^«VvSßM» - »».«r»«»«»^» »r^p ?? 7L t f. LMWM x«K^A KWM V>§Ä»Li2! MK8 ZL'-Ls-W N» LuLÄ- '''E--L.YÄ :Ms'W «LL- S'M UM ?E?Wid HWMr WMW lMAÄ WW M« «M ÄEM ZAM -W^E W^G MAM MM k.'^2^4 -^ ZM.Ä SdKW irM'^KW MZü W. WMW 5 . '-MM Lv-L Die Frau auf dem Gebiete der Nationalökonomie. Nach einem Vortrage in der Lesehalle der deutschen Studenten in Wien. Bon Korenz von Hiein. Stuttgart. Verlag der I. G. Cotta'schen Buchhandlung. 1875 . r» Karl ^ ^ l vr ttt nt«» * Buchdruckerei der I. G. Cotta'schen Buchhandlung in Stuttgart. .. WWW verehrte Freundin! Sie haben geglaubt, daß es der Mühe werth sei, diese kurzen Anklänge an so manche Erinnerungen und Beobachtungen eines vielbewegten Lebens der größern Öffentlichkeit zu übergeben. Darf ich Ihnen einen Theil der Verantwortlichkeit dafür zuschreiben, daß ich doch nur eben Anregungen und Wünsche ausgesprochen habe, wo ein weiteres Eingehen vielleicht wirklicheil Werth gehabt hätte? Aber möge es sein — Die Frau weiß am besten, daß das Beste was wir vermögen doch dasjenige ist, was andere, freundliche Hände daraus zu machen verstehen. Vielleicht daß unter dem vielen was jetzt über die Frau und von Frauen gesagt wird, diese wenigen Worte aus einer Welt, in der man bisher die Frau gar nicht gekannt und noch weniger gewürdigt hat, doch ihren Platz finden. Ich habe die innige, und auf der Erfahrung eines ganzen Lrbens begründete Ueberzeugung, daß unter den edleren Geschlechtern der Menschheit nichts zur rechten Kraft und Geltung gelangt, was nicht die stille aber gewaltige Kraft die in der Frau liegt, für sich zu gewinnen vermag, und seine Geltung durch IV das findet, was in der Frau lebendig ist. Und ich weiß, daß jede Frau das kühl läßt was sie nicht mit ihrem Herzen versteht. Da aber wo sie liebt, versteht sie weit tiefer und inniger als der Mann. Und wenn es mir gelungen ist zu zeigen, daß jene Wahrheiten für das was sie liebt, für den Mann und die Kinder, Werth hat, dann glaube ich mit Ihnen daß ich es nicht scheuen darf, auch dieses kleine Bild der Öffentlichkeit zu übergeben; dann glaube ich, daß doch zuletzt eine Zeit kommen wird, wo die Bildung der Frau für das Haus sich kühn neben ihre Bildung für die Welt stellen, und wo auch die Frau schon in ihren Töchtern erkennen und lehren, wird, daß das Glück unseres kurzen und ruhelosen Lebens nicht in der Gleichheit des Verschiedenen, sondern in der Harmonie desselben zu suchen ist. Und wenn Sie freundlich aufnehmen und mit Ihrem Herzen verwerthen was ich bringe, so verstatten Sie mir noch die letzte Bemerkung, daß Sie mir damit auch meine eigene Wissenschaft, die Nationalökonomie, aus einer werthvollen zu einer lieben machen. Denn das Auge der Frau ist zuletzt für jede Wissenschaft der Sonnenblick, der den nützlichen Acker den wir bebauen, mit den Blumen schmückt die wir ihr zum Kranze winden. Wien, Mitte März 1875. lw. Lorenz v. Stein. I. Es ist ein theures Vorrecht unseres Jahrhunderts, unsere Frauen nicht bloß zu lieben und zu verehren, wie es wenigstens ein Theil der Vergangenheit gethan, sondern auch über sie nachzudenken. Fast scheint es uns, als ob das specifische Moment unserer Zeit, die nur das wahrhaft zu besitzen glaubt was sie weiß und begreift, auch auf die Frauen, ihr Leben und ihre innerste Eigenthümlichkeit seine Gewalt erstrecken wolle. Haben wir Recht oder Unrecht darin, daß wir auch auf diesem Punkte mit der Arbeit des Geistes das zu messen versuchen, dem wir uns mit der Hingabe des Herzens so gerne unterwerfen? Noch weniger wage ich eine Antwort auf die zweite, vielleicht wichtigere Frage. Was wird die Frau selbst dazu sagen, wenn sie Gegenstand der Wissenschaft wird? Und vor Allem der Wissenschaft, welche, selbst der Maßstab für die eine ganze Hälfte aller menschlichen Dinge, ohne ihren eigenen Maßstab nicht gedacht werden kann, der Wissenschaft des Güterlebens? Wird die Frau es ertragen, daß sie für den Mann auch noch einen anderen Werth empfängt als den, den ihr seine Liebe gibt? Wird sie es dulden, daß ich auf sie, für die ich Alles hingebe, die trivialen Begriffe Stein, Die Frau auf dein Gebiete d. Nationalökonomie. I 2 von Production und Consumtion, von Kosten und Ertrag anwende? Darf sie es erlauben, daß das Unschätzbare in den Alltagshänden der Nationalökonomie zu etwas Schätzbarem werde? Und doch — fast glaube ich es. Denn wenn wir thun, was wir nicht lassen können, so möge das Ziel, dem wir entgegenstreben, die Verzeihung für den Weg geben den wir gehen müssen. Möge uns daher die Frau gestatten uns an sie selbst zu wenden ehe wir es uns erlauben, über sie zu reden. Es ist noch keine hundert Jahre her in einer Weltgeschichte von so viel tausend Jahren, daß man überhaupt begonnen hat, über die tiefere Natur, das Wesen und die Mission der Frau in der menschlichen Gemeinschaft nachzudenken. Bei allem fast unendlichen Reichthum der alten Welt in allen Gebieten des geistigen Lebens, hier ist ein Gebiet, zu welchem ihr arbeitender Gedanke niemals hinangereicht hat. Selbst an den größten weiblichen Gestalten der alten Welt gehen nicht bloß Philosophie und Geschichte, sondern selbst die geistreiche Beobachtungsgabe der Pariser unter den Griechen, der Athenienser, schweigend vorüber und weder das schöne Bild der Penelope, noch die glänzende Erscheinung einer Lais, noch die machtvolle einer Kleopatra oder die schmachbedeckte einer Messaline haben zum Nachdenken auch die rastlos Denkenden unter den Alten angespornt. Aristoteles weiß in seiner Politik von hundert Gründen, aus denen Männer stark und Staaten groß werden und vergehen, aber von einem der gewaltigsten Factoren des Lebens und seiner Bewegung, von dem Weibe, weiß er nichts. Plato kennt 3 alle Ideale, das des Menschen, des Gedankens, des Staates, der Unsterblichkeit — das Ideal des Weibes kennt er nicht. Die Lyriker besingen Alles, bis zu den olympischen Spielen und Siegern, aber die, denen sich zuletzt auch dieser Sieger gerne beugt, die Frauen, kennen sie nicht. Unter den großen und kleinen Theaterdichtern der alten Welt hat nur Sophokles eine Antigone; sie wissen alle das Weib nicht als „Motiv" zu verstehen und Zu benützen und darum sind uns ihre sonst so großen Dramen Früchte ohne Blüthen, kalt und klar, hart und historisch. Allerdings beginnt mit der germanischen Welt eine andere Zeit. Das Weib tritt in die Geschichte und ihre Poesie hinein; an der Schwelle derselben stehen Kriemhild und Brunhild, zwei Gestalten, wie sie die alte Welt nicht kennt, und Gudrun wird der Inhalt eines zweiten, nicht minder großen Epos. Dann kommen die Troubadours und ihr Reflex bei den Deutschen, die Minnesänger; das Herz der germanischen Völker hat gefunden, was der Verstand der alten nicht gesehen hat, die Liebe als jenen machtvollen Factor, der die eine Hälfte des männlichen Lebens unbedingt beherrscht, um die andere glücklich oder unglücklich zu machen; und von da an wird die Ehe der Inhalt aller Kämpfe, in denen das Individuum mit den individuellen, ja mit den gesellschaftlichen Verhältnissen ringt. Das Pathos ist aus dem rein männlichen ein halb weibliches geworden; der Mann, der früher sein Leben und seine höchste Kraft nur dem Staate geweiht, lernt für die Frau nicht bloß fühlen und leben sondern auch sterben, und die Poesie des achtzehnten Jahrhunderts bedeckt das Grab aller Werthers mit den herrlichsten Blumen des Liedes und des Trauer- 4 spieles. Die Frau ist da; sie ist eine Gewalt; sie ist zur Hälfte des Lebens geworden; aber sie ist doch nur noch Eigenthum der Dichtkunst. Kaum daß die trockene Satire Gellerts und Rabeners hie und da einen komischen Zug in die glänzenden Bilder hineinzeichnet, die in den Gretchens und Klärchens, in den verschiedenen Louisenhaftigkeiten auf Papier und Bühne ihre tiefen, schönen Augen auf uns richten und uns fesseln; die schönen Gestalten bleiben und selbst die Sapphos, die wir besitzen und die so oft uns begeistern, sind unser und treten mit eben so viel Eleganz als Erfolg in das sprudelnde Leben unserer Künstlerwelt. Es ist kein Zweifel, wir sind um eine halbe Welt reicher geworden, aber bis jetzt nur für die Dichtkunst. Das wirkliche Leben hat noch immer die Frau nur als Thatsache, nicht als die große anerkannte Kraft aufgenommen, die in ihr lebt, und selbst Balzacs »t'elnmös ineolnprise^ haben es nicht vermocht, jenes Interesse an den weiblichen Gestaltungen der Dichtkunst über ihr dreißigstes Lebensjahr hinaus festzuhalten. Da kommt nun unsere nüchterne Zeit. Ihr Charakter ist der Maßstab, den sie in tausend Formen in ihrer Hand führt und, in tausend Formen messend, doch immer dasselbe mißt. Das aber, was sie mißt ist der Werth, und zwar mit kühler Härte und vollem Bewußtsein der wirth- schaftliche Werth aller Dinge. Für sie ist die Sonne nichts als Licht und Wärme, die Kraft ist Produktion, der Hain der Sänger mit süßduftender Frühlingsluft, ein landwirth- fchaftlicher Factor für die Feuchtigkeit und die Blüthe aller Dinge hat nur als Mutter der werthvollen Ernte ihre nationalökonomische Berechtigung. Es ist sehr traurig, so sehr nützlich zu sein; aber es ist so. Wer will es wagen, sich dem zu entziehen? Und wenn jetzt jede Form des Bewußtseins von den nationalökonomischen Messungen angekränkelt wird, kann es fehlen, daß wir auch das, worin der Frühling des Lebens zur dauernden Gestalt wird, mit diesem Maße messen? Aber thäten wir es nicht, ich glaube, die Frau selbst würde es uns schwer verzeihen. Es ist eine der merkwürdigsten Erscheinungen unseres Jahrhunderts, dieß Loslösen der Frau vom Mann, dieß Gefühl ihrer Selbstständigkeit, dieß Bedürfniß, nicht bloß Blüthe und Kranz, sondern selbst- wirkender Factor in der Arbeit unserer gewaltigen Zeit zu sein. Die Frau, seit Jahrtausenden die stillschweigende und gehorsame Erfüllung des Lebens der Männer, beginnt zu lernen, daß fast Alles was geschieht, nur halb geschieht und nur halb fertig wird wenn es die Frau nicht unterfaßt. Sie beginnt zu lernen daß sie, und gerade mit dem, was ihr an: eigenthümlichsten ist, ein mächtiges Gewicht in die Wagschale des Lebens, seines Werdens und seines Glückes zu legen vermag, nicht bloß durch das was sie ist, sondern eben so sehr durch das was sie will und thut. Sie stellt sich, wenn auch in ihrer Weise leise und schweigend, in die vorderste Reihe der menschlichen Arbeit; sie will nicht mehr bloß die Last derselben tragen, sie will auch ihre Kraft in derselben zur Geltung bringen; sie hat den Muth, für sich Erfolge zu wollen und einen Theil der Verantwortlichkeit dessen auf sich zu nehmen, was sie zu thun für eine selbst- ständige Lebensaufgabe der Frau hält. Sie will kein Mann sein, aber sie will das sein, was der Mann nicht sein kann, 6 und beginnt sich allen Ernstes zu fragen, was denn das eigentlich ist, was eben nur sie vermag. Sie will in feste Form fassen was in ihr lebt; sie will zu der Liebe die Hochachtung nicht mehr bloß des Mannes, sondern