ZMMZ Äk«'>' MWWM WM l« rHEKsÄW »'EL hera«Azezeben jikMÄ Wckta von Kumxert. l ! ! ü>?^»>! W?Mi >MÄ r^^sLÄ» 5 <-KÄ<-K^ ^ÄS.:L<:N; NW KMOZ MZMK ?W§Ä »MW -/M- Ä 8 M?? A« W« HWUMM LWM Unterhaltungen im häuslichen Kreise zur Mltung ltes Äerjianlles uml Gemüilies ller fieranwalksencken meiktirkieil Ingeml mit Beiträgen von Thekla Baudissin, vr. W. Büchner, George Baron Dyherrn, Clara Ernst, Ottilie Filhös, Luise Förster, A. Godin, Ludwig Kuhls, H. Lackowitz, Marie v. Lindeman, K. Hofmann von Nauborn, Pauline Schanz, Hermann Wagner u. A. H erausgegeben von Thekla von Gumpert. Mit 26 Killlern, nmt einer Musikbeilage nacki Driginntzeiltinungen von Prosessor K. Mrkner, A. Miethe, A. ^einweöer, -t. Venus und Kerman« Wagner. Zwanzigster Band. Verlag von Carl Flemming. Glrgau. Inhalt. Seite An die junge Leserin 1. 1 An die junge Leserin II.6 Erinnerung an zwei Weihnachtstage. Von Florent. Cißner, geb. v. Krosigk. (Mit Abbildung).9 Alpen-Steinbreche. Von Hermann Wagner. (Mit Abbildung) .... 14 Das kleine Pflegekind. Von Mathilde Becher. (Mit Abbildung) ... 17 Siehe Dich um und wähle. V. Von Thekla v. Gumpert. (MitAbbildung) 27 Trauerrosen auf das Grab seiner Mutter. Von George Baron Dyherrn . 59 Tieck's hundertjähriger Geburtstag. Von Luise Förster.61 Nachbars Willy. Von Hedwig v. W. (Mit Abbildung).65 Das Schulfest. Lustspiel von Antonie v. Kheynach.82 Ein Weihnachtssträußchen. Von Hermann Wagner. (Mit Abbildung) . . 92 Die Künstlerin aus dem Lande. Von Katharina Diez. (Mit 2 Abbild.) . 96 Huldreich. Von Karl Fröhlich. (Mit Abbildung).168 Der kleine Rentier. Von Ottilie Filhös. (Mit Abbildung).169 Mythologie des Nordens. Von Ludwig Kuhls.176 Wunderbare Errettung. Von Minna Langsfeldt. (Mit Abbildung) . .178 Friedrich Rothbart. Von Wilhelm Büchner.186 Die Alpenveilchen. Von Clara Ernst. (Mit Abbildung).220 Der kleine Wanderer. Von HermineKraushaar..225 Feldblumen. Von Hermann Wagner. (Mit Abbildung) .228 Siehe Dich um und wähle. VI. Von Thekla v. Gumpert.261 Das Kochsalz. -Von K. Hofmann von Nauborn.262 Was die Theekanne singt. Von Marie v. Lindeman. (Mit Abbildung) .268 Gedichte von einer Ungenannten.27.5 Schönlinde. Von Pauline Schanz. (Mit Abbildung).279 Mythologie des Nordens. Von LudwigKuhls.305 Ein Sommertag. Eine großstädtische Geschichte von W. Lackowitz. (Mit Abb.) 614 IV Seite Am Haselstrauch. Von Hermann Wagner. (Mit Abbildung) . . . .342 Kleinigkeiten. Von Luise Erau. (Mit Abbildung).345 Die Rückkehr. Lustspiel vonMetaLanger .353 Gretcheu in der Anstalt. Von Johanna Siedler. (Mit 2 Abbildungen) . 361 Immortellen. Von Hermann Wagner. (Mit Abbildung).410 Heinrich der Löwe. Van Wilhelm Büchner .412 Der fliegende Sommer oder Mariengarn. Von K. Hofmann von Raub orn. (Mit Abbildung).428 Mythologie des Nordens. Von Ludwig Kuhls .432 Siehe Dich um und wähle. VII. Von Thekla v. Gumpert. (Mit Abbild.) 440 Des Kindes Urtheil. (Mit Abbildung).481 Die Blumen. Von Gräfin Thekla Baudissin .482 Edel-Kastanie. Von Hermann W agner. (Mit Abbildung).5147 Siehe Dich um und wühle. VIII. Von Thekla v. Gumpert . . . .516 Am Heiligabend. Von Clara Ernst. (Mit Abbildung).528 Murmelinchen. Ein Märchen von A. Godin.531 An llie znnge Leserin. i. Aennst Du die treue Maria und Martha, des Lazarus Schwestern? Siehe in ihnen Dein Vorbild der Liebe, des eifrigen Schaffens. Willst Du erfüllen die Pflichten, zu welchen Dich rufet Dein Dasein? Liebe so treu, wie Maria, und schaffe so thätig, wie Martha. Nn ltie jungök Leserinnen, n. Liebe junge Freundinnen! Indem ich den 20. Band des Töchter-Albums zu ordnen beginne, fällt mein Blick auch rückwärts auf die vielen Jahrgänge, die ich bereits in's Leben hinausgesendet habe, und ich muß wahrlich Gott für seine Gnade danken, daß er mir Leben und die Möglichkeit schenkte, so lange Zeit hindurch mich meiner mir so unendlich lieben Thätigkeit widmen zu können. Ich sage Euch, meinen jetzigen und früheren Leserinnen, sowie deren Eltern innigen Dank für die Theilnahme, mit welcher jedes Jahr das Erscheinen des neuen Bandes Töchter-Album begrüßt wurde, denn daraus schöpfte ich die Aufmunterung in begonnener Weise meine Arbeit fortzusetzen. Die freundliche Aufnahme wurde mir besonders klar durch viele liebe Zuschriften von jungen Mädchen, die mich versicherten, daß sie mein Sammelwerk gern lesen, die guten Lehren, die darin enthalten sind, beherzigen, und Maria und Martha zu werden sich bestreben, wie es das Motto des Buches von ihnen erwarte. Manche der erwachsenen Leserinnen trieb aber ein besonderer Wunsch zu mir, sie wollten gern selbst thätig werden für das Buch, das ihnen Jahre lang Freude und Belehrung gebracht, oft wurden mir auch Proben von Arbeiten beigelegt. Zuweilen konnte ich derartige Beilagen behalten zur Aufnahme, doch dies in seltenen Fällen, viel häufiger hatte ich die unangenehme Aufgabe sie zurückzusenden; ich that es in möglichst freundlicher Weise, gewöhnlich nur von der Aeußerung begleitet, die Sachen seien nicht für meine Zwecke geeignet. Mit solcher ausweichenden Antwort war den jungen Mädchen wenig gedient, und doch konnte ich kaum in unumwundener Weise gradezu abweisen, ich wollte kein Talent abschrecken 4 sich fortzubilden, wollte kein fleißiges, strebsames Wesen zurückhalten von neuen Versuchen. Im Allgemeinen muß ich aber sagen, daß den Arbeiten junger Mädchen die nöthige Reife fehlte, ferner die erforderlichen pädagogischen Grundsätze und pädagogischer Takt. Es ist nicht so leicht Jugendschriftsteller zu sein, als man sich zuweilen denken mag. „Für Kinder ist das Beste gut genug!" lautet eine gewichtige Stimme, ich füge hinzu: Für die Jugend soll man so gut zu arbeiten streben, als arbeite man für Erwachsene; aber man muß sich bewußt sein, daß man Schranken einzuhalten hat, denn die Jugend soll in ihren Schranken bleiben. Kinder soll man kindlich erhalten, indem man jedoch sie zu der Gedankenwelt der Erwachsenen heranreifen läßt, darum soll ihnen nicht „Kindisches" geboten werden. Einen Grundsatz möchte ich wohl aufstellen: „Jeder Jugendschriftsteller sollte Erzieher sein; aber freilich ist nicht jeder Erzieher Schriftsteller." Der Schriftsteller muß Talent haben. Nun ist aber auch gewiß, daß kein junges Mädchen annehmen darf, daß sie Schriststellertalent habe, weil ihre Aufsätze in der Schule belobt wurden, oder weil sie mit Leichtigkeit Briefe an ihre Freundinnen schreibt. — Viele junge Mädchen möchten sich ein Taschengeld erwerben, das ist wohl recht lobenswerth; aber dieser Wunsch darf nicht zum Schriftstellern verleiten, darf nicht den Gedanken geben: Kindergeschichten sind geschwind geschrieben und bringen Einnahme. — Eben so wenig als es Hauptaufgabe des Brodes ist, den Bäcker reich zu machen, eben so wenig ist es Hauptaufgabe der Kinderschrift, ihrem Verfasser eine Einnahme zu verschaffen; das Brod soll vor allen Dingen dem Menschen, der es genießt, Lebenskraft geben; das Kinderbuch soll des jungen Lesers Verstand und Herz bilden helfen. Ich möchte meinen Leserinnen, denen namentlich, welche meine Wege zu gehen wünschen, einen Dienst leisten; vielleicht geschieht dies am besten, indem ich ihnen einige Stellen eines Briefes mittheile, der an mich einst zu meiner Belehrung geschrieben wurde. Ein Freund unseres Hauses, ein hochgeachteter Gelehrter, Professor und Jugendlehrer, interessirte sich freundlich für meine Arbeitslust; ich hatte ihm offen meine Wünsche, auch meine Scheu aufzutreten, ausgesprochen, zugleich ihm einige Aufsätze zugeschickt. Was er mir geantwortet, hat mir außerordentlichen Nutzen gebracht, es war eben der Brief, aus dem ich die oben erwähnten Stellen zum Besten meiner jungen Freundinnen mittheilen will. Was daran mangelhaft oder als Bruchstück erscheint, bitte ich zu entschuldigen, es 5 war ja nicht zum Druck bestimmt. Weil es dazu nicht bestimmt war und ich den vor einer Reihe von Jahren bereits verstorbenen Freund nicht um Erlaubniß zur Veröffentlichung fragen kann, so vermeide ich es seinen Namen zu nennen, der ja auch zur Sache nicht nothwendig ist. Die erwähnten Stellen sind folgende: „Ich'beharre dabei: wo entschieden eine Neigung zu einer Sache da ist, da ist auch Talent dazu da; mag das Talent in seinen Erfolgen auch gar nicht, oder in der ersten Zeit nicht glücklich sein, es liegt das 'entweder an minder günstigen Verhältnissen, oder daran, daß es irgend wie nicht zur Ausbildung und Entwickelung gekommen ist. Ich kann natürlich nicht von jenen Neigungen sprechen, die eigentlich nicht auf die Sache selbst gerichtet sind, sondern sich blos auf den glänzenden Erfolg oder große Vortheile einer Beschäftigung beziehen. Aber wenn man letzteren Fall bei Seite stellt, so möchte ich fest auf dem oben ausgesprochenen Satze beharren. Ja wenn die Fälle gar nicht selten sind, daß Manche zu irgend einer Kunst im eigentlichen Sinne erst hingeprügelt worden sind und doch Großes geleistet haben, so dürfte eine anhaltend und bestimmt ausgesprochene Neigung zu irgend einer Beschäftigung wohl die allersicherste Garantie in sich selbst haben. Du erläßt mir wohl die besondere Anwendung hiervon, um den Verdacht zu vermeiden, als wolle ich meine wahre Ueberzeugung nicht sagen, Dir nur etwas Angenehmes aussprechen. „Was Du weiter erwähnst, daß Du anfangen wollest für Deinen Zweck zu studiren, so fürchte ja nicht, daß ich gelacht habe; es muß es Jeder zu seinem Handwerk thun, wie könnte er es anders erlernen. Der alte Göthe schilt, daß man es sich jetzt so leicht zu machen wünsche, da man doch in allen anderen menschlichen Beschäftigungen sich immer danach erkundigen müsse, was Andere geleistet hätten und wie sie dazu gekommen seien, und so werde es wohl auch hier recht sein aus die Erfahrung Ael- terer gestützt weiter fortzuschreiten. Wie er das meine, davon spricht er mehrmals, indem er darauf hinweist wie kunstverständig Walter Scott in seinen Romanen verfahre und wie sehr er dies namentlich in Waverley und Jvenhoe bewiesen habe. Er kann also wohl nur wollen, daß man diese Romane z. V. nicht blos hinsichts des Interesses an der Entwickelung lese, sondern auch achte auf die verschiedenen Charaktere, die er in jedem Romane zusammenstellt; wie und wo er die Charaktere sich entwickeln läßt, welche Gruppen er besonders heraushebt und durch welche 6 Mittel ihm dies gelingt; wie er den Faden einzelner Personen in Vezug auf das Ganze abreißt und einwebt; wie er die Sprache benutzt, um je verschiedene bestimmte Eindrücke hervorzubringen; wie er die Zeit, in welche die Begebenheit fällt, künstlerisch zur Staffage einerseits und die Natur andererseits benutzt, und was dergleichen Kunstgriffe mehr, die man ihm ablernen kann, sein mögen. Göthe ist gewiß fern davon, diesen Mann grade allein als Muster aufzustellen, vielmehr ist er sehr tolerant und spricht es anderwärts aus, daß jede künstlerische Form gut sei, wenn man sich derselben mit Einsicht bediene und daß man in ihr Vortreffliches leisten könne; aber überall solle man beim Lesen sich nicht mit dem Inhalte begnügen, sondern nach dem „Wie" fragen, durch welche Mittel etwas erreicht sei. Er sagt weiter, daß wir dadurch freilich an Originalität verlieren; aber dies wäre doch eigentlich Keiner in hohem Grade und könne es nicht mehr im vorzüglichen Sinne sein, weil die Einwirkungen unserer Umgebung und der Vergangenheit so mächtig wären, daß man sich diesen doch nicht entziehen könne. In Bezug auf die Muster, denen wir nachstreben sollen, giebt er selbst zu, daß wir nachstreben lernen können nur von dem, was unserer ganzen Natur, unserer Art zu denken und zu empfinden gemäß sei und uns sehr anspreche, denn man lerne überall nur von dem, den man liebe; auch würden wir nur da in dem Verständniß fremder Produkte recht glücklich sein, wo gleiche Empfindungen den Verfasser und Leser beseelten. Uebrigens solle man seinen Geschmack und seine Einsicht nur an dem Vorzüglichsten bilden, man erlange dadurch zugleich auch die Einsicht in das weniger Hervorragende und sei auch mehr vor den Fehlern des Geringeren bewahrt. Das Höchste werde freilich nur durch langsames Ringen erreicht; aber doch müsse man danach ringen. — — — — — — — — — — — — (Es folgen nun Sätze, die dem Dichter, dem Romanschriftsteller gelten, aus denen der Jugendschriftsteller weniger lernen kann), weiter heißt es dann: „In Bezug auf den zu bearbeitenden Gegenstand, das Sujet, meint Göthe, daß dessen Wahl nicht gleichgültig sei; aber das was es wirke, wirke es später doch durch die Form, die ihm gegeben werde; deshalb mißbilligt er es auch mit großem Aufwande von Zeit und Kräften eigene große Erfindungen machen zu wollen, da Geschichte und das Leben immer poetisch seien und, wenn man ihm nur die rechte Bedeutung in Bezug auf den Zusammenhang mit dem übrigen Leben abzugewinnen wisse, Stoff in Masse lieferten. Die Virtuosität bestehe eigentlich darin, ein einfaches Sujet meisterhaft zu behandeln. Dazu gelange man aber nur durch stete Uebung; denn, meint er, von allen unseren Studien behielten wir am Ende doch nur das, was wir praktisch anwendeten, darum solle man sich nicht scheuen einseitig zu sein, wenn man nur in seinem besonderen Fache nicht einseitig sei, denn des Wissenswerthen sei so viel, daß man damit allein es zu studiren nie fertig würde.-— In Bezug auf die Prosa ist mir aufgefallen wie hoch Göthe sie stellt, wenn er sagt: Um Prosa zu schreiben, muß man etwas zu sagen haben, wer aber nichts zu sagen hat, kann doch Reime und Verse machen, wo dann ein Wort das andere giebt und zuletzt etwas herauskommt, das zwar nichts ist, aber doch so aussieht als wäre es was. Göthe meint aber auch, daß eigentlich der ganze Styl aus dem Charakter eines Menschen sich ergebe, so daß einer großartigen Seele auch ein großartiger Styl nicht fehlen werde. — „Hinzuzufügen ist, daß man trotz aller Regeln doch möglichst frei bleiben, ohne Aengstlichkeit zu Werke gehen muß, da nur so fröhliches Leben im Menschen sei und lebendig ausgesprochen werden könne." So weit die Abschrift. Als ich darüber nachdachte, ob es richtig sei, d. h. zweckmäßig und nützlich für meine jungen Freundinnen, wenn ich obige Mittheilungen machte, ihnen also gewissermaßen Anleitung gäbe, sich mit dem Gedanken an Schriftstellerei zu befassen, da kam mir wohl die Besorgniß, es könne im Gegentheil mir ein Vorwurf daraus gemacht werden, ja es fiel mir ein Ausspruch eines würdigen alten Mannes ein, der da einmal sagte: „Es giebt leider Blaustrümpfe genug, auch solche, die danach streben den Titel Blaustrumpf zu erlangen; man soll sich doch ja hüten unbedeutend e Talente zur Schriftstellerei zu verleiten und sie lieber auf das praktische Leben hinweisen, wo man denkende Frauen braucht, die nicht schwärmen, sondern mit Verstand ein Hemd nähen, eine Speise bereiten, Dienstboten anlernen, Kinder erziehen und Männern ebenbürtig zur Seite stehen." Diesen Ausspruch unterschreibe ich! Wenn ich dennoch die obigen Mittheilungen machte, so geschah es auch eigentlich nicht, um Anleitung zur Schriftstellerei zu geben, sondern um den schreibelustigen jungen Mädchen zu sagen, daß es doch nicht so ganz leicht sei Schriftstellerin zu sein. Läßt sich Diese oder Jene durch die Schwierigkeit des empfohlenen Studirens nicht abschrecken, nun, so ist in ihr wohl ein wirkliches, nicht ein eingebildetes Talent vorhanden und sie geht mit Ernst an eine Aufgabe, die sie sich stellt. 8 Kein Meister fällt vom Himmel. Ich habe den Wunsch, mit meiner Mittheilung allen jungen Mädchen guten Rath zu ertheilen; was jede Einzelne sich daraus entnehmen will, hängt natürlich von ihrem eigenen Urtheil ab, es kann Jede für sich etwas brauchen, nicht blos Diejenige, welche selbst arbeiten möchte. Dresden, im Herbst 1873. tzhekka von Schober, geb. v. Humpert. Erinnerung an zwei Weilinalliisiage. Von Flormtine Cissner, geb. b. Arosigk. Aor einer Reihe von Jahren feierten wir das liebe Weihnachtsfest. Das Mittagsmahl war schon eingenommen und die dampfende Kaffeemaschine vereinigte uns im altertümlichen Eßzimmer, als dem Hausherrn die erwünschte Kunde kam, daß noch ein lieber Gast desselbigen Tages eintreffen und Theil an der Festfreude nehmen wolle. „Halte nun nur Alles bereit, liebe Aurelie," sprach er zu seiner Frau, „indeß ich noch ausgehe, mich nach einem paffenden Geschenk für den lieben Ankömmling umzusehen." Heut, das wußten die Kinder, waren sie für die Nachmittagsstunden auf sich allein angewiesen und eins nach dem andern verließ das Zimmer, um in dieser oder jener Weise die wenigen, aber unendlich lang erscheinenden Stunden bis zum Abend hinzubringen. Die Hausfrau, ihre Schwester Agnes und ich blieben allein zurück und beschlossen, sofort Anstalten zur Bescheerung zu treffen und mit dem Herbeiholen der Aepfel den Anfang zu machen. Mehrere große Tragkörbe wurden von der Köchin herbeigeholt und die junge, schöne Hausfrau nahm einen derselben scherzend auf den Rücken, so daß ihre langen, blonden Locken darüber hinwallten. Mit fröhlichem Geplauder stiegen wir die Treppen hinab in die verschlungenen Gänge und Windungen des Kellers, der, wie das Gebäude selbst, ehemals zu einem Kloster gehörte und in mannigfache Abtheilungen getheilt, die verschiedensten Gegenstände, besonders auch Chemikalien, die gleichmäßiger kühler Temperatur bedurften, enthielt. Der vollständigen Finsterniß halber, die dort herrschte, hatten wir uns mit einer langen Kerze versehen und erreichten endlich nach Eröffnung 10 des alterthümlichen Schlosses den Raum, worin neben dem Wein auch die für den großen Weihnachtstisch bestimmten Aepfel auf Nepositorien aufbewahrt wurden. Da es sich nun herausstellte, daß keine von uns Dreien die auf dem höchsten Bret liegenden Früchte erreichen konnte, erklärte ich mich, als die augenscheinlich Leichteste dazu bereit, auf einen umgestürzten Korb zu steigen und sie herabzureichen. Gesagt, gethan; doch rutschte ich endlich lachend vom Korbe hinab, gegen die Kellerthür, welche dröhnend in's Schloß fiel. Unbekümmert darum setzten wir unser Geschäft fort und wollten uns, nachdem die Körbe soweit, daß wir sie noch tragen konnten, gefüllt, mit denselben entfernen, als wir entdeckten, daß die geschlossene Thür sich nicht öffnen lasse und wir somit gefangen seien. Wir jungen Mädchen nahmen die Sache von der humoristischen Seite und freuten uns, daß wir mit Licht und Proviant in Gestalt von Wein und Aepseln gut versehen seien, während die Hausfrau von vornherein sich in Klagen über die gerade heut unersetzliche Zeit ergoß; indeß machten wir alle Drei die größten Anstrengungen durch Rufen und Pochen uns irgend einem der vielen Mitglieder des Hauses bemerkbar zu machen. Viertelstunde auf Viertelstunde verging indeß; das Gewölbe widerhallte von unserem Rufen, durch die Spalten der Thür sahen wir in der Ferne Schalten vorüberhuschen, — es waren die der auf der Straße eilig Dahingehenden, — bis auch dies bei eintretender Dunkelheit aufhörte. Auch wir waren stiller geworden und sannen darüber nach, wann endlich man uns vermissen und auf den Gedanken uns im Keller zu suchen, kommen könne. Mit welcher Freude begrüßten wir zuletzt, nach mehreren Stunden, den von fern schon hallenden Tritt des Hausherrn, der, als er gegen fünf Uhr zurückgekehrt, nichts bereitet gefunden und vergebens seine Frau gesucht hatte. All seine Nachfragen waren erfolglos geblieben, bis endlich die Köchin sich entsann, uns'Tragkörbe gegeben zu haben, woraus er dann den richtigen Schluß gezogen, daß uns irgend ein Vorfall im Keller zurückgehalten habe und er zu unserer Befreiung hinabeilte. — Nun ging freilich Alles Hals über Kopf und wenn auch ein paar Stunden später als sonst, aber wie aus der Erde gezaubert stand bald die geschmückte Weihnachtstafel da und die große Hausgenossenschaft umsprang, umjubelte, umging und umstand sie, ein Jedes nach seinem Alter und den Gefühlen, die dabei in ihm rege wurden. Wer kennt nicht den Zauber des Weihnachtsbaumes, die Wehmuth, das Glück und den Frieden, die seine Zweige durchsäuseln! Längst vergessenes Leid, die ganze 11 Kindheit und Jugend mit ihrem unendlichen Glück und unendlichen Weh durchzittert auf's Neue die Seele und doch blickt das feuchte Auge so glücklich, denn: „es ist heute der Heiland geboren", der Friedefürst! Durch ihn wird auch in uns Harmonie und harmonisch der Verkehr unter dem Weihnachtsbaum mit Allen, die ihn mit uns zugleich umringen. Nachdem der erste Freudenrausch der Kinder vorüber war, kam es Zur Erörterung der Frage, warum es so außergewöhnlich spät geworden, unser Abenteuer erregte allgemeine Theilnahme und veranlaßte den Hausherrn, einen von ihm selbst verlebten Weihnachtsabend uns, auf unsere Bitte, folgendermaßen zu schildern. Ich stand, erzählte er, etwa in meinem achtzehnten Lebensjahre, war frisch und gesund und wohlgemuther Gymnasiast in Lübben, meiner Vaterstadt. Da meine Eltern früh gestorben waren, so leiteten meine Großeltern meine Erziehung und ließen es dabei niemals an Liebe fehlen, die ich ihnen auch auf jede Weise zu erwidern suchte. So kam es auch, daß ich, als mir einst am Heiligabend der Nachmittag lang wurde, beschloß, nach Lübbenau zu eilen, um der Großmama frische Bretzeln, die dort Nachmittags gebacken wurden und die sie zum Thee sehr liebte, herüber Zu holen. Es war ein klarer, frischer WinLertag und vortreffliche Eisbahn, die ein im Spreewald Geborner noch ganz anders zu schätzen weiß, als ein anderes Landeskind. Denn kaum sind im Winter die „Groblas" oder Wassergerinnen, welche ihn nach allen Richtungen hin statt der Fahrstraßen durchkreuzen, — nur nothdürftig gefroren, so bindet sich sogar auf den Dörfern Alt und Jung Eisen unter Stiefel oder Holzschuhe und läuft über das blanke Eis in die Kirche und Schule oder zu Tanz und Spiel in die Schenke oder Abends in die Spinte. Meistentheils versieht sich dann jeder Schlittschuhläufer noch mit einer langen Stange, um bei zu dünnem Eise sich im Fall des Einbrechens über dem Wasser halten zu können. Heut gebrauchte ich eine solche nicht; es fror schon seit acht Tagen und hart und glänzend von der bleichen Wintersonne beschienen, lag die schöne, vielfach gewundene Bahn vor mir. Pfeilschnell flog ich dahin, bald lag Lübben hinter mir und der entlaubte Wald nahm mich auf. Hier und da schwebte die kräftige Gestalt eines blauäugigen Wenden oder einer Wendin in ihrem malerischen Kostüm an mir vorüber und wohlgemuth erreichte ich Lübbenau und das bekannte Haus des Bretzeln backenden Bäckers. Seine freundliche Ehehälfte entschuldigte sich vielfach, daß, da der Backofen den größten Theil des Tages zum Backen der 12 Christstollen benutzt worden sei, ihr Mann die gewohnte Zeit nicht habe inne halten können. Ich solle indeß nur ein Viertelstündchen verziehen und im warmen Zimmer vorlieb nehmen, dann könne ich sofort das frische, duftende Gebäck erhalten. Dankend nahm ich das Anerbieten an, aber aus einem Viertelstündchen wurden drei und die Sonne sendete schon ihre letzten Strahlen, als ich aus dem Bäckerhause trat. Ich war freilich über den Verzug etwas ungeduldig geworden und die Bäckersfrau hatte mir in ihrer Herzensgüte zwei mit eisernen Spitzen versehene Stöcke, nach Art unserer Stachelinchen, die das Schlittschuhlaufen noch beschleunigen und mich eher heimbringen sollten, mitgegeben. Meine Bretzeln hatte ich wohlverpackt unter den Rock geknöpft, um sie warm zu erhalten und ich flog wieder pfeilschnell dahin, während die Glocken der hinter mir liegenden Stadt das Festgeläut anstimmten. Bald umringten mich auch wieder die riesigen Bäume des Waldes; Erlen, Buchen, Eichen und schöne Weiden, die, da der Mond allgemach aufgegangen war, phantastische, bizarre Formen annahmen. Ich erfreute mich an der wunderbaren Romantik meines Weges und diese Stimmung wurde noch erhöht, als aus einem einsamen Gehöft das alte wendische Lied mir entgegen tönte von dem uralten Schlachtfelde, wo viel tausend Wenden begraben liegen und das verdeutscht etwa also lautet: Viele hundert Jahre gingen Schon vorüber träum'risch sacht, Seit auf bunter Blumenwiese Brauste wild die Wendenschlacht. All die todten Wenden schlafen Unterm Wiesengrün so still Nun schon viele hundert Jahre, — — Da rauscht's Wasser drüber kühl. Seit viel tausend kühne Wenden Sich erkämpften frühen Tod Und die Blumen auf der Wiese Von dem Blute glänzten roth. Schlanke, fange Weiden grünen Aus dem Wasser blüthenreich. Unten in dem weiten Grabe Schmiegt sich Bein an Bein so bleich. Und es zucken bang die Schädel, Die Gebeine zittern leis- In den Frühlingswassern droben Spielt ein grünes Weidenreis. Mich umspielten nun freilich keine Frühlingswasser und auch keine Frühlingsweide. Die kalte Winterlust zog eisig, durch meinen beschleunigten, immer eilenderen Lauf fast schneidend an mir vorüber. Lange, lange schon lag das einsame Gehöft hinter mir und noch immer war von 13 Lübben nichts zu sehen. „Bei dem hellen Mondschein," dachte ich, „wirst du die Ziffern deiner Taschenuhr wohl lesen können." Sie zeigte auf halb Sieben und ich hätte längst daheim sein müssen. Nun wurde es mir klar, daß ich die Richtung verloren haben müsse und da ich weit und breit keine Spur eines menschlichen Wesens oder einer Wohnung entdeckte, entschloß ich mich umzukehren und hoffte immer noch, wenigstens gegen acht Uhr zur Theestunde der Großeltern einzutreffen. Die Unruhe, in der sie aber wohl schon jetzt um mich waren, peinigte mich und beflügelte meinen Lauf auf's Neue. So eilte ich unaufhaltsam weiter, vorüber an den gespenstisch beleuchteten Bäumen, die mir nach und nach ganz anders erschienen und in ihren oft grotesken Formen höhnend auf mich niederblickten. Doch, wie ich auch lief, weder Stadt noch Dorf, noch Gehöft zeigte sich meinen Blicken, ein wüthender Hunger, dem die Bretzeln widerwillig zum Opfer fielen und der dadurch nur gesteigert zu werden schien, quälte mich; meine Kräfte ließen nach, mein Lauf wurde langsamer, das Blut floß träger in meinen Adern, eine unendliche Müdigkeit und Gleich- giltigkeit gegen Alles ergriff mich und es zog mich wie mit unsichtbaren Armen an das Ufer auf den harten Erdboden, der mir Ruhe versprach. Wohl sagte ich mir vor, daß diese Ruhe der Tod sei, daß ich noch nichts gethan, nöch nichts geleistet für meine Mitmenschen von Dem, was ich mir in jugendlich begeisterten Träumen vorgesetzt, daß meine geliebten Großeltern einen solchen schweren Kummer kaum überleben würden, — aber bleiern schwer zog es mich nieder und da ich vollends eine von Hirten zur Sommerszeit benutzte kleine luftige Hütte gewahrte, taumelte ich auf dieselbe zu, darin niederzusinken, als plötzlich entferntes Hundegebell mein Ohr traf. Elektrisch durchzuckte mich der Gedanke an menschliche Hilfe, näher kamen die Laute und mein umflortes Auge unterschied bald die Gestalt eines Mannes, der neben einem von Hunden gezogenen Schlitten rüstig daher schritt. Wer wird es mir verargen, wenn der Mann mir erschien wie ein zu meiner Rettung ausgesendeter Engel? Meine erste Frage war die, wie weit es wohl ungefähr noch bis Lübben sei und wie groß war mein Schreck, als ich erfuhr, daß wir uns viel näher an Kalau, von wo der Mann kam, als an Lübben befanden. Es war ein armer Schuhmacher, der noch spät aufgebrochen war und sich seinen geringen Lederbedarf aus Kalau selbst geholt hatte. Schüchtern wagte ich die Bitte an ihn, ob ich mich wohl auf seinen Schlitten setzen und so nach Lübben fahren könne; aber der Mann war klüger als ich. „Mit- 14 nehmen will ich Sie wohl, junger Herr, aber laufen müssen Sie, das Sitzen möchte Ihnen doch zu theuer zu stehen kommen; ja, ja, das kommt von den Eisstacheln, damit muß man genau Bescheid wissen." Aber als er sah, wie übermüdet ich war, half er mir fort so gut es ging, sprach mir Muth ein und was noch besser war, gab mir das Wenige, was er noch an Mundvorrath — schwarzes mit Fett bestrichenes Brod — bei sich führte. So gelang es den redlichen Bemühungen des guten Mannes mich munter zu erhalten und vorwärts zu bringen, immer näher der Vaterstadt, bis uns endlich Stimmen entgegen tönten durch die einsame Nacht. Es waren Leute unter Anführung unseres alten, treuen Kutschers, die von den geängsteten Großeltern ausgesendet waren, immer wieder aufs Neue, mich zu suchen und heimzubringen, lebendig oder auch todt, nach des Herrn Wille, wie die gute Großmutter unter strömenden Thränen gesagt. — Welche Freude der Begrüßung! Und nun erst diejenige oben im trauten Familienzimmer! Als ich darnach meine Schlafkammer aufsuchte, rief das Festgeläut zum Frühgottesdienst und „nie wieder," schloß der Hausherr, „hat ein Klang mich so wunderbar berührt, als diese Lübbener Weihnachtsglocken." N l e n - 8 i e i n k» r e cli e. Von HlliMnn Magner. „Steine zerbrechen und Felsen zerspalten" gilt in den Märchen als eine Arbeit für ungeschlachte Riesen. In der nordischen Götterlehre schleudert der Donnergott Thor seinen Streithammer, den Donnerkeil, auf die Häupter der Berge, — in den Mythen der Griechen besorgt Zeus durch seine Blitze dergleichen Steinbrecherarbeit. Aber bereits in den deutschen Sagen treten auch die Schaaren der Wichtelmännchen und Koboldchen auf und zerbröckeln das feste Gestein. Die Naturforschung lehrt, daß die anscheinend winzigen Kräfte der Natur, die aber unausgesetzt lange Zeiten hindurch wirken, viel -erfolgreicher daran arbeiten, die hohen Berge der Erde zu zerstören und abzutragen als es einzelne, wenn auch noch so gewaltige Blitze und Lawinenstürze vermögen. 15 Zu jenen kleinen, die Gesteine zertrümmernden Naturkräften gehören auch zahlreiche Pflanzengeschlechter, deren eines bezeichnend genug den Namen „Steinbrech" (8g,xiü-3.M) erhalten hat. Der natursinnige Besucher de§ herrlichen Alpen macht Bekanntschaft mit ihnen, wenn auch diese Kranichen nicht durch Größe und Farbenpracht ihrer Blüthen in die Augen fallen, wie die Alpenrosen und Enzianen, die wir früher mit einander betrachtet haben. Bereits in den quellenreichen tieferen Thälern begegnen wir an schattigen Felsen dem ansehnlichen „rundblättrigen Steinbrech" (8-ixi- ki'ÄZÄrotiiiiäikolig., Fig.5) und dem zarteren „fternblüthigen Steinbrech" (8. stsllLtÄ, Fig. 6), beide mit flachen, ersterer mit runden, letzterer mit spatelförmigen Blättern und mit zahlreichen weißen Blüthen, welche in zierlichen Schirmtrauben beisammenstehen. An den kältesten Gletscherbächen bleiben die Blüthen des fternblüthigen Steinbrech unentwickelt und verwandeln sich in Vrutknospen, die sich später vom Stengel lösen und das Entstehen neuer Pflanzen in ähnlicher Weise veranlassen, wie es die Zwiebeln und Knollen vieler andern Pflanzengeschlechter auch thun. Im rauhen Lappland tritt dieselbe Steinbrechart stets blüthenlos, nur mit dergleichen Vrutknospen auf. An den zahllosen Quellen und Bächen, die von den Bergseiten der Alpen herabrieseln, wuchert in üppigen Rasen der „immergrüne" Steinbrech (8Äxitra,,Za, Ai 20 iä 68 , Fig. 4). Er weicht von den meisten seiner Verwandten dadurch ab, daß seine Blüthen schön gelb gefärbt sind, während sie bei den meisten übrigen weiß aussehen oder einen schwachen Schein in's Gelbliche und Grünliche, zeigen. Der Gesammtwuchs dieser Art und die schmalen, etwas fleischigen Blätter verleihen in Verbindung mit den ansehnlichen gelben Blüthen dem Gewächs eine auffallende Aehn- lichkeit mit den Mauerpfeffergewächsen, von denen es jedoch durch den Bau der Blüthe und Frucht abweicht. * Wer die schöne Gotzthardtstraße hinaufführt, vom Vierwaldstädter- See im Thale der Reuß entlang, dem werden sicher an dem Gestein der meisten Brücken die ansehnlich großen weißlichen Vlüthentrauben auffallen, die von dem Zugwind bewegt, den das stürzende Wasser verursacht, ununterbrochen auf und nieder schwanken. Es ist der große „traubige Steinbrech" (3. ^oon, Fig. 7), der sich hier, sowie an den Felsen der Berggehänge angesiedelt hat und von welchem wir auf unsrer Abbildung nur eines der kleinsten Exemplare darstellen konnten. Er zwängt seine 16 feinen Würzelchen in die Ritzen des Gesteins, klammert sich mit ihnen fest und versteht es mit ihnen noch Nahrung aus einem Boden zu gewinnen, auf welchem die meisten andern Pflanzen umkommen müßten. Er liebt, gemeinschaftlich mit einer ganzen Reihe verwandter Steinbrech- Arten einen Boden, welcher kalkhaltig ist und nimmt auch ansehnliche Mengen Kalk in sich auf. Seine fleischigen eirundlich spatelförmigen Blätter bilden eine grundständige Rosette und verleihen dem Gewächs viel Ähnlichkeit mit dem Hauslaub. Betrachten wir ein solches Blatt genauer, so erkennen wir deutlich an seinem Rande entlang einen Besatz aus weißen Punkten. Es sind dies kleine Kalkkrystalle, welche von Blattdrüsen aus dem verdunstenden Safte ausgeschieden worden sind. Diese Fähigkeit des Kräutchens, das Gestein aufzulösen und wieder auszuscheiden, gab ehedem Veranlassung zu dem Glauben: die Steinbrecharten seien eine wirksame Arznei bei Steinleiden des Menschen; — ihr Saft vermöge die bei gewissen Krankheiten im Innern des Menschen sich bildenden Steine ebenfalls aufzulösen und zu beseitigen. Daher erhielt die Gattung ihren Namen „Steinbrech" und lange Zeit führten die Apotheker das Kraut des in den Ebenen Deutschlands häufigen „körnertragenden" Steinbrech (8. ArLnula-tg.) als Heilmittel in ihren Vorräthen. Auf den Felsen höherer Kalkalpen bildet der „graugrüne Steinbrech" (8. ea-ssia, Fig. 2) dichte niedere Polster, die zwar winzig kleine Blättchen, aber zahlreiche, ansehnlich große, weiße Blüthenglöckchen tragen und das Steingeröll der Berggipfel in Gemeinschaft mit rosenrothen Si- lenen und blauen Enzianen auf's Zierlichste schmücken. Zahlreiche andere Steinbrech-Arten, die auf verwittertem Granit, Gneis, Hornblendeschiefer und ähnlichen Urgesteinen vorkommen, bilden ebenfalls dichte Rasen, besitzen aber dabei schmale Blättchen, die bei manchen fingerähnlich oder fußförmig zertheilt, bei andern mit Dornenzähnen besetzt sind. Als ein Beispiel dieser Form bildeten wir den „rauhen" Steinbrech (8. aspora, Fig. 3) ab, der an seinen-ckriechenden Seitenzweigen häufig ebenfalls Brutknospen erzeugt. ' In den höchsten Alpenthälern begegnen wir noch dem „gegenblätt- rigen" Steinbrech (8. opxositikolia,, Fig. 1) als einem der reizendsten Alpenblümchen. Die dichten Rasen, welche er webt, erscheinen durch die großen, purpurnen Blumen von fern fast den Thymianrasen ähnlich. Die winzigen Blättchen bilden an den Stengeln entlang vier regelmäßige Reihen. Wie zahlreiche andere Pflanzen der Hochalpen, so finden sich 17 auch viele Steinbrech arten in den kalten Ländern des nördlichen Polarkreises wieder. Der gegenblättrige Steinbrech schmückt die öden Hochthäler des rauhen Island und hat dort den Namen Helga erhalten, mit welchem die Sage zugleich eine Niesentochter bezeichnet, die in den unwirth- lichen Hochgebirgsthälern der Insel haust. Unsere Alpen besitzen überhaupt gegen 40 verschiedene Arten der Gattung Steinbrech, ganz Europa deren gegen 100. Auf der ganzen Erde kennt man ungefähr 250 verschiedene Arten, die sich vorzugsweise über die höheren Gebirgszüge und über die Polarländer vertheilt haben. Das kleine Pflegekind Von Msthilde Krcher. §ur Zeit, da es noch keine Eisenbahnen gab, hatte man andere geräumige Reisewagen, die ebenfalls von einem bestimmten Ort zum andern fuhren und an verschiedenen Stationen hielten, wo die Pferde gewechselt wurden. Diese Reisewagen nannte man Diligences, — auf Englisch aber Mail-Coaches. Von London nach Plpmouth, einer schönen Hafenstadt an der südlichen Küste Englands, saßen einst in einem solchen Fuhrwerke mehrere Herren, — auch ein sehr niedliches, kleines Mädchen. Das Kind war immer ganz still; anfangs blickte es viel aus dem Fenster und schien sich zu amüsiren; bald aber langweilte es sich wohl; manchmal blickte es scheu mit großen Augen einen der Passagiere an, sprach aber kein Wort. Die Herren mochten sich im Stillen wundern, daß keiner die Kleine anredete; jeder dachte sich wohl, einem oder dem andern müsse sie doch angehören. Ein ältlicher Herr stieg einmal aus, wo still gehalten wurde, um sich Butterbrod mit Fleisch und Käse geben zu lassen. Er bot dem kleinen Mädchen gutmüthig ein Stück davon an. Nach einigem Zögern nahm sie es an, dankte halblaut und aß mit großem Behagen. Ein anderer schenkte ihr später eine Apfelsine. — Als man endlich gegen Abend in Plymouth anlangte, und alle Passagiere ausgestiegen waren, kam der Conducteur an den Wagen, hob die Kleine heraus, stellte einen Korb, der zu ihren Füßen gestanden, neben sie hin und fragte: „Ist denn nun Niemand da Dich abzuholen, mein Liebchen?" T.-A. xx. 2 18 „Wo ist er? — wo ist er?" fragte hingegen das Kind und brach in Thränen aus. Mehrere Personen drängten sich jetzt um sie her mit den Fragen: „Wer denn, armes Kind?" — „Wen erwartest Du?" — „Wer soll Dich abholen?" — „Der Onkel, der Onkel!" rief sie. — Der freundliche Herr, der sich schon unterwegs für sie interessirt hatte, nahm sie jetzt bei der Hand und sagte: „Sieh Dich recht ruhig um, ob Du Niemanden hier erkennst, mein Kind!" Die Augen voll Thränen blickte sie scheu umher und schüttelte den Kopf. — „Wie heißt denn Dein Onkel?" — „Onkel Harry!" — „Wie steht er aus?" — „Wie mein Papa!" — „Und wo ist Dein Papa?" — ,,Weit, weit weg!" — „Und wie heißest Du?" — „Jenny Andon." Oben auf dem Korbe standen die Buchstaben I. R.; man vermuthete also, daß sie Nandon heiße, nur das R. noch nicht aussprechen könne. Auf Befragen wie alt sie sei, antwortete sie: „Vier Jahr." — Der Conducteur erzählte nun, ein feines, anständiges Dienstmädchen habe die Kleine in den Wagen gehoben und gesagt, sie würde in Plymouth an der Station abgeholt werden; dann habe sie sie zärtlich geküßt und schnell verlassen. Er war sehr unglücklich, daß nun doch Niemand gekommen; 'er wußte gar nicht, was er mit dem Kinde anfangen sollte. Herr Willis, so hieß der Reisende, der sich zuerst um sie bekümmert hatte, fragte nun in väterlichem Ton: „Kleine Jenny, willst Du mit mir kommen in mein Haus, zu meinen Kindern, bis wir Deinen Onkel finden können? — bis er kommt, Dich abzuholen?" — Und Jenny, die seine Hand noch gar nicht wieder losgelassen hatte, nickte lächelnd, mit Thränen auf den rothen Wangen. Da trug er sie in die Passagier-Stube, packte in Gegenwart des Wirths und mehrerer Personen den Korb aus, um zu untersuchen, ob sich nicht ein Aufschluß finde, woher das Kind käme — wohin es gehöre. Aber der Korb enthielt nichts als einfache, aber ordentliche Kleidungs- ' stücke, die Wüsche mit I. R. gezeichnet, ein Paar kleine Kinderbücher, nur mit dem Namen Jenny. „Wer brachte Dich zu der Mail-Coach, liebes Kind?" wurde nun gefragt. — „Meine Marianne." — „Wer ist denn die? — wo wohnt sie?" — Jenny wiederholte nur: „Meine Marianne!" — „Hast Du keine liebe Mutter mehr?" fragte ihr guter Freund. — „O ja!" antwortete sie, sprang nach dem Fenster hin, wies mit dem Händchen nach dem Himmel und wiederholte: „O ja! — dort oben!" — Manchem der Anwesenden 19 traten Thränen in die Augen; Herr Willis nahm sie wieder in seine Arme. Nach einer kurzen Besprechung mit den Beamten der Station rief er nach einer Miethkutsche, setzte sich mit dem kleinen Fremdling hinein und fuhr schweigend nach seiner Wohnung. An ihn geschmiegt, schlief Jenny bald ein; — schlafend ward sie aus dem Wagen gehoben. Er trat in ein hell erleuchtetes Zimmer; eine ältliche Dame stand vom Theetisch auf und ging ihm freundlich entgegen. Vier kleine blühende Kinder umringten ihn, fröhlich rufend: „O Papa! — Papa ist wieder da!" — „Laßt mich nur erst meine Bürde ablegen!" entgegnete er lachend und legte sachte das schlafende Kind auf ein Sopha; verwundert schlichen die vier Kinder hin und betrachteten es neugierig. „Wen bringst Du uns denn da?" fragte die Dame, nicht weniger verwundert. — „Ein neues Pflegekind für Dich, liebe Tante; — Du mußt es schon gütigst annehmen!" entgegnete Herr Willis. Darauf rief er seine Kinder, zwei Söhnlein und zwei Töchterlein, zu sich und herzte sie — und erzählte ihnen wahrend des Theetrinksns, wie er zu der kleinen Reisenden gekommen sei, die nun für's Erste ihre neue Schwester sein sollte. Als er eben seine Erzählung geendet, schlug Jenny ihre Augen auf. „O Marianne, ich bin so durstig!" rief sie; als sie aber die vielen fremden Gesichter sah, fing sie an zu weinen. Herr Willis brachte ihr selbst eine Tasse Milch und beruhigte sie: „Das ist eine gute, liebe Tante," sprach er auf Fräulein Lida zeigend; „die wird meine Jenny lieb haben, — und sie nun zu Bette bringen." Die Kleine ward hinaufgetragen und halb schlafend ausgezogen; — als sie aber schon im Bettchen lag, richtete sie sich plötzlich auf die Knie und betete: „Lieber Vater im Himmel! laß mich ein gutes Kind sein! Lieber Vater im Himmel, laß Papa nicht in's große Meer fallen!" — Die Tante Lida küßte sie mit tiefer Rührung und die müde kleine Reisende schlief sofort wieder ein. » S Am folgenden Tage wurden genaue Anzeigen gemacht in verschiedenen Zeitungen, betreffend die Ankunft eines fremden, kleinen Mädchens, deren Anverwandte nicht eingetroffen seien sie in Empfang zu nehmen. Sie ward beschrieben als klein und zart, hübsch und blühend, — in einem blauen Kleidchen und schwarzen Tuchjäckchen mit grauem Filzhut und einer Schnur kleiner Korallen um den Hals; — sie nenne sich selbst Jenny Randon und sei ohngefähr vier Jahre alt. 2 * 20 Aber alle Anzeigen, alle Nachforschungen blieben umsonst! Niemand meldete sich als Verwandter des Kindes! Herr Willis fuhr nach einigen Tagen zum Bürgermeister; und nachdem er den sonderbaren Vorgang mitgetheilt, erklärte er sich vor ihm und den versammelten Rathsherren bereit, das verlassene Mägdlein in seine Familie aufzunehmen. „Wo vier Schäflein gepflegt werden," sagte er lächelnd, „da wird Gott auch wohl seinen Segen geben für ein fünftes!" Willis war als ein vortrefflicher Mann bekannt und geachtet; — es ward als ein Glück für den kleinen Fremdling angesehen, einen solchen Pflegevater zu bekommen. Doch wurde es vom Rathe beschlossen, um dem Einen nicht allein die Bürde zufallen zu lasten, ihm aus der Stadt- Kaste jährlich eine bestimmte Summe zur Bestreitung der Erziehungskosten zufließen zu lassen. Die Kinder des guten Herrn Willis hießen Walther und Freddy, waren sechs und fünf Jahre alt, und Emily und Fanny, etwas über drei Jahre alt; diese waren Zwillinge. — Die Mutter dieser Kleinen lebte auch nicht mehr; die Tante des Vaters, also eigentlich Groß-Tante der kleinen Schaar, sorgte mütterlich für sie und führte die Wirthschaft. Unsere Jenny mußte dieselbe nun auch Tante Lida nennen und Herrn Willis Papa. Bald schien sie nicht mehr daran zu denken, daß sie nicht immer zu ihnen gehört hatte, — und den andern Kindern ging es ebenso. Sie war aber auch ein gar liebliches kleines Wesen! — Walther war ein kleiner Spaßvogel und neckte seine Schwestern gar gern; — dann stellte sich der kleine Freddy stets tapfer auf ihre Seite und rief: „Geh, Walty, Du sollst meine Emily und meine Fanny nicht quälen, — und meine Jenny auch nicht!" — Es belustigte aber die Tante Lida sehr, den Kleinen so keck zu sehen gegen den Bruder; doch Walther meinte es auch nie böse. Tante Lida war trotz ihres Alters, — sie zählte vierundsünfzig Jahre — doch ein gar kindliches Wesen, das an all' den unschuldigen Vergnügungen der Kindheit und Jugend seinen Spaß hatte und sich gern nach Kräften dabei betheiligte. Sie führte die Kleinen spazieren, erzählte ihnen hübsche Geschichten, dachte sich neue Spiele für sie aus; — auch hatten die Knaben ihre ersten Lesestunden bei ihr. Sie ließ ihnen auch viel Freiheit; nur durften sie niemals ungehorsam oder trotzig sein; sonst erhielten sie gleich eine angemessene Strafe; sobald aber Tante Lida Reue bei ihnen gewahrte, war alles wieder gut. L 21 Jenny fühlte sich, so zu sagen, zu Hause; doch konnte sie Momente haben, wo ihr Gedächtniß zu erwachen schien. Wenn sie auf Bildern Schiffe sah, oder auch die großen, wirklichen Schiffe im Hafen, dann sprach sie wohl einmal von ihrem andern Papa; auch betete sie immer dieselben Worte, die sie am ersten Abend gebetet; aber es geschah ohne Sehnsucht. Sie hatte es ja so sehr gut bei ihrem neuen Vater und der freundlichen mütterlichen Tante; und sie liebte die kleinen süßen Zwillinge und die Brüder so herzlich! Eines Tages saß sie an einem Kindertischchen und besah ein schönes Bilderbuch, welches ihr Papa Willis mitgebracht; Walther und Freddy knieten zu ihren beiden Seiten. Da kam ein Bild vor, worauf weiße und schwarze Menschen abgebildet waren. Sie wurde roth vor Erregung und ihre Aeuglein glänzten. „O da ist Thomba! — da ist Thomba!" rief sie aus. „Wer ist Thomba? — wo, wo denn?" fragte Freddy. „Sieh! — da, da!" und sie wies auf eine dunkelfarbige Kinderfrau in europäischer Tracht, die ein weißes Kindlein trug. „Hast Du denn schwarze Menschen gekannt, Jenny? wirkliche, lebendige?" fragte Walther. Sie nickte mehrmals; — der Vater trat hinzu. „Sprich! wo denn, meine liebe Jenny," sagte er; „besinne Dich einmal recht! erzähle uns von Thomba!" — „Jenny gute — Thomba sehr lieb hatte!" antwortete sie. „Wann war sie denn bei Dir? wo sahst Du sie?" fragte Herr Willis. — „Weiß nicht. Weit, weit weg!!" — und sie streckte die Aerm- chen weit aus einander und schüttelte mit dem Köpfchen. Das war immer ihre Weise, wenn sie etwas nicht deutlich anzugeben wußte. So erfuhr man denn auch jetzt nichts Näheres. Es lag die Vermuthung nahe, daß Jenny's Vater See-Capitain sei, oder ein Offizier in der britischen Armee in Indien; aber man konnte es eben nur vermuthen.— Emily und Fanny fürchteten sich und versteckten sich hinter Tante Lida, wenn ihnen See-Matrosen begegneten; Jenny war keineswegs bange; sie blickte die Matrosen keck an, lief auch wohl aus sie zu und gab ihnen die Hand; und lachte selbst herzlich mit, wenn diese darüber lachten und sie ihre kleine Freundin nannten. So verstrichen ohngesähr zwei Jahre. Walther und Freddy besuchten eine Schule; Jenny hatte Unterricht bei der guten Tante Lida und zeigte sich als ein gelehriges Kind. Sie konnte nicht begreifen, daß Emily und - 22 Fanny nicht auch schon lernen sollten, und suchte den Kleinen oft mit großem Eifer beizubringen, was sie schon wußte. Eines Abends hatte Vater Willis erst seine Zwillinge auf seinen Knien schaukeln lassen, — dann nahm er die kleine Jenny auf den Schooß. Sie saß lange still und nachdenklich; dann flüsterte sie ihm plötzlich in's Ohr: „Papa wird bald wiederkommen!" — „Papa ist ja hier! Du dumme Jenny!" rief Walther, der es gehört hatte. — „Nicht dumm! gar nicht!" eiferte die Kleine: „ich meine, mein anderer Papa und Onkel Harry!"— „Wir haben aber nicht zwei Papa's," sagte Emily. „Und auch einen Onkel Harry nicht!" rief Freddy. — „Weshalb sagst Du das, mein Herzenskind?" fragte Herr Willis; „wie könntest Du das auch wissen, wenn es so wäre?" — „O, Jenny weiß! — diese Nacht — ja, da habe ich geträumt! — Sie kommen wieder, doch! arf einem großen Schiff!"— „Und wenn sie es thun, — willst Du von uns fort, Jenny?" fragte Tante Lida, ihre beiden Händchen fassend. — „Jenny bleibt hier!" nickte sie zufrieden. — „Ja, ja! — Jenny bleibt hier!" riefen die andern Kinder wie aus einem Munde. Aber Vater Willis sprach Amen! — er drückte sein geliebtes Pflegekind fest an sich, mit Thränen im Auge. Zwei Tage vor der Ankunft der kleinen Jenny in Plymouth war ein großes Kauffahrtei-Schiff nach Indien abgesegelt, dessen erster Steuermann Harry Eldred hieß. Dies war der Onkel unserer kleinen Reisenden, — der Bruder ihrer Mutter. — Der plötzlich erfolgte Tod seiner Schwester war ihm gemeldet worden, sowie auch, daß das Kind nach Plymouth gebracht werden würde, um unter seiner Obhut zu ihrem Vater zu reisen, der Offizier bei der englischen Armee in Indien war. Aber durch ein Mißverständniß war das Kind zwei Tage zu spät gekommen. Wind und Wetter und die Abfahrt der Schiffe warten auf keinen Menschen! Es war dem Harry Eldred sehr fatal; aber er mußte als Steuermann zur bestimmten Zeit mit seinem Schiffe auf und davon, wie die Pflicht gebot; — er durfte auf seine Nichte nicht warten. Jenny Randon war in Ost-Indien geboren und als zweijähriges Kind mit ihrer Mutter und einer Eingeborenen als Wärterin nach England hinübergekommen, weil die Mutter das dortige heiße Klima nicht vertragen konnte. — Die Wärterin hielt es in England nicht aus und war nach einem halben Jahre zurückgereist; — da war Marianne Hills 23 Jenny's Bonne und die Gesellschafterin und treue Pflegerin der kränklichen Frau geworden. Aber die Oberstin Randon ward nicht wieder gesund; als Jenny 4 Jahre alt war, mußte sie ihr geliebtes Kind verlassen — weil der himmlische Vater sie von der Erde abrief. Vor ihrem Tode band sie es Mariannen auf die Seele, daß das junge Töchterlein dem Vater zurückgesandt werden solle, sobald sich eine gute Gelegenheit darböte. Marianne erhielt Kunde von der Abfahrt des Schiffes Nelson. Sie wollte ihren kleinen Pflegling selbst nach Plymouth bringen; — aber die Dame, bei der sie eine neue Stelle angenommen, verlangte wegen eingetretener Krankheit ihre augenblickliche Anwesenheit. — So hatte sie Jenny nur dem Conducteur der Diligence dringend anempfohlen, war selbst sofort nach dem Norden Englands abgereist und hatte nie erfahren, daß dieselbe gar nicht aufs Schiff zu ihrem Onkel gekommen sei! Wie sehr erschrak sie aber, als sie nach langer Zeit einen Brief vom Obersten Randon erhielt, welcher meldete, daß er zurückzukehren gedenke,— und hoffe, seine kleine Tochter gleich bei seiner Landung anzutreffen. — Freilich wunderte sie sich manchmal, in so langer Zeit gar keine Nachrichten erhalten zu haben; jetzt erst fühlte sie aber die große Verantwortlichkeit, die sie auf sich geladen, da sie aus diesem Briefe ersah, daß Vater und Tochter niemals zusammengekommen waren! — Wohin war denn nun das arme Kind gerathen? — war es verunglückt? — war es noch am Leben? — In ihrer Verzweiflung theilte Marianne ihrer Herrschaft Alles mit und bat mit heißen Thränen um längeren Urlaub, damit sie selbst in Plymouth alle möglichen Erkundigungen einziehen könne über alle in der Zeit abgegangenen und eingelaufenen Fahrzeuge; über alles was irgendwie Licht auf das Schicksal Harry Eldred's und seiner Nichte werfen könne. — Ohne Zögern ward ihr diese Bitte von ihrer theilnehmenden Herrin gewährt; Marianne Hills begab sich sogleich auf den Weg nach der Hafenstadt. Dort erfuhr sie im Marine-Bureau, daß man von dem Schiffe Nelson, auf welchem Harry Eldred erster Steuermann gewesen, neun Monate lang gar keine Nachrichten erhalten habe; — daß aber alsdann Kunde eingelaufen sei, der Nelson wäre an einer felsigen Insel im indischen Meere gestrandet; — von der Mannschaft und den Passagieren wisse man nichts Gewisses. 24 Welch' ein neuer furchtbarer Schreck für die arme Marianne! — Als sie nun genauere Kunde über die Abfahrt dieses Fahrzeugs einzog, . erfuhr sie indessen, daß dasselbe am 3. Mai 1812 den Hafen verlassen hatte; — sie erinnerte sich aber genau, daß ihre Jenny am 5. Mai in Plymouth angekommen sein müsse. Wenn also das Schiff zwei Tage früher abgesegelt war, — so war ja das Kind gar nicht mitgekommen! — wo aber war es alsdann geblieben? — Marianne rang die Hände vor Verzweiflung! Die Umstehenden hatten Mitleid mit ihr und ließen sich die Sache genauer erzählen. Da erinnerten sich einige Personen, von einem fremden, kleinen Mädchen gehört zu haben, welches um jene Zeit von einem menschenfreundlichen Herrn angenommen worden sei. — Man rieth dem jungen Mädchen zum Oberbürgermeister zu fähren, wo sie ohne Zweifel nähere Kunde über diese Begebenheit erhalten würde. Marianne nahm eine Miethkutsche und ließ sich dorthin fahren. Herr Willis ward ihr bei dem Bürgermeister als derjenige genannt, welcher der kleinen verlassenen Reisenden treuer Vater geworden. — Das Herz Mariannens erhob sich im heißesten Dank zu Gott für seinen erbarmenden Beistand! — Sogleich fuhr sie weiter zu der ihr bezeichneten Wohnung. Sie verlangte Herrn Willis zu sprechen. Er war nicht zu Hause. Fräulein Lida empfing sie in der Kinderstube, umringt von der kleinen Schaar. Als Marianne unter ihnen Jenny Randon erblickte, größer und blühender als zuvor, — da kniete sie an der Schwelle der Thüre nieder und streckte ihre Arme aus, indem sie dieselbe beim Namen rief. In einem Nu war Jenny aufgesprungen, stürzte zu ihr hin und umschlang ihren Hals mit ihren Aermchen. „Marianne, meine Marianne! — warum bist Du so lange fortgeblieben?" rief sie und küßte sie immer wieder. — Die übrigen Kinder schlichen heran und betrachteten mit Verwunderung diesen Auftritt. Fräulein Lida Willis forderte nun Marianne auf, sich zu ihr zu setzen; und diese erzählte ihr darauf, daß die Rückkunft des Obersten Randon in den nächsten Tagen zu erwarten stände. Also sollte Jenny's Traum, ihre kindliche Ahnung zur Wahrheit werden! — Von nun an war der tägliche Spaziergang der Kinder nach dem Hafen gerichtet; Vater Willis begleitete sie jedesmal, sowie auch Marianne Hills, welcher ' Fräulein Lida ein Stübchen in ihrem Hause eingeräumt hatte. Mari- ' anne hatte mehrere Kleinodien mitgebracht, die der Mutter des Kindes 25 gehört hatten; unter anderem ihre goldene Uhr und ein Medaillon mit dem Miniatur-Bild des Vaters. Dieses letztere ward Jenny an einem schmalen Sammetbändchen um den Hals gehängt; — die Kinder betrachteten es zusammen jeden Morgen, um „den neuen Papa" erkennen zu können. Endlich kam ein herrliches Kriegsschiff aus Ost-Indien im Hafen an! Es hieß der Ganges. — Mehrere Boote brachten die Passagiere und deren Gepäck vom Bord an den Quai. — „Da steht er! — auf der Schiffstreppe! — da springt er in's Boot! — der Offizier da! — Es ist Dein Papa, Jenny!" rief Walther lebhaft. Jenny stand ganz stumm an der Hand des Herrn Willis und wandte kein Auge von dem hohen, schönen Offizier, der aufrecht im Boote stand. „Ja! es ist Oberst Randon!" sagte Marianne, als er an's Land sprang, und ging ihm entgegen. Sie vermochte aber weiter nichts zu sagen als: „Herr Oberst — dort ist Ihr Kind!" indem sie auf die Kleine hinwies, die Willis eben in die Höhe hob. Oberst Nandon eilte auf sie zu, faßte sie in seine Arme und drückte sie weinend an sein Herz. „Du bist meine Jenny!" rief er: „Du gleichst Deiner Mutter! — Du kannst Deinen Vater nicht mehr kennen; — wirst Du ihn dennoch lieb haben?" — „Immer sehr lieb!" erwiderte sie leise, lehnte ihr Köpfchen an seine Schulter und zog das kleine Bild hervor,— das ihm noch auffallend glich. — Die anderen Kleinen drängten sich auch zutraulich heran; und der Offizier blickte in so viele theilnehmende Gesichter — daß er verwundert und fragend Marianne ansah. Da trat Herr Willis vor, reichte ihm herzlich die Hand, erklärte, er sei fast zwei Jahre der Pflegevater seines Töchterleins gewesen, und ersuchte ihn mit in seine Wohnung zu kommen, wo er über Alles näheren Aufschluß erhalten würde. Wie erstaunte aber Oberst Nandon über Alles was er hier vernahm! Wie dankbar ergriffen war seine Seele, daß Gott das Schicksal seines Kindes so glücklich gelenkt,— daß die verlassene Kleine zu so liebevollen, vortrefflichen Menschen gekommen sei! — Mit tiefer Rührung drückte er die Hände von Jenny's Wohlthäter und dessen Schwester an sein Herz. „Ich mag kaum daran denken mein liebes Mädchen von denen zu trennen, die ihr Vater und Mutter und Geschwister ersetzt haben!" sprach er bewegt. „Papa bleibt hier! — Jenny bleibt hier!" rief die Kleine zuver- 26 sichtlich. — „Wir haben also doch zwei Papas!" riefen Emily und Fanny; — und der fremde Offizier hob die hübschen kleinen Zwillinge zu sich empor und küßte sie innig. Walther und Freddy wollten auch von ihm beachtet werden und sagten: „Jenny ist unsere Schwester!" welche Aeußerung ihnen freundliche Liebkosungen zuzog. Fräulein Willis ließ es nicht an Speise und Trank fehlen; nachdem sich nun Alle hinreichend erquickt hatten, ließen die beiden Herren die Kleinen bei der Tante und Mariannen zurück; sie begaben sich in die Schreibstube des Herrn Willis, wo sie eine lange und'ernste Unterredung mit einander hatten, woraus wir unsern jungen Lesern das mittheilen wollen, was Interesse für sie haben kann. Oberst Randon war ein tapfrer Offizier, der sich in mancher heißen Schlacht ausgezeichnet hatte, zuletzt aber trug er eine schwere Verwundung davon. Man zweifelte lange an seinem Aufkommen. — Früher schon hatte er die erschütternde Nachricht von dem Tode seiner geliebten Gattin erhalten. Er genas, aber seine Gesundheit war sehr geschwächt; und er empfand große Sehnsucht nach seinem einzigen Kinde. Sobald als möglich forderte er seinen Abschied aus der englischindischen Armee, erkrankte aber noch einmal heftig, ehe er sich einschiffen konnte. So verzögerte sich seine ersehnte Abreise. Er hatte lange, lange nichts von der Heimath gehört; Briefe von dort mußten ihn verfehlt haben. Als er nun noch im Militairhospital zu Calcutta krank dar- niederlag,'trat einst ein junger Seemann an sein Lager — ein wetter- gebräunter Steuermann, — und er erkannte in diesem zu seiner nicht geringen Freude — seinen Schwager, Harry Eldred! Dieser hatte aber indessen so viel Abenteuer erlebt, daß es zu verwundern war, wie er am Leben geblieben und noch so gut davongekommen war. Er hatte nach der Strandung des Schiffes Nelson ein wahres Robinson-Crusoe-Leben geführt, nur nicht ganz allein, sondern mit fünf ebenfalls geretteten Gefährten. Darauf führte ein anderes Fahrzeug, welches glücklicher Weise in Sicht kam, sie erst nach Canton in China; endlich gelangte er mit einem dritten Schiffe nach Calcutta zu seinem Schwager. Randon's Vaterherz war entsetzt über den bloßen Gedanken, daß sein geliebtes Töchterlein, wie ihm Eldred erzählte, eigentlich diese Reise hatte mitmachen sollen, welche so viele Gefahren und große Entbehrungen gebracht, denen ein kleines zartes Mädchen gewiß hätte erliegen müssen. 27 Der Oberst faßte den Entschluß, jedenfalls einstweilen in England-zu bleiben, und Geschäfte verschiedener Art machten seine Anwesenheit in ! London mehrere Wochen lang nöthig. — Alsdann wollte er eine Wohnung in Plymouth miethen, möglichst in der Nähe der Familie Willis, um ! täglich sein Kind sehen zu können; — da er einsah, daß er doch nichts Besseres für sie thun könne, als das Anerbieten des Herrn Willis anzunehmen, seine auch ihm so liebe Jenny noch ferner bei sich zu behalten und sie mit den eigenen Kindern aufwachsen zu lassen unter Tante Lidas mütterlicher Aussicht. Marianne mußte auf einige Zeit zurück zu der Dame, wo sie Gesellschafterin war und zwei Kinder zu beaufsichtigen hatte; dann aber sollte sie sich frei machen und zu Jenny kommen. — So gab es wieder zwei Trennungen für Jenny! aber sie wußte, daß sie den lieben Papa recht bald wiedersehen würde, — und daß auch Onkel Harry's Ankunft auf einem andern großen Schiffe, wo er indessen Capitain geworden, nächstens zu erwarten stand. Hierauf freuten sich Walther und Freddy nicht weniger wie sie. — .„Was wird uns unser Onkel Harry nicht alles zu erzählen haben! Onkel Randon sagt, er wär' ein Robinson-Crusoe gewesen!" riefen sie. Und so blieb die einst so scheinbar verlassene kleine Jenny Randon bei Papa Willis und Tante Lida und ihren zwei Brüdern und zwei Schwesterlein. — Ihr eigener Papa kam täglich Abends, oft auch schon zum Mittagsessen hin; — Jenny wußte nicht, welchen von ihren beiden Vätern sie am liebsten hatte. Ihr kleines Herz empfing und gab viel Liebe! Sie war ein fröhliches, gutes, gar glückliches Kind. 8ieke Dirli um unck mäkle. Von Thelüa bon Oumßert. Reisebericht V. Es ist eine Pause entstanden zwischen den Abtheilungen meiner Reiseberichte; ich fürchte daher, Du erinnerst Dich nicht mehr genau aus den Zweck meiner diesjährigen Reise und so will ich ihn flüchtig nochmals berühren. 28 Ich reise im Auftrage meiner alten mütterlichen Freundin, Frau v. Stein, und zwar in Deutschland. Die liebe menschenfreundliche Greisin, deren ganzes Leben dem Wohlthun gewidmet war, hat den Wunsch ihr Vermögen im Dienst der Nächstenliebe zu verwenden; sie hätte am liebsten selbst verschiedene Institute besucht, um sich für Stiftung des einen oder anderen, im gleichen Sinn, zu entscheiden. Frau von Stein ist zu alt und zu schwach um Kreuz- und Querwege zu machen, hier und da nachzuforschen, sie schrieb mir: „Reise für mich, siehe Dich um und wähle!" Die liebenswürdige alte Dame interessirt sich in ihrem Patriotismus auch für deutsche Geschichte ungemein, für das ganze einige Deutschland und wünschte, ich solle in meine Reiseberichte mit einflechten, was irgend dahin einschlagend mir entgegen trete und bedeutend scheine, auch Lebensbilder von interessanten Persönlichkeiten und Erzählungen, die mir zu Ohren kämen. Es war eine große Aufgabe, ich ging zur Erfüllung nicht ohne Scheu; aber mit wahrem Behagen. Ich habe mich nun schon viel umgesehen; aber gewählt habe ich nicht. Ich denke, die Wahl muß der lieben Auftraggebern. überlasten bleiben, ich sehe mich nur um und berichte. Frau von Stein möchte mit ihren Mitteln das möglichst Beste leisten, in der Zeit des Zwiespaltes, in der wir leben, durchgreifend helfen; sie schrieb mir ihre Ansicht über die gegenwärtigen Zustände in kurzen Worten und wies zugleich auf den Weg zur Abhilfe hin, sie schrieb: „Wir haben viel Licht, aber auch viel Schatten. Der Schatten entsteht, wenn das Licht einseitig kommt. Soll das Licht keinen Schatten werfen, dann muß es von Oben kommen." Dieser Ausspruch hat mich sehr ergriffen. Bei den Fortschritten unserer Zeit ist es oft recht schwer Einseitigkeit zu vermeiden, wo Uebertreibung ist, entsteht Schroffheit und Einseitigkeit, ein richtiger Weg muß in der Mitte liegen und der wird mit der Zeit wohl klar werden durch das Licht von Oben. Ich habe die Aufgabe bei meiner Reise den Ausspruch meiner alten Freundin im Auge zu behalten. Als ich meinen letzten Bericht schloß, war ich im Begriff in den Schwarzwald zu wandern und zwar in Gesellschaft eines jungen Ehepaares, nämlich des alten Herrn Schöne und seiner jungen Frau; aber der Mensch denkt, Gott lenkt: zur Vergnügungsreise braucht man gutes Wetter, der liebe Gott lenkte Wolken an den Himmel und da wurde unser Denken anders geleitet. Herr Schöne kam mit komischer Feierlichkeit und 29 hielt mir eine Abschiedsrede, die Rede lautete etwa so: „Meine Gnädige, ich rechne auf Ihre Gnade, nehmen Sie nicht ungnädig auf was ich sagen werde, sondern lassen Sie Gnade für Recht ergehen, ich unterwerfe mich auf Gnade und Ungnade. Ich verdiene Ungnade, ich fühle es, denn ich komme um einen Strich durch die Rechnung zu machen, um Ihnen den Stuhl vor die Thür zu fetzen, um mein gegebenes Wort zurückzunehmen. Ich bin ein Freund des Propheten Barometer und habe ihn um seine Meinung über die nächste Zukunft befragt, er prophezeihet Regen! Meine Gnädige, ich kenne das Vergnügen im Schwarzwald einzuregnen, solch Vergnügen verpirlt jedes Vergnügen, ein nasses Vergnügen ist ein zweideutiges Vergnügen; der Schwarzwald wird schnell ein Naßwald, ein nasses Vergnügen ist aber ein schlechtes Vergnügen, ich ziehe ein trockenes Vergnügen vor. Wollen Sie Ihr Vergnügen im Naßwald suchen, so patschen Sie dahin; aber holen Sie sich keinen Schnupfen, wir patschen nicht mit, wir suchen trockenes Vergnügen." Mit Bedauern trennte ich mich von dem Paare, das mich interessirte, die junge Frau hatte mir noch manche Mittheilung versprochen, die sollte mir nun verloren gehen? Aber nein, das nicht; was sie mir nicht mündlich erzählen konnte wegen Zeitmangels, das wollte sie mir schreiben, sie sagte, es werde sich in Stuttgart viel Zeit finden und sie habe ihre Tagebücher bei sich, in denen ausführlich verzeichnet stehe, was mich sehr interessiren würde in Hinsicht auf meinen Reisezweck; in Nagold wünschte ich mich aufzuhalten, und ich wollte dort in einem mir von Herrn Schöne empfohlenen Hotel einkehren, dahin wollte Frau Schöne ihre Mittheilungen adressiren. Ich reiste weiter auf den Schwarzwald zu; aber mit wenig Hoffnung, daß ich seine verschiedenen Badeorte, seine unmuthigen Thäler und waldigen Höhen würde mit Behagen aufsuchen können; es wird mir dies Vergnügen wohl „verpirlt" werden, wiederholte ich mir oft mit Herrn Schöne's Ausdruck halb lächelnd, halb bedauernd. Nagold. Jetzt bin ich im Städtchen Nagold. Ich hatte ziemlich klaren Himmel zur Reise hierher und das war sehr erfreulich, denn die Gegend, welche die Bahn durchschneidet, ist anmuthig; sehr interessant ist die Bahn selbst, welche bei ihrem Entstehen hier viel Schwierigkeiten zn überwinden hatte. Alle Welt will jetzt die neue Bahn bewundern, nämlich die würtemberger Welt, 30 und es ist ein förmliches Wallfahrten hierher, Extrazüge müssen von > Stuttgart eingerichtet werden, um alle Schaulustigen zu transportiren. In der Stadt Calw blieb ich einen halben Tag, um von dort aus die Ruine Hirsau (Hirschau) zu besuchen, weltberühmt durch Uhland's Gedicht „die Ulme von Hirsau." Der Himmel drohete mit Regen; aber mit Regenmantel, Schirm und Ueberschuhen bewaffnet, erklärte ich dem Wetter den ^ Krieg: ich wanderte durch ein reizendes Stück des Nagoldthales. Die weitläufigen Mauerreste des Klosters waren durch Fremde aus den benachbarten Badeorten belebt, ich traf mit einer Gesellschaft zusammen in dem Raume, der die berühmte Ulme beherbergt. Es sind die vier Wände eines Zimmers, unzerstört durch mehrere Stockwerke bis an das Dach, das Dach aber fehlt und alle Decken und Fußböden der verschiedenen Stockwerke. In der Mitte dieses Raumes wurzelt im Erdboden der selten schöne Baum, sein Hauptstamm steigt als schlanke Säule hoch empor und bildet mit seiner üppigen, reichbelaubten Krone das Dach zu den vier kahlen hohen Wänden. Mehrere andere Stämme, derselben Wurzel entsprossen, haben andere Wege eingeschlagen; so hat nach der Seite hingebogen einer derselben sich durch ein unteres Fenster gedrängt, außerhalb des Gemäuers entfaltet er seine Krone. Als wir um den Baum herum standen, trat ein Herr aus der Gesellschaft an den Hauptstamm heran und deklamirte: Die Ulme von Hirsau von Uhland. „Zu Hirsau in den Trümmern Da wiegt ein Ulmenbaum Frisch grünend seine Krone Hoch über'm Giebelsaum. Er wurzelt tief im Grunde Vom alten Klosterbau, Er wölbt sich statt des Daches Hinaus in Himmelsblau. So weit deklamirte der Herr, die zweite Hälfte des Gedichtes ließ er aus, er wollte nur zeigen wie Uhland mit Worten so schön die Ulme gemalt hatte, die unsere Augen eben betrachteten. Auf der Reise kommt man bei Begegnungen leicht in Gespräch, so auch ich mit der fremden Badegesellschaft, und ich sagte, als wir die groß- Weil des Gemäuers Enge / Ihn: Luft und Sonne nahm. So tricb's ihn hoch und höher Bis er zum Lichte kam. Es ragen die vier Wände, Als ob sie nur bestimmt Den kühnen Wuchs zu schirmen, Der zu deu Wolken klimmt " 31 artigen Mauerreste, den schönen Kreuzgang des Klosters, den hohen Thurm rc. betrachteten: „Wenn diese Mauern von ihrer Vergangenheit reden könnten, was würden sie zu berichten haben! Ich möchte Ruinen immer fragen: Wer hat euch einst gegründet? wer hat in euren Mauern einst gewohnt? wer hat euch zerstört?" Der Herr, welcher Uhland's Gedicht deklamirt hatte, erwiderte, auf meine erste Frage eingehend: Gründerin des Klosters war die Wittwe eines Grafen zu Calw, im Jahre 645. Der Herr trat einen Schritt vor Stiftung des Klosters Hirs Helizena eine Wittwe war. Reich, fromm vor andern Frauen, Sie strebte brünstig ganz und gar Sich Jesum anzutrauen. D'rum warf sie oft sich auf die Knie, Er möcht' ihr offenbaren. Wie ihre Erdengütcr sie Ihm treulich könnt' bewahren. Da lag sie in der Nacht einmal Gewiegt in fromme Träume Und sah ein seltsam fremdes Thal, Darin drei Fichtenbäume. Die Bäume waren wundersam Aus einem Stamm entsprossen, Aus ihrer duft'gen Wurzel kam Ein klarer Born geflossen. Und ob der fremden Wunderau Sah sie am Himmel wallen Den schönsten Dom, auf Wolken blau, Hört eine Stimme schallen: Dies Gotteshaus, Du fromme Braut, Sei, wo die Bäume stehen, In festen Grund von Dir gebaut, Nimm's aus geweihten Höhen! und deklamirte sofort wieder: au von Justinus Kerner. Sieh', da erwacht die fromme Frau Aus ihren süßen Träumen. Noch steht vor ihr die fremde Au, Der Born mit den drei Bäumen. Sie ist in hoher Freudigkeit Bereit zu Gottes Ruhme, Zieht an ein prächtig Feierkleid, - Schmückt sich mit duft'ger Blume. In tiefer Demuth geht sie aus Mit ihrer Magd, der treuen. Als ging sie in das Gotteshaus Oder zur Lust der Maien. Und weiter wandte sich ihr Fuß, Die Wolken zogen schnelle. Die Bügel sangen Morgengruß, Der Frauen ward es helle. Ein Driften füllte rings die Au Als sie darüber gangen, Zu gehen mit der hohen Frau Fühlt' jede Blum' Verlangen. Sie kam nun in ein fremdes Thal, Stieg auf des Berges Rücken, Und alles thät im Sonnenstrahl Ihr klar entgegen rücken. 32 Da steh'n drei Bäume auf der Au, Aus einem Stamm gesprossen, Da ist ein Born von Himmelsthau Auf Blumen hell geflossen. Sie leget ab ihr Feierkleid, Blumen und Edelsteine; Den heiligen drei Bäumen weiht Ihr zeitlich Gut die Reine. Die Fraue kann nicht länger steh'n, Zum Stamme muß sie eilen. Ein heil'ger Hauch thät' sie umweh'n, Da möcht' sie ewig weilen. In stiller Demuth ging sie aus, So stille kehrt sie wieder, Und setzet hier das Gotteshaus Aus Himmelshöhen nieder. „Bravo! bravo!" riefen die Umstehenden dem Herrn zu, als er aufhörte zu sprechen, und doppelt anerkennenswerth war auch, daß er so gütig der heiligen Helizena That verkündete, denn er hatte sehr schön de- klamirt. Ich denke dieser Herr war ein Schauspieler, sein Talent diente ihm gewiß bei vielen Darstellungen. Aber wir hatten in der Gesellschaft auch einen Alterthumsforscher, der für seine Zwecke Ruinen aufsuchte und alte Urkunden studirte, er sagte: „Kloster Hirsau war eine Anstalt für Unterricht in geistlichen und weltlichen Wissenschaften, viele seiner Klosterlehrer wurden berühmt durch ihre Schriften. Hirsau stand in hohem Ansehen, so lange die Mönche ihrem Berufe treu, still lebten und arbeiteten; aber sie überließen sich später einer üppigen Schwelgerei und ein Graf von Calw vertrieb deshalb die entarteten Klosterherren. Ein halbes Jahrhundert stand Hirsau unbewohnt, ging seinem Verfall entgegen, doch wurde es noch wieder in Stand gesetzt und neue Mönche zogen ein und lebten wieder der Gelehrsamkeit. / Zur Zeit der Reformation, da Herzog Ulrich von Würtemberg sich derselben zugeneigt hatte und viele Klosterherren seinem Beispiele folgten, wurden auch die Mönche von Hirsau evangelisch und ihre Schule eine evangelische Gelehrtenschule. Nachdem der dreißigjährige Krieg Deutschland verwüstet hatte und endlich Friede geschlossen war, kamen von Frankreich Ludwig des XIV. Truppen und zogen über das geschwächte deutsche Land vernichtend hin, Calw und Hirsau legten sie in Asche und Trümmer, seitdem ist Hirsau Ruine. Es war ungefähr um die Zeit als auch unser deutsches 'Reichsland, Elsaß und Lothringen, von Ludwig XIV. uns geraubt wurde." Während wir die Ruine durchwanderten, hatte sich der Himmel verfinstert, nicht Franzosen zogen jetzt heran, verwüstenden Krieg drohend, aber Wolken. Eiligst machten sich die Gäste aus den benachbarten Badeorten 33 aus dem Staube, vielmehr aus dem Regen, die Glücklichen konnten ihre Wagen besteigen, ich konnte den Krieg gegen die-Wolken nur mit meinen geringen Waffen: Schirm, Regenmantel, Ueberschuhen führen. Der Gewittersturm sauste, dann krachten die Donnerschläge, Blitze huschten leuchtend daher. Ich versuchte einen Wagen aufzutreiben, vergebene Mühe. „Warten Sie noch ein Weilchen," sagte ein Mann lächelnd, als er meine wachsende Verlegenheit sah, „dann besorgt man Ihnen einen Kahn und Sie rudern sich nach Calw." Er hatte gut scherzen; ich seufzte dagegen, trotz der guten Miene, die ich zum bösen Spiel machen wollte. Ich wartete freilich noch ein Weilchen, wie der Mann rieth; bis zum Rudern kam es nicht, aber ich patschte auf der Landstraße nach Calw zurück und ging wie in einer Glasglocke mit schwarzem Dach: das Dach war der Schirm, das Wasser, welches von ihm herabströmte, bildete förmlich eine Glaswand um mich herum. O, Herr Schöne, wie recht hatten Sie, als sie prophezeiheten der Schwarzwald werde ein Naßwald werden! Am nächsten Morgen besuchte ich das Georginäum, ein elegantes Gebäude von Gartenanlagen umgeben, auf einer Anhöhe in der Mitte der Stadt. Es gehört zu den Stiftungen, welche nachahmenswerth sind und für die liebe Frau von Stein, also für meinen Reisezweck besonderes Interesse haben. Das Georginäum ist kürzlich erst 1870 gestiftet von einem Calwer Ehepaar, dem niederländischen General-Consul für Würtemberg, von Georgi und dessen Gemahlin, welche es der Stadt Calw, ihrer Vaterstadt, schenkten. Das Haus ist neu erbaut und sehr hübsch, enthält einen Hörsaal, eine Modellir- und Zeichenschule und eine bedeutende Bibliothek zur unentgeltlichen Benutzung. Viele Städte würden glücklich sein, wenn sie zu ihren Fortbildungszwecken eine so gute Gelegenheit, so schöne Räume hätten. Ehe ich meine Reise fortsetzte, war ich Herkules am Scheidewege. Sollte ich die verschiedenen Schwarzwaldbäder besuchen, was mein Wunsch war, oder sollte ich mich aufmachen und in einer graden Linie aus dem Schwarzwald hinaus fahren? Bis ich zum Entschluß kam, vertiefte ich mich mit den Augen in Gedrucktes und davon sollst Du auch zu lesen erhalten. „Der Schwarzwald erstreckt sich zwischen Basel und Durlach 45 Stunden von Süden nach Norden, seine mittlere Breite beträgt 8 Stunden. Gegen Westen fällt der Schwarzwald in das breite gesegnete Nheinthal ab, wo die badischen Städte Freiburg, Offenburg, Rastadt, Durlach zu seinen Füßen liegen. Von hier aus betrachtet, steht er wie T.-A. XX. Z 34 eine gewaltig sich aufthürmende Mauer da, während er sich gegen Osten, dem Innern Würtembergs zu, ganz allmälig verflacht. Der höchste Berg im südlichen Schwarzwald ist der Feldberg, 4600 Fuß hoch, der höchste Punkt des nördlichen ist die Hornisgrinde oder Katzenkopf, 3540 Fuß hoch, zugleich der höchste Punkt Würtembergs. Nur ein Theil des Schwarzwaldes gehört zu Würtemberg, der größere Theil zu Baden. An Mineralquellen und warmen Quellen ist der würtembergische Schwarzwald sehr reich, die berühmtesten sind zu Tainach und Liebenzell in der Nähe von Calw und namentlich Wildbad. Sehr beliebte Curorte sind auch die sogenannten Kniebisbäder, am Fuße des Kniebis: Petersthal, Griesbach, Nippoldsau. Der Schwarzwald hat viele großartige Bilder auszuweisen: wilde, tiefe Felsenschluchten mit jäh abstürzenden Gehängen, theils mit dunklem Nadelholz bewachsen, theils mit kühnen Felsmassen besetzt. Die üppigen sammtnen Wiesengründe des Thales durcheilt das Flüßchen mit seinem hellen Wasser; es kann Zeiten geben, wenn starke Regen fallen, wo es hoch anschwillt und sich zornig brausend, alles um sich her verwüstend, durch das Thal ergießt. Unzählige Schluchten münden in die Hauptthäler und führen den Wasserreichthum des Gebirges diesen zu, so entstehen zuweilen größere Wasserfälle. Südlich von der Hornisgrinde liegen die oft genannten Mummelseen und ferner der geheimnißvolle stille See, in dem kein lebendiges Wesen, kein Fisch zu finden ist; eine beängstigende Ruhe liegt auf seinem unbewegten kristallhellen Wasser. Vom Mummelsee erzählt man manche Sage. Hier haust ein zwerghaftes Gnomengeschlecht. Einst tauchte ein wundersames Seefräulein aus-dem Bergsee empor, bezauberte einen Hirtenknaben und schenkte ihm ihre Liebe unter der Bedingung, daß er nie versuchen möge nach ihrer Heimath zu spähen. Der Hirtenknabe brach seinen Eid und schlich an den See. Da drang dumpfes Aechzen aus der Tiefe des Wassers herauf und seine Oberfläche, mit den breiten Blättern der Nymphäa bedeckt, färbte sich blutroth. So ward der gebrochene Eid und die Neugierde bestraft. Ein Greis mit Schneebart und Karfunkelaugen beherrscht das Nym- phengeschlecht des Mummelsees. Nachts und am frühen Morgen mischen sie sich hilfreich und theilnehmend unter die Thalbewohner. — Der Schwarzwald ist reich an Sagen und die würtembergischen Dichter haben ihre Phantasie an ihnen erprobt. Die Luft des Schwarzwaldes ist rein und durch den stärkenden Dust, welchen die vielen Tannenwälder aushauchen, sehr gesund und belebend, sie 35 ist aber scharf und kühl, nur härtere Pflanzen kommen hier fort. Eigenthümlich ist die Lebensweise in den rauhen Waldgegenden, der Bauer wohnt hier in dem einsamen Gehöft, der Holzhacker, der Köhler, der Harzreißer, der Kienrußbrenner in den Wäldern von der Außenwelt abgeschieden. — Neben dem Ackerbau und der Fabrikthätigkeit gewährt der Holzreichthum dem Schwarzwälder viele Beschäftigung, außer dem Holzflößen, Kohlenbrenner:, Theerschweelen, Pottaschsieden u. a. m. dieser gröberen Arbeit, sind die Leute auch beschäftigt mit Schnitzereien, als Teller, Löffel, Schaufeln u. s. w., weltbekannt sind die Schwarzwälder Uhren. Die Uhrmacherei ist in ihrer Art eine dem Lande eigene Industrie, man macht sie von den einfachsten bis zu den kostbarsten." Kukuk! Kukuk! da ruft mir eben eine Schwarzwälder Uhr zu, daß es Zeit ist zur Ruhe zu gehen. Es regnet, regnet, regnet! Soll ich meine Reise fortsetzen, oder soll ich hier besseres Wetter abwarten? Morgen früh die Entscheidung. Gute Nacht! Am nächsten Morgen. Kukuk! Kukuk! Er hat mich geweckt und ich blicke aus dem Fenster. Es regnet, regnet, regnet! Ich will noch warten, vielleicht klärt sich der Himmel auf; aber lange Zeit habe ich nicht, mein eigentlicher Reisezweck ist es nicht die Bekanntschaft des Schwarzwaldes zu machen, also wenn er nicht ein trockenes Gewand anlegt, muß ich fort. Es pocht! Herein! Ah. Ein überall gern gesehener Gast, ein Briefträger. Frau Schöne schickt die versprochene Mittheilung, da hast Du sie: Ein Kind aus dem Volke. Zu dem Volke gehören wir zwar alle, die Reichen und die Armen, die Hochgeborenen und die Niedriggeborenen; aber gewöhnlich meint man, wenn man vom Volke spricht, die niederen Stände. Das Kind aus dem Volke, von dem hier die Rede sein soll, gehörte auch zu den niederen Ständen, geboren in der Hütte eines Kohlenbrenners, in sehr armer Familie, hat es in den ersten Jahren seines Lebens nur Mangel kennen gelernt; aber ohne ihn zu empfinden, denn ein kleines Kind ist sich der Bedürfnisse, die es hat, nicht bewußt, kann auch keinen Vergleich machen, hat kein Urtheil. Der Kohlenbrenner und seine Frau arbeiteten den ganzen Tag, das Kind war auf sich selbst angewiesen. So lange klein Elschen in der Wiege lag, ging das schon; denn schrie sie auch manchmal erbärmlich. 36 so wurde sie auch wieder ruhig und lernte die Kunst sich selbst die Zeit zu vertreiben, sie spielte mit ihren kleinen Fingern, beobachtete Fliegen und Spinnen in ihrem Geschäftsleben und übte sich in Geduld: sie lernte warten wenn sie hungrig war, lernte warten bis sie ein menschliches Wesen zu sehen bekam, wenn ihr bange werden wollte. Elschen erzählte später von den Dingen, die ihr in frühester Kindheit Beschäftigung und Zeitvertreib gewährten. Nahe dem Walde, in welchem der Kohlenbrenner lebte, war ein Marktflecken, er war reich gesegnet mit Kindern und im Sommer nannte ihn einst der Schullehrer einen Ameisenhaufen, weil um die warme Zeit die ganze Kinderschaar in Haufen zusammenlief und umher wirbelte wie die Ameisen. Der Vergleich war freilich nicht ganz richtig: die kleinen wunderbaren Thierchen wirbeln zwar vor den Blicken der Menschen scheinbar wild umher, aber sie sind in Wahrheit nicht wild und unstätt, sie arbeiten nach strengen Gesetzen, nie eines dem anderen in den Wegtretend, störend oder gar verletzend; bei den Kindern war es anders: sie arbeiteten nicht, sie wirbelten wild und unstätt umher, sie traten einander oft in den Weg, nicht blos störend, sondern mit unliebsamen Reden, mit Faustkämpfen, welche blutige Nasen und Köpfe und heillosen Lärm nach sich zogen und denen oft Stock und Ruthe der Väter und Mütter ein Ende machen mußten. „Das ist eine wilde Bande," sagten Pfarrer und Schullehrer und der Schullehrer seufzte tief, wenn wieder ein paar Kinder, die das schulpflichtige Alter erreicht hatten, ihm zugeführt wurden, und der Pfarrer seufzte nicht minder tief, wenn die Schulkinder so weit waren zum Confirmandenunterricht zugelassen zu werden; die ersten sechs Jahre im Ameisenhaufen des Marktfleckens verdarben die junge Gesellschaft in Grund und Boden. So war es lange Jahre im Marktflecken zugegangen, bis Johanna, des Schullehrers Schwester, die eine Freundin im Steinthal in den Vogesen besucht hatte, herüber kam und von Ober- lin's und seiner treuen Magd Liebesdiensten erzählte. Was Oberlin und seiner Magd gelungen war an der heranwachsenden Bevölkerung des Steinthales, das mußte ja auch in diesem Marktflecken gelingen, und Johanna, des Schullehrers Schwester, versammelte die allerkleinsten Kinder des Ameisenhaufens um sich und es entstand nach und nach eine Kleinkinderschule unter ihrer Leitung. Der Kohlenbrenner und seine Frau besuchten eines Tages im Marktflecken den Jahrmarkt, ihre kleine Elfe, damals schon drei Jahre alt, wanderte mit ihnen hinein. Die Jahrmarktsbuden, und die Leiermänner, 37 welche an Straßenecken spielten und was sonst Merkwürdiges zu sehen und zu hören war, machte Kohlenbrenners Elschen wohl ganz vergnügt; aber wie angenagelt stand sie vor einem Stacketzaun, hinter welchem eine Menge kleiner Kinder ungefähr ihres Alters lustige Liedchen sangen und spielten. Es war dies die Kleinkinderschule der Schwester Johanna. Die Eltern standen auch da voll Staunen neben der kleinen Elfe, denn solch eine Schule hatten sie im Leben nicht gesehen und ihr Staunen wuchs, als sie die lustigen Kinder genauer betrachteten, denn sie sahen, es waren Kinder armer Leute. Alle Kinder hatten einfache Röckchen, schlechte Kittelchen an und nur einige trugen Schuhe und Strümpfe. „Das wäre so was für unser Kind," sagte der Kohlenbrenner und seine Frau nickte und die kleine Elfe sah den Vater und die Mutter mit bittenden Augen an. In Else's jungem Herzen stieg zum ersten Mal eine Sehnsuchtsempfindung auf und als die Eltern sie fortführten, da füllte die Sehnsucht ihre Augen mit Thränen. Elfe hatte heute viel Neues kennen gelernt, zum ersten Mal in ihrem kurzen Leben hatte sie gesehen, daß es außer ihrer Eltern Hütte noch Häuser gab, sie hatte zum ersten Mal viele andere Menschen zusammen gesehen. Der Jahrmarktslärm, die vielen Sachen, die zum Verkauf ausgeboten wurden, alles hatte sie in Erstaunen gesetzt und im Vergnügen überwältigt; aber alles war sofort vergessen, als sie Kinder sah, Ihresgleichen, und diese nicht einzeln, sondern eine ganze Schaar und alle im Jubel, bei Gesang und Spiel. Was war das? Ihr kleines Gehirn wurde förmlich schwach vom Nachdenken. Im Walde waren Bäume, sogar viele Bäume; es waren Blumen aus der grünen Erde, sogar viele Blumen; es waren Vögel im Walde, viele Vögel, auch viele Eichhörnchen, viele Schmetterlinge, viele bunte Käfer, auch viele fleißige Spinnen, viele fleißige Ameisen, viele Bienen — aber Menschen? Nein, Menschen waren im Walde nicht viele, nur der Vater, die Mutter und Elfe. Ob es anderswo noch Menschen gäbe, darnach hatte Elfe niemals gefragt, niemals darüber nachgedacht. Und nun, in dem fremden Orte, wo keine Bäume, keine Blumen wuchsen, nur Häuser gewachsen waren, da gab es Menschen, wie Vater und Mutter und Elfe waren. Manche Menschen sahen schön aus wie große bunte Blumen, manche nur so wie die Eltern in einfache Farben gekleidet. Alles wunderbar! aber der Spielplatz hinter dem Stacketzaun, was war das? War er das Paradies, von dem einmal die Mutter gesprochen, als sie versucht, Elsens Hände zu falten. Aber was ist denn Paradies und warum sollte sie damals die Hände falten? Es war bis zum Gebet nicht gekommen, denn die Mutter hatte es nicht verstanden dem Kinde ein einfaches Gebet zu lehren. Vor dem Spielplatz hinter dem Stacket hatte Elfe die Hände gefaltet, sie wußte nicht warum, aber es war plötzlich ein sonderbar Gefühl in sie gekommen, sie kannte das noch nicht; aber still und heilig war es in ihr geworden. Still war ihr Gefühl wohl auch zu Hause im Walde und gar lieblich war dort ihr Staunen vor den lustigen Insekten, den singenden Vögeln, den duftenden Blumen; aber hier, wo kleine Menschen waren, die lustig sich bewegten und sangen wie die Wald- vögel, hier war ein geheimnißvolles Wehen von Lust und Liebe, eine heilige Empfindung in sie gekommen. Später, als Elfe dies Gefühl schildern konnte, als sie älter geworden war und mit Bewußtsein und Erkenntniß sich selbst beurtheilte, da nannte sie dies Gefühl, Anbetung des Schöpfers, der so viel Menschenkinder geschaffen. Elfe ging still und stumm neben ihren Eltern her auf dem Heimwege, und die Eltern wunderten sich, daß sie nicht sprach und sie erinnerten sie an die Marktbuden und an schöne Sachen und an hübsche Puppen in den Buden. „Ach ja, das war schön!" sagte dann Elfe nachdenklich, „ja, das war schön!" Aber ihre Augen verriethen, daß sie nur mechanisch redete; Else's Gedanken hingen an den Menschenkindern, die so lieblich gesungen hatten. Am folgenden Morgen gingen der Kohlenbrenner und seine Frau zu ihrer Arbeit und Elfe blieb in der Hütte. Die kleine Hüttenthür war offen, denn Niemand kam ja hier stehlen was in der Hütte war. Elfe ging aus und ein und spielte und ging umher zu den Blumen wie immer und beobachtete Böget und Eichkätzchen, Schmetterlinge und Käfer. Das war heute alles noch einmal so schön als sonst; aber schöner noch waren Else's Gedanken, denn sie riefen die Kinderschaar herbei in den Wald und sie zog mit den Kindern umher und zeigte ihnen alles: die Bäume und Bügel und Schmetterlinge und Käfer und dann sangen die Kinder im Walde noch schöner als die Bügel, denn sie sangen Worte, die Bügel sangen nur Töne. Die Kinder sangen von den Bäumen und Blumen und nannten sie bei Namen und Elfe sang mit ihnen. — Aber dann plötzlich sah sich ja Elfe allein, denn die Kinderschaar war nicht wirklich bei ihr, sondern nur ihre Phantasie hatte sie herbeigerufen, und nun kam wieder das wunderbare Gefühl und es stieg aus dem Herzen in ihre Augen als Thränen, und Else's kleine Füße setzten sich in Bewegung und trippelten fort, auf der Landstraße hin, weiter und weiter. 39 Als Vater und Mutter von der Arbeit kamen, war die Hütte leer, rings umher sangen die Vögel; aber Elfe lauschte nicht ihrem Gesänge, denn sie war hier nicht, dort nicht, sie war verschwunden. Eltern lieben ihre Kinder, auch wenn sie arme Leute sind. Else's Eltern suchten und riefen, es kam keine Antwort. Ein Wasser war nicht in der Nähe, sie fürchteten nicht, daß Elfe ertrunken sei; an einen Dieb, der ein Kind stehlen könnte, dachten sie nicht. Ah! da lagen Blumen, dort auch, dort auch, ja, Blumen und Blätter mit denen Elfe oft spielte, waren auf der Landstraße verstreut. Die Eltern folgten diesem Wegweiser und bald waren sie im Marktflecken. Zwischen den Buden stand Elschen nicht; aber dort — ja, dort hinter dem Stacket, dort spielte sie mit der Kinderschaar. Elfe war vorwärts getrippelt, weiter, weiter, von der wunderbaren Sehnsucht geleitet, war sie bis an den Spielplatz gedrungen und da, das Gesichtchen an die Stäbe des Gitters gelehnt, hatte sie gestanden und gelauscht wie am vergangenen Tage. Johanna hatte das fremde Kind, das da so allein, ohne Begleitung zuschauete, entdeckt und ihm die Pforte in das Kinderparadies geöffnet. Elschen trat ein, als verstünde sich's von selbst, als gehöre sie dahin, und sie reichte ihre Händchen hin den kleinen Gefährtinnen und der Schwester Johanna, und sie erzählte vom schönen Walde und von Vögeln und anderen Thieren und spielte und sang mit den kleinen Kindern, und die Zeit verging, und als die Eltern kamen und ihre Elfe erkannten und sie schalten, daß sie entflohen sei, da lächelte sie glückselig und begriff kaum der Eltern Freude des Wiederfindens, empfand nicht die Scheltworts, sie war nur beseligt in der Kinderwelt. „Wie konntest Du denn fortgehen ohne Erlaubniß?" fragte die Mutter. Elfe aber wußte hierauf nichts zu erwidern, denn es hatte ihr niemals Jemand verboten fortzugehen, ihre Eltern waren nie aus den Gedanken gekommen, daß ihr Kind die Hütte und den Wald verlassen könnte. „Wie hast Du denn den Weg gefunden?" fragte der Vater. Elfe sah den Vater erstaunt an, gesucht hatte sie den Weg nicht, sie antwortete: „Ich weiß nicht, mit einem Male war ich hier." „Sie sind wohl den ganzen Tag nicht zu Hause?" fragte Schwester Johanna, „Sie sind bei der Arbeit im Walde, Ihr Kind ist immer auf sich selbst angewiesen?" „Ja, ja," erwiderten der Kohlenbrenner und seine Frau, „Arbeitsleute können nicht zu Hause bleiben, wir haben unser Geschäft, es ist 40 genug, wenn wir unser Kind ernähren und kleiden; sobald es älter ist, muß es auch arbeiten lernen." „Wenn es sechs Jahre alt ist, schickt Ihr es in die Schule; aber bis dahin, was soll das arme Kind noch fast drei Jahre lang allein im Walde anfangen?" fragte Schwester Johanna. „Still sitzen, warten lernen, Geduld haben," lautete die Antwort. „Es ist recht schön, wenn man Geduld lernt," entgegnete Johanna; „aber besser ist noch, wenn eines Kindes Herz geleitet wird in den frühen Lebensjahren; unser Herr, der die Kinder so lieb hatte, sagte: «Lasset die Kindlein zu mir kommen» und Ihr habt doch gar nicht Zeit Euer kleines Mädchen zu ihm zu führen." „Ich habe der Elfe schon einmal ein Gebet lehren wollen; aber sie war noch zu dumm, sie verstand's nicht," sagte die Mutter. „Was für ein Gebet wollten Sie dem Kinde lehren?" fragte Schwester Johanna. „Nun, das ist doch klar," erwiderte die Mutter, „was ich selber in der Schule gelernt habe, das Vaterunser, aber wenn ich sagte geheiliget werde Dein Name und Dein Reich komme, machte sie ein dummes Gesicht, blos das sprach sie ordentlich nach „unser täglich Brod." „Gute Frau," sagte Johanna, „für so ein kleines Kind ist das Vaterunser zu schwer zu verstehen, dies Gebet ist ja so wundervoll; aber man muß älter sein um alle Bitten begreifen zu können. Mit der Zeit wird Ihr Kind alles verstehen; aber jetzt muß man ihm ein Gebetlein lehren, das für seine Begriffe paßt." „Ich habe es auch gelassen bis auf spätere Zeit, wenn sie in die Schule kommt, mag der Schullehrer ihr die Bitten erklären," sagte die Mutter. „Und bis dahin wolltet Ihr Elschen ohne den Gedanken an Gott und den Heiland lassen?" fragte Schwester Johanna; „es ist aber doch der Eltern heiligste Pflicht ihren Kindern den Gedanken an Gott und den Heiland in's Herz zu legen." „Das klingt ganz hübsch, was Sie da sagen," meinte die Mutter; „aber dazu gehört Zeit, wir müssen früh auf Arbeit, da schläft Elfe, dann komm' ich auf eine Stunde zurück, besorge schnell Mittagessen und Abends ist Elfe schläfrig. Wenn der Heiland sie haben will, wird er schon selber sorgen, daß sie zu ihm kommt." 41 „Wollt Ihr das Kind in meine Kleinkinderschule schicken?" fragte Schwester Johanna. „So weit? — Sie würde den Weg nicht finden!" hießen die Antworten der Eltern. Aber Else hatte den Weg ja gestern und heute nicht zu weit ge funden, sie war ja auch ganz allein heute aus dem Walde fortgewandert und hatte den Weg nicht verfehlt; man konnte sich nicht verirren, es führte eine einzige gerade Straße in den Marktflecken. Die Antworten der Eltern waren nicht stichhaltig. Eigentlich hatten sie auch nichts gegen den Vorschlag einzuwenden, er kam ihnen nur so überraschend; die Sache wurde abgemacht und Elschen war bald Schwester Johanna's Schülerin. Freilich war es nicht ohne Gefahr ein Kind, das erst in seinem vierten Lebensjahre stand, allein einen weiten Schulweg unternehmen zu lassen; aber Kinder armer Leute sind sich viel selbst überlassen und es ist kaum schwerer für ein kleines Kind den geraden Weg durch den Wald allein zu gehen, als allein ganze Tage in der Waldhütte zu verleben, es gehört jedoch Gehorsam dazu, um nicht vom geraden Wege abzugehen und im Walde herum zu irren. „Gott schickt einen Engel zum Schutz mit," sagte Schwester Johanna zur kleinen Else eines Tages; „aber Du mußt gehorsam nur das thun, was Dir befohlen ist, denn Gott liebt nur die gehorsamey Kinder." „Geht denn der Engel fort, wenn ich ungehorsam bin?" fragte Else. „Ja, das glaube ich wohl," erwiderte Schwester Johanna; „denn der Engel kann nur die Menschen lieben, die Gott liebt." Else hatte in ihrem Elternhause selten den Namen Gottes gehört, von Engeln war gar nicht die Rede gewesen; aber der Gedanke erfreute ihr kleines Herz, daß der unsichtbare Gott, zu dem sie reden dürfe, ihr einen wenn auch gleichfalls unsichtbaren Schutz zugesellt habe. Vom Christkinde wußte sie schon mehr von Hause her, denn das Christkind hatte einmal eine grüne Tanne aus dem Walde geholt als draußen Schnee lag, hatte Lichter darauf gesteckt und sie angezündet und der Tag hieß Weihnachtsabend, an welchem das geschehen war. . Dann hatte die Mutter die Lichter ausgeblasen und in dem Schrank verwahrt, die Tanne aber hatte sie verbrannt und dazu gesagt, allemal wenn Schnee liege komme dasselbe Christkind und bringe eine neue Tanne um die Lichter aufzustecken. Mehr wußte Else nicht vom Christkinde; aber das Wenige war schon recht gut; denn der kleine unsichtbare Freudenbringer war ja schon an Else's Herz 42 herangetreten und Schwester Johanna brauchte nun auf dem kleinen Grundstein im Herzen nur weiter zu bauen, daß ein Tempel Gottes daraus werden konnte. Und Schwester Johanna's Streben war es, in dem kleinen Kinderherzen den Tempelbau zu beginnen und möglichst weit hinauszuführen, wenigstens den Grundbau so fest zu stellen, daß nichts in der Welt im Stande sein solle ihn zu erschüttern. Freilich das wußte sie: das Leben kommt mit Stürmen, auch mit harten Stößen, die man Zweifel nennt, um solchen Tempelbau zu vernichten; aber sie sagte immer: „Mag der ganze Tempel einstürzen, wenn der Grund fest ist, baut er sich von selbst wieder auf." Zur Schwester Johanna kam einst eine fremde Dame zum Besuch. Sie war auch eine Kleinkinderlehrerin aus fernem Orte und machte eine Reise, in dem Marktflecken verweilte sie einige Stunden und als sie vom Gasthause aus den Spielplatz mit der Kinderschaar gesehen, war sie hinüber gegangen. Die beiden Lehrerinnen kamen bald in ein Gespräch, jede erzählte von ihrer Schule und von ihrer Art des Verkehres mit den Kleinen. Die fremde Dame sagte: „Kinder interessiren mich sehr, besonders in den ersten Lebensjahren, wenn ihre Geisteskräfte noch unentwickelt sind. Es ist meine Aufgabe ihren Verstand zu entfallen, Schritt vor Schritt sie zum Denken anzuleiten, der Verstand ist eine wundervolle Gabe der Natur, den eine gute Kleinkinderlehrerin wohl vorbilden soll, damit die Wissenschaften später leichten Eingang finden." Schwester Johanna entgegnete: „Gewiß ist der Verstand eine wundervolle Gottesgabe und schon in frühen Jahren sollen Kinder nachdenken und urtheilen lernen; aber ich gehe hauptsächlich darauf aus der Kinder Herz zu bilden, ihnen Bewußtsein von der Allgegenwart Gottes zu geben, sowie von der Liebe des Heilands und von der Nächstenliebe, mit einem Wort, ich suche Keime zur Gottesfurcht vor allen Dingen in die Kinder zu legen." „Mein liebes Fräulein," sagte die fremde Dame, „wir gehen in unserer Lehrweise wohl verschieden zu Werke, weil wir verschiedene Grundsätze haben. Ich meine, man müsse den Kindern nicht zu früh von Religion sprechen, was versteht ein so junges Wesen von Allgegenwart eines Gottes, den es nicht sieht, von der Liebe eines Heilandes, den es auch nicht sieht. Ich fange das anders an: Ich zeige den Kindern ein Pflänzchen, eine Blume, ich lehre sie die Natur bewundern und erst wenn sie fragen: Wer hat denn die Blume gemacht? dann erst rede ich vom Schöpfer." 43 „Ich weiß nicht," erwiderte Schwester Johanna, „ob Kinder sich nicht nnt dem Bewundern der Blume begnügen werden; wie dann, wenn sie nun gar nicht forschen nach der Hand, welche die Blume geschaffen hat? Soll in dem Fall gar nicht auf den Schöpfer hingewiesen werden? Ich warte nicht auf derartige Fragen, ich Zeige die Wunder der Schöpfung und nenne gleichzeitig den Schöpfer, ich erzähle, daß der Schöpfer auch der Erhalter des Geschaffenen ist und daß er deshalb überall hin zugleich auf die Welt schaut, und daraus ergiebt sich die Allgegenwart Gottes. Begreifen können auch erwachsene Menschen die Eigenschaften Gottes nicht, daß Allgegenwart möglich ist, das nehmen wir an, ohne Verständniß, das unbefangene Kind am leichtesten. Was nun die Liebe des Heilands betrifft, so tritt die dem Kinde wohl leicht nahe, wenn man ihm von seinem Leben unter den Menschen erzählt, von seinen Handlungen, Wohlthaten und Lehren." „Das sind Dinge, welche in den Schulunterricht gehören," warf die fremde Dame ein, „man kann kleinen Kindern nicht Neligionstunden geben." „Religionstunden kann man ihnen nicht geben," sagte Johanna; „aber man kann sie so zu sagen mit einer religiösen Atmosphäre umgeben und dabei Samenkörner in lockeren Boden streuen. Ein Mensch ohne religiösen Grund im Herzen ist ein Unglücklicher, zerfallen bei jedem schweren Mißgeschick, elend durch die eigene Sündhaftigkeit, ich denke, es muß bei Zeiten alles geschehen, um solch Unglück zu vermeiden." „Ich will auch nicht Menschen ohne Religion erziehen," erklärte die fremde Dame, „ich will aber erst Nachdenken lehren und dann Religion, wir sind da verschieden: Sie fallen mit der Thür in's Haus, ich gehe systematisch zu Werke." „Bei der Erziehung muß man, so zu sagen, mit vielen Lehren und Befehlen in's Haus fallen," sagte Schwester Johanna. „Wohl jede gute Mutter faltet ihres Kindes Händchen zum Gebet, bevor es ordentlich sprechen kann, ein Bewußtsein, was Gott für ein Wesen sei, hat das Kind nicht; aber es lernt mit diesem Wesen als mit einem Vater reden." „Ich rathe der Mutter," erwiderte die fremde Dame, „ihr Kind erst d"ann beten zu lassen, wenn es Gott kennt und selbst den Drang zum Beten fühlt." „O!" sagte erschreckt Schwester Johanna, „wer weiß ob bei solchem Verfahren ein Mensch jemals aus Herzensgrund beten lernen würde! Zum 44 rechten Gebet gehört ein kindliches Vertrauen, das kindliche Vertrauen gewinnt man leicht als Kind, hat man es als Kind gewonnen, so bleibt das Gebet kindlich bis zum höchsten Alter. Ein Mensch, der nicht kindlich beten kann, hat eine große Leere in seinem Herzen. Es sagte mir einmal ein älterer Herr: «Ich hatte eine brave Mutter, an die ich mit Hochachtung und Dank für ihre bewiesene Liebe und Nachsicht denke; aber sie hat eine große Schuld auf sich geladen mir gegenüber: sie hat versäumt mich als Kind beten zu lehren — und ich habe es nie gelernt, mein Herz ist ungelenkig geworden.»" Die fremde Dame schwieg, was sie dachte war nicht zu errathen, aber auf die mitgetheilte Thatsache war nichts zu entgegnen. Schwester Johanna sprach weiter: „Es giebt noch viele Befehle und Lehren, die man Kindern ertheilt bevor sie diese begreifen, z. B. man verlangt Gehorsam vom kleinsten Kinde. «Du sollst das thun!» sagt man, oder: «das darfst Du nicht thun!» Wäre es etwa gerathen erst dann Gehorsam zu fordern, wenn das Kind klug genug ist die Gründe zu verstehen, welche Eltern und Erzieher dazu veranlassen? Gewiß nicht, unbedingter Gehorsam muß frühzeitig gelehrt werden, wie das Gebet und das Bewußtsein, daß Gott jeden Augenblick des Kindes Handlungen sieht, ich bleibe dabei, Hauptsache ist des Kindes Herz und es kann sich am besten entwickeln in religiöser Atmosphäre." Ob dies Gespräch auf die durchreisende fremde Kleinkinderlehrerin irgend einen Einfluß geübt, hat Schwester Johanna nie erfahren; sie selbst ist aber um so fester auf ihren Grundsätzen stehen geblieben. Einen Nutzen hatte sie aber auch in anderer Hinsicht von dem Austausch der Gedanken, sie hütete sich die kleinen Kinder mit ihrem Unterricht zu weit zu treiben, sie zu überfüllen; wohl lehrte sie ihnen manchen Bibelspruch, jedoch nur solche, die ganz verständlich waren oder durch Erklären verständlich werden konnten; sie erzählte vom Heiland, aber nur Dinge, die ein Kind erfreuen können, sie stellte ihn nicht dar als den Erlöser, sondern nur als den liebenden Heiland, der für seine Liebe Gehorsam in der Gegenliebe fordert. In der Atmosphäre, welche Johanna um die Herzen ihrer kleinen Schüler verbreitete, lebte die kleine Elfe beglückende Jahre. Der Kohlenbrenner hatte einen Bruder, welcher etwas Vermögen besaß, er war Maurer in einem größeren Dorfe in der Nähe und zuweilen sahen sich die Verwandten. Der Maurer hatte eine kränkliche Frau und 45 zwei Kinder; die Frau aber lag fast immer zu Bett, die Kinder waren vom Morgen bis Abend auf den Straßen, denn in die Schule gingen sie noch nicht. Wenn Elfe mit ihren Eltern zum Besuch kam, was mehrmals im Jahre geschah, dann setzte sie den Maurer und seine Frau stets in Erstaunen. „Donnerwetter," sagte der Maurer, denn das war sein Lieblingswort, damit fing er fast jeden Satz zu reden an, „Donnerwetter, habt Ihr ein prächtiges Kind, das ist ja die Artigkeit selbst, unsere Kinder sind dagegen Rangen, Haue giebt's alle Tage; aber man bringt sie nicht zum Gehorsam." Die Kinder waren älter als Else, ein Knabe und ein Mädchen, Klaus und Grete, sie hatten allerdings von Gehorsam keinen Begriff, sie thaten der Eltern Willen nur, wenn er auch gerade mit dem ihren zusammentraf, gefiel ihnen ein Befehl nicht, so befolgten sie ihn nicht, das war übel: Die kranke Mutter konnte wohl befehlen, dazu hatte sie den Mund, doch strafen konnte sie nicht, denn ihre Hände waren gelähmt; der Vater aber erfuhr nicht jede Unart und bei dem war's gleich, Haue setzte es von ihm doch, ob viel oder wenig Ungehorsam vorlag. Klaus und Grete spielten gern mit der artigen Else, sie war so anstellig und that gefällig was verlangt wurde, weinte nicht leicht, verklagte nicht und wußte selbst Spiele zu lehren. Else war ein allgemeiner Liebling der Maurerfamilie. Im Dorfe war ein Schloß und der Schloßherr war alt, hatte viele Kinder, die aber fern von ihm verheirathet lebten, nur eine Enkeltochter kam alle Jahre auf einige Sommermonate zu ihm. Comtesse Gertrud sah eines Tages die kleine Else mit des Maurers Kindern und fand großes Wohlgefallen an ihr, sie nahm sie mit auf's Schloß und zeigte ihr ihre Spielsachen, denn Gertrud war damals auch noch Kind, zwölf Jahre alt und sie war mit ihrer Erzieherin bei ihrem Großpapa zum Besuch. Else gefiel ebenfalls dieser Erzieherin sehr gut, sie war auch wirklich ein außergewöhnlich unmuthiges Kind. Der liebe Gott hatte ihr viel schöne Naturanlagen gegeben, das ist freilich köstlich; aber viele Kinder haben dieselben Anlagen, bilden sie jedoch nicht aus und das nennt man „das Pfund vergraben." Kleine Kinder wissen noch nicht, daß sie die Aufgabe haben ihre Anlagen zu benutzen, zu verwerthen, ihnen muß es gelehrt werden; aber größere Kinder wissen, alle guten Gaben kommen von Gott und Gott gab dem Menschen freien Willen, damit er mit den empfangenen Geistesgaben auf guten Wegen vorwärts schreite. Else besaß unter anderen eine vorzügliche Gabe, sie hielt ihre Augen offen und sah 46 damit. „Ei," erwidert darauf Mancher, „Jeder der nicht ganz blind ist, sieht mit den Augen." — Ja, freilich; aber wie sehen viele Menschen? Nur überhin. Elfe sah tiefer, nämlich sie sah mit den Augen und Gedanken zugleich. Als sie noch ganz klein war und Stunden lang allein gelassen wurde, da beobachtete sie die Thiere, die sie bemerkte: die Fliegen, die Spinnen, die Ameisen, die Raupen, die Käfer. Als sie dann später zur Schwester Johanna kam, da freute sie sich sehr, wenn diese von Gottes Schöpfungswundern erzählte und dann auch auf die ihr schon so wohlbekannten Thierchen die Rede kam. Schwester Johanna wußte so hübsch zu erzählen von der Arbeitsamkeit der Thiere, von der Geschicklicheit, mit der sie ihre Arbeit verrichteten, und sie sagte immer: das ist alles so von Gott angeordnet. „Der Mensch ist aber klüger als die Thiere," fügte sie hinzu, „der kann nachdenken, der ist nicht blos fähig eine einzelne Arbeit zu machen, er kann verschiedene Dinge arbeiten und er kann auch Gott lieben, was ein Thier nicht kann. Dem Thiere ist keine Offenbarung Gottes zugegangen, das Thier weiß nicht, daß ein Heiland geboren wurde, um die Menschen zu lehren Gottes Kinder zu werden." Schwester Johanna brachte immer die Natur in Verbindung mit Gott, das gefiel der kleinen Elfe so besonders gut, weil sie ein rechtes Naturkind war und ja selbst schon recht aufmerksam die Natur beobachtet hatte. Die junge Comtesse Gertrud erfreute sich an der kleinen Elfe und sie führte sie auch ihrem Großpapa zu. Viele alte Leute haben große Hinneigung zu Kindern, das war auch der Fall bei dem alten Grafen im Schloß und er sah es recht gern, daß Else jedesmal zu seiner Enkelin - kam, wenn sie mit ihren Eltern bei der Maurerfamilie zum Besuch war. Wenn sie dann Abschied nahm, beklagte es die junge Comtesse und der alte Graf beklagte es auch, der alte Herr besonders, denn er wußte ja, seine Enkeltochter werde ihn auch bald verlassen und er fühlte, der Verkehr mit Kindern that ihm wohl. Ein Jahr verging, da kam Else ganz zu dem Maurer in's Haus. Ihr Vater starb an einer heftigen Entzündung und ihre Mutter, schon lange kränklich, zehrte sich aus. Da stand die kleine Else allein. In der Waldhütte konnte sie nicht bleiben, Schwester Johanna konnte sie auch nicht zu sich nehmen, des Vaters Bruder, der Maurer, war aber wohlhabend, der holte die kleine Else aus der Waldhütte ab und sie wurde sein Kind. Es ging nun ein neues Leben für die Kleine an. Sie war nicht fremd bei dem Oheim, man hatte sie ja auch sehr gern und der 47 Oheim sagte gleich bei ihrem Eintritt in seinen Familienkreis: „Ihr Kinder, Ihr sollt meines Bruders kleine Else rechtschaffen behandeln, Donnerwetter, ich will doch sehen wer mir das Wurm mißhandeln könnte!" Es dachte Niemand daran die kleine Else zu mißhandeln, sie war so still, war so herzig und freundlich und gefällig, kam auch manchmal eine Unart vor, so bat sie bald um Verzeihung. Anders war das Leben Else's aber doch im Dorfe, der Wald fehlte und auch die täglichen Wege durch den Wald zur Schwester Johanna. Sie war nun sechs Jahre alt und mußte in die Schule gehen. Der Dorf- schullehrer war ganz gut; aber so kindlich konnte er sich nicht mit den Schülern beschäftigen, wie die Schwester Johanna es that. Auf Else hatte Johanna's Art mit den Kindern zu verkehren großen Eindruck gemacht; Johanna war der Säemann gewesen und Else's kleines Herz der gute Boden, da waren denn viele Samenkörner lieblich aufgegangen und hatten tief Wurzel gefaßt. Das konnte man sich nun wohl denken, daß so eingewurzelte gute Zucht für's Leben Stich halten würde, hatte doch Johanna fast drei Jahre mit der kleinen Else verkehrt, und Vater und Mutter hatten wenigstens nichts dawider gethan, in ihrer Art sogar die guten Lehren Johanna's pflegen helfen und kein böses Beispiel gegeben, das sie hätte zerstören können. Bei dem Oheim war das anders; der war ein heftiger Mann, welcher sich oft zornig akstobte; seine Frau war krank, aber das Zanken verstand sie auch. Die Kinder rauften und prügelten sich, schimpften sich untereinander, schimpften über Eltern und Lehrer. Eigentlich waren die Kinder nicht böse, nur ungezogen, schrankenlos aufgewachsen. Else empfing schlechte Beispiele und schlechte Beispiele verderben gute Sitten. Sprichwörter beruhen auf Erfahrung; aber keine Regel ist ohne Ausnahme, hier war eine Ausnahme, denn der unartigen Bauerkinder böse Beispiele verdarben Else's gute Sitten nicht und das kam daher, weil Else's Gehorsam, ihr artiges Wesen nicht oberflächlich lag, daß es jeder Wind hätte wegwehen können. Johanna hatte ihr bei jeder Belehrung gesagt: Alles Gute kommt von Gott, auch die Gebote und Gott will, daß der Mensch, ja auch schon das kleinste Kind seinen Geboten gehorsam sei. Der liebe Heiland war auch gehorsam seinem Vater und hat allen Menschen, also auch den Kindern damit ein Beispiel gegeben. Else war artig, weil sie dachte, mit der Unart thue sie dem Heiland weh, denn er der göttliche Kinderfreund wünschte doch, daß sein Beispiel befolgt werde; Else mochte keinem Würmchen weh thun, wie viel 48 weniger dem Heiland, der sie so lieb halte und den sie lieben gelernt unter Schwester Johanna's Leitung. „Hast Du denn den Heiland schon gesehen?" fragte eines Tages des Maurers Klaus, weil Elfe zuweilen sagte: „Der Heiland hat das verboten," oder „so will's der Heiland!"—„Nein," antwortete Else, „Schwester Johanna hat ihn auch nicht gesehen; aber sie weiß was er will." Eines Tages waren des Maurers Kinder recht ungezogen und zankten mit ein-' ander und schlugen sich, daß einem jeden die Nase blutete, da flüchtete Else hinter einen Baum und weinte und dann sagte sie: „die Engel gehen auch von Euch fort, wenn Ihr Euch nicht lieb habt." Lachend sagte Klaus: „Dummes Zeug, was Du redest," aber Grete fragte: „Woher weißt Du, daß Engel bei uns sind?" Else antwortete: „Schwester Johanna hat es gesagt, die Engel sind Gottes Boten, sie wachen bei uns; aber das mögen sie nicht sehen, wenn die Menschen sich nicht lieb haben." Daß Else's Worte auf die wilden Kinder, die so ungehorsam waren, gleich tiefen Eindruck machten, das ist wohl nicht anzunehmen; aber sie hörten solche sinnige Rede oft und das stille Kind war ihnen lieb, da ging doch einmal ein Samenkorn in ihren Herzen auf, sie schämten sich in Else's Gegenwart ungezogen zu sein und endlich suchten sie auch an Gottes Gegenwart zu denken, nicht blos an die der kleinen Else. Else war sich ihrer Macht aber nicht bewußt, was sie sagte und that, kam so unwillkürlich, sie konnte nicht anders, denn Schwester Johanna's Lehren hatten sich ihr so fest eingeprägt. Sie hatte auch Macht über den Maurer. „Donnerwetter!" rief der Maurer eines Morgens, als sein Frühstück nicht gleich auf dem Tische stand, da er es verlangte. Else erschrak und küßte ängstlich des Oheims Hand. „Was soll's?" fragte der Oheim, „gefällt Dir mein «Donnerwetter» nicht?" Else sprach schüchtern: „Schwester Johanna hat gesagt das Donnerwetter macht der liebe Gott in den Wolken, daß es blitzt; aber Menschen sollen so nicht sagen." „Na," erwiderte der Maurer zwar lachend, aber doch nachdenklich, „wenn Schwester Johanna will und die kleine Else auch, dann muß ich mir das Wettern abgewöhnen." Die Kinder gingen alle in die Schule und der Lehrer war mit Else immer recht zufrieden, sie konnte schon manche Sprüche auswendig und was ihm merkwürdig war, sie sagte diese so ganz anders her als die 49 anderen Schulkinder, „Elfe ist die einzige, die mit Verständniß spricht," sagte er, „die anderen haben den gewöhnlichen Leierton, freilich mit dem Mädchen hat sich die Schwester in der Vorschule abgegeben, bei mir wäre das unmöglich, ich habe ja zu viel Kinder zu unterrichten; damit sich das kleine Volk den Leierton nicht angewöhnt, muß man Zeit haben." Der Graf auf dem Schlosse, welcher Kinder so lieb hatte, ließ Elfe zuweilen holen, wenn er z. B. einen recht schönen Apfel in seinem Garten fand, oder wenn er einen Bilderbogen hatte, denn das artige kleine Mädchen, welches seine Enkelin früher besuchte, gefiel ihm sehr. Nach und nach gewöhnte er sich an das Kind und Elfe kam jeden Tag nach der Schule, sie richtete sich eine Spielecke in des Grafen Stube ein und hatte dort eine Puppe und kleines Kochgeschirr und fühlte sich dort bald ganz zu Hause und sie fehlte dem alten Grafen, wenn sie nicht da war. So verging wohl ein halbes Jahr. Der Graf war schon ein Greis, aber noch recht rüstig; alljährlich kam seine Enkeltochter in der Ferienzeit zu ihm, außerdem kamen zu verschiedenen Zeiten Kinder und Kindeskinder zum Besuch. Uebrigens lebte er allein mit zwei alten Leuten, seinem Kammerdiener und seiner alten Köchin. Als sein Sterbestündlein kam, war von Verwandten gerade Niemand bei ihm. Er hatte nur ein kurzes Unwohlsein, er fühlte sich nur wenige Stunden leidend; aber es waren wohl schwere Stunden! Die Rede verlor sich, der Geist war hell, aber die Zunge konnte nicht mehr gut ihren Dienst verrichten. Man hatte nach einem Arzte geschickt, doch der blieb lange aus. Neben seinem Bette stand Anton, der alte Diener, stand Dore, die alte Köchin, sie reichten dem guten Brodherrn, den sie lieb hatten, manche Erquickung, er nahm ab und zu Etwas zu sich. Aber er verlangte eine andere Erquickung: „Beten!" stieß er einmal mühsam ein Wort hervor, „laut beten!" sagte er nach einer Weile wieder und blickte seine Leute starr an. Die beiden Leute waren verlegen. „Sollen wir nach dem Herrn Prediger schicken?" fragte Dore. „Beten! laut beten!" murmelte der Sterbende. Die Leute sahen einander wieder verlegen an, wußten fie keine Gebete auswendig? keinen Liedervers? das Vaterunser konnten sie doch gewiß; aber sie waren so ängstlich, sie hatten keinen Muth damit hervorzutreten. Da bewegte es sich leise in der Stubenecke, das kleine Bauermädchen trippelte an das Sterbebett, faltete die Händchen und sprach: „Ach lieber Gott ich bitte Dich, Dein treues Kind laß werden T.-A. XX. 4 50 mich!" — Der sterbende Greis faltete auch seine Hände und seine Lippen bewegten sich. „Mehr!" sagte er und das Kind sprach weiter. „Also hat Gott die Welt geliebt, daß er seinen eingeborenen Sohn gab, auf daß Alle, die an ihn glauben, nicht verloren werden! — Vaterunser, der Du bist im Himmel, Dein Wille geschehe wie im Himmel also auch auf Erden! — Der Herr ist mein Hirte, mir wird nichts mangeln! — Der Herr ist unser König, der hilft uns! — Der Herr giebt seinen Frieden! Gnädig und barmherzig ist der Herr, geduldig und von großer Güte.— Herr, ich lasse Dich nicht. Du segnest mich denn! — Verlasse mich nicht, Herr mein Gott! — In der Noth rufe ich Dich an, Du wollest mich erhören!" So sprach das kleine Bauermädchen nacheinander viele Sprüche her, die sie auswendig wußte. Der Sterbende hatte schon aufgehört seine Lippen zu bewegen, das Kind sprach noch, gehorsam der empfangenen Aufforderung folgend, ruhig weiter; — der Diener hatte dem Geschiedenen die Augen zugedrückt, das Kind sprach noch seine Trostesworte, bis Dore dasselbe bei der Hand nahm und aus dem Zimmer führte. Die kleine Elfe wußte nicht, zu welch' herrlicher Aufgabe sie Gott berufen hatte: Friedebringende Worte, die ihre Lippen gesprochen, hatten die Seele, welche sich verklären wollte, aus dem erstarrenden Körper in den Himmel geleitet! Vielleicht hatte das noch nicht siebenjährige Kind nicht klares Verständniß von allen Sprüchen, die es bereits auswendig gelernt, als es noch unter Schwester Johanna's Leitung stand; aber sein Gedächtniß hatte alles behalten und es kam zu Tage im rechten Augenblick, als das Verlangen des Sterbenden nach himmlischer Erquickung laut geworden war. Hätte jene Kleinkinderlehrerin, welche gegen Schwester Johanna ihre Mißbilligung des frühen Religionsunterrichtes ausgesprochen, der Sterbestunde des alten Grafen beigewohnt, sie wäre anderen Sinnes geworden. „Lasset die Kindlein zu mir kommen!" hat der Herr gesagt, „und wehret ihnen nicht!" Genug der Mittheilungen über die ersten Lebensjahre dieses Kindes aus dem Volke, jetzt mag nur noch ein Moment erwähnt werden, der den Schluß von Else's Kindheitsleben bildete. Die Enkelin des verstorbenen Grafen war Besitzerin seiner Güter geworden und als sie sich einige Jahre später vermählte, zog sie als junge 51 Frau Gräfin mit ihrem Gemahl in dem Schlöffe ein, um dort zu bleiben. Sie hatte ihre Gespielin, das kleine Bauermädchen, nicht vergessen, die Erzählungen des alten Kammerdieners und der Köchin des Grafen hatten sie ja auch davon unterrichtet, was dieses Kind ihrem Großvater in seiner Sterbestunde gewesen war. Ein Jahr nach dem Einzüge des jungen Ehepaares in das geerbte Schloß war Else's Confirmation, an demselben Tage auch eine Taufe. Ein Zwillings-Schwestern-Pärchen empfing den Segen der Kirche, ihre Mutter war die junge Gräfin. Die junge Mutter schenkte der Elfe an diesem bedeutungsvollen Tage ein silbernes Kreuzchen, an silberner Kette um den Hals zu tragen, mit der Inschrift: „Lasset die Kindlein zu mir kommen!" und sie sagte Ihr: „Willst Du in meinen Dienst treten, willst Du meine Martha und Maria pflegen helfen, als Gehilfin der erfahrenen Kinderfrau?" Als Elfe freudig den Antrag annahm, fügte die Gräfin hinzu: „Dann sollst Du auch beten für die Kinder und nie vergessen, daß der Herr gesagt hat: Lasset die Kind lein zu mir kommen!" Elfe, das vierzehnjährige Bauermädchen, trat in den Dienst im Schlosse ein. Die Zwillinge nahmen zu an Körperkraft und ihr Geist begann sich zu entwickeln; aber die junge Mutter? Die junge Mutter verlor ihre Körperkraft, denn ihr Geist sollte hinüber gerufen werden in die andere Welt. Die Gräfin starb, als ihre Zwillinge drei Monate alt waren. Nun waren die zwei kleinen Mädchen Waisen. Am Begräbnißtage ihrer Mutter lagen die so arm gewordenen Kinder auf dem Lehnstuhle der Entschlafenen, auf welchen sie selbst ihr Zwillingspärchen, dicht aneinander geschmiegt, oft gebettet hatte. Elfe stand neben den Kindern. Da gingen viel ernste Gedanken durch den Sinn des jungen Bauermädchens: Die eigene früheste Kindheit in der Hütte ihrer Eltern, der Köhlersleute im Walde, daran knüpften sich die drei Jahre unter Schwester Johanna's Leitung in der Kleinkinderschule; dann kam das Leben bei dem Oheim und im Schloß mit der jungen Comtesse und dem alten Grafen. Es folgten hierauf zwei ergreifende Momente, der Tod des alten Grafen und zuletzt der Tod der jungen Gräfin. Zwischen den beiden Todesfällen lag die große Doppelfeier in der Kirche: ihre Einsegnung als Confirmandin und der Zwillinge Einsegnung als Täuflinge. Elfe stand mit gefalteten Händen vor den lieblichen Kindern, die nicht ahneten was ein Mutterherz ist und niemals es erfahren konnten- „Arme 52 Kinder!" sagte Elfe, „keine Mutter! — auch keine Schwester Johanna!" Wie ein Blitz zuckte ein Gedanke durch Else's Seele: „Die Schwester Johanna für diese Kinder kann ich vielleicht werden." Auf der Reise, im Postwagen. Da sitze ich im Postwagen ganz allein und kann mich breit machen, ich thue es, ich nehme mein Tagebuch vor und meinen Bleistift und schreibe. Ich fahre direkt aus dem Naßwald hinaus. Die Mittheilung der Frau Schöne war gelesen und mit inniger Rührung meinem Reisebericht eingefügt. Inzwischen hätte das Wetter Zeit gehabt sich zu ändern; aber es that keinen Schritt zur Besserung. Ich wollte eigentlich die Bäder des Schwarzwaldes besuchen, Wildbad, Liebenzell, Teinach; aber was sehe ich dort, wenn der Himmel nicht voller Geigen, sondern voller Wolken hängt? An der Einrichtung der Badestuben, an Besichtigung des Cur- sales lag mir nicht viel. Ich machte mich auf und fuhr über den Kniebis, „vielleicht wird's besser!" sagte ich mir, „dann will ich mir die Kniebis- bäder ordentlich ansehen, Griesbach, Petersthal, Rippoldsau." Es wurde nicht besser, der Schwarzwald blieb oben und unten naß, so kam ich endlich zum Entschluß und wollte dem Naßwald den Rücken kehren. Es dauerte nicht lange, da fuhr ich aus dem Gebirge hinaus in's Flachland und ließ das Gebirge hinter mir wie eine große Mauer. Es ist ein eigenthümlicher Anblick. Andere Gebirge steigen mit Hügelreihen sanft auf, der Schwarzwald sieht aus wie eine Wand. Jetzt bin ich in der Rheinebene und habe über mir klaren Himmel. Ich könnte mich ärgern über das neckende Wetter; aber ich thue es nicht, zum Aergern habe ich nicht Raum in der Seele, sie ist mit patriotischen Gedanken erfüllt, ich summe vor mich hin: Zum Rhein, zum Rhein, zum deutschen Rhein! Wer will des Stromes Hüter sein? Lieb Vaterland, magst ruhig sein, Fest steht und treu die Wacht am Rhein! Mit welcher Begeisterung ist in der Kriegszeit die Wacht am Rhein gesungen worden, die Wacht hat fest gestanden! Der Feind kam nicht über den deutschen Strom, drang nicht verheerend in deutsches Land ein, der Krieg, den der Feind muthwillig heraufbeschworen hat, wurde in Feindesland durchgekämpft. 53 Am Rhein, am Rhein, am deutschen Rhein, Da wollte Jeder Wächter sein! Das ganze Volk im Vaterland Als Hüter vor dem Rheine stand! Im deutschen Straßburg. „O Straßburg, o Straßburg, du wunderschöne Stadt!" Du gehörst uns wieder, du warst einst deutsche freie Reichsstadt, lagst dann in fremden Ketten zweihundert Jahre und bist jetzt wieder deutsches Eigenthum. Der furchtbare Krieg, der uns zermalmen sollte, hat uns dich, o Straßburg, o Straßburg, du wunderschöne Stadt, wiedergegeben! Das hat der Krieg gethan und mehr noch als das: er gab den Deutschen die Einheit, er gab den vereinten deutschen Stämmen wieder einen Kaiser. Heil Dir im Siegerkranz, Herrscher des Vaterlands, Heil Kaiser Dir! Du hast am Rhein gewacht. Hast Deutschland Eins gemacht, Brachst Deiner Feinde Macht, Heil Kaiser Dir! So singen eben neben mir junge frische Männerstimmen, wahrscheinlich Studenten deutscher Universitäten, welche das deutsche Straßburg begrüßen wollen. Eine Thür scheidet mich von den jungen deutschen Sängern; aber unser patriotisches Gefühl scheidet nichts, ich singe leise mit: Nun mag Europa drohn! Dich rief zum Kaiserthron Germania's Dank. Er, dem Dein Herz geglaubt. Setzte Dir, siegumlaubt, Die Kaiserkron' auf's Haupt, Heil Kaiser Dir! Herrsche nach Gottes Recht, Du und Dein ganz Geschlecht, Deutschland zum Heil! Wahrheit Dein Purpurkleid, Gnade Dein Krongeschmeid, Friede Dein Throngeleit, Heil Kaiser Dir! 54 Die jungen Sänger neben mir haben Alle den Krieg mitgemacht, ich sah sie aus ihrer Thür treten, als ich vorhin ankam und in meine Stube geführt wurde, sie trugen Alle die Erinnerungsmedaille und Einige hatten das eiserne Kreuz. Ich bin in einer Droschke in der Stadt umhergefahren, mich dem Kutscher überlassend, er wußte was ich sehen wollte, es war was jeder Fremde jetzt hier sehen will: die Trümmer, welche der Krieg noch zurückgelassen hat. Ein trauriger Anblick, furchtbare Erinnerungen erweckend. Viel ist zerstört worden, bevor die Festung sich ergab, auch die berühmte Bibliothek mit den Schätzen der Wissenschaft; aber erhalten wurde der Dom, dies Denkmal der Baukunst, dieses Gedicht aus Stein. Ich habe lange vor dem Münster gestanden bevor ich mich entschloß in das Innere zu gehen, so war ich gefesselt. Ich kannte die Kirche aus früherer Zeit. Du erwartest keine Beschreibung, ein Gedicht muß man lesen, ein Gebäude muß man sehen, denn die Empfindung der Poesie, welche ein poetisches Werk einstößt, läßt sich nicht durch Beschreibung des Werkes hervorrufen. Erwin von Steinbach hieß der Dichter des Straßburger Münsters, d. h. also hier sein Erbauer, wenigstens der Erbauer der prachtvollen Fayade. Gegründet wurde die Kirche schon viel früher, vom ersten christlichen Fürsten der Franken, Chlodwig, im 6. Jahrhundert, die Fa^ade wurde im 11. Jahrhundert erbaut. Ich habe seit Jahren den Wunsch das Steinthal zu sehen und darin die Gemeinde des Pfarrer Oberlin, die Kinder der Zöglinge der Luise Scheppler. Das Steinthal liegt im Elsaß, von Straßburg aus fährt man dorthin. Eine Familie, die ich früher oft sah, die wohlbekannt ist in Rothau, dem großen Fabrikorte im Steinthal, hat mir den Weg dahin damals gebahnt, der Fabrikbesitzer Dietherlen, der ein Vater seiner Arbeiter ist und so treffliche Volksschriften drucken ließ, erwartete mich damals schon. Und jetzt? Jetzt, da ich in Straßburg bin, gehe ich am Steinthal vorüber, ich werde Dietherlen nicht kennen lernen, werde nicht die Stätte sehen wo Oberlin und seine treue Magd wirkten, werde nicht das Grab der beiden Verstorbenen sehen, deren Leben ein fortdauernder Dienst der Nächstenliebe, ein fortdauernder Gottesdienst war. Kennst Du das Steinthal und seinen Vater Oberlin und Luise? Vielleicht weißt Du nur wenig von Ort und Menschen zu sagen, so lasse Dir Einiges mittheilen. Luise Scheppler war es, welche die Schwester 55 eines Schullehrers zur Nachahmung begeisterte, jene Johanna, die klein Elschen, das Bauermädchen in der Kleinkinderschule unterrichtete. Ja, Luise Scheppler konnte wohl ein empfängliches Gemüth begeistern. Bevor ich Dir erzähle von Vater Oberlin und seiner Magd, will ich Dir aber sagen warum ich nicht in's Steinthal fahre. Ich fürchte unfreundlichen Empfang! Ja, denke nur, aus Furcht, daß man meiner herzlichen Empfindung bittere Aeußerungen entgegenstellen könnte, bleibe ich zurück. Betrachte die Sache näher. Die Bewohner des Elsaß sind Nachkommen der Alemannen. Elsaß und Lothringen waren Theile des deutschen Reiches. Vor 200 Jahren, als Deutschlands Kräfte durch den dreißigjährigen Krieg aufgerieben waren, nahmen die Franzosen Besitz von diesen Ländern. In den zwei Jahrhunderten unter französischer Herrschaft gewöhnten sich die Alemannen an den Gedanken Franzosen zu sein. — Jetzt, da die Gerechtigkeit Gottes, die in der Weltgeschichte sich zeigt, Elsaß und Lothringen durch den Krieg wieder zu deutschen Landestheilen gemacht hat, haben sich die zu Franzosen umgeformten Alemannen noch nicht an den neuen Wechsel gewöhnt, sie bilden sich ein, daß si? wirklich Franzosen sind, trotz der deutschen Namen, die sie haben, sie sind noch nicht zufrieden mit dem gerechten Umschwung der Dinge. Es wird sich mit der Zeit alles gut gestalten; aber für ein deutsches Herz, das die wiedergewonnenen Brüder freudig begrüßen möchte, ist es ein Schmerz jetzt Widerstreben zu finden. Du wirst begreifen, daß ich im Elsaß nicht weiter reisen will. Ich möchte Dich aber nicht ganz stumm am Steinthal vorüberführen, Du sollst Einiges von Vater Oberlin und Luise Scheppler erfahren. Diese Gegend hatte einst schwer gelitten durch den dreißigjährigen Krieg, noch lange nach dem Friedensschlüsse zogen Räuberbanden umher und endlich trat auch die Pest auf, das Land zu entvölkern. Elend und Roheit waren die traurigen Folgen. Die Sitten der Leute wurden schlecht, zügellos machten sie nur das Recht der Gewalt geltend, dem Gesetz beugten sie sich nicht. Ihrem Bekenntniß nach waren sie Lutheraner, aber sie hatten keinen Begriff davon, was das bedeute; überhaupt von Christenthum und Nächstenliebe wußten sie nichts. Zu diesen Gemeinden kam 1750 der Pfarrer Stuber. Die traurige Lage seiner Gemeinde ging ihm zu Herzen. Die Predigt allein konnte nicht helfen, gute Schulen mußten mit der Zeit die Sitten bessern; aber wie war es mit diesen bestellt? Als Pfarrer Stuber 56 zum ersten Mal die Schule in Waldbach besuchte, trat er in eine elende > Hütte, in der eine Anzahl Kinder sich auf eigene Hand die Zeit vertrieben und einen heillosen Lärm machten. Der Lehrer lag im Hintergrund der Schulstube im Bett, ein kranker Greis. „Seid Ihr der Schullehrer?" fragte der Pfarrer. — „Der bin ich," erwiderte der Kranke. — „Was lehrt Ihr denn Eure Schüler?" — „Nichts, Herr Pfarrer." — „Warum denn nicht?" — „Ei, lieber Herr Pfarrer, weil ich selber nichts weiß." — „Warum hat man Euch denn zum Lehrer gemacht?" — „Ach sehen Sie, lieber Herr Pfarrer, ich war eigentlich Schweinehirt der Gemeinde, viele Jahre lang, jetzt bin ich aber zu diesem Dienst zu alt, nun soll ich die Kinder hüten." In ähnlichem Zustande fand der Pfarrer alle Schulen der Dörfer, die zu seinem Wirkungskreise gehörten. Als nach einer Reihe von Jahren Oberlin diese Pfarrstelle übernahm, fand er es nicht mehr so übel, doch noch sehr schlecht bestellt. Die größte Mühe machte es ihm junge Leute zu finden, die sich zu Schullehrern bilden lassen wollten, weil dieser Beruf . in der Achtung der Bewohner des Steinthales als verächtlich galt. Als sich endlich Lehrer gefunden hatten, hielt es eben so schwer die Eltern zu bewegen ihre Kinder in die Schule zu schicken. Eben so wichtig als der Schulunterricht war es, den jungen Mädchen Anleitung zu weiblichen Handarbeiten zu geben, sie hatten keinen Begriff davon. Nähen, Stricken, Ausbesserung getragener Kleidungsstücke war für die Frauen im Steinthal unbekannte Kunst; Mutter Oberlin suchte nach Kräften dem Uebel abzuhelfen; aber eben die Kräfte reichten nicht aus. Da fand sich eine Hilfe. Es hatte sich ein kleines Bauermädchen, Luise Scheppler, herzlich an Mutter Oberlin angeschlossen und begleitete sie oft auf ihren Wegen zu Armen und Kranken. Der Pfarrer beobachtete das Kind und sah mit großer Freude, welch ein liebes Gemüth in demselben herrschte. In Waldbach war ein Feuer ausgebrochen und hatte viele Häuser zerstört. Bevor die Beschädigten wieder eine Häuslichkeit hatten, bemerkte die damals acht Jahre alte Luise eine herrenlose Henne, welche bald hier bald da, oft auch in einer Scheune sich verbarg. Luise ging dem unstätt lebenden Thiere nach und fand viele Eier, welche dasselbe in verborgene Winkel gelegt hatte. Niemand nahm sich der armen Henne nach dem Brandunglücke an, denn die Leute hatten andere Dinge zu bedenken. Luise sammelte die Eier, bauete ein Nest und legte die Eier hinein. Die Henne kam und ließ sich heimathlich auf dem Neste nieder und bedeckte ihre 57 Eier mit ihren Flügeln. Das war nicht genug. Luise theilte ihr Brod mit der Henne, sie hatte selbst nur wenig, aber bei jeder Mahlzeit dachte sie an die herrenlose Glucke und als die Küchlein ausgekrochen waren, da hatte Luise eine ganze Familie zu ernähren und erbat sich manches Stücklein Brod von Frau Oberlin. Dies herzige Kind nahm Oberlin in sein Haus, um es väterlich in Gottesfurcht zu erziehen, mit fünfzehn Jahren trat sie als Magd in seinen Dienst. Luise nahm sich nun der kleinen Kinder an, wie früher der Küchlein, sie versammelte sie um sich, lehrte ihnen Bibelsprüche, die sie selbst von Vater Oberlin gelernt hatte, im Sommer beschäftigte sie sich mit den Kindern im Freien. Als der Winter kam, richtete Vater Oberlin der jungen Lehrerin und ihren Kleinen eine Scheune zur Schulstube ein. So entstand die erste Kleinkinderschule. Luise Scheppler war mit ganzer Seele thätig in dem ihr überwiesenen Arbeitsfelde; aber sie lebte nicht einseitig diesem Berufe außerhalb der Familie Oberlin. Wenn nach den Schulstunden die Kinder entlasten waren, dann trat Luise wieder ihren Dienst als einfache Magd im Hause des Vater Oberlin an, sie wurde bald auch Erzieherin von Oberlin's sieben Kindern und seine Haushälterin, denn Oberlin verlor seine Frau. Durch den Geist der Ordnung und Sparsamkeit, mit welchem Luise dem Vater Oberlin die Haushaltungssorgen abnahm, machte sie es ihm möglich so viel Gutes in seiner Gemeinde zu wirken, was oft an's Wunderbare grenzte. Oberlin arbeitete am zeitlichen und ewigen Wohle feiner Gemeinde. Er zerschlug mit dem Hammer des göttlichen Wortes die Eisrinde, die auf dem Herzen seiner Pfarrkinder lag; er lockerte den dürren unfruchtbaren Boden und streute himmlischen Samen hinein; er leitete die Blicke aufwärts und prägte den Glauben an die ewigen Wahrheiten des Evange- « liums, die Liebe, die von dem Urquell der ewigen Liebe ausgeht und wieder dahin führt, in Tausende von Herzen und leuchtete Allen als ein Vorbild der reinsten Tugenden vor. Auch für das zeitliche Wohl seiner Pflegebefohlenen war Oberlin besorgt, er gab ein strenges Beispiel des Fleißes: er pflügte das Feld mit ihnen, half Moräste austrocknen, Felsen sprengen, lehrte Gemüse bauen, Obstbäume pflanzen, Straßen verbessern; er sandte auf eigene Kosten junge Leute in die Städte, damit sie Handwerke lernten, die im Steinthal unbekannt waren; er veranlaßte einige gleichgesinnte Fabrikherren dahin zu ziehen und mit ihm für das Wohl der Armen zu sorgen. Oberlin errichtete eine Apotheke in seinem Hause; 58 er hatte medizinische Kenntnisse und behandelte Kranke, denn weder Arzt noch Apotheker waren damals im Steinthal; er ließ Krankenwärterinnen auf seine Kosten ausbilden und endlich einen jungen Mann seiner Gemeinde Medizin studiren. Er gründete eine Volksbibliothek und Sparkasse. So wirkte dieser unermüdlich thätige Mann 59 Jahre hindurch und mit Recht gab man ihm den Beinamen Apostel des Steinthales. Luise Scheppler war seine treue Gehilfin 48 Jahre lang, sie arbeitete als seine Magd im Hause und arbeitete unter seiner Leitung in der Gemeinde, Lehrerin der Kinder, der Armen und Kranken Trost, Tag und Nacht zur Hilfe bereit. Und für alle ihre Arbeit nahm Luise keinen Lohn an. Vater Oberlin hatte wenig Mittel und die treue Magd sah, daß er selbst darbte, um seine Gemeinde zu unterstützen, er konnte sie nicht bewegen Bezahlung für ihre Dienste anzunehmen, sie bat es sich ausdrücklich als eine Gnade aus, in seinem Sinne, ohne irdischen Lohn, thätig sein zu dürfen. Wie tief Vater Oberlin diese seltene Hingabe empfand und wie hoch er Luise Scheppler schätzte, das beweist ein rührender Brief von ihm, den er an seine Kinder schrieb, als er sein Ende herannahen fühlte; ich muß Dir wenigstens ein Bruchstück desselben mittheilen, es wird Dich freuen. „Meine lieben Kinder! Indem ich Euch verlasse, vermache ich Euch meine treue Dienerin, welche Euch erzogen hat, die unermüdliche Luise. Die Verdienste, die sie sich um unsere Familie erworben hat, sind unendlich groß. Eure gute Mutter nahm sie schon vor ihrem fünfzehnten Jahre zu sich; sie machte sich ihr nützlich durch ihre Talente, ihren Eifer und Fleiß. Nach dem frühzeitigen Tode Eurer zärtlichen Mutter war Luise für Euch zugleich treue Wärterin, sorgsame Mutter, Lehrerin, kurz Alles. — Ihr Eifer ging noch weiter: Als wahre Jüngerin des Herrn ging sie in alle Dörfer der Umgegend, wohin ich sie schickte, die Kinder um sich zu versammeln, sie schöne Lieder singen zu lehren, ihnen die Werke des allmäch- . tigen Gottes in der Natur zu zeigen, mit ihnen zu beten und ihnen alle die Kenntnisse, die sie selbst von Eurer Mutter empfangen, mitzutheilen. Aber das war nicht das Werk eines Augenblicks und die unzähligen Schwierigkeiten, die sich diesen Beschäftigungen entgegen stellten, hätten tausend Andere entmuthigt. Sie opferte meinem Dienste und dem Dienste Gottes nicht nur ihre Zeit und Gaben, sondern ihre ganze Person, ihre Gesundheit, ihr Körper ist jetzt völlig zerstört durch übermäßige Anstrengung. — Seit dem Tode Eurer Mutter habe ich Luise nie vermocht, den geringsten Lohn anzunehmen, sie verwendete sogar die wenigen Zinsen 59 ihres Erbgutes um Gutes zu thun. Urtheilet selbst, meine lieben Kinder, welche Schuld Ihr gegen Luise zu übernehmen habt rc."- Oberlin's Kinder waren bereit ihre mütterliche Freundin in alle Rechte einzusetzen, die sie selbst als seine Kinder genossen; aber Luise nahm auch von ihnen keine Hilfe an. Als dieses merkwürdige opferfähige Wesen in späterem Alter den Tugendpreis von 5000 Frs. erhielt, den ein reicher Graf Monthyon in seinem Testamente ausgesetzt hatte, wurde auch dieses Geld zu wohlthätigen Zwecken verwendet. Luise Scheppler hatte sich als Lohn für ihre Dienste nur die Erlaubniß erbeten, ihrem Namen den Namen Oberlin beifügen zu dürfen. Welch ein bewundernswerthes Beispiel von Anhänglichkeit, Pflichtgefühl, Nächstenliebe, Thatkraft und Opferfähigkeit! Nur mit Ehrerbietung kann man an diese merkwürdige Bauermagd denken. Oberlin und seine Gattin haben freilich große Verdienste dabei, denn sie haben es verstanden das junge Mädchen durch Liebe an sich zu ketten, haben es verstanden das junge Herz durch Lehre und Vorbild dem Dienste der Nächstenliebe zu weihen. Der Segen Gottes ruhete auf der Thätigkeit dieser Menschen. Vom Steinthal aus haben sich die Kleinkinderschulen verbreitet nach England, Frankreich, Ungarn, Deutschland u. s. w. Kürzlich hat sich ein Verein gegründet zur Vermehrung der christlichen Kleinkinderschule, er hat sich den Namen „Oberlin-Verein" gegeben. Trauerroseu auf ltas Grab seiner Mutter. Von Ororge Duron Dylzerrn. I. Aoch eh' in das Gewand der Nacht Die Ros' das Frühroth flicht, Da trug Dein guter Engel Dich Aus ird'scher Nacht zum Licht. Und als die Morgensonne kam, Ich konnt' es glauben nicht, Mir war's, als sei nun ew'ge Nacht, Die nie ein Strahl durchbricht. 60 Und doch — seh ich leisrveinend Dir Ins liebe Angesicht: Ein himmlisch Lächeln spricht zu mir: „Sei still, ich bin im Licht!" II. O Mutterhand so kalt, so kalt Ich in der meinen bebend halt', Wie warst so warm Du und so weich, So mühvoll waltend segensreich! O Mutteraug' geschlossen Du Auf ewig zu des Todes Ruh' Und einst für mich der Stern des Lichts Im Himmel Deines Angesichts. O Mutterlippe rosig noch, Berührt vorn kalten Tode doch, Die manches Leid geküßt mir fort, Hast nun für mich kein einzig Wort! O Mutterherz treu bis zum Tod, Sei mein Asyl zur Zeit der Noth, Wenn meine Seele zu Dir fleht, O Mutterherz hör' mein Gebet! III. Willst Du wieder beten Recht aus tiefster Brust, An das Grab Du treten Deiner Mutter mußt. O, da zieht Dich's nieder Betend auf das Knie, Denkst der Kindheit wieder, Die vergessen nie. Die Gebetesworte, Die sie Dich gelehrt, Sind am heil'gen Orte Wieder Dir gewährt. Und zum Himmelslicht sie Trägt die Mutterlieb' Und zum Ew'gen spricht sie: „Meinem Kind vergieb!" In Dein Herz, das trübe. Sinket Frieden nun — O, die Mutterliebe Kann noch Wunder thun. IV. O nein Du bist nicht todt, so lang noch flieht Mein Herz zu Dir, die Thräne wird zum Lied, Das Kreuz auf Deinem Grabe küß' ich heiß Und bete zu Dir leis'. Du lebest fort, weil ewig Du geliebt Und heil'ger Glaube frohe Hoffnung giebt. Einst flammt des Wiedersehens Morgenroth: O nein, Du bist nicht todt. Trecks suinlskrijäsiriger Geburisiag. Bon Anise Förster, geb. Förster. Aer hundertjährige Geburtstag Ludwig Tieck's, welcher im Jahre 1873 in vielen deutschen Orten, selbst im Auslande nicht unbeachtet vorüberging, veranlaßt mich den jungen Leserinnen des Töchter-Albums einige Mittheilungen über das Leben des hochbegabten Dichters zu geben, welcher gewiß Vielen derselben durch seine sinnreichen Märchen und schönen Erzählungen bekannt ist und die vorzugsweise der heitern Eindrücke gedenken, 62 die sie durch die Dichtung von „Rothkappchen", den „Elfen", dem „kleinen Däumling", der „schönen Magelone", dem „Blaubart" empfangen haben. Ludwig Tieck war am 31. Mai 1773 in Berlin geboren und in dieser.seiner Vaterstadt hat er 1852 seine irdische Laufbahn beschlossen. Er war das erstgeborene Kind, welchem ein Sohn und eine Tochter folgte; ersterer wurde als berühmter Bildhauer, die Schwester durch literarische Arbeiten bekannt. Die Eltern Tieck's gehörten dem Handwerkerstände an, der Vater hatte ein Geschäft gewählt, welches sich in die Länge zieht, er war Seiler. Beide Eltern von vortrefflichem Charakter und von höherer Bildung, als die, welche in jener Zeit unter ihren Genossen zu finden war. Die sanfte Mutter lehrte dem geliebten Kinde die Buchstaben und in seinem vierten Lebensjahre konnte er fertig lesen und auch bald schreiben. Bücher wußte er sich immer zu verschaffen, vorzugsweise fesselten ihn Komödien und ein Theater zu besuchen war das Ziel seiner heißen Wünsche, zu deren Erfüllung ihm aber alle Mittel fehlten. Oft stand er mit trübem Angesicht an der verschlossenen Pforte der ersehnten Herrlichkeiten; aber einem gutmüthigen Theaterdiener war der schöne Knabe lieb geworden, wohlwollend ließ er denselben oft in die Räume des Theaters schlüpfen, wo sich dem entzückten Kinde eine neue Welt aufthat. Still selig kehrte er heim, die erwachte Phantasie hatte ein reiches Feld gefunden, er schrieb kleine Geschichten, auch Reime nieder. Doch den angeborenen kindlichen Sinn — welcher Tieck bis in sein hohes Alter treu blieb — entbehrte auch der Knabe Ludwig nicht. Für Alles, was das Erdenleben bietet, hatte er ein achtsames Auge. Von großem Interesse war ihm die Thierwelt, vorzugsweise die Tauben und > Katzen; den ersteren streute er jeden Morgen von seinem Frühstück einige Brocken zu und eine niedliche schwarze Katze wurde sein Liebling. Nun begab sich ein tragisches Ereigniß. In des Nachbars Hühnerherberge war ein Marder als Würgengel eingedrungen und der Mann, besorgt, das Raubthier könnte auch den Taubenschlag aufsuchen, stellte eine Falle dahin. Als nun die schwarze Katze in vielleicht nicht löblichen Absichten hinein schlich — ihr flogen keine gebratenen Tauben in den Magen — ereilte sie die Vergeltung: statt des Marders umschloß sie die Falle. — Die unvergessene Begebenheit war wohl später Veranlassung zu nachstehendem kleinen Gedicht: 63 „Miesekätzchen ging spazieren Auf dem Dach am hellen Tag, Macht sich an den Taubenschlag, Eine Taub' zu attrapiren. Miau! Miau! Schlüpft wohl in das Loch hinein; Aber kaum ist sie darin. Ist der Appetit vergangen: Eine Falle, siehst du, fällt. Für den Marder aufgestellt. Und das Kätzchen muß drin hangen. Und im Sterben schreit sie: Trau! Nicht auf Diebstahl je, Miau!" Doch die Jahre eilen und die Forderungen an die von Gott gegebenen Kräfte erweitern sich. Treck hatte das Glück, daß sein ernstes Streben, sein unermüdlicher Fleiß und seine ausgezeichneten Talente nicht unbekannt blieben. Das Wohlwollen hochgestellter Männer verschaffte die Möglichkeit, das Gymnasium zu besuchen und später auf Universitäten die gepflegten Kenntnisse zu erweitern. Der alten, wie der neuern Sprachen war er vollkommen mächtig und viele bedeutende Werke fremder Literatur, besonders von Shakespeare, sind von ihm in die deutsche Sprache übertragen. Nach dem Abgänge von der Hochschule, wo er schon durch ausgezeichnete, im Drucke erschienene kleinere und größere Schriften die Aufmerksamkeit erregt hatte, unternahm er Reisen nach England, Frankreich und Italien. In Rom wurde er von schwerem Gichtleiden heimgesucht, welches ihn auch später nie verlassen; so kehrte er nach Deutschland zurück und fand bei einer ihm sehr befreundeten Familie in Ziebingen — einem schönen Landsitze nahe Frankfurt a./Oder — ein wohlthuendes Asyl. Geistig und physisch erfrischt, erneute er in dem erfreulichen Stillleben seine literarische Thätigkeit und verweilte dann längere Zeit in Jena, München und Dresden. Die schöne Elbstadt, welche ihm durch Naturreiz, Kunst und den regen Antheil an geistigem Leben und Streben vieles Anziehende bot, wählte Tieck zu einem dauernden Aufenthalte und er bürgerte sich 1819 daselbst ein, wo er mit seiner Gattin und seinen beiden Töchtern Dorothea und Agnes ein Haus am Altmarkte, nahe der Kreuzkirche, bezog. In jenen Räumen hat er mehr als zwanzig Jahre gewohnt, daselbst viele Einheimische und Fremde bewillkommt und einem Jeden 64 durch seine inhaltreichen Gespräche und sein unübertreffliches Vorlesen unvergessene Erinnerungen gegeben. Durch meinen verewigten Gatten, den Professor Karl Förster, welcher ein naher Freund Tieck's war, wurde auch ich in jenem theuern Hause heimisch und alle diese Genüsse wurden auch mir in reichem Maße zu Theil. Besonders sei der dramatischen Vorlesungen gedacht, welche Tieck mit unübertroffener Meisterschaft säst jeden Abend vor einem Kreise aufmerksamer Zuhörer, die sich um sechs Uhr in seinem geräumigen Salon versammelten, hielt. Mit seinem schönen, klangreichen Organ las er drei Stunden lang, ohne Unterbrechung, mit voller Kraft der Stimme die größten klassischen Werke der deutschen, sowie der ausländischen Literatur, vorzugsweise Shakespeare'sche Dramen und brachte dabei jeden einzelnen Charakter so zur Anschauung, daß man leicht hätte glauben können das Vorgetragene sei das eigene Werk des Dichters. Der Kinderwelt war er sehr zugethan und für die Kleinen welche er bei sich sah, war es immer ein Freudentag („Tieck spielt so schön mit uns!" sagten sie frohlockend), wenn sie dahin eingeladen wurden; wirklich mischte derselbe sich stets liebreich in ihre harmlosen Spiele. Der 31. Mai — der Geburtstag Tieck's — war für Viele ein gefeierter Festtag, schon am frühen Morgen fehlten die Zeichen der Theilnahme nicht. Die Kinder von werthen Freunden erschienen mit Blumen und Kränzen und stockten verlegen bei den Reimworten, welche sie sagen wollten. Am Abend versammelte sich dann ein großer Kreis im gastlichen Hause, auch die Kinder der erwähnten Freunde wurden eingeladen und fanden ihren Platz aus einem Tritt, welcher im mittleren großen Fenster stand. Wie glücklich und ergötzt war die kleine Schaar, als ihr freundlicher Beschützer ihnen einmal den „kleinen Däumling" vorlas. An dem nächsten Maifesttage wählte seine Güte das Märchen vom „Rothkäppchen" und bei der Scene, wo der Wolf das Leben der Großmutter und Rothkäppchens bedroht, hatte er unerwartet sein schönes Haupt verhüllt und rief mit mächtiger Stimme: „ich bin der Wolf." — Ein kleines, keckes Mädchen aber sagte eilig: „die Großmutter sollst Du doch nicht aufessen!" und warf mit ihren Genossinnen alle Blumen und Kränze von dem geschmückten Festtische auf den friedlichen Wolf, der nun von Blumenpracht umbaut, nicht frei aufathmen konnte. Mögen den jungen Leserinnen des Töchter-Albums die hier flüchtig gegebenen Mittheilungen über das Leben des Verewigten willkommen sein, 65 bis sie später die Werke des ausgezeichneten Dichters, des kenntnißreichen Gelehrten kennen lernen und seine Bestrebungen würdigen werden. Die Gedächtnißfeier aber seines hundertjährigen Geburtstages kann mit der Gewißheit ihr Gemüth durchdrungen, daß einem wohlvollbrachten Tagewerk nie der Segen der höheren Mächte fehlt. Uackbars Willy. Bon Wedimg b. W. 'Mir treten in eine reizende Villa. Ein geschmackvoller, parkähnlich angelegter Garten umgiebt sie, und einen lieblichern Aufenthalt, wenn die Bäume grünen und blühen, die Nachtigallen schlagen und die große Fontaine melodisch plätschert, kann man sich kaum denken! Jetzt ist es Spätherbst, ein trüber Tag. Der Sturm zaust die Kronen der Bäume, daß sie sich unmuthig schütteln, die alten Weiden am Teiche stöhnen, aber er frägt nichts danach, er saust und macht es nur noch ärger! Zahllose dürre Blätter wirbeln in der Luft umher und bedecken die Gartenwege. Der alte Gärtner schaut brummend durch's Treibhausfenster: „Heut' Morgen erst Alles ausgeharkt!" Doch wir wollen auch nicht länger im Sturm stehen und treten lieber in das Innere des Hauses. Schon beim Eintritt kommt uns eine behagliche Wärme entgegen. Es ist Luftheizung im Hause, wodurch alle Räume gleichmäßig erwärmt werden. Dicke Teppiche bedecken Treppen und Corridore, man geht so leise darauf und die Thür zur Rechten geht so geräuschlos auf und zu, daß wir im Zimmer sind ohne bemerkt zu werden. Es ist dies ein reizendes Gemach. Kirsch- rothe Damastmöbeln mit reichgeschnitztem Holzwerk, herrliche Oelgemälde, ein prachtvoller Teppich durch das ganze Zimmer und eine Fülle der lieblichsten blühenden Blumen machen es zu einem höchst wohnlichen Aufenthalt. Doch den mächtigen Kamin darf ich nicht vergessen, in dem trotz der Luftheizung ein Helles Feuer lodert, das seinen flackernden Schein durch's ganze Gemach sendet, den Teppich in höhern Farben scheinen läßt und bald dem alten Herrn mit langem Zopf da oben an der Wand im goldenen Rahmen, bald der gepuderten Dame neben ihm einen freundlichen Strahl zuwirft. — Am Fenster vor dem Nähtischchen sitzt ein junges T.