege der Menfchheit verletzen, von Indiens reichen Gefilden, drang, eine langfam fich gliedernde Kette bildend und feft zufammenhaltend, Verkehr und Handel allmälig über Vorderafien nach Egypten, nach dem Balkan und appeninifchen Halbinfel, Spanien, Gallien und Rufsland bis zu dem fagenhaften Zinn Eiland und den nordifchen Bernftein- Küften. Die fieben Millionen Quadratmeilen Waffer, die die Erde umfluthen und von denen kaum vierzigtaufend der claffifchen Zeit Griechenlands durch ihre Kriegs- und Handelszüge bekannt wurden, erfchliefsen fich allmälig der Menfchheit und bilden an der von jeher billigften Strafse des Grofsverkehres die grofsen Handelsplätze, die wie einft, fo jetzt noch, wie auch das Neue entſtehen und das Alte untergehen mag, die Welt und ihre Güter fammeln und über die Welt vertheilen. - Und immer war es Indien, das mit feinen Schätzen und feinem„ Alles Befitzen" die übrige Welt auf den langen Weg, den der öftliche Karawanenhandel des Alterthums einft einfchlug und dann zur gefährlichen Fahrt auf den Meeren verlockte, um zu holen, was es für Alle bieten konnte, Früchte und Oele, Stoffe und Edelſteine, Gewürze und Weihrauch, Alles, was Leben und Geniefsen fordern kann, und dafür zu nehmen, was es allein nicht hat Gold und Silber. Es mag freilich manch' Jahrhundert vergangen fein, bis man erfahren, dafs man in aller Welt und für alle Welt mit diefen Gütern alle anderen erwerben, kaufen könne. Als man es aber erkannte, als Abraham dem Ephron 400 Säckel Silber zuwog und als man endlich das Wägen vor dem Kaufe abthat und das gewogene Stück Gold oder Silber, die Münze, das Geld benützte, da trieb die ganze Welt auf allen Strafsen dahin, zu kaufen und zu gewinnen, und felbft der gefegnete Indier verläfst fein Vaterland und fetzt fich den Gefahren des Meeres aus. Da wachfen die im Nordweften höher gelegenen Stämme Afiens empor und dringen aus dem„, Mittelpunkt der Erde" felbft in Indien ein, den träumerifchen Urftamm kräftigend, und führen Handel mit Allem, was Indien bietet, als Fracht nur mit Schaf- und Ziegenwolle, die heute noch in den Höhenzügen gefucht wird, als Rückfracht beladen nur mit Gold. Und wie zu Lande fuchen fie die goldgefegneten Striche an der Oftküfte Afrikas auf und bilden dort, wo beide Handelswege zufammentreffen, Babylon und Niniveh zu den erften Welthandels- Emporien des * Dr. Alexander Peez: Sieben handelspolitifche Briefe aus England. Leipzig 1863. 10 Dr. Carl Thomas Richter. Alterthums. Und da wird von den arifchen Stämmen der benachbarte femitifche Stamm und der, der die afrikanifchen Länder längs des Nil bewohnt, bald berührt, als Babylon und Niniveh die Bewegung des Handels und der gefammten Cultur beftimmen. Böckh's und Dunker's Unterfuchungen haben uns über die hier fchon herrfchenden Mafse, Gewichte und Geldarten belehrt. Als Syrien durch feine glückliche Lage Europa mit Afien verbindet, gehen diefe Culturkräfte mit den Göttern und Handelsleuten nach der europäifchen Welt. Diefem öftlichen Verkehr über Babylon gegenüber entwickeln die Phönicier über Cypern, Rhodus, über Sicilien und Spanien mit ihren Anfiedlungen einen Handel, in welchem ihre Schiffe, wie Ariftoteles erzählt, fo beladen waren, dafs fie es nicht tragen konnten und fie ,, vor der Abfahrt alle Geräthe und felbft die Anker aus Gold machten". So wächft Europa, wie von zwei Armen von Often und Weften emporgehoben, heran, bis nach dem Untergang der Blüthe diefes dunklen Zeitalters nur noch die bald heimatslos gewordenen Trümmer der alten Handelsvölker, die Juden, in der römifchen Welt und weit über diefe hinaus den wirthschaftlichen Zufammenhang der Welttheile erhalten. Ihre alten Handelsniederlaffungen in Afien und Afrika, die, gegründet, als fie felbft vom Feldbau zum Handel übergehen, an der älteften Welthandels- Bewegung theilnehmen, mit den Indiern und Phöniciern verbunden, fpinnen bald ihre Fäden auch um das Leben Europas und feiner alten und neuen Völker. In den erften Jahrhunderten diefer Zeit wird der Knoten aller Handelsbeziehungen von ihnen im Delta für lange feftgefchlungen, aus dem Alexandrien allmälig als erfte Welt- Handelsftadt und als Kreuzungspunkt Afiens und Europas fich erhebt. Hier empfangen fie von den Ihren die Specereien und Gewebe Arabiens, Indiens und Chinas und taufchen fie aus in den Donauthälern, Frankreich und Spanien bis mitten in den Barbarenländern durch die Vermittlung ihrer kaufmännifchen Corporationen gegen Gold und Silber, als die Stämme felbft noch nach Tacitus ,, des einfachen Waarenaustaufches" fich bedienten, und fetzen fich feft in Spanien und, mit den Reften der romanifchen Handelswelt vermifcht, in Marfeille, das fie zum Handelsplatz für die Einfuhr von Papier, Oel, Specerei und Seide bedeutungsvoll emporheben. Hätte die Emfigkeit diefes Volkes nicht den ganzen Schatz altafiatifcher Cultur erhalten und in die Welt getragen, es wäre kaum aus den Trümmern des zufammenbrechenden römifchen Reiches das mitteleuropäiſche Städteleben fo rafch emporgewachſen, jenes Leben, welches entſteht, wie Plato im zweiten Bande der„ Gefpräche über den Staat" Sokrates zu Adrimantes fagen läfst, weil jeder Einzelne von uns fich felbft nicht genügt, fondern Vieles bedarf... Es gründet alfo unfer Bedürfnifs die Stadt." " Die römifche Welt, wie fie in ihrer ftaatlichen und focialen Geftaltung fich auch mächtig entwickelte, hat in diefer handelspolitifchen Geftaltung fo wenig als die Zeit Griechenlands bemerkenswerthe Veränderungen erzeugt. Die beiden wirthfchaftlich beftimmt abgefonderten Ländergruppen des römifchen Reiches: Nordafrika, Sicilien, Egypten und Taurien, die Handelsländer der damaligen Welt, und Griechenland, Italien und Kleinafien, die Heimat der Gewerbe und Induftrie, hat fie mit Taufenden Meilen Strafsen über das bekannte Europa, Afrika bis tief nach Afien überfpannt. Der Handel war immer derfelbe und hatte immer den gleichen Charakter, ob die ftaatliche Handelspolitik des Prätors Cæcilius Metellus Zollfreiheit oder jene Julius Cæfars Zölle fchafft und die L. 16.§. 7 Dig. de Publicanis et vict. et commiss. ein ganzes Syftem von Abgaben, Hafen-, Brücken- und Schleufsengeldern erzeugt, die zu Gunften des Verkehres gefchaffenen Einrichtungen damit wieder zu vergüten. Die edlen Metalle Europas ftrömen, wie Plinius klagt, nach Afien wie einft und später für die edlen Gewebe, Specereien und Edelſteine ab, die Handelsartikel und Confumtionsmittel einer früheren und späteren Welt. Und fo rafch ging die Strömung, dafs unter Kaifer Auguftus fich der Barfond des Reiches von 8 Milliarden auf 2 Milliarden und gegen den Schlufs des IX. Jahrhunderts auf 825 Millionen Francs vermindert hat und erft nach dem gänzlichen Erlahmen des Handels mit der Levante die Schätze der Bergwerke wieder aufs Neue die Caffen t t t Der Welthandel. 11 Europas füllen. Erft als die Herrfchaft der römifchen Welt in ein öftliches und weftliches Reich fich theilt, erhebt fich Byzanz als die zukunftsreiche Nebenbuhlerin Alexandriens, der Verkehr zwifchen Indien und Italien zerfällt, und Araber und Perfer reifsen den grofsen Welthandel an fich. Durch den Bedarf nach Gold find die Araber bis nach Gibraltar und in das mittelländifche Meer gedrängt worden und hielten über Perfien den Weg nach China und den Sunda- Infeln, mit den Handelsemporien Mekka, Medina, Bagdad, Damascus im regen Handel von Oft nach Weft feft. Nördlicher aber bleibt nur die Donau offen, nach dem fchwarzen Meere, den Bosporus über Trapezunt nach Perfien und Indien zu gelangen. Con ftantinopel centralifirte den Handel mit indifchen Waaren und Fabricaten gegen die Rohftoffe und edlen Metalle der ackerbautreibenden Hinterländer, die in dem Bifchoffitze Lorch in Niederöfterreich ihren Stapelplatz fanden. Sind die Engländer unferer Tage nicht der Handelspolitik der Araber gefolgt, die ganze territoriale Begrenzung der indifchen See zu befetzen? Haben vor ihnen die Portugiefen, als fie den Seeweg um das Cap fanden, nicht die gleiche Politik verfolgt? Und ift die orientalifche Frage, als die Gefchichte den verworrenen Knoten in Conftantinopel fchlang, erft gefchaffen worden, als das grofse ruffifche Reich einen ficheren Ausgang nach den reichen Welthandels- Wegen fuchte? War fie nicht in dem Jahrhundert vorhanden, als Venedig und Genua um das Uebergewicht in der Stadt am goldenen Horn ftritten und Genua die Mohamedaner im Kampfe gegen die fchwachen Refte römifcher Herrfcherherrlichkeiten unterſtützte? Ja, was fagen wir! War fie nicht vor diefer Zeit da, als ein von der gewohnten Heerftrafse abgefchloffenes Hinterland einen Weg an die See fuchte? Das Menfchengefchlecht lebt fchon Jahrtaufende! Aber den Gefetzen, die wie die Naturgefetze das Leben der Völker beherrfchen und unwandelbar wie diefe fcheinen, den Gefetzen gegenüber fchafft fie nur fehr langfam und auf Jahrhunderte vertheilt das Neue. So feft wie der Handelsweg vom Weften Europas nach Perfien, Indien und China, fo feft ift bald auch der vom Norden durch Conftantinopel beftimmt. Er drängt über Lorch, Regensburg an den Rhein, er geht den Dnieper hinauf über Kiew und Nowgorod an die Oftfee und bringt für die Güter des Orientes feine Fabricate und Genufsmittel, Rohftoffe und edle Metalle. Der Weg wird befonders wichtig, als die Hunnen die Donau fperrten. Da kommen die Güter über Kiew und Nowgorod über Breslau den Confumenten zu und Breslau gewinnt eine Bedeutung für den Transitohandel, in der es heute noch feine beſtimmte Kraft fühlt. Die Wirkung, die zwei fo reiche Wege des Handels, jener arabifche von Süd und Südweften, der griechifche von Often auf die von ihnen umfchloffenen Länder ausübten, mufste diefe Welt felbft allmälig mächtig und grofs machen, bis fich jene Geftaltung des Mittelalters ausbildet, von der Johann Falke in feiner Gefchichte des deutfchen Handels fo fcharf fagt:", dafs ein mafsgebender und herrfchender Einflufs, eine hauptfächliche Strömung der Cultur vom Mittelpunkte und dem Herzen Europas, von dem zum deutfchen Reich vereinigten Stämmen aus gegen die im Umkreis des Welttheiles lagernden romanifchen und fiavifchen, wie nordgermanifchen Länder und Volkstheile hinzog." Freilich mufste dafür erft das Chriftenthum fefte Wurzeln fchlagen, der Orient durch die Kreuzzüge auch für das mittelländifche Meer wieder geöffnet werden, ein langer Kampf endlich zwifchen der chriftlichen Hierarchie und der weltlichen Staatsgewalt, den beiden Schwertern Gottes auf Erden", aber nicht für eine Hand beftimmt, ausgefochten werden, ehe das grofse Handelsleben, Reichthum und Cultur bringend und fchaffend, feine Macht in Mitte des Ackerbauthums äufsern, dem beweglichen Eigenthum feinen Antheil an der wirthschaftlichen Herrfchaft, dem Bürgerftande feine Selbftftändigkeit geben konnte. Und das Alles ift gefchehen und ift aus- und durchgekämpft worden. Es hat Blut gekoftet, viel Blut und Noth und Elend. Aber die grofsen Wege, auf denen die Menfchheit zur Entwicklung vorwärts fchreitet, find immer mit Blut getränkt worden, ein unlösbarer Kitt des Culturbaues der Welt. Faffen wir, ehe wir diefen Bau, foweit als nöthig für die Zeit, die wir hier abfchliefsen, " 12 Dr. Carl Thomas Richter. genauer betrachten, das Bild der Handelsgeographie Europas in Kurzem zufammen. Im Norden Europas, dem heutigen Rufsland, find die Seen und fchiffbaren Ströme die Grundlage einer fich rafch entwickelnden Flufs- Schifffahrt. Die Wolga von ihrer Mündung ins cafpifche Meer bis hinauf in ihr Quellengebiet, 4500 Werfte, ift fchiffbar für die Waarenladungen, welche aus den oberen Theilen des Indus und Oxus von den Handelsftädten des mittleren Afiens in das Innere des ruffifchen Reiches dringen. Ein Weg, der heute noch für den Backſtein- Thee Chinas behauptet wird. Von der Wolga gelangte man durch die Kama zum Eismeer, oder auf der Dwina in das weifse Meer. Den Dnieper hinauf führte die zweite Strafse zur Wolchow, die Newa und den finnifchen Meerbufen nach Schweden, in deffen Umgebung die Handelsplätze der Normanen, Dänen und flavifchen Stämme, weit berühmt, gelegen. Auf diefem Wege drangen die Völker längft vergangener Jahrhunderte zu den Bernftein Geftaden vor und hatte das Mittelalter den Weg für den pontifch- baltifchen Zwifchenhandel. Auch die Araber kamen in das Gebiet der Wolga, des Dnieper und feiner nordweftlichen Hinterlande und arabifche Münzen liefen hier um für Bernftein, Honig, Wachs und das dem Südländer fo begehrungswürdige nordifche Pelzwerk. Im Weften regte fich das Leben an der atlantifchen Küfte, am Rhein und an der Mofel, und Leder, Waffen und Tücher kamen hier zum Taufch und zum Kauf in Umlauf. Der Knotenpunkt diefes Verkehres lag in der Gegend des heutigen Utrecht und in Tiel an der Warl und begründete die frühe wirthschaftliche Blüthe in den Niederungen des deutfchen fagenreichen Heimatsftromes, aus der allmälig die mercantile Macht der Hanfa hervorgeht. Englifche Wolle, Blei, Zinn, Getreide und Sklaven taufchen fich aus gegen die herauf drin. genden indifchen Waaren oder norddeutfchen Fabricate. Dazu kamen noch die Erzeugniffe wie die Heimat felbft fie gegeben, gedörrte und gefalzene Fifche, Wein, Butter, Hamburger Bier. Der freie Bürgerſtand gedeiht in diefem Handel und Wandel und nichts kann ihn zerftören, wie oft man feine Städte auch niederbrennt und feine Thätigkeit zu durchbrechen fucht. Auch im Süden prägt fich immer kräftiger ein handelspolitifches Bild aus, als die füdlichen Handelsftädte Barcelona, Genua und Venedig in voller Jugendkraft erblühen und in der Verkehrsbewegung der Welt hervortreten. Vor allen fteigt Venedig empor, die Erbin Aquilejas und wird in Mitte der Kreuzzüge der Mittelpunkt des Verkehres Europas mit Afien und Afrika. Vor ihm hat Amalfi einen Theil des arabifchen Welthandels, begünftigt durch feine Lage nahe dem gewerbreichen Sicilien, verbunden mit Conftantinopel einerfeits und Egypten anderfeits, zu fich abgeführt und den Handel durch Pifa und Genua nach dem Norden geleitet und fuhr mit feiner fchwarzweifsen Flagge, den Compafs mit den acht Hauptftrahlen der Windrofe darin, über die füdlichen Meere. Nur die Gefchichte der Handelsrechte hat uns die volle Erinnerung diefer Gröfse erhalten. Seine Handelsmacht felbft ging vor dem kriegerifchen Pifa, der fteigenden Macht Venedigs und Genuas unter, die alle durch die Kreuzzüge geftärkt wurden und den Völkerund Handelszug nach dem mittelländifchen Meere hin allmälig leiteten. Zwiſchen den fo gekennzeichneten Handelspunkten des Südens und Nordens bewegt fich durch die Mitte noch immer der Donauhandel hinab nach Conftantinopel. Drei grofse mächtige Wege, welche über die füdlichen Stufen nach dem Orient, zumeift und immer kräftiger durch Venedig, über die Landenge von Suez, dort wo Phönicier, Juden und Araber zogen, die Zahlungsmittel Europas, die edlen Metalle, in einem fleifsigen Bergbau in ganz Europa gefördert, nach Indien ableiten. Wie follte diefes grofse Leben, das fich entwickelnd und felbft Entwicklung bringend, nicht Europa neu geftalten.„ Vita Germanorum omnis in venationibus cumsumitur" ist längft eine hiftorifche Redensart geworden und die Götter find vergeffen, die nach der Edda die Aecker vertheilten. Der Krieg war der Schöpfer der Reiche geworden, der Handel füllte fie mit arbeitenden Händen an. Im Norden Italiens erblühen die Städte und die ftädtifchen Gewerbe. In Deutfchland Der Welthandel. 13 längs der Flüffe und Strafsen wachfen die einft fo fchwachen Anfiedlungen und gedeihen um die Burgen reich bevölkerte Gemeinwefen. Das war die Zeit, in der der wandernde Kaufmann zuerft den Fleifs des Ackerbauers erregt, neue Bedürfniffe erzeugt, dann bald das Gewerbe felbft entwickelt und Waare gegen Waare zu taufchen beginnt. Das war bald die Zeit, in der ein neues, eigenes Bürgerthum aus. den Trümmern des am mittelländifchen Meere belebten römifchen Städtewefens hervorwuchs, eben fo wie es gedieh in Deutfchland und Frankreich und nun der Rechtsfatz oft angewendet wurde ,, urbem liberare vel libertare". Das war die Zeit, in der es hiefs: ,, Ulmer Geld geht durch alle Welt, Nürnberger Hand geht durch alles Land". Und das war zugleich die Zeit, in der bald die herrlichen Bauten der Gothik aus dem Reichthum emporftiegen, die Goethe ,, eine faracenifche Blume, im Weften aufgegangen" nannte. Aber es war auch die Zeit, in der die Kirche bald übermächtig anfchwoll und alle Geiftlichen bald fagten: ,, Was uns beliebt das ift Canon", und der Rechtsfatz des Sachfenfpiegels: ,, Zwei Schwerter legte Gott auf die Erde, zu befchirmen die Chriftenheit! der Papft ift der geiftlichen Welt gefetzt, der Kaifer der weltlichen", bald vergeffen wurde. Bauer- und Bürgerftand entwickeln fich aber in diefer Bewegung eines grofsen, durch politifche und kriegerifche Ereigniffe gar oft mächtig aufgeregten Lebens. Entwickelt fich jener, feft im Boden und unbeweglichem Eigenthum wurzelnd, fo gedeiht diefer auf der Culturkraft und Triebfähigkeit des beweglichen Eigenthums. Er gehörte ja frühzeitig dem über den ganzen Erdball fich verzweigenden Handel an, der mit jenem„ wie ein Sauerteig unter dem fchwerfälligen Mehlfafs des ftädtifchen Ackerbauthums" fich mifcht, wie Kiffelbach es fo geiftvoll und treffend kennzeichnet. Was das Jahrtaufend in Afien nicht zu erzeugen vermochte, ein kräftiges ftädtifches Bürgerthum, das den Nomaden und Ackerbau- Staat endlich vorwärts auf der Bahn der Cultur drängt, wenige Jahrhunderte haben es in Europa gefchaffen. Das Mifsverhältnifs von Land und Meer, die begrenzte Küfte einem ungeheuren Landgebiete gegenüber, mag wohl die Macht des Widerftandes in Afien gegen die Entwicklungsfähigkeit des Handels, der ja durch ein Jahrtaufend und mehr feine Wege hier nach Indien vorgedrängt hat, zumeift erhalten haben, mag ein unüberfteigliches Hindernifs gewefen fein gegen die Vermifchung der Handelsftämme an der Küfte und der Bewohner der Hinterländer, mag einft auch dem ftolzen Gedanken Alexanders, aus Afien ein Reich zu machen, die gröfste, unüberwindliche Gewalt entgegengefetzt haben. In Europa aber arbeiten die fchaffenden Kräfte auf einem Boden, den geographifche Lage und Natur überaus günftig geftalten. Italien und Deutfchland, wie wenig es auch damals eine deutſche Nation und deutfches Reich gab, treten hervor und ihr Bürgerftand ift es, der die Wege bahnt für den Samen einer kräftigen Cultur. Deutfchland erntet die Früchte, welche ein einft fleifsiger Mönchsftand ausgeftreut, betritt die Bahn, welche, wie Hüllermann in feinem Werke„ Urfprünge der Kirchenverfaffung" fagt:„ die Mönche des frühen Mittelalters zu dem Stande der freien Handwerker" gebrochen, und die damit die Entwicklung des Bürgerftandes vorbereitet haben". Es erntet die Früchte der Kreuzzüge und wird mit Italien der Erbe der reichen arabifchen Cultur. Auf der pyrenäifchen Halbinfel war ja der Ackerbau durch ein treffliches Bewäfferungsfyftem und die Vorliebe für die Pflege edler Früchte hoch entwickelt. Die Araber hatten den alten, von den Phöniciern einft betriebenen Bergbau wieder aufgenommen und förderten Gold, Eifen, Quecksilber und andere Metalle. Ihre Waffenfabrication, ihre Weberei und Ledererzeugung, das Corduanleder zu Cordova, das Maroquin zu Marokko war weit berühmt, Wiffenfchaft, Kunft und Poefie blüthen hier im Weften Europas, wie bei den Griechen unter dem Glanz der oftrömifchen Kaiferzeit im Often. Die Araber hatten im X. Jahrhundert die Baumwoll- Induftrie eingeführt und zu Cordova, Granada und Sevilla jene feinen Stoffe erzeugt, die ganz Europa ebenfo wie arabifche Säbel und Schwerter fchätzte und fuchte. Und diefe Induſtrie- Entwicklung hatte den Handel in feiner gefchichtlichen Ausbildung mitbefördert. Die Araber haben die Geldanweifung und den " 14 Dr. Carl Thomas Richter. Wechfel gebraucht, die in den Kreuzzügen in Italien wieder Nachahmung fanden. Den Lehrmeiftern in der Buchführung für die ganze Welt, den Italienern, haben die Araber die kaufmännifche Buchführung übermittelt. Sie konnten daher für lange die Lehrmeifter einer neuen ftrebfamen Zeit abgeben. Von diefen Culturkräften angeregt und in feiner weiteren Entwicklung mehr genährt, als man oft in der Gefchichte darftellt und glaubt, entwickelt fich Staats- und Wirthschaftsleben des XII., XIII. und XIV. Jahrhunderts. Ja noch weiter herauf ragen die Wirkungen einer grofsen Zeit. Wir müffen auch hier wieder die Handelsrichtungen beftimmen. Der binnenländifche Verkehr ift während und nach den Kreuzzügen bis in die Mitte des XIII. Jahrhunderts durch Wien und Regensburg beftimmt, die immer noch ihre handelspolitifche Macht im lateinifchen Reich am Bosporus fuchen. Da aber erhalten die Städte in Venedig einen fiegreichen Gegner, der fich mit den Genuefern und Pifanern in der Levante feftfetzt und, je mehr er den indifchen Handel an fich zieht, defto mehr feinen Handel nach den Hinterländern in Europa ausdehnen konnte. Regensburg lag da noch günftiger als Wien, allein es mufste doch bald vor Nürnberg, Augsburg, Innsbruck zurücktreten, als der venetianifche Handel jenen Weg einfchlug, den heute die Brenner- Eifenbahn wieder aufgefucht hat und an dem heute Innsbruck und Botzen wieder lebendig werden, wie fie es vor Jahrhunderten waren. Von hier ging dann der Weg hinauf nach Ulm, Reutlingen, Speyer an den Rhein oder vom Lech über Nürnberg, Magdeburg nach Braunfchweig. Ebenfo gingen die Deutfchen den Weg zurück und brachten ihre Waaren nach Venedig, Italien und weiter. Zu diefem gröfsten Handelsgebiete trat noch das franzöfifch- lombardifche, Mailand, Genf, Bafel, Strafsburg verbindend, aber auch nicht im Entfernteften. gleichbedeutend. Ein anderes bedeutendes Handelsthor des europäiſchen Südens, für die Waaren der Levante bildete noch Barcelona, von wo aus ein lebhafter Verkehr mit Conftantinopel, Syrien, dem Nildelta unterhalten wurde und den ftädtifchen Gewerbfleifs von Sevilla, Toledo, Granada, Malaga u. f. w. beförderte. Aber auch im Norden Europas, in den englifchen und friefifchen Häfen, hatten. die Kreuzzüge ein reges Leben angeregt. Auch hatte Venedig nach Flandern einen billigeren Weg zur See als zu Land, wo Augsburg und Nürnberg über Köln, Aachen nach Brabant drangen. Flandrifche Tücher, die in Italien gefärbt werden, wurden hier geholt, britifche Gewebe und Wolle. Brügge ift der Knoten und Kreuzungspunkt des Landverkehres Deutfchlands nach Flandern, des Seeverkehres durch die Meerenge von Gibraltar, den Italien behauptet. England fpielte damals noch eine untergeordnete Rolle. Die Ausfuhr feiner Rohftoffe und rohen Gewebe betrug noch in der Mitte des XIV. Jahrhunderts kaum 3 Millionen Gulden. So waren Venedig und Genua die Canäle, durch die, wie der Doge Moncenigo fchreibt, die Reichthümer der ganzen Welt floffen. Aber im Innern Deutfchlands und Frankreichs, den Hanfen des Nordens, entwickelt fich eine grofse, felbftftändige, wirthschaftliche Kraft, die oft auch berufen war, in das politifche Leben des deutfchen Volkes einzugreifen. Der Welthandel aber, wenn er auch neue Bahnen gefucht hat, von anderen Völkern geleitet wird, in feinen Gütern ift er gleich geblieben und fo befchaffen, wie er es vor Jahrtaufenden gewefen. Die afiatifche Ausfuhr beftand in den Specereien des Ganges und Indusgebietes und den Fabricaten der arabifchen Stämme und der Levante. Europa felbft konnte dafür nur feine edlen Metalle bieten, die es mit ganz naturgemäfsem, von der Culturgefchichte zu oft verkanntem Eifer in feinen Höhenzügen allüberall fucht. Und doch! So mächtig war der Zug, dafs Europa 1492 nicht mehr als 1 Milliarde Francs Bargeld gehabt haben foll und Gold gegen Silber zu Gunften des Letzteren fehr fchwankte, da Indien immer lieber Silber nahm als Gold. Allein wie dem auch war, die beweglichen Realcapitale hat der Handel doch in grofsartiger Weife entwickelt und, wie beengt auch die Menge der umlaufenden Zahlungsmittel fein mochte, die Capitalanfammlung war möglich geworden und in Handel und Gewerbe erhielt fie kräftig eine fich immer mehr entwickelnde Arbeitstheilung. War doch der Zinsfufs im Der Welthandel. 15 Laufe des ganzen XV. Jahrhunderts im beftändigen Sinken begriffen und von 10 Percent am Anfang der Zeit auf 5 Percent im Jahre 1480 herabgegangen und Niemand dachte in diefer Zeit der Wohlhabenheit mehr an das Gebot, das einft Papft Alexander gegeben hatte, dafs nur Juden Capital gegen Zinfen ausleihen dürfen und Wucherer kein Begräbnifs haben follten. Allein, die Zeit ift uns doch in ihrer ganzen Macht entrückt und kaum lebt eine leife Erinnerung an fie in uns auf, wenn wir heute diefelben Handelswege wieder auffuchen und auf den Wegen und Pfaden, auf denen einft die Karawanen dahinzogen oder die Züge der Maulthiere die Reichthümer der Erde trugen, die feften Eifenfchienen legen. Und auch das ift leicht erklärlich. Die beiden Handelsmächte, Hanfa und Venedig, die beiden Handelsgebiete des Nordens und Südens hatten keinen Zufammenhang untereinander, fie hatten kein nationales Fundament, fie waren Bündniffe, keine Reiche, Intereffengemeinfchaften, keine Staaten und mufsten, ob Genuefer, Venetianer oder Hanfabürger vor der Macht der nationalen Staaten, die allmälig zum Bewufstfein gelangen, der Nationalitäten, die in Sprache, Sitte und Intereffengemeinfchaft fich immer fefter aneinander fchliefsen, weichen und endlich ganz verfchwinden. Ereigniffe, mächtiger als jene der Kreuzzüge, die Seefahrten und Entdeckungen Columbus' und Vasco de Gamas' verändern die Richtung der europäifchen Wirthschaftsgefchichte, des Handels und der Handelswege. Wenn wir Europa, das unter allen Welttheilen am mannigfaltigften geftaltet ift, in feiner gefchichtlichen Entwicklung und feiner geographifchen Lage zu den anderen Welttheilen betrachten, fo erkennen wir eine ganz beftimmte Neigung des füdöftlichen Europa zum füdlichen, des nordöftlichen Europa zum nördlichen Afien. Dem Süden und Südweften Europas fteht Afrika gegenüber, dem Nordweften die neue Welt, Amerika und Auftralien. Sehen wir ab von diefen fpät entdeckten Welttheilen, fo find mit den erwähnten Beziehungen die grofsen Weltverkehrs- Linien gegeben, die durch Jahrtaufende die ganze Welt in ihrer Culturbewegung einander nahe gebracht haben. Nach viel hundertjähriger Vergeffenheit! Sollen diefe Wege nicht heute wieder von der gröfsten Wichtigkeit werden, nicht heute wieder das füdöftliche Europa mit Mitteleuropa zu einem neuen, in feiner ganzen Gröfse noch ungeahnten Leben wachrufen? Wenn die türkifchen Bahnen ausgebaut, Griechenland mit dem türkifchen Littorale verbunden ift, Dalmatien durch Eifenbahnen durchfchnitten wird, wenn Wilhelm Preffel feine Chemins de fer de l'Anatolie wirklich vollendet, Ismit- Angora, Mudamia- BruffaLefke und Kutahia- Eskifchehr Sivri- Hiffar ausgebaut ift, wenn endlich die Euphratbahn nicht mehr ein Project und das indifche Eifenbahnnetz in fo rafcher Entwicklung, in der es begriffen ift, wirklich fich vollendet, follen dann die alten Handelsftrafsen nicht wirklich neu belebt, ein neues Leben nicht wieder erzeugen? Wird dann der für den altgriechifchen Handel einft fo bedeutende Boden trotz feines heutigen Brachliegens nicht wieder neu belebt werden und wird neben Olivenöl und Opium, das in grofser Menge in den kleinafiatifchen Hochebenen heute gewonnen wird, nicht Getreide, Tabak, Bau- und Werkholz der Welt fich bieten, werden Silber-, Kupfer- und Kohlenbergwerke in Anatolien nicht einen mächtigen Ertrag liefern, Wolle und Häute nicht wieder in den Handel mächtig eingreifen, Salz in Millionen Werth fchaffen, nachdem die Salinen von Smyrna in den letzten fechziger Jahren fchon 32 Millionen Piafter jährlich Ertrag abgeworfen haben? Und, nachdem mit der Durchftechung der Landenge von Suez ein neuer, kurzer Seeweg den Nothweg um das Cap der guten Hoffnung entbehrlich macht, werden die Völker, die durch Jahrhunderte des Mittelalters den indifch- europäifchen Handel geleitet haben, nicht wieder ihre Wege nach Indien fuchen? Doch wir wollen der gefchichtlichen Entwicklung nicht vorgreifen. Die Gegenwart drängt zu diefer Geftaltung eines Theiles des Welthandels hin und fchon fehen wir Millionen von Europa ausgegeben, um an allen nur möglichen Punkten die Alpen zu überfteigen oder zu durchbrechen, um an der neuen Handelsftrafse des füdlichen 16 Dr. Carl Thomas Richter. Europa nach Afien und Indien einzutreffen. Den Semmering, den Brenner hat man überfchritten, den Mont Cenis durchbohrt, den Gotthardt fucht man mit 185 Millionen Francs nun gleichfalls zu überfchreiten und man wird noch Milliarden ausgeben, um es an anderen Stellen noch zu verfuchen. Was wir früher fchon erwähnt haben, wir fehen es in der Welt immer wiederkehren. Die Bewegung des Weltenlebens ift durch Jahrtaufende gleich. Ja als die fcheinbar fo ftiefmütterlich behandelte atlantifche Küfte ein grofses, reiches Gegenland in Amerika findet und in den ausfchliefslichen Befitz eines neuen Weges nach Indien gelangt, ift die Form verfchoben, der Inhalt aber faft gleich für Jahrhunderte geblieben. Seit Jahrtaufenden hatten die Völker Europas dem Gedanken nachgehangen, dafs es aufser dem Wege über die weiten Landftrecken Afiens einen anderen Weg nach Indien geben müffe und feit die Pythagoräer die Kugelgeftalt der Erde gelehrt hatten, war auch eine wiffenfchaftliche Grundlage gegeben, dafs man vom Weften Europas nach Indien gelangen müffe. Den Portugiefen aber, die durch ihre günftige Lage an der See wie dafür beftimmt erfchienen, war es vorbehalten, die fo lang ungelöfte geographifche Aufgabe zu löfen und den Seeweg nach Indien zu finden. Sie fanden kleine neue Infeln und Länder, die in früheren Zeiten unbekannt waren und einen neuen Welttheil auf dem weftlichen Wege zum Lande der Specereien". Damit waren die Bahnen des Welthandels für eine lange Zukunft verändert und an das atlantifche Ufer herangedrängt. Italien und die italienifchen Häfen vereinfamten und fein bares Geld verfchwand und ftrömte nach Portugal ab, an der Küfte Kleinafiens trat tiefe Stille ein und es erlahmte das Leben der Levante, ehe die Gewalt der Türken die ökonomifche Blüthe jener Welten vollkommen zerftörte. Und fo kräftig wirkte die neue Handelsrichtung der europäifchen Welt, dafs Alles, was daran fich nicht betheiligen konnte, untergehen musste. In erfter Richtung traf diefs die Hanfa und ihre Mitglieder. Die Holländer und Engländer verdrängten fie von allen Märkten und aus allen Häfen. Spanien und Portugal felbft ernteten nur kurze Zeit den reichen Segen der neuen Welt und des neuen Handelsweges. Mit der Vertreibung der Juden und Mauren hatten fich die Länder um Millionen gewerbfleifsiger Menfchen gebracht und durch die Ausbildung der Macht der Inquifition überdiefs jeden Zuflufs anderer Kräfte vernichtet. Indiens Producte kauften fie mit dem Gold und Silber, das fie aus dem neu entdeckten Welttheil ausgeprefst hatten. Ihre einft fo gewerbsfleifsigen und erfahrenen Bürger wurden Sklaventreiber und Unterdrücker der Colonien. Nur Portugal erhielt fich eine Zeit lang durch die kräftige Politik feiner Minifter und Regenten, die im Innern des Landes Gewerbe und Induſtrie zu entwickeln fich bemühten. Die Schickfale der Induftrie und des Handels hängen im grofsen Ganzen immer von den politifchen und focialen Verhältniffen eines Landes ab. Wir fehen diefs in der Gefchichte von mehr als drei Jahrhunderten nach der Entdeckung Amerikas und des Seeweges um das Cap der guten Hoffnung. Wir fehen diefs auf der einen Seite in dem tiefen Schatten, den die Politik auf das wirthschaftliche Leben der einft fo reichen und mächtigen Halbinseln wirft. Wir fehen es auf der anderen Seite in ganz anderer Geftaltung für die nördlichen Länder, die der grofse Ocean befpült. Flandern hatte fchon zur Zeit der Entdeckung des neuen Welttheiles eine grofse Gefchichte der Induftrie hinter fich. Ein lebhafter Verkehr von Stadt und Land zeichnete das Gebiet aus, eine bedeutende Viehzucht, ein entwickelter Flachs- und Hanfbau. Unterſtützt durch die Zwifchenhändler der Hanfa und Hollands hatte fich feine Wollmanufactur fehr mächtig entwickelt und Brügge zum erften Markt des nördlichen Europa fich aufgefchwungen, bis Antwerpen ihm den Handel und Löwen ihm die Manufactur ftreitig machte. Die Nachbarn hatten inzwifchen im ewigen Kampfe mit den Fluthen des Meeres als Schiffer und Fifcher fich mächtig emporgearbeitet und Fracht und Zwifchenhandel machte die holländifche Flagge weit bekannt. Ihre reichen Bedürfniffe, die Nähe der belgiihen Manufactur und das fruchtbare und weinreiche Flufsgebiet des Rheins unterstütz. Der Welthandel. 