luckenbibi'YÜiök Lcheilöcksmmbi ii --tu, KML Die Rrbeik MitKebensverbMisse der Wiener johnarbeilmnnen. Ergebnisse und stenographisches Protokoll' der Gnquete über Irauencrrbeit abgehalten in Wien vom s. Alärz bis 2s. April s8y6. Wien, 1897. Lrste Wiener Volksbuchhandlung (Ignaz Brand). L7 Sy D Druck von L. Bergmann L Comp. in Wien. Einleitung. der socialen Gruppe der Ethischen Gesellschaft zu Wien wmde der Gedanke angeregt, die Lohnverhältnisse der Wiener Arbeite- rinnen zunl Gegenstände einer Erhebung zu machen. Dies führte zu Besprechungen in einem weiteren Kreise und zur Einsetzung einer Commission behnfs Veranstaltung einer Enquete über die Frauenarbeit in Wien; es sollten nicht nur die Lohne, sondern auch die gesummten übrigen Arbeits- und Lebensverhältnisse der Wiener Arbeiterinnen festgestellt werden. An Stelle der ursprünglich geplanten Erhebung durch Fragebögen wurde die mündliche Vernehmung vor der Com mission in Aussicht genommen. Die Zusammensetzung der Commission fand in der Weise statt, daß an die Vertreter der verschiedensten Richtungen, an iuteressirte Vereinigungen und an einzelne, durch ihre Stellung oder Thätigkeit hiezu berufene Persönlichkeiten herangetreten wurde. Es nahmen an der Commission Männer und Frauen, Angehörige der liberalen, demokratischen, christlich-socialen, socialdemokratischen und jungczechischen Partei theil, worunter mehrere Reichsraths-Abgeordnete, ferner Hochschulprosessoren, Beamte des Staates, der Gemeinde und der n.-ö. Handels- und Gewerbekammer, Advocaten, Aerzte, Schriftsteller, Vertreter von Gewerkschaften und anderen Arbeitervereinen, endlich eine Anzahl von Unternehmern, obwohl die Bemühungen, mehr Angehörige dieses Standes für die Commission zu gewinnen, von geringem Erfolge begleitet waren. Das Verzeichniß der Commissionsmitglieder ist im Anhang ersichtlich. Zum Vorsitzenden wurde Professor von Philippovich gewühlt, das verantwortungsvolle und mühsame Amt des Geschäftsführers übernahm das Connnissionsmitglied Dr. Friedrich Frey. Die Commission eröffnete nach Beendigung der Vorbereitungsarbeiten ihre Verhandlungen am 1. März 189«; und setzte dieselben bis zum 21. April 1896 fort, die Vernehmungen beanspruchten im Ganzen 99 Sitzungen mit einer Gesammtdaner von 118-/, Stunden, wovon zwölf Sitzungen mit zusammen 41 Stunden an Sonn- und Feiertagen in der Zeit von 9 Uhr Früh bis Uhr Abends, 29 Sitzungen mit zusammen 77'-/. Stunden an Werktagen in der Zeit von 7 bis '/ 2 I 2 Uhr Abends abgehalten wurden. Ein Theil der Nachmittags- Sitzung vom 19. März 189«; mußte, da das stenographische Protokoll IV in Verlust gerathen war, unter Zuziehung derselben Commissions- mitglieder und Experten am ö. Juni 1806 wiederholt werden. Bei jeder Vernehmung functionirte ein Commissionsmitglied als Vorsitzender und vier bis sechs Beisitzer nach einem einverständlich festgesetzten Turnus, doch stand es jeden: Eommissionsmitglied frei, an allen Sitzungen als Beisitzer theilzunehmen. Die Fragestellung erfolgte zuerst durch den Vorsitzenden und dann durch die Beisitzer unter Benützung eines von Dr. Leo Verkauf entworfenen Fragebogens (st Anhang), der jedoch nur eine allgemeine Richtschnur geben sollte und an den kein Commissionsmitglied gebunden war. Gewöhnlich wurden die Arbeiter und Arbeiterinnen einer Branche zusammen einvernommen. Da es schwierig war, von den Frauen, welche in der Regel nur Theilarbeilen verrichten, ein Bild des ganzen technischen Processes in dem betreffenden Gewerbe zu erlangen, so wurde vorerst über diesen Punkt ein männlicher Experte vernommen, außerdem kamen von Männern Vertreter der Gehilfenschaft und der Klrankencassen zu Worte. Sodann wurden die Frauen über ihre Beschäftigung und Verhältnisse befragt. In einer späteren Sitzung kamen sodann die Unternehmer zu Worte, wobei außer dem Fragebogen auch die vorher abgegebenen Aussagen der Arbeiter als Grundlage der Befragung dienten. Die Zahl der Experten belief sich auf 260, worunter ö0 männliche, 181 weibliche Arbeiter, 20 Unternehmer und einige andere sachkundige Personen. Die Beschaffung der Experten erfolgte auf verschiedene Weise. Die Arbeiter wurden durch Vereine und Gewerkschaften, durch Gehilfenobmünner der Gewerbegenossenschaften und auf Vorschlag von Commissionsmitgliedern nominirt, auch erboten sich Arbeiterinnen freiwillig zur Ausknnfts- ertheilung oder wurden — offen oder versteckt — von Unternehmern zur Vernehmung angemeldet. Thatsächlich waren nur die socialdemokratischen Organisationen in der Lage, eine größere Zahl von Expertinnen zu bezeichnen, die christlich-sociale Partei konnte keine einzige beistellen. Alle rechtzeitig bezeichneten Experten gelangten zur Abgabe ihrer Aussagen. Allerdings waren Expertinnen aus einer Reihe von Branchen, insbesondere aus solchen, wo Angehörige der Mittelstände in Verwendung stehen, z. B. Telegraphistinnen, Telephonistinnen, Tabak-Trasikantinnen rc., schwer oder gar nicht zu bekommen, da die Furcht vor den Folgen der Aussage Viele abhielt. Auch eine der bestorganisirten Arbeiter- gewerkschaften hielt es für angemessen, das Erscheinen von Experten zu verhindern. Noch schwieriger gestaltete sich die Heranziehung von Unternehmern zur Expertise. Trotz vielseitiger Bemühungen seitens der Commissionsmitglieder, insbesondere auch jener, welche dem Verbände der n.-ö. Handels- und Gewerbekammer angehören, trotz mehrmaliger öffentlicher Aufforderung in den Zeitungen erklärte sich nur eine geringe Zahl von Unternehmern bereit, vor der Commission auszusagen, und auch ein Theil dieser angemeldeten Experten zog es nachträglich vor, der an sie ergangenen Einladung zu den Sitzungen nicht zu entsprechen, ein anderer Theil wollte sich darauf beschränken, Erklärungen abzugeben, und acceptirte nur ungern die Fragestellung seitens der Commission. Die Sitzungen der Commission waren wohl mit Rücksicht aus die sonst zu erwartende Gefährdung der Arbeiter-Experten nicht öffentlich, doch wurde jedem Unbeteiligten auf seinen Wunsch von Fall zu Fall der Zutritt gestattet, wovon eine namhafte Zahl von Personen reichlichen Gebrauch machte. Fast täglich waren Functionäre der Behörden, insbesondere der interessirten Ministerien, der politischen Verwaltung und des Gewerbe-Jnspectorats, häufig auch Mitglieder der Handels- und Gewerbekammer bei den Sitzungen zugegen, durch welche Thatsache die unparteiische Führung der Verhandlungen am besten gekennzeichnet ist. Wie sehr jedoch die Commission Recht hatte, die unbedingte Zugänglich- machuug der Enquete für Jedermann auszuschließen, beweist am besten der Umstand, daß die Expertise eine Reihe von Maßregelungen zur Folge hatie, deren Zahl sicher noch größer gewesen wäre, wenn die unbeschränkte Oefsentlichkeit eine leichtere Ueberwachnng der Einvernommenen seitens der Unternehmer ermöglicht Hütte. Die Verhandlungen wurden wortgetreu stenographisch ausgenommen, und überdies verfaßte ein Mitglied der Redaction der „Reichsraths- Correspondenz" einen Auszug, der unmittelbar nach den Sitzungen den Tagesblüttern zur Verfügung gestellt wurde. In anerkennenswerther Weise haben die meisten Wiener Journale der Enquete gegenüber eine sympathische Haltung beobachtet und die Referate ganz oder großenteils zum Abdrucke gebracht. Demgegenüber konnte die Commission über die heftigen Angriffe seitens einzelner, im Dienste bestimmter Interessen stehender Organe von geringer Bedeutung zur Tagesordnung übergehen. Die Auslagen der Commission, welche den Betrag von sl. :>0> >0 weit überschreiten, wurden durch freiwillige Beiträge, meist aus den Kreisen der Wiener Soeialpolitiker, überdies von der Ethischen Gesellschaft und einzelnen wohlwollenden Spendern bestritten. Die größten Kosten entstanden durch die stenographische Ausnahme und die Drucklegung des Protokolls, außerdem wurde den Experten aus dem Arbeiterstande die Zeitversäumniß nach einem bescheidenen Ansätze vergütet. Einen relativ nicht geringen Betrag nahmen auch die Entschädigungen an wegen der Expertise gemaßregelte Arbeiterinnen bis zur Erlangung eines neuen Platzes in Anspruch. Die LocalitÜten hatte die n.-ö. Handelsund Gewerbekammer in dankenswerthester Weise unentgeltlich zur Verfügung gestellt. Das stenographische Protokoll gelangt hiemit zur Veröffentlichung. Es war nothwendig geworden, dasselbe einer eingehenden Redaction zu unterziehen, deren Grundsätze in Nachfolgendem mitgetheilt werden. Die Commission hatte in Aussicht genommen, keinerlei meritorische Aenderung oder Weglassung vorzunehmen, lediglich die üblichen immer wiederkehrenden Fragen, Wiederholungen in der Aussage eines und desselben Experten, formelle Bemerkungen u. s. s. sollten eliminirt werden. Die peinlichen Erfahrungen, welche die Commission jedoch nach Abschluß der Enquete machen mußte, insbesondere die mehrfache Entfernung von Expertinnen aus ihrem Arbeitsverhültnisse, zwangen das Executiv-Comite der Commission, den Beschluß zu fassen, nicht nur bei der Namensnennung der Experten, sondern auch bei der Wiedergabe der Aussagen die größte Vorsicht walten zu lassen. Es mußten daher alle Angaben, durch welche die Personen der Vernommenen erkennbar gemacht werden, entsprechend redigirt werden. So bedauerlich diese VI Thatsache erscheinen mag, so kann die Commission doch nichts Anderes thun, als die Verantwortung hiefür Jenen aufzuerlegen, welche sie zu diesem Vorgang gezwungen haben, wobei aber die bündige Versicherung gegeben werden kann, daß weder Inhalt noch Tenor der Aussagen durch diese Redaction alterirt erscheinen. Es sind demnach im Texte sämmtliche weiblichen Arbeiter-Experten mit fortlaufenden N u m m e r n, die Unternehmer-Experten, sowie jene männlichen Arbeiter, die ausdrücklich ihre Zustimmung zur Veröffentlichung gegeben haben, mit Namen, die übrigen m ä nnliche n Arbeiter-Experten, welche eine solche Erklärung nicht abgegeben haben, mit fortlaufenden Buchstaben bezeichnet. Schon vorher war die Commission über die Frage der Namensnennung jener Unternehmer, deren Betrieb Gegenstand der Besprechung war, schlüssig geworden. Die Entscheidung erfolgte erst nach reiflicher Erwägung und lebhafter Tiscussion. Von der einen Seite wurde geltend gemacht, daß die Nennung erfolgen müsse, um den Aussagen eine erhöhte Garantie der Richtigkeit zu geben, auch deshalb, weil doch nur die Zustände eines einzelnen Betriebes geschildert seien und die Verschwendung der Namen unwillkürlich zu einer Verallgemeinerung der vorgeführten Thatsachen auf alle ähnlichen Betriebe führen würde. Dementgegen wurde auf die Gefahren der Namensnennung für die betreffenden Experten hingewiesen, es wurde hervorgehoben, daß es unbillig sei, einzelne Personen und ihren Geschäftsbetrieb in das Licht der Öffentlichkeit zu rücken, da doch die Absicht der Commission nur war, Zustünde zu schildern, und der einzelne Unternehmer unter dem Drucke der Cvnenrrenz gezwungen sei, bis zu einem gewissen Grade die allgemein übliche Produktionsweise zu acceptiren; es könnten daher vielleicht gerade solche Arbeitgeber bloßgestellt werden, bei denen relativ bessere Verhältnisse vorwalten; es sei dem Erfolg der Enquete nicht förderlich, wenn die irrige Meinung hervorgerufen würde, daß man darauf ausging, einzelne Unternehmer zu stigmatisiren, während es sich doch nur darum handelte, der Öffentlichkeit typische Bilder zu liefern. Den Ausschlag gab schließlich der Vorhalt, daß in England, der Heimat der besten Enqueten, theilweise die Anonymität gewahrt werde, ohne daß hiedurch die Glaubwürdigkeit und Wirksamkeit der Erhebungen erschüttert worden seien. Bei Redaction des Protokolls erwies sich jedoch die Weglassung der Namen als ungenügend zur Erreichung des gewünschten Zwecks, und es mußte vielfach eine Verallgemeinerung von Ortsangaben und anderen näheren Bezeichnungen, in wenigen Fällen die Weglassung einzelner Bemerkungen vorgenommen werden, wobei jedoch in keiner Weise der sachliche Inhalt berührt wurde. Dem Protokoll sind einige statistische Beilagen, insbesondere eine den Acten der Unfallversicherungs-Anstalt für Niederösterreich entnommene Zusammenstellung beigegeben, welche über die Löhne der bei dieser Anstalt rentenberechtigten Arbeiterinnen Aufschluß gibt. Durch das am Schlüsse des Bandes beigedruckte, von dem Commissionsmitgliede Dr. Ludwig Schüller mühevoll angelegte und möglichst vielseitig gestaltete Register soll die Benützung des Protokolls und die Auffindung der vorgebrachten Thatsachen erleichtert werden. Immerhin dürfte eine kurze Zusammenfassung der Ergebnisse dieser Enquete zweckmäßig und geeignet sein, die mühsame Leetüre der einzelnen Protokolle zu erleichtern. Der Werth, den man diesen Ergebnissen beimessen wird, wird allerdings stark von dem Grade der Vertrauenswürdigkeil der Vernommenen abhängig sein. In dieser Hinsicht seien die folgenden Bemerkungen gestattet. Die Aussagen der Experten wurden vielfach von der Unternehmerseite als einseitige und tendenziöse bezeichnet, im Großen und Ganzen gewiß mit vollem Unrecht. Wer an den Sitzungen theilgenommen hat, mußte, er mag sonst welcher Partei immer angehören, den Eindruck empfangen, daß sich die Experten ihrer Verantwortung wohl bewußt waren und daß sie entschieden die Wahrheit sagen wollten. Schon die Art, in der die Aussagen gemacht wurden, schließt eine tendenziöse Schilderung der Verhältnisse ganz aus. Mit Ausnahme mehrerer in der Wäscheconfection beschäftigten Personen, die sich selbst gemeldet hatten und die nicht genug Rühmenswerthes über den Betrieb, in dem sie beschäftigt sind, vorzubringen wußten, mußte aus den Expertinnen jede Einzelheit von dem Vorsitzenden und den Commissionsmitgliedern gleichsam herausgezogen werden. In der Regel schämten sich die meisten ihrer Noth und Hilflosigkeit, so daß sie, ohne darum gefragt zu werden, sie nicht eingestanden hätten. Ueberhaupt schien sich die große Mehrzahl mit Resignation in ihr oft recht unerfreuliches Geschick ergeben zu haben. „Wenn man am Abend aus der Fabrik kommt, so ist das so, wie wenn mall ein Pferd oder einen Ochsen aus dem Pflug spannt: man legt sich hin und denkt an gar nichts, auch daran nicht, daß man sich um eine bessere Stellung umschauen könnte." Dieser Allsspruch einer Expertin (Nr. 104, S. scheint uns für die Gemüthsverfassung eines großen Theiles der weiblichen Arbeiterschaft typisch zu sein. Leuten dieses Schlages liegt die Absicht, tendenziös schwarz zu malen, gewiß vollständig ferne. Nun wäre es ja immerhin möglich, daß die Angaben der Experten vbjeetiv unwahr wären, weil diese die Dinge einfach mit vorgefaßter Meinung betrachten und so, trotz oxtiina Käs, ein Zerrbild gebeil. Aber auch dies trifft gerade bei den weiblichen Experten nicht zu. Mit verschwindenden Ausnahmen stehen die arbeitenden Frauen in keiner Organisation, lind auch die organisirten stehen jeder Theorie so vollständig ferne, daß die Gefahr, ihre Aussagen seien von theoretischen Ueberzeugungen beeinflußt, nicht vorhanden ist. Was also von den Expertinnen über ihre eigensten Erfahrungen ausgesagt wurde, verdient vollen Glauben. Wie aus den: im Anhange abgedruckten Register ersichtlich ist, wurden Expertinnen aus den verschiedensten Industrie- und Erwerbszweigen vernommen, so daß man sich aus den Aussagen ein Bild der Wiener Industrie machen kann. Wenn wir von Maschinenfabriken absehen, in denen Frauen in geringer Zahl beschäftigt werden, können wir sagen, daß die Industrien, in denen große Arbeitermassen beschäftigt werden und theuere Maschinen aufgestellt sind, zum größten Theile von Wien weggezogen sind. Zurückgeblieben sind neben den Gewerben, die naturgemäß, wie das Baugewerbe und das Kleingewerbe, an einen bestimmten Ort gebunden sind, vorwiegend Mittelbetriebe oder solche Großbetriebe, die zwar eine Menge Arbeiter beschäftigen, VIII aber wenig oder gar keine werthvollen Maschinen gebrauchen. Für die Wiener Jndnstrieverhältnisse sind, soweit Frauen als Arbeiter in Betracht kommen, zwei Momente maßgebend: Die Wiener Industrie arbeitet vorwiegend Saisonartikel, und sie entbehrt nicht blos beim Kleinbetrieb und Mittelbetrieb, sondern auch häufig beim Großbetrieb einer eigens dazu erbauten Arbeitsstätte. Der größte Theil der Großindustrie hat also Wien verlassen und nur die Saison-Industrie ist hier geblieben, ja sie hat sich hier erst in dem heutigen Umfange entwickelt. Ganz naturgemäß, denn eine Industrie, die in jedem Momente genöthigt sein kann, ihre Arbeiterzahl zu ändern, muß sich an einem Orte ansiedeln, wo sie beständig, wie aus einem großen Becken Arbeiter entnehmen kann, um sie bei nächster Gelegenheit wieder zurückzugeben, ohne fürchten zu müssen, daß ihr diese Arbeiter durch Hungertod oder Wegzug für die nächste Saison verloren gehen. Beides ist in Wien nicht zu befürchten. Die todte Saison findet zwar in jedem Gewerbe eine Anzahl unbeschäftigter Arbeitskräfte, aber diese helfen sich über diese Zeit schlecht und recht hinweg, indem ihnen theils ihre Familienmitglieder, die in anderen Gewerben beschäftigt sind, eine Stütze bieten, theils das bewegte Leben der Großstadt ab und zu immer wieder eine Arbeitsgelegenheit gibt. Der Sitzgeselle, der für einen Confectionär arbeitet, arbeitet in der stillen Zeit für den einen oder den anderen minder zahlungsfähigen Kunden, und selbst dem Saisonarbeiter trab'6X0ollsn, dem Bau- und Erdarbeiter, gibt ein reichlicher Schneefall in den Wintermonaten Arbeit. Für viele weibliche Arbeiter muß auch manche unerfreuliche Erwerbsgelegenheit Ersatz bieten. Entsprechend ihrem Charakter als einer von der Saison stark beeinflußten Industrie, vermag die Wiener Industrie von Fall zu Fall ihre Arbeitsleistung bedeutend zu vergrößern. Neben die Ueberstnnden in der Werkstätte tritt die Arbeit in der Wohnung der Arbeiter. So nehmen die meisten Arbeiterinnen in der Saison noch Arbeit nach Hause und arbeiten in ihrer Wohnung noch mehrere Stunden. Dazu tritt die eigentliche Heimarbeit, die von Frauen als Nebenbeschäftigung neben den häuslichen Beschäftigungen betrieben wird. Indem sie zu Zeiten des stillen Geschäftsganges oft ganz aufhört und sich in der Saison durch Einschränkung der sonstigen häuslichen Arbeiten und die Mithilfe von Familienmitgliedern ausdehnen läßt, stellt sie die zweite Reserve der Industrie für die Campagne dar. Durchaus verwandt ist die Organisation der sogenannten Zwischen- meister. Das Capital bedient sich ihrer, um die eigene Werkstücke zu ersparen und der Nothwendigkeit, mit den Arbeitern direct verkehren zu müssen, enthoben zu sein. Trotzdem würde man dieser Organisation nicht völlig gerecht werden, wenn man sich nicht gegenwärtig hielte, daß auch sie geschaffen ist, dem wechselnden Bedarfe nach Arbeit abzuhelfen. Die Betriebe der Zwischenmeister sind die Cadres, in die nach Bedarf vom Standpunkte des Unternehmers automatisch mehr oder weniger Arbeitsstunden eingereiht werden können. Daß die Saisonarbeit für den Arbeiter vom größten Nachtheile ist, braucht nicht besonders hervorgehoben zu werden. Die Überanstrengung der Saison wird durch die Ruhe in anderen Monaten für den Organismus nicht wettgemacht, und der größere Verdienst zur IX Saison gleicht sich nicht mit dem geringeren zur stillen Zeit zu einem entsprechenden Durchschnittslohn aus. So kommt es denn, daß ein großer Theil der Saisonarbeiter regelmäßig genöthigt ist, gegen Ende der stillen Zeit Consumtionsschnlden zu machen, die sie an denGreißler, Bäcker u. s. w. binden. Und es erscheinen daher den Arbeitern Arbeitsgelegenheiten als äußerst begehrenswert!), auch wenn sie keinen hohen Lohn, aber doch Stetigkeit der Beschäftigung bieten. Charakteristisch dasür ist, daß die Tabakarbeiterinnen wegen ihrer stabilen Beschäftigung als Frauey gesucht sind (S. 456). Der zweite Fehler der Wiener Industrie ist ein empfindlicher Mangel geeigneter, sanitär untadelhafter Arbeitsstätten. Diese fehlen vor Allem den Zwischenmeistern, bei denen nicht selten in einem Arbeits- ranme, der zugleich als Schlafzimmer dient, eine größere Anzahl von Arbeitern zusammengepfercht werden (S. 456, 445). Aber auch größere Betriebe sind oft in durchaus ungenügenden Localen untergebracht. Es ist dahin zu rechnen, wenn ein Unternehmer der Metallwaarenbranche, der gegen 500 Arbeiter beschäftigt, eine ehemalige „Kegelbndel", in der eigentliche Fenster fehlen, in eine Werkstücke umgestaltet hat (S. 552). Manche Betriebe sind in Kellerränme verlegt, die Ventilation läßt zu wünschen übrig; ja in einen: Falle wird erzählt, daß sich ein Ventilator nicht anbringen läßt, da durch ihn das ältere Gebäude erschüttert werden könnte. Die Löhne der Arbeiterinnen lassen sich in drei Gruppen theilen. Die nicht qnalificirten Arbeiterinnen, oder auch die noch nicht geübten qualistcirten verdienen im Durchschnitte etwa sl. 4—5 wöchentlich. Die qnalificirten Arbeiterinnen verdienen fl. 5—7 wöchentlich (auch darüber). Die Löhne von sl. 8—10 und darüber sind die Löhne der Arbeiterinnen-Aristokratie, sofern sie regelmäßige sind und nicht ganz besonderer Anstrengung in der Saison entsprechen. Gerade an den Angaben über die Lohnverhültnisse läßt sich deutlich zeigen, wie groß die Verläßlichkeit der Angaben im Allgemeinen ist. Denn wenn auch die häufige Wiederholung von niedrigen Löhnen Erstaunen und in der Oeffentlichkeit Widerspruch gefunden hat, es ist doch aus unzweifelhaft verläßlichen, von den Unternehmern selbst gelieferten Materialien ein Bild der Frauenlöhne zu gewinnen, das mit den von der Enquete gewonnenen Daten durchaus übereinstimmt. Durch die Güte des Directors der niederösterr. Unfallversicherungs-Anstalt Herrn Kögler war die Commission in der Lage, eine Zusammenstellung der Löhne vornehmen zu lassen, welche die in den letzten Jahren durch einen Unfall betroffenen Arbeiterinnen gemäß den Lohnlisten der Unternehmer bezogen haben. Herr Walther Nothnagel hat sich der äußerst mühevollen Arbeit unterzogen, aus den Acten der Unfallversicherungs-Anstalt die auf die Löhne bezüglichen Daten auszuziehen. Bei der Verarbeitung des Materiales wurden nur jene Listen berücksichtigt, welche vollständig ausgefüllt waren, d. h. welche für jede Woche des Jahres den bezogenen Lohn enthielten. Und zwar wurde dieses Material wieder getrennt verarbeitet, je nachdem die Lohnnach- weisung den Bezug der vom Unfall getroffenen Arbeiterin selbst entrollt (effective Löhne) oder aber einen Lohn, den zwar nicht die zu Entschädigende, aber eine Arbeiterin der gleichen Kategorie bezogen hatte X «berechnete Löhne). Obwohl für die Zwecke dieser Untersuchung es gleichgiltig war, ob die Lohnsumme von der Arbeiterin oder U bezogen wurde, haben wir doch diese Trennung vorgenommen, um keinen Zweifel an der Correctheit des Materielles aufkommen zu lassen. In die eine Gruppe entfallen 283, in die zweite 509 Arbeiterinnen. Die Lohnperioden, auf welche sich die Erhebungen erstrecken, umfassen die Jahre 18^9—9ö. Aus diesen Zusammenstellungen, deren Details man in den im Anhange abgedruckten Tabellen entnehmen wolle, ergibt sich, daß die große Masse aller Arbeiterinnen, zwischen 70 und 74 Percent, Lohne bezieht, die zwischen sl. 3.-36 und 5'28 in der Woche schwanken. Diese, durch die individuellen Angaben reichlich bestätigten und umgekehrt auch die bestätigenden Ergebnisse des Materielles der Unfallver- sicherungs-Anstalt stimmen auch mit jenen Thatsachen überein, welche die Handels- lind Gewerbekammer in Wien in ihrem Ouinquennalberichte pro 1890 veröffentlicht hat, wonach die in der letzten Augustwoche des Jahres 1891 in den Groß- und Mittelbetrieben Wiens an Arbeiterinnen gezahlten Löhne sich in der Weise vertheilten, daß von sämmtlichen Arbeiterinnen entfallen: Aus die Nhnt'ategorie unter Gulden 3 3 — 5 5—6 6—3 8—10 10—12 über 12 in Großbetrieben Percent 5., 13., 25., 15.7 5.z 3.7 1.^ „ Mittelbetrieben „ 8.5 39.7 26 .z I6.2 6.« 2.» O.s Weit welliger gleich als die Löhne ist die Lebenshaltung. Denn diese hängt naturgemäß von den Familienverhältnissen der einzelnen Arbeiterin ab. Wenn z. B. der Mann wöchentlich sl. 16 verdient und eine Mutter zu Hause nicht blos die Wirthschaft besorgt, sondern noch einen Beitrag znr Wohnung zahlt, so würde z. B. die Expertin Nr. 1 sich in verhültnißmäßig günstiger Lage befinden, selbst wenn sie nicht als besonders qualisieirte Arbeiterin den hohen Wochenlohn von sl. 10 verdienen würde. Zwischen diesem behaglichen Leben und dem Leben der armen Ziegelarbeiterin «Nr. 91), die im Winter mit ihrem Manne wöchentlich sl. 7 verdient und mit diesem Lohne noch eine alte Mutter und sieben Kinder erhalten soll, gibt es unendlich viele Abstufungen ill der Lebenshaltung, von denen uns die Enquste eine ganze Reihe von Beispielen gibt. Im Mittelpunkt des Interesses liegt es natürlich, welches die Lebenshaltung einer Arbeiterin ist, die von keiner Seite eine Unterstützung bekommt und auch selbst keine ungewöhnlich hohen Lasten zur Unterstützung Anderer zu tragen hat. Es wurden deshalb einige Fälle ausgesucht, in denen dies nicht blos zutrifft, sondern in denen auch die Expertinnen ziemlich genaue Angaben über die Art und Kostspieligkeit ihrer Ernährung machten, so daß sich in groben Umrissen auch ein Haushaltungsbndget aufstellen läßt. Expertin N r. 0 6, Kleidermacherin, ist beiläufig fünf Monate außer Beschäftigung. In der übrigen Zeit (Saison) arbeitet sie von .3 Uhr Früh bis 7 Uhr Abends im Geschästslocale und dann noch zu Hause bis 1 Uhr Nachts. Sie verdient dann sl. 1'40 bis st. I'OO pro Tag. Sie zahlt für ein Bett in einem Zimmer, wo noch drei andere Personen «^darunter ein Ehepaar« schlafen, wöchentlich sl. 1. Sie gibt für das Frühstück 10 kr., das Mittagessen (Suppe, Fleisch und Gemüse) 20 kr. und für das Nachtmahl «Dhee und Butterbrot XI oder Fleisch) 15 kr. aus. Die Wohnung und gesummte Verpflegung kostet somit wöchentlich fl. 4-50. (S. 172.) ExpertinNr. 7 6, Miederstickerin, verdient fl. 5 bis 7 wöchentlich. Sie zahlt für ein Bett in einem Zimmer, in dem drei Personen schlafen, wöchentlich fl. 1; für Wäsche 20 bis 30 kr. Sie besucht alle Monat eine Nachmittagsvorstellung. Sie gibt für Nahrung täglich 3,0 kr. aus. Früh: Milch und Brot (6 bis 7 kr.), Gabelfrühstück: I Ei und Brot <4 kr.) oder Mittagessen: Butterbrot, Suppe oder Gemüse ; Jause: Milch und Brot oder Bier und Butterbrot; Nachtmahl: Butterbrot oder eine Wurst (3 bis 4 kr.). Ber- letzungeu vorgekommen, welche mehr als .Erankheitstage znr Folge halten. Auf eine Anzeige, welche an die Ecwcrbebehörde erstattet wurde, ist bis heute noch keine Antwort gekommen. Man hat die Lache einige Male nrgirt, nnd daraus hat man gesagt: Was soll da der Magistrat machen? Und es ist bis heute nichts geschehen. Ueber die Verhältnisse in der Branche der Eartonnagearbeiter werde ich nicht sprechen, weil sich dieselben ganz anders entwickelt haben. Tort ist die Arbeitszeit noch 11 Stunden, was bei der Buchbinderei nur selten anzutreffen ist. Der Lohn schwankt zwischen sl. 1'.">«> nnd K Die Mehrzahl dürste aber sl. l wöchentlich beziehen. B v r s inender: Ich erlaube mir die weitere Befragung dieses Herrn Experten auf den Nachmittag zu verlegen und bitte nun den Herrn Experten Hantschel uns Einiges bekanntzugeben. — Experte H a n t s ch e l: Tie Eartvnnagearbeit ist aus der Buchbinderei entstanden nnd ist eine Specialbranche. Tie Maschinen sind sehr primitiv. Seit den 1-7 Jahren, in welchen ich beim Geschäfte bin, wurden anfangs in der Regel die Eartons mit gewöhnlichen Messern, Schnitzern zugeschnitten. Später hat man eigene Maschinen zum Ritzen erfunden, dann solche zum Schneiden, endlich solche, die das Ritzen und Schneiden zugleich besorgen: diese letzteren sind jetzt in den Fabriken vorherrschend. Tiefe Maschinen ersetzen also zwei Arbeiter nnd zwei Maschinen. Wir haben auch Heftmaschinen und Ansstvßmaschinen. Tie Technik derselben ist sehr einfach, und man stellt einen Lehrbuben dazu oder eine Frau. Tie Lehrbuben werden meistens aus gedungen, aber der Herr Borstand der Eenossenichast hat keinen Einwauö dagegen erhoben, daß Meister viele Lehrbuben nnd Hilfskräfte aufnehmen, weil dieselben billig sind, auch wenn sie sich mehr Lehrjnngen aufnehmen, als sie eigentlich aufzunehmen berechtigt sind. Bei uns sind drei Lehrjnngen, die sämmtlich aufgednngen worden sind. Was die Werkmeister betrifft, so gibt es Werkstätten, in denen 7l>, oder 7«» Arbeiter sich befinden, wo der Wortführer einmal ein Ziegel- decker, das andere Mal ein Bronzirer, das dritte Mal ein Tischler ist. Bezüglich der Beschäftigung der fügend.ichen Hilfsarbeiter und Lehrbuben besteht bei uns die sogenannte Theilarbeit. Jeder kommt zu einer anderen Maschine nnd macht nur einen Theil der Arbeit. Ich bin nicht aufgednngen worden, sondern als Hilfsarbeiter eingetreten: aber bei unserer Branche lernt ein Hilfsarbeiter die Sache besser, als wenn er aufgednngen wird. Tenn ein Hilfsarbeiter wird, wenn ein Lehrjnnge fortgeschickt wird, zu einer Maschine gestellt; wird ein anderer fortgeschickt, so kommt er wieder zu einer anderen Maschine u. s. s. Dadurch lernt er alle Maschinen kennen, während ein Lehrjunge zwei, drei Jahre immer dasselbe macht. Tie männ- 17 lichen Hilfsarbeiter besorgen die Arbeiten des CartonvorrichtenS und Znschncidcns. Die Arbeiterinnen sind nicht bei den Zuschneidemaschinen, sondern bei den Heftmaschinen nnd beim Zusammenkleben beschäftigt. Die Anfängerinnen werden selten ansgedungen; von der großen Masse der Hilfs- arbeiterinnen sind nur vier ansgedungen worden. Die Arbeit geht folgendermaßen vor sich: Wenn der Carton zugeschnitten und aus vier Theile geritzt ist, so wird er dann aufgebogen. Die Umziehen« überzieht das mit Leim und überzieht dann die Schachtel, dann bekommt sie die Einschlägerin, welche das Papier oben nnd unten am Boden einschlägt. Die Anfängerin bekommt sl. l bis 2 wöchentlich, in manchen Fabriken bekommt sie in den ersten drei bis vier Wochen gar nichts, in anderen bekommt sie in der ersten Woche 50 kr., dann fl. l 5«>, und dann steigt der Lohn alle paar Wochen um lO kr. Der Lohn der fertigen Arbeiterin schwankt zwischen fl. 2 nnd 5. Es kommt selten vor, daß darüber gezahlt wird; das ist der Fall bei Ueberzicherinnen nnd Partiesührerinnen. Der TnrchschnittSlohn ist fl. 5 50 bis l 50. In unserer Fabrik spceiell sind noch leidliche Zustände, indem es Arbeiterinnen gibt, die sl. 5 bekommen. Beweis dessen ist, daß eine Arbeiterin zu uns gekommen ist nnd sagte, bei uns werde sehr hoher Lohn gezahlt, und die Arbeit müsse nicht so schnell verrichtet werden, während steh die Leute anderswo schinden müssen, um fl. 5 zu bekommen. Die Arbeitszeit ist anderswo zehn Stunden : es gibt Werkstätten, wo elf Stunden gearbeitet wird, nnd zwar sind dies keine kleinen, sondern solche mit 30 bis 35 Arbeiterinnen. Die Werkstätten sind meist ebenerdig. Manche kleine Werkstätten mit sechs oder acht Arbeitern sind im zweiten oder dritten Stock. Dr. Verkauf: Wie verhält es sich mit den großen nnd kleinen Betrieben? — Exp. H ant s chel: In unserer Branche gibt eS Werkstätten ohne Gasmotoren, die mehr Arbeiterinnen haben als solche mit Gasmotoren. So z. B. eine aus der Kaiserstraße mit 70 Arbeiterinnen, eine andere mit 35 bis 40. Dr. Adler: ES gibt verschiedene Arten von Arbeiterinnen. Werden dieselben in der gleichen Weise gezahlt? Geht eine ''Arbeiterin von einer Arbeit zur anderen über oder bleibt sie dabei? — Exp. H autsch el: Sie bleibt stabil. Die Zahl der Arbeiterinnen beträgt 15- bis 1000. Davon sind ein Drittel Einschlägerinnen, ein Drittel Ueberzieherinnen und ein Drittel Abzieherinnen. Die Einschlägerinncn und Abzieherinnen bekommen beiläufig sl. 4'20, die Ueberzieherinnen sl. 5. Dr. v. Fürth: Wie wird eine Handmaschine in Bewegung gesetzt ? — Exp. H an 1 schel: Sie wird mit dem Fuß getrieben. Dr. Ofner: Ist die Arbeit mit Leim schädlich ? — Exp. H antschcl: Ich glaube wohl. Wenn der Leim ausgeweicht ist nnd ein paar Tage steht, so entstehen schlechte Ausdünstungen. Dr. Verkauf: Ist die Flnctuation unter den weiblichen Arbeiterinnen groß? — Exp. H autsch el: Gewiß; es kommt vor, daß vacirende Köchinnen und Stubenmädchen zu unserer Branche kommen, oder auch Angehörige anderer Berufe, wenn sie keine Arbeit haben. Dr. Verkauf: Kommen während der Ferienzeit auch schulpflichtige Kinder? — Exp. Hantschel: Das kommt auch vor, daß eiu Unternehmer solche Kinder mit elf, zwölf Jahren nimmt; besonders dann, wenn im Aecord gearbeitet wird. Da sagt man den Kindern, kommt's her nnd ver- dient's Euch ein paar Sechserln. Dr. Ofner: Ist es auch bei Ihnen so, daß Frauen von mehr als 30 Jahren selten verwendet werden? — Exp. Hantschel: Ja. Dr. Ofner: Wo gehen die nachher hin? — Exp. Hantschel: Das weiß ich nicht. Frauen Enquete. 2 18 Dr. Adler: Haben Sie in Ihrem Geschäft auch eine Saison, und wann ist dieselbe? — Exp. Hantschel: In dem Geschäft, wo ich bin, haben wir eine Frühjahrs- und eine Herbstsaison; in anderen haben sie wieder eine Sommer- und eine Wintersaison; das ist also verschieden. In der Saison haben wir zehnstündige Arbeitszeit und vier Ueberstunden wöchentlich, indem wir Dienstag, Mittwoch, Donnerstag und Freitag bis 7 Uhr anstatt bis 6 Uhr arbeiten. Wir fabriciren Pack- und Cravatten- schachteln. Dr. Adler: Werden die Arbeiterinnen nur für die Saison aufgenommen? — Exp. Hantschel: Meistentheils behält der Herr die Arbeiterinnen auch außer der Saison, aber er reducirt ihren Lohn. Uebrigens geht das sprungweise. Manchmal arbeiten wir Anfangs der Woche nur bis 4 Uhr, und Ende der Woche haben wir fchon Ueberstunden. Dr. Ofuer: Wie viel bekommen die Arbeiterinnen außerhalb der Saison? — Exp. Hantschel: Das wird nach Stunden berechnet. Wenn eine Arbeiterin fl. 4 oder 4'50 hat, so bekommt sie außerhalb der Saison vielleicht fl. 3'50. Der Vorsitzende schließt die Sitzung. 2. Sitzung, Sonntag, 1. Wär;, Nachmittag. Vorsitzender: Dr. Verkauf. Beginn 3 Uhr 20 Minuten. Vorsitzender: Ich ersuche den Herrn Experten Strnad, als Vertreter der Krankenkasse uns Auskunft zu geben, und zwar speciell über jene Punkte, welche er als Krankencaffe-Rechnungssührer genau kennt. Experte Strnad: Mit Ende December des Jahres 1895 war die Zahl der männlichen Mitglieder 2743, die der weiblichen 2150. In den Vorjahren stellten sich diese Ziffern wie folgt: Im Jahre 1890 : 2571 männliche, 1765 weibliche Mitglieder 1892 : 2495 1815 1893 : 2572 „ 1887 1894:2740 „ 1980 In unserer Krankenkasse sind folgende Branchen vertreten: Die Buchbinderei, die Ledergalanteriearbeit, die Cartonagearbeit, die Futteralarbeit und die Rastrirarbeit. Aus der vorgetragenen Tabelle ergibt sich ein Wachsthum der weiblichen Mitgliederzahl, da speciell bei den Cartonage- arbeiten eine Vermehrung der weiblichen Arbeitskräfte platzgegriffen hat und einige neue Unternehmungen in der Cartouagebranche errichtet wurden. In der Buchbinderei hat es die technische Entwicklung mit sich gebracht, daß weibliche Hilfsarbeiteriunen in größerer Anzahl beschäftigt werden. Daß gleichwohl die Zahl der männlichen Mitglieder nicht herabgegangen ist, ist dadurch begründet, daß das Buchbindergewerbe im Aufblühen begriffen ist. Bezüglich der Fluctuation im Gewerbe während eines Jahres kann ich Folgendes mittheilen: Ende December 1895 gehörten der Buchbindereibranche 930 Hilfsarbeiterinnen an, von denen im Lause des Jahres 299 neu eingetreten waren. Von diesen sind 119 von ihrem ersten Arbeitsort wieder aus- 19 getreten. Die Arbeit wechselten im Jahre 1895 einmal 11-1, zweimal 17, dreimal 30, viermal 8, fünfmal 7, siebenmal 1 weibliches Mitglied. Ans der Cartonagebranche gehörten mit Ende December vorigen Jahres 1220 weibliche Mitglieder der Krankencasse an, von denen während des Jahres 430 nen beigetreten sind. Von diesen 430 sind 176 aus der ersten Arbeit wieder ausgetreten, die Arbeit wechselten im Laufe des Jahres: je einmal 253, zweimal 49, dreimal 5, viermal 30, fünfmal 13, sechsmal 7 Arbeiterinnen. In der Cartonagebranche sind mit Ende 1895 blos 330 männliche Arbeiter gewesen, weibliche hingegen 1220. Was das Alter^ der in unserer Krankencasse eingeschriebenen weiblichen Beschäftigten betrifft, kann ich für das Jahr 1894 folgende Angaben machen : Unter 15 Jahren waren 82, von 15—20: 961, von 21—30: 686, von 31—40: 184, von 41—50: 52, von 51—60: 9, von 61—70: 5, und über 70 ein Mitglied. In Bezug auf die einzelnen Branchen kann ich die Ziffern derzeit nicht angeben. Nachträglich wäre ich in der Lage, dies für das Jahr 1895 zu thun. Die Krankheitshäufigkeit ist bei den weiblichen Mitgliedern relativ größer. Dies kommt sowohl in der Zahl der Krankentage als auch in den betreffenden Beitrügen zum Ausdrucke. Im Jahre 1894 hatten wir 1421 Erkrankungen, von diesen betrafen 728 männliche und 693 weibliche Mitglieder. Die Zahl der Krankheitstage betrug bei den Männern 15.046, bei den Frauen 14.833. Die durchschnittliche Erkrankungsdauer der Frauen war 21 Tage, wenn man von den Entbindungen und Frühgeburten absieht. In den Jahren 1890—95 sind 1351 Entbindungen, hievon 79 Frühgeburten zu verzeichnen. Die Zahl der Frühgeburten dürfte bei den verschiedenen Branchen die gleiche sein. Die Fluctnation dürfte bei den weiblichen Mitgliedern eine erheblich größere sein; ich habe jedoch diesbezüglich keine näheren Daten zur Hand. Die Fluctnation findet nach bestimmten Jahreszeiten statt, und zwar ist gegen Herbst ein Steigen des Mitgliederstandes bis zum Ende des Jahres und dann vom Frühjahr bis gegen L-ommer ein Fallen zu constatiren. Es hängt dies mit der Saison zusammen. So wie die Saison aufhört, steigt die Zahl der Abmeldungen. Ueber die Mortalitätsverhältnisse kann ich angeben, daß in den Jahren k890—95 121 weibliche Mitglieder gestorben sind, und zwar im Durchschnittsalter von 22'6 Jahren. Bon diesen 121 sind 91 an Tuberkulose gestorben. In der Bnchbindereibranche starben 45 im Durchschnittsalter von 23 2, in der Branche der Cartonagearbeiter 76 im Durchschnittsalter von blos 22'3 Jahren. Diese geringere Ziffer erklärt sich daraus, daß in der Cartonagebranche mehr jüngere Leute beschäftigt sind als in der Buchbinderei?) Schulpflichtige Kinder kommen nur vereinzelt zur Anmeldung. Die Aus den von dem Experten nachträglich vorgelegten Daten ergibt sich, daß im Jahre 1895 bei der Krankencasse als Hilfsarbeiterinnen angemeldet waren: Im Alter von AuS der Hieliou Ans der Cartonage- Hievon Bnchbinderbranche gestorben wanrenbranche gestorben unter 15 Jahren 44 — 73 — 15—20 363 3 477 5 21-30 356 4 490 2 31-40 „ 118 — 110 1 41-50 „ 36 1 29 — 51—60 „ 11 — 7 — 61—70 „ 2 — 3 — über 70 — — 1 — Zusammen 930 8 1220 8 Im Jahre 1895 waren die Todesfälle relativ weniger zahlreich. In der Cartonagebranche starben z. B. im Jahre 1894 13. 1893 12, 1892 16 (davon 10 zwischen 14—20 Jahren), 1891 15, 1890 12 Arbeiterinnen. 2 * 20 Zahl der bei der Krankenkasse angemeldeten Betriebe kann ich nicht genan angeben. Großbetriebe sind deren vier. In beiden Branchen ist die Zahl der Kleinbetriebe vorwiegend. Das Verhältniß von Männern und Frauen war in den verschiedenen Großbetrieben folgendes : 73 : 89, 05 : 00, 59 :41, 70:35, 11:35, 29:30, 20:24, 17 :19, und bei einer Firma, die auch Papier- Confection in großem Maßstab betreibt, 15:02. Bezüglich der Eartonagebranche kann ich angeben, daß die Anzahl der Gewerbe-Inhaber 183 beträgt, bei welchen nur 233 männliche Arbeiter beschäftigt sind. Bei den größeren Betrieben sind je 40 bis 50, in einem sogar 72 Frauen beschäftigt. Hier bemerke ich, daß bei einer dieser Firmen Fälle vorgekommen sind, daß Mädchen unter 14 Jahren, die doch schon von der Schule befreit waren, in Verwendung kamen. Die Gesammtzahl der weiblichen Arbeiterinnen, die in dieser Branche beschäftigt sind, dürfte 1500 betragen. Da sind auch jene dabei, die nicht bei unserer Krankencasse sind. Die Gesammtzahl der Buchbindereien beträgt 353, von welchen annähernd 20 größere Betriebe sein dürften. Das Percentverhältniß der Erkrankungen in Betreff der weiblichen und der männlichen Mitglieder stellte sich im Jahre 1895 derart, daß von den Erkrankungen 53 Percent aus die männlichen und 47 Percent auf die weiblichen Mitglieder fielen. Dr. Schwiedland: Sie haben uns eine Tabelle zur Kenntniß gebracht, nach welcher sich ergeben würde, daß von den rund l900 Arbeiterinnen etwa 1000 im Alter zwischen 15 und 30 Jahren stehen, die übrigen aber weniger als 15 oder mehr als 30 Jahre alt sind. Nun kann man natürlich nicht annehmen, daß diese 1000, bevor sie das dreißigste Lebensjahr überschreiten, alle sterben, was geschieht also mit ihnen? — Exp. Strnad: Zum Theile verehelichen sie sich, zum Theile gehen sie zu anderen Branchen über. Exp. Nr. 3 (über Befragen des Vorsitzenden): Ich bin in einer B u ch- binderei seit dreiviertel Jahren beschäftigt; es ist ein Kleinbetrieb. Früher war ich schon 15 Jahre in der Branche, und zwar in einem Großbetriebe In dem jetzigen Betriebe sind außer mir nur noch eine Frau und ein Arbeiter beschäftigt, und zwar während des ganzen Jahres. In dem früheren Betriebe waren 80 Arbeiter und etwa 100 Frauen; im Sommer weniger. Die schlechteste Zeit ist von Neujahr bis März; da sind wir entweder entlassen worden oder im Geschäfte gesessen und haben nichts bezahlt bekommen. Es mußten dann Männer sowohl wie Frauen aussetzen. In dem großen Geschäfte wurden Hefte und dergleichen für die" Buchhandlungen, in dem kleinen Geschäfte hauptsächlich Kundenarbeiten gemacht. In dem Großbetriebe waren Drahtheftmaschinen, Zwirnheftmaschinen, Schneidemaschinen und Pressen. Bei den Heftmaschinen waren Frauen beschäftigt, bei den Schneidemaschinen ausschließlich Männer. Im Laufe der 15 Jahre sind neue Maschinen und auch Maschinen von anderer Constrnetion dazugekommen. Bon jeher waren dort mehr Frauen als Männer. Man mußte dort 14 Tage Lehrzeit - unentgeltlich absolviren. Die Arbeiterinnen sind meist Arbeiterkinder und stammen nicht von kleinen Handwerkern oder Beamten. Wir haben keine Arbeitsvermittlung, sondern müssen von einem Geschäft zum anderen nachfragen gehen; da kommen nicht die Eltern, sondern Kinder allein, von 14 Jahren angefangen. Dr. Schwiedland: Recrutirt sich der Nachwuchs allein aus Wien, oder auch aus der Provinz? — Exp. Nr. 3: Meist aus Wien. Dr. Schwiedland: Wie steht es mit der Arbeit außer Hause? — Exp. Nr. 3: Es kommt vor, daß auch Arbeit nach Hause mitgenommen wird. Dr. Schwiedland: Werden bei der Arbeit zu Hause Zwirn, Nadel und andere Arbeitsmittel seitens der Arbeiterin aus Eigenem beigestellt? — Exp. Nr. 3: Nur die Nadeln. (Ueber Befragen des Vorsitzenden.) In den großen Geschäften wird meist nach Stück bezahlt. Die Arbeiterinnen verrichten das Falzen, Heften, Kleben, aber auch schwerere Arbeiten, so das 21 4 Thekenmachen, das eigentlich die Arbeiter machen sollten. Es werden Frauen genommen, weil sie billiger arbeiten. Auch in den kleineren Geschästen wird der Lohn nach Stück berechnet, aber nicht überall. In dem Geschäfte, wo ich jetzt bin, ist Wochenlohn. In dem früheren Geschäfte bekamen die Arbeiterinnen in der ersten Zeit fl. 2 bis 2'50, dann nach einem Jahre fl. 3 bis 4. Wenn eine Arbeiterin länger dabei ist und sich sehr anstrengt, rasch und überhastet arbeitet, so kann sie auch mehr Lohn herausbringen. Es war 10 Stunden Arbeitszeit und kamen auch sehr häufig Ueberstunden vor, aber immer nur im Winter. Auch in kleineren Geschäften gibt es eine Saison, sie ist jedoch in den größeren Geschäften stärker ausgeprägt. Der größte Verdienst einer Arbeiterin in dem größeren Betriebe betrug durchschnittlich fl. 5 bis 0, in den stärksten Wochen fl. 7 und dafür im Sommer manchmal nur sl. 2'50, fl. 7 verdient man sich nur, wenn man Ueberstunden macht. Daß Arbeit nach Hause genommen wird, kommt mehr in den größeren Geschäften vor. Es sind dies Falz- und Heftarbeiten. Die Arbeit zu Hause Pflegt 2'/r Stunden zu dauern, wenn man sich 1000 Bogen mitnimmt, und wird ebenso bezahlt wie die Arbeit im Geschäft. Auch der Lohn der Männer ist nicht höher; es gibt nur Wenige, die mehr verdienen. In kleinen Geschäften — speciell mir ist es so gegangen — ist der Lohn etwas besser. Es kommen sehr viel Strafen vor. Ich kann da speciell nur von der Firma . . . sprechen. Wenn man dort etwas gesprochen hat, war 20 kr. Strafe. Vorsitzender: Ist das in der Arbeitsordnung bestimmt? Auf welcher Grundlage wird denn gestraft? — Exp. Nr. 3: Das weiß ich nicht; es wird halt gestraft. Man wird auch gestraft, wenn man ein Stück Brot in den Mund steckt oder wenn man ein bischen auf die Stiege hinaus- geht und erwischt wird. Vorsitzender: Machen die Strafen große Beträge aus? — Exp. Nr. 3: Wahrscheinlich. Es ist ein Buch darüber angelegt, das wir aber nie zu Gesicht bekommen. P er n e r st o r f e r: Was geschieht, wenn eine Arbeiterin sich weigern würde, solche Strafen zu zahlen? — Exp. Nr. 3: Sie wird entlassen. Dr. Ofner: Wie findet eigentlich die Entlohnung für die Hausarbeit statt? Nach welchem Arbeitsguantum wird dieselbe berechnet? — Expertin Nr. 3: Für das Falzen wird nach Bogen bezahlt. Witte lshöfer: Besteht ein Zwang, die Arbeit nach Hanse zu nehmen oder geschieht dies freiwillig ? — Exp. Nr. 3: Es ist das kein direkter Zwang, aber wenn man es nicht thut, so ist man halt schlecht angeschrieben. Experte Herr Leopold Grünfeld: Ich möchte bemerken, daß ich speciell über die Firma .. . Auskunft zu geben in der Lage bin. Es ist dies die größte Fabrik. Ich selbst bin darin nicht beschäftigt, aber ich verkehre sehr viel mit den Leuten. Auch möchte ich bemerken, daß die Angabe der Frau Expertin, sie bekomme in dem kleinen Geschäfte mehr Lohn als in den größeren, daraus zu erklären ist, daß dieses kleine Geschäft, in welchem sie arbeitet, ein Ausnahmsgeschäft im guten Sinne, das Geschäft des Herrn .. . aber ein Ausnahmsgeschäft im schlechten Sinne ist. Strafen kommen in wenigen Geschäften vor, am meisten aber bei ...; dort kommen Strafen von 50 kr. bis zu fl. 1 vor. Wenn Jemand um eine oder zwei Minuten zu spät kommt, bekommt er 5 kr. Strafe. Ein Arbeiter hat sich erlaubt, einem anderen ein Circular zu übergeben und hat sofort 50 kr. Strafe bekommen. Ein anderer Arbeiter, der 14 Jahre im Geschäfte war, ein sehr tüchtiger und brauchbarer Mensch, verlangte Einsicht in das Strafbuch, um zu erfahren, was mit den Strafgeldern geschieht. Er wurde sofort entlassen. Speciell die Frau Expertin hat bei. . . einen viel größeren Lohn bekommen 22 als die Anderen, weil sie dort die Erste, sozusagen die Werkführerin war; deshalb ist sie auch immer verhältnißmäßig besser behandelt worden. Die Leute müssen dort monatelang, oft ein halbes Jahr Ueberstunden machen; der Herr könnte ganz gut neue Leute aufnehmen, aber er thut es nicht. Expertin Nr. 4: Ich kann speciell über die Strafen in diesem Betrieb Auskunft geben. Wir haben einen Werksührer gehabt, welcher, wenn Jemand zum Beispiel ein Stückchen Brot in der Lade hatte, dasselbe wegnahm, es au die Lehrjungen vertheilte und uns außerdem Strafe zahlen ließ. Jeder Arbeiter hat eine Tafel mit einer Nummer bekommen, welche jeden Tag zu Mittag und in der Früh aufgehängt wurde. Wenn man diese Tafel vergessen hat, so hat man jedesmal eine Strafe von 10 oder 20 kr. zahlen müssen. Die Tafel diente dazu, eine Controle abzugeben; wenn man zu spät gekommen ist, mußte man sie im Comptoir abgeben. Es war sogar eine Zeit, wo die Leute die Frechheit hatten, die Arbeiter, wie in der Schule, eine Vierteloder eine halbe Stunde zurückzuhalten, wofür sie natürlich nichts bezahlt bekamen. Es gibt Arbeiter, die eine gaizze Stunde weit wohnen; bei diesen ist das Zuspätkommen gewiß leicht erklärlich. Exp. Nr. 3: Ich kann bestätigen, daß bei . . . ein halbes Jahr lang jeden Tag eine Ueberstunde gemacht wurde. Oft ist das gar nicht nothwendig. Um halb 7 Uhr kommt eine Arbeit, und wir müssen da bleiben und sie fertig machen. Oft ist es eine dringende Arbeit, wir müssen sie rasch am Abend fertig machen, und am nächsten Tag liegt sie stundenlang dort und wird nicht abgeliefert. Anderseits gibt es auch Zeiten, wo keine volle Beschäftigung vorhanden ist. Die Mädchen sitzen halbe Tage lang und stricken. Das ist gewöhnlich im Sommer. Pansen sind folgende: Um o Uhr Viertelstunde, zu Mittag eine Stunde und um 4 Uhr eine Viertelstunde, aber diese beiden Viertelstunden müsset: am Abende eingebracht werden, so daß wir volle zehn Stunden Arbeitszeit haben. Seit die Sonntagsruhe eingeführt worden ist, müssen wir auch hie und da Sonntag arbeiten. Wir verrichten an: Sonntag die gewöhnliche Arbeit. Es kommt auch vor, daß wir Sonntag Nachmittags arbeiten. Die Kündigungsfrist betrügt 14 Tage. Dr. Schwiedland: Was ist es mit der stillen Zeit? — Expertin Nr. 3: Die Arbeiterin muß immer zehn Stunden dort sitzen, wenn auch keine Arbeit ist; sie kann Strümpfe stricken, verdient aber nur sl. 2. Veith: Diese Methode ist nur bei .. . vorhanden, sonst werden die Arbeiterinnen um 2, 3 oder 4 Uhr fortgeschickt, wenn nichts zu thun ist. — Exp. Nr. 3 (über Befragen des Vorsitzenden^: Es wird nicht in: Locale gegessen. Es kommt kein Geschenk an den Werkführer vor. Die Ernährung der Arbeiterinnen, die sl. 2 oder 3 verdienen, besteht hauptsächlich iitz dem Kaffee, den sie sich vom Hanse mitnehmen, irgendwo erwärmen, und dieser dient für Frühstück, Mittag und Jause. Außerdem rönnen sie sich nur etwa eine Suppe oder dergl. kaufen. In besseren Zeiten kann man sich um 5 kr. eine Zuspeise oder Würstel kaufen. Ein Glas Bier dürste selten vorkommet:. Sehr viele Mädchen haben keine Angehörigen hier und müssen für das Bett sl. 1 pro Woche zahlen. Dann bleiben ihr nur mehr sl. 2 für Essen und Kleidung übrig. Es kommt deshalb sehr oft vor, daß sie nicht anständig gekleidet in das Geschäft gehen können. Dr. v. F ü rth: Haben sie die nöthige Zeit, um zu Mittag nach Hause gehen zu können? — Exp. Nr. 3: Nur wenn sie in der Nähe wohnen. Vorsitzender: Welches sind die Lokalitäten bei ... ? — Expertin Nr. 3: Es sind Lokalitäten im Mezzanin, ersten Stock und zweiten Ltock; drei große Säle. Es sind viele Fenster drinnen, die in den Garten gehen; sie dürfen aber nicht aufgemacht werden, da sonst der Werkführer kommt und sie gleich schließt. Daran sind übrigens die Arbeiterinnen selbst schuld, da es immer geheißen hat, es zieht. Es wurde in einem großen Saale mit zehn Fenstern höchstens ein ganz kleines Luckerl ausgemacht. Eine Ventilation 23 gibt es zwar, man kann sie aber nicht öffnen, weil sie verstellt ist. In diesem Saale sind beinahe 100 Personen, und die Fenster dürfen auch im Sommer nicht geöffnet werden. Da rinnt Einem das Wasser nur so herunter. Im oberen Saale sind zwei Aborte, einer für die Mädchen und einer für die Männer. Dieselben sind gewöhnlich sehr unrein, man muß es zehnmal sagen, bis sie gereinigt werden. Im Saale selbst darf nicht gegessen werden; unten beim Maschinenhause ist ein kleines Gemach, wo Alle essen. Dr. Osner: Ist die Arbeit bei der Buchbinderei gesundheitsschädlich? — Exp. Nr. 3: Ja. Das Falzen ist für die Brust sehr anstrengend. Dr. Ofner: Haben Sie mit Leim zu thun? — Exp. Nr. 3 : Beim Falzen nicht, aber bei den anderen Arbeiten. (Ueber Befragen des Vorsitzenden. > Exhaustoren sind keine vorhanden. Die Werksührer sind gewöhnlich Männer. Das Betragen derselben ist sehr gemein, sie sind sehr grob und keck. Wenn man sich beklagt, so geht es doch den nächsten Tag wieder so. Ein Werkmeister stößt manchmal die Arbeiterinnen; einmal hat er eine so gestoßen, daß sie hingefallen ist. Es wird auch viel geschimpft. Die Zahl der ledigen Arbeiterinnen ist größer als die der verheirateten. Auch die Verheirateten haben unter grober Behandlung zu leiden. Dr. Schwiedland: Was ist es eigentlich, worüber Sie sich am meisten beschweren? — Exp. Nr. 3: Ja, wenn man sich den ganzen Tag von Früh bis Abends mit der Arbeit abplagt und doch nicht so viel hat, um sich anständig zu ernähren . . . Dr. Schüller: Diejenigen, welche um fl. 2 oder 3 arbeiten, werden wohl in der Mehrzahl zu Hanse wohnen? — Exp. Nr. 3: Sie wohnen sogar meistentheils nicht zu Hanse; und wenn sie auch zu Hause wohnen, so geht es ihnen auch nicht besser; die Familie zu Hause wartet dann am Samstag immer schon auf das Geld. Exp. Nr. 5 (über Befragen des Vorsitzenden»: Ich bin zwölf Jahre im Gewerbe und war in zwei größeren und zwei kleineren Betrieben. Gegenwärtig bin ich in einem kleineren Betriebe, in welchem zwölf Männer und etwa ebensoviele Frauen beschäftigt sind. In den kleineren Betrieben sind überhaupt die Frauen viel zahlreicher, da sie vom kleinen Unternehmer mehr ausgesogen werden. Vorsitz e n d e r : Ich glaube doch das Gegentheil. Je mehr Arbeitstheilung und maschinelle Technik, desto mehr Frauenarbeit. — Exp. Grünfeld: Es ist auch so, nur war Frau Exp. Nr. 5 zufälligerweise in solchen Betrieben, wo die kleineren Unternehmer verhältnismäßig mehr Arbeiterinnen beschäftigten als die großen. Exp. Nr. 5 (über Befragen des Vorsitzenden): Es gibt einen Arbeiter, der sein zehnjähriges schulpflichtiges Kind in's Geschäft mitnimmt und von diesem für fl. 2 wöchentlich als Hilfsarbeiter die Verrichtung eines Arbeiters mit Bezahlung von fl. 5 besorgen läßt. Ein zweiter Fall ist mir allerdings noch nicht vorgekommen, aber daß zwölf-, dreizehnjährige Kinder verwendet werden, ereignet sich öfter. Dieses Kind ist natürlich nicht in der Krankenversicherung, weil man es anzumelden fürchtet. Bei uns wird keine Arbeit nach Hanse gegeben. Die Frauen verrichten leichtere Arbeit, müssen aber auch Theken machen, wiewohl dies den Männern zukommt, weil man ihnen sagt: „Ja wie soll ich Ihnen fl. 5 geben, wenn Sie keine Theken machen können?" Auch sonstige schwerere Arbeiten besorgen die Frauen. Die Arbeiterinnen sind zumeist Arbeiterkinder. Es kommt aber auch vor, daß sie Kinder von kleinen Handwerkern sind. Auch gehen manchmal Dienstmädchen zu unserem Gewerbe. Exp. Strnad: Das Pflegt nur vorübergehend zu sein, indem die Dienstmädchen nur auf ein paar Wochen zu uns kommen, wenn die gute Zeit da ist. 24 Exp. Nr. 5 (über Befragen des Vorsitzenden): In Bezug auf die Arbeitsvermittlung sind wir am schlechtesten daran. Wir müssen unsere Arbeit von Markt zu Markt tragen und haben keine Arbeitsvermittlung. Wir gehören auch nicht der Organisation an. Es ist zwar eine genossenschaftliche Arbeitsvermittlung da, aber die kümmert sich um die Arbeiterinnen nicht, und durch die Arbeitsvermittlung der Vereine bekommen wir keinen Platz, weil sich die Meister an diese nicht wenden. Die jungen Mädchen müssen von Thür zu Thür gehen, und es entscheidet der Zufall, wann sie Arbeit bekommen. In Bezug auf den Lohn ist Folgendes zu sagen: In meinem jetzigen Geschäfte ist ein Mädchen mit fl. 3 Lohn eingetreten. Wie der Herr gesehen hat, daß sie sich leicht abrichten läßt, hat er sie gleich zur Hefterei gestellt, und als sie dies leicht erlernte, so hat er gesagt : „Um fl. 3 kann ich ein Lehrmädchen nicht brauchen," hat ihr nur fl. 2 gegeben und hinzugefügt: „Bis Sie ausgelernt sind, bekommen Sie um 50 kr. mehr." Wir brauchen allerdings nur vier Wochen, um die Arbeit, welche die Frauen machen, zu erlernen, aber man muß auch den Lohn berücksichtigen. Den Lohn, den der Herr uns während der vier Wochen zahlt, verdienen wir eigentlich schon in der ersten Woche. Es gibt Wochenlohn, Stücklohn, leider auch Stundenlohn. Dr. Schwiedland: Die Lehrmädchen bekommen also gleichsam nur ein Trinkgeld ? — Exp. Nr. 5: Nein, Trinkgeld ist das nicht, es ist nur ein geringerer Lohn. (Ueber Befragen des Vorsitzenden.) Wir haben keine Arbeit zu Hause. Für Ueberstunden bekommen wir 2 kr. vom Lohngulden. Der geringste Lohn beträgt fl. 2, der höchste sl. 7'50. Diesen Lohn von fl. 7'50 hekomme ich, weil ich Partieführerin bin und sieben Mädchen unter mir habe, die fl. 4, ausnahmsweise fl. 5 haben. Der Lohn der Männer ist höher, der Unterschied beträgt circa fl. 1'50 gegenüber meinem Lohn, also durchschnittlich fl. 8'50 bis sl. 9. Strafen haben wir wenig, aber Abzüge. Wenn ein Arbeiter das Papier um einen halben Centimeter zu klein schneidet, so kann er es sich nach Hause nehmen und muß nicht etwa den Kostenpreis, sondern den Kundenpreis zahlen. Ebenso geht es, wenn ein Buch z. B. auf 44 beschnitten werden soll und es wird aus 43 beschnitten. Da muß die Arbeiterin das ganze Buch zahlen. Es kommt vor, daß ein solches Geschäftsbuch fl. 8 kostet; da werden jede Woche fl. 2 abgezogen. Wittelshöfer: Worin besteht die Funktion einer Partieführerin? — Exp. Nr. 5: Es wird mir vom Herrn die Arbeit übergeben, und ich vertheile sie unter die verschiedenen Mädchen, damit die Arbeit Hand in Hand geht. Es muß eine Person da sein, welche die Arbeit vertheilt; dafür bekomme ich größeren Lohn. Dr. Frey: Wie viel verdienen sich die Mädchen dort, wo Stücklohn ist? — Exp. Nr. 5 : Durchschnittlich fl. 6 bis 7. Dr. Frey: Wie ist es mit dem Stundenlohn? — Exp. Nr. 5: Man bekommt bei uns am Samstag den Zettel, und darauf steht: 50 oder 00 Stunden gearbeitet. Wenn man aus eine Stunde fortgeht, so wird Einem nicht der auf eine Stunde entfallende Lohn abgezogen, sondern mehr. Ich bekomme also pro Stunde 18 kr., mir werden aber 20 kr. abgezogen. Dr. Osner: Gibt es außer den von Ihnen erwähnten Fällen noch andere Abzüge? — Exp. Nr. 5: Ja, für das Zuspätkommen; aber die Abzüge sind nicht empfindlicher als die Rohheiten, denen eine Frau ausgesetzt ist, oder die sanitären Uebelstände, indem die Arbeiter und Arbeiterinnen aus einen gemeinsamen sanitätswidrigen Abort gehen müssen. Vorsitzender: Gibt es eine Zeit der Arbeitslosigkeit? — Exp. Nr. 5: Im Sommer wird gewöhnlich immer drei Monate ausgesetzt. Wir waren nicht so glücklich, wie die frühere Expertin, daß wir im Geschäfte warten konnten bis eine Arbeit kommt, sondern wir mußten nach Hause gehen. Während dieser Zeit muß sich eiue Arbeiterin einer anderen 25 Branche zuwenden, meist der Buchdruckerei. Ich war schon selbst in dieser Lage und habe als Punktirerin gearbeitet. Vorsitzender: Wie lange ist die Arbeitszeit? — Exp. Nr. 5: Zehn Stunden, aber man kann auch gezwungen werden, els Stunden zu arbeiten. Dies ist z. B. jetzt der Fall;' wenn der Herr nicht genug Leute hat, nimmt er sich keine neuen auf, sondern wir müssen mehr arbeiten. Er hat nicht Localitäten für mehr Arbeiter. Wir haben eine Stunde Mittagspause, Frühstück- und Jausenpause aber nicht. Da muß Jeder sein Stück Brot mit schmutzigen Händen essen. Wir haben keine Vocale, wo wir essen können, sondern man muß in's Gasthans oder Kaffeehaus gehen oder die Stunde aus der Gasse herumlaufen. Sonntag Vormittags wird auch manchmal gearbeitet. Wir haben die gesetzliche Kündigungsfrist, aber es ist leider bei uns so eingerichtet, daß wir jede Stunde fortgeschickt werden können. Der Herr sagt einfach um 9 oder 10 Uhr: „Sie können weggehen." Der Herr sagt es eben gleich beim Aufnehmen im Voraus, daß er eine Arbeiterin jederzeit entlassen kann. Vorsitzender: Kommt es vor, daß beim Meister Wohnung und Kost genommen wird? — Exp. Nr. 5: Nein. Vorsitzender: Wie steht's mit der Ernährung ? — Exp. Nr. 5: Ich kann nur wiederholen, was Frau Exp. Nr. 1 gesagt hat. Die Arbeiterin nimmt sich ein Flascherl Kaffee mit, das sie oft nicht einmal erwärmen kann, und dann ein Stückerl Brot; das muß sie, wie sie bei der Arbeit ist, mit den Händen voll Leim und Kleister in den Mund nehmen. Vorsitzender: Kann man sich zu Mittag die Hände waschen? — Exp. Nr. 5: Es ist ein Feneramper da, in dem müssen sich 22 Personen waschen, und ein Fetzen zum Abwischen. Wenn eine Arbeiterin zu Hause nicht kochen kann, so nimmt sie sich ein Heferl, lauft in's Gasthaus und kauft sich um 5 kr. Gemüse und ein Viererbrot. Die meisten leben von Kaffee und Brot. Fleisch wird nie gegessen. Ich habe in einem Geschäfte gearbeitet, das im Souterrain gelegen war, ein feuchter, dumpfer Raum, in dem oft 25 bis .'10 Personen, manchmal aber 0 bis 7 waren, je nach der Saison. Es waren fünf sehr kleine Fensteröffnungen in einen Lichthof. Den ganzen Tag brannte Gaslicht; wenn man Mittaos hinausging, mußte man sich die Augen verhalten, um nicht vom Tageslicht geblendet zu werden. Ueber das gegenwärtige Local kann ich mich nicht beschweren, es liegt im dritten Stock und ist groß genug. Die Uebelstände mit den Aborten sind überall gleich. P e r n e r st o r f e r: Ist so ein feuchtes Local für die Papierfabrikation nicht von Nachtheil? — Exp. Nr. 5: Die Sachen bleiben nur zwei bis drei Tage in diesem Local, dann kommen sie in das Magazin; das liegt ganz wo anders. Dort ist natürlich keine Feuchtigkeit. Vorsitzender: Ueberwiegt die Zahl der Mädchen oder die der Frauen? — Exp. Nr. 5: Die der Mädchen. Vorsitzender: Wie ist das Verhältniß der Werkführer zu den Mädchen? — Exp. Nr. 5: Sehr oft ein beklagenswert hes. Es gibt Werkführer, die mit großer Rücksichtslosigkeit vorgehen; es kommt auch vor, daß sie Geschenke nehmen. Es gibt auch Werkführer, die früher selbst Herren waren, z. B. wo ich jetzt bin. Die chicaniren, wie sie nur können. Witte lshöfer: Bekommen die Frauen, wenn sie Theken machen, weniger als Männer? — Exp. Nr. 5: Gewiß, die Frau bekommt für das Stück weniger als der Mann, weil sie um niedrigeren Lohn arbeitet als der Mann. Eine Frau, die st. 4 hat, muß die Arbeit machen, die ein Mann um st. 8 verrichtet. Per Stück kann ich das nicht ausrechnen. Exp. Grünfeld: Wenn Stückarbeit ist, so bekommen die Arbeiter per Stück mehr gezahlt als die Frauen. Das ist auch der Grund, warum unsere Herren mehr Arbeiterinnen anstellen. Vor 15 Jahren haben Männer 26 diese Arbeit verrichtet, die setzt die Frauen verrichten. Ich habe vor acht Jahren für tausend Stück falzen 40 kr. bekommen, während die Arbeiterinnen diese Arbeit um 20 bis 25 kr. besorgen. Es wird eine Arbeiterin nur dann zur Thekenarbeit verwendet, wenn sie billiger arbeitet. Vorsitzender: Kommen Verletzungen häufig vor? — Exp. Nr. 5: Es kommt nicht selten vor, daß man sich den Finger einquetscht. Wir sind größtentheils nicht versichert. Dr. Schwiedland : Wie steht es mit der Zugehörigkeit zur Genossenschaft und zur Gewerkschaft? — Exp. Herr Joses G r ü nwald: Darüber kann ich als Obmann der Gewerkschaft Auskunft geben. Zu Beginn des Jahres 1895 waren in unserer Gewerkschaft 72 weibliche Mitglieder. Von diesen sind 56 im Laufe des Jahres ausgetreten, und an Stelle deren sind wieder neue 72 eingetreten, so daß wir jetzt 118 weibliche Arbeiter haben; männliche haben wir deren 510. Ich muß bemerken, daß das, was die Frau Expertin bezüglich der Arbeitsvermittlung sagte, nicht ganz richtig ist. Die Unternehmer wenden sich auch an die Gewerkschaft, weil die genossenschaftliche Arbeitsvermittlung in Folge ihrer ganz verfehlten Einrichtung für weibliche Arbeitskräfte gar nichts leistet. Exp. dir. 6 (über Befragen des Vorsitzenden^: Ich arbeite in einem größeren Schulbücherbetriebe; dort sind über 50 Personen, etwa 17 Männer und 19 Frauen, beschäftigt. Ich bin seit drei Jahren dort. Es ist daselbst auch ein Gasmotor. Im Hochsommer werden manchmal neue Arbeiter ausgenommen, Nach Hause wird keine Arbeit gegeben. Die Arbeiterinnen recru- tiren sich aus Arbeiterlreisen, sie bekommen sofort beim Eintritt Lohn. Der Ansangslohn war früher fl. 5, jetzt sl. 4. Die aus der Schule herauskommen, bekommen sl. 5. Diese nimmt der Herr gewöhnlich über Recom- mandation. Es gibt keine Arbeitsvermittlung, man muß halt herum- wandern. Der Verdienst wird nach Stück berechnet und beträgt durchschnittlich sl. 6 bis 7. Die ersten Anfängerinnen bekommen sl. 5, der höchste Lohn beträgt per Stück fl. 7, beim Wochenlohn aber nur sl. 5, denn die im Accord arbeiten, müssen viel mehr arbeiten. Für lieberstunden werden gewöhnlich 10 kr. gezahlt, 2 kr. vom Lohngnlden zu zahlen, ist bei uns nicht eingeführt. Bei Männern beträgt der Lohn fl. 9 bis 15. Die Frauen besorgen das Falzen, Kleben, Heften und zum Schluß das Ablösen. Letzteres wird pro Woche gezahlt. Das Thekenmachen besorgen die Männer. Abzüge und Strafen gibt es nicht. Die Arbeitszeit beträgt zehn Stunden. Im Hochsommer müssen wir ein bis zwei lleberstnnden machen. Die Pansen werden zwar eingehalten, aber die Mädchen, die nach Stück arbeiten, schauen selbst daraus, daß sie möglichst viel fertigbringen, und be- nützen deshalb auch die Pansen zum Arbeiten. Man ißt in der Werkstätte, was man sich von Zuhause mitbringt. Man kann sich's auf dcm Gas wärmen. Ostern, Pfingsten und Weihnachten wird nicht gearbeitet und an den kleinen Feiertagen blos von 8 bis l2 Uhr. Für die Feiertagsarbeit zahlt uns der Herr nach seiner Laune. Die meisten Arbeiterinnen gehören keiner Organisation an; speciell bei uns dürfte es mit der Angehörigkeit zur Organisation besser stehen. Das Geschäft ist im fünften Bezirk. Die meisten Arbeiterinnen wohnen in der Umgebung. Sie sind gewöhnlich Arbeiterkinder. In der Regel ist die Mutter zu Hause und führt die Wirthschaft, oder sie hat Heimarbeit, und der Vater und die Geschwister verdienen auch etwas. Exp. Grünfeld: Ich möchte bemerken, daß bei den Arbeiterinnen nur ein, zwei Ueberstnnden vorkommen; aber die Arbeiter müssen 20, 25 bis 50 Ueberstnnden in der Woche machen, und zwar durch mehrere Wochen hintereinander, speciell die, welche für den k. k. Schnlbücherverlag arbeiten. Exp. dir. 6: Ja, das kann ich bestätigen. «(Ueber Befragen des Vorsitzenden.) Mein Arbeitslocal befindet sich im Parterre und ersten Stock. 27 Unten sind zehn Fenster, oben vier. Oben sind nur zehn Personen, unten dieUebrigen. Die Fenster gehen in den Hos und sind über Nacht gewöhnlich offen. Im Winter wird vor 7 Uhr, bevor wir kommen, geheizt. Die Arbeitszeit dauert von 7 bis 6 Uhr. In der Mittagspause werden die Fenster nicht geöffnet, die Arbeiterinnen wollen es nicht haben. Als Waschvorrichtung dient ein Wannerl, welches sich im Magazin vor dem Locale befindet. Wasserleitung ist nicht dabei, aber es ist ein Mädchen da, welches Wasser holt. Es ist ein Handtuch vorhanden, welches jede Woche gewechselt wird. Seife fehlt, die bringen wir gewöhnlich in's Geschäft mit, und da leiht sie Eine der Anderen. Vorsitzender: Ist dort ein Werksührer ? — Exp. Nr. 6: Dem muß nian gut schmeicheln können. Geschenke müssen wir keine machen, sondern wir bekommen am Namenstag der Frau einen Gulden. Exp. Nr. 7 (über Befragen des Vorsitzenden!: Ich bin in einem Buchbindereibetriebe, wo 24 Mädchen und 28 Männer beschäftigt sind. Als Betriebskraft ist ein Gasmotor aufgestellt. Im Sommer sind bei uns immer mehr Leute beschäftigt wie im Winter. Wir arbeiten auch für Kunden. Der Wechsel ist kein starker; die Arbeiterinnen sind stabil. Nach Haus wird keine Arbeit gegeben. Die Arbeiterinnen sind meistens Arbeiterkinder, nicht Handwerker- und Beamtenkinder. Bezüglich der Arbeitsvermittlung kann ich dasselbe sagen, was die früheren Expertinnen vorbrachten. Ich bin 13 Jahre in demselben Betriebe. Die Lehrmädchen bekommen fl. 3. Der Maximallohn ist fl. 7 Hz. Die Verhältnisse sind genau dieselben, wie sie Exp. Nr. 6 geschildert hat. Nur möchte ich bemerken, daß vor 3> 2 Jahren die Mädchen um sl. 3' ? die Arbeit des Znrichtens besorgen mußten, während die Männer für diese Arbeit sl. 10, 20 und mehr bekamen. Sie arbeiten also die gleiche Zeit und auch dasselbe Arbeits- quantnm und bekommen dreimal so viel. Das jetzige Arbeitslocal ist gut, früher war es schlecht, feuchte Luft, schlechter Fußboden, häufig Ungeziefer. Seit den zwei Jahren, wo wir in den: neuen Locale sind, ist bereits einmal geweißt worden. Die Wände werden nicht abgestaubt. Der Fußboden wird nur vom Hausdiener gekehrt. Der Staub, der sich ansammelt, ist sehr groß. Wenn wir in der Früh kommen, müssen wir den Staub von den Tischen abwischen. Wir haben jetzt einen neuen Werkführer. Ueber den kann ich noch nichts sagen. Aber bei dem früheren Werkführer ist es auch vorgekommen, daß eine Arbeiterin mehr gegolten hat als die andere. Unfälle, meist Verletzungen an den Fingern, kommen bei der Heftmaschine vor. Ich bin in der Versicherung. Abzüge werden keine vorgenommen. Veith: Mir ist bekannt, daß speciell in Ihrem Geschäfte wohl ein Wochenlohn existirt, daß man aber eine bestimmte Anzahl Bogen falzen muß, um diesen Wochenlohn zu bekommen. Wenn es aber mehr Bogen sind, so bekommen Sie wieder mehr Lohn. — Exp. dir. 7: Ja. Veith: Wie viele tausend Bogen müssen Sie falzen, um sl. 4 zu bekommen? — Exp. Nr. 7: Für tausend Bogen bekommen wir 26.kr. Wenn eine Arbeiterin so viel Bogen salzt, daß sie sl. 4 bekommt, so erhält sie 50 kr. Prämie. Exp. Nr. 8 iüber Befragen des Vorsitzenden»: Ich bin seit einem Jahre in einem kleinen Betriebe. Tort sind nur drei Personen, ein Lehrjunge, ein Arbeiter und ich. Im Sommer ist der Arbeiter wegen der schlechten Arbeitszeit ausgetreten. Wir haben ausschließlich Kundenarbeit. Im Sommer ist die Arbeit weniger, im Winter muß man Ueberstunden machen. Es ist im Sommer, obwohl wenig zu thun war, doch der Wochenlohn von fl. 4'50 ausbezahlt worden; dafür haben wir auch im Winter für die Ueberstunden nicht mehr bekommen. Das ist ein fester Wochenlohn. Ueberstunden mußten den ganzen Winter, von Weihnachten bis Ostern, gemacht 26 werden, manchmal bis 8 Uhr, seltener bis 9 oder 10 Uhr. Durchschnittlich waren also zwei bis drei Ueberstunden. Der Arbeiter mutzte auch Register nach Hause nehmen; er hat also z. B. bis 9 Uhr dort bleiben und dann noch eine Arbeit von zwei bis drei Stunden nach Hause mitnehmen müssen. Die Entlohnung für die Hausarbeit ist sehr gering. Der Arbeiter hatte fl. 9 Lohn. Der Lehrling mutzte genau so mitarbeiten wie wir. Er ist 10 Jahre alt. In dem Betriebe, wo ich früher war, waren Strafen und Abzüge; für fünf Minuten Zuspätkommen 10 kr., für 10 Minuten 20 kr., und weint man eine Viertelstunde zu spät gekommen ist, hat man nach Hanse gehen müssen. Man hat während der Mittagspause weggehen müssen, weil die Werkstätte gesperrt wurde. An kleinen Feiertagen mußte gearbeitet werden; auch hie und da bis 1 und 2 Uhr Mittags. Die Ernährung ist dieselbe, wie sie von der Collegin besprochen wurde, man ist zum Greitzler gegangen. Ich speciell ging nach Hanse. Das jetzige Local befindet sich im Parterre. Es ist darin ungesund, weil nur zwei Fenster sind, die nicht geöffnet werden, und vier Personen darin arbeiten, der Meister arbeitet nämlich mit. Wo ich früher war, war es bei unserem Herrn mit der Sittlichkeit sehr schlecht bestellt. Erstens nahm er nur hübsche Mädchen auf, zweitens bezahlte er nur fl. 2 Lohn, wenn man hinkam. Dann hat er mir 50 kr. Zulage gegeben, weil er glaubte, er werde sich von mir etwas erringen. Wenn man überfeinem Willen nicht nachgibt, so wird man schlecht behandelt und bekommt überhaupt keine Zulage. Auch ich hätte keine bekommen, wenn sie mir nicht der frühere Compagnon gegeben hätte. Wenn man seinem Willen nicht nachgibt, so schmeißt er Einen einfach hinaus. Früher war es noch schlechter, da hat er am Anfang nur fl. 2'50 gegeben. Exp. Grünfeld: Ich erlaube mir, diesem letzteren noch etwas hinzuzufügen. Es ist dies ein Fall, der bekannt ist. Wenn die Arbeiterinnen aus diesem Geschäft anstreten, so sinken sie manchmal aus die Stufe jener Damen, deren es in Wien so viele gibt. Es ist dies die Firma ... Ter Herr selbst ist verheiratet und hat Kinder. Er sagt zu jeder Arbeiterin, die sich nicht hergibt: Schlampen, Fetzen u. s. w. Auch die Arbeiter behandelt er sehr schlecht. Ein tüchtiger Arbeiter, der sehr viel leisten muß, hat fl. 7 bis 9 Lohn., Ein Arbeiter war zwei Jahre bei ihm und hat 50 kr. Zulage verlangt, da hat er ihn hinausgeschmissen. Er hat aber andererseits Arbeiterinnen goldene Uhren und fl. 50 geschenkt. Ich möchte noch etwas bezüglich der Zwischenmeister erwähnen. Es ist das bei uns nicht so zu verstehen wie bei den Schuhmachern und Schneidern, wo es Arbeiter gibt, die zu Hause für Fabrikanten arbeiten, sondern es kommen bei uns kleine Meister in die Fabriken und übernehmen die Arbeit billiger als sie der Fabriksarbeiter herstellen kann. Ich möchte auch erwähnen, daß in manchen Geschäften, wo leichte Sachen fabricirt werden, auch die Frauen bei der Vergolderpresse arbeiten. Auch möchte ich noch einige Uebelstände berühren. Auf der Landstraße ist eine Buchbinderei, wo ganz tüchtige Arbeiter nur fl. 7 bis 9 verdienen; am Samstag bei der Lohnanszahlung müssen sie oft bis 9 und 10 Uhr- warten, und bekommen sie manchmal nur die Hälfte oder den vierten Theil des Lohnes, das Uebrige erhalten sie in der nächsten Woche sozusagen ratenweise. In einer Buchbinderei in Margarethen wird während der Saison bis 1 und 2 Uhr Nachts gearbeitet und auch jeden Sonntag. Der betreffende Unternehmer ist auch schon mehrere Male bestraft worden; aber so lange die Strafen nicht größer sind, läßt er doch fortarbeiten. Dann ist die Buchbinderei ... in der Leopoldstadt zu erwähnen; dort wird der Arbeiter von dem Werkführer gezwungen, wenn er Namens- oder Gebnrtstag hat, ihm ein Geschenk zu machen. 