F-11740 \ \ \ Festschrift HERAUSGEGEBEN ANLÄSSLICH DES HUNDERTJÄHRIGEN BESTANDES DER FIRMA L. & C. ARDTMUTH IN BUDWEIS. —— TMW-Bibl' f-11.740 1 ,W nns it/;-/.. ^ ™-*45«?ä '■&*sä® L«ef:« : r - -.Jl I JiÄ ■ ■- Äv Fabriken von L. & C. Hardtmuth \r Budweis gegründet 1790 jj jtk WM :H :*j fc Myfei |! ; [«*4 ä'mrM 5PlW »• m r *m i i ||l|tl^";| l! I ill ll I i<• -iitiiii. M• 11 * m 8 II!!',:ili| •fe*Ä r *** A<^m Willi li^i^^v^s^iijiiiii i! feHi 3*7® raAt*» E&Sä «a l*f Tw' >*■ lp^ herausgegeben anlässlich des hundertjährigen "Bestandes der Finua li. & C. Hardtara th m B u. d. -w ei». UW: Qtwidmtt den geehrten Geschöfttfre unden und Gönnern dti Hautet. liruck von August Gothmann in Budweis. F-11740 >4 oÜftÄ ^ e stsc hpjfg herausgegeben anlässlich des hundertjährigen Bestandes der Firma in B u d "w eis. Gewidmet den geehrten Geschäftsfreunden und Gönnern des Hauses. J)ruck von August Gothmann in Budweis. F-ll 740 HP 0 - -cfb £> -C*- xis'^' 'x? ■V s> "V "V "V AT ö ^>[ * m 15. November 1890 beging die Firma L. & C. Hardt- mutli das Fest ihres hundertjährigen Bestandes. I Schon vor dem Feste hatte der Chef der Firma, Herr Franz Edler von Hardtmuth, zur Ueber- 1 schwemmungszeit an seine Angestellten und die ' Arbeiterschaft als Gedenkgabe der Fabriksgründling gegen 8000 fl. vertheilt. Das Fest selbst wurde von Seite der Stadtgemeinde Budweis, von allen Corporationen und Vereinen und den angesehensten Kreisen der Bevölkerung, endlich von der Beamten- und Arbeiterschaft der Fabrik wahrgenommen, um dem Etablissement und dem Chef desselben, Herrn Franz von Hardtmuth, sowie dessen Familie die herzlichsten Ovationen zu bereiten. Am Freitag, den 14. November, Abends veranstaltete die Arbeiterschaft der Fabrik einen glänzenden Fackelzug, an welchem sich mehr als vierhundert Beamte und Arbeiter betheiligten. Am Samstag, den 15. November, Vormittags 9 Uhr versammelten sich in dem festlich geschmückten Comptoir sämmtliche Beamte, Werkführer und das Aufsichtspersonal der Fabrik, sowie die Leiter der Niederlagen von Wien, Prag, Budapest, Dresden und London, um den Chef des Hauses zu beglückwünschen, und es nahm der erste Beamte und Procurist der Firma, Herr Gustav Demel, das Wort zu folgender Festrede: „Sehr geehrte Festgenossen! ir feiern heute das hundertste Gründungsjahr der °)([m Fabrik von L. & C. Hardtmuth, ein schönes, bedeutungs- | volles Fest, bedeutungsvoll in cultureller, patriotischer und socialer Beziehung. In der Culturgeschichte des letzten Jahrhunderts, bei der Entwicklung von Kunst, Wissenschaft und Verkehr hat unter den Tausenden neuer Erfindungen der Bleistift ganz sicher nicht die letzte Rolle gespielt und dürfte auch künftighin seinen eroberten Platz behaupten. Er ist ein unentbehrlicher Freund aller Kreise der gesitteten Bevölkerung geworden. Der Maler entwirft mit seiner Hilfe den Grundgedanken des Gemäldes auf die zu malende Fläche oder zeichnet seine Ideen mit Hilfe des Bleistiftes in ausdrucksvoller Schattirung, der Dichter fesselt mit ihm die flüchtigen Eingebungen seines Genius. Die Heroen der Baukunst und Bildhauerei entwerfen die herrlichen Formen und Gestalten mit dem Bleistifte, der Componist bannt rasch die Melodie