-A. xx. 5 66 Mädchen, die buntfarbige Tapisseriearbeit ruht lässig im Schooße. Es ist eine schlanke Gestalt mit blassem Gesichtchen, die schönen blonden Flechten sind im einfachen Kranz um den Kopf geschlungen. Gertrud, so heißt das Mädchen, ist in schwarzen Kleidern, vor -einem halben Jahre ist ihre Mutter gestorben, hat ihr die Pflege der drei kleineren Geschwister aufs Herz gebunden und die Sorge für den fast verzweifelnden Gatten. Ach, mit allem Reichthum, mit aller treuen Pflege haben sie das Leben der geliebten Dahingeschiedenen nicht erhalten können! Es war des Herrn Wille, da muß der Mensch sich fügen lernen, so schwer es ihm wird. Gertruds Vater war der Kaufmann Walter, er hatte sein großartiges Geschäft in der Stadt, die Privatwohnung hier. Seit ihm die Gattin gestorben war, gab er sich der geschäftlichen Thätigkeit noch mehr hin, die Arbeit sollte den Schmerz lindern. Das thut sie ja auch, wenn man festes Gottvertrauen dabei hat. Wie anders war doch Alles, als die Mutter noch lebte! Gertrud fühlte sich so ganz allein! Die Geschwister zur Schule, der Vater im Geschäft und sonst Niemand da, der ihr Gesellschaft leisten, mit ihr plaudern konnte! Suchend glitten die Blicke im Zimmer umher und hafteten auf dem schönen Flügel. „Ach wenn ich singen könnte," seufzte Gertrud, „aber wenn man traurig ist, bringt die Musik zum Weinen!" Sie nahm die Arbeit wieder auf, der Vater sollte sie zu Weihnachten haben. Welch' trauriger heiliger Abend, der erste ohne die Mutter! Doch die Kinder, der Franz und Anna sammt Elfe freuten sich so darauf. Kinderherzen verschmerzen so rasch, — Gertrud konnte es nicht, sie war schon 18 Jahre alt. „Welch' ein trauriges Wetter," sagte das junge Mädchen leise für sich, „heute kommt gewiß kein Besuch!" Doch, als sollten ihre Worte Lügen gestraft werden, fuhr ein Wagen in das Gartenthor und hielt dann auf der Rampe des Hauses. Bald darauf rauschte eine junge Dame in das Zimmer und begrüßte Gertrud stürmisch. „Wie geht es Dir, Geliebte? Prächtig, nicht wahr? Ach Du hast es himmlisch hier," sagte sie an das Kaminseuer tretend, „welcher Contrast, wenn man von draußen kommt! Wunderst Du Dich denn gar nicht, daß ich zu Dir komme? Oh, es ist ein furchtbares Wetter!" — „Aber Du bist ja gefahren, liebe Leonie," sagte Gertrud lächelnd, „da hast Du doch von dem Unwetter nicht zu leiden gehabt!" — „Doch mehr als Du glaubst! Ja, wer solch eine elegante Equipage hätte, wie Ihr! Aber diese Droschkenfenster lassen so viel Wind durch! Auch war ich im Nebengarten bei armen Leuten, da hat der Sturm mich arg gefaßt, 67 man kann dort nicht vor das Haus fahren, wie hier. Sieh, liebe Gertrud, der armen Leute halber komme ich heute zu Dir, Du sollst sie unterstützen helfen!" — „Von Herzen gern," rief diese freudig, „doch mache es Dir erst bequem, dann sprechen wir weiter darüber!" Leonie war die Tochter der Justizräthin Brühl, mit Gertrud von der Schule her befreundet. Ihr Vater war früh gestorben und hatte der Gattin außer der guten Pension noch ein anständiges Vermögen hinterlassen. Mutter und Tochter lebten also in guten Verhältnissen, sie lebten auch in einem Taumel von Vergnügungen. Es gab kaum einen Ball, kein Concert, keine schöne Oper, keine Kaffeegesellschaft, welche die Damen nicht besucht hätten. Die Justizräthin verband dann das Nützliche mit dem Angenehmen, sie war Vorsteherin vieler Vereine, und in den Gesellschaften gab es gewöhnlich neue Beiträge. Die Justizräthin war besorgt für das Wohl und die Frömmigkeit ihrer Nebenmenschen, aber ihr eigenes Töchterchen gottesfürchtig zu erziehen, daran dachte sie nicht. Leonie war von Natur ein gutherziges Mädchen, aber sehr launig und verzogen. Ihr Aeußeres war keineswegs ansprechend. Sie war groß und mager, hatte geistlose Augen mit einem unstäten Blick. Ein unstäter Blick fällt sehr aus. Nichts fesselt wohl mehr, als ein klares ruhiges Auge. Auf die Farbe kommt es nicht an, aber auf den Ausdruck, es ist ja der Spiegel der Seele! — Nach diesem kurzen Einblick in Leoniens Verhältnisse kehren wir zu den beiden Mädchen zurück. Nachdem Gertrud der Freundin beim Ablegen der Sachen behilflich gewesen war, nöthigte sie diese auf den Sophaplatz und setzte sich neben sie. Das Dienstmädchen ordnete den Kaffeetisch und Gertrud goß den duftenden heißen Trank in die zierlichen Tassen. Leonie griff wacker zu, dann lehnte sie sich behaglich zurück und fing an zu erzählen: „Du weißt, daß neben Euch ein größeres Haus gebaut worden ist mit Arbeiterwohnungen. In einer dieser Wohnungen wohnt nun auch seit einigen Wochen die arme Familie Müller, von der ich Dir sagte. Wir kennen sie schon lange, sie wohnten bis jetzt ganz in unserer Nähe, es waren fleißige, sparsame Leute, doch der Mann, der sonst so viel erwarb, ist schon längere Zeit krank, dadurch sind sie so sehr zurückgekommen! Die arme Frau hat nun eine furchtbare Last! Fünf kleine Kinder sind auch da und eine blinde Mutter. „Das ist ja sehr traurig," sagte Gertrud leise. „Ja" fuhr Leonie fort, „und das jüngste Kind ist dreiviertel Jahr alt, ganz verwachsen und verkrüppelt, dabei hat es wohl die Auszehrung. Nie sah ich solch ein schreckliches Kind! Doch 68 von dieser Last haben wir die Frau Müller schon befreit! Du weißt wie praktisch meine Mama ist! Den ganzen Vormittag ist sie gestern in der Stadt umhergelaufen, bei vielen Damen, und hat Geld gesammelt, ist dann zu einem Stift gefahren und hat dort ein Asyl ausgemacht für das kleine Ding. Heute Morgen wurde es dorthin gebracht, aber meinst Du, dessen Mutter wäre dankbar gewesen und hätte sich im Geringsten gefreut? Bewahre! Sie war ganz außer sich, weinte und sagte, sie könnte sich von ihrem Kinde nicht trennen! Kannst Du Dir das denken, sich nicht trennen können von solch einem schrecklichen, elenden Wesen. Wir mußten es ihr fast mit Gewalt fortnehmen, nur Mama's fortwährendes Bitten und Zureden, daß sie das Kind ja immer besuchen könnte, daß es im Stifte viel bessere Pflege hätte und wenn es ganz gesund wäre gleich wieder zu ihr kommen sollte, beruhigte sie etwas. Aber besser kann es gar nicht wieder werden, das sagte der dortige Arzt auch gleich!" Gertrud hatte schweigend, doch aufmerksam zugehört, jetzt sagte sie: „Es ist gewiß sehr schwer für eine Mutter sich von ihrem Kinde zu trennen, besonders wenn sie glauben muß, es lebend nicht wieder zu sehen!" — „Oh, das weiß sie ja nicht," beschwichtigte Leonie, „wir haben ihr natürlich die größte Hoffnung gemacht!" „Aber das halte ich für sehr unrecht, die arme Frau so zu täuschen!" äußerte Gertrud. „Nicht doch, meine Liebe, es war dies nur eine kleine Nothlüge, ein Mittel zum guten Zweck!" — „Sogenannte Nothlügen sind auch unrecht," äußerte Gertrud. „Wir wollen darüber nicht streiten," sagte Leonie in etwas ärgerlichem Tone, „jedenfalls ist der Frau durch Fortschaffung des Kindes eine große Hilfe geschehen!" — „Wenn sie es nur erträgt," sprach die Andere leise. „Erträgt?" fuhr Leonie heftig auf, „das wird und muß sie!" — „Ich denke an meine eigene Mutter, sie hätte das nicht ertragen eines ihrer Kinder in solch zartem Alter von sich zu geben! Ach, besonders wenn wir einmal krank wurden, war ihre Liebe und Sorgfalt doppelt groß; jede Mutter hat ihr Kind lieb." Leonie wußte nichts mehr zu sagen, es entstand eine längere Pause, die Gertrud damit ausfüllte die Vorhänge niederzulassen und die Lampe anzuzünden, es war bereits recht dunkel geworden. Der Kaffeetisch wurde abgeräumt, und als die beiden jungen Mädchen mit Handarbeit beschäftigt wieder nebeneinander saßen, fing Gertrud an: „Was, meinst Du, soll ich für die arme Familie thun? Fehlt es auch an Kleidung oder ist nur Geldmangel dort?" — „Ich dachte mir, Du könntest besonders für den kranken Mann kräftiges Essen hinschicken, doch fehlt es an Kleidung auch sehr! 69 Das älteste Mädchen ist 10 Jahre alt, die beiden andern 8 und 9 und dann folgt ein Knabe von 6 Jahren. Zwei Kinder sind der Frau Müller schon gestorben." — „Dann will ich morgen einmal hingehen und Kleidungsstücke mitnehmen, gewiß finde ich viel Passendes von unsern Kindern," sagte Gertrud. Damit war das Gespräch über Müllers zu Ende. Wieder fuhr ein Wagen vor das Haus, man hörte helle Kinderstimmen und Gertruds Geschwister kamen zur Thür herein. „Wir sind lange ausgeblieben, nicht wahr Trudchen?" rief die zwölfjährige Anna, Gertruds Ebenbild. „Ja", sagte die kleine dunkellockige Elfe: „räth einmal wo wir waren!" Doch der kleine Franz sah die älteste Schwester mit den großen blauen Augen treuherzig an und sagte: „Ich will es Dir erzählen Trudchen. Wir sind, als die Schule aus war, alle bei Tante Anna gewesen und dann hat uns der Papa mit dem Wagen abgeholt. Hör' mal Trudchen, Tante Anna schenkt Dir etwas sehr Schönes zum Weihnachten, aber ich darf es Dir nicht wiedersagen!" — „Willst Du still sein, kleiner Schwätzer!" sagte Else lachend und legte ihm die Hand auf den Mund. Leonie, nachdem sie mit den Kindern ein paar freundliche Worte gewechselt hatte, meinte daß es Zeit sei aufzubrechen, und Gertrud schickte den kleinen Franz zum Kutscher mit der Weisung nicht abzuspannen, sondern erst Fräulein Leonie nach Hause zu fahren. „Ich bin Dir sehr dankbar dafür," sagte diese, „bei diesem schlechten Wetter ist es mir sehr angenehm zu fahren!" Es wurde Abschied genommen und Leonie ging. Kaum hatte sich die Thür hinter ihr geschlossen, so rief Franz: „Diese Leonie mag ich gar nicht leiden!" — „Warum denn nicht Fränzchen?" fragte Anna. „Sie hat so schwarzes Haar, solch gelbes Gesicht und ist immer so« laut!" — „Pfui Fränzchen, so mußt Du nicht sprechen, sie kann nichts dafür, daß sie nicht hübsch ist, der liebe Gott will, daß wir Menschen uns Alle untereinander lieb haben! Ich will Dir nun auch erzählen, weshalb Leonie heute bei uns war." — „Wird das eine Geschichte?" fragte Fränzchen. Gertrud nickte. „Dürfen wir auch mit zuhören?" fragten Else und Anna wie aus einem Munde. „Gewiß, ich bitte darum," erwiderte Gertrud, und alle setzten sich um die ältere Schwester, die mit sanfter Stimme und rührenden Worten von den armen Müllers erzählte. Als Gertrud schwieg, bat Fränzchen: „Nicht wahr liebes Trudchen, mich nimmst Du morgen mit, und ich darf auch viel von meinen Spielsachen hinbringen?!" — „Ach Schwesterchen, nimm mich mit!" — „Nein mich!" riefen Anna und Else. „Alle zusammen kann ich Euch nicht mitnehmen! 70 Fränzchen hat zuerst darum gebeten, nun muß er auch wohl der Erste sein! Wenn ich dann wieder hingehe, nehme ich Euch Beide mit!" — „Aber Du gehst doch auch bald wieder hin?" fragte Elfe. „Gewiß, mein Herz, und Ihr Beide könnt von Euren älteren Kleidungsstücken allerlei auswählen für die kleinen Müllers. „Ach ja, das ist prächtig!" und die Mädchen liefen zur Thür hinaus, gleich nachzuschauen. Fränzchen aber mußte seine Büchermappe holen, sich an den Tisch setzen und mit Gertrud rechnen und seine Schulaufgabe schreiben. Das wollte heute gar nicht so recht gehen. Fränzchen fragte immer wieder nach Müllers. „Höre einmal Trudchen, warum läßt der liebe Gott wohl Herrn Müller krank werden und das Kind und warupr hat er die Großmutter blind werden lasten?" „Mein liebes Kind," entgegnete die Schwester, „was der liebe Gott thut ist immer wohlgethan, wenn wir auch oft den Grund nicht einsehen können! Kein Mensch ist hier auf Erden ganz vollkommen glücklich, das fügt der Herr so, damit wir nicht vergessen, daß unsere eigentliche Heimath dort oben ist!" — „Aber wir sind doch glücklich, Gertrud?" — „Ja, wenn unsere gute Mama noch lebte," sagte diese mit thränenden Augen. „Ja, liebes Trudchen, jetzt bist Du meine Mama, nicht wahr? Ich habe Dich auch eben so lieb!" Und der Kleine kletterte auf der Schwester Schooß und schlang liebkosend die Aermchen um ihren Hals. Sie küßte ihn zärtlich auf das blonde Lockenköpfchen und ihre Thränen bekämpfend sagte sie liebreich: „Nun wollen wir weiter arbeiten, bald giebt's Abendbrod!" Gehorsam nahm Franz seinen Platz wieder ein. Mit engelgleicher Geduld half Gertrud bei den Aufgaben, und gerade vor dem Abendbrod war Fränzchen fertig und packte froh seine Sachen zusammen. Elfe und Anna kamen auch wieder und erzählten mit leuchtenden Augen, was sie für Müllers Kinder gefunden hatten. Die kleinen Mädchen setzten sich mit Weihnachtsarbeiten an den Tisch, die singende Theemaschine wurde hereingetragen und Gertrud ging hin und her, bereitete den Thee und ordnete den Theetisch auf das Zierlichste. Da kam der Papa herein und sah freudig auf seine lieben fleißigen Kinder. Eins nach dem andern umarmte und küßte er und Gertrud legte er segnend die Hand auf den Kopf und sagte: „Mein Herzenstrost!" — „Was bringt Anton da noch?" fragte Fränzchen neugierig. „Ach Gebratenes, das riecht gut, nicht wahr Trudchen, morgen bekommen die armen Müllers auch so etwas?!" Gertrud nickte ihm freundlich zu, und als Alle um den runden Theetisch saßen, da mußte auch dem Papa die Geschichte von Müllers erzählt werden. „Höre 71 Trudchen," meinte Franz, „erst hast Du es viel schöner erzählt und viel länger!" Der folgende Tag war weniger stürmisch. Gertrud, nachdem sie ihre häuslichen Pflichten besorgt hatte, sah noch einmal die Sachen durch für die Familie Müller und fügte von den ihrigen hinzu, was sie für gut fand. Dann nahm sie einen großen Korb und füllte ihn mit allerlei Lebensmitteln, als: Reis, Grütze, Kaffee, Butter, Zucker und andern guten Dingen. Als Fränzchen aus der Schule kam, war sein erster Weg zu Gertrud. „Wir gehen doch bald zu Müllers, Trudchen?" — „Ja mein Kind, heute Nachmittag, wenn Du aus der Schule kommst!" — „Ach, ich habe ja gar keine Schule, es ist ja Mittwoch, da gehen wir doch gleich nach Tisch?" Franz erhielt nun eine bejahende Antwort und sprang munter fort, legte die Schulsachen hübsch bei Seite und ging mit vielem Eifer an das Aussuchen der Spielsachen für Müllers. Den ganzen Tisch im Spielzimmer hatte er schon vollgepackt, als Gertrud erschien, lächelnd Einiges auswählte und das Andere wieder fortpacken hieß. Nach dem Essen nahm Gertrud den großen Korb an den Arm. Fränzchen trug die Spielwaaren und das Bündel Kleidungsstücke. „Warum läßt Du Dir denn den großen Korb nicht hintragen, das könnte ja Line thun oder Anton!" — „Ja, lieber Franz, das könnten sie wohl, aber ich thue es lieber allein, es braucht nicht Jeder zu wissen, wenn man Etwas giebt! Du mußt auch Niemand erzählen, daß Du Müllers Spielsachen schenkst." — „Warum denn nicht Trudchen?" — „Wenn man Gutes thut, hast Du ja neulich auch gelernt, dann' soll die linke Hand nicht wissen, was die rechte thut! Das heißt so viel, daß wenn Du etwas giebst, sollst Du nachher nicht mehr daran denken und gegen Niemand damit prahlen, sonst ist es dem lieben Gott kein wohlgefälliges Werk!" Bei diesem Gespräch waren sie durch den Garten gegangen und traten in den des Nachbars. Sie gingen einen breiten Weg darin hinunter, an dessen Seiten mit Obstbäumen bepflanzte Rabatten lagen. Dann kamen sie an einem großen, weißen Gebäude vorbei, das der Besitzer des Grundstücks bewohnte, und nun waren sie an Ort und Stelle, bei den Arbeiterwohnungen. Die steile, von Leonie bezeichnete Treppe wurde erklommen und da standen sie auf einem kleinen sauberen Vorplätze, rechts und links Thüren, es schienen verschiedene Familien hier zu wohnen. So war es auch, zur Rechten öffnete sich eine Thür und eine nette, freundliche Frau wies ihnen Müllers Wohnung an. Sie kamen erst durch ein kleines Zimmer, dann in die 72 Küche. Welche Sauberkeit allerorten, trotz Krankheit und Noth! Die Küche war jetzt zugleich die Wohnstube der Leute; wie konnte man auch doppelte Feuerung erschwingen! Es war ein Heller Raum und Sonne und Herdfeuer verbreiteten eine behagliche Wärme. Vor dem Fenster stand ein einfacher tannener Tisch, daran saßen vier blasse, dürftig gekleidete Kinder; die beiden älteren Mädchen mit Stopfen beschäftigt, die Kleinen spielend mit ein paar selbst gefertigten Puppen. Am Herdfeuer aber saß die arme blinde Großmutter und strickte — sie wollte doch auch etwas verdienen. Als Gertrud und Franz eintraten, sahen die vier Kinderchen mit neugierigen Blicken auf. Gertrud fragte nach Frau Müller und das älteste Mädchen sagte schüchtern, die Mutter sei ausgegangen, zu Frau Justizrath Brühl, um Suppe zu holen für den Vater. „So, so," sagte Gertrud, „und dies ist wohl das Großmütterchen? Guten Tag, liebe Frau, so fleißig bei der Arbeit? Ich bringe Ihnen hier einige Kleinigkeiten an Eßwaaren, auch etwas Wärmeres anzuziehen für die lieben Kleinen." — „Das lohne Ihnen Gott," sagte die alte Frau erfreut und streckte ihre welke Hand hin, die Gertrud ergriff und sanft drückte. Eines von den Kindern war hinter die Großmutter getreten und flüsterte: „Es ist Fräulein Walter von nebenan!" Die Alte stand auf und suchte nach einem Stuhl, bat Gertrud Platz zu nehmen und fing dann ein längeres Gespräch mit ihr an. Der kranke Schwiegersohn lag zu Bett in der Kammer und die Alte meinte flüsternd, der Herr würde ihn wohl bald zu sich nehmen. Sie zerdrückte dabei eine Thräne und sagte leise: „Das wird der härteste Schlag für meine arme Tochter, es ist solch ein braver guter Mann!" Auch von dem kleinen Wesen im Stift sprach sie: „Ach wir hatten sehr viel Last mit dem kleinen Ding und doch fehlt es uns überall!" Fränzchen war indessen zu den Kindern gegangen und kramte die Spielsachen aus. Anfangs waren die Kleinen so verlegen, wagten kein Wort zu sagen und gar nicht zuzugreifen. Mit erröthenden Gesichtern und glänzenden Augen sahen sie auf die schönen Soldaten, die Häuser und Thiere, und erst als Fränzchen anfing ihnen vorzuspielen, wurden sie lebhafter und es dauerte nicht lange, da waren sie mit Franz die besten Freunde. — Ein halbes Stündchen wohl blieben Gertrud und Franz, dann verabschiedeten sie sich, begleitet von den Segenswünschen der Familie. Gertrud blieb den ganzen Tag still- und nachsinnend. Wie fromm, wie gottergeben war die alte blinde Frau! Wie viel irdische Reichthümer hatte Gertrud vor dieser voraus! Sie schalt sich undankbar 73 und dankte dem lieben Gott heute für Alles, für ihre gesunden Augen, für den guten Papa und die lieben Geschwister und für den Reichthum, womit sie armen Menschen helfen konnte und stets zu helfen beschloß. Wenige Tage später, Gertrud saß wieder allein im traulichen Zimmer, klopfte es leise an die Thür und aus Gertruds Ruf trat eine blasse Frau herein. „Entschuldigen Sie, Fräulein Walter, ich bin die Frau Müller und habe eine große Bitte an Sie!" — „Gern, gern liebe Frau," sagte das junge Mädchen und griff schon nach der Börse. „Ach, mein Fräulein, das ist es nicht, Sie haben uns ja mit Allem so reichlich versehen! Ich habe eine andere Bitte!" Und in lautes Schluchzen ausbrechend, rief sie: „Mein Kind, mein liebes kleines Kind, ich kann die Trennung nicht aushalten! Helfen Sie um Gotteswillen, helfen Sie mir mein Kind wieder zu erhalten!" Gertrud war betroffen, sie wußte im Augenblick nicht recht, was sie sagen sollte. Sie bat die Frau sich zu beruhigen und nöthigte zum Sitzen. „Ich kann mir ja denken, liebe Frau, daß die Trennung Ihnen schwer wird! Wenn Sie es nicht aushalten können, da giebt es wohl kein anderes Mittel, Sie müssen Ihr Kind wiederholen! Wer kann es Ihnen vorenthalten?" — „Ach ja, ich bin auch schon mehrere Male hingegangen zu der Frau Justizrath Brühl, die hat ja im Stifte die Stelle ausgemacht, ohne deren Einwilligung geben sie mir das Kind nicht wieder mit, ich treffe aber die Dame nie zu Hause! Ach ganz anders habe ich mir alles gedacht, sonst hätte ich mein Kind nicht fortgegeben! Und wie ungern that ich's überhaupt, mit Gewalt haben sie mir's am Ende fortgerissen. Im Hause habe ich keine Ruhe mehr, kein Essen und Trinken rühre ich an und geschlafen habe ich noch gar nicht seit mein Willy fort ist!" Die Frau fing heftiger an zu weinen, Gertrud hatte den Arm um ihre Schulter gelegt und sprach ihr beruhigend zu: „Fräulein Brühl hat mir von Ihnen erzählt, liebe Frau, ich dachte mir gleich, daß Sie das Kind vermissen würden, solch kleines zartes Wesen hat es auch am besten bei der Mutter!" — „Gott segne Sie für Ihre Worte! Sie glauben nicht, ach Sie können nicht fühlen, wie einer Mutter zu Muth ist! Auch mein guter Mann weint nach dem Kinde, und nun gar die alte blinde Mutter, die hat es immer gewartet! Die andern Kinder fragen oft: «Mutter, ist denn der kleine Willy todt?» Das geht mir durch's Herz, wenn mein Kind dort im Stift stürbe, ich könnte im Leben nicht wieder froh werden! Wenn es zu Hause bei mir stirbt, dann nimmt mir's der liebe Gott und ich füge mich seinem heiligen Willen — aber so — so haben mir's die 74 » Menschen genommen! Aber Alle, Alle sagen, es würde im Stift bald ganz wieder hergestellt sein!" — „Unser Leben steht allezeit in Gottes Hand, auch das Leben Ihres Kleinen, er soll ja so sehr, so sehr" — Gertrud brach ab, sie wagte nicht weiter zu sprechen, Frau Müller sah sie so ängstlich forschend an: „Ach sprechen Sie es aus, Fräulein Walter!" — „Ja, liebe Frau Müller, ich halte es für meine Pflicht, das Kind soll, nach menschlicher Ansicht, hoffnungslos krank sein!" Die arme Frau war sehr bleich geworden. „Es war also nur um mich zu täuschen," flüsterte sie, dann drückte sie Gertruds Hand und sagte fast unhörbar: „Ich danke Ihnen, Sie meinen es gut mit mir!" Gertrud drückte die Hand wieder und sagte dann sanft: „Und was soll ich nun für Sie thun?" — „Ach, wenn Sie hingehen wollten zur Frau Justizrath und ihr Alles sagen, daß ich's nicht mehr aushalten könnte, daß sie mich nicht für undankbar halten möchte! Sie wird recht böse sein, es hat ihr so viel Mühe gemacht! Sie muß auch viel im Stifte bezahlen — ach, und wenn ich für meinen Willy nur für einen Groschen Milch täglich habe, dann ist es ja genug! Und pflegen und warten ist ja eine Freude für uns! Wissen Sie, liebes Fräulein, im Stifte nehmen sie eigentlich keine kleinen Kinder auf und wissen auch wohl nicht damit umzugehen! Er weinte so sehr, wie ich das erste Mal da war, ich wollte ihn aufnehmen, aber die Dame, die man dort Schwester nennen muß, litt es nicht, sie sagte: «Nein, gute Frau, das geht nicht an, wir dürfen dem Kinde nicht angewöhnen es umherzutragen, dazu haben wir hier keine Zeit!» Und als ich weinend meinen Kopf an des Kindes Gesichtchen legte, und mich das arme Ding erkannte und noch lauter zu weinen anfing, da sagte die Schwester, es wäre Zeit für mich fortzugehen, ich müßte nun überhaupt einmal vierzehn Tage fortbleiben, damit das Kind mich vergessen lernte." Bei dieser Erzählung flössen die Thränen der armen Frau reichlich, auch Gertrud war recht bewegt von dem Leid der Armen und versprach gleich morgen zur Frau Justizräthin zu gehen und ihr Möglichstes zu thun. Die arme Frau Müller dankte und ging beruhigter fort. — Gertrud schritt erregt im Zimmer auf und ab, da trat der Vater herein. „Was ist Dir, mein Kind?" fragte er gütig. Das Mädchen umschlang seinen Hals und so mit ihm auf und ab schreitend, erzählte sie Alles. Er ließ sie ruhig aussprechen, dann sagte er: „Auf das Stift mußt Du nicht schelten, mein Herzenskind, das ist eine segensreiche Anstalt! Es sind gewiß viele Schwerkranke dort, und die Schwester hat ganz Recht, wenn sie sagt, daß das Kind nicht fortwährend gewartet werden kann, auch darin, daß es ruhiger wird, sich eher gewöhnt, wenn es die Mutter nicht so oft sieht! Ich muß Dir aber auch wieder Recht geben, daß dies sehr hart für die Frau Müller ist, und daß solch kleines Kind wohl nirgends besser aufgehoben ist, als eben bei der Mutter! Brühls haben es gut gemeint, aber das war ein falsches Wohlthun, das Kind der Mutter zu entreißen! So geh' denn morgen hin zur Frau Justizräthin, es ist kein angenehmer Weg, die Dame läßt sich so schwer von ihren Meinungen abbringen!" — „Das wohl," sagte Gertrud, „aber die Freude dann von der Frau Müller, wenn das Kind wieder kommt, wird groß sein! Ach, auch für mich, lieber Papa!" Herr Walter schloß sein Kind in die Arme und küßte es herzlich auf die weiße Stirn. Da kamen die Kinder herein- gesprungen und das Gespräch hatte für heute ein Ende. Wieder verging ein Tag und Gertrud war zu der Frau Justizräthin gefahren, die sie auch zu Hause traf, Leonie hingegen war ausgegangen. Die Dame hatte sie anfänglich sehr freundlich empfangen, aber als Gertrud mit rührender Innigkeit von dem Anliegen der Frau Müller erzählt hatte, änderte sie ihr Benehmen und sagte spitzig: „Mein liebes Kind, Sie sind noch so sehr jung und nehmen sich schon heraus die Handlungsweise einer Frau zu tadeln, die Ihnen an Jahren weit überlegen und an Lebenserfahrungen so viel reicher ist!" — „Ach wie könnte ich Sie zu tadeln wagen," erwiderte Gertrud, „Sie haben es ja so gut gemeint mit der armen Frau!" — „Ja, gut gemeint! Aber dieses Volk verdient es nicht! Wie viel Lauferei und Mühe habe ich damit gehabt, dieses elende Geschöpf in's Stift zu bringen; kaum ist es geschehen, so verlangen diese Leute die Rückgabe! Oh, es ist kaum zu glauben! Und Sie, Gertrud, sollten sich auch schämen den Leuten in ihrer Undankbarkeit beizustehen, ja sie selbst werden die Frau wohl zu diesem Schritte aufgehetzt haben, ich erinnere mich, daß Leonie mir gleich erzählte, Sie hätten sich über die Trennung von Mutter und Kind mißliebig ausgesprochen!" Gertrud war ganz empört. Diese schnöde Behandlung für ihr gutes Wollen hatte sie nicht verdient, kam ihr zu unerwartet und es fehlte nicht viel, so wäre sie in Thränen ausgebrochen. Doch sie bezwäng sich und sagte: „Frau Müller war schon drei Mal bei Ihnen, um für sich selbst zu sprechen, doch waren Sie nie zu Hause, und deshalb habe ich ihr versprechen müssen zu Ihnen zu gehen. Oh, hätten Sie die arme Frau selbst reden hören, Sie würden anders urtheilen! Sie war Ihnen so dankbar und war so ängstlich, daß Sie sie der Undankbarkeit zeihen würden, falls sie ihr 76 Kind wieder zu sich nehme." — „Ja, das sagen Sie ihr nur, ich hielte sie für das undankbarste Geschöpf auf Gottes Erdboden, und für Menschen, die ihr Glück so von sich wiesen, hätte ich ferner keine Hilfe mehr!" Gertrud hatte sich erhoben, eine leichte Verbeugung gemacht und war zur Thür hinaus gegangen, ohne daß die Frau Justizräthin noch ein Wort hervorgebracht hätte. Sie stieg die Treppe hinab und trat mit vor Erregung gerötheten Wangen auf die Straße. Dort hielt des Vaters Wagen und die feurigen Pferde scharrten schon ungeduldig mit den Hufen. „Nach Hause" hieß es und pfeilschnell flogen die edlen Thiere davon. Gertrud lehnte sich in die Kissen zurück und überdachte noch einmal die eben gehabte unangenehme Unterredung. Sie nahm sich vor mit dem Vater Alles durchzusprechen. Im Hause angelangt, traf sie die Frau Müller, die ihrer Rückkunft entgegenharrte. Gertrud erzählte ihr Alles, auch daß die Frau Justizräthin sie der Aufhetzung beschuldigt hätte. „Das ist ja ganz abscheulich, liebes Fräulein! Nun will ich selbst doch gleich einmal hingehen und ihr selbst Alles klar sagen!" Die Frau ging und sprach auch mit der Frau Justizräthin, konnte aber mit ihrem geraden, ehrlichen Worte nicht gegen die Fluth der Redensarten aufkommen, womit sie von der Dame überschüttet wurde. „Ja, ja Frau Müller, ich werde mein Geld dankbareren Menschen zuwenden und weder für Sie je einen Pfennig haben, noch für Ihren Jungen im Stifte bezahlen!" — „Wollen Sie mir das schriftlich geben?"—„Ja, Sie impertinente Person," rief die Dame wüthend, „das will ich Ihnen jederzeit schriftlich geben!" — „Dann bitte ich darum, Frau Justizrath, ich kann das Schreiben im Stifte vorzeigen, daß ich mein Kind mit Ihrem Wissen fortnehme, das wollte ich doch gern." Frau Müller ging in ihrer Herzensfreude ihr Kind nun endlich fest und gewiß mit sich zu nehmen, direct nach dem Stifte. Es war ein sehr rauher, kalter Tag und es regnete, aber sie achtete dessen nicht. Im Stifte legte man ihr, nach Durchlesung des Zettels, eben keine Schwierigkeiten in den Weg, aber die arme Frau hatte nichts bei sich ihrem Kindchen umzubinden, sie nahm ihr eigenes Tuch ab und hüllte das, Kind hinein. Es fror sie empfindlich, aber was fragte die Mutter danach, wenn nur ihr liebes Kind warm war! So kam sie endlich zu Hause an und erst nachdem sie dem Kinde warme Milch gegeben und es bequem in der Wiege zurechtgelegt hatte, dachte sie daran ihre gänzlich durchnäßten Kleider zu wechseln. Aller Freude war groß, daß der kleine Willy wieder da war, besonders die Großmutter machte sich gleich an der Wiege zu schaffen und weil sie nicht I 77 sehen konnte, streichelte und befühlte sie das Gesichtchen des Kleinen, wie prüfend, ob es auch wirklich der kleine Willy sei! Für die arme Mutter sollte aber doch der kalte nasse Weg unangenehme Folgen haben. Schon am Abend klagte sie über starkes Kopf- und Halsweh und über Nacht verfiel sie in ein hitziges Fieber und phantasirte. Am folgenden Tage war wohl ihr Bewußtsein wieder da, aber die Kopf- und Halsschmerzen waren geblieben und sie war so schwach, daß sie unfähig war sich zu erheben. Auch der zweitjüngste Knabe, der kleine August, fing an zu klagen über dieselben Schmerzen, und der Arzt, der dann und wann kam, nach dem kranken Manne zu sehen, sagte, es sei ein Anfall von Bräune und verschrieb Arznei. So hatte die arme blinde Großmutter alles allein zu besorgen, aber der liebe Gott gab ihr die Kraft dazu, und es war merkwürdig, wie umsichtig, trotz der Blindheit, die alte Frau war! Aber der liebe Gott gab ihr auch eine Hilfe und das war die Zimmernachbarin, Frau Köhler. Diese brave Frau besorgte, trotzdem sie selbst so viel zu thun hatte, der Blinden Wasser und Feuerung herauf. Auch das älteste Großkind, die kleine Johanne, war eine treue Stütze der alten Frau. Konnte Großmutter etwas nicht finden, so wußte die Kleine von Allem Bescheid und wie schön konnte das Kind Feuer anmachen und Kartoffeln schälen! Sie war von früh bis spät fleißig, that Alles mit Freuden und so ging es ihr, wie es in dem Sprichwort heißt: „Lust und Liebe zum Dinge, macht Mühe und Arbeit geringe!" Ja, die kleine Johanne konnte vielen großen Mädchen als Muster hingestellt werden. — Nachdem Gertrud zwei Tage auf Nachricht von Frau Müller vergeblich gewartet hatte, machte sie sich selbst auf den Weg zu ihr. Elfe und Anna hatten sie gern wieder begleiten wollen, aber sie wollte allein erst einmal nachsehen und vertröstete die Mädchen auf das nächste Mal. So stieg sie nun wieder die Treppe zu Müllers hinan und öffnete gleich die Thür der Stube, die den Durchgang zur Küche bildete, aber betroffen von dem Anblick, der sich ihr bot, blieb sie aus der Schwelle stehen. Auf dem Sopha lag in Kissen und Decken die Frau Müller, im linken Arme den kleinen fiebernden August, während zu ihrer Rechten die Wiege mit dem kleinen Willy stand. Es war ein rührendes Bild und Gertrud trat leise näher. Die Frau schlief, der kleine August auch, nur Willy lag wachend und schaute das junge Mädchen mit seinen großen blauen Augen verwundert an. Gertrud sah das Kind heute zum ersten Male, sie beugte sich über dasselbe und betrachtete es aufmerksam. Das war also das kleine Wesen, welches die Frau Justizräthin 1 78 und Leonie als so „abschreckend" bezeichnet hatten. Und doch war es solch ein feines kluges Kindergesichtchen, das ihr entgegen sah, von blonden Haaren eingerahmt, so weiß und zart von Haut, daß jede Ader durchschien. Nein, abschreckend war das Kind nicht! Freilich den kleinen verwachsenen Körper konnte Gertrud nicht sehen — und nun die kleinen Händchen, die Arme, so etwas traurig Abgemagertes hatte sie noch nie gesehen! Jetzt hustete das kleine Ding und da erwachte gleich die Mutter. Ihr Blick fiel auf Gertrud und mit glücklichem Lächeln ihr die Hand entgegenstreckend, sagte sie: „Ich habe meinen kleinen Willy wieder! Auf dem Wege vom Stift hierher habe ich mir eine tüchtige Erkältung geholt, aber ich will es gern ertragen, das wird ja auch vorübergehen! Und denken Sie sich die Gnade von Gott, mein lieber Mann ist auch etwas besser, er ist heute seit langer Zeit zum ersten Male ein Viertelstündchen außer Bett gewesen und hat hier bei mir und den Kindern gesessen. Gertrud äußerte ihre Freude darüber und Frau Müller erzählte nun Alles umständlich, was sich bei der Frau Justizräthin und im Stifte zugetragen hatte. Als sie geendet hatte, fragte sie plötzlich mit thränenden Augen: „Was meinen Sie, Fräulein Walter, muß ich mein Kind verlieren?" — „Das steht bei Gott, liebe Frau Müller, doch halte ich das Kind nicht für so krank, als es mir beschrieben wurde; freilich ist es so zart wie ich nie ein Kind sah! Hat ihm denn der Weg vom Stifte nichts geschadet?" — „Ach wohl," seufzte die Frau, „den bösen Husten hatte er vorher nicht!" Gertrud machte ihr sanfte Vorwürfe und sagte: „Wie gern würde ich Sie mit dem Kinde zu Hause gefahren haben, wenn ich nur darum gewußt hätte! Wir Beide wollen nun für das Kind thun, was in unsern Kräften steht, nicht wahr Frau Müller? Ich komme einmal mit unserm guten alten Hausarzt, der wird mir sagen, womit wir dem Kleinen wieder aufhelfen!" — „Gebe der liebe Gott seinen Segen dazu," sagte die blinde Großmutter, die leise eingetreten war. Gertrud schüttelte ihr die Hand und sprach sich bewundernd aus über ihre treue Pflege. „Ich bin dem Herrn so dankbar, daß er mir alten blinden Frau die Freude schenkt mich nützlich machen zu können," sagte die Alte einfach. Gertrud kam nie mit leeren Händen, auch heute hatte sie ein Körbchen mitgebracht mit stärkendem Wein, Fleisch, Speck und etwas Eingemachtem für den kranken Mann zur Erfrischung. „Milch habe ich auch bestellt hier nebenan bei Bäckers, für unsern kleinen Willy! Johanne kann sie nur täglich holen, aber Geld wollen die Leute nicht haben," sagte Gertrud schelmisch lächelnd. Darauf 79 drückte sie der Großmutter noch einen harten Thaler in die Hand und schied mit heißem Dank der Zurückbleibenden. — Als Gertrud nach Hause kam, sprangen ihr die Geschwister entgegen, zogen sie in das Wohnzimmer und überhäuften sie mit Fragen. Das junge Mädchen mußte immerfort erzählen! „Weihnachten ist nun auch bald da, und dann wollen wir den armen Müllers eine Freude machen!" — „Ach ja, ach ja!" jubelten die Kinder. „Ihr könnt wollene Strümpfchen stricken," sagte Gertrud zu Elfe und Anna, und der Vorschlag wurde mit Beifall aufgenommen. „Ich will aber auch etwas stricken für Müllers!" sagte Fränzchen. „Für Dich wird sich auch schon Etwas finden!" — „Aber was denn?" fragte Fränzchen weinerlich. „Wohl gerade keine Arbeit, aber doch etwas Schönes! Du nimmst einen Thaler aus Deiner Sparbüchse und kaufst dem kleinen Willy ein neues Kleidchen." — „Ach ja," sagte Franz befriedigt, „und ich suche es selbst mit Dir aus, morgen, nicht wahr?" — „Ja," sagte Elfe, „wenn Trudchen uns das Wollgarn kauft zu den Strümpfen. Bitte, Trudchen, recht buntes!" So rückte denn die liebe Weihnachtszeit heran, und es wurde kälter und kälter. Oft war anhaltender Schneefall und Franz konnte sich mit dem Schlitten im Garten umher tummeln und Schneemänner machen. Nebenan bei Müllers ging es täglich besser. — Des Herrn Wege sind wunderbar, er prüft wohl oft schwer, ist aber dann auch wieder mit seiner Hilfe und Gnade da. Die kräftigen Speisen und stärkenden Weine, die Gertrud immer gespendet hatte, und ihr ganzes Taschengeld, das sie vom Vater erhielt, hatten den Nahrungssorgen Einhalt geboten. Wie manches Stück Möbel hatte Gertrud schon wieder aus dem Leihhause eingelöst! Müllers glückliche Gesichter waren ihr schönster Lohn, ihre reinste Herzensfreude. Es vergingen Wochen und es war am Abend vor Weihnachten, als Gertrud mit den Geschwistern zum Christmarkt ging. Franz war noch nie dort gewesen und freute sich sehr über die erleuchteten Buden mit den vielen schönen Sachen darin. Nun wurde allerlei eingehandelt an Kleidungsstücken und Spielwaaren. Jedem der armen frierenden Kinder, die auf dem Christmarkt saßen und mit Schäfchen und Torffiguren handelten, wurde etwas abgenommen. Die Torffiguren belustigten den Knaben sehr, aber da war ein Männchen ganz von Rosinen, das war erst recht etwas für Franz und mußte gleich gekauft werden! — Gertrud vereinigte sich mit den Schwestern darüber, Müllers die Sachen heimlich zu schicken. So 80 wurde denn andern Tages ein Schließkorb mit Aepseln und Nüssen und verschiedenen Sachen gefüllt und Abends durch einen Packträger hingeschickt. Die Freude der guten Leute läßt sich kaum beschreiben! Ein Jeder fand etwas Passendes, einen Wunsch erfüllt. Aber wenn die gütigen Geber sich auch nicht genannt hatten, sie erriethen sie doch! — Gertrud hatte sich den Weihnachtsabend so traurig vorgestellt, aber sie fühlte sich innerlich zufrieden und glücklich und so konnte sie heiter sein mit den Kindern. So erging es auch dem Vater, er war sehr darauf bedacht gewesen seine Kinder zu erfreuen, so daß er in der Kinder Freude die eigene sand. Der harte Winter war vorüber, der Frühling kam wieder mit seinem frischen Grün, seinen duftenden Blüthen. Die Schwalben schwirrten durch die Luft, und alle die kleinen andern gefiederten Sänger, die Gertrud jedes Jahr im Garten gesehen hatte, waren wieder da und bauten ihre Nester. Da kam das Fliegenschnäpperpaar und die Rothschwänzchen, der Buchfink, die Bachstelze und Meise und die süßen Nachtigallen! — Der kleine Willy lernte jetzt das Laufen, das machte Gertrud rechte Freude. Sie hatte das Kind so lieb gewonnen; aber auch Willy hing mit großer Liebe an dem jungen Mädchen. Oft nahm sie das Kind mit zu sich in den herrlichen Garten, und da kamen dann auch Anna, Elfe und Franz und spielten mit dem Kleinen, er war Aller Liebling! Willy's Vater konnte seit längerer Zeit wieder zur Arbeit gehen; Frau Müller wies jetzt herzlich dankend die Unterstützungen ab. Aber für Willy zu sorgen, das ließ sich Gertrud nicht nehmen! Jahre waren vergangen. Willy war größer geworden, obgleich verwachsen von Gestalt, hatte er ein hübsches kluges Gesicht und was dem Körper an Schönheit fehlte, das war ihm reichlich an Geist ersetzt! Er besuchte durch Gertruds Vermittelung eine gute Schule, war die Freude der Eltern und Aller, die ihn näher kannten. — Die Frau Justiz- räthin Brühl wurde auf eine eigene Weise an die Familie Müller erinnert. Als Leonie einst zu einer Bekannten gegangen war und als sie wieder nach Hause ging, war es so glatt aus den Straßen, daß sie kaum vorwärts konnte. Sie mußte am Stifte vorbei, und gerade da fiel sie so unglücklich, daß sie besinnungslos liegen blieb. Da Niemand sie kannte, trug man sie ohne Weiteres in's Stift. Die Arme hatte ein Bein gebrochen und so schlimm, daß sie, auf Befehl des Arztes, einige Wochen still im Stift liegen bleiben mußte. Das war der Frau Justizräthin fürchterlich! Wie gern hätte sie die einzige Tochter bei sich im Hause 81 gehabt, um sie zu hegen und zu pflegen. Jetzt dachte sie öfter an die arme Frau Müller. Ihr Herz wandle sich in der Noth dem lieben Gott mehr zu. Auch Leonie fand auf ihrem Schmerzenslager Trost und Hilfe im Gebet. Als sie ganz wieder hergestellt war, ging sie mit der Mutter einmal zu Müllers. Aber das waren die armen Müllers von damals nicht mehr! Der Mann war ja gesund und kräftig und arbeitete, und Frau Müller war auch nicht müßig, sie wusch und plättete feine Wäsche und bekam schönes Geld dafür. Die alte blinde Großmutter hatte man vor einem halben Jahre zur letzten Ruhe gebracht. Sie war eingeschlafen mit den Worten: „Nun werde ich meinen Heiland sehen!" — Die drei Töchter dienten, August war seit Ostern bei einem Tischler in der Lehre. Nur Willy war noch bei den Eltern. War das wirklich Willy, der wenngleich verwachsen, doch so frisch und fröhlich blickende Knabe? Die Justizräthin wollte es kaum glauben. Auch in Walters Hause waren große Veränderungen vorgegangen. Gertrud war eine fröhliche, blühende Frau geworden, sie hatte einen jungen Arzt geheirathet und wohnte jetzt in der Stadt. Das hinderte sie aber nicht, fast täglich hinaus zu fahren nach des Vaters Villa und dann auch ihren Liebling aufzusuchen, den kleinen Willy. Dieser hing mit rührender Verehrung an Gertrud. Oft, wenn er nicht zugegen war, unterhielten sich Frau Müller und Gertrud über dessen Zukunft, und seine Mutter meinte dann betrübt: „Wüßte ich nur, was das Kind werden könnte! Zu einem Handwerk ist er zu schwach, aber was hat solch ein unglückliches Kind für eine Wahl? Ein Schreiber? Es wäre mir gar zu traurig den Armen, der solche Liebe zur Natur hat, den ganzen Tag in der Schreibstube zu wissen!" Da hatte Gertrud denn eines Tages einen guten Einfall. „Wissen Sie was, Frau Müller, lassen Sie Willy einen Gärtner werden, er hat die Blumen so lieb und versteht auch schon viel davon, denn er hilft immer unserm alten Andreas!" Und Willy wurde befragt, ob er Lust.habe und war ganz glücklich, daß sein Herzenswunsch in Erfüllung ging. Als seine Schulzeit beendet und er eingesegnet war, wurde er zu einem tüchtigen Handelsgärtner geschickt. Anna Walter hatte sich auch verheirathet, an einen Kaufmann in der Stadt, Franz war auf der Universität und nur Elschen bei dem Vater. Sie war Braut eines jungen Geistlichen, der erst eine Pfarre haben mußte, ehe er sie als sein liebes Weib heimführte. — Herr Walter nahm T.-A. XX. 6 82 seine Schwester, die Tante Anna, zu sich, um auch in Zukunft nicht allein zu sein. Aber dafür sorgte schon Gertrud, die fast täglich mit drei niedlichen Kindern den Papa besuchte und in den Sommermonaten ihre alten traulichen Zimmer ganz bezog. Als Willy ausgelernt hatte, wurde er dem alten Andreas zur Hilfe beigegeben und nahm später, als derselbe starb, dessen Stelle ein'. Es machte ihm große Freude in den Gärten und Treibhäusern zu arbeiten, worin er schon als kleines Kind gespielt hatte. Sein Handwerk verstand er außerordentlich gut, er zog sehr schöne Blumen, aber die schönsten davon trug er stets zu Gertrud. Er war ein braver Mensch geworden, die Stütze seiner Eltern, freundlich gegen Jedermann, seine Verehrung aber für Gertrud kannte keine Grenzen. Mit ihren Kindern spielte er sehr gern, machte ihnen kleine Gärten und gab ihnen stets die schönsten reifsten Früchte. — Man liebte und achtete Willy Müller und er fühlte sich glücklich in seinem Berufe. N a 8 H lli u l f e st. Lustspiel von Antonio von Kheynach. Einige Zöglinge, wenigstens 8, sind versammelt, festlich in Weiß, mit Schleifen und grünen Kränzen geschmückt. Gesang (mit Tanz im schottischen Takt). Holde Freude steigt hernieder Zu des Festes Glanz, Fröhlich schallen unsre Lieder Und es winkt der Tanz. Munter, immer munter Schwebt den Saal hinunter All' im grünen Kranz! La — la — la — Singend, tanzend, köstlich fliegt sich's Durch den Saal allein; Aber schöner schmiegt und wiegt sich's Doch zu Zwei'n und Drei'n. Reicht euch flink die Hände! „Freude ohne Ende" Soll heut Losung sein! La — la — la — (Unterdeß, ungefähr beim zweiten Vers, sind 3 Genien eingetreten und haben sich Hand in Hand tanzend unter die Jugend gemischt. Sie, sowie die 3 später erscheinenden Genien müssen von den ältesten Schülerinnen dargestellt werden.) 83 I. Zögling (zu den Anderen). Seht, fremde Gäste Erscheinen hier! III. Zögling (zu den Genien) In unsrer Mitte Willkommen sehr! II. Zögling. Zu unserem Feste Gar würd'ge Zier! IV. Zögling. Und sagt uns, bitte, Wo seid ihr her? (Die drei Genien sind weiß gekleidet, doch in längeren Gewändern, als die Zöglinge. Auch haben sie lange Schleier von klarem Zeuge, Krepp oder Tarlatan; die Behaglichkeit dunkelroth, der Frohsinn rosa, der Ernst blau.) Die Behaglichkeit. Wir sind doch diesem Hause Nicht fremd, nicht unbekannt! Ihr heißet uns willkommen In unserm eig'nen Land. Hausgeister sind wir Dreie, Und hier ist unser Reich, Und wer das Haus bewohnet, Dem dienen wir sogleich. Wir walten, wirken, weben Getreu in jedem Raum, Und wird es allzu stille, Umfängt uns süßer Traum. Der Frohsinn. Ein Ton erklang: „Trara! trara!" Empor ich sprang: „Geräusch ist nah! Der Schlaf ist aus, Steht auf, steht auf! Es regt sich im Haus Ein Kinderhauf!" Der Am regelmäß'gen Stundenschlage Zieht sich vom frühesten Beginn Die Melodie der Werkeltage In sanft gedämpften Tönen hin. Und wieder hell Klang's: „Trarara!" Da rief ich schnell: „Musik ist da! Arbeit vorbei, Der Fleiß zur Ruh! Lustig, juchhei — Geht es nun zu!" Ernst. Andächtig lauschen wir von ferne. Doch ist das Tagewerk gethan, So hören wir nicht minder gerne Den Feierabendjubel an. 6 * 84 Empfanget uns als Festgenossen, Unsichtbar sonst, — nur heut zu seh'n. Nun helfen wir euch unverdrossen Den schönen Abend schön begeh'n. V. Zögling (zu den Genien). Seid herzlich gegrüßt, ihr lieben Drei! (Zu den Schülerinnen) Reicht ihnen die Hand! Herbei, herbei! (Sie begrüßen sich unter einander.) VI. Zögling (zur Behaglichkeit). Wie nennst du dich, du guter Geist? Behaglichkeit. Die häusliche Behaglichkeit. VII. Zögling. Gern wußt' ich, wie der muntre heißt. Frohsinn. Mein Nam' ist Frohsinn, Heiterkeit. VIII. Zögling (zum Ernst). Und du mit mildem Blick, o Geist? Ernst. Bin Ernst, Gewissenhaftigkeit. IX. Zögling. Das sind gar liebe Gäste Zu unser'm schönen Feste. — Nun tanzt mit fröhlichem Gesang Und neuer Lust den Saal entlang. Gesang (mit Tanz). Jubelnd wollen wir uns schwingen Mit dem lieben Gast. Seht, wir drehen uns und singen Sonder Ruh' und Rast! Mit dem Geisterkinde Geht's geschwind, geschwinde Ju anmuth'ger Hast. La — la — la — 85 (Die Musik schweigt. Die Thür springt auf, und 3 Genien, in langen, weißen Kleidern, treten nach einander ein: der Baum geist hält einen Stab, mit Gezweig umwunden, der Blumen geist eine Harke, mit Blumen geschmückt, der Fruchtgeist einen Stab, an dem Früchte, — rothbäckige Aepfel oder Trauben, — oder beides, angebracht sind. Sie stellen sich im Halbkreise vor den Anderen aus.) Baumgeist. Bis tief in den Garten Dringt lockend der Schall, Ich konnt's nicht erwarten, Ich mußt' in den Saal! Blumengeist. So süßem Geklinge Kann nichts widersteh'«! Was gescheh'n hier für Dinge? Was müssen wir seh'n? Fruchtgeist. Ei! Singen und tanzen! Ei! festliches Spiel! Ihr Geister der Pflanzen, Hier sind wir am Ziel! Wir wollen nicht stören Den heiteren Brauch. Zum Hause gehören Wir Genien auch! Baumgeist. Im Garten dort unten Ist unser Revier, Im Grünen und Bunten Zu Nutzen und Zier. Ich schütze und hege Den Busch und den Baum. Behagen ich pflege Im engen Raum. Blumengeist. Die Zierlichen, Kleinen In meiner Hut, Die Blumen, die reinen, Besorg' ich gut. Mit Farben schmück' ich. Mit Duft und mit Thau, Und Frohsinn erblick' ich. Wohin ich nur schau. Fruchtgeist. Ist der Sommer entschwunden, Komm ich an die Reih': Ob die Frucht sich will runden Und süß genug sei; — Ob die Spatzen sie schonen; Ob Rüben und Kohl Und Erbsen sich lohnen; Sehr ernst nehm' ich's wohl. X. Zögling. , Das wird lustig! Welche Menge Neuer Gäste! —- (Die Musik stimmt, wie von ferne kommend, einen Marsch an. Dann schweigt sie ein Weilchen.) 86 Hört doch! hört! Was sind das für ferne Klänge? «Die Musik hebt wieder an, nähert sich und wird immer lauter. Endlich kommt eine Schaar kleiner Hausgeister, grau, in Gnomentracht gekleidet, herein und marschirt mit wechselnden Figuren durch den Saal. Die Musik spielt fort.) Geisterchor (zur Musik gesungen oder gesprochen). O, ihr vergnügt euch hier Im Saal voll Glanz und Zier Und ließet uns zurück, Das war ein treulos Stück! (Tanz, dann fahren sie fort zu sprechen.) 1. Denn sagt, — was — wollt — ihr --- Ohne uns doch thun? Denn sagt, wie könnt ihr Jemals ruhn? — (Wiederholung von 1.) 2. Wer putzt? Wer wischt? Wer spielt? Wer reibt? Wer schreibt? Wer treibt? Wer sitzt? Wer bleibt? — Sind wir nicht da, Sind wir nicht nah, Geht Alles aus den Fugen! 3. Wer putzt? Wer wischt? Wer spielt? Wer reibt? Wer schreibt? Wer treibt? Wer sitzt? Wer bleibt? — Sind wir nicht da, Sind wir nicht nah. Geht Alles tra — la — la! (Sie stellen sich in zwei Gruppen auf; die Schulgeister mit Linealen, Büchern, die sie als Fähnchen tragen, Landkarten u. s. w., — die Wirthschaftsgeister mit Besen, Körben, Trichtern und anderem Küchengeräth, das sie auf dem Kopf und in der Hand tragen, komisch herausgeputzt.)* XI. Zögling. Ihr kleinen Wesen Mit Pinsel und Besen, Was suchet ihr? I. Geist. Euch suchen wir Geister, Wir winz'gen Meister, Und ihr seid hier. * Die kleinsten Schülerinnen müssen diese Geister darstellen. 87 II. Geist. Die Klaff' ist leer, Uns bangt so sehr, Ohne Stimmgebraus, — Wir halten's nicht aus! III. Geist. Wollt ihr allein Wir ziehen mit, Hier Tänzer sein? Auf Schritt und Tritt! Chor, I. Abtheilung. Fleiß lieben wir und Emsigkeit. ^ Chor, II. Abtheilung. ! Wir lieben Ordnung, Wirthlichkeit. Chor, I. Abtheilung. Laßt ihr an eurer Freude uns Gerechten Antheil nehmen, So wollen wir zum Gegendienst Uns wiederum bequemen: Wir fördern euch, wir heben euch In altgewohnter Weise. Geist der Naturwissenschaften (auf seine Ausschmückung deutend). Ich bring' euch in den Kopf das Zeug Im Traum ganz leise, leise.- Schreibegeist. Ich putze weg den Tintenklex, Führ' euch die Hand beim Schreiben. Nechengeist. Ich lehr' euch, mit der 5 und 6 Und 3 in Freundschaft bleiben. Geschichtsgeist. ^ Von Adam bis auf Bismarck reicht Die Kenntniß, die ich führe. Geographiegeist. Die Erdbeschreibung mach' ich leicht, Bin aller Länder Thüre. 88 I. Sprachengeist. Ich halt' es mit der deutschen Art, — Das Mir vom Mich zu sondern, — Zeig' euch, was deutsch geschrieben ward Vom Bodensee bis Tondern. II. Sprachengeist. Will Frankreich euch und England dann Die schwere Zunge brechen, So hebet meine Hilfe an: Ihr lernet fließend sprechen. Zeichengeist. Die Strich' und Bogen rück' ich grad', Daß nicht der Lehrer brumme. Musikgeist. Ich stimm' in Walzer und Sonat' Mit zierlichem Gesumme. Alle. Wir reichen euch zu jeder Stund' Vom Klugheitswein ein Mätzchen. Geschwätz'ge zupfen wir am Mund Und Schläfrige am Näschen. Chor, II. Abtheilung. In Stub' und Kammer auf und ab, In Küch' und Gang und Keller Da rühren wir uns flink: trip, trap, — Je schwerer, desto schneller! Und hat euch auch die Wirthschaft noch In Anspruch kaum genommen, Wir wetten drauf, ihr heißt uns doch In euren Neih'n willkommen. Ohn' uns: Nicht mundet Speis', nicht Trank! Mit uns: Wie schmeckt es prächtig! Und Ordnung ist in Kleid und Schrank Nicht zu verachten, — dächt' ich. 89 Drum nehmt uns auf, wir machen rein Im Haus und im Gemüthe: Blitzblank muß alles um uns sein Und weiß, wie Kirschenblüthe. Besengeist. Die Federchen fliegen, Kein Stäubchen bleibt liegen! Zwei Küchengeister. Wir blasen und schüren, Wir hacken und rühren! Wir kratzen die Töpfe Und spülen die Näpfe. Wie schön, sich zu trollen Mit blanken Kasserollen! I. Vorrathsgeist. Ich glätte und zähle Und schüttle und wähle. II. Vorrathsgeist. Ich geh' zu Markte jeden Tag Und sitz' im Korb' und lach' und lach'. — Es rennt die Magd, die sonst nur schleicht: Ich mache jede Bürde leicht. Chor, I. und II. Abtheilung. Ihr wißt, wir waren einst zu Köln Gar unentbehrliche Gesell'n. Nun leben wir bei Euch. Tanz (mit Figuren wie vorher). 1. Denn sagt, — was — wollt — ihr Ohne uns doch thun? — Denn sagt, — wie — könnt — ihr Jemals ruhn? (Wiederholung von 1.) 90 2. Wer putzt? Wer reibt? Wer wischt? Wer schreibt? Wer spielt? Wer treibt? Wer sitzt? Wer bleibt? — Sind wir nicht nah, Sind wir nicht da, Geht Alles aus den Fugen! Alle 3. Wer putzt? Wer reibt? Wer wischt? Wer schreibt? Wer spielt? Wer treibt? Wer sitzt? Wer bleibt? — Sind wir nicht nah, Sind wir nicht da, Geht Alles tra — la — la! Zöglinge (fassen sich an den Handen und schließen einen Kreis um die Geister). Wir sollten euch nicht dankbar sein? — Bleibt hier, tanzt mit, ihr Geisterlein! (Sie bilden mit ihnen eine Gruppe. Ihnen gegenüber stellen sich die 6 Genien im Halbkreise auf.) Behaglichkeit (tritt vor). Auch wir, des Hauses Feenkinder, Geloben euch die gleiche Treu'! Ich winke: — und die Luft weht linder, Familiensinn umschließt euch neu, Behaglichkeit, so oft entbehrt, Erblühet hold an diesem Herd. Ernst. Und Pflichterfüllung, fromme Sitte, Geduld und Ehrfurcht Zieh' ich groß; Eintracht und Friede, sanfte Bitte, — Talent und Geist, — doch dornenlos. Nichts Arges dringt durch Thür und Thor: Ich steh' als Cherub stets davor. Frohsinn. Und will das Denken euch erdrücken, Und wächst der Ernst euch über's Haupt, Komm' ich und bau' der Thorheit Brücken, — Geheilt, wer meinen Wundern glaubt! Ein Bischen Schalkheit, Spiel und Scherz, — Und wieder fröhlich klopft das Herz! 91 Baumgeist. Die schönste Sonne soll euch lächeln, Es wird im kühlen Schattenraum Ein sanfter Windhauch euch umfächeln, Melodisch rauschen Busch und Baum. Und traute Lauben will ich ziehn Aus Flieder, Gaisblatt und Jasmin. Blumengeist. Und rings zu euch, auf zarten Füßen, Dringt meine ganze Blumenschaar. Ihr sucht, — und sieh! mit duft'gem Grüßen Stellt Jedem sich ein Liebling dar Und wird, von eurer Hand gepflückt, Zum Köstlichsten, was je euch schmückt. Fruchtgeist. Auf jedem kleinen Gartenfleckchen Sä' ich und pflanze, was euch schmeckt; In allen Winkelchen und Eckchen Reift meine Ernte still, versteckt, Und liefert, ist die Arbeit aus, Auch manchen Nuß- und Aepfelschmaus. Alle (sich wieder zum Tanz ausstellend, singen nach der Melodie: „Heil dir im Siegerkranz"): Schließet auf's Neu' den Neih'n! — Müssen wir nicht gedeih'n Stattlich und fein, In guter Geister Schutz, Wirkend zu Heil und Nutz? — Gott schau' vom Himmelsthron Segnend darein. 92 Gin Weifinnlkisstrnnßclien. Von Hermann Wagner. Eine wehmüthige Stimmung überkommt leicht den Naturfreund, wenn im Spätherbst bei immer kürzer und kälter werdenden Tagen ein Baum nach dem andern sein welkes Laub zu Boden fallen läßt, wenn eine Blume nach der andern verblüht, ein Kraut nach dem andern abstirbt. Mit um so größerer Theilnahme beachtet er dann die wenigen Gewächse, welche selbst mitten im Winter noch ihr grünes Blattwerk behalten und die Frost und Schnee im Gewand ewiger Jugend überdauern. Einige derselben haben wir zu einem Sträußchen zusammengebunden und überreichen dasselbe unsern jungen Leserinnen als Weihnachtsgruß. In der Mitte unsers Sträußchens befindet sich ein Zweig der Stechpalme (Hülsen, Ilsx aguilolium, Fig. 3), ausgezeichnet durch seine starren, harten Blätter, deren Rand wellig gebogen und mit spitzen Dornenzähnen bewaffnet ist und welche glänzen, als seien sie von lackirtem Blech. Ebenso ausgezeichnet ist die Stechpalme durch ihre lebhaft scharlachroten Beeren, die in den Blattwinkeln sitzen. Sie ist der „heilige Baum" der Engländer, der auf den britischen Inseln, auf denen ursprünglich unsere Christbäume: Fichte und Tanne fehlten — den Weihnachtsschmuck abgeben muß. In Mittel- und Ostdeutschland ist die Stechpalme zwar unbekannt, im Süden zieht sie sich aber von Siebenbürgen, Slavonien und Oberitalien an in der Richtung von Südost nach Nordwest im Rheingebiet und durch Westfalen bis nach England. Ebenso kommt sie auch in Dänemark vor. Sehr häufig findet sie sich unter anderm auch auf dem Schweizer Jura. So stehen bei Chillon am Genfer See Gruppen von Stechpalmen, deren Stämme bis 18 Centimeter (9") im Durchmesser haben und die man auf wenigstens 100 Jahr alt schätzt. Die Stechpalme liebt besonders Kalkboden und gedeiht in Gebirgen, die eine etwas feuchte Atmosphäre haben, besser als in den Ebenen. Wird sie abgehauen, so treiben die zurückbleibenden Wurzeln neue Schößlinge. Der Forstmann liebt sie jedoch nicht, da sie als Nutzholz bei der geringen Stärke ihrer Stämmchen nichts werth ist und selbst als Brennholz wegen der starren Blätter und saftreichen Zweige nicht beliebt ist. 93 Meistens bleibt die Stechpalme ein Strauch von halber bis ganzer Mannshöhe; nur ausnahmsweise erreicht sie das Doppelte und mehr. In Parkanlagen wird sie gern angepflanzt, vorausgesetzt, daß Boden und Klima ihr Gedeihen ermöglichen. Man zieht von ihr Spielarten mit gelb- randigen und buntscheckigen Blättern, solche die keine Dornenspitzen haben und wiederum solche, bei denen selbst die Oberfläche der Blätter mit Dornen besetzt ist. Im Mai öffnet sie in den Blattwinkeln kleine weiße Blüthen, die nicht unangenehm riechen und in deren Theilen die Zahl 4 Vorherrscht. Am reizendsten nimmt sie sich aber in der Mitte des Winters aus, wenn alle andern Gesträuche kahl und blattlos stehen und die Stechpalme als Alleinherrscherin mit glänzend grünem Laube und siegel- lackrothen Beeren aus der weißen Schneedecke hervorschaut. In manchen Gegenden stellt man am Palmsonntage Zweige von Stechpalmen in der Kirche als Zierde auf. In Westfalen schneiden die Mädchen mit der Scheere den Blättern die Dornenzähne ab und binden sie zu Kränzen, die dann etwas Aehnlichkeit mit Lorbeerkränzen erhalten. Auf dem Schwarzwald sollen die jungen Blätter gelegentlich als Thee, auf Korsika die Samenkerne als Ersatz für den Kaffee benutzt werden. Es erscheint dies nicht so unmöglich, wenn man weiß, daß die Blätter des sehr ähnlichen und nahe verwandten Paraguay-Theestrauchs (Hex xaraZuaz62818) in einem großen Theile Südamerika's in Gebrauch sind und daselbst den chinesischen Thee völlig ersetzen. Links neben der Stechpalme ist in unserm Weihnachtssträußchen ein Zweig der weißen Mistel (Vi8eum album, Fig. 2), die ebenfalls Wintergrün und außerdem durch mancherlei Absonderlichkeiten ausgezeichnet ist. Die Mistel ist der einzige ächte Vaumschmarotzer, den unsere einheimische Flora besitzt. Die Misteldrossel und andere beerenfreffende Vögel verzehren die Beeren und besorgen durch die ausgeschiedenen Kerne die Verbreitung des Gewächses. Die Samenkerne aller übrigen Pflanzen unsers Vaterlandes enthalten gewöhnlich nur einen Keimling, in denjenigen der Mistel sind aber häufig deren 2 bis 4 vorhanden. Durch Regen und Thau gespeist treibt ein solches Korn Würzelchen, die über todtes Holz gleichgültig Hinwegkriechen, auf lebendiges Astholz aber in merkwürdiger Weise einwirken. Die von ihnen berührte Aststelle beginnt in ähnlicher Art aufzuschwellen, wie wir es beim Stich von Gallwespen an Blättern und Zweigen bemerken. Es lockert sich das Gewebe der Rinde und des jungen Holzes und die Mistelwurzeln dringen in den 04 Baumzweig hinein, um aus ihm ihre Nahrung zu ziehen. Das Mistel- stämmchen theilt sich vielfach zweigabelig und bildet ein kopfförmiges, rundes Büschchen von gelblich olivengrüner Färbung. Jede Zweigspitze entwickelt eine einfach gebaute, unansehnlich gelblichgrüne Blüthe, deren Theile 4zählig sind. Die Mistel ist zweihäusig, d. h. manche ihrer Büschchen tragen nur Blüthen mit Staubgefäßen; andere bringen weiße, von klebrigem Safte strotzende Beeren hervor, die vom Vogelsteller als Zusatz zum Vogelleim benutzt werden. Die absonderliche Art der Mistel war schon in alten Zeiten den natursinnigen Bewohnern unsers Vaterlandes ausgefallen und von ihnen in Göttersagen und Naturmythen verwebt worden. Balder, der lichtbringende und lebenschaffende Sonnengott, war der Liebling der Götter und um ihn vor den Angriffen der bösen Naturmächte zu schützen, nahmen Odin und Freia Allem, was aus Erden, im Wasser und in der Luft lebt, einen feierlichen Eid ab: Balder nicht zu schaden. Auch alle Bäume und Sträucher, Kräuter und Gräser wurden vereidet. Dabei ward aber die Mistel übersehen, sie ist Keines von allem und wächst weder im Wasser, noch auf der Erde, noch in der Luft. Loki, der Dämon der Nacht und des Bösen, hatte es wohl gemerkt und sann auf Unheil. Bei den Waffen- übungen in Walhalla vergnügten sich die Götter damit, nach dem unverwundbaren Balder mit Speeren zu werfen und mit Pfeilen zu schießen. Kein Geschoß erreichte und verletzte ihn. Loki aber hatte einen Pfeil aus dem Mistelzweig geschnitzt, legte ihn auf den Bogen des blinden Hödur und richtete ihn auf Balder. Da sank dieser schwer verwundet nieder zum Schrecken der Götter und der ganzen Welt. In der Zeit der Winter- Sonnenwende droht das Licht der Sonne zu verlöschen, bis es durch Odins Macht wieder geheilt wird und Balder sich allmälig genesend erholt. Die absonderliche Art der Mistel ließ sie auch als mit besonderen Wunderkräften ausgestattet erscheinen. Von den Druiden der Kelten ward sie am 6. Januar, am Ende der heiligen Julzeit unter feierlichen Gebräuchen geschnitten. Am wunderkräftigsten galt sie, wenn sie auf einer Eiche gewachsen war, was freilich nur selten vorkommt. Bei uns bevorzugt sie die Aepfel- und Birnenbäume, in den Waldungen Schwarzpappeln, Kiefern u. a. Der abgeschnittene Mistelzweig durfte nicht die Erde berühren, er ward deshalb mit einem Faden an der Zimmerdecke frei aufgehangen. So 95 schützte er nach Meinung der Alten das Haus vor dem Blitzstrahl, die Bewohner desselben vor Krankheit. Er brachte Gesundheit und Heil und wer unter ihm stand, mußte — einen Kuß bekommen. Noch heutzutage hängt man in England als Weihnachtsscherz den Mistelzweig im Zimmer auf und nimmt ihn als Veranlassung zu allerlei Scherz. In der Nähe Londons und anderer größerer Städte ist in Folge der starken Nachfrage die Mistel ziemlich ausgerottet worden. Aus der Grafschaft Herfordshire, wo sie noch häufig vorkommt, bringt man zu Weihnachten jährlich gegen 2000 Centner in den Handel, die einem Marktwert!) von 3—4000 Thlrn. entsprechen. Der Epheu (Ueäera. üklix, Fig. 1) ist unsern Leserinnen ein so lieber alter Bekannter, daß wir nur auf eine seiner Eigenthümlichkeiten aufmerksam machen wollen. Sobald er sich nämlich anschickt Blüthen zu bilden, — was nur bei alten Stämmen vorkommt, — entwickelt er Zweige mit ganz abweichend gestalteten Blättern. Die gewöhnlichen Blätter sind bekanntlich drei- oder fünflappig zertheilt, jene an den Blüthenzweigen dagegen bleiben einfach länglich und ähneln mehr den Blättern des Birnbaums, entfernter selbst jenen des Lorbeer. Die Blüthen bilden gelblichgrüne, unansehnliche Dolden und zeigen in ihren Theilen die Fünfzahl. Aus ihnen entwickeln sich schwarzgrüne Beeren, welche den Winter überdauern. Zu den Fruchtzweigen unsers Weihnachtssträußchens können wir auch noch eine Blume gesellen: die Weihnachtsrose oder Winterrose, auch Christwurz und von den Botanikern „schwarze Nieswurz" (UeU^üorus nigsr, Fig. 4) benannt. Sie ist vorzugsweise berühmt durch die ungewöhnliche Zeit, in welcher sie blüht, — Weihnachten bis März, — mitunter öffnet sie jedoch ihre Blumen auch im Hochsommer. Ursprünglich in Oberitalien und Süddeutschland einheimisch, findet man sie bei uns nicht selten in den Gärten angebaut. Die Blätter dieses ausdauernden Krautes (auf dem Bilde nicht dargestellt) sind handförmig fünf- bis siebentheilig, und etwas lederig. Die weißen Blätter der thalergroßen Blüthen werden von den Pflanzenforschern als Kelchblätter bezeichnet, während die innerhalb derselben stehenden Blumenblätter unansehnlich sind und kleine goldgelbe, zweilippige Röhren darstellen. Die Staubgefäße find zu vielen vorhanden und aus den drei bis zehn Stempeln in der Mitte der Blüthe bilden sich lederige Balgkapseln. 96 Der Name „schwarze Nieswurz" bezieht sich auf die ansehnlich große, außen schwarze Wurzel. Die Verwandtschaft mit den scharfgiftigen Hahnenfußgewächsen zeigt sich bei der Weihnachtsrose vorzugsweise in der Wurzel. Das Pulver derselben erregt heftiges Niesen, ruft aber auch, sowie der frische Saft Entzündungen hervor und bewirkt in größeren Gaben eingenommen den Tod. Früher benutzte man kleine Mengen davon — in Pillen mit andern Stoffen vermischt — als Arznei, gegenwärtig verwendet die Nieswurz höchstens noch der Thierarzt. Der graue Schmetterling, welcher sich auf unser Weihnachtssträußchen niedergelassen hat, ist der kleine Frostspanner, ein Vürschchen, welches mitten im Winter sein Wesen treibt. Sein flügelloses Weibchen kriecht am Stamme der Obstbäume hinauf und klebt seine Eier droben an die schlafenden Knospen. Die aus ihnen im Frühjahr ausschlüpfenden Raupen gehören zu den schlimmsten Verderbern unsrer Obstgärten. Sollten unsre freundlichen Leserinnen an einem schönen, schneefreien Wintertage einen Spaziergang durch Feld und Wald unternehmen, so werden sie bei einiger Aufmerksamkeit noch zahlreiche andere Gewächse, besonders kleinere Kräuter, entdecken, die selbst in der schlimmern Jahreszeit wenigstens einige grüne Blätter behalten haben und mitunter selbst ein Blüthenauge dem warmen Strahl der Sonne öffnen. Auch in unserm rauhen Klima stirbt im Winter das Pflanzenleben nicht völlig ab, sondern einige unverwüstliche, neckische Blumenelfen erzählen mitten in den Tagen der Trübsal von den Freuden der vergangenen und besseren Zeit. Nie Künstlerin auf stein Lanste. Bon MlhsrinN Diez. 1. Ein wunderlicher Wagen. Aie Sonne schickte sich an hinter die Berge zu eilen, und zwar schneller wie der vollbepackte Wagen fuhr, der noch vor ihrem Untergang das Dorf erreichen wollte. Der Weg an dem steilen Abhang des Berges mußte vorsichtig pasfirt werden, und es schien eben nicht, als ob dem Gefährt die zu befördernden Sachen mit besonderer Sorgfalt wären aufgeladen worden. 97 Freilich waren sie in dem nahgelegenen Landstädtchen mit sehr guten Empfehlungen aus der Künstlerstadt Düsseldorf auf der Eisenbahn angekommen. Aber: „welch altes Gerümpel!" hatte man dort gesagt, als Tische, Schränke und Stühle von eigenthümlich altmodischem Aussehen abgeladen und dem bereits gemietheten Fuhrmann übergeben wurden. Dieser mochte Aehnliches denken, wenn er zuweilen seinen Gäulen „Hüh!" zurief, um hier ein altes gebrechliches, dem Abgrund sich zuneigendes Geräth mit kräftigem Ruck wieder auf seinen Platz zu schieben, dort ein Körblein, aus dessen durchsichtigem Flechtwerk sich getrocknete Gräser und Blumen hervordrängten, von einem Baumzweige losmachte, an den es leicht wie ein Elfenspielzeug hinauf geflogen und daran hängen geblieben war. „Ist auch der Mühe werth, daß meine Gäule sich um solchen Kram abplagen müssen auf diesen grundschlechten Wegen!" so brummte er in seinen Bart hinein. „Es ist nur gut, daß man mir das Fahrgeld vor- ausgab, und ein anständiges Fahrgeld war es, das muß ich sagen." Was er nicht sagte, mochte er im Stillen denken, indem er sich erinnerte, wie ihm bei mancher Fuhre eleganter, fein polirter und nach der neuesten Mode gearbeiteter Möbel der Lohn oft auf die unfeinste und unnobelste Weise war abgehandelt und verkürzt worden. — „Man muß auch was für den Ruhm thun," pflegte er dann wohl mit vieler Selbstgefälligkeit zu sagen, und wirklich hatte er schon manche reiche Ausstattung befördert. In dem Städtchen, wo er lebte und fuhr, war man nicht zurückgeblieben in dem Fortschritt der Mode und man wußte sich schon einzurichten wie es dieselbe verlangte. „Aber freilich," dachte er weiter, .„wer in einem Dorfe wie das da drüben, so ganz abgelegen von den Eisenbahnen und zwischen hohen Bergen eingeklemmt, seinen Wohnsitz aufschlagen will, der muß nicht weit in der Welt herum gekommen sein und nicht viel in ihr bedeuten." Unter dieser Betrachtung hatte unser Fuhrmann den Eingang des Dorfes erreicht; mit lauter Stimme rief er noch einmal „Hott!" und ließ den letzten Peitschenschlag auf den Rücken seiner Gäule fallen. Die treuen Thiere, das Ziel ihrer Mühen ahnend, trabten rüstig in die Straßen d hinein, durch welche die letzten Sonnenstrahlen ein so reiches glänzendes Gold warfen, als wollten sie das eben über das Dörflein gefällte Urtheil zuschanden machen und demselben eine einziehende Freude mit dem Möbelwagen verkünden. T-'A. xx. 7 98 „Guk e' lo, gut e' lo!" (sieh da, sieh da!) riefen fröhliche Kinderstimmen 'ihm entgegen. Bald hatte sich eine ganze Schaar der kleinen Dorfbewohner versammelt und» begleitete unter Hellem Jubel die Gäule, welche munter wieherten, als freuten sie sich der frischen Gesichter und des heitern Empfanges. „Ich weiß was der Wagen bringt!" ließ sich die Stimme eines hübschen Mädchens, des Amtmanns Töchterlein, vernehmen und ihre Gespielen horchten hoch auf. „Das sind ganz gewiß die Sachen, die der Malerin gehören, welche hier wohnen will — unten bei Forstmeisters — die Frau Bergheim hat es meiner Mutter erzählt, daß sie erst ihre Möbel und Bilder schicken will und dann später selber nachkommt." „Eine Malerin? was ist das?" — hörte man fragen in dem Kreis der kleinen Nachlaufenden. „Wißt Ihr das noch nicht einmal!" rief Karl, das frische Post- haltersöhnchen, — „Maler, das sind Leute, welche die Mordgeschichten abmalen, die immer auf dem Markt gezeigt werden und wobei die Drehorgel gespielt wird." „Die dürfen aber nicht mehr ins Dorf kommen," belehrte Amtmanns Minchen, „mein Vater läßt sie in den Thurm stecken, wenn sie sich sehen lassen und die Leute bange machen mit ihren gruseligen Geschichten." „O wie schade!" klang es im Chor der kindlichen Stimmen und ein kleines Mädchen fragte: „Wird denn nun auch die Malerin in den Thurm gesteckt, wenn sie hierher kommt?" „Dummes Geschwätz!" unterbrach hier eine helle Stimme das Ge- plauder; eine frische, kräftige Frauengestalt, welche ebenfalls dem Wagen gefolgt war und die Reden der Kinder gehört hatte, trat vor und sprach weiter: „Wie könnt Ihr denken, daß die gute Frau Bergheim solche Vagabunden in ihr Haus aufnehme und daß sie mich als Aufwärterin für die Malerin gedingt hätte, wenn's keine anständige Frauensperson wäre, die eine Zeit lang still hier wohnen will, weil ihr eine gute Freundin gestorben ist, die sie über die Maßen muß lieb gehabt haben. — Ich weiß auch nicht recht was sie macht; aber es sind gewiß keine Mordgeschichten. Ich meine gehört zu haben: sie mache die Menschengesichter nach, ich glaube man heißt es: pot — pot-" „Photographiren meint Ihr," half schnell Eduard, der Sohn des Pastors, und indem er sich mit etwas altkluger Miene im Kreise umsah, fragte er: „Photographien kennt Ihr doch wohl alle?" 99 „Ei freilich!" riefen mehrere Stimmen und das kleine Mädchen berichtete: „Unser Harmes hat eine geschickt, wie er im Kriege war." „Und ich bin selber potographt worden," setzte stolz Apothekers Karl hinzu, „Vater nahm mich extra dazu mit nach der Stadt. Ich hab' erst sehr geschrien, denn ich meinte ich solle todtgeschossen werden, als man mich vor ein sehr komisches Ding mit einer Röhre stellte. Der Vater versprach mir aber einen großen Lebkuchen, wenn ich still halten wollte und sagte: es sei dummes Zeug mit dem Todtschießen. Da hab' ich Euch gestanden wie eine Mauer und auf einmal da ist mein Gesicht in das Glas hineingesprungen und denkt Euch! ich hab's doch noch gehabt. Hernach haben sie das Bild heraus genommen und wir haben's der Mutter gebracht und wie die es sah, da sagte sie: das ist ja unser Karl, als ob er leibte und lebte!" — Die Kinder hatten mit offenem Munde diese merkwürdige Geschichte angehört und ihre Blicke hefteten sich fast ängstlich, als ob sie sich vor einem einziehenden Zauber fürchteten, auf den Wagen, der eben vor einem freundlich gelegenen Häuschen am Ende des Dorfes still hielt. Die Thüre öffnete sich und eine ichon etwas ältliche Frau mit einem lieben, sinnigen Gesicht trat heraus, zwei hübsche Mädchen, augenscheinlich ihre Töchter, folgten ihr. Sie wandte sich mit freundlichem Gruße zu dem Fuhrmann und nachdem sie einige Fragen gethan und durch die uns vorhin begegnete „Frau Kathrin" einige Männer zur Hilfe gerufen, wurden die Sachen vom Wagen abgeladen. Auf mehreren Kasten war geschrieben: „mit besonderer Sorgfalt zu bewahren." — „Da wird was Rares drin sein!" meinte der vornehme Fuhrmann, indem er sie Frau Bergheim mit ironischem Lächeln hinreichte. Diese aber beobachtete es nicht und trug mit einem Ausdruck von Rührung und Pietät selber die Kasten sorgsam in ihre Wohnung. Ihre Töchter und Frau Kathrin halfen ihr dabei. Die Kinder waren Auge und Ohr bei dem Geschäft des AbladenS und in der That waren manche Gegenstände der Art, ihre Neugierde und Theilnahme auf das Höchste zu spannen. Besonders erregten die ausgestopften Thiere, welche zum Vorschein kamen, ihre Bewunderung. Da kam eine Katze mit einem fuchsigen Pelz, die sah so grimmig aus als mache sie Jagd auf ein armes Mäuschen; aber das kleine allerliebste Hündchen streckte so lustig den Schwanz, als ob es Jemandem entgegen springe und ihm einen Gruß zuwedele. - Und diese wunderhübschen 100 Täubchen mit den ausgebreiteten Flügeln — die sahen ja gerade aus, als kämen sie schnurstracks aus dem lieben Märlein vom Aschenbrödel zu ihnen geflogen — man hätte ihnen gleich ein Töpfchen mit Linsen gefüllt hinstellen mögen. Das unsichtbare Bild der Malerin fing schon an sich in der Phantasie der Kinder zu einer wunderbringenden Fee zu gestalten, als ein langer schmaler Kasten, der eben abgeladen wurde, die Aufmerksamkeit Aller auf sich richtete. „Der sieht ja wahrhaftig gerade aus wie ein Sarg," sagte Frau Ka- thrin und schüttelte sich. „Ja, ja! man kann's nicht wissen, ob da nicht ein Todter herein- geschmuggelt worden ist!" — meinte einer der helfenden Burschen mit einem schelmischen Zwinkern der Augen nach dem Stadtkntscher hin, und dieser, den Wink verstehend, erzählte in aller Eile während des Abladens einige schauerliche Mordgeschichten, in welchen man Leichen verpackte und in die Ferne schickte. Es war ganz still geworden in dem zuschauenden Kreise und Aller -Augen starrten nach dem langen Kasten, der in der That sargähnlich genug auf dem Boden stand und von den muthwilligen Burschen mit einem absichtlich scheu ausweichenden Schritt umgangen wurde. Einige kecke Buben waren dreist genug, zum Schrecken der Mädchen, mit'dem Fuß daran zu stoßen, was sich jedoch als eine nutzlose, keine Erklärung bringende Anstrengung zeigte. „Laßt Euch doch nicht bange machen!" ermähnte jetzt Kathrin, der es leid sein mochte zuerst die schaurigen Vorstellungen durch ihren Vergleich geweckt zu haben. „Ich glaub' ganz bestimmt in dem Kasten steckt die Maschine, womit uns das Fräulein allhier im Dorf pot — — nun Eduard, wie heißt es doch wieder?" „Ja, ja!" unterbrach hier ein lauter, einstimmiger Ruf die Fragende — „das ist die Photographenmaschine!" und trotz den Einwendungen und Zweifeln des erfahrnen Posthalter-Söhnleins, welches behauptete: die Maschine, welche ihm das Gesicht abgemacht, sehe ganz anders aus und könne unmöglich in solch schmalem Kasten stecken, war man doch zu vergnügt über eine Entdeckung, die so vieler Furcht ein Ende zu machen schien und von der man sich alles mögliche Vergnügen versprach. „O, sie soll uns auch potographen! — sie soll uns auch potmu- nieren!"— so rief es in den wunderlichsten Wortverdrehungen durcheinander. 101 „Ja wohl! Euch Alle!" rief jener muthwillige Bursche wieder, „das ganze Dorf mit all seinen Katzen und Hunden, feinen Schweinen, Kühen und Ochsen; — und dann schicken wir das Bild dem Kaiser und der soll sich verwundern, was für Leute und Kinder und was für ein Dorf er in seinem neuen, deutschen Reiche hat!" Unter lautem Gelächter war bei diesen Besprechungen das letzte Stück vom Wagen gehoben und auch der lange geheimnißvolle Kasten in das Haus getragen worden. Der Fuhrmann spannte wieder an, knallte tüchtig mit der Peitsche und fuhr rasch dahin, um noch vor Anbruch der Nacht das Städtchen wieder zu erreichen. Die großen wie die kleinen Zuschauer und Helfer zerstreuten sich und die gewohnte Stille breitete sich wieder aus um das freundliche Haus. In dem Dorfe aber war doch eine gewisse Aufregung zurückgeblieben. Die Kinder konnten nicht ruhig einschlafen wie sonst und plauderten noch im Traum von dem Wagen der Malerin mit seinen wunderbaren, nie gesehenen Dingen. Der Sarg und die Photographiemaschine stiegen abwechselnd in ihrer Phantasie auf und nieder, bald Schrecken, bald Vergnügen hervorrufend. Aber auch unter den großen Leuten wurden lebhafte Unterhaltungen über die künftige Bewohnerin des Dorfes und ihr rätselhaftes Metier gehalten. Ein eigenthümliches Bedenken erregte besonders Frau Kathrins Erzählung von der seltsamen Garderobe, welche sich aus einem der alten Schränke entwickelte, als Frau-Bergheim denselben nach Anweisung eines daran hängenden Zettels aufgeschlossen, um die darin enthaltenen Kleider baldmöglichst zu lüften. „Nein, diese Kleider!" rief die lebhafte Frau und schlug die Hände zusammen in nachträglicher Verwunderung, „die zöge man doch bei uns nicht an, wenn man nur zum Holzhacken in die Berge ginge. So schäbig und geflickt! — und rothe Röcke und kurze Leibchen, gerade wie sie sie noch dort drüben im Sauerland (Westfalen) oder gar im Hessischen tragen — ganz altmodisch, kann ich Euch sagen." „Und das sind die Kleider der Malerin?" fragte man. „Ja, das weiß ich nicht so genau, die Frau Forstmeisterin war etwas verlegen, als ich zusah wie der wunderliche Staat herauskam. Sie sagte, als ob sie die Malerin entschuldigen wolle: es sind vielleicht Kleider für die Modelle!" 102 „Modelle? was sind das für Dinger? — wozu braucht man denen Kleider anzuziehen?" Das waren nun Fragen, mit welchen sich Mancher heute Abend den Kops zerbrach. — Meine jungen, gebildeten Leserinnen, besonders diejenigen, welche in Künstlerstädien wohnen, sollen nicht allzu spöttisch das Köpfchen schütteln über die Unwissenheit meiner armen Dorfbewohner, zu welchen noch niemals ein Maler mit dem nothwendigen Apparat seiner Kunst getreten ist. — Kein Ort ist so arm und abgelegen, um nicht auch interessante Erlebnisse und Erfahrungen ausweisen zu können und wir wollen uns nicht abhalten lassen nach ihnen auch in meinem einsamen Gebirgsdörflein zu forschen. 2. Die Freundinnen. Etwa acht Tage später eilte abermals ein Fuhrwerk über den Weg am Walde dem einsamen Dörflein zu. Diesmal aber war es ein schmuckes, schneeweißes Rößlein, das vor einem leichten, offenen Wagen mit schnellen, unmuthigen Schritten durch den Glanz des Sommerabends trabte. Ein junger Bursche saß auf dem Bock, mit einer Hand den Zügel lenkend, mit der andern zuweilen ein krummes Hörnlein an den Mund setzend, zu dem freilich meist vergeblichen Versuch eine regelrechte Melodie heraus zu pressen. Nach und nach konnte man jedoch eine Weise aus den heiseren Tönen zusammensetzen und es war die wehmüthige des schönen Liedes: „Ich hatt' einen Kameraden, Einen bessern find' ich nit." So unvollkommen sie heraus kam, schien sie dennoch das Herz der im Wagen Sitzenden eigenthümlich zu bewegen. Sie war eine schlanke, feine Mädchengestalt, von Kopf bis zu Fuß in einfaches Schwarz gekleidet. Die dunklen Bänder des Reisehutes umrahmten ein bleiches, vornehmes Angesicht, aus dem ein paar große Nachtigallaugen jetzt durch einen Schleier von Thränen hinausblickten. Das Dörflein zeigte sich ihr eben mit dem schlanken Kirchlein darüber in der freundlichsten Schau. Es lag ganz von hohen Bergen eingeschlossen und mit grünen Feldern und Wiesen umhegt. Durch das Thal schlängelte sich in sanften Biegungen ein kleiner Strom mit durchsichtig klarem Wasserspiegel; von einem tannenumpflanzten Hügel blickte eine gothische Kapelle, ernst und lieblich wie ein Gedicht von Uhland, dem Betrachtenden entgegen. 103 Sie war das einzige künstlerisch schöne Gebäude, das die Malerin erblickte, die Häuser des Dorfes zeigten sich, wenn auch äußerst reinlich, doch ziemlich nüchtern mit ihren weißen Kalkwänden und den roth und schwarz angestrichenen Balken, die sie zusammenhielten. „Also hier war es!" flüsterte die sanfte Jungfrau, indem sie sich weit aus dem Wagen lehnte und wie mit dürstenden Blicken alle sich ihr zeigenden Punkte der ländlichen Landschaft überflog. — „Dort zwischen den kleinen, niedrigen Hütten schlug Dein großes, weltumfassendes Herz zum Erstenmal dem Leben entgegen. Du meine theure, verklärte Elisabeth!" „Dort in der grünen Wiese hast Du Dir, ein fröhliches Kind, Blumen gesucht und Fischchen gefangen in den klaren lustigen Bächen, die sie so frisch durchströmen. Auf jenem Berge bist Du keck wie ein Reh auf den malerischen Felsen geklettert, durch die grünen Waldespfade sprengtest Du, eine jungfräuliche Amazone, auf dem braunen Roß des Vaters und die lockigen Haare flogen Dir frei im Winde um das klare, geistvolle Gesicht, wie die Gedanken Deiner hochherzigen Seele in die blaue, dämmernde Ferne. — Und dort in dem kleinen Dorfe bist Du gleich einer jungen, heiligen Elisabeth in den Hütten der Armen umhergegangen, die Gaben der edlen Mutter vertheilen^», und jedem Herzen Freude bringend mit dem Blick voll Liebe und Güte, dem freundlichen Wort, das so warm über Deine frischen Lippen drang und stets den rechten Klang traf für die Traurigen, wie für die Frohen. — O wie grüß' ich so recht aus Herzensgrund die Heimath, wo Du Aller Liebling warst und wo Deine frische Jugend wie ein glänzendes Traumbild vorüberzog." — — So suchte die Umherschauende auf allen Pfaden das Bild der geliebten Freundin, die dort in dem anmuthigen Thal ihre Kindheit und Jugend verlebte, lange vorher ehe sie selbst sie hatte kennen gelernt und über alles lieb gewonnen. Die beiden Frauen, Elisabeth und Mercedes, waren sich erst in der vollen Lebensentwicklung begegnet; aber um so fester war das Band, das ihre Herzen umschlang, die ein Ziel hatten in der Begeisterung für alles Schöne und Gute, in dem entschiedenen Abwenden von allem Niedrigen und Gemeinen. Beide dienten der Kunst mit gleicher Wärme, wenn auch auf verschiedenen Gebieten und von verschiedenen Einflüssen geleitet. — Elisabeth war eine ernste, beliebte Schriftstellerin, die aber ihre Studien in den einfachsten Lebensverhältnissen gemacht. Ihre Schule 104 war das Dorf gewesen, die Natur die erste Lehrerin, welche die poetische Stimme ihres Herzens weckte und bildete. Mercedes dagegen war in den vornehmen Kreisen einer großen Stadt erzogen, und unter der Leitung berühmter Meister hatte sich ihr bedeutendes Talent für die Malerkunst entwickelt. Dennoch saß die gebildete Stadtdame wie eine Schülerin zu den Füßen des genialen Dorfkindes und Elisabeth's Schilderungen aus ihrem Land- und Jugendleben mochten viel dazu beigetragen haben, daß Mercedes sich immer entschiedener dem Gebiete der Genremalerei zuwandte und sich zuletzt nur allein darin bewegte. Manches liebliche Bild war in der Nähe der geliebten Freundin schon auf der Staffelei der Künstlerin entstanden und mit Beifall von dem Publikum aufgenommen worden. Elisabeth's volltönende Lieder klangen ihr ermunternd zu aus ihrem ruhmvollen Wege und ihr Beifall war der höchste Ruhm, nach dem sie strebte. Ihr weiches Gemüth schmiegte sich an den hochstrebenden, kühnen Geist der Dichterin, wie eine zarte Ranke einen kräftigen, frischgrünen Baum umschlingt. Der Segen einer edlen Liebe war sichtbar in allem Thun und Treiben der beiden Freundinnen und breitete sich wie ein wohlthuender Zauber über den ganzen Kreis, in welchem sie lebten und wirkten. Doch es giebt ein altes, trauriges Lied, das gewiß jedes Menschenkind einmal in sein Leben hinein klingen hört. Es heißt: „Es ist bestimmt in Gottes Rath, „Daß man vom Liebsten, was man hat, „Muß scheiden!" —- Auch Elisabeth mußte scheiden von ihrem holden Liebling, als des Todes gebietende Stimme sie plötzlich von der Erde abrief nach dem unbekannten Jenseits. — Und da schien der armen Mercedes das Leben auf einmal ganz öde und leer geworden zu sein; die Mauern der Stadt drückten sie, wo die geliebte Stimme, das frischeste Lied ihres Lebens verklungen war, sie mochte die Straßen nicht mehr betreten, in welchen die Schritte der Freundin nicht mehr die ihrigen begleiteten. Sie sehnte sich fort von der schaurigen Stätte, wo sie den Sarg hatte stehen sehn, der ihr auf immer die theuerste Erdengestalt verdeckte. Nach dem stillen Dorf, wo die Jugend Elisabeth's noch wie ein frisches Volksmärchen in den Erzählungen der älteren Bewohner lebte, richteten sich alle Gedanken der Traurigen. In seiner unbelauschten 105 Einsamkeit wollte sie ihren Schmerz ausweinen und hoffte zugleich unter dem Volk, in dessen Mitte die Freundin eine so frische Jugend verlebt, die Gestalten zu ihren künftigen Bildern zu finden, neue Belebung für die Kunst, die jetzt ihre einzige Begleiterin auf dem einsam gewordenen Lebensweg werden sollte, zu empfangen. Sie hatte, wie wir wissen, ihr Haus- und Malergeräthe schon voraus geschickt zu der einzigen Verwandten Elisabeth's, einer Wittwe mit ihren Töchtern, die noch in dem Dorfe wohnten und in deren Schutz sie künftig zu leben gedachte. — Nun war sie selbst am Ziel ihrer Wünsche und es wurde ihr seltsam zu Muth, als sie den Raum überblickte, in welchem sie so oft schon im Geiste mit der Freundin gewandelt, als wäre er ihre eigne Heimath. — Ach! auch diese Heimath war ihr einsam geworden. — „Ich hatt' einen Kameraden!" flüsterte sie den stammelnden Klängen des Horns nach, als sie durch die Straßen fuhr. — „Ich habe ihn nicht mehr diesen treuen, tapfren Kameraden; aber ich will wandeln auf Deinen Pfaden, meine Elisabeth! von Deinem Geist geleitet und berathen, ich will wohlthun denen, unter welchen Du gelebt, ich will durch Liebe und Hingebung die Spuren Deines Daseins auf Erden segnen!" — So lautete das stille Gelübde der edlen Künstlerin. Auch jetzt öffneten sich alle Fenster in den Straßen, durch welche das weiße Nößlein trabte mit Hellem Gewieher, und die Dorfjngend versammelte sich abermals in reicher Zahl um den Wagen „der Malerin." Denn daß sie es war, die darinnen saß, war kein Zweifel, da es schon im ganzen Ort bekannt geworden, daß man sie heute bei Forstmeisters erwartete. Aber es herrschte doch selbst unter den kleinen Zuschauern eine gewisse ehrerbietige Stille, als das edle, blasse Antlitz sich grüßend hier und da aus dem Wagen neigte, und kein lauter Zuruf, kein verwundertes Wort, wie damals bei der Ankunft ihrer Möbel, begleitete die Fahrt der jungen Dame durch das Dorf. — Und da sie an dem uns schon bekannten Hause ausstieg, als Frau Bergheim heraustrat die Einziehende zu begrüßen und die beiden Frauen sich lange umschlungen hielten und dann stillweinend mit einander durch die Thüre verschwanden, da ging es wie eine Ahnung durch die jungen, wie eine Gewißheit durch die älteren Herzen der Zuschauer der kleinen Scene, daß diese Erscheinung ein ernstes Lebensgeschick unter sie geführt, daß sie die Glorie eines edlen, großen Schmerzes umgebe, die selbst dem Rohsten Ehrfurcht und bescheidenes Zurücktreten gebiete. _ 106 3. Täuschungen, Hindernisse und Enthüllungen. Die ersten Tage und Wochen vergingen der Künstlerin meist auf einsamen Spaziergänger:, wo sie die Lieblingsplätze Elisabeth's, die sie aus ihren Erzählungen schon kannte und leicht' finden konnte, besuchte. — Es war ein liebliches Thal, in welchem das Dorf lag, ein rechtes lauschiges Gehege für ein träumendes, dichtendes Poetenherz. Mercedes meinte in all den Büchlein, die so frisch und flink aus dem grünen dichten Gebüsch heraus sprangen und durch die blumigen Wiesen eilten, noch die Lieder rauschen zu hören, welche Elisabeth hier gesungen, glaubte auf all den einsamen Pfaden noch die Gestalten wandeln zu sehen, welche die Phantasie der jugendlichen Dichterin hier herauf beschworen. Auch in dem Dorfe selbst suchte sie nach allen Spuren der Hingeschiedenen. Bei manchem alten Mütterchen saß sie und ließ sich erzählen und mancher schon weißlockige Bauer wußte ihr noch Bescheid zu geben von der „Jungfer Betty" — wie man sie hier genannt hatte. „Das war Eine!" — so hieß es — „die konnt' es mit Jedem aufnehmen! Sie war so klug, daß man meinte, sie könne König sein und das ganze Land regieren und doch war es auch wieder schad', daß sie kein Bauernkind war. Denn keine Arbeit war ihr zu schwer, in der Heuernte flog ihr der Rechen in der Hand, und wenn ihr die Sonne noch so heiß das Gesicht brannte, sie hörte nicht auf bis das letzte Hälmchen sein Recht gehabt. Sie mähte sogar oft um die Wette mit den Sensenmännern und manchmal nahm sie dem Fuhrmann die Zügel ab, um selber die Ochsen und Pferde vor dem Wagen zu lenken. Reiten konnte sie wie ein Husar und wenn sie des Winters auf den Schlittschuhen über die gefrorene Wiese sauste, daß ihr die langen Haare um den Kopf flogen, kam ihr der flinkeste Bursche nicht nach. ' Ja, sie war eine Wilde, Lustige! — aber wie sie gut dabei war, das ist gar nicht zu sagen, sie hätte das Herz aus dem Leib für die Armen dahin gegeben. Wo Noth war, da wußte sie gleich Bescheid, Hilfe und Rath — die hätte eigentlich Millionen haben müssen, dann würde kein Mensch jemals im Dorf gehungert haben und wir hätten Alle vollauf gehabt. Ja, ja! — so Eine kommt nicht wieder!" — „Da habt Ihr Recht! — so Eine kommt nicht wieder," — pflegte dann wohl leise die sanfte Mercedes nachzusprechen, indem sie dem Erzählenden die weiße Hand reichte und sich still entfernte. 107 In dem einsamen Leben eines Dorfes ist eine neu herzugetretene Erscheinung stets ein wichtiges Ereigniß. Noch immer öffneten sich die kleinen Hüttenfenster, wenn die schlanke Mercedes mit leicht schwebenden Schritten durch das Dorf wandelte. „Da ist die Malerin!" riefen ihr die Kinder, wenn auch mit etwas gedämpfter Stimme nach, und auch an den freundlichen Häusern der Honoratioren wurden stets die Gardinen bei ihrem Vorübergehn zurückgeschoben. Auch bei ihnen war ihre Einkehr ein Ereigniß und wohl noch ein interessanteres, da sie die Einförmigkeit des Landlebens mehr fühlten als die Bauern zwischen ihren anstrengenden Arbeiten und den immer wechselnden Beschäftigungen im Freien. Doch sie fanden sich durch die Persönlichkeit der Künstlerin fast eben so getäuscht wie die Bauern, die sich, nach den sonderbaren Dingen in jenem Wagen, die gute Mercedes etwa wie eine Seiltänzerin oder Kunstreiterin mochten vorgestellt haben. Unter den angesehenen Bewohnern des Dorfes waren doch Einzelne, die wenigstens einen Begriff hatten von der wichtigen Rolle, welche die Kunst in unsrer Zeit einnimmt. Sie waren in der Welt bekannt und hatten auf Reisen die Ausstellungen besucht, lasen auch Zeitschriften, in welchen der Name unsrer jungen Künstlerin schon öfters lobend genannt worden war. — So war natürlich das Bild, das sie sich von der Künstlerin gemacht, ein ganz anderes als das des schlichten Bauernpublikums. Bei ihnen mußte sie wenigstens wie eine Muse aussehen und die Musen selber mochten sie sich auch wohl anders vorstellen als es die Griechen gethan, deren Gebilde nicht gerade oft mehr in den modernen Ausstellungen und noch weniger in den gebräuchlichen Albums zu finden sind. Aber dieses einfache Mädchen mit dem stillen, bleichen Gesicht hatte wenig Auffallendes und Jmponirendes. Sie sah sogar noch ein wenig schlichter und bescheidener aus als andere Menschenkinder, und wenn sie auch keinen der schäbigen Röcke trug, die aus Frau Kathrins Erzählung bekannt waren, vielmehr ihr Anzug fein und sehr rein gehalten erschien, so konnte er doch kaum den Ansprüchen gerecht werden, die man hier aus dem Lande machte. Er rief sogar bei einigen Damen eine gewisse Entrüstung hervor, indem sie meinten: „Wenn die berühmte Künstlerin gedacht hat, hier könne man gehen wie man wolle, hier wären wir zurückgeblieben und wüßten nicht einmal was die Mode fordert, so hat sie sich geirrt!" — 108 Einige junge Mädchen hatten gleich herausgebracht, daß der Rand des runden Strohhutes, welchen die Künstlerin zum Schutz vor der Sonne trug aus ihren Gängen durch Berg und Thal, wenigstens zwei Finger breiter sei, als es Mode war. Das Band darauf hatte auch nicht die vorschriftsmäßige Länge und die Schleife saß ganz anders wie auf den Abbildungen im letzten „Bazar", der regelmäßig in das Dörfchen einzulaufen pflegte und mit großen: Eifer studirt wurde. — Die Tyrannei der Mode herrscht leider auf dem Lande wie in der Stadt, ja sie gestaltet sich hier oft noch aus eine viel lächerlichere Weise, weil sie der einzige Weg ist, auf welchen: man mit der Zeit fortzuschreiten vermeint und deshalb ein Uebriges thut, um nicht zu den Zurückgebliebenen gezählt zu werden. Indeß schien- der Spruch: „Kleider machen Leute" völlig bei der bescheidenen Mercedes zuschanden zu werden. Die Bewohner des Dorfes, bei denen sie nach und nach Besuche machte, waren verwundert wie man bei so schlichtem Wesen dennoch so vornehm aussehen könne. Sie mußten sich gestehen, daß diese seine Gestalt wie eine Prinzessin unter ihnen stand in dem einfachen schwarzen Kleide und dem unmodischen Hut, der sie-so schön kleidete, daß man sich keinen anderen auf dem unmuthigen Haupte denken konnte. Und ob sie gleich fast gar nicht von ihrer Kunst, von Bildern und Büchern und anderen ästhetischen und gelehrten Dingen sprach, was man doch mit Bestimmtheit erwartet und sich darauf vorbereitet hatte, sich vielmehr nach den Interessen und Beschäftigungen des Landlebens erkundigte, so war es doch Allen, als ob die schlichten, einfachen Worte etwas wunderbar Schönes und Gutes in der Seele geweckt hätten. Der sanfte Klang ihrer Stimme tönte noch in der Erinnerung nach wie eine rührende Musik und. der seelenvolle Blick ihrer Augen blieb zurück wie milder, beruhigender Mondschein. — Sie gab viel zu denken die bescheidene Mercedes und man fand, daß man sich eine Künstlerin ganz anders vorgestellt hatte. Aber auch Mercedes hatte sich Vieles in dem Leben auf dem Lande anders gedacht; auch ihre Erwartungen sollten abwechselnd niedergedrückt und emporgehoben werden, wie wir im Verlauf unserer Geschichte ersehen werden. Ist doch das ganze Leben auf Erden nur eine Schule, in welcher der Erwachsene so gut wie das Kind auf der Lehrbank zu sitzen und geduldig das Ende des Unterrichts abzuwarten hat, wo stets etwas Neues, Unbekanntes vor seine Seele tritt und er sich bescheiden sagen muß: „das 109 hab' ich noch gar nicht gewußt, das ist ganz anders als ich es mir gedacht habe." — — Die erste Täuschung, welche Mercedes erfuhr, war, daß sie es sich zu leicht gedacht hatte ein Atelier hier zu finden. Sie hatte vielleicht in der großen Künstlerstadt gar nicht einmal daran gedacht, daß es Orte in der Welt geben könne, wo man keinen Raum und kein Licht zum Malen fände. Sie ging und suchte in allen Häusern. Es wurde ihr auch bereitwillig sogar „die beste Stube" geöffnet und besonders hörte sie oft sagen: „hier scheint die Morgensonne gleich herein und es ist fast den ganzen Tag hell und wann." Mercedes bekam einen förmlichen Schrecken von all der Morgensonne, die ihr präsentirt wurde, und die sie, so innig sie auch sonst den herrlichen Gottesstrahl liebte, doch beim Malen nicht brauchen konnte. Dagegen machten die Hausbewohner immer ein ganz verdutztes Gesicht, wenn sie nach einem Zimmer mit Nordlicht fragte. „Nordlicht! hat man jemals so Etwas erfahren! — die wird schön frieren mit ihrem Nordlicht, wenn einmal der Winter kommt!" — Es fehlte keineswegs an diesem Licht, aber dann starrte der Suchenden zugleich aus dem Fenster ein dunkler Berg entgegen, oder ein Haus, eine Scheune, welche wieder jedes Licht, das sie auf ihrer Staffelei gebrauchte, verscheuchte. Die guten Dorfbewohner waren fast beleidigt, daß ihre Häuser, die ihnen so ausgezeichnet vorkamen, nicht einmal Licht und Raum für „so eine Malerin" haben sollten. Mußten sie doch ganz andere wichtige Dinge darin verrichten, bei welchen sie weder nach Nordlicht, noch nach Morgensonue fragen durften, — war doch die Malerkunst nur eine niedliche Spielerei in ihren Augen. — Freilich als sie von Frau Bergheim hörten, wie viel Geld die Künstlerin mit ihren Bildern verdienen könne, sahen sie schon mit viel mehr Respekt auf ihre Bestrebungen. Begreifen konnten sie es zwar nicht, daß man so viel Geld blos für Bilder ausgeben könne, aber sie fanden es doch natürlich, daß sich deshalb so manche Leute verleiten ließen den ganzen, lieben langen Tag nichts zu thun als nutzlose Bilder zu malen. Es war ein schmerzliches Gefühl, mit welchem Mercedes in dieser ersten Zeit ihrer hiesigen Thätigkeit schon gestehen mußte: „Hier hat kein Mensch einen klaren Begriff von deiner Kunst, kein richtiges Urtheil 110 über das, was du schaffst, wirst du hören, kein Verständniß finden für das Höchste und Schönste, was du zu empfinden vermagst." — Und sie kam sich plötzlich einsam und verlassen vor, als habe sie eine öde Wildniß betreten. Und wie wunderbar, dachte sie oft, daß meine geistvolle Elisabeth hier aufgewachsen und glücklich gewesen ist, — daß sie stets von der Hei- math wie von dem ihr liebsten Ort auf der Welt sprach! „Gewiß! ich muß den Schatz noch finden lernen, der in diesen Menschen und ihrem stillen, einförmigen Leben liegt." Nach langem, vergeblichen Suchen mußte sie sich entschließen ein Atelier bauen zu lassen. Auch das gab große Schwierigkeit, denn die ländlichen Zimmerleute hatten noch niemals einen Raum für einen Maler hergestellt und fanden sich oft in ihrer Amtswürde gekränkt, wenn „so eine Jungfer" alles besser wissen wollte wie sie. Doch Mercedes überwand die widerborstigen Köpfe und die steifen Hände durch ihre sanfte Freundlichkeit und vielleicht noch mehr durch das viele Geld, was sie ausgab. Der Bau kam zustande, es fiel prächtiges Nordlicht durch das große „kuriose Fenster", das sich „die eigensinnige Malerin" extra aus ihrer Stadt hatte kommen lassen und Mercedes war endlich so weit, daß sie ihre Staffelei aufstellen und ihre Sachen ordnen konnte. Da gab es wieder ein großes Verwundern, als sich eine ganze westfälische Bauernstube um das feine Fräulein herum zu gestalten anfing. Ein alter wurmstichiger Schrank mit irdenen Töpfen, Krügen und Schüsseln auf dem Gesims darüber, ein plumper Tisch und ein offener Schrank, der alle jene wunderlichen Röcke und Hosen in ihrer ganzen Armseligkeit zeigte — lohnte es sich wohl der Mühe solchen Kram abzumalen? Denn daß ihn die Künstlerin zu diesem Zweck mitgebracht, war Allen nun freilich klar geworden. Doch auch die Zwischenräume der Wände füllten sich mit Skizzen und Studienblättern aller Art. Das sanfte Licht des vielbesprochenen Fensters beleuchtete die traulichsten Dorfwinkelchen auf diesen Bildern, in welchen liebliche Kinder in den dürftigen Röckchen spielten im Sonnenschein, fröhliche Vöglein auf den moosbedeckten Dächern herumhüpften, so lebendig gemalt als hörte man sie tröstend zwitschern in die arme Welt unter ihnen hinein, — und saubere Bauernstuben, wo die Katze behaglich unterm Ofen schlief und das alte Großmütterlein beim Lesen in der Bibel eingenickt war, — dort eine junge Mutter, die mit zärtlichem Blick ihr 111 rosiges Kind wiegte, hier ein brauner Mann, der dem kleinen Liebling ein Spielzeug schnitzte zur fröhlichen Ueberraschung beim Erwachen, — da sah man blühende H o llund erb lisch e zu den kleinen Fensterlein grüßend herein nicken, schäumende Mühlbäche sich über das Rad stürzen im lauschigen Waldesgrund, wo der braune Hirtenbub sein Mittagsschläfchen hielt, oder auch mit kräftigem Peitschenknall die fröhliche Heerde zusammentrieb. — Manches Auge erkannte hier, wie die Kunst des Malens auch über die einfachsten Begebenheiten des Lebens einen lieblichen, poetischen Glanz auszugießen vermöge. Es war als ob sie sagen wollte: „Sieh! wie lieb und traut und friedlich ist die kleine Welt, in der du lebst, erkenne es dankbar an und sorge, daß sie so freundlich bleibt als der Maler sie gesehen mit seinem hellen Auge und mit seinem treuen Pinsel dargestellt," — es war wie in einem Spiegel zu sehen, aus welchem Einem das eigne Leben wie ein lächelndes, glückliches Kind entgegen schaute. In der That hatte schon die Einrichtung der stillen Künstlerwerkstätte einen kleinen Sieg in den Herzen der Landbewohner errungen. Wenn auch alles darin noch zu skizzenhaft aussah, um von dilettantenhaften Zuschauern recht begriffen und gewürdigt zu werden, so fing man doch bereits an im Dorf von dem Atelier der Malerin wie von einem beginnenden Märchen zu erzählen. Ein Gegenstand besonders war es, dessen rätselhafter Enthüllung man mit gespannter Neugierde entgegen sah: der lange, geheimnißvolle Kasten, der noch immer verschlossen im Vorzimmer des Ateliers stand, und von der Aufwärterin, Frau Kathrin, jeden Morgen, wenn sie ihre Geschäfte darin zu verrichten hatte, mit scheu forschenden Blicken angesehen wurde. Aber eines Tages kam sie mit hochgeröthetem Gesicht zu ihren Bekannten und rief: „Nun weiß ich endlich was in dem Kasten steckt! Hört zu! — das war ein Schreck! — Wie ich da so mit meinem Kohleneimer durch die Vorderstube geh', um Feuer im Atelier anzumachen, — da seh' ich den Deckel von dem Kasten auf dem Boden liegen und über den Kasten selber war ein weißes, langes Betttuch gebreitet, gerade wie man's über eine Leiche thut und man sah es auch ganz deutlich durch die Falten: da lag eine lange, steife Menschengestalt darunter. Ich kann Euch sagen, ich war ganz starr vor Schreck und zitterte an allen Gliedern. Was mag das nur sein?! — ob wirklich ein todter Mensch da liegt? — Ich hab' schon erzählen hören, daß man Menschen nach dem Tode — wie _ 112 heißt es doch nur wieder! — ja! ich glaub': einbalsamirt, so daß sie gar nicht verwesen können, und nun dacht' ich, ob das Fräulein es nicht so gemacht hätte mit Jemandem, der ihr sehr lieb gewesen! Die Haare standen mir zu Berg vor Schauder; aber ich konnte doch nicht vorbeigehen und mußte wieder und immer wieder auf das Ding sehen. Ei! dacht' ich endlich, warum hebst du das Tuch nicht auf? dann weißt Du ja auf einmal was darunter steckt! — Ich faßte mir ein Herz und trat dicht vor den Kasten; aber die Knie singen mir wieder an zu zittern und ich dachte wieder: nein! du willst keine Eva sein, unser ganzes Elend ist ja aus der leidigen Neugierde hervorgegangen. Ich will eine rechtschaffene Frau bleiben — ich thu' es nicht! — Nur ein klein Bischen hier unten am End' will ich das Tuch aufheben und dann gleich wieder fallen lassen, das schadet doch keinem Menschen was. — Und seht! wie ich das gethan hatte, da sah ich wirklich einen Fuß, einen ganz ordentlichen Menschenfuß mit weißem Strumpf da liegen! — Ach Gott! wenn man einmal A gesagt hat, muß man auch B sagen. Ich dachte: nun hilft dir nichts mehr — nun mußt du weiter gehen und sehen was mit dem Fuß zusammenhängt. Auf einmal hatt' ich, ohne recht zu wissen wie es kam, das ganze Tuch abgerissen, aber da fuhr ich Euch doch vor Schreck zurück, als hätt' mich ein Blitz getroffen. Ich sah eine ganz große, ordentliche Frauensperson vor mir liegen, sie hatte ein hübsch weißes und rothes Gesicht, gerad' wie lebendig, aber die Augen — die Augen! — hu! die sahen mich so starr und streng an, als wollten sie mich strafen für meine Neugierde. Und wie ich noch so stand und nicht fortkommen konnte, da kommt mir auf einmal die Fräulein Malerin herein und fängt laut zu lachen an, wie sie mich da so versteinert vor dem Kasten stehen sieht. — „Nun Kathrin! was habt Ihr denn?" fragt sie, „Ihr seht ja ganz blaß und verstört aus!" — „Ach Fräulein!" sagt' ich, „das Ding da! — Was bedeutet denn das? was machen Sie denn mit dem Gespenst? Nehmen Sie doch ja nicht übel, daß ich so neugierig war und hab' das Tuch aufgehoben." — „Warum nicht gar?" sagte die gute Seel', — „ich wollt' Euch ohnedies bitten mir die Figur ins Atelier tragen zu helfen. Es ist ja nur eine Gliederpuppe, nach der ich die Kleider male, wenn ich gerad' keine lebendigen Modelle habe, um sie ihnen anzuziehen." „Und nun erklärte mir das Fräulein alles und zeigte mir wie man die Glieder hin und her an der Figur, gerad' wie's nöthig ist, bewegen kann. Nein, was man nicht alles in der Welt machen kann! Und wenn 113 man alles, wie es sich gehört, so recht klar auseinander gelegt und erklärt bekommt, dann fürchtet man sich am End' vor keinem Ding in der Welt mehr. Ich half auch ganz couragirt dem Fräulein die Puppe ins Atelier tragen, und denkt Euch! da bekam sie einen ordentlichen Rock und eines der bunten Jäckchen angezogen, und auch eine Schürze band ihr das Fräulein vor und stülpte ihr eine Mütze auf den Kopf. Und nun saß sie ganz majestätisch auf dem Stuhl, gerad' wie ein lebendiger Mensch; aber ich bekam doch wieder die Angst, — es hat doch etwas sehr Gruseliges, wenn man so ein Ding sieht, das einen Menschen vorstellen soll und ist doch keiner. Ich halte auch noch immer die Augen zu, wenn ich durch das Atelier gehen muß und die Person sitzt da und guckt mich an mit ihren starren Augen." Diese Erzählung der lebhaften Frau Kathrin machte das Märchen des Maler-Ateliers, das sich die Dorfbewohner zusammendichteten, um Vieles lebendiger. Die wunderbare Puppe saß als ein Gespenst darinnen, das Jeder fürchtete und Jeder doch aber so gern betrachtet hätte. Besonders war die kleine Welt neugierig geworden, und des Posthalters naseweiser Karl, des Amtmanns kecke Minna und Doktors Emma und Rudolph, welche alle schon gute Bekanntschaft mit der Malerin geschlossen, kamen eines Tages voll Courage in den kleinen Herzen zu ihr und baten sie, ihnen doch die große Puppe zu zeigen, von der Frau Kathrin so viel erzählte. „Gern, Kinderchen!" sagte die freundliche Mercedes, „Ihr müßt aber nicht denken, daß-Ihr mit dieser Puppe spielen könnt, dazu ist sie viel zu groß und schwer." „O, wir wollen sie nur besehen!" war die Antwort, die ein ungeduldiges Trampeln der kleinen Füße begleitete. Mercedes ging voran, schloß das Atelier auf und hieß die Kleinen eintreten. Diese aber hatten kaum einen Schritt in das Zimmer gethan, als ein so herzzerreißender Schrei ertönte, als ob Jemand ermordet würde. — Es war die kleine Emma, welcher der Anblick der großen Puppe dieses Geschrei auspreßte, in welches Nudolph einstimmte, theils aus Sympathie für das Schwesterchen, theils aus wirklicher Angst. Auch die beiden andern Kinder standen bleich und wie erstarrt, aber sie hielten sich tapfer und faßten sich nur ein wenig fester bei den Händen. „Die dummen Kinder!" schalt sogar Karl und auch Minna fing einen Verweis an für die Furchtsamen, doch als die erschrockene Mercedes T.-A. XX. H _ 114 dieselben hinaus begleiten wollte, hielten sie auch die Beiden ängstlich an der Hand zurück und Minna meinte: „Unsere Magd steht ja draußen, die kann die Schreihälschen wieder still machen." Als das Geschrei beseitigt war, stellten sich wirklich die beiden kindlichen Helden mit entschlossener Miene, wenn auch ein wenig mit den Lippen zitternd, vor die schreckliche Erscheinung hin. Diese erwies sich bei näherer Betrachtung auch gar nicht so schreckenerregend, sie hatte sogar ein ganz freundliches Mädchengesicht und man konnte kaum begreifen, wie sie beim ersten Anblick solche Schauer einflößen konnte, was freilich seinen vollen Grund hatte in der starren Leblosigkeit dieser menschlichen Maschine. Karl betrachtete sich das Ding von oben und unten mit männlich prüfendem Blick, die kecke Minna trat sogar so nah, daß sie leise, leise mit ihrer Hand die Arme der geheimnißvollen Gestalt berühren konnte, und als dieselbe sich ganz ruhig diese Vertraulichkeit gefallen ließ, tastete sie weiter und rief ihrem Kameraden zu: ,,Faß' mal an! — sie ist nur ausgestopft wie unsere Kleinen Puppen auch." Und Karl faßte an, — er war ja ein Junge! — nicht wie ein so banges Mädchen, fest und herzhaft faßte er sie an und ging sogar so weit, ihr so tüchtig die Hände zu schütteln, daß Mercedes bitten mußte seinen Heldenmuth zu zügeln, damit er ihre Puppe nicht zerbreche. — Sie mußte nun den Kindern ebenfalls alle Eigenschaften, die Einrichtung und den Zweck der Gliederpuppe erklären und Beide gingen ganz stolz hinweg, um eine Kenntniß mehr bereichert und mit der Ueberzeugung, daß sie nicht so leicht in Angst gejagt werden könnten. Auch war es eine große Freude den Gespielen das Erlebniß in dem Maler- Atelier zu erzählen, was nicht ohne Folgen blieb. Eine ganze Woche lang stand immer eine lange Prozession sämmtlicher Schulkinder des Dorfes vor der Thüre des Hauses und begehrte: „die große Puppe zu sehen." Frau Vergheim wollte sie ungeduldig abweisen, doch die gutmüthige Mercedes öffnete gefällig die Thüre und ließ ohne Eintrittsgeld das kleine, neugierige Publikum wie zu einer Theatervorstellung herein, indem sie zu seiner und ihrer eignen Belustigung die Puppe in allen möglichen Stellungen sitzen ließ und sie mit ihren hübschesten, buntesten Kleidern ausstaffirte. Sie erlebte aber wie bei der ersten Scene noch manches Angstgeschrei und mußte mehr wie ein halb ohnmächtiges Geschöpfchen Hinausbringen 115 und mit ihrer sanften Stimme zu beschwichtigen suchen. Die Puppe wurde der Probirstein für die starken und schwachen Charaktere der Dorfjugend. Die Eltern aber schüttelten oft die Köpfe bei den Erzählungen ihrer Kleinen, hier und da gab es sogar ein Verbot die Stube zu betreten, aus welcher solche Aeußerungen hervorkamen und manche Mutter schalt heftig über „die verwunschene Puppe", wenn sie des Nachts im Schlaf gestört wurde durch das Geschrei ihres Kindes, in dessen Traum sie noch herumspukte. Es giebt ein Sprichwort, das heißt: „Was der Mann nicht selber kocht, das ißt er auch nicht." Man kann es leicht über Speise und Trank hinausdehnen und sagen: „Was er nicht kennt und begreift, das gefällt ihm auch nicht." — Fremdartige Vorstellungen und Bilder, die den gewohnten Kreis seiner Gedanken und Erlebnisse überschreiten, sind ihm unbequem und störend; er umgiebt sie nur zu gern mit dem Uebel des Mißtrauens, oder gar mit dem unheimlichen Bann des Aberglaubens und des Fanatismus. 4. Aberglaube und seine Folgen. Mercedes saß in ihrem Atelier und malte ein wunderhübsches, kleines Vauernmädchen, das vor ihr unter der freilich sehr nachsichtigen Aufsicht ihrer jungen Mutter spielte. Die Künstlerin hatte nach langem Umhersuchen endlich diese beiden Gestalten zu einem Bild gefunden, das sie schon in der Stadt entworfen und angefangen zu malen. Dort war es ihr unter der großen Menge leicht geworden, zu ihren Modellen schöne Menschen zu finden, die, wenn sie auch keine Bauern waren, doch unter den Kleidern, welche sie ihnen umwarf, allenfalls dafür gelten und mit der ihnen angebornen Gewandtheit sich als solche bewegen konnten. Sie fand im Ganzen unter den Bewohnern des Dorfes wohl charaktervolle Gestalten, aber es fehlte ihnen meist die Schönheit, die der Künstler so gern als Lichtglanz über seine Bilder breitet. Die harte Arbeit ließ sie früh gebückt einhergehen, die Sorge und die Noth lagen nur zu oft wie ein Druck auf ihrem inneren und äußeren Wesen; der die Freiheit und Anmuth der Bewegungen wie der Gedanken hemmte. Mercedes betrachtete es daher als einen Glücksfund, als sie auf einem Gang durch das Dorf eines Abends die schöne, junge Mutter mit dem krausen Blondköpfchen auf dem Schooß vor der Thür eines Hauses sitzen 8 » 116 sah. Von dem Gold der untergehenden Sonne umslossen, waren die Beiden ein anmuthiges Bild, eine wahre Erquickung für das Auge der Malerin. Rasch trat sie herzu und nach einem freundlichen Gespräch fand sie sehr bald die Bäuerin bereit, für den guten Tagelohn, den sie bot, ihr das hübsche Töchterlein als Modell zu überlassen und selber mitzukommen, um die Kleine in der fremden Umgebung zu beruhigen und zu unterhalten. Als sie beim Abendessen ihren Hausgenossen den glücklichen Fund mittheilte, sahen sich dieselben kopfschüttelnd an und der ernsten Bertha entfuhr der Ausruf: „O wie schade, daß Sie sich gerad' aus dem Haus die ersten Modelle holen!" „Warum?" fragte Mercedes und Frau Bergheim erklärte den Ausruf der Tochter durch die Mittheilung, daß gerade dieses Haus das am wenigsten beliebte im Dorfe wäre. „Es sind leichtsinnige Menschen," erzählte sie, „Frau und Mann hängen nur am.Aeußerlichen, die Kinder sind schlecht erzogen und Sie, liebes Fräulein, werden Ihre liebe Noth mit ihnen haben — ich wette, Sie halten es nicht lange aus mit diesen Modellen!" „Das fürchte ich nicht," antwortete Mercedes, „die Beiden, Mutter und Kind, sind so schön, daß ich es kaum erwarten kann sie zu malen, ich verspreche mir große Freude von ihnen." Die gute Frau Bergheim schaute ein wenig verwundert auf bei dieser Aeußerung; sie mochte im Stillen fragen: wie man Freude haben könne an Menschen, die nur ein schönes Aeußere besitzen. — Sie wußte nicht, wie oft der Künstler seine schönen Gedanken und Vorstellungen in Gestalten legen muß, die selber keine haben, die nur schönen, leeren Gefäßen gleichen, in welche die Kunst ihren Labetrunk gießt, so daß sie ohne Wissen und Verdienst die Güte des großen Schöpfers, womit er sie so schön und edel gebildet, wirksam und für Andere zum Segen machen. Mercedes aber erfuhr schon an diesem ersten Morgen, wie richtig die Prophezeiung der Frau Bergheim gewesen. Sie hatte eine große Noth mit dem Kinde, das nicht einen Augenblick still halten wollte und mit Händen und Füßen trampelte, wenn die Mutter sie fest zu halten versuchte. Das Naschwerk, das ihr als Besänftigungsmittel in reicher Fülle gespendet wurde, verschlang sie ohne Rührung und Dankbarkeit, und das Püppchen, das ihr Mercedes so zierlich ausgeputzt hatte zum unterhaltenden Spielzeug, zerzauste sie auf die jammervollste Weise. 117 Mercedes war schon in der Künstlerstadt an Modelle von nicht besonderer Fügsamkeit gewöhnt, aber diese kleine „Tochter der Wildniß" überstieg doch alle ihre bisherigen Erfahrungen. Dabei hatte sie aber so große Ursache über die Mutter zu klagen, die es durchaus nicht verstand das unruhige Kind zu unterhalten und ihm Respekt und Gehorsam einzuflößen. Die arme Künstlerin sah ihren reichen Tagelohn verschleudert, sie hatte nichts damit für ihr Bild erobert als ein paar goldene Löckchen von dem kleinen Querkopf und saß wie in Angstschweiß gebadet, als die Beiden sie verlassen hatten. — „Es wird in Zukunft schon besser gehen," sagte sie sich selbst tröstend, „auch die Modelle muß man erziehen, und die ländlichen erfordern, wie ich merke, eine Methode, die ich noch erlernen muß." Doch es wollte nicht besser gehen, weder mit den kleinen noch den großen Leuten, welche letzteren sie doch endlich auch zu Hilfe rufen mußte. Die Bauern konnten sich nicht entschließen stundenlang „so faul," wie sie es nannten, auf einem Stuhl zu sitzen, ohne jede Handarbeit, und so steif wie ein „Holz" da zu stehen, und gar ihre Felder, Berge und Wiesen mit aller Arbeit darauf im Stich zu lasten, das schien ihnen ganz sündlich, wenn sie auch noch einmal so viel Geld mit dem Modellsitzen verdienen konnten. Im Grund gefiel Mercedes dieser Charakterzug des kräftigen Dorflebens, der sich gegen das Hergeben zu einem willenlosen Modell sträubte, und daß den Bauern ihre Bäume und Feldfrüchte, das Gedeihen ihrer grünen, wasserreichen Wiesen mehr am Herzen lag als der Gewinn des verdoppelten Geldes, das sie ihnen bot. Aber sie hatte bei alledem den Schaden davon und bald mußte sie noch einen Grund der Abneigung gegen das Modellsitzen erfahren, der, obgleich er sie anfangs zum Lachen brachte, doch bald einen tragischen Konflikt zwischen ihr und den Dorfbewohnern zur Folge hatte. Sie wurde gewahr, daß sich diese Bauern, wie es bei einigen wilden Völkerstämmen der Fall ist, auch deshalb vor dem Abmalen ihrer Gestalten fürchteten, weil sie meinten, daß damit irgend eine Gefahr für ihr Leben verbunden wäre, indem es ihnen gespensterhaft vorkam, sich zum zweitenmal zu erblicken und gar als ein lebloses Wesen, das trotz aller Aehnlichkeit mit dem wirklichen Leben, weder sprechen noch sich bewegen konnte. Freilich waren es nur Einzelne, welche diese kindische Furcht hegten, aber leider pflegt sich nichts so leicht mitzutheilen als Furcht und Aberglauben. Besonders in einsamen Berggegenden sind die Menschen zum 118 Grübeln geneigt, die nebelhafte Atmosphäre enger Thäler und die oft so düstere Einsamkeit der srühen winterlichen Tage erwecken krankhafte Stimmungen, in welchen irrige . Vorstellungen leicht zu dämonischen Gestalten wachsen und dem Seelenleben Gefahr bringen. So war ja auch schon die Gliederpuppe eine gespenstige Gestalt geworden und blieb trotz aller Erklärungen und aller Einsicht der lichtfreundlichen großen und kleinen Menschenkinder ein Hinderniß für Mercedes' Modelle. Nicht nur die Kinder, selber die Großen wagten sich nur mit ängstlicher Scheu in das Zimmer, wo die unschuldige Puppe so still und geduldig saß und weder Hand noch Fuß bewegte. Selbst als ein Vorhang sie umhüllte, blieb doch das Grauen, wurde sogar noch oft gesteigert, indem alsdann die Phantasie freien Spielraum hatte und sich die verborgene Erscheinung so schauerlich wie nur möglich ausmalte. — Da aber mit dem „Gruseln" sich stets eine gewisse, unbezwingliche Neugierde zu verbinden pflegt, so konnten die kleinen, ja selbst die älteren Modelle es trotz aller Furcht nicht lassen, zuweilen, wenn die Malerin einmal nicht zugegen war oder in ihr Bild vertieft, sie gerad' nicht beobachtete, den geheimnißvollen Vorhang empor zu heben, ein Wagstück, das gewöhnlich ein mordmäßiges Geschrei zur Folge hatte und wobei auch hier und da Einer an einen zerbrechlichen Gegenstand stieß und so der geplagten Künstlerin mehr wie einen Schaden und Verdruß, desgleichen Schreck verursachte. Dieser Umstand hatte die schelmische Frau Kathrin, welche bei dem täglichen Verkehr mit allen Gegenständen des Ateliers kdine Furcht mehr kannte und dabei ihre freundliche Herrin mit jedem Tage lieber gewann, zu einem muthwilligen Einfall veranlaßt. Sie gab eines Tages der großen Puppe eine lange Ruthe in die Hand und brachte ihren Arm durch eine daran befestigte Schnur in Verbindung mit dem Vorhang, so daß bei jedem Aufheben desselben sie drohend die Ruthe dem neugierig Hineinschauenden entgegenhob. Die gute Mercedes ahnte natürlich nichts von dieser geheimen Vorkehrung; Frau Kathrin aber, die an diesem Morgen den ungezogensten aller Bengel aus jenem Hause, das trotz allem noch immer der Künstlerin die schönsten Modelle lieferte, bestellt hatte, war durch ihn ihres Erfolges ganz sicher und konnte kaum erwarten, davon berichten zu hören. Zufällig aber war an diesem Morgen statt der Mutter ein junges Mädchen aus dem Dorf mitgekommen, das willig genug gewesen war, 119 Mercedes zu einer jetzt schon ganz fertigen Figur in ihrem Bild zu sitzen, ihr aber auch außerdem noch am besten die kleinen unruhigen Modelle beruhigen konnte. Doch an dem Jacob brach auch ihre Macht — er hatte wenig Ähnlichkeit mit seinem frommen Namensbruder im alten Testament, vielmehr geberdete er sich recht wie ein wilder Esau mit rauhhaarigem Fell und verursachte einen sauren Morgen in dem Atelier der Künstlerin. Es war daher, als diese hinaus gegangen war um einen Augenblick frische Luft zu schöpfen, während der Kleine wie unsinnig zwischen all' den fremden Gegenständen hin und her fuhr, der armen Anna nicht zu verdenken, daß sie höhere Mächte in Anspruch nahm um den Wilden zu zähmen. „Warte nur, ich will der bösen Puppe sagen was für ein unartiger Junge Du bist!" — so sprach sie, indem sie den Knaben bei der Hand faßte und den Vorhang aufhob, der das gefürchtete Geheimniß umschloß. Aber welch' ein Schreck! — Kathrins Experiment trat ins Leben — die Angerufene hob in der That und Wahrheit mit der drohenden Ruthe die Hand gegen den Sünder empor! — Ein Zetergeschrei tönte durch das ganze Haus aus dem Atelier und Beide, Sträfling wie Strafende, kamen bleich und zitternd Herausgestürzt und konnten auf die Fragen der herbeieilenden Mercedes und der übrigen Hausbewohner nichts hervorbringen als die sonderbare Kunde: daß die böse Puppe lebendig geworden sei und nach ihnen geschlagen habe. Kein Zureden vermochte selbst die verständige Anna zu bewegen ins Atelier zurückzukehren, um die Sache untersuchen zu helfen. So schnell wie sie konnte, eilte sie mit dem kleinen Leidensgefährten nach Hause und die Erzählung der Beiden von „dem Spuk im Atelier" flog mit Windeseile noch denselben Tag durch das ganze Dorf. Wer seinen Spaß dabei hatte war Frau Kathrin, die sich wohl hütete die Spukgeschichte aufzuklären, obgleich sie am andern Tage von der Künstlerin und Frau Bergheim, die natürlich den Zusammenhang gleich ahnten, tüchtig war ausgezankt worden, trotzdem daß sie Beide heimlich über den neckischen Einfall hatten lachen müssen. „Sie sollen sehen," suchte Kathrin die Zürnende zu beschwichtigen, „das hat geholfen! Es hebt Ihnen so leicht Keiner mehr den Vorhang auf." Das hatte seine Richtigkeit; es wurde aber auch der armen Mercedes immer schwerer Modelle in ihr Atelier zu bringen und die Puppe wurde 120 zum „Puhmann" im Dorf, mit welchem alle Mütter den unartigen Kindern drohten und sich selber dabei wie die Kinder gruselten. Wie jeder Ort seinen Schutzengel hat in der Gestalt guter Menschen, so ist leider auch so leicht keiner zu finden, in welchem nicht entgegengesetzte Mächte walten — Menschen die zum Streit geneigt sind und statt Freude, Liebe und Friede — Haß und Verwirrung hervorrufen. Nicht weit von Frau Kathrins Häuschen wohnte eine alte Frau, die einst bessere Tage gesehen und sich in früherer Zeit eines großen Ansehns im Dorfe hatte rühmen dürfen. Freilich war dieses Ansehn sehr gemischt mit der Furcht, die man vor ihrer scharfen Zunge empfand, so daß sie allgemein „der böse Drache" genannt wurde, wenn es auch nur im Geheimen und mit der größten Vorsicht geschah. Doch pflegte sie selbst sich den sie besuchenden Fremden mit den Worten vorzustellen: „Ich bin die böse Frau Sander." Durch mancherlei verschuldete und unverschuldete Unglücksfälle waren ihre Vermögensumstände sehr zurückgegangen; sie mußte sich einschränken im Alter und das hatte ihre zur Ehrsucht geneigte Gemüthsart verbittert, sie schadenfroh und mißtrauisch gegen ihre Nebenmenschen gemacht. Vielleicht fehlte es ihr auch nur an stützender, helfender Liebe, die sie sich leider nicht zu erwerben gewußt, und deren Mangel sie in den Tagen, von denen man sagt: „sie gefallen mir nicht!" schmerzlich empfand, ohne daß es doch ihr Stolz gestehen wollte. — So war sie der böse Dämon des Dorfes geworden, den Jeder fürchtete und dessen Einfluß sich doch noch immer die Wenigsten entziehen konnten. Es hatte die Alte empfindlich getroffen, daß die vielbesprochene Künstlerin ihr, die sich noch immer zu den ersten Anstandspersonen des Ortes zählte, keinen Besuch gemacht, was den ganz einfachen Grund hatte, daß Mercedes nichts ahnte von ihrem Dasein, oder vergeßlich die Erwähnungen desselben nicht beachtete. — Schon die offene, geniale Elisabeth war vor Jahren das Ziel ihrer Verfolgungen gewesen, weil sie freimüthig ihren Weg dahin ging und sich nicht fürchtete vor Drachen und Schlangen. So fiel von der Erinnerung an sie ein böser Reflex aus den Augen der Alten auf die geliebteste Freundin der Hingeschiedenen. Mit finstern Blicken folgte sie den harmlosen Schritten der unschuldigen Mercedes und fand immer was an ihr zu mäkeln, wo man sie lobte. „Möchte doch wissen was an dieser mageren Person Schönes ist?" pflegte sie zu fragen, wenn man von der Malerin Anmuth und 121 Lieblichkeit sprach. Und wenn man von der Milde und Wohlthätigkeit erzählte, womit das edle Mädchen schon in den Hütten der Armuth gewaltet, so lachte sie bitter auf in den unedlen Regungen eines eifersüchtigen Neides. „Wir wollen sehen wie lang das dauert, wie weit sie reichen wird!" sagte sie. „Das Fräulein Vetty war auch zu ihrer Zeit eine arge Verschwenderin und that, als ob sie zum Anwalt aller Armen auf der Erde von unserem Herrgott wäre eingesetzt worden. Sie hatte aber auch unterducken müssen; es soll kahl nach ihrem Tod in ihren Schränken ausgesehen und ihre Erben keine Ursache gehabt haben, sich über ihre Wohlthätigkeit zu freuen." Natürlich sammelte die böse Sieben auch begierig all' die wunderlichen Gerüchte, welche von „dem Spuk" im Maler-Atelier im Dorfe anfingen umzugehen, und obgleich sie selber nicht daran glaubte,, so freute sie sich doch heimlich, daß Andere noch so dumm sein konnten und wollte sich den Spaß daran nicht durch das Licht ihrer Aufklärung verderben. Eines Morgens wußte sie Frau Kathrin, die immer an ihrem Haus vorbei zu ihrem Dienste bei Mercedes gehen mußte, aufzuhalten, um. Allerlei aus ihr heraus zu horchen. Die schlaue Frau, die sich bis jetzt immer sehr geschickt dem Bann der Neugierigen zu entwinden gewußt, merkte schnell ihre Absicht und sagte zu sich selber: 'Warte nur, der wollen wir heut einmal ein Kräutchen vor die Nase halten, daß sie nicht aus dem Niesen heraus kommt, wenn sie daran riecht." „Nun, Frau Kathrin!" sagte die Alte, indem sie ihre grauen Augen scharf auf die hübsche Frau richtete: „Ihr seht ja aus wie ein Borsdorfer Apfel, so rund und roth, man sieht Euch das gute Leben an! — Wie ich höre seid Ihr ja hoch angeschrieben bei der vornehmen Prinzeß, die jetzt im Dorf wohnt und das Geld gleichsam auf den Boden werfen soll." „Ja wohl! auf den Boden, gerade zu! — da hat Sie recht gehört, Frau Sander! — Das ist jetzt ein wahres Schlaraffenleben dort drüben bei den Forstmeisters! — alle Tage Gesottenes und Gebratenes und für mich fallen stets die besten Bissen ab — ich kann meine ganze Haushaltung damit versorgen." „Was Ihr sagt!" rief die Alte und rang die magern Hände vor Verwunderung — „ist denn das Fräulein wirklich so reich? — man sollte es kaum denken, wenn man sie über die Straße gehen sieht. Auch mein' ich gehört zu haben. „Ach was! Sie kann nichts gehört haben was richtig wär', Frau Sander!" fiel Frau Kathrin ein. „Wer weiß denn hier was von dem Fräulein und ihrem Vermögen? — Ich allein weiß was ich weiß- die braucht gar kein Vermögen! — sie hat lauter gute Heinzelmännchen um sich, die ihr Alles Herbeibringen was sie nöthig hat, sie ist ja selber wie ein Feenweiblein aus dem Märchen — sie kann zaubern — wahrhaftig das kann sie! Man weiß nicht wie und wodurch, Alles was man braucht, das ist auf einmal da, man weiß nicht woher und wovon!" Die Alte lachte giftig auf: „Zaubern also kann sie! ja das glaub' ich: zaubern! — Dann ist's ja auch wohl richtig, was man sich erzählt: daß es spukt in dem Zimmer wo das gruselige Ding, die große Puppe sitzt, vor der sich alle Leute, wenigstens alle guten Christen bekreuzen." „So! also das geschieht? — hab's noch niemals bemerkt," entgegnete Kathrin, „spuken, thut es freilich in den Zimmern für den, der sich davor zu fürchten hat. Mir aber ist gar nicht bang' vor dem Spuk in des Fräuleins Zimmer, ich weiß, die hat nur gute Geister um sich, und was die große Puppe betrifft — nun, die kenn' ich ja auswendig und inwendig. Da ich bei all' dem vielen Geld, das ich beim Fräulein verdiene, so gut wie gar keine Arbeit habe, indem ihr fast alles die Heinzelmännchen thun, so spiel' ich jeden Morgen wohl eine Stunde lang mit der Puppe und zieh' ihr all' die hübschen Kleider an, zu meinem eignen und der Kinder Plaisir. Sie ist auch ein guter Geist, die Puppe, vor dem sich kein braver Mensch zu fürchten braucht. Ich will Ihr ein Geheimniß anvertrauen, Frau Sander, aber sage Sie es nicht weiter: die Puppe speit all' das viele Geld aus, welches das Fräulein braucht und hier verschwendet." Mit diesen, der staunenden Alten leise ins Ohr gesprochenen Worten wollte sich die Schelmin rasch davon machen, aber Frau Sander hielt sie fest am Arm. „Nein Kathrin, so kommt Ihr mir nicht davon, — für so dumm müßt Ihr mich doch nicht halten, daß ich solch' ungewaschenes Zeug aus Eurem Munde glaubte. Ich bin im Gegentheil sehr gegen den Aberglauben und zu klug, um alles für wahr zu halten, was das dumme Bauernvolk sich einbildet. Aber ich meine nun doch auch: die Puppe, die da in Eurer Stube sitzt, die könne kein guter Geist sein, mag sie nun Geld ausspeien oder nicht. Ich hab' überhaupt so meine Gedanken über die Abmalerei, die das Fräulein treibt; ich halte sie für keine Kunst, die Nutzen im Dorf stiftet; sie verführt nur die Leute zum Müßiggehen und - 123 _ zur Eitelkeit. Das sieht man ja so recht an dem leichtsinnigen Volk dort drüben aus dem Haus, wo sich das Fräulein seine sauberen Modelle heraus holt. Die Frau, die hoffährtige Agnes geberdet sich ja seitdem wie toll, sie putzt sich heraus wie eine Närrin und rühmt sich allenthalben, das Fräulein halte ihre Kinder für die schönsten im ganzen Dorf. — Wir wollen sehen, wohin das führt — ich begreife nicht wie der Herr Pastor solch' Aergerniß im Dorfe duldet. In der Bibel ist es ja geradezu verboten sich ein Bildniß oder Gleichniß zu machen." „Daß man sich von dem lieben Gott keins machen soll, das steht allerdings in den zehn Geboten," sagte Kathrin, „aber ich hab' noch nicht gesehen, daß das Fräulein den lieben Gott gemalt hätte, nicht einmal die Engel malt sie, wie sie doch in der Kirche zu sehen sind — sie ist ganz zufrieden mit so niedrigem Menschenvolk wie wir Bauern sind. Die Agnes war eine eitle Närrin noch eh' das Fräulein in das Dorf kam, und man kann schon Gott danken, daß sie und ihre Rangen doch jetzt noch zu was nützen können in der Welt, was ich früher niemals geglaubt habe. — Es freut mich aber, Frau Sander, daß Sie nicht abergläubig ist, da kann Sie doch den Leuten sagen, wie dumm es ist, wenn sie glauben, es könne Einer sterben, der abgemalt wird. Darauf wollt' ich es schon wagen und mich und mein ganzes Haus von dem Fräulein abmalen lassen." „Sagt das nicht so dreist, es könnte Euch gereuen," warnte Frau Sander, „alles möchte ich nun doch nicht verwerfen, was die ungläubigen Menschen Aberglauben heißen. Habt Ihr denn noch nicht gehört, daß Müllers Anna, die ja auch das Fräulein abgemalt hat, todtkrank daliegt? Es kann freilich auch von dem Schrecken herkommen, den sie gehabt, als sie dem kleinen Jakob die böse Puppe hat zeigen wollen, die ihr die Ruthe gegeben hat." Kathrin erschrak — sollte ihr Scherz solche schlimmen Folgen haben? „O," sagte sie, „das war ja nur eine Schelmerei von mir, ich wollte die Kinder für ihre Neugierde strafen und wer hätte denken können, daß die Anna, die doch schon ein erwachsenes Mädchen ist, sich so erschrecken könnte, daß sie krank davon würde!" „Ob von dem Schreck oder von dem Abmalen," — sagte die Alte — „das weiß ich nicht, aber krank ist sie, das könnt Ihr glauben. Ich war gestern noch im Hause, um nach meiner Christenpflicht die Leute zu warnen vor dem Götzendienst mit den Bildern und der grausigen Puppe." 124 „Und das war recht garstig von Ihr, Frau Sander!" platzte plötzlich Kathrin ganz zornig heraus. „Nehm' Sie mir's nicht übel! Sie ist zwar eine standesmäßige Person und wohl noch mehr wie Unsereins, aber das hätt' ich Ihr doch nicht zugetraut. Das ist schlecht gegen den Aberglauben gekämpft und auch schlecht gegen Ihre Christenpflicht gehandelt, wenn Sie Verdacht bei den dummen Leuten weckt gegen das Fräulein, das ein wahrer Engel ist, und Ihr werdet es noch Alle erleben, daß sie uns nur zum Segen ins Dorf gekommen ist. Von der kann man was lernen, man muß sich alle Tage schämen, daß man so grob ist, wenn man ihr nur in das sanfte, feine Gesicht sieht und ihre liebe Stimme hört." „Nun, Bescheidenheit habt Ihr gerad' nicht von ihr gelernt," geiferte die gereizte Alte, „wir wollen sehen was das Schlaraffenleben und das Spielen mit der Puppe für Segen in Euren Haushalt bringt." „Ja, das wollen wir sehen, und es geht Keinen was an!" — Mit diesen Worten warf die resolute Kathrin die Thüre der bösen Frau heftig hinter sich zu und schritt in großer Aufregung ihrem bescheidenen Hüttchen zu. — Sie fürchtete doch mit ihren Neckereien zu weit gegangen zu sein und daß die böse Alte es im Ernst zu schlimmen Deutungen brauchen könnte, was sie nur im Scherze gesagt hatte vom Schlaraffenleben, Spielen mit der Puppe, den Heinzelmännchen u. dgl. Auch erfuhr sie, daß wirklich jenes Mädchen, Müllers Anna, heftig erkrankt am Scharlachfieber darnieder liege. — Es war überhaupt eine böse Zeit im Dorfe, der Herbst brachte früh kalte, nebelige Tage, welche die schlimmen Krankheiten beförderten, die der Krieg in Deutschland zurückgelassen. Auch durch die frische Luft der Gebirge drang der pestartige Hauch der Blattern; Nerven- und Scharlachfieber schlugen ihre schauerliche Lagerstätte auf in den ländlichen Wohnungen. Dabei herrschte eine große Unvorsichtigkeit in der Vermeidung der Ansteckung, der alle fürsorglichen Anstalten nicht entgegenzuwirken vermochten. Man hielt es für Pflicht die kranken Nachbarn zu besuchen, selbst wenn man ihnen keine Pflege zu leisten nöthig hatte, den Todten das Geleit zum Grab unter allen Umständen zu geben. Ja es herrschte sogar die schaurige Sitte, daß, wenn Einer gestorben war, die jungen Mädchen aus der Nachbarschaft zusammen kamen, um die Leiche zu waschen und anzukleiden. Gewiß lag eine wackere Gesinnung dieser Sitte zu Grunde, aber leider konnte man nicht einsehen, daß in solchen Zeiten der Ansteckung dieselbe vor der Pflicht des allgemeinen Wohles zurücktreten müsse. 125 Auch die von Natur sehr furchtsame Anna hatte sich bei solch einer Dienstleistung ihre Krankheit geholt. Der Schreck durch die Gliederpuppe mochte den Ausbruch beschleunigt haben, wenigstens phantasirte sie im Fieber oft von der Puppe und daß sie den Arm gegen sie aufgehoben, um ihr den Tod anzukündigen. Es war leicht erklärlich, daß die Reden der bösen Frau Sander Wurzel faßten in den Herzen der armen Eltern und der Nachbarsleute, die ihre Sorge um das kranke Kind theilten, daß das dunkle Gespenst des Aberglaubens emporstieg und immer höher wuchs vor den Augen der unwissenden, verblendeten Bauern. Ein jäher Schreck ging durch das Dorf, als das Sterbeglöckchen mit seinen klagenden Tönen den Tod des jungen Mädchens verkündete. — „Das kommt von dem Abmalen! — das hat die böse Puppe gethan!" — so murmelte es unheimlich hin und her wie Windesrauschen vor dem Ausbruch eines Gewitters. Als ob die Zeiten des Mittelalters plötzlich zurückgekehrt wären mitten in die Aufklärung unserer Tage, wob sich ein dämonischer Nebelkreis um die sanfte Gestalt der edlen Mercedes. Es fehlte nicht viel, so hätte man ihren Einzug ins Dorf als die Ursache der schauerlichen Krankheitsperiode, die über dasselbe hereingebrochen, betrachtet. Sie selber lebte ahnungslos dahin und wußte nicht, daß in dieser Zeit ihre treuen Hausgenossen, Frau Bergheim und ihre Töchter, sie wie gute Schutzengel umgaben, ihr so viel wie möglich das gehässige Gerede fern zu halten suchten und mit all' dem Einfluß, den sie durch ihr edles, freundliches Leben im Dorfe sich erworben, ihm entgegen wirkten. Es war aber alles so rasch gekommen, daß sie kaum Zeit gehabt hätten die traurigen Folgen des tragischen Ereignisses von der armen Mercedes abzuwenden, wenn ihr nicht ein anderer, kräftigerer Schutzgeist aus dem Andenken der verklärten Freundin erstanden wäre. Um Euch das zu erklären, muß ich Euch in eine ferne, längst entschwundene Zeit zurückführen und will Euch, meine jungen Leserinnen, im nächsten Kapitel eine Begebenheit aus der Jugend der ländlichen Dichterin erzählen, deren Segen noch nicht verschwunden war und sich noch einmal wieder helfend und belebend aufrichten sollte. 126 5. Die Drillinge. Fernab vom belebten Theile des Dorfes stand ein Haus am Fuße des tannenumwachsenen Hügels, der das Gotteshaus und die Gräber der Entschlafenen trug. Vor Jahren sah es viel unheimlicher und unwirthlicher aus wie jetzt, wo es fast ganz neu wieder aufgebaut ist, und damals wohnte der Todtengräber darin, der nur einen kurzen Pfad hinauf zu gehen brauchte, wenn seine ernste Arbeit ihn rief — die Arbeit des Todes, die ihm und den Seinigen kümmerlich das Leben fristete. Gleichwohl wuchs das Leben in reicher Fülle um ihn her, in einem Häuflein Kinder, die sorglos spielten zwischen den Gräbern, die der Vater schaufelte, die sich des ärmlichen Daseins freuten mit dem glücklichen Sinn der Kindheit, dem noch ein blinkender Kieselstein ein Schatz, ein Sonnenstrahl ein Glück ist, ob ihm der Glanz auch nur aus Kirchhofsgräsern herausleuchtet. Aber der Kindersegen schien doch dem Todtengräber und seinem treuen Weibe ein wenig zu groß geworden zu sein, als eine stürmische Märznacht über das Kirchdorf zu der kleinen Hütte herunterflog und ihnen als Frühlingsgeschenk drei kleine, nackte Knäblein auf einmal zurück ließ. Drei Knaben auf einmal! Wer es weiß, welche Mühen, Kosten, Sorgen die Pflege kleiner Kinder erfordert, der wird es den armen Eltern nicht verdenken, wenn sie mit einigen Seufzern und Thränen das reiche Geschenk in Empfang nahmen. — Als der Morgen nach der aufgeregten Nacht in das ärmliche Zimmer leuchtete und die fünf anderen Kinder sich herzu drängten, um das neu aufgegangene Dreigestirn des häuslichen Horizontes zu begrüßen und zugleich das Frühstück zu genießen, das heut Morgen noch etwas schwerer als sonst zu besorgen war; als das Geschrei der hungrigen Drillinge sich mit dem Lärm des springenden Häufleins vermischte — da faltete die bleiche Mutter in stummer Angst ihre zitternden Hände, und der Vater, der in gewohnter Weise mit dem Rücken gegen den Ofen gelehnt, sein Morgenpfeifchen rauchte, blies mit hastigen Zügen und gerunzelter Stirne die übelriechenden Rauchwolken in die Sorgenmolken seines engen Kreises hinein. In diesem Moment öffnete sich die Thüre und ein junges etwa sechs- zehnjahriges Mädchen mit einem frischen, klaren Gesicht, welches krausgelocktes Haar fast wie einen Knabenkopf umgab, trat mit einem großen Korb am Arm herein. 127 „Da haben wir ja die ganze Bescherung!" rief sie mit Heller, fröhlicher Stimme, wahrend die Kinder mit dem Ruf: „Jungfer Betty! Jungfer Betty!" an der jugendschlanken Gestalt hinaufsprangen. „Still Kinderchen! still! haltet hübsch Ruhe und laßt mich durchkommen, daß ich mir Euren Schatz hübsch ordentlich besehen kann,"- — beschwichtigte sie den schreienden Haufen, indem sie mit leisen Schritten an die Wiege trat und sich mit staunenden Blicken über das Drillingsgestirn beugte. Dieses aber fing eben einen Morgengesang an, der keineswegs wie himmlische Sphärenmusik lautete und Betty rief: „Potztausend, was die Kerlchen für Lungen haben, da kann sich mal der König darüber freuen — die werden drei prächtige Soldaten geben! — Nun ich wünsche Euch viel Glück! viel Gottes-Segen zu einem so reichen Gnadengeschenk des Himmels, liebe Lisbeth! und auch Euch, lieber Meister Ebert!" Mit diesen Worten wandte sich das junge Mädchen von Einem zum Andern der beiden Eheleute und schüttelte ihnen so herzlich die Hände, daß der warme Druck der jugendlichen Hand wie eine freudige Zuversicht die bekümmerten Herzen durchdrang und sich ein unwillkürliches Lächeln auf den umwölkten Gesichtern zeigte. Dennoch sagte der gesegnete Hausvater, indem er die Stummelpfeife aus dem Munde nahm und sich ein wenig hinter dem Ohr kratzte: „Nichts für ungut, Jungfer Betty! Sie hat gut sprechen von einem reichen Gnadengeschenk des Himmels, es ist wohl ein reiches, aber auch ein theures! — Wie soll ich armer Todtengräber, der wohl schon viele Knochen, aber noch niemals Gold aus der Erde gescharrt hat, die drei schreienden Jungen satt kriegen? Ist es mir doch schon blutsauer geworden, die Fünfe da auf den Beinen zu halten." „Ei was!" rief fast unmuthig das junge Mädchen, „das sind keine väterlichen Gedanken, Meister Ebert! Kinder sind ein Segen des Herrn, sagt die heilige Schrift, und in der Schule hab' ich immer so gern das Lied auswendig gelernt, dessen erster Vers lautet: „Was unser Gott erschaffen hat. Das will er auch erhalten, Darüber will er früh und spat Mit seiner Gnade walten!" „So ist es! — faßt nur Muth Drillingsvater! und Ihr auch, liebe Lisbeth! sie sollen erhalten werden Eure Horatier! Ja so! Ihr wißt nicht 128 was das für Kerle waren, nehmt's nicht übel! — Aber die heiligen drei Könige aus dem neuen Testament — die kennt Ihr und die sollten die Pathen Eurer Jungen sein, Ihr solltet sie Kaspar, Melchior, Bal- thasar heißen und sie lehren auch dem Stern folgen, der zu dem ewigen Leben führt, das wahrlich ärmer wie sie, in einem Stall und einem Kripplein seinen Anfang nahm. Und dann nehmt mich auch noch zum Pathen der Jungen an — ich wette, die drei königlichen Mitgevatter lassen mich gern neben sich herlaufen, dieweilen ich auch so ein kleiner Sterngucker bin und ich versprech' Euch: ich will treulich sorgen helfen, daß wir die Burschen auf den rechten Weg bringen." „Ach, Jungfer Betty!" rief die bleiche Mutter und streckte ihre Hand nach der jugendlichen Trösterin wie nach einer Engelserscheinung aus, -- „Ihr seid.. . „Ein junger Gelbschnabel, wollt Ihr sagen, und da habt Ihr recht! Ich verstehe blutwenig von der Kindererziehung, aber von nun an will ich nichts so eifrig studiren als sie. Da ist der Doktor in der Stadt, mein sehr guter Freund, der muß mir Alles sagen, was bei der Sache zu überlegen ist, und dann habe ich ja auch meine Mutter als die beste Rathgeberin zur Seite. Ja, meine Mutter! — meine gute Mutter! — wie könnt Ihr vergessen, daß die im Dorfe lebt und gewiß kein Menschenkind darin Hunger zu leiden braucht, so lange sie selber noch ein Stückchen Brod im Schranke liegen hat. — Aber hab' ich über meinem Schwatzen nicht selber alles vergessen, was sie mir aufgetragen und für Euch mitgegeben hat! — Seht her!" Unter fröhlichem Geplauder öffnete nun Elisabeth den Korb, den sie auf den Tisch gestellt und welchen die Kinder schon lange neugierig mit ihren hellen Aeuglein beguckt und mit ihren kleinen Naschen berochen halten. „Nicht wahr, ich habe Euch lange zappeln lassen bis ihr wißt was darinnen steckt? — Aber nun seht her: da ist gleich das erste für Euch selber, das sollt Ihr zu Ehren der drei neuen Brüderlein verschmausen; leckere Weißbrödchen, gelt? — Hier und da sogar ein schwarzes Nosinchen hinein gebacken! hei! das wird schmecken! — Nun aber kommt auch ein tüchtiger Laib Schwarzbrod — dazu habe ich selber den Teig helfen mengen und den Backofen schüren — riecht einmal! er ist noch ganz frisch und da ist auch gute Butter dazu — es hat sie. Keiner im Dorf so gut wie meine Mutter — und hier ist ein Pfund frischgebrannter Kaffee, den muß Lischen malen und kochen, und Aette und Möme (Vater und Mutter) 129 die ersten Tasten vollgießen. — Nun ist hier noch Hafergrütze, Griesmehl, Reis und Pflaumen — die Möme wird schon wissen, was damit für gute Mahlzeiten gekocht werden können — dann kommt noch eine Flasche Wein zur Stärkung für die Möme, wenn sie die drei Jungen herumtragen muß, was ihr sauer genug werden mag. — Sieh, sieh, Frau Fingenerin! — da kommt Sie ja gerade wie gerufen!" so rief das fröhliche Mädchen der Wickelfrau entgegen, die eben.in die Stube trat um ihre Amtspflichten zu verrichten. — „Trete Sie näher und nehme Sie das vorläufig in Empfang — Sie wird's nöthig haben. Seht! es sind noch recht hübsche Jäckchen und Mützchen, Hemdchen und Windeln und Wickelbänder — was weiß ich von all' dem Zeug und wozu es gebraucht wird! — die Mutter hat es mir eingepackt und gesagt, es wäre Alles noch sehr brauchbar — o sie kann gut verwahren! — ich glaube wir Kinder haben alle schon in den Sachen gesteckt; aber nun braucht uns die Mutter nicht mehr zu wickeln — Gott sei Dank, daß wir Alle mit so flinken Beinchen aus dem Zeug herausgesprungen sind! So werden's die Jungen da auch einmal machen. — Und nun adieu! — adieu — ich halte mein Wort, darauf könnt Ihr Euch verlassen!" — Die fröhliche Geberin schüttelte noch einmal Allen die Hände und lief, freuderoth im Gesicht daß sie so viel hatte schenken dürfen, schnell aus der Hütte, um den Dank zu verkürzen, der ihr von den Lippen der Beschenkten nachtönte. Den Armen war es, als ob ein frischer Maimorgen in die dürre Wüste ihrer Noth hineingethaut, und als ob ein plötzlicher Sonnenstrahl tausend verwelkte Blümchen wieder belebt und aufgerichtet hätte. Und die frohen Verheißungen des jungen Mädchens waren nicht in leere Luft gesprochen. Elisabeth hielt Wort. Mit einer Energie, die bei einem so jungen Mädchen erstaunenswerth war, schaffte sie Rath und Hilfe für die bedrängten Eltern. Ihr warmes, heiteres Wort öffnete allenthalben die Herzen der Reichen; es kamen Spenden von Nah und Fern und durch eine Lotterie von schönen Handarbeiten, welche sie mit ihren Freundinnen im Dorfe und in der nahen Stadt verfertigte, brachte sie eine Summe zustande, welche hinreichte sogar eine Art von Wohlstand in der ärmlichen Hütte zu verbreiten. Die zerbrochenen Fenster wurden geflickt, die Stube mit festen Bretern gedielt, es konnte ein Mädchen zur Pflege der Mutter und Kinder gemiethet und eine Kuh und eine Ziege nebst gutem Futter gekauft werden. T.-A. XX. 9 Die Mutter der Drillinge hatte starke Nerven und hielt alle diese Zurüstungen, welche die lebhafte Elisabeth oft vielleicht mit mehr Eifer als Vorsicht betrieb, tapfer aus. Ebenso gediehen dabei die kleinen drei Königspathen, welche wie die Prinzen reich und rein gebettet neben einander in einem großen Schaukelbett lagen, das expreß für sie von dem geschicktesten Dorfkünstler verfertigt worden war. Das ganze Dorf, angeregt durch das Beispiel der jungen Wohlthäterin, nahm Theil an ihrer Erziehung. Wer nur ein Stündchen Zeit hatte, ging in die Drillingshütte und half die Jungen füttern und wiegen. Der Nachtwächter sogar trat nach seinem jedesmaligen Abblasen der Stunden herein, legte sein Horn auf den Tisch und wiegte nach Leibeskräften die drei Schreihälse, damit Mutter und Pflegerin schlafen konnten. Dafür erfreute er sich des warmen Stübchens und einer Tasse warmen Kaffees, der jedesmal aus Elisabeth's Düten für den treuen Wächter des Dorfes auf dem Ofen bereitstand. So war der anscheinende Nothfall zu einem Glückssall geworden durch die edle Herzensgute und den frischen Liebeseifer eines sechzehnjährigen Mädchens. Sie hatte Recht gehabt die kleine Predigerin mit ihrem Spruch vom Kindersegen, und auch den älteren, erfahrenen Frauen des Dorfes gegenüber, die alle an dem Auskommen der drei Kinder in der großen Dürftigkeit gezweifelt hatten, sollte sie Recht behalten. Die Knaben wuchsen frisch in die Höhe und blieben stets ein Augenmerk für die junge Dichterin, die ihnen auch das erste Honorar, das sie erschrieben, zum Opfer brachte, ja vielleicht waren sie sogar die erste Veranlassung zu der Veröffentlichung der jugendlichen poetischen Versuche. Die Dankesthränen der armen Familie glänzten wie ein erfrischender Himmelsthau auf den ersten Schritten ihres Schriftstellerweges. Die strenge Kritik sogar, welche die noch ungeübte Feder hier und da erfahren mußte, wurde ihr zum Segen und jedenfalls schrieb ihr Schutzengel den edlen Gedanken und warmen Gefühlen eine Kritik in ihr Lebensbuch, die ihr einmal glänzender als alles Zeitungslob entgegen- strahlen wird. Jahre vergingen — aus den Knaben waren rüstige Männer geworden, sogar wie Elisabeth prophezeit hatte, tapfere Soldaten, welche in den vielen Kriegsstürmen der Zeit dem König und dem Vaterlande treu gedient hatten. Im Hause des Todtengräbers wurde der jungen Helferin in der 'Noth bei Ankunft der Drillinge stets gedacht und ihr Name verlosch 131 nicht, als sie schon längst in die Ferne gezogen war und das Thal ihrer Heimath nur selten mehr besuchen konnte. Dem Todtengräber wurde endlich auch sein Grab gegraben unter den vielen Ruhestätten, die er schon anderen müden Erdenpilgern bereitet hatte. Seine Kinder zerstreuten sich, zwei der Drillinge starben im rüstigsten Mannesalter, doch König Kaspar hielt sich tapfer und noch immer den Glanz des Dreikönigsgestirns aufrecht. Er hatte sich in einem hübschen, etwa eine Viertelstunde von dem Schauplatz unserer Erzählung entfernten Dörfchen ein nettes Häuschen gebaut, wo er sich und seine Kinder, die ebenfalls in reicher Zahl um ihn her wuchsen, durch sein Schreinerhandwerk und die Hilfe einer sparsamen Frau redlich ernährte. Die alte siebenzigjährige Mutter lebte bei ihm und sie war es vorzugsweise, welche das Bild ihrer jungen Wohlthäterin in den Herzen der Enkel neu aufleben ließ. Die Geschichte ihres Erscheinens an jenem Morgen in der Hütte, wo die Drillinge gekommen waren, wurde stets wie eine Heiligen- Legende von der guten Alten in dem Kreise der Ihrigen erzählt und immer mit frommgefalteten Händen und nassen Augen angehört. Die Zeitungsblätter brachten die Kunde von dem Tode der vielgeehrten Schriftstellerin auch in das Thal ihrer Heimath. Eines Tages kam Kaspar mit einem solchen Blatt von einem Gang aus der Stadt nach Hause und las mit vor Rührung bebender Stimme der alten Mutter und Weib und Kindern den ehrenvollen Nachruf vor, der das Leben und den Tod ihrer edlen Wohlthäterin schilderte. Da wurde auch in der einfachen Bauernstube ein heiliges Thränenopfer den vielen zugesellt, die in einem großen Kreise dem aufopfernden, liebethätigen Wirken eines bedeutenden Frauendaseins gebracht wurden. Da die beiden Eheleute oft zu irgend einer Arbeit in das Dorf, Kas- - par's Geburtsort, kamen, so hatten sie bald die Geschichte von der Ankunft Mercedes' und-ihrer Geschicke erfahren. Bescheiden wie sie waren, suchten sie keine Annäherung zu der Freundin Elisabeth's, obschon oft die alte Drillingsmutter den Wunsch äußerte: „Könnt' ich doch nur ein einziges Mal das Fräulein sehen! — sie würde mir am Ende ein Bild von der unvergeßlichen Jungfer Betty malen können. Wer so etwas versteht, der muß doch von Gott reich gesegnet sein und man sollte nicht glauben, daß es noch so dumme Menschen gäbe, die das für eine böse Kunst halten." Ganz unvermuthet aber kam doch die Gelegenheit, wo der gute Kaspar an der Zurückgelassenen Freundin seine Dankbarkeit für die Wohl- 132 thäterin seiner Kindheit beweisen konnte. — Unter manchen rohen, alten Sitten unter dem Landvolk herrscht auch noch die, daß bei dem Begräbniß eines Verstorbenen von seiner Familie ein sogenanntes „Lichlog" (Leichen- mahl) veranstaltet wird, wo Jung und Alt im Dorf und in der Umgebung sich im Trauerhaus versammelt, um Kaffee und Kuchen, Wein, Bier und Branntwein, in reicher Fülle gespendet, zu genießen. — Mit wie schwerem Herzen auch wohl die Mehrzahl solch einen Schmaus anrichten mag, so würde doch so leicht Keiner den Muth haben, sich diesem Gebrauche zu entziehen, oder nur einen Kuchen, eine Flasche weniger zu geben, als es die Sitte vorschreibt. Ist doch Brauch und Herkommen bei den Bauern fast noch tyrannischer als unter den gebildeten Ständen. Das junge Mädchen, welches so plötzlich vom Fieber hingerafft wurde, war ein Liebling des Dorfes gewesen und ein Kind wohlhabender Eltern. So wurde denn ein ungewöhnlich glänzendes Leichenmahl gehalten und besonders saßen eine große Zahl junger Burschen bis spät in die Nacht zechend zusammen und erhitzten sich in allerlei Reden über die Ursache des traurigen Todes der jungen, hübschen Anna. Natürlich war von einem vernünftigen Schluß bei den von Bier und Branntwein umnebelten Köpfen keine Rede, und so kam es, daß einige heißblütige Gesellen Rachepläne schmiedeten und ihre Lust zu tollen Streichen sie anfeuerte zu dem gottlosen Vorsatz: die Fenster des Maler-Ateliers zu zerschlagen und die böse Puppe zu zerstören. Das thörichte Verlangen wuchs von Minute zu Minute, mit jedem Glase, das die wilden Burschen leerten, und wirklich brachen sie im Dunkel der Nacht auf und wanderten mit Keulen und Steinen bewaffnet dem friedlichen Hause zu. — Der Zufall aber wollte, daß gerade unser ehrlicher Kaspar mit ein paar seiner Gesellen aus einem entfernten Orte des Weges daher nach seinem Heim zurückkehrte. Hinter der trunknen Rotte hergehend, hörte er die wilden Reden, hörte den Namew der Künstlerin unter unsinnigen Drohungen aussprechen und konnte leicht nach Allem, was ihm schon vorher bekannt war, sich den verbrecherischen Plan Zusammensetzen. „Das müssen wir zu verhüten suchen!" flüsterte er seinen Gefährten zu, denen diese Gelegenheit, ihren jugendlichen Muth zu zeigen, gerade recht kam. Mit Mühe nur konnte sie der besonnene Kaspar abhalten sich sofort auf die frechen Burschen zu stürzen, indem er erst abwarten wollte, ob diese wirklich versuchen würden ihr Vorhaben auszuführen. Doch er 133 sah bald, daß es Ernst war. Als die Ruhestörer bei dem Hause ankamen, dessen Bewohner nichts ahnend zum Theil noch beim friedlichen Lampen- schein saßen, erhoben sie ein wüstes Geschrei und stürzten mit aufgehobenen Waffen dem bekannten Fenster der Malerin zu. Eben so rasch aber war ihnen auch Kaspar mit seinen Gefährten in die Arme gefallen und hatte sie zu entwaffnen gesucht. Es gab ein tüchtiges Handgemenge, in welchem der nüchterne Muth die Ueberzahl der Betrunkenen besiegte. Im untern Stocke öffneten sich die Fenster, Frau Bergheim und ihre Töchter blickten erschrocken heraus und fragten was es gäbe. Da rief Kaspar mit lauter Stimme: „Frau Forftmeisterin! schicken Sie doch gleich nach der Polizei, die ja ganz in Ihrer Nähe wohnt — die Kerle hier haben vor Ihr Haus zu demoliren, ich aber halte sie fest bis Hilfe kommt und man sie im Thurme lehren wird, was es heißt: nächtliche Ruhe und Ordnung zu stören." Das wirkte so viel, wie die Schläge der tapferen Fäuste; die rohen Burschen mochten sich doch vor dem Thurm fürchten; sie warfen Keulen und Steine fort und suchten so schnell wie möglich im Dunkel der Nacht zu verschwinden. Frau Bergheim aber rief die muthigen Retter in's Haus und ließ sich Aufklärung über den unheimlichen Anfall geben. Sie erschrak heftig über das, was sie vernahm und war nur froh, daß Mercedes heute Abend eines Unwohlseins halber früher ihr Lager gesucht und wahrscheinlich in ihren entferntliegenden Gemächern nichts von dem Lärm gehört, oder doch nicht beachtet hatte, was in so naher Beziehung zu ihr selber stand, da nächtliche Unruhen unter dem jungen Volke nicht zu den Seltenheiten des Dorflebens gehörten. „Das muß anders werden," sagte die besorgte Frau, „ich muß mit den Geistlichen reden, daß sie den verrückten Leuten den Kopf zurechtsetzen. Sie sind ja Beide, der katholische wie der protestantische, so gescheute, wohlwollende Männer und ich weiß, daß sie stets mit Freude auf das stille Walten unserer lieben Hausgenossin gesehen haben. Auch mit dem Herrn Amtmann muß ich sprechen und ihn bitten, daß er uns in Zukunft schützt." „Thun Sie das, Frau Forstmeisterin!" sagte Kaspar, „aber heute wollen wir kein weiteres Aufsehen machen und Sie erlauben wohl, daß ich mit meinen beiden Gesellen hier die Nacht Wache stehe, derweilen ich den einen fortschicke, um meine Frau zu beruhigen. Man ist doch nicht sicher, daß die Kerle nicht noch einmal wiederkehren, aber ich will's ihnen nicht rathen! — Verlassen Sie sich auf mich und die handfesten Burschen da! Sehen Sie, ich weiß daß das Fräulein da oben die liebste Freundin von der Jungfer Betty gewesen ist, die mir so viel Gutes gethan, als ich noch in der Wiege lag, und Alles was zu der gehört, das ist mir und meiner Familie über Alles werth und theuer. Ich gebe nicht zu, daß Jemandem den die Selige lieb gehabt, auch nur ein Haar gekrümmt wird und müßt ich mein Leben dabei lassen." — Frau Bergheim drückte gerührt dem braven Mann die Hand und traf Anstalt, daß die Leute, sich ablösend von ihrer Wache, eine warme Stube und einen kräftigen Nachttrunk finden konnten. Dann legte sie sich beruhigt mit ihren Töchtern nieder, nachdem sie ihr Haus im Schutz der wackeren Männer wußte. Auch Mercedes schlief ruhig in ihrem stillen Gemach. Sie ahnte und hörte nicht die treuen Schritte, die um ihr Haus gingen und einen schützenden Kreis um sie zogen. Aber wie fast jede Nacht erschien ihr Elisabeths verklärte Gestalt im Traum, neigte sich über sie und flüsterte: „Schlafe ruhig, mein Liebling! ich decke Dich mit den Flügeln meiner ewigen Liebe und meines Schutzes im Himmel!" — Der Traum sprach Wahrheit -— sie ruhte unter den Flügeln einer edlen That — die noch aus ferner Vergangenheit segnend über der Gegenwart waltete. 