29 Die Ursache, warum ältere Arbeiterinnen selten vorkommen, ist die, daß ältere Arbeiterinnen in unserer Branche keine Allsnahme finden, und wenn sie ein gewisses Alter überschritten haben, einfach entlassen werden Arbeitsvermittlung ist bei uns gar nicht vorhanden. Die genossenschaftliche Vermittlung wurde von unserer Seite stets um eine Verbesserung der Zustände angegangen. Die Arbeiter haben mit der Genoffenschasts- vorstehung, mit dem Stadtrath Schlechter, Verhandlungen gepflogen; er hat uns versprochen, eine bessere Arbeitsvermittlung zu gründen, aber trotzdem ist es nicht besser geworden, man hat uns einfach zum Narren gehabt. Die Arbeitsvermittlung durch die Genossenschaft ist nichts werth. Alle die Vorgemerkten gehen gleichzeitig zu dem betreffenden Herrn hin, und wer den größten Hunger hat, bekoimnt die Stelle. Die Arbeiterinnen haben es noch schlechter. Auch sonstige Uebelstände sind hervorzuheben. Wenn Einer unwohl ist und einen halben Tag ausbleibt, ohne sich im Vorhinein zu entschuldigen, so wird ihm bedeutet: Diese Woche dürfen Sie nicht mehr arbeiten. Wir haben es uns erst vor drei Wochen erkämpft, daß wir in einer Abtheilung, wo 30 bis 40 Personen sich befinden, ein Handtuch bekommen. Früher mußte man sich in Papier oder dergleichen die Hände abwischen oder sich erst zu Hanse waschen. Ueberstnnden werden meist so bezahlt, wie es dem Lohn entspricht. Die Kündigungsfrist wird nur von den besser situirten Unternehmern, nicht aber von den kleineren eingehalten. Wenn man sich dann beim Herrn beschwert, so sagt er, er anerkenne das Schiedsgericht nicht. Beim Bezirksgericht kann ein Arbeiter aber nicht klagen, weil er keine Zeit und kein Geld hat. Er ist direct der Willkür des Herrn ausgesetzt, und dieser kann ihn hinausschmeißen, wann er will. Bezüglich der Abzüge muß ich sagen, daß die Löhne so klein sind, daß man kaum glauben sollte, daß sich noch etwas davon abziehen läßt. Es gibt Arbeiter, die nicht mehr als fl. 0 bekommen. Das Durchschnittsalter der in Verwendung stehenden Arbeiter ist größer als das der Frauen. Das der Frauen beträgt nämlich 23, das der Männer 29 Jahre. Bardorf: Ich bin zufälligerweise über die Arbeitsvermittlung in dieser Branche etwas insormirt und kann den Herren Folgendes bekanntgeben : Die Genossenschaft ist an den Verein für Arbeitsvermittlung mit der Frage herangetreten, ob wir gewillt wären, die Arbeitsvermittlung für die ganze Branche zu übernehmen. Wir sagten ja, machten aber den Vorstand darauf aufmerksam, daß nach einem Paragraph unserer Statuten der Verein bei einer Arbeitseinstellung nicht intervenirt. Ich glaube bestimmt annehmen zu können, daß dies der Grund war, warum die Arbeitsvermittlung, die doch natürlich im Interesse der Arbeitgeber wie der Arbeitnehmer gewesen wäre, uns nicht übertragen wurde. Ich mache darauf aufmerksam, daß ein allerdings nur geringer Theil der Arbeitsvermittlung dieser Branche von unserem Vereine besorgt wird, indem jährlich etwa 80 Cartonagearbeiterinnen und 40 bis Buchbinderarbeiter durch uns placirt werden. Professor v. Phili PP vvich übernimmt den Vorsitz. Exp. Nr. 9 (über Befragen des Vorsitzenden): Ich bin in einem mittleren Betriebe, in einer ... (uiederösterreichischen Landstadt). Es sind darin 70 Personen, etwa 50 Männer und 25 Mädchen beschäftigt. Die Mädchen müssen hauptsächlich Register ausschneiden, aber auch sonstige Arbeiten und das Thekenmachen besorgen. Wir sabriciren Geschäftsbücher, Notizbücher, „Poesiebücher" rc. Die Saison beginnt etwa in diesem Monat und dauert mehrere Monate. Es werden da keine Ueberstnnden gemacht, sondern: mehr Arbeiter ausgenommen. Die Arbeitszeit beträgt 10 Stunden. Die Arbeiter recrutiren sich meistens aus Arbeiterkreisen, selten aus der bäuerlichen Be- 30 völkerung. Der Lohn ist sehr schlecht; wenn ein Mädchen mit 15 Jahren zu uns kommt, bekommt sie sl. 1'80 pro Woche. Der höchste Lohn einer Arbeiterin im Accord beträgt sl. 5'50, höchstens fl. 0. Für eine Lage, das sind drei oder vier Bogen, bekommt man für zweimal streichen 25 kr., bei einem Strich 20 kr. Bei Notizbüchern mit 50 Blatt bekommt man sür die Lage 35 bis 40 kr. Veith: Kommt es auch vor, daß Arbeit nach Hause gegeben wird, wie zum Beispiel das Registerschneiden ? — Exp. Nr. 9: Ja; da hat man 5 bis 6 Stunden zuthun, und dasürwird auch nicht besser gezahlt. Das ist gewöhnlich pressant, und man muß in der Nacht ausbleiben und Licht verbrennen. «Ueber Befragen des Vorsitzenden.) Die Männer haben fl. 8 bis 10 Lohn- Sie leisten aber auch qualificirte Arbeit. Abzüge und Strafen haben wir nicht. Der Chef schreit und schimpft aber sehr oft. Wir haben eine Arbeitsordnung, welche an der Thür angebracht ist. Wenn man sie lesen will, kann man sie lesen, wenn nicht, so weiß man nichts davon. Der Geschästsleiter war früher Tischler; er behandelt uns sehr schlecht. Wenn er schlecht gelaunt ist, so kommt er in der Früh herein und schreit, was er aus dem Hals bringt, bis er ganz blau vor Wuth wird. Am meisten schreit er Samstag Früh. Mittagspause ist eine Stunde. Im Winter- arbeiten wir von halb 8 bis halb 7 Uhr — da haben wir Nachmittags eine Viertelstunde Pause — und im Sommer von 7 bis 6 Uhr, also 10 Stunden. An kleinen Feiertagen muß nur halbtägig gearbeitet werden; das haben wir erst jetzt durch den Strike erobert. Ebenso haben wir die 14tägige Kündigung durch den Strike erst neulich uns erkämpft. Trotzdem sind Arbeiter jetzt ohne Kündigung weggeschickt worden. Gestern Früh hat man es Einem gesagt, und er hat gleich weggehen müssen. Vorsitzender: Hat er sich das ruhig gefallen lassen? — Expertin Nr. 9: Das weiß ich nicht. Früher war eintägige Kündigung. Wenn sich nun ein Arbeiter ein Cabinet nimmt, so muß er es sür deu gauzeu Mouat im Vorhinein bezahlen. Wird er nun weggeschickt, so kann er nicht das Cabinet behalten tvie in Wien, wo er ja in vielen Fabriken Arbeit finden kann, sondern er muß vom Ort weggehen und hat den monatlichen Zins verloren. In unserem Geschäfte ist der Raum groß genug. Das Haus war früher eiue Kaserue. Aber es ist sehr starker Rauch; in der Früh riecht es wie in einer Selcherei. Mittags geht Jeder nach Haus. Die meisten Arbeiterinnen wohnen bei den Eltern und bekommen dort auch die Kost. Wir haben keine Motoren, sondern Handbetrieb. Bezüglich der Arbeitsvermittlung sind dieselben Verhältnisse wie in Wien; man geht in die Fabrik 'anfragen. Bei den meisten Arbeiterinnen verdient der Vater Geld, und die Mutter kocht zu Hause; sie sind also nicht allein auf ihren Lohn angewiesen. Die Ernährung besteht ebenso wie in Wien aus Suppe und Kaffee; Fleisch kommt nicht vor. Bei den Heftmaschinen ereignen sich Unfälle. Bezüglich der Organisation gehören wir zum Wiener Fachverein. Aber es gehen nur Jene dazu, die sich getrauen. Von den Frauen bin nur ich dabei. Pernersto rser: Wie kommt es, daß dort so wenig Organisation ist? — Exp. Nr. 9: Ja, der Chef schaut Einen schief an, besonders in der Fabrik . . P e rn e r st o r s e r: Ist es wahr, daß die dortige Bourgeoisie eine förmliche Verschwörung gegen die Socialdemokratie einleitete? — Exp. Nr. 9 : Ja, so ist es. P e r n c r st o rs e r: Wie ist es mit der Strafhausarbeit? — Exp. Nr. 9 : Es ist im Strafhanse auch eiue Buchbinderei, da gibt nun der Chef die billigen Bücher hinaus in's Strafhaus. Die Arbeit schaut freilich schrecklich aus, aber er verkauft sie doch. Es wird das meist von den 31 Knaben, den Corrigenden, deren etwa 20 bis 30 sich mit dieser Arbeit beschäftigen, besorgt. Exp. Grünfeld: Bezüglich des Fachvereines möchte ich mir einige Aufklärungen zu geben erlauben. Die Arbeiter und Arbeiterinnen der Firma . . können unserem Wiener Fachverein für Niederösterreich beitreten und sind demselben auch größtenteils beigetreten. Wir wollten draußen auch eine Zahlstelle errichten. Vor Kurzem war dort ein Strike, der nicht gut ausgefallen ist. Es war uns aber unmöglich, eine Versammlung abzuhalten ; es hat sich ein Comite, meist von . . .'schen Leuten, gebildet, welches jede Versammlung unmöglich machte. 200 bis 300 Leute kommen hin, machen einen Lärm und verhindern, daß ein Gegner zum Wort kommt, man muß froh sein, wieder lebend zum Bahnhof zu kommen. Mir selbst ist es so gegangen. So haben wir die Zahlstelle nicht gründen können. Die dortigen Arbeiter haben einen Gewerkschaftsverein gegründet, dem alle Branchen beitreten können, dort sind auch die Arbeiter aus dieser Buchbinderei, soweit sie sich getrauen; aber meist trauen sie sich nicht. Was die Strashausarbeit betrifft, so möchte ich bemerken, daß sie den Leuten bei . ., wenn ein Strike ist, die größte Concurrenz macht; natürlich besteht diese Concurrenz auch, wenn kein Strike ist; die leichteren Sachen werden draußen gemacht, und die Arbeiter sind gezwungen, zu arbeiten. Vorsitzender: Das scheint nur mindere Waare zu sein? — Exp. Grünfeld: Ja. Exp. Nr. 10: Ich bin in einem großen Wiener Betriebe beschäftigt, in welchem über 100 Leute thätig sind, circa 00 Arbeiter und 00 Arbeiterinnen. Die Arbeitszeit schwankt; zu Weihnachten ist mehr Arbeit, im Fasching arbeiten die Mädchen von 8 bis 5 Uhr und müssen auch aussetzen. Die gewöhnliche Arbeitszeit sind 10 Stunden, zu Weihnachten sind l bis 2 Ueberstunden. Eine Pause, und zwar einstündig, ist zu Mittag, sonst muß während der Arbeit gegessen werden. Die Zeit, in der nur acht Arbeitsstunden sind, dauert vier bis fünf Wochen. Vermehrt wird das Personal auch in der Zeit der Saison nicht. Arbeit wird nicht nach Hause gegeben. Die Löhne betragen st. 2 und 3. Vorsitzender: Waren Sie beim Eintritt Lehrmädchen? — Exp. Nr 10: Nein. Ich habe gleich bezahlt bekommen. Es sind in diesem Betrieb überhaupt keine Lehrmädchen-, man wird gleich gezahlt, und zwar nach Stück oder nach Stunden. Die nach Stück gezahlt sind, verdienen im Anfang in der schlechten Zeit nur sl. l, zu Weihnachten auch fl. 3 und 3 50. Vorsitzender: Wie viel wird für das Falzen von 1000 Bogen gezahlt? — Exp. Nr. 10: Gewöhnlich 2-1 kr., es sind auch Bogen, die mit 30 kr. bezahlt werden. Vorsitzender: Die Falzerinnen sind nach Stunden gezahlt? — Exp. Nr. 10: Ja. Vorsitzender: Es ist Wohl dieselbe Arbeit wie die, von der wir früher gehört haben, daß sie mit 20 kr. per 1000 Bogen gezahlt wird und mit einer Prämie, falls mindestens 15.000 hergestellt sind. Veith: In der jetzt besprochenen Buchbinderei bekommen Sie jedenfalls die Bogen nach der Größe gezahlt, für kleinere werden Sie weniger haben. — Exp. Nr. 10: Das'Mindeste ist 22 kr. — Veith: Und das Höchste? — Exp. Nr. 10: 30 kr.; es sind auch solche mit 35 kr., aber die sind schon hübsch groß. Vorsitzender: Wie viel bekommen Sie, wenn nach Stunden gezahlt wird? — Exp. Nr. 10: 10 kr. pro Stunde, 11 kr. ist das Meiste. Vorsitzender: Pro Tag also auch fl. 1-10 bei normaler Arbeitszeit und fl. 0-00 in der Woche. — Exp. Nr. 10: Das ist das Meiste. Ich habe st. 6; es sind auch solche, welche nur 8 kr. haben und 4 kr. Percente. 32 Vorsitzender: Entscheidet für die Höhe des Lohnes die Tüchtigkeit oder die Art der Arbeit? — Veith: Zum Stundenlohn werden nur besonders geschulte Arbeiter zugelassen, die anderen arbeiten nach Stück. Vorsitzender: Wie viel arbeiten mit Stundenlohn? — Exp. Nr. 10: Elf Mädchen. Vorsitzender: Haben Sie eine Arbeitsordnung, Strafen? — Exp. Nr. 10: Eine Arbeitsordnung ist da. Strafen sind jetzt nicht mehr, vor einem Jahre waren sie noch. Wenn man zu spät gekommen ist, sind 10 kr. abgezogen worden, für's Tratschen 10, auch 20 kr.; wenn man zum Greißler gegangen ist während der Arbeitszeit, 20 kr. Seit einem Jahre ist Alles abgekommen; nur das Tratschen schreibt der Werksührer aus, wenn er nicht gut gelaunt ist. Vorsitzender: Hat er die Strafen selbst abgestellt, oder haben Sie es verlangt? — Veith: Wenn ich nicht irre, war ein Zeitungsartikel der Anlaß. — Exp. Grünwald: Es war ein jahrelanger Kamps. Dr. Verkauf übernimmt wieder den Vorsitz. Veith: Vor einer Weile hat Herr Dr. Adler die Frage angeregt, ob die Männer für dieselbe Arbeit einen größeren, die Mädchen' einen niedrigeren Lohnsatz bekommen. Das ist der Fall bei der gleichen Arbeit, auch bei der Entlohnung nach Stück. Dr. Adler: Welches ist der Unterschied? — Experte Herr Josef Ziegler: Bei der Firma S. ist die Differenz beim Ueberziehen per 100 auf 35 kr. 10 kr. Dr. Adler: Also 30 Pereent Unterschied. Exp. Ziegler: Es kommt auch vor, daß in der todten Saison Männer Mädchenarbeit machen, und zwar für denselben Lohnsatz; sie verdienen aber bedeutend weniger, weil sie für diese Arbeit weniger geschult sind. Vorsitzender: Ich bitte Herrn Ziegler, das nächste Mal wieder zu erscheinen, damit er eingehend vernommen wird. — Heute wollen wir noch etwas über die Carton agebranche hören. — Exp. Nr. 11: Ich bin seit einem Jahre in einem Betriebe beschäftigt, in welchem 39 Frauen, drei Mädchen und einige Lehrbuben arbeiten. Früher war ich durch zehn Jahre in einem kleineren Betriebe. Vorsitzender: Wie vertheilt sich die Arbeit zwischen Männern und Frauen? Haben Sie Maschinen? — Exp. Nr. 11: Die Männer sind bei den Maschinen, es sind Handmaschinen. Vorsitzender: Sie bilden Partien? — Exp. Nr. 11: Ja, zu drei. Vorsitzender: Wie steht es mit der Saison? — Exp. Nr. 11: Wir haben schon Zeiten gehabt, wo im Winter wenig zu thun war. Auch im Sommer war schon wenig zu thun. Vorsitzender: Wie lange sind Sie schon in der Branche? — Exp. Nr. 11: 15 Jahre. Vorsitzender: Da müssen Sie doch darüber Erfahrungen haben, zu welcher Zeit gewöhnlich ausgesetzt wird. Wie steht's mit der Zahl der Arbeiterinnen, wenn mehr oder weniger zu thun ist? — Exp. Nr. ll: Gegen Weihnachten ist es am strengsten, im Sommer ist weniger Arbeit. Wenn wenig zu thun ist, hört man um 3 oder 4 Uhr anf, im Winter macht man dafür Ueberstunden. In unserem Betriebe werden größere und kleinere Cartons erzeugt; Arbeit wird nach Hause nicht gegeben. Die Arbeiterinnen recrutiren sich meist aus Arbeiterkreisen und Pflegen nach dem 14. Jahre einzutreten. Eine Arbeitsvermittlung gibt es nicht. Ein Lehrmädchen bekommt fl. 1; wenn sie länger dabei ist, bekommt sie alle Wochen 10 oder 20 kr. Zulage. Vorsitzender: Kommt es nicht in manchen Betrieben vor, daß einige Wochen gar nichts gezahlt wird? — Exp. Nr. 11: Nein. sl. 1 bekommt 33 sie bestimmt gleich, aber über fl. 5 steigt's selten. Die Erste beim Tisch hat fl. 5. Manchmal gibt es welche, die mehr haben. Vorsitzender: Was geschieht dann, wenn die Arbeitszeit gekürzt wird? — Exp. Nr. 11: Tann wird für jede Stunde 10 kr. abgezogen. Gezahlt wird auch 10 kr. Vorsitzender: Das stimmt nicht; Sie haben eine zehnstündige Arbeitszeit, und da müßten Sie pro Tag fl. 1 haben. Nun sagen Sie aber, daß Sie pro Woche höchstens fl. 5 haben. — Exp. Nr. 11 : Für die Ueber- stnnden werden auch 10 kr. gezahlt, für die gewöhnliche Arbeitsstunde macht's weniger. Experte ^: Das richtet sich nach dem Lohn. Es wird von dem Wochen- lohn ausgerechnet, wie viel auf die Stunde entfällt, und das Entfallende wird abgezogen. — Exp. Nr. 11: So genau wird das nicht gemacht. Je nachdem der Herr gelaunt ist, zieht er manchmal mehr und manchmal weniger ab. —Arbeit wird nicht nach Hause gegeben. Der Lohn der Männer steigt von fl. 6, 7 bis 12, 13. Die männlichen Lehrlinge lernen drei Jahre; man braucht so lange, um die Arbeit zu erlernen. Vorsitzender: Wie schnell erlernt es ein Mädchen ? — Exp. Nr. 11: In einem Jahre können sie auch schon einen Carton zuschneiden. Aber meist sind es drei Jahre. Vorsitzender: Das ist die Lehrzeit nach dem Genossenschaftsstatut. Ich meine aber, ob es nothwendig ist? — Exp. Nr. 11: In zwei oder anderthalb Jahren können sie es auch erlernen. Vorsitzender: Kommen Strafen vor? — Exp. Nr. 11: Wenn Eine fünf Minuten später kommt, wird ihr eine halbe Stunde abgezogen. Sonstige Strafen gibt's nicht. Was mit den Strafgeldern geschieht, wissen wir nicht. Eingeholten werden sie von der Frau und dem Herrn. Die Strafen werden eingeschrieben und Samstag abgezogen. Die Arbeitszeit währt von 7 bis 0 Uhr. Mittag ist eine Stunde Pause, die genau eingehalten wird. Wir können während der Pause in der Werkstätte bleiben. Wenn viel zu thun ist, arbeiten wir an Feiertagen bis Mittag, am Sonntag selten. Wir haben eine Kündigungsfrist von acht Tagen. Aber wenn der Herr schlecht gelaunt ist, gibt er Einer das Buch und sagt, sie kann gehen. Vorsitzender: Haben Sie nicht die Erfahrung, daß während der Ferien schulpflichtige Kinder hinkommen? — Exp. Nr. 11: Nein. Vorsitzender: Wir haben das von Einzelnen gehört. — Expertin Nr. 11: Das könnte ich nicht sagen. Vorsitzender: Wohnung und Kost nimmt man in Ihrer Branche nicht beim Unternehmer? — Exp. Nr. 11: Nein. Vorsitzender: Sind Geschenke an Vorgesetzte üblich, daß man dem Werkführer zum Beispiel oder sonst Jemandem etwas schenkt? — Exp. Nr. 11: Nein. Vorsitzender: Wie steht's mit der Ernährung? — Exp. Nr. 11: Wie bei den Buchbindern. Man nimmt sich den Kaffee mit, Mittag kauft man sich Suppe, Gemüse und Brot. Es gibt auch Manche, die den ganzen Tag vom Kaffee leben. Wo ich früher war, haben sich die Mädchen den Kaffee nicht wärmen dürfen; die Frau hat gesagt, sie wirft ihn durch's Fenster hinunter. Sie haben also den Kaffee kalt getrunken. Vorsitzender: Aus welchem Grunde ist denn das verwehrt worden? — Exp. Nr. 11: Sie sagt, sie kann den. Geruch von Kaffee in der Werkstatt nicht vertragen. — Unser Arbeitslocal befindet sich im Souterrain. Es sind mehrere Zimmer. Ein großer Saal hat sechs Fenster auf die Gasse; es befinden sich 30 Arbeiter in demselben. Bei Tag ist es licht, sonst haben wir Petroleumlampen. Die Ventilation ist nicht gut. Der eingeweichte Leim hat einen üblen Geruch, der Kessel raucht oft, weil der Leim mit Petroleum 3 Fraiien-Encnu'te. 24 gewärmt wird, der Abort ist in der Werkstatt. Im Sommer ist das sehr unangenehm. Im Winter wird nicht gelüftet. Eine eigene Ventilation gibt es nicht. Vorsitzender: Werden die Böden und Wände gereinigt, wird geweißt? — Exp. Nr. 11: Wo ich früher war. war die Werkstatt sehr rein, sie wurde alle Jahre geweißt. Zu den Feiertagen wurde abgestaubt, und alle zwei bis drei Wochen wurde der Fußboden gerieben. Vorsitzender: Wie ist es dort, wo Sie jetzt sind? — Expertin Nr. 11: Nicht°so schön. Tort wäre ordentlich auszuputzen. Vorsitzender: Ist der Abort gemeinsam für Männer und Frauen? — Exp. Nr. il: Ja. Vorsitzender: Wer ist Ihnen vorgesetzt? — Exp. Nr. 11: Ein Werksührer. Vorsitzender: Sind mehr ledige Arbeiterinnen? — Expertin Nr. 11: Ja. Vorsitzender: Sind auch ältere Frauen vorhanden? — Expertin Nr. 11 : Ueber 30 Jahre nicht. Vorsitzender: Woher kommt das? — Exp. Nr. 11: Es sterben Viele bei unserem Geschäft an Lungenkrankheiten. Vorsitzender: Wovon kommen die? — Exp. Nr. 11: Vom Leim, wenn der Kessel mit Petroleum geheizt wird. Vorsitzender: Gibt es schwere Arbeiten? — Exp. Nr. 11: Die Leimarbeit ist keine leichte Arbeit. Denn die, welche bei den Cartons sind, müssen schlecken, und da mnß man den Leim und Gestank wegschlecken. Vorsitzender: Wie macht man das und wie lange? — Exp. Nr. 11: Der Leim wird gestrichen, das wird getrocknet, aus Fleckerl geschnitten, und die müssen geschleckt werden. Das dauert auch drei bis vier Stunden, denn es kommen manchesmal mehrere hundert Stück in die Arbeit, die geschleckt werden müssen. Vorsitzender: Ist das schädlich? — Exp. Nr. 11: Ja. Aber da fragen die Herren nicht. Dr. Osner: Ist denn für das Schlecken keine Maschine erfunden? — Exp. Nr. 11: Nein. — Exp. Nr. 13: Es gibt Arbeiten, wo geschleckt werden muß. — Exp. Nr. 11: Die Kundschaft interessirt sich auch dafür, weil es besser hält. — Exp. Nr. 12: Die Herren caprieiren sich, sie sagen, es geht mit dem Schlecken schneller. Mit dem Schwamm ging's auch ganz gut, aber sie fragen eben nicht, ob das der Arbeiterin schadet oder nicht. Dr. Osner: Kommen Erkrankungen vor? — Exp. Nr. 12: O ja. Meine Schwester ist alle halbe Jahre zwei Monate krank, weil sie schwach ist. Wir glauben, sie ist lungenkrank. Dr. Osner: Was sagt der Arzt? — Exp. Nr. 12: Lungenkatarrh hat sie immer. Veith: Haben Sie in den Geschäften, wo Sie die Leinwand abschlecken, eine Klammermaschine, womit die Ecken zusammengeklammert werden? — Exp. Nr. 11: Ja. Veith: Dann ist es mir unbegreiflich, warum geschleckt wird. Denn wenn das zusammengeklammert wird, so hält es geradeso. Vorsitzender: Ist das in allen Betrieben so? — Exp. Nr. 11 : Ja. Wo ich zehn Jahre war, hat man gar keine Maschine. Man sagt auch, daß der Draht rosten kann, deshalb muß geschleckt werden. Veith: So lange existirt die Schachtel nicht, bis der Draht rostet- — Exp. Grün Wald: Es sieht eben nicht so schön aus. — Exp. .L : Zum Anheften geht das nicht immer, weil ein doppelter Deckel da ist. Wenn man kein geschlecktes Fleckerl anklebt, so reißt es auf. Wenn's geschleckt wird, so hält es fester. Das Heften an den Ecken geht nur bei den Obertheilen. 35 Vorsitzender: Bekommt man nicht etwas zum Anfeuchten? — Exp. ^ : Wenn's der Herr nicht sieht, so verwenden wir einen nassen Fetzen dazu. Wenn aber der Herr kommt, muß man ihn schnell wegwerfen und. wieder schlecken. Vorsitzender: Haben sich viele Arbeiterinnen der Organisation angeschlossen? — Exp. Nr. 1l: Sehr wenig. Vorsitzender: Sie haben eine gemeinsame Organisation mit den Arbeitern? — Exp. Nr. l 1: Ja, den Fachverein. Exp. Nr 12 (über Befragen des Vorsitzenden): Ich bin jetzt in einem kleinen Betriebe beschäftigt, wo sechs Mädchen und ein Zuschneider arbeiten. Vorher war ich bei der Firma, wo die Frau Exp. Nr. 11 ist. Unsere Saison ist gewöhnlich zn Ostern. Ueber den Sommer geht es sehr schlecht. Vorsitzender: Werden dann die Arbeiterinnen entlassen? — Exp. Nr. 1?: Was man weniger arbeitet, wird abgezogen. Vorsitzender: Muß man längere Zeit aussetzen? — Exp. Nr. 12 : Nein. Es wird nur die Zeit abgerechnet, wo man nicht arbeitet. Wir erzeugen Cartons für Cravatten, Hemden und Krägen. Hausarbeit haben wir keine. Die Beschäftigten sind zumeist Kinder von Arbeitern. Früher habe ich in Ottakring gearbeitet, dort geht es sehr übel zu. Anfangs waren wir nach der Woche gezahlt, und da ist man sehr streng gewesen. Wenn Eine ein paar Minuten zu spät gekommen ist, hat es geheißen: „Wenn Sie mir noch einmal zu spät kommen, schmeiße ich Sie hinaus." Da sind 20 kr. oder 30 kr. abgezogen worden, je nachdem es der Frau oder dem Herrn beliebt hat. Vorsitzender: Ist dort der Wechsel ein sehr starker? — Exp. Nr. 12: Ja. Die Arbeiterinnen haben das nicht ausgehalten. Der Herr ist sehr rabiat, er „schmeißt" eine Arbeiterin gleich „die Stiege hinunter", wenn sie ein Wort redet. Vorsitzender: Wie wird dort der Verdienst berechnet? — Exp. Nr. 12: Jetzt nach Stück. Anfangs nach der Woche. Vorsitzender: Was für ein Verdienst ist gewöhnlich beim Eintritt? — Exp. Nr. 12: Wenn man als Lehrmädchen kommt, bekommt man die erste Woche 50 kr., später je nachdem 10 kr. oder 20 kr. Zulage. In fünf bis sechs Wochen erhält man fl. 1, dann kommen alle zwei, drei, vier Wochen Zulagen. Der höchste Lohn ist fl. 5 bis 5 50. Da muß aber Eine sechs bis sieben Jahre eine tüchtige Arbeiterin sein. Vorsitzender: Sind viele Arbeiterinnen so lange Zeit dort? — Exp. Nr. 12: Ich habe nur vier Jahre das Glück gehabt; ich habe oft fort wollen, weil es so zugeht. Zwei Jahre war ich nach der Woche und zwei Jahre im Accord. Nach der Woche habe ich fl. 5 bekommen. Bevor ich ausgetreten bin, war ich im Accord; es war sehr wenig zn thun, und ich bin manchmal mit fl. 2 bis 3 fortgegangen. Vorsitzender: Hat nicht die Art der Entlohnung gewechselt, so daß in guten Zeiten Wochenlohn war? — Exp. Nr. 12: Nein. Vorsitzender: Sind Ueberstunden gemacht worden? — Expertin Nr.. 12: Wenn viel Arbeit war, Habs geheißen: „Mädchen, heute müßt Ihr bis 9, 10 Uhr da bleiben." Wenn's sein muß, muß man bis 12 Uhr arbeiten. Das ist, so lange ich dort war, sehr oft vorgekommen. In der Saison habe ich manchmal bis 12 Uhr arbeiten müssen, am anderen Tag wieder. Wenn man gekommen ist, hat's geheißen — das muß ein Interesse vom Herrn gewesen sein —: „Heut' müßt Ihr warten, thut's derweil stricken!" Da haben wir uns drei-, viermal in der Woche hinsetzen und von Früh bis 11, 12 Uhr Mittag stricken können. Vorsitzender: Glauben Sie, daß da plötzliche Bestellungen waren oder nur eine Laune? — Exp. Nr. 12: Nur Launen. Er hat sich eingebildet, das muß fertig werden, anders geht's nicht. Da müssen die Arbeite- 3* 36 rinnen bleiben, ob's ihnen recht ist oder nicht. „Wenn's Ihnen nicht paßt^ so gehen Sie ganz!" gibt ihnen der Herr zur Antwort. Vorsitzender: Was ist sür Ueberstunden bezahlt worden? — Exp. Nr. 12: Derselbe Stücklohn. Vorsitzender: Haben Sie da so viel erzeugen können wie während des Tages? — Exp. Nr. 12: Das bleibt sich gleich. Vorsitzender: Trotzdem Sie ermüdet waren? — Exp. Nr. 12: Mein Gott, da hilft nichts, man muß halt arbeiten. Vorsitzender: Hat es noch andere Strafen gegeben, außer für das Zuspätkommen? — Exp. Nr. 12: Ja, wenn z. B. ein Stück Papier ruinirt wird. Die Abziehern, reißt einen Streifen ein, sie kann nichts dafür, es heißt einfach, wie es dem Herrn einfällt: „Das kostet 10 kr., das müssen Sie zahlen." Wenn sich eine Arbeiterin steift und sagt, das thut sie nicht, so heißt's: „Ich schmeiß' Sie hinaus über die Stiege, daß Sie die Haxen in die Höh' strecken." So drückt er sich aus. „Sie Luder, Sie niederträchtiges, Sie Viech, Sie Schwein, Sie!" Vorsitzender: Ist das häufig vorgekommen, oder war das nur eine Ausnahmserregung? — Exp. Nr. 12: Das sind noch die schönsten Namen, es sind noch viel schlechtere. Vorsitzender: Haben Sie dort eine Arbeitsordnung gehabt? — Exp. Nr. 12: Ja, aber die wird natürlich vom Herrn aus nicht beachtet. Sie ist an der Mauer angeklebt. Vorsitzender: Wie ist es mit den Pausen? — Exp. Nr. 12: Nur Mittags. Bei den Stückarbeiterinnen ist keine Mittagspause. Sie werden sehr schlecht gezahlt und kommen nicht einmal aus den Wochenlohn, wenn sie sich die Mittagsstunde gönnen. Sie muß fleißig den ganzen Tag arbeiten, wenn sie den Wochenlohn verdienen will. (Auf Befragen des Vorsitzenden.) Die Werkstätte wird zu Mittag nicht gesperrt. Wenn viel zu thun ist, wird auch an Feiertagen gearbeitet. An Sonntagen geschah es nur einmal. Eine besondere Vergütung wird für die Sonn- und Feiertagsarbeit nicht gewährt. Die Kündigungsfrist beträgt acht Tage, wird aber nicht eingehalten. Ich möchte noch erwähnen: Ewer Arbeiterin ist einmal passirt, daß ein Stoß Cartons umgefallen ist, und der Herr hat sie genommen und an den glühenden Ofen geschmissen. Er hat sie beim Genick genommen und hat gesagt: „Sie Luder, Sie niederträchtiges, ich schmeiß'Sie hinaus," und hat sie hingeworfen, daß Sie an den glühenden Ofen gefallen ist und sich dabei das Kleid verbrannt hat. Vorsitzender: Ist sie ausgetreten? — Exp. Nr. 12: Ja. Vorsitzender: Ist das nicht zur Anzeige gekommen? — Expertin dir. 12: Ja, sie war bei Gericht, auch ich war bei Gericht. Ich habe immer fort wollen, weil der Verdienst so schlecht war; ich bin so oft dagesessen und habe mir während der Zeit 20 Paar Strümpfe gestrickt, die ich noch heute zu Hanse habe. Am Samstag ist man mit fl. 2, 3, 3'50 weggegangen. Wenn man als Borarbeiterin fl. 4 hat, ist man scyon sehr gut daran. Wenn ich aber habe weggehen wollen, hat die Frau immer gesagt: „Lassen Sie's gehen, die nächste Woche haben wir wieder sehr viel zu thun, so daß'wir bei der Nacht arbeiten müssen." Wie ich mir's aber nicht mehr habe ausreden lassen, fortzugehen, und mein Buch verlangte, habe ich mir's bei Gericht holen müssen, und er hat nur ausdisputiren wollen, ich habe meine achttägige Kündigungsfrist nicht gemacht. Vorsitzender: Wie steht es denn mit der Ernährung? — Expertin Nr. 12: Weil sich die Mädchen nur wenig verdienen, so wärmen sie sich nur zu Mittag den Kaffee, oder sie kaufen sich um 3 kr. Kraut und ein „Laberl". Mehr können sie sich nicht gönnen. Vorsitzender: Wie ist es mit dem Frühstück? — Exp. Nr. 12. 37 Wie es gewöhnlich ist. Entweder gar nichts oder ein Stück trockenes Brot oder ein Lackerl Kaffee. Vorsitzender: Ja, woher nehmen dann die Arbeiterinnen die Kräfte? — Exp. Nr. 12: Darnach wird nicht gefragt. Darum find die Cartonage-Arbeiterinnen meistens krank. Vorsitzender: Wie ist es mit dem Nachtmahl? — Exp. Nr. 12: Je nachdem. Wenn die Arbeiterin Eltern hat, die etwas thun können für sie, so bekommt sie etwas Gekochtes, aber die meisten sind zu Bett ein- gemiethet und haben am Abend nur Wurst und ein Stück Brot. Vorsitzender: Wie groß ist die Ausgabe für die Wohnung? — Exp. Nr. 12: Für's Bett ist pro Woche fl. 1 zu zahlen. ' Vorsitzender: Was bleibt dann von dem Lohn für die Kleidung? — Exp. Nr. 12: Das ist leider bei den Cartonage-Arbeiterinnen sehr traurig. Es wird jede verachtet, weil es heißt: „Schaut's die an, wie die daherkommt!" Aber es ist leider nicht anders möglich. Bei dem Lohn kann man sich ja nicht einmal das bischen Kaffee ordentlich zahlen. Es ist unmöglich, daß sie sich da auch noch die Kleidung zahlen. Das Mädchen, welches bei . . ist, muß sich den Rock, den sie am Samstag Abends ausgezogen hat, am Sonntag waschen, trocknen und bügeln und Montag wieder anziehen. Mit der Beschuhung ist es nicht besser. Es kommt öfter vor, daß den Arbeiterinnen im größten Winter die Zehen Herausstehen. Vorsitzender: Wie ist es mit dem Arbeitslocal? — Exp. Nr. 12: Das ist nicht so schlecht. Wie ich dort war, waren die Arbeiterinnen im ersten Stock, die Zuschneider im Keller; dann ist ein Magazin für die Cartons. In dem Saale waren 30 Arbeiterinnen. Er ist nicht schlecht und hat sechs Fenster. Hingegen ist es sehr staubig. Wenn man Nachts nach Hanse geht, thut Einem die Brust weh, wenn man fleißig gearbeitet hat, vom Staub und Leimgestank, Deckel- und Papierstanb. Husten ist häufig. Vorsitzender: Wie ist es mit der Reinigung des Vocals? — Exp. Nr. 12: Wie es der Frau beliebt. Wenn sie reinlich ist, so läßt sie reiben, oder die Arbeiterinnen sind gezwungen — das ist bei unserer Branche häufig — um die Mittagsstunde, anstatt auszurasten und anständig zu essen, selbst alles abzureiben, wenn sie nicht ersticken wollen. Die Arbeiterin sitzt aus einem Stockerl, wie man's in der Küche hat, vor einem Tisch. Das muß sie selbst abreiben, auch den Fußboden. Dafür wird nicht besonders gezahlt. Vo rsitzender: Wo also Niemand steht, bleibt der Schmutz? — Exp. Nr. 12: Ja, außer die Frau oder der Herr lassen aufreiben. Aber sie wollen nicht. Sie sagen: „Zu was seid's ös da? Sitzt's und schaut's oder reibt's!" Vorsitzender: Wie ist es mit der Ventilation? — Exp. Nr. 12: Er ist einmal gestraft worden, da hat er's mächen müssen. Ich möchte betonen, daß es bei . .. mit den Schimpfnamen sehr arg ist, wenn nur das Geringste vorkommt bei den Arbeiterinnen. „Sie Dreckluder, Sie Dreckvieh, Sie Schlampen, Sie Fetzen, ich schmeiß' Sie hinaus, Sie Rindvieh!" Das geht den ganzen Tag. Wenn sich Eine aufhält, sagt er: „Wenn es Ihnen nicht paßt, so gehen Sie, Sie Luder. Ich schmeiß' Sie sofort hinaus, wenn Sie noch ein Wort sagen!" Vorsitzender: Gibt's dort auch Werkführer? — Exp. Nr. 12: Nein. Die Frau theilt die Arbeit aus. In unserer Branche sind immer mehr Mädchen. Häufig sind die Mädchen 13 bis 14 Jahre alt. Ich bin 23 Jahre alt und bin schon 12 Jahre beim Geschäft. Jetzt darf das nicht sein, weil es wegen der Schule strenger ist. V orsitzender: Vor 12 Jahren war es auch schon so, da war auch schon die allgemeine Schulpflicht. — Exp. Nr. 12: Aber die Gewerbeordnung war nicht in diesem Sinne durchgeführt. . 4.. NMlWM :;8 Tr. Osner: Sind Sie freiwillig vorn Wochenlohn zum Stücklohn übergegangen oder mußten Sie das thun? — Exp. Nr. 12: Ich war schon , zwei Jahre dort, da bin ich einmal Dienstag Früh in die Arbeit gekommen, da ist auf dem Tisch das Buch von einer Jeden gelegen, und es hat geheißen: ' „Heute sind wir nach dem Stück." Es ist Niemand gefragt worden, ob es : ihm recht ist. Der Herr hätte sagen sollen, was man per 100 Stück bekommt, ! denn bei uns wird nach dem Hundert gezahlt. Das hat er nicht gleich gesagt. Als Arbeiterin nach Stück will man fleißiger sein, weil man sich mehr verdienen kann. Der Herr hat bis Samstag gewartet, wie viel sich die Arbeiterin > per Stück verdient, hat sich das ausgerechnet, und hat dann per Stück um so viel weniger gezahlt, damit dasselbe herauskommt. Vorsitzender: Es sind dort auch Versuche gemacht worden, die Arbeiterinnen zur Organisation heranzuziehen. Hat das der Herr ... geduldet ? — Exp. Nr. 12: Da hat es ganz einfach geheißen: „Die bei mir arbeitet, darf in keinen Fachverein gehen: die Erste, von der ich das höre, liegt ^ draußen. Das brauche ich nicht in meiner Fabrik." V o rs itz end er: Es soll auch ein solcher Fall von Maßregelung vorgekommen sein. Kommen Unfälle häufig vor? - - Exp. Nr. 12: Ja, bei. . . ist sehr viel vorgekommen. Es ist ihm vorgeschrieben worden, Bor- richtungen zu machen, daß die Hände bei den Maschinen nicht zukommen können. Er hat es aber nicht gemacht, und sehr Viele haben sich die Finger gequetscht und gezwickt. Vorsitzender: Ist er gegen Unfall versichert? — Exp. Nr. 12: Ich glaube nicht. ! Vorsitzender: Haben Sie einen Motor? — Exp. Nr. 12: Einen ^ Gasmotor. ! Vorsitzender: Dann waren Sie jedenfalls versichert. — Expertin ! Nr. 12: Zu der Zeit waren wir in der Allgemeinen Krankenkasse; das war auch gegen Unfall. Vorsitzender: Was ist Ihnen abgezogen worden? — Expertin Nr. 12: Jährlich 20 kr. t Vorsitzende r: Was ist für Krankenversicherung abgezogen worden ? i — Exp. Nr. 12: Wöchentlich 10 kr. Vorsitzender: Was für einen Anspruch hüben Sie da gehabt? — Exp. Nr. 12: sl. 4 20. Ich möchte noch etwas erwähnen. Bei unserer , i Branche ist ein Mitfahrer, der mit den Cartons zu den Kundschaften fahrt, ^ der hat Franz geheißen. Wenn der Herr nicht gut gelaunt war, hat er ihn abgewatscht und hat ihm gesagt: „Dn Mistvieh, Du rother Hund." Vorsitzender: Wie alt war der Franz? — Exp. dir. l 2: 21 Jahre. Die Frau hat ihn immer getröstet: „Franzerl, laß' geh'n, mach' Dir nichts d'rans," und hat ihm für jede Ohrfeige ein Sechserl oder einen Zwanziger gegeben oder sie hat ihm abgelegte Schuhe oder Kleider vom Herrn geschenkt. Deswegen hat er sich vier Jahre lang gehalten. Vorsitzender: Sind die Verhältnisse in Ihrem jetzigen Betriebe günstiger?Exp. Nr. 12: Ja. Der Lohn ist aber überall gleich; es wird nirgends mehr gezahlt als sl. 2 bis 4. Mit sl. 5 ist es schon die beste Arbeiterin. . Experte .4 (über Befragen des Vorsitzenden): Das Schlecken, von ' dem die Rede war, kann vermieden werden, wenn man mit einem Schwamm - . , oder Fetzen befeuchtet. Aber das ist dem Herrn nicht geschwind genug. Ich bin circa neun Jahre im Gewerbe thätigimmer überwog die Zahl der . Frauen. In: Sommer gehen wir Nachmittags um 3 oder 4 Uhr nach Hanse, in der Zeit vom October bis Ostern machen wir ein bis zwei Ueberstunden. Vorsitzender: Kommt das häufig vor, wie bei . . ., daß man so lange arbeiten muß? — Exp. N: Bei uns nicht. In manchen Merkstätten wird in der Nacht gearbeitet. 39 Expertin Nr. 13: Ich bin bei P., bei dem 34 Mädchen, sieben oder acht Männer und dann Lehrbnrschen beschäftigt sind. Gearbeitet wird mit Hand- maschinen. Die Arbeiterinnen treten meist als Lehrmädchen nach der Schuft ein, und sind zumeist Arbeiterkinder. Mit sl. 1 sängt man an, das steigt bis sl. 3, 4, 43o. Die erste beim Tisch hat sl. 4'30 bis ii, alles im Wocheulohu. In der stillen Saison bleibt man zu Hanse, die Zeit wird abgezogen. Wenn man zu spät kommt, werden einem für die Minute 4 kr. abgezogen. Für verdorbenes Material findet ein Abzug nicht statt. Die Arbeitszeit ist von 7 bis 3 Uhr; im Winter von halb 3 bis halb 7 Uhr. Mittags ist Pause; man darf in der Werkstatt bleiben; während der Pause arbeitet Niemand. In den starken Monaten werden UZ bis 2 Stunden über die Zeit gearbeitet. An gewöhnlichen Feiertagen wird meist gearbeitet, an den hohen nicht. Vorsitzender: Wie ist die Ernährung? — Exp. Nr. 13: Zu Mittag Kaffee und eine Zuspeise. Vorsitzender: Wo ist die Werkstätte und wo wohnen die Arbeiterinnen zumeist ? — Exp. Nr. 13 : Die Werkstätte ist im Vlk. Bezirke. Die Arbeiterinnen wohnen in Sttakring und Lerchenfeld. Die meisten bleiben beim Essen in der Werkstätte, die im Winter nicht gelüftet wird, weil es zu kalt wäre. Die Reinigung ist eine schlechte. Es wird das ganze Jahr nicht geputzt. Die Mädchen können selbst aufwaschen, wenn sie wollen. Der Fußboden hat lauter Löcher. Die Wände sind naß, es ist ebenerdig. Es sind zwei Arbeitssäle. Die Männer find extra. Die Aborte sind für die Geschlechter getrennt, aber sie sind im Hos. In den Hof gehen auch die Zimmersenster. Der Werkführer benimmt sich anständig. Wir sind gegen Unfall versichert, wofür uns nichts abgezogen wird. Für die Krankenversicherung zahlen wir 12 kr. pro Woche und bekommen sl. 2',30. Dem Faelwercine gehört Niemand an, aus Furcht, daß es dem Herru vou Mitarbeiterinnen angezeigt wird. Während der Saison verdienen wir sl. 4'30. In der Zeit, wo wir stundenweise nicht beschäftigt sind, sl. 2, auch weniger. Exp. Nr. 14: In meinem Betriebe sind 20 Mädchen und 10 Männer beschäftigt, ein Motor ist nicht vorhanden. Ein Lehrmädchen bekommt 30 kr. Dieses muß drei bis vier Monate mit dem Wagen mitfahren, damit der Herr einen Mann erspart: dem müßte er sl. 9 zahlen. Wenn es ihr zuwider ist, weil sie zu viel Gewand rninirt, bittet sie, zum Tisch zu kommen, da bekommt sie sl. I, nach drei Monaten bekommt sie sl. 1-30. Wenn sich die Mutter annimmt, daß sie mehr bekommt, bekommt sie sl. 1-40 öderer schickt sie weg. Es sind drei bei einem Tisch. Eine hat sl. 2, eine andere sl. 3 bis 4, eine sehr gute bekommt sl. 4-30, das Höchste ist sl. 5. Vorsitzender: Kommen Abzüge und Strafen vor? — Exp. Nr. 14: Wenn Eine redet, werden 20 kr. abgezogen. Sst fehlen am Sonntag 5o kr., und wenn man fragt, warum, so heißt es: „Sie wissen doch, Sie haben getratscht und sind zu spät gekommen." Ist es ihr nicht recht, so bekommt sie-ihr Büchel und kann gehen. Eine Kündigungsfrist besteht zwar, aber wenn es dem Herrn beliebt, wirft er hinaus, wann er will. Im Winter bis Schern werden oft bis '.Uo Uhr Ueberstunden gemacht. In der schlechten Zeit arbeiten wir nur bis 4, 3 Uhr. Die Zahl der Arbeiterinnen ist eine stabile. Wenn Arbeit ist, muß am Sonntag gearbeitet werden. Außer der Mittagspause haben wir keine Pause, man muß chin Stuck Brot so essen: wenn er es aber sieht, so nimmt er es weg. Die Ernährung ist eine schlechte. Die Mutter wartet oft schon aus die sl. 3, um beim Greißler die Schulden zu zahlen. Wenn Eine allein ist, so muß sie auch das Bett zahlen. Einen ordentlichen Rock sich schassen, ist kaum möglich. Wenn Eine bei der Mutter- ist und sonst keine Kinder sind, so kauft ihr vielleicht die Mutter ein Gewand. V o r s itzender: Wie ist das Local beschaffen ? — Exp. Nr. 14: Im Keller; es ist aber licht, gesund und luftig: der Staub kaun abziehen. Es sind zehn Fenster und es wird alle Tage gelüftet. 40 Vorsitzender: Wie ist es mit der Reinigung? — Exp. Nr. 14 : Wenn die Mädchen selbst Fetzen, Besen und Bürste kaufen, können sie reinigen, sonst können sie im Schmutz ersticken. Die kein Schwein ist, kauft sich eine Bürste und reibt. Zu Mittag bleiben viele Arbeiterinnen, die meist ledig sind und in Hernals wohnen, in der Werkstätte; nur wenige, die gerade in der Nähe wohnen, gehen nach Hause. Vorsitzender: Gehören die Eädchen einer Organisation an? — Exp. Nr. l4: Ich war die Einzige. Die Anderen fürchteten sich; sie haben gesagt: „Wenn es der Herr erfährt, werde ich entlassen." Einige sind aber hingegangen. Wie der Herr gehört hat, daß ich dabei bin, hat er mich entlassen wollen; ich habe gesagt, er soll mich entlassen. Dann hat er mich behalten. Vorsitzender: Was wird für die Unfallversicherung abgezogen? — Exp. Nr. 14: Nichts. Es kann bei uns nichts geschehen, wir haben keinen Motor. Dr. Adler: Was essen Sie am Sonntag ? — Exp. Nr. 14: Wenn Eine bei den Eltern ist, bekommt sie eine Erdäpfelsuppe oder Griessuppe; ein Stückel Fleisch und Zuspeise ist sehr selten. — Experte ^: Es ist außerordentlich selten, daß sich die Leute einen Rostbraten um 16 kr. beim Pserdesleischhauer kaufen. Dr. Adler: Was essen Sie am Sonntag Abends? — Exp. Nr. 14: Augsburger vorn Pserdesleischhauer kann man sich kaufen. — Exp. Nr. 12: Montag sind die Arbeiterinnen gewöhnlich krank, weil sie das Fleisch nicht vertragen ; da sagt der Herr: „Na ja, gestern waren S' gewiß wieder tanzen und hab'n gedraht." Ich weiß das von mir. Es ist mir am Montag immer schlecht, wenn ich Sonntag ein Stück Fleisch gegessen habe. Schluß der Sitzung 7 Uhr 15 Minuten. 3. Sitzung, Montag, den 2. März 1896. Vorsihender: Vardorf. Beginn 7 Uhr 45 Minuten Abends. Schriftführer Dr. Frey: Die Commission erachtet es im Interesse der Unparteilichkeit der Enquete für geboten, daß auch Unternehmer einvernommen werden. Wir haben natürlich kein Mittel, um solche zum Erscheinen zu veranlassen; wenn sie sich aber bei den Commissionsmitgliedern melden, so bitte ich dies unverzüglich bekannt zu geben. Vorsitzender: Ich beginne mit der Einvernahme der Experten aus der Zuckerbäckerbranche, und zwar zunächst der männlichen Experten. Experte Herr Gustav Schindler: Mir kommt es nicht zu, den Gewerbebetrieb zu erläutern, da ich nur in kleinen Betrieben gearbeitet habe. In diesen gibt es weibliche Arbeiterinnen nur im Verkaufsgewölbe, nicht aber in der Erzeugungsstätte. Werden Frauen beschäftigt, so haben sie nur die untergeordneten Reinigungsarbeiten oder Handlangerdienste zu verrichten. In Betrieben, die eine größere Ausdehnung haben und wo Hilssarbeiterinnen, jedoch nur zu untergeordneten Arbeiten verwendet werden, ist die Arbeitszeit und die»Entlohnung ebenso wie bei den männlichen Arbeitern. Sie stehen im Monatslohne und haben Kost und Wohnung. Tann gibt es größere Betriebe, die sich mit besonderen Zweigen der Zuckerbäckerei beschäftigen, wie z. B. die Wafselbäckerei von S. und C., wo männliche Arbeiter sehr wenig zu thun haben. Wir haben Betriebe von etlichen 40 Personen, wo nur ein 41 männlicher Hilfsarbeiter ist. Ueber die Verhältnisse jener Betriebe, wo männliche und weibliche Arbeiter sind, dürfte der Herr Experte Ruczka Auskunft geben können. Dr. Weißkirchner: Da nach dem Berichte der Genossenschafts- Krankencasse bei 281 Genossenschafts-Mitgliedern überhaupt keine Hilfsarbeiter beschäftigt sind, so dürste die Frage der Frauenarbeit in den kleinen Betrieben nahezu gegenstandslos sein. — Experte Herr Karl Ruczka: Die Fabriksarbeit beruht größtentheils auf der Theilung der Arbeit. So kommt es, daß für ganze Zweige unseres Gewerbes männliche Arbeiter nicht verwendet werden. Die Zahl der gelernten Arbeiter verhält sich zu jener der ungelernten etwa wie 80 zu 70. Das war vor etwa acht Jahren. Die Zahl der Frauen, die im Gewerbe beschäftigt sind, ist vom Jahre 1888 bis heute von etwa 120 aus 230 gestiegen. Sie können daraus ersehen, in welcher Weise die Frauenarbeit die Männerarbeit verdrängt. Die Unternehmungen wollen sich wo möglich billige Arbeitskräfte verschaffen. Ich könnte zwar nicht behaupten, daß die Frauen gerade für dieses Gewerbe sich besonders eignen. Erst im Laufe der letzten 20 oder 23 Jahre hat sich die Frauenarbeit in unserem Gewerbe so entwickelt. Die Löhne in den Fabriken betragen für die Frau pro Woche st. 3 bis «1. Einen höheren Lohn erreichen sehr wenige. Es gibt aber auch Fabriken, wo Löhne unter fl. 3 vorkommen. In einigen Fabriken beträgt der mindeste Lohn fl. 4'20. Vorsitzender: Und der höchste Lohn ist wie hoch? — Experte Ruczka: fl. 7 in der Saison. Im Anfang November und December kommt es auch vor, daß Frauen sl. 0 und 10 bekommen. Vorsitzender: Welcher Percentsatz erreicht diesen höchsten Lohn? — Exp. Ruczka: Etwa 15 Percent. Vorsitzender: Und welcher Percentsatz einen Lohn von fl. 4'20? — Exp. Ruczka: Mehr als die Hälfte. Ueberstunden werden mit 50 Percent Aufzahlung berechnet. Ueberstunden kommen meist in den Monaten von Ansang October bis nach Weihnachten vor. Vorsitzender: Kommt auch Sonn- und Feiertagsarbeit vor? — Exp. Ruczka: Bis zum letzten Herbst war sie üblich und wurde so gezahlt wie die Ueberstunden. Jetzt wird* dieselbe nicht mehr erlaubt. Vorsitzender: Sind in dem Betriebe, von dem Sie sprechen, die Mädchen alle außer Hause? — Exp. Ruczka: Ja. Vorsitzender: Haben Sie einen Maschinenbetrieb? — Experte Ruczka: Eine Dampfmaschine. Vorsitzender: Sind Sie bei der Unsallsversicherung? — Experte Ruczka: Ja. Dr. Weißkirchner: Der Herr Experte hat der Ansicht Ausdruck gegeben, daß es zum Theil der Egoismus der Unternehmer ist, welcher die weiblichen Arbeitskräfte heranzieht, zumeist aber die moderne Gestaltung des Productionsprocesses, die Theilung der Arbeit, welche die Heranziehung von weiblichen Arbeitskräften zur Consequenz gehabt hat. Sind die Arbeiten, welche die Hilfsarbeiterinnen verrichten, von der Art, daß sie ohne Schädigung der Gesundheit der Arbeiterinnen verrichtet werden können? — Experte Ruczka: Ja, zum größten Theile. Dr. Weißkirchner: Mir ist gesagt worden, daß Mädchen bei U. als Berufskrankheit Tuberculose bekommen. — Exp. Ruczka: Das ist eine Krankheit, die in unserem Gewerbe allgemein ist, auch bei den Männern. Dr. Weißkirchner: Ist es möglich, die Hilfsarbeiterinnen zu kategorisiren, wie die Männer? Es gibt z. B. Bonbonsmacher, dann Torten- arbeiter u. s. w. — Exp. Ruczka: Die Arbeiterinnen wirft der Unternehmer alle in einen Topf. Dr. Weißkirchner: Wie lernen diese Mädchen besondere Arbeiten? — Exp. Ruczka: Der Unternehmer sagt einem Arbeiter: „Zeigen Sie dem 42 Mädchen das."' Daraus sagt man: „Die Arbeit muß ja gelernt sein, die wird das Mädchen nicht können." Aber der Unternehmer erwidert: „Probiren Sie es nur; wenn es mir gefällt, ist es schon recht." Dr. Weißkirchner: Im Jahre 1894 hat die Genossenschasts-- Krankencasse der Zuckerbäcker 500 weibliche Mitglieder ausgewiesen, und zwar 203 im Alter von 10 bis 20 Jahren, 110 im Alter von 21 bis 25 Jahren, 87 im Alter von 20 bis 30 Jahren und 105 im Alter von 31 bis 40 Jahren. Es ergibt sich daraus, daß die überwiegende Mehrheit der Hilssarbeiterinnen im Älter von 10 bis 40 Jahren steht. Nun frage ich : Was geschieht mit den Arbeiterinnen, die über 40 Jahre sind? Ist Ihnen bekannt, daß sie sich anderen Beschäftigungen zuwenden? — Exp. Ruczka: Das dürste der Fall sein, wenn sie sich nicht verheiraten. Dr. Weißkirchner: Ist Ihnen die Sterbeziffer bekannt? — Experte Ruczka: Nach dem Ausweise vom Jahre 1894 beträgt sie im Durchschnitte 32 Jahre. Baronin Vogelfang: Müssen die Arbeiterinnen bei der Arbeit stehen? — Exp. Ruczka: Manchmal müssen sie den ganzen Tag stehen. Es gibt Arbeiten, die absolut nicht anders verrichtet werden können. Dann müssen sie auch die Arbeiten hin und her tragen. Baronin Vogel sang: Können sie da nie ausruhen? — Experte Ruczka: Höchstens während der Frühstücks- oder Jausenpause. Abg. P e rn ersto rse r: Welche Arbeit haben die Verkäuferinnen in den eleganten Verschleißlocalen? — Exp. Ruczka: Die Arbeitszeit ist von 8 Uhr Früh an. Bei S. haben sie auch bis 12 Uhr Nachts Dienst. Da ist aber eine Theilung eingeführt. Die eine Verkäuferin kommt um 8 Uhr und bleibt bis Abends 7 Uhr oder 8 Uhr, und dann kommt die andere. Dr. W e i ß k i r ch n e r : Haben dieselben Kost und Quartier? — Exp. Ruczka: Nein. Dr. Weißkirchner: Haben sie Zeit, Mittags nach Hanse zu gehen? — Exp. Ruczka: Ich glaube nicht. Dr. Weißkirchner: Der Herr. Experte Schindler hat von einer monatlichen Entlohnung gesprochen. Ist dieselbe auch im Fabriksbetriebe üblich? — Exp. R uczka: In kleinen und mittleren Betrieben. — Exp. Meizr: Die Entlohnung der Verkäuferinnen erfolgt auch monatlich und variirt zwischen fl. 20 und 50. Bei den besser Entlohnten lvird aber gefordert, daß sie Sprachenkenntnisse haben. P e r n e r st o r s e r: Es ist gesagt worden, daß die Lungentubercnlose im Gewerbe sehr häufig ist. Hat das eine specielle Ursache? — Experte Ruczka: Das dürste auf die ungenügende Ernährung zurückzuführen sein. Bei einzelnen Zweigen des Gewerbes dürften auch andere Ursachen vorliegen. So sind die Arbeiterinnen in den Waffel- und Hohlhippen- bäckereien einer Hitze von 40 bis 45 Grad ausgesetzt. Die müssen immer beim heißen Qsen stehen, und auch sonst ist ihre Ärbeit eine sehr schwere, da die eisernen Platten, welche sie zu tragen haben, 15 bis 20 Kilogramm schwer sind. P er n er st o rs er : Haben sie auch andere Berufskrankheiten? — Exp. Ruczka: Auch Augenleiden, hauptsächlich bei weiblichen Hilss- arbciterinnen. Die Augenleidell werden durch den Zuckerstaub verursacht. Ferner kommt Caries der Zähne und Bleichsucht vor, auch Rheumatismen in Folge des häufigen Temperaturwechsels. P eru e rst o r f e r: Kommen nicht auch Hautkrankheiten vor? — Exp. Ruczka: Bei .jenen, die mit dem Teigmischen nichts zu thun haben, selten. P e r n er st o r f e r: Bei den Teigmischern bilden sich Ekzeme; welcher Percentsatz ist das? — Exp. R nczka: Nach dem Ausweise vom Jahre 18k»4 nur II Percent. Tr. Schütter: Wir haben bis jetzt noch keine rechte Beschreibung des Betriebes gehört. Welche Fnnction haben die Frauen? — Exp. Ruczka: Das läßt sich beim Fabriksbetrieb nicht so genau sagen. Auch schwere Arbeiten, wie das Teiganmachen und Schneeschläger:, machen die Frauen. Tr. Bt-ezina: Ich mächte doch den Herrn Experten fragen, ob er nicht in der Lage ist, uns eine Schilderung des gesummten Betriebes im Znckerbäckergewerbe zu geben, welche Arbeiten überhaupt gemacht werden? — Exp. Ruczka: Ich beginne mit der Bonbonssabrikation. Da wird der Zucker gekocht und tablirt. Das machen die Männer. Dann muß die Masse, wenn sie sich zieht, im Kessel ausgewärmt werden, was von Frauen besorgt wird. Die Blasse wird dann in einen Trichter gegossen und kommt von da in die Formen. Wenn das erkaltet ist, wird es von den Mädchen herausgenommen, aus Siebe gelegt und mit einem Wedel und einem Blasebalge abgestäubt. Das machen auch Mädchen. Nun kommen die Bonbons in die Tunkerei, wo sie mit Tnnkmasse, Ehocolade :c. überzogen werden. Tort sitzt eine Reihe von Mädchen an Tischen, vor sich einen Behälter mit warmen: Wasser, nnd da wird den ganzen Tag getunkt. In einer anderen Abtheilung werden die Bonbons in Cartons eingelegt. Nun ist das Prodnct fertig. Tiefe Bonbons werden nur fabriksmäßig erzeugt. In der Tortenbäckerei haben die Mädchen die Bäckerei, die der Arbeiter zu machen hat, vorzurichten. Tabci müssen sie stehen nnd haben den: Arbeiter bei seiner Arbeit zur Hand zu sein. Tas Trocknen, die Ausfertigung, das Ausputzen, Auslegen von Früchten n. s. w. besorgen alles Müdchem Tas ist nicht schwer. Sie müssen aber den ganzen Tag "dabei stehen. Tr. Schütter: Ten Teig machen sie nicht an? — Exp. Ruczka: Auch, wenn er in kleinen Massen zu rühren ist. In größeren Massen wird er mit Maschinen gerührt, da müssen aber auch mitunter Mädchen anshelsen. Auch bei der Weihnachtswaare, der Schanmwaare und dergleichen sind Mädchen beschäftigt. Tas ist die leichteste Arbeit, weil sie dabei sitzen können nnd entweder malen oder schminken. In der Canditenerzengung werden Mädchen nur zum Rollen verwendet: das ist anch nicht schwer. In der Ehocoladcsabrikation ist ebenfalls eine große Anzahl von Mädchen beschäftigt.^ Tas ist zumeist eine Maschinenarbeit, und da müssen sie den ganzen Tag aus den Füßen sein. Nur dein: Ausfertigen, beim Beschneiden der Waare können sie sitzen. Tas ist meist in: Accord. Dabei kommt es aber vor, daß Mädchen sehr häufig aus einem Raume von 18 bis 20 Grad in's Eishaus hineingehen müssen. Die Oblaten- und Wasfelbäckerei ist mir nicht bekannt. In der Fabrik, die ich kenne, ist eine Maschine aus England, bei der zwei Männer stehen und gar keine Frauen sind. Vorsitzender: Können Sie uns die in Verwendung kommenden Maschinen nnd den Einfluß dersslben auf die Production erklären? — Exp. Ruczka: Bei der Chocoladefabrikation macht Alles die Maschine. Ta ist nur die Bedienung der Maschine nothwendig. P ernerstorfer: Kommt es in Ihrem Gewerbe vor, nnd speciell bei den Dingen, von denen Sie Kenntniß haben, daß bei der Bereitung in unappetitlicher Weise vorgegangen wird? — Exp. Ruczka: Wenn Jemand nicht muthwillig oder sehr dumm ist, nicht. Mir sind wenigstens solche Fälle nicht bekannt. Frl. Boschek: Wie geht der Betrieb in der Chocoladefabrik vor sich? — Exp. Ruczka: Tarüber bin ich weniger unterrichtet. Frl. B o s ch c k: Vor zwei, drei Jahren wurde in einem "Arbeiterblatte gesagt, daß in einer Fabrik die Mädchen anch zum Ausputzen des Dampfkessels verwendet wurden. -- Exp. Rucz k a: Davon ist mir nichts bekannt. 41 Frl. Boschek: Daß in einzelnen Fabriken dieser Branche Frauen zu solchen Arbeiten verwendet werden, ist eine Thatsache. Herrdegen: Was ist eigentlich die Ursache, daß im Zuckerbäckergewerbe keine gelernten weiblichen Arbeiter sind? — Exp. Rnczka: Die Ursache dürfte die sein: Dem Mädchen, das eventuell mit 14 Jahren in die Lehre kommt, könnten solche Forderungen, wie sie an einen Lehrjungen gestellt werden, nicht zugemuthet werden. Der Junge muß Kisten und Körbe tragen, Kohlen und Eis holen u. s. w. Zur Illustration will ich nur anführen, daß ich, als ich im Jahre 1869 mit 14 Jahren in's Geschäft gekommen bin, vollkommen gerade war; und wie ich nach vier Jahren aus der Lehre gekommen bin, habe ich so ausgesehen wie setzt. Vorsitzender: Wenn die Lehrjungen nichts Anderes zu thun haben, so lernen sie ja in der Regel das Geschäft nicht? — Exp. Rnczka: Das ist richtig. Die Lehrlinge sind mehr Hausknechte, und das ist auch der Grund, warum man bis heute keine weiblichen Lehrlinge hat. Herrdegen: Wenn ich den Herrn Experten richtig verstehe, so liegt nur in diesem Nebenumstande die Ursache. Der Herr Experte ist also nicht der Meinung, daß das Zuckerbäckergewerbe aus anderen Gründen von Mädchen nicht zu lernen wäre? — Exp. Rnczka: Der Meinung bin ich nicht. Wenn übermäßige Anforderungen gestellt werden, dann bricht auch ein Mann zusammen. Dr. W eiß ki r chn er: Ein Mädchen, welches ganz neu in die Fabrik kommt, muß doch eine gewisse Zeit lernen. Kann diese sofort zu jeder Verrichtung hingestellt werden und gleich nach ein paar Weisungen alle Hanti- rungen machen? — Exp. Rnczka: Nach wenigen Tagen hat sie sich das, was für sie nothwendig ist, angeeignet. Zuerst bekommt sie kleinere Arbeiten. Dr. Weißkirchner: Kommt es nicht vor, daß die Vorschriften bezüglich des Lehrlingswesens dadurch umgangen werden, daß der Unternehmer jugendliche Hilfsarbeiter nimmt? — Exp. Rnczka: In dem Betriebe, den ich seit acht Jahren kenne, ist das bisher nicht vorgekommen. Vorsitzender: Kommt es auch sonst in größeren Betrieben nicht vor? — Exp. Rnczka: Es sind mir von Fachcollegen vereinzelte Fälle gemeldet worden. Vorsitzender: Es scheint, daß die Lehrburschen billiger kommen als die Mädchen? — Exp. Rnczka: Es wird für sie ja auch Lehrgeld gezahlt, 200 bis 300 Gulden, für diese famose Unterweisung. Experte Meizr: Bei der Obst-und Conservenerzeugung sind vornehmlich Hilfsarbeiterinnen beschäftigt; es genügt, daß die Gehilfen die ganze Sache leiten. In Wien gibt es keine derartigen größeren Betriebe. Solche sind in Südtirol, hauptsächlich in Bozen und Meran. In Bozen sind in einer Fabrik etwa 80 Mädchen und 2, 3 Männer beschäftigt. In Wien haben wir eine Firma, wo 12 bis 13 Arbeiterinnen und gar kein Gehilfe beschäftigt ist und der Chef selbst mitarbeitet. Vorsitzender: Wie sind die Löhne der Mädchen? — Exp. Meizr: Sehr schlecht. Bei der früher erwähnten Firma sind Löhne von fl. 2 pro Woche bekannt. Bon Südtirol wurde bekanntgegeben, daß es dort auch Löhne von fl. 1'50 pro Woche gibt. Es sind mehr kleine Betriebe, bei denen das Arbeitslocal aus Zimmer und Küche besteht. Expertin Nr. 15: Ich bin in einem großen Betriebe, und zwar seit drei Jahren. Vorher war ich in der Papierbranche. Ich arbeite da das ganze Jahr. Im Sommer ist weniger zu thun. Von September bis Weihnachten geht das Geschäft stark. Vorsitzender: Wenn das Geschäft nachläßt, können Sie da früher nach Hause gehen? — Exp. Nr. 15: Nein, unsere Abtheilung nicht. In der Abtheilung, wo die Bonbons gewickelt werden, müssen sie aussetzen. Da wird Partienweise ausgesetzt. In dieser Abtheilung sind 0 bis 8 Mädchen, 45 die müssen entweder zwei bis drei Tage aussetzen, oder sie arbeiten halbe Tage, oder es arbeitet die eine einen halben Tag und dann die andere einen halben Tag. Ueberstunden werden um 50 Percent höher bezahlt, als der übliche Taglohn ist. Lehrmädchen gibt es nicht. Der Verdienst ist von fl. 4'20 aufwärts. P ern ersto rfer: Haben Sie auch Hausarbeit? — Exp. Nr. 15: Ja, Bonbons wickeln. P ern ersto rfer: Wie werden die bezahlt? — Exp. Nr. 15: Per Kilogramm. Das machen Mädchen, die überhaupt gar nicht in der Fabrik sind. Dafür wird, je nach der Art der Einpackung, von 8 Kreuzer auswärts per Kilogramm bezahlt. Vorsitzender: Aus welchen Kreisen recrntiren sich diese Hausarbeiterinnen ? — Exp. Nr. 15: Sie sind meist verheiratete Frauen, Franen oder Schwestern von Arbeitern, die in der Fabrik beschäftigt sind. P ern ersto rfer: Hat diese Arbeit einen größeren Umfang? — Exp. Nr. 15: In der Saison dürften in unserem Geschäfte 12 bis 15 Personen mit diesem Wickeln beschäftigt sein. Vorsitzender: Wie viele Personen sind überhaupt in Ihrem Betriebe beschäftigt? — Exp. Nr. 15: Männliche Hilfsarbeiter sind 70, weibliche 230. Davon werden 30 oder 40 Gelernte sein. Mein Lohn beträgt fl. 4'20, und zwar dauernd. Frl. Bosch ek: Wissen Sie, wie es in anderen Betrieben ist, wo nur wenige Mädchen beschäftigt sind und die Meisterin mitarbeitet? — Exp. Nr. 15: Das weiß ich nicht genau. Mir ist nur bekannt, daß in anderen Fabriken die Löhne weit schlechter sind. Vorsitzender: Wie. viel verdienen die Mädchen durchschnittlich mit den Neberstunden? — Exp. Nr. 15: Das kann ich nicht sagen, aber es ist hübsch viel. Sie haben oft gegen fl. 3 für Hausarbeit. Vorsitzender: Wie lange müssen sie da arbeiten? — Exp. Nr. 15: Bis 12, 1 Uhr Nachts. Frl. Bosch ek: Ist Ihnen nicht bekannt, ob sich an dieser Arbeit auch andere Familienangehörige betheiligen? — Exp. Nr. 15: O ja. Frl. Boschek: Können Sie uns über einzelne Zweige Auskunft geben? Wie ist die Arbeitstheilung in Ihrer Fabrik? In welcher Weise macht es sich bemerkbar, daß die Arbeiten für die Mädchen körperlich anstrengend sind? — Exp. Nr. 15: Man muß den ganzen Tag den Staub einathmen. Die Frau, die mit den: Blasebalg hantirt, strengt sich auch die Arme an und muß dabei stehen. Frl. Boschek: Kommt es auch vor, daß solche Arbeiten auch schwangere Frauen verrichten? — Exp. Nr. 15: Ja. Frl. Boschek: Warum werden diese nicht zu leichteren Arbeiten verwendet? — Exp. Nr. l5: Der Fabrikant gibt immer solche Leute hin, die im Fach eingearbeitet sind. Vorsitzender: Kommen Abzüge und Strafen bei Ihnen vor? — Exp. Nr. 15: Nein. Vorsitzender: Wie ist die Arbeitsvermittlung? — Exp. Nr. 15: Die Mädchen fragen sich an. P ern ersto rfer: Welcher Unterschied besteht in dem Lohne der Männer und Frauen? — Exp. Nr. 15: Bei den Männern beträgt der Minimallohn fl. 7 bis 8 für Hilfsarbeiter, fl. 8 bis 10 für die Gelernten. Die Arbeit dauert von 7 bis 0 Uhr, mit einer Mittagspause. An Sonn- und Feiertagen wird nicht gearbeitet. Ueberstunden kommen nur von Zeit zu Zeit vor. P er n e r st o r f e r: Ist es Ihnen verboten, während der Arbeit zu essen? — Exp. Nr. 15: Nein. Wir haben eine Arbeitsordnung. Dieselbe wird jedem Eintretenden behändigt. Kündigung gibt es bei den Hilfs- 46 arbeiten: und Hilssarbeiterinnen nicht, nur bei den Gelernten. Die Gehilfen haben eine 8- bis Icktägige Kündigung; das ist nicht gleich. Exp. Ruczka: Nach der Fabriksordnung gibt es keine Kündigung; aber der Chef hat mit einzelnen von den gelernten und auch mit manchen von den ungelernten Arbeitern ein specielles Abkommen getroffen, wonach sie sich eine 8- bis 14tägige Kündignngszeit festsetzten. Ich glaube, das ist der Intervention des Gewerbe-Jnspectors vor zwei oder drei Jahren entsprungen. Vorsitzender: Wie ist Ihre Ernährung? — Exp. Nr. 15: Nach- dem die Löhne nicht sehr groß sind und die meisten Mädchen auf sich selbst angewiesen sind, nimmt man in der Früh meist Kaffee und ein Stück Brot, zu Mittag Kaffee und Brot oder um 5 kr. Wurst oder eine Zuspeise und zur Jause ebenfalls; Abends gewöhnlich Kaffee. Vorsitzender: Gehen die Mädchen meist zum Essen weg? — Exp. Nr. 15: Ja, theilweist wohnen sie bei ihren Eltern, theilweise sind sie selbstständig, manche sind verheiratet. Die Mehrzahl der Arbeiterinnen ist ledig. Geschenke an Vorgesetzte sind nicht üblich. Die Behandlung seitens der Vorgesetzten ist eine ziemlich anständige. Das Arbeitslocal befindet sich im erste:: Stock und eines in: Souterrain. Es ist geräumig und luftig.-In den: Locale, wo ich arbeite, sind sieben Personen. Es hat drei Fenster. Mittags wird das Local gesperrt. Wir haben ein separates Local, wo Diejenigen, die nicht nach Haust gehen, essen können. Die meisten holen sich das Esten aus dem Gasthause. Pernerstorser: Haben Sie in Ihrem Arbeitslocal eine andere Kleidung? — Exp. Nr. 15: Je nachdem die Arbeiten sind. Manche Mädchen ziehen sich :::::. Pernerstorser: Haben Sie dazu einen eigenen Raum? — Exp. Nr. 15: Nein. Wir haben genug Waschvorrichtungen. Die Ventilation ist sehr gut. Die Reiniguug des Locals obliegt uns selbst. Wir reinigen während der Arbeitszeit. Auch der Fußboden wird gerieben. Handtücher werden von: Herrn beigestellt. Dieselben werden alle acht Tage gewechselt. Auf je zwei Personen kommt ein Handtuch. Wir haben nur einen Abort. Derselbe ist rein, und es benützen ihn etwa 20 Personen, Männer und Frauen. Die Fenster des Locals gehen in den Hof. In Betreff der Sittlichkeitsverhältnisse kann ich in unserem Geschäfte mich nicht beklagen. Bei anderen Firmen, wo Männer und Frauen zusammen arbeiten, schaut es mit der Sittlichkeit recht schlecht aus. Dr. Frey: Sind Ihnen diesbezüglich bestimmte Fälle bekannt; insbesondere ob sich die Werksührer etwas zu Schulden kommen lassen? — Exp. Nr. 15: Ich bin nicht so bekannt. Dr. Weißkirchner: Sie haben erwähnt, daß zur Saison eine Vermehrung der weiblichen Hilfskräfte stattfindet. Woher nimmt der Fabrikant diese Arbeiterinnen? — Exp. Nr. 15: Sobald die Saison beginnt, stehen sie zu Hunderten da. Dr. Weißkirchner: Womit beschäftigen sie sich außer der Saison? — Exp. Nr. 15: Das weiß ich nicht. Ost werden die älteren Arbeiterinnen entlassen und durch jüngere ersetzt. Vorsitzender: Man sucht also die älteren Arbeiterinnen zu entlassen? — Exp. Nr. 15: Wenn sie physisch schwächer werden oder sich etwas zu Schulden kommen lassen. Dr. Weißkirchner : Sie haben erwähnt, daß zwar nicht in Ihrer Unternehmung, aber in anderen Unternehmungen der Minimallohn sl. 5 beträgt. Ist Ihnen bekannt, ob selbstständige Arbeiterinnen mit diesem Lohn von fl. 3 leben müssen? — Exp. Nr. 15: Gewiß. Wenn sie Niemand haben, müssen sie mit fl. 3 auskommen. 47 Tr. Weißkirchner: Das ist aber doch nicht möglich. Suchen sie sich vielleicht auf eine andere Weise einen Nebenverdienst? Vielleicht ant eine Weise, die man nicht in der Öffentlichkeit zur Disenssion stellen kann? — Exp. dir. 17,: Das kann der Fall sein. Es gibt Arbeiterinnen, die noch Strickereien oder Nähereien machen müssen. Baronin Vogelfang: In welchem Alter werden die Frauen in diesen Betrieben schwächer? — Exp. Nr. 15: Etwa mit 50 Jahren. Frl. Boschek: Ist Ihnen nicht bekannt, daß die Arbeiterinnen außer der Saison sich einer anderen Beschäftigung zuwenden müssen? — Exp. Nr. 15: Das kommt auch vor. P er n e r st o r s e r: Sie waren ja früher bei der Papierbranche, findet nicht ein häufiger Wechsel der Beschäftigung statt? — Exp. Nr. 15: Wenn es Jemandem da oder dort nicht paßt, so wechselt er den Betrieb. Frl. Boschek: Sind unter Ihren Vorgesetzten Männer oder Frauen? — Exp. Nr. 15: Je nachdem die Abtheilung ist. Wo mehr Männer sind, ist ein Mann vorgesetzt. Frl. Boschek: Werden einzelne Arbeiterinnen vor den anderen, ohne daß sie mehr leisten können, bevorzugt? — Exp. Nr. 15: Es gibt mitunter welche, die bevorzugt werden. Das ist aber nicht von langer Dauer. Perner st orfer: Haben Sie in Ihrer Branche eine freie Arbeiterorganisation ? — Exp. Nr. 15: Einen Fachverein. In der Gewerkschaft sind Männer und Frauen beisammen. Dr. Weißkirchner: Inwieweit ist es gelungen, die Arbeiterinnen in die Organisation einzubeziehen? — Exp. Meizr: Wie die Gewerkschaft begründet wurde, hatten wir 15 Arbeiterinnen. Heute ist keine mehr. Pernersto rser: Woran liegt das? — Exp. Meizr: Wahrscheinlich an der Gleichgiltigkeit. Exp. Nr. 15: Die Frauen ziehen sich zurück, weil ihre Mittel nicht ausreichen. Vorsitzender: Es ist noch eine Verkäuferin hier. Exp. Nr. l0: Ich war immer bei der Zuckerbäckerei, jetzt war ich 7 Jahre Verkäuferin. Ich war in größeren, mittleren und kleineren Geschäften, gegenwärtig bin ich in keinem Geschäfte. In einem größeren Geschäfte war ich ein halbes Jahr. Tort waren wir zwei. Die Verhältnisse bleiben sich ziemlich gleich. Wir haben sl. k2 pro Monat bekommen. Ein solches Mädchen hat aber Alles über sich. Lehrmädchen gibt es nicht. sl. 12 war der höchste Lohn. Man bekommt zwei bis drei Monate gar nichts als Anfängerin und muß sich dabei ganz verpflegen und kleiden. Vorsitzender: Wie ist der Lohn im Anfange, und wie steigt er ? — Exp. Nr. lö: fl. 7 bis 8 bekommt man etwa ein Jahr, dann geht es bis fl. 12. Herrdegen: Welche Voraussetzungen werden bei der Aufnahme einer Verkäuferin hinsichtlich ihrer Bildung oder in Bezug auf die Sprachen- kenntniß gemacht?— Exp. Nr. l6: Das ist verschieden. Vorsitzender: Wie ist die Wohnung? — Exp. Nr. 16: Das ist nicht gleich ; meistens schlafen drei, vier in einem Zimmer. In einem größeren Geschäfte waren wir zwei, und da hat eine Tochter des Geschäftsinhabers mit uns geschlafen. Es waren zwei Betten in einem Cabinet. Zwei haben beisammen geschlafen und eine allein. Vorsitzender: Kommt das häufig vor? — Exp. Nr. 16: Nein. Vorsitzender: Wie ist die Kost? — Exp. Nr. 16: In manchen Häusern ist sie gut, aber meist werden die Speisen, bis man sie zum Essen bekommt, ganz kalt. Das Essen bekommt man in's Geschäft. Wenn gerade Kunden kommen, muß man sie bedienen. Das Kalte kann man oft nicht essen, und so muß man, wenn man Hunger hat, sich von den fl. 12 noch selbst etwas kaufen. Tr. Weißkirchner: Wie hoch würde sich die Kost im Monate belaufen? — Exp. Nr. 16: Auf 30 kr., mehr nicht, pro Tag. Tr. Weißkirchner: Also das wären fl. 9. Wenn Sie anderswo zu Bett wären, so müßten Sie pro Woche fl. 1 bezahlen; so würde dies einem Monatslohn von fl. 25 bis 30 gleichkommen. Kommt es vor, daß eine Verkäuferin das Geschäft auf eigene Rechnung führt? — Exp. Nr. 16: Häufig. Ich selbst habe das gethan. Das ist aber nicht sehr angenehm, weil inan für Alles aufkommen muß. Vorsitzender: Wie ist die Arbeitszeit? — Exp. Nr. 16: Von halb 7 bis 11 Uhr. Um 10 Uhr wird das Geschäft gesperrt. Bis man zusammengeräumt und Alles abgewaschen hat, wird es 11 Uhr. In unserer Branche werden die Verkäuferinnen wie die Dienstboten behandelt. Vorsitzender: Gibt es keine Pausen zum Essen? — Exp. Nr. 16 : Nein. Vorsitzender: An Sonn- und Feiertagen ist das Geschäft offen? — Exp. Nr. 16: Ja, da ist man sehr angestrengt. Dr. Weißkirchner: Da haben Sie an Sonntagen nie frei? — Exp. Nr. 16: An Sonn- und Feiertagen nie, sondern nur alle drei Wochen kann man auf einen halben Tag weggehen. In manchen Geschäften muß man schon wieder um 8 Uhr Abends im Geschäft sein. Vorsitzender: Und wann können Sie weggehen? — Exp. Nr. 16 : Vor 2 Uhr nie. Vorsitzender: Wie ist die Kündigung? — Exp. Nr. 16: 14tägig. Frl. Boschek: Was bekommen Sie zum Frühstück? — Exp. Nr. 16 : Kaffee mit Semmel. Das wird auch in das Geschäft gebracht und ist kalt. Gabelfrühstück bekommen wir nicht. Nachmittags haben wir wieder Kaffee und Abends 10 kr. Nachtmahlgeld. Prof. v. Philippovich: Bekommen Sie eine besondere Vergütung bei angestrengter Arbeit? — Exp. Nr. 16: Nein. Pros. v. Philippovich: Ist das, was Sie erzählt haben, in großen und kleinen Geschäften gleich? — Exp. Nr. 16: Ja. In kleinen kann es höchstens schlechter sein. Dort wird man auch als Dienstmädchen zu den häuslichen Arbeiten verwendet. Prof. v. Philipp ovich: Was nennen Sie ein großes Geschäft? Wie groß ist da die Tageslosung? — Exp. Nr. 16: fl. 60 bis 70. Prof. v. Philipp ovich: Ist das irgendwie constatirt worden? — Exp. Nr. 16: Nein, die Frau hat das gesagt, denn die nimmt das Geld. Prof. v. P h i l ip p o v i ch: Und ist nicht constatirt worden, ob Sie von der Waare etwas gegessen haben? — Exp. Nr. 16: Das kann man überhaupt nicht, man hätte es höchstens zu sich stecken müssen. Dr. Weißkirchner: Einer der früheren Experten hat gesagt, daß die Verkäuferinnen in größeren Geschäften Kost und Wohnung nicht haben. — Exp. Meizr: So ist es auch. Dr. Weißkirchner: Es liegt also ein gewisser Widerspruch vor. Die Frau Expertin hat erklärt, daß die meisten Verkäuferinnen von den Unternehmern Kost und Wohnung haben. — Exp. Meizr: Die Betriebe, die fl. 60 bis 70 Tageslosung haben, sind keine größeren Betriebe. Vorsitzender: Es wird verlangt, daß die Verkäuferin in einer repräsentablen Kleidung auftritt. Ist das mit größeren Kosten verbunden? — Exp. Nr. 16: Die Wäsche wird vom Geschäfte aus gewaschen, die Kleidung muß man sich selbst schaffen. Meist haben wir Schlafröcke und Waschkleider. Schürzen braucht man täglich zwei; das macht pro Tag 24 kr., und das müssen wir nicht selbst zahlen, aber kaufen müssen wir sie selbst. 