17 die rafche Entwicklung. Dazu kam nun auch die Erfindung des Pökelns der Häringe, mit denen die Holländer durch Jahrhunderte den Markt beherrschten und einen ungeheueren Confum zumeift vor der Reformation deckten. Als die Hanfa verfiel, bauten die Holländer jährlich 2000 neue Schiffe. Freilich befafsen diefe, was die Hanfa nie erreicht hatte, eine bald nach ihrem erften bedeutenden Auftreten entwickelte nationale Einheit. Bald auch entwickelte fich in jenem grofsen Freiheitskampfe, den die Holländer fiegreich gegen die fpanifche Gewaltherrfchaft durchführten, und als Amfterdam an die Stelle des gequälten und von religiöfer Unduldfamkeit zerrütteten Antwerpen zum Centralpunkt des Welthandels emporwuchs, jener ftolze Heldengeift, der die Seemacht Spaniens faft zerstörte, die Colonien von Oftindien Portugal entrifs, als diefes mit Spanien fich verbunden hatte, und einen Theil von Brafilien eroberte. In diefer grofsen Zeit gehörten von den 20.000 Segeln, die den Seehandel Europas leiteten, 16.000 den Holländern. Erft die Republik England und die Navigationsacte, die von Colbert in Frankreich eröffnete Handelspolitik engten die holländifche Seemacht ein und die engherzigen Anfchauungen der reich gewordenen Frachter und Handelsleute vermochten weder neue Hilfsmittel für die Heimat zu entdecken, noch der andrängenden Concurrenz Stand zu halten. England verdrängte Holland von der hohen See und den Küften Amerikas, Indiens und felbft Europas. Frankreich fchnitt ihm durch die bourbonifche Succeffion in Spanien den Handel nach diefem Lande ab, Belgiens Ackerbau und Gewerbe erblühten wieder unter der öfterreichifchen Herrfchaft und wuchfen dann mit Frankreich vereinigt bald wieder zu ihrer alten Bedeutung heran. Mit dem Beginn unferes Jahrhunderts und dem Auftreten neuer, die Welt in ihrer Richtung bald beftimmenden Kräfte, ift Holland auf feine gefchmälerten Colonien befchränkt, den Handel mit diefen und den deutfchen Zwifchenhandel. Die Erben diefer Macht, wie jener alten Staaten, die in der Zeit des XV. bis XIX. Jahrhunderts zu finken begannen, waren die Engländer. Schon zur Zeit, als die Hanfa von England den Fuchspelz um einen Gulden kaufte und den Fuchsfchwanz wieder um das Dreifache nach England verkaufte, hat, durch eine kluge Regierung und einen gefunden Volksfinn unterſtützt, die englifche Landwirthschaft und Schafzucht, fich bedeutend gehoben. Schon zu Anfang des XIV. Jahrhunderts gab es Güter mit 10.000, 24.000 und 28.000 Stück Schafen und betrug die Ausfuhr der Wolle Hunderttaufende von Pfunden. Die in England felbft erzeugten Tücher gingen meiftens roh nach Belgien, um dort gefärbt und appretirt zu werden. An der fich aber immer kräftiger entwickelnden Ackerwirthschaft und Wollproduction zog fich allmälig die Wollmanufactur grofs, die Elifabeth, Jacob I. und Carl I. in aller möglichen Weife förderten. Schon 1354 foll die Ausfuhr der Wollstoffe zwei Millionen Pfund Sterling betragen haben, beiläufig neun Zehntel der damaligen gefammten englifchen Ausfuhr. Tuch war ftets ein guter Taufchgegenftand fowohl mit dem Norden Europas als auch der Levante, Oft- und Weftindien. Es ift nichts erklärlicher als das, dafs bei einem ftrebfamen Volke die Blüthe einer Induftrie rafch die einer anderen gedeihen läfst. In England gedeiht nun bald auch die Leder- und Metallinduftrie, an diefer erwuchs die Steinkohlen- Förderung, dann der Schiffbau, allmälig entwickelt fich die Küftenfchifffahrt, der Fifchfang, zumeift der Härings- und Wallfifchfang. Die unduldfamen Regierungen von Spanien und Frankreich fchickten viel tüchtige Arbeiter auf anderen Gebieten und neben dem Kunft- und Luxusgewerbe, das Frankreich und Spanien mit Arbeitern nährte, gedieh bald ein reges wirthschaftliches Leben. Schon im XII. Jahrhunderte kamen flandrifche Wollweber nach Wales, fpäter Italiener, um in London Geld- und Wechfelgefchäfte zu errichten. Die Juden zogen von Spanien und Portugal hinüber, aus Venedig gingen die Kaufleute mit ihren Schiffen und Capitalien nach der auflebenden Welt. Die Reformation und die Religionsverfolgungen faft in ganz Europa drängten ganze Schaaren 2 18 Dr. Carl Thomas Richter. fleifsiger Arbeiter und reicher Capitaliften in die glückliche und freie Fremde. Regierung und Volk arbeiteten an dem Werke und ehe der Continent die Ariftokratie als etwas Anderes begreifen lernte, denn als den privilegirten Stand, war fie in England mit Handel und Gewerbe, den lebendigften Volksintereffen, innig vertraut; ehe der Continent den Namen eines freien Bürgerthums kannte, war es in England durch Arbeit und Wohlftand mächtig geworden. Und ehe der Continent begriff, dafs Land und Volk, Dynaftie und Regierung nur ein Körper fein kann mit nur einem Intereffe, hatte diefe Erkenntnifs in England Staats- und Regierungsform verändert, eine Republik gefchaffen, einen Protector ernannt, einen aufgeklärten Abfolutismus ertragen. Ift es wunderbar, dafs diefs möglich war? Volk und Regierung wufsten, dafs kommen mufste, was kam und dafs gut war, was eben war. Der im Innern mächtige Staat richtete nun feinen Blick nach Aufsen, auf ferne Welttheile und die Weltmeere. Mit einem handelspolitifchen Act, einem Act der englifchen Verwaltung, der Navigationsacte, begann die grofse Entwicklung, mit einem ftaatspolitifchen, der Gründung des oftindifchen Reiches, endete fie. Und wie die vom Meer umfpülte, den europäifchen Wirren fern gelegene Welt mächtig geworden war, konnte fie leicht die wirthschaftlichen Gefchicke der ganzen Welt beftimmen. England eroberte oder erwarb die Schlüffel zu allen Meeren und herrfchte im Norden und Süden, im Often und Weften, nur die Dardanellen und Suez, der Sund und die Landenge von Panama blieben frei. Dann folgten die Handelsverträge, die England mit den continentalen Staaten abfchlofs und die mächtige, oft gewaltfame Handelspolitik, die Indien beugte, Amerika zu erdrücken verfuchte, aber England reich machte. Die Tuchmanufactur entwickelte fich in ungewohnter Weife und befriedigte den Continent und den ganzen Orient. Die Linnenproduction machte fich von der immer mehr und mehr durch Krieg und Elend beeinträchtigten gleichen Thätigkeit Deutfchlands faft unabhängig, die Glas-, Porzellan- und Steingut- Fabrication repräfentirte Millionen Werthe, ebenfo die Papier- und Lederinduftrie. Eifen, deffen Ausfuhr noch im XVII. Jahrhundert verboten war, ging mit dem XVIII. Jahrhundert bald in weite Welten und Steinkohlen- und Mineralienfabrication wurden lange als die Quellen des Reichthums erkannt. Dazu kam die Production eines neuen Induftriezweiges, die der Baumwolle, die fchon im Anfange des XIX. Jahrhunderts faft 50 Millionen Werth reprä fentirte. Die Gefammt- Manufacturthätigkeit der drei Königreiche hat in kaum drei Jahrhunderten fich faft um das Zweihundertfache vermehrt. Der damit gefteigerte Werth von Grund und Boden wird im Anfange unferes Jahrhunderts fchon auf 500 Millionen angegeben. In diefer Entwicklung verarbeitete England faft die Rohftoff der ganzen Welt und gab dafür Producte und das Gold, das es verdiente, gegen die Werthe, die, doch immer herrfchend, Indien, China und der Orient dem armen Europa für feine Genüffe bieten konnte. Und damit hatte der Welthandel in Jahrhunderten andere Wege und zum Theile auch einen anderen Inhalt erhalten. Nichts prüft der wirthschaftende Menfch mehr als die dauernde Wirkfamkeit des Capitals. Diefe wird im Kreife der wirkenden Kräfte zumeift aufgehoben durch die Nothwendigkeit, die Güter im Raume zu verfchieben, ihre Verfchiedenheit im Raume aufzuheben und Production und Confumtion einander zu nähern. Ein Gut, das von London nach Wien, von Calcutta nach London geht, ruht während der Reife in feiner wirthschaftlichen Kraft. Es ift plötzlich Ballaft geworden, nachdem es Gut war, und in Wochen oder Monaten Capital fein wird. Alles, was diefen Zuftand in feiner Dauer befchränken kann, ift ein Beitrag zur Vermehrung des Volksvermögens, ift Volksreichthum. Wie England diefs zuerft erkannte, begann es Strafsen und Canäle zu bauen, feine Flüffe für den Gütertransport auszunützen und weife im Innern des Landes war es weitblickend nach Aufsen. Wenn der Weg des einen Welttheiles zum anderen fich nicht kürzen läfst, fo läfst er durch die Benützung der Naturkräfte fich wenigftens billiger machen und fo folgte England den grofsen Forfchungen der Wiffenfchaft, fuchte feine Flotte, die Eng Der Welthandel. 19 land mit Amerika verband, der Küfte Afrikas entlang um das Cap der guten Hoffnung zu drängen und den Seeweg nach Indien auszunützen. Die Navigationsacte machte es möglich, diefs bald auch in härtefter Weife den gleichftrebenden Staaten fühlen zu laffen, die, in ihrem Handel befchränkt und zumeift von England und Englands Colonien ferngehalten, erlahmten und fchwach wurden, bis England felbft die Erbfchaft des ganzen Welthandels antrat. Und fo hatte England, feine inneren wirthfchaftlichen Kräfte zuerft grofsziehend, feine Transportmittel ausgebildet und deren Bedeutung für Macht und Reichthum der ganzen Welt gezeigt. Die damit gegebene Capitalsanlage wirkte um fo mächtiger, als mit der äufseren Veränderung der Handelswege auch der Inhalt des Welthandels fich rafch gar bedeutend erweiterte. Amerikas natürlicher Reichthum und die Entwicklung der europäiſchen Arbeitskräfte boten dafür die mächtige Grundlage. Immer mehr nämlich verfchwinden aus dem Handel Englands mit den überfeeifchen Staaten und Welttheilen die fertigen Producte und Genufsmittel. An ihre Stelle treten von mächtigerer Bedeutung, als diefe je waren, die unerfchöpflichen Rohftoffe. der neuen Welt und mit den Fortfchritten der Induftrie und Manufactur auch jene Indiens. England holte die Rohftoffe der Welt für feine Arbeit und gab allmälig der ganzen Welt feine Arbeitsproducte. Frühere Jahrhunderte hatten das gerade umgekehrte Verhältnifs im Welthandel gefehen. Und auch das war ein neues Moment für die Capitalskraft der Verkehrsmittel, die England in der gleichen Bewegung entwickelte. Nur der Urftoff, das Rohmaterial der koftbaren Arbeit verträgt Transportkoften, zumeift wenn dasfelbe Schiff ihn hier ausladet und dafür fertige Producte aufnimmt, die es wieder zurückführt nach den Productionsorten des Rohftoffes. Der Fuchsfchwanz und der Fuchspelz der Hanfa England gegenüber hat fich in Baumwolle und Baumwoll- Waaren Englands Amerika und Indien gegenüber verwandelt und heute noch haben Amerika erft in den erften Anfängen, Indien und Egypten noch gar nicht das Geheimnifs erkannt, neben die Lager der Baumwolle die Spinnerei, neben die Cottongin- die Spindel- und Webemafchinen zu errichten. Erft das XIX. Jahrhundert verfchob die Verhältniffe, die Englands Reichthum durch drei Jahrhunderte weltbeherrfchend gemacht haben, verfchob fie und verfchiebt fie noch, indem es immer mehr alle europäiſchen Staaten an die grofsen Weltmärkte und an den Welthandel herandrängt und indem es mit der Durchftechung der Landenge von Suez einerfeits und dem Bau der Eifenbahnen in Afien die Handelsrichtung wieder verfchiebt oder eigentlich zurückfchiebt in die Richtung längft vergangener Zeiten und einerfeits durch die Schnelligkeit des Transportes jede Billigkeit überwindet, anderentheils mit dem Canal von Suez Billigkeit und grofse Gefchwindigkeit für den Weg nach Indien und Oftafien gewährt. Wir kehren auf diefe Erfcheinungen wieder zurück und erwähnen hier nur, dafs die Gefchichte der Wirkfamkeit diefer Ereigniffe noch nicht gefchrieben werden kann. Was war nun die Grundlage diefer rafchen und kräftigen Blüthe Englands und der Begründung feiner weltbeherrschenden Handelsmacht? Diefe Frage aufzuwerfen ift heute noch von Wichtigkeit und die fichere Antwort darauf wieder und immer wieder zu geben von grofser Bedeutung. Wie wenige Menfchen denken an die Factoren, welche die Gefchichte der Menfchheit bilden und bedingen, wie wenige Menfchen bemühen fich, fie durchzudenken. Napoleon III. hat das charakteriftifche Wort ausgefprochen, dafs derjenige Staat die meiſten Waaren im Welthandel abfetze, der feinen Gegnern die meiſten Kanonenkugeln zuwerfen kann. England hat diefs vor Jahrhunderten begriffen und mit der Begründung feiner politifchen Macht auch feine wirthschaftliche Herrfchaft entwickelt. Daher knüpft die Gefchichte des englifchen Reichthums an die Namen feiner Könige, an die Stellung und Bedeutung feiner Ariftokratie, feiner Priefter und Minifter an, und die Politik von Walpole und Pitt find gleichbedeutend der Erbauung feiner Canäle, der Auffchliefsung feiner Kohlenlager, der Erfindung der Dampfkraft. Politifch mächtig und wirthschaftlich reich, konnte England die Gefchicke der ganzen Welt mit kaltem 2* 20 Dr. Carl Thomas Richter. Blicke verfolgen und, ohne dabei betheiligt zu fein, nur Nutzen aus böfen und guten Tagen ernten. Und durch geographifche Lage und hiftorifche Entwicklung faft vollkommen abgelöft von Europa, konnte es in der Benützung aller Verhältniffe nur reicher und mächtiger fich machen. Hat doch England in unferen Tagen, was man auch fagen mag, den feine wirthschaftliche Lage fo fehr bedrohenden Krieg Nordamerikas leichter ertragen und glücklicher überdauert als das ganze übrige Europa. Ja es wufste damit zum Theil felbft neue Vortheile zu ernten, indem es vom amerikanifchen Baumwoll- Monopol fich befreite und die Production Oftindiens in ungeahnter Weife entwickelte. Politifch mächtig und wirthschaftlich reich, konnte es die ganze Welt beherrfchen und hart und ftreng gegen die Feinde in Recht und Gefchäft fein. Es dictirte der ganzen Welt Zölle und Handelsbefchränkungen und forderte für fich Rechte und Freiheiten. Was die englifchen Colonien an Linnen und Garnen vom Continente bezogen, mufsten fie aus englifchen Häfen beziehen und 5 Percent Abgabe davon bezahlen. Deutfche Leinwand, die nach England ging, unterlag einem Eingangszoll von 40 Percent. Gingen die Waaren nach engliſchen Colonien, vergütete man 30 Percent, da doch das deutſche Fabricat noch auf anderem Wege nach Amerika dringen konnte. Aber noch im Jahre 1769 berieth das Parlament, ob man nicht einen Zoll von 40 Percent von allen deutfchen Webwaaren erheben follte. Die Gefchichte bietet reiches Materiale für diefe Handelspolitik und alle Staaten Europas haben fie tragen und dulden müffen. War der Staat doch graufam und hart gegen feine eigenen Unterthanen und die beften Glieder feines Reiches. William Ed. Hartpole Lesky enthüllt in neuefter Zeit in feinen ,, vier hiftorifchen Effay's" die wirthfchaftlichen Leiden Irlands,„ das man der englifchen Induftrie opferte und für die Praffer an der Themfe zu Bettlern mit Gewalt und Unrecht machte". Ift es da ein Wunder, dafs das Land Alles, was geiftige und phyfifche Kraft der Menfchheit gefchaffen, für fich in Anspruch nehmen konnte, dafs es alle Erfindungen nützen, den eigenen Erfindungsgeift kräftig anfpornen und vor Allem die Entwicklung des Mafchinenwefens und die Erfindung der Benützung der Dampfkraft zuerft mächtig für fich ausbeuten konnte. Deutſchland ein anderes politifches Gefchick gehabt, als jenes, das die Blätter der Gefchichte des XIV. und XV. Jahrhunderts verzeichnet haben, es hätte um Jahrhun derte früher als in England den Boden für eine grofsartige wirthschaftliche Entwicklung ebnen können, es hätte bei der Ausbeutung und Bevölkerung Amerikas in erfter Linie geftanden, es hätte die Türken ohne Mühe zurückweifen können und würde wie einft Schiffsladungen fertiger Waaren nach England und der übrigen Welt ausführen. Aber freilich ift die Frage zweifelhaft, ob Deutfchland auch mit gröfseren Herrfchern und weniger romantifchen Fürften ausgerüftet, ein anderes politifches Gefchick gehabt hätte, als es wirklich hatte. Ein Land, das das Herz eines Welttheiles bildet, ift auch immer der Kampfplatz desfelben für feine Intereffen und Ziele. Aber gewifs hätten dem Volke Regierung und Regenten mehr fein können, dafs es nicht, als der mächtige Gegner mit feinen Producten und nicht mit feinen Kanonen oder als er im fogenannten friedlichen Kampfe herandrängte, arm und elend, bewufstlos und fchwach, ohne Strafsen, ohne Credit und Creditinftitute, ohne Selbftverwaltung und Freiheit, ohne Einheit und Machtbewufstfein ihm gegenüberftand. Doch die Blätter diefer traurigen Gefchichten find gefchrieben und es find zum Glücke längft vergangene Gefchichten. Das XIX. Jahrhundert hat auch Deutfchland wieder zu einem Reiche gemacht, und feine Arbeit, wie fie im Innern mächtig und fchaffend anfchwellt, dringt nach allen Strafsen und Wegen, die Handel und Erwerb eröffnet haben. Hätte Es bleibt uns noch das Gefchick eines Volkes kurz zu kennzeichnen übrig, ehe wir die wirthschaftliche Bewegung des XIX. Jahrhunderts darftellen. Und diefes Land fprach in den vergangenen Jahrhunderten noch eine laute Sprache, wie fehr es heute auch zu erlahmen fcheint; wir meinen Frankreich. Die Kreuzzüge, das früh entwickelte, auf altrömifchen Grundlagen errichtete Städtewefen, die Ordnung der Arbeit in den Zünften, dann die dauernd regen, friedlichen und kriegerifchen Der Welthandel. 21 Beziehungen zu Italien und Flandern, ein reger Volksgeift und kräftige Regenten und Staatsmänner haben frühzeitig das franzöfifche Gewerbe entwickelt. Die Wollund Leinenfabrication der Bretagne und der Normandie blühte fchon im XIV. Jahrhunderte. Die Seideninduftrie wurde durch Franz I., die Glasmanufactur durch Heinrich IV. eingeführt und von beiden, wie fpäter durch Richelieu und Mazarin Leinwand- und Wollerzeugung, Sammt- und Seidenfabrication mächtig befördert. Der Export franzöfifcher Waaren, zumeift Luxuswaaren, war in diefer Zeit fchon kräftig entwickelt, und England, Spanien, Portugal und die Niederlande bildeten franzöfifches Abfatzgebiet. Diefe glückliche Saat hervorragender Staatsmänner wurde, wie bekannt, durch Colbert zur üppigen Reife gebracht. Handel und Gewerbe blühten in dem Jahrhundert Richelieu's und Colbert's in Frankreich wie in keinem anderen Lande der Welt, und, begünftigt durch einen reichen Boden, durch glückliche nationale Anlagen, in denen Arbeitfamkeit und Fleifs, ein beweglicher Kunftfinn und fchöpferifche Kraft frühzeitig ihre Früchte zeigten, wurden die Grundlagen einer induftriellen Herrfchaft gelegt, die Frankreich fortgefetzt pflegte und durch Jahrhunderte über ganz Europa behauptete. Kriege und Siege der franzöfifchen Staatspolitik unterſtützten diefe Herrfchaft und frühzeitig bewährte fich der Satz, den Napoleon III. lange darnach ausfprach und feiner Staatspolitik zu Grunde legte und den wir fchon früher erwähnten. Wir erkennen die Wahrheit diefes Satzes in unferen Tagen wieder, wenn wir der Gefchichte Deutſchlands folgen. Die Blüthe von Handel und Induftrie eines Volkes hängt eben immer ab von der Macht, Einigkeit, Freiheit und Klugheit des Volkes. Diefe frühzeitige und rafche Entwicklung Frankreichs und der gefunde Boden, auf welchem diefelbe gedieh, haben die Wunden rafcher vernarben und die fchlimmen Wirkungen leichter verwinden laffen, welche bald nach einer glücklichen Zeit die Fehler der Regierung, wie die Aufhebung des Edictes von Nantes, eine faft hunderthährige Maitreffenwirthschaft, dann eine faft zwanzigjährige Revolution und ein zehnjähriges blutiges Kriegsregiment dem Lande fchlugen. Tief begründet war das Bewufstfein des franzöfifchen Volkes, dafs der Reichthum feines Bodens und die Macht feiner Arbeit feine politifche und fociale Macht erhalten. Defshalb hat jede Zeit und jede Regierung den arbeitenden Volksclaffen, dem Handel und der Induftrie Früchte getragen und die härtefte Zeit der Revolution brachte die Freiheit der Arbeit und das volle Bürgerrecht der arbeiten den Claffe. Man kann es getroft fagen, dafs kein Volk und kein Staat Europas die Arbeit fo fehr geehrt und in ihrem vollen Rechte anerkannt hat, als Frankreich! Nicht England, und Deutfchland noch lange nicht. Und man wird, je mehr man fich gewöhnt, die Staatsgefchichte mit der Gefchichte der Volkswirthschaft in innigem Zufammenhange zu betrachten, immer mehr begreifen, dafs es diefe grofse Entwicklung der Arbeit war, welche Frankreichs Einfluss auf alle Staaten Europas durch Jahrhunderte mächtig erhielt. Nicht die Ideen der franzöfifchen Revolution von 1789 waren ganz Europa gemeinfam und drängten es in die gleichen Bahnen, die Abhängigkeit ganz Europas von Frankreich, die geiftige und wirthchaftliche Abhängigkeit, die Herrfchaft der Induſtrie und des Handels, welche Frankreich in taufendfach verfchiedener Geftaltung in den Staaten Europas begründet hatte, riffen die Völker mit in die politifche Bewegung und erzeugten dasfelbe Drängen, ohne jedoch auf fremdem Boden die gleiche Macht zu finden, aus der wirthschaftlichen und politifchen Ohnmacht dasfelbe Ziel, denfelben Sieg zu erreichen. Auf den Bahnen und Wegen des franzöfifchen Exportes, nach den Abfatzgebieten feiner Seiden- und Wollftoffe, feiner vielfältigen Kunftproducte drängten die Staaten Europas, Rufsland, Deutfchland, Italien, Spanien und die Niederlande nach den franzöfifchen Ideen. Und zeigte die Wiener Weltausftellung nicht das lebendige Bemühen Frankreichs, der ganzen Welt zu zeigen, dafs es in feiner 22 Dr. Carl Thomas Richter. Arbeit und in feiner Induftrie ungebrochen fei? Dafs die fünf Milliarden Kriegsfchuld gezahlt feien, ohne den Reichthum des Volkes zu fchwächen, feine Bedürf niffe herabzudrücken? Und ficher wird Frankreich aus feiner Weltftellung nicht verdrängt werden, fo lange nicht die Induftrie des übrigen Europa zur gleichen allgemeinen Blüthe gelangt ift, die Frankreich eben dann gleich den Andern, nicht mächtiger, fchöpferifcher, reicher als alle andern zeigt. Wir werden in der weiteren Entwicklung unferer Aufgabe diefs in den einzelnen Zweigen des Handels und der Induftrie öfter gar deutlich hervortreten fehen. Das XIX. Jahrhundert hat übrigens den Völkern Europas zum Bewufstfein gebracht, was frühere Jahrhunderte trugen und tragen mufsten, weil fie eben nur nehmen konnten, ohne zu geben im Stande zu fein, und hat den Muth, die Kraft gereift mit den reichen Quellen, die die Zeit für die Entwicklung der Arbeit gefchaffen, um gleichfalls durch die Entwicklung der Induftrie und des Handels reich, grofs und mächtig zu werden. Diefs gilt zumeift von Deutfchland und Oefterreich. Am längften hatte fich aus der mittelalterlichen Blüthe des deutfchen Lebens der Handel der deutfchen Städte an der Nord- und Oftfee durch die entwickelte Fifcherei und die Schifffahrt erhalten, die Städte am Rhein, der Elbe und Donau durch den Weinhandel, die Landwirthfchaft und die Flufs- Schifffahrt und das Leben in Mittel- Deutfchland durch den Zwifchenhandel. Aber die Entdeckung Amerikas und des neuen Weges nach Indien, zerftörte bald, was fich aus den fortgefetzten inneren Kämpfen und den Kriegen Europas, die auf deutfcher Erde ausgefochten wurden, noch erhalten hatte, die Huffitenkriege, der dreifsigjährige Krieg verheerten das Land und nährten die Zerbröckelung der Einheit, der Kraft und Freiheit des deutfchen Reiches. Die Landwirthfchaft verfiel, die Induſtrie ging zu Grunde, der Welthandel hatte andere Bahnen eingefchlagen; der Handel im Innern hatte keine Wege und Strafsen und wo er fie fand, da hemmte die politifche Spaltung feine Bahn und Entwicklung durch Zollfchranken, Mauthen und taufendfältige Beläftigung. Während im XVIII. Jahrhundert Frankreich und England auf eine mächtige Induftrie, einen grofsen Handel, eine entwickelte Verwaltung blickten, herrfchte in Deutſchland Barbarei der Gefetzgebung, der Reichs- und Landesverwaltung; der Handel, die Induftrie und felbft die Sprache verfallen, nur wenige Regenten fuchten in ihren Territorien mit Macht dem Verfall zu fteuern, und die Namen des grofsen Kurfürften, Friedrich II. in Preufsen, Maria Therefia und Jofef II. in Oefterreich ragen aus diefer armfeligen Lage ruhmvoll empor. Nur eines hatte Deutſchland in aller Noth bewahrt. Sein fuchendes und forfchendes Leben des Geiftes. Und das konnte und mufste es retten, den Staat, die Nation, den Handel und die Induftrie wieder beleben." Anftatt", fagt Fr. Lifst fo treffend, wie man es nicht beffer fagen kann, anftatt, dafs anderswo die Geiftesbildung mehr aus der Entwicklung der materiellen Productivkraft erwuchs, ift in Deutfchland die Entwicklung der materiellen Productivkräfte hauptfächlich aus der ihr vorangegangenen Geiftesbildung erwachfen." Da alles Uebel, wie Plato fagt, nur aus der Unwiffenheit entſpringt, fo wäre ficher diefs hohe geiftige Leben Deutſchlands vom grofsen, auch auf den wirthfchaftlichen Boden von nachwirkenden Erfolgen begleitet gewefen, wenn nicht die politifche Abgrenzung eine gleich vielfältige Abgrenzung der Märkte für Handel und Induſtrie gewefen wäre. Und wie fie den Markt zerfchnitt, zerfchnitt fie die Wege und Strafsen, die ohnediefs in arger Vernachläffigung nirgends eine Entwicklung und Ausbildung erfahren konnten. Was dem grofsen Ganzen fehlte, wurde keineswegs durch die Tüchtigkeit im einzelnen Theile erfetzt. Kaum dafs Oefterreichs und Preussens Zoll- und Verwaltungspolitik die wirthschaftlichen Kräfte etwas hervorgezogen! Kaum dafs die alte, in Deutfchland heimifche Lein- und Wollmanufactur, von ihren alten fremden Märkten längft durch die Uebermacht Englands verdrängt, wenigftens für den heimifchen Markt erhalten und in ihren Intereffen f. nt n t n d t - m h e e t 1 r t 1 1 Der Welthandel. 23 gefördert wurde. Regten fich auch in dem einzigen Blatt, das im Anfang des XIX. Jahrhunderts die wirthschaftlichen Intereffen Deutfchlands vertrat, in dem„ Organ des deutſchen Handels- und Fabrikantenftandes" manchmal kräftige Wünſche, fuchte auch die Wiffenfchaft und der forfchende Geift hochbegabter Männer nach Mitteln, den verwahrloften Zuftand zu beheben, fo mufste doch eine gewaltigere Macht auftreten, die Jahrhunderte alte Schäden abzufchaffen vermochte, die ein Reich, ein ganzes Volk zu wirthschaftlichem Bewufstfein wieder erheben konnte, und diefe Macht war die Dampfkraft. Mag man welch' grofsem Politiker immer die Idee des deutfchen Zollvereines zufchreiben, wir behaupten kühnlich, ohne die ihre Kraft in England und Frankreich, allmälig auch in Deutſchland entfaltende Dampfkraft wäre der Zollverein nie gedacht und nie gefchaffen worden. Die Dampfmafchine verträgt kein enges und abgefchloffenes Productions- und Handelsgebiet. Jede Erfindung und Entdeckung auf dem Gebiete der Naturwiffenfchaft und Mechanik hat einen mehr oder weniger bedeutungsvollen Wendepunkt im Leben der Menfchheit und ihres Culturgrades zur Folge gehabt. Die Erfindung des Schiefspulvers, des Compaffes, der Buchdrucker- Kunft bezeichnen folche Wendepunkte. Mächtiger und tiefer eingreifend als alle diefe und andere Schöpfungen des menfchlichen Geiftes wirkte die Erfindung und Kenntnifs der Anwendung des Dampfes und ihm ebenbürtig an Macht die Elektricität. Sie haben die alten Staaten, die alten Verwaltungen vernichtet, fie haben Länder und Völker umgeftaltet, die Claffen der Gefellſchaft, die Verhältniffe alles Lebens mächtig verändert. Die Verhältniffe der phyfifchen Kraft und Arbeit, des Raumes und der Zeit find durch fie verrückt worden, indem die einen zur Riefengröfse emporwuchfen, die andern in ihrer Macht und Wirkung faft verfchwanden. Und wie fie, den Augenblick verändernd, in eine ferne Zukunft beftimmend eingriffen, fo wirkten fie auch auf das Leben der Vergangenheit zurück und gaben allen Schöpfungen des menfchlichen Geiftes erft ihren ganzen Werth. Und diefe Macht hat auch Deutfchland vorwärts gedrängt, hat ihm die Nothwendigkeit der wirthfchaftlichen Einigung aufgezwungen, und hat diefe endlich in dem deutfchen Zollverein gefchaffen. Bis zu diefem Punkte erfchien es uns nöthig, die hiftorifche Erinnerung in unferen Lefern wachzurufen. Das XIX. Jahrhundert hat keine Gefchichte, die fich nach Ländern und Nationen trennt. Die wirthfchaftliche Entwicklung und Gefchichte vor allen ist von nun an eine Gefchichte der wirthschaftlichen Kräfte und Leiftungen und nicht mehr der Staaten und Reiche. Und doch! Wir werden im Verlaufe unferer Darftellung fehen, wie die grofse Gegenwart, nachdem fie die Staats- oder, fagen wir beffer, die Welttheile gebildet, wie fie für fich fein und fchaffen können, allmälig beftimmt hat, wie diefe Gegenwart nach den Bahner einer alten Vergangenheit zurückdrängt. Unfere Eifenbahnen, Strafsen und Wege fuchen die Heeresftrafsen der Römer und Perfer wieder auf und mit den Trümmern griechifcher Tempel baut die Gegenwart in Afien den Unterbau eines neuen Eifenbahn- Netzes. Neben dem Treppelweg der venetianifchen Karawanen nach Deutfchland legt fie den Schienenftrang der Brennerbahn und Städte werden wieder lebendig, die vor vielen Jahrhunderten fchon eine grofse Handelsblüthe fahen und mächtig fchon einmal durch Handel und Verkehr waren. Und diefelben Waaren, die ein Jahrtaufend früher auf diefen Strafsen in Verkehr brachte, diefelben Waaren fieht unfere Zeit in derfelben Handelsrichtung, zwifchen denfelben Völkern und Ländern und für diefelben Länder und Reiche. Und was beweift uns diefs, oder beffer, was wird uns die folgende weiter ausgeführte Darſtellung beweifen? Nichts Anderes, als dafs der Culturdrang der Menfchheit von jeher derfelbe war und immer dahin ging, die ganze Welt als Einheit zu erfaffen und Alle durch Alle zu erheben und vorwärts zu bewegen. Die nationalökonomifche Theorie drückt diefs einfach mit dem Satz aus, dafs die Bedürfniffe der Menfchheit immer nur durch die ganze Welt befriedigt werden können. 24 Dr. Carl Thomas Richter. Ehe wir zur endlichen Erfüllung unferer Aufgabe gehen, fei es geftattet, noch jener Kraft, welche unferem Jahrhundert einen beftimmten Charakter, ja oft auch den Namen gegeben hat, der Dampfkraft noch im Allgemeinen einige Auf merkfamkeit zuzuwenden. Bei jeder Rechnung mufs man die Factoren kennen, und wenn wir von den Verkehrsmitteln, von der Induftrie unferer Tage fprechen wollen, ift es immer die Dampfkraft, welche fie in ihrem Charakter und ihrer Wirkung beftimmt. Die Dampfkraft. Elektricität und Dampfkraft, fagten wir, find die Kräfte, welche unfer Jahrhundert bewegen und auf der Bahn der Cultur mit mächtigen Schritten vorwärts drängen. Eifenbahn- und Dampffchiff- Fahrt haben mit den Telegraphen den wirthschaftlichen Verkehr zu einem Weltverkehr erhoben, haben die einzelnen Perfonen und die That derfelben von der Scholle losgelöft und die heutige Gröfse des Wandels und Handels auf geiftigem und materiellem Gebiete gefchaffen. Die Kraft der Elektricität ift heute nur erft in einer einzigen Wirkung ausgenützt, in der Wirkung, das Wort als Zeichen im Fluge des Gedankens über Taufende von Meilen fortzutragen. Wir werden in der Darstellung der Mittel des Weltverkehres die Ausdehnung des Telegraphennetzes weiter befchreiben. Die uralte Zeichenpoft trennt Taufende Jahre von uns und felbft Sömmerings erfte Erfindung auf 3138 Meter Länge zu fprechen, ift durch Steinheil und Morfe und ihre ausgebildeten Telegraphenapparate zu einer Vollkommenheit gebracht, dafs fie mit den Erfindungen der Vergangenheit nichts mehr gemein haben. Aber nicht nur, dafs die räumliche Ausdehnung der Telegraphen fich erweitern mufs, es wird gewifs die Zeit kommen, welche der Wirkfamkeit der Elektricität neue Aufgaben vorfchreiben wird. Möglich, dafs dann, wie einft die Stahlzeit die Eifenzeit nach Cotta's gelehrtem Ausfpruche überwunden hat, möglich, dafs dann die Zeit der Dampfkraft überwunden ift und die Dampfmafchine nur auf den Kleinbetrieb zurückgewiefen wird. Die Möglichkeit diefer Ausbildung der wirkenden Kräfte ift, ganz abgefehen, dafs fie die Wiffenfchaft zugibt, auch praktiſch nicht ausgefchloffen, am wenigften, wenn man die Entwicklung der Dampfkraft und ihrer Benützung felbft verfolgt. Der Theekeffel James Watt's wird zur Kindergefchichte, zum Märchen, wenn wir die heute wirkenden Dampfkräfte und Dampfmafchinen betrachten. Der Dampf, den man mittelft fünf Pfund Steinkohle erzeugt, vermag diefelbe Leiftung zu fchaffen, die ein kräftiger Mann erft in zehnftündiger Arbeit zu leiften vermag. Beachten wir nun, dafs z. B. Grofsbritannien heute allein mehr als 117 Millionen Tonnen Kohle producirt. Nach dem angegebenen Koftenverhältniffe würde diefe Kohlenmenge beiläufig etwas mehr als 150 Millionen Arbeiter und ihre Leiftung vertreten. England trägt aber nur den zehnten Theil zur Kohlenmenge bei, die heute jährlich auf der ganzen Erde gewonnen und verbraucht wird. Die Gefammtmaffe der producirten Kohlen bedeutet alfo eine Leiftungsfähigkeit von 1500 Millionen Arbeitern. Die ganze lebende Generation könnte alfo nie ausreichen, die wirkende Dampfkraft zu erfetzen. Und aufser den Steinkohlen wirken noch andere Brennftoffe und neben der Dampfkraft noch andere mechanifche Kräfte mit, die heute nöthige Gütererzeugung der Welt zu fördern. Beachtet man die Kohlenpreife und die Koften der mit Kohle erzeugten Dampfkraft, fo genügt es wohl zu fagen, dafs die Summe der producirten Kohlen 1871 in England den Preis hatte von 30,121.347 Pfund Sterling. Rechnet man die Erhaltungskoften eines Arbeiters Der Welthandel. 