6. Krankheit und Genesung. Es war ein kalter Wintertag; der Schnee lag hoch und dicht über Berg und Thal gebreitet, die Bäche und der Strom stockten in des Eises Banden und lange Zapfen starrten gleich spitzen, glänzenden Pfeilen von Üen Dächern der Häuser und den Aesten der Bäume herunter. Mercedes ging den Pfad, der aus dem Dorfe zu der kleinen Kapelle hinaufführte; es war der einzige auf den Höhen, die das Thal umschlossen, der eine gangbare Bahn zeigte. — Sie war gern da oben; nicht nur die Aussicht, welche das liebliche Thal und die fernen, schöngeschwungenen Berglinien zeigte, auch der edle Bau des Kirchleins that ihrem Auge wohl und es weilte mit Entzücken auf dem schlanken, gothischen Thürmchen, dem mit sinnigem Schnitzwerk verzierten Eingangsthor und auf dem lieblichen Farbenspiel der bemalten Fenster. Sie mochte lieber hier im Stillen beten, als in dem Menschengedränge der Dorfkirche, wo 135 die unschönen Bilder an den Wänden ihrem verwöhnten Künstlerauge/ und das falsche Orgelspiel wie der heisere Gesang ihrem musikalischen Ohr weh' thaten und sie gleich in eine nervöse Stimmung versetzten, in der es ihr selten möglich war dem schönen Vortrag des ernst gebildeten Predigers zu folgen. Aber heute schien auch diese Lieblingsstelle dem Herzen der Einsamen keine Ruhe geben zu können. Ihr Gesicht sah geisterbleich aus und ein bläulicher Rand um die schönen Augen zeugte von den Kämpfen traurig verlebter Tage und schlafloser Nächte. Die arme Mercedes hatte viel gelitten in dem stillen Dorfe, .wo sie Ruhe und Trost nach heftigen Stürmen zu finden hoffte. — Obgleich die guten Hausgenossen ihr den Vorfall jener Nacht verschwiegen, so war ihr doch zum Theil durch Frau Kathrin's treuherziges Geplauder, zum Theil durch eigene Beobachtung klar geworden, in welche Verbindung man sie mit dem Tode des jungen Mädchens gebracht. Es hatte sie tief erschüttert, und auch als das alberne Gerede allmälig durch den Einfluß verständiger Menschen verstummt war, mußte sie noch an den Folgen leiden. Eine gewisse Scheu war dennoch zurückgeblieben, sie konnte noch immer keiner brauchbaren Modelle habhaft werden, und nur die Bewohner jenes im Dorfe mißliebigen Hauses lockte der reiche Verdienst, daß sie sich mit gedankenloser Selbstsucht zum Modellsitzen drängten. Gerade diese aber waren, trotz der Schönheit ihrer Gestalten, der ernsten Mercedes allmälig zuwider geworden und die Kinder blieben fortwährend mit ihrem unruhigen Gebühren eine wahre Marter für sie. Außerdem aber fühlte sie, wie es ihr immer schwerer wurde, den Umgang mit den Genossen ihres früheren Lebens zu entbehren. Wie oft sehnte sie sich vergeblich nach Rath und Mittheilung im Gebiete ihrer Kunst! wie dachte sie mit heißem Verlangen der schönen Bilder, welche in der Künstlerstadt gemalt wurden, der Concerte, die sie gehört, der genußreichen Stunden, welche ihr die Aufführung eines klassischen Werkes unserer dramatischen Dichter im Theater bereitete! — Wie ein Hunger zehrte dieses Verlangen an ihr — das Heimweh nach künstlerischem Leben und Treiben. Und doch wurde es ihr schwer, sich zu einer Flucht aus diesem für sie so dürren Bezirk zu entschließen. Es that ihr weh' die guten Menschen, die sie so freundlich aufgenommen, damit zu kränken, und dann war es ihr auch immer, als müsse sie noch den Talisman entdecken, der auch hier diesen Menschen das Leben lieb und freundlich mache; es war 136 ihr stets, als schauten sie Elisabeth's klare Augen bittend an: „Kehre nicht feindlich meiner Heimath den Rücken, ihr, meiner ersten Liebe, die mich das Schönste und Beste gelehrt hat, das in meinen Liedern die Herzen rührt und in meinem Leben Andere glücklich gemacht hat." Sie fing vornehmlich an ihre Hausgenossen mehr zu beachten, als sie es bisher gethan; aber auch mit ihnen wollte noch kein rechtes Ein- verständniß sich gestalten, und sie konnte den Schlüssel nicht finden zu den Herzen dieser rehscheuen Bergnaturen. Sie sah das ganze Haus arbeiten vom frühen Morgen bis zum späten Abend; eine kleine Oekonomie gab besonders im Herbste viel zu thun. Da wurden die Früchte des Feldes eingefahren, der Roggen gedroschen, der Flachs zubereitet, das Obst geschnitzelt und gedörrt, Bohnen und Sauerkraut eingemacht. — „Immer nur Arbeit und Sorge für das materielle Leben!" dachte die Künstlerin, „wo bleibt denn nur ein Augenblick übrig zum Aufathmen für ein höheres Dasein? — Arbeit und nichts als Arbeit! — ich habe gemeint sie solle nur ein Mittel zum Leben sein, nicht aber das Leben selber." Auch als die ruhigen Tage kamen, wo Alles in Scheune und Vorratskammer gesammelt war, schien es noch keine Ruhe geben zu können. Da stürzten sich die jungen Mädchen mit einer wahren Hast auf die Zubereitung ihrer Toiletten für die Winterkränzchen, die es im Dorfe gab, wo man zusammenkam um selbstgebackene Kuchen zu essen und sich über die häuslichen Angelegenheiten und die Neuigkeiten des Familienlebens zu besprechen. Besonders mußte auch die Garderobe der jüngsten Schwester, die in einer entfernten größeren Stadt sich zu ihrem Lehrerin-Examen vorbereitete, in Stand gebracht werden, und die dem Nesthöckchen mütterlichgesinnte Bertha studirte mit einem Eifer die Modejournale, als gelte es ihr Seelenheil darin zu finden. — Mercedes aber hatte ein wahres Grauen vor den Caricaturen dieser Blätter und fand meist alles, was den jungen Mädchen nothwendig nachzuahmen erschien, ganz abgeschmackt und lächerlich. Sie konnte ihnen keinen Rath geben und sah mit mitleidigen Blicken auf die Mühe und die Zeit, welche die guten Kinder, denen keine Nähmaschinen und Schneiderinnen zu Gebote standen, an langen Garnirungen und künstlichen Schleifen verschwendeten, die ihr so überflüssig und häßlich vorkamen. Fast ängstlich zog sie sich stets von solchen Toiletten-Berathungen zurück, lebte still in ihren Gemächern und kam nur beim Essen mit der Familie zusammen, wo aber auch keine rechte Zeit zu einem gemüthlichen Austausch der Gedanken war. In der Sommerzeit fand Mercedes Trost und Freude in der Natur; aber nun sah sie sich auf einmal und ungewöhnlich früh von den Schreckcn eines nördlichen Winters umgeben. Sie hatte früher nie in den Bergen gelebt; so lange sie im Sommerschmuck gestanden, von Blumen und Son- nenglanz erhellt und von Vogelgesang belebt, waren sie hier ihre liebsten Freunde gewesen, in deren grüner Waldeinsamkeit sie oft den Schmerz ihrer Seele ausgeweint und Trost gefunden. Nun aber hatte sich eine kalte, farblose Decke über die stolzen, sonst so frischgrünen Gipfel gelegt, ja zuletzt verschwanden sie ganz dem Auge unter den dichten Schneewolken, die sich mit jedem Tage schwerer vom Himmel auf sie herabwälzten und wie ein Bahrtuch in die Thäler vor ihnen herunterfielen. Schnee unten — Schnee oben — ringsum so weit man sehen konnte nichts als Schnee, aus dem jeder Gegenstand sich mühsam emporheben mußte und die blätterlosen Bäume wie schwarze Gerippe heraus sahen. Felder und Wiesen nicht mehr belebt von heiterem Sichel- und Sensenklang — verstummt der Büchlein melodisches Murmeln, des Stromes Rauschen — eine lautlose Stille, nur zuweilen unterbrochen von dem heiseren Geschrei der Naben oder dem Niederfallen der kleinen Lawinen von den Dächern und Bäumen, das, so ungefährlich es auch war, doch stets die arme Mercedes an das Herabrollen der Erdschollen auf einen Sarg erinnerte.— Es kam ihr vor, als lebe sie auf einem großen, einsamen Todesacker und oft, als wäre sie selber schon gestorben. — O wie sehnte sie sich zurück in das gesellige Treiben der Stadt, wo dieses schreckliche, starre Leichentuch des Schnee's so schnell vernichtet war unter den Schritten einer geschäftigen Menschenmenge und auch schneller zerfloß von den Strahlen einer wär- . meren Wintersonne! — Eine todesbange Traurigkeit kam über sie, wenn sie des Abends durch das Dorf ging, wo kein Schritt auf dem festgefrorenen Wege schallte, oder sie nur hier und da den schwerfälligen Fußtritt eines Wanderers, wohl gar eines Betrunkenen hörte, wo kein Gesang, kein wohlthuendes Instrument durch die Straßen grüßte, nur der Schein trüber Oellämpchen einen melancholischen Blick aus den engen Fensterchen oder geschlossenen Läden der niederen Hütten warf, statt des reichen Lichterglanzes, den die belebte Welt ihrer schönen Stadt am Rhein des Abends so lieblich erhellte, wenn'sie an Elisabeth's Arm durch die Straßen schritt und mit ihr all' die bunten Bilder wie durch eine Zauberlaterne betrachtete. — Ihre melancholischen Augen ruhten auf den armen Hütten und sie dachte: „Da sitzen nun diese Menschen den ganzen langen Abend in ihren dumpfen, heißen Stuben bei ihren einförmigen Winterarbeiten und brüten abergläubige Geschichten aus — heißt man das Leben?" — Es war ihr, als würde sie von kalten Händen angefaßt, sie eilte wie von einem Gespenst gejagt in ihr Zimmer zurück und brachte die Nächte schlaflos und in Thränen zu. Heute war sie auch nach einer solchen fieberhaft durchwachten Nacht ausgestanden. Es litt sie nicht im Zimmer; — schon lange malte sie nicht mehr und mühte sich um keine Modelle; gleichgültig sah sie das unfertige Bild auf der Staffelei stehen. Sie eilte mit hastigen Schritten den Hügel hinauf. Zum ersten Male nach vielen Tagen, wo es unaufhörlich geschneit hatte, brach die Sonne hell und klar durch den Winterhimmel; für Mercedes aber erhellte sie nur den Schauplatz schmerzlicher Leiden und trüber Bilder, als sie von oben herab das weiß überschneite Thal überschaute. Dennoch war es ihr, als ob der helle Strahl ihr im Herzen den Muth erwecken wolle, die Banden des Heimwehes zu sprengen und fort aus diesem Kerker zu eilen. „Ja," rief sie und streckte die Arme aus, — „fort, fort von hier aus diesem engen, dumpfen Leben! — Nehmt mich wieder aus ihr sonnigen Gestade des schönen Rheins! — Nehmt mich wieder auf in Eure Mitte, Ihr meine Genossen, Ihr Jünger der Kunst! helft mir das Ziel erreichen, wo der Kranz hängt, nach dem die Besten und Edelsten gestrebt." Sie athmete tief auf nach diesen Worten — und dennoch wollte der Druck nicht weichen, fühlte sie sich wie von einer unsichtbaren Hand gehalten, der sie sich mit einem raschen Entschlüsse entziehen müsse und es doch nicht könne. Da fiel ihr Blick durch die geöffnete Thüre der Kapelle und sie sah an den Stufen des Altars eine ältliche Frauengestalt knien, versunken in andächtiges Gebet. Der Strahl der Morgensonne, der durch das Fenster fiel, beleuchtete ein edles Profil, in den aufgerichteten Augen lag ein freudiger Glanz, der über die müden, alten Züge sich ergoß wie Morgenroth, das über Gräber scheint. — Mercedes betrachtete sie mit einem Gefühle von Neid, als sie sagte: „Die ist glücklicher als ich, die hat den Frieden gefunden." Jetzt erhob sich die Betende von ihren Knien und trat aus der Kapelle. Nach einem flüchtigen Gruß ging sie an Mercedes vorüber, um den Pfad hinunterzuschreiten, was ihr augenscheinlich schwer wurde, denn ihre Knie zitterten und ihr Athem keuchte schmerzlich in der kalten Winterluft. — Schnell war Mercedes an ihrer Seite und fragte: „Darf ich Euch führen, liebe Frau? der Weg ist glatt und Ihr könntet fallen." Die Angeredete blickte dankend zu Mercedes auf und nahm ohne Widerrede den ihr so freundlich angebotenen Arm. — Als sie eine Weile gegangen waren, blieb die alte Jungfrau (denn das Gepräge dieses Standes trugen Züge und Geberden unzweifelhaft vor dem geübten Blick der Malerin) stehen und sagte: „Nichts für ungut, Fräulein! Sie ist gewiß die Malerin, von der ich so viel gehört habe, die unsere selige Jungfer Betty gekannt hat. O erzählt mir was von ihr! — ich habe mir schon so lange gewünscht Euch einmal zu sprechen. Seht! wir waren junge Mädchen zusammen, die Jungfer Betty und ich, und was ich der alles zu verdanken habe, das kann ich Euch gar nicht sagen. Manchen tollen Streich haben wir zwar zusammen ausgeheckt, denn wir waren ein paar lustige Kameradinnen und hätten gern das ganze Dorf auf den Kopf gestellt vor lauter Uebermuth; aber es ging doch alles gut und ehrlich zu und war niemals böse gemeint und keines Menschen Schaden. Ach! und wie hatten sie meine Eltern so gern die gute, gute Betty! — was sie denen Gutes erwiesen hat in mancher Noth" —-— die gute Alte konnte vor Rührung nicht weiter reden und Mercedes flüsterte: „Also auch hier wieder! — o Du glückliche Verklärte dort oben. welch' einen Kranz hast Du Dir erworben!" Sie erfüllte den an sie gerichteten Wunsch und erzählte ihrer Gefährtin von der Freundin alles, was sie dachte, daß es ihr Freude machen könne. Dagegen empfing sie auf dem Wege, den sie langsam gingen und oft durch Ausruhen unterbrechen mußten, auch die Lebensgeschichte der alten Jungfrau. Es war nach Mercedes Gefühl eine sehr tragische Geschichte, voll Entbehrung, Arbeit und trostloser Einsamkeit. — Ihre Eltern 'waren früh gestorben und hatten ihr nichts hinterlassen, als ein Stübchen in einem ärmlichen Hause und einen kleinen Bruder, den sie und sich selber dazu mit Nähen, Spinnen und Waschen ernähren mußte. Ihr Bräutigam war ihr untreu geworden, ihr Bruder im rüstigsten Mannesalter im letzten Kriege gefallen und auch sein zurückgelassenes Kind war, wie vorher seine Frau, in ihren Armen gestorben. Nun lebte sie allein, kränklich und alt, zu keiner Arbeit als zum Spinnen mehr fähig, und wurde in ihrem kleinen Stübchen von der Gemeinde des Dorfes unterhalten. 140 „Ach, gute Frau!" sagte Mercedes, „wie habt Ihr denn das alles ausgehalten?" Die Alte sah sie mit großen, erstaunten Augen an. „Durch Gottes und guter Menschen Hilfe," sagte sie freudig. „O, ich habe es schon aushalten können, ich habe wahrlich Ursache Gott Tag und Nacht zu preisen für mein Loos auf Erden und daß er Alles zum Besten lenkte, was ich oft für ein Unglück ansah. — Es ist wahr, meine Eltern sind mir ein wenig zu früh gestorben; aber durfte ich mich darüber beklagen, da sie es selber gewiß besser im Himmel bekamen, als sie es auf der Erde hatten, und es gewiß auch ein großes Glück für sie war, daß sie sobald wieder zusammen kamen, wo sie sich nicht mehr zu trennen brauchen. — Mein Schatz war ein leichtsinniger Bursche, was ich freilich erst erfahren habe, als er mich zu meinem Glück verlassen hatte, ich wäre gewiß ins Elend mit ihm gerathen, hätte auch meinem guten Bruder den Haushalt nicht führen und sein Kind nicht pflegen können, als ihm seine junge hübsche Frau starb. Ich hätte wohl einigemale heirathen können, es fehlte mir nicht an ordentlichen Freiern; aber feinet- und des Kindes willen hab' ich es nicht gethan. — Nun ist auch oas Kind todt, aber es war auch sein Glück, da es kränklich war, und mein Bruder, der ist ja nun den Tod für's Vaterland gestorben. Die Jungfer Vetty hat mich gelehrt das als den schönsten Tod anzusehen. — Sie wußte so viele Geschichten von tapferen Helden und so schöne Lieder von ihren Thaten, die sie mich lehrte; — wir haben sie oft zusammen gesungen, und wenn ich gewußt, daß ich selber einmal solch' einen Helden hätte erziehen dürfen, dann hätten sie noch besser gelautet. — Mein Bruder soll heldenmüthig gekämpft haben und gestorben sein — so erzählen seine Kameraden, und auch in der Zeitung wurde sein Name genannt." Hier blieb die alte Jungfrau wieder stehen, ihre Gestalt richtete sich empor und schien Mercedes zu wachsen — ihre Augen glänzten und über die bleichen Wangen ergoß sich ein Helles Roth. „Ja, Fräulein!" sagte sie, „ich bin stolz, meines Bruders wegen eine alte Jungfer geworden zu sein, und als sie im vorigen Jahre nach dem großen Krieg hier die Fahnen an den Häusern aufgesteckt hatten und alle Glocken dazu läuteten, da hab' ich Freudenthränen geweint, daß mein guter Bruder auch dabei gewesen ist das Vaterland zu retten von den feindlichen Franzosen. Alle Lieder, die ich mit der Jungfer Vetty in unserer frühen Jugend gesungen, hörte ich wieder in das Glockengeläut hineinklingen und ich dankte Gott, daß auch ich mein Opfer habe bringen dürfen, ich altes, krankes Mädchen, das die Gemeinde unterhalten muß." Bei den letzten Worten war ihre Gestalt wieder zusammen gesunken, aber der Glanz in den Augen war geblieben, als sie weitergehend zu Mercedes sprach: „Sie sollten mich einmal besuchen, Fräulein! es ist so hübsch warm in meinem Stübchen, die Leute hier sind alle so gut gegen mich, sie schicken mir so viel, daß oft noch mancher Bettler was davon bekommt; — ja gewiß! ich habe es gut im Alter. Doch hier gehen ja wohl unsere Wege auseinander; dort ist schon Ihr Haus und hier muß ich hergehen. Adieu, Fräulein! bleiben Sie nur ja hübsch lange bei uns — Sie finden keinen schöneren Ort in der Welt." Mercedes sah noch lange der alten Mädchengestalt nach und schritt langsam nach Hause in ihr Zimmer hinauf. Fast war es, als wäre sie wieder wankend in ihrem Vorsatz geworden. Welche Heldenstärke war ihr in jener schwächlichen Gestalt entgegen getreten! — Auch dieses kümmerliche, enge Dasein hatte dem großen Ganzen gedient in seiner liebevollen, demüthigen Hingabe an ein anderes Leben. Aus seiner nackten Armuth lag der stolze Siegeskranz einer großen Zeit, in sein ödes Alter tönte das festliche Glockengeläute aus dem Morgenroth der besseren Zukunft, dankend für das Opfer, das auch aus ihm gebracht wurde. — „Nein!" so rief sie in größter Aufregung — „ich darf dich nicht gering achten, du kleines Erdenwinkelchen! — Du hast eine Elisabeth der Erde gegeben und auch deine Schwelle hat das heilige Opferblut des Vaterlandes überströmt und geweiht! — Aber es ist doch kein Ort für mich, ich kann hier nichts nützen — also fort! — fort!" — — — Sie fing an in ihren Sachen zu kramen; aber die Hände und Knie zitterten ihr wie von Fieberfrost geschüttelt. Als Frau Bergheim heraufkam, um sie zum Essen zu rufen, sah sie ihr erschrocken ins Gesicht und sagte: „Sie sind krank, liebe Mercedes! Sie müssen sich zu Bett legen." Mercedes nickte — sie fühlte, es war so. Willig ließ sie sich auf das Lager betten und legte das bleiche Haupt aufs Kissen mit dem stillen Wunsche: „Wäre bald Alles zu Ende und ich könnte schlafen wie meine Elisabeth!"- Ein heftiges Fieber, schon lange vorbereitet in den aufgeregten Nerven der Künstlerin, breitete seine heißen Schwingen über sie. Tage und Nächte lang rang sie in verworrenen Träumen — immer glaubte sie den Rhein rauschen zu hören und ihr zurufen: „Komm! ich nur habe Lethe für Dich 142 und neues Leben!" — Dann wieder sah sie das bleiche Weib droben an der Kapelle stehen — sie streckte die Hände nach ihr aus und auf einmal war sie nicht mehr alt und krank — lichte Gewänder umflossen jugendliche Glieder und sie stand wie eine stolze Germania da und rief ihr zu: „Kämpfe und ringe! — bleibe hier wo die Jugend Deiner Elisabeth Dir aus frischen Blumen wieder entgegenblüht und den Siegeskranz reicht." Zuweilen war es ihr auch, als schwebten liebliche Engel um ihr Lager, welche ihr mit sanften Händen die heiße Stirn kühlten und ihr erquickende Getränke reichten — es wurde ihr immer so wohl in ihrer Nähe. — Doch als die Macht des Fiebers gebrochen war und ihr Bewußtsein anfing klarer zu werden, da sah sie wohl, daß die vermeintlichen Engel nur freundliche Menschenkinder waren, die Töchter des Hauses, und sie dachte: „Sie erscheinen mir wohl nur so schön, weil ich noch im Fiebertraume liege, bin ich einmal ganz erwacht, seh' ich wieder wie sonst nur Mädchen, die den ganzen Tag kochen und bügeln und Abends in den Modejournalen studiren." — Und sie schloß die Augen und wünschte nichts, als nur immer weiter fort zu schlafen. Doch in einer Nacht nach einem langen, ruhigen Schlafe erwachte sie mit völlig klarem Bewußtsein und einem Gefühle beginnender Genesung, das ihr wie ein frischer Labetrunk durch Körper und Seele drang. — Sie blickte umher und sah Frau Bergheim sich gegenüber am Tisch beim Schein der Lampe sitzen, die Hände über einem Buch, in dem sie wohl gelesen hatte, ineinander gefaltet, die Augen empor gerichtet, als wäre sie ihrer Umgebung entrückt und blicke in eine andere Welt hinein. — Mercedes betrachtete sie mit Staunen und Bewunderung — es war fast derselbe Ausdruck, den sie vor dem Ausbruch ihrer Krankheit im Antlitz der Frauengestalt oben in der Kapelle gesehen, nur noch feiner, geistiger, ja heiliger. — Sie dachte: „Habe ich nicht dieses Gesicht schon Monate lang jeden Tag vor Augen gehabt und niemals ist mir wie jetzt seine regelmäßige Schönheit aufgefallen!" — Der schaffende Trieb, der stets den Künstler ergreift, wenn die Wahrheit des Lebens ihm vor das Auge tritt, erwachte plötzlich in ihr — unwillkürlich griff sie umher, als müsse sie Papier und Bleistift suchen, um das schöne Bild festzuhalten. — Doch da fühlte sie wieder, daß sie krank im Bette liege und ein tiefer Seufzer entrang sich ihren Lippen. Frau Vergheim schreckte auf — sie sah nach dem Bette der Kranken und sie mit offenen Augen daliegen. Schnell trat sie zu ihr hin, — 143 „Ach Sie wachen, liebe Mercedes!" sprach sie erfreut, „und wie klarsehen Sie aus den Augen! man sieht, wie der lange Schlaf sie erquickt hat. Ich habe mit großer Freude ihre ruhigen Athemzüge gehört." Mercedes reichte der freundlichen Frau die Hand und sagte: „Ja, ich fühle mich wunderbar gestärkt; — aber wie gut sind Sie, daß Sie so freundlich noch an meinem Bette wachen! — Es ist ja wohl bald Morgen? — haben Sie denn gar nicht geschlafen?" „Was sollt' ich? die Nacht ist mir schnell dahin gegangen; ich habe gelesen und mir mit meinen eigenen Gedanken die Zeit verkürzt." „Wie schön müssen diese Gedanken gewesen sein!" rief Mercedes aus — „ich habe Sie betrachtet, als Sie dort am Tische saßen — o sagen Sie mir: was dachten Sie?" Die Fragende glaubte sogar beim Licht der Lampe zu bemerken, daß eine tiefe Nöthe das ruhige Frauenantlitz übergoß. Doch nach einem kurzen Schweigen sagte Frau Bergheim mit der einfachen Art, die ihren: Wesen so eigen war: „Ich betete, liebe Mercedes! — für Sie betete ich, daß Gott Ihnen Gesundheit und Friede und neue Kraft zur Arbeit geben möchte, — und dann — zürnen Sie mir nicht — daß wir Sie noch lange, lange bei uns behalten dürften, war auch eine Bitte meines Gebetes." Mit überströmenden Augen drückte Mercedes die Hand ihrer Pflegerin an die Lippen. „O, wie hab' ich das verdient! — ich, die so wenig Ihnen und den Ihrigen gegeben, die nur Unruhe und Verwirrung in Ihr geordnetes Leben gebracht! — Verzeihen Sie — o verzeihen Sie es mir!"- Leise strich die Hand der gerührten Frau über die bleiche Stirn der Kranken. — „Regen Sie sich nicht auf mit traurigen Gedanken; ich meine nach dieser Krankheit müsse Alles besser werden — Sie müßten fühlen wie lieb wir Sie haben, und wenn Sie nun einmal nicht mehr mit uns leben können, wenigstens nicht mit gehässigen Vorstellungen von uns scheiden." „Sprechen Sie nicht so! — ach Sie sind viel zu gut gegen die Fremde gewesen, die sich so eigenwillig in Ihr Dasein gedrängt hat. Warum — o warum muß unser Leben, unser Thun und Treiben ein so verschiedenes sein?" „Verschieden ist es freilich," erwiderte Frau Vergheim dieser Klage Mercedes', „aber ich habe oft im Stillen gedacht, es müsse doch eine 144 Vereinigung zwischen uns geben und die Verschiedenheit der Beschäftigung sollte nicht auch die Gedanken und Ansichten trennen. Sagen Sie mir: warum malen Sie denn dieses Dorfleben, das Sie doch in der Wirklichkeit so unerträglich zu finden scheinen?" Mercedes fuhr empor: „Wie treffen Sie mit dieser einfachen Frage die wunde Stelle, den Zwiespalt in mir! ich müßte wirklich das Dorfleben erst wieder lieb gewinnen können, ehe ich es weiter male — ich habe mir die Bauern und das ganze Landleben besser und schöner vorgestellt, als ich es gefunden. Verzeihen Sie mir dies Geständniß; Sie leben ja hier, wie ich glaube, glücklich und zufrieden, und haben auch wohl die Menschen lieb, die Sie umgeben." „Ja, ich habe sie lieb," sprach Frau Bergheim innig und warm, „von ganzem Herzen liebe ich diese Bauern, die Ihnen freilich rauh und sogar böse vorkommen müssen. Sie haben sich diese gewiß anders gedacht — ob besser? — ich weiß es nicht. — Ich liebe sie nun einmal, wie sie sind, ich habe Jahre lang unter ihnen gelebt, all' ihre Freuden und Leiden getheilt und weiß, daß sie leider viel Böses haben, aber Gott sei Dank! auch viel Gutes; gewiß so viel als die gebildeten Leute in der Stadt, wenn sie es auch nicht so recht zeigen können — nehmen Sie mir es nicht übel, wenn ich so glaube." „Wie gern möchte ich es mit Ihnen glauben und einsehen! — aber".Mercedes seufzte. „Sie würden es einsehen," rief eifrig Frau Bergheim, „wenn Sie nicht blos wie ein vorüberziehender, beschenkender Engel mit ihnen verkehren wollten, wenn Sie ihnen menschlich näher treten, sich selbstvergessend in ihre Art und Weise hineinleben könnten. O, wie nachsichtiger würden Sie Manches beurtheilen, wenn Sie beachteten, wie die Landleute täglich, stündlich ringen müssen um ihr Dasein, und auch die wohlhabenderen unter ihnen keine Zeit übrig behalten, oft das ganze Jahr über keine andere Erholung und Erhebung haben, als den Klang der Samstags- .glocken nach der sauren Arbeitswoche, den lieben, stillen Sonntag, das Gebet und das Wort Gottes in der Kirche. Doch dieser Aufblick nach einem schöneren Leben jenseits, den sich wenigstens die Besseren ungetrübt erhalten — glauben Sie mir, liebe Mercedes! was er giebt, das ist nicht wenig — ist kein dürftiger Lebensschmuck!" „Es ist das Höchste und Größte!" sagte tief ergriffen Mercedes 145 und dachte dabei an die alte Jungfrau in der Kapelle und den Anblick, den sie noch eben erst dort drüben am Tische gehabt. Frau Bergheim aber beugte sich mit Thränen in den Augen über das Bett der Kranken und sprach weiter: „Wie hab' ich mich gefreut auf Ihr Kommen, auf das Zusammenleben mit Ihnen! wie hoffte ich, Sie würden mir und meinen Töchtern das geben können, was uns hier fehlt! — Ja, ich gesteh' es Ihnen gern, auch mir fehlt zuweilen Etwas! — Mein seliger Karl war ein gebildeter Mann, er hat sich viele Mühe gegeben den mangelnden Unterricht meiner Jugendjahre zu ergänzen; er las mir oft aus schönen Büchern vor und belehrte mich, wo er nur konnte. So habe ich wenigstens einen Einblick in ein feineres Leben erhalten. Doch als mein Mann starb, da stand das strenge Gebot der Lebensnoth vor mir, da hatte ich nur noch die harte Arbeit zu meiner Gefährtin. Ich mußte sorgen für meine Kinder und es war meine höchste Aufgabe, daß sie eine bessere Erziehung, als ich selbst genossen, erhalten möchten. Meine beiden Söhne studiren, mein jüngstes Töchterlein, das begabteste unter meinen Kindern, bereitet sich, wie Sie wissen, jetzt zum Lehrerinnen- Examen vor. Das alles hat Arbeit und Geld gekostet, aber wie lohnen mir auch die guten Kinder! wie aufopfernd helfen mir die beiden Mädchen hier für die fleißigen Brüder und das talentvolle Schwesterchen sorgen! Bald kommt mein kleiner Wildfang, meine Elsbeth zurück, dann wird das ganze Haus neu aufleben und Sie werden sehen, daß es noch immer Elisabeth's im Dorfe giebt, die sich Bahn zu brechen wissen und deren Einfluß Jeder auf die freundlichste Weise empfindet. — Bleiben Sie noch bei uns, liebe Mercedes! — haben Sie uns auch ein wenig lieb!" Mercedes ruhte an der Brust der lieben, herzigen Frau und wohlthuende Thränen erleichterten ihr Herz. Sie dachte: „Wie hab' ich diese Frau verkannt, die ich für kalt und trocken hielt und die jetzt so warm und liebevoll mich berührt!" „Sie sollen sehen, wir bekommen auch Modelle," fuhr Frau Bergheim heiter fort. „Denken Sie nicht allzu schlimm von dem Ausbruch eines dummen Aberglaubens. Solch' ein Gewitterschauer aus früherer dunkler Zeit meldet sich wohl noch zuweilen, geht aber bald wieder spurlos vorüber, infolge der guten Schulen und Prediger, die wir hier haben. Hat es nicht auch für die gebildeten Stände eine Zeit gegeben, wo fast Jeder, auch der Klügste, an das Tischrücken glaubte und sich vor den Geistern im Holze fürchtete? — Das ist einmal wie eine ansteckende, doch T.-A. XX. 10 146 bald vorübergehende Krankheit. Sie sollen sehen, der Aberglaube mit dem „Abmalen" schadet Ihnen nichts mehr. Sie glauben nicht, wie eifrig unsere beiden Geistlichen in Ihrem Interesse gewesen sind und den Leuten zugeredet haben, daß sich jetzt alle schämen, die so dummes Zeug geglaubt und geredet haben." „Das habe ich freilich nicht verdient von diesen Männern," sprach Mercedes beschämt, „ich war eine ziemlich schlechte Kirchengängerin." „Das ist wahr, aber unser verständiger Herr Pastor hat den Grund geahnt und kann ihn wohl verstehen. Es ist ihm selbst leid genug, daß noch so Manches mangelt beim Gottesdienst, besonders ein guter Gesang und ein schönes Orgelspiel. Doch es will Alles seine Zeit haben in einer so kleinen Gemeinde, wo kein überflüssiger Reichthum ist. An den hölzernen Heiligen hängen nun einmal die Bauern und — lachen Sie nicht, liebe Mercedes! auch uns sind sie gute Freunde geworden, da sie schon unsere Urgroßeltern in den Kirchen haben sitzen sehen und so manche frohe, wie traurige Andachtsstunde mit uns gefeiert haben. Die Liebe und die Erinnerung haben uns eine Decke über ihre Mängel gebreitet. Und wenn nach einer harten Woche voll Arbeit und Sorge nun auch die Sonntagsstille im Herzen eingekehrt ist und das Wort Gottes wie ein Frühlingssäuseln hindurch weht — dann fangen Engel in uns zu singen an und ordnen unsere Gedanken zu einer Melodie, welche die Mißtöne von draußen überstimmt. Ich wenigstens höre sie nicht mehr bei diesem inwendigen Gesang, in welchen alle meine Lieben auf Erden und meine Seligen im Himmel einstimmen." Mercedes drückte sich immer fester in die Arme der neuerworbenen Freundin. „O, Du bist eine größere Künstlerin als ich," sagte sie, „Du liebe, innige Seele! — Du kommst mir vor wie ein Kind in Correggio's Christnacht, das von Innen heraus leuchtet und deshalb keines Lichtes von Außen bedarf." „Sage das nicht, Mercedes!" sprach Frau Bergheim, mit einem herzlichen Kuß auf die Lippen der Kranken das angebotene Du erwidernd — „ich bedarf auch des Lichtes von Außen, viele Liebe von Euch und vor Allem bedarf ich des Lichtes von Oben! — Doch nun wollen wir nicht weiter mehr plaudern, Du mußt noch ein wenig ausruhen, derweilen ich gehe und Dein Frühstück besorge. Sieh! die Nacht ist vorüber, das Morgenroth liegt schon auf den Bergen." — Sie hatte bei diesen Worten den Vorhang weggeschoben und die Lampe ausgelöscht. 147 Die ersten Strahlen der Sonne verbreiteten ihren Schimmer durch das stille Krankengemach, über die schönen Bilder an den Wänden und über die Seele der Genesenden, die still in ihre Gedanken versunken dalag, als die Freundin hinausgegangen war. „Ich weiß jetzt," sagte sie vor sich hin, „was das Tiefste und Reichste ist — es ist der Born der Liebe in einer reinen, ursprünglichen Menschennatur, und der Künstler, der nicht aus ihm zu schöpfen versteht, gleicht dem Kinde, das nur schöne, glänzende Seifenblasen in die leere Luft hinaus bildet." Die Tage der Genesung legten sich wie sanfte Friedensschwingen über Mercedes' Leben. Sie hatte wieder eine Freundin gefunden; und wenn es ihr in der ersten krankhaften Stimmung nach Elisabeth's Tode wie ein Frevel vorgekommen wäre, sich wieder einem anderen Menschenherzen in Liebe anzuschließen, so schien es ihr jetzt, als habe die Verklärte selber ihr den Engel gesandt, der sie in ein neues Leben führen solle. Wie lernte sie den Werth der neuen Freundin kennen in dieser Zeit, wo sie ihr in vertraulichen Unterhaltungen allmälig ihren ganzen Lebensgang mittheilte! Welch' eine Charakterstärke zeigte sich ihr in dem ganzen Thun und Treiben der wackeren Frau, die mit einem feinen, für alles Schöne und Liebliche empfänglichen Gemüth die harte Noth des Lebens überwunden und mit wenigen äußeren Mitteln die Erziehung der Kinder geleitet! — Sie sah, wie sie tagtäglich sich selbst vergessend nur für Andere lebte und allen Bedürftigen Rath und Hilfe gewährte. Ohne den Grad der Bildung zu besitzen wie die Menschen, unter welchen Mercedes bis jetzt gelebt, schien sie ihr doch den Meisten überlegen in der feinen Weise, dem richtigen Takt, wo es galt handelnd in's Leben zu greifen. Sie empfand die Wahrheit des Wortes, das Auerbach eine seiner Heldinnen sagen läßt: „Die echte Bildung ist Gemüthlichkeit. Denn was ist Bildung? Die Kraft sich in die Zustände eines Anderen zu versetzen und seine eigenen Zustände wie fremde anzusehen." Mercedes fühlte, diese Bildung müsse sie selbst noch lernen, auch um eine vollendete Künstlerin zu werden. Sie hatte bisher in ihren Bildern nur ihrem eigenen Gemüthsleben das einfache Gewand des Bauernlebens umgeworfen, weil es ihrem einfachen Sinne zusagte, und die Bilder hatten gefallen, weil dieses Gemüthsleben ein so schönes war und sie es so 10 * 148 lieblich mit dem Farbenglanze ihres Pinsels zu schmücken verstand. Aber ihr selbst genügten diese Bilder nicht mehr, nun sie einmal unter diesen Bauern lebte und der nackten, wahren Wirklichkeit gegenüberstand. Sie hatte manche falsche Vorstellung abzuwerfen und ein neues Studium des Bauern- und Landlebens zu beginnen. Dafür konnte sie keinen besseren Führer finden als Frau Bergheim, welche das Leben der Dorfbewohner durch und durch kannte und sich ihm mit so vieler Liebe und Hingebung angeschlossen hatte. Vorerst durfte sie nach dem Gebote des Arztes nichts Anderes thun, als sich pflegen lassen. Und das that ihr wohl, weil es die Pflege aufrichtiger Liebe war, die sie umgab. Die Engel ihrer Träume waren nicht entwichen,, sie erblickte sie noch immer in den beiden lieben Mädchen, der dunkeläugigen Bertha und der lieblichen Maria, die alle Wünsche und Bedürfnisse der Genesenden ihr aus den Augen zu lesen und zu befriedigen wußten noch ehe sie ausgesprochen wurden. Wie eine gesunde, heitere Frühlingsluft erquickte sie die Nähe der jugendlichen Wesen, die sie ebenfalls jetzt erst kennen und lieben lernte. — Die Modejournale verletzten nicht mehr ihr Auge, sie waren verschwunden, und wie gern vergaß und verzieh jetzt Mercedes den guten Kindern die kleinen Schwächen mädchenhafter Eitelkeit, nachdem sie sah, wie wacker und einfach sie doch in ihrem ganzen Wesen waren und jeden Augenblick bereit den kindischen Flitter fortzuwerfen, sobald es sich um ernste Dinge handelte. Auch fand sie, daß keineswegs ihr Geschmack am wahren Schönen verdorben war, wenn sie in guten Stunden ihre reichen Mappen ausschloß und die Mädchen einen Blick in ihre Kunstschätze thun ließ.' Sie hatte dies, in der Meinung nicht gewürdigt zu werden, bisher noch niemals gethan. Jetzt aber zeigte sie ihnen die poetischen Darstellungen des lieben Richter, in welchen die Dorfkinder die Freuden und Leiden des eigenen, einfachen Lebens so lieblich verklärt wieder fanden — sie schloß ihnen die große und himmlische Welt Michel Angelo's und Raphael's auf — Fiesole's Engel lächelten sie an und die Madonnen unserer altdeutschen Meister zeigten ihnen das keusche, reine Mutterantlitz. Wie horchten die jungen Mädchen auf, wenn ihnen die Künstlerin von dem Leben der großen Meister der Vergangenheit und der Gegenwart erzählte, und wie leicht vergaßen sie die Carricaturen des Modejournals über den Bildern, die sie ihnen zeigte! — Braucht es bei manchen Augen 149 doch nur des Anblicks des Schönen, daß sie sich auf immer von dem Häßlichen, dem Eitlen und Gemeinen abwenden. Und als nun der Liebling des Hauses, die junge Lehrerin, mit einem glänzenden Zeugniß aus dem glücklich überstandenen Examen eines Tages ankam, da ging, wie es die Mutter verheißen hatte, wirklich ein neues, fröhliches Leben in dem kleinen Kreise an. Mercedes fand, daß die mütterliche Liebe nicht übertrieben hatte. War die blonde Elsbeth gerade auch keine Elisabeth, die ja für sie nur einmal auf der Welt sein konnte, so war sie doch ein Wesen voll origineller Frische und Ursprünglichkeit, und der Blick ihrer unschuldigen Augen that der Traurigen wohl, wie .der Trunk aus einer reinen, klaren Bergquelle. Das junge Mädchen aber schloß sich bald mit schwärmerischer Liebe an die sanfte Mercedes an und zeigte das frischeste Verständniß für Alles, was sie ihr geben konnte aus dem Schatze einer feinen, wohlgeordneten Bildung. Schnell hatte die wißbegierige Kleine die reiche Bibliothek der Malerin ausfindig gemacht, welche diese selbst wenig benutzte; denn Maler blicken lieber in das Leben und die Natur, als in die Bücher. Jetzt aber war es doch Mercedes ein wahres Labsal, wenn Elsbeth mit ihrer klaren, jugendlichen Stimme und dem durch einen guten Unterricht gebildeten Vortrag eines der schönen Werke unserer neuen Schriftsteller, die hiernach völlig unbekannt waren, in dem hochaufhorchenden Abendkreise des Hauses vorlas. — Da sahen sie Hebbels Niebelungen in ihrem prächtig grausigen Glänze vorüberziehen, hörten Otto Ludwigs Mac- cabäer mit Jehovah's Siegesgesang sich jauchzend in die Flammen des Todes stürzen. Wie an Richters Bilderalbum, erfreuten sie sich an Au er - bachs ernsten, an Fritz Reuters lieblichen Novellen. Sie wurden staunend gewahr, welche großen Dichter auch unsere Zeit hervorgebracht, in der freilich auch die Mode ihren Einfluß ausübt, daß die echten und bedeutenden oft weniger bekannt sind als die Schaumperlen, die sie zu Markte bringt und die der Menge am besten gefallen. Mercedes aber hatte recht ihre Freude an dem lebhaften Eindruck, den jene schönen Dichtungen auf die jungen, unbefangenen Dorfkinder machten. Das war ein Boden, wie ihn der Dichter liebt, noch nicht übersättigt, noch nicht verdorben von schlechten Stoffen; .es keimte und sproßte wie in einem frischen Blumenbeet, auf welches die ersten Strahlen eines neuen Lenzes fallen. — Da die kleine Lehrerin auch die alte Edda unter Mercedes' Büchern herausgestöbert hatte, so kam sie auf den Ge- 150 , danken, auch ihrem Amte Ehre zu machen und vorzuschlagen: das noch so wenig bekannte Studium der nordischen Mythologie in den stillen Winterabenden mit den Ihrigen zu betreiben. Alle fanden den Vorschlag prächtig und bald war man eingesponnen in den wunderbaren Sagenkreis der Vorzeit. Es kam wie ein Zauber über die Lauschenden, wenn dann der Wintersturm draußen an's Fenster schlug und wie eine Stimme aus der Urwelt in den Kreis der alten Götter und Asensöhne hineinbrauste, als wolle er die Musik zu ihren Festen und Kämpfen bringen und klagen über Baldur's Tod und Nanno's Jammer. Dann wurden die jugendlichen Wangen bleich und die Augen leuchteten in Bewunderung der großartigen Gebilde und dem Versenken in die Ideen und Gedanken, die sie weckten. Mercedes fragte sich dann wohl im Stillen, ob sie je einen schöneren Genuß gehabt draußen in der städtischen Welt, und sie empfand den vollen Zauber, den die Poesie, so einfach ohne künstliche Zuthaten, über die Einsamkeit des Dorflebens zu verbreiten vermag. Auch Musik und Gesang gehörten zu den Freuden des Winterlebens. Es stand ein ganz gutes Pianino im Zimmer, Mercedes und Elsbeth spielten vortrefflich und Marie besonders hatte eine Stimme wie eine junge Feldlerche. — Wie strahlten die Augen der guten Frau Bergheim, wenn sie an diesen Tagen und Abenden in dem Kreise der Ihrigen saß und das poetische Leben empfand, das sich um sie her entwickelte und nach dem sie sich so oft gesehnt hatte. Wie belohnt fand sie sich für die demüthige Werbung um die Theilnahme der Künstlerin an ihrem Kreise, den diese nun so lieblich schmücken half! Weihnachten leuchtete wie ein strahlender Stern durch diesen Winter,' besonders verschönt durch Mercedes' künstlerische Anordnungen. Jedes hatte dem Anderen eine heimliche Freude bereitet, und auch für die Armen des Dorfes war reichlich gesorgt und fleißig gearbeitet an dem wohlthätigen Herd der guten Frau Bergheim. Ein großer Baum stand mit blinkenden Lichtern und goldenen Nüssen geschmückt und mit nützlichen und schönen Gaben umlegt in dem Atelier der Malerin, und als die Abendglocken über die beschneiten Fluren klangen und die selige Botschaft des ewigen Heils in die kleinsten Hüttchen hineintrugen, da kam eine ganze Schaar armer Dorfkinder herangezogen, um in dem hellen Lichterglanz die Bescheerung zu empfangen, die ihnen gute, sorgende Menschenhände bereitet. Christkindleins lichte Flügel hatten alle Schauer aus dem gefurchtsten Raume verscheucht, der helle Glanz, der aus der grünen, geheiligten Tanne leuchtete, die Nebel des Aberglaubens siegreich durchdrungen. Die große Puppe stand vergessen hinter ihrem dunklen Vorhang in der Ecke und Keiner fürchtete sich mehr vor bösen Geistern, wo die guten so freundlich walteten. Mercedes mit dem von der Krankheit durchgeistigten Gesicht stand wie ein Weihnachtsengel selber in dem Kreis der dankbaren Kinder und horchte andächtig dem einfachen Lied, das von den unschuldigen Lippen, wenn auch nicht regelrecht, doch hell und lieb wie das Zwitschern junger Vöglein erklang, und konnte einstimmen in das alte, ewig neue Himmelslied: „Ehre sei Gott in der Höhe und Friede aus Erden." Ja, es war auch Friede in ihrem Herzen geworden. Mit einem Gefühle von Freudigkeit, das zu empfinden sie nicht mehr für möglich gehalten, saß sie noch lange in ihrem stillen Stübchen und sah den Strahlen des Mondes zu, die über dem weißen Schnee wie Geisterschleier hin und her schwebten. Das weiße Leichentuch, das ihr so' schauerlich vorgekommen, lag jetzt wie von Himmelsglanz durchschimmert vor ihrem Auge und der Freundin verklärtes Antlitz blickte sie an aus diesem Glänze mit dem kindesfreudigen Ausdruck, der sie stets so wunderbar gerührt hatte. Es war ihr, als wüßte sie erst jetzt, woher er gekommen und sich in immer junger Schönheit über die geliebten Züge gelegt hatte. —- Und als nun die Glocken noch einmal durch die Nacht klangen, um nach der schönen, alten Sitte die Dorfbewohner zur Christnacht in das hell erleuchtete Kirchlein zu rufen, als Mercedes die kräftigen Schritte der Alten, die rasch hineilenden Füße der Jungen über den knisternden Schnee schreiten hörte und den froh erregten Gestalten nachblickte, da rief sie ihnen leise ihren Weihnachtssegen zu und sprach: „Wie liebe ich Euch, Ihr Jugendgenofsen meiner Elisabeth! — ich will bei Euch bleiben so lange ich darf und von Euch lernen, wie man auch in den einfachsten Verhältnissen glücklich und ein Kind Gottes sein kann." 7. Der kleine Kaspar. Wir sehen unsere Mercedes wieder in ihrem Atelier. Die Töchter des Hauses haben es ihr freundlich ausgeschmückt zur Genesuugsfeier. Der Fußboden ist mit feinen, warmen Strohmatten belegt, Teller und Kannen glänzen blankgescheuert vom Gesimse, grüne Tannen- und Wach- 152 holderzweige grünen in den alterthümlichen Krügen. Ein Rohrsessel, das Weihnachtsgeschenk von Frau Bergheim, sieht neben dem warmen Ofen, ein weiches Kiffen liegt darin, das die Mädchen nach einem von Mercedes selbst gemalten, künstlerisch schönen Muster gestickt, indem sie dabei glauben mußte, es solle ein Geschenk für eine Verwandte werden. Nun ist sie mit der Ausführung ihrer eigenen Komposition überrascht worden und muß gestehen: es ist eine gelungene. Auch die Puppe sitzt in einem neuen Rock, den vorläufig noch Mercedes malt, indem sie mit einiger Furcht das kleine, bekannte Modellchen erwartet, das sie, trotz aller Mühe mit ihm, doch wieder braucht zu einer angefangenen Kinderfigur auf ihrem Bilde. — Doch da klopft es rasch an die Thüre und Elsbeth's feines Köpfchen blickt herein. „Darf ich stören, liebe Mercedes?" fragt sie, und da diese ihr lächelnd zunickt, lehnt sie die Thüre hinter sich zu und eilt zu der Staffelei der Künstlerin. „Du sollst belohnt werden für gütigen Einlaß — ich habe eine Ueberraschung für Dich! — Ja, staune nur! — der schönste Ganymed unserer hellenischen Gefilde steht draußen und wartet auf die Erlaubniß Dir seine göttliche Gestalt zum Modell anbieten zu dürfen. — Ob er glaubt nach dieser heroischen That von Vater Zeus in den Olymp erhoben zu werden? — Doch Du magst selbst sehen und prüfen." Mercedes zog schnell den Vorhang über die Puppe und sah etwas erstaunt und doch mit froher Neugierde nach der Thüre, welche Elsbeth feierlich öffnete, indem sie mit der Hand den Draußenstehenden herein winkte. — Die Künstlerin aber hatte Mühe nicht laut aufzulachen beim Anblick des angekündigten Ganymed. Sie sah einen etwa zwölfjährigen Knaben von sehr zweifelhafter Schönheit, wenigstens griechisches Ebenmaß zeigten nicht die mageren, schiefen Beinchen, mit welchen er in plumpen Holzschuhen über die Schwelle stolperte. Auch das Gesicht schaute so drollig mit dem breiten Mund, der aufgestülpten Nase und den grauen Augen aus dem struppigen, aschblonden Haar, daß man eher an einen Doggenhund als an den Götterliebling der Griechen erinnert wurde. „In der That, Elsbeth! Du verstehst Dich auf hellenische Formen — ich melde mich zu Deiner Schülerin," sagte Mercedes, indem sie der Schelmin einen neckisch strafenden Blick zuwarf. „Aber sage mir: in welchem Theile der Welt hast Du denn dieses Ideal gefunden?" „Habe Respekt! — es ist immer klassischer Boden, auf dem wir stehen. Ich muß indeß in's Christenthum einlenken — dieser Adonis ist 153 keineswegs gricchischer Abkunft, das war ein genealogischer Irrthum von mir — gut, daß ich mein Examen gemacht habe! — Aber königliche Ahnen hat er dennoch auszuweisen. Sieh' ihn Dir an, — er ist ein Sproß des Dreikönigsgestirns, das Deine Elisabeth einmal als schützender Engel an seinen Lebenshorizont geführt hat." „Jst's möglich!" rief Mercedes, indem sie dem Knaben die weiche Hand auf das Haupt legte und ihn mit dem wärmsten Strahl ihrer sanften Augen übergoß. — Frau Bergheim hatte längst schon der Künstlerin mitgetheilt, welch' einen muthigen Beschützer ihrer Arbeitsstätte sie damals in einem Zögling der Freundin gefunden, und nur der harte Winter und ihre Krankheit hatten die Dankbare bisher abgehalten, die entfernt liegende Wohnung des wackeren Bauern und der alten Drillingsmutter aufzusuchen. Nun war es ihr doppelt rührend ein Kind aus dem Familienkreise zu sehen, in welchem die Verklärte einmal eine so edle That ausgeübt. Sie beugte sich zu dem Knaben und fragte: „Wie heißt Du, mein Kleiner, und was möchtest Du von mir?" Der Knabe schluckte ein paarmal und sah Elsbeth hilfreich flehend an. Diese aber zupfte ihn leise am Ohrläppchen und sagte: „Tapfer mein Söhnchen! — sage Dein Sprüchlein und fürchte Dich nicht." „Ich heiße auch Kaspar," sagte der Junge, indem er noch einmal einen tapfren Athemzug gethan, „und der Aette und die Abe (Großmutter)- lassen Euch vielmal grüßen und wenn Ihr Modelle braucht, so sollt Ihr nur nach unserem Hause schicken, es sind unsrer viel und wir wollen Euch alle gern sitzen, zu jedem Bild, das Ihr malen wollt." Elsbeth konnte ein lautes Gelächter nicht zurückhalten. „O Mercedes! Du Glückliche!" rief sie, „male, was willst Du mehr!" Mercedes warf ihr einen bittenden Blick zu und wandte sich wieder an den Knaben: „Und da soll ich wohl gleich mit Dir den Anfang machen und Du willst hier bei mir bleiben? — Weißt Du aber auch, daß es gar nicht leicht ist, stundenlang still stehen oder sitzen zu müssen und daß Dir die Zeit dabei recht lang werden wird? „Oh—h—," sagte gedehnt der Junge und blickte Mercedes forschend an mit seinen klugen und doch so ehrlichen Augen — „Ihr gebt mir ja doch Geld dafür." Mercedes blickte etwas betroffen und Elsbeth schlug die Hände zusammen, indem sie halb unmuthig kicherte: „Königliche Gesinnungen für- 154 wahr und ein Zug großer Dankbarkeit von einem Abstrahl des Dreikönigsgestirns!" — Mercedes aber fragte den Knaben: „Hast Du denn das Geld schon so lieb?" „O," antwortete dieser, „ich brauche ja noch gar keins! — Aber der Aette und die Möme brauchen es und haben doch manchmal gar keins. Die Möme sagte vor ein paar Tagen: die Kartoffeln wären sehr theuer und wir hätten nur wenige mehr im Keller, da dacht' ich denn, Ihr könntet mir wohl ein wenig Geld geben, wenn ich Euch sitze. Der Aette hat freilich gesagt: wir sollten alle umsonst bei Euch Modell sitzen und Ihr brauchtet uns kein Geld dafür zu geben." „Aber Du denkst klüger?" fragte Elsbeth spöttisch, „und möchtest Deine Kartoffeln nicht gern entbehren?" „Na, hungern thu' ich nicht gern," gestand ehrlich der Junge, „und das läßt auch die Möme nicht zu; aber sie ißt sich manchmal selber nicht satt und weiß es immer zu machen, daß der Aette nichts merkt, wenn sie kein Geld mehr hat. Da hab' ich schon heimlich gedacht, ich wolle einmal recht viel Geld verdienen und es ihr geben, und ich hörte, daß Ihr Einem viel Geld gebt und ich wäre schon früher zu Euch gekommen, aber Schwester Lenchen wollt' es nicht haben und sagte immer: die böse Puppe schlägt Dich todt, wenn Du so Etwas hinter dem Aette seinem Rücken thust. Nun hat der Aette mich doch selber hergeschickt, aber wenn ich in der ganzen Zeit, daß ich Euch sitze, kein Geld verdienen soll auch an andern Orten und die arme Möme" — — hier zitterte die Stimme des Kindes wie vom verhaltenen Weinen eines tief gekränkten Gefühls. „Siehst Du!" sagte Mercedes mit einem vorwurfsvollen Blick nach Elsbeth, und diese erwiderte: „Die Sache entwickelt sich! Welt! du bist besser als ich für-chtete." Mercedes aber streichelte des Knaben struppiges Haupt und sagte: „Es war brav und recht, wie Du gedacht hast. Nein! Du sollst Dich nicht umsonst bei mir plagen. Aber noch einmal muß ich Dir sagen: das Modellstehen ist nicht leicht und dann — fürchtest Du Dich wirklich reicht vor der großen Puppe? — dort steht sie in der Ecke hinter dem Vorhang, den ich doch manchmal wegschieben muß, wenn Du bei mir bist." „Laßt sie mich doch einmal sehen!" bat Kaspar, indem er wieder ganz eigenthümlich schluckte. — Elsbeth aber war schnell herzugesprungen und faßte den Vorhang an. „Nun sei ein Held, junger Mensch!" rief 155 sie dem Knaben zu, „stehe fest, wenn sich Dir das verschleierte Bild von Sais zeigt!" Damit schob die Schelmin den Vorhang weg, und als hätte der Knabe den pathetischen Zuruf verstanden, hielt er sich steif und gerade, obschon er blaß geworden war und seine Lippen zitterten. „Tritt näher," rief Elsbeth wieder, „und lerne Deinen Feind kennen, ehe Du Dich in den Kampf mit ihm einlässest!" Obgleich der Knabe kein Wort der sonderbaren Reden verstand, war es doch, als ob er ihren Sinn ahne; er trat mit festen Schritten zu der Puppe, besah sie sich mit den klugen Augen von oben bis unten und dann kehrte er sich lächelnd zu der Künstlerin und sagte: „O —h! weiter nichts?! — mit der will ich schon fertig werden!" „Er hat die Probe bestanden!" sagte Elsbeth feierlich, — „geh' hin, mein Sohn, und sei aufgenommen in den Tempel der Kunst! — Nun aber" — wandte sie sich zu Mercedes — „sage mir, Du Liebling der Musen! zu welcher Deiner Thaten gedenkest Du meinen Ganymed zu verwenden?" Mercedes zuckte die Achsel, — „ich bin wirklich ein wenig in Verlegenheit," flüsterte sie. — In diesem Augenblick vernahm man ein kindliches Gebrüll vor der Thüre und eine scheltende Frauenstimme, die wahrscheinlich beschwichtigen wollte. „Ha! die Räume füllen sich! — sagt, wie empfang' ich der Erdgebornen, der Himmlischen Chor!" — deklamirte Elsbeth, die sich heute so muthwillig auf den Kothurn gesetzt hatte. Sie öffnete die Thüre, das kleine, vielwillige Blondchen wurde von der Hand der Mutter hereingezogen — Mercedes seufzte auf. „So hab' Dich doch nicht so!" schalt die Mutter das schreiende Kind, — „soll die böse Puppe Dich schlagen?" . Ein noch lauteres Gebrüll war die Antwort auf die kluge Frage. Elsbeth wußte besseren Rath und sprang schnell nach einem Schrank, den sie öffnete. „Ambrosia find' ich nicht," klagte sie, „aber ich denke: das reicht vorläufig hin, dergleichen Zorn zu beschwichtigen." — Sie hielt in einiger Entfernung vor dem Kinde eine Bretzel in die Höhe, etwa wie man einen Hund heranlockt. Die Kleine sprang hinzu und lief der immer mehr Zurückweichenden nach, bis diese endlich das Lockmittel in der Mitte des Zimmers fallen ließ. Hurtig fiel der Schreihals darüber 156 her und stopfte es in den Mund, worauf eine wohlthuende Pause in dem Atelier entstand. „Du siehst, hier giebt es Bretzeln!" sagte Elsbeth zu dem kleinen Kaspar, der still mit forschenden Augen der Scene zugesehen; — „möchtest Du nicht auch eine haben?" „Wenn Ihr mir hernach eine für unser Lisbethchen mitgeben wollt — aber nicht eher, als bis ich sie verdient hab'." Elsbeth nickte Mercedes zu: „Du! der Kleine gefällt mir immer bester und ich habe einen Einfall," flüsterte sie ihr ins Ohr, „ich glaube Du kannst den mißlungenen Ganymed dennoch brauchen, wenn auch nicht als Modell. Sieh nur, wie das kleine Ding da schon mit ihm kokettirt! — schicke die unnütze Mutter fort und 'behalte den Kaspar als Besänftiger des kleinen Unholdes. Er hat etwas von einem Thierbändiger in seinem festen, ruhigen Blick und ich wette er wird fertig mit dem blonden Querkopf." Mercedes nickte dem Vorschlag Beifall; er wurde dem kleinen Kaspar auf eine Weise mitgetheilt, die ihn nicht beleidigen konnte; die Mutter, mit einer guten Entschädigung des überflüssigen Ganges zufrieden gestellt, ging nach Hause und Elsbeth auf ihr Studirstübchen. Bald saßen die drei Kunstbeflissenen in der friedlichsten Eintracht und dem besten Vernehmen zusammen. Elsbeth hatte Recht gehabt: der kleine Dogge war ein prächtiger Kamerad für das knurrige Kätzlein und ließ sich weder durch Schmeicheln noch durch Kratzen aus seiner Ruhe bringen. Aus einem Kartenspiel, das Mercedes stets zur Unterhaltung bereit hatte, wußte er allerliebste Häuschen zu bauen, eben so aus kleinen Bauhölzchen, und wenn sie fertig waren, wußte er sie wieder mit so drolligen Geberden und aus so wunderlichen Gründen umzustürzen, daß die Kleine Aug' und Ohr war vor Verwunderung der Dinge, die sie sah und hörte. Sie stand still dabei wie eine Mauer und Kaspar hatte ein Verständniß, sie immer in das rechte Licht für die Künstlerin zu stellen, und in der Stellung, welche diese gerade nöthig hatte, festzuhalten, als wäre er selbst ein kleiner Künstler. — Mercedes malte darauf los, daß ihr der Schweiß auf der klaren Stirn stand; sie wollte die guten Momente benutzen und fand die Kleine in ihrem ruhigen Spiel mit dem unterhaltenden Kameraden zum Entzücken schön. Es war, als ob aus seinem lieben, treuherzigen Wesen etwas überginge in die kleine Spielgefährtin, oder doch die bessere Natur in ihr aufwecke. — Mercedes hatte ihre wahre Lust an den beiden Kindern. 157 Als das Kartenspiel und die Bauhölzchen nicht mehr die lebhafte Unterhaltung boten, kamen Bilderbücher an die Reihe und da mußte Mercedes wieder erstaunen, wie der Knabe diese Bilder zu zeigen und zu erklären verstand. Es war ihr fast, als höre sie Elisabeth's Weise mit Kindern zu sprechen, und das hatte gewiß seine Nichtigkeit. Die alte Großmutter hatte sich manches Sprüchlein, manches Wort gemerkt, womit einst Elisabeth ihre Kinder belehrt und es war wie eine liebliche Tradition auf die Enkel übergegangen. Auch das Frühstück verzehrten die Kinder unter unmuthigem Geplauder in der größten Eintracht zusammen. Die sonst so egoistische Kleine hatte sogar großmüthige Anwandlungen, in welchen sie ganze Brocken ihres Butterbrodes in den breiten Mund ihres Kameraden steckte. — Zuweilen kam Elsbeth hereingehuscht, die Unterhaltung der Kinder anfeuernd und sich höchlich über die Frucht ihres guten Rathes freuend. Als die Dämmerung kam, da konnte Mercedes ihrem Liebling das ganz fertige Kinder- figürlein zeigen, das sie heute nach dem gezähmten Modell gemalt und das in den frischesten Farben und mit dem lebendigsten Ausdruck kindlicher Fröhlichkeit auf der Staffelei stand. Die Kleine ging ohne Geschrei an der Hand des neuen Freundes aus dem Atelier nach Hause und auch Kaspar war überglücklich; die Malerin hatte ihm nicht nur ein blankes Geldstück in ein Papier gewickelt, sondern auch eine Menge andere gute Dinge als: Bretzeln, Aepfel u. s. w. dazugegeben und er wußte alles auf die geschickteste Weise in den Nock- und Hosentaschen unterzubringen, obgleich dieselben nicht von besonderer Weite und haltbarem Stoffe waren. Die meiste Freude aber hatte er über eine Photographie „der Jungfer Betty," welche ihm Mercedes für die Großmutter mitgab. „Die wird sich freuen!" dachte er und mit seinen schiefen Beinchen lief er wie ein Windspiel durch den Schnee, in der freudigen Hoffnung den Seinigen heut einen Festabend zu bereiten. Als Mercedes bei der Abendversammlung mit ihren Freunden von der heutigen köstlichen Eroberung des kleinen Besänstigers für ihre Modelle erzählte, freuten sich alle mit ihr. Maria, welche die meiste Bekanntschaft mit den Bewohnern des Dorfes und der Umgegend hatte, sagte: „Ja, Mercedes! da hast Du Dir wirklich einen Schatz gewonnen. Ich kenne den kleinen Kaspar aus den Erzählungen der Nachbarsleute, wie aus eigener Wahrnehmung und habe schon lange mein Wohlgefallen an ihm gehabt. Er ist ein geborener Oekonom, aber dabei gar kein 158 Egoist, da er nur aus Anhänglichkeit für die Seinigen spart und arbeitet. Der Vater ist eine etwas freilebige Natur, obgleich durchaus brav und fleißig; aber er würde doch nichts erübrigen und oft in Noth kommen, wenn nicht seine Frau so wirthlich wäre, hier und da vielleicht zu sehr. Von ihr aber scheint der Junge den Nützlichkeitssinn zu haben, während er daneben die ganze Gutmüthigkeit des Vaters besitzt. — In Abwesenheit der Eltern führt er den Haushalt, besorgt den Herd und das Mahl, was freilich einfach genug zu bereiten sein wird, dabei giebt er Acht auf die kleinen Geschwister wie ein sorgsames Mütterchen. Ich habe einmal gesehen, wie er das jüngste Schwesterchen gewickelt hat — wahrhaftig! ich glaube, ich hätte es nicht so geschickt zustande gebracht — das Kind sah Euch aus so gerad' wie eine Kerze! — Auch in der Schule ist er, ohne auffallende Talente zuhaben, der Musterjunge, durch seinen steten Fleiß und seine ruhige Aufmerksamkeit, und das Gelernte benutzt er gleich wieder zur Belehrung der jüngeren Geschwister. Außerdem sucht er sich Geld auf alle Weise zu verdienen. Bei Pastors ist er immer in Dienst, besorgt die Zeitung von der Post, hilft das Holz eintragen und thut manchen Botengang in Sturm und Regen. — Ich sage Dir: seine schiefen Beinchen sind unentbehrliche Werkzeuge in seinem und unserem Dorf und vollbringen Wunderdinge. So machen sie sich auch durch das Stampfen der Lohkuchen besonders verdient; die angenehme Wärme, welche Du, liebe Mercedes, so besonders liebst, die hast Du zumeist den krummen Kasparsbeinchen zu verdanken, welche nicht zu ermüden sind auf dem braunen Mehl wie auf einem Tanzboden herumzuspringen." Mercedes hatte große Freude an dieser Schilderung eines kleinen Dorfmusters und Frau Bergheim sagte: „Du lernst in diesem Jungen den Haupttppus unserer hiesigen Bauern kennen. Ein klarer, praktischer Verstand, der niemals das Nützliche aus dem Auge läßt, ist ihnen vorzugsweise eigen und kommt ihnen sehr zu gut auf dem rauhen, harten Boden, dem sie gleichsam das Dasein abkaufen müssen. Er verleitet sie zuweilen zum Geiz, aber wo er, wie hier bei dem Kleinen, mit Gutmüthigkeil und Redlichkeit gepaart ist, was auch oft vorkommt, da erzieht er einen echten, prächtigen Menschen, den man achten und lieben muß, selbst mit krummen Beinen und einer aufgestülpten Kasparsnase." — Alle lachten herzlich. Der kleine Kaspar hatte sich nicht getäuscht in seiner Hoffnung, als Freudebringer zu den Seinen zu kommen. Die alte Großmutter begrüßte 159 mit einem Strom von Thränen das Bild ihrer jugendlichen Wohlthäterin. Freilich war es nicht mehr jung dieses liebe Angesicht, aus dem Auge flog der Blick nicht mehr wie damals rasch und hell wie ein fröhlicher Sonnenstrahl heraus, die Stirne umgab ein sinnender Ernst, der freundliche Mund lächelte wehmüthig, als wolle er täuschen über still empfundene Leiden. — „Ja, ja! man sieht es Dir an, Du hast auch Dein Päckchen Sorge getragen im Leben," — so sprach die alte Frau in das Bild hinein — „aber das ist doch noch immer Dein getreues Angesicht — je länger man es ansieht, je bekannter kommt es Einem wieder vor. O was ist es doch für eine schöne Kunst, die Einem so ein liebes Gesicht wieder vor die Augen bringt!" Während die alte Frau über dem Bild Essen und Trinken vergaß, schwelgten auch ihre Enkel, freilich in materielleren Genüssen. Der gute, ehrliche Kaspar hatte seine vollen Taschen für die Geschwister ausgeschüttet und sah nun mit vergnügten Augen, wie es ihnen schmeckte, während er wie alle Abend seine Kartoffeln mit Salz bestreut verzehrte und das trockene Schwarzbrod sich sorgsam in der dünnen Kaffeebrühe weichte, damit er sich nicht etwa seine weißen, festen Zähnchen beim Zerbeißen desselben verdürbe. Das Geld hatte er auch richtig der Mutter, wie sie es verlangte, heimlich zugesteckt, doch sagte er sehr bestimmt: „Möme! wenn aber der Aette fragt, ob mir unsere liebe Malerin Geld gegeben habe, so sag' ich ja! — lügen thu' ich nicht." „Das sollst Du auch nicht, aber sei nur still, der Aette fragt Dich gar nicht," — beschwichtigte die kluge Mutter — „und dann brauchst Du es nicht zu sagen und wir können uns Kartoffeln kaufen, ohne daß er es merkt wofür." Diese kleine List glaubten die beiden für die Oekonomie des Hauses Verbundenen sich schon erlauben zu dürfen und sie gelang. Der Vater fragte wirklich nur nach der Malerin, wie sie ausgesehen und was sie gesprochen habe und der Kleine sagte: „Sie sieht gerad' aus wie die Mutter Gottes auf unserer Kirchenfahne — Aette! für die spring' ich Euch in das Feuer." „Hab's mir wohl gedacht!" sagte der alte Kaspar — „die Jungfer Vetty hat Keinen so lieb gehabt, der nicht so gut ist, wie sie selber war." „Das möcht' ich nun nicht behaupten," entgegnete die Großmutter, „ich glaub' die gute Betty hat im Leben schon Viele lieb gehabt und ihnen 160 wohlgethan, die es nicht werth waren und die es undankbar vergessen haben — sie war ja wie ein Kind so gut und dachte sich nie was Böses. Wir wollen aber nicht zu den Undankbaren gehören!" . „Gewiß nicht!" sagte ihr Sohn mit fester Stimme, „und ihr Kinder! das sag' ich Euch! wer mir die vergißt!" — — Er schwieg mit einer drohenden Geberde; doch die Kinder schienen sie nicht zu fürchten — sie riefen alle wie aus einem Munde mit ihren fröhlichen Stimmen: „Nein, wir vergessen sie nicht und beten immer für sie!" Die alte Großmutter nickte und das Andenken an ein edles Leben ging noch einmal wie ein Engelssäuseln durch die niedere Stube des Bauern. 8. Sie hat doch Recht gehabt! Mit dem Erscheinen des kleinen Kaspars ging eine neue, glücklichere Epoche an in dem Atelier der Künstlerin. Hatte auch der Weihnachtsengel schon seine lieblichen Wunder darin ausgeübt, so war es doch jetzt hauptsächlich der drollige, krummbeinige Junge, der besonders die kleinen Modellchen in großer Zahl in die geheimnißvollen Räume lockte und darinnen festhielt. Er war zugleich der Hanswurst und der gute Schutzgeist in dem künstlerischen Kreise; seine Späße belebten die stumpfesten Züge, seine ruhige, kindliche Würde besänftigte das wildeste Gebühren. Unerschöpflich blieb er in Erfindung von allerlei Spielen und Kunststücken, dabei konnte er die hübschesten Geschichten erzählen, sogar mit einer zwar etwas rauhen, aber ganz richtigen Stimme die schönsten Lieder singen. Mercedes gewann den kleinen Freund immer lieber; er that ihr Alles, was er ihr an den Augen absehen konnte und wich bald, wie ein treuer Hund, nicht mehr von ihrer Seite. Sie sagte oft zu ihren Freunden, wenn sie den Ausdruck in ihren Kindergesichtern lobten: „Das habe ich meinem kleinen Doggen zu verdanken, die Kinder sehen immer ganz anders aus, wenn er mit ihnen spricht und spielt, es kommt dann auf einmal Leben und Seele in ihre Züge." — Er selbst wurde ordentlich schön in der Künstlerin Augen, es kam immer mehr etwas von den Zügen des Knaben in ihre Köpfe und das war wenigstens stets das Charaktervollste. Ja! endlich stand er selbst, wie er leibte und lebte, als eine der besten, gelungensten Figuren in ihrem Bilde. Es war ein „Sonntagmorgen auf dem Lande," dieses Bild, an welchem sie schon in der Stadt gemalt, das aber immer mehr den Cha- 161 rakter des Dorfes annahm, in welchem sie jetzt lebte. Die Begegnung mit der alten Jungfrau oben auf der Kapelle und deren Erzählung hatte sie veranlaßt ihrem Sonntagmorgen den festlichen Glanz eines Siegesfestes zu geben, welches die Dorfbewohner nach dem letzten, großen Kriege gegen Frankreich feierten. — Sie wartete nun noch besonders auf das Erscheinen des Frühlings, um dem Bilde den landschaftlichen Hintergrund und die Beleuchtung eines sonnigen Himmels zu geben. Ein Besuch mit dem kleinen Kaspar bei der alten Großmutter aber gab ihr den Gedanken zu der Komposition eines zweiten Bildes, das sie abwechselnd mit jenem zu malen gedachte. Die alte Frau hatte ihr so viel von Elisabeth erzählt und besonders den Morgen nach der Ankunft der Drillinge, wo das edle Mädchen wie ein rettender Engel in ihre Hütte getreten war, mit so jugendlicher Lebhaftigkeit geschildert, daß alsbald die ganze Scene als ein fertiges Bild vor dem Auge der Künstlerin stand. Kaum zu Hause angekommen, entwarf sie eine Skizze davon, die ihre Freunde entzückte und ihr selbst wohl- gefiel. Sie konnte kaum die Zeit erwarten, das neue Bild zu beginnen, besonders da es ihr nicht mehr an Modellen fehlte. Das so sehr von ihr und Elsbeth belachte Anerbieten des kleinen Kaspars zeigte sich wirklich annehmbar. Seine Geschwister, alle viel hübscher als er, konnten allerliebste Modelle zu ihren damals noch kindlichen Tanten und Onkels abgeben; eben so war der Hausherr zum Bild des Todtengräbers, die Hausfrau zu dem der jungen Drillingsmutter trefflich zu verwenden, und daß Alle mit Begeisterung zu ihren Modellpflichten bereit waren, läßt sich denken von einem so dankbaren Familienkreis. — Elisabeth's Jugendgestalt aber stand so blühend und klar vor dem Geiste der Künstlerin, daß sie kein Urbild derselben zu suchen brauchte. Wie lebte Mercedes auf in dem neuen Schaffenstrieb, der in ihr erwacht war und täglich genährt wurde durch den näheren Umgang mit den Bewohnern des Dorfes, die sie nun an der Seite ihrer Hausgenossen, auf eine ganz andere Weise wie früher kennen und verstehen lernte. — Ein tragischer Vorfall aber sollte sie besonders zu einer innigeren Vereinigung mit ihnen führen. Frau Kathrin, welche eine lebendige Chronik aller Dorfbegebenheiten für Mercedes war, trat eines Morgens mit auffallend bleichem Gesicht in das Zimmer und sagte: „Ach Fräulein! denken Sie sich, der Schreiner- Franz ist verloren gegangen! — Er hat gestern seinem Vater, der in die T-.A. XX. 11 162 Stadt gegangen war, entgegengehen wollen und ist nicht wieder gekommen. Gewiß hat er sich in den Bergen verlaufen und ist im Schnee stecken geblieben — er war so ein hübscher Junge — noch keine neun Jahre alt! — Die Nacht war so kalt, er ist gewiß erfroren! — Ach, hören Sie! da wird er schon im Dorfe ausgeschellt!" „Großer Gott!" rief Mercedes, indem sie schon mit der Erzählenden die Treppe hinunter eilte. Frau Bergheim und die Mädchen lagen mit bleichen Gesichtern in den offenen Fenstern und hörten dem schauerlichen Bericht des „Ausrufers" zu, der von Straße zu Straße seine schillernde Glocke durch die kalte Winterluft zu einem Hilferuf des verlorenen Kindes tönen ließ. — Alle Thüren öffneten sich, Jung und Alt, Frauen, Männer und Kinder stürzten heraus und bald stand eine große Schaar zum Aufsuchen des verlorenen, kleinen Dorfbewohners gerüstet. „Wir müssen auch mit!" rief Mercedes, und ohne auf die Einwendung ihrer besorgten Freundin zu hören, war sie schon auf ihre Stube geeilt und hatte den Mantel um die zarte Gestalt geworfen und das feine Gesicht mit Kapuze und Schleier verhüllt. Elsbeth war schnell an ihrer Seite, bald fand sich auch der kleine Kaspar ein und schritt, mit einem knorrigen Dornenstab in der Hand, seinen beiden Gönnerinnen voran. — So schloffen sie sich an den Zug der Männer, die staunend auf die zarten Jungfrauen blickten. — „Ich kenne alle Schlupfwinkel in unseren Bergen," versicherte Elsbeth und Mercedes tröstete: „Ich habe Glück im Finden." Auf diese Verheißungen wurden sie schützend und beschützend wie zwei liebliche Engelsbilder in die Mitte der kräftigen Schaar genommen und nun ging es in die schauerliche Wintereinsamkeit der Berge hinein. Es war ein schweres Suchen durch den kalten, tiefen Schnee, über die ungebahnten Pfade und steilen Felsenhöhen, zwischen welchen gefrorene Bäche sie mit kaltem Lächeln anstarrten. Mercedes schauerte oft zusammen, doch sie hielt sich und redete der zarten Elsbeth Muth ein, wenn sie zusammenbrechen wollte, — der kleine Kaspar war nicht zu ermüden. Man hatte den Zug wohlgeordnet und vertheilt, von Zeit zu Zeit gab man sich Zeichen durch lautes Rufen, Knallen mit den Peitschen und das Blasen der Kuhhörner, deren Töne das dumpfe Echo der Berge weckten. — So verging der Tag, der Abend kam und man hatte nicht den kleinsten Fußtritt des verlorenen Kindes im Schnee gefunden. Der Vater, der wie ein Held rüstig und schweigend dem Zuge vorangeschritten war, brach in trostlosem Jammer zusammen. — Vierzehn Tage lang 163 wiederholten sich ähnliche Scenen im Dorf, schallte die hilserusende Glocke durch den Morgen, versammelten sich muthige Schaaren zu neuen, vergeblichen Zügen. — Eine große Trauer hatte sich über das ganze Dorf gelegt, aus keinem Hause hörte man mehr fröhliches Singen und Lachen, die Eltern des Verlorenen gingen wie Jammerbilder umher. Wenn Sonntags der Prediger in der Kirche sein Gebet für das verlorene Kind erhob, ging ein lautes Schluchzen durch die ganze versammelte Gemeinde und Jeder faltete seine Hände und flehte um Trost für das Weh, das sich wie ein schneidendes Schwert in ein Vaterherz, in eine Mutterbrust gesenkt hatte. In dieser Zeit war Mercedes in Wahrheit ein Mitglied des Dorfes geworden. Sie trug einen gemeinsamen Schmerz mit seinen Bewohnern, sie lernte recht aus Herzensgrund sie schätzen und lieben. Wie gern vergab sie ihnen ihr schwerfälliges Wesen, nun sie sah wie es austhauen, aufflammen konnte in der Bereitwilligkeit zu helfen und mit zu leiden, wo Einer der Ihrigen litt, wie sie alle Arbeiten und ihren Lohn hinwarfen und nichts wollten und dachten als die Rettung des verlorenen Kindes. Dieses aber schien spurlos verschwunden; hier und da tauchten Gerüchte auf von seinem Erscheinen an anderen Orten, aber sie erwiesen sich alle als grundlos. — Endlich, als die linden Märzlüfte das Eis der Bäche und Ströme anfingen zu lösen und die umpanzerten Pfade frei wurden, — da fand man die Leiche des Kleinen zwischen den Weiden des tiefen Stromes, der das Dorf umfloß und dort durch eine dunkele Bergschlucht brauste. Ohne Zweifel war er von einer Brücke heruntergestürzt, unter dem Eise fortgetrieben worden, bis er unter den schützenden Weiden sein letztes Schlafkämmerlein fand. — Die Züge seines Gesichtes waren vielleicht nur den Eltern noch kenntlich, aber die Gestalt und den Anzug erkannte Jeder, der den Verunglückten an jenem Wintertag noch so fröhlich durch das Dorf hatte springen sehen. Im feierlichen Trauerzug trug man die kleine Leiche in das Grab und überschüttete es mit den ersten Zweigen des frühgekommenen Lenzes. Auch Mercedes schloß sich mit den Ihrigen dem Zuge an und hernach ging sie zu den betrübten Eltern und bat um die Erlaubniß ein kleines Denkmal für den verlorenen Liebling anfertigen zu dürfen. Sie hatte wohl noch niemals ein reicheres Honorar empfangen, als in den Thränen der Mutter, die auf die Hand fielen, welche das liebliche Erinnerungszeichen gemalt. Auf einer hölzernen Tafel, wie die Dorf- 11 * 164 bewohner sie auf ihre Gräber setzen, schwebte der Frühlingsengel und umschlang mit grünen Palmenzweigen den in gothischer Farbenschrift gemalten Liebesruf des Heilands: „Lasset die Kind lein zu mir kommen!" Viele Thränen flössen auf den kleinen Hügel, wenn die schönen Worte gelesen und der liebliche Engel bewundert wurde, und Mercedes hatte sich mit dieser freundlichen Liebesthat die Herzen des ganzen Dorfes gewonnen. — Freilich bekam sie damit auch ein Amt, das ihr manche Stunde raubte, indem noch mancher Spruch zu Freuden- und zu Trauerfesten bei der geschickten Künstlerin bestellt wurde. Doch sie erfüllte so gern solche Wünsche und freute sich, mit der Sprache ihrer Kunst diese verschlossenen, aber redlichen Herzen öffnen zu können, die Freuden ihres einfachen Lebens zu verklären und die Thränen ihres Schmerzes sanfter fließen zu lehren. „Es ist doch gerade als ob die Jungfer Betty wieder unter uns lebte!" — sagte einmal die alte Lisbeth, jene uns bekannte Gestalt an der Kapelle, welche oft die Künstlerin besuchte und ihr mit ihrem edlen, ausdrucksvollen Gesicht ein sehr brauchbares Modell war. — Die fröhliche Kathrin meinte sogar, daß sie gern sterben möchte so lange ihr Fräulein noch im Dorfe wohne, damit sie doch auch einen so schönen Spruch von ihr auf das Grab gemalt bekäme. Mercedes gab ihr indeß das Versprechen, ihr einen solchen aus der Künstlerstadt zu schicken, sollte sie einmal die Kunde ihres Todes dort vernehmen, was indeß, wie sie hoffe und wünsche, noch lange nicht geschehen möge. - „Freilich, man lebt doch noch immer gern in der Welt," meinte Kathrin, „wenn man auch sein Päckchen Plage auf ihr zu tragen hat. Aber, Fräulein! wenn man auf Ihren Bildern Alles so schön abgemalt sieht, was man hat, dann wird man ordentlich stolz auf sein Hauswesen und bekommt neue Lust am Leben und Arbeiten." Mercedes hätte kein Lob höher beglücken können. Ja, sie fühlte: erst jetzt war sie eine Genremalerin geworden. Sie hatte keine übertriebenen Vorstellungen mehr vom Bauernleben; sie erkannte seine Schattenseiten, aber desto Heller trat auch das Licht hervor, das sie jetzt wie eine alles belebende Sonne auch durch die engen Fenster dieser kleinen Hütten glänzen sah. „Ich glaube, Mercedes!" sagte Frau Bergheim eines Tages, „Du hast unser Dorf und unsere Bauern doch jetzt von ganzem Herzen lieb!" 165 Mercedes umarmte die Freundin. — „Ja, ich habe sie von ganzem Herzen lieb und das haben sie Dir zu danken und ich auch! — Du hast doch Recht gehabt!" 9. Der Künstlerin Abschied. Es war ein Heller, frischer Sonntag im schönen Monat September, als das Atelier der Künstlerin für die Bewohner des Dorfes geöffnet stand, um die beiden Bilder zu sehen, welche sie während ihres Aufenthaltes bei ihnen gemalt hatte. Sie wollte ihnen diese Freude machen, ehe sie wieder in die Künstlerstadt zog, die doch ihre eigentliche Heimath war, denn ein Maler kann nur mit seinen Genossen auf längere Zeit leben und in seinem Berufe eingreifend wirken. Aber der Aufenthalt in dem wirklichen Gebiete ihrer Kunst hatte doch der Künstlerin in jeder Weise wohl gethan und sie bedeutend gefördert. Es waren zwei prächtige Bilder, die sie zustande gebracht, sie trugen das volle Gepräge des wahren, wirklichen Lebens und keins ihrer früheren Werke konnte sich mit ihnen vergleichen. Freilich, es waren keine hellenischen Gestalten, die da in dem „Sonntagmorgen" ihres Bildes, durch die ländlich geschmückten Siegespforten den Pfad zu der kleinen gothischen Kirche herauf wallten. Es waren nur schlichte Bauern, derbe Jünglinge und Mädchen in der Landestracht, deren einzige Eigenthümlichkeit in ihrer einfachen Ehrbarkeit bestand, welche mit Strauß und Band geschmückt- sich so freudig zunickten, als jubelte es in ihren Herzen: „Wir waren auch dabei! — Wir haben auch mitgekämpft und gearbeitet, damit das Vaterland frei würde!" — Es waren von Arbeit und Alter gebückte Männer- und Frauengestalten, die an Stab und Krücke, oder von ihren Kindern geleitet, unter der blühenden Dorfjugend einherschritten, um ihr Dankesopfer auf Gottes Altar für seine allmächtige Hilfe an dem großen Werke niederzulegen. Doch der Glanz von Andacht und Freude, der über all' diese ehrlichen Gesichter leuchtete, der kam aus einer Welt, wo wir uns Alle zusammen gleich und verbunden fühlen, wo eine Schönheit blüht, die dem schlichtesten Bewohner dunkeler Gebirgshütten so eigen sein kann, wie jenen Gestalten in Griechenlands sonnigen Gefilden, die Apelles' Pinsel gemalt und Phidias' Griffel verewigt haben. Es war die Schönheit der Seele, welche jede Form verklärt und auf diesem Bilde den Beschauer doppelt anmuthete, denn es war die Siegesfreude des deutschen Gemüthes, welches sie hervor- 106 leuchten ließ. — Und dieselbe Schönheit blühte wie ein frischer Feldblumenstrauß aus der Stube „der Drillinge," welche das zweite Bild darstellte. — Frau Kathrin hatte Recht, wenn sie sagte: „Man meint doch gerad', als dürfe man nicht hart auftreten; man möchte sich die Schuhe ausziehen, daß man die lieben Bürschchen da nicht aufwecke." — Ja, so süß schlafend lagen sie alle Drei nebeneinander da, nichts ahnend von der Sorge, mit welcher das bleiche und doch in seiner Liebe so rührende Mutterantlitz sich über ihren ersten Lebensmorgen beugte, nichts fühlend von der Armuth um sie her, in welcher dennoch der Vater mit der Zuversicht eines wackeren Mannes stand und die kleinen Geschwister so fröhlich spielten, — in welcher der alte, treue Dorfmächter neben der verglimmenden Nachtlampe saß, das große Horn neben sich, das heute so kräftig und Schutz verheißend die erste Lebensstunde der drei Königskinder im Dorfe begrüßt hatte. Und wer hätte zweifeln können an dem Schutz für die Zukunft dieser drei kleinen Erdenbürger, dessen Blick auf die jugendfrische, edle Mädchengestalt fiel, welche, von dem durch die geöffnete Thüre fallenden Morgenlicht beleuchtet, in die düstere Stube trat, selbst wie ein Heller Lichtstrahl — wie ein Hilfe und Rettung bringender Lebensengel. — „O, unsere Jungfer Betty! — unsere Jungfer Betty!" — so hörte man hier und da in dem Kreise der Betrachtenden rufen, und über manches gefurchte Antlitz leuchtete die Erinnerung der Jugend wie fröhliches Morgenroth. Ja, das ging heute lebhaft zu im Hause der guten Frau Bergheim, die mit ihren Töchtern, strahlend vor Freude, die hereinströmende Schaar von Jung und Alt empfing und vor die Bilder ihrer geliebten Mercedes, die sich selbst bescheiden zurückgezogen hatte, geleitete. Auch Frau Kathrin machte in ihrem besten Sonntagsstaat die Honneurs in dem Atelier, für das sie so treu gesorgt, in welchem sie so fröhlich gewaltet hatte. Sie nahm sich auch ihren Theil von dem darin bereiteten Kunstgenuß, der ohne sie, wie man ihr zugestand, nicht zustande gekommen wäre. Sie hatte sich's auch nicht nehmen lassen, die große Puppe festlich zu kleiden und war nun ärgerlich, daß sie dieselbe, auf ihrer Herrin Geheiß, hinter den Vorhang stellen mußte. Wenn es nach ihr gegangen wäre, so hätte sie am Eingänge der Thüre gestanden, und zwar mit der Ruthe in der Hand, um wenigstens der Frau Sander einen derben Denkzettel zu geben, wenn sie die Frechheit haben würde, auch zu erscheinen. Und wirklich war auch die böse, oder wie Frau Bergheim freundlich 167 meinte, die bekehrte Frau unter den Zuschauern der Bilder; — sie trocknete sich sogar ein paarmal die Thränen mit der Schürze, um wirkliche oder, wie Kathrin meinte, geheuchelte Thränen daraus zu wischen. Wir wollen zu ihrer Ehre das Erstere glauben; gewiß ist, daß sie eine für ihre Verhältnisse ziemlich bedeutende Gabe in die kleine Kasse für die Armen im Dorfe legte, welche Mercedes in dem Atelier hingestellt und in welche Jeder, der es konnte, gern mit einem Scherflein die Freude dieses Tages bezahlte. Ja, es war große Freude im Dorfe über die schönen Bilder, die aus ihm hervorgegangen, in welchen sich seine Bewohner wiederfanden, veredelt von dem Zauberstrahl der Kunst. Meinte man nicht die Glocken läuten zu hören in diesem gemalten Sonntagmorgen? — so hell und klar empfing sie die köstliche Luft der Heimath mit dem blauen Duft der fernen Berggipfel, die so feierlich herüber blickten, als lauschten auch sie mitfeiernd den zu ihnen emporschallenden Siegesklängen. „Das ist der Tag des Herrn!" — so läutete, so klang es durch alle Herzen und die Ahnung von dem hohen Beruf der Kunst ging auch wie ein rothglühender Sonntagmorgen über dem kleinen Dorfe auf. Auch in die benachbarte Stadt schickte Mercedes auf die Bitte einiger Freunde, welche sie sich dort erworben, ihre Bilder und ließ sie zum Besten der Armen ausstellen. Es kam eine ziemlich bedeutende Summe zusammen, welche die glückliche Künstlerin zur Verwendung zu einem wohlthätigen Zweck in die Hände der beiden Geistlichen legte, die ihr während ihres Aufenthaltes im Dorfe so treue Freunde gewesen waren. Ein reicher Kaufmann der Stadt kaufte sogar für einen hohen Preis das Bild von den „Drillingen", zum Andenken jenes historischen Ereignisses im Lande, wie er sagte. Es gab eine große Freude, als diese Nachricht in das Haus unserer Freunde kam und Mercedes gab nach Künstlerart „einen Satz", d. h. ein fröhliches Mahl mit Kuchen und Wein, wozu auch die Drillingsfamilie mit all' ihren Modellen eingeladen wurde und das an fröhlicher, harmloser Lust seinesgleichen suchte. Als man am Abend Abschied nahm, legte Mercedes ein Päckchen in des älteren Kaspars Hände, das eine ziemliche Anzahl Banknoten von dem Kaufpreise ihres Bildes enthielt. Auf den Umschlag hatte sie geschrieben: „Für den kleinen Kaspar, wenn er einmal ein Handwerk lernen will." — Als der bestürzte Mann die reiche Gabe ablehnen wollte, sagte 168 Mercedes: „Das ist wohlverdientes Gut, ohne Euren Jungen hätte ich meine Bilder nicht zustande gebracht." — — Es war ein thränenreicher Tag, als Mercedes aus dem Dorfe schied, in welchem sie ein paar Jahre gelebt, mit Unterbrechung der Reisen zur Künstlerstadt, um Elisabeths Grab zu grüßen und sich Rath und Ermunterung von ihren Kunstgenüssen zu holen. Sie war immer früher zurückgekehrt, als sie gewollt, nun aber stand eine längere Trennung bevor, und all' die Sachen, an welche sich ihre Hausgenossen so sehr gewöhnt, waren eingepackt, sogar über die große Puppe waren Frau Ka- thrin's Abschiedsthränen geflossen. Jung und Alt drängte sich um den Wagen, als Mercedes mit roth- geweinten Augen aus dem Hause der Freunde trat und von ihnen unter lautem Schluchzen in denselben hineingehoben wurde. „Lebt wohl! lebt wohl!" — so klang die sanfte Stimme auf der ganzen Fahrt durch das Dorf — „vergeßt mich nicht!" » * * Nein, sie wurde nicht vergessen, die gute Mercedes. Noch lange sprach man im Dorfe von ihrem freundlichen Wesen, ihren schönen Bildern und dem Atelier mit all' seinen lieblichen und schauerlichen Wundern. — Eine kleine Modellpuppe, nach welcher sie Kinderröckchen zu malen pflegte, hatte sie Frau Kathrin geschenkt und diese putzte sie jeden Sonntag mit hübschen Kleidern zur Belustigung der Dorfjugend aus, die sich regelmäßig um sie versammelte und mit dem kleinen Töchterchen der großen Puppe spielte. Elisabeth's und Mercedes' Name aber vereinigten sich zusammen in der Erinnerung der Dorfbewohner zu einem lieblich leuchtenden Dios- turengeftirn und machten das schöne Wort des Dichters wahr: „Die Stätte, die ein guter Mensch betrat. Ist eingeweiht, nach hundert Jahren klingt Sein Wort und seine That dem Enkel wieder!" (Göthe's Tasio.) 169 Ner kleine Rentier. Bon Ottilie Mhes. „Wama, liebe Mama, was für ein schönes Christbäumchen hast Du uns aufgebaut!" rief Hänschen, „da sind ja eins, zwei, drei, vier, fünf, sechs Lichter drauf." „Ja, sechs Lichter brennen auf dem Christbäumchen," jubelte Maxchen und klatschte fröhlich in seine Hände, „und noch eine große Schüssel voll Semmeln steht unter dem Bäumchen." „Und all' die Semmeln sind für uns, Mama?" fragte Mariechen, das älteste der drei Kinder und blickte begierig nach dem schönen Gebäck. „Ja freilich, und Ihr könnt sie gleich verzehren," antwortete die Mutter und vertheilte dieselben unter die Kinder. „Ach, so herrlich hätte ich mir den Weihnachtsabend nicht gedacht!" rief hocherfreut das kleine Mädchen; „der große Christbaum mit sechs Lichtern darauf und für jedes von uns so viel Semmeln!" „Hätt' Euch gern mehr bescheert," sagte die Mutter, „aber ich konnt's nicht. Mit den paar Groschen, die ich Tagelohn bekomme, kann man keine entbehrlichen Dinge kaufen. Im vorigen Jahre war's freilich anders, da hatt' ich mehr auf den Weihnachtstisch zu legen, da lebte unser guter Papa noch." Die Augen der Mutter füllten sich mit Thränen, indem sie daran dachte, daß ihr braver Mann nun schon beinahe seit einem Jahre für immer entschlummert war. „O, liebe Mama, mußt.nicht mehr weinen, daß Papa todt ist," sagte Mariechen. „Papa ist ja bei dem lieben Gott im Himmel und da muß es wohl schön sein." Die arme Frau ging aus dem Stübchen, sie wollte durch ihre Traurigkeit nicht den Frohsinn der Kinder stören. „Im Himmel da möcht' ich auch wohl sein," meinte Hänschen, „da sind ja all' die hübschen funkelnden Sternlein, da braucht man nur die Hand aufzuhalten und gleich hat man einen gehascht, und da ist auch die goldene Sonne und der silberne Mond." „Und da bekommt Papa vom lieben Gott auch bescheert — den ganzen Weihnachtstisch voll Kuchen und so viel Rosinenbretzeln, daß er sie gar nicht alle essen kann!" rief Maxchen, das jüngste der Kinder. „Aber wenn Papa so viel Kuchen bekommt, könnt' er uns wohl etwas abgeben," sprach Häuschen, „wir sind ja artige Kinder, das weiß ' ja Papa, denn Mama sagt immer, wenn wir etwas Böses gethan: Was wird Papa dazu sagen, wenn er's vom Himmel aus sieht, daß ihr die arme Mama so quält." „Ja, Papa weiß gewiß Alles. Und der liebe Gott weiß es noch viel besser," sprach Manschen mit wichtiger Miene. „Mama sagt: Der liebe Gott ist immer bei uns und sorgt für alle Menschen, wenn sie brav und gut sind." „Das thut er," rief die Mutter, die jetzt eingetreten war und die letzten Worte ihres Töchterchens gehört hatte. „Wenn ich zuweilen nicht ein noch aus gewußt, dann betete ich zu Ihm und Er half mir stets." „Aber Mama, dann bitte doch den lieben Gott, daß er Dir einen warmen Rock schenkt, damit Du nicht mehr zu frieren brauchst, wenn Du in die Heide gehst und Holz suchst," meinte Manschen. „Ach ja, einen warmen Rock soll Dir der liebe Gott schenken!" rief Hänschen. „Der Knecht Ruprecht kann Dir ja gleich einen bringen, weil der liebe Gott nicht vom Himmel kann. Lieber Knecht Ruprecht komm' nur gleich," bat Maxchen. „Horch, da ist er schon!" sagte Manschen etwas ängstlich sich an die Mutter schmiegend, denn man hörte ein Kratzen an der Thüre und ein leises Wimmern. „Der Knecht Ruprecht ist's nicht, der würde nicht so wimmern," meinte Hänschen mit stockender Stimme. „Er kann's doch sein — hat vielleicht ein unartig Kind im Sack und das weint, weil es von Papa und Mama fortgeholt ist," flüsterte Maxchen. „Aber wir sind artig, uns darf er nicht mitnehmen," und dreist blickte er nach der Thüre. Die Mutter wußte nicht, was sie von dem Gewimmer denken sollte und war nicht ganz ohne Furcht. Das Häuschen, in dem sie wohnte, lag weit von der Stadt entfernt, mitten auf dem Felde. Wer sollte dasselbe gerade am Christabend aufsuchen. Doch, nur einen Augenblick zögerte sie die Thüre zu öffnen, dann that sie es eiligst und herein lief ein großer Hund mit schwarzem, zottigen Haar und so mager und häßlich, wie sie noch keinen gesehen. Erschöpft sank das Thier, als es das Zimmer erreicht, auf den Fußboden nieder und blickte zu den Kindern, die sich entsetzt über 171 das garstig aussehende Geschöpf in die Ecke der Stube gedrängt hatten, wie hilfestehend auf. Erst als die Mutter sagte: „Armes Thier, du bist entweder krank oder hungrig," erwachte das Mitleid bei den Kindern und sie traten an den Hund heran. „Aber, Mama, warum giebt ihm denn sein Herr nichts zu fressen?" fragte Mariechen. „Vielleicht ist er seinem Herrn fortgekommen, auch giebt es wohl Menschen, die ein armes Geschöpf vernachlässigen, wenn es krank und hilflos ist. Wir wollen uns jedenfalls seiner annehmen." „Ja, Mama, den armen Hund wollen wir recht lieb haben," sagte Hänschen. „Ja, ja das wollen wir!" riefen Mariechen und Maxchen. Und die Semmeln, über welche sich die Kinder soeben gefreut, ihnen ein so seltener Leckerbissen, wurden mit Freuden hergegeben das hungrige Geschöpf zu erquicken. Begierig verschlang das Thier ein Stück nach dem andern. „Hast wohl auch Durst, mein armes Thier!" sprach Maxchen zum Hunde. „Mama, er nickt, er will Milch haben." „Darf ich ihm welche geben, liebe Mama?" fragte Mariechen. „Wenn Ihr morgen früh mit dem trockenen Brod fürlieb nehmen wollt, hab' ich nichts dagegen," antwortete die Mutter. „Ja Mama, das wollen wir, das wollen wir!" riefen die Kinder und Mariechen holte einen Napf voll Milch aus der Küche und setzte sie dem durstenden Hunde vor, der sich die gute Milch sehr wohl schmecken ließ. „Er hat alles ausgelösten, alles aus!" jubelte Maxchen und sprang vergnügt im Stübchen herum. Die Mutter freute sich über ihre liebreichen, freigebigen Kinder, obgleich es ihr schmerzlich war, daß sie dieselben des Hundes wegen nun noch kärglicher als bisher abspeisen mußte. „Noch ein Wesen mehr, das ich ernähren soll," seufzte sie, und doch konnte sie es nicht über das Herz bringen, das arme Geschöpf, welches bei ihr Schutz gesucht, wieder hinauszustoßen in die kalte, finstere Nacht. „Gott hat dich zu uns geführt und gerade am heiligen Christ, du sollst bei uns bleiben, wenn sich nicht Jemand findet, der dich haben will," sagte sie und streichelte mitleidig den Hund, der, wohl merkend wie gut 172 sie es Alle mit ihm meinten, ihnen die Hände leckte und freundlich zu ihnen aufblickte. Vier Wochen war der Hund nun schon in der armen Familie und die ganze Freude der Kinder. Sein wenig empfehlendes Aeußere vergaßen sie über seine Anhänglichkeit. Er war ja auch zu possierlich, konnte dienen, Pfote geben und allerlei hübsche Kunststücke machen. Die Kinder hatten ihn bald so lieb, daß sie ihm die zärtlichsten Namen gaben, ihren süßen Hund nannten und jeden Bissen Brod mit ihm theilten. Lieber gingen sie selbst hungrig zu Bett, ehe sie das Thier darben ließen. Aber nicht allein die Kinder legten sich manche Entbehrung auf, sondern auch die Mutter lebte noch spärlicher als sonst, um das große, sehr gefräßige Thier satt zu machen. Ihr schon durch schwere Arbeit geschwächter Körper litt dadurch noch mehr, und eines Tages war sie so hinfällig, daß sie das Bett nicht verlassen konnte, weshalb das sehr besorgte Manschen zum Doktor lief, der durch ihre Bitten und Thränen gerührt auch bald folgte. Noch saß der Arzt am Bette der Kranken, den Puls derselben untersuchend, als sein Blick auf den Hund fiel, der leise knurrend an ihn herangeschlichen kam. „Ei, was seh' ich! hier ist also der Langgesuchte," sagte der erstaunte Doktor. „Wie in aller Welt kommt Ihr zu dem Hunde, den ich in dem Städtchen schon mehrere Male habe ausklingeln lassen?" fragte er dann. Die Frau erzählte der Wahrheit getreu den ganzen Hergang. „Nun, gute Frau, da ist Ihnen mit dem Thiere das Glück in das Haus gelaufen, denn der Hund ist ein Rentier. Nein, nein, seht mich nicht so erstaunt an, ich scherze nicht, der Hund bezieht wirklich ein Jahrgehalt von hundert Thalern." Diese rätselhaften Worte wurden der erstaunten Frau also erklärt: Ein reicher Herr war auf seiner Durchreise im Städtchen gestorben. Er hatte den Hund mit sich geführt, der ihn einst aus den Flammen gerettet. Der Herr hatte nämlich die üble Gewohnheit Abends im Bett zu lesen, vergaß einmal das Licht zu löschen bevor er einschlief, und das Deckbett, welches der Flamme zu nahe gekommen sein.mußte, gerieth in Brand. Unfehlbar wäre der Festschlafende ein Opfer seiner Fahrlässigkeit geworden, wenn nicht sein treuer Hund es gewesen, der, die Gefahr seines Herrn ahnend, ihn durch lautes Bellen, Zerren an Händen und Füßen aus dem betäubten Zustand, worin ihn die dicken Rauchwolken versetzt, 173 erweckt hätte. Seine Dankbarkeit gegen das treue Thier war so groß, daß er kurz vor seinem Tode einen Notür kommen und in Gegenwart des Arztes ein Codicill zu seinem Testamente aufsetzen ließ, worin er dem Verpfleger des Hundes diese Summe aussetzte. Zu diesem Pflegeramte hätten sich natürlich viele gefunden, aber der Hund hatte sich seinen Pfleger selbst gesucht und der Instinkt ihn hierbei sehr gut geleitet; denn, wie wir wissen, fand er die liebevollste Aufnahme bei den uneigennützigsten Menschen. Welch' einen Jubel diese Nachricht bei der ganzen Familie hervorrief, läßt sich kaum beschreiben. Die Mutter war bald genesen und dankte Gott für die unerwartete Rettung aus drückendster Armuth. Der liebe Gott hatte hier in wunderbar lieblicher Weise geholfen. «les Rorckens. Bon Judioig Archis. Die göttlichen Wesen. §ie deutsche Mythologie kennt fünf Klaffen göttlicher Wesen: Äsen, Manen, Riesen, Alben und Helden. Die Heldensage hat mehr oder weniger schon historische Bestandtheile, das heißt, wir begegnen in den Helden schon Menschen, die entweder durch Verwandtschaft mit den Göttern oder durch ihre besondere Gunst mit übernatürlichen Kräften begabt waren, wie meine jungen Leserinnen einen solchen z. B. in dem Siegfried des Nibelungenliedes kennen. Auch kommt in diesem Epos noch eine Gestalt vor, die eben so übernatürlich erscheint, wenn nicht noch mehr, nämlich die Kampfesjungfrau Brunhild. Wir wollen indeß hier von den halbmenschlichen Persönlichkeiten absehen und bei den rein mythischen bleiben. Am wichtigsten für unsere Darstellung sind die Äsen und Manen, die 'eigentlichen Götter; da wir aber bei ihnen am längsten verweilen wollen, so werden wir zunächst in Kürze die Riesen und die Zwerge (die Alben) betrachten. Die ganze Mythologie ist größentheils nur die Darstellung des langen Kampfes, den die Götter gegen das Niesengeschlecht führen, bis dieses in dem letzten Kampfe, welcher den Untergang der jetzigen Welt herbeiführt. endlich ganz vertilgt sein wird. Wir werden daher bei den einzelnen Göttergeschichten immer auf die Riesen zurückkommen und wollen sie darum hier nur kurz und im Allgemeinen betrachten. Das Geschlecht der Riesen ist älter als das Göttergeschlecht. Sie bilden gewissermaßen die älteste Götterdynastie. Aus dem Leibe des Ur- riesen Dmir schufen die Asm erst die jetzige Welt, wie es denn in der Völuspa heißt: Einst war das Alter, da Hmir lebte. Da war nicht Sand, nicht See, nicht salzige Wellen, Nicht Erde fand sich noch Ueberhimmel, Gähnender Abgrund, und Gras nirgends. Aber wenn auch der Ur-Riese seinen Leib zur Bildung der Welt hergeben mußte, und in seinem Blute, aus dem das Weltmeer geschaffen wurde, viele seines Geschlechtes ertranken, so blieb doch einer am Leben, um es fortzupflanzen, und von ihm stammt die große Schaar der Götterfeinde. Getrennt von Midgard, dem Lande der Menschen, und von As- gard, der Wohnung der Götter, wohnten sie in Jötunheim, stets darauf bedacht, die Schöpfung der Götter und womöglich diese selbst zu vernichten. Sie hausten in felsigen Thälern, tiefen Höhlen und hohen Burgen, und von hier aus unternahmen sie Streifzüge in die übrigen Welten, so daß der Niese Wafthrudnir von sich sagen kann: Von den Joten Und aller Äsen Geheimnissen Kann ich Sicheres sagen. Denn alle durchwandert hab' ich die Welten, Neun Reiche bereist' ich bis Niselheim nieder; Da fahren die Helden zu Hel. Die Götter kamen aber auch häufig nach Riesenheim, oft zum offenen Kampfe, zuweilen um die Riesen durch irgend eine List zu schädigen, namentlich sucht sie Thor, der Donnergott, oft auf und er sagt von sich: Ich war im Osten, überwand der Riesen Böswillige Bräute, da sie zum Berge gingen. Uebermächtig würden die Riesen, wenn sie alle lebten, Mit den Menschen wär's aus in Midgard. Aus dieser Stelle geht zugleich hervor, daß die Riesen auch Feinde der Menschen sind, und zwar deshalb, weil die Götter deren Freunde und Wohlthäter sind. Die Menschen sind also die natürlichen Bundesgenossen 175 der Götter; und die gefallenen Helden versammelt Odin, der oberste der Götter, deshalb nach Walhall, um sie einst als tüchtige Kampfesschaar gegen die Unholden führen zu können. In geistiger Hinsicht erscheinen viele Niesen freilich als plump und einfältig, viele aber sind höchst weise, so daß die Götter selbst von ihnen lernen können; denn da sie älter sind als die Götter, so sind sie im Besitz uranfänglicher Weisheit. Auch in allerlei Zauberkunst sind sie groß, und Utgardloki, der Riesenkönig, setzt den starken Thor durch allerlei Blendwerk einmal in große Verlegenheit. Leiblich sind die Niesen, ihrem Urahn ähnelnd, von ungeheurer Größe, den Felsen gleich, in denen sie hausten, auch waren sie meistens häßlich und ungestaltet — hatte doch eine Riesenfrau neunhundert Köpfe. Oft sind die Köpfe der Riesen von Eisen oder Stein, und der Niese Hrnngnir hatte ein steinernes Herz. Zum Riesengeschlechte gehörten mancherlei Ungeheuer, riesenhafte Wölfe, die einst Sonne und Mond verschlingen werden; ein ungeheurer Drache, die Midgardschlange, die auf dem Meeresgrunde rund um die ganze Erde sich lagert; und wo uns in späteren Sagen Drachen begegnen: das sind verwandelte Riesen. Keineswegs jedoch sind die Riesen alle häßlich; auch der von Anfang an unter den Äsen weilende Loki war aus dem Geschlecht der Riesen und doch von hoher Schönheit, und die beiden Wanengötter Niördr und Freyr sind mit schönen Riesinnen vermählt. Da die Riesen in den Gebirgen wohnten und die Schätze in deren Tiefen kannten, so waren sie sehr reich. So trugen die Hunde des einen goldene Halsbänder, seine Kühe hatten goldene Hörner und er rühmte von sich, daß es ihm nimmer an Geschmeide und Schätzen mangele. Ursprünglich bedeuten die Niesen wohl die rohen Naturgewalten, die dem Menschen sich feindlich entgegenstellen. Die Vergriesen, dem Ackerbau abhold, bedeuten das starre Gestein; und da die hohen Felsen erst in der Dunkelheit recht unheimlich und lebendig erscheinen, so stammt daher wohl die Sage, daß die Riesen nur des Nachts wachen und handtiren, Tags aber schlafen; ja, daß der Sonnenstrahl sie in Stein verwandele; und manch' ein Felsen mochte als solch ein versteinerter Riese erscheinen und gelten. Die Frost- und Sturmriesen, Hrimthursen, brachten die bösen Winterstürme, den Schnee und das Eis. Die Wafferriesen zogen in den bösen'Herbststürmen die Schiffe zu Grund und der Feuerriese Surtur 176 wird endlich mit seiner Schaar das Ende der Welt herbeiführen. Alle verderblichen Gewalten rührten von den Riesen her, und es ist nicht zu verwundern, wenn man Spuren von Riesenverehrung unter den Menschen findet, die sogar zu Opfern, ja zu Menschenopfern geführt hat. Finden wir doch auch bei andern Völkern, daß sie da verehrten, wo sie fürchteten. Die Alben, Alfen oder Zwerge sind jünger als die Götter, denn sie sind von ihnen erschaffen worden. Da gingen die Berather zu den Richterstühlen, Hochheilige Götter hielten Rath, Wer schaffen sollte der Zwerge Geschlecht Aus Brimirs Blut und blauen Gliedern. Sie sind in vielen Dingen der Gegensatz zu den Riesen, erstens schon in der Größe, wenn wir sie uns auch nicht so klein zu denken haben, wie die Wichtelmännchen in unseren Märchen. Zweitens sind sie Freunde der Götter und ihnen in allen Dingen behilflich. Indem sie so zu den guten Mächten zählen, ist ihr Charakter stets mild, wenn ihnen in späteren Dichtungen auch hie und da ein hämischer Zug beigelegt ist. In ihnen, den unterirdisch wohnenden, ist eigentlich die Triebkraft der Erde dargestellt, die stillwirkende Kraft der Natur, die Gras und Halme hervor- sprießen läßt und im Schooße der Tiefe die kostbaren Erzadern wirkt, die freilich auch das verführerische Gold und das mörderische Eisen enthalten. Sie sind außerordentlich kunstreich: die vorzüglichsten Waffen und Kunstwerke, deren die Götter sich erfreuen, sind ihr Werk. Odins Spieß Gungnir, der nie sein Ziel verfehlt, Thors Hammer, mit dem er Riesen erschlägt und Felsen zerschmettert, und der nach jedem Wurfe in Thors Hand zurückkehrt — diese beiden Wunderwaffen sind ihr Werk. Dem Gotte Freyr haben sie ein Schiff gebaut, daß alle Äsen mit ihrem Heer- geräth darauf Platz haben, und das nach dem Gebrauch zusammengefaltet und in der Tasche getragen werden kann; ferner den goldborstigen Eber, der Gullinbursti hieß, auf dem der Gott ritt, oder den er vor seinen Wagen spannte. Für Odin schmiedeten sie den goldenen Ring Draupnir, der die Eigenschaft besaß, daß jede neunte Nacht acht gleiche Ringe von ihm träufelten; und für Sif, die Gemahlin des Donnergottes, welcher der falsche Loki ihr schönes Haar hinterlistig abgeschnitten, schufen sie goldenes Haar, welches auf dem Kopfe festhaftete und wie gewöhnliches Haar fortwuchs. Weil Sif den Charakter einer Erdgöttin hat, kann 177 man bei dem goldenen Haar an die goldenen Aehrenfelder denken, welche aus der Erde hervorwachsen. Weil die Alfen in der dunkeln Erde wohnen, heißen sie auch wohl Schwarzalfen, doch darf man dabei eben nicht an Häßlichkeit denken. Sie erscheinen vielmehr bald schön, bald häßlich, wie Menschenkinder auch. Der Zwerge giebt es sehr viele und mindestens hundert kennt die Edda mit Namen. Als die vornehmsten werden Modsognir und Durin genannt; Nordn, Sudri, Austri und Westri tragen den Himmel, die Verfertign der genannten Waffen und Kleinodien sind die Söhne Jwaldis: Brock und sein Bruder Sindri. Die Äsen und Manen, zu denen wir jetzt kommen, sind die eigentlichen Götter. Wie schon früher berichtet, befanden sich in Asgard einige Götter, die nicht asischen Ursprungs waren. Nach einem Kriege, den die Äsen mit den Manen geführt, waren Niördr und seine beiden Kinder Freyr und Freyja von jenen als Geißel ausgeliefert, wogegen Odins Bruder Hönir zu den Manen ging. Wir haben nicht nöthig, zwischen den Äsen und Manen hier einen Unterschied zu machen, da letztere den Äsen völlig gleich geachtet werden, von den Menschen aber dieselbe Liebe und Verehrung genießen, als jene, ja vielleicht noch mehr, da sie die Götter des ruhigen, behaglichen Lebens sind. Auch werden sie in der Edda vollständig zu den Äsen gezählt. Für gewöhnlich nimmt man zwölf Äsen und zwölf Asinnen an, doch wird zuweilen diese Ehre auch solchen zugetheilt, die es, streng genommen, nicht sind, so daß die-Aufzählungen nicht übereinstimmen. Die Äsen heißen: Odin, Thor, Niördr, Freyr, Tyr, Heimdall, Vragi, Widar, Wali, Uller, Hönir, Loki, Baldur, Hödur, Forsetti. Drei der Genannten sind als abwesend zu denken, nämlich Baldur und Hödur bei Hel und Hönir bei den Manen — dann sind's zwölf; oder es können die drei ausgeschieden werden, die nicht asischen Ursprungs sind, nämlich Loki, Niördr und Freyr: so hat man abermals die Zwölfzahl. Einige der Äsen erhalten erst ihre wahre Bedeutung in dem Weltuntergangsmythus und sollen bei seiner Darstellung besprochen werden, nämlich Baldur, Hödur, Wali, Tyr, Heimdall, Widar und besonders Loki. Die übrigen lassen sich mehr oder weniger an die beiden Hauptgötter Odin^und Thor anreihen, indem sie mit dem Einen oder dem Andern Verwandtschaft haben. Dasselbe gilt von den Asinnen. Diese heißen: Frigg, Saga, Eir, Gefion, Fulla, Freyja, Siöfn, Losn, Wara, Syn, Hlin, Snotra, Gna, Jdun, Gerdr, Sigin, Nanna. Die meisten davon sind eigentlich nur Dienerinnen und Botinnen der Frigg, mit kleinen Nebenämtern; von einiger Wichtigkeit sind eigentlich nur Frigg, Freyja und Jdun, die ihre Stelle bei Odin finden werden. Ueber Gefion, von der wir sonst nichts berichten wollen, möge hier eine bemerkungswerthe Mittheilung ihren Platz finden. „König Gplfi beherrschte das Land, das nun Swithiod (Schweden) heißt. Von ihm wird gesagt, daß er einer fahrenden Frau zum Lohn der Ergetzung durch ihren Gesang ein Pflugland in seinem Reiche gab, so groß, als vier Ochsen pflügen können Tag und Nacht. Aber diese Frau war vom Asengeschlecht; ihr Name war Gefion. Sie nahm aus Jötunheim vier Ochsen, die von einem Riesen abstammten, und spannte sie vor den Pflug. Da ging der Pflug so mächtig und tief, daß sich das Land löste und die Ochsen es westwärts ins Meer zogen, bis sie an einem Sunde still stehen blieben. Da setzte Gefion das Land dahin, gab ihm Namen und nannte es Seelund (Seeland). Und da, wo das Land weggenommen worden, entstand ein See, den man in Schweden nun Löger (Mälar) heißt. Und im Löger liegen die Buchten so wie die Vorgebirge in Seeland. So sagt Bragi der alte: Gefion nahm von Gylfi fröhlich, dem goldreichen. Die rennenden Rinder rauchten, den Zuwachs Dänemarks. Vier Häupter, acht Augen hatten die Ochsen, Die das Erdstück schleppten zu dem schönen Eiland." Zu den weiblichen göttlichen Wesen, die nicht Äsen sind, gehören die Nornen oder Schicksalsgöttinnen und die Walküren oder Kampfes- jungsrauen, deren wir bei Odin gedenken wollen. Wunderbare Erreiinng. Von Minna KangskcILt. Die Weichsel ist ein großer, mächtiger, schiffbarer und sehr fischreicher Strom mit vielen, vielen Nebenflüssen. Sie entsteht bei dem Dorfe Weichsel in Österreichisch-Schlesien aus der Vereinigung der weißen, 179 schwarzen und kleinen Weichsel, die an und nahe dem hohen, großen Barania in den Beskiden, einem Theile der mährischen Sudeten, entspringen. Die vereinigte Weichsel fließt von dort nach Krakau, dann auf der Grenze zwischen Galizien und Polen bis zur Einmündung des Sän. Von da ab wendet sie sich vollständig auf polnisches Gebiet. Zwei Meilen oberhalb Thorn tritt sie als ein 2850 Fuß breiter Fluß in Preußen ein und theilt sich, nachdem sie ein Gebiet von einigen zwanzig Meilen durchströmt hat, zwei Meilen oberhalb der einstigen Ordensveste, jetzigen Stadt Marienburg, in zwei Arme, die Nogat und Weichsel. Erstere mündet in's frische Haff, die letztere dagegen theilt sich bei dem sogenannten Danziger Haupt in der Nähe des Dorfes Käsemark abermals in zwei Arme, die alte und neue Weichsel, deren ersterer sich ins frische Haff, der zweite sich bei der Festung Weichselmünde in die Ostsee ergießt. Die Weichsel und ihre Arme sind im Frühjahr, wenn das Eis aufgeht und furchtbare Schollen treibt, äußerst reißend; namentlich ist es die Nogat bei Marienburg, die Weichsel bei Thorn, Schwetz, Graudenz, Mewe und Dirschau. Um nun die an den Fluß angrenzenden Landstriche, Niederungen oder Werder genannt, vor den Verwüstungen durch das Hochwasser und Eis des Stromes zu schützen, wurden schon zu der Zeit, als der deutsche Orden noch in Preußen herrschte, zu beiden Seiten des Flusses hohe, starke Erdwälle oder Dämme aufgeschüttet, die auch jetzt noch alljährlich, wo sie beschädigt sind, ausgebessert und wiederhergestellt werden. Die Werder sind sehr tief liegende, weit ausgedehnte, dicht neben der Weichsel und Nogat hinlaufende Ländereien, die ihres ausgezeichnet fruchtbaren Bodens wegen von einer sehr dichten Bevölkerung, meistens wohlhabenden Leuten, bewohnt werden. In jedem Frühjahr jedoch, wenn durch das Schmelzen des Schnee's, durch den öfter niederfallenden Regen die Gewässer anschwellen und das Eis auf den Strömen bricht, sind. die Bewohner dieser Niederungen der Gefahr einer Ueberschwemmung ausgesetzt und es müssen daher in dieser Jahreszeit jedesmal die entschiedensten und großartigsten Vorbereitungen getroffen werden, um einem solchen Unglücke vorzubeugen. In den meisten Fällen gelingt es; dennoch kommen Jahre vor, in denen nichts, selbst nicht die riesigen Dämme, der Gewalt des Stromes und der Macht der furchtbaren Eisschollen widerstehen können. 12 * 180 Man möchte fast glauben, der Strom spotte dann seines ihm von Menschenhänden begrenzten Weges, die Fluthen durchwühlen und durchbrechen oft an mehreren Stellen die Dämme, wälzen sich mit unwiderstehlicher Gewalt in die Werder und vernichten Alles, was sie auf ihrem Wege antreffen. Das Wasser steigt in solcher bösen Zeit oft bis über die Giebel der Häuser und begeben sich daher viele Bewohner der Werder schon beim Herannahen der Gefahr in die benachbarten Städte; viele aber bleiben in ihren Wohnungen, hoffend, daß ein Dammdurchbruch nicht stattfinden werde und können dann meistens nur mit größter Lebensgefahr mittelst Kähnen gerettet werden. Im Jahre 1855 konnte man trotz der gewaltigsten Anstrengungen das Graudenzer Werder vor einem Dammdurchbruch nicht bewahren. Das Wasser ergoß sich mit furchtbarer Gewalt und reißender Schnelligkeit und bildete Meilen und Meilen weit einen unabsehbaren See. — Der größte Theil der Bewohner verlor Habe und Gut, viele auch ihr Leben. Ein wohlhabender Besitzer der Gegend hatte sich, da er die Gefahr nicht so nahe glaubte, mit seiner Familie nicht geflüchtet. Sein Haus war nicht eins der höchsten, dennoch hielt er sich auf dem mit einer Gallerie versehenen flachen Dache desselben sicher, und hatte sich mit seiner Frau und seinem halbjährigen Kinde dort hinaufbegeben, — Gewiß könnt Ihr, meine lieben Leserinnen, es Euch denken, wie kalt es im Frühjahr mitten im Wasser auf so einem Dache ist. Die Mutter hatte deshalb die Wiege des Kindes mit hinaufgenommen und den Säugling hineingelegt, um ihn so viel wie möglich vor Kälte zu schützen; denn oft müssen solche arme Leute Tage lang in diesen luftigen Räumen zubringen. — Das Wasser stieg von Stunde zu Stunde, die Zimmer des Hauses waren vollständig davon erfüllt, es erreichte fast das Dach und weit und breit ließ sich kein rettender Nachen erspähen. Die Angst der Unglücklichen wuchs mit jeder Minute, weder schien man ihr entsetzliches Geschrei zu hören, noch auf das Wehen ihrer Tücher zu achten. Die Besitzung lag weit ab vorn Ufer, konnte daher nur mit großer Schwierigkeit erreicht werden; es war außerdem bei der ungeheuren Masse Verunglückter nicht möglich, Allen zu gleicher Zeit Hilfe und Rettung zu bringen, denn es fehlte sowohl an Nachen, da viele durch den Strom fortgetrieben waren, wie auch an Menschen, die dieselben zu Hand- 181 haben wußten. — Das Wasser benetzte bereits die Füße der unglücklichen Leute und verhieß ihnen den unvermeidlichen Tod. Gegenseitig von einander Abschied nehmend, küßten sie noch einmal ihren lieblichen Säugling, den sie nicht früher, als es durchaus nöthig war, seinem warmen Bettchen entreißen wollten, falteten die Hände zum Gebet, um dem lieben Gott im Himmel ihr Seelenheil zu empfehlen, als sie plötzlich in der Ferne einen herannahenden Nachen gewahrten und ihre Lebenshoffnung auf's Neue angeregt wurde. Anfangs arbeitete der Kahn sich nur langsam durch die Eisschollen und das Wasser stieg leider von Augenblick zu Augenblick; doch jetzt näherte er sich schneller und schon glaubten die Armen mit Bestimmtheit errettet zu sein. Aber, o Gott im Himmel! Ein entsetzlicher Schrei entfuhr dem Munde beider Eltern; eine mächtige Eisscholle hatte die Gallerie des Daches durchbrochen, die Wiege mit ihrem einzigen Kinde erfaßt und schnellte sie jetzt mit furchtbarer Gewalt in den reißenden Strom. Sie selber umklammerten im Augenblicke der Gefahr ganz unbewußt den Schornstein und waren dadurch wenigstens vorläufig demselben Schicksal entgangen. Die armen, armen Eltern! Vor ihren Augen und der Rettung nahe sahen sie ihren Liebling dem sicheren Tode entgegen gehen und konnten ihm keine Hilfe bringen, nicht einmal die letzte Stätte ihm bereiten. Mit Verzweiflung sahen sie der Wiege nach, die schnell von dannen trieb, und schon wollte die unglückliche Mutter derselben nachstürzen, als der Rettung bringende Kahn anlangte und man die beiden trostlosen Menschen in denselben hineinbrachte. Mit herzbrechendem Jammer klagten sie den Ruderern ihr Schicksal und baten flehentlich, nichts für die Errettung ihres Kindes unversucht zu lassen. Indessen war wenig Hoffnung für dieselbe vorhanden, denn es ließ sich voraus sehen, daß, wenn die Eisschollen die Wiege nicht zertrümmerten, sie der tobende Strom in das Meer schnellte. In verhältnißmäßig kurzer Zeit langte der Nachen in Graudenz an, und der Bauer und seine Frau, die vor Kälte, Angst und Aufregung erstarrt waren, wurden einer Familie, die sich zu ihrer Aufnahme bereit erklärt hatte, übergeben. Von der Wiege war nicht mehr das Geringste zu sehen; sie war schon in kurzer Zeit den Augen der Nachschauenden entrückt worden. 182 Doch unser himmlischer Vater beschützt oft auf eine wunderbare Weise i>ie Menschen, und namentlich sind es die kleinen Kinder, die noch nicht im Stande sind für sich selbst zu sorgen, die er in seine besondere Obhut nimmt. Darum besteht auch der Glaube, daß Gott einem jeden dieser Kleinen einen Engel beigesellt, der dasselbe auf seinem ersten Lebenswege behütet und bewacht. Auch unser kleiner Säugling muß wohl einen solchen Engel an seiner Seite gehabt haben; denn trotz der drohenden Gefahr, in der er sich befand, schlief er ruhig in seinem Bettchen weiter fort. Und wußten es vielleicht die Alles zerstörenden Eisschollen, daß sie es hier mit einem jungen, blühenden, unschuldigen Menschenleben, dessen Erhaltung so wünschenswerth war, zu thun hatten? , Unbehindert ließen sie die Wiege ruhig weiter schwimmen und der Strom trieb sie bis zu einem Dorfe, welches ungefähr eine Viertelmeile oberhalb Graudenz lag, wo sie von mehreren Personen, die dort ebenfalls zur Errettung Verunglückter hingestellt waren, bemerkt wurde. Augenblicklich begaben sich diese Leute in einen Kahn, setzten ihn in Bewegung und suchten mit einem an einer langen Stange befestigten Haken die Wiege an sich zu ziehen. Nach furchtbarer Kraftanstrengung und äußerster Vorsicht, die sie anwenden mußten, um die Wiege nicht umzuwerfen, gelang es ihnen und unversehrt nahmen sie das noch immer schlafende Kindlein mit seinem Bettchen aus derselben heraus und brachten es glücklich an das Ufer. Hier nahm es eine dort wohnende Frau in ihre Obhut. Da man wußte, daß fast sämmtliche Verunglückte des Werders nach Graudenz gebracht worden waren, so wurde sogleich ein Bote dorthin abgeschickt, der auskundschaften sollte, ob die Eltern des Säuglings noch lebten und sich dort befänden. Das Unglück des Kindes hatte sich aber schon in der ganzen Stadt verbreitet und es gelang daher dem Boten mit leichter Mühe die Eltern zu erforschen. Die Freude derselben war grenzenlos, als sie die Kunde von der kaum glaublichen Errettung ihres Lieblings vernahmen. In Windeseile stürzten sie nach dem Dorfe hin, in welchem sich ihr Kind befand und dankten, als sie es unversehrt in ihren Armen hielten, von ganzem Herzen und aus tiefster Seele dem lieben Gott für seinen wunderbaren Schutz. 183 Von ihrem Eigenthum retteten sie nur Geringes, dennoch waren sie glücklich; hatte unser himmlischer Vater sie doch sämmtlich erhalten und ihnen ihre gesunden- Glieder gelassen, mit deren Hilfe sie sich irdische Güter wieder erwerben konnten. Lrieckrilk Kolk bar i. Von Wilhelm Suchmr. Nachdem im Jahre 1125 mit Heinrich V. Tode das Haus der deutschen Könige fränkischen Stammes zu Ende gegangen war, stand das deutsche Volk wiederum vor der wichtigen Frage, wer nunmehr zum König zu wählen sei; diese Frage war um so bedeutsamer, weil in dieser ersten Hälfte des Mittelalters mit der Wahl des Fürsten zugleich das Geschlecht bezeichnet war, welches vielleicht für Jahrhunderte den deutschen Königsthron inne haben sollte. Durch verwandtschaftliche Bande stand dem erloschenen fränkischen Herrscherhause zunächst das hohenstaufische Geschlecht. Friedrich von Vüren, nach seiner an der schwäbischen Alb gelegenen Stammburg auch Friedrich von Hohenstaufen genannt, hatte dem vielgeprüften Kaiser Heinrich IV. in schweren Kämpfen treulich zur Seite gestanden und zum Danke dafür nebst dem Herzogthum Schwaben des Kaisers einzige Tochter Agnes erhalten. Zwei Söhne entsprossen dieser Ehe, beide eifrige Kampfgenossen ihres Oheims, des Kaisers Heinrich V. Der älteste derselben, Friedrich, folgte dem Vater in der schwäbischen Herzogswürde; dem jüngeren, Konrad, übertrug Kaiser Heinrich das Herzogthum Franken. So durfte das edle Geschlecht der Hohenstaufen oder Waiblinger, wie sie sich auch nach einem ihnen ungehörigen schwäbischen Städtlein nannten, im Besitz von zwei großen Herzogthümern des Reiches, dem erloschenen fränkischen Hause zunächst verwandt, sich wohl der Hoffnung erfreuen, nach Kaiser Heinrichs Tode in den Besitz der königlichen Würde zu gelangen. Aber die deutschen Fürsten fürchteten die rasch emporgewachsen Macht des staufischen Hauses; die geistlichen Fürsten zumal besorgten, dasselbe werde den von den Franken ererbten Kampf gegen die Herrscheransprüche des Papstes wieder aufnehmen; so geschah es, daß 1125 nicht einer der beiden staufischen Brüder, sondern Herzog Lothar von Sachsen aus dem 184 Hause Supplinburg, bisher der mächtigste Widersacher des verstorbenen Kaisers, zum König erwählt ward. Er erkaufte sich die deutsche Krone durch Verleihung großer Rechte an die hohe Geistlichkeit, die römische Kaiserkrone durch Unterwürfigkeit unter des Papstes Gebot. Um sich zu stärken, machte Lothar Herzog Heinrich den Stolzen von Baiern, aus dem Hause Wels, zu seinem Schwiegersohn und verlieh ihm später bei seinem Ableben noch das Herzogthum Sachsen. Nach langjährigem Kampfe überwunden, unterwarfen sich die hohenstaufischen Vrüder und Kaiser Lothar bestätigte sie in ihren Rechten und Gütern. Als nun Lothar, von einer Heerfahrt nach Rom heimkehrend, 1137 unerwartet und ohne einen Sohn zu hinterlassen starb, brach der Zwiespalt auf's Neue aus. Herzog Heinrich der Stolze von Baiern und Sachsen, als des Hingeschiedenen Schwiegersohn, glaubte der königlichen Würde schon sicher zu sein; aber sein hochfahrendes Wesen, seine gewaltige Macht hatten ihm die hohe Abneigung der deutschen Fürsten gewonnen. Dieselben wählten nunmehr den jüngeren der beiden staufischen Vrüder, Konrad von Franken, zum Könige; Herzog Heinrich verweigerte die Huldigung, ward geächtet und verlor seine beiden Herzogthümer. Sachsen erhielt Markgraf Albrecht der Bär von Brandenburg aus dem Hause Anhalt, Baiern Markgraf Leopold von Oesterreich und nach dessen baldigem Tode sein Bruder Heinrich mit dem Beinamen Jasomirgott. Heinrich der Stolze starb inmitten des Kampfes um seine zusammenbrechende Macht 1139; er hinterließ einen zehnjährigen Sohn Heinrich, nachmals der Löwe genannt. Konrad III. legte erst im Jahre 1142 den erbitterten Streit mit den Welsen einigermaßen bei, indem er Heinrich dein Löwen das Herzogthum Sachsen zurückgab und Albrecht den Bären anderweit entschädigte. Darnach trat Konrad III. 1147 einen Kreuzzug an; derselbe fiel äußerst unglücklich aus; krank kehrte der König zurück und fand Deutschland voll Brand und Mord; Herzog Heinrich von Sachsen hatte Konrads Abwesenheit zu einem erneuten Versuche benutzt, Baiern wieder für sich zu gewinnen. Der Kampf zwischen Welsen und Waiblingern tobte abermals; gebrochenen Muthes starb König Konrad III. Eingang 1152 zu Vamberg. Im Hinblick auf das zerrüttete Reich wagte er es nicht, den Fürsten seinen achtjährigen Sohn Friedrich zur Nachfolge zu empfehlen, sondern schlug seinen kräftigeren Bruderssohn vor, Herzog Friedrich III. von Schwaben. Friedrich der große Hohenstaufe, in der Weltgeschichte der Rothbart oder Barbarossa genannt, war der Sohn Herzog Friedrichs II. von 185 Schwaben und geboren im Jahre 1122. Seine Mutter Judith war eine Welfin, Herzog Heinrichs des Stolzen Schwester, er selbst daher des. jungen Sachsenherzogs Heinrichs des Löwen Vetter. Von Friedrichs Erziehung und Jugendleben wissen wir nichts. Als er in der Blüthe seiner Jahre den deutschen Thron bestieg, erscheint er uns nach deck Schilderungen der Zeitgenossen als ein Bild frischester Vollkraft und an Geist und Leib als ein ganzer Mann. Friedrich war von Mittelgröße, ebenmäßig und gut gebaut; sein Gang und seine Bewegungen waren frisch und schnell, sein Blick klar und lebhaft, seine Stimme hell und laut. Als echter Deutscher erschien Friedrich mit seiner frischen, weiß und rothen Gesichtsfarbe und dem blonden, ins Nöthliche spielenden Haar, das in krausen Locken das Haupt und als voller Bart das Kinn umgab. Zwischen den feingeschnittenen Lippen, zu denen die zierlichen Hände paßten, glänzten weiße Zähne und gaben dem Antlitz einen frischen und heiteren Ausdruck, so daß beinahe stets ein Lächeln darauf zu liegen schien. Und dieser äußeren Erscheinung entsprach der frische und muthvoll männliche Geist Friedrichs; seines Scharfsinnes und seiner raschen Entschlossenheit wegeu wurde er ebenso gerühmt, wie seiner Leutseligkeit und Freigebigkeit wegen. Eine edle Lust an großen Dingen und ein löbliches Streben nach Ruhm erfüllten ihn und wurden ihm die Triebfeder zu großen Thaten. Aber ebenso kannte man an ihm unerbittliche Strenge und eine eiserne, sich oft zur Grausamkeit verirrende Härte gegen Alle, die seinen Forderungen Widerstand zu leisten wagten. Im Puten wie im Bösen wurde Friedrich unterstützt durch ein treffliches Gedächtniß, das ihn kaum jemals im Stiche ließ. Auch der Rede war er wohl mächtig; in seiner Muttersprache konnte er sogar beredt werden, während er des Lateinischen, der Amts- und Geschäftssprache seiner Zeit, nur soweit mächtig war, daß er es ziemlich sicher verstand. Frühzeitig wehrhaft gemacht, folgte Friedrich seinem Oheim König Konrad auf den Wanderzügen durch das Reich, trat ihm dann in dem schweren Kampfe gegen die mit den Welsen verbündeten Zähringer stark und siegreich zur Seite, ward 1147 nach des Vaters Tod zum Herzog vou Schwaben erhoben, folgte alsbald darnach seinem Oheim in den verhängniß- vollen Kreuzzug. Bei der Belagerung von Damascus zeichnete sich der junge Schwabenherzog glänzend aus, aber das Schicksal konnte er nicht wenden. Dreißig Jahre alt, in der Blüthe der männlichen Kraft, übernahm er von dem sterbenden Oheim die Reichskleinode, das Zeichen der 186 Herrschaft. Am 5. März 1152 fand zu Frankfurt die Wahl durch die deutschen Fürsten statt und zwar ohne Widerspruch, denn Friedrich, durch seine Mutter dem Welfenhause nahe verwandt, hatte, obwohl selbst ein Waiblinger, den Oheim nach Kräften mit den Welsen zu versöhnen gesucht; so wohnte auch Heinrich der Löwe mit seinem streitbaren Oheim Wels VI. der Wahl und am 9. März in der Aachener Münsterkirche der Königskrönung Friedrichs bei. Friedrich Rothbart fand eine gewaltig schwere Aufgabe vor; im Innern des Reiches herrschte Zwietracht, das königliche Ansehen lag darnieder, der Streit zwischen Welsen und Waiblingern konnte jeden Augenblick auf's Neue entbrennen; die überwältigende Machtstellung des deutschen Königs über die Narbarländer Polen, Ungarn, Burgund, Italien, sie war im Dränge inneren Kampfes fast völlig verloren gegangen. So ging Friedrichs nächstes Bestreben dahin, auf seinen Wanderzügen durchs Reich als oberster Schiedsrichter den inneren Frieden wiederherzustellen und die königliche Macht im alten Glänze aufzurichten. Da er Frühling 1153 zu Constanz Hof hielt, erschienen vor ihm zwei Bürger der oberitalischen Stadt Lodi mit lauter Wehklage, daß ihre Stadt durch das übermächtige Mailand zerstört, die Einwohner in mehrere offene Dorfschaften zerstreut worden seien; sie baten, der König möge durch sein mächtiges Wort den Gewaltthaten der Mailänder Einhalt thun. Friedrich sandte alsbald ein Schreiben ab, welches die Rechte von Lodi unter des Königs Schutz stellte; die Mailänder aber, welche seit geraumer Zeit nicht die starke Faust eines deutschen Königs gespürt hatten, trotzten auf ihre volkreiche Stadt und ihre festen Mauern; Friedrichs Schreiben ward zerrissen und mit Füßen getreten; nur durch eilige Flucht konnte des Königs Bote sein Leben retten. Schon um diesen stets wachsenden italischen Wirren ein Ende zu machen und für einen Nömerzug freie Hand zu gewinnen, mußte Friedrich die deutschen Händel endlich schlichten; auf einem Reichstage zu Goslar, Sommer 1154, gab er das Herzogthum Baiern wieder an Heinrich den Löwen zurück und stellte so die Eintracht zwischen Welsen und Staufen wieder her. Allerdings gab Heinrich Jasomirgott das schöne Herzogthum nicht alsbald heraus, sondern erst nach mehrjährigen weiteren Verhandlungen und gegen glänzende Entschädigung. Im Herbste 1154 brach Friedrich mit einem Reichsheere nach Italien auf, die alte Völkerstraße über den Brenner verfolgend, das Jnn- und Etschthal entlang; aus den roncalischen Feldern, so genannt nach dem 187 Dorfe Roncaglia bei Piacenza auf dem rechten Po-User, hielt er Heerschau und entbot die Städte Oberitaliens zur Huldigung. Hier vernahm er neue Klagen über den Uebermuth der Mailänder, welche ihre Nachbarstädte Lodi, Como u. a. unterworfen hatten, das kaisertreue Pavia schwer befeindeten. Das gewaltige Mailand selbst vermochte Friedrich mit seiner unzureichenden Heeresmacht nicht anzugreifen; aber durch Oberitalien einher ziehend, eroberte und zerstörte er mehrere mit Mailand verbündete kleinere Städte, wie Chieri und Asti, nach langer harter Belagerung das feste Tortona. Im April 1155 empfing er zu Pavia die eiserne Krone der lombardischen Könige; im Sommer brach er auf zum Zuge nach Rom, daselbst die Kaiserkrönung vom Papste zu erlangen. Auf dem päpstlichen Stuhle saß damals Hadrian IV. und zwar in keineswegs angenehmer Stimmung. Von Süden her überzog ihn der streitbare Normannenkönig Wilhelm I. mit Krieg, von Norden nahte der deutsche König, um die alte Oberherrlichkeit über Rom wieder festzustellen. Und dazu war im Inneren der heiligen Stadt selbst gewaltiger Hader. Arnold von Brescia nämlich, ein ebenso gelehrter wie muthvoller Geistlicher, war mit der ketzerischen Lehre aufgetreten, die Geistlichkeit müsse dem weltlichen Besitz entsagen und zu der freiwilligen Armuth zurückkehren, welche der Heiland gepredigt und geübt; natürlich war damit auch die weltliche Gewalt des Oberhauptes der Kirche in Frage gestellt. Voll leidenschaftlichen Eifers, mit glühender hinreißender Beredsamkeit verkündete Arnold seine Lehre in Italien und Frankreich, überall verfolgt von dem ingrimmigen Haß der in ihrem weltlichen Besitze bedrohten Priesterschaft. 1143 brach in Rom selbst eine Empörung des Volkes gegen die Willkürherrschaft aus, welche Papst und Adel gemeinsam führten; die römische Bürgergemeinde setzte sich einen Senat, erklärte den Papst seiner weltlichen Gewalt verlustig; Arnold von Brescia kam aus seiner Verbannung nach Rom und suchte den Glanz der alten Republik zu erneuern. Hadrian IV. belegte den kühnen Mann mit dem Kirchenbann, die heilige Stadt mit dem päpstlichen Fluch. Da beugte sich das Volk und unterwarf sich; Arnold, aus der Stadt vertrieben, fand bei dem Adel der Nachbarschaft eine Zuflucht. In diesem Augenblicke nahte Friedrich Rothbart. Wird er die römische Bürgerschaft im Kampfe gegen die päpstliche Gewalt unterstützen, die auch ihm drohend gegenübersteht, ihm ein zweifelhafter Freund, ein gefährlicher Feind ist? — Am 9. Juni 1155 erschien Papst Hadrian im königlichen Lager bei Sutri; er hielt vor Friedrichs Zelt und erwartete, 188 daß der deutsche König ihm als dem Oberhaupte der Reiche nach altem Brauch den Bügel beim Absteigen halten werde. Friedrich aber that es nicht; Hadrian stieg endlich ohne diese Hilfe ab und nahm in einem Sessel Platz. Zwar ließ es Friedrich an Beweisen der Ehrfurcht keineswegs fehlen; er beugte vor dem Papste die Knie, küßte ihm die Füße; da er aber nunmehr den Friedenskuß begehrte, weigerte sich dessen der Papst, solange Friedrich ihm nicht die altgewohnte Huldigung des Bügelhaltens erwiesen habe. Friedrich leugnete dazu verpflichtet zu sein; doch erklärte er sich endlich dazu bereit, nachdem die zur Berathung versammelten geistlichen und weltlichen hohen Würdenträger die Erklärung abgegeben, daß das Halten des Bügels eine Ehre sei, welche den Päpsten durch die zur Krönung kommenden Könige von altersher erwiesen worden sei. Als darnach etliche Tage später Hadrian abermals dem königlichen Lager nahte, ritt ihm Friedrich entgegen, stieg selbst vom Roß, geleitete den Papst vor sein Zelt und hielt ihm beim Absteigen'den Bügel; darauf erhielt er den früher verweigerten Kuß des Friedens. Die schwer bedrohte Eintracht war wiederhergestellt und gemeinsam zogen Friedrich und Hadrian gen Rom. Aber auch die Römer bemühten sich, den deutschen König für sich zu gewinnen. Als Friedrich der Stadt nahte, erschien eine Gesandtschaft und bot ihm mit hohen Worten im Namen des römischen Volkes die Kaiserkrone an; dagegen verlangten sie Aufrechthaltung aller ihrer Vorrechte, den kaiserlichen Schutz und die Zahlung von 5000 Mark. Friedrich wies die Gesandten mit kräftigen Werten zurück; den Römern habe er nichts zu verdanken, noch sei er gewillt, einem so entarteten und verkommenen Gemeinwesen Zugeständnisse zu machen; sein Recht auf die Kaiserkrone beruhe nicht auf ihrem guten Willen, sondern auf der Geschichte von Jahrhunderten. Mit diesem Bescheid zogen die Römer nicht in der besten Stimmung ab. Bei seiner geringen Streitmacht durfte es Friedrich nicht auf einen offenen Kampf gegen die gewaltige Stadt ankommen lassen; so besetzte er unmittelbar nach der Ankunft vor Rom den auf dem rechten Tiberufer gelegenen Stadttheil, in welchem die Peterskirche liegt; er selbst zog am 18. Juni mit seiner Hauptmacht ein, zugleich zur Feier und zum Kampfe gerüstet. Mit festlichem Gepränge empfing Friedrich von des Papstes Hand die Kaiserkrone; alsbald darnach kehrte er in sein Kriegslager zurück. Derweil aber vernahmen die Römer, daß die Krönung bereits vollzogen 189 sei und zwar ohne ihr Zuthun; in wirrem Getümmel stürmen sie über die Tiberbrücke, welche die Deutschen, von Hitze und Müdigkeit bedrückt, nicht mehr besetzt hielten, und strömen nach dem unfern der Mauer gelegenen Lager der Deutschen. Besorgt um die Sicherheit des- im nahen Vatican weilenden Papstes, heißt Friedrich die Seinen zu den Waffen greifen und der Kampf bricht los; Heinrich der Löwe dringt durch eine Mauerlücke in die Stadt und ,schneidet die Römer von der Brücke ab. Wüthend hauen die Deutschen drein; den Römern bleibt nur die Wahl zwischen dem Tod durchs Schwert oder dem Sprung in den Fluß. Viele ertrinken, 800 liegen todt oder verwundet auf dem Kampfplatz. Des Kaisers Krönungsfest hatte ein blutiges Nachspiel erhalten; um eines planlosen Auflaüfes willen war Friedrich den Römern schwer verfeindet; und dieser Zorn ward noch durch Arnolds von Brescia kläglichen Tod gesteigert. Friedrich hatte die Auslieferung desselben erlangt und ihn dem Papst überantwortet; ohne den Urtheilsspruch abzuwarten, bemächtigte sich Pierleoni, der durch die Freiheitsbewegung des Volkes schwer geschädigte Stadthauptmann, des Gefangenen, ließ ihn erhängen, den Leichnam verbrennen, die Asche in die Tiber streuen. So endete der kühne Mann, und der Zorn der Römer wandte sich doppelt gegen Papst und Kaiser, welchen sie die Schuld beimaßen. Friedrich aber sah sich alsbald durch die eintretende Sommerhitze genöthigt, den Heimzug anzutreten; dabei wurde die Stadt Spoleto, deren Bürger dem deutschen Heere feindselig entgegentraten, hart durch Brand und Plünderung bestraft. Sein Versprechen, dem Papste gegen die Normannen beizustehen, vermochte Friedrich nicht zu erfüllen. Friedrichs erster Römerzug, das mußten die Zeitgenossen gestehen, war keineswegs glänzend ausgefallen. Mit dem Ansprüche, die kaiserlichen Rechte in Oberitalien wiederherzustellen, war er über die Alpen gekommen, hatte auch durch Naschheit und einige Nachgiebigkeit die Kaiserkrone erworben; ein paar kleine Städte, wie Asti, Tortona, Spoleto, hatten seinen Grimm erfahren; die großen und volkreichen, Mailand und Rom, hatte er trotz ihres Ungehorsams unbehelligt zur Seite liegen lassen müssen. Die harte Kriegführung der Deutschen hatte den Zorn der Italiener gereizt, die schwache Machtentwicklung ihren Trotz noch gesteigert; so wagten die Mailänder alsbald nach Friedrichs Abzug die alten Bündnisse zu erneuern, die kaiserlich gesinnten Städte abermals schwer heimzusuchen. Noch zu gutem Schlüsse mußte Friedrich die Widerspenstigkeit der Italiener 190 erfahren. Die Veroneser weigerten dem Kaiser den Uebergang über die Etschbrücke ihrer Stadt und bauten dafür oberhalb eine Schiffbrücke, jedoch möglichst unsicher. Da nun Friedrich mit den Seinen hinüberzog, ließen die Veroneser den Strom herab Balken und Flöße schwimmen, welche die Brücke zersprengten, und nur der Raschheit des Ueberganges dankten die Deutschen ihre Rettung. Wenig nördlich von der Stadt lag die Veroneser Klause, eine Stelle, wo der schmale Heerweg zwischen der brausenden Etsch und steil aufsteigenden Felswänden hinführte; oben aus dem Fels lag eine veronesische Burg, und die Mannschaft unter Führung eines Ritters Alberich weigerte dem Kaiser den Durchzug; die Wegelagerer schleuderten Geschosse hinab, ließen Felsblöcke in die Tiefe Hinabrollen und verlangten für die Gewährung des Durchzuges vom Kaiser eine bedeutende Summe Geldes, von jedem seiner Ritter ein Pferd oder einen Panzer, eine Demüthigung, zu welcher sich Friedrich nicht bequemen konnte; ein Weg aber auf dem anderen Etschufer war nicht vorhanden, auch wenn man den Strom hätte überschreiten können. Also galt es die Burg zu erstürmen. Auf seine unüberwindliche Stellung trotzend, hatte Alberich eine Felsspitze nicht besetzt, welche sich über der Burg steilrecht erhob; gelang es den Deutschen dieselbe zu erklimmen, so war die Burg unhaltbar und der Weg dem Heere geöffnet. Und es gelang. An der Spitze von zweihundert auserwählten Kriegern brachen Heinrich von Sachsen und Otto von Wittelsbach auf, um von zwei Veronesern geführt, die Höhe des Felsens zu ersteigen. Aus mühseligen Pfaden, durch Schluchten und über Abgründe hin gelangte die kühne Schaar glücklich auf die Höhe des Gebirges, den Fuß der die Burg überragenden Bergspitze. Hier aber begannen erst die größten Schwierigkeiten; da der Fels fast senkrecht abfiel, so mußten die Krieger einander auf die Schultern steigen, und so unter der Last des schweren Panzers beschwerlich in die Höhe klettern; sie verbanden die langen Speere zu einer Art von Leiter und erklommen so den letzten Absatz. Endlich war die schwindelnde Höhe erreicht und Otto von Wittelsbach entfaltete hoch über der Burg des Reiches Fahne; mit Schrecken sahen die Veroneser, daß sie nun beherrscht waren, wie sie vorher des Kaisers Heer beherrscht hatten. Otto mit den Seinen erstürmten alsbald von oben herab die Burg; fast die ganze Besatzung ward niedergemacht, Alberich und zwölf Genossen lebend als Gefangene vor den Kaiser geführt. Vergebens boten sie reiches Lösegeld; Friedrich ließ die 191 Verräther aufknüpfen; nur einer der Gefangenen, ein junger französischer Kriegsmann, welcher, ohne die Sache recht zu verstehen, an Alberichs Unternehmen theilgenommen hatte, bekam das Leben geschenkt und mußte dafür an den Genossen Henkersdienste verrichten. Fortan war Friedrichs Heimzug nicht mehr behindert. Im Herbste 1155 aus Italien heimgekehrt, mußte Friedrich Nothbart vor allen Dingen bemüht sein, in Deutschland selbst seine Macht völlig zu befestigen und dadurch sich für zukünftige Schläge nach außen zu rüsten. Eine grimmige Fehde war ausgebrochen zwischen dem Erzbischos Arnold von Mainz und dem Pfalzgrasen Hermann bei Rhein; vsn beiden Seiten ward mit unerhörter Grausamkeit gekämpft und der unglückliche Rheingau entsetzlich verwüstet. Friedrich lud die beiden Friedensbrecher vor seinen Richterstuhl nach Worms und schritt mit unerhörter Strenge gegen sie vor. Ein Todesurtheil sprach er nicht, aber die schuldigen Fürsten traf die entehrende Strafe des Hundetragens. Der mächtige Pfalzgras vom Rhein und zehn ihm verbündete Grafen mußten nach altdeutschem Straf- recht mit einem Hund aus den Armen und barfuß im strengsten Winter eine Meile weit wandern unter dem jauchzenden Beifall des Volkes. Auch Erzbischof Arnold, bisher Kaiser Friedrichs besonderer Günstling, sollte dieselbe Strafe leiden und zwei seiner Lehensleute halten bereits die Buße für ihn begonnen; da begnadigte ihn der Kaiser mit Rücksicht auf den tadellosen Wandel, das ehrwürdige Alter und die hohe geistliche Würde des Verurtheilten; auch abgesetzt ward Arnold nicht. Doch läßt sich denken, daß diese Strenge gewaltige Wirkung hatte durch das ganze Reich, zumal da Friedrich, den Rhein weiter hinabgehend, eine Anzahl kleinerer Friedensbrecher und Raubritter enthaupten, ihre Burgen brechen ließ. Schon alsbald.nach seiner Erhebung auf den königlichen Stuhl hatte Friedrich vom Papste die Scheidung seiner kinderlosen Ehe mit Adelheid, der Tochter des Markgrafen von Vohburg erreicht; Pfingsten 1156 vermählte sich der Kaiser zum zweiten Male mit Beatrix, der Erbin von Burgund. Sie war nicht nur anmuthig und schön, züchtigen und frommen Sinnes; diese Vermählung gab Friedrich Rothbart auch die Aussicht, das dem Reiche entfremdete Burgund, das Land vom Jura die Rhone hinab bis zum Mittelmeer wieder unter seine Botmäßigkeit zu bringen. Im Herbste desselben Jahres ward endlich auf dem Regensburger Fürstentage der langdauernde Streit um das Herzogthum Vaiern geschlichtet. Heinrich 192 von Oesterreich leistete förmlich Verzicht auf Baiern, mit welchem Heinrich der Löwe belehnt ward; dagegen erhob Friedrich die durch einen ansehnlichen Theil von Vaiern erweiterte Markgrafschaft Oesterreich zum Herzog- thum, erblich im Hause der Babenberger und ihrer Verwandten; dabei wurde das neue Herzogthum noch mit anderen ansehnlichen Vorrechten ausgestattet. Friedrich trug kein Bedenken, die Befriedung des Reiches und die Machterweiterung für den nächsten Nömerzug durch solche Zugeständnisse an Oesterreich zu erkaufen; nichts desto weniger liegt in diesem gleichzeitig auch gegen Heinrich den Löwen geübten Aufgeben kaiserlicher Oberhoheitsrechte zu Gunsten der großen Fürsten der Beginn einer Auflösung des deutschen Reichsverbandes, insofern die Fürsten nach und nach aus Reichsbeamten in selbständige Landesherren verwandelt wurden, welche im Bewußtsein ihrer Macht dem Kaiser nur so lange Dienstbarkeit und Gehorsam bewiesen, als dies ihrem eigenen Vortheil entsprach. Herbst 1157 begab sich Friedrich, von seiner Gemahlin Beatrix und einem üattlichen Gefolge begleitet, nach Burgund; auf dem Reichstage zu Besan^on brachten ihm die geistlichen und weltlichen Großen des Landes ihre Huldigung dar. Gleichzeitig aber brach ein Zwiespalt mit dem Papste aus, welcher bald Friedrichs ganze Kraft in Anspruch nahm. Nach des Kaisers Heimzug nämlich hatte Hadrian IV., von dem Normannenkönig hart bedrängt, mit demselben ein Vündniß geschlossen und ihm Unteritalien Zu Lehen gegeben; aus diesen und verschiedenen anderen Ursachen war das Verhältniß zwischen Kaiser und Papst getrübt. Es erschien nun zu Ve- sanyon eine päpstliche Gesandtschaft mit einem Schreiben, worin der Papst sich über die einem Geistlichen in Burgund widerfahrene Unbill beklagte und die Beneftcien, welche Friedrich mit der Kaiserkrone empfangen, hervorhob; Beneficien war doppelsinnig: es bedeutete zunächst Wohlthaten, weiterhin Lehen. Reinald von Dassel, des Kaisers'Kanzler, ein kühner und stolzer Mann und erbitterter Gegner päpstlicher Anmaßungen, erkannte wohl, daß hier versucht werde, die Kaiserkrone als ein Lehen, als einen Ausfluß päpstlicher Gnade darzustellen, und verdeutschte in diesem Sinne das lateinische Schreiben. Ein Sturm des Unwillens erhob sich über die neue Anmaßung; Otto von Wittelsbach, des Kaisers muthiger Vorkämpfer in der Veroneser Klause, drang auf den päpstlichen Sprecher, den Kardinal Roland Bandinelli, mit gezücktem Schwerte ein; der Kaiser selbst trat dazwischen. Schon am anderen Tage mußten die römischen Botschafter das Hoflager verlassen. Ein plötzlicher heftiger Bruch war 193 zwischen den beiden Häuptern der Christenheit eingetreten; Friedrich ging von dem Grundsätze aus, die kaiserliche Krone sei frei, er verdanke sie nur göttlicher Verleihung, nicht der Krönung durch den Papst; die deutschen Bischöfe hielten treulich zum Reichshaupte, und Hadrian IV. fand für gut, im nächsten Frühjahr durch ein neues Schreiben, welches die streitigen Beneficien einfach als Wohlthaten deutete, seinen Ansprüchen auf Oberlehensherrlichkeit bis auf Weiteres zu entsagen und dem herannahenden Ungewitter vorzubeugen. Denn Friedrich hatte sich unterdeß zu einem neuen Römerzuge gerüstet. Der erste hatte geringen Erfolg gehabt; Friedrich aber war von dem Gedanken beseelt, es sei seine Aufgabe, die auf den deutschen König übergegangene Machtfülle des römischen Kaisertums völlig wiederherzustellen, ohne Rücksicht auf die geschichtliche Entwickelung, welche das Städtewesen in Oberitalien seit Jahrhunderten genommen hatte. Fast ohne Verbindung mit Deutschland, nur ab und zu flüchtig durch einen nach Rom ziehenden deutschen König besucht, hatten die oberitalischen Städte, starkbevölkert und reich, streitbar und wohlbefestigt, sich völlig in freie Gemeinwesen verwandelt, welche durch selbstgewählte Consuln ihre Angelegenheiten verwalteten. Indem Friedrich Rothbart mit Mißachtung der gesammten geschichtlichen Entwickelung den Gedanken eines weltbeherrschenden Kaisertums wieder aufnahm und durchzuführen suchte, gerieth er in einen Kampf nicht nur gegen die Freiheit der oberitalischen Städte, sondern gegen das ganze nationale Bewußtsein, ein Kampf, welcher um so gefährlicher war, wenn die römische Kirche mit dem Gedanken der Freiheit und Nationalität ein Bündniß schloß. Die Mailänder hatten unbekümmert um die kaiserliche Acht während Friedrichs Abwesenheit den Kampf gegen das allezeit königstreue Pavia rastlos fortgesetzt, hatten das unglückliche Lodi völlig niedergebrannt, das zerstörte Tortona wieder aufgebaut, mit Piacenza, Brescia und andern Städten ein Schutz- und Trutzbündniß geschlossen. Friedrich dagegen sammelte Pfingsten 1158 auf dem Lechfeld bei Augsburg eine gewaltige Heeresmacht und führte sie alsbald auf verschiedenen Wegen über die Alpen; in der Po-Ebene kamen dazu die Hilfsschaaren der getreuen oberitalischen Städte, so daß man das kaiserliche Heer auf weit über 100,000 Streiter annehmen kann. Friedrich sprach auf's Neue die Acht über Mailand aus und erschien Anfang August vor der Stadt, sie ringsum einschließend. Einen Monat lang widerstanden die Stadtbürger, machten hitzige Ausfälle; Seuchen und T.