49 Pros. v. Philippovich: Aus welchen Kreisen recrntiren sich die Mädchen? — Exp. Nr. 16: Die sind meistens Töchter von Beamten; meistens haben sie eine bessere Bildung genossen. Pros. v. Philippovich: Müssen dieselben Cantion leisten? — Exp. Nr. 16: Wenn man das Geschäft auf eigene Rechnung hat, ja; aber nicht immer. Baronin V o g elfan g : Wie viel Waschkleider brauchen Sie in einem Jahre? — Exp. Nr. 16: Nene braucht man etwa vier, wovon eines fl. 7 bis 8 kostet. Schürzen braucht man vier bis fünf, die 80 kr. bis st. 1'20 kosten. Vorsitzender: Wie steht es mit der Sittlichkeit? — Exp. Nr. 16 : Da muß ich bemerken, daß es bei unserer Branche sehr nothwendig wäre, wenn die Mädchen außer Hause wären. Meistens sind es ja junge und hübsche Mädchen. Wenn sich eine dem Herrn nicht hingibt, so muß sie gehen, und es wird auch sehr stark gewechselt. Baronin Vogelfang: Es ist doch eine Frau im Hause, die wird ja aufpassen. — Exp. Nr. l6: Die Verkäuferin muß im Geschäft bleiben, bis es gesperrt wird, und das Geschäft sperrt meistens der Herr. Baronin Vogelfang: Und duldet das die Frau? — Exp. Nr. 16 : Die darf das natürlich nicht wissen, denn wenn sie es erfährt, wird die Verkäuferin entlassen. Exp. Meizr (über Befragen): In kleinen Geschäften sind sehr wenig weibliche Personen. Bei den Tragantarbeiten sind 2, 3 Arbeiterinnen, das wird schlecht bezahlt. Sie bekommen fl. 2, 3, 4. In den kleinen Geschäften gibt es bei dem Gewerbe keine weiblichen Hilfskräfte, außer sie werden zugleich als Dienstboten verwendet. Sie müssen auch jene Arbeiten verrichten, die sonst Lehrjungen zufallen. Ich möchte nur kurz aus die Erkrankungen zurückkommen. Nach dem Berichte der Krankencasse brauchen die weiblichen Mitglieder stets bedeutend mehr als sie einzahlen. Sie fallen also der Easse zur Last, weil von ihnen ein größerer Percentsatz erkrankt als von den männlichen Arbeitern. Was die Verkäuferinnen in den großen Betrieben betrifft, fo haben dieselben Löhne von fl. 20, 30 und 40. Exp. Nr. 13 : Die meisten Erkrankungen kommen bei der Hohlhippen- und Waffelbückerei vor. Es kommen auch Todtgeburten vor, weil die Frauen oft sehr schwere Arbeiten verrichten müssen. Exp. Ruczka: Ich mache daraus aufmerksam, daß im Jahre 1893 auf durchschnittlich 419 weibliche Mitglieder 2724 Krankheitstage entfielen, so daß die Durchschnittsdauer jeder Erkrankung 22'7 Tage betrug. Mir ist eine Firma bekannt — ich weiß nicht, ob sich dieser Fall häufig wiederholt — wo mehrere Mädchen öeschäftigt sind, die thatsächlich Gebäck erzeugen, aber als Dienstboten eingetragen sind. Diese drei Mädchen erzeugen ganz allein das Gebäck ohne alle männliche Hilfsarbeiter. Sie dürften an einzelnen Tagen sogar einen Sack Mehl verbrauchen. Herrdegen: Ist dieses Bewegen der Platte, wie es von dem Herrn Experten angeführt wurde, nicht eine der schwersten Arbeiten? — Experte Ruczka: Das kenne ich nicht. — Exp. Meizr: Das dürfte die schwerste Arbeit sein, die den weiblichen Hilfsarbeiterinnen zugetheilt ist. Herrdegen: Gibt es bei den Männern schwerere Arbeiten? — Exp. Meizr: Außer Sückeabtragen gibt es keine schwerere. Eine der anstrengendsten Arbeiten ist auch das Schneeschlagen. Da muß man oft eine halbe Stunde lang den ganzen Körper bewegen. In den Fabriken sind allerdings Maschinen. Herrdegen: Dem Schneeschlagen dürfte aber die Anstrengung mit dem Blasbalg gleichkommen? — Exp. Meizr: Ja. Herrdegen: Was kostet eine Maschine zum Schneeschlagen? — Exp. Meizr: Ich glaube sl. 300 ohne Montirung. Frcmen-Enquütc. 4 Herrdegen: Maschinen mit Handbetrieb gibt es nicht? — Experte Meizr: Nein. Da hat man einen Schneebesen aus Draht. Exp. Schindler: Es wurde ein Betrieb wegen der vielen Erkrankungen an Tuberculose angeführt. Ich weise da auf den Bericht vom Jahre 1895 hin, wonach 6 weibliche Mitglieder an Tuberculose gestorben sind, wovon 2 diesem Betriebe angehörten, während die anderen 4 auf einen anderen Betrieb entfielen. Das ist ein großer Betrieb, wo nur Oblaten für kirchliche Zwecke, Medicinal-Oblaten, Waffeln rc. erzeugt werden. Bei einem Personalstand von 57 Personen befindet sich dort nur ein einziger männlicher Hilfsarbeiter. Alle anderen sind weibliche Personen, und zwar vorzugsweise Hilssar Leiterinnen im Alter von 15 Jahren. Nur sehr wenige sind dort im Alter von 30 bis 35 Jahren. Sie werden durch die Arbeit, insbesondere bei den Waffeleisen so hergenommen, daß sie schon nach kurzer Zeit der Krankencaffe zur Last fallen. Wir haben im vorigen Herbst 4 oder 5 Mitglieder gehabt, die der Krankencaffe angehörten und durch eine Reihe von Wochen an Krankheiten, die sie sich durch den Zug zugezogen haben, gelitten haben. Es dürfte sich empfehlen, diesen Verhältnissen einige Aufmerksamkeit zu schenken, damit die Verhältnisse der weiblichen Hilfs- arbeiterinnen einigermaßen verbessert werden. Vorsitzender: Haben Sie von diesen Verhältnissen nicht an die Gewerbebehörde eine Anzeige erstattet? — Exp. Ruczka: Wir haben die Anzeige gemacht. Ich habe aber nicht gehört, daß eine Untersuchung eingeleitet worden wäre. Dr. Weißkirchner: Ist Ihnen bekannt, ob der Betrieb behördlich genehmigt wurde? — Exp. Ruczka: Das weiß ich nicht. Dr. Weißkirchner: Es kommt nämlich häufig vor, daß die Behörde keine Commission abhält, nachdem der Gewerbeanmelder den Betrieb nicht in der Weise schildert, wie er ihn ausübt. Beim Zuckerbäckergewerbe speciell wird nie eine Commission abgehalten. Es ist auch sehr leicht möglich, daß der Unternehmer die Vorschriften der Gewerbeordnung umgangen hat. Vorsitzender: Es ist unglaublich, daß bei derartigen Erkrankungs- zifferu und Sterbefällen die Behörde nicht aufmerksam werden sollte. — Exp. Schindler: Betreffs eines sehr großen Betriebes möchte ich bemerken, daß die Behandlung der Hilfsarbeiterinnen seitens des Chefs eine anständige ist, während dieselben unter der Behandlung der dort beschäftigten Arbeiter viel zu leiden haben. Es werden ihnen ganz unqualificirbare Ausdrücke an den Kopf geworfen. Die Mädchen find den Arbeitern gegenüber ganz machtlos. Die Löhne in diesen Betrieben dürften sich zwischen fl. 3'50 und 7 bewegen. Es bedarf aber eines Zeitraumes von drei bis vier Jahren, bis Eine auf fl. 6 kommt. Wenn Eine fl. 7 bekommt, muß sie schon Protection haben. Die weitaus größere Zahl der Arbeiterinnen fleht unter dem Durchschnittslohn von fl. 4. Wenn sie mit fl. 3'50 aufgenommen werden, so dauert es mindestens ein halbes Jahr, bis sie fl. 4 bekommen. Zu Weihnachten müssen die Mädchen oft bis 10, 11 Uhr Nachts arbeiten, dann bekommen sie 5 kr. Sperrgeld und für die Stunde den entsprechenden Theil ihres Lohnes. Sonntagsarbeiten haben nur die Mädchen in bestimmten Abtheilungen, z. B. in der Tortenbäckerei, die anderen sind frei. Das wird ihnen aber abgezogen. P ernersto rfer: Sie sagen, daß die Arbeiterinnen in diesem Geschäfte durch die Arbeiter zu leiden haben? Das ist der erste Fall, der hier erzählt wird. Ist Ihnen das mitgetheilt worden, oder wissen Sie es aus eigener Erfahrung? — Exp. Schindler: Es ist mir von Personen mitgetheilt worden, denen man bestimmt glauben kann. Es sind dies die sogenannten Abtheilungsvorstände, welche es anfangs mit den Mädchen halten, ihnen gewisse Sachen, Butter, Eier u. s. w. zustecken; dadurch entstehen dann selbst unter den Mädchen Reibereien. Wagt es Eine, sich gegen 51 eine derartige Behandlung aufzulehnen, und ist sie beim Werkführer, der großen Einfluß hat, schlecht angeschrieben, so fliegt sie einfach hinaus. Pernerstorfer: Jetzt sagen Sie, daß es Werkführer sind? — Exp. Schindler: Bei uns sagt man nicht „Werksührer", sondern „Abtheilungsvorstand" oder „Abtheilungschef". Der Aelteste in der Abtheilung ist der Werkführer. Brezina: Ihre früheren Angaben haben aber den Eindruck gemacht, daß es nicht die Leiter der Abtheilungen, sondern einzelne Arbeiter sind, mit welchen die Arbeiterinnen gewisse Arbeiten zusammen zu verrichten haben, und'welche die Mädchen schlecht behandeln. Ich bitte, das aufzuklären. — Exp. Schindler: Es sind z. B. vier gelernte Arbeiter und nebstbei zwei Hilfsarbeiter. Jeder von den gelernten Arbeitern hat, je nach seiner Arbeit, eine Arbeiterin zugetheilt, die ihm das Material zur Hand gibt, Bleche putzt, sie hin und her trägt. Wenn nun einer von diesen Arbeitern oder einer aus einer anderen Abtheilung, der zufällig in diese Abtheilung hineinkommt, von der Arbeiterin verlangt, sie soll ihm etwas geben oder hringen, und sie wehrt sich dagegen, so schimpft er sie zusammen. In Folge dessen nimmt sich ihrer einer von den Arbeitern an, und so entstehen Streitigkeiten. Vorsitzender: Sie wollen damit sagen, daß dadurch, daß Männer und Frauen zusammen arbeiten und die Frauen in einem untergeordneten Verhältnisse stehen, sich unter Umständen die Männer gegenüber den Mädchen nicht sehr cavaliermäßig benehmen, und daß sie andererseits auch untereinander streiten. Das ist sehr traurig; umsomehr, als eine Gewerkschaft besteht, welche da eintreten sollte. — Exp. Ruczka: Ich möchte auf etwas aufmerksam machen, was bisher nicht berührt wurde; daß nämlich in den Fabriken sowohl die Männer als die Frauen sich einer Leibesvisitation unterziehen müssen. Es sind in allen Fabriken im Hosraume Männer für Männer und Frauen für Frauen aufgestellt, welche den Körper vom Scheitel bis zur Zehenspitze betasten, ob der Betreffende nicht etwas im Sack hat. Brezina: Ist das allgemein? — Exp. Ruczka: Ich glaube, in den meisten Fabriken. — Exp. Meizr: In einer Fabrik werden die Gehilfen nicht visitirt, sondern nur die Hilfsarbeiter und Hilfsarbeiterinnen. — Exp. Nr. 15: Bei uns wurde auch visitirt, wenn man aus dem Arbeits- locale in den Hosraum ging. Man mußte da Tuch und Jacke ablegen und konnte sich aus diese Weise sehr leicht verkühlen. Es wurde von oben bis zu den Schuhen visitirt. Vorsitzender: Kommt es nicht vor, daß die Arbeiter Zuckerbäckereien essen? — Exp. Nr. 15: Wenn Einer acht Tage dabei ist, hat er vollständig genug. Vorsitzender: Wir kommen nun zur Branche der Metallschläger. — Experte Herr Anton K n o l l: Die Rohprodukte werden aus Deutschland bezogen, sie kommen in dünnen Platten. Diese werden übereinandergelegt, und dazwischen kommt der sogenannte Bimmerling. Dann wird es rn ein Pergamentstück geschlagen und wird gequetscht; hierauf mit einem acht- bis zehupfündigen Hammer geschlagen, sodann wird es geglüht und in vier Stücke gerissen. Das kommt dann in die Formen. Der technische Ausdruck ist dafür „Füllen" und „Leeren" der Formen. Das machen die Hilss- arbeiterinnen und sie brauchen dazu l'Z bis 2 Stunden. Für eine solche Form bekommen sie 10 kr. In manchen Betrieben kommt es auch vor, daß die Arbeiterinnen andere Arbeiten machen müssen, z. B. das Schnittrichten, d. h. das Einlegen von Weihnachtsgold. Das Gold kommt in Manchen, es hat die Stärke wie etwa gewöhnliches Schreibpapier. Eine Manche hat etwa s/. Meter. Mittelst der Manche wird es geschützt. Eine Lage wiegt etwa 2'Z Kilogramm, und das wird mit der Hand gerissen, dann bekommt es der Zurichter. Es sind etwa 200 Pergamentblätter, die 7 bis 10 Centi- 4 * 52 meter im Viereck haben und etwa zwei Finger dick sind. Da werden nun 150 bis 200 Blatt eingelegt, dann wird es wieder in Pergament gesteckt und wird mit dem Hammer geschlagen. Das Alles ist meine Arbeit. Dann wird es geglüht. Wenn das geschehen ist, dann wird es von den Frauen in vier Theile gerissen und in die Form gefüllt. Sodann wird es wieder geschlagen durch den Dünnschläger; das dauert auch wieder 2'/5 Stunden, und endlich nimmt es eine Frau wieder heraus. Dann ist es znm Verkaufe fertig. Vorsitzender: Wie heißt dieses Product? — Exp. K n 0 l l: Schlagmetall. Hundert Blatt sind ein Schlag. ' P e r n e r st 0 r f e r: Wozu ist das Pergament? — Exp. Kn 0 llr Wenn man Papier darauf legen würde, würde es brechen. P ernerstorfer: Warum wird es geschlagen ? — Exp. Kn 0 ll: Damit es feiner wird. Die Blätter werden zwischen Pergament gelegt, damit die Form nicht darunter leidet. Vorsitzender: Wie viele Arbeiter sind in Ihrer Werkstätte? — Exp. Knoll: Acht Gehilfen und fünf oder sechs Hilfsarbeiterinnen. Es gibt Betriebe, wo 18 Hilfsarbeiterinnen sind. In kleinen Betrieben ist oft nur ein Gehilfe und eine Hilfsarbeitern:. Die Arbeitsmethode ist überall gleich. Maschinenbetrieb gibt es bei uns in Wien nicht, wohl aber in Deutschland. Die Frauen machen die Hilfsarbeit gar nie. Dr. Brezina: Es wird ja echtes und falsches Gold verarbeitet. Haben Sie in Ihrem Betriebe nur eine Sorte und welche? — Exp. Kn 0 ll: Wir haben nur unechtes Blattgold. Mit dem echten haben wir nichts zu thun. Dr. Weißkirchner: Haben Sie Lehrlinge im Betriebe? — Exp. Knoll: Es werden ungefähr 2.8 bei der ganzen Branche sein. Dr. Weißkirchner: Sie haben im vergangenen Jahre einen Strike gehabt, was war die Ursache? — Exp. Knoll: Der Ausstand war wegen der Löhne einestheils und eigentlich wegen der Frauen. Die Frauen haben nur fl. 3'50 bis 4 verdient. Den Gehilfen ist in der ersten Meistersitzung eine Lohnerhöhung bewilligt worden, während man den Frauen keine höheren Löhne geben wollte. H errd egen: Ist beim Schlagen eine gewisse Kunstfertigkeit erforderlich, oder kann diese Arbeit leicht von einer Maschine geleistet werden? — Exp. Knoll: Eine gewisse Geschicklichkeit gehört dazu, weil man einen Hammer von etwa 15 Pfund regieren muß; sonst kann man leicht die Form zusammenhauen. Dr. Brezina: Nützen sich die Pergamentblätter stark ab? — Exp. Knoll: Diese nicht, aber die Formen, die vom Bimmerling sind. Dr. Brezina: Was ist denn das? — Exp. Knoll: Das ist vom Rindsmagen. Vorsitzender: Wenn ich recht verstanden habe, besteht die Arbeit der Frauen darin, daß sie das Gold hineinlegen und herausnehmen. Gehört dazn eine gewisse Geschicklichkeit? — Exp. Knoll: Ja. Vorsitzender: Wie lange braucht ein Mädchen, bis sie das kann? — Exp. Knoll: Früher haben sie drei bis vier Jahre gelernt; da haben sie Wohnung und Verpflegung gehabt. Auch Mädchen haben gelernt. Sie sind nicht freigesprochen worden, aber es hat geheißen: „Du bist jetzt frei", und dann ist sie nach Stück bezahlt worden oder hat einen Wochenlohn von fl. 3 bis 4 bekommen. Jetzt werden sie als Hilfsarbeiterinnen aufgenommen. Sie werden gleich bezahlt mit fl. 1'50 bis 1 70 und lernen ein Jahr. Exp. Nr. 17: Ich arbeite in einem größeren Betriebe, in dem 38 Arbeiter und 5 Hilfsarbeiterinnen beschäftigt sind. Die Arbeit geht nicht das ganze Jahr. Etwa zwei Monate, im Fasching, ist weniger zu thun. Wir setzen dabei aber nicht aus, wir arbeiten eben weniger und verdienen 53 weniger, da wir nach dem Stück gezahlt werden. Meistens kommen die Mädchen mit 14 Jahren zu den Betrieben, wo sie ein Jahr lernen müssen. Früher mußten sie drei bis vier Jahre lernen. Die Lehrmädchen bekommen fl. U50 pro Woche und sind außer Hause. Eine flinke Arbeiterin verdient sich fl. 4 bis 4'50, wenn es sehr hoch kommt, fl. 6 bis 7. Außer Hause gibt es keine Arbeit. Die Arbeit wird durch Nachfragen in der Fabrik erhalten. Der Vergolderverein hat zwar eine Arbeitsvermittlung, dieselbe wird aber nicht benützt. Baronin Vogelfang: Müssen die Frauen auch solche Arbeiten machen, welche von Männern gemacht werden? — Exp. Nr. 17: In Wien nicht. Ich bin im Jahre 1874 in die Lehre gekommen und verdiene fl. 5 bis 6. Wenn es stark geht, kann ich auch mehr verdienen. Es gibt aber nur wenige Mädchen, die so viel verdienen. Die meisten verdienen fl. 4, 4'50 bis 5. Ueberstunden werden keine gemacht. Die Arbeitszeit ist von 7 bis 7 Uhr. Zu Mittag iit eine Stunde Pause. Vor- und Nachmittag nehmen wir uns nur so viel Zeit, um etwas zu essen. Exp. Knoll: Die Löhne der Männer betragen fl. 10. Der höchste Lohn ist fl. 12. Ein Zurichter hat vielleicht fl. 15. Das kommt darauf au, ob er sehr flink ist. Pernerstorser: Kommt es auch vor, daß bei Ihnen Material verdorben wird? — Exp. Knoll: Ja. Pernerstorser: Wird das abgezogen? — Exp. Knoll: Wir können höchstens Werkzeuge verderben. Das Material selbst kann höchstens der Principal verderben, wenn er es zu stark glüht. — Exp. Nr. 17: Strafen kommen bei uns nicht vor. Heimarbeiterinnen gibt es nicht. Es gibt auch Werkstätten, wo nur zehn Stunden gearbeitet wird. Vorsitzender: Ist das usuell oder haben Sie das erst durch den Strike erreicht? — Exp. Knoll: Erst durch den Strike. — Exp. Nr. 17: Früher hatten wir 15 kr., jetzt nach dem Strike 16 kr. für die Form. Man kann 30 bis 40 Formen in der Woche machen. Wir haben keine Arbeitsordnung ; bei einer Firma soll eine bestehen. Kost und Wohnung kommt nicht vor. Man muß bei der Arbeit sehr viel blasen. Vorsitzender: Die Mädchen sehen sehr schlecht aus, was dürfte wohl die Ursache sein? — Exp. Nr. 17: Wahrscheinlich der Grünspan, welcher in der Luft herumfliegt. Vorsitzender: Haben Sie Ausweise von Ihrer Krankenkasse? — Exp. Knoll: Wir haben keine, aber unter den Kranken befinden sich viel mehr Frauenzimmer als Männer. Pernerstorser: Haben Sie bestimmte Berufskrankheiten? — Exp. Knoll: Meistens Brust- und Lungenkrankheiten. Pernerstorser: Wollen Sie also die Freundlichkeit haben, die Daten Ihrer Krankencasse nachzuliefern. Vorsitzender: Der Augenschein zeigt, daß das Gewerbe, insbesondere für Mädchen, sehr anstrengend ist. Wie ist die Ernährung? — Exp. Nr. 17: Schlecht ; die Verheirateten gehen mit ihren Männern meist in's Gasthaus, die alleinstehenden Mädchen kaufen sich Suppe und Zuspeise. Manche leben nur vorn Kaffee. Die meisten sind unverheiratet. Die Mehrzahl sind jüngere Arbeiterinnen. Es gibt aber auch unter den älteren Unverheiratete. Die Jüngeren werden den Aelteren schon der Arbeit wegen vorgezogen. Kündigung haben wir, und zwar vierzehntägige; früher war eine solche nicht. Vorsitzender: Wird die Kündigungsfrist überall eingehalten? — Exp. K noll: Nicht überall. Uebrigens ist nur theilweise eine vierzehntägige Kündigung, wenn man nämlich nicht übereinkommt, daß gar keine Kündigung stattfindet. Frl. Boschek: Bleiben die Kinder der Arbeiterinnen am Leben, und 54 sind sie gesund? — Exp. Knoll: Es kommen oft todte Kinder zur Welt, oder die Frau bringt die Kinder nicht zur Zeit zur Welt. Vorsitzender: Wie sind die Arbeitslocalitäten? — Exp. Knoll: Die Werkstätten sind meistens in Kellern, weil man wo anders ein Local nicht bekommt. Dr. Frey: Ist es dort feucht? — Exp. Knoll: Das nicht, aber die Ventilation ist eine ungenügende, und es wird viel Staub erzeugt. Meistens sind die Werkstätten im Hofe. Vorsitzender: Essen Sie in der Werkstätte? — Exp. Knoll: Nein; aber die Mädchen essen oft dort. Vorsitzender: Haben Sie Gelegenheit, sich von: Metallstaube zu reinigen? — Exp. Nr. 17: Ja. Herrdegen: Wann war der Strike? — Exp. Knoll: Im Juni 1895. Vorsitzender: Wie ist das Verhältniß zwischen Männern und Frauen in den Werkstätten? —Exp. Knoll: Wir arbeiten gesondert, und die Frauen stehen in keiner Abhängigkeit von den Gehilfen. Vorsitzender: Wie geht der Principal mit den Arbeitern um? Exp. Nr. 17: Es geht an. Herrdegen: An wen verkauft der Unternehmer die Produkte, welche Sie erzeugen? — Exp. Knoll: Direct an den Vergolder oder Steindrucker. Herrdegen: Also nicht an Zwischenhändler? —' Exp. Knoll: Es gibt auch solche. Pernerstorfer: Braucht der Steindrucker diese Prodncte zum sogenannten Bronziren? — Exp. Knoll: Nein; er legt das Blattgold auf die Platten; das ist für den Golddruck. Dr. Biezina: Braucht auch der Buchbinder solche Prodncte? — Exp. Knoll: Der verwendet meist echtes Gold. — Exp. Nr. 18: Ich bin Goldbeschneiderin. -Wir arbeiten nur mit echtem Golde. Der Arbeitsproceß ist im Wesentlichen derselbe wie bei der Metallschlägerei, auch bei den Mädchen. Wir heben die Blätter aus den Formen heraus und beschneiden sie. Dr. Biezina: Werden die Blätter nicht auch dünn gemacht? — Exp. Nr. 18: Das machen die Männer. Dr. Biezina: Welcher Unterschied besteht also zwischen den beiden Betrieben? — Exp. Knoll: Wir beziehen die Formen von den Goldschlägern. Die frische Form ist nämlich seit, und das Gold nimmt das Fett weg. Wir können aber fette Formen nicht brauchen. Dr. Biezina: In welcher Form kommt das echte Gold? — Experte Knoll: Das wird hier erzeugt. Es wird hier geschmolzen, gewalzt und gestreckt, während wir unsere Producte von draußen beziehen. Herrdegen: Wie wird es weiter verarbeitet? — Exp. Nr. 18: Es wird in Vierecke geschnitten, in Pergament gelegt und gequetscht. Das Verfahren ist dasselbe. H errdeg en: Warum nennt man das „quetschen" ? — Exp. Knoll: Das ist nur ein anderer Ausdruck. Es wird aber so behandelt wie bei uns. Exp. Nr. 18: Ich bin seit 20 Jahren bei einer Firma, wohin ich mit 14 Jahren gekommen bin. Es sind dort vier Mädchen und sechs Arbeiter. Wir Haber: keine Lehrjungen. Die Arbeit ist einmal im Sommer stark, ein anderes Mal im Winter. Das ist nicht gleich. Wir haben nur Handbetrieb. Arbeit wird nicht nach Hause genommen. Auch bei uns muß ein Jahr gelernt werden. Jetzt gibt es bei uns keine Lehrmädchen. Exp. Knoll: Es sind in diesen Betrieben in Wien nur sieben Frauen heschäftigt. Exp. Nr. 18: Wir verdienen st. 4 bis 5 wöchentlich. Der niederste Lohn ist fl. 4, über st. 6 bekommt Keine. Ueberstunden gibt es nicht. Die Arbeitszeit ist von 7 bis 7 Uhr. Den Lohn der Männer kenne ich nicht 55 genau, ich glaube, er beträgt fl. 10 bis 11. Eine Fabriksordnung haben wir nicht. Abzüge kommen nicht vor, ebenso keine Strafen. Material können wir nicht verderben. Wenn wir Werkzeuge brechen, so läßt es der Principal machen; das kommt aber selten vor. Dr. Brezina: Gibt es eine Vorkehrung, daß nicht Gold entwendet werden kann? Werden Sie visitirt ? — Exp. Nr. 18: Nein. Den Arbeitern wird das Gold vorgewogen. Exp. Knoll: Der Herr rechnet, soundsoviel Ducaten kommen aus ein Buch. Herrdegen: Und das Papier wird nicht gewogen? — Exp. Nr. 18: Nein. Die Blätter haben ja verschiedene Größe. Die Werkstätte ist geräumig; sie hat vier Fenster, und es arbeiten darin zehn Personen. Sie liegt ebenerdig im Hose und wird entsprechend gereinigt. P ernerstorfer: Müssen Sie das machen? — Exp. Nr. 18: Nein. P er n e r st o r f er: War es auch früher schon so ? — Exp. Nr. 18: Ja. Vorsitzender: Wie vertragen sich die Männer und Frauen untereinander ? — Exp. Nr. 18: Wir sind in einem Locale beisammen, aber doch getrennt, da die Arbeiter vorne und wir hinten sitzen. Vorsitzender: Sind die meisten Frauen ledig? — Exp. Nr. 18: Zwei sind verheiratet, zwei ledig. Die Ernährung ist keine gute. Zu Mittag bleiben wir im Geschäft, während die Arbeiter zum Essen gehen. Wir holen uns vom Gasthaus Suppe und Gemüse, Fleisch kaufen wir uns nicht. Zur Jause nehmen wir Kaffee, Abends essen wir zu Hause. Baronin Vogelfang: Wie oft essen Sie Fleisch? — Exp. Nr. 18: Ich esse zum Nachtmahl immer Fleisch. Sonntags esse ich auch zu Hause. Ich esse bei fremden Leuten, bei denen ich schon lange bin. Vorsitzender: Was zahlen Sie für das Nachtmahl? — Exp. Nr. 18: 10 kr. Da bekomme ich Suppe, ein kleines Stück Fleisch und Gemüse. Frl. Boschek: Was zahlen Sie für die Wohnung? --Exp.Nr. 18: Für das Bett 70 kr. Dr. Bi-ezina: Haben Sie ein Bett allein? — Exp. Nr. 18: Ja. Ich habe Alles zu Hause: Frühstück, Nachtmahl, Sonntagsessen, Wäsche, und zahle dafür fl. 2'50 ungefähr in der Woche. Vorsitzender: Da sind Sie sehr billig daran; das ist jedenfalls eine Ausnahme. Baronin Vogelfang: Was für Fleisch essen Sie am Sonntag? — Exp. Nr. 18: Rindfleisch, manchmal auch Gebackenes. Vorsitzender: Wie groß ist die Wohnung? — Exp. Nr. 18: Zimmer, Küche und Cabinet. Vorsitzender: Bei wem wohnen Sie? — Exp. Nr. 18: Bei Arbeitern, die Tochter arbeitet mit mir und der Schwiegersohn ist auch Goldschläger. Schluß der Sitzung 10 Uhr 30 Minuten. 56 4. Sitzung, Dienstag, 3. Wär; 1666. Vorsitzende: Baronin Vogelfang. Beginn 7 Uhr 45 Minuten Abends. Vorsitzende: Es handelt sich heute um die Branche der Blumenmacher und Federschmücker. Ich ersuche zunächst einen der Herren Experten, uns über das Technische Auskunft zu geben. — Experte Herr Eßl «über Befragen seitens der Vorsitzenden): In unserem Betriebe sind wenig oder gar keine Maschinen vorhanden. Es wird meistens Hand arbeit verrichtet. Die Arbeiterinnen, deren Zahl in der Hochsaison 1000 bis 1400, in der stillen Saison 500 bis 600 beträgt, arbeiten täglich 12 bis 14 Stunden. Dr. Verkauf: Sprechen Sie nur über die Verhältnisse des Wiener Marktes, oder kennen Sie auch auswärtige Verhältnisse? — Experte Eßl: Aus verschiedenen Beziehungen, die wir mit dem Auslande haben, kann ich mittheilen, daß im Auslande, speciell in Frankreich, im Gegensatze zu Wien auch Maschinen in Anwendung kommen. Es werden nämlich in Frankreich die Rohstoffe erzeugt, d. i. jene Stoffe, aus denen hier die Blumen und Blätterbestandtheile gemacht werden. Dieselben müssen aus Paris bezogen werden, weil sie hier nicht fabricirt werden können. Sie werden dort selbst größtenteils auf maschinellem Wege hergestellt, indem dort überhaupt Großbetrieb herrscht. Das Ausschlagen der Blätter wird hier mit der Hand gemacht. Es ist dies die anstrengendste Arbeit und geschieht in der Weise, daß die eiserne Form auf den Stoff gesetzt und dann mit einem Holzschlägel so lange daraufgeschlagen wird, bis die Form den Stoff durchschnitten hat. Man erhält auf diese Weise durch eine Stanze gleich ein Dutzend Blätter. Bereits ausgeschlagcne Blätter und Blüthentheile kommen nur als Muster aus Paris, nicht zum Verkauf, indem Paris auf diesem Gebiete tonangebend ist. Aus Deutschland und Böhmen jedoch kommt billige Waare hieher, welche uns bedeutende Concurrenz macht. Diese Concurrenz ist umso gefährlicher geworden, als unsere Genossenschaft es durchgesetzt hat, daß für die detaillirten Bestandtheile — nicht für die fertige Waare — die Zölle vermindert wurden. Es lassen sich also die Kaufleute die Bestandtheile schicken, beschäftigen eine Arbeiterin, welche das ausfertigt, und machen so der feineren Kunstblumenproduction Concurrenz. Pernerstorfer: Sie sagen, daß ein Import fertiger Waare aus Frankreich nicht vorkommt. Nun ist mir bekannt, daß gewisse Luxusartikel, gewisse Arten von Veilchen u. dergl. direct aus Paris kommen. — Experte Eßl: Es mag sein, daß theilweise Kaufleute dies thun, aber nach meiner geschäftlichen Erfahrung kommt nur nachgemachte Waare vor; selbst in meiner Fabrik wird immer imitirt. Dr. Verkauf: Wodurch erklärt sich die Concurrenzfähigkeit Deutschlands und Böhmens? — Exp. Eßl: Bezüglich Deutschlands ist mir die Sache nicht genau bekannt, in Böhmen aber beschäftigen die Fabrikanten die Arbeiterin oft von 4 Uhr Früh bis 5—6 Uhr Abends und zahlen dafür fl. 2 bis 3 monatlich nebst Verpflegung. Dortige Arbeiter sagten mir, daß sie 16 bis 20 Stunden arbeiten und dafür sl. 2 bis 4 erhalten. Dadurch ist es dem böhmischen Fabrikanten möglich, jene Waare, für welche der Arbeitslohn allein in Wien 25 kr. per Groß ausmacht, um denselben Betrag fertig hieher zu stellen. Es ist hauptsächlich bäuerliche Bevölkerung, welche, statt in das Tagewerk zu treten, in der Laubfabrik arbeitet. Die Fabrikanten haben das ganze Jahr hindurch wegen der Billigkeit einen sehr großen Absatz, beschäftigen deshalb die Leute auch das ganze Jahr. Dr. Verkauf: Ist es denn möglich, daß Jemand, der im Sommer schwere ländliche Arbeit verrichtet, im Winter in der Fabrik eine Beschäftigung übernimmt, welche doch eine feinere Hand erfordert? — Exp. Eßl: Die Arbeit ist keine feine. Jedes Mädchen, das 2 bis 3 Stunden zuschaut, kann sie erlernen; speciell bei den Pressen ist die Arbeit auch sehr anstrengend; ein generöser Gewerbe-Inhaber beschäftigt zum Durchschlagen einen Mann. Jedoch sind das sehr wenige, indem auf 1500 Arbeiterinnen blos 20 bis 30 Männer kommen. Dr. Weißkirchner: Es ist doch nicht anzunehmen, daß die Arbeiterinnen bei diesen schlechten Ernährungsverhältnissen 20 Stunden arbeiten können. Vielleicht kommt das nur periodisch vor. Aber eine conti- nuirliche Arbeit von 20 Stunden, das dürfte auf einer Ungenauigkeit beruhen. — Exp. Eßl: Die fixe Arbeitszeit beträgt mindestens l ü bis 18 Stunden; 18 bis 20 Stunden sind beim Knnstblumengewerbe selbst hier in Wien etwas Tägliches. Dr. Schmied land: Kennen Sie diese Verhältnisse aus eigener Anschauung? Waren Sie je in Böhmen? — Exp. Eßl: Nein, ich weiß das aber von aus diesen Gegenden eingemanderten Arbeiterinnen. Wittelshöfer: Das Durchschlagen verrichten also theilweise Männer, welches sind die Frauenarbeiten? — Exp. Eßl: Nach dem Durchschlagen ist das Blatt roh, ganz flach und glatt. Daran wird zunächst von den Frauen der Stengel aufgeklebt, dann kommt es in die Presse, da sind zwei Eisenbestandtheile, zwischen welche das Blatt hineinkommt, und dadurch treten die Rippen des Blattes, wie es in der Natur ist, heraus. Das ist auch eine schwere Arbeit. Bei der Blättererzeugung sind die Frauen sehr anständig gezahlt, weil sie größtentheils per Stück arbeiten. Die Arbeit beim Pressen ist lehr anstrengend, besonders bei größeren Blättern. Mit der linken Hand wird das Blatt Hineingelegt, und mit der rechten wird die Presse zugeschlagen. Wenn das Blatt gepreßt ist, wird es in heißes Wachs oder siedendes Paraffin gelegt und dadurch der Glanz des Blattes erzeugt; dann wird es gestaubt oder gespritzt, hierauf dutzendweise.und dann zu 12 Dutzenden zusammengebunden, und dann ist es fertig. Diese verschiedenen Verrichtungen werden nach dem Principe der Arbeitstheilung besorgt, und zwar von den Frauen. In den Fabriken, wo Blätter und Blüthen erzeugt werden, besorgen auch die Frauen das Ausschlägern Wir haben, wie gesagt, nur 20 bis 30 Männer beschäftigt, während unsere Branche 500 Gewerbe- Inhaber zählt. Bei den Blüthen ist das Ausschläger: bedeuteno leichter, weil das Rohmaterial bedeutend feiner ist, nämlich Leinen, Seide oder feines Papier; diese Arbeit wird deshalb von Frauen gemacht. Dann kommt das Ankleben und das sogenannte „Kolben", welches mit Handmaschinen besorgt wird. Es sind das Handkolbcn, die auf den Falzen gelegt und durchgepreßt werden. Das ist anstrengender wie die übrigen Arbeiten, weil die Kolben auf Spiritusseuer heißgema'cht und der Stoff damit einzelweise auf der Form plattgedrückt werden muß, was Geläufigkeit erfordert. Die Erwerbung dieser Kunstfertigkeit, so weit, daß man sagen kann, es ist eine geschickte Knnstölumen- macherin, dauert nach meinen geschäftlichen Erfahrungen 10 bis 12 Jahre. Die eigentliche Lehrzeit ist drei Jahre. Nur ein sehr geringer Theil der Lehrmädchen sind wirklich tüchtige Arbeiterinnen; die meisten werden zu Hausarbeiten, Reinigen der Wohnung, Warten der Kinder rc. verwendet. Wittelshöfer: Gibt es auch Hilfsarbeiterinnen? — Exp. Eßl: Die Sache verhält sich folgendermaßen: Ein freigesprochenes Lehrmädchen ist selten eine fertige Blnmenmacherin. In der todten Saison wenden sie sich allen Industriezweigen zu, sogar dem Baugewerbe. Wenn nun zu Beginn der Saison Mangel an Arbeiterinnen ist, werden Hilfsarbeiterinnen herangezogen. Diese Hilfsarbeiterinnen werden zu einer fertigen Arbeiterin 58 hingesetzt und müssen mit ihr so lange zusammen arbeiten, bis sie halbwegs mithelfen können. Vorsitzende: Wie ist es mit dem Zusammenstellen der Blüthen und Blätter? — Exp. Eßl: Damit ist gewöhnlich nur eine Arbeiterin beschäftigt, welche die geschickteste ist und den besten Geschmack hat. Diese verfertigt aus den Blüthen und Blättern die Guirlanden. Das Zusammenstellen der einzelnen Blnmenbestandtheile wird von allen Arbeiterinnen besorgt. Wenn ein Mädchen Glück hat, so kann sie in ein bis zwei Jahren das Gewerbe so weit erlernen, daß sie znm Zusammenstellen der Blüthenbestandtheile verwendet wird. Da muß man aber berücksichtigen, daß wir verschiedene Kategorien von Blumen haben, die sogenannte Banernwaare, dann l, 2, 3, 4, 5 „Schrott", wie wir es nennen. Wenn nun eine Arbeiterin bei einer dieser Qualitäten zu lernen begonnen hat und sie kommt dann in ein anderes Geschäft bei einer anderen Qualität znr Verwendung, dann muß sie wieder von Frischem lernen. Die Bauernwaare kann jede bald verfertigen. Die sogenannten Pötzelmacherinnen verfertigen den Kern, das kleine Knöspchen in der Blume. Bei Verfertigung von Myrthen und beim Pötzeln, was sehr leichte Beschäftigungen sind, werden viele Hilfsarbeiterinnen beschäftigt. Von den Hilfsarbeiterinnen wird nur ein geringer Theil beständig verwendet. Der Unternehmer hat den Vortheil von den Hilfsarbeiterinnen, daß er sie schlechter bezahlt und daß er auch leichter welche bekommt als gelernte Arbeiterinnen. Wenn er eine gelernte Arbeiterin dringend braucht, so beansprucht sie natürlich mehr Lohn, und da muß er ihr zusagen, daß er sie wenigstens, bis zum Juni beschäftigt, denn die todte Saison beginnt bei uns zu Pfingsten und dauert bis October. Im October beginnt die Arbeit für Grabkränze. Die Hochsaison ist etwa jetzt im Frühjahr. Für das Pötzelmachen, welches beim Unternehmer eine Massenarbeit und großes Capital bedingt, wird das ganze Jahr gearbeitet. Dr. Schwiedland: Sie haben also eine Productionstheilung: Gewisse Unternehmer besorgen das Pötzelmachen, andere wieder andere Arbeiten? — Exp. Eßl: So ist es. Vorsitzende: Haben in Ihrem Gewerbe früher Männer die Arbeit verrichtet, welche jetzt Frauen besorgen? — Exp. Eßl: Nein, es waren von jeher nur Frauen beschäftigt. Vorsitzende: Wie alt ist das Kunstblumengewerbe? — Exp. Eßl: Nach meinem Wissen 60 bis 80 Jahre. Vorsitzende: Wie ist das Verhältniß der verschiedenen Kategorien der Zahl nach? — Exp. Estl: In meiner Fabrik sind 20 bis 23 Arbeiterinnen das ganze Jahr beschäftigt. Wir produciren fertige Kränze und dergleichen. Das Zusammenstellen derselben besorgt nur eine Arbeiterin. Es gibt Fabriken, die 20 Arbeiterinnen beschäftigen und nur zwei zu Hause arbeiten lassen. Dann gibt es aber auch solche, welche 20 Arbeiterinnen in der Werkstätte beschäftigen und 50 bis 80 zu Hause. Dr. Rauchberg: Sind Hansarbeiterinnen bei den 1400 in der Branche Beschäftigten in Einrechnung gebracht? — Exp. Eßl: Nein, die muß man separat berechnen. Es dürsten ihrer vielleicht 400 bis 600 sein. Dr. Schwiedland: Arbeiten auch schulpflichtige Kinder außer - Hause? — Exp. Eßl: Ganz gewiß, das kommt auch bei unserer Branche vor. Dr. Rauchberg: Wie groß ist die Zahl der Lehrmädchen? — Exp. Eßl: Wir haben 1200 bis 1400 Gehilfinnen und etwa 1000 Lehrmädchen. Dieses Mißverhältniß erklärt sich daraus, daß ein ausgelerntes Lehrmädchen, wie gesagt, keine fertige Blumenmacherin ist und sich deshalb oft einem anderen Gewerbe zuwendet, bis sie sich verehelicht. Dann gehen sie wieder zu ihrem früheren Lehrherrn zurück und übernehmen, um etwas zu verdienen, zu Spottpreisen Arbeiten für zu Hause. Der Lehrherr erspart dabei die Hälfte oder ein Drittel Lohn und außerdem Beleuchtung und Arbeitsranm. Darunter leidet sowohl die Gehilfenschaft, als auch die Krankencasse, weil die Hausarbeiterin derselben niemals angehört. Brauchen sie aber eine Unterstützung, so bitten sie den Herrn, sie bei der Casse anzumelden, und wenn sie dann vier Wochen lang unterstützt worden sind, treten sie wieder aus. Weil sie aber der Herr bei der Casse angemeldet hat, müssen sie ihm ost dafür ein bestimmtes Quantum Arbeit umsonst liefern. Vorsitzende: Wie groß ist die Arbeitszeit der Hausarbeiterinnen? — Exp. Eßl: Das hängt davon ab, ob sich die Hausarbeiterin in einer bedeutenden Nothlage befindet oder nicht, oder ob der Unternehmer auf Fertigstellung der Arbeit dringt. Vorsitzende: Aus welchen Kreisen stammen diese Arbeiterinnen? Sind sie auch Töchter von kleinen Handwerkern und Beamten? — Exp. Eßl: Nein, sie recrutiren sich nur aus Arbeiterkreisen. Dr. Schwiedland: Kommt also eine Concurrenz der Frauen des Mittelstandes, etwa um sich ein Taschengeld zu verdienen, nicht vor? — Exp. Eßl: Es mag vorkommen, aber das dürfte nicht nennenswert!) sein. Dr. Ofner: Nachdem, wie Sie sagten, eine ausgekernte Arbeiterin keine fertige Blumenmacherin ist, was bedeutet dann das eigentlich „Auslernen"? — Exp. Eßl: Das Auslernen bedeutet, daß der Principal drei Jahre umsonst einen Sklaven hat. Von den 800 Lehrmädchen hungern vielleicht 200 monatelang. Es gibt Geschäftsinhaber, die im Sommeft die Fabrik sperren und Lustreisen machen. Solche Lehrmädchen haben dann für das Frühstück 2 kr., zu Mittag 5 kr. und zu Abend auch 2 kr. Die Genossenschaft begünstigt noch solche Verhältnisse. Denn bei uns muß ein Mädchen zwei bis drei Monate Probezeit machen, bevor sie aufgedungen wird und sich dann einer ärztlichen Untersuchung durch den Genossenschaftsarzt unterwerfen. Da haben sie nun zwei bis drei Monate umsonst gearbeitet und werden dann in vielen Fällen vom Arzte für untauglich befunden. Dr. Schwiedland: Mag das nicht daher kommen, daß sich Ihrem Gewerbe schwache Mädchen zuwenden?— Exp. Eßl: Nein, es sind meistens Landmädchen. Ueberhaupt herrscht da ein directer Mädchenschacher. In der stillen saison gehen die Mädchen meistens in ihre Heimat zurück und bringen von dort wieder noch einige mit. Meistentheils aus Böhmen, und zwar sind das Tschechinnen; wie gesagt, muß das Mädchen statutengemäß ein Gesundheitszeugniß haben, um aufgedungen zu werden. Erhält sie dieses nicht und will der Unternehmer sie behalten, so geht er zur Genossenschästsvorstehung, und dort sagt man ihm dann: „Behalten Sie das Mädchen drei Jahre als Hilssarbciterin, und zahlen Sie dann zugleich Aufdings- und Freispruchs- gebühren, und dann wird das Mädchen eine Gehilfin." Zu diesen Dingen gibt sich die Genossenschaft her. Vorsitzende: Wie verhält es sich mit den Groß- und Kleinbetrieben? — Exp. EßFabriksbetriebe haben wir nur vier bis fünf. Das sind wirklich protokollirte Fabriken. Diese beschäftigen 20 bis 25 Arbeiterinnen in der Werkstätte, 80 bis 100 zu Hause. Mittlere Betriebe haben wir vielleicht 800. In der maschinellen Einrichtung ist kein Unterschied zwischen großen und kleinen Fabriken. Nur in zwei Fabriken haben wir eine Maschine zum Stanzen. P e r n e r st o r s e r: Was kostet so eine Maschine? — Experte Herr Barta: Wir haben in unserem Betriebe eine Maschine zur Erzeugung von fein durchbrochenen Blättern. Dieselbe rentirt sich aber durchaus nicht. Im Auslande mag sie vielleicht in Folge des Massenabsatzes die Kosten hereinbringen, bei uns ist das nicht der Fall. Dr. Verkauf: In welcher Function sind Sie bei der Krankencasse? — Exp. Barta: Ich bin Obmann. (Ueber Befragen seitens Dr. Verkau f.) Es sind 850 Gewerbe-Inhaber bei der Krankencasse angemeldet. Die Zahl der versicherten Arbeiter wechselt wöchentlich; sie läßt sich in der Saison auf gegen 1000, in der stillen Zeit auf 600 beziffern, wovon im Ganzen 20 Männer, 60 der Rest sind Frauen. Die jugendlichen Hilfsarbeiter und Lehrmädchen sind bei der Genossenschafts-Krankencasse versichert, es sind deren etwa 800 bis 1000. Dr. Verlaus: Wird eine und dieselbe Arbeiterin im Laufe desselben Jahres manchmal mehrmals angemeldet? — Exp. Barta: Das ist sehr häufig, das hängt mit der Saison zusammen. Dr. Verkauf: Nach einer Verfügung des Magistrats sind die Heimarbeiterinnen, die nur bei e i n e m Gewerbe-Inhaber arbeiten, versicherungs- pflichtig. Sind also Heimarbeiterinnen bei Ihnen versichert? — Experte Barta: Nein. Dr. Verlaus: Haben Sie versucht, die Heimarbeiterinnen der Casse beizuziehen? — Exp. Barta: Im Jahre 1889 bei Gründung der Krankencasse waren alle Heimarbeiterinnen angemeldet. Da haben nun die Unternehmer sich dagegen gesträubt, daß sie auch für solche Leute Steuer zahlen müssen, die nicht das ganze Jahr bei ihnen beschäftigt sind. Da hat nun der Magistrat dahin entschieden, daß Diejenigen, welche nicht das ganze Jahr bei einem Unternehmer beschäftigt sind, Hansindustrielle und nicht versicherungspflichtig sind. Dies wurde von der Genossenschaft durch ein Circular bekannt gegeben. Dr. Verkauf: Könnten Sie uns von diesem Erlasse oder von diesen Eircularen Abschriften verschaffen? — Exp. Barta: Das sind Genossen- schastsangelegenheiten. Dr. Verkauf: Wie viele Erkrankungen haben Sie? — Exp. Barta: 33 Percent. Wöchentlich haben wir 24 bis 32 Erkrankungen. Wenn die Saison zu Ende geht, mehr. Wir haben hauptsächlich zwei Arten von Krankheiten. Erstens verschiedene Lungenasfectionen, Tuberculose, Lungen- katarrh, und zweitens Entbindungen, die letzteren sind 140 im Jahre. Dr. Verkauf: Wie steht's mit den Altersverhältnissen in Ihrer Branche? — Exp. Barta: Alt werden die Blumenmacherinnen nicht. Nachdem wir in der Krankencasse keine Lehrmädchen haben, so können wir erst vom 18. Jahre an rechnen bis zum 30. oder 35., darüber hinaus gibt's wenige. Sterbesälle hatten wir im Jahre 1895 acht oder neun, meist Tuberculose. Dr. Verkauf: Kommen auch Betriebsunfälle vor? —Exp. Barta: Selten. Wir haben ja keine Motoren in Anwendung, höchstens tritt manchmal der Fall ein, daß die Kugel der Maschine den Kops der Arbeiterin streift oder daß sie sich beim Picken verletzt. Dr. Verkauf: Kommt Vergiftung vor? — Exp. Barta: Direkte Vergiftungen kann man nicht sagen, aber jedenfalls wirken die Farben aui den Körper gesundheitsschädlich. Besonders das sogenannte Schweinturter- grün, das behördlich beseitigt wurde. Dr. Verkauf: Gibt's viele Augenkrankheiten? — Exp. Barta: Verhältnißmäßig wenige. Herrdegen: In den officiellen Büchern ist ein höherer Stand von Männern, als der von Ihnen angegebene, nämlich nicht 20, sondern 44. Auch geben Sie die Zahl der Lehrmädchen mit 800 bis 1000 an, während die Genossenschaft nur 500 ausweist. — Exp. Eßl: Ich habe mit dem früheren Cassier der Genossenschafts-Krankencasse gesprochen, und dieser sagte mir, daß er für 800 Lehrmädchen eincassiren gehen muß. Er erklärte auf mein ausdrückliches Befragen, wie viel Mädchen vorhanden seien, es gebe deren 800 bis 1000. Wenn also die Genossenschaft weniger Mädchen ausweist, so kommt das einfach daher, weil sie nicht angemeldet sind. Ich habe ja schon früher das auseinandergesetzt, wie es sich damit verhält. Herrdegen: Wären Sie in der Lage, durch den Cassier nachzuweisen, wie viele Mädchen ausgedungen werden? — Exp. Eßl: Ja. 6t Dr. Ofner: Zeigt sich der Uebergcmg von der Hochsaison zur stillen Saison auch im Krankenstände? — Exp. Barta: Gewiß. Wenn eine Arbeiterin kränklich ist, so arbeitet sie trotzdem so lange als sie kann. Hat sie aber keine Arbeit, so meldet sie sich krank und wird in den Krankenanstalten aufgenommen, da sie ja faetisch ein Leiden hat. Vorsitzende: Wir gehen nun zu den weiblichen Experten über. — Expertin Nr. 19 «über Befragen der Vorsitzenden): Ich bin sechs Jahre in unserem Gewerbe, und zwar drei Jahre als Lehrmädchen, drei Jahre als Gehilfin. In unserem Betriebe sind zwölf Gehilfinnen und sechs Lehrmädchen, männliche Arbeiter haben wir keine. Wir arbeiten das ganze Jahr ohne Unterbrechung. Die Arbeitszeit ist immer die gleiche. Wir erzeugen Grabkränze und feinere Waaren. In unserem Geschäft wird nichts fertig gekauft, sondern wir erzeugen Alles selbst. Die Blätter werden gepreßt, und auch das Durchschlagen machen die Mädchen. Das letztere ist ziemlich anstrengend. Ich nehme keine Arbeit mit nach Hause. Das kommt in unserem Geschäft nur vor, wenn sehr viel zu thun ist und wenn wir wollen. Auch an nicht in der Werkstätte beschäftigte arbeitende Kräfte wird keine Arbeit hinaus- gegeben. Die Lehrmädchen arbeiten mit uns, und sie müssen auch das Abliefern der Waaren besorgen. Wir arbeiten nicht für Kundschaften, sondern für Geschäfte. Die Arbeitsvermittlung geschieht in der Gehilfen-Krankencasse. — Exp. Barta: Dieselbe wird vom Gehilfenausschuß besorgt. Früher hat sie die Genossenschaft selbst besorgt und jetzt an den Gehilfenausschuß übertragen. — Exp. Nr. 19: Ich selbst bin durch meine Eltern über Recommandation in das Geschäft gekommen. Mein Vater war Taglöhner. Die bei uns beschäftigten übrigen Arbeiterinnen sind alle aus Arbeiterkreisen. Ich bekomme 12 fl. monatlich, drei Gulden Nachtmahlgeld und Kost. Ich wohne zu Hause. Sonntag habe ich auch die Kost zu Hause, von den anderen Arbeiterinnen auch manche im Geschäft. Diese bekommen nur 8 fl. Lohn. Die älteren Arbeiterinnen haben dieselbe Bezahlung wie die jüngeren. Die Lehrmädchen haben nur Kost und Wohnung. Trinkgelder bekommen sie sehr selten, weil wir keine Privatknndschaften haben. Der Lohn ist das ganze Jahr der gleiche. Von den Werkzeugen müssen wir uns eine Scheere und ein ^Zangerl kaufen. In den drei Jahren, seit ich Gehilfin bin, habe ich eine Scheere gekauft. Die Arbeitszeit ist 11 Stunden, nämlich von 7 Uhr Früh bis 12 Uhr Mittags und von 1 Uhr bis 7 Uhr- Abends. Ueberdies haben wir eine Pause von je einer Viertelstunde für Jause und das Gabelfrühstück. Ueberstunden werden nur dann gemacht, wenn die Arbeiterin einwilligt. Es wird dafür 10 kr. per Stunde gezahlt. Die Ueberstunden dauern höchstens ein bis zwei Stunden lang, überhaupt so lange wir wollen. Vorsitzende: Und wenn die Arbeit recht pressant wird, dann wollen Sie halt? — Exp. Nr. 19: Ja. Am Sonntag wird niemals gearbeitet, wenn wir wollen, können wir uns eine Arbeit nach Hause mitnehmen. Zu Hause bekommen wir auch 10 kr. per Stunde, das ist schon so berechnet, wie viel man in der Stunde arbeitet. Die Lehrmädchen sind ebenso- lang beschäftigt wie die Gehilfinnen und müssen nachher aufräumen. Kinder sind im Hause keine. Es sind zwei Dienstboten da, so daß die Lehrmädchen keine Arbeit zu Hause verrichten müssen. Wenn aus Ungeschicklichkeit etwas verdorben wird, )'o muß es die Arbeiterin nicht ersetzen, für Zuspätkommen wird keine Strafe gegeben. Dr. Rauchberg: Haben die Lehrmädchen und die im Hause wohnenden Gehilfinnen ihr eigenes Bett? — Exp. Nr. 19: Ja wohl. (Ueber Befragen der Vorsitzenden.) Die Kündigungsfrist ist 14 Tage. Es wohnen bei uns vier Arbeiterinnen und sechs Lehrmädchen im Hause, welche in vier Zimmern schlafen. Die Kost ist gut, wir bekommen jeden Tag Suppe, Fleisch und Gemüse, manchmal auch einen Braten. Bei uns ist überhaupt ein 62 besseres Haus; zum Frühstück und zur Jause bekommen wir Kaffee und Semmel und zum Gabelfrühstück Brot. Peru erstorfer: Ist das nicht ein besonders gutes Geschäft? — Exp. Nr. 19: Ja. Die Frau war selbst einmal Arbeiterin. — Expertin Eßl: Die jetzige Inhaberin war seinerzeit Collegin der Expertin und hat das Geschäft dorn früheren Inhaber übernommen. Es ist das eines der besten Häuser für die Arbeiterinnen. — Exp. Nr. 19 (über Befragen der Vorsitzenden): Zum Geburtstag u. dergl. müssen wir der Frau keine Geschenke machen. Das Arbeitslocal ist geräumig, liegt im ersten Stock und hat zwei Fenster, die auf die Hauptstraße gehen. Die Lust ist gut, es ist eine Ventilation angebracht. Wir arbeiten mit der Frau zusammen. Unter den Arbeiterinnen sind auch drei Frauen. Pernerstorfer: Haben Sie eine freie Fachorganisation? — Exp. Nr. 19: Nein. Wir gründen eben erst eine. Vorsitzende: Unterstützen Sie mit Ihrem Gehalt die Eltern? — Exp. Nr. 19: Ja. Von den anderen Arbeiterinnen haben einige nur sich selbst zu erhalten. Andere müssen auch für ihre Eltern oder für ihren Mann sorgen. Dr. Rauchberg : Wie viel Zins zahlen Ihre Eltern? — Exp. Nr. 19: 22 fl. vierteljährlich. Wir sind drei Personen, Vater, Mutter und ich. Die Wohnung besteht aus Zimmer und Küche. Wir haben keine Bettgeher. Vorsitzende: Ich bitte nun die Exp. Nr. 20, uns Mittheilungen zu machen. — Exp. Nr. 20: Ich bin zehn Jahre im Gewerbe beschäftigt. Zur Zeit bin ich in demselben Betriebe wie die Exp. Nr. 19. Das, was diese Expertin über den Betrieb gesagt hat, ist ganz richtig. Engel: Als verheiratete Frau könnten Sie wohl die Kost bewerthen, welche Sie im Geschäft bekommen. — Exp. Nr. 20: Ich schätze dieselbe auf 35 kr. Frl. Boschek: Ich erlaube mir einige Taten über eine neben mir wohnende Inhaberin eines Blumenmachergeschästes anzugeben. Dieselbe hat einen kleinen Betrieb, beschäftigt vier Arbeiterinnen, von denen drei verheiratet und eine verwitwet sind, und zwei Lehrmädchen. Ich kenne die Verhältnisse sehr genau, und sie sind gerade umgekehrt gegenüber denen, welche die erste Expertin geschildert hat. Wenn ich manchmal von der Sitzung um 12, 1, 2 Uhr Nachts nach Hause komme, sehe ich noch Licht in den Werkstätten brennen, in der stillen Saison aber werden die Arbeiterinnen schon um 4 Uhr Nachmittags nach Hause geschickt. Zur Zeit, wo Grab- kränze erzeugt werden, nimmt sich die Frau ein Local für 14 Tage aus, wo sie die Grabkränze verkauft. In der Saison wiro Arbeit an fremde Arbeiterinnen aus dem Haus gegeben. P ern ersto rfer (unterbrechend): Ich möchte doch der Meinung sein, daß wir nur Angaben von Fachleuten zu Protokoll geben sollen, denn so wenig ich an der Richtigkeit des Vorgebrachten zweifle, so sind es doch nicht Angaben für eine Enqiwte. Wir würden dadurch ein Präjudiz schaffen, wenn wir Depositionen zu Protokoll nehmen würden, die nicht von Fachleuten herrühren. Frl. Bos chek: Ich werde vielleicht in der Lage sein, eine Arbeiterin aus diesem Betriebe herzubringen. — Exp. Eßl: Nachdem die beiden vernommenen Expertinnen aus einem und demselben Geschäfte sind, so wäre ich als Obmann der Gehilfen der Kunstblumenbranche in der Lage, Ihnen Arbeiterinnen zur Verfügung zu stellen, welche in mehreren Fabriken thätig waren und darüber Auskunft geben können. Ich möchte nur erwähnen, daß mir z. B. am Sonntag gemeldet worden ist, daß Mädchen von 6 Uhr bis Sonntag Früh 4 Uhr arbeiten mußten, ebenso auch Lehrmädchen, so daß sie vor Schlaf fast vom Sessel gefallen sind. — Exp. Nr. 21: Ich bin erstaunt, daß sich die Kunstblumenmacher so günstig aussprechen. Die 63 Mädchen müssen herumlaufen, um zu liefern, und Nachts arbeiten. Das weiß ich von vielen Geschäften aus. Ich selbst bin nicht Blumenmacherin, sondern Federnschmückerin. Vorsitzende: Wir wollen also zur Federnschmückerei übergehen. — Exp. Nr. 21: Unser Geschäft zerfällt in zwei Artikel: Strauß und Phantasie. Es wird Alles mit der Hand gemacht und nur eine Maschine verwendet, um die Federn auszudunsten. Diese wird in größeren Geschäften mit Gas, in kleineren mit Spiritus geheizt. Aus dein Kessel geht ein Schlauch heraus. Unfälle kommen nicht vor, außer es ist Jemand sehr unvorsichtig. Der Dunst ist aber sehr ungesund, und es bekommen Viele Kopfschmerzen davon. Auch ist eine sehr geringe Ventilation, und da oft 50 bis 60 Seilte in einem Zimmer beisammen sind, ist der Aufenthalt sehr ungesund. Ich bin Phantasiearbeiterin. Die theueren Federn von exotischen Vögeln werden vom Auslande bezogen, die billigeren von hier. Die Federn werden gewaschen, gedunstet und dann zusammengestellt. Gefärbt werden sie beim Färber, damit haben wir nichts zu thun. Stur die weißen werden gewaschen und geputzt, und zwar mit Wasser oder Seife. Dazu ist kein Apparat nothwendig. Tann werden die Federn gebunden oder geklebt. Vorsitzende: Werden die Böget nicht auch ausgestopft ? — Expertin Nr. 21: Wenn die Vögel im Ganzen verwendet werden, so wird der Inhalt herausgenommen und durch Watta, Baumwolle oder Draht ersetzt. Vorsitzende: Werden die Vögel mit Gift präparirt? — Exp. Nr. 21: Meistens wird Naphthalin verwendet. Arsenik kommt mich oft vor, besonders wenn die Bälge viel Fettstoff haben. Aber daran ist noch Niemand erkrankt. Herrdegen: Wie ist die Arbeitstheilung? Welche Arbeit machen die Anfängerinnen und welche die Fortgeschrittenen? — Exp. Nr. 21: Die geringe Arbeit machen die Hilfsarbeiterinnen, und die tüchtigsten Arbeiterinnen machen die Arbeit fertig, zum Beispiel das Binden und dergleichen; kleinere Zusammenstellungen machen die ausgelernten Hilfsarbeiterinnen.^ Es gibt in Wien circa sechs große Geschäfte, welche für die anderen liefern. Ich bin in einem großen. Mindere Waare wird von hier bezogen oder auch von auswärts. Die feinste Waare kommt aus Paris. Von hier aus wird die meiste Waare verschickt. Wittelsh öfer: Ist der Kessel im Arbeitslocal? — Exp. Nr. 21: Ja! Wittelshöser: Ist es nothwendig? — Exp. Nr. 21: Ja, weil man das immer bei der Hand haben muß. Herrdegen: Kommen da nicht Verbrühungen vor? — Exp. Nr. 21: Wenn das vorkommt, so ist nur die Ungeschicklichkeit schuld. Mit Benzin ist schon viel Unglück vorgekommen, aber nur durch Nachlässigkeit. Vorsitzende: Wie Viele sind beim Kessel beschäftigt? — Exp. Nr. 21: Bei uns sind°zwei große Kessel, und es sind sechs Arbeiterinnen beschäftigt. Wir haben 50 Arbeiterinnen und vier Lehrmädchen. Beim Kessel sind die Hilfsarbeiterinnen oder die Freigewordenen, die man noch nicht anders verwenden kann. Es gibt eben Mädchen, die sich zu nichts verwenden laffen. Es ist ihre eigene Nachlässigkeit, daß sie nichts gelernt haben. In vielen Geschäften werden sie die ganzen drei Jahre nur zum Laufen verwendet, und erst Nachts kommen sie zur Arbeit. Da sind sie schläfrig. Herrdegen: Lernen die Lehrmädchen nur einen Theil der Arbeit oder sollen sie im Stande sein, sobald sie ausgelernt haben, auch bessere Arbeiten zusammenzustellen, wozu eine gewisse Geschicklichkeit gehört? — Exp. Nr. 21: Sie sollen Alles können. Aber es ist doch nicht möglich, dazu muß man eine längere Praxis haben. Herrdegen: Wie viele Lehrmädchen sind bei Ihnen? — Exp. Nr. 21: Bei uns sind vier. Es gibt aber kleine Geschäfte, wo fünf Arbeiterinnen und oft zehn bis zwölf Lehrmädchen sind. Es sollen aber in einem Geschäfte nicht mehr als fünf erlaubt sein. 64 Herrdegen: Die Genossenschaft weist 263 Lehrmädchen ans. Der Stand der Lehrmädchen dürste aber wohl ein bedeutend größerer sein? — Exp. Nr. 21: Das weiß ich nicht. Dr. Verkauf: Sie sagen aber, daß mehr Lehrmädchen gehalten werden, als nach den Genossenschasts-Statuten erlaubt ist? — Exp. Nr. 21: Ich weiß, daß Lehrmädchen, welche im vorigen Jahre hätten freigesprochen werden sollen, noch heute nicht freigesprochen sind. Dr. Verkauf: Werden sie auch nicht aufgedungen? — Exp. Nr. 21: Die Frau sagt, sie müssen noch eine Probezeit machen. Dr. Verkauf: Ist das Hinausgehen über die Probezeit das Häufigere? — Exp. Nr. 21: Bon meinem Geschäfte aus weiß ich, daß oft zu den Lehrmädchen gesagt wird: „Du kannst noch nicht Alles, was Du können sollst." Das ist eben die Schuld der Frau. H errdegen: Können Sie angeben, wie viele Lehrmädchen durchschnittlich in den Betrieben sind? — Exp. Nr. 21: In jedem Geschäfte finden sich Lehrmädchen; wie viele, kann ich nicht sagen. Engel: Wie viele sind überhaupt beim Gewerbe? — Exp. Nr. 21: Das weiß ich nicht. Engel: Das könnten Sie aber aus den Berichten der Krankencassen wissen. — Exp. Nr. 21: Wir bekommen nie einen Bericht. Ich bin schon zwölf Jahre dabei und habe noch nie einen bekommen. Dr. Verkauf: Haben Sie eine Genossenschafts-Krankencasse? — Exp. Nr. 21: Ja! Dr. Verkauf: Von wem wird sie geleitet? — Exp. Nr. 21: Von einem gewissen Huber. Dr. Verkauf: Haben Sie Einblick in die Krankheitsverhältnisse? — Exp. Nr. 21: Ich weiß nur, daß wir nichts bekommen. Ich kann daher weder Zahlen, noch einen Durchschnitt angeben. Vorsitzende: Was lernen die Lehrmädchen in der Regel? — Exp. Nr. 21: Im ersten Jahre machen sie sehr wenig. Sie bekommen da die Federn zum Schneiden. Wenn sich das Mädchen dazu schickt, kann sie im ersten Jahre noch weitere Fortschritte machen. Aber die Mädchen wollen ini ersten Jahre nicht recht sitzen, denn es ist ihnen nicht ernst mit der Arbeit. Im dritten Jahre kann sie schon eine tüchtige Arbeiterin sein. Vorsitzende: Hat die Arbeiterin Zeit, das Lehrmädchen anzuleiten ? Exp. Nr. 21: In besseren Geschäften schon. In schlechten Geschäften müssen die Mädchen den ganzen Tag aus der Gasse sein und mit den Waaren hausiren gehen. Etwas müssen sie freilich können. Aber das Allgemeine und Praktische können sie nicht. Engel: Was nennen Sie „hausiren geheill? — Exp. Nr. 21: Sie gehen zu den Modistinnen und bieten die Waare an. Vorsitzende: Ich bitte nunmehr die Exp. Nr. 22, uns über die Herstellung der Straußfedern Auskunft zu geben. — Exp. Nr. 22: Ich bin 27 Jahre beim Geschäfte. Die Straußfedern werden auf eine Schnur gebunden und kommen dann zum Färben. Früher hat man sie selbst gefärbt. Vorsitzende: Warum jetzt nicht mehr? — Exp. Nr. 22: Man kann es selbst nicht so billig herstellen wie die Färber. Dann werden die Federn aufgeschlagen, getrocknet, sortirt, dann werden sie genäht, gedunstet und gekraust. Die meisten Federn werden zusammengestückelt. Es sind oft acht bis zehn Stück. -- Exp. Nr. 21: Das Krausen ist sehr ungesund. Das Krausen geschieht so, daß die Federn mit einem halbscharsen Messer ausgezogen werden. Dabei lösen sich ganz kleine Härchen ab und bleiben in der Luft. Dadurch entsteht die Tuberkulose. Vorsitzende: Dann ist die Feder fertig? — Exp. Nr. 22: Ja. Zum Kräuseln^ gehört eine sehr geschickte Hand. 65 Tr. Rauchberg: Schutzvorrichtungen, Respiratoren, werden nicht verwendet? — Exp. Nr. 22: Nein, das kann man nicht, aber Schwämme. Es ist eben eine Handarbeit, und man muß immer darauf schauen. Pernerstorser: Der Respirator ist doch sehr klein? — Expertin Nr. 22: Das mag sein. Es ist aber noch nicht versucht worden. (Ueber Befragen der Vorsitzenden.« Es sind mehr kleine als große Betriebe. Es wird in und außer dem Hause gearbeitet. Ich habe sogar schon solche gesehen, die im Kaffeehause gearbeitet haben. In den älteren Häusern hat man Wohnung und Kost. Aber größtenteils gehen die Mädchen nach Hanse. Sie werden nach Stück oder wöchentlich entlohnt. Die Kost ist minder entsprechend. Herrdegen: Vielleicht können Sie uns sagen, wie es sich mit den Lehrmädchen verhält. Es ist doch ausfällig, daß die Genossenschaft 263 Lehrmädchen ausweist und, wie wir hören, drei bis vier Lehrmädchen in den meisten Geschäften vorkommen. Nachdem die Zahl derselben 156 beträgt, so müßte man daraus folgern, daß eine große Anzahl" von Lehrmädchen nicht aufgedungen ist? — Exp. Eßl: Ich kenne die Ausweise der Federnschmücker-Krankencasse weniger. Ich weiß aber, daß dort die Uebelstände im Lehrlingswesen dieselben sind wie bei der Blumenmacherbranche. Herrdegen: Ist die Phantasiearbeit von der Straußarbeit vollständig getrennt? — Exp. Nr. 22: Das kommt zumeist zusammen vor. Experte Franz Meizr: Ich möchte bekannt geben, daß nach den Ausweisen im Jahre 1893 350 Arbeiterinnen beschäftigt waren. Daß aber mehr Lehrmädchen vorhanden waren, als angegeben werden, ist daraus zu ermessen, daß es in einzelnen Fabriken vorkommen soll, daß, wenn-die Jnspection kommt, die Mädchen sich verstecken müssen. In einer Fabrik allein sind 40 Lehrmädchen. Es gibt dort auch eine große Anzahl von Lehrmädchen, die nicht aufgedungen sind. Sie bekommen Kost und Wohnung und vielleicht in späteren Jahren einen geringen Lohn. Sie lind Lehrmädchen, aber nicht aufgedungen. Exp. Eßl: Arbeiterinnen, die zu Hause arbeiten, gibt es noch viel mehr. Die nehmen vom Fabrikanten die Arbeit, haben aber kein Buch und wollen von der Genossenschaft nichts wissen. Exp. Barta: Es ist mir Gelegenheit geboten gewesen, auf mehrere solche Fälle zu stoßen, wo ich beim Eintritte in die Wohnung Stock, Schlägel, Eisen und Material znr Verfertigung von Blumen gesunden habe, und ich habe auch seinerzeit mich an die Genossenschaft mit' der Anfrage gewendet, wie es komme, daß die nicht angemeldet sind. Man hat mir darauf geantwortet, daß sie, wenn der Herr ihr Alles nach Hause gibt, machen kann, was sie will. Das sind aber doch ganz richtige Blumenmacherinnen, die oft vier his sechs Personen beschäftigen. Exp. Nr. 21: Neulich war in der früher erwähnten Fabrik eine Commission, weil die Arbeiterinnen angezeigt hatten, daß sie den Sonntag durcharbeiten müssen. Es arbeiten dort 40 bis 50 Leute in einem Zimmer. Einmal wird ein Fenster aus der einen Seite, dann ein Fenster auf der anderen Seite geöffnet. Sie haben nur e i n Waschbecken und alle zusammen nur einen Abort. Tort sollen sich zehn Lehrmädchen versteckt haben, während die Commission dort war. Engel: Sie haben die Mittheilung von einer Arbeiterin, die dort ist? — Exp. Nr. 21: Ja. Engel: Aber nur von einer einzigen? — Exp. Nr. 21: Ich habe es auch in der „Arbeiter-Zeitung" gelesen, so wie sie es erzählt hat. Ich habe das Fräulein gefragt, und sie hat Alles bestätigt. Herrdegen: Ich möchte mir die Frage erlauben, ob es nicht möglich wäre, eine Arbeiterin von dieser Firma zur Enquete zu bringen. — Exp. Meizr: Die hier anwesende Nr. 21 war kurze Zeit dort. — 5 Frauen-Enquete. 66 Exp. Nr. 21 (über Befragung^: Ich war nur-fünf Tage dort. Damals waren 60 bis 70 Arbeiterinnen. Jetzt soll das Geschäft vergrößert sein. Lehrmädchen waren ziemlich viel; ich habe sie nicht gezählt, etwa halb so viel wie Arbeiterinnen, vielleicht 20 bis 30 Lehrmädchen. Vorsitzende: Haben Sie erfahren, ob die Arbeit das ganze Jahr geht? — Exp. Nr. 23: Es ist auch Saisonarbeit, aber die besseren Arbeiterinnen dürfen nicht aussetzen. Das trifft immer die Hilfsarbeiterinnen. Es sind etwa 20 bessere Arbeiterinnen. Die Kranzwinderinnen sind extra. Auch die Blumenarbeiterinnen sind von den Federnarbeiterinnen abgetheilt. Es ist ein sehr großer Saal und in der Mitte eine Bretterwand; da sind auf der einen Seite die Blumenmacherinnen, aus der anderen die Federn- schmückerinnen. (Ueber Befragen der Vorsitzenden.) Ich bin gelernte Federn- schmückerin. Es wird auch Arbeit außer Hause gegeben, und zwar auch an solche Personen, die nicht Arbeiterinnen sind, und in der Saison mehr. Die angestellten Arbeiterinnen brauchen keine Ueberstunden zu machen. Dafür wird die Arbeit außer Hause gegeben. Vorsitzende: Wie viel! hat man jeden Tag machen müssen? — Exp. Nr. 23: Je nachdem, als sie mitnimmt. Das hängt von ihrem freien Willen ab. Sie müssen oft bis 12, I und 2 Uhr arbeiten. Die Arbeiterinnen sind meist Wienerinnen, und zwar aus besseren Häusern, früher waren sie meist aus Böhmen. Die meisten sind aus besseren Arbeiterfamilien, von kleinen Gewerbetreibenden, auch Beamtenstöchter, Lehrerstöchter und Beamtensfrauen. — Exp. Nr. 21: Unsere Directrice ist eine Beamtenssrau. Vorsitzende: Wie war die Arbeitsvermittlung? — Exp. Nr. 23: Durch die Genossenschaft oder durch die Zeitung. Die große Fabrik, in der ich war, bezog ihre Arbeiterinnen durch die Zeitung. — Exp. Nr. 22: Die hat auch auf den Planken placatirt. — Exp. Nr. 23: Ich bin durch die Zeitung hingekommen, durch das „Neue Wiener Tagblatt". Ich arbeite jetzt zu Hause Straußfedern, und zwar ganz allein. Die Entlohnung geschieht per Dutzend. Ich verdiene fl. 6 bis 7 wöchentlich, mache aber die häuslichen Arbeiten nebenbei, wie Kochen, Aufräumen. Nachmittags arbeite ich von 2 bis 8 oder 9 Uhr, nicht länger. Ich habe keine Kinder, Nachmittag koche ich keinen Kaffee, Sonntag arbeite ich nicht, auch in der Saison nicht. Dr. Verkauf: Waren Sie auch in anderen Betrieben? — Expertin Nr. 23: Ja, in kleineren und größeren. Dr. Verkauf: Sind die Verhältnisse nach der Größe der Betriebe verschieden während und nach der Saison? — Exp. Nr. 22: In den größeren Betrieben bleiben die meisten Arbeiterinnen das ganze Jahr. In den kleineren wird eine Anzahl entlassen. Die Herbstsaison ist stärker als die Frühjahrssaison. Die Herbstsaison beginnt im Juli und dauert bis November, dann kommt die Musterzeit bis nach Weihnachten, und dann beginnt die Frühjahrssaison, die bis Ostern dauert. Dr. Verkauf: Was geschieht mit den Arbeiterinnen, die entlassen werden? Werden die Hausarbeiterinnen für größere Geschäfte? — Expertin Nr. 22 : Sie beschäftigen sich mit anderen Arbeiten. Dr. Verkauf: Kommt es vor, daß Fabriksarbeiterinnen zu Ihnen kommen? — Exp. Nr. 22: Das kommt auch vor. Zu minderen Arbeiten kann man sie ja brauchen. Dr. Verkauf: Werden diese Arbeiten nicht von Lehrmädchen gemacht? — Exp. Nr. 22: Es sind oft nicht so viele da. Dr. Verkauf: Wenn ich da den Schluß ziehen sollte, so könnte ich folgern, daß nur die Hilfsarbeiterinnen entlassen werden, während die gelernten Arbeiterinnen und die Lehrmädchen bleiben. — Exp. Nr. 22: Sie müssen aussetzen. Dr. Verkauf: Was heißt das? — Exp. Nr. 22: Sie bekommen keinen Lohn und kommen nicht in's Geschäft. 67 Tr. Verkauf: Es bleiben aber noch einige zurück, die arbeiten? — Exp. Nr. 22: Die arbeiten halbe Tage oder in einer Woche zwei Tage. Wittelshöfer: Wird- bei den Arbeiten außer Hause das ganze Stück gemacht? — Exp. Nr. 23: Nein. Man bekommt die genähten Federn zum Ausfertigen. Wittelshöfer: Wenn die Hansarbeiterinnen noch vier bis fünf Leute beschäftigen, so muß doch der Betreffende, der die Arbeit außer Hause gibt, wissen, daß sie nicht allein arbeiten, sondern mit Hilfskräften? — Exp. Nr. 23: Ja natürlich. Der Herr sagt ja, sie soll sich Arbeiterinnen nehmen, weil er sehr viel Arbeit hat. Pernerstorfer: Wissen Sie aus eigener Wahrnehmung, oder haben Sie gehört, wie solche Subunternehmerinnen ihre Arbeiterinnen bezahlen? — Exp. Nr. 22: Die zahlen auch per Stück. Solche Hilfs- arbeiterinnen sind sehr billig; sie bekommen oft 70 kr. pro Woche. Meine Tochter war bei einer solchen Subunternehmerin. Dr. Verkauf: Welchen Theil des Verdienstes behält die Sub- nnternehmerin für sich, und welchen Theil zahlt sie aus? — Exp. Nr. 22: Das kann ich nicht genau sagen. Die Frau nimmt sich eine Hausarbeit und macht ihre häuslichen Arbeiten daneben. Dafür nimmt sie sich Leute als Lehrmädchen. Ich kenne welche. Pernerstorfer: Sie nennt das Lehrmädchen? — Exp. Nr. 22: Denen zahlt sie auch. Tr. Verkauf: Welchen Theil zahlt sie? — Exp. Nr. 22: Sie verdient fl. 12, 15 bis 18, wenn sie Mädeln hat, die ihr in die Hand arbeiten, und solchen Mädchen zahlt sie 70 bis 80 kr. Vorsitzende: Haben die Mädchen auch Kost und Wohnung? — Exp. Nr. 22: Nein. Diese Subunternehmerinnen sind meistens Frauen, die für ihre Männer arbeiten müssen. Bei den Federnschmückerinnen kommt das oft vor, daß die Frau den Mann aushalten muß, weil es ja ein gutes Geschäft ist. Die Männer sind oft kleine Gewerbetreibende oder so etwas. Dr. Verkauf: Von welchen Berufen? — Exp. Nr. 22: Es sind Schuhmacher, Schneider. Viele arbeiten auch im Geschäfte der Frau mit. Mein Mann ist Steindrucker. Frl. Boschek: Müssen die Subunternehmerinnen bei einem Lohne von fl. 12 wöchentlich etwas dazukaufen? — Exp. Nr. 22 : Vielleicht Zwirn oder Klebestoff, Draht. Vorsitzende: Was kostet das? — Exp. Nr. 21: Bei der Straußarbeit ist das sehr billig. Vorsitzende: Bei der Phantasiearbeit aber theuerer? — Expertin Nr. 21: Eine solche kann sich nicht so viel verdienen, höchstens fl. 7 bis 8. Herrdegen: Sie sagen, Sie arbeiten allein und verdienen fl. 6 bis fl. 7 wöchentlich. Außerdem verrichten Sie die häuslichen Arbeiten. Das ist ja ein verhältnißmäßig guter Verdienst. Jetzt möchte ich fragen, ob zu Ihrer Arbeit eine größere Kunstfertigkeit erforderlich ist? — Exp. Nr. 23: Eine große Kunstfertigkeit gehört zum Krausen, darum ist die Arbeit besser bezahlt. Herrdegen: Was bekommen die Arbeiterinnen in den Fabriken, welche krausen? — Exp. Nr. 23: fl. 8 bis 12 ohne Kost. Sie werden besser bezahlt, weil eine große Fertigkeit nothwendig ist. Herrdegen: Wie lange sind Sie bei dieser Beschäftigung? — Exp. Nr. 23: 13 Jahre. V orsitzende: Kommen Abzüge und Strafen vor? — Exp. Nr. 23 : Nein. — Exp. Eßl: Die Strafen bestehen nicht in Geld, sondern es muß für eine Viertelstunde Zuspätkommen eine Stunde länger gearbeitet werden. Mir ist eine Fabrik bekannt, wo die Arbeiterinnen Arbeit außer Haus be- 6 « kommen, und wenn sie nicht den anderen Tag die Arbeit bringen, so müssen sie dasür eine Stunde in: Hause zur Strafe arbeite» uud bekommen dafür nichts. Frl. Bosch ek: Gehören die Federfächerfabriken auch zu Ihrer Branche? — Exp. Eßl: Nein, die gehören zu den Fächermachern. Frl. Boschek: Ich kenne eine Frau, die ist eine gelernte Federn- schmückerin und arbeitet mit Mädchen nur Federfächer. — Exp. Nr. 23: Es verlegt sich manche nur auf Fächerarbeiten. Sie kann aber auch wieder zu den anderen Arbeiten zurückgehen. Vorsitzende: Wie lange wurde gearbeitet? — Exp. Nr. 23: Von halb 8 bis 7 Uhr, auch von 7 bis 7 Uhr. Mittagspause eine Stunde. Vor- und Nachmittags sind keine Pausen. — Exp. Nr. 21: In manchen Geschäften auch. — Exp. Nr. 23: Ueberstunden betragen je nach der Arbeit zwei, drei, vier und auch fünf Stunden. Dr. Brezina: Wird es dem Belieben der Arbeiterin überlassen, wie viel Arbeit sie nach Hause nimmt, oder wird ein gewisser Druck ausgeübt, daß sie viel Arbeit mitnimmt? — Exp. Nr. 23: Das ist verschieden. In der großen Fabrik und in anderen Geschäften wurde Sonntag und Feiertag gearbeitet. (Ueber Befragen.) Die Kündigung war überall acht Tage und bei den monatlich Bezahlten vierzehn Tage. Engel: Aus welchem Grunde sind Sie aus der großen Fabrik weggegangen ? — Exp. Nr. 23: Weil es mir nicht gefallen hat. Dr. Adler: Sie sagen, am Sonntag wird nicht gearbeitet. Aber am Samstag Abends nehmen sich die Arbeiterinnen Arbeit nach Hanse? — Exp. Nr. 23: Ja, gewöhnlich. Dr. Adler: Ist das ebensoviel wie an Wochentagen? — Expertin Nr. 23: Da nehmen sie sich mehr Arbeit. Dr. Adler: Wann machen sie das? — Exp. Nr. 23: Das machen sie am Sonntag. — Exp. Nr. 21: Es wird berechnet, wie viel eine über den Sonntag arbeiten kann; in manchen Geschäften wird sie bei Strafe der Entlassung bemüssigt, Arbeit zu nehmen. Dr. Adler: Es wird also berechnet, daß sie am Sonntag ebensoviel machen kann, als sonst im Geschäfte, aber doch nicht mehr? — Expertin Nr. 23: Nein. Dr. Adler: Wann legt sich denn eine Arbeiterin in der Saison schlafen? — Exp. Nr. 21: Manchmal um 2, 3 Uhr. In unserem Geschäfte werden sie nicht gezwungen. In manchen Geschäften aber müssen sie so viel Arbeit mitnehmen. Dr. Adler: Und wenn sie sich um 2, 3 Uhr schlafen legt, wann muß sie aufstehen? — Exp. Nr. 21 : Um 6 Uhr, das hängt davon ab, wie weit sie in's Geschäft hat. — Exp. Nr. 22: In manchen Geschäften muß man auch am Abend noch Geschäftsgänge machen, dafür kriegt man nichts. Dr. Adler: Wenn man sich um 2 oder 3 Uhr niederlegt, muß man doch in der Früh sehr ermüdet sein? — Exp. Nr. 21: Um das kümmert sich der Herr nicht. Wenn eine schläfrig ist, sagt er, die kann ich nicht brauchen. Dr. Adler: Gibt es Geschäfte, wo nicht pressirt wird, wie viel Arbeit eine mitnimmt? — Exp. Nr. 21: In besseren Geschäften ist es dem freien Willen der Arbeiterin überlassen. Dr. Adler: Sind Diejenigen, die etwas mitnehmen, vielleicht besser angesehen wie die Anderen, und dürfen sie vielleicht länger fortarbeiten, wenn ausgesetzt wird? — Exp. Nr. 21: In besseren Geschäften nicht, weil man das Mitnehmen von Arbeit für Armuth anrechnet. In meinem Geschäfte wird Nachmittags gesagt, wer sich Arbeit mitnehmen will, soll sich's Herrichten lassen. 69 r t Vorsitzende: Wie sind die Wohnungen der Arbeiterinnen? — Exp. Nr. 23: Die Arbeiterinnen sind meistens außer Haus. — Exp. Nr. 21: In kleineren Geschäften haben die Arbeiterinnen auch Wohnung. Da sind die Schlafstellen sehr schlecht. Exp. Nr. 23 (über Befragen der Vorsitzenden): Die Werkzeuge muß man sich selbst kaufen. Geschenke für Vorarbeiterinnen oder Unternehmer sind nicht vorgekommen. Wenn eine Arbeiterin die Kost hat, so weiß ich nicht, wie diese beschaffen ist. Die Arbeiterin, die außer Hause gegessen hat, bat nach ihren Verhältnissen gegessen. Ich bin damals in's Gasthaus gegangen und habe Suppe, Fleisch und Gemüse gegessen, ob die anderen haben Fleisch essen können, weiß ich nicht. In der großen Fabrik haben wir im ersten Stock gearbeitet. Die Fenster gehen aus die Gasse. Es waren acht oder zehn Fenster. Es arbeiten 60 bis 70 Personen. Eine Ventilation gibt es überhaupt nicht. Da sind nur die Fenster aufgemacht worden,. und zwar einen halben Tag auf der einen und einen halben Tag aus der anderen Seite des Saales, weil es durch die Bretterwand gezogen hat. Die Wände sind zu den Feiertagen abgekehrt worden. Der Fußboden wurde meistens zu den hohen Feiertagen, Ostern, Weihnachten, gerieben. Bei uns sind alle Arbeiterinnen zum Essen gegangen. In anderen Geschäften haben sie im Arbeitszimmer gegessen. Wenn die Arbeiterinnen wenig verdient haben, haben sie auch wenig gegessen. Manche kaufen sich überhaupt nur eine Mehlspeise oder Gemüse. Rindfleisch können sich die, die nur st. 5,. 