der Männer ; sie will sich befreien von jener dunklen Gewalt der zunehmenden Jahre, welche Blatt auf Blatt aus der Rose reißen, die wir an unserem Herzen tragen; sie will durch sich selbst gelten und ein Dauerndes an die Stelle des nur zu leicht Vergänglichen setzen; die Frau soll von jetzt an eine Kategorie des arbeitenden Lebens neben dem Manne werden. Und kann sie das mit dem Maßstabe der Minnesänger und Drucksorten aller Zeiten und Arten? Sie weiß, daß sie das nicht kann. Sie will gelten, was sie werth ist. Und auf diesem Punkte begegnet ihr die Wissenschaft, vor Allem diejenige, welche mit kühler Kraft die Erscheinungen zu Kräften, das Glück zur Substanz, das Leiden zur Sache der Berechnung macht, die Nationalökonomie. Die versteht weder zu lieben, noch zu hassen; sie hat die Begeisterung zur Arbeit, die Idee der Werdelust zum Er- zeugniß, den Fortschritt zum Ueberschuß gemacht; was wird sie aus der Frau machen? Lassen Sie mich Eines sagen, ehe wir weiter gehen. Wenn Alle dasselbe wären und alle Kräfte dasselbe thäten, so stünde das Leben bei seinem Beginne an seinem Ende; der Unterschied, das größte Geheimniß in einer Welt die auf der Idee der Gleichheit in Wesen und Bestimmung des Menschen beruht, ist die ewige Quelle alles Lebendigen. Daher steht an der Schwelle jeder Beobachtung die große Wahrheit, daß dasselbe, für zwei geltend und durch zwei f geschehend, ein Verschiedenes wird. Wenn dem aber so ist, so dürfen Sie auch hier nicht erwarten, daß ich in gleicher Weise über jene Nationalökonomie zu den Frauen reden darf ?, wie zu dem Manne. Es kann sich für jene nicht darum handeln, ein kaltes System dieses jüngsten Gebietes menschlicher Wissenschaft aufzuführen und um den Werth des theoretisch Richtigen zu ringen, sondern ich muß aus den Begriffen ein Bild und aus den Gesetzen einen farbenreichen Lebensproceß machen. Und ich muß eben darum gleich damit beginnen, diese Darstellung vor der Meinung zu bewahren, daß etwas darum schlechter oder weniger werth sei, weil es etwas Anderes ist als das Angewöhnte. Denn ich rede hier nicht zu den Männern, sondern zu den Frauen; ihnen übergebe ich jene trockenen Begriffe und Deductionen, jene s harten Thatsachen und herzlosen Gesetze und ich hoffe und weiß, daß in ihren Händen der dürre Stock noch einmal Blüthen treiben und der heißen Mühe des Tages Schatten ! und Labsal bereiten wird. Legen Sie darum den Maßstab der strengen Wissenschaft ein wenig aus der Hand; vielleicht daß Sie ihn da, wo der Gedanke mit lebendigen Blättern den oft so harteil Boden unsrer Täglichkeit zu bedecken versteht, unter Blumen und Blüthen wieder finden, wie einst die Äsen ihre goldenen Tafeln nach der Götterdämmerung. > II. Man sagt, und mit gutem Recht, daß alles Verständniß der größten Dinge da beginnt, wo man die scheinbar einfachsten Erscheinungen in ihre Elemente auflöst und dadurch in dem Alltäglichen dem näher tritt, was in ihm als ein ewig Neues lebendig ist. Seit die Naturwissenschaft sich der alten Elemente bemächtigt hat, sind sie verschwunden. Auch die Geschichtschreibung ist eine andere geworden. An die Stelle der ruhigen Traditionen der Geschichte tritt der Zweifel, an die Stelle des Behagens die Arbeit. Dem Kindesalter des Wissens sind wir auf allen Punkten entwachsen, das Mannesalter beginnt. Das gibt uns den Reichthum der Gestaltungen an der Stelle der Lieblichkeit der Farben. Kann und darf sich das, was wir zu sagen haben, dem entziehen, was schon selbst ein Gesetz unseres Lebens geworden ist? Die Härte aber, die diese Forderung mit sich bringt, hat ihren bestimmten Charakter. Ihr Wesen ist es, nirgends und unter keiner Bedingung ein unklares Bild, einen un- aufgelösten Gedanken, ein vieldeutiges Wort zu ertragen. In unserer Zeit geht aller Weg zum Ganzen durch das Verständniß seiner Theile. Und ob wir es wollen oder nicht, das muß auch für uns gelten. Zu den Ausdrücken, die wir damit umfassen, gehört auch der des „Lebens der Menschen." Wer spräche nicht fast täglich davon? Wer kennt es nicht? Und doch, wo ist es? Wo erscheint es? Wo kann ich es fassen, um mit ihm in meiner Freude wie in meiner Klage zu rechten? Es beherrscht mich mit seinen Gewalten — welches sind diese Gewalten? Ich möchte mit ihnen kämpfen, nein, ich muß mit ihnen kämpfen, — aber mit was denn eigentlich? Mit tausend Dingen zugleich, nicht wahr? Nun denn, so sind diese tausend Dinge und Verhältnisse eben wieder Eines, indem ich sie gemeinsam als das Leben bezeichne. Und worin besteht nun der Kern dieses Lebens und was ist Blüthe und Frucht an ihm? Zuletzt doch das, was mir zum Genuß wird. Und was wird mir zum Genuß? Ohne Zweifel dasjenige, was ich habe, erarbeite, gewinne, nach meinem Wunsche gestalten kann. Und wie nenne ich das, was mir durch seinen Besitz, durch seine Menge, durch seinen Genuß das Leben erfüllt? Wie nenne ich das, wonach ich eben deßhalb strebe und ringe, weil ich es an Anderen bewundere oder beneide, womit ich täglich rechne und nach dem ich das Maß meines Lebens, die Größe und die Fülle meiner Exi- stenz und Stellung im Ganzen wie im Einzelnen mir selber bestimme; was ich, wenn ich es verliere, mit Schmerz scheiden sehe, und was ich, wenn gewonnen, mit Stolz und Freude betrachte, weil ich es als einen Theil meiner selbst, als eine Verkörperung meines Lebens und meiner Kräfte, als mein betrachte, das ich nicht mehr von mir trennen 10 kann und von dem ich weiß, daß Jeder es zu mir hinzudenken, Jeder es an mir, an Kleidung, Wohnung, Nahrung, ja an der Sicherheit meines Auftretens, an der Achtung Dritter erkennen, messen und schätzen wird? Gewiß, das nenne ich den „Reichthum." Betrachte ich diesen Reichthum genauer, so erscheint er mir aus einer Gesammtheit einzelner Dinge zu bestehen, von denen jedes für sich jene Kraft besitzt, mich zu befriedigen und zu erheben; und diese einzelnen Dinge nenne ich dann die „Güter." Die Macht aber, die ich dadurch besitze, und nicht bloß für mich und das, was ich für meine eigenen Wünsche zu erfüllen vermag, sondern auch die stille, aber ganz unzweifelhafte Gewalt, die mir durch diesen Reichthum an Gütern auch über Andere wird, nenne ich mein „Vermögen." Die Namen sind klar; wenn der Mann den Begriff desselben, so versteht die Frau seinen Werth für Alles, was ich wünsche und genießen möchte. Und so ist es gewiß, daß unser Leben zunächst und vor Allem von diesem Vermögen, seinen Gütern und seinem Reichthum abhängt, in ihm sich bewegt, für dasselbe thätig ist, nach ihm seine Erfolge abmißt. Das wissen wir alle; jeder Tag, jede Stunde, jedes Bedürfniß, jeder geheime und laute Wunsch bringt uns dieser Wahrheit näher. In der That, unser Leben, mindestens so weit, als es der äußeren Welt angehört, erscheint wirklich als ein „Güterleben." Nun ist es eine sehr ernste Sache, über dieß Güterleben zu reden, so einfach Wort und Begriff auch im Anfang erscheinen mögen. Ich darf hier nicht das Bild aufrollen, das sich vor uns ausbreitet; aber wer von uns hat 11 ihm rächt in dieser oder jener Weise einmal ins Auge gesehen? Diese Güter mit ihrem Leben und ihrer Gewalt sind ganz anderen Wesens wie die natürliche Welt, die wir kennen. Sie stehen nicht still vor der Thüre des Hauses, wenn wir dieselbe schließen wollen; sie gehen nicht vorüber, wie der Wind die Wolken jagt; sie kommen nicht, wenn ich sie rufe, und lassen sich nicht vertreten durch ein freundliches Wort oder einen schönen Gedanken. Sie sind thatsächliche, harte, kalte Gewalten. Sie betten schon dem Kinde seine Wiege; sie geben ihm Lehre oder lassen es in Nohheit untergehen ; sie zwingen zur Arbeit; sie sitzen aus unserem Stuhle, decken den Tisch, reichen die Speise; sie rufen Thränen des Kummers oder bringen Frieden und Freude; sie folgen uns in die Nacht und erfüllen den schlaflosen Gedanken mit Sorge oder den Traum mit Lust; sie verlocken und verleiten und auf dem Grunde von neunzig Verbrechen unter hundert ruht die dunkle Gewalt, die wir den Reichthum nennen. Sie ist allein die Herrin in der Hälfte unseres Lebens; wohl dem, dem sie nicht mehr ist. Und viel mehr, als ich hier sage und sagen kann, wissen Sie alle. Ist es möglich, daß eine solche Gewalt der Frau ein Fremdling sein könne, während der Mann mit seiner edelsten Kraft ihr dienstbar wird und sie mit Sorge und Liebe noch über sein Grab hinaus zu beherrschen trachtet? Wenn nun diese Macht desjenigen, was wir Güter, Vermögen, Reichthum genannt, eine so große, oft leider so harte und nur zu oft eine unwiderstehliche ist, die unserem ganzen Leben, Denken und Hoffen ihren unauslöschlichen Stempel aufprägt — wird dieselbe dann wohl etwas so 12 ganz Einfaches sein? Wird sie, die über so unendlich Vieles für uns alle entscheidet, wohl als nur zufällige, willkürliche erscheinen? Wird sie nicht wie jede wahrhaft menschliche Macht unter bestimmten Gesetzen stehen, welche wiederum ihr Leben gestalten und beherrschen? Gewiß. Und wenn also auch Güter, Vermögen und Reichthum unter solchen, ihnen eigenthümlichen Gesetzen leben, entstehen und vergehen und dabei immer mein Leben beherrschen, wann werde ich meinerseits dann etwas durch meine Kraft, meinen Verstand, meinen Willen dafür thun können, sei ich nun der Mann, sei ich die Frau? Ganz offenbar dann, wenn ich es nicht bei jenen einfachen Begriffen oder Vorstellungen von Gut und Reichthum bewenden lasse, sondern jene Gesetze, nach welchen dieselben kommen und gehen, wenigstens in den Hauptsachen - kenne. Und wenn ich nun als Frau das lebhafte und kräftige Gefühl habe, nicht bloß daß auch ich in Wohl und Weh von jenen Gesetzen abhänge und auch für mich das Gut und der Reichthum, wenn auch nicht das Glück selbst, so doch eine und eine große Bedingung desselben sein müssen, wenn ich erkenne, daß der Mann doch zuletzt mit all seiner Kraft jenen Gesetzen unterworfen ist, und wenn ich, den Verstand mit der Liebe verbindend, ihm helfen will, um ihm nicht bloß mehr lieb, sondern auch werth zu werden, was wird dann wohl meine Pflicht sein? Fürchten Sie nicht den Schlußsatz, zum dem ich hier zu kommen habe. Ich werde Ihnen nicht sagen, daß Sie'dann das thun müssen, was wir die „Nationalökonomie studiren" nennen. Sie werden nicht hören, daß wir fordern, Sie sollen Begriffe entwickeln lernen und sich über Definition von 13 Gut und Werth, von Papiergeld, Capital und Arbeit und dergleichen zu streiten wissen. Aber das ist klar: wer immer in der wirklichen Welt im Einzelnen den: Ganzen helfen, in die Dinge und Lebensverhältnisse eingreifen will, die auf ihn wirken. Eines muß er können: er muß sich von der Hauptsache ein Bild zu machen und vor Allem in diesem Acte und seiner lebendigen Anregung den Platz zu finden wissen, auf dem er selber steht und von dem aus er seine Kraft zu verwerthen berufen ist. Und es ist ein Gesetz unseres innersten Lebens, daß wir uns über das freuen, was uns gelingt, wenn es mit dem Verständniß