fest, die in ihm erwachte. Der Stenograph fängt mit ihm die Rede des Volksvertreters, den Vortrag des Forschers, die Vorlesungen des Lehrers auf, der Kaufmann, der Handwerker, der Meister, der Lehrling, der Professor, der Schüler kurz alle, alle, welche von dem geistigen Hauche unseres Jahrhunderts berührt sind, bedürfen des kleinen Instrumentes, um durch die Schnelligkeit seiner Handhabung dem Flüchtigen zu folgen und es dauernd zu gestalten. Der kleine Bleistift besitzt eine vielhundertjährige Geschichte, in welcher der Name Hardtmutli ein Ehrenblatt einnimmt. Während das Alterthum keinerlei dem Bleistifte ähnliches Instrument kannte, wurde im Mittelalter das Blei in Form von Scheiben oder kantigen Stücken zum Liniren verwendet. Erst im vierzehnten Jahrhunderte gibt es eine Art Bleistifte, längliche Stückchen Blei oder Silber, mit welchen auf gekreideten oder überstäubten glatten Flächen die Zeichnung eigentlich mehr eingeritzt als eingezeichnet wurde. Erst zu Anfang des fünfzehnten Jahrhunderts erfand man in Italien eine Mischung von Blei und Zinn, die es ermöglichte, Zeichnungen im Sinne unserer heutigen verwischbaren Bleistiftzeichnungen, wenn auch mit einem wenig brauchbaren Materiale, herzustellen. Dass man diesem die Kreide und den Rothstift vorzog und damit auch wirklich Hervorragendes in der Zeichenkunst leistete, ist leicht begreiflich. Mit dem Jahre 1764 begann nun für die Entwicklung des Zeichneninstrumentes, das deutliche, in der Schattirung verschiedene und dabei leicht verwischbare Zeichen liefern sollte, ein neuer Abschnitt, denn in diesem Jahre wurde in. England die Graphitgrube in Borrowdale (Cumberland) entdeckt Im selben Jahre schon wurden die ersten Bleistifte aus Graphit, also die ersten des heutigen Bleistiftgeschlechtes, erzeugt, indem man den Graphit in'kleine Stäbchen zersägte und diese in Holz fasste. Diese Bleistifte wurden von den Künstlern aller Länder freudigst als wahre Kostbarkeiten aufgenommen und mit riesigen Preisen bezahlt. Ein Kilogramm dieses Graphites kam auf mehr als 190 fl. zu stehen. Aber trotzdem die .Ausbeutung der Grube auf nur 6 Wochen iü jedem Jahre eingeschränkt und die Ausfuhr des unverarbeiteten Materials streng verboten war, wurden die Gruben von Borrowdale dennoch gänzlich erschöpft. Vergebens versuchten die Engländer die Graphitreste und die zur directen Verwendung unbrauchbaren Graphitsorten durch Pulverisirung, Peinigung und Bindung mit verschiedenen Klebstoffen für die Erzeugung guter Bleistifte zuzubereiten. Alle Bemühungen blieben umsonst. Zu jener Zeit, in der Mitte des 18. Jahrhunderts, waren auch in Frankreich und Bayern Bleistift-Fabriken entstanden, welche von dem harten Schlage mitgetroffen wurden und gleichfalls vergebens versuchten, <Ünen besseren Stoff für ihre Bleistifte m gewinnen. Da trat im Jahre 1790 die^Geschichte der Bleistift-Fabrikation abermals in eine neue Aera. Es gelang nämlich Josef Hardtmuth in Wien und Conte in Paris gleichzeitig ein Mittel zu finden, welches im Stande war, den Cumberlandgraphit nicht nur zu ersetzen, sondern sogar zu übef treffen. Die Erfinder vermengten nämlich den feiugepulverten geschlemmten Graphit mit Thon und erlangten