6 verdienen, nicht kaufen. Die Mehrzahl kann Mittag kein Fleisch essen. — Exp. Nr. 24: Ich war einige Male zu Mittag in dieser Fabrik. Da sind einige Arbeiterinnen auf der Stiege gestanden und haben Kirschen gegessen oder um 5 kr. Wurst und Brot. Herrdegen: Wissen Sie, Frau Exp. Nr. 23, ob die Lehrmädchen, die 70 kr. bekommen, auch die Kost erhalten? — Exp. Nr. 23: Wo ich war, hat kein Lehrmädchen 70 kr. bekommen, sondern sl. 1'50, die haben aber zu Hause gewohnt. Engel: Sie waren auch Lehrmädchen. Wie sind Sie behandelt worden ? — Exp. Nr. 23: Ich habe es sehr gut gehabt. Ich habe die Kost im Hause und fl. 3 monatlich bekommen. Ich habe zwei Jahre gelernt. Engel: Sind Sie während der Lehrzeit zu anderen Verrichtungen verhalten worden? — Exp. Nr. 23 : Die Lehrmädchen müssen Verschiedenes machen. Sie haben aber Gelegenheit, Alles zu lernen, damit sie später von Allem einen Begriff haben. Engel: Haben Sie sich gleich nach der Lehrzeit etwas verdient? — Exp. Nr. 23: Ja. Dr. Adler: Eine Arbeiterin, die um 7 Uhr aus dem Geschäft geht, sich Arbeit mit nach Hause nimmt und bis 1 oder 2 Uhr arbeitet, muß doch bei Nacht Hunger bekommen. Was meinen Sie, was die znm Nachtmahl gegessen hat? — Exp. Nr. 21: Wenn eine bei den Eltern ist, so hat sie eine ordentliche Kost, ist sie aber selbstständig, so wird sie sich, wenn sie sich eine Arbeit nach Hause nimmt, doch immer ein ordentliches Nachtmahl verdienen, vielleicht um 15 kr. Wurst, Bier und Brot oder ein Gollasch. Dr. Adler: Und wenn es dazu nicht langt, was ißt man da? — Exp. Nr. 21 : Tann müssen sie mit einem Butterbrot zufrieden sein. Exp. Nr. 23 «über Befragen der Vorsitzenden) : In den kleineren Geschäften stehen meistens Frauen, in den größeren Männer an der Spitze. Vors itzende: Verlangen die Herren von den Arbeiterinnen etwas Unrechtes? Kommt das vor ? — Exp. Nr. 23: Mir ist nichts vorgekommen. Vorsitzende: Ist die Mehrzahl der Arbeiterinnen ledig? — Exp. Nr. 23 : Ja. Vorsitzende: Haben Sie eine Organisation ? — Exp. Nr. 23: Nein. 70 — Exp. Nr. 22: Die meisten haben ja einen gewissen Künstlerstolz in sich. Das sind aristokratische Arbeiterinnen. Vorsitzende: Haben viele ihre Eltern zu unterstützen? — Expertin Nr. 23: Manche. Vorsitzende: Oder Geschwister, oder Kinder? — Exp. Nr. 23: Das kommt schon vor. Engel: Gehören Sie heute der Krankenversicherung an? — Expertin Nr. 23: Ich nicht. Engel: Haben Sie einer solchen als Arbeiterin angehört? — Exp. Nr. 23: Ja. Engel: Wie viel haben Sie gezablt? — Exp. Nr. 23: Monatlich 40 kr., der Herr 20 kr. Engel: Warum gehören Sie nicht jetzt einer Krankenkasse an? — Exp. Nr. 23: Weil wir nur einen Arzt haben, der gehört für ganz Wien. Wenn eine in Simmering oder Ottakring wohnt, so kann sie lange warten, bis der Arzt kommt. Engel: Sind Sie bei der Unfallversicherung? — Exp. dir. 23 : Nein. Dr. Verkauf: Frau Exp. Nr. 22, Sie sind 24 Jahre im Betriebe und haben schon verschiedene Betriebe kennen gelernt, größere und kleinere, oder etwa nur eine Kategorie? — Exp. Nr. 22: Größere und kleinere. Dr. Verkauf: Sagen Sie mir, ist die Saison überall gleichmäßig, oder macht sie sich irgendwo bei den Arbeiterinnen stärker bemerkbar? In welchen Betrieben werden mehr entlassen? — Exp. Nr. 22: In den kleineren. Dr. Verkauf: Woher kommt das? — Exp. Nr. 22: Weil diese für die größeren liefern. Sie arbeiten für Exporthäuser, während der Fabrikant selbst exportirt. In Wien gibt es vielleicht zehn Exporthäuser. Nach welchen Gegenden die Waaren verschickt werden, weiß ich nicht. Aber größtentheils gehen sie in's Ausland. Dr. Verkauf: Wie groß ist die Zahl der Arbeiterinnen, die vollständig außer der Fabrik arbeiten? — Exp. Nr. 22 : Das kann ich nicht sagen. Dr. Verkauf: Sind es mehr als diejenigen, welche im Geschäfte arbeiten? — Exp. Nr. 22: Es sind bedeutend weniger. Dr. Verkauf: Ist die Zahl der Subunternehmer bedeutend, und ist sie im Wachsen begriffen? — Exp. Nr. 22: Sie sind im Abnehmen begriffen. Dr. Verkauf: Wie erklären Sie das? — Exp. Nr. 22: Weil die Behörde daraufgekommen ist. Ich bin auch angezeigt worden. Dr. Verkauf: Sie sagen, daß die Arbeiterinnen aus besseren Häusern stammen. Was verstehen Sie darunter? — Exp. Nr. 22: Kleine Gewerbetreibende, Schuhmacher, Tischler, auch Beamte. Dr. Verkauf: Wie suchen Sie dieses Geschäft auf ? — Exp. Nr. 22: Theils durch Inserate, theils durch Recommandation. Die Herren inseriren nämlich. Die Eltern gehen hin, und da werden die Bedingungen vereinbart; schriftliche Verträge 'werden nicht geschlossen. Es wird auch nicht gleich auf- gedungen. Nach dem Statut ist eine dreimonatliche Probezeit. Ein anständiger Herr rechnet aber diese drei Monate beim Aufdingen ein. Es kommt jedoch vor, daß die Mädchen nach drei Monaten weggegeben werden. Die Herren sagen, man kann sie nicht brauchen. Gewöhnlich geschieht dies, wenn die Saison zu Ende ist. Dr. Verkauf: Inseriren die größeren Geschäfte auch nach der Saison? — Exp. Nr. 22: Ja. Die Lehrmädchen werden da zum Liefern- gehen und anderen Gängen verwendet. Dr. Verkauf: Kommt das häufig vor, daß die Lehrmädchen erst später aufgedungen werden? — Exp. Nr. 22: Ja. Dr. Verkauf: Wie viel Lehrmädchen darf ein Geschäftsinhaber 71 halten? — Exp. Nr. 22: Es soll auf jede Arbeiterin ein Lehrmädchen kommen. Dr. Verkauf: Wird das eingehalten? — Exp. Nr. 22: Nein. Ich kenne Geschäfte, wo acht Lehrmädchen sind und gar keine Arbeiterin. Dr. Verkauf: Wer macht dann die schwierigeren Arbeiten? — Exp. Nr. 22: Es find auch Lehrmädchen dort, die schon im dritten Jahre sind. Dr. Verkaus: Sind die fähig, diese Arbeiten zu machen? — Expertin Nr. 22: Ja, wenn sie sich zusammennehmen. Dr. Verkauf: Wer ertheilt ihnen den Unterricht? — Exp. Nr. 22: Die Frau. Dr. Verkauf: Dann sagen Sie mir etwas über den Lohn der Lehrmädchen. Was erhält ein Lehrmädchen beim Eintritte? — Exp. Nr. 22: Das ist nicht gleich; 70 kr., allenfalls mit der Kost, oder fl. U50 ohne Kost. Ein ordentlicher Lehrmeister gibt fl. 2 per Woche, ohne Kost. Dr. Verkauf: Was haben die für Arbeiten in den ersten drei Monaten? — Exp. Nr. 22: Federn zusammenbinden. Dr. Verkauf: Da kann man ja nicht erfahren, ob sie für das Geschäft tauglich ist? — Exp. Nr. 22: Eigentlich ist sie ja nicht als Lehrmädchen aufgenommen, sondern als Lanfmädchen. Dr. V erkauf: Bekommen sie nach drei Monaten keine Aufbesserung? — Exp. Nr. 22: Der Lohn dauert ein ganzes Jahr. Dr. Verkauf: Wenn sie sich das Technische aneignen soll, so muß es ihr doch Jemand zeigen? — Exp. Nr. 22: Die Arbeiterinnen sollen sich mehr um sie annehmen. Das ist aber ein Uebel, daß sich die Arbeiterinnen nicht annehmen. Dr. Verkauf: Haben denn die dazu Zeit? — Exp. Nr. 22: Oja! Es ist den Herren zwar nicht angenehm, das ist schon wahr. Ich war im ersten Jahre Dienstbote. Vielfach werden die Mädchen zum Reiben, Waschen und Kochen oder anderen Dingen verwendet. Im zweiten Jahre kommen die Mädchen zum Tisch, aber noch nicht viel. Dr. Verkauf: Sie können also zusehen? — Exp. Nr. 22: Jedenfalls können sie etwas lernen. Sonst werden sie ewig nichts. Der Lohn steigt im zweiten Jahre um 20 bis 30 kr. pro Woche. Dr. Verkauf: Zu welchen Arbeiten werden sie im zweiten Jahre verhalten? — Exp. dir. 22: Zu leichteren. Im dritten Jahre sollen sie schon etwas können. Da wird ihnen die Arbeit vorgegeben, und sie müssen so und so viel pro Tag machen. Dr. Verkauf: Sind die Zumuthnngen übermäßige? — Exp. Nr. 22 : Sie sollen so viel können wie eine Arbeiterin, die schon im vierten oder jünften Jahre ist. Die Arbeit wird ihr vorlegt, und die muß bis zur Post fertig werden. Dr. Verkauf: Und wenn sie nicht fertig wird? — Exp. Nr. 22: Tann gibt es Strafen. Sie muß da bleiben oder muß am Sonntag die Arbeit einholen. Dr. Verkauf: Um wie viel steigt der Lohn im dritten Jahre? — Exp. Nr. 22: Sie haben fl. 2'60 bis 3 ohne Verpflegung. Dr. Verkauf: Pflegen die Mädchen, wenn sie ausgelernt haben, im Betriebe zu bleiben? — Exp. Nr. 22: Die meisten werden entlassen. Dr. Verkauf: Es ist doch nicht anzunehmen, daß man in den meisten Betrieben die eigenen Lehrmädchen nicht behält. — Exp. Nr. 22: Sie bleiben aber nicht. Dr. Verkauf: Kommt es vor, daß sie zu anderen Berufen übergehen? — Exp. Nr. 22. Auch das. Ich habe ein Tienstmüdel, welches früher Federnschmückerin war. Dr. Verkauf: Kommt auch Stückarbeit vor? — Exp. Nr. 22: Nur außer Hause und bei der Straußarbeit, dann bei Straußfächern. 72 Bei einem Fabrikanten wird die Arbeit vorgelegt, so nnd so viel Dutzend, und darnach wird der Lohn bemessen. Diejenigen, welche fl. 6 haben, müssen z. B. so viel Dutzend machen. Jede Arbeit wird eingeschrieben. Wenn sie nicht so viel machen kann, so bekommt sie in der nächsten Woche nicht mehr so viel bezahlt. Ueberstnnden werden zu Hanse und im Geschäfte gemacht, hauptsächlich in kleineren Geschäften nnd in der Saison. Es bleiben auch einzelne über Nacht dort und arbeiten von Samstag auf Sonntag. Das ist allerdings sehr vereinzelt; während der Woche wird höchstens bis 12 Uhr gearbeitet. Dr. Verkauf: Warum wird so lange gearbeitet? — Exp. Nr. 22: Man braucht die Arbeit. Es muß geliefert werden. Dr. Verkauf: Könnten die Artikel nicht auf das ganze Jahr vertheilt werden? — Exp. Nr. 22: Nein. Die Artikel würden ja durch den Wechsel der Mode Schaden leiden; hauptsächlich die Artikel in Phantasie. In Straußartikeln könnte man vorarbeiten, weil die nicht so von der Mode abhängen. Wenn man vorarbeiten würde, wäre zwar nicht der Artikel verloren, aber man könnte ihn größtentheils nicht brauchen. (Ueber Befragen der Vorsitzenden.) Die Kündigung ist achttägig. In größeren Geschäften gibt es Arbeitsordnungen. Die werden den Arbeiterinnen bei der Ausnahme kundgemacht, und sie müssen sie unterschreiben. Es gibt auch Contracte, wonach man sich verpflichtet, ein Jahr zu bleiben. Es wird Einem da viel versprochen, aber gewöhnlich bricht man selbst den Contract wegen der Behandlung. Dr. Verkauf: Wenn die Arbeiterinnen aussetzen müssen, ist es dann nicht vorgekommen, daß sie den Unternehmer geklagt haben? — Exp. Nr. 22: Sie klagen ihn nicht. Meist gehen ja die Arbeiterinnen von selbst wegen der Behandlung. Sie werden roh behandelt und kriegen manche Namen. Ein Fabrikant z. B. titulirt seine Arbeiterinnen: „Faules Luder", „Bestie", das ist sehr häufig. Dr. Verkauf: Warum lassen sich die Arbeiterinnen das gefallen? — Exp. Nr. 22: «sie sind zum Vorstand gegangen; der hat ihnen einfach gesagt: Gehen Sie weg, und lassen Sie sich nicht chicaniren von dem Juden. (Ueber Befragen.) Die Werkstätte wird in der Mittagsstunde gesperrt. Die Arbeiterinnen gehen meistens in die Volksküche oder in die Volkscasös. Dort verzehren sie um 6 kr. Kaffee und um 4 kr. Brot. Die besser Situirten gehen in's Gasthaus, und es kaufen sich zwei zusammen — ich habe das auch so gethan — 2 Suppen, 2 Gemüse und 1 Fleisch und 1 Glas Bier. Das kostet für beide zusammen 40 kr. Das Frühstück wird zu Hause eingenommen und besteht in Kaffee, das Gabelfrühstück in Brot, das mitgenommen wird, oder das man sich holen läßt. Das letztere wird aber größtentheils nicht gestattet, weil zu viel Zeit verloren geht. Zu Mittag können nur wenige nach Hause gehen, da die Geschäfte meistens im VI. oder VII. Bezirke sind, die Arbeiterinnen wohnen aber in Fünshaus, Ottakring, Hernals, auch in Baumgarten. Es gibt unter ihnen auch viele, die in Wien keine Angehörigen haben. Diese wohnen sehr schlecht. Sie zahlen 70 oder 80 kr. pro Woche. Die Lokalitäten sind sehr verschieden. Größtentheils sind sie in alten Häusern, die Wohnung ist meistens vom Geschäftslocale getrennt, sie sind im Hause, aber abgetheilt. Das ist die Regel. In den Arbeits- rüumen wird nicht gekocht. Manchmal wird etwas gewärmt; auch in den Werkstätten wird oft zu Mittag gegessen, dann bleiben die Arbeiterinnen während der Mittagspause dort. Die Pause wird aber immer eingehalten und während derselben nicht gearbeitet. Bei einem Fabrikanten ist es Usus, daß die Arbeiter während der Saison in ein 6 kr.-Cafe gehen und dort arheiten, aber die Werkstätte wird gesperrt. Die Mädchen arbeiten im Kaffeehause einen Theil der Nachtarbeit, damit sie am Abend mehr nach Hause mitnehmen können. Vorsitzende: Wie sind die Sittlichkeitsverhältnisse? — Expertin Nr. 22: Die Arbeiterinnen sollen sich den Launen der Harren hingeben. Ich kenne eine Federnschmückerin, eine Frau, die in anderen Umständen war; sie ist um Arbeit gekommen, und da hat der Herr ihr gesagt, wenn sie das thut, wird er ihr Arbeit geben. Tr. Verkauf: Ist das etwas förmlich Systematisches? — Expertin Nr. 22: Bereits, auch in größeren Betrieben. Die Arheiterinnen, die sich den Wünschen des Herrn gefügig zeigen, haben den Vorzug. — Expertin Nr. 23: Das ist nicht so. — Exp. Nr. 22: Vielleicht sind Sie gerade so glücklich, ich könnte da Namen nennen. Tr. Verkauf: Sind diese Betriebe unter den Arbeiterinnen bekannt? — Exp. Nr. 22 : O ja. Es gibt viele Arbeiterinnen, die mit dem Herrn Kinder haben, sogar unter den Lehrmädchen gibt es solche. Tr. Verkauf: Das müßte man ja von der Krankenkasse aus erfahren. — Exp. Nr. 22: Von dort kriegen sie nichts, und der Vorstand sagt einfach: Natürlich, Ihr bringt's alle Jahr ein kleines Kind, und dann seid Ihr immer krank. Wir haben eine Gewerkschaft gründen wollen, damit sich die Arbeiterinnen organisiren, es ist aber keine beigetreten; lieber verzichtet sie aus ihr Krankengeld. Tr. Verkauf: Aus Furcht, oder haben sie keine Kenntniß? — Exp. Nr. 22: Es wird beides sein. Ich habe mir viel Mühe gegeben, aber es herrscht eine große Gleichgiltigkeit. Tr. Verkauf: Werden Maßregeln gegen die Organisirnng versucht? — Exp. Nr. 22: Das habe ich nicht gesunden, aber die Herren haben gesagt, wenn sich die Arveiterinnen anschließen, brauchen sie nicht mehr in die Arbeit zu kommen. Bei Einem ist gesagt worden: Geht's zu Euerem Verein und bleibt's dabei. V orsitzend e: Eine Organisation haben sie nicht. Aber die Mädchen haben doch ein Bedürfniß nach Geselligkeit. Wo suchen sie dieses zu befriedigen? — Exp. Nr. 22: Das ist verschieden. Viele gehen in die Tanzschule und zahlen dort 10 kr., das ist ihr Alles. Vorsitzende: Haben sie kein weiteres Verlangen? Nach Lectüre etwa? — Exp. Nr. 22: Darnach nicht. Vorsitzende: Gehören sie anderen Vereinen, fachlichen oder Gesellia- kettsveremen an? — Exp. Nr. 22: Einige, aber nur sehr wenige. Tr. Verkauf: Früher ist gesagt worden, daß die meisten Arbeiterinnen Wienerinnen sind. — Exp. Nr. 22: Das ist größtenteils der Fall. Dr. Verkauf: Und die Unternehmerinnen? — Exp. Nr. 22: Das ist verschieden. Dr. Verkauf: Kommt es vor, daß sich Arbeiterinnen zu Unternehmerinnen ausbilden? — Exp. Nr. 22: O ja. Tr. Verkauf: Arbeiten sie auch dann mit? — Exp. Nr. 22: Sie müssen ja. Tr. Verkauf: Arbeiten sie da weniger? — Exp. Nr. 22: Ich bin als Arbeiterin besser gestanden. Tr. Verkauf: Wie kommt das? — Exp. Nr. 22: Das weiß ich nicht, ^zch arbeite mit meiner Tochter, und es bleibt mir nicht so viel, als wie ich im Geschäft gehabt habe. Dr. Ofiler: Sie haben gesagt, daß die Unternehmer mit den Arbeitern auch Vertrüge abschließen. Was für Lohnbedingnngen werden da gestellt? — Exp. Nr. 22: Sie haben einen gewissen Lohn, und wenn die Saison schlechter wird, so wird ihnen vom Lohne etwas abgerissen. Der Lohn beträgt fl. 10, 8, 6, je nachdem die Arbeiterin ist. fl. 10 ist der höchste Lohn. So viel Dutzend Eine macht, darnach wird sie bezahlt. Dr. Ofuer: Wie viel wird für ein Tut,end gerechnet? — Exp. Nr. 22: 20, 30 bis 50 kr. ' 74 Dr. Osner: Und wie viel wird in der Woche geliefert? — Exp. Nr. 22: Das kann ich nicht so genau sagen. Ich habe etwa 10 bis 12 Dutzend zu 20 kr. pro Tag geliefert. Exp. Eßl: Ich möchte nur erwähnen, daß in der Blumenmacher- branche ein Fall vorgekommen ist, daß der Gewerbe-Inhaber einem Mädchen hat Gewalt anthun wollen. Die Arbeiterin hat sich nicht herbeigelassen, und am anderen Tage ist sie von ihrer Mutter abgeholt worden. Derselbe Gewerbe- Inhaber hat auch mit anderen Arbeiterinnen Verhältnisse. Es wurde im Gehilfenausschuß bekanntgegeben, daß fast alle Lehrmädchen, wenn sie sich nicht dem Herrn geneigt zeigen, überhaupt nicht freigesprochen werden. Vorsitzende: Kommen die Mädchen selten in die Kirche? — Exp. Nr. 22: Selten, sie werden mitunter geschickt, aber nur in der Früh vor 6 Uhr. Vorsitzende: Werden sie auch in die Predigt geschickt? — Expertin Nr. 22: Das kommt sehr selten vor; es gibt schon einige Herren, die das thun, aber das sind Ausnahmen, und da müssen die Lehrmädchen für die Frau beten. Dr. Adler (zur Exp. Nr. 21»: Ich habe den Eindruck gehabt, daß Sie nicht mit Allem einverstanden sind. — Exp. Nr. 21: In manchen Punkten bin ich nicht einverstanden. Ich war in vier bis fünf Geschäften, aber mir sind solche Fälle nicht vorgekommen. Dr. Adler: Aber so etwas hört man ja auch. — Exp. Nr. 21: Ich bin mit sehr vielen Arbeiterinnen zusammengekommen, es hat mir aber nie eine etwas Schlechtes erzählt, ich war ganz erstaunt. Das höre ich heute zum ersten Male, und ich weiß doch, daß ich so viel Scharfblick gehabt hätte, wenn etwas vorgekommen wäre, es zu bemerken. — Exp. Nr. 22: Ich könnte Beweise vorbringen. — Exp. Nr. 21: Ein feiner Herr wird das nicht thun, und die anderen Herren sind mit den Leuten viel zu grob. — Exp. Nr. 23: Mir ist das auch nie vorgekommen. Dr. Adler: Die Mädchen werden doch auch Bekanntschaften haben. — Exp. Nr. 21: Darüber durste im Geschäfte nicht gesprochen werden. Dr. Adler: Haben Sie nie gehört, daß es zu einem Conflict gekommen ist, haben Sie nie gehört, daß ein Mädchen fortgehen mußte, weil der Herr das nicht geduldet hat? — Exp. Nr. 21: Solche Mädchen, die ein Verhältniß haben, kann man nicht brauchen, heißt es. Tort, wo ich sechs Jahre im Geschäfte war, ist es so. Vorsitzende: Sind Sie häufig in die Kirche gekommen? — Expertin Nr. 21: Ich bin direct aus dem Kloster in's Geschäft gekommen, ich bin sehr religiös erzogen. Man wollte mich nur selten in die Kirche gehen lassen und hat gesagt: Du mußt vor Deiner Zeit gehen, d. h. vor 6 Uhr; nachdem ich aber bis 12, 1 oder 2 Uhr habe arbeiten müssen, so war ich in der Früh zu müde, um aufzustehen, und ich bin oft mit Schlägen geweckt worden. Vorsitzende: Kommt das auch in anderen Geschäften vor? — Exp. Nr. 21: O ja. Am Sonntag mußten wir auch arbeiten bis 5 Uhr. Dr. Adler: Wie lange sind Sie im Geschäfte? — Exp. Nr. 21: Sammt der Lehrzeit l4 Jahre ; ich war zuerst in einem kleinen und dann in einem großen Betriebe; in den kleinen Betrieben waren zumeist acht, ueun Arbeiteriunen, in den größeren 50; in unserem Geschäfte werden Strauß- und Phantasiefedern erzeugt. Ich mache Phantasiearbeit. Die Arbeit wird auch außer Haus gegeben. Man muß aber nicht zu Hause arbeiten; in der Saison sieht man es jedoch gerne. Die Mädchen sind bei uns alle aus besseren Häusern, früher waren es zumeist böhmische Mädchen. Mit ihnen konnten die Leute thun, was sie wollten; jetzt sind es meist Töchter von Gewerbetreibenden, auch Beamtenfrauen haben wir. Bevor es eine Genossenschaft gab, war die Zahl der Lehrmädchen sehr groß, es waren 12, 13 Lehrmädchen; jetzt haben die Leute mehr Angst, und da verstecken sie die Lehrmädchen. Die Arbeits- 75 Vermittlung geschieht durch die Zeitung. Wenn bei uns ein Mädchen frei wird, bekommt sie fl. 4, 5, 0, die älteren und tüchtigen sl. 10 bis 12. In größeren Geschäften ist das ganze Jahr Arbeit, in kleineren wird ausgesetzt. Es gibt dort auch Wochenabzüge. Diejenigen, welche bleiben, haben einen geringeren Lohn, sie arbeiten nnr halbe Tage. Material wird zwar denen, die zu Hanse arbeiten, nicht gekauft, wohl aber das Zugehör, wenn es so ausgemacht wird, dann wird das zugeschlagen. Was eine Frau, die zu Hause arbeitet, verdient, weiß ich nicht. Abzüge und Strafen kommen bei uns nicht vor. Wenn Eine zu spät kommt, wird sie verwarnt, wenn das zusammen eine Stunde ausmacht, wird ihr die Stunde abgerechnet. Bei uns kommt das aber überhaupt nicht vor. Dr. Adler: Und was würde mit dem Gelde geschehen? — Expertin Nr. 21: Es wurde gesagt, daß das einem allgemeinen Zweck zugewendet würde. Eine Arbeitsordnung haben wir nicht. Dr. Adler: Wie viel Arbeiterinnen sind bei Ihnen? — Expertin Nr. 21: Fünfzig. Dr. Adler: Sind einige darunter mit dem Chef sehr gut bekannt? — Exp. Nr. 21: O ja. Wenn Eine sehr lange dort ist, wird sie als Aeltere bevorzugt. Dr. Adler: Sie haben gesagt, es gibt Solche, die mehr verdienen, und Solche, die weniger verdienen. Es kommen Löhne von fl. 10, 11 vor. Wie Viele im Geschäfte verdienen sich das? — Exp. Nr. 21 : Die Aelteren, die fl. 10, 11 haben, sind etwa zwölf, und die, die fl. 12 haben, drei oder vier. Dann kommen die mit fl. 7, 8, 0; fl. 4 ist das Mindeste. Das sind die Ausgekernten und Hilssarbeiterinnen, die den ganzen Tag beim Dunst sitzen müssen. Dr. Adler: Wie viele Arbeiterinnen sitzen beim Dunst? — Expertin Nr. 21: In unserem Geschäfte sechs. ^ Dr. Adler: Und Solche, die beim Geschäfte sind, sind nicht beim Dunst? — Exp. Nr. 21: Sehr selten; wenn Eine selbst etwas dunsten will, so geht sie auch hin. Dr. Adler: Tann muß es ja jede Arbeiterin lernen? — Expertin Nr. 21: Ja. Früher hat das ja jede selbst gethan, und in der stillen Zeit thut man's ja oft selbst. Dr. Adler: Wie Viele gehen in der stillen Zeit weg? — Expertin Nr. 21: Bei uns werden sie nicht weggeschickt, sie werden zu anderen Dingen verwendet, wozu sie befähigt sind. Dr. Adler: Müssen auch die Lehrmädchen das Dunsten lernen? — Exp. Nr. 21: Ja. Dr. Adler: Und sonst müssen sie Gänge verrichten? — Expertin Nr. 21: Bei uns sind dazu Lausmädchen da. Dr. Adler: Wie lange sitzen die Arbeiterinnen beim Dunst? — Exp. Nr. 21: Auch den ganzen Tag. Dr. Adler: Da muß ihnen sehr warm werden? — Exp. Nr. 21: Freilich. Dr. Adler: Wenn ein Mädchen in die Lehre kommt, muß sie mehr beim Dunst oder mehr etwas Anderes arbeiten? — Exp. Nr. 21: Sie muß das auch lernen, das gehört zum Geschäft. Dr. Adler: Sie sagten aber, daß man Dunsten nicht lernen muß, weil keine Kunst dabei ist. — Exp. Nr. 21: Es ist aber nothwendig, es gibt auch schwierigere Arbeiten, zum Beispiel bei genähten Federn, überhaupt bei Phantasie. Dr. Adler: Wie viel Mädchen sind bei Ihnen mit fl. 4 Lohn? — Exp. Nr. 21: Etwa sechs. Das sind lauter Mädchen, die wo anders frei geworden sind. Dr. Adler: Und die lernen erst hier aus? — Exp. Nr. 21: Ja, 76 darum bekommen sie auch weniger Lohn. Im nächsten Jahre bekommen sie fl. 1 mehr und, wenn sie brav sind, auch fl. 2. Sie kann bei fl. 5 sitzen bleiben, wenn sie sich keine Mühe gibt. Es kommt aber vor, daß Eine, die frei wird, schon nach einem Jahre fl. 7 bekommt. Das find die Geschickteren, die Mehrzahl ist aber nachlässig, die haben Eltern, und darum nehmen sie sich der Sache nicht an. Die Mehrzahl verdient weniger und bleibt aus dem Lohn von fl. 5. Die anderen Mädchen aber müssen lernen. Dr. Adler: Sie sagen, sie nehmen in Ihrem Geschäfte lauter gelernte Lehrmädchen aus? — Exp. Nr. 21: Tüchtige bekommt man nicht so leicht. Es wird immer inserirt: „Tüchtige Kräfte werden aufgenommen". Dr. Adler: Wie lange haben die gelernt, wenn sie zu Ihnen kommen? — Exp. Nr. 21: Vier Jahre, wenn Sie die Kost haben, und Dr. Adler: Ist das so schwer zu lernen? — Exp. Nr. 21: Die müssen länger lernen, damit sie das abzahlen. Dr. Adler: Die meisten bleiben also beim schlechten Lohn? — Exp. Nr. 21: Wo viele Arbeiterinnen sind, werden die Mädel nie so ausgebildet wie in kleineren Betrieben. Dr. Adler: Kommt es vor, daß Mädchen sechs Jahre in einem Betriebe sind und nur fl. 5 bekommen? — Exp. dir. 21: O ja, das ist aber ihre Schuld. Vorsitzende: Wie war die Wohnung, wo Sie waren, und die Schlafstätte? — Exp. Nr. 21: Es wurden sechs Sessel zusammengestellt und ein Strohsack daraufgelegt, und dort haben wir geschlafen. Vorsitzende: Nur Lehrmädchen oder auch Arbeiterinnen? — Exp. Nr. 21: Auch Arbeiterinnen. Es waren zwei Betten, wo Alles hineingekommen ist. Es waren vielleicht drei oder vier Arbeiterinnen im Hause und etwa acht Lehrmädchen. Wir sind je zwei zusammengewesen, und das Bettgewand ist in zwei Betten hineingekommen. In anderen Betrieben ist mir das nicht vorgekommen. In Ober-St. Veit habe ich ein eigenes Zimmer gehabt, aber dort war ich ganz allein. Wo sonst Lehrmädchen in der Wohnung sind, ist es überall schlecht. Sie schlafen in einem Zimmer, und zwar im Arbeitszimmer. Vorsitzende: Wie war sonst das Local? — Exp. Nr. 21: Bei Tag und beim Auskehren ist gelüftet worden. Vorsitzende: Wie war die Kost? — Exp. Nr. 21: Möglichst schlecht; Suppe, Fleisch und Gemüse täglich. Fleisch war sehr wenig, dafür ein großer Kessel voll Suppe. Es wurde Jeder von uns gesagt, daß ihre Kost täglich fl. 2 kostet. Wir waren Kinder und haben das natürlich nicht verstanden. In der Früh haben wir Kaffee mit einer Semmel gehabt. Wenn aber etwas zerbrochen worden ist, so haben wir lange Zeit keine Semmel bekommen, oft ein halbes Jahr lang, so daß das Zerbrochene zehnmal ersetzt worden ist. Um 10 Uhr haben wir ein Brot bekommen. Das hat die Frau uns vorgeschnitten. Es war aber genug. Nachmittag wieder Kaffee und, wenn wir nicht in der Strafe waren, eine Semmel. Abends ein Brot und 4 oder 5 kr. Wir haben bis 12, 1 und 2 Uhr arbeiten müssen. Die Räume waren überall hell. Das ist ja für die Frau znm Vortheil gewesen, denn bei der Arbeit ist Licht die Hauptsache. Wir haben in der Küche gegessen. Die meisten Arbeiterinnen waren ledig. Wir haben eine Krankenversicherung, wir bekommen aber von ihr nichts. Manche müssen ihre Eltern unterstützen, das kommt sogar meistens vor. Sie zahlen den Eltern so, wie sie fremden Leuten zahlen würden. Wir haben auch eine Witwe gehabt, die ihre Kinder erhalten mußte. Dr. Ofner: Wie zeigt sich das, daß der Aufenthalt beim Kessel sehr schädlich ist? — Exp. Nr. 21: Man bekommt Kopfschmerzen. Diejenigen, 77 1 welche gerade beün Dunst sitzen, leiden aber nicht so sehr darunter wie die Anderen; die Meisten sind auch bleichsüchtig oder tuberculos. Engel: Wird jeden Tag gedunstet? — Exp. Nr. 21 : Ja. In größeren Geschäften den ganzen Tag. Engel: Sind in allen Arbeitslocalitäten Tnnstkessel aufgestellt? — Exp. Nr. 21 : Ja. Engel: Da genirt also hauptsächlich das Gas? — Exp. Nr. 21 : Ja. Der Geruch und der Wasserdampf. Tr. Adler: Muß in demselben Raume gedunstet werden? — Expertin Nr. 21 : Man wollte es separiren, aber es ist schwer, weil dadurch viel Zeit verloren geht, daß die Federn hin und her getragen werden müssen. Frl. Boschek: Die Arbeit würde aber dadurch nicht vernichtet? — Exp. Nr. 21 : Nein. Tr. Adler: Man müßte also nur eine eigene Person dazu haben? — Exp. Nr. 21 : Ja, und es müßte auch Jemand zur Aufsicht dort sein. Engel: Sind die Tnnstkessel in allen Fabriken? — Exp. Nr. 21 : Ja. Tr. Adler: Ist Ihnen nicht ein Geschäft vorgekommen, wo der Dunst unter einem Mantel ist? — Exp. Nr. 21 : Das habe ich nicht gesehen. Es sind am Kessel zwei Rauchfänge, nach verschiedenen Seiten. Man muß ober dem Dunst so viel Raum haben, daß mau arbeiten kann, und dann geht der Dunst eben verloren. Dr. Adler: Machen diese Tunstarbeiten jüngere oder ältere Arbeiterinen? — Exp. Nr. 21 : Es kommen zu uns Leute von verschiedenen Branchen als Hilssarbeiterinnen, jüngere und ältere. Tr. Adler: Was nehmen sich die Mädchen in's Geschäft mit? — Exp. Nr. 21 : Meist Kaffee und für Vormittag Butterbrot oder Brot allein. Tr. Adler: Glauben Sie, daß man sich mit sl. 4 wöchentlich Butterbrot kaufen kann? — Exp. Nr. 21 : Ich habe die Bemerkung gemacht, daß unsere Tunsterinnen ganz gut leben. Eine hat für das Nachschauen und Zusammeukebren extra sl. 1 bekommen. Tr. Adler: Wie lange muß die da bleiben? — Exp. Nr. 21 : Bis V 48 Uhr. Tr. Adler: Und Sie glauben, daß sie von sl. 5 ganz gut leben kann? — Exp. Nr. 2 l: Ich habe gehört, daß sie in die Volksküche gehen. Tr. Adler: Wärmn gehen diese Mädchen nicht in eine Fabrik? — Exp. Nr. 21 : Wenn sie in eine Fabrik gehen, sind sie ja noch schlechter dran, bei uns sind sie gar nicht mehr wegzubringen. Sie haben die Hoffnung, daß sie vorwärts kommen. Tr. Adler: Gibt es viele ältere Arbeiterinnen? — Exp. Nr. 21 : Ja, auch solche, die schon Geschäfte gehabt haben. Tr. Adler: Sie haben gesagt, es leiden Viele an Tubercnlose und Bleichsucht. — Exp. Nr. 21 : Ja, die Mädel schleppen sich oft mühsam in's Geschäft. Ein Mineralwasser darf ihnen vom Doctor nicht verschrieben werden, und die Medicin darf überhaupt nicht mehr als 30 kr. kosten. Schreibt man an den Doctor eine Karte, so ist man eher dreimal wieder gesund und krank, bevor er kommt. Wenn sich Eine den Doctor nicht zahlen kann, ist sie elend dran. Tr. Adler: Warum lassen Sie sich das gefallen? — Exp. Nr. 21 : Wir haben ohnehin schon vor zwei Jahren gesprochen. Einmal war Eine in unserem Geschäfte, die lungenkrank war. Sie war schon so schwach, daß sie nicht mehr die Hände heben konnte, und da hat der Doctor gesagt: „Sie liegen ja nur aus Faulheit im Bette". Aber bei der nächsten Gelegenheit haben wir recht geschimpft. Tr. Adler: Wem gegenüber? — Exp. Nr. 21 : Bei der Gehilsen- versammlung. Da wurde mir aber einfach vom Genossenschafts-Commissär gesagt, ich soll still sein. Solche Fälle könnte ich viele aufzählen. Der Doctor 73 untersucht überhaupt Niemand; er fühlt keinen Puls, sondern sagt einfach: „Wie fühlen Sie sich?" und schreibt dann etwas nieder. Dr. Verkauf: Wie kommt es, daß Sie bis heute dem Verbände der Genosienschafts-Krankencaffen nicht beigetreten sind? — Exp. dir. 21: Bei der Wahl war ein Herr, der uns die Stimmzettel abgenommen hat; das ist auch ein kleiner Federnschmücker, der lebt von dieser Casse. Dr. Verkauf: Wie heißt der Arzt? — Exp. Nr 21: Dr. Lampel. Dr. Adler: Sie sagen, daß es auch Solche gibt, die Tuberkulose bekommen? — Exp. Nr. 21: Die Mädchen werden eben ruinirt, und dann bricht die Tuberkulose aus. Bei unserem Geschäfte braucht keine lungenkrank zu werden. Schluß der Sitzung 11 Uhr 25 Minuten. 5. Sitzung, Mittwoch, 4. März, Übend». Vorsitzender: Pernerstorfer. Beginn 7 Uhr 30 Minuten. Experte Herr U (aus Befragen des Vorsitzenden): Wir schleifen Stahl und Metall. Wir fabriciren Stahlgegenstände, Bandagen, Schlüsselhaken, getriebenes Eisen u. s. w. In Knnffschlossereien werden Kronleuchter aus Eisen fabricirt, die geschliffen, polirt und gebürstet, also getrieben werden. Bandagen werden geschliffen, polirt und dann geglänzt. Zunächst wird der Gegenstand an einer sehr großen Scheibe mit Naxosschmirgel geschliffen und dann mit feinerem Schmirgel nachgeschliffen. Das Schleifen geschieht trocken und entwickelt sehr viel Staub. Die Scheiben werden über Kreuz gelehnt, mit Riemen überzogen, dann wird der Riemen abgedreht, der Schmirgel gerollt, und mit diesen Instrumenten wird geschliffen, indem der Arbeiter den zu schleifenden Gegenstand an das Rad anhält. In den Werkstätten wird vorwiegend mit Dampfbetrieb, nur äußerst selten mit Fußbetrieb, das ist mit Drehbänken, gearbeitet, denn mit letzteren würde zu wenig producirt werden. Wenn der Gegenstand sein geschliffen ist, so wird er mit Polir- schmirgel an derselben Scheibe polirt und hierauf mit noch feinerem Schmirgel abgezogen. Hiednrch wird der Glanz erzeugt. Hierauf kommt eine Holzfcheibe in Anwendung, die sehr leicht springt und deshalb vorher in Wasser getaucht werden muß, dann wird der Stahlgegenstand mit Wasser und Kalk geglänzt und geputzt. Bei diesen Arbeiten werden lediglich Männer beschäftigt, Frauen nur bei solchen Artikeln, welche vernickelt werden. Da ist wieder ein ganz anderer Proceß. Wo der Stahl Natur bleibt, werden keine Frauen beschäftigt. Dort, wo vernickelt, also galvanisirt wird, entfällt das Glänzen, und der Gegenstand wird den Galvaniseurinnen übergeben. Stahlschleiferinnen gibt es nicht, wohl aber Metallfchleiferinnen. Der Vorgang beim Metallschleifen ist der, daß mit einem groben Schmirgel erst die größeren Flächen abgeschliffen und dann polirt werden. Diese Vorrichtung besorgen die Männer. Hierauf wird der Gegenstand an einer Tuchscheibe von Frauen geglänzt. 25 bis 30 Tuchflecken, gewöhnlich von ehemaligen Militärmänteln, werden zusammengenäht und reprüsentiren eine solche Scheibe. Diese Scheibe wird abgedreht und Hiebei sehr viel Staub erzeugt. Hierauf wird der Gegenstand mit Kalk und Stearin geglänzt, was ausschließlich von Frauen besorgt wird. Hiebei entsteht wieder sehr viel Staub. 7 !» Tr. v. Fürth: Diese Art des Schlesiens kann sich doch nur aus kleinere Gegenstände beziehen, wie werden die größeren Gegenstände geschliffen? — Exp. 8: Größere Gegenstände werden nur von Männern geschliffen. Frauen können dazu nicht verwendet werden, weil sie durch ihre Kleider gehindert sind. Sonst könnten sie auch diese Arbeit leisten, denn der Proceß ist derselbe, nur kommen größere Spindeln in Anwendung. Tr. v. Fürth: Was besorgen die Frauen sonst für Verrichtungen? — Exp. 8: Das Bürsten. Da wird der vertiefte Gegenstand vorher gelbgebrannt. Es werden Vitriol, Nordhausener Schwefelsäure, Scheidewasser, Pouge und noch ein Präparat zu einer chemischen Lösung vereinigt, mit welcher der Gegenstand gelbgebrannt wird. Hiebei sind Frauen beschäftigt. Es entwickeln sich natürlich starke Gase. Schutzvorrichtungen sind äußerst selten. Höchstens daß Mund und Nase verbunden werden, vielleicht durch einen Schwamm. Der Gegenstand wird mit einem Drahtnetz herausgenommen, oder man gibt ein Gefäß aus Thon oder Email hinein, welches die chemische Lösung absorbirt. Dem Entwickeln schädlicher Gase könnte dadurch vorgebeugt werden, daß das Behältniß, in welchem sich die chemische Lösung befindet, zugestülpt würde, aber das würde zu viel Zeit erfordern. Bardorf: Mir ist es bekannt, daß, wenn beim Gelbbrennen Männer verwendet werden, dieselben häufig erklären, sie halten es nicht aus. Wie können es dann die Frauen aushalten? — Exp. 8: Das weiß ich nicht. Ich war selbst schon einmal in der Lage, solche Arbeit machen zu sollen, und ich habe erklärt, ich bin lieber brotlos, als daß ich mich dazu hergebe. Das Gelbbrennen ist eine Arbeit, welche fast in allen Fabriken im größeren Maßstabe betrieben werden muß, nur selten wird es in separirten Räumen verrichtet, sondern zumeist in solchen Werkstätten, wo noch andere Arbeiten ausgeführt werden. Es werden zumeist immer dieselben Arbeiterinnen dazu bestimmt, und diese bleiben dabei, wenn auch das Gelbbrennen Wochen- oder monatelang dauert. Bardors: Gehört hiezu eine Geschicklichkeit? — Exp. 8: Jnso- ferne als man den Gegenstand nicht zu lange drin lassen darf, damit die Arbeit nicht aufgehalten wird. Nachdem der vertiefte Gegenstand gelbgebranntist, muß er gebürstet werden. Dies erfordert namentlich bei größeren Gegenständen große Kraftanstrengung. Häufig werden Hiebei Finger beschädigt. Am Daumen wird, wie Sie sich bei den anwesenden Expertinnen überzeugen können, der Nagel ganz durchgeschliffen. Anfangs achtet man nicht darauf, aber die Verletzung greift immer tiefer ein, bis sie in das Fleisch dringt und das Blut heräusrinnt. Der Vorgang beim Bürsten ist folgender: Durch einen Motor wird die Bürste in Rotation gebracht und der Gegenstand darangehalten. Es gibt verschiedene Kategorien des Bürstens, je nachdem ob kleinere oder größere Bürsten angewendet werden, oder ob es sich um hohle oder offene Arbeiten handelt. Die letzteren sind zum Beispiel die vertieften Cigarrenständer. Hohle Arbeiten sind Theeservices, Suppenschalen w., hiezn werden kleine Bürsten verwendet, wobei Frauen beschäftigt sind. Wenn sie den Gegenstand nicht tief genug halten, so kommt es vor, daß er ihnen in's Gesicht geschlendert wird. Hierauf kommt das Glänzen mit der Scheibe, welche von 4 bis 5 Centimeter bis zu l l bis 12 Zoll groß sind. Ferner werden die sogenannten Suzerln angewendet, das ist ein Tuchfleck, der ausgespannt und mittelst Spagat festgebunden wird. Mit diesen Suzerln müssen die Franen in die Vertiefungen hineinarbeiten; das ist sehr schwierig, es erfordert zwar keine sehr große Kraftanwendung, wohl aber ist es eine sehr mühsame Arbeit, die insbesondere bei schweren Gegenständen Ausdauer erheischt. Hierauf wird der Gegenstand mit Kalk oder Stearinöl, Stearin, Kalk und Wasser, Petroleum und Kalk oder nur mit Petroleum oder Benzin ausgewaschen und dann mit Sägespänen getrocknet. Beim Auswaschen sind wieder Franen beschäftigt. 80 Da wird der Gegenstand in einen Trog mit Petroleum hineingelegt, damit sich der Schmutz loslöst, und mit einer Handbürste abgebürstet? Hierauf kommt der Gegenstand in die Sägespäne und wird, wenn er glatt ist, mit der Hand, wenn er verschnörkelt ist, mit der Bürste durchgearbeitet. Tann kommt der Gegenstand wieder aus eine Scheibe und wird mit Kalk oder mit Rouge abgestaubt. Rouge sind Eisenseilspäue, die in Schwefelsäure gegeben werden, bis sie grünspanhältig sind, und dann pulverisirt werden. Das wird dann gewöhnlich in Stangenform gepreßt und an den Gegenstand angehalten, damit der Hauch, der demselben vom Petroleum anhaftet, verschwindet. Während dieses Processes zerstäuben diese Stangen. Dahaben wir auch keine Schutzvorrichtungen. Vorsitzender: Ist das sehr gesundheitsschädlich? — Exp. L: Das weiß ich nicht. — Experte Herr B eer: Ich weiß, daß in Schleifereien das Schleifen von Gegenständen aus Sätteln verrichtet wird, aus denen man reitet. Sind da auch Frauen beschäftigt? — Exp. 8: Ja wohl, in den Messerschleifereien, auf den groben Schleifsteinen. Vor den Knieen haben die Frauen ein Brett, unter welchem ein Messer sich befindet. Und da bewegen sie die Kniee hin und her und drücken damit den Gegenstand zwischen den Knieen an den Schleifstein an, und so wird er geschliffen, und zwar trocken. Bei manchen Gegenständen könnte auch naß geschliffen werden. In Deutschland ist es eingeführt, daß trocken nicht geschlissen werden darf. — In den Löffelschleifereien müssen Frauen das Schleifen selbst besorgen. Hiebei entwickelt sich sehr viel Metallstaub, besonders beim Zinnstahlguß. Hier werden die Gegenstände erst polirt, dann geglänzt, und im Uebrigen verläuft der Proceß, wie ich ihn früher beschrieben habe. Ich mnß bemerken, daß die Frauen nur bei der Löffelschleiferei allgemein zum Schleifen verwendet werden. W i t t e l s h ö s e r: Warum gerade bei der Löffelschleiferei? — Exp. U: Weil es sich um einen Massenartikel handelt, während in anderen Schleifereien jeden Augenblick andere Gegenstände geschliffen werden. Wittelshöfer: Wie wird das Princip der Arbeitstheilung in Anwendung gebracht? — Exp. ö: Hauptsächlich in größeren Etablissements, indem Einer Löffel, der Andere Gabeln, der Tritte Messer bekommt, aber -das Schleifen, Poliren und Bürsten macht immer Einer und derselbe, namentlich dort, wo der Arbeiter^ die Werkzeuge vom Fabrikanten selbst kaufen mnß und dieser dabei großen Nutzen zieht. Mancher Fabrikant nimmt dabei Wucherzinsen ein. Bardors: Was für ein Werkzeug muß sich die Arbeiterin selbst anschaffen? — Exp. L: Zunächst muß sie für eine Holzscheibe 85 kr. zahlen. Bei kleinen Unternehmern muß sie das nicht kaufen. Die Scheibe kostet dem Herrn selbst 28, manchmal 24 kr. Ferner muß sie für Riemen 65 bis 75 kr. zahlen, während der Herr für dieselben nur 25, höchstens 80 bis 85 kr. zahlt. Ferner muß sie für Lehn:, der 28 kr. per Kilo kostet, 54 kr. zahlen, für den Schmirgel, der 18 kr. kostet, 88 kr. Da nimmt er sich also über 100 Percent. Der Polirschmirgel kostet 28 kr., sie muß 86 kr. zahlen. Da begnügt sich der Herr mit 25 Percent. Die Tuchscheibe muß sie um sl. 1-28, selbst um fl. 1-40 kaufen, er selbst bezieht dieselbe um 75 kr. Bezüglich der Beschlageisen aus den Tuchscheiben kann ich den Preis nicht genau angeben. Hiebei werden auch Nägel verwendet, und da haben die Arbeiter aus die Idee kommen müssen, die Spitzen derselben abzuzwicken. Auch Schrauben werden verwendet, deren Enden vorstehen, so daß die Finger gefährdet sind. Ferner braucht die Arbeiterin Kalk. Der Herr verkauft ein kleines Stöpserl Kalk um 6 kr., während ein ganzes Kilo, welches sechs bis sieben solche Stöpserl enthält, im Laboratorium 10 kr. kostet. Das Papier zu den Suzerln, die Abfälle von Tuch werden um 38 oder 40 kr. vom Herrn den Arbeiterinnen 81 verkauft. Würde er es nicht einer Arbeiterin verkaufen, fo würde er dafür nur 5 kr. per Kilo bekommen. Vorsitzender: Ist sie denn gezwungen, das Alles beim Unternehmer selbst zu kaufen? — Exp. U: Wenn sie wo anders kaufen würde, fo könnte sie Gefahr laufen, entlassen zu werden. Dr. Schüller: Ist das in allen Betrieben? — Exp. 6 : In den meisten größeren. W i t t e l s h ö f e r: Wie viel macht das in der Woche aus? — Exp. L: Gleich in der ersten Woche hat die Arbeiterin fl. 30 bis 35 Schulden beim Herrn. Da werden ihr jede Woche fl. 3 bis 4 von: Lohn abgezogen, und wenn die Schulden dadurch nicht ganz abgetragen werden, so muß sie schließlich eine ganze Woche umsonst arbeiten. Dr. Schiff: Die Arbeiterin muß sich einen Schleifstein kaufen. Ist sie denn so lange bei der Arbeit beschäftigt, daß sie den Schleifstein wirklich ausnützt? Was geschieht, wenn sie nach acht Tagen weggeht und der Schleifstein ist noch brauchbar? — Exp. L: Dann ist der Fabrikant so gnädig, ihn um die Hälfte des Preises zurückzukaufen, oder sie kann ihn mitnehmen. (Ueber Befragen des Vorsitzenden.) Beim Galvanisiren müssen die Frauen das Reinigen besorgen. Dies geschieht in Kalkwasser. Vorerst muß der Gegenstand in Benzin gelegt werden. Da müssen Schutzvorrichtungen angebracht werden, aber nicht zum Schutze der Arbeiterinnen, sondern des Benzins, welches sonst verräuchert, dann kommt der Gegenstand in Kalkwasser, da springt die Haut sehr oft auf, so daß manchmal, wenn die Arbeiterin in die rauhe Lust hinauskommt, das Blut hervordringt. Wenn eine länger dabei ist, so gibt sich das mit der Zeit, aber viele Arbeiterinnen müssen zurückgestellt werden, weil sie in Folge des Arbeitens im Kalkwasser einen Ausschlag bekommen. Hierauf kommt der Gegenstand in's Bad. Da werden sogenannte Däumlinge an den Fingern aufgestülpt, als Schutzvorrichtungen, damit die Finger geschützt sind. Häufig werden aber diese Däumlinge nicht angewendet, weil sie dem Unternehmer zu viel kosten. Es könnten hiezu zwar Arbeiter mit rauheren Händen, z. V. Schlosser, genommen werden, aber diese würden mit der Zeit auch feinere Hände bekommen, und deshalb nimmt man gleich lieber Frauen dazu. Es entstehen durch die Säuren verschiedene Krankheiten. Expertin Nr. 24 (über Befragen seitens des Vorsitzenden): Ich bin als Glänzerin 12 Jahre im Betriebe, und zwar immer beim Glänzen und Schleifen. Ich habe im Jahre 1882 im Alter von 11 Jahren zu arbeiten angefangen. Mein Vater war dazu gezwungen, mich in diese Arbeit zu geben, und man hat mich angenommen. Damals war noch keine Lehrzeit, es wurde nach Stück gezahlt, und ich habe in der Woche über fl. 2 verdient. Die Arbeitszeit war von 7 bis 6 Uhr. Jetzt bin ich seit Dienstag vacirend. Das letzte Geschäft, wo ich war, im VII. Bezirke, war ein Kleinbetrieb. Vorher war ich bis October in einer großen Fabrik, dort waren 216 Personen, von welchen beiläufig die Hälfte Männer und die Hälfte Frauen waren. Es kommt dies daher, weil dort sehr viel Gürtler und Bronzearbeiter sind. Wir hatten das ganze Jahr Beschäftigung. Wenn die Saison vorüber war, wurde auf's Lager gearbeitet. Von einem großen Verdienst ist dort keine Rede. Der Herr behauptet zwar, seine Leute verdienen sich sehr viel. Wenn aber Eine fl. 7 bis 8 Lohn hatte, so hat sie in Wirklichkeit nur fl. 3 bis 4 bekommen, das Uebrige wurde ihr für das Material abgezogen. Es wurden dort Kirchenleuchter, Kirchenluster, Suppen- und Kaffeeschalen, Theeservices u. s. w. erzeugt. Es ist das ein sehr umfangreicher Betrieb, in dem Alles producirt wird. Es wird dort versilbert, galvanisirt. Es sind dort Dampfmaschinen aufgestellt. Arbeit wird keine nach Hause gegeben, weil ja zur Arbeit der Dampfbetrieb nothwendig ist. Die Arbeiterinnen stammen meist aus Arbeiterkreisen. — Die Lehrmädchen bekommen jetzt pro Frauen-Enqnöte. 6 82 Woche fl. 3; sie sind eigentlich keine Lehrmädchen, weil sie nicht freigesprochen werden. Die Lehrzeit betrügt nur drei bis vier Wochen, bei dem großen Betrieb geht das sehr geschwind, denn die Mädchen werden nur aus eine Arbeit, zum Beispiel auf Besteckarbeit, abgerichtet. Es ist keine Arbeitsvermittlung eingeführt. Der Fachverein existirt erst seit kurzer Zeit; es sind noch Wenige dabei. Wer Arbeit sucht, geht von Geschäft zu Geschäft. Wittelsh öfer: Wie lernen denn die Arbeiterinnen die schwierigen Arbeiten? — Exp. Nr. 24: Wenn Eine längere Zeit dabei ist, so muß sie es mit der Zeit auch begreifen. Sie kommt von einem Artikel zum anderen. (Ueber weiteres Befragen.) Während der vier Wochen Lehrzeit muß sie von ihren fl. 3 nichts für's Material zahlen, aber nachher muß sie nachtragen und das abzahlen, was sie als Lehrmädchen verbraucht hat. Dr. Schiff: In welchem Alter treten die Mädchen in's Geschäft ein? — Exp. Nr. 24: Mit 14 Jahren. Dr. Schiff: Unter diesem Alter nicht? — Exp. Nr. 24: Jetzt nimmt er keine auf. (Ueber weiteres Befragen von Seite des Vorsitzenden.) Wir arbeiten im Accord nach Stück. Ich bin in der Fabrik auf fl. 7 bis 8 gekommen, mußte aber fl. 3 bis 4 für das Material Wegzahlen. In einen: dieser Geschäfte habe ich fl. 7 verdient ohne Abzahlung. Es war aber nur in der Saison, wo die Arbeit besser bezahlt wird. — Exp. L: Solche Arbeit bekommt nur eine Arbeiterin, die mehr Praxis hat und schon verschiedene Gegenstände herzustellen versteht. Frl. Fickert: Laufen diese Abzüge das ganze Jahr hindurch, und wird jede Woche abgezogen, so daß sie nie zu ihrem ganzen Lohn kommt? — Exp. Nr. 24: Es wird jede Woche abgezogen; für eine Bürste 73 kr., für eine Scheibe fl. 1'28, dann für Kalk, Öel, Brennöl u. s. w., und das häuft sich in sehr starken Massen. Es wird in ein Buch hineingeschrieben, und das wird jede Woche abgezogen. Vorsitzender: Das würde also besagen, daß Ihnen 50 Percent abgezogen werden? — Exp. Nr. 24: Ja. Ich habe mir mein Büchelchen, wo Alles drinn steht, aufgehoben und kann es den Herren zeigen. Mittels höfer: Ist es wahr, daß Sie anfangs gleich fl. 30 bis fl. 35 Schulden hatten ? — Exp. Nr. 24: Ja wohl. Wenn ich etwas schuldig war, so wurden mir jede Woche 50 kr. abgezogen, und außerdem was ich jede Woche gebraucht habe. Dr. Schiff: Das bezieht sich aber uur auf den Großbetrieb? — Exp. Nr. 24: Ja Wohl. Aber im Kleinbetriebe ist dafür eine Saison; übrigens verdient man sich auch im Großbetriebe außer der Saison weniger. Im Kleinbetrieb werden außer der Saison Arbeiter entlassen. In dem Kleinbetrieb, wo ich war, waren 20 Personen, und zwar Männer wie Frauen. Es waren meist Angestellte, die schon viele Jahre in diesem Geschäfte waren ; ich war die Jüngste und bin nach der Saison entlassen worden. Dr. Schiff: Was für Arbeiten wurden dort hergestellt? — Exp. Nr. 24: Bestecke nicht. Es wurden von Männern verschiedene Stahl- und Eisenarbeiten hergestellt. Ich war bei der Messingarbeit. Dr. Hainisch: Es wäre wünschenswerth, wenn uns Ihr Buch vorgelegt würde. — Exp. Nr. 24: O ja, das kann ich thun. (Ueber Befragen des Vorsitzenden.) In dem letzten Geschäfte, wo ich war, habe ich auch Ueberstunden gemacht, aber nur bis 7 Uhr, über 7 Uhr nicht. Wir bekamen 12 kr. pro Stunde. Es war dort Wochenlohn, was in unserem Gewerbe selten ist. Der Lohn der Männer war ein höherer. — Exp. L: Der Lohn der Männer war um fl. 2, 3 bis 7 höher als der der Frauen. Es gibt also Arbeiter dort, die bis fl. 14 verdienen. Es können deren jedoch in einem solchen Betriebe nie mehr wie zwei sein. — Exp. Nr. 24 (über Befragen des Vorsitzenden): Die Arbeit der Männer und die der Frauen ist m sehr verschieden. Die Männer sind Schleifer, die Frauen Glänzerinnen. In der großen Fabrik waren viele Strafen eingeführt. Wer fünf Almuten nach 7 Uhr in's Geschäft kam, mußte l0 kr., wer etwas später kam, 50 kr. zahlen. Wir mußten auch Fenster putzen. Da wir das untertags nicht thun konnten, weil es unser Schaden gewesen wäre, so haben wir gewöhnlich das zu Mittag gemacht. Hat Jemand ein Fenster zerbrochen, so mußte er dasselbe bezahlen und außerdem 20 kr. Strafe zahlen. Diese Abzüge sind in eine Casse gekommen, aber was damit geschehen ist, weiß ich nicht. Nur in einem Fall, als im September oder October ein Werkführer starb, wurde ein Kranz von diesem Geld gezahlt; ob dieser aber so viel hundert Gülden gekostet hat, wie viel in der Casse gewesen sind, weiß ich nicht. Ich kann nicht angeben, ob diese Gelder in die Krankenkasse abgeführt wurden. Wir gehören der allgemeinen Krankencasse an. Wir hatten eine Fabriksordnung, diese war aber hübsch oben aufgehängt, so daß man sie nicht lesen konnte. Vorsitzender: Ist es nie Jemandem eingefallen, hinaufzusteigen, um sie zu lesen? — Exp. Nr. 24: Das weiß ich nicht. Dr. Verkauf: Die Firma gehört auch der allgemeinen Krankencasse an? — Exp. Nr. 24: Ja wohl. Dr. Verkauf: Dann kann ja festgestellt werden, ob die Strafgelder an die Krankencasse abgeführt werden. — Exp. L: Ein Arbeiter hat einmal gefragt, wohin die Gelder kommen, und da ist er im Zusammenhange damit entlassen worden. Man sagte ihm, einen solchen Stänkerer brauche man nicht. Dr. Schiff: Gibt es noch andere Strafgelder? — Exp. Nr. 24: Wenn man mit einer anderen Arbeiterin geplaudert und sich dadurch bei der Arbeit aufgehalten hat — und das war ja doch nur der Schaden der betreffenden Arbeiterin — so mußte man 20 kr. Strafe zahlen. Es war dem Herrn nämlich um den Dampf leid. Wittelshöfer: Kam: durch eine Arbeiterin auch etwas verdorben werden? — Exp. Nr. 24: Es ist nicht nur mir, sondern auch meiner Schwester passirt. Diese hat bei einem Besteck die Herzeln, die vorne als Verzierung waren, mit ausgebürstet. Für diese Partie hätte sie fl. 3 Lohn bezahlt bekommen sollen, aber dies wurde ihr nicht bezahlt. Die betreffenden Löffel dürsten als Ausschuß verkauft worden sein. ->>>-. Ich möchte ersuchen, die Expertin zu fragen, ob ihr nicht Falle bekannt sind, wo die Arbeiter unter einander handgemein geworden sind, und wie da der Unternehmer wieder Capital daraus geschlagen hat. Exp. Nr. 24: Es ist in dieser Fabrik so: Wenn man sich nicht mit Jedem abgibt und ihn an sich heranläßt, so wird man beschimpft. Weil ich mich mit einem Arbeiter nicht abgegeben habe, so hat er mich beschimpft und bei den Haaren gepackt. Darauf bin ich zum Herrn gegangen, und dieser sagte: „Ihr kriegt's halt Jedes 50 kr. Strafe, und wenn Euch das nicht recht ist, könnt Ihr gehen." (Ueber Befragen seitens des Vorsitzenden.) Wir arbeiten von 7 bis 6 Uhr, im Ganzen 9'/? Stunden, weil die Mittagspause eine Stunde und die Frühstücks- und Jansenpause je eine Viertelstunde betragen. Nachtarbeit ist keine, an Sonntagen wird nicht gearbeitet, an Feiertagen bis 12 Uhr, wo der Lohn im Accord gerade so berechnet wird wie sonst. In dem Kleinbetriebe, in welchem ich war, war keine Frühstückspause, dort haben wir volle zehn Stunden gearbeitet. In der Fabrik war keine bestimmte Kündigungsfrist. Wir konnten aufhören, wann wir wollten, aber die Arbeit mußte fertig sein, bevor Eine wegging. Ebenso war es im Kleinbetriebe. Dr. Verkauf: Laufen die Maschinen während der Frühstücks- und Jansenpause weiter fort? — Exp. Nr. 24: Ja. Dr. Verkauf: Dann ist dort keine eigentliche Pause? — Expertin Nr. 24: Es ist abgepfiffen worden, aber man hat dabei bleiben müssen. 6* 84 (Ueber Befragen seitens des Vorsitzenden.) Zur Frühstücks- und Jausenpanse konnte man sich nicht waschen, man mußt? sich die schwarzen Hände in Sägespänen abwischen. Das Frühstück besteht aus Brot und mitgebrachtem Kaffee, der nur im Winter gewärmt werden kann. Man ist gegen Ruß und Staub nur auf dem Kopf durch ein Tuch geschützt. Gesicht und Hände sind ganz schwarz. Dr. Verkauf: Können Sie die Pause bon Stunde voll ausnützen? — Exp. Nr. 24: Beim Accord wäre dies mein eigener Schaden. (Ueber weiteres Befragen.) Es gibt Einige, die im Hause des Fabrikanten wohnen, aber nicht in seinem eigenen Hauswesen, sondern es ist ein gewöhnliches Miethsverhältniß. Wenn sie nicht zahlen, werden sie delogirt, können aber trotzdem dort weiter arbeiten. (Ueber Befragen seitens des Vorsitzenden.) Ich wohne ganz allein, hahe ein Cabinet bei einer Arbeiterin, für welches ich sl. 4 bezahle. Zu Mittag esse ich im Arbeitslocale selbst. Zum Nachtmahl esse ich eine Wurst vom Greißler oder Kaffee. Fleisch ist bei uns Nebensache, das können wir nicht erschwingen. In dem Arbeitslocale ist die Luft mit lauter Staub erfüllt, es ist dumpfig, aber ausmachen kann man nicht, weil die Arbeiterinnen sagen, es zieht. Es ist keine Ventilation. Zu Mittag wird entweder eine Zuspeise vom Wirthshaus oder eine Wurst vom Greißler geholt, was 10 bis 12 kr. kostet, und das wäre noch zu viel, wenn man sich jeden Tag das leisten würde. Ich habe auch Sonntag außerdem noch eine Mehlspeise. Fleisch würde ich mir gerne kaufen, aber ich habe kein Geld. Als Vorgesetzten haben wir einen Werkführer. Der Werkführer in der Fabrik hat ein Branntweingeschäft. Wenn einer von uns Namenstag hatte und wir wollten ihm Freude machen, so haben wir ihm Branntwein gekauft. Bier dursten wir uns keines hinnehmen, wohl aber Branntwein, weil die Frau des Geschäftsführers ein Branntweingeschäft hatte. Der Werkführer bringt ihn selbst mit, wenn ihn Jemand bestellt. — Exp. 8: Ich möchte bemerken, daß es dort strengstens verboten ist, geistige Getränke im Arbeitslocale zu trinken. Der Werkführer hat sich aber selbst dazu angetragen, daß er den Branntwein hineinbringt. — Exp. Nr. 24 (über weiteres Befragen): Als Waschvorrichtungen dienen Schaffeln; Seife und Handtücher muß man sich selbst mitbringen. In der Fabrik war ein blechernes Lavoir für sechs Personen. Das Wasser mußte man vom Brunnen holen. Es haben sich alle sechs Personen in einem Wasser gewaschen, und zwar gewöhnlich vor dem Essen. Bardorf: Haben Sie sich nur die Hände gewaschen und nicht auch das Gesicht? — Exp. Nr. 24: Zu Mittag können wir uns das Gesicht nicht waschen, weil da nur ein Lavoir für alle Personen in's Local kommt, das heißt in jede Abtheilung kommt ein Lavoir, also z. B. zu uns in die Schleiferei, wo über 30 Personen waren, kam zu Mittag ein Lavoir. (Ueber weiteres Befragen.) Das Arbeitslocal war im Parterre. Die Gürtler und Bronzearbeiter sind im ersten Stock. — Exp. 8: Ich möchte bemerken, daß sonst nicht alle Maschinenräume im Parterre zu sein Pflegen, nur dort war es so, denn das ist eine Hütte und kein Fabriksgebäude. Schleifereien sind meistens im ersten und zweiten Stocke, denn nur dadurch kann durch Uebersetzungen die nöthige Tourenzahl herausgebracht werden. — Expertin Nr. 24 (über Befragen des Vorsitzenden): Der Raum, in welchem ich war, hatte 7 Fenster und es waren 30 Personen im Vocale. Plafond war keiner, sondern nur ein Dachstnhl, Ventilation war auch keine, er hat aber zwei Sberfenster machen lassen. — Exp. 8: Hiezu hat sich die Firma erst dann bemüssigt gesehen, nachdem ein von ihr entlassener Arbeiter die Anzeige bei der Behörde gemacht hat. Denn früher hat es hineingeregnet und im Winter hineingeschneit. Dies kann die Frau Expertin bestätigen. — Expertin Nr. 24: Ja, es ist rundherum das Wasser hineingelaufen. Wenn das Wasser dem Messing geschadet hat, so mußte es wieder abgeglänzt werden, was 85 natürlich für die Arbeiter ein Nachtheil war. (Ueber Befragen seitens des Vorsitzenden.) Für die ganze Fabrik find zwei Aborte für über 200 Arbeiter, einer für Männer, einer für Frauen. In den Arbeitsräumen schläft Niemand. Die Wände schauen aus wie ein Rauchfangkehrer. Ich kann mich erinnern, daß sie während der 11 Jahre einmal gereinigt wurden. Der Fußboden ist ein Ziegelboden. Einmal am Tage wird gekehrt, und zwar von einem Arbeiter, der diese Arbeit in einer Üeberstnnde verrichtet. Es ist nur trocken zusammengekehrt worden. — Exp. 8 : Feucht darf es nicht abgekehrt werden, weil das eine Feuersgefahr hervorrufen würde, wenn der ungelöschte Kalk mit dem Wasser zusammenkommen würde. Dr. Verkauf: Wer wäscht denn die Objecte? — Exp. Nr. 24: Wir selbst. Dr. Verkauf: Wie oft werden die Fenster geputzt? — Exp. Nr. 24: Alle acht Tage; weil das nichts kostet, so kann es häufig geschehen. Vorsitzender: Gibt es in Wien Vocale, welche in Kellern gelegen sind ? — Exp. 8: Ja, es gibt eine kleine Zahl von Kleinbetrieben, welche auch in Kellern arbeiten. Exp. Nr. 24 (über Befragen des Vorsitzenden): In einem solchen, wo wir zu 30 arbeiteten, waren Frauen und Männer gemeinsam. Frauen waren sowohl ledige wie verheiratete. Vorsitzender: Waren alte Arbeiterinnen dabei? — Expertin Nr. 24: Ja. Vorsitzender: Was nennen Sie alte Arbeiterin ?— Exp. Nr. 24: Na, die verheiratet sind. Es waren dort einige über 30 Jahre und eine, die schon über 00 war. Es kommt das wohl selten vor, nur in der großen Fabrik, sonst weiß ich einen solchen Fall nicht. Dort war noch eine Schwester dieser Arbeiterin, die hat nichts mehr gesehen, war arbeitsunfähig und ist in's Packmagazin gekommen und bekommt als Pension fl. 4 wöchentlich, das ist aber eigentlich keine Pension, weil sie arbeiten muß. Sie ist über 30 Jahre im Geschäft. Wenn eine Arbeiterin aber noch nicht lange im Geschäft war und arbeitsunfähig ist, so wird sie einfach entlassen. Vorsitzen der: Wohin geht sie denn da? — Exp. Nr. 24: Das kann ich im Allgemeinen nicht sagen. Aus einen speciellen Fall kann ich mich erinnern, wo eine Arbeiterin der Riemen erwischt und ihr die Hand gebrochen hat. Sie kam in's Spital, und als sie herauskam —damals war noch keine Unfallversicherung — hat ihr der Fabrikant monatlich fl. 3 als Entschädigung gegeben; natürlich mußte sie sich trotzdem eine andere Beschäftigung suchen. Vorsitzender: Kommt es vor, daß die Vorgesetzten Anforderungen an die weiblichen Arbeiter stellen, welche sich nicht gehören, und zwar in der Form, daß ein Zwang aus die Arbeiterin ausgeübt wird, so daß sie riskirt, entlassen zu werden? — Exp. Nr. 24: Das kommt sehr häufig vor, das war auch bei mir der Fall. Ich wurde von einer Arbeit zur anderen gegeben; ich habe mir nichts verdienen können, und weil ich das nicht wollte, was er wollen hat, so bin ich entlassen worden. Dr. Verkauf: Haben Sie eigene Arbeitskleider? — Exp. Nr. 24: Ja, man muß sich umziehen. Seit kurzer Zeit ist in der großen Fabrik ein Kasten, wo die Arbeitskleider drinn sind. Man zieht sich in der Werkstätte um, wo auch Arbeiter anwesend sind. Dr. Verkauf: Wie sind Sie bei der Arbeit gekleidet ? — Exp. Nr. 24: Wir haben Jacken mit kurzen Aermeln, so daß die Arme entblößt sind. (Ueber Befragen des Vorsitzenden.) Ich bin Unfalls- und krankencasse- versicherungspflichtig. Ich habe für zwei Kinder zu sorgen, wovon eines in meiner Wohnung ist, das andere in der Kost. Dafür muß ich sorgen. Dr. Verkauf: Wie steht es mit der Organisation? - Exp. Nr. 24: In der Fabrik, in der ich war, weiß Niemand etwas von der Organisation, und weil ich eingetreten bin, so haben sie einen Haß gegen mich gehabt. Es waren alle Arbeiter gegen mich. Dr. Verkauf: Hat auch der Unternehmer etwas gegen Sie gehabt? — Exp. Nr. 24: Ja, sowohl der Unternehmer wie auch der Werkführer. Dr. Verkauf: Worin hat sich das gezeigt? — Exp. Nr. 24: Er hat es mir nicht in's Gesicht gesagt, daß er das nicht dulde, aber er hat es dem Werkführer gesagt, daß er das nicht dulde. Ich bin aber doch nicht aus der Organisation ausgetreten. (UeberBefragen des Vorsitzenden.) Wir haben einen Fachverein für Männer und Frauen, welcher nur 150 Mitglieder zählt, weil wir erst vor vier Monaten die Organisation gegründet haben. Früher waren wir den Eisen- und Metallarbeitern zugetheilt. Im Ganzen sind in unserer Branche 1800 Arbeiter und Hilfsarbeiter. Dr. Verkauf: Können Sie irgend welche Vergnügung mitmachen? — Exp. Nr. 24: Für uns gibt es keine Vergnügungen. Dr. Verkauf: Gehen Sie vielleicht manchmal auf einen Ball? — Exp. Nr. 24: Das kommt bei mir nicht vor, bei den Anderen wahrscheinlich auch nicht. Dr. Verkauf: Also Sie haben keine Spur von Geselligkeit? — Exp. Nr. 24: Wir kommen nur in den Fachverein. Dr. Verkauf: Was machen denn Sie im Sommer, z. B. am Sonntag? — Exp. Nr. 24: Ja, da muß ich zu Hause Kleider flicken, die Wohnung räumen und dergleichen. Dr. Verkauf: Machen Sie nicht einmal einen kleinen Ausflug? — Exp. Nr. 24: Ja, ich möchte wissen womit und wohin. Dr. Verkauf: Wie ist es mit der Kleidung? — Exp. Nr. 24: Man muß sich halt vom Munde etwas absparen, wenn man sich etwas kaufen will. Dr. Verkauf: Was haben denn Sie für Kleider? — Exp. Nr. 24 : Zwei, drei Röcke und für den Sonntag einen Oberrock, damit bin ich schon fertig, und ein Paar Schuhe. Dr. Schwiedland: Warum sind Sie aus der Fabrik ausgetreten? — Exp. Nr. 24: Weil ich sehr wenig verdient habe, ich bin m Allem zurückgesetzt worden, und da habe ich gesagt, ich kann's nicht mehr mitmachen. — Exp. L : Ich möchte bezüglich des erwähnten Fabriksbetriebes noch Folgendes erzählen: Gelegentlich der Jnspection durch den Gewerbe- Jnspector hat der Fabrikant zehn Mädchen für den betreffenden Tag aus der Schleiferei weggeschickt, damit nicht zu viel Arbeiter in dem Locale sind. Vorsitzender: Woher wissen Sie denn das ? — Exp. 6: Die Arbeiterin weiß das selbst. Sie hat es mir erzählt. Es war an dem Tag, wo der Jnspector gekommen ist. Die Werkstätte war von Arbeitern ganz voll, weil es zur Saisonzeit war, und da hat der Chef zehn Personen nach Hanse geschickt. Ueberdies hat er aufräumen lassen, Fenster aufgemacht u. s. w. Expertin Nr. 25 (über Befragen seitens des Vorsitzenden): Ich war vor fünf Jahren bereits in der Branche, dann war ich vier Jahre bei der Textilbranche, und jetzt bin ich wieder 1 V 2 Jahre in unserer Branche. Ich bin mit zwölf Jahren überhaupt in die Arbeit gekommen, und da war ich zuerst im Dienst. Jetzt bin ich in einem Betriebe im VII. Bezirk. Wir sind 22 Arbeiterinnen. Es ist ein Kleinbetrieb. Wir haben das ganze Jahr Arbeit. Wenn die Arbeit schwächer ist, wird Niemand entlassen. Es sind Männer und Frauen dort, in gleicher Anzahl. Wir erzeugen Specialartikel: Cigarettendosen, Feuerzeuge u. s. w. Ich bin Presserin. Das Technische des Pressens geht folgendermaßen vor sich: Das Blech wird auf einer eigenen Presse zugeschnitten. Das machen Arbeiter. Das Zuschneiden der Tafeln besorgt der Meister selbst. Dann kommt das Blech in eine Presse und wird gepreßt. Dies besorgen Arbeiterinnen. Jede sitzt bei einer Presse und macht einen Artikel, die Eine diesen, die Andere jenen. Diese Artikel werden 87 geradeso, wie es früher beschrieben wurde, geschliffen. Das Pressen ist eure verhältnißmäßig kleine Arbeit. Es ist bei uns kein Dampfbetrieb, sondern Alles wird mit der Hand gemacht. Eine Schleiferei haben wir nicht, sondern jener Artikel, der geschliffen werden soll, kommt zum Schleifer. Die Arbeiter recrntiren sich meistens aus Arbeiterkreisen, nicht auch aus Kreisen der Kleingewerbetreibenden. In unserem Betriebe sind keine Lehrmädchen, wenn Eine kommt, so wird ihr gleich nach der Woche gezahlt. Ich bin durch den Verein für Arbeitsvermittlung dazugekommen. Bardorf: Es wird doch regelmäßig begehrt, daß eine Arbeiterin, die aufgenommen werden soll, schon pressen kann. — Exp. Nr. 25: Ja, ganz neue Arbeiterinnen werden verhältnißmäßig wenig ausgenommen; es ist natürlich dem Herrn lieber, wenn Eine die Arbeit schon versteht. Die im Zeitlohn beschäftigten Arbeiterinnen bekommen fl. 4'50 und haben für Materialien nichts beizusteuern. Die im Accord Arbeitenden — und darunter bin auch ich — verdienen auch nur fl. 4'50 bis 6. Materialien müssen auch wir nicht beschaffen. Wenn Eine fl. 6 verdienen will, darf sie sich den ganzen Tag nicht vom Platz rühren. Arbeit wird nicht nach Hause genommen. Höchstens wenn das Geschäft sehr stark geht, nehmen die im Accord Arbeitenden etwas von der sogenannten Tischarbeit mit, was sie zu Hause ausfertigen. Die Männer haben viel höhere Löhne; der am schlechtesten Bezahlte, der Hansknecht, hat fl. 8, die Anderen fl. 9 bis 14. Der höchste Lohn für die Arbeiterin beträgt fl. 7; den hat die Zuschneiderin auf der großen Presse. Abzüge und Strafen haben wir keine. Dr. Schiff: Welche Arbeit wird im Tag- und welche im Accord- lohn verrichtet? — Exp. Nr. 25: Dieselbe. Dr. Schiff: Arbeiten mehr Arbeiterinnen im Taglohn oder im Accord? — Exp. Nr. 25: Mehr im Taglohn, denn wenn man nicht sehr geschwind ist, so verdient man sich im Accord nichts. Bardorf: Die flinkeren Arbeiterinnen verlangen selbst in Accord zu kommen? — Exp. Nr. 25: Das ist so. Ich, zum Beispiel, habe erst fl. 4'50 bekommen,^ dann^50 kr. Zulage, und als ich abermals um Zulage bat, sagte der Herr: Ich kann Ihnen keine Zulage mehr geben, aber wenn Sie wollen, können -sie in Accord arbeiten. Ich bin im Betriebe die Einzige, die m Accord arbeitet. (Ueber Befragen des Vorsitzenden.) Ueberstunden werden keine gemacht. Die Arbeit ist gleichmäßig. Arbeitszeit ist von 7 bis 12, 1 bis 6 Uhr. Wir haben keine Pause außer zur Mittagszeit, da wird das Local gesperrt, und wir gehen auswärts essen. Ich gehe in die Volksküche, wo ich 10 bis 12 kr. ausgebe. Von den Anderen geht keine nach Hause, sondern sie essen entweder in der Volksküche oder im Volkscafe. Zum Waschen haben wir zwei große Fässer, eines für Männer, das andere für Frauen. Seife und Handtücher müssen wir uns selbst verschaffen. Sonntag haben wir keine Arbeit, an Feiertagen bis zu Mittag. Tiefe Feiertagsarbeit wird auch nicht besser bezahlt. Kündigungsfrist gibt es keine, weder für den Unternehmer noch für den Arbeiter. Arbeiter, die im Hause des Unternehmers wohnen, gibt es keine. Geschenke werden dem Leiter keine gegeben. Ich esse zu Mittag eine Mehlspeise oder eine Zuspeise und ein Brot oder auch Mehlspeise und Thee. Zum Frühstück esse ich Butterbrot, oder Brot mit Speck. Ich mache mir Kaffee zu Hause, nehme nur aber zum Gabelfrühstück keinen mit, weil ich ihn nicht wärmen kann, znr Jause kaufen wir uns dasselbe wie zum Gabelfrühstück. Zum Nachtmahl nehme ich Kaffee. Vorsitzender: Warum nicht lieber ein Stück Wurst? — Exp. Nr. 25: Ja, ich muß am Abend schon den Kaffee für den anderen Tag in der Früh machen. Dr. Verkauf: Was verausgabt eine Arbeiterin täglich für das Essen? — Exp. Nr. 25: 80 kr., mehr darf sie nicht ausgeben, wenn sie ein bischen anständig gekleidet sein will. Dr. Verkauf: Was zahlen Sie für die Wohnung? —Exp. Nr. 25: Ich zahle monatlich fl. 2, da habe ich ein Bett für mich. Bardorf: In der Regel wird doch für ein Bett 80 kr. bis fl. 1 pro Woche gezahlt? — Exp. Nr. 25: Ja, es ist eben mein eigenes Bett, und ich zahle nur für den Platz. Dr. Verkauf: Wie ist es mit dem Essen an Sonn- und Feiertagen? — Exp. Nr. 25: An Sonntagen esse ich bei meiner Zimmerfrau. Die kocht Suppe, Rindfleisch und Zuspeise. Dafür zahle ich 20 kr. «Ueber Befragen des Vorsitzenden.) Das Arbeitslocal ist im Keller. Es ist zehn Fenster lang. Wir haben eine Ventilation, die aber nicht auf die Straße, sondern in den Vorkeller geht. Die Fenster gehen auf die Straße. Wir haben zwei Aborte, einen für die Männer, den anderen für die Frauen. Die Aborte sind ebenerdig, wir müssen hinaufgehen. Im Arbeitslocale wird nur Frühstück nnd Jause eingenommen. Wir haben einen Werkmeister als Vorgesetzten. Geschenke und andere Unzukömmlichkeiten kommen nicht vor. Bei uns sind lauter ledige Arbeiterinnen. Zur Erholung und Geselligkeit gehe ich in den Fachverein der Eisen- und Metallarbeiter und auch immer in die Versammlungen. Im Sommer mache ich auch mit dem Vereiu Ausflüge. Vorsitzender: Ist unter den anwesenden Experten einer, der eine Zeitung hält? — Exp. Nr. 25: Ich halte mit einer Anderen zusammen die „Arbeiter-Zeitung". Auch bekomme ich vom Verein Broschüren zu lesen. Glieder weiteres Befragen.) Ich bin alleinstehend und habe ein Kind von iechs Jahren. Dieses habe ich bei meiner Mutter, die in Böhmen in der Nähe von Karlsbad ist, in der Kost. Dr. Verkauf: Kommen viele Unfälle vor? — Exp. Nr. 25: Bei uns nicht, bei den Dampfmaschinen schon, aber wir haben keinen Dampfbetrieb. (Ueber Befragen.) Die Reinigung der Werkstätte besorgen die Wochenarbeiterinnen, und zwar während der Arbeitszeit. Die müssen auch die Fenster putzen. Expertin Nr. 26 (über Befragen seitens des Vorsitzenden): Ich bin Galvaniseurin, und zwar seit 2>/r Jahren. Früher war ich auch schon dabei, mußte aber, weil es damals meiner Gesundheit schädlich war, ans- treten und zur Bronzewaaren-Branche übertreten, bei welcher ich sieben Jahre in einem Gesichäfte gearbeitet habe. Vom 11. bis zum 24. Jahre war ich im Dienste. Seit ich verheiratet bin, bin ich zur Arbeit gegangen. Ich bin jetzt in einer kleinen Werkstätte, in der im Ganzen nenn Personen sammt der Polirerin beschäftigt sind. Unter diesen neun Personen, die lauter Arbeiterinnen sind, sind drei Galvaniseurinnen. Wir haben auch keinen männlichen Vorgesetzten. Jetzt ist die Zeit schlecht, da müssen wir hie und da aussetzen. Entlassen aber wird Niemand, nur wenn das Aussetzen ein solches dlus- maß annimmt, daß es die eine oder andere Arbeiterin nicht erträgt und ihren Bedürfnissen nicht nachkommen kann, so verläßt sie selbst den Platz. Der Geschäftsbetrieb ist bei uns folgender: Die Waare, welche bei uns galvanisirt, versilbert oder vergoldet wird, wird zunächst von der Polirerin mit Stahl polirt. Das Poliren geschieht mit der Hand; wir haben keinen Dampfbetrieb. Ich selbst bin beim Versilbern, und zwar beim schweren Versilbern nach Gewicht. Es gibt zwei Kategorien des Versilberns; nämlich das billigere, sudversilbern, dann das schwere Versilbern nach Gewicht. Dies geschieht in folgender Weise: Zuerst wird der Messinggegenstand mit Scheidewasser und Vitriol gebrannt, dann wird er mit Sand und Wasser gereinigt, und dann kommt er in's Bad. Dieses Bad ist cyankalihältig, nnd es sind überhaupt schädliche Substanzen drin enthalten, so daß, wenn man eine kleine Wunde am Finger hat, leicht eine Blutvergiftung eintreten 89 kann. Bei uns ist das noch nicht vorgekommen. In den anderen Betrieben schon. Bardorf: Wer richtet das Bad her? — Exp. Nr. 26: Der Chef. Bardorf: Haben Sie die Schutzvorrichtung der Däumlinge? — Exp. Nr. 26: Nein. Vorsitzender: Haben Sie Berufskrankheiten? — Exp. Nr. 26: Davon weiß ich nichts. Wenn man angestrengt den ganzen Tag arbeitet, so hat man am Abend Kopsweh, Magenbeschwerden und Beklemmungen. Dr. Verkauf: Kommen Hautkrankheiten an den Händen vor? — Exp. Nr. 26: Wir bekommen offene Hände, sehr kleine Schwielen; wenn man sich nicht fleißig die Hände reinigt und schmiert, so hat man sie bis hinauf offen. Dr. Verkauf: Haben Sie Waschvorrichtungen im Arbeitslocal? — Exp. Nr. 26: Zum Waschen haben wir gar keine Vorrichtung, sondern wir gehen zum Brunnen, und das auch im Winter. — Exp. Beer: Welche Hilfsmittel haben Sie zum Poliren? — Exp. Nr. 26 : Das wird nur mit der Hand gemacht. (Ueber Befragen.) Für das Aussetzen werden wir nie entschädigt, es dauert aber nicht wochenlang. Dr. Verkauf: Das scheint also nur ein Stnndenlohn zu sein. Wenn also eine Stunde weniger gearbeitet wird, so wird diese Stunde vom Lohn abgezogen? — Exp. Nr. 26: Ja. (Ueber Befragen des Vorsitzenden.» Wir sind Hefter bezahlt als anderwärts. Wir Galvaniseurinnen bekommen sl. 8, eine Hilfsarbeitern:, die uns in die Hand arbeitet, fl. 6 und die Polirerin fl. 5 bis 8. Das ist aber nur in unserem Betrieb. Es gibt Werkstätten, wo die Galvaniseurinnen nur fl. 5 bis fl. 6 verdienen. Dort, wo Galvaniseure sind, werden die Mädchen nur zu Hilfsarbeiter: verwendet. Ausgaben für Materials haben wir keine. Ueberstunden kommen zu jenen Zeiten vor, wo das Geschäft am stärksten geht, z. B. vier bis sechs Wochen vor Weihnachten. Heuer waren die Weihnachtsgeschäfte schlecht, da haben wir nur ein paar Wochen Ueberstunden gemacht und hatten einige Sonntage bis Mittag Arbeit. Voriges Jahr aber, wo das Weihnachtsgeschäft gut war, da haben wir bis 8, manchmal bis 9 Uhr Ueberstunden gemacht und mußten den ganzen Sonntag arbeiten. Die Ueberstunden werden wie die sonstigen Arbeitsstunden bezahlt. Nur für die Sonntagsarbeit bekommen wir noch eine Draufgabe, welche von der Gutwilligkeit der Frau abhängt. Polir- arbeiten werden in der Zeit, wo das Geschäft stark geht, nach Hause genommen, und zwar von allen Arbeiterinnen, die im Geschäfte sind. Diese Hausarbeit dürfte zwei bis drei Stunden in Anspruch nehmen. Die Arbeit zu Hause wird besser bezahlt. Es ist das ein Stücklohn, hängt aber auch von der Gutwilligkeit der Frau ab. Oft zahlt sie für das Stück so viel, daß sie gar nichts daran verdient, weil sie es nur deswegen schnell machen läßt, um die Kundschaft nicht zu verlieren. In unserem Geschäft wird nur für Kundschaften gearbeitet. Dr. Verkauf: Wie viel beträgt der Lohn, wenn man zu lernen beginnt? — Exp. Nr. 26: Man bekommt sofort sl. 4'50, das Poliren beansprucht aber eine gewisse Uebung und erfordert deshalb sechs Monate Lehrzeit. Die Polirerin bekommt deshalb sechs Monate keinen Lohn, auch keine Verpflegung, weil das überhaupt nicht eingeführt ist, und nachher bekommt sie von fl. 2'50 bis 3 aufwärts. Dr. Verkauf: Nach welcher Zeit kommt sie zum höchsten Lohn? — Exp. Nr. 26: Nach zwei Jahren. Dr. Verkauf: Nach welcher Zeit nimmt die Leistungsfähigkeit der Arbeiterin wieder ab? — Exp. Nr. 26: Diese Arbeit schädigt sehr die Augen. Wenn also die Sehkraft abnimmt, so wird auch die Leistungsfähigkeit geringer. 