dessen begleitet ist, was wir geleistet haben. Und darum darf ich jene Gesetze in der Gestalt hier andeuten, in der sie aus dem allgemeinen Leben in das der Frau hineingreifen. Wenn Sie das einen Augenblick betrachten, was wir im gewöhnlichen Leben ein Gut nennen, so sehen Sie bald, daß dasselbe immer aus irgend einer Substanz durch die Arbeit erzeugt und, wenn es erzeugt ist, wieder von jemandem verzehrt oder verbraucht wird, jedoch wenigstens der Regel nach in der Weise, daß eben durch die Verzehrung oder den Verbrauch wieder etwas Anderes sich erzeugt, wie durch das Essen die Kraft, aus dem Faden das Gewebe, aus der richtigen Berechnung von Einnahmen und Ausgaben ein Überschuß und so fort. Das Gut ist daher ein beständiger Proceß, eine beständige Bewegung, und diese Bewegung erscheint in den drei Grundformen, die wir die Erzeugung, die Verzehrung und Wiedererzeugung nennen. Wohl; und welchen Werth hat das für die Frau? Sehen Sie sich um. Die Ehe, dieses innigste äußere und innere Band zwischen Mann und Frau, das das ganze Leben umfaßt, sollte es nicht auch jenes Leben, das wir das Güterleben in Production, Consumtion und Reproduktion genannt haben, mit umfassen? Es ist ja kein Zweifel, daß dem so ist. — Wenn dabei aber Mann und Frau, hier wie immer, eben so tief verschieden in Wesen und Kraft sind, wie sie, innig verbunden, doch zuletzt dasselbe wollen und thun, werden sie da wohl für diese Production, Consumtion und Reproduktion genau dasselbe leisten? — Schwerlich ; es wird vielmehr den so sehr verschiedenen Kräften auch eine sehr verschiedene Aufgabe geworden sein, die doch zuletzt wieder als eine und dieselbe erscheint. Und wie würden wir wohl die Aufgabe des Mannes neben der der Frau und umgekehrt in jenem Leben des Gutes mit seinen drei eben bezeichneten Stadien nennen? — Ich glaube nicht, daß das fraglich sein kann. Der Mann wird die Erzeugung der Güter, die Frau die Verzehrung, beide zusammen aber die Wiedererzeugung zu ihrer Lebensaufgabe haben. Oder, wenn Sie es vielleicht schon jetzt anders und näher liegend ausgedrückt haben wollen, der Mann wird für den Werth, die Frau für den Genuß, beide aber werden gemeinsam für die Capitalbildung, die Bildung des Vermögens aus dem richtigen Verhältniß des Genusses zur Erzeugung der Werthe bestimmt sein. Offenbar das ist die Stellung der Frau in dem großen Leben, welches wir die Güterwelt nennen. Aber es ist wahr, das Wort Verzehrung ist ein noch sehr unbestimmtes. Hat es doch einen großen französischen Nationalökonomen gegeben, der überhaupt läugnete, daß es eine Verzehrung der 15 Güter gebe, sondern in jeder Verzehrung nichts als eine Vertheilung derselben sah. Lassen wir also den Streit der Definitionen. Das ist jedenfalls klar, daß da, wo der Einzelne für sein persönliches Leben seine Bedürfnisse befriedigt, gewiß eine Verzehrung stattfindet. Und wenn Sie nun die sorgende Hand der Frau sehen, so ist ihre Aufgabe keinen Augenblick zweifelhaft; ihr gehört eben der gewaltige Theil des Güterlebens, den wir die Befriedigung der individuellen Bedürfnisse im Leben des arbeitenden Mannes nennen. Hier, auf diesem Punkte beginnt das, was wir jetzt als die Nationalökonomie der Frauen bezeichnen. Ich kann nicht umhin, Werth auf diesen Ausdruck zu legen. Unsere Zeit ist wohl in keiner Beziehung eine so eigenthümliche und anspruchsvolle als in Beziehung auf das Bildungswesen. Eines der größten und gewaltigsten Resultate des vorigen Jahrhunderts, wie der großen Erbschaften desselben, die wir zu verwalten haben und auch wirklich verwalten, ist der Gedanke, daß wir mit allen Kräften des Staates wie des Einzelnen das Bilduugswesen zu fördern haben. Wir wissen es, daß in der Bildung zugleich die höchste Form der geistigen Vollendung und ein unerschöpfliches Capital enthalten ist, das jede einzelne Kraft sich selber erzeugen und entwickeln kann. Wir wollen daher, daß niemand ohne Bildung bleibe. Wir beginnen von unten und immer höher steigt das mittlere Maß dessen, was wir einerseits fordern und andererseits geben. Das ist auf diesem Gebiete der Charakter dessen, was unsere Gegenwart leistet. Aber wir haben dabei, wie es in großen Dingen immer der Fall ist, uns vor einer gewissen Einseitigkeit nicht bewahren 16 können. Wir haben uns auf den Standpunkt gestellt, die Bildung darin zu suchen, daß Jeder von allen Dingen etwas und daß er dieß Etwas in derselben Weise wisse, wie es die Wissenschaft in ihrer höchsten Form bietet. Wir haben in diesem Sinne den Weg betreten, den wir die Popularisirung der Wissenschaft nennen. Wir haben jedes Gebiet derselben auf ein Minimum reducirt und jeder Classe, jedem Theile unserer Gesellschaft derartige kurze Darstellungengeboten, mit der Forderung, in denselben zu Hause zu sein. So haben wir es auch zum Theil mit der Nationalökonomie gemacht. Wir wissen, welche unendliche Wichtigkeit die Frau für das wirtschaftliche Leben der Welt hat. Gibt es etwas Natürlicheres, als daß auch sie Nationalökonomie kenne? Wir , haben daher die Nationalökonomie für Frauen geschrieben, Nationalökonomie in die höheren Töchterschulen eingeführt, ihre Kenntniß als eine Bedingung aller höheren weiblichen Bildung vorausgesetzt. Aber ich glaube, wir haben für das richtige Ziel nicht den richtigen Weg eingeschlagen. Der Werth jedes Dinges und so auch der Werth jeder Kenntniß beginnt für das praktische Leben da, wo ich sie brauchen kann, und niemand wird es bestreiten, daß in der That das Verständniß eben dieser Brauchbarkeit die Bedingung für jede wahre Theilnahme an jeder Sache ist. Mir will es daher scheinen, daß der Punkt, auf. welchem die großen Begriffe im Gefolge der Nationalökonomie in das wirkliche Leben der Frau hineingreifen, zugleich der sein muß, auf dem ich ihre innere Theilnahme zu suchen habe und finden werde. Mir scheint es von mäßigem Werthe, daß eine Frau die Elemente des abstracten Systemes jener Wissenschaft 17 hersagen könne; von unendlich großem dagegen, daß sie wisse, wie viel sie und was sie in ihrem Kreise für das gewaltige Gebiet thun kann, das sich ihr hier zu öffnen beginnt. Es ist meiner innigsten Ueberzeugung nach unendlich weit wichtiger, die Frau vielmehr mit dem Geiste als mit den Begriffen der Nationalökonomie zu erfüllen; sie wird Alles, was ihr gesagt werden.mag, mit ihrem gesunden Sinne leicht und klar verstehen, wenn sie besser weiß wofür, als warum etwas gilt und gefordert wird. Die Nationalökonomie selbst wird in ihrer Achtung steigen, wenn sie erkennt, daß jene sie achtet und warum sie sie so hoch achten muß; und ich wage es zu gestehen, daß ich die Frau viel höher schätze, die stolz ist auf das, was sie zu leisten, als was sie zu definiren versteht. Darum ist jene Nationalökonomie der Frauen die Lehre und das Verständniß der specifischen Stellung und Aufgabe der Frau im Leben der Güter überhaupt, im Leben der Wirthschaft insbesondere; unsere Nationalökonomie soll der Frau sagen, worin ihr hoher, zugleich wirthschaftlicher und durch ihre wirthschaftliche Gewalt auch ethischer Werth besteht; dann erst wird sie ihr selbst werth werden. Und in diesem Sinne habe ich versucht, den Kern und die eigentliche Aufgabe derselben in den theoretischen Begriff der Consumtion zu legen, der sich zu dem praktischen der Hauswirthschaft entfaltet. Stein, Die Frau auf dem Gebiete d. Nationalökonomie. 2 V III. Wir haben oft das Wort gehört, unsere Erde sei „der Stern der Arbeit." Und dem ist wirklich so, und so sehr, daß wir selbst, die wir auf der Erde unsere Heimath haben, doch erst in der Arbeit uns dieselbe sichern müssen. Und eben weil die Nationalökonomie die Lehre von der Arbeit ist, hat sie auf unsere Theilnahme ein so großes Anrecht und für Jeden, der sich mit ihr beschäftigt, einen so großen Reiz. Für uns aber ist die Arbeit der Punkt, in welchem wir für unsere eigentliche Frage den rechten Inhalt gewinnen. Daß die Erringung der Güter, der Erwerb von Vermögen und Reichthum Arbeit sind und enthalten, das ist lein Zweifel. „Das Capital ist gesammelte Arbeit," hat ein großer Nationalökonom schon vor hundert Jahren gesagt; und noch heute ist das gewiß. Darum sagen wir, daß die Arbeit des Mannes Zier sei; sie ist der Preis, um den allein ich neben dem Erwerb die Achtung gewinne, und das Vertrauen des Einen auf den Andern ist und war ewig das Vertrauen auf die Arbeit desselben. Aber, und das ist die naheliegende Frage, was hat denn die Arbeit mit der Ver- zehrung und dem Genuß zu thun? Arbeite ich auch, wenn I » 19 ich consumire und genieße? Wie soll ich das so tief Verschiedene, den Proceß, der durch Arbeit Güter schafft, und den, der durch die Verzehrung die Güter auflöst, verbinden? Und doch ist das unsere eigentliche Frage. Denn Verzehrung und Genuß sind und bleiben das Reich der Frau. Findet die Arbeit in ihnen keine Stelle, so hat die ganze Nationalökonomie keinen praktischen Werth für die Frau. Tritt aber auch bei ihnen die Arbeit ein, so werden Sie mir leicht den entscheidenden Satz zugeben, um dessen willen ich Ihre Aufmerksamkeit so lange in Anspruch nehme: daß das Maß des Werthes der Frau für jeden Einzelnen und damit für die ganze Menschheit in dem Maße liegt, in welchem die Frau in der Verzehrung arbeitend thätig ist. Um nun die Bedeutung dieses Satzes — des eigentlichen Inhaltes der weiblichen Wirthschaftslehre — sich ganz zu vergegenwärtigen, sehe ich mich gezwungen, einen Augenblick lang Ihre Aufmerksamkeit in Anspruch zu nehmen. Das ist gewiß, daß das menschliche Bedürfniß, dessen Befriedigung ja eben die Verzehrung ist, an sich kein Maß hat; es ist seiner Natur Nach für Jeden unendlich. Dennoch findet es ein solches Maß in der Wirklichkeit auf jedem Punkte und Alles wird deßhalb darauf ankommen, zu wissen, wer oder was ihm dieß positive, concrete Maß gibt? Und eigentlich weiß das ein Jeder; es gilt nur, etwas sehr Bekanntes in klaren Worten zu formuliren. Offenbar, ich kann nicht mehr verbrauchen, als ich habe. Ich habe aber, was ich erwerbe. Allbekannt ist daher der 20 Satz, daß für jeden Menschen das Maß und die Grenze dessen, was er verbraucht, in dem liegt, was er erwirbt. Nun ist es der Mann, der erwirbt; es ist daher klar, das richtige Maß dessen, was die Frau verbraucht, ist stets durch das gegeben, was der Mann erzeugt. Allein nicht um diese triviale Wahrheit zu sagen, haben wir das Obige vorausgeschickt. Ja, wenn das, was die Frau verbraucht, genau dieselbe Natur hätte wie das, was der Mann erwirbt, so wäre die Sache sehr einfach. Allein das ist nicht nur niemals der Fall, sondern es kann gar nicht sein. Es scheint überflüssig, das erst zu beweisen. Das Product der Thätigkeit des Mannes ist für Andere, für den Verkehr bestimmt; das, was er aus den Händen seiner Frau für seinen eigenen Verbrauch empfängt, ist nur für ihn da. Wenn nun aber dennoch Erzeugung und Verbrauch auf einander angewiesen sind und sich gegenseitig