dadurch Massen von gewünschten verschiedenen Härtegraden. — 6 — Damit war natürlich der Bleistift-Erzeugung ein neues und weites Feld eröffnet. Der Erfinder dieses Verfahrens, Josef Hardtmutli, ist der ~ Gründer der lieoite in voller Bllithe stehenden Fabriksunternehmung der Firma L. & C. Hardtmutli. Er war der Sohn des Tischlermeisters Anton Hardtmutli und wurde in Asparn, Niederösterreich, geboren. Der geistig hoch veranlagte Josef Hardtmutli wurde von seinem Oheime, dem Baumeister Meissl, in der Baukunst eingeführt, studirte in Wien, entwarf dort die Plane für den monumentalen Palast des Fürsten Liechtenstein und wurde zum fürstlichen Baumeister und später zum fürstlichen Baudirector ernannt. Im Jahre 1790 gründete er die Bleistift- und Steingut- Fabrik in Wien. Diese nahmen in Folge der erwähnten Erfindung einen glänzenden Aufschwung. Im Jahre 1828 übernahmen die Söhne Josef Hardtmuth’s Carl und Ludwig die Fabriken. Als Ludwig im Jahre 1861 starb, führte Carl jene allein mit grosser Tüchtigkeit weiter. Aber in der Hauptstadt erreichten die Erzeugungskosten eine so empfindliche Höhe, dass sich Carl Hardtmuth entschloss, die Fabriken nach dem südlichen Böhmen und zwar nach Budweis zu verlegen. Sein Sohn, unser jetziger hochgeehrter Chef, Herr Franz v. Hardtmuth, war für die Mitarbeiterschaft in dem grossen Unternehmen bestimmt. Er beendete im Jahre 1852 seine technischen Studien in Wien und trat als Theilhaber in die Firma ein. Die Fabrik gelangte durch die unermüdliche Wirksamkeit dieser neuen Kraft, welcher so tüchtige Kenntnisse und die Fähigkeiten sie auszunützen zur Verfügung standen, zu kräftiger Entwicklung, so dass sie heute einen wohlverdienten Weltruf besitzt. Die Bleistift-Fabrik hat nahezu alljährlich Erweiterungen erfahren, die meisten Arbeiten werden mit sinnreich construirten Maschinen — (theilweise sind dieselben nach Angaben des jetzigen — 7 — Chefs construirt) — erzeugt. Das Quantum der jährlichen Erzeugung beträgt dermalen mehr als 300.000 Gross Bleistifte, welche zu mehr als 2 / 3 Theilen aus Florida-Cedernholz liergestellt werden. Der Versandt geschieht nach allen Theilen der Erde und die Firma zählt königlich britische Regierungsämter, sowie die britischen Colonial - Regierungen, dessgleichen die grossen englischen Eisenbahnen zu ihren hervorragendsten Kunden. Die Zahl der Arbeiter und Arbeiterinnen der Bleistift-Fabrik allein erreicht heute die Zahl von 600, die Gesammtzahl der Arbeiter ungefähr 1100. AVer nun die Räume regen, fleissigen und steten Schaffens, unsere Fabrikssäle, betritt und dort die Arbeiter und Angestellten beobachtet oder wer dies auch ausserhalb ihrer Arbeitszeit thut, der wird im grossen Allgemeinen eine Zufriedenheit mit ihrer Lage, eine treue Anhänglichkeit an ihren Arbeitsgeber finden, wie dies in jetziger Zeit, der Aera der Classenverhetzung, der Umsturzideen, nicht zu erwarten wäre. Die treue unentwegte Anhänglichkeit fand ihren klarsten und thatkräftigsten Ausdruck in jener Zeit vom 30. April zum 1. Mai, wo wie eine gefahrvolle, gewitterschwere Wolke der Socialismus in ganz Europa sein Dasein in wuchtiger AVeise bemerkbar zu machen beabsichtigte. Damals meldete sich freiwillig