-A. xx. 13 194 Hungersnoth brachen in der Stadt aus; endlich am 7. September mußten die Mailänder unter harten Bedingungen Unterwerfung geloben. Sie versprachen den Wiederaufbau von Como und Lodi nicht zu verhindern, sondern diese Städte als völlig frei anzuerkennen; sie mußten dem Kaiser den Eid der Treue leisten, eine hohe Geldstrafe zahlen, alle Gefangenen freigeben, 300 Geißeln stellen; eine kaiserliche Pfalz wird in Mailand erbaut; der Kaiser hat das Recht der Bestätigung der demnächst neu zu wählenden Consuln. Nachdem dieser Vertrag abgeschlossen worden, erschienen am nächsten Tage die gedemüthigten Mailänder in ernstem Zuge, voran zwei und zwei die Geistlichkeit, eine gewaltige Menge, alle in voller Amtstracht, aber zum Zeichen der Unterwerfung barfuß. Daran schloß sich die Bürgerschaft, voran die zwölf Consuln der Stadt, barfuß, Stricke um den Hals, das bloße Schwert auf den Nacken gebunden zum Zeichen, daß sie das Leben verwirkt und es nur der kaiserlichen Gnade dankten. Friedrich empfing den Erzbischof mit dem Friedenskuß, die Consuln mit Milde. Er ließ ihnen die Schwerter vorn Nacken nehmen, hob die über Mailand ausgesprochene Acht auf und nahm alle Bürger wieder in seine Gnade auf. Im Dome ward zum Zeichen der Versöhnung ein feierliches Hochamt begangen und vom Thurme flatterte die kaiserliche Fahne. Mit diesem Zeichen der Unterwerfung hielt Friedrich Rothbart die oberitalischen Angelegenheiten für geordnet und entließ nach der Sitte der Zeit, da der Winter herannahte, den größten Theil seiner Deutschen, er selbst blieb mit geringer Streitmacht, beschützt durch die zahlreichen Schaaren der Italiener, zurück, um noch einen Reichstag auf den ron- calischen Feldern abzuhalten. Derselbe ward am 11. November 1158 eröffnet; eine große Zahl geistlicher und weltlicher Fürsten hatten sich zusammengefunden; die gefeierte Hochschule zu Bologna sandte ihm die vier berühmtesten Lehrer ihrer Rechtsschule zum Veirath; denn die hauptsächliche Aufgabe des Reichstages war, alle diejenigen Rechte, die dem Kaiser ursprünglich zugestanden hatten, im Laufe der Zeit aber in Vergessenheit gerathen oder seit Langem von Anderen ausgeübt worden seien, auszuforschen, aufzuzeichnen und dieses Verzeichniß als ein allgemeines Reichsgesetz zur Nachachtung zu verkündigen. Alle Welt begrüßte die vom Kaiser ausgesprochenen Verheißungen genauer Abgrenzung der kaiserlichen Rechte, dauernden Friedens und allgemeinen Rechtsschutzes mit Freuden; freilich wurden die Italiener bald genug inne, daß Friedrich es ganz anders gemeint hatte, daß er vielmehr die geschichtlich entwickelten Rechte 195 und Freiheiten der Städte gänzlich zu beseitigen, an deren Stelle eine unumschränkte kaiserliche Obergewalt nach dem Vorbilde der römischen Cäsaren zu setzen gedachte. Darauf ließ Friedrich Rothbart durch die Bologneser Rechtsgelehrten und die Abgeordneten von 14 oberitalischen Städten ein Verzeichniß derjenigen Rechte ausarbeiten, welche, obwohl zur Zeit durch weltliche oder geistliche Große oder auch durch die Stadtgemeinde ausgeübt, ursprünglich dem Kaiser zustünden. Solche Hoheitsrechte waren im Wesentlichen folgende: Dem Kaiser steht die eigentliche Landeshoheit zu, d. h. die Vergebung der Herzogthümer, Markgrafschaften, Grafschaften und die Ernennung der städtischen Consuln, d. h. der Bürgermeister und Richter; die Hoheit über Heerstraßen, Flüsse, Häfen, Mühlen, Fischteiche, sowie die für Benutzung derselben erhobenen Zölle; die Gerichtsbarkeit und die Gerichtsbußen; das Münzrecht; der Bau kaiserlicher Pfalzen in den Städten; die Erhebung von Grund- und Kopfsteuer; die Lieferung von Wagen, Vorspann, Schiffen rc. an den Hof beim Erscheinen des Kaisers in Italien, vornehmlich bei Gelegenheit des Nömerzuges; der Zehent des Ertrages von Berg- und Salzwerken. Diese zahlreichen theilweise verschollenen Rechte beanspruchte Friedrich, und die Italiener trugen kein Bedenken zu erklären, daß sie bereit seien, dieselben, soweit sie in den Besitz der Stadtgemeinden übergegangen waren, dem Kaiser zurückzugeben, wo nicht etwa eine kaiserliche Schenkung oder ein Vertrag anderweite Bestimmung traf; sie erwarteten als selbstverständlich, daß anderseits der Kaiser diejenigen Rechte, welche im Verlaufe von Jahrhunderten, durch geschichtliches Wachsthum gleichsam, den Städten zugefallen waren, durch seine ausdrückliche Gutheißung bestätigen und dadurch den endlosen lästigen Krieg über kaiserliches und Landesrecht beenden werde. Friedrich aber dachte ganz anders; er wollte, was ursprünglich, in der Zeit des spätrömischen Kaiserreiches, Regel und kaiserliches Recht gewesen, wieder völlig in Anspruch nehmen; aber schon mit einem Rechte, mit der Ernennung der Bürgermeister und Richter, war die städtische Freiheit zu Grabe getragen; Oberitalien war damit eine Provinz des deutschen Reiches, in welcher der Kaiser unumschränkter waltete, als in Deutschland selbst. Nach allseitiger Annahme dieser Feststellungen, und nachdem der Kaiser noch einen allgemeinen Landfrieden geboten hatte, trennte man sich im besten Einvernehmen; die letzten Deutschen und die Lombarden zogen heim. Die meisten Städte fügten sich gutwillig den Weisungen des 13* 196 Kaisers. Nicht so in Mailand. Hier erschienen Eingang 1159 Neinald von Dassel und Otto von Wittelsbach, um den roncalischen Beschlüssen entsprechend an Stelle der von den Städtern gewählten Bürgermeister kaiserliche Gewaltboten, Podesta, einzusetzen. Alles, erklärten die Mailänder, ließen sie sich gefallen, nur dies nicht; zudem sichere der'unlängst abgeschlossene Vertrag ihnen das Wahlrecht zu und behalte dem Kaiser nur das Recht der Bestätigung vor. Da eine Verständigung unmöglich erschien, so brach eine gewaltige Empörung des mailändischen Volkes aus und die kaiserlichen Sendboten entkamen mit Mühe durch heimliche Flucht. Gleichzeitig geschah Aehnliches in der bisher mit Mailand verbündeten Stadt Crema; Friedrich befahl nämlich den Cremesen, sie sollten sofort ihre festen Mauern niederreißen; das Volk erhob sich und nöthigte die kaiserlichen Gesandten eiligst zu entweichen. Mit diesen Vorgängen hatte der Versuch, die kaiserliche Allmacht festzustellen, ein sehr rasches Ende gefunden. Friedrich, welcher den Winter in den treuen lombardischen Städten verbrachte, entbot sofort wieder die italischen Hilfsvölker und die deutschen Fürsten mit ihren Schaaren zum Kampfe gegen die aufrührerischen Städte; die Mailänder dagegen begannen aufs Neue den Krieg gegen die mit dem Kaiser befreundeten Städte; Friedrich erklärte sie auf einem Fürstentage zu Bologna Ostern 1159 als Widerspenstige und Aufrührer abermals in des Reiches Acht, ebenso die Stadt Crema. Gegen diese letztere wendete er zuerst seine Waffen, nachdem die deutschen Kriegsvölker angelangt waren, Sommer 1159. Die kleine, durch eine doppelte hohe Mauer und tiefe Gräben geschützte Stadt wurde eingeschlossen und mit allen Belagerungsmitteln jener Zeit bestürmt, mit Wursmaschinen schwere Steine hineingeschleudert, der Graben theilweise ausgefüllt, auf dem so gebildeten Damm ein mächtiger Sturmbock Und ein gewaltiger hölzerner Belagerungsthurm an die Mauer geführt. Mit denselben Kriegsmitteln wehrten sich die Cremesen; sie- schleuderten einen solchen Hagel von Geschossen und Feuerpfeilen auf den Thurm, daß Friedrich in seinem Grimm zu einem wahrhaft barbarischen Mittel der Abwehr griff; er ließ die gefangenen Mailänder und Cremesen auf den Belagerungsthurm bringen, indem er hoffte, die Eingeschlossenen würden nicht wagen, den eigenen Freunden und Brüdern einen sicheren Tod zu bereiten. Aber das Schreckliche geschah; derselbe Steinregen zerschmetterte Freund und Feind, der Thurm mußte schwer beschädigt zurückgezogen werden. Die Cremesen, durch diese Grausamkeit erbittert, ließen eine Anzahl Gefangene auf die 197 Stadtmauer bringen und vor den Augen des Kaisers niedermachen; alsbald ließ Friedrich wieder zwei gefangene Cremesen aufhängen; sofort erlitten auf der Mauer zwei gefangene Kaiserliche dasselbe Schicksal. So mit beiderseitiger Gewaltthat und Grausamkeit wurde der Kampf geführt; massenhaft ließ Friedrich Gefangene und Ueberläufer hinrichten; vergebens suchte er noch mehrfach seine Maschinen und Thürme durch darangebundene Gefangene vor den feindlichen Geschossen zu schirmen; ein gewaltiger Sturm ward mit schwerem Verlust abgeschlagen. So sah sich zu seiner größten Erbitterung der Kaiser mit seiner ganzen Kriegsmacht sechs Monate lang vor einer kleinen Stadt festgehalten, bis endlich im Januar 1160 die Cremesen, vor Hunger und übermenschlicher Anstrengung überwältigt, sich auf Gnade und Ungnade unterwarfen. Friedrich schenkte ihnen das Leben und freien Abzug mit Weib und Kind und soviel ihrer beweglichen Habe, als sie forttragen konnten; ein trauriger Zug von 20,000 Menschen wanderte ins Elend. Die verödete Stadt ward verbrannt, der Erde gleich gemacht, die Gräben zugeschüttet, die Mauern geschleift. Die Früchte von Friedrichs unheilvoller Politik waren unterdeß gereift. Während er mit stets gesteigertem Zorn Crema bestürmte, hatten Mailand, Brescia, Piacenza sich abermals erhoben, sich unter einander wie mit dem Papst Hadrian, dem alten Widersacher des Kaisers, verbündet, und nun ward gar, bei dem in jenem Herbst eingetretenen Tode Hadrians, derselbe Kardinal und Kanzler Roland, welcher sich bisher als einen ergrimmten Gegner der kaiserlichen Gewalt bewiesen hatte, auf den päpstlichen Stuhl erhoben; die wenigen kaiserlich gesinnten Kardinäle hatten zwar in äußerst stürmischer und unregelmäßiger Weise in Victor IV. einen Papst der kaiserlichen Partei erhoben; derselbe genoß aber durchaus keines Ansehens und mußte alsbald Rom verlassen. Roland oder, wie er sich nannte, Alexander III. trat sofort auf die Seite der empörten Lombarden; vom Kaiser nach Pavia aus eine Kirchenversammlung zur Begründung seiner Ansprüche vorgeladen, bestritt er demselben jedes Recht des Urtheils. Jene Kirchenversammlung dagegen aus lauter Gegnern Alexanders zusammengesetzt, erklärte denselben als Eindringling, Victor den Vierten dagegen als rechtmäßigen Papst; Friedrich Rothbart selbst erwies diesem die üblichen Ehren, führte ihm das Roß, küßte ihm die Füße; darauf sprach Victor IV. über seinen Gegner in feierlicher Sitzung den Bann der Kirche aus. Die Antwort darauf war, daß Alexander III. Ostern 1160 auf den Kaiser und seinen Schützling, den Gegenpapst, den Fluch 198 der Kirche schleuderte, und Jedermann von der Pflicht der Treue und des Gehorsams gegen dieselben entband. So war denn zwischen Kaiser und Papst — denn Victor IV. war nur eine willenlose Puppe in Friedrichs Hand — ein Kampf auf Leben und Tod entbrannt, und leider stand der Papst hier auf der Seite der nationalen Freiheit. In unserem Zeitalter der starken Schläge, der raschen Entscheidungen begreifen wir nicht, daß Friedrich Rothbart, der Gebieter über die Streit- kräfte des mächtigen deutschen Reiches, nicht mit einigen widerspenstigen lombardischen Städten und einem waffenlosen Papste rasch fertig ward; aber das erklärt sich aus der wunderlichen Wehrverfaffung und Kriegsweise jener Zeit, welche die straffe Durchführung eines wohlüberlegten Kriegsplanes nicht kannte. Die deutschen Fürsten, ermüdet durch die anstrengende Winterbelagerung von Crema, begehrten heim und Friedrich mußte sie ziehen lasten, nur die Streitmacht der lombardischen Städte blieb bei ihm. So war er in diesem Jahre nicht im Stande, den Kamps gegen Mailand und dessen Bundesgenossen ernstlich aufzunehmen; durch Streifzüge wurde das Land jämmerlich verwüstet, die Obst- und Weingärten zerstört, die Dörfer verbrannt; viel Blut ward ohne Entscheidung in einer Menge kleiner Gefechte vergossen; Eingang 1161 trafen nach und nach wieder die deutschen Kriegsschaaren ein und Friedrich rüstete sich im Mai zu einem kräftigen Angriff auf Mailand. Friedrich hatte geschworen nicht eher zu weichen, nicht eher die Krone zu tragen, als bis er die trotzige Stadt gebändigt; dennoch unternahm er diesmal nicht eine eigentliche Belagerung, wohl aber ward das Gebiet der widerspenstigen Mailänder mit Feuer und Schwert heimgesucht und zur Wüste gemacht; die Gefangenen starben am Galgen oder verloren die rechte Hand; alle Verbindung mit den Nachbarstädten ward durch die kaiserliche Streitmacht unterbrochen. Theuerung und Hungersnoth, und infolge dessen auch innere Spaltungen brachen in der übervölkerten Stadt aus. Dennoch hielt sie tapfer Stand; erst nach einer Umlagerung von acht Monaten, im Februar 1162, erschien eine Botschaft der Mailänder im kaiserlichen Lager und bat um Frieden; Friedrich verlangte Unterwerfung auf Gnade und Ungnade. Am 1. März erschienen acht Consuln und acht Edle von Mailand, mit bloßen Füßen, das blanke Schwert auf dem Nacken und warfen sich nieder vor dem auf seinem Throne sitzenden Kaiser, und legten die Schlüssel der überwundenen Stadt zu seinen Füßen nieder. Nach diesem Vorspiele 199 erschienen am 4. März zu Lodi an des Kaisers Hofhält dreihundert auserlesene Kriegsleute und legten dem zürnenden Gebieter 36 Fahnen zu Füßen. Wieder zwei Tage später sollte die große Menge der mailändischen Bürger in der demütigendsten Form ihre Unterwerfung an den Tag legen. In langen Zügen nahten die einst so trotzigen Mailänder, barhaupt, barfuß, das Haupt mit Asche bestreut, den Strick um den Hals. Mehr als 100 Fahnen und eine große Menge Kriegstrompeten führte der traurige Zug mit sich, in seiner Mitte bewegte sich das Hauptfeldzeichen Mailands, das Carroccio oder der Fahnenwagen; es war ein von Ochsen gezogener thurmartig sich aufbauender Wagen, auf welchem sich ein hoher Mast erhob, daran eine große Fahne den Ambrosius, den Schutzheiligen von Mailand in der Stellung eines Segnenden zeigte Da der traurige Zug Lodi nahte, saß der Kaiser zu Tische; im strömenden Regen mußten die Mailänder warten, bis es ihm beliebte, sie zu empfangen. Endlich erschien er auf seinem Throne in kaiserlicher Herrlichkeit, aber finster und zürnend; nochmals schmetterten die Posaunen von der Zinne des Fahnenwagens, als der Zug langsam am Kaiser vorüber wandelte. Der Reihe nach traten die Führer hervor, warfen sich zu Friedrichs Füßen zur Erde, legten vor ihm die Fahnen und Posaunen nieder; als endlich auch der Mast des Fahnenwagens mit dem Bilde des Schutzheiligen zur Erde niedersank, warf sich laut jammernd die ganze Schaar der Kriegsleute und des Volkes zur Erde, mit ängstlichem Klageruf des Kaisers Erbarmen anstehend, und streckten ihm die Kreuzesbilder entgegen, die sie in den Händen trugen. Auch die deutschen Männer fühlten sich durch diesen Jammer auf's Tiefste bewegt; kaum ein Auge blieb thränenleer; nur der zürnende Kaiser verzog keine Miene und finsterer Ernst lag Unheil verkündend auf seinem Angesicht; er entließ die Flehenden mit dem Bescheide, Gnade solle ihnen zutheil werden, soweit die Gerechtigkeit es gestatte; die Verkündung des Urtheils verschob er auf den folgenden Tag. Am 7. März hob Friedrich zunächst die auf der Stadt lastende Neichsacht auf; zum Pfande des ferneren Gehorsams der Mailänder ließ . er Consuln, Rechtsgelehrte, Hauptleute und andere angesehene Männer festnehmen, 500 an der Zahl. Damit ihm und seinem Heere der Eintritt in die Stadt jeden Augenblick frei stehe, befahl er die Mauern an mehreren Stellen auf größere Strecken niederzureißen; die ganze Bevölkerung mußte eidlich Treue und Gehorsam geloben. Damit aber war das Strafgericht noch nicht erschöpft; etliche Tage später kam der Befehl, die 200 Stadt müsse binnen einer Woche von den Einwohnern völlig geräumt sein. Den unglücklichen Mailändern blieb nichts übrig als stummer Gehorsam; viele fanden in den benachbarten lombardischen Städten Aufnahme; die große heimathlos gewordene Menge wurde zwei Meilen von der Stadt in vier nach den vier Himmelsgegenden gelegenen offenen Flecken angesiedelt, welche zu diesem Zwecke angelegt wurden. Damit hatte wohl Friedrichs gekränkter Stolz geziemende Genugthuung gehabt; aber sein durch die Widersetzlichkeiten vieler Jahre gereizter Zorn, die Erbitterung Reinalds von Dassel, die jahrelange Mißhandlung der Nachbarstädte Pavia, Como, Cremona, Lodi forderten völlige Rache. Am Tage der Räumung kehrte Friedrich von Pavia nach Mailand zurück und zog an der Spitze seines Heeres in die verödete Stadt ein, nicht durch das Thor, sondern durch eine Lücke der niedergelegten Mauer; in sechs Theilen wurde die Stadt den Bürgern der Nachbarstädte überlassen, welche nun, während die Deutschen unthätig zuschauten, ihrer Rachsucht frei den Zügel schießen ließen. Es ward Feuer in die Stadt geworfen, was die Flammen nicht zerstört hatten, gewaltsam niedergerissen. Die Gräben wurden theilweise ausgefüllt, ein Theil der Mauern und Thürme zerstört; das Ganze zu vernichten, war ein zu großes Werk, zu welchem sogar der Ingrimm der Feinde nicht ausreichte. Daß geplündert wurde, was noch zu plündern war, versteht sich von selbst; sogar in Kirchen und Kapellen geschah es; manches Kunstwerk ward hinweggenommen, manche Reliquie; die Gebeine der heiligen drei Könige, der Hauptschatz der Stadt, nahm Reinald von Dassel nach seinem Erzstift Köln mit. Die kirchlichen Gebäude selbst ließ man stehen, wenn sie gleich vielfach beschädigt wurden; der hohe Glockenthurm neben dem Dome wurde auf Friedrichs besonderen Befehl niedergebrochen, und beim Sturze des Bauwerkes ein Theil des Gebäudes selbst zerschmettert. Eine ganze Woche währte das grausige Zerstörungswerk; es blieb zurück ein menschenleerer Trümmerhaufe, eingeschlossen von halbverschütteten Gräben, zerbrochenen Mauern; nur die Kirchen standen noch verwüstet inmitten der Trümmer. Friedrich Rothbart, nachdem er sich von der Gründlichkeit der Zerstörung überzeugt, kehrte 'nach Pavia zurück, wo er, nach langer Frist zum ersten Male wieder im Glänze der Krone, das Osterfest feierte. Das war ohne Zweifel ein entsetzlich hartes Strafgericht; aber es erklärt sich aus der wahlberechtigten Erbitterung des Kaisers; dann darf 201 man nicht vergessen, daß Mailand kein härteres Schicksal erlitt, als es früher den ihm widerstrebenden Städten hatte widerfahren lassen, daher auch Friedrichs eifrigste Helfer beim Zerstörungswerke die Bürger jener lombardischen Städte waren, die so unsäglich unter Mailands Gewaltherrschaft gelitten hatten. Jedenfalls war die Wirkung dieses Strafgerichts zerschmetternd. Die bisher mit dem unglücklichen Mailand verbündeten oder Gleiches erstrebenden Städte Brescia, Piacenza, Genua, Bologna unterwarfen sich der kaiserlichen Allgewalt; in allen Städten, die sich nicht seit Jahren als kaisertreu erwiesen hatten, setzte Friedrich seine Gewaltboten, Podesta, ein; die lombardische Freiheit war dahin, Oberitalien ein dem deutschen Reiche unterworfenes Land. Vor den kaiserlichen Streif- schaaren, die bereits bis in die Nähe von Rom vordrangen, flüchtete Alexander III. zu Schiffe nach Frankreich; Friedrich Rothbart selbst hielt ein ferneres Verweilen in Italien nicht mehr für nöthig; im Sommer 1162 kehrte er nach fünfjähriger Abwesenheit nach Deutschland zurück. So verlockend der Traum einer kaiserlichen Obergewalt des deutschen Königs über die gesammte christliche Welt war, so nachtheilig Erschien derselbe im Grunde für Deutschland selbst; denn diejenigen Kaiser, welche jenes Ziel ernstlich ins Auge faßten, geriethen dadurch nicht blos in Zwiespalt mit der hochentwickelten Gemeindefreiheit der Italiener wie mit den Ansprüchen des Papstes, sie mußten auch dieser unsäglich schwierigen Aufgabe soviel Zeit, soviel Anstrengung widmen, daß darunter Kraft und Wohlstand von Deutschland schwere Einbuße erlitten. Während der Kaiser mit Aufbietung aller Kräfte des Reiches nur für die Dauer seiner eigenen Anwesenheit die Ruhe und den Gehorsam in Oberitalien aufrecht hielt, ging derweil in Deutschland alles drunter und drüber. Das naturgemäße Wachsthum des deutschen Reiches nach Osten hin ward unterbrochen oder doch nur durch einzelne Fürsten für die Vermehrung der eigenen Macht, nicht der kaiserlichen Gewalt weitergeführt; im Inneren des Reiches rissen Fehdewesen und Gewaltthaten ein. So fand der aus Italien heimkehrende Kaiser diesseits der Alpen nur die gleich lästige Aufgabe, zu strafen und Ordnung zu schaffen. Dazu kam, daß die deutschen oder lombardischen Beamten, welche Friedrich in Italien zurückgelassen hatte, durch schwere Steuern und Frohnden, durch unerschwingliche Erpressungen und unerträgliche Gewaltthaten die aufgezwungene deutsche Herrschaft gründlich verhaßt machten; Reinald, des Kaisers oberster Stellvertreter, war mit seiner tiefen Erbitterung gegen die Lombarden 202 auch nicht der Mann dazu, die Mißhandelten gegen diese Ungerechtigkeiten nachhaltig zu beschützen. So ging denn der Same des Unfriedens diesseits und jenseits der Alpen immer von Neuem auf. Im Herbst 1163 betrat Friedrich zum dritten Male' den Boden Italiens, diesmal nicht an der Spitze eines Kriegsheeres, sondern friedlich, um die Angelegenheiten des Landes endgiltig zu ordnen. Er durchzog die Lombardei und Nomagna, ohne irgend Widerstand zu finden, aber ebensowenig Zuneigung; die geknechteten Italiener knirschten und erwarteten die Gelegenheit zu neuer Erhebung. Verona, Padua, Treviso, Vicenza und andere Städte im östlichen Oberitalien traten damals schon zu einem zunächst geheimen Bunde zusammen, welcher unter dem Namen des Vero- neser Bundes nachmals in bedrohlichster Weise die Freiheitsbestrebungen Oberitaliens wieder aufnahm. Und als nun in- jenem Frühjahr 1164 Victor IV. starb und Reinald von Dassel mit Friedrichs Gutheißung in Paschalis III. einen anderen kaiserlichen Schattenpapst aufstellte, so drohte der Kampf gegen Alexander III. mit erneuter Heftigkeit loszubrechen. Nur mit unbedeutenden Streitkräftcn ausgerüstet, mußte Friedrich auf die Niederwerfung des Veroneser Bundes verzichten und kehrte im Herbst 1164 nach Deutschland zurück, ein neues Heer zum Kampfe aufzubieten. Auf einem Reichstage zu Würzburg, Frühjahr 1165, mußten, um der steten Zunahme von Alexanders Partei zu begegnen, gleich dem Kaiser die ge- sammten geistlichen und weltlichen Fürsten einen Eid leisten, daß sie nur Paschalis III. als rechtmäßigen Papst anerkennen wollten. Den gleichen Eid sollten alle niederen Geistlichen, alle Dienstmannen und Lehensträger bis zu dem geringsten Unterthan hinab leisten; wer es nicht that, den traf Verlust der geistlichen Würde, Einziehung des Eigens und Lehens, Verbannung aus dem Reiche. Diese Strafgesetze wurden mit äußerster Strenge durchgeführt und auf diese Weise Gehorsam erzwungen. Gleichsam um seinem Streben, die Herrschaft des Staates über die Kirche festzustellen, vollen Ausdruck und die Weihe göttlicher Berechtigung zu geben, ließ Friedrich Rothbart Ausgang 1165 seinen gewaltigen Vorgänger, Kaiser Karl den Großen, durch Paschalis III. heilig sprechen. Gleichzeitig aber kehrte Alexander III., nicht länger durch die Heerschaaren Friedrichs bedroht, nach Rom zurück. Im October 1166 trat Kaiser Friedrich die neue Heerfahrt nach dem Süden an, diesmal begleitet von seiner Gemahlin Agnes und seinem 1'/-jährigen Söhnchen Heinrich. Da er an der Etsch hinabstieg, schlössen 203 ihm die Veroneser abennals die Klause und nöthigten ihn zu einem beschwerlichen Umweg über das Gebirge. Auf einem Hoftag zu Lodi machten die Italiener einen letzten Versuch, den unerträglichen Zwang, die endlosen Erpressungen der kaiserlichen Statthalter durch Beschwerden bei Friedrich selbst abzustellen; Bischöfe und weltliche Fürsten, Adel und Bürger nahten mit der Bitte um Gerechtigkeit und Milde; Friedrich hörte sie an, aber es geschah nichts, um durch einige Nachgiebigkeit die empörten Gemüther zu beruhigen. Da verwandelte sich die Trauer und Geduld der unterworfenen Lombarden in wilden Grimm; während der Kaiser in den ersten Monaten des Jahres 1167 langsam dem Süden zuzog, schloffen sie sich unerwartet zu einem gewaltigen Kriegsbunde zusammen; sie erkannten, daß ihre Uneinigkeit, der Uebermuth der mächtigeren Städte gegen die Nachbarn die beste Stütze der kaiserlichen Gewaltherrschaft, der Untergang ihrer eigenen Freiheit gewesen sei, und selbst bisher gut kaiserlich gesinnte Städte wandten sich jetzt auf die Seite der Landsleute. Eingang März 1167 schloffen zuerst Cremona, Mantua, Bergamo und Brescia einen Bund zu Schutz und Trutz gegen jeden Feind, zur Eintracht nach innen. Nachdem die in vier Flecken vertheilten Mailänder feierlich versprochen hatten, fortan die Bedrückungen gegen die Nachbarn gänzlich einzustellen, wurden sie in den Bund aufgenommen; unter kriegerischem Geleite zogen die vertriebenen Mailänder am 27. April 1167 wieder in den Mauerring ihrer zerstörten Stadt ein, stellten Gräben und Bollwerke wieder her, bauten die Häuser auf. Das gut kaiserliche, früher durch die Mailänder so unmenschlich mißhandelte Lodi weigerte den Beitritt und ward mit Waffengewalt gezwungen; so traten auch Ferrara, Piacenza, Parma freiwillig oder durch Zwang dem Bunde bei, und überall wurden die kaiserlichen Gewaltboten, die dem Gegenpapst anhängenden Geistlichen ausgetrieben. Friedrich setzte unterdessen seinen Marsch auf Rom fort; er'meinte, sei nur die heilige Stadt ihm Unterthan, der Papst gefangen oder ausgetrieben, so werde der Widerstand der Lombarden ihm nicht bedenklich sein. Während er selbst vor den Mauern von Ankona durch eine lange Belagerung festgehalten ward, zogen seine beiden starken Helfer, Reinald von Dassel, Erzbischof von Köln, und Christian von Buch, Erzbischof von Mainz, ihm voraus. In einer Schlacht bei Tusculum am 29. Mai wurden die Römer von den beiden streitbaren Erzbischöfen völlig geschlagen; eine Berennung der großen Stadt dagegen war erst möglich, nachdem Friedrich Rothbart Ausgang Juli selbst mit dem Hauptheere vor Rom 204 eingetroffen war. Er schlug wie früher auf dem rechten Tiberufer sein Lager auf und bestürmte alsbald die hier gelegene Leostadt und die in eine Festung verwandelte Peterskirche. Dieselbe gerieth in Brand; die Kaiserlichen erbrachen die ehernen Pforten des Heiligthums und das Gotteshaus ward erfüllt mit Kampfgeschrei und Blut. Die eigentliche Stadt jenseits des Flusses ward nicht gewonnen, aber Alexander III. hielt dennoch für gerathen, unter der Verkleidung eines Pilgers abermals zu entweichen und nach der weit im Süden unter dem Schutze der Normannen gelegenen Stadt Benevent zu entfliehen. Friedrich Rothbart zog an der Spitze seines Heeres festlich in die erstürmte Peterskirche ein und empfing nebst seiner Gemahlin aus der Hand des Gegenpapstes Paschalis III. abermals die ihm durch Alexanders Bann abgesprochene Kaiserkrone; die Römer leisteten ihm den Eid der Treue und gelobten sich von Alexander loszusagen. Friedrich stand auf der höchsten Höhe seiner Macht. Und gerade jetzt, , in diesen Tagen des Triumphes, fiel wie ein Gottesgericht über das siegreiche Heer der Deutschen eine entsetzliche Seuche, das italienische Sommerfieber. Mit unerhörter Schnelligkeit erkrankten die Menschen, um nach wenigen Stunden zu sterben, so massenhaft, daß die Kräfte zur Bestattung der Todten nicht ausreichten. Keine ärztliche Kunst half; in wenigen Tagen war ein großer Theil des Heeres hinweggerafft, und wenn Friedrich nicht alle seine Getreuen dem sicheren Verderben weihen wollte, mußte er sofort den fieberglühenden Boden von Rom verlassen. Schon am 6. August trat er den Rückweg an; aber ihm folgte als ein unheimlicher Reisegenoß die furchtbare Pest, jetzt nicht mehr die Krieger und Troßknechte, sondern Fürsten und hohe Geistliche in Menge hinweg- raffend. Es starb Reinald von Dassel, des Kaisers kühnster und thatkräftigster Beirath; es starben der junge Schwabenherzog Friedrich, des Kaisers-Neffe, Herzog Wels VII. und Herzog Diepold von Böhmen; es 'starben die treuesten Diener des Kaisers,'die Bischöfe von Prag und Verden, von Regensburg und Speier, von Basel und Augsburg und viele andere, der Herren vom hohen und niederen Adel nicht zu gedenken. An 20,000 Menschen schätzte man den Verlust des Heeres in den drei Wochen, welche zwischen dem Beginn der Krankheit und der Rückkehr in die Lombardei lagen; was von dem ehemals so stattlichen kaiserlichen Heere übrig war, erschien als eine kraftlose Schaar elender hinsiechender Gestalten, die sich nur mühsam fortschleppten, die ausgekochten Gebeine der erlegenen Fürsten in kleinen Särgen mit sich fortführend. Nur als 205 eine bei allem Elend wunderbar glückliche Fügung des Himmels erschien es, daß der Kaiser selbst und seine Gemahlin lebend der italischen Gluthitze mnd der verzehrenden Pest entrannen. So ging der jammervolle Zug rückwärts durch die Städte von Toscana, durch Siena, Pisa und Lucca, und hier trat die neue Schwierigkeit heran, wie man durch die Heerschaaren der empörten Lombarden glücklich über die Apenninen und Alpen gelangen sollte. Den Paß von Pontremoli, wo Friedrich die Apenninen zu überschreiten gedachte, fand er bereits von feindlichen Schaaren besetzt; an ein Erzwingen des freien Weges war kein Gedanke; westwärts ausweichend überstieg er unweit Genua das Gebirge und gelangte so über Tortona Mitte September glücklich nach dem getreuen Pavia, gerettet aus dringendster Gefahr, aber ohne Heer inmitten eines im vollen Aufstande begriffenen Landes. Friedrich war durch all' dieses Mißgeschick nicht entmuthigt; sofort sprach er in feierlicher Versammlung auf's Neue die Reichsacht gegen die lombardischen Städte aus und begann, unterstützt nur durch die Städte Pavia, Novara und Vercelli, sowie einige kleine oberitalische Fürsten, den Kampf. Doch bald sah er sich mit seiner schwachen Streitmacht fast völlig eingeschlossen; die Städte des Veroneser und des Lombardischen Bundes vereinigten sich zu einem Gesammt-Bunde, welcher so gut wie ganz Oberitalien zwischen Alpen, Apenninen und Meer umfaßte; machtlos inmitten der tobenden Flut der nationalen Erbitterung mußte Friedrich endlich sein Heil in der Flucht suchen; den einzigen Sohn Heinrich überließ er der Hut des treuen Markgrafen von Montferrat; begleitet nur von seiner Gemahlin und dreißig Gewaffneten entwich er im März 1168 über den beschneiten Alpenpfad des Mont Cenis aus Italien. Noch in der Grenzstadt Susa bestand er eine letzte Fährlichkeit. Kaum war der Kaiser mit seinem geringen Gefolge in die Stadt eingeritten, als die Bürger die Thore schloffen und verlangten, Friedrich solle die letzten Geißeln der Lombarden, die er noch mit sich führte, freigeben. Dabei ward der Kaiser gewarnt, man bedrohe sein Leben. Dem Tode zu entgehen, verkleidete sich Friedrich als ein gemeiner Krieger und entkam so mit wenigen Begleitern Nachts aus der Stadt, während sein treuer Kämmerer Hartmann von Siebeneichen, dem Kaiser auffallend ähnlich, dessen Rolle weiter spielte. Als nun am andern Morgen die Mörder in das Haus eindrangen, fanden sie nur den treuen Kämmerer; er sowohl wie die Kaiserin Beatrix und das Gefolge des hohen Herrn wurden 206 ungekränkt entlassen, die Geißeln zurückgehalten. Wieder mit den Seinen vereint, erreichte Friedrich wohlbehalten Burgund und Deutschland. So war im Frühjahr 1168 ganz Oberitalien von den Deutschen geräumt; nur Pavia und Montferrat harrten treulich beim Kaiser aus. Um ihnen Trotz zu bieten und den Cenispaß, den einzigen, welcher dem Kaiser noch zu Gebote stand, zu hüten, begründeten die Lombarden am 1. Mai 1168 in der fruchtbaren Ebene zwischen den Flüssen Tanaro und Börmida eine neue Stadt, welche stark befestigt, durch die Uebersiedelung der Nachbargemeinden und zahlreichen Zuzug bevölkert ward. Und zum Zeugniß, daß der Freiheitskampf der Lombarden mit der heiligen Sache des Papstthumes das treueste Bündniß eingehe, ward die gewaltige, gleichsam aus der Erde hervorgewachsene Festung die Alexanderstadt, Alessandria genannt. Daheim aber fand Friedrich nicht geringere Arbeit, als er in Italien hinterlassen hatte. Heinrich der Löwe hatte die ihm vom Kaiser übertragene Machtfülle mit einer Willkür, welche seinen Nachbarn höchst lästig war, mehr und mehr erweitert, ausgedehnte Landstriche in Mecklenburg und Pommern erobert und dadurch deutsches Wesen weit nach Osten ausgebreitet, zugleich aber die besorgte Eifersucht der norddeutschen Fürsten erregt. Markgraf Albrecht von Brandenburg, Landgraf Ludwig der Eiserne von Thüringen, Markgraf Otto von Meißen, die Erzbischöfe von Magdeburg und Bremen, sowie zahlreiche kleinere geistliche und weltliche Fürsten hatten des Kaisers Abwesenheit zu einem zweijährigen Kampfe gegen den mächtigen Sachsenherzog benutzt; Friedrich, welcher seines Vetters Macht als die Hauptstütze des kaiserlichen Ansehens betrachtete, gebot sofort Friede und bestätigte ausdrücklich Heinrichs überlegene Stellung. Diese Bemühungen um den Frieden des Reiches, ein Polenfeldzug, Reichstage und vielgeschäftige Wanderzüge durchs Reich, geheime Verhandlungen mit Rom, Frankreich und England, diese und zahlreiche andere Geschäfte hielten den Kaiser in Deutschland fest, so daß er erst nach abermals sechs Jahren an die Aufnahme des Kampfes gegen die lombardischen Städte denken konnte. Derweil war zu Rom der Gegenpapst Paschalis gestorben und die kaiserlich gesinnten Großen hatten sofort in Calixtus III. einen neuen Nebenbuhler für Alexander III. auf den päpstlichen Stuhl erhoben; anderseits hatten die Lombarden auch die letzten Anhänger des Kaisers zum Anschluß an den großen Freiheitsbund genöthigt. Im Herbst 1174 brach Friedrich Rothbart mit einem keineswegs 207 i zahlreichen Heere von Basel auf und überschritt auf dem Mont Cenis die Alpen. Die Stadt Susa, in welcher der Kaiser vormals kaum einem schimpflichen Tode entronnen war, wurde niedergebrannt, die Bundesstadt Asti ergab sich, Pavia, Montferrat und Como traten alsbald wieder auf des Kaisers Seite. Ende October erschien das deutsche Heer vor Alessandria, gegen welches Friedrich ganz besonders erbittert war. Durch gewaltige Erdwälle und wasserreiche Gräben beschirmt, ward die Stadt mit allen Mitteln des Krieges belagert, mit allen vor Crema und Mailand geübten Grausamkeiten heimgesucht, umsonst; mit dem Muthe der Verzweiflung ward die Feste vertheidigt. Der Winter kam heran, die Flüsse traten aus und die niedrige Ebene füllte sich mit Wasser; bitterer Mangel stellte sich im kaiserlichen Lager ein; entsetzlich waren die Beschwerden. Sechs Monate lang lag in stets kläglicherer Verfassung das Heer vor dem festen Alessandria, und als im Frühling endlich ein Entsatzheer der Lombarden heranzog, mußte Friedrich die Belagerung aufgeben, sein Heergeräth verbrennen und den Rückzug auf Pavia antreten. Halbwegs, bei Montebello, trafen die Heere aufeinander; ein entscheidender Kampf stand in Aussicht, da eröffneten unerwarteter Weise die Lombarden selbst Friedensunterhandlungen. Am 16. April 1175 ward zu Montebello ein vorläufiger Friede abgeschlossen; der Kaiser sowohl wie die Lombarden sollten je drei Vertrauensmänner zur Aufstellung ihrer Forderungen und zur Verhandlung über dieselben bestellen; die Fragen, über welche man sich nicht einigen könne, sollten die Consuln von Crempna in einer für beide Theile verbindlichen Weise entscheiden. Nachdem man sich hierüber verständigt und den Vorvertrag von beiden Seiten beschworen, wurden sofort die Feindseligkeiten eingestellt, die Gefangenen freigegeben; ja die Lombarden thaten sogar der von Friedrich geforderten Form unbedingter Unterwerfung Genüge, indem sie, das Schwert am Nacken hängend, vor dem Kaiser niederkniend, ihm ihre Banner zu Füßen legten; Friedrich aber erließ ihnen huldreich alle Strafe und löste sie von der Reichsacht. Vertrauend auf den beiderseits beschworenen Vertrag, entließ darauf der Kaiser den größten Theil seines Heeres und begab sich nach Pavia. In den nächsten Wochen wurde eifrig hin und her verhandelt und nur eine Frage war nicht erledigt, das Schicksal Alessandrias. Friedrich war bereit, auf den größten Theil seiner früheren Forderungen zu verzichten, er verlangte aber die Auflösung der ihm verhaßten Stadt, und 208 das Schiedsgericht von Cremona trat ihm bei. Da verweigerten die Lombarden eidbrüchig dem Schiedssprüche den Gehorsam und erklärten, in die geforderte Auflösung von Alessandria nicht willigen zu können. Sofort begannen die Feindseligkeiten auf's Neue und nun befand sich der Kaiser in viel ungünstigerer Lage als vorher, ohne Heer in Feindesland; glücklicherweise ward der Kampf auch von Seite der Lombarden lässig geführt. Friedrich forderte alsbald die deutschen Fürsten zu zahlreichem Hilfezuge auf; aber sie kamen langsam und nicht zahlreich, Heinrich der Löwe lehnte die Hilfe in aller Form ab, auch als Friedrich Rothbart selbst Februar oder März 1176 mit ihm zusammentraf und dringend um Beistand bat. Endlich im Mai kam das deutsche Hilfsheer, klein genug, kaum ein paar tausend Mann; von Pavia aus, wo er sich während dieses Unglücksjahres aufgehalten, zog Friedrich den Freunden bis Bellinzona entgegen, dann mit den 3—4000 Kriegern, die ihm nun zu Gebote standen, wieder südwärts. Bei Legnano, etliche Meilen nordwestlich von Mailand, trafen am 29. Mai 1176 die beiden Heere aus einander, Friedrich mit geringer Macht gegen etwa 12,000 Feinde. Es entspann sich ein hitziges Reitergefecht und vor dem stürmischen Anprall der Deutschen stoben die Lombarden in wilde Flucht; nur das mailändische Fußvolk, um den geheiligten Fahnenwagen geschaart, hielt tapfer aus. Die Schlacht kam wieder zum Stehen. Die Lombarden sammelten sich und bekamen frischen Zuzug; mit Gesang und Gebet rückten sie, ein starrender Wald von Lanzen, gegen die Kaiserlichen heran. Friedrich selbst focht mitten im Handgemenge; ihm zur Seite fiel von einem Speerstoße der Bannerträger; der Kaiser selbst ward durch einen mächtigen Lanzenstoß aus dem Sattel geworfen und verschwand im Getümmel. Die Deutschen, entmuthigt durch den vermeintlichen Tod ihres kaiserlichen Herrn, bedrängt durch die Uebermacht, sahen nach langem, bis zum Abend dauernden Ringen den Sieg verloren; in wilder Flucht stürmten sie rückwärts; viele wurden erschlagen, viele ertranken im Tessin, viele wurden gefangen, und nur ein geringer Theil des kaiserlichen Heeres gelangte wohlbehalten nach Pavia. Und der Kaiser selbst? Er war verschwunden; außer anderer kostbarer Beute waren Friedrichs Banner, Schild und Schwert in die Hände der Mailänder gefallen. Er war nicht in Pavia, sein Leichnam fand sich nicht auf dem Schlachtfelde. War er in den Wellen des Tessin eines unwürdigen Todes gestorben? Nachdem man einige Tage angstvoll aus 209 seine Wiederkehr geharrt, glaubte man an Friedrichs Tode nicht mehr zweifeln zu dürfen; seine Treuen trauerten schwer um ihn und Frau Beatrix legte Trauergewänder an. Da, als man schon alle Hoffnung ausgegeben hatte, erschien Friedrich Nachts vor dem Thore von Pavia. Mit Heller Freude empfangen, berichtete er sein Geschick. Er hatte unter den Letzten gekämpft, dann am Sieg verzweifelnd sich durch die Feinde geschlagen; mit wenigen Getreuen auf der Flucht von der Hauptmacht versprengt, hatte er, um nicht in die Hände der überall streifenden Feinde zu fallen, sich einige Tage lang in sicherem Versteck verborgen. Nun war er sieglos, aber lebend zu den Seinen zurückgekehrt. So gering im Grunde die Streitkräfte waren^ welche sich in der Schlacht von Legnano maßen, dieselbe hatte dennoch eine entscheidende Wirkung nicht sowohl auf Friedrich selbst, welcher die Fortsetzung des Kampfes beabsichtigte, als auf diejenigen, welche ihm bis dahin zur Seite gestanden hatten. Daß die deutschen Fürsten des endlosen Krieges um die kaiserliche Herrschaft in Oberitalien müde seien, hatte sich schon früher gezeigt; nun riethen selbst Friedrichs eifrigste Helfer, wie die Kirchenfesten von Köln, Mainz und Magdeburg, zur Versöhnung mit dem Papst. So schickte denn Friedrich im Herbst 1176 etliche derselben ab, mit Alexander III. zu unterhandeln; auch verständigte man sich vorläufig, nur daß der Papst erklärte, er werde nicht einseitig den Frieden schließen, sondern gemeinsam mit seinen Bundesgenossen, den Lombarden und dem König von Sicilien. So ward denn nach langen Verhandlungen beschlossen, daß im nächsten Frühjahr Abgesandte des Kaisers und des Papstes, des Normannenkönigs und der Lombarden in Venedig zusammentreten sollten, um die Friedensbedingungen festzustellen und den Frieden abzuschließen. In Venedig fand sich Alexander III. ein; Friedrich dagegen sollte ohne ausdrückliche Erlaubniß des Papstes nicht zugelassen werden. Auch nachdem im Mai 1177 die Vertreter der verschiedenen Mächte zusammengetreten waren, schien es geraume Zeit unmöglich, die widerstrebenden Ansichten auszugleichen, zumal da Friedrich durch allerlei Einwände den Fortgang der Verhandlungen aufhielt; erst als der Erzkanzler Christian von Mainz im Namen der geistlichen und weltlichen Fürsten gegen diese Zögerungen ernstliche Einsprache that, erklärte sich der Kaiser endlich bereit, den Frieden in der vorgeschlagenen Weise anzunehmen, den Gegenpapst Calixtus fallen zu lassen und Alexander III. anzuerkennen, mit den Lombarden auf sechs, mit Sicilien auf fünfzehn Jahre Waffenstillstand zu schließen. Daraufhin T.-A. XX. 14 210 befreite ihn der Papst vom Bann und gestattete das Erscheinen in Venedig. Am Morgen des 24. Juli 1177 ward Kaiser Friedrich vom Dogen selbst in einem langen Zuge prächtiger Fahrzeuge in die wunderbare Jnselstadt geleitet, welche im glänzendsten Festschmncke prangte, überfüllt war von Fürsten, Geistlichen, Gesandten und zahllosem Gefolge. Unter Glockengeläute, mit Gesang und Musik, landete Kaiser Friedrich und zog durch die freudig bewegte Menge nach der Vorhalle der Markuskirche, wo ihn sein Widersacher durch so lange Jahre hindurch, Papst Alexander 111. erwartete. Als Kaiser Friedrich desselben ansichtig ward, legte er den Purpurmantel ab, schritt auf Alexander zu, fiel vor ihm nieder und küßte ihm die Füße. Mit Thränen in den Augen hob der Papst den vor ihm liegenden Kaiser auf, gab ihm den Kuß des Friedens und spendete ihm den Segen. Jubelnd fiel das „Herr Gott dich loben wir!" der tiefergriffenen Menge ein; Alle erfüllte das Bewußtsein, daß der Welt nach vieljährigem Kampfe der Friede wiedergegeben sei. Versöhnt wanderten nun Kaiser und Papst in die Kirche; Friedrich führte Alexander III. zum Altar, legte reiche Geschenke zu seinen Füßen nieder und empfing nochmals den Segen. Bei dem Festgottesdienst am nächsten Tage diente Friedrich in der bescheidenen Kleidung eines Thür- stehers dem Papste, küßte ihm nach der Predigt abermals die Füße, hielt ihm beim Aufsteigen den Bügel und führte das Pferd eine Strecke weit am Zügel, bis ihn Alexander mit seinem Segen entließ. Am 1. August beschwor dann Friedrich in feierlicher Versammlung die Friedensbedingungen, zwölf Fürsten des Reiches mit ihm. Ebenso schworen die Bevollmächtigten des Normannenkönigs und der Lombarden. Damit war der lange Streit erledigt, wenn auch theilweise nur durch einen Waffenstillstand. Zur Erledigung mannigfacher Staatsgeschäfte blieb Friedrich noch mehrere Wochen in Venedig. Am 13. September kehrte er nach Navenna zurück, vom Papste mit dem Kusse des Friedens entlassen. Bis in den Sommer 1178 verweilte Friedrich dann noch in Dberitalien, ging darauf nach Burgund und betrat nach vierjähriger Abwesenheit im Herbst 1178 wieder den Boden Deutschlands. Friedrich Rothbart hatte seine gewaltigen und gewaltsamen Pläne gegen die Freiheit der italienischen Städte nicht durchführen können; er verzichtete nicht auf seine kaiserlichen Rechte, aber er beschränkte fortan seine Ansprüche auf das Durchführbare und Billige; sein nächster Gedanke 211 war nun, den Fürsten zu bestrafen, welchem vor allen er die Schuld der Niederlage von Legnano beimaß, Heinrich den Löwen. Der Groll der Nachbarfürsten, welche die steigende Uebermacht des Sachsenherzogs unwillig ertrugen, kam ihm dabei zu statten. Wie Friedrich den langjährigen Freund und Kampfgenossen wiederholt vor das Fürstengericht lud, wie Heinrich durch seinen Trotz auch die langmütigste Geduld herausforderte, wie dann der Kaiser im Verein mit den norddeutschen Fürsten die Macht des stolzen Welsen brach, ihm seine beiden Herzogthümer Sachsen und Vaiern absprach und nur sein Erbgut Braunschweig und Lüneburg übrig ließ, wie Heinrich der Löwe dann 1182 nach England in die Verbannung ziehen mußte, das ist in dem Lebensbericht des- merkwürdigen Mannes erzählt. Friedrich glaubte den Kaiserthron auf den Trümmern der alten Stammesherzogthümer fester gründen zu können; aber man darf wohl fragen, ob er nicht durch sein Vorgehen, so nothwendig eine Beschränkung des übermüthigen Welsen erschien, jenes trotzige unzuverlässige Kleinfürsten- thum großzog, welches schließlich die Zerbröckelung des mächtigen deutschen Reiches verschuldet hat. Dieser Sorge ledig, gedachte Friedrich nun auch den langen, bisher nur durch einen demnächst ablaufenden Waffenstillstand beschwichtigten Hader mit den Lombarden völlig auszugleichen. Er selbst hatte die Fruchtlosigkeit seiner Bemühungen, die Abneigung der Fürsten gegen die italienischen Händel sattsam erkannt; die Lombarden hatten genug gelitten, um die Erneuerung des Streites zu fürchten. Sie kamen ihm selbst mit Friedensanträgen entgegen; die Bürger der vielbestrittenen Stadt Alessandria, deren Taufpathe Alexander III. 1181 gestorben war, boten selbst an, sie wollten die Feste fortan Cäsarea, die Kaiserstadt, nennen, auch so lange ihre Mauern verlassen, bis Friedrich sie hernach in allen Ehren wieder einführe. So war eine Vereinbarung nicht schwierig. Auf einem großen Reichstage zu Constanz ward am 25. Juni 1183 der denkwürdige Friede abgeschlossen, welcher dem langen blutigen Kriege ein Ende machte. Alles Vergangene sollte gegenseitig vergeben und vergessen sein; die Städte behalten ihre von Alters her üblichen Rechte; streitige können durch Geldzahlungen an den Kaiser erworben werden; die erwachsenen Bürger schwören alle zehn Jahre den Eid der Treue; zu den italienischen Feldzügen beschaffende Lombarden Wege, Brücken, Lebensmittel; sie haben das Recht Bündnisse zu schließen und ihre Städte zu befestigen; die niedere Gerichtsbarkeit übt die Stadt selbst durch ihre Beamten, die obere ein kaiserlicher Sendbote nach 14* 212 den Gewohnheiten der Stadt; derselbe soll auch die von den Bürgern gewählten Stadthäupter bestätigen, diese dagegen sollen dem Kaiser Treue schwören. Mit diesen Feststellungen war den kaiserlichen Ansprüchen im Wesentlichen Genüge gethan und doch eine freie Entwickelung des italienischen Städtewesens nicht gehemmt. So hat auch fortan zwischen Kaiser Friedrich und den Lombarden Friede gewaltet. Nachdem auch dieses schwierige Geschäft in erfreulicher Weise erledigt worden, gedachte Friedrich seine beiden Söhne, Heinrich, den künftigen Thronerben, und Friedrich, Herzog von Schwaben, in festlicher Weise wehrhaft zu machen; es sollte für das ganze Reich ein Fest sein, wie es seit Menschengedenken nicht gesehen worden. Also berief er auf Pfingsten 1184 die gesammten weltlichen und geistlichen Fürsten und den Adel Deutschlands nach Mainz; die Zahl der Edeln, die hier erschienen, wird so unglaublich und zugleich so verschiedenartig angegeben, daß sie hier nicht aufgeführt werden soll; manche der hohen Neichsfürsten brachten mehrere Tausend ihrer Dienstmannen mit; dazu kam die unendliche Schaar der Fremden aus allen Nachbarlanden, Herren und Geringe, Dichter, Sänger und Gaukler. Die Stadt konnte die Fülle der Gäste nicht aufnehmen; auf dem breiten Blachfeld auf dem rechten Nheinufer ließ der Kaiser eine neue Stadt von Zelten und Breterbuden errichten; inmitten derselben das kaiserliche Lusthaus selbst und daneben eine Kapelle; den Rhein hinab und herauf brachten Schiffe Lebensmittel für die Hunderttausende, welche herbeigeströmt waren, des Kaisers Festfreude zu theilen; alle Edeln, ja alles Volk ward auf Kosten des freigebigen, gesellig fröhlichen Kaisers bewirthet, Könige, Herzöge und Markgrafen leisteten ihm Dienste als Truchseße und Schenken, Kämmerer und Marschälle. Das Gedränge der Gäste, der bunte Schmuck des Zeltlagers, der Reiz der sommerlichen Landschaft, die Fröhlichkeit des Lebens, sie wurden noch lange Zeit in den Erzählungen und Liedern der Glücklichen gepriesen, welche diese festlichen Tage geschaut. Am zweiten Pfingsttage zeigten König Heinrich und Herzog Friedrich ihre Tüchtigkeit in allen ritterlichen Uebungen und empfingen dann in der festlichen Versammlung der Fürsten aus des kaiserlichen Vaters Händen das Ritterschwert. Noch eine Sorge beschäftigte angelegentlich den Kaiser: die Vermählung seines ältesten Sohnes und dereinstigen Nachfolgers Heinrich; es war nicht sowohl eine Frage des Herzens als der Staatsklugheit. Schon die sächsischen Kaiser, 200 Jahre zuvor, hatten durch Ehebündnisse Ober- und Unter- 213 Italien fest an das deutsche Reich zu knüpfen versucht, freilich zum bittersten Nachtheil für Deutschland nicht allein, sondern für die Kaiser selbst, welche ihre frische nordische Kraft im vergeblichen Kampfe gegen die Feindseligkeit des südlichen Himmels und Volkes rasch verzehrten. Dadurch nicht gewarnt, lenkte Friedrich Rothbart in dieselbe Unglücksstraße. Das herrliche Unteritalien und Sicilien beherrschte kinderlos König Wilhelm II., ein Schwächling, der letzte des vormals so starken und streitbaren normannischen Fürstenhauses; starb er, so war von dem ruhmreichen Geschlechte Robert Guiscards nur noch eine Tante König Wilhelms übrig, Constanzia. Friedrichs Absicht ging nun dahin, seinen jugendlichen Sohn mit der zehn Jahre älteren Normannin zu verheirathen und auf diese Weise Sicilien und Unteritalien mit dem deutschen Reiche zu verbinden. Das war freilich dem Papste höchst unwillkommen, welcher sich dann von beiden Seiten her durch die seit langer Zeit ihm feindselige Macht der Hohenstaufen umklammert sah. Auf Alexander III. war Lucius III., auf diesen Urban III. gefolgt; der letztere, als geborener Mailänder den Hohenstaufen doppelt feind, konnte nur ohnmächtige Versuche des Widerstandes machen. Hun- dertfünfzig Saumthiere zogen mit Gold, Silber, Sammt, köstlichen Gewändern und anderen Ausstattungsgegenständen beladen, dem reichen Vrautschatze Constanzens, nach Oberitalien. In Mailand, der so lange feindlichen, jetzt dem Kaiser befreundeten Stadt, wurde im Januar 1186 die Ehe des 21jährigen Heinrich mit der 31jährigen Constanzia geschloffen. Glänzende Festlichkeiten reihten sich daran; Deutsche und Welsche, die einander so lange feindlich gegenübergestanden, lustwandelten nun Arm in Arm und wetteiferten in ritterlichen Spielen. Die alte Feindschaft war vergessen; Friedrich, um den Mailändern, die er früher so furchtbar hart heimgesucht, seine Gnade zu beweisen, ertheilte ihnen das Recht, ihren Podesta oder Bürgermeister selbst zu wählen. Papst Urban III. war hierüber äußerst ungehalten; er erneuerte seine Vorwürfe Und versuchte die deutschen Bischöfe gegen den Kaiser aufzustacheln. Diese aber, Frühjahr 1188 auf einen Reichstag nach Geln- hausen berufen, gedachten daran, daß sie nicht blos Priester, sondern Deutsche seien und dem Kaiser Unterthan; sie vermahnten also den Papst, seine unberechtigten Ansprüche aufzugeben. Urban ergrimmte und wollte Kaiser Friedrich in den Bann thun; er starb, ehe er seine Absicht ausgeführt. In jener Zeit erneuten Kampfes mit der Kirche kam die Botschaft, daß die heilige Stadt Jerusalem, nachdem sie 90 Jahre lang in den 214 Händen der Christen gewesen, durch Sultan Saladin erobert, eine Beute der Ungläubigen geworden sei. Ein Wehgeschrei der tiefsten Bekümmerniß ging durch ganz Europa; von dem neuen Papste Gregor VIII. ausgeschickt, wanderten Kreuzprediger durch alle christlichen Lande und forderten auf zur gewaffneten Wallfahrt, zur Befreiung der heiligen Stadt. Friedrich der Rothbart sah sein Tagewerk gethan. Das Reich war befriedet, Heinrich der Löwe niedergeworfen, die Lombarden durch kluge Nachgiebigkeit gewonnen, der älteste Sohn vermählt und bereits zum König gekrönt; er selbst, wie er als Jüngling in das heilige Land gezogen, glaubte seinem Leben keinen besseren Abschluß geben zu können, als durch den Kampf gegen die Ungläubigen. So berief er auf die Fastenzeit 1188 einen großen Reichstag nach Mainz; hier nahm Friedrich aus "der Hand des päpstlichen Botschafters das Kreuz; dem Beispiele des greisen Kaisers folgten sein zweiter Sohn, Herzog Friedrich von Schwaben, die Herzöge Bertold von Meran und Ottokar von Steiermark, Landgraf Ludwig von Thüringen, Markgraf Hermann von Baden; außer diesen viele andere Fürsten, Bischöfe und Edle; König Heinrich blieb als Schützer des Reichsfriedens zurück. Friedrich bemühte sich, die noch schwebenden Zwiespältigkeiten rasch zu schlichten, brach eine große Zahl von Raubschlössern, nöthigte den gefährlichsten der Gegner, Heinrich den Löwen, abermals den deutschen Boden zu verlassen, erließ im Spätjahr 1188 ein strenges Gebot zur Wahrung des Neichsfriedens gegen willkürliche und gewaltthätige Fehde. Unterstützung fordernde Boten gingen voraus an den König von Ungarn, an den griechischen Kaiser, an Kilidsch Arslan, den mächtigen Sultan von Jkonium in Kleinasien; an Saladin selbst ward Graf Heinrich von Dietz abgesandt, um nach ritterlichem Brauche die Räumung von Jerusalem zu verlangen oder Fehde anzusagen. Die ersterwähnten Fürsten versprachen durch eigene Boten alle Förderung des großen Unternehmens; Saladin lehnte die Rückgabe Jerusalems, wie nicht anders zu erwarten, ab. Derweil gingen die Rüstungen in den Hauptreichen Europa's ihren Weg; die Könige von Frankreich und England beschlossen über Meer zu fahren; Friedrich Rothbart beschied die Deutschen auf Eingang Mai 1189 nach Regensburg; es waren nicht Schiffe genug für eine so große Anzahl von Pilgern zu beschaffen, und so ward beschlossen, den seit hundert Jahren mehrfach betretenen Weg zu Lande die Donau hinab einzuschlagen. Um so weniger trug Friedrich Lust, sich mit einem großen Schwärme bettelhaften und räuberischen Gesindels zu beschweren; er gebot, jeder 215 Theilnehmer müsse die Reisekosten auf zwei Jahre bereit halten, wies etliche tausend unnützer Männer und Weiber vom Heere weg, hielt in demselben, soweit es bei solcher Menschenzahl möglich erscheint, strenge Zucht. Die Menge der Pilger wird verschieden angegeben; man zählte, heißt es, die Bürger, Geistlichen, Knechte und Fußgänger abgerechnet, an 20,000 reisige Männer; die Zahl der ersteren war ohne Zweifel weit beträchtlicher. Bei Presburg an der ungarischen Grenze ward abermals viel unnützes Gesinde! ausgesondert; in Gran empfing König Vela von Ungarn den Kaiser mit hohen Ehren und Festlichkeiten; Herzog Friedrich von Schwaben verlobte sich mit einer Tochter Vela's; viele Ungarn und Schwaben schlössen sich dem Heere an; in vier Gewalthaufen getheilt, zogen die Kreuzfahrer die Donau hinab, während der Kaiser selbst zu Schiffe dahinfuhr. Am Einflüsse der Morawa ging es dann völlig zu Lande weiter südwärts durch das Serbenland; war bisher Alles im tiefsten Frieden verlaufen, Streit etwa nur durch Plünderungen der Kreuzfahrer entstanden, welche Friedrich mit dem Tode bestrafte, so begannen hier bereits die Feindseligkeiten der unzuverlässigen Völkerschaften. Noch schlimmer ward es im griechischen Kaiserreiche, welches die Kreuzfahrer alsbald betraten. Die griechischen Kaiser sahen es allezeit mit Aergcr, wie die Abendländer sich auf dem Boden des alten Römerreiches einnisteten, in mächtigen Völkerströmen durch das Land zogen; anstatt aber diesen Unannehmlichkeiten durch' kräftige Förderung aus dem Wege zu gehen, thaten die Griechen alles Mögliche, die durchziehenden Abendländer zu plagen und dadurch zur Erbitterung zu reizen. Es war nicht hinreichend für Lebensmittel gesorgt, die Wege verderbt, die Engpässe durch das Gebirge verschanzt und von Streithaufen besetzt; die Pilger, welche Nahrung suchend sich von der Hauptschaar entfernten, wurden mißhandelt, gefangen, erschlagen; nun ließ auch noch gegen alles Völkerrecht Kaiser Jsaak Angelos die hohen Herren, welche Friedrich als Botschafter an den Hof von Constan- tinopel gesandt hatte, gefangen nehmen; dazu sandte er an Friedrich ein hochmüthiges Schreiben, worin er demselben den Kaisertitel bestritt, den Herzog Friedrich von Schwaben und sechs andere Fürsten als Geißeln forderte und verlangte, Friedrich solle ihn als Oberlehnsherrn anerkennen. Alle diese Aergernisse konnten die Deutschen nur erbittern; sie nahmen mit Gewalt die Lebensmittel, deren Kauf man ihnen weigerte, lagerten sich mit Gewalt ein in die Städte, deren Thore man ihnen verschloß, 216 erstürmten mit gewaffneter Hand die Bergpässe und gelangten so bis nach Adrianopel, in dessen Umgebung man den Winter 1189 auf 90 verweilte. In dieser Zeit ward der lange Hader beendet durch einen feierlich be- schworenen Vertrag, demzufolge Kaiser Jsaak die widerrechtlich Gefangenen zu entschädigen, Lebensmittel zu liefern und die zur Ueberfahrt erforderlichen Schiffe zu stellen versprach; seine Tochter Irene verlobte er mit Philipp, dem dritten Sohne Friedrichs des Rothbartes. Sieben Tage dauerte im März 1190 die Ueberfahrt über den Helles- pont. Man zählte 82,000 Pilger; Friedrich selbst war der letzte, welcher den Boden Asiens betrat mit den Worten: „Liebe Vrüder, seid getrost, das ganze Land ist in unsern Händen!" Doch fingen hier die Schwierigkeiten der Kreuzfahrt erst recht an; es fehlte an Lebensmitteln und man mußte unter steten Scharmützeln den Durchzug erkämpfen. Kilidsch Arslau, Sultan von Jkonium, dessen Land man darnach betrat, hatte zwar Freundschaft gelobt, aber er hielt sein Wort nicht oder war nicht im Stande, die Seinen im Zaume zu halten. Stets umschwärmt von türkischen Reitern, kamen die Pilger in wüste wasserlose Gegenden, in unwegsame Gebirge; von Hitze und Durst gequält, stets kämpfend, Tag und Nacht in Athem gehalten durch die nahen Feinde, schritt das Heer nur langsam vorwärts; der Mangel ward so arg, daß man Pferdefleisch aß und Pferdeblut trank. Aus diesen Zeiten der Noth wird die sagenhafte Geschichte jenes schwäbischen Ritters berichtet, welcher in der Einsamkeit von einer überlegenen Schaar türkischer Reiter angegriffen, dem Pferde des Nächsten zuerst mit einem Streich beide Vorderfüße abhieb, sodann mit einem zweiten den Reiter von dem Wirbel bis auf den Sattel spaltete. Es erschienen damals Voten des Sultans und verhießen Frieden, wenn jeder der Pilgrime einen byzantinischen Goldgulden bezahle. Friedrich aber antwortete: „Ein Kaiser der Deutschen pflegt Zins zu empfangen, nicht zu geben. Mit der Hilfe Gottes, für welchen wir streiten, soll uns das Schwert einen sicheren Weg bahnen. Doch wollen wir Eurem Herrn freiwillig Geschenke darbringen. Da nehmet diesen Pfennig, die aller- schlechteste und geringste Münze unter der Sonne und ein Abbild des Sultans von Jkonium." Die Gesandten eilten mit furchtbaren Drohungen hinweg. Es folgten nun — es war Mitte Mai 1190 — mehrere Tage erbitterten und mannigfach schwankenden Kampfes um den Besitz der Stadt Jkonium; mehrmals schien es, als ob die Kreuzfahrer vor der Ueberzahl 217 der türkischen Reiter erliegen müßten; selbst der Kaiser verlor einmal die sonst unerschütterliche Ruhe und rief aus: „Mein Haupt wollte ich hingeben, wenn wir zu Antiochien wären!" Dennoch siegte nach hartem Kampfe und furchtbaren Entbehrungen die Tapferkeit der Christen und Jkonium ward besetzt. Kilidsch Arslan hatte sich in die Burg zurückgezogen und bot am Abend des letzten Schlachttages Friede an; solches meldete eine türkische Gesandtschaft, welche nach demüthiger Rede dem Kaiser ein köstliches Gefäß überreichte, aus einem Smaragd wunderbar geschnitten und mit herrlichem Balsam gefüllt. Friedrich aber warf das Geschenk zu Boden, daß die Scherben umherflogen und sprach: „Ich allein will diese Kostbarkeit nicht; die Genossen der Noth mögen auch den Lohn mit mir theilen und nehmen, was ihnen beliebt!" Da sammelten die unterstehenden Kriegsgesellen nach Luft die Trümmer des Gefäßes und bewunderten schweigend die Großmuth ihres Herrn. Friedrich aber empfing zwanzig Geißeln des Sultans, ließ diesen ungekränkt und blieb fortan von feindlichen Ueberfällen befreit. So gelangte man nach unsäglichen Mühseligkeiten und schwerem Verlust an Menschen und Pferden in das befreundete Gebiet der christlichen Armenier und erreichte die Stadt Seleucia am Flusse Kalykadnus oder Salef. Hier ward etliche Tage gerastet; der Weg nach Syrien lag offen vor den Kreuzfahrern. Was nun geschah, wird verschiedentlich erzählt. Einige Quellen berichten: Friedrich, durch die Sommerhitze und durch die Erinnerung an seine Jugendzeit gelockt, habe nach geendetem Mittagsmahl ein Bad im Flusse genommen, sei aber plötzlich beim Schwimmen durch die Wellen hinweggeriffen und erst nach einiger Zeit besinnungslos aufgefunden worden, am Abend aber nach kurzem Wiedererwachen entschlafen. Größere Wahrscheinlichkeit hat der andere Bericht, nach welchem am 10. Juni 1190 das Heer auf einer Brücke den Salef überschritt. Herzog Friedrich voran, dann das Gepäck, zuletzt wie gewöhnlich der Kaiser. Diesem sei der Zug zu langsam vorgeschritten; müde des Harrens, sei er mit dem Pferde in den Fluß geritten, um schwimmend das andere Ufer zu erreichen. Da ergriffen ihn die Wellen, rissen ihn fort, und als man den Greis endlich ans Land brachte, war er bereits entseelt. Welcher dieser beiden Berichte nun wahr sei, fest steht, daß am 10. Juni 1190 Kaiser Friedrich der Rothbart durch einen raschen Tod in den Wellen des Salef hinweg- genommen ward. Wer beschreibt die Verstörung, welche bei der Unglücksbotschaft in dem Heere der Kreuzfahrer ausbrach. Herzog Friedrich übernahm fortan 218 die Führung, aber auch er erlag ein halbes Jahr später vor der Feste Alton der Krankheit. Die kaiserliche Leiche mochte oder konnte man in der Sommerhitze nicht weiterführen; es geschah wie in dem Unglücksjahre 1167; man nahm Eingeweide und Hirn heraus, schied durch Kochen das Fleisch von den Gebeinen, und setzte jene leichtverweslichen Reste bei in der nächsten christlichen Stadt, die man erreichte, in Antiochia; die Gebeine aber in Tyrus. Das deutsche Volk aber glaubte nicht, daß der Held gestorben sei, welcher fast 40 Jahre lang ruhmvoll die Krone getragen; es erging ihm wie andern Helden, wie Karl dem Großen; Friedrich ward, so erzählt die Sage, entrückt in den Kyffhäuserberg, auf dessen Haupt und Abhang noch jetzt die Trümmer zweier Kaiserburgen an die alte Zeit mahnen. Dort im Berge sitzt er am Steintisch, um welchen sein feuriger Bart im Ring herumwächst und harrt auf die wiedererstandene Herrlichkeit des Reiches. Eine schöne sinnvolle Sage. Aber gottlob, der alte Kaiser darf sich jetzt zur Ruhe legen; das deutsche Reich ist wiedererstanden, mächtiger, einiger und freier, als es Friedrich der Rothbart geschaut. Von dem täglichen Leben und Wesen Kaiser Friedrichs ist uns nicht viel überliefert. Wir wissen, daß er an den Geschichtsbüchern, welche die Begebenheiten seiner Zeit darstellten, Freude hatte. Zu einer Pflanzstätte der Dichtkunst, wie man wohl gemeint hat, war Friedrichs stets wandernder, oft jahrelang durch Krieg oder Staatsgeschäfte in Italien und Burgund festgehaltener Hof nicht gerade geeignet; doch fällt in sein Zeitalter der Beginn des höfischen Minnegesangs, welcher damals von den Franzosen herüberkam. Des Kaisers Macht und Größe ist noch zur Stunde ersichtlich aus den spärlichen Trümmern jener stolzen Pfalzen, die er zu Gelnhausen, Hagenau, Kaiserslautern, Kaiserswerth und an andern Orten erbauen ließ. Jener bezeichnenden Züge, wie wir sie so zahlreich aus Karls des Großen Leben überliefert erhalten haben, besitzen wir nur wenige; etliche aus dem letzten Kreuzzuge sind früher mitgetheilt, zwei andere mögen noch hier ihre Stelle finden. Einst bewarben sich zwei Herren, von denen der eine reich, 'einschmeichelnd und bösartig, der andere arm, blöde und ehrlich war, um eine Abtei. Es geschah, daß Friedrich von dem ersten durch ein großes Geschenk gewonnen, nachmals durch getreue Freunde belehrt wurde, daß er einem Unwürdigen das Amt verheißen habe. Dieser Fehl mußte gebessert werden. Als demnach der Kaiser in dem Wahlkapitel saß, begehrte er von dem reichen und schlechten Manne, der schon die Abtwürde als sein eigen betrachtete, eine Nadel. Der Mönch wurde verlegen, denn 219 er konnte nicht finden, was doch die Regel gebot und sein blöder Mitbewerber alsbald auf Verlangen überreichte. Da sprach Friedrich: „Ihr seid ein Mönch, der auf Ordnung hält und verdienet die Abtei. Euren Mitbewerber halte ich derselben für unwürdig; denn wenn er die kleinste Sache, die ein Mönch nach seiner Regel haben soll, verabsäumt, wie wird er nicht in großen Dingen fahrlässig sein?" Eines Tages ritt Kaiser Friedrich, von seinen Getreuen umgeben, durch die Stadt Thiengen im Visthum Constanz. Die Einwohner empfingen mit großen Ehren das Hanpt des Reiches, nur ein Freiherr von Krenkingen blieb vor seiner Hausthüre sitzen und lüpfte nur zum Gruße den Hut, wie vor jedem achtbaren Fremdling. Der Kaiser hielt an und sprach zu dem Krenkingen: „Wer seid Ihr, daß bei Euch kaiserliche Majestät ihre Achtung nicht findet, und warum steht Ihr nicht auf, wie doch sonst Dienstmannen zu thun schuldig sind?" Der Ritter antwortete ruhig- „Mein Name ist Krenkingen; mein Geschlecht ist alt; an Gütern, Leib und Habe bin ich so frei, daß ich weder vom Kaiser, noch von einem andern Herrn etwas zu Lehen trage. Als Oberhaupt des deutschen Volkes seid Ihr Herr meines Willens, so lang Ihr kaiserlich Regiment übt; für meiner Güter Herren erkenne ich Euch nicht an." Anstatt erbittert zu werden, sprach Friedrich: „Ihr seid ein werther schätzbarer Mann, der die rechten Gedanken hat von der Freiheit und den Pflichten eines freien Mannes. Auf daß Ihr aber dem Reich größere Dienste leisten möget, so empfanget, wenn Ihr wollt, ein Lehen und das Recht, Münzen mit des Kaisers Bildniß zu schlagen. Denn Jedermann soll wissen, daß ich Euren adeligen Sinn in Ehren halten und nimmer kränken will." Wenige unter den deutschen Kaisern sind der Nachwelt in einem solchen Glänze der Macht und Herrlichkeit erschienen, wie Friedrich der Rothbart; die Zeitgenossen sahen in ihm das Musterbild aller höchsten Strebungen zur Verherrlichung deutscher Ehre. Leider verstand man darunter die Aufrechthaltung der römischen Kaiserwnrde mit den daraus hergeleiteten Ansprüchen; und doch sollte an der Unerreicht»arkeit dieses Zieles die Kraft nicht blos des Hohenstaufenhauses, sondern auch die Macht des deutschen Reiches zerscheitern. In dieser Hinsicht ist die Thätigkeit Heinrichs des Löwen, des gewaltigen Nebenbuhlers von Friedrich Rothbart, fruchtbringender für die Nachwelt gewesen; anstatt jenseits der Alpen unfruchtbare Lorbeeren zu suchen, dehnte er das Gebiet des Christenthums und deutscher Sitte weit nach Osten hin aus und ward 220 damit ein Bahnbrecher deutschen Wesens auf gesunderem und dauerhafterem Grunde, als dieses den Hohenstaufen vergönnt war. Dennoch aber wollen wir Friedrich den Rothbart, welcher den Ruhm deutscher Kraft und Macht über alle Nachbarländer verbreitete und noch Jahrhunderte lang in der Heldensage seines Volkes fortlebte, in hohen Ehren halten. Die A l p e n v e i l l!i e n. Von Llars Ernst. ^ls ich noch ein kleines Mädchen war, reisten die Eltern mit mir in eine große Stadt, wo wir den Onkel Heinrich besuchten. Onkel Heinrich hatte so freundliche Augen, eine so herzgewinnende Sprache, daß ihm alle Menschen gut sein mußten; ich liebte ihn sehr, er nannte mich seinen Liebling, und es fiel mir gar nicht ein, daß er auch böse auf mich werden könne, weil er immer so sanft und nachsichtig war. Er war ein großer Blumenfreund, und da in der großen Stadt die Gärten selten sind und er keinen besaß, so zog er in seinen Stuben den schönsten Blumenflor und schmückte seine Fenster damit. Blumen sind aber oft dankbarer und gehorsamer als eigenwillige Menschenkinder, sie vergelten die treue Pflege und Sorgfalt, die ihnen gewidmet wird, durch Knospen und Blüthen, sie legen gern ihre Ranken um den Stab, den der Gärtner ihnen als Stütze bietet, während Kinder sehr oft nicht den Weg gehen wollen, den die Eltern ihnen zeigen. So dankten auch Onkel Heinrichs Blumenkinder ihm für alle Mühe, die er sich mit ihnen gab, durch ihr herrliches Gedeihen; zarte Nosen- knospen erschlossen sich hier im Zimmer, während draußen noch Alles winterlich war, Hyazinthen standen da in Reih' und Glied mit den farbigen Glöcklein und verbreiteten süße Wohlgerüche, es wölbten Palmen ihr schirmendes Dach und rollten die zierlichen Fächerblätter auseinander. Ich konnte mich nicht satt sehen an diesem Blumen- und Blättergarten, nur ein Topf, der mitten unter ihnen stand, kam mir recht häßlich vor. Es war schwarze steinige Erde darin, aus der braune Knollen hier und da hervorragten. Wer hatte nur die vertrockneten Dinger unter all' die schönen Blumen gesetzt? 221 „Was ist darin?" fragte ich den Onkel neugierig. Er nahm den Topf, betrachtete ihn eine ganze Weile mit freundlichem Lächeln und fagte dann, als wenn er etwas ganz Anderes dabei in Gedanken hätte: „Es sind meine Cpklamen, sie keimen bald, und wenn . . Da trat ein Besuch ins Zimmer, er konnte nicht weiter sprechen, ich durfte nicht mehr fragen, er stellte den Topf wieder hin. Da stand er zwischen den Rosen und Myrthen, ich betrachtete ihn mit stillem Unwillen. Cyklamen! Noch dazu einen so häßlichen fremden Namen halten die garstigen Dinger, kein einzig' Blättchen trieben sie, die Erde, die zwischen ihnen lag, war mit kleinen Steinchen wie besäet. Darin konnten sie auch gar nicht wachsen — nein, sie mußten fort! Der Onkel hatte ja auch nicht gesagt, daß er sie hübsch finde, er war so zerstreut als er den Topf nahm, lächelte so eigen, als wenn er etwas viel Schöneres vor sich sähe! Gewiß wollte er mir sagen, daß ich sie fortbringen solle, konnte nur nicht ausreden, weil der Besuch ihn unterbrach. „Du solltest ihn noch einmal fragen," flüsterte eine leise Stimme in mir; ich überhörte sie, mein Eigenwille war gar zu mächtig. „Ich thue gewiß kein Unrecht," beschwichtigte ich mich selbst; „der große Blumentopf nimmt einen gewaltigen Platz ein, jetzt nehme ich ihn fort, so! — nun kann ich den schönen Rosenbaum viel mehr in die Sonne rücken, so ist's viel hübscher!" Mühsam schleppte ich den schweren Topf hinaus, da war auch kein grünes Blättchen an den dicken braunen Knollen zu sehen, das war Alles todt und verdorben, meinte ich; fort damit! Ich war so eifrig, daß ich gar nicht hörte, wie die alte Köchin in die Küche trat. „Was machst Du da?" fragte sie. „Ich habe die alten verdorbenen Blumenzwiebeln ins Feuer geworfen!" sagte ich. „Wollte es der Herr Doktor?" fragte sie erschrocken. Es überlief mich glühend heiß. „Der Topf stand im Wege," stotterte ich, „der Onkel wollte mir eben sagen, was ich damit thun sollte, es kam Besuch — da . . . ." „Nun, nun!" begütigte sie, „Du brauchst nicht so ängstlich zu sein; wenn der Herr Doktor gewollt hat, daß Du sie fortbringst, dann waren die Dinger gewiß längst erstorben, er versteht das; aber nun wasche Dir 222 die Hände, Du siehst ja wie ein Mohr aus." Damit ging sie wieder an ihre Arbeit. Ich stand noch immer an derselben Stelle; erst jetzt ward das Bewußtsein meiner eigenmächtigen Handlung mir recht klar. Ob der Onkel es gewollt, daß ich die Zwiebeln fortwerfe? das wußte ich nicht, mein Wille war es gewesen, den hatte ich durchgesetzt; nun bereute ich, aber es war zu spät. O, was hätte ich jetzt darum gegeben, wenn ich den Blumentopf mit seinem mir so widerlichen Inhalt unversehrt zurück in die Stube hätte tragen können! Die Flamme auf dem Herde leckte noch an den saftigen Knollen, daß sie sich knisternd krümmten, vor mir auf dem Boden lag die schwarze Erde; und wie sahen meine Hände aus!- Ich wusch sie schnell, jetzt waren sie wieder rein, aber im Herzen saß mir noch ein schwarzer Fleck. Sehen konnte ich ihn freilich nicht, ich fühlte ihn; es war das Bewußtsein etwas Unrechtes gethan zu haben. Ich schlich langsam zurück ins Zimmer, die Sonne schien hell durch das Fenster, sie schien auf die Blumen, die so grün und bunt dastanden. Der große Topf mit den garstigen Zwiebeln war fort, ich hätte mich freuen können, aber ich war betrübt, ich hatte ein böses Gewissen. Lauf dem Onkel entgegen, wenn er kommt, erzähle ihm gleich was du gethan hast, beschloß ich; aber — das böse Gewissen macht furchtsam, und als ich des Onkels Schritte hörte, stand ich wie festgebannt. Er trat ins Zimmer, seine lieben Augen suchten mich. „Wo ist mein liebes Kind," fragte er. Ich flog an seinen Hals, ich nannte ihn mit den zärtlichsten Namen; aber was geschehen war, darüber schwieg ich. So vergingen mehrere Tage; so oft der Onkel zu seinen Blumen ging, zitterte ich, aber — er bemerkte nichts — oder — so sing ich schon wieder an mich zu trösten — er ist vielleicht recht zufrieden damit, daß sie fort sind die dummen Dinger, die mir so viel Angst machen. Heut schien die Sonne wieder frühlingswarm, der Onkel war bei den Blumen, er band die Ranken einer Passionsblume an das Spalier, nahm die welken Blätter der Erika fort, nun bückte er sich um den Duft einer Hyazinthe zu athmen, die erst heute Morgen ihre weißen, rosig überhauchten Blüthenglocken entfaltet hatte. Ich stand neben ihm; plötzlich fuhr er empor. „Wo sind meine Cyklamen geblieben?" frug er streng, „ich will doch nicht hoffen, daß die Köchin . . . „Onkel, die häßlichen lateinischen Dinger, die braunen schmutzigen in der steinharten Erde," stotterte ich erbleichend, „die habe ich, ich habe sie . . . ." „Was hast Du damit gethan, Du unnützes Kind?" rief er erzürnt. Ich brach in Thränen aus. „Weggeworfen habe ich die steinige Erde, die alten Zwiebeln verbrannt," schluchzte ich — „ach sieh doch nur nicht so böse aus, mein lieber, lieber Onkel! — ich hatte mich schon lange über den großen Blumentopf geärgert, er stand unter all' den hübschen so kahl, so häßlich! Ich wollte Dich fragen — Du warst zerstreut, da . . . „Da folgtest Du Deinem Eigenwillen," unterbrach mich der Onkel; „Du vernichtetest was Dir mißfiel, mir aber lieb und theuer war. Du zerstörtest die zarten Keime, die in den unschön aussehenden Hüllen schliefen und mir auch in diesem Jahr, wie schon in so manchem, zarte Blüthen der Erinnerung getrieben hätten." „Höre nur," fuhr er fort, „vor Jahren als ich noch ein kräftiger Mann war, da reiste ich aus unserer bergelofen Gegend hinein in die Schweiz, wo droben auf den Höhen und drunten auf grünen Matten viel holde Blumen stehen. Da entzückten mich vor Allem die weiß und lila Cyklamen, die lieben Alpenveilchen, die zwischen dem harten Gestein neugierig hervorgucken, und weil ich, wie Du weißt, solch' ein Blumensammler bin, ward ich nicht müde sie zu pflücken. Ich grub mit unsäglicher Mühe die Knollen aus dem Felsenboden hervor, ich hütete sie sorgsam auf der Reise, pflanzte, zurückgekehrt, sie in Töpfe und hatte die Freude, daß sie mich jedes Jahr mit Blüthen beschenkten. „Im Laufe der Jahre sind auch die Zwiebeln nach und nach abgestorben, diese waren die letzten. Um so mehr freute ich mich, daß sie Keime trieben, ich hoffte noch einmal auf ihr Blühen. „Denn — hier sah er mich so traurig an — zwischen jener Reise und heute liegt meine lange schwere Krankheit, ich bin nicht wieder kräftig geworden, werde auch die Schweiz nicht wieder betreten. „Wenn nun die Alpenveilchen blühten, dann versetzte mich ihr Anblick wieder so ganz in jene wunderbare Welt, ich hörte die Gebirgswässer rauschen, sah die sonnedurchleuchteten Schneeberge im Geist und konnte 224 täglich vor den kleinen Blumen stehen, die ihren Ursprung droben gehabt in der freien reinen Luft." Er brach ab. „Die Du nun zerstört hast, Du naseweises Mädchen," fuhr er in strengem Ton fort. — Schon längst flössen meine Thränen, jetzt warf ich mich schluchzend an seine Brust. „Vergieb, o vergieb mir!" stammelte ich. Er vergab so bald, der gute freundliche Onkel, ich aber überwand es nicht, daß ich ihm seine Blumen, durch sie die liebe Erinnerung zerstört hatte. — Jene Begebenheit machte einen so tiefen Eindruck auf mich, daß sie stets wieder lebendig vor meiner Seele stand, wenn ich einmal eigenwillig sein wollte, daß sie mich zurückhielt von manchem schnellen, wenig überlegten Handeln. Viele Jahre sind seit jenem Tage vergangen. Onkel Heinrich ist lange todt. Da reiste ich auch in die Schweiz, auch mir wurde in der wunder- herrlichen Natur das Herz groß und weit; ich mußte immer wieder die Hände falten und Gott danken, der so viel Schönheit erschuf und mich würdigte sie zu sehen. Meine Begleiter waren einen andern Weg gegangen; ich wanderte allein zwischen den Bergriesen. Die Sonne flimmerte droben und setzte ihren Schneestirnen Diamantenkronen auf, sie legte über die grünsammtnen Matten ein golden Netz, die Gebirgsquellen flössen als Silbergürtel dazwischen, es war eine unbeschreibliche Pracht. Da blüht es plötzlich um mich her, an den Felsen hier und dort gucken zarte Köpfchen hervor, weiß und lila! O diese lieblichen, noch nie gesehenen Blümchen, ich bücke mich zu ihnen nieder, ich pflücke mir einen Strauß davon und werde nicht müde, muß immer mehr pflücken. Wie sie nur hier in den Felsen, in der fteinharten Erde wachsen können, denke ich bewundernd, nehme meinen Alpenstock und versuche mit seiner scharfen Spitze eine Wurzel Herauszugraben. Es ist sehr mühsam, endlich geht es, die Steine"geben nach, — aber — was halte ich in der Hand? Das sind ja Onkel Heinrichs Alpenveilchen, rufe ich schmerzlich erfreut und betrachte die einst so verachteten Knollen mit liebenden Blicken! Wieder steht sie vor mir, die Euch 225 geschilderte Begebenheit aus meinen Kinderjahren, steht er vor mir, der theure Onkel, und seine Augen blicken mich wie damals ernst utrd traurig an! Als meine Gefährten mich aufsuchten, weil ich ihnen zu lange blieb, hatte ich mit großer Mühe eine Menge der braunen Knollen ausgegraben, um sie mitzunehmen. Auf der Rückreise weilten wir in der Stadt, wo Onkel Heinrich gelebt hatte und gestorben war. — Ich pflanzte die besten auf sein stilles Grab, die andern behielt ich selbst, pflegte sie sorgsam und nach Jahresfrist erfreuten sie mich durch ihr Blühen. Auch mich erinnern sie an die herrliche Gebirgswelt, sie erinnern mich an den lieben, nie vergessenen Onkel — und auch ich würde wie er dem kleinen naseweisen Mädchen heftig zürnen, das mit keckem Eigenwillen mir meine lieben Blumenzwiebeln zerstörte. Der kleine Wanllerer. Bon Hcrmine Kmuslimir. „§preitze dich doch nicht so unbescheiden! du versperrst ja den Leuten beinahe den Weg," sagte ein hoch aufgeschossener Grashalm zu dem kleinen Wegerich, der seine starkrippigen Blätter weit über den Wegrand hinaus- streckte. „Ach," lachte der Wegerich, „alle können doch nicht so lang und dünn sein, wie du; die Landstraße ist noch breit genug für Menschen und Fuhrwerke, und hast du nicht gesehen, daß die Frau, die vorüberging, von meinen Blättern pflückte, das wunde Händchen ihres Kindes damit zu verbinden? Die Menschen kennen und schätzen mich als großen Heilkünstler." Neugierig unterbrach das Gänseblümchen die Unterhaltung mit der Frage: „Wohin mögen nur alle die Menschen ziehen, die heute vorüber kamen?" „Das weiß ich nicht," sagte der Grashalm und wiegte zitternd sein spitzes Haupt. „Die ziehen weit, weit über's Meer in ein fremdes Land," mischte sich das Korn in die Unterhaltung. „Ihr müßt die Vögel fragen, die können euch vielleicht mehr davon erzählen. Von meinen Verwandten sind auch schon viel Tausende mit über das Meer gefahren, aber noch Keines ist wiedergekommen mir zu erzählen, wie es im fremden Lande aussieht." — „O!" meinte der Wegerich, „wer doch auch so wandern könnte! Es ist doch recht langweilig, immer so auf einer Stelle zu stehen." T-.N. xx. 15 226 „Ja," antwortete das Korn, „du wirst nun schon hier bleiben muffen; aber schicke doch deinen Samen aus; dem steht ja die ganze Welt offen. Meine Heimath ist auch weit von hier; vor vielen, vielen hundert Jahren brachte mich ein wilder Volksstamm aus einem andern Erdtheil mit in dieses Land." Der Wegerich hatte gerade seine lila Blüthensackeln, die so lieblich duften, aufgesteckt; eine davon war kürzlich abgeblüht und die reifenden Samenkörner lauschten aufmerksam der Erzählung des Kornes. Als es schwieg, bestürmten alle die Mutterpflanze mit Bitten, sie los zu lassen, sie seien gewiß schon reif genug, ihr Glück in der Welt zu versuchen. „Das versteht ihr nicht," erwiderte der Wegerich, „ich halte euch fest, so lange ich kann; wenn euch aber der nächste Windstoß von mir abschüttelt, ist das das beste Zeichen der Reife; dann mögt ihr wandern." Der Wind kam; wild brauste er daher, Staub, Blätter und Halme vor sich herwirbelnd; er fuhr über den Wegerich dahin und fröhlich stoben die Samenkörner in alle Weltgegenden auseinander, das eine hierhin, das andere dorthin. Nur ein Körnchen war auf der Landstraße geblieben; das Korn hatte in ihm die größte Wandersehnsucht rege gemacht; weit über's Meer, wohin die Menschen zogen, dahin wollte es auch, jetzt ließ es sich in der Staubwolke weit vorwärts treiben, denn der Wind war die beste Reisegelegenheit. Wie im Fluge ging es weiter ein gutes Stück Weges; da aber kamen große, schwere Regentropfen, die schlugen den Staub und Wind so unbarmherzig nieder, daß beide sich legen mußten, und mit ihnen Alles, was der Wind emporgewirbelt hatte. Das Samenkorn war auf ein Büschelchen dürrer Halme niedergefallen, so nahe am Rande einer kleinen Quelle, daß es immer fürchten mußte, hineinzufallen. Als nun der Regen vorüber war, schlüpfte eine kleine Feldmaus, die sich vor dem Unwetter unter Büschen geborgen hatte, wieder hervor; sie hatte es sehr eilig zu ihren Kindern zu kommen, die schon nach ihr pfiffen; im raschen Vorüberlaufen stieß sie an die dürren Halme, daß sie mitsammt dem Samenkorn hinab in das Wasser glitten. Nun ging die Reise zu Wasser weiter; gar lustig lief die kleine Quelle in ihrem sich leise senkenden Bette immer neben der Landstraße dahin. Das wäre nun eine recht schöne Fahrt für das Samenkorn gewesen, hätte es sich nicht so sehr vor dem Wasser gefürchtet, die unzeitige Feuchtigkeit konnte es ja aufquellen und vielleicht gar zersprengen, und dann war es aus mit allen Plänen. Da kam eine Schafheerde des Weges daher; laut bellend sprang der Hund hin und her, die Thiere zusammenzuhalten, aber ein Schaf mochte wohl sehr durstig sein, es 227 konnte nicht widerstehen und kam zu der Quelle, daraus zu trinken. Das war ein Glück für den kleinen Samen, der gerade auf seinem Schiffchen daher gefahren kam; an die lange zottige Wolle des Schafes konnte er und die Halme sich leicht anhängen und nun trug ihn das Schaf mit sich fort. Das ging nun freilich nicht so lustig weiter, wie mit dem Winde und Wasser, aber dafür war die Gelegenheit doch sehr sicher. Als die Heerde eine Strecke gegangen war, bog der Schäfer in einen engen Seitenweg, der zwischen zwei Hecken hinlief; da streckten die Büsche ihre langen Arme mit spitzigen Dornen aus, und die Schafe mochten sich noch so sehr drücken, jedes von ihnen mußte einige Wolle lassen, und o weh! das Wollflöckchen, an dem das Samenkorn hing, hatte ein häßlicher Dornbusch dem armen Schaf auch ausgerupft. „Ach," dachte das Körnchen, „soll hier nun schon das Ende meiner Wanderschaft sein?" Aber nein, ein hübsches buntes Vögelchen kam daher geflogen, das sah die Wolle an den Büschen hängen, und da es gewiß im Nest eine große Familie hatte, die ein weiches warmes Lager brauchte, nahm es so viel Wollflöckchen, als sein Schnabel fassen wollte und flog davon. Glücklicherweise hatte es das Samenkorn auch unbemerkt mitgefaßt; das Körnchen ängstigte sich zwar wieder sehr, denn, wenn die Vogelaugen es entdeckt hätten, würde es gewiß in ein hungriges Schnäbelchen gewandert sein; aber die Art zu reisen gefiel ihm sehr. Pfeilschnell ging es auf den leichten Flügeln durch die blaue Luft, bis sie an einen schönen Garten kamen; da ließ sich das Vögelchen nieder und schlüpfte eilig unter das Dach einer Weinlaube, wo sein Nest versteckt war. Eine Ranke aber streifte die Wolle, die es mitbrachte und befreite das Samenkorn. Jäh fiel es aus der Höhe herab auf den grünen Gartentisch, der in der Laube stand, mitten hinein in eine Gesellschaft vornehmer Samen, die da in halbgeschlossenen Düten und leinenen Beutelchen umherlagen. Verwundert und geringschätzig sahen alle aus ihren Umhüllungen den ungebetenen Gast an, bis endlich der Kressesamen, der gar ein fröhlicher Geselle ist, das Körnchen fragte, ob es vom Himmel gefallen sei, oder woher es eigentlich komme. Da erzählte das Samenkorn, daß es im Begriff sei eine Reise zu machen und wie viel Angst und Noth es schon ausgestanden habe. „Nun, dann kannst du mit uns weiter reisen," sagte der Kressesamen, „wir alle werden, wohl verpackt, in nächster Zeit nach Amerika wandern, ich werde einige Körner aus meinem Säckchen verstreuen, dann werden dich die Menschenhände wohl mit Hineinstreichen, wenn sie dieselben sammeln." Das Samenkorn 15 * 228 war damit zufrieden und bald kam eine Hand, die es mit in den kleinen Beutel that, denselben zuband und alle Sämereien fest in eine Kiste zusammenpackte. Da steckten sie nun in langer Haft; es war wohl so dunkel darin, wie im Schooß der Erde, aber nicht feucht und fruchtbar; und weil sie nicht keimen und lebendig werden konnten, schliefen sie alle ein und merkten nicht, wie sie ein Schiff über den weiten Ocean zu dem fernen, fremden Lande trug. Da aber sind sie endlich erlöst aus dem engen Kasten und hineingestreut in die fremde Erde, und als der Kresse- samen aufging, da ist auch ein kleines Wegerichpflänzchen zum Vorschein gekommen, das ist groß und stark geworden, hat geblüht und seinen Samen in alle Winde gestreut und der Wegerich hat sich ausgebreitet in Amerika. An jeder Landstraße und jedem Fußpfade breitet er seine kräftigen Blätter aus; und weil er erst mit den weißen Leuten in das Land gekommen ist und so an allen Wegen umhersteht, nennen ihn die Indianer Fußtapfen der Weißen, wie uns ein großer Naturforscher erzählt. Feldblumen. Von Mrmmrn Wsgncr. zu ihr und hatte für sie den besten Gruß und es konnte Keiner sagen Else grüße stolz zurück, o nein, das wußten sie Alle, Else's Gruß kam herzig aus der Seele heraus, um ihren Mund sah es immer aus wie Lächeln und ihre Augen schaueten auch jeden Menschen gar freundlich an. Es war eigentlich Jeder mit Else zufrieden; Alle hatten aber einen gewissen Respekt vor ihr, wie nicht leicht vor einem anderen Dorfmädchen. Die Leiden des schwer beschädigten Maurers dauerten lange, endlich aber war er geheilt, er konnte seine Glieder wieder bewegen und wieder auf Arbeit gehen, er brauchte keine Pflege mehr und in seiner Wohnung brauchte auch Niemand Wache zu halten, Else war also abermals frei. Der Gärtner Andreas war in der langen Wartezeit nicht müßig gewesen, er hatte einen Dienst gesucht und da er vom Grafen ein gutes Zeugniß bekam, fand er bald eine gute Stelle in einem benachbarten Dorfe, wo auch am Schloß ein schöner Garten mit Treibhäusern war. Es stand nun seiner Heirath nichts mehr im Wege und Else wollte nun auch ganz gern seine Frau werden. An einem schonen sonnigen Tage schmückte sich Else mit einem prachtvoll blühenden Myrthenkranze. Der Graf hatte befohlen, man solle für die treue Pflegerin seiner Kinder von seinen Myrthenbäumen die schönsten Zweiglein zu ihrer Krone hergeben. Am Sonntag war die Trauung, nach dem Gottesdienst, die Kirchgänger blieben noch zum Zuschauen auf ihren Sitzen. Der Pastor hielt eine herrliche Rede, so daß die Leute sagten: „So schön hat's Herr Pastor noch niemals gemacht!" Ja, es war sehr schön, was er sagte. Else hatte sich den Trautext gewählt, sie war in's Pfarrhaus gegangen und hatte gebeten, der Herr Pastor möge ihr den Gefallen thun und den Ausspruch Christi, der ihr immer so viel zu denken gegeben, mit anwenden in der Rede, die sie in den Ehestand einführen solle. „Ich bin 261 der Weinftock, ihr seid die Reben," hieß das Wort, das Elfe so besonders am Herzen lag. Der Pastor erklärte denn auch recht einfach und klar, daß ihn Jung und Alt in der Kirche verstehen konnte, was dies Gleichniß bedeute und er sagte, wer sich als Rebe betrachte sein Leben lang, der könne nicht so leicht abweichen vom rechten Wege, denn wie der Saft des Weinstockes sich seinen Reben mittheile, so theile sich der Geist des Herrn denen mit, die an ihm hingen. Der Pastor bezog dann seinen Text auf das junge Paar, das er einsegnete, er erklärte, welch' heilige Bedeutung die Ehe habe, sie sei nicht blos ein gemeinschaftlicher Verkehr in irdischen Verhältnissen, sondern solle ein gemeinschaftliches Aufstreben zu Gott dem Herrn sein, ein gemeinschaftliches Vorwärtsschreiten zum Reiche Gottes, „Eins" sein sollten die Zwei, die sich für's Leben verbinden und besonders Eins im christlichen Bewußtsein, von dem der Trautext rede. „Und nun also," sagte der Pastor zum Schluß, „nun spricht der Herr zu Euch Beiden, zu Dir Andreas und zu Dir Elfe: „Ich bin der Weinstock, Ihr seid die Reben! Ihr wisset nun, was Ihr Euer Leben lang zu thun habt." Elfe war eine Frau geworden und die Mittheilungen aus dem Leben eines Mädchens aus dem Volke sind zu Ende. Ich hatte Frau Schöne's Bericht mit großem Interesse gelesen und mich dabei so aufgeregt,' daß ich an Schlaf nicht denken mochte. Ich blätterte in meinem Reisetagebuche, das nun schon soviel für meine Zwecke Bedeutendes aufgenommen hat. Mein Zweck ist, Frau von Stein's Wunsch zu erfüllen und ihr die unterlassene eigene Reise möglichst durch meine Erfahrungen auf meiner Reise zu ersetzen. Ich soll Institute sehen, die zum Wohle des Volkes gegründet wurden, soll Menschen schildern, welche für das Wohl des Volkes thätig waren und nebenbei soll deutsche, namentlich preußische Geschichte, wo es angeht, als Nahmen meiner Berichte verwendet werden. Ich führe mir meine Aufgabe oft vor, um auf geradem Wege zu bleiben. Ich habe nun schon von Diakonissenanstalten gesprochen, als ich in Nürnberg von Dettelsau erzählte, ich habe von der Wohlthat gesprochen, welche die billigen Wohnungen in der Fuggerei für arme Menschen sind, ich habe die außerordentlichen Rettungsanstalten von Werner in Reut- lingen geschildert. Auch die Kinderbewahranstalten, Kleinkinderschulen, habe ich schon, als ich Oberlin und Luise Scheppler schilderte, erwähnt, sie kommen noch- 262 mals an die Reihe und mit ihnen ist Mutter Jolberg zu nennen, welche die große Anstalt in Nonnemveier geschaffen hat, in welcher Lehrerinnen für Kleinkinderschulen gebildet werden. Nonnenweier ist das nächste Ziel meiner Reise. Das Koilisalz. Von K. Dokmmm von Dnuborn. Doch über alles preis' ich den gekörnten Schnee, Die erst' und letzte Würze jedes Wohlgeschmacks, Das reine Salz, dem jede Tafel huldigt. Göthe. ^enn die Hausfrau auch die feinsten Speisen auf den Tisch brächte, und wenn unsere Eßlust durch vorhergegangene geistige und körperliche Anstrengung, durch einen weiten Gang in frischer Luft noch so sehr angeregt wäre: die Speise würde uns nimmer schmecken, wenn die Hauptwürze an derselben: das Salz, fehlte. Das alltägliche Sprichwort sagt daher auch: „Wo kein Salz im Hause ist, da mangelt es am besten Gewürz" und „Salz und Brod macht Wangen roth," d. h. wenn der Mensch nur die allergewöhnlichste Speise, das Brod hat und Salz dazu, so kann er seinen Hunger nicht nur stillen, sondern auch seine volle Gesundheit erhalten, als deren bestes Zeichen die rothen Wangen gelten. Das Salz ist aber nicht allein eine Würze der Speisen für unsere Zunge, nein, es ist auch ein nothwendiges Nahrungsmittel und zur Erhaltung der Gewebe und Knorpel im menschlichen Körper durchaus erforderlich. Ferner hat das Kochsalz, und wir sprechen hier nur von diesem, die gute Eigenschaft, daß es die schwerlöslichen eiweißartigen und fetten Nahrungsmittel leicht löst und dadurch verdaulicher macht. Ja, es ist eine bildliche Redeweise: Salz und Brod macht Wangen roth; das Salz vermehrt thatsächlich die farbigen Körperchen in unserm Blute, welche unsere Wangen röthen. Ein lateinisches Sprichwort geht noch weiter und sagt: „In salo salus" d. h. im Salze ist Heil; und in der That würden wir unser körperliches Wohlbefinden bald einbüßen, wenn es uns gänzlich an Salz mangelte. Wie Luft und Wasser ist das Salz eine nothwendige Bedingung unseres Lebens, und Aerzte und Naturforscher haben nachgewiesen, daß 263 für den erwachsenen Menschen täglich ein Loth Salz erforderlich ist, das macht auf den Monat ein Pfund und auf das Jahr zwölf Pfund. Wir sehen hieraus, welch ein überaus wichtiger Gegenstand das Salz in unsern Küchen und auf unsern Speisetischen ist, gewiß wichtig genug, daß wir seine Naturgeschichte näher kennen zu lernen suchen. Das Kochsalz besteht aus zwei Elementen, d. h. aus zwei einfachen Grund- oder Urstoffen, von denen der eine wie der andere nicht mehr in verschiedene Stoffe zerlegt und ebensowenig aus andern Stoffen zusammengesetzt werden kann. Diese beiden Bestandtheile sind: Chlor, ein gasartiges und Natrium, ein metallisches Element, daher das Kochsalz auch in wissenschaftlichen Darstellungen Chlornatrium genannt wird. Wir wollen nun versuchen uns die Frage, wo das Salz her kommt, klar zu machen. Das fromme christliche Gemüth sagt mit dem Apostel Jacobus (1, 17): „Alle gute Gabe kommt von oben herab, von dem Vater des Lichts," und in der That weiß auch der wissenschaftliche Forscher nichts Anderes zu sagen, als daß zu allem, was der Mensch Gutes besitzt, der allmächtige Schöpfer die Grundstoffe gegeben hat. So waren auch die Grundstoffe des Salzes: Chlor und Natrium schon in der glühenden Gaskugel enthalten, als welche unsere Erde einst in ihrem Urzustände die Sonne umkreiste. Beide Stoffe haben sich bei der Verdichtung und Abkühlung der Erde verbunden, und es sind daraus mächtige Salzfelsen entstanden, welche an vielen Orten der Erde zu Tage treten und nicht selten in ihre unergründliche Tiefe hinabreichen. So liegen: „Im Berg- und Felsenschoß begraben Der Erz' und Salze heil'gc Gaben, Der Menschen starke Lebenskraft, rc." Aehnlich, wie wir die Erze aus der Erde durch den Bergbau gewinnen, wird auch das Steinsalz bergmännisch von jenen unterirdischen Salzfelsen losgearbeitet, zu Tage gefördert und kommt gereinigt und zerkleinert in den Handel und in die Küche. Die berühmtesten Steinsalzlager sind die zu Bochnia und Wiliczka in Galizien, im österreichischen Salzkammergut, zu Staßfurt in der Provinz Sachsen, Hall in Tyrol, Neppenau in Baden rc. Wenn das Ouellwasser in der Tiefe der Erde die mächtigen Salzfelsen umspült, so lösen sich Salztheilchen ab und verbinden sich mit dem Wasser, welches alsdann als Salz- oder Soolwasser in Quellen zu 264 Tage tritt. Solche salzhaltige Quellen, die in mancherlei menschlichen Leiden als heilsam getrunken und zu wohlthätigen Bädern verwendet werden, finden sich zu Creuznach, Nauheim, Salzungen, Halle a. d. Saale, Schönebeck, Neichenhall, Jschl rc. An allen diesen Orten wird aber auch aus dem Soolwasser Kochsalz für unsere Küchen gewonnen. Ist der Salzgehalt des Masters bedeutend, so bringt man dieses in große über einem Feuerherde eingeniauerte Pfannen von Eisenblech, feuert so lange unter der Siedepfanne, bis das reine Wasser in Dampsform sich verflüchtigt und das Salz krpstallisirt in der Siedepfanne zurückgelassen hat. Enthält das Soolwasser dagegen einen geringern Theil von Salz, so würde die sofortige Abdampfung des Masters auf die eben dargestellte Weise zu viel Brennmaterial und Zeit in Anspruch nehmen. Man sucht daher durch vorherige Verdunstung des reinen Wassers in freier Luft und in der Sonne dem Soolwasser einen höheren Grad an Salzgehalt zu geben. Zu diesem Zwecke erbaut man meistens aus Holzbalken ein langes Rüstwerk, ein sogenanntes Gradirhaus, welches mit recht krausen und wirren Dornbündeln ausgefüllt wird, so daß diese eine dem Luftzug von allen Seiten ausgesetzte Dornwand bilden. Ueber der Dornwand werden lange Rinnen angebracht, in welche man das Soolwasser leitet, daß es gleichmäßig aus diesen Rinnen in die Dornwand und durch dieselbe langsam, in Millionen Tröpflein getheilt, hindurch tröpfelt. Unten wird es in sogenannten Fallkasten wieder gesammelt. Hat das Salzwasser einmal oder mehrmal solche Wanderung durch die von der Luft durchstrichene Dornwand gemacht, so ist ein großer Theil des reinen Wassers verdunstet, und das in den Fallkästen angesammelte Master hat nun einen höhern Grad an Salzgehalt, so daß es leicht in den Siedepfannen abgedampft werden kann. Daß auch das Meerwasser Salz enthält, ist allgemein bekannt, weniger aber dürfte bekannt sein, wo der Salzgehalt des Meerwasters herkommt. In einem komischen Liede heißt es: „Warum sollte denn das Meer nicht salzig sein? Es schwimmt ja eine Menge Heringe drein! —" Ihr lacht mit Recht über diese scherzhafte Erklärung; doch haben auch wohl viele schon die Erklärung belacht, nach welcher der Salzgehalt dem 265 Meere, das ursprünglich keine Salztheile enthielt, aus den Süßwasser- flüfsen zugeführt wird. Und doch ist dieses die Anschauung unserer bedeutendsten Naturforscher. Sie sagen, daß alle Süßwasserflüsse kleine, unmerkbare Salztheilchen enthalten, die aus thierischen, mineralischen oder auch Pflanzenstoffen herrühren und hinab in's Meer geführt werden. Da nun aus dem Meere wohl Wasser, aber kein Salz verdunstet, das Meer also von dem ihm täglich Angeführten Salze nichts verliert: so hat die Länge der Zufuhr an Salz seit undenklicher Zeit den Salzgehalt des Meeres bis auf den heutigen Grad gesteigert und wird denselben immer mehr steigern. Außerdem nimmt man auch an, daß von den mächtigen Salzfelsen der Erde viele den Grund des Meeren erreichen, von dem Wasser fortgehend abgespült werden und auf diese Weise zu dem Salzgehalt des Meeres beitragen. In den Ländern, die am Meere liegen, wird d'er Bedarf an Kochsalz meist aus dem Meerwasser durch Abdampfen gewonnen. Man leitet zu diesem Zwecke das Meerwasser in besondere am Ufer hergerichtete Behälter, sogenannte Salzgärten, welche der Luft und Sonnenwärme ausgesetzt sind. Das Wasser verdampft hier und hinterläßt einen krystallisirten Rückstand, sogenanntes Rohsalz, das meist aus Kochsalz, aber mit andern Stoffen vermischt, besteht. Unter 100 Pfund Rohsalz befinden sich: 6 Pfd. schwefelsauere Bittererde, 8 - salzsauere Bittererde, 5 - Gips, 80 - Kochsalz und 1 - verschiedene andere Stoffe: Brom, Jod rc. zusammen 100 Pfund. Es muß also das im Rückstände des abgedampften Meerwaffers befindliche Kochsalz vorher gereinigt oder raffinirt werden, bis es zum Gebrauch als reines See- oder Baisalz in die Küche wandern kann. Vielfach wird aber auch das Seesalz durch Sieden des Meerwassers über Feuer, wie es bei dem Soolwasser zu geschehen pflegt, gewonnen. Nicht allein im Meere, sondern auch in rings vom Lande eingeschlossenen Binnenseen findet sich nicht selten Wasser von bedeutendem Salzgehalt. Der berühmteste salzhaltige Binnensee ist das todte Meer in Palästina, das nach der Bibel durch den Untergang von Sodom und 266 Gomorra entstanden ist. Auf der Südrvestseite finden sich große Steinsalzfelsen, welche den Salzgehalt des todten Meeres mit bedingen. Der größte Salzsee liegt in Utah in den Vereinigten Staaten von Nordamerika und heißt Great-Salt-Lake, d. h. großer Salzsee. Der Salzgehalt seines Wassers ist so stark, daß rohes Fleisch, welches 12 Stunden in diesem Wasser gelegen hat, vollständig zu Pökelfleisch geworden ist. Auffallend erscheint es, daß viele nicht unbedeutende Süßwasserflüsse in den großen Salzsee, der keinen Abfluß hat, münden. Nach der oben dargelegten Ansicht der Naturforscher über die Entstehung des Salzgehaltes des Meeres müssen wir auch hier annehmen, daß gerade durch den stetigen Zufluß von Süßwasser und der in diesem enthaltenen geringen Salztheilchen der Salzgehalt des Salzsees mit bedingt ist. In vielen Fällen sind die Salzseen aber Ueberbleibsel oder Rückstände vom Meere, das ehemals in den betreffenden Gegenden wogte und durch Bodenerhebungen oder sonstige gewaltige Naturereignisse zurückgedrängt wurde. Wenn ein solcher Rückstand von dem verdrängten Meere nicht sehr tief war und keinen Wasserzufluß erhielt, so trockneten die zurückgebliebenen Wasserbecken aus und ließen einen salzigen Niederschlag auf dem Boden zurück. Hierdurch entstanden die vielfach in Asien sich findenden sogenannten Salzsteppen oder Salzwüsten, in denen eigenthümliche salzhaltige Pflanzen, die sogenannten Salsolaceen, wachsen. Unter diesen ist der Salzstrauch (UÄimoäenäi-on Li-Zentsuin) mit schönen rosenrothen Blüthen und silbergrauen Blättern die bekannteste. Der berühmte römische Naturforscher Plinius, der bei dem Ausbruche des Vesuvs im Jahre 79 nach Christi Geburt ein Opfer seiner Wißbegierde wurde, berichtet in seiner Naturgeschichte von vielen Seen, in welchen sich durch Austrocknen oder Verdampfen des Wassers Salz erzeugt habe. Auch erwähnt er die Bildung von Salz an der Meeresküste, sowie den Salzgehalt warmer Quellen; ja er führt sogar „Berge von gewachsenem Salz" an, aus denen, wie er sagt, die Könige größere Einkünfte zogen, als aus Gold und Perlen. Von unsern Voreltern, den alten Germanen, erzählt Plinius, daß sie Salzwasser auf brennendes Holz, besonders auf brennendes Eichen- und Haselholz, gegossen hätten, um durch die auf diese Weise herbeigeführte Verdunstung des Wassers Salz zu gewinnen. Dieses Salz hatte, weil es wahrscheinlich mit Kohlen vermischt war, eine schwarze Farbe. Plinius 267 berichtet noch von andern Satzarten, welche roth, röthlich, purpurfarben, saffranfarbig ausgesehen hätten. Da reines Kochsalz weiß wie Schnee ist, so muß man annehmen, daß die Alten die Kunst nicht überall verstanden, reines Salz darzustellen. Das aus dem tarentinischen See gewonnene Salz war schön weiß, und man hielt es. für das beste. Nachdem uns Plinius viel Interessantes über die verschiedenen Salzarten seiner Zeit, die Weise der Gewinnung und den Nutzen des Salzes mitgetheilt hat, fährt er fort: „Ein behaglicheres Leben kann also wahrlich ohne Salz nicht bestehen, Und es ist ein so nothwendiger Grundstoff, daß man seinen Begriff auch auf die Genüsse des Geistes übertragen hat. Daher nennt man diese Genüsse Salze, und alle Annehmlichkeiten des Lebens, sowie die höchste Fröhlichkeit und die Erholung von der Arbeit lassen sich durch kein anderes Wort besser bezeichnen." So wurde also der Ausdruck Salz in übertragener geistiger Bedeutung für Witz, Verstand und feine Lebensart bei den Römern angewandt. Ein Mensch, gui liebst 8Llsm, d. h. welcher Salz hat, ist bei den Römern ein Mann von Witz und Verstand. Daher sagt Cicero von Cäsar, daß er mit Salz (soll heißen mit feinem Witz und Verstand) und Artigkeit alle besiegt habe (sa-ls et laeetiis 0^683,1' vioit 01 N 1 I 68 ). Die Feinheit im Denken und Reden war besonders den Athenern (in Attika in Griechenland) eigen, weshalb wir heute noch von einer sinnreichen witzigen Rede sagen: „sie war mit attischem Salz gewürzt." Wir fordern daher auch, daß alles, was der Mensch denkt und thut, eum Zrano 83 .Ü 8 , d. h. mit einem Körnchen Salz, mit Sinn und Verstand geschehe. In übertragener geistiger Bedeutung sagt auch Christus zu seinen Jüngern (Matth. 5, 13): „Ihr seid das Salz der Erde. — Wo nun das Salz dumm wird, womit soll man salzen?" Unter Salz versteht hier Christus das Gesunde, das Lebendige, das Gegentheil von dem in der Fäulniß der Sünde versunkenen Menschen. So legten auch die alten Germanen dem Salze eine geistige, das Leben erhaltende und Leben spendende Eigenschaft bei. Nach der germanischen Götterlehre leckte die Kuh Audhumbla (d. h. die Saftreiche) in drei Tagen aus den salzigen Eisblöcken einen Mann, schön von Angesicht und groß und stark von Gestalt, der hieß Buri und ward der Stammvater der Götter. 268 Doch genug der Beispiele für die Anwendung des Wortes Salz in geistiger Bedeutung; sie sind zugleich ein deutlicher Beleg für die Hochschätzung, welche dem Salze in alter und neuer Zeit zu Theil wurde. Möge uns nie das Salz als unentbehrliche Nahrung und beste Würze unserer Speisen in der Küche und auf dem Tische fehlen! Möge uns aber auch das Salz des Geistes in unserm Denken, Reden und Handeln, in Religion, Kunst und Wissenschaft nie ausgehen! Was llie Tkeekaane singi. Bcn Marie b. Jindcman. Die Kinder sollten eben zu Bette gehen, und die Großmutter mußte im Nebenzimmer allein bleiben und auf die Eltern warten, welche in Gesellschaft waren. „Aber, Großmütterchen, wird Dir die Zeit nicht lang werden?" fragte Wolfgang etwas bedenklich, während er Schuhe und Strümpfe auszog. Er liebte die Großmutter sehr, und der Gedanke, sie hier ganz allein zu lassen, machte ihm doch etwas Sorge. „Nein, Wolfgang," sprach die Großmutter freundlich, „ich stricke für Dich ein Paar neue Strümpfe und die alte Theekanne singt mir dabei etwas vor!" Wolfgang hatte jetzt seine Strümpfe ausgezogen und lief mit den bloßen Füßen ein wenig auf dem weichen Sophateppich umher, was er sehr gern that. „Es ist schon gut von Dir, Großmütterchen, wenn Du mir ein Paar neue Strümpfe strickst, aber ich möchte doch noch lieber gar keine mehr anziehen — und wenn Du willst, so bleibe ich auch noch ein Bischen bei Dir, denn wenn die alte Theekanne singt, das klingt auch weiter nicht hübsch!" „Nein, Wolfgang," sprach die Großmutter, „ich will, daß Du zu Bette gehst, denn es ist Zeit, daß Kinder schlafen! Die Theekanne aber kann ich noch lange anhören, die wird nicht müde mir zu erzählen!" Wolfgang machte große Augen und stellte sich dicht zur Großmutter hin. 269 „Erzählen?" fragte er erstaunt, „kannst Du es denn verstehen, was die Theekanne singt?" „Ei ja, ich kann es verstehen!" sprach die Großmutter lächelnd, „sie erzählt mir ganz lange Geschichten, und wenn Du recht artig zu Bette gehst, so will ich Dir morgen wiedererzählen, was sie mir heute vorgesungen hat!" Wolfgang stand eine Weile nachdenklich und sah bald die Theekanne, bald die Großmutter an, dann lachte er schelmisch und sagte: „Ach ich weiß schon, Du willst mich nur zu Bette haben! Nun, paß' hübsch auf und morgen erzähle mir Alles! Gute Nacht, Großmütterchen!" Am andern Morgen aber hatte sich Etwas ereignet, etwas ganz Neues, etwas sehr Freudiges, was die Kinder mit Jubel begrüßten — könnt Ihr es vielleicht errathen, liebe Leser? — Es war Schnee gefallen und schneite immer noch in dichten Flocken — o, wie wirbelten sie durcheinander! Natürlich konnte da auch Wolsgang nicht an die Erzählungen der Theekanne denken, sondern lies mit den Geschwistern sofort ans Fenster.. O, wie lag der Schnee schon hoch auf der Straße, wie war er so blendend weiß und glitzernd! Die Leute konnten kaum hindurch und gingen alle hinter einander her in langer Reihe auf schmalem, niedergetretenem Fußweg. Im Garten gegenüber waren die Bäume wie mit Zucker übergössen. „Mache ein wenig das Fenster auf, Lischen!" sprach Erich, „wir wollen ein paar Schneeflocken haschen! Sieh, da hab' ich schon eine — und da noch eine — o, die schönen, feinen Sternchen! Da sind sie schon wieder zergangen!" Auf dem Fenster lag ein dickes weißes Kissen. „Greif' es nicht an!" sprach Meta zu Wolfgang, „es ist so rein, wie es vom Himmel gekommen ist!" Wolfgang wollte aber am liebsten seine kleinen Pferde holen und sie in dem Schnee vor dem Fenster spazieren gehen lassen; aber die Mutter kam und machte das Fenster zu, und die größeren Geschwister mußten in die Schule — o, sie hatten es gut und durften durch den Schnee waten! Da unten gingen sie mit ihren kleinen Regenschirmen, die schon ganz weiß waren, und besahen sich die Fußtapfen, die sie im Schnee gemacht hatten! Wolfgang aber mußte warten bis Nachmittag. Da hatte es aufgehört zu schneien und die Geschwister waren schulfrei! Sie holten den Schlitten hervor, und nun ging es hinter in den Garten — das war eine Luft! 270 In der Dämmerstunde erst wurden sie wieder herauf gerufen. O, wie war es nun aber auch wieder hübsch im traulich warmen Zimmer! Das Feuer knisterte im Ofen und leuchtete flackernd durch die kleine Ofenthür. Oben« auf aber zischte und summte es — es waren Aepfel, die die Mutter zum Braten auf die Platte gelegt — jetzt waren sie gerade gut und nun erhielt Jedes einen. In der Ecke auf dem Sopha saß die Großmutter. „Ei, Großmütterchen," bat Lischen schmeichelnd, „Du kannst uns eine Geschichte erzählen!" „Ja, eine Geschichte!" wiederholte es im Chor, und Wolfgang fragte neckend: „Ach ja, Großmama, hast Du aufgepaßt und weißt Du noch, was die Theekanne gestern Abend gesungen hat?" „Ich habe wohl aufgepaßt," sprach die Großmutter ernsthaft, „und werde es Euch sogleich wieder erzählen!" Wolfgang stand ein Weilchen voll Erstaunen mit offenem Munde — dann aber folgte er den Geschwistern, welche sich um die Großmutter lagerten, und schmiegte sich neben ihr auf dem Sopha dicht an sie. Auf ihrem Schoße saß die kleine Anna — sie verstand nicht Alles, was erzählt wurde, denn sie war erst drei Jahre alt, aber sie hörte doch gern still und artig mit zu. Auf der Sophalehne ritt Erich und zu Füßen der Großmutter saßen Meta und Lischen auf einem Fußbänkchen. Die Großmutter begann: „Als unsere alte Theekanne noch jung und neu war, übertraf sie an Schönheit wohl manche ihresgleichen. Sie war von feinstem, fleckenlosem Meißner Porzellan und nach neuester Mode gemalt: auf der einen Seite eine aufgeblühte Rose mit einer Knospe, auf der andern ein paar fliegende Schmetterlinge und ein schöner, grüner Goldkäfer. Auf dem Deckel aber saß so natürlich, als könne man sie wegjagen, eine Fliege, wie Ihr das Alles an der guten alten Theekanne noch alle Tage seht. Damals ward sie, als die schönste ihrer Schwestern, von einem alten Herrn mit gar freundlichem Gesicht gekauft. Er ließ sie sorgfältig in feines Seidenpapier einpacken und trug sie eigenhändig bis zu einem großen Hause in der Lindenstraße. Dort stieg er eine Treppe hinauf und klingelte. Er ward von einem Diener bekannt, aber respektvoll begrüßt und sogleich in ein großes, Helles Zimmer geführt. Durch eine offene Thür sah man in eine Nebenstube, worin sanfte Dämmerung herrschte. Hier saß in einem Lehnstuhle eine junge Frau, welche ein ganz kleines Kind in einem Wickel- bettchen auf dem Schoße hatte. 271 „Jst's erlaubt, mein liebes Schwiegertöchterchen?" fragte der alte, freundliche Herr, indem er mit leisem Finger an die Thür klopfte. „O, komm' nur her, Papachen," rief die junge Frau mit einer recht herzensfrohen Stimme, „komm' nur und sieh, wie schön mein Töchterchen schon aus dem Schnabeltäßchen trinken kann! Erst vier Wochen alt und kann das schon! Ist sie nicht geschickt?" Und der Großvater trat hinzu, beugte sich lächelnd über das Kind und sah ihm zu, wie es trank, und betrachtete lange die kleinen zarten Händchen mit den feinen Fingerchen und rosa Nägeln. „Was trinkt es denn?" fragte der Großpapa. „Fenchelthee und Milch!" war die Antwort. Da stellte der gute Schwiegerpapa sein Packet, welches er mit beiden Händen vorsichtig gehalten, auf den Tisch, löste behutsam das Seiden- papier ab, zeigte mit dem Finger auf die Rose mit der Knospe auf der Theekanne und sprach: „Sieh, das bist Du und Dein Töchterchen!" Die junge Frau aber war entzückt über das reizende Geschenk und dankte freudig dem guten Papa, der ihr etwas so Schönes mitgebracht. Sie mußte ihm aber versprechen, daß sie die Theekanne täglich für die Kleine benutzen wolle. Von diesem Tage an stand die gute Theekanne täglich an der Wiege der Kleinen, recht wie eine gute Kinderfrau. Wenn das Kind am Morgen erwachte, so war sie die Erste, die ihm den Labetrunk bot, und wenn es aus dem Bade kam, so stand sie schon mit dem lieben Fenchelthee bereit und wartete, bis man ihrer bedürfen würde. Selbst in der Nacht hatte sie keine Ruhe und war immer dienstfertig. Das Kind aber sah die schöne Theekanne nicht an, — es war noch ein wenig dumm und verstand es noch nicht. Am Taustag aber hatte auch die Theekanne einen Ehrentag. Sie stand aus einem sauber gedeckten Tisch, damit sie gleich zur Hand sein solle, wenn das Kind etwa schreie. Die Pathen aber und Gäste lobten alle die schöne Theekanne und sie ging aus Hand in Hand, und die junge Frau erzählte mit Freude, daß der gute Schwiegerpapa sie ihr geschenkt habe. So diente die Theekanne lange Zeit Tag und Nacht bei dem Kinde, welches in der Taufe den Namen Dora erhalten hatte. Endlich aber hatte sie in der Nacht Ruhe und kam nur Morgens, Nachmittags und Abends auf den Tisch. Eines Tages saß die kleine Dora auf dem Schoße des Vaters und die Theekanne stand vor ihr auf dem Tische. Da griff sie 272 mit den kleinen Händchen nach der Rose auf der Theekanne und jauchzte. Dem Vater aber, der es sah und hörte, lachte das Herz vor Vergnügen. Er drehte die Theekanne nach der andern Seite und mit neuer Lust und freudigem Lallen zeigte Dora auf die bunten Schmetterlinge und den Goldkäfer. Jetzt rief der Vater die Mutter herbei und beide drehten nun bald die Rose, bald die Schmetterlinge heraus und jauchzten mit dem Kinde um die Wette, und es standen ihnen die Thränen in den Augen vor Freude. Der Vater aber sprach: „Dora muß ein Bilderbuch haben!" Und er brachte ein schönes mit. Die Theekanne aber behielt dennoch ihre Rechte: denn während das Bilderbuch bald ganz zerrissen war, blieben Rose und Schmetterlinge auf der Theekanne immer frisch und schön. Dora wurde nun erst recht ihre gute Freundin, und jedesmal wenn die Theekanne ins Zimmer gebracht wurde, langte sie schon von Weitem mit den kleinen Armen nach ihr. Beinahe wäre nun die Theekanne in Pension gesetzt worden, denn als Dora ein Jahr alt war, trank sie keinen Fenchelthee mehr unter der alltäglichen Milch". Aber sieh! Da bekam Dora ein kleines Brüderchen und nun ging der Dienst der guten Theekanne bald wieder an, und sie war getreu und unermüdlich Tag und Nacht. Als sie nun so oft still über der Lampe stand, fing sie an das Singen zu lernen, und es war oft stundenlang an der Wiege nichts Anderes zu hören, als ihr leises Singen und etwa die klappernden Stricknadeln der Kinderfrau, die auch mit an der Wiege saß. Beide gehörten sozusagen zu einander, denn die Theekanne konnte nicht ohne die Kinderfrau, die Kinderfrau aber auch nicht ohne die Theekanne bestehen. So hatte letztere immer vollauf zu thun, bis das Nestchen voll war und sechs lustige Vöglein um den Tisch herumsaßen. Man sah es ihr aber auch an, der armen Theekanne, wie ihr schwerer Beruf und die vielen Nachtwachen sie angegriffen hatten! Mit der Rose und den Schmetterlingen ging es noch, die waren nur wenig verblaßt, aber das Gold, das sie zierlich umrändert hatte, war fast ganz abgewaschen und hier und da hatte sie manche kleine Narbe, denn wenn es bei den vielen Kindern oft tüchtig zu thun gab, hatte man sie zuweilen hart zur Arbeit angetrieben und ihr manchen Stoß versetzt. Das war gewiß sehr ungerecht, denn sie war ja immer willig, wenn man sie nur richtig anstellte, und obgleich sie manchmal aus Aerger über diese Behandlung hätte zerspringen oder vor Hitze platzen mögen, so that sie es doch nicht und erfüllte nach wie vor mit derselben Ruhe, was ihr geheißen. 27Z Einmal aber that sie noch mehr als das. Die Kinder waren zufällig einen Augenblick allein im Zimmer. Georg, Dora's kleiner Bruder, wollte sich ein Späßchen machen, welches ihm ohne Aufsicht verboten war: er wollte nämlich mit einem brennenden Wachsstöckchen spielen. Dora wollte es ihm verwehren, er wich mit dem brennenden Lichtchen ihrem blasenden Munde aus und fuhr gerade in ein Puppenkleid, welches Dora auf dem Tische liegen hatte. Es fing Feuer — und nun war sein und Dora's Schreck groß. Sie fingen Beide an zu schreien. Dora stieß in der Bewegung des Entsetzens an die Theekanne und diese merkte auch wahrscheinlich gleich, was hier zu thun war; sie fiel um und vergoß ihren ganzen Inhalt über die Feuersbrunst. Sie war natürlich sofort gelöscht, aber Georg war dabei der heiße Thee über die Finger gelaufen und hatte ihn tüchtig verbrannt, was ihm auch ganz mit Recht geschah. Wenn er nun in Zukunft etwas Unrechtes thun wollte, pflegte Dora nur zu sagen: „Georg, die Theekanne steht auf dem Tische!" Da wurde Georg roth und ließ das Verbotene. Die Theekanne hatte freilich bei dieser Gelegenheit einen derben Knacks bekommen, ja ein Gebrechen davongetragen, welches sie zeitlebens behielt: es war ein Stückchen von ihrer Schnauze — welche doch zugleich ihre Hand war — abgesprungen. Dennoch aber blieb sie im Stande, ihren Dienst noch ferner zu versehen. Freilich konnte sie nun nicht mehr im Salon unter den schönen Sachen glänzen; aber sie war ja immer für die Häuslichkeit bestimmt gewesen und da stand sie mehr in Ansehen, je älter sie wurde. Wenn sie Abends auf den Tisch kam, so mußte gleich alles Spielzeug, mochte es noch so wild umher liegen, bei Seite geräumt werden, um ihr Platz zu machen. Alle Kinder kamen herbei und ihre lauten Stimmen schwiegen, während sich die Blicke verlangend auf die Theekanne richteten, welche würdevoll und gravitätisch Jedem spendete, was er haben sollte. Aber auch in ernsten Lebenslagen war die Theekanne Theilnehmerin. Der gute Schwiegerpapa, welcher sie zuerst in's Haus gebracht hatte, war vor einiger Zeit mit in die Wohnung seines Sohnes gezogen. Er hatte dadurch die Sorge seiner Kinder, welche ihn in seinem hohen Alter ungern allein wußten, vermindert, und es war dies gerade zur rechten Zeit geschehen, denn als er eines Abends im Kreise der Familie saß, ward er plötzlich von so heftigem Unwohlsein befallen, daß er auf seinem Stuhle vor inneren Schmerzen zusammensank und nicht mehr im Stande war zu sprechen, er vermochte nur noch mit der Hand nach der Theekanne zu T.-A. XX. 18 274 deuten. Dora, welche damals schon ein ziemlich großes Mädchen war, schenkte ihm schnell eine Tasse heißen Thee ein, und nachdem der Großvater mit Mühe einige Schlucke davon genommen, ward es ihm wenigstens so viel besser, daß er wieder sprechen konnte. Er ward nun zu Bett gebracht. Die Theekanne bekam ihren Platz auf einem kleinen Tischchen neben seinem Bett und sie war säst die Einzige, welche dem guten alten Herrn eine Labung bieten konnte, denn der heiße Trank that ihm allemal wohl. Wenn daher die Theekanne nicht an ihrem Platze war, wurde der Kranke unruhig, er mußte immer ihr leises Singen hören; er sagte oft, daß dasselbe ihn beruhige, wenn er in der Nacht nicht schlafen könne, und daß es freundliche Bilder vergangener, glücklicher Tage in ihm hervorrufe. So verwaltete denn die Theekanne ihr Amt am Bett des Kranken, ein wahrer Trost für die Pflegenden, bis eines Tages Dora's Mutter sie weinend aus dem Krankenzimmer trug. „Er hat die Theekanne so gern summen hören," sagte sie, „nun hat sie ihm das letzte Schlummerlied gesungen, das Wiegenlied für eine künftige Welt!" Der gute Schwiegerpapa war in der Nacht gestorben. — Jetzt stand die Theekanne lange im Schrank und Niemand kümmerte sich um sie. Da holte sie eines Tages die Mutter wieder hervor. Sie wickelte sie in feines Seidenpapier, wie damals, als die alte Theekanne noch jung und schön war. Das that der Theekanne ganz wohl. Sie wurde so im schützenden Arm ihrer Herrin über die Straße weggetragen. Das war ihr lange nicht passirt und neugierig blickte sie um sich, als sie endlich enthüllt wurde. Da stand sie in einem schönen, glänzenden Zimmer, wo Alles neu war. Aus einem offnen Geschirrschranke blitzte im Sonnenschein prachtvolles Meißener Porzellan mit reichen Goldrändern, so daß die arme Theekanne im Gefühl ihrer Unscheinbarst ganz demüthig dastand. Im Zimmer aber war Dora — o, wie groß, wie blühend war sie geworden, seit die Theekanne sie nicht gesehen! Neben ihr stand ein großer, hübscher Herr, den die Theekanne nicht kannte und der Dora sehr freundlich ansah. Die Mutter aber sprach: „Ein altes Familienstück wollte ich Dir unter Deinen neuen Hausrath geben, Dora! Ein Stück, wobei Du an Deinen Großvater, an Dein elterliches Haus, an Deine Kindheit denkst! Hier, nimm die alte Theekanne — sie hat Manches mit uns durchgemacht und wird Dich oft an uns erinnern!" 275 Da umarmte Dora die Mutter und rief: „O, Du liebes, gutes Mütterchen, wie danke ich Dir das! Ich werde die Theekanne als Andenken hoch in Ehren halten und sie wird mir lieber sein, als mein glänzendstes Geschirr!" Und nun wurde die Theekanne dem Hausherrn förmlich vorgestellt und ihm ihre ganze Lebensgeschichte erzählt. Das war nun wieder ein Ehrentag für sie und sie hing von nun an Dora mit der größten Treue an und bald bekam sie auch wieder als Kinderfrau genug zu thun. „Wer kann mir wohl nun sagen," fragte die Großmutter, als sie die Erzählung von der singenden Theekanne geschlossen, „wer denn die Dora ist, welche in dem Leben der Theekanne eine so wichtige Rolle spielte?" „Ah — die Mutter, die Mutter!" schrien alle Kinder im Chor. „Ich wußte es gleich!" sprach Erich, „aber ich wollte Dich nicht unterbrechen, Großmütterchen!" Wolfgang aber sprach: „Nun können auch wir es verstehen, wenn die Theekanne singt, Großmütterchen! Wenn ich sie künftig singen höre, wird mir Alles einfallen, was Du uns von ihr erzählt hast!" „Kommt, Kinder, der Thee ist da!" rief die Mutter aus dem Nebenzimmer. Und Alle gingen und ließen sich von der alten Theekanne einschenken. GeMie von einer Ungenannten. 1. Tanncngrün. ^annengrün, du Bild der Treue, - Schneebedeckt und frosterstarrt Grünst du fort, du weißt, daß deiner Schon ein heit'rer Frühling harrt! Tannengrün, du Bild der Demuth, Stolz gewachsen, neigst du doch Deiner dunklen Zweige Fülle Ohne Fessel, ohne Joch! 18 * 276 Tannengrün, du Bild der Liebe, Evig grün, trotz Eis und Schnee! Streckst du aus die treuen Arme — Unerkannt im herben Weh? Sehnst du dich nach Sonnenwärme, Bangst du auch um Frühlingsthau? Nein, du denkst der heit'ren Tage, Hoffst aus Lüfte lind und lau! — Liebend Kind der Treu' und Demuth, Thränen wein' ich deinem Grün; Wohl dem, der des Lenzes wartet, Daß ihm neue Blumen blüh'n! Stolz erhoben — glaubensfreudig, Tief geneigt — der Demuth Bild — Tannengrün, dir möcht' ich gleichen, Hoffend, liebend, treu und mild! — 2. Oeffnet Eure Herzen. Wenn in ihres Lebens Lenze Aus dem trauten Vaterhaus Kinder früh mit schwerem Herzen Ziehen in die Welt hinaus: O, verschließt da Eure Thüren, Eure Herzen ihnen nicht; Denkt, daß ihrer Thränen jede Euch von fernen Lieben spricht! Sie auch waren frische Rosen In der Kindheit Paradies, Bis des Elends schwarzes Scepter Hart sie aus dem Eden wies, Bis am Himmel ihres Lebens Eine dunkle Wolke stand Und sie weit hinweggerissen Von der Mutter Haus und Hand. 277 Arm und fremd, so fern der Heimath, Trauernd in der Freud'gen Reih'n, Steh'n sie ohne Lieb' und Freundschaft Unter Allen ganz allein; Denken wohl der fernen Lieben, Denken an vergang'nes Glück — Schmerzlich zuckt bei Eurem Jubel Thrän' um Thrän' im stummen Blick. Und was ist's, das sie beweinen? Nicht des Reichthums Herrlichkeit! Nicht der Feste lautes Rauschen, Nicht des Glückes flimmernd Kleid! Nach der Heimath zieht ihr Sehnen, Zu den fernen Lieben fort — Blieb doch ihres Herzens Leben, Ihrer Liebe Fülle dort! — Liebe ist's, was sie beweinen! O, so öffnet Mund und Herz, Laßt sie Euch vertrauen dürfen, Still ausweinen ihren Schmerz! Glaubt es, nichts macht treu're Herzen, Als wenn Ihr mit zarter Hand Innig dieser Kinder sorget. Die da fremd im fremden Land! — 3. Haft Du Jemand weh gethan! Kind, hast Du Jemand weh gethan, O, geh' ihm nach und säume nicht; Drück' ihm die Hand und sag': „Vergieb, Was ich Dir that — gern that ich's nicht!" Laß' nicht die Sonne untergehen, Wart' nicht zum neuen Morgengrau'n, Daß nie! ach nie voll Bitterkeit Zwei ernste Augen auf Dich schau'n. 278 Leg' keine Fesseln um Dein Herz, Stoß' Dir kein Herze je zurück, Daß Keiner zürnend von Dir geh' Und von Dir scheid' mit hartem Blick! Es stieß schon oft ein rauhes Wort Gar jäh zurück ein treues Herz — Und wenn nachher Du's auch beweinst, Die todte Liebe weckt kein Schmerz! Drum hast Du Jemand weh gethan, Laß ihn nicht geh'n — geh' nicht vorbei — Drück' ihm die Hand und bitte warm, Daß Alles nun vergessen sei! — 4. An eine Heimgegangene Freundin. Auch Du dahin, auch Du nun aufgenommen. Nach einem kurzen ird'schen Pilgerlauf, Zur Heimath, zu dem Paradies der Frommen; — Der Heiland selbst rief Dich zu sich hinauf! — So ruh' denn aus in seinen Liebesarmen, Die Du schon hier so fest umfangen hast; Schlaf wohl, geliebtes Herz, zum letzten Male Wardst Du gebettet hier, zur letzten Rast! Kein Frühling wird mehr Deine Wangen fächeln, Kein Sommer Dich mit seiner Pracht erfreu'n, Der Freundin wirst Du keinen Gruß mehr lächeln, Ihr nicht mehr Deines Herzens Liebe weih'n. Der Erde todt-dem Himmel aufgegangen! O, selig Kind, das so im Herrn entschlief! Du warst bereit, zu leben und zu sterben, Mit Wachen und mit Beten, wann er rief! O, sorgend Kind, mit Deinem Marthaherzen, Deß ganzes Streben Friede, Friede! war; 279 Nun hat er Dir Mariens Theil gegeben, Nun ist Dir Alles still und Alles klar. Wie schön,'wie friedlich bist Du nun gebettet In Deines Heilands sicher'm Friedensschoß. — O, selig, selig Alle, die Ihr fandet Im Heimwärts geh'n das schönste, reichste Loos! Wie sehnsuchtsvoll mit glühendem Verlangen Schwingt unser trauernd Herz sich himmelan, Dahin Ihr nun zu ew'gem Heil gegangen, Und sehnt sich nach dem Ziel der Pilgerbahn. Ihr seid daheim! O, faltet Eure Hände Zum Vater, daß auch wir bald heimwärts geh'n, Daß sich die Seele freudig, jauchzend wende Zum Reich des Herrn — zum sel'gen Wiederseh'n! 8 rli ö n l i n ck e. Bon Dmüine Schanz. Aer Eisenbahnzug fuhr brausend und dampfend durch die grüne, sonnige Frühlingslandschaft, die graue, gewundene Rauchschlange hoch hinaus in die lichterfüllte Bläue wirbelnd. An einem Waggonfenster war der Kopf eines jungen Mädchens sichtbar, ein hübscher, blondlockiger Kopf, dessen blaue Augen, über die unmuthige Landschaft hinweg, ungeduldig, sehnsüchtig in die Ferne schauten. Der jungen Reisenden schien die sausende Fahrt noch viel zu langsam, zu schneckenhaft zu gehen, sie hätte wohl die Schwingen der Vögel haben mögen oder mit den weißen Windwölkchen fliegen wollen, irgend einer lachenden Zukunft, einem heiteren Glücke entgegen. Das junge Mädchen bog sich zurück und lehnte sich mit einer unruhig gelangweilten Geberde in die Lehne des Sitzes. Verstohlen unter ihren langen Wimpern sah sie zu ihrer Nachbarin hin, welche die gegenüber befindliche Ecke des Eoupä's einnahm. Diese war gleichfalls ein junges Mädchen, ungefähr in dem Alter des zuerst erwähnten, von diesem aber in mancher Hinsicht verschieden. 280 Die Erstere trug einen hellfarbigen, modischen, fast ein wenig auffallenden Sommeranzug, auf ihrem blonden, lockigen, hochfrisirten Köpfchen schwebte ein kleines Hütchen, ein hübsches Kunstwerk aus Stroh, Bändern und Blumen bis tief auf das rosige, frische, junge Gesicht herab. Dieses Gesicht zeigte in Linien und Ausdruck auch nicht die mindeste Spur eines Leides oder Kummers; eine Blume, die noch kein rauher Lufthauch getroffen. Und doch in diesem glücklichen Blumengesicht lag ein Zug, der nicht angenehm berührte, ein Zug von Selbstbewußtsein, Uebermuth, und dieser Zug trat jetzt eben sichtbarer hervor, wie die Blicke musternd in die andere Ecke des Coupö's hinüberflogen. Jenes junge Mädchen trug nur ein schwarzes Kleid von einfachem Schnitt und Stoff, einen schwarzen Strohhut ohne Schmuck; eine Reisetasche von Wachstuch lag neben ihr und in ihren Händen hielt sie ein Schirmchen, welches weder neu noch elegant war. Ihr Haar war gleichfalls blond und floß in natürlichen Locken in ihren Nacken, ihre Augen waren blau, aber von Schatten umgeben, als ob sie vor nicht gar langer Zeit viel und bitter geweint hätten, selbst ihr Gesicht hatte in feinen Zügen etwas Ähnlichkeit mit dem ihres Gegenübers, aber es war bleich und schmal. „Wer mag sie sein?" dachte die Andere; „als ich in den Waggon stieg, saß sie schon darin, eben so stumm und ernst wie sie schon den ganzen Weg daher dasitzt. Alle Eckplätze waren schon besetzt, ich mußte ihretwegen mit einem Rücksitz sürlieb nehmen, von welchem aus ich den Thurm von Schönlinde nicht anders erblicken kann, als wenn ich mich aus dem Fenster biege. Sie trägt ein ganz gewöhnliches Kleid und sieht im Ganzen genommen sehr ärmlich aus, so daß ich mich wundere, weshalb sie nicht lieber dritter Klaffe fährt. Wer sie nur sein mag, wohin sie reist und weshalb so allein? Doch ich fahre ja auch allein, weil Papa mich nicht abholen konnte." Die Langeweile und Neugierde bewogen das junge Mädchen endlich, daß sie ihre stille Nachbarin anredete; einmal der Bann des Schweigens gebrochen, floß ihre Rede lustig wie ein entfesselter Wald ström dahin. Sie erzählte von ihrer Heimath, dem schönen Ritterguts ihrer Eltern mit dem schloßartigen Herrenhause, dessen Thurm bis weit in die Ferne hinausrage, von dem Reichthums und der Güte ihrer Eltern, von dem Leben in der Hauptstadt, wo sie ein Jahr lang eine Pension besucht habe, von der sie heute nun wieder in ihr Vaterhaus zurückkehre. O wie freute 281 sie sich auf das fröhliche Leben daheim; die Mutter sei wohl kränklich, aber mit ihrem Papa und ihrem Bruder würde sie ausführen und reiten, ja auch reiten, denn sie hatte ein hübsches Pony und ein grünes Reit- kleid. Der Papa würde nächstens einen Ball geben, einen glänzenden Ball, um ihre Wiederkehr zu feiern. So plauderte sie fort und das blasse Mädchen hörte ihr zu und gab nur wenig Auskunft auf die neugierigen Fragen, welche an sie gerichtet wurden, und was sie sprach klang fremd und hatte einen eigenthümlichen Accent. Ihre Eltern waren beide todt, die Mutter schon lange gestorben und den Vater hatte sie erst unlängst verloren; er war arm gewesen und hatte weit von hier in einem fernen Lande gelebt. Nun kam sie in Begleitung ihres Vormundes, um Verwandte in Deutschland aufzusuchen, wie der Vater ihr befohlen habe. Verwandte, die sie noch gar nicht kenne, von denen sie früher nie gehört hatte. „Daß sie arm sei," dachte ich gleich. „Sie geht, um das Gnaden- brod bei Verwandten zu essen, die sie vielleicht unfreundlich aufnehmen werden. Wie schrecklich!" dachte die Blondine im hellen Kleide, welche den hübschen Namen Viola führte. Gleich darauf hielt der Zug an einer Station, ein Herr mit grauem Haar und einer Brille trat an die Thüre des Wagens, welche geöffnet worden war und frug, zu dem jungen Mädchen im schwarzen Anzüge gewendet, auf Englisch, ob Miß Jenny etwas bedürfe. Die Angeredete verneinte, sie habe keine Bedürfnisse, nur sehr müde fühle sie sich. „Bald werden wir ausruhen!" sagte der Herr, entfernte sich und begab sich in das Rauchcoupü zurück, in welchem er die Reise zurücklegte. Vorüber sauste der Zug an grünenden Wiesen und Feldern, an Dörfern in duftigen Kränzen blühender Obstbäume, weiter, weiter seinem Ziele zu. Viola dachte über das seltsame Mädchen nach, welches in seinem einfachen Trauerweide so still und blaß ihr gegenüber saß. Welch ein Unterschied zwischen Jener und ihr! Eine Welt voll Glück, ganz in Sonnenschein getaucht wie die Landschaft dort draußen, lag die Zukunft vor ihr. Ihre Vergangenheit zeigte keinen Schatten, keine trübe Erinnerung, nur Licht, lauter Licht. Alle ihre Wünsche waren ihr erfüllt worden, fast ehe sie dieselben noch ausgesprochen hatte, kein Herz, welches ihr theuer war, hatte sie je durch den Tod verloren. 282 Und jene Jenny war vielleicht bisher durch ein Leben voll Entbehrung und Trübsal gegangen, sie hatte früh schon ihre Mutter und nun auch ihren Vater durch den Tod verloren. Wie stand der Ausdruck des Kummers in diesem jungen Gesichte geschrieben! Gern hätte sie noch mehr gefragt, aber eine Ark^Scheu hielt das glückliche Mädchen ab, nach den Verhältnissen des unglücklichen zu fragen. Nur nach dem Namen der Station frug sie, wo Jenny abzusteigen gedächte. „In L.", sagte Jenny und blickte zum Wagenfenster in die Ferne hinaus. „Da eben steige auch ich ab," rief Viola fröhlich, „und dort, dort, sehen Sie, dort den spitzen Thurm, der aus den hohen Baumwipfeln ragt, das ist der Thurm von Schönlinde, dem Besitzthum meiner Eltern!" Dabei bog sie sich weit aus dem Fenster und zeigte mit der Spitze ihres Sonnenschirmchens nach einem Gegenstände, der sich in der klaren Luft wie ein kleiner, schwarzer Streif zeigte. „Schönlinde!" rief Jenny und blickte ihre Nachbarin wie fragend an. „Ja," sagte diese, „ist's nicht ein hübscher Name? Hohe, alte Linden stehen um unser Herrenhaus her, sie werden bald blühen. Vor dem Gartensaal breitet sich eine große sammtig grüne Wiese aus, in deren Mitte ein herrlicher Springbrunnen emporschießt. Dort werden wir nächstens tanzen; o, der Rasen ist so glatt wie ein Parquettboden! Tanzen Sie auch gern?" Die Angeredete fuhr wie aus einem Traume bei dieser Frage empor. „Nein, o nein," sagte sie zerstreut, „ich tanzte noch nie! Darauf versank sie wieder in ernstes Sinnen. „Sie tanzte noch nie!" dachte Viola für sich. „Ich glaube, sie spielte und lachte auch noch nie. Sie sieht mir ganz darnach aus. Ein ordentliches Gespräch kann sie auch nicht führen. Nein, wir passen ganz und gar nicht für einander; ich habe einmal keinen Sinn für solche schwer- müthige Naturen!" Damit lehnte sich Viola verdrießlich in ihren gepolsterten Sitz zurück. Der übermüthige Ausdruck trat wieder stärker auf ihrem Gesicht hervor. Weiter brauste der Zug, immer deutlicher hob sich der Thurm von Schönlinde von dem sonnigen Hintergründe ab; auch die hohen Wipfel der alten Linden, welche dem Gute den Namen gegeben, konnte man schon erkennen. 283 Die zwei Reisegefährtinnen sprachen nicht mehr mit einander, schweigend fuhren sie ihrem gemeinsamen Ziele, ihrem Schicksale entgegen. Da erscholl der Signalpfiff an der Haltestelle L. Die Thür ward geöffnet, Viola nickte Jenny einen kühlen Gruß zu; die beiden Mädchen waren sich auf dieser mehrstündigen Fahrt nicht im Geringsten näher gekommen. „Zu was auch?" dachte Viola; „man fährt ein Stückchen zusammen, spricht ein paar Worte, geht auseinander und sieht sich im Leben nicht wieder." Leichtfüßig sprang sie auf den Perron herab, wo schon ein Diener in ihres Vaters Livr« auf sie wartete; dort stand auch die wohlbekannte Equipage, der Kutscher am geöffneten Schlage, den Hut in der Hand. Als das junge Mädchen, in den offenen Wagen gelehnt, auf der Landstraße dahinfuhr, sah sie ihre Reisegefährtin am Wegsaum denselben Weg gehen. Der alte Mann mit der Brille schritt neben ihr und trug ihr wachstuchenes Reisetäschchen. Sie sprachen mit einander und blickten Beide nur einen Moment in die Höhe, als der Wagen an ihnen vorüber- fuhr und sie mit einer grauen Staubwolke umwirbelte. Noch einmal trafen sich die Blicke der beiden Mädchen. Das eine eilte in den Schoß ihrer Familie zurück, wo Liebe und Glück ihrer harrten; die Waise schritt fremd in einem fremden Lande unbekannten Verhältnissen entgegen. Die Fußgänger nahmen den Weg nach dem kleinen Städtchen L. und der Wagen bog seitwärts in eine Allee; bald hielt er an der Pforte von Viola's Vaterhaus. Wie freundlich, wie einladend, wie vornehm und stolz lag es in seinem Kranze uralter Bäume. Seltsam, es stand Niemand am Thore zu Viola's Empfang bereit, als der Wagen die Rampe Hinanfuhr. Der Diener half dem jungen Mädchen beim Aussteigen. Wie still, wie seltsam, wie kühl war es hier. Viola erschrak. „Es ist doch Niemand krank?" frug sie den Diener. „Nein, Fräulein, so viel ich weiß," sagte dieser. Ein Frösteln überlief Viola. Der erste Schatten schien plötzlich über ihren sonnigen Weg zu fallen. Sie wußte nicht von wannen, aber leise erschauernd trat sie in das Haus. Da kam ihr Bruder Curt, ihr stets fröhlicher Spielgefährte, in seiner grünen kleidsamen Tracht der Forststudenten, die breite Treppe herab- 284 gesprungen. „Verzeih, Schwesterchen," rief er von oben, „daß wir den Wagen überhört hatten. Sei recht schön 'gegrüßt und willkommen daheim!" Die Schwester sah den Bruder aufmerksam an. Auch er war nicht so lustig wie sonst; er zwang sich, sie heiter zu begrüßen: „Curt, sage schnell, ist Jemand krank?" rief Viola. „Warum holte mich Papa nicht ab? Ist er krank? Oder die Mama? Es ist etwas geschehen!" „Niemand ist krank," sagte Curt ernsthaft, „gewiß nicht. Mama ist ein wenig leidend, aber nicht krank, und Papa hat Besuch. Den Justizrath, Du weißt, seinen alten Freund." „So will ich schnell zur Mama, nein erst zu Papa, ehe ich die Treppe hinaufsteige," sagte Viola. „Störe ihn lieber nicht," meinte Curt abwehrend. Das klang wieder so ernsthaft, fast ängstlich und nun eilte Viola erst recht schnell an ihres Vaters Zimmerthüre, öffnete und da stand der Vater frisch und gesund wie immer; sein alter Freund saß auf einem Lehnstuhle und ihr lebhaft geführtes Gespräch stockte, sobald das junge Mädchen eintrat. „Mein lieber Papa!" rief Viola, indem sie auf ihren Vater zueilte und ihre Arme um seinen Hals schlang, „da habe ich Dich endlich; ich fürchtete Du seiest krank, weil Du mich nicht abholtest." „Nein, liebes Kind," sagte der Vater, „ich hatte eine wichtige Abhaltung; ich erwarte Besuch, Gäste" — „Gäste!" jubelte Viola und ihre frische Lebenslust durchbrach schnell die leichte Wolke, die sie umschleiert hatte. „Gäste! Mittaggäste gewiß; o sage mir schnell wer kommen wird; ich freue mich so sehr, alle unsere lieben Nachbarn wiederzusehen!" Damit machte sie sich aus des Vaters Umarmung los und ergriff die Hand des alten Hausfreundes, um sie herzlich zu schütteln. Seltsam, auch der immer so heitere alte Herr hatte heute etwas ungewöhnlich Feierliches und Gemessenes. Keiner seiner sonst gebräuchlichen gutmüthigen Scherze mischte sich in seine Begrüßung. „Nur unser Freund hier wird mit uns zu Mittag speisen," sagte der Vater; „gehe jetzt zur Mama, dann auf Dein Zimmer, um Dich auszukleiden und dann wird es wohl Zeit zum Mittagessen sein. Später kommen noch andere Gäste; gehe jetzt, Kind." Damit winkte Herr von 285 Steinthal ziemlich ungeduldig seiner Tochter nach der Thüre zu und diese ging hinaus. Oben von der Treppe rief es: „Viola! Viola!" Es war die Stimme der Mutter und Viola flog die Stufen hinauf in die Arme, die sich ihr liebevoll entgegen breiteten. „Da bist Du ja, Kind, Gottlob, und so frisch und blühend! Wie habe ich mich auf Dich gefreut!" rief Frau von Steinthal mit einer von ihrer gewöhnlichen Ruhe und Gelassenheit abweichenden Erregung. „Ach, liebe Mama, und -wie habe ich mich gefreut auf daheim!" sagte Viola, „und nun, nun — ach Gott, es ist heute Alles so traurig hier, so ernsthaft, gar nicht wie sonst. Du weißt, Mama, ich bin so lustig von Natur, ich Haffe alles Traurige. Sage mir nur, bitte, bitte, was Euch Alle so schrecklich ernst gestimmt hat!" „Still, still Kind, komm herein in mein Zimmer," flüsterte die Mutter und ergriff Viola's Hand, sie in ihr Zimmer führend. Wie sonnig, traulich, blumendurchduftet war dieses! Die Luft wehte dem jungen Mädchen hier gleichsam wieder in gewohnter Fröhlichkeit entgegen. „Nun," sagte Frau von Steinthal, „erzähle mir Alles, wie es Dir ergangen ist seit Deinem letzten Briefe. Deine letzte Zeit in der Pension, den Abschied und Deine Reise hierher." „Ach, Mamachen!" rief Viola und der alte Muthwille blitzte wieder in ihrem Gesicht auf, „das war Alles sehr, sehr langweilig, gar nicht nach meinem Geschmack. Das Einpacken, der Abschied und die Fahrt. Ganz besonders die Fahrt. Ein fürchterlich ernsthaftes Fräulein saß mir gegenüber. Ach ich glaube sie hat mich angesteckt, daß mir nun Alles hier auch so traurig erscheint. Freilich hatte sie wohl Grund recht ernst zu sein; sie ist Waise, arm und geht zu Verwandten, die sie noch gar nicht kennt, um dort das Gnadenbrod zu essen." „So, so," sagte die Mutter ein wenig zerstreut. „Nun klingele Li- sette und geh' auf Dein Zimmer. Ja, wir können nicht immer fröhlich sein; es giebt viel Ernsthaftes und Trübes in der Welt!" „Herzensmama!" fiel Viola ein, indem sie hinunter auf den glattgeschorenen Rasenplatz sah, in dessen Mitte die Fontaine sprang, deren zerstäubendes Wasser in der Sonne irisfarbene Funken sprühte. „Herzensmama, wie steht es mit dem Ball? Die Frau Direktorin hat mir nach Deinem Wunsche das hübscheste Ballkleid gekauft und auch fix und 286 fertig machen lassen. Sobald meine Koffer ankommen, werde ich es sogleich auspacken und anprobiren." Ein tiefer Seufzer der Mutter unterbrach den Redefluß Viola's. Sie blickte auf und sah jetzt wohl, da die Rothe der Erregung aus den Wangen der Mutter gewichen war, daß diese auffallend bleich aussah, bleicher noch als sonst. „Ach Gott, Mama, liebe Mama, ich sehe, daß Du recht leidend bist," sagte Viola plötzlich betroffen. „Ja, mein Kind," erwiderte die Mutt^, Du hast Recht." Dann stand sie auf und küßte ihre Tochter auf die Stirn und dabei brach ein Thränenstrom aus ihren Augen. „Armes, glückliches Kind!" rief sie und wandte sich ab, nach dem Klingelzug greifend. Viola ging mit Lisette, die ihr beim Umziehen behilflich sein sollte, in ihr eigenes hübsches Zimmer, wo sie Alles in reizender, einladender Ordnung fand. „Die Mama ist krank; so reizbar, so eigenthümlich habe ich sie nie gesehen," dachte Viola bei sich, „deshalb sind auch die Andern so verstimmt. Ich muß nur einmal mit Curt reden, was nun aus unserm Balle werden soll. O weh, mein schönes Kleid!" Bald vergaß Viola indeß vor ihrem Spiegel, der ihr ihr frisches, blühendes Gesicht zeigte, und unter Lisette's Plaudereien, die vielerlei zu erzählen hatte, ihre trüben Befürchtungen, und lustig hüpfend und trillernd folgte sie dem Rufe der Tischglocke, welche die Bewohner von Schönlinde in den kühlen Gartensalon zur Mittagstafel rief. Aber das Mahl war nicht heiter. Die beiden älteren Herren führten ein gelehrtes Gespräch über Erbschaftsangelegenheiten, in welchem eine Menge lateinische Worte vorkamen; die Mama, die keinen Bissen aß, hörte ihnen mit gespannter Aufmerksamkeit zu und auch Curt hatte keinen Scherz, kein fröhliches Wort für die heimgekehrt Schwester. Wie eine Ahnung kommenden Leides schien es über den Gemüthern dieser bisher so glücklichen Menschen zu schweben. Ein noch unsichtbares, verschleiertes Unheil saß mitten unter ihnen, jeden Augenblick bereit, seinen Schleier zu lüften und fein Antlitz zu enthüllen. Als die Familie beim Kaffee saß, meldete der Diener die erwarteten Gäste. „Mr. Lee und Miß Steinthal." „Willkommen! Hier herein!" befahl der Hausherr. Es schien Viola, als fei das Antlitz ihrer Mutter um einen Schein 287 bleicher geworden, während sie mit Curt einen kurzen, erschrockenen Blick wechselte. Da öffnete sich die Thüre. — Viola sprang erstaunt von ihrem Stuhle auf. Das waren ja alte Bekannte von ihr. Der alte Herr mit der Brille war ihr nicht fremd und die Dame neben ihm war Miß Jenny, das „fürchterlich ernste Fräulein" aus dem Dampfwagen-Coupe. Jenny war noch eben so bleich und ernst wie am Vormittag; aber ohne Verlegenheit schritt sie durch den Salon, ihren Verwandten entgegen. „Hier ist Deine Cousine Jenny," sagte Herr von Steinthal, indem er die Angekommene, nachdem er sie und ihren Begleiter begrüßt, auf Viola zuführte. Die jungen Mädchen standen sich eine Weile zögernd gegenüber. „Aber Papa, wir kennen uns ja schon," rief Viola endlich lachend. „Wir saßen uns schon drei Stunden einander gegenüber, freilich ohne zu ahnen" — „Ich ahnte, wer meine Nachbarin sei, doch da ich keine Gewißheit hatte, so schwieg ich," sagte Jenny ruhig. „Du bist erstaunt, Viola," fiel der Vater ein, „da Du keine Kenntniß von dem Vorhandensein Deiner Verwandten in Amerika hattest. Auch ich wußte nichts von ihnen und glaubte meinen Bruder schon seit einer langen Reihe von Jahren todt, bis Ihr Brief, mein Herr, mir vor Kurzem den erst unlängst erfolgten Tod meines Bruders und die Ankunft meiner Nichte verkündete." „Vor Allem sei uns willkommen!" rief Frau von Steinthal, mit tiefer Bewegung das junge Mädchen umfassend. Eine Reihe von Vermuthungen und Gedanken flogen durch Viola's Kopf. Das also war es! Wäre die Ankunft dieser wie vom Himmel gefallenen Nichte die Ursache der allgemeinen Verstimmung? So viel war klar, daß Jenny ihre Familie, ihre Eltern unter den noch unbekannten Verwandten gemeint hatte, welche sie aufzusuchen ging. Aber konnte das ihre Eltern denn verstimmen, wenn sie eine arme Verwandte bei sich aufnehmen sollten? Kam es in diesem reichen Hause denn überhaupt darauf an, ob eine Person mehr oder weniger an dem reichbesetzten Tische saß? Viola war wohl leichtsinnig, vergnügungssüchtig, verwöhnt und sehr von sich eingenommen, ohne aber ein böses Herz zu haben. Sie fühlte wirklich Mitleid mit dem armen, aus weiter Ferne gekommenen Mädchen, 288 welches ihre nahe Verwandte war und so ärmlich in ihrem Trauerweide neben ihr stand und so reichte sie ihr auch mit einigen freundlichen Worten die Hand. Freilich immer mit dem Hintergedanken: Ich bin das reiche und du bist das arme Mädchen und wenn du auch meine Cousine bist, so besteht doch ein gewaltiger Unterschied zwischen uns. Als Jenny den Hut abgenommen hatte, sah man recht deutlich die große Aehnlichkeit zwischen den Cousinen. Nur glich die eine der frischen rothen Rosenknospe und die andere der weißen, deren Köpfchen von einem Gewitterregen gebeugt ist. Nachdem die ersten Begrüßungen gewechselt, einige Erfrischungen genommen waren, machte Curt den beiden Mädchen den Vorschlag, mit ihm in den Garten zu gehen, der eben in seiner größten Blüthen- herrlichkeit stand. „Ich wenigstens will ihr das Drückende ihrer Lage nicht fühlen lassen," dachte Viola, in aufwallender Großmuth ihren Arm durch Jenny's Arm schlingend und diese die Stufen hinab nach dem Rasenplatze führend. Die Zurückbleibenden führten ein allgemeines' Gespräch noch eine Weile fort. Mr. Lee erzählte von seiner Reise, aber endlich trat eine Pause ein. Es schien, als ob Jeder Etwas auf dem Herzen habe, was sich doch Jeder auszusprechen scheue. Endlich machte der Hausherr den Gästen den Vorschlag, ihn auf sein Zimmer zu begleiten, da seine Gemahlin sehr leidend sei und der Ruhe bedürfe. Als Frau von Steinthal allein war, sank sie todtenbleich und wie gebrochen auf einen Sessel nieder. Die gefalteten Hände im Schoß, die thränennassen Augen gen Himmel gerichtet, zog eine Reihe unsagbar trauriger Bilder durch ihre Seele. „Herr, wie du willst!" flüsterte sie endlich, während vom Garten her Viola's lustiges Lachen an ihr Ohr schlug. Die drei Gäste blieben vorläufig in Schönlinde. An Fremdenzimmern war kein Mangel; auch der Justizrath quartirte sich für einige Tage ein. Jenny hatte ihr inzwischen angekommenes Kofferchen ausgepackt, welches aber nur wenig Toilettengegenstände enthielt; sie trug nach wie vor ihr einfaches schwarzes Kleid. Auch Viola's Koffer hatten ihren Einzug gehalten; das nagelneue Ballkleid hing im Schrank. Die Mutter war viel zu leidend, als daß man an einen Ball hätte denken können. 289 Die beiden Cousinen waren sich noch immer recht fremd. Sie hatten zusammen musizirt und Viola hatte sich trotz ihrer Eigenliebe übertroffen fühlen müssen. Sie hatten ihre mitgebrachten Zeichnungen verglichen und Viola hatte diejenigen ihrer Cousine für die besseren halten müssen. „Mein Vater war mein Lehrer," sagte Jenny, als ihr Viola ärgerlich den Vorzug zugestand. Viola konnte den rechten Ton mit der Cousine nicht finden, die ihr nicht schmeichelte, die ihr überlegen war und ihr für eine Bittende und aus Güte Aufgenommene viel zu sicher und ruhig erschien. Curt belebte durch seine Gesellschaft das anfänglich so frostige Verhältniß. Er war sehr artig, sehr zuvorkommend, nach Viola's Meinung Zu höflich als Sohn des Hauses gegen die arme Cousine. „Wenn wir sie im Anfang so verwöhnen, wie soll sie sich dann später in die ihr gebührende Stellung finden?" dachte Viola. — Wäre Jenny demüthiger gewesen, so hätte es wohl Viola gefallen, sie auch ferner durch ihre herablassende Güte zu protegiren; aber da die arme Cousine wohl bescheiden, doch ohne Scheu und Zaghaftigkeit in dem reichen Hause auftrat, so erwachte Viola's Hochmuth und sie zeigte sich verstimmt und launenhaft im Umgang mit Jenny. Und dieser Herr Lee hatte noch weniger Viola's Beifall. Er war zwar ein gebildeter Mann, beobachtete alle Regeln des Anstandes, machte aber noch weniger aus Viola wie Jenny. Wer war er eigentlich, was wollte er so lange hier? Konnte er nicht, nachdem er sein Mündel den Verwandten überbracht hatte, nun wieder gehen? Viola fand seine fernere Anwesenheit vollständig überflüssig und unangenehm. Aber Papa und der Justizrath schienen Gefallen an dem Umgang des Amerikaners zu finden. Halbe Tage lang saßen die drei Herren in Papa's Stube in lebhaftem Gespräch beisammen und wenn der Papa zu den Mahlzeiten kam, schien er oft ganz abgespannt und die Schweiße tropfen standen auf seiner Stirn. Wie anders hatte sich das Leben daheim gestaltet, als Viola es gehofft hatte! Nichts von Bällen, Lustbarkeiten. Eine langweilige Cousine, ein noch langweiligerer Amerikaner, Mama krank, Papa tagelang in seiner Stube eingeschlossen, das Ballkleid im Schranke! Eine schöne Ueber- raschung, die sie zu Hause gefunden!- T.-A. XX. 19 290 Es war eine wundervolle Juninacht, lau, dufterfüllt, fast taghell; der Vollmond und Millionen funkelnder Sterne standen am Himmel. Aus den von Silberglanz umflossenen Büschen des Gartens schlugen die Nachtigallen, die man sorgsam schonte und hegte. Viola stand am offenen Fenster ihrer Stube, sie wollte noch nicht schlafen, sie fühlte sich verstimmt und unbehaglich. Gern hätte sie noch Musik gemacht, aber das durfte sie nicht wagen, um die Mama nicht zu stören. Dicke Thränen des Unmuths standen in ihren Augen; aber als sie hinausblickte in die wundervolle Nacht, nahm der Zauber derselben auch ihre unzufriedene Seele gefangen, sie weinte nicht mehr und lauschte den Nachtigallen. Ihr angeborener heiterer Sinn stieg wieder auf die Oberfläche ihrer Stimmung. „Es wird vielleicht bald anders," tröstete sie sich. „Mama wird gesund werden, der Amerikaner wird abreisen und Jenny, — nun meine Eltern werden mich gewiß nicht zwingen, immer mit dieser Cousine zusammen zu sein, wenn wir durchaus nicht für einander passen. Papa könnte sie ja, wenn er nun doch einmal für sie sorgen will, in eine Pension thun, oder sie könnte Lehrerin werden, da sie so viele Talente hat. Kurzum, ich will auf lustigere Tage hoffen nach diesen langweiligen, denn meine Eltern erfüllen mir ja so gern jeden meiner Wünsche." Unter diesem beruhigenden Selbstgespräch kam Viola die Luft an, noch ein wenig in den Garten oder doch auf die Terrasse hinabzugehen, um so die schöne Juninacht noch bester zu genießen, als hier vom Fenster aus. Sie hüllte sich in einen warmen Ueberwurf und stieg hinab. Es war ganz still im Hause, alle Bewohner desselben schienen schon zur Ruhe gegangen zu sein. Durch den Gartensalon gelangte sie auf die Terrasse, welche sich an der Gartenfronte des Hauses entlang zog. Wie schön war es hier, wie kühl und angenehm! Die Orangen- und Oleanderbäume warfen tiefschwarze Schatten auf den im Mondlicht hellglänzenden Kies; vom Garten herauf zog ein angenehmer Lufthauch, mit dem Dufte unzähliger Blüthen gewürzt. Viola setzte sich dicht an das Haus auf eine Bank, welche im Schatten zweier in Kübeln gezogener Bäume stand. Ein wenig schauerlich war es, von hier über den schweigenden Garten hinwegzuölicken; ein wenig geisterhaft, so ganz allein noch wach zu sein, wenn Alles schlief. 