bedingen, so müssen sie gemeinsam ein Drittes haben, auf welches ich beide gleichmäßig reduciren kann, damit trotz der Verschiedenheit der Güter dennoch die Gemeinsamkeit des Maßes vorhanden sei, nach welchem ich beide bestimme. Dieß gemeinsame Maß ist bekannt; es ist in unser aller Händen; es ist das Geld. Der Erwerb des Mannes bedeutet eine Summe Geldes; die Verzehrung der Hauswirthschaft gleichfalls; und es ist jetzt, denke ich, klar, wenn ich dem Folgenden den Satz zum Grunde lege, daß alle gute Wirthschaft auf dem Verhältnisse der Geldsumme beruht, welche der wirtschaftliche Verbrauch von der Summe des Erwerbes in Anspruch nimmt. Denn es ist nicht möglich, daß die erstere auf die Dauer größer sei als die letztere; ist sie es dennoch, so tritt das ein, was W» < Fd i 21 wir die Krankheit der Wirthschaft nennen. Die Ausgaben beginnen neben den Einnahmen das Capital zu verzehren; erst langsam und unscheinbar, dann rasch und immer rascher; erst kommen die kleinen Schulden mit ihrem ganz bestimmten pathologischen Charakter, und es müßte die erste Pflicht jeder verständigen Mutter sein, der Tochter das Auge über diese ersten Symptome der wirtschaftlichen Pathologie zu öffnen und sie den furchtbaren Feind alles Lebensglückes kennen zu lehren, der in diesen kleinen Dingen seinen warnenden Finger erhebt; wohl denen, die ihn sehen! Das sind die kleinsten unbezahlten Tagesrechnungen, das Brot, das Fleisch, die Butter, tausend Kleinigkeiten, ein Gulden, ein Thaler, auf den nächsten Tag überwälzt. Er ist so verdrießlich, dieser Gulden, dieser Thaler von gestern, wenn er, nicht bezahlt, den Gulden und Thaler fordert, der für heute bestimmt war! Aber ich muß ihn zahlen. Dann wird das Morgen schon zum Heute, aus dem Tage wird die Woche; jetzt kommt die Wochenrechnung des Bäckers, Fleischers, Kramladens; gezahlt muß werden; das Geld reicht nicht; der Mann muß geben, was er zu etwas Anderem bestimmt hatte; der Unmuth beginnt; die Krankheit ist da. Wer kann helfen? Wer als die Frau? Und wie? Ich frage gar nicht erst; sie hatte Unrecht, sie muß die Ausgaben einschränken; es ist ein zweites Unrecht, dann dem verdrießlich gebenden Manne den Verdruß, dem sorgenden Manne seinen Vorwurf vorzuwerfen und ihn zu schelten, wo die Sache selbst die Frau schilt. Und doch ist sie ernst genug, denn wenn das so fortgeht, so wird aus der leichten Krankheit die schwere und die schwere Krankheit trägt den 22 Keim des Todes im Herzen. Die Ziffer ist unerbittlich; sie legt ihre kalte Hand auf Glück und Liebe, und die erste Thräne fällt auf die erste — unbezahlte Rechnung. Welche Prosa! Und doch welch ein furchtbarer Ernst in dieser Prosa! Kennt ihr sie? Ihr hütet eure Kinder vor jeder Krankheit, vor jeder Erkältung, ihr begießt eure Blumen, ihr füttert eure Vogel, — und ihr zeigt es dem jungen Mädchen nicht, wie das gefährlichste Gift alles ehelichen Glückes langsam und unbeachtet in eurem Hause wuchern kann, bis es ins Mark dringt und der wirthschaftliche Tod zum Tode der Liebe — und wie oft zum Tode des Lebens wird! Soll ich das weiter ausmalen? Wahrlich, ich bedarf dessen nicht. Die Sache ist so einfach; was heißt sie mehr, als daß das erste und absolute Princip aller Arbeit der Frau das Festhalten an der Summe in der Hauswirthschaft ist, welche der Mann der Frau geben kann? Eine Frau, die an diesem Principe noch zweifelt, oder in — verzeihen Sie mir das harte Wort — verbrecherischem Leichtsinn es verletzt, verdient nicht den hoch ehrenwerthen Namen einer Frau; es ist schon geradezu wirthschaftliche Unnatur, es nicht zu befolgen. Es wäre sehr schlimm um uns bestellt, wenn die Erziehung unserer Töchter irgend jemandem in der Welt vollendet erschiene, wo sie nicht wenigstens diesen Satz in das Herz derselben einprägte. Aber freilich. Eines gehört dazu; und hier ist der Punkt, den ich unserer Männerwelt nicht minder ernstlich an das Herz legen muß. Woher soll denn die Frau wissen, wie viel sie denn eigentlich ohne Gefährdung verbrauchen kann? Jeder wirthschaftliche Gebrauch ist an sich ein un- 23 bestimmter. Kann die Frau durch die bloße Liebe zum Manne erfahren, wie groß jener sein darf? Wer soll sie denn unterscheiden lehren, was bloß angenehm und was nothwendig, was erreichbar ist und was sie sich und, was viel schwerer wird, dem geliebten Manne versagen soll? Soll denn die Frau nicht das Recht haben, einmal und ein anderesmal die Summe, die sie hat, in ihrer Weise zu berechnen, wo es darauf ankommt, dem Manne ein Vergnügen zu bereiten? Wer bestimmt denrr diese Summe? Wenn sie die Hauswirthschaft tragen soll, ist es vernünftig, daß der Mann sie allein bestimmt? Woher soll denn die Frau die Angst vor dem Ueberschreiten jener Summe kennen, wenn sie gar nicht weiß, in welchem Verhältniß sie zur Einnahme des Mannes steht? Und hier ist es, wo unendlich viel gefehlt wird. Wie viele Hunderte, ja taufende von Männern glauben, daß es damit gut sei, wenn sie der Frau bei der Ueberschreitnng ihres häuslichen Budgets Vorwürfe macheu? Sie werden nichts empfangen als Gegen- vorwürfe. Denn die Grundlage ist falsch. Die Frau, die Vertreterin des wichtigen Gebietes der Ausgaben, soll wissen, wo jene Grenze ist, die sie ohne Gefahr für das Haus gar nicht berühren darf, und daß der Mann sie ihr ziehen muß, damit es beiden wohl gehe. Es ist die Pflicht jedes verständigen Mannes, seiner Frau den gesummten Zustand seiner Wirthschaft darzulegen und sie damit verantwortlich zu machen dafür, daß von ihrer Seite kein wirthschaftlicher Fehler geschehe. Jener große abstracto Grundsatz, daß die Summe der Ausgaben von der der Einnahmen bedingt sein soll, soll in jeder Wirthschaft seinen Ausdruck 24 dadurch empfangen, daß das klare Bild der Einnahmen und Ausgaben in seinen Grundzügen auch der Frau vorliege und daß das, was für das Haus verständiger Weise bestimmt werden kann, gemeinschaftlich besprochen werde. Und in dieser Theilnahme an der Feststellung des allgemeinen wirth- schaftlichen Planes für den Haushalt liegt die erste wirth- schaftliche Arbeit der Frau. Die Summe, die sie zu verwalten hat, soll sie sich selber mitbestimmen. Die Gefahr, die in der Überschreitung dieser Summe liegt, soll sie wissen und als eigene Gefahr fühlen und sehen. In dem wirth- schaftlichen Proceß, der Einnahme und Ausgabe heißt, soll sie ein mitarbeitender, maßgebender Factor sein. Nicht bei der Küchenrechnung, sondern bei der Feststellung der Summe, aus der sie genommen wird, beginnt das, was wir die wirthschaftliche Emancipation der Frau nennen; und es ist kein Zweifel, daß oft genug erst bei dem, was die Frau fordert, der Mann klar erkennen lernt, was er geben kann. Ist hier ein Irrthum verderblich, so ist ein Einverständniß unschätzbar; und hilft hier die Frau, so gewinnt sie für sich die Hälfte der Liebe, die der Mann zu seiner Arbeit hat, zugleich mit der Achtung, die er vor jedem Erfolge fühlt. Dabei wird der verständige Mann schon die richtige Form und das Maß für das wissen, was er der Frau sagen kann. An diesem ersten Hauptpunkte halte ich fest; mit Allem, was ich noch zu sagen haben mag, ist wenig gewonnen, so lange der Verstand des Mannes nicht diese erste Forderung erfüllt, welche der gesunde Sinn der Frau ihm entgegenbringt! Wenn das nun aber geschieht, läßt sich dann bei der geradezu unendlichen Verschiedenheit der wirthschastlichen Ver- 25 hältnisse noch etwas Weiteres bestimmen über das, was auch hiefür unter allen Lagen des Lebens gemeinschaftlich gültig sein kann? Eines ist gewiß klar: wenn auch die Frau das Haupt der inneren Wirthschaft ist — über den einen hochwichtigen Theil derselben kann und wird sie nicht allein entscheiden; erst der zweite gehört ihr. Und vor Allem muß man sich daher einig sein, wie diese Theile sich zu einander verhalten. Denn erst bei dem zweiten beginnt der ganze Ernst dessen, was wir als die Arbeit der Frau in der Hauswirthschaft bezeichnen. Hier nun muß ich Ihnen eine Grundlage der ganzen wirthschaftlichen Berechnung vorlegen, die auf allerlei Erfahrung beruht und ihrerseits der Erfahrung verständiger Wirthschafte unterbreitet werden möge. Das ganze Einkommen scheidet sich zunächst für jede richtige Berechnung in zwei Hauptgebiete, von denen nur das zweite überhaupt hieher gehört. Das erste enthält Alles, was für die Unternehmung des Mannes bestimmt ist und was theils aus Betriebsauslagen, theils aus Capitalsanlagen im weitesten Sinne besteht. Es ist ein großer Segen für den Mann, wenn er auch darüber mit feiner Frau sich besprechen kann. Der Regel nach wird sie sich dabei zwar für gewagte Dinge wenig begeistern und stets das Ganze mit dem Maßstabe einzelner Gesichtspunkte messen; aber erstlich hat das an und für sich stets einen nicht zu unterschätzenden Werth und dann — wie viele Frauen gibt es nicht, die wenigstens die „Geschäftsfreunde" persönlich, oft aber auch das Geschäft selber eben so gut beurtheilen wie 26 der gescheiteste Mann! Doch ist es hier nicht das, worüber wir zu sprechen haben. Das zweite Gebiet des Einkommens aber ist das, was für die eigentliche Hauswirthschaft bestimmt ist. Und so unendlich verschieden nun auch diese Hauswirthschaften sein mögen, die Haupttheile ihrer Ausgaben wiederholen sich in Allem, weil zuletzt alle auf den gleichen organischen Bedürfnissen und Verhältnissen des Menschen beruhen. Es ist aber durchaus nothwendig, daß man sich über diese Theile einig sei. Mag nun unsere Ein- theilung richtig sein oder nicht und mag man Ziffern zu Grunde legen, welche man immer will, stets bleibt es gewiß, daß eine wahrhaft durchgreifende, wirtschaftliche Erziehung der Frau so lange ihrer festen Basis entbehrt, bis man diesen Punkt festgestellt und ihn der ganzen wirtschaftlichen Thätigkeit derselben zum Grunde gelegt hat. Wir nun denken uns denselben in folgender Weise: Das, was die Familie für ihre Hauswirthschaft bestimmt, muß in beiläufig sechs Theile getheilt werden. Den einen dieser Theile fordert die Wohnung; den zweiten fordern die stehenden häuslichen Bedürfnisse, Kleidung, Licht, Feuerung, Dienstboten; den dritten soll man für außerordentliche Ausgaben reserviren, für Krankheiten, Todesfälle, Versicherungen, Verluste, daneben soll er für Erholungen und Genuß bestimmt sein; den vierten soll man wo möglich gar nicht berühren, sondern als Reserve betrachten; er ist die Sparkasse der Familie — nicht des Geschäftes — und Jedem kommt ein Augenblick, wo ihm hundert Gulden dreihundert werth sind; den soll. er aus einem Jahre in das zweite, aus dem zweiten in das dritte und so fort über- 27 tragen und zuletzt soll er das Angebinde der Kinder sein; während das Conto aller anderen Theile mit Tag, Woche, Monat und Quartal schließt, soll dieses Conto ein dauerndes, für alle Lebensjahre bemessenes bleiben. Das wären vier Theile — etwa Sechstel des Ganzen. In diesen vier Theilen sollen Mann und Frau zusammen rechnen. Anders