die Arbeiterschaft dieser Fabrik, um den Schutz des Eigenthumes ihres Arbeitsgebers zu übernehmen. Aber es vergeht auch sonst keine Gelegenheit, wo nicht die Arbeiterschaft in unzweideutigster AVeise zeigt, dass sie ihrem Fabriksherrn in warmer Freundschaft zugethan ist. Fragen wir nach den Ursachen so erfreulicher Erscheinungen, so finden wir, dass Franz von Hardtmuth den Arbeitern jederzeit ein menschenfreundliches liebevolles Entgegenkommen zeigte und für ihr materielles und ideales Wohl zu sorgen sucht. Noch bevor der Staat daran dachte, — 8 — dass für den in Ausübung’ seines Berufes verunglückten oder für den erkrankten Arbeiter gesorgt werden müsse, hat Franz von Hardtmutli im Jahre 1847 die Betriebskranken- und Unfallcassa und die Leichenbestattungscassa eingeführt. Wir alle haben erfahren, wie segensreich diese Einrichtungen wirkten. Jedoch es genügte ihm nicht, materielle Hilfe durch diese Einrichtungen allein zu spenden. Bei jedem Unglücksfalle, welcher den Einen oder den Andern von uns heimgesucht, war er es, der mit tröstendem Zuspruche, mit Freundeswort, aber auch mit Freundes that unterstützend eingriff. Aber Franz v. Hardtmuth war auch sonst immer bestrebt, mit seinen Arbeitern in inniger freundschaftlicher Berührung zu stehen. Besonders bei den Fabriksbällen zeigte er und die Seinen, dass sie sich und die gesammte Arbeiterschaft der Fabrik als eine grosse Familie betrachten, deren Mitglieder im freundlichsten Verkehre stehen. Und als das grosse Wasserunglück heuer Budweis und damit viele Fabriksarbeiter traf, da war er bestrebt, durch reiche Spenden an dieselben die Verluste zu ersetzen und das Unglück wett zu machen. Dass all diese Liebe wiederum in den Herzen seiner Angestellten Liebe erwecken musste, ist leicht begreiflich. Damit hat er aber das wirksamste und vielleicht einzige Mittel gefunden, die sociale Frage zu lösen, nämlich: dem Arbeiter einen für seine Bedürfnisse voll ausreichenden Lohn zu geben, für seine Zukunft zu sorgen und durch liebevoll menschliche Behandlung in ihm das Gefühl der Zufriedenheit mit seiner Lage zu erwecken. Dass eine Fabrik unter solcher Führung und mit so treu gesinnten Arbeitern auch Tüchtiges zu leisten vermag, das zeigt der Weltruf, den sie sich errungen, das zeigen die vielen Auszeichnungen, welche sie und ihr Chef erhalten haben. — 9 — Auf allen Weltausstellungen wurden den mannigfaltigen Artikeln hohe Preise zu theil, so erhielten sie auf der Wiener Ausstellung im Jahre 1873 das Ehrendiplom und im Jalire 1878 auf der Pariser Ausstellung die goldene Medaille. Herr Carl Hardtiiiuth erhielt in Anerkennung seiner Verdienste auf dem Berufsfelde der Industrie von Sr. k. u. k. ap. Majestät Kaiser Franz Josef I. im Jahre 1873 den Franz-Josef-Orden und den erblichen österreichischen Adel und Frankreich zeichnete ihn durch die Verleihung des Ritterkreuzes der Ehrenlegion aus. Im Jahre 1880 wurde Herrn Franz von Hardtmuth der Orden der Eisernen Krone 3. Classe, sowie vom Sultan der Medschidje- Orden 4. Classe nebst der Titel des kaiserlich türkischen Hoflieferanten verliehen. Aber alle diese Auszeichnungen waren ihnen nur Anregungen, immer weiter vorwärts zu streben auf dem