25 jährlich nur auf 200 Gulden oder 20 Pfund Sterling, fo ergibt diefs für die obigen 150 Millionen Menfchen 30.000 Millionen Gulden oder 3000 Millionen Pfund Sterling. Man kann aus diefem einzigen Beiſpiele leicht begreifen, warum vor Jahrhunderten das Korn fo billig und das Gewebe fo theuer war, während es heute gerade umgekehrt ift. Bei der gefammten Textilinduftrie, Baumwolle und Schafwolle, find 1871 in England thätig gewefen 300.480 Dampfpferde-, 8390 Wafferpferdekräfte und 450.087 Menfchen. Wenn wir die Wafferkraft ganz bei Seite laffen, fo repräfentirt die Dampfkraft, I nur gleich 3 wirklichen Pferden gefetzt, 901.640 wirkliche Pferde mit zehnftündiger Arbeit. Die Pferdekraft gleich 5 Menfchen gefetzt, ergibt 4,507.200 Menfchen. Um daher die 1778 Millionen Pfund 1871 importirter Baumwolle, und die 323 Millionen Pfund Schafwolle zu verarbeiten durch Menfchenkraft, hätten 4,957.287 Arbeiter mit zehnftündiger Arbeit thätig fein müffen. Die Koften hätten mit 20 Pfund Sterling per Mann, 99,144.740 Pfund Sterling betragen. Da wäre der Arbeitslohn gerade fo viel, als faft der gefammte Werth des Exportes von Baumwolle und Wollftoffen. Diefer betrug etwas mehr als 100 Millionen Pfund Sterling 1871. Die Summe der in Frankreich thätigen Dampfmaschinen wird in den Annalen des auswärtigen Handels 1852 auf 7779 angegeben mit 216.457 Pferdekräften, 1864 auf 25.027 Mafchinen mit 674.720 Pferdekräften. Dem entſprechen 1852: 4,903.900, 1864: 11,242.000 einheimifche, 6,248.000 Tonnen fremder Kohle. Heute erzeugt Frankreich felbft 12,804.000 Tonnen Kohlen und importirt mehr als 7 Millionen Tonnen. Relativ am meiften Kohle und am meisten Dampfkraft verbraucht Belgien. Es förderte 1870: 13,697.118 Tonnen Kohle, wovon es etwas mehr nur als 3 Millionen Tonnen exportirte, zumeift nach Frankreich. Der englifche und deutfche Kohlenimport betrug 1870: 223.685 Tonnen. Mit diefer Kraft erzeugt Belgien mehr Producte als ganz Deutfchland und Italien. Der das Land allein betreffende Handel, der 1840 erft 15 Millionen Pfund Sterling betrug, hat 1871: 56 Millionen Pfund Sterling betragen. Die gefammte belgifche Handelsbewegung mit den Zwifchenhandel betrug 22 Milliarden Francs. In Oefterreich bedarf Induftrie und Landwirthfchaft eine Jahresproduction von 1000 Dampfmaschinen mit beiläufig 25.000 Pferdekräften. Beim Bergbau allein find neben 150.000 Menfchen 500 Dampfmafchinen mit 13.000 Pferdekräften befchäftigt. Welche Maffen von Rohftoffen müffen verfchlungen werden, um die fo gebildeten Arbeitskräfte zu befchäftigen, um die im Welthandel heute fich bewegenden Güterwerthe zu bewegen. Aus den entlegenften Ländern, aus anderen Welttheilen mufs Europa feine Rohftoffe holen und wieder ift es Dampf und Elektricität, welche hier den Verkehr erhalten und feit Jahrzehnten gar gewaltig umgeftaltet haben. Wir werden die Mittel diefes Verkehres zur See und zu Land kennzeichnen. Taufende von Fahrten beforgen diefe Schiffe in den wechfelnden Aufgaben, Rohftoff zu bringen um Fabricate fortzutragen. Aber wie grofs hiebei die Kräfte, wie rafch der Verkehr auch fein mag, unfer Arbeitsdrang ergreift rafch jede Abkürzung des Weges, jede Befchränkung der Handels- und Transportkoften. Der Canal von Suez ift vielleicht beftimmt, eine folche Aenderung des Handels zu erzeugen gegenüber dem Nothweg um das Cap, wie diefer Weg einft gegenüber dem langen Landweg über Suez durch die Wüfte nach Indien. Wir fchliefsen die Betrachtung, indem wir dafür gleich als Beiſpiel die Schiffbewegung im Canal von Suez geben. Es wurden befördert im Jahre Schiffe Tonnen 1870 502 443.709 1871 765 761.467 1872 1092 1,442.6 17 26 Dr. Carl Thomas Richter. Davon entfielen im Jahre 1871 auf die wichtigften Länder nach Flagge Dampfer und Segler Tonnen Englifche Schiffe 502 546.453 Franzöfifche 66 89.076 " Oefterreichifche 63 38.729 " Italienifche 47 27.414 " Türkifche 32 18.230 " Egyptifche 22 13.335 " Andere 33 28.230 " Zu diefen koloffalen materiellen Wirkungen kommen nun die geiftigen Erfolge der Dampfkraft. Für die Erbauung der Cheops- Pyramide, des gröfsten Wunderwerkes der alten Welt, bedurfte es der lebenslänglichen Arbeit einer halben Million Menfchen. Die Dampfkraft, welche heute in Europa wirkt und für deren kleinften Theil diefes Wunderwerk zu Stande zu bringen nur eine verfchwindende Zeit nöthig gewefen wäre, hat den Menfchen aus der Sklaverei der Arbeit emporgehoben, ihn nicht mehr als Knecht der Arbeit, nur als Leiter des Werkes hingeftellt. Und faft ift es nicht mehr die Maffe der Leiftungen, fondern nur die Gewalt der Mafchinen, welche der Menfch beftimmt und durch welche er in die Menge der Güterleiftung eingreift. Und wie feine Kräfte dadurch frei geworden find, fo find taufend andere Intereffen und Aufgaben, Freuden und Genüffe feinem Leben geworden. Vor allem aber ift es die Verwendung der Dampfkraft, welche den lebendigen Wechfelverkehr der Menfchen aller Länder, aller Nationen und Religionen unter einander vollzieht, die einen gewaltigen Umfchwung in dem geiftigen Leben der Menfchheit hervorgebracht hat. Die Schaaren der Völkerwanderung, die Maffen der Kreuzzüge verfchwinden vor der Menge der Menfchen, die heute das Reifen durch die Welt führt, und taufendfache Beziehungen und Verbindungen erzeugt. Rechnet man im Durchschnitt gewifs fehr mäfsig per Meile der heute beftehenden und nun im Betriebe begriffenen Eifenbahnen eine jährliche Frequenz von 30.000 Menfchen und einer halben Million Centner Güter, fo werden jährlich 960 Millionen Menfchen und 1600 Millionen Centner Güter befördert. Die Zahl der jährlich auf allen Bahnen der Welt reifenden Menfchen ift alfo mehr als dreimal gröfser als die Zahl der Einwohner Europas. Die Zahl der Meilen, welche von den fämmtlichen Locomotiven der Erde jährlich durchlaufen werden, wird auf 1392 Millionen gefchätzt, fo dafs alfo diefe Mafchinen insgefammt einen 67mal gröfseren Weg im Jahre zurücklegen als die Entfernung der Erde von der Sonne beträgt. Die Eifenbahnen der Erde kommen weiter einer Landfläche von 350.000 Quadratmeilen und einer Einwohnerzahl von 350 Millionen Menfchen zu Gute. Auf die Zahl der Einwohner der Länder, die fie durchfchneiden, reducirt, kann man annehmen, dafs jeder Einwohner jährlich 2.8 Meilen reift und dafs per Einwohner jährlich 46 Centner Güter auf der Eifenbahn transportirt werden. Schliefslich fei noch bemerkt, dafs die Wechselwirkung der Eifenbahnen und Gütermengen heute gleichfalls entfchieden ift. Die Fähigkeit der Eifenbahnen, den Abfatz rafch und beftimmt zu vermitteln, hat die Gütererzeugung der einzelnen Orte felbft wieder emporgehoben, fo dafs heute der Transport der Güter ohne Eifenbahnen gar nicht mehr gedacht werden kann, ja dafs das Sinnen der Menfchen dahin geht, die Leiftungsfähigkeit der Bahnen nur dauernd noch zu erhöhen. Und fo rücken die Welten an einander. Die entlegenften Winkel der Erde werden in den allgemeinen Strom des modernen Culturlebens einbezogen und durch den Austaufch von Waaren und Ideen zu immer wachfender Thatkraft vorwärts gedrängt. Zumeift find es Europa und Nordamerika, die kräftigen Vertreter des modernen Culturlebens, welche durch taufend gemeinfame Intereffen immer fefter fich an einander fchliefsen und mit der Kraft des modernen Geiftes gegen heranrücken, um, dem Entwicklungsgang des Abendlandes entſprechend, die ungeAfien Der Welthandel. 27 heure Welt neu zu reifen und die weiten, ausgeftorbenen Fluren neu zu beleben. Denn die Despotie wird finken, das Kaftenwefen, die Sklaverei und Leibeigenfchaft werden durch Dampf und Elektricität vernichtet und eine ungeheure Macht wird gekräftigt werden, an der phyfifchen und geiftigen Kraft des Abendlandes theilzunehmen. Schon fehen wir allenthalben die Zeichen diefer Zeit. Die Wiener Weltausftellung war ein mächtiger Hebel, die Völker Afiens zur Theilnahme an der grofsen Friedensfeier des Handels und der Induſtrie aufzurütteln. Herrfcher und Unterthanen kamen zu dem Staate, den man nach der Gefchichte Europas die Stufe nach dem Morgenlande nennt, Europas Geift und Leben kennen zu lernen. Da begreift man Bukle's Mahnwort: Die Locomotive hat mehr gethan, um die Menfchen zu vereinigen, als alle Philofophen, Dichter und Propheten vor ihr feit Beginn der Welt. Ein grofser Theil der Erde ift noch nicht mit den Kräften der Cultur Europas ausgerüftet und Dampf und Elektricität ftehen erft im Beginn ihrer wirthfchaftlichen Miffion. Aber es ift kein Zweifel, dafs fie die ganze Welt durchwandern und allenthalben ihren Segen ausftreuen werden. Welche ungeheure Veränderung aber dann im Leben Europas eintreten wird, wenn die Völker Afiens ihre Rohproducte, die fie heute uns liefern, mit unferen Dampfroffen nun felbft verarbeiten werden, welche koloffale Veränderungen in unferen focialen Verhältniffen eintreten werden, wenn wir Producte beziehen von Völkern, denen wir fie heute liefern, das ift heute wohl zu denken, aber nicht zu entfcheiden erlaubt. Die Mittel des Weltverkehres. Die Verkehrsmittel. Das heutige Welt- Verkehrswefen gipfelt in den fünf Inftitutionen der modernen Zeit: Der Eifenbahn, der Schifffahrt, den Strafsen und Canälen, der Poft und dem Telegraphen. Wir wollen in einem kurzen Bilde von Zahlen die Kraft und Wirkfamkeit diefer Inftitutionen darftellen und hoffen, dafs wir eben gerade damit zeigen, was die kräftigften Adern unferes heutigen Verkehrslebens find. Die Schifffahrt und das Strafsennetz der alten Welt wird vor dem Bilde, das wir geben wollen, zu einem Kindermärchen. Die Gefetze der vergangenen Zeit, welche das Reifen verbieten wollten, und die Beiftellung von verbefferten Reifemitteln unterfagten, erfcheinen uns wie Verirrung des Geiftes, wie Thorheiten und Mifsbräuche der Gewaltfülle der Herrfcher. Erft im XVII. und XVIII. Jahrhundert erkennen wir ein höheres Beftreben des Menfchen, als man den Wagen und Schiffbau zu verbeffern ftrebte, Strafsen anfing zu bauen, und das moderne Canalfyftem einführte, und dann auch die optifchen Telegraphen erfand. Aber es ift das Recht des Allgewaltigen, dafs man neben ihm vergifst, was klein ift und fchwächer. Und fo erfcheint die Vergangenheit neben dem wahren Welt- Verkehrswefen nur wie eine Erinnerung, die in der Gefchichte verzeichnet ift, aber die Gedanken der Menfchen felten noch zu reifen und neu anzuregen im Stande ift. Die Eifenbahnen. Die Gefchichte der Eifenbahnen reicht, wie bekannt, bis in den Anfang des XVIII. Jahrhundertes zurück und findet in England und Amerika mit den unvollkommenen Bergwerks- Bahnen ihren Anfang 28 Dr. Carl Thomas Richter. Aber erft 1814 gelang es Georg Stephenfon, eine brauchbare Mafchine zu conftruiren, die im Stande war, auf einem Schienenftrang Güter zu transportiren. Erft im Jahre 1830 wurde für Menfchen und Güter die erfte Locomotivbahn zwifchen Liverpool und Mancheſter eröffnet. Mehr als ein Jahrhundert brauchte der Gedanke für feine richtige Conftruction. Kaum ein halbes Jahrhundert aber ift dahin gegangen und die ganze Welt hat 233.988 Kilometer oder beiläufig 31.703 geographifche Meilen Locomotivbahnen gebaut. Sie vertheilen fich folgendermafsen: auf Europa entfallen III.909 Kilometer Amerika " 27 Afien " 99 109.961 8.533 22 21 " Auftralien Afrika 1.812 22 " 77 29 1.773 " Diefe Länge beträgt faft die achtfache Aequatorlänge, den 645ften Theil der mittleren Entfernung der Erde von der Sonne und fchon 6/10 jener von dem Monde. Nach der Geleifelänge repräfentirt fie ein Eifengewicht von 660 Millionen Centner und eine Schwellenzahl von 410 Millionen Stück. Nach ihrer fchätzungsweife allgemeinen Abnützung gehen täglich 40.000 Centner Eifen und 137.000 Stück Schwellen auf der ganzen Erde zu Grunde. Die Zahl der benützten Locomotiven foll 48.000 Stück, der Perfonenwagen 96.000, der Güterwagen aller Art 1,280.000 Stück betragen, eine Reihe Betriebsmaterial, die aufgeftellt eine Geleifelänge von 2100 Meilen beanfpruchen würde. Die Zahl der beim Betrieb aller Eifenbahnen befchäftigten Menfchen beträgt, 60 per Meile angenommen, beiläufig 1,900.000 oder einen Familienftand von 5 Millionen Menfchen. Die Gefammtkoften der Eifenbahnen veranfchlagt man auf 30.000 Millionen Gulden. Es müffen daher alle Eifenbahnen täglich wenigftens vier Millionen Gulden rein ergeben, um eine fünfpercentige Verzinfung zu erreichen. Wie rafch nun das Wachsthum der Eifenbahnen vorgefchritten ift, erfahren wir aus folgender Tabelle: Die Eifenbahn- Länge betrug in Kilometer: 1830 1840 1850 Amerika وو in Europa$ 245 3.057 23.766 5.534 14.256 87 1860 1870 51.544 103.744 53.253 96.398 1871 III.909 109.961 Afien. 1.397 8.132 8.533 99 Afrika 446 1.773 1.773 " 9 Auftralien 264 1.812 1.812 " Summe • 332 8.591 38.022 106.886 221.859 233.988 Hiernach geftaltet fich das abfolute Steigerungsverhältnifs: von 1830 gegen 1840 wie 1: 26 1840 27 " 1850 1850 1860 ንን I: 41 " " I: 234 1860 " " 1870 I: 2 79 ein Zeichen, wie mächtig die Welt das neue Verkehrsmittel erfafst hat. Dabei fteht Amerika weit vor Europa, da feine Bevölkerung dünner gefäet, und feine geographifche Ausdehnung faft fünfmal gröfser als jene von Europa. Schärfer noch tritt die Entwicklung der beiden culturkräftigften Welttheile, Europa und Amerika hervor, wenn man die Verbreitung und das Anwachfen der Eifenbahnen in den beiden Welten vergleicht. Die Verbreitung und das Anwachfen der Eifenbahnen in Europa und Nordamerika war: Name des Landes Der Welthandel. Eifenbahn- Länge in Kilometern 1835 1845 1855 .1865 1870 1871 29 Auf 1 Q.- Meile kommen im J. 1871 Eifenbahnen in Kilometern Aut I Mill. Einwohner kommen im Jahre 1871 Eifenbahnen in Kilom. von 1866 bis 1871 in geoTägliches Wachsthum graphifchen Meilen Tägliches Wachsthum im Jahre 1871 Schweden und Belgien. 20 577 I.333 England. Niederlande. 252 4.082 13.414 156 Deutfchland 6 2.143 314 7.826 Schweiz.. 4 212 Frankreich 141 Dänemark. Italien 128 870 5.529 30 912 Oefterreich 227 1.058 2.829 105 2.250 21.386 865 13.900 1.340 13.577 419 3.982 6.397 1.580 2.102 2.997 24.373 1.588 18.667 1.448 17.602 3.041 5.690 621 24.603 4 290 1.616 2.510 20.980 2.120 800 O 20 0.09 425 522 0.43 0.85 1.472 1950 588 17.666 1.840 485 025 0° 02 764 876 1 260 486 6.175 9.762 6.378 1190 240 O'14 0.09 11.899 1050 330 0.34 0.78 2.258 0.160 383 479 5.461 6.015 6.108 0.560 295 66 Ganz Europa . 646 1.062 Ο ΙΟΟ 144 1.044 13.950 0140 9.162 34.027 75.149 103.744 111.909 0.610 378 1.773 7.835 30.974 56.880 87.758 100.818 0.590 2.602 I.773 8.262 33.837 62.755 96.398 109.961 0.140 1.300 1.008 3.926 II.243 60 205 0.97 I˚OO 2° 20 2.98 2.66 4.77 2.86 4.95 Norwegen. Portugal und Spanien.. Türkei und Griechenland Rufsland Nordamerika Ganz Amerika Auf der ganzen Welt 2.419 17.424 68.148 145.114 221.859 233.988 0.096 172 5.33 4* 44 Wir haben die Staaten Europas fo in der Tabelle verzeichnet, wie fie im Verhältniffe der gröfsten Eifenbahn- Längen nach einander folgen. Es zeigt fich am beften dadurch, was das einzelne Land fchon gethan, was das andere noch zu thun hat. Für Oefterreich gilt nun freilich, dafs es feit 1866 in fo gewaltiger Weife an dem Ausbau feiner Bahnen gearbeitet hat, dafs es von da ab gerechnet, nur Rufsland und Deutfchland nachfteht, und in dem, was es geleiftet hat, den dritten Rang unter den Staaten Europas einnimmt. Die Benützung der Eifenbahnen ift in den verfchiedenen Ländern eine fehr ungleiche. Die Darftellung derfelben gewährt jedoch einen ganz guten Einblick in die Cultur- und Wirthfchaftverhältniffe des einzelnen Landes. Man könnte diefs aus den Verkehrstabellen am beften erkennen. Allein die Ausweife der Eifenbahnen reichen genau nicht über die Zeit 1866, welche gerade für Rufsland, Deutfchland und Oefterreich von der gröfsten Wichtigkeit ift. Nach der für das Jahr 1865 aber geltenden Zufammenftellung der Perfonen- und Güterverkehre betrug derfelbe per Kopf des Landes. Land England Belgien. Perfonen 7.9 Centner Güter 73.2 6.2 • • • 69.5 Deutſchland • 19 23.8 Frankreich Schweiz. Oefterreich Niederlande Dänemark. Norwegen. Schweden Italien . 2.3 18.6 II'I ° • 04 5.9 I I 3.9 . 2'0 3.4 . 0.2 3.2 • • . 0.4 2.2 • 0.5 1.6 30 Dr. Carl Thomas Richter. Die Gefammtheit des Güterverkehres auf allen Schienenftrafsen mag täglich 40 Millionen Centner betragen. Diefe ungeheuere Macht der Eifenbahnen, die weitaus jene aller anderen Verkehrsmittel zufammen überfteigt, wird um fo grofsartiger in ihren Wirkungen, als es die Eifenbahn allein ermöglicht, in die entlegenften Winkel der Binnenländer einzudringen, als fie der Regelmässigkeit jedes Landverkehres, die fie bedeutend noch überbietet, Rafchheit und Sicherheit, Billigkeit und Maffenhaftigkeit der Leiftung hinzufügten und dadurch eigentlich die Macht von Raum und Zeit für die That der Menfchen verfchwinden macht. Und was ift in diefer Richtung noch in den wirklichen Verhältniffen zu leiften! Die Eigenfchaften der Eifenbahnen, insbefondere Billigkeit und Schnelligkeit, bis auf das Aeufserfte zu fchaffen, das ift die wahre Culturmiffion der Eifenbahnen. Es wird eine Zeit kommen, wo man nur die Leiftungsfähigkeit der Eifenbahnen, und nicht mehr die Rentabilität derfelben auszubilden fuchen wird. Innerhalb diefes gewaltigen Drängens der menfchlichen Arbeit und Unternehmungsluft, der koloffalen Capitalsverwendung fcheint es nun doch, als ob eine beſtimmte Gefetzmäfsigkeit der Entwicklung vorläge, die nicht durch die wirthfchaftliche Speculationskraft, auch nicht durch die techniſche Conftructionsfähig. keit, fondern einzig und allein durch die, im Jahrtaufende wirkenden Bedingungen des Lebens der Culturvölker gefchaffen ift. Diefe Gefetzmäfsigkeit geht dahin, dafs in dem Augenblick, wo die Staaten die äufserften Enden und Punkte ihrer Ausdehnung durch kräftig wirkende Verkehrswege verbunden und durch das Ganze feft aneinander gefchloffen haben, dafs fie dahin ftreben, die Productions- und Confumtionsgruppen der Welt mit einander zu verbinden. Production und Confumtionsgruppen find hier freilich nur Namen, die nicht das Richtige ganz bezeichnen. Denn in Wahrheit ift jede Productionsgruppe auch Confumtionsgruppe und umgekehrt. Ein Blick auf die Verhältniffe Indiens zu England kann diefs leicht erklären. In dem Augenblicke, wo diefs obige Gefetz erfüllt ift, werden alle Bahnen im Innern des Landes zu Nebenbahnen jenes grofsen Stranges, der, wie wir oben fagten, die Productions- mit den Confumtionsgruppen verbindet. Diefes Gefetz fpringt wenigftens heute für Europa und Afien fcharf in die Augen. Rufsland und Oefterreich leben die erfte Periode beiläufig heute noch durch. In der grofsen Eifenbahn- Periode von 1866 bis 1872 hat Oefterreich die öftliche Reichshälfte mit der weftlichen durch die Stränge der Staats- und Südbahn zu verbinden gefucht. Dasfelbe hat Rufsland für Süd und Nord gethan durch die Bahnen Liban, Riga und Finnland mit Odeffa, die Linie Moskau- Odeffa, die dann die Hauptftadt mit der Wolga, mit Aftrachan und mit Roftow verbinden. Die Bahn von Poti- Baku verbindet das fchwarze mit dem cafpifchen, die BreftKiewer Eifenbahn das baltifche Meer mit dem fchwarzen Meere. Eine ähnliche Aufgabe erfüllen die Projecte der fogenannten türkifchen Bahnen und die Bahnen Kleinafiens Skutari- Ismid bis Eski- Scheherd. Ift diefe Aufgabe erfüllt, find die entfernteften Punkte eines Reiches verbunden; dann werden alle Staaten Europas dem Drange folgen, der fchon Frankreich, Deutſchland und auch heute fchon Oefterreich beherrscht. Sie werden die Bahnen fuchen und bauen, die Europa mit dem Innern Afiens und dem fernften Süden und Often des gewaltigen Welttheiles am fchnellften verbinden. Und die Bahnen, die das feit der Durchftechung der Landenge von Suez thun, find auf die Uebergänge über die Alpen angewiefen und fchon überfchreitet die Semmering- und die Brenner- Bahn die Gebirgskette. Die Mont Cenis- Bahn durchbricht fie, die Gotthard- Bahn, mit einem Aufwand von 185 Millionen Francs, fucht fie zu durchbrechen. Weiter fuchte Oefterreich über die rhätifchen Alpen mit der Arlberger Bahn, die Schweiz, Deutſchland und Italien gemeinfam über den Splügen hinüber zu fetzen. Der Welthandel. 31 Und wird einft das griechifche Bahnnetz ausgebaut, das Project der Euphratbahn Wahrheit fein, dann werden jene Hauptbahnen zur Vollendung gekommen fein, die Europa braucht. Hamburg, Wien, Salonichi wird die einzige Hauptlinie vielleicht fein, die Europa nach Eifenbahn- Diftricten abtheilt, und wenn wir allen diefen Linien nachgehen, zumeift jenen, welche die Alpen überfteigen, dann dem Weg folgen, der Wien an die türkifchen Bahnen drängt, Philippopel, Saremberg, Adrianopel, endlich Conftantinopel mit Hamburg verbindet, fo treffen wir auf die Spuren des alten Handelsweges Venedigs und Genuas, auf die Refte, welche die römifche Herrfchaft in ihren Heerftrafsen uns hinterliefs. Was wir hier nicht weiter ausführen können, das kann die Darftellung der Rohproducte, die Europa verarbeitet, und die Bewegung feiner Fabricate, die Afien verzehrt oder die Maffe der wohlgefüllten Säcke der Overlandmail, welche heute durch den Mont Cenis- Tunnel gehen, genauer beleuchten. Faft ein ähnliches Bild, nur einer dem Alterthum fremden Welt angehörig, fehen wir in den Bau der amerikanifchen Bahnen. Es laffen fich heute nicht mehr Namen genug finden, die die rafch gefchaffenen Bahnen kennzeichnen und von einander fcheiden follen. Aber die Bewegung hat nur ein Ziel. Das reiche Innere der neuen Welt den bevölkerten Küftenftrichen zugänglich zu machen, wie diefs zumeift Südamerika zeigt, der Bau der Bahnen in Peru und Brafilien. Die vereinigten Staaten von Amerika, die diefes Ziel faft erreicht und die fernften Grenzen verbunden haben, drängen jetzt fchon die Wege von dort nach Liverpool zu kürzen, ein Ziel, das zumeift die Texas- Pacific Railroad anftrebt, welche von dem Often Texas über El Paso und Mexico nach Sant Diego führen wird und da nach 440 geographifchen Meilen Wegs fich an die Pacific- Railroad von California anfchliefsen wird. Damit ift die Verbindung vom Staate Maine nach St. John gegeben, die den Weg von New- York nach Liverpool um 36 Stunden abkürzt. Einer ferneren Gefchichte bleibt es vielleicht vorbehalten, einft Afrika, fo wie Amerika durch die Eifenbahn der Cultur zu erfchliefsen. Die Schifffahrt. Billigkeit und Maffenhaftigkeit der Leiftung haben die Schifffahrt zu einem Moment des Handels und des Weltverkehres frühzeitig gemacht und erhalten fie heute noch in diefem. Die Binnenländer find durch die Flufs- Schifffahrt, die Welttheile durch die See- Schifffahrt einander nahe gebracht worden. Allein es iſt natürlich, dafs die Fähigkeit eines Landes in diefer Richtung an dem Verkehr und der Culturbewegung fich zu betheiligen, von der Entwicklung feiner Küftenlänge und feines Flufsgebietes abhängt. Das hat fchon Carl Zachariä in feinen 40 Büchern vom Staate fo geiftreich beleuchtet, und ift wohl der ficherfte Grund für Europas rafche Entwicklung und Culturkraft und trägt wohl auch Nordamerikas wunderfame rafche Culturblüthe. Die Küftenentwicklung der verfchiedenen Welttheile ift fo entwickelt, dafs auf eine Meile Küftenlänge entfallen. " 9 in Europa Nordamerika • • Auftralien 99 • Südamerika " • • Afien. " Afrika " • 38.6 Quadratmeilen Land 58 " • • 73 95 99 29 152 29 ##### &&& " " " Dabei hat Europa zahlreiche fchiffbare Flüffe, von denen wir mit 510 Meilen Lauflänge die Wolga Donau " 9 29 385 77 " den Dnieper" 270 99 99 32 Dr. Carl Thomas Richter. die Theifs mit 180 Meilen Lauflänge Elbe 27 27 171 " 1 " den Rhein 29 150 22 die Rhone " 140 " Weichfel 22 " 130 " 29 Loir 27 29 130 77 " 9 Oder 120 " " 29 27 hervorheben. Auch die Gefchichte der Schifffahrt hat ihre grofsen Momente und jede Entwicklung in ihr ift eine Entwicklung des menfchlichen Culturlebens. Die Entwicklung der Ruder- Schifffahrt an den Küften, der See- Schifffahrt nach der Erfindung des Compaffes find folche Momente, und die Hanfa, Venedig, Portugal, Holland und England treten allmälig mit ihr in die Gefchichte der Menfchheit epochemachend ein. Allein auch hier ift es wieder die Dampfkraft, welche der Fähigkeit der Nationen die Macht gibt, fie vollkommen auszunützen. Gerade ein Jahrhundert liegt zwifchen dem Verfuche des deutfchen Profeffors Papin, der auf der Fulda bei Caffel ein erftes Dampffchiff fahren liefs und ,, Fulton's Narrheit", das 1807 auf dem Hudfon fuhr. In rafcher Entwicklung folgt nun bald die Vollendung, bis 1829 Reffel's erftes Schraubenfchiff im Hafen von Trieft, 1852 Seydell's erfter Reactions dampfer in See ging. In diefer Zeit fchon, und immer mehr feither geht die Segelfchifffahrt rafch zur Dampffchifffahrt über. Die europäifche Handelsmarine entwickelte fich in folgender Weife: Summe der Schiffe Jahr 1860 Dampffchiffe Segelfchiffe 2.974 92.272 95.246 1865 4.021 95-993 100.014 1869 4.289 96.009 100.298 1871 4.824 92.053 96.877 Tragfähigkeit in Tonnen 10,800.647 12,436.208 12,7 61.875 12,607.627 Davon entfallen auf England allein nach einer rafchen Entwicklung feiner Dampfflotte 1871: 1,340.538 Tonnen, nachdem es 1860 erft 454.327 Tonnen Tragfähigkeit zählte. Frankreich befafs 1870: 142.942, nachdem 1860 erft 68.025 Tonnen Tragfähigkeit feine Dampffchiffe hatten. Es fei hier auch der deutfchen Handelsflotte, fo weit genaue Angaben erreichbar find, gedacht. Die Hamburgifche Rhederei beftand: 1850 aus 326 Schiffen mit 1862 506 " 2 29 1869 473 " 43.505 Laften 104.064 127.421 27 " " " Die Durchfchnittsgröfse ftieg danach um 84.8 Percent. Zur Bremifchen Handelsflotte gehörten: 1850 222 Schiffe mit 45.380 Laften 1862 277 1869 300 27 27 71 89.108 119.209 " 7 ftieg mithin die Durchfchnittsgröfse um 95 2 Percent. Die preufsifche Rhederei umfafste: 1858 1862 " 2" 1204 Schiffe mit 153.548 Laften 1366 1869 1454 77 29 176.268 191.484 " " 9 Die Steigerung der Durchfchnittsgröfse beträgt alfo 33 Percent. Die Gründe diefer Steigerung find leicht erklärlich durch das Steigen des transatlantifchen Verkehrs, wo immer gröfsere Schiffe möglich, dann durch die Einführung der Dampfkraft, wobei für die Ausnützung derfelben der Tonnengehalt der Schiffe vermehrt werden kann und durch die Sorge, die Betriebs Der Welthandel. 33 koften zu verringern, die bei gröfseren Schiffen verhältnifsmäfsig kleiner find, als bei kleinen. Die hervorragendften feefahrenden Staaten haben heute auf hoher See eine Flotte, die fich folgendermassen vertheilt: Staat England Britifche Colonien Britifche Flagge Vereinigte Staaten Deutſchland Zahl der Schiffe Tonnengehalt 25.892 5,781.509 10.975 1,472.019 36.867 7,253.528 16.943 2,752.602 5.122 1,305.372 Frankreich • 15.778 1,074.656 Algier 125 4.609 Norwegen 6.993 1,038,927 Italien 18.822 1,013.038 Niederlande 1.925 499.506 Niederländifche Colonien 880 77.946 Spanien 4.514 390.700 Oefterreich 2.970 378.681 Schweden 3.495 369.900 Griechenland 5.422 334.900 Rufsland. 2.646 230.229 Dänemark 2.735 184.407 Türkei Finnland Portugal Belgien 2.200 182.000 504 162.704 817 88.392 67 30.149 Brafilien IOO 20.000 Chili Peru Havai Tunis 75 90 57 IOO 15.870 9.596 8.197 4.000 Hiernach zählen die hervorragendften der feefahrenden Nationen( ohne China, Japan etc.) einen Handelsmarine- Stand von 7.800 Dampfern mit 2,633.000 Tonnen Tragkraft 121.500 Segler " 14,606.000 " " 129.300 Schiffe mit 17,239.000 Tonnen Tragkraft. Dabei mögen, wenn man einen Mann per 25 Tonnen Tragkraft rechnet, bei der Handelsmarine der Welt beiläufig 800.000 Menfchen befchäftigt fein. Der jährliche Weltverkehr zur See wird von Wagner auf 295 Millionen Tonnen oder 5900 Millionen Centner gefchätzt, alfo faft ein Drittel mehr des gefammten Eifenbahn- Verkehres. Wir müffen doch auch auf die Tragfähigkeit der Flufsfchifffahrt unfer Augenmerk richten, denn wenn auch durch die Eifenbahn- Concurrenz in den letzten Jahren eine bedeutende Abfchwächung des Flufstransportes eintreten mag, fo ift die Flufsfchifffahrt immer noch von nicht zu unterfchätzender Bedeutung. Dauernd wird die Fracht ftromabwärts durch ihre mögliche Billigkeit von Bedeutung bleiben, die Fracht ftromaufwärts aber durch die allgemeine Einführung der Kettenfchlepp- Schifffahrt ficher von immer gröfserer Bedeutung werden. Wir geben in dem Folgenden eine kurze Tabelle des Güterverkehres der grofsen deutfchen Ströme und können nur bedauern, dafs eine umfaffende Statiſtik der Flufsfracht nicht vorhanden, ja felbft die Verzeichnung der Frachten auf den deutfchen Strömen keineswegs mit der nöthigen Sorgfalt und Schnelligkeit gefchaffen und vergleichbar gemacht wird. 3 34 Dr. Carl Thomas Richter. Die Flufsfracht betrug auf der Donau( 1870) 53 Meilen Länge, 1078 Mill. Ctr. Meil, 20 3 Mill. per Meile dem Rhein( 1868) 75 IOOO 95 99 99 " " " d. unt. Elbe( 1869) 40 99 " 1 336.5 13.3 8.4 99 2) 29 11 29 SP 23 d. ob. Elbe( 1872) 44 IOO 99 " 99 22 2.3 27 " 29 650 " 22 14'I 21 " 99 22 d. Havel u. Spree( 1871) 46, Es ift dabei die koloffale Fracht der Spree und Havel befonders bemerkenswerth. Mit diefem gewaltigen Körper wird durch die Flufsfchifffahrt das Binnenland, durch die kurze Schifffahrt die Küfte, durch die lange Schifffahrt die Welttheile in den grofsen wirthschaftlichen Handelsverkehr einbezogen und es ift natürlich, dafs, je mehr die Schifffahrt durch Regelmässigkeit und Sicherheit geleitet wird, defto mächtiger ihre Einwirkung auf das Culturleben der Menfchen ift. Sie ergänzt die Land- und Wafferftrafsen und ergänzt das Eifenbahnfyftem der Welt. Die Strafsen. Die Strafsen, gleichgiltig ob Land- oder künftliche Wafferftrafsen, find durch die Macht des Eifenbahn- und Dampffchifffahrt- Wefens heute auf einen Behelf derfel ben herabgedrängt worden, aber gerade in diefer ihrer Stellung find fie von grofser Wichtigkeit für die an den grofsen Verkehrswegen der Gegenwart liegenden Confumtions- und Productionsorte. Für den billigen und mäfsigen Transport haben fie weiter ihre Aufgabe zwifchen den Nachbarorten zu erfüllen und es ift leicht erklärlich, warum auch in unferer Zeit die technifchen Seiten des Strafsen- und Wafferbaues fich fortgefetzt entwickeln und die Staaten dem Ausbaue des Strafsennetzes gleiche Sorgfalt zuwenden, ebenfo wie jene, die für Canalbauten fich eignen, diefen. Freilich ftehen wir in diefer Richtung noch weit hinter dem altrömifchen Strafsenbau zurück, wie ihn Gibbon in feiner Grofsartigkeit gefchildert hat. Aber die Aufgabe, die die Strafsen heute noch zu erfüllen haben, Zu- und Abfahrtswege, gewiffermafsen Vertheilungsquellen zu fein der Eifenbahnen und Dampffchiffe, werden fich auch heute noch weiter entwickeln. Es mag die folgende Tabelle das Weitere erörtern und müffen wir nur bemerken, dafs die Statiſtik hier nicht bis in unfere Tage hereinreicht. Es ift wohl aber auch wahrfcheinlich, dafs die letzten Jahre, fo fehr vom Eifenbahn- Bau in Anfpruch genommen, wenig geändert haben. Vertheilung der Strafsen und Canäle: Kilom, Kilom. Strafsen Strafsen Kilometer per Mill. perQ.M. Flüffe Canäle Einw. Waffer- WafferFlüffe wege, und wege perMill. per Canäle, Einw. Q.Meile Fläche Land Kilom. Strafsen Fläche Frankreich 323.607 8.873 8.873 33'7 33.7 9.500 9.500 4.750 4.750 14.250 390 148 England 230.641 7.249 40 5 4.361 4.988 Oefterreich 109.845 3.059 9.7 9.103 9.349 294 164 842 9.945 277 0.88 Deutſchland 88.392 2.152 9.0 - Rufsland Schweden - 31.337 1.381 32.718 431 0.32 Belgien Italien 53.867 12.813 6.7 24.659 24.562 4.847 46.4 919 4.6 925 588 776 588 139 0.07 1.701 334 3.48 - - Norwegen 18.000 10.280 31 Spanien 13.540 813 15 150 543 74 74 Dänemark 62.00 3.474 8.9 693 42 160 304 464 260 0.67 74 42 Ο ΟΙ 0.07 Europäiſche Türkei 10.297 642 I'I 1.519 1.519 95 0.16 Afatifche Türkei. 15.622 974 0.5 3.690 - 3.690 224 O'II Der Welthandel, 35 Das Poftwefen. Abgefehen von den Jahrtaufend alten Einrichtungen, welche räumlich gegebenen Intereffen eine fichere und fchnelle Verbindung fchon gefchaffen hatten, datirt unfer heutiges Poftwefen doch nur von der erften und eigentlichen Poft, wie fie Franz von Taxis 1516 zwifchen Wien und Brüffel eingerichtet hat. In rafcher Aufeinanderfolge nehmen Frankreich( 1603), England( 1678), Preufsen( 1701) die Einrichtung für ihre Intereffen auf, und nach zwei Jahrhunderten, vor Allem aber nach der Verbindung des Poftdienftes mit dem Eifenbahn- und Dampffchifffahrts- Wefen ift die Poft einer der mächtigften Hebel des geiftigen und materiellen Lebens der Menfchheit, ein Verkehrsmittel, das auf die Ordnung des Staates, der Familie und der Wirthschaft tief einwirkt. Wir können diefs nicht beffer illuftriren und auch dem einfachften Geifte nicht leichter näher bringen, als wenn wir den Poftdienft der gröfsten Staaten Europas und Nordamerikas in wenigen Zahlen wieder darftellen. In Oefterreich mit Ausfchlufs Ungarns beftanden 1871: 3512 Poftanftalten, alfo eine Poftanftalt auf 5750 Bewohner und 154 Quadratmeilen. Im deutfchen Reichspoft Gebiete 4897 Poftanftalten oder eine Anftalt auf 4910 Bewohner, 161 Quadratmeilen. In dem 20.000 Quadratmeilen und 70 Millionen Einwohner umfaffenden deutfch- öfterreichifchen Poftgebiete mögen heute mehr als 9000 Poftanftalten mit 20.000 Wagen, mehr als 52.000 Poftbeamten und Dienern und faft 33.000 Poftpferden den Dienft verfehen. Die Meilenzahl, welche in Deutfch- Oefterreich durch die Poften zurückgelegt wurden, betrug: 1869 1870. 1871 1,034.619 985.600 1,660,774 1,869.768 auf Strafsen auf Schiffen 2,847.581 3,111,032 3,183.667 1,026.545 1,034.023 auf Eifenbahnen. alfo täglich 13.314 Summa 4,859.726 5,805.829 6,088.054 15.909 16.879 Die gröfste Ausbildung des Poftdienftes mag wohl in den Vereinigten Staaten von Nordamerika erreicht und durch die koloffalen Entfernungen auch die Summe der Mittel für den Dienft am gewaltigften ausgebildet fein. Die Fahrpoft Atchifon am Miffouri nach San Francisco gebietet allein über 300 Wagen und 6500 Pferde und legt die Strecke von 5500 Kilometern in 17 bis 18 Tagen zurück. Früher wurde fie durch den ,, Ponny- Express" in 10 Tagen, alfo mit einer Gefchwindigkeit von 3 geographifchen Meilen per Stunde zurückgelegt. Mit der telegraphifchen Verbindung wurde diefer Dienft aufgelöft. Die Poftleiftungen oder die Zahl der Poftfendungen fteigt, wie bekannt, durch die Entwicklung der Beförderungsmittel, durch die Billigkeit der Leiftung und die gefammte geiftige und wirthschaftliche Entwicklung der Völker. Daher ift die Zahl der Poftfendungen wie wenig andere Zahlen von grofser cultur gefchichtlicher Bedeutung. Wir geben auch hier einige befonders belehrende Zahlen: In den Vereinigten Staaten von Nordamerika wurden befördert: im Jahre 1790 265.000 Stück Briefe 1800 2 Millionen ,, ንን " 1815 7 وو 29 29 " 1825 ΙΟ 17 22 29 20 1840 40 27 22 22 29 3* 36 Dr. Carl Thomas Richter. im Jahre 1855 1868 " " 9 119 Mill. Stück Briefe 531 1871 655 17 29 " 备 In England wurden befördert: im Jahre 1840 169 Millionen Briefe 1850 " 347 29 1860 99 564 " 1865 720 27 " " 1871 992 77 カカカカ " In Frankreich wurden befördert: im Jahre 1847 126 Millionen Briefe 79 1857 252 " " " 1867 342 " " 79 1869 37° 2 " im Jahre 1825 In Rufsland wurden befördert: 5 Millionen Briefe 99 1845 IO " " ን " 1855 16.7 27 29 1868 29 43.5 22 " Im deutfchen Bundesgebiete wurden befördert: im Jahre 1868 307 Millionen Briefe " 27 1869 1871 341 " " 426 27 In Oefterreich- Ungarn wurden befördert: im Jahre 1830 18.5 Millionen Briefe " 1840 29.2 " " " 1850 42 0 29 :) 1862 : 105.5 " 99 " 1871 217.9 " 9 39 Die verfendeten Zeitungsexemplare betrugen: in Belgien ( 1870) " Deutfchland( 1871) " ., Frankreich England Italien " Oefterreich " 99 Ungarn 46: 9 Millionen Stück 284.0 " 29 379 0 99 " 99.0 " 27 ( 1870) ( 1871) und 103 Millionen andere Druckfachen ( 1869) 59 9 Millionen Stück ( 1871) 51-8 27 " ( 1871) 22.8 77 " Darnach entfallen per Kopf der Bevölkerung Briefe und Zeitungen: Land in England. der Schweiz " den Vereinigten Staaten ° 1865 1870 24'0 26.0 15.6 13.2 1870 4 Stück 20˚0 II 29 17.0 - " Der Welthandel. Land in Frankreich 1865 1870 8.9 9.7 1870 9 Stück 37 Belgien 6.9 10.6 99 den Niederlanden 6.4 IO O 6.9 " 9 5: deutfchen Staaten 6.2 10 4 27 21 " " engl. Colonien in Nordamerika 5: 3 - Dänemark 4'I Italien 4'0 44 6.6 2: 5 $ 9 " 99 " Spanien. 