ist es mit den letzten zwei Theilen. Diese sind das Gebiet der eigentlichen Tages- und Wochenausgaben, der eigentlichen Hauswirthschaft; sie gehören der Frau und ihr allein; hier kann der Mann, auch wollend, ihr nicht folgen; hier ist das Gebiet, wo sie unumschränkte Herrin ist. Und ernst genug ist denn doch die Sache. Denn mit diesen Sätzen hat sie über ein Drittheil meines ganzen wirthschaftlichen Lebens die ungeteilte und über den Rest die Halste der Herrschaft. Ich vermag vielleicht zu bestimmen, was ich ihr gebe, aber gewiß nicht, was ich dafür aus ihren Händen wieder bekomme. Von tausend Familien aber haben gewiß nur hundert ein annähernd festes Einkommen; der bei weitem größte Theil desselben wird bei den letzteren für die Hauswirthschaft nach jenen fünf Kategorien verwendet; in Allem ist die Frau maßgebend, in der Hälfte der Ausgaben allein die Herrin und von diesen Ausgaben hängt das Glück und Wohlsein Aller ab — ist es noch erlaubt, von einer Nationalökonomie bloß der Produktion, von den Gesetzen bloß für die erwerbende Arbeit zu reden? Es wäre nun leicht, sowie dieser Punkt einmal, sei es in dieser oder in einer anderen Form, feststeht, von dem Allgemeinen ins Einzelne zu gehen. Sie verstehen, was ich meine. Ich denke mir hier eine Untersuchung, welche nicht 28 bloß bei der einfachen Uebergabe jenes Drittheiles an die Frau stehen bleibt, sondern nunmehr beginnt, auch mit diesen: Drittheil im Einzelnen zu rechnen. Da würde es sich denn wohl bald ergeben, daß es auch für diese innere Wirthschaft eine Reihe fester Kategorien gibt, die ihre Forderungen stellen; daß die verständige Wirthschaften:: sehr bald fühlen und Herausrechnen wird, daß alle diese Dinge eine gar feste, ja unerbittliche Rangordnung unter einander haben und daß es niemandem, auch der liebenswürdigsten Frau nicht, gestattet ist, sich auch nur eine Woche lang über diese Rangordnung der häuslichen Bedürfnisse zu täuschen, ohne den Irrthum gar bald zu empfinden. Da ist das Brod, da ist das Fleisch, da sind Kaffee und Zucker, da sind Butter und Schmalz — und sehr bald wird eine kluge Frau innewerden, daß immer und unerbittlich das, was ich für das Eine zu viel verwende, für das Andere weniger ausgegeben werden muß, soll nicht Unordnung kommen und an die Thüre klopfen. Ich kann das nicht vorrechnen — aber gibt es denn nicht „Töchterschulen" und „Mädchenschulen" aller Art, bei denen es durchaus nicht mehr drollig klinge:: würde, wenn man forderte, daß zum Beispiel ein Mädchen mit sechzehn Jahren die Frage beantworten soll — nicht wie viel Sauerstoff und Stickstoff in Brod und Fleisch, Rüben und Zucker ist, sondern wie viel eine Familie wohl durchschnittlich auf den Mittagstisch, auf den Kaffee, auf Butter verwenden kann, wenn der Mann etwa 1200 oder wenn er 2400 oder wenn er gar nur 800 fl. festes Einkommen hat? Oder wie viel eine Lampe während eines Winters kostet, oder wie viel Kleidung und 29 Wäsche das Haus, oder wie viel Feuerung die Küche für fünf Personen braucht? Ist das wirklich „der Wissenschaft" oder „der Erziehung" nicht würdig? Weniger als eine Etüde von Chopin oder als der Unterschied von Rosaoder blauen Florblumen? Lernen sie doch, ich weiß nicht, welche Algebra, ich weiß nicht, welche Geschichte, ich weiß nicht, welche Dichter und die „charakteristischen Unterschiede" zwischen Schiller und Goethe! Und wird man dabei etwa wollen, daß sie dieß alles nicht lernen sollen? Aber daß darin die eigentliche, höchste Aufgabe der Töchter gesucht wird, die jede andere absorbirt, daß um ihretwillen das für untergeordnet, ja für überflüssig gehalten wird, ohne welches die zur Frau gewordene Tochter dereinst nicht bestehen kann, dieß ist es, wogegen wir kämpfen! Geben wir unseren Töchtern mit, was wir können und wollen, aber was es immer sei, vergessen wir nie, daß die höchste, schönste, werthvollste Mitgift derselben das lebendige Bewußtsein von ihrer Pflicht ist: die strenge tägliche Ordnung, die Zucht in der Hauswirthschaft, mit täglicher Arbeit aufrecht zu halten, und daß zuerst und zuletzt darauf die Volkswirthschaft beruht. Und vergessen wir nicht, daß hier wie allen „praktischen" Dingen allgemeine Redensarten gar so wenig helfen. Lehren wir das Mädchen, nicht bloß Frau, sondern Hausfrau zu werden. Lehren wir sie das, was das Eigenste des Menschen ist, das Maß und das Messen, damit jeder Tag seine Rechnung habe und jede Tagesrechnung nicht in verderblichem Widerstreit mit der Jahresrechnung stehe! Fordern wir doch und mit gutem Rechte, daß kein Ge- 30 werbetreibender als gebildet für sein Gewerbe angesehen werde, der nicht im Stande ist, eine Rechnung für seine Production aufzustellen; wer gibt uns dann das Recht, zu sagen, ein Mädchen sei gebildet für den Hausstand, wenn es nicht fähig ist, eine Hausstandsrechnung zu machen? Oder haben Mütter und Väter vielleicht nie erfahren, wie viel sie werth ist? Doch möge es des Gesagten zunächst genug sein. So viel, glaube ich, ist klar, daß in allem diesem der erste Theil der Arbeit liegt, die wir als die Arbeit der Frau in der Hauswirthschaft bezeichnet haben, das erste große Capitel der Nationalökonomie für Frauen, die erste Aufgabe der wirthschaftlichen Erziehung und Bildung der Mädchenwelt. Sie ist die Grundlage und Voraussetzung der folgenden, die vielleicht weniger positiv und faßbar, aber wahrlich nicht weniger wichtig sind als jene. IV. Das Gebiet, welches ich nunmehr für die Frau und mit der Frau betrete, ist ein wesentlich anderes. Es war bis jetzt das männliche Element in der Frau, das mit Rechnung und Berechnung in die Arbeit des Mannes einzutreten berufen ist, die Erfüllung dessen, was der Mann will und thut, durch das, was die Frau erwägt und vermag. Bis hieher geht sie noch an seiner Hand, bis hieher ist er noch der Gebende, sie die Empfangende und Verwaltende, und nicht bloß die Wünsche, sondern auch der Wille des Mannes greifen in diese Welt von Ziffern hinein, die so klein sind und doch so viel bedeuten. Jetzt aber beginnt das Gebiet, auf welchem ich mit jedem Schritte der Frau als der eigentlich thätigen Kraft, der Frau als dem Segen des Mannes, der Frau nicht bloß als dem Genius einzelner seliger Stunden, sondern des ganzen Lebens begdgne. Dies Gebiet ist das Haus, das eigentliche Reich der Frau, in dem sie die Königin ist. Welch' eine einfache Thatsache und welch' ein einfacher Begriff scheint ein Haus zu sein! Dem ist es ein Besitz, dem ist es ein Gut, jenem nichts als sein Eigenthum, dem Anderen nur die Wohnung, noch einem Anderen eine Capitals- 32 anlage. Und doch fängt mit dem Hause eine neue Gestalt der ganzen Weltgeschichte an und das Verständniß des Hauses sollte die erste große Grundlage aller thätigen wirthschaft- lichen Bildung der Frau sein, wie die Hausrechnung die Grundlage ihres wirtschaftlichen Sinnes, ihres wirthschaft- lichen Gedankens. Darum lassen Sie mich einen Augenblick bei dem Wesen des Hauses stehen bleiben; durch das Haus erst verstehen wir die Frau, wie sie in dem Hause erst sich selber ganz verstehen und ausleben lernt. Das Hauslose Volk ist das ungesittete Volk. Es hat Hauslose Völker gegeben, welche mit einer elementaren Gewalt in die Geschichte eingegriffen, gewaltige Schlachten gewonnen, Reiche gestürzt und vernichtet haben; aber Dauerndes zu leisten haben sie erst vermocht, wo die wilden Reiter und Jäger aus Wald und Wüste sich den Herd gebaut oder an dem eroberten sich heimisch gemacht haben. Wo immer ein Volk, wie die Wandervölker Asiens oder die Indianer Amerikas, nicht die Kraft hatte, der Familie das Haus zu bauen, ist es selber geschichtlos geblieben. Mit dem Hause erst beginnt die allgemeine Gesittung, mit dem häuslicheil Leben des Einzelnen die Gesittung des Individuums. Und noch jetzt, wo wir alle des Hauses froh sind,-sagen wir, daß, wer im Hause nicht den Schwerpunkt seines Lebens zu finden weiß, dieses Schwerpunktes überhaupt entbehrt. Die Nomaden unserer Zeit verlassen mit ihrem häuslichen Herde mehr, als sie glauben, die einen, weil sie nicht _zu suchen verstehen was er bietet, die anderen leider, weil sie nicht finden was sie suchen. Wie viel Freude und wie viel 33 Kummer, wie viel Kraft und wie viel Schwäche liegt in dem einen Worte, und wie viel Allgegenwärtiges und wie viel Geheimes lehrt es uns bedenken und wissen! Und warum? Weil dieses Haus nicht bloß eine Thatsache und ein Capital, sondern weil es eine Kraft ist. Fragen Sie sich selber, ob dem nicht so ist. Die Kraft aber welche es besitzt ist nicht die der Wohnung, ihrer Größe, ihrer Schönheit, ihrer Ausrüstung — die wahre Kraft des Hauses ist die Persönlichkeit der Frau. Gibt es eine Wissenschaft der Frau, so wird sie nie und nimmer in dem Wesen der Frau für sich zu ihren: Inhalt und Werth kommen; sie kann und wird vor Allem die Wissenschaft der Frau im Hause sein. Ist uns das liebliche Mädchen die Trägerin der Liebe und alles dessen, was wir durch sie vermögen, so ist uns die Frau des Hauses die Trägerin des Glückes und des Friedens und alles dessen, was wir durch beide sind. Das alles ist sie in ihrem Hause und durch dasselbe. Und das nun lassen Sie mich Ihnen mit wenigen Worten genauer darlegen. Schauen Sie sich das Leben der thätigen, arbeitenden Menschheit an,- so hat eine höhere schöpferische Kraft Eine Linie in demselben gezogen, welche zwei wesentlich verschiedene Dinge tiefer scheidet als die Meere der Welt die Theile derselben. Diese Linie bildet die Schwelle des Hauses. Es ist gleichgültig, ob der Mann meilenweit von derselben entfernt ist oder ob ihn und seine Arbeit von seinem eigentlichen Hause nichts trennt als die Thüre zwischen seinen: Arbeitszimmer und seiner Wohnung. Immer liegen diesseits und jenseits dieser Schwelle zwei wesentlich verschiedene Ordnungen des Daseins, zwei Seiten desselben Bildes, die Stein. Die Frau auf dem Gebiete d. Nationalökonomie. 