Gebiete ihres industriellen Unternehmens, rastlos zu schatfen und zu wirken, um immer wieder Neues und Gutes hervorzubringen. Und das Streben wurde bisher mit schönem Erfolge gekrönt. Das Unternehmen erweiterte sich von Jahr zu Jahr und seine Erzeugnisse nehmen einen Siegeslauf durch die Handelswelt. Für die engere Heimath, für Südböhmen, ist die Fabrik bereits zum dauernden Segen geworden, denn sie ernährt viele Hunderte von Leuten und hat den industriellen Unternehmungsgeist in Südböhmen gefördert, damit aber den Wohlstand der Bevölkerung gehoben. So kommt es, dass bei zahlreichen Anlässen der Chef der Firma Gegenstand lebhafter Ovationen von Seiten der Bevölkerung, insbesondere von Budweis, wurde. Aber nicht nur für Südböhmen ist der Bestand und die Wirkung der L. & C. Hardtmuth’schen Fabriken ehren- und segensvoll — auch für die ganze Monarchie haben sie grosse Bedeutung. Der Erfindungsgeist und die Schaffenslust Josef Hardtmuth’s und aller seiner Nachfolger waren es, welche Oesterreich in Bezug auf — 10 — die Bleistift-Fabrikation nicht nur unabhängig gemacht, sondern sogar eine starke Ausfuhr ermöglicht haben. Herr Franz von Hardtmutli war es, welcher die Ofen-Fabrikation in der öst.-ung. Monarchie schuf, indem er die bis dahin übliche Arbeitsweise der Hafner, die Oefen durch Ueberschlagen zu formen und zu erzeugen, verliess, und Oefen und Caminc mittelst Formen herstellte. Herr Franz von Hardtmuth kann vollkommen das Recht für sich in Anspruch nehmen, die Fabrikation der Thonöfen in Oesterreich - Ungarn begründet zu haben. Ist es schon ruhmvoll, dass der Name eines österreichischen Industriellen auf allen Märkten der Welt mit Achtung genannt, dass seine Erzeugnisse den besten Fabrikaten des Auslandes nicht nur ebenwerthig gegenüber stehen, sondern sie sogar übertreffen, so ist auch anderseits der hohe staats- öconomische Werth der namhaften Ausfuhr nicht zu verkennen. Aber die Hardtmuth’schen Fabriken haben auch Weltbedeutung, denn jeder Fortschritt auf irgend einem culturellem Gebiete bringt auch die Menschheit ein Stück in ihrer geistigen Entwicklung vorwärts. Nun ist aber, wie ich schon ausgeführt habe, gerade der Bleistift ein unentbehrliches Werkzeug für Kunst, Wissenschaft, Handel und Verkehr geworden. Seine Vervollkommnung, seine Verbesserung bei gleichzeitiger Verbilligung, wie durch die Hardt- muth’sche Fabrik, bedeutet demnach auch einen Vortheil für die genannten Pulsadern der Cultur. Wir feiern heute den 100. Jahrestag der Fabriksgründung und haben uns hier alle zusmmengefunden, wie die Mitglieder einer Familie, um die Gefühle der Freude und Rührung, die Gefühle treuer Anhänglichkeit an unsern Chef zum Ausdrucke zu bringen. Mit uns zugleich werden alle Jene des heutigen Tages freundlich und freudig gedenken, welche mit dem Etablissement durch die tausendfachen Fäden in Verbindung stehen, mit denen das Welthaus den Erdball in geschäftlicher Beziehung umspannt. Ich weiss, dass ich aus Aller Herzen rede, wenn ich den tiefgefühlten Wunsch ausspreche, dass das Etablissement auf den bisher betretenen Bahnen rüstig fortschreite, auch künftighin nach Innen und Aussen hin seine Siege erringe und den Platz voll behaupte, den