3.9 44 I O 99 99 Oefterreich( Cisleithanien). " " Ungarn. :} Schweden. " 29 Norwegen 322 3.6 69 2.9 27 2: 5 وو 2.5 - 14" 0.6 2.I 3.I 99 Griechenland 0.5 I- 7 ΙΟ "" " Portugal 0.5 29 Britifch Oftindien 0.4 27 0.2 0.6 29 im europäiſchen Rufsland Heben wir England, Frankreich und Oefterreich- Ungarn hervor, fo fehen wir aus dem Briefverkehre die Entwicklung zugleich der Staaten. Es entfielen: in England Frankreich " 9 " Oefterreich- Ungarn per Einwohner. Briefe Briefe Briefe 1860 1860 22 7: 3 1860 3.6 1865 1865= 1865= 24 3.6 187026 8.9 1870 1870 9.7 6.2 Es ist natürlich, dafs heute die wichtigften Poftlinien den grofsen Strängen der Eifenbahnen folgen, und je wichtiger diefe, defto wichtiger gewifs auch die Poftlinien. Die Brennerbahn früher, und heute die Mont Cenis- Bahn bildet für England, Indien die wichtigfte Poftlinie. Man fchätzt die Poft von England nach Indien auf 34.000 Briefe, 101.600 Zeitungen, abgefehen von den koloffalen Geldfummen, die diefen Weg gehen. Jede Poft Indien nach England foll regelmässig 42.840 Briefe und 23.800 Zeitungen bringen. Die wichtigften See- Poftlinien find die Cunardlinien, der füdatlantifche und der indifche Curs, und die von dem norddeutfchen und öfterreichiſchen Lloyd, der Compagnie Générale Transatlantique, der Compagnie des services maritimes des meffageries Imperiales, und die von der Penninfular and orientale Steam Navigation Company befahrenen Strecken. Die letztgenannte Gefellſchaft vertritt wohl den gröfsten See- Poftdienft, da bis jetzt jede Poftfendung, in Southampton an Bord genommen, 1000 Centner wog. Die gefammten Briefe und Bandfendungen, welche 1870 durch die Poften der Erde bewegt worden find, fchätzt man auf 5072 Millionen Stück, die, den Brief zu Loth, die Bandfendung zu 1½ Loth angenommen, 1,434.986 Zollcentner wiegen würden. Dazu kommen nun noch die koloffalen Geldfendungen, die, um nur ein Beiſpiel zu geben, für das deutſche Poftgebiet 1869: 2130 Millionen 1870 2283 Millionen, 1871: 3015 Millionen Thaler, blofs für den inneren Verkehr betrugen. In Oefterreich betrugen 1871 die Geldfendungen 14,955.174 fl. die Werthfendungen 2607,009.317 Gulden. 38 Dr. Carl Thomas Richter. Die Telegraphen. Wenn jedes Verkehrsmittel, und fei es noch fo einfach, einen Culturfortfchritt bedeutet, weil es die Menfchen einander näher bringt und ihr Leben und ihre Intereffen vereint, fo ift der Telegraph das Verkehrsmittel, welches Leben und Denken von Völkern und Staaten, ja von Welttheilen zur Einheit gemacht, und eine Intereffengemeinfchaft gefchaffen hat, wie keine Zeit fie vorher gekannt hat. Dafs die Menfchen frühzeitig diefes gegenfeitige Angewiefenfein auf einander erkannt haben, dafs fie fich bemüht haben, Mittel und Wege zu fchaffen, diefs möglich und immer leichter möglich zu machen, das zeigt auch die Gefchichte der Erfindung des Telegraphen. Wenn wir die uralte Zeichenpoft ganz bei Seite laffen, fo zieht fich durch unfere moderne Cultur ein mehr als hundertjähriges Suchen, ein Mittel zu finden, durch welches Menfchen, vom gröfsten Raume getrennt, fich fchnell und ficher verbinden können. Die Erkenntnifs der Elektricität aber, und die Erfindung, fie in ihren Kräften auszunützen, hat zuerft den Menfchen den richtigen Behelf gegeben, und mit Steinheil in München und Morfe in New York war die Erfindung des Telegraphen, wie er heute die Intereffen der Menfchheit verbindet, vollendet. Vom Jahre 1840, in welchem man die erfte Telegraphenleitung der Blackwellbahn entlang in Amerika legte, bis in unfere Tage, in denen 116.786 geographifche Meilen Drähte die Welt durchziehen, haben die Culturvölker Millionen geopfert, um ein Telegraphennetz zu fchaffen, das mehr als jedes andere Verkehrsmittel die Cultur der Welt trägt, für Gemeinfamkeit der Intereffen, und für Frieden und Wohlfein in Staat und Familie beigetragen hat. Wenn nun irgendwo Zahlen den Fleifs der Menfchheit illuftriren, fo ift es in dem Bilde, das das bis heute ausgebaute Telegraphennetz darftellt. Das Welt- Telegraphennetz vertheilt fich heute( 1871) folgendermafsen Linien Kilometer Leitungen Kilometer in Europa. Amerika " Afien " Auftralien " Afrika. " der Submarine- Kabel Summa. oder in geographifchen Meilen 188.027 105.654 517.074 260.290 35-146 13.670 II. 160 11.819 365-476 40.100 15 594 16.800 16.697 866 555 49.255 116.786 ein Längenmafs von Drähten, mit dem man 22mal die Erde am Aequator um fpannen könnte, und das mit einer Laft von 3 Millionen Centner Eifen auf 11% Millionen Säulen ruht. Das europäiſche Telegraphennetz umfafste in feinem Wachsthum von 1860 an: Linien geogr. Meilen Leitungen geogr. Meilen Bureaux Depefchen Im Jahre 1860 17.000 1865 26.700 1868 33.103 1869 und 1870 36.563 1871 und 1872 38.490 39.600 73.000 3.502 7.785 8,917.938 20,850.511 91.16 7 10.995 30,984.008 98.19 3 13.587 38,567.298 105.5 25 16.768 51,976.000 Mit diefem Netze fprechen alle gebildeten Völker, alle Städte derfelben, ja felbft die Continente mit einander, denn Europa ift mit Amerika durch drei Der Welthandel. 39 Kabel, mit Afien durch drei Linien, mit Afrika durch ein Kabel verbunden, Afien mit Auftralien gleichfalls durch ein Kabel. Das erfte und wichtigfte Kabel ift, wie bekannt nach einer 12jährigen Arbeit und vielen Millionen Thalern am 13. Juli 1866 gelegt worden und hat Amerika mit Europa verbunden. Am 8. September 1866 wurde das 1865 verloren gegangene Kabel gefunden, und als zweite Leitung von Europa nach Amerika glücklich feftgelegt. Das europäifche Telegraphennetz vertheilt fich auf die einzelnen Staaten nach den neueften Erhebungen und verbunden auf die Zahl der Depefchen, wie folgt: Land I Linien Auf 1 Meile geogr. Linie entf. Meilen geographifche Quadratmeilen Auf I StaatsStück Telegr.- Station kommen Bewohner daher per 1000 Depefchen Einwohn. Frankreich 1870 5880 17 18.900 Grofs- Britannien 1869 4820 211 10.000 6,309.305 173 12.516.027 393 ganz Deufchland 1871 4745 2.0 21.900 9,823.707 239 europ. Rufsland Oefterreich- Ung. 1870 4684 0.9 2,576.858 1871 4134 2.6 38.300 5,972.504 34 166 ganze Türkei 1870 3398 Nord- Deutfchland 1871 3385 825.393 8,092.684 79 - Italien 1871 2462 2.2 37.800 3,067.697 115 Spanien 1871 1568 5.9 996.9 12 59 Schweden 1870 922 7.8 42.000 590.300 140 Norwegen 1870 743 6.9 17.800 462.162 264 Schweiz 1871 709 II 4.280 2,023.994 758 Belgien 1870 587 0.9 22.200 1,998.41 2 392 Rumänien 1871 470 4.9 79.400 52 1.0 17 124 Niederlande 1871 416 14 28.300 2,038.247 563 Portugal 1871 390 4'3 35.800 239.865 60 Dänemark 1870 265 2.6 24.800 539.445 302 Griechenland Serbien 1870 215 4.0 36.800 II 2.808 77 1870 I3I 6.0 48.900 72.500 55 Was die Zahl der Depefchen anbelangt, fo ift in ihrer Summe vom Jahre 1860 bis 1871 eine Steigerung eingetreten von 8,917.938 auf 51,976.000, oder, eine Depefche auf 1000 Einwohner gefetzt, eine Steigerung von 32 auf 172, was nicht blofs der Vergröfserung des Telegraphennetzes, fondern auch der Ausbildung feiner Benützung zu Gute gefchrieben werden mufs. Die Summe aller Depefchen auf dem gefammten Welt- Telegraphennetz fchätzt Wagner für 1871 auf 67 Millionen Stück. Davon entfielen auf die Vereinigten Staaten von Nordamerika 12,405.000 Stück gleich 319 per 1000 Einwohner, nach Frankreich und Belgien der höchfte Telegraphenverkehr der Welt. Wir laffen zum Schluffe der Betrachtung über die Mittel des Weltverkehres eine fummarifche Tabelle folgen, aus der am beften hervorgeht, was gefchehen ift und was noch gefchehen foll und kann: Summarifche Tabelle der Mittel des Weltverkehrs. Die Welttheile: Europa 111.908 Kilometer Eifenbahn 188 027 Kilometer Telegraph Amerika 109.961 99 " Afien 8.533 " 2 " 7 105.654 35.146 " 29 " 9 29 Afrika Auftralien. 1.773 1.812 11.160 " 99 19 99 22 " ን 13.670 " 27 40 Dr. Carl Thomas Richter. Die Mittel des Weltverkehres in Europa und Nordamerika. Strafsen Canäle Flotte Eifenbahnen Staat in Kilometern in Kilometern in Tonnen in Kilometern Telegraphen in geograph. Meilen Einwohner Geograph. Quadratmeilen Deutſchland 88.392 - Oefterreich- Ungarn 109.845 England Frankreich Belgien Niederlande Schweiz Italien. Spanien Portugal Dänemark Schweden. Norwegen. Rufsland in Europa Türkei in Europa Griechenland Nordamerika 230.607 842 4.988 1,305.372 373.681 7,253.528 21.1 5 1 4.745 41,058.632 9.887.40 11.899 4.1 34 24.603 4.820 35,904.735 31,81 7.1 08 10.816.94 323.607 4.750 1,074.656 17.666 5.880 36,1 02.820 24.659 774 30.149 3.04 1 587 5,087.105 577.452 1.616 416 - - 1.472 709 • 24.562 1,013.038 6.378 2.462 3,915.956 2,5 07.170 26,796.253 13.540 543 390.700 1.568 16,30 1.851 6.108 - 88.392 390 3,995.15 2 5.696.66 9.5 99 46 534-93 5.96.40 752.19 5.375.90 9.2 08.30 1.622.78 6.200 304 184.407 876 265 1,784.74 1 693.92 56.995 1 8.000 588 358.189 951 4,204.177 7.355.89 2.258 74 1,038.927 743 1,70 1.3 65 5-751-48 - 1.38 1 230.229 13.950 4.684 63,658.9 34 104.8 34.70 10.297 182.000 3.398 12,78 7.000? 1.062 334.900 2,572.602 100.818 215 15.891 1,45 7.89 4 38,1 1 5.6 41 6.30 2.50 910.28 169.884. Der Welthandel. 41 Die Umlaufsmittel. Der Welthandel, wie ihn die Verkehrsmittel in ihren verfchiedenen Ausbildungen tragen, wird erft vollendet und zur berechenbaren Einheit erhoben, durch das Taufch- und Umlaufsmittel, oder, was gleichbedeutend ift, das Zahlungsmittel. Erft durch die Zahlungsmittel findet jede Waare ihren beftimmten, berechenbaren Ausdruck, gewiffermafsen ihre Fixirung im Welthandel. Und diefer Ausdruck ift der Preis. Er kennzeichnet den Taufchwerth aller Güter, aber wird felbft gebildet durch ein Gut, das Geld, das als Währungsmünze und Werthzeichen feinen gangbaren Ausdruck findet. Die Grundelemente, welche den Taufchwerth oder den Preis aller Güter bilden, Angebot und Nachfrage, bilden auch den Preis des Geldes, in wecher Form es auch erfcheinen mag. Das wichtigfte Geld wird nun immer durch das Münzgeld, Gold und Silber, gebildet, und es ift gewifs, dafs diefes felbft auch den Preis und Werth aller anderen Geldzeichen beftimmt. Es bewegt fich daher der Preis aller Güter nach dem Preife des Geldes aus Gold und Silber. Das Angebot nun der edlen Metalle wird wie das Angebot aller Güter, durch die Productionsmenge beftimmt, und die Summe der vorhandenen, früher erzeugten und in Umlauf befindlichen Mengen. Die Nachfrage nach den edlen Metallen wird gleichfalls wieder, wie die Nachfrage nach allen anderen Gütern, freilich durch die wechfelvollen, menfchlichen Bedürfniffe, welche fie befriedigen follen, viel kräftiger wirkend, fie wird beftimmt durch den Gebrauch das Bedürfnifs, beim Geld das Bedürfnifs des Kaufes oder beffer des Taufches zu befriedigen. Ein Moment wirkt freilich feit Jahrhunderten ganz felbftftändig auf die Nachfrage des Geldes aus edlen Metallen und fomit auch auf das Geld felbft. Es ift die regelmäfsige Abfuhr des europäifchen Goldes und Silbers für Europa heute noch ein unumgänglich nothwendiges Lebensbedürfnifs nach Indien und Oftafien. Drei grofse Perioden hat diefe Bewegung des Geldftromes, die man nach den Orten, über die fie fich vollzog, für das Alterthum die Periode Alexandriens und feines Welthandels, für das Mittelalter die Periode des Handels Venedigs, und für die Gegenwart, in welcher die Abftrömung noch fortdauert, die Periode Englands und feiner Herrfchaft im Welthandel nennen könnte. Ueber Alexandrien und Venedig vollzog fich, über London vollzieht fich heute die Gold- und Silberabfuhr gegenüber einem Strome von Rohproducten und Gütern, welcher in einem Jahrtaufend feinem Inhalte nach faft gleich geblieben ift. Und diefe Abfuhr wird fo lange dauern, fo lange wir für Thee und Seide der Chinefen, für Baumwolle, Farbftoffe, edle Gewebe u. f. w. der Indier nicht unfere Eifenbahn- Schienen, unfere Mafchinenftoffe, unfere Bildungsmittel u. f. w. dahingeben können. Wir bemerken übrigens heute fchon in den recht wechfelvollen Ziffern des Exportes der edlen Metalle, dafs eine Veränderung in dem Bedarfe der Völker Afiens fich allmälig ausbildet und dem Strome der afatifchen Güter nach Europa nicht mehr blofs edle Metalle, fondern auch europäiſche, wirthschaftliche Güter entgegenftrömen. Um diefs klarer zu machen, geben wir in dem Folgenden die Summe der eingeführten Edelmetalle nach dem Oriente. Sie betrug im Durchschnitte: Im Jahre 1861 bis 1865 in Thalern Gold und in Thalern Silber 86,930.400 32,220.000 Dagegen 1866 19,142.000 47,197.000 1867 9,994.000 13,682.000 1868 43,521.000 27,724.000 1869 17,509.000 43,761.000 1870 13,912.000 14,880.000 42 Dr. Carl Thomas Richter. Es entfallen fomit im Durchfchnitte der letzten zehnjährigen Periode nur noch 20,815.600 Thaler Gold und 28,648.800 Thaler in Silber auf den jährlichen Export. Es fliefst damit, wenn wir die obigen Ziffern betrachten, freilich noch ein fehr grofser Theil der gefammten Edelmetall- Maffe wieder ab, welche Grofsbritannien durchschnittlich einnimmt. Die vom englifchen Zollamte regiſtrirte Geldeinfuhr belief fich z. B. für das Jahr 1871 auf 21 6 Millionen Pfund Sterling in Gold, und die Silbereinfuhr auf 16.5 Millionen Pfund Sterling in Silber. Dafs der Wechfel der eben angegebenen Erfcheinungen, nach welchen zumeift die Silberausfuhr im bedeutenden Sinken begriffen ift, auf den Preis der edlen Metalle günftig einwirkte, ift leicht erklärlich, und ift durch die forgfältigen Unterfuchungen von Adolf Soetbeer zur Genüge nachgewiefen worden. Die allmälige Einführung der Goldwährung in ganz Europa dürfte auch darauf zurückwirken, und dabei jedenfalls Gold im Preife fteigern. Dafs die nach Indien und China zumeift über England ausgeführten Geldmengen, wo fie zum grofsen Theile vergraben werden und todt liegen bleiben, die Nachfrage in den Culturländern nach edlen Metallen ernftlich fteigern, und das Angebot immer noch bedeutend drücken, dafs weiter das Vordringen der europäiſchen Cultur in bisher noch verfchloffen gewefene Völker und Staaten eine Veränderung der Wirthschaft erzeugt, die als einen neuen Culturfactor immer Gold begehrt und die Naturalwirthschaft verdrängt, annähernd fomit durch den fteigenden Bedarf eine gleiche Wirkung erzeugt, fo kann man als ficher annehmen, dafs gar keine Productionsmenge von edlen Metallen eine Aufftauung derfelben oder eine Entwerthung derfelben heute erzeugen kann. Die Nachfrage nach Geld läfst fich nun wohl mit Ausnahme des immer tief eingreifenden und eben gefchilderten Begehrens Oftafiens und Indiens nicht genau beftimmen und berechnen. Die Factoren, welche das Refultat ergeben follten, find eben nicht beftimmbar. Der wichtigfte derfelben, die Verkehrsbewegung der gefammten Weltwirthschaft, kann, wie ficher auch unfere Handelsftatiſtik fein mag, keineswegs dafür ausreichen. Ganz anders ift es mit den Productionsmengen und den vorhandenen Geldmaffen. Die erfteren laffen fich immer genau berechnen, da die Fundorte bekannt find, die letzteren wenigftens annähernd ficher fchätzen. Indem wir die Hauptziffern dafür in Kürze wiederholen, folgen wir Adolf Soetbeer, deffen Berechnungen längft als die genaueften bekannt find. Der Gefammtbetrag und die Gefammtmenge der auf der Erde erzeugten Edelmetalle betrug Im Jahre Gold in Gewichtspfunden und Silber in Gewichtspfunden 1,910.000 eder Gold in Thalern 104,160.000 oder Silber in Thalern 57,300.000 1849 224.000 1850 251.200 2,090.000 116,808.000 62,700.000 1851 296.800 2,010.000 138,012.000 60,300.000 1852 477.100 1,980.000 221,851.500 59,400.000 1853 504.900 1,870.000 234,778.500 56,100.000 1854 450.300 1,900.000 209,389,500 57,000.000 1855 440.300 1856 466.100 1857 455.200 1858 442.000 2,000.000 2,030.000 2,120.000 2,250.000 204,739.500 60,000.000 216,736.500 60,900.000 211,668.000 63,600.000 205,530.000 67.500.000 1859 413.100 2,270.000 192,091.500 68,100.000 1860 383.300 2,380.000 178,234.500 71,400.000 1861 384.000 2,490.000 178,560.000 74,700.000 1862 379.000 2,650.000 176,235.000 79,500.000 1863 385.000 1864 1865 390.000 404.000 2,900.000 2,940.000 3,250.000 179,025.000 87,000.000 181,350.000 88,200.000 187,860.000 97,500.000 Der Welthandel. Im Jahre Gold in und Silber in Gewichtspfunden Gewichtspfunden 1866 412.500 3,200.000 1867 415.000 3,250.000 1868 410.000 3,100.000 1869 415.000 3,000.000 3,300.000 oder Gold in Thalern 191,812.000 oder Silber in Thalern 96,000.000 192,975.000 190,650.000 193,000.000 195,000.000 97.500.000 93,000.000 90,000.000 99,000.000 43 1870 420.000 Vom Jahre 1500 an bis zur Entdeckung Californiens 1848, alfo in einem Zeitraume, in welchem zumeift die Silberminen Europas noch den Geldbedarf decken mussten und die aufgehäuften Schätze Amerikas und Afiens, wie fie Eroberungs-, Kriegs- und Beutezüge nach Europa führten, betrug die vorhandene Geldmenge in Gold 4090 Millionen, in Silber 8850 Millionen. Der Werth und die Productivität der californifchen Goldminen, deren Ergebnifs die obige Tabelle zum grofsen Theile darftellt, ift heute längst im Sinken begriffen. Dagegen find mit dem Auffchluís der Goldlager von Neu- Seeland und Victoria neue und reiche Goldquellen entdeckt worden. Diefe englifchen Colonien haben zu dem Goldreichthum, wie England an einer Goldpiramide fchon 1867 zeigte, die Summe 937,859.250 Thaler in kaum 15 Jahren beigetragen. Freilich find feit den letzten fünf Jahren auch diefe ergiebigen Fundorte fchwieriger zugänglich geworden und ift die Ausbeute und Ausfuhr durch einige Zeit im Sinken gewefen. Im Jahre 1871 aber war die Ausbeute doch wieder eine fo bedeutende, dafs es wohl angezeigt fein mag, die amtliche Minenftatiſtik zu verfolgen, um aus den Ergebniffen derfelben nach langer Täufchung wieder neue Hoffnung zu gewinnen. Der Grund diefes Steigens der Ausbeute liegt in dem allmälig gewordenen Eifenbahn- Netze, welches die englifchen Colonien heute fchon durchzieht und die Goldfelder theils unter einander, theils mit den grofsen Städten verbindet. In Neu- Süd- Wales, gegründet am 26. Jänner 1788, heute beftehend aus 512 000 Coloniften, gehen jetzt nach dem Weften, Norden und Süden der Colonie beiläufig 304 englifche Meilen Eifenbahnen, deren Hauptftrang in die Hauptftadt Sidney an dem berühmten Port Jackfon mündet. Die Eifenbahnen haben bald die Gründung von geldkräftigen Compagnien angeregt, die heute für den allmälig ausgebildeten Goldbergbau fehr nöthig find. Die Alluvial- Diggings find längft fchon fehr arm geworden und da es fich heute um den Abbau der goldhaltigen Quarzriffe handelt, fo kann der arme Digger nicht mehr mit fort und nur die capitalskräftige Wirthschaft ift dafür ausreichend. Die Goldfelder der Colonie Neu- Süd- Wales zerfallen in die weftlichen, füdlichen und nördlichen. Die nachftehende Tabelle führt die einzelnen Goldfelder diefer drei grofsen Diftricte auf, unter Beifügung des gefundenen Goldes in den letzten drei Jahren. I. Weftliche Felder. Sofala Bathurft. Hargraves Tambaroora Mudgee. Orange Stoney Creek Forbes Grenfell. • Carcoar und Turnkey Totale. . 1869 Unzen 1870 1872 Unzen Unzen 15.779 12.903 12.153 15.816 27.579 8.575 4.388 3.753 4.512 17.567 18.699 42.073 20.177 19.967 37.654 19 10.431 6.078 9.257 3.669 3.424 3.105 2.583 . 41.543 36.231 21.979 20.103 9 131.953 128.634 159.411 44 Goulburn Braidwood. Adelong. Dr. Carl Thomas Richter. 2. Südliche Felder. Tumut Tumberumha und Wagga Araluen. Burrangong Cooma Kiandra Gundagai • Totale 1869 Unzen 1870 1871 Unzen Unzen 540 350 II.170 12.368 12.412 10.772 2.592 20.665 13.826 173 2.523 • 1.310 1.213 4.696 38.824 17.309 17.638 8.400 6.974 6.285 2.536 1.261 528 2.420 1.651 1.812 • 2.849 3.814 2.697 . 80.590 55-756 73.262 3. Nördliche Felder. Rocky River Nundle Tamworth Scone. Armidale Totale. 1869 1870 1871 Unzen Unzen Unzen • 2.784 3.122 2.050 5.905 6.347 7.239 950 1.309 1.395 521 2.728 3.494 3.587 12.888 14.272 14.271 Der Werth des Goldes differirt auf den verfchiedenen Diggings. Den höchften Preis behauptet das Tambaroora mit 3 Pfund Sterling 19 Shilling 5 Denar per Unze, auf den weftlichen; das Goulburn, ebenfalls mit 3 Pfund Sterling, 19 Shilling 5 Denar, auf den füdlichen und des Rocky River, mit 3 Pfund Sterling, 18 Shilling, 10 Denar, auf den nördlichen Goldfeldern. Am niedrigften im Werthe fteht das Tumberumba, welches augenblicklich mit 3 Pfund Sterling 10 Shilling 8 Denar bezahlt wird. Zur Vergleichung möge noch der Goldgewinn aus den Jahren 1860 bis 1869 beigefügt werden. Ertrag an Gold Ertrag an Gold Jahr Unzen 1860 356.572 1861 402.634 1862 575-538 1863 423.407 1864 316.430 Jahr Unzen 1865 280.810 1866 241.489 1867 222.715 1868 229.739 1869 224.382 Aus diefer Tabelle ergibt fich, dafs die Goldfelder der Colonie Neu- SüdWales von 1862 bis 1870 im Ertrage continuirlich abgenommen haben, und dafs erft im Jahre 1871 ein erhebliches Mehr gegen das Vorjahr erzielt wurde. Diefs haben die reichen goldhaltigen Quarzriffe, welche man auf den weftlichen Feldern Tambaroora und Turnkey auffand, bewirkt, und die nächfte Zeit dürfte noch beffere Erfolge aufweifen. Nach officieller Bekanntmachung ergab fich übrigens fchon per Jänner 1872 ein Ertrag von 22.295 Unzen, gegen 19.569 im gleichen Monate des Jahres 1871, der fich vertheilt wie folgt: Jahr Weftliche Goldfelder 1871 10.409 1872 14.134 Südliche Goldfelder Nördliche Goldfelder 7.788 1.372 7.257 904 Der Welthandel. 45 Das Tambaroora- Goldfeld ift, wie es bis jetzt erfcheint, der goldhaltigfte Quarzdiftrict in ganz Auftralien und jedes Fufsbreit Landes bereits reclamirt worden. Eine grofse Anzahl Compagnien, die faft an hundert reicht, hat fich dort neuerdings wieder gebildet, um die Riffe zu bearbeiten, und wenn auch wohl Monate vergehen werden, bevor diefelben productiv find, fo lautet doch das Urtheil competenter Perfonen, welche den Diftrict forgfältig unterfucht, in jeder Beziehung überaus günftig. Von noch grösserer Bedeutung find die auftralifchen Goldfelder Victoria. Seit dem Jahre 1851 aufgefchloffen, bilden fie das berühmtefte Goldfeld der Erde, nachdem Californien an Ergiebigkeit an Gold bedeutend nachgelaffen. Es liegt uns gegenwärtig der officielle Bericht über den Totalertrag der Victoria- Goldfelder im Jahre 1871 vor. Derfelbe bafirt auf dem Goldexport, und wenn eine folche Calculation auch nicht abfolut richtig ift, infofern als z. B. das in der Colonie verarbeitete Gold ausgefchloffen ift, fo ift fie doch approximativ die richtigfte, welche fich überhaupt machen läfst. Seitdem der Ausgangszoll auf Gold in Victoria aufgehoben, liegt kein Grund mehr zur Verheimlichung oder Falfification vor. Wir entnehmen nun aus diefem Berichte, dafs im letztverfloffenen Jahre 1871 überhaupt 1,355.477 Unzen Gold aus der Colonie exportirt wurden. Da aber die verfchiedenen Banken am 31. December 1870 im Befitze von 212.458 Unzen waren, dagegen am 31. December 1871 nur 162.360 Unzen beherbergten, fo würde fich damit der actuelle Ertrag des Jahres auf 1,303.379 Unzen reduciren. Rechnen wir den Werth der Unze Gold zu 4 Pfund Sterling( in Melbourne differirt er zwifchen 3 Pfund Sterling 18 Shilling und 3 Pfund Sterling 19 Shilling), fo würde diefs einen Werth von 5, 213.516 Pfund Sterling oder, das Pfund Sterling zu 6 Reichsthaler 22 Silbergrofchen gerechnet, von 35,104.341 Thalern ergeben. Die Zahl der im Jahre 1871 auf den Goldfeldern der Colonie Victoria befchäftigten Digger belief fich durchschnittlich auf 58.101. Auf das erfte Quartal entfielen 58.220, auf das zweite 57.439, auf das dritte 58.506, auf das vierte 58.241. Repartiren wir nun den obigen Ertrag, fo würden auf den Mann per Woche durchfchnittlich I Pfund Sterling 14 Shilling 6 Denar, oder II Reichsthaler 18 Silbergrofchen entfallenein für auftralifche Verhältniffe befcheidener Gewinn. Zur Vergleichung mögen die Statiſtiken aus den letzten Vorjahren angeführt werden. Jahr 1868 1869 1870 Zahl der Digger 63.121 68.037 60.367 macht per Mann wöchentlich I Pfd. Sterl. 16 Sh. Jahresbetrag an Gold 1,474.187 Unzen 1,367.903 1,281.841 I II 99 99 I 12 77 79 " Die Summirung des gefammten Werthes der edlen Metalle auf der ganzen Erde ergibt beiläufig 8200 Millionen Thaler in Gold 10.500 Millionen Thaler in Silber, alfo 43'9 Percent zu 56° 1 Percent. Da nun nach Mc. Culloch ungefähr die Hälfte des geprägten Metalles zu Schmuckgegenftänden verwendet wird, auf die Abnützung, welche Soetbeer freilich als keineswegs tief einfchneidend berechnet hat, doch ein kleiner Theil des Verluftes entfällt, fo circulirt eigentlich dem grofsen Güterleben gegenüber in den civilifirten Staaten verhältnifsmässig eine geringe Summe edler Metalle. Weiter mufs man dabei bedenken, dafs die grofsen Münzftätten immer einen bedeutenden Theil der edlen Metalle zurückhalten, keineswegs die gefammten Maffen ihres Einganges ausprägen und zur Deckung ihrer Noten und Credite zurückhalten, um zu erkennen, dafs auch damit dem Verkehr grofse Mengen edler Metalle entzogen werden. In Europa und Amerika mögen demnach im Ganzen 3654 Millionen Thaler circuliren, alfo beiläufig der fünfte Theil des ganzen, durch lange Jahre gefchaffenen Beftandes der edlen Metalle. Von der auf Europa entfallenden Geldmenge mag davon auf Frankreich, 1/7 auf England entfallen, welche Staaten von jeher durch die Vermeidung des Papiergeldes mehr edle Metalle gebraucht haben als die anderen Staaten Europas. 46 Dr. Carl Thomas Richter. Wir wollen am Schluffe noch nach Soetbeer's neueften Berechnungen die Geldausmünzungen der wichtigften Staaten Europas anführen. Folgende Darftellung zeigt die Münzausprägung in Deutfchland bis 1870. Sie betrug an: Goldmünzen.. Silber- Courantmünzen Thaler bis 1857 178.575.569 616,092.033 Silber- Scheidemünzen 21,772.373 Kupfermünzen... 3.523.706 Zufammen... 819,963,681 Thaler bis 1860 2,510.097 100,79.0375 Thaler bis 1870 176,065.472 515,301.658 5.138.749 20,157.330 108,439,221 711,524,460 Die Ausmünzungen in Oefterreich nach Abfchlufs des Wiener Münzvertrages bis zum 31. December 1867 haben( aufser 110,590.283 Gulden Oefterreichifcher Währung) betragen: an 2- und 1- Thalerftücken des Dreifsigthaler- Fuſses.. an Viertelgulden, Sechstel- Thalerftücken des Dreifsigthaler- Fuſses. 31,115.849 28,911,98956 Thaler Ein fehr bedeutender Theil diefer Münzforten circulirt in Deutſchland. Seit 1868 hat die Ausprägung von Thalerftücken des Dreifsigthaler- Fufses in Oefterreich aufgehört. Die vorſtehenden Ueberfichten rechtfertigen wohl die Annahme, dafs der gegenwärtige Münzumlauf in Deutſchland, einfchliefslich der im Verwahrfam der Banken befindlichen einheimifchen Münzen, etwa 500 Millionen Thaler Silbercourant und etwa 20 bis 25 Millionen Thaler Scheidemünze, keinenfalls diefen Betrag erheblich überfteigen dürfte. Von den 176 Millionen Thalerwerth in Goldmünzen, die nach den Münztabellen in Deutfchland zwifchen 1764 und 1870 geprägt und von Staatswegen nicht eingezogen find, werden nur einige Millionen noch in diefer Münzform vorhanden fein, die grofse Maffe derfelben ift längft für Rechnung von Privaten eingefchmolzen worden. Wir laffen noch einige fummarifche Ueberfichten der Ausmünzungen von Frankreich und England folgen. In Frankreich betrug die Ausmünzung: 1825 bis 1830( Carl X.) Goldmünzen Francs 52,918.920 66,807.310 29 1830 1848( L. Phil.) 215,912.800 1848” 1849( Republ.) 1850 85,192.390 " 1850 1867: 5806,423.015 1858 1869 1870 Silbercourant. Francs 631,941.63712 1,750,273 2381/2 326,179.759 Silbermünze zu 835/1000 f. Francs 340,076.685 234,186.190 55,394 800 86,458.485 383,109.971 93,620 550 58,264.285 35,814 718 53,648.350 9,911.612 15,402.906 Befondere Beachtung verdient es, dafs in Folge der in Frankreich beftehenden gefetzlichen Doppel- oder Alternativwährung und der Schwankungen der Werthrelation zwischen Gold und Silber das Verhältnifs der dortigen Ausmünzungen immer eine aufserordentliche wechfelvolle Geftalt aufweift. auf Goldmünzen circa II Percent auf Silbermünzen 89 Percent Es kamen nämlich 29 1825 bis 1849 1851 1867 1868„ 1870 99 94 70 99 " 29 30 29 6 Der Welthandel. Die Ausmünzung in Grofsbritannien betrug: Gold Silber 1821 bis 1830 Pfund Sterling 38,535.578 Pfund Sterling 2,216.318 1831, 1840 13,121.186 1,959.126 1841, 1850 36,387.072 3,149.428 Kupfer Pfund Sterling 164.653 29.392 48.462 1851 1867 96,620.212 5,705.477 198 795 1868 1,653.384 301.356 16.328 1869 7.372.204 76.428 20.832 1870 2,313.384 336.798 32.704 47 Unter gleichmässiger Reduction auf deutfche Thaler und in abgerundeten Zahlen, ftellt fich der durchſchnittliche jährliche Betrag der Gold und Silberausmünzung folgender Mafsen in den Jahren von 1850 beiläufig bis 1870: in Deutfchland in Frankreich Goldmünzen Thaler 770,300 Silbermünzen Thaler 15,902,600 Zufammen Thaler 16,672,900 85,814,400 in Grofsbritannien 35,986,000 8,665,000 2,140,000 94,479,400 38,126,000 Die dabei hervortretende geringe Ausmünzung in Deutfchland zumeift in Gold, erklärt fich leicht durch die bis 1870 und 1871 noch geltende Silberwährung und wie bereits oben angedeutet, beträchtlich höhere Banknoten- Circulation als in Frankreich und England. Das Gefetz vom 4. November 1871, die Ausprägung der deutfchen Goldmünzen betreffend, hat übrigens die Verhältniffe bedeutend verändert und rafch felbft das, was wir oben angegeben haben, zur Gefchichte gemacht. Die vorhandene Summe der edlen Metalle, wie fie als Gold umläuft, reicht daher, wie wir auch fchon oben angedeutet haben, natürlich noch weniger aus, den Güterprocefs zu befriedigen, als diefs die angegebene Menge der edlen Metalle vermag. Aber die fortfchreitende Intereffengemeinfchaft der Culturvölker hat Erfatz und Ergänzungsmittel gefchaffen, welche vollkommen ausreichen, jede Stockung im Güterumlauf zu verhindern. Wir kehren darauf in dem Folgenden, noch zurück. Was zum Schluffe das Preisverhältnifs der edlen Metalle untereinander anbelangt, fo ift dasfelbe feit einem mehr als 20jährigen Zeitraum auf den verfchiedenen Märkten nahezu conftant gewefen. Es ftand zu London und Hamburg im Durchfchnitt wie I zu 1512. Dennoch bewegt feit mehr als einem Jahrzehnt Europa namentlich die Frage, wie diefe Differenz und das Schwanken des Gold- und Silberpreifes mit feinem Einfluss auf die Güterpreife zu umgehen fei, Literatur und Praxis, das Studium des Einzelnen und Congresse und Conferenzen haben diefe Fragen fchon nutzbringend zu erörtern gefucht. Es fei geftattet, am Schluffe diefer Betrachtung in einem Werke, welches die Thätigkeit und Erfolge der Weltausftellung 1873 dauernd erhalten foll, der Thätigkeit auch der neueſten Münzconferenz zu gedenken, welche mit einen Theil der Refultate der Weltausftellung bildet. • Wir haben erwähnt, dafs die vorhandene Menge der edlen Metalle im Befitze der Culturftaaten für den Güterumlauf nicht ausreichend ift. Aber wie grofs fie auch fein möchte, für die heutige, koloffale Bewegung der Güter, für die unzählbaren Acte von Taufch, Kauf und Verkauf, Bedarf und Befriedigung würde fie nicht im Entfernteften ausreichen, und kaum Alles vorhandene Edelmetall als Münzumlauf genügen. Der Werth der allein im Welthandel umgefetzten Güter betrug für die letzten fünf Jahre allein mehr als 22 bis 23 Milliarden Gulden. Die Menfchheit kehrt daher auf der Höhe ihrer heutigen Cultur und mit der fortgefetzten Entwicklung derfelben gewiffermafsen wieder zu jenem Mittel des Güterverkehres zurück, das frühere Jahrhunderte benützten, zum Taufch. Es folgt Gut dem Gut wieder im grofsen Güterverkehr und nicht unmittelbar, fondern 48 Dr. Carl Thomas Richter. durch einen in feiner hohen Ausbildung unferem Jahrhundert angehörigen Factor den Credit. Millionen Werthe decken fich durch Millionen anderer Werthe und ift der Taufch vollendet, fo bildet das Geld nur das Zahlungsmittel für die reftirende Differenz im Gefchäfte. Das gilt heute für die Staaten Europas und Nordamerikas. Es wird mit dem fortfchreitenden Ausgleich der Cultur, der immer auch eine Gemeinſamkeit der Intereffen erzeugt, einft für die ganze Welt gelten. Die grofsen Gefchäfte, z. B. welche durch Vermittlung der Claring- Houfes von London, NewYork und Philadelphia vermittelt und gewiffermafsen vollendet werden, betragen feit den letzten Jahren im Durchfchnitt mehr als 100.000 Millionen Gulden, wovon auf London allein 34% Taufend Millionen Pfund Sterling entfallen, welche mit 8 bis 10 Percent baaren Geldes beftritten werden. Und was find diefe Zahlen gegenüber den Taufend Acten des Creditgefchäftes des täglichen Lebens. Die Baarfonde der grofsen Banken Europas und jener von Nordamerika betrugen nach Franz X. Neumann's Berechnung 1873: 1 Million Gulden, für ein Wechfelportefeuille von 2922 9, für Depofiten von 17711 und für einen Notenumlauf von faft 2000 Millionen Gulden. Diefe wenigen Ziffern, welche Neumann in C. Behm's geographifchem Jahrbuch für 1872 des Weiteren ausführt, zeigen, wie die Macht des Credites, das baare Geld allmälig zum blofsen Ausgleichsmittel, ich möchte fagen, letzter Differenzen zu machen, gewachfen und eine wirthfchaftliche Intereffengemeinfchaft in der Welt fich ausbildet, die auch auf geiftigem Gebiete glückliche Früchte bringt und immer mehr bringen wird. Wir brauchen diefs in diefem Werke wahrhaftig nicht weiter auszuführen, wo jede Seite des officiellen Berichtes einen Beleg für die kräftigen Keime diefes modernen Lebens der Welt bietet. Anhang. Internationale Münzconferenz während der Weltausftellung 1873. Diefe Conferenz wurde am 1. September 1873 im Hauptmünzamts- Gebäude in Wien eröffnet unter dem Protectorate Sr. k. Hoheit Erzherzog Rainer und dem Alterspräfidenten Herrn Hofrath und Hauptmünzamts Director Schrötter Ritter v. Kriftelli, Secretär der kaiferlichen Akademie der Wiffenfchaften in Wien. Auf Antrag des genannten Herrn wurde Herr Auguft Eggers aus Bremen, welcher die Vorbereitungen zu diefer Conferenz getroffen hatte, zum Vorfitzenden der Verfammlung gewählt. Die Tagesordnung lautete dahin, dafs befprochen werden follen: 1. Die Währungsfrage und im Anfchluffe an diefelbe die Modalitäten der Einführung eines neuen Münzfyftemes. 