291 Halt, doch nicht ganz allein! Dicht hinter Viola's Ohr ließen sich Stimmen vernehmen und alle geisterhaften Schauer entflohen bei den bekannten Tönen. Richtig, die Bank stand ja dicht unter Papa's Zimmerfenstern, welche nach der Terrasse gingen. Papa und der Justizrath waren noch wach; sie hatte das Licht, welches den geöffneten Fenstern entströmte, bei dem hellen Mondlicht nicht bemerkt. Eben wollte sie ein lustiges: „Gute Nacht, Papa!" zum Fenster hineinrufen, als die Worte, welche sie vernahm, sie erstarren machten. „Lieber Freund," sagte Herr von Steinthal, „es giebt keine Wahl, keine Ausflucht, keine Rettung mehr. Ich und meine Familie sind zu Bettlern geworden." „Noch nicht, noch gebe ich nicht Alles verloren," tröstete der Justizrath. „Noch steht es Ihnen frei, einen Prozeß gegen die Erbin einzuleiten, der möglicherweise zu Ihren Gunsten ausfallen könnte." „Einen Prozeß anfangen mit der vollkommenen Ueberzeugung, daß ich im Unrecht bin, daß die wirkliche, alleinige Erbin, mit allen rechtskräftigen Dokumenten versehen, zurückgekehrt ist, um ihr von mir verwaltetes Erbe in Besitz zu nehmen!" rief der Vater. „Auch ich zweifle nicht im Mindesten daran," meinte der Justizrath kleinlaut, „daß Miß Jenny die Tochter des Majoratsherrn, mithin die rechtmäßige, alleinige Besitzerin von Schönlinde und allen dazugehörigen Einkünften ist; ein Prozeß könnte die Abtretung nur verzögern, könnte die Katastrophe aufhalten, könnte uns Zeit gewinnen lassen" — „Nein, mein Freund," fiel Herr von Steinthal dem Juristen in die Rede, „keine Schliche, keine Verzögerung, keine langsame Marter! Mag schnell geschehen, was geschehen muß! Schon zu viel litt ich in diesen entsetzlichen Tagen; seit ich die erste Nachricht durch diesen unerbittlichen Mr. Lee erhielt, seit ich weiß, daß ich nur einen geborgten Schimmer trage, der mir nicht mehr gehört, daß ich ärmer bin als der ärmste meiner Bauern und daß ich mit meiner Hände Arbeit meine Familie fortan ernähren muß. Ja, meine Familie, das ist das Härteste von Allem! Meine arme Frau, kränklich und an ein bequemes Leben gewöhnt, wird bald den Mühen und Entbehrungen erliegen, so tapfer sie auch jetzt dem Unheil entgegenzublicken sich bemüht. Curt wird seine Studien aufgeben und sofort irgend einen Erwerb suchen müssen. Noch hatte ich nicht den Muth, Viola das Unglück mitzutheilen; ich zögere Tag für Tag, 19 * 292 ihr die Binde von den Augen zu nehmen. Sie ist so jung, so glücklich, so vorn Leben verwöhnt!" — Beide Männer schwiegen eine Weile, dann fuhr Herr von Steinthal ruhiger fort: „Ich gedenke die Verwaltung eines Gutes zu übernehmen und hoffe, daß sich für einen so tüchtig geschulten Lnndwirth wie ich bin, eine passende Stelle finden soll, die mich und die Meinen vor Noth schützt. Das ist nichts Schlimmeres als mir vor fünfundzwanzig Jahren bevorstand, ehe mein älterer Bruder nach Amerika ging und ich als jüngerer Sohn ohne Erbansprüche war. Da er trotz aller Nachforschungen verschollen blieb, übernahm ich das Erbe, aber das Damoklesschwert schwebte seitdem über meinem Haupte, bis es nun zermalmend hernieder- gefallen ist. „Gott weiß es, daß ich meinen Bruder mit treuer, uneigennütziger Liebe geliebt, ihm nie seine Erstgeburt beneidet habe, die ihm, da unser Vesitz- thum ein Majoratsgut ist, so große Vorrechte über mich einräumte. Auch war er ein edler, nur etwas excentrischer Mensch; von ganzem Herzen wollte er das Gute, aber er vergriff und überstürzte sich in den Mitteln, es zu erreichen; er führte seit des Vaters Tode Neuerungen ein, die seinen Untergebenen mißfielen und so verlor er die Liebe derselben. Er ward in seinem Dränge, das Rechte zu thun, in unangenehme Händel und Streitigkeiten verwickelt und das verleidete ihm die Freude an seinem Besitz. Als ich ihm freundliche Vorstellungen machte, Einiges anders einzurichten und zu gestalten, ward er auch an meiner Liebe zu ihm irre, sah sich überall verkannt, verleumdet und so ward der beste Mensch aus Mangel an Weltklugheit und Menschenkenntniß ein Hypochonder. „Eines Tages ging er ohne Abschied von seinem väterlichen Erbe fort und sandte mir nur einen Zettel folgenden Inhaltes: «Nur in der Armuth, Arbeit und Einsamkeit ist Glück und Freiheit. Ich will sie suchen. Dein Bruder.» „Später erfuhr ich, daß er nach Amerika gegangen sei. Auf dem Schiffe war er gesehen worden; später gelang es mir nicht, noch einmal Nachrichten von ihm zu erlangen und so übernahm ich die Güter der Familie. Er galt für verschollen." „Und sollte es im Sinne dieses doch im Grunde edlen Menschen gehandelt sein, wenn sein Kind jetzt eine glückliche Familie von Haus und Hof treibt, um Alleinbesitzerin der von ihm einst verschmähten Reichthümer zu werden?" frug der Justizrath nachdenklich. 293 „Ich weiß das nicht," sagte Herr von Steinthal; „er mag seine Ansichten später geändert, die Bitterkeit der selbstgewählten Armuth kennen gelernt haben. Genug, Mr. Lee, der Freund des Verstorbenen und Vormund seiner verwaisten Tochter, trägt Dokumente bei sich, welche die Erb- ansprüche seiner Mündel ohne Widerrede beweisen und mich der Armuth überliefern." — „Also Muth, Freund," rief der Justizrath. „Gott verläßt Keinen, der redlich strebt und das Unvermeidliche mit Würde und Ergebung trägt!"- Nach diesen Worten trat Stille ein. Das Fenster über Viola's Haupt klirrte leise, das Licht löschte aus. Die beiden Herren waren wahrscheinlich auch zur Ruhe gegangen. Auf der Terrasse saß aber lange noch eine starre, todtenbleiche Gestalt. Wie verändert war dieses lebensfrohe, blühende Gesicht! Die Augen gen Himmel in die funkelnde Sternenpracht gerichtet, die Hände im Schoße gefaltet, den Kopf an die steinerne Wand des Hauses gelehnt, so glich Viola einem Steinbild; nichts regte sich an ihr. Aber innen in diesem Herzen, in dieser Seele tobte ein Meer von fluthenden Gedanken. War dies Alles nicht ein fürchterlicher Traum? Ein Nachtspuk, der verschwinden mußte mit dem neuen Morgenroth? Und seltsam, in diesem Wirbel von Angst, Schreck, Beschämung, der über sie hereingebrochen, tauchte plötzlich ihr bisher vergöttertes Ich unter; sie dachte in der ersten Bestürzung nicht an sich, an ihre Zukunft, an ihre Entbehrungen, das verschwand vor den Bildern derer, die mit ihr und schwerer als sie betroffen waren. Ihr Vater, in fremdem Solde für die Seinen arbeitend, gebeugt unter das Joch unbekannter Mühen, aufreibender Beschwerden und Lasten! Ihre zarte, kränkelnde Mutter, die fortan entbehren und darben sollte; Curt, der frische, heitere Student, der von der Wiege an als der einstige Besitzer dieses blühenden Stück Landes, dieser reichen Fluren und Forsten gegolten hatte, nun zu einem ihm verhaßten Erwerb, einem staubigen Handwerk vielleicht gezwungen. „O Gott!" stöhnte sie endlich auf. „O Gott! hilf, hilf, erbarme dich unser!" — Der Nachtthau, der feucht auf Blumen und Gräser fiel, senkte sich auch auf die regungslose Gestalt. Viola fröstelte und schauderte; sie erhob sich und wankte in's Haus zurück, denselben Weg, den sie vor kaum einer 294 Stunde gekommen war. Eine Andere, ganz Andere war sie in der kurzen Zeit geworden. Sie betrat ihr Zimmer, aber sie dachte nicht an's Schlafen, doch aus anderen Gründen als vordem. Angekleidet warf sie sich endlich auf ihr Bett, aber ihre klopfenden Pulse, die Angst in ihrem Herzen litten sie nicht in dieser Lage. Sie sprang auf und sank mit gerungenen Händen neben ihrem Lager auf die Knie nieder. Viola hatte, wenn sie betete, mehr eine Form, eine Gewohnheit erfüllt, ihr Gefühl hatte wenig damit zu thun gehabt. Jetzt dachte sie an keine Form; heiße, flehende, unzusammenhängende Worte rief sie zu Gott empor. Für ihre Eltern und ihren Bruder bat sie Gott, an ihre gekränkte Eitelkeit, an die Demüthigung, die ihr persönlich bevorstand, dachte sie nicht in dieser schrecklichen Nacht. Den Kopf auf die gefalteten Hände gelehnt, brach sie endlich in mildes Schluchzen aus und weinend schlief sie ein. Sie befand sich noch in dem glücklichen Alter, wo der Schlaf auch über den schwersten Kummer siegt. Frierend, mit schmerzenden Gliedern erwachte Viola mit Tagesgrauen. Verwundert fand sie sich noch in ihren Kleidern und nicht in ihrem Bette. Was hatte sie doch so Entsetzliches in dieser Nacht geträumt? Geträumt? — Nein, erlebt! — Sie war wirklich im Mondschein auf der Terrasse gewesen und hatte dem Gespräch ihres Vaters mit dem Justizrath gelauscht. Sie wußte jedes Wort noch, was sie gesprochen. Da lag auch der Mantel noch, wie er ihr beim Hereintreten von der Schulter geglitten war, mitten in der Stube. Sie sollten Alle fort von hier, von der lieben, bekannten, trauten Heimath! — Sie sank auf einen Stuhl und stützte den Kopf in beide Hände. So saß sie lange und sann und grübelte. Endlich stand sie auf, öffnete die Thür ihres Zimmers und eilte den Korridor entlang. Dort klopfte sie an eine Thüre. „Wer ist da?" frug eine verwunderte Stimme. „Ich, Viola, öffne!" flüsterte es zurück. Da ward der Riegel aufgeschoben und die beiden Cousinen standen sich gegenüber. Jenny war im Morgenkleid, aber schon sauber und nett. Sie blickte auf den frühen Besuch wie auf eine Geistererscheinung. 295 War das Viola, die mit wirrem Haar, in verstörtem Anzug mit dem leichenblafsen, überwachten, verweinten Gesicht vor ihr stand? „Jenny, Jenny!" rief Viola und ergriff beide Hände ihrer Cousine. „O, vergieb mir, wenn ich Dir lieblos, launenhaft, übermüthig erschienen bin! Wenn ich Dich gekränkt habe! Nicht für mich bitte ich Dich, denn ich habe keine Liebe und Großmuth von Dir verdient; ich war ja ein eitles, verwöhntes, ach, ein sündhaftes Geschöpf. Aber für meine Eltern, sür meinen Bruder rufe ich Deine Großmuth an. Nimm nicht Alles, Alles, was meine Eltern bisher besaßen und was nun Dein Eigenthum ist!" — „Viola!" rief Jenny entsetzt, „Du bist krank. Du redest im Fieber! Ich verstehe von dem Allen kein Wort. Komm, laß mich Dich in Dein Zimmer, in Dein Bett schaffen. Deine Hände sind eiskalt und Deine Wangen glühen. Was Du da sprachst, ist Fieberwahnsinn!" „Es ist Wahrheit!" schrie Viola auf, „es ist Alles, Alles wahr. Mein Vater selbst sagte es. Du bist die Besitzerin von Schönlinde, Dein Vater war der Majoratsherr und mein Vater ist der jüngere Sohn. Doch das weißt Du ja Alles selbst und willst mich nur nicht verstehen. Du kamst hierher, um Dein Erbe in Besitz zu nehmen und uns Alle zu vertreiben. Mr. Lee, Dein Vormund, trägt die schrecklichen Dokumente bei sich." „Mr. Lee?" frug Jenny nachdenkend. „Er hat wohl die Papiere meines Vaters an sich genommen und trägt sie in einer rothen Brieftasche bei sich." „Jenny, Jenny!" rief Viola und warf sich vor ihrer Cousine auf die Knie nieder, „sage mir, daß Du meine Bitte erhören willst! Laß mich nicht ohne Trost und Hilfe! Ich kann den Gedanken nicht ertragen, daß meine Eltern arm und elend sein sollen, daß mein Bruder unglücklich werden soll! Ach, ich habe sie alle drei so sehr, sehr lieb!" „Viola stehe auf!" sagte Jenny ernst und ruhig. „Du sollst vor Gott, aber nicht vor Menschen knieen, am wenigsten vor mir. Ist wirklich Sinn und Wahrheit in Deinen Worten, so sage mir Alles klar, damit ich es verstehen kann. Mr. Lee ist mein bester Freund und ist meines Vaters Freund gewesen, er kann nichts Böses wollen. Er ist jedoch ein schweigsamer Mann, er handelt aber spricht nicht. Gewiß waltet hier ein Mißverständniß ob, welches sich bald aufklären muß." Viola ließ sich willig von Jenny nach dem Sopha führen, wo sie neben ihr niedersank. 296 „Nun, Viola," sagte Jenny liebevoll, indem sie das wirre, blonde Haar aus des jungen Mädchens Stirn strich und ihre Thränen abtrocknete, „nun sei einmal ganz ruhig und erzähle mir Wort sür Wort, was Du gehört hast und weißt." Und Viola erzählte so ruhig wie möglich, was sie gehört hatte. Es war nicht viel, aber es war inhaltreich. Jenny hörte ihr aufmerksam zu und ließ sie ausreden. „Und Du hast mich also so bitterlich verkannt?" frug sie traurig, als Viola geendet hatte. Viola blickte auf und in Jenny's Gesicht. „Ja," rief sie, „ich habe Dich so bitterlich verkannt. O vergieb mir, Du bist gut, edel und groß; welche Sanftmuth und Milde spricht aus Deinem Gesicht, welches mir stets so ernst und kalt erschien." Jenny zog Viola an sich und küßte sie herzlich. „O, wenn Du mich doch recht lieb haben könntest!" flüsterte sie. „Aber nun," rief sie dann energisch, „legst Du Dich ein paar Stunden nieder, Du mußt die versäumte Nachtruhe nachholen. Folge mir nur; ich bin Dein Arzt und Du bist mein krankes Kind!" Und Hand in Hand geschlungen, gingen die beiden Mädchen den Gang zurück nach Viola's Zimmer. Diese ließ sich ruhig von Jenny auskleiden und niederlegen. Sie wandte gehorsam ihr Gesicht nach der Wand und versuchte einzuschlafen. — Mr. Lee saß in seinem Zimmer auf seinem bequemen Lehnstuhl und rauchte seine Morgencigarre. Vor ihm auf dem Tische dampfte der Theekessel über einer Spiritusflamme; der alte Junggeselle bereitete sein Frühstück selbst, wie er es seit langen Jahren gewohnt war. Da klopfte es an seine Thüre und auf sein Herein! erschien Jenny auf der Schwelle. „Guten Morgen, Mr. Lee," sagte sie freundlich; „störe ich so früh?" „Nein, nicht im Geringsten, Miß Jenny," rief er, „wollen Sie mit mir frühstücken?" „Ich habe etwas Wichtiges mit Ihnen zu sprechen," meinte Jenny ernsthaft werdend. „Nun?" frug der Amerikaner und goß das brodelnde Wasser auf seinen Thee. „Mr. Lee," begann Jenny, sogleich auf ihren Gegenstand losgehend, „ehe mein lieber Vater starb, sagte er mir: «Wenn ich sterbe, so wirst Du 297 fremd in einem fremden Lande dastehen, ohne Familie, ohne Angehörige, ohne Vermögen. Ich habe in meiner Jugend Heimath und Verwandte verlassen, weil mir die Verhältnisse da drüben nicht gefielen und ich habe hier als einfacher Mann ein zufriedenes, leidlich glückliches Leben geführt. „Mit Dir ist es anders; ich wünsche, daß Du nach meinem Tode in meine Heimath zurückkehrst und meinen Bruder und dessen Familie aufsuchst, die Dich gern als ein liebes Familienglied aufnehmen werden. „Davon bin ich überzeugt, denn mein Bruder ist ein guter Mensch. Mein Freund Lee wird Dich in Deine neue Heimath begleiten und Dich Deinen Verwandten übergeben; er hat mir dies bereits versprochen, wird Dein Vormund werden und ist im Besitz sämmtlicher Dokumente, die Dich als meine Tochter legitimiren.»" „Und habe ich dies nicht gethan?" frug Mr. Lee, als Jenny schwieg, „habe ich das meinem todten Freunde gegebene Versprechen nicht treu und gewissenhaft erfüllt?" „Ja, Onkel Lee!" rief Jenny, in den Ton ihrer Kinderjahre verfallend; „ich weiß, Sie sind mein Freund, wie Sie meines theuern Vaters Freund gewesen sind, aber —" „Nun?" frug Mr. Lee, indem er sich seine erste Tasse Thee einschenkte. „Onkel Lee!" rief Jenny, „ist es wahr, daß Sie beabsichtigen mich zur Besitzerin von Schönlinde zu machen, daß Sie die bisherigen Besitzer vertreiben wollen, weil mein Vater Majoratsherr war und ich seine Erbin bin?" „Ja," erwiderte der Amerikaner ruhig, „das gedenke ich; ich beabsichtige nichts anderes, als was recht und billig ist. Ich will meinem anvertrauten Mündel sein ihm von Gott und Rechtswegen zugehöriges Erbtheil wieder verschaffen; sein Erbtheil, das ihm ungerechter Weise weggeschnappt worden ist und wonach es nur die Hände auszustrecken braucht, um es wieder zu erlangen." „Und hat mein edler Vater dies beabsichtigt, als er mich in Ihrer Obhut nach Deutschland sandte?" frug Jenny. „Wahrscheinlich nicht," antwortete Mr. Lee. „Ihr Vater hat wohl nicht daran gedacht, welche Erbansprüche Sie machen können; er hatte die deutschen Verhältnisse vergessen, kümmerte sich um deutsche Erbeinrichtungen nicht. Ihr Vater hielt überhaupt ungebührlich wenig auf Geld und Gut; zum Nachtheil seines einzigen Kindes. Auch ich ahnte anfänglich nicht. 298 welche hochwichtigen Dokumente mir mein Freund mit diesen Papieren in jener alten Brieftasche übergab!" Dabei zeigte Mr. Lee mit der Spitze seines Daumens auf den Seiten- tisch, wo eine alte, rothe, abgegriffene Brieftasche lag. „Aber," fuhr er fort, „ich las, meines Freundes Kind zulieb, das deutsche Recht und erkannte dann, daß diese Papiere mein Mündel zur reichsten Erbin machen können. Und ich sollte feig zurückschrecken vor den immerhin hart scheinenden Mitteln, welcher die Gerechtigkeit bedarf, um an ihr Ziel zu gelangen? Nein, Kind, ich weiche nicht eher, bis Du Herrin von Schönlinde, Deinem unbestreitbaren Eigenthum bist. Dann habe ich meine Pflicht erfüllt, habe mein Versprechen gelöst und der alte Onkel Lee kann ruhig wieder in seine Dunkelheit zurückkehren." „Wenn ich nun aber auf keinen Fall dieses Erbe haben will? Wenn ich mich entschieden weigere, meine Verwandten um einen Pfennig oder einen Fuß breit Landes zu berauben? Wenn ich nichts will, als eine Stätte in ihrem Hause, einen Platz in ihrer Familie?" rief Jenny. „Zum Glück haben Sie vorläufig noch gar nichts zu wollen, Miß Jenny," sagte Mr. Lee, leise vor sich hin lachend; „Sie sind ein unmündiges Kind und ich, Ihr Vormund, handele für Sie. In späteren Jahren, wenn Sie vernünftiger geworden sind, sollen Sie mir's Dank wissen." — „Welch ein herrliches Stückchen Erde," fuhr Mr. Lee fort, der inzwischen ans Fenster getreten war. „Ja, ja, sie haben sich's hübsch behaglich hier eingerichtet. Wie das blüht und wächst! Ein kleines Paradies!" Und Mr. Lee trommelte lächelnd einen Siegesmarsch auf der Fensterscheibe. Da stand Jenny und sah finsteren Blickes in die Flamme, die vor ihr brannte. Ein ohnmächtiges Kind stand sie inmitten dieser Verhältnisse. Plötzlich tauchte ein Gedanke in ihrem Innern auf; sie zögerte eine Weile, aber der Augenblick war günstig. Nasch ergriff sie die Brieftasche, nahm ein Bündel Papiere daraus, küßte ihres Vaters Schriftzüge und flüsterte: „Vergieb mir, ich weiß, daß ich in Deinem Sinne handele!" Dann hielt sie die Dokumente in die Flammen; ein loderndes, röth- liches Licht brannte empor. „Onkel Lee!" rief Jenny. Der alte Herr drehte sich um. — Ein Qualm von verbranntem Papier erfüllte die Stube, Aschenreste und Fünkchen flogen über die 299 Tischdecke und Jenny hielt ein paar braune Neste von verkohlten Blättern zwischen den Fingern. Mit einem Satze war Mr. Lee an dem Seitentisch und ergriff seine Brieftasche; sie war offen und leer. „Onkel Lee! lieber Onkel Lee!" rief Jenny und umschlang mit beiden Armen weinend seinen Hals. „Ich konnte nicht anders! Ich weiß, Sie meinen es gut mit mir, aber mein Vater — meinte es doch noch bester!" Mr. Lee machte sich von den weichen Mädchenarmen los; er liebte solche Rührscenen nicht und war empört. „Deutsches Blut!" brauste er endlich auf, „eine Amerikanerin würde diese Tollheit nicht begangen haben!" „Nun bin ich keine Erbin mehr, Onkel Lee?" frug Jenny zwischen Lachen und Weinen. „Nein, Miß, sondern eine Bettlerin!" rief Mr. Lee, von welcher ich in dieser Minute meine Hand abziehe. Eine Bettlerin, die demüthig an die Thüre ihrer reichen Verwandten klopft und um Gnadenbrod bittet." „Sie nehmen mir meine Hoffnung und meinen Glauben nicht, Onkel Lee," sagte Jenny in bittend weichem Tone, „sie klopft an um eine Heimath und um ein wenig Liebe und man wird es ihr gewähren. Das ist Alles, was Ihres Freundes Tochter bedarf. Auch ich schätze Geld und Gut nicht hoch nach meines Vaters Lehren und auch Sie, lieber Onkel Lee, wissen wohl, daß es noch Höheres und Besseres giebt als eine reiche Erbschaft, die Andere unglücklich macht, oder Sie wären meines theuren Vaters bester Freund nicht gewesen." Mr. Lee sah das junge Mädchen zweifelnd an; er schien nicht recht zu wissen, ob er es bewundern oder verachten solle. „Ich gehe," sagte er endlich, nicht ohne Rührung; „ich gehe in meine Heimath zurück, denn hier wären wir eigentlich so weit fertig." „Nein, wir sind nicht fertig, sondern wir wollen nun Alle erst anfangen recht glücklich zu sein!" Ein schnappender Ton fiel in Jenny's Rede; ihr Vormund klappte das Schloß der rothen Brieftasche geräuschvoll zu. „Verzeihung, mein lieber Freund," bat Jenny nach einer Weile, „Sie dürfen mir nicht zürnen; Sie sollen keinen Groll gegen mich haben! Ich wußte mir nicht anders zu helfen und war doch nun einmal fest entschlossen diesen Reichthum nicht zu besitzen, nachdem ich erfahren hatte, daß ich so viel Jammer in eine glückliche Familie gebracht hatte." 300 „Sie handelten kindisch, unbesonnen, rasch und werden später noch genug diese thörichte That bereuen!" brummte der Vormund. . „Nie, nie, nie werde ich bereuen, was ich gethan habe!" rief Jenny. „Darf ich aber die Wahrheit zu sagen riskiren? Handelten Sie nicht vielleicht selbst ein klein wenig rasch, als Sie in den alten Gesetzbüchern stöberten, statt Ihr gutes, menschenfreundliches Herz zu fragen? Hätten Sie darin gelesen, so würde es Ihnen gewiß einen andern Rath gegeben haben, als einem in Armuth aufgewachsenen, einfachen Mädchen eine große Erbschaft verschaffen zu wollen, die gar nichts damit anzufangen wüßte, ebenso wenig mit dem großen Hause und allem andern Zubehör!" Der Amerikaner stülpte den Deckel auf die Spiritus flamme, daß sie erlosch. „Mein Frühstück ist mir gründlich verleidet," brummte er, „das war eine theure Flamme. Hunderttausende verflackert wie einen Fidibus; aus Leichtsinn, aus fabelhaftem Leichtsinn!" „Aus Menschenliebe!" sagte Jenny leise. „Das war der streitige Punkt mit Ihrem Vater," fuhr Mr. Lee fort, „worüber wir uns nie vereinigen konnten, er blieb stets unpraktisch und mißachtete das Geld; und das hat er Ihnen gelehrt." „Mein Vater lehrte mich Menschenliebe und Gottvertrauen und ich danke ihm dafür," rief Jenny in Thränen ausbrechend und mit glühenden Wangen. „Gut," sagte Mr. Lee, „mein Wahlspruch ist: Recht muß Recht bleiben. Doch da ich, ohne Beweise in den Händen, auch gegen Ihren Willen nicht ferner handeln kann und da sich verbranntes Papier nicht wieder ganz machen läßt, so ist auch alles fernere Reden überflüssig." „Und während wir hier reden," fiel Jenny ein, „leben Andere, die mir lieb und theuer sind, in Angst und Sorgen, die ich mit einem Wort zerstreuen kann. Adieu, lieber Onkel Lee; ach mir ist so wohl, so leicht! Ich bin so froh wie nie in meinem Leben. Geben Sie mir die Hand und blicken Sie mich wieder gütig und freundlich wie sonst an." Mr. Lee fühlte sich in seinem starren Rechtsgefühl zu sehr gekränkt, als daß er so schnell hätte verzeihen können. Er nahm die ihm gereichte Hand nicht an und wandte sich grollend ab. „Sie werden mir noch vergeben, lieber Onkel Lee," sagte Jenny in bittendem Ton. „Ich wollte ja Sie nicht kränken und ich kenne Ihr Herz zu gut, als daß es lange zürnen könnte." 301 Sie eilte hinaus und schlüpfte in Viola's Stube. Leise, auf den Zehen, um die Schläserin nicht zu wecken, schlich sie an's Bett und beugte sich darüber. Viola schlief nicht, ihre blauen Augen sahen Jenny groß und völlig wach an. „Du schläfst ja nicht!" rief Jenny. „Ich konnte nicht schlafen, aber ich habe mich ganz ausgeruht," sagte Viola. „Nun," jubelte Jenny, „dann sollst Du auch gleich hören, was ich Dir zu sagen habe!" Und sie beugte sich an Viola's Ohr und flüsterte ihr einige Worte zu. Da sprang Viola in die Höhe und schlug die Hände zusammen und schlang ihre Arme um Jenny's Hals. „Jst's auch wahr?" frug sie. „Gewiß wahr!" sagte Jenny und nickte ganz fröhlich, „denke, Du hättest nur einen bösen Traum gehabt, den die liebe Morgensonne verscheucht." Da erscholl die Frühstücksglocke. „Komm geschwind aus den Federn!" scherzte Jenny, die vor Lust und Freude strahlte, deren Seele sich wie losgebunden fühlte, seit sie zum ersten Male Anderen Glück zu bereiten fähig war. Und fröhlich half sie Viola beim Ankleiden, dann eilten Beide in den Gartensalon hinab. Der Vater und Curt waren schon hier und standen im Gespräch an der offenen Glasthüre, welche auf die Terrasse führte. „Guten Morgen, Papa!" rief Viola heiter; aber indem sie ihm die Hand zum Gruße bot und in sein gramvolles Gesicht sah, überwältigte sie die Aufregung, in der sie sich befand. „Papa, wir bleiben hier!" rief sie, indem sie sich schluchzend an seine Brust warf. „Wer sagte Dir das?" frug Herr von Steinthal ernst. „Jenny sagt es!" rief Viola, „sie ist so gut, sie will das Erbe nicht, sie wußte ja gar nichts davon!" Jenny stand von Gluth übergössen daneben. „Lieber Onkel," sagte sie, „ich kam hierher nach meines Vaters Willen, um eine Heimath für die Waise in Ihrem Hause zu finden. Ich ahnte nicht, daß mein Kommen so viel Kummer und Leid gebracht hatte!" „Das ist nicht Deine Schuld, liebe Nichte," erwiderte Herr von Steinthal; „fürchte nicht, daß ich Dir zürne und endigen wir lieber dieses nutzlose und peinliche Gespräch." 302 „Nein, bester, theurer Onkel," bat Jenny, „lassen Sie mich ansprechen. Ich nehme die Erbschaft nicht an. Ich bitte nur, verstoßen Sie mich nicht, lassen Sie mich in Ihrem Familienkreise leben, wie mein Vater es wünschte." „Liebes, gutes Kind," sagte Herr von Steinthal gerührt, „ich glaube wohl, daß Du nach diesem Reichthum nicht verlangst, der vielleicht Deine reine Seele nur bedrücken würde. Aber Dein Wille entscheidet diese Angelegenheit nicht. Dein Vormund ist entschlossen keinen Zoll breit von Deinem Rechte zu weichen und er befindet sich in dem Besitz von Dokumenten, die Deine Ansprüche vollständig beweisen." „Aber diese Dokumente," fiel Jenny ein, „sind — ich habe sie verbrannt!" „Verbrannt!" riefen Curt und Viola zugleich und das Gesicht ihres Vaters ward todtenblaß. Eine lange Pause entstand. Endlich schien Herr von Steinthal einen Entschluß gefaßt zu haben. „Selbst dies ändert nichts," sagte er fest und ruhig, „was Du in jugendlicher, überwallender Herzensgüte gethan hast. Zwischen ehrlichen Leuten bedarf es nicht der schriftlichen Beweise; ich habe Dein Recht anerkannt und demgemäß muß ich handeln, auch wenn, wenn wir Alle darüber verarmen müssen." „Papa! Papa!" schluchzte Viola. Der Justizrath war während dieses Gesprächs in den Salon getreten. „Welcher Edelmuth von beiden Seiten!" rief er; „so scheint unser liebes Schönlinde herrenlos zu sein, wenn es der Eine nicht annehmen und der Andere nicht behalten mag! Giebt es denn da keinen Mittelweg, der die streitenden Parteien vereint?" In diesem Augenblicke trat Mr. Lee reisefertig herein. „Ich komme um Abschied zu nehmen," sagte er kalt, „mein Hiersein ist überflüssig geworden, seit Miß Jenny eigenmächtig gehandelt hat und mir die Beweise fehlen, um mein ferneres Wirken zu unterstützen." „Fürchten Sie nicht, Mr. Lee," sagte Herr von Steinthal, „daß ich aus der Handlungsweise meiner Nichte Nutzen zu ziehen gedächte!" „Onkel Lee!" rief Jenny in Thränen ausbreitend, „o gehen Sie nicht fort, gehen Sie nicht im Zorne von mir! O wie schrecklich ist es, daß ich das Unglück mit dem besten Willen nicht aufzuhalten vermag! Nehmen Sie mich mit, Onkel Lee; o nehmen Sie mich mit fort von hier! Hätte 303 ich nie dies Haus betreten, in welches ich den Jammer bringen mußte!" Sie sank auf einen Stuhl hin und bedeckte weinend ihr Gesicht mit den Händen. Die Anderen standen stumm einander gegenüber. Ueber das rauhe Gesicht des Amerikaners glitt ein Zucken. Er liebte dieses Kind so sehr; er hatte ja nur sein Glück im Auge gehabt; er hatte es aus seinen niedrigen Verhältnissen auf die sonnige Höhe einer glänzenden Lebensstellung emporheben wollen; er hatte dieses Werk mit einer harten, unbeugsamen, trotzigen Gewissenhaftigkeit auszuführen getrachtet. Aber auch er hatte sich verrechnet und ihr Herz, ihr Gemüth so wenig dabei in Betracht gezogen. Ihr bitteres Weinen that ihm in innerster Seele weh. Hatte er seinem Freunde nicht versprochen dieses Kind zu behüten, als ob es sein eigenes sei und ihm eine traute Heimathstätte zu bereiten? Und statt der Liebe, die es so begehrte und bedurfte, hatte er ihm Reichthum geben wollen und die einzigen Herzen, die der Waise verwandtschaftlich nahe standen, hatte er feindlich von ihr abzuwenden sich bemüht! Vielleicht hatte sie doch Recht gehabt, als sie ihm kühn die Mittel aus der Hand nahm, seinen Zweck weiter zu verfolgen? Aus den Augen des ernsten Mannes strahlte eine aufquellende Rührung. „Sollen wir ihr das Herz brechen mit diesem Reichthum, den sie nun einmal nicht mag?" Eine"derbe Hand legte sich auf die Schulter des Herrn von Steinthal. „Gut," sagte der Amerikaner, der seine innere Bewegung unter einem phlegmatisch trockenen Tone verbarg. „Thun wir dem Eigensinn seinen Willen. Behalten Sie Schönlinde und dieses Engelskind dazu; bereiten Sie ihm eine Stätte der Liebe, die es verdient und denken Sie, der alte Murrkopf Lee sei niemals in Ihrem Hause gewesen. Geben Sie der Waise treue Eltern und Geschwister, eine glückliche, friedliche Heimath. Nun, allen falschen Stolz beiseite, schlagen Sie ein!" Damit hielt er Herrn von Steinthal seine breite Hand hin, welche schon den Reisehandschuh trug. Herr von Steinthal zögerte noch; aber seine Kinder hielten ihn schon umschlungen, seine zaudernde Hand erfassend. „Nun es sei, um Eurer Aller Willen," rief tiefaufathmend der mächtig ergriffene Mann. „Komm, Jenny, mein theures drittes Kind, ich gelobe 304 Dir ein wahrhafter Vater zu sein, Dich zu lieben und zu hüten. Gesegnet sei Dein Eingang in dieses Haus, dem Frieden und Glück zurückgegeben sind!" „Jetzt, fürchte ich," fiel der Justizrath nach einer Weile humoristisch ein, „bin ich eigentlich überflüssig, denn da nun sich Alles in Frieden auflöst, braucht's deu Advokaten nicht mehr. Was?" Dabei blinzte der alte Herr schelmisch den Amerikaner an und deutete mit glückseligem Gesicht auf die Gruppe der frohen Menschen, die sich umschlungen hielten. „Nun erst recht brauchen wir Sie, wenn auch Gottlob nicht als Juristen, so doch als treuen Herzensfreund!" rief Herr von Steinthal und ergriff des Freundes Hand. „Und auch den Reiserock ziehen wir wieder aus!" rief Jenny, deren Gesicht wie eine thauige Maienrose unter Thränen lachte. „Unser lieber Onkel Lee darf jetzt nicht fort, wenn wir Alle so glücklich sind." „Na, gleich geht's nun nicht fort, wie ich im ersten Aerger wollte," brummte Mr. Lee gutmüthig; „ein paar Tage will ich mir's hier noch mit ansehen. Will sehen, daß meiner Taube ein weiches Nestchen bereitet wird. Hätte freilich nicht gedacht, daß das sanfte, weiße Täubchen einen solchen Trotzkopf haben und meinen harten Sinn mürbe machen könne." „Aber nun, Jenny, komm zur Mama; sie weiß noch von nichts und ist voll Sorge und Kummer allein in ihrem Zimmer. Wir Beiden wollen die Freudenboten sein! Sie kennt ja auch ihr neues Töchterchen noch gar nicht!" „Nein, Ihr Mädchen," fiel der Vater ein, „überlaßt das mir. Die Mama ist zu leidend und schwach und kann auch die Freude nur erst tropfenweise vertragen. Ein voller Becher des Glückes, wie Ihr ihn reichen würdet, könnte ihr schaden." „Nun so wollen wir hinaus in den Garten, mir ist es hier zu eng; ich bin zu aufgeregt, um's in der Stube aushalten zu können!" jubelte Viola und bald eilte sie mit Curt und Jenny die Stufen hinunter und unter den alten Linden hin den Garten entlang. „So wollen wir," meinte der Justizrath lachend," auf den gedeckten Tisch deutend, „das Frühstück nicht verachten. Wie es mir scheint, sind wir zwei Alten allein geblieben." „Auch ich habe eigentlich noch nicht gefrühstückt," sagte Mr. 'Lee, „denn mein Thee wurde mir heute Morgen gründlich verdorben." 305 Und so setzten sich die beiden alten Herren zusammen nieder und holten das versäumte Frühstück nach. Oben aber flössen Thränen der Freude, als Herr von Steinthal seiner Gemahlin die frohe Botschaft tropfenweise beigebracht hatte. Und diese Thränen waren für lange, lange Zeit die letzten, welche in Schönlinde geweint wurden. Mykologie lles Nordens. Von Uudivig Kuhls. Odhin (Wuotan). Wili. We. Hönir. Loki. Frigg. Freya. Walküren. Bragr. Jduna. Saga. Adhin, gewöhnlich Odin geschrieben, von den alten Deutschen Wuotan oder Wodan genannt, wird billig allen Göttern vorangesetzt, denn er ist der Vater derselben, er ist derjenige, der die Einheit im Kreise der Äsen bildet, und der von der Allmacht und dem ganzen Wesen des alten einigen Gottes am meisten bewahrt oder in sich aufgenommen hat. Wir haben Odin schon in der Weltschöpfungsgeschichte kennen gelernt. Es sind da drei Brüder, die Söhne Börs, welche dieses Werk vollbringen, nämlich Odin, Wili und We. Allein die beiden Letzteren scheinen nur beim Ordnen der Welt thätig gewesen zu sein. Später sind sie den Menschen ganz aus dem Gedächtnisse verschwunden. Odin scheint seine Brüder beerbt, ihre Eigenschaften in sich aufgenommen zu haben. Wie Odin auf den Geist, so scheint Wili auf Wunsch und Willen zu deuten, We den Begriff der Heiligkeit, die Heiligung zu enthalten. Odin ist aber nicht nur der weiseste, sondern auch der Willensstärke, der sittenreine, der heilige Gott. Wegen seiner vielumfassenden Eigenschaften führt er noch viele andere Namen. Er selber zählt in einem Eddaliede, das ihn reden läßt, 49 derselben hinter einander auf, und andere Lieder nennen wieder andere, von denen viele nicht mehr zu deuten sind, weil sie sich auf verlorengegangene Geschichten beziehen. Er selbst sagt in einem Eddalieder „Eines Namens genügte mir nie, Seit ich unter die Völker fuhr." T-.A. xx. 20 306 Seine gewöhnlichsten Namen, die wir ohne Erklärung verstehen, sind: Allvater, Walvater, Heervater, Siegvater. Seine Attribute sind ein Speer, der Gungnir heißt und nie sein Ziel verfehlt; zwei Wölse, Geri und Freki, die neben ihm sitzen, die er bei den Gelagen der Götter und Einherier mit Fleisch füttert, während er selber nur Wein genießt; Geri und Freki füttert der krieggewohnte Herrliche Heervater, Da nur von Wein der waffenhehre Odhin ewig lebt. Zwei Naben, Hugin und Munin sitzen auf.seinen Schultern, die müssen täglich über alle Welt fliegen und ihm Kunde bringen. Hugin und Munin müssen seden Tag Ueber die Erde fliegen. (Ich fürchte, daß Hugin nicht nach Hause kehrt; Doch sorg' ich mehr um Munin.) „Die Menschen nennen ihn darum den Nabengott." Daß gerade diese Vögel als Symbol seiner Allwissenheit gewählt sind, erklärt sich aus seiner Eigenschaft als Schlacht- und Kriegsgott; sie werden auch wohl, weil er zugleich Jagdgott ist, als Habichte bezeichnet. Nun bin ich froh, dich wieder zu finden. Wie die aasgierigen Habichte Odhins, Wenn sie Leichen wittern und warmes Blut, Oder thauträufend den Tag schimmern sehn. Denselben Vezug haben auch die Wölfe zu seinen Füßen. Wie die Naben Habichte, so heißen diese Wölfe auch wohl Hunde. Sein Roß heißt Sleipnir; es hat acht Füße und trägt ihn durch Wasser und Luft. Es ist das beste aller Rosse, denn also heißt es: Die Esche Pggdrasil ist der Bäume erster, Skidbladnir der Schiffe, Odhin der Äsen, aller Rosse Sleipnir, Bifröst der Brücken, Bragi der Skalden, Hebrock der Habichte, der Hunde Garmr. Einzelne Attribute pflegt Odin, der Kriegsgott, auch begünstigten Helden zu verleihen: 307 Er gönnt und giebt das Gold den Werthen, Er gab Hermodur Helm und Brüme, Ließ den Siegmund das Schwerdt gewinnen. Auch sein Noß Sleipnir borgte er einmal einem Andern, nämlich Hermodur, um damit in die Unterwelt zu reiten. Wo Odin den Menschen sich zeigt, geschieht es gewöhnlich in Verkleidung, als großer alter Mann mit breitkrämpigem Hut und blauem Mantel, doch zuweilen wird er auch geschildert mit Goldhelm und schönem Harnisch, den Spieß Gungnir in der Hand, wie er Auf dem Berge stand mit blankem Schwert, Den Helm auf dem Haupte. Odin lehrt seine Lieblinge auch die Kriegskunst, besonders die von ihm selbst erfundene keilförmige Schlachtordnung, die nach dem römischen Schriftsteller Tacitus den Deutschen eigenthümlich war. Odin ist daher der Gott des kriegerischen Geistes, ja der personificirte germanische Heldengeist. Als Geber alles Guten konnte er dem kampflustigen Gothenvolke kein höheres Gut verleihen, als den Sieg. Darauf gehen auch seine Beinamen und Attribute, darum sind ihm die Thiere des Schlachtfeldes heilig, darum kommt Niemand in seinen Himmel, der nicht in der Schlacht gefallen oder an seinen Wunden gestorben ist. Seine himmlische Halle heißt deshalb Walhall, wie er selber Walvater, weil Wal den Inbegriff der in der Schlacht Gefallenen bezeichnet. Die Walküren, Odins Wunschmädchen, sendet derselbe zu jedem Kampfe aus, den Wal zu kiesen und die Helden seiner himmlischen Halle als Einherier zuzuführen. Dort geht er seinen Gästen entgegen und empfängt sie an der Schwelle, während die Walküren die Helden alsdann bedienen und ihnen den Meth einschenken. Die Walküren reiten auf Wolkenrossen durch die Luft, wie denn Hrimgerd sah: Drei Reihen Mädchen; doch ritt voraus Unterm Helm die Eine licht, Die Mähren schüttelten sich, aus den Mähnen troff Thau in tiefe Thäler, Hagel in hohe Bäume. Die Seherin in der Völuspa sagt von sich: Sie sah Walküren weither kommen, Bereit zu reiten zum Rath der Götter. 20 * . 308 » Skuld hielt den Schild. Sköglü war die andere, Gunn, Hilde, Göndul und Geirskögul. Nun sind genannt die Nornen Odins, Die als Walküren die Welt durchreiten. Freyja, Frouwa, die Tochter des Niördr, ist den Walküren nahe verwandt. Von ihr heißt es: „Sie ist die Herrlichste der Asinnen. Sie » hat die Wohnung im Himmel, die Volkwang heißt, und wenn sie zum Kampfe zieht, gehört ihr die Hälfte der Gefallenen, und die Hälfte Odin, wie hier gesagt ist: Volkwang ist die neunte: da hat Freyja Gewalt Die Sitze zu ordnen im Saal; Der Wahlstatt Hälfte wählt sie täglich, Odin die andere Hülste. Ihr Saal Seßrumnir ist groß und schön. Wenn sie ausführt sind zwei Katzen vor ihren Wagen gespannt. Sie ist denen gewogen, welche sie anrufen, und von ihr hat der Ehrenname den Ursprung, daß man die Weiber Frauen nennt. Sie liebt den Minnegesang, und es ist gut in Liebessachen sie anrufen." (Darum ist es auch noch heute gebräuchlich, von einer Braut, die schönes Wetter zu ihrem Hochzeitstage hat, zu sagen, sie muffe die Katzen gut gefüttert haben.) Sie hat ein Falkenhemde, womit sie ausfliegt. Das kann sie auch verborgen: Willst du mir, Freyja, dein Falkenhemd leih'n, Ob meinen Miöllnir ich finden möge? Zch wollt' es dir geben und wär' es von Gold, Du solltest es haben und wär' es von Silber. Frigg ist die Gemahlin Odins und sitzt mit diesem auf seinem Hochsitze Hlidskialf und übersieht die Welt, d. h. sie ist allwissend wie er. Darum heißt es von ihr: Wohl weiß Frigg Alles, was sich begiebt. Obgleich sie es nicht sagt. Obgleich sie auch auf dem Hochsitze Odins sitzt, so hat sie doch ihren eignen Palast, Fensal geheißen. Als Herrscherin tritt sie eigentlich nicht auf, sondern mehr als stille Helferin, wobei sie ihre Botinnen Hlin und 309 Gna verwendet. Als liebende Mutter werden wir sie bei der Baldurmythe kennen lernen. Odin wird oft in Gesellschaft zweier anderen Götter genannt. Daß Odin, Wili und We die Schöpfer und Ordner der Welt waren, wissen wir schon; eine andere Trilogie wird aber auch oft genannt, nämlich: Dem Odin, Hönir und Loki liegen die Elemente Luft, Wasser und Feuer zu Grunde. Odin ist der Luft- und Himmelsgott. Hönir, sein Bruder, bedeutet das Wasser. Wir wissen schon, daß er an die Manen ausgewechselt ward, aber derjenige, der von den Manen zu den Äsen kam, nämlich Niördr, trat in sein Amt ein, als Gott des Wassers, der Schifffahrt rc. Loki, auch Lodur, Loptr, Lödr, Logi rc. genannt, bedeutet das Feuer, namentlich wo er mit Odin und Hönir zusammen genannt wird, wie z. B. in der Völüspa bei der Schöpfung des Menschen: Gingen da dreie aus der Versammlung, Mächtige und milde Äsen zumal. Fanden am User unmächtig Ask und Ambla und ohne Bestimmung. Besaßen nicht Seele und Sinn noch nicht. Nicht Blut noch Bewegung noch blühende Farbe, Seele gab Odin, Hönir gab Sinn, Blut gab Lodur und blühende Farbe. Die blühende Farbe rührt her von der innern Wärme, die Wärme aber ist gelindes Feuer. Wo Loki in dieser Gesellschaft auftritt, hat er einen milden harmlosen Charakter, dieser verändert sich aber im Laufe der Zeit, weil die verderbliche Kraft des Feuers in den Mythen mehr hervorgehoben wurde. Er erscheint später nur als solcher, der Freude am Bösen hat, also als ein Feind der Äsen, der sie stets in Verlegenheit und Schaden zu bringen sucht. In allen Geschichten aber erscheint er als der Kluge, der Listige, der immer Rath weiß. Als eigentlicher Bruder Odins erscheint er wohl nie, denn er ist, obgleich er zu den Äsen gezählt wird, riesischen Ursprungs; wohl aber als dessen Bundesbruder. Daher als aus dem Freunde längst ein Feind geworden, erinnert Loki an die alte Bruderschaft: Gedenkt dir Odin, wie in Urzeiten wir Das Blut mischten beide? Du gelobtest, nimmer dich zu laben mit Trank, Würd' er uns beiden nicht gebracht. 310 Den bösen, heimtückischen Loki, den Feind der Götter werden wir in der Schicksalsgeschichte der Götter, in dem Weltuntergangsmythus noch näher kennen lernen, denn er spielt in dem ganzen großartigen Drama die Hauptrolle. Hier hat er uns nur als Wandergeselle Odins gegolten. Erschien Odin hier als Naturgott, so haben wir ihn noch vielfach von rein geistiger Seite zu betrachten, denn vor allen andern ist er so recht eigentlich der Gott des Geistes. Wir betrachten daher zunächst Odin als Gott der Geschichte in seinem Verhältnisse zu Saga, der Göttin der Geschichte und Sage. Dasselbe ist kurz in den Worten ausgedrückt, welche ihre Burg schildern. Stöckwabeck heißt die vierte, kühle Fluth Ueberströmt sie immer; Odhin und Saga trinken alle Tage Da selig aus goldenen Schalen. Als Gott des Geistes erscheint ferner Odin als Erfinder der Runen. Welche große Wichtigkeit man den Runen beimaß, erhellt aus sehr vielen Eddaliedern. Siegrunen schneide, wenn du Sieg willst haben; Grabe sie auf des Schwertes Griff, Aus die Seiten Einige, Andere auf's Stichblatt, Und nenne zweimal Tyr. Brandungsrunen schneide, wenn du bergen willst Im Sund die Segelrosse; Aus's Steven sollst du sie und auf's Steuerblatt ritzen, Dabei in's Ruder brennen: Nicht so stark ist die Strömung, nicht so schwarz die Welle, Heil kommst du heim vom Meere. So giebt es z. V. Bergrunen, Astrunen, Gerichtsrunen, auch sogar .Geistrunen. Geistrunen schneide, willst du klüger scheinen Als ein anderer Mann. Die ersann und sprach, die schnitt zuerst Odin, der sie auserdacht. Was waren nun die Runen? Eine Art Schriftzeichen, Buchstaben, die aber nicht zu einer wirklichen Schreibekunst, sondern zum Loosen, Weissagen und Zaubern dienten. Sie waren mystische Zeichen, denen 311 magische Kraft zugetraut wurde, weshalb ihr Gebrauch mit allen priester- lichen Weihen zusammenhing, mit Poesie und Weissagung, Opfer und Zauber, die alle unter sich verwandt sind. Der Zauber ward durch Lieder vollbracht. Das todte Zeichen an sich galt für nichts, es ward erst lebendig durch das Lied, die schlummernde Zauberkraft mußte Gesang wecken. Deshalb können wir ferner Odin als Gott der Dichtkunst betrachten. In „Odins Nunen- lied" (das aus 165 Strophen besteht) zählt er viele solcher zauberkräftigen Lieder auf, die er kann. Ein Drittes weiß ich, deß ich bedarf Meine Feinde zu fesseln. Die Spitze stumpf' ich dem Widersacher; Mich verwunden nicht Waffen noch Listen. Ein Viertes weiß ich, wenn der Feind mir schlägt In Bande die Bogen der Glieder: Sobald ich es singe, so bin ich ledig. Von den Füßen fällt mir die Fessel. Ein Elftes kann ich, wenn ich zum Angriff soll Die treuen Freunde führen. In den Schild sing ich's, so ziehn sie siegreich, Heil in den Kampf, heil aus dem Kampf, Bleiben heil, wohin sie ziehen. In diesen Runenliedern, die (mit den Runen verbunden) jeden Zauber vollführen, besteht die Allmacht Odins. Daraus geht hervor, welche hohe Wichtigkeit unsere Vorfahren der Dichtkunst beilegten. Bragi. Wie das ursprüngliche, allumfassende Wesen Odins allmälig auf andere Götterpersönlichkeiten übertragen wurde, so ist auch die Gabe der Dichtkunst, der Beredsamkeit auf einen der Äsen noch besonders übertragen, nämlich auf Bragi, einen Sohn Odins, von dem es auch heißt, seine Zunge sei mit Runen beschrieben. Er ist der Urheber der eigentlichen Skaldenkunst, die nach ihm auch Bragur heißt. Jdun ist Bragi's Frau; „sie verwahrt in einem Gefäße die Aepsel, welche die Götter genießen sollen, wenn sie altern, denn sie werden alle jung davon, und mag das währen bis zur Götterdämmerung." Durch die Aepfel ist Jdun für die Äsen eine wichtige Persönlichkeit. Die Riesen, 312 welche stets bedacht sind, die Götter zu schädigen, suchten sie daher in ihre Gewalt zu bekommen, wie erzählt ist: „Odin, Loki und Hönir zogen einst aus. Sie fuhren über Berge und öde Marken, wo es um ihre Kost übel bestellt war. Als sie aber in ein Thal herabkamen, sahen sie eine Heerde Ochsen. Da nahmen sie der Ochsen Einen und wollten ihn sieden. Und als sie glaubten, daß er gesotten wäre, und den Sud aufdeckten, war er noch ungesotten. Und zum zweitenmal, als sie den Sud wieder aufdeckten, nachdem einige Zeit vergangen war, fanden sie ihn noch ungesotten. Da sprachen sie unter sich, wovon das kommen möge. Da hörten sie oben in der Eiche über sich sprechen, daß der, welcher dort sitze, Schuld sei, daß der Sud nicht zum Sieden komme. Als sie hinschauten, saß da ein Adler, der war nicht klein. Da sprach der Adler: Wollt ihr gestatten, daß ich mich von dem Ochsen sättige, so soll der Sud sieden. Das sagten sie ihm zu: da ließ er sich vom Baume nieder, setzte sich zum Sude und nahm sogleich die zwei Lenden des Ochsen vorweg, nebst beiden Bugen. Da ward Loki zornig, ergriff eine große Stange und stieß sie mit aller Macht dem Adler in den Leib. Der Adler ward scheu von dem Stoße und flog empor: da haftete die Stange in des Adlers Rumpf; aber Loki's Hände an dem andern Ende. Der Adler flog so nahe am Boden, daß Loki mit den Füßen Gestein, Wurzeln und Bäume streifte, die Arme aber, meinte er, würden ihm aus den Achseln reißen. Er schrie und bat den Adler flehentlich um Frieden; der aber sagte, Loki solle nimmer loskommen, er schwöre ihm denn, Jdun mit ihren Aepfeln aus Asgard zu bringen. Das bewilligte Loki: da ward er los und kam zurück zu seinen Gefährten: und wird für diesmal von der Reise ein Mehreres nicht erzählt, bis sie heim kamen. Zur verabredeten Zeit aber lockte Loki Jdun aus Asgard in einen Wald, indem er vorgab, er habe da Aepfel gefunden, die sie Kleinode dünken würden; auch rieth er ihr, ihre eigenen Aepfel mitzunehmen, um sie mit jenen vergleichen zu können. Da kam der Niese Thiassi in Adlershaut dahin, ergriff Jdun und flog mit ihr fort gen Thrymheim, wo sein Heimwesen war. Die Äsen aber befanden sich übel bei Jdun's Verschwinden, sie wurden schnell grauhaarig und alt. Da hielten sie Versammlung und fragte Einer den Andern, was man zuletzt von Jdun wisse. Es war das Letzte, das man von ihr gesehen hatte, daß sie mit Loki aus Asgard gegangen war. Da ward Loki ergriffen und zur Versammlung geführt, auch mit Tod oder Peinigung bedroht. Er erschrak und versprach, er 313 wolle nach Jdun in Jötunheim suchen, wenn Freyja ihm ihr Falkenhemd leihen wolle. Als er das erhielt, flog er nordwärts gen Jötunheim und kam eines Tages zu des Riesen Thiassi Behausung. Er war eben auf die See gerudert und Jdun allein daheim. Da wandelte sich Loki in Nußgestalt, hielt sie in seinen Klauen und flog, was er konnte. Als aber Thiassi heimkam und Jdun vermißte, nahm er sein Adlerhemde und flog Loki nach mit Adlerschnelle. Als aber die Äsen den Falken mit der Nuß fliegen sahen, und den Adler hinter ihm drein, da gingen sie hinaus unter Asgard und nahmen eine Bürde Hobelspäne mit. Und als der Falke in die Burg flog und sich hinter der Burgmauer niederließ, warfen die Äsen alsbald Feuer in die Späne. Der Adler vermochte sich nicht inne zu halten, als er den Falken aus dem Gesichte verlor: also schlug das Feuer ihm ins Gefieder, daß er nicht weiter fliegen konnte. Da waren die Äsen bei der Hand und tödteten den Riesen Thiassi innerhalb des Gatters; allbekannt ist dieser Todtschlag." Aber Skadi, des Riesen Thiassi Tochter, nahm den Helm und alles Heergeräthe und fuhr gen Asgard, ihren Vater zu rächen. Da boten ihr die Äsen Ersatz und Ueberbuße. Zum Ersten sollte sie sich einen der Asm zum Gemahl wählen, aber ohne mehr als die Füße von denen zu sehen, unter welchen sie wähle. Da sah sie eines Mannes Füße vollkommen schön und rief: diesen kies' ich, Baldur ist ohne Fehl. Aber es war Niördr aus Noatun. Das war auch eine ihrer Vergleichsbedingungen, daß die Asm es dahin bringen sollten, daß sie lachen mußte; sie glaubte, das würden sie nicht zuwege bringen. Da befestigte Loki eine Schnur an den Bart einer Ziege, und mit dem anderen Ende an seine Lenden, wodurch sie hin- und hergezogen wurden und beide laut schrieen vor Schmerz. Da ließ sich Loki vor Skadi in die Knie fallen. Sie lachte, und somit war ihre Aussöhnung mit den Asm vollbracht. Noch wird gesagt, daß Odin ihr zur Ueberbuße Thiassi's Augen nahm, sie an den Himmel versetzte und zwei Sterne daraus bildete. „Skadi wollte wohnen, wo ihr Vater gewohnt hatte, nämlich auf den Felsen in Thrymheim; aber Niördr wollte sich bei der See aufhalten. Da verglichen sie sich dahin, daß sie nenn Nächte in Thrymheim und dann andere neun in Noatun sein wollten. Aber da Niördr von den Bergen nach Noatun zurückkam, sang er: Leid sind mir die Berge; nicht lange war ich dort, Nur neun Nächte. 314 Der Wölfe Heulen beuchte mich widrig Gegen der Schwäne Singen. Aber Skadi sang: Nicht schlafen konnt' ich am Ufer der See Vor der Vögel Lärm; Es weckte mich vom Wasser kommend Jeden Morgen die Möwe. Da zog Skadi nach den Bergen und wohnte in Thrymheim. Dort jagt sie oft auf Schrittschuhen mit ihrem Bogen nach Thieren. Sie heißt Oendurdis. Von ihr wird gesagt: Thrymheim heißt die sechste, wo Thiassi hauste, Jener mächtige Jote; Nun bewohnt Skadi, die scheue Götterbraut, Des Vaters alte Beste. Ein 8ommeriag. Eine großstädtische Geschichte von W. Lackowitz. 1 . „Ja, Berlin ist doch eine große Stadt!" Die überraschende Neuheit dieses Gedankens dürfte vielleicht mancher der lieben Leserinnen ein Lächeln entlocken, aber — bitt' um Entschuldigung, wir können als aufrichtiger Chronist und Geschichtsschreiber hier pflichtschuldigst nur wörtlich wiederholen, was der Herr Geheim- sekretär Pfeifer wirklich sprach, als er am Spätnachmittage eines Julitages nach Beendigung seiner Amtsgeschäfte und mancherlei anderer Besorgungen nach Hause kam. Ganz erschöpft fiel er in die Sopha-Ecke, schürzte die große Troddel seines geblümten Schlafrockes noch einmal zusammen und wartete der Dinge, die da kommen sollten, will sagen, eines frugalen Mittagsbrodes. Mittagsbrod am Spätnachmittage? Ja wohl, nicht anders, denn der Herr Geheimsekretär konnte schon seit Jahren nicht mit seiner Familie zusammen speisen, da die Kinder am Nachmittage pünktlich zur Schule mußten und der Vater ja erst gegen vier Uhr sein Bureau verlassen konnte. So speiste denn die Familie regelmäßig des Mittags ohne den Vater. — 315 „Ja, Berlin ist doch eine große Stadt! Man- läuft sich rein todt auf dem Trottoir," sprach er und fuhr mit der Hand über die schon bedenklich kahle Stirn. „Nun, ich sollte meinen," entgegnete lächelnd die Gattin, während sie alles, was zum Mittagsbrode gehörte, zurechtstellte, „ich sollte meinen, Du könntest Dich nachgerade daran gewöhnt haben, lieber Mann. Seit den sechsundzwanzig Jahren, die Du nun schon hier in dem großen Berlin lebst, hättest Du doch wohl Gelegenheit gehabt, Dich mit den Trot- toir's und den weiten Wegen genugsam, vertraut zu machen. Und der Mensch gewöhnt sich an Alles, ist ja doch sonst Deine beliebte und stehende Redensart." „Thut er auch, liebe Barbara," siel der Geheimsekretär ein; „der Mensch gewöhnt sich auch wirklich an Alles!" „Nur nicht an Brühsuppe mit Klößchen!" sagte Julie, die zwölfjährige Tochter, dem kleinen Bruder in's Ohr, und Karlchen oder Dicker- chen, wie er — wahrscheinlich der Kürze halber — immer genannt wurde, hatte nichts Eiligeres zu thun, als Juliens gemurmeltes Geheimniß möglichst laut zu verkündigen. „Julchen, Julchen," sprach da aber der Vater ernst, „Du wirst vielleicht noch einmal Gott danken, wenn Dir Jemand Brühsuppe mit Klößchen zu essen giebt. Du weißt nicht, wie weh der Hunger thut, und der liebe Gott möge Dich davor behüten, daß Du das jemals kennen lernst. Dann aber würdest Du erkennen lernen, daß Brühsuppe mit Klößchen weit herrlicher schmeckt, als die bei Dir so beliebten Näschereien. Ich will nicht hoffen, liebes Kind, daß Du heute wieder Deine Suppe hast stehen lassen." Julchen's famose Stellung bei dieser kleinen Strafrede war aber die sprechendste Antwort. Während sie sich mit der linken Hand auf den Tisch stützte, schlang sie den rechten Fuß um den linken und fuhr mit der rechten Hand und dem Schürzenzipfel verlegen nach dem Munde, dessen Unterlippe vielsagend abwärts hing. „Hm, hm," machte der Vater, indem er seinerseits die Mahlzeit beginnen wollte und schon dem Dickerchen winkte, daß der Kleine für ihn das Tischgebet sprechen sollte, „hm, hm, da wird's freilich morgen mit dem Fahren trübe genug aussehen." Wie ein Blitz war Julien's Verlegenheit verschwunden, und das wilde Mädchen stürzte dem Vater mit der jauchzenden Frage: „Wir 316 fahren?" so ungestüm um den Hals, daß er sicher das Gleichgewicht verloren, wenn er nicht gerade auf dem Sopha gesessen hätte. „Wir?" fragte aber der Vater sehr gedehnt und machte sich von dem ungestümen Kinde los, es mit beiden Händen von sich entfernt haltend. „Wir? — meinst Du Dich etwa auch mit unter dem Wir?" Neue, große Verlegenheit. Jetzt drohten aber doch die Thränen hervorbrechen zu wollen, und der Vater lenkte daher auch wieder ein. „Nun," meinte er, „wenn bis heute Abend die stehengebliebene Brüh- suppe mit Klößchen etwa noch gegessen worden sein sollte, dann dürfte Fräulein Julie unter dem Wir vielleicht mit inbegriffen sein, sonst aber möchte es übel aussehen um das Mitfahren." Während Julie im Andenken an die fatale Brühsuppe mit Klößchen sich hinter ihr Mütterchen schlich, sprach das Dickerchen das Tischgebet und der Vater begann zu speisen. „Bleibt's bei der Verabredung, Mann?" fragte nun aber auch die Mutter. „Gewiß, Frau, tummle Dich nur tüchtig! Freudenftein ist mit dem Wagen Punkt sechs Uhr vor der Thür und Du weißt ja aus Erfahrung, wenn der Kutscher warten muß, so ist er ungnädig und verdirbt einem den ganzen Tag." „Hurrah! Es geht los, es geht los!" Mit diesem Jubelrufe schoß Karlchen aus die sich soeben öffnende Thür zu, durch welche der älteste Sprößling der Familie Pfeifer, ein etwas lang aufgeschossener Knabe von vierzehn Jahren, eintrat. „Wer geht los! Was geht los! Dickerchen, ich bitte Dich, schone meine Weste, Du reißt mir ja die Tasche ab." „Nach den Pichelsbergen geht's! Hurrah!" Und in seiner ungeheuren Freude, die große Neuigkeit vollständig begriffen zu haben, tanzte Karlchen wie ein kleiner, unsinniger Kobold in der Stube umher. Da aber kam urplötzlich noch Jemand zum Vorschein, von dessen Anwesenheit bis dahin Niemand, von uns Zuschauern nun erst gar Niemand Notiz genommen hatte. Soll man aber auch Notiz nehmen von Jemand, der bis dahin still in der Sopha-Ecke gelegen und sich nicht gerührt hat! — Als indessen das Dickerchen wie ein Kobold in der Stube umhertobte, da sprang dieses Individuum laut bellend zur Erde, galop- 317 pirte hinterher und suchte mit seinen weißen Zähnchen das Dickerchen zu fassen an einem höchst eigenthümlichen weißen Zipfel, der sich im Eifer der Jagd hinten aus den Höschen verstohlen an's Licht gewagt hatte. Endlich sprang aber die Mutter hinzu, faßte den Kleinen in die Arme und wickelte ihn in die Schürze, so daß nur noch das kleine, dicke, erhitzte Gesichtchen hervorguckte; und Lottchen, das bellende, vierbeinige Individuum, schoß pfeilgeschwind unter's Sopha. Es mochte nichts Gutes ahnen, denn der Herr Geheimsekretär hatte eben schnell den Löffel fortgelegt. „Na, das war aber Euer Glück, Ihr Beiden, daß Ihr Euch zur Ruhe begeben habt, sonst hätte ich Ruhe gestiftet. Es ist doch wahrlich eine kleine Heidengesellschaft, aber Lottchen soll mir doch wahrhaftig aus dem Hause." „O bitte, bitte, lieber- „Und so weiter," fiel der Vater ein, „nun verlegen wir uns auf's Bitten, nachdem die Geschichte vorbei ist. Na, wollen's nochmal mit ansehen, aber nicht wieder Dickerchen, hörst Du? — Der Mensch gewöhnt sich doch an Alles!" setzte er komisch seufzend hinzu und schnitt ein tüchtiges Stück Brod ab. „Aber sage, Papa, ist's wahr?" fragte, wie es schien noch ziemlich ungläubig, der neu angekommene Aelteste, welcher auf den seltenen Namen Franz hörte. „Was soll denn wahr sein?" fragte der Papa scheinbar ganz erstaunt dagegen, als habe er die Frage seines Erstgeborenen nicht verstanden. „Na, was der Dicke da meint von wegen der Pichelsberge." „Wenn's der Schlingel gesagt hat, wird es wohl wahr sein. — Aber bitte-und der Vater erhob beschwichtigend die Hand, um einem neuen Ausbruche lärmender Freude vorzubeugen, denn der Große war im Begriffe dem Kleinen nachzuahmen, und Lottchen streckte schon wieder begierig die Nase unter dem Sopha hervor. Nur Julchen war noch immer nicht ganz lustig. Die fatale Brüh- suppe mit Klößchen lag ihr wie ein Alp auf dem Herzen. Indessen hatte Franz, der mit seltener Liebe an der Schwester hing, die Trauer derselben bemerkt. Er zog sie in die Fensternische, und die beiden Kinder verhandelten da so eifrig, daß sie gar nicht bemerkten, wie die Mutter dem Vater bedeutungsvoll zuwinkte und auf sie hindeutete. 318 Der Vater that aber, als sähe er nichts. Wir hören freilich von der gewisperten eifrigen Unterhaltung auch nichts; nur zum Schluß ist es, als vernähmen wir Franz etwas deutlicher flüstern: „I laß nur, die wollen wir schon rechtzeitig vertilgen." Wahrscheinlich war die Brüh- suppe mit Klößchen gemeint, denn Julchen kam mit einem sonnigen Lächeln aus der Fensternische hervor und erwischte Lottchen beim Schwänze. Das kleine Vieh war nur eben unter dem Sopha hervorgeschlichen, um zu rekognosciren, ob die Luft wieder rein sei, und- Aber, meint hier vielleicht manche unserer lieben Leserinnen, da sind wir nun so mitten in die Familie Pfeifer und auch in die Geschichte hineingefallen, und wissen noch nicht einmal- Halt, halt, meine Liebe! Bitte, keine voreiligen Bemerkungen! Das kommt Alles noch. Der nächste Morgen klärt Alles auf, und es soll auch gleich losgehen. Wir setzen daher ohne weitere Unterbrechung sofort hierher das Kapitel: 2 . Die Morgendämmerung war schon weit vorgerückt. Ueber die große Stadt schwebten Glockentöne wie auf Geisterschwingen dahin, hell und vernehmlich klangen sie von den Thürmen herab in die noch fast todtstillen Straßen nieder. Vier Uhr! Es war ein herrlicher Sommermorgen. Für die meisten Leute existirte er freilich nicht, denn sie schliefen noch. In einer der engen Straßen aber, welche den ältesten Stadttheil bilden, sah man zu der angegebenen Zeit ein Fenster sich öffnen. In demselben Augenblicke, als die Thürme sich gegenseitig die vierte Morgenstunde zuriefen und ein fernes Glockenspiel einen feierlichen Choral dazwischentönen ließ, schob sich aus besagtem Fenster ein Kopf. Dem Kopfe folgten zwei Schultern nach, diesen zwei Arme, und man bemerkte nun, daß dies Alles einem ältlichen Herrn angehörte, welcher behaglich den blauen Dampf einer Cigarre in die Luft blies und an seinem Sammetkäppchen rückte, um den frischen Morgenwind um seine kahle Stirn fächeln zu lassen. Das ist natürlich Niemand anders als der Herr Geheimsekretär Pfeifer. Dem Hause geradeüber stand ein langgestrecktes Gebäude, dessen Dachfirste bedeutend niedriger lag als Herrn Pfeifers Fenster. Sein Auge 319 konnte daher bequem darüber Hinwegschauen, sogar über die Kronen der Bäume eines dahinterliegenden Gartens hinweg, und es beherrschte noch einen Theil von einem großen Platze jenseits. Mit der Häuserrunde dieses Platzes schloß die Aussicht, und nur die Kuppel eines weit im Hintergründe aufragenden Thurmes, mit goldenem Kreuze darauf, lag noch im Gesichtsfelde. Dicht neben dem Hause mündete eine noch engere Seitenstraße; im Uebrigen aber stand Haus neben Haus, in langer, gerader, todter Reihe. Jetzt lag noch Alles grau in grau, wie ein Maler sagen würde. Die Dächer und Schornsteine nur zeichneten sich scharf gegen den Himmel ab, an welchem die Helligkeit des jungen Tages heraufflammte. Herr Pfeifer schaute gerade in diesen jungen Morgen hinein. Die Straße war einsam und öde. Ab und zu erscholl aus der Ferne ein dumpfes Rollen, es kam näher, und ein nächtliches Fuhrwerk bog um die Ecke und rasselte schläfrig vorüber. Hie und da huschte auch wohl eine vermummte Gestalt dicht an den Häusern hin, ein Nachtschwärmer, welcher sich irgendwo verspätet hatte. Nur die Katze drüben auf dem Dache des niedrigen Gebäudes scheint den Tag nicht sehnlich herbei zu wünschen. Behende springt sie aus dem offenen Bodenfenster zur Firste hinauf, streicht die glatten Flanken mit dem glatten Schwänze, schnobert in die Morgenluft hinaus und taucht eben so behende wieder zurück. Sie hat sich wohl nur überzeugen wollen, wie viel Zeit ihr noch zum nächtlichen Streifzuge bleibt. Aber auch ein Menschenkind scheint diese Katzenungenirtheit in so früher Morgenstunde theilen zu dürfen. Herr Pfeifer horcht; noch sieht er nichts von diesem Menschenkinds, wohl aber hört er aus der Nebenstraße das jetzt Tag für Tag auf allen Höfen von allen Drehorgeln geleierte Lieblingsstückchen der Großstadt hell und klar pfeifen. Denn ein solch Lieblingsstückchen hat die Großstadt stets, das von Alt und Jung, von Groß und Klein gesungen und gepfiffen wird, bis es endlich auch die Spatzen auf den Dächern piepen würden, wenn sie nur musikalischer wären. Wer wird dies pfeifende Menschenkind sein? Jedenfalls doch wohl ein Väckerjunge, der seine frische Backwaare austrägt. Noch ist er nicht um die Ecke, also für Herrn Pfeifer und uns vorläufig noch unsichtbar. Dafür aber schleicht an der Häuserreihe entlang ein 'Nachtschwärmer daher, etwas unsicheren Schrittes, und nähert sich von 320 dieser Seite her ebenfalls derselben Straßenecke. Diese erreichen und mit dem pfeifenden, weißbestäubten Bäckerjungen Körper an Körper zusammenprallen, ist aber auch eins. „Hop, Männeken, vorgesehen!" unterbricht der Junge sein Leibstück, springt aber doch schnell vom Trottoir auf den Straßendamm, denn der Stock des Angelaufenen schwingt sich in bedrohlicher Nähe vor seinen Augen in die Höhe. „Angelaufener Weißling!" spottet der Junge aber noch obenein, und pantoffelklappernd enteilt er die Straße hinab. Der Andere aber besieht sich von oben bis unten. Auf seinem schwarzen Anzüge zeigt sich die ganze Photographie des Bäckerjungen in Mehl abgedrückt, und von dem Gelächter des Geheimsekretärs begleitet verschwindet auch er schleunigst um die Ecke. Wer den Schaden hat, darf für Spott nicht sorgen; das ist eine alte Geschichte. Höher flammte der Morgen auf. Wie röthliche Dunstschleier zog es an der fernen Thurmknppel vorüber, aber klarer und klarer wurde es, der letzte Stern erlosch, der bleiche Himmel fing an zu blauen, wie feurige Schwäne schwammen einzelne Wölkchen darüber hin. Da begann das goldene Kreuz auf der fernen Kuppel seltsam zu glühen. Plötzlich lief es wie ein Blitz daran hinunter, setzte die ganze Wölbung der Kuppel in rothe Glut, lief darüber hinweg und blieb an allen Schornsteinen und hervorragenden Giebeln und Spitzen hängen. Und als hätten die Böget drüben im Garten nur 'auf dieses erste sichtbare Zeichen des allsegnenden Tagesgestirnes gewartet, begann auch unter den Wipfeln ein hundertstimmiger Lärm, die Spatzen natürlich allen voran. Selbst die Katze schoß, angelockt von diesem ihrem Ohre so angenehmen Concerte, noch einmal zum offenen Bodenfenster, kroch aber, als sie sah, daß sie sich getäuscht hatte, schwanzwedelnd wieder zurück. 'Nun wurde es aber auch sonst lebendig. Drüben über den Platz rollten die ersten Milchkarren, hie und da öffneten sich auch noch andere Fenster, andere Köpfe schoben sich hervor und streckten die Nasen wetterprüfend in die Morgenluft hinaus. Auch eine Hausthür that sich auf und hervor huschte ein Dienstmädchen in nicht zu beschreibender Morgentoilette. Ja, der junge Tag hielt seinen Einzug, und die Riesenpulse der großen Stadt hatten mit neuer Lebenskraft zu klopfen begonnen. Viertelstunde auf Viertelstunde verrann. 321 Plötzlich fuhr der ausschauende Kopf des Herrn Geheimsekretär wie erschrocken in die Höhe. Die Ursache mußte eine von innen aus der Wohnung kommende sein, denn er zog sich schnell zurück und verschwand so einstweilen für die Außenwelt. Da uns diese Außenwelt einstweilen auch nichts angeht, sondern nur Herr Pfeifer und was sonst mit ihm zusammenhängt Interesse für uns Hai, so sind wir genöthigt, dieser inneren Ursache auf den Grund zu gehen. Damit können wir dann auch das im ersten Kapitel Versäumte nachholen und uns genauer bei dem Herrn Geheimsekretär umschauen. Treten wir näher! 3. Auf dem Porzellanschildchen, linker Hand, drei Treppen hoch, lesen wir: lZ Z 8. KI. pfeife«', Geheim - Sekretär. »_M Da ist zunächst ein bescheidener kleiner Korridor mit zwei Thüren zu jeder Seite. Die Thüren links sind geschlossen, rechts stehen sie offen. Ein Blick genügt, um die kleine, saubere Küche zu überfliegen. Aus der zweiten geöffneten Thür, die nach einem Hinterzimmer führt, schallen uns recht unmusikalische Töne entgegen; dazwischen tönt das Lachen eines Kaaben, das aber schnell verstummt, als eine Frauenstimme verweisend spricht: „Aber Franz, ich dächte, die Sache wäre nicht gerade lächerlich, denn Eure arme Mutter hat die Arbeit davon." In demselben Augenblicke öffnet sich auch eine der Thüren rechter Hand, Herr Geheimsekretär B. N. Pfeifer tritt mit Hast in den Korridor und schaut in die Hinterstube hinein. Da steht Karlchen, reibt mit den dicken Fäustchen in den Augen herum und heult fürchterlich. Die Mutter ist im Begriffe mit einem Tuche sein Gesicht zu bearbeiten, als der Vater fragt: „Was in aller Welt hat denn der kleine Schlingel wieder angerichtet?" „Sieh nur," entgegnet die Mutter halb lachend, halb ärgerlich und führt dem Vater den jüngsten Sprossen entgegen. Franz beißt sich energisch T.-A. XX. 21 322 auf die Zunge, um nicht wieder loszulachen und sich einen neuen Verweis zuzuziehen. Der kleine Junge sah aber auch wirklich gar zu komisch aus. Ein dunkelbrauner Rand umgab seinen Mund, die Fäustchen waren eben so gefärbt und hatten diese Farbe auch auf die Augen und auf andere Stellen des Gesichtes übertragen. Eine dicke braune Straße zog sich vom Gesicht abwärts über die Brust des reinen, nankingelben Kittels hinunter. Alles im Zimmer war wie zur Reise gepackt. Ein ärmlich, aber sauber gekleidetes Mädchen stand neben einem großen, verdeckten Korbe. Franz, schon den Hut auf dem Kopse, hielt eine dickgefüllte Reisetasche an der Hand. Die Mutter war eben noch dabei gewesen, einige Päckchen in Papier zu hüllen, als sie einen Moment hinausgehen mußte. Diesen Moment hatte das Dickerchen benutzt, um sich über ein gar zu einladendes Mustörtchen herzumachen, dessen Füllung aber in der ungeheuren Eile des Verschmausens größtenteils auswendig an seinem Körper hängen geblieben war, statt seinem inwendigen Menschen zu gut zu kommen. Was half's? Die arme, geplagte Mutter mußte die bereits verschlossenen Spinden wieder öffnen und das Dickerchen frisch anziehen. „Und der Wagen kann jeden Augenblick kommen, hättest Du ihn nur nicht so früh bestellt," sagte Frau Barbara seufzend. „Verdirb Dir nicht den Tag, liebe Barbara," tröstete Herr Pfeifer, „Freudenstein kann ja ein wenig warten." „Das wird er nun auf jeden Fall müssen, denn ich bin mit dem Einpacken noch nicht einmal fertig gewesen, und nun muß mir der kleine Schlingel auch noch solche Geschichten machen." Als sollte ihre Befürchtung auch sofort in Erfüllung gehen, hörte man auf der Straße einen Wagen rollen und plötzlich halten. „Da haben wir die Bescheerung, da ist der Kutscher schon." Die zweite Vorderthür öffnete sich und Julchen stürmte lärmend herbei: „Der Wagen, der Wagen, Freudenstein ist da!" — Und Lottchen, das Vieh, lärmte tapfer mit. „Ja wohl, Wildfang, wir haben schon gehört. Mache Dich nur fertig und vergiß nicht wieder das Nothwendigste, wie das Deine Gewohnheit ist," antwortete die Mutter. „Nein, Mama, es ist Alles sicher im Korbe verpackt, was ich 323 gebrauche," lautete die Entgegnung, und der Wildfang schoß wieder davon. Die alte Erfahrung, daß es gewiß um so langsamer geht, wenn's gerade recht schnell gehen soll, bewahrheitete sich auch hier. Der Vater stand schon lange im schwarzen Frack, mit dem Paletot über dem Arme, Franz schleppte seine Reisetasche die Treppen hinunter, und das Dickerchen, jetzt im braunen Kittel, lamentirte hinter ihm her. Julie, im weißen Kleide mit blauer Schärpe, ein Deckelkörbchen an und ein warmes Tuch über dem Arme, folgte, flink und behende wie immer, aber auch unvorsichtig wie immer. Es war ein wahres Wunder, daß sie ungefährdet an den mannigfachen Ecken und Kanten vorüberkam. Lottchen stand unschlüssig, ob er den Kindern folgen oder auf die wartenden Eltern seinerseits warten sollte. Endlich entschloß auch er sich zum Hinunterlaufen, und sein Bellen und Julchen's Lachen schallten bis oben herauf. Inzwischen war auch Frau Barbara fertig geworden, trotz aller Hindernisse. „Nun, liebe Karoline," wendete sie sich an das erwähnte, ärmlich gekleidete Mädchen, welches ihr in der Wirthschaft hilfreiche Hand zu leisten pflegte, „wären wir ja endlich so weit. Wirst Du den schweren Fouragekorb auch hinuntertragen können?" „O gewiß, Frau Geheimsekretär, er ist ja gar nicht so schwer," antwortete Karoline und stieg langsam die Treppen hinab. Der Herr Geheimsekretär war der Letzte im Zuge und schloß als guter Hausvater alle Thüren sorgfältig zu. Auch dem Kutscher Freudenstein war unten die Zeit entsetzlich lang geworden. An Warten bei solchen Gelegenheiten zwar gewöhnt, dauerte es heute doch über die Gebühr lange, und seine Stimmung war nicht die beste, um so weniger, als einige Neugierige, welche die Köpfe aus anderen Fenstern des Hauses steckten, einige spöttische Bemerkungen über- die wirklich zum Erschrecken mageren Pferde nicht unterdrücken konnten. Zu seinem Troste tauchte da aber aus dem Keller, in welchem Grünkram seilgeboten wurde, eine ungeheure Morgenhaube auf, und der redselige Mund der Besitzerin von Keller und Haube verwickelte ihn bald in ein interessantes Gespräch. Mutter Krause war ja als interessante Person in der ganzen Gegend männiglich bekannt. Es war jetzt schon recht lebhaft auf der Straße. Mädchen eilten hin und her, Arbeiter gingen vorüber an ihr Tagewerk, Spaziergänger 324 suchten frische Lust zu gewinnen und strebten dem Thore zu. — Auch der Bäckerjunge kehrte von seinem vollendeten Geschäftsgänge heim, die eine Hand oben in's Schurzfell gesteckt, mit der andern den leeren Korb auf dem Kopfe balancirend. Natürlich pfiff er wieder sein Leibstück schallend vor sich hin, schloß es aber dicht vor Freudensteins mageren Pferden mit einem höchst kunstvollen Schnörkel, trat von dem Trottoir auf den Straßendamm über und beschrieb einen großen Bogen um Pferde und Wagen, wie wenn Jemand einem bissigen Hunde vorsichtig aus dem Wege geht. „Na, dummer Junge," knurrte ihn Freudenstein an, „brauchst keine Angst zu haben, die beißen nicht." „I nee, Kutscher," antwortete der Vorsichtige, indem er seine Pantoffel in die Hand nahm und sich zum schnellsten Davonlaufen fertig machte, „davor ist mir nicht bange, ich dachte man blos, die armen Dinger könnten umfallen." „I Du infamer Schlingel-", aber ehe Freudenstein noch die Peitsche zur Hand hatte, war der infame Schlingel schon um die Ecke verschwunden. Gerade in demselben Augenblicke kamen Franz und Julchen zur Thür heraus, das Dickerchen dicht hinter ihnen. „Guten Morgen, Freudenstein!" rief Julie fröhlich und reichte dem Kutscher vertraulich die Hand, und aller Aerger war mit einem Blicke auf dies lachende Kindergesicht verschwunden. Hochauf jauchzte Karlchen, als er Pferde und Wagen erblickte: „Ich will Kutscher sein! Kutscher will ich sein!" und Freudenstein hob ihn auch wirklich hinauf auf seinen Kutscherthron, beorderte aber Franz, mit hinauf zu steigen und den Kleinen festzuhalten. Nun kam auch Frau Barbara Pfeifer mit Karoline und bot der Mutter Krause einen freundlichen guten Morgen. „Ju'n Morgen, Frau Geheimsekretärn; na wünsche ville Verjnigen," knixte die Kellerbewohnerin mit der ungeheuren Morgenhaube. „Danke, Mutter Krause, danke," antwortete Frau Barbara, placirte mit Freudensteins Hilfe Reisetasche, Karoline und Körbe und stieg dann selbst nach. Der Vater wünschte, daß Franz seinen Sitz auf dem Kutscherbocke behalten sollte, damit das Dickerchen, welches durchaus nicht wieder herunter zu bringen war, sicher säße, und offerirte dem Kutscher als Entschädigung für das lange Warten eine Cigarre. 325 Dann stieg auch er ein; Freudenstein schloß den Wagenschlag und kletterte auf den Bock, die Peitsche knallte, die Pferde zogen an, das Dickerchen zappelte mit Händen und Beinen, und dahin rollte der Wagen. Die Fenster des Hauses schlössen sich und die ungeheure Morgenhaube der Mutter Krause tauchte wieder in die dunklen Regionen ihres Kellers zurück. Diesen wichtigen Moment möge man nicht übersehen, denn sie wird in dieser merkwürdigen Geschichte nicht wieder auftauchen. 4 . Dahin rollt der Wagen, und während die Pferde im langsamen Trott die Reisegesellschaft die Straße hinabbefördern, können wir uns ein wenig um die Verhältnisse der Familie Pfeifer bekümmern; Zeit haben wir jetzt gerade dazu, denn zu sehen giebt's in dieser alten Straße doch nichts. Herr Pfeifer war Geheimsekretär im Ministerium. Sein Gehalt war nicht bedeutend, es genügte aber vollkommen, um bei den einfachen Ansprüchen, welche er und seine Gattin machten, ganz zur Zufriedenheit durchzukommen. Sie konnten ihre Kinder erziehen, wie sie es vor sich, vor den Menschen und dermaleinst auch vor Gott glaubten verantworten zu können, und es blieb noch so viel, um hie und da auch einen Armen zu erfreuen durch eine Kleinigkeit. Badereisen und andere kostspielige Unternehmungen für die gute Jahreszeit lagen außer dem Bereiche der Möglichkeit, und es verlangte deshalb auch Niemand darnach. Was aber in keinem Jahre versäumt wurde, das war eine eintägige Partie nach irgend einem der mancherlei Orte, wohin die Bewohner der Residenz ihre kleinen Sommerausflüge zu machen pflegen. Eine solche „Landpartie" wurde in jedem Jahre unternommen, in der Regel in den ersten Tagen des Juli, angeblich als Belohnung für die guten Censuren, welche die Kinder aus der Schule nach Hause brachten. Die beiden Aeltesten waren aber schon verständig genug, diesen Grund sehr wenig stichhaltig zu finden, denn wochenlang vorher war ja schon die Rede davon, tagelang vorher wurde schon dazu gerüstet, gewaschen, genäht, gebügelt. So lange sie mit ihrem kleinen Verstände zurückdenken konnten, war es nie anders gewesen. Franz, der vierzehnjährige Gymnasiast, Tertianer, schlechter Lateiner, noch schlechterer Grieche u. s. w., gestand offenherzig zu, daß seine Censur 326 schwerlich ein solches Sommervergnügen als Belohnung nach sich gezogen haben könnte, sie wäre „ja man blos so für den ersten Anfang im Allgemeinen ziemlich genügend." — Und Julie? Die machte sich um ihre Censur wenig Kopfzerbrechen; die Hauptsache war, daß man fuhr, und das würde ja auch ohne Censur geschehen sein. — Und das Dickerchen, das war eben noch ein kleiner, dummer Junge, der in Ermangelung anderer Talente, die alle noch in seinem kleinen Kopfe unentwickelt schlummerten, vorläufig bei jeder Gelegenheit seinen außerordentlich guten Appetit zur öffentlichen Kenntniß brachte, wie er ja erst heute Morgen wieder zum Schrecken seiner Mutter bewiesen hatte. Sonst aber konnten die Eltern mit ihren Kindern sehr wohl zufrieden sein. Das mangelhafte Sprachtalent seines Aeltesten schrieb Herr Pfeifer unter vier Augen einem Erbfehler zu; er konnte sich auch nicht rühmen, mit Latein und Griechisch sonderlich excellirt zu haben. Sonst war der Franz gut geartet, ein fleißiger Knabe, der auch bei seinen Lehrern gern gesehen war. Julie war durch ihr munteres Wesen aller Welt Liebling. Sie war nicht allein ein fleißiges, sondern auch ein sehr begabtes Mädchen, das in der Schule überraschende Fortschritte machte. Nur einen Fehler hatte sie: Ihre Munterkeit schlug nämlich oft in arge Wildheit um, und dann war sie, wie die Mutter sich auszudrücken pflegte, „wie ein Russe." Sie war nicht immer so, konnte im Gegentheil sogar zu Zeiten ein ganz ruhiges, stilles, von wärmster Theilnahme auch für gleichgültige Dinge erfülltes Kind sein, und die Mutter blickte dann auch wohl in dieser Beziehung mit Stolz auf ihr Julchen. Zu Zeiten aber war es mit ihr nicht zum Aushalten. Kaum, daß sie ihre Arbeiten fertig bringen konnte, dann ging's über Stock und Stein, an allen Thürpfosten und Klinken blieb sie mit den Kleidern hängen, und große Dreiecke waren die Folgen ihrer Wildheit. Sie konnte dann sogar Besorgungen, mit denen sie beauftragt worden war, total vergessen, um mit einer Horde Jungen in Gemeinschaft irgend einen tollen Streich auszuführen. Der Vater meinte zwar, das würde sich mit den Jahren schon von selber geben, und es war auch nicht zu verkennen, daß dieser „periodische Koller", wie er dergleichen Zeitperioden zu nennen beliebte, wirklich seltener auftrat. Nach der Meinung der Mutter war es aber die höchste Zeit, wenn sich die Wildheit von selber verlieren sollte, denn das Mädchen war schon dreizehn Jahre alt und erst im verflossenen Winter noch eines schönen 327 Tages einmal ohne Schulmappe nach Hause gekommen. Warum? Auf einem Kirchplatze, den sie auf ihrem Schulwege passiren mußte, hatte sie eine große Anzahl Knaben im wüthendsten Schnellballgefechte angetroffen. Das sehen, die Mappe hinstellen und sofort thätig eingreifen, das war alles eins. Darüber wurde Schule, Mittagbrod, Mappe — Alles vergessen, und erst, als sie ganz erhitzt und glühend, Haar und Kleider in größter Unordnung, nach Hause kam, kehrte die Erinnerung daran zurück. Die Mappe war freilich verloren, und der Vater sah sich auch genöthigt, eine etwas strenge Strafe zu dictiren. Gestern Abend beim Zubettgehen hatte sie von der Mutter noch eine recht ernste Mahnung hinnehmen müssen, denn Frau Barbara war nicht ohne Besorgniß, da solche Partie die schönste Gelegenheit zur Ausübung aller möglichen Tollheiten bot. Es war auch noch in jedem Jahre etwas vorgekommen. Julie aber hatte die größte Folgsamkeit gelobt, hatte sich's auch wirklich selbst ernsthaft vorgenommen, ihr Gelöbniß zu halten. Und jetzt noch im Wagen gingen ähnliche Gedanken durch ihre junge Seele, da die Mutter ein besorgtes Wort über den Ungestüm bei dem Aufbruche von Hause nicht hatte unterlassen können. Nun, wir werden ja sehen. Bis jetzt können wir noch eben so ruhig darüber sein wie die Mutter, denn die ökonomische Engigkeit des Wagens gestattet nicht die geringste Ausschreitung. Julchen ist gezwungen, so ehrbar zu sitzen, wie eine altverständige Person es nicht ehrbarer fertig bringen würde.. Nur Lottchen nimmt sich die Freiheit, alle vorübergehenden Stammesgenossen von dem bellenden Geschlecht wüthend anzukläffen. Der Getreue weiß sich im Wagen nämlich sicher. Stände er auf seinen vier krummen Beinen draußen auf dem Trottoir, dann würde er sich schön hüten, mit anderen Hunden anzubinden, sondern mit eingezogenem Schwänze sich still zur Seite drücken; denn in Hinsicht des persönlichen Muthes ist es bei ihm nicht weit her. Jetzt bog der Wagen in die Hauptstraße ein und rollte nach wenigen Minuten durch den breit auf dem Schloßplätze lagernden Morgensonnenschein. Die imposante Majestät des Schlosses, den hellen, freundlichen Lustgarten mit dem Dome und dem Museum im Hintergründe, die prächtige Schloßbrücke, das weite Rund des Opernplatzes mit seinen Prachtgebäuden und Standbildern, die großartige Lindenperspektive — das Alles sahen 328 die Kinder heute nicht, schenkten ihm wenigstens nicht mehr als die oberflächlichste Aufmerksamkeit. Nur das Standbild des großen Friedrich erregte vorübergehend das Interesse der Knaben, wurde aber bald wieder in den Hintergrund gedrängt, denn die Beobachtung, daß andere Wagen schneller fuhren als der ihrige, war bei weitem wichtiger. Was half's aber? Die beiden Braunen gingen nun einmal nicht schneller trotz der guten Worte, die Franz gab, trotz der Peitsche, die der Kutscher anwendete. Man fuhr doch mit zwei ordentlichen Pferden und in einem ordentlichen Wagen, und das war die Hauptsache. „Ah!"- 5 . „Ah!"- Man war durch die hohen Hallen des Brandenburger Thores gefahren, und das Dickerchen hatte seine eigene Größe so hoch geschätzt, daß es sich schleunigst bücken zu müssen glaubte, um sich nicht an den Kopf zu stoßen. Aber schnell vergessen war der kleine Schreck, denn vor seinen erstaunten Augen lag der Thiergarten. Breit lagerte der helle Sonnenschein auf dem Blättermeere, viele geputzte Menschen ergingen sich lustwandelnd in den schattigen Laubgängen, und auf der schnurgeraden Chaussee, welche den Thiergarten der ganzen Länge nach durchschneidet, rollten Wagen aller Arten und Größen her und hin, vorn kleinen zweirädrigen Cab bis zum Waggon der Pferdeeisenbahn. Was gab es da nicht zu schauen! Die Vögel, welche schnell von der staubigen Chaussee unter das grüne Blätterdach huschten und von dort so laut, so lustig, so jubilirend ihr Morgenlied ertönen ließen! Dort das reizende Hündcheu! — „Sieh' nur, Mama! — O weh! da kommt ein großer, garstiger Hund gesprungen und will das Hündchen beißen." — „Nicht doch," belehrt Franz, „sie spielen ja nur. Aber dort, sieh' doch Julchen, sieh' doch Karlchen, ein lebendiges, rothes Eichhörnchen! Behend huscht es auf den dicken Baum hinauf, da sitzt es auf dem Aste und macht ein Männchen. — Siehst Du?" — So geht's in Einem fort, und die Eltern haben gar nicht Augen genug, das Alles auch zu sehen, gar nicht Worte genug, um alle Fragen zu beantworten. 329 Als nun gar einige Reiter vorübersprengten, in deren Mitte eine Dame auf einem schneeweißen Pferde saß, eine Dame in schwarzem Reit- kleide und mit einem langen, wehenden, blauen Schleier auf dem runden Hütchen, da waren die Kinder ganz außer sich vor Staunen und Freude. Wenn es die schaukelnde Bewegung des Wagens und die engen Sitze zugelassen hätten, so würde Julie der Herzensmama gewiß um den Hals gefallen sein vor lauter Entzücken und Dankbarkeit. Schnell wechselten die Bilder, jetzt rollte der Wagen fast zu schnell an allem Schönen vorüber. Vorüber!- Die Chaussee führt zu Wagen in einer halben Stunde nach Char- lottenburg, und mitten hindurch führt der Weg. Vorüber an dem imposanten Schlöffe führt er, an dem herrlichen Schloßparke, welcher das Mausoleum mit den Grabstätten des Königs Friedrich Wilhelm III. und der unvergeßlichen Königin Luise und den weltberühmten Marmorbildwerken des hohen Paares vom Meister Chr. Rauch umschließt. Dann geht die Chaussee den Spandauer Berg hinauf. Freudensteins Braunen schnauften verdrießlich und schlenkerten die Ohren hin und her, als sie den „Berg" vor sich sahen, und sie legten Protest dagegen ein, daß sie den Wagen da Hinaufschleppen sollten, d. h. sie verlangsamten den bisherigen schüchternen Trab und fielen in einen schneckenhaften Schritt. Auf Freudensteins breitem Gesicht thronte auch das helle Mitleid mit den armen Dingern; man sah es ihm an, er hätte den Wagen viel lieber selber den Berg hinaufgeschleppt. „Da sind wir ja schon auf dem Spandauer Berge," sagte der Herr Geheimsekretär erfreut; „seht Ihr, Kinder, die Bäume da drüben, das ist schon der Grunwald." „Aber Papa, wo ist denn ein Berg?" fragte Julchen sehr naiv. „Närrchen," lachte der Papa, „wir sind ja schon beinahe hinauf." „So?-Das ist ein Berg?" Der gelehrte Tertianer lachte lustig. — Hier lacht vielleicht auch manche der erfahrenen Leserinnen lustig. Ja, aber warum denn? Weil's im Berliner Sande gar keine Berge giebt! antwortet sie schnell, denn sie ist in der Geographie sehr bewandert. „Was? Bei Berlin giebt's keene Berge? — Nanu?" würde Mutter Krause beleidigt fragen. „Was soll'n dieser Spandauer Berg un nu gar 330 der Kreuzberg sonst sin als 'n Verg? Hör'n Se 'mal, liebes Kind, lassen Se sich Ihr Lehrgeld von die Geographie widdergeben. Wir haben wol in die Zeitungen gelesen von 'n Vesuv, was 'n feuerspeiender Berg sin soll nn was man ihm schon von auswendig ansehen soll, un die Gelehrten sagen eenstimmig, deß der Kreuzberg keen Vulkan is un keene schlechten Absichten hat, un dies is 'n großer Trost vor die Berliner. Felsen? Was thu ich mit die Felsen? Davor koof ich mir gar nischt. Ne, lasten Se sich's gesagt sin, liebes Kind, der Kreuzberg is 'n Berg wie eener, und der Spandauer Berg ooch!" So würde Mutter Krause antworten, und sie spricht eine sehr gebildete Sprache und demonstrirt mit einer Klarheit, die nichts zu wünschen übrig läßt. Sie ist eine resolute Frau und versteht, wie Sie sehen, auch Geographie und läßt über Berlin und über die Berge in Berlin's Umgebung keine schlechten Witze machen. — O weh! Da haben wir über dieser kleinen Abschweifung den Wagen ganz aus den Augen verloren. Auf dem Spandauer Berge haben wir ihn verlassen, aber da ist nun kein Wagen mehr zu sehen. Er hat die Höhe längst erreicht, ist auf der oben wieder eben dahinführenden Chaussee längst weitergerollt und weg ist er, wir holen ihn nun nicht mehr ein. Lasten wir ihn rollen! 6 . Eine breite, seeartige Wasserfläche dehnt sich vor uns aus. Wir stehen auf einem schmalen Uferstreifen, zu unseren Füßen rollen die langen Wellen des leichtbewegten Spiegels mit leisem Murmeln auf den Sand, hinter uns steigt das Ufer, obwohl nur aus Sand bestehend, den eine dürftige Grasnarbe nur zum Theil bekleidet, wohl an die dreißig Fuß hoch fast steilrecht in die Höhe. Oben rauscht der frische Wind, der über das Wasser daherweht, in den breiten Kronen hochstämmiger Kiefern.- Milliarden blitzender Sonnenbildchen tanzen auf dem blauen Spiegel und bilden in ihrer Gesammtheit einen langen, langen, das Auge blendenden Streifen. Breit zieht rechts und links ein blauer Flußarm an uns vorüber — wir stehen auf dem Endpunkte einer langgestreckten, hoch aus dem Wasser aufragenden und mit prächtigen Kiefern bewaldeten Insel. Eben so steigen auch hüben und drüben die beiden Ufer ziemlich hoch aus dem Flusse auf. Das linke Ufer zeigt sich gekrönt mit hochstämmigem Walde, so weit das Auge reicht; das ist aber nicht allzuweit, 331 denn weiter oberhalb macht das Flußbett eine Krümmung und entzieht sich der Beobachtung. Kurz zuvor aber ragt noch eine bedeutende Landzunge in das blaue Wasser hinein, die auf ihrer Spitze eine Säule trägt. Ein gutes Auge würde oben auf der Säule ein Kreuz und etwa in der Mitte ihrer Höhe einen runden Schild, wie ihn die alten heidnischen Krieger trugen, entdecken können. — Wir persönlich sehen das von unserem Standpunkte aus leider nicht, denn wir sind sehr kurzsichtig. Der Fluß, welcher sich hier seeartig verbreitert, ist die Havel. Wir stehen angesichts jener Stätte, von welcher die Sage erzählt, daß der heidnische Wendenfürst Jaczo, von dem Christenheere geschlagen und verfolgt, hier mit seinem Streitroß sich in den breiten Fluß stürzte, um hinüber zu schwimmen. Schon begann — so berichtet die Sage — das Roß zu sinken, da erhob der Heide die Hände zu dem Gotte der Christen und gelobte Christ zu werden, wenn er ihn retten würde, denn von seinen Göttern sah er sich schmählich verlassen. Kaum hatte er dies Gelübde gethan, da faßte das Roß Boden und landete an jener Landzunge da drüben, welche zum Andenken an jene merkwürdige Bekehrung des Jaczo mit der Säule geschmückt ist, die den wendischen Schild und das christliche Kreuz trägt. „Schildhorn" nennt das Volk diese Landzunge in der Havel; die Insel, auf welcher wir selber stehen, heißt der „Pichelswerder", und das hohe, bewaldete Ufer zu unserer Linken, das sind eben die berühmten „Pichelsberge". Und auch über diese Berge läßt Mutter Krause als sachkundige Geographin und gute Patriotin keine schlechten Witze machen. Das also sind die Pichelsberge, das Eldorado Tausender von Nesidenzbewohnern, die aus den Straßen fürchterlicher Enge auf einen Tag hinausfliegen können in's Freie, um ihre Sehnsucht nach „einem Happen frischer Luft" zu stillen. Freundliche Häuser liegen unter grünem Buschwerk hart am Wasser, Restaurants und Bierwirthschaften, auch einfache Fischerwohnungen, die jedoch ebenfalls sämmtlich zur Aufnahme der Nesidenzler eingerichtet und mit dem, was des Leibes Nahrung und Noth- durft erfordert, reichlich versehen sind. Lustiges Jauchzen schallt herüber, eine Menge Gondeln schießen auf dem blauen Spiegel her und hin und erregen bisweilen selbst das stumme Erstaunen der Schwäne, die wenige Schritte von uns am Ufer stehen und ihr weißes Gefieder glätten. Da wären wir also glücklich in den Pichelsbergen! Und ein heißer Tag war's. Glühend strahlte die Sonne von dem wolkenlosen Himmel 332 hernieder, und da uns nicht Freudensteins edle Rosse zu Gebote standen, so haben wir ein unbestreitbares Recht, uns über die wahrhaft tropische Hitze zu beklagen und den frischen Wind, der so lustig über das blaue Wasser daherbläst, erquickend zu finden. Und der Wind ist in der That erquickend; mit wahrer Wonne entblößen wir unsern Scheitel und lassen ihn um unsere glühende Stirn fächeln, und dann- „Aber lieber Herr Erzähler," ruft da plötzlich eine Stimme, sehr fein, aber auch sehr ungeduldig, „allen Respekt vor Ihrer werthen Person, aber die geht uns in dieser Geschichte doch eigentlich gar nichts an, und wir möchten Sie nun doch recht sehr bitten, uns zu sagen, wo in aller Welt die Familie Pfeifer geblieben ist, die wir nun schon seit dem Span- dauer Berge nicht mehr gesehen haben." Ja so-hm, hm! Die freundliche Stimme hat uns aber wahrlich zur rechten Zeit aus unserer entzückten Naturbetrachtung heraus gerissen, wir hätten sonst am Ende das silberhelle Lachen ganz überhört, welches da vom Wasser her an unser Ohr tönt. Sehen können wir nichts, denn gerade mitten aus dem blendenden Sonnenstreifen tönt es heraus, aber es ist unzweifelhaft Julchen's Helles Lachen. Und richtig, was jetzt so lustig dazwischen kräht, das ist das Dickerchen, kein anderer. Wirklich, sie sind's, sie sind's! Eben schießt eine Gondel aus dem blitzenden Goldstreifen hervor, dem Ufer entgegen. Da sind sie ja allesammt; nur Freudenstein fehlt, natürlich, denn der ist drüben im Wirthshause geblieben, wo die Pferde ausgespannt sind. Ein Fischerknabe zieht mit kundigem Arm mit zwei Rudern lange Furchen durch das Wasser, der Herr Geheimsekretär sitzt in höchst eigener Person am Steuer und steuert gerade auf unsern Standpunkt los. „Franz, schaukle nicht so, der Kahn schlägt noch um! — Julchen, willst Du Dich nicht so überbeugen, Du fällst ja in's Wasser! — Pfeifer, Pfeifer, Nepomuk, ich sehe es kommen, es giebt noch ein Unglück!" Alle Befürchtungen der Frau Barbara gehen aber nicht in Erfüllung. Die Gondel landet glücklich, und ihre Insassen gelangen wohlbehalten an's Ufer, alle ohne Ausnahme, auch das Dickerchen und das vierbeinige Lottchen. Der Schifferjunge erhält den ausbedungenen Lohn für seine Mühwaltung von Schildhorn bis hierher, und die Gesellschaft wendet sich landeinwärts. 333 „Nein," sagte Frau Barbara seufzend und sich die heiße Stirn trocknend, „das mache ich nicht wieder mit, Mann, das ist ja mit den unruhigen Kindern eine wahre Herzensangst in solcher Nußschale." „Ja, liebes Kind," tröstete Herr Pfeifer, „es geht doch nicht anders, denn Pichelswerder ist ja eine Insel." — „Ja wohl, eine Insel ist ein Stück Land, welches ringsum von Wasser umgeben ist," rief eine dritte Stimme, und Frau Barbara hob erstaunt die Augen in die Höhe, es war, als käme die gelehrte geographische Bemerkung unmittelbar aus der Höhe über ihr. Dem war auch beinahe so. Mosje Franz war schon lange die ziemlich steile Böschung des hohen Sandufers hinangeklettert, und Jul- chen — nicht achtend der feinen Zeugstiefelchen und des weißen Kleides — war in voller Arbeit, auf Händen und Füßen hinter ihm drein zu klimmen. „Aber Julchen!" rief die Mutter entsetzt bei diesem Anblicke, „willst Du wohl den Augenblick da herunter kommen, Du wildes Ding!" Julchen — sei es, daß der Ruf der Mutter sie so heftig erschreckte, oder sei es, daß sie über das eben hinter ihr herspringende Lottchen stolperte — genug, das wilde Ding kam wirklich in demselben Augenblicke herunter, freilich in anderer Weise, als die Mutter gemeint hatte. Hände und Füße verloren den Halt, und halb rutschend, halb kollernd ging die Reise mit Gedankenschnelle abwärts; wäre der Vater nicht schnell hinzu gesprungen, das Kind wäre wohl gar in's Wasser gerollt. — Ueber die nachfolgende Scene wollen wir aber doch lieber einen mitleidigen Schleier decken. Eine Viertelstunde später schritt Julchen zwar ehrbar neben den Eltern hin, aber ihr zerknittertes Kleid, welches mit großen Flecken nicht eben geziert war, und die gänzlich zerdrückte blaue Schleife verriethen jedem Beobachter deutlich genug die Ursache der Thränenspuren auf den rothen Wangen. Indessen, die ernste Strafrede war glücklich überstanden, und die Augen lachten schon wieder wie der sonnige Julitag. Es war aber auch gar zu schön hier im grünen Walde; wer konnte da lange traurig bleiben? Julchen jedenfalls nicht, denn sie hatte die ernste Strafrede der Eltern leider schon wieder vergessen, und ihr arg zugerichtetes Kleid schmerzte sie nicht im Geringsten mehr. Nur das Auge der Mutter blickte noch immer trübe, so oft es die Gestalt der Tochter streifte. Es kam ihr wie eine Ahnung, daß der einzige Tag, an welchem 334 sie sich und den Ihrigen eine solche Erholung gönnen konnte, diesmal nicht ohne noch ernstere Störungen vorübergehen würde. Sie hätte das wilde Mädchen am liebsten gar nicht von der Hand gelassen, und doch that es dem Mutterherzen wehe, dem Kinde die goldene, ungebundene Freiheit irgendwie einschränken zu sollen. Es that ihm wehe, Julchen festhalten zu sollen, da Franz und das Dickerchen mit Lottchen um die Wette sprangen, sich gegenseitig haschten und selbst mit Karoline hinter den Baumstämmen Verstecke suchten, die dann natürlich regelmäßig von Lottchen freudebellend verrathen wurden. Julchen's Augen hingen unverwandt an den Brüdern; die Lust, sich an deren Spielen zu betheiligen, ließ ihren Körper bisweilen unwillkürlich vorwärts streben; aber stets fühlte er sich dann von der mütterlichen Hand gefesselt, und ein Ausdruck von trauernder Scham flog jedesmal über das lachende Gesicht. „Na, geh' nur hin, Wildfang, aber sei vorsichtig!" hieß es endlich. Die Mutter hatte die Besorgniß überwunden, und wie ein Ball, jauchzend vor Lust, schoß Julchen zu den Brüdern, mit allen ihren Sinnen sofort in das Spiel eintretend, und daß nun-die Freude auch bei den Brüdern ihren Gipfel erreichte, versteht sich natürlich von selbst. So ganz ohne Nachwirkung war das kleine Unglück und die ernste Ermahnung der Eltern aber doch nicht geblieben. Julchen hielt sich wirklich wacker, ihre Fröhlichkeit schlug zwar oft genug in Ausgelassenheit um, überschritt jedoch nicht die Grenzen, wo die Wildheit anfängt, und die Mutter fühlte sich immer mehr beruhigt. „Siehst Du," sagte auch der Vater, „es geht besser, als Du gedacht hast; der Schreck von vorhin hat doch gewirkt." „Ja wohl, auf Kosten ihrer Garderobe, wie immer; laß uns den Tag nicht vor dem Abend loben, wer weiß, was noch kommt." Es schien aber nichts mehr kommen zu wollen. Man durchschritt die schöne Insel der ganzen Länge nach und machte am andern Ende in einem Restaurant eine längere Rast, um den Kaffee einzunehmen. Und Julie erwarb sich bei all' dem die Zufriedenheit der Mutter. Selbst den steilen Pfad, welcher von dem Restaurant nach dem Ufer des Flusses hinunterführt, von wo aus große Fährboote die Ueberfahrt von der Insel nach den Pichelsbergen vermitteln, überwand Julchen ohne Gefahr, und doch ist hier schon mancher durchaus nicht wilde Gesell zu Falle gekommen. 335 Auch diese letzte kleine Wafserfahrt verlief ohne jedes Abenteuer, obwohl es auch bei Frau Barbara an einem ziemlich bedeutenden Grade von Angst nicht fehlte. Dem Wasser traute sie nun einmal nicht, und selbst eine Gesellschaft von zwanzig und mehr Personen, und so viele faßt ein solches Boot, unter denen wenigstens die Hälfte Damen waren, konnte ihr das ängstliche Gefühl, das sie auf dem Wasser immer empfand, nicht nehmen. Glücklich landete das Boot auf dem Ufer der Pichelsberge, glücklich kletterten alle Passagiere über den hohen Bord desselben an's Land und standen auf eigenen Füßen auf festem Boden. Nach allen Richtungen hin stoben die fröhlichen Menschen, die vielleicht nie im Leben wieder auf so engem Raume zusammenkamen, auseinander; die Einen gingen hierhin, die Anderen dorthin. Auch die Familie Pfeifer hatte mit dem Landungsplätze ihr Ziel noch nicht erreicht, denn das Lokal, in welchem Freuden - stein mit Pferden und Wagen ihrer harrte, lag noch eine ganze Strecke am Flusse abwärts. Mit unverminderter Fröhlichkeit begab sich die kleine Schaar auf den Weg, Julchen und das Dickerchen vorauf, umbellt von ihrem vierbeinigen Spielgefährten. Keines zeigte auch nur die geringste Ermüdung. „Es ist doch erstaunlich, was ein Kind im Eifer seiner Freude auszuhalten vermag," sagte Frau Barbara und blickte mit mütterlichem Stolze auf die jauchzenden Lieblinge. „Nehme ich den Kleinen in der Stadt mit auf den Markt oder sonst wohin, so klagt er gewiß schon nach wenigen Straßenecken über entsetzliche Müdigkeit in den dicken Beinchen." „Hm — hm," antwortete der Herr Geheimsekretär, „macht sich diese Müdigkeit nicht ganz besonders bemerkbar, wenn ein Droschkenhalteplatz in Sicht kommt?" Die Mutter lachte, denn die Frage traf das Richtige, und die Leidenschaft Karlchens für Alles, was Pferd und Wagen hieß, war ihr ja schon lange kein Geheimniß mehr; Fahren war sein größtes Vergnügen, und mit dem Versprechen, daß er auch mitfahren sollte, hätte man den Kleinen wohl zu Allem vermögen können. Hätte er heute über Müdigkeit geklagt, so wäre es wahrlich kein Wunder gewesen, denn manche Stunde schon waren ja die kleinen Beine umhergetappelt, fast bei jedem Schritte entdeckten ja die Augen neue Schönheiten, neue Wunder in Gottes schöner, freier Natur, und die Beinchen des aufgeregten Knaben folgten immer sofort den Augen, um das Wunder zu untersuchen. Bei all' dieser 336 Thätigkeit hatte er denn gar keine Zeit gefunden, daran zu denken, daß er eigentlich wohl das Recht habe, müde zu sein. Dazu waren ihm ja auch während der ganzen Stunden Pferde und Wagen gar nicht zu Gesicht gekommen, und so kam es, daß er noch immer munter einhersprang, und Wasser und Schwäne, Bäume und Steine, Menschen und Schmetterlinge sein Interesse noch immer wach erhielten. — Die Sonne neigte sich schon merklich dem westlichen Horizonte entgegen, nur kurze Zeit noch, und sie nahm Abschied von dem blauen Wasser der Havel und den Pichelsbergen. Freudenstein war der Erste, welcher darauf aufmerksam machte, daß der Sonnenuntergang nicht mehr fern sei und daß man wohl an den Aufbruch denken müsse. „Ach! — Oh! — Schon? — Die Sonne scheint ja noch ganz hell!" So tönte es in allen Tonarten des Bedauerns durcheinander. Doch hellten sich die betrübten Mienen der Kinder schnell wieder auf, denn Karoline trug auch zugleich den großen Korb herbei, und nun erinnerte sich nicht nur das eßlustige Dickerchen, sondern auch Julie und Franz, daß sie eigentlich schon lange „grausamen Hunger" hätten. Ja, und Essen ist wahrlich auch eine schöne Sache. 7 . Die Sonne ist im Untergänge begriffen. Die Bäume werfen riesengroße Schatten über den grünen Waldesgrund, aber das Leben des Waldes ist noch nicht zur Rüste gegangen, überall webt und regt es sich noch von Tausenden kleiner Wesen. Emsige Bienen summen, mit Honig und Blüthenstaub beladen, von Blume zu Blume, um sich dann schwerfällig zu erheben und, nachdem sie einige Male einen kleinen Kreis beschrieben haben, in gerader Linie pfeilgeschwind dem fernen Stocke zuzueilen. Aus der gelben Scheibe einer Waldblume streckt ein grünschillernder Käfer verwundert seine langen Fühler hervor; ein großes Unthier hat sich auf seinen Palast, den er zur Nachtruhe erkor, niedergelassen, und er macht sich fertig zum erbitterten Vertheidigungskampfe, nicht gutwillig wird er seine Festung übergeben. Ein buntfarbiger Falter ist's, der freilich gar nicht daran denkt, dem Käfer seinen Palast streitig zu machen. Ja, er hat den grünschillernden Bewohner noch gar nicht einmal bemerkt, als er schon in jähem Schreck die breiten Flügel zusammenschlägt und wild wieder in die Höhe flattert. 337 „O weh, da fliegt er wieder weiter, der böse Vogel!" So tönt eine Mädchenstimme bedauernd durch den Wald. Die Hand, welche sich so eben behutsam nach dem sitzenden Schmetterlinge ausstreckte, bleibt über der Blume schweben. Der Käfer zieht sich schnell ganz zurück, er ist fast zu Tode erschrocken über das erhitzte Mädchengesicht, und er wagt sich erst wieder hervor, als die Erscheinung längst verschwunden ist. Weit im Walde drinnen sieht er nur noch ein weißes Kleid und eine blaue Schärpe schimmern, dann verschwinden auch diese. „Ei, ei, was war denn das?" brummt der Käfer kopfschüttelnd. Dann aber sieht er lange nichts mehr, der letzte Sonnenstreifen ist längst gewichen, die Schatten der Nacht senken sich allmälig über den Wald, und der kleine Wicht legt sich zum Schlafe zurecht, und bald umfangen ihn liebliche Käferträume. Plötzlich erweckt ihn ein furchtbares Getöse und eine blendende Helle umgiebt ihn. „Julchen! — Julchen!" So hört er's wie ein Donnergetöse über sich erdröhnen, aber ehe er noch recht Zeit hat, die neue Erscheinung zu begreifen, prasselt sein Palast zur Erde nieder und er selber fliegt in großem Bogen weithin durch die Luft, daß ihm Hören und Sehen vergeht. „Julchen! — Julchen!" Eine riesige Menschengestalt war's, welche diesen Namen rufend und einen brennenden Kienspahn in der Hand tragend, eilig durch den Wald lief und Blumen und Käfer achtlos niedertrat. „Julchen! — Julchen!" So tönt es aber nicht blos hier, so hört man es an vielen Stellen im Walde rufen, überall tauchen lodernde Kienspähne auf und dringen nach allen Richtungen hin in den Wald vor. Der ganze Wald scheint lebendig geworden zu sein. Was ist geschehen? Wen suchen die Männer? — Doch nicht etwa Julchen Pfeifer, unser wildes Julchen?- Wir begeben uns nach dem Hause am Wasser hinab, in welchem wir die Familie Pfeifer beim beginnenden Abendbrod verlassen haben. Die Pferde Freudensteins stehen noch angeschirrt im finsteren Hofe, wie sie schon vor drei Stunden gestanden haben, denn so viel Zeit ist verflossen seitdem. Träumerisch nicken die sanftmüthigen Braunen vor sich hin, nur von Zeit zu Zeit den Kopf oder einen Fuß bewegend. T.-A. XX. 22 333 Drinnen im Zimmer auf einem Stuhle am Fenster sitzt Frau Barbara, leichenblaß, wie eine Bildsäule, und blickt mit brennenden Augen starr vor sich hin. Ihre Hände haben sich um den Kopf des kleinen Karl geschlungen, welcher in ihrem Schoße schlafend ruht. Neben ihr sitzt Franz, angstvoll bald die Mutter anblickend, bald nach dem Fenster hinlauschend. Mit keinem Worte wagt er mehr den starren Schmerz der Mutter zu unterbrechen. Auch die mitleidige Frau vom Hause hat endlich kopfschüttelnd von ihren Trostesversuchen abgelassen, nachdem sie sich überzeugt, daß bei der ihr wohlbekannten Frau Geheimsekretärin Alles vergeblich ist. Julie ist verschwunden. Noch mit den letzten Bissen ihres Butterbrodes einen siegreichen Kampf bestehend, war sie aus der verdeckten Laube, in welcher Alle saßen, hin- ausgeschlüpft auf den kleinen Wiesenplan hinter dem Hause. Die Mutter, nun vollauf mit der Zurüstung zur Heimfahrt beschäftigt, hatte es nicht bemerkt. Auf der Wiese fand Julie eine Schaar wilder Knaben, welche mit Mützen, Taschentüchern, ausgezogenen Jacken und Röcken eine wüthende Hetzjagd auf Schmetterlinge eröffnet hatten. Das sehen und mit hochflatterndem Taschentuchs sofort dazwischenfahren, war das Werk eines Augenblickes. Die unbändige Wildheit, die den Eltern schon so manchen Kummer bereitet, loderte in dem Kinde plötzlich in helle Flammen auf. Eltern und Brüder, Haus und Wagen waren vergessen und all' ihre Sinne nur von dem einen Gegenstand erfüllt, den ihr Auge in dem wilden Getümmel endlich erfaßt hatte. Das war ein großer, buntfarbiger Falter, der gaukelnd von Blume zu Blume schwebte, aufgescheucht hoch im Bogen emporschoß, um dann einige Schritte entfernt das Spiel von Neuem zu beginnen. Hinter ihr lagen Wiese und Haus, hinter ihr tobten die wilden Knaben, sie achtete dessen nicht, sie sah nur den Schmetterling und verfolgte ihn von Blume zu Blume, von Busch zu Busch, von Baum zu Baum. Sie kam in den Wald und bemerkte es nicht, die Sonne sank tiefer und die Schatten wurden länger und länger, sie bemerkte es nicht. Leise zog die Dämmerung zwischen den Stämmen daher, und noch immer ging die Jagd rastlos kreuz und quer, sie erreichte den Falter nicht. Auf einmal war er fort, ihre Augen sahen ihn nicht mehr. Hoch- aufathmend, fast weinend über die Enttäuschung, stand sie und strich das wirr flatternde Haar aus der glühenden Stirn. Plötzlich zuckte es wie 339 ein furchtbarer Schreck durch ihren ganzen Körper, ein lauter Schrei entquoll ihren Lippen, sie sah sich mitten im Walde, wohin sie blickte — Bäume, nichts als Bäume, und zwischen den Stämmen schon fahle Dämmerung. Hierhin und dorthin rannte Julie, schreiend in aufsteigender Angst. „Mama, Mama! — Wo bist Du? — Mama, liebe, liebe Mama!" Todtenstille ringsum. Nur das Echo antwortete den verzweifelten Rufen des verirrten Kindes.- Alles war schon zur Heimfahrt gerüstet, da erst bemerkte man Jul- chen's Abwesenheit. Wo ist Julchen? fragte Einer den Andern, Niemand wußte es. Niemand hatte sie gesehen. Im Hofe war sie nicht, in dem kleinen Garten fand man sie nicht, das Haus wurde durchsucht von oben bis unten — vergebens. Wie ein Lauffeuer verbreitete sich die Nachricht unter den noch zahlreich versammelten Gästen, daß ein zwölfjähriges Mädchen verschwunden sei. Alles nahm Antheil, und die mannigfachsten Vermuthungen wurden laut, eine immer unheilvoller klingend als die andere. Der armen Mutter drohte dabei das Herz still zu stehen. Länger als eine halbe Stunde hatte man den Fluß oberhalb und unterhalb des Hauses abgesucht, aber am Wasser keine Anhaltepunkte gefunden, daß das Mädchen etwa hier verunglückt sein könnte. Der Wald — das Kind ist in den Wald gelaufen, blieb endlich von allen Vermuthungen die einzige, um so mehr, als einige Knaben sie dorthin laufend gesehen haben wollten, wie sie nach einem Schmetterling jagte. Frau Barbara war mehr todt als lebendig. „Mein Kind, mein armes, liebes Kind!" war Alles, was sie auf die Tröstungen der anderen Frauen erwidern konnte. Auch das Durchsuchen der nächsten Waldstriche erwies sich als fruchtlos, die Suchenden kehrten Einer nach dem Anderen zurück. Die meisten Gäste begaben sich nun auf den Heimweg, denn die Sonne war längst untergegangen. Mit Versicherungen des herzlichen Bedauerns schied man, die Mutter hörte es nicht einmal. «Ich gehe nicht von hier ohne mein Kind," flüsterte sie kaum hörbar und sank, die beiden Knaben krampfhaft in ihre Arme schließend, auf einem Stuhle nieder. Nur eine Anzahl wackerer Männer blieb, dem halb verzweifelten Vater ihre Hilfe anbietend. 22 * 340 „Das kann Alles nichts helfen, Leute," sagte ein anwesender Förster, „wir dürfen die Eltern in ihrer Noth nicht im Stiche lassen. Das Kind ist jedenfalls tiefer in den Wald hineingelaufen, da ist's jetzt schon finster und wird's mit jeder Minute mehr. Draußen im Schuppen liegen trockene Kienspähne genug, lasten Sie uns die anzünden, und dann vorwärts in Gottes Namen. Ich kenne den Wald und denke, wir schaffen das Kind zurück." Die wackeren Worte erweckten allgemeinen Eifer, und bald fand sich Frau Barbara mit ihren beiden Söhnen und der Frau vom Hause allein. Auch Freudenstein und Karoline hatten eine Fackel in die Hand genommen und sich den Suchenden angeschlossen.- Droben im Walde bewegten sich die Lichter wie riesige Glühwürmer hierhin und dorthin. Lange dauerte es, und man vernahm nichts als die einzelnen langgezogenen Rufe. Schon machten sich Stimmen laut, daß auch hier Alles vergeblich sein würde, als plötzlich des Försters tiefe Baßstimme die Echo's weckte. „Halloh, ihr Männer! Hierher, halloh!" Alle eilten der Richtung zu, wo sie eine Fackel triumphirend im Kreise schwingen sahen. Sie erreichten ihn, als er eben das schlaftrunken aus einem grünen Busche auftaumelnde Julchen mit starkem Arme in die Höhe hob. Das Kind wußte gar nicht, wie ihm geschah bei all den flackernden Lichtern und jauchzenden Männern; als es aber den Vater erblickte, der ihm bebend vor freudiger Rührung die Arme entgegenstreckte, da flog es ihm lautweinend an den Hals und klammerte sich da so fest, als wollte es ihn nie, nie wieder loslassen.- 8 . Zwei Jahre sind seit jenem schreckensvollen Sommertage verflossen. Wieder schweben Glockentöne wie auf Geisterschwingen über die große Stadt dahin, wieder öffnet sich zu früher Morgenstunde das Fenster in der engen Straße, und daraus hervor streckt sich das nur noch etwas bedenklicher kahl gewordene Haupt des Herrn Geheimsekretärs B. N. Pfeifer. Sein Gesicht schmunzelt vergnügt, wie immer, auch kräuselt sich der blaue Rauch seiner Cigarre noch immer in leichten Ringelwölkchen unmuthig in die frische Morgenluft empor, und Katze und Vögel, Bäckerjunge und Milchmädchen passiren vor ihm Revue, wie es stets um diese Stunde Morgens zu geschehen pflegt. 341 Nur vor zwei Jahren, unmittelbar nach jener verhänguißvollen Fahrt nach den Pichelsbergen, war das nicht so gewesen. Da blieb das Fenster wochenlang geschlossen. Julchen lag krank, schwer krank, und es waren Tage gekommen, wo der Arzt bedenklich das Haupt geschüttelt hatte. Aber der liebe Gott hatte das Gebet der fast verzweifelnden Mutter erhört, den Jammer des Vaters gnädig angesehen — das Kind war genesen, langsam wieder zu Kräften gekommen und allmälig rosiger aufgeblüht denn je. Sonst hat sich in diesen zwei Jahren wenig geändert. Der Vater kommt noch immer am Spätnachmittage zum Mittagessen nach Hause und seufzt über die große Stadt Berlin, die, obwohl sich der Mensch an Alles gewöhne, doch dazu nun eigentlich zu groß geworden sei. Das Dickerchen spricht dann noch immer das Tischgebet. Aber es ist nun schon eine wichtige Person im Staate, denn an seinem letzten Geburtstage hat Karl eine Mappe bekommen und Fibel und Tafel und wird nun nächstens in die Schule gehen. Nur noch höchst selten läßt er sich von Lottchen zu einer wilden Jagd im Zimmer verführen, und den Ehrentitel „Dickerchen" nimmt er bisweilen sogar schon übel. Franz hat sein Griechisch und Latein vollständig absolvirt. Er studirt jetzt Rosinen und Mandeln, das will sagen, er ist seit Kurzem bei einem Konditor in die Lehre getreten, und darf da vorerst, damit auch er sich nach des Vaters Ausspruche an Alles gewöhne, so viel von dem süßen Zeuge essen, als er mag. Sein Lehrmeister meint lachend, er würde wohl bald genug davon haben. Und Julchen? — Was alle Bitten und Ermahnungen der Eltern nicht bewirkten, das vollbrachte jener schreckliche Tag. In der Todesangst, welche das verirrte Kind überfallen, traten die mahnenden Worte der Eltern vor seinen Geist, wie mit Flammenschrift geschrieben, und diese Schrift prägte sich tief, unauslöschlich tief in das junge Herz. Frau Barbara, welche still in ihrer Häuslichkeit wirkt und schafft, schließt das fleißige und still sittsame Mädchen jeden Abend liebevoller an ihr Herz, wenn sie ihm den Gutenachtkuß auf den Mund drückt. Und Mutter Krause, die große Geographin? — Muß aufrichtig bedauern! Aber als wahrheitsgetreuer Chronist dürfen wir diese sehr ehrenwerthe Dame in dieser Geschichte nicht wieder auftreten lassen. Es ist aber sehr möglich, sogar sehr wahrscheinlich, daß Mutter Krause nächstens einmal in höchst eigener Person selbst eine Landpartie macht. 342 und dann sind wir als ihr intimster Freund natürlich mit dabei. Dann aber sollen auch Sie, meine verehrten Leserinnen, allesammt freundlichst dazu eingeladen werden. Um Kasel streck. Von Hermann Wagner. Der Haselstrauch bietet uns fast das ganze Jahr hindurch irgend etwas Interessantes! Während des Winters hängen die Blüthenkätzchen wie kleine Lämmerschwänzchen von seinen dünnen Zweigenden herab. Hat der Februar einige irgend sonnenhelle Tage, so öffnen sich schon die bräunlichen Schuppen derselben und lasten den gelben Blüthenstaub in förmlichen Wölkchen herausfliegen. In der Nähe der Staubkätzchen sind meist auch die Stempelblüthen. Sie ähneln den Vlattknospen, sind jedoch etwas dicker als diese (Fig. 7). An ihrer Spitze strecken sich eine Anzahl purpurrother Narben gleich zierlichen Fäden hervor. Aus diesen Stempelblüthen entstehen später die Nüsse. Beim genauen Vergleichen der Knospen am winterlichen Strauche fällt es uns auf, daß selbige an einigen Schößlingen nur klein und verkümmert erscheinen. Wir schneiden einen solchen Zweig ab und spalten ihn der Länge nach auseinander. Das Mark finden wir bei ihm ausgefressen und entdecken in dem weißlichen Wurme, der am Grunde der Höhlung liegt, den Uebelthäter. Es ist die Larve des Hasel-Bockkäfers (Fig. 9), die hier ihr verborgenes und für den Haselstrauch verderbliches Werk treibt. Der ausgebildete Käfer ist schlank gebaut, schwärzlich von Farbe und sehr lebhaft. Er fliegt leicht auf und läuft flink, so daß wir seiner nicht leicht habhaft werden. In der Zeit vom Mai bis Juli nagt er ungefähr einen halben Fuß unterhalb der Zweigspitze etwas Rinde ab und klebt dort ein oder zwei kleine Eier an. Die winzigen Larven, welche aus denselben schlüpfen, fressen sich bis ins Mark des Zweiges und leben gegen zwei Jahre lang darin. Sie verursachen das Erkranken und selbst das Absterben der betroffenen Schossen. Kaum beginnen im ersten Frühjahr die Laubknospen der Hasel zu schwellen und sich zu öffnen, so naht ihnen auch schon Besuch. Der 343 Hasel-Rüsselkäfer (Fig. 3), der seine Verwandelung von der Larve zur Puppe in der Erde durchgemacht hat, schlüpft aus dein Waldboden hervor und schwärmt um die Haselbüsche. Er ist unansehnlich schwärzlich oder bräunlich, mit grauen oder weißlichen Schüppchen bedeckt, die sich leicht abreiben. Um sich einen Schmaus zu bereiten, nagt er die Rinde dicht unter der Knospe des Haselstrauchs durch und trinkt den lebhaft zuströmenden Säst. Die betroffenen Knospen sterben freilich davon ab. Hat sich das Laub der Hasel weiter entfaltet, so findet es auch zahlreichere Liebhaber. Die Raupe des C-Vogels (Fig. 1) und jene des Birken-Spanners (Fig. 2), welche letztere in Farbe und Form einem dürren Zweigstückchen ähnelt, schmausen um die Wette davon. Der Garten-Laubkäfer (Fig. 10), ein Vetter des Maikäfers, hilft ihnen dabei. Blattwespen (Fig. 4) schwirren herzu, sägen mit ihrem eigenthümlich gebauten Legstachel in die Seitenrippen des Blattes feine Einschnitte und bringen ihre Eier daselbst unter, eins dicht neben dem andern, so daß dieselben, oft bis anderthalb Hundert, gleich einer feinen Perl- schnur das Blatt besetzen. Die aus denselben entstehenden Räupchen weiden ebenfalls gesellschaftlich die Blätter ab und fangen damit gewöhnlich beim Rande an. Sie schnellen dabei taktmäßig den Hinterleib empor, so daß er sich bis zum Kopfe vorbiegt und gewähren, da dies von allen geschieht, einen sonderbaren Anblick, als hätten sie gemeinschaftliche Tanzstunde und übten sich im gegenseitigen Komplimentemachen und in Verbeugungen. Zum Verpuppen ziehen sie sich nochmals in den Erdboden zurück. Die Larven des großen Spring-Blattkäfers oder großen Erd- floh's (Fig. 5), welche sich ebenfalls auf Haselblättern einstellen, verfahren bei ihrem Gastmahl wieder auf andere Weise. Sie nagen nur die fleischige Blattmasse zwischen den Blattrippen heraus und skelettiren dadurch das Blatt mitunter in zierlicher Weise. Der vollendete Käfer hilft ihnen dabei. Er sieht glänzend stahlblau aus und rettet sich, wenn wir ihn fangen wollen, leicht durch einen weiten Sprung, den er mittelst seiner starken Hinterbeine ausführt. Die niedliche rothe Schweizerkuh oder das Dickköpfchen (Fig. 6) verwendet in interessanter Weise die Haselblätter zu einem Kinderstübchen für ihre Nachkommen. Das mit siegellackrothen Flügeldecken gezierte Käferchen nagt ein Blatt nicht weit vom Grunde querüber mehr als zur Hälfte durch und wickelt es dann mühsam zusammen, ähnlich einer 344 Geldtüte oder wie das Deckblatt einer Cigarre. Im Innern der Tüte verbirgt es ein Paar gelbe Eierchen, so klein wie Sandkörnchen. Da die Seitenadern des unverletzten Blatttheiles eine schwache Saftzufuhr möglich machen, so bleibt das Blatt so lange frisch, bis sich die Käferwürmchen in ihm groß gefressen haben und sich einpuppen. Die jungen Käfer schlüpfen bald aus und machen in demselben Sommer abermals Blatttüten. Die Larven der zweiten Brüt fallen mit den Blättern zur Erde und überwintern am Boden. Sind die Haselnüsse noch jung und ist ihre Schale noch saftig und weich, etwa im Juni oder Juli, so erhalten sie Besuch vom Nuß- Rüsselkäfer (Fig. 8). Das graubraun und gelblich gezeichnete kleine Käferchen erhält ein sehr sonderbares Ansehen durch den dünnen, gebogenen Rüssel, zu welchem sein vorderer Gesichtstheil verlängert ist und an dessen Mitte die Fühler sitzen. An der Spitze jenes Rüssels befindet sich der Mund mit den winzig kleinen Zähnen. Wollen wir das Bürschchen bei seiner Arbeit belauschen, so müssen wir vorsichtig zu Werke gehen, denn bei der geringsten Störung, die es erfährt, zieht es die Beine an sich, stellt sich todt und läßt sich zum Boden herabfallen. Bleibt es dagegen unbehelligt, so wandert es langsam zum Fruchtzweige und nagt ein feines Loch in die Schale der jungen Nuß. Dann legt es ein eben so kleines Ei in das Loch und schiebt dasselbe mit dem Rüssel bis in das Innere der Nuß. Der Nußkern reicht meistens gerade aus, um das Würmchen bis zu seiner vollen Ausbildung zu ernähren. Dergleichen von Käferlarven bewohnte Nüsse fallen gewöhnlich früher ab als gesunde. Die erwachsenen Würmchen nagen ein kreisrundes Loch durch die Schale und verbergen sich während des Winters anderthalb Fuß tief im Boden, bis sie im nächsten Frühjahr sich zu Käfern umwandeln. Derselbe Käfer birgt seine Eier auch in Eicheln und ist so zahlreich, daß in den meisten Jahren ein Viertel bis ein Drittel aller Eicheln und Haselnüsse von ihm aufgezehrt werden. Die reifen Haselnüsse bilden im Herbst die Hauptspeise für Eichhörnchen, Haselmäuse und Waldmäuse. Da auch in der Kinderwelt starke Nachfrage nach ihnen stattfindet, so werden die Nußkerne in der Gegenwart nur noch selten zu Haselnußöl verarbeitet. In alten Zeiten spielten der Haselstrauch und Haselruthen eine große Rolle. Die schlanken Schößlinge wurden als Schäfte zu Pfeilen und Wurfspeeren verwendet und die Hasel war deshalb dem Wodan und 345 Thor geheiligt. Eine Menge abergläubischer Vorstellungen und Gebräuche knüpften sich daran und einzelne derselben haben sich wenigstens in Nachklängen selbst bis in die Gegenwart erhalten. Haselstäbe dienten ehedem zum Abstecken der Gerichtsplätze, sowie der Wahlstätten bei Zweikämpfen. Sie schützten angeblich gegen Blitzschlag, Krankheiten und Zauberei. Die zweitheilige Haselgerte (Zwiesel) sollte als Wünschelruthe verborgene Quellen und Erzadern anzeigen, dann aber auch verlaufenes Vieh und den verlorenen Weg wiederfinden, vergrabene Schätze und verborgene Diebe und Mörder entdecken. Wer unterm Haselbusch schlief, sollte prophetische Träume haben. Im Haselstrauch sollte der Haselwurm, die Schlangen- königin, wohnen, deren Besitz hieb- und schußfest machen, Gesundheit und große Reichthümer bringen sollte. Gegenwärtig ist die Hasel im Volksleben sehr in den Hintergrund getreten, denn selbst der gefürchtete Haselstock ist verschwunden und als Ausklopfestock durch das bequemere spanische Rohr ersetzt worden. Nur der Faßbinder fragt noch nach den Haselstangen, um sie zu Reifen, zu biegen, und der Korbflechter reißt sie in zarte zähe Streifen, um hübsche Körbchen und andere Flechtarbeiten aus ihnen darzustellen. Kleinigkeiten. Von Surfe Grau. ^ie oft wird nicht das Wörtchen nur, in seiner geringschätzigen Bedeutung, gemißbraucht! Auch Euch, meine lieben jungen Leserinnen, trifft dieser Vorwurf gewiß nicht mit Unrecht. Da heißt es bei Gelegenheit irgend einer unnützen Ausgabe: „Ach es sind ja nur wenige Groschen" — oder als Entschuldigung für Trägheit und Unordnung: „Es ist ja nur noch eine Viertelstunde bis zum Essen" — „es ist nur eine Nadel, die ich verlor — nur mein altes Kleid, das ich zerriß — ich habe dies oder jenes nur vergessen." — Als ob kleine Dinge nicht oft von der äußersten Wichtigkeit wären, und kleine Ursachen nicht die größten Wirkungen hervorbrächten! Hat nicht ein Wort oft Unfrieden und damit das größte Unheil gestiftet? und hat sich die Versäumniß einer Viertelstunde nicht zuweilen als äußerst wichtig im Leben der Menschen erwiesen? Denkt z. B. an die 346 schöne Ballade von Schiller: „Die Bürgschaft". — Wäre Möros eine Viertelstunde, ja nur einige Minuten später auf dem Richtplatz erschienen, wäre es da nicht um das Leben seines Freundes geschehen gewesen, und hätte Dionys dann erkennen können, daß „die Treue doch kein leerer Wahn sei?" — Das Gedicht schließt mit diesem Bekenntniß des Tyrannen; wer aber vermag zu sagen, welch' einen dauernden Einfluß diese schöne Erfahrung auf Dionys' Herz geübt haben mag, und wie segensreich die Folgen davon für seine Unterthanen gewesen sein mögen? Eine andere Ballade desselben Dichters erzählt uns wieder, wie ein unbesonnenes Wort, beim Anblick eines vorüberziehenden Kranichheeres gesprochen, die Mörder des „Jbykus" verrieth, und damit die gerechte Strafe seiner schwarzen That auf sein und seines Mitschuldigen Haupt herab beschwor. Laßt mich Euch noch einige Beispiele aus dem gewöhnlichen Leben, als Beweise für die Wichtigkeit kleiner Dinge, anführen. Eine Stecknadel war die Veranlassung, einen unbemittelten jungen Mann in den Besitz eines ansehnlichen Vermögens zu bringen. Ein alter, reicher, kinderloser Mann versammelte nämlich einst alle seine Verwandten bei sich, um sich einen Erben unter ihnen zu wählen. Da geschah es denn, als er im Gespräch mit einem jungen Neffen im Zimmer auf und nieder ging, daß dieser sich bückte, um eine Stecknadel aufzuheben, welche auf dem Fußboden lag. Diese kleine, unbedeutende Handlung gewann den alten Herrn sogleich; erdachte: „Wer das Kleine achtet, wird das Große gewiß zu schätzen wissen" — und der Jüngling wurde sein Erbe. Ein Schwefelhölzchen, oder vielmehr der Mangel eines solchen, hätte einer Frau beinahe das Leben gekostet. Doppelt schrecklich wäre das Unglück gewesen, weil der Sohn dieser Frau dabei schuldig war. — Frau Willmer hatte einem armen Knaben, der an ihrer Thüre Schwefelhölzer feilbot, einige Tausende davon für wenige Groschen abgekauft. Jakob, ihr achtjähriger Sohn, bemächtigte sich ihres Einkaufs und fand ein kindisches Vergnügen daran, die Schwefelhölzer in den brennenden Ofen zu werfen und das Aufflackern ldes Feuers zu beobachten. Frau Willmer machte ihn darauf aufmerksam, daß die Hölzer zum nützlichen Gebrauch und nicht zum Spielen da wären, Jakob aber meinte: „Hundert Stück kosteten ja nur wenige Pfennige" — und setzte sein Spiel fort. Frau Willmer ließ ihm eine Anzahl Schwefelhölzer, legte die übrigen in ein Kästchen, das auf ihrem Nachttische stand, und ging dann hinaus um 347 einige häusliche Geschäfte zu besorgen. Jakob konnte aber der Versuchung nicht widerstehen, noch einige und dann wieder noch mehr Schwefelhölzer aus dem Kästchen zu nehmen, bis er zuletzt alle verbrannt hatte. Frau Willmer legte sich Abends zu Bett, ohne den Ungehorsam ihres Sohnes zu ahnen. Sie war noch nicht lange eingeschlafen, als heftig an ihrer Thürklingel gezogen wurde. Erschrocken fährt sie auf und will das Licht anzünden, aber kein Schwefelhölzchen ist in ihrem Kästchen zu finden! Sie wirft eiligst im Dunkeln ihre Kleider über,' denn schon klingelt es zum zweiten Mal, lauter als zuvor. Tappend geht Frau Willmer nach dem Hausflur um zu öffnen, sie tritt aber fehl und stürzt die Treppe hinunter. Unterdessen ist Jakob, erwacht und eilt auf ihren Hilferuf herbei. Mühsam findet er seinen Weg die Treppe hinunter, hier aber stolpert er über die auf dem Boden liegende Mutter und stößt mit dem Kopfe heftig gegen die Thüre. Draußen ruft eine angstvolle Stimme: „Um Himmelswillen, Frau Willmer, machen Sie auf! Mein Kind ist an der Bräune erkrankt, ich muß zum Doktor eilen, aber ich kann das kranke Kind nicht allein lassen. Seien Sie so barmherzig und kommen Sie zu mir herunter!" Weinend versucht Jakob die Thüre zu öffnen, es gelingt ihm nicht sogleich, aber doch endlich, und die Frau Nachbarin beleuchtet nun das klägliche Bild der noch immer am Boden liegenden Mutter und des weinenden Knaben mit der blutigen Stirn! — Der Lärm und das Gepolter hatten indessen mehrere Nachbarn herbeigeführt. Einer von ihnen erbot sich sogleich freundlich, den Doktor zu rufen. Die Mutter des kranken Kindes kehrte zu demselben zurück, während die übrigen Nachbarn Frau Willmer aufhoben und in ihr Bett trugen. Der Schmerz, den sie dabei empfand, weckte sie aus ihrer tiefen Ohnmacht und preßte ihr einen Wehruf aus, der Jakob zwar von der tödtlichen Angst um das Leben seiner Mutter befreite, ihm aber auch zugleich anzeigte, daß sie bei dem Sturz wirklichen Schaden erlitten hatte. Der herbeigerufene Arzt fand denn auch ein Bein gebrochen und einen Arm stark verstaucht. Jakob's Verletzung war nur unbedeutend, aber desto größer sein Schmerz über den Unfall seiner Mutter. Mußte er sich doch sagen, daß wenn er nur einige Schwefelhölzchen übrig gelassen hätte, das Unglück nicht geschehen wäre! Mit Gottes und des geschickten Arztes Hilfe wurde Frau Willmer zwar glücklich wieder hergestellt, aber wochenlang mußte sie das Schmer- zenslager hüten und wenn die freundlichen Nachbarinnen ihr nicht beigestanden hätten, so wäre ihr Zustand ein äußerst trauriger gewesen. 348 Frau Willmer war Wittwe und nährte sich und ihren Sohn von ihrer Hände Arbeit. Durch großen Fleiß und Sparsamkeit war es ihr gelungen einen kleinen Nothpfennig zu sammeln, der aber nun in der Zeit der Krankheit kaum hinreichte, um die dringendsten Lebensbedürfnisse zu befriedigen. Noch schwach und angegriffen von den eben überstandenen Leiden, sah die arme Frau sich daher genöthigt wieder zur Arbeit zu greifen, um nicht in Noth und Schulden zu gerathen. Wenn Jakob sie dann so bleich und erschöpft sah, wie sie sich doch keine Ruhe und keine Erquickung gönnen wollte, da wurde er wieder und immer wieder an seine Schuld erinnert und obschon die liebreiche Mutter ihm volle Verzeihung gewährt hatte, so war doch sein eigenes Gewissen nicht so leicht zu beschwichtigen. Ein Loch im Aermel zerstörte das Lebensglück eines jungen Mädchens. Lucie Bornholm, die einzige Tochter einer armen Wittwe, war der Gegenstand der zärtlichsten Liebe, aber auch zugleich der ängstlichsten Sorge ihrer Mutter. War Frau Bornholm doch kränklich und durfte auf keine lange Lebensdauer rechnen; was sollte aber nach ihrem Tode aus der verlassenen Tochter werden? Kein liebender Verwandter stand Lucie zur Seite, das Vermögen, das ihre Eltern einst besessen hatten, war verloren gegangen und die kleine Pension, welche ihre Mutter bezog, hörte mit deren Leben auf. Lucie war ein liebes gutes Mädchen, recht hübsch dazu, aber leider auch sehr verwöhnt. Ihr Vater war einer jener heiteren Lebemänner gewesen, welche über dem Genuß des Augenblicks die Sorge für die Zukunft ganz vergessen. Das Wörtchen „nur" war auch ihm gar zu geläufig. Jede Ausgabe, jeder Aufschub eines wichtigen Geschäftes wurde mit jenem vielsagenden Wörtchen entschuldigt, bis die Ausgaben sich allmälig zu bedeutenden Summen gesteigert hatten und die Verwirrung in den Geschäften zu einem fast unauflöslichen Chaos geworden war. Auch jetzt zögerte Herr Bornholm noch immer, die nöthigen Einschränkungen in seinem Haushalt, die Ordnung in seinem Geschäfte einzuführen. Nur noch diese oder jene kleine Freude wollte er sich gönnen, nur noch wenige Tage der köstlichen Ruhe genießen, ehe er an die widrige Arbeit ging — da ereilte ihn eines Tages unerwartet der Tod. Groß war der Kummer seiner liebenden Gattin und Tochter, aber nicht lange durften sie sich dem stillen Schmerz hingeben; die Gläubiger verlangten ungestüm die schon so lange hinausgeschobene Zahlung ihrer Forderungen — die vorhandenen Mittel erwiesen 349 sich dazu nicht ausreichend, und die Folge davon war, daß Frau Bornholm das Haus verlassen mußte, welches sie bisher das ihrige genannt hatte und daß sie nur den kleinsten Theil der darin enthaltenen schönen Möbel und Sachen mitnehmen durfte. Nur durch den rastlosen Eifer und die verständige Vermittelung des Rechts-Anwalt Velten — eines jüngeren Freundes des verstorbenen Bornholm — kam ein Vertrag mit den Gläubigern zustande, nach welchem Frau Bornholm bis zu ihrem Tode ein mäßiges Jahrgeld gesichert wurde. Frau Bornholm war durch große Kränklichkeit verhindert die Leitung ihres Hauswesens selbst zu übernehmen. Lucie übernahm dieselbe halb spielend. Es schien ihr diese Beschäftigung jetzt, da ihr gesellschaftliche Vergnügungen nicht mehr zu Theil wurden, eine nicht unwillkommene Zerstreuung zu bieten; daß sie aber damit zugleich eine Pflicht übernahm, kam ihr nicht in den Sinn Sie that eben nur immer das, wozu sie Lust hatte, oder was der Augenblick gerade dringend forderte. Bei dem gänzlichen Mangel einer vernünftigen Eintheilung ihrer Zeit und Geschäfte konnte es nicht fehlen, daß manche Unordnung vorkam. Frau Bornholm war nicht blind dafür und ließ es an freundlichen Erinnerungen nicht fehlen, Lucie begnügte sich aber stets damit das augenblicklich Vergessene oder Versäumte nachzuholen und die nachsichtige Mutter war nur zu leicht zufriedengestellt. Von den zahlreichen Freunden, welche in den Tagen des Wohlergehens in dem Bornholm'schen Hause aus und ein gingen, war Velten nunmehr der einzige, welcher Frau Bornholm und ihre Tochter nicht vergessen hatte. Seine Besuche brachten Leben und Freude in die stille kleine Wohnung; sie waren der Mutter und der Tochter gleich willkommen und wurden ihm selbst bald ein liebes Bedürfniß. Wenn er den Tag über der Pflicht und Arbeit gelebt hatte, that es ihm so wohl Abends an dem gemüthlichen Theetisch der Frau Bornholm auszuruhen. Kaum wußte er, ob es die ernste Unterhaltung der Mutter, oder das heitere Geplauder Lucie's war, das ihn so mächtig anzog, aber das fühlte er, daß er hier heimisch war und bald erwarb er sich das Recht, sich Sohn des Hauses nennen zu dürfen, indem er sich mit Lucie verlobte. Frau Bornholm gab mit Freuden ihre Einwilligung zu dieser Verbindung, welche ihr geliebtes Kind unter den Schutz eines Mannes stellte, den sie eben so hoch achtete, als herzlich liebte. Es sollte aber noch einige Zeit vergehen, ehe das Bündniß die eheliche Weihe erhielt, denn zuvor mußte in den äußeren Verhältnissen Veltens noch Manches geordnet werden. >1 350 Da nun Veiten ein täglicher Gast im Hause war, so konnten ihm bei dem nahen Verhältniß, in dem er zu Lucie stand, natürlicherweise auch ihre Fehler nicht verborgen bleiben. Mit großer Zärtlichkeit suchte er sie darauf aufmerksam zu machen, daß sie sich einer größeren Pünklichkeit und Ordnung befleißigen müßte; allein Lucie erklärte, sie wolle sich nicht in einen Perpendikel verwandeln lassen, der sich regelmäßig immer nur in ein und demselben Takte bewegt, und ihr lieber Veiten dürfe nicht daran denken, sie, gleich seiner goldenen Repetiruhr, alle Morgen zur bestimmten Stunde aufziehen zu wollen. Das fröhliche Lachen, mit dem sie diese Antwort begleitete und in welches Veiten wider seinen Willen mit einstimmen'mußte, und der herzliche Kuß, mit dem sie ihren Satz vollendete, schloß zwar dem liebenden Bräutigam den Mund — allein keineswegs für immer. Mit Sorge erkannte er in Lucie's leichtem Sinn die Aehn- lichkeit mit ihrem Vater und fürchtete die ernsten Folgen für die Zukunft. War Herr Bornholm doch ein liebenswürdiger Mann, von ehrenhafter Gesinnung gewesen und dennoch hatte sein unverzeihlicher Leichtsinn Frau und Tochter in die drückendste Lage versetzt, hatte in die Rechte fremder Menschen eingegriffen, in solcher Weise, daß sein guter Ruf vielleicht nicht mehr zu retten gewesen wäre, wenn er noch einige Zeit die verschwenderische Lebensweise fortgesetzt hätte, der sein früher Tod ein Ende machte. Mitunter gab Lucie's Unordnung auch zu komischen Scenen Veranlassung. So hatte sie z. B. eines Tages einen Napfkuchen zum Kaffee gebacken. Mit fröhlichem Stolze rühmte sie, wie wohl er gerathen sei und suchte Veltens Erwartung darauf recht hoch zu spannen. Als aber nun der dampfende Kaffee auf dem Tische stand — war der vielgepriesene Kuchen gar nicht zu finden! — Mit kläglicher Miene versicherte Velten, er habe sich zu Mittag nicht satt gegessen, um nur recht vielen Appetit zu dem herrlichen Gebäck seines Bräutchens zu bewahren und nun werde er wohl gar mit einer- trockenen Semmel abgespeist werden! — Zum Glück erschien in diesem Augenblick die Putzmacherin, welche an Frau Bornholms Staatshaube etwas ändern sollte; Frau Bornholm öffnet ihre Schachtel — aber welche Ueberraschung, als statt der blaubebänderten Blondenhaube — der herrlich duftende Napfkuchen zum Vorschein kam, den Lucie zum Schutz gegen die Fliegen dort hineingelegt hatte, während sie die Haube hinter die Bett-Gardine ihrer Mutter verbarg. Aber viel öfter bereitete Lucie sich Verdruß durch ihre Nachlässigkeit und verdarb sich manche frohe Stunde. Eines Abends, unter andern, 351 kam Velten sie abzuholen, die „weiße Dame" zu hören; er bat sie aber sich ein wenig mit dem Anzug zu beeilen, denn es sei schon-spät und er möchte die Ouvertüre nicht versäumen. Lucie, welche die Musik leidenschaftlich liebte, war hocherfreut, allein mit dem schnellen Anziehen wollte es nicht recht gehen. Hier fehlte ein Band, dort ein Knopf — keine Nadel war bei der Hand — und nun gar die Handschuhe! wo mochten sie nur geblieben sein? — Endlich ward denn doch Alles gefunden, aber Veltens heitere Stimmung war dabei verloren gegangen. Der Gang nach dem ziemlich weit entfernten Theater wurde fast schweigend zurückgelegt; dort angelangt, griff Lucie zufällig in ihre Tasche und entdeckte, daß sie den Schlüssel zum Speiseschrank eingesteckt hatte. Velten bemerkte ihre etwas bestürzte Miene und fragte nach der Ursache, welche Lucie ihm zögernd gestand. „Nun dann müssen wir natürlich zurückgehen," sagte er verstimmt; „unmöglich kann ich es zugeben, daß Deine Mutter den Thee zu ihrer gewohnten Stunde entbehrt." — So sah Lucie sich genöthigt den bereits abgelegten Hut und Mantel wieder umzunehmen und nach Hause zurückzukehren. Velten begleitete sie bis vor ihre Thüre und empfahl sich dort — zum Theater war es viel zu spät geworden. Lucie aber hatte nicht allein den so sehr erwünschten musikalischen Genuß und den frohen Abend in Gesellschaft ihres Verlobten verloren, sondern noch das drückende Gefühl, Velten nach einem Tage angestrengter Arbeit um eine Freude betrogen und ihm statt dessen empfindlichen Verdruß bereitet zu haben. Aehnliche Scenen wiederholten sich öfter, und immer ernstlicher und bedenklicher wurde Velten dabei, bis er eines Tages Lucie förmlich erklärte, er müsse ganz entschieden auf eine Aenderung ihres Wesens bestehen, oder der Verbindung mit ihr entsagen; er müsse es als einen Mangel an Liebe ihrerseits erkennen, wenn sie seinen wiederholten Bitten und dringenden Vorstellungen kein Gehör schenken wolle. Lucie, empfindlich verletzt, antwortete kalt und so schied das Paar am Abend. Am andern Morgen kam Velten eilig und verstört, Abschied von seiner Braut zu nehmen; er hatte einen Brief mit der Meldung erhalten, daß seine Mutter im Sterben liege und ihn noch zu sehen verlange. Lucie, welche ihn nicht so früh erwartet hatte, befand sich noch im Morgen- Anzüge. Die Haare kamen ungeordnet unter einem nicht allzu sauberen Häubchen zum Vorschein — der Kragen saß schief und.in dem Aermel des Kleides war ein ziemlich großes Loch sichtbar. Ein peinlicher Anblick für den so streng ordentlichen Velten! „Lucie," sagte er, doppelt erregt 352 durch die eben empfangene Nachricht und durch die Erinnerung an die Unterredung des vorigen Abends — „ich beschwöre Dich in Liebe, meiner selbst und meiner Wünsche zu gedenken — es wäre uns sonst besser, wir sähen uns nicht wieder." — Lucie reichte ihm schweigend die Hand. Veltens letzter Blick fiel auf das unglückliche Loch im Aermel und fort eilte er zur Eisenbahn. Die Mutter war noch am Leben, als Velten zu ihr kam. Die Freude, den geliebten Sohn wiederzusehen, verlieh ihr für kurze Zeit erneute Kräfte. Tief und eingehend waren ihre Fragen, Lucie betreffend. Velten konnte ihrem liebevollen Eindringen nicht ausweichen; er gestand ihr seine Sorge um Lucie's leichten Sinn, seine Betrübniß wegen der Achtlosigkeit, die sie seinen ernsten Bitten gegenübersetzte. Frau Velten war ohnehin schon gegen die Verbindung mit der Tochter eines Mannes eingenommen, von dessen Leichtsinn sie verschiedene Beispiele gehört hatte. Sie selbst hatte in ihrer frühen Jugend die Erfahrung gemacht, wie Leichtsinn und Unordnung der Hausfrau das eheliche Glück vollständig untergraben können. Ihr Vater hatte sich von seiner Frau darum scheiden lassen und die strenge Ordnungsliebe und Pünklichkeit in allen Dingen, welche Frau Velten auszeichneten und welche sie gewußt hatte auf ihren Sohn zu übertragen, waren unzweifelhaft das Ergebniß des abschreckenden Beispiels und der ernsten Lehre, welche sie in zarter Jugend empfangen hatte. Inbrünstig beschwor sie den geliebten Sohn, sein Lebensglück nicht auf einen so schwachen Grund zu bauen, als die Hoffnung auf Lucie's Besserung gewährte. Velten konnte sich zu dem Versprechen, das Verhältniß zu seiner Braut zu lösen, nicht verstehen, aber feierlich gelobte er, nicht eher das Ehebündniß mit ihr zu schließen, als bis er Beweise von ihrer Umkehr zur Ordnung und treuer Pflicht-Erfüllung erhalten hätte. Kurz nach diesem Gespräch, das die Kräfte der Sterbenden wohl erschöpft haben mochte, hauchte Frau Velten ihren letzten Seufzer aus. Velten zeigte Lucie seinen Verlust an und theilte ihr in einen: späteren Briefe die letzte Unterredung mit seiner Mutter und sein Versprechen an dieselbe mit. Er fügte viele gute und herzliche Worte hinzu, aber Lucie nahm leider seine offene Aussprache nicht richtig auf. Ihr Leichtsinn hinderte sie die tiefe Bedeutung ihrer Fehler zu begreifen — und ihre Eitelkeit war verletzt. Sie schalt Velten einen kalten Pedanten, der sich durch die Vorurtheile einer alten, nach ihrer Meinung beschränkten und allzustrengen Frau beherrschen ließ, und die Bitterkeit, welche sie 353 darüber empfand, war nur zu leicht in ihrer späten, kurzen Antwort zu erkennen. — Veiten seinerseits ward wiederum dadurch betrübt und erkältet, und da Erbschafts- und Familienangelegenheiten ihn nöthigten lange fortzubleiben, so wurde der Briefwechsel zwischen dem Brautpaar immer seltener, kürzer, gezwungener. Endlich nach sechsmonatlicher Abwesenheit kehrte Velten heim. Er hoffte die Spannung zwischen ihm und Lucie würde sich beim Wiedersehen lösen, Auge in Auge, Hand in Hand das alte Verhältniß sich wieder herstellen. Er eilt zu ihr und klingelt heftig; Lucie ist es, welche ihm die Thüre öffnet. Sie steht vor ihm in demselben Anzüge, den sie beim Abschiede trug; dieselbe Nachlässigkeit herrscht darin vor, als damals; doch ihr Gesicht ist merklich verändert: der freundliche Ausdruck desselben ist dem der Unzufriedenheit gewichen — um den kleinen Mund hat sich ein Zug der Schlaffheit und des Mißmuthes gelegt, die sonst so hell aufleuchtenden Augen sehen ihn starr, fast erschrocken an. „Lucie!" ruft Velten tief bewegt, „heißest Du mich denn nicht willkommen?" Stumm reicht Lucie ihm die Hand. Velten ergreift sie lebhaft — sein Blick fällt unwillkürlich auf das unglückliche Loch im Aermel und richtet sich vorwurfsvoll auf das erröthende Gesicht seiner Braut. „O Lucie!" sagt er mit tiefbetrübtem Ton, „muß ich Dich so wiedersehen?" Unsanft entzog Lucie ihre Hand der ihres Verlobten: „So muß also gleich Dein erstes Wort wieder ein Tadel sein," sagte sie gereizt. Nach dem traurigen Wiedersehen folgten andere unangenehme Erörterungen und endlich die Auflösung des Verhältnisses, das zwei Menschen hätte beglücken können, wenn sogenannte Kleinigkeiten mehr beachtet worden wären. D i e K ü ck k e li r. Lustspiel in einem Act von Meta Langer. (Personen: Fritz, Sophie, Marie. — Das Stück spielt im Zimmer eines Landhauses.) Erster Auftritt. (Sophie und Marie sitzen mit Handarbeit beschäftigt an einem Tischchen.) Sophie (einen Brief zusammenlegend): Also heute noch kommt Bruder Fritz! Wie freue ich mich! T-.A. xx. 23 354 Marie. Und ich erst! Ich kann es kaum erwarten bis er da ist. Es muß doch gar zu hübsch sein wirklich und leibhaftig einen Bruder zu haben; wie oft schon habe ich Pastors Matchen und Minchen um ihre vielen Bruder beneidet. Sophie. Du sprichst als ob er erst vom Himmel herunterfallen sollte und doch ist er älter als wir. Aber freilich wir wissen kaum wie es ist einen Bruder zu haben, da er so viele Jahre hindurch in Amerika war und wir ihn in der ganzen langen Zeit nicht ein einziges Mal sahen. Marie. Es war eine merkwürdige Idee von Onkel Walter unsern Fritz gleich nach Papa's Tode mit nach Boston zu nehmen und ihn dort zu erziehen. Als ob es hier in Deutschland nicht mehr wie zu viel Schulen gäbe. Sophie. Ja, Schulen freilich giebt es genug, aber Onkel meinte, eine alleinstehende Frau, wie unsere Mama, könne nicht gut einen Knaben beaufsichtigen und die Kinder würden dort weit praktischer erzogen, das heißt sie lernten früher und besser arbeiten und Brod erwerben. Nun, ich bin neugierig, ob Fritz auch schon Schätze gesammelt hat. Marie. Am Ende hat er auch einen Goldklumpen gefunden, wie Robinson. Aber nein! Mama sagt, die liegen jetzt auch dort nicht mehr so am Wege umher. Ich denke aber doch, daß uns Fritz etwas Hübsches mitbringen wird, vielleicht ein Lama oder Papageien, oder gar einen Affen. Ach, das wäre gar zu schön! Sophie. Du denkst doch immer gleich an's Mitbringen, und mir scheint man brauchte nicht allzulange zu suchen, um auch bei uns Aeffchen und Papagei und zwar in einer Person vereinigt zu finden.- Wissen aber möchte ich doch, wie der Bruder eigentlich aussieht, ich kann mich gar nicht mehr so recht auf ihn besinnen. Marie. Er wird doch nicht gar wie ein Indianer oder wie so ein halber Wilder aussehen? Es ist mir ganz unheimlich, wenn ich daran denke. Sophie. Was Du auch für Unsinn schwatzest! Du glaubst wohl gar, er habe sich tättowiren lassen. Marie. In Amerika ist alles möglich und so viel weiß ich im Voraus, ich erkenne ihn nicht. Sophie. Kann wohl sein, Du warst ja auch noch ein ganz kleines Ding, als ihn der Onkel mit fortnahm. Mich hatte Fritz immer zum Besten und ließ meine armen Puppen nie in Ruhe, ich ging damals noch 355 nicht einmal zur Schule und jetzt bin ich doch eigentlich schon eine junge Dame und werde von den Leuten mit „Fräulein" angeredet.' Marie. Ja, eine schöne junge Dame, ein herrliches Fräulein! Ein Backfisch bist Du und weiter nichts! Wollen doch sehen, ob Dich Bruder Fritz für was Anderes halten wird. Sophie. Sei still, ich habe eben einen guten Gedanken. Marie. Der Tausend! Erst bist Du eine junge Dame und nun hast Du auch noch gute Gedanken! Da muß Unsereins freilich still sein. Aber so laß doch hören! Sophie. Du weißt, Mama kommt wahrscheinlich erst morgen aus der Stadt zurück, da sie Fritz nicht so früh erwartet. Marie. Ja, das weiß ich. Ist das etwa Dein guter Gedanke? . Sophie. Höre doch nur weiter. Wir kennen den Bruder nicht mehr, er uns wahrscheinlich noch weniger. Wir möchten beide gern wissen wie er ist und wie er sich gegen uns benimmt; wie wäre es, wenn wir uns nicht gleich zu erkennen gäben? Marie. Der Gedanke ist wirklich nicht schlecht. Weißt Du, in den Geschichten und Märchen giebt es auch oft Feen und Prinzessinnen, die sich nicht zu erkennen geben, und ich könnte dabei doch beobachten, ob Fritz nichts Indianisches an sich hat. Wie aber sollen wir dies anfangen? — Wenn er uns hier findet, wird er natürlich gleich wissen, daß er seine Fräulein Schwestern vor sich sieht. Sollten etwa Pastors Minchen und Matchen — Sophie. Mit Deinem Minchen und Malchen, Malchen und Minchen! Als ob wir uns nicht selber helfen könnten. Wenn uns Fritz findet wie wir hier sind, kann er allerdings kaum in Zweifel sein, wir müßten uns eben verkleiden. Marie (in die Hände klatschend). Verkleiden? O ja, das ist herrlich, vortrefflich! Sophie, Du bist wirklich ein gescheutes Mädchen. Verkleiden, das ist meine Leidenschaft! Aber wie wollen wir uns anziehen? Sophie. Das bedarf freilich noch einiger Ueberlegung und namentlich müssen wir unsern Kleiderschrank zu Rathe ziehen. Marie. Dann laß uns aber eilen. Meinst Du, daß ich vielleicht den blauen Rock und das rothe Mieder und die weiße Schürze — Sophie. Du bist ein Närrchen! Willst Du Dich vielleicht als Harlekin herausputzen, damit der Bruder denkt, er komme zu einem. Maskenbälle? — Ich habe eine ganz andere Idee. 23 * 356 Marie. Aber sage mir doch — Sophie. Still, still! So etwas muß ordentlich überlegt und aus- gedacht werden. Komm jetzt mit auf unser Zimmer, da wollen wir unsern Kriegsrath halten und das Arsenal — ich meine den Kleiderschrank — untersuchen. (Beide ab.) Zweiter Auftritt. Fritz (wie ein Handwerksbursche gekleidet, schleicht vorsichtig herein). Nun herein wäre ich glücklich und bemerkt hat mich auch Niemand. Das ganze Haus scheint wie ausgestorben und von etwaigen Vorbereitungen zu meinem Empfange ist auch nichts zu sehen. Vielleicht ist Mama mit den Schwestern und dem Hauspersonal im Garten beschäftigt um Guirlanden und Kränze zur Ehrenpforte für ihren heimkehrenden Stammhalter zu verfertigen. Doch Scherz bei Seite! Es ist mir doch sonderbar zu Muth, seitdem ich die alte Heimath wieder betreten habe und alle Erinnerungen aus meiner frühen Kindheit tauchen wieder auf. Aber wie klein erscheint mir jetzt Vieles, was in meinem Gedächtniß als riesengroß eingeprägt war, und ich selbst bin doch nicht gerade zum Riesen geworden. Dies Zimmer hier war ja unser Hauptspiel- und Tummelplatz, wenn wir nicht hinaus in's Freie konnten, und was für tolle Streiche haben wir hier ausgeführt, so daß der armen Mama ganz Angst und Bange wurde. Wie freue ich mich sie wiederzusehen! Ob sie in dem armen Reisenden ihren Sohn wohl erkennt? — Und die Schwestern, die müssen nun auch ziemlich herangewachsen sein. Die kleine Marie war zwar noch gar nicht zurechnungsfähig als ich fortging, aber Sophie, die spielte schon ganz wacker mit ihren Puppen und war wüth entbrannt, als ich die holden Geschöpfe eines schönen Tages alle in einer Reihe bei den Beinen aufgehängt hatte. Als ich aber bald darauf als armer Mann erschien, der seit sechs Wochen nichts Warmes gegessen habe, war ihr Zorn schon verraucht und bis zu Thränen gerührt gab sie mir sogleich den Eierkuchen, den sie soeben in ihrer Puppenküche gebacken hatte, — freilich homöopathische Gaben für einen hungrigen Magen. Ich freue mich darauf sie ein wenig zu vexiren und Manschen nicht minder, wenn sie sich nur sehen ließen. Gleichwohl wage ich nicht weiter vorzudringen, denn wenn ich Jemand Unberufenen in den Weg käme, der mich vielleicht für einen Bummler oder Stromer hielte, mit welcher edlen Klasse der menschlichen Gesellschaft ich in diesem 357 Augenblick doch einige Aehnlichkeit habe, könnte die Sache eklig werden. Da ich mein Gepäck nicht bei mir habe, dürfte es mir nicht' leicht werden mich als Sohn des Hauses zu legitimiren und am Ende müßte ich gar in das sogenannte Hundeloch wandern, das schon für mich als Kind der Inbegriff alles Schrecklichen war. Das wäre wirklich ein hübscher Empfang in der Heimath, obwohl der moralische Eindruck dabei das Schlimmste ist. Mir ist, als höre ich Jemand kommen, schlagen wir uns daher seitwärts, wenn auch nicht „mang die Büsche." _ Dritter Auftritt. (Fritz. Sophie, als Dienstmädchen gekleidet, ohne Fritz zu bemerken.) Sophie (ohne Fritz zu bemerken). So, die Verwandlung ist geschehen und ich möchte wissen, wer mich nicht für ein wirkliches und leibhaftiges Küchen-, Haus- oder Stubenmädchen ansehen sollte, natürlich von der feineren Sorte. Eigentlich spielte ich lieber die Rolle einer Kammerjungfer, wie sie oft in Theaterstücken vorkommen, aber da wir nicht reich genug sind, um uns eine solche halten zu können, würde Fritz leicht Etwas merken. Fritz (für sich). Siehe da, ein Dienstspuz oder Küchendragoner in Miniaturausgabe und wie es scheint mit einem guten Mundwerke begabt, denn sie spricht sogar mit sich selbst; von der werde ich etwas erfahren können, ohne daß ich eine Entdeckung zu befürchten brauche. Sophie. Es trifft sich gut, daß der alte Johann im Garten beschäftigt ist und Christiane noch einen wichtigen Einkauf beim Fleischer zu machen hat, von wo sie nicht eher zurückkehrt, als bis alle Neuigkeiten besprochen und das Wohl und Wehe des ganzen Dorfes verhandelt worden ist. So kann Niemand verrathen wer wir sind. Fritz (für sich). Ich muß doch ein Gespräch mit ihr anfangen, denn sie scheint so viel mit sich zu thun zu haben, daß sie weder hört noch sieht. (Hervortretend, laut). Mein schönes Kind! — Sophie (sich erschrocken umsehend). Was ist das? Ein fremder Mensch hier im Zimmer! (Zu Fritz). Wie kommen Sie hierher? Fritz. Nun wie anders als durch die Thür? Es stehen ja alle Thore und Thüren offen und das Jungferchen war so in Gedanken versunken, daß sie mich nicht gehört hat. Sophie. Wer sind Sie und was wollen Sie? — 358 Fritz. Ich bin ein armer Reisender, der seit sechs Wochen nichts geges — wollte sagen, der seit sechs Wochen unterwegs ist und um eine kleine Erquickung oder Unterstützung bittet. Sophie. Die Herrschaft ist nicht zu Haus. Fritz (verwundert). So? — Ist denn gar Niemand da? Ein so großes Haus und so ein Jungferchen ganz allein? — (Für sich.) Man scheint mich noch nicht zu erwarten. Sophie (ängstlich für sich). Ach Gott, das ist am Ende gar ein Spitzbube, er erkundigt sich so genau ob Jemand da ist. (Laut.) O freilich! Die beiden Fräulein sind zu Haus und dann der Johann, die Christel, der Friedrich, der — Fritz (für sich). Meine Mutter muß ihren Hausstand sehr vergrößert haben. (Laut.) Die Fräulein? — Giebt es denn schon Fräulein hier im Hause? Sophie (eifrig). Das will ich meinen! Fräulein Sophie ist ja schon so groß als ich. Fritz. Da ist sie allerdings eine bedeutende Größe. Und die andere? Sophie. O, die andere ist allerdings noch keine junge Dame, aber — Fritz. Aber sie kann noch eine werden, ja, ja! — Ist denn nicht auch ein Sohn da? Mir ist als hätte ich gehört — Sophie (für sich). Was will der denn gehört haben? Ich will ihm bange machen, damit ich ihn los werde. (Laut.) Der junge Herr wird jeden Augenblick von einer Reise zurück erwartet. Er bringt seinen Diener und einige Herren mit. Fritz (für sich). Das ich nicht wüßte! Was bilden sich denn die Leute ein? — Ich glaube sie will mich verblüffen, aber bange machen gilt nicht. (Laut.) Wo so viel Besuch erwartet wird, da ist Küche und Keller gewiß im Stande und die Jungfer könnte mir schon einen Bissen und ein Schlückchen zukommen lassen. Sophie (für sich.) Der zudringliche Mensch! Er geht wahrhaftig nicht! (Laut.) Die gnädige Frau ist, wie ich schon gesagt habe, nicht zu zu Haus und ich darf nichts verschenken. Fritz. Sehr gewissenhaft! Aber so bitten Sie doch das Fräulein in meinem Namen. Da sie einen Bruder aus Reisen hat, wird sie auch einen andern armen Reisenden nicht von der Thüre weisen. 