es in cultureller, patriotischer und arbeiterfreundlicher Beziehung einnimmt. — w * * * Der Rede folgten brausende Hochrufe. Die Angestellten überreichten sodann als Festgeschenke ein trefflich ausgeführtes Portrait des Vaters des Chefs, des verstorbenen Herrn Carl Edlen von Hardtmuth, ein Werk des Malers Seeligman, ferner einen silbernen Pokal und eine mit künstlerischem Geschmack ausgeführte Glückwunsch-Adresse. Im Laufe des Vormittags erschien der Bürgermeister von Budweis, Herr J. K n e i s s 1, welcher im Namen der Stadtgemeinde Glückwünsche darbrachte, ferner die Officiere des k. k. privilegirten Scharfschtttzeneorps unter Führung des Commandanten, Herrn Josef Knapp, und überreichten dem Ehrenhauptmann des Corps, Herrn Franz von Hardtmuth, ein kunstvoll ausgeführtes Tableau unter einer überaus herzlichen Ansprache von Seite des Commandanten. Von allen deutschen Vereinen von Budweis und von Nah und Fern langten Glückwünsche ein. *• & # Am selben Abend veranstaltete im glänzend geschmückten Deutschen Vereinshause Herr v. Hardtmuth für die Beamten- und Arbeiterschaft einen Ball, bei welchem von geladenen Gästen u. A. erschienen waren: Se. Excellenz Herr Feldmarschall-Lieutenant Anton Freiherr von Walther-Burg, Herr Generalmajor Hugo Fleck v- Falk hausen, Herr Oberst Baron von Henikstein, und viele andere k. u. k. Officiere, Herr k. k. Statthaltereirath Paris, Herr Oberfinanzrath Lechky und der Commandant des k. k. priv. Scharfschützencorps, Herr Josef Knapp, mit mehreren Officieren des Corps, k. k. Beamte, Professoren, sowie sämmtliclie Angestellte der Firma. Im Ganzen waren einschliesslich der Arbeiter und deren Familien über 1200 Personen anwesend. Der Ball wurde unter den Klängen des von Herrn Franz von Hardtmuth componirten Jubiläumswalzers von Herrn Pia v. Hardtmuth eröffnet und hierauf dem Tanze in ausgiebigster Weise gehuldigt. Im Laufe des Abends hielt Herr v. Hardtmuth folgende oft von stürmischem Beifall begleitete Rede: « ch feiere heute den 100jährigen Bestand meines Hauses und , somit ebenso das Andenken an meine Vorfahren: weiland den genial veranlagten Gründer meines Hauses Josef Hardtmuth, sowie jenes meines unvergesslichen, seligen Vaters und Onkels — Carl und Louis Hardtmuth. 100 Jahre — ein Nichts im rastlos dahin eilenden Strom der Zeit — von nur geringer Bedeutung in der Weltgeschichte — umfasst, im gegebenen Falle, doch einen gewaltigen Zeitabschnitt, der Zeugniss gibt für das einstige gediegene Schaffen meines Grossvaters, wie von dem zielbewussten Streben und Arbeiten meines seligen Vaters. Ein Zeitabschnitt, der die Arbeit dreier Generationen in sich schliesst, und somit die Stetigkeit des Bestandes eines bürgerlichen Hauses darthut. — 13 — Das abgelaufene Jahrhundert war reicher, wie je eines zuvor, an epochemachenden Erfindungen, die mehr oder weniger alle von einschneidender Wirkung auf die Industrie waren. In das verflossene Jahrhundert fiel, nebst vielen anderen, die Erfindung des Dampfes als Kraft mit seiner tausendfältigen Anwendung, sowie wir ihm die Dienstbarmachung der Electricität zu verdanken haben, deren geheimnissvolle Kraft und Wirkung wir noch vor kurzem für märchenhaft gehalten