2. Die Frage der Hauptmünze zufammen mit der Rechnungseinheit und dem Mifchungsverhältnifs. 3. Die Frage bezüglich der Erhaltung der Vollwichtigkeit der Münzen, fowie jene der Scheidemünzen. Nachdem diefe Tagesordnung angenommen worden, fkizzirte der Vorfitzende die Refultate der Münzconferenz von 1867 kurz dahin, dafs Decimalität und Goldwährung als dankenswerthe Ergebniffe derfelben anzuerkennen feien, und dafs der eigentliche Leiter der damaligen Berathungen und Vorkämpfer langjähriger Beftrebungen, Herr de Parieu, den Dank der Verfammlung verdiene, und bat, ihn zu beauftragen, diefen Dank Herrn de Parieu mitzutheilen, was die Conferenz genehmigte. Bezüglich des auf der Parifer Münzconferenz vom Jahre 1867 empfohlenen Fünffranken- Stückes in Gold à 100 Sou, bemerkte der Vorfitzende, dafs dasfelbe nicht metriſch fei, was man für jede einzelne Münze verlangen müffe. Es fei daher das Beftreben darauf zu richten, ein Münzfyftem feftzuftellen, welches wahrhaft international fei, indem jedes einzelne Hauptftück desfelben fich in einem runden Grammen- oder Decigrammen- Gewichte ausdrücke, feftzuftellen, welches wahrhaft international fei, indem jedes einzelne Hauptftück Der Welthandel. 49 desfelben fich in einem runden Grammen- oder Decigrammen- Gewichte ausdrücke, das controlirbar fei für Jedermann, welches auf die hiftorifch gewordenen Münzen aller wichtigeren Münzfyfteme billige Rückficht nimmt und allen Völkern ohne Ausnahme einen Theil der Arbeit auferlegt, welche nothwendig ift, um dasfelbe einzuführen. Der Vorfitzende brachte nunmehr die Währungsfrage zur Verhandlung und wurde einftimmig anerkannt, dafs das Syftem der reinen Goldwährung als Endziel anzuftreben, und fowohl der Doppelwährung( Alternativ oder Wahlwährung) als auch der reinen Silberwährung vorzuziehen fei. Was nun die Modalität der Einführung der Münzen des neuen Syftemes betrifft, fo bemerkte der Vorfitzende, dafs man Goldmünzen nur dadurch im Lande erhalten könne, dafs man denfelben ein fpecielles Gebiet der Circulation anweife, und wies auf das Beifpiel der Vereinigten Staaten hin, in welchen nur Gold für Zölle angenommen wird und gewiffe Waaren blofs gegen Gold gehandelt werden und die Regierung das für Zölle eingenommene Gold wieder zur Zahlung der Zinfen der öffentlichen Schuld und Beftreitung einiger anderer Ausgaben verwendet. Aehnlich würden ja auch in Oefterreich die Zölle nur in Edelmetall entrichtet, und gewiffe Zinfen der Staatsfchuld in Silber bezahlt. Die Einführung der neuen Goldwährung müffe auch dadurch gefördert werden, dafs z. B. die Eifenbahnen die Zahlungen, die fie zu empfangen haben, von einem gewiffen Zeitpunkte an in Gold obligatorifch machen. Herr Sectionsrath Buchaczek machte die Bemerkung, dafs die Einführung der neuen Goldwährung mit einem Male in Ländern gefchehen könne, die, wie z. B. Oefterreich, eine Papiervaluta haben. Herr J. Meyer entgegnete hierauf, dafs die formelle, das heifst rechnungsmäfsige Einführung der neuen Währung allerdings mit einem Male erfolgen könne, und dafs in diefem Punkte die Anfchauung des Herrn Vorfitzenden diefelbe fei, was der Letztere beftätigte, dafs jedoch die materielle Einführung, das heifst das Ausprägen der Stücke, namentlich aber auch der Goldmünzen des neuen Syftemes und die Erfüllung der verfchiedenen Verkehrsadern mit denfelben doch nur fucceffive erfolgen könne. Hierauf wurde auch der Antrag bezüglich der Einführungsmodalitäten angenommen. Bezüglich der Frage II über die Hauptmünze und die Rechnungseinheit bemerkte der Vorfitzende, dafs das Franc- und das Markfyftem zu einem internationalen Münzfyftem fich nicht eignen, indem fowohl der Centime als der Pfennig als Hundertftel- Münze für die Preisverhältniffe unferer Zeit zu klein feien und dafs in Frankreich der Sou die eigentliche Hundertftel- Münze fei. Derfelbe wies durch vorgelegte Tabellen nach, dafs das Syftem des Francs und noch weniger jenes der Mark die Fähigkeit befitze, fich den hauptfächlich beftehenden Münzen in demfelben Grade zu fubftituiren, wie es der Fall ift mit den Münzen, welche in dem Syftem eines Dollars von 150 Centigramm fein Gold hergeftellt werden können. In diefem letzteren Syfteme, welches auch die Metricität für fich hat, finden fich beinahe alle Hauptmünzen der wichtigeren Münzfyfteme innerhalb weniger Percente, welche aber für den Kleinverkehr von keiner Wichtigkeit find, wiedergegeben. So z. B. ift die Mark nur im Stande, 15 folcher Reproductionen wiederzugeben, ein Zehntel der im Jahre 1857 befchloffenen deutfchen Krone würde nur den Thaler innerhalb fieben Percent, durch 28 Silbergrofchen darftellen, und den füddeutfchen Kreuzer innerhalb 5 Percent. Diefs, fowie der Umstand, dafs diefem letztgenannten Stücke die Scheidemünze fehlte, war die Urfache des Scheiterns desfelben. Was das Mifchungsverhältnifs betrifft, fo wurde von dem Vorfitzenden beantragt, eine Münze von 7% Gramm fein Gold mit einem Kupferzufatze von ½ Gramm, fomit im Bruttogewichte von 8 Gramm auszuprägen. Ein folches Stück, verfertigt von einem verlässlichen Goldfchmiede in Berlin, wurde von dem 4 50 Dr. Carl Thomas Richter. Vorfitzenden der Conferenz präfentirt und Herr Hofrath v. Schrötter erklärte, dafs gegen diefes Mifchungsverhältnifs( 15/16 1/16) keine techniſchen Hinderniffe obwalten. Ein folches Stück fei, bemerkte der Vorfitzende, nicht blofs leichter controlirbar, fondern auch für den gemeinen Mann verftändlicher, als wenn man die Alliage in Percenten ausdrücke; mancherwärts, z. B. in Amerika, werde das Gold gewogen, 10 Dollars feien dann gleich 16 Gramm, 5 Dollars gleich 8 Gramm, 22 Dollars gleich 4 Gramm u. f. w. Befonders fei noch zu bemerken, dafs das in Vorfchlag gebrachte Syftem nur eine Reform in den beftehenden Münzfyftemen bewirke, keineswegs aber einen Umfturz, wie z. B. die Einführung der Mark in Süd- Deutfchland eine Revolution in den Preifen hervorbringen und die Quelle von Strikes fein würde. Sonach wurde als internationale Haupt- Goldmünze ein metriſches Stück von 7 Gramm feinen Goldes in einem Rauhgewicht von 8 Gramm und als internationale Rechnungseinheit der metrifche Dollar von 1½ Gramm, eingetheilt in 100 Cents, welcher 3/10 Percent weniger als der Vereinigten Staaten Dollar ift, angenommen. Ueber den III. Punkt bemerkte der Vorfitzende, dafs die Einführung des beantragten Münzfyftemes nicht durch den Abfchlufs von Münzverträgen zu erfolgen brauche, fondern dafs jeder Staat ein natürliches Intereffe an der Adoption eines Syftemes habe, welches feine Zweckmäfsigkeit in fich felber trägt. Es wäre nur von jedem Staate eine ftrenge Münzpolizei im eigenen Intereffe zu üben. Die Beftimmungen des deutfchen Münzgefetzes über die Vollwichtigkeit der Münzen und die Einlöfung der Scheidemünzen feien zweckmäfsige, legislative Mafsregeln. Ein Staat, welcher fich die Circulation feiner Münzen im Intereffe feiner eigenen Angehörigen in fremden Ländern fichern wolle, müffe es durch folche oder ähnliche Mafsregeln thun. Mit diefer Berathung wurden folgende Befchlüffe gefafst, die wir im Intereffe der Wichtigkeit der Sache unferer Darftellung noch einverleiben. Die Befchlüffe der internationalen Münzconferenz lauten: In Erwägung: I. 1. dafs Gold vermöge feines Werthes und feiner Transportfähigkeit fich beffer als Silber zu Geld eignet, wenn es fich um gröfsere Beträge der edlen Metalle und namentlich um die Bedürfniffe des Reifeverkehres handelt; 2. dafs ein Land, welches die Doppel- oder Wahlwährung hat, nach und nach zu Silber als feinem alleinigen Werthmafs getrieben werden kann, da das Gold ins Ausland ftrömt, fo oft es dort höher gefchätzt wird als fein gefetzlich feftgeftellter Werth: erklärt die Conferenz: a) dafs die reine Goldwährung, mit Scheidemünzen von Silber und Kupfer als gefetzliches Zahlungsmittel zu einem befchränkten Betrage, der reinen Silber- fowohl als auch der Doppel- oder Wahlwährung vorziehen ift, und b) dafs eine internationale Goldmünze, fowie eine gemeinfame GoldRechnungseinheit eingeführt werden follten in allen Ländern, welche fchon eine reine Goldwährung haben, oder welche fie allmälig einzuführen wünfchen, indem fie dem Golde ein befonderes Umlaufsgebiet einräumen, welches fich allmälig erweitert, bis die Silberwährung vollständig verdrängt ift. II. In Erwägung der folgenden Thatfachen: 1. Da das metrifche Gewicht von allen civilifirten Völkern als international anerkannt worden, fo mufs fowohl der Feingehalt als das Raubgewicht der Der Welthandel. 51 internationalen Haupt- Goldmünze von einer runden Zahl von Grammen oder Decigrammen fein. 2. Da 25 Francs 72525/31, 20 Mark 716236/279, das Pfund Sterling 732-24 5 Vereinigte Staaten- Dollars 752 31 Centigramm fein Gold enthalten, fo kann keines diefer Stücke, da fie nicht metriſch find, als internationale Münze anerkannt werden, aber es ift eine Münze nöthig, welche, indem fie fich ihrem Werthe nähert, fie leicht erfetzen kann. 3. Eine Münze von etwa 5 Francs, 2 öfterreichifchen Gulden, 4 Mark, 4 Shilling, I Dollar, 14 Goldrubel, I Duro, I Milreïs von Portugal, 2 holländifchen Gulden follte als internationale Rechnungseinheit anerkannt werden, weil eine folche Einheit etwa von dem Werthe eines Dollars ift, welcher in verfchiedenen Arten, in Gold oder Silber, bereits von der Hälfte des Menfchengefchlechtes gebraucht wird, und weil die Münzen, die in dem Syftem eines folchen Dollars gefchlagen werden können, fich innerhalb weniger Percente dem Werthe folgender 27 anderen wichtigen beftehenden Münzen nähern, nämlich dem Sou, Franc und 5- Francsftück, dem Penny, Shilling, Souvereign, dem Cent und Dollar, dem Silbergrofchen und der Mark, dem öfterreichifchen Kreuzer und Gulden, dem füddeutfchen 3- Kreuzerftück und halben Gulden, dem holländifchen 5- Centsftück und halben Gulden, dem ruffifchen halben Imperial, dem dänifchen Skilling und Rigsdaler, dem fchwedifchen Oere und Rigsdaler, dem norwegifchen Skilling und Species, dem fpanifchen Real und Duro, dem Milreïs von Portugal und dem Milreïs von Brafilien. 4. a) Das Syftem des Franc von 291 Centigramm oder einer Einheit von 30 Centigramm kann nicht reproduciren: den Shilling, den Silbergrofchen, den Oere und Rigsdaler von Schweden. b) Das Syftem der Mark von 35235/279 oder einer Einheit von 37.5 Centigramm kann nicht reproduciren: den Sou, Franc und das 5- Francsftück, den Penny, den Cent, das 3- Kreuze ftück und den Gulden oder halben Gulden von Süddeutfchland, 5- Centsftück und den Gulden oder halben Gulden von Holland. c) Das Syftem des öfterreichifchen Goldguldens von 72181 oder einer Einheit von 75 Centigramm kann nicht reproduciren: den Franc, den Penny, das füddeutſche 3 Kreuzer-, das holländifche 5 Centsftück und den füddeutſchen und holländifchen Gulden oder halben Gulden. d) Eine Einheit von% 10 Gramm kann von den oben genannten 27 Münzen nur die 4 dänifchen und fchwedifchen, den Species von Norwegen und das Milreïs von Portugal reproduciren. e) Eine Einheit von I Gramm kann von den 27 Münzen nur den Thaler und aufserdem den füddeutſchen Kreuzer reproduciren. 5. Die Einführung von radical neuen Münzen in ein Land würde eine Revolution von Preifen hervorbringen, die Quelle von Strikes fein und Tendenzen der Unzufriedenheit im Allgemeinen fördern und die internationale Rechnungseinheit mufs daher nothwendig den Werth etwa eines Dollars haben. 6. Der Cent eines folchen Dollars ift von einem Werth, welcher denfelben als Hundertelmünze der internationalen Rechnungseinheit allgemein annehmbar macht, während der Centime und Pfennig als Hundertelmünze zu klein find, und der Cent eines folchen Dollars möge für ganz kleine Zahlungen im Detailverkehr in einigen Ländern in zwei halbe oder in vier Viertel Cent zerlegt werden. 7. Es iſt wünſchenswerth, dafs die zu wählende internationale Rechnungseinheit mit dem Syftem irgend einer grofsen Handelsgruppe für alle gewöhnlichen Gefchäfte des Handels eine Uebereinftimmung bilde, folchergeftalt, dafs ein Land, welches diefelbe einführt( in ihrem Gefchäft mit jener grofsen Gruppe), fofort die zwei grofsen Vortheile eines internationalen Münzfyftemes erlangen würde, 4% 52 Dr. Carl Thomas Richter. welche Vortheile fowohl im Vermeiden des Umwechfelns als auch des Umrechnens beſtehen. 8. Eine metrifche Münze von 72 Gramm fein Gold und eine metrifche Rechnungseinheit von 11% Gramm find blofs 10 Percent weniger als ein halber Eagle und als ein Dollar der Vereinigten Staaten und vereinigen daher alle befagten Vortheile. In Erwägung der obigen Punkte empfiehlt die Conferenz a) als internationale Haupt Goldmünze ein metriſches Stück von 7% Gramm fein Gold, von einem Gewicht von 8 Gramm, und b) als internationale Rechnungseinheit den metrifchen Dollar von Gramm eingetheilt in 100 Cents. 1 In Erwägung: III. dafs jedes Land an und für fich ein Intereffe hat, ein Werthmafs in Gemeinfchaft mit anderen Ländern zu befitzen, und dafs ihre Münzen auswärts frei circuliren, hält die Conferenz Münzverträge nicht für nöthig, fondern dafs es genüge, dafs jede Regierung fich durch ihre eigenen Gefetze verpflichte: a) Diejenigen ihrer Münzen, welche ihr gefetzliches Gewicht durch Umlauf verloren haben, durch vollwichtige einzuziehen, und b) beftimmte öffentliche Caffen zu autorifiren, die von ihnen in Umlauf gefetzten Scheidemünzen gegen vollwichtige Hauptmünzen einzulöfen. DER WELTHANDEL. Die gefchilderte Ausnützung und Benützung der Kraft des Dampfes und der Elektricität und in Verbindung mit ihr die Ausdehnung des Colonialbefitzes der europäifchen Völker, die Entwicklung der Handelspolitik in den Bahnen der Freiheit, endlich die Vermehrung der wiffenfchaftlichen Erkenntnifs des Weltfyftemes, haben die Wege des Welthandels fortlaufend erweitert, und die Handelsbeziehungen fo vergröfsert, dafs uns Alles, was wir auf diefem Gebiete erkennen, mit Staunen erfüllen mufs, aber auch Alles in den Gedanken uns erhebenkann, dafs die Menfchheit fortfchreitend und fich entwickelnd auf wirthfchaftlichem Boden, auch fortfchreitet und fich entwickelt in allen ihren Culturbeziehungen. Das wirthfchaftliche Leben, wenn wir es im Geifte nur von der Materie, an der es unmittelbar haftet und von der es ausgeht, loslöfen können, enthält nichts als fittliche Momente und fittlich wirkende Kräfte. Und darin und nicht der Milliarden willen, die das wirthschaftliche Leben bewegen, darin liegt der Grund der fortfchreitenden Aufklärung und Erkenntnifs, welche das wirthschaftliche Leben uns bietet, und welche jeden Denkenden und die Wiffenfchaft fortgefetzt zu einer ungefchwächten Arbeit zu begeiſtern vermag. Auf den Bahnen der wirthfchaftlichen Entwicklung entwickelt fich die politifche und fociale Freiheit und umgekehrt, dort wo alle Feffeln der Befchränkung gefallen find, Zunftzwang, Monopol, Schutzzoll verfchwinden und der Geift frei walten konnte, dort hat auch das wirthfchaftliche Leben feine herrlichften Blüthen getrieben und Gröfseres erzeugt und mehr gefchaffen, als der gläubige Prophet und der lorbeergefchmückte Kriegsheld. Aus diefem Zuſammenhange nun ift es leicht erklärlich, warum das moderne Staatsleben mehr und gröfsere Aufgaben der Verwaltung ftellt, als der fogenannten und eigentlichen Staatspolitik, und dafs weiter heute der allein der gröfste Staatsmann ift, der die Kunft und Aufgabe der Verwaltung am beften verfteht. Und diefe Verwaltung hat die Aufgabe, Freiheit der Arbeit, des Handels und Verkehres, Freiheit und Entwicklung der Arbeit, der Gütererzeugung und des Gütertaufches zu fchaffen. Diefe Güter werden dann von felbft die anderen angeftrebten Güter der Menfchheit, Freiheit des Geiftes und des Herzens in ihrem Gefolge nachziehen. Zu zeigen, was auf diefem Boden des menfchlichen Lebens bereits gefchehen ift, in den Früchten die Kraft desfelben darzuftellen, ift die Aufgabe des Folgenden, und wir wollen die Betrachtung des Welthandels nach den Gebieten vornehmen, welche aus der Theorie der Wirthfchaftslehre als beftimmte Gruppen des Güterlebens anerkannt find. Wir wollen zuerft die Rohftoffe der Induftrie, dann die Productftoffe, foweit fie für den Welthandel von umfaffender Bedeutung find, kennzeichnen und daran die grofse Güterbewegung der einzelnen Länder und Welttheile in Welthandel anreihen. Es ift übrigens gleichgiltig, welcher Eintheilung man folgt. Es genügt, wenn eine fichere Ueberfichtlichkeit, die immer und überall angeftrebt werden foll, erreicht wird. 54 Dr. Carl Thomas Richter. Wir zählen nun zu den Rohftoffen die Summe jener Güter und Waaren, welche Natur und Arbeit fchaffen, um anderer Arbeit weiter zu dienen. Hieher gehören die Rohftoffe aus dem Mineralreiche: die Kohlen, das Eifen und andere Metalle, die Stoffe des Thierreiches, Wolle, Seide u. f. w., die Stoffe des Pflanzenreiches, Baumwolle, Farbhölzer und dergl. mehr. Zu den Productftoffen zählen wir die Summe jener Güter, welche ein fertiges Product der Natur, von der Arbeit des Menfchen derfelben abgerungen, für die Erhaltung des Gefchlechtes und der Arbeitskraft dienen. Alfo Getreide, Fleiſch und Fleifchproducte, Salz u. f. w. und die Summe der Colonialwaaren. Wie grofs auch die Maffe der von der Natur und Arbeit erzeugten Güter fein mag, das mag man doch für immer und für das Folgende fefthalten, dafs der Welthandel und das Weltintereffe nur mit verhältnifsmäfsig wenig Gütern verbunden ift. Bei diefen wenigen Gütern ift es aber freilich fo lebendig, dafs, wenn der Welthandel die Bedürfniffe nicht befriedigen könnte, oder wenn er aufhören würde fie zu befriedigen, diefs ficher einen ernften Rückfchritt der gefammten menfchlichen Cultur bedeuten würde. Die Welt und in ihr die Menfchheit bewegt fich auf fteigender Bahn nur vorwärts durch die Bewegung der Güter und insbefondere der Güter des Welthandels. Der Thee hatte Europa erft mit den Intereffen des chinefifchen Reiches verbunden, und er ift es, durch welchen wir Gefchichte und Gefchick eines Theiles einer anderen Welt mitleben. Seit dem Auftreten der Raupenkrankheit und dem Zwang, den europäifchen Bedarf an Seide aus China und Japan zu decken, ift diefes Band der Intereffengemeinfchaft ein noch engeres geworden, und der befte Mafsftab dafür läfst fich in dem wachfenden Raum erkennen, den die Bewegung der Politik, ja fogar der Tagesereigniffe in diefen fernen. Saaten heute in unferen Zeitungen, einnimmt. Seit zwei Jahren ift die Raupenkrankheit in Europa verfchwunden, die Nachfrage nach japanefifcher Seide gefunken, und in demfelben Augenblick das Bemühen der japanefifchen Seidenzüchter und Seidenfpinner lebendig geworden, durch die Verbefferung des Rohftoffes wieder auf den europäifchen Markt zu gelangen. Das Aufhören einer fchlimmen Naturerfcheinung wirkt in Japan weiter und hebt eine ganze Wirthfchaft und eine ganze grofse Production. Ohne die Baumwolle hätte Europa niemals nach Amerika ein doppeltes Kabel gelegt, und wenig würde uns daran liegen, Tag um Tag, ja oft Stunde um Stunde vom Regen und Sonnenfchein, vom Wachfen und Gedeihen der amerikanifchen Felder benachrichtigt zu fein. Man könnte die Zahl der Beifpiele noch vielfach vermehren. Aber fie beweifen Alle nichts mehr, als was wir fchon oft betonten und eben wieder ausgefprochen haben die Entwicklung des wirthfchaftlichen Lebens der Welt ift eben die Grundlage der Entwicklung ihrer geiftigen und fittlichen Kräfte. Die Rohftoffe des Welthandels. Wir zählen hieher und theilen diefelben ein als Stoffe des Mineral-, Pflanzen- und Thierreiches, welche einen Gefammtbedarf aller menfchlichen Wirthfchaften bilden und die von Millionen erzeugt werden, um anderen Millionen Arbeitskräften für die Erzeugung neuer Güter zu dienen und dadurch ein Weltintereffe vertreten. Die Stoffe der Mineralreiche. Die Kohle. Wir haben hier nach der umfaffenden Arbeit, welche Dr. A. Peez und Director Pechar für den erften Band des officiellen Berichtes in Der Welthandel. 55 ihrem Berichte über Gruppe I, Section I, foffile Kohlenlignite u. f. w. gefchaffen haben, nur in Kurzem die Gefammtrefultate zufammenzufaffen und die neueſten Erfcheinungen hervorzuheben. hat. England hat zuerft den Werth der mineralifchen Brennftoffe erkannt und fchätzen gelernt. Es ift heute der ftärkfte Kohlenproducent und Confument und es ift erklärlich, dafs das höchfte Intereffe, welches die Kohlenfrage bietet, zumeiſt auf Englands Ausbeute und Bedarf fich concentrirt und fich von jeher concentrirt Von England ging die ernfte Frage aus, ob bei der riefigen Steigerung des Verbrauches nicht über kurz oder lang die Kohlenfchätze der Erde fich erfchöpfen werden und bewegte lang die ganze civilifirte Welt. England beſtimmt die Kohlenpreife für halb Europa und jede Steigerung derfelben ift eine Lebensfrage des gefammten induftriellen Lebens. Wir müffen daher die englifche Kohlenproduction immer wieder und von allen Seiten betrachten. Wenn wir den neueften ftatiftifchen Erhebungen folgen, fo erfahren wir nach der Thätigkeit der Commiffion, welche auf Antrag des auch auf anderen Gebieten des induftriellen Lebens bekannten Mundella aus dem Parlamente zufammengefetzt wurde, um die Urfachen der fortfchreitenden Kohlenvertheuerung zu erforfchen, ein ganzes Bild der englifchen Kohlenproduction und der Preife derfelben. Die Commiffion trat am 24. März 1872 zufammen, den Tag, an welchem die Zeitungen gerade einen neuen, ziemlich bedeutenden Preisauffchlag in den nördlichen Kohlengruben ankündigten, nämlich um 3 bis 4 Shilling für die Tonne( 20 Centner), wozu ein Zufchlag auf den Fuhrlohn von einem weiteren Shilling kam. Befte Kohle galt nun an der Grube gerade I Pfund Sterling. Die Commiffion befchäftigte fich damals ausfchliefslich mit ftatiftifchen Angaben, welche der erfte verhörte Zeuge, Meade, einer der Bergamts- Regiftratoren, auf Verlangen vorlegte. Aus feinen Mittheilungen ergab fich, dafs im Vereinigten Königreiche im Jahre 1866: 107, 1868: 103, 1869: 107, 1870: 110, 1871: 117 und 1872: 120 Millionen Tonnen gefördert wurden. Im Betrieb waren 1867: 3258 Kohlengruben, 1868: 2922, 1869: 2852, 1870: 2851, 1871: 2810 und 1872 jedenfalls bedeutend mehr, denn es wurden in dem Jahre ausnahmsweife viele neue Felder aufgedeckt. Das Haupt- Kohlenfeld liegt in England; Irland liefert nur jährlich 125.000 Tonnen. In Staffordſhire und Wincheſterfhire( dem , fchwarzen Lande") gibt es 423 Kohlenzechen, in Lancaſhire 376, in Northumberland 304, in Südwales 299, in Schottland 420, in Irland 30. Der Kohlenexport belief fich im Jahre 1867 auf 10'5, 1868 auf 10 9, 1869 auf 10 7, 1870 auf 117, 1871 auf 127 und 1872 auf 13 2 Millionen Tonnen. Die ftärksten inländifchen Kohlenconfumenten find die Eifenhütten, deren Verbrauch fich 1871 auf 38,539.000 Tonnen belief. Im Allgemeinen zu Fabrikszwecken wurden 1870. benutzt 79,170.000 Tonnen, daneben 17,512.000 Tonnen zum Hausverbrauch, das heifst 14 Centner für die Perfon. Mit Ausnahme der Gasbereitung hat fich der Kohlenconfum für Fabrikszwecke feit 1867 nicht merklich vermehrt. London. verbrauchte 1872: 7% Millionen Tonnen, wovon 5 Millionen mit der Bahn und 21 Millionen zu Schiffe herbeigeführt wurden. So lautetep die Aufklärungen eines fehr erfahrenen Mannes, die eine ganze Charakteriſtik der englifchen Kohle enthalten. Darnach brauchte man die Lage Englands keineswegs für eine Beforgnifs erregende anzufehen, um fo weniger, als der Handel die weit auseinander gelegenen Kohlengebiete der Welt immer mehr mit einander und mit den Confumtionsorten verbindet, übrigens auch der Confum keineswegs in gleich fortfchreitender Progreffion fich vermehren kann. Es gibt eben in allen Dingen einen Sättigungsprocefs, welcher dem Mehrbedarf eine Grenze fetzt. Nach den neueften Berechnungen ftellt fich die Ausdehnung der Kohlenlager in Grofsbritannien auf 9.000 englifche Quadratmeilen Frankreich " " Deutfchland " " 1.800 3.600 " 99 " 2 50 in Belgien Dr. Carl Thomas Richter. 900 englifche Quadratmeilen 1.600 auf Indien 79 99 29 den Vereinigten Staaten von Nordamerika 220.000 29 Britifch Nordamerika 2.000 27 " In China foll die Provinz Schami ein Kohlenbecken von 83.000 englifchen Quadratmeilen haben. Die Kohlenfchätze Auftraliens find noch nicht berechnet, doch beträgt die Ausbeute heute fchon eine Million Tonnen, gleich zwanzig Millionen Centnern, alfo faft das Doppelte der Ausbeute der grofsen Kohlenflötze von Indien, Japan und China. Die Gefammtausbeute der Kohlenflötze Europas betrug 1871 in Grofsbritannien Preufsen 29 im übrigen Deutfchland in Belgien Frankreich Tonnen à 20 Centner 117,431.000 34,984.000 3,433.000 13.733.000 " Oefterreich " Spanien Rufsland 21 Italien " Schweden den Niederlanden 29 " Portugal Schweiz " Dänemark 12,804.000 8.375.000 494.000 461.000 47.000 30.000 25.000 15.000 12.000 3.000 191,747.000 oder 3.834,940.000 Ctr. In Amerika betrug die Gefammtausbeute in demfelben Jahre faft 38 Millionen Tonnen. In den vier kohlenbergenden Welttheilen mag fich die Kohlenausbeute im Jahre 1871 auf beiläufig 235 Millionen Tonnen, 4700 Millionen Centner, was, den Centner nur durchſchnittlich zu 50 Kreuzern berechnet, den Werth von 2350 Millionen Gulden ausmacht. England nimmt, wie aus der Tabelle erfichtlich, trotz feines koloffalen Confums, doch noch immer die erfte Stelle unter den Kohlenproducenten ein. Aufser feiner eigenen Induftrie confumirt englifche Kohle als erfter Abnehmer, der Zollverein, der 1862: 17,897.894 Centner, 1867: 26,062.248 und 1871: 47,091.441 Centner importirte. Der zweite grofse Abnehmer englifcher Kohle ift Schweden, das 1870 mehr als 20 Millionen, 1871 dagegen durch die geringere Verarbeitung von Eifen 16 Millionen Centner bezog. Die Vereinigten Staaten von Nordamerika bezogen 1870: 8,871.000 Centner, 1871: 9,812.620 Centner. Bedeutend ift die Nachfrage in den Ländern am Mittelmeere und in Oftindien, fo daís der englifche Kohlenhandel, in ftetem Wachsthum begriffen, der Facturawerth der englifchen Kohlen 1870 auf 70 Millionen Thaler fich belief. Eifen. Es ift ein bereits ftehender Satz, dafs mit dem Steigen der Kohlenproduction auch die Entwicklung des Eifenhütten- Wefens fortfchreitet. Verzehrt doch die Kohlenproduction felbft wieder in der Form von Mafchinen eine Menge Eifen. Dazu kommt das entwickelte Eifenbahn- Wefen, der in den letzten Jahren durch die Eröffnung des Suezcanales und den rapid wachfenden Verkehr mit Nordamerika fehr gefteigerte Schiffsverkehr, welcher die Umwandlung der kleinen Laftenfchiffe in grofse Dampffchiffe beförderte, und der Häuferbau, bei dem die Der Welthandel. 57 Holzconftruction immer mehr durch die Eifenconftruction verdrängt wird, ein Verhältnifs, das dauernd bleiben wird, da die Holzpreife beftändig im Steigen begriffen find. Rechnet man dazu noch den Bedarf der Welt nach Dampfmaschinen bei der Induftrie, die taufendfachen Werkzeuge, fo bildet fich ein überaus ftattlicher Confument des Eifens, welcher die koloffale Entwicklung der Production am beften illuftrirt. Auch hier nimmt England wieder die erfte Stelle ein und wenn die amerikanifche Eifeninduftrie auch fehr bedeutend geworden, und in kräftiger Entwicklung begriffen ift, fo fteht fie doch noch infoferne England nach, als fie allein für den eigenen Bedarf und da noch ungenügend arbeitet, England aber im Dienfte der ganzen Welt fteht. In grofser Entwicklung ift auch die deutfche Eifeninduftrie begriffen und wir werden diefelbe am Schluffe genauer kennzeichnen. Mit der englifchen läfst fie fich freilich noch lange nicht vergleichen. Das rechtfertigt es wohl, warum wir auch hier zumeift mit Englands Induftrie uns befchäftigen wollen. Doch fei vorerft eine Bemerkung geftattet. Die letzten Jahre und ihr koloffaler Bedarf nach Eifen haben den Eifenmarkt in die abnormften Verhältniffe gedrängt. Wie grofs die Vermehrung der Production auch war, fie konnte dem Bedarfe nicht genügen. Und wie die Preife auch fprungweife fich erhöhten, der Producent konnte die günftige Lage doch keineswegs ausnützen. Heute aber ift ein Rückfchlag bereits eingetreten, der, wenn er auch kaum lange dauern wird, doch vielleicht eine beftimmte Ordnung in die Confumtion zu bringen im Stande fein wird. Darum allein erwähnen wir der vorübergehenden Lage des Marktes. In ganz Grofsbritannien wurde unter dem Sporn des fteigenden Werthes die Förderung von Eifenerzen in den letzten Jahren um 50 Percent vermehrt; fie betrug nämlich im Jahre 1869: 11,000.000 Tonnen, 1870: 14,000.000 Tonnen, 1871: 16,334.880 Tonnen. Jedoch ift die Eifenproduction diefen Ziffern nicht entſprechend gewachfen, weil unter dem Einfluffe der hohen Preife viel Eifenftein von geringer Qualität, welcher früher unverkäuflich war, zur Verarbeitung kam. Gleichzeitig wuchs der Import von Eifenerz, meift von Spanien. Derfelbe betrug 1856 erft 374 Tonnen, 1871 aber bereits 23,000 Tonnen. Die Roheifen- Production Englands betrug im Jahre 1871: 6,627.479 Tonnen; fie hat trotz der weit gröfseren Quantitäten Erze, welche im Jahre 1872 zur Verhüttung kamen, nur wenig zugenommen, was fich, wie bereits angedeutet, aus der geringeren Qualität der Erze erklärt. Die genauen ftatiftifchen Daten über die Gefammt- Roheifen- Production von 1872 find freilich noch nicht zufammengeftellt, doch weifs man, dafs in den beiden Hauptdiftricten Schottland und Cleveland eine Abnahme gegen die frühere Production ftattgefunden hat. Die Jahreserzeugung betrug nämlich in Schottland 1869: 1,150.000 Tonnen, 1870: 1,206.000 Tonnen, 1871: 1,160.000 Tonnen, 1872: 1,090.000 Tonnen; in Cleveland 1869: 1,460.000 Tonnen, 1870: 1,695.000 Tonnen, 1871: 1,818.000 Tonnen, 1872: 1,969.000 Tonnen. Die Zunahme, welche im Jahre 1870 gegen 1869 circa II Percent erreichte, ift alfo im Jahre 1872 gegen 1871 auf circa 3 Percent gefunken. Dabei war der Export in rafcherem Wachfen als die Production begriffen, indem er im ganzen Königreiche betrug: Von Eifen 1870: 2,825.575 Tonnen im Werthe von 22,038.000 Pfund Sterling, 1871: 3,169.219 Tonnen im Werthe von 26,124.134 Pfund Sterling, 1872: 3,388.622 Tonnen im Werthe von 36,060.547 Pfund Sterling und von Schienen 1871: 981.197 Tonnen, im Werthe von 8,084.619 Pfund Sterling, 1872: 947.548 Tonnen im Werthe von 10,237.768 Pfund Sterling. Grofsbritannien hat alfo an das Ausland im Jahre 1872 für circa zwölf Mil lionen Pfund Sterling mehr Werth in diefem Artikel verkauft, obgleich der Export nicht über 200.000 Tonnen ftieg, fo rapid war die Erhöhung der Preife. Diefe Zunahme des Exportes, fowie des heimifchen Confums hat ein Zufammenrücken der Vorräthe bewirkt, und find fie jetzt fo unbedeutend geworden, 58 Dr. Carl Thomas Richter. dafs auf fie nicht weiter zurückgegriffen werden kann. Diefelben betrugen in Schottland am 31. December 1869: 620.000 Tonnen, 1870: 605.000 Tonnen, 1871: 490.000 Tonnen, 1872: 194.000 Tonnen; in Cleveland am 31. December 1869: 115.600 Tonnen, 1870: 117.345 Tonnen, 1871: 68.331 Tonnen, 1872: 41.628 Tonnen, und im Anfang 1873 in beiden Diftricten zufammen kaum 100.000 Tonnen. Und diefs ift nicht nur in England, fondern auch in Schweden und Deutfchland, fowie in allen Eifen producirenden Ländern der Fall, was natürlich auch immer auf die Steigerung der Preife einwirkt. Am ftärksten war die dadurch entftandene Hauffe in Nordamerika; diefelbe ift aber bei den dortigen hohen Schutzzöllen für diefen Artikel glücklicherweife für die europäifchen Confumenten auf den diefsfeitigen Märkten ohne directe Wirkung. Betrachten wir noch die Preife, wie fie in den letzten Jahren fich geftaltet, fo fehen wir, dafs nur der ungeheure Confum fie dictirt hat, und ihr rapider Auffchwung keineswegs verhindern konnte, dafs die Beftände auf den grofsen Märkten, wie wir oben angegeben haben, rafch zufammenrückten, denn wenn früher eine Preisfteigerung von zehn oder zwanzig Percent genügte, um den Verbrauch ganz erheblich zu befchränken, fo hat eine Preiserhöhung um hundert Percent keine nachhaltige Schwächung des Verbrauches bewirken können. Auf dem gröfsten Eifenmarkte der Welt, dem englifchen, bewegten fich die Preife( für fchottifches Roheifen) wie folgt: Durchfchnittspreis per Tonne 1869: 57 Shilling, 9. Deniers, 1870: 51 Shilling, 3 Deniers, 1871: 73 Shilling, 1872: 121 Shilling. Gegenüber diefen Verhältniffen, wie wir fie von England kennen gelernt haben, ift die Eifenproduction des übrigen Europas verfchwindend, und mufs der Eifenconfum nothwendig immer von den englifchen Verhältniffen beeinflufst werden. Amerika hat, wie wir fchon oben andeuteten, wenig Einfluss auf den europäifchen Eifenmarkt, wird vielmehr von unferen eigenen Verhältniffen, wenigftens in Beziehung der Eifenwaaren merklich beeinflufst. Seine Eifenproduction betrug übrigens 1871 fchon zwei Millionen Tonnen, welche zumeift für den EifenbahnBedarf verwendet wurden und eine fiebzehnfache Vermehrung gegen die Production von 1810 und 1820 bedeutet. Aufserdem find feit den letzten fechziger Jahren vorzüglich aus England und felbft aus Schweden faft alljährlich 3.5 Millionen Centner Roheifen, 6.3 Millionen Centner Schienen und 16 Millionen Centner Stabeifen in einem Werthe von mehr als fünfzehn Millionen Dollars eingeführt worden. Die Production an Eifen in den übrigen Staaten wirkt England und Amerika gegenüber, nur in ihrer Gefammtheit. Die Productionsziffern für das Jahr 1871 find folgende: in Frankreich Deutſchland • 27 Belgien Oefterreich 29 " 9 Ungarn Rufsland " Schweden " „ Norwegen 1,356.300 Tonnen 1,587.900 " 563.500 " • 771.398 272.099 " 29 372.000 F 293.250 80.000 56.500 " " 29 " Spanien Italien " Dänemark " der Schweiz. " 52.300 15.000 5.000 1 79 F 99 ** das ergibt eine Summe von 5,425.247 Tonnen. Die Gefammtproduction von Roh- und Schmiedeifen in Amerika mag 2,350.000, von Afien 50.000, von Afrika 25.000, von Auftralien 10.000 Tonnen Der Welthandel. 