90 Vorsitzender: Sagen Sie uns etwas Näheres über diese Lehrmädchen bei den Polirerinnen. — Exp. Nr. 26: Sie bekommen durch sechs Monate nichts, heißen Lehrmädchen und bekommen dann ein Lehrzeugniß. (Ueber weiteres Befragen.) Abzüge und Strafen haben wir keine. Die Arbeitszeit ist speciell bei uns ungeregelt, sie sollte von 7 bis 6 Uhr dauern, aber es wird meist erst um halb 7 oder 7 Uhr Feierabend gemacht. Auch die Mittagspause beträgt keine volle Stunde. Es ist dadurch verursacht, weil die minder bemittelten Leute, wenn sie ihre Ketten oder Ringe versilbern oder vergolden lassen, gewöhnlich zu Mittag in's Geschäft kommen und darauf warten, und in Folge dessen muß dann die betreffende Arbeiterin auch während der Mittagspause arbeiten, so daß es meist ' 4 oder 6,1 Uhr- ist, bis wir aus dem Local kommen. Wir haben keine Frühstücks- und Jausenpause, sondern wenn wir etwns essen wollen, müssen wir es während der Arbeit essen. Wenn wir das Local erst um halb 1 Uhr verlassen, so müssen wir doch wieder um 1 Uhr in's Geschäft zurück, haben also keine volle Stunde. (Ueber Befragen.) Voriges Jahr, in der Saison, haben wir auch am Sonntag bis Abends gearbeitet. Der Gewerbe-Inhaber hat um die Erlaubniß bei der Behörde angesucht, diese ist ihm nicht bewilligt worden, er hat aber natürlich trotzdem arbeiten lassen. Für Sonn- und Feiertage wird besser gezahlt, und hängt dies von der Gutmüthigkeit der Frau ab; wie viel gezahlt wird, ist verschieden. Wenn Eine zum Beispiel fl. 8 wöchentlich hat, so bekommt sie anstatt fl. 1'33 für den Tag st. 1'50 oder fl. 1'60. Die Saison ist im Winter. Kündigungsfrist haben wir keine. Die Arbeiterinnen recrutiren sich lediglich aus Arbeiterkreisen. Ich bin durch das „Neue Wiener Tagblatt" in das Geschäft gekommen. Die Arbeiterinnen wohnen niemals bei der Frau und nehmen auch bei ihr nicht Kost. Wir müssen keine Materialien und Werkzeuge selbst anschaffen. Die Polirerinnen müssen ihre Werkzeuge selbst haben. Geschenke kommen bei uns vor, denn es ist bei uns eingeführt, daß zum Namenstage der Frau gesammelt wird, und wehe der, die nichts hergibt! Ich wohne 'mit meinem Manne zusammen, der Schlosser ist; wir haben Cabinet und Küche und zahlen fl. 8 monatlich. Zu Hanse koche ich nur an Sonntagen, an Wochentagen nehme ich nur Früh gemeinschaftlich mit meinem Manne den Kaffee. Dann gehe ich in's Geschäft und esse zum Gabelfrühstück ein paar Würstel oder Brot mit Speck. Viel kann man nicht essen, weil die Hände von den verschiedenen Präparaten bitter werden und es Einen ekelt. Mittags gehen wir beinahe Alle in's Kaffeehaus. Nachmittags haben wir gar nichts, und Abends koche ich wieder zu Hause. Kinder haben wir keine. Dr. Riedl: Kommt bei Ihnen kein Vergiftungsfall vor? Das Bad ist doch cyankalihältig, und sie führen mit den schmutzigen Händen die Nahrung zum Munde. — Exp. Nr. 26: Es ist vorläufig noch nichts passirt. Dr. Riedl: Wie hoch ist der Lohn Ihres Mannes? — Expertin Nr. 26: fl. 12 . Bard 0 rf: Was kostet das Werkzeug, das sich die Polirerin anschaffen muß, und nach welcher Zeit nützt es sich ab? — Exp. Nr. 26 : Das kostet fl. 4 bis 5, und je nachdem, ob sie ein gutes Werkzeug hat, dauert es vielleicht drei bis vier Jahre. Dieses Werkzeug ist ihr Eigenthum, sie braucht es auch nicht beim Arbeitnehmer zu kaufen, sondern wo sie will. Dr. Riedl: Muß sie auch den Kalk- und den Blutstein selbst kaufen? — Exp. Nr. 26: Ja. Dr. Riedl: Auch den Polirstahl? — Exp. Nr. 26: Auch den. Was aber zum Poliren an und für sich gehört, Seife, Bimsstein u. s. w. stellt die Frau bei. «Ueber Befragen seitens des Vorsitzenden.) Das Arbeitslocal ist ebenerdig; die Beschäftigten befinden sich in zwei Zimmern. Bentilations- vorrichtung ist keine. Durch das Oefsnen der Fenster können wir Luft hereinlassen, aber das thun wir nicht, weil es wieder zieht. Wir stehen den 91 ganzen Tag in der Werkstätte und sind ganz naß, weil unsere Arbeit mit Wasser gemacht wird, und müssen in Folge dessen jeden Zug vermeiden. Wir sind an den Füßen ganz naß und müssen Holzpantoffel tragen und grobe Schürzen, und weil wir nicht ein paarmal am Tage wechseln, so werden wir durch und durch naß. Die Schürzen und Kleider müssen wir selbst beistellen, durch die scharfen Präparate wird aber viel abgenützt. Abort ist nur einer. Der Dunst, der beim Vergolden entsteht, ist sehr ungesund. Dr. Riedl: Beim Abbrennen des Messings entwickeln sich gleichfalls schädliche Dämpfe. Wird das auch im Locale gemacht? — Exp. Nr. 26: Nein, im Hos, im offenen Raum. Dr. Riedl: Auch im Winter? Und gehen da die Mädchen und Frauen hinaus? — Exp. Nr. 26: Ja, das ist schon so bei unserer Arbeit. Vorsitzender: Kommen da nicht häufig Katarrhe vor ? — Expertin Nr. 26: Ja, sie kommen vor, aber die Brennerei ist nur zehn Schritte vor der Thür. Unsere Werkstätte liegt ebenerdig. Baronin Vogelfang: Wie steht's mit der Gesundheit bei den Galvaniseurinnen? — Exp. Nr. 26: Die sind selten gesund. Speciell mit den Frauen, die schwanger sind, steht es sehr schlecht, und es wird auch die Statistik nachweisen, daß bei uns die meisten Todtgeburten sind. Baronin Vogelfang: Sind die jungen Mädchen auch bleichsüchtig ? — Exp. Nr. 26: Bei uns nimmt man wenige junge Mädchen auf. Baronin Vogelfang: Und wie ist es in anderen Betrieben? — Exp. Nr. 26: Von den anderen Werkstätten kann ich es nicht sagen, weil ich wenig Einblick habe. Aber ich weiß, daß im Allgemeinen dort die jungen Mädchen ein sehr schlechtes Aussehen haben, und daß man annehmen kann, daß sie derartige Krankheitei: haben. Dr. Riedl: 'Was hatten Sie da für eine Krankheit, nachdem Sie das erste Mal Galvaniseurin waren? — Exp. Nr. 26: Da hatte ich eine Magenkrankheit. Ich war kurze Zeit in ärztlicher Behandlung und habe mich dann selbst curirt. Bardorf: Kommt es häufig vor, daß Mädchen vom Galvauisiren weggehen? — Exp. Nr. 26: Ja, sie spüren es schon in der ersten Zeit, wenn es ihnen nicht gutthut. ^ Vorsitzender: Gibt es auch solche, denen es gutthut? — Expertin Nr. 26: Es hängt das sehr mit der Nahrung zusammen. Wenn sie sich nicht entsprechend nähren kann, so wird sie dadurch rninirt. Bei kräftiger Nahrung hält sie es länger aus. Baronin V o g elf ang : Wird die Arbeit stehend oder sitzend verrichtet? — Exp. Nr. 26: Wir müssen den ganzen Tag stehen. Exp. U: Bei dieser Arbeit werden die Nägel schartig, so daß die Hände dabei verunstaltet werden. Es kommt besonders bei den Polirerinnen vor, daß sie krumme Finger bekommen. Exp. Nr. 26: Bei den Polirerinuen wird die Hand so verunstaltet, daß sie ein sogenanntes Ueberbein bekommen. Sie bekommen eine harte Haut, und diese bleibt ihnen als Kennzeichen. Wir Galvaniseurinnen haben alle die Nägel abgeschürft. Dr. Riedl: Wodurch wird dieses Ueberbein hervorgerufen? — — Exp. Nr. 26: Der Griffel des Polirstahls liegt am Knöchel an der äußeren Fläche auf, und dadurch entsteht das Ueberbein. (Ueber Befragen des Vorsitzenden.) Ich habe auch noch für meine Mutter zu sorgen. Diese wohnt extra in einem Cabinete, und ich unterstütze sie. (Ueber Befragen.) In der Bronzebranche habe ich ungefähr das Gleiche verdient, ich habe mit fl. 4 angefangen und bin bis auf fl. 7 gekommen. Ich bin wieder znr Galvanisirarbeit zurückgegangen, weil das Geschäft, in welchem ich war, pch aufgelöst hat. 92 Dr. Schiff: Gehören Sie einer Verbindung an? — Exp. Nr. 26: Dem Fachverein der Bronzearbeiter. Bardorf: Sind die Löhne im Allgemeinen bei den Bronzearbeitern so hoch, wie Sie sagten? — Exp. Nr. 26: O nein, ich habe in diesem Betriebe nur deswegen so viel gehabt, weil ich die Erste war. Die Anderen haben blos fl. 3, 4, 5 bekommen. Dr. Riedl: Wie kommt es, daß Sie, die Sie doch Galvanisenrin sind, bei einem Bronzearbeiter die erste Arbeiterin waren? — Exp. Nr. 26 : Früher hat er gar kein weibliches Personale gehabt. Ich war die erste Frau, die hingekommen ist, nach und nach sind viele Andere hingekommen, und da ich sehr lange dort war, so habe ich eben unter den Arbeiterinnen die erste Stelle eingenommen. Expertin Nr. 27 (über Befragen des Vorsitzenden): Ich bin Galvanisenrin. Ich war früher drei Jahre als Galvanisenrin beschäftigt, dann war ich drei Jahre in einer Schleiferei und jetzt bin ich wieder seit sieben Monaten in einem Galvanisirbetriebe. Zuerst war ich im Dienste, bis ich geheiratet habe. Jetzt bin ich seit zwei Tagen in einer Blechwaarenfabrik, darüber kann ich also nichts Genaues aussagen. Jetzt bin ich durch Umfrage in das Geschäft gekommen. Früher, beim Galvanisiren, war ich im Taglohn und habe fl. 7'20 bekommen, weil ich beim Vernickeln war. Abzüge für Materialien wurden nicht gemacht. Es waren nur zwei Arbeiterinnen außer mir; nämlich ein Mädchen, das fl. 4 bekommen, und noch eine Galvanisenrin, die auch fl. 7'20 hatte. Ich habe mit dem Lohn von fl. 7'20 angefangen, weil ich schon vorher in einer Fabrik das Galvanisiren gelernt habe. Daselbst wird nur von einer Anzahl von Arbeitern und Arbeiterinnen das ganze Jahr gearbeitet. Während vier bis fünf Wochen, wenn die Arbeit mit den Gulaschbüchsen kommt, werden 60 bis 60 Mädchen ausgenommen. Die übrige Zeit hindurch werden Kaffeemaschinen und dergleichen fabricirt. Diese 50 bis 60 Mädchen suchen sich wo anders Arbeit, bis sie sie halt finden. Dr. Riedl: Welche Arbeit hatten Sie ursprünglich in der Fabrik? — Exp. Nr. 27 : Ich bin gleich zur Galvanisirung gekommen, da wurde verzinkt, verkupfert, vernickelt und vermessingt. Das Poliren habe ich nicht besorgt, das hat die Schleifern: gemacht. Es wird dort gewöhnlich nur kalt versilbert, mit Sudsilber, das wird nur aus nassem Wege, mit Wasser mit Kratzbürste gekratzt. (Ueber Befragen durch den Vorsitzenden.) Wir haben neun Stunden Arbeitszeit, von 8 bis 6. Frühstücks- und Jausenpause haben wir nicht. Ueberstnnden sind keine. Arbeit wird keine nach Hanse genommen. Abzüge und Strafen finden nicht statt. Ich gehe zur Mutter essen; die Anderen holen sich etwas vom Wirtbshaus. Zum Reinigen haben wir ein Lavoir, aber keine Seife und keine Handtücher. Nachtarbeit kommt nicht vor. An Sonn- und Feiertagen wird nicht gearbeitet. Kündigungsfrist ist keine. Bei der Arbeit müssen wir stehen, nur beim Pressen sitzen, aber nicht bei jeder Presse ist das so, dort, wo die Deckel eingedrückt werden, müssen sie auch stehen. Jetzt arbeite ich nicht bei der Presse, sondern ich richte nur die Gegenstände zu. Ich muß aber auch da den ganzen Tag stehen. Vorsitzender: Wird Ihnen das nicht sehr schwer? — Expertin Nr. 27: Allerdings. Aber da kann man nichts machen. Vorsitzender: Fürchten Sie nicht für Ihr Kind? — Exp. Nr. 27 : Die Arbeit ist doch nicht so schwer wie in der Schleiferei. Vorsitzender: Wie lange arbeiten die Frauen in der Schleiferei vor der Entbindung ? — Exp. Nr. 27: Bis zur letzten Stunde. Von den in der Schleiferei Beschäftigten können sehr Wenige ihre Kinder am Leben erhalten. Vorsitzend er: Haben Sie schon früher Kinder gehabt? — Expertin Nr. 27: Drei. Keines ist am Leben geblieben. Zwei sind mit drei Jahren gestorben, eines mit sieben Monaten. Darum bin ich jetzt nicht mehr in der 93 Schleiferei. Der Arzt sagte, die Kinder seien an Mangel an Lebenskraft gestorben. Vorsitzender: Liegt der Grund hiefür nicht in der schlechten Ernährung? — Exp. Nr. 27: Nein, der Arzt hat das der Beschäftigung zugeschrieben. — (Ueber Befragen des Vorsitzenden.) Die Arbeiter wohnen nicht in der Wohnung der Unternehmer. Ich habe Zimmer und Küche. Mein Mann ist Metallschleifer und hat bis jetzt fl. 15 wöchentlich verdient. Was er jetzt verdienen wird, weiß ich nicht, weil wir Beide vier Wochen im Strike gestanden sind. Jetzt wird er wahrscheinlich nur fl. 10 verdienen und ich statt fl. 7 nur fl. 4'80. Vorsitzender: Wird Ihnen das nicht vorausgesagt, was Sie verdienen ? — Exp. Nr. 27: Nein, das erfährt man nur so beiläufig von den Anderen untereinander. Der Herr nimmt Einem einfach das Buch, und fertig. Baronin Vogelfang: Ist es nur am Anfang so, oder wird es Ihnen später vielleicht gesagt? — Exp. Nr. 27: Am Ende der Woche, am Samstag werden wir das erfahren. (Ueber Befragen des Vorsitzenden.) Mein Mann ißt in der Werkstätte; ich esse bei meiner Mutter und muß ihn dafür arbeiten helfen. Vorsitzender: Also außerhalb Ihrer Arbeitszeit "müssen Sie bei Ihrer Mutter arbeiten? — Exp. Nr. 27: Ich mark jetzt vier Wochen im Strike, und da habe ich eben der Mutter, die Hausbesorgerin ist, beim Stiegenreinigen u. s. w. geholfen. Vorsitzender: Waren Sie da schon in der Hoffnung? — Expertin Nr. 27: Ja. Vorsitzender: Kommen Geschenke und andere Unzukömmlichkeiten seitens der Werkführer vor? — Exp. Nr. 27: In einem Betriebe, wo ich war, war ein Werkführer, der eine dort beschäftigte Frau zur Geliebten hatte. Beide waren verheiratet. Wenn man der nicht schön gethan hat, so ist man schlecht behandelt worden. Mir hat sie einmal gesagt: „Du patscherte Sau, Du wirst hinausgeschmissen!" Sie hat gestohlen, er auch. Als das endlich dem Herrn bekannt wurde, ist sie hinausgeworfen worden. Wir anständigen Arbeiter sind allerdings drin geblieben, aber der Werk- sührer auch, weil der Herr ihn gut brauchen konnte. Dr. Riedl: Weiß denn Ihr Mann auch nicht, wie viel er bekommt ? — Exp. Nr. 27: Nein. Er wird fl. 10 bis 11 bekommen; wenn er sich gualificirt, mehr. (Ueber Befragen des Vorsitzenden.) Das jetzige Locale ist ebenerdig. Es ist ein sehr großer Raum mit fünf Fenstern, sehr licht. Es sind 60 Personen darin. Staub ist keiner. Vorsitzender: Fünf Fenster für 60 Personen? — Exp. Nr. 27: Es sind große/dreitheilige Fenster. Für 60 Personen ist allerdings der Raum zu klein. Es sitzt und steht Einer neben den: Anderen; man kann sich nicht rühren. Ventilation ist keine. Die Luft ist ungesund und dunstig. Die Fenster gehen in den Hof. Im Vocal selbst wird nur Frühstück und Jause genommen, aber man kann zum Frühstück ohnehin nichts nehmen, weil die Hände schmutzig sind. Außerdem darf auch nicht ein Aufhalten geschehen. In dem Betriebe, wo ich früher war, waren drei Frauen und ein Mann. Baronin Vogelfang: Kommt es vor, daß vom Werkführer oder Unternehmer den Arbeiterinnen etwas Unrechtes zugefügt wird? — Exp. Nr. 27: Der Betriebsinhaber, wo ich früher war, hat ein Mädchen gehabt, die war beim Zusammenräumen. Der hat er goldene Uhren und andere Geschenke gegeben. Ob er das nur für das Zusammenräumen gethan hat, weiß ich nicht. Dr. Rredl: Wie haben Sie Ihre Kinder genährt? — Exp. Nr. 27: Ich hatte sie in der Kost. Dr. Riedl: Selbst genährt haben Sie keines ? — Exp. Nr. 27 : Nein. 94 Dr. Riedl: Haben Sie sie zur Mutter gegeben? — Expertin Dr. Riedl: Wie viel haben Sie für die Kost gezahlt? — Exp. Nr. 27: fl. 10 monatlich für alle drei. Dr. Riedl: Wissen Sie auch, was man den Kindern für dieses Geld geboten hat? — Exp. Nr. 27: Das weiß ich nicht. Der Mann war ein Schuster; Noth haben sie keine leiden müssen, aber wenn ein Kind nicht lebensfähig ist, so lebt es halt nicht weiter. (Ueber Befragen.) Ich bin nicht krank, aber mein Mann hat fortwährend Lungen- und Nasenkatarrh. Er ist seit seiner Jugend Schleifer; er hustet immer, schaut zwar nicht schwächlich aus, ist aber nicht gesund. Er ist 32 Jahre alt. Vorsitzender: Vergönnen Sie sich am Sonntag ein Vergnügen? — Exp. Nr. 27: Wir haben alle Beide verdient, und wenn wir kein Kind gehabt haben, so sind wir halt irgendwo hingegangen. (Ueber Befragen des Vorsitzenden.) Wir stehen Beide in der Organisation und kaufen uns alle Tage die „Arbeiter-Zeitung". Expertin Nr. 28 (über Befragen seitens des Vorsitzenden): Ich bin seit 13 Jahren im Betriebe und kam mit 15 Jahren zu demselben. Ich bin in einem Großbetrieb in Ottakring. Es sind dort 16 Schleifer beschäftigt, 12 männliche und 4 weibliche, im Ganzen sind über 200 Personen im Betriebe. Wir arbeiten das ganze Jahr; seit September haben wir sehr viel Arbeit. Wir erzeugen Thürklinken, Fensterreiber und dergleichen. Der Betrieb ist ein ausgebildeter Motorenbetrieb. Hausarbeit gibt es nicht, auch Lehrmädchen nicht. Ich bin in das Geschäft durch Anfragen gekommen. Dr. Riedl: Wie lange haben Sie gelernt? — Exp. Nr. 28: Ich habe die Arbeit abgestaubt, und die anderen Arbeiter haben sie fertig gemacht und geputzt. Ich habe mir bald eine gewisse Fertigkeit erworben. Damals habe ich fl. 3 pro Woche bekommen, nach einem Jahre 50 kr. Zulage. (Ueber Befragen des Vorsitzenden.) Die Arbeiter sind alle im Accord, Zeitlohn gibt es nicht. Jetzt verdiene ich mir fl. 7, 8, 9, auch 10. Die Männer verdienen sich mehr( die jugendlichen Arbeiter weniger; die Männer haben fl. 15, 16, 17. Unser Betrieb ist einer der größten in Wien. Schmirgel wird an die Arbeiter bei uns nicht verkauft, das kommt vom Herrn. Wieso es kommt, daß dies in anderen Betrieben nicht so ist, weiß ich nicht. Bei uns wird geradeso mit dem Material gearbeitet wie in anderen Betrieben. Exp. ö: Mir ist bekannt geworden, daß in diesem Betriebe, wenn Jemand ein sogenanntes Tuch braucht, er es nicht bekommt. Bor sechs Jahren war es so. Exp. Nr. 28: Heute ist das nicht. Wir bekommen alle 14 Tage ein Kilo Tuch. Wenn wir nicht auskommen, so müssen wir uns eben darum streiten, daß wir eines bekommen. Der Magazineur hat uns einmal keines geben wollen; da sind wir zum Werkführer gegangen und haben gesagt, daß wir, wenn wir keines bekommen, zum Herrn gehen werden. Daraus wollte er es nicht ankommen lassen, weil er weiß, daß der Herr sagt, es muß uns gegeben werden. Das hat sich nun eingebürgert. Jetzt halten die Aröeiter zusammen, aber früher haben sie sich nicht getraut und haben es selbst gekauft. Von den Arbeitern gehören nur drei der Organisation an. Es ist dort kein großer Wechsel, alle sind schon drei bis vier Jahre dort. Einer ist 12 Jahre dort, Einer sogar 20 Jahre. Vorsitzender: Müssen die Maschinen nicht geputzt und gereinigt werden? — Exp. Nr. 28: Nein, wir haben nur Besen, und wenn wir mit dem Schleifen fertig sind, so kehren wir die Messingspäne zusammen. (Ueber weiteres Befragen des Vorsitzenden.) Nach Hause bekommen wir keine Arbeit. Wir haben eine Fabriksordnung, die Jeder lesen kann. Es steht darin: Wenn Jemand muthwilligerweise eine Maschine oder Material ruinirt, so muß er Strafe zahlen. Bei der Arbeit selbst wird an der Maschine nichts gebrochen. 95 Exp. B: Es kommt vor, das; Gegenstände unrein gegossen sind, was man oft erst bemerkt, wenn der Gegenstand halb geschliffen ist. Bekommt man da die Hälfte gezahlt oder muß man es umsonst machen? — Exp. Nr. 28: Wenn man es sieht, so gibt man den Gegenstand zurück, sonst kriegt man nichts dafür. Vorsitzender: Wenn der Gegenstand aber schon zu Ende gearbeitet ist? — 1§xp. Nr. 28: Da bekommt man nichts dafür, außer wenn der Fehler ausgebessert werden kann. Wenn man sich darüber beschwert, nützt es nichts. - Dr. Adler: Sind Sie noch nie mit weniger nach Hause gegangen * als mit fl. 7 ? — Exp. Nr. 28: O ja, ich bin schon mit fl. 3, 4 nach Hanse gegangen. Seit zwei Jahren aber ist viel Arbeit. Dr. Adler: Fällt das mit der Zeit zusammen, wo Ueberstnnden gemacht werden? — Exp. Nr. 28: Ja. Dr. Adler: Wird auch an Feiertagen gearbeitet? — Exp. Nr. 28: Ja, aber an Sonntagen nicht. Dr. Adler: Eine solche Arbeiterin wie Sie verdient also verhält- nißmäßig viel? — Exp. Nr. 28: Ich gehöre zu den besseren Arbeiterinnen. Dr. Adler: Ist während der Zeit, wo Ueberstnnden gemacht werden, fl. 7 der geringste Lohn? Wissen Sie auch bei anderen keinen niedrigeren Lohn ?—Exp. Nr. 28: Es ist nur eine Schleifern:, die, wenn es besser geht, fl. 7, 8 hat. Bei uns ist das wenig. Dr. Adler: Sind auch in den anderen Werkstätten Arbeiterinnen? — Exp. Nr. 28: In der Dreherei sind drei. Die bohren Löcher und sraisen aus. Sie müssen auch die Arbeiten in Petroleum answaschen. Die bekommen pro Stunde 10 kr. Dort gibt es auch viel Schmutz. Eine andere Ar- heiterm hat fl. 5'50, die ist im Wochenlohn. * Dr. Adler: Wie viel bekommen die für Ueberstnnden? — Expertin Nr. 28: 5'/z kr. für die Stunde. Dr. Adler: Es sind also in der Fabrik nicht viele Frauen? — Exp. Nr. 28: Im Comptoir sind 12 bis 14 Mädchen. Die waschen die Arbeiten ab und Packen ein. Diese haben fl. 3'60, die Packerinnen fl. 5, 6, die sind schon 10 bis 12 Jahre dort. Dr. Riedl: Wie viel verdienen Sie bei regelmäßiger Arbeitszeit? — Exp. Nr. 28: Bei zehnstündiger Arbeitszeit verdiene ich fl. 6 bis 7 ; wenn ich sehr gute Arbeit habe, fl. 8. Dr. Riedl: Es scheint, daß die Accordsätze nicht nach der Schwierigkeit der Arbeit abgestuft sind? — Exp. Nr. 28: Nein. — Exp. Beer: Wie kommt es, daß in dieser Fabrik Männer, die im Accord arbeiten, fl. 5 verdienen, während die Frauen mehr verdienen? — Exp. Nr. 28: Das habe ich nicht gesagt. — Exp. Beer: Ich kenne aber Leute, die dort sind und fl. 5 verdienen. — Exp. Nr. 28: Einem schreibt der Werkmeister viel ein, dem Anderen weniger. — Exp. Beer: Hängt das vom Willen des Werkmeisters ab? — Exp. Nr. 28: Ja, es ist auch bei uns so. Am Freitag haben wir die Einschreibung. Da fürchten wir uns schon. Wenn er gut A gelaunt ist, schreibt er Alles ein. Vorsitzender: Worauf ist das zurückzuführen?—Exp. Nr. 28: In der Fabrik kümmert sich der Herr nicht viel. Es gibt wohl Aufzeichnungen über die Arbeitspreise, wenn man aber dem Werkführer mit einem solchen Buche kommt, kann man von ihm die größten Grobheiten hören. Wenn man zum Herrn geht, so gibt er dem Werkführer recht, und der Arbeiter zieht den Kürzeren. Ich bin einmal deswegen entlassen worden. Da heißt es, man ist keck, wenn man für sein Recht eintritt. Ich bin im Jahre 1894 entlassen worden, weil ich 12 kr. per Dutzend haben wollte und er mir nur 9 kr. einschreiben wollte. Da habe ich ihm das Buch gebracht, und darauf 96 hat er mir gesagt, ich soll meine Goschen halten. Das war am Samstag Vormittags, und am Abend war ich entlassen. Kündigung haben wir keine. Dr. Adler: Sie sagen, der Werkführer schreibt Einer mehr ein, der Anderen weniger. Warum macht er einen Unterschied ? — Exp. Nr. 28: Das thut er nur bei den Frauen. Den Männern schreibt er ganz gleich ein, aber bei den Frauen probirt er's halt. Das sind ja lauter Männerarbeiten, welche die Frauen machen. Nun fällt es ihm auf einmal ein, die Arbeiten, die bisher ein Mann gemacht hat, einer Frau zu geben. Man kann nicht sagen, ich kann das nicht machen; er gibt uns die Arbeit, damit er weniger zu zahlen braucht. Die Männer fügen uns oft: Lasfen Sie sich das nicht gefallen! Dr. Adler: Die Frauen untereinander behandelt er alle gleich? — Exp. Nr. 28: Ja. (Ueber Befragen des Vorsitzenden.) Ich bin ledig und habe keine Eltern. Früher war ich zu Bette. Nachdem meine Zimmerfrau gestorben war, habe ich mir ein eigenes Cabinet genommen in der nächsten Nähe der Fabrik. Dort zahle ich fl. 4'50 monatlich. Zu Mittag gehe ich nach Haufe. Ich koche aber nicht, sondern hole mir vom Gasthause eine Suppe oder ein Krügel Bier und Wurst dazu. Frühstück nehme ich keines, weil ich keine Kaffeefreundin bin. Um 10 Uhr nehme ich ein Paar Würstel und ein Seidel Bier. Zur Jause kaufe ich mir um 1 kr. Brot und ein Seidel Bier. Abends mache ich Thee, oder ich kaufe mir wieder Bier. Vorsitzender: Wie viel geben Sie also im Tag für's Essen aus? — Exp. Nr. 28: Das macht zusammen 30, 34, höchstens 40 kr. aus. Dr. Adler: Wie sieht Ihr Zimmer aus? — Exp. Nr. 28: Es ist im Parterre, direct vom Gange aus. Die größeren kosten viel mehr. Die Beleuchtung ist durch das Thürfenster. Ich bewohne es allein und habe darin ein Bett, einen Kasten, einen Tisch und zwei Sessel. Das gehört mir. Das habe ich noch von meiner Mutter. Ich zahle vom 15. bis 15., wenn ich nicht aus einmal zahle, so macht's auch nichts. Das Cabinet habe ich direct vom Hausherrn. Vorsitzender: Sind in dem Hause viele solche Wohnungen? — Exp. Nr. 28: Nur diese eine. Dr. Adler: Wie wird geheizt? — Exp. Nr. 28: Ich habe einen Ofen darin, der ist mein Eigenthum. (Ueber weiteres Befragen des Vorsitzenden.) Die Arbeitslocalitäten sind alle in einem Hause. Wir arbeiten ebenerdig. Die Gürtlerei ist im ersten Stock. In dem Vocale, wo ich arbeite, sind 16 Personen. Es hat vier Fenster und ist nicht hoch. Das Gebäude ist alt. Als Ventilationsvorrichtung ist nur ein Rädchen in einer Ecke des Fensters. Meist werden die oberen Flügel der Fenster geöffnet. Die Fenster gehen auf die Gasse. Es wird in diesem Vocale auch gegessen, aber nicht zu Mittag, denn da wird das Vocal gesperrt. Waschvorrichtungen haben wir keine. Wir haben ein Schüssel, das haben zwei Arbeiter selbst gekauft, weil sie nicht ungewaschen nach Hause gehen wollen. Wir haben vier Aborte. Dieselben sind für Männer und Weiber gemeinsam; zwei sind im ersten Hose und zwei im zweiten. Zu Weihnachten, wenn die Inventur ist, wird einmal das eine und dann das andere Vocal geweißt. Im vergangenen Jahre ist nichts gemacht worden. Am Samstag kehren wir mit dem Besen zusammen. Wir machen das selbst, weil uns der Schmutz nicht recht ist. Der Fußboden ist hölzern und ist sehr schmutzig, da nehmen die Männer den Stößel und scheeren ihn auf. Zusammengekehrt wird alle Tage, aber was festgetreten ist, muß ausgeschert werden. Das bleibt Wochen- und monatelang liegen, von einem Aufreiben kann keine Rede sein. Bezüglich der Sittlichkeit weiß ich nichts Gravirendes auszusagen. Wir lassen uns nichts gefallen, von den Arbeitern schon gar nicht. Vorsitzender: Sind nie zwischen Männern und Weibern Unanständigkeiten vorgekommen? — Exp. Nr. 28: Wenn Einer was sagt, sind 97 wir mit ihm keck, und ein zweites Mal erlaubt er sich's nicht mehr. Bei uns ist nur eine Arbeiterin verheiratet. Dr. Adler: Sind Arbeiterinnen auch schon lange in diesem Betriebe? — Exp. Nr. 28: Eine Arbeiterin war 27 Jahre im Hause; sie war meist in der Schleiferei. Wie sie nicht mehr schleifen hat können, ist sie zur Röhrlarbeit gekommen, und wie sie auch das nicht mehr hat machen können — sie war nämlich schon recht schwach — hat der Herr sie mit allerhand Namen belegt und ihr gesagt: „Wenn Du nicht mehr kannst, so bleib' daheim." Einmal ist sie ausgebliehen, da hat sie keine Entschädigung bekommen. Dr. Adler: Hätte es für sie nicht eine leichtere Arbeit gegeben? — Exp. Nr. 28: O ja. Es ist ein alter Mann dort, der sogar schon sein 50jähriges Jubiläum gefeiert hat. Der wird heute noch unterstützt, weil er schon blind ist. Dr. Adler: Der Frau, von der Sie früher gesprochen haben, sollen ja auch mehrere Unfälle passirt sein? — Exp. Nr. 28: Ja. Eine Spindel hat sie hinaufgeschlagen, das ist schon acht oder zehn Jahre her. Vor drei Jahren ist sie bei der Thür auf zwei Stufen hinnntergefallen und aus Eisenblech aufgefallen, wobei sie sich das Gesicht anseinandergeschnitten hat. Dr. Adler: Die Frau ist erst in den Fünfzigern. Ist sie verheiratet? — Exp. Nr. 28: Nein, sie lebt im Concubinate. Dr. Adler: Bezieht sie ein Pfründnergeld? — Exp. Nr. 28: Das weiß ich nicht, ich glaube aber nicht, daß sie wo eine Arbeit bekommt. Dr. Adler: Hat sie etwas von der Unfallversicherung bekommen? — Exp. Nr. 28: Nein, sie war ein paar Wochen zu Hause und hat das Krankengeld bekommen. (Ueber Befragen des Vorsitzenden.) Ich stehe in der Arbeiterorganisation und gehöre dem Fachvereine an. Ich halte sonst keine Zeitung als den „Metallarbeiter", ich kaufe mir auch manchmal Broschüren. Ausflüge und Spaziergänge mache ich keine. Ich besuche im Winter hie und da ein Arbeiterfest. Expertin Nr. 29 (über Befragen seitens des Vorsitzenden): Ich bin seit 2 V 2 Jahren zu Hause und war 6',2 Jahre im Geschäfte, wohin ich als lojähriges Mädchen gekommen bin. Vom 13. bis 16. Jahre war ich im Dienste. Seit meiner Verheiratung bin ich zu Hause. Ich war beim Gas- glühlicht beschäftigt. Wie ich hingekommen bin, waren dort acht Mädchen, seither ist die Fabrik vergrößert worden. Wie ich fortgegangen bin, waren schon über 100 Mädchen. Es sind dort auch Männer beschäftigt, aber nur als Monteure. Die Saison dauert vom August bis Februar, außer derselben sind Viele entlassen worden. Wir haben keinen Dampfbetrieb gehabt. Ich war anfangs beim Nähen der Netze beschäftigt und in der letzten Zeit beim Abbrennen. Vorsitzender: Schildern Sie uns den Betrieb. — Exp. Nr. 29: Mit einer Strickmaschine wird ein Schlauch gestrickt, der 500 bis 800 Meter lang ist. Das kommt dann in Salzsäure und Ammoniak, welche stark mit - Wasser verdünnt sind. Darin wird es sechs- bis siebenmal gewaschen, dann ausgehängt und getrocknet, dann wird es geschnitten, und auf der einen Seite muß es mit einer leichten Wolle eingesäumt werden. Dann kommt es in eine Flüssigkeit, dann durch eine Preßmaschine und wird wieder aufgehängt auf Glasstangen. Unten ist eine Rampe mit einer Gasflamme, und die muß gedreht werden. Dann wird es mit Platindraht genäht. Nachher wird es in die Eisenstangen eingesetzt und abgebrannt. Beim Abbrennen hat das Mädchen den ganzen Tag das Gas vor dem Gesicht. Dr. Adler: Wird es mit der Hand in die Salzsäure eingetaucht? — Exp. Nr. 29: Dazu hat man Gummihandschuhe. Dr. Adler: Wie ist das Gefäß, wo die Säure ist? — Exp. Nr. 29: Frauen-Enqu«te. 7 98 Es ist eine breite und tiefe Porzellanschüssel. Man kann dabei sitzen oder stehen. Diese Beschäftigung ist sehr schädlich, man bekommt Kopfschmerzen. Dr. Adler: Wie lange mußten Sie bei der Salzsäure sitzen? — Exp. Nr. 29: Je nachdem Arbeit vorhanden war. Dr. Adler: Muß immer dieselbe dabei sitzen oder stehen? — Exp. Nr. 29: Immer dieselbe, aber nicht den ganzen Tag, manchmal drei, vier Stunden, manchmal einen halben Tag. Dr. Adler: Muß man auch etwas Heißes angreifen ? —Exp. Nr. 29: Ja, aber man gewöhnt sich daran so, daß man nichts mehr spürt. Wenn der Bügel sehr heiß ist, nimmt man ein Zangerl. (Ueber Befragen des Vorsitzenden.) Nach der Saison werden immer Einige entlassen; wie viele Männer und wie viele Frauen, das kann ich nicht sagen. Die Arbeiterinnen recrutiren sich auch aus besseren Häusern, Töchter von Geschäftsleuten und Beamten. Ich bin in das Geschäft recommandirt worden. Ich habe im Anfang nicht im Accord gearbeitet, sdndern gleich fl. 3 bekommen. Eine Lehrzeit gibt es nicht. Im zweiten Monate habe ich 50 kr. Zulage bekommen und nach zwei Monaten weitere 50 kr. Die Meisten bleiben bei einem Lohne von fl. 4 bis 5 stehen. Ich war 6 V 2 Jahre dort und habe in der letzten Zeit fl. 6 gehabt. Unter meinen Colleginnen waren aber solche, welche auch fl. 7 gehabt haben; diese haben dieselbe Arbeit gemacht. Diese Lohnverhältnisse beziehen sich nur auf Arbeiterinnen beim Gase. Jene, die mit dem Nähen beschäftigt sind, kommen auf höchstens fl. 5. Dr. Riedl: Macht eine Arbeiterin immer dieselbe Arbeit oder verschiedene? — Exp. Nr. 29: Es gibt einige, welche stets dieselbe Arbeit machen, und einige, welche einmal diese, einmal jene Arbeit machen. (Ueber Befragen des Vorsitzenden.) Wir haben von 7 bis 12 Uhr und von 1 Uhr bis 6 Uhr gearbeitet, Frühstücks- und Jansenpause war eine Viertelstunde, da haben wir mit der Arbeit vollständig ausgesetzt. Die Ueberstunden betreffen in der Saison meist zwei Stunden. In zwei Wintern haben wir über 10 Uhr gearbeitet, mehrmals bis 1. 2 Uhr und zweimal sogar bis 4 Uhr. Bon 6 bis 9 Uhr haben wir pro Stunde 12 kr., von 9 Uhr ab 15 kr. Bardorf: Ist das für Alle gleich? — Exp. Nr. 29: Nur für die Arbeiterinnen beim Licht, die anderen haben durchwegs 12 kr. Vorsitzender: Ist ein Unterschied im Lohn zwischen Männern und Frauen? — Exp. Nr. 29: Die Männer haben ganz andere Arbeiten. Das sind nur Monteure, die auswärts arbeiten. Vorsitzender: Haben Sie Gelegenheit, bei der Arbeit Material zu verderben? — Exp. Nr. 29: Nein. (Ueber weiteres Befragen.) Abzüge und Strafen kommen nicht vor, in der letzten Zeit sind sie eingeführt worden. Wer fünf Minuten zu spät gekommen ist, mußte das erste Mal 10 kr., das zweite Mal 20 kr., das dritte Mal 30 kr. zahlen; das war uns zu viel, und die Directoren haben es wieder abgeschafft. Die Fabriksordnung hängt im Local. Die Bestimmung über Abzüge und Strafen ist darin enthalten. Wohin die Strafgelder gekommen sind, weiß ich nicht. Es hat sich auch Niemand darum gekümmert. Ob Jemand in der Organisation steht, weiß ich nicht, aber wenn es der Fall ist, so wird er, wenn die Saison vorüber ist, entlassen; denn man duldet das dort nicht. Dr. Adler: Ein solches Netz ist aber doch sehr leicht zerreißbar? — .Exp. Nr. 29: Man kann es nur aus der Flamme bearbeiten. (Ueber Befragen des Vorsitzenden.) Wir haben genügende Waschvorrichtungen gehabt. Wenn Jemand eine Wunde an den Fingern hat, so muß er mit einem Kautschukfinger arbeiten, weil sonst die Flüssigkeit schädlich einwirkt. So lange ich dort war, wurde an Sonn- und Feiertagen gearbeitet, meist bis 4 oder 5 Uhr. Das wurde besser bezahlt, wir haben dafür fl. 1 50 bis fl. 1'60 bekommen. 100 Dr. Adler: Woran? — Exp. Nr. 29: Besonders haben sie Kopfschmerzen und Ueblichkeiten bekommen. Dr. Adler: Mußten sie fortgehen? — Exp. Nr. 29 : Nein; sie sind nur hinausgegangen, um sich abzukühlen. (Ueber Befragen des Vorsitzenden.) Erkältungen kommen häufig vor. Besondere Ventilationen gab es nicht, sondern es wurden die Fenster geöffnet. Bei jedem Zimmer war ein Abort; es war ziemlich reinlich. Mit Männern hatten wir nichts zu thun. Die Mehrzahl der Arbeiterinnen war ledig. Am Sonntag bin ich in der Wohnung bei der Quartierfrau geblieben, wenn ich nicht etwa, wie in der Saison, gearbeitet habe. Vergnügungen an Sonntagen habe ich nicht mitgemacht. Mein Mann ist Metallarbeiter. Wir haben ein Kind. Für Andere haben wir nicht zu sorgen. Meine Eltern sind in besseren Verhältnissen als ich. Dr. Adler: Wo haben Sie damals gewohnt? — Exp. Nr. 29: In der Margarethenstraße, im ersten Stock. Dr. Adler: Wie viel Leute haben in dem Zimmer geschlafen? — Exp. Nr. 24: Fünf; die Zimmerfrau, drei Töchter und ich. Dr. Adler: Hatten Sie ein Bett allein? — Exp. Nr. 29: Ja. Dr. Adler: Und die Anderer: ? — Exp. Nr. 29: Es waren drei Betten und ein Sopha. Dr. Adler: Haben Sie immer dort gewohnt? — Exp. Nr. 29: Ich habe nur einmal gewechselt. Vorher war ich in der Ziegelofengasie im zweiten Stock zu Bette. Auch dort habe ich ein eigenes Bett gehabt und habe 80 kr. bezahlt. Schluß der Sitzung 11 Uhr 30 Minuten. 6. Sitzung. Donnerstag, 5. Wär;, Nbends. Vorsitzender: Pros. Dr. v. Philippmnch. Beginn 8 Uhr. Vorsitzender: Ich werde zunächst mit der Vernehmung einer Expertin aus der Metallschleiferei beginnen. Expertin Nr. 30 (über Befragen des Vorsitzenden): Ich arbeitete in demselben Großbetrieb wie die Expertin Nr. 28. Ich war 29 Jahre in der Schleiferei, jetzt bin ich entlassen worden und bin seit neun Wochen zu Hause. Ich kann nämlich jetzt nicht mehr arbeiten, denn ich habe seinerzeit vier Blessuren erhalten. Ich bin 54 Jahre alt und bin seit drei Jahren krank; ich bin nämlich gefallen, habe mich am Mund verletzt und mußte genäht werden. Dieser Unfall aber hat mit dem Arbeitsbetriebe direct nichts zu thun. Später ist mir der Riemen von der Scheibe über den Kopf gefahren, in Folge dessen bin ich am Kopf sehr schwach und arbeitsunfähig. Das war vor l ?/2 Jahren. Pernerstorf e r: Wie ist Ihre Entlassung vor sich gegangen? — Exp. dir. 30: Nach 29jähriger Arbeit in derselben Fabrik bin ich jetzt entlassen worden, weil ich zu alt bin. Der Herr sagte mir immer: „Ich werfe Dich hinaus." Das habe ich fortwährend hören müssen, und da bin ich endlich von selbst gegangen. Pernersto rfer: Wie groß war Ihr Lohn und wie groß die Arbeitszeit? — Exp. Nr. 30: Ich habe als Schleifern: fl. 3 bis 6 verdient und mußte von 7 bis 0 Uhr, mit einstündiger Mittagspause, arbeiten. 101 Vorsitzender: Wir schreiten zur Vernehmung einer Expertin aus der Goldstickereibranche. Expertin Nr. 31 (über Befragen des Vorsitzenden): Ich bin in einem Geschäfte für Goldstickerei und Perlenschlägerei. Wir arbeiten pro Tag; es sind zehn Arbeiterinnen, von 14 Jahren auswärts. Es sind auch verheiratete Frauen darunter. Alle haben die gleiche Arbeit. Wir besorgen Kleiderstickerei, auch Goldstickerei auf Hüten und dergleichen. Das ist für die Augen sehr anstrengend. Ich bin schon vier Jahre in demselben Betriebe. Es gibt bei uns auch Arbeiterinnen außer Hause, aber die im Geschäft bediensteten Arbeiterinnen nehmen keine Arbeit nach Hause. Wir arbeiten von halb 8 Uhr bis 12 Uhr und von 1 bis 7 Uhr. Es gibt bei uns auch Lehrmädchen. Vorsitzender: Sind Sie Gehilfin, und sind Sie freigesprochen? — Exp. Nr. 31: Nein, ich habe schon in der Seidenstickerei eine Lehre durchgemacht. Vorsitzender: Wie steht es mit der Arbeitsvermittlung? — Exp. Nr. 31: Der Herr annoncirt, und man meldet sich dort zur Arbeit. Vorsitzender: Wie ist der Verdienst? — Exp. Nr. 31: 70 kr. bis st. 1 pro Tag, die älteren Arbeiterinnen haben st. 1. Wenn wenig zu thun ist, müssen die jüngeren Arbeiterinnen aussetzen und bekommen nichts gezahlt; die Saison ist von September bis März, den ganzen Sommer ist nichts zu thun. Der Lohn für die Arbeiterinnen, die zu Hause arbeiten, ist viel schlechter und beträgt oft nur st. 3 pro Woche; es wird ausgerechnet, wie lange dieselbe Arbeit im Laden gedauert hätte, und die Stunde mit 10 kr. bezahlt. Da kommt man viel schlechter weg. Ich selbst habe circa einen Monat zu Hause gearbeitet und eingesehen, daß ich nicht höher komme als auf fl. 3. Ich wollte zu Hause arbeiten, weil die Arbeit besser ist als im Laden, denn man kann freier sitzen. Es sind zehn Arbeiterinnen, und oft sitzen vier bis fünf bei einen: kleinen Rahmen, der 15 Meter lang ist. Es sind nur zwei Fenster im Zimmer, und die, welche beim Fenster keinen Platz haben, sehen sehr schlecht. Es ist gewöhnlich 14tägige Kündigung ausgemacht, aber der Herr hält sie nicht ein. Er läßt die Mädchen aussetzen, wann es nach seiner Laune ist, und nimmt sie nicht mehr, und wenn eine Arbeiterin aussetzen muß, so wird das auch als Kündigung aufgefaßt. Vorsitzender: Haben Sie zu klagen über das sonstige Verhalten des Herrn gegen die Mädchen? — Exp. Nr. 31: Nein. Dr. Ofner: Wie hoch stellt sich also Ihr Verdienst? — Expertin Nr. 31: Ich arbeite sechs Monate in der Saison und verdiene fl. 4 20 wöchentlich. Dr. Ofner: Was thun Sie während der übrigen sechs Monate? — Exp. Nr. 31: Ich bin zu Hause bei den Eltern und muß mich während dieser Zeit um andere Handarbeiten umsehen; manche Mädchen gehen in dieser Zeit aufs Land. Vorsitzender: Aus der Hutmacherbranche ist Herr Hunnisch erschienen. Ich ersuche ihn, uns die Arbeiten, welche Frauen zu verrichten haben, zu nennen. — Experte Herr Franz Humitsch : Ich muß, bevor ich auf die Beantwortung der Frage eingehe, der geehrten Commission bemerken, daß es uns unmöglich war, Arbeiterinnen aus allen Kategorien der Hutmacherbranche als Expertinnen heranzuziehen. Die Detailarbeit hat in keiner Industrie so stark um sich gegriffen und ist nirgends so interessant, wie in unserer Industrie. In Folge dessen sind die Verhältnisse der verschiedenen Arbeiterinnen sehr verschieden. Doch die Arbeiterinnen fürchten sich zu erscheinen; mit größter Mühe konnten wir drei Expertinnen heranziehen. In erster Lime haben wir die Staffirerinnen, welche feit Bestand des Gewerbes beschäftigt sind. Diese haben den Hut zu garniren, besorgen das Einledern, Einfassen, das Aufnähen des Bandes, das Einfüttern. Weiche Hüte werden jetzt schon mit der Maschine eingefaßt, und ein großer Theil der Staffirerinnen wird 102 durch die Maschinen arbeitslos. In zwei Großbetrieben hat man sogar schon die Hut-Einledermaschine. Dann sind Arbeiterinnen beschäftigt in der Blässerei. Facherei, Walkerei, Reiberei, Glänzerei, Wischerei, Plättirerei, Trocknerei, Färberei, Ausschneiderei, kurz vom Rohproduct bis zur Fertigstellung des Hutes. Es gibt heute zwei Arten von Hüten, die Haarhüte und die Woll- hüte. Es sind von beiden Branchen Arbeiterinnen hier. Die Wollhut- fabrikation ist heute die dominirende. Der Entstehungsproceß eines Woll- Hutes beginnt mit dem Lockern der Wolle. Heute wird der Hut gekrempelt mit der Maschine, welche durch Arbeiterinnen bedient wird. Die Arbeiterin muß aufpassen, daß genügend Wolle für einen Hut auf der Maschine ist und daß sie gleichmäßig auf dem Conus vertheilt ist. Das muß erst gelernt werden. Dann wird der Filz vom Conus heruntergenommen und wird nun gefilzt; das Filzen ist das Zusammenpressen der Wollfädeu, was heute auch mit Maschinen geschieht. Der Hut wird auf die Maschine gesteckt und dann der Dampf daraufgelassen. Dabei hat die Arbeiterin aufzumerken, daß der Hut nicht zu wenig und nicht zu stark gefilzt wird; auch das muß erst gelernt werden. Dann kommt der Hut in die Walkmaschine, in welcher der Filz in eine compacte Masse zusammengewalkt wird, und zwar je nach der Größe des Hutes. Früher wurde es mit der Hand gemacht, heute haben wir Maschinen, in welchen zugleich eine größere Zahl Hüte gewalkt werden. Zur Bedienung sind Arbeiterinnen da. Es gibt dreierlei Maschinen: Anstoßmaschinen; die Zwistermaschinen von der Form eines Cylinders, der Filz kommt aus einer Seite hinein und auf der anderen heraus, zwei Arbeiterinnen bedienen; und die Stampsmaschine, in welcher der Filz auf das erforderliche Maß gebracht wird. Zwei Hämmer hauen den Filz zusammen. Tann kommt der Hut in die Rollmaschine, wird gerollt und erhält die nöthige Glätte und Feinheit. Hier ist ein Hilfsarbeiter beschäftigt, weil die Arbeit körperlich anstrengend ist. Nun kommt der Hut in die Reiberei, wo er gegipst wird. Das Haar ist noch grob und muß gerieben werden. Die Arbeiterin hat hier das Reib- oder Schmirgelpapier anzuhalten, eine sehr gesundheitsschädliche Arbeit wegen der vielen Haare, die herumfliegen. Es sind zwar Sangapparate an der Ätaschine, die aber nur die gröbsten Haare aufsaugen ; das feine Haar fliegt herum, und die Arbeiterinnen werden weiß wie in der Mühle. Das legt sich auf die Lungen, und die Arbeiterinnen, die bei diesen Maschinen sind, werden zu Grunde gerichtet. Dann kommt der Hut zum Formen zum Arbeiter. In den größten Betrieben Oesterreichs sind heute die Maschinen schon so verbessert, daß sie auch von Arbeiterinnen bedient werden können. Das Formen ist die schwerste Arbeit. Der geformte Hut kommt dann in die Dampferei, wo der Hilfsarbeiter zwei Hüte gleichzeitig auf eine Form ziehen muß. Der Dampfapparat hat die Form einer Glocke, um welche 120 bis 140 Hüte zugleich gedampft werden. Je nach der Qualität des Hutes wird derselbe 15 bis 25 Minuten im Dampfapparat gelassen. Eine Arbeiterin trägt die Hüte den Arbeitern zu. Dann kommt der Hut in die Färberei. Hier sind Arbeiterinnen beschäftigt, welche den Hut mit der Hand oder der Maschine waschen. In der Trocknerei bedienen auch Arbeiterinnen. Das ist jedoch nur Taglöhnerarbeit, welche nicht gelernt sein muß. Nun wird der Hut gewischt. Das muß von der Arbeiterin gelernt werden, weil der Hut durch zu starkes Wischen verbrennt. Die Arbeiterin muß mit dem Lappen in der Hand sich mit der größten Anstrengung auf den Hut lehnen und sich mit dem Fuße anstemmen ; dadurch ökhält der Hut einen Strich. Dies ist eine der schwersten Arbeiten, und diese Mädchen gehen regelmäßig nach ein paar Jahren zu Grunde. Der harte Hut kommt dann zum Steifer, der weiche zum Plattirer; diese Arbeit besorgen theils Männer, theils Mädchen. Der Hut wird nun auf die Form gezogen, nach welcher er dann gebügelt wird. Der Productionsproceß ist 103 heute so vorgeschritten, daß in einem Wiener Betriebe auch beim Plattiren Arbeiterinnen die Arbeit versehen können. Die Arbeit ist gleichfalls äußerst anstrengend. Der Hut muß nämlich gut ausgezogen sein, sonst erhält er die Form nicht. Dann kommt der Hut in die Büglerei, dies ist eine sehr genaue und gelernte Arbeit; das Eisen wird an den Hut, der von der Maschine gedreht wird, angehalten, das Eisen darf nicht zu heiß sein. Hier sind ausschließlich Arbeiterinnen beschäftigt. Nun wird der Hut ausgeschnitten, der Rand hat noch keine Fa^on. Zum Ausschneiden hat man bei der Wollhut- Jndnstrie Mädchen, bei der Haarhnt-Jndustrie gelernte Arbeiter. Die Arbeiterinnen sind eben billiger. Nachher kommt der Hut nochmals zur Wischerin und muß nachgewischt werden. Vorsitzender: Ist diese Arbeit, wie die Wischerei u. s. w., nie von Männern gemacht worden? — Exp. Humitsch: Bei Klein- und Mittelbetrieben hat man Mischmaschinen, und hier sind Arbeiter beschäftigt; im Großbetriebe jedoch nur Arbeiterinnen. Die Arbeit ist aber in beiden Betrieben dieselbe; die Arbeiterinnen sind sogar ersatzpflichtig, wenn der Hut verbrennt oder zu lange gewischt wird. Die Maschine geht sehr schnell und arbeitet von der Arbeiterin unabhängig, doch liegt es in ihrer Hand, mehr oder weniger zn machen. Es gibt in Wien circa 300 kleine Gewerbetreibende, 4 Großbetriebe und noch 11 Mittelbetriebe. In manchen Großbetrieben sind 800 bis 1000 Personen beschäftigt. Dr. Verkauf: Erzeugt der Handwerker heute den ganzen Hut? — Exp. Humitsch: Nein, er macht nur Theilarbeit, manche machen nur den Filz und liefern ihn an den Fabrikanten ab. Die kleinen Gewerbetreibenden sind Hausindustrielle, welche nur für Fabrikanten arbeiten; sie bekommen ebenfalls so viel gezahlt wie die in der Fabrik beschäftigten Arbeiter. Der Hausarbeiter beschäftigt dann noch Gehilfen, welchen er natürlich weniger zahlt, als er bekommt. Dr. Verkauf: Gibt es verschiedene Arbeit bei diesen kleinen Meistern? — Exp. Humitsch: Der Eine macht die, der Andere jene Arbeit. Die Zurichtmeister bekommen vorn Fabrikanten oder Exporteur den Rohstnmpen und liefern dann den Hut zugerichtet bis zum Staffiren. Die großen Unternehmer sagen, sie können mit den Maschinen und Arbeitern nicht so billig arbeiten, wie der Kleinmeister es dem Exporteur macht. Manche von ihnen haben drei bis fünf Lehrlinge. Die Kleinmeister haben fast nur Lehrlinge und Staffirerinnen. Bei der Haarhutfabrikation wird der Hut in der Fabrik zugerichtet, und der Filz wird dann zum Walken dem Heimmeister gegeben, der dann mit seinen Arbeitern den Filz walkt. Es kommt dem Fabrikanten billiger. Vorsitzender: Ist beim Staffiren die Arbeit auch getheilt? — Exp. Humitsch: Im Großbetriebe wird der Hut von verschiedenen Arbeiterinnen eingefaßt, gefüttert u. s. w., es ist zumeist Näharbeit. Vorsitzender: Wollen Sie uns nun die Haarhutfabrikation schildern? — Exp. Humitsch: Der Hasenbalg wird vom Arbeiter oder der Arbeiterin gebeizt; die Haarschneiderei ist in Wien schon ganz beseitigt. Das Haar wurde früher mit der Maschine heruntergeschnitten, wobei nur Mädchen die Maschine bedienten. Nach der Beizung kommt der Hut in die Blässerei, und das Haar wird vom Staube gereinigt. Beim Beizen wird Quecksilber und Scheidewasser verwendet; ohne die Beize hätte der Hut keine Festigkeit; Arsenik wird heute nicht mehr verwendet. Die Blässerei ist eine sehr gesundheitsschädliche Arbeit; aus der trommelförmigen Maschine entwickelt sich ein starker Staub, in dem die Mädchen sich 10 bis 11 Stunden aufhalten. Dieser Staub veranlaßt Krankheitserscheinungen. Tann kommt der Hut in die Fächeren Hier hat im Gegensatz zur Wollhut- sabrikation ein Hilfsarbeiter aufzupassen, daß der Hut gleichmäßig gefacht wird. Nun bekommt den Hut die Filzerin, welche nicht mit der Maschine, 104 sondern mit der Hand filzt. Tann kommt der Hut in die Walke, wo er zumeist von gelernten Arbeitern gewalkt wird. Im Uebrigen ist der Vorgang derselbe wie bei der Wollhutfabrikation. Dr. Verkauf: Welches sind die Gründe, daß hauptsächlich Mädchen verwendet werden? Ist es die Entwicklung der Maschine und die damit verbundene Arbeitstheilung, oder sind es andere Gründe? — Experte Humitsch: Bei der Hutproduction hat die Maschine den gelernten Arbeiter überflüssig gemacht; hauptsächlich wird im Großbetriebe heute gerade jene Arbeit, welche die größte physische Anstrengung erfordert und früher nur von Arbeitern versehen wurde, durch Maschinen, welche von Arbeiterinnen bedient werden, gemacht. Der männliche Arbeiter hat sl. 10 bis 16 verdient, und die Arbeiterin begnügt sich mit fl. 6 bis 6. Dr. Verkauf: Ist der Proceß des Verdrängens der männlichen Arbeitskraft schon zu Ende? — Exp. H u mits ch : Der Proceß ist jetzt in der rapidesten Entwicklung und in England noch weiter vorgeschritten als hier. Vorsitzender: Wie wird der Arbeiter und die Arbeiterin, die beim Ausschneiden beschäftigt sind, gezahlt? — Exp. Humitsch: Die gelernten Arbeiter stehen im Wochen- oder Stücklohn. Der beste Arbeiter kann sich sl. 16 bis 20 in der Woche verdienen; dies hauptsächlich bei der Haarhntfabrikation, wo besonders feine Arbeit erzeugt wird; die leichte Arbeit wird schlecht gezahlt. Die Arbeiterin verdient im Durchschnitt st. 4'50. In der Haarhutsabrikation schneiden nicht Arbeiterinnen, sondern gelernte Arbeiter, in der Wollhutfabrikation die Arbeiterinnen den Hut aus. Hüte feinerer Qualität werden auch in der Wollhutfabrikation von Arbeitern ausgeschnitten. Bei sorgfältiger Arbeit werden überhaupt Männer verwendet. In der schlechten Saison wird natürlich weniger verdient. — Expertin Nr. 32 /2 kr., dann 2yg kr. und jetzt nur 2 kr. Der Preis ist in wenigen Jahren so heruntergegangen. (Ueber Befragen des Vorsitzenden.) Der Preis ist ohne äußere Veranlassung heruntergedrückt worden, der Herr hat einfack weniger gezahlt. Vorsitzender: Ist der Preis nur in diesem einen Betriebe so herab- gegangen? — Exp. Nr. 32: Nein, es wurde früher überhaupt besser gezahlt. — Exp. Humitsch: Aber diese große Firma speciell zahlt am schlechtesten; es werden dort Haarhüte und Wollhüte erzeugt. Für den Haarhut wird 4 kr. gezahlt; auch hier war der Lohn früher größer, es wurde 5 kr. per Hut gezahlt. Dr. Verkauf: Hat die Errichtung der Fabrik auf die Preise zurückgewirkt? — Exp. Humitsch: Die zweite Fabrik, wo 1500 Leute beschäftigt sind, hat nur 200 Arbeiter, das übrige sind Arbeiterinnen. Der Lohn ist hier so, daß die Arbeiterinnen nur auf fl. 2 bis 3 kommen. — Exp. Nr. 32 (über Befragen des Vorsitzenden): Ich arbeite schon das vierte Jahr bei dieser Firma täglich 11 Stunden von 7 Uhr bis 7 Uhr. Im Sommer wird von 6 Uhr bis 6 Uhr, im Herbst von Uhr bis 7 Uhr gearbeitet; nächsten Monat schon ist die Arbeit von '^7 Uhr bis '/,7 Uhr. Ueberstunden kommen sehr viel vor, aber nur bei der Handarbeit. 105 Wir dürfen nicht Ueberstnnden arbeiten. Andere Arbeit ist schon von 6 Uhr bis 8 Uhr gearbeitet worden. Vorsitzender: Während welcher Zeit? — Exp. Nr. 82: Von Weihnachten bis jetzt immer. Wir aber arbeiten nur von 7 Uhr bis 7 Uhr. Vorsitzender: Welcher Art ist diese Arbeit? — Exp. Nr. 82: Es werden die weichen matten Hüte von der Arbeiterin mit der Hand gerieben und dann eingestaubt. Das geschieht in einer und derselben Abtheilung. Abzüge werden sehr viel gemacht, z. B. wenn man um drei oder vier Minuten zu spät kommt, sind lO kr. Strafe. Wenn man das Gas im Gaseisen brennen läßt, sind 20 kr. Strafe und beim zweiten Mal 50 tr. Man sieht oft nicht, daß der Hut verarbeitet ist, und wenn dann beim Bügeln eine glatte Stelle vorkommt, muß ich den ganzen Hut zahlen, das sind 50 kr. Ost sind wir wegen eines ganz unscheinbaren Fehlers ersatzpflichtig. Das steht in der Arbeitsordnung. Ach unterstehe dem Werkmeister und dem Herrn. Dr. Riedl: Steht das Herabgehen der Löhne mit der geringeren Arbeit im Zusammenhange? — Exp. Nr. 82: Nein, der Lohn ist heruntergegangen, trotzdem die Arbeit stark ging. Tr. Verkauf: Wie viel verdienen Sie bei der Wollhut- fabrikation? — Exp. Nr. 82: Wenn die Arbeit stark geht, fl. 4 bis 5. Wir werden sehr sekirt und gemartert. Früher hatten wir fl. 10 bis 18. Jetzt ist die Arbeit schwerer und die Zahlung schlechter. lUeber Befragen des Vorsitzenden.) Kündigung besteht keine; wir können gehen, wann wir wollen; es wird nichts ausgemacht. Eine gedruckte Arbeitsordnung hängt am Gange oder in der Abtheilung; ich konnte sie nicht einmal ganz lesen, weil sie zu hoch oben hängt. Arbeitsvermittlung besteht keine; man muß. beim Fabriksthore, wo oft hundert Personen stehen, anfragen. Während der Mittagspause können wir im Locale bleiben, wenn wir wollen, doch ein Essen können wir nicht wärmen, denn jetzt sind die Gasöfen eingeführt; früher wurde mit Coaks geheizt. Es ist zwar jetzt auch warm, denn das Gas verbreitet Hitze, nur auf die Füße ist es manchmal sehr kalt. Wir essen in einer Auskocherei oder etwas vom Greißler, viel natürlich nicht. Das Local ist wohl groß, doch sind sehr viel Leute beschäftigt, und daher ist die Lust sehr schlecht und ungesund. Weil die Einstauberinnen im selben Local sind, haben wir den ganzen Staub zu essen, der zusammenkommt. Das ist einmal weißer oder grauer, ein anderes Mal röthlicher Staub; am schlechtesten ist der schiefergraue. Die Hüte müssen so lange eingestaubt werden, bis sie die richtige Farbe haben, weil sie von Natur keine Farbe haben, und die ganze Abtheilung ist oft in einer Wolke, daß man kaum athmen kann. Zum Essen gehen wir wohl hinaus und holen das Essen. Zum Frühstück und zur Jause sind Mädchen bestimmt, die das Essen holen. Während der Arbeitszeit darf man nicht hinaus. Eine besondere Waschvorrichtung haben ivir nicht, doch können wir hinunterlaufen. Das Wasser im Local'ist verstaubt. Bis auf einen Hutmacher, der die Hüte auf die Form zieht, sind wir lauter Mädchen im Locale. Zum Anziehen und Ausziehen ist kein Verschlag da. Dr. Osner: Was essen Sie Früh, Mittags und Abends? — Exp. Nr. 82: Das ist unbestimmt. Früh Kaffee und Semmel; zum Gabelfrühstück, wenn's manche Woche besser geht, um 2 kr. Brot und um 3 kr. Butter, wenn's schlecht geht, trockenes Brot; zu Mittag kauft man sich etwas um 10 kr., im strengsten Falle um 12 kr.; zur Jause auch wieder nur etwas Trockenes, wenn man gerade etwas essen will. Auf die Nacht ist's auch nicht viel, weil man spät nach Hause kommt. Fleisch esse ich nur am Sonntag. Am Abend kann man sich zu Hause nichts schaffen, weil wir bis 7 Uhr arbeiten: die Uhr geht um zehn Minuten zu spät, und bis ich nach Hause komme, ist es 8 Uhr. Was soll ich da machen? Ich koche mir halt 106 rasch ein paar Erdapfel und etwas dazu, aber zum Fleischkochen ist es zu spät. Im Arbeitssaale sind acht Fenster nebeneinander in den Hof. Dr. Maresch: Wohnen Sie zu Hause bei den Eltern? — Expertin Nr. 32: Nein, ich bin verheiratet. Dr. Maresch: Haben Sie Familie? — Exp. Nr. 32 : Nein. Mein Mann hat vor Weihnachten den Fuß gebrochen und ist bis jetzt zu Hause. Früher hat er auch verdient. Er ist Bautischlergehilfe und verdient im Winter nichts, und im Sommer ist es auch schlecht gegangen. Er hat wohl st. 10 bis 13 verdient; ich war krank, konnte nichts verdienen, und mein Mann mußte beim Wirth essen. Am Samstag hat er mir dann natürlich nicht viel gebracht, und jetzt muß ich ihn erhalten; Vereinsgeld bekommt er nicht mehr. weil es schon zu lange dauert. Wir müssen von dem, was ich verdiene) leben und noch st. 10'20 monatlich Zins zahlen. Dr. Maresch: Wie groß ist die Wohnung? — Exp. Nr. 32: Zimmer und Küche. Dr. Riedl: Sind Ihnen Kinder gestorben? — Exp. Nr. 32: Ja, zwei; das eine nach drei Monaten und das andere gleich bei der Geburt. Dr. Riedl: Haben Sie das Kind selbst aufgezogen? — Exp. Nr. 32: Ja, das eine; ich konnte während der Zeit nicht in die Arbeit gehen, weil ich das Kind selbst betreuen mußte. Dr. Schiff: Wie viel geben Sie ungefähr im Tage aus? — Exp. Nr. 32: Für Vormittag und Mittagessen allein 15 kr., wenn's gut geht, 20 kr., da ist aber Kaffee und Nachtmahl nicht dabei. Dr. Schiff: Wie können Sie da mit den fl. 5 bis 6, die Sie in der Woche verdienen, auskommen? Es gehen ja noch fl. 2'50 für die Miethe ab. — Exp. Nr. 32: Es schläft eine Arbeiterin bei mir, die mir für Mittagessen und Wohnung fl. 2 wöchentlich zahlt. Diese fl. 2 kommen auf den Zins weg, und von meinem Verdienst muß die ganze Woche gelebt werden. (Ueber Befragen des Vorsitzenden.) Die Arbeiterin schläft in der Küche und wir im Zimmer. Dr. Riedl: Woran ist das Kind gestorben? — Exp. Nr. 32: An Gedärmkatarrh. Frl. Boschek: Wie ist die Behandlung in der Fabrik von Seiten des Werkführers oder Meisters? — Exp. Nr. 32: Sehr schlecht. Geschimpft werden wir nicht, aber sekirt genug. Bei jeder Kleinigkeit wird Einem der Stuhl vor die Thür gesetzt; gerade heute ist es vorgekommen, daß der Meister gesagt hat: „Wenn Sie nicht anders arbeiten, so muß ich mir andere Leute bestellen", obwohl er einsehen muß, daß wir nicht anders können. Frl. Boschek: Wie ist das Betragen der Werkführer in sittlicher Hinsicht? — Exp. Nr. 32: Je nachdem. Ich kann da nichts Genaues sagen, weil ich wenigstens mich nicht darum kümmere. Ich kann nicht sagen, daß es unsittlich ist, aber natürlich ein schönes und sauberes Mädel wird freundlicher behandelt als eine Andere oder eine Frau. Frl. Bofchek: Werden Sie belästigt? — Exp. Nr. 32 : Nein, das kann ich nicht sagen. Frl. Bosch ek: Haben die Frauen im schwangeren Zustande zu leiden und können Sie bis zur Niederkunft bei der Arbeit bleiben? — Exp. Nr. 32: Ja, bis zum letzten Tag. Es kommt gewiß öfter vor, daß Frauen krank sind, und es gibt auch häufig Frühgeburten, und zwar durch die schwere Arbeit, wie der Arzt es mir gesagt hat. Frl. Bosch ek: Geht es den Anderen auch so, daß die Kinder nicht leben bleiben? — Exp. Nr. 32: Ja, sehr Vielen; voriges Jahr hatten mehrere Arbeiterinnen Kinder, aber es lebt kein einziges mehr. Dr. v. F ür t h : Müssen Sie bei der Arbeit die ganze Zeit stehen? — Exp. Nr. 32: Ja freilich ! 107 (Pros. Dr. Kaizl übernimmt den Vorsitz.) Exp. Nr. 33 lüber Befragen des Vorsitzenden): Ich bin zehn Jahre im Betriebe, und zwar in einem Großbetriebe. Ich arbeite außer der Fabrik, früher war ich in der Fabrik. Es werden beinahe 200 Staffirerinnen außer Hause und im Hause beschäftigt. Außer Hause müssen wir den Zwirn selbst kaufen. Beim Staffiren sind nur Frauen beschäftigt, wovon etwa 43 außer der Fabrik. Die Arbeiterinnen sind meistens Arbeiterkinder. Bei uns sind alle Arbeiterinnen Gelernte, nur bei der neuen Ledermaschine werden auch Ungelernte beschäftigt. Dadurch verdienen wir weniger. Nur die weichen Hüte können mit der Maschine eingefaßt werden. Vorsitzender: Gibt es mehr Maschinenarbeiterinnen oder mehr Handarbeiterinnen? — Exp. Nr. 33: Je nach der Arbeit. Die steifen Hüte kann man nur mit der Hand machen, wir haben nur Handarbeiterinn. Die Maschinen sind Eigenthum des Herrn und stehen in der Fabrik. Wir haben eine Arbeitsvermittlung, nämlich ein Vermittlungsbureau in der Neubangasse. Da ist eine Einschreibegebühr zu bezahlen. Man kann aber auch durch Umfragen Arbeit bekommen. Frl. Boschek: Wie lange mnß eine Staffirerin lernen? — Expertin Nr. 33: Früher sechs Monate, jetzt zwei Jahre. Frl. Boschek: Lernt sie jetzt dasselbe in zwei Jahren, was früher in sechs Monaten? — Exp. Nr. 33: Ja. Frl. Boschek: Warum muß sie jetzt länger lernen? — Exp. Nr. 33: Die Meister haben es so bestimmt. Man lernt da das Einledern, Umfassen und Umbinden. Frl. Boschek: Haben Sie eine Nähmaschine? — Exp. Nr. 33: Wir arbeiten mit der Hand. Ich brauche alle 14 Tage eine Spule Zwirn, wenn es aber gut geht, so komme ich nicht einmal eine Woche aus. Frl. Boschek: Wie lange dauert die Saison? — Exp. Nr. 33: Jetzt haben wir überhaupt keine mehr. Dr. Verkauf: Gibt es auch in der Fabrik Lehrmädchen? — ^ Exp. dir. 33: Bei uns nicht, da gibt es nur Laufmädchen, die werden auch bei der Maschine beschäftigt. Bei den kleinen Meistern gibt es Lehrmädchen. Wenn sie frei sind, kommen sie meist weg; ob sie etwas können, darum kümmert sich der Meister nicht. Dr. Verkauf: Bleibt die immer Laufmädchen? — Exp. Nr. 33: Ja, außer wenn sie darum ansucht; dann kommt sie zu den Staffirerinnen. Dr. Verkauf: Wie wird der Verdienst berechnet ? — Exp. Nr. 33 : Per Dutzend, sowohl in der Fabrik als auch zu Hause. Die Preise richten sich nach der Waare. Für englische Hüte bekommt man 8V„ kr. per Stück, für gewöhnliche 0 bis 7 kr. per Stück. Eine flinke Arbeiterin braucht zu einem Dutzend Ausstaffiren über sechs Stunden. Das Futter machen wir nicht hinein, sondern fassen nur ein, binden um und ledern. Bei den feineren Hüten müssen wir mehr machen. Jetzt haben wir Hüte, wo wir nur für das Fassen und Umbinden 37 kr. bekommen. Geledert wird mit der Maschine. Ich verdiene in der Woche fl. 2 bis 3. In Folge der Maschinenarbeit bekommen wir jetzt weniger Arbeit. Ich arbeite zu Hause so lange ich will. In der Fabrik wird von 7 bis 7 Uhr gearbeitet. Wenn an einem Hut etwas verdorben wird, werden 50 kr. abgezogen. Der Hut gehört aber dem Herrn. Der läßt ihn dann wieder Herrichten. Die Fabriksarbeiterinnen müssen hie und da auch Nachtarbeit mit nach Hanse nehmen, und zwar bei Strafe der Entlassung. Sie bekommen für die Hausarbeit ebensoviel wie wir. Dr. Ofne r: Wann ist die Saison? — Exp. Nr. 33 : Früher haben wir eine Saison gehabt, und zwar von Februar bis Ostern. Da haben wir fl. 0 bis 7 verdient. Heute kommt man durchschnittlich auf fl. 3. Dr. Verkauf: Seit wann ist die Maschine eingeführt? — Exp. Nr. 33: Seit sechs Wochen. Tr. Verkauf: Wie viel Zwirn brauchen Sie zu einem Dutzend? — Exp. Nr. 33: Mit einer Spule, die 11 kr. kostet, komme ich für 24 Dutzend aus. Den Zwirn follte man in der Fabrik kaufen, weil der Herr immer sagt, besonders bei lichten Hüten, daß die Farbe nicht so genau paßt, wenn man ihn auswärts kauft. In der Fabrik ist auch der Zwirn nicht theurer als draußen. Die in der Fabrik Arbeitenden bekommen den Zwirn umsonst. An Sonntagen wird nicht gearbeitet, an Feiertagen bis 4 Uhr. Nur zu Frohnleichnam und am langen Tage wird bei meinem Herrn nicht gearbeitet. Tr. Verkauf: Wie lange arbeiten die Heimarbeiterinen? — Expertin Nr. 33: An: Abend hole ich mir die Hüte, und am anderen Abend trage ich sie hin. Wenn ich nicht koche, fange ich um 9 Uhr an und bin um 4 Uhr fertig, vor 5'Uhr muß ich in der Fabrik fein. Bei Nacht arbeiten wir nicht, weil wir jetzt nicht so viel Arbeit bekommen. Früher haben wir bis 11, 12 Uhr gearbeitet. Die Staffirerinnen und die Stepperinnen find alle beisammen. Das Local ist nicht hoch, die Fenster gehen auf die Gasse; es ist licht, gut ventilirt und mit Glühlicht versehen. Mein Mann ist Hutmacher und verdient fl. 12—14. Dr. Osner: Kennen Sie die Ernährung Derjenigen, welche auf sich allein angewiesen sind? — Exp. Nr. 33: Sie leben sehr schlecht. Dr. Riedl: Haben Sie ein Arbeitsbuch? — Exp. Nr. 33: Nein. Tr. Riedl: Sind Sie in der Krankenversicherung ? —Exp. Nr. 33: Wir müssen beim Allgemeinen Arbeiter-Krankenverein sein. Dr. Verkauf: Alle Arbeiterinnen? — Exp. Nr. 33: Die meisten, weil uns das in der Fabrik abgezogen wird, und zwar schon so lange die Fabrik besteht. Tr. Verkauf: Mir ist bekannt, daß erst in der letzten Zeit lebhafte Auseinandersetzungen stattgefunden haben, weil die Firmen der Ansicht sind, daß die Heimarbeiterinnen nicht zu versichern sind. Vorsitzender: Sind im Betriebslocale Männer und Frauen beisammen? — Exp. Nr. 33: Es sind lauter Frauen. Vorsitzender: Wird im Arbeitslocale gegessen ? — Exp. Nr. 33 : Ja, die Meisten gehen aber nach Hanse. Vorsitzender: Sind Sie bei einem Verein? — Exp. Nr. 33: Ja, das darf aber Niemand wissen, und zwar beim Gewerkschaftsverein. Vorsitzender: Auch bei der Unfallversicherung ? — Exp. Nr. 33 : Wir außer Hause nicht. Tr. Riedl: Wie groß ist Ihre Wohnung? — Exp. Nr. 33: Zimmer und Küche. Wir zahlen fl. 11 20. Die Wohnung wird von mir, meinem Manne und einem Bettgeher bewohnt. Wir haben einen Knaben, der ist in der Lehre. — Expertin Nr. 34 gibt über Befragen seitens des Vorsitzenden Folgendes an: Ich bin in einem Mittelbetriebe. Ich war schon in verschiedenen Werkstätten, in größeren und mittleren. Wo ich bin, sind drei Staffirerinnen im Hause und mehrere außer Haus. Es sind auch andere Arbeiter in der Fabrik. Die Arbeit ist auch nicht immer dieselbe. Ich arbeite in der Fabrik nur mit der Hand. In einem mittleren Betriebe gibt es keine Maschinen, außer znm Steppen. Diese sind überall zu finden. Die Arbeit wird nur dann außer Hause gegeben, wenn viel zu thun ist. Lehrmädchen gibt es nicht. Bis eine Stasfirerin sich die nöthige Fertigkeit aneignet, braucht sie einige Monate. Die Arbeitsvermittlung ist dieselbe wie schon gesagt worden ist. Tr. Riedl: Haben Sie auch zu Hause diese Maschine ? — Expertin Nr. 34: Ja, diese Maschine kann aber nur bei weichen Hüten verwendet werden, bei steifen muß mit der Hand gearbeitet werden. Dr. v. Fürth : Was für Hüte werden bei Ihnen gemacht ? — Expertin Nr. 34: Steife und weiche, Filzhüte und Wollhüte. Tr. v. Fürth : Sind Sie bei allen Gattungen beschäftigt? — Expertin Nr. 84: Ja. Dr. Verkauf: Werden in der schlechten Zeit die Arbeiterinnen entlassen, oder müssen sie aussetzen? — Exp. Nr. 34: Bei uns nicht. Wo ich früher gearbeitet habe, wurden entweder mehrere entlassen, oder sie mußten aussetzen, und zwar vom Sommer bis zum Herbst. Ich werde pro Woche bezahlt, ebenso wie die anderen Stasfirerinnen. Ich verdiene fl. Pro Woche. Vorsitzender: Wie viel machen Sie pro Tag ? — Exp. Nr. 34: Das hängt von der Beschaffenheit der Hüte ab. Ausgaben für Rohstoffe habe ich nicht zu bestreiten, die Heimarbeiterinnen müssen dies aber thun. Abzüge und Strafen kommen bei uns nicht vor. Die Arbeit außer Hause wird auch nach dem Dutzend entlohnt. Es sind aber andere Preise, und zwar fl. 1,20 per Dutzend. Da müssen die Arbeiterinnen aber auch das Futter machen. Dr. Schüller: Die Expertin ist in der Productiv-Genossenschaft beschäftigt. Wir dürfen das nicht durcheinander werfen. Wie viel haben Sie früher gehabt? — Exp. Nr. 34: fl. 3, 4, 5 und 6, in der schlechten Zeit fl. 2 bis 3, in der besseren fl. 5 bis 6. Es war ein Mittelbetrieb; wir hatten fast täglich Nachtarbeit, und zwar sind wir um 8, halb 3 Uhr nach Hause gegangen und haben oft bis 1, 2 Uhr gearbeitet. In der Fabrik haben wir von halb Uhr Früh bis 7 Uhr Abends mit einer Unterbrechung zu Mittag gearbeitet. Jetzt arbeite ich 3 Stunden. Die Kündigung ist eine'vierzehntägige. ^ Dr. Osner: Haben ^ie früher Abzüge gehabt? — Exp. Nr. 34: Wenn wir etwas rninirt haben, wohl, nicht aber für das Zuspätkommen. Vorsitzender: Es wird wohl ein großer Andrang zur Productiv-Genossenschaft sein? — Exp. Nr. 34: Gewiß. Vorsitzender: Wer bestimmt bei der Genossenschaft die Auswahl der Arbeiter? — Exp. Nr. 34: Der Leiter. Vorsitzender: Die Ernährungsverhältnisse sind wohl bei diesen besseren Lohnen auch besser als wir sie früher gehört haben? — Expertin Nr. 34: Es geht auch nicht recht, da nur ich und eine Schwester verdienen. Der Vater verdient nichts und auch die Mutter nicht. Ueberdies habe ich noch minderjährige Geschwister. Es sind sechs Personen, ein löjähriger Bursche ist in der Lehre, der kostet auch Geld. Ich gehe Mittags zu einem Bekannten essen. Ich könnte auch in der Fabrik bleiben. Meine Wohnung ist eine Stunde von der Fabrik entfernt. Ich bin bei der Gewerkschaft und in der Geuossenschafts-Krankencasse. Dr. Schüller: Wo haben Sie in dem früherem Betrieb gegessen? — Exp. Nr. 34: Viele sind weggegangen, Mittag ist gesperrt worden. Diejenigen, welche nirgends hingehen konnten, mußten bei schlechtem Wetter auf der Gasse bleiben. Jetzt ist es besser. Ich habe auch damals einen Bekannten gehabt, bei dem ich zu Mittag essen konnte. Tr. Schüller: Wer war Ihr Vorgesetzter? — Exp. Nr. 34: Eine Werksührerin und ein Werkführer. Vorsitzender: Haben Sie über das Verhältniß zu denselben etwas zu bemerken? — Exp. Nr. 34: Das nicht, aber die Reisenden haben sich besonders den hübschen Stasfirerinnen gegenüber sehr viel erlaubt. Das ist in dieser Fabrik sehr zu beklagen. Dr. Riedl: Sind das Angestellte der Firma? — Exp Nr. 34: Ja. Dr. Frey: Wo war das Arbeitslocale? — Exp. Nr. 34: Im ersten Stock. Dr. Frey: Wie viele Personen waren in einem Raume? — Expertin Nr. 34: Zwanzig. Das Locale hat drei oder vier Fenster in einer Front. Es war nicht sehr rein. Einmal im Jahre ist es ausgekehrt worden. 