hätten. Jede Industrie musste sich all’ dieses Neuen bemächtigen und zunutze machen — wollte sie nicht durch den von Westen kommenden, mächtigen Strom der Concurrenz überfluthet — durch die Welle der Neuzeit hinweggescliwemmt werden., Aber auch in politischer und socialer Beziehung war das zurückgelegte Jahrhundert reich an verhängnissvollen Momenten, von welchen jedes einzelne danach angethan war, selbst die Grundfesten eines mächtigen Staates zu erschüttern, geschweige ein schwach gefügtes Gebäude in Trümmer zu schlagen und zu vernichten, so dass — fasse ich diese zum Theil selbst erlebten Ereignisse zusammen — ich wohl das berühmte Dichterwort umkehrend, sagen kann: „Das Jahrhundert hat uns in die Schranken gefordert.“ Selbst das Bank- und Creditwesen hatte bis zur zweiten Hälfte des Jahrhundertes im Argen gelegen, so dass es einer österreichischen Industrie schwer wurde, mit den westlichen Staaten gleichen Schritt zu halten, die sich längst jener Hilfe zu erfreuen hatten, die für die Industrie noting erscheint. Während dieser misslichen Zeitperiode haben treue Freunde sich dem Hause umso enger angeschlossen, und es freut mich, dem einen, meinem lieben Vetter Theodor Hardtmuth, meinen herzlichen Dank persönlich aussprechen zu können. 14 — Leider muss ich mich darauf beschränken, meines Jugendfreundes, Herrn Vincenz Ritter von Miller, in Dankbarkeit aus der Ferne zu gedenken, der mit seltener Freundschaft und unerschütterlichem Vertrauen in hochherziger Weise meinem Hause mit Rath und That zur Seite stand. Ebenso hatte sich mein Haus der wohlwollenden und freundlich werkthätigen Unterstützung von Seite des durchlauch. fürstlichen Hauses Schwarzenberg zu erfreuen, mit welchem das meine die Ehre hatte, durch ein Jahrhundert in geschäftlicher Verbindung zu stehen. In allen diesen Fällen wird die meinem Herzen tiefeingegrabene Dankbarkeit bestehen und erst mit seinem letzten Schlage enden. So sei es mir auch gestattet, den verehrten, anwesenden Vorständen der k. k. Behörden, sowie deren Vorgängern, in meinem und im Namen aller, die zu meinem Hause gehören, den wärmsten Dank für das mir jederzeit bezeugte freundliche und fördernde Entgegenkommen auszudrücken. Nicht weniger drängt es mich, meinen verehrten Mitbürgern, die da thätig sind in der löbl. Bezirksvertretung, wie im Gemeinde- rathe, für ihre mir so oft erwiesene freundliche Gesinnung meinen verbindlichsten Dank auszusprechen. Und nun erfülle ich eine heilige Pflicht, indem ich meiner Hilfsarbeiter gedenke, sei es solcher von der Feder — die da calculiren, combiniren, acceptiren oder registriren, sei es jener, die im Schweisse ihres Angesichtes den Meissei, den Schlägel führen, die das schnurrende Rad, die Kelle schwängen, die die Aexte zwingen, die die Hobel führen, die da formen, modelliren, die in Farben jubiliren — gehören sie doch alle zu mir und meinen Werken, wie ich zu ihnen. Es ist das keine gewöhnliche Arbeiterschaft, die mir hilft, sie hat in heikein Momenten mit richtigem Tact, mit treuem Sinn — 15 — muthig ihren Rechtlichkeitssinn bewährt, so dass ich mit Stolz auf sie blicke. — Diese Arbeiterschaft hat mir während eines Unglücks, das mein Haus betroffen, Proben