59 betragen. Die Gefammtproduction von Eifen auf der Erde mag fomit 13.8 Millionen Tonnen oder 276 Millionen Centner betragen. Was nun den Eifenhandel anbelangt, fo ift es natürlich, dafs gleichfalls England die erfte Stelle einnimmt. In den vierziger Jahren kaum o 5 Millionen Tonnen betragend, im Jahre 1860 kaum über eine Million, beträgt die gefammte Eifenfabrication 1868 nahe zwei Millionen Tonnen im Werthe von fünfzehn Millionen Pfund Sterling. Im Jahre 1871 betrug fie bei 3'1 Millionen Tonnen, im Werthe wie oben angegeben von mehr als 26 Millionen Pfund Sterling. Im Jahre 1872 ift wohl die Tonnenzahl gefunken, aber ohne den Werth der Ausfuhr im gleichen Verhältniffe zu vermindern. So grofs waren die Preisauffchläge. Man hat daher auch in ganz Europa erkannt, dafs eine bedeutende Befchränkung des Confums eintreten müffe. Und die Frage, wo diefelbe eintreten kann oder bereits eingetreten ist, ist hier noch in Kurzem zu erörtern. Dabei ift gewifs, dafs die Eifenconfumtion im Allgemeinen nicht in gleichen Proportionen wachfen wird wie in den früheren Jahren. Am erften und am rafcheften wirkten die enormen Preife auf den Bau der Eifenfchiffe ein. Es ift wohl zu bemerken, dafs die Tonnenzahl der Schiffe dadurch nicht befchränkt werden mufs, fondern dafs nur die Zahl der Schiffe eingefchränkt wird. Um nur ein Beiſpiel zu geben, das trefflich die Einwirkung der Eifenpreife kenntzeichnet und die rafche Erkenntnifs, den Bedarf fo rationell als möglich durch weniger, aber gröfsere Schiffe zu befriedigen, fo wurden auf den grofsen Werften an der Clyde( Schottland) neue eiferne Schiffe abgeliefert: im Bau begriffen Ende meffend des Jahres 1869 204 1870 200 1871 1872 183.210 Tonnen 95 177.153 123 " 233 195 211.856 226.682 193 " 131 meffend 123.000 Tonnen 155-345" 307.909 268.391 19 Hienach zeigt alfo die Zahl und Tragfähigkeit der Schiffe Ende 1872 eine nicht unerhebliche Abnahme gegen Ende 1871. Die Frachten aber fteigen dauernd fo dafs ficher bald wieder nach neuen Ueberhäufungen der gröfseren Werften diefs Verhältnifs nicht lange obwalten dürfte. Die Steigerung der Schifffahrt wird ja immer, fagt der die Verhältniffe genau kennende Correfpondent der„ Neuen freien Preffe" am Anfang diefes Jahres in einem geiftreichen Bericht, dem wir hier folgen, durch die rafche Ausdehnung und Verdichtung des Eifenbahn- Netzes auf dem Continent und durch die wachfende Confumtionsfähigkeit der arbeitenden Claffen beftimmt. Zahl der Schiffe und der Fahrten werden mit der Entwicklung diefer Verhältniffe regelmässig mitgefteigert. Die Steigerung der Frachtfätze hemmt dabei nicht den Waarenandrang zur See- Dampffchifffahrt, eben fo wenig als die Vertheuerung der Herftellungskoften von Wohnhäufern in den Städten, die Bauluſt eingeengt hat. In diefer Richtung wird daher mit der Schifffahrt auch der Häuferbau ein fortgefetzt kräftiger Confument von Eifen bleiben. Endlich ift noch der Eifenbahn- Bau ein Confument von Eifen, der mehr. bedarf, als alle übrigen Branchen der Technik zufammengenommen, zu betrachten. Concurrenz und Entwicklung der technifchen Wiffenfchaften haben es dahin gebracht, dafs feit einer Reihe von Jahren die Frachtfätze der Bahnen für Gütertransporte im Allgemeinen dauernd herabgefetzt wurden. Voluminöfe Güter, welche früher auf gröfseren Diftanzen kaum die Stromfracht ertrugen, vermehren den Andrang jetzt bei den Eifenbahnen. Aber dennoch ift eine merkliche Veränderung im Gebiete des Eifenbahn- Wefens zu verzeichnen. Die Rentabilität der Bahnen. ift nämlich keineswegs entſprechend den Mehreinnahmen geftiegen. Die Nebenbahnen kommen faft doppelt fo theuer zu ftehen als die alten mit einem längst geficherten Verkehr und haben Refultate geliefert, und werden auch weiter folche liefern, welche geeignet find, die Eifenbahn Bauluft entweder zu befchränken, oder 60 Dr. Carl Thomas Richter. wenigftens auf die technifch fparfamere Richtung der fogenannten Secundär Bahnen hinzudrängen. Auch äufsert fich in einer anderen Richtung der Drang, den Eifenbedarf im Betriebs- Materiale zu befchränken. Alle Eifenbahnen find bemüht, mit einem beftimmten Mafs von Betriebsmitteln die höchfte Leiftung zu erzielen, durch eine umfaffende Ausnützung und Verminderung jeder Ruhe desfelben. Und fo feheint es, dafs durch die Befchränkung des Bedarfes an Eifen für den Bahnbau und Bahnbetrieb vielleicht am erften ein Ausgleich in der Erzeugung und im Verbrauche von Eifen vorbereitet wird, und dadurch wieder, wie diefs dann bei folchen Sachlagen gewöhnlich der Fall ist, das Verhältnifs von Production und Verbrauch für längere Zeit fich dem Letzteren günftig geftalten kann. Wir wollen am Schluffe noch des deutfchen Eifenhandels gedenken, der von Jahr zu Jahr bedeutender wird und in wenigen Ziffern fehr belehrend zu wirken, insbefondere auf die öfterreichifche Production anregend Einfluss zu nehmen im Stande ift. Der deutfche Eifenhandel geftaltet fich in folgender Weife in Centnern nach feiner Einfuhr und nach feiner Ausfuhr 1868 von Roheifen und altem Brucheifen 2,650.720 1,960.386 1872 13.952.957 2,901.256 von gefchmiedetem Eifen. 1868 153.739 209.832 1872 709.877 von Schienen 1868 92.214 1872 234.145 609.767 572.335 1,408.636 von Stahl 1868 47.526 1872 108.531 137.204 153.198 von Eifenwaaren 1868 321.572 790.178 1872 IO19.505 1,089.397 von Locomotiven und Dampfkeffeln 1858 16.496 31.489 1872 67.455 146.283 von anderen Mafchinen 1868 1872 199.877 596.265 249.471 626.526 Das zeigt in einem kaum 5jährigem Zeitraume allenthalben einen Auffchwung von mehr als 100 Percent und läfst viel für die nächfte Zukunft erwarten. Uebrigens dürfen wir keineswegs den grofsen Auffchwung der öfterreichifchen Eifeninduftrie vergeffen. Die letzten Jahre haben ganz bedeutende Fortfchritte gezeigt und es ift jedenfalls hier der Affociation des Capitales, der Actiengefellſchaft Manches zu danken, welche, ausgerüftet mit grofsen Capitalien neue Etabliffements errichten und die älteren bedeutend vergröfsern konnten. Einige Zahlen mögen genügen, diefs darzuftellen. Während die gefammte Eifenproduction Oefterreichs im Jahre 1870 etwas mehr als 612 Millionen Centner betrug und der Import kaum 12 Millionen, war 1871 die gefammte Eifenproduction auf 7,870.000 Centner geftiegen, der Import betrug 2,889.000 Centner, davon entfielen auf Grob-, Fein, Façoneifen 462.100 Centner, auf Eifenbahn- Material 2,427.000 Centner. Zu diefer Production kamen noch 1.441.803 Centner Stahl, * Emil Tilp: Transportmittel und anderes Betriebsmaterial für Eifenbahnen. I. Band des officiellen Berichtes. Der Welthandel. 61 zumeift aus den Alpenländern. Im Jahre 1872 betrug die gefammte Eifen- und Stahlproduction 10.506.000 Centner, von denen die Hälfte auf Commerzeifen, etwas mehr als 2 Millionen auf Eifenbahn- Material und 1.857.000 Centner auf Stahl entfallen. Der trotz diefer grofsen Production nöthige Import betrug 2,324.000 Centner. Man kann aus diefer Darftellung wohl erkennen, dafs die Zeit längst vorüber, in der allein der Verbrauch von Seife ein ficherer Cultur Mafsftab gewefen. Heute tritt das Eifen als der wefentlichfte Culturfactor der Staaten auf und man kann leicht begreifen, warum das kleine England, das grofse von 200 Millionen Menfchen bevölkerte Indien beherrfcht, wenn man beachtet, dafs in England 200 Pfund Eifen, in Indien 1 Pfund auf den Kopf per Jahr entfallen. Man kann weiters leicht den Reichthum Belgiens begreifen und die reiche Cultur- Entwicklung Nordamerikas, wo hundert Pfund Eifen auf den Kopf per Jahr entfallen. Und in eigenthümlicher Weife nimmt der Eifen- Verbrauch von Weften nach Often ebenfo gegen Norden und Süden ab. gerade wie die Strömungen und Schwingungen der Cultur nach diefen Richtungen hin immer fchwächer werden. Kupfer und Queckfilber. Von einer befonderen Wichtigkeit einmal für das Münzfyftem aller Staaten der Welt, ein anderes Mal für die Induftrie ift Kupfer und Queckfilber. Für das Erfte ift in den letzten Jahren Chile und Auftralien von Wichtigkeit geworden. Für das zweite Californien, das den Bedarf der füdamerikanifchen Staaten für ihre Silbergewinnung und faft feinen eigenen Bedarf und mit Spanien den Bedarf Chinas und Japans für die Zinnobererzeugung deckt. Europa und Nordamerika bedürfen des Queckfilbers für ihre Induftrie. Der Gefammtbedarf der Welt mag an 50.000 Centner Queckfilber betragen. Die Gefammtproduction ift mehr als 60.000 Centner, wovon Spanien 20.000, Oefterreich 6847 Centner, Californien 28.000 Centner producirt. Die GefammtKupferproduction der Erde ift beiläufig 2 Millionen Centner und vertheilt fich: Auf Grofsbritannien 99 " " " Chile Rufsland Auftralien das Capland Nordamerika mit 500.000 Centnern " 9 350.000 180.000 " 99 97 160.000 " 9 39 100.000 29 " 280.000 " Deutſchland 79 " 9 174.697 99 Oefterreich " 53.000 99 Schweden und Norwegen " 50.000 " Frankreich " 2 " 45.000 " 2) Belgien 20.000 22 29 Die Stoffe des Pflanzenreiches. Baumwolle. Wir können uns auch hier kurz faffen und auf einige allgemeine Gefichtspunkte befchränken, nachdem Dr. Alexander Peez in feinem Berichte Baumwolle und Baumwoll- Waaren" eine fo umfaffende und ausgezeichnete Arbeit geliefert hat, dafs wir, ohne eine Lücke zu laffen, darauf uns berufen können. Die grofsen Baumwolle producirenden Länder find bekannt, und es entfällt nach der letzten Jahresproduction: 62 Dr. Carl Thomas Richter. auf Amerika 1871: 4.256.000 1872: 3,700.000 Oftindien 29 " Brafilien 1,821.000 680.000 " 1 1,500.000 1,006.000 " " " Egypten " Weftindien " 99 in summa. • • 445.000 240.000 7.442,000 " 513.000 " 237.000 6,956.000 Ballen. Von der Production des Jahres 1872 erhielt Europa mehr als 5 Millionen Ballen und England von diefem Importe mehr als zwei Drittel. Bedenkt man, dafs die Baumwoll- Krifis während des amerikaniſchen Krieges dahin führte, dafs allerlei früher für unbrauchbar gehaltene Sorten dennoch in die Fabrication einbezogen wurden, und die Technik der Spinnerei defshalb bedeutend vervollkommnet werden mufste, dafs feit jener Zeit erft Südamerika der Baumwoll- Cultur gröfsere Sorgfalt zuwendete, einzelne Länder Afiens und Egypten auf den Markt fich drängten und felbft Europa die Baumwolle zu cultiviren begann, dafs durch den Ausbau einiger wichtigen Eifenbahn- Linien und die Eröffnung des Suezcanals ein reiches und hoffnungsvolles Baumwoll- Gebiet, dem England immer gröfsere Sorgfalt zugewendet, nahe an Süd- und Mitteleuropa gerückt wurde, und dafs die Baumwolle die Canalfracht ganz gut verträgt und daher keineswegs theuer auf den Markt zu gelangen brauchte, fo mufs es in der That überrafchen, heute doch wieder Amerika an der Spitze der BaumwollStaaten und als den erften Verkäufer auf dem Markte zu fehen. Allein es ift erklärlich, da in Amerika ein kräftiger Boden mit einer tüchtigen und ausdauernden Arbeitskraft, welche Indien und andere transatlantifche Länder nicht haben, fich mit einander verbinden, dafs weiter zahlreiche Anpflanzungsverfuche der Baumwolle doch eigentlich nur Nothverfuche und blofs als Aushilfsmomente zu betrachten waren, die zurücktreten müffen, fobald eben der Kriegslärm in Amerika zum Schweigen gebracht und Staat und Volk wieder gefammelt waren. Weiter mufs man bedenken, dafs der Bedarf nach Baumwolle im dauernden Steigen begriffen, und vor Allem Amerika felbft einen grofsen Theil feines Productes allmälig zu verarbeiten beginnt. Auch ift die amerikanifche Baumwolle die befte, und die meiften Spinnereien der Welt find auf amerikanifches Gewächs eingerichtet. Die Fortfchritte der Spinnerei haben fich nicht fo fchnell entwickelt, und vor allen verbreitet, dafs fie eben vor Wiederbelebung der amerikaniſchen Production allgemein geworden wären. Auch darf man nicht vergeffen, dafs das Hauptcommunications- Land von Baumwolle, England in Amerika, eine hundertjährige Gefchäftsverbindung und Gefchäftsübung befitzt, und dafs es naturgemäss war, dafs England feinen alten Rohftoff- Producenten fich wieder zuwendete. Damit war es für Amerika gleich giltig, was die übrigen Staaten in Baumwolle durch den Canal von Suez über Trieft nach Oefterreich, über Venedig nach Deutfchland und Odeffa nach Rufsland und ob egyptifche Baumwolle über Trieft und Venedig nach Mitteleuropa gehe. Und fo behauptete die amerikaniſche Baumwolle in ihrer fchönen Weifse und Seidigkeit, vielfachen Länge und Stärke, wieder ihren guten Platz und verdrängte zum Theil die Baumwoll- Sorten aus Siam und den englifchen Befitzungen, die kurz, rauh, ungleich kräftig, wenig feidig und nur für Belegftücke brauchbar find; rivalifirt mit der Königin der BaumwollSorten, der perlmutterartig glänzenden, langftapeligen Baumwolle aus Hawahi und den anderen Sortens Auftraliens auf dem englifchen Markte, wo fie überhaupt allein verwendet werden. Die europäiſche Baumwolle, die italienifche aus egyptifchem Samen, die griechifche und türkifche haben überhaupt erft noch zu zeigen, ob fie in der Mitte der Producenten, welche die Natur allein dazu berufen hat, Stand halten können, oder ob ihre Producte nur der Sorge und den Intereffen der botanifchen Gärten überlaffen bleiben follen. Der von Natur fo reich gefegnete Boden Indien; Der Welthandel. 63 fchränkt wohl feit dem mächtigen Andrange Amerikas fowohl die Ausdehnung feiner Baumwoll- Felder, als des Baumwoll- Productes wieder ein. England läfst jedoch die gröfste Sorgfalt der indifchen Baumwolle angedeihen und wird, durch die Erfahrung der vergangenen Jahre belehrt, wohl niemals wieder von Amerika fich ganz abhängig machen. Von den 12 Millionen Centnern indifcher Baumwolle, welche Europa 1872 verbraucht, ging mehr als die Hälfte nach England. Was Indien für England ift, kann Egypten für Mitteleuropa und insbefondere für Oefterreich werden. Wir geben eine ausführliche Tabelle der egyptifchen Baumwoll- Cultur, refpective ihres Exportes, um zu beweifen, wie die Production kräftig gediehen und Mitteleuropa und Oefterreich von England, refpective den englifchen Import und Zwifchenhandel felbftftändig und unabhängig zu machen im Stande ift. Was Bremen, Amfterdam und Antwerpen in Betreff der amerikanifchen Baumwolle für Nord- und Mitteleuropa anftreben, das kann Trieft und Venedig mit egyptifcher Baumwolle für Südeuropa und einen Theil Mitteleuropas fchaffen. Der Export egyptifcher Baumwolle aus dem Hafen Alexandrien betrug: Jahr Centner Jahr Centner 1821. 944 1848. 119.965 1822. 35.108 1849. 257.510 1823 159.426 1850. 364.816 1824 228.078 1851. 384.439 1825. 212.318 1852. 670.129 1826 216.181 1853. 477.397 1827. 159.642 1854. . 477.905 1828. 59.255 1855. • 1829. 104.920 1856.. 1830. 213.585 1857.. • 1831. 186.675 1858.. 1832. 136.127 1859. 1833. 56.067 1860. 1834. 143.892 1861. 520.886 539.885 490.960 519.537 502.645 501.415 596.200 1835. 213.604 1862. 721.052 1836... 243.230 1863. 1,181.888 1837.. 315.470 1864. 1,718.791 1838.. 238.833 1865. 2,001.169 1839.. • 134.097 1866. • 1,288.762 1840. 159.301 1867. 1,260.946 1841. 193.507 1868. • 1,253.455 1842. 211.030 1869. • 1,289.714 1843 261.064 1870. 1,351.797 1844. 153.363 1871. 1,966.215 1845. 1846. • 344.955 1872. 2,108.500 202.040 257.492 1873 bis April. 2,013.433 1847. Es ift die Aufgabe Oefterreichs, mit grofsem Intereffe dem egyptifchen Baumwoll- Markte zu folgen. England wenigftens wendet grofse Mühe auf, die erhaltenen Baumwoll- Gründe in Indien für feine Induftrie auszunützen und dau ernd kräftig zu erhalten. Der indifche Export betrug 1872 nach feinem Werthe 140 Millionen Gulden in Silber, und haben die Länder, über deren Häfen die Wolle einging, die Summe bezahlt, alfo England, Frankreich, dafs feit den letzten Jahren über Havre direct indifche und amerikanifche Baumwolle erhält, Oefter 64 Dr. Carl Thomas Richter. reich, welches neben egyptifcher Baumwolle faft nur noch oftindifche verarbeitet, und Deutfchland, welches über Venedig in den letzten Jahren ganz bedeutende Quantitäten erhalten hat. Trotz Allem aber wird die amerikaniſche Baumwolle immer den gröfsten Weltmarkt befitzen. Dafür fpricht die fteigende Production feit dem Schluffe des Krieges, welche von 1868 und 1869 mit 2,260.000 Ballen auf etwas mehr als 4 Millionen Ballen im Jahre 1870 und 1871 mit dauernd ſteigendem Geldwerth des Productes geftiegen ift. Bezieht Europa zum gröfsten Theil amerikanifche Baumwolle, fo beginnt Amerika gleichfalls mit der wachfenden Spindelzahl und der entsprechend fteigenden Anzahl feiner Webftühle immer mehr feinen Rohftoff zu verarbeiten. Die Zahl der Spindeln ift in den nordamerikanifchen Freiftaaten, 1869 erft 6 Millionen, auf 6,380.061 im Jahre 1870, und auf 6,699.066 Stück im Jahre 1871, endlich 8,350.000 im Jahre 1870 geftiegen. Die Zahl der Webftühle betrug im Jahre 1872: 160.000 Stück und haben 1,042.000 Ballen Baumwolle verarbeitet, gegen 558.600 Ballen in früheren Jahren. Die Zeit ift fomit nicht mehr ferne, in der Amerika feinen Rohftoff zum fertigen Confumtionsproduct felbft verarbeiten, und den Import von Fabricaten bedeutend zurückdrängen wird. England bezog 1871 im Ganzen 4,405.420 Ballen Baumwolle, wovon von Amerika mehr als 2'2 Millionen Ballen geliefert wurden. Es bedarf zur vollen Befchäftigung einer Baumwoll- Spindel jährlich 2,964.000 Ballen, alfo etwas mehr als 9166 Ballen per Tag. Den Reft feines Baumwoll- Importes gibt England an die continentalen Staaten ab, welche übrigens, wie bereits erwähnt, grofse Anstrengungen machen die Uebermacht des englifchen Zwifchenhandels zurückdrängen. Man kann den Kampf heute fchon für den Continent als glücklich entfchieden betrachten. Dagegen betrug freilich der gefammte Productionswerth der englifchen Baumwoll- Artikel 1871 noch 1022 Millionen Gulden, von denen es nur Stoffe im Werth von 156 Millionen felbft verbrauchte. Die andere Gefammt nenge wurde an das Ausland abgegeben und von diefem England bezahlt. Der Productionswerth der Baumwoll- Artikel der ganzen übrigen Welt reicht an diefe Macht Englands faft gerade fo weit heran, als die Gefammtzahl aller Spindeln Europas an die 39% Millionen Spindeln, welche England jahraus jahrein in dauernder Thätigkeit erhält. Indigo. Wir müffen bei der Betrachtung der Rohftoffe aus dem Pflanzenreiche noch des Indigos gedenken, und fügen den anderen überfeeifchen Farbftoff, Cochenille, gleich bei, um das gleiche Gebiet gleich abzufchliefsen. Wenn auch die beiden Farbftoffe für den Welthandel noch immer von Wichtigkeit find, fo nehmen fie doch nicht mehr jene bedeutende Stellung ein, welche fie früher behaupteten, wenigftens nicht für die europäiſche Induftrie, für welche die Anilinfarben von der gröfsten Bedeutung wurden, die in Schönheit der Farbe den tropifchen Farbftoffen gleichftehen, fie an Billigkeit überragen, aber unter ihnen ftehen in ihrer Feftigkeit und Dauerhaftigkeit. Indigo hat feine Heimat in Indien, Java, San Salvador und Manilla, wo die Gefammtproduction früher 14 bis 15 Millionen Pfund betrug. Cochenille wird auf den canarifchen Infeln, Guatemala, Mexico, Neu- Granada, Brafilien, Java und Manilla in einer Gefammtmenge von 3 Millionen Pfund erzeugt. Trotzdem aber die modernen Producte der Chemie die Färberei zumeift in Deutſchland, wo fie erfunden wurden, beherrfchen, hat Deutfchland 1871 doch 25.000 Centner Indigo, 6000 Centner Cochenille und 70.000 Centner Farbhölzer bezogen. Auch ift der Transitohandel über Trieft mit den in Rede ftehenden Rohftoffen in auffallender Weife geftiegen. Im Jahre 1865 nämlich importirte Trieft 295 Centner überfeeifcher Farbftoffe im Ganzen, 1871 dagegen 11.160 Centner Indigo und 24.021 Centner Farbhölzer. Der Welthandel. Die Rohftoffe des Thierreiches. 65 Wolle. Es ift heute eine bekannte Thatfache, dafs die gefammte europäifche Wollproduction, ob mit grofser Sorgfalt betrieben, oder durch die weiten Steppen, zur günftigen Weide geeignet, ernährt, und durch die Natur gezüchtet, von dem ungeheueren Wollreichthum Auftraliens, der Cap- Colonie und LaplattaStaaten vollſtändig zurückgedrängt, ja für die gefammte Summe gewöhnlicher Wollforten geradezu aufgelöft und die Summe vieler Eigenthumsverhältniffe und Einkommensquellen in diefer Richtung bedeutend verändert worden ift. Die Wolle zeichnet fich von der Mehrzahl der landwirthfchaftlichen Producte durch eine fehr bedeutende Transportfähigkeit aus. Weiter ift fie bei einiger Sorgfalt der Aufbewahrung dem Verderben faft gar nicht ausgefetzt und da auch ihr Preis im Durchfchnitte 20 bis 25 mal fo hoch ift, als der des Getreides, fo ift fie auch zu einem 20 bis 25 mal fo weiten Transporte geeignet. Demnach können leicht, und find auch die entfernteften Länder der ganzen Erde bezüglich der Wolle in Concurrenz mit einander getreten, und haben den Wollhandel dadurch zu einem wahren Welthandel gemacht. Bei den im Verhältnifs zum Preife fo geringen Transportkoften können nur ganz natürlich fchwach bevölkerte Länder, wie Auftralien u. f. w., wo die Grundrente darum niedrig ift, ihre Wollforten zu billigen Preifen auf den Markt bringen. Mit diefer koloffalen und immer wachfenden Zufuhr aus den transatlantifchen Ländern find die Wollpreife fo herabgedrückt worden, dafs zumeift durch die ungeheuere Entwicklung der Wirkwaaren- Fabrication felbft jene Volksclaffen, denen früher Schafwoll- Gewebe unzugänglich waren, heute fich mit Wollftoffen bekleiden. Man rechnet, dafs England heute für jeden Einwohner mehr als ein Vliefs jährlich braucht. Uebrigens ift die europäiſche Wollproduction keineswegs fchon aufgelöft. Die feinen, langen und reinen Sorten gehören noch immer der alten Welt an und es werden Jahre fleifsiger Arbeit vergehen müffen, ehe Auftralien, das Capland mit den beften, reinften und feinften Sorten Europas werden concurriren können. Und felbft, wenn diefs der Fall fein wird, wird es ficher möglich fein, die Wollzucht Europas in einigen Staaten, aber freilich mit grofser Sorgfalt, um die Qualität mit der Quantität zu fteigern, zu erhalten, da der Wollverbrauch im dauernden Steigen begriffen, heute fchon ungeheuere Maffen der fogenannten Kunftwolle gebraucht und verarbeitet werden. In dem Hauptfitze derfelben, in Bradford, werden folche Mengen diefer Wolle zu Stoffen aller Art verarbeitet, dafs allein 600.000 reine Wollvliefse als Zufatz für diefe wenig haltbare Schoodiwolle gebraucht werden. Ganz England verarbeitet heute beiläufig 40 Millionen Pfund folcher Wolle. Auch auf dem Continente ift die Thätigkeit der Erzeugung und der Verbrauch folcher Wolle im dauernden Steigen. Der Confum von Wolle überhaupt foll in England 4'2 Pfund per Kopr betragen. In Deutſchland beträgt er 3.6 Pfund. In Oefterreich 3 Pfund. Man kann daraus erkennen, welche koloffale Quantitäten Europa verzehren mag. Die Gefammtzahl der Wollproduction der ganzen Erde fchätzt Fr. X. Neumann auf mindeftens 1250 Millionen Pfund, mit einem Productionswerth 750 Millionen Gulden, davon entfallen annähernd auf Europa 17 570 Millionen Pfund die Laplataftaaten 200 Auftralien " " . 190 " 9 99 Nordamerika. وو 155 " " Indien 30 27 " " die Cap- Colonie 28 22 90 Canada IO وو وو وو In Europa geftaltet fich die Production der letzten 3 Jahre, da überhaupt diefelbe fehr ftationär geworden ift, fo, dafs von der Gefammtproduction von 570 Millionen Pfund entfallen für das Jahr 1870 und 1871: 5 Dr. Carl Thomas Richter. 66 auf England Frankreich " Rufsland. 27 " Deutſchland Oefterreich. 145 Millionen Pfund 140 " " 130 29 " 70 29 " 52 " 99 was jedoch keineswegs die Confumtion der einzelnen Länder bedeutet. Denn, um ein Beispiel zu geben, importirte Deutſchland in den letzten Jahren durchfchnittlich 900.000 Centner, fo dafs man die jährlich verarbeitete Wolle auf 1,350.000 Centner veranfchlagen kann. Wenn England heute noch an der Spitze der wollproducirenden Staaten fteht, fo dürfte doch für Europa nur Rufsland, was Menge und Qualität anbelangt, die Fähigkeit einer noch gröfseren Entwicklung feiner Wollproduction für fich haben. In den Laplataftaaten fteht die argentinifche Republik mit einer Jahresproduction von 140 Millionen Pfund obenan; in Auftralien Victoria mit einer Durchfchnittsproduction von 64 Millionen Pfund. Was den Wollhandel anbelangt, fo bildet England, befonders London, den Centralpunkt. Hier werden zu beftimmten Zeiten Wollauctionen veranstaltet, und Käufer aus allen Ländern treffen dabei ein. Nach der Saifon, wie fie fich bei diefen Auctionen geftalten, richten fich die Märkte aller übrigen Länder, nur mit den Abweichungen, welche die localen Verhältniffe der Production und Fabrication bedingen. Da England der gröfste Wollconfument ift, fo hat fich die Bewegung des Wollhandels in Europa von jeher um den englifchen Markt gedreht. Zuerft hat Spanien England mit Wolle verfehen und betrug noch in der Mitte der 40er Jahre der Import faft eine Million Pfund. Heute hat die Wollproduction Spaniens und die Wollausfuhr bedeutend abgenommen. An die Stelle Spaniens ift Deutſchland getreten. Im Anfang des Jahrhunderts betrug der deutfche Export nach England erft 3 Millionen Pfund, in dem gröfsten Ausfuhrjahr 1836 aber 31,766.200 Pfund. Von da an nahm der Export von Jahr zu Jahr ab, gerade fo wie die deutfche Wollmanufactur fich entwickelte. Der Gefammtexport beträgt heute kaum 25 Millionen Pfund. In neuefter Zeit hat nur die Ausfuhr aus Rufsland nach England fich gefteigert. Es führte nach England in Ballen, à 2 Centner 71 Pfund Zollgewicht, im Jahre 1860 fchon 22.150 Ballen, im Jahre 1865 aber 37.829 Ballen aus. Unbedingt aber die höchfte Wichtigkeit für den gefammten Wollhandel der Welt hat heute der Import von Auftralien, den Laplataftaaten und der CapColonie. Wir müffen, um nicht unvollständig zu fein, auch hier die vielfach benützte Handelstabelle des„ Oekonomift" vorführen. Wir bemerken vorher nur, dafs bis zu den fünfziger Jahren die Ausfuhr auftralifcher Wolle kaum Million Pfund betrug; die des Cap der guten Hoffnung im Anfang der 40er Jahre erft 100.000 Pfund, die der Laplataftaaten dagegen kaum etwas mehr als 2 Millionen Pfund. Dagegen betrug nach Taufenden von Ballen à 400 Pfund der Wollhandel: in den Jahren: 1863 1864 1865 1866 1867 1868 1869 1870 1871 Von Auftralien nach England Vom Cap nach Eng241 302 332 348 412 491 499 549 567 land 68 • Von den Laplataftaaten nach Europa 81 Von Indien nach Eng69 86 131 99 107 128 141 134 124 127 152 192 234 234 213 236 land 4'I 4.9 3.3 Von Canada nach England 7 6 - in summa 390 457 502 607 732 8701 878-7 895.3 930 Der Welthandel. 67 Die Handelsbewegung aber des Wollhandels in den erften Staaten Europas und den vereinigten Staaten von Nordamerika geftaltet fich für das Jahr 1870 fo, dafs an auf England Einfuhr Ausfuhr . 238,820.852 Zollpfund 94.911.916 Zollpfund oda25,711.412 polo 66,543.920 99 Frankreich " • . 167,422.200 99 " iser " Belgien 147,092.128 99 " " Deutſchland. 90,000.000 Oefterreich. 21,680.900 obal 25,000.000 29 • 16,392.700 99 Niederlande " 7 Rufsland.. " Nordamerika 29 16,991.972 • 2,648.700 62,202.714 13,906.260 99 " 28,558.577 12,067.689 99 entfielen. 99 Was nun die Confumtion der wichtigften europäifchen Staaten anbelangt, fo fteht England mit fortfchreitender Entwicklung und Frankreich an der Spitze der Wollmanufactur. England hat im Jahre 1870 und 71 die Menge von 330 Millionen Pfund, Frankreich 300 Millionen Pfund Wolle aller Art verarbeitet. Das gibt eine Gefammtheit einer Handelsbewegung von mehr als 1000 MilHionen Pfund oder beiläufig 700 Millionen Gulden. Seide. Die Gefchichte der Seide, der Seidenzucht und des Seidenhandels hat in den letzten fünf Jahren eine faft romanhafte Geftaltung angenommen, die wir nur in Kürze fkizziren wollen, da die Hauptmomente daraus bekannt sind. Die europäiſchen Haupt Productionsgebiete der Seide find: Norditalien, insbefondere die Lombardei, Süd- Frankreich, Spanien, der Süden von Oesterreich, Ungarn, Griechenland, die Türkei und Rufsland. Von Bedeutung für den Welthandel ift aber nur das italienifche und füdfranzöfifche Product gewesen. Die europäische Seidenproduction betrug in den fünfziger Jahren finkend gegen die Menge der sechziger Jahre, von mehr als 7 Millionen Kilos kaum mehr 3 Millionen. Die Raupenkrankheit hatte diefe Verwüftung hervorgebracht und ganz Europa nach jenen Ländern zu blicken gezwungen, in denen Lage, Clima und Gunft der Verhältniffe eine reiche Seidenproduction ermöglichen. Das waren die Länder Afiens, die in fünf grofse Seidenproductions- Gruppen zerfallen. An der Spitze fteht China und Japan, dann folgt die afiatifche Türkei und endlich Perfien und Bengalen mit ihren weniger werthvollen Producten. China exportirte nach England und Frankreich im Anfang des Jahres 1860 und 1861: 80.336 Ballen à 106% Pfund und fank allmälig im Jahre 1867 auf 39.645 Ballen. Im Jahre 1870 hatte der Zwifchenhandel Englands mit chinefifcher Seide 43.879 Ballen, 1871: 50.943 Ballen empfangen. Die chinefifche Seide ift nur in den beften Sorten fchön weifs, die chinefifchen mangelhaften Spinnweifen boten der europäifchen Induftrie grofse Schwierigkeiten, ebenfo wie die Belaftungen des Handels den Bezug überhaupt beläftigen, fo dafs man immer nur durch die Verhältniffe des Bedarfes gedrängt, die Seide Chinas zu beziehen fich entfchlofs und das erneute Aufblühen der Seidencultur in Europa mit Freuden begrüfste. Die Ausfuhr der japanefifchen Seide betrug in den sechziger Jahren durchschnittlich 20 bis 25.000 Ballen. In der Neige der sechziger Jahre fank der Export 1867 und 1868 auf etwas mehr als 12.000 Ballen und betrug 1770 und 1871 nur mehr 9598 Ballen. Die grofse Nachfrage Europas verleitete die japanefifchen Seidenzüchter, dem Gefpinnft und der Wahl des Stoffes nicht mehr die nöthige Aufmerkfamkeit zuzuwenden und dadurch eine bedeutende Qualitätverminderung zu erzeugen. Zugleich fchädigte die Kraft der Jährlings- Cocons der grofse Export von Raupeneiern und follte diefer Ausfall gleichfalls durch die Verfpinnung fchlechterer Seide gedeckt werden. Das Alles drängte den europäifchen Markt an Japan und China, umfomehr als die europäiſche Seidenproduction glücklich wieder fich entwickelte. Man schätzt die europäische Rohseiden- Production für das Jahre 1868 auf 7 bis 8 Millionen Pfund, für 1869 und 1870 auf 12 Millionen Pfund, für das Jahr 1872 auf 10 Millionen Pfund Seide, im 5* 68 Dr. Carl Thomas Richter. Werthe von einer Milliarde Francs. Die verminderte Nachfrage in Asien hat nun die Chinefen beftimmt, die gelbe Seide europäiſcher Provenienz zu züchten, die japanefifchen Seidenzüchter, Mufteranſtalten in Yeddo uud Tamiyoka zu errichten und die Qualität wie die Spinnweife zu verbeffern, um den Kampf mit der europäiſchen Seide kräftig aufnehmen zu können. So tief greift heute das Leben der verfchiedenen Welttheile fchon ineinander, fo lebendig berühren fich die Intereffen ganz verschiedener Welten. Neben diefem mächtigen Handel verfchwindet die perfifche Seide, die in ihrer Qualität fehr ungleich ift und felbft die bengalifche Seide, die übrigens auch in ihrer Cultur noch wenig entwickelt ift. Der Export hat sich selten über mehr als 1 Millionen englifche Pfund erhoben und foll erft 1870: 2,368.452 Pfund betragen haben. Der perfifche Seidenexport reicht aber auch nicht einmal an diefe Ziffer. Neben diefen Mengen Rohfeide, die man in Gefammtheit auf 21 bis 22 Millionen Pfund schätzen kann, ohne die grofsen Confume Chinas und Japans felbft, werden heute auch die Seidenabfälle in einem Gefpinnft, Chappe, verwendet, eine Verwendung, die heute fchon eine aufserordentliche Ausdehnung gewonnen. Alle Staaten Europas fpinnen Chappe und verwenden sie in der Weberei als Schufs und Kette. hat. Guano. Wir müssen am Schluffe doch noch eines fehr wichtigen überfeeifchen Productes gedenken, welches von immer gröfserer Bedeutung wird; wir meinen das der Landwirthfchaft wichtige Product des Guanos. Wir geben blofs eine Handelstabelle der Einfuhr von Guano aus dem Jahre 1870, welche vollftändig erklärt, was wir damit fagen wollen. Die Guano- Ausfuhr aus Peru im Jahre 1870 betrug nach den nachftehenden amtlichen Angaben 196.840 Tonnen= 7,603.929 Silberpiafter. für England Frankreich 107.580 11 = 4,560.316 11 19 Spanien mit Havanna 15.838 = 19 Belgien 85.428 554.885 3.587.976 19 Holland Deutfchland Nordamerika 17 Italien 19 .. China. 8.757 66.527 25.321 5.000 2.016 11 338.195 2,391.645 11 11 892.312 19 204.700 61.286 19 19 Die Urproducte des Welthandels. Zu den Stoffen, welche wir unter diefem Namen begreifen, rechnen wir alle jene, welche als ein fertiges Product von der Natur, die dabei durch die Arbeit der Menfchen natürlich geleitet ift, gegeben und den Menfchen, wie fie gegeben find, auch nutzbar werden. Dahin gehören, foweit fie, wie fchon früher bemerkt, den Weltmarkt beherrfchen, die Producte des Pflanzenreiches, erftens das Getreide und zweitens die fogenannten Colonialwaaren, Thee, Kaffee, Zucker, die Producte des Thierreiches, Fleiſch und Fleifchproducte. Die Nahrungsmittel aus dem Pflanzenreiche. Getreide. Die kräftige Entwicklung der Bevölkerung Europas und ihre angeftrebte höchfte Ausnützung in der volkswirthfchaftlichen Arbeit in den Induſtrieftaaten hat ein, nun mehr als hundertjähriges Gefetz der volkswirthfchaftlichen Theorie, an das der Name eines der gröfsten deutfchen National Der Welthandel. 