3 34 sich ewig berühren und ersetzen und doch niemals vermengen. Und ob wir das wissen oder nicht, vorhanden sür Jeden von uns ist dieser tiefe Abschnitt zwischen beiden. In dem Augenblicke, wo ich die Schwelle meines Hauses überschreite, verlasse ich die Meinigen und gehöre der Welt in der ich arbeite; in dem Augenblicke wo ich nach jener zurückkehre, wende ich mich zugleich von dieser arbeitenden Welt ab und gehöre dem Hause, und eine innere Umwandlung, eine Um- stimmung meines ganzen Wesens begleitet mich mit ihrem Abstreifen der Tagesmühe und mit ihrer Empfänglichkeit für den zweiten Theil und Inhalt meines Lebens. Das hat Jeder an sich viel hundertmal erfahren und zum Zeichen dessen ist der weiteste Weg zum Geschäftsfreunde hundertmal kürzer als der Weg, den ich zurücklegen muß bevor ich vom Arbeitszimmer in seinem Wohnzimmer zugelassen werde. An der Schwelle dieses Hauses aber steht die Frau. Ich weiß wohl, was ich dort von ihr erwarte; ich weiß, daß ihre weiche Hand mir die Stirne glättet und ihre freundlichen Worte wie frische Thautropfen auf die Mühen des Tages fallen. Ich weiß, daß ich meine Sorge nicht hinüberzutragen brauche in dieses Reich meiner Lieben und daß die Arbeit an mich kein Recht mehr hat, wenn ich jene Grenze überschreite. Ich weiß, daß ich hier von anderen Dingen höre und mich an anderen freue als draußen in der Welt, und wenn der starke, der arbeitmüde Mann und sein Erfolg der Stolz des Hauses ist, so darf ich wohl sagen, daß die freundliche Frau der Schmuck desselben ist. Aber das ist es eigentlich nicht, wovon ich hier reden will. Die Bilder, die sich hier entfalten, gehören anderen Aufgaben. Nur das ist gewiß, daß ich in dem Hause zuerst und zuletzt der Frau begegne; dies Haus ist nicht bloß unbedingt ihr Reich, es soll auch ihr Werk sein, und was immer ich in demselben suche und finde, es ist die Arbeit der Frau die mir ihre Hände entgegenreicht. Und diese Arbeit der Frau ist es, die in ihren tausend kleinen Mühen und Aufgaben doch wieder Eins ist, unendlich wie das Leben selbst, aber zuletzt der Werth aller Werthe, die ich gewonnen haben mag. Bei dieser Arbeit nun lassen Sie mich einen Augenblick stehen bleiben. Sie haben mir gestattet, mit dem kühlen Blicke des Nationalökonomen in die Geheimnisse der kleinen Kräfte einzudringen, die so große Dinge vollbringen. Ich versuche es, dem Gewöhnlichen jenes Geheimniß seiner Kraft abzulauschen. Aber auch hier muß man scheiden, um urtheilen und verstehen zu können. Es hat wohl einen tiefen Grund — einen von denen, die darum nicht weniger mächtig sind, weil wir uns seines größeren Zusammenhanges so schwer bewußt werden — daß die Ordnung uns wohlthut. Wir sagen das alle — aber was ist denn eigentlich die Ordnung und was ist es eigentlich, was uns fehlt wenn wir sie vermissen? Warum doch ertrage ich es nicht, wenn den ganzen Tag das Kleid auf dem Stuhle liegt, das Bild schief hängt oder die Decke nicht gerade liegt und das Wasserglas im Fenster steht? Was thut es mir? Und doch thut es mir etwas an, als wäre es nicht wie es sein soll. Und in der That, wenn ich die tausend kleinen Dinge im Hause gehen lasse wie sie wollen, so ist es als ob unsichtbare Hände sie in Bewegung setzten und keines von ihnen an seinem rechten Platze bleiben will- Sie ruhen nicht, Gott weiß wie, bis sie eine Stelle gefunden wo sie nicht hingehören. Und lasse ich sie weiter gehen, so erfaßt die Bewegung des einen allmälig das andere. Der Stuhl verläßt die Wand, der Tisch die Mitte, der Hut den Nagel, der Vorhang das Fenster; Alles geräth in regellosen Strudel und es wird mir, der ich mitten unter diesen Dingen sein muß, als würde ich selber heimatlos unter all diesem Hin und Her, von dem keines seine Stätte hat oder zu behalten vermag. Und von dem Aeußeren pflanzt sich das mit leiser, aber fast unwiderstehlicher Kraft auf mein Inneres fort. Das Auge verliert die Sättigung, die in dem festen Ruhepunkte liegt; die suchende Hand, hin- und hergreifend, wird zur suchenden Erinnerung an tausend Möglichkeiten, und da wo ich Ruhe erwartet, wird aus der Unruhe aller Dinge um mich herum die meines eigenen Wesens. Ich weiß nicht, was mir fehlt, denn eigentlich habe ich Alles; aber ich habe nichts da, wo ich es brauche; ich habe den Besitz meiner Güter, aber ich habe die Herrschaft über sie verloren, und in stiller, bald dann in lauter Verstimmung muß ich erkennen, daß der Werth auch des Liebsten nicht bloß darin besteht, daß ich es überhaupt, sondern daß ich es zur rechten Zeit und am rechten Orte habe. Und wenn ich das erfahre, tritt das Mißverhältniß ein, das den ehelosen Mann charak- terisirt. Wird er dessen müde um die Ordnung mit täglicher Mühe zu kämpfen, so lernt er erfahren, daß die wahre Behaglichkeit nie in den einzelnen Dingen besteht die er hat, und wären sie noch so schön und reich, sondern in der Harmonie des Ganzen das er besitzt, und das Schönste wird 37 werthlos dadurch daß ihm die Ordnung mangelt. Erträgt er aber diese nicht und wendet er die Kraft die zu Größerem bestimmt ist dem Kampfe mit jenen kleinen Kobolden zu, die Hut und Stock, Papierscheere und Buch, Stuhl und Tisch beständig an die verkehrte Stelle rücken, und versucht er diese kleinen Feinde mit der schweren Manneshand zu bewältigen, so wird er zum Pedanten und an die Stelle des ersten Widerspruches tritt ein zweiter; der erste läßt uns das Angenehme nicht finden, der zweite es nicht genießen. Das ist kein rechtes Haus, das der Ordnung zu wenig oder zu viel hat. Dies Maß aber zu finden, hat die Natur dem Manne versagt. Mögen Sie ein Haus nehmen, welches Sie wollen, Sie werden stets an hundert kleinen Dingen erkennen, ob eine weibliche Hand in demselben gewaltet hat. Und dieses stille Walten ist die erste wahrhaft weibliche Aufgabe, jene unscheinbare Harmonie aller Theile, die für Alles Ort und Zeit hat und nie ermüdend Jedem still und doch mit richtigem Sinne seine Stelle zuweist. Die freundliche Ordnung des Hauses ist ohne die Frau unmöglich und das, was die Frau hier den Ihrigen bietet, das kann weder der Reich- - thum noch der Geschmack ersetzen. Und so groß ist ihre Gewalt, daß auch der unerfahrene Blick jenes Etwas bald herausfindet, das nur für die erste halbe Stunde durch Eleganz und Liebenswürdigkeit verdeckt werden kann oder aber unerträglich wird, wo beide fehlen. Die Ordnung ist der Friede unter den kleinen Dingen, die das Haus ausfüllen, und der erste Stempel, den die Frau als Herrin des Ortes und der Zeit ihnen aufprägt. Und es wird nicht nöthig sein, daß ich von dem wirthschaftlichen Werthe derselben rede. n 1 H' 38 von alledem was ich in ihr besitze und durch sie mir erhalte. Denn die Ordnung kann mir den Besitz nicht geben, aber sie kann den Werth des Ganzen verdoppeln, indem sie den jedes einzelnen Dinges erhöht. Sie erzeugt nichts, aber sie erhält Alles. Und wenn sie alle tausend Einzelheiten des Hauses in ihrer festen Hand hat, so greift sie allmälig, aber unwiderstehlich auch in die größeren Kräfte und Erscheinungen hinein; aus der Ordnung der Zeit wird die Ordnung des Willens, aus der Ordnung der Dinge die Ordnung der Arbeit, und mit der strengen Harmonie der Stunden und Minuten, der Tische und Stühle, der hundert Kleinigkeiten, die mich im Hause umgeben, beginnt die Erziehung des Kindes — und'wie oft auch die des Mannes — zum Verständniß und zur Anwendung jenes großen Gesetzes für das ganze menschliche Leben zu werden, so daß, wenn die Kraft der eine Factor unseres Daseins ist, alles Werden und aller Fortschritt auf dem Maße derselben als dem zweiten Factor beruhen muß. Darum ist die weibliche Ordnung eine so ganz andere als die des Mannes, und leise und mild legt sie ihre weiche aber unzerreißbare Fessel um ihn, seine Erscheinung und sein Thun, mit oder wider seinen Willen; die Ordnung des Mannes ist die Frau selbst; sie besitzt die Macht derselben über Alles, was ihr naht; sie soll aber auch wissen, daß sie damit verantwortlich ist für Alles, was erst durch Ordnung seinen Werth empfängt. Doch die Ordnung des Hauses ist nur der eine Faden in dem Webstuhle der Penelope, an dem die Frau mit jedem neuen Morgen auf's neue sich hinsetzt, um das Gewebe weiter zu bilden, das jeder Tag mit ewig sich wiederholender Z9 Unruhe täglich auflöst. Es gibt noch einen zweiten Feind im Hause, dessen stiller aber nicht minder ernster Gewalt wieder nur die Hand der Frau gewachsen ist. Es ist das Geheimniß der Natur, daß sie nur widerwillig sich dem Dienste des Menschen fügt. Was wir auch schaffen und wie groß auch die Macht sein möge, mit der wir den Stoff bezwingen der uns dient, immer lebt in ihm seine ursprüngliche Kraft fort die ihn zu seinem natürlichen Zustande zurückruft. Dauert doch nicht einmal das was sie selber erschaffen, geschweige denn, was wir aus ihr gemacht. Und kaum ist das Werk der Menschenhand fertig, so beginnt es sich zu regen und die Atome und Moleküle — ich habe keine gesehen, aber wie sie wirken, sehen wir alle Tage — fangen ihre Arbeit an. Sie fassen mit unendlich kleinen Händen die großen Dinge an, die der Mann geschaffen; sie zeigen, was sie dem Starken wie dem Schönen gegenüber vermögen; sie schleudern den Blitz, sie jagen als Sturm das Schiff, sie vernichten die Saat, sie sprengen den ehernen Kessel, sie bringen Tod und Verderben in Heerde und Aecker; es ist harte Arbeit, mit ihnen zu kämpfen. Aber sie ruhen noch weniger im Hause der Frau. Hätten wir Augen das zu sehen, wie sie hier wirken, es wäre ein wunderbares Bild der Arbeit der kleinsten Kräfte und Gewalten, wie sie neidisch und heimtückisch angreifen, was so nothwendig und was so niedlich ist! Da hängt sich das Granitatom in den Vorhang und sägt den Faden ab, dort legt sich der Rauch hin und schwärzt das Glas, da reibt die Bewegung den Stoff entzwei, da verdirbt die Vergoldung im Dunste, da das Fleisch und die Butter in der Hitze, da läßt sich der häßliche Flecken am vi ^ > 40 das reine Tuch nieder, da reißt der tückische Nagel das Loch in das Gewand, da ist der Knopf verloren, da das Bein. des Tisches lose oder der Topf gesprungen — nicht heute, morgen, übermorgen, sondern Tag für Tag, unermüdlich, das ganze Leben hindurch! Und immer ist es im Anfang so gar wenig, so kaum sichtbar, so gar nicht der Mühe werth. Aber morgen schon ist es mehr und übermorgen kann ich es nicht mehr übersehen, und noch ein Tag und das so nützliche Ding ist verdorben und verloren. Und wenn es das ist, so kann ich nicht anders, ich muß es ersetzen; ich muß einen Theil des Erworbenen an die Stelle des Verdorbenen hergeben. Zuerst fühle ich dieß alles nur; dann sehe ich es; dann berechne ich es; dann muß ich mich aufmachen, es zu beseitigen. Habe ich die Zeit dazu? Wer sollte dann meine Dinge besorgen? Habe ich noch Lust und Kraft dazu? Wenn ich die Schwelle meines Hauses überschreite, bin ich müde. Dennoch weiß ich, wie nothwendig der Kampf mit jenen tausend Feinden ist. Wer soll ihn kämpfen? Ich brauche es nicht zu sagen. Dieser Kampf ist die Arbeit der Frau. Nur sie hat das Verständniß desselben, nur sie die Waffen ihn durchzuführen. Sie ist es, welche das feindliche Atom verfolgt mit Wischtuch und Bürste, mit Wasser und Feuer; sie ist es die dem leidenden Stoff zu Hilfe kommt mit Nadel und Scheere; sie allein hat Mitgefühl für die Klage der Geräthe aller Art; sie kräftigt und stärkt alle die Dinge die ihr dienen, zur rechten Zeit ihre Gefahr erkennend; sie ist nicht bloß die Herrin, sie ist auch die Beschützerin ihres Hauses gegen jene nimmer ruhenden Feinde und weiß das Neue in seiner Jugendlichkeit zu erhalten und dem Alten die frische Kraft wieder zu geben. Sie ist es, die zur Ordnung ihre nicht minder freundliche Schwester, die Reinlichkeit, hinzufügt; wie es den Begriff der ersteren nicht gibt ohne den Menschen überhaupt, so gibt es die zweite nicht ohne die Frau. Und es ist, als ob die Natur selbst das wüßte und dem Hause