359 Sophie (für sich). Nun will er mich auch noch fortschicken, der führt gewiß Böses im Schilde. (Laut.) Die Fräulein sind eben beim Ankleiden, da darf ich sie nicht stören. Fritz. Beim Ankleiden jetzt am späten Nachmittag? — Ja so, sie putzen sich wohl für den Herrn Bruder und den vielen Besuch. Da werde ich wohl warten müssen bis sie fertig sind. Wissen Sie was, Jungferchen? — Ich bin müde und will mich einstweilen hier ein wenig ausruhen, Sie können mir unterdessen etwas erzählen. (Er setzt sich.) S op hie (für sich). Ein schöner Vorschlag! Und doch wage ich mich nicht von der Stelle. Was in aller Welt fange ich an? — Vierter Auftritt. (Vorige, Marie, als Bauernbursche gekleidet.) Marie. Da bin ich! Habe ich meine Sache nicht gut gemacht? Sophie. Vortrefflich! Du kommst eben zur rechten Zeit. (Leise zu Marie): Hilf mir um des Himmels Willen diesen unverschämten Menschen aus dem Hause schaffen. Fritz (für sich). Was ist denn das für ein kleines Gewächs? Meine Mutter scheint eine sonderbare Dienerschaft zu haben. Marie (geht auf Fritz zu, kehrt aber gleich wieder um). Ich möchte ihn Dir schon hinausspediren helfen, aber höre, Der sieht recht verwildert aus. Ich fürchte mich. Sophie. Ich auch. Wie einfältig, daß wir den alten Johann in den Garten und die Christiane ins Dorf geschickt haben. Fritz (für sich). Ich glaube sie berathschlagen, wie sie mich fortbringen wollen, aber das soll ihnen nicht so leicht gelingen. Je länger ich sie beobachte, desto eigenthümlicher erscheint mir dies Gesinde. (Laut.) He, Mosje! Was stellt er denn eigentlich hier im Hause vor? Marie (vortretend, dreister). Was giebt's? — Hier ist kein Er, sondern nur ein Sie! — Uebrigens bin ich der Page, das heißt der Bediente der gnädigen Frau. Fritz. Nur näher mein Söhnchen! So! Ich habe nicht gewußt, daß die Pagen so aussehen. Kannst Du, oder können Sie mir armen, müden Wanderer nicht einen kühlen Trunk verschaffen? (Bei Seite.) Ich wollte wetten, daß der Bursche ein verkleidetes Mädchen ist. Marie. Einen kühlen Trunk? O ja! Gehen Sie nur hinunter in den Hof, gleich an der Thür ist die Pumpe. 360 Sophie. Und drüben, gleich über der Dorfstraße ist die Schänke! Da giebt es Bier und Branntwein. Fritz. Schau, schau! Zwei gute Rathschläge auf einmal. Aber zum Wasser habe ich keine Lust und zum Bier kein Geld. Die Jungfer oder der kleine Mosje Page müßten denn für mich gutsagen wollen. Marie (für sich). Das ist ein entsetzlicher Mensch und von dem kleinen Mosje läßt er sich auch nicht abbringen. (Zu Sophie.) Weißt Du was? Ich will schnell in den Garten laufen und den Johann holen. Sophie (ängstlich zu Marie). Daß er mich während der Zeit umbrächte und das ganze Haus plünderte! Nein, nein, ich lasse Dich nicht von der Stelle. Lieber noch riefe ich zum Fenster hinaus um Hilfe. Marie. Worauf das ganze Dorf zusammenlaufen und uns in diesem Aufzug sehen würde. Freilich, besser noch als umgebracht sein. Hu, mich gruselt's. — Wir wollen noch einen Versuch machen. (Laut.) Mir ist's, als höre ich einen Wagen kommen. Sophie. Mir auch! Es wird der junge Herr mit seinen Freunden sein. Fritz. Ich höre nichts, und was Ihren jungen Herrn betrifft, so wird er nicht kommen. Sophie und Marie (zu gleicher Zeit, erschrocken). Warum denn nicht? Fritz. Er kann nicht kommen, weil — Sophie. Es ist ihm doch kein Unglück widerfahren? Marie. Ach Gott, ich glaube, der hat ihn todt gemacht, er sieht gerade darnach aus. Fritz. Er kann nicht kommen, sage ich, weil er, während wir hier schwatzen, schon längst bei den Fräulein Schwestern ist. Sophie. Das ist nicht möglich. Marie. Das ist eine Lüge! Fritz. Die Jungfer kann ja so gefällig sein und nachsehen. Sie sagte ja, daß die jungen Damen beim Ankleiden seien. Marie (Sophie am Kleide festhaltend). Ich bitte Dich, bleib' hier. Sophie. Es ist nicht möglich, denn — Marie (herausplatzend). Denn wir sind selbst diese Schwestern. Fritz. Also wirklich. Meine Vermuthung hat mich also nicht getäuscht und Eure Angst um den Bruder meine letzten Zweifel beseitigt. So kommt an mein Herz Ihr lieben Schelme. (Will sie umarmen). Sophie Und Marie (wollen sich ihm schreiend entziehen). 361 Fritz. Aber so seid doch vernünftig! Ich bin ja Euer Bruder Fritz, der Euch überraschen und wie sonst ein wenig necken wollte, und ich sehe, Ihr hattet Aehnliches gegen mich im Sinne. Marie. Ja, das kann Jeder sagen. Wir kennen den Bruder nicht und Mama ist noch nicht aus der Stadt zurück. Fritz. Seht Ihr diesen Ring? Es ist der unseres Vaters; die Mutter hat einen eben solchen, nur mit anderem Namenszug. Glaubt Ihr mir nun? Sophie. Ja, wahrhaftig, Du bist es! jetzt erkenne ich auch die Ähnlichkeit mit dem kleinen Bilde in Mama's Schlafzimmer, das Dich als Kind darstellt. Willkommen in der Heimath, Bruder! Marie (Fritz stürmisch umarmend). O Du garstiger Bruder, wie hast Du uns erschreckt! Fritz. Wer Andern eine Grube gräbt fällt selbst hinein, mein hübscher Bauernbursche oder vielmehr Mosje Page. Sophie. Still, jetzt höre ich wirklich einen Wagen — er fährt in den Hof, er hält — es ist die Mutter, die früher als wir glaubten aus der Stadt zurückkehrt. Wie wird sie sich freuen! Sie erwartet Dich erst morgen. Marie. Gewiß hat sie eine Ahnung gehabt. Schnell, wir wollen ihr entgegen, sie wird uns in unserer Verkleidung gar nicht kennen. Ach der Spaß! Fritz. Ja schnell der Mutter entgegen! (die Schwestern an der Hand fassend) das nach langer Trennung wieder vereinte, lustige Kleeblatt. Vivat die Heimath! (Alle ab.) Greifen, in llev Änstali. Von Johanna Siedler. Aor dem Pfarrhause in Buchenhagen dufteten die dunkelrothen Rosen an den schönen Rosenbäumen gar lieblich, und die Weinreben, welche das Haus bis zum niedrigen Dache hinauf mit ihrer grünen Hülle umrankt hatten, gaben ihm ein recht trauliches Aussehen. Drinnen aber sah es nicht traulich und fröhlich aus, das bescheidene Glück war dahin, das noch vor wenigen Wochen in dem Pfarrhause geblüht hatte. Der Vater 362 des Hauses, der würdige Hirt seiner Gemeinde, war den Seinen im besten Mannesalter durch einen plötzlichen Tod entrissen worden, und nur noch kurze Zeit konnte den Hinterbliebenen das Pfarrhaus eine Heimath sein. In dem Wohnzimmer war fast die ganze Familie versammelt. Am Fenster saß die Frau Pastorin, eine bleiche ernste Frau, in deren Zügen der tiefe Schmerz ihrer Seele, aber auch eine sanfte stille Ergebung zu lesen war. Sie blickte von ihrer Näharbeit oft auf, um durch das Fenster nach ihren beiden jüngsten Kindern, zwei Mädchen von 4 und 3 Jahren zu sehen, welche vor dem Hause miteinander spielten. Die andern fünf Kinder saßen um einen großen runden Tisch in der Mitte des Zimmers, in eifrige Studien vertieft. Margarethe, das älteste vierzehnjährige Töchterchen, führte dabei den Vorsitz. Die kleine Anna las ihr vor, und dabei flogen Margarethe's Blicke auch zuweilen prüfend über die Schiefertafel der rechnenden Schwester Martha und die Schreibhefte ihrer Brüder. Jetzt schlug die Thurmuhr zehn Uhr. Die Söhne hörten mit Schreiben auf, Martha legte den Griffel fort, und Anna las nur noch den Satz, in dem sie sich eben befand, zu Ende. Die Mutter stand auf, um jedem der Kinder eine Butterschnitte zu reichen, und dann eilten sie hinaus, um die halbe Stunde der Erholung im Freien zuzubringen. Nur Margarethe war bei der Mutter zurückgeblieben. „Mein liebes Gretchen," sagte diese wehmüthig, „heute ist der letzte Tag, an dem Du Deine Brüder unterrichtest!" — Gretchen sah sie erstaunt an und die Mutter fuhr fort: „Du weißt, daß heute früh der Graf Rassow, unser gütiger Kirchenpatron, hier gewesen ist. Ich habe Dir noch nicht gesagt, was er mir gebracht hat; es waren erfreuliche, tröstliche Nachrichten. Der edle Mann will Heinrich und Reinhold auf ein königliches Alumnat bringen, wo er ihnen Freistellen ausgewirkt hat; für ihre Bücher, Kleidung und sonstigen Bedürfnisse will er Sorge tragen. Du kannst Dir denken, mein Gretchen, wie dankbar ich ihm bin. Gott sei Dank, der diese Sorge von meinem Herzen nahm!" „Der gute Graf!" rief Gretchen erfreut. „O nun werden die Brüder etwas Ordentliches lernen, nun brauchen sie nicht Handwerker zu werden, wie Du es gefürchtet hast! Ach Mama, wenn ich doch auch etwas lernen könnte. Wie wollte ich Dich und die Geschwister dann unterstützen! Bei dem Selbststudium komme ich gar nicht vorwärts. Ach, es war so ganz anders, als der liebe Papa mich unterrichtete, und wie oft hat er zu mir gesagt: «Gretchen, Du sollst Dich zur Lehrerin ausbilden.» Es war ja 363 auch schon bestimmt, daß ich zu Michaeli in das Emmelinenstift kommen sollte!" „Diesen Wunsch muffen wir aufgeben," erwiderte die Mutter seufzend, „wie könnte ich jetzt die Pension für Dich erschwingen?" „Würde Tante Anna mich nicht umsonst in ihre Anstalt aufnehmen?" fragte Gretchen zweifelhaft. „Sie ist ja Deine Freundin und meine Pathe und war immer so gut zu mir. Wenn ich deswegen an sie schriebe, würde sie es gewiß thun." „Ich möchte sie nicht geradezu darum bitten," erwiderte die Mutter. „Sie schrieb mir nach Papa's Tode einen herzlichen teilnehmenden Brief; ich habe ihn kürzlich beantwortet und ihr gesagt, daß nun aus unserer Verabredung in Bezug auf Dich nichts werden könne. Will sie sich nun doch Deiner annehmen, so wird sie es ohne unsere Bitte thun." „Und wenn sie es nicht thut?" fragte Gretchen zaghaft. „Dann müssen wir thun, was der Herr Graf heute für das beste erklärte. Du und Martha, Ihr werdet nächste Ostern eingesegnet und kommt dann in das Haus eines gräflichen Pächters, um Euch zu Wirthschaftenden auszubilden, damit Ihr Euch sobald wie möglich selbst ernähren könnt. Du weißt, daß mir sehr wenig zum Leben bleibt, und ich werde mich sehr einschränken müssen, wenn ich auch nur die drei jüngsten Kinder bei mir behalte. Was Martha anbetrifft, so wird ihr dieser Schritt nicht schwer werden, sie hat nicht hervorragende Anlagen und es war immer bestimmt, daß sie sich zur Wirthschaften ausbilden solle; aber Du, mein Gretchen, Du wirst die Aenderung Deiner Lebenspläne schwer empfinden." Gretchens sanftes Gesicht war sehr blaß geworden. „Und wer soll Anna unterrichten?" fragte sie nach einer kleinen Pause. „Das werde ich selbst thun, mir bleibt Zeit genug dazu," versetzte die Mutter. „Es geht nicht anders, meine Tochter, wir müssen uns dem Willen Gottes, der sich ja auch in den äußeren Lebensverhältnissen offenbart, mit gläubiger Ergebung fügen." Gretchen blickte mit den blauen Augen, aus denen ein ganzer Himmel demüthiger Liebe strahlte, zwar mit Thränen, aber doch mit Ergebung zu der theuren Mutter auf. „O Mama," flüsterte sie, „ich will den lieben Gott recht innig bitten, daß er mich in das Emmelinenstift führen wolle — und wenn nicht, daß er mir dann Kraft geben möchte, um in Geduld auch das Schwerste zu ertragen." 364 Da rollte plötzlich ein Wagen vor das Haus. Die draußen spielenden Kinder eilten herbei, um eine aussteigende Dame freundlich zu begrüßen. „Tante Anna!" rief Gretchen aufspringend. „Die schickt der liebe Gott gerade heute zu uns. Mama, Du sollst sehen, daß Alles noch gut wird." Mutter und Tochter eilten hinaus, um die Angekommene zu> empfangen. Tante Anna war eigentlich keine Tante, sie war gar nicht verwandt mit der Familie, aber sie war eine Freundin der Frau Pastorin und hatte Gretchen einst über die Taufe gehalten. Frau von Klüz, dies war ihr Name, war Vorsteherin der Erziehungsanstalt Emmelinenstift in dem Dorfe Mockrau. Sie hatte in dieser Stellung schon als Mädchen segensreich gewirkt und hatte auch ihre Anstalt nicht aufgegeben, als sie die Gattin ihres Onkels, des Majoratsherrn von Klüz, geworden war. Es war keine fröhliche Stunde, welche sie jetzt in dem Trauerhause verlebte. Die Frau Pastorin erzählte ihr von ihrem Schmerze, von den letzten Stunden ihres Gatten; ihre Thränen flössen dabei reichlich und die theilnehmende Dame weinte mit ihr. Doch nicht blos zu klagen hatte die Wittwe, sie sprach auch mit innigem Danke von dem wohlthätigen Grafen, wenn sie auch einen leisen Seufzer nicht unterdrücken konnte, als sie hinzufügte, daß ihre Söhne schon nach wenigen Tagen abreisen sollten. „Du arme Marie," sagte Frau v. Klüz herzlich, „wie schwer muß Deinem trauernden Herzen gerade jetzt diese Trennung werden! Und nun komme ich heute noch mit der Bitte, daß Du auch Deine beiden ältesten Töchter andern Händen anvertrauen möchtest." Die Mutter blickte sie fragend an, und Gretchen und Martha horchten hoch auf. „Was mein liebes Pathchen betrifft," fuhr Frau v. Klüz fort, „so war es ja immer schon bestimmt, daß sie im nächsten Herbst zu mir kommen sollte. Da sie nun aber gar keinen Unterricht hat, möchte ich Dich bitten, sie mir schon jetzt anzuvertrauen." „Ist denn jetzt im Emmelinenstift eine Freistelle offen?" fragte die freudig überraschte Mutter. „Für mein liebes Gretchen ist in meiner Anstalt und in meinem Herzen immer eine Freistelle offen," erwiderte Frau v Klüz lächelnd. „Liebe Marie, Du mußt mir erlauben, daß ich von nun an für Gretchen sorge wie für meine eigene Tochter. Mein guter Mann und ich haben uns das sogleich vorgenommen, als ich gestern Deinen Brief empfing. Deine älteste Tochter soll Dich nichts mehr kosten. Aber auch für Martha möchten gute Freunde sorgen. Meine lieben Eltern bitten Dich recht herzlich, ihnen 365 Martha für einige Jahre zu überlassen. Meine jüngste Schwester, die, wie Du weißt, meine Anstalt verlassen hat und nun zu Hause ist, könnte sie bis zu ihrer Einsegnung unterrichten, und später wollen meine Eltern ihr Gelegenheit geben, recht gründlich die Haus- und Landwirthschaft zu erlernen, damit auch sie einmal auf eigenen Füßen stehen kann. Liebe Marie, willst Du uns diese beiderseitigen Bitten gewähren?" Die Mutter war tief bewegt, sie faltete die Hände zu einem stillen Dankgebet. So war nun für die Zukunft ihrer Kinder gesorgt, die drei jüngsten konnte sie wohl noch von ihrem Wittwengehalt selber ernähren. Sie umarmte ihre Freundin dankend, auch Gretchen schmiegte sich an die freundliche Tante, und die dreizehnjährige Martha sprach laut ihr Entzücken darüber aus, daß sie in das freundliche Pfarrhaus von Höfendorf zu Tante Anna's Eltern kommen solle. „Nun, liebe Marie," sagte Frau von Klüz darauf, „möchte ich Dich noch bitten, mir Gretchen gleich heute mitzugeben. Die Sommerferien sind zu Ende, der Unterricht hat vor einigen Tagen wieder angefangen und es wäre gut für Gretchen, wenn sie gleich an demselben theilnehmen könnte." Gretchen wurde ganz blaß vor Schreck, an einen so nahen Abschied hatte sie nicht gedacht, es schien ihr unfaßlich, daß sie sich schon heute von der geliebten Mutter, von den theuren Geschwistern trennen solle. Sie blickte ihre Mutter flehend an, aber diese erfüllte die stumme Bitte nicht, sondern als Tante Anna freundlich erklärte, daß sie gern noch einige Zeit warten wolle, wenn der Mutter diese plötzliche Trennung nicht recht sei, erwiderte die Frau Pastorin: „Nein, liebe Anna, wir wollen nicht länger warten, ich will Dir gern meine Tochter schon heute übergeben. Ein weiterer Aufschub könnte uns Allen nichts nützen, und Gretchens Sachen werden schnell gepackt sein." „Und wenn etwas daran fehlt, so werde ich es anschaffen," sagte Frau v. Klüz rasch, Gretchen aber warf sich weinend an den Hals ihrer Mutter. Jedes andere Gefühl ihres Herzens verschwand vor dem tiefen Trennungsweh, das sich wie eine schwere Last auf ihre junge Seele herab- senkte.- Tante Anna nahm an dem einfachen Mittagessen der Familie Theil, und nach demselben ging Gretchen mit ihrer Schwester in das Dorf, um noch einige Abschiedsbesuche zu machen. Mit gerötheten Augen kam sie zurück, sie hatte soeben am Grabe ihres theuren Vaters gestanden und 366 heiße Thränen dort geweint. Tante Anna zog sie liebevoll in ihre Arme. „Mein theures Gretchen," sagte sie warm, „fürchtest Du Dich zu mir zu kommen?" „Nein, o nein," versicherte Gretchen, „ich habe ja so viel Vertrauen zu Dir und ich wünschte so sehr, mich zur Erzieherin ausbilden zu können, aber es wird mir so schwer Mama und die Geschwister —" Ihre Stimme versagte, ihre Thränen strömten von Neuem. Frau von Klüz tröstete sie mit liebreichen Worten, dann sagte sie freundlich: „Deine Mama wird jetzt Deine Sachen einpacken; gehe Du mit ihr, Du wirst die letzten Minuten gern bei ihr zubringen wollen." Gretchen ließ sich das nicht zweimal sagen, sie eilte in ihre Kammer, wo die Mutter eben den kleinen Koffer packen wollte. Die Tochter flog in ihre Arme, die Mutter drückte sie einige Augenblicke fest an ihr Herz, ach wie tief empfand sie die Bitterkeit der Scheidestunde! Dann sah sie ihr so recht tief und ernst in die Augen, es war als ob sie ihr etwas sagen wolle, aber sie schwieg immer noch. Doch Gretchen verstand die unausgesprochene mütterliche Ermahnung. „O Mama, fürchte nichts," flüsterte sie, „ich will mich stets bemühen meine Pflichten zu erfüllen, ich will Dir nur Freude machen!" „Das weiß ich, meine Tochter," erwiderte die Mutter bewegt, „ich habe Vertrauen zu Dir, Du warst mir ja immer ein gutes gehorsames Kind. Aber Du hast einen Fehler, vor dem ich Dich noch besonders warnen möchte." „Ich verstehe Dich," sagte Gretchen erröthend, „Du meinst meine Empfindlichkeit! Liebe Mama, ich verspreche Dir, daß ich dagegen kämpfen werde." „Thue das, mein Herzenskind! Die Versuchung wird in den neuen Verhältnissen oft genug an Dich herantreten. Niemand wird dort hart gegen Dich sein, und Tante Anna, der ich Dich mit unbedingtem Vertrauen übergebe, ist eine Erzieherin, die Du mit ganzer Seele lieben und verehren kannst. Aber in dem Zusammenleben mit so vielen Menschen wird doch Manches vorkommen, was Dich verletzt, und wenn Du dann empfindlich bist, so bereitest Du Dir selbst trübe Stunden und wirst Dir dadurch keine Freunde erwerben." „Ich verspreche Dir, daß ich gegen mich selber kämpfen werde," versicherte Gretchen noch einmal. „Ach Mama, wie sehr werde ich Dich vermissen!" 367 „Und ich Dich auch!" sagte die Mutter weich und streichelte leise die blaffen Wangen ihrer Tochter. „Ich werde mich nach Dir sehnen und Du wirst unter so vielen Menschen bitteres Heimweh haben und Dich bei Deiner großen Schüchternheit nicht so leicht wie manche Andere in das Pensionsleben hineinfinden können. Aber Gott will es so, mein theures Kind! Dieser Gedanke wird uns Beiden Trost und Stärke geben. Suche den Herrn und sein Wort, wenn Dir bange um das Herz ist, er wird Dich nicht verlassen und versäumen. Und bleibe still und demüthig, mein Kind! Die Demuth wird Dich am besten vor Deiner Empfindlichkeit schützen. Gott widersteht den Hoffährtigen, aber den Demüthigen giebt er Gnade!" — Das war eine recht schwere Abschiedsstunde, als der Wagen nun wieder angespannt war und Gretchen mit Tante Anna fortfahren mußte. Es war ihr, als ob das Herz ihr brechen solle! Die Geschwister weinten und jammerten, daß sie ihr liebes Schwesterchen, das immer so freundlich und sanft gegen sie gewesen war, nun fortlassen mußten, und auch die Mutter konnte ihre Thränen nicht zurückhalten. Gretchen weinte noch eine ganze Weile still vor sich hin. Frau v. Klüz störte sie darin nicht, sie wußte, daß die Thränen ihr schweres Herz erleichtern würden. Sie fuhren ungefähr eine Meile bis nach der Eisenbahn, von wo sie nur zwei Stationen bis zu dem Dorfe Mockrau zurückzulegen hatten. Von der letzten Station an waren sie allein im Coup«. Gretchen war nun etwas ruhiger geworden und konnte mit Tante Anna sprechen, die ihr von den Einrichtungen und dem Leben im Emmelinenstift erzählte. „Du wirst Deinem Alter gemäß in die dritte Stube kommen," sagte sie unter andern, „welche, wie Du weißt, zur Inspektion von Fräulein Waldmeister gehört. Das weißt Du ja auch, daß immer zu zwei Stuben eine deutsche Erzieherin und eine französische und eine englische Jnspektionslehrerin gehören. Mademoiselle Dubied und Miß Bridge sind sehr beliebt boi den Kindern, und Fräulein Waldmeister, meine Freundin, hast Du ja schon in Höfendorf kennen gelernt." „Sie ist sehr streng!" sagte Gretchen etwas ängstlich. Tante Anna lächelte ein wenig. „Gegen Dich wird sie es nicht sein, mein Gretchen, und überhaupt ist sie nicht so strenge wie sie aussieht. Deine Lehrerinnen werden Dich bald sehr lieb haben, dessen bin ich gewiß, dagegen stehen Dir vielleicht mit Deinen Stubengenossinnen einige Kämpfe 368 bevor. In der dritten Stube herrscht jetzt ein Geist, der mir nicht ganz gefällt, obwohl die Zöglinge sehr fleißig und gehorsam und stolz darauf sind, die Zufriedenheit ihrer Erzieherinnen zu besitzen. Aber eben dies letztere ist der schwarze Punkt: sie bilden sich etwas ein auf ihre treue Pflichterfüllung. Da ist z. B. Emma von Drewenitz, ein reichbegabtes hübsches Mädchen mit aufrichtigem Streben und warmer Frömmigkeit. Sie ist der Stolz der dritten Stube und übt einen großen Einfluß auf die Andern aus. Sie ist sehr fleißig und bereits in einigen Gegenständen in der ersten Klasse, was mit 14 Jahren selten der Fall ist. Sie ist's gewohnt von keiner Andern übertroffen zu werden, von Dir wird sie aber in mancher Beziehung übertroffen werden." „Von mir?" fragte Gretchen erstaunt und sah die Tante an, nicht' wissend, ob sie im Ernst oder im Scherz sprach. „Ja, von Dir," wiederholte diese. „Ich weiß ja ungefähr, wie es mit Deinen Kenntnissen steht, Dein guter Vater hat sich ja mit Deinem Unterricht so viel Mühe gegeben, und Deine Mama fürchtete oft, Du würdest eine kleine Gelehrte werden. Du weißt in manchen Dingen mehr als Emma und das wird ihr empfindlich sein. Ich fürchte, Du wirst an ihr keine freundliche Stubengenossin haben, wenigstens nicht in der ersten Zeit. Aber habe Geduld mit ihr, sie wird Dich zuletzt doch lieb gewinnen, und ich hoffe, sie wird Manches von Dir lernen. Dann befindet sich in der dritten Stube auch Adele von Lankwitz, von der Dir meine Schwestern schon erzählt haben." „Ach, das ist der Kobold?" fragte Gretchen bange. „Richtig, diesen Beinamen hat sie'sich zugezogen, weil sie Andern gar zu gern einen muthwilligen oder auch boshaften Streich spielt. Ihre Mitschülerinnen haben oft darunter zu leiden, und obschon oft deswegen bestraft, kann sie ihren Muthwillen doch nicht lassen. Da wirst Du nun vielleicht auch manchen kleinen Aerger zu überwinden haben, mein liebes Gretchen." „Ich will recht geduldig sein, liebe Tante Anna!" sagte Gretchen leise, und es war ihr, als hörte sie ihrer Mutter Stimme sagen: Wenn Du empfindlich bist, bereitest Du Dir selbst trübe Stunden und wirst Dir dadurch keine Freunde erwerben. Ihr war das Herz so schwer geworden bei Tante Anna's Worten. Diese bemerkte es und sagte liebreich: „Vor Allem vergiß niemals, daß Du immer zu mir kommen kannst, wenn etwas Dein Herz bedrückt, 369 und daß ich auch in Emmelinenstift dieselbe Tante Anna bleiben werde, die einst mit ihrem Pathchen spielte und ihr Geschichten erzählte." Gretchen blickte vertrauend in Tante Anna's milde braune Augen. „Möchte ich Dir immer Freude machen können!" flüsterte sie. „Das wirst Du, mein Herzenskind, ich zweifle nicht daran," erwiderte Tante Anna gerührt. — Jetzt hielt der Zug auf dem Mockrauer Bahnhof. Tante Anna und Gretchen stiegen aus und wurden von mehreren Personen empfangen. Lis- beth und Manschen, Tante Anna's kleine Töchter, hatten die Mama zuerst erspäht, ihnen folgte der Papa und Fräulein Waldmeister. „Nun, hast-Du unsere neue Pflegetochter gleich mitgebracht?" fragte Herr v. Klüz freundlich. „Ach, da ist sie ja! Willkommen in Mockrau, mein liebes Gretchen." Er reichte ihr freundlich die Hand, die kleinen Mädchen gaben ihr einen Kuß, dann nahm Tante Anna ihre Hand und führte sie zu Fräulein Waldmeister, einer großen streng aussehenden Dame. „Hier ist mein liebes Pathchen Gretchen Helding," sagte Frau v. Klüz, „ich kann sie Dir, liebe Dolfy, gleich als eine der Deinen vorstellen, denn sie wird in die dritte Stube kommen und auch in den Stunden meistens zu Dir gehören. Du wirst Freude an ihr haben, ich kann Dir im Voraus sagen, daß sie zu meinen ganz speziellen Freundinnen gehören wird." „Nun, dann mußt Du mich auch als Freundin annehmen," sagte Fräulein Dolfy, indem ein freundliches Lächeln ihr ernstes Gesicht erhellte. „Sei mir willkommen in der dritten Stube, mein liebes Kind!" — Und sie reichte dem blassen Gretchen, das sie vor Schüchternheit kaum anzusehen wagte, herzlich die Hand. . Am Bahnhof hielt der Wagen des Herrn von Klüz. Die Gesellschaft setzte sich hinein und schon wenige Minuten später hielten sie vor dem schönen großen Schlosse, auf dem in goldenen Lettern das Wort: „Emme- linenstift" zu lesen war. Als sie in das Haus getreten waren, schloß Frau v. Klüz ihren neuen Zögling noch einmal in die Arme. >,Gott segne Deinen Eingang!" sprach sie herzlich. „Möchtest Du Dich wohl in meinem Hause fühlen!" -i- » q- „Nun will ich Dich zuerst mit Deinen Stubengenossinnen bekannt machen," sagte Tante Anna, „nachher überhole ich Dich wieder ab, den ersten Abend sollst Du bei mir verleben." — Sie führte Gretchen nun nach der dritten Stube. Die zu den Schularbeiten bestimmte Zeit war noch nicht T.-A. XX. 24 370 ganz verflossen, hier waren die meisten Zöglinge aber schon mit ihren Arbeiten fertig und beschäftigten sich nach eigenem Gefallen. Mademoiselle Dubied, welche heute hier die Inspektion hatte, war in das Lesen eines Buches vertieft. Sie erhob sich jedoch ebenso wie die Zöglinge und ihr wurde nun zuerst die kleine Neue zugeführt, die sie mit einigen freundlichen französischen Worten begrüßte. Dann stellte Tante Anna Gretchens Stubengenossinnen vor, und es war natürlich, daß Gretchen aufmerksam aufblickte, als ihr die Namen Emma von Drewenitz und Adele von Lank- witz genannt wurden. Adele machte auf sie keinen guten Eindruck, aber die schlanke Emma mit den langen braunen Zöpfen, den regelmäßigen offenen Zügen und dem stolzen Blick der dunkelblauen Augen war eine sehr anziehende Erscheinung. „Nun, Kinder, macht Euch mit Eurer neuen Gefährtin bekannt," sagte Tante Anna, „und damit dies leichter von statten gehe, erlaube ich Euch deutsch zu sprechen, obwohl Ihr heute den französischen Tag habt." — Bei diesen Worten streichelte die Vorsteherin freundlich das traurige Gesicht ihrer kleinen Freundin und verließ dann das Zimmer, da schon mancherlei Geschäfte auf sie warteten. So saß Gretchen nun allein unter den fremden Kindern, welche die neue Stubengenossin, die so ganz unerwartet und ohne vorherige Anmeldung zu ihnen gesellt wurde, mit einiger Neugierde ansahen. Gretchens Erscheinung kam ihnen allen halb lächerlich, halb bemitleidenswerth vor. Allerdings konnte ihr schüchternes und sogar linkisches Wesen, namentlich in ihrer jetzigen Verlegenheit, dazu ihr abgetragenes schwarzes Kleid, das aus einem alten Kleide einer verstorbenen Großtante gemacht worden war, ein. wenig lächerlich erscheinen; aber der kindliche Ausdruck ihres bleichen Gesichtes, der sanfte Blick ihrer Augen mußte doch wieder Theilnahme für sie erregen. Die Französin fühlte die letztere und versuchte eine Unterhaltung mit ihr anzufangen, aber da Gretchen im Französischsprechen gar keine Geläufigkeit besaß und Mademoiselle Dubied nur gebrochen deutsch sprach, so ging es damit nicht gut, und die Erzieherin wandte sich wieder zu ihrem Buche, indem sie es den Kindern überließ, Gretchens nähere Bekanntschaft zu machen. Diese begannen denn auch mit einem Examen, welches den Neuen meistens bevorstand, und alle möglichen Fragen stürmten auf Gretchen ein. Nur eine der Zöglinge, welche ihr als Aurelie Schwarz vorgestellt worden, bethei- ligte -sich nicht an der Unterhaltung, sondern saß von den Andern abgesondert mit einer Handarbeit still und schweigend da. 371 Adele begann mit einer Frage, welche die Andern sehr unzart fanden: „Um wen trauerst Du?" „Um meinen Vater," erwiderte Gretchen leise und ihre Augen füllten sich sogleich mit Thränen. Die Andern sahen sie mitleidig an. „Armes Mädchen!" sagte Jda theilnehmend. Es entstand eine kleine Pause, doch bald fuhr Adele im Examen fort: „Deinetwegen sollen wir ja heute deutsch sprechen; kannst Du nicht französisch sprechen?" „Nein," antwortete Gretchen verlegen. „Kannst Du Englisch?" fragte Emma, die mit einem ziemlich hochmütigen Blick auf die kleine Neue herabsah. „Etwas," war Gretchens bescheidene Antwort. „Wie weit bist Du in der Geschichte, in der Geographie? was weißt Du in der Naturgeschichte? kannst Du gut rechnen? kannst Du Klavier- spielen?" Diese Fragen folgten so schnell aufeinander, daß Gretchen ganz verwirrt wurde. „Wo bist Du bis jetzt in die Schule gegangen?" fragte Elfriede dann. „Früher unterrichtete mich mein Vater," sagte Gretchen und ihre Augen wurden wieder feucht. „Und dann?" fragte Johanna weiter. „Dann habe ich nur für mich gearbeitet," gestand Gretchen schüchtern. „Nun, dann weißt Du jedenfalls nicht viel und wirst in die untersten Klassen kommen," rief Adele. „Ich werde wohl in manchen Stunden zu Fräulein Waldmeister kommen," sagte Gretchen, die sich an das erinnerte, was Tante Anna darüber auf dem Bahnhof zu Fräulein Dolfy gesagt hatte. Sie wußte aber nicht, daß diese Dame nur in den oberen Klassen unterrichtete und war daher sehr beschämt, als sich ein lautes Gelächter erhob und Emma spöttisch bemerkte: „Du bildest Dir viel ein, Fräulein Waldmeister giebt nur in der ersten und zweiten Klasse Stunden." Gretchen erröthete und wollte eben zu ihrer Entschuldigung anführen, daß Tante Anna es gesagt habe, da rief Adele: „Na, im Französischen kommst Du jedenfalls in die unterste Klasse und wirst es auch nicht mehr weit darin bringen." Gretchen erröthete wieder, es fiel ihr ein, daß Tante Anna auch über das Französische mit ihr gesprochen hatte, und sie sagte schüchtern: „Tante Anna sagte, sie wolle mir französische Privatstunden geben." 24 * 372 „Geben lassen, meinst Du wohl," erwiderte Emma, „die Tante giebt selbst nur sehr selten Privatstunden." „Nein, sie sagte, sie wolle es selbst thun," entgegnete Gretchen, die anfing, sich von dem Ton, in welchem man hier mit ihr sprach, etwas verletzt zu suhlen. „Da widerfährt Dir ja eine große Ehre!" meinte Agne.s. „Was war Dein Vater?" fragte Adele jetzt. „Pastor," erwiderte Gretchen, und Adele sah sie an, als wollte sie sagen: „Na, da war er auch nicht viel," Emma aber sagte rasch: „Das freut mich, dann wirst Du hoffentlich recht fromm sein und in diese Stube passen." Da rief Adele jetzt lustig: „Was hast Du für ein komisches Kleid an! das ist gewiß aus einem alten Talar Deines Vaters gemacht worden." Gretchen schwieg sehr verletzt, und Adele fuhr lachend fort: „Wirklich, ich habe recht, das Kleid ist aus einem Talar zurechtgeschnippert worden und darum sollst Du von nun an Talarfräulein heißen. Seht einmal, wie schnell ich einen paffenden Namen für sie gefunden habe!" Das arme Gretchen war nahe daran zu weinen, als die Andern alle über Adele's Reden lachten. Mademoiselle aber war inzwischen aufmerksam auf das Gespräch geworden. Sie wandte sich zu den Zöglingen und tadelte in ernsten Worten die Art und Weise, in der sie sich mit der neuen Genossin unterhielten. Ihre Worte waren meistens an Emma gerichtet, da diese hier den Ton anzugeben pflegte. Emma wurde dunkelroth, dieser Tadel, noch dazu vor der Neuen, that ihrem stolzen Herzen wehe. Sie verhielt sich von jetzt an ganz stumm, während Gretchen den Andern erzählen mußte, auf welche Weise sie hierher gekommen war. „Ist Deine Mutter mit Tante Anna befreundet?" fragte Johanna. „Ja, sie nennen sich Du," erwiderte Gretchen freudig, „und Tante Anna ist meine Pathe und ich heiße auch Anna Margarethe." Jetzt klingelte es, ein Zeichen, daß die beiden Zöglinge, welche für diese Woche das „Deckamt" hatten, in den Speisesaal gehen und dort den Tisch der dritten Stube zum Abendessen decken sollten. Eben jetzt trat Tante Anna wieder in das Zimmer, Gretchen ging ihr unwillkürlich entgegen und schmiegte sich an sie. „Nun, bist Du schon recht bekannt mit Deinen Stubengenossinnen geworden?" fragte die Vorsteherin freundlich. „Kinder, ich sage Euch, Ihr werdet mir noch danken für Eure neue Gefährtin, gewiß, Ihr werdet mein Pathchen Alle lieb gewinnen. Das 373 hoffe ich besonders von Dir, meine liebe Emma; Du wirst Manches von Gretchen lernen können." Emma's Züge verdüsterten sich, wie, sie sollte von dieser kleinen unscheinbaren Neuen viel lernen können? Sollte sie ihr eine Nebenbuhlerin in Bezug auf Tante Anna's Liebe werden? Tante Anna bemerkte die Wolke auf Emma's Stirn und strich ihr freundlich darüber hin; dabei ergriff Emma ihre Hand, hielt sie einen Augenblick ganz fest und fragte leise: „Tante Anna, sind Sie mir gut?" „Ja, liebes Kind!" war die herzliche Antwort. „Und gehöre ich zu Ihren speziellen Freundinnen?" fragte Emma weiter. Sie hoffte und wünschte, schon Gretchens wegen, ein unbedingtes Ja, aber die Vorsteherin erwiderte: „Liebe Emma, ich mache keinen Unterschied unter Euch, sondern bringe Euch Allen die gleiche Liebe entgegen. Unter den Zöglingen selbst ist der Name „spezielle Freundinnen" entstanden. Wenn Du darunter diejenigen verstehst, welche mich lieben und mir Freude machen, so mußt Du ja selbst beurtheilen können, ob Du dazu gehörst." Gretchen erinnerte sich mit stiller Freude daran, daß Tante Anna auf dem Bahnhof zu Fräulein Dolfy gesagt hatte, sie würde dazu gehören. Lieb habe ich die liebe Tante sehr, dachte sie, und Freude will ich ihr mit Gottes Hilfe auch machen. Es klingelte jetzt zum zweitenmal und Zöglinge und Erzieherin begaben sich jetzt in den Saal zum Abendessen. Gretchen ging aber nicht mit, Tante Anna führte sie in ihr trauliches „Bücherzimmer", die Anstaltsbibliothek, wo der Theetisch gedeckt war. Hier fand Gretchen den Herrn von Klüz und die beiden Töchterchen, sowie Martha, Tante Anna's jugendliche Schwester, welche dem Hauswesen vorstand. Zu diesen Theeabenden wurden gewöhnlich eine oder mehrere Zöglinge eingeladen, und sie freuten sich stets darüber, denn es war so nett und gemüthlich bei Tante Anna. Heute war nur Gretchen allein hier, und hier fühlte sie sich behaglicher als unter ihren Stubengenossinnen. Nach dem Thee begab man sich in Tante Anna's nebenanliegendes Wohnzimmer. „In diese beiden Zimmer," sagte die Vorsteherin, „dürfen meine Zöglinge zu jeder Zeit, unangemeldet und ohne anzuklopfen, eintreten, wenn sie etwas mit mir zu sprechen haben. Ich hoffe, mein Gretchen, Du wirst von diesem Rechte sehr oft Gebrauch machen." 374 Nachher kam Fräulein Waldmeister und holte Gretchen ab; sie half ihr nun ihre Sachen aus- und einpacken. Nachdem alles in Gretchens Kommode in der dritten Stube eingeräumt war, ging Fräulein Dolfy mit ihr in das Nebenzimmer, die sogenannte Klavierstube; hier stand das Klavier der dritten Stube und die Kleiderschränke der 8 oder jetzt 9 dazugehörigen Zöglinge. Während die Beiden Gretchens Kleider in den Schrank hängten, fragte Fräulein Dolfy: „Gretchen, haben Dir Deine Stubengenossinnen schon etwas von Aurelie Schwarz erzählt?" „Nein," erwiderte Gretchen verwundert. „Nun, dann wird es doch bald geschehen," sagte Fräulein Dolfy, „und ich will Dir darum lieber gleich selbst die Sache mittheilen. Aurelie hat nämlich vor einigen Wochen die Sünde begangen, etwas von dem Eigenthum einer Mitschülerin zu entwenden. Sie that es aus Liebe zu einer armen Schwester, der sie eine Geburtstagsfreude machen wollte. Dies Vergehen hat sie tief bereut, es ist ihr längst verziehen worden, und Aurelie hat seitdem durch gutes Betragen unsere volle Zufriedenheit erworben. Trotzdem können es die Kinder, sehr gegen unsern Willen, nicht lassen sie verächtlich und unfreundlich zu behandeln. Ich hoffe, mein Kind. daß Du ihnen nicht darin nachfolgen wirst." „O nein, gewiß nicht," sagte Gretchen warm, und Fräulein Dolfy sah sie zufrieden an. — Bald darauf hielt Fräulein Waldmeister eine kurze Abendandacht in der dritten Stube und begleitete Gretchen dann selbst nach dem Schlafsaal; sie sagte ihr dann auch so freundlich gute Nacht, daß Gretchen die Ueberzeugung gewann, das Gerücht von der Strenge der gefürchteten Gouvernante müsse sehr übertrieben sein. Mit recht schwerem Herzen stand Gretchen am folgenden Morgen auf. Das Heimweh bedrückte sie, und dazu schien es, als ob die andern Zöglinge mit einander ein Komplot gemacht hätten, sich auf ihre Kosten lustig zu machen. Adele, welche übrigens für alle der Plagegeist war, that sich darin am meisten hervor und machte beständig Witze über das „Talarfräulein". Als Gretchen ihre Schuhe anziehen wollte, sprang Adele plötzlich herzu, riß ihr die Schuhe fort und warf sie zu allgemeiner Belustigung auf den Ofen. Aber da erschien Mß Brigde, die Engländerin, aus dem Nebenzimmer, Adele wurde gescholten und mußte sogleich einen Tisch an den Ofen rücken und die Schuhe wieder herunterholen. Als Miß Bridge wieder in ihrem Zimmer war, ergriff Adele ein 375 Stück Seife, hielt es hoch in die Höhe und rief: „Kinder, heute fange ich ein neues Stück Seife an. Nehmt Euch ju Acht, daß'es mir keine von Euch wegstibitzt!" — Dabei warf sie ein?r^ vielsagenden Blick auf Aurelie, die tief erröthete und von dem mitleidigen Gretchen herzlich bedauert wurde. Gretchen war sehr froh, daß sie zuerst mit ihrem Anzug fertig war und in die Wohnstube hinübergehen konnte, wo sie einige Augenblicke allein war. Sie fühlte sich tief verletzt durch die Art und Weife, in der die Andern mit ihr umgegangen, und hatte oft Mühe gehabt, ihre Thränen zu unterdrücken. Als sie den Schlafsaal verlassen hatte, wandte Emma sich zu ihrer Freundin Johanna mit der Frage: „Was denkst Du eigentlich von der Neuen?" . „Ach, das ist ein unbedeutendes kleines Ding," erwiderte Johanna. „Hm!" sagte Emma bedenklich, „sie ist vielleicht nicht so unbedeutend, wie sie aussieht, und Tante Anna scheint ihr sehr gut zu sein!" „Ach, Tante Anna ist gegen die Neuen immer so gut," meinte Johanna. „Freilich, Gretchen ist ihre Pathe und nennt sie sogar Du, wie ich bemerkt habe." „Wirklich?" sagte Emma. „Nun, hoffentlich wird sie nicht ein Spion werden und der Tante unsere Unterhaltungen klatschen." „Das sollte sie sich erlauben!" rief Johanna entrüstet. Nach und nach sammelten sich alle Zöglinge der dritten Stube. Jetzt kam Miß Bridge, welche heute hier die Inspektion hatte, und nun wurde zuerst der „Tagesspruch" aufgesagt. Er lautete: „Seid aber unter einander freundlich, herzlich und vergebet einer dem andern, gleichwie Gott Euch vergeben hat in Christo!" Gretchen konnte den Spruch, sie sagte ihn daher auch sogleich auf, und dabei fühlte sie alle Bitterkeit aus ihrem Herzen schwinden. Sie dachte daran, wie ihre liebe Mama sie vor ihrer Empfindlichkeit gewarnt und wie sie ihr versprochen hatte, dagegen zu kämpfen. Sie nahm sich fest vor, ihr Versprechen zu halten, und in dieser Stimmung ging sie zur Morgenandacht, welche nicht wie die Abendandacht in jeder Stube besonders, sondern gemeinsam im Saal abgehalten wurde. Dann folgte das Frühstück, und nach demselben wurde Gretchen in das Bücherzimmer gerufen, um von der Vorsteherin geprüft zu werden. Es bestand im Emmelinenstift die Einrichtung, daß zu gleicher Zeit in allen Klaffen in denselben Gegenständen unterrichtet wurde, daß man also in 376 verschiedene Klassen kommen konnte. Gretchen bestand das Examen sehr gut, sie hatte in ihrem Vater einen tüchtigen Lehrer gehabt und so viele Kenntnisse gesammelt, wie man bei ihrem Alter nicht erwarten konnte. Die Prüfung war kaum zu Ende, da gab die Klingel das Zeichen zum Beginn des Unterrichts. Tante Anna begleitete Gretchen nach dem Saal, wo die erste Religionsklasse ihre Stunden bei dem Pastor des Ortes hatte und stellte diesem die neue Schülerin vor. Die Schülerinnen dieser Klasse, welche alle 15 —16 Jahr alt waren und sämmtlich in die erste Stube gehörten, waren sehr erstaunt über ihre kleine unscheinbare Mitschülerin, und ihr Erstaunen wuchs, als sie bemerkten, daß Gretcheu in der Kirchengerichte gar nicht so unerfahren war. Um 9 Uhr, als der Pastor sich eben entfernte, trat die Vorsteherin wieder in den Saal. „Kinder," sagte sie, „in der deutschen Stunde gehört Gretchen Helding auch zu Euch und eben so in der Geographie." Das erregte allgemeine Verwunderung. „Ich wollte Euch bitten," fuhr Tante Anna fort, „daß Ihr Euch meiner kleinen Freundin hier etwas annehmen möchtet. Die erste Stube steht ja zu meiner Freude in dem guten Ruf, immer recht freundlich gegen die Neuen zu sein." „Gut, liebes Tantchen, wir wollen unserm Ruf Ehre machen," sagte eins der Mädchen, Namens Elise. „So komm denn, Du kleines Wunderkind, denn das bist Du, wie ich bereits kapirt habe, ich will Dich hinauf in die ehrwürdige erste Stube führen." — Dabei ergriff sie Gretchens Arm und führte sie fort. Oben in der ersten Stube fanden sie bereits Fräulein Waldmeister, welche die deutschen Stunden in der ersten Klasse gab. „Ihr habt Euch etwas aufgehalten," sagte Fräulein Waldmeister auf ihre Uhr sehend. „Entschuldigen Sie," erwiderte Elise, „wir hielten uns nicht auf, Tante Anna hat es gethan, da sie mit uns zu sprechen hatte." — Fräulein Dolfy wies Gretchen jetzt ihren Platz an und die Stunde begann. „Jetzt haben wir eine Freiviertelstunde," sagte Elise um zehn Uhr zu Gretchen, „worin Du die Erlaubniß hast ein Butterbrod zu essen. Dann kommt die Zeichenstunde, in welcher es keine Klassen giebt oder vielmehr, wo jede Stube eine besondere Klasse bildet. Dazu bleibst Du also in der dritten Stube, aber um 11 Uhr kommst Du wieder hierher zur Geographiestunde bei Fräulein Waldmeister. Eigentlich müssen wir großen Backfische uns schämen, daß wir mit Dir in einer Klasse sind." 377 „Nein, das müssen wir nicht," meinte eine Andere, Namens Natalie, „aber Gretchen muß stolz darauf sein, daß sie mit uns zusammen ist." „Das bin ich auch," versicherte Gretchen muthig. — Hier gefiel es ihr viel besser als bei ihren Stubengenossinnen, und nur ungern ging sie nach der dritten Stube zurück, wo sie bereits mit Ungeduld erwartet wurde. „Nun, in welcher Klaffe bist Du in der Religion?" fragte Emma gespannt, und als Gretchen antwortete: „In der ersten," machte sie ein sehr verwundertes Gesicht. „O, das ist ja natürlich, als Pastorstochter," rief Johanna, „wo bist Du im Deutschen?" — „In der ersten Klaffe," erwiderte Gretchen. — Erstaunt sahen Alle auf die kleine zarte Gestalt. „Und in der Geographie?" fragte Johanna weiter. — „In der ersten," lautete wieder die unerwartete* Antwort. „Du schwindelst uns wohl etwas vor," rief Emma, „gieb einmal Deinen Klassenzettel her." — Gretchen gehorchte, Emma überflog den Zettel, wurde dunkelroth und gab ihn schnell wieder zurück. „Nun, warum liest Du nicht vor?" fragte Johanna, „wir wollen auch wissen, in welche Klassen das Talarfräulein gekommen ist." — Dabei nahm sie ohne Umstände das Papier aus Gretchens Hand und las vor: Religion, deutsche Sprache und Literatur, Englisch, Geographie, Geschichte, Rechnen: erste Klasse; Französisch, Naturwissenschaften, Gesang: zweite Klasse. Allgemeines Erstaunen. Gretchen gewann in den Augen der Andern an Bedeutung, aber nicht an Liebe. „Das ist ja merkwürdig," rief Johanna. — „Sie ist in 6 Gegenständen in der ersten Klasse und Du nur in dreien," sagte Adele schadenfroh zu Emma, „und dann hast Du auch noch Stunden in der dritten Klasse und sie nicht." „Das ist mir ganz gleich," erwiderte Emma stolz. Es war ihr aber durchaus nicht gleich, sie empfand es wie eine Demüthigung und fühlte eine entschiedene Abneigung gegen Gretchen, die ihr wie ein frecher Eindringling, wie eine gefährliche Nebenbuhlerin erschien. Nach den Stunden waren die Kinder bis zum Mittagessen im Garten. Gretchen war bei ihnen, Aurelie aber nicht, und die Andern schickten sich nun an der Neuen eine Geschichte von Aurelie zu erzählen. Gretchen sagte rasch, daß Fräulein Waldmeister ihr bereits die Sache mitgetheilt habe. „Was, hat sie Dir Alles erzählt, wie es zuging und wie es herauskam?" fragte Johanna. 378 „Das nicht," sagte Gretchen verlegen, „ich möchte es aber lieber nicht wissen." „Du sollst aber, gerade weil Du nicht willst," bestimmte Adele, und hielt sie am Arm fest, so daß Gretchen nothgedrungen zuhören mußte. Die Kinder erzählten ihr nun, wie Aurelie einem Zögling aus der vierten Stube eine Tafel Chokolade und ein Fünfgroschenstück gestohlen habe. Für das Geld habe sie sich Zeug und Stickbaumwolle zu einem Kragen für ihre Schwester gekauft. Als nun der Diebstahl entdeckt wurde (auf welche Weise es geschah, wurde ausführlich berichtet), warf Aurelie in ihrer Angst die Stickerei in das Feuer, und dabei ereignete sich das gräßliche Wunder, daß diese zuerst nicht brennen wollte. Seitdem, versicherten die Zöglinge, 'ruhe ein sichtbarer Fluch auf Aurelie, und namentlich sei es ein Zeichen göttlichen Zornes, daß Aurelie in der letzten Zeit so rund und dick geworden sei. Hier konnte Gretchen sich des Staunens nicht enthalten, und sie war überzeugt, daß dies kKne göttliche Strafe sei, wagte jedoch nicht ihre Meinung auszusprechen. „Ich möchte nur wissen," sagte Adele dann, „warum Aurelie für ihren Diebstahl gar nicht bestraft worden ist; Tante Anna hat wohl mit ihr über die Sache viel gesprochen, aber doch nichts gethan." „Wir wissen ja nicht," meinte Johanna, „ob Aurelie nicht irgend eine Strafe bekommen hat, die uns nur unbekannt geblieben ist." Emma, die bis jetzt geschwiegen hatte, sagte nun: „Tante Anna wird wohl wissen, was sie gethan hat. Sie hat gewiß vorhergehen, daß die Schande, mit der Aurelie sich beladen, schon eine sehr große Strafe ist. Sie wußte, daß der Fluch des Diebstahls immer auf ihr ruhen würde, daß wir sie nie mehr lieben und achten können, und darum hat sie uns die Vergeltung überlassen." Gretchens ganzes Herz empörte sich gegen diese Sprache, jetzt konnte sie nicht länger schweigen. „Das kann doch nicht Tante Anna's Absicht sein," sagte sie schüchtern. „Warum nicht?" fragte Emma rasch. „O das wäre ja unchristlich," antwortete Gretchen unbesonnen. Unchristlich! Sie hätte keinen Ausdruck wählen können, der Emma mehr beleidigt hätte, diese machte ja eben darauf Anspruch immer christlich zu handeln. Gretchen fühlte, daß sie etwas zu ihrer Rechtfertigung sagen müsse und fuhr daher verlegen fort: „Wir haben heute früh ja erst 379 gebetet: Seid aber unter einander freundlich, herzlich und vergebet einer dem andern, gleichwie Gott uns vergeben hat in Christo."' „Willst Du uns Unterweisungen im wahren Christenthum geben?" fragte Emma spitz. „Du meinst wohl, weil Du zufällig in der Religion in die erste Klasse gekommen bist, habest Du das Recht, uns Vorlesungen darüber zu halten?" „O nein," antwortete Gretchen, und die Thränen stürzten ihr bei den harten Worten aus den Augen. Die Uebrigen sprachen sich in ähnlichem Sinne aus und ließen sie dann sehr niedergeschlagen stehen. Da bemerkte sie, daß Aurelie ganz allein aus einer Bank saß, und einem augenblicklichen Gefühl folgend, ging sie zu ihr und setzte sich neben sie. Das wurde ihr von den andern Kindern nun wieder übel gedeutet. „Sie will Aurelie bekehren und bessern," meinte Johanna. An jedem Nachmittag war eine Handarbeitsstunde, welche von der inspizirenden Gouvernante gegeben wurde. Gretchen mußte sich neben Miß Bridge setzen, diese richtete mehrere Fragen an sie, und zum Erstaunen der Andern antwortete sie sehr geläufig. Miß Bridge lobte ihre Aussprache und fragte nach den Lehrern, bei denen sie Unterricht gehabt. Da erzählte Gretchen denn, daß ihre Mutter die Tochter einer Engländerin sei, und daß eine ihrer Tanten aus England seit der Verheirathung ihrer Mama im Buchenhagener Pfarrhause gelebt habe und erst vor einigen Monaten gestorben sei. Miß Bridge fragte nach der Herkunft dieser Tante, und da kam es denn heraus, daß sie in der Vaterstadt der Miß Bridge zu Hause gewesen, und wenn die letztere sie auch nicht selbst gekannt hatte, so war sie doch mit ihren und Gretchens Verwandten bekannt. Das war nun für die Beiden sehr interessant, die Unterhaltung wurde recht lebhaft und Gretchen ganz munter und gesprächig. Emma bemerkte mit heimlichem Neide, wie vollkommen Gretchen der englischen Sprache mächtig war. Sie selbst war im Englischen noch lange nicht so weit, da sie es erst angefangen hatte, als sie vor einem Jahre in die Anstalt getreten war. Für ihren Stolz war es keine geringe Demüthigung, als Miß Bridge nach dem Schluß der Handarbeitsstunde sagte: „Emma, Sie haben das zuletzt aufgegebene englische Gedicht noch nicht fehlerfrei gelesen. Ehe Sie es auswendig lernen, lassen Sie sich's von Gretchen vorlesen, dann lesen Sie es ein paarmal und lassen Sie von ihr Ihre Aussprache verbesseru!" — Gretchen wurde durch diesen Auftrag in große Verlegenheit gesetzt, und Emma machte ein sehr mißgestimmtes 380 Gesicht. So sollte dieses unausstehliche Gretchen also noch als ihre Lehrerin auftreten? Sie wagte indessen keinen Widerspruch, und Miß Bridge schien ihre Verstimmung nicht zu bemerken. Nach dem Nachmittagskaffee wurde gewöhnlich ein Spaziergang gemacht. Heute aber regnete es gerade um diese Zeit, und die Zöglinge - blieben daher zu Hause. Da kamen Elise und Natalie in die dritte Stube. „Gretchen," sagte Elise, „komm mit uns nach der ersten Stube, wir wollen jetzt, da wir nicht spazieren gehen können, Gesellschaftsspiele spielen und die erste Stube läßt Dich feierlich dazu einladen." — „Du weißt ja," setzte Natalie lächelnd hinzu, „daß Tante Anna gewünscht hat, wir möchten uns Deiner annehmen." — „Und wir thun es auch gern, Du kleines Wunderkind," versicherte Elise freundlich. Gretchen ging gern mit ihnen, die großen Mädchen waren ja so gut gegen sie, aber ihre Stubengenossinnen mißfiel diese Einladung ungemein. „Das Talarfräulein ist stolz geworden, weil sie in so hohe Klassen gekommen ist, wir sind nicht gut genug für sie, sie will sich zu der ersten Stube halten!" sagte Adele, und die Andern waren derselben Meinung. — Am nächsten Tage war der Himmel wieder klar, und so wurde denn ein Spaziergang gemacht, unter Aufsicht von Fräulein Waldmeister, welche heute in der dritten Stube inspizirte. „Gretchen," sagte sie beim Hinausgehen, „auf den Spaziergängen gehen gewöhnlich zwei und zwei zusammen; mit wem möchtest Du wohl am liebsten gehen?" „Mit Aurelie," erwiderte Gretchen rasch, und Fräulein Dolfy nickte beistimmend. Als sie das Dorf verlassen und einen Feldweg eingeschlagen hatten, brauchten sie nicht so steif und gesetzt einherzugehen, sie liefen munter herum, machten halsbrecherische Sprünge über verschiedene Gräben und waren dabei sehr vergnügt. Nur Gretchen blieb ruhig an Aurelie's Seite, welche ihre schüchterne Freundlichkeit nicht ohne Verlegenheit aufnahm. „Du bist so gut gegen mich," sagte sie zaghaft, „weißt Du denn nicht, warum die Andern mich alle verachten?" „Ich weiß es," sagte Gretchen freundlich, „aber ich verachte Dich doch nicht." Thränen traten in Aurelie's Augen. „Ist es denn wirklich wahr?" fragte sie noch etwas unsicher. „Du weißt, was ich gethan, wie sehr ich gefehlt habe, und wendest Dich nicht kalt und unfreundlich von mir?" „Wie könnte ich das?" erwiderte Gretchen warm. „Wir fehlen ja 331 Alle mannigfaltig, und Fräulein Waldmeister hat mir gesagt, daß Du es sehr bereuet hast." „Das habe ich gethan," versicherte Aurelie, „und ich werde es immer bereuen. Ach Gretchen, es war so schlecht von mir! Sieh, ich habe eine einzige Schwester, meine gute Antonie, die ist bei einer bösen Tante, denn wir haben keine Eltern mehr und es geht ihr dort sehr traurig. Nun war ihr Geburtstag vor der Thür und ich wollte ihr so gern eine Freude machen. Da war ich einmal allein in der vierten Stube und ich sah, wie eine Kommodenschublade aufstand und sich darin mehrere Tafehr Chokolade und eine ganze Menge Geld befanden. Da dachte ich, wenn ich 5 Silbergroschen hätte, könnte ich für meine Schwester einen Kragen sticken, und Chokolade ißt sie so gern. Zum Ersten mußte ich Taschengeld bekommen, da konnte ich das Geld wieder hineinlegen und eine Tafel Chokolade auch; ich dachte, es würde nicht entdeckt werden und ich würde es heimlich wieder in die Kommode legen können, ich überlegte,in dem Augenblick nichts weiter. Ach Gretchen, es war so sehr unrecht von mir! Von der Zeit an wurde ich stets von einer fürchterlichen Angst gepeinigt, und als es dann herauskam, o das war schrecklich, aber es war mir doch eine Erleichterung, daß die Last von meiner Seele war. Als Tante Anna mit mir darüber sprach, sah ich gleich Alles ein. Hätte ich ihr nur meine Wünsche offen ausgesprochen, sie würde sie mir erfüllt haben, und ich hätte meiner Schwester eine Geburtstagsfreude machen können und wäre keine Diebin geworden. Tante Anna hat es mir verziehen, sie, die ich bestohlen habe, auch, und ich glaube, der liebe Gott hat es mir auch vergeben, ich habe so viel darum gebetet. Aber nun mögen die Andern mich nicht mehr leiden, ich habe keine einzige Freundin mehr. Ich kann's ihnen ja nicht verdenken, aber ich bin oft so sehr traurig, ach, ich werde es nie, nie vergessen können." Aurelie weinte schmerzlich und auch Gretchens Augen hatten sich mit Thränen gefüllt. „Weine doch nicht so, liebe Aurelie," sagte sie herzlich, „es ist ja nun Alles wieder gut und die Andern werden es auch gewiß bald vergessen. — Ich möchte wohl Deine Freundin sein," setzte sie leise hinzu. Aurelie blickte sie mit dem Ausdruck rührender Liebe und Dankbarkeit an. „O ich danke Dir," schluchzte sie, „das verdiene ich nicht, aber ich will mich bemühen Deiner Freundschaft würdig zu werden, ich will Dich sehr, sehr lieb haben." 382 Sie umarmte die neue Freundin zärtlich, und Gretchen fühlte, daß sie nicht mehr allein unter ihren Stubengenossinnen stand. — Als sie nach dem Spaziergang durch die Klavierstube gingen, wo eine der Zöglinge jetzt üben mußte, bemerkte Fräulein Waldmeister einen raschen Blick, den Gretchen auf das Piano warf. „Gretchen, Du hast morgen Deine erste Klavierstunde," sagte sie freundlich, „wenn Du aber jetzt vielleicht Lust zu spielen hast, so kannst Du hinüber in die sechste Klaffe gehen, wo das Klavier unbesetzt ist. Die Stube ist neben Eurer Schlafstube, die erste Thür an der linken Seite. Wenn es aber klingelt, sängt die Arbeitsstunde an, dann mußt Du gleich aufhören und zurückkehren." Gretchen war sehr erfreut und ging sogleich nach der bezeichneten Stube. Niemand war darin, sie athmete erleichtert auf, und es that ihr unbeschreiblich wohl einmal allein sein zu können. Sie setzte sich an das Klavie^, aber sie fing nicht gleich an zu spielen, sondern versank in traurige Gedanken an die liebe Heimath und ihre Lieben. Da traten Emma, Johanna und Adele ein. „Nun, Talarfräulein," sagte Adele, Du sitzest wohl hier und schwärmst? nennst Du das etwa spielen." „Spiele uns etwas vor! etwas recht Lustiges, einen Tanz!" rief Johanna. Gretchen schüttelte den Kopf. „Was, Du willst nicht?" fragte Adele. „Ich kann nicht," sagte Gretchen leise. „Nun, dann etwas Anderes, wenn es kein Tanz sein soll, rasch, spiele uns etwas vor!" befahl Emma. Gretchen lehnte es verlegen ab. „Nun, ich denke, Du wolltest hier spielen," sagte Johanna. „Ja, für mich allein," erwiderte Gretchen schüchtern. Adele blickte ihre Freundinnen mit schlauem Lächeln an und sagte: „Gut, für Dich allein willst Du spielen, darum wollen wir Dich nicht belästigen, und damit kein Anderer Dich stört, werden wir Dich hier einschließen." „O bitte, nein!" rief Gretchen rasch, aber die Andern liefen schnell hinaus, Adele drehte den Schlüssel und Gretchen hörte sie die Treppe hinunterlaufen. Sie bat und rief, aber vergebens. Indeß beruhigte sie sich sogleich. Sie werden mir doch gewiß ausschließen, wenn es klingelt, dachte sie, und kehrte an das Klavier zurück. Sie schlug die Tasten an und begann die Choralmelodie: „Befiehl Du Deine Wege." Da gedachte 383 sie der Stunde, in der sie zuletzt das Lied zu Hause gesungen. — „O, Mama!" rief sie unwillkürlich und ihre Thränen strömten.' Doch sie faßte sich wieder und spielte weiter, allmählich fühlte sie sich getröstet, so spielte sie nun einen nach dem andern von den ihr bekannten Chorälen und mit jedem wurde ihr leichter um das Herz. Als es klingelte, schloß sie das Klavier und eilte nach der Thür. Sie hatte den Streich, der ihr gespielt worden, ganz vergessen, aber die Drei hatten ihn auch vergessen und kamen nicht, um ihr die Thür zu öffnen. Gretchen klopfte und rief, aber augenblicklich war im Korridor ein solches Gelaufe, daß Niemand sie hörte; sie gerieth in große Angst und weinte bitterlich. Schon war es ganz still auf dem Korridor, da hörte sie wieder Tritte die Treppe heraufkommen. Sie rief und klopfte wieder und diesmal mit Erfolg, die Thür wurde geöffnet und Elise stand vor ihr. „Mein Himmel, Gretchen," rief sie staunend, „wer hat Dich hier eingeschlossen?" „Einige von den Andern," erwiderte Gretchen ihre Thränen trocknend. „Das ist abscheulich!" rief Elise, „und Ihr habt heute noch dazu Fräulein Waldmeister, die läßt Euch eine Weile an der Thür stehen, wenn Ihr zu spät kommt." Gretchen war wie gelähmt vor Schreck bei dieser Nachricht. „Ach, was fange ich nur an?" sagte sie verzweifelt. „Du mußt es ihr sagen, daß sie Dich eingeschlossen haben," erwiderte Elise; „übrigens beim ersten Mal hast Du nichts zu fürchten. Soll ich mit Dir gehen und Dich entschuldigen?" Das lehnte Gretchen ab, und so ging sie nun eilig nach der dritten Stube. Sie trat sehr zaghaft ein und fürchtete den Befehl zu erhalten, an der Thüre stehen zu bleiben. Da dieser aber nicht erfolgte, begab sie sich schnell an ihren Platz und nahm ihre Bücher vor. „Daß Du Dich nicht unterstehst etwas zu klatschen!" flüsterte Adele ihr sogleich zu. „Liebes Kind," sagte Fräulein Dolfy nach einer kleinen Weile, „Du mußt Dich hier zuerst recht an Pünktlichkeit gewöhnen, und wenn es klingelt, mußt Du immer auf der Stelle kommen!" Gretchen wurde dunkelroth, die Worte waren sehr freundlich gesprochen, aber sie erschienen ihr doch wie ein Tadel, und das schmerzte sie sehr. Muß es mir gleich in den ersten Tagen so schlecht gehen? dachte sie und öffnete die Lippen, um ihr Ausbleiben zu erklären. Da begegnete sie Emma's ängstlich gespanntem Blick und — schwieg. 384 Emma fühlte, daß es ihre Pflicht gewesen wäre zu sprechen, sie hatte es aber aus Furcht vor Fräulein Waldmeister nicht gethan, jetzt war sie unzufrieden mit sich selbst, Gretchens Großmuth beschämte sie, aber dies erhöhte noch ihre unfreundliche Gesinnung, und sie empfand es als eine Demüthigung, daß sie ihr Dank schuldig war. Gretchen fühlte es schmerzlich, daß Emma, welche am meisten in der dritten Stube zu sagen hatte, ihr feindlich gesinnt war und keine Gelegenheit versäumte, wo sie ihr ihre Geringschätzung zeigen konnte. Auch die andern Zöglinge waren deshalb unfreundlich gegen die neue Gefährtin, nur Aurelie hing ihr mit Begeisterung an, und es war Gretchen ein großer Trost, daß sie ihr tiefes Heimweh, ihre Sehnsucht nach den Ihrigen einem befreundeten Herzen klagen und von der theuren Heimath sprechen konnte. Auch bei Tante Anna fand sie liebevolle Theilnahme und tröstlichen Zuspruch. Ihr konnte sie auch ihr ganzes Herz ausschütten, nur von dem unfreundlichen Benehmen der Zöglinge sagte sie ihr nichts. Eines Tages in der Arbeitsstunde bemerkte Gretchen, daß Emma ihr englisches Gedichtbuch vornahm und ein Gedicht zu lernen begann. Sie erinnerte sich an das, was Miß Bridge ihr aufgetragen, und wartete schüchtern darauf, daß Emma sie auffordern solle, das Gedicht vorzulesen. Als dies aber nicht geschah, faßte sie sich endlich ein Herz. „Soll ich Dir das Gedicht vorlesen?" fragte sie leise. „Nein, ich danke," war Emma's kurze Antwort. „Miß Bridge hat es uns ja befohlen!" wagte Gretchen zu erwidern. „Das weiß ich," entgegnete Emma, „ich will aber nichts Kümmere Dich um Deine Arbeiten und laß mich zufrieden." — Nun wagte Gretchen nichts mehr zu sagen, und so geschah nicht, was die Engländerin angeordnet hatte. Die Folge war, daß Emma in der Stunde das Gedicht nicht mit richtiger Aussprache aufsagte. Miß Bridge erwähnte nichts weiter, als sie jedoch das nächste Mal inspizirte, wandte sie sich an Gretchen mit der Frage, ob sie der Emma das Gedicht vorgelesen habe. „Nein," erwiderte diese verwirrt. Miß Bridge sah sie verwundert an. „Ich hatte es doch befohlen," sagte sie, „dachten Sie nicht daran?" „Ja," antwortete Gretchen noch verwirrter. Emma sah sehr bestürzt aus und kämpfte mit sich selbst, ob sie nicht ausstehen und die Schuld auf sich nehmen solle, da erhob sich Aurelie und rief lebhaft: „Gretchen hat 385 keine Schuld, sie wollte das Gedicht vorlesen, aber Emma wollte es nicht." „Warum nicht?" fragte Miß Bridge aufmerksam, und Aurelie wiederholte, was die Beiden über die Sache gesprochen hatten. „Inäseä?" fragte die Engländerin. „Emma, kommen Sie einmal her." Emma gehorchte und stand sehr beschämt vor der Erzieherin. „Ich will nicht nach dem Grunde Ihrer Handlungsweise fragen," sagte diese, „die Thatsache ist, daß Sie meinem bestimmt ausgesprochenen Befehle ungehorsam gewesen sind, was ich von Ihnen am allerwenigsten erwartet hätte. Sie wissen, daß Ungehorsam hier immer bestraft wird. Ich werde die Sache Lady v. Klüz mittheilen." Emma wechselte die Farbe; der Gedanke, daß Tante Anna sie als ungehorsam kennen lernen solle, war ihr unerträglich. „O bitte, Miß Bridge, verzeihen Sie mir," stammelte sie, „sagen Sie es Tante Anna nicht. Wenn ich eine Strafe verdient habe, so bestrafen Sie mich lieber selbst —" „Wenn ich eine Strafe verdient habe!" wiederholte Miß Bridge zürnend. „Sie zweifeln also noch daran? Sie wissen nicht, daß Ungehorsam strafbar ist?" Emma fing an zu weinen, sie überwand ihr stolzes Herz und erwiderte: „Ja, ich weiß, daß ich unrecht gehandelt habe und will mich jeder Strafe unterwerfen, nur sagen Sie es Tante Anna nicht." „Das wird für Sie eben das beste sein," sagte die Engländerin. „Es scheint mir, liebe Emma, daß Sie nicht auf dem rechten Wege sind, und unsere gute Vorsteherin wird es am besten verstehen, Sie darauf zurückzuführen." Nun stand auch Gretchen auf und trat zu der Erzieherin, um sie mit innigen Worten zu bitten, daß sie Emma verzeihen und es nicht Tante Anna melden möchte. Miß Bridge blickte mit freundlichem Lächeln auf die kleine zarte Gestalt, die mit so rührendem Ausdruck zu ihr aufschaute. „Emma, Sie haben einen guten Anwalt, ohne ihn zu verdienen," sagte sie endlich; „um Gretchens Willen werde ich Ihnen verzeihen und die Sache auf sich beruhen lassen, vorausgesetzt, daß so etwas nicht wieder vorkommt." Das versprach Emma und fügte einen herzlichen Dank für die Verzeihung hinzu. „Bedanken Sie sich bei Gretchen," erwiderte die Engländerin. Das that Emma aber nicht, sie ging schweigend auf ihren Platz zurück. T.-n.,xx. 25 386 Nach einer Weile rief Miß Bridge sie wieder zu sich. „Sie scheinen in der That den Gehorsam verlernt zu haben," sagte sie ernst; „ich befahl Ihnen, sich bei Gretchen zu bedanken." Tief errathend kehrte Emma auf ihren Platz zurück. Sie ging vor Gretchen vorbei und sagte halblaut: „Ich danke Dir!" Gretchen streckte ihr unwillkürlich die Hand entgegen, Emma aber schien das nicht zu bemerken und kehrte auf ihren Platz zurück. Sie beugte sich über ihren Nähtisch nieder und weinte heiße Thränen. Es waren Thränen des Aergers, die aus einem stolzen, eigenwilligen Herzen kamen. Am Abend desselben Tages gingen die Zöglinge noch nach dem Abendessen in den Garten hinab, um dort Versteck zu spielen. „Wenn es schon etwas dunkel wird," meinte Johanna, „dann ist das Verstecken erst recht hübsch, dann ist es so graulich!" „Wir müssen aber einen Theil vom Garten bestimmen, in dem wir uns verstecken dürfen," rief Jda, „der ganze Garten ist zu groß dazu." Es geschah nach ihrem Vorschlag und das Spiel wurde angefangen. Gretchen spielte zwar mit, aber sie wurde dabei sehr rücksichtslos behandelt, besonders von Emma, und man kümmerte sich so wenig um sie, daß sie sich endlich verletzt fühlte und sich leise Hinwegstahl. Sie ging in einem einsamen Gange auf und ab und fühlte sich sehr verlassen und trostlos. Da kamen Tante Anna und Fräulein Dolfy auf sie zu, die erstere merkte, daß Gretchen traurig war, schloß sie liebevoll in die Arme und sagte ihr, daß sie ein wenig mit ihr herumspazieren müsse. Dabei kamen sie an Emma und Adele vorbei, welche eben einen guten Versteck gefunden hatten, und Fräulein Dolfy machte ihnen einige Vorwürfe darüber, daß sie Gretchen hatten allein gehen lassen, anstatt ihre Traurigkeit durch freundliches Entgegenkommen zu verscheuchen. „Sie spielte ja erst mit," vertheidigte sich Emma, „sie ging von selbst fort, das ist doch nicht unsere Schuld." „Ihr werdet wohl nicht sehr liebenswürdig gegen sie gewesen sein," sagte Fräulein Dolfy scharf, „besonders Du nicht, Emma! Nimm Dich in Acht, daß Du Dir nicht Unannehmlichkeiten zuziehst!" Emma wurde dunkelroth. „Nun, so komm, Gretchen," sagte sie, „Du kannst Dich hier mit uns verstecken." Gretchen machte eine zögernde Bewegung, warf aber dabei einen bittenden Blick auf Tante Anna, den diese sogleich verstand. Sie hielt ihre Hand fest und erklärte, daß Gretchen jetzt bei ihnen bleiben solle. 387 In demselben Augenblick kam Aurelie herbeigelaufen. „Gretchen, wo bleibst Du denn?" rief sie; „wenn Du nicht dabei bist, mag ich auch nicht mitspielen." „Nun, dann kannst Du auch bei uns bleiben," sagte Tante Anna freundlich. Sie ging mit ihren Begleiterinnen weiter und Emma sah ihnen sehr verstimmt nach. „Adele, ist es nicht gerade, als wäre dies Talarfräulein zu meinem Unglück hergekommen? Werde ich nicht beständig ihretwegen getadelt?" „Ja wohl," sagte Adele, „und wie stolz diese Grete jetzt neben Tante Anna einhergeht! Sie hält sich für zu gut, um mit uns zu spielen, und nun klatscht sie der Tante gewiß, daß wir sie damals einschlössen. Nun meinetwegen, ich mache mir nichts daraus." Emma antwortete in demselben Sinn, und doch sprach eine leise Stimme in ihrem Herzen: Du bist ungerecht! Hatte nicht ihre Unfreundlichkeit Gretchen vom Spiel Hinweggetrieben? Und hatte diese wohl etwas gethan, was zu dem Verdachte des Klatschens berechtigte? Hatte sie nicht erst heute Liebe und Schonung gegen Emma bewiesen? Aber solche Betrachtungen wies Emma zurück, sie wollte einmal schlecht von Gretchen denken. H --- Eine Woche war seit Gretchens Ankunft vergangen und sie hatte sich bereits ein wenig an das Pensionsleben gewöhnt. Tante Anna's Liebe war ihr ein großer Trost, und die Lehrerinnen hatten sie bereits so lieb gewonnen, daß Fräulein Dolfy einmal scherzend sagte: „Gretchen, ich glaube, wir werden Dich alle verziehen." Das Lernen machte ihr viele Freude, und sie fühlte, sie hätte hier glücklich sein können, wenn nur ihre Stubengenossinnen anders gegen sie gewesen wären. Gretchen hatte nicht davon gesprochen, daß sie damals eingeschlossen worden war, Elise aber hatte es Tante Anna erzählt, und diese kam eines Tages in die Handarbeitsstunde der dritten Stube. „Wer von Euch," fragte sie sehr ernst, „hat Gretchen in der vorigen Woche in der sechsten Klasse eingeschlossen?" — Gretchen erschrak auf das Heftigste — nun werden sie meinetwegen gescholten werden! dachte sie in großer Angst und sah unwillkürlich auf Emma. Diese war sehr blaß geworden, sie stand jedoch augenblicklich auf und sagte: „Ich war mit dabei." 25 * 388 „Und wer noch?" fragte Tante Anna, Emma's Offenheit mit einem Blicke der Billigung belohnend. Emma zögerte mit der Antwort, und Johanna und Adele fanden nun für gut, sich ebenfalls zu melden. „Bei Adele darf ich mich leider über solche Dummheiten nicht wundern," sagte die Vorsteherin ernst, „aber wie Ihr Beide, Emma und Johanna, daran theilnehmen könnt, das ist mir unbegreiflich. Ich hoffe, daß so etwas nicht wieder geschieht. Zu meinem Bedauern habe ich bemerkt, daß Ihr fast Alle sehr unfreundlich gegen Gretchen seid und Euch recht zu bemühen scheint, ihr das Zusammenleben mit Euch unerträglich zu machen. Merkt es Euch Alle übrigens, Gretchen steht mir so nahe wie eine Schwester und jede ihr zugefügte Kränkung werde ich als eine Beleidigung gegen mich ansehen. Ich bin sehr unzufrieden mit Euch!" Sie setzte sich jetzt neben Gretchen und zog eine Handarbeit aus der Tasche. Nach einer Weile fragte sie: „Agathe, warum hast Du Deinen Stuhl so weit ab von Aurelie gerückt?" — Agathe schwieg verlegen und rückte etwas näher. „Liebe Kinder," fuhr Tante Anna fort, „könnt Ihr denn nicht endlich die Vergangenheit vergessen?" „O, das wäre doch sehr schwer," sagte Emma rasch. Tante Anna wandte sich zu ihr: „Schwer, liebes Kind? Kann es einem christlichen Herzen schwer werden, ein Vergehen seines Nächsten zu vergessen?" „Ja, ein solches Vergehen," erwiderte Emma, „jedes andere könnte man vergessen, aber wenn Jemand so etwas gethan hat, so bleibt das für immer eine Schande, und es ist doch natürlich, daß diejenigen, welche besser sind, nicht Gemeinschaft mit ihr haben mögen." Aurelie fing heftig an zu weinen, die Tante aber war sehr unwillig. „Diejenigen, die besser sind?" wiederholte sie streng, „ich fürchte, Emma, daß Du nicht zu ihnen gehörst. Diese harten, lieblosen Worte machen Deinem Herzen keine Ehre, und Du vergißt, daß wir uns mehr um unsere eigene als um fremde Sünden kümmern sollen. Du willst eine Christin sein. Eine Christin muß Selbsterkenntniß haben. Weißt Du, welches Dein größter Fehler ist?" Emma erröthete bis an die Stirn, sie kämpfte eine Weile, dann sagte sie leise: „Ja!" „Es ist der Hochmuth," erwiderte Tante Anna sehr ernst, „Gott widersteht den Hoffährtigen, aber den Demüthigen giebt er Gnade." Sie tröstete dann die arme Aurelie, und die Zöglinge fühlten sich 389 alle beschämt. Agathe setzte sich dicht neben Aurelie, und Jda kam zu ihr und reichte ihr die Hand, das freute Tante Anna, und Nun thaten es auch die Andern. Nur Emma bewegte sich nicht, Tante Anna sah sie betrübt an, sagte aber nichts mehr darüber. Als die Zöglinge nach der Handarbeitsstunde zum Kaffee in den Saal 'gingen, warf Emma einen bitterbösen Blick auf Gretchen. Diese verstand wohl, was ihre Feindin von ihr dachte, sie ging deshalb zu ihr und sagte zaghaft: „Liebe Emma, sei mir nicht böse! Es hat mir so sehr leid gethan, ich hatte es Tante Anna nicht gesagt, daß ich damals eingeschlossen wurde." „Meinst Du, daß ich das glaube?" erwiderte Emma so spitz, daß Gretchen bestürzt schwieg. Johanna aber sagte gutmüthig: „Ich glaube Dir aber, Gretchen. Schäme Dich doch, Emma, warum glaubst Du es nicht?" „Weil sie eine Klatschliese ist," erwiderte Emma mit einem verächtlichen Blick auf Gretchen, der dieser sehr weh that. Aurelie hatte die Unterredung mit angehört und trat jetzt näher. „Pfui, Emma," sagte sie empört, „wie kannst Du so von Gretchen sprechen? Wenn sie hätte klatschen wollen, hätte sie es gleich damals zu Fräulein Waldmeister gesagt und dann wäre es Euch schlecht gegangen. Und hat sie nicht damals auch Miß Bridge für Dich gebeten?" „O, das that sie nur, um mit ihrem Edelmuth groß zu thun," erwiderte Emma. Da konnte Gretchen sich nicht mehr beherrschen, Thränen stürzten aus ihren Augen. Aurelie umarmte sie zärtlich, Jda aber erinnerte Emma sehr ernst an das, was sie heute von Tante Anna gehört hatten. „Ich wenigstens will es nicht vergessen," versicherte sie, „und mein Betragen gegen Gretchen und Aurelie soll anders werden." Deshalb ging sie auch beim Spaziergang zu Aurelie und forderte sie auf, mit ihr zu gehen. Sie machte erst ein sehr erfreutes Gesicht, dann aber sagte sie ablehnend: „Ich gehe ja mit Gretchen." „O, Gretchen kann heute mit mir gehen!" rief Johanna, die sonst immer mit Emma ging. Gretchen war's zufrieden, aber Emma sah sie ärgerlich an. Tante Anna's ernste Worte hatten Eindruck gemacht, und für Aurelie und Gretchen begann eine bessere Zeit zu tagen. Gretchen bemühte sich aber auch, recht freundlich und gefällig zu sein, das hatte ihre Mutter, 390 der sie ihr ganzes Herz ausgeschüttet, ihr in einem langen Briefe gerathen. Einmal in der Arbeitsstunde sagte Jda leise zu Johanna: „Bitte, erkläre mir einmal diese Exempel, ich habe ganz vergessen, wie sie gerechnet werden." „Ei, ich kann selbst mit meinen nicht fertig werden," war die Antwort, „bitte Mademoiselle darum." „Ja, wenn die es mir französisch erklärt, bin ich eben so klug wie vorher," meinte Jda. „Darf ich sie Dir zeigen?" fragte Gretchen rasch. Jda nahm es an, Gretchen zeigte ihr das erste Exempel, und während sie das zweite rechnete, wurde Gretchen mit dem dritten und vierten fertig. „Du bist ja ein wahrer Rechenmeister," sagte Johanna, „mir kannst Du auch ein paar rechnen. Gretchen war sehr bereit dazu, sie hatte ihre Arbeiten beinahe fertig und also Zeit. Nun meldeten sich aber noch mehrere Andere, und auch ihnen half Gretchen. Mademoiselle sah es und hätte es sonst gewiß nicht erlaubt, heute aber meinte sie lächelnd, sie wolle einmal ausnahmsweise eine solche Ungesetzlichkeit gestatten. Sie wollte Gretchen Gelegenheit geben, das Vorurtheil der Andern zu besiegen, und das gute Kind rechnete auch mit dem größten Eifer. „NarZusrits, V0118 6tes M16 d0NL6 Mk," sagte Johanna ganz gerührt. Französisch mußte dabei gesprochen werden, Mademoiselle duldete kein deutsches Wort. Gretchen stieg nun rasch in der Gunst ihrer Stubengenossinnen. Sie wurde jetzt von Keiner, außer Adele und Emma, Talarfräulein genannt. Der Name war ihr unangenehm, aber noch weher that es ihr, daß Emma sie für einen „Spion" erklärte, der Alles beobachte und nachher bei Tante Anna klatsche. Gretchen hatte oft, und das betrübte sie am meisten, ein unendlich bitteres Gefühl gegen Emma im Herzen, und sie konnte dies Gefühl nicht verbergen, so aufrichtig sie auch dagegen kämpfte. „Das macht mich so traurig," schrieb sie an ihre Mutter, „ich habe sonst doch alle Menschen lieb gehabt." Es war freilich schwer, Emma lieb zu haben, welche der schwärmerischgeliebten Tante Anna jetzt so gar nicht gehorchte. Eines Tages waren die Zöglinge auf dem Spielplatz hinter dem Hause und warteten auf Miß Bridge, um mit ihr spazieren zu gehen. Da machte Emma sich über Gretchen lustig und ahmte ihren Gang und ihre einfache Haltung nach. Gretchen kämpfte tapfer mit ihrer Empfindlichkeit und blieb ganz ruhig, auch lachten die Andern diesmal nicht über sie, und Jda sagte: „Emma, 391 weißt Du nicht, daß Tante Anna eine Gretchen zugefügte Kränkung als eine Beleidigung gegen sie selbst ansehen will?" „Mache Dir nichts daraus, Gretchen," rief Johanna freundlich, „wir Andern werden uns nicht mehr über Dich lustig machen. Wir können es nicht vergessen, daß Tante Anna zu uns sagte: Ich bin sehr unzufrieden mit Euch!" „Wir werden nun nicht eher Ruhe haben, als bis sie wieder zufrieden mit uns ist," sagte Agathe, „und schon deshalb werden wir gut zu Dir sein." „Und auch, weil wir jetzt wissen, daß Du ein liebes gutes Gretchen bist," sagte Jda herzlich, und die Andern stimmten ihr bei. Emma aber machte dazu eine spöttische Bemerkung. Jetzt kam Miß Bridge und sie gingen. Vorher bemerkte Gretchen, daß Tante Anna an einem Fenster ihres Zimmers stand, das auf den Spielplatz hinaussah. Hatte sie Emma's Geberden gesehen? Es mußte so sein, denn zu Gretchens Schrecken wurde Emma später zu der Vorsteherin gerufen. Sie blieb sehr lange dort, und als sie wieder kam, sah sie verweint und traurig aus und setzte sich still an ihre Arbeiten. Es that Gretchen sehr leid, daß sie wieder ihretwegen gescholten worden war, und sie fürchtete, daß Emma wieder glauben könnte, daß sie geklatscht habe. Es war acht Tage später, da stürmten des Abends die Zöglinge der vierten Stube in die dritte. „Ihr müßt mit uns nach dem Saal kommen," riefen sie, „wie feiern Henriette's Geburtstag und wollen Ritter und Räuber spielen, und zwar im Saal, weil das Wetter so schlecht ist. Ihr müßt mit dabei sein, damit es recht viele sind, Ihr seid die Ritter, wir sind die Räuber, Henriette ist unser Hauptmann." Der Vorschlag wurde mit lautem Beifall aufgenommen, und nur Emma sagte stolz: „Ich spiele nicht mit, solche wilde Spiele schicken sich nicht für Mädchen." „O, Tante Anna hat es uns ja erlaubt,"' sagte das zwölfjährige Geburtstagskind, „wir dürfen mir zu Ehren auch ein wildes Spiel vornehmen. Und Ihr müßt dabei sein, besonders Du, Emma, Du bist der erste Ritter, Götz von Berlichingen mußt Du sein." — Emma lachte und willigte ein, Gretchen hatte keine rechte Lust, solche wilde Spiele waren nicht gerade ihr Vergnügen, und seit ihres guten Vaters Tode machte lauter Jubel sie nur traurig, aber Spielverderberin mochte sie doch nicht sein, und so ging sie denn mit. Die Tische des Saales wurden hin und her, von ihrer Stelle gerückt, damit die Räuber den verfolgenden Rittern 392 um so eher ausweichen konnten. Durch Stühle wurde das Gebiet der beiden Parteien bestimmt. Die vierte Stube waren Räuber, die dritte stellte die Ritter vor, und zwei von ihnen mußten Reisende sein. Adele wollte lieber zu den Räubern gehören und ging zu den Feinden über. Emma war Götz von Berlichingen, Johanna Franz von Sickingen. „Nun, wer will unter mein Kommando gehören?" rief Emma. „Ich!" sagte Gretchen unwillkürlich, in dem Wunsche freundlich gegen sie zu sein. Emma sah sie mit großen Augen an. „Wenn es Dir angenehm ist!" setzte Gretchen verlegen hinzu. „Es muß mir angenehm sein," erwiderte Emma gedehnt. „Nein, Gretchen gehört zu mir," rief Johanna, „sie ist mein erster Knappe, und wenn sie einen Räuber gefangen hat, schlage ich sie zum Ritter." — Da mußte Gretchen doch lächeln, das ganze Spiel kam ihr sehr komisch vor. Nun erschienen die beiden Reisenden mit Bündeln auf dem Rücken. Die Räuber stürzten, hervor, nahmen ihnen unter großem Geschrei die Sachen ab und zogen sich damit in die Räuberhöhle zurück. Nun kamen die Beraubten zu den Rittern, klagten sehr jämmerlich ihr Leid und baten um Beistand, der ihnen auch zugesagt wurde. Emma meinte freilich: „Wir spielen eigentlich eine historische Unwahrheit, denn die Ritter sind meistens selber die Räuber und nicht deren Verfolger gewesen." Nun folgte die Jagd auf die Räuber. — „Wir dürfen nicht eher ruhen," rief Johanna, „bis wir alle gefangen und in das Burgverließ geschleppt haben." Gleich beim ersten Zuge wurden mehrere Räuber gefangen, darunter der Hauptmann, das Geburtstagskind, worüber bei den Rittern großer Jubel entstand. Nun wurde eine Pause gemacht, während der die Räuber einen andern Hauptmann wählten. Unterdessen sprach Emma mit Johanna und zwar absichtlich so laut, daß Gretchen es verstehen konnte. O was mußte sie hören! „Tante Anna," sagte Emma, „hat mir befohlen, liebenswürdig gegen sie zu sein, ich werde natürlich gehorchen, aber nur aus Pflichtgefühl, das soll sie wenigstens wissen. I ch laste mich nicht von ihr täuschen, ich durchschaue sie, sie ist falsch und heuchlerisch und schmeichelt sich bei Tante Anna ein und verklatscht uns bei jeder Gelegenheit." „Du solltest Dich schämen, so etwas zu sagen," erwiderte Johanna entrüstet, „und das nennst Du gehorchen, nennst Du liebenswürdig gegen sie sein?" 393 „Auch Du bist verblendet!" entgegnete Emma, und sie sprach noch weiter, aber Gretchen hörte es nicht mehr. Sie schlich leise aus dem Saal, sie ging in die dritte Stube, wo sie allein sein konnte und weinte. Wohl sagte sie sich selbst, daß sie sich über dieses lieblose Urtheil hinwegsetzen sollte, aber sie konnte es nicht, es that ihr gar zu weh. Falsch und heuchlerisch sollte sie sein, sich bei Tante Anna einschmeicheln und die Andern verklatschen! O, wie sehnte sie sich nach ihrer Mutter in dieser Stunde, sie fühlte sich so allein, so ganz allein und verlassen! Sehr bald kam Aurelie ihr nach. „Wo steckst Du denn, Gretchen?" rief sie, und war dann sehr bestürzt, als sie Gretchen in Thränen erblickte. Gleich darauf kam Johanna und erzählte, daß Tante Anna soeben in den Saal gekommen sei und Gretchen sogleich vermißt habe. Gretchen trocknete schnell ihre Thränen. „Sagt ihr nichts davon," bat sie dringend, „es könnte sonst wieder aussehen, als ob ich geklatscht habe." „Wenn sie mich fragt, werde ich es ihr gewiß sagen," versicherte Johanna, „es ist zu abscheulich von Emma." Ehe Gretchen noch etwas erwidern konnte, trat Tante Anna ein. Sie bemerkte sogleich, daß Gretchen geweint hatte und fragte nach der Ursache. Gretchen wollte es nicht sagen, da wandte sie sich an Johanna und die erzählte dann Alles. Tante Anna war sehr unwillig und sagte, daß sie am nächsten Tags mit Emma sprechen wolle. „Ach, liebe Tante, bestrafe sie nicht," bat Gretchen flehend, „sie würde mich um so mehr hassen, ach bitte, bitte, sage ihr gar nichts darüber." Tante Anna schüttelte den Kopf. „Ich darf ihr schlechtes Betragen nicht so hingehen lassen, und ich will Dich wenigstens vor ihren Kränkungen sicher stellen." Aurelie und Johanna kehrten nun in den Saal zurück, Gretchen aber ging mit nach Tante Anna's Zimmer, und da mußte sie sich wohl bald aufheitern. Der Onkel zeigte ihr eine Mappe mit schönen Bildern, Tante Anna holte aus der Bibliothek ein reizendes Geschichtenbuch und schenkte es ihr, und Martha war auch sehr liebenswürdig gegen sie. Nachher sprach Tante Anna auch noch mit Gretchen über Emma. „Sie ist hochmüthig," sagte sie, „sie ist daran gewöhnt, in Eurer Stube die Erste zu sein, und es verdrießt sie, daß Du ihr in manchen Dingen überlegen bist. Darum ist sie ungerecht gegen Dich, aber das wird nicht so bleiben, sie wird ihr Unr.echt einsehen und Dich dann desto lieber haben!" 394 „Ach, wenn das doch wahr würde!" sagte Gretchen innig. „Und liebe Tante, das Schlimmste ist, daß ich oft selbst so bitter gegen sie gestimmt bin! Konnte ich sie nur selbst lieb haben!" Tante Anna sah ihr freundlich in die Augen: „Bete herzlich für sie und um Frieden mit ihr, dann wird der Herr Dir auch Frieden und Liebe schenken!" Abends, als die Zöglinge schon im Bette lagen, kam Tante Anna noch in den Schlafsaal, sie sagte Gretchen gute Nacht und küßte sie. „Bitte, geben Sie mir auch einen Gutenachtkuß," rief Jda, und Tante Anna erfüllte die Bitte. Nun wollten auch die Andern einen Kuß haben und Tante Anna mußte an jedes Bett treten. Nur Emma küßte sie nicht, sie sagte nur zu ihr: „Emma, ich bin sehr unzufrieden mit Dir!" Am nächsten Tage wurde Emma in das Bücherzimmer gerufen. Sie fand Tante Anna allein, und diese wies ihr einen Sitz an. „Erinnerst Du Dich an das Gespräch, welches ich vor acht Tagen mit Dir über Gretchen Helding hatte?" fragte Tante Anna ernst. — Emma bejahte es verlegen. — „Ich sagte Dir damals," fuhr Tante Anna fort, „daß mich Dein rücksichtsloses Wesen gegen mein liebes gutes Gretchen sehr betrübe, und ich verbot Dir, wenn ich Dir auch keine freundliche Gesinnung gegen sie einflößen konnte, ferner über sie zu spotten und sie absichtlich zu kränken. Bist Du mir gehorsam gewesen?" Emma erröthete und schwieg. „Bist Du mir gehorsam gewesen?" wiederholte Tante Anna mit Nachdruck, und nun erwiderte Emma: „Ich weiß es nicht; aber ich glaube nicht, daß ich sie absichtlich gekränkt habe." „Du glaubst es nicht?" entgegnete Tante Anna zürnend. „Du hast Dich gestern in der gehässigsten Weise über sie ausgesprochen, hast sie klatschsüchtig und eine Schmeichlerin und Heuchlerin genannt, und zwar im Beisein vieler Zöglinge und so laut, daß Gretchen es nothwendig hören mußte. Nennst Du das nicht absichtlich kränken?" „Ich hätte es nicht sagen sollen," erwiderte Emma stockend, „aber — es ist meine Ueberzeugung." „Und worauf gründet sich diese?" fragte Tante Anna. „Auf ein Bor- urtheil, auf eine Einbildung Deines thörichten, stolzen Herzens. Gretchen hat es noch nie versucht, mir zu schmeicheln, sie ist die Wahrheit und Aufrichtigkeit selbst, und noch niemals hat sie mir etwas «geklatscht». Ich selbst habe es bemerkt und auch Euren Erzieherinnen ist es nicht entgangen, daß si^ von Euch Allen, besonders von Dir, schlecht behandelt wurde, sie selbst 395 hat niemals ein Wort der Klage ausgesprochen. Nicht von ihr habe ich erfahren, daß Ihr sie damals eingeschlossen, und damit ihre Verspätung veranlaßt habt, und.nicht sie war's gestern, die mir Deine harten Worte mittheilte. Im Gegentheil, es war ihr sehr schmerzlich, daß ich es erfuhr, und sie bat mich mit Thränen, daß ich Dich nicht bestrafen, bat mich, daß ich gar nicht mit Dir über die Sache reden möchte. Willst Du mir nun sagen, was und wann sie geklatscht hat?" Emma schwieg, und Tante Anna fuhr nach einer kleinen Pause fort: „Emma, bist Du jetzt überzeugt? Siehst Du Dein Unrecht ein und willst Du es Gretchen sagen?" „O Tante Anna," rief Emma plötzlich leidenschaftlich, „Sie kennen dieses Mädchen nicht, Sie lassen sich von ihr täuschen wie alle Andern, aber ich kenne sie besser, ich weiß —" Sie sprach nicht weiter, ein durchdringender Blick der Vorsteherin gebot ihr Schweigen. „Seit wann kennst Du Gretchen?" fragte Tante Anna streng. „Seit vier Wochen," mußte Emma zögernd eingestehen. „Und Du wagst es, mir zu sagen, daß Du sie besser kennst als ich, die ich ihr seit ihrer frühesten Kindheit nahe stehe und ihre Entwicklung beständig beobachtet habe? Du traust Dir mit Deinen 14 Jahren ein richtigeres Urtheil zu als mir, als allen Andern? Es betrübt mich, zu sehen, wie groß Deine Verblendung ist. Ich darf von Dir fordern, daß Du in dieser Sache Dein Urtheil dem meinigen unterwirfst und mir glaubst, daß Gretchen Deine schlechte Meinung nicht verdient. Ich weiß auch, daß die Zeit kommen wird, in der Du meine Forderung erfüllen, in der Du den rechten Weg wiederfinden und es Gretchen selbst sagen wirst, daß Du ihr unrecht gethan hast. Bis dahin aber, bis dies geschehen ist, wirst Du Dich möglichst fern von mir halten!" Emma erschrak, sie verstand wohl, was Tante Anna's Worte bedeuteten. Ihre Privatzimmer sollten für Emma verschlossen sein, sie sollte nicht, wie die andern Zöglinge, jederzeit zu ihr kommen dürfen, auch zu keinem der gemüthlichen Theeabende eingeladen werden, sie sollte sich überhaupt der Vorsteherin nicht nähern, sich keine Vertraulichkeiten gegen sie erlauben dürfen. Das war für die Zöglinge, welche Tante Anna zärtlich liebten, die allerschwerste und demüthigendste Strafe! Emma fing heftig an zu weinen. „O Tante Anna," schluchzte sie, „bestrafen Sie mich nicht 396 so hart! Ich will nie wieder meine Meinung über Gretchen aussprechen, ich will sie durch keinen Blick und keine Aeußerung kränken." „Das erwarte ich," erwiderte Tante Anna ruhig. „Ich verlange aber noch mehr, ich will, daß Du Dein hochmüthiges Herz besiegen und Demuth lernen sollst. Erst dann, wenn dies geschehen, darfst Du wieder zu mir kommen. Jetzt gehe zurück in Eure Stube." Emma stand weinend da, Stolz und Liebe zu Tante Anna kämpften in ihr; die letztere siegte, Emma trat näher zu der Vorsteherin, sie wollte ihr zeigen, daß sie demüthig sein konnte, daß sie besser war als Tante Anna glaubte. „Ja, ich verdiene eine Strafe," flüsterte sie, „es war unrecht, daß ich Ihnen nicht gehorchte, daß ich gestern so über Margarethe sprach. Vergeben Sie mir, es thut mir sehr, sehr leid." „Thut es Dir leid, daß Du ihr so wehe thatest?" fragte Tante Anna freundlich. „Willst Du mir glauben, daß ich sie bester kenne als Du, daß Du ihr unrecht gethan hast?" Emma senkte den Kopf, nein, so weit ging ihre Demuth nicht. Tante Anna blickte sie traurig an. „Meine arme Emma," sagte sie schmerzlich, „Du dauerst mich, ich weiß, daß Du einst mit tiefer Beschämung an diese Zeit zurückdenken wirst. Und nun kein Wort mehr darüber. Du weißt, wann wir wieder über diese Sache sprechen werden." Sie hatte sich dabei erhoben, Emma wollte ihr einen Kuß geben, aber sie zog sich zurück, und ihr Blick sagte, daß Emma in der That kein Wort mehr sprechen dürfe, sondern nun gehen müsse. Sie verließ das Zimmer, aber im Korridor hielt sie an und weinte, als wolle ihr das Herz brechen. O wie schmerzlich war das Bewußtsein, daß sie die zärtlich geliebte Tante Anna betrübt hatte und von dem vertraulichen Verkehr mit ihr ausgeschlossen war. Sie ist hart gegen mich, dachte Emma, sie verkennt mich und täuscht sich in Gretchen. Wie kann sie von mir verlangen, daß ich um Verzeihung bitten und gestehen soll, daß ich unrecht gethan, wenn ich doch nur meine Ueberzeugung ausgesprochen habe. Daß ich Tante Anna ungehorsam war und nicht schwieg, das war unrecht, aber wenn ich klarer sehe als Andere, das ist kein Unrecht, und doch muß ich deswegen leiden. Ach wäre diese Margarethe doch nicht hierhergekommen. „Diese Margarethe" betrat eben den Korridor und war sehr bestürzt, als sie Emma hier stehen sah. Das Mitleid überwand ihre Scheu und Abneigung, sie trat näher und fragte theilnehmend: „Liebe Emma, was fehlt Dir?" 397 Emma blickte rasch auf, ihre Thränen versiegten augenblicklich, und der Blick, mit dem sie Gretchen ansah, war nichts weniger als freundlich. „Ich will Dir etwas sagen," erwiderte sie mit bebenden Lippen, „es ist am besten, wenn wir Beide niemals wieder ein Wort mit einander sprechen. Ich werde Dich in Ruhe lassen, Du sollst nichts wieder von mir zu klatschen haben." — Dachte sie nicht daran, was Tante Anna ihr gesagt, daß Gretchen niemals geklatscht, niemals ein Wort der Klage ausgesprochen hatte? Es blieb Emma's Stubengenossinnen nicht lange verborgen, welche harte Strafe über erstere verhängt worden war. Emma wurde einmal von Jda aufgefordert, mit ihr zu Tante Anna zu gehen, um einen Auftrag von Miß Bridge zu bestellen, sie lehnte es aber ab. Am folgenden Tage saßen die Zöglinge unter den Linden am Spielplatz, da kam Johanna herbei und flüsterte Emma zu: „Tante Anna ist jetzt allein im Bücherzimmer, wir wollen ein Bischen zu ihr gehen, es ist so nett, wenn man sie einmal allein hat." Emma schüttelte den Kopf. „Warum gehst Du nicht mit?" fragte Adele, die Johanna's Worte gehört hatte. „Das geht Dich nichts an," erwiderte Emma kalt. „Bist Du etwa in den Bann gethan?" rief Adele plötzlich lebhaft. Emma wurde dunkelroth und schwieg. „Was? habe ich das Rechte getroffen?" fuhr Adele staunend fort, und die Andern waren auch sehr verwundert. „Na, nun hört alles auf," sagte Jda kopfschüttelnd, „Emma im Bann! Also darum bist Du so lange nicht zum Theeabend eingeladen worden und gehst niemals zu Tante Anna. Was hast Du denn gethan?" „Das brauche ich Dir nicht zu sagen," erwiderte Emma, indem sie aufstand und fortging. „Es ist gewiß Gretchens wegen," meinte nun Johanna, „Tante Anna hat sich über Emma's Benehmen sehr betrübt." „Meinetwegen?" fragte Gretchen bestürzt und dachte daran, wie heftig Emma damals geweint hatte. „Und was bedeutet denn der Bann?" „Das ist ein Name, den wir für diese Strafe erfunden haben," erklärte Jda. „Wer im Bann ist, darf nicht von selbst zu Tante Anna kommen und wird nie zu ihr eingeladen." 398 „Für mich wäre das keine Strafe, ich ließe mir kein graues Haar darum wachsen," meinte die leichtsinnige Adele. „Dich würde Tante Anna auch nicht so bestrafen, Du Kobold," sagte Johanna, „für uns aber, die wir sie lieben und verehren, giebt es keine größere Strafe." „Darin hast Du recht," sagte Gretchen einverstanden. „Uebrigens," fuhr Johanna fort, „was die Theeabende anbetrifft, so können wir Andern uns auch nicht rühmen, öftere Einladungen dazu zu erhalten. Seitdem Tante Anna damals zu uns sagte: Ich bin sehr unzufrieden mit euch, ist noch Niemand aus der dritten Stube zu ihr eingeladen worden, außer Gretchen und Aurelie." „Ach, an wie vielem Unheil bin ich schuld!" sagte Gretchen traurig. „Ei, Du kannst nichts dafür, es ist allein unsere Schuld," rief Jda. „Aber wenn Du uns einen Gefallen thun willst, so sprich einmal mit Tante Anna, sage ihr, daß wir jetzt anders gegen Dich sind und bitte sie um einen Theeabend für uns." Das versprach Gretchen auf das Bereitwilligste. Ihr war das Herz ganz schwer geworden — es that ihr unbeschreiblich leid, daß Emma, deren Liebe zu Tante Anna sie kannte, ihretwegen so bestraft sein sollte. Sie überwand den Groll in ihrem Herzen und als sie Emma einmal im Garten traf, trat sie zu ihr und wollte ihr Versöhnung antragen, aber sie konnte nur wenige Worte sprechen. Emma maß sie mit einem stolzen Blick und sagte kalt: „Ich habe Dir ja gesagt, daß ich kein Wort mit Dir reden will. Ich lasse Dich in Ruhe und bitte mir von Dir dasselbe aus." Allerdings ließ sie Gretchen in Ruhe, sie nannte nie ihren Namen, sie sprach nie ein Wort zu oder von ihr, sie that, als wäre Gretchen gar nicht da. Die andern Zöglinge hingen jetzt mit großer Liebe an ihr, nur Adele spielte ihr zuweilen einen muthwilligen Streich, einen solchen mußten sich aber Alle von ihr gefallen lasten. Der.Name Talarfräulein war beinahe verschwunden, nur Adele konnte es nicht lasten, ihn zuweilen zu gebrauchen. — Es war noch früh am Morgen. Gretchen saß recht traurig in ihrer Stube und dachte an ihre Schwester Martha, deren Geburtstag heute war. Da trat Tante Anna ein und wandte sich zu ihr: „Gretchen, was meinst Du wohl, wollen wir heute nach Höfendorf fahren und dort Martha's Geburtstag feiern helfen?" — Gretchen jubelte laut auf und SS9 siel der guten Tante um den Hals, sie hatte nicht geahnt, daß diese um den Geburtstag wußte. — „Nun, dann fahren wir mit dem 'Mittagszuge ab," fuhr Tante Anna fort, „ich will Dir auch erlauben zwei von Deinen Stubengenossinnen mitzunehmen, die Du selbst auswählen kannst." „Aurelie?" fragte Gretchen rasch. Tante Anna nickte und sagte: „Nun noch eine." „Laß mich die eine sein!" rief Jda. — „Nein, nimm mich mit!" schrie Adele, und die Andern baten ebenfalls darum. Nur Emma schwieg, und doch wußte Gretchen, daß sie sehr gern nach Höfendorf fuhr, da sie mit Tante Anna's jüngster sechzehnjähriger Schwester befreundet war. Gretchen dachte an des Herrn Wort: „Liebet eure Feinde!" sie dachte, es würde Emma vielleicht freundlicher stimmen, wenn sie gewählt würde, und so fragte sie: „Darf Emma nicht mitkommen?" Ehe Tante Anna antworten konnte, sagte Emma, indem sie den Kopf stolz zurückwarf: „Ich danke sehr, ich fahre nicht mit." „Warum nicht?" fragte Tante Anna ernst. Emma wußte nicht recht, was sie antworten sollte. „Du bist doch sonst so gern in Höfendorf gewesen," fuhr Tante Anna fort. „Ja, aber heute möchte ich lieber hier bleiben!" erwiderte Emma. Tante Anna betrachtete sie schweigend einige Augenblicke, dann sagte sie ruhig: „Ich würde mich über Deine Weigerung freuen, wenn sie aus dem richtigen Gefühl entspränge, daß Du in Deiner jetzigen Stimmung ein Vergnügen nicht verdienst. Ich fürchte aber, daß ein anderes Gefühl die Ursache ist, und das betrübt mich sehr. Nun, Gretchen, wähle eine Andere." „Adele?" fragte Gretchen, einmal entschlossen eine Feindin zu wählen. „Was, der Kobold?" sagte Tante Anna lächelnd, „der hat es wohl eigentlich nicht um Dich verdient. Ich weiß nicht recht, ob ich diese Wahl bestätigen soll." „O bitte, thun Sie es," rief Adele, „ich verspreche auch, daß ich dem Talarfräulein keinen einzigen Streich mehr spielen werde." „Dem Talarfräulein?" fragte Tante Anna befremdet, und nun kam es heraus, daß dies Gretchens Beinamen war. Darüber war Tante Anna sehr unwillig, doch Adele versicherte, daß sie den Namen nie mehr aussprechen würde, Gretchen bat auch für sie, und die Wahl wurde bestätigt. 400 Gleich nach Tische fuhr die Gesellschaft ab, und in einer halben Stunde waren sie in Höfendorf, der ersten Station. Als sie ausstiegen, wäre Gretchen beinahe umgefallen vor freudigem Schreck, denn wen sah sie da auf dem Perron? Ihre liebe Mutter und alle ihre Schwestern. Sie war ganz fassungslos und weinte eine Weile am Halse ihrer Mutter, so daß diese mehrmals ermähnen mußte: Beruhige Dich doch, mein liebes Gretchen. Aber auch sie hatte Thränen in den Augen, und die Schwestern herzten sie so viel, sie wollten sie gar nicht loslassen. Dann aber sprang Gretchen zu Tante Anna und dankte ihr für diese Freude. „Ich wußte nicht bestimmt, ob Deine Mama kommen würde," sagte Tante Anna, „sonst hätte ich es Dir heute früh gesagt, damit Du schon vorher die Freude gehabt hättest." Im Pfarrhause wurden sie von Tante Anna's Eltern und Geschwistern sehr freundlich empfangen. Gretchen wurde auch von Martha an den schönen Geburtstagstisch geführt, und diese erzählte ihr auch, wie gut es ihr in Höfendorf gehe und daß sie gar kein Heimweh gehabt habe. Aurelie und Adele waren mit Martha schnell intim und amüsirten sich sehr gut, Gretchen aber war fast nur für ihre Mutter da. Nach dem Kaffee wurde für die junge Welt, wie Herr Pastor sagte, eine Wasserfahrt arrangirt auf dem schönen See hinter dem Pfarrgarten. Gretchen fuhr nicht mit, sie saß währenddessen allein mit ihrer Mutter in einer Laube — ach, sie hatte ihr so viel zu sagen, sie schüttete nun ihr ganzes Herz aus und erzählte auch Alles von Emma, ausführlicher, als sie es hatte schreiben können. Die Mutter sagte ihr: „Ich kann Dir keinen andern Rath geben, als daß Du Dich hierin wie in allen andern Dingen fest an das Wort Gottes halten mögest. Denke an die Feindesliebe, die der Herr uns gebietet, denke an die Mahnung des Apostels: Ist es möglich, so viel an Euch ist, so habt mit allen Menschen Frieden. Und: Laß Dich nicht das Böse überwinden, sondern überwinde das Böse mit Gutem." „Ich zanke mich nie mit Emma," sagte Gretchen, „sie beleidigt mich auch niemals, und ich habe also eigentlich Frieden mit ihr, aber das ist doch nicht das Rechte, sie verachtet mich und hält mich für eine Heuchlerin; was soll ich nun thun, um zu dem rechten Frieden mit ihr zu kommen?" „Sei immer freundlich und herzlich," erwiderte die Mutter, „besiege ihren Stolz durch Deine Demuth, ihren Haß durch Deine Liebe, zuletzt wird Dein Streben gesegnet sein, denn Gott läßt es den Aufrichtigen 401 gelingen." — So sprachen sie noch lange zusammen, und als es endlich Zeit zum Abschiednehmen war, schien es Gretchen noch viel zu früh. Aber als die Mutter sie mahnend anblickte, da lächelte Gretchen ihr unter Thränen zu und sagte: „Ich will mich recht zusammennehmen, Mama, ich muß der guten Tante dankbar sein für diese Freude, und das wäre ich nicht, wenn ich jetzt den Kopf hängen ließe." Noch eine Freude wurde ihr zu Theil. Ihre Mutter fragte, wie Tante Anna mit ihr zufrieden sei, und Tante Anna erwiderte gütig: „Gretchen gehört bereits zu den besten Schülerinnen der Anstalt." Gretchen erröthete tief und nahm sich vor, dies Lob immer zu verdienen und mit jedem Tage gehorsamer, fleißiger und aufmerksamer zu werden. Martha hatte ihrer Schwester eine Schachtel voll Chokoladenkuchen, welche Emmy für sie gebacken hatte, mitgegeben, und die wurden am nächsten Tage gemüthlich in der dritten Stube verzehrt. Nur Emma dankte, als Gretchen ihr die Schachtel reichte, worüber Jda sich sehr ärgerte. „Die Kuchen sind wohl nicht gut genug für Deinen zarten Magen?" fragte sie spöttisch. Gleich darauf trat Tante Anna ein und bemerkte sofort, daß Emma nicht mit aß. Johanna sagte ihr, daß Emma keinen Kuchen gewollt habe. „Warum denn nicht?" fragte die Tante. „Emma, Du bist doch sonst, wie ich weiß, eine große Freundin von Chokolade und allem, was daraus besteht." „Emma ist zu stolz, um etwas von Gretchen anzunehmen!" rief Adele. „Wenn das der Fall ist," sagte Tante Anna ruhig, „so wird sie dies Gefühl überwinden können. Gretchen, wenn Du ihr die Kuchen noch einmal anbietest, wird sie gewiß einen nehmen." — Gretchen beeilte sich, dem Wunsche zu entsprechen, und Emma nahm mit einem kühlen Danke einen Kuchen. Sie that es freilich sehr ungern, wagte aber doch nicht, einem Winke von Tante Anna ungehorsam zu sein. Gretchen hatte ihren Auftrag, für ihre Stubengenossinnen eine Einladung zum Thee zu erbitten, sehr bald ausgeführt. Tante Anna trat eines Tages in die Handarbeitsstunde und sagte in scherzendem Tone: „Nun, meine Lieben, Ihr habt Euch also darüber beklagt, daß Ihr so lange nicht zu mir eingeladen wurdet?" Es entstand erst ein etwas verlegenes Schweigen, dann sagte Johanna: „Es hat uns traurig gemacht, weil wir wohl wußten, warum wir keine Einladung erhielten." T.-A. XX. 26 402 Jda faßte Tante Anna's Hand und sagte: „Liebe Tante, Sie haben uns damals Ihre Unzufriedenheit ausgesprochen. Wir haben das nicht vergessen können und uns bemüht, ein anderes Urtheil zu verdienen. Fragen Sie Gretchen und Aurelie, ob wir nicht anders geworden sind." „Gegen mich seid Ihr viel besser als ich verdiene," sagte Gretchen rasch, und Aurelie stimmte ihr bei. „Dann muß ich heute wohl ein anderes Urtheil fällen," sagte die Tante lächelnd, „und es bleibt mir nichts übrig, als Euch so schnell wie möglich zu mir einzuladen. Ich werde Euch heute Abend nach dem Schluß der Arbeitsstunde erwarten." Allgemeine Freude. „Uns Alle?" fragte Jda. „Ja, Euch Alle, außer Emma." Alle schwiegen, Emma senkte den Kopf tief auf ihre Arbeit hinab; sie that dem guten Gretchen gar sehr leid. Zu sprechen wagte sie nicht, das hätte Emma gewiß verletzt, wenn Gretchen für sie gebeten hätte, aber sie schmiegte sich an Tante Anna und blickte sie bittend an. Letztere verstand sie und küßte sie freundlich auf die Stirn. Dann trat sie zu Emma, hob ihren Kopf in die Höhe und sah ihr tief in die Augen. „Emma," sagte sie mit mildem Ernst, „ich würde mich sehr freuen, wenn ich auch Dich bei mir sehen könnte. Du weißt, daß es allein von Dir abhängt. Willst Du mit den Andern kommen?" Thränen traten in Emma's Augen. „Ich kann nicht thun, was Sie verlangen," sagte sie, „ich kann nicht unwahr sein, ich kann nicht heucheln." Es ging Gretchen wie ein Stich durch's Herz, als Emma das „Ich" so betonte. Tante Anna blickte diese traurig an: „Du sollst nicht unwahr sein und heucheln, Du sollst Dich mit aufrichtigem Sinn selbst überwinden lernen. Du kannst es noch nicht, und Du wirst daher heute Abend allein hier bleiben. Du hast schon öfter Aufsätze über einzelne Bibelsprüche gemacht. Heute Abend wirst Du Deine Gedanken über den Spruch niederschreiben: Gott widersteht den Hoffährtigen, aber den Demüthigen giebt er Gnade! Ich werde den Aufsatz morgen früh durchlesen." Tante Anna wandte sich dann zu den Andern: „Ich weiß doch nicht, ob ich nicht noch Eine von Euch ausschließen muß? Hat Adele ihren Muthwillen in letzter Zeit eingeschränkt? Hat Jemand Klage wider sie zu führen?" Nun hätten wohl manche Streiche des Kobolds an das Tageslicht kommen können, indessen fand sich kein Ankläger, und Gretchen konnte der 403 Tante versichern, daß Adele sie seit der Höfendorfer Reise nicht mehr Talarfräulein genannt habe. So wurde sie denn nicht ausgeschlossen. Bei Tante Anna war es sehr gemüthlich, es wurden allerhand Gesellschaftsspiele gespielt, und zuletzt kam eine Verloosung, bei der Jeder ein reizendes Geschenk gewann, Gretchen ein hübsches Schreibzeug. Tante Anna's Schwester Martha hatte schöne Theekuchen gebacken und zu den Spielen Rosinen und Mandeln hergegeben. » 2- „Jda," sagte Gretchen am nächsten Tage, „was meinte Tante Anna gestern damit, daß sie sagte, es hinge allein von Emma ab, eine Einladung zu erhalten?" Jda lächelte eigenthümlich. „Hast Du das nicht gemerkt? Emma ist so lange im Bann, bis sie ihr Unrecht gegen Dich eingesehen und sich mit Dir versöhnt hat, das ist klar wie der Tag." „Wirklich?" sagte Gretchen sehr bestürzt. „Ganz gewiß," versicherte Jda. „Und übrigens muß ihre Liebe zu Tante Anna nicht weit her sein." „Warum denn nicht?" fragte Gretchen verwundert. „Ei, wenn sie Tante Anna so sehr liebte, würde ihr der Bann ganz unerträglich sein, und sie würde Alles thun, um davon befreit zu werden. Warum sagt sie nicht ganz einfach: Gretchen, ich habe mich in Dir geirrt. Du bist nicht der Spion der dritten Stube! Dann wäre Tante Anna zufrieden und Alles wieder gut. Wenn ich so bestraft würde und es stände bei mir, diesem Zustand ein Ende zu machen, dann würde ich keinen Augenblick zögern und mich gern deshalb ein bischen demüthigen. Nein, ich behaupte, Emma macht sich aus dieser Strafe gar nichts." Das konnte Gretchen aber nicht glauben, sie hatte ja Emma's heiße Thränen gesehen, und daß Emma von einem tiefen Kummer gedrückt wurde, konnte man ihr leicht anmerken. Gretchen dachte an ihrer Mutter Wort: „Ueberwinde ihren Stolz durch Deine Demuth", und sie beschloß mit Emma zu sprechen und ihr mit der Versöhnung, welche ihr befohlen war, entgegenzukommen. Aber auch dieser Versuch mißlang. Als Gretchen zu Emma trat und zu ihr sagte: „Liebe Emma, ich möchte gern mit Dir sprechen," erwiderte Emma kalt: „Ich möchte Dich aber nicht hören", und wandte ihr sogleich den Rücken. Da mochte Gretchen nicht noch einmal anfangen. Ich will sie in Ruhe lassen, dachte sie, es hilft mir doch Alles nichts, und ich kann ja doch nicht dafür, daß sie diese Strafe erhalten hat. 26 * 404 Aber Gretchen hatte doch keine Ruhe, sie konnte nicht gleichgültig neben Emma hergehen. Ihre Mutter schrieb ihr, sie möchte doch nicht in der Liebe und Sanftmuth ermüden, sie möchte das Böse mit Gutem überwinden. Sie versuchte es, ihrer Feindin kleine Gefälligkeiten zu erweisen, ihr manche Wünsche an den Augen abzusehen. Emma nahm es eigentlich nicht unfreundlich aus, sie war niemals wieder unfreundlich gegen Gretchen, aber deren schüchternes Entgegenkommen machte sie verlegen, sie vermied Gretchens Nähe, sie vermied es sogar, sie anzusehen. Einmal äußerte sie gegen Jda, daß sie mit den Schuhen, die sie zu ihres Bruders Geburtstag sticke, leider nicht fertig werden würde. Gretchen hätte ihr so gern ihre Hilfe angeboten, aber sie wagte es nicht. „Eigentlich, Gretchen, kann ich es Emma nicht verdenken, daß sie Dich nicht leiden kann," sagte Johanna eines Tages; „ihr Ansehen ist sehr gesunken, seit Du hier bist." „Aber warum denn?" fragte Gretchen. „Ja, sieh einmal, früher nahm sie hier den ersten Platz ein, sie ist in höheren Klassen als wir und wurde uns immer als Muster hingestellt. Ihr Wort galt unbedingt, und Jede war stolz auf ihre Freundschaft. Nun ist das anders geworden, jetzt sind wir Alle entzückt von Dir, Du bist wie Tante Anna's Tochter, und unsere Erzieherinnen haben Dich sehr lieb. Wie oft ist Emma dagegen schon Deinetwegen getadelt worden! Und nun ist sie gar in den Bann gethan worden! Das ist eine sehr beschämende Strafe. Du siehst, mit unserm Respekt ist es vorbei, und das fühlt sie selbst recht gut." Wenn Emma Gretchens wegen oft getadelt worden war, so geschah das doch jetzt nicht mehr. Ihre Erzieherinnen mußten mit ihr zufrieden sein, sie verdoppelte ihren Fleiß, ihren Gehorsam, ihre Aufmerksamkeit. Aber ihre Heiterkeit war dahin, sie war immer still und traurig, und Gretchen fühlte inniges Mitleid mit ihr, es that ihr weh, wenn sie den schmerzlichen Ausdruck bemerkte, der in Emma's Zügen lag, wenn Tante Anna einmal bei ihnen war, wenn Alle sie freudig umringten und nur Emma sich fern von ihr halten mußte. Es kam Gretchen jetzt vor, als ob auch sie nicht ohne Schuld an dem traurigen Verhältniß sei. Ja gewiß, sie war oft empfindlich gewesen, sie hatte Emma's spöttische Bemerkungen nicht ruhig und geduldig aufgenommen, und der Schein sprach auch gegen sie, und Emma mochte sie wirklich für klatschsüchtig halten. So überlegte Gretchen, und ihr Groll verschwand immer mehr. 405 Eines Morgens wachte sie sehr früh auf, da kam ihr. ein glücklicher Gedanke. Sie stand leise auf, zog sich an und ging hinüber in die dritte Stube; hier nahm sie Emma's Stickerei aus dem Nähkorb und stickte eifrig an ihren Schuhen, bis sie beinahe fertig waren. Dann legte sie sich noch einmal zu Bett, damit Niemand etwas merken solle. Aber nachher war sie doch sehr unruhig. Hatte sie vielleicht unrecht gehandelt? war es nicht vielleicht verboten, so früh aufzustehen? In dieser Noth ging sie zu Tante Anna und erzählte ihr Alles. Tante Anna küßte sie und sagte freundlich: „Mein liebes Gretchen, Du wirst, dessen bin ich gewiß, einst Emma's volle Liebe besitzen, und Du verdienst sie auch. Sie wird den rechten Weg wiederfinden und ihr Betragen sehr bereuen. Ist sie denn noch nicht anders gegen Dich?" Gretchen wußte nicht recht, ob sie ja oder nein sagen sollte, manchmal kam es ihr vor, als ob Emma sie nicht mehr so feindselig ansähe, aber sie hatte noch kein Wort mit ihr gesprochen. In der Handarbeitsstunde nahm Emma ihre Stickerei vor und erstaunte nicht wenig, als sie dieselbe so weit gefördert fand. Sie warf einen raschen Blick auf Gretchen, welche verwirrt die Augen niederschlug, und eine tiefe Nöthe überzog ihr Gesicht. Sie sagte kein Wort darüber, aber Gretchen bemerkte eine tiefe Bewegung in ihren Zügen, ja es schien ihr, als ob sie Mühe hatte, ihre Thränen zu verbergen. Es hat sie gekränkt! dachte Gretchen zaghaft, aber nein, das konnte doch nicht der Fall sein, denn sie erhielt heute keinen einzigen der feindseligen Blicke, mit denen Emma sie sonst zu betrüben pflegte, und wenn Gretchen sie zufällig ansah, wechselte Emma immer von Neuem die Farbe. Gretchen bekam Lust, noch einmal eine Versöhnung zu versuchen. Aber da regten sich auch andere Gedanken in ihr: „Wenn Emma mich nun wieder abweist? Ich habe ihr ja nichts gethan, sie soll ja zu mir kommen u. s. w." Was soll ich thun? fragte Gretchen sich immer wieder. Da trat plötzlich ihres seligen Vaters Bild recht lebendig vor ihre Seele, er hatte in solchen Fällen einfach zu ihr gesagt: Meine Tochter, frage Dich einmal, was christlich ist. Es war ihr, als hörte sie auch jetzt diese Frage aus seinem Munde, und ihr eigenes Herz gab die Antwort: Christlich handeln heißt in der Liebe und in der Demuth wandeln. „Gott widersteht den Hof- fährtigen, aber den Demüthigen giebt er Gnade," dachte Gretchen und ihr Entschluß war gefaßt. — Am nächsten Tage hatte Emma Klavierstunde im Saal. Kurz vor dem Schluß derselben ging Gretchen in die Klavier- 406 stube der dritten Stube, um ihre Feindin hier zu erwarten. Als sie ihren Tritt hörte, klopfte ihr das Herz, noch einmal wollte ein leises Gefühl des Stolzes sich in ihr regen, aber sie überwand es. „Emma," sagte sie mit bebender Stimme, „willst Du mich nicht einen Augenblick anhören?" Emma antwortete nicht, blieb aber sogleich stehen. Nun sagte Gretchen ihr Alles, was sie sich vorgenommen, daß es ihr so weh thue, von Emma für eine Heuchlerin gehalten zu werden, daß sie niemals geklatscht und sich nie über Emma beklagt habe. Sie erzählte, wie Elise ihr damals die Thür aufgeschlossen und wie sie ihr leider unüberlegt gesagt habe, daß sie eingeschlossen worden sei, Namen habe sie aber nicht genannt, auch nicht wieder über die Sache gesprochen. Sie sagte weiter, daß sie auch damals, als Emma ihr nachgeahmt, nichts der Tante Anna mitgetheilt, daß diese es vielmehr von ihrem Fenster aus gesehen habe. „Es war sehr unrecht von mir," fuhr Gretchen fort, „daß ich damals bei dem Spiel so empfindlich war und in unsere Stube ging, um dort zu weinen. Hätte ich das nicht gethan, so würde Tante Anna gar nichts von der Sache erfahren haben, und Alles wäre besser gewesen. Ich wollte ihr auch nichts davon sagen, Andere erzählten es ihr, und da habe ich sie sehr gebeten, daß sie nicht böse auf Dich sein möchte. Es ist mir sehr, sehr schmerzlich, daß sie Dich meinetwegen bestraft hat, ich weiß ja, daß Du sie lieb hast und gerne bei ihr bist. Liebe Emma, verzeihe mir, daß ich Dir so viel Kummer bereitet habe, vergieb mir Alles, womit ich Dich gekränkt habe. Ach und glaube mir doch, daß ich es aufrichtig meine und nicht lügen und trügen kann. Wenn Du mich auch nicht lieb haben kannst, so hasse mich doch wenigstens nicht. Du brauchst kein einziges Wort zu sprechen, gieb mir nur einmal die Hand, das ist ja genug, dann will ich zu Tante Anna gehen und ihr sagen, daß Du mit mir ausgesöhnt bist, und dann darfst Du wieder zu ihr kommen und Alles ist wieder gut." Emma hatte den Blick zu Boden gesenkt und schweigend zugehört. Als Gretchen zu Ende war, blickte sie auf, aus ihren Zügen sprach die mächtigste Bewegung, Thränen glänzten in ihren Augen. „Gretchen, willst Du meine Freundin sein?" fragte sie. „O wie gern!" antwortete Gretchen, und sie wußte selbst nicht, wie es kam, sie fiel ihr um den Hals und küßte sie. Emma drückte sie fest an sich, dann gingen sie beide in die dritte Stube, denn die Arbeitsstunde begann. Den ganzen Abend war Emma sehr still, aber wenn sie Gretchen 407 einmal ansah, so weich und freundlich, dann fühlte Gretchen, daß ihr Herz verwandelt war, und sie freute sich unendlich, daß sie den Muth zum Sprechen gehabt hatte. Nachher, als Alle schon im Schlafsaal waren, sagte Emma plötzlich: „Hört einmal, ich habe Euch etwas zu sagen. Gretchen hat mir versprochen, meine Freundin zu sein, und ich bin ihr sehr dankbar dafür!" Allgemeines Erstaunen. „I seht einmal," rief Adele, „ist Gretchen nicht mehr der Spion der dritten Stube?" „Das ist sie auch nie gewesen," erwiderte Emma tief errathend, „es thut mir sehr leid, daß ich sie so verkannt, daß ich mich so schlecht gegen sie benommen habe. Ich weiß, sie ist viel besser als ich, besser als wir Alle." „Das weiß ich schon lange," bemerkte Aurelie, Gretchen aber bat sehr beschämt, doch nicht so zu sprechen. „Ja, Aurelie, Du hast es am ersten gewußt," sagte Emma, „gieb mir die Hand und sei mir nicht mehr böse, ich habe auch gegen Dich unrecht gehandelt." Aurelie sprang zu ihr und küßte sie, es machte sie ganz stolz, daß Emma so freundlich zu ihr sprach. Später, als die meisten Zöglinge schon schliefen, kam Emma plötzlich an Gretchens Bett. „Gretchen, vergieb mir!" sagte sie mit zitternder Stimme. Gretchen umschlang sie, Emma küßte sie mehrmals, und ihre Thränen fielen auf Gretchens Gesicht. „Ich werde es mir nie vergeben können," schluchzte sie, „nein, nie in meinem Leben! O wie konnte ich so gegen Dich sein! Gretchen, liebes, liebes Gretchen, kannst Du mir wirklich verzeihen?" „Ach sprich doch nicht mehr davon," bat Gretchen herzlich, „es war ja auch meine Schuld." „Nein, nein," erwiderte Emma traurig, „Du warst immer gut und demüthig, aber ich war verblendet, ich wollte mich selbst belügen und hatte doch immer einen Stachel im Herzen. O Gretchen, glaube mir, ich bin in dieser ganzen Zeit sehr unglücklich gewesen. Und wie schwer war es mir, daß ich von Tante Anna verbannt war! Es war das erste Mal, daß ich bestraft wurde, und so bestraft. Aber ich hatte es verdient! Ich glaubte erst, Tante Anna sei zu streng gegen mich gewesen, aber nun sehe ich ein, daß sie mich eher zu mild und nachsichtig behandelte." „Ach sprich doch nicht mehr davon," bat Gretchen noch einmal, „nun ist ja Alles wieder gut, und morgen gehen wir zu ihr!" 408 „Ja, Du kommst mit mir," sagte Emma und ihr Gesicht erheiterte sich, „und Du wirst sie mit mir bitten, daß sie mir ihre Liebe wieder schenken möchte." — Sie küßte Gretchen noch vielemal und ging dann zurück in ihr Bett. Gretchen fühlte sich sehr, sehr glücklich, nun gab es keinen Schatten mehr im Anstaltsleben, nun war Alles, Alles gut und schön. Am nächsten Morgen eilten die Beiden zu Dante Anna, die sie allein im Bücherzimmer fanden. Das war eine freudige Ueberraschung! „Emma, Du kommst zu mir?" sagte sie und streckte ihr herzlich die Hand entgegen. Emma wollte diese an die Lippen drücken, aber Tante Anna zog sie in ihre Arme. — „Ach, können Sie mir verzeihen?" fragte Emma mit heißen Thränen. „Von Herzen gern, mein theures Kind, ich sehe ja, daß Du zur Erkenntniß gekommen bist. Gretchen, sagte ich Dir nicht vorher, daß meine Emma schon den rechten Weg wiederfinden würde?" „Ich habe ihn nicht allein wiedergefunden," sagte Emma in tiefer Beschämung, „ich fühlte längst, daß Sie recht hatten, aber ich wollte es nicht eingestehen, ich wollte mich nicht demüthigen. Gretchen war's, die zuerst sprach, obwohl ich sie mehrmals unfreundlich abgewiesen. Si'e bat mich um Verzeihung, sie, die ich so oft gekränkt, sie bat mich, ihr nur die Hand zu reichen, dann wollte sie zu Ihnen gehen und für mich um Verzeihung bitten. Das hat mich erst überwunden." Tante Anna umarmte ihr liebes Pathchen zärtlich und sagte leise: „Den Demüthigen giebt Gott Gnade!" „Ja, ich will auch demüthig werden," rief Emma, „ich will meinen Hochmuth ablegen. Helfen Sie mir dabei, liebe Tante, bestrafen Sie mich recht streng, wenn ich mich wieder überheben will." „Das wird nicht nöthig sein," war Tante Anna's freundliche Antwort, „Du wirst jetzt selbst dagegen kämpfen.", „Das will ich," versicherte Emma. „Jetzt sehe ich Alles ein, ich war ungerecht gegen Gretchen, weil sie besser ist und weil sie Ihnen näher steht als ich." „Ach sprich doch nicht so," bat Gretchen verlegen, „der Schein war gegen mich, und ich bin immer so empfindlich gewesen und trage darum selbst einen Theil der Schuld." Emma schüttelte traurig den Kopf. „O, Tante Anna, Sie sagten es mir vorher, daß ich einst mit Scham und Reue an diese Zeit zurück- 409 denken würde. Ich werde es nie vergessen, daß ich so lieblos war, daß ich von Ihnen bestraft werden mußte. Wenn Sie wüßten, wie schwer es mir war, so von Ihnen getrennt zu sein, kein vertrauliches Wort mit Ihnen sprechen zu dürfen!" „Aber nicht wahr, nun ist Alles wieder gut?" fragte Gretchen, „nun hast Du Emma wieder eben so lieb wie früher?" „Ich habe sie in keinem Augenblick weniger lieb gehabt, wenn sie mich auch betrübte," erwiderte Tante Anna mit einem liebevollen Blick auf Emma. Diese schmiegte sich an sie und flüsterte: „Und ich bin nicht mehr von Ihnen verbannt? ich darf wieder zu Ihnen kommen?" „Gewiß," entgegnete Tante Anna, „ich freue mich ja selbst, daß ich mir keinen Zwang mehr aufzuerlegen brauche. Zur Feier dieses Tages lade ich Dich gleich heute Abend zum Thee ein, aber nicht allein, sondern mit Gretchen zusammen. Vorausgesetzt, daß Dir ihre Gesellschaft nicht unlieb ist," setzte sie lächelnd hinzu. „O, ich bin Gretchen so gut," rief Emma lebhaft, „schon lange, ich bin stolz darauf, daß sie meine Freundin sein will, und ich will mich stets bemühen, ihre Liebe zu erwerben." „Die besitzest Du jetzt schon," sagte das glückliche Gretchen, und eine Umarmung bekräftigte den neuen Freundschaftsbund. „Und gegen Aurelie will ich auch anders sein," fuhr E.nma fröhlich fort, „Sie sollen sehen, liebe Tante, daß ich nicht unverbesserlich bin." „Daran habe ich nie gezweifelt, ich kenne meine liebe Emma," versicherte Tante Anna gütig. Arm in Arm gingen die Beiden fort. Im Korridor trafen sie Fräulein Waldmeister, die überrascht stehen blieb. „Wir kommen von Tante Anna, ich darf nun wieder zu ihr gehen," sagte Emma freudig. „So bist Du also endlich wieder vernünftig geworden," sagte die Erzieherin lächelnd, „lange genug hat es gedauert, ich hätte nicht geglaubt, daß Dein Stolz so lange den Sieg über Deine Liebe zu unserer verehrten Vorsteherin behalten würde." Emma erröthete. „Ich habe sehr gefehlt," sagte sie demüthig, „verzeihen auch Sie mir, Fräulein, Sie haben sich auch über mein Benehmen gegen Gretchen geärgert." Fräulein Waldmeister reichte ihr herzlich die Hand. „Ich will die letzte Zeit aus meiner Erinnerung streichen," sagte sie; „es freut mich, 410 daß Du mit Gretchen völlig ausgesöhnt bist. Du kannst Manches von ihr lernen, liebe Emma." „Das will ich gern," erwiderte Emma bereitwillig, „ich will nie wieder hoffährtig sein, denn an ihrem Beispiel und an dem meinen habe ich klar erkannt, daß Gott den Hoffährtigen widersteht, aber den Demüthigen Gnade giebt!" » q- Emma hat Wort gehalten. Sie kämpfte von nun an mit aufrichtigem Herzen gegen ihren stolzen Sinn, und niemals kam es wieder vor, daß sie aus Hochmuth lieblos und ungerecht wurde. Mit Gretchen wurde sie von Tag zu Tag inniger befreundet, und beide hatten Segen und Freude davon. Gretchen fühlte sich nun im Emmelinenstift sehr glücklich, und ihr stiller demüthiger Sinn, ihr liebevolles Herz erwarb ihr immer mehr die Liebe ihrer Gefährtinnen und die Zufriedenheit ihrer Lehrerinnen. In dem Verkehr mit so vielen Menschen lernte sie auch ihre Schüchternheit und Empfindlichkeit besiegen und wurde dadurch um so mehr geschickt zu dem Berufe einer Erzieherin, zu dem sie sich hier ausbildete. Emma hat jetzt die Anstalt verlassen, Gretchen aber hat ihre Studien' noch nicht beendet. Wenn dies geschehen ist, wird Tante Anna ihr liebes Pathchen wohl gleich als Lehrerin anstellen, und Gretchen freut sich von Herzen, daß sie in der ihr so lieben Anstalt, in der Nähe ihrer theuren Mutter, ihrer geliebten Schwestern bleiben soll. Immortellen. Von Dermsnn Wlngmr. ^Jährend des Winters spielen in den Kränzen und Guirlanden die Immortellen eine große Rolle. Sie werden mit Moos, Fichtenreis, getrockneten und gefärbten Astern und Gräsern, ja selbst mit künstlichen Blumen aus Papier und Zeugstoffen zusammengebunden und theils als Zimmerschmuck, noch häufiger bei Begräbnissen vielfach verwendet. Unter dem Namen Immortellen oder Unsterblichkeitsblumen begreifen die Gärtner und Blumenhändler eine ganze Anzahl Pflanzenarten, welche sich dadurch auszeichnen, daß ihre Hüllkelchblätter ansehnlich groß, spreu- artig trocken, dabei aber blumenartig gefärbt sind und sich nach dem — 411 ^ Abschneiden und Trocknen der Blumen weder in ihrer Gestalt noch in ihrer Farbe merklich verändern. Die meisten derselben gehören zu der großen Pflanzen-Abtheilung der Korbblüthigen oder Zusammengesetzt- blüthigen, sind also Verwandte der Georgine und Sonnenrose, so wie des Maaßliebchens. Von den bei uns einheimischen Immortellen bildeten wir ab das niedliche Katzenpfötchen (Fig. 1), das in zwei Formen mit weißen oder rosenrothen Blumen vorkommt. Es findet sich häufig in den Haide- gegenden und Kiefernwaldungen unseres Vaterlandes. Die größeren Blumenköpfchen (auf der Abbildung Fig. 1 links), welche meistens weiß aussehen, enthalten nur Staubgefäßblüthen, die schmälern, häufig rosen- roth gefärbten (Fig. 1 rechts) enthalten Stempelblüthen und erzeugen bei der Fruchtreife feine Samenwolle. Letztere wird von mehreren unserer kleinen Singvögel zum Ausfüllen ihrer Nester benutzt. Noch ansehnlicher und hübscher ist das gelbe Sand-Immerschön (Fig. 4), dessen Hüllkelchblättchen mitunter orangenroth angelaufen sind. Es liebt ebenfalls sandigen, trocknen Haideboden und ward ehedem gern von den Fuhrleuten zum Aufputz ihrer Hüte verwendet, deshalb auch Fuhrmannsblümchen genannt. Wegen der Dauerhaftigkeit seiner Blumen heißt es in manchen Gegenden auch Siebenjahresblümchen. Wahrscheinlich aus Rücksicht auf seine gelbe Blüthenfarbe galt es früher als Mittel gegen die Gelbsucht, so wie das erwähnte Katzenpfötchen die Schwindsucht und seine Verwandten die Ruhr heilen sollten. Heutzutage ist keines dieser Blümchen mehr in medizinischem Gebrauch, der Gattung ist aber der Name Ruhrkraut gelassen worden. Die übrigen deutschen Arten sind unansehnlicher gefärbt. Wir haben als Beispiele derselben noch das „deutsche" (Fig. 2) und das Wald-Ruhrkraut (Fig. 3) abgebildet, deren Kelchblätter gelblich braun oder grünlich aussehen. Sehr hübsch dagegen ist die Immortelle der Hochalpen: das Edelweiß (Fig. 8), von der es nur zu bedauern ist, daß sie sich nicht leicht in unsern Gärten ziehen läßt. Bei ihr sind die Hüllkelchblätter wunderschön sammetartig und zart weiß. Die meisten Immortellen lieben trockne Standorte; viele bevorzugen Sandboden und gedeihen gut in heißen Klimaten. So enthalten die Länder ums Mittelmeer eine ziemliche Anzahl schöner Immortellen. Das perlblüthige Ruhrkraut (Fig. 9), welches aus Südeuropa stammt, wird wegen seiner schneeweißen Blüthen nicht selten in unsern Gärten gezogen, 412 ebenso die Stroh- oder Papierblume (Fig. 6) und die ungarische Immortelle (Fig. 7). Erstere kommt in sehr verschiedenen Farben vor: strohgelb, roth, purpur, hellviolett und weiß, letztere ist meistens lila. Die Herbarien und Bouquetts, welche betriebsame Nonnen und Touristinnen in Palästina bereiten, enthalten fast stets auch die schöne „blutrothe" Immortelle, welche in Kanaan in Menge wild wächst. Reich an Immortellen ist auch das Vorgebirge der guten Hoffnung und Australien. Aus letzterem Erdtheile stammt die als Fig. 5 abgebildete reizende Immortelle, welche die Gärtner häufig mit dem Namen Rosen- kleid (Roäantke) bezeichnen. Nirgends werden Immortellen von Handelsgärtnern so massenhaft gezogen als in Südfrankreich: in der Provence und Languedoc, wo Boden und Klima für diese Kultur besonders geeignet sind. Bei Montpellier baut man vorzüglich die morgenländische Immortelle in bedeutenden Mengen an. Dieselbe hat Ähnlichkeit mit unserm Sand-Immerschön, besitzt aber größere und lebhafter gefärbte Blüthenköpfchen. Da die natürlichen Farben mit der Zeit doch ausbleichen, so hat sich in jenen Gegenden ein besonderer Geschäftszweig daraus gebildet: die Immortellen für den Handel zu färben. Man trifft dergleichen gefärbte Blumen bei Blumenhändlern in so vielfachen Farbenabstusungen von Weiß durch Gelb und Roth, daß man bei festlichen Gelegenheiten Wappen, Namenszüge u. dgl. als Blumen-Mosaik aus ihnen zusammengesetzt hat. Keinrikii ller Löwe. Bon Wilhelm Kuchmr. ^u den merkwürdigsten Erscheinungen des an gewaltigen Männern so reichen zwölften Jahrhunderts gehört auch der Fürst, welcher, wie wenige, Macht besaß und Macht verlor, Heinrich der Löwe; lange Jahre hindurch der nächste nach dem gewaltigen Friedrich Rothbart, ihm treulich befreundet und dann auf's Tiefste verfeindet, ein merkwürdiges Beispiel von Glückswechsel; dabei nicht blos Erbe der Arbeit seiner Väter, wie so manche, die sein Loos theilten, sondern ein Mann von wirklicher eigener Größe, und darum erscheint sein Fall um so erschütternder. 413 Unter den deutschen Fürstengeschlechtern des Mittelalters rühmte sich das der Welsen eines der ältesten zu sein. Im südlichen Baiern und Schwaben, in den schönen und reichgesegneten Landschaften nördlich vom Bodensee finden wir die Welsen reich begütert und hoch angesehen, schon zur Zeit Karls des Großen durch den Grafenrang ausgezeichnet. Ludwigs des Frommen zweite Gemahlin Judith, welche durch die unselige Vorliebe für ihren Sohn Karl ihrem kaiserlichen Gatten so schweres Leid brachte, war eine Welsin. Die Welsen waren ein stolzes streitbares Geschlecht, dem man in den Kämpfen des 11. Jahrhunderts mehrfach auf der Seite der Gegner des Kaisers begegnet, dabei treulos und gewaltthätig, nicht wählerisch in den Mitteln, Gewalt zu erlangen; unter Heinrich IV. tritt dem kaisertreuen Friedrich von Hohenstaufen Wels IV. Herzog von Baiern, in hartem Kampfe gegenüber. Dessen Sohn, Herzog Heinrich der Schwarze, erwarb durch Heirath ausgedehnte Besitzungen in Sachsen, namentlich Lüne- burg. Derselbe hinterließ außer einer Tochter Judith, welche sich mit Friedrich II. von Hohenstaufen, Herzog von Schwaben, vermählte, zwei Söhne, Heinrich, der Stolze genannt, und Wels VI. Während nach des Vaters Tod der Letztere die schwäbischen Hausgüter empfing, bekam Heinrich, als der ältere, die sächsischen Besitzungen und die bairische Herzogswürde. Er heirathete 1127 die zwölfjährige Sächsin Gertrud, die Tochter Kaiser Lothars, welcher auf dem Sterbebette 1137 dem Schwiegersohn auch noch das Herzogthum Sachsen übertrug. Im Besitz zweier mächtigen Herzogthümer machte Heinrich der Stolze sich durch sein übermüthiges Wesen gründlich verhaßt; so fiel die neue Königswahl nicht auf ihn, sondern auf Konrad von Hohenstaufen, welcher über den Nebenbuhler die Neichsacht aussprach und ihm die beiden Herzogthümer entzog. Heinrich der Stolze setzte sich kräftig und erfolgreich zur Wehr; da starb er unerwartet schnell in rüstigster Manneskraft im Jahre 1139 und überließ den Kampf seinem einzigen Sohne Heinrich. Geboren im Jahre 1129 vermuthlich zu Ravensburg in Schwaben, also erst zehnjährig, stand der Knabe Heinrich, von dessen Jugend wir im übrigen gar nichts wissen, als daß er in allen ritterlichen Fertigkeiten gute Ausbildung erhielt, noch unter der Obhnt seiner Mutter Gertrud und seiner Großmutter Richenza, der Kaiserwittwe, einer Frau kühnen und männlichen Geistes; dabei waren die sächsischen Großen und vornehmlich der Oheim Wels VI. thatkräftige Verfechter der welfischen Ansprüche. Ein heftiger Kampf erhob sich; da Konrad III. erkannte, daß eine Verdrängung _414 ^ des jungen Herzogs Heinrich aus Sachsen nicht durchzufechten sei, so schlichtete er den mehrjährigen Streit endlich im Jahre 1142 dadurch, daß er jenem sein Land zurückgab; Baiern empfing der Markgraf von Oesterreich, Heinrich genannt Jasomirgott nach einem Schwur, welchen er gern im Munde führte; zur Bekräftigung des Friedens heirathete er des jungen Sachsenherzogs Mutter Gertrud. Es war damals eine rauhe Zeit; mit dem Schwerte sein Recht fordern, galt als Manneszierde; vor dem Gesetz galt keine Ehrfurcht, nur vor der Macht. Die schweren Kämpfe, welche er schon als Knabe durchzumachen hatte, mußten den Sinn des jungen Heinrich frühreif und selbstbewußt, hart und eisern machen; so bekam schon der Jüngling jenen trotzigen starren Sinn, welcher ihn später Gewaltiges erreichen ließ, um ihn noch weit tiefer herabzustürzen; so erneuerte sich denn auch mehrfach der Kampf gegen Kaiser Konrad um Baiern. Außerdem lenkte Heinrich schon als Jüngling in die Bahn ein, auf welcher er so glänzende Erfolge finden sollte, indem er die Ausbreitung seiner Macht nach Osten begann. Rechts von der Elbe nämlich saßen, seit Jahrhunderten bekämpft und noch immer unbezwungen, in dem Lande, welches jetzt Brandenburg, Mecklenburg und Pommern heißt, die Slawen, ein zahlreiches heidnisches Volk; sie verabscheuten das Christenthum, welches ihnen nur die Herrschaft der Deutschen, ihre schweren Steuern und Zehnten brachte; in raschen Reiterzügen verheerten sie das Land, mit ihren flinken Seeschiffen plünderten sie die Küsten der Ostsee; Niklot, der tapfere Obotritenfürst, war ein nicht zu .verachtender Gegner. Als daher 1147 Kaiser Konrad zum Kreuzzug in's Morgenland aufbrach, meinten die norddeutschen Fürsten, unter ihnen der junge Heinrich von Sachsen, es sei nicht minder verdienstlich, gegen die Slawen zu streiten. Sie drangen vor bis Demmin, jedoch ohne große Erfolge zu erzielen. Doch ging die langsame Arbeit der Verdeutschung des slawischen Bodens rastlos weiter, gefördert durch Heinrich und seine getreuen Helfer, den Grafen Adolf von Schauenburg, welcher als sächsischer Lehensmann die Grafschaft Holstein verwaltete; wie heute das Ziel des wanderlustigen Deutschen jenseits des Meeres liegt, so zogen damals aus dem stark bevölkerten Mittel- und Niederdeutschland Westfalen, Holländer, Flamänder in zahlreichen Schaaren nach den Küsten der Ostsee, auf den den Slawen abgefochtenen oder von ihnen verlassenen Gebieten deutscher Sitte eine neue Stätte zu bereiten; sie gründeten sich befestigte Städte, bauten Kirchen; Segeberg, Eutin, Lübeck sind in jener Zeit entstanden. 415 Zwar machte man dem jungen Herzog den Vorwurf, daß es ihm bei seinen Slawenkämpfen nicht sowohl um die Ausbreitung des Christenthums, als um die Vermehrung seines Reichthums und seiner Einkünfte zu thun sei; damit geschieht aber seinem großen Verdienste um die Erweiterung des deutschen Gebietes kein Abbruch. Mit dem Tode Kaiser Konrads III. 1152 erfolgte ein wichtiger Umschwung in dem Geschick des jungen Herzogs Heinrich. Den deutschen Königsthron bestieg sein Vetter Friedrich I. der Rothbart, und dieser betrachtete es als eine Nothwendigkeit, dem lang dauernden Kampfe zwischen den Häusern der Waiblinger und Welsen dadurch ein Ende zu machen, daß er den Welsen das Entrissene zurückgab. So finden wir fortan lange Jahre hindurch den König aus dem Geschlechte der Hohenstaufen mit dem wölfischen Herzog in bestem Einvernehmen; Heinrich schloß sich rückhaltslos an Friedrich an, nahm an seinen Reichstagen und -Kriegszügen Theil. Baiern konnte der Rothbart freilich dem Freunde nicht alsbald zurückgeben, denn Heinrich Jasomirgott wußte die Entscheidung unter allerlei Vorwän- den hinauszuziehen, und einen Zwang durch Krieg mochte Friedrich um so weniger üben, da er in Italien hinreichend beschäftigt war. So kam es, daß Heinrich allerdings 1154 auf dem Fürstentage zu Goslar das Herzogthum Baiern zugesprochen erhielt; doch erst 1156 verzichtete Jasomirgott auf einem Reichstage zu Negensburg in aller Form und gegen glänzende Entschädigung auf Baiern; nun sah endlich der 27jährige Heinrich die beiden Herzogthümer des Vaters wieder in seinen Händen. Er hatte es durch die treue Hilfe, welche er seinem kaiserlichen Vetter Friedrich auf seinem ersten Römerzuge, vor Tortona und im Kampfe gegen die Römer geleistet, redlich verdient. Damit hatte Heinrich eine ganz außergewöhnliche Stellung gewonnen. Allerdings hatte bereits sein Vater die beiden Herzogthümer besessen, aber nur kurze Zeit und gegen den Willen des Kaisers; jetzt aber befanden sich die Herzogthümer unbestritten in den Händen des jungen Fürsten, welcher sich dadurch zum Range des Mächtigsten nach dem Kaiser erhob, und doch nicht beneidet von diesem, denn Friedrich, nur wenige Jahre älter, war sein Vetter und Freund. „Es wurde ihm jetzt," berichtet darauf hindeutend sein Geschichtschreiber Helmold, „ein neuer Name geschaffen, nämlich Heinrich der Löwe, Herzog von Baiern und Sachsen." Besonders aber in Sachsen bemühte Heinrich sich eine starke Stellung zu erringen, und tritt fortan als der erste der norddeutschen Fürsten auf. Mit gewaffneter 416 Hand mischte er sich in den Thronstreit, welcher damals Dänemark verwüstete; 1157 nahm er Theil an Friedrichs erstem Polenfeldzug, erzwäng von Holstein die Abtretung der aufblühenden Handelsstadt Lübeck, gab deren Bürgerschaft Selbstverwaltung und andere bedeutende Vorrechte. Doch auch Baiern erfreute sich gleichzeitig seiner Sorgfalt; bei dem unbedeutenden Flecken München erbaute er eine Brücke, welche die Handelsstraße über die Jsar führte, und gab dadurch Anlaß zu dem gewaltigen Aufblühen der einstigen Königsstadt. 1159 zog er mit 1200 Gewappneten den: Kaiser nach Italien zu Hilfe und nahm Theil an der Belagerung von Crema. Gleich den übrigen deutschen Fürsten Eingang 1160 wieder entlassen, benutzte Heinrich der Löwe diese Frist zu einem Kriegszuge gegen die Slawen, welche neue Räubereien begangen hatten; er drang weit vor in das Gebiet des gegenwärtigen Mecklenburg; der gefürchtete Niklot fiel im Kampfe; das im Krieg niedergebrannte Schwerin ward neugebaut und mit Stadtrecht begabt; in den Burgen des Landes wurden deutsche Edle als Gebieter eingesetzt über die unterworfenen Slawen, für die Bekehrung derselben Sorge getragen, die verlassenen Striche mit Flanderern besiedelt; während des Jahres 1161 nahm Heinrich Antheil an der Belagerung von Mailand. Wie nahe Heinrich in jenen Jahren dem Kaiser stand, geht daraus hervor, daß er 1162 die Ehe mit Clementia von Zähringen löste; fünfzehn Jahre lang war er mit derselben vermählt gewesen; zwei Töchter waren vorhanden, und dennoch löste Heinrich die Ehe, ohne Zweifel darum, weil die Zäh- ringer dem Hause der Hohenstaufen feindlich gegenüberstanden. Die Söhne des erschlagenen Niklot hatten einen Theil des väterlichen Erbes wiedererhalten, aber sie hielten das Versprechen der Ruhe und des Gehorsams nicht; dadurch sah sich Heinrich der Löwe wiederholt genöthigt, mit Waffengewalt gegen sie einzuschreiten. Als der ältere derselben 1164 die Feste Mecklenburg überfiel und erstürmte, die friedlichen Ansiedler ermordete, Weiber und Kinder in die Knechtschaft schleppte, da drang Heinrich abermals mit einem Heere vorwärts, besiegte die Slawen in einer harten Schlacht bei Demmin und eroberte das Land bis zur Peene. Für den Herbst 1166 hatte Friedrich Rothbart einen neuen großen Heerzug gegen Italien angesagt und wurde voraussichtlich längere Zeit von Deutschland ferngehalten. Die außerordentliche Macht, welche Heinrich durch den Besitz zweier Herzogthümer in seiner Hand vereinigte, war schon seit langer Zeit ein Gegenstand offenen und geheimen Neides, noch mehr aber banger Furcht der Nachbarn. Vertrauend auf seine Kraft wie auf 417 die Freundschaft und den mächtigen Schutz des Kaisers, machte Heinrich, auch darin ein echter Welse, von seiner Macht den rücksichtslosesten Gebrauch; die Bischöfe und kleineren weltlichen Fürsten, deren Gebiete das seinige berührten oder darin eingeschlossen waren, hatten unaufhörlich unter diesen Uebergriffen zu leiden; den freien Adel suchte er in abhängige Dienstleute zu verwandeln; in den weiten Gebieten, die er erobert hatte, herrschte er wie ein unbeschränkter Fürst. So war seine Regierung längst ausgefüllt durch eine Unzahl kleiner Reibereien und Feindseligkeiten, aus welchen er allerdings gewöhnlich als Sieger hervorging, was aber die herrschende Mißstimmung nur mehrte. Heinrich selbst erkannte, daß ein Gewitter in der Luft schwebe und alsbald nach Friedrichs Entfernung losbrechen werde; er traf also seine Vorsichtsmaßregeln, befestigte die Burgen stärker, legte größere Besatzungen hinein, schützte seine Hauptstadt Vraunschweig durch neue Werke. Vermuthlich in jener Zeit ließ er den ehernen Löwen aufstellen, welcher noch heute auf dem Vurgplatze zu Braunschweig zu sehen ist; ursprünglich bedeutete derselbe allerdings nur die in , den Händen des Herzogs liegende Gerichtsbarkeit, aber das Volk gewöhnte sich bald, darin ein Sinnbild des löwenmuthigen Trotzes des Welsen und eine kühne Drohung gegen die Feinde zu erblicken. Unmittelbar nach dem Beginn des italienischen Heerzuges brach auch in Deutschland das Ungewitter los. Markgraf Albrecht der Bär von Brandenburg, die Erzbischöfe Wichmann von Magdeburg und Hartwig von Bremen, Landgraf Ludwig der Eiserne von Thüringen, Graf Christian von Oldenburg und viele kleinere Herren vom Adel drangen gleichzeitig von verschiedenen Seiten in das Herzogthum Sachsen vor; sogar Neinald von Köln, des Kaisers allmächtiger Kanzler, in seinem westfälischen Besitze bedroht, schloß sich dem gewaltigen Fürstenbunde an. Es entbrannte ein mehrjähriger Krieg, welcher mit der äußersten Leidenschaft und Erbitterung geführt ward und dem Lande die tiefsten Wunden schlug. Friedrich Rothbart vernahm in Italien davon; sein Heer war durch eine grauseuhafte Seuche fast vernichtet, die Besten hinweggestorben, und nun, wo Deutschland sein einziger Rückhalt gegen die anstürmende Volkskraft Italiens ist, wird Deutschland vom Meer bis zu den Alpen von einem wüthenden Kampfe durchtobt, welcher geführt wird gegen den treuesten und mächtigsten Anhänger des Hohenstaufenhauses. So schickte Friedrich sofort den Erzbischof Konrad von Mainz nach Deutschland und gebot Waffenruhe Doch war die Erbitterung der Gegner so groß, daß auch nach Friedrichs T-.A. XX. 27 . 418 Heimkehr 1168 die Fehde noch mehrmals erneuert ward, bis der Kaiser Sommer 1169 auf dem Bamberger Reichstage den Frieden abschloß und zwar völlig zu Heinrichs des Löwen Gunsten, welcher aus dem allgemeinen Sturm ebenso mächtig und in den Augen der Welt nur noch glänzender hervorging. So innig die beiden Häuser der Hohenstaufen und Welsen zu jener Zeit verbunden erschienen, so trat doch nach und nach eine Lockerung des Verhältnisses hervor, welche zur Mißstimmung und schließlich zu völligem Bruche führte. Des Kaisers Neffe Friedrich, Herzog von Schwaben, der Gemahl von Heinrichs des Löwen Tochter Gertrud, war in Italien an der Pest gestorben, und damit ein starkes Band zwischen den beiden Häusern zerrissen. Der alte Wels VI., Heinrichs Oheim, hatte durch dieselbe Seuche seinen einzigen Sohn verloren und bot seine ausgedehnten schwäbischen Hausgüter Heinrich dem Löwen als Erbtheil an, wenn derselbe dem Alten ein lebenslängliches zur Fortführung seines schwelgerischen Hofhaltes ausreichendes Einkommen zusichere. Das that Heinrich, hielt aber thörichterweise sein Versprechen nicht; da bot Wels VI. dasselbe Abkommen seinem anderen Neffen, dem Kaiser Friedrich an, und dieser war sehr erfreut, so bequemerweise seine schwäbischen Besitzungen abrunden zu können. Heinrich der Löwe sah die schöne Erbschaft schwinden und ärgerte sich, beides über Oheim und Vetter. In jene Zeit, Eingang 1168, fällt Heinrichs zweite Ehe mit Mathilde, der Tochter König Heinrichs II. von England, einer frommen, edlen und starken Frau, welche zugleich aus ihrer Heimath die Liebe zur Dichtung an den kriegerischen Welfenhof mitbrachte. Der Friede war wiederhergestellt, und durch den Tod des Markgrafen Albrecht des Bären von Brandenburg, Ausgang 1170, sah sich Heinrich der Löwe von seinem gefährlichsten Gegner befreit; die Slawen, durch Strenge eingeschüchtert oder durch Milde zur Unterwerfung gewonnen, sammelten sich in Städten, nahmen deutsche Bildung und Sitte an und trieben fortan statt der Seeräuberei friedlichen Handel; das so viel be- strittene Land an der Ostseeküste war nach und nach so gut wie deutsch. So konnte Heinrich nunmehr daran denken, wie die meisten Fürsten jener Zeit einen Zug in das heilige Land zu unternehmen, nicht einen Kreuzzug in Wehr und Waffen, sondern eine friedliche und zugleich die gewaltige Macht des Fürsten zur Schau stellende Wallfahrt. Die Verwaltung seines sächsischen Landes übergab er seiner Gemahlin Mathilde; dann trat er Eingang 1172 seinen glänzenden Pilgerzug an, welchen die Sage nach- 419 mals mit wunderbaren Abenteuern ausgeschmückt hat. Von Praunschweig aus zog Heinrich mit zahlreichem und glänzendem Gefolge nach Wien, dann zu Schiffe die Donau hinab bis in das gegenwärtige Serbien. Hier betraten sie das Land des griechischen Kaisers Emanuel; im waldigen Thale der Morawa hatten sie von nächtlichen Anfällen der wilden Serben zu leiden; über Nicaea und Adrianopel erreichten sie am Charfreitag 4. April 1172 glücklich die Hauptstadt Konstantinopel. Durch Voraussendung kostbarer Geschenke an Rossen, Waffen und Gewändern angemeldet, erschien Heinrich am Ostersonntag vor dem Kaiser und ward mit hohen Ehren und der reichsten Entfaltung morgenländischer Pracht empfangen. Emanuel stellte dem deutschen Herzog für die weitere Reise ein wohlausgestattetes Schiff zur Verfügung und beschenkte ihn mit Sammet und köstlichem Pelzwerke. Einem schweren Sturm entronnen, gelangten die Reisenden glücklich nach der Feste Akre, wo sie die Templer und Johanniter in festlichem Zuge einholten. Gleiche Ehren erwarteten den Herzog zu Jerusalem, wo ihn die gesammte Geistlichkeit in die Kirche des heiligen Grabes geleitete und der König selbst ihm im Palaste Herberge bot; Heinrich beschenkte das heilige Grab freigebig, ließ es auf seine Kosten mit kunstreichen Mosaikarbeiten schmücken und die Hauptthüre mit reinem Silber auslegen. Von Jerusalem aus besuchte er die übrigen heiligen Stätten des Landes, den Oelberg, Bethlehem, Nazareth, den Jordan; dann gebot die steigende Sommerhitze die Rückkehr. Von Antiochien aus segelte Heinrich nach Tarsus, wo ihn Kilidsch Arslan, der Sultan von Jkonium, durch 500 Bewaffnete empfangen und sicher über das Gebirge geleiten ließ; der ritterliche Sultan begrüßte ihn dann selbst und bewies eine königliche Gastfreundschaft; aus 800 schönen Pferden durfte sich jeder der Ritter eines auswählen; Heinrich selbst erhielt 30 der edelsten Rosse mit silbernen Zäumen, sechs Filzzelte, 6 Kameele, zwei Leoparden, einen kostbaren Mantel und ein aus feinster Seide gefertigtes Gewand. Von Koma aus durchschnitten die Reisenden wohlbehalten die Einöden im Innern von Kleinasien und gelangten endlich wieder an den Hellespont. Kaiser Emanuel ward nochmals begrüßt und bot dem Scheidenden vierzehn mit Gold-, Silber- und Seidengewändern beladene Maulthiere zum Geschenk; Heinrich schlug dieselben aus und erbat sich dafür einige Reliquien, die er auch empfing, dazu noch eine kostbare Sammlung von Edelsteinen. Auf demselben Wege, auf welchem sie gekommen, zogen darauf die Pilger wieder heimwärts; Eingang 1173, nach gerade einjähriger Abwesenheit, war 27* 420 Heinrich wieder in seiner Hauptstadt Vraunschweig; er fand alles daheim in bester Ordnung. Es folgen nun einige Jahre friedlicher Thätigkeit, welche sich mit Vorliebe auf kirchliche Dinge richtete; Heinrich begann den Bau des Braun- schweiger Domes von Sanct Blasien; derselbe wurde mit den kostbarsten der mitgebrachten Reliquien ausgestattet, mit anderen die Kirchen zu Hildesheim, Schwerin und Wismar; die kostbaren aus dem Morgenlande mitgebrachten Stoffe wurden freigebig für Festgewänder der Geistlichen verwandt. Als Friedrich Rothbart im Herbst 1174 abermals nach Italien aufbrach, zog Heinrich nicht mit, obwohl wir ihn in diesen Jahren mehrfach auf Reichstagen und im nächsten Verkehr mit dem Kaiser finden, ein Beweis, daß das freundschaftliche Verhältniß der Beiden nicht gestört war und Friedrich für zweckmäßig hielt, während der Dauer seiner Abwesenheit einen zuverlässigen Anhänger zum Schutze der inneren Ruhe des Reiches zurückzulassen. Indeß als nach dem Abbrüche der Friedensunterhandlungen Friedrich fast ohne Heer zu Pavia eingeschlossen war, ließ er an die deutschen Fürsten die Botschaft ergehen, sie sollten ihm eiligst mit ihren Kriegsschaaren zu Hilfe kommen. Aber gerade derjenige, auf dessen Beistand er in dieser Noth zumeist rechnete, sein Freund und Verwandter, Herzog Heinrich von Vaiern und Sachsen, weigerte sich zu erscheinen. Vergeblich waren die Unterhandlungen. Da machte Friedrich noch einen letzten Versuch; er beschloß den Mann, welchen er so hoch erhoben, selbst aufzusuchen. Wo die Zusammenkunft stattfand, steht nicht ganz fest; wie es scheint, hatte Friedrich den Herzog Heinrich nach Chiavenna an der Splügenstraße zur Unterredung beschieden, ging ihm aber, von Ungeduld gequält, über die Alpen bis nach Partenkirchen im südlichen Vaiern, wo Heinrich der Löwe sich gerade damals aufhielt, entgegen. Die denkwürdige Verhandlung wird in die erste Märzwoche 1176 gesetzt. Friedrich mußte sehr der Hilfe bedürftig sein, wenn er dem Unterthanen so weit entgegen kam, aus einem Gebieter ein Bittender ward. Als nun Heinrich sich mit seinem Alter entschuldigte und jede persönliche Betheiligung am Kampfe ablehnte, da, so wird erzählt, fiel Friedrich von übermäßiger Vekümmerung und Sorge übermannt, vor dem ungetreuen Neichsfürsten hilfeflehend nieder; Heinrich aber blieb unbeugsam, versuchte nicht einmal, seinen kaiserlichen Herrn vom Boden zu erheben. Die Kaiserin Beatrix aber hieß den Gemahl aufstehen, indem sie sprach: „Steht auf, mein lieber Herr, aber gedenkt dieses Tages und auch Gott im Himmel möge desselben gedenken." 