110 Dr. Riedl: Waren in dem Locale nur Staffiererinnen? — Expertin Nr. 34: Nur die Reisenden sind dort durchgegangen und haben auch dort mit den Waaren manipulirt. Dr. Riedl: Hat eine Stepperin oder Staffirerin vermöge ihrer Handfertigkeit während der Zeit, wo sie im Hutmachergewerbe nicht verwendet wird, Gelegenheit, als Näherin unterzukommen? — Exp. Nr. 34: Ich glaube nicht. Sie können höchstens zur Strohhutbranche gehen. Dr. Riedl: Findet zwischen diesen beiden Branchen ein regelmäßiger Wechsel statt? — Exp. Nr. 34: Nein, es sind nur sehr wenige, die das thun. Exp. Humitsch: Bei den anderen Arbeiterinnen sind die Verhältnisse weit schlechter als bei dieser; in der größten Fabrik gibt es eine große Masse von Arbeiterinnen, circa 300, die im Tageslohn arbeiten; dort gibt es auch jugendliche Arbeiterinnen mit 14, 15 Jahren, die 50 kr. pro Tag bekommen. Dr. Ofner: Könnten Sie uns von dieser Branche nicht andere Expertinnen bringen? — Exp. Humitsch: Ich habe mir die größte Mühe gegeben, sie sind aber nicht dazu zu bewegen, denn sie fürchten, entlassen zu werden. Vorsitzender: Gibt es auch viele ältere Staffirerinnen? — Experte Herr Karl Sekirnjak: Wenige, die Arbeitstheilung hat auch hier sehr überhand genommen, da viele Mädchen nur einen Theil der Arbeit lernen. Die Eine lernt einledern, die Andere binden, die Dritte Futtermachen. Wenn sie entlassen werden, können sie anderwärts nicht leicht Arbeit finden. Dann gibt es Staffirerinnen, welche von der Fabrik, wohin sie arbeiten, soviel Arbeit bekommen, daß sie zu Hause auch wieder Mädchen beschäftigen; diesen zahlen sie natürlich viel weniger. Auch diese sprechen die Mädchen frei. Sie können das nicht selbst thun, weil sie nicht der Genossenschaft angehören, aber gewöhnlich lassen sie das durch die Fabrikanten besorgen. Vorsitzender: Wir gelangen nun zur Branche der Kamm- und Fächermacher. — Exp. Alois Weiß: Bei uns machen die Frauen nur eine bestimmte Arbeit. Die Gestelle werden von Männern erzeugt. Der Fabrikant bezieht die Federn im rohen Zustande, sie werden gebündelt, dann gewaschen und gefärbt. Dann werden sie genäht, kommen zum Krausen und dann ist die Feder fertig. Sie werden geschnitten und auf das Gestell montirt. Vorsitzender: Es gibt aber auch Hornfächer und dergleichen. — Exp. Weiß: Dort kommen keine Frauen vor, auch bei den dämmen sind keine Frauen beschäftigt. Dr. Verkauf: Wie viele Frauen sind in Ihrem Berufe beschäftigt? — Exp. Weiß: Etwa 600 bis 700, je nach der Saison, davon sind 300 bis 350 bei der Genossenschaft angemeldet, beziehungsweise bei der Kranken- casse angezeigt. Diejenigen, welche nicht bei der Krankenkasse sind, sind lauter Hausarbeiterinnen. Die Fabrikanten geben die Arbeit sehr gerne außer Hause, um Zins und Licht zu ersparen. Die Arbeit ist in der Fächerbranche immer ziemlich bedeutend, auch heute noch, so daß auch die Heimarbeiterinnen Hilfskräfte beschäftigen, und es sind dies meist junge Mädeln unter 14 Jahren. Es gibt große und kleine Betriebe. Im Ganzer: sind etwa 200 Kamm- und Fächermachermeister. Fächermacher im Ganzen 120, davon 20 Großbetriebe. Dazu gehören auch die kleinen Federnsctzmückerinnen, welche außer Hause arbeiten. Solcher kleiner Betriebe sind 50 bis 60. Die anderen sind Mittelbetriebe. In allen Betrieben sind Frauen beschäftigt. Als Obmann der Krankencassa muß ich leider constatiren, daß sich sehr Viele daraus verlegen, in den Sommermonaten, das heißt in der Zeit, wo wenig Arbeit ist, sich von der Krankenkasse unterstützen zu lassen. Es gibt Frauen, die da nnr fl. 1'50 oder fl. 2 verdienen, während sie, wenn sie krank sind, fl. 3-50 bekommen. Sie melden sich einfach krank, der Arzt kann ja nicht hineinschauen. Sehr viele Arbeiterinnen sind tnberculos. Das kommt davon, weil sie zu frühzeitig zur Arbeit kommen und da gleich 13, 14 Stunden arbeiten müssen. Dadurch werden sie schwach aus der Brust. Es ist sogar eiu Fall vorgekommen, daß ein Mädchen bei der Arbeit verhungert ist. In der Fabrik, wo das Mädchen gearbeitet hat, werden 26 kr. für das Dutzend gezahlt und für die Hausarbeit 12 kr. Das Mädchen mußte eine große Partie mit nach Hause nehmen. Diese wollte sie fertigmachen und dabei ist sie verhungert. Vorsitzender: Gibt es im Großbetriebe Maschinen? — Experte Weiß: Es gibt nur Wachelmaschineu. Früher hat man mit der Hand gewachst. Es ist das eine Maschine, auf welcher die Federn zum Trocknen befestigt werden, sie steht in einem sehr warmen Zimmer, und da werden die Federn herumgedreht, damit sie trocknen. Dr. Verkauf: Zur Erzeugung der Gestelle werden aber Maschinen verwendet. — Exp. Weiß: Ja, die Gestelle werden von kleinen Meistern erzeugt, die sie den großen Fabrikanten liefern. Dr. Verkauf: Wie viel Erkrankungen der Frauen haben Sie im Jahre 1895 constatirt? — Exp. Weiß: Das kann ich nicht genau sagen, aber ich kann sagen, daß wir in jeder Woche 16, 17 und 18 Kranke bezahlen, wovon nur 2 oder 3 Männer sind. Dr. Verkauf: Sind unter den Arbeiterinnen viele ältere Frauen ? — Exp. Weiß: Sehr wenige. Man kann sagen, daß die Arbeiterinnen durchschnittlich kein höheres Alter erreichen, als 30 Jahre. Wohin die anderen kommen, ob sie sterben oder von der Branche weggehen, weiß ich nicht. Ueber die Sterblichkeit habe ich keine Daten. — Exp. Nr. 35 (über Befragen des Vorsitzenden): Ich bin in einem Mittelbetriebe beschäftigt. Wir sind 12 Arbeiterinnen und 3 Lehrmädchen. Wir erzeugen nur Federnfächer. Die Saison dauert vom September bis Ostern. Bei uns sind in dieser Branche auch 3 Männer beschäftigt. Diese schneiden die Federn zu und montiren. Wir arbeiten nur mit der Hand. Am Abend bekommen wir auch Arbeit mit nach Hause. Wir werden dazu gezwungen, denn wenn wir das nicht thun, würden wir in der Zeit, wenn nichts zu thun ist, ganz entlassen werden. Die Arbeiterinnen recrutiren sich meist aus Handwerkerkreisen. Es gibt auch Lehrmädchen. Die Arbeit wird durch Umfrage bei den Gewerbe- Inhabern vermittelt. Die Lehrmädchen werden ordnungsmäßig aufgedungen und freigesprochen. Die Lehrzeit dauert zwei Jahre. Sie sind außer Hause und haben auch nicht die Kost. Sie bekommen fl. 1 . Ich bin nicht aufgedungen worden; der Herr hat gesagt, ich muß zwei Jahre lernen, und wie diese zwei Jahre vorüber waren, bin ich nicht freigesprochen worden. Dr. Verkauf: Da sind Sie ja eigentlich eine Hilfsarbeiterin. Sind Sie deshalb schlechter bezahlt? — Exp. Nr. 35: Nein. Jetzt kommt das aber nicht mehr so häufig vor wie früher. Dr. Verkauf: Warum ist das geschehen? — Exp. Nr. 35: Der Herr hat das einfach nicht gethan. — Exp. Weiß: Das ist heute noch ärger als früher. Wenn ein Mädchen in einer Fabrik aufgenommen wird, macht der Fabrikant den Eltern vor, daß das Mädchen nur 1 oder 1'/-> Jahre zu lernen braucht. Das Mädchen wird nicht aufgedungen und kann auch nicht freigesprochen werden. Es bekommt fl. 1 oder fl. U50 und ist Hilfsarbeiterin. Dr. Verkauf: Gibt es eine Vorschrift im Statut, wie viele Lehrmädchen gehalten werden dürfen? — Exp. Weiß: Nein. Dr. Niedl: Ist mit dem Aufdingen und Freisprechen eine gewisse Gebühr verknüpft? — Exp. Weiß: Ja. Wenn man drei Jahre lernt, so muß man das Aufdingen und Freisprechen selbst zahlen, wenn aber der 112 Meister es zahlt, muß man ein Jahr oder ein halbes Jahr länger lernen für diese fl. 8. Vorsitzender: Wie wird der Lohn bestimmt? — Exp. Nr. 35: Das ist verschieden. Es gibt Arbeiten, wo man nach dem Stück arbeiten kann. Ich bin heute im Wochenlohn. Ich mache die beste Arbeit und bekomme fl. 6. Meine Arbeit besteht darin, daß ich, wenn die Fächer fertig sind, die Federn nachkrause. Die Arbeit dauert bei uns von 7 bis 6 Uhr mit ein- stündiger Mittagspause. Die Arbeit, welche wir nach Hause nehmen, wird geringer bezahlt als die Arbeit in der Werkstätte. Manche Herren zahlen sie aber gleich. Vorsitzender: Bei welcher Arbeit gibt es Stücklohn? — Expertin Nr. 35: Beim Federnnähen und Federnkrausen. Vorsitzender: Wird auch das Nachkrausen in Stücklohn gegeben? — Exp. Nr. 35: Nein, das ist die beste Arbeit, und die geht nicht nach dem Stück. Vorsitzender: Ist es möglich, daß Federn verdorben werden? — Exp. Nr. 35: Nein, aber es ist möglich, daß man ein Gestell bricht; dann muß man es zum Kammacher schicken und selbst bezahlen, die Reparatur kostet 30 bis 50 kr. Strafen kommen nicht vor. Dr. Ofner: Nehmen Sie auch zum Nachkrausen nach Hause? — Exp. Nr. 35 : Nein. (Auf Befragen.) Für das Federnnähen bekommt man für 100 18 kr. Für das Krausen je nach der Größe per 100 20, 30 und 40 kr. Eine flinke Arbeiterin kann 300 Federn von der minderen Sorte krausen, von der besseren 200 bis 250. Vorsitzender: Es gibt aber auch Fächer, wo die Federn nicht gekraust werden? — Exp. Nr. 35: Auch Schwanenfedern werden gekraust. Vorsitzender: Aber Auerhahn und Trappesedern? — Expertin Nr. 35: Das kommt weniger vor. Dr. Ofner: Wie viel Lohn haben die Anderen? — Exp. Nr. 35: Die Anderen find nach Stück bezahlt. Sie bekommen fl. 5, 5'50, aber höher geht es selten. Dr. Ofner: Wir haben gehört, daß das Krausen sehr gesundheitsschädlich fein soll. Es fliegen da kleine Federnatome weg. — Exp. Nr. 35: Es fliegt Staub weg, und der legt sich auf die Brust. Dr. Fürth: Arbeiten Sie auch am Sonntag ? — Exp. Nr. 35 : Ja. Dr. Fürth: Wie viel verdienen Sie da? — Exp. Nr. 35: In der Woche zusammen fl. 1, das kommt zu dem angegebenen Verdienste dazu. (Ueber Befragen des Vorsitzenden.) Kündigung haben wir gar keine. In der Saison ist der Lohn derselbe. In der Zeit, wo wenig zu thun ist, müssen wir halbe Tage machen oder ganz aussetzen. Das Arbeitslocal hat drei Fenster. In demselben sind 10 Arbeiterinnen und drei Lehrmädchen. Die Männer sind in einem anderen Zimmer. Es herrscht eine ziemliche Reinlichkeit. In der Mittagspause gehe ich nach Hause, die anderen Mädchen müssen dort bleiben. Ich habe nur zwanzig Minuten nach Hause. Die Beleuchtung geschieht mittelst Gas. Zum Namenstag geben wir dem Herrn oder der Frau Geschenke. Einmal haben wir ihm eine Hängelampe gekauft. Dr. Riedl: Wie viel bekamen Sie da zusammen? — Exp. Nr. 35: Etwa fl. 0 von ll Mädchen. Dr. Riedl: Gibt auch der Herr Präsente? — Exp. Nr. 35: Zu Weihnachten bekommen wir fl. 1. Dr. Riedl: Ist der Herr ein reicher Mann? — Exp. Nr. 35: So ziemlich. Vorsitzender: Haben Sie mit Männern direct zu verkehren? — Exp. Nr. 35: Ja. Die Behandlung ist bei uns ziemlich anständig. In 113 anderen Werkstätten ist sie oft aber schlecht. Geschimpft wird bei uns auch, besonders wenn viel zu thun ist. Die Arbeiterinnen sind bei uns alle ledig. Dr. Adler: Verstehen Sie unter Aussetzen, daß die Mädchen vollkommen aus der Arbeit treten oder wird an bestimmten Tagen in der Woche gearbeitet? — Exp. Nr. 35: Es wird in der stillen Zeit gar nicht gearbeitet. Geht aber die Arbeit wieder an, so schreibt uns der Herr. Tr. Riedl: Finden die Mädchen sonst in ähnlichen Betrieben Beschäftigung? — Exp. Nr. 35: Wenn sie zu anderen Geschäften übergehen, bekommen sie da nichts bezahlt. Vorsitzender: Wird bei Ihnen an Sonntagen gearbeitet? — Exp. Nr. 35: Bei uns nicht, aber in anderen Werkstätten; an Feiertagen wird bis 4 Uhr gearbeitet. Vorsitzender: Bestehen in Bezug auf die Sittlichkeitsverhältnisse Anstünde? — Exp. Nr. 35: Bei uns nicht; in anderen Werkstätten schon. Exp. Nr. 33 (über Befragen seitens des Vorsitzenden): Ich bin seit drei Jahren in demselben Betriebe beschäftigt. Ich bin Ausnäherin und erhalte 18 kr. für WO Federn. Vorsitzender: Wie viel können Sie im Tag aufnähen? — Expertin Nr. 33 : 400, mehr nicht, da muß ich schon sehr flink sein. Ich nehme auch Arbeit mit nach Hause. Meistens verdiene ich fl. 3 50 wöchentlich, höchstens fl. 4. Ich habe eine Mutter, die aber nicht viel verdient. Ich trinke zum Frühstück zu Hanse Kaffee. Unter Tags muß ich in's Kaffeehaus gehen oder ich gehe zum Greisler und nehme mein Mittagessen erst am Abend, wenn ich nach Hause komme. Tr. Osner: Was essen Sie da? — Exp. Nr. 36: Wurst oder sonst etwas. Zur Jause habe ich Kaffee von zu Hause und Vormittag Brot. Tr. Osner: Können Sie sich den Kaffee im Locale wärmen? — Exp. Nr. 33: Ja. Dr. Fürth: Wie lange arbeiten Sie zu Hause? — Exp. Nr. 36 : Wenn ich 100 Federn bekomme, sitze ich bis 1 Uhr. Dr. Fürth: Arbeiten Sie auch an Sonntagen zu Hause? — Expertin Nr. 36: Wenn ich Arbeit bekomme, meist nur Vormittag. Tr. Verkauf: Waren Sie in keinem anderen Betriebe? — Expertin Nr. 36: Ich habe bei diesem Herrn gelernt. Tr. Verkauf lzur Expertin Nr. 35): War der Betrieb, wo Sie gelernt haben, auch ein mittlerer Betrieb? — Exp. Nr. 35: Ja, dort war auch für Manche Stücklohn, für Andere Wochenlohn. Die Behandlung war nicht sehr gut, weil wir einen Werkführer und eine erste Arbeiterin gehabt haben. Wenn die auf Eine zornig war, so ist es der schlecht gegangen. Dr. Riedl: Welchen Lohn haben Sie als Lehrmädchen bezogen? — Exp. Nr. 35: sl. 1 pro Woche, und zwar gleich vom Eintritt an durch ein halbes Jahr; dann habe ich fl. U50 bekommen und nach einem weiteren halben Jahr fl. 2. Tr. Verkauf: War die Arbeitszeit dieselbe? — Exp. Nr. 35; Ja. Tr. Verkauf: Haben Sie auch Arbeit mit nach Hause nehmen müssen? — Exp. Nr. 35: Als Lehrmädchen nicht. Nach der Arbeitszeit haben wir erst auskehren und ausreiben müssen. Wir sind immer erst um 0 Uhr nach Hause gekommen; das war fast täglich. Sonntag brauchten wir nicht hinzukommen. An jedem Samstag mußten wir die Werkstätte ausreiben. Vorsitzender: Sagen Sie uns, wie Sie mit Ihrem Lohne auskommen. Sie müssen ja die größere Hälfte für die Wohnung und Kleidung zurücklegen? — Exp. Nr. 33: Ja, das meiste muß ich zu Hause hergeben. Fraueii-Enquete. 114 Dr. Riedl: Wie groß ist die Wohnung? — Exp. Nr. 36 : Sie besteht aus Kammer und Küche, und wir bezahlen dafür monatlich fl. 8. Vorsitzender (zur Exp. Nr. 35): Was sind Ihre Eltern ? — Exp. Nr. 35: Mein Vater ist Maschinist. Frl. Bosch ek: Sie sagen, es gibt in der Fächerbranche keine Arbeiterin oder Lehrmädchen, welche bei der Frau Wohnung hat. Ich kenne aber eine, die ein Lehrmädchen mit Kost und Wohnung hat. Ist Ihnen eine solche Werkstätte nicht bekannt? — Exp. Nr. 35: Nein. Experte Weiß: Wie schon von dem Hntmacher gesagt worden ist, ist es auch bei uns sehr schwer, Expertinnen hieher zu bekommen. Wir hätten solche, welche schon jahrelang beschäftigt sind und die Uebelstände genau kennen, aber die Leute fürchten sich, weil sie schon einen langen Platz haben, und die jungen Mädchen fürchten sich vor der Entlassung. Deshalb bin ich, weil ich die Uebelstände kenne, beauftragt worden, zu kommen und die Expertinnen zu unterstützen. Die größten Uebelstände sind in einer hiesigen Fabrik. Nach dem Gesetze dürfen Kinder unter 14 Jahren nicht zur Arbeit verwendet werden und Kinder unter 16 Jahren dürfen nicht länger als acht Stunden arbeiten. In dieser Fabrik aber arbeiten Kinder von 12 bis 13'/z Jahren bis zu 16 Stunden, oder die Mädchen arbeiten zehn Stunden in der Fabrik und dann noch bis 12, 1 Uhr zu Hause, weil der Fabrikant sagt, bis morgen Früh muß ich die Arbeit fertig haben. In den großen Betrieben wird am Sonntag meist nicht gearbeitet, aber in den Mittelbetrieben wird gearbeitet und für den Sonntag Nachmittags müssen die Arbeiterinnen Federn nach Hause nehmen, um sie bis Früh fertigzustellen; fügen sie sich nicht, so werden sie entlassen. In den großen Betrieben ist nicht etwa ein Werkführer, sondern es sind Abtheilungen L, 6 und so fort, und jede Abtheilung hat einen Buchhalter mit fl. 60 bis fl. 80 monatlich, der nur einzuzeichnen hat, wie viel Arbeit Jede geliefert hat, und einen Werkführer mit fl. 15 bis 20 wöchentlich. Lohn haben die Frauen und Mädchen fl. 1'50, 2, höchstens fl. 5. Nur jene Frauen, welche solche Arbeiten machen, die früher Männer gemacht haben, verdienen sich fl. 5 bis 6,^ während die Männer früher das Vierfache bekommen haben. Die Außerhausarbeit haben nur zwei Fabriken ausgebildet. Die kleinen Federnschmücker, welche sich heute so nennen, sind gar nicht vorn Gewerbe, sondern Uhrmacher oder Schlosser, Maschinisten, Mechaniker, die Frau hat das Gewerbe erlernt und der Mann betreibt es jetzt mit jugendlichen Hilfsarbeitern. Es gibt aber noch die ganz kleinen, die in eine Fabrik liefern. Die bekommen am Samstag dort fl. 14 bis 16 heraus, und an den: Gelde nehmen drei bis fünf Personen Theil, die zu Hause arbeiten. Da arbeiten Schulkinder und bekommen pro Tag 10 kr. und „Lehrmädchen" mit fl. 1 wöchentlich. Es sind aber gar keine Lehrmädchen heute in unserer Branche, es sind nur Hilfsarbeiterinnen. In einer Fabrik werden die Mädchen von den Antreibern ausgebeutet und sie müssen sich auch dem Willen des Werkführers ergeben, sonst werden sie entlassen. Das ist übrigens auch bei anderen Firmen so. Kündigung gibt es nicht, die Mädchen werden hinausgeschmissen, wenn sie nicht so tanzen, wie es dem Werkführer beliebt. Wegen der Kündigung waren schon viele Verhandlungen, in denen der Unternehmer verurtheilt worden ist, die 14 Tage zu zahlen. Es kommt auch vor, daß die Arbeiterinnen über Mittag nicht in der Werkstätte bleiben dürfen, weil sie gesperrt wird, und dann im Regen im Eßterhazypark sitzen müssen. Am Freitag und Samstag, wo das Geld ausgeht, gehen sie auf die Mariahilferstraste die Fenster zählen, weil sie nicht das Geld haben, sich um 6 kr. Kaffee zu kaufen. Die Kost ist so schlecht bei den Frauenzimmern, daß man es nicht sagen kann. Das ist auch bei dem schlechten Verdienst nicht anders möglich. Wenn sie nicht Eltern oder andere Ber- wandte hätten, die sie unterstützen, so wären sie gezwungen, sich aus andere Art Geld zu verdienen, um letzen zu können. Unfallversicherung gibt es im Mittel- und Kleinbetriebe überhaupt nicht, drei vom Großbetrieb sind dabei. Schimpfen habe ich die Herren und Werkmeister gehört, wie ich Ein- cassirer bei der Krankencaße war, die allerschlechtesten Worte, die man sich denken kann. Einer hat zu den Frauen gesagt: „Bei den Haxen wird man Euch aufhängen." Schluß der Sitzung 10 Uhr 55 Minuten. 7. Sitzung. Freitag, 6. Wär; 1896. Vorfihendrr: Dr. Verkauf. Beginn 7 Uhr 30 Minuten. Vorsitzender: Die heute erschienenen Expertinnen sind aus der Branche der Hadernsortirerinnen. — Expertin Nr. 37: Wir haben die Hadern zu sbrtiren. Die Waare kommt in Säcken an, wird aus Gitter ausgeleert und in zwanzig bis dreißig Sorten sortirt. Ich arbeite mit vier Frauen an einem Tisch. Ich war früher einmal im Dienste und bin in dem gegenwärtigen Betriebe vier Jahre. Es ist dies ein großer Betrieb, in welchem bei 90 Frauen und Mädchen beschäftigt sind, Männer keine. Die Arbeit wechselt, mehr Arbeit ist vom Herbst bis zum Frühjahre. Kinder sind nicht beschäftigt, dagegen 16- bis 17jährige Mädchen. Die Arbeiterinnen sind meistens Arbeiterkinder. Arbeitsvermittlung haben wir keine. Die Auszahlung ist wöchentlich. Ich habe fl. 6 in der Woche unter allen Umständen. Wenn wir große Hadern haben, so können wir auch mehr verdienen. Wenn wir aber am Samstag 20 bis 30 kr. mehr bekommen wollen, müssen wir so arbeiten, daß wir nicht einen Augenblick Wegschauen. Wie viel wir für 100 Kilogramm bezahlt bekommen, wissen wir nicht; auch nicht, was wir für Ueberstunden bekommen. Vorsitzender: Wie viel verdienen Sie in der guten Zeit? — Exp. dir. 37: Das bleibt sich immer gleich. Vorsitzender: Kommt es nicht vor, daß Sie in der schlechten Zeit aussetzen? — Exp. Nr. 37: Früher ist es vorgekommen, bei uns jetzt nicht. Vorsitzender: Machen Sie dieselbe Arbeit wie die Männer? — Exp. Nr. 37: Manchmal muß eine Frau bei der Presse helfen, wo sonst nur Männer beschäftigt sind; das kommt aber nicht oft vor. Die Frauen haben sonst nur zu sortiren, die Männer haben die Hadern auszuladen und zu pressen. Mittels höfer: Was machen die Frauen bei der Presse? — Exp. dir. 37: Sie müssen die Hadern hintragen. Wittelshöser: Dafür können sie doch keinen Accordlohn bekommen ? — Exp. Nr. 37: Wenn wir bei der Presse helfen, so kriegen wir fl. 1-10 pro Tag. Sonst kriegen wir fl. 6 pro Woche; mehr nur dann, wenn der Herr gut aufgelegt ist; dann bekommen wir 20, höchstens 60 kr. mehr. Es kommen auch Abzüge vor. Wenn man sich nur bei der Arbeit umschaut, werden schon 5 kr. abgezogen. Wir arbeiten von 7 bis 7 Uhr. Meist wird es Uhr Abends, denn es wird dort abgeläutet, wann sie wollen. Zum Frühstück haben wir zehn Minuten Pause; wir nehmen das Frühstück in einem eigenen Zimmer. Auch eine Jansenpanse haben wir. Die Mittags- 116 pause beträgt eine Stunde; während derselben werden die Magazine geschlossen, und wir können im Arbeiterzimmer sein. An Sonntagen müssen zwei bis drei Frauen kommen, die Säcke zu flicken haben. Eine Kündigungsfrist besteht nicht. Die Arbeitsordnung bestimmt zwar, daß wir eine Kündigung haben, der Herr einläßt aber die Arbeiterinnen, wann er will. Die Arbeitsordnung ist angeschlagen. Dr. Weißkirchner: Kommen die Hadern in einem solchen Zustande hin, daß Sie sich nicht scheuen, dieselben anzugreifen? —Expertin Nr. 37: Rein bekommen wir sie nicht; es entwickelt sich ein Staub, daß Eine die Andere nicht sieht. Dr. Weißkirchner: Die Hadern sollen aber in desinficirtem Zustande hinkommen. — Exp. Nr. 37: Das ist nicht der Fall. (Ueber Befragen des Vorsitzenden.) Es wird nur beim Auskehren aufgespritzt. Wir haben zwar Waschvorrichtungen, aber Zeit zum Waschen haben wir nicht. Vorsitzender: Kommen Krankheiten, insbesondere Hautausschläge oder dergleichen vor? — Exp. Nr. 37: Das kann ich nicht sagen. Wittelsh öfer: Arbeiten Sie mit Werkzeugen? — Exp. Nr. 37: Beim Säcketragen haben wir Haken, sonst machen wir Alles mit der Hand. iUeber Befragen des Vorsitzenden.) Keine von den Arbeiterinnen hat Wohnung oder Kost beim Herrn. Geschenke an Vorgesetzte müssen wir nicht machen. Zum Frühstück nimmt eine Arbeitern: Kaffee, zum Gabelfrühstück um 3 kr. Speck, wegen des Staubes, zu Mittag holt sich Jede das Essen in das Arbeiterzimmer aus dem Gasthaus, meist Suppe und Gemüse, Fleisch nicht, zur Jause kommt meist um 3 kr. Milch oder Speck, das Nachtmahl besteht meistens aus Gemüse oder Suppe. Die Ausgabe für die Kost im Tage beträgt etwa 40 kr. Die Meisten sind verheiratet. Die Mädchen, die bei fremden Leuten wohnen, zahlen st. 1 für das Bett. Ich bin bei meinen Eltern. Vor fitzen der: Bekommen die Mädchen für st. 1 ein reines Bett? — Exp. Nr. 37: So ziemlich, aber nicht überall, meist nur dort, wo keine Kinder find. Wittelshöfer: Sie haben gesagt, daß Sie Säcke tragen müssen. Ist das regelmäßig? — Exp. Nr. 37: Wir müssen die Säcke, die wir zur Arbeit haben müssen, selbst zum Tische tragen. Die Säcke sind 150 bis 160 Kilogramm schwer und werden von zwei Frauen getragen. Es haben sich auch viele Frauen daran schon wehgethan. (Ueber weiteres Befragen.) Unsere Familie besteht aus sechs Personen; wir haben Küche und Zimmer in Donaufeld und zahlen st. 6'50 monatlich. Zwei von uns schlafen in der Küche, vier im Zimmer. Im Zimmer sind zwei Betten, in der Küche eines, so daß also immer zwei Personen zusammen schlafen. Es sind darunter auch Kinder, eine jüngere Schwester, die acht Jahre, und eine, die 16 Jahre alt ist; ich bin 21 Jahre alt. — Exp. Nr. 38 (über Befragen): Ich zahle für meine Wohnung fl. 6'30 und wohne mit einem Mädchen zusammen. Die Wohnung besteht aus Zimmer und Küche und ist ebenfalls in Donaufeld. Dr. Maresch: Wie machen Sie den Kaffee? Nehmen Sie Franckkaffee oder Cichorienkaffee? — Exp. Nr. 38: Feigenkaffee mit echtem Kaffee und Kirschenkaffee gemischt. — Exp. Nr. 37 (über Befragen): Das Arbeitslocal ist zu ebener Erde. Wir haben nur einen Sortirsaal, welcher 13 oder 14 Fenster hat, zwei davon gehen auf die Gasse, die anderen in den Hof. Es besteht zwar eine Ventilation, ste wird aber nicht benützt, weil es sonst zu viel ziehen würde. Eine andere Vorrichtung, damit der Staub leicht hinausgehe, ist nicht vorhanden. Vorsitzender: In welchem Zustande kommen die Hadern zu Ihnen? — Exp. Nr. 38: In schmutzigem Zustande, wie sie die Leute wegwerfen. 117 Vorsitzender: Welcher Schmutz ist daran? — Exp. Nr. 38: Alle Gattungen von Schmutz: Erde, Leibschmutz: wir bekommen auch Hadern von den Miststätten. Wir haben aber meist Landwaare. Hadern aus Spitälern kommen selten vor. Erkrankungen durch die Hadern sind, so viel ich weiß, nicht vorgekommen, wohl aber vielfach Erkrankungen in Folge von Zugluft. Es wird bei uus sehr viel gehustet und es sind die meisten Arbeiterinnen lungenkrank. — Exp. Nr. 37 : Der Raum, in welchem wir essen, hat zwei kleine Guckerln; es war nämlich früher ein Stall. Vorsitzender: Wie groß ist der Raum? — Exp. Nr. 37: Für vier Pferde. Es essen darin 12 bis 13 Personen, die anderen gehen nach Hause. Gereinigt wird nie. Einmal hat eine Frau reinigen wollen, und wie es der Herr gehört hat, hat er sie sofort entlassen wollen. Vorsitzender: Warum? — Exp. Nr. 37: Sie hat nämlich während der Arbeitszeit reinigen wollen. Er hat gesagt, das sollen wir unter der Mittagspause thun. Vorsitzender: Werden die Wände geweißt? — Exp. Nr. 37 : Wo wir essen, ist geweißt. In dem Sortirsaal wird aber nie gereinigt. Es wird nur alle Tage in der Früh ausgekehrt, ehe wir in die Arbeit kommen, und beim Auskehren wird gespritzt. Vorsitzender: Wer muß denn auskehren? — Exp. Nr. 37: Arbeiterinnen. Vorsitzender: Werden sie dafür bezahlt? — Exp. Nr. 37: Nein. Sie wechseln ab, jeden Tag kehrt eine andere. Der Fußboden ist aus Brettern. Die Fenster müssen wir selbst putzen, und zwar während der Arbeitspause. Herrdegen: Ist zu Ihrer Arbeit eine besondere Befähigung nothwendig? — Exp. Nr. 37: Man muß eingearbeitet sein. Lehrmädchen gibt es nicht. Die Anfängerinnen müssen zuerst Körbe austragen, die Waare in die Körbe hineingeben, und erst später lernen sie das Sortiren. Sie bekommen 70, 73 und 80 kr. pro Tag. Es sind dies lauter Erwachsene; einige sind schon 30 Jahre alt. Sie müssen den ganzen Tag stehen. (Aus Befragen.) Wir sind bei der Bezirks-Krankencasse und bekommen 48 kr. pro Tag. Ich glaube, daß Alle angemeldet sind. Es werden uns 50 kr. hiefür abgezogen. Eigentlich sollten wir nur 40 kr. zahlen, aber der Herr zieht immer 50 kr. ab. Bei der Unfallversicherung sind wir seit einem Jahre. Wir zahlen hiefür 7 kr. im Monat. Unfälle sind schon vorgekommen, besonders beim Tragen der Säcke, wo man sich mit den Haken verletzt. Herrdegen: Ist es nicht möglich, daß vier Personen diese Säcke tragen? — Exp. Nr. 37 : Das wäre ungeschickt. Dr. Maresch: Kleiden Sie sich zur Arbeit um? — Exp. Nr. 37 : Wenn es draußen licht ist, ja, im Winter nicht; wir nehmen dann während der Arbeit einen Zwilchmantel. Vorsitzender: Haben Sie Gelegenheit sich zu waschen ? — Expertin Nr. 37 : Dazu haben wir keine Zeit. Die Frühstückspause, welche 15 Minuten dauern sollte, dauert nur 10 Minuten, und da haben wir nicht einmal Zeit, die Hände zu waschen. Im Arbeiterzimmer befindet sich zwar eine Wasserleitung, aber keine Handtücher und auch keine Seife. Wir müssen uns die Seife selbst kaufen, oder wir nehmen einen Fetzen zum Abwischen. Zum Waschen haben wir einen Waschtrog, zu dem vier Pipen von der Wasserleitung sind. Dr. Maresch: Haben Sie einen Werkmeister, und haben Sie sich über denselben zu beklagen? — Exp. Nr. 37 : Genug. Alle Namen, die er weiß, gibt er uns. Wenn man nicht eine Arbeit macht, bevor er sie anschafft, so heißt er Einen schon ein Rindvieh und alles Mögliche. Ohrfeigen hat er auch schon angetragen. ^ ... * Mk 118 Dr. Maresch: Unsittlichkeiten kommen nicht vor? — Exp. Nr. 37: 9lein. — Exp. Nr. 38 (über Befragen seitens des Borsitzenden): Ich bin in demselben Betriebe, und zwar seit 22 Jahren. Ich habe dieselbe Arbeit. Als ich eintrat, bekam ich fl. 5 und es hat über ein Jahr gedauert, bis ich fl. 6 bekomme» habe. Jetzt bleibt es bei sl. 6. Manchmal bekomme ich in der Woche 20 bis 80 kr. mehr; aber da muß ich mich sehr viel plagen. Es sind mir auch schon Abzüge gemacht worden. Wenn man sich nur bei der Arbeit einmal umschaut, so wird man schon bestraft, indem eine halbe Stunde abgezogen wird. — Exp. Nr. 30: Ich bin in einem größeren Betriebe, wo etwa 100 Leute beschäftigt sind. Ich bin seit zehn Jahren dort, zwei Jahre war ich in einem anderen Geschäfte. Ich bin iu dieses Geschäft durch Aufrage gekommen. Es sind 14 Männer beschäftigt, die übrigen Personen sind Frauen. Die Arbeiterinnen sind nur Arbeiterkinder. Wir haben fl. 6'50 pro Woche; für die Stunde 10 kr. Ueberstnnden machen wir nicht; auch gibt es keinen Accordlohn. Die Arbeit dauert das ganze Jahr gleichmäßig fort. Bei uns kommen nur Abfälle von neuem Tuch und Schafwolle vor. Die Arbeit ist schwerer als die der anderen Expertinnen, weil wir 40 bis 42 Sorten haben; sie strengt viel mehr an. Wir bekommen die Waare sowohl von hiesigen Schneidern wie auch vom Auslande. Es ist in der Waare sehr viel Staub. Den Lohn von fl. 0 50 haben wir seit zwei Jahren; früher haben wir fl. 6 bekommen. Wir haben nämlich gesagt, daß uns fl. 6 zu wenig sind, und so hat uns der Herr 50 kr. daraufgegeben. Die Männer haben fl. 8, 0, 10, höchstens fl. 12. Auch die Männer müssen sich sehr plagen. Dieselben müssen abtragen und beim Aufzuge hantiren. Abzüge und Strafen 'kommen nicht vor. Wir haben eine Arbeitszeit von halb 7 bis halb 7, sie wird aber nicht eingehalten, meist wird es V-»7 oder auch 7 Uhr Abends, bis wir weggehen können. Zu Mittag haben wir eine Stunde; zum Frühstück und zur Jause je 20 Minuten. Zum Frühstücken haben wir ein eigenes Zimmer, welches ganz abgesondert ist und wohin kein Staub gelangen kann. An Sonntagen wird nicht gearbeitet. Wenn wir an Feiertagen arbeiten sollen, muß uns der Herr ersuchen. Dann arbeiten wir bis 3 Uhr, bekommen aber den ganzen Tag bezahlt. Eine Kündigungsfrist haben wir nicht. Vorsitz e n der: Steht das in der Arbeitsordnung ? — Exp. Nr. 39: Das weiß ich nicht; wenn man eintritt, wird Einem nichts davon gesagt. W i t t e l s h ö f e r: Kommt ein Wechsel häufig vor? — Exp. Nr. 38: Es ist sehr starker Wechsel. Gestern erst wurden Zwei weggegeben und beschimpft. Die Eine war krank, und da hat der Herr ihr gesagt: „Sie können in den Prater gehen; dort werden sie bessere Geschäfte machen als bei uns." Dr. Ranchberg: Woher wird Ersatz beschafft? — Exp. Nr. 39: Die Leute fragen sich an. Dr. Marefch : Sind im Allgemeinen jüngere oder ältere Arbeiterinnen dort? — Exp. Nr. 39: Mehr ältere. Es sind dort Arbeiterinnen, die 25 bis 30 Jahre beschäftigt sind. Es find viele Mädchen aus der Provinz. Auch viele, die aus Fabriken zu uns kommen. V o rfitzender: Gibt es auch solche, die weglaufen, wenn es ihnen nicht gefällt? — Exp. Nr. 39: Wenn sie zu stark sekirt werden, müssen sie weggehen. Geschenke an Vorgesetzte kommen nicht vor. Vorsitzender: Haben Sie einen Werkführer? — Exp. Nr. 39: Ja, der ist sehr schlimm. Er schimpft, das ist gar nicht zu sagen; er gibt den Frauen Bezeichnungen, die ihnen gar nicht gebühren. Vorsitzender: Ist er auch gegenüber den Mädchen zudringlich? — Exp. Nr. 39 schweigt. Vorsitzender.- Was essen Sie? — Exp. Nr. 39: Zum Frühstück Kaffee, zum Gabelfrühstück Speck, zu Mittag gehe ich nach Hause. Ich hole das Essen vom Wirthshause, und zwar Suppe und Gemüse. Ich habe zwei 119 Kinder, da kostet mich das Essen 20 kr. Zur Jause kause ich mir Wurst oder Speck. Das Nachtmahl nehme ich vom Wirthshaus. Für das Frühstück gebe ich 30 kr. aus; da ist auch die Jause mitgerechnet. Das Nachtmahl kommt auch aus 30 kr. Mein Mann ist Taglöhner und verdient fl. 8 bis 9. Für die Wohnung zahlen wir fl. 1030 pro Monat. Wir haben in der Brigittenau Zimmer und Küche. Dr. Ofner: Wie ist es mit der Reinlichkeit im Arbeitslocal bestellt? — Exp. Nr. 39: Ausgewaschen wird nie. Das ist nicht möglich, weil zu viel Staub ist. Das Arbeiterzimmer wird im Jahre ein- oder zweimal gereinigt. Wittelshöfer: Wie alt sind Ihre Kinder? — Exp. Nr. 39: Ein Bub ist 3' ^ Jahre, der andere 10 Jahre. Wittelshöfer: Was machen die Kinder während des Tages? — Exp. Nr. 39: Den Kleinen gebe ich in die Spielschule, der Große geht in die Schule. Nach der Schule geht er nach Hause und macht seine Aufgaben. In der Spielschule zahle ich pro Tag 5 kr. Früher war meine Mutter bei mir. Dr. Rauchberg: Wie viel Betten haben Sie? — Exp. Nr. 39: Drei. (Auf Befragen.) Das Arbeitslocal ist im ersten Stocke. Es ist nur eiu Saal mit 15 Fenstern, alle auf eiuer Seite; in demselben sind 80 Personen. Je vier Frauen sind an einem Fenster, die übrigen arbeiten in der Mitte des Locales. Die Fenster gehen in den Hof. Es sind vier Aborte; im ersten Stocke für die Frauen und unten für die Männer. Der Arbeitsraum wird ausgekehrt und mit Carbol bespritzt, und zwar in der Frühe, wenn wir hinaufkommen. Wir haben auch eine Stanbmaschine. Es sind im ganzen Locale Röhren, und die ziehen den Staub in sich. Unten ist ein Reservoir, und wenn die Maschine länger geht, ist das Wasier im Reservoir wie Koth. Sie ist aber nie in Betrieb. Vorsitzender: Warum? — Exp. Nr. 39: Weil das dem Herrn Geld kostet. Die Maschine ist nur zur Parade da; wenn der Gewerbe-Jn- spector kommt, wird ein Aviso gegeben, und die Maschine geht. Vorsitzender: Wann war die Maschine zuletzt im Gang? — Expertin Nr. 39: Das ist schon über ein Jahr. Pernerstorfer: Ist ein Vorraum, wohin der Jnspector zuerst kommt? — Exp. Nr. 39: Es wird von unten hinauftelephonirt, wenn er kommt, und dann lassen sie die Maschine gehen. Exp. dir. 37: Bei uns ist es auch so. Wenn der Jnspector kommt, wird hinauftelephonirt; dann muß die schmutzige Arbeit sofort weggeschafft werden, und wir bekommen reine. Pernerstorfer: Kann denn das so schnell gemacht werden? — Exp. Nr. 37: O ja. Exp. Nr. 39 (über Befragen): Zeit, uns vor dem Essen zu reinigen, bleibt uns nicht. Es ist eine sehr große Waschküche da; dort sind acht oder neun Ausläufe der Wasserleitung, die in einen Waschtrog gehen. Im Geschäft wäscht man sich. Wir haben bei der Arbeit Zwilchmäntel, die wir über die Kleider ziehen. Im Arbeiterzimmer wird alle Jahre der Fußboden zwei- bis dreimal gerieben. Seit sechs bis sieben Jahren ist noch nicht geweißt worden; auch im Arbeiterzimmer nicht. Die Wände werden etwa einmal im Jahre mit Besen abgestaubt. Bei uns sind zumeist verheiratete Arbeiterinnen. Die jugendlichen Arbeiterinnen bekommen 75 kr. pro Tag. Es sind deren 12 oder 13. Ueber die Erkrankungen kann ich nichts sagen. Es kommt häufig Stechen vor; das ist vom Zug, auch wird viel gehustet. Todesfälle sind mir nicht erinnerlich. Wir sind bei der allgemeinen Krankenkasse versichert. Wir zahlen 17 kr. pro Woche und bekommen fl. 4'20. Wir gehören keiner Organisation an. Bei der Unfallversicherung sind wir nicht. Unfälle kommen auch nicht vor. (Ueber Befragen des Dr. O f n e r.) Die Ventilationsmaschine besteht, fo lange das Haus steht. Der Jnspector war einmal im Jahre dort; wenn er gekommen ist, ist er immer durch das Hausthor gegangen. Die 120 Maschine wird durch den Gasmotor betrieben, durch den auch die Auszüge betrieben werden. Vorsitzender: Wir gelangen zur Vernehmung von Experten aus der Papierbranche. — Experte 6 (über Befragen seitens des Vorsitzenden): In dem Betriebe, wo ich bin, wird Cigarettenpapier erzeugt. Es ist dort ein vierzigpferdekräftiger Motor. Die Fabrik besteht aus zwei Häusern. Sie sind drei Stock hoch; es wird aber auch der Dachboden als Arbeitsraum benützt, und die Transmission geht bis in den vierten Stock. Männer sind wenige beschäftigt. Das Papier ist meist Seidenpapier und wird zunächst geschnitten, dann durch eine Maschine mittelst Stahlstanzen gestampft. Die Maschine bedient ein Mann. Wenn die Büchel gemacht sind, werden sie in einen Umschlag eingelegt; man nennt das „einkleben". Das machen die Frauen. Ein Theil salzt die Etiquetten, in welche die Büchel eingeklebt werden; ein Theil macht die Cartons dazu. Dann ist noch eine Maschine da, wo das Papier gefärbt wird; diese wird von einem Manne bedient. Auch Hülsen werden bei uns erzeugt. Das Papier wird aus Stahlschablonen aufgeklebt und zusammengeklebt heruntergezogen. Dann wird das Mundstück dazu gemacht. Dabei sind nur Arbeiterinnen beschäftigt. Die Hülsen werden aber größtentheils außer Hause gemacht. Expertin Nr. 40 (gibt über Befragen seitens des Vorsitzenden an): In der Fabrik, in welcher ich bin, sind über 500 Leute beschäftigt. Ich bin seit neun Jahren dort und mache die cartonirten Büchel, das Einkleben. In unserem Saale sind nur 2 Männer und 70 bis 80 Mädchen. Es ist ein sehr großer Wechsel. An manchen Wochen gehen drei bis vier Mädchen fort und kommen wieder einige. Die Arbeit ist nämlich sehr schlecht, man verdient sehr wenig. Kinder sind nicht beschäftigt, aber junge Mädchen mit 14 oder 15 Jahren. Sie werden nicht als Lehrmädchen behandelt, wenn sie auch nur 20 kr. pro Woche bekommen. Bei den Maschinen sind nur Männer. Die Einklebe-Arbeit wird nicht außer Hause gegeben. Die Arbeiterinnen sind meist Arbeiterkinder. Entlassen werden nur wenige; die meisten gehen selbst weg, gewöhnlich wenn die Arbeit aufhört. Jetzt ist gerade die Zeit, wo die Arbeit sehr schlecht geht. Wir haben zwar das ganze Jahr Arbeit, aber wir müssen oft aussetzen; wir bleiben jedoch, auch wenn wir keine Arbeit haben, in der Fabrik. So sind wir von vorgestern bis gestern zu Mittag in der Fabrik gesessen und haben nichts gemacht, daher auch nichts verdient. Pernerstorfer: Dürfen Sie nicht fortgehen? — Exp. Nr. 40: Manchmal. Es ist dem Herrn nicht recht, damit es nicht heißt, daß bei ihm keine Arbeit ist. Wittelshöfer: Kommt das zu bestimmten Jahreszeiten vor? — Exp. Nr. 40: Das ist nicht gleich; manchmal haben wir monatelang sehr viel zu thun. (Ueber Befragen.) Die Arbeit wird nach Stück bezahlt. Für 100 Büchel bekommen wir 3 kr., oder auch nur 2 kr. Das hängt von der Qualität ab. Das Bücherüberschleifen ist besser als das Einkleben. Für 100 Büchel werden l'I» bis 2 kr. bezahlt. Der Preis ist geringer, wenn weniger zu thun ist. Ich verdiene manchmal nicht einmal fl. 4, bin auch schon mit fl. 1 95 nach Hause gegangen. In der Zeit, wo starke Arbeit ist, verdiene ich höchstens fl. 4. sl. 5 habe ich schon seit zwei Jahren nicht -gesehen. Vorsitzender: Sind Sie eine geschickte Arbeiterin? — Expertin Nr. 40: Es °gibt Arbeiterinnen, die flinker sind; die kommen über fl. 5. Ebenso diejenigen, welche die Werksührerin gut leiden kann; die bekommen nämlich bessere Arbeit. Ueberstunden haben wir selten; höchstens eine Stunde. Abzüge und Strafen sind bisher nicht in Uebung gewesen; jetzt will sie der junge Herr einführen. Wir haben eine Arbeitsordnung, es steht aber von Strafen nichts drin. Material kann bei uns nicht verdorben werden. Die Arbeitszeit ist von 7 bis 6. Frühstücks- und Jausenpanse haben wir nicht. 121 Wenn wir etwas zu uns nehmen, darf das nicht gesehen werden. Wir haben höchstens Kaffee und eine Semmel mit. Den Kaffee können wir wärmen, aber nur verstohlen. Die Mittagspause ist eine Stunde. Der Fabrikssaal wird dann nicht geschloffen; wir können dort bleiben, und meist arbeiten wir ein wenig. An Sonntagen arbeitet Niemand; wohl aber an gewissen Feiertagen. Kündigung gibt es nicht. Das steht zwar nicht in der Arbeitsordnung, ich habe aber oft gesehen, daß Leute ohne Kündigung weggehen. Dr. Rauchberg: Wie lange im Jahre müssen Sie feiern? — Exp. Nr. 40: Wenigstens drei Monate kann man sagen. Das ist vielleicht zu wenig. Baronin Vogelfang: Wenn Jemand an Feiertagen in die Kirche gehen will, läßt sie der Herr gehen? — Exp. Nr. 40: Der Herr ist sehr christlich, aber in der Hinsicht nicht. Dr. Riedl: Haben Sie früher flinker gearbeitet? — Exp. Nr. 40: Ja. Früher habe ich bis fl. 6 verdient, noch vor drei Jahren. Damals war aber auch meine Arbeit anders, ich hatte besseres Material, und es ist uns Alles zugetragen worden. Jetzt müssen wir Alles selbst holen, und dadurch verlieren wir viel Zeit. Dr. Riedl: Dieser Zeitverlust soll doch alle Arbeiterinnen treffen? — Exp. Nr. 40: Nein. Wir haben eben mehr zu tragen. Diejenigen, die bessere Arbeit haben, brauchen nur einmal oder zweimal die Arbeit herauszutragen und abzuliefern, während ich drei- und viermal gehen muß. Tann bekommen wir auch die Arbeit oft nur stückerlweise und müssen dann wieder warten. Herrdegen: Liegt die Ursache dieses Aussehens der Arbeit nicht etwa darin, daß Sie darauf warten müssen, bis die Arbeit von der Maschine kommt und daß nicht entsprechender Vorrath vorgeschnitten ist ? — Exp. Nr. 40: Wenn der Herr die Waare nothwendig braucht, so haben wir das Material gleich. Engel: Wie viel Büchel machen Sie im Tage? — Exp. Nr. 40: 3500. — Exp. 0: Es kommen 100 Büchel in einen Carton hinein. Dafür bekommt sie 2 kr., und da macht sie ungefähr 35 solche Cartons. Engel: Gibt es Jemanden, der bei derselben Arbeit mehr im Tage macht? — Exp. Nr. 40: Höchstens 38. (Ueber Befragen.) Geschenke an Vorgesetzte haben wir nicht zu machen. — Zum Frühstück habe ich Kaffee, den ich mir von Hause mitnehme, zu Mittag Suppe und Zuspeise, das kostet meist 7 kr., höchstens 10 kr., zur Jause wieder Kaffee, den ich mir von zu Hause mitgenommen habe. Das Nachtmahl nehme ich zu Hause gemeinschaftlich mit meinem Sohne. Ich bin Witwe. Ich koche Abends nicht. Manchmal mache ich eine Erdüpfelsuppe oder koche Erdäpfel, oder ich hole aus dem Gasthaus ein Gollasch, Beuschel oder dergleichen. Manchmal kaufen wir uns, ich und mein Sohn, zusammen einen halben Liter Bier. — Das Arbeitslocal ist im ersten Stock und hat acht Fenster. Es ist nicht besonders lustig und sehr staubig. Irr der Früh wird oft, wenn wir kommen, noch ausgekehrt. Hie und da machen wir die Fenster auf. Ventilation haben wir, wir benützen sie aber nicht, da es sonst zu kalt würde und wir zu unserer Arbeit Wärme brauchen. Die Räumlichkeiten sind rein. Daß die Wände abgestaubt werden, habe ich nie gesehen. Der Fußboden wird nicht gerieben, auch die Fenster werden nicht geputzt, außer wir würden sie putzen. Wir haben Gelegenheit, uns zu waschen, da für jeden Tisch ein Schafs vorhanden ist. Am Tisch sind sechs bis acht Personen. Seife und Handtücher bekommen wir nicht. Zum Reiben der Tische müssen wir selbst Fetzen mitbringen. Der Staub entwickelt sich durch Federweiß, das bei der Arbeit benützt wird, und durch das, was man an den Füßen hineinträgt. Uns ist eine Frau vorgesetzt, von deren Gunst wir Alle abhängig sind. Manche Arbeiterinnen haben das ganze Jahr zu thun und brauchen nie auf eine Arbeit zu warten. «MMSSÄA 122 Tiefe Vorsteherin ist im Parterre. Sie selbst arbeitet nicht, sondern gibt nur die Arbeit aus und schreibt ein. Bei uns sind mehr ledige als verheiratete Personen und lauter hiesige. Dr. Rauchberg: Wie werden die Leute in die Arbeit aufgenommen? — Exp. Nr. 40: An einem Montag ist vor dem Thore Alles voll. Engel: Sie waren auch in anderen Fabriken? —Exp. Nr. 40: Ja. Engel: Warum sind Sie in diesem Hause schon neun Jahre? — Exp. Nr. 40: Jetzt nähme mich Niemand mehr. Ich muß überhaupt schon jede Arbeit mit Augengläsern machen. Auch bei uns werden keine Alten aufgenommen. Ich gehöre dem Fachvereine der Papierbranche an und zahle dort pro Woche 5 kr. Engel: Dürfen Sie dem angehören? — Exp. Nr. 40: Es sind schon Einige gemaßregelt worden. Bei der ersten Mai-Feier wurden drei entlassen. Ich bin bei der Arbeiter-Krankencasse versichert. Ich zahle seit vier Wochen 17 kr., früher habe ich 13 kr. gezahlt. Für die Unfallversicherung zahlen wir nicht. Dr. Rauchberg: Sie wohnen mit Ihrem Sohne zusammen? — Exp. Nr. 40: Ich bin bei meinem Vater. Wir haben Zimmer und Küche und zahlen sl. 11'20 monatlich. Ich zahle nichts zum Zins. In der Wohnung sind drei Personen. Wir haben vier Betten. Mein Sohn verdient jetzt sl. U20 pro Tag. Ich halte die Graphischen Nachrichten, das ist das Verbandsorgan. Vergnügungen kann ich mir sehr wenig gönnen, weil ich die ganze häusliche Arbeit machen muß. Ich muß auch für meine Angehörigen flicken und nähen. (Pros. Dr. v. Philippovich übernimmt den Vorsitz.) Expertin Nr. 41 (über Befragen des Vorsitzenden): Ich bin bei einer anderen Firma. Meine Arbeit besteht im Büchelschleifen. Wir sind im Betriebe über 500 Personen. In dem Saal, wo ich arbeite, sind über 150. Früher war ich bei einer anderen Firma bei derselben Arbeit; ich bin von dort weggegangen, weil ich zu wenig verdient habe; ich bin ganz auf mich angewiesen. Zuerst war ich bei S., der Firma, wo ich jetzt bin, da war ich nicht ganz 14 Jahre alt. Nach etwa 11 Monaten hat mich der Werkführer weggegeben. Dann war ich 13 Monate bei der anderen Firma, und jetzt bin ich wieder zur ersten Firma zurückgegangen, weil ich da mehr Arbeit habe. Wie ich eingetreten bin, habe ich fl. 2 bekommen. Es sind dort jüngere und ältere Personen beschäftigt. Junge Mädchen von 14 Jahren sind sehr viele dort. Die Beschäftigung dauert nicht das ganze Jahr. Gegen den Herbst haben wir mehr zu thun, im Sommer müssen wir aussetzen. Wir müssen oft auf die Arbeit warten, und wenn es sehr lange dauert, schickt uns der Herr nach Hause. In die Arbeit gehen wir aber alle Tage. Während der schlechten Zeit werden auch Viele entlassen, meistens aber nur die Jüngeren. Nach Hanse bekommen wir keine Arbeit. Die Arbeit ist leicht, der Bronzestaub legt sich aber auf die Brust, denn die Etiquetten sind meist mit Bronze gefärbt, und da haben wir immer die Hände und das ganze Gewand voll Bronze. Für 100 Schleifen bekommen wir 2 und 3 kr. Wenn wir zwei Zettel auslegen müssen, bekommen wir 4 kr. Von den zu 3 kr. macht man 23 bis 25 Schachteln zu je 100; da muß man aber schon geübt sein. Die minder geschickten Arbeiterinnen kommen auf fl. 2 bis 3 in der Woche. ^Vorsitzender: Wie lange dauert es, bis eine Arbeiterin sich eine gewisse Fertigkeit aneignet? — Exp. Nr. 41: Die eine lernt schnell, die andere langsam oder überhaupt nicht. Ich habe schnell gelernt und habe die Arbeit unter einer Woche gekannt. So viel als ich jetzt habe, verdiene ich seit vier, fünf Jahren. Wenn ich viel zu thun habe, verdiene ich fl. 4, 4'30 bis 4'50, m schlechten Wochen sl. 3, 3'50. Zu Weihnachten habe ich auch schon fl. 1'80 gehabt. Vorsitzender: Kommt es nie vor, daß die ganze Arbeiterschaft weggeschickt wird? — Exp. Nr. 41: Ein Theil hat immer etwas zu thun. Die Anderen werden fortgeschickt. 123 Dr. Rauchberg: Die Schleifen werden zusammengeklebt? — Expertin Nr. 41: Zuerst werden sie gefalzt und dann mit Leim bestrichen. Der Leim trocknet schnell. Dann werden sie aufgerieben. Den Leim müssen wir schlecken. Manche Schleifen kann man mit dem Schwamm naß machen, das Schlecken kommt aber sehr oft vor, denn da geht's geschwinder. Das Federweiß ist von der Glänzmaschine. (Auf Befragen.) Die Arbeitszeit ist von 7 bis 6 Uhr. Mittags haben wir eine Stunde Pause. Frühstücks- und Jausenzeit haben wir nicht. Pernerstorfer: Kommt es nicht vor, daß so ein Packerl Papier bei der Arbeit zerreißt? — Exp. Nr. 41: Wenn es schlecht ist, müssen wir es zerreißen, weil wir es nicht einpacken dürfen. Die Arbeit wird uns dann nicht vergütet. Dr. Schriller: Wird die Mittagspause eingehalten? — Exp. Nr. 41: Manchmal arbeiten wir weiter, damit wir mehr verdienen, namentlich wenn wir schlechtere Arbeit haben. Vorsitzender: Was ist das, eine schlechtere Arbeit? — Exp. Nr. 41: Die um 4 kr. ist die bessere Arbeit, die um 3 und 2 kr. ist die schlechtere. Herrdegen: Schlecken Sie aus eigenem Antriebe? Werden Sie vorn Unternehmer dazu aufgefordert, oder sagt er nicht: das Schlecken ist nicht erlaubt? — Exp. Nr. 41: Das hat er nicht gesagt. Wenn man nicht schleckt, so trocknet der Leim sehr schnell, und dann springen die Schleifen oft ynf, und wenn die Schleifen aufspringen, gehen sie zurück, und wir bekommen nichts dafür. Herrdegen: Verletzen Sie sich da nicht beim Schlecken? — Exp. Nr. 41: Die Lippen springen auf. «Ueber Befragen.) Das Arbeitslocal ist im zweiten Stock und hat 13 Fenster auf jeder Seite. Es ist Doppellicht. Wir haben einen Werkführer, der oft sehr flegelhafte Ausdrücke gebraucht. Er vergibt die Arbeit. Wenn man etwas sagt, was ihm nicht recht ist, gibt er Einem schlechte Arbeit. Den Mädchen stellt er nicht nach. Ich wohne bei meinem Bruder und zahle 70 kr. pro Woche. Zu unterstützen habe ich Niemanden. Die Familie meines Bruders besteht aus drei Personen. Er hat Zimmer und Küche und zahlt st. 8'30 Zins. Die Küche ist sehr klein. Wir haben zwei Betten. Ich schlafe am Divan. Ich bin bei der Arbeiter-Krankencasse versichert. Dr, Ofner: Kommen bei Ihnen Krankheiten vor? — Exp. Nr. 41: Es sterben sehr Viele an Lungenkrankheiten. — Exp. Nr. 42 (über Befragen des Vorsitzenden): Ich bin in demselben Betriebe. Ich mache die Etiquetten auf die Büchel. Für 60 Büchel bekomme ich einen Kreuzer, für 100 Schachteln zu 30 Bücheln werden 80 kr. bezahlt. Ich verdiene wöchentlich fl. 4 bis fl. 4'50. Ich bin aber schon die geschwindeste Arbeiterin. Die Etiquetten werden mit Kleister aufgeklebt. Ich bin seit 15 Jahren immer in demselben Betriebe und bei derselben Arbeit. Ich bin gleich nach Stück bezahlt worden, habe aber früher weniger verdient. Höher als auf fl. 4'50 komme ich nicht. Nach Hause nehmen wir keine Arbeit. Es gibt bei uns Lehrmädchen, die 14 Tage oder drei Wochen lernen und während der Zeit fl. 3 pro Woche bekommen. Nach Stück bekämen sie vielleicht fl. 1/70. Mein Mann ist Tischler und verdient fl. 8 bis 9 wöchentlich. Wir haben eine Kammer im X. Bezirk, für welche wir fl. 6 zahlen. Die Kammer hat einen Eingang vom Gang aus und ein Fenster in den Hof. Wir wohnen allein. Zu Mittag esse ich vom Gasthaus, am Abend mit meinem Mann zusammen. Meistens koche ich am Abend etwas. An Feiertagen koche ich Fleisch. Kinder haben wir nicht. Ich habe wohl zwei Kinder gehabt, sie sind aber gestorben. Ich hatte sie bei meiner Mutter in der Kost und habe monatlich für ein Kind fl. 8 gezahlt. Exp. Nr. 43 (über Befragen seitens des Vorsitzenden): Ich mache Cigarettenhülsen. Die Fabrikation geschieht auf folgende Weise: Wir be- 124 kommen das Papier schon nach der Größe geschnitten, wie es der betreffenden Nummer entspricht: Zweier, Dreier, Vierer u. s. w. Die Dreier und Vierer sind schon sehr schwer. Zuerst wird das Papier aufgerieben, dann mit Kleister angestrichen; dann picken wir eineHülse nach der anderen aus einem Messingstock zusammen, welcher in die Hülsen hineingesteckt wird. Tann machen wir die Mundstücke. Sie werden auch zuerst aufgerieben, zusammengewuzelt und dann werden die Hülsen auf das Mundstück aufgesteckt. Wir bekommen für das Tausend 35 kr. Ich beschäftige mich mit dieser Arbeit seit drei Jahren. Früher habe ich bei den Bücheln gearbeitet. Da ich aber Kinder habe und zu Hause sein muß, so habe ich jetzt diese Arbeit übernommen. Zu einem Tausend brauchen wir 5 bis 6 Stunden. Wenn ich meine häuslichen Arbeiten verrichtet habe, arbeite ich oft bis 12 Uhr Nachts, manchmal die ganze Nacht, z. B. heute, wo ich Zeit versäumt habe. Ich habe zwei Kinder, eines mit 9, das andere mit 2Vr Jahren. Das letztere ist krank. Beim Abliefern und Holen der Arbeit verlieren wir sehr viel Zeit. Wenn wir in der Früh abliefern kommen, so wird von den Schachteln eine ausgesucht und ganz ausgeleert. Früher hat man uns für jede offene Hülse 5 kr. abgezogen, das ist jetzt nicht mehr der Fall. Sie nehmen jetzt die Hülse und drücken sie zusammen, damit das Mundstück herausfällt, wenn es nicht gut befestigt ist. Die gute Hülse wird wieder in die Schachtel gelegt, die schlechte wird auf die Schachtel darauf gelegt. Dann müssen wir vielleicht eine Stunde warten, bis der Werksührer kommt, der manchmal sagt: Es solle noch eine zweite Schachtel ausgesucht werden. Wir müssen ferner die Hülsen zu viert zusammenlegen und über den Tisch hinunterlaufen lassen, damit man sieht, welche fest sind. Nun ist aber das Papier oft sehr schlecht. Manchmal ist es wie Zeitungspapier, manchmal sehr spröde. Tann wird die Hülse nicht rund, sondern sie bekommt Ecken und geht nicht aus das Mundstück. Zur Prüfung einer Schachtel braucht man eine Viertelstunde. Wenn nun zehn Frauen zum Abliefern kommen, so muß ich manchmal warten, bis die anderen neun vorüber sind; das dauert oft sehr lange. Ich bin auch schon bis 6 Uhr nicht fertig geworden und habe am nächsten Tage wieder kommen müssen. Jede von uns hat zwei Liesernngstage in der Woche; sie liefert entweder Montag und Donnerstag, oder Dienstag und Freitag, oder Mittwoch und Samstag. Nach dem Abliefern bekommt man neue Arbeit. Ist der Werkführer schlecht gelaunt, so muß man, nachdem man schon abgeliefert hat, zwei bis drei Stunden auf neue Arbeit und auf das Geld warten. Oft bin ich um 8 Uhr hingegangen, und erst um 12 Uhr hat es geheißen: „Holen Sie sich das Geld." Wenn er gut gelaunt ist, dauert es nur kurze Zeit; aber warten müssen wir immer. Am Abend, nach 5 Uhr, darf nicht mehr geliefert werden und auch Vormittags nur bis 11 Uhr. Wenn sie den einen Lieserungstag nicht einhält, so muß sie drei Tage warten, bis zum nächsten Lieferungstag. Es wird beiläufig berechnet, wie viel Hülfen bei tausend Stück zerreißen. Was zerrissen ist, muß man zurückbringen. Neulich hat eine Arbeiterin 20 Hülsen gehabt, welche zerrissen waren. Sie hat vergessen, diese mitzubringen, mußte deswegen nach Hanse gehen und zwei Stunden Zeit versäumen. Sie wohnt nämlich am Rudolfshügel. Herrdegen: Wie viel Arbeiterinnen sind dort außer Haus beschäftigt?— Exp. Nr.43: Das weiß ich nicht, jedenfalls sind es sehr viele. Es sind mehr außer Haus wie im Geschäft, wahrscheinlich weit über hundert. Dr. Ofner: Gibt es auch solche, welche außer Haus arbeiten und sich von einer anderen Arbeiterin bei der Arbeit Helfen lassen? — Expertin Nr. 43: Das kommt auch vor; dann zahlt sie der anderen eben so viel, als sie bekommt. (Ueber Befragen des Vorsitzenden.) Mein Sohn kann mir bei der Arbeit nicht Helfen. Die Beschäftigung war bis jetzt regelmäßig. Wahrscheinlich wird sie jetzt nicht mehr regelmäßig sein, denn es werden uns immer mehr Ausstellungen gemacht. Das Geschäft geht schlechter; mau läßt uns aber nicht die Arbeit einstellen, sondern nur sehr lange warten. Daß Hülsen verloren gehen, kommt nicht vor, jede gibt sehr genau Obacht. Meine' Lieferungstage sind Montag und Donnerstag. Vor dem Liefernngs- tage muß ich die ganze Nacht arbeiten. Ich bin bei der allgemeinen Krankenkasse schon seit langer Zeit versichert und auch alle Anderen, die außerHaus arbeiten. Es werden uns 17 kr. vomLohn abgezogen. Vor Kurzem hatte ich einige Zeit ausgesetzt. Wie ich wieder zu arbeiten angefangen habe, habe ich fl. 2'10 verdient. Davon wurden mir die rückständigen Beiträge zur Krankenkasse in der Höhe von 76 kr. abgezogen, so daß ich nur fl. 1'34 bekommen habe. Bis vorigen Monat haben wir nur 13 kr. Krankengeld gezahlt, jetzt müssen wir 17 kr. zahlen. Die Arbeiterinnen außer Hans verdienen sich alle ziemlich gleich viel. fl. 2'80 in der Woche ist das Höchste, da muß sie 8000 Stück abliefern. Nachdem ich an 1000 Stück 5 bis 6 Stunden arbeite, sind das 40 bis 48 Stunden in der Woche. Der Kleister und die Werkzeuge werden von der Fabrik beigestellt. (Ueber weiteres Befragen.) Mein Mann ist Fabriksarbeiter und verdient fl. 8. Wir haben Zimmer, Küche und Cabinet. Das Cabinet ist vermiethet, wir bekommen dafür st. 4. Es wohnen darin zwei alte Leute, ein Mann und eine Fran. Wir zahlen für die Wohnung st. 12'30. In der Frühe trinken wir Kaffee; zu Mittag Erdäpfelsuppe, dann und wann kaufe ich ein Stück Fleisch vom Roßfleischhauer; zu Abend haben wir wieder Kaffee. Wenn ich in der Nacht arbeite, so schneide ich mir höchstens ein Stück Brot ab. Dr. Riedl: Sie arbeiten doch wöchentlich höchstens 48 Stunden, das sind 7 Stunden täglich. Warum müssen Sie denn bis in die Nacht hinein arbeiten? — Exp. Nr. 43: Weil ich auch die häuslichen Arbeiten verrichten muß, waschen, kochen u. s. w., das hält sehr viel auf, außerdem muß ich die Kinder warten, für sie flicken und nähen. / Dr. Verkauf: Wie weit haben Sie von der Fabrik nach Hause? — Exp. Nr. 43: 20 Minuten muß ich in die Fabrik gehen; zurück eine halbe Stunde, weil es bergauf geht. Dr. Verkauf: Wie viel Zeit verbringen Sie da im Ganzen, da Sie doch warten müssen? — Exp. Nr. 43: Mit dem Warten verlaufen bis vier Stunden, ich brauche also im Ganzen bis fünf Stunden. Exp. Nr. 44 (über Befragen des Vorsitzenden): Ich verrichte dieselbe Arbeit, wie die Frau Exp. Nr. 43, arbeite auch für denselben Unternehmer und für den gleichen Lohn. Ich habe zwei Kinder von neun und vier Jahren. Ich bin von meinem Mann geschieden und muß allein für die Kinder sorgen. Ich verdiene in der Woche fl. 2'10 und gehe nur einmal abliefern, damit ich nicht sehr viel Zeit versäume. Vorsitzender: Können Sie denn davon mit Ihren Kindern leben? — Exp. Nr. 44: Ich muß davon leben. Dr. Riedl: Sind Ihnen Kinder gestorben? — Exp. Nr. 43: Ja, eines mit drei Monaten, eines mit 17 Monaten. — Exp. Nr. 44: Mir ist ein Kind mit sieben Monaten gestorben. Ich habe auch noch einen Buben aus dem Lande, der sieben Jahre alt ist. Wittelshöfer (zur Exp. Nr. 43): Könnten Sie nicht auch die Arbeit nur einmal in der Woche abliefern? — Exp. Nr. 43: Ich habe darum auch schon gebeten, man hat es mir aber nicht bewilligt. Dr. Osner (zur Expertin Nr. 44) : Zahlt Ihnen Ihr geschiedener Mann etwas? — Exp. Nr. 44: Ich soll in der Woche st. 2 von ihm bekommen, aber einmal zahlt er es, und zehnmal nicht. (Ueber Befragen des Vorsitzenden.) Ich liefere 6000 Stück wöchentlich und muß auch sehr viel warten. Die Arbeit ist nicht das ganze Jahr gleich. Manchmal werden nicht 126 so viele Ausstellungen gemacht, dann geht es schneller. Manchmal gibt man uns nicht so viel Arbeit mit, als wir haben wollen. Ich bekomme z. B., wenn ich 4000 Stück haben will, nur 2000 oder 3000. Jetzt geht es schon 14 Tage schlechter. Wie lange das noch dauern wird, weist ich nicht. Ich war noch nicht in einer solchen stillen Saison dabei. Baronin Vogelsang: Ist es vorgekommen, daß Sie nur die Hälfte oder ein Viertel Ihres gewöhnlichen Verdienstes erwerben? — Exp. Nr. 44: Nein. Ich habe immer gleich alle Wochen 6000 Stück gehabt; nur jetzt geht es schlechter. Dr. Verkauf: Sind auch Sie versichert? — Exp. Nr. 44: Ja. — Exp. Nr. 45 (über Befragen des Vorsitzenden): In unserer Fabrik werden Luxuspapiere, Credenzstreisen, Manschetten für Blumenbonqnete und Lampenschirme fabricirt. Ich bin bei den Credenzstreisen beschäftigt. Ich muß den Streifen, wenn er aus der Maschine herauskommt, rollen. In unserem Betriebe sind im Ganzen 20 Personen beschäftigt; da sind auch schon die Drucker dabei. Ich bin noch nicht lange im Geschäft. Ich arbeite mit einem älteren Arbeiter zusammen. Dr. Verkauf: Wird nicht dieses Papier leicht rninirt? — Expertin Nr. 45: Wenn der Streifen beim Herausnehmen etwas zerreißt, so ist dem leicht abzuhelfen. Es kommt selten vor, daß ich wirklich etwas verderbe. (Ueber Befragen des Vorsitzenden.) Ich habe fl. 3'50 Wochenlohn, gleichviel, ob viel oder wenig zu thun ist. Die Anderen, die länger im Geschäft sind, bekommen jedes Jahr um 20 kr. mehr Lohn. Der höchste Lohn ist sl. 4'20; fl. 3 50 ist der Anfangslohn. Die Arbeit ist immer gleichmäßig. Arbeitszeit ist von '^8 bis ', 2 ? Uhr, im Sommer von 7 bis 6 Uhr; Mittagspause eine Stunde; Frühstück- und Jausenpanse je V-» Stunde, so daß die Arbeitszeit im Ganzen 9H? Stunden beträgt. Während der Mittagspause kann ich im Vocal bleiben. Abzüge und Strafen kommen nicht vor; auch keine Ueberstunden. Das Local ist ganz ordentlich ; es sind 20 Personen in zwei Abtheilungen. Wir haben keinen Werkführer, sondern unterstehen direct dem Herrn. In unserem Betrieb ist ein Gasmotor aufgestellt. Durch das Federweiß, welches verwendet wird, entsteht sehr viel Staub. Die Spitzen werden nämlich durch Maschinen aus den Papierstreifen herausgepreßt, und damit das Papier nicht kleben bleibt, wird Federweiß angewendet. In dem Raume, wo ich arbeite, sind drei Arbeiterinnen und zwei Arbeiter. In dem Locale, wo sich der Motor befindet, sind keine Arbeiterinnen. Wir arbeiten im Parterre, die andere Abtheilung ist im ersten Stocke. Auch der Gasmotor steht im Parterre. Ich bin gegen Erkrankung versichert; es werden mir 17 kr. abgezogen. Ich wohne bei meiner Mutter. Von meinem geringen Lohne kann ich sie nicht unterstützen, sondern brauche noch von ihr etwas. Meine Mutter hat nämlich eine Pension; sie ist Oberlehrerswitwe. Ich habe noch einen älteren Bruder, einen Cartonagearbeiter, der auch etwas nach Hause bringt. Meine Mutter verdient nichts. Unsere Wohnung besteht aus Küche und Zimmer; wir zahlen fl. 1050. Es sind in der Wohnung vier Personen; meine Mutter, mein älterer und jüngerer Bruder und ich. Exp. I) (über Befragen seitens des Vorsitzenden): Ich bin bei der Couvertsabrikation. Diese geht folgendermaßen vor sich: Zunächst wird das Couvert mit der Lckanzmaschine ausgestanzt, da sind Männer dabei. Die Couverts werden in verschiedenen Größen gestanzt und kommen sodann zu den Arbeiterinnen; zuerst zu den Gummiarbeiterinnen, welche die Klappen gummiren. Sie bekommen für 1000 Stück 2 kr. und können in zehnstündiger Arbeitszeit 30 bis 35 Tausend gummiren. Dann kommt das Couvert in die Maschine, welche die vier Ecken umschlägt und zusammenklebt. Bei dieser Maschine sind Frauen beschäftigt, und zwar eine Einlegerin und eine Sammlerin, welche die Couverts sammelt und darauf drückt, damit sie kleben bleiben. Die Einlegerin bekommt für das Tausend 8 kr., die Sammlerin bekommt 5 kr., für großes Format 8 kr., für das sogenannte 80er Format 0 kr. Geschickte Arbeiterinnen kommen bei der Maschine aus fl. 5, die jungen aus fl. 4'80 wöchentlich. In unserem Betriebe ist auch Handarbeit, und zwar bei den Extragröpen, die mit der Hand gefalzt werden. Da sind Lehrmädchen beschäftigt, welche mit einem Lohn von fl. 1 bis 1'20 anfangen. Es sind keine eigentlichen Lehrmädchen, sondern Anfängerinnen, indem sie nicht auf- gedungen werden. Es kommt häufig vor, daß bei einem Couvert etwas verdorben wird. Es wird nämlich häufig das sogenannte Secunda-Papier, Ausschußpapier verwendet, dann kommen häufig halbe Bogen in die Stanz- Maschine, so daß keine ganzen Couverts herauskommen. Dafür wird nichts abgezogen. Die Maschine arbeitet gleichmäßig fort. In unserem Betriebe sind 35 Personen beschäftigt, 20 Frauen, 0 Männer. Von den ersteren sind 2 Gummirerinnen, 0 Ätaschinenarbeiterinnen, 2 Sortirerinnen ... Vorsitzender (unterbrechend): Von den Sortirerinnen haben Sie uns noch nichts gesagt. — Exp. I): Wenn die Eonverts fertig sind, werden sie von den Sortirerinnen sortirt und dann in die Schleifen hineingegeben. Die Schleifen sind schon von der Gummirerin gummirt. Die Sortirerin nimmt die Couverts, legt dieselben in kleine Packete zusammen, dann macht sie 10 bis 15 Schleifen naß, indem sie sie abschleckt, gibt dann die Päckchen Couverts in die Schleifen hinein und klebt diese zu. Vorsitzender: Muß sie die Schleifen abschlecken, oder kann sie dieselben auch mit Wasser befeuchten? — Exp. 1): Der Herr sagt, mit dem Wasser geht es nicht so schnell. Sie darf keinen Schwamm und kein Wasser benützen, sondern sie muß schlecken. Dr. Schüller: Warum erlaubt der Herr nicht den Schwamm zu gebrauchen, nachdem es doch Stückarbeit ist? — Exp. 1): Die Sortirerinnen arbeiten manchmal auch im Wochenlohn. Dr. Schüller: Wie viele Arbeiterinnen bekommen fl. 1'20? — Exp. I): 10 bis 15. Das sind die Anfängerinnen, die blos salzen. (Ueber Befragen des Vorsitzenden.) Die Sortirerinnen bekommen 2 kr. für das Tausend. Die Verpackerinnen sind im Accord und werden per Paket gezahlt. Die Bezahlung ist nicht gleich. Sie bekommen für 10 Pakete, das sind 10.000 Stück 3, 7 und 10 kr. Ein Paket besteht aus fünf Cartons; in einem Carton sind 200 Couverts, also in einem Paket 1000 Couverts. Die Verpackerinnen müssen die Couverts in die Cartons hineinlegen und die Cartons zusammenpacken. Sie verdienen fl. 5 bis 0 in der Woche, weil sie meist nach Feierabend noch eine Stunde dableiben — sie werden nämlich nicht fertig — um das auszuarbeiten, was vorgearbeitet worden ist, und lassen sich nur so viel für den nächsten Tag übrig, daß sie damit gerade dann fertig sind, wenn wieder neue Arbeit vorgearbeitet ist. Die Arbeiterinnen sind meist Töchter von Arbeitern. Der größte Theil ist nicht in der Organisation. Einige sind dabei, die sich fürchten entlassen zu werden. Vorsitzender: Droht der Herr mit der Entlassung? — Exp. I): Nein, er sagt gar nichts. — Exp. Nr. 40 (über Befragen des Vorsitzenden): Ich bin in demselben Betriebe wie die Exp. Nr. 45. Wir beziehen die» Manschetten zu den Bouguets aus dem Strafhause, und die Kleberinnen kleben dieselben auf die Trichter aus. Die Bezahlung ist je nach der Größe und Qualität. Vorsitzender: Inwiefern hat die Qualität des Papiers hier einen Einfluß? — Exp. Nr. 40: Es kommt auch vor, daß die Manschetten aus Tarlatan und Spitzenstoß sind, wofür mehr gezahlt wird. Eine Kleberin kommt aus fl. 3 bis 4. Sie kann in der Saison auch aus fl. 5 kommen, wenn sie flink ist. Die Saison hat überhaupt in unserem Geschäfte einen sehr großen Einfluß. Wenn das Geschäft flau geht, wird langsamer gearbeitet. Die Arbeiterinnen werden aber trotzdem regelmäßig beschäftigt. Vorsitzender: Wann ist die Saison? — Exp. Nr. 46: Jetzt, wo die Namenstage kommen. Im Fasching werden nur kleine Manschetten gemacht. Dr. Schüller: Wie lange wird jetzt in der Saison gearbeitet? — Exp. Nr. 46: Die Arbeitszeit ist lO Stunden. Nur wenn sehr viel Arbeit ist, was aber selten vorkommt, z. B. Mitte Juli, so wird eine oder anderthalb Stunden länger gearbeitet. Dr. Ofner: Wird auch die Arbeit ganz ausgesetzt? — Exp. Nr. 46: Niemals. (Ueber Befragen des Vorsitzenden.) Wir machen auch Buchstaben. Diese werden mit der Stanzmaschine ausgestanzt, und zwar von Männern. Nur zum Einpacken ist ein Mädchen beschäftigt. — Exp. Nr. 47: Ich bin in einem Großbetriebe und zwar in demselben Betriebe wie Exp. Nr. 40. Das Einkleben der Bücheln und das Glänzen wird von den Frauen besorgt. Das Glänzen wird dutzendweise gemacht. Es fährt eine Stange von oben über das Papier und 'macht dasselbe glänzend. Das ist buntes Papier, rothes, gelbes und grünes Papier. Der Bogen wird bei der Maschine geschnitten. Ein junger Bursch von 14 bis 15 Jahren nimmt es von der Maschine herunter. Nachdem es geglänzt ist, wird es sortirt, nach Maß geschnitten und eingepackt. Das machen Alles Mädchen. Je nach der Farbe des Papiers muß die Glänzerin mehr oder weniger nachgeben, daß es nicht zerreißt. Sie wird rießweise gezahlt und kommt nicht höher als sl. 4 bis 5, ausnahmsweise aus sl. 6. Die Bogen werden rießweise abgezählt. Früher wenn eine Arbeiterin viel zerrissen oder wenn sie viel Ausschußwaare gemacht hat, so hat sie Strafe zahlen müssen. Das ist jetzt weggefallen, weil sich der Verein in's Mittel gelegt hat. Die Arbeiterinnen sind nicht beim Verein, weil sie sich fürchten entlassen zu werden. Ich selbst bin beim Verein. Der Herr hat mir schon gedroht, daß er mich entlassen wird, behält mich aber doch. Auf unserer Abtheilung sind 19 Männer und davon sind nur vier beim Verein. Vorsitzender: Wie sollen denn da die Mädchen Courage haben, wenn die Männer keine haben? — Exp. Nr. 47: Die Mädeln hätten schon Courage, aber die Mannsbilder haben keine. (Ueber Befragen des Vorsitzenden.) Wenn eine Arbeiterin so viel gearbeitet hat, daß sie sl. 6 verdient hat, so muß sie bis zur nächsten Woche aussetzen. Der Herr sagt: Ich habe nicht so viel Arbeit. Aber es paßt ihm ganz einfach nicht, mehr zu zahlen. Witte lshöser: Wird durch Abzählen, welches sie früher erwähnt haben, nicht eine große Zeitversäumniß verursacht? — Exp. Nr. 47: Für das Abzählen sind eigene Leute angestellt, die nach der Woche gezahlt werden. Ueberdies zählt es die Arbeiterin selbst schon während der Arbeit, und da braucht sie sich beim Nachzählen nicht zu kümmern. Die Maschine geht sehr schnell, und die Arbeiterin muß der Maschine nachkommen. Tann und wann springt die Feder, und der Stein haut sie in die Brust oder in den Magen. Die Maschine wird mit Dampf getrieben. Dr. Riedl: Wie ist das, daß eine Arbeiterin nicht über st. 6 verdienen kann? — Exp. Nr. 47: Wenn sicki eine sl. 6 bis 7 verdient hat, .so gibt der Herr ihr entweder gar keine Arbeit, oder sängt an Abzüge zu machen und zieht ihr bei jeder Gattung Arbeit 1 oder 2 kr. ab. Schluß der Sitzung 10 Uhr 35 Minuten. 8. Sitzung, Sonntag, 8. Wär;, Vormittag. Vorsitzender: Professor Marchet. Beginn 9 Uhr 45 Minuten. Vorsitzender: Ich ersuche den Herrn Experten Smitka, uns über die technischen Verhältnisse der Schneiderei Aufschluß zu geben. — Experte Smitka: Ich möchte vor Allem bemerken, daß ich acht Jahre in der Consection beschäftigt war. Gegenwärtig bin ich nicht mehr im Gewerbe beschäftigt. Unser Gewerbe theilt sich in zwei Gruppen: die Kleiderschneiderei und die Consection. Unter Consection verstehen wir die Erzeugung der Ueberkleider, Jacken, Krägen, Mäntel, Capes, Fichns u. s. w., während man unter Damenschneiderei speciell die Erzeugung von Kleidern versteht. Die Kleiderschneiderei theilt sich in zwei Unterabtheilungen, und zwar in sogenannte Salons und in kleine Geschäfte. Zunächst möchte ich von den Salons sprechen. Diese beziehen ihre Modelle, sowie auch vielfach die Stosse aus Paris. Wenn das Modell aus Paris kommt, wird es in den Salons etwas anders arrangirt, dem Wiener Geschmack angemessen, und es werden einige Stücke davon als Musterstücke verfertigt. Diese Musterstücke dienen als Basis der Mode für diese Saison, und von diesen werden dann die bei jedem einzelnen Stücke möglichen Variationen dem Geschmacke der einzelnen Damen oder der einzelnen Arrangeurinnen entsprechend gemacht. In den Kleidersalons in Wien arbeiten circa 1500 Arbeiterinnen. Die Anzahl derselben in einem Geschäfte beträgt zwischen 15 und 117. Jene Geschäfte, die unter 15 Arbeiterinnen haben, rechnen wir schon zu den kleinen. Die Erzeugung der Kleider theilt sich nun in zwei Hauptabtheilungen: die Erzeugung der Schößen und die Erzeugung des Leibes. Der Leib wurde bis in die letzten Jahre ausschließlich von Männern gemacht, heute aber bürgert sich immer mehr und mehr die Frauenarbeit ein. Selbst in größeren Geschäften werden schon von Frauen die Leiber erzeugt. Dort, wo sie von Männern erzeugt werden, machen die Männer nur die Form, während, wenn der Unterleib, wie wir sagen, fertig ist, derselbe auf die Puppe kommt und dann von der Arrangeurin übernommen wird. Die Arrangeurin muß immer viel Geschmack haben. Die Arbeit ist außerordentlich getheilt. Es gibt Mädchen, die nur Aermel machen, Andere machen nur den Wind- lich (das Uebernähen der Nähte auf der Innenseite), oder andere kleine Theile. Wenn dann Alles fertig ist, wird der Leib zweimal probirt, zuerst wenn er zusammengeheftet ist und zweitens wenn die Aermel darin sind. Für auswärtige Kunden hat man eine eigene Vorrichtung. Ein aus Leinwand geschnittener Leib, der auf die Kunde genau paßt, wird auf die Puppe gegeben und dann mit Watte ausgestopft. Die Schoß ist eine Arbeit, die mindere Kenntniß erfordert. In der französischen Schneiderei wird die Schoß ausschließlich von Mädchen gemacht. Auch da gibt es wieder Nnterabtheilungen. Die Schoß wird geheftet, das Beleg daraufgemacht und dann arrangirt. Die verschiedene Qualification der Arbeiterinnen bringt auch eine verschiedene Bezahlung mit sich. Die mindestbezahlte Arbeiterin ist diejenige, welche das Ueberwindlich macht, die bestbezahlte die Arrangeurin. Die meisten Arbeiterinnen haben 80 kr., sl. 1, fl. 1/20 pro Tag, die minderen von 40 kr. an. Der französischen Schneiderei steht die englische Schneiderei gegenüber, die ausschließlich von Männern gemacht wird. In einzelnen Geschäften arbeiten auch Frauen, aber sehr selten. Ich möchte nur noch Folgendes bemerken: Es sind in einzelnen Geschäften auch Arbeiterinnen angestellt, die die Ausgabe haben, gewissermaßen die Kunden zu finden und mit ihnen das Geschäft abzuschließen. Frauen-Enquste. 