in dem die Reinlichkeit heimisch geworden, ihren dankbaren Gruß entgegenbrächte. Es ist, als ob sie sich zurückzöge mit ihrem rohen Drängen, wo das Walten der Hausfrau den Athem der Reinlichkeit in Zimmer und Cabinet, in Küche und Keller verbreitet. Freundlicher scheint die Sonne, größer wird der Raum, einladender der Tisch, wo die arbeitende Sorge der Frau die unheimlichen Atome verjagt hat; und doppelt weiß ich zu genießen, was mir so geboten wird, denn es ist die Frau, die mir in jedem dieser Dinge entgegenlächelt. Und wenn ich nun vom Gefühle zum Verstände übergehe, so wird aus dem, was freundlich ist etwas, was mir mit jedem Jahre mehr auch seinen wirthschaftlichen Werth enthüllt. Ist diese Reinlichkeit, ist dieses unermüdliche Ausbessern, ist diese sorgende Arbeit für die Erhaltung aller großen und kleinen Dinge bloß eine wohlthuende Annehmlichkeit? Nehmen Sie einen Augenblick den Stift zur Hand — ist es viel oder wenig, wenn ich sage, daß jedes Stück durch Ordnung, Reinlichkeit und Ausbessern mit Nadel und Scheere statt neun Tage zehn, statt ^neun Jahre zehn halten und Dienst leisten kann? Daß also die Frau durch ihre erhaltende Arbeit znür allerwenigsten doch ein Percent aller beweglichen Güter jährlich erspart? Daß das doch wohl durchschnittlich für jede Familie jährlich fünf Gulden ausmacht, welche die Frau nicht schafft, welche 42 sie aber nicht untergehen läßt? Und wenn Oesterreich allein mindestens sechs Millionen Familien hat, daß die Frauen Oesterreichs damit jährlich mindestens dreißig Millionen Gulden ersparen — können, die der Mann nicht ersparen kann? Und daß das in zehn Jahren einige hundert Millionen gibt, um die wir reicher sind, wenn die Frau des Hauses in wirtschaftlichem Sinne Hausfrau ist? Und daß wir diese hundert Millionen, weil wir sie nicht producirt, sondern bloß nicht verloren haben, dazu verwenden können um an die Stelle der mittelmäßigen Erzeugnisse gute zu setzen, die wiederum länger dauern und uns mehr Freude machen? Und daß ein gar gewaltiges Resultat herauskommt, wenn wir diese Ersparniß zu der positiven hinzulegen, die wir früher bei der Hauswirthschaft besprochen, die in dem wirklichen Verbrauch möglich ist, bloß indem wir das Nutzlose Hinwegschaffen durch verständige Rechnung und an Küchen- und Wochenbüchern uns zum ziffermäßigen Bewußtsein bringen, mit wie wenigem man viel erzielen kann wenn man ernstlich will? Daß hier eine Ersparniß, auch nur zu fünf Gulden für jede Familie jährlich, wieder dreißig Millionen jährlich macht? Sechzig Millionen in jedem Jahre, die wir nur nicht verlieren sollen, weil wir sie behalten können durch die Arbeit der kleinen weichen Hände, die so wenig zu thun scheinen und so viel zu leisten fähig sind? Sie lächeln? Ja, es ist auch komisch, von solchen Dingen überhaupt Und noch dazu wissenschaftlich reden zu wollen. Aber doch kann man ja einmal über die Sache nachdenken. Wenn Sie es gar nicht komisch finden, daß man dem Borkenkäfer und der Reblaus den Schaden nachrechnet den beide 4 :; machen, ist es denn wirklich so gar lächerlich aus Ziffern zu reduciren was es heißt, wenn ich die Hemden und Strümpfe nicht ausbessere oder das Tuch zerreißen lasse? Nehmen Sie einmal, wahrlich denn doch sehr gering gerechnet an, daß die sechs Millionen Familien nur zwanzig Millionen Hemden tragen, jedes zu vier Ellen, also daß achtzig Millionen Ellen Gewebe bloß als Hemden getragen werden, die Elle zu, sagen wir rund, 33^/zkr., also rund ein Werth von 27 Millionen Gulden, und daß ich durch gutes Ausbessern das Hemd 10 Percent länger brauchbar erhalte, so ersparen Nadel und Zwirn in den Händen der Hausfrau denn doch ganz mathematisch gewiß allein für die Hemden 2,700,000 st. jährlich. Jetzt rechnen Sie wieder für Strümpfe und Schuhe, für Bett- und Tischwäsche, für Rock und Tuch, für Küchengeräthe und Möbel — sind Sie noch der Meinung, daß das Ziffern und Thatsachen sind, die in der Luft schweben? Oder fragen Sie einmal unsere Fabriken, wie viel ein Volk weniger brauchen kann, wenn es nicht so viel hat um viel zu brauchen, und Sie werden erfahren, wie viel ein Volk übrig haben kann, wenn seine Frauen so viel Hausfrauen sind, um wenig zu verbrauchen, aber Vieles zu erhalten? Wahrlich, man muß entweder sehr reich oder sehr arm sein, um das nicht zu begreifen! Oder wollen Sie mir einmal eine andere Consequenz erlauben? Was sind zehn Kreuzer? Wenig, nicht wahr? Nun sehen Sie sich einmal in trivialster Praxis Ihren täglichen Haushalt an, Morgens, Mittags, Abends mit allem nicht etwa bloß was auf den Tisch kommt, sondern auch mit allem, was ungenossen weg gethan wird. Nur ein paar überflüssige Stücke Fleisch, verlorene Butter, ungegessene 44 Kartoffeln, nicht nothwendiger Zucker, und was weiß ich sonst. Wie viel brauchen Sie etwa wirklich am Tage? Gut — ich weiß es nicht, und will es nicht wissen. Aber wo bleibt, was Sie kaufen und in Küche und Zimmer nicht verzehren? Es geht verloren — was liegt daran? Es waren vielleicht zehn Kreuzer — wer wird davon reden? Nun wohl, und wenn Sie 365mal zehn Kreuzer verlieren, so verlieren Sie 36 fl. 50 kr. im Jahr — ist das auch ganz gleichgültig? Und wenn 6 Millionen Familien täglich zehn Kreuzer verlieren, so hat das Volk täglich 600,000 fl. verloren — und wenn die Frau sie spart, hat das Volk 600,000 fl. täglich erspart. Ist das auch noch gleichgültig? Wissen Sie, daß ein großer Naturforscher uns belehrt hat, daß Berlin zur Hälfte auf den kieselhaltigen Schaalen von Infusorien erbaut ist — hat nicht die Natur selber uns gelehrt, was es heißt mit kleinen Kräften die größten Dinge vollbringen? Und was ist diese scheinbar so kleine und in der Wirklichkeit so gewaltige, ja unwiderstehliche Kraft, welche durch täglichen Kampf mit dem Unnöthigen, durch die Sparsamkeit im Kleinen die man erst in ihren großen Erfolgen erkeunt und verehrt, die wahre und letzte Grundlage unserer Volkswohlfahrt ist? Und verargen Sie mir es noch, wenn ich die Frau in Verbindung bringe mit Topf und Keller, mit Bleistift und Kreuzersparen? Oder sind Sie ernstlich der Meinung, daß es der Liebe und der Achtung vor unseren Frauen Eintrag thut, wenn man ihnen beweist daß sie uns nicht bloß unendlich theuer, sondern daß sie uns außerdem auch noch mindestens tausend Millionen, zu sechs Percent gerechnet, werth sind? 45 Nun — die Sache ist recht ernst. Denn was das Gefühl uns täglich sagt und was der Verstand uns formulirt, das kann die Ziffer, wenn auch nur bis zu einer gewissen Linie, begleiten. Es ist gewiß, daß das Haus das Reich der Frau, aber auch, daß es einer der gewaltigsten volkswirtschaftlichen Factoren ist und daß jene Nationalökonomie der Frauen mit dem Bewußtsein von den im Grunde doch unmeßbaren wirthschaftlichen Kräften desselben, welche eine höhere Ordnung den freundlichen Händen der Frau überantwortet hat, beginnen und ohne dasselbe niemals sich für vollendet halten sollte. Das ist uns klar. Aber so groß es auch ist, so erfüllt es dennoch nicht die Mission der Frau. Alles, was wir bisher gesagt, alle Ziffern und Thatsachen, alle Begriffe und Beobachtungen sind doch nur noch ein materielles Substrat, das der weiblichen Hand übergeben ist. Es ist ein wirth- schaftlicher Körper, dem die Seele fehlt. Durch ihn ist die Frau das Haupt des Hauses; aber wenn die Wissenschaft mit der einen Hand die Sorge auf dieß Haupt gelegt, so lassen Sie sie mit der anderen den Kranz um dasselbe winden, die blauen Chanen zu den goldenen Aehren. V. Es gibt eigentlich nichts Belehrenderes in der Welt, als wenn man gerade die alltäglichen Erscheinungen des Lebens genauer ins Auge faßt und das Gewöhnliche zu Fragen umgestaltet, welche, wenn man sie beantworten will, oft genug bis in das Innerste unseres Wesens reichen. Eine Gruppe von diesen Erscheinungen und eine Art dieser Fragen gehört unzweifelhaft dem Hause und seinen Bewohnern. Ich sehe den Reichen, dem alle Dinge zu Gebote stehen; er ist trübe und verdrossen. Ich sehe den Armen und die gesunde Freude leuchtet aus seinen Augen. Was freut ihn denn eigentlich? Hätte die Sache selbst und ihr Besitz die Gewalt zu erfreuen, so müßte jener seines Lebens froh und dieser der trüben Gewohnheit des Daseins müde sein. Es ist anders. Wodurch? Was eigentlich ist denn das, was uns zum Gute den Genuß desselben bringt? Es ist doch wohl so in der ewigen Ordnung und Harmonie der Dinge eingerichtet, daß wir auf keinem Punkte unseres Daseins an die Materie gefesselt sein sollen. Sie hat eine große, aber sie hat nicht alle Gewalt über uns. Es lebt noch etwas Anderes in den Dingen, das von ihrer Substanz nicht erschöpft, an sie nicht gebunden ist. In der 47 That, das Höhere in diesem materiellen Dasein, das wodurch wir uns doch immer wieder mit ihm verwandt fühlen, ist seine Fähigkeit, mehr in sich selber aufzunehmen als die rein natürlichen Factoren aus denen sie bestehen. Sie vermögen es, sich zum Träger eines edleren Lebens zumachen; sie empfangen den Geist und geben ihn wieder und wenn ich genau frage, was denn eigentlich mir an ihnen den Genuß bereitet, so erkenne ich, daß es das Leben des Geistes ist das zu dem meinigen spricht, und dessen Hauch in der Gestaltung der Form, in der harmonischen Bewältigung der rohen Masse, in dem Gruße aus eiuer anderen Welt mich umgibt und mir in der trägen und eigensinnigen Substanz den Genuß bereitet, den ich gesucht und gefunden habe. Ich darf Sie nicht aufhalten; Sie wissen, was ich sagen will. Es ist die Schönheit, es ist das Edle, die Harmonie in Gestalt und Bewegung mit allen besseren Elementen in nur, das Liebliche und Große, das mir in der Befriedigung den Genuß gewährt. Und alles dieß ist so wenig etwas Einfaches als ich selber, der ich es empfinde. Wir nennen es deßhalb mit hundert Namen und verstehen jeden derselben, wenn Sie wollen, ohne recht beschreiben zu können was es eigentlich ist. Wir sprechen von dem Schönen, von dem Geschmackvollen, von dem Bequemen, von dem Behaglichen; es ist nutzlos über Definitionen dabei zu streiten; Jeder versteht es und Alle, denke ich, sind darüber einig, daß in dem Wesen eben dieser Dinge ein zweiter, höherer, ja der eigentliche Werth dessen liegt, was wir besitzen. Wenn wir die Substanz des Besitzes verzehren, so genießen wir seine Schönheit; und wenn wir uns genauer fragen, so müssen 48 wir sagen, daß wir zuletzt dieses Schönen eben so sehr bedürfen als seiner gleichgebornen Schwester, des Nützlichen. Es reizt und ruft uns; es läßt uns nicht ruhen; wir lernen es schätzen und bald es entbehren; es dringt in uns hinein mit all seinen Anklängen und weiß zu fordern und zu gestalten, und einmal vorhanden und erkannt, wird es eine nur in sich ruhende Thatsache, eine Macht, eine von jenen Kräften, die uns beherrschen, weil sie uns entzücken. Und vielleicht liegt ein Theil seines Zaubers darin, daß es, denselben in uns erzeugend, dennoch selbst nie und nirgends dasselbe ist. Jedes Ding, jede Erscheinung, jeder Theil unseres Lebens hat seine Schönheit, seinen Reiz; wir fordern von jedem etwas Anderes und jedes vermag trotz seines ewig gleichen Wesens etwas Anderes zu sein und zu bieten. Das gilt für Alles, sollte es denn nicht auch für das Haus gelten? Es ist merkwürdig genug, daß erst der Schmetterling schön ist und nicht die Raupe; erst der Vogel und nicht das Ei. Aber es ist noch merkwürdiger — oder ist es dasselbe? — daß niemals die Arbeit schön ist, sondern erst das fertige Erzeugniß. Ich kann nach dem Schönen in der Arbeit ringen, aber ich habe es selbst nicht, so lange ich danach strebe. Die Folge aber ist, daß ich auch das Schöne und Freundliche nicht genießen kann, während ich arbeite. Es will immer den festen Boden, auf dem es steht, und das ist die Ruhe nach gethaner Arbeit. Diese Ruhe aber ist für den Menschen das Haus; sein Haus ist die Heimath nicht dessen, was er besitzt, sondern dessen, was er von dem was er besitzt, zu genießen strebt. 