421 Jordanus dagegen, Heinrichs Truchseß, sprach zu seinem Fürsten: „Herr Herzog, heute hat die Krone des deutschen Reiches vor Euken Füßen gelegen; dereinst werdet Ihr sie Euch auf das Haupt setzen." So berichten die Geschichtschreiber des Mittelalters; es mag bei dieser Darstellung einer ohne Zweifel ganz vertraulichen, nur im engsten Kreise gepflogenen Unterredung manches sagenhaft ausgeschmückt sein; daß aber Friedrich in seiner Bedrängniß vor dem alten Freunde niedergefallen sei, scheint nach dem einhelligen Zeugniß kaum zweifelhaft. Unverrichteter Sache kehrte Friedrich über die Alpen zurück, um wenige Wochen später durch die Schlacht von Legnano alle seine hochfliegenden Pläne der Oberherrschaft über Italien zertrümmert zu sehen. Es ist viel über die Gründe nachgedacht worden, welche Heinrich etwa zu diesem nicht blos unfreundlichen, sondern auch entschieden ungetreuen Verfahren veranlaßt haben mögen. Friedrich hatte allerdings den Mann, welcher ihm während langer Abwesenheit als die festeste Stütze der hohen- staufischen Herrschaft in Deutschland erschien, durch die größte Rücksicht und Begünstigung verwöhnt. Heinrich erfreute sich einer fast selbständigen Stellung und konnte wohl zu Zeiten träumen, daß die Kaiserkrone ihm dereinst auf dem Haupte ruhen werde. Mit der Geburt von Friedrichs Sohn Heinrich 1165 schwand diese Hoffnung dahin; der Aerger über den selbstverschuldeten Verlust der wölfischen Erbschaft mochte auch dazu beitragen, Heinrich zu verstimmen; er war der nutzlosen Züge über die Alpen müde, da er seine Kraft gegen die benachbarten Slawen viel nutzbringender verwenden konnte; zudem war er von erbitterten Feinden umgeben und mußte jederzeit eines Angriffes gewärtig sein. So kam es, daß Heinrich die Hilfe, welche er seinem kaiserlichen Herrn schuldete, ablehnte oder doch von der Abtretung der Feste Goslar abhängig machte, und dazu konnte Friedrich sich nicht entschließen. Die alten Freunde gingen in Unfrieden auseinander, und Friedrich hatte wohl das Recht, den schlimmen Ausgang des langjährigen Kampfes gegen die Lombarden dem Umstände beizumessen, daß er von dem Manne, dem er sich seit zwei Jahrzehnten huldvoll erwiesen, in bitterster Noth im Stiche gelassen worden war. Wie Friedrich sich mit dem Papst und den Lombarden verständigte, ist anderweit erzählt worden. Bereits ehe der Kaiser aus Italien heimkehrte, fingen die Nachbarn den Kampf gegen den Sachsenherzog an, dessen wachsende Macht sie längst mit Neid und Vesorgniß erfüllte; vorab Erzbischof Philipp von Köln und Bischof Ulrich von Halberstadt. Herbst 422 1178 kehrte Kaiser Friedrich aus Italien zurück und beschied Heinrich den Löwen zur Erledigung des Streites auf einen im Januar 1179 nach Worms berufenen Fürstentag; Heinrich erschien nicht, ebensowenig im Sommer zu Magdeburg, wohin er geladen worden. Auf seine Bitte gewährte ihm Friedrich eine freundschaftliche Zusammenkunft und erklärte sich bereit, gegen Zahlung einer Buße von 5000 Mark seine eigenen Beschwerden fallen zu lassen und den Frieden mit den Reichsfürsten herzustellen; Heinrich der Löwe ging auf dieses Abkommen nicht ein, erschien auch nicht im August auf dem Fürstenlage zu Goslar. Friedrich, wohl um in letzter Stunde den alten Freund auf die ihm drohende Gefahr aufmerksam zu machen, befragte die Versammelten, was einem Reichsfürsten, der dreimal in den gehörigen Formen vor des Kaisers Richterstuhl geladen, nicht erschienen sei, nach Recht und Gerechtigkeit geschehen müsse; und sie erklärten, daß er der Reichsacht verfallen, aller seiner Ehren, Würden und Lehen zu entsetzen und ein anderer an seine Stelle zu erheben sei. Friedrich war langmüthig genug, seinen Gegner nochmals auf Mitte Januar 1180 nach Würzburg vorzuladen. Aber auch diesmal erschien Heinrich nicht; nun mußte die Gerechtigkeit ihren Lauf nehmen. Die Fürsten fällten ihr Urtheil: Herzog Heinrich habe sich in der unverhohlensten Weise als einen Feind des römischen Reiches gezeigt, indem er die Vorladungen der kaiserlichen Majestät schnöde mißachtet, Kirchen und Geistliche verfolgt und geplündert habe. All sein Besitzthum, Lehen sowohl wie Eigengut, wurde ihm abgesprochen und er selbst in des Reiches Acht erklärt. Heinrich konnte den vernichtenden Schlag, welcher ihn bedrohte, noch immer abwenden, wenn er die ihm nach Reichsrecht zustehende Frist von sechs Wochen benutzte, um sich durch Unterwerfung der Acht zu entziehen. Aber der stolze Mann verschmähte auch diese Gelegenheit, und so wurde ihm denn im April zu Gelnhausen durch einstimmiges Urtheil der versammelten Fürsten das Herzogthum Sachsen abgesprochen. Dasselbe ward getheilt; die Herzogswürde über Westfalen ward dem Erzbischof Philipp von Köln, die östlichen sächsischen Besitzungen dem Markgrafen Bernhard von Anhalt übertragen; Baiern empfing Pfalzgraf Otto von Wittelsbach. Im Uebrigen dachte Heinrich der Löwe nicht daran, seine beiden schönen Herzogthümer ohne Kampf in des Kaisers Hände zurückzugeben; doch hatte er es nicht verstanden, sich Freunde zu gewinnen, und so stand er ohne Bundesgenossen dem Kaiser und den Reichsfürsten gegenüber; auch 423 König Heinrich II. von England wagte nicht den Schwiegersohn zu unterstützen. Dennoch verlor dieser den Muth nicht und entwickelte gerade in dieser Zeit der Bedrängniß eine überraschende Festigkeit und Schnellkraft. Er selbst begann den Kampf durch einen allerdings vergeblichen Angriff auf Goslar, schlug an der Unstrut den Landgrafen Ludwig von Thüringen, gewann einen Sieg bei Osnabrück. Friedrich selbst, welcher im Sommer nach Sachsen eindrang, führte den Krieg anfangs lässig genug; dagegen im Sommer 1181 führte er ein starkes Heer bis Lübeck und zwang nach langer Belagerung die wichtige Handelsstadt zur Unterwerfung. Heinrich, welcher nur noch die Feste Stade besaß, sah sich genöthigt, Unterhandlungen anzuknüpfen; Friedrich beschied feinen Gegner auf den Fürstentag, welcher im Spätjahr zu Erfurt gehalten ward. Tief gedemüthigt beugte hier endlich Heinrich vor dem Kaiser das Knie; sein alter unleidlicher Trotz schien gewichen; nur noch an die Gnade des Kaisers wandte er sich. Friedrich war tief ergriffen; sich vom Throne erhebend, richtete er den Herzog von der Erde auf, umarmte und küßte ihn unter Thränen; gegenüber dem furchtbaren Wechsel des Geschicks vergaß er in edler Theilnahme allen eigenen Groll, sah in dem so schwer verschuldeten Gegner nur den Verwandten, den einst geliebten Freund. Aber nach dem, was geschehen, konnte er nicht verzeihen; hatte er ja doch den Fürsten gegenüber sich eidlich verpflichtet, ohne ihre allseitige Zustimmung nichts für die Wiederherstellung des Gestürzten zu thun. So ward der frühere Beschluß wiederholt, doch ihm der ungestörte Besitz seines Erbgutes, Braunschweig und Lüneburg, zugesichert. Ihn ganz unschädlich zu machen, wurde ihm noch die Strafe der Verbannung auferlegt; er sollte nicht eher wieder nach Deutschland kommen, als bis ihn der Kaiser zurückberufen würde; auf die Fürsprache der Könige von England und Frankreich setzte der Kaiser eine dreijährige Dauer der Verbannung fest. Trotzigen Sinnes hatte Heinrich der Löwe das Schicksal herausgefordert und es hatte ihn zerschmettert; er hatte bereits die Kaiserkrone auf seinem Haupte gesehen und seine beiden Herzogthümer verloren, war ein verbannter Mann. Friedrich Rothbart verfuhr in dieser ganzen Angelegenheit mit solcher Bedachtsamkeit und Schonung, daß Heinrich sein Schicksal sich selbst zuschreiben mußte. So lange er dem Kaiser dienstwillig blieb, durfte ihn dieser in solcher Ausnahmestellung lasten; sobald er sich selbständig und ungehorsam neben den Kaiser zu stellen vermaß, mußte er gestürzt werden. Sommer 1182 brach Heinrich nach England auf, begleitet von seiner 424 Gemahlin Mathilde und seinen beiden Söhnen Heinrich und Otto. Er begab sich zunächst in die damals mit England verbundene Normandie, von seinem Schwiegervater Heinrich II. ehrenvoll empfangen und gastfrei unterhalten. Fast zwei Jahre verweilten die Verbannten hier; Heinrich selbst machte von da aus, vermuthlich im Jahre 1183, eine Wallfahrt nach Spanien zum Grabe des heiligen Jacobus. Seine Gemahlin blieb inzwischen zu Argenton am Hofe ihres Vaters. Dort lernte sie damals jener kühne Sänger kennen, der tapfere liederreiche Bertram de Born, und die Schönheit und Freundlichkeit der hohen Frau entflammte ihn zu begeisterten Gesängen. Er feierte sie als „die schöne weiße Helena;" wenn ihn das Treiben des Hofes mit Unmuth erfüllt, ist es „ihre holde liebevolle Gestalt, ihr süßes frommes Antlitz, die freundliche Gesellschaft und Unterhaltung dort von Sachsen," welche ihm das Leben immer wieder lieb machen. Darauf lebte Heinrich mit den Seinen ein Jahr lang in England, vornehmlich in London. Unterdeß machte sich bald in Sachsen der Mangel einer starken Herrscherhand fühlbar; der neue Herzog Bernhard war, nachdem ihm in Westfalen der beste Theil des Landes abgeschnitten worden war, nicht stark genug, den Frieden ausrecht zu halten; durch manche unüberlegte Neuerung, durch unerträglichen Druck machte er sich mißliebig; in den slawischen Grenzgebieten erhob sich wieder Aufruhr; die Dänen, bisher durch Heinrichs starke Hand im Zaume gehalten, mischten sich in die Angelegenheiten des deutschen Reiches. Das einst so kräftig sich entwickelnde und trotz aller inneren Gährung doch blühende Sachsenland befand sich im Zustande der unerquicklichsten Verwirrung. Herbst 1185 kehrte Heinrich mit den Seinen aus der Verbannung wieder nach Deutschland zurück. Als 1187 Jerusalem, nachdem es etwa 90 Jahre lang ein christliches Königreich gewesen, wieder in die Hände der Ungläubigen fiel, ging ein jäher Schreck durch Europa, und Kaiser Friedrich gedachte sein thaten- reiches Leben nicht besser beschließen zu können, als durch einen Kreuzzug. Seinem jugendlichen Sohne Heinrich, nachmals als Kaiser der sechste genannt, wollte er die Aufrechthaltung der Ruhe in Deutschland übergeben, und nur Heinrich der Löwe machte ihm dabei Sorge; derselbe hatte sich zwar seit seiner Rückkehr ruhig gehalten, aber es war wohl zu fürchten, daß er des Kaisers Abwesenheit abermals zu einer Erhebung benutzen würde. Friedrich beschloß also den gefährlichen Welsen unschädlich zu machen und berief ihn Sommer 1188 auf einen Reichstag nach Goslar. 425 Hier stellte er Heinrich dem Löwen die Wahl zwischen drei Vorschlägen frei: entweder sollte sich Heinrich mit einer sofortigen, aber nur theilweisen Wiederherstellung begnügen, auf alles Andere aber feierlich Verzicht leisten, oder den Kreuzzug auf Kosten des Kaisers mitmachen, um nachher ganz in seine Würde wieder eingesetzt zu werden. Wollte er aber beides nicht, so wußte Friedrich keinen anderen Ausweg, als daß Heinrich und sein ältester Sohn gleichen Namens sich eidlich verpflichteten, drei Jahre lang, denn auf so lange Zeit schätzte man des Kaisers Abwesenheit, Deutschland zu verlassen. Heinrich entschied sich sofort für den letzteren der drei Vorschläge, für die abermalige Verbannung; er leistete mit seinem Sohne den Eid und begab sich Ostern 1189 abermals nach England; im Mai desselben Jahres zog Friedrich Rothbart nach dem Morgenlande, um nie zurückzukehren. In England, wo gleichzeitig sein Schwager Richard Löwenherz die Herrschaft antrat, verweilte Heinrich der Löwe nur ein halbes Jahr. In demselben Sommer nämlich ward ihm seine vortreffliche Gemahlin Mathilde, welche zur Regierung des Landes zurückgeblieben war, durch einen raschen Tod entrissen. Es war das ein schwerer Schlag für den hartgeprüften Mann, denn Mathilde verband die Milde und Weichheit des Weibes mit einem starken und muthigen, auch in den Dingen der Welt wohlerfahrenen Geiste; treulich hatte sie sein bitteres Schicksal getheilt, in trüben Stunden ihn getröstet', und jetzt ward sie fern von dem Gemahl durch einen raschen Tod hinweggenommen. Daß Heinrich zurück verlangte in sein verwaistes Land, ist erklärlich; daß er heimkehrte vor Ablauf der Frist, war ein offenbarer Eidbruch, um so weniger berechtigt, als Niemand sein Land belästigte. Schon im Herbst 1189 kehrte Heinrich der Löwe nach Deutschland zurück und wandte sich sofort zum Angriff, um die ihm entrissenen Gebiete zurückzugewinnen. Kaiser Friedrich war fern im Morgenlande, mit ihm des Löwen streitbarster Gegner, Adolf von Schauenburg, Graf von Holstein, der junge König Heinrich befand sich ungerüstet am Rhein. So machte Heinrich der Löwe rasche Fortschritte, nahm Holstein mit Waffengewalt in Besitz, belagerte dann die bei Lüneburg gelegene Stadt Varde- wiek, bis zu dem Aufschwungs von Lübeck die bedeutendste Handelsstadt in Norddeutschland; sie hatte sich als Nebenbuhlerin des von Heinrich begünstigten Lübeck wiederholt auf die Seite seiner Gegner gestellt, dem Verbannten beim Abzug nach England das Nachtlager verweigert und den 426 gestürzten Herzog auf unwürdige Weise von den Mauern herab verhöhnt. Heinrich nahm Bardewiek durch Belagerung, brannte es nieder, zerstörte es vollständig; nur die Hauptkirche blieb stehen und zeigt noch heute über der Pforte die Inschrift VsstiZia. l-souls, d. h. die Spur des Löwen. Ein stilles Dorf unsern der Niederelbe erinnert jetzt an die vormals volksbe- lebte Handelsstadt. Darauf wandte sich Heinrich gegen Lübeck, welches sich, erschreckt durch das fürchterliche Schicksal von Bardewiek, ohne Widerstand ergab; dagegen erst nach einmonatlicher Belagerung das feste Lauen- burg an der Elbe. Ungeachtet der blitzgleichen Schnelligkeit, mit welcher Heinrich der Löwe einen ansehnlichen Theil seines vormaligen Herzogthums Sachsen wieder- erobert hatte, war auch König Heinrich unterdeß nicht unthätig gewesen. Er sammelte ein Heer, welches ihm die zahlreichen Gegner des gefährlichen Sachsenherzogs zuführten; doch gelang es ihm nicht, die Hauptstadt Braunschweig zu erobern. Im Sommer 1190 aber mußte Heinrich der Löwe sich zu einem Frieden bequemen und seine beiden Söhne Heinrich und Lothar als Geißeln der Treue in des jungen Königs Hand geben, welcher den älteren derselben, Heinrich, auf seinen alsbald begonnenen Römerzug mitnahm. König Heinrich VI. war damals gewaltig in Anspruch genommen, so daß er sich beeilte, die lästige Angelegenheit glimpflich zu beendigen. Er empfing gerade damals die Nachricht von dem Tode seines großen Vaters, Friedrich des Rothbartes; Unter-Italien, das Erbland seiner Gemahlin Constanze, befand sich in Heller Empörung. Der Feldzug des Jahres 1191 hatte durch den hartnäckigen Widerstand von Neapel und durch das aus- brechende Sommerfieber einen höchst unglücklichen Ausgang. Während König Heinrich in Italien sich abmühte, begann Heinrich der Löwe, unbekümmert um das Geschick seiner Söhne, sofort wieder den Kamps in Sachsen und Holstein. Diesmal aber verrechnete er sich; Graf Adolf von Schauenburg war rasch aus dem Kreuzzuge heimgekehrt und schützte nicht blos Holstein, sondern nahm Lübeck und Stade in Besitz; König Heinrich bekam den aus dem Morgenlande heimkehrenden Richard Löwenherz, den Schwager Heinrichs des Löwen, in seine Gewalt; alle Gegner des jungen heldenhaften Hohenstaufen wurden plötzlich still. Heinrich der Löwe mußte abermals auf die Wiedererwerbung seiner vormaligen Besitzungen verzichten und als Bürgen seines Gehorsams seine beiden Söhne Otto und Wilhelm in Heinrichs VI. Hände geben. So ward Sommer 1193 der Friede abgeschlossen und im nächsten Frühjahr fand zu Tilleda 427 am Kiffhäuserberg eine Zusammenkunft zwischen dem jungen Hohenstaufen und dem alten Welfenherzog statt, durch welche nach fast zwanzigjährigem Kampfe das gute Einvernehmen wenigstens äußerlich wiederhergestellt ward; seine Lehen und seine Söhne erhielt Heinrich der Löwe nicht zurück. Und damit war des stolzen unbändigen Mannes Leben ausgespielt. Er war zwar erst ein Sechsziger, aber in den steten Kämpfen und Bekümmernissen jener eisernen Zeit alterten die Menschen rasch. Heinrich der Löwe ward alt und schwach, sein trotziger tollkühner Muth weich unter den harten Schicksalsschlägen, die ihn getroffen. Seine treffliche Gemahlin Mathilde hatte er im Dome zu Braunschweig zur ewigen Ruhe gebracht; sein ältester Sohn Heinrich war mit dem Kaiser nach Italien gezogen, die andern Söhne in des Kaisers Haft; so saß der alte Welse einsam in seiner Burg zu Braunschweig, beschäftigt mit der Verwaltung seines kleinen Landes, mit dem Bau von Kirchen, sein Umgang nicht mehr wie vormals eiserne Kriegsleute, sondern stille Geistliche. Die Gegenwart hatte für den Greis ihren Reiz verloren, nur die Vergangenheit zog ihn noch an; wie in den Zeiten seines Glanzes Dichter und Sänger an seinem Hofe freundliche Aufnahme gefunden hatten, so gab er jetzt den Geistlichen, mit welchen er zumeist verkehrte, den Auftrag, die alten Jahrbücher zu sammeln und abzuschreiben, ließ sich von ihnen daraus vorlesen und vertrieb sich so die schlaflosen Nächte des Greisenalters. Doch hatte er noch die Freude, seinen ältesten Sohn Heinrich wohlbehalten aus Italien heimkehren zu sehen, versöhnt mit dem Kaiser, vermählt mit Agnes, der Erbtochter des Rheinpfalzgrasen Konrad, und dadurch nahe verwandt mit dem Hause der Hohenstaufen; die Anwartschaft auf die Pfalzgrafschaft war ihm bereits ertheilt und damit die Aussicht auf neuen Glanz des Hauses eröffnet. So vergingen nach einem stürmischen Leben die letzten Tage des Greises in tiefem Frieden. Zu Ostern 1195 ward er schwach und siech, doch zog sich das Leiden bis zum Sommer hin. Er ward sichtlich schwächer, doch behielt er den oft bewiesenen starken und festen Muth; Arzneien nahm er nicht. Eingang August nahmen seine Kräfte rasch ab, so daß er sich für den Tod vorbereitete; die Schmerzen der letzten Lebenstage trug er geduldig, ohne ein Wort der Klage. Am 6. August, einem Sonntage, hauchte er seinen starken Geist aus mit den Worten: Gott sei mir Sünder gnädig! In dem Blasius-Dome zu Braunschweig, welchen er gegründet, zur Seite seiner Gemahlin Mathilde, fand er seine Ruhestätte. 428 Der "" ^ Kommer oller Mariengarn. Von K. Holmsmr bon Uauborn. Der fliegende Sommer! — ein sonderbarer Name; als ob der Sommer auch fliegen könnte! — höre ich bei Lesung dieser Überschrift wohl einige meiner freundlichen Leserinnen ausrufen. Ja, antworte ich, der Sommer, den ich meine, kann fliegen, und Ihr habt ihn alle schon fliegen sehen. Der fliegende Sommer kommt in den „herbstlich sonnigen Tagen", wenn die Blätter der Bäume in Feld und Wald schon gelben und die Aepfel mit ihren rothgestreiften Väckchen uns zuzurufen scheinen: Kommt und pflückt uns! Dann fahren tausend und aber tausend feine, weiße, seidenartige Fädchen wie wunderbare Erscheinungen durch die Luft, hängen sich an Bäume und Hecken, an Menschen und Thiere fest und überziehen den ganzen Erdboden wie mit einem feinen blinkenden Netze. Das ist der fliegende Sommer, der auch Altweibersommer, Sommer- oder Herbstseide, Sommer- oder Herbstfäden, Mariengarn rc. genannt wird. Woher kommt dieses hübsche Gebilde? wer spinnt diese schönen feinen Fäden? — so habt Ihr gewiß schon gefragt. Ist es nicht, als ob sie. die letzten sonnig verklärten Tage des Jahres mitbrächten und die sommerliche Lust und Freude noch einmal in unserm Herzen wach riefen? Lange waren die Gelehrten verschiedener Ansicht über die Entstehung des fliegenden Sommers, bis man entdeckte, daß die Spinnen in ihrer Jugend, wenn sie die Größe eines Stecknadelkopfes haben, die feinen Fädchen zwirnen und zwar aus einer großen Neigung zu Luftreifen oder, wenn man es so nennen will, zur Luftschifffahrt. Es ist nicht etwa eine besondere Spinnenart, die im Herbste solche feinen Gebilde spinnt und webt, nein, alle Arten nehmen an dieser Thätigkeit Theil und reisen mit dem leisesten Windzuge auf den weißen Herbstfäden durch die Luft und den goldenen Sonnenschein, bis sie sich wieder an den ersten besten Gegenstand, der ihnen in den Weg kommt, festhängen. Nicht selten werden sie auf diese Weise hoch wie der Kirchthurm empor und meilenweit durch die Lande hinaus getragen. Das muß ein herrliches Vergnügen für die kleinen Thierlein sein, um welches der Mensch sie wohl beneiden mag, denn bei allem Scharfsinn, den er auf die Kunst fliegen zu lernen verwandte, hat er es noch nicht soweit zu bringen vermocht, wie die kleinen Spinnlein. 429 Und nehmen wir so ein feines Fädchen in die Hand und betrachten es näher, so müssen wir bekennen, daß keine menschliche Spinnerin es herzustellen vermöchte, und wir rufen wohl verwundert mit dem Dichter (Hebel) aus: „Wo mag solch' Flachs zu haben sein? Wer hechelt ihn so zart und fein? Wußt' manche Frau, wo sie ihn kriegt, Sie holt' ihn sich und wär' vergnügt!" Du Thierlcin hast mich ganz verzückt, Wie bist so klein du und geschickt! Wer hat dich nur das Ding gelehrt? Ich denk': Er, der uns alle nährt, Der Jedem giebt, was ihm gebricht. Vertrau' ihm, er vergißt dich nicht!" — Es giebt Menschen, welche gleich darauf bedacht sind, jede Erscheinung in der Natur für die Menschheit nützlich zu machen, und das ist recht schön und gut, wenn auch gerade nicht jeder Versuch gelingt. Zu den nicht besonders erfolgreichen Versuchen gehört auch der, den ein Franzose unternahm, aus den feinen seidenartigen Fäden Seide zu weben und Kleidungsstücke daraus zu fertigen. Er brachte zwar ein paar Handschuhe, ein paar Strümpfe und eine Weste zustande, die er dem Könige Ludwig XIV. zum Geschenk machte, allein es zeigte sich bald, daß diese Gegenstände gar keine Haltbarkeit hatten, und so stellte man die weiteren Versuche wohlweislich ein. Auch ein Pastor Namens Busch an der Kreuzkirche in Hannover war, zu Anfang des vorigen Jahrhunderts etwa, für die Idee, aus dem fliegenden Sommer Seide zu weben, eingenommen und schrieb ein dickes Buch hierüber, aber ohne besondern Erfolg. Er hätte wohl wissen sollen, daß der Prophet Jesaias (59, 6) sagt: „Spinnweben taugen nicht zu Kleidern," und das ist heute noch wahr, wie zu Jesaias Zeit. Noch müssen wir bemerken, daß der fliegende Sommer wohl auch zuweilen an schönen Frühlingstagen erscheint, doch bei weitem nicht in solcher auffallenden Menge wie im Herbste. „Aber," höre ich meine freundlichen Leserinnen fragen, „woher kommt es denn, daß man den fliegenden Sommer auch Mariengarn nennt?" Zur Antwort diene Folgendes: In alter Zeit sahen unsere heidnischen Ur- eltern in jeder Erscheinung des Naturlebens eine überirdische göttliche Kraft wirksam, und so schrieben sie auch die Bereitung des fliegenden Sommers 430 irgend einem Gölte oder einer Göttin, oder mit wunderbaren Kräften ausgestatteten Zwerginnen zu. In Schweden heißen die feinen Gespinnste des fliegenden Sommers daher heute noch Dvärgsnät, d. h. Zwergnetz. Nach der Einführung des Christenthums übertrug man die heidnischen Anschauungen auf Gott, Christus und Maria. Das Spinnen der Sommer- oder Herbstfäden mußte nun Maria, die Mutter des Heilandes thun, und so wurde das feine Gespinnst in Deutschland denn auch „Marien- garn" oder „Marienseide" genannt, während es in Frankreich I'il äs 1a visrgs heißt. Vielfach verbreitet war aber auch die Volksanschauung, das Mariengarn käme aus dem Monde von einer dorthin verbannten Spinnerin, und man erzählte sich dabei folgende wundersame Geschichte. Eine alte kranke Frau in einem Dorfe hatte eine einzige Tochter, die war eine vortreffliche Spinnerin und mußte, da der Vater todt war, für sich und die kranke Mutter durch Spinnen den Unterhalt verdienen. Das that sie denn auch recht gern. „Wie drehte das Mädchen; Wie.schnurrte das Rädchen; Wie spann sich das Fädchen So flink und so fein! 'S konnt' schöner nicht sein!" Bei allem Fleiße aber hatte Maria eine schlimme Neigung, durch welche sie ihrer Mutter oft großen Kummer verursachte. Wenn Maria nur eine Geige zum Tanze aufspielen hörte, so mußte sie mit dabei sein; ja, sie tanzte oft ganze Nächte lang trotz des Bittens und Flehens ihrer Mutter. Es war gerade Marientag, als die Mutter ihrer Tochter zuredete, sie möge doch heute auf ihre Bitten hören und nicht lange ausbleiben, denn am Marientage werde Ungehorsam der Kinder hart bestraft. Maria versprach tief gerührt der Mutter zu gehorchen, und noch mehr versprach sie: „Ich will nimmer tanzen, so wahr der liebe Mond am Himmel steht!" denn es war gerade Mondschein. Maria nahm Abends ihr Rad und ging zu ihren Freundinnen und spann so fleißig, daß sie kaum vom Faden absah, der rasch durch ihre Hände glitt. Ach, da klangen auf einmal lustige Weisen von der Straße herein; die Musik kam immer näher und in das Haus, wo die Mädchen zusammen waren. Da gab es bald einen lustigen Tanz nach dem andern. 431 Maria hielt sich anfangs zurück, bald aber, ach, nur zu bald waren die guten Vorsätze und die Bitten der Mutter vergessen: Maria flog mit im Reihen bis über Mitternacht. Und als man endlich nach Hause gehen sollte, zogen alle mit Musik über die Straße und über den Kirchhof, wo der helle Mond die weißen Steine und Kreuze beschien. Die kranke Mutter hörte aus der Ferne die Musik, und da Maria noch nicht nach Hause gekommen war, so machte sie sich aus dem Bette, um die leichtsinnige Tochter heim zu holen. Als die Mutter sah, wie Maria mitten unter den Tanzenden herumflog, da war es ihr, als dränge ein scharfes Messer durch ihr Herz, und sie rief klagend der Tochter zu: „Maria, unglückliches Kind, willst Du denn ganz verloren gehen? O komme doch mit mir nach Hause!" Die leichtsinnige Tochter aber sprach: „Ach, der Mond scheint noch so hell, und es ist noch so schön hier! Laß mich noch einen Augenblick, dann komme ich gleich." Wie so die jammernde Mutter ihre Bitte und Klage unbeachtet sah, da rief sie verzweiflungsvoll zum hellen Monde aufschauend aus: „O daß Du leichtfertiges Kind oben im Monde säßest und müßtest spinnen bis an den jüngsten Tag!" Kaum hatte die Mutter das gesprochen, da fuhr Maria mit ihrem Spinnrads sausend aus dem Kreise der Tanzenden empor in der Luft über den Kirchthurm hinaus und weiter und weiter bis in den Mond. Da sitzt nun heute noch die ungehorsame Maria im Monde und muß spinnen und spinnen bis an den jüngsten Tag, und die Fäden fallen an sonnigen Tagen des Herbstes herunter und fahren durch die Luft, und das Volk nennt sie „Mariengarn" und singt: „In dem Mond', In dem Mond' Sitzt sie mit dem Rädchen, Spinnt und spinnt. Spinnt und spinnt Ei wie zarte Fädchen!" 432 Mykologie lle5 Rorllens. Von Audkng Auhls. Thor (Donar). Modi. Magni. Thrudh. Sif. Uller. seiner der Götter ist uns so bekannt und verständlich, wie Thor, über keinen ist mehr zu berichten. Nächst Odin ist er der mächtigste der Äsen. Er ist ein Sohn Odins und der Jörd (Erde). Er ist der stärkste der Äsen, und in ihm ist die Kraft des Blitzes personificirt. Wenn Odin der personificirte Himmel mit Licht und Luft ist, so giebt das einen schönen Sinn: er, der Gewittergott erscheint als Sohn des Himmels und der Erde, und daher hat er seine gewaltige Kraft. Er besitzt einen Hammer, Miölnir, einen Stärkegürtel, der seine Kraft um das Doppelte vermehrt, und Eisenhandschuhe. Sein Palast Vilskirnir in Thrudwang ist der größte und schönste; Odin sagt davon: Fünfhundert Stockwerke und viermal zehn Weiß ich in Bilskirnirs Bau. Von allen Häusern, die Dächer haben. Weiß ich meines Sohns das schönste. Da Walhall nur eben so viel Thüren hat, wie der Thrudwang- Palast Stockwerke, so mag dieser wohl der größte Bau sein „von allen Häusern, die Dächer haben," wodurch gewissermaßen Thor als die vornehmste Gottheit erscheint. Er ist auch der einzige der Götter, welcher fährt, während alle anderen reiten. Der Donner ist das Rollen seines Wagens. Sein Wagen ist bespannt mit zwei Böcken, sie heißen Tan- gnistor und Tangrisnir, Zahnknisterer und Zahnknirscher. Ihre springende Bewegung läßt sich auf das Zucken des Blitzstrahls beziehen. Von anderen Thieren ist ihm wegen seines rothen Bartes, der Fuchs und das Eichhörnchen, das Nothkehlchen und Nothschwänzchen heilig, wozu noch die Donnerziege oder Schnepfe kommt, deren Flug Gewitter verkündigt, und der Hirschkäfer, der auch Feuerschröter und Donnerspuppe heißt; von Bäumen aber außer der Eiche die Vogelbeere mit ihren rothen Früchten; von anderen Pflanzen die Hauswurz (Donnerbart), die Donnerdistel und die Erbse. (Eine Donars-Eiche fällte Winfried, der Bekehrer der Deutschen). 433 Wenn Thor einherfährt, steht die Erde in Flammen, Funken stieben, Berge beben und brechen, und trifft er mit dem Hammer, 'so krachen die Felsen, Klüfte heulen, die alte Erde fährt ächzend zusammen. Alle Felsen beben, von der Bergfahrt kehrt Hloridi heim. Hloridi ist nämlich einer seiner Namen. — Doch nicht immer sehen mir Thor fahren; er geht zu Fuß zum Gericht bei der Esche Iggdrasil, um die Himmelsbrücke zu schonen, und durchwatet dabei große Ströme. Körmt und Oermt und beide Kcrlaug Watet Thor täglich, Wenn er einherfährt Gericht zu halten Bei der Esche Yggdrasil, Denn die Asenbrücke stund' all' in Lohe, Heilige Fluthen flammten. Ein ewiger Feind der Riesen ist er, aber ein Freund der Menschen; diesen erschließt er den Himmel, läßt den befruchtenden Gewitterregen niederströmen und segnet ihre Saaten; ja er bereitet den harten Felsboden zu fruchtbarem Baugrunde und verpflichtet den Arbeiter im Steinbruch, welchem er vorgearbeitet hat, zum Danke. Mit seinem Hammer spaltet er der Riesen Haupt, d. h. er zermalmt und verwittert das unfruchtbare steinige Bergland, das sich nun dem Anbau erschließt, der immer höher hinausgetragen werden kann in die Gebirgsgegenden, wo nur Bergrieseu wohnten. Jetzt müssen sie auswandern, sie fühlen, daß ihre Zeit vorüber ist. Darum ist Thor immer im Kampf mit den Vergriesen vorgestellt, immer auf der Ostfahrt begriffen, weil die kalten Winde von Osteu kommen, die Gewitter aber von Westen. — Nach allen Seiten hin zeigt er sich als Freund der Menschen. Als Gott der Ehe, die sein Hammer einweiht, legt erden Grund zu einem sittlich geordneten Leben; als Gott des Eigenthums, das sein Hammerwurf begrenzen und feststellen hilft, entwickelt er den Staat aus der Familie, als Gott der Brücken, der die Vergströme zähmt, verbindet er die Länder und befördert den Verkehrr und so ist er so recht ein Gott der Kultur, der die mythische Zeit beschließt und den hellen Tag der Geschichte herausführt, denn die Kultur folgt dem Ackerbau auf dem Fuße, ist zum Theil eins mit ihm. Modi und Magni (Kraft und Muth) heißen die Söhne Thors. Nach dem Weltuntergänge werden sie zu den Wenigen gehören, welche am T-.A. xx. 28 434 Leben geblieben sind, auch den Hammer ihres Vaters werden sie aus dem Weltenbrande gerettet haben. Sif ist die Gemahlin des Asathor. Sie ist eine Erdgöttin. Merkwürdig ist sie durch ihr goldenes Haar, von dem wir schon wissen. Thrudh ist die Tochter des Asathor und seiner Gemahlin Sis. Uhland deutet den Namen auf Saatkorn. Alsdann hat folgender Mythus eine hübsche Bedeutung. In Thors Abwesenheit war Thrudh dem Zwerge Alwis verlobt worden. Thor war nach Hause gekehrt, als jener die Braut zu holen kam. Bestreut sind die Bänke: so sei die Braut nun Mit mir zu reisen bereit. Für allzu hastig hält man mich wohl; Doch daheim wer raubt uns die Ruhe? Thor war mit der Verlobung nicht einverstanden und fragt ihn: Wer bist du Bursch? wie so bleich um die Nase? Hast du bei Leichen gelegen? Vom Thursen ahn' ich etwas in dir: Bist solcher Braut nicht geboren. Der Freier antwortet: Alwis heiß ich, unter der Erde Steht mein Haus im Gestein. Warnen will ich den Wagenlenker: Breche Niemand festen Bund. Thor erwidert: Ich will ihn brechen: die Braut hat der Vater Allein zu gewähren Gewalt. Ich war nicht daheim, da sie dir verheißen ward. Kein anderer giebt sie der Götter. Nun wird der Zwerg kurrig; aber Thor erklärt ihm: „Wider meinen Willen erwirbst du das Mädchen nicht." Da spricht der Zwerg aus anderem Ton: So wünsch ich denn deine Bewilligung Und das Jawort zu gewinnen. Besser zu haben als zu entbehren Ist mir das mehlweiße Mädchen. 435 Thor stimmt nun scheinbar auch einen andern Ton an. Des Mädchens Minne mag ich dir, Weiser Gast, nicht weigern, Kannst du aus allen Welten mir kundthun, Was ich zu wissen wünsche. Da denkt der Werber natürlich, das Mädchen sei ihm sicher, denn die Zwerge sind durch ihre Klugheit berühmt. Versuch es Wing-Thor, da du gesonnen bist ^ An des Zwerges Wissen zu zweifeln. Alle neun Himmel hab' ich durchmessen Und weiß von allen Wesen. Und nun fragt Thor ihn, wenn nicht nach allen, so doch nach sehr vielen Wesen. Der kluge Zwerg berichtet schlagfertig, wie dieselben in der Sprache der Menschen, der Äsen, der Riesen, der Alfen und sogar bei Hel in der Unterwelt heißen. Dabei bemerkt er gar nicht, wie die Zeit vergeht, bis Thor zu ihm sagt: Aus einer Brust alter Kunden Vernahm ich nie so viel. Mit schlauen Listen verlorst du die Wette, Der Tag verzaubert dich, Zwerg: Die Sonne scheint in den Saal. Durch den Sonnenstrahl nämlich ward der Zwerg in Stein verwandelt. — Wenn Thrudh das Saatkorn bezeichnen soll, so ist dieser Mythus leicht zu deuten: Das im Herbst ausgestreute Saatkorn schien dem finstern Erdengrunde verhaftet, aber der zurückkehrende Sommer zieht es wieder ans Licht, indem die Saat in Halme schießt. An diese Göttergruppe schließt sich noch an Uller. Er ist ein Sohn der Sif und Thors Stiefsohn. Er hat auch seine Himmelsburg, die Malir heißt, ist also einer der geehrtesten Äsen. Er ist ein Wintergott, der Gott der Jäger und Schrittschuhläuser, weil er selber im Bogenschießen und Schrittschuhlaufen der Geschickteste ist. Bei Zweikämpfen pflegte man ihn anzurufen und bei Eidesleistungen einen ihm geweihten Ring zu fasten. — Als Wintergott konnte er nicht wohl der Sohn des Gewittergottes sein, wohl aber der der Erdgöttin. 28 * 436 Viele schöne Mythen giebt es von Thor und seinen Niesenkämpfen. Unter allen ist eine vorzugsweise bekannt und lebt noch heute in den nordischen Mundarten bei Dänen, Schweden und Norwegern in gereimten Volksliedern fort, wenn auch zuweilen in sehr veränderten Nachklängen. Auch bei uns Deutschen hat das Eddalied, welches sie enthält, schon einige Uebersetzer gefunden, unter denen Chamisso vielleicht der erste war. Möge diese Mythe hier noch einen Platz finden und zwar größtenteils nach der Simrock'schen Uebertragung. Thors Hammer war den Niesen besonders schrecklich, weil er so vielen das Haupt zerschmetterte. Etwas anderes war ihnen ganz besonders begehrlich: die herrliche, schöne Göttin Freyja, und mehr als einmal, wenn Götter und Riesen einen Vertrag abzuschließen hatten, stellten Letztere den Besitz Freyja's unter die Bedingungen auf. Beides werden wir aus unserm Eddaliede ersehen, welches heißt: Thrymskwida, Thryms-Sage. Wild ward Wing-Thor, als er erwachte Und seinen Hammer vorhanden nicht sah. Er schüttelte den Bart, er schlug das Hanpt, Allwarts suchte der Erde Sohn. Und es war sein Wort, welches er sprach zuerst: Höre nun, Loki, und lausche der Rede: „Was noch auf Erden Niemand ahnt. Noch hoch im Himmel: mein Hammer ist geraubt." Um auszukundschaften, wo derselbe sein könne, war wohl der schlaue Loki die einzige Persönlichkeit. Er wußte auch, wenigstens vorläufigen Rath. Sie gingen zum herrlichen Hause der Freyja, Und es war sein Wort, welches er sprach zuerst: „Willst du mir, Freyja, Dein Fcderhcmd leihen, Ob meinen Miölnir ich finden möge?" Freyja antwortet: „Ich wollt es dir geben und wär' es von Gold, Du solltest es haben und wär' es von Silber." — Dieses legte nun Loki an, um seinen Weg nach Jötunheim zu nehmen, denn er wußte wohl, daß nur ein Niese der Räuber gewesen sein könne. 437 Flog da Loki, das Federhemd rauschte. Bis er hinter sich hatte der Äsen Gehege Und jetzt erreichte der Joten Reich. Auf dem Hügel saß Thrym, der Thursenfürst, Schmückte die Hunde mit goldenem Halsband Und strälte den Mähren die Mähnen zurecht. Thrym erkennt Loki sogleich und fragt: Wie stehts mit den Äsen? wie stehts mit den Alsen? Was reisest du einsam gen Riesenheim? Loki antwortet: Schlecht stehts mit den Äsen, mit den Alfen schlecht; Hältst du Hloridis Hammer verborgen? Thrym: Ich halte Hloridis Hammer verborgen Acht Rasten unter der Erde tief. Und wieder erwerben fürwahr soll ihn Keiner, Er brächte denn Freyja zur Braut mir daher. Flog da Loki, das Federhemd rauschte, Bis er hinter sich hatte der Niesen Gehege Und endlich erreichte der Äsen Reich. Da traf er Thor vor der Thür der Halle, Und es war sein Wort, welches er sprach zuerst: Hast du den Auftrag vollbracht und die Arbeit? Laß hier von der Höhe mich hören die Kunde. Dem Sitzenden manchmal mangeln Gedanken, Da leicht im Liegen die List sich ersinnt. Loki antwortet: Ich habe den Auftrag vollbracht und die Arbeit: Thrym hat den Hammer, der Thursenfürst; Und wieder erwerben fürwahr soll ihn Keiner, Er brächte denn Freyja zur Braut ihm daher. — Sie gingen Freyja die schöne zu finden. Und es war Thors Wort, welches er sprach zuerst: Lege, Freyja, dir an das bräutliche Linnen: Wir beide reisen gen Riesenheim. 438 Solches Ansinnen war der liebenswürdigen Freyja zu stark. Wild ward Freyja, sie fauchte vor Wuth, Die ganze Halle der Götter erbebte; Der schimmernde Halsschmuck schoß ihr zur Erde. Doch die Sache war mit der Weigerung nicht abgethan, sie war zu wichtig für alle Götter. Ganz Asgard gerieth alsbald in Bewegung. Bald eilten die Äsen all zur Versammlung, Und die Asinnen all zu der Sprache; Darüber beriethen die himmlischen Richter, . Wie sie dem Hloridi den Hammer lösten. Da hub Heimdal an, der hellste der Äsen, Der weise war den Manen gleich: „Das bräutliche Linnen legen dem Thor wir an, , Ihn schmücke das schöne, schimmernde Halsband. „Auch laß er erklingen Geklirr der Schlüssel, Und weiblich Gewand umwalle sein Knie; Es blinke die Brust ihm von blitzenden Steinen, Und hoch umhülle der Schleier sein Haupt." Nun war Thor in ähnlicher Verlegenheit als vorhin Freyja. Er, der starke, der ernste Gott sollte sich in Weiberkleider hüllen lassen: das schien ihm zu schimpflich: Da sprach Thor, der gestrenge Gott: „Mich würden die Äsen weibisch schelten. Legt' ich das bräutliche Linnen mir an." Anhub da Loki, Laufeyas Sohn: „Schweig nur, Thor, mit solchen Worten. Bald werden die Riesen Asgard bewohnen. Holst du den Hammer nicht wieder heim." Das sah Jeder ein und auch Thor. Er mußte sich also darein ergeben. Das bräutliche Linnen legten dem Thor sie an. Dazu den schönen schimmernden Halsschmuck. Auch ließ er erklingen Geklirr der Schlüssel, Und weiblich Gewand umwallte sein Knie; Es blinkte die Brust ihm von blitzenden Steinen, Und hoch umhüllte der Schleier sein Haupt. 439 Solch ein Abenteuer war ganz nach Lokis Sinn. Da mußte er mit dabei sein. Da sprach Loki, Laufeyas Sohn: „Nun muß ich mit dir als deine Magd: Wir beide reisen gen Riesenheim." Bald wurden die Böcke vom Felde getrieben Und vor den gewölbten Wagen geschirrt. Felsen brachen, Funken stoben, Da Odins Sohn reiste gen Riesenheim. Ein solches Gefährt ist freilich schon von ferne zu bemerken, besonders wenn auf die Ankommenden gewartet wird. Anhob da Thrym der Thursenfürst: „Auf steht, ihr Riesen, bestreut die Bänke, Und bringet Freyja zur Braut mir daher, Die Tochter Niördrs aus Noatun. „Heimkehren mit goldenen Hörnern die Kühe, Rabenschwarze Rinder, dem Riesen zur Lust. Viel schau ich der Schätze, des Schmuckes viel: Fehlte nur Freyja zur Frau mir noch." Früh fanden Gäste zur Feier sich ein, Man reichte reichlich den Riesen das Ael, Thor aß einen Ochsen, acht Lachse dazu, Alles süße Geschleck den Frauen bestimmt, Und drei Kufen Meth trank Sifs Gemahl. Das mußte freilich die Verwunderung des Bräutigams erregen; und er fragt: „Wer sah je Bräute gieriger schlingen? Nie sah ich Bräute so gierig schlingen, Nie mehr des Meths ein Mädchen trinken." Der schlaue Loki fürchtet wohl Entdeckung vor der Zeit und sucht das Wunder zu erklären. „Nichts genoß Freija acht Nächte lang. So sehr nach Niesenheim sehnte sie sich." Lüftern lüftet der Niese etwas den Schleier, um seine Braut anzusehen: da trifft ihn ein Blick aus Thors Augen, daß er durch den weiten Saal zurückschreckt. 440 „Wie furchtbar flammen der Freyja die Augen! Mich dünkt es brenne ihr Blick wie Gluth." Da saß zur Seite die schmucke Magd, Bereit dem Riesen Rede zu stehn: „Acht Nächte nicht genoß sie des Schlafs, So sehr nach Ricsenheim sehnte sie sich." Ein trat die traurige Schwester Thryms, Die sich ein Brautgeschenk zu erbitten wagte. „Reiche die rothen Ringe mir dar, Eh dich verlangt nach meiner Liebe, Nach meiner Liebe und lauterer Gunst." Es war damals wohl Sitte, daß die Braut die Angehörigen des Bräutigams beschenkte, und umgekehrt, wie auch wohl heute noch. Da hob Thrym an, der Thursenfürst: „Bringt mir den Hammer, die Braut zu weihen. Legt den Miölnir der Maid in den Schooß, Und gebt uns zusammen nach ehlicher Sitte." Da lachte dem Hloridi das Herz im Leibe, Als der hartgeherzte den Hammer erkannte. Thrym traf er zuerst, den Thursenfmsten, Und zerschmetterte ganz der Riesen Geschlecht. Er schlug auch die alte Schwester des Joten, Die sich das Brautgeschenk zu erbitten gewagt. Ihr schollen Schläge an der Schillinge Statt Und Hammerhiebe erhielt sie für Ringe. So kam Odins Sohn zu seinem Hammer. Kieke Nilk um unil mäkle. Von Thklüu d. «Kumprrt. Reisebericht VH. Nonnenweier. 'Mas soll ich Dir von dem Dorfe Nonnenweier sagen? Es liegt in der Nähe des Rheines, in der Ebene. Das ist vielleicht alles, was 441 die Geographie von dem Orte zu berichten weiß. Aber Nonnenweier ist ja fehr oft genannt, hat eine gewisse Berühmtheit erlangt. — Ja, gewiß! Wer sich für Anstalten interessirt, welche die Nächstenliebe geschaffen hat, der kennt Nonnenweier, wenigstens aus Berichten. Berühmt ist eigentlich nicht das ganze Dorf, sondern nur das sogenannte Schlößchen in demselben, ein freundliches Landhaus mit Nebengebäuden und großem Garten. In dem Schlößchen hat eine liebreiche Freundin der Armen, namentlich der armen Kinder, Frau Regina Jolberg, eine Anstalt errichtet, in welcher die Kleinen, Kinder der Landleute, vor dem schulpflichtigen Alter mütterliche Pflege, die Herzenspflege erhalten, welche Mütter ihren Kindern zu geben berufen sind, aber wegen überhäufter Arbeit oft nicht geben können. Mit der Kleinkinderschule ist eine Vildungs-Anstalt für Kleinkinder- lehrerinnen verbunden, meistens aus niederen Ständen, es sind derselben Viele bereits thätig in Dörfern und Fabrikorten. Ich hatte mir in Dinglingen zu der Fahrt nach Nonnenweier frühzeitig einen Wagen bestellt und fuhr in erfrischender Morgenluft hierher. In meinen Reisebericht lege ich hier einige Blätter ein, die ich schon in der Heimath für diesen Zeitpunkt vorbereitete, sie enthalten Auszüge aus Frau Regina Jolbergs Lebensgeschichte, welche ihr Schwiegersohn, Schul- direktor Brandt herausgegeben hat. Du wirst die liebevolle, thatkräftige, unermüdlich sorgende und schaffende Frau in Dein Herz schließen, gewiß schon indem Du die kurzen Mittheilungen kennen lernst, vielleicht suchst Du dann Gelegenheit Dir das Buch von Dr. Brandt zu verschaffen, um mehr von ihrer Thätigkeit zu erfahren. Möglich daß es Dir ergeht, wie es mir erging, als ich die Lebensgeschichte las, ich mußte klagend ausrufen: Wie viel größer müßte die Freude sein eine so liebe Seele persönlich gekannt zu haben, eine solche Mutter der Armen! Aus Regina Jolvcrgs Ueveir. Mutter Jolberg beginnt ihre Erinnerung mit folgenden Worten: „Unser Gott hat schon vor Grundlegung der Welt bestimmt, was er aus jedem Menschen machen will und machen würde, wenn wir seinen Willen verständen und ihm nicht widerstrebten. So hatte er auch in mich ein Saatkorn gelegt und seine Wunderhand hat es wachsen lassen und unter Stürmen und Gefahren aller Art erhalten, so daß es ein Baum geworden ist, darunter und in dessen Schatten die Vöglein fröhlich ihrem Herrn zur Ehre ihre Stimme erklingen lassen. 442 Die Liebe Gottes ließ mich aus seinem alten Vundesvolke Israel hervorgehen. Meine lieben Eltern, David Zimmern und Sara Flörsheim waren einfache, redliche Bürgersleute in Heidelberg, die ihr anfangs kleines Handelsgeschäft mit Eifer und Treue betrieben und durch dasselbe unter Gottes Segen zu einem gewissen Wohlstände gelangt waren, in dessen Fülle wir Kinder aufwuchsen. Ich wurde den 30. Juni 1800 in Frankfurt geboren. Von 10 Geschwistern bin ich das dritt-älteste Kind und die älteste Tochter. Ich war ein stilles schüchternes Kind, das von jeher sich nicht heimisch fühlte unter den Menschen und den Verhältnissen, in denen es lebte. Es war mir immer, als suchte ich etwas Verlorenes. Viele Eindrücke kamen und schwanden; es bildete sich in dem einsamen Kinde eine verborgene stille Welt, die mit der Außenwelt, in der es lebte, in einem großen Kontraste stand. Da wir in keine Schule geschickt wurden, sondern Hauslehrer hatten, so kam ich auch mit anderen Kindern in keine Berührung. Mein lieber Vater kam alle Morgen in unsere Kinderstube, herzte und küßte uns, dann sahen wir uns erst Mittags wieder. Meine liebe Mutter, die nach und nach eine große Haushaltung bekam und immer kleine Kinder hatte, konnte sich gar wenig um uns annehmen, und so habe ich eigentlich mehr Erinnerungen an unsere alte Kindsmagd, die 34 Jahre bei meinen Eltern war, als an meine Mutter. Ich erinnere mich, wie mich diese Kindsmagd mit zu unserem Häfner (Töpfer) nahm, der aus Thonerde, Sand, bunten Steinen, Muscheln die ganze Gegend von Bethlehem dargestellt hatte. Es stürzte sich ein kleiner Wafserfall herab und schlängelte sich durch das Thal nach Bethlehem, ganz bläulich und natürlich anzusehen. Dort war dann die Krippe, darin das Kindlein ganz hell leuchtend mit einem Heiligenschein lag; in der Nähe die Hirten mit den Heerden, denen der Engel erschien. In der Ferne die drei Waisen aus dem Morgenlande, dem Sterne folgend, der über dem Stalle stand. Diese Wunderwelt machte einen solchen Eindruck von heiliger Freude auf mein Herz und von diesem Kinde ging mir ein so ahnungsvolles Bild auf, daß ich noch heute in der Erinnerung erkenne, wie es der Gnadenzug des Herrn war, der schon damals auf das Kindesherz wirkte, denn ich wußte ja gar nichts von dem Kindlein Jesus und hatte es doch so lieb, daß ich ihm gern alle meine Puppen und Spielsachen geschenkt hätte."- „Meine lieben Eltern standen damals noch auf dem Gesetz und ich erinnere mich mit heiliger Ehrfurcht, wie sie am großen Versöhnungstage in Todten- kleidern in die Synagoge gingen, den ganzen Tag fasteten und wie ich 443 meine Mutter dort besuchen durfte; und das große Bußgebet, wobei sie immer an die Brust schlug und, wiewohl hebräisch, alle Sünden bekannte, schlägt mir heute noch in's Herz, es tönte fort in dem Kinde, bis zu meinem jetzigen Alter. Solche Eindrücke der Kindheit bleiben tief einge- graben. In unserem Elternhause herrschte ein streng sittlicher Geist und herzliche Liebe und Einigkeit unter Eltern und Kindern."- „Das Leben eines israelitischen Kindes verläuft in solcher Einförmigkeit, daß nichts Besonderes davon zu erzählen ist, als daß in zarten Gemüthern eine besondere Leere sich fühlbar macht."-— „Es fehlt der lebendige Gott und das geoffenbarte Wort. Indessen kennt ja Gott aller Menschenkinder tiefstes Bedürfniß und so gab er auch meinen Eltern in das Herz mich in meinem 13. Jahre in ein christliches Pensionat zu senden, woselbst ich den Tag zubrachte." — „Hier ging mir eine ganz neue Welt auf. Die Sonn- und Festtage machten einen tiefen Eindruck aus mein Herz, besonders das herrliche Weihnachtsfest, welches mit dem Choral «Dies ist der Tag, den Gott gemacht,» eröffnet wurde." — „Charfreitag erfüllte mich mit heiliger Ehrfurcht, ohne daß ich wußte warum. Aber wenn ich auch an allem Aeußerlichen Antheil nehmen durfte, so erfüllte dennoch ein großer Schmerz meine Seele, weil ich ja innerlich keinen Antheil daran hatte; ich war und blieb voll Wehmuth und Sehnsucht. Ich Hütte es so sehr bedurft, daß sich Jemand meiner Noth erbarmt hätte: aber wer ahnte doch, was in dem immer so stillen Kinde vorging?" — „Doch ging mir in diesen zwei Jahren, in denen ich so Manches, wiewohl sehr unvollkommen lernte, der Sinn auf für Natur, Kunst, Lektüre, kurz für alles Schöne, dem auch sehr gehuldigt wurde." — „Als ich 15 Jahre alt war, kehrte ich wieder ganz in das Elternhaus zurück, ich kam in die Schule des Lebens, in das Getreide der Geselligkeit, in das Schöngeistige von allerlei Lektüre. Da ich zwei ältere Brüder hatte, so kamen viele Gäste in unser Haus. Ich wurde geehrt und erhoben, und so fand meine Eitelkeit und mein Ehrgeiz Nahrung. Die vielen Fremden hatte ich mit meinen Brüdern zu unterhalten, denn meine Mutter hatte mit ihrer großen Haushaltung, mein Vater mit seinem großen Geschäft vollauf zu thun. So wurde mein Herz recht in die Außenwelt gezogen." Dieser Blick auf die Jugendzeit der lieben Regina muß uns hier genügen, denn der Raum, welcher ihr überhaupt hier angewiesen werden kann, ist gering, es ist unmöglich das viele Schöne, was sie selbst geschrieben hat, wiederzugeben. Regina hatte eine sorgfältige Erziehung 444 bekommen und lebte in angenehmen Familienverhältnissen, in behaglicher Geselligkeit; aber bei allem Wohlergehen blieb in ihr das Verlangen nach einem höheren Gut, das ihr noch unbekannt war. Bevor sie dies höhere Gut gewinnen konnte, hatte sie durch eine ernste Lebensschule zu gehen. Zwei Mal trat sie als Braut zum Altare, wurde Gattin und Mutter und beide Mal, in jungen Jahren noch, wurde sie Wittwe. Ihr erster Gatte war ein Freund ihrer Brüder, Dr. Neustetel, sie verlebte einige glückliche Jahre an seiner Seite und Gott schenkte ihr in dieser Ehe zwei Töchter, deren Besitz beide Eltern mit Freude und Dank erfüllte. Dr. Neustetel erkrankte und mit einem ernsten Brustleiden behaftet, wurde er nach Nizza geschickt, wohin ihn Regina begleitete, nur Regina, ihre kleinen Töchter blieben bei ihren Verwandten in der Heimath zurück. In Nizza wohnte Dr. Neustetel mit einer englischen Predigerfamilie in demselben Hause und dadurch ergab sich ihm und seiner Frau die Gelegenheit, dem Christenthums näher zu treten, ja, während dieses Zusammenlebens ging ihre innere Bekehrung vor, wenn auch kein offener Uebertritt erfolgte. Als Dr. Neustetel starb, schloß Regina sich noch inniger an die Familie an, welche so große Bedeutung für sie gewonnen hatte, und sie bat den Prediger, dem christlich gläubig hinübergegangenen Todten eine Ruhestätte auf dem englischen Kirchhofe zu gewähren, welche Bitte ihr erfüllt wurde. Regina selbst, auch Christin der Gesinnung nach, wagte den Uebertritt noch nicht, aus Rücksichten für ihre Familie, erst später als sie sich mit Samuel Jolberg verheirathet hatte, ließ sie sich zugleich mit demselben und ihren beiden kleinen Töchtern taufen. So viel Glück Regina in ihrer Ehe mit Dr. Neustetel genossen, so viel Trauriges erlebte sie in der Ehe mit Jolberg. Zwei Kinder wurden ihr geboren und starben frühzeitig. Jolberg hatte kein Vermögen, aber auch keinen festen Lebensberuf und seine verschiedenen Unternehmungen mißglückten, so daß sie mit Sorgen um das tägliche Brod zu kämpfen hatten. Nachdem Regina zum zweiten Mal Wittwe geworden war, lebte sie nur allein der Erziehung ihrer beiden Töchter und nahm noch ein Pflegekind in ihr Haus auf. Ihre Verhältnisse hatten sich wieder besser gestaltet und sie stand mitten in einem Kreise gebildeter Menschen in lebendigem Verkehr. So angenehm dies einerseits war, so viel Unruhe legte dies Leben in ihr Mutterherz, der Gedanke ängstigte sie, daß das weltliche Treiben ihren jungen Töchtern Schaden zufügen könne und sie beschloß ganz aus demselben herauszutreten und im Stillleben auf dem Lande einen 445 Wirkungskreis zu suchen. In dem Dorfe Leutesheim, in welchem ein ihr befreundeter Pastor lebte, fand sie Wohnung und eine ihren Wünschen angemessene Thätigkeit, Frau Jolberg schreibt darüber Folgendes: „Es war an einem schönen heißen Sommertage, als ein Neisewagen die Nhein- straße hinauffuhr, der bald das Ziel der Reise, das kleine Dörfchen Leutesheim, am Rhein gelegen, erreicht hatte. In dem Wagen saßen eine Frau von mittleren Jahren, zwei Töchter von 16 und 17 Jahren, ein Pflegekind von 14 Jahren und eine junge Magd, das war unser Familienkreis. Wir hatten das letzte Jahr in Stuttgart gelebt, in freundlichen, lieblichen Verbindungen, meine Töchter fingen eben erst an, sich geistig und leiblich zu entfalten, genossen manchen Unterricht und Umgang, der sie anzog, — auch für das christliche Leben war reichlich Nahrung da — und dennoch drängle und trieb es mich innerlich fort in die Stille des Landlebens. — Es giebt ja in jedem Menschenleben große entscheidende Abschnitte, wo zwischen Vergangenheit und Zukunft ein hoher Grenzstein sich erhebt. -Ich war in sogenannten glücklichen Lebensverhältnissen geboren und erzogen, ich hatte alles kennen gelernt, was Wohlhabenheit, Bildung und Geselligkeit, Liebe und Freundschaft darboten und war aus allem diesen leer und unbefriedigt hervorgegangen.-Ich hatte immer ein Herz für das Volk, und Volksbildung war eine der so vielen sogenannten hohen Ideen, die mich beseelten. >-Nicht ohne Scham fuhr ich so oft schön gekleidet spazieren, während um mich herum Alles in saurem Schweiß arbeitete, doch lag dies Alles verworren und unbestimmt in mir. Sah ich in Dörfern die kleinen Kinder so unbeachtet, so schmutzig umherlaufen, so verweilte oft mein Auge mit Thränen auf ihnen und ein Drang, ihnen auf irgend eine Art zu helfen, war so stark in mir, daß ich wenigstens gern gleich angefangen hätte, sie mit einem großen Schwamm Alle zu waschen, — ja, oft betete ich, Gott möge mir helfen, etwas zur Volksbildung beitragen zu dürfen. Nun war ein Zeitpunkt in meinem Leben eingetreten, der mir gerade der von Gott dazu bestimmte zu sein schien.-Ich hatte die Bekanntschaft der lieben Pfarrerfamilie Fink aus Leutesheim gemacht, die sich auch so herzlich der Kinder im Dorfe annahm, dennoch wünschte diese Jemand, der sich bleibend den Kindern widmen könne. —-Als unser großer mit Hausgeräth bepackter Wagen einfuhr und am Hause hielt, stellte sich natürlich Jung und Alt ein und Jedes wollte helfen, um zu sehen, was sich da begäbe. Es währte wenige Tage, so saßen wir mit unserer Arbeit unter dem 446 Apfelbaume und rothbäckige Kinder, Knaben und Mädchen, traten schüchtern oder herzhaft heran. Bald brachten die größeren Mädchen ihr Strickzeug. Die liebe Frau Pfarrer hatte angefangen sie stricken zu lehren und freute sich nun Helfer zu haben. Am Ende der Woche waren wohl 12, dann 16 bis 20 Kinder versammelt, auch Knaben lernten stricken. Wir sangen, spielten, gingen Sonntags mit der Kinderschaar und den: lieben Pfarrer spazieren an den Rhein und in die Wälder und unsere Schaar ward wie eine Lawine immer größer." — — — — „Im Winter wurde ein Umbau bei uns vollendet und am 16. März l841 begingen wir das Fest der Einweihung unseres Schulzimmers. — Die Schule hatte den Charakter einer Arbeitsschule, die von größeren und kleineren Kindern besucht wurde. Die Kinder waren sehr anhänglich an uns und wir lernten verstehen was es heißt: Werdet wie die Kindlein! Wie gleichgültig ist uns ein Kind, wenn wir an ihm vorübergehen, wie anders aber, wenn wir einem stillen kleinen Wesen näher treten, sein Zutrauen gewinnen.-Das ist ein wahrhaft zauberischer Unterschied, wenn wir Hand anlegen, oder Menschen wie Sachen ansehen!" „Meine Töchter bekamen fortwährend Unterricht von dem lieben Pfarrer und durch seine Predigt und seinen Wandel wurden wir gefördert im christlichen Leben." — „Unerwartet kam uns die Berufung der lieben Pfarrerfamilie nach Jllenau, sie schieden von uns im Dezember 1842." Frau Jolbergs Arbeitsfeld vergrößerte sich immer mehr und nun dachte sie daran ein Haus zu kaufen und einige Mädchen zur praktischen Ausbildung für die Kinderpflege aufzunehmen. Sie schrieb einen Plan dazu nieder und schickte einen Aufsatz an Pfarrer Mann, der ein Volksblatt „Reich Gottes" herausgab, in diesem Blatte wurde der Aufsatz abgedruckt. Er erweckte viele Theilnahme, es kamen von allen Seiten Geldbeiträge, damit der vorgelegte Plan in's Leben gerufen werde. Pfarrer Mann kam um die Zeit an die Stelle von. Pfarrer Fink, er griff thätig in die Sache ein, es wurde in Leutesheim ein Haus gekauft, mehrere Mädchen wurden aufgenommen und der Unterricht begann. Am Morgen wurde eine Andacht gehalten, dann vertheilten sich die Zöglinge, Schwestern genannt, in die verschiedenen Schulabtheilungen und zu häuslichen Arbeiten, in welchen regelmäßig abgewechselt wurde. Die Schülerinnen lernten singen, übten sich im Erzählen biblischer Geschichten, auch anderer kindlicher Geschichtchen, sie hatten Anschauungsunterricht und lernten kleine Kinder nützlich und spielend beschäftigen. Das Lesen, Schreiben, Rechnen 447 sollte aber den Kleinen nicht gelehrt werden, es sollte keine eigentliche Schule, nur eine große Kinderstube für sie sein. In jener Zeit flössen viel Beiträge zu und Unterstützungen verschiedener Art erfreuten Frau Jolberg bei ihrer Liebesthätigkeit. Ein Müller hatte sich z. B. eine besondere Art von Hilfeleistung ausgedacht: Es wurden der Anstalt viele Gaben an Lebensmitteln angeboten, namentlich an Brodkorn; aber da entstand die Schwierigkeit der Beförderung. Der Müllermeister Dörrfuß in Ottlingen wußte Rath. Nach der Ernte fuhr er mit seinem großen Müllerwagen in die Dörfer der Umgegend, sammelte die Gaben ein, verwandelte sie in seiner Mühle in Mehl und brachte dieses dann zu Mutter Jolberg und ihren Zweiganstalten. Ja, Zweiganstalten, die Arbeit stand im Segen, es bildeten sich an verschiedenen Orten Schulen, denen Mutter Jolbergs Zöglinge vorstanden. Sie schrieb damals: „Wunderbar ist alles gegangen, viele Sorgen haben wir uns gemacht, wie z. B.: wo bekommen wir Herzen genug her, die sich zum Dienst der Kindlein hergeben? Und siehe, unser Raum will uns schon nicht mehr reichen für die Zugeführten! Ferner: wo finden wir Gemeinden, die willig sind ihren Kindlein Lehrerinnen zu geben? Und siehe, es sind deren so viele, daß wir nicht genug Lehrerinnen haben." So große Theilnahme die schönen Bestrebungen auch fanden, so gab es doch auch Menschen, die sie angriffen, das war in jener Zeit wohl begreiflich, es waren die Jahre, welche der Revolution vorangingen, welche 1848 —1849 durch Europa zog. Mutter Jolberg erzählt: „Es nahete die Zeit heran, da das Gewitter sich entlud, und das Feuer der Revolution in helle wilde Flammen aufloderte. Die Auflösung der bestehenden Ordnung stieg auf's Höchste. Die bekannte Offenburger Volksversammlung zog viele Menschen von nah und fern herbei, es betheiligten sich auch Vorsteher und Bürger unserer Gemeinde, die am Abend spät mit wildem Geschrei heimkehrten und mit Drohungen an der Anstalt vorüberfuhreu. Einige junge Leute ballten die Fäuste und riefen: «Jetzt geht's an Euch!» Das war Sonntag den 13. Mai 1849. Mit welchen Gefühlen wir die Nacht und die nächsten Tage zubrachten, kann man sich denken. Wenn selbst Kinder auf der Gasse riefen: «Freiheit oder Tod!» so machten es unsere Kleinen auch nicht besser, die, wenn sie in Etwas von den Schwestern gestört wurden, zu ihnen sagten: «Was wolle denn Ihr? Ihr werre ja verschösse!» So war ein besonderer Geist des Ungehorsams auch bei den Kleinen fühlbar; aber der Herr war der Fels, an den wir uns hielten 448 und er verließ uns nicht. Unser Lebensgang wurde in nichts unterbrochen. Es kam aber der Befehl vom Ortsrichter, es sollten binnen 24 Stunden alle fremden Personen das Dorf räumen. Ich ließ antworten, daß wir vom Großherzog und Staatsministerium Genehmigung für unsere Anstalt besäßen rc. Der Bote ging, kam aber bald wieder und brachte alle Hei- mathscheine und den wiederholten Befehl des Bürgermeisters, es hieß, unsere Staatsgenehmigung gehe ihn nichts an, es gäbe keinen Großherzog und kein Staatsministerium mehr!" —-— „Nie werde ich den Augenblick vergessen, da ich Pfarrer Mann in Leutesheim die Hand reichte, gewiß überzeugt, daß wir Beide hier unsere Mission beendigt hätten. Da auch sie in Gefahr standen, so wurde beschlossen, daß er Mittags seine Frau und Kinder nach Baden zu seiner Schwiegermutter bringen wolle. Ich sagte zu den Anstaltsschwestern: Meine Lieben, Ihr wißt wie alles steht; wir sind in der Hand der rohen Gewalt. Gehe Jede in ihre Heimath bis der Aufruhr und Krieg vorüber ist, dann kommt Ihr wieder, so der Herr will. Da antworteten sie, sie hätten schon verabredet, daß sie sich nicht von uns trennen würden, sondern alles mit uns theilen, da sie ja der Herr zu uns geführt, Ihm zu dienen. Dies einfache Wort war mir entscheidend: Nun so ziehe ich mit Euch, denn hier können wir nicht bleiben, — wohin? weiß Der, der Alles in seinen Händen hat. Ich bestellte sogleich zwei Wagen auf ein Uhr Mittags. Mittlerweile war es im Dorfe bekannt geworden, der Hof füllte sich mit Müttern und Kindern. Es war ein überwältigender Augenblick, als ich zum letzten Male unter ihnen stand, noch einmal mit ihnen betete, sie ermähnte nicht zu vergessen, was ich ihnen gelehrt, und besonders den lieben Heiland zu bitten, daß er fromme Kindlein aus ihnen mache. Die Kinder wußten nicht, wie ihnen geschah und sahen uns stumm und verduzt an; die Mütter weinten. — Wir nahmen nun Jedes das Notdürftigste für einige Tage, setzten uns noch einmal an den langen Tisch, um gemeinsam etwas zu essen; ich gab Jedem ein Stück Brod und Fleisch in die Tasche; wir lasen noch den 90. Psalm, riefen den treuen Heiland um seinen Schutz und Segen an, übergaben unserem Gehilfen die Aufsicht über die Häuser und schieden nun, auf zwei großen Leiterwagen sitzend, — um zur Eisenbahnstation zu fahren."-„Am letzten Jahresfeste war die Pflugwirthin aus dem kleinen Dörfchen Langenwinkel in unserer Anstalt und gewann eine solche Liebe für diese Pflege der Kinder, daß sie zu mir sagte, solche Anstalt möchte sie in ihrem Dorfe und Hause haben und wenn wir je ein- 449 mal hier wegzögen, sollten wir zu ihr kommen, sie hätte ein. großes Haus, welches man mit wenig Kosten ausbauen könne." Mutter Jolberg und die Schwestern fuhren mit der Eisenbahn nach Appenweier, sie wollten nach Dinglingen und von dort aus einen Boten an die Wirthin im Pflug schicken, um sich anmelden zu lassen. In Appenweier, wo sie auf den Zug, der sie mitnehmen sollte, lange warten mußten, sangen die Schwestern ihre hübschen Lieder. Da trat ein Bauer aus dem Schwarzwald zu Mutter Jolberg heran und vertrauete ihr, er gehe mit seinen Kameraden nach Karlsruhe, denn er habe den Auftrag des Groß- herzogs Schloß anzuzünden. Mutter Jolberg erwiderte ihm: „Ei, wisset Ihr denn nicht, lieber Mann, daß es eine große Sünde ist seines Fürsten Schloß anzuzünden? Wenn ich Euch rathen darf, so gehet nur schnell wieder hinauf in Euren Schwarzwald!" Sie redete ihm so ernstlich in's Gewissen, daß der Mann sagte: „Nun, wenn Sie's so meint, so wollen wir wieder heimgehen." — In Langenwinkel wurde Mutter Jolberg mit den Schwestern von der Pflugwirthin jubelnd begrüßt; es war zwar seit einem Jahre schon eine Kinderpflege im Dorfe, aber die Hergeflüchteten wurden doch gern aufgenommen. Mutter Jolberg fuhr nach Nonnenweier zu Pfarrer Rein, um sich mit ihm zu berathen, dieser empfahl ihr, da auch in Nonnenweier große Aufregung war, vorerst in dem kleinen unbeachteten Langenwinkel zu bleiben. Sie schrieb über diese Zeit: „Es wurden uns Gaben zugesendet, um uns hier einstweilen ansiedeln zu können, Pfarrer Nein nahm sich unser an und kam alle Woche von Nonnenweier herüber und gab uns eine Bibelstunde." — „Endlich hatte der Herr der Heerschaaren Gnade und Sieg gegeben, die Preußen, deren König das Zeugniß abgelegt „Ich und mein Haus wollen dem Herrn dienen", waren erwählt auch bei uns den Frieden wieder herzustellen." — „Alles athmete frei auf und in Folge dessen fingen auch wir an wieder an eine festere Niederlassung zu denken; nach Leutesheim aber kehrten wir nicht zurück, weil unsere Anstalt an Ausdehnung sehr gewonnen hatte und die Räumlichkeiten dort nicht groß genug gewesen wären." Zwei Jahre blieb Mutter Jolberg mit ihrer Anstalt in Langenwinkel und fühlte sich wohl dort, dann aber bezog sie das Schlößchen in Nonnenweier und hier erweiterte sich ihr Wirkungskreis besonders, es wurde eine große Zahl junger Mädchen als Kleinkinderlehrerinnen ausgebildet und aus ihr Arbeitsfeld ausgesandt, Nonnenweier aber blieb derselben Heimath, ihr Mutterhaus. T.-A. xx. 29 450 Göthe's Ausspruch „was man in der Jugend wünscht, das hat man im Alter in Fülle," traf bei Mutter Jolberg zu, sie hatte in jungen Jahren immer gewünscht für das Volk thätig sein zu können, nun war ihr alle Gelegenheit dazu gegeben; sie hatte immer das Verlangen gehabt, arme kleine Kinder zu belehren, zu verpflegen, nun standen ganze Schaaren unter ihrer Aufsicht; sie hatte sich oft geschämt in schönen Kleidern einher zu gehen, während Arme darbten, hatte oft sich gesehnt ihnen Opfer zu bringen, jetzt brachte sie den Armen ihre ganze Zeit, ihre ganze Thätigkeit, ihre Kräfte und Mittel zum Opfer. Mutter Jolbörg wurde von allen Menschen, die sie kannten, sehr geschätzt und geliebt, man schenkte ihr viel Vertrauen und viele Menschen holten sich bei ihr Rath, Kraft und Trost in schwierigen Verhältnissen, „Jeder hat ein Bündel, das er mir abladet," schrieb sie einst an ihre Freunde. Sie verstand es, den rechten Trost, die rechte Hilfe in richtiger Weise in Menschenherzen zu legen, sie half Schweres bekämpfen, denn das Gebet war ihre starke Waffe. Mit dem innigen Vertrauen zur Allmacht Gottes, zur Gnade, die immer zur Hilfe bereit ist, hatte sie selbst auch unzählige Schwierigkeiten überwunden und ihr großes Werk in so weitverzweigter Weise gegründet. Ihr Biograph sagt: „So niedrig und flach auch Nonnenweier in der Rheinebene daliegt, so war es doch nach und nach eine Stadt auf dem Berge geworden, ja, ein Bethesda, in welchem viele würdige und hungrige Seelen Erquickung und Geistesnahrung, ja Heilung fanden." Von Nonnenweier aus gingen viel liebliche Kinderschriften in die Welt hinaus, wohl hundert kleine Büchlein sind nach und nach erschienen, zum Theil von der Mutter Jolberg selbst, zum Theil von einer ihrer Töchter geschrieben. Diese Miniaturbüchlein haben viel Gutes gewirkt an Kindern und großen Leuten, sie brachten auch viel Geld ein, obgleich ein Exemplar gewöhnlich nur einen halben Kreuzer kostete. Die Schriftchen wurden zum Besten verschiedener Wohlthätigkeits-Anstalten verkauft, in das Baseler Missionshaus z. B. brachte Mutter Jolberg einst 100 fl., die nach Indien geschickt wurden, es war der Erlös eines der kleinen Büchlein. Noch heute werden die Schriftchen in Nonnenweier verkauft, ich nahm mir eine große Anzahl mit, um sie zu vertheilen, wenn ich wieder daheim bin; die Herausgeberin ruht von ihrer Arbeit, aber was sie geschaffen hat, überdauerte ihr Leben unter dem Segen des Herrn. Matter Jolbergs Wirkungskreis war ein weit ausgedehnter geworden; die in der Anstalt ausgebildeten Schwestern sind thätig in vielen Ländern, 451 sogar nach Neapel wurde eine derselben erbeten für die Kinder der dort lebenden Deutschen. Eine besondere Freude war für sie die unter ihrer Leitung entstandene Anstalt in Großheppach in Würtemberg, mit der eben- falls ein Mutterhaus zur Bildung von Lehrerinnen verbunden wurde. Mit welcher Liebe und Demuth Mutter Jolberg als Leiterin der Anstalten den Schwestern gegenüber stand, läßt ein bedeutungsvoller Ausspruch durchschauen, der sich in einem ihrer Neujahrsgrüße befand, er lautete: „Es ist uns in diesem reichen Leben, als ob die Zeit schneller dahin eile als früher und bei diesem raschen Umschwung steht ernst die Frage vor der Seele: warst Du treu? Liebe Schwestern, welche von uns, die wir doch nur so kleine Fußwegbereiter sind, damit die kleinen Kinder keine so großen Umwege machen müssen, um auf den rechten Weg zu kommen, welche von uns kann sagen: Ich war treu!" Mit dieser wichtigen Frage, die nicht nur die Anstaltsschwestern, sondern die jeder Mensch an sich zu richten hat, möchte ich die Erinnerung an Mutter Jolberg schließen, ich habe nur noch Weniges zu sagen. Als sie, die gewiß treu war, sich krank, zum Sterben krank fühlte, erwählte sie ihre Nachfolgerin, eine ihr sehr liebe Schwester, Fräulein Caroline Jm- Thurn, Tochter des Hauptmannes und Cantonsrichters Herrn Jm-Thurn zu Schaffhausen. Am 5. März 1870 ging sie dann in das ewige Leben hinüber, sie ist „heimgegangen" ist ein lieblicher Ausdruck für das Sterben. Mutter Jolbergs treu und liebend berichtender Biograph sagt, sie hat sich „heimgeschlafen", wie sie sich es stets wünschte, denn sanft schlummernd hörte sie auf zu athmen. Von meinem Aufenthalte in Nonnenweier habe ich nicht viel zu sagen, ich wage nicht zu berichten, da mir nur ein einziger Tag gegeben ist; um in das wohlthuende Getriebe hier näher einzudringen, müßte ich längere Zeit hier leben, man wird bei flüchtiger Anschauung leicht zu nicht ganz richtigen Angaben verleitet. Lieblich ist. der Eindruck, den ich im Ganzen hier empfing. „Friede sei mit Euch!" hieß der Gruß Christi an seine Jünger, als er als Mensch unter Menschen lebte. „Friede sei mit Euch!" hat der Herr den Bewohnern des Schlößchens in Nonnenweier auch zugerufen, so scheint es. Still und friedlich wird vom Morgen bis Abend das Tagewerk hier vollbracht, viele thätige Hände arbeiten geräuschlos und heitere Gesichter reden von innerer Freudigkeit. Einfach, ohne allen Luxus ist das ganze Haus ausgestattet, einfach ist das Leben darin. 29* 452 Fräulein Caroline Jm-Thurn thut wohl in ihrer Erscheinung, ihrem stillen Wesen, das stehende Gebet „Friede sei mit mir!" leuchtet aus ihren Augen. Wer eine Anstalt errichten will zum Besten der kleinen Kinder, zur Bildung von Lehrerinnen für sie, der möge Nonnenweier aufsuchen und den Geist daselbst kennen lernen. Auf der Reise. Meine Reise führt mich jetzt schneller vorwärts, ich glaube bald zum Schluß. Die liebe Frau v. Stein schrieb mir kürzlich; vielleicht treffe ich mit ihr an einem der Orte, die ich zu berühren habe, mit ihr zusammen, bestimmt ist darüber noch nichts. Auf dem Bahnhöfe in Dinglingen sah ich nochmals das freundliche Ehepaar Schöne, und die gute Frau wiederholte ihr Versprechen, daß sie mir nächstens noch mehr aus Else's Leben erzählen werde, sie ist mit dem Schlußaufsatz bald fertig. Während der Fahrt auf der Eisenbahn machte ich abermals eine Bekanntschaft, die mich sehr anzog, ich habe Glück mit alten Herren. In der Wagenecke saß wieder ein ältlicher Herr wie damals Herr Rath K. v. S. Er war mittheilend und Alles was er sagte, bewegte mich. Nonnenweier und sein Schlößchen brachte uns bald in's Gespräch. Der alte Herr hat Mutter Jolberg persönlich gekannt und er hat es sich zur Lebensaufgabe gestellt die Kleinkinderschule, wie sie Vater Oberlin in's Leben gerufen, mehr und mehr verbreiten zu helfen. Er sprach so eifrig für diese Sache, als hänge das Heil der Welt davon ab, er meinte, wenn in der Kindesseele sich die Liebe zum Heiland festwurzele, dann werde sie wirken ein langes Leben hindurch. Der Herr erzählte auch, daß man jüngst einen Verein für die bedeutungsvolle Angelegenheit gegründet habe, dem man den Namen Oberlin-Verein gegeben, und ihm sei es Gewissenssache demselben Freunde zu werben. Während der alte Herr eifrig redete und wir Anderen im Coups aufmerksam zuhörten, waren wir zu einem Haltepunkt gekommen, der des alten Herrn Reiseziel war, der Zug hielt, er sollte aussteigen. Da öffnete er schnell noch seine Reisetasche und mehrere Broschüren ergreifend, vertheilte er sie unter uns, auch ich erhielt eine derselben. Der Titel der Schrift heißt: „Die christliche Kleinkinderschule, ihre Entstehung und Bedeutung, herausgegeben vom Johanniter Freiherrn v. Bissing."* Verlag von Ernst Bredt, Leipzig. 453 Der alte Herr war ausgestiegen und wir sausten davon. Wer war er? Vielleicht der Johanniter Freiherr v. Vissing selbst. Niemand konnte Auskunft geben, keiner der Mitreisenden hatte ihn gekannt. Wir lasen natürlich sofort die Broschüre, sie hat eine Widmung, aus dieser will ich Dir einige Stellen abschreiben, denn sie ist an Dich gerichtet, an Dich und alle Frauen und Jungfrauen. Was in dieser Widmung gesagt ist, das kommt mir wie gerufen zum Schluß dieses Theiles meines Reiseberichtes. „Edle deutsche Frauen und Jungfrauen! Es ist ein Greis, der unter dem Scheine seiner sinkenden Lebenssonne Ihnen in dieser Schrift die Frucht seines Lebens, seine Arbeit bietet. Was er erlebt und erfahren, erstritten und errungen, möchte er als ein Vermächtniß Ihnen in Herz und Hand legen.-Die großen Tage ungeheurer Opfer für das theure Vaterland sind vorüber. Hinter unserem Heere standen Sie, eine muthige, opferfreudige Schaar, mit vollen Händen den Balsam für die Wunden, den Trost der Liebe für die Bekümmerten spendend. Der Krieg hat aufgehört; aber nimmer ruht die Arbeit der Liebe. Wer einmal den dankbaren Blick besten gesehen hat, dem man Barmherzigkeit erwiesen; wer inne geworden, daß Geben seliger den Nehmen, sich hingeben herrlicher, denn sich selbst leben ist, der kann auch im Frieden nicht unthätig sein.-Nicht in eine Welt voll Elends, voll gestörter Hoffnungen, nicht in eine Welt voll schauriger Bilder des Todes, — nein, in eine Welt voll süßen Morgenfrischen Lebens möchte ich Sie führen. Unsere kleine Kinderwelt, der junge Garten mit tausend verheißungsvollen Blüthen ist's, den ich Ihrer Pflege anvertrauen möchte. Tausende von Kindern wachsen auf, ohne daß in sie ein höherer Lichtstrahl fällt, ohne daß ihnen der Eindruck der Liebe Dessen zu Theil wird, der alle Kinder, reiche und arme, gleich geliebt hat. Dieser Mangel erzeugt ein Geschlecht, welches nur Selbstsucht pflegt und wenig oder nichts von Menschenliebe fühlt. Wer Barmherzigkeit nicht erfahren hat, der wird sie selbst nicht üben. Mit jedem Tage weitet sich die Kluft mehr zwischen den verschiedenen Ständen, weil so viel Arme und Reiche nichts wissen von Dem, der arm geworden ist, um reich zu machen, und manches Kind geht den Weg der Sünde und der Verzweiflung, weil es den Heiland nicht frühzeitig kennen gelernt, oder weil es nie von einem Vaterhause gewußt hat, wo ihm frühzeitige Seelen- und Sittenpflege liebevoll zu Theil geworden wäre. In der christlichen Kleinkinderschule liegt der Same der Frömmigkeit und der christlichen Sitte, so wie des Friedens und der 454 Versöhnung mit den Menschen, denn er ist der Same Dessen, der Menschen mit Gott und Herzen mit Herzen versöhnt! — Zu welchem Dienst, zu welcher Aufgabe ich Sie, deutsche Frauen und Jungfrauen, rufen möchte, zeigen die folgenden Blätter. Dieselben wollen nichts sein, als ein leise fragendes Anklopfen, ob in Deutschlands Frauen und Jungfrauen der hohe Sinn lebt, der in der Stille baut, was draußen in den Stürmen des Lebens sich bewähren muß. — Lesen und prüfen Sie meine Ihnen gewidmete Denkschrift, sie ist das Wort eines Mannes, der Vieles im Leben hat blühen und sterben, kommen und gehen sehen; der aber das Eine weiß: daß das Wort unseres Gottes bleibt in Ewigkeit und daß seine Liebe voll Vergeltung ist und voll Barmherzigkeit über die, die ihm in den Seinen gedient haben." — Ich habe der Widmung nur die Hauptpunkte entnommen, denn Frau v. Stein wird die Denkschrift ja erhalten und Du, junge Freundin, wirst vielleicht Gelegenheit suchen sie Dir zu verschaffen oder haft sie bereits in Deiner Mutter Hand gesehen, sie ist ja für Deine Mutter und für Dich geschrieben. Mein Reisebericht wird hier unterbrochen, es muß eine offene Stelle bleiben für Frau Schöne's Sendung, die ich erwarte, sie schreibt für mich, wie ich bereits sagte, eben den dritten Abschnitt aus Else's Leben, der Schilderung eines Kindes aus dem Volke, eines Mädchens aus dem Volke, soll die einer Frau aus dem Volke folgen. Eine §rau aus dem Volke. Als die kleinen mutterlosen Töchter des Grafen Herbart, vom Landvolke die Grafzwillinge genannt, sieben Jahre alt geworden, hatte sie der Vater von ihrer treuen Pflegerin Elfe getrennt, um sie in einer großen Stadt von Professoren unterrichten zu lassen, ihnen überhaupt eine Bildung zu geben, wie sie auf dem Lande schwer zu erreichen ist. Graf Herbart hatte sich mit seinen Kindern in derjenigen Stadt niedergelassen, in welcher damals seine Braut, die junge Dame, welche seine zweite Gemahlin werden sollte, mit ihrer Mutier lebte. Bald nach der Uebersiedelung hatte der Graf seine neue Häuslichkeit gegründet und seinen Kindern wieder eine Mutter gegeben. Die zweite Gräfin Herbart war eine schöne, elegante Erscheinung, von feiner geselliger Bildung, sie malte, dichtete, sang und war eine angenehme Gesellschafterin, nie verlegen um ein Gespräch, immer höflich, 455 rücksichtsvoll, den feinen Anstand beobachtend; aber sie war der ersten Gräfin Herbari wenig ähnlich. Auch diese hatte gemalt und gesungen, auch sie war höflich und rücksichtsvoll gewesen, den feinen Anstand beobachtend; aber bei dieser lag der Grund zu der äußeren Liebenswürdigkeit tief im Herzen, bei jener war viel oberflächliches Wesen, sie war gemacht für das Salonleben. Dieses Urtheil sprachen Menschen, welche beiden Gemahlinnen des Grafen Herbart nahe gestanden hatten; aber diejenigen, welche gerecht waren, verurtheilten nicht, sie sagten: die zweite Frau hat ebenfalls ein warmes Herz, es bricht zuweilen durch; aber es kommt nicht recht zur Geltung, es ist nicht gepflegt worden bei der Erziehung, das Versäumte wird Gottes Führung nachholen müssen. Die zweite Gemahlin hatte dem Grafen auch in herzlicher Zuneigung ihre Hand gereicht, sie hegte gute Vorsätze ihn zu beglücken, sie wollte seine Kinder lieben und versorgen und gut erziehen; sie suchte der kleinen Mädchen Neigung zu gewinnen, sie überhäufte sie mit Geschenken und spielte mit ihnen; sie strebte überhaupt in den neuen Verhältnissen durch freundliches Wesen Freunde zu erwerben. Die junge fein gebildete Gräfin hatte auch ihre ernsten Stunden des Nachdenkens, ging Sonntags gern in die Kirche; aber alles in ihr war oberflächlich und wie sie eigentlich hauptsächlich für das Gesellschaftsleben gebildet worden, so ging sie nun auch fast darin auf. Das Visitenmachen, das Visitenempfangen, die Einrichtung der Toilette, die Toilette selbst nahmen den Vormittag in Beschlag, dazwischen mußte sich manche halbe Stunde zur Musik finden lassen und zur Lectüre eines Buches, das gerade Furore machte. Eine Wirthschaften«, die zugleich Köchin war, sorgte für gute Diners, ein gefüllter Geldbeutel half dabei in seiner Weise. Es wurden oft Gäste zur Tafel geladen. Dazu kamen Kaffee's, Concerte, Abendgesellschaften, die Zeit war fast vollständig ausgefüllt. Für die zwei kleinen Mädchen, welche mit zum Hausstand gehörten, wurde gesorgt, sie hatten ihre körperliche Pflege, hatten eine englische Erzieherin, hatten verschiedenen Privatunterricht und alle Morgen wurden sie von der Mama in ihrem Zimmer besucht und geküßt. Sie waren sehr hübsche Kinder und von großer Natürlichkeit und Anmuth, da machte es der Mama auch Freude mit ihnen auszuführen, spazieren zu gehen und sie vorzustellen, wenn Visiten kamen. Das Modejournal, welches stets im Toilettenzimmer der Gräfin lag, wurde auch bei Besorgung der Kleidung der kleinen Mädchen zu Rath gezogen und da sahen diese denn auch, 456 wenn sie ihre zweite Toilette gemacht hatten, immer aus, als seien sie aus dem Journal herausgeschnitten, nur in ihren Morgenkleidchen konnte man die Grafzwillinge vom Lande wiedererkennen. Die Erzieherin hatte die Absicht, später in der Stadt, in welcher der Graf Herbart lebte, eine Pensions-Anstalt zu gründen, sie war Verlobte eines Lehrers. Dieses Paares Streben bezog sich auf möglichst baldigen Beginn des gemeinsamen Wirkens, die Seele der Erzieherin war daher so mit den eigenen Wünschen ausgefüllt, daß die ihr jetzt anvertrauten Zöglinge sehr zu kurz kamen. Leichtsinnig war Miß Hall eben so wenig wie die junge Gräfin; aber Beide, im unbewußten Egoismus, vernachlässigten die Kinder, zwar nicht im äußeren Leben, aber umsomehr im inneren. Was Elfe, das einstige Waldkind, das in Schwester Johanna's Kleinkinderschule die Saat zum Lebensbaum empfangen, der dann seine Krone lieblich entfaltet über andere Kinder, was diese Elfe an den Zwillingsschwestern gethan, das hatte volle Gelegenheit unter Leitung der feinen Gräfin Mutter und der feinen Erzieherin unterzugehen; davor aber schützte sie der liebe Gott. Es vergingen sieben Jahre unter den nicht eben wohlthuenden Verhältnissen, dann änderte sich Alles. Die Gräfin war eine zarte Gestalt und das fortwährende Leben in der Gesellschaft griff ihre Gesundheit an, es kam so weit, daß sie ernstlich leidend wurde und daß die Aerzte aussprachen, es werde ein Jahr im Süden, vielleicht eine Uebersiedelung nach Madeira für einige Jahre zu rathen sein. Der Graf war zu jedem Opfer bereit und es wurden Pläne gemacht und Vorbereitungen getroffen, welche für die Gesundheit der Gräfin am geeignetsten schienen. Er selbst, der Graf, wollte seine Gemahlin begleiten; aber Martha und Marie, sollten sie aus ihrem Unterricht herausgerissen werden? Sie waren jetzt über vierzehn Jahr alt, fast fünfzehn und die Confirmationsstunden sollten beginnen. Die englische Erzieherin wußte Aushilfe. Ihre Heirath konnte beschleunigt werden, sie hatte ja die Absicht ein Pensionat für junge Mädchen zu gründen und das Zwillingsschwesternpaar war gar willkommen zur Aufnahme in das neue Institut, und so wurden auch von dieser Seite alle nöthigen Vorkehrungen getroffen. Martha und Marie hatten sich körperlich schön entwickelt, auch ließ ihre äußere Bildung nichts zu wünschen übrig, sie trieben Musik und Sprachen, sie zeichneten, hatten allen Schulunterricht, turnten, tanzten, wußten auch schon in kleinen Abendgesellschaften ihrer Eltern sich gut zu benehmen. Sie waren für ihre Jahre sehr vorgeschritten, denn eigentlich 457 hatte man die Kindheit möglichst für sie abgekürzt und ihnen das Leben in der Gesellschaft als das Ziel der Jugend hingestellt, für das ihre Ausbildung glänzende Erfolge versprach. Aber das Schwesternpaar war doch nicht ganz im Tand verstrickt, es lag in Beiden ein heiliges Samenkorn, das immer Keime trieb, wenn diese auch wieder geknickt wurden; die Erinnerung an die sieben ersten Jahre ihres Lebens ging nicht unter, es tönten Stimmen daraus hervor, die wie Engelrufe klangen, wie Kirchen- glocken, die zur Andacht weckten. Die Mädchen machten nicht Vergleiche mit dem Sonst und Jetzt, tadelten nicht die Gegenwart im Verhältniß zur Vergangenheit, sie ließen die Zustände gehen, wie sie gingen, gaben sich Allem hin ohne weiteres Nachdenken. Als von der Mitreise nach Madeira die Rede war, machten sie ihre Pläne für die Reise, als von ihrem Bleiben in der Anstalt bei der bisherigen Erzieherin die Rede war, waren sie auch zufrieden, nur Eins war Bedingung in ihrem Herzen zu ihrem Glück, sie, die Schwestern, wollten nicht getrennt sein. Zwillinge hängen gewöhnlich innig aneinander, inniger als andere Geschwister, und die Liebe war in Martha und Maria ein festes Band, dessen sie sich klar bewußt waren. nannten die Eltern das Zwillingspärchen und es wäre ihnen auch nicht in den Sinn gekommen sie zu trennen. Maria und Martha waren aufgewachsen wie aneinander gefesselt, alle Wünsche, Neigungen, Hoffnungen theilten sie, keinen Schritt hätte eine Schwester ohne die andere thun mögen, wenigstens thaten sie keinen von irgend einer Bedeutung, ohne ihn vorher zu besprechen, sogar Krankheiten hatten sie bisher gemeinsam überstanden, als da sind die bekannten Ausschlagkrankheiten, welche die Jugend am leichtesten überfallen, und hatte sich ein leichtes Schnupfenfieber auf die eine Schwester geworfen, so wich die andere nicht von ihrer Seite. Der Graf machte seine letzten Einrichtungen, um die Reise zu der fernen Insel anzutreten, er gab seine Wohnung aus, ordnete seine Geschäfte auf den Gütern und für die jungen Töchter wurde eben auch gesorgt, so gut dies möglich war. Die Hochzeit der Erzieherin wurde im Hause des Grafen Herbart gefeiert, sie richtete ihr Institut eilig ein zum Empfange von Zöglingen, und das Zwillingsschwesternpaar sollte einziehen bei dem neuvermählten Paare, da trat ein Ereigniß ein, das alle bisherigen Pläne plötzlich in Frage stellte. Als die Schwestern ihren ersten Besuch bei Frau Professor Grohn, ihrer Erzieherin, machen wollten und in einen Wagen 458 gestiegen waren, der sie in das Anstaltsgebäude fahren sollte, wurden die vorgespannten Pferde wild, sie stürmten pfeilschnell durch die Straßen und der Wagen brach und wurde umgeworfen. Maria kam mit einer leichten Verletzung davon, Martha aber mußte bewußtlos nach Hause getragen werden, eine Lähmung war die Folge, denn die Rückenwirbel waren verletzt. Die Reise der Eltern in die Ferne ward im Augenblick aufgegeben, denn sie konnten und wollten Martha nicht verlassen in ihrem so gefährlichen Zustande und das Institut der Frau Professor Grohn blieb vorläufig ohne Zöglinge. Aber die Aerzte wiederholten, daß ein Aufenthalt im warmen Klima für Gräfin Herbart durchaus nöthig sei, so entstand die Frage: ob Martha ihre Eltern begleiten dürfe, ob eine so weite Fahrt ihr zuträglich sein würde. Für Martha aber war Ruhe geboten, ein Aufenthalt gleichzeitig in stärkender Landlust. Da trat dem Grafen der Gedanke nahe, der jungen leidenden, schwer verletzten geliebten Tochter auf seinen Gütern, in ihrem Geburtsorte, die gewünschte Ruhe zu verschaffen. Für Ausführung dieses Gedankens sprachen auch andere Beweggründe: In der Nachbarstadt, dem Stationsorte von Herbartsruh, lebte ein Arzt, dessen Ruf anerkannt war, ein bewährter, langjähriger Freund der Graf Herbart'schen Familie. Dieser Arzt, Dr. Teuber, wurde mit zu Rathe gezogen. Er stimmte mit der Ansicht der Aerzte, welche bereits ihr Urtheil abgegeben hatten, überein, er hielt Martha's Zustand für gefährlich, aber nicht für unheilbar und war bereit sie in die Kur zu nehmen und glaubte Wiederherstellung verheißen zu können. Die kurze Reise nach Schloß Herbartsruh, auf der Eisenbahn, hielt man nicht für nachtheilig. Eine geprüfte Lehrerin wurde angenommen, sie war eine ältere erfahrene Dame, welche den weiteren Unterricht und die Leitung der jungen Mädchen übernehmen sollte. Des treuen Freundes, des erfahrenen Arztes Nähe sicherte die sorgsamste Aufsicht und Behandlung der Kranken, so daß die Eltern ihre nöthige Reise nicht aufzugeben brauchten. Einige Wochen später war alles Neugeordnete im besten Gange: der Graf war mit seiner kranken Gemahlin auf der schönen Insel Madeira eingerichtet, Maria befand sich mit ihrer kranken Schwester in der ihnen Beiden aus den Kinderjahren her noch lieben Heimath. Hier gestaltete sich das Leben der jungen Mädchen sehr wohlthuend. Die Grafzwillinge wurden von den Dorfleuten mit herzlicher Freude begrüßt, besonders aber von der Gärtnersfrau. Die liebe Elfe war es, sie kam ihnen entgegen mit der alten Innigkeit, als sei nicht Raum, nicht Zeit zwischen sie und 459 die herangewachsenen Töchter des Schloßherrn getreten, ja, hätte Elfe nicht zwei eigene Kinder ihnen vorzustellen gehabt, sie hätte vergessen können, daß aus den kleinen Mädchen junge Damen geworden waren. So stand es um Else's Liebe; aber sie vergaß daneben nicht, daß Maria und Martha die Kinder des Schloßherrn waren und sie nur die Gärtnersfrau, denn das ist die rechte Liebe, welche äußerer Verhältniße ungeachtet, ja diese in Ehren haltend, ihre Wärme beibehält. Von großem Werth war es, daß Miß Box, die neue Gesellschafterin und Lehrerin, die Lage der Dinge schnell richtig auffaßte, sie war eine erfahrene ernste Person, sie ließ den ihr anvertrauten Zöglingen viel Freiheit, beobachtete nur aus der Ferne und sie gewann dadurch ihre dankbaren Herzen. Die Grafzwillinge hatten ihre Elfe auch nicht vergessen, sofort bei'm Wiedersehen räumten sie ihr alte Rechte ein, hätte Miß Box in falscher Anschauung dazwischen treten wollen, sie hätte nach allen Seiten hin vielfach weh gethan und sich selbst großen Schaden. „Höre, Elfe," sagte eines Tages Gärtner Andreas zu seiner Frau, „vergiß mir nur über der Freude, mit den Grafzwillingen wieder vereint zu sein, nicht, daß Du jetzt mir gehörst und unseren Kindern, wenn Du Dich immer im Schloß aufhalten wolltest, gäb's Unfrieden zwischen uns, das sage ich Dir." „Aber, Andreas," antwortete Elfe, „denke nur nicht, daß ich Dich und unsere Kinder verabsäumen möchte, ich habe Euch ja lieb und pflichtvergessen will ich gewiß nicht sein. Ich bitte Dich, lieber Andreas, wenn Du mich auf gefährlichem Wege siehst, sage es mir nur gleich, ich will dann gern umkehren. Die Grafzwillinge sind mir, seit sie geboren sind, an's Herz gewachsen. Das that der liebe Gott, daß sie sich mir an's Herz legten und es war eigentlich mein zweiter Eid, den ich vor Gott leistete, als ich's damals den verwaisten kleinen Kindern im Innern versprach, ihnen gleich einer Schwester Johanna zu dienen, kurz vorher hatte ich den ersten Eid gesprochen bei der Konfirmation. Siehst Du, Andreas, einen Eid muß ich halten. Aber ich weiß ja, daß mein dritter Eid Dir galt, daß ich Dir eine gewissenhafte Frau sein muß und daß die Kinder, die uns, Dir und mir, Gott-geschenkt hat, das größte Recht an meine Dienste haben, ich bitt' Dich recht schön, mein lieber Andreas, sage es mir gleich, wenn ich meine Pflicht versäume, es kann ja sein, daß ich's thue; aber mit Willen gewiß nicht, das darfst Du von mir glauben." Auf die Weise war ein Accord gemacht zwischen den Eheleuten. 460 Andreas war als Wächter angestellt; aber Elfe stellte neben dem Andreas noch einen zweiten Wächter über ihre Pflichten an und der war das durch ihr tägliches Gebet gestählte Gewissen. Else's Kinder, Hänschen und Käthchen, traten anfangs neugierig und schüchtern den Grafzwillingen entgegen, die Schüchternheit aber verließ sie bald, Maria und Martha wurden Gegenstand ihrer Sehnsucht und kindlichen Bewunderung und Anhänglichkeit; der Verkehr mit ihnen wurde aber in Kurzem für sie eine Gabe wie das tägliche Brod, es ging kein Tag vorüber, ohne daß sie die Comteßchens sehen und bei ihnen spielen oder mit ihnen in das Wäldchen gehen dursten. In das Wäldchen, welches als Park an den Schloßgarten grenzte, wanderten bei guter Witterung die Schwestern täglich, auf Verlangen des Arztes, das heißt: Martha fuhr in ihrem Rollstuhl dahin, in Maria's Begleitung. Oft ließ Maria es sich nicht nehmen, ihre kranke Schwester selbst durch die Gartenwege zu rollen, die Wege waren fest und der Stuhl ließ sich leicht schieben. Häufig spannten sich dann Hänschen und Käthchen vor den Rollwagen und waren stolz in der Meinung als Pferdchen ihre Dienste zu leisten, Martha hielt die Zügel und machte den Kindern großes Vergnügen durch ihr fleißiges Hüh! und Hott! Zuweilen war Miß Box in Begleitung der jungen Karavane, öfter aber schloß sich in den Nachmittagsstunden Elfe an mit ihrem Spinnrade, oder mit einer Näharbeit, ihr war es lieb bei den vier jungen Wesen zu sein, die ihrem Herzen so nahe angehörten, und es war ja gleich, ob sie ihre Handarbeiten im Zimmer, oder vor der Thür ihres Gartenhäuschens, oder unter den Bäumen des Waldes verrichtete. Der Wald war Elfen überhaupt gar lieb, er erinnerte sie an ihre Kindheit, an das Häuschen ihrer Eltern, der Köhlersleute, in welchem sie geboren war und wo sie ihre ersten sechs Lebensjahre zubrachte. Es stiegen nach und nach alle die Bilder jener Zeit in ihrer Erinnerung auf, die ihre kindliche Phantasie so lieblich beschäftigt hatten. Bäume und Sträucher, Gräser und Blumen gewannen Leben wie damals, und die Vögel und Eichkatzen und Würmer und Insekten sprachen wieder untereinander. Elfe theilte alles den Grafzwillingen mit wie ihren eigenen Kindern, denn auch die Kleinen konnten ja verstehen, was einst, sie selbst als kleines Kind beschäftigt hatte. Dann kam auch die Erinnerung an die Spaziergänge durch den Wald zu Schwester Johanna's Schule und alles dort Gehörte, Gelernte, Durchlebte wurde nach und nach auch mitgetheilt und wieder durchlebt und in verschiedenen Formen bei verschiedenen Gelegenheiten an- 461 gewendet. Elfe hatte einst gestrebt eine Schwester Johanna zu werden, um den mutterlosen Zwillingen im Geist jener Kinderfreundin dienen zu können; jetzt war sie wahrhaftig eine Schwester Johanna, ihren eigenen Kindern war sie Mutter und Lehrerin zugleich im heiligsten Sinne, einfach wahr, liebevoll und streng, heiter und ernst, kindlich und fromm, eine Mutter nach dem Herzen Gottes. Sie hatte auch eine warme Liebe zu anderen Kindern, eigentlich zu allen Menschen, die mit ihr verkehrten, besser gesagt zu allen Menschen der Welt. Andreas sagte sogar einmal zu ihr: „Höre, Elfe, mir bist Du manchmal zu gutherzig, ich meine, das taugt nicht, Du wirst ja ungerecht, kannst doch böse Menschen nicht so lieb haben wie gute, man muß ja einen Unterschied machen." „Ganz egal lieb habe ich nicht alle Menschen," erwiderte Elfe, „nein, ich weiß recht gut, wo mir's warm um'sHerz wird; aber ich wage mir's nicht zu gestehen, denn schaue ich auf die Liebe Christi, da sehe ich, daß man Böse und Gute lieben soll, Er hat sie Alle geliebt." „Ja, Er! Er war auch Gott, Er konnte göttlich lieben," warf Andreas ein. „Aber Er hat uns ein Vorbild gegeben, wir sollen ihm nachfolgen," sagte Elfe. „Ei, wir sind nur Menschen, schwache Menschen, sündige Menschen," meinte Andreas. „Ja, eben gerade weil wir schwache sündige Menschen sind, darum haben wir ja gar kein Recht die Schwachen und Sündigen, die uns nicht gefallen, gering zu schätzen. Ich fürchte mich immer über Jemand zornig zu werden beim Urtheil, ich fürchte mich besonders es auszusprechen, wenn ich's bin." „Aber Du thust vielleicht unrecht, wenn Du die Sünde nicht streng beurtheilst." „Ach, lieber Andreas, die Sünde, die einer offenbar begeht, die beurtheile ich auch streng, ja, ich verurtheile die böse That; aber den Sünder nicht mit, dem thue ich lieber etwas Anderes an." „Was thust Du denn?" „Ich bete, daß ihm der liebe Gott zur Erkenntniß seiner Schuld verhelfe." Elfe mußte lieben, so stand es geschrieben in ihr, es war ein Gebot,' das sich unwillkürlich erfüllte. Andreas verstand solche Liebe nicht immer. Einmal hatte in Else's und Andreas' Gegenwart der Zimmermann des 462 Dorfes recht unchristliche Reden ausgestoßen, Elfe wurde ganz roth, das wurde sie immer, wenn der Zorn über sie kam; aber sie bemusterte sich und sprach ruhig und klar ihre entgegengesetzte Meinung aus und redete sich so hinein in Freundlichkeit, daß es klang als gehe sie gar nicht auf das Gehörte ein, sondern als spräche sie nur überhaupt über das Wort Gottes in erklärender Liebe. „Warum hast Du denn gegen den Menschen nicht ordentliche Hiebe ausgetheilt?" fragte mißbilligend Andreas, als er mit seiner Frau allein war; „der kannte ja Deine christliche Ansicht und hat gewiß im Trotz Deinen Widerspruch hervorrufen wollen, Du hättest ihn gehörig auf den Mund schlagen müssen." Elfe erwiderte: „Der Mann weiß, wenn er Lästerworte ausspricht, wird er von christlicher Seite angedonnert, das ist ihm gar nichts Neues, und das will er freilich gerade hervorrufen um Zank zu haben. Ich habe mir aber manchmal in Gedanken den Herrn Christus ihm gegenüber gestellt, da fühlte ich: der Herr Christus hätte ihn nicht angedonnert, der hätte ihn mitleidig, ja mitleidig aus innigster Liebe angeblickt und vielleicht irgend ein schlagendes Gleichniß erzählt und zuletzt hätte Er wohl gesagt: Friede sei mit Dir! .Solcher Milde könnte ja der Mann dann nicht widerstehen. Nun dachte ich mir, wenn ich ihm gegenüber Zorn in mir aufsteigen fühle, ich müsse ihn überwinden und nur irgend Etwas sagen im Sinne Christi. Lieber Andreas, es glückt mir nicht immer, mich zu bemeistern, denn ich bin heftig und wie der Blitz fährt mir's böse Wort über die Lippen, aber heute ist mir's geglückt, denn ich hatte Zeit zu beten in mir: «Lieber Gott, hilf mir ruhig reden», und da kam's so still heraus was ich sagen sollte, und siehst Du, es war auch wohl gut, denn der Streit war dann zu Ende; der Mensch schwieg, er fühlte sich mit der Liebe auf den Mund geschlagen." Wie ging es nun mit den Zwillingsschwestern in den veränderten Verhältnissen? Sie hatten im Stadtleben ihre treue Elfe zwar nicht ganz vergessen, aber nur unklar hatten sie diese erste Lehrerin in ihrer Erinnerung aufbewahrt, es stand ihnen jetzt bei dem Verkehr mit ihr das alte Leben jedoch wieder so nahe gerückt, daß sie die Jahre zwischen der frühen Kindheit und der Gegenwart fast nur wie einen Zwischenakt ihres Lebens betrachteten. Sie setzten ihre Unterrichtsstunden fort, einen Theil derselben hatte Miß Box übernommen, einen anderen Theil der Herr Pastor. Es begann bei demselben auch der Confirmationsunterricht. Eine Störung 463 verursachte Martha's Zustand, weil sie, um den verletzten Rücken ruhen zu lassen, gewöhnlich eine liegende Stellung beibehalten mußte, doch war sie kräftig genug, um mit der Schwester in der geistigen Fortbildung gleichen Schritt halten zu können. Der Pastor war ein alter Bekannter, Maria und Martha erinnerten sich seiner noch und er selbst erkannte in den herangewachsenen Mädchen mit Freude die lieblichen Zwillinge wieder, die er getauft; sie waren wohl verändert durch Jahre, aber doch waren die Züge sich gleich geblieben und die klaren Kinderaugen hatten sich ihnen auch noch erhalten. Es war in Herbartsruh wenig anders geworden, die Kinder des Besitzers hatten nach siebenjähriger Abwesenheit sich also gleich wieder heimisch fühlen können, und besonders weil sie Elfe wiedergefunden hatten. Es war dies eine beglückende Fügung: Der junge Gärtner Andreas hatte erst eine Anstellung auf einem Nachbargute gehabt, ein Jahr vor der Rückkehr der Grafzwillinge aber war der alte Gärtner in Herbartsruh gestorben und Andreas hatte dessen viel bessere Stelle erhalten. Elfe verkehrte aber auch viel mit den Dorfleuten, die Leute hielten sie werth, denn sie hatte bei ihrem früheren Leben im Schloß, als Pflegerin der Grafzwillinge unter Leitung der verständigen Kinderfrau, viel gelernt, sie wußte manchen guten Rath zu ertheilen, wenn es sich um Pflege der Dorfkinder handelte, sie wurde fast wie ein Doktor um Hilfe angesprochen und bei ihr durften sich die Leute auch allerlei Thee holen, denn sie sammelte den Sommer hindurch ein: Kamillen und Flieder, Lindenblüthe und Pfeffermünze, ihre ganze Bodenkammer war voller Vorräthe, die sie austheilen konnte. Besonders viel verkehrte Elfe aber mit Klaus und seiner Familie. Der Maurer Klaus war ja ihr Pflegebruder. Der Vater war gestorben und lag auf dem Kirchhofe neben seine Frau gebettet. Klaus hatte auf d'em Grabe von Feldsteinen ein Denkmal gemauert. Das Grab sah immer recht ordentlich aus und zwischen den Steinen schlang sich Epheu hin, den Else's Mann gepflanzt hatte, war ja doch der dort Ruhende Else's Pflegevater gewesen. Klaus lebte im Dorfe, er hatte sich ein anderes Mädchen gesucht, da Elfe ihn zurückgewiesen; aber für Elfe behielt er eine Art scheuer Achtung und oft sagte er zu seiner Frau: „Die Elfe ist doch ein ganz apartes Weibchen und mache nur, daß Du von ihr was lernst, sie hat's vom Schloß, was sie weiß, unser Einer braucht sich nicht zu schämen es ihr nachzumachen." Dann sagte Klaus aber auch wieder: „Nein, vom Schloß hat's die Elfe 464 eigentlich doch nicht, sie war auch schon ein ganz apartes Kind; wenn sie uns mit den Köhlersleuten, ihren Eltern, besuchte, da mußten wir uns immer wundern. Sie erzählte oft von der Kleinkinderschule und der Schwester Johanna, als ob diese so ganz das Aparte aus ihr gemacht hätte. Das muß man ihr lassen, artig war sie als kleines Mädchen, wir bekamen's immer zu hören, meine Schwester Grete und ich, denn der s Vater war ordentlich vernarrt in das kleine Ding." ! Frau Klaus nahm solch Loblied auf Elfe manchmal übel, sie gerieth anfangs leicht in böse Laune, wenn Klaus seine Pflegeschwester als Beispiel vorführte; aber Elfe hatte viel freundliche Worte für das junge Weib und half ihr sehr gern und ohne Wichtigthuerei, es fiel ihr auch gar nicht ein sie zu tadeln, oder wenn sie half, zu thun, als wolle sie sich herablassen und Rath ertheilen, es ging Alles so einfach und natürlich zu, daß ein Groll gar nicht aufkommen konnte. Marie-Lise, so hieß die Frau des Klaus, schloß sich an die Pflege-Schwägerin an, recht zutraulich, fast als sei sie ihr eine Mutter, und als sie ein Kind hatte, da mußte Elfe Gevatter stehen und sie wickelte ihr Kind nur so wie Elfe es rieth und badete es, wie Elfe es rieth und that überhaupt genau Alles, was Elfe empfahl; Elfe hatte ja Erfahrung, hatte selbst zwei Kinder und wußte genau, wie die Grafzwillinge behandelt worden waren. Klaus lebte in seinem Häuschen recht zufrieden und wenn er am Abend von der Arbeit kam, wurde es ihm recht wohl zu Muth, denn Marie-Lise war immer freundlich und ordentlich, und als das Kind da war, als es dann Verstand bekam und um sich schauete und Mutter und Vater kannte und dem Vater entgegen jauchzte sobald er sich blicken ließ, da hätte er gar nicht mehr in die Schänke gehen mögen, die sonst sein Magnet gewesen war. Was er in der Schänke sonst vergeudete, das gab er Marie-Lise zum Aufheben, und die wilden Reden, die'er sonst aus der Schänke mitgebracht, die verspottete er jetzt. „Ich hab's immer gemeint," sagte er, „daß eine brave Frau einen vernünftigen Kerl aus mir machen könnte, darum hatte ich mir die Elfe zur Frau gewünscht. Na, die wollte mich nicht nehmen. Ich habe aber eine erwischt, die's der Elfe nachthut, darum bin ich auch jetzt ein ganz vernünftiger Kerl. Wenn's der alte Vater wüßte, er würde sich freuen, denn den hat's gewurmt, daß ich auf die krummen Wege gerathen war, es will eben Jeder aus seinem Kind was Gutes machen." Klaus' Schwester, die Grete, diente noch in der Stadt. Sie hatte sich auch die Hörner abgelaufen und war brauchbarer geworden, Else's 465 Beispiel hatte auch Einfluß auf sie gehabt. Alle Sommer verreiste die Herrschaft, bei der Grete seit mehreren Jahren diente, diese Zeit brachte sie immer in der Heimath zu und half bei Marie-Lise, half auch bei Elfe wie sie konnte und frischte dabei Grundsätze auf, die aus Else's Herzen immer an sie herangetreten waren. So war Elfe ein Segen im Dorfe, ja überall wo man sie kannte. Es haben sich zu allen Zeiten falsche Begriffe, neben solchen die heilbringend sind, unter den Menschen eingenistet. Es streiten die Begriffe gegeneinander und entstehen Ausschreitungen nach verschiedenen Seiten und auch harte Kämpfe. Die Geisteskämpfe haben scharfe Waffen und thun weh; aber sie haben auch ihre gute Seite: sie rütteln aus Lauheit auf, aus Gleichgültigkeit, erwecken zum ernsten lebendigen Nachdenken. Freilich wird dabei der klare Blick oft erst umnebelt, man wird leicht trunken wie von hitzigen Getränken; aber es muß sich doch mit der Zeit das Richtige herausarbeiten. Ein Glück ist, wenn wenigstens einzelne Menschen mit nüchternem Sinn sich keiner Ausschreitung, nach keiner Seite hin, anschließen, sich bemühend eine gerade Mittelstraße anzuweisen. Der Einzelne kann scheinbar wenig ausrichten gegen die widerstrebenden Volksmassen; aber er wirkt doch oft recht viel. Hervorragende Männer reißen ja Tausende mit sich fort, sei es in gutem oder bösem Sinne, je nachdem sie ihre Zwecke verfolgend ihre Mittel ergreifen; aber es giebt auch stille Menschen, die nicht hervorragen wollen, die dennoch großen Einfluß üben aus ihrer Verborgenheit heraus. Zu diesen Menschen gehören häufig Frauen, denn sie wirken im Familienkreise. Aus den Familienkreisen gehen ja die Männer hervor, welche in's Weite zu greifen berufen sind. Elfe war eine Frau, welche in ihrem Stillleben, im Verborgenen großen Einfluß übte. Sie ahnte nicht, daß ihr Wort und ihre Person von Bedeutung waren; aber es war so: die Leute, mit denen sie im Verkehr stand, hielten ihre Rede hoch, achteten ihre Handlungsweise; auch sie jedoch fühlten kaum, daß sie sich von Elfe leiten ließen. Elfe hatte sich gewöhnt zu beobachten, was um sie her vorging, nicht um darüber zu schwatzen, sondern um darüber nachzudenken, sie trat mit ihren Erfahrungen hervor, wo sich Gelegenheit bot; aber sie liebte den Kampf nicht, nämlich nicht den Kampf gegen Andere; mit sich selbst hingegen war sie stets im Kampf und das gab ihr gerade Macht in die Hand. Elfe wußte, welche Streitigkeiten die Menschen in Aufregung hielten, sie las ja die Volksblätter, wie sie heutzutage in Stadt und H.-A. XX. ZO 466 Dorf zu haben sind, und sie hörte die politischen Reden der Männer, wenn es zu den Wahlen kam, und hörte auch religiösen Streit, denn es kam mancher Besuch zu Gärtner Andreas, Leute aus dem Dorfe und auch Leute aus anderer Gegend, gewöhnlich um junge Bäume aus der Baumschule zu kaufen, oder Blumensamen, Gemüse und Obst; es war viel Verkehr bei Gärtner Andreas und es kam auch leicht zum Gespräch über die Tagesereignisse, auch zum Streit, denn Jeder wollte recht haben in seinen Behauptungen. Elfe sagte einmal zu Andreas nach einem langen Gespräch, das er mit einem Wirthschaftsbeamten aus der Nachbarschaft gehabt, der mit den Staatseinrichtungen gar nicht zufrieden sein wollte, weil sie gerade irgend wie seinen eigenen Wünschen und Anordnungen entgegen traten. Else sagte: „Wenn ich mir so Alles betrachte, was jetzt in der Welt Zankapfel ist, dann könnte mir doch Angst und Bange werden und es ist so wunderlich, hört man den Einen reden, möchte man glauben er habe in allen Dingen recht, hört man den Andern reden, möchte man auch glauben er habe recht. Oft handelt sich's nur um ein einziges Wort, das Jeder anders versteht, vielleicht meinen sie dasselbe, drehen sich aber um'das eine Wort mit Feuer und Schwert herum." ' „Ja," antwortete Andreas, „die Wortklauberei ist an der Tagesordnung, wenn man nicht so viel reden wollte, ging's vielleicht besser." „Und dann," sagte Else, „steht Jeder auf einem andern Standpunkt und wenn sie zanken, verstehen sie sich nicht, weil Jeder das Ding, um das es sich handelt, blos von seinem Standpunkt ansieht, Keiner versucht sich einmal erst auf des Andern Standpunkt zu stellen. Da stritten z. V. neulich der Zimmermann Schwenker und der Tischler Jobst, wie breit unser Haus von Weitem aussähe, sie kamen nicht zu Ende mit dem Streit, bis ich merkte, der Schwenker dachte sich, er stehe am Schloß und betrachte sich das Haus von da, der Jobst dachte sich, er stehe am Viehstall. Da sah Einer in Gedanken die Front, der Andere die Giebelseite, auf die Art konnten sie mit ihren Behauptungen sich nicht vereinigen." Andreas lachte und sagte: „Freilich, so geht's in der Welt oft und da giebt's Krieg ohne Ende." „Auf einigen Standpunkten müßten die Menschen sich aber eigentlich begegnen, von da aus müßten sie Alles anschauen," sagte Else. „Von welchem denn?" fragte Andreas. „Nun, z. B. von dem Standpunkt der Nächstenliebe und dem der 467 Selbstzucht," erwiderte Elfe. „Man vergißt zu oft die Rechte Anderer, weil man selbstsüchtig ist. Ich sage nicht, daß Liebe und Rücksicht auf Andere allen Kampf ausrotten würde; aber wo das liebe Ich nicht die erste Rolle spielt, da ist der Friede nicht weit." Else's Herz war dem Frieden und der Liebe sehr geneigt und sie ging immer mit sich selbst zuerst in's Gericht, wenn's irgend wo nicht recht klappen wollte im täglichen Leben. Solche Leute sind viel werth in allen Ständen, denn jeder Einzelne hat seinen Anhang, der ihm leicht nachahmt, darum hat aber auch jeder Einzelne eine große Verantwortung. Elfe hatte, obgleich sie Gärtnersfrau war, nichts mit dem Garten zu thun, den Garten besorgte Andreas mit Arbeitern aus dem Dorfe, Elfe war nur Hausfrau, sie besorgte, was es für die Wirthschaft zu thun gab und für Mann und Kinder. Nebenbei blieb ihr dennoch Zeit manchen Blick in den Garten zu thun, nicht um die Kunst ihres Mannes dort zu treiben, aber um ihre Freude daran zu haben und ihre Verwunderung und Bewunderung zu vermehren. Des Waldkindes Liebe zur Natur war in der Frau und Mutter nicht untergegangen, im Gegentheil, ihres Mannes Beschäftigung hielt diese Neigung recht wach, und als sie Kinder hatte und diese anfingen Theilnahme zu zeigen, da suchte sie auch ihnen die Freude am Beobachten der Natur zu erwecken. Else sagte oft zu ihrem Andreas: „Der liebe Gott hat es gar gnädig mit mir gemacht, daß er mir einen Gärtner zum Manne gegeben hat, wärst Du ein Schlosser oder Tischler und lebtest gar in der Stadt, ich hätte mich schwer drein gefunden." Oft sprach Else: „Es ist mir so eine Herzensfreude, daß unser Herr Jesus, als er Mensch war, die Natur auch so lieb hatte, man sieht's recht, denn alle seine Gleichnißreden beziehen sich auf die Natur." An der Sonnenseite des Gärtnerhauses war die ganze Wand bis unter das Dach mit Weinranken bekleidet, das machte Else rechte Freude und sie bewunderte die kräftigen Stämme, welche so viel Reben mit Saft anfüllten und ihnen die Fähigkeit gaben gute Frucht zu tragen. „Ich bin der Weinstock, ihr seid die Reben!" Dieses Gleichniß fiel Else oft ein, oder vielmehr sie trug es fortdauernd in der Seele; so gern sie alle Gleichnißreden des Herrn hatte, die vom Weinstock und den Reben war ihr doch die liebste und ihre zwei Kinder, so klein sie auch waren, mußten sich oft mit den Reben verglichen sehen; „sie verstehend noch nicht," sagte Else, „schadet nicht, es kommt eine Zeit, daß sie's begreifen, mag sich nur der Gedanke 30 * 468 vorläufig in ihnen festwurzeln." — Auf der Schattenseite des Gärtnerhauses waren keine Weinreben; aber grün bewachsen war auch da die ganze Wand, hier rankte sich Epheu hinauf bis an's Dach. Zwei Stämme waren es, fest aneinander geschmiegt, die hier in vielen üppigen Ranken sich ausbreiteten, es waren dies die zwei Epheuzweige, die Elfe einst für die Zwillinge in einen Topf gepflanzt hatte. Sieben Jahre hatte sie das wuchernde Schlinggewächs in dem Topfe gepflegt, sie war kaum im Stande gewesen die üppigen Ranken zu beherbergen; als Elfe aus dem Dienst getreten war, hatte aber Andreas die Epheustämme an die Wand des Gärtnerhäuschens verpflanzt. Damals dachte Elfe nicht, daß sie einst in dem Hause wohnen würde, aber mitnehmen wollte sie den Epheutopf nicht, denn sie hatte ja die kleinen Zweiglein nicht für sich eingepflanzt, sondern für die kleinen Grafzwillinge, Maria und Martha hatte sie die Zweiglein benannt, sie mußten im Schloßgarten von Herbartsruh bleiben. Wie freute sich Elfe, als sie mehrere Jahre später mit ihrem Andreas das Gartenhaus bezog und die Wand völlig bedeckt fand mit den üppigen Ranken, und wie halten sich diese in einander gewunden, sie gaben ein richtiges Bild der Zwillingsschwestern: zwei Stämme standen aneinander geschmiegt; aber die Kronen waren Eins „und die Ranken als Gedanken" waren nicht voneinander zu trennen. So hatte Else das Bild erklärt und so hatte sie es den jungen Mädchen vorgestellt, als sie diese zum ersten Mal vor die Epheuwand geleitete. Else war eine thätige Hausfrau und Mutter; aber über den Tagedienst vergaß sie nicht ihre alten lieben drei Bücher: die Bibel, Schilling's Naturgeschichte und Grimm's Märchen. Die Märchen freilich las sie nicht mehr, die lagen schon in ihrem Gedächtniß fest, desto öfter aber nahm sie ihr Wort Gottes und ihre Naturgeschichte vor, denn darin fand sie, je mehr sie las, je mehr Neues, besonders im Wort Gottes. Else verflocht diese Schriften in Gedanken so zu sagen ineinander, als zwei Offenbarungen der Weisheit, Allmacht und Liebe Gottes, der ein Schöpfer der Welt war, ein Erhalter derselben ist und den Menschen einen Heiland gab. Wenn Else in der Kirche war und die Predigten des lieben alten Herrn Pastors hörte, der sie eingesegnet, bald darauf die Grafzwillinge getauft, der sie sieben Jahre später getraut und dann auch ihre zwei Kinder getauft hatte, dann fand sie in den Reden oft ihre eigenen aus ihren Büchern geschöpften Gedanken und sie empfing viel neue, die aber immer mit ihren Büchern stimmten. 469 Maria und Martha begannen bald nach ihrer Ankunft.in Herbartsruh ihren Confirmationsunterricht, der Pastor kam dreimal die Woche zu ihnen, um die Religionsstunden zu geben; aber er kam auch außerdem, um ihnen andere Dinge vorzutragen, die zu ihrer weiteren Ausbildung gehörten. Die beiden Schwestern besuchten mit Miß Box jeden Sonntag die Kirche, Martha wurde vor die Kirchthür gerollt, dann auf demselben Nollstuhle sitzend von zwei Männern auf ihren Platz getragen. Das Erscheinen der Kranken und ihrer Schwester erregte allemal einen förmlichen Aufruhr vor der Kirchthür unter den Kirchengängern, „Guten Morgen, Grafzwillinge!" hieß es von allen Seiten oder: „Grüß Gott! Comteßchens!" und alle Männer hätten am liebsten zugegriffen und das gelähmte junge Mädchen getragen; aber das war ja nicht nöthig, es blieb ihnen nur das Zusehen aus der Ferne, wenn die Schloßdiener ihr Amt verrichteten. Die Dorfleute achteten ihren Gutsherrn recht hoch, er war immer theilnehmend für sie gewesen, zu gutem Rath und auch zu Hilfe bereit, wenn es Noth that, ähnlich dem alten Herrn, der nun schon lange in der Familiengruft ruhete. Graf Herbart hatte ja die Enkeltochter des alten Herrn geheirathet und dessen Kinder waren die Zwillingsschwestern Maria und Martha. Den ganzen Zusammenhang kannten die Dorfleute und es war ihnen, als gehörten sie von Rechtswegen alle zu der Schloßherrschaft. Es war im Ganzen ein guter Menschenschlag in Herbartsruh. Aber unter den guten befanden sich auch böse Menschen, räudige Schafe giebt es in jeder Heerde. Der Zimmermann Schwenker, dessen gottlosen Reden Else zuweilen entgegen trat, wenn sie Gelegenheit dazu hatte, war so ein räudiges Schaf. Der Mann war wegen verschiedener Vergehungen auf Anklagen des Schloßherrn in Strafe gekommen, das vergaß der Bestrafte nicht. Zwar war nicht eigentlich Graf Herbart der Kläger, sondern sein Inspektor; aber das galt dem mehrfach zu Geldstrafen Verurteilten gleich, er hegte für die Gutsherrschaft nur böse Gedanken, er überlegte nicht, daß er sich die Klagen und Strafen durch sein unrechtliches Verhalten zugezogen, er war nur empört, daß man ihn an den Pranger gestellt hatte. Wenn die Dorfleute mitleidig auf das gelähmte Kind ihres Gutsherrn schaueten, dann warf Zimmermann Schwenker böse Blicke umher und sagte manch hartes Wort, wie z. B.: „Es ist dem reichen Volke schon ganz recht, wenn auch Leiden kommen, es geht denen immer zu gut. der Herrgott muß doch ein Einsehen haben und nicht blos das 470 Arbeitervolk leiden lassen, die armen Leute quälen sich's ganze Jahr hindurch und das Volk in den Schlössern sieht zu und lacht sich in's Fäustchen; ich freue mich, wenn's da mal schief geht." Die jungen Gräfinnen im Schloß hatten keine Ahnung von solchem Gerede, sie lebten so still in den Tag hinein, dachten nicht nach über das Urtheil der Leute um sie her. Maria und Martha waren immer gute Kinder gewesen, zwar nicht ohne Unarten aufgewachsen, aber man durfte sie mit Wahrheit gute Kinder nennen, denn sie waren leicht zu erziehen, ohne Eigenwillen und mit herzlicher Liebe gern bereit Anderen Freude zu machen, also auch denen, welche von ihnen Gehorsam und Fleiß forderten. Das Beste hatte Elfe in die jungen Herzen gepflanzt. Kleine Kinder sind leicht zu leiten, wer das recht versteht, der thut ihnen wohl für's Leben; aber auch die schlechte Leitung macht tiefen Eindruck und wie zum Guten, so treibt die leitende Hand auch zum Bösen, wenn sie selbst Böses zu vollbringen geneigt ist. Maria und Martha hatten einen lieblichen Aufschwung genommen in den ersten sieben Jahren, dann aber kamen andere sieben Jahre, die man die Jahre der Dürre nennen könnte: Niemand verführte die Kinder in dieser Zeit zu unrechten Gedanken und Handlungen, aber auch Niemand reichte ihnen Wasser des Lebens, sie vertrockneten innerlich. Es war dies wohl merkwürdig, denn sie hatten ja vielen Unterricht, lernten fleißig, man sprach viel mit ihnen, machte ihnen Freuden aller Art, die Gräfin Mutter ließ für sie sorgen und sorgte selbst in ihrer Weise, die Erzieherin erfüllte alle äußeren Pflichten, der Vater gab gern alles verlangte Geld zur Erziehung und zur elegantesten Kleidung, er liebkosete seine Kinder so oft er sie sah und wollte sie gern fröhlich wissen; aber bei alledem ging doch innerlich ein, was Elfe angepflanzt hatte, die Kinder waren auf dem Wege oberflächliche Wesen zu werden. Noch war indessen nichts verloren! Zur rechten Zeit verunglückte Martha, zur rechten Zeit wurden die Schwestern durch den scheinbar so traurigen Vorfall in ihr Heimathsdorf zurückgeführt. Im Wiederfinden der alten Verhältnisse tauchten die Erinnerungen mächtig auf und von Innen und Außen kamen nun die Erquickungen, die jungen Seelen waren wieder in den Boden verpflanzt, der ihnen früher wohl gethan. Hier für's Leben bleiben konnten sie nicht, das war auch nicht nöthig, nur befestigt mußten sie werden und das geschah in dem Jahre, in dem Confirmationsjahre, welches sie in Herbartsruh und mit Elfen verlebten. Elfe trat nicht lehrend auf, o die Elfe war zu bescheiden, um auf den Gedanken zu kommen, sie könne den _ 471 _ fast erwachsenen Stadtkindern noch etwas lehren, aber sie lehrte unbewußt, ihr ganzes Wesen, Reden und Thun war ein belehrendes Beispiel, denn ihr Wesen war Liebe, war der Glaube und die Liebe in der That. Es ist ganz gleich ob das Herz einem hochgeborenen Menschen gehört oder einem der unteren Stände, wo Glaube und Liebe Leben geworden sind, durch Jahre langes Festhalten daran, da ist eine Hoheit in der Demuth, die hinreißend wirken muß. So war's mit Elsen, darum that sie wohl, wo sie stand und ging. Ein fehlerfreies Menschenkind war Elfe nicht, das giebt es nicht auf Erden; aber in ihr waren christliche Grundsätze eingewurzelt; ihr Streben, als Rebe des Weinstockes von der sich mittheilenden Kraft des Weinstockes zu leben, war sich immer gleich geblieben, ihre Gottesfurcht durchleuchtete sie, und es stand ihr Licht nicht unter dem Scheffel. Was Elfe vor den jungen Mädchen lebte, das lehrte ihr alter Freund, der Prediger, in seinen Confirmationsstunden, es war alles so recht gemacht, um ein Confirmationsjahr heilbringend für's Leben zu gestalten. Else's Kinder trugen auch das ihre dazu bei, denn ihnen gegenüber kamen die schönen Lehren der Mutter zu Tage, die dabei ihre Ziele überschritten und auch in die Herzenstiefe der Zwillingsschwestern mit eingriffen; Else's Kinder brachten aber auch kindliche Heiterkeit in den kleinen Kreis, kindisches Treiben wurde gestattet und erfrischte und regte zum Frohsinn an. Die jungen Mädchen fühlten es, wie wohl ihnen das Stillleben in Herbartsruh that, mehrmals äußerten sie zu einander: „Haben denn alle Menschen ein so beseligendes Confirmationsjahr? Ach, wenn sie's doch hätten, um so glücklich zu sein, wie wir es sind." Diese Aeußerungen sollten aber nicht ausdrücken, daß sie im Vaterhause unglücklich gewesen wären. Sie hatten ihre Eltern beide lieb, auch die zweite Mutter, war sie doch immer sehr gütig gegen die Kinder gewesen. Das oberflächliche, fast nur der Gesellschaft geltende Leben im Vaterhause beurtheilten die Kinder nicht, in ihrer Kindesliebe hätten sie noch weniger gewagt, es zu verurtheilen. Sie schrieben oft an Vater und Mutter und schilderten ihr Stillleben im ländlichen Daheim, sie erhielten auch oft Briefe, in denen Freude ausgesprochen war über das behagliche Leben der Töchter. Der Aufenthalt in Madeira that der Kranken wohl und man hoffte die angegriffenen Lungen vollständig zu heilen im milden Klima, zwei Winter sollte sie dort verleben, also mehr als ein und ein halbes Jahr. In dieser langen Zeit konnten die Zwillingsschwestern sich 472 wahrhaft heimisch machen in dem schönen Herbartsruh. Die prachtvolle Besitzung stammte von ihrem Großvater, der das Schloß gebaut und ihm den Namen Herbartsruh gegeben hatte; aber merkwürdig war es, daß der neue Besitzer, dem das Gut durch Heirath und Tod der Enkelin des alten Herrn zugefallen, auch ein Gras Herbart war, ein entfernter Verwandter. Das Heimischwerden der jungen Gräfinnen betraf nicht nur Schloß und Garten und Park, sie lernten auch mit den Landleuten verkehren, mit allen Leuten im Dorfe. Dazu freilich gab Elfe allein die Veranlassung. Sie selbst war heimisch unter den wohlhabenden und armen Familien im Dorfe und sie erzählte den Grafzwillingen oft von den Verhältnissen derselben und erweckte ihre Theilnahme. Es entstand in den jungen Wesen die Fähigkeit sich mit den Gedanken in die Lage von Menschen zu versetzen, die ganz außer ihrer Sphäre lebten. Diese Fähigkeit ist selten; aber ein Segen, denn sie läutert das Urtheil über Menschen und lehrt Hilfe leisten in bester Weise. Else's Zeiteintheilung war eine ganz andere geworden, seit die Grafzwillinge wieder im Schloß lebten. Der Vormittag gehörte ihrer Häuslichkeit, wenn dann Andreas mit ihr und den Kindern sein Mittagbrod verzehrt hatte, ging sie mit ihren zwei Kleinen in das Schloß, dann wurde während der guten Jahreszeit in den Park gegangen, im Winter in das Gewächshaus. Elfe war der Grafzwillinge Lehrerin im Weißnähen, denn das verstand sie recht gut, das hatte sie ordentlich erlernt, schon während ihrer Dienstzeit, denn als sie die kleinen Grafzwillinge zu pflegen hatte, hielt die Kinderfrau sehr auf Ordnung in der Wäsche und Elfe mußte bei einer Frau Försterin nähen lernen, um die Sachen der Kinder in gehörigem Stande zu erhalten. Jetzt konnte die Gärtnerssrau ihre Kunst weiter lehren, das war hübsch und den jungen Gräfinnen sehr von Nutzen, denn sie hatten bisher von Handarbeiten nur die üblichen Spielereien gemacht, welche zum Schmuck der Wohnung und des Körpers dienen, aber sonst wenig Bedeutung haben. Mädchen jedes Standes sollten Wäsche nähen lernen, und wenn die eigentliche Schulzeit vorüber ist, sollte sich Zeit finden lassen zur Thätigkeit in diesem Arbeitsfelde. In den Nachmittagsstunden wurde in Herbartsruh diese 'häusliche Kunst getrieben und machte den jungen Mädchen viel Vergnügen, denn sie näheten zuerst Hemden für Else's Kinder, später sollten andere Kinder an die Reihe kommen. Nach dieser Arbeitszeit ging Elfe pünktlich in ihr Gärtnerhaus, denn dann kam Andreas zur Vesperstunde und den hätte sie nicht allein 4^3 lassen mögen; sie blieb dann gleich den Abend zu Hause und hatte wieder ihre Wirthschaft zu versorgen. Am Feierabend kam oft Dieser oder Jener aus dem Dorfe und saß mit Andreas auf dem hübschen Platze vor dem Hause, da standen Tische und Bänke und es plauderte sich über Allerlei ganz behaglich bei einer Pfeife oder einem Glase Bier. Der Zimmermann Schwenker kam auch zuweilen. Er war nicht gerade ein Freund von Andreas, denn der hatte ihm zu viel Rechtlichkeitsgefühl, er hatte solche Männer lieber, mit denen er nach Herzenslust über alle reichen Leute schimpfen konnte. Die Reichen waren ihm einmal ein Dorn im Auge, er hätte sich gern an ihre Stelle gesetzt. Schwenker war dennoch eigentlich kein böser Mensch und gehörte auch nicht zu den Aufrührern, die alles Bestehende umstürzen möchten, aber nichts Besseres dagegen zu bieten haben, er kümmerte sich im Ganzen nicht viel um Tagesbegebenheiten, er ärgerte sich nur, daß er nicht reich war. Schwenker hatte seine Frau verloren und ihm war ein Kind geblieben, ein kleiner Knabe, der nun den ganzen Tag sich auf den Bauplätzen aufhielt, auf denen der Vater arbeitete, oder auf der Hausthürschwelle saß. „Lauter Dummheiten macht der Bengel!" sagte Schwenker, „unsereiner hat keine Kinderfrau, so ein Weib will Essen und Lohn haben, wo soll unsereiner das hernehmen? Kinder armer Leute müssen wie Unkraut aufwachsen, wenn der Tod sie nicht bei Zeiten erwischt." Wenn Schwenker so klagte, dann folgte auch bald darauf der Zornausbruch über Leute, denen es besser ging, wie ihm: „Das reiche Volk, das hält sich Dienerschaft in allen Ecken, kümmert sich Keiner um den armen Menschen. Weihnachten, ja, da stecken sie einen Lichterbaum an und bauen den armen Kindern zurechtgemachte Lappen aus, damit es heißt, sie sind wohlthätig; aber weiter thun sie nichts. Wenn man klug ist, da durchschaut man so ein reiches Gethue und der Haß wird nur um so größer. Das ist eine bequeme Sache die Abfälle vom Ueberfluß verschenken, ein Opfer bringen die Reichen nicht, die gießen alles durch die eigene Gurgel, Champagner knallt bei ihnen alle Tage und wenn unsereiner in die Schänke geht und sich einen ordinären Schnaps geben läßt, da machen sie ein Hallo, als wär's die größte Sünde. Zu Enthaltsam- keits-Vereinen möchten sie das arme Volk treiben, sie aber möchten weiter schwelgen. Auf weichen Schaukelstühlen baumelt das reiche Volk herum, muß sich ausruhen vom Faullenzen, während unsereiner nach schwerer Arbeit sich auf den Grabenrand schlafen legt. Es ist eine nichtswürdige Welt, man muß den Geldleuten das Haus über dem Kops anzünden, sie 474 ^ brauchen auch nichts zu haben; wenn sie nicht theilen was sie besitzen, soll's ihnen in Rauch aufgehen." Wer den Schwenker kannte, der wußte welche Ansichten er hatte; es wußte aber auch Jeder, daß er deshalb nicht daran denke, den Reichen wirklich einen Schaden zuzufügen. Schwenker war sogar in gewisser Art ein gutmüthiger Mensch, obgleich er Neid in sich hegte, seine Gutmüthigkeil war aber falsch geleitet, einseitig, er wollte nur den armen Leuten helfen mit seinen Wünschen; daß diese Wünsche den Ruin der Reichen herbeiführen sollten, kümmerte ihn nicht. Schwenker war in seiner Art auch ein guter Vater, er hatte sein Kind lieb, ließ es nicht darben, hätte es gern glücklich gemacht, wußte aber nicht den Weg dazu zu finden. Er nahm den kleinen Knaben mit in die Schänke, gab ihm manchen Schluck Branntwein, er suchte auch den Haß gegen Reiche in ihn zu legen; gegen alle Menschen die besser leben, sich bester kleiden konnten, wie er. Elfe bemerkte alles was vorging und sie sagte zu ihrem Andreas: „Mit dem Schwenker hat es eine eigene Bewandtniß, ich denke, es steckt was dahinter, was ich nicht weiß, ich will ihn einmal aushorchen wie seine Kindheit gewesen ist, aus der Wurzel kommt das Uebel." Elfe ergriff eine Gelegenheit und brachte den Schwenker zum Erzählen, so erfuhr sie Einiges aus seinem Leben. Schwenker war der Sohn armer Tagelöhner, seine Eltern starben frühzeitig und es nahm sich seiner eine alte Frau an, die als Wittwe lebte und Knochen und Lumpen sammelte, um sie zu verkaufen in Knochenmühlen und Papierfabriken. Der Knabe Schwenker mußte als kleines Kind Knochen und Lumpen suchen, auch betteln und stehlen; er bekam wenig Essen, schlechte Kleidung und von Erziehung war gar nicht die Rede, wenn er der Pflegemutter ungehorsam war, bekam er Schläge, sonst konnte er thun was er wollte. Mit einem Korbe am Arm, einem Lumpensack auf dem Rücken wanderte er in den Nachbardörfern umher, vorn Morgen bis zum Abend, dies bis zum schulpflichtigen Alter, dann wurde er in die Dorfschule geschickt und hatte nur die freie Zeit übrig zum Lumpensammeln. Oft war er hungrig und sah mit Neid andere Kinder ihre Brodschnitten verzehren oder gar im Garten unter den Obstbüumen sich ihre Vesper suchen. „Warum geht's den Kindern von Wirthschaftsbeamten, oder von Forstbeamten, oder von reichen Bauern, oder von Gutsbesitzern besser wie mir?" fragte er sich oft. Da ihm Niemand Antwort auf diese Frage gab, Niemand ihm Erklärung geben konnte, weil er keine forderte, da wiederholte sich diese Frage in ihm oft und es wurde in ihm der Neid gesäet. Er sah sich auf seinen Wanderungen viel um, mit dem Hunger im Magen, mit dem Groll im Herzen, er sah viel arme Kinder, die, wie er, in Lumpen gingen und wenig zu essen halten. Sofort war Theilnahme wach in ihm und die Empörung über die Ungleichheit der Gütervertheilung. Als der Knabe im Alter von vierzehn Jahren die Schule verließ, starb seine Pflegemutter und hinterließ ihm so viel, daß er ein Handwerk erlernen konnte. Er wurde Zimmermann. Es ging ihm dann in der Lehrzeit nicht schlecht, auch später nicht; aber der eingewurzelte Mißmuth wurde nicht ausgerottet, auch nicht als er sich verheirathet hatte und eine glückliche Ehe hätte führen können, denn seine Frau war fleißig und brav. Sie versuchte aber nicht ihm freundlichere Gesinnungen beizubringen, im Gegentheil, sie steckte sich an ihm an, sie half ihm dann seinen Unmuth vergrößern. Als das Kind da war, starb die Frau, nun stieg bei der Vaterliebe des Mannes der Neid gegen die Menschen, welche Vermögen besaßen und ihren Kindern eine gute Erziehung geben konnten, aufs Höchste. .Als Elfe Schwenker's Lebensgeschichte kannte, sagte sie zu Andreas: „Ich habe es doch gedacht, es steckt was dahinter bei dem Manne, es komnit von seiner Kindheit her. Jetzt sehe ich's doppelt klar, was an mir die Schwester Johanna gethan hat, was sie mir in's Herz gelegt, das fehlte dem Schwenker als Kind und das fehlt ihm heute noch. Nun wagt man es so einen Menschen zu tadeln und gar zu verdammen, weil er giftige Reden führt. Wo kommen die denn her? An den Früchten sollt ihr sie erkennen! heißt es in der Bibel; aber wenn die Wurzel so schlechte Pflege hatte, wie kann denn der Baum gute Früchte tragen?" Elfe dachte viel über ihre Erfahrung mit dem Zimmermann nach und sie erzählte auch alles den Grafzwillingen, denn wovon das Herz voll ist, da geht der Mund über, sie sagte auch: „Gerade so wie der Schwenker aufgewachsen ist, so wächst jetzt sein Junge auf und so wie dieser eine Junge aufwächst, so wachsen unzählige Kinder auf, ohne Ordnung und Zucht, ohne sorgfältige Liebe, ohne Anleitung zur Gottesfurcht. Die Eltern haben ihre Arbeit, sind auch oft leichtsinnig und versäumen ihrer Kinder Wohl in den ersten Lebensjahren, mit sechs Jahren kommen sie in die Schule, aber was von Anfang versäumt wurde, das holt sich nicht leicht nach. Es müßte in jedem Dorfe eine Schwester Johanna sein, um bei der Erziehung die Wurzeln zu pflegen, damit jeder heranwachsende Mensch fähig werde gute Frucht zu tragen, wie sie im Worte Gottes gemeint ist." 476 Maria und Martha mußten durch solche Mittheilungen gewonnen werden, junge Gemüther sind empfänglich und dieses Schwesternpaar ging sehr gern ein auf die Liebesgedanken der Gärtnersfrau. Sie wollten auch so gern helfen und da nicht viel in ihrer Macht lag, so ließen sie wenigstens den Zimmermann Schwenker auffordern, ihnen seinen kleinen Knaben zuzuführen, sie versorgten ihn mit einem neuen Kittel und ließen ihn zuweilen bei sich im Park spielen mit Else's Kindern. Das war freilich keine durchgreifende Hilfe, aber doch ein Beweis von Theilnahme, der auf Schwenker einen wohlthuenden Eindruck machte. Das Leben in Herbartsruh war trotz der kleinen verschiedenartigen Verhältnisse sehr einförmig und schien um so schneller zu verstreichen. Die kranke Martha brauchte eine ernste Cur unter der Leitung des alten befreundeten Arztes, der fast täglich seinen Besuch machte. Es ging Alles seinen regelmäßigen Gang und nach und nach wurde die Lähmung beseitigt. Als die Zeit der Confirmation der Zwillingsschwestern herannahete, war das Leiden als gehoben anzusehen, es waren allerdings achtzehn Monate seit ihrer Einkehr in Herbartsruh vergangen. Die Confirmation sollte im Sommer stattfinden und bis dahin sollten auch Graf und Gräfin Herbart von Madeira zurückkehren. Die Freude und Hoffnung auf glückliches Wiedersehen war groß; aber die jungen Mädchen, welche sich so wohl gefühlt hatten im ländlichen Stillleben, dachten doch mit einigem Unbehagen an das bevorstehende Leben in der großen Welt, der sie nun angehörten und in welche sie eingeführt werden sollten. Der Graf hatte seinen Zwillingstöchtern geschrieben, er habe die Absicht ihnen bei seiner Rückkehr ein Geschenk zu machen, zum Andenken an die Trennungszeit, in welcher sie ihm durch ihr Verhalten so viel Freude bereitet hätten, er schrieb, sowohl Miß Box, als der Pastor und Doktor hätten in ihren Berichten stets das wärmste Lob über die Schwestern ausgedrückt und nun sollten sie ihm einen Wunsch aussprechen, den er ihnen zu erfüllen gedenke, er reise über Paris, schrieb der Vater und werde dort Schmuck in reicher Auswahl sehen, sie dürften offen aussprechen, nach was sie Verlangen hätten. Dieser gütige Brief ihres Vaters überraschte die beiden Schwestern; aber einen Wunsch konnten sie nicht sogleich äußern. Schmuck? Nach Schmuck halten sie kein Verlangen. Am liebsten hätten sie gebeten, ihre Elfe mit in die Stadt nehmen zu dürfen; aber diesen Wunsch auszusprechen wäre überflüssig gewesen, Elfe war Frau, war Mutter, ihre Pflicht, ihr Herz fesselten sie an ihr Haus. Indessen die 477 Erlaubniß einen Wunsch auszusprechen, wurde nicht zurückgewiesen und Miß Box und Else halfen nachdenken. „Jetzt weiß ich, was wir wünschen können," sagte eines Tages Martha zu ihrer Schwester. „Ich weiß es auch," erwiderte Maria, und gleichzeitig sprachen Beide das Wort „Kleinkinderlehrerin!" aus. Es war begreiflich, daß beide junge Mädchen den gleichen Gedanken erfaßt hatten, Else's Liebe zu Kindern, ihre begeisternden Berichte über Schwester Johanna, ferner der Blick auf die Kindheit des armen Zimmermannes, der Blick auf das verwahrloste Kind desselben, alles hatte zusammen auf die Schwestern eingewirkt, dazu war der Confirmationsunter- richt gekommen mit seinem Hinweis auf die Liebe des Heilandes und auf das große Liebesgebot, das er den Menschen gegeben: „Du sollst Gott über Alles lieben und Deinen Nächsten wie Dich selbst." Eine Kleinkinderlehrerin, welche in Herbartsruh alle kleinen Dorfkinder um sich versammelte, während Vater und Mutter auf Arbeit aus waren, ja eine Schwester Johanna wollten die Grafzwillinge als Geschenk erbitten, ihnen das schönste Andenken an die Zeit ihrer Trennung von den lieben Eltern, den Leuten in Herbartsruh an die Zeit ihres Aufenthaltes daselbst. Graf Herbart war innig bewegt durch das Antwortschreiben seiner Kinder und sofort war er bereit ihnen den Wunsch zu erfüllen. Er wandte sich an den Pastor, welcher die Mädchen unterrichtete und bat ihn die nöthigen Schritte zu thun, um eine Lehrerin aus einer der bekannten Bildungsanstalten zu erlangen und er gab seinem Inspektor den Auftrag für eine Wohnung zu sorgen und den erforderlichen Spielplatz anzuweisen. Es gehörte Zeit zu den verschiedenen Einrichtungen; aber glücklicherweise war eine junge Lehrerin, die in einer Familie thätig gewesen, frei geworden und bereit die Stelle im Dorfe anzunehmen. Das war die Hauptsache; eine Wohnung fand sich auch. Der frühere Pastor hatte ein eigenes Häuschen besessen, zuletzt war es von seiner Wittwe bewohnt gewesen, jetzt war auch sie gestorben, und entfernte Verwandte, ihre Erben, hatten das Haus zum Verkauf bestimmt. Die kleine Kaufsumme konnte vom Besitzer von Herbartsruh leicht ausgezahlt werden, der nächste Brief aus Madeira brachte die Erlaubniß dazu, denn ein Opfer sollte für die gute Sache gebracht werden. Jetzt war reges Leben in Herbartsruh, es fand sich allerlei zu thun: Das kleine Häuschen, Stube, Kammer und Küche enthaltend, mußte in Stand gesetzt werden; Maurer Klaus hatte mit Weißen zu thun; Zimmermann Schwenker wurde beauftragt, kleine Bänke 478 und kleine Tische zu machen für die kleinen Schüler. Täglich kamen Maria und Martha die Fortschritte bei der Arbeit in Augenschein zu nehmen. Schwenkers Söhnlein war auch immer dabei, der Kleine freute sich, denn es war ihm angezeigt, daß er zu den Schülern gehören würde. Die Stube wurde zur Schulstube eingerichtet, die Kammer zur Wohnstube der Schwester Johanna. Klaus setzte in dies Wohnstübchen einen kleinen Ofen. Für Bett und Meubel ließ Graf Herbart sorgen. Schwester Johanna nannten Maria und Martha im Voraus die erwartete Lehrerin, sie hieß zwar Auguste; aber das schadete nicht, für die Zwillinge war sie Schwester Johanna, denn mit diesem Namen war in ihnen der Begriff einer Kleinkinderlehrerin aufgewachsen in Folge von Else's Erzählungen. Auf Schwester Johanna freute sich Michel Schwenker, der Kleine, er freute sich auf Spiele und Späßchen aller Art, die ihm von den Comteßchens verheißen wurden; und der Vater Schwenker erwartete die Schwester- Johanna auch mit Neugierde und dachte: „was die nur beginnen wird mit meinem armen kleinen Jungen? so ein armes Wurm, armer Leute Kind, wird ja vom reichen Volk nicht beachtet. Die Schwester Johanna ist freilich auch keine Reiche, denn sie wird ja bezahlt; — aber die Comtessen, die sind reicher Leute Kinder — ja die — und die — na, das muß man ihnen lassen — diese Grafzwillinge sind gut gegen mein armes Kind!" — So weit war der Zimmermann schon gekommen. Else hörte solche Reden von ihm und freute sich und sie sagte zu ihrem Andreas: „Wenn man die Eltern gewinnen will, muß man den Kindern Gutes thun, das ist ein wahres Wort, denn Vater- und Mutterliebe sterben nicht aus, man trifft sie überall; für Elternliebe giebt's keinen Standesunterschied, der reiche Graf liebt und der arme Zimmermann, der Kaiser und König und der Bettler. Mein Kind ist ein Stück von mir, man liebt sich selbst im Kinde; darum wird's zu allen Zeiten Vater- und Mutterliebe geben." Else wollte aber ihre eigenen Kinder nicht auch der Schwester Johanna übergeben, sie sagte: „Die Kleinkinderschule ist gut für die Kleinen, die keine Mutterpflege zu Hause haben, alle die Kinder mögen zur Schwester Johanna gehen, deren Mütter starben, oder den ganzen Tag auf Arbeit aus sind. Wenn die Mutter lebt und zu Hause ist, da gehört die Kinderpflege ihr, es wäre eine Sünde und Schande, wollte ich meine Mutterpflicht Anderen übertragen, Gott der Herr gab mir meine Kinder, mir allein und meinem Andreas, wir haben die Aufgabe, sie für Gott zu erziehen, im Namen unseres Heilandes, besser 479 wie wir kann es Keiner machen, soll's auch Keiner versuchen, Lust und Liebe, Pflicht und Verantwortung sind unsere Sache." Das Frühjahr war mit lieblichen Schritten herangezogen, Knospen an den Bäumen entfalteten sich, Saaten brachen auf den Feldern hervor, blauer Himmel, lichte Wölkchen, heranziehende Störche, Lerchen hoch oben über den Feldern, alles was das Frühjahr Neues bringt, war da. Aus dem Süden kam auch Graf und Gräfin Herbart und zogen in Herbarts- ruh ein und ein fröhliches Wiedersehen wurde gefeiert, denn gesund kehrte die Gräfin heim und gesund fand sie Martha, das Zwillingsschwesternpaar strahlte im Lebensfrühling, es hatte Alles herrlich sich gestaltet. Es war nun ein reges Leben in Herbartsruh, die jungen Mädchen waren so eingewöhnt in alle ländlichen Verhältnisse in und außer dem Schloß, daß sie die Mutter einführen konnten, bekannt machen mit Allem, was ihnen selbst während ihres Aufenthaltes auf dem Lande nahe getreten war. Von Elfe und ihren Kindern, vom Gärtner und Garten und Park, vom Dorf und seinen Bewohnern, vom Zimmermann Schwenker und seinem Knaben, von allen Kleinigkeiten mußten die angekommenen Eltern Berichte hören. Die Kleinkinderlehrerin kam an und wurde in ihr hübsches Häuschen eingeführt, sie war ein freundliches junges Mädchen, wenig über zwanzig Jahr. Mit Staunen vernahm sie, daß sie bereits einen Namen hatte am Orte, wo man sie noch gar nicht kannte; aber da sie bald bemerkte, welche Liebe, welch Vertrauen an diesem Namen hing, so tauschte sie gern ihren Namen Auguste gegen „Schwester Johanna" ein. Die Familie Herbart blieb den ganzen Sommer noch auf dem Lande. Die Confirmation der Zwillingsschwestern war eine liebliche Feier, an der das ganze Dorf Theil nahm, man hatte sie auf die Mitte des Sommers verschoben, denn gegen Ende des Monat Mai waren die Reisenden aus dem Süden erst angekommen. Dann kam das Erntefest, an dem auch die Dorfleute Theil nahmen. Zimmermann Schwenker war überall mit dabei und sein Junge, ein artiger Schüler der Schwester Johanna, erregte sein großes Erstaunen. „Wie der Junge klug wird!" sagte Schwenker, „und was er für nette Verschen sagen und Liedchen singen kann und wie er hübsch beten gelernt hat, man schämt sich ordentlich vor dem Kinde." Gegen Elfe sprach sich Schwenker frei aus und sagte: „Die Grafzwillinge haben's gemacht, daß es in mir anders geworden ist, nein nicht die eigentlich, sondern Frau Elfe, nein, auch die eigentlich nicht, sondern der liebe Herrgott, von dem ging's aus, der hat Alles so veranstaltet, 480 Frau Elfe und die Grafzwillinge waren nur seine Werkzeuge."- „Wundern Sie sich, Frau Elfe, mich so reden zu hören? Sehen Sie, das geht so zu: Sie haben schon längst mir im Kopfe Alles herumgedreht, mir wurden die Gedanken umgestürzt, dann kam die Sorgfalt für meinen Jungen, die drehte mir's Vaterherz um, daß ich dankbar zusehen mußte. Hören Sie, Frau Elfe, ich glaub's, Sie haben recht, man muß bei Zeiten bei den kleinen Kindern anfangen, wenn man ein gutes Volk haben will, Sie sind eine brave Frau, brave Mutter. Sie verstehen was rechte Gottesfurcht, was Nächstenliebe ist, und wo kommt's bei Ihnen her? Aus der Wurzel, die Ihre Schwester Johanna gut gepflegt hat, als Sie ein kleines Waldkind waren, das ohne diese Pflege wahrscheinlich schlechte Frucht getragen hätte. Wundern Sie sich nicht, Frau Elfe, mich so reden zu hören, ich habe Ihnen was abgelernt." Elfe freute sich sehr über Schwenkers herzliche Aussprache und daß er so von selbst zu der Ueberzeugung gekommen war, alles Gute sei durch Gottes Liebe und Fügung herbeigeführt worden. Es ist gar herrlich, wenn man empfindet, wie Alles so weise geleitet wird zum Besten der Menschen, und wie sogar scheinbares Unheil heilbringend wirkt. Die drohende Zeit, welche durch Krankheit der Gräfin Herbart, durch den Unfall, der Martha gelähmt, herangebrochen, war nicht allein glücklich vorübergegangen, sie hatte auch eine große innere Bedeutung herbeigeführt, und nicht allein für den Zimmermann Schwenker und für das Wohl der Dorfjugend in Herbartsruh, sondern auch für das innere Wohl aller Glieder der Familie Herbart. Graf und Gräfin, die eine Reihe von Jahren hindurch im oberflächlichen Gesellschaftsleben, in Tand der Welt sich gefallen hatten, waren durch den Blick auf Weh und auf den nahe getretenen Tod recht ernst geworden. Des Grafen geistige Richtung war immer eine ernstere gewesen; aber die Schönheit, die Lebenslust, die Neigung seiner jungen Gemahlin zu Freuden und Glanz hatten Herrschaft über ihn geübt; jetzt war auch die junge Frau viel anders geworden und neben dem Leben in der Welt wurde dem inneren Streben nach Heil ein großes Recht eingeräumt in beiden Ehegatten. Und was hatte der Aufenthalt in Herbartsruh auf die Zwillingsschwestern für einen Einfluß gehabt? Der Segen, den Gottes Gnade durch das eigenthümliche Mädchen aus dem Volke auf dies Schwesternpaar geträufelt, hatte sich erneuet durch die Frau aus dem Volke. Die einfache Bäuerin hatte die Wurzeln am Lebensbaume der Zwillinge gepflegt, sie hatte dann auch die Knospen 481 und Blüthen pflegen dürfen; das war eine Wohlthat für das Gedeihen ihres Lebensbaumes für Zeit und Ewigkeit. Elfe selbst hatte auch gewonnen: Indem man innere Güter mittheilt, vergrößert man dieselben im eigenen Innern; aber Else ahnte in ihrer Demuth nicht, welches Werkzeug sie in Gottes Hand gewesen war. Des Kiiules Artsteil. An Maler hatte ein Altar-Bild, das den Heiland darstellte, vollendet, aber er war nicht zufrieden mit dem Werk, das seine Hand geschaffen. Die Gestalt des Heilandes genügte nicht dem Ideale, das er in seiner Seele trug. Niemand konnte ihn trösten, denn wenn die Leute, denen er das Bild zeigte, auch sagten: es ist sehr schön, es ist mit großem Fleiß gemalt, so befriedigte dies den ernsten Mann nicht; er härmte sich sehr. In dieser Stimmung fand ihn eine Dame, die mit ihrer kleinen Tochter Lydia Besuch in seinem Hause machte. Neugierig trat die Kleine an die Staffelei; während ihre Mutter den Maler begrüßte, stand sie wie gebannt vor dem Bilde. „Wer ist das?" fragte der Maler die kleine Beschauerin, indem er sich freundlich zu ihr wandte. „Wer das ist?" — wiederholte das Kind in Herzens-Einfalt, aber mit einem Ton, als ob es die Frage überflüssig fände. „Das ist ja der liebe Heiland!" „So!" fuhr der Maler fort, „wer hat Dir denn das gesagt?" „Das braucht mir Niemand zu sagen!" antwortete das Kind. „Ich weiß es, weil nur Er es sein kann, denn er ist ja einzig." Diese Antwort des kleinen Mädchens beglückte den Maler überaus. „Nun bedarf ich keines Urtheils mehr!" rief er aus. „Das Kind hat mir ein Zeugniß gestellt, mit dem ich mein Bild getrost in die Welt schicken kann!" Bald durfte er erfahren, daß auch erwachsene Leute das Urtheil Lydia's unterschrieben und er war sehr glücklich darüber. Er pries das Kind selig, in dessen junges Herz sich das Bild des Herrn so tief und fest eingeprägt hatte. T.-A. XX. 31 482 Die K l u m e n. Von GMn Thekla Ksudisstn. Amma, ein junges Mädchen von dreizehn Jahren, hatte von ihrer Erzieherin die Aufgabe erhalten, schriftliche Aufsätze zu machen. Den Stoff durfte sie sich selbst wählen und da hatte sie die Erlaubniß erbeten der Erzieherin die Lebensgeschichte einiger ihrer Blumen erzählen zu dürfen. „Ich kann leicht in Erfahrung bringen, was sie unter den Händen ihrer früheren Besitzer erlebt haben, ehe sie der Gärtner brachte, der von Mama den Befehl erhalten hatte, sie für mich zum Geburtstag zu kaufen," sagte sie, „ich werde mich nach ihren Erlebnissen erkundigen." — Die Erzieherin hatte nichts dagegen einzuwenden. Emma's Geschwister baten sie, ihnen den Aufsatz vorzulesen, wenn er fertig sein würde, es interessirte sie sehr zu wissen, was sie von den Blumen-erzählen könnte. Nach einiger Zeit, als die Kinder alle wieder um die Erzieherin versammelt waren, reichte Emma letzterer ihren Aufsatz hin, diese nahm ihn und sagte: „Wie ist Dir's denn ergangen, Emma, mit Deiner Erzählung? Hast Du die Lebensgeschichte Deiner Blumen in Erfahrung gebracht?" — „Das eben nicht," antwortete Emma, „mir hat von ihnen geträumt und ich habe mir allerhand ausgedacht, was ich niedergeschrieben habe. Unter meinen Blumenstöcken habe ich mir vier Pflanzen gewählt, die mir die liebsten sind, nämlich einen Epheu, der zwar keine Blume, aber eine allerliebste Pflanze ist, zweitens einen Cactus, drittens ein Vergißmeinnicht und viertens eine Reseda. Von diesen habe ich Euch erzählt und Ihr werdet nun urtheilen, ob's Euch gefällt, was die Blumen sagen, sie reden selbst." Die Erzieherin las vor: Der Epheu erzählt: Ich bin ursprünglich an einer alten Ruine emporgewachsen, die auf einer Anhöhe steht, von wo man eine schöne Gegend übersieht. Die Ruine ist einst ein stolzes Schloß gewesen, welches ein tapferer Ritter vor Jahrhunderten gebaut hat. Seine schöne Gemahlin hatte vielleicht zuerst Epheu an der Mauer unter ihrem Fenster pflanzen lassen, und während das ganze Gebäude in Trümmer zerfiel, die innere Einrichtung von Staub und Motten zerstört wurde, die Bewohner nach und nach dahinstarben, lebte die frische, grüne Pflanze Winter und Sommer fort. 483 und wenn an einer Stelle die Wurzel abstarb und die Zweige verwelkten, keimte an einer andern eine neue Ranke hervor und schlang sich um die verfallenden Mauern herum. Ich weiß also nicht, wie lange die erste Wurzel meiner Pflanze in diesem Boden gelebt hat, ich bin nur ein Zweig davon und habe mich von der äußeren Mauer der Ruine hinweg- gewendet, um durch ein zerbrochenes Fensterkreuz hineinzuwachsen und mich an der innern Wand des Zimmers hinzuziehen, in welchem die schöne Schloßherrin einst gewohnt hatte. Hätte ich Augen gehabt wie ein Mensch, so würde ich wohl mit Interesse die halbzerstörten Wände betrachtet haben, an denen noch einige vernachlässigte und wie es schien, vergessene Bilder hingen. Die Leinwand, auf welche sie gemalt waren, hing an einigen Stellen in Fetzen herunter, nur die Oelfarbe hatte sie noch zusammengehalten, und so waren noch Ueberreste von den Gesichtern zu sehen, welche auf ihnen dargestellt waren. Gerade gegenüber dem Fenster, wo ich hineingewachsen war, hing das beste von den Bildern, das Gesicht war noH ziemlich deutlich zu erkennen, und wenn die Sonne hineinschien, beleuchtete sie die feinen, bleichen Züge einer Rittersfrau, welche mit ihren sanften, blauen Augen hinabzusehen schien auf die Zerstörung, die sie umgab. Gern hätte ich mich zu ihr hingezogen, um einen frischen Blätterrahmen zu bilden um das jugendliche einst liebliche Gesicht; aber ich hätte noch viele Jahre wachsen müssen, um mich so weit auszudehnen und sie umranken zu können. Es mochte sich in dem Schlöffe vor Zeiten wohl Vieles zugetragen haben, was des Erzählens werth gewesen wäre, und es wurde auch viel davon erzählt, nur kann ich es nicht Alles wieder berichten. Unter dem Fenster, wo ich mich hinrankte, stand eine steinerne Bank, auf welcher die Spaziergänger und Reisenden auszuruhen pflegten, welche kamen um die Ruine zu besichtigen und die Aussicht zu bewundern. Oft sprachen diese Personen unter einander von früheren Zeiten und von den Rittern, welche hier gelebt hatten. Der letzte von diesen hatte sich gegen seinen rechtmäßigen Herrn und Fürsten aufgelehnt, verwickelte sich in eine Fehde, verschanzte sich auf seinem Schlosse, wurde daselbst belagert und wurde zuletzt, weil die Uebermacht der fürstlichen Streiter, die gegen ihn kämpften, zu groß war und er besiegt wurde, als Gefangener fortgeführt. Später verschmachtete er im Kerker. Seine Gemahlin, welche stets hoffte ihn wiederkehren zu sehen, war oft auf den Thurm des Schlosses gestiegen und hatte hinabgeblickt in's Thal, in der Erwartung, ihren heimkehrenden Gatten erspähen zu können, aber er kam nicht wieder 31 * 484 und sie war vor Gram gestorben. Nach ihrem Tode war das Schloß nach und nach verfallen und Räuber hatten sich in den Ruinen eingenistet, hatten die ganze Umgegend mit Schrecken erfüllt und die Schätze, welche sie gesammelt hatten, sollten irgendwo im Schloß oder im Schloßgarten verborgen gewesen sein. Noch immer, hieß es, sei irgendwo ein Schatz vergraben und die abergläubische Menge erfand allerhand Geschichten, diesen Schatz betreffend, welchen schon viele Menschen hatten ausgraben wollen und auch wirklich entdeckt hatten, aber jedes Mal, wenn die schwarze Kiste mit Gold- und Silberthalern aus der Erde herausgehoben werden sollte, stieg neben ihr aus der Tiefe ein Gespenst herauf. Dieses war der Geist des letzten Näuberhauptmannes, welcher ganz so, wie er einst gelebt hatte, wie er zum Entsetzen aller Menschen herumgegangen war in abenteuerlicher Tracht, mit Waffen in den Händen und im Gürtel, sich plötzlich zeigte, nur mit dem Unterschied, daß sein Kopf jetzt ein Todten- kopf war, aus dessen Augenhöhlen nicht Augen, sondern glühende Kohlen zu leuchten schienen, und die Knochenhand, die er ausstreckte, um den Schatz zu beschützen, zeigte nur zu deutlich, daß sie einem Gerippe angehöre. Seine Erscheinung hatte dann zur Folge, daß die Schatzgräber vor Schrecken davon liefen, die schwere Kiste mit dem Gold und Silber fahren ließen, welche sich ganz von selbst wieder in die Erde versenkte, und der Geist fuhr mit wildem Gelächter, aus seinen Augen Feuer sprühend, gleichfalls wieder in-die Tiefe, zurück. Ein Mal sollte er sogar einen Schatzgräber, welcher muthiger gewesen war als seine Vorgänger und nicht hatte weichen wollen, sondern mit der Schaufel, die er zum Ausgraben gebraucht hatte, auf den Geist losgegangen war, bei den Haaren erfaßt haben und ihn, mit dem Gesicht nach unten, zu Boden geworfen haben, wo er augenblicklich todt liegen geblieben war. Seine Leiche wurde da von seinen Freunden gefunden. — Aehnliche alberne Geschichten wurden erzählt von den Spaziergängern, welche auf der Bank saßen, und während des Gesprächs pflückte oft einer oder der andere sich ein Blatt oder einen Zweig von dem Epheu und nahm es mit zum Andenken an die Schloßruine oder den dort verlebten angenehmen Tag. — Eines Tages kam ein junges Mädchen die Ruine zu besehen; sie war eine Nühterin und wohnte nicht weit von dort, war aber dennoch nie auf unserer Anhöhe gewesen, denn sie hatte selten Zeit zum Spazierengehen. Sie war jung und fröhlich und schwatzte allerhand mit ihrem Bruder, der sie begleitete und der ein junger Mensch von siebenzehn Jahren war, während sie auf 485 der steinernen Bank unter meinem Fenster saßen. Untep Anderm sagte sie: „Wie hübsch müßte es sein hier oben zu wohnen! Selbst jetzt sind die verfallenen Mauern noch reizend mit dem Epheu, der sich um sie herum- rankt. Meinst Du das nicht auch, Ferdinand? Wenn ich das Zimmer haben könnte, welches über uns ist, wo sich der Epheu so freundlich hineinzieht, ich würde es mir darin wohnlich machen, glaube ich. Ich ließe neue Fenster, vielleicht auch neue Thüren einsetzen, ließe die Wände von Spinnweben befreien, Alles recht nett und ordentlich halten, würde mir den Epheu um's Fenster herumziehen wie einen Kranz und mich dahinter setzen mit meiner Arbeit. Daß ich fleißig sein muß, um mein tägliches Brod zu verdienen, würde mich nicht abhalten mir einzubilden, ich sei ein Ritterfräulein, und ich könnte mich ja auch als solches anziehen, denn die alten Bilder, die da oben noch hängen sollen, könnten mir als Muster dienen." — „Ich möchte durch die Fensteröffnung einsteigen, die über uns ist," sagte Ferdinand, „ich Möchtegerne wissen, wie es da drinnen aussieht; eine Thüre giebt es ja nicht mehr, durch welche man hinein kann, Alles ist verschüttet und zusammengestürzt. — „Steige hinein," sagte lachend seine Schwester, „ich will Dir dabei behilflich sein; ich stelle mich auf die Bank, Du kletterst an der Mauer hinauf, stellst allenfalls Deine Füße auf meine Schultern, hältst Dich an dem zerbröckelten Mauerwerk an und kommst so hinein." — Gesagt, gethan; Ferdinand war behende, an's Klettern gewöhnt, und es dauerte nicht lange, so stand er oben in der Fensterwölbung und rief hinab: „Paulinchen, hier oben ist es amüsant: alte Bilder, zerbrochene Meubel, dazwischen die frische Epheuranke, welche hier längs der Mauer wächst. Ich möchte Dir das Portrait der Rittersfrau von der Wand herunternehmen, wenn ich könnte, Du siehst der schönen Dame ein wenig ähnlich, sie hat auch so freundliche blaue Augen gehabt wie Du." — „Man darf ja nichts wegnehmen von hier, die alten Bilder müssen irgend Jemandem gehören, wenn sie auch halb zerstört sind," antwortete Pauline. — „O, ich will es nicht nehmen, das Bild, obgleich es schwerlich vermißt werden dürfte; aber etwas will ich Dir von hier doch mitnehmen, was Du zu Hause pflegen und woran Du Dich erfreuen kannst." — So sagend, riß er von der Mauer mich los und meine ganze lange Ranke fiel dem jungen Mädchen herunter zwischen ihre Hände, die mich auffingen. — „Ach, die arme Pflanze!" rief Pauline aus, „nun sie losgerissen ist von ihrer Mauer, wird sie vertrocknen und zu Grunde gehen." — „Das soll sie eben nicht," sagte ihr Bruder, „weißt Du denn 486 nicht, daß man lange Zweige dieser Pflanze in frische Erde stellen kann und daß sie dann Wurzeln schlagen, neue Zweige treiben? Wir wollen diese Ranke mitnehmen, ich bringe Dir heute noch einen Blumentopf mit Erde und Du ziehst Dir einen Kranz von Epheu um Dein Fenster herum. Auf diese Weise besitzest Du etwas aus dem Zimmer der Rittersfrau und kannst Dir, wenn Du willst, einbilden, Du wärst ein Ritterfräulein.