ihres Könnens gegeben, die weit über meinem Wollen standen, was unvergessen bei mir bleibt. Der Geist, der ihr innewohnt, wurde durch die seltene Humanität und Menschenfreundlichkeit meines seligen Vaters gepflanzt und grossgezogen, und hätte er sich kein anderes Verdienst um mein Haus erworben als dieses, so ist es doch das grösste. Wir stehen uns aber auch nicht gegenüber wie Herr und Diener, oder, wie man heutzutage sagen soll, wie Arbeitsgeber und Arbeitsnehmer — wir stehen nebeneinander, wir stehen für einander ein! Ich kenne den harten, zähen Stahl, aus dem sie geformt und weiss, dass sie nichts weiter als der Arbeit bedarf, um glänzend, von jedem Rostflecken frei, bewahrt zu bleiben. Wie Ihnen eine hohe Decoration an meiner Brust zeigt, wurde mir ein Zeichen allerhöchster Anerkennung seitens unseres erhabenen Monarchen zutheil. Das Verdienst für dieses Zeichen, verliehen für meine erfolgreiche Arbeit, nehme ich dankerfüllten Herzens zum einen Theil für mich in Anspruch, während es zum andern Theile Ihnen zufällt, die mir geholfen haben, meine Ideen zu verwirklichen, meine Werke zur Geltung zu bringen. Zu dem Gefühle der innigsten Dankbarkeit, welches mich für dieses Zeichen allerhöchster Gnade bewegt, gesellt sich das Bewusstsein, in unserem allgeliebten Kaiser den Geber, den sorglichen Förderer der Arbeit und Beschützer der Arbeiter zu erblicken. — 16 — Icli fordere Sie daher auf, mit mir einzustimmen in den vom Herzen dringenden Rufe: „Gott schlitze, Gott erhalte unseren geliebten, erhabenen Monarchen, Se. Majestät der Kaiser Franz Josef lebe Hoch! Hoch! Hoch! * * * Begeisterte, den ganzen Saal durchbrausende Hochrufe folgten dieser Rede, die Musikcapelle intonirte die Volkshymne. Der Ball, bei welchem die Arbeiterschaft reichlichst bewirtbet wurde, nahm bei bester Stimmung seinen Fortgang und mit ihm endete das Fest. * * * Ueber dieses Fest schreibt die „Budweiser Zeitung“ : „Die Arbeiter fühlten, dass derjenige zu ihnen gesprochen in warmen Herzenstönen, der ihnen nicht Herr und Arbeitsgeber, sondern Freund und Vater ist, der ihr und ihrer Familie Leben schützt mit sorglicher Hand, mit nimmermüder Umsicht, mit aufopfernder Hingabe. Kein stolzer Fabriksherr, kein strenger Gebieter, kein unnahbarer ßrodgeber hatte gesprochen, der erste, der eifrigste Arbeiter hatte mitten in der Schaar der Seinen der schönen Harmonie gedacht, die jahrelange gemeinsame Arbeit, freudiges zielbewusstes Schaffen in die Räume der Hardtmuth’schen Fabriken gepflanzt. Ein Band, gesponnen aus tausenden Fäden gegenseitiger Liebe und Sorge, umschlingt fest und unzerreissbar den Fabriksherrn und seine Arbeiter. Von der Stätte solchen Einklangs fliehen die finsteren Dämonen des Umsturzes und der Verbitterung. Wo die Menschenrechte so werkthätige Achtung, so liebevollen Schutz erfahren, zertheilt sich das Gewölk das andere minder hochsinnige, minder selbstlose, minder gewissenhafte Arbeitsgeber Uber unser Jahrhundert heraufbeschworen und es erhebt sich der Genius des Friedens, des Fortschrittes, des Erfolges, seine Fittige über das Dach des ersten wie des letzten Arbeiters dieses Hauses breitend.“ 18 -- F-11740 TMW Bibliothek &.WI- ~~w* .vy