44 Und wenn er das weiß, so weiß er auch daß er ein Recht auf diesen Genuß hat. Erst dieser Genuß ist ihm der rechte Lohn. Die eine stille Stunde die er genießend ausfüllt, ist der Preis den ihm das Leben für das zahlt, was er für das Leben in den anderen Stunden geleistet hat. Und diesen Preis fordert er; bekommt er ihn nicht, so keimt an der Seite der ermüdenden Arbeit der Unmuth und er beneidet die Maschine neben ihm, die wenigstens wenn sie keine Freude hat, sich auch nach keiner zu sehnen braucht. Das lebendige Etwas, das auch in seiner Thätigkeit lebt und ihr den rechten Werth für ihn und Andere gibt, fehlt ihm; träge wälzt sich eine Stunde hinter der andern ab und der Tag endet ihm nur, um dem zweiten mit gleicher, öder Mühe Platz zu machen. Für ihn gibt es keinen Morgen, keinen Mittag, keinen Abend; denn der Morgen ist nichts als der Anfang, der Mittag die Mitte, der Abend das Ende der Arbeit; sie wissen ihm nichts zu bieten, diese Worte und diese Stunden; er gehört dem Tage, ohne daß ihm der Tag gehörte, denn derselbe hat für ihn keinen Augenblick, der ihm eigen wäre. Dem ist so; und darum fordert der Mensch, was durch sein Wesen bedingt wird, eine Stunde und eine Stätte für die Ruhe nach der Arbeit und in denselben einen freundlichen, genußreichen Augenblick, den wahren Lohn seiner Tagesmühe. Die aber soll ihm das Haus bieten; vor der Schwelle seines Hauses gehört er der Arbeit, hinter derselben dem friedlichen Genuß. Es ist sein zweites Leben das da beginnt, der Lohn für seinen Tag. Und dieses Lohnes bedarf er wie der Wein der Blume, um das Herz zu füllen. Und wer soll es ihm geben in diesem seinem Hause? Stein, Die Frau auf dem Gebiete d. Nationalökonomie. 4 50 Ich weiß es, Sie werden wich nicht erst fragen; aber fragen werden Sie mich, ob ich der Frau noch etwas Anderes zu sagen habe, als daß der Mühe Lohn in ihrer Hand liegt und das dankbare Herz des Mannes ihn aus dieser Hand erwartet. Daß mein Gefühl hinüberreicht über jene Schwelle, das weiß ich; reicht aber auch der wissenschaftliche Gedanke hinüber? Kann ich zu Gedanken gestalten was ich empfinde, und aus dem Wunsche eine Lehre bereiten? Ich weiß das nicht oder will es nicht fragen. Aber Eines weiß ich. Ich weiß, daß es drei Dinge gibt, welche dem Genusse des Tages, dem Herzen des Mannes ihren Inhalt geben, sehr nahe liegend, so nahe, daß es fast unverständlich erscheint, wenn ich sie um des Verständnisses der Sache willen erst scheiden muß. Und doch nenne ich sie: sie sind die Frau selber, der Mann selber in seiner Individualität und die Dinge des hauswirthschaftlichen Lebens. Und indem ich nun von der Frau zuerst spreche, gestaltet sich vor mir ein eigenthümliches Bild; sie sitzt an ihrem Tischchen, das Haupt gestützt, das Auge ist nach innen gerichtet und der Gedanke wandert in vergangene Zeiten. Auf den weiten Weg fällt eine Thräne, eine zweite; sie fallen auf die Blätter der Rose, welche Jahr um Jahr abgerissen und verwelkt auf den kälter werdenden Boden des kommenden Alters hingeworfen und auf jedem dieser Blätter steht eine süße Erinnerung geschrieben, die eine warme theure Stunde wachruft. Warum doch muß auch das verschwinden, was so schön und was so süß war? Warum habe ich nicht mehr, was ihn und mich so glücklich gemacht? Warum habe ich es nur halb, warum habe ich es nie gehabt? Warum soll die Liebe gefesselt sein an etwas, was sie selbst nicht festzuhalten vermag? Warum gibt es einen Tod der Jugend und der Schönheit vor dem Tode des Lebens, und warum versagt das Leben der einen was es der andern mit vollen Händen bietet? Kennen Sie diese Fragen, die Fragen der stillen Stunden? Und wer kennte sie nicht? Und was haben wir zu antworten? Wenn die Mutter der Tochter das schöne Haar mit der weißen Hand streicht, was wird sie denken wenn ihr jene Gedanken kommen, die Schatten die auch der blühendste Brautkranz wirft? Sie wird denken: Und mein Mann hat mich eigentlich noch lieber wie je! Und es ist mir gelungen, daß er gar nicht weiß ob ich älter oder weniger schön bin! Was er von seinem ganzen Leben zu wünschen und zu fordern hatte, ich bin es, die es ihm gegeben hat und gibt. Und willst du, Tochter, das Geheimniß dieser Gewißheit hören, so will ich es dir sagen. Der Mann der uns gehört, bleibt selbst nicht derselbe der er war; aber auf Einen: Punkte ist er es und bleibt es, und findest du dieser: Punkt, so laß Schönheit und Jahre gehen, sie könne:: dir nicht nehmen, was du dir selber gewonnen. Vergiß es nie, der Mann will in der Braut die Braut, aber in der Frau will er die Frau. Er will ein Wesen, das ihn nicht bloß liebt, sondern das ihn versteht. Er will jemanden, dem nicht bloß das Herz für ihn schlägt, sondern dessen Hand ihm auch die Stirne glättet, der in seiner Erscheinung den Frieden, die Ruhe, die Ordnung, die stille Herrschaft über sich selbst und die tausend Dinge ausstrahlt, zu denen er täglich zurückkehrt; er will jemanden, der um alle diese 52 Dinge jenen unaussprechlichen Duft der Weiblichkeit verbreitet, der die belebende Wärme für das Leben des Hauses ist. Und ob er sich das sagt oder nicht, er weiß es doch oft nur zu gut. Er sieht dich, — glaubst du, daß er nicht sieht, wie du im Hause einfach, reinlich, aber geschmackvoll gekleidet bist, deinem Hause entsprechend, mit deiner Person sein Stolz, mit deinem Benehmen seine Freude? Glaubst du daß er nicht weiß daß eine unordentliche Erscheinung der Frau die Zeugin anderer Unordnung ist, und daß andererseits die Frau die zu viel für sich selber sorgt, zu wenig für andere Dinge sorgen wird? Glaubst du denn — und vergib es mir, daß ich davon rede, aber ich weiß es ja — glaubst du denn, daß er den ganzen Tag über vergessen kann, wie du am Morgen zum Frühstück ausgesehen hast? Es vergessen kann, und ob du zum Abend in Sammt und Seide glänzest? Und glaubst du, daß, wenn er es an einem Morgen vergessen mag, er tausend Morgen oder zehntausend vergißt, wenn sie sich gleichen? Und zehntausend Morgen, die sollst du mit ihm leben! Verstehst du mich? Und glaubst du, daß die Männer sich gleich sind? Daß allen dasselbe lieb ist? Und daß du fordern kannst, daß etwas ihm Freude mache, wenn es ihm nicht zusagt? Oder daß er es vergißt, wenn er sieht in den Dingen, die du ihm bereitest, daß du nicht bloß an den Mann überhaupt, sondern eben an deinen Mann gedacht haft? Glaubst du, daß er die Mühe nicht fühlt, die du dir gegeben um gerade ihm lieb zu sein? Ich mag manchem Schönen und Lieben widerstehen und manches an mir vorübergehen lassen, was mich einen Augenblick gefreut — aber wie kann ich das. 53 wenn ich mich selber täglich in dem Andern wiederfinde und täglich mich selber aus der lieben Hand wieder empfange? Kann ich mir selber widerstehen? Und wo liegt das Geheimniß der innigsten Zuneigung da, wo oft Schönheit, Reichthum, Jugend fehlen und doch die Herzen nicht von einander lassen? Darin, daß die Frau ihren Mann nicht bloß liebt, sondern versteht und in all den tausend Dingen, - die sie ihm bietet, das Verständniß seiner selbst ihm entgegenbringt. Und wenn sie das lernt und wenn sie lernt, das Schöne und Geschmackvolle zu zwingen, daß es nicht bloß schön und geschmackvoll, sondern auch dem Wesen des Mannes zusagend sei, dann wird sie aus der Herrin des Hauses auch die geliebte Herrin des Herzens ihres Mannes sein und bleiben. Hast du es denn nicht hundertmal gesehen, daß kleine Dinge weit mehr freuen als große? Hat sich dir nicht das Geheimniß geoffenbart, wie die Frau das Glück ihres Hauses aufbauen soll? Nicht die Substanz oder der Werth, die Harmonie des Dargebotenen mit jenen oft stillen, oft unklaren Wünschen des Mannes ist das, worauf der Mann hofft und was das Haus zur Heimath des frohen Genusses macht. Lerne — lerne — lerne! Lerne dich kennen, deinen Mann und das, was in den Dingen die Freude ist und bringt und was allein dich die Jahre und ihre Schmerzen bewältigen läßt! Dann wirst du sein, was du sein kannst, und ob es wenig oder viel sei, wirst du je fragen, ob du mehr Freude an der Wiese hast mit tausend Blumen, die du ja nicht erreichst, oder an der einen die du in der Hand hältst? Das ist das Wesen des Glückes, daß es sich nicht an die Masse bindet; ^Le größere Hälfte aller Wünsche bleibt die Masse bindet; ^Le größere Hälfte aller Wünsche bleibt jedem unerfüllt; und vergiß es nie und nimmer — nie sah ich eine Frau anders glücklich als durch ihren Mann und nie einen Mann durch etwas anderes glücklich als durch seine Frau! Aber wie schwer ist das! Welche Arbeit der Gedanken, des Gemüthes, der Stunden und Tage! Und glaubst du denn, daß es etwas gebe, das du auf dieser Erde ohne Arbeit erreichen, ohne Arbeit festhalten kannst? Und — liebe und geliebte Thörin — ist es nicht gut, daß dem so ist? Ist es nicht der wahre Segen, daß du, von Schönheit und Reichthum unabhängig, durch eigene Kraft in deinem Hause dir zu schaffen und zu erhalten vermagst, was die edelste Perle deines Lebens, der ewige Kranz in deinen Locken ist! Das Haus ist die Arbeit der Liebe; nie vergiß, daß sie zusammen auch mit dem höchsten Werthe das höchste Glück der Frau sind! — Ich habe Sie lange genug, zu lange aufgehalten. Ich wäre nun, indem ich diese kurzen Andeutungen schließe, glücklich, wenn ich Eines erreicht hätte. Das ist der Eindruck, daß ich mein Gebiet nicht etwa erschöpft, sondern daß ich den ungemessenen Stoff und seine hohe Wichtigkeit nur angedeutet und den Werth des tieferen, wenn Sie wollen, innigeren Nachdenkens darüber Ihnen nahegelegt habe. Es gibt aber noch eine zweite, nicht minder wichtige Frage, die ich heute gar nicht berühre. Das ist die nach der Frau auf dem socialen Gebiete. Wenn die Frau auf dem Felde der Nationalökonomie dem Manne gehört, so gehört sie auf dem der socialen Frage der Menschheit. . < -Zk '-r- IlVIW-öiblioiksk 307736^7 ^>- ^ ^ --V ! lecknisciier Museum Wien Sibiiolkek 41.341