« Pauline freute sich innig bei dem Gedanken einen Kranz um ihr Fenster ziehen zu können, half ihrem Bruder Herabsteigen, riß mich weiter von der Mauer los, so weit es gehen wollte, nahm auch etwas Erde von dem Boden, aus welchem ich emporgewachsen war, in einem Tuche mit und schlug den Rückweg nach Hause ein. Sie zeigte bei ihrer Heimkehr trium- phirend ihrer Mutter, was sie gebracht hatte und suchte unter altem Hausgeräth in der Bodenkammer einen leeren Blumentopf hervor, in welchen sie mit vieler Sorgfalt die mitgebrachte Erde füllte und mich einsetzte, mit Wasser begoß und nun im Fenster ihres kleinen Zimmers aufstellte. In den darauf folgenden Tagen besah sie mich fast stündlich und versäumte darüber beinahe ihre Arbeit, so daß ihre Mutier ganz unzufrieden darüber war. Sie hatte indessen Grund sich wegen meines Lebens zu ängstigen, denn es war allerdings in Gefahr. Sie hatte gar keine Erfahrung, was die Behandlung der Blumen und Pflanzen betrifft, wußte daher auch nicht, daß man ein Gewächs, welches man umsetzt, nicht gleich an's Licht und in die Sonne stellen darf, daß man es in den Schatten, an einen kühlen Ort stellen muß, um ihm Zeit zu lassen sich an ein neues Leben zu gewöhnen. Der Epheu bedarf im Allgemeinen nur Licht, wenig Sonne; wenn er zu viel begossen wird, schadet es ihm auch, er saugt mehr durch die Blätter als durch die Wurzeln Nahrung ein. Erst nach und nach entdeckte Pauline diese Eigenschaften an mir, sie bemerkte, daß ich Morgens frischer aussah als Abends, woraus sie schloß, daß die kühle Nachtluft vor dem Fenster mir wohlthätig sei; sie bemerkte ferner, daß einige Regentropfen belebend auf mich wirkten, und sie begann alle meine Blätter zu waschen, sie auch täglich Morgens und Abends mit Wasser zu besprengen. Als nun noch ein paar Regentage dazu kamen und ich der feuchten Luft längere Zeit ausgesetzt blieb, war die Gefahr für mich vorüber und ich hatte Kraft genug, um in meinem Topf Wurzeln zu schlagen. Ein enges Gefängniß war er freilich, verglichen mit dem Erdboden, der die Schloßruine umgab, und einige meiner Blätter fielen auch nach und nach welkend ab, jedoch schon nach wenig Wochen trieb ich einen frischen 487 Keim und Pauline's Freude darüber war außerordentlich groß. Auch ihr Bruder Ferdinand, der nicht im Hause wohnte, sondern' bei einem Buchbinder Lehrling war, kam öfters sich nach mir zu erkundigen, half zuweilen meine Blätter waschen und brachte auch einmal frische schwarze Erde mit, um meinen großen Blumentopf bis an den Rand zu füllen, denn bis dahin war er nicht ganz voll gewesen. Es ist, als ob die Pflanzen es zu unterscheiden wüßten, wie und von wem sie gepflegt werden, als ob es ihnen selbst eine Lust wäre zu gedeihen, wenn eine sorgsame Hand ihren Bedürfnissen nachhilft, sie zur rechten Zeit begießt, die welken Blätter entfernt, sie vor brennender Sonnenhitze und trockenem Winde schützt, ihnen Regen verschafft und sie namentlich vor dem Staube bewahrt, welcher sich auf die Blätter setzend ihr Gedeihen verhindert. Pauline war in Allem, was sie that, so sorgsam, daß es ihr gelingen mußte. Man sollte zwar denken, ein Jeder könne eine Pflanze begießen, hierzu gehöre weiter nichts, als daß man es zu bestimmten Stunden regelmäßig thue; dem ist aber nicht so; denn das „zu viel" oder „zu wenig" und „zur rechten Zeit" muß man den Pflanzen ablauschen; außerdem will eine jede anders behandelt sein, was nur die Erfahrung demjenigen lehrt, der darauf achtet. — Pauline war so kindisch in ihrer Freude über mein Gedeihen, daß sie meinte: ein Jeder, der in ihr Zimmer käme, müsse mich gleich bemerken und bewundern; es war auch der Fall, beinahe Allen, die sie besuchten, fiel ich in's Auge; ich trieb so kräftige Zweige und Blätter, daß meine Ranke immer länger und dicker wurde. Pauline's Mutter wohnte im Hause eines wohlhabenden Bürgers, der hatte eine Tochter in Pauline's Alter, welche mit ihr in die Schule gegangen war und welche Pauline sehr lieb gehabt hatte, während sie beide noch klein waren; als sie heranwuchsen, hatte sich jedoch ihr Verhältniß zu einander geändert, denn Hedwig, die reiche Vüxgerstochter, dünkte sich viel zu vornehm, um mit der armen Nähterin umzugehen, außerdem war sie eifersüchtig auf sie, denn Pauline gefiel den Leuten besser als Hedwig. Dann und wann kam Hedwig nun freilich zu ihrer früheren Jugendgespielin, wenn sie es that, war es aber meistens um sie zu bitten, ihr bei dem Einkauf oder der Anordnung ihres Anzugs behilflich zu sein, weil sie fand, daß Pauline guten Geschmack habe, und also kam sie aus Eigennutz, nicht aber aus Liebe. So kam sie denn auch eines Tages, als Pauline eben am Fenster saß und nähte, und verlangte letztere solle mit ihr gehen und ihr einen neuen Winterhut aussuchen helfen. Pauline war gleich bereit dazu und während sie auf- 483 stand, um Hut und Shawl zu suchen und sich zum Ausgehen vorzubereiten, hatte Hedwig Zeit mich recht zu betrachten. „Weißt Du, Pauline, daß Dein Epheu allerliebst ist?" sagte sie, „ich habe nie einen schöneren gesehen, ich möchte ihn wohl haben, verkaufe ihn mir, ich gebe Dir ein paar Gulden dafür." — „Meinen Epheu habe ich zu lieb, um ihn zu verkaufen," antwortete Pauline; „Du weißt, daß ich arm bin und daß ich Geld brauchen könnte, dieses Mal will ich aber lieber auf ein paar Gulden verzichten, als Dir die Pflanze überlassen. Es giebt Dinge, die mit Geld nicht zu bezahlen sind. Die Liebe und Sorgfalt, welche ich an diese Pflanze gewendet habe, die anfangs einzugehen drohte, die Freude, welche ich empfand, als sie sich erholte, das Vergnügen, mit welchem ich sie täglich betrachte, begieße und pflege, dieses alles kannst Du mir durch Geld nicht ersetzen." — „Das begreife ich nicht," sagte Hedwig, „eine Pflanze ist wie die andere und wenn ich Dir drei Gulden schenke, so kannst Du Dir eine andere, ja mehrere andere kaufen, die vielleicht schöner sind als dieser Epheu." — „Wenn dem so ist, wenn man schöneren kaufen kann für drei Gulden, weshalb willst Du nicht Deine Magd zu einer Blumenhändlerin schicken und Dir Epheu kaufen lassen? Ich kann mir keinen kaufen; den ich selbst gezogen habe, daß er durch meine Pflege so schön wurde, das ist es, was ihm für mich einen unersetzlichen Werth giebt. Dasjenige, welches wir ohne Mühe, nur für Geld erlangen, kann denselben Werth nie haben, wie das sorgfältig Geschaffene." — „Ach, das ist einmal wieder gefühlvoller Unsinn," antwortete Hedwig, „was mir gefällt, hat für mich den Werth, daß es mir eben gefällt, ob ich die Blume begossen habe oder ein Anderer es that, das kann ihre Schönheit weder erhöhen noch ihren Werth verringern. Da müßten für mich meine Armbänder und Ringe auch keinen Werth haben, weil ich das Gold und die Steine nicht selbst mit vieler Mühe aus den Bergen herausgeholt habe." — „Ringe und Armbänder haben meistens dadurch einen Werth, daß sie Andenken und Geschenke sind von lieben Händen und also knüpft sich auch daran ein Gefühl. Ist aber das nicht der Fall, sind sie nur ein eitler Schmuck, in welchem ein Geldwerth steckt, so mag das Tragen solcher Gegenstände für diejenigen einen Reiz haben, welche überhaupt an Putz ein Vergnügen finden, für mich hätte es keinen." — „Streiten wir nicht über Gefühle, Pauline," sagte Hedwig schmeichelnd, „die Deinigen sind gewiß sehr schön. Ueberlaß mir Deinen Epheu und er wird mich täglich erinnern an Deine liebenswürdige Nachgiebigkeit." 489 „Ich habe Dir meine Gründe gesagt- warum ich ihn nicht verkaufen will, in solchen Dingen bin ich nicht nachgiebig." — Hedwig ärgerte sich schon lange innerlich über Pauline's Festigkeit, wollte es aber nicht merken lassen und antwortete nur kurz: „Du wirst doch noch nachgeben, wir werden es bald erleben." — Pauline hatte unterdessen sich zum Ausgehen bereit gemacht und rief ihr kleines Hündchen, welches sie immer mitnahm, wenn sie spazieren ging. Dieses Hündchen hieß Fidele und war ein kleines lebhaftes, ungezogenes Thier, welches von Pauline so verzogen war, daß man ihr mit Recht den Vorwurf machen konnte, sie verstehe von Hundeerziehung nichts. Fidele schien alle weiten Damenkleider, Volants, Spitzen, Quasten und was dergleichen mehr ist, zu hassen, denn er biß und zerrte mit wahrer Bosheit daran, wenn sie in seinen Bereich kamen, besonders aber verfolgte er Hedwig mit einer Art von Wuth, wenn er ihr auf der Treppe oder vor der Hausthür begegnete. Das junge Mädchen hatte ihn einige Male geschlagen, was er nicht vergessen konnte, und so war eine Art von immerwährendem Krieg zwischen ihm und ihr entstanden. Auf Pauline's Ruf kam er aus einem Winkel hervor, in welchem er bis jetzt ruhig gelegen hatte, ohne sich dieses Mal um Hedwig bekümmert zu haben. Sie fing an ihn mit der Spitze ihres Sonnenschirmes zu stoßen und zu necken, denn bei seinem Anblick war ihr ein Gedanke gekommen, den sie auszuführen sich vornahm. Der Hund bellte, zeigte die Zähne, und hätte ihn nicht Pauline beschwichtigt, so hätte er sich wahrscheinlich an dem Kleide Hedwigs gerächt für ihre Neckerei. Die beiden jungen Mädchen verließen das Haus und unterwegs setzte Hedwig ihr Spiel mit dem Hunde fort, dieser aber ließ sich auf der Straße weiter nicht auf einen Kampf mit ihr ein. Der Hut, den Hedwig hatte kaufen wollen, wurde auch wirklich gekauft und der Rückweg nach Hause wieder angetreten, da mußte es denn wie von ungefähr geschehen, daß Hedwig in dem Augenblick, wo sie von Pauline Abschied nahm, vor ihrer Zimmerthür dem Hunde derb auf die Pfote trat; daß es absichtlich geschehen war, ließ sich nicht beweisen, der Hund schien aber zu glauben es geschehe aus Bosheit und wollte Gleiches mit Gleichem vergelten, so zwar, daß er heulend und bellend an ihr in die Höhe fuhr, nach ihr biß und als sie ihn abwehrte, sich mit den Zähnen an ihrem Shawl festhing, von welchem er die Borte abriß und zerbiß, „Da haben wir es," sagte Hedwig, „das boshafte Thier hat mir meinen Shawl verdorben, nun wird mein Vater es nicht länger im Hause dulden wollen, er hat neulich schon erklärt, er erlaube seinen Miethsleuten nicht 490 Hunde zu halten." — Pauline nahm erschrocken den Hund in ihre Arme und mit Thränen in den Augen sagte sie: „Ach Hedwig, sei nicht böse, ich werde Dein Tuch wieder zurechtnähen, ich stopfe das Loch so, daß es Niemand bemerkt." — „Mir ist es weniger um mein Tuch zu thun, ich kann es aber nicht leiden, daß mich der Hund immer verfolgt und wie gesagt, wenn mein Vater erfährt, daß er mich wieder angefallen hat, so wird er verlangen, daß der Hund aus dem Hause entfernt werde." — „Wenn Du großmüthig sein und für den Hund bitten wolltest," antwortete Pauline, „dann würde Dein Vater gewiß nachgeben, er thut ja immer was Du willst." — „Nein, er wird nicht nachgeben," entgegnete Hedwig, „Du wolltest ja vorhin auch nicht nachgiebig sein." — Pauline verstand den Wink und ging traurig mit dem Hunde, der noch immer gegen Hedwig die Zähne wies, in ihr Zimmer. Sie erzählte ihrer Mutter die ganze Geschichte und diese sagte ihr: „Es wird Dir nun die Wahl bleiben entweder Deinen Hund oder Deinen Epheu zu opfern; Hedwig verzeihet nicht, ich kenne sie." — Die arme Pauline sah das wohl ein und mit schwerem Herzen dachte sie darüber nach, wie es ihr am Besten gelingen könne Hedwig zu versöhnen. Den Hund aus dem Hause zu geben, dazu konnte sie sich nicht entschließen, seit Jahren war er ja ihr treuer Begleiter, er war — wenn auch ein Hund — doch ein lebendes, fühlendes Geschöpf; in einem anderen Hause würde er vielleicht schlecht behandelt werden. — „Also der Epheu! Ja der Epheu," sagte sie, „der ist seit Monaten meine tägliche Freude, wegen einer Laune der Hedwig, die ihn vielleicht doch nach kurzer Zeit vernachlässigt und am Ende gar vertrocknen läßt, soll ich ihn hergeben? Thue ich es nicht, so ist Feindschaft zwischen uns und ihr Vater ist nun doch einmal der Hausherr und hat das Recht in seinem Hause Gesetze zu geben, er kann mir, wenn er will, verbieten einen Hund zu halten." Während sie so sprach, kam Fidele auf sie zu, schmeichelte ihr, wedelte mit dem Schwanz und leckte ihr die Hand, als habe er alles auch gut verstanden und überlegt und wollte ihr versprechen in Zukunft nicht wieder mit Hedwig Streit anzufangen. Pauline faßte schnell den schweren Entschluß, Hedwig durch das verlangte Opfer zu versöhnen, sie sagte: „Wenn dir dieses Mal noch verziehen wird, Fidele, dann wirst du in Zukunft eingesperrt, jedesmal wenn Hedwig uns besucht, dadurch weichen wir ähnlichen Verdrießlichkeiten aus." Pauline trocknete eine Thräne aus dem Auge, indem sie sich erhob um mich von ihrem Fenster loszumachen; während sie es that, bemerkte sie einen frischen langen 491 Trieb, der sich mitten durch den dichten Blätterkranz hinzog. Sie rief, ihn sehend, fröhlich ihrer Mutter zu: „Mütterchen, mir kommk ein Gedanke! Ich will mir einen Ableger behalten von meinem lieben Epheu und mir einen neuen Kranz ziehen davon. Es wird zwar eine Zeit lang dauern bis der so dicht wird wie der frühere, aber immerhin, es wird doch gehen und-ich werde mich dann nicht minder über den freuen, als über den jetzigen." — Ihre Mutter antwortete: „Du hast Recht, mein Kind, so muß man jeder Unannehmlichkeit und jedem kleinen Schmerz eine gute und heitere Seite abgewinnen. Trage Hedwig Deinen Epheu mit freundlichem Gesicht hinauf und erfreue Dich an dem Gedanken, daß Du durch sorgfältige Pflege eines Ablegers Dir einen Ersatz verschaffen kannst." — Pauline holte ein'kleines Vlumentöpfchen herbei, füllte von dem großen Topf etwas Erde hinein, löste meinen frischen Trieb ab und pflanzte ihn alsogleich ein, mich aber trug sie nun, ohne sich weiter zu besinnen, zu Hedwig hinauf. Der Zufall wollte, daß Hedwigs Vater im Zimmer war, als sie hineintrat. Er war eüi gutmüthiger Mann, obgleich er in der That die Hunde nicht sehr liebte, weil das Halten derselben in seinem Hause bereits Veranlassung zu Verdrießlichkeiten gegeben hatte. Für Pauline, welche unter seinen Augen zu einem fleißigen, braven Mädchen herangewachsen war, hatte er eine große Vorliebe. Er ging gleich auf sie zu und fragte sie freundlich, warum sie mit dem großen Blumentopf komme. Pauline antwortete mit heiterer Stimme, daß Hedwig ihren Epheu bewundert habe und da sei ihr denn plötzlich der Wunsch gekommen, ihn ihr zu schenken. „Nebenbei habe ich aber auch eine Bitte an Sie als Hausherrn," fügte sie hinzu, „ich möchte gar zu gern meinen Hund behalten, obgleich ich weiß, daß Sie ihn nicht mögen." — Der alte Mann merkte wohl, daß etwas vorgefallen sein müsse zwischen den jungen Mädchen, bis jetzt wußte er von dem Streit mit Fidele nichts, er wollte auch seinen Verdacht nicht zeigen und weil er der guten Pauline eine Freude machen wollte, sagte er: „Ein für alle Mal will ich Ihnen zu Liebe eine Ausnahme gestatten; so lange Sie und Ihre Mutter in meinem Hause wohnen werden, erlaube ich Ihnen einen Hund zu halten." — Wäre Hedwig großmüthig gewesen, so hätte sie Pauline's Geschenk nicht angenommen, aber die Großmuth war eben nicht ihre Sache. Sie bot der armen Nähterin drei Gulden für mich, welche sie aber durchaus nicht annehmen wollte, mich aber stellte Hedwig auf einen Tisch in dem Winkel ihres Zimmers. — „Soll der Epheu da stehen bleiben, Hedwig?" fragte Pauline. — 492 „Da soll er sich um mein Bild herumschlingen, welches an der Wand hängt," antwortete Hedwig. — „Ja, das wäre freilich hübsch, indessen glaube ich kaum, daß er die Zimmerluft vertragen wird," sagte Pauline. „Er war bis jetzt immer vor meinem Fenster der frischen Luft ausgesetzt und da ich bemerkt habe, daß alle Blätter sich nach dem Lichte hinziehen, so wird es ihm dort im Winkel außerdem zu finster sein." — „Du sprichst von dem Epheu, als wäre es eine Person," sagte Hedwig. „Eine Pflanze hat nicht Launen wie ein Mensch; er wird sich im Zimmer auch wohl befinden und nach den Umständen fügen." — „Ich habe nur wenig Erfahrung, was die Pflege der Pflanzen betrifft," antwortete Pauline, „doch habe ich die Ueberzeugung gewonnen, daß sie ihre Eigenheiten haben und wenn man diese nicht beachtet, sterben sie hin. Es wäre Schade um den schönen Epheu, wenn er seine Blätter verlieren sollte!" — Hedwig lachte, sie glaubte nicht an das, was ihr Pauline sagte und meinte, Alles müsse sich ihrem Willen fügen. — Ich blieb also im Winkel des Zimmers stehen und wurde so um den Rahmen von Hedwigs Bild herumgezogen, daß die Spitzen von meinen Zweigen vom Lichte abgewendet waren. Die Nachtluft, welche ich früher vor dem Fenster immer eingeathmet hatte, entbehrte ich ganz. Obgleich ich nun nicht Anfangs gleich hinwelkte, im Gegentheil in der ersten Zeit im warmen Zimmer stärker trieb als früher, zu Hedwigs Triumph, so fielen doch bald nach und nach einige meiner schönsten und größten Blätter ab. Hedwig glaubte durch fleißiges Be- gießen alles wieder gut machen zu können, aber sie wollte meine Blätter nicht vom Staub befreien, welcher täglich im Zimmer darauf fiel, hierzu war sie zu träge. Der mir angethane Zwang war mir sehr schädlich, meine Blätter wollten sich nach dem Lichte wenden, hatten aber nicht die Kraft dazu und alle jungen Triebe starben nach und nach ab. Binnen einigen Wochen hatte ich fast alle Blätter verloren, und Hedwig hatte um ihr Bild herum nur noch die blätterlosen Zweige, welche aussahen wie dicke Bindfaden. Sie rief eines Tages die Magd und sagte: „Trage den häßlichen Epheu hinaus, ich mag ihn nicht mehr sehen." — „Was soll ich damit machen?" fragte die Magd. — „Wirf die dumme Pflanze in's Feuer, es wird nichts mehr damit zu machen sein," sagte Hedwig. — Die Magd ergriff mich, trug mich in die Küche, setzte mich einstweilen auf einen Tisch und hätte mich vielleicht wirklich verbrannt, wenn nicht in dem Augenblick eine Gemüsehändlerin in die Küche gekommen wäre und mich gesehen hätte. — „Was wollen Sie mit diesem Epheu machen, Betty? Warum 493 stellen Sie ihn hier auf den Küchentisch?" fragte diese Frau die Köchin. — „Nun, Fräulein Hedwig hat mir befohlen ihn in's Feuer'zu werfen, er ist ja ganz vertrocknet." — „Ei, geben Sie ihn lieber mir," sagte die Frau, „vielleicht erholt er sich in meinem Gemüsegarten, er ist noch nicht ganz abgestorben, aber schlecht behandelt worden, das sehe ich ihm an, bei mir wird er frische Luft, Licht und gute Erde haben, ich nehme ihn mit." — Die Köchin hatte nichts dagegen, es war ihr ganz einerlei, was aus mir wurde. So nahm denn die Gemüsehändlerin mich aus meinem Blumentopf heraus und packte mich in ihren Korb zwischen Kartoffeln und Kohlköpfe hinein. Zu Hause angekommen, trug sie mich in den Garten und obgleich es im Monat März war, wo die Luft noch kalt und die Erde sogar oft gefroren ist, meinte sie doch, es würde mir nicht schaden, wenn sie mich in die Erde einsetzte, weil der März gerade ein günstiger Monat ist für das Umsetzen der Pflanzen, die dann im Frühling sich neu beleben. Sie lehnte mich gegen die Mauer ihres Hauses an und band meine Zweige überall fest, schützte mich in den ersten Tagen vor der Sonne, begoß mich zur rechten Zeit und pflegte mich, wie die Erfahrung sie gelehrt hatte Epheu zu behandeln. Die ganz vertrockneten Zweige hatte sie gleich abgeschnitten; diejenigen, welche noch frische Lebenskraft hatten, setzten nach einigen Wochen frische Blätter an und als der Mai kam, war ich schon wieder eine schöne Pflanze geworden. Die Gemüsehändlerin wußte gar wohl, daß eine Pflanze manchmal aussieht, als ob sie ganz verdorrt sei, während doch in ihrer Wurzel und in ihren Zweigen noch Leben ist. Diese Frau pflegte ihre Gemüse und Blumen mit Regelmäßigkeit und Sach- kenntniß nur um einen Gewinn daraus zu ziehen beim Verkauf, sie'that es nicht wie Pauline aus Liebe und Freude an der Sache, aber sie erzielte durch Fleiß, was die Sorgfalt und liebenswürdige Gemüthlichkeit Pauline's hervorgebracht hatte. Als ich mich wieder so weit erholt hatte, daß die Gemüsehändlerin glaubte mich verkaufen zu können, übergab sie mich einer anderen Frau, welche nur mit Blumen handelt, die sie wöchentlich in die Stadt fährt und auf dem Wochenmarkt verkauft. Auf diese Weise gelangte ich in die Hände des Gärtners, welcher den Auftrag hatte für Emma's Geburtstag einige Blumen zu kaufen, welche sie sich gewünscht hatte, vor Allem aber hatte sie um einen Epheu gebeten. Einige Tage behielt mich Emma in ihrem Zimmer, dann übergab sie mich dem Gärtner, der setzte mich am Fuße der Kastanie ein, welche an einem Ende des Fischteiches denselben überschattet, und hier nun werde ich mich an dem 494 Baum Hinaufranken. Wie es mir dabei ergeht, werdet Ihr Alle selbst mit eigenen Augen sehen können. „Hier endet also die Geschichte des Epheu's," sagte die Erzieherin, „und nun kommt der Cactus an die Reihe, was wird uns der zu erzählen haben? Sein Leben wird von dem des Epheu's jedenfalls sehr verschieden sein." Sie las weiter: Der Cactus erzählt: Ich bin zwar jetzt ein recht ansehnliches Gewächs in einem großen Gartengeschirr und wenn ich meine Blüthen treibe, zähle ich mich mit Stolz zu den schönsten Blumen. Ehe ich aber meine jetzige Größe erreichte, war ich nur ein ganz kleiner Ableger von einem Cactus, welcher in einem Treibhause gezogen worden war, ursprünglich aber aus einem fernen, warmen Lande stammte. Der Gärtner, welcher in dem eben genannten Treibhause viele seltene und schöne Gewächse hatte, war eines Tages damit beschäftigt in demselben aufzuräumen und warf einige welke Blätter, Blumen und Zweige vor die Thüre des Treibhauses hinaus auf einen Erdhaufen, welcher nur durch ein Gitter von der Landstraße getrennt war, auf welcher gerade einige Kinder spielten, die aus der Schule kamen und nach Hause gingen. Die Kinder sahen dem Gärtner zu und eins von ihnen, ein kleiner Knabe, hockte auf der Erde, steckte seine Hand durch das Gitter und zog einige Zweige und Blumen heraus, die ihm noch nicht ganz verwelkt schienen. „Sieh einmal, Jda," sagte er zu seiner Schwester, einem Mädchen von zwölf Jahren, „diese Nelke ist noch ganz frisch, die nehme ich mit nach Hause und stecke sie in die Erde neben den Stein vor unserer Hausthüre, wo ich mir einen kleinen Garten gemacht habe von Akazienzweigen und Gänseblümchen, die Nelke wird sich hübsch dazwischen ausnehmen." — „Ach, Fritzchen," antwortete Jda, „die Akazienzweige werden schon verwelkt sein, wenn wir nach Hause kommen, nur die Gänseblümchen wirst Du noch frisch finden, die halten sich etwas länger. Diese Nelke hat keine Wurzel, also wird auch sie bald welken. Du hast aber hier mit den dürren Zweigen zugleich einen ganz kleinen Ableger von einem Cactus herausgezogen, der wohl durch Zufall von dem Gärtner abgerissen wurde, den nehme ich mit und setze ihn ein." — .„Was ist ein Ableger und was ist ein Cactus?" fragten mehrere Kinder zugleich, „zeige uns die Blume." — „Es ist keine Blume wie andere Blumen, 495 im Gegentheil ein sehr häßliches Gewächs, welches Ihr aber alle nicht kennt. Hier ist es." — Sie reichte mich den andern Kindern hin, welche, als sie mich anfaßten, sich an mir-stachen, dabei aber laut lachten über das häßliche kleine Ding. „Es sieht ja aus wie ein dünnes Würstchen mit Stacheln! Wie kann das jemals hübsch sein?" rief eins der Kinder aus. „Es blüht wunderschön, obgleich es jetzt so häßlich ist; meine Mutter, die, wie Ihr wißt, einmal Kammerjungfer war bei einer vornehmen Dame, hat mich neulich zu ihrer früheren Herrschaft hingeführt. Da standen im Vorzimmer viele schöne Blumen, auch so ein blühender Cactus, und sie hat ihn mir gezeigt und mir erklärt, daß jedes dieser kleinen Würstchen, wie Ihr es nennt (die aber an dieser Pflanze das sind, was die Zweige an einer andern), wieder ein großer Cactus werden kann, wenn man es von der Pflanze ablöst und in die Erde steckt. Nun möchte ich gar zu gerne einen solchen Cactus besitzen, ich werde dieses der Mutter zeigen, vielleicht wird doch noch etwas daraus." — Die andern Kinder lachten noch immer über Jda's Vorliebe für das unansehnliche Ding, welches sie in der Hand hielt und das nicht länger war wie ein Finger. Jedes von ihnen hatte irgend eine Blume erwischt und der Gärtner, der ihnen gutmüthig lächelnd zusah, warf ihnen noch ein paar Blumen hinaus, mit welchen sie triumphirend nach Hause liefen. Jda hatte sich mit mir begnügt und als sie nach Hause kam, mich ihrer Mutter gezeigt, welche ihr einen Blumentopf und Erde verschaffte und ihr auch ein kleines Glas brachte, indem sie sagte: „Setze Deinen Ableger in diese Erde ein und dieses Glas darüber, dann wird er um so schneller Wurzel fassen; stelle ihn in die Sonne, begieße ihn nicht zu oft, er wird gewiß mit der Zeit noch hübsch werden!" — Jda war ein sehr verständiges Mädchen, welches sich immer freute, wenn es etwas vom Untergänge retten konnte. Obgleich sie erst zwölf Jahr alt war, half sie ihrer Mutter schon recht viel in der Wirthschaft und wußte namentlich Alles recht hübsch ordentlich zusammenzuhalten; sorgsam flickte sie ihren Geschwistern die zerrissenen Kleider und wartete damit nicht etwa bis die Löcher recht groß wurden, sondern befolgte die Lehre ihrer Mutter, welche immer sagte, daß ein Stich zur rechten Zeit mehr nütze, als viele Stiche, wenn man zu lange damit warte. Wenn das alle kleinen Mädchen bedenken wollten, so würden sie ihren Eltern viel Geld und Mühe ersparen können. Weil nun also Jda sich immer sehr freute, wenn sie etwas erhalten konnte, was andere Kinder als verloren aufgaben, so machte sie sich auch nichts dar- 496 aus, daß ihre Geschwister beständig lachten über mich häßlichen Cactus, und wenn sie gefragt wurde: „Nun, Jda, was macht Deine schöne Blume?" antwortete sie ruhig: „Wartet nur ein Jahr." — Ein Jahr ist eine lange Zeit für ungeduldige Leute, die nicht wissen, daß eben die Zeit so viele Blüthen treibt, welche weder die Wünsche noch Anstrengungen der Menschen hervorbringen können. Nach einem Jahr war ich nicht nur sehr gewachsen, sondern hatte auch sogar eine Blüthe angesetzt, aber ich war immer noch zu unbedeutend, um die Spötter zu befriedigen, welche nach wie vor über Jda's Vorliebe für einen häßlichen, stacheligen Cactus lachten. Jda verlor indessen die Geduld nicht, sie hatte sogar einen Plan gemacht, wie ich zu großen Ehren gelangen sollte, denn sie sagte: Man kann jede Pflanze vervollkommnen durch gute Pflege und Ausdauer. Dieses kleine häßliche Ding, welches ich vom Untergänge gerettet habe, scheint mir meine Sorgfalt lohnen zu wollen, so soll es denn auch, wenn es recht große und viele Blüthen treibt, von allen Menschen bewundert werden. — So verging noch ein Jahr. — Es war in dem Städtchen, wo sich dieses zutrug, alljährlich eine Blumenausstellung und jeder, der ein oder mehrere schöne Gewächse besaß, konnte dieselben hinschicken. Es wurden auch Preise vertheilt an diejenigen, welche es durch Mühe und besondere Pflege der Blumen dahin gebracht hatten, daß sie ein ausgezeichnet schönes Exemplar von irgend einer Gattung liefern konnten. Das Glück war Jda günstig, ich hatte mehrere prachtvolle, dunkelrothe Blüthen getrieben, die gerade in den Tagen, wo die Ausstellung stattfand, aufblühten, und wie ich so zwischen Rosen, Camelien, Nelken, Geranien und andern stolzen Blumen meinen Platz einnahm, da stand Jda vor mir mit Thränen in den Augen und freute sich ihrer Ausdauer, durch welche ich allein so reizend geworden war. Der Gärtner, welcher die Blumen aufgestellt hatte, war ganz entzückt von mir und lobte Jda für das, was sie gethan; es machte ihm auch ein besonderes Vergnügen mich so zu stellen, daß von meiner häßlichen Pflanze wenig zu sehen war und nur meine schönen Blüthen her- vorsahen zwischen den Blättern der neben mir stehenden Blumen. Ich war umgeben von Camelien, die mit ihren dunkeln glänzenden Blättern meine Schönheit erhöhten. Daß Jda einen Preis, bestehend in einer kleinen Geldsumme, für mich erhalten würde, war nicht nur gewiß, sondern es stand auch zu erwarten, daß ich gut bezahlt werden würde, falls sie Lust haben sollte mich zu verkaufen, denn von den Personen, welche die Ausstellung besuchten, kauften zuweilen einige von den Blumen, welche 497 sie da fanden. Alle die hinkamen, bewunderten mich am meisten, unter diesen befand sich auch ein reicher Herr mit seiner jungen Frau, letztere konnte sich nicht satt sehen an mir und sagte: „Den Cactus möchte ich wohl haben, kaufe ihn mir, lieber Mann!" — Der Mann, welcher seiner Frau gern eine Freude machen wollte, war gleich bereit dazu, und nachdem er durch den Gärtner Jda hatte fragen lassen, ob sie mich verkaufen wollte und der Gärtner meine Geschichte erzählt hatte, welche dem Herrn sehr gefiel, gab dieser dem Gärtner fünf Gulden und sagte: „Es ist wohl etwas mehr als eine Blume eigentlich werth ist, aber das junge Mädchen hat es verdient." — Ich wurde nun in die Wohnung der jungen Frau gebracht, welcher ich angehören sollte, und ich befand mich da in der besten Gesellschaft unter den schönsten und seltensten Gewächsen, denn die Frau war eine Liebhaberin von Blumen, es war ihr aber nur um den Anblick derselben zu thun, sie pflegte und begoß sie nicht selbst, dieses überließ sie ihrem Diener und der verstand so wenig davon, daß die meisten Gewächse bald zu Grunde gingen, nachdem sie eine kurze Zeit da gewesen waren. Daraus machte sich Niemand etwas, man schaffte die verwelkten Blumen fort und kaufte andere oder tauschte bei einem Gärtner frische dafür ein. In dem Zimmer, wo die Blumen waren, stand auch ein schöner, großer Käfig, in welchem ein Papagei sich befand, der den ganzen Tag schrie und die Personen biß, welche ihm nahe kamen und mit ihm spielen wollten. Es war ein boshaftes, unnützes Thier, welches von seiner Herrin geliebt und verzogen wurde wegen seiner schönen bunten Federn. Zuweilen machte man ihm auch den Käfig auf und ließ ihn frei im Zimmer herumspazieren, dann zerbiß er Alles, was er erreichen konnte, als da waren: Vorhänge, Fußkissen u. s. w., namentlich aber auch die Blumen, wenn es ihm gelang auf das Blumengestell hinauf zu fliegen, ehe es Jemand gewahr wurde. Eines Abends hatte der Diener vergessen ihn in seinen Käfig einzusperren, da hatte er denn am andern Morgen, während er allein im Zimmer war, eine traurige Verwüstung angerichtet unter den Blumen. Einige Rosen lagen zerpflückt am Boden, Nelken hingen mit zerbissenem Stiel noch am Blumenstock, einigen andern Pflanzen hatte er die Wurzel zernagt und die Erde aus dem Blumentopf herausgearbeitet. Mir aber hatte er die Blüthen abgebissen und ich war wieder nur eine arme, häßliche Pflanze, namentlich in den Augen des Dieners, der, als er die Unordnung im Zimmer sah, nur darauf bedacht war, das vom Papagei angerichtete Unheil so viel wie möglich vor seiner T-.A. XX. 32 498 Herrin geheim zu halten. Diejenigen Blumen, welche der Vogel ganz verdorben hatte, entfernte er aus dem Zimmer und sagte später, er habe sie dem Gärtner übergeben, der dafür andere bringen wolle. Mich fand er so wenig seiner Beachtung werth, daß er mich in den Hof hinunter trug, wo ein Haufen Kehricht lag, der von den Hausbewohnern da angesammelt und dann von Zeit zu Zeit fortgeschafft wurde von einem Gassenkehrer, welcher mit einem Esel-Wagen durch die Straßen fuhr, um allen Unrath mitzunehmen und ihn vor die Stadt hinauszufahren. So wurde ich denn auch mit aufgeladen zwischen Scherben, Fetzen, Staub und Erde. Hätte Jda mich jetzt sehen können, wie würde sie gejammert haben über ihren schönen Cactus, der noch vor wenig Tagen in einer Blumenausstellung eine Rolle gespielt hatte! Der Esel-Wagen mußte an einem Fluß vorüber, der durch Regengüsse ziemlich stark angeschwollen und über seine Ufer getreten war. Der Esel gerieth in's Wasser hinein und lief mit dem Wagen gegen einen Stein, wodurch derselbe sich etwas auf die Seite legte, weil er einen Stoß erhielt; so fiel einiges von dem Inhalt in's Wasser und trieb mit demselben fort. Ich fiel auch herab und blieb eine Weile zwischen einigen Steinen hängen, an denen sich mein Blumentopf zerschlug. Der Wagen fuhr weiter und ich blieb nun im Wasser, wo ich mich nicht sehr wohl befand, denn das Wasser ist eben nicht mein Element. Ich wäre auch darin bald zu Grunde gegangen, besonders nachdem ich durch die Wellen von den Steinen wieder losgerissen war und hin und her gespült wurde. Der Zufall wollte nun, daß ein Fischerknabe kam und sein Netz auswarf an der'Stelle, wo ich im Wasser versunken war; er fing keinen Fisch, zog aber statt dessen mich in seinem Netz empor. Als er mich sah, war er verdrießlich und zugleich verwundert, er hatte noch nie einen Cactus gesehen und wußte gar nicht, was das für eine Pflanze war; weil er aber sah, daß ich Wurzeln hatte, beschloß er mich mit nach Hause zu nehmen. Nachdem er später noch ein paar Fische gefangen hatte, ging er mit diesen und mit mir seinem Dorfe zu. Vor der Thüre seiner Eltern war ein sonniges Plätzchen, da steckte er mich in die Erde ohne viel darüber nachzudenken, was aus mir werden könne. Er widmete mir auch später keine große Aufmerksamkeit. Von meinen vielen Knospen war eine einzige noch nicht aufgeblüht gewesen, als der Papagei meine Blüthen abgebissen hatte, sie war noch so klein, daß er sie deshalb unbeachtet gelassen hatte. Ich erholte mich bald wieder vor der Thüre des Fischers, und mein Lebensretter bemerkte eines Tages 499 meine Knospe, als der Dorfschullehrer gerade vorüber ging, und der Knabe zeigte sie ihm, indem er sagte: „Sehen Sie, Herr Lehrer, den rothen Knopf an dem stacheligen Gewächs, ich fand es neulich im Wasser, als ich fischte." — „Das ist keine Wasserpflanze," sagte der Lehrer, „es ist ein Cactus, was Du einen „Knopf" nennst, wird eine große Blüthe werden und endlich eine schöne Blume." — „Es ist ein häßliches Ding," sagte der Knabe, „ich habe es nur mitgenommen, weil ich noch kein solches gesehen hatte, ich mag es nicht leiden." — „Nun so verkaufe es mir," sagte der Schullehrer, „ich will Dir einige Kreuzer dafür geben, trage es in mein Haus und sage meiner Tochter sie möge es in einen Topf einsetzen. So kam ich denn zu dem Schullehrer, der mich an's Fenster stellen ließ, und als endlich meine Knospe aufblühte, sehr stolz war auf meine Schönheit. Seine Frau mochte mich aber gar nicht leiden, denn sie hatte einen kleinen zweijährigen Knaben, der mich beständig anfaßte, weil ihm meine rothe Blüthe sehr gefiel; dabei stach er sich oft in die Händchen und erhob jedes Mal ein gewaltiges Geschrei. Das ärgerte die Frau und sie hätte mich gern zum Fenster hinausgeworfen, aber meine Blüthe war zu schön, deshalb konnte sie sich doch nicht dazu entschließen; der Kleine aber wiederholte seine Versuche mich anzugreifen und sein Geschrei noch etliche Mal. Endlich, als die Frau sah, daß meine Blüthe nur von kurzer Dauer war, beschloß-sie sich meiner zu entledigen und weil gerade ein Jude zu ihr kam, welcher alte Sachen und Kleider eintauschte gegen neue Waare, und sie ihm einiges verkauft hatte, er jedoch noch nicht zufrieden war mit seinem Handel, sagte sie ihm: „Nun, ich gebe Ihnen noch diese schöne Blume in den Kauf, die nimmt gewiß jeder Gärtner Ihnen gern ab, denn es mag wohl ein seltenes Gewächs sein, weil es keine Blätter hat und so wunderlich aussieht." — „Es ist nicht zwei Groschen werth," sagte der Jude, „wenn Sie es aber los sein wollen, so geben Sie es mir, ich trage es zu der Blumenhändlerin, die kann es vielleicht brauchen." — Die Frau war froh mich los zu werden, übergab mich dem Juden und der brachte mich wiederum derselben Blumenhändlerin, welche später den Epheu auch gekauft hat, der Emma gehört. Die Frau mußte mich lange behalten, bis ich wieder Knospen bekam; bei ihr erlebte ich nichts Besonderes, ich stand im Fenster im warmen Zimmer den ganzen Winter und es war ein Jahr vergangen seit ich in der Blumenausstellung war, als sie mich wieder schön genug fand, um mich in die Stadt zu führen auf den Markt, wo sie mich dem 32 * 500 Gärtner verkaufte, der mich für Emma haben wollte. Bei Emma nun hoffe ich zu bleiben, denn das Wandern ist für eine Pflanze ebenso schädlich wie für lebende Wesen, welche sich dabei nirgends zu Hause oder wohl fühlen, wenn sie beständig ihren Wohnort ändern. „Das ist also die Geschichte des Cactus," sagte die Erzieherin sich unterbrechend, „die des Epheu's gefiel mir eigentlich besser." — „Der Epheu ist aber auch eine liebenswürdige Pflanze," antwortete Emma, „wenn man ihn ansieht, so denkt man sich vielerlei dabei; so ein stacheliger Cactus ist gar nicht dazu geeignet, daß man von ihm etwas erzähle. Ich liebe ihn nur, weil er so wunderlich aussieht, aber meine Einbildungskraft regt er nicht an." »Ich finde den Eactus höchst interessant, wenn auch nicht liebenswürdig," erwiderte die Erzieherin; „daß ein so unansehnliches Gewächs schönere Blüthen treibt als andere Pflanzen, welche Blätter haben, ist ein eigenthümliches Spiel der in ihm wohnenden Naturkraft." — „Nun lesen Sie, bitte, die Geschichte des Vergißmeinnicht, vielleicht sind Sie mit der zufrieden," sagte Emma. Die Erzieherin las: Das Vergißmeinnicht erzählt: Wir Vergißmeinnicht blühen im Frühjahr und im Sommer überall auf den Wiesen und erfreuen das Auge des Spaziergängers, wir vertragen es aber nicht, lange im Zimmer oder in enger Haft in einem Blumentopf gehalten zu werden; wir können die frische Luft und den blauen Himmel, dessen Farbe wir tragen, nicht entbehren und sind so recht eigentlich freie Kinder der Natur, welche bald verwelken in der Hand, die sie pflückt. In dem Boden, wo wir aufwachsen, blühen wir lieblich einige Zeit und verschwinden, wenn Regen, rauhe Luft oder Wind uns unsanft berührt, spurlos, bis im nächsten Jahr die Frühlingssonne uns wieder aus langem Schlafe weckt. Unser Leben und unsere Geschichte ist jedesmal kurz, die Menschen können uns nicht pflanzen, nicht pflegen, und wir könnten die Mühe, die sie sich mit uns geben möchten, nicht lohnen, aber eben wegen dieser Eigenthümlichkeit sind wir oft ein Gegenstand der Poesie und der Betrachtungen derjenigen geworden, die uns in unserer einfachen Lieblichkeit stehen sehen, wohl wissend, daß man uns bewundern, nicht aber auf lange Zeit besitzen kann. — Wir, die wir jetzt am Fischteich stehen, wo uns Emma hat hinsetzen lassen, sind in einer blumenreichen 501 Wiese am Rande eines Sumpfes aufgewachsen, der zuweilen, wenn es stark regnet, einen großen Teich bildet, der so tief wird, daß Niemand durchgehen könnte ohne bis über die Knie naß zu werden. Hier befanden wir uns sehr wohl, die Wiese ist von den Bäumen des Waldes beschattet, der sie umkränzt; es war da für uns ein kühles, geschütztes Plätzchen. Ein kleiner Erdhügel, der sich hinter unserem Sumpfe erhebt, auf welchem ein paar große Steine liegen, ist ein von der Natur gemachter Sitz, zum Ausruhen geeignet für diejenigen, welche den Waldweg entlang gehend, an dieser Stelle vorüber müssen. Eines Tages, nachdem es während der Nacht ziemlich stark geregnet hatte und der Sumpf in Folge dessen sehr wasserreich geworden war, kam ein kleines Mädchen des Weges daher, welches einen Korb mit Eiern auf den Markt trug in das nächste Städtchen. Sie war schon recht müde, denn das Häuschen ihrer Mutter ist von der Stadt zwei Stunden entfernt. Sie ist auch ein zartes, kleines Geschöpf von zehn Jahren, nicht so derb wie Bauernkinder gewöhnlich sind. Der Bauer, ihr Vater, ist lange todt, ihre Mutter besitzt keinen Bauernhof, denn sie ist ein armes Weib, welches sich in einem kleinen Häuschen eingemiethet hat mit dieser Tochter und darin als Tagelöhnerin lebt, nebenbei spinnt und grobe Handarbeiten macht, bei denen ihr Käth- chen (so heißt das kleine Mädchen) behilflich ist. So bringt das Kind sein Leben mehr im Zimmer, als in der freien Luft zu und sieht daher bleich und kränklich aus, was es auch ist. Käthchen besitzt einige Hühner, deren Eier sie während des Sommers gesammelt hatte, die wollte sie nun in die Stadt tragen und dafür Strickgarn einkaufen, denn die Nachbarin ihrer Mutter, eine reiche Bäuerin, hatte Strümpfe bei ihr bestellt. Der weite Weg wurde dem kleinen Mädchen recht sauer; als sie bei uns anlangte, hatte sie erst die Hälfte zurückgelegt, da setzte sie sich mit ihrem Korb auf einen Stein und blickte sinnend vor sich hin. Sie überlegte wie viel Geld sie wohl für ihre Eier erhalten würde und ob, wenn sie das Strickgarn gekauft haben würde, noch einige Groschen übrig bleiben könnten, um ihrer Mutter ein paar Loth Kaffee zu kaufen. Sie liebt nämlich den Kaffee sehr. Käthchen saß so still, daß wohl selbst die Vögel, welche über ihr in den Bäumen zwitscherten, sie nicht bemerkten. Da plötzlich rauschte es hinter ihr, ein großer Hirsch kam durch den Wald daher gesprungen und lief an ihr vorbei um zu trinken, dem Sumpfe zu. Käthchen, die sehr schreckhaft ist, fuhr ängstlich in die Höhe, stieß dabei unvorsichtigerweise an ihren Korb und o Schrecken! o Jammer! der 502 größte Theil ihrer Eier rollte in den Sumpf. Sie vergaß über dieses Unglück ganz den großen Hirsch, welcher, als er ihrer gewahr wurde, in seinen Wald zurückjagte, sie sah nur ihre Eier unwiederbringlich verloren! Diese Eier von der braunen, der weißen und der gefleckten Henne, welche sie seit Wochen an einem kühlen Ort aufbewahrt hatte, um sie zu verkaufen. Das arme Kind rang verzweiflungsvoll die Hände. Was würde ihre Mutter sagen! Die Eier waren zwar nicht zerbrochen, aber sie schwammen in der großen Pfütze umher und wenn Käthchen auch Schuhe und Strümpfe auszog, sie konnte doch nicht hineinsteigen um sie wieder zu holen, das Wasser reichte ihr sicherlich bis unter die Arme und sie hätte ja ihren Anzug durchnäßt und verdorben. Daran war also nicht zu denken. Sie setzte sich wieder auf den Stein, bedeckte ihr Gesicht mit den Händen und schlief endlich ermüdet von dem langen Wege und erschöpft von ihrem Kummer ein. Sie war vom Stein herabgesunken, lag auf dem Grase und stützte ihren Kopf auf ihren früheren Sitz, da kam es ihr vor, obgleich sie die Augen geschlossen hatte, als sähe sie ein großes Vergißmeinnicht aus dem Wasser sich erheben, es wurde größer und immer größer, endlich hatte es ein freundliches Gesicht und blonde Löckchen und sah lächelnd nach Käthchen hin; es sprach auch, aber sie hörte nicht deutlich was es sagte, es hatte auch zarte Händchen, die es nach den auf dem Wasser schwimmenden Eiern ausstreckte, aber es konnte diese nicht erreichen, nickte mit dem Köpfchen und lachte und klatschte endlich fröhlich in die Händchen, als habe es einen hübschen Einfall. Die Sonne schien so hell auf das kleine Blümchen und sein Kleid glänzte, als sei es ein Stück vom Himmelsbogen selbst und die blonden Locken umflossen seinen Kopf wie Lichtstrahlen. Es bewegte sich eine Weile am Wasser zwischen den anderen Vergißmeinnicht, die alle viel kleiner waren wie es selbst war und es schien unter ihnen zu ordnen und sie zu einem Kranz zu ziehen um die ganze Wiese herum, der sich endlich auch zu Käthchen heraufzog, und ein Stück von dem Kranze legte sich in ihren Korb, der noch neben ihr auf der Erde lag. Das große Vergißmeinnicht verschwand hinter Käthchen zwischen den Bäumen, nachdem es sich noch vorher über sie gebückt und ihr tröstende Worte in's Ohr geflüstert hatte, und die kleinen Blümchen im Korbe sahen mit hellen Augen zu ihr auf, als wollten sie fragen: „Bist Du noch traurig? Siehst Du nicht, daß unsere Königin eigens herabgekommen ist um Dich zu trösten über Deinen Verlust? Sie wohnt weiter oben im Walde wo das Büchlein fließt und macht von Zeit zu Zeit die Runde 503 im Reiche der Vergißmeinnicht, wo sie dann von Bach zu Bach, von Wiese zu Wiese geht, ihre Untergebenen besucht und nachsieht ob' sie auch Wasser genug haben, ob ihre blaue Uniform auch. fleckenlos und in Ordnung ist. Als sie nun vorhin zwischen den Quellen des Waldes spazieren ging, wo unserer viele versammelt sind und Dich hier unten weinen hörte, nahm sie einen Umweg über unsere Wiese, obgleich sie eigentlich hatte weiter gehen wollen in das Thal auf der anderen Seite des Waldes. Sie ist nun fortgegangen, hat uns aber aufgetragen bei Dir zu bleiben und Dich sogar nach Hause zu begleiten, wenn wir Dich noch traurig sehen sollten." Dieses und noch mehreres sagten die Blümchen, und zuletzt war es Käth- chen als stimmten sie ein frommes Lied an und sie begriff nicht, wie die stillen Blumen so reden und singen konnten, aber es war alles gar allerliebst und sie war auch gar nicht mehr betrübt, sie hätte sogar gern mitgesungen, aber die Melodie war ihr ganz unbekannt und sie fürchtete auch mit ihrer starken Stimme die feinen Blumenstimmchen zu übertönen. Sie wäre am liebsten ruhig so liegen geblieben und hätte dem Chorgesang noch lange zugehört, sie wollte aber der Vergißmeinnicht-Königin nachblicken in den Wald und erhob den Kopf — es war indessen von der lieblichen Gestalt nichts mehr zu sehen, alles war still und einsam. Sie richtete ihre Augen nach dem Sumpf und bemerkte jetzt erst was sie früher nicht gesehen hatte, daß in der That sehr viele Vergißmeinnicht da blühten. Also waren diese in Wirklichkeit vorhanden, sie waren kein Traum. Nun sah sie ihren Korb an und, o Wunder! es lag in demselben ein großer Strauß von Vergißmeinnicht, die mit der Wurzel aus dem Boden gezogen waren. Wir selbst, die wir dieses erzählen, lagen in dem Korbe. Käthchen nahm uns zwischen die Hände, betrachtete uns verwundert und ihr Erstaunen wuchs noch, als sie ein Buch im Korbe sah, welches nur von uns verdeckt gewesen war, so daß sie es nicht gleich hatte bemerken können. Das Buch war aufgeschlagen und einige Verslein standen auf den Blättern zu lesen, gewiß waren das die Worte, welche die Blumen gesungen hatten. Käthchen hatte in der Schule lesen gelernt,- neugierig nahm sie das Buch und las folgendes Liedchen: -Lied der Blumen. Wir Blumen blüh'n so frisch und froh, Des Regens achtend nicht, Durch Regen wie durch Sonnenschein Die Liebe Gottes spricht. 504 Wenn dann und wann ein Tröpfchen Thau Zu schwer die Blätter drückt, Verzagen deshalb wir nicht gleich. Denn Gott ist's, der es schickt. Wenn unser kleines Blumenhaupt Ein Lüftchen niederbeugt. Dann warten wir geduldig, still, Bald hebt sich's wieder leicht. Ihr Kinder, macht es doch wie wir, Seid nur nicht gleich verzagt, Denn Gott blickt liebevoll auf den, Der glaubt, vertraut, nicht klagt. Denkt: daß er Pflanzen Regen schickt, Dem Obstbaum schickt er Wind, Gleich d'rauf den warmen Sonnenschein, Da blüht's und reift's geschwind! „Ach," dachte Käthchcn, „die Vergißmeinnicht-Königin hat meine Verzweiflung über die verlorenen Eier hier mit angesehen, nun wirft sie es mir vor, daß ich deshalb so muthlos war." — Käthchen konnte sich von ihrem allerliebsten Traum gar nicht trennen — die Blumen, das Buch bestärkten sie in ihrem Wahn und — ja in dem Korbe lag noch etwas eingewickelt, was war denn nur das? Käthchen nahm das Papier, wickelte es auseinander und fand zwei silberne Guldenstücke darin; auf dem weißen Papier stand: „Vergißmeinnicht, Frieda." —Das war denn doch zu unbegreiflich! Nun war allerdings weiter nichts mehr in dem Korbe, aber war denn dieses nicht schon ein großes Wunder? Käthchen wußte so gut wie wir, daß es keine Zauberer noch Feen giebt, daß eine menschliche Hand ihr, während sie schlief, das Geschenk in den Korb gelegt haben mußte; sie kannte aber diese Frieda nicht, welche der liebe Gott dem armen Kinde geschickt hatte um es zu trösten. Sie betrachtete das Buch genau und sah, daß es nicht neu war, es war ein Kinderbuch, in welchem kleine Geschichten und Verslein standen und vorne neben dem Titelblatt war der Name: „Frieda" eingeschrieben. Dieses war also der Name der Eigentümerin. Käthchen nahm sich in ihrem Herzen vor diesen Vorfall nie wieder zu vergessen und somit die Bitte Frieda's: „Vergißmeinnicht" zu erfüllen, vor allem aber Gott zu danken für diesen Beweis seiner Gnade. 505 Das that sie denn nun gleich, fiel auf die Knie, saltetL die Hände und betete. — Das Räthsel, wie die Sachen in ihren Korb gekommen waren, wird ihr wohl nie gelöst werden, wir hätten es freilich lösen können, denn wir hatten ja alles mit angesehen und so wollen wir denn hier auch erzählen, was sich zutrug. Frieda kennen wir recht gut, sie war schon einige Mal auf unserer Wiese und hat von unseren Blumen öfters welche mitgenommen. Sie kommt nicht allein, ihre Mutter begleitet sie und diese wohnt seit einigen Wochen in unserer Nähe in einem hübschen Landhause. Sie muß wohl eine wohlhabende Frau sein, denn sie ist immer gut gekleidet. Frieda ist ein kleines Mädchen in Käthchens Alter; sie trägt gewöhnlich ein blaues Mousselinkleidchen, dessen Farbe dem Blau der Vergißmeinnicht sehr nahe kommt. Sie hat blaue Augen und blondes Haar, ganz wie die Vergißmeinnicht-Königin in Käthchens Traum. Sie kam auf dem Waldwege hinter Käthchen hergegangen, als letztere ihre Eier zu Markte tragen wollte, und unbemerkt von ihr sah sie den Unfall mit an, wie die Eier in's Wasser fielen. Sie setzte sich mit einem Buch unter einen Baum um abzuwarten was Käthchen nun thun würde und sagte ihrer Mutter leise in's Ohr: „Darf ich dem armen Kinde den Verlust ersetzen, Mütterchen? Ich habe meinen Geldbeutel bei mir." — „Wir- wollen ihr gemeinschaftlich ein Geschenk machen," sagte die Mutter, „für Dich allein wäre es zu viel." — Als nun Käthchen eingeschlafen war, kam Frieda leise herunter aus dem Walde, pflückte eine Menge von uns Vergißmeinnicht, von denen sie einen Theil für sich behalten wollte, die übrigen legte sie in Käthchens Korb, nachdem sie zuvor das Buch, in welchem sie gelesen hatte, auch hineingelegt und zwar aufgeschlagen an der Stelle, wo das Blumenlied zu lesen stand. Die Mutter nahm aus ihrer Brieftasche ein Blatt Papier, auf dieses schrieb Frieda das Wort: „Vergißmeinnicht" und fügte ihreü Namen hinzu; dann nahm sie aus ihrem Geldbeutel ein silbernes Guldenstück und nachdem ihre Mutter ihr ein zweites gegeben hatte, wickelte sie beide in das Papier und versteckte sie unter uns Blumen. Sie sah dabei unendlich vergnügt aus und flüsterte leise: „So, nun wird das kleine Mädchen getröstet sein, wenn sie das Geld findet, es ist wohl mehr, als die Eier werth sein können. Sie gefällt mir recht gut, denn sie sieht verständig und sanft aus; daß sie aber gleich so in Verzweiflung gerietst wegen der Eier, das war doch nicht recht und deshalb schenke ich ihr auch mein frommes Buch, aus welchem sie lernen kann, wie man einen kleinen Unfall mit Ergebung ertragen muß." — „Ein 506 kleiner Unfall ist dieser Eierverlust nicht für ein armes Kind, wie sie zu sein scheint," antwortete ihre Mutter, „ich begreife ihren Kummer ganz gut, sie konnte ja auch nicht wissen, daß Du, liebe Frieda, als wohlthätige Fee hier erscheinen würdest um das Unglück wieder gut zu machen. Doch wenn Du nicht willst, daß sie uns sehen und somit erfahren soll woher das Geschenk kommt, so ist es Zeit, daß wir gehen." — Frieda entfernte sich mit ihrer Mutter und verschwand hinter den Bäumen. Sie sah später, als Käthchen aufwachte, deren Freude noch von ferne mit an und ging vergnügt nach Hause. — Es waren Käthchen nur sehr wenig Eier in ihrem Korbe geblieben, mit diesen mußte sie aber doch in die Stadt gehen, um die Strickwolle, welche sie brauchte, zu kaufen, und da sie jetzt so viel Geld hatte, wollte sie außer dem Kaffee auch noch Zucker für ihre Mutter mitbringen. Es that ihr zwar eigentlich leid das schöne Silber wechseln zu müssen, sie konnte es aber nicht vermeiden. Sie schritt vergnügt und wie neu belebt weiter, immer auf ihr Buch und auf uns blickend, die wir so frisch und freundlich aus ihrem Korbe hervorguckten. Als sie in der Stadt ankam, ging sie auf den Markt, um die Eier die sie noch hatte zu verkaufen; hier fand sie zufällig den Gärtner von Emma's Eltern, der im Begriff war mehrere Blumen zu kaufen. Er sah Küthchens Korb und uns darin liegen, bemerkte auch, daß wir mit der Wurzel ausgerifsen waren und sagte: „Willst Du diese Vergißmeinnicht verkaufen? Ich nehme sie Dir ab." —Käthchen, ihres Traumes gedenkend, rief aus: „Die habe ich ja von der Königin bekommen, ich kann sie unmöglich verkaufen." Kaum hatte sie das gesagt, so wurde sie roth und verlegen bei dem Gedanken, daß der Gärtner und alle die anderen Leute, welche auf dem Markt waren, sie nicht verstanden und sie sah auch, daß sie über ihre Worte lachten. — „Von der Königin hast Du sie? Aber einen Theil könntest Du mir dennoch überlassen, wenn es die Königick nicht geradezu verboten hat. Wer ist denn eigentlich Königin in Deinem Dorf?" — „Ach, das kann ich Euch nicht erklären," antwortete das Kind fast weinend. — „Nun, sei deshalb nicht unglücklich," sagte gutmüthig der Gärtner, „ich habe großen Respekt vor Ihrer Majestät. Ich will Dir einen Vorschlag machen: Ich schenke Dir einen Silbersechser und Du schenkst mir einige von Deinen Blumen, da Du sie nicht verkaufen willst, es bleiben Dir immer noch viele, wenn Du auch mit mir theilst." — Käthchen hätte uns lieber alle mitgenommen, aber den Silbersechser konnte sie doch nicht ausschlagen und so gab sie einen Theil von uns her und behielt die andere Hälfte in ihrem Korbe. 507 Der Gärtner nahm uns mit und so kamen wir in Emma's Besitz. Unsere Geschichte ist nicht lang und unser Leben wird bald aus sein, obgleich wir in nassen Sand gestellt und mit frischem Wasser reichlich begossen wurden und noch immer getränkt werden. Daß wir, ehe wir hinsterben, Euch diese kleine Lebensgeschichte erzählen konnten mit Emma's Hilfe, war ein hübscher Zufall. „Das hast Du ganz niedlich erzählt, Emma," sagte die Erzieherin, „schade, daß die Geschichte so kurz ist. Den Schluß macht, wie ich sehe, die Reseda, welche Deine Lieblingsblume ist, wie ich weiß. Ich bin neugierig auf ihre Geschichte. Sie las weiter: Die Reseda erzählt: Ehe ich zu der Würde gelangte in einem schönen Blumentopf auf Emma's Fensterbrett zu stehen, war ich in einem ganz kleinen Blumen- gärtchen eines Kindes aufgeblüht, welches mich da gesäet hatte und zwar nachdem es den Samen, aus welchem ich entstanden bin, in einem Gewölbe gekauft hatte bei einem alten Mütterchen, welches mit Blumensamen handelt. Dieses Mütterchen hatte in einem Schrank, der aussah wie ein Gewürzschrank mit vielen Schubladen und Fächern, allerhand Samen in Papier eingewickelt liegen; auf jedem Papierchen stand der Name der Pflanze, von welcher der Same genommen war. Die Frau ordnete und legte sie zurecht und hielt oft lange Reden, während sie es that. Sie schien eine besondere Vorliebe zu haben für einige Pflanzen, und andere, deren Samen sie auch verkaufte, konnte sie nicht leiden. Mohnsamen z. B. haßte sie, denn sie sagte: „Der Mohn ist eine eitle, prunkende Blume und hat doch keinen Geruch, seine Blätter fallen gleich ab wenn er kaum aufgeblüht ist, welches Recht hat er so zu prahlen? Die Menschen haben zwar eine Vorliebe für ihn, sie verlangen Mohnsamen und säen ihn und freuen sich wenn seine bunten Blumen aus der Erde emporschießen. Die Nelke ist mir lieber, sie hat etwas Beständiges in ihrer Art und Weise, sie blüht anhaltend wenn sie einmal blüht und vereinigt mit schönen Farben auch einen schönen Geruch." Vor allem liebte sie, wie sie sagte, Reseda. „Das ist eine bescheidene, liebe Blume," urtheilte sie, „außer dem Veilchen duftet keine so süß. Vom Frühjahr bis zum Herbst und selbst im Winter im Zimmer erhält sich diese Pflanze in Blüthe." — Die Alte hatte eine wahrhaft kindische Freude, wenn von ihren Käufern Jemand ihre Ansichten über die Blumen theilte, sie pflegte in solchem Fall allerhand von den 508 Blumen zu erzählen, zum Theil waren es Märchen, zum Theil wahre Geschichten, in welchen die Blumen eine Rolle spielten; von jeder wußte sie etwas, hatte es gehört oder gelesen. Wer sie da sitzen sah in ihrem Gewölbe, mit der Brille auf der Nase und einem Strickstrumpf in der Hand, hätte schwerlich geglaubt, daß sie sich mit solchen Dingen in Gedanken beschäftigte, denn sie sah manchmal mürrisch und strenge genug aus. Im Allgemeinen fürchteten sich namentlich die Kinder vor ihr. So trat denn auch eines Tages, nicht ohne eine geheime Scheu vor der Alten, ein kleines Mädchen an ihren Ladentisch und forderte in schüchternem Ton etwas, das die Frau nicht verstand. Sie legte den Strickstrumpf aus der Hand und blickte mit ihren großen Augen prüfend hinter der Brille das kleine Mädchen an. „Ich verstehe Dich nicht, was verlangst Du von mir?" fragte sie barsch. — „Ich bitte um Reseda-Samen," antwortete mit leiser Stimme die Kleine. — Der Blick und der Ton der Alten änderte sich alsogleich und sie sprach: „Ei, Du liebes Kind, liebst Du etwa die Reseda? Willst Du den Samen selbst aussäen oder hat Dich Jemand hergeschickt ihn zu kaufen?" — Ermuthigt durch den freundlichen Ton der Alten sagte Lenchen (so hieß das kleine Mädchen): „Mein Vater hat mir in seinem Garten ein Plätzchen angewiesen, wo ich mir Blumen ziehen darf, er hat mir auch Geld geschenkt um Samen zu kaufen; nun möchte ich vorzugsweise mir Reseda ziehen, ich bitte also um Reseda-Samen." — Die Alte öffnete ein Fach in ihrem Schrank, nahm ein kleines Päckchen heraus, in welchem der verlangte Samen enthalten war, legte ein Papier ' zurecht und faltete es wie einen kleinen Brief, in welchen sie von dem Samen etwas einschüttete aus ihrem Päckchen. „Weißt Du auch," sagte sie, „daß Reseda, nicht schön aussieht, daß diese Pflanze keine Zierde Deines Gartens sein wird? Willst Du nicht lieber Tulpen, Winden, Mohn oder ähnliche schöne Blumen ziehen?" — „Nein, ich liebe die stille einfache Blume, die so schmucklos dasteht, so lieblich duftet; sie ist schön durch ihre Bescheidenheit." — „Du weißt Dich für Dein Alter recht gut auszudrücken, wie alt bist Du eigentlich? Ich vermuthe elf oder zwölf Jahre." — „Ich werde nächstens elf Jahre." — „Du gefällst mir," sagte die Alte, „ich will Dir von diesem Samen so viel schenken wie Du brauchst und weil ich mich immer herzlich freue, wenn ich verständige Kinder kennen lerne, so thue ich ihnen auch gern einen Gefallen und unterhalte mich mit ihnen. Du weißt vielleicht, daß ich allerhand Geschichten von den Blumen weiß und sie zuweilen erzähle, Dir aber will ich nichts erzählen, sondern 509 ich gebe Dir ein kleines Heft mit, welches ein Märchen enthält, ich habe es einmal in einem alten Buch gefunden, herausgeschnitten und in das Fach gelegt, in welchem sich der Reseda-Samen befindet, es ist von der Reseda darin die Rede. Du siehst mir aus wie ein Kind, das gerne Geschichten liest, nimm das Heft mit und bringe es mir gelegentlich wieder." Die wunderliche Alte reichte Lenchen das Heft dar, das Kind nahm es und wollte den Samen bezahlen, aber die Alte nahm durchaus kein Geld an. „Wenn der Same aufgeht, dann komme wieder und laß es mich wissen und sage mir, wie Dir die Geschichte gefallen hat." — Lenchen dankte der Alten, ging vergnügt nach Hause und erzählte ihrem Vater was ihr begegnet war. „Ich kenne die alte Frau schon lange," sagte er, „ehe Du auf die Welt kamst, als ich noch Tischlergesell war, habe ich ihr den Schrank gemacht, in welchem sie den Blumensamen aufbewahrt; manche Leute halten sie für geisteskrank wegen ihrer närrischen Einfälle, aber es ist immer viel Sinn in dem was sie sagt, so ungewöhnlich es auch klingen mag." — Lenchen säete den Samen in ihrem kleinen Gärtchen aus und begoß ihre Pflanzung regelmäßig Abends und Morgens. Bald auch kam ich mit meinen Gefährten aus der Erde heraus, und das liebe Kind jubelte laut, als sie unsere ersten kleinen Blätter hervorgucken sah. Das Heft, welches ihr die Alte gegeben hatte, fiel ihr erst wieder ein als wir emporwuchsen, sie hatte es ihrem Vater gegeben und der hatte es aufbewahrt. Nun bat sie ihn darum, und als er es ihr wiedergab, trug sie sich einen Schemel in ihr Gärtchen zu uns heraus, setzte sich darauf und las folgendes Märchen: Die Bienen und die Blumen. Ein Bienenschwarm hatte lange Zeit im Garten eines Bauers ein ruhiges Leben geführt. Im Winter war er von dem Bauer gefüttert worden, im Sommer hatten sich die Bienen ihre Nahrung selbst verschafft und waren im Obstgarten und in den Feldern des Bauers herumgeflogen, um aus allen Blumen und Blüthen, die sie fanden, Honig zu saugen. Sie hätten nun für immer ihr einfaches Leben so fortführen können, hätte nicht die Bienenkönigin plötzlich Lust bekommen ihren Aufenthalt zu ändern. Zu der Zeit, von welcher wir reden, war der Frühling bereits vorüber, die Aepfel-, Kirschen- und Birnenbäume hatten fast keine Blüthen mehr; die Bäume waren somit ihres schönsten Schmuckes beraubt und Blumen gab es dort nicht, denn die Königin wollte die großen dunklen Klatsch- 510 rosen, welche da zwischen den Bäumen standen, gar nicht als Blumen anerkennen; sie hatten keinen Dust und es war unmöglich, Honig daraus zu saugen. Die Bienenkönigin hatte seit einiger Zeit kleine Ausflüge in die Nachbarschaft unternommen, da hatte sie andere Gärten und Gegenden gesehen und fand nun ihren Bauernhof mit seiner Umgebung unbeschreiblich langweilig. Sie kam eines Tages nach einem Besuch in einem Herrschaftsgarten ermüdet nach Hause und setzte sich auf einem Apfelbaum auf die letzte Blüthe, die er noch hatte; hier wartete sie mit einiger Ungeduld auf die Heimkehr ihrer Bienen, welche gleich ihr umhergeflogen waren. Endlich kam der Schwärm nach Hause und versammelte sich um seine Gebieterin. Damals konnten die Bienen noch sprechen, sie können es auch wohl noch, insofern sie sich mit einander verständigen, unseren Ohren aber klingt, was sie sagen, wie ein leises Summen, vernehmliche Worte sind es nicht. Die Königin begann also in der Bienensprache ihren Gedanken Ausdruck zu geben. Sie sagte: „Meine lieben Schwestern, ich sinne seit einiger Zeit darüber nach, ob es nicht meine Pflicht als eure Vorgesetzte ist, dafür zu sorgen, daß ihr einen anderen und besseren Aufenthalt wählt, als diesen öden, langweiligen Garten. Ich bin deshalb umhergeflogen und habe nachgeforscht wo etwa ein angenehmer Wohnort für uns sich finden könnte; ich habe auf meinen Flügen durch die Gegend entdeckt, daß es anderwärts viele schöne Blumen giebt, die wir hier nie gesehen haben, deren Anblick, süßen Duft und Saft wir entbehren müßen. Außer dem Weißdorn, der die Hecke ziert und der Reseda, die neben Salat und Petersilie auf dem Beet dort steht, giebt es hier keine einzige Blume. Mir genügt das nicht mehr!" „Reseda ist eine liebenswürdige Blume," bemerkte schüchtern ein junges Bienchen. — „Ich finde sie häßlich," entgegnete die Königin in gebieterischem Ton, „sie ist eine gewöhnliche Blume und wächst überall zwischen Klatschrosen, Wolfszahn und Disteln. Nichts mehr davon, eure Königin hat etwas Besseres für euch gefunden. In dem großen Herrschaftsgarten, der eine Meile von hier entfernt ist, sah ich heute einen leeren Bienenkorb, der verlassen und vergessen hinter einem Gewächshause auf einer Bank steht, folgt mir dorthin! In dem Gewächshause selbst sind die seltensten Pflanzen, der Garten enthält Parkanlagen mit Gewächsen aller Art, welche gewiß bald die schönsten Blüthen treiben werden. Eilen wir, unseren Wohnort dort aufzuschlagen, wir gehen gewiß neuen Freuden entgegen. Auch in der Nähe dieser Herrschaft giebt es noch andere Gärten, die müßt ihr alle kennen lernen, und da ich selbst täglich unbeweglicher 511 werde und nicht mehr weit werde fliegen können, so will ich mein Leben in dem genannten schönen Garten beschließen und ihr werdet mir täglich berichten was ihr seht, was ihr entdeckt und was ihr für Erfahrungen macht." Mit diesen Worten schloß die Königin ihre Rede. Alle sie umgebenden Vienchen hoben ihre Flügel in die Luft zum Zeichen, daß sie bereit wären augenblicklich aufzubrechen, und die Königin dieses bemerkend, verließ ihren Sitz auf der Apfelblüthe und flog, ihr glänzendes Flügelpaar im Sonnenschein ausbreitend, voran um den Weg zu zeigen. Der ganze Schwärm folgte gehorsam nach und es dauerte nicht lange, so waren sie in dem schönen Garten angelangt und nahmen ohne Weiteres Besitz von dem Bienenkörbe, den die Königin entdeckt hatte. Niemand kümmerte sich darum, Niemand störte sie, und als ihre Anwesenheit von dem Gärtner bemerkt wurde, war er sehr erfreut darüber, denn er rechnete auf den Honig, den sie sammeln würden. Hiermit ging es nun aber nicht so leicht von statten, als die Königin geglaubt hatte. Alle die seltenen ausländischen Pflanzen, welche ihr so gefallen hatten, waren keine Vienen- gewächse, die herrlichen Blumen mit den schönen Farben im Gewächshause boten ihren Bienen keine Nahrung, denn bei der Anlage des Gartens war an Bienenzucht nicht gedacht worden. Die lieben Thierchen merkten nun wohl, daß die gewöhnlichsten einheimischen Pflanzen diesen ausländischen Prachtgewächsen vorzuziehen wären. Die stolze Königin, welche nicht arbeitete und nur ihre Untergebenen Honig sammeln ließ, kümmerte sich .nicht darum, sie setzte sich bald auf diese, bald auf jene seltene Blume und bildete sich nicht wenig darauf ein in dem Garten eines vornehmen Herrn in so ungewöhnlicher Umgebung zu leben. Sie schickte ihre Arbeitsbienen umher und forderte von ihnen eine Beschreibung dessen, was sie auf ihren Ausflügen entdeckten; namentlich wollte sie wissen, wo die schönsten Blumen zu finden wären, die Bienen mußten ihr alle die nennen, welche sie fanden und ihr Urtheil darüber abgeben. Im Anfang des Sommers blühten viele Akazien in dem Garten, wo sie jetzt waren, da stimmten die Bienen alle überein im Lobe dieser, sie hatten viel Honig daraus gesogen, endlich aber kamen einige Regentage, die Akazien litten und die Bienen flogen umher bis sie ein paar schöne Linden entdeckten, welche nicht weit vom Pächterhause standen. Diese boten ihnen Nahrung, im Park und im Gewächshause war nichts für sie zu finden. Aber auch die Linden verloren ihre Blüthen und das kleine vorwitzige Bienchen, welches damals, als sie den Bauernhof verließen, die Reseda so gerühmt 512 hatte, nahm sich heraus der Königin Vorstellungen zu machen wegen ihrer Vorliebe für den Garten, wo sie jetzt waren: „Es war doch nicht so übel in dem Obstgarten des Bauers," sagte es, „wir litten dort niemals Mangel, wir waren in der Nähe des Kleefeldes, der Wicken und des Buchweizens, alles nur gewöhnliche Pflanzen, aber für uns die geeignetsten. Im Herbst hatten wir dort Ueberfluß an Reseda, welche jede Witterung verträgt; wenn alles verblüht war, blieb uns diese Blume immer noch." Die Königin that'als höre sie diese Rede nicht, sie antwortete kurz: „Ich habe euch öfters aufgefordert mir Bericht abzustatten über eure Nachforschungen in dieser Gegend, heute Nachmittag will ich eine Generalversammlung abhalten, da will ich die verschiedenen Urtheile über Bäume und Blumen anhören, verkünde dem Schwärm meinen Befehl." — „Wo aber werden wir unsere Versammlung abhalten?" fragte das kleine Vien- chcn, „in unserm Korbe ist es gar eng, wenn wir alle zu Hause sind und nirgends ist man hier ungestört im Park, auch ist es in diesen Tagen sehr windig und die niedrigen Anlagen schützen nicht. Wäre es nicht gut, wenn wir uns auf den Weidenbaum setzten, welcher neben dem Fahrwege steht?" — „Weidenbaum und Fahrweg!" rief hochmüthig die Königin aus, „du hast doch einen gemeinen Geschmack, fragen wir einige der andern Bienen um ihre Meinung." — Zum Verdruß der Königin stimmten die meisten für den häßlichen Weidenbaum, er sei viel gemüthlicher als alle Bäume im Park, sagten sie. — Als nun Nachmittags die Königin mit ihrem Schwärm auf dem Weidenbaum saß, forderte sie die einzelnen Bienen zum Reden auf. Zuerst sprach eine Biene, welche am meisten gesehen' hatte, weil sie immer am weitesten flog. Sie sagte: „Ich fliege, wie ihr wißt, einsam und weit umher, aber in Blumengärten halte ich mich selten auf, denn nicht aus allen Blumen läßt sich Honig saugen, am liebsten suche ich die Haide aus, dort fand ich die reichlichste Nahrung. Der Haide- blume gebe ich vor andern Blumen den Vorzug." — „Ich," sagte ein anderes bescheidenes Bienchen, „halte mich am liebsten nur auf dem Erbsenfelde auf, welches in der Nähe ist, der Erbsenblüthe gebe ich den Vorzug." — „Wie?" sprach eine dritte, „du fürchtest nicht die brennenden Sonnenstrahlen auf dem Felde? Ich vertrage die Hitze dort nicht. Ich fliege in den Tannenwald, die Tanne ist mein liebster Baum und ist mir lieber als alle Blumen." — „Ich ziehe noch die Fichte vor," sprach die vierte. Mehrere andere erhoben ihre Stimme und sagten: „Wir verlassen das Rapsfeld fast gar nicht, was sind alle Bäume und Blüthen, ver- 513 glichen mit dem Raps!" Einige Bienen sprachen sich z.u Gunsten des Senfs aus, sie wollten aus diesem den besten Honig gesogen haben. Eine große Anzahl rühmte vor allem den Klee, der in seiner unscheinbaren Blüthe so viel Süßigkeit enthalte wie keine andere Blume von der sie wüßten; nur der Buchweizen könne mit ihm wetteifern, auch dieser enthalte in seiner Blüthe gar viel süßen Saft. — Die Königin konnte sich von ihrem Erstaunen gar nicht erholen, endlich sagte sie: „Ich arbeite nicht, sammle keinen Honig, folglich kann ich nicht, gleich euch, ein Urtheil abgeben; wie aber ist es möglich, daß ihr mir von den schönen bunten Blumen, deren es so viele giebt, gar nicht sprecht? Nicht einmal die Rose, die Königin aller Blumen habt ihr genannt." — „Ach, Königin," sagten die Bienen, „die Rose gleich allen andern Blumen blüht nur kurze Zeit, viele von ihnen halten sich nur wenige Tage; wenn wir außer ihnen keine Pflanzen hätten, aus welchen wir Honig saugen könnten, so müßten viele von uns verhungern. Nadelholzbäume, Haide, Klee, Buchweizen und alle andern schon von uns genannten halten länger vor, sie bieten uns die einfachste und beste Nahrung. Die Reseda ist die einzige Blume, welche in allen Gärten fast den ganzen Sommer zu finden ist, diese Pflanze trotzt jeder Witterung. Was nutzen uns schöne Farben, die bald vergehen, oder seltene Formen der Blätter, die wir nicht beurtheilen können? Das sind Eigenschaften für's Auge. Wenn die Menschen solchen Gewächsen den Vorzug geben, so haben sie dafür andere Gründe, wir Arbeitsbienen urtheilen nicht wie sie." — Die Königin schwieg, was hätte sie darauf antworten können? — Oft noch dachte sie im Herbst zurück an ihren Bauernhof; der Bauer hatte sie ordentlich gefüttert als der Winter herannahte, der Blumengärtner verstand von der Bienenzucht nichts und vernachlässigte die armen Thierchen. Viele von ihnen starben, unter diesen war zuletzt auch die Königin. Die andern verließen nach und nach den Bienenkorb im schönen Garten und schlössen sich anderen Bienenstöcken an. Die Geschichte war zu Ende, sie hatte Lenchen sehr gefallen und sie betrachtete uns nun mit doppelter Freude. Sie hielt sich aber nicht lange bei uns auf, sondern lief zu der alten Frau, welche ihr das Heft gegeben hatte, um es ihr mit Dank zurückzubringen. Die Alte freute sich sie zu sehen, fragte nach der Reseda und wie ihr die Geschichte gefallen habe. „Mein Same ist bereits aufgegangen und die Geschichte hat mir Freude gemacht," antwortete die Kleine. — „Nun denn, mein liebes Kind, so T-.A. xx. 33 514 vergiß nie die Lehre, die sie enthält, nicht nach dem äußern Schein soll man urtheilen. Was hier von den Blumen gesagt ist, gilt auch von den Menschen; Du wirst, wenn Du nachdenkst, die Anwendung leicht finden. Ich habe oft bemerkt daß Personen, die auf Aeußerlichkeiten halten in Kleinigkeiten, es bei großen und wichtigen Angelegenheiten auch so machen, deshalb freue ich mich, wenn Kinder, wie Du, bescheidenen Blumen den Vorzug geben, ich schließe daraus auf ihr Gemüth und ihr gesundes Urtheil." — Was die Alte sonst noch sagte, will ich nicht berichten, der Sinn war immer wieder derselbe, aber Lenchen wurde dadurch in ihrer Zuneigung für die Reseda bestärkt und nahm sich vor uns recht gut zu pflegen. Sie hat es auch gethan, viel Reseda gezogen und zuletzt sogar Geld damit verdient, indem sie davon verkaufte. So kam ich denn aus ihrer Hand und durch den Gärtner, der uns zu Emma brachte, in den hübschen Blumentopf, in welchem ich jetzt bin. Das ist meine einfache Lebensgeschichte, hat sie Euch gefallen? „Was sagen Sie zu dieser Erzählung?" fragte Emma die Erzieherin. — „Nun, von der Reseda ist eigentlich weniger die Rede als von den Bienen und Blumen im Allgemeinen," antwortete diese. Emma's Geschwister, welche bis jetzt kein Urtheil abgegeben hatten, meinten, diese letzte Geschichte gefalle ihnen am besten. Sie nahmen sich vor in Zukunft die Bienen zu beobachten, denn es interessirte sie zu wissen, welche Gewächse denn hauptsächlich für die kleinen Vienchen geeignet wären, um ihren Honig daraus zu ziehen. E ll e l - K a ji a n i e. Von Kcrmnmr Nlngncr. geröstete Kastanien werden in größer» Städten öffentlich Zum Verkauf ausgeboten. In herrschaftlichen Küchen finden sie in Deutschland als Zuthat bei mancherlei Speisen ebenfalls mehrfache Verwendung. Auf den Apenninen Italiens, so wie in manchen Gegenden Griechenlands und Südspaniens dagegen erhalten sie dieselbe Wichtigkeit in der Volksküche, wie bei uns die Kartoffel. Die armen Bewohner der italienischen Gebirge zählen sogar die Kastanien der Jahresernte genau ab und vertheilen sie an die einzelnen Glieder der Familie, so wie in der Herberge der Wirth sorgfältig nachrechnet, wie viel Stück Kastanien der Fremde verzehrt Hat. 515 Man kocht in den Ländern um's Mittelmeer die Kastanien häufig als Brei, nachdem man sie zuvor in Salzwasser eingequellt hat. Außerdem genießt man sie auch, nachdem man sie mit der Schale auf Kohlen geröstet. Sie sind zwar mehlig und süßlich, dabei aber hart und schwer verdaulich. Aus letzterem Grunde behaupteten ehedem die „Kräuterbücher" wohl nicht mit Unrecht: „sie machen schwere Träume." Wie von den meisten Kulturgewächscn hat man auch von der Kastanie zahlreiche Spielarten erhalten. Als die schönste Sorte gelten die sogenannten „Maronen", deren große und breite Früchte sich durch Schmack- haftigkeit auszeichnen. Die „Frühkastanien" reifen zeitiger als die übrigen Sorten. - Die Zwiebelkastanien erhielten ihren Namen von ihren zwiebelig aufgetriebenen Früchten. Die gemeineren Sorten sind kleiner, am kleinsten sind die sogenannten Waldkastanien. Gewöhnlich werden die Kastanienbäume aus Samen gezogen, die man in besonderen Beeten steckt. Die jungen Bäumchen verpflanzt und beschneidet man und pfropft sie in den Plantagen mit Reisern von guten Sorten. Stehen die Bäume ziemlich dicht in Menge beisammen, so treiben sie ihre Stämmchen hoch und schlank. Haben sie dagegen einen freien Standort, so bleibt der Stamm verhältnißmäßig kurz und wird desto dicker. Da die Kastanie ähnlich wie unsere Eiche ein hohes Alter erreicht, so bildet sie mitunter riesige Bäume. Eine der berühmtesten Kastanien ist jene äei eenti eavolli, d. h. der 100 Reiter, welche am Abhänge des Aetna steht. In ihrem Schatten sollen 100 Reiter lagern können. Ihr Stamm hat am Grunde 180 Fuß (60 Meter) im Umfange, kann also kaum von 30 Männern umspannt werden. Sie soll jedoch aus der Verschmelzung mehrerer Bäume entstanden sein, die dicht neben einander gewachsen waren. Wie auf der beigegebenen Abbildung zu bemerken, stehen noch mehrere, ebenfalls starke Bäume derselben Art in ihrer Nähe. Eine andere, ebenfalls durch ihre Größe berühmte Kastanie befindet sich am Genfer See. Das Holz der Kastanie hat mit jenem der Eiche viel Ähnlichkeit. Es taugt zwar als Brennholz nicht viel, wird dagegen als Bau- und Nutzholz besonders zu solchen Zwecken geschätzt, bei denen es der Feuchtigkeit und dem Wetter ausgesetzt ist. So nimmt man es in Südeuropa allgemein zu den Pfosten der Weinlauben (Pontainen) und Spaliren, so wie die Schößlinge zu Faßreifen. Letztere sollen in feuchten Kellern länger 33* 516 dauern als alle anderen Holzsorten. Die Häuser im alten London, unter anderm der Westminsterpalast, sind größtentheils aus Kastanienballen gebaut, die jedoch schwerlich in England gewachsen, sondern eingeführt worden sind. Im Wuchs, so wie im Blüthen- und Fruchtbau hat die Edel-Kastanie viel Aehnlichkeit mit unserer Eiche und Buche, mit denen sie auch zu derselben natürlichen Familie der Kätzchenblüthler oder Näpfchenfrüchtler gehört. Ihre Staubblüthen hängen in zierlichen, handlangen, gelblichen Kätzchen zwischen den Blättern herab. Die Stempelblüthen befinden sich am Grunde derselben, fallen weniger in die Augen und entwickeln sich zu feinstacheligen Näpfchenfrüchten, welche meistens einen, mitunter auch zwei oder drei Samenkerne (Kastanien) enthalten. Die Blätter sind handlang und zwei Finger breit, etwas lederig, auf der obern Seite glänzend, auf der untern in der Jugend mit Flaum oder Seidehaaren bedeckt, am Rande Zierlich scharf gezähnt. Nach Osten ist die Edel-Kastanie durch Persien bis in's nördliche China verbreitet, liebt in heißen Gegenden jedoch vorzugsweise die Gebirge. In Deutschland gedeiht sie zwar noch im Rheinthale und an einzelnen geschützten Orten Mitteldeutschlands, z. B. bei Meißen, je weiter nach Norden, desto schlechter werden jedoch ihre Früchte. Gegen stärkere Winterkälte ist der Baum in ähnlicher Weise empfindlich wie der Wallnußbaum. Die als Schattenbäume in Mittel- und Norddeutschland vielfach angepflanzten Roßkastanien, die man schlechthin gewöhnlich auch Kastanien nennt, haben mit der Edel-Kastanie nichts weiter gemein, als etwas äußere Aehnlichkeit der Frucht, welche jedoch bei der Roßkastanie für Menschen ungenießbar ist. Die gelb- und rothblühenden Roßkastanien, die man ebenfalls in Parkanlagen angepflanzt findet, sind Verwandte der gemeinen Roßkastanie und haben ebenfalls ungenießbare Früchte. 8ieke Iikli um uuä mäkle. Von Tbckla d. Gumpert. Reisebericht vm. (Schluß). Neudorf. Aus Neudorf schreibe ich Dir meinen letzten Bericht. Ich muß doch einmal aufhören mich umzusehen und nun ist diese Zeit gekommen. Du 517 kennst vielleicht das schöne Neudorf wenigstens dem Namen nach, oder kennst Du es vielleicht aus früheren Mittheilungen? Wie dem auch sei, ich habe Dir von Neudorf und seinen Bewohnern Einiges zu erzählen, das gehört wie gerufen in meine Reiseberichte. Gertrud'« Heimkehr. Wer ist Gertrud? Ja, das muß gesagt werden, denn im Falle Du, Leserin der Reiseberichte, nichts von Neudorf weißt, so weißt Du auch sicher nichts von der Gertrud, die nach Neudorf heimkehrte. — Neudorf ist ein großes Dorf, eigentlich zwei Dörfer, Alt-Neudorf und Neu-Neudorf, es sind zwei Schlösser darin, zwei große Schloßgärten, zwei Wirthschaftshöfe und zwei Gutsbesitzer. In der Mitte des Dorfes steht das gemeinschaftliche Schulhaus, steht die gemeinschaftliche Kirche. Die Felder, Wiesen und Wald liegen rund umher, die Grenze bildet eine lange Pappel-Allee. Alt-Neudorf gehört dem Freiherrn von Borcke, Neu-Neudorf gehört dem in Ruhestand versetzten Gerichtsrath v. Felsen, der das Gut unlängst von einer Tante erbte. Der Gerichtsrath steht noch im besten Alter, wenig Jahre über vierzig; aber er hat den Abschied aus dem Staatsdienst genommen, weil er Invalide geworden, auch wohlhabend genug ist, um seinen Gehalt leicht entbehren zu können. Er hat als Landwehr-Offizier den letzten Freiheitskrieg mitgemacht, eine Wunde, die er davongetragen, und mehr noch die Strapazen des Krieges, haben seine Gesundheit zerrüttet. Die Zeit des blutigen Kampfes war furchtbar und brachte viel Trauer in die Familien, auch viel Weh, das nicht unmittelbar als Folge des Krieges anzusehen ist. Der Gerichtsrath v. Felsen verlor, während er selbst verwundet in Frankreich lag, seine Gattin. Seine einzige Tochter Gertrud, damals im dreizehnten Jahre, wurde nach dem Tode der Mutter auf Anordnung ihres Vaters in eine Pensions-Anstalt gegeben. Jetzt ist diese sechszehn Jahre alt und Ostern consirmirt worden, im Mai dieses Jahres holte sie der Vater zurück und zugleich mit ihr kam eine ältere Cousine des Vaters in das Haus, um Gertrud zu „bemuttern", wie sie sagte. Die Neudörfer leben sehr gesellig, Alt-Neudorf und Neu-Neudorf stehen in engem Verkehr und sonntäglich kommen die ferneren Nachbarn abwechselnd zum Besuch, oder man fährt zu ihnen. Es liegt.auch eine Stadt in der Nähe mit Kreisgericht und Militair, da giebt es Gesellschaften, Concerte und Bälle, die Neudörfer gehören mitten in das gesellige Treiben. Der Besitzer von Alt-Neudorf hat eine junge Frau und 518 aus erster Ehe drei erwachsene Töchter, alle sehr lebenslustig, ihre Bekannten nennen sie eigentlich vergnügungssüchtig. Die jüngste der Alt- Neudörfer Schloßsräuleins war mit Gertrud in derselben Pensionsanstalt, ist aber ein halbes Jahr früher als diese ausgetreten und hat den Winter hindurch viele Berichte von dem lustigen Leben im Daheim an ihre ehemaligen Anstaltsgefährtinnen geschrieben, einer dieser Berichte, der erste, soll hier mitgetheilt werden, er lautet wie folgt: Meine liebe Gertrud! Heute schreibe ich an Dich, mein Brief ist aber Gemeingut, er gehört allen Freundinnen aus Klasse I.; natürlich nur diesen, denn das untere junge Volk muß bei den Schulbüchern bleiben, darf noch keinen Blick auf die in die Heimath Entlassenen werfen, pi-obatnin est! — Ihr aber, die Ihr nächstens auch flügge seid und aus dem Schulnest ausfliegen werdet, um Euch in der Welt zu versuchen, Ihr mögt sehen und hören wie es thut, wenn man fertig geworden ist und endlich als „gnädiges Fräulein" im Salon eine Stimme gewonnen hat, probatem est! Meine Eltern sind prächtige Menschen! Papachen ist kein Jüngling mehr, aber er ist jung mit der Jugend und Mamachen ist wirklich jung, nur zwei Jahre.älter als Wally, meine älteste Schwester. Wally ist 19 Jahre, Molly ist 18 und ich werde nächsten Monat 17 Jahre. Wir sind drei Grazien, ja, das sagte Papachen lächelnd, als er uns zum ersten Mal in schneeweißen Kleidern mit Rosen geschmückt zugleich im Salon erscheinen sah. Mama ist die Juno oder meinethalben die Venus, ich weiß nicht mit welcher Göttin ich sie vergleichen soll; aber schön ist sie, das ist wahr und sie ist eine reizende Mama, denn sie stellt sich gar nicht feierlich uns gegenüber, sondern ist wie.eine vierte Schwester. Das kommt wohl daher, weil sie eben so gerne tanzt wie ihre drei Grazien, eben so gern ausführt, eben so gern Gesellschaft im Hause empfängt, eben so gern mit den Modejournalen verkehrt und sich eben so sehr freut über schöne Toilette, wie die Alt-Neudorfer drei Grazien. Wir sind ein Herz und eine Seele und Papachen freut sich. Er ist zum Glück reich, denn was man so hört von anderen Vätern, daß sie seufzen über Geldansgaben für die Töchter, das kommt bei uns gar nicht vor, und wir kosten ihm doch eine gute Portion Markstücke, ich sah ihn neulich einmal eine Rechnung bezahlen in lauter neuem Gold. Ist Dein Papa auch reich, liebe Gertrud? Ich weiß nicht ob Alt-Neudorf und Neu-Neudorf gleichen Werth haben. Aber das ist gleichgültig, Du bist das einzige Töchterchen, Du wirst auch 519 Goldstücke anbringen können, so viel es der Anstand erfordert. Verschwenden wollen wir nicht, weder Mama noch wir Grazien; aber wir wollen doch fein aussehen, es klingt sehr schmeichelhaft, wenn es heißt: die schöne Baronin aus Alt-Neudorf und ihre drei Baronessen haben immer die elegantesten Toiletten auf den Bällen! Papachens Mund lächelt, wenn ihm solch Urtheil zu Ohren kommt. Ich bin nun schon vier Wochen im Vaterhause mit dem Bewußtsein der abgeschüttelten Schulzeit. Ganz mit Absicht habe ich nicht früher geschrieben, um einen festen Standpunkt zu haben bevor ich berichte. Jetzt habe ich den Standpunkt, ich bin ganz eingelebt. Meine Schwestern wundern sich und sagen: „Die Anny ist viel schneller gereift, als wir." Das kommt daher, weil ich schon lange mit meinen Gedanken an der Seite der Schwestern gestanden, meine letzte Schulzeit wurde eigentlich nur sn durchlebt, eigentlich phantasirte ich mich in's Leben der Zukunft hinein und darum konnte ich gleich mich zurecht finden, als die Zukunft zur Gegenwart geworden war. So mag es wohl auch den Reichstagsabgeordneten gehen, die sind immer gleich so flott zum Reden bereit, wenn sie gewählt wurden, ja, die leben wahrscheinlich auch schon mit der Phantasie im Voraus sich in den Reichstag ein. Du wunderst Dich wohl über meinen Vergleich, aber sieh, der kommt ganz natürlich: Man hört ja fortwährend von Politik reden, die jungen Mädchen sprechen auch mit, alle Dafür und Dawider hört man durcharbeiten, denn man kann sich nicht die Ohren verstopfen; nämlich vom Lande aus fährt man oft zu Diners und die Tafelfreuden werden immer mit dem Reichstage gewürzt, das muß man mit in den Kauf nehmen. Wir wohnen wunderhübsch, wir drei Schwestern, wir haben z. B. einen Schlafsaal, der an die Pension erinnert, aber wie reizend! Unsere Stuben im Schloß sind alle sehr groß, wir Schwestern bewohnen einen Flügel, der aus zwei Räumen besteht, Wohnstube, Schlafstube. In der Wohnstube stehen unsere Nähtische, ein Pianino, ein Bücherschrank, drei Schreibtische und ein Sopha, damit ist die Stube gefüllt, das heißt, Spiegel und Blumentisch fehlen auch nicht. Im Schlassaal, wie ich das zweite Zimmer nenne, stehen unsere drei Betten, jedes in einem aparten Stäbchen, das durch eine spanische Wand gebildet ist, diese spanische Wand umschließt im Viereck nicht blos das Bett, sondern Toilettentisch mit Spiegel. Zwischen dem Fensterpfeiler haben wir außerdem einen prachtvollen Steh- spiegel, auch Toilettenspiegel genannt, da sieht man seine ganze Gestalt, man kann von Kopf bis Fuß den Eindruck der Toilette beurtheilen, die 520 man gemacht hat, das ist gut, denn das Übereinstimmende ist große Hauptsache. Im Vorsaal unserer Wohnungs-Abtheilung stehen unsere Kleiderschränke und Wäschekasten. Siehst Du, unser Reich ist groß und bequem und schön. Ich denke, Du wirst es auch so gut haben, wenn Du nach Neu-Neudorf kommst. Du hast freilich weder Mutter noch Schwestern; aber wenn Du durch Alleinstehen an Einsamkeit auch leiden wirst, so wird doch im Gegentheil Dein Gebiet ein ungestörtes und großes sein, denn Dein Vater wird seinen Solitär Gertrud nicht beschränken. Wenn Du Dich langweilest in Neu-Neudorf, so brauchst Du nur die Grenze zu überschreiten und nach Alt-Neudorf herüberzukommen, da giebt es dann gleich Mittel gegen die Langeweile. Studiren wirst Du auch wohl nicht mehr. Ich habe vorläufig alle Erinnerung an die Schulzeit an den Nagel gehangen, pi-obatmn 68t! Bei dem Wege über die Grenze gehst Du zwar bei'm Schulhause vorüber; aber das wird Dich wohl nicht zu gelehrten Forschungen antreiben, der Bauernkinder Weisheit gehört auf die Bank der ABC-Schützchen. Du gehst auf dem Wege über die Grenze auch bei der Kirche vorüber, die ist Wochentags aber geschlossen, die wird Dich auch weiter nicht aufregen. Unser altes Pastorchen ist nicht sehr hinreißend und macht gewiß keine Ansprüche. Uebrigens, was ich da eben über das Pastorchen sagte, soll blos heißen, daß der Dich nicht zu Studien anspornen wird, er ist ja ein zu gutmüthiger Mann. Wir gehen aber fast jeden Sonntag in die Predigt, Papachen wünscht es, er sagt, der Gutsherr muß mit gutem Beispiel vorangehen und die Bauersleute brauchen ihre gesetzmäßigen Gottesdienste. Höre, denke nur nicht, daß ich leichtsinnig bin und mir nichts aus der Predigt mache, ich höre den Alten ganz gern predigen, „er macht's gar schön," sagen die Bauersleute; ich wollte nur sagen, daß Dich Niemand anspornen und Niemand Dir in den Weg treten wird, wenn Du vorüber gehst, um Dir bei uns die Langeweile abzuschütteln. Ich weiß nicht genau, wie Dein Vater ist, ich glaube er ist ein bischen fromm. Das schadet nicht! Ich meine nur, übertrieben ist er doch nicht und wird Dich nicht von uns zurückhalten. Wir sind auch ganz gute fromme Leute, wenn wir auch schrecklich gern in Gesellschaft gehen und uns amüsiren. Ich hoffe, wir machen im Sommer eine Badereise, die schöne Mama ist aber leider gesund, ich weiß nun gar nicht wegen wem wir reisen sollten. Es muß reizend sein, eine Badesaison zu erleben; was man dazu für eine Masse neue Kleider und Hüte und Mantillen bekommen muß! Wir werden uns doch gewiß täglich sehen. 521 so lange wir in Alt-Neudorf sind und Du in Neu-Neudorf, unsere Papa- chens halten ja auch schon gute Nachbarschaft. Die ganze'Gegend ist sehr gesellig, das ist herrlich, besonders weil so viel Töchter da sind. Von den Söhnen merkt man weniger, die Kleinen gehen uns nichts an, sind auch aus Schulen, und die Großen sind anderswo Lieutenants, Referendarien oder dergleichen und kommen nur besuchsweise zu ihren Eltern. Aber wenn auch die Herren Söhne der Nachbarn nicht da sind, so ist deshalb doch kein Mangel an Tänzern, die Nachbarstadt liefert genug tanzlustige Herren, die ja auch bei uns Visite gemacht haben, sie waren auch schon zu zwei Bällen hier seit ich zu Hause bin, und zu Mittag vielmals, kommen auch so ungebeten angeritten und angefahren. Aber nun genug für heute; ich schreibe wieder, wenn ich einmal Nachricht von Euch habe. Dann adressire ich an eine andere meiner ehemaligen Standesgenossinnen, das erste Mal sollte meine künftige Nachbarin die Ehre der Adresse erhalten, denn die Nachbarschaft giebt Rechte. Ich umarme Euch aber alle mit gleicher Liebe und wünsche Euch möglichst bald mein freies Leben voller Vergnügen. Es war ganz hübsch in der Pension, das leugne ich nicht; aber Sklaverei ist's doch, so an die Schulbank gekettet zu sein und gesetzmäßig sich gelehrt zu machen, alles nach der Uhr. Also, folgt mir bald nach! Aber vergesset nicht der Frau Professorin mich zu empfehlen und der Miß und der Mademoiselle, denn das schickt sich so, pro1>3>tnin 6St. Behaltet Alle lieb Eure Anny. Dieser Brief aus dem Alt-Neudorfer Schlosse giebt ein Bild von dem Leben und der Gesinnung seiner Bewohner, zwar nur ein flüchtiges Bild, aber doch ähnlich genug, um die Auffassung desselben von Seiten des Neu-Neudorfer Schloßherrn begreiflich zu machen. Herr von Felsen war ein freundlicher und geselliger Nachbar, er achtete die guten Seiten des älteren Herrn, welcher Mitbesitzer des großen Gutes Neudorf war, er achtete ihn als thätigen, sachverständigen Landwirth, als rechtschaffenen Geschäftsmann, als rücksichtsvollen Freund, überhaupt als braven Mann; aber er sah auch seine Schwäche gegen Frau und Töchter, und das ganze oberflächliche Treiben in seinem Hause war ihm ein Anstoß. Es ließ sich nichts thun, einen Vorwurf machen oder guten Rath geben durfte er nicht, denn er hielt nur gute Nachbarschaft mit Herrn von Borcke, befreundet war er nicht so mit ihm, um es wagen zu können sich in seine Verhält- 522 nisse einzumischen; dann und wann erlaubte er sich wohl im Allgemeinen Bemerkungen über die Anforderungen, die Gott an die Menschen mache, daß Zeit, geistige Gaben und irdische Güter nicht zum Verschwenden verliehen seien, daß man Rechenschaft abzulegen habe von der Verwendung derselben; aber er wurde nicht verstanden, man nannte ihn nur einen gutmüthigen Menschen, der sich das Leben unnöthiger Weise schwer mache und sich auf die fromme Seite neige. Herr von Felsen sah nicht ohne Sorge der Zeit entgegen, in welcher seine Tochter bei ihm leben würde, er wußte ja, daß sie mit der jüngsten der Alt-Neudorfer Töchter in enger Verbindung stand. Er konnte keine Mauer aufrichten zwischen Gertrud und den drei jungen Schwestern, die ihr schon mit Freude entgegensahen, er dachte auch: Schützen vor üblen Eindrücken kann man ein erwachsenes Mädchen nicht immer, dasselbe muß freilich auch die Welt sehen mit ihren Licht- und Schattenseiten; aber man kann Eins thun, man kann ihren Blick schärfen, damit er Recht und Unrecht erkenne, man kann warnen und einen Weg zeigen, eine Richtung geben. Als Gertrud's Heimkehr bestimmt war, schrieb sie ihrem Vater, den sie zärtlich liebte, daß sie sich unendlich freue ganz bei ihm zu leben, und sie wolle ihm eine gehorsame Tochter sein und möglichst ihm die verstorbene Mama ersetzen durch Liebe und Pflege. Der Gedanke, daß die alte Tante mit ihr in das Vaterhaus einziehen solle, freute sie nicht gerade, sie kannte sie kaum und hatte auch eigentlich schon etwas von Alleinherrschaft im Hause geträumt; sie wagte indessen nicht Unzufriedenheit blicken zu lassen, bat nur um ein abgesondertes kleines Reich, um eine besondere Stube. Diese Bitte wurde gern gewährt, Gertrud sollte ihr kleines Reich haben, der Vater sorgte dafür, es gemüthlich für sie, aber auch in seinem Sinne auszustatten. Als Gertrud ankam, war es am Vorabend ihres Geburtstages, sie wurde noch in ihr ehemaliges kleines Zimmer geführt, erst am kommenden Morgen wollte sie der Vater im neuen Reich einführen. Die Tante war schon einige Tage früher eingetroffen und bereits in ihrer Stube behaglich eingerichtet, sie hatte auch schon die Schlüssel und das Scepter zur Regierung im Hause in Empfang genommen. Im Scherz, der aber Ernst bedeutete, sagte Herr von Felsen: „Ich bleibe König in meinem Hause, Cousinchen soll mein Hausminister sein und Gertrud ihr Kabinetssekretär und ihre rechte Hand, Gertrud soll wirthschaften lernen, Gertrud soll sich nicht an den gedeckten Tisch setzen. 523 ohne zu wissen, was man bringen wird, sie soll selbst thätig werden lernen, sie soll nicht Kleid und Strumpf schaffen lassen durch Andeke, sie soll selbst arbeiten, Neues schaffen, Altes ausbessern." So war der Tante ihre Aufgabe angewiesen, die übrigens schon im Briefwechsel festgestellt war. Am ersten Abend saß der Vater lange mit seinem Kinde allein, nachdem die Tante schon in ihr Zimmer gegangen war; er war recht erregt und sprach von alten glücklichen Tagen, vom glücklichen Zusammenleben mit Gertrud's verstorbener Mutter, von ihrem frommen Sinn, ihrer Mutterliebe, ihrer Sorge für ihre kleine Tochter, ihren Wünschen für deren Erziehung und Zukunft. Er sprach von dem großen Kriege, den er mitgemacht, von seinen großen Folgen, aber er bezeichnete auch die mancherlei Gefahren, in denen die Entwickelung der Freiheiten, die man gewonnen, die Menschen brächten. Er sprach mit seiner Tochter nicht wie man mit einem unmündigen Kinde spricht, sondern wie mit einem ebenbürtigen, verständigen, erwachsenen Menschen, schließlich sagte er: „Meine Gertrud, was Vater und Tochter mit einander reden, das ist geheiligt und darf nicht Mißbrauch damit getrieben werden; ein Mißbrauch aber wäre es, wenn Du Dinge, die ich gegen Dich im Vertrauen ausspreche, weiter tragen wolltest. Was ich eben jetzt sage, beziehe ich namentlich auf Deine Freundschaft mit den jungen Mädchen in unserer Nachbarschaft. Du wirst mit ihnen verkehren, wirst mit ihnen manch' Stündchen plaudern, sei aber auf Deiner Hut, daß Du nicht schwatzest, was Du nicht verantworten kannst. Ich kann Dir nicht alles angeben, was Du nicht ausplaudern darfst, ich verweise Dich auf eine innere Stimme, die Dich warnen wird, beachte diese Stimme, dann wirst Du in Deinen Mittheilungen nicht taktlos werden. Es kann vorkommen, daß ich z. B. mich tadelnd über Deine Freundinnen ausspreche, das bleibt dann unter uns, denn ich habe kein Recht Fremde zu regieren, das alltägliche Sprichwort lehrt: Kehre nur vor der eigenen Thür. Ich werde oft Gelegenheit haben die Nachbarn zu tadeln, ich sage es Dir voraus, denn ich bin nicht einverstanden mit ihrem Thun und Treiben. Ich könnte schweigen auch gegen Dich, doch damit thäte ich gegen Dich ein Unrecht, Du könntest dann annehmen, daß ich stillschweigend Billigung ausdrücke. Ich habe als Vater die Verpflichtung, mein Kind auf Unrecht aufmerksam zu machen, das als Beispiel gegeben, eine Versuchung zur Nachfolge werden kann. Was zwischen einem Vater, einer Mutter und deren Kinde verhandelt wird, das soll dem Kinde im Herzensschrein ruhen und da seine Wirkung thun, vor das Ohr eines 524 Dritten gehört es nicht. Taktlose Plaudereien haben schon manche Verhältnisse zerrissen, ohne irgend einen Nutzen zu bringen." Herr von Felsen hatte sich sehr aufgeregt in seinem Gespräch, so daß, als er sich in sein Zimmer zurückzog, kein Schlaf in seine Augen kam, er setzte sich statt zu Bette zu gehen an seinen Schreibtisch und schrieb, mit der Feder vieles wiederholend was er gesprochen hatte, um auch einen schriftlichen Mahnruf an seines Kindes Herz zu legen. Er wollte Alles thun, was in seiner Macht stand, um einen tiefen Eindruck auf Gertrud zu machen im Augenblick ihres Eintrittes in ihr Vaterhaus, der zugleich der erste Schritt in eine neue Lebensperiode war, er wünschte ihr den Weg zu bezeichnen, den seiner Ansicht nach ein junges Mädchen ihrer Verhältnisse zu gehen habe. Am nächsten Morgen führte der Vater seine Tochter in die für sie eingerichtete Wohnung. Zwei Zimmer hatte der liebreiche Vater mit Rücksicht auf seine besonderen Wünsche für sie bestimmt; es waren nicht so große Räume, wie sie die drei Schwestern in Alt-Neudorf bewohnten, aber zwei sehr freundliche zusammenhängende Stuben. In der ersten Stube stand ein hübscher offener Schreibtisch, darüber die Oelbilder von Vater und Mutter; über dem Sopha hingen einige Kupferstiche nach neueren Meistern, am Fenster befand sich ein Nähtisch und ein Tisch mit Nähmaschine, diese zwei Arbeitstische getrennt durch einen üppigen Gummibaum, den einst Gertrud's Mutter gepflegt hatte. Das zweite Zimmer war in zwei Hälften getheilt durch dazwischen gezogene faltenreiche grüne Gardinen, die eine Hälfte bildete ein Schlafstübchen, die zweite war Bibliothek. An der breiten Wandseite stand hier ein Tisch mit Bibel und Andachtsbüchern, in seiner Mitte war der schöne große Atlas der Erdbeschreibung von Sohr-Berghaus * mit seinen 65 ausgezeichneten Karten aufgestellt. Zu beiden Seiten dieses Mittelpunktes befand sich, wohl geordnet in Schränken, eine schöne Bibliothek. Auf der einen Seite die Bücher, welche noch aus Gertrud's Kinderzeit herrührten, auch einige neue Werke und alle Bücher, welche einst ihrer Mutter gehört hatten. Im Schranke auf der anderen Seite stand eine Sammlung guter christlicher Volksschriften. Bilder waren nicht in diesem Zimmer, dagegen eine eingerahmte Randzeichnung, von der Hand der verstorbenen Mutter gemacht, die Schrift dazwischen war das große Gebot des Herrn: Carl Flemming's Verlag, Elogau. 525 „Du sollst Gott lieben über Alles, Deinen Nächsten aber wie Dich selbst." „Meine Gertrud," sagte der Vater, „hier ist nun Dein gemüthliches Daheim, ich führe Dich ein mit dem Wunsche, daß Du darin erfüllen mögest, was ich von Dir hoffe und erwarte. Die Erinnerungen an Deine Mutter sind Mahnrufe aus der Ewigkeit, sie war aus Herzensgrund pflichttreu, sie war es in der Liebe zum Herrn. Als Du noch ein kleines Mädchen warst, machte sie ihren Erziehungsplan für Dich, und ihre Richtschnur war das große Gebot der Liebe, welches uns Christus gegeben hat." Gertrud hatte Thränen in den Augen und schlang ihre Arme um des Vaters Hals und dankte, zwar nicht mit vielen Worten, denn diese fand sie nicht gleich in der Ueberraschung und Freude, aber der Vater fühlte ihre Innigkeit durch. Der Vater sprach weiter: „Du bist jetzt erwachsen, trittst in die Welt nur an der Hand Deines Vaters, die Mutter wurde in ihren Himmel gerufen, ohne ihrem Kinde den Weg bereitet zu haben, den es gehen soll. Ich habe in ihrem Sinne zu handeln versucht, siehe Dich um in Deinem kleinen Daheim, rund umher siehst Du Wegweiser für Dich, sie heißen: «Bete und arbeite!» Da stehen Andachtsbücher, da steht eine Bibel; hier ist ein Nähtisch, auch eine Nähmaschine habe ich Dir besorgt. Du sollst Deine Zeit nicht vergeuden, sollst arbeiten für Dich, für mich, für Arme. «Du sollst Gott über Alles lieben, Deinen Nächsten wie Dich selbst!» Du sollst thätig sein für Deinen Nächsten. Wer Deine Hilfe braucht, ist Dein Nächster. Ich habe aber nicht blos materielle Hilfe im Sinn, sondern ebenfalls geistige, auch diese kannst Du gewähren. Da habe ich Dir eine Volksschriften-Sammlung aufgestellt, Bauer und Bürger, die Alten und die Jungen finden hier erfrischende, belehrende, nützliche Bücher, sie sollen umsonst zum Lesen erhalten, was hier aufgereihet ist, Du hast die Aufgabe mein Bibliothekar zu sein und Ordnung zu halten. Die Büchervertheilung wird Dich in Verkehr bringen mit den Leuten im Dorfe, das wünsche ich, einen anderen wirst Du mit ihnen nicht haben, denn die gleiche Bildungsstufe fehlt ihnen; aber Du wirst ihre Bedürfnisse, ihre guten und falschen Begriffe kennen lernen und ihnen Liebesdienste leisten können. Wir leben in einer sehr ernsten Zeit. Der große Krieg ist vorüber und hat Deutschlands Macht neu begründet; aber Krieg der Geister ist gefolgt und der Kampf kann lange dauern. Es ist schwer sich zurecht zu finden, schwer einen Standpunkt festzuhalten; aber es ist eine Hilfe dazu da: Wir haben zu bedenken, daß wir Christen 526 sind, als solche für das Reich Gottes zu leben haben, für Zeit und Ewigkeit; wir haben nächstdem zu bedenken, daß wir Deutsche sind und für das deutsche Reich zu leben haben. In Deiner Bibel lernst Du das Reich Gottes mehr und mehr kennen, in der Geschichte lernst Du das deutsche Reich mehr und mehr kennen. Du bist aus der Schule entlassen; aber nicht fertig, nicht vollendet ist Deine Bildung, jetzt beginnt die freie Fortbildung, und ich wünsche sie geschehe an meiner Hand. Ich will täglich mit Dir Geschichte lesen, gute Werke habe ich Dir besorgt und den prachtvollen Atlas, der da aufgestellt ist, habe ich Dir gekauft, weil Geschichte und Geographie gemeinsam getrieben werden müssen, um richtigen Eindruck zu machen. In unserer ernsten Zeit bilden sich neue Verhältnisse, wir schaffen den Grundstein, auf dem fortgebaut wird, damit der Grundstein ein guter sei, müßten alle Menschen sich einer Aufgabe bewußt sein. Liebe Gertrud, Du bist ein sehr junges Mädchen, zu einer der Welt offenbaren Arbeit bist Du nicht berufen; aber in der Stille, im kleinsten Kreise findet Jeder eine Thätigkeit, die in's Ganze eingreift; die Aufgabe darf nur nicht verkannt werden. Vor allen Dingen hat Jeder an sich selbst zu arbeiten, durch Selbstzucht gegen Selbstsucht, durch Demuth gegen Hochmuth, alles im Namen des Herrn, mit seines heiligen Geistes Hilfe. Liebes Kind, fürchte nicht, daß ich Dich Deinen Jugendfreuden entziehen will. Gehe Du einen fröhlichen Weg mit Spiel und Tanz, ich habe nichts dagegen, ich will nichts als einen Damm bauen gegen schädliche Uebertretungen. Wir, Deine Mutter und ich, haben Dir Grundsätze in die Seele gelegt, jetzt kommt die freie Zeit, in der Du lernen mußt den Grundsätzen getreu zu leben, Charakter zu entwickeln; wer seinen Grundsätzen getreu bleibt, zeigt Charakter; wer guten christlichen Grundsätzen treu lebt, zeigt guten Charakter. Mein Kind, mein deutsches Mädchen, gehe nun Deinen Weg durch die Zeit zur Ewigkeit. Amen." Mit den Worten des pflichttreuen Vaters ist die kurze Mittheilung „Gertrud's Heimkehr" geschlossen. Die Aufgabe dieser Mittheilung ist erfüllt. Es ist nicht beabsichtigt worden zu schildern, wie sich Gertrud, wie sich ihre drei Freundinnen in der Nachbarschaft ferner verhalten werden. Der Blick auf Gertrud's Heimkehr hat eine andere Aufgabe, er soll jedem jungen deutschen Mädchen sagen, daß sie, ja sie selbst, sich an Gertrud's Stelle zu denken hat, was der Vater seiner Tochter sagt, sagt er auch ihr. 527 Meine Reiseberichte muffen nun auch geschloffen werden. „Siehe Dich um und wähle!" schrieb mir Frau von Stein, als sie mich hinausschickte einige Anstalten der Wohlthätigkeit aufzusuchen und ihr Bericht zu erstatten, ich sollte eine Wahl treffen, sollte ihr rathen wohin sich ihre Nächstenliebe wenden solle bei Gründung einer Anstalt. Ich habe die Reise gemacht, habe mich umgesehen, aber gewählt habe ich nicht, die Wahl wird erst nach reifer Ueberlegung von dem Herzen ausgehen, das den Liebesdienst leisten will. Es giebt ja viel treffliche Unternehmungen, ich habe nur wenige besuchen können, ich darf nicht wagen hier einzugreifen, nicht durch meine Schilderung, nicht durch mein Urtheil. Ich glaube indessen, daß Frau von Stein sich bereits entschieden hat, sie schrieb mir in ihrem letzten Briefe die folgenden Zeilen: „Ich habe mich, so lange ich denken kann, für Erziehung interessirt, ich glaube seit jenen Tagen, in denen mein Vater mir die Leitung meines kleinen Vetters Karl an das Herz legte, er sagte mir damals: «Kinder brauchen gewissenhafte geistige Pflege. Wenn wir uns das Menschengeschlecht als einen Baum vorstellen, so sind die Kinder die Wurzeln desselben, jedes Wurzelfäserchen muß Kraft durch gesunde Nahrung einsangen, damit der ganze Baum gedeihen könne.» Das ist mir klar, daß ich meine Mittel für Jugendbildung zu verwenden habe, nur weiß ich noch nicht, welche Wurzeln des Baumes, der in obigem Gleichniß das Menschengeschlecht vorstellt, ich versorgen helfen soll. Ich liebe die Kleinen unter den Kleinen vielleicht vorzugsweise, das sind die, welche Christus zu sich rief, denen das Himmelreich gehört. Es ist gar schön, was Mutter Jolberg sagt: «Wir sind kleine Fußwegbereiter für die jungen Kindlein, damit sie keine so großen Umwege zu machen haben, um auf den rechten Weg zu kommen.» Die Geschichte von dem Kinde aus dem Volke zeigt, daß ein gut bereiteter Fußweg auf ein herrliches Ziel Hinleiten kann. Gewiß, aber der Fußweg muß schon der Heilsweg sein, es darf nicht blos darauf gesehen werden, daß man durch geistige Beschäftigung Verstandeskräfte entwickelt, man muß auch die religiöse, die christliche Bildung, welche die rechte Herzensbildung ist, auf dem Fußwege beginnen. Das ist jetzt wichtiger als je, denn in unserer Gegenwart ist viel Licht, aber auch viel Schatten. Ich wiederhole hier, was ich Dir in meinem ersten Briefe schrieb: „Der Schatten entsteht, wenn das Licht einseitig kommt; das Licht, wenn es keinen Schatten werfen soll, muß von Oben kommen." Mit der Mittheilung dieser Zeilen aus dem letzten Briefe der lieben Frau von Stein will ich meine Reiseberichte schließen, nur Eins möchte ich noch hinzufügen. Frau von Stein gab mir den Auftrag, als sie mich auf die Reise schickte: „Siehe Dich um und wähle!" Diese Worte bezogen sich auf den Zweck meiner Reise; aber man kann ihnen auch eine andere Bedeutung geben: Wenn Gott den Menschen auf die Reise durch's Leben schickt, sagt er auch: „Siehe Dich um und wähle!" Gott giebt dem Menschen freien Willen mit auf die Lebensreise, er kann wählen gute oder schlechte Wege. „Siehe Dich um und wähle!" Zur guten Wahl hilft Gott! Ein Lebewohl noch Dir, liebe junge Leserin, und die besten Wünsche zur Wahl Deiner Lebenswege von der jetzt heimkehrenden Tante Marie. Am Keiligabeinl. Von C!nm Ernst. „Aebermorgen ist Weihnachtsheiligabend," rief Bernhard fröhlich. „Juchhe! da bekomme ich eine Festung und eine Flinte, die ich mir gewünscht habe," schrie Fritz noch lauter. „Seid still, Jungen," beschwichtigte Anna, welche den Geschwistern das Vesperbrod hereinbrachte, „der Vater schreibt seine Predigt, Ihr dürft ihn nicht stören. Auch weiß ich gar nicht, warum Ihr so lustig seid," setzte sie traurig hinzu, „Schwester Marie ist ja nicht mehr bei uns." „Ach," sagte Fritz, „an unser Mariechen habe ich eben vor lauter Freude gar nicht gedacht. Das gute Mariechen! sie freute sich immer so über den Weihnachtsbaum." „Dieses Jahr kann sie unseren schönen Weihnachtsbaum nicht sehen," seufzte Bernhard. „Wer weiß," meinte Anna; „sie ist jetzt im Himmel, vielleicht sieht sie von dort auf uns herunter!" „Wißt Ihr," rief Bernhard, „wir putzen Mariechen einen Baum, den tragen wir ihr am heiligen Abend, wenn es dämmert und alle Kinder auf ihren Lichterbaum warten, auf ihr Grab. — Die Eltern dürfen es vorher gar nicht wissen." „Das wollen wir," jubelte Fritz jetzt wieder in der fröhlichsten Stimmung, „ich hole eine schöne kleine Tanne aus dem Walde." 529 „Ja, das ist ein schöner Gedanke, Ihr guten Jungen," bestätigte Anna; „Lichter können aber nicht an dem Baum sein, denn wenn wir sie ansteckten, sähen es Leute von draußen, und wir müssen ganz allein mit den Eltern bleiben." „Ich schneide goldene und silberne Sterne aus," meinte Bernhard. „Und ich!" sagte Anna, „kann so hübsche Rosen und Lilien aus Papier machen, heut und morgen Abend bleibe ich länger auf, die Mutter erlaubt es in der Weihnachtszeit, ich fertige sie an, sie werden dann am Bäumchen befestigt." „Ja," sagte Bernhard, „weil Manschen gerade in der Lilien- und Rosenzeit gestorben ist." „Und," meinte Anna, „weil es kein gewöhnlicher Christbaum ist mit Aepfeln und Pfefferkuchen daran, sondern weil wir ihn für ein Himmelskindchen schmücken." „Sagst ja gar nichts, Lene," fragte Bernhard plötzlich, „hast Du Manschen nicht lieb gehabt?" Die Angeredete hatte am Fenster gestanden und den Geschwistern schweigend zugehört. Als der Bruder sie anredete, wurde sie dunkelroth und sagte: '„Ich will Euch auch etwas für Mariechens Christbaum geben, aber — es ist eine traurige Geschichte! — Vorigen Sommer — Ihr wißt ja — brachte mir die Großmutter den allerliebsten Wachsengel mit. Ich konnte mich gar nicht satt daran sehen — die blauen Aeuglein, das krause Haar, die goldenen Flügel! — ich trug ihn immer mit mir herum, da kommt Mariechen gelaufen, hat im Garten eine Rose gepflückt und sagt: Lene gieb mir einmal Deinen Engel, nur «ein klein Bischen.»" „Was willst Du damit?" fragte ich. „Ich will ihn in die Rose legen," sagte sie bittend, „sieh nur recht tief hinein, die Rose ist sein Bettchen, darin schläft er." „Wie Du albern bist, fuhr ich sie unfreundlich an, Engel schlafen nicht und er soll wohl herausfallen und mir zerbrechen?" Mariechen sagte nichts, aber wie ich sie recht unwirsch bei Seite schiebe, sehe ich große Thränen in ihren Augen. — Es that mir damals gar nicht leid, ich war ja — Lene stockte — ich war ja öfter so unfreundlich gegen das stille Mariechen — aber — acht Tage nachher war sie todt — und da konnte ich's nicht vergessen. — Mein Engel machte mir gar keine Freude mehr, ich legte ihn in einen Kasten, mochte ihn gar nicht mehr T.-N. xx. 34 530 ansehen, denn ich dachte immer dabei an Mariechens Thränen. — Nun soll sie ihn an ihrem Baum haben. Er wird draußen freilich verderben in Schnee und Wind — das schöne Engelchen! aber ich habe ihn dann doch an Manschen gegeben und kann wieder fröhlich an ihn denken." Die anderen Kinder nickten beistimmend — sie waren alle drei sehr ernst geworden. Was ging wohl in ihren Herzen vor? Hatte sich ein Jedes vielleicht kleine und große Unfreundlichkeiten gegen das verstorbene Schwesterchen vorzuwerfen? Den andern Tag holten die Jungen ein schönes Tannenbäumchen aus dem Wald, Anna schnitt zierliche Sommerblüthen aus, Lilien mit goldenen Staubfäden, Rosen, weiße und rothe. Heiligabend, als die Mutter aufbaute, baten die Kinder, ob sie sich ein Stündchen einschließen könnten, sie hätten etwas Weihnachtliches vor; die Mutter erlaubte es. Nun schmückten sie das Bäumchen, keiner sprach dabei, selbst die wilden Jungen waren ganz ruhig und still als sie die glitzernden Sterne befestigten; als dann Anna's Blumen aus den grünen Tannenspitzen hervorblühten, meinten sie, dies Bäumchen sähe doch gar zu himmlisch aus. Zuletzt kam Lene's Wachsengel — während sie ihn selbst anhing, zitterten ihre Hände und heiße Thränen fielen aus ihren Augen herab auf die Tannenzweige. Es dämmerte, die Jungen trugen das Bäumchen auf Mariechens Grab, Anna und Lenchen riefen die Eltern; diese gingen mit ihnen, es war ja so nahe. Der srischgefallene Schnee überdeckte die großen und kleinen Hügel mit weißer Decke, hie und da lagen Epheu- und Buxbaum-Kränze darauf — Mariechens Grab aber — wie sah es so lieblich aus! — Die Jungen hatten den Schnee fortgeräumt und es ganz mit grünem Moos belegt, in der Mitte erhob sich das grüne Winterbäumchen voll rosiger Sommerblüthen. Die goldenen Sterne leuchteten, und der kleine Wachsengel schwankte leise hin und her. „Wie schön ist das!" rief die Mutter und faltete die Hände. So standen sie lange, die vier Kinder eng an die Eltern geschmiegt. Da theilte sich über ihnen der graue Wolkenschleier, ein Heller Stern strahlte im Himmelblau. „Mutter," rief Anna und zeigte hinauf, „sieh dort das Sternlein. Vielleicht ist auf ihm unser Manschen und schaut auf uns herab." „Meine Kinder," sagte der Vater feierlich, „wo unser Mariechen jetzt 531 weilt und ob der liebe Gott es will, daß sie auf uns herabblickt, das werden w-ir erst erfahren, wenn wir ihr gefolgt sind — aber das wissen wir schon hier auf Erden, daß der liebe Gott Alles hört und sieht, er weiß also auch, daß Ihr Mariechen lieb habt und es wird Euch durch seine Gnade das Andenken an sie zum Segen werden. N11 r m e l i n kk e n. Ein Märchen von A. Godin. Aoch oben in der Bodenkammer eines baufälligen Hauses wohnte eine arme Wittwe mit ihrem Bübchen. Es war ein recht armseliges Kämmerchen, der Rauch aus dem kleinen Kochofen ging nicht blos durch den Schornstein, sondern auch durch verschiedene Dachritzen hinaus, und der Regen kam auf demselben Wege herein. Und doch waren Frau Grete und ihr Fritzchen froh, solch' Stäbchen für sich ganz allein zu haben, denn sie konnten alle Tage sehen, daß Andere noch viel schlechter daran waren, als sie. Draußen auf dem offenen Bodenraum war jede der vier Ecken an noch ärmere Leute vermiethet, und in der Mitte lag eine Strohschicht zur Schlafstelle für die Allerärmsten, die nichts weiter bezahlen konnten, als ein Plätzchen zum Nachtquartier. Frau Grete handelte mit Obst und Gemüse, das sie in den Dörfern wohlfeil einkaufte und dann auf dem Marktplatze der Stadt feil hielt, und Fritzchen blieb immer in ihrer Nähe, um durch das Heimtragen der von den Leuten eingehandelten Sachen manchmal ein paar Pfennige zu verdienen. Das gefiel ihm den Sommer über recht gut, zur Winterzeit fror ihn aber arg an Händen und Füßen, und er war froh, wenn er sich Abends im rauchigen Kämmerchen wärmen, oder mit anderen Kindern auf dem großen Boden spielen und sich warm springen durfte. Unter den Schlafgästen, welche dort nur den Abend und die Nacht zubrachten, war seit einiger Zeit ein kleiner Savoyarde, mit welchem Fritz große Freundschaft schloß und auf den er sich alle Tage bei'm Nachhause- kommen freute. Eigentlich galt die Freundschaft und die Freude weniger dem fremden Jungen selbst, als dem abgerichteten Murmelthierchen, mit welchem derselbe Tags über auf den Straßen herumzog und das allerlei wunderbare Künste verstand. Es konnte tanzen, exerzirte mit einem 34 * 532 Stückchen als Gewehr im Arm, stellte sich todt, sprang dann auf seines Herrn Kommando flugs in die Höhe und machte Verbeugungen wie ein Mensch. Dabei war es gar hübsch anzusehen und anzufühlen mit seinem weichen, gelblich-grauen Fellchen, das über den Rücken hin einen schwarzbraunen Streifen hatte, wie zur Verzierung. Seine Stirn und sein Schnäuzchen waren schneeweiß, die kleinen Muschelöhrchen rosenroth, und seine hellen Aeugelchen hatten einen so klugen Blick wie Menschenaugen. Wenn man zu ihm sprach, so sah es Einen an, als verstände es jedes Wort. Fritz war ganz vernarrt in das hübsche Thier, das ihn bald eben so gut kannte und eben so zahm mit ihm wurde, wie mit seinem eigenen Herrn. Dies war nun freilich kein Wunder, da Fritzchen ihm jeden Abend die zartesten Salatblätter, die frischesten Nußkerne und sonst noch allerlei Gutes aus seiner Mutter Gemüsekorbe brachte, es überdies immer streichelte und ihm Schmeichelworte gab. Er hatte sich sogar einen besonderen Namen für das Thierchen ausgesonnen, und wenn er ihm zurief: „Mur- melinchen!" so bewegte es sein Schwänzchen eben so hurtig, als bei dem Anrufe seines Herrn, der es „Marmotte" nannte. War Fritz gut gegen Murmelinchen, so war seine Mutter noch besser gegen Louis, den armen Savoyardenjungen. Es erbarmte Frau Grete, daß dieser so allein in der Fremde herumziehen mußte, ohne Vater und Mutter, und mit aller Mühe kaum so viel verdiente, um vor Hungern und Frieren geschützt zu sein. Sie gab ihm jeden Abend ein Schüsselchen von ihrer warmen Suppe, half ihm bei Zubereitung der Stiefelwichse, womit er auf den Straßen die Schuhe der Vorübergehenden blank bürstete, flickte ihm seine armselige Jacke und wusch sein bischen Weißzeug. Dafür war Louis ihr auch so anhänglich, als ihr gutes Herz verdiente, und fragte sie bei Allem was ihm vorkam, um ihren Rath. Eines Tages saß Frau Grete auf ihrer gewohnten Stelle am Marktplatz, als Louis mit hochrothen Backen herbeigestürmt kam und ihr ganz athemlos erzählte, ein vornehmer Herr, dem er am Eingang des Theaters die Stiefel blank gewichst hätte, wollte ihn in seine Dienste nehmen. Frau Grete stand augenblicklich auf, bat die Höckerfrau nebenan, auf ihren Kram Acht zu geben, nahm ihr Fritzchen bei der Hand und begleitete Louis in den Gasthof, wo der Fremde wohnte. Wirklich verhielt sich Alles so, wie der kleine Savoyarde ausgesagt. Der fremde Herr, welcher auf einer Reise begriffen war, suchte zu seinem Dienst einen Knaben, der zu Botengängen und anderen Verrichtungen geschickt wäre, und die klugen Ant- 533 Worten des flinken Stiefelputzers hatten ihn auf den Einfall gebracht, ihn mit sich zu nehmen. Er sagte dies auch zu Frau Grete, die es als ein Glück für Louis betrachtete, auf diese Weise ein gutes Unterkommen zu finden, und nachdem der Savoyarde ein Handgeld empfangen und für den nächsten Morgen bestellt worden, um dann mit seinem neuen Herrn fortzureisen, ging Frau Grete mit den beiden Knaben nach Hause. Fritz sagte kein Wort und schluckte die Thränen hinunter, die ihm beständig in die Kehle stiegen, statt in die Augen. Daß sein Kamerad fortging, that ihm recht leid, daß er aber sein Murmelinchen nicht mehr seh::: sollte, war der Gipfel aller Trostlosigkeit. Louis schlief heute Nacht in Frau Grete's Kammer und stand am nächsten Morgen in aller Frühe auf, um die Zeit nicht zu versäumen. Während er sein Bündel schnürte und die Mutter rasch eine Mehlsuppe zum Frühstück kochte, saß Fritz auf dem Rande der Bettstelle, hielt Murmelinchen gegen seine Jacke gedrückt, als wollte er es wärmen und streichelte immerzu sein Fellchen. Louis kam auf ihn zu und ihm wurde zu Muth, als sollte sein Herz jetzt auf der Stelle in Stücke zerbrechen, er fing an laut zu schluchzen. Plötzlich riß er aber seine Blauaugen weit auf, denn sein Kamerad sagte traurig: „Ich kann die Marmotte jetzt nimmer brauchen, mitnehmen darf ich sie nicht; willst Du sie behalten, Fritz, und sie brav füttern?" Fritzchen zitterte vor Glückseligkeit, es kam ihm vor, als wäre ihm die ganze Welt geschenkt worden. Zuerst küßte er Murmelinchen, dann siel er Louis um den Hals und hatte ihn vor lauter Dankbarkeit so lieb, wie keinen Menschen auf Erden, sein Mütterchen ausgenommen. Alle drei begleiteten jetzt den kleinen Reisenden nach dem Gasthof, wo sie Abschied nahmen und einander tausend Glück und Segen wünschten. Für Louis gingen diese guten Wünsche von Stund an in Erfüllung, denn der liebe Gott hatte den armen Waisenknaben zu einem braven Herrn geführt, der auf das Beste für ihn sorgte. Wenn aber für ihn Hunger und Noth mit diesem Tage ein Ende fand, so nahmen Noth und Kummer mit dem gleichen Tage ihren Anfang für Fritz. Als Frau Grete desselben Abends mit einem hochbeladenen Korbe aus dem Dorfe zurückkam, wo sie frische Waaren eingekauft hatte, that sie einen schweren Fall und brach sich das rechte Bein. Alle Arzneien des Doktors, alle Pflege ihrer Nachbarinnen wollten nichts helfen, es wurde beständig schlimmer. Da war Fritzchen übel daran! Zwar gaben ihm die Nachbarinnen alle Tage zu essen, und seine arme Mutter war 534 unter all' ihren Schmerzen immer auf ihn bedacht, aber sie lag ja selbst hilflos da! Hätte er nicht sein Murmelinchen gehabt, so wäre er sich noch verlassener vorgekommen. Nach sechs Wochen starb Frau Grete. Als Fritz sein Mütterchen so kalt und weiß daliegen sah, war sein Schreck so groß, daß er sogar Murmelinchen vergaß und sich voll Angst an die Schürze der Nachbarin hing, die ihn mit hinüber in ihre Kammer nahm. Das treue Thierchen folgte ihm aber von selbst, kletterte an ihm hinauf und sah ihn so klug und mitleidig an, als wollte es ihn trösten. Frau Grete wurde begraben, und nachdem Fritz mit.der Nachbarin vom Kirchhof heimgekommen war, hörte er, wie sie einer anderen Frau erzählte, daß er noch heute abgeholt würde in's Waisenhaus. Da bekam er einen großen Schrecken. Er war einmal im Waisenhause gewesen, um Aepfel hinzutragen, und da war ihm so ängstlich zu Muth geworden zwischen den hohen festen Mauern. Dann hatte er auch die Waisenkinder oft. spazieren gehen sehen, in langen Reihen von ihrem Aufseher geführt. Alle waren grau angezogen und ihre Gesichter sahen trübe und ernsthaft aus; keines hatte geplaudert oder gelacht. Und als er sein Mütterchen fragte, warum sie so reihenweise gingen und nicht herumsprängen, da sagte sie, das dürften sie nicht. Und dorthin sollte er jetzt selbst abgeholt werden, noch heute! Er fürchtete sich. Dann fiel ihm sein Murmelinchen ein. Er kam ganz langsam aus seinem Winkel hervor und fragte, ob er es mitnehmen dürste in's Waisenhaus. „Das Murmelthier? warum nicht gar," sagte die Nachbarin. Fritz kroch wieder in seine Ecke, setzte sich auf den Schemel und kreuzte seine beiden Arme um das Knie. Alles, was er von Louis wußte, fiel ihm ein. Der hatte ja auch keinen Vater mehr und kein Mütterchen, aber in's Waisenhaus war er nicht gegangen, sondern in die weite Welt, und der fand überall Leute, die ihm zu essen gaben, wenn er ihnen dafür die Schuhe putzte und seines Thierchens Künste zeigte. So wollte er es auch machen! Sobald die zwei Frauen aus dem Zimmer gingen und er sie die Treppe Hinuntersteigen und die Hausthüre zumachen hörte, rannte er geschwind hinüber in sein voriges Kämmerchen, holte aus dem Wandbehälter eine alte Pomadenbüchse voll Stiefelwichse und die Schuhbürste, schob Beides in seine Hosentaschen, stülpte sein graues Mützchen auf den Kopf und lief dann, sein Murmelinchen gegen die Brust gedrückt, wo es warm und sicher unter der Jacke steckte, die Treppen 535 hinab, zum Hause hinaus, immerzu, weit, weit vor das Thor, in's freie Feld hinein, bis er sich zuletzt ganz athemlos unter ei.nem großen Nußbaum auf die Erde warf und vor Müdigkeit einschlief. Als er aufwachte und so ganz mutterseelenallein war, wurde ihm bang und er dachte daran, umzukehren, sogar in's Waisenhaus! Da spürte er auf einmal sein Murmelinchen, wie es sich so leise und so warm auf seiner Brust regte, und es war ihm, als müßte er bis an's Ende der Welt laufen, damit Niemand es ihm wegnehmen könnte. Er wischte sich die Thränen aus den Augen und wanderte tapfer vorwärts bis in das nächste Dorf, wo er sein Thierchen tanzen ließ und dafür einige Pfennigstücke und sogar ein Schlafplätzchen in der Schänke bekam. Da faßte er guten Muth und zog nun von Ort zu Ort, so weit ihn seine kleinen Füße tragen wollten. Anfangs ging es ihm nicht schlecht; als aber der Winter herankam, fing böse Zeit an und er war froh auf seiner Wanderschaft in eine große Stadt zu kommen, wo er mehr und leichter Geld verdiente, als in den Dörfern. Aber auch dort gab es Tage genug, wo er hungern und frieren mußte, und er wurde dabei zuletzt ganz blaß und mager, verlor aber nie sein fröhliches Gottvertrauen und seinen frischen Muth. Nur am Weihnachtsabend kam große Traurigkeit über ihn. Es war bitter kalt, und Fritz zog von Straße zu Straße ohne etwas zu verdienen, womit er seinen Hunger stillen konnte. Der Tag war herum, ohne daß ihm ein Pfennig Geld oder ein Bissen Brod zugefallen. Jeder lief eilig umher und dachte und sorgte um nichts, als um die Christbescheerung im eigenen Hause, Keiner mochte still stehen und des Murmelinchens Künste beachten, nicht einmal die Kinder, und weil die Straße hart gefroren war, gab es auch kein Schuhwerk rein zu machen. Je später es wurde, desto schwerer ward Fritzchens Herz, überall sah er durch die Fensterscheiben Christbäume funkeln und dachte mit Schmerzen an das vorige Jahr, wo bei seiner lieben Mutter ein Tannenreis im Blumentöpfe mit Lichtern und goldenen Nüssen so herrlich erglänzt, und an seine Be- scheerung, das Taschenmesser mit dem blanken Schildchen und den großen Pfefferkuchenmann! Zuletzt konnte er es gar nicht mehr aushalten, überall das helle Licht zu sehen, und kroch in einen leerstehenden Schuppen, da er keinen Heller besaß, um irgendwo Schlafgeld zu bezahlen. Nachdem er den letzten, sich selbst abgespalten Bissen Brod für Murmelinchen verkrümelt hatte, bettete er es wie gewöhnlich auf seiner 536 Brust, sprach sein Abendgebet und rollte sich dann auf dem harten Bretterboden zusammen wie ein Knäuel, um ein bischen warm zu werden und sein Leid zu verschlafen. Aber er konnte lange, lange nicht einschlafen, immer mußte er an sein todtes Mütterchen denken, und als sich endlich seine Augen schlössen, waren sie ganz heiß von Thränen. Da träumte ihm, daß viele, viele Glocken zugleich zu läuten begannen und in den Klang hinein vernahm er seiner Mutter Stimme, die wie aus Wolken zu ihm sprach: „Das ist die Stunde, in welcher unser Heiland geboren worden!" Das Läuten dauerte fort und fort, und auf einmal schlüpfte Murmelinchen aus seiner Jacke hervor und rief ihn deutlich bei Namen, so deutlich, daß er nicht wußte, ob er träume oder wache, und erschrocken rief: „Was ist das!" „Aengstige Dich nicht," sagte Murmelinchen dicht an seinem Ohr; „hast Du denn nie gehört, daß in der Stunde, wo das liebe Christkindchen geboren ist, alle Thiere Sprache bekommen, um Gott zu preisen und den Menschen zu predigen, wenn es Noth thut? Du bist brav und brauchst keine Ermahnung, dafür will ich Dir aber einen guten Rath geben: Ziel/ hin in's Land der Sonne!" „Wo ist dies Land?" rief Fritz, und rief die Worte so laut, daß er darüber erwachte. Um ihn her war es dunkel und kalt wie zuvor, Murmelinchen lag regungslos auf seiner Brust gebettet, in sein Ohr aber tönte das letzte verhallende Klingen der Christnachtsglocken. Fromm faltete er seine kleinen Hände und betete zum Christkindchen, das ja auch in einem armseligen Stall das Licht der Welt erblickt hatte. Eine wunderbare Tröstung goß sich über sein Herz aus und machte ihm die Dunkelheit hell; ihm war zu Muth, als wäre ihm etwas Gutes und Großes widerfahren, als müßte sein Traum ihm zum Segen ausschlagen. Fröhlichen Muthes schlief er wieder ein, und als er am nächsten Morgen aufwachte, war er zwar sehr hungrig, aber doch dabei guter Dinge. Auch hatte er heute Glück; über Nacht war Thauwetter eingetreten und seine Bürste fand vom frühen Morgen an zu thun, auch ward er während der Feiertage mehrmals von der Straße in vornehme Häuser gerufen, um den fröhlich spielenden Kindern dort die Künste seines Thierchens zu zeigen, und dann reich beschenkt entlassen. Seit Monaten hatte er nicht so viel Geld verdient, als jetzt in wenigen Tagen, und dies bestärkte ihn in dem Vorsatz, auf Wanderschaft zu gehen. Nachdem er einige Leute um das Land der Sonne befragt hatte und jedesmal ausgelacht worden war, schwieg er 537 davon und nahm sich im Stillen vor, der Sonne immer entgegenzugehen, weil er meinte, dann am sichersten in ihr Land zu gelangen. Indem er dies Vorhaben ausführte und beständig gegen Osten wanderte, kam er nach und nach in fremde Länder, wo Niemand seine Sprache verstand, ließ sich aber davon nicht irre machen, sondern marschirte tapfer vorwärts, Tage, Wochen und Monate lang. Murmelinchens Künste wurden überall verstanden, und wenn Fritz mit seiner Bürste und mit seinen hellen Augen herantrat, wußten die Leute auch, was er wollte und konnte, ohne daß er es ihnen zu erklären brauchte; überdies lernte er auf der langen Wanderschaft gar Mancherlei und war jetzt viel flinker und gewandter, als zur Zeit, wo seine liebe Mutter immer für ihn dachte und sorgte. Ein fröhliches Gott- und Menschenvertrauen leuchtete aus seinen Blicken und wohnte in seinem Herzen; das machte ihm Viele gewogen und er hätte mehr als einmal eine bleibende Stelle finden können. Aber er hatte nun einmal seinen Sinn darauf gesetzt, in das Land der Sonne zu gelangen, und so oft er sie auf seiner Wanderung am Frühmorgen glorreich aufsteigen sah, war er fest überzeugt, daß sie ein Heimathland haben müßte, wo sie über Nacht ruhte, und fühlte sich entschlossen dorthin zu kommen. Eines Tages war Fritz ganz besonders weit marschirt und so müde, daß ihn seine Füße kaum mehr tragen wollten. Der kleine Wanderer war den ganzen Tag auf heißen Wegen gegangen, ohne andere Labung als einen Trunk aus hier oder dort niederrauschender Quelle, kein Haus, kein Hof stieß ihm auf, wo er hätte rasten können; deshalb ging er immer weiter, obgleich es schon tief dunkelte, denn er hatte im letzten Dämmerlicht Thürme vor sich gesehen und wollte die Stadt oder das Dorf erreichen, wozu sie gehörten. Als er nun aber endlich, nachdem es schon stockfinster geworden, bei den ersten Häusern anlangte und pochte, fand er alle Thüren verschlossen. Seine Füße brannten wie Feuer, er war müde zum Umsinken und konnte nicht mehr weiter; deshalb kroch er in einen leeren Hundestall, der neben einem der Häuser stand, schlief auf der Stelle ein und rührte sich nicht mehr, bis der helle Tag zu dem runden Loch hereinblickte, durch welches er in die Hundehütte gekrochen. Wie fuhr der Erwachende aber nun in die Höhe! Solch einen hellen Tag hatte er noch nie gesehen! Es war, als ob lauter flüssiges Gold zu ihm hereinströmte, und zugleich fühlte er eine Lust und Wonne durch 538 all seine Adern hüpfen, wie nie zuvor im Leben. Seinem Murmelinchen schien es eben so zu ergehen, denn es machte unter seiner Jacke die sonderbarsten Bewegungen. Er ließ es heraus, und ohne nach täglicher Gewohnheit das Schnäuzchen an Fritzens Wange zu reiben, schoß es mit einem lauten Freudenpfiff hinaus in's Freie. Fritz folgte ihm mit laut klopfendem Herzen und stand wie geblendet, als er den Fuß auf den Boden gesetzt hatte. Ja, dies mußte das Land der Sonne sein! Ringsum war Alles wie gebadet in goldenem Licht, vom Himmel strahlte ein Glanz aus, den sein Auge kaum ertragen konnte, Häuser und Thürme, Gärten und Höfe, flimmerten und funkelten nebst dem Straßenpflaster so, daß er einen Augenblick beide Hände vor das Gesicht hielt, um nicht zu vergehen vor all dem Glänze. Doch blinzelte er zwischen den Fingern durch, und als sich seine Augen etwas an das Blitzen ringsum gewöhnt hatten, gewahrte er am Ende der breiten Straße einen herrlichen Palast von lauterem Golde, von welchem Strahlen ausgingen wie von der Sonne. Wie im Traume ging Fritz darauf zu; er hatte in diesem Augenblick Alles vergessen, sogar sein Murmelinchen, das lange vor ihm pfeilschnell dem Schlosse zugelaufen und in demselben verschwunden war. Fritz wäre für sein Leben gern in den Palast eingetreten, doch wagte er es nicht, da sich nichts rührte und Niemand an der hohen Pforte stand, den er um Einlaß hätte bitten können. Er sah sich deshalb schüchtern um, ob vielleicht in der Nähe ein Mensch zu entdecken wäre, den er befragen könnte, ob dies wirklich das Land der Sonne sei. Da erblickte er in geringer Entfernung von dem Schlosse ein kleines Häuschen, von dem nur ein ganz blasser Schein ausging. Vor der Hausthür saß ein altes, zusammengebücktes Weibchen, deren Hände mit goldenen Ketten an einander geschlossen waren. Ueber ihr runzeliges Gesicht flössen Thränen über Thränen in zwei tiefe Furchen, welche sich vom vielen Weinen in ihre Wangen eingegraben, und sie seufzte von Zeit zu Zeit so gewaltig, daß der goldene Staub vor ihren Füßen davon jedesmal in die Höhe flog. Obgleich die Alte Fritz ein wenig unheimlich vorkam, ging er doch zu ihr hin, da sonst weit und breit kein menschliches Wesen zu entdecken war, und fragte ganz bescheiden: „Wie heißt dies Land, gute Frau?" Die Alte erhob ihre Augen und machte eine so freudige Bewegung, daß die goldenen Ketten an ihren Händen klirrten, während sie freundlich 539 antwortete: „Hier ist das Land der Sonne, lieber Junge, weißt Du das nicht?" „Nein, liebe Frau," sagte Fritz zutraulicher, „ich bin ja von weither / gewandert, und wenn Ihr so gut sein wollt, mir Auskunft zu geben, dann bin ich Euch recht dankbar. Welches Glück, daß Ihr meine Sprache sprecht, ich bin so weit von zu Hause und durch so viel fremde Länder gekommen, daß ich schon seit langen Tagen mit Niemand mehr habe reden können." „Ach, was sind Tage!" klagte die Alte; „ich habe jetzt schon seit Jahren mit Niemand reden dürfen und war nicht in der Fremde, sondern daheim! Du siehst, guter Sohn, wie ich gefesselt bin, und wegen der Ungnade des Königs und der Königin, die mich zu lebenslänglichen Ketten verurtheilt haben, getraut sich jetzt kein Mensch mehr ein Wort an mich zu richten, da sitze ich mitten in der großen Stadt so mutterseelenallein, als wäre ich auf einer wüsten Insel." „Ach, das ist arg!" sagte Fritz; „was habt Ihr denn verbrochen?" „Setze Dich her zu mir, dann will ich Dir Alles erzählen," erwiderte sie, indem sie ihm neben sich Platz machte; „es thut mir so wohl, daß ich einmal wieder mit Jemand reden darf, der mir zuhören mag, das stillt meine ewig fließenden Thränen für einen Augenblick und tröstet mich in meinem schweren Kummer. Auch ist es noch so früh am Tage, daß Alles schläft und Niemand so bald auf die Straße kommen wird, da hast Du, guter Junge, hoffentlich auch keine Ungelegenheiten davon, daß Du mit mir sprichst und bei mir sitzest. Ach, früher gaben sich die Leute alle Mühe mit mir gut Freund zu sein, denn ich habe viel gegolten im Königsschlosse. Sieh, dort der herrliche Palast ist der Ort, wo sich die liebe Gottessonne aus ihrer Reise um die Welt alltäglich ausruht — wie lange, das weiß Niemand als der König und die Königin, welche sie zu Hütern ihrer goldenen Raststätte bestellt hat. Aller Segen aber, den das liebe Himmelslicht über die Erde ausgießt, ist hier tausendfältig verstreut und ein glücklicheres Land giebt es nicht auf der ganzen Welt als unser Land der Sonne. Glücklicher als alle Menschen waren auch der König und die Königin, besonders als ihnen nach langer Sehnsucht eine süße kleine Prinzessin zu Theil wurde. Ach, ein wahres Gold- kind! Ich bin ihre Amme gewesen und weiß besser als Andere, wie einzig lieb und hold sie war. Und doch dauerte das Glück nicht lang!" „Ist die Prinzessin denn gestorben?" fragte Fritz. 540 Die Alte schüttelte traurig den Kopf. „Höre nur zu! So lieb unser Prinzeßchen war, hatte sie doch von Kindheit an eine Eigenschaft, die freilich nichts Schlimmes war, aber doch viel Verdruß machte. Sie wollte immer und ewig schlafen! Wenn sie essen oder sonst etwas treiben sollte, mußte ich sie immer erst ein Bischen schütteln, hatte ich sie zum Ausgehen angezogen, dann saß sie jedesmal, wenn es fortgehen sollte, mit ihrem Federhütchen auf dem Kopfe da und schlief schon wieder, und unterwegs setzte sie nur immer ein Füßchen vor das andere und hielt die Augen zu. Anfangs lachten Alle darüber, als die Prinzessin aber größer wurde und etwas lernen sollte, lachte Keiner mehr." „Müssen Prinzessinnen denn etwas lernen?" fragte Fritz erstaunt. „Ach, und wie viel! Vom frühen Morgen an kam ein Lehrer nach dem andern, immer abwechselnd, zur französischen Stunde und zur englischen, zur Geographie und zum Deklamiren, zum Singen und Tanzen, zum Sticken und Malen — da ist es wahrhaftig kein Wunder, daß mein armes Prinzeßchen ganz schwindelig und schläfrig darüber wurde und in jeder Stunde einnickte. Aber die Lehrer wollten das nicht begreifen, und der König wurde sehr böse, so daß meine Prinzessin den ganzen Tag Schelte bekam und immer weinte, so oft sie wach war. Das jammerte mich so, daß ich Tag und Nacht darauf sann, wie man ihr helfen könnte, und — dann kam das Elend!" Bei diesen Worten fing die Alte an so bitterlich zu weinen und zu schluchzen, daß Fritz ganz bang um's Herz wurde und er sie bat, lieber nicht weiter zu erzählen. Sie schüttelte aber nur den Kopf und fuhr fort: „Ich dachte mir so in meinem dummen Sinn, wenn das Prinzeßchen sich einmal recht nach Herzenslust satt schlafen dürfte, dann würde sie nachher besser wach bleiben können, und weil die Menschen doch immer dazwischen essen und trinken müssen, so kam ich auf den Gedanken, sie für acht Tage in ein Murmelthier zu verwandeln, damit sie sich ganz ohne Unterbrechung ausschlafen könnte." „Verwandeln?" sagte Fritz und rückte von ihr ab; „bist Du denn eine Hexe?" „Nein, nein, lieber Junge, ich bin eine gute Christin! Meine Großmutter war aber eine weise Frau und hat mich auf ihrem Todtenbette noch gelehrt Menschen und Thiergestalten zu besprechen. Doch habe ich ihr versprochen, diese Kunst nie zum Bösen anzuwenden, und bisher hatte ich überhaupt keinen Gebrauch davon gemacht. Ach, wäre es nie geschehen! Ich meinte es ja so gut und habe doch so viel Unheil angerichtet. 541 Eines Tages, als König und Königin eine kleine Reise durch ihr Land machten, sagte ich dem Hofgesinde, das Prinzeßchen wäre'krank, verwandelte es in ein Murmelthier und legte es so in sein Bettchen. Sie schlief und schlief in einem Zuge fort, daß es ein wahrer Segen war! Am vierten Tage aber dachte ich Unglückselige, etwas frische Luft müßte ihr gut thun und trug sie ganz sanft und sacht hinab in den Garten, wo ich sie auf weiches Moos bettete und in der Nähe auf und ab ging, um sie nach einer Stunde wieder in's Schloß zu tragen. Da kam ganz unversehens die Königin angefahren, die wir erst nach einigen Tagen erwarteten, und rief mich im Vorüberkutschiren an den Wagen, um nach ihrem Prinzeßchen zu fragen. In meinem Schreck verfiel ich auf die Ausrede, mein süßes Pflegekind habe nach ein paar kranken Tagen in's Freie verlangt und spiele im Park, wo ich sie gleich abholen wolle. Wie soll ich aber beschreiben, was jetzt geschah! Sobald die Königin in's Schloßthor eingefahren war, lief ich zu dem stillen Moosplätzchen zurück, um der Prinzessin ihre wirkliche Gestalt wieder zu geben, aber — dort war nichts mehr zu hören und zu sehen! Kein Murmelthier, kein Prinzeßchen weit und breit! In wahrer Todesangst durchsuchte ich vergebens stundenlang den ganzen Park und Garten, und zuletzt blieb mir nur übrig, der Königin Alles zu gestehen. Sie ließ mich zu ihren Füßen jammern, ohne mir ein Wort der Verzeihung zu gewähren, und als alle abgesandten Boten zurückkamen, jeder mit einem oder mehreren Murmelthieren, die er irgendwo aufgetrieben hatte, als ich vergebens meine Sprüche an diesen Thieren versuchte, ward ich in einen tiefen Kerker geworfen. Der König verurtheilte mich nach seiner Rückkehr zum Tode, milderte aber auf Fürbitte der Königin dieses Urtheil zu lebenslänglicher Ketten strafe. Da sitze ich nun, Tag um Tag, Jahr um Jahr, und wäre tausendmal lieber todt, als daß ich fortwährend an das Unheil denken muß, was ich Aermste verbrochen! Niemals kann ich mein Prinzeßchen vergessen; wo mag sie sein, das arme schuldlose Mnrmelthierchen, der ich in meiner Thorheit aus lauter Liebe das Aergste angethan habe!" Fritz hatte mit athemloser Spannung zugehört; als die Alte nun weinend stille schwieg, frug er eifrig: „Geschah dies im Monat September?" „Ja," sagte die Alte mit großen Augen; „warum frägst Du?" „War es Morgens oder Abends, als Dein Murmelthier verschwand?" 542 „Nachmittag war es, gegen Sonnenuntergang, ein warmer, schöner Tag — o Gott im Himmel, sprich, warum frägst Du?" „Weil ich Dir helfen kann!" rief Fritz in Heller Freude! „Ein Freund von mir, ein Savoyardenjunge, erzählte mir, daß er an einem schönen Septemberabend, auf weiter Wanderschaft begriffen, einmal durch ein herrliches, schimmerndes Land gekommen, wo ein goldenes Schloß stand, mit einem weiten Garten dabei, der ihm so gefallen, daß er sich durch einen Spalt in der Hecke hineingeschlichen, um Alles zu beschauen. Dort sah er im Moose zwischen seltenen Gesträuchen ein schlafendes Murmelthier liegen und betrachtete das als einen Segen Gottes, da seine eigene Marmotte, die er aus der Heimath mitgenommen, ihm kurz zuvor gestorben war. Deshalb nahm er das Thierchen, barg es unter seiner Jacke, wie er mit dem früheren zu thun pflegte, und machte sich rasch fort, als er Jemand herankommen sah, weil er wegen seines Eindringens in den Garten bestraft zu werden fürchtete." Die Alte schlug ihre gefesselten Hände zusammen: „Und weißt Du, lieber Junge, wo Dein Freund jetzt ist, ob das Murmelthier noch lebt, ob es noch bei ihm ist?" „Nicht bei ihm," rief Fritz voll Fröhlichkeit, „es ist bei mir!" Er sprang wie ein Blitz empor, eilte in die Mitte der Straße und ließ den Pfiff ertönen, der für Murmelinchen stets das Signal zum Beginn seiner Künste war. Kaum klang der laute, schrille Ton durch die Lüfte, als das Thierchen vom goldenen Schlosse auf die Hütte zugelaufen kam. Doch setzte es sich nicht, wie es bei diesem Pfeifen sonst zu thun pflegte, zu seines Herrn Füßen auf die Hinterbeinchen, sondern kletterte hurtig an den Knien der Alten herauf auf deren Schooß. Im demselben Augenblick sielen die Ketten von selbst von ihren Händen ab und sie erhob dieselben, um mancherlei Zeichen über Murmelinchen zu machen, während sie Sprüche murmelte. Während Fritz noch regungslos hinstarrte, erblickte er plötzlich statt seines lieben trauten Thierchens ein wunderschönes kleines Mädchen auf dem Schooße der Frau; das Kind umschlang den Hals der Alten mit seinen beiden schneeweißen Aermchen, aus den goldenen Locken, die sein Köpfchen umflatterten gleich einem aus lauter Sonnenstrahlen gewebten Schleier, blickte, zu Fritz rückwärts gewendet, ein wundersüßes Gesicht. Er stand da wie in den Boden gemauert und rührte sich nicht; auch jetzt, als das liebliche Mädchen vom Schooße der alten Frau niedersprang 543 und ihm ihr Händchen entgegenstreckte, wagte er nicht es zu ergreifen. Da ' lachte sie ihn an und sprach: „Kennst Du mich denn nicht mehr? Ich bin ja Dein Murmelinchen!" , In demselben Augenblicke öffneten sich die beiden Thorflügel des goldenen Schlosses und ein seltsamer Zug kam daraus hervor. Paar um Paar reihte sich das reichgeschmückte Hofgesinde aneinander, dann folgten einige Zinkenisten, die mit langgezogenen Klagetönen musizirten. Ihnen folgte ein weißgekleideter Fahnenträger, dessen flatterndes Banner auf weißem Grunde ein ungemein naturtreu gemaltes Murmelthier zeigte. Hinter diesem schritten König und Königin Hand in Hand. Fritz blickte ehrfurchtsvoll auf die erhabenen Gestalten, an denen Alles Licht war, das helle, fast leuchtende Antlitz, die juwelengestickten Gewänder, die strahlenden Augen, welche trotzdem einen solchen Ausdruck der Trauer an sich trugen, daß man sie nicht anschauen konnte, ohne mit ihnen Leid zu tragen. Als das Herrscherpaar unter dem Thron sichtbar wurde, sagte die Alte leise zu der kleinen Prinzessin: „Sieh', Liebling, so ziehen Deine Eltern, seit sie Dich verloren, alltäglich zu der Stelle im Garten, wo Du zuletzt gewesen, und beten dort zum lieben Gott, Dich ihnen wiederzugeben!" Die Prinzessin, welche schon im Begriff gewesen sich ihren Eltern entgegenzustürzen, blisb auf dies Wort hin einen Augenblick nachdenklich stehen, ergriff den Fritz mit der einen, die alte Frau mit der andern Hand und eilte durch das Hintergebäude des Palastes dem Garten zu, während der Zug um die Ecke des Platzes bog, um Angesichts des von allen Seiten zuströmenden Volkes in einem weiten Bogen nach der Parkpforte zu wandern. Dort lag, von Palmen und Sykomoren umgeben, ein köstlich einsames Plätzchen, dessen Boden dichtes Moos bedeckte. Auf der Mitte desselben war aus Marmor ein kleiner Altar errichtet, den Blumen in Fülle rings umgaben und der auf seiner glänzenden Fläche in Goldbuchstaben das Wort: „Wiedersehen!" trug. Der Trauerzug näherte sich langsam durch die schattigen Laubgänge des Gartens; vor dem Rondel, welches die Palmen bildeten, blieb alles Gefolge zurück, während König und Königin in das geweihte Rund eintraten. Aus beider Brust zugleich rang sich ein lauter Ruf des Glückes, der höchsten Ueberraschung! Dort, zu Füßen des Altars, kniete ihr liebes, verlorenes Kind, nur größer und schöner geworden, und stürzte nun freudig in ihre weitgeöffneten Arme! 544 Als der Zug zum Palaste zurückkehrte, bliesen die Zinkenisten keine Trauertöne mehr, sondern ein Jubellied, und alles Volk stimmte ein. Gern erfüllten die glücklichen Eltern die erste Bitte der Prinzessin, der alten Dienerin in Gnaden zu vergaben, was sie bereits so hart abgebüßt hatte, und sie wieder im Schlosse aufzunehmen. Ueber Alles liebten und lohnten sie aber den kleinen Fritz, der ihnen ihr Kind zurückgebracht und es so gepflegt hatte, sogar in die weite Welt gewandert war, um sich nicht von seinem Murmelinchen trennen zu müssen. Der König beschloß, ihn zum Lohne dafür als sein zweites Kind anzunehmen und ihn gut unterrichten zu lassen; aus Liebe zu seinem Murmelthier hatte er seine Schule versäumt; aber das darf auch in Märchen nicht für richtig angesehen werden. Von dieser Stunde an herrschte im Lande der Sonne beständig Freude. Die kleine Prinzessin hatte längst begreifen lernen, daß sogar ein Murmelthier sein Leben nicht verschlafen darf und zu Anderer Heil thätig sein muß, und kam ja die alte Versuchung über sie, aus dem Tage Nacht zu machen, dann rief Fritz nur lachend: „Murmelinchen!" oder pfiff gar im lustigen Uebermuth, wie in alter Zeit, worauf das Prinzeßchen die Locken schüttelte und munter und thätig wurde. Druck von Carl Flemming in Elo^au. IlVIW-SiblioMek 00610126 -ätz Iscknisckes IVIuseum Wien Sibliotkek 41.890