9 130 Das sind mit Monatsgehalt Angestellte, und sie haben gewisse Percente. Andere Arbeiterinnen begeben sich in die verschiedenen Hotels oder auf die Bahnhöfe oder fahren sogar in den verschiedenen Hauptstädten Europas herum. Diese reisen also der Kunde nach. Wenn nämlich die Saison vor der Thür ist und die Modelle aus Paris kommen, so trachtet jede Firma, möglichst schnell ihren Kunden ihre Modelle zu zeigen, damit diese auf Grund dieser Modelle Bestellungen machen. Dazu sind nun diese Mädchen da, die das veranlassen. Dann haben wir die sogengnnten „Madamen" oder „Mademoiselles", die sind das, was man anderswo Geschäftsführer oder Werkführer nennt. Sie haben eine Abtheilung des Geschäftes mit einer bestimmten Anzahl von Arbeitern und Arbeiterinnen unter sich, verkehren mit den Kunden, nehmen Bestellungen entgegen, kurz sie haben die volle Verantwortung und auch die vollen Rechte des Chefs in Bezug auf die Aufnahme und Entlassung der Arbeiter. Der Chef selbst kümmert sich wenig. Die Zahl der Arbeiterinnen, die in kleineren Geschäften beschäftigt sind, beträgt ungefähr 2500. In diesen Geschäften arbeiten drei, vier, fünf Mädchen. Die Arbeitsteilung ist hier selbstverständlich nicht dieselbe wie in großen Geschäften. Solchen Geschäften steht meistens eine Frau vor, die fast immer eine ehemalige Schneiderin ist. Meistentheils sind diese Frauen an kleine Beamte, Lehrer, Geschäftsleute u. f. w. verheiratet. Die Modelle für diese Geschäfte werden zum größten Theile vom Wiener Platze genommen, andererseits auch aus den Bildern und Zeichnungen, die in den Journalen hieherkommen. In diesen Geschäften sind ausschließlich Mädchen beschäftigt. In früherer Zeit haben die Mädchen die Leiber nicht machen können, seitdem sie aber zwei Jahre lernen müssen, qualificiren sie sich auch dazu. Die Verhältnisse der Arbeiterinnen in den kleinen Geschäften sind gegenüber denen in den Salons nicht besser, aber auch nicht bedeutend schlechter. Sie sind nur insoferne schlechter, als sie in den kleinen Geschäften meistens eine längere Arbeitszeit haben. Während in den Salons 80z bis 9 Stunden gearbeitet wird, wird in den kleinen Geschäften 10 und 11 Stunden bei einem gleichen, unter Umständen aber bei geringerem Lohn gearbeitet, und während in den großen Geschäften auch sehr gut entlohnte Arbeiterinnen sind, gibt es solche in den kleinen Geschäften nicht, weil die schwierige Arbeit die Frau selbst macht. In den kleinen Geschäften find nur einige Arbeiterinnen beschäftigt. Eine Theilung der Arbeit ist also schon mit Rücksicht auf die geringe Zahl der Arbeiterinnen nicht so durchführbar wie in den großen. Soweit diese aber durchführbar ist, wird die Arbeit getheilt. Auch hier macht Niemand ein ganzes Kleid und auch nicht den ganzen Leib. Ich übergehe nun zur Confection. Die Kleider, wie sie in den großen Confectionsgeschäften, z. B. in der Mariahilferstraße ausgestellt sind, werden ausschließlich von Stückmeistern, respective Stückmeisterinnen gemacht, theil- weise auch von Heimarbeiterinnen. Dort ist die Erzeugung der Ware ebenso wie in den kleinen Geschäften für Kunden aus dem Mittelstände. Nur ist die Arbeit nicht mit jener Genauigkeit gemacht, wie für die Kunde der Salons. In der Regel ist die Sache so, daß Derjenige, der für die Kunde aus dem Mittelstände oder dem besseren Arbeiterstande arbeitet, zugleich auch für ein solches Geschäft arbeitet. Denn, wenn die Kundenarbeit aufgehört hat, beginnt gerade die Zeit, wo die Geschäfte für Lager arbeiten. So haben diese Leute das ganze Jahr Arbeit. Vorsitzender: Findet auch ein Wechsel der Arbeiterinnen statt? — Exp. Snibtka: Ein regelmäßiger Wechsel nicht. Bezüglich der Saison möchte ich Folgendes bemerken: Es gibt in Wien Geschäfte, die vier bis fünf Monate im. Jahre gesperrt find. In den Salons und den größeren Geschäften dauert die Saison sechs Monate, während der anderen sechs Monate müssen die minder qualificirten Arbeiterinnen aussetzen, während die besser qualificirten, besonders die im 131 Monatslohne stehenden, weiter beschäftigt werden. Ein geringer Percentsatz der Arbeiter und Arbeiterinnen geht, wenn die Saison vorüber ist, nach den Badeorten. Dort haben viele Unternehmer Filialen, und zwar sind dies fast nur Wiener oder Berliner Unternehmer. Manche nehmen auch ihre Arbeiter dorthin mit. Die Arbeiterinnen in den Salons und in den anderen Geschäften recrutiren sich zum großen Theile aus dem Mittelstände, aus dem Kreise der Lehrer, Beamten u. s. w. Viele sind bei ihren Eltern, die auf den Verdienst nicht reflectiren, sondern die nur das Kleidermachen erlernen wollen, damit sie sich eventuell ihre Toilette selbst erzeugen können. So ist mir in der vorigen Woche der Fall vorgekommen, daß eine Arbeiterin, die bei einer Firma in der inneren Stadt beschäftigt war, in Baden gewohnt hat. Sie hat täglich 70 kr., und diese 70 kr. hat sie auch verfahren. Sie hat nur gearbeitet, wie sie sagte, um für sich und ihre Schwester die Toiletten machen zu können. Dr. Osner: Was machen die Heimarbeiterinnen? Machen die das ganze Kleid selbst? — Exp. Smitka: Ja, meistens arbeiten noch Schwestern u. s. w. mit. Die machen aber nur Arbeiten von geringerer Qualität. Dr. Schwiedland: Machen nicht auch die in den Lehr-Jnstituten ausgebildeten Mädchen und Frauen den Arbeiterinnen Concurrenz? Und können nicht auch beschäftigungslose Dienstmädchen zu gewissen Arbeiten verwendet werden? — Exp. Smitka: Die Mädchen, die in den Lehranstalten ausgebildet werden, gehören fast ausschließlich dem Mittelstände an, und sie machen in der That den Anderen Concurrenz. Dienstmädchen findet man in den Salons nicht. Es werden schon die Arbeiterinnen, die nur sechs Monate gelernt haben, dort nicht mehr aufgenommen. (Ueber Befragen.) Die Bezahlung der Stückmeisterinnen geschieht nach dem Stücke, während die meisten Arbeiterinnen in Folge der Arbeitstheilung nach der Zeit entlohnt sind. Das Lehrmädchen-Unwesen in diesen Geschäften ist ein großer Unfug. Die Zahl der Lehrmädchen ist in einer Weise gestiegen, die wirklich horrend genannt werden muß. Es werden auch viele Arbeiterinnen beschäftigt, die Vormittag Dienstmädchen, Nachmittag Lehrmädchen sind. Dr. Schwiedland: Kommt es vor, daß Lehrmädchen Platzgeld zahlen? — Exp. Smitka: Das kommt nicht vor. Dr. Osner: Wissen Sie, welches Verhältniß zwischen den Arbeiterinnen, welche aus diesen Erwerb angewiesen sind, und jenen, welche blos lernen wollen, besieht? — Exp. Smitka: Ich nehme an, ein Drittel sind in den Geschäften in der Stadt, die auf den Verdienst angewiesen sind, die anderen zwei Drittel nur mehr oder weniger. Das gilt von den Salons. In den kleinen Geschäften ist das Umgekehrte der Fall. Denn die Arbeiterinnen aus dem Mittelstände drängen sich nur in die Salons. Es ist gewissermaßen eine Ehre, wenn es heißt, sie ist in einem Salon beschäftigt. Dr. Weißkirchner: Sind in den Mittel- und kleinen Betrieben die jugendlichen Arbeiterinnen als Lehrmädchen angemeldet? — Experte Smitka: Wenn sie als jugendliche Hilfsarbeiterinnen angemeldet werden, so muß die Betriebsunternehmerin die Krankencassenbeiträge zahlen; da kommt ihr doch das Aufdingen billiger. Darum kommen jugendliche Hilss- arbeiterinnen in dieser Branche selten vor. Dr. Weißkirchner: Glauben Sie, daß die von der Genossenschaft ausgewiesene Zahl der Lehrmädchen den wirklichen Verhältnissen ziemlich nahe kommt? — Exp. Smitka: Es kommt oft vor, daß die Mädchen erst, wenn sie schon sechs Monate oder ein Jahr lernen, aufge- dungen werden. Ebenso ist es mit dem Freisprechen. Die Zahl der verwendeten Lehrmädchen ist entschieden größer als die der ausgewiesenen. Die in den Lehr-Jnstituten Arbeitenden kommen überhaupt nicht in der Ge- 9 * 132 nossenschaft vor. Auch die Heimarbeiterinnen sind der Krankenkasse schwer zugänglich. Es sind gewöhnlich unbefugte Arbeiterinnen und nie versichern Wittelshöser: Ist es bei der großen Arbeitstheilung möglich, daß man in einem großen Salon Alles lernt? — Exp. Smitka: Das ist möglich, weil die Arbeiterinnen nicht immer bei derselben Arbeit bleiben. Mittels höfer: Das kann ja dem Unternehmer nicht angenehm sein, wenn die Arbeiterinnen fortwährend die Beschäftigung wechseln? — Exp. Smitka: Die Mehrzahl der dort Beschäftigten geht ja nicht darum hin, um etwas zu lernen, sondern dazu, um etwas zu verdienen. Sie sind zwar nicht darauf angewiesen, aber immerhin ist es eine Zubuße. Diese Arbeiterinnen arbeiten so lange in den Salons, bis sich ihre Verhältnisse ändern. Wittelshöser: Ziehen die Unternehmer die eine Kategorie Veränderen vor? — Exp. Smitka: Der Unternehmer legt großes Gewicht darauf, daß die Arbeiterin, welche in seinem Geschäfte ist, elegant gekleidet ist, damit die Kunde, welche das Atelier besucht, einen angenehmen Anblick hat. Eine Arbeiterin, die auf den Verdienst angewiesen ist, kann das aber nicht thun. Dr. Schiff: Kommt es in den Salons auch vor, daß gewisse Theile der Arbeit nicht im Hause gemacht werden? — Experte Smitka: Nein. Dr. Schiff: Ich verstehe nicht, wie die Lehr-Jnstitute den Geschäften Concurrenz bieten können? — Exp. Smitka: Für die Mädchen, die diese Institute besuchen, ist es nicht angenehm, bei einem kleinen Meister zwei Jahre zu lernen. Darum zahlen sie lieber und lernen dafür nur fünf bis sechs Monate. In dieser Zeit können sie dasselbe lernen wie die Anderen in zwei Jahren. Sie gehen aber nicht in die Salons, um dort für sich etwas zu lernen; sie werden auch nicht Kleidermacherinnen, sondern Hilfs- arbeiterinnen genannt. In der Praxis ist aber zwischen diesen Beiden kein Unterschied. Vorsitzender: Ich glaube, wir können nun auf die Consection im eigentlichen Sinne übergehen. — Exp. Smitka: Unter Consection verstehen wir die Erzeugung der Ueberkleider. In Oesterreich theilt sich die Consection in zwei Gruppen, in die Erzeugung für den Export und in die Erzeugung für das Inland. In der Damen-Confection wird ein ziemlich bedeutender Percentsatz exportirt. Zu den Hauptabsatzgebieten gehört Ungarn und auch der Orient. Der Absatz in die österreichischen Provinzen, insbesondere nach Steiermark, Tirol u. s. w. ist bedeutend größer als der in das Ausland. Während nun die Kleiderschneider ihre Modelle aus Paris beziehen, bezieht die Consection die Modelle hauptsächlich aus Berlin. In Berlin sind Zwischenmeister, welche die Modelle erzeugen, dann zu den großen Unternehmern gehen und, wenn dieselben Anklang finden, das Geschäft abschließen. Es gibt auch Unternehmerinnen in Berlin, die dadurch, daß sie selbst gute und bis zu einem gewissen Grade geniale Ideen haben, in solche große Geschäfte kommen. Das ist hauptsächlich bei den Krägen und Capes der Fall. Die Modelle werden nun in Wien nach dem Wiener Geschmack abgeändert. Mit dieser Waare fahren die Reisenden in die Provinz zu den Confectionären und Kaufleuten. Diese sehen sich die Modelle an und bestellen einige Stück dieser oder jener Form. Diese werden ihnen zugesendet, und nun wird entweder Alles, was in der betreffenden Stadt aus diese Stücke hin bestellt wird, in Wien angefertigt oder, wie dies zmn Beispiel in Linz oder in Graz der Fall ist, am Platze gemacht. Die Ware für die Provinz theilt sich in die Bestellung nach Maß und in Lagerware. Die letztere wird vom Kaufmanne bestellt und geliefert, während die Ware nach Maß nach einem Musterleibe erzeugt wird. Maßbestellungen in 133 großen Massen kommen hauptsächlich aus Ungarn. Wenn das Modell hier einlangt, läßt der Consectionär den Stückmeister rufen und gibt ihm an, wie er es abzuändern und dem Wiener Geschmacke anzupassen hat. Da wird so manipulirt: Es wird die eine Hälfte aufgetrennt und nach der anderen Halste gearbeitet. Die Stückmeister theilen sich in zwei Gruppen. Die Einen machen die Jacken, die Anderen die Krägen und die anderen Sachen. Bei den besseren Jacken sind bisher ausschließlich Männer beschäftigt gewesen, und zwar sind das Herrenschneider. Der Stoff ist nämlich sehr schwer zu behandeln. Die billigen Jacken werden auch heute schon von Frauen erzeugt, und findet die Frauenarbeit immer mehr und mehr Ausbreitung, auch bei den besseren Jacken. Die englische Arbeit dürfte wohl in absehbarer Zeit keinesfalls von Frauen erzeugt werden können. Die Krägen werden heute von Frauen erzeugt. Einige Consectionäre haben ihr Geschäft in neuerer Zeit so eingerichtet wie es in Berlin der Fall ist, indem sie nämlich nicht nur für die Provinz und den Export, sondern auch für den Detailhandel in Wien erzeugen. Die Ware wird nur zu einem sehr geringen Percentsatze in den eigenen Werkstätten erzeugt, sondern fast ausschließlich von den Stückmeistern. In der Confection werden auch Kleider erzeugt. Das ist nun so, wie ich es früher geschildert habe. Die kleinen Kundenmeister arbeiten nämlich auch für die Confection, um die Zeit, in welcher sie nichts zu thun haben, auszufüllen. Eine Theilung der Arbeit kommt in dieser Branche weniger vor. Die Jacken werden überwiegend nach Stück gerechnet, und eine Arbeitstheilung greift höchstens insoserne Platz, als jemand die ganze Maschinenarbeit macht oder, wie in größeren Geschäften, daß ein besonderer Bügler vorhanden ist. Alles Andere wird von den einzelnen Arbeitern, die das ganze Stück bekommen, gemacht. Soweit eine Theilung der Arbeit überhaupt möglich ist, findet sie hauptsächlich bei der billigen Ware statt, und zwar in Folge der schlechten Bezahlung. Sie ist aber bei der Confection aus verschiedenen Gründen nicht so leicht durchführbar, weil nämlich die Arbeit eine sehr verschiedene und meistens kaum einige Dutzend Stücke ein und dieselbe Facon haben. Die billige Arbeit aber wird mehr gleichmäßig erzeugt. Die ist für das flache Land, und da wird fast Alles gleich gemacht, deshalb ist auch da eine größere Arbeitstheilung möglich. In der Confection gibt es theilweise auch Gehilfen und Arbeiterinnen, die bei dem Meister Wohnung und Verpflegung haben und nur einen geringen Lohn bekommen. In dieser Branche sind die Verhältnisse am schlechtesten. Vorsitzender: Sie haben gesagt, daß Reisende mit den Modellen zu den Kaufleuten in die Provinz fahren. Sind das Männer? — Exp. Smitka: Ja, ausschließlich. Vorsitzender: Dann haben Sie mitgetheilt, daß die Kaufleute nach diesen Modellen bestellen, daß sie aber dann die Jacke nach diesen Mustern in der Provinz machen lassen. Bekommen die Consectionäre keine Vergütung dafür, daß sie die Modelle zur Verfügung stellen? — Experte Smitka: Der Consectionär kennt schon seine Kunde. Er weiß schon, wenn er die Modelle bei mir kauft, läßt er sie nicht bei mir machen. Daher ist auch der Preis des Modells entsprechend. Die Concurrenz ist ja eine ungeheure, und da werden die Provinzkaufleute von den Wienern überlaufen. Vorsitzender: Sie haben mitgetheilt, daß die besseren Jacken überwiegend von Männern gemacht werden. Wie ist die Erzeugung eingerichtet? Sind das Leute, die man etwa Sitzgesellen nennen kann? — Exp. Smitka: Nein, das sind Stückmeister. Die bekommen die Arbeit, schneiden sie zu und geben sie dem Arbeiter. Sitzgesellen kommen hier nur in sehr vereinzelten Fällen vor. Der Consectionär hat nämlich ein Interesse daran, daß er mit möglichst wenig Leuten verkehrt, weil es ihm 134 sonst zu viel Zeit und Mühe kostet. Einem Unternehmer, der nicht eine gewisse Anzahl von Ware zu liefern im Stande ist, gibt er nichts; darum hat das Sitzgesellenwesen hier nicht so sehr Umsichgreifen können. Dr. Ofner: Sie haben gesagt, daß die kleinen Meister außerhalb der Saison auch für die Confectionsgeschäste arbeiten. Wissen Sie das Verhältniß zwischen den Preisen, welche ein solcher Meister für die Kunden berechnet, und jenem, den er vom Confectionär bekommt? — Experte Smitka: Der Preis für die Kunden ist bedeutend höher als für die Consectionäre. Für ein Kleid wird dem Meister vom Confectionär — das ist die mittlere Ware — st. 6 bis 7 bezahlt, auch weniger. Die Kunde zahlt für dasselbe st. 12, 14. Frl. Fickert: Werden die sogenannten Costüme zur Kleider-Confection oder zur eigentlichen Consection gerechnet? — Exp. Smitka: Das ist verschieden. Man hat englische und nichtenglische Costüme, die auch in der Consection erzeugt werden. Da arbeiten ausschließlich Schneider. Man kann behaupten, daß in Bezug aus die englischen Costüme Wien den ersten Platz einnimmt, nicht in Bezug auf die Ideen, die kommen aus Paris, aber in der Erzeugung. Pros. Dr. v. Philip podich: Wie viel Stücke werden von jedem Modelle gemacht? — Exp. Smitka: Drei oder vier. Der Confectionär läßt nur so viel machen als er absolut haben muß. Erst wenn die Reisenden melden, daß dieses und jenes Stück (jedes Stück hat seinen Namen, nach einer Stadt oder einem classischen Namen) Anklang findet, so läßt er, ohne noch eine Bestellung zu haben, einige nachmachen. Bei Jacken und Krägen ist immer eine gewisse Grundidee, die allen eigenthümlich ist, zum Beispiel jetzt weite Aermel, halb anschließender Schnitt. Darauf bauen sich dann Hunderte und taufende von verschiedenen Ideen auf. Von den Damen will eben Jede etwas haben, was keine Andere hat. Pros. Dr. v. Philippovich: Ist das auch in Berlin so? — Exp. Smitka: Ja. Dr. Schmied land: Wird auch aus Tuch confectionirt? — Exp. Smitka: In der Dameu-Confection werden nur für Rumänien gewisse Waren aus Tuch erzeugt. Jacken aus Brocatstoff mit grellem Futter u. s. w. Sonst wird dieselbe Ware hinausgeschickt wie sie in Wien verkauft wird. Dr. Schwiedland: Lernen die Lehrmädchen auch nur einen Theil der Arbeit? — Exp. Smitka: Ja, insoferne als die Stückmeister selbst nur Theilarbeit machen; der Eine macht nur Krägen, der Andere Mäntel u. s. w. Dr. Schwiedland: Jmportiren die Mäntelfabriken in Berlin auch nach Wien? — Exp. Smitka: Nein. Dr. Schwiedland: Haben wir in Wien ähnliche Unternehmungen, wo eine so große Anzahl von Arbeiterinnen im Hause beschäftigt ist, wie in Berlin? — Exp. Smitka: Nein. Die Berliner Geschäfte lassen sich mit denen in Wien gar nicht vergleichen. In Wien haben wir Geschäfte, wo höchstens drei Manipulanten sind, während es in Berlin Geschäfte gibt, wo 20 Manipulanten find. Manipnlant ist derjenige, der die Arbeit anschafft. Mittels höfer: Besteht das Wohnung- und Kostgeben der Meister seit jeher, und sind viele Mädchen so gehalten'? — Exp. Smitka: Zum größten Theil Männer. In der Herren-Consection besteht das schon lange. So lange in der Damen-Confection die Arbeit besser bezahlt war, war es nicht nothwendig, daß der Meister auch den Profit als Wirth und Quartiergeber hat. Vorsitzender: Worauf führen Sie den Rückgang der Löhne zurück? — Exp. Smitka: Das hängt mit den schlechten Löhnen in der Herren-Confection zusammen. Da geht Älles herunter. Die Männer verlegen sich immer mehr und mehr auf die Damen-Confection, und das Ueberangebot an Arbeitskräften bringt das mit sich. Vorsitzender: Warum geht es in der Herren-Confection so schlecht? — Exp. Smitka: Das datirt zum Theile seit der Schließung der rumänischen Grenze, wohin ein starker Export war; andererseits kommt es daher, daß ein sehr großer Andrang zu unserem Gewerbe ist. Die Leute vom Lande, besonders aus Böhmen, werden, wenn sie nach Wien kommen, meistens Schuhmacher oder Schneider. In unserem Berufe ist die überwiegende Mehrzahl aus Böhmen. Frl. Fickert: Specielle Wiener Modelle existiren nicht? — Experte Smitka: Nein. Es wird eine Anzahl von Modellen in Wien gemacht, aber die müssen zuerst nach Paris gehen, damit sie einen Ruf erlangen. Frl. Fickert: Wieso kommt es, daß die Berliner Mode diejenige ist, welche den Wiener Markt versieht? — Exp. Smitka: Die großen Berliner Confectionäre beziehen ihre Modelle aus Paris. Dort werden die Pariser- Modelle umgearbeitet und kommen auf dem Umwege über Berlin nach Wien. Wir haben Confectionäre für feinere Kunden, die fahren auch selbst nach Paris und holen sich Modelle. Dr. Weißkirchner: Ich möchte bitten, uns auch über die Verhältnisse der sogenannten Hausschneiderinnen Aufschluß zu geben. — Exp. Smitka: Vielfach sind in solchen Häusern Töchter, die sich ihre billigeren Kleider, Straßentoiletten u. s. w. selbst machen, für die besseren wird eine Hausschneiderin aufgenommen. Diese wird in den meisten Fällen verköstigt und bekommt einen Lohn von 50 kr. bis fl. 1 pro Tag, fl. U20 ist schon eine sehr hohe Bezahlung. Dr. Weißkirchner: Glauben Sie, daß die Zahl dieser Arbeiterinnen eine sehr bedeutende ist? — Exp. Smitka: Soweit ich die Verhältnisse kenne, schätze ich sie auf 900 bis 1000. Dr. Weißkirchner: Gibt es auch solche, die nur diese Art des Erwerbes haben? — Exp. Smitka: Ja. Es gibt Häuser, wo sie besser bezahlt werden und da werden sie von einem Haus in's andere recommandirt. Experte U (gibt über Befragen seitens des Vorsitzenden an): Ich bin Arbeiter und zwar mache ich alle Arbeiten der Consection. Wo ich beschäftigt war, bei einem Stückmeister, sind lauter Frauen gewesen und nur ein Mann. Es wurden Kindermäntel erzeugt, es gibt darunter aber auch sehr große. Vorsitzender: Haben Sie den ganzen Mantel gemacht. — Exp. U: Ich habe nur die Maschinenarbeit und das Bügeln gehabt. Die Anderen machten die übrige Arbeit. Vorsitzender: Warum macht diese Arbeit gerade ein Mann? — Exp. U : Es ist eine sehr schwere Arbeit. Es ist in diesen Betrieben so üblich, daß diese Arbeit ein Mann macht, weil es sehr starke und schwere Stoffe sind. Bei den Krägen und Jacken ist dies nicht der Fall. (Ueber Befragen.) Ich habe wöchentlich fl. 9 gehabt. Die Arbeiterinnen sind im Accord und bekommen 40 bis 55 kr. per Stück. Die Meisten machen zehn Stück pro Woche. Im Geschäft arbeiten sie von 7 Uhr Früh bis 7 Uhr Abends. Zu Mittag ist eine Stunde Pause, Vor- und Nachmittag keine. Wenn sie die Arbeit nicht im Geschäft fertigbringen, nehmen sie sich dieselbe oft mit nach Hause. Es sind zehn bis zwölf Arbeiterinnen gewesen. Dieselben haben nur die Näharbeit gemacht. Zugeschnitten hat der Meister. Die meisten Arbeiterinnen sind aus Arbeiterkreisen und größtenteils Wienerinnen. Vorsitzender: Wie ist es mit der Saison? — Exp. L: Man weiß überhaupt nie, wie lange man in einer Werkstätte ist. Die Wintersaison sängt in der Woche vor Neujahr an, da ist die Modellzeit. Es werden nur einzelne Modelle gemacht, weshalb nicht Alle Arbeit finden. Die Modelle werden nach den Angaben des Confectionärs hergestellt. Die eine Hälfte des Modells wird zertrennt und nach der anderen wird gearbeitet. Oft muß 136 ein solches Stück wiederholt aufgemacht und geändert werden. Die eigentliche Saison ist vom halben Februar bis Ostern. Die Winterware dagegen wird vom Juli, August an erzeugt, und das dauert bis Allerheiligen. In der todten Saison verlegen sich die Arbeiterinnen vielfach aus andere Geschäfte. Es gibt auch Viele, die zu Hause pfuschen. Vorsitzender: Wie ist die Arbeitsvermittlung? — Exp. L: Meist durch die Zeitung. Es gibt auch eine officielle Arbeitsvermittlung, die jedoch nicht benutzt wird. Dr. Ofner: Muß eine Arbeiterin die ganze Woche arbeiten, um zehn Stück fertigzumachen? — Exp. L: Manche ja, manche macht ein bis zwei Stück mehr. Dr. O fner: Wie lange arbeitet sie zu Hause? — Exp. L: Es gibt verheiratete Frauen, die auf den Verdienst mehr anstehen, die müssen dann die halbe Nacht arbeiten, um auf fl. 6 zu kommen. Dr. Ofner: Mehr als fl. 6 kann sie nicht verdienen? — Exp. L: Nein. Es ist das schon ein seltener Fall. Wittelshöfer: Hat sich der Lohn von 45 kr. im Laufe der Zeit geändert? — Exp. L: Der ist schon seit langer Zeit. Es wird aber immer schlechter. Früher waren 50 und 55 kr., heute geht man aber schon aus 40 kr. herunter. Wittelshöfer: Trägt da nicht die Mode dazu bei, indem das Fertigmachen der Jacken leichter geworden ist? — Exp. L: Im Gegentheil. Früher war die Arbeit leiwter. Wittelshöfer: Wird jetzt etwas mit der Maschine gemacht, was früher mit der Hand gemacht worden ist? — Exp. L: Das ist ziemlich gleichgeblieben. Vorsitzender: Wie kommt es, daß die Löhne zurückgehen? — Exp. L: Weil zu viel Leute da sind. Vorsitzender: Wie ist das Arbeitslocal bei dem Stückmeister gewesen? — Exp. : Es hatte zwei Fenster und war licht genug, denn es sitzen Alle beim Fenster, Einer neben dem Anderen. Die Mehrzahl hat sich das Essen mitgenommen oder vom Greisler gekauft. Jene, die in der Nähe wohnen, gehen nach Hause. Einige sind verheiratet. Viele bleiben aber während der Mittagspause im Local. Dr. Ofner: Schläft der Meister im Arbeitslocal ? — Exp. L: Ja, denn es gibt Werkstätten, die nur aus Zimmer und Küche bestehen. Vorsitzender: Beschafft sich Jeder die Kost selbst? — Exp. L : Ja. Wittelshöfer: Kommt es vor, daß das Arbeitslocal, wo geschlafen wird, von Früh bis Abends von den Leuten nicht verlassen wird? — Exp. L: Das kommt oft vor. Wenn man hinkommt, sind die Betten noch offen. Im Sommer wird wohl gelüftet, im Winter aber selten, weil meistens sehr schwach geheizt ist. Gekocht wird nicht in demselben Local. Oft wird auch in der Küche gebügelt. Dr. Schwiedland: Wie ist es, wenn da ein Kind krank ist? — Exp. L: Das liegt auch im Zimmer. Ich habe bei einem Meister gearbeitet, da ist in demselben Raume, wo wir gearbeitet haben, auch dessen Schwiegervater, ein 70jähriger Mann, krank gelegen. Bei dem alten Mann ist Alles weggegangen. In dem Local waren acht bis neun Arbeiterinnen. Dr. Bi- ez i na : Kommt es vor, daß in einem solchen Raume auch Kinder geboren werden? — Exp. L: In demselben Raum nicht. Dr. Ofner: Wie sieht es mit der Reinlichkeit aus? — Exp. L: Sehr schlecht. Gerieben wird sehr selten, hie und da wird ausgewaschen. Die Abfälle bleiben bis zum Abend liegen, dann kehrt die Meisterin aus. Aufgerieben wird nur alle 14 Tage oder drei Wochen. Vorsitzender: Sind Sie versichert? — Exp. L: Ja. Es sind aber bei dieser Branche die wenigsten versichert, weil die meisten keine 137 Arbeitsbücher haben. Das sind Arbeiterinnen, die nur einige Wochen gelernt haben. Vorsitzender: Was essen die Arbeiterinnen? — Exp. U: Die meisten kaufen sich Wurst, Manche bringen sich Kaffee mit, hie und da holen sie sich aus dem Gasthans Luppe und Zuspeise. Das kostet höchstens 10 kr. bis 15 kr., Frühstück und Nachtmahl essen sie zu Hause. Vorsitzender: Gibt es eine Kündigung? — Exp. U: In den meisten Fällen nicht. Wenn man nicht selbst das Arbeitsbuch dem Meister gibt, er verlangt es nicht. Man kann jeden Tag ausbleiben, und das ist auch geschehen. Wenn Einer in der Früh die Arbeit anfängt und es paßt ihm dieselbe nicht, so kommt er nachmittag nicht mehr und sucht sich eine bessere Arbeit. Vorsitzender: Sind Strafen eingeführt, zum Beispiel für Zn- spätkommen rc.? — Exp. L: Strafen gibt es nicht. Wenn jemand um eine halbe Stunde zu spät kommt, so muß er dafür länger arbeiten. Vorsitzender: Haben Sie eine Organisation? — Exp. U: Wir haben eine Gewerkschaft, die Theilnahme der Arbeiterinnen an derselben ist jedoch eine sehr geringe. Zeitungen werden wenig gelesen. Ich könnte noch über die Verhältnisse verschiedener Werkstätten Ausschluß geben, denn ich war fast alle zwei Monate in einer anderen Werkstätte. Es ist heute unmöglich, daß man ein oder zwei Jahre auf einem Platze aushält. Es gibt auch Werkstätten, wo Dienstmädchen als Arbeiterinnen verwendet werden, die verdienen aber nicht mehr als 45 kr. pro Tag. Vorsitzender: Ist dies der durchschnittliche Lohn? — Exp. U: Es gibt auch Werkstätten, wo 70 kr. per Stück gezahlt wird. Aber mehr als einen Mantel pro Tag kann man nicht machen. Vorsitzender: Warum wird dort besser gezahlt? — Exp. L: Diese Mäntel müssen anders hergestellt werden. Vorsitzender: Kommen die auch in der Woche auf sl. 4 bis 4'50 ? — Exp. U: Ja. Vorsitzender: Wie wird die Maschine getrieben? — Exp. U: Mit dem Fuße. Vorsitzender: Wird nie „blaugemacht" ? — Exp. U: Nein. Experte Herr Sigmund Mayer (gibt über Befragen seitens des Vorsitzenden an): Ich kann über die Frauenarbeit nur sehr wenig sagen, weil in meiner Branche, nämlich beim Exporte in das Ausland, nur bei einem einzigen Artikel, bei der Kinderware, Frauen znr Verwendung kommen, und zwar nicht bei der Stosfwaare, sondern nur bei Leinen, Baumwolle, mitunter Peluche, Sammt,' leichten Jerseystoffen, dann bei Schlasröcken, weil dabei viel Decorationswerk ist, wozu sich die Frauenhand besser eignet. Sonst gibt es in unserem Artikel keine Frauenarbeit, und dadurch unterscheidet sich die Wiener Herren-Confection sehr wesentlich von den Confectionen in Frankreich und Deutschland. In diesem Artikel existirt fast keine todte Saison. Es gibt auch hier Zwischenmeister, beziehungsweise Zwischen- meisterinnen. Was den Verdienst der Arbeiterinnen betrifft, so glaube ich, daß meine Aussage von keinem großen Werth sein wird, denn wenn ich auch solche Zwischemneisterinnen frage, was sie verdienen, dürften sie in der Regel einen größeren Verdienst angeben als die Arbeiterin thatsächlich bekommt. Ich habe vor kurzer Zeit eine solche Stückmeisterin gefragt: „Was zahlen Sie für ein Stück an die Arbeiterin und wie viel kostet es Sie?" Nach dem, was sie mir gesagt hat, würde der Wochenverdienst einer solchen Arbeiterin fl. 7 bis 8 sein. Ich habe das für sehr unwahrscheinlich gesunden und so hat sie gemeint: „Ja das ist bei einer Arbeitszeit von 7 bis 9 Uhr." Die eine Hälfte glaube ich, nämlich daß die Arbeiterin von 7 bis 9 Uhr arbeitet, aber daß sie dabei fl. 7 oder 8 verdient, glaube ich nicht. Bemerkenswerth ist, daß in dieser Werkstätte eine ganz merkwürdige i!i>- »I» 138 Theilung der Arbeit existirt. Die Arbeiter machen nämlich die Kleider in den Werkstätten fertig, bis auf die Knopflöcher und das Annähen der Knöpfe. Diese fertige Ware kommt zu einem anderen Zwischenmeister, der die Knopflöcher mackit und die Knöpfe annäht. Die Leute fagen, daß bei diesem Verfahren die Arbeit besser und billiger wird. Die Zwischenmeisterin, mit der ich zuletzt gesprochen habe. hat nicht mehr als vier Arbeiterinnen, und auf meine Frage, warum sie sich keine größere Werkstätte hält, um auch die Knopflöcher in der Werkstätte machen zu lassen, hat sie mir geantwortet: „Bevor ich eine große Werkstätte übernehme, verzichte ich lieber auf das Geschäft." Das ist dieselbe Antwort, die der größte Confectionär in Deutschland, Mannheimer, gegeben hat. Für jede Arbeiterin braucht sie nämlich eine Nähmaschine. Sie hat also für vier Arbeiterinnen vier Maschinen. Nun findet sich in Wien nicht leicht ein Haus, in dem sie eine Wohnung bekommt, wenn eine Anzahl von Maschinen benützt wird, wenn nicht in diesem Haufe ein Gasthaus ist. In dem Gasthaus wird nämlich viel Lärm gemacht, und da macht es den Parteien nichts, wenn auch noch das Lärmen der Maschinen dazukommt. Ich möchte noch auf eine Bemerkung zurückkommen. Es ist gesagt worden, daß die Löhne der Frauen durch die schlechten Verhältnisse in der Herren-Confection leiden. Mit meiner Erfahrung stimmt das nicht. Ich glaube, daß der Verdienst der Schneidergesellen ein im Durchschnitte größerer sein dürfte und daß die Arbeiter in der Herren-Confection besser daran sind als jene in der Frauen-Confection, mit Ausnahme derjenigen, die in der sogenannten englischen Confection arbeiten. Ich glaube daher auch nicht, daß die Arbeiter von der Herren-Confection weggehen, um bei der Frauen-Confection bessere Arbeit zu finden, schon aus dem Grunde, weil in der Herren-Confection eine eigentliche todte Saison gar nicht existirt. Dr. Schwiedland: Werden Knopflochmaschinen nicht verwendet? — Exp. Mayer: Für diefe Arbeit nicht. Dr. Schwiedland: Auch Zuschneidemaschinen nicht? — Experte Mayer: Nein. Dr. Schwiedland: Woher kommt das? — Exp. Mayer: Weil die Artikel nicht in solchen Massen hergestellt werden, daß sich eine Maschine auszahlt. Unsere Erzeugung ist mehr oder weniger individualisirt. — Exp. Smitka: In der Tamen-Confection werden die Knopflöcher in der Werkstätte gemacht. Dr. Schwiedland: Das erklärt aber nicht, weshalb Knopflochmaschinen seitens der Specialistinnen nicht verwendet werden. — Experte Mayer: Dagegen besteht kein technisches Hinderniß. Dr. Schwiedland: Sonach dürfte hier der Geldmangel der Arbeiterin mitspielen! Wittelshöfer: Stehen Sie mit den Arbeiterinnen in directer Verbindung? — Exp. Mayer: Nur mit den Zwischenmeisterinnen. Vorsitzender: Liefern Sie den Zwischenmeisterinnen den Stoff? — Exp. Mayer: Ja; sie bekommen die Waare zugeschnitten und eingerichtet, das heißt mit Futter und Knöpfen. Den Zwirn müssen sie dazugeben. Vorsitzender: Kann der Zwischenmeister nicht in die Lage kommen, etwas zu verderben? — Exp. Mayer: Das kommt äußerst selten vor. Wittelshöfer: Der Zwischenmeister bekommt Alles zugeschnitten und allen Zugehör außer Zwirn, was hat er sonst zu leisten und wofür erhält er seinen Gewinn? — Exp. Mayer: Er leitet die Arbeit, es ist sein Unternehmergewinn. Exp. Nr. 48 (über Befragen seitens des Vorsitzenden): Ich bin bei der Confectionsbranche. Das ganze Stück wird von mir fertiggemacht. Gegenwärtig bin ich in keinem Betriebe, denn seit Weihnachten gehe ich in's Haus nähen. Ich war inclusive meiner Lehrzeit sechs Jahre bei der «SSL 139 Schneiderei. In der todten Saison habe ich meistens für andere Lente gearbeitet, etwas umgeändert und dergleichen. Ich war in einem Betriebe zwei Jahre, in einem anderen ein Jahr; in den übrigen Betrieben, wo ich war, war ich immer nur einige Wochen. Es waren meist kleinere Betriebe, in denen bis zu 15 Arbeiterinnen beschäftigt waren. Es waren dies Stückmeister. Die Zahl der Arbeiterinnen war in den einzelnen Betrieben sehr unregelmäßig. Sobald das Geschält etwas stiller wurde, wurden Arbeiterinnen weggegeben. Ich war nur in zwei Betrieben, wo Männer waren. In den übrigen wurden ausschließlich Mädchen beschäftigt. Dieselben wurden auch zum Maschinnähen und Bügeln verwendet. Wir haben Mäntel gemacht, wattirte, Radmäntel, Regenmäntel, Seidenmäntel u. s. w. Die Erzeugung der Wintermäntel ist sehr anstrengend. Nichtsdestoweniger haben das nur Mädchen gemacht. Vorsitzender: Sind auch Arbeiten außer Haus gemacht worden? — Exp. Nr. 48: In einem Betriebe hat ein Stückmeister zwei Frauen außer Haus beschäftigt, die auch noch nebenbei ihre häuslichen Arbeiten verrichtet haben. Vorsitzender: Wissen Sie ob diese so viel geleistet haben wie die Arbeiterinnen in der Werkstätte? — Exp. Nr. 48: Wenn die Saison war, haben sie von dem Herrn eine bestimmte Arbeit bekommen und die mußte zu einer gewissen Zeit fertig sein. Das war so, als wenn sie in der Werkstätte gearbeitet hätten. (Reber Befragen.) Die Arbeiterinnen recrntiren sich zumeist aus Arbeiterkreisen. Die Mädchen aus dem Mittelstände gehen nicht zur Confection, sondern zur Kleidermacherei, darum gibt es auch in der Confection nicht so viele Lehrmädchen wie in der Kleiderbranche, sondern mehr Lehrbuben. Vorsitzender: Was wird aus den Lehrbuben? — Exp. Nr. 48: Die müssen liefern gehen und Alles zusammenholen. Auch die Lehrmädchen haben sich hauptsächlich mit dem Abliefern zu beschäftigen. Zur eigentlichen Arbeit werden sie wenig verwendet. Gewöhnlich ist in einem Geschäfte nur ein Lehrmädchen, und wenn dieses schon bald frei wird und ein anderes Lehrmädchen ausgenommen wird, kommt das ältere zur Arbeit, während das jüngere zu den häuslichen Arbeiten und Gängen verwendet wird. Die Arbeitsvermittlung geschieht in der Regel durch Zeitungsannoncen. Es gibt zwar auch eine Vermittlung in der Genossenschaft, dieselbe wird aber nicht benützt. Dr. Ofner: Gibt es bei Ihnen eine Arbeitstheilung? — Expertin Nr. 48: In früherer Zeit gab es eine, jetzt ist das seltener, jetzt bekommt man das Stück zugeschnitten, und die Arbeiterin muß es fix und fertig machen. Vorsitzender: Ist das allgemein so? — Exp. Nr. 48: In den größeren Betrieben, wo mehr für Kunden gearbeitet wird und auch bessere Sachen erzeugt werden, hält man sich eine Stepperin. Das ist aber schon mehr aus der Mode gekommen, denn die Meister sagen, die Arbeiterinnen müssen Alles allein machen können, dann kommen sie billiger weg. Dr. v. Fürth: Werden in der stillen Saison alle Arbeiterinnen entlassen? — Exp. Nr. 48: In dem Betriebe, wo ich zuletzt war, waren circa 12 bis 15 Arbeiterinnen. Wenn die Zeit der todten Saison näherkam, so wurden die weniger tüchtigen Arbeiterinnen entlassen. Dr. Maresch: Wie lange haben Sie gelernt? — Exp. Nr. 48: Zwei Jahre. Dr. Maresch: Sind Sie aufgedungen worden? — Expertin Nr. 48: Ja. Dr. Maresch: Ist Ihnen bekannt, daß in diesen Betrieben, wo Sie waren, auch Mädchen von Nähschulen als Gehilfinnen aufgenommen wurden? — Exp. Nr. 48: Das kommt vor, insbesondere wo für Engrossisten 140 gearbeitet wird, wo also eine sehr schlechte Bezahlung ist. Tort sragt man nicht um ein Arbeitsbuch, man nimmt da auch Dienstmädchen. Vorsitzender: Waren Sie im Accord? — Exp. Nr. 48: Ja. In der Wintersaison haben wir wattirte Radmäntel gemacht. Für das Wattesteppen war eine eigene Arbeiterin. Man hat für einen ganzen Mantel fl. 1 und für einen Mantel mit Pelerine fl. 1'10 bekommen. Wenn eine Arbeiterin fleißig war, so hat sie meistens am Abend Arbeit mit nach Hause genommen. Ich habe in der Woche fl. 6 verdient, da habe ich aber von 7 Uhr Früh bis 7 Uhr Abends gearbeitet. Jede Arbeiterin hat getrachtet, in einem Tag einen Mantel fertigzumachen. Znm Staffiren und Ausfertigen hat man die Arbeit Abends mit nach Hause genommen, und da hat man oft noch drei bis vier Stunden zu thun gehabt. Vorsitzender: War Ihnen vorgeschrieben, daß Sie fertig werden müssen? — Exp. Nr. 48: Die Meisterinnen haben niemand gezwungen, aber man hat gesagt, wenn eine weniger verdient, so versitzt sie nur unnöthig den Platz. Vorsitzender: Sie sagen, die Heimarbeiterinnen haben ihre eigenen Maschinen. Bekommen die mehr bezahlt dafür, da sie doch mehr Auslagen haben? — Exp. Nr. 48: Nein, die bekommen geradesoviel. Vorsitzender: Was haben die Männer verdient ? — Exp. Nr. 48: Für dieselbe Arbeit haben sie um 10 kr. mehr bekommen. Vorsitzender: Haben Sie ebenso schnell gearbeitet? — Expertin dir. 48: Oft haben die Mädchen schneller gearbeitet als die Mäner. Auch haben sich die Männer keine Arbeit nach Hause genommen. Vorsitzender: Welche Arbeitspausen hatten Sie? — Exp. Nr. 48: Eine Stunde Mittagspause. Einige Mädchen sind nach Hause gegangen, die anderen sind in der Werkstätte geblieben, sonst waren keine Pansen. Abzüge hat es nicht gegeben. Wenn Jemand etwas verdorben hat, mußte er es ersetzen. Vorsitzender: Wie ist der Schaden berechnet worden? — Exp. Nr. 48: Es ist ein frischer Stoff gekauft worden, und der Preis dafür wurde abgezogen. Dr. Ofner: Wie viel haben Sie sich in der Woche verdient, wenn Sie keine Arbeit nach Hause genommen haben? — Exp. Nr. 48: fl. 4 bis fl. 4'50. Dr. Ofner: Wie lange waren Sie in der stillen Zeit zu Hause? — Exp. Nr. 48: Vier bis fünf Monate im Jahre. Dr. Schwiedland: Wie sind Ihre gegenwärtigen Verhältnisse als lohnwerkende Hausschneiderin? — Exp. Nr. 48: Wenn ich immer zu thun hätte, möchte ich gar keine andere Arbeit. Dr. Schwiedland: Gibt es auch da eine Saison? — Expertin Nr. 48 : Wenn die Damen auf dem Lande sind, ist weniger zu thun. Dr. Schwiedland: Gehören Sie auch jetzt einer Krankencasse an? — Exp. Nr. 48: Ja. Dr. Schwiedland: Welche Bezahlung bekommen Sie jetzt? — Exp. Nr. 48: Die Kost und 80 kr. bis fl. 1. Vorsitzender: Für wen arbeiten Sie? — Exp. Nr. 48: Für zwei Professorsgattinnen und eine Doctorsgattin. Die Arbeitszeit ist von 8 Uhr Früh bis 7 Uhr Abends. Dr. Maresch: Welcher Unterschied besteht in der Entlohnung zwischen den gelernten Arbeiterinnen und denjenigen, von denen man sagen kann, daß sie gleichsam von der Straße genommen werden? — Expertin Nr. 48: Da wird gar kein Unterschied gemacht. Vorsitzender: Wird an Sonn- und Feiertagen gearbeitet? — Exp. Nr. 48: In der Saison sehr oft. Weil es aber jetzt mit der Sonn- 141 tagsruhe sehr strenge ist, wird meistens Arbeit nach Hause gegeben, damit, wenn jemand nachschauen kommt, die Werkstätte leer ist. Frl. Fickert: Sie haben gesagt, daß die Männer für dieselbe Arbeit um 10 kr. mehr bekamen. Haben sich die Arbeiterinnen nicht dagegen aufgelehnt? — Exp. Nr. 48 : O ja. Oft war die Arbeit sogar schlechter ausgeführt als von den Arbeiterinnen, und wir haben uns oft beschwert. Aber die Frau hat gesagt, die Männer brauchen mehr zum Leben als wir. Tr. Ofner: Was bekommen die Lehrmädchen? — Exp. Nr. 48: Gar nichts während der ganzen zwei Jahre. Vorsitzender: Kommt es nicht vor, daß sie Trinkgelder bekommen? — Exp. Nr. 48: In der Confectionsbranche nicht, weil sie da nur wenig zu Kunden kommen. Vorsitzender: Wohnen auch Arbeiterinnen bei den Meistern? — .Exp. Nr. 48: Manchmal kommt es vor. Vorsitzender: Bezahlen sie für die Wohnung? — Exp. Nr. 48: Das sind meist so eine Art Werkführerinnen, sie bekommen auch die Kost. Die sind nicht nach Stück bezahlt, sondern nach der Woche. Sie bekommen da Suppe, Fleisch und Gemüse. Vorsitzender: Wie ist die Ernährung bei den Arbeiterinnen? — Exp. Nr. 48: Sie ist die denkbar schlechteste. Die meisten Arbeiterinnen haben sehr weit nach Hause. Jn's Wirthshaus können sie nicht gehen, sie müssen also in der Werkstätte essen. Da kaufen sie sich vom Greisler Wurst oder Butterbrot, manche nimmt sich Kaffee mit oder kaust sich ein Stück Fleisch und Bier. In der Regel essen die Arbeiterinnen nicht viel, damit sie am Abend eine ordentliche Kost bekommen. Aber am Abend können sie auch nur Kaltes essen, Wurst u. dgl. Zum Gabelfrühstück und zur Jause essen sie ein Stück Brot, aber während der Arbeit. Vorsitzender: Wie war es mit den Arbeitslocalen? — Expertin Nr. 48: In einem Betriebe war die Werkstätte ein Zimmer mit zwei Fenstern, in welchem 15 Leute gearbeitet haben. Es war ebenerdig, rückwärts im Hofe, aber doch licht. In einem Betriebe ist im Sommer entsprechend gelüftet worden, in einem anderen aber sind im Winter die Fenster vernagelt worden, damit ja keine Lust hineinkommt. Auch in der Mittagspause wurde nicht gelüftet. In der Früh wird eingeheizt, und damit es nicht auskühlt, wird nicht gelüftet. Vorsitzender: Entwickelt sich da viel Staub? — Exp. Nr. 48: Bei den Sachen, die wattirt werden, sogar sehr viel. Vorsitzender: Sie waren auch in einem Betriebe, wo ein Meister war. Wie war das Verhältniß zu den Arbeiterinnen? — Exp. Nr. 48: Da kann ich mich nicht beklagen. Ich habe zwei Jahre dort gelernt und war dann noch zwei Jahre dort; die Behandlung war eine sehr gute. Im Allgemeinen ist das aber nicht so. Man hört viel Klagen, daß die Meister sehr roh sind. Vorsitzender: Wie steht es mit der Reinigung? — Expertin Nr. 48: Abends wird täglich ausgekehrt. Das müssen die Lehrmädchen besorgen. Ausgerieben wird aber meist nur alle heiligen Zeiten. Dr. Ofner: Wohnen auch manchmal Personen im Arbeitslocale? — Exp. Nr. 48: In einem Betriebe, wo ich war, hat ein Arbeiter geschlafen. Vorsitzender: Welche Vergnügungen machen die Arbeiterinnen mit? — Exp. Nr. 48: Ich glaube, die Arbeiterinnen haben überhaupt keine Vergnügungen. In der stillen Zeit gehen sie halt in's Freie. Tr. Fürth: Hat Ihre Mutter ein besonderes Einkommen? — Exp. Nr. 48: Sie verdient sl. 4 wöchentlich. Wir haben ein Cabinet und eine kleine Küche in Meidling und zahlen st. 7 monatlich. Ich habe auch 142 noch einen Bruder, der ist jetzt zn Hause, und wir müssen ihn während seiner Lehrzeit erhalten. Der Vater wär Gas-Installateur. Exp. Wenzel Wawruschka (über Befragen des Vorsitzenden): Ich arbeite für Confectionsgeschäste und habe auch eigene Kunden. Ich beschäftige Arbeiter und Arbeiterinnen. Jetzt sind bei mir sechs Arbeiterinnen beschäftigt, es kommt aber auch vor, daß ich deren acht beschäftige. Arbeiter sind jetzt vier oder fünf bei mir. Bis jetzt habe ich zehn Wochen mit meiner Frau ganz allein gearbeitet, und erst seit vierzehn Tagen beschäftige ich wieder Arbeiter. Bei mir werden Kleider, Jacken, Blousen und Costüme erzeugt. Ich bekomme den Stoff vom Geschäfte, schneide dann zn und vertheile die Arbeit an die Arbeiter. Den Zwirn muß ich geben. Futter, Aufputz und Knöpfe bekomme ich vom Geschäfte. Auch Werkzeuge muß ich beistellen. Zwirn n. s. w. haben die Arbeiterinnen nicht beizustellen. Oft werden in solchen Geschäften von Frauen Arbeiten verlangt, die nicht einmal ein Mann machen kann. Ich lasse die schwere Arbeit von den Männern machen. Vorsitzender: Welchen Lohn zahlen Sie? — Experte Wawruschka: Ich zahle nach der Zeit. Es wird von 8 Uhr Früh bis 7 Uhr Abends gearbeitet. Mittagspause ist eine Stunde. Die Arbeiterinnen haben eine halbe Stunde mehr. Vor- und Nachmittag ist keine Pause. Ich erlaube ihnen aber, etwas zu essen. Der Lohn wird pro Tag berechnet. Die besten Arbeiter verdienen sich bei mir fl. 1'60 pro Tag, die mindesten 70 kr. Eine billige Arbeiterin kann ich nicht beschäftigen. Es gibt aber auch Arbeiterinnen, die um 40 kr. pro Tag arbeiten, aber bei mir nicht. Ich arbeite für Vorstadtgeschäfte. Die „todte Saison" dauert drei Monate im Sommer und drei Monate im Winter. Bei mir hat es etwa um die Mitte December aufgehört und seit Mitte Februar wieder angefangen. Im Sommer ist die Pause acht oder vierzehn Tage nach Pfingsten. Vorsitzender: Haben Sie Kündigung? — Exp. Wawruschka: Das wird vereinbart. Gewöhnlich wird ausgemacht, daß man gleich geben kann. Bei mir ist das so eingeführt: Wenn ich weiß, daß ich wenig Arbeit habe, so frage ich den Arbeiter: Wollen Sie sich um etwas umschauen oder wollen Sie aussetzen oder soll ich Ihnen kündigen? Wenn bei uns die Saison aufhört, so beginnen die Engrossisten auf Lager zu arbeiten. Es ist aber nicht viel. Vorsitzender: Sie haben also in der todten Saison zu thun? — Exp. Wawruschka: Ja, aber nicht für das Geschäft, sondern nur für die Kunden. Vorsitzender: Wird etwas abgezogen, wenn eine Arbeiterin etwas verdirbt? — Exp. Wawruschka: Bei mir nicht, aber sonst ist es überall so eingeführt, daß die Arbeiterin es ersetzen muß. Wenn ihr beim Stoff etwas Paffirt, so muß sie allerdings den Stoff ersetzen. Ob Strafen vorkommen, weiß ich nicht. Wenn sie zu spät kommen, wird ihnen vom Lohne abgezogen, oder sie müssen länger dableiben. Vorsitzender: Können Arbeiterinnen auch Arbeit mit nach Hause nehmen? — Exp. Wawruschka: Bei mir nicht. In anderen Werkstätten kommt das sehr häufig vor. Ich sehe sehr oft Arbeiterinnen mit großen Winkeln nach Hause gehen. Als Arbeiter habe ich das auch gethan, weil ich dazu gezwungen war. Vorsitzender: Wird in solchen Fällen nach Stück bezahlt? — Exp. Wawruschka: Ja. Dort ist dann kein Zeitlohn. Wittelshöfer: Ist Ihnen bekannt, daß für dieselbe Arbeit den Männern mehr gezahlt wird als den Frauen? — Exp. Wawruschka: Der Mann wird immer besser bezahlt. Man baut nämlich darauf, daß er besser arbeitet, oder man verlangt es wenigstens von ihm. — Für eine Umhülle werden 50 und 60 kr. gezahlt, da muß der Herr die Zugehör dazugeben; für einen Kragen 60 kr. Da muß er der Arbeiterin 35 kr. zahlen. 143 Mir ist für eine Schoß fl. 2 angetragen worden. Da kann auf die Arbeiterin nicht mehr kommen als fl. l'10. Wittelshöfer: Was verdient der Meister, wenn er fl. 2 für eine Schoß bekommt? —Exp. Wawrufchka: Wenn das in der Masfe wäre, daß man in der Woche ein paar hundert hinausbringt, könnte man viel verdienen. 40 kr. muß der Herr auslegen, fl. I'IO bekommt die Arbeiterin, so bleiben 50 kr. für ihn. Dr. Ofner: Haben Sie eine Arbeitsvermittlung? — Experte Wawrufchka: Ich habe mich einmal an die Genossenschaft gewendet. Meistens kommen aber die Leute selbst, wenn man annoncirt. Dr. Ofner: Lehrmädchen haben Sie nicht? — Experte Wawrufchka: Nein. Vorsitzender: Aus welchen Kreisen kommen die Arbeiterinnen? -- Exp. Wawrufchka: Meist aus Arbeiterkreisen. Vorsitzender: Verköstigen Sie Ihre Arbeiterinnen selbst? — Exp. Wawrufchka: Nein. Vorsitzender: Was essen sie gewöhnlich? —Exp. Wawrufchka: Das weiß ich nicht. Es gibt Arbeiterinnen, welche nicht aus Wien sind, die müssen für die Wohnung zahlen, und wenn sie nur 40 oder 50 kr. haben, so können sie ja nichts Anderes essen als Kaffee. Vorsitzender: Kommt es nicht vor, daß Arbeiterinnen bei den Meistern wohnen? — Exp. Wawrufchka: Das ist selten. Vorsitzender: Wie ist das Arbeitslocal ? — Exp. Wawrufchka: Ich habe zwei Zimmer. In dem einen großen Zimmer mit zwei Fenstern wird gearbeitet. Vorsitzender: Wird auch gebügelt? — Exp. Wawrufchka: Ja; das ist aber nicht mein Wohnraum. Ich habe auch eine Küche, in dieser wird gegessen. Die Wohnung wird jeden Tag zusammengeräumt und jeden Samstag gewaschen. Gelüftet wird täglich. Es sind aber hier sehr viele Werkstätten, wo den ganzen Tag und auch Abends nicht gelüftet wird. In einem solchen Raum sind oft 20 bis 25 Personen zusammengepreßt. Auch ich habe schon unter solchen Umständen gearbeitet und ordentlich geschwitzt. Ich möchte mir zwar gerne ein eigenes Bügelzimmer herstellen, aber die Wohnung kostet ja ohnehin schon sehr viel. Ich zahle fl. 95 vierteljährig. Da ist es nicht leicht, den Zins zu erschwingen, nachdem die Preise immer mehr zurückgehen. Für ein Costüm, für das vor zwei Jahren noch fl. 7 bezahlt worden sind, will mir der Confectionär nur mehr fl. 4 zahlen. Vorsitzender: Was müssen Sie von den fl. 4 Wegzahlen? — Exp. Wawrufchka: Das ist ungleich. Für Arbeitslohn rechne ich fl. 3. So bleibt mir fl. 1 für das Zuschneiden, Zwirn, Wohnung u. s. w. — Die Arbeiter sind bei der Krankencasse versichert. Die Arbeiterinnen essen zu Mittag nicht im Arbeitsraum. Sie gehen alle fort. Die Arbeiter gehen in's Wirthshaus, wohin die Arbeiterinnen gehen, weiß ich nicht. Wenn eine etwas weiter nach Hause hat, bleibt sie eine halbe Stunde länger aus und muß das am Abend einholen. Der Arbeitsraum wird Mittags zwar nicht gesperrt, er ist aber leer. Dr. Riedl: Werden Ihnen Abzüge gemacht, wenn Sie dem Confectionär ein fehlerhaftes Stück liefern? — Exp. Wawrufchka: Das muß von mir ersetzt werden. Dr. Mare s ch: In welchem Alter befinden sich die meisten Arbeiterinnen? — Exp. Wawrufchka: Die jüngsten Arbeiterinnen, die ich gehabt habe, waren l6 Jahre alt, die ältesten 35. Es gibt aber auch ältere. Die sind aber selten. Dr. Maresch: Was geschieht mit den älteren Arbeiterinnen? - - Exp. Wawruschka: Das ist mir nicht bekannt. 144 Dr. Riedl: Sind bei den älteren Arbeiterinnen die Augen sehr geschwächt? — Exp. Wawruschka: Bei diesen kommen Augenschwäche, meistens Nervenschwäche und auch andere Krankheiten vor. Das kommt von der Ueberanstrengung. Expertin Nr. 49 (über Besragen seitens des Vorsitzenden): Ich habe in einem Kleidersalon in der Stadt gearbeitet und war bisher immer bei den Schößen. Die besseren Arbeiterinnen müssen aber jetzt diese Arbeit aufgeben, weil man viel billigere Arbeitskräfte für diese Arbeit findet. Ich habe gefunden, daß es Mädchen gibt, die sich für 00 kr. für diese Arbeit verdingen. Ich bin jetzt bei der Confection bei einem Stückmeister. Es geht aber auch nicht. Ich war früher sehr gut bezahlt. Ich war Trousseurin und habe fl. 35 und die ganze Verpflegung gehabt. Jetzt hat sich das aber außerordentlich verschlechtert. Vorsitzender: Worin hat die Verpflegung bestanden? — Expertin Nr. 49: Frühstück, Gabelfrühstück, zu Mittag Suppe, Fleisch, Gemüse, Abends meist Braten. Auch Jause bekamen wir. Zum Gabelfrühstück waren meist Würstel, Eier u. s. w. Vorsitzender: Wo war der Salon? — Exp. Nr. 49: Das war nicht in Wien, sondern in einer Provinzhanptstadt. Ich war auch in Wien und war auch da zufrieden. Und jetzt sollte ich in einem ersten Wiener Salon eintreten, aber für 40 kr. gehe ich nicht. Vorsitzender: Hat man da die Kost? — Exp. Nr. 49: Gar nichts. Es gibt eben viele Mädchen, die auf den Verdienst nicht angewiesen sind; die haben nach dem Geschäfte ihre Verehrer und stehen auf den Lohn nicht an. Vorsitzender: Glauben Sie, daß das der Salonbesitzer ausnützt? — Exp. Nr. 49: Gewiß. Solche Löhne hat es vor sechs Jahren noch nicht gegeben. Ich war jetzt in einem Confectionsgeschäfte, da bin ich jetzt wöchentlich nicht mehr höher als auf fl. 2 gekommen. Ich bin ausgetreten, weil der Herr keine Arbeit hat, und jetzt habe ich mich für einen böhmischen Curort engagiren lassen. Da bekomme ich fl. 1'00 täglich, dann Wohnung und Verköstigung, aber die Reise muß ich mir selbst zahlen. Ich komme als Schoßmacherin hin. Dr. Osner: Was haben Sie früher bekommen? — Exp. Nr. 49: fl. 1-30. Dr. Osner: Wie lange? — Exp. Nr. 49: Nur ein Jahr. Dr. Ofner: Und darnach ? — Exp. Nr. 49 : Dann sind die billigeren Kräfte gekommen, und die Folge davon war, daß ich nur fl. 1 bekommen habe und später nur 80 kr.; das ist schon zwei Jahre her. Vorsitzender: Wo haben Sie gelernt? — Exp. Nr. 49: Bei einem Fräulein. Ich war auch anfangs in einem Salon in Wien, da habe ich nur 30 kr. bekommen, weil ich nicht so tüchtig war. Dann bin ich wieder in einen feinen Salon gekommen. Vorsitzender: Warum sind Sie weggegangen? — Exp. Nr. 49: Weil der Vater schon sehr alt ist und er mich gebeten hat, nach Hanse zu kommen. Vorsitzender: Was bekommen Sie jetzt? — Exp. Nr. 49: Ich muß sehr fleißig sein, wenn ich zwei Krägen machen will; da bringe ich es auf fl. 4 bis 5 pro Woche. Vorsitzender: Wie lange arbeiten Sie da? — Exp. Nr. 49: Elf Stunden. Ich werde nämlich per Stück bezahlt. Vorsitzender: Wie viel verdienen sich die besten Arbeiterinnen bei dieser Arbeit? — Exp. Nr. 49: fl. 8 bis 10. Vorsitzender: Auch in elf Stunden? — Exp. Nr. 49: Die müssen sich Arbeit nach Hanse nehmen und bis 2 oder 3 Uhr arbeiten. 145 Vorsitzen der: Wie viel wird per Stück bezahlt? — Exp. Nr. 49: 30 bis 40 kr. Mittels höfer: Glauben Sie, daß jede Arbeiterin, die mehr verdient, so lange zu Hanse arbeiten muß? — Exp. Nr. 40: Ja, die muß auch bis 2 Uhr sitzen. Vorsitzender: Sie müssen ja aber wenigstens um 0 Uhr aufstehen? — Exp. Nr. 49: Allerdings. Vorsitzender: Tann haben Sie vier Stunden Schlaf? Ist es möglich, daß das ein Mensch aushält? — Exp. Nr. 49: Wenn man in einem Salon ist, muß man auch oft bis 2, 3 Uhr Nachts arbeiten, wenn eine sehr dringende Arbeit ist, dann geht man erst nach Hause. Im Frühjahre kommt das sehr oft vor. Wittelsh öfer: Ist die Arbeit auch mit der Saison gleich zu Ende? — Exp. Nr. 49: Mit dem Tag, wo es aus ist, müssen auch die Leute gehen. Witte lshöser: Gibt es viele Arbeiterinnen, die das ganze Jahr hindurch beschäftigt sind? — Exp. Nr. 49: O ja. Witte lshöser: Müssen die aussetzen? — Exp. Nr. 49: Es kommt vor, daß sie einige Tage oder Wochen nichts arbeiten. Tr. v. Fürth: Wird in den Salons auch Arbeit nach Hause gegeben ? — Exp. Nr. 49: Auch; wenn etwas dringend ist, so muß man es auch über den Sonntag machen. An Feiertagen wird gewöhnlich bis 5 Uhr gearbeitet. Exp. Smitka: Sie haben gesagt, daß Sie sich verpflichtet haben, nach einem Curort zu gehen. Kennen Sie die einzelnen Punkte des Con- tractes? — Exp. Nr. 49: Man hat zehn Minuten Frühstück- und Jausen- pause. Die Kündigung ist 14tägig. Strikes dürfen nicht gemacht werden. An Feiertagen muß gearbeitet werden, Sonntage sind frei. Exp. Smitka: Waren Sie schon in einem Badeorte? — Expertin Nr. 49: Nein. Exp. Smitka: Ist Ihnen nicht bekannt, daß es dort bedeutend theurer zu leben ist? — Exp. Nr. 49: Das ist mir nachträglich gesagt worden. Ich war aber gezwungen, das anzunehmen, weil ich keinen anständigen Posten finden kann. Den Posten trete ich am 1. Mai an. Vorsitzender: Ist die Zeit bestimmt, wie lange Sie draußen bleiben? — *Exp. Nr. 49: Ich muß bis September draußen bleiben; da wird mir wöchentlich fl. 1 für die Retourreise abgezogen. Vorsitzender: Haben Sie ein Pönale zu zahlen, wenn Sie den Posten nicht antreten? — Exp. Nr. 49: Nein. Exp. smitka: Ist vereinbart, daß Sie von dem Tag an, wo Sie hinausfahren, beschäftigt, beziehungsweise bezahlt werden, oder nicht? — Exp. Nr. 49 : Ja, das weiß ich nicht. Es ist nur bedungen, daß, wenn der Herr irgendwie nicht zufrieden ist, er mich jeden Tag weggeben kann. Vorsitzender: Sie haben gesagt, daß Ihnen wöchentlich fl. I für die Rückreise abgezogen wird, das macht ja ungefähr fl. 20 aus. So viel kostet die Fahrt doch nicht! — Exp. Nr. 49: Es ist so ausbedungen. Exp. Smitka: Ist Ihnen bekannt, daß bedungen ist, daß, wenn die Arbeit unrechtmäßigerweise verlassen wird, dieses Geld gewissermaßen als Strafe verfällt? — Exp. Nr. 49: Davon steht nichts drinnen. Exp. Smitka: Ich weiß aber, daß das in einem Contracte enthalten war, den derselbe Herr mit einem Arbeiter abgeschlossen hat. Exp. Wawruschka: Ich kann vielleicht die Sache aufklären. Das Geld wird zusammengelegt, und wenn der Arbeiter zurückreist, bekommt er die Fahrkarte, und der Ueberschuß wird ihm aus die Hand gegeben. Denn es sind Fälle vorgekommen, daß, wenn die Arbeit zu Ende war, der Arbeiter ohne Geld dagestanden ist, und der Unternehmer hat ihn unterstützen müssen. 10 Frauen-Enquüte. 146 Dr. Schwiedland: Gibt es irgendwelche Berufskrankheiten, insbesondere ist es richtig, daß die ersten Gehilfinnen nervös werden? — Exp. Nr. 49: Das ist wahr. Vorsitzender: Wie war das Local, wo Sie jetzt gearbeitet haben? — Exp. Nr. 49: Es war licht, sehr rein und luftig. Es waren dort acht Arbeiterinnen in einem Zimmer mit zwei Fenstern. Der Fußboden wird jede Woche gewaschen. Mittags bin ich nach Hause gegangen, es war zwar nicht sehr nahe, ich habe mich aber sehr beeilt. Vorsitzender: Wer bereitet das Mittagessen? — Exp. Nr. 49: Meine Schwester. Vorsitzender: Verdient die etwas? — Exp. Nr. 49: Nein. Vorsitzender: Wovon leben Sie Alle? — Exp. Nr. 49: Wir müssen Alle zusammenhalten. Wir sind vier Schwestern, die verdienen. Eine ist Modistin, die hat oft nichts zu thun, eine Kleidermacherin, die hat monatlich fl. 28, ohne Kost. Sie ist auch bei den Schößen. Sie ist zehn Jahre dort und hat immer dasselbe gemacht. Eine Schwester ist in einem ersten Salon, die bekommt, glaube ich, fl. 1'50 pro Tag. Wir sind Alle unverheiratet. Dr. Ofner: Wie weit haben Sie nach Hause? — Exp. Nr. 49: Eine Halbe Stunde. Vorsitzender: Und wenn Sie sich verspäten? — Exp. Nr. 49: So muß ich es am Abend einbringen. Dr. Schwiedland: Der Lohn steigt doch, wenn man länger in einem Betriebe ist? — Exp. Nr. 49: Ja, aber sehr langsam; die Herren wollen jetzt nur ganz billige Arbeitskräfte haben, die Männer werden alle entlassen, auch die Schwester fürchtet schon jeden Tag, daß sie weggegeben wird. Die Leute wollen, daß die ersten Arbeitskräfte die minderen abrichten, und dann müssen sie gehen. Das ist in allen Salons so. Schluß der Sitzung 1 Uhr 15 Minuten. 9. Sitzung, Sonntag, 8. Mär;, Nachmittag. Vorsitzender: Dr. Verkauf. Beginn 3 Uhr 15 Minuten. Exp. Smitka (über Befragen): Die Krankencasse der Schneider hat zur Zeit 16.000 Mitglieder, und zwar 11.000 männliche und 5000 weibliche. Der Altersaufbau ist derart, daß die weiblichen Mitglieder im Großen und Ganzen nur bis zum 35. oder 36. Lebensjahre der Genossenschaft angehören. Die Daten sind übrigens in dem von mir vorgelegten Ausweise enthalten. Der Wechsel der Mitglieder ist in Zeiten, wo die Saison zu Ende geht oder beginnt, am größten. Alle in diesem Berufe Beschäftigten sind in der Krankencasse, bis auf die Heimarbeiterinnen, welche nach meiner Schätzung circa 900 betragen; doch habe ich schon hervorgehoben, daß hiezu jene Arbeiterinnen das größte Contingent stellen, welche in der schlechten Zeit zur Heimarbeit gezwungen sind. Die Zwischenmeister sind unter diesen 900 nicht mitgezählt. Die Zahl der Betriebe, welche ihre Arbeiter bei der Krankencasse versichern, ist 5940 im Jahre 1895, darunter auch solche, die nur in der Saison Arbeiterinnen oder Lehrlinge beschäftigen. Es werden auch jene Betriebe in Evidenz geführt, welche keine Gehilfen und Lehrlinge beschäftigen, und der Cassier muß auch von Zeit zu Zeit nachsehen, ob Niemand beschäftigt 147 wird. Die neuen Betriebe entnehmen wir dein Amtsblatte der Stadt Wien und halten sie in Evidenz. Eine andere Zahl von sogenannten „Störern", die allerdings beschäftigt sind, aber keine Steuer zahlen, werden uns dadurch bekannt, daß der Cassier, wenn er herumkommt, sie zufällig findet; diese theilt er dann der Krankenkasse mit; es sind dies die sogenannten „Pfuscher". Wir haben zwei Saisons, eine im Sommer und eine im Winter. Die Anmeldungen zur Sommersaison beginnen Mitte Februar, Anfangs März und Mitte März; das schwankt und hängt vom Wetter ab. Bei Männerschneidern endet diese Saison nach Ostern, bei Frauenschneidern nach Pfingsten. Die zweite Saison beginnt im September und endet bei Männerschneidern vor Weihnachten, bei Frauenschneidern beginnt und endet sie etwas später. Bei der Confection endet diese Saison zu Allerheiligen. Die Zahl der Au- und Abmeldungen ist zu Beginn, respective zu Ende der Saison am größten. Wir haben zu Beginn annähernd 50 bis 00 Anmeldungen im Tag; das dauert vier Wochen bis Mitte März; dann wird die Zahl geringer und beträgt etwa 15 bis 20 täglich. Bei den Abmeldungen herrscht das gleiche Verhältniß. Vorsitzender: Wie steht es mit der Morbilität, Zahl, Art und Vertheilung der Erkrankungen nach Geschlecht? Wiegt die eine oder andere Krankheit vor, und in welchem Maße? — Exp. Smitka: In den Ausweisen der Jahre 1804 und 1803 sind die Daten enthalten. Die Zahl der weiblichen Erkrankungen im Jahre 1804 betrug 1222, die der männlichen 2522, und zwar entfallen auf Männer 37.307, auf Frauen 18.507 Kpanken- tage. Die durchschnittliche Krankheitsdauer habe ich nicht berechnet, sie ist aber sehr leicht zu finden. Entbindungen sind in diesen Zahlen nicht inbe- griffen. Im Jahre 1804 waren 201 Entbindungen auf rund 5000 Mitglieder. Nach meiner Zusammenstellung, welche ich mir vorzulesen erlauben werde, herrscht die Tuberculose vor, und zwar waren im Jahre 1803 235 Fälle mit 1003 Krankentagen; die zweitgrößte Zahl hat der Rheumatismus mit 227 Fällen und 2142 Tagen; allerdings ist ja nicht Alles Rheumatismus, und jeder Arzt weiß, daß in vielen solchen Fällen schon Anfänge der Tuberculose vorliegen. Die nächsthänfige Krankheit ist der Magenkatarrh mit 04 Fällen und 602 Krankentagen im Jahre 1803 und mit 145 Fällen und 3010 Krankentagen im Jahre 1804. Das ist eine sehr starke Zunahme. An Bronchialkatarrh haben wir im Jahre 1803 78 Fälle mit 1308 Tagen und im Jahre 1804 231 Fälle mit 3443 Krankentagen. Die nächstgrößte Zahl finden wir dann bei der Zellgewebsentzündung in Folge Verletzung durch Fremdkörper, und zwar im Jahre 1803 71 Fälle mit 173 Tagen und im Jahre 1804 58 Fälle mit 305 Tagen. Hier sind sehr wenig Krankentage, weil die Verletzungen sehr schnell geheilt sind. Die größten Zahlen kommen dann bei der Bleichsucht und Blutarmuth und wir haben im Jahre 1803 61 Fälle mit 1245 und im Jahre 1804 115 Fälle mit 1301 Krankentagen. Die Verletzungen rühren großentheils von Betriebsunfällen und sonstigen Zufällen her. Die Zahl der Betriebsunfälle kann ich aus diesem Ausweise nicht angeben, doch werde ich den Ausweis für das Jahr 1805 in kurzer Zeit der Commission bekanntgeben. Im Jahre 1803 betrug die Zahl der Verletzungen 20 mit 420 Krankentagen, iin Jahre 1804 47 mit 045 Krankentagen. Vorsitzender: Sie bemerken wohl die starke Zunahme sämmtlicher Erkrankungskategorien im Jahre 1804? Hat dies einen besonderen Grund, vielleicht m der Erhöhung der Krankengelder? — Exp. Smitka: Die Zahl der Erkrankungen hat durchschnittlich zugenommen, bis auf den Rheumatismus. Dies läßt sich auf die genauere Eintheilung der Krankheiten zurückführen; was im Jahre 1803 als Rheumatismus bezeichnet wurde, ist im Jahre 1804 in Folge besserer Diagnose vielfach genauer eingetheilt. Die Krankengelder sind seit Bestand dieselben, fl. 4 pro Woche. 10 * 148 148 Tr. Schiff. Ist die Zahl der Mitglieder die gleiche geblieben? — Exp. Smitka: Sie ist wohl gestiegen, doch nur sehr gering. Es find am 31 . December 1893 4938 und im Jahre 1894 4975 weibliche Mitglieder ausgewiesen. Doch dürfte, da die Saison 1894 viel schlechter war als im Jahre 1893 und somit viel weniger Arbeiterinnen beschäftigt waren, die Steigerung der Erkrankungen eine bedeutendere gewesen sein. Im Jahre 1893 hatten wir 36 Sterbesälle weiblicher Mitglieder, davon 22 an Tuberkulose, also 61 Percent; im Jahre 1894 waren 25 Sterbesälle, davon 18 an Tuberkulose, das ist 72 Percent. Das Verhältniß variirt stets zwischen 60 und 70 Percent. Den nächftgrößten Percentsatz weist dann das Wechselfieber in der Krankenstatistik auf. Die übrigen Fälle vertheilen sich aus die verschiedensten Krankheiten; in Folge Lungenentzündung haben wir z. B. im Jahre 1893 und ebenso im Jahre' 1894 je einen Todesfall. Vorsitzender: Haben Sie sonst noch etwas in dieser Richtung hervorzuheben? — Exp. Smitka: Höchstens die Zahl der Entbindungen nach dem Altersaufbau. Im Jahre 1893 hatten wir die meisten Entbindungen mit 22 Fällen von Mädchen, die 24 Jahre alt waren. Das jüngste Mädchen hatte das 14 . Lebensjahr noch nicht überschritten. Wir haben eine Strafanzeige nicht gemacht. Die Aelteste, die entbunden ist, war 43 Jahre alt. Im Jahre 1894 war das Verhältniß fast dasselbe. Die meisten Entbindungen fanden mit dem 23 . Lebensjahre statt, und zwar 23 Fälle; die jüngste Wöchnerin war 16 Jahre, die älteste 38 Jahre alt; unter 20 Jahren begaben sich 68 Fälle. Die Zahl steigt von: Jahre 1864 , als Geburtsjahr der Mutter, angefangen. Anormale Entbindungen waren im Jahre 1894 15 , im Jahre 1893 5 . Bardors: In welchem Alter waren die Verstorbenen? — Experte Smitka: Das kann ich heute nicht sagen, doch bin ich in der Lage, dies nachzutragen, denn wir kennen das Durchschnittsalter der Verstorbenen. Es ist im Ausweise genau specificirt; es ist ähnlich wie bei den Geburten. Im Jahre 1894 war die Aelteste, die gestorben ist, im Jahre 1818 geboren, Eine ist im Jahre 1827 geboren und Zwei im Jahre 1829 . So steigt es successive; die meisten Todesfälle der Frauen im Jahre 1894 kommen mit dem Geburtsjahre 1869 und 1872 , also in jungen Jahren vor. Vorsitzender: Wir schreiten nun zur Vernehmung der erschienenen Expertinnen und ich bitte zuerst Frau Exp. Nr. 50 uns die an sie gestellten Fragen zu beantworten. — Exp. Nr. 50 (über Befragen) : Im jetzigen Betriebe bin ich drei Jahre, in dem früheren war ich zehn Jahre; im Ganzen bin ich zwölf Jahre bei der Branche. Wir erzeugen Kleider, Confection und Alles, was zur Damenmode gehört, und zwar sowohl gegen Bestellung als für Geschäfte. Die Zahl der Beschäftigten variirt, jetzt sind wir sechs, denn jetzt ist keine Saison. In der Saison sind wir zehn bis zwölf Arbeiterinnen und drei, auch vier Lehrmädchen, wenn die Tochter des Herrn dazu gerechnet wird, also im Ganzen sechzehn Personen. In der schlechten Zeit, nach der Saison, beschäftigt der Herr ein Mädchen, welches in ganzer Verpflegung steht. Dieses eine Mädchen ist die ganze Zeit dort und macht die Hausarbeit für die Kinder, Kleider, Schürzen und was sonst im Hause benöthigt wird. Ich mache keine häuslichen Arbeiten. Männer sind keine beschäftigt, und der Unternehmer arbeitet nur hie und da mit; er hat es nicht nöthig. Der Herr ist gelernter Kleidermacher und leitet das Geschäft. Die Frau hilft nicht mit, sie besorgt das Häusliche. Es sind Nähmaschinen in Verwendung, und es werden keine Arbeiten nach Hause gegeben. Die Mädchen sind zumeist solche, welche Eltern oder Geschwister haben, denn von dem Verdienste allein können nur die besser Qualisicirten leben. Die Mädchen sind zumeist aus bessersituirten Arbeiterkreisen oder aus Handwerkerkreisen. Viele werden in der Zwischensaison entlassen und müssen, wenn sie nicht warten können, wenn sie also keine 149 Eltern oder Geschwister haben, eine andere Beschäftigung suchen. Die besser Situirten können bleiben und finden indessen zu Hause eine Beschäftigung. Eine, die in Verpflegung ist, bleibt das ganze Jahr im Hause, und die zwei anderen besser Qualificirten müssen aussetzen. Die anderen Zwölf oder Dreizehn werden nicht entlassen, aber sie gehen selbst fort und suchen eine andere Beschäftigung. Die drei Lehrmädchen bleiben die ganze Zeit. (Ueber Befragen.) Eine Arbeitsvermittlung besteht nur für die Männer; die Mädchen erlangen die Arbeit durch die Zeitung oder sie gehen von Geschäft zu Geschäft nachfragen; sie werden auch recommandirt. Auch die Eltern der Mädchen gehen herum und suchen eine Arbeit für die Tochter. Die Aus- tretenden gehen in Privathäuser nähen oder nähen für ihre Bekannten oder suchen ein anderes Geschäft, wo das ganze Jahr zu thun ist, um nur einen Verdienst zu haben, wenn er auch sehr wenig ist. Die Lehrmädchen werden fast ausschließlich zu gewerblicher Arbeit verwendet, nur müssen sie sehr viel lausen, und zwar während der ganzen Lehrzeit. Die besser befähigten Lehrmädchen lernen etwas, aber die beqriffstütziqen können nach diesen zwei Jahren nichts. V o rs itz end er: Ja, wenn die Mädchen herumlaufen, nützt ihnen das größte Talent nichts, weil sie doch nicht zum Arbeiten kommen. — Expertin Nr. 50: Bei uns sind drei Lehrmädchen, und es muß jeden Tag eine Andere herumlaufen; so kann Jede immer zwei Tage arbeiten. Sie werden von uns und von mir speciell in der Arbeit unterwiesen; dafür bekommen wir keine Entschädigung. Bei uns wird nach Stunden gezahlt, und ich habe für die Stunde 16 kr. Vorsitzender: Wir müssen also unterscheiden Jene, welche das ganze Jahr arbeiten, welche aussetzen, die, welche austreten und endlich die Lehrmädchen. Welchen Verdienst haben die Lehrmädchen? — Exp. Nr. 50: Gar keinen. Die Lehre dauert zwei Jahre; die Mädchen müssen zu Hause die ganze Verpflegung haben und zu Hause schlafen. Dr. Adler: Wie sind die Mädchen aus besseren Häusern, die für einen geringeren Lohn arbeiten, von den anderen anseinanderzuhalten? — Exp. Nr. 50: Das richtet sich nach den Verhältnissen; man erkennt die Mädchen schon; man weiß, daß ein Mädchen von einem solchen Schundlohn nicht leben kann, und wenn Eine so einen Posten in einem Salon annimmt, so braucht sie den Lohn eben nur für's Taschengeld. Dr. Adler: Da stellt sich also heraus, daß ein Mädchen, je wohlhabender sie ist, einen umso schlechteren Lohn bekommt. — Exp. Nr. 50: Ja, wenn sie so einen Posten annimmt: zwingen kann man sie ja nicht; sie muß dann in ein kleineres Geschäft gehen, zu einem Meister, der Knndenarbeit macht, wo keine getheilte Arbeit ist; da ist die Arbeiterin gezwungen, ein ganzes Stück fertigzumachen, und dann kann sie auch einen besseren Lohn beanspruchen. (Ueber Befragen.) Diese bessersituirten Mädchen in den Salons müssen sich nicht sehr plagen; die Arbeitszeit ist allerdings neun bis zehn Stunden, und da thun sie sich nicht sehr weh. Bei den kleinen Meistern muß man sehr tüchtig sein und sehr viel leisten. Dr. Schiff: Es scheint also, daß es in den großen Salons keine Lehrmädchen aus Arbeiterkreisen gibt? — Exp. Nr. 50: O nein, auch da gibt es solche, die herumlaufen müssen. Frau Schlei inger: Sie sagten, daß die Mädchen in den zwei Jahren das Schnittzeichnen u. s. w. lernen und dafür extra zahlen müssen. Nun können doch die Wenigsten zahlen, also erlernen die Mädchen in der Regel gar nicht das Gewerbe? — Exp. Nr. 50: Sie erlernen es auch nicht; deswegen haben wir einen Fachverein, wo die Mädchen lernen können, aber es ist sehr schwer, sie hineinzubringen; einerseits fürchten sie den Posten zu verlieren und andererseits scheuen sie sich, unter die vielen Männer zu gehen. Die Mädchen, die nicht die Mittel haben, extra zu zahlen, haben 150 nur im Fachverein Gelegenheit zu lernen; die meisten lernen es also niemals. Vorsitzender: Sie sagten, daß an die Damen aus besseren Kreisen ein Schundlohn gezahlt wird; können Sie uns nach Ihren Erfahrungen die Differenz angeben? — Exp. Nr. 50: Ein solches Mädchen arbeitet für 50 bis 60 kr. pro Tag bei neun- oder zehnstündiger Arbeitszeit; ein solches Mädchen muß besser gekleidet sein, und bessere Kleider kosten eine Menge Geld; leben muß sie auch. Ein Mädchen, das von 50 kr. leben muß, kann sich aber nicht besser kleiden. Wenn aber ein solches Mädchen bei den Eltern zu Hause ist, so kann sie das annehmen. Vorsitzender: Nun gibt es aber auch Mädchen, die sehr schlechten Lohn bekommen, von dem sie leben und sich kleiden müssen. Wie bringen die das zu Stande? — Exp. Nr. 50: Von denen kann man nicht sagen, daß sie leben. In den Salons gibt es keine Mädchen, die von diesen Paar- Kreuzern leben müssen; sie können das nicht annehmen. Die, welche es thun, haben eine Unterstützung von irgend einer Seite. Exp. Smitka: Die Herren, die Vormittag zugegen waren, hatten Gelegenheit, von einer Salonschneiderin darüber zu hören, die aus eigener Erfahrung gesprochen hat. Vorsitzender: Dann brechen wir dies einfach ab. Sie sagten, daß eine Arbeiterin in dem jetzigen Betriebe in Kost und Wohnung ist. Wie ist die Wohnung bestellt? — Exp. Nr. 50: Sehr schlecht; sie schläft in der Werkstatt, wo wir arbeiten, und die läßt im Winter viel zu wünschen übrig. Wir haben die Kleider dort, und man muß fürchten, daß man Ungeziefer mit den Kleidern nach Hause bringt. Das Mädchen schläft mit der Tochter in einem Bett. Die anderen Familienangehörigen schlafen in einem anderen Zimmer. Die Kost ist sehr schlecht; die Frau ist eine schlechte Köchin, und auch die Familienangehörigen genießen das Essen manchmal nicht und lassen es stehen. Das Mädchen kann sich nicht immer von den fl. 3 ein Mittagmahl kaufen, weil sie eine Mutter hat, die sie unterstützen muß. Sie ist in Folge der schlechten Kost sehr blutarm. Zum Frühstück hat sie Kaffee und ein Stückchen Brot, Gabelfrühstück hat sie keines. Es kaufen sich nur zwei Arbeiterinnen etwas zum Gabelfrühstück, die Anderen essen nicht. Das Mittagessen ist herzlich schlecht. Einmal bekommt sie Suppe, ein angebranntes Gemüse und ein kleines Stückchen Fleisch; das ist Alles. Das Gemüse ist täglich angebrannt, auch das Fleisch. Bier bekommt sie nicht. Zur Jause hat sie Kaffee und ein Stück Brot. Der Kaffee ist genießbar. Zum Nachtmahl bekommt sie 6 kr. und muß sich dafür etwas kaufen. Brot ist das zehnte Mal nicht vorhanden; es sind fünf Kinder da, welche es zu- sammenessen. Ich weiß auch nicht, ob sie Brot nehmen kann, so viel sie will, ob das so abgemacht ist. Manchmal nimmt sie sich. Die besser situirten Mädchen essen in einer Privatkost, die im Hause ist. Dort hat man ein sehr gutes Essen, Suppe, Fleisch, Gemüse und Mehlspeise für -20 kr. Getränk ist keines dabei. Die schlechter Situirten lassen sich vom Gasthause eine Suppe holen oder ein Paar Würstel mit Saft und ein Brot dazu. Das kostet 7 kr. Zum Nachtmahle essen diese Mädchen Brot mit Butter, das ist das ganze Nachtessen. Bier kann ein Mädchen, das nur sl. 3 hat, sich nicht kaufen, außer sie hat eine Schwester, die ihr hie und da etwas gibt. Vorsitzender: Sind Geschenke an die Unternehmer üblich? — Exp. Nr. 50: Nein, das kommt nicht vor. (Ueber Befragen.) In dem früheren Betriebe war die Kost sehr gut; die Mädchen haben aber die Verpflegung zu Hause gehabt. Das Nachtmahl war genügend. Die Lage der Lehrmädchen in dem früheren Betriebe war eine bessere; sie hatten Angehörige und waren bessere Mädchen. (Ueber Befragen.) Die Lehrmädchen werden, soweit es in der Möglichkeit des Herrn steht, rechtzeitig freigesprochen. Jetzt sind drei Lehrmädchen da seit vier Monaten. Der Herr 151 darf aber nur zwei halten; die Eine wird im März freigesprochen, dann kommen die anderen Zwei an die Tour. Vorsitzender: Wie ist der Verdienst der Arbeiterinnen, welche austreten? — Exp. Nr. 50: Ihr Verdienst richtet sich nach der Quali- sication. Der mindeste Verdienst ist sl. 3 pro Woche, pro Stunde 5 kr. Die Arbeit ist eine getheilte; die Einen machen Aermel, andere Schöße, Taillen u. s. w. Die schlechtest Qualificirten bekommen entweder die Taille auszuarbeiten, Aermel zu übernahm oder zu staffiren, die Bestqualificirten haben die Taillen zu spannen, zu putzen, fertigzumachen oder die Schöße zu troussiren oder fertigzumachen. Die besser Qualificirten unter den Entlassenen haben 14 oder 12 kr. pro Stunde. Vorsitzender: Was bekommen Sie denn wöchentlich? — Exp. Nr. 50: Das richtet sich nach den Stunden. Vorsitzender: Bevor wir den Lohn erörtern, müssen wir erst von der Arbeitszeit reden. Wann beginnt die Arbeit? — Exp. Nr. 50: Im Sommer um 7 Uhr, im Winter um 8 Uhr und dauert im Sommer bis 7 Uhr, im Winter bis 8 Uhr; doch ist das nicht täglich der Fall. In der großen Saison arbeiten die Mädchen, die nach Hause schlafen gehen, bis 8 Uhr, und wenn sehr viel zu thun ist, auch bis 0 Uhr. Die Mädchen, die in Verpflegung sind, müssen oft bis 10 Uhr arbeiten und noch drüber und müssen auch schon in der Früh um 0 Uhr beginnen. Es waren früher