69 ökonomen geknüpft ift, das v. Thünen'fche Gefetz von der Ausbildung und Auseinanderrückung der Productionskreife längft zur Wahrheit gemacht und zwifchen den induftriereichen, aber ackerwirthfchaftsarmen Staaten, und den reichen und üppigen Agriculturländern auf dem Gefetze einer grofsen und von der Natur wie vorgezeichneten Arbeitstheilung beruhend, eine Verbindung und Vertaufchung der Güter fo erzeugt, dafs alle klimatifchen Verfchiedenheiten und alle Wirkungen der Naturereigniffe, ebenfo wie alle induftriellen Vorzüge, Begabungen und Entwicklungsmomente eigentlich der ganzen Welt gemeinfam geworden find. Der Handel ift das mächtige und ftets rege Bindeglied dabei für die Länder Europas und auch Amerikas. Wir wollen in dem Folgenden die Productionsziffer der unfere Cultur zumeift berührenden Länder zufammenftellen, und Ausfuhrs und Einfuhrsziffern angeben, betreffs der weiteren Ausführung aber auf die Arbeiten von Scherzer und Fr. X. Neumann in Behm's geographifchem Jahrbuche verweifen, wo Zahlen angegeben find, die fich felbft heute nur fchwer überholen laffen. Die gröfsten, getreideproducirenden Staaten Europas find OefterreichUngarn, die Donaufürftenthümer, das deutſche Reich und Dänemark, oder Länder, welche einen grofsen Theil ihres Productionswerthes an andere Länder abgeben können. Grofsbritannien und Irland, Belgien, die Niederlande und die Schweiz müffen neben ihrer eigenen Production den Mehrbedarf aus der Fremde decken. In Frankreich vermag nur eine fehr reiche Ernte die Einfuhr zu begrenzen, in Italien haben die letzten Jahre eine fo glückliche Entwicklung der Ackerwirthfchaft gereift, dafs der Export an Reis und Mais fortwährend im Steigen, der Import an Getreide im Sinken begriffen ift. In Schweden und Norwegen wird die Ausfuhr durch gleiche Mengen Einfuhr gedeckt. Nach diefen allgemeinen Angaben fchon zeigt fich, dafs der Often Europas den Weften mit feinen Agriculturproducten beherrfcht und dafs fomit Arbeitslöhne und Preife der Induſtrieproducte im Weften und eigentlich der ganzen europäifchen Erde immer von den Ernten und der glücklichen Zufuhr der Getreidefrüchte der überproducirenden Länder abhängen. Die Entwicklung des Eifenbahnnetzes, zumeift der Hauptlinie von Weft nach Oft und die vollfte Freiheit des Getreidehandels, ebenfo wie die höchfte wirthschaftliche Entwicklung des Getreidegefchäftes find daher wichtige Elemente des gefammten wirthschaftlichen Lebens der Völker und der Bildung ihrer Einnahmsquellen. Der gröfste Getreideproducent Europas ift Rufsland. Man fchäzt den Bedarf an Samenkorn für Sommer- und Winterfaat auf 133 3 Millionen Hektoliter. verfchiedener Getreideforten, wornach die gefammte Getreideernte Rufslands auf 560 Millionen Hektoliter angenommen werden kann. Freiheit von Grund und Boden und Freiheit der Arbeit haben diefe grofsartigen Fortfchritte gegen frühere Jahre erzeugt. Die gefammte für den Export vorhandene und überfchüffige Menge Getreide kann 60 bis 70 Millionen Hektoliter betragen. Die gröfste Ausfuhr ift durchfchnittlich in Weizen, in Hülfenfrüchten und Mehl. Im Jahre 1870 betrug fie 44,242.298 Hektoliter und richtete fich wie immer durch die Häfen des fchwarzen Meeres, zumeift Odeffa, Roftoff, Taganrog und Mariuzol nach England und Frankreich, Belgien und Schweiz. Den gröfsten Export hat der Hafen Odeffa, den übrigens auch durch alle möglichen Mittel Regierung und Stadt zu heben fuchten. Der Gefammtexport an Weizen, Roggen, Gerfte und Hafer betrug 1870 162,990.000 Rubel, im Jahre 1871 182,948.000, alfo eine Werthfumme, welche von der Summe aller übrigen ruffifchen Exportartikel um nur Weniges übertroffen wird. Für das Jahr 1872 ift ein Rückgang gegen 1871 um 23 eingetreten, auf Grund der befferen Ernten in den Importländern und der fchlechten Ernte in Rufsland.( W. v. Lindheim: Die wiffenfchaftlichen Verhältniffe des ruffifchen Reiches, Wien 1878.) Oefterreich- Ungarn producirte 1871 eine Durchfchnittsernte, nach welcher die Menge der Körnerfrüchte betrug: 70 Dr. Carl Thomas Richter. Millionen Hektoliter Millionen an Weizen 3191 oder 28.28 77 Roggen 43 42 99 49 19 Gerfte " 24.78 als Mittelernte der ganzen 77 30.79 Hafer 43 27 " " 6149 Monarchie. Mais " Hirfe und Haidekorn 77 21'42 4.79 " 99 23.361 6.15 Darnach kann nach den heutigen Bevölkerungsverhältniffen bei einer Summe von 199 20 Millionen Hektoliter noch eine ftarke Ausfuhr an Getreide und Mehl ftattfinden. Sie fand auch in früheren Jahren, fich dauernd fteigernd, wirklich ftatt, bis durch den Mangel an genügenden Verkehrsmitteln, durch ſchlechte Ernten und die Wirkungen eines fchlecht organifirten Handels, gröfsere Ausfälle ftattfanden und fich zumeift in Getreide bemerkbar machten. Das vorzügliche, durch feine Trockenheit weit in alle Welt vertriebene öfterreichifche Mehl braucht übrigens nicht eine durch fchlechte innere Verhältniffe im Auslande grofsgewordene Concurrenz zu fcheuen. Der erfte Handelsplatz des Getreides und Mehles in Oefterreich ift, wie bekannt, Peft. Die Ausfuhr an Getreide und Hülfenfrüchten betrug 1871: 14,388.905 Centner gegen durchſchnittlich 20 Millionen in früheren Jahren. Die Ausfuhr: an Mehl betrug 2,585.042 Centner gegen durchfchnittlich 2 Millionen früherer Jahre. Die gefammte Handelsbewegung geftaltete fich für die Jahre Weizen Roggen Gerfte Mehl und Mehldroducte Ausfuhr Zollcentner 1870 Einfuhr 997.196 338.944 271.526 416.570 1871 Einfuhr Ausfuhr Zollcentner 3,94 1.417 1,624-775 1,227.462 5,760.657 493.209 2,728.1 28 2,076.424 254.187 3,828.071 2,949.987 380.33 I 3.585.042 Eine Handelsbewegung, die 1870 bis 1871 beim Import des Getreides 10 Millionen Gulden, bei Mehl 3 Millionen Gulden, beim Export im Jahre 1870 mehr als 27.8 Millionen, im Jahre 1871: 41 9 Millionen Gulden für Getreide und Hülfenfrüchte, beim Mehlexport 1870: 23 7, 1871: 28.7 Millionen Gulden betrug, oder im Gefammttheil 1870: 515 und 1871: 70 6 Millionen Gulden oder Export und Import zufammen 1871: 844 Millionen Gulden. Betreffs des Jahres 1872 werden wir am Schluffe berichten. Ueber Rumänien werden die ftatiftifchen Angaben noch fehr vorfichtig aufgenommen werden müffen, da Staat, Gemeinden und Private fich wenig darum kümmern, und A. Mourouzy, ebenfo wie Aurelian und Frundescu nur nach unficheren Schätzungen vorgehen. Bei 6,332.473 Hektaren Ackerland und faft drei Millionen Menfchen, die fich dem Ackerbaue widmen, dürfte die mittlere Ernte nicht zu hoch gegriffen fein für Weizen mit " Roggen Mais י 29 15,055.759 Hektoliter 2, 46 7.8 30 20, 26 1.760 " 17 Gerfte " " " " Hafer Hirfe " 9 " 99 99 7,940.960 1,765.165 2,50 4.260 zu denen nun noch 16.289.778 Kilogramm Bohnen und Linfen, 11,754.146 Kilogramm Erdäpfel und mehrere Millionen Flachs, Hanf u. f. w. kommen. Das ift die Kornkammer faft des ganzen weftlichen Europa und der Türkei, und Galacz und Braila, die grofsen Ausfuhrhäfen zur See fehen die Flaggen Frankreichs, Englands, der Schweiz, Italiens u. f. w., und fenden neben Giurgevo und anderen Donauftädten, auch mit den Schiffen der Donau- Dampffchifffahrts- Gefellfchaft ihre Ernte nach dem Weften. Die Ausfuhrziffern find nun vollkommen ungenau und kann man nur nach der annähernd gefchätzten Confumtion im Innern des Landes die Der Welthandel. 71 Exportziffern gleichfalls fchätzungsweife ficherftellen. Von der oben angegebenen mittleren Ernte werden confumirt von Weizen " Roggen Mais 99 . 4.733.480 Hektoliter 2,083.45 I 11,089.425 99 " " Hafer und Gerfte Hirfe . 8,398. 191 2,417.840 " 9 " 9 " 9 und aufserdem von Hülfenfrüchten 13,171.353 Kilogramm und 11,754.146 Kilogramm Erdäpfel. Demnach ergibt fich für Getreide eine Exportfumme von21, 081.338 Hektoliter, wovon 10,232.279 Hektoliter auf Weizen und 9,172.345 Hektoliter auf Mais entfallen. Dazu kommen noch mehr als 3 Millionen Hülfenfrüchte, was eine Durchfchnittfumme von mehr als 120 Millionen Francs Exportwerth ergibt, welche in erfter Richtung die Türkei, dann Frankreich und Oefterreich, England, Italien, die Schweiz und Rufsland bezahlen. Der Import von Gütern ragt kaum zu 2, diefer Exportfumme hinauf, und geftattet Rumänien einen jährlichen bedeutenden Capitalsüberfchufs. Nach diefen reichen Staaten folgt Dänemark, das gleichfalls im Stande ift, nach jeder Durchfchnittsernte mehr als 17 Percent des Ernte- Erträgniffes auszuführen, was im Jahre 1871 mehr als 70 Millionen Francs betrug, von denen bei der fortgefetzten Bemühung die Mehlinduftrie zu heben, immer anfehnlichere Quantitäten auf Mehl und Mehlproducte entfallen. Die Bezugsländer find Deutfchland, wenn feine Ernte es nöthig macht, Schweden und Norwegen und England. Das deutfche Reich ift in nur günftigen Erntejahren exportfähig und dürfte wohl mit der Entwicklung feiner Arbeit, feines Handels und Induftrie bald fo hoch eine Getreidefrüchte und den Boden derfelbenverwerthen, dafs fich der Productionskreis für Feldfrüchte weit hinaus über feine Grenzen verlegen wird. Die Durchfchnittsernte der deutfchen Zollvereins- Staaten beträgt annähernd 34 Millionen Hektoliter an Weizen " Spelz 99 Roggen " " 9 Gerfte. Hafer 15 99 94 29 99 30 " " 87 99 wovon in der Gefammtheit der Production faft die Hälfte auf Preufsen und Lauenburg entfallen. Von einer folchen Ernte vermag Deutfchland zumeift Weizen ein Theilchen abzugeben. Kräftiger ift Deutfchlands Export an Mehl und Mehlproducten, doch wird auch diefer zum Theil durch Import aus Ungarn wieder zurückgedeckt. Von jenen Ländern, welche theils durch ihre hohe Cultur Grund und Boden immer mehr den Handelsgewächfen und den Futterkräutern zuwenden und dadurch dauernd auf den Import an Feldfrüchten angewiefen find, find in erfter Richtung England, dann Belgien und die Niederlande zu nennen. nennen. Zu jenen Ländern, welche trotz der Ergiebigkeit ihres Bodens und der fortgefetzten Urbarmachung auf den Bedarf aus der Fremde angewiefen find, gehören Frankreich, Italien, Griechenland und die Türkei. Endlich zu jenen, welche durch die Unergiebigkeit des Bodens gezwungen find, Getreide zu importiren, gehört Schweden und Norwegen und die Schweiz. England importirt, durch feine Schifffahrt unterſtützt, Getreide aus Europa und ganz Amerika. Weizen und Weizenmehl bilden dabei den Hauptartikel und fchätzt man Englands Bedarf auf 64 Millionen Hektoliter. Da felbft in beften Jahren der eigene Boden kaum 2, diefes Bedarfes zu decken vermag, fo liefern heute in erfter Reihe Rufsland, dann Amerika, ihren Ueberfchufs. Im Jahre 1871 betrug der Import 39,407.646 Centner Weizen, 3,984.638 Centner Weizenmehl und 36,428.664 Centner andere Getreidearten in einem Werthe von 40 Millionen Pfund Sterling. 72 Dr. Carl Thomas Richter. Belgien, in gleicher Entwicklung wie Frankreich, faugt immer mehr feine Arbeitskraft in der Induftrie auf und deckt feinen Bedarf an Getreide aus der Fremde, aus Deutfchland, Dänemark und Rufsland, und zum Theile heute auch aus Amerika. In zehnjährigem Durchfchnitte betrug die Getreideeinfuhr jährlich mehr als 128.5 Millionen Kilogramm gegenüber einer Ausfuhr von kaum 5.5 Millionen. Diefe bedeutende Einfuhr dient zumeift, um die zahlreichen Mühlen Belgiens zu befchäftigen. Die Ausfuhr ift daher gewifs zumeift auch Mehl. In ähnlicher Weife wird Roggen, faft 40 Millionen Kilogramm für die Alkoholbrennereien importirt, dem gegenüber und ihren bedeutenden Ausfuhren der Export von 9 Millionen Kilogramm Roggen verfchwindend ift. Ausserdem baut Belgien für die Alkoholinduftrie zumeift Roggen im Lande. Die mittlere Ernte von ganz Belgien beträgt Weizen 5,164.796, Korn 6,386.158, Gerfte 1,332.961, Hafer 8,495.929 und Mengkorn 1,952.775 Hektoliter. Die Niederlande find durch Lage und grofse Wiefencultur bei einem reichen Viehftande von jeher auf den Import von Cerealien angewiefen gewefen, der mit dem wachfenden Wohlftande gleichfalls dauernd im Steigen begriffen ift. Für feinen Bedarf betrug der Import 1870 an Getreide 4,382.353 Hektoliter und 576.320 Centner Roggen- und Weizenmehl in einem Gefammtwerthe von 96 Millionen Francs. Die mittlere Durchfchnittsernte in den Niederlanden beträgt ( 1870) Weizen 2,056.222, Róggen 3,892.311, Gerfte 1,850.430, Hafer 4,093.407 Hektoliter, dazu kommt noch Spelz und türkifcher Mais mit faft 1 Million Hektoliter. Der Gefammtwerth aller Agriculturproducte beträgt demnach 172,175.690 Gulden. Er ift gegen frühere Jahre, zumeift gegen 1867 im Sinken begriffen. Frankreich fucht durch die Nothwendigkeit Getreide aus der Fremde zu importiren, den urbaren Boden und den Ackerbau zu entwickeln. Aber durch das Wachfen der ftädtifchen Bevölkerung, durch die dauernde Steigerung des Anbaues der Handelsgewächfe, Rübe, Hanf, Flachs, Karden u. f. w. deckt die Ackerwirthfchaft felbft in guten Ernten nicht den Bedarf und importirt Rufsland, Deutfchland, Oefterreich und Amerika. Der Gefammtimport an Getreide, zumeift Weizen betrug 1870 5794 Millionen Centner im Werthe von 141'6 Millionen Francs, an Weizenmehl zumeift Belgien o 328 Centner im Werthe von 11 5 Millionen Francs. Der Gefammtexport betrug nur 10 2 Millionen Francs und dazu kommt noch ein Zwifchenhandel im Werthe von etwas mehr als 26 Millionen Francs. Italien fteht heute noch für feinen Getreidebedarf unter den importirenden Ländern. Aber die fortfchreitende, politifche Confolidirung des Staates bringt auch wirthschaftlichen Segen. Es fteigt die Arbeitstüchtigkeit und das Arbeitserträgnifs, daher zeigen die Mittelernten der letzten Jahre doch einen finkenden Import von Getreide, während der Export von Reis, Mais und Mahlproducten im Steigen begriffen ift. Die Mittelernte beträgt 69,497.202 Hektoliter, wovon 16,352.141 auf Mais entfallen. Der Gefammtimport betrug 1870 an Getreidefrüchte 4.992.000 Centner, dem eine Ausfuhr von 3,206.000 Centner gegenüber ftand. Die Ausfuhr von Mehl dagegen überragte den Import. Griechenland ift theils durch eine ungenügende Ackerwirthschaft, die übrigens die Regierung mit aller Kraft zu verbeffern fucht, theils durch den ergiebigen Tabak- und den ganz anfehnlichen Baumwollbau( 2 Millionen Pfunde), durch die Pflege der Olive, der Korinthe und des Weines ein Getreideimportirendes Land, und man fchätzt die Jahreszufuhr auf mehr als 500.000 Centner mit einem Werthe von 13 bis 14 Millionen Francs, die Griechenland an Rufsland und die Donauländer zahlt. Diefes Verhältnifs dürfte, wenn die Bemühungen der Regierung gelingen, keineswegs lange mehr fo ungünftig bleiben. Schweden wird durch das Schwefterland Norwegen zu einem Getreide importirenden Staate, weil Klima und Bodenbefchaffenheit Norwegens eine aus- giebige Feldwirthschaft nicht geftatten. Aber auch Schweden war in frühereu Der Welthandel. 73 Jahren Getreide importirend, ift aber heute durch die Entwicklung feiner Feldwirthfchaft, Fleifs und Tüchtigkeit feiner Bewohner wenigftens nicht mehr paffiv, da Ein- und Ausfuhr fich faft decken. Auf den 2,548.000 Hektaren, welche Schweden 1870 in Cultur hatte, wurde Weizen an 1,271.000 Hektoliter Roggen " 6,660.000 5,065.000 " 99 99 Gerfte Hafer» 12,450.000 Mengkorn 1,640.000 دو erzeugt, zu denen noch 912.500 Hektoliter Hülfenfrüchte und 16,443.000 Kilogramm Kartoffel kommen. Demnach bedarf Roggen und Weizen vom Auslande einen Zufchufs, während Gerfte und Hafer eine ganz bedeutende Ausfuhr unterhalten und die Einfuhr an anderen Körnerfrüchten decken. Nur Mehl wird noch in bedeutend gröfserer Quantität eingeführt, 769.978 Centner, als ausgeführt, 46.186 Centner. Norwegen producirt zumeift Hafer, 1870 etwas mehr als 2 Millionen norwegifche Tonnen. Die Einfuhr an Getreide aus Rufsland, Dänemark, Amerika und zum Theil auch aus Deutſchland, in summa von faft 40 Millionen Francs, und von Mehl im Werthe von faft 4 Millionen Francs decken den Bedarf des Landes. Die Schweiz ift durch Lage und Befchaffenheit des Bodens, gegenüber feiner reichen und in der Induftrie thätigen Bevölkerung auf Getreide- und Mehlzufuhr aus der Fremde angewiefen. Die Gefammtzufuhr gibt der Ausweis 1871 auf 63,480.290 Francs für Getreide an für einen Import von 3,734,135 Centner Getreide und 177.437 Centner Mehl. Dabei ift zu bemerken, dafs der Mehlimport durch die auflebende Mühleninduftrie in der Schweiz im dauernden Sinken begriffen ift. Wie wir fchon früher angedeutet haben, wird für die europäifche Getreideverforgung Amerika von einer grofsen Bedeutung. Die Ertragsfähigkeit in den reichen Fluren der nordamerikanifchen Freiftaaten wird noch gefteigert durch eine fortgefetzte Pflege von Grund und Boden und find die Ernten in den letzten zwanzig Jahren um hunderte Millionen Hektoliter gewachfen und betrugen im Jahre 1860 gegen 1870 242,347.000 Bufhels, 1.174,310.000 in einem Werthe von 345,280.750 Dollars 1.174.310.000 an Weizen 173,104.924 Bufhels, Mais 22 838,792.740 99 " 99 Roggen 21,101.380 29 29,542.000 29 Hafer " 172,043.185 79 241,700.000 99 41,358.800 193,360.000 ga 99 Gerfte " 9 155,000.00 " 22,000.000 16,500.000 99 99 Buchweizen 17,500.000 996 24,500.000 24.500.000 ༤ ན་ " Kartoffeln III, 500.000 " 155, 500.000 22 79 77.500.000 was, wenn man Tabak, Zucker, Heu u. f. w. hinzurechnet, ein Jahreserzeugnifs von 2.352 Millionen Dollars ergeben foll. Von diefen koloffalen Schätzen exportirt Amerika mit jedem Jahre mehr und mehr, zumeift Weizen, Mais und Weizenmehl. Der Export betrug 1869 und 1870: 13,367.632 Hektoliter im Werthe 263'; Millionen, für 1870 und 1871: 25,541.839 Hektoliter im Werthe 284', Millionen Francs, dazu kommen 1869 und 1870 noch 115 Millionen Francs und 1870 und 1871 noch 130 Millionen Francs für Mehl. Der gefammte Getreidehandel Amerikas mag in diefem Jahre für 430 Millionen Francs exportirt haben. Von immer gröfserer Wichtigkeit wird neben den amerikaniſchen Freiftaaten Canada, und wenn es die drei offenen Wege, die Canada nach Europa hat, über den Miffiffippi, über New- York durch den Ericcanal und über den S. Lorenzo durch den Wallandcanal, von denen die beiden letzten noch fehr fchlecht ausgebildet find, wird vollkräftig benützen können, dann wird diefe Stellung Canadas noch bedeutender werden. Es ift die Kornkammer Europas. Aus dem Hafen von Montreal liefen 1870 Dampfer und Segler mit 839.289 Tonnen aus, die zumeift Getreide nach England führten. In denfelben Jahren 82,667.174 74 Dr. Carl Thomas Richter. Bufhels und 382.177 Barrels Mehl. Unter den übrigen heute fchon exportfähigen Staaten Amerikas ift noch Chile zu nennen, von deffen Bodenproducten fchon 1870 512 Millionen Centner exportirt wurden. Das Europa fo günftig gelegene Egypten dürfte, wenn die Macht des Khedive fo lange dauert und fo weit reicht, dafs das gefammte Land einer reicheren Cultur entgegengebracht wird, eine unerfchöpfliche Kornquelle Europas fein. Der heutige Export von I₁ Million Hektoliter Weizen und 162.000 Hektoliter Mais im Werthe von II Millionen Francs reicht nicht im Entfernteften an die Productionsfähigkeit Egyptens hinan. Nach diefer Ueberficht ift leicht zu erkennen, welche Bedeutung die Getreideproduction für die Welt hat und wie heute der Handel mit Feldfrüchten noch die mächtigften Werthe bewegt. Er mag im Ganzen Einfuhr und Ausfuhr als Werth angenommen 4277 4 Millionen Francs betragen, die fich faft zur Hälfte auf den Einfuhrhandel der Getreide bedürftigen Länder beziehen. Thee. Es ift bekannt, dafs im Handel der Welt von dem grofsen Theepro ducenten China aus zwei Sorten, der fogenannte fchwarze und der grüne Thee kommen, die aber beide von derfelben Pflanze abftammen, und nur durch die verfchiedenen Arten der Dörrung, Trocknung und weiteren Manipulation verfchieden werden und in der That in der Qualität und vielleicht auch n der Quantität verfchieden fich zeigen. Die Theepflanze hat eine grofse Bedeutung und gedeiht über China, Japan und Affam hinaus in allen Gebirgsgegenden des nördlichen Siam, China und Cochinchina. Er wird in einzelnen Gebieten an den Abhängen der Berge bis zu einer Höhe von 1500 Fufs gebaut und gedeiht in anderen Gegenden wieder schon am Fufs der Berge oft in unmittelbarer Nähe der Reisfelder. Der fchwarze Thee bildet 8/10 der Gefammtausfuhr Chinas und kommt von den Boheahügeln. Der grüne Thee kommt aus Choangha und San- to- tfchu und foll am ausgezeichnetften in den nördlichen Provinzen der Theediftricte fein. Das Sammeln, Räuchern, Rollen und Ausfuchen des Thees wird zumeift von Frauen und Kindern ausgeführt. Noch vor 20 Jahren kaum 50 Millionen Pfund betragend, ift heute die Ausfuhr auf 180 Millionen Pfund geftiegen. Wir laffen am Schluffe eine genaue Tabelle der chinefischen Theebewegung folgen, die wir der Ausftellung verdanken und die am beften die Bedeutung des ganzen Handels illuftrirt, und die verfchiedenen Namen der Theeforten angibt, die übrigens nichts Anderes bedeuten, als Namen der einzelnen Grundftücke oder Befitzer der Theefelder. Neben China fteigt die Bedeutung Japans für den Theehandel von Jahr zu Jahr und mag heute 15 Millionen Zollpfund aus Yokohama, Nagafaki und Hiogo und Ofaka verfandt werden. Die beiden letzten Häfen find heute fchon die bedeutendften und werden ficher den Theehandel aus den theeerzeugenden Provinzen an fich ziehen. Bei der Tüchtigkeit der Arbeit und der Ausdauer des japanefifchen Volkes, dürfte bald der japanefifche Thee auch eine bedeutende Concurrenz für China bilden. Aufser Oftafien ftrebte auch Java und Madura mit feinen Theeforten auf den Markt( 1871: 916.767 Kiligramm). Grofsartig aber ift die feit beiläufig 20 Jahren begründete Theecultur in den Himalajagegenden, insbefondere in Affam, wo allein 100 bis 150 Millionen Pfund gezogen werden follen. Im Jahre 1870 find auf den Markt in Calcutta 15.700.000 Pfund Thee zur Auction und Ausfuhr gekommen. Rechnet man die Gefammtproduction des Thee in den afiatifchen Theeregionen zufammen, fo ergibt fich eine Gefammtproduction von mehr als 240 Millionen Pfund, von denen durchfchnittlich mehr als 200 Millionen Pfund zur Ausfuhr nach Europa und Nordamerika kommen. Im Jahre 1871 betrug die Ausfuhr 202,752.400 Pfund von denen nach England allein 139,113.600 Pfund kommen. Der Welthandel. Tabelle der Theeausfuhr von 1870 nach den verfchiedenen Sorten und Ländern, welche ausgeführt und empfangen. ihn Schwarzer Thee: Congou Souchong Duft Mixed Flowery Pekoe Brick Perculs Grofs- Britannien 723.715 26.705 2.703 184 1.866 Brit'fche Flagge für Aufträge 24.460 2.334 3 294 Europäiſcher Continent Canada 532 II 2 . Verein. Staaten v. Nordamerika 11.406 11.421 Buenos- Ayres Calao Olong Scented Orange Pekoe Pouchong 5.505 34.750 26.623 5 821.856 300 31 52.997 54 44 1.136 77.389 970 28 240 702 1.940 608 611 Cap der guten Hoffnung.. 243 693 45 + 985 Auftralien. 82.772 44 41 13 324 83.294 I.262 Neu- Seeland. 1.253 9 Java. 886 50 Manila. 2.260 8 3.196 88 00 97 I Saigon. 157 Siam. 294 Straits. I5I I 487 755 302 644 1.049 +54 Hongkong Freihäfen und 18.680 6.767 521 333 853 1.054 20.082 I.275 6.082 2.012 57.659 98 Japan . 98 Sibirien und Rufsland über Kiachta. Indien Amur- Provinz , 21.161 28. I 62.194 83.355 20 49 I Total..886.706 48.046 886.706 48.046 3-524 637 3.013 63.252 82.400 36.092 33.629 4.483 1,161.479 33.629 27.091 13 532 Total Schwarz 75 76 Dr. Carl Thomas Richter. Tabelle der Theeausfuhr von 1870 nach den verfchiedenen Sorten und Ländern, welche ihn ausgeführt und empfangen. Grüner Thee: Grofs- Britannien Brit'fche Flagge für Aufträge Europäifcher Peculs 21.776 8.706 34 1.056 6.642 28.856 4.428 71.498 Continent 66 146 91 306 Canada. 249 69 125 50 212 609 1.314 Verein. Staaten v. Nordamerika 83.068 14.041 94 6.228 19.694 32.469 3.861 159.455 Buenos- Ayres 253 253 Callao . Cap der guten Hoffnung. Auftralien. Neu- Seeland. Java. Manila. Saigon Siam. Straits Hongkong und Freihäfen Japan Sibirien und Rufsland Kiachta Indien über Amur- Provinz 32 58 37 127 420 972 33 67 739 597 105 1.393 3.326 27 60 6 6 17 4 66 3 1.065 21 1.089 Total 105.575 24.925 219 7.482 27.533 62.300 9.003 I.397 237-434 Der Welthandel. 77 Trotz diefer koloffalen Maffe kommen doch noch grofse Mengen von Theefurrogaten und gefälschten Waaren auf den Markt, zunächft im Detailhandel. Theefurrogate bildet der fogenannten Maté oder Paraguaythee, beiläufig 40 Millionen Pfund und der Cocathee, von dem beiläufig 20 Millionen Pfund auf den Markt kommen. Die Theefälfchungen werden mit bereits gebrauchten Blättern im Detailhandel getrieben. Sie kommen zumeift in England vor, wo bei einem Verbrauch von 3 Pfund per Kopf der Theeconfum auch bei den ärmeren Claffen Eingang gefunden. Leider hängt auch hier, wie im Bezug von Baumwolle zumeift Süd- und Mitteleuropa vollständig von England ab, und zahlen Fracht und Gewinn in einem Preife, der bei directem Bezug heute durch den Suezcanal, Trieft oder Venedig auf mindeftens ein Drittel finken könnte. Der Triefter Hafen hat trotz des fteigenden Confums in Oefterreich( beiläufig 369.600 Pfund im Jahr) auch nicht ein Pfund, eingeführt. Vielleicht wiederholen wir hier nicht vergeblich, was die während der Ausstellung in Wien anwefenden Zolldirectoren aus China uns vielfach verficherten. Entwickelten fich die, während diefer Zeit vielfach angeknüpften Handelsbeziehungen Oefterreichs mit Oftafien, dann kann der Thee einen reichlohnenden Rückfracht- Artikel bilden, der immer bedeutender werden wird, jemehr mit der dadurch erzeugten Billigkeit desfelben der Confum fich fteigern wird. Rufsland führt ja auch feinen Thee als Rückfracht der Karawanen, welche Pelze nach China bringen, in fein Land ein. Und Oefterreich mit der günftigen Lage feines Triefter Hafens follte diefem Beiſpiele nicht folgen können? Kaffee. Die Hauptproductions- Länder des Kaffees find Brafilien, Java, Sumatra, Ceylon, S. Domingo, britifch Indien, Portorico, Costarica, die Mocca zumeift erzeugenden Gebiete des rothen Meeres, feit den letzten Jahren in fortfchreitender Entwicklung begriffen, Venezuela, Guatemala, Pinang und Cuba. Unter allen diefen Productionsgebieten nehmen die drei erft genannten Länder die höchfte Stelle ein, denn von einer Gefammtproduction im Jahre 1870 und 1871 von 7,264.321 Zollcentnern producirten: Brafilien 3,225.705 Centner bei mehr als 800 Millionen Kaffeeftauden Java und Sumatra Ceylon • 1.412.000 " 99 " • 1,000,000 faft 300 280 " 99 " " " Diefe Productionsmenge fucht man allenthalben durch die Verbefferung der Cultur, durch die beffere und forgfältigere Einfammlung der Früchte und Ausnützung der Arbeitskräfte zu fteigern, denn der Kaffeebedarf ift allenthalben in den Productionsländern und den importirenden Staaten Europas und Amerikas im rafchen Steigen begriffen. Den höchften Kaffeeverbrauch hat Belgien, Holland, die Schweiz und die vereinigten Staaten von Nordamerika. Im deutfchen Zollverein rechnet man 4 Pfund per Kopf, in Frankreich 314, in Oefterreich- Ungarn 12 Pfund. Rufsland und Grofsbritannien, die Haupt- Confumtionsländer von Thee zeigen den geringften Kaffeeverbrauch. Der Gefammtimport nach den europäiſchen Ländern belief fich 1871 auf 6,912.363 Zollcentner, nach den Vereinigten Staaten von Nordamerika auf 1,994.000 Zollcentner. Brafilien, Java und Ceylon beherrfchen zumeift den europäifchen Markt und in den letzten Jahren haben Cuba und Venezuela eine gröfsere Bedeutung erlangt, für Trieft wird Britifch Indien und die Caffeeküfte des rothen Meeres von immer gröfserer Bedeutung. Der Import durch diefen Hafen iſt im fortwährenden Steigen begriffen. Er betrug 1871: 217.543 Centner, alfo faft 100.000 Centner mehr als früher. Die englifchen Befitzungen haben fich dabei mit 20.765 Zollcentner betheiligt gegen 1835 früher. Der Hauptimport ift jedoch immer noch durch Waare aus Brafilien gedeckt worden und kann diefs den Ausfall im Hamburger Hafen zum Theil erklären. Cacao. Von immer gröfserer Bedeutung wird die Cacaoproduction und ihr Erfcheinen auf den europäifchen Märkten. Wir erwähnen hier nur kurz, dafs 78 Dr. Carl Thomas Richter. die Hauptproductions- Länder Martinique 1871 und 1872: 342.691 Kilogramm, Guadeloupe 102.933 Kilogramm und Venezuela, welches den beften Cacao erzeugt, 1870 und 1871: 50.786 Centner nach Europa exportirte. Zucker. Wir haben hier nur wenige Bemerkungen zu machen, da das Gebiet in der trefflichen Arbeit von Dr. Jofef Hanamann:„ Zucker", Band I. des officiellen Berichts fchon berührt ift. Die Colonialzucker- Induftrie wird um fo intereffanter, als fie feit Jahren auf dem europäiſchen Continent die RübenzuckerInduftrie bekämpft, gerade wie diefe jene. Bis heute hat diefer Kampf weder dem einen noch dem anderen Product Eintrag gethan und wie beide fich entwickeln, haben fie nur die Confumtion faft in der ganzen Welt vermehrt, natürlich dort am meiften, wo man, wie in Frankreich, Belgien und Deutfchland nicht höchft überflüffig das Product der Induftrie gegen das Product der Natur protegirte. Oefterreich und Rufsland leiden darunter und ftehen auf der letzten Stufe der Zucker confumirenden Länder. Die Ausfuhr des Colonialzuckers, die bei dem ftarken Verbrauch der Productionsorte unter Einem auf die Production fchliefsen läfst, geftaltete fich 1871 in folgender Weife: Cuba Land Ausfuhr in Zollcentnern 12,000.000 500.000 Das übrige Weftindien. Java und Sumatra 3,482.000 China 2,840.000 Franzöfifche Colonien 2,400.000 Brafilien 2,706.000 Mauritius 1,641.000 Britifch Guiana 1,612.800 Manilla. Mexico. 1,200.000 700.000 Egypten 456.851 Britifch Indien 314.400 Peru. 160.000 Siam. 140.000 Natal 114.000 Pinang 64.000 San Salvador 60.000 Luifiana 40.000 Venezuela . 32.939 Guatemala. 13.000 Wir folgen dabei den Zahlen von Behm's geographifchem Jahrbuch und haben nur dort, wo die Ausftellung genaueres Material lieferte, die Ziffer für das Jahr 1870 eingeftellt. Die Gefammtproduction des Colonialzuckers mag fomit in den Jahren 1870 und 1871 an 37 Millionen Centner ergeben haben, in denen ein Ausfall gegen früher zu bemerken ift, der durch die fchlechte Ernte in Cuba, dem HauptProductionslande, entstanden ift, in der Gegenwart aber fchon wieder gedeckt fein foll. Diefen Ziffern gegenüber fteht eine in den 1663 europäifchen RübenzuckerFabriken erzeugte Menge von 18,711.000 Zollcentner des in der Campagne 1871 und 1872 gefchaffenen Rübenzuckers, wobei Frankreich in erfter Richtung, dann Deutfchland, Rufsland und Oefterreich betheiligt find. Von den oben erwähnten Ziffern der gefammten Colonialzucker- Ausfuhr mögen 25 Millionen Centner auf Europa entfallen, was fomit einen Confum von 43,711.000 Zollcentner per Jahr macht. Intereffant ift auch hier wieder für Oefterreich und Mitteleuropa das Steigen der Handelsbewegung im Triefter Hafen. Die Zuckereinfuhr fank von 114.522 Zoll Der Welthandel. 79 centner im Jahre 1865 auf 29.396 Zollcentner 1871. Die Ausfuhr dagegen, natürlich Rübenzucker, geftaltete fich folgendermassen: 1865 Trieft und andere öfterreichifche Häfen 70.707 1871 56.624 fremde Häfen, zumeift " 9 " Türkei, Egypten und Moldau 9.209 21.719 nach Italien.. " 30.177 94.464 Griechenland " 2.739 24.404 114.248 198.740 Gefammtbewegung Dazu kommt noch eine Zuckerausfuhr von Trieft auf dem Landwege, die 1865 erft 5428, im Jahre 1871 aber fchon 28.509 Zollcentner betrug. Gewürze. Unter den Gewürzen hatte von jeher der Zimmt von der Infel Ceylon eine bedeutende Stellung eingenommen. Der Export beläuft fich heute auf faft I Million Pfund im Werthe von 50- bis 60.000 Pfund Sterling, faft den fechsten Theil der gefammten Ausfuhr der Infel. Mit dem Zimmt concurrirt die fcharfe, herb fchmeckende Caffia( Laurus Caffia L.), welche Frankreich heute mit grofser Sorgfalt in feinen Colonien von Martinique pflegt. Die Ausfuhr betrug 1872 fchon 190.000 Kilogramm. Summatra, Borneo, China und Cochinchina verfchiffen gleichfalls bedeutende Mengen diefer Pflanze nach England. Es werden in Gefammtheit nach Europa beiläufig 1,600.000 Pfund im Werthe von 100.000 Pfund Sterling verfchifft. Tabak. Bei dem bedeutenden und fich immer fteigernden Confum des Tabaks und der dadurch erhaltenen reichen Cultur in zwei Welttheilen fei es geftattet, noch in Kurzem des Tabakbaues und Handels zu erwähnen. Repräfentirt die Production heute mindeftens 12 Millionen Centner, fo repräfentirt diefs einen Handelswerth von wenigftens 240 Millionen Gulden. Die Hauptproductions- Länder find die Vereinigten Staaten von Nordamerika, die Infel Cuba, Brafilien, zumeift Provinz Bahia, und die Philippinen. In Europa fteht Oefterreich an der Spitze, dann folgt Deutfchland, Rufsland, Holland. Diefer Production entfprechend vertheilte fich auch die Confum tionskraft der Länder. Wir ftellen die entsprechende Productionsmenge und Confumtion per Kopf, zufammen und laffen fie als befte Erläuterung folgen. Production Land Nordamerika Cuba Brafilien Philippinen. Oftindien Oefterreich Deutfchland Rufsland. Holland Italien • Die übrigen Länder Confumtion per Kopf 2,000.000 Centner 610.000 300.000 3 Pfund 2.3 " 97 99 79 200.000 " 29 150.000 1,000.000 " 99 " 561.309 180.000 ,, 23 2.8 11 3.I 99 I 19 وو 60.000 " 434 29 40.000 7.000.000 99 15 97 29 12,101.309 Centner. Zum Schluffe fei noch der Production jener Pflanzen gedacht, welche für die Bereitung der geiftigen Getränke von grofsartiger Bedeutung find. Wir meinen die Weinrebe und den Hopfen, der vor Allem durch feine fprunghafte Geftaltung der Preife von ganz eigenthümlicher Wichtigkeit ift. 80 Dr. Carl Thomas Richter. Die europäifchen Länder, unter denen Frankreich mit einer durchſchnittlichen Erzeugung von 70 Millionen Eimer Wein im Werthe von mehr als 700 Millionen Francs und Oefterreich mit einer Durchfchnittsproduction von 35 Millionen Eimer an der Spitze ftehen, produciren durchfchnittlich ficher 130 Millionen Eimer Wein. Dazu kommen noch in den Handel die ausgezeichneten Weine des Caplandes, das heute 230.000 Eimer liefert, und die kräftigen Weine Auftraliens mit 25.000 bis 30.000 Eimer, die heute, fchon zu einem bedeutenden Theile nach England gehen. Was die Hopfenproduction und dabei die Biererzeugung anbelangt, fo geftaltet fich die Production der heute am grofsen Hopfenhandel fich betheiligenden Länder, ficherlich nicht zu hoch gegriffen, nach M. H. Rufs& Comp. ( Prag 1873) folgendermassen: England Baiern Böhmen Württemberg. Baden.. Oberöfterreich Steiermark Centner 620.000 200.000 120.000 60.700 25.000 16.000 6.000 Galizien 8.000 Elfafs 80.000 Lothringen 20.000 Burgund 15.000 Altmarkt und Hannover 25.000 Nordamerika. 250.000 Belgien 180.000 Rufsland 15.000 Pofen 40.000 800 1.500 1.500 1,413.000 Sachfen Heffen Umgebung von Coblenz Die Bierproduction der wichtigſten Bierproducenten ift in einem dauernden, fortgefetzten Steigen begriffen und die koloffale Production läfst fich wohl am beften durch die nachfolgende Darftellung entnehmen, welche wir aus den forgfältigen Forfchungen von Guftav Noback:„ Die Bierproduction"( Wien 1873) im Nachfolgenden zufammenftellen. Es producirten: Staaten Oefterreich- Ungarn Bierproduction in Litern Kommt per Kopf in Litern circa I.221,199.953 34% Preufsen 972,190.299 39% 2 Sachfen 154.527.939 60% Andere Länder Norddeutfchlands 200,298.994 4812 Baiern 920,703.330 219 Württemberg 280,108.567 154 Baden 41,895.597 56 Elfafs- Lothringen 83,631.200 51 Grofsbritannien und Irland 3.568,259.103 118 Belgien 700,000.000 145 Frankreich 700,000.000 19½ Niederlande 135,571.800 37 Schweden 52,000.000 14½ Staaten Norwegen Rufsland. Nordamerika Der Welthandel. Bierproduction in Litern Kommt per Kopf in Litern eirca 81 25,340.000 974,000.000 998,199.800 1212 14 26 Die Nahrungsmittel aus dem Thierreiche. In den europäifchen Staaten kann man mit annähernder Sicherheit 20 Kilogramme Fleifch per Kopf rechnen, eine koloffale Steigerung in 20 Jahren, vor welcher Zeit II Kilogramme auf den Kopf entfielen. Man kann demnach leicht den Bedarf Europas an Nahrungsmitteln erkennen, der fich natürlich mit der Dichtigkeit der Bevölkerung, was annähernd gleichbedeutend ift dem Reichthum derfelben, um fo dringender geftaltet. Beachten wir, was ein Land bedarf, z. B. Frankreich, in dem der Fleifchconfum, freilich nach England, am ftärksten ift. Es verbraucht 1.550.000 Stück Rindvieh, 3,350.000 Kälber, 5,640.000 Schafe, 1,290.000 Lämmer und 4,290.000 Schweine. Dazu kommen noch an 30 Millionen Kilogramme Eier, Millionen von Pfunden Butter, Schmalz u. f. w. Betrachten wir, was eine Stadt verzehrt, die nicht an die reich bevölkertften Städte Europas heranreicht und wo der Fleifchverbrauch im Lande weniger grofs ift, als der in England. Die neueften Daten des Confums der Einwohnerfchaft von Wafhington. geben per Woche 5,525.000 Pfund Rindfleifch, 112.500 Pfund Hammelfleifch, 72.500 Pfund Kalbfleifch und 2,400.000 Pfund Schweinefleifch. Dazu kommen 125.000 Quarters Milch, 62.500 Pfund Butter und 8944 Pfund Käfe. Der Gefammtwerth der täglich verzehrten Fleiſchftoffe beträgt 370.000 Dollars. Die Viehzucht Europas wurde daher durch den fteigenden Confum des Fleifches, oder was gleichbedeutend ift, die fteigende Cultur zur Kunftmaftung gedrängt, um, da die wachfende Cultur eine Ausdehnung der Weide nicht erlaubt, mit gleichviel Viehftücken eine gröfsere Quantität Fleifch zu erzielen. In diefer Richtung kann noch Vieles in Europa gefchehen, vor Allem in Ungarn, den Donauländern und Rufsland, wo heute noch die Weide und Feldwirthfchaft eine grofse Viehzucht ermöglicht. Da die Steigerung des Bedarfes aber die Preife des Fleifches auch erhöhte, fo griff Europa auf den natürlichen Reichthum der überfeeifchen Länder wie bei feiner Getreideverforgung. Dadurch wurde wieder in diefen fernen Ländern neben dem Viehhandel die Conferveninduftrie erzeugt, die beftimmt ift, für die ganze Welt in kürzefter Zeit von grofser Bedeutung zu werden. Wir erwähnen gleich hier, dafs die Etabliffements zur Fleifchextract- Bereitung in Brafilien, in den La- Plata- Staaten heute fchon 100.000 bis 120.000 Stück Hornvieh für die Erzeugung von faft I Million Pfund Fleifchextract verbrauchen. Die Ausbeutung des koloffalen Viehftandes in Auftralien durch Erzeugung von confervirtem Fleifch wird heute im Rivermendiftrict zu Denilikuin durch Actiengefellfchaften betrieben, die wöchentlich 10.000 Schafe abftechen und conferviren. Im Durchfchnitte find in den letzten Jahren 620.438 Stück Hornvieh, 3,758.175 Stück Stechvieh abgefotten und zur Verfendung gebracht worden mit einem Werthe von faft 4 Millionen Francs. In ähnlicher Weife wird der koloffale Viehftand Nordamerikas ausgenützt. Die weftlichen Staaten haben im Jahre 1871: 4,599.000 Schweine gefchlachtet. und gefalzen oder geräuchert nach den weftlichen Staaten theils zum Verbrauch, theils zum weiteren Handel gefendet. Der Export Nordamerikas an confervirtem Fleifch betrug 1870: 727 Millionen Pfund Rindfleifch und 24 Millionen Pfund Schweinefleifch. Die amerikanifch- auftralifchen Zufuhren aller Art Fleifchconferven mögen mehr als 40 Millionen Francs betragen. Wir ftellen zum Schluffe die Vieh6 82 Dr. Carl Thomas Richter. production und den Viehftand der Culturländer zufammen, was am beften ergibt, wie viel Arbeit und Productionswerth darin gelegen und wie der Export Amerikas und Auftraliens fo rafch fteigen konnte. Rufsland Staaten. Europa: Oefterreich- Ungarn Deutſchland. Frankreich Grofsbritannien Italien Rumänien Schweden Spanien Niederlande. Belgien Stück Rindvieh. Schafe. 22,054.967 900.187 583.485 Schweine. 20,988.300 43,770-020 9,285.412 13,660.322 16,566.459 7,914.855 13,487.594 29,633.600 6,108.204 12,733.188 30,386.233 5,889.624 9,083.416 34,250.272 3,189.167 3,708.635 II, 040.339 3,886.731 2,650.000 5,000.000 1,200.800 1,968.000 I 595.000 1,869.178 354.500 1,608.203 1,547.752 329.058 1,257.649 458.418 Schweiz 992.895 445.400 263.546 Portugal. 606.217 257 770 934.880 Griechenland 75.910 1,778.729 55.776 Auftralien: Victoria 689.536 9,923.660 III.464 Neu- Seeland 436.592 9,700.629 151.460 Neu- Südwales 1,728.073 13,909.574 92.800 Queensland. 882.073 5,665.334 12.066 Amerika: Vereinigte Staaten von Nordamerika 26,235.200 31,851.000 29.457.500 Diefe koloffalen Mengen Vieh, die lange für Auftralien nicht erfchöpft find, weil man die freilebenden Heerden noch nicht gefchätzt, für Amerika noch die anderen Staaten eine koloffale Menge hinzu zu bringen haben, ernähren einen Viehhandel nicht nur in Europa, fondern auch in den überfeeifchen Ländern feit langer Zeit, der nun freilich, was Behandlung des Viehes, Erhaltung des Fleifches auf der Reife anbelangt, noch viel zu wünſchen übrig läfst. Die Zeit wird Europa. zwingen, auch hier feine Transportanftalten zu verbeffern. Eine bedeutende Stelle nehmen feit Jahrhunderten unter den Nahrungsmitteln aus dem Thierreich die Fifche des Meeres, der Seen und der Flüfse ein. Für den Welthandel find nur die Seefifche von Bedeutung, die in frifchen, geräucherten oder gefalzenen Zuftande in den Handel gelangen. Leider waren uns neue Ziffer für die Handelsbewegung nicht für alle Länder auffindbar. Die wenigen Neuen aber find fehr intereffant, ebenfo wie die vor der Ausftellung noch gar nicht bekannten Ziffern der ruffifchen Fifcherei. Norwegen hat 1871: 46,590.266 Kilos Fifchproducte ausgeführt und 409.400 Kilos Fifchguano. An diefer Menge betheiligen fich Stockfifch mit mehr als 15, Klippfifch mit mehr als 25 Millionen. Im Jahre 1872 betrug der gefammte Fifchexport mehr als 55 Millionen Kilos, im Werth von 28 Millionen Gulden. Betreffs Rufsland erfahren wir durch die Notizen des„ Miniftère des Domaines" über die Fifcherei in Rufsland, dafs die Ausbeute des cafpifchen Meeres jährlich 13 Millionen Pouds im Werthe von 15 Millionen Rubel beträgt, darunter Caviar mit 439.000 Pouds im Werthe von 1,690.000 Rubel. Frankreich exportirt jährlich für 8 Millionen Francs Fifche. Die Welthandels- Bewegung. Zu dem Verkehr der Rohproducte und Urftoffe, zu dem grofsen Geldhandel, der heute fich jeden Tag in der Culturwelt vollzieht, tritt nun auch noch der Werth der fertigen Stoffe der Fabricate, der gleichfalls nach Hunderten von Millionen berechnet werden kann. Mit Einfchlufs diefer Producte wollen wir in dem Folgenden eine Gefammtüberficht des Welthandels in Zahlen geben und dann fchliefslich nur jener beiden Staaten etwas genauer gedenken, die für den Handel Oefterreichs und Deutfchlands feit der Durchftechung der Landenge von Suez eine befondere Bedeutung erhalten haben. Wir meinen China und Japan. Vorher mag eine Betrachtung des Handels vom Jahre 1872, wie er in Oefterreich fich geftaltete, gehen und vielleicht zeigen, wie weit unfer Vaterland gekräftigt ist für feine neuen Aufgaben. Betreffs der Einfuhr- und Ausfuhrziffern hat die Ausftellung wenig Neues und Befonderes gebracht. Wir haben nur von Portugal die Handelsziffer für das Jahr 1870 und 1871 aufgefunden und in die Tabelle einftellen können. Betreffs der Schweiz gab auch die grofse Betheiligung derfelben an der Ausstellung keine Veranlaffung, die Handelsbewegung zu verzeichnen. Nur betreffs der VerzehrungsGegenftände konnten wir erfehen, dafs die Einfuhr 1871: 153,855.664 Francs, die Ausfuhr 42,187.692 Francs betragen hat. Wir geben daher nur für Europa die die einzelnen Staaten betreffenden Ziffern und verweifen für die anderen Welttheile, von denen wir nur eine Gefammtziffer angeben, auf Behm's geographifches Jahrbuch. Der Umfatz der Werthe im Welthandel betrug durchfchnittlich für das Jahr 1870 und 1871 geltend Europa: für England und Irland Frankreich • Deutfchland. 19 77 Belgien ,, Rufsland Oefterreich- Ungarn Niederlande 97 ,, Italien. ,, Spanien Türkei 11 27 29 99 Schweden Dänemark Norwegen Portugal Rumänien Griechenland 99 Serbien Einfuhr. 3.300,600.000 I. 137, 100.000 870,000.000 698, 500.000 510,900.000 532,700.000 556,500.000 395,500.000 187,100.000 126, 700.000 81, 300.000 90,090.000 53,880.000 22,300.000 28,700.000 32, 100.000 10,600.000 Ausfuhr. Gefammthandel in öfterreichifchen Gulden. 2.215, 100.000 5.515.7 Millionen, 1.346, 100.000 2.483.2 765,000.000 1.635 603,900.000 1.302'4 569, 500.000 1.080.4 دو 470,800.000 1.003.5 458, 500.000 339, 500.000 27 1.015 ,, 121,300.000 55,200.000 87,500.000 168.8 46,700.000 735 308.4 181.9 19 11 99 136.7 97.9 99 99 19,700.000 42 99 62,800.000 915 12 18,000.000 501 "" 13,500.000 2'1 17 * 6 44, 100.000 84 Dr. Carl Thomas Richter. Demnach ergibt fich eine Gefammtfumme für Europa. Amerika: Die vereinigten Staaten Die übrigen Staaten. Afien: Britisch Indien China Japan Die übrigen Staaten Auftralien: Der Welttheil Afrika: Aegypten . Einfuhr. 8.634,400.000 Ausfuhr. Gefammt. 7.118,200.000 15.752,600.000 1. 120,900.000 1.164,400.000 2.285, 300.000 894,700.000 468,800.000 258,800.000 53,800.000 242,300.000 1.008,300.000 535, 100.000 247, 100.000 25, 100.000 265,200.000 1.903,000.000 1.003,900.000 505,900.000 78,900.000 507,500.000 298,400.000 297,000.000 595,400.000 41,400.000 158,200.000 115,800.000 157,200.000 121,700.000 279,900.000 Die übrigen Staaten Nach diefen Angaben beträgt der gefammte Welthandel der Erde beiläufig 23.200 Millionen Gulden. Betrachten wir die grofsen Induftrieftaaten Europas, fo fehen wir mit grofser Macht die Handelsbeziehungen derfelben fich entwickeln. Es ift unzweifelhaft, dafs die Freiheit von Handel und Induftrie es dahin gebracht hat. Wir wollen nur ein Beiſpiel geben, ein Beiſpiel an dem Staat, der in jüngfter Zeit noch nach den Verhältniffen der Vergangenheit zurückdrängte, an Frankreich. In einem Zeitraum von 15 Jahren, alfo feit dem Abfchlufs des englifch franzöfifchen Handelsvertrages ift Frankreichs Handel jährlich um 7% Percent gewachſen. Im Jahre 1858 betrug fein ganzer Seehandel 12.784,368 Tonnen, im Jahre 1868, 16,822.973. Es hatte 1858 an Dampffchiffen 66.587 Tonnen, 1868: 135.259 Tonnen und 1871, 142.942 Tonnen. Der Handel zwifchen England und Frankreich allem war von 1858 mit 24.371 Tonnen, 1868 auf 251.985 Tonnen fchon geftiegen. In ähnlicher Weife läfst fich für Oefterreich in den zehn Jahren in dem es Schutz und Hemmniffe befeitigt, ein grofser Auffchwung wahrnehmen, da binnen zehn Jahren fein Gefammthandel fich gerade verdoppelt hat. Er betrug: im Jahre 1861 1867 1871 Millionen Einfuhr 272 320 524 Millionen Ausfuhr 338 446 463 Sein Transitoverkehr ift in diefer Zeit von 95 Millionen auf 235 Millionen Gulden geftiegen. Und fo nimmt heute Oefterreich den fechsten Rang unter den Handelsftaaten der Welt ein. Von den géfammten Induſtrie- Productionswerth entfallen in Europa auf den Kopf der Bevölkerung in Grofsbritannien 212 Gulden, in Frankreich 87 Gulden, in Deutſchland 45 Gulden( Preufsen 66 Gulden) und in Oefterreich 34 Gulden. Wir betrachten nun auf Grund der Handelsbilanz des Jahres 1872 den öfterreichiſch- ungarifchen Handel genauer und wollen dabei das eben angegebene Wachsthum durch die Aufnahme des Jahres 1862 und feinen Handel weiter erörtern. Wir ftellen an die Spitze die Gefammtziffern: Einfuhr im Jahre 1862 238 Millionen 1871 1872 5241 59212 وو " Ausfuhr Gefammt 294 6 Millionen 463 382.2 99 " 530.6 Mil. 987.1 974 4 99 27 Der Welthandel. 85 dabei haben wir, wie im Folgenden überhaupt, den Ein- und Ausfuhrhandel Dal matiens ausgefchieden und erinnern hier nur zur Richtigftellung der Ziffer, dafs derfelbe: betrug. im Jahre 1871 1872 nach Einfuhr Gulden 8.551,930 8.605,342 nach Ausfuhr Gulden 7.788,822 6,856,096 Man erkennt aus den obigen Ziffern, dafs erftens ein Rückgang in der Ausfuhr eingetreten ift und eine Vermehrung der Einfuhr. Das erfte braucht keineswegs Beforgnifs zu erregen, da der Ausfall zumeift dem Ausfall im Getreidehandel zuzufchreiben und durch die Mifsjahre erzeugt worden ift. Diefs erklärt auch zum Theil die gefteigerte Einfuhr, die theils den Colonialwaaren zu Gute kommt, was eine Steigerung der Einkommensquellen bedeutet, aber auch die Steigerung des Getreide- Importes, der durch die fchlechten Ernten nöthig wurde. Wir geben zur Erklärung das Bild des ganzen Getreidehandels durch einen faft zehnjährigen Zeitraume: Ausfuhr war: Jahr Einfuhr Ausfuhr Millionen Centner. 1863 24 5.1 1864 3.8 5 1865 2.7 10.9 1866 2: 3 9.7 1867 2.3 22.6 1868 2.7 30.7 1879 2.6 201 1870 3: 5 12 2 1871 4'2 17 I 1872 9.7 7.4 1+++++++++ 2.7 I 2 8: 2 7.4 20.3 28.0 17.5 8.7 12'9 2.3 Es zeigt daher 1872 ein fehr ungünftiges Verhältnifs, das durch den Nothftand der öftlichen Reichshälfte erzeugt worden ift, denn die ausgewiefene trotzdem noch günftige Ausfuhr fällt auf Gerfte und Malz, die durch ihre Qualität von der Fremde fehr gefucht werden. Betreffs des Handels der Fabricate geftaltet fich, 1862, 1871 und 1872 in die Reihe ftellend, das Verhältnifs fo, dafs die Zunahme des Imports der Fabricate dauernd fteigend ift, was als Folge der Handelsverträge feit den letzten Jahren, ein Zeichen jedenfalls, der gefteigerten Confumtionsfähigkeit des Landes ift. Dafs diefe Confumtionsfähigkeit Oefterreichs glücklich im Steigen ift, das zeigt zumeift der fteigende Import der Verzehrungs- Gegenftände. Diefer ergab folgendes Refultat; Cacao 1872 Zollcentner 1862 5.231 1871 5.782 7.161 Kaffee وو 377.055 614.711 650.191 Gewürze 34.835 99 44.378 44.751 Südfrüchte 298.715 " 451.695 547.260 Thee 2.920 4.520 5.003 Fifche, Schal- und fonftige Wafferthiere 99 144.740 196.991 244.821 Schlachtvieh Stück 120.657 149.149 196,872 Stechvieh " 630.443 821.573 1,210.548 Wein Centner 176.254 270.893 378.574 Olivenöl Efswaaren 221.894 126.167 131.858 99 31.713 72.136 84.354 79 86 Dr. Carl Thomas Richter. Erft nach Prüfung diefer Tabellen und jener der Einfuhr der Rohftoffe und Hilfsftoffe für die Induftrie und endlich der Halbfabricate, die wir gleich geben, kann man die zunächft folgenden Tabellen des Fabricat- Imports gerecht würdigen und erkennen, dafs der fteigende Import keine Schwäche Oefterreichs bedeutet. Die Einfuhr der Hilfsftoffe und Halbfabricate betrug in den Jahren: Waaren Fifchthran Einheit Zollcentner 1862 1871 1872 45.949 78.755 76.013 Cocosnufs- und Palmöl 29 25.436 46.118 75.224 Felle und Häute 147-747 319.291 251.961 Stein- und Braunkohlen " 6,000.000 27,300.000 31,800.000 Arznei- und Parfümerieftoffe 7.831 10.406 10.724 Farb- und Gärbeftoff 358.475 675.003 617.896 Gummen, Harze, Petroleum 35.398 1.105.096 1.251.658 Chemifche Hilfsftoffe 408.762 881.242 959.686 Eifen überhaupt 407.098 7.002.620 7.097.505 Blei 16.048 83.883 95.599 Zink 27 69.073 138.293 217.717 Kupfer, Zinn, Meffing " 57.437 147.268 135-536 Baumwolle " 386.553 1.204.179 1.116.320 Baumwollgarne 121.129 243.721 " 260.452 Flachs, Hanf etc. " 167.817 466.049 524.742 Leinengarne 22 30.351 47.706 37.102 Schafwolle " 214.503 365.407 363.106 Wollengarne 27 38.061 86.002 70.187 Seide " 3.876 19,326 18.285 Die Einfuhr der fertigen Fabricate, die wir nachfolgen laffen, zeigt folgendes Ergebnifs: Waarengattung Einheit 1862 1871 1872 Baumwollwaren Zollcentner 4.419 21.789 30.857 Leinenwaaren 29 2.134 119.996 69.648 Wollenwaaren 29 9.352 70.623 87.281 Seidenwaaren 29 3.525 6.255 8.215 Wachstuch, Wachstaffet 2.0II 7.613 9.904 Kleidung und Putzwaaren 701 2.929 3.785 Stück 10.519 15.025 Papier und Papierwaaren Zollcentner 34.996 77.599 107.622 Leder 58.940 168.617 183.995 Leder-, Gummi- und Kürfchnerwaaren " 3.148 8.977 II.913 Holzwaaren 99 53.407 149.826 180.472 Glas- und Glaswaaren 99 25.478 87.260 130.409 Gulden 173.826 192.575 Thonwaaren Zollcentner 65.447 136.849 136.971 Eifenwaaren " 44.073 585.829 580.731 Metallwaaren Inftrumente Mafchinen 3.026 10.013 12.533 99 3.062 " 7.419 9.671 131.801 614.792 750.191 79 Kurzwaaren وو Stück 4.379 122 Eifenbahnwagen Chemifche Producte, Farb-, Fett- und Zündwaaren Bücher, Bilder auf Papier Werth - 2.783 52 2.541.485 3.756 146 3.303.222 Zollcentner " 54.189 24.649 54.819 76.411 44.728 49.154 Der Welthandel. 87 Wenden wir uns der Ausfuhr zu, fo geftaltet fich, wie wir oben fchon gefagt, das Verhältnifs für das Jahr 1872 etwas ungünftig. Um fo mehr find die Zahlen der einzelnen Artikel belehrend und für das Urtheil entfcheidend. Der Export der Rohftoffe und wichtigen Halbfabricate zeigte folgendes Refultat, befonders günftig für die Mineralwäffer, Felle, Häute und Leinengarne, nicht günftig für Wolle, welche Auftralien, für Schweinefchmalz, welches Amerika zurückdrängt. Der Export betrug: Artikel Oelfaat Einheit Zollcentner 1862 1871 1872 448.019 1,211.157 331.000 Kleefaat. " 9 136.077 115.057 116.915 Felle und Häute 77 16.285 52.994 62.621 Federn • Brennholz Werkhalz Kubikfufs 40.417 5.6 Mill. 59.409 56.657 5.4 Mill. 6.3 Mill. " Foffile Kohlen Zollcentner 64° 4 6.3 " 41 0 50.6 " وو 20.9 99 23 4 " وو Schafwolle. " 367.072 270.791 213.599 Wollengarne 12.260 وو 21.368 21.700 Flachs, Hanf 10.160 " 84.956 86.251 Leinengarne " 46.233 109.364 113.325 Mineralwäffer " 48.500 70.027 91.694 Schlachtvieh Stück 84.096 106.331 99.624 Stechvieh 99 421.280 565.454 472.349 Butter, Schweinefett Zollcentner 69.162 286.355 93.770 Wein " 170.469 326.702 260.858 Die Ausfuhr der Fabricate geftaltet fich in folgender Weife ungünftig für 1872, aber keineswegs, wie wir bereits erwähnt haben, geradezu nachtheilig für die Entwicklung: Waarengattung Baumwollwaaren Leinenwaaren Wollenwaaren 1862 Einheit 1871 1872 Zollcentner 21.235 21.990 23.500 89.953 144.905 152.908 61.491 85.205 75.251 " Seidenwaaren Wachstuch, Wachstafft Kleidungen und Putzwaaren Papier und Papierarbeiten Leder 29 6.159 5.774 7.459 531 761 " 9 " 15.495 Stück 16.462 6.586 16.764 1.953 12 Leder- und Gummiwaaren 29 Zollcentner 108.763 204.241 14.543 24.201 12.457 34.248 183.138 21.941 31.487 • • Holzwaaren Glas und Glaswaaren Thonwaaren Eifenwaaren Metallwaaren. Wagen und Schlitten Eifenbahnwagen Inftrumente Mafchinen und Beftandtheile 148.108 292.985 324.508 99 99 219.473 402.856 416.934 44.714 98.543 IIO.726 وو وو وو 190.802 214.618 232.032 8.692 13.739 Stück 3.102 3.295 17.051 3.969 683 166 385 " Zollcentner 7.849 10.563 8.495 64.242 83.855 67.444 "" Kurzwaaren 36.935 82.979 67.641 99 Gemifchte Producte und Farben 35.560 83.987 67.172 " Zündwaaren 62.250 89.479 88.040 وو Bier 115.918 488.526 440.766 " Branntwein, Spiritus Zucker aller Art 19 34.465 78.048 23.195 587 1,651.366 1,174.458 88 Dr. Carl Thomas Richter. Zum Schluffe führen wir der Menge entſprechend auch die Werthe an, und da geftaltet fich Einfuhr und Ausfuhr folgendermassen: Tarifclaffen Colonialwaaren und Südfrüchte Tabak und Tabakfabricate Garten- und Feldfrüchte Thiere. Thierifche Producte 1862 Einfuhrwerth 1871 Millionen Gulden 1872 2017 29.8 30.8 4.9 14.8 23.7 II 9 24.3 44'0 16.3 2017 27.9 IO'2 2012 17.8 Fette und fette Oele 14.9 15.5 21.8 Getränke und Efswaaren 2.3 3: 8 5 I Brenn-, Bau- und Werkftoffe. 5.9 19.3 22.8 Arzenei-, Gerb-, Farb- und chemifche Hilfsftoffe 1214 37.3 37.8 Metalle, vererzt, roh und als Halbfabricat 5.7 40.6 41-7 Webe- und Wirkstoffe. 61.6 99.7 94'7 Garne. • 28.3 40.0 37 4 Webe- und Wirkwaaren 13.6 60.3 72-4 Waaren aus Borften, Stroh, Papier etc. 14 3.5 47 Leder, Gummi- und Lederwaaren 7.0 1917 22° 3 Holz-, Glas-, Stein- und Thonwaaren 3.3 8.1 9.5 Metallwaaren 4 I 17.6 19.3 Land- und Waffer- Fahrzeuge 0.5 3.1 4'I Inftrumente, Mafchinen und Kurzwaaren 5.6 30.4 36.6 Chemifche Producte, Farb-, Fett- u. Zündwaaren Literarifche und Kunftgegenstände 2.2 5.1 5.9 6.0 10.8 12.3 Abfälle 0.3 0.4 Zufammen 238.0 524'4 592 1 Tarifclaffen 1862 Ausfuhrwerth 1871 1872 Millionen Gulden Colonialwaaren und Südfrüchte 26.8 17.8 Tabak und Tabakfabricate 0.7 7.7 6.5 Garten- und Feldfrüchte 424 84.9 35.5 Thiere. 8.4 II O 9.8 Thierifche Producte 43 12'4 13.0 Fette und fette Oele 1.9 79 2.9 Getränke und Efswaaren. 2.6 6.6 5.0 Brenn-, Bau- und Werkftoffe 31 7 27.1 33.0 Arznei-, Gerbe, Farb- und chemifche Hilfsftoffe 4.6 6.1 6.4 Metalle, vererzt, roh und als Halbfabricat. 44 4.3 5.I Webe- und Wirkstoffe 591 46.8 37'1 Garne 4.7 I2 I 12'5 Webe- und Wirkwaaren 415 611 613 Waaren aus Borften, Stroh, Papier etc. 4.8 9.9 8.5 Leder, Gummi- und Lederwaaren 917 17.2 16.3 Holz-, Glas-, Stein- und Thonwaaren 17.7 28.3 25.6 Metallwaaren II'I 14 4 15.8 Land- und Waffer- Fahrzeuge 6.0 5.4 6.6 Inftrumente, Mafchinen und Kurzwaaren 31.9 60.5 514 Chemifche Producte, Farb-, Fett- u. Zündwaaren 4.2 7.2 6.7 Literarifche Kunftgegenstände 2.7 40 4'4 Abfälle 0.2 I 3 I'O Zufammen 264 6 463.0 382.2 Der Welthandel. 89 Sind nun die Verkehrsbeziehungen für 1872 keineswegs glänzend zu nennen, fo find doch alle Anzeichen vorhanden, dafs Oefterreich feiner heutigen politifchen, wirthschaftlichen Freiheit folgend, fich doch wieder kräftiger geftalten werde. In den Ausweifen der Handelsbilanz des Halbjahres 1873 fehen wir die Einfuhr nach Oefterreich auf 43 8 Millionen Silbergulden von 53 3 Millionen Silbergulden 1872 gefunken. Die Ausfuhr auf 42 9 Millionen gegen 34 4 Millionen Gulden geftiegen. Einer Abnahme der Einfuhr um 17.82 Percent fteht fonach eine Steigerung des Exportes um 24'73 Percent entgegen. Die Steigerung des Exportes trifft vornehmlich die Claffe der Webe- und Wirkstoffe( Schafwolle, Flachs, Hanf etc.) wovon im Juli 1873 um 9.0 Millionen Gulden(+47 Millionen Gulden) ausgeführt wurden; dann die Garten- und Feldfrüchte( insbefondere Hafer, Gerfte, Oelfaat, Hopfen und Hülfenfrüchte), 4'9 Millionen Gulden gegen 19 Millionen Gulden,( fomit+30 Millionen Gulden) ferner Roh- und Raffinadzucker(+0.7 Millionen Gulden) und thierifche Producte( Felle und Häute+0.6 Millionen Gulden). Wefentlich höher ftellen fich auch die Verfendungen der Kurzwaaren, Inftrumente und Mafchinen, deren Werth( 5.9 Millionen Gulden gegen 4.7 Millionen Gulden) eine Zunahme um 12 Millionen Gulden für diefen einzigen Monat aufweift. Ziemlich gleich blieben die Exporte an Webe- und Wirkwaaren( Juli 1872 um 5'4 Millionen Gulden, 1873 um 5 2 Millionen Gulden). Der namhafte Ausfall in der Einfuhr entstand vornehmlich durch die Verminderung in den Bezügen an Garten- und Feldfrüchten( befonders Mais, Oelfaat und Obft) an Schlacht- und Zugvieh( namentlich Schweine und Kühe), Webeund Wirkstoffen und derlei Waaren, dann an Leder, Leder- und Gummiwaaren. Mit Hinzurechnung der Waarenwerthe des Handels im erften Semefter erreichte die Einfuhr in den erften fieben Monaten 335 4 Millionen Gulden (+13 2 Millionen Gulden oder+40 Percent), die Ausfuhr dagegen 220'0 Millionen Gulden(+ 3'9 Millionen Gulden oder+18 Percent). Wir brauchen daher wahrhaftig nicht mehr einen ftaatlichen Schutzzoll und auch nicht einen künftlichen. wie ihn das Agio der fechziger Jahre gefchaffen und mit der künftlich grofsgezogenen Ausfuhr doch Sittlichkeit und Ordnung des wirthfchaftlichen Lebens zerstörte. Von der gröfsten Bedeutung nun ist und wird immer für Oefterreich die Entwicklung der dalmatinifchen Häfen und vor Allem die Hebung Triefts und des Triefter Hafens fein und wir haben fchon früher auf die Bewegung in demfelben bei den einzelnen wichtigen Handelsartikeln hingewiefen. Die handels- und preisftatiftifchen Unterfuchungen, welche die Triefter Handelskammer für die Weltausftellung publicirt hat, laffen leider nicht glauben, dafs die Regierung und wir fagen es ungefcheut, denn fie trägt einen grofsen Theil der Schuld, die Stadtverwaltung Trieft's felbft, ihre Aufgabe verftehen:„, der fo bedeutende Abfall in den Zufuhren des Jahres 1872 der für 1873 wohl noch grösser fein wird, ift auf den Umftand zurückzuführen, dafs wir mit allen unferen früheren Abfatzgebieten nur durch eine einzige Eifenbahn- Linie in Verbindung ftehen. Die Verfchleppung der Predilbahn rächt fich durch den Verluft des Transitohandels von Oftindien nach Tirol, Süd- Deutfchland und die Schweiz, wie fich in ähnlicher Weife auch der Getreidetransit vermindert hat. Dafs Trieft durch folche Vernachläffigung auch mit Bezug auf die ftaatlich politifchen und wirthschaftlichen Intereffen auf nicht zu rechtfertigende Weife dem Ruine zugeführt wird, ift eine unumftöfsliche Thatfache". Die Bedeutung Triefts hat die Durchftechung der Landenge von Suez jedem kräftig vor Augen ftellen können, obgleich feine Lage zu Egypten und Kleinafien es von jeher dem Welthandel wichtig gemacht haben. Nun aber find neben Oftindien, das der Handelspolitik längst bekannte, die grofsen Rohftoff- Producenten China und Japan uns zum unmittelbaren Verkehre näher gerückt worden. 90 Dr. Carl Thomas Richter. Welche Bedeutung diefe Völker im grofsen Weltverkehre haben, und welche fie insbefondere für Oefterreichs Handel und Induſtrie haben können, geht aus den nachfolgenden Handelsbilanzen der beiden oftafiatifchen Staaten hervor, welche wir bei dem hohen Intereffe, dafs fie für uns haben, etwas ausführlicher an diefer Stelle darftellen wollen. Betrachten wir zuerft China, fo erkennen wir aus den uns vorliegenden Handelsausweifen, dafs fowohl Import wie Export im Jahre 1871 im Vergleiche zu den Ergebniffen der vorausgegangenen Jahre die höchften Werthziffern geliefert haben. Wie aus den folgenden Daten erfichtlich, war die Entwicklung der Einfuhr eine relativ bedeutendere, als jene des Exports. Den Tael zu 3 fl. 31 kr. öfterreichifcher Währung angenommen, betrug der Werth in Millionen Silbergulden, und zwar in der 1864. 1867 1870. 1871 • Einfuhr Ausfuhr • 169.8 178.7 • 228.7 1917 • . 235.0 · 258.8 205.7 247 7 Mehr als ein Drittheil der Einfuhrwerthe entfällt auf den einzigen Artikel„ Opium", wovon im Jahre 1870: 70.000 Zollcentner, 1871 aber 72.041 Zollcentner importirt wurden. Der Werth berechnet fich mit 89 Millionen Gulden, beziehungsweife 96.8 Millionen Gulden( daher+ 7.8 Millionen Gulden). Aufserdem zeigen noch die Werthe nachfolgender Waaren beträchtliche Differenzen; Werth des Imports in Millionen Gulden Baumwoll- Waaren Wollenwaaren • 1870 1871 73.8 98.6 21.6. 15.8 .13.4 8.1 • . II.O 26.2 gegen 1871 +248 5.8 Metalle. Rohe Baumwolle Alle anderen Waaren. 13 I 26.4 - 5: 3 + 2'I + 0.2 Der Exportverkehr über die chinefifchen Vertragshäfen umfafst eine beträchtliche Anzahl Artikel, aus welchen wir nur die zwei wichtigften hervorheben wollen. An Thee wurden im Jahre 1870: 1.656,958 Centner im Werthe von 1018 Millionen Gulden, 1871 2.030,800 Centner im Werthe von 133'5 Millionen Gulden, an Seide und Seidenwaaren 72.544 Centner im Werthe von 79.5 Millionen Gulden, refp. 89,411 Centner im Werthe von 94.7 Millionen. Gulden exportirt. Nebenbei fei hier bemerkt, dafs fich die Zahl der ausgeführten Fächer von 2.338,339 Stück im Jahre 1870 auf 5.325,671 Stück im Jahre 1871 erhöhte. Der gröfseren Lebhaftigkeit des Handels entſprechend, war auch der Schiffsverkehr jener Häfen ein bedeutenderer. Die Zahl und der Tonnengehalt der ein- und ausgelaufenen Schiffe beziffert fich wie folgt: Schiffszahl Tonnengehalt 1870 1871 Dampfer Segelfchiffe Zufammen. . 7,724 . 6,412 8,218 1870 5.058,528 1871 5.637,415 6.745 1.849,300 1.744; 142 14,136 14,963 6.907.828 7.381,557 An diefer Schiffsbewegung betheiligte fich Nordamerika im Jahre 1870 mit 4.165 Schiffen, 2,746.515 Tonnen; 1871 mit 2.995 Schiffen, 1,502.751 Tonnen; England mit 6.727 Schiffen, 3,052.320 Tonnen; 1871: 6.577 Schiffen, 2,076.590 Tonnen; Frankreich mit 218 Schiffen, 109.173 Tonnen; 1870: 194 Schiffe, 79.788 Tonnen; Deutfchland 1870: 2.387 Schiffe, 666.266 Tonnen; 1871: 1.304 Schiffe, 370.607 Tonnen. Die in den chinefifchen Häfen eintreffenden öfterreichifchen Schiffe find bis heute noch total verfchwindend. Der Welthandel. 91 Der Handel Japans wird bekanntlich durch fünf Häfen: Yokohama, Hiogo, Ofaka, Nagafaki und Hakododt vermittelt und fcheidet fich in den directen oder überfeeifchen und den indirecten oder Küftenhandel. Der erftere ift etwa achtmal fo grofs als der Küftenhandel. Eine Vergleichung der Handelsbewegung der Jahre 1870 und 1871 ergibt fehr befriedigende Refultate zu Gunften des letzteren Jahres. Mehrere aufeinanderfolgende Mifsernten machten in den Jahren 1868 und 1869, namentlich aber im Jahre 1870 aufserordentlich grofse Bezüge an Saîgon und chinefifchem Reis nothwendig. Insbefondere in Folge diefer Zufuhren geftaltete fich die Handelsbilanz pro 1870 höchft ungünftig. Es geftaltete fich in diefem Jahre die Einfuhr auf 311 Millionen mexicani fcher Dollars, die Ausfuhr auf 151 Millionen mexcianifcher Dollars. Dabei betheiligten fich in mexicanifchen Dollars an der Einfuhr. Reis und Zucker Baumwoll- Waaren Wollwaaren Gemifchte Waaren 18,100.000 7,274.453 1,995.364 3,231.067 an der Ausfuhr. Rohe Seide Thee. 5,198.273 3,848.231 Gemifchte Waaren 2,512.282 Seidenwürmer. Cocons. 3,473.150 III.310 Das Jahr 1871 zeigte aber ein befferes Verhältnifs, und drückte die Einfuhr in Gefammtheit auf 17.7 und hob die Ausfuhr auf 191 Millionen mexicanifcher Dollars. Dabei betheiligten fich in diefem Jahre nach mexicanifchen Dollars gerechnet an der Einfuhr Reis und Zucker 4,400.000 Baumwolle. 8,011.476 Wollwaaren 2,056.789 Gemifchte Waaren 2,398.433 an der Ausfuhr Rohe Seide Thee.. 8,416.712 4,651.292 Seidenwürmer. Cocons 2.184.468 41.127 Gemifchte Waaren 3,474-356 Die Zunahme des Exports an roher Seide bei gleichzeitiger Abnahme der Ausfuhr an Seidenwürmern und Cocons fpricht für die fortfchreitende Entwicklung der für Japan fo wichtigen Seidenzucht. Der indirecte Handel zwifchen den vorgenannten fünf Häfen betrug dem Werthe nach im Jahre 1871: 4,436.539 mexicanifche Dollars, wovon 2,475.574 auf die Einfuhr und 1,960.785 auf die Ausfuhr entfallen. Die Zahl der fremden im Jahre 1871 eingelaufenen Schiffe erreichte 909( mit 901.170 Tonnen), wovon 382( mit 378.425 Tonnen) auf den Hafen von Yokohama entfallen. Gegen 1870 zeigt der Schiffsverkehr in Folge der beträchtlich verminderten Zufuhren an Reis eine bedeutende Abnahme( um 654 Schiffe und 260.105 Tonnen). Dabei betheiligte fich im Jahre 1871 Amerika mit 109 Schiffen 55.202 Tonnen, England mit 349 Schiffen 166.929 Tonnen, Deutfchland mit 83 Schiffen 27.563 Tonnen, Frankreich mit 42 Schiffen 28.656 Tonnen, die übrigen entfallen auf Holland, Schweden und Norwegen, Rufsland und Dänemark. Jahre 1870 landete ein öfterreichifches Schiff mit 567 Tonnen in Japan, 1871 dagegen gar keines. Im Mag man begreifen lernen, was allmälig eine gefunde Handelspolitik, eine glückliche Entwicklung des geographifchen, ftatiftifchen und handelspolitifchen Wiffens für Oefterreichs und Deutíchlands Handel bedeuten kann. War der Weg um das Cap der guten Hoffnung immer ein Nothweg gewefen, fo ift er es jetzt noch mehr. Und wie vor feiner Entdeckung die grofse Welthandels- Strafse der afiatifchen Producte über den Süden Europas durch das Herz des Welttheiles, durch Oefterreich, Deutfchland ging, fo kann auch die Gegenwart wieder unter den gothifchen Thürmen, welche den alten Ilandelsweg kennzeichnen, eine neue Schaar, freilich anders gearteter Kaufleute und 92 Dr. Carl Thomas Richter. Der Welthandel. mit anderen Reifemitteln ausgerüftet als früher, wiederfehen, welche Deutſchland, vereint mit den Nachbarftaaten Oefterreich, Italien, wieder reich und mächtig und in Kunft und Wiffenfchaft neu erblühen machen werden. Und damit fchliefsen wir unfere Betrachtung, die in den folgenden handelspolitifchen Arbeiten, von den beften und erfahrenften Kräften Oefterreichs dargestellt, ihre weitere Ausbildung erfährt und fügen zum Schluffe nur noch aus dem Götterlied, das wir fchon im Anfange citirten, eine Weisheit hinzu: Wer viel die Lande Umhergefahren Und felber Witz befitzt Nur der mag wiffen, Was im Menfchen waltet, Wefs' Sinnes fie wohl Alle find!