zwei in Verpflegung, die eine ist aber wegen der allzu großen Anstrengung weggegangen. Vorsitzender: Nehmen die Mädchen auch Arbeit nach Hause? — Exp. Nr. 50: Nein, das kann man zu Hause nicht machen. Mittags ist eine StundePause; die wird auch eingehalten. Die besser situirtenMädchen essen dann Mittag in der Privatkost, die im Hause ist, und die Anderen, die sich nichts Besseres kaufen können, essen eine Suppe aus dem Gasthause. Für das Frühstück und die Jause ist keine eigentliche Pause, doch dürfen wir die Arbeit unterbrechen oder während der Arbeit essen. Sonntag wird nur in der großen Saison, wenn sehr viel zu thun ist, wie vor Ostern, vor Pfingsten, gearbeitet; gewöhnlich nur bis Mittag. Die Zahlung für die Sonntagsarbeit ist die gleiche. Vorsitzender: Wie steigt der Lohn? — Exp. Nr. 50: Die am besten Qualificirten haben 12 bis 10 kr. pro Stunde, und Ueberstnnden werden ebenso gezahlt; es sind Arbeiterinnen da mit fl. 0 , 4'80, 8'20 und fl. 10-40 pro Woche; ich habe am meisten. Zur Arbeit brauchen wir gar nichts zu kaufen. Abzüge und Strafen kommen nicht vor. Kündigungsfrist besteht bei uns keine, denn wenn die schlechte Zeit kommt, tritt man aus und nimmt sich das Buch mit. Dr. Hainisch : Was verdient das eine Mädchen, das in Verpflegung ist und oft, wie Sie sagten, von 0 Uhr bis 10 Uhr arbeiten muß? — Exp. Nr. 50: Sie ist eiue sehr gute Arbeiterin und bekommt nur fl. 8 wöchentlich; sie bekommt auch keine Ueberstunden gezahlt, und die Kost ist sehr schlecht. Baronin Vogelfang: Was lernen die Lehrmädchen eigentlich ? — Exp. Nr. 50: Sie lernen nur nähen, Kleider zusammenstellen, aber Maßnehmen und Schnittzeichnen nicht; außer es wird extra bezahlt, dann kann sie es lernen. Dr. Schiff: Leisten die Lehrmädchen dem Unternehmer etwas? — Exp. Nr. 50: Ja, wenn sie schon einige Monate da sind und beschäftigt werden. Aber gewöhnlich leisten sie im ersten Lehrjahre sehr wenig; im zweiten Jahre können sie dem Herrn schon etwas verdienen. Dr. Schiff: Entsprechen die von Ihnen gemachten Lohnangaben dem Durchschnittslohn? — Exp. Nr. 50: Unsere Löhne sind sehr gut. Es gibt Mädchen, die mir fl. 2 wöchentlich verdienen bei gleicher Fähigkeit 152 und Geschicklichkeit. In dem früheren Betriebe waren auch sehr gute Löhne; es wurde aber nur Confection gemacht. Die Mädchen waren aber schlechter gezahlt als die Männer, welche oft das Doppelte bei gleicher Arbeit bekommen haben. Die Mädchen waren nach der Woche, die Männer nach Stücklohn bezahlt. Dr. Schwiedland: Erzeugen Sie Specialitäten in Ihrem Betriebe? — Exp. Nr. 50: Wir arbeiten alle möglichen Kleider, auch englische Arbeit wird gemacht. Die stille Zeit ist von Ostern bis Juli. In dieser Zeit gehen die Mädchen in Häuser nähen. Dr. Schwiedland: Heute Vormittags hat eine Expertin behauptet, daß eine Verdrängung der Männerarbeit durch Frauenarbeit und eine Verdrängung der Frauenarbeit durch schlechter gezahlte Frauenarbeit in Ihrem Gewerbe zu Tage tritt. Ist dies richtig? — Exp. Nr. 50: Dies ist vollkommen wahr; in dem früheren Geschäfte waren ursprünglich lauter Männer, ich war das einzige Mädchen; mit der Zeit sind 5, 6 Mädchen gekommen, und die Männer sind entlassen worden. Daß die besseren Frauenlöhne durch schlechter bezahlte Frauenarbeit im Allgemeinen gedrückt werden, kann ich nicht sagen, weil ich ja nur in zwei Geschäften war. Dr. Adler: Sie haben gesagt, daß die Mädchen in der schlechten Zeit in die Häuser gehen; wenn die schlechte Zeit im Juni ist, dann sind doch die sogenannten besseren Leute auf dem Lande; das ist mir etwas unwahrscheinlich. — Exp. Nr. 50: Die Mädchen gehen eben auch aufs Land zu bekannten Damen, welche den Mädchen versprechen, aus sie zu warten, und die Mädchen warten wieder auf diese Arbeit. Dr. Adler: Halten Sie diesen Landaufenthalt für die Regel? — Exp. Nr. 50: Nein, es sind nur einzelne; die große Masse hat überhaupt nichts zu thun und muß pausiren. Dr. Adler: Wir interessiren uns aber gerade für die Masse, haben Sie eine Vorstellung, was diese Mädchen thun, wovon sie leben? — Exp. Nr. 50: Die haben eben nichts. Die Mädchen meiner Bekanntschaft müssen eben während der Saison sparen, sie vergönnen sich auch nichts und sind auch alle blutarm; wenn die Saison zu Ende ist, müssen diese Mädchen, die sehr wenig verdient haben, trachten auf irgend eine Weise etwas zu verdienen. Vorsitzender: Sind auch auswärtige Mädchen bei Ihrem Betriebe oder Wienerinnen? — Exp. Nr. 50: Die meisten sind von Mähren oder Böhmen; aus Wien die wenigsten; sie haben gewöhnlich Geschwister oder Verwandte hier. Vorsitzender: Macht es keinen Unterschied in der Zahlung, ob Sie Knndenarbeit oder Confectionsarbeit haben? — Exp. Nr. 50: Für die Mädchen ist die Zahlung immer die gleiche; dem Herrn wird die Kundenarbeit besser gezahlt. (Ueber Befragen des Vorsitzenden.) In dem früheren Betriebe waren wir zusammen elf Personen ohne zwei Lehrmädchen, acht Männer und drei Frauen. Nachdem ich ausgetreten war — ich mußte wegen Familienzerwürfnissen austreten — haben sich die anderen Mädchen auch verloren, nur Eine ist geblieben; die übrigen Beschäftigten sind Männer. Die Arbeitszeit war dort elf Stunden. Es ist auch in Ueberstunden gearbeitet worden; doch mir sind sie nicht bezahlt worden; es war Wochen- lohn; die Lehrmädchen haben oft bis 1 oder 2 Uhr Nachts gearbeitet und auch am Sonntag oft den ganzen Tag. Die Männer haben sich das nicht bieten lassen; sie waren Stückarbeiter und haben in der Woche je nach Geschicklichkeit fl. 12 bis 14, manche nur fl. 7 oder 8 verdient; ein alter Arbeiter, der wenig gesehen hat, war sehr geschickt, aber sehr langsam und stand sich aus fl. 6 in der Woche. Dr. Schiff: Haben die Lehrmädchen gar keine Zahlung bekommen? — Exp. Nr. 50: Nein, ich habe das sehr oft gerügt, konnte aber nichts 153 machen. Die Mädchen mußten oft bis spät in die Nacht arbeiten und waren dann bei Tag nicht fähig, ordentlich zu arbeiten. Dr. Hainisch: Ich glaube, wir haben Sie mißverstanden; Sie sagten, die Männerarbeit werde durch Frauenarbeit verdrängt, und jetzt haben Sie erzählt, daß in dem früheren Betriebe zum Schlüsse lauter Männer da waren. — Exp. Nr. 50: Nein. es waren zum Schlüsse doch drei Frauen, ich, ein Ehepaar und noch ein Mädchen, und früher war nur Eine, die Zahl hat von Einer aus Drei zugenommen. Bardors: Ist das allgemein in Ihrem Gewerbe, daß die Lehrmädchen nichts gezahlt bekommen? — Exp. Nr. 50: Es gibt nur sehr wenige Geschäfte, wo sie Zahlung bekommen: in der Mehrzahl sind die Verhältnisse wie bei uns. Es gibt auch Geschäfte, wo die Lehrmädchen zahlen müssen. Vorsitzender: Werden diese auch herumgeschickt? — Expertin Nr. 50: Nein, das Lehrgeld beträgt monatlich sl. 4, 5 oder 6, je nachdem das Institut ist, wo sie lernen. Die Zahlung der Lehrmädchen, wenn es eine solche gibt, ist sehr gering, fl. 1 oder 2 pro Woche; es sind gewöhnlich Mädchen besser situirter Kreise, die die Mädchen, welche darauf angewiesen sind, verdrängen. Sie arbeiten um einige Kreuzer, um nur ein Taschengeld zu verdienen, das sie für die Toilette verwenden. Vorsitzender: Dies ist von besonderem Interesse, ich bitte uns etwas von Ihren eigenen Wahrnehmungen darüber zu sagen. — Expertin Nr. 50: Diese Mädchen arbeiten für wenige Kreuzer, und wenn andere Mädchen, die vorn Verdienste leben müssen, in so ein Geschäft kommen, werden sie nicht aufgenommen, und der Chef weist darauf hin, daß er andere Mädchen bekommt, die billiger arbeiten. Diese Mädchen arbeiten zumeist für Confectionsgeschäfte. Vorsitzender: Vielleicht kann uns Herr Smitka hierüber etwas Näheres sagen. — Exp. Smitka: Diese Mädchen, die nur für ein Taschengeld arbeiten, sind hauptsächlich in den Salons zu finden. Bei Tetaillisten werden diese Mädchen im großen Ganzen weniger verwendet. Sie gehen in Salons, weil es gewissermaßen als eine Ehre angesehen wird, dort zu arbeiten. — Exp. Nr. 50: Verheiratete Frauen sind darunter nicht. Baronin Vogelfang: Wie lange muß ein Mädchen lernen, und was muß sie dafür zahlen? — Exp. Nr. 50: Die gesetzliche Zeit ist zwei Jahre. Das Schnittzeichnen dauert nur je nach der Auffassung drei bis sechs Monate. Dafür muß sie zahlen, und der Betrag richtet sich je nach dem Institute. Exp. Smitka: In Wien sind einige Institute, wo die Mädchen das Zuschneiden lernen ; das renommirteste ist das von Schall. Vor 14 Tagen ist zu mir eine Arbeiterin gekommen und hat mir erzählt, daß sie dort für das Zuschneidenlernen sl. 100 hat zahlen müssen; sie hat fünf Monate gelernt, und wenn sie austritt, muß sie sich doch erst die Praxis aneignen. Vorsitzender: Wie lange dauert die Lehrzeit der zahlenden Lehrmädchen? — Exp. Nr. 50: Je nachdem, ein oder zwei Jahre, sie ist gewöhnlich kürzer als bei den nichtzahlenden. Dr. Schüller: Aus welchen Kreisen sind die Lehrmädchen? — Exp. Nr. 50: Dort, wo ich jetzt bin, sind zwei Töchter von einem Faßbindermeister und eine von einem Tischlermeister, deren Eltern sich in besseren Verhältnissen befinden. Früher war ein Mädchen die Tochter einer armen Wäscherin; der ist es nicht besonders gut gegangen, aber den jetzigen geht es gut. Dr. Schiff: Genießt die Familie des Unternehmers dieselbe Kost wie das dort wohnende Lehrmädchen? — Exp. Nr. 50: Ja. Sie sitzt an demselben Tisch. Das Arbeitslocal befindet sich im zweiten Stock. Es°dieut 154 zugleich als Wohnung des Unternehmers und als Werkstätte. Es besteht aus der Werkstätte, einem Schlafzimmer und Vorzimmer. Die Familie des Herrn ißt in der Werkstätte, das Mädchen im Vorzimmer. Wenn ich komme, muß ich die Fenster öffnen, denn der Dunst ist nicht zum Aushalten. Die Kinder halten sich zumeist in der Werkstätte auf. In der Saison sind darin sammt den Angehörigen der Familie 14 Personen. Jetzt, wo keine Saison ist, sind nur 3 Arbeiterinnen darin. Das Local hat zwei Fenster. Die Reinigung desselben läßt zu wünschen übrig. Die Wände werden nicht gereinigt. Jeden Moment muß man fürchten, daß man Ungeziefer auf den Schoß bekommt. Der Fußboden wird alle 6 bis 7 Wochen gewaschen. Jeden Tag wird ausgekehrt und feucht aufgewischt. Das besorgen die Lehrmädchen, und sie brauchen dazu, wenn sie sich beeilen, eine halbe Stunde. Sie bleiben um diese halbe Stunde länger im Geschäft. Auch in der Früh müssen Sie eine Viertelstunde früher kommen, um die Maschine zu putzen. In der Saison kommt es auch manchmal vor, daß sie am Abend nach der Arbeit bis ',210 Uhr austragen müssen. Der Abort ist sehr sanitätswidrig. Ich habe aus eigener Tasche Desinsectionspulver für den Abort gekauft. Es ist dies nämlich kein offener Abort, sondern nur so eine Schale. Gebügelt wird im Vorzimmer, und zwar unmittelbar neben dem Abort. Die Thür steht offen, und da geht die Hitze von der Küche, wo der Stahl erhitzt wird, in's Vorzimmer und auch in's Zimmer hinein. Alle Arbeiterinnen müssen bügeln. Die Behandlung seitens des Unternehmers ist sehr gut. Besonders ist er mit den flinken Arbeiterinnen äußerst höflich. Die Mehrzahl der Arbeiterinnen ist ledig, nur zwei sind verheiratet. Außer mir sind nur ein Lehrmädchen und eine Arbeiterin bei der Organisation. Ich wollte schon mehrere in dieselbe hineinbringen, aber der Herr ist dagegen. Er weiß, daß am Montag Vereinsabend ist, und da läßt er das Mädchen, das dort wohnt, nicht fortgehen, sondern gibt ihr immer etwas zu thun. Ich bin daraufgekommen und habe gesagt, sie soll doch hingehen, aber sie hat sich nicht getraut. Der Herr weiß, daß ich bei der Organisation bin; ich spreche darüber ganz offen, so daß er es hört. Er kann es mir ja nicht untersagen, weil er aus bessere Arbeiterinnen angewiesen ist. Ich bin für den Krankheitsfall versichert, ebenso auch die anderen Arbeiterinnen. In dieser Beziehung ist der Herr sehr pünktlich. Dr. Schwiedland: Wie steht es mit der Lectüre von Zeitungen bei den Arbeiterinnen? — Exp. Nr. 50: Die Mädchen interessiren sich nicht recht für das Zeitunglesen. Auch haben sie nicht Zeit und Gelegenheit dazu. Ich bin auf die „Arbeiter-Zeitung" abonnirt und bringe sie manchmal mit, aber die Mädchen haben wenig Zeit und Gelegenheit, sie zu lesen. Expertin Nr. 51 (über Befragen seitens des Vorsitzenden): Ich bin in einem Confectionsbetriebe beschäftigt. Es sind dort männliche und weibliche Arbeiter. Wenn das Geschäft schlecht geht, sind 3 bis 5 Arbeiterinnen und 1 Arbeiter. Wir haben dann auch eine Saison, und zwar von Anfang März bis Mai. Die schlechte Zeit ist von Mai bis August, dann ist wieder eine bessere Zeit bis Weihnachten. Ich bin acht Jahre in diesem Geschäfte, früher war ich in einem gleichen Betriebe. In der schlechten Zeit sind wir blos 3 bis 5 Personen beschäftigt, in der guten Zeit 14 bis 15, darunter 4 bis 5 Männer. Lehrmädchen haben wir keine. Wir fabriciren Mäntel, Jacken, Jaquets u. s. w., haben aber keine Männer-Confection. Wenn sich eine Arbeiterin mehr verdienen will, so nimmt sie sich anch Arbeit nach Hause, aber es hängt dies von ihrem freien Willen ab. Auch in der strengen Zeit wird man nicht zur Hausarbeit gezwungen. Die Arbeiterinnen recrutiren sich meist aus Arbeiterkreisen. Arbeitsvermittlung haben wir keine. Wer eine Stelle braucht, sucht sie sich aus der Zeitung. Früher waren dort auch Lehrmädchen, jetzt werden aber keine mehr gehalten, 155 weil sie der Herr nicht will. Die Arbeitszeit ist von 7 Uhr Früh bis 6 Uhr Abends, wenn es schlecht geht: wenn es stark geht, von 7 Uhr Früh bis 7 Uhr Abends. Mittagspause ist eine Stunde. Frühstücks- und Jausenpause haben wir keine. Zu Mittag gehen alle Arbeiter aus der Werkstätte. Überstunden kommen niemals vor. Von den Arbeiterinnen wohnt niemand beim Herrn. An Sonn- und Feiertagen wird nie gearbeitet. Wir werden nach Stück gezahlt, doch ist die Bezahlung sehr ungleich. Es ist kein fester Tarif. Es wird gezahlt, wie es gerade dem Herrn einfällt. Oft wird für ein schönes Stück sehr wenig gezahlt. Für ein schweres Stück, bei dem eine Arbeiterin 1'/^ bis 2 Tage zu thun hat, wird fl. 1'40 bis 1'70 gezahlt. Für manche Stücke bekommen wir auch nur fl. 1 gezahlt, je nachdem der Herr gelaunt ist und je nachdem die Arbeit schwer oder leicht ist. Die Jaquets werden mit fl. 1 bis 1'20 gezahlt. Eine geschickte Arbeiterin kann sich fl. 9 bis 10 verdienen. Ich verdiene fl. 8 bis 9. Da muß ich aber Arbeit nach Hause nehmen und von 8 bis 11 oder 12 Uhr arbeiten. Im Geschäft selbst mache ich in der Woche fünf Stück Mäntel, von den besseren Sorten drei bis vier Stück. Eine schwächere Arbeiterin verdient nur fl. 4 bis fl. 5. Die kann auch nur drei Mäntel herstellen. Der Arbeiter bekommt per Stück um 20 kr. mehr als die Arbeiterin. Wenn die Saison vorüber ist, wird die Mehrzahl der Arbeiter entlassen. Ich werde nicht entlassen, muß aber aussetzen. In der schlechten Zeit von Mai bis August und von Weihnachten bis März habe ich keinen Verdienst und muß von meinen Ersparnissen leben. Wenn ich Arbeit nach Hause nehme, so muß ich Zwirn und dergleichen selbst dazu geben. Das macht vielleicht 20 bis 30 kr. in der Woche. Bügeln muß ich zu Hause nicht. Wenn der Herr schlecht gelaunt ist oder wenn die Arbeit wirklich schlecht ist, so gibt er sie uns oft zurück. Abzüge für schlechte Arbeiten werden uns nicht gemacht. Baronin Vogelfang: Was für Arbeiten verrichten Sie zu Hause? — Exp. Nr. 51: Das Staffiren und Aufputzen. Dr. Adler: Ist die Arbeit, die Sie sich nach Hause nehmen, eine angefangene Arbeit, die Sie schon im Geschäft begonnen haben? — Exp. Nr. 51: Ja. Dr. Adler: Wie wird denn der Lohn für die Hausarbeit berechnet? Bekommen Sie den Lohn für die Hausarbeit und für die Geschäftsarbeit extra gezahlt oder Alles zusammen? — Exp. Nr. 51: Alles zusammen. Dr. Adler: Also wenn Sie angegeben haben, daß Sie vier Mäntel machen, so ist da Haus- und Geschäftsarbeit zusammen gerechnet? — Exp. Nr. 51: Ja. Dr. Adler: Wie lange arbeiten Sie also im Ganzen an diesen vier Mänteln? — Exp. Nr. 51: Die ganze Woche im Geschäft und zu Hause auch noch ein paar Stunden. Nur für den Sonntag nehme ich mir gewöhnlich nichts nach Hause. Dr. Hainisch: Sie sagten, daß Sie vier Mäntel in der Woche machen. Machen Sie noch außerdem andere Arbeiten? — Exp. Nr. 51: Vier Mäntel und außerdem noch Capes u. dergl. Exp. Smitka: Machen Sie Regenmäntel oder wattirte? — Expertin Nr. 51: Im Winter mache ich auch wattirte, und zwar mit Kragen; dafür bekomme ich fl. 1 75 bis 2'25. Die Capes, die ich mache, sind eingefaßt, ohne Futter. Für wattirte Capes bekomme ich fl. 1'80 bis 2; die sind aufgeputzt. Von diesen kann ich drei bis vier in der Woche machen. Die große Arbeit mache ich im Geschäft, die kleine, wie das Staffiren der Capes u. dergl., mache ich immer zu Hause. Dr. Adler: Wie viel haben Sie die letzte Woche bekommen? — Exp. Nr. 51: Ich habe jetzt drei Wochen nicht gearbeitet. Dr. Adler: Wie viel haben Sie bei der letzten Auszahlung bekommen? — Exp. Nr. 51: fl. 5'50. 156 Dr. Adler: Und in der Woche vorher? — Exp. Nr. 51: fl. 6, 61s, höchstens fl. 7. Dr. Adler: Was für eine Arbeit haben Sie also für die fl. 5 50 gemacht? — Exp. Nr. 51: Wattirte Mantel und Krägen; wie viel es waren, kann ich nicht sagen. Dr. Adler: Bekommen Sie eine schriftliche Rechnung in die Hand? — Exp. Nr. 51: Das hat der Herr in seinem Rechnungsbuche eingeschrieben. Ich weiß zwar selbstverständlich, wie viel Stück ich in der Woche gemacht habe, aber ich weiß nicht genau im voraus, was ich für jedes Stück bekommen werde, sondern ich kann mir das nur so beiläufig ausrechnen. Auch machen wir oft Modelle, die nicht selten geändert werden müssen; für die Aenderung dieser Modelle bekommen wir gar nichts gezahlt. Exp. Smitka: Was verdienen Sie also eigentlich in der sogenannten Modellzeit, und wie lange dauert sie? — Exp. Nr. 51: Sie dauert drei bis vier Wochen; wir verdienen nur sl. 4 bis 4 50. «Ueber Befragen des Vorsitzenden.) Für das Steppen ist eine Extrastepperin da. Diese bekommt nach dem Tag gezahlt, und zwar wöchentlich fl. 8 bis 9. Eine eigene Büglerin ist nicht da, und es wird in der Werkstätte selbst gebügelt. Dr. Adler: Ist es Ihnen nicht manchmal vorgekommen, daß Sie mehr Geld am Samstag für Ihre Arbeit erwarteten, als Sie thatsächlich bekamen? — Exp. Nr. 51: O ja, es ist mir schon oft vorgekommen, daß ich geglaubt habe, für meine Arbeit besser bezahlt zu werden als es wirklich der Fall war. Exp. Smitka: Waren die Löhne für die Arbeit früher anders als jetzt? — Exp. Nr. 51: Die Löhne sind viel schlechter geworden, die Arbeit aber ist dieselbe. Exp. Smitka: Wird nicht jetzt besser gearbeitet als früher? — Exp. Nr. 51: Nein, es wird nicht besser gearbeitet, nur rascher. Früher habe ich mir fl. 9 bis 11 verdient; noch vor drei Jahren war dies der Fall. Seit zwei Jahren ist es schlechter geworden. Dr. Osner: Sie sagen, daß Sie oft weniger bekommen als Sie erwarten; wie viel beträgt die Differenz? — Exp. Nr. 51: Oft 50 bis 75 kr. «Ueber Befragen des Vorsitzenden.) Wir haben keine Kündigungsfrist. In der todten Zeit werden einfach von 14 bis 15 Personen drei bis zehn entlassen. Wenn wir zu Hause arbeiten, müssen wir den Zwirn selbst beistellen, müssen aber nicht beim Herrn kaufen, sondern wo wir wollen. Es kommt häufig vor, daß wir dem Herrn und der Frau Geschenke machen müssen, wenn Hochzeits- oder Namenstag kommt. Es wird gesammelt; jede Arbeiterin muß 50, «10 kr., oft fl. 1 beisteuern. Es wird jedes Jahr etwas gegeben: ein Blumenkörbchen oder dergl. Dafür bekommen auch wir vom Herrn Geschenke, meist Geld. So z. B. haben wir fl. 10 Alle zusammen bekommen, wenn wir ihm zum Namenstag ein Präsent machten. Dr. Osner: Wenn Sie Namenstag haben, bekommen Sie auch vom Herrn etwas? — Exp. Nr. 51: Nein, ich bekomme niemals etwas. (Ueber Befragen des Vorsitzenden.) Die Arbeiterinnen essen nicht in der Werkstätte. Zum Frühstück haben wir keine eigentliche Pause. Da essen wir Butterbrot oder Brot allein. Zu Mittag gehen wir in's Wirthshaus oder in's Kaffeehaus. Ich esse Suppe, Gollasch und ein Seidel Bier, dafür gebe ich 20 bis 22 kr. aus. Manche verdienen mehr, manche weniger als ich. Weniger als fl. 5 verdient keine. Die mehr verdienen, haben fl. 12, 14, selbst fl. 15. Da sind zwei Frauen in unserem Geschäft, die besonders geschickt sind. Die nur sl. 5 oder «1 verdienen, essen nur Suppe und Gemüse zu Mittag, was 10 bis 12 kr. kostet. Zur Jause esse ich meist nur Brot; die Bessergestellten können sich auch sonst noch etwas gönnen. Während der Mittagspause wird nicht gearbeitet. 157 Exp. Sinitka: Kommt es oft vor, daß sich die bessergestellten Arbeiterinnen Arbeit nach Hause nehmen und zu Hause jemand Anderen haben, der es ihnen ausfertigt? — Exp. Nr. 51: Sie nehmen sich regelmäßig Arbeit zum Ausfertigen nach Hause, aber sie machen Alles selbst. Dr. Adler: Was essen Sie in der schlechten Zeit? — Exp. Nr. 51: Da kann ich halt nur 12 bis 15 kr. im Gasthaus ausgeben, und da esse ich eben entweder kein Gemüse, oder ich erspare mir das Seidel Bier. Ich habe auch noch ein Kind zu versorgen. (Ueber Befragen des Vorsitzenden.) Ich bin zu Bett, und das Kind habe ich in der Kost. Wenn ich zu Hause bin, arbeite ich in der Küche. Am Abend kaufe ich mir Bier, Wurst und Brot, zusammen um 10 bis 12 kr. Dr. Adler: Wie viel bleibt Ihnen nach der Saison übrig? — Exp. Nr. 51: sl. 12 bis 15. Dr. Adler: Wie lange reicht das aus? — Exp. Nr. 51: Drei bis vier Wochen. Dr. Adler: Auch für das Kind? — Exp. Nr. 51: Ja. Dr. Adler: Wie viel zahlen Sie für das Kind? — Exp. Nr. 51: fl. 1'80 pro Woche. Dr. Adler: Da bleiben Ihnen ja nur beiläufig fl. 9 für Sie während der vier Wochen? — Exp. Nr. 51: Ja, ich muß halt sparen. Ich esse schwächer und gebe z. B. zum Nachtmahl statt 10 kr. nur 3, 4 kr. aus. Dr. Ofner: Wenn die vier Wochen, während welcher Ihr Geld reicht, um sind, und die todte Saison ist noch nicht aus, was machen Sie denn da? — Exp. 51: Da muß ich mich bei Bekannten umschauen, daß ich irgendwelche Arbeit bekomme, z. B. Aenderungen u. dergl. Auch mein Bruder läßt mir Arbeiten, manchmal auch Unterstützungen zukommen, (Ueber Befragen des Vorsitzenden.) Das Arbeitslocale besteht aus einem großen Zimmer mit vier Fenstern, und dann ist noch ein Zimmer und ein Eabinet dabei, welches die Wohnung des Herrn ist. Im Arbeitslocale wird auch gebügelt, und es ist deshalb besonders im Sommer sehr heiß, weil es auf der Sonnenseite gelegen ist. Der Fußboden wird zu Ostern, Pfingsten und Weihnachten gerieben. Er ist sehr rein, weil er auch sonst jeden Tag gekehrt wird. Diese Arbeit besorgt ein eigener Dienstbote. Es ist ein englischer Abort, der sehr anständig ist. Die Fenster gehen auf die Gasse. In der Werkstätte schläft Niemand. Es wird gewöhnlich von 9 bis 12 und von 3 bis 0 Uhr gebügelt. Es bügeln gewöhnlich Drei, Vier zu gleicher Zeit. Die Bügeleisen sind 12 bis 16 Pfund schwer; es sind sogenannte Herrenschneider-Bügeleisen. Das Eisen wird in der Küche erhitzt, und dann wird in der Werkstätte gebügelt. In der Werkstätte sind auch mehrere männliche Arbeiter da, die haben einen Extratisch. Unter den Frauen sind mehr ledig als verheiratet. Wir unterstehen einem Werkführer, der mit uns recht gemüthlich ist. Der Herr aber ist oft grob, schimpft und schreit. Dr. Adler: Wie viel zahlen Sie denn für die Wohnung? — Expertin Nr. 51: Ich zahle für das Bett 70 kr. Dr. Adler: Sind Sie im Fachverein? — Exp. Nr. 51: Ich bin bei keinem Fachverein. Dr. Adler: Wie lange sind Sie schon in Ihrer Beschäftigung? — Exp. Nr. 51: Ich bin 30 Jahre alt und 17 Jahre im Geschäft. Ich bin schon mit 13 Jahren in die Lehre gekommen. «Ueber Befragen des Vorsitzenden.) Jetzt verdiene ich mir mehr als früher. Ich lebe auch im Ganzen besser wie früher. Mein Kind ist sechs Jahre alt, ich kann es jeden Tag sehen. Da es aber ziemlich weit von mir wohnt, so hole ich es gewöhnlich mir am Samstag Abends ab, nehme es zu mir nach Hause, und dann bleibt es über den' Sonntag bis Montag in der Früh bei mir. Dann ißt es auch bei mir. Da koche ich gewöhnlich selbst Suppe, Mehlspeise; Fleisch kommt 158 selten vor. Da koche ich dann so, daß das Kind und ich am Abend auch noch etwas haben. Dr. Adler: Ja, wie können Sie kochen, wenn Sie nur ein Bett haben? Kochen Sie da auf einem Spiritusherde? —Exp. Nr. 5l: Nein, ich schlafe ja in der Küche. Dr. Adler: Schlafen Sie allein in der Küche? — Exp. Nr. 51: Ja, nur an Sonntagen schläft noch das Kind bei mir. Die Wohnung besteht außer der Küche noch aus einem Cabinet, in welchem ein Herr und eine Frau schläft. In der Küche, in welcher ich schlafe, wird während der Woche für den Herrn und die Frau gekocht. Sie wird aber sehr rein gehalten. Von der Küche geht ein Fenster auf den Gang, und vom Gang geht gleich vis-a-vis ein Fenster hinaus. In der Früh stehe ich um 8, V 4 ? Ühr aus: wenn ich Arbeit nach Hause nehme, lege ich mich erst um 11, 12 Uhr schlafen, sonst um 9 Uhr. Dr. Adler: Wenn Sie so lange aufbleiben und so zeitlich aufstehen, sind Sie denn da nicht sehr müde? — Exp. Nr. 51: Ja, aber da bleibt halt nichts Anderes übrig. Man muß ja leben. Dr. Adler: Wohnen Sie nahe der Werkstätte? — Exp. Nr. 51: Nein, ich wohne im X. Bezirk, und die Werkstätte ist in der Kasernengasse in Mariahilf. Dr. Adler: Warum wohnen Sie so weit? — Exp. Nr. 51: Weil ich schon gewohnt bin, dort zu wohnen. (Ueber Befragen des Vorsitzenden.) Die Arbeit, welche ich nach Hause mitnehme, ist nicht schwer zu tragen. Ich brauche in der Woche '/? Liter Petroleum. Der Vater meines Kindes zahlt mir höchst selten und wenig. Nur wenn ich keine Arbeit habe, gibt er mir fl. 1'80 in der Woche. Exp. Smitka: In Ihrem Geschäfte werden nur bessere Arbeiten gemacht? — Exp. Nr. 51: Ja. Exp. Smitka: Was dürste da nach Ihrer Berechnung der Unternehmer in Ihrem Geschäfte an einem Stücke Prositiren. für welches er Ihnen beiläufig fl. 1 zahlt? — Exp. Nr. 51: Ich habe mir ausgerechnet, daß er an einem Stück, wofür er mir fl. 1'20 zahlt, fl. 8 bis 7 verdient. Exp. Nr. 52 (über Befragen seitens des Vorsitzenden): Ich bin gegenwärtig in keinem Geschäft, ich wohne bei meinen Eltern. Im vorigen Jahre im Sommer war ich zuletzt in dem großen Salon M. Dort war ich fast drei Jahre. Wir hatten dort zu gewissen Zeiten sehr wenig zu thun und konnten uns sogenannte Ferien nehmen. Wir waren fast 40 Arbeiterinnen allein, die bei den Schößen gearbeitet haben. Wie viele im Troussirzimmer bei der Confectionsarbeit und beim Taillenmachen beschäftigt waren, weiß ich nicht. In der Saison waren auch 90 bis 100 Männer beschäftigt. Man hat den Arbeiterinnen nichts vorher gesagt, daß sie an diesem Tage keine Arbeit mehr bekommen, sondern wenn sie in's Geschäft gekommen sind, haben sie es eben erfahren. Sie haben dann warten müssen, bis wieder Arbeit kam. Wenn sie nicht die sogenannten Ferien sich genommen hatten, so war es ihre Pflicht, in's Geschäft zu gehen, auch wenn gar keine Arbeit war, weil plötzlich manchmal ein Rummel gekommen ist, so daß Alle zu thun hatten. Die Arbeiterinnen in unserem Salon entstammen nicht nur Arbeiterkreisen, sondern es sind auch sogenannte bessere Fräulein dabei. Dieser Damen aber waren weniger als die eigentlichen Arbeiterinnen, es waren höchstens acht oder zehn. Die sind in der todten Saison noch viel früher weggeblieben als wir, weil sie im Sommer gewöhnlich auf's Land sind. Dr. Adler: Ich verstehe nur das Eine nicht, wie können Sie die zwei auseinanderhalten, die sogenannten besseren Mädeln und die anderen Arbeiterinnen? — Exp- Nr. 52: Nach dem Verkehr, der in unserem Salon herrschte, haben wir das bald heraußen. Wir haben öäs aus ihrer Lebensweise und auch daraus, wie sie untereinander gesprochen haben, ge- 159 merkt. Sie hatten ein ganz anderes Benehmen, insbesondere gegenüber uns, den wirklichen Arbeiterinnen. Dr. Adler: Hat sich dies nicht auch durch die Art der Behandlung oder durch den Lohn gezeigt? — Exp. Nr. 52: Es zeigte sich hauptsächlich durch die Umgangssormen, die sie uns gegenüber hatten. Später aber hat sich das auch in anderer Beziehung gezeigt. Die besseren Mädchen haben natürlich um 90 kr. dieselbe Arbeit gemacht, welche die wirklichen Arbeiterinnen um sl. U40 machten; denn diese besseren Mädchen haben ja das Geld nur als Taschengeld benützt, während wir es znm Leben brauchten. Dr. Adler: Aus welchen Kreisen waren denn eigentlich diese sogenannten besseren Mädchen? — Exp. Nr. 52: Ich weiß von einer, da war der Vater Oberförster bei einem Grafen oder Fürsten, und alle ihre Brüder hatten ganz besondere Stellungen. (Ueber Befragen des Vorsitzenden.) Auch die Lehrmädchen haben, nachdem sie 3 Monate umsonst gearbeitet haben. Lohn bekommen, und zwar fl. 5 monatlich. Diese Lehrmädchen waren aber sehr be- dauernswerth, denn sie haben nichts gelernt, sie durften nur die Bügeleisen hin- und Hertragen und Säcke nähen. In unserer Abtheilung war eine eigene Waarenausgeberin. In den anderen Abtheilungen haben die Lehrmädchen das selbst besorgen müssen, in Folge dessen haben sie nichts lernen können und sind entweder fort oder sie wurden freigesprochen, und man hat ihnen nur einige wenige Anleitungen gegeben, so daß sie nach den zwei Jahren sactisch noch gar nichts gekannt haben und Waarenausgeberinnen werden mußten. Die Beschäftigung der Waarenausgeberin besteht darin, daß sie den Zwirn und die Bändel bringen, ebenso den Stoff. Dann müssen sie beim Stoff auch aufschreiben, wem sie ihn gegeben haben und wie viel. Dr. Schiff: Woher kommen also die wirklichen Arbeiterinnen, wenn die Mädchen in dem Salon nichts lernen? — Exp. Nr. 52: Gewöhnlich aus den kleineren Geschäften. «Ueber Befragen des Vorsitzenden.« Die Arbeiterinnen kommen durch Anfragen in den Salon. Arbeiten werden keine nach Hause gegeben. Jetzt bin ich in keinem Geschäft. Ich muß aber sagen, daß ich gehört habe, daß seit der Zeit, wo ich im Geschäft war, sich die Verhältnisse insofern verschlechtert haben, als bei den Taillen auch Frauen verwendet werden, die bedeutend schlechter gezahlt werden als die Männer. Die Arbeitszeit beträgt neun Stunden, von 8 bis 12 Uhr und von halb 2 bis halb 7 Uhr. Vormittags und Nachmittags ist je eine Viertelstunde Pause. Wir haben also eigentlich nur 8^ Stunden reine Arbeitszeit. Wir haben in der Saison sehr oft Ueberstunden machen müssen, meist bis 8, ' ?9 Uhr. Wenn etwas fertigzumachen war, so mußte ein Theil der Arbeiterinnen auch über Mittag bleiben und hat dann erst um halb 2 Uhr die l'/sstün- dige Mittagspause gehabt. Das war für die, welche zu Hause essen, sehr unangenehm, weil ste das früher nicht wußten. An Sonn- und Feiertagen haben wir nicht gearbeitet. Kündigungsfrist ist keine. Eine Arbeitsordnung habe ich zufällig in dem Locale, wo die Männer sind, gesehen; es wurde uns aber nie etwas davon gesagt, daß eine Arbeitsordnung existirt. Wir mußten selbst bügeln, und zwar in einem eigenen Raume. Der Lohn wurde uns pro Tag berechnet und für Ueberstunden extra. Stückarbeit kommt garnicht vor. Ich hatte fl. U30 pro Tag: die sogenannten besseren Mädchen 90 kr. und fl. 1; die haben aber dasselbe geleistet wie ich. Später wurde auch an die wirklichen Arbeiterinnen nicht mehr gezahlt, wie an die besseren Mädchen. Der höchste Lohn betrug fl. 2, den hat aber nur eine Arbeiterin gehabt, weil sie schon sehr lange im Geschäfte war. Nach gewissen Zeiträumen wird nämlich der Lohn immer aufgebessert. Für Ueberstunden hatten wir die gleiche Bezahlung wie für die sonstigen Tagesstunden. In der Saison hatten wir regelmäßig l'lz Stunden Ueberstunden. Der Lohn betrug in der besseren Zeit fl. 8 bis 9 wöchentlich, in der schlechteren fl. 4, 5, oft nur fl. 1-50 oder 2. Die Männer sind in der schlechten Zeit oft in die ICO Curorte in Arbeit gegangen nnd konnten deshalb die stille Saison besser übertauchen. Der Lohn der Männer beträgt sl. 1'80 bis 5. Strafen und Abzüge gibt es keine. In der schwachen Zeit wohne ich zu Haus bei meinen Eltern. Die Saison dauert von Mitte März bis höchstens Hülste Juni und im Herbst von Ende October bis Anfang December. Baronin Vogelfang: Wissen Sie, wie viel in Ihrem Salon für ein gewöhnliches Straßenkleid gerechnet wird? — Exp. Nr. 52: Wir wissen das nur so beiläufig, aber ich kann sagen, daß nach unserer Kenntniß für ein ganzes Straßenkleid nie weniger als fl. 120 gezahlt wird. Baronin Vogelfang: Haben Sie schon einmal die ganze Nacht durchgearbeitet? — Exp. Nr. 52: Ich habe einmal bis V 4 I 2 gearbeitet. Da wurde ich Hinübergeschummelt in das Vocal, wo die Taillen ausgefertigt werden, denn in der Abtheilung, wo ich bin, wird nie so lange gearbeitet. Die Aussertigerinnen müssen in der Saison regelmäßig bis tief in die Nacht arbeiten. Dr. Hainisch: Wie steht's bei Ihnen mit dem Bügeln? — Exp. Nr. 52: Wir müssen auch selbst bügeln, und zwar mit den Bügeleisen, mit welchen Alle, auch die Männer, bügeln. Wir hatten Gasöfen und haben uns in dem Bügelraum nur dann aufgehalten, wenn wir eben gebügelt haben. Wenn Eine oder die Andere länger gearbeitet hat, so hat sie manchmal Nasenbluten bekommen. (Ueber Befragen des Vorsitzenden.) Die Beleuchtung ist gut; wir haben Gasbeleuchtung. Geschenke an die Vorgesetzten sind nicht üblich; nur einmal bei einer besonderen Gelegenheit, anläßlich der Geschäftsübergabe, haben wir der austretenden und ver neuen Chefin Geschenke gemacht. (Ueber Befragen des Vorsitzenden.) Die Arbeiterinnen in diesem Salon waren meist bei ihren Eltern. Es waren größtenteils Wienerinnen und nicht viele waren alleinstehend. Diejenigen, die keine Eltern hatten, hatten entweder bessere Bezahlung, oder sie haben mehr gespart wie wir. Sie haben Mittags oft nur eine Schale Thee getrunken. Es wird nämlich bei uns in einem kleinen Zimmer von der Bedienerin Thee gekocht. Auch hat man dort Würstel und Butterbrot bekommen. Für eine solche Mahlzeit hat man 10 kr. gezahlt. Manche haben auch nur mit einem Würstel und einem Brot vorlieb genommen. Die meisten Arbeiterinnen sind aber nach Hause gegangen. Einige wenige sind auch in ein Gasthaus gegangen. Die Arbeiterinnen sind gewöhnlich nicht in dasselbe Gasthaus gegangen wie die Männer, denn die Frauen haben gewöhnlich das nächste Gasthaus gewählt, die Männer sind weiter gegangen. Man kann aber nicht sagen, daß die Arbeiterinnen in ein schlechteres Gasthaus gegangen wären wie die Männer. Zur Jause haben die Meisten höchstens eine Schale Kaffee genommen, Andere ein Brot oder eine Semmel. Die Arbeiterinnen sind entweder zur Milchfrau oder über die Straße in ein Kaffeehaus gegangen, wo der Kaffee 6 kr. kostete. Ich habe bei meinen Eltern gegessen und habe gar nicht gejaust. Zum Nachtmahl kauften sich Viele etwas Warmes, weil sie eben zu Mittag nichts Ordentliches gegessen haben, zum Beispiel ein Gollasch oder dergleichen und Bier, was 15 bis 18 kr. kostete. Das Arbeits- local ist im ersten Stock in der inneren Stadt. Wir waren in einem Glasgang. Derselbe war vollkommen genügend abgeschlossen, und außerdem war dortselbst ein Ofen. Für die Arbeiterinnen hatten wir drei Locale, eines war ein sehr großer Raum mit vier oder fünf Fenstern und zwei Räume mit zwei Fenstern. Ich war in einem der Räume mit zwei Fenstern. Darinnen waren 12 bis 15 Personen, oft noch mehr. Wir hatten genügend Platz, denn es waren zwei Tische, um welche wir rund herum gesessen sind. Es wurde ordentlich gereinigt, einmal im Jahre gerieben und zu den hohen Feiertagen, wenn wir länger aus dem Geschäfte weggeblieben sind, auch der Fußboden und die Fenster gewafchen. In dem Local, wo ich war, war immer ein Mann, der Zuschneider; er war uns insoferne vorgesetzt, weil er 161 uns Alles sagen mußte; er war für Alles verantwortlich, und er war recht freundlich. Die Unternehmerin haben wir nur sehr selten gesehen, nur wenn etwas sehr schnell fertig sein mußte, ist sie im Sturm in das Local gekommen und hat nichts Anderes gesagt als: „Es muß fertig sein, machen Sie, was Sie wollen, es muß fertig sein!" Zur Aussicht waren Probir- mamsells, Troussirerinnen u. s. w. Der Zuschneider hat uns die Arbeit übergeben, dann hat er sie, wenn sie fertig war, selbst wieder übernommen. Aber direct hat sie die Troussirerin oder das betreffende Salonfräulein übernommen. Abgerechnet hat mit uns der Zuschneider, der ist also unser eigentlicher Werkführer. Die anderen Arbeiterinnen, welche nicht bei ihren Eltern wohnten, hatten gewöhnlich ein Cabinet für sich allein, Andere sogar, die besseren Arbeiterinnen, für sich eine Wohnung, auch wenn sie nicht verheiratet waren. Allen! dazu war nach ihrem Leben und Handlungen vorauszusetzen, daß sie Geld besitzen müssen. Sie hatten in Wien vielleicht keine Angehörigen, aber auswärts, und haben von diesen irgend welche Zubuße erhalten. Sie haben auch die Wohnung nicht wieder vermiethet, sondern sie ganz allein bewohnt. Ich war bei einer solchen, die hatte in Währung eine Gassenwohnung, bestehend aus einem Zimmer und einer kleinen Küche; dieselbe war sehr nett eingerichtet. Diese Arbeiterin hat sl. 1'80 pro Tag verdient; für die Wohnung bezahlte sie, glaube ich, fl. 10'30 monatlich. Wir waren Alle für den Krankheitsfall versichert. Mit der Arbeiterorganisation steht es bei uns sehr schlecht. Keine Arbeiterin gehört der Organisation selbst an und auch die männlichen Arbeiter nur theilweise. Vorsitzender: Haben sie kein Bedürfniß darnach? — Exp. Nr. 52: Nein, sie haben dafür noch kein Verständniß. Wenn man den Eintritt in die Organisation empfiehlt, so wird man minderwerthig behandelt oder lächerlich gemacht. , Dr. Schüller: Die Expertin Nr. 50 war auch in einem Geschäft, wo per Stück gearbeitet wurde; vielleicht kann dieselbe uns darüber Auskunft geben. — Exp. Nr. 50: Es sind schon 13 Jahre, daß ich in diesem Geschäfte war, und ich erinnere mich nicht mehr so genau. Schluß der Sitzung 6 Uhr 15 Minuten. 10. Sitzung, Montag, 9. März 1896. Vorsitzender: Vardorf. Beginn 7 Uhr 15 Minuten Abends. Vorsitzender: Ich eröffne die heutige Vernehmung, zu welcher Experten aus der Confectionsbranche geladen sind. Expertin Nr. 53 (über Befragen des Vorsitzenden): Jetzt bin ich in keinem Betriebe und das hat einen besonderen Grund. Ich bin im Jahre 1887 in die Lehre gekommen, wo die Vorschrift, daß man zwei Jahre lernen muß, noch nicht so streng gehandhabt wurde. Ich hatte keine Ahnung davon, bin nur ein Jahr in der Lehre gewesen, habe dann noch dort die Praxis eine Zeit ausgeübt und bin fortgegangen. Nie hat man von mir ein Zeugniß verlangt. Kürzlich war ich ein Jahr krank und konnte nicht arbeiten. Nachher bekam ich keine Arbeit, weil ich keinen Lehrbrief hatte. Vorsitzender: Bei welcher Arbeit waren Sie beschäftigt? — Exp. Nr. 53: Ich war' Taillenarbeiterin einen Monat im vorigen Jahre in Frauen-Enquöte. 11 i 162 der Schreigasse bei einer kleinen Firma. Außer mir war noch ein Fräulein dort beschäftigt. Vorher war ich zu Hause; ich habe wegen des Fehlens des Lehrbriefes keine Arbeit bekommen. Jetzt arbeite ich als sogenannte Hansschneiderin, wiewohl ich viel lieber in einem Salon arbeiten würde. Tr. Ofner: Wie lange waren Sie in den Geschäften dauernd beschäftigt? — Exp. Nr. 53: Nach der Lehrzeit habe ich noch zwei Jahre gearbeitet, und dann war ich nicht lange in einem Salon. Vorsitzender: Wie war es denn in dem Betrieb, in dem Sie zwei Jahre waren? — Exp. Nr. 53: Das ist schon lang her, ich war damals noch ein Kind und weiß nicht, ob ich genaue Angaben werde machen können. Vorsitzender: Erzählen Sie uns also über Ihre jetzige Hausarbeit etwas Näheres. — Exp. Nr. 53: Das ist eine sehr ungewisse Arbeit, wiewohl sie besser gezahlt wird als die Salonarbeiten, aber bei den Damen ist nie länger als zwei bis drei Wochen zu thun, und das ist selten, meist nur eine Woche. Die Saison ist im Frühjahr und Herbst; in der sogenannten stillen Zeit muß ich Psaidlerarbeiten, Schürzen und dergleichen annehmen. Der Verdienst ist sehr ungleich. Besser situirte Damen bezahlen fl. 1'20, 1'30 für den Tag mit Verköstigung, andere auch nur 80 kr. Die Verköstigung ist je nach dem Haus, wo man ist. Die Arbeitszeit ist länger als in den Salons, sie beginnt um 8 Uhr Früh und dauert bis 8 Uhr Abends. Bei pressanter Arbeit auch länger; manchmal sogar bis halb 10 Uhr. Pausen gibt es eigentlich überhaupt keine. Nur zu Mittag höchstens eine Viertelstunde. Wittelshöfer: Essen Sie allein? — Exp. Nr. 53: In weniger bemittelten Häusern bei Tisch, in besseren Häusern in dem Arbeitsraume. Vorsitzender: Sind Sie bei den Eltern? — Exp. Nr. 53: Bei der Mutter, die ich erhalte. Vorsitzender: Und wie leben Sie denn in der Zeit, wo Sie weniger Beschäftigung haben? — Exp. Nr. 53: Da ist es allerdings sehr traurig; wir müssen uns einschränken und die Ersparnisse zusetzen. Wir bewohnen ein Cabinet und zahlen monatlich fl. 8. In der todten Zeit haben wir die ganze Woche kein Fleisch, außer am Samstag (ich bin eine Jüdin). Die Mutter verdient nichts. Tr. Schwiedland: Gestern hat eine Vertreterin desselben Typus von Arbeit hier angegeben, daß die Arbeit in den Häusern zunimmt, und daß sie immer Kunden hat. Kann man also dabei existiren? — Expertin Nr. 53: Je nachdem man mehr Bekanntschaften hat. Ich komme sehr schwer aus. Die Kunden bekommt man durch Recommandation. Ich zum Beispiel annoncire niemals. Dr. Schwiedland: Haben Sie in dem Betrieb, in dem Sie waren, alle Arbeiten gelernt? — Exp. Nr. 53: Ja. Dr. Schwiedland: Gehören Sie der Krankenkasse an? — Expertin Nr. 53: Nein. Dr. Schwiedland: Waren Sie auch in dem früheren Betriebe nicht versichert? — Exp. Nr. 53: Nein. Dr. Ofner: Richtet sich Ihre Beschäftigung in den Häusern nach ganzen Wochen? — Exp. Nr. 53: So lange, als eben die Arbeit in Anspruch nimmt, eine ganze Woche oder auch mehr. Es vergeht mitunter einige Zeit, bis ich wieder eine Arbeit bekomme. Wittelshöfer: Arbeiten Sie auch an Sonn- und Feiertagen? — Exp. Nr. 53: An Feiertagen würde ich es thun, wenn es die Damen verlangen würden, aber sie verlangen es nicht. An Sonntagen arbeite ich absolut nicht. Dr. Schwiedland: Welches ist denn der höchste Lohn für eine Hansschneiderin? — Exp. Nr. 53: fl. 2. Dr. Schwiedland: Auch fl. 2 50, mir sind solche Fälle bekannt. — Exp. Nr. 53: Ich weiß es nicht. Dr. Schwiedland: Die bestentlohnten Hausschneiderinnen sollen Gehilfinnen mitnehmen und fl. 2-50 bekommen. — Exp. Nr. 53: Das weiß ich nicht. Jedenfalls wird es nicht viele solche geben. Dr. Schwiedland: Sie dürsten allerdings der Gehilfin 80 kr. bis fl. l zahlen. — Exp. Nr. 53: Wahrscheinlich. Dr. Schwiedland: Verköstigt werden dann Beide. — Expertin Nr. 53: Jedenfalls. Dr. Frey: Wie groß ist der durchschnittliche Lohn? — Expertin Nr. 53: fl. 1. Dr. Ofner: Werden Ihnen für das Verderben von Sachen Abzüge gemacht? — Exp. Nr. 53: Mir ist der Fall überhaupt noch nie passirt. Vorsitzender: Wie steht's also mit Ihrer Arbeit in der flauen Zeit? — Exp. Nr. 53: Da habe ich für eine Firma M. Jersey - Tricottaillen gearbeitet und habe pro Woche fl. 3'50, äußerst selten fl. 4 verdient. Da habe ich von 0 Uhr Früh bis oft um halb 10 Uhr Abends, auch länger gearbeitet. Wenn wenig zu thun war, habe ich um 5 Uhr Nachmittag aufgehört, und da ist es oft vorgekommen, daß ich erst am nächsten Tag wieder Arbeit bekommen habe. Vorsitzender: Haben Sie dort, wo Sie gelernt haben, ein Lehrgeld zahlen müssen? — Exp. Nr. 53: Nein; ich habe aber separat Schnittzeichnen gelernt, bei G. am Hohen Markt, und dafür habe ich fl. 25 gezahlt. Vorsitzender: Waren Sie dort, wo Sie gelernt haben, in Verpflegung und hatten Sie einen Lohn? — Exp. Nr. 53: Ich war immer zu Hause bei meiner Mutter; ein Jahr lang habe ich gar keinen Lohn bekommen. Exp. Nr. 54 (über Befragen des Vorsitzenden): Ich bin in einem Salon am Ring seit Mai, vorher war ich in einem ersten Salon in der inneren Stadt. In meinem jetzigen Geschäfte sind, wenn es gut geht, 20 Arbeiterinnen und zehn Arbeiter, sonst nur drei oder vier Arbeiterinnen und zwei Arbeiter beschäftigt. Die Saison ist im Frühjahr, bis Juni; die Herbstsaison von October bis Weihnachten. Wir erzeugen feinere Toiletten; die Arbeiter machen Jacken und Mäntel. In der Saison müssen wir bis zehn und elf Uhr Nachts arbeiten, außerdem noch Arbeit nach Hause nehmen. Thut's eine nicht, so ist sie am anderen Tag entlassen. Wir haben zwei Lehrmädchen aus besseren Häusern; die werden recommandirt und sind auch besser behandelt. Die anderen Lehrmädchen sind nicht bezahlt, werden zu Gängen verwendet und kommen vor einem Jahre überhaupt nicht zu Arbeit. Die Lehrzeit dauert zwei Jahre. Sie lernen nur theilweise, entweder Schöße oder Leiber nähen. Einen Lohn bekommen sie nicht. Vorsitzender: Haben Sie eine Arbeitsvermittlung? — Expertin Nr. 54: Die Arbeit finden die meisten durch Annoncen. Dr. Schwiedland: Was ist Ihre Beschäftigung, und wer macht die englischen Costüme? — Exp. Nr. 54: Ich bin Schoßarbeiterin und nähe mit der Hand. Die englischen Costüme machen die Arbeiter. (Ueber Befragen.) Die recommandirten Lehrmädchen werden mehr berücksichtigt. Die nicht recommandirten müssen auch mit Schachteln gehen. Die recommandirten aber haben nur Einkäufe zu besorgen. Die Diener gehen dann mit den Schachteln. Die Arbeit zu Hause dauert zwei bis drei Stunden; der Vorgang ist so, daß man jeder Arbeiterin eine Partie Arbeit übergibt und sagt: Morgen Früh wird probirt, es muß also fertig sein. Wer's nicht mitgenommen hat, ist dafür nicht so berücksichtigt worden. (Ueber Befragen des Dr. Brezina.) Es kommt auch vor, daß die Lehrmädchen Dienstbotenarbeit verrichten, wenn sie nicht recommandirt sind. Die Behandlung ist ziemlich gut; minder gut, wenn die Arbeiterin nicht so lange dableiben oder sich nichts bieten lassen will. 11 * 164 Dr. Rauchberg: Werden Sie für die Arbeit zu Hause besser entlohnt? — Exp. Nr. 54: Ja, nach der Stunde. Dr. Rauchberg: Wo sind die Leute während der stillen Zeit, die entlassen worden sind? — Exp. Nr. 54: Solche, die keine Eltern haben, sind z. B. gezwungen, sich mit Confectionsarbeiten zu beschäftigen, mit wattirten Mänteln, Jacken oder Regenmänteln. Im Sommer sind manche in den Curorten beschäftigt. Dr. Rauchberg: Und in der todten Zeit im Winter? — Expertin Nr. 54: Da sind manche bei Stückarbeit in kleinen Betrieben, man geht zu solchen, welche Partiewaare von den Confectionsgeschäften übernommen haben. Dr. Rauch b er g: Ist die Beschäftigung bei der Confection eine ständigere als in den Salons? — Exp. Nr. 45: Auch nicht. Wenn der Sommer kommt, ist auch dort nichts zu thun, und deshalb fahren die Arbeiterinnen in die Curorte. Im Winter kommt es auch vor, daß die Entlassenen Fabriken aussuchen, ganz andere Gewerbe, z.B. die Cartonage-Erzeugung. — Exp. Nr. 53: Ich möchte das richtigstellen. Die Saison bei der'Confection beginnt dann, wenn die Saison in den Salons zu Ende geht, und dann gehen die Arbeiterinnen, die nicht von zu Hause eine Unterstützung haben, in die Confectionsgeschäfte. Dr. Osner: Waren Sie ununterbrochen beschäftigt und war keine Pause zwischen Ihrer früheren und jetzigen Beschäftigung? — Exp. Nr. 54: Bevor ich in das jetzige Geschäft eingetreten bin, habe ich von Oktober bis Weihnachten gearbeitet und dann von Jänner bis Februar ausgesetzt, dann wieder bis März gearbeitet, und im Mai bin ich eingetreten und habe bis August dort gearbeitet, von August bis October habe ich aussetzen müssen, und von October bis jetzt bin ich wieder im Geschäft. Unter Aussetzen versteht man das: man sagt, es ist jetzt nichts zu thun, Sie können sich später wieder anfragen. Eine formelle Kündigung ist das nicht. In dem früheren Betrieb war ich l'/s Jahre; da habe ich acht Monate gearbeitet, zwei Monate ausgesetzt, dann wieder gearbeitet und dann wieder ausgesetzt. In der Zeit, wo ich nicht beschäftigt war, hat mich meine Mutter unterstützt. Dr. Biezina: Nimmt die Nachfrage um Arbeit viel Zeit in Anspruch? — Exp. Nr. 54: Ich habe immer selbst in den Geschäften angefragt. Vorsitzender: Das fällt Ihnen vielleicht nicht so schwer, weil Sie bei Ihrer Mutter sind; wie steht's mit den Anderen? — Exp. Nr. 54: Ich habe eine Collegin, der das schwer ist; die ist, weil sie nicht abwarten kann, bis man sie wieder von der Arbeit verständigt, als Stubenmädchen in Dienst getreten. (Ueber Befragen des Vorsitzenden.) Mein Verdienst besteht im Wochenlohn; ich habe bei zehnstündiger Arbeitszeit fl. 1'30. Diesen Lohn haben nur Diejenigen, welche selbstständig arbeiten können. Tritt man nach der Lehrzeit ein, so bekommt man 50, 60 bis 70 kr.; bei 80 kr. muß die Arbeiterin auch schon eine Idee von selbstständiger Arbeit haben. In unserem Geschäfte haben vier 60 kr.; zwei haben 70 kr., drei 40 kr.; eine sagt, das ist nur ihr Nadelgeld; sie hätte es nicht nöthig gehabt, in die Arbeit zu gehen und braucht das Geld nur für den Putz. Vorsitzender: Kommt es bei Ihnen häufig vor, daß Mädchen aus sogenannten besseren Häusern nur wegen des Nebenverdienstes billig arbeiten? — Exp. Nr. 54: Ja. Sie machen dieselbe Arbeit wie wir, und weil das vorkommt, so sagt die Frau: Schauen Sie, die arbeitet um 40 kr., warum soll ich Ihnen 70 kr. zahlen? Das ist eine Schädigung, außerdem müssen wir zwei Jahre lernen, die Anderen lernen nur drei bis sechs Monate und zahlen pro Monat sl. 5 oder fl. 6 in einem Institut. Wir müssen in einem Geschäft lernen und nebstbei Gänge verrichten. — Mit 40 kr. Lohn gibt es bei uns drei; eine hat fl. U60, das ist schon eine von den ersten; die ist schon zehn Jahre im Geschäft. Das ist eine Schoßnäherin, wie ich. 165 Dr. Rauchberg: Wird am Sonntag nach Stunden gezahlt? — Exp. Nr. 54: Ja. Tr. Schwiedland: Sie haben aber nur den Lohn von elf angeführt; in welchen Kategorien stehen die anderen neun? — Exp. Nr. 54: Das pnd Leibernäherinnen und bekommen fl. 1 . Für Ueberstunden bekomme ich 13 kr. pro Stünde. Tr. Schwiedland: Das ist also im Verhältniß zum Lohn? — Exp. Nr. 54: Ja; die mit den niedrigeren Löhnen haben 6, 7 kr. per Stunde. Mittels höfer: Wo machen Sie denn die Ueberstunden, und wie wird das, was Sie zu Hause machen, berechnet? — Exp. Nr. 54: Ueberstunden sind im Geschäft und auch zu Hause. Wie lange wir zu Hause gearbeitet haben, das geben wir an, und darnach wird der Lohn berechnet. Die Tirectrice weiß schon, wie lange man zu Hause zu arbeiten gehabt hat. Tr. Schwiedland: Sie werden auch am Sonntag nach den Stunden bezahlt? Wie lange arbeiten Sie denn da? — Exp. Nr. 54: Wenn wir von 8 bis 12 Uhr arbeiten, bekommen wir vier Stunden gezahlt. Tr. Schwiedland: Was wird nun in der schwachen Zeit, wenn nur acht Stunden gearbeitet wird, abgezogen? — Exp. Nr. 54: Es wird nur die Zeit bezahlt, während welcher wir dort sind. Es kommt vor, daß wir nur bis 4 Uhr arbeiten, dann bekommen wir nur acht Stunden gezahlt, und dann können wir spazieren gehen, wenn keine Arbeit daist. (Ueber Befragen des Vorsitzenden.) Materialien für die Hausarbeit bekommen wir aus dem Geschäft mit, Licht müssen wir beistellen. Die Männer in den Salons sind besser gezahlt; sie haben seit dem Strike vom Jahre 1890 fl. 3 Taglohn in der Hochsaison bei zehnstündiger Arbeit. Die minderen haben fl. 2'50. Strafen und Abzüge kommen in unserem Geschäfte nicht vor. Wittelshöfer: Machen die Männer dieselbe Arbeit wie Sie oder nur englische Arbeiten? — Exp. Nr. 54: Die englischen Arbeiten. Wittelshöfer: Arbeiterinnen, die ganz außerhalb der Werkstätte arbeiten, gibt es nicht? — Exp. Nr. 54: Nein. Tr. Schwiedland: Wer macht die Taillenarbeiten bei Ihnen? — Exp. Nr. 54: Die Männer; den Aufputz machen wir. Die Arbeiter machen die glatte Taille und wir die Aufputztaille, und zwar die ganze Arbeit. Tr. Schwiedland: Wissen Sie vielleicht von Confections-Unter- nehmern, die jetzt für die Taillen schon Frauen verwenden, während früher nur Männer verwendet wurden? — Exp. Nr. 54: Das stimmt und ist auch in unserem Geschäft der Fall; es ist auch in großen Salons so. Vorsitzender: Nimmt diese Tendenz, Frauen zu verwenden, zu? — Exp. Nr. 54: In unserem Geschäfte waren früher 20 männliche Arbeiter und jetzt sind nur 10 in der strengen Saison. Es werden mehr Arbeiterinnen beschäftigt, welche weniger Lohn bekommen. Wittelshöfer: Waren die Verhältnisse in Ihrem früheren Geschäfte dieselben oder anders! — Exp. Nr. 54: Sie waren ganz so wie hier. Tr. Rauchberg: Lassen Sie sich diese Differenz im Lohn gegenüber den Männern ruhig gefallen ? Fragen Sie nicht: Warum bekommen wir um so viel weniger? — Exp. Nr. 54: Wir müssen uns das gefallen lassen, sonst sagt die Frau, sie bekommt Leute genug, die das machen, und wenn uns das nicht recht ist, sollen wir uns um eine andere Arbeit umschauen. Tr. Ofnar: Wird Ihnen nichts abgerechnet, wenn Sie zu spät kommen? — Exp. Nr. 54: Ja; wenn man eine Viertelstunde zu spät kommt, so wird die Zeit abgerechnet; der vierte Theil vom Stundenlohn. Tr. Schwab: Ich habe berechnet, daß, wenn Sie auch am Sonntag vier Stunden arbeiten, Sie etwa fl. 10 für die Woche bekommen. 166 — Exp. Nr. 54: Das dauert aber nur eine oder zwei Wochen, daß die Arbeit so stark ist; dann wird sie geringer, und es kommt sogar so weit, daß wir nur bis 4 Uhr arbeiten und entsprechenden Lohn bekommen oder daß wir ganz zu Hause sind. Dr. Schwab: Welches sind Ihre höchsten und niedrigsten Wochen- löhne? — Exp. Nr. 54: fl. 10, 7, 6 und auch gar nichts. Vorsitzender: Wird Ihnen etwas abgezogen, wenn Sie etwas verderben? — Exp. Nr. 54: Nein; aber ich muß das einbringen, denn ich muß mich beeilen, damit die Frau keinen Schaden leidet. Witt elsh öfer: Sie empfinden es selbst als ein Unrecht, daß die Männer für dieselbe Arbeit einen höheren Lohn bekommen. Glauben Sie, daß die Frau gerade so viel und gerade so gut in derselben Zeit arbeitet wie ein Mann? — Exp. Nr. 54: O ja; noch mehr und ebensogut. Exp. Joses Klusäöek gibt über Befragen seitens des Vorsitzenden an: Ich bin in meinem Geschäfte Zuschneider, und die Arbeiterinnen unterstehen mir. Die Frau will nur Arbeiterinnen beschäftigen. Es kommt vor, daß Arbeiterinnen die Arbeit gut machen, es kommen aber auch solche vor, denen man eine Arbeit nicht anvertrauen kann, und daß man, wenn das Stück ausgeführt ist, sofort sieht, es ist von einer Arbeiterin gemacht. Dr. Schwiedland: Wenn man also sagt: „Diese Arbeiterin arbeitet wie ein Mann", so ist das schon ein großes Lob? — Experte KlusLöek: Ja. Es gibt Arbeiterinnen, die gut arbeiten; die werden auch zu den Taillen herangezogen, und die Männer werden hinausgeschmissen. Vorsitzender: Sie haben aber doch eine Organisation innerhalb der Branche. Beschäftigt sich diese nicht mit der Frage? — Exp. Klusä- eek: Wir Frauenschneider haben eigentlich gar keine Organisation. Dr. Rauchberg: Wenn nun solche tüchtige Arbeiterinnen beschäftigt werden, bekommen sie dennoch einen kleineren Lohn als die Männer? — Exp. Klusäöek: Manchmal nicht einmal die Hälfte bei gleicher Leistung. Herrdegen (zur Exp. Nr. 54): Können Sie uns vielleicht etwas über den Unterschied zwischen Lehrmädchen und Lehrfräulein sagen? — Exp. Nr. 54: Es wird auch in unserem Geschäft, wie in anderen, zwischen Lehrmädchen und Lehrfräulein unterschieden. Das Lehrfräulein braucht die Arbeit nicht so zu verrichten wie das Lehrmädchen. Sie bezahlt, wird in der Genossenschaft nicht ausgedungen und macht auch nicht die ordentliche Lehrzeit; sie lernt nur sechs Monate oder ein Jahr. Sie sagt, daß sie es nur lernt, um zu Hause es dann für sich zu verwenden; sie geht aber dann doch in ein Geschäft. Das sind Diejenigen, die so billig arbeiten; bei uns sind zwei Lehrmädchen und ein Lehrfräulein. W ittel sh ö f er: Waren im früheren Geschäfte auch Lehrmädchen und Lehrfräulein ? — Exp. Nr. 54: Nein. (Ueber Befragen des Vorsitzenden.) Geschenke an Vorgesetzte sind bei uns nicht üblich. — Was die Ernährung anlangt, so kommt es bei uns vor, daß wir zu Mittag im Kaffeehaus uns einen Kaffee nehmen, dazu eine Semmel. Das Frühstück habe ich von zu Hause. Jn's Gasthaus geht höchstens die zu Mittag, die fl. 1'60 oder fl. 2 hat; sonst gehen alle zusammen in dasselbe Kaffeehaus. Da zahlt man 8 kr. für Kaffee und 3 kr. für ein Milchbrot. Zur Jause haben wir entweder für 2 kr. Speck und Brot oder für 3 kr. Wurst. Vorsitzender: Wie steht's mit dem Nachtmahl? Das werden Sie vielleicht von Ihren Colleginnen gehört haben. — Exp. Nr. 54: Ja, wenn die strenge Saison ist, so können sie nicht einmal Nachtmahl essen, weil sie um 11 Uhr nach Hause kommen. Da erzählen sie oft, daß sie mit einem Butterbrot haben vorlieb nehmen müssen, weil es schon zu spät war, um sich etwas Anderes zu kaufen. Diejenigen, die bei den Eltern sind, bekommen das Essen von Mittag am Abend aufgewärmt. 167 Tr. Schwiedland: Kommt es nicht vor, daß auch Näharbeiterinnen in den Salons die Kost bekommen? — Exp. Nr. 54: Das ist mir nicht bekannt. Dr. Schwiedland: Können Sie in der Saison Ersparnisse machen, da Sie so kärglich leben? — Exp. Nr. 54: Man erspart so viel, daß man sich Kleider und Schuhe anschaffen kann. Einschränken kann man sich mit der Ernährung in der stillen Saison auch nicht, und ersparen können sich Manche auch deswegen nichts, weil sie eine Mutter oder einen Vater zu erhalten haben. Dr. Schwiedland: Wie ist das bei Ihnen? — Exp. Nr. 54: Ich wohne mit meiner Mutter im gemeinsamen Haushalt; sie verdient auch einige Gulden. Wittelshöser: Bei dem Lohn von fl. U60 könnten Sie sich doch ein Gemüse oder eine Suppe zu Mittag kaufen? — Exp. Nr. 54: Ja, das kann man; aber es kostet gerade so viel wie der Kaffee. Wittelshöser: Sie ziehen diesen also vor? — Exp. Nr. 54: Ja. Wittelshöser: Wie ist es denn mit dem Essen im Laufe des Vormittags? — Exp. Nr. 54: Da haben wir keine Pause. Wir können immer nebstbei während der Arbeit essen. (Ueber Befragen des Vorsitzenden.) Das Arbeitslocal ist sehr finster; wir müssen bei Licht arbeiten, und es ist auch für diese vielen Leute zu klein. Es ist im Mezzanin gelegen. In einem Zimmer sind zwei Fenster, dann ist ein Cabinet mit einem Fenster. Im Cabinet sind die Männer, im Zimmer sind die Frauen. Außer den Fenstern ist keine Oeffnung für die Ventilation. Gebügelt wird im Vorzimmer. (Ueber Befragen des Herrn Wittelshöser.) Im Winter wird nur geöffnet, wenn wir fertig sind, anders geht's nicht, denn wir müssen beim Fenster sitzen, weil das Zimmer dunkel ist. Auch während der Mittagspause werden die Fenster geöffnet. (Ueber Befragen des Vorsitzenden.) Ueber Mittag müssen wir fortgehen. Nur wenn Postarbeit ist, müssen wir Alle im Local bleiben. Da lassen wir uns etwas zum Essen holen, essen im Bügelzimmer und gehen dann wieder zur Arbeit, dann entfällt die Pause ganz. Dr. Brezina: Kommt das öfter vor? — Exp. Nr. 54: Ja. Wittelshöser: Wird Ihnen eine solche Stunde separat gezahlt? — Exp. Nr. 54: Ja. (Ueber Befragen des Vorsitzenden.) Es sind mehr Ledige als Verheiratete bei uns. Das Alter beginnt von 16 Jahren, es sind auch Fräulein, die über 60, 69 Jahre alt sind. Ueber Zudringlichkeiten oder Belästigungen seitens Vorgesetzter oder seitens der Arbeiter haben wir nicht zu klagen. Auch über die Behandlung im Allgemeinen kann ich mich nicht beklagen. Dr. Osner: Wie ist es mit der Reinlichkeit? — Exp. Nr. 54: Sehr schlecht. Wir kommen sehr häufig, wenn noch ausgekehrt wird, und wir müssen den Staub einathmen. Der Fußboden wird oft zwei oder drei Monate nicht gewaschen. (Ueber Befragen des Herrn Herrdegen.) Daß Arbeiterinnen aus solchen Betrieben austreten und sich selbstständig machen, kommt nicht vor. Diejenigen, welche in einem solchen Betriebe arbeiten, wie ich, haben Alles gelernt und könnten sich dann als Schneiderinnen niederlassen, aber die in einem Salon gelernt haben, nicht. Bei der Freisprechung der ausgedungenen Lehrmädchen aus den Salons ist es so, daß sie, wenn sie Schöße gelernt hat, bei der Freisprechung nur die Schöße macht, wenn sie Leiber gelernt hat, einen Leib. Für ein ganzes Kleid wird sie nicht befähigt. Dr. Schwiedland: Wie ist es denn mit den Altersverhältnissen? Ich bitte das etwas näher auseinanderzusetzen. — Exp. Nr. 54: Die älteste Collegin ist 69 Jahre alt, Andere sind 60, 26, 20, 16 Jahre alt. 168 Dr. Schwiedland: Wie kommt es, daß Keine zwischen 30 und 39 Jahren da ist? — Exp. Nr. 54: Viele heiraten und müssen dann nicht in's Geschäft gehen. Dr. Schwiedland: Nimmt die Leistungsfähigkeit nach einem gewissen Alter ab? — Exp. Nr. 54: Ja. Die Sehkraft leidet. Die Aelteste bei uns leidet an Rheumatismus. Dr. Schwiedland: Sie bekommt aber doch einen hohen Lohn? — Exp. Nr. 54: Ja, sie bleibt beim Lohn. Vorsitzender: Wie ist es denn mit den Aborten bestellt? — Exp. Nr. 54: Es ist ein Abort für Männer und Frauen zusammen und der wird reingehalten. Vorsitzender: Kommt es öfter vor, daß die Mädchen noch für Eltern oder Geschwister zu sorgen haben? — Exp. Nr. 54: O ja. Vorsitzender: Wie kommen sie denn in der schlechten Zeit aus? — Exp. Nr. 54: Da müssen wir uns sehr stark einschränken. Dr. Ofner: Was verstehen Sie darunter? — Exp. Nr. 54: Wenn uns die Geldmittel nicht ausreichen, sind wir gezwungen, Jemanden anzusprechen, daß er uns das Geld borgt, und wir zahlen es dann wieder zurück, wenn wir etwas verdienen. »Ueber Befragen der Herren Doctor Brezina und Dr. Rauchbe r g.) Für die Wohnung zahlen wir fl. 7; es ist ein Cabinet, direct vom Hausherrn genommen, vom Gang aus separirter Eingang, sonst schläft Niemand darin. Vorsitzender: Wie ist es denn mit den Vergnügungen bestellt, können Sie diese mitmachen? — Exp. Nr. 54: Höchstens manchmal für 30 kr. in ein Theater. Bei den anderen Colleginnen, die nicht noch einen Zuschuß von anderer Seite haben, kommt das gar nicht vor. Ausflüge kommen nie vor. (Ueber Befragen des Vorsitzenden.» Ich gehöre der genossenschaftlichen Krankencasse an, auch dem Fachverein. Dr. Schwiedland: Lesen Sie die „Arbeiterinnen-Zeitung" oder überhaupt socialdemokratische Organe? — Exp. Nr. 54: Ja. Wittelsh öser: Haben Sie auch mit den Kunden zu thun? — Exp. Nr. 54: Im Salon haben die Arbeiterinnen auch Verkehr mit den Kundschaften, denn wenn die Dame zum Probiren kommt, so muß ich hingehen und ansehen, ob etwas fehlt. Dabei sind wir selbstverständlich verpflichtet, besser gekleidet zu sein, und da entstehen auch größere Auslagen für die Kleidung. Dr. Brezina: Können Sie beiläufig sagen, wie viel Ihre Kleidung im Jahre kostet? — Exp. Nr. 54: Ich mache mir im Jahre ein Kleid, und das kostet mich fl. 7 bis 8. Dr. Bi-ezina: Und die Wäsche? — Exp. Nr. 54: Die Mutter wäscht. Exp. Nr. 53: Ich möchte noch bezüglich der Arbeitsvermittlung etwas sagen. Die Arbeitsvermittlung durch die Zeitung ist eine sehr schlechte. Ich möchte als Salonschneiderin Unterkunft finden, und vor 14 Tagen ist mir Folgendes passirt: Ich wollte mich in einem größeren Salon in der Stadt vorstellen. Die Dame hat vergessen, in der Annonce zu sagen, daß man um 10 Uhr hinkommen solle, da sind einige Mädchen schon um Uhr hingekommen. Um H-.8 Uhr bin ich gekommen, da waren 30 bis 40 Mädchen da. Um '/ü9 Uhr waren Alle versammelt. Jetzt hat die Dame erst bekannt gegeben, daß sie um 10 Uhr zu sprechen ist; wir mußten fortgehen, die Mädchen sind wieder gekommen, ich bin aber nicht mehr hingegangen, denn wenn die Dame so viel Mädchen sieht, so übt das einen Druck auf den Lohn aus. Die vorige Woche ist mir in einem Salon wieder Folgendes passirt: Ich habe gesagt, daß ich fl. 1'50 pro Tag bekomme. Die Frau wollte eine Arrangeurin haben. Ich habe nur einen Tag gearbeitet, denn sie hat eine Zweite aufgenommen, die auch Arrangeurin war, die nur 169 fl. 1'30 verlangt hat und die auch früher nicht mehr bekam. So geht's mir jede Woche. Ich bemühe mich sehr in einen Salon zn kommen, denn die Arbeit in den Häusern ist sehr unzureichend. Es ist mir aber nicht möglich, in einen Salon zu kommen, weil die Anderen sehr niedrige Löhne beanspruchen, damit sie nur Arbeit bekommen. Wenn die Arbeitsvermittlung besser wäre, so daß man nur immer eine hinschickt, und daß die Damen nicht wissen, daß viele frei sind, so wäre es besser. So versäumen 29 die Zeit, und eine kommt nur unter. Vorsitzender: Es ist eine bekannte Thatsache, daß die Unter- bietung durch Inserate der allerschändlichste Arbeitsnachweis ist. Herrdegen: Kommt es auch vor, daß Sie aus dem Salon zu einer Dame probiren gehen müssen, und werden Sie in diesem Falle für den Zeit- entgang entschädigt? — Exp. Nr. 54: Wir müssen nicht gehen, dafür sind die Probirdamen da. Vorsitzender: Kommt es vor, daß Mädchen gewissermaßen zur Ergänzung ihres Gchaltes sich die Mittel dazu auf eine nicht besonders schöne Weise anschaffen, dadurch, daß sie Zuschüsse von Männern, von Geliebten u. s. w. annehmen? — Exp. Nr. 54: Das kommt vor. In unserem Geschäfte zum Beispiel ist ein Fräulein, die hat einen Geliebten, der sie mit Geld unterstützt. Vorsitzender: Wie ist es wo anders? — Exp. Nr. 54: Ich weiß es nicht. Dr. Brezina: Bei Ihnen ist neben 20 Arbeiterinnen ein Probir- fräulein? — Exp. Nr. 54: Ja. Dr. Brezina : Welchen Lohn hat sie? — Exp. Nr. 54: fl. 60 monatlich. Mittels höser: War die früher auch Arbeiterin, oder gehört sie zu einer besonderen Kategorie? — Exp. Nr. 54: Sie war früher keine Arbeiterin, sie ist aus einem besseren Hause, hat mehrere Sprachen gelernt und ist deshalb zu uns gekommen, weil bei uns Engländerinnen und Französinnen Kunden sind. Vorsitzender: Die Sprachenkenntniß ist wohl in einem solchen Falle Erforderniß und es wird mehr für die Vorbildung gezahlt? — Expertin Nr. 54: Ja. Wittelshöfer: War es auch im früheren Salon so? — Expertin Nr. 54: Ja, dort waren drei Probirfräulein, davon war eine früher Arbeiterin. — Exp. Nr. 55 (über Befragen seitens des Vorsitzenden): Jetzt habe ich keine Beschäftigung, zuletzt war ich in einem Stadtgeschäst, wo außer mir noch zwei Arbeiterinnen beschäftigt waren, vorher in einem großen Salon, aber nur acht Tage, weil sehr schlecht gezahlt wurde. Es wurde nur fl. 1'lO gezahlt, es waren aber auch Mädchen mit 50 und 60 kr. Vorher war ich m der Vorstadt im VIII. Bezirke, in einem kleineren Geschäft, wo nur vier Mädchen gearbeitet haben und ein Lehrmädchen. Vorsitzender: Weichen die Vorstadtbetriebe von denen in der Stadt ab? — Exp. Nr. 55: Ja. Vorsitzender: Wie ist dort die Stellung der Lehrmädchen? — Exp. Nr. 55: Sie lernen zwei Jahre. Das Mädchen, welches dort war, ist bei den Eltern und bekommt nichts gezahlt. Vorsitzender: Wie ist es dort mit der Saison? — Exp. Nr. 55: Es sind zwei Saisonen, ich war nur eine dort. Vorsitzender: Sind auch Männer dort beschäftigt? — Exp. Nr. 55: Nein. Tort mußte ich Jacken, Leiber und Blousen machen. Vorsitzender: Hat jedes Mädchen eine andere Arbeit gemacht? — Exp. Nr. 55: Nein. Dr. Biezina: Aus welchem Wege sind da die Arbeiterinnen in den Betrieb gekommen? — Exp. Nr. 55: Von der Genossenschaft. 170 Vorsitzender: War auch Arbeit nach Hause zu nehmen? — Expertin Nr. 55: Nein. Vorsitzender: Aus welchen Kreisen waren die Arbeiterinnen? — Exp. Nr. 55: Arbeitermädchen. Wittelsh öser: Sie haben Jacken und Leiber gemacht; und die anderen Arbeiterinnen? — Exp. Nr. 55: Die haben bei den Leibern mitgeholfen, bei Staffirungen, bei leichten Arbeiten. Wittelshöfer: Hat eine auch Schöße gemacht? — Exp. Nr. 55: Da hat die Fran auch geholfen. Wittelshöfer: Jacken sind eine Arbeit, die sonst Männer machen? — Exp. Nr. 55: Ja. Herrdegen: Wie lange und was haben Sie gelernt ? — Exp. Nr. 55: Zwei Jahre. Ich habe Leiber, Schößen und Jacken machen gelernt. Herrdegen : Waren auch andere Lehrmädchen ? — Exp. Nr. 55: Ja. Herrdegen: Sind die ebenso ausgebildet worden? — Exp. Nr. 55: Je nachdem eine sich dazu schickt. Herrdegen: Genügen zwei Jahre, um sich vollständig auszubilden ? — Exp. Nr. 55: Das genügt nicht. Herrdegen: Was war Ihr Vater? — Exp. Nr. 55: Schneider. Wittelshöfer: Waren Sie in der Lehrzeit nur bei den Arbeiten, oder haben Sie auch Gänge machen müssen? — Exp. Nr. 55: Liefern und einkaufen. Wittelshöfer: Hat das viel Zeit beansprucht? — Exp. Nr. 55: Sehr viel. Vorsitzender: Haben Sie das Schnittzeichnen separat gelernt? — Exp. Nr. 55 : Ja; dafür habe ich fl. 25 gezahlt bei einem privaten Zuschneider. (Ueber Befragen seitens des Herrn Dr. Schwiedland.) Ich bin jetzt das neunte Jahr im Gewerbe und kann ein vollständiges Kleid machen, auch zuschneiden. (Ueber Befragen seitens des Vorsitzenden.) Mein letzter Verdienst war fl. UM bis U80, in der Vorstadt fl. UM, und well ich weggehen wollte, habe ich um 20 kr. mehr bekommen. Die Bezahlung war bei mir wie bei den Anderen pro Tag. Die Anderen haben 00, 80 kr. bis fl. U20 verdient und die Mittagskost. In der stillen Saison war ich nicht dort. Arbeit nach Hause habe ich nicht bekommen. Das Rohmaterial habe ich nicht beistellen müssen. Wittelshöfer: Wenn Sie schon nenn Jahre bei dem Geschäfte sind, wo waren Sie denn die übrige Zeit? Sie erzählen nur von drei Geschäften, in denen Sie kurze Zeit waren? — Exp. Nr. 55: Ich war sechs Jahre in dem größeren Geschäfte, wo ich gelernt habe. Dort waren zehn Mädchen und sechs bis acht Männer.beschäftigt. (Ueber Befragen seitens des Herrn Herrdegen.) In der Lehrzeit habe ich nur die Mittagskost gehabt, nach der Lehrzeit 50, dann 00 kr. pro Tag, das ist in jeder Saison zugebessert worden, und nach dem dritten Jahre hatte ich 00 kr. Wie ich von dort weggegangen bin, war ich in einem Geschäfte in der Stadt mit st. 1 täglich. Die hat mir für vier Tage in einem Convert fl. 5 gegeben. Wie ich am Montag hinaufgekommen bin und gesagt habe, ich kann für das Geld nicht arbeiten, hat sie gesagt, sie hat einen Gulden am Tisch vergessen. Sie hat probiren wollen, ob ich nicht um das Geld arbeiten werde. Vorsitzender: Ist Ihnen bekannt, daß Strafen eingeführt sind oder Abzüge, wenn etwas verdorben wird? — Exp. Nr. 55: Nein. (Ueber Befragen seitens des Herrn Dr. R a u ch b er g.) Es ist immer nur für die Zeit bezahlt worden, in welcher gearbeitet worden ist: es ist sehr oft vorgekommen, daß das nicht der volle Tag war. An Somllagen ist gewöhnlich bis Mittag gearbeitet und, so wie bei den Ueberstunden, pro Stunde gezahlt worden. In dem Geschäfte, wo ich sechs Jahre war, war ich in der schlechten Saison im Ganzen vielleicht durch 14 Tage zu Hause. Es ist mir gesagt 171 worden, daß keine Arbeit ist, und daß ich nicht zu kommen brauche. So sagt man das immer: „Jetzt ist nichts zu thun, Sie können zu Hause bleiben." Eine Kündigung ist nicht erfolgt. Vorsitzender: Haben Andere auch nur so lange aussetzen müssen oder länger? — Exp. Nr. 55: Die zuletzt gekommen sind, haben zuerst ausgesetzt. In der flauen Zeit sind von zehn bis zwölf Beschäftigten fünf bis sechs geblieben. Dr. Ofner: Wie war es denn, wenn Sie zu spät gekommen sind? — Exp. Nr. 55: Da habe ich um das länger arbeiten müssen, abgezogen ist nichts worden. Dr. Schwab: War am Sonntag derselbe Stundenlohn wie an Wochentagen? — Exp. Nr. 55: Ja. Wittelshöser: Haben Sie in gar keinem Geschäfte Arbeit nach Hause genommen? — Exp. Nr. 55: Nein. (Ueber Befragen seitens des Vorsitzenden.) Eine Kündigung ist nirgends, auch in den größeren Geschäften nicht üblich; es wird nur ausgesetzt. Die gewöhnliche Arbeitszeit, für die der bestimmte Lohn gezahlt worden ist, war 9's bis 10 Stunden. Ueber- stunden waren sehr häufig; da wurde von 7 Uhr Früh bis 8, 9 Uhr Abends gearbeitet, an Samstagen ist es auch ^ ZO Uhr geworden. Die Ueberstunden waren immer so bezahlt wie die gewöhnlichen, auch in dem großen Geschäfte. Wittelshöser: Wie waren die Arbeitspausen? — Exp. Nr. 55: Mittags 1' s Stunden, auch für Frühstück und Jause. Vorsitzender: Die Mädchen haben alle außer dem Hause gewohnt? — Exp. Nr. 55: Ja. Vorsitzender: Sind Geschenke vorgekommen, an Vorgesetzte oder den Herrn? — Exp. Nr. 55: Nein. Vorsitzender: Wie war es mit der Ernährung? — Exp. Nr. 55: Die meisten waren zu Hause bei den Eltern; wenn sie länger gebraucht haben als 1' -- Stunden, sind sie später gekommen. Die nicht zu Hause gegessen haben, sind in das Kaffeehaus gegangen und haben dort Kaffee und Gebäck für 11 kr. verzehrt. «Ueber Befragen seitens des Dr. Brezina.) Am Abend habe ich zu Hause bei den Eltern gegessen. Zur Jause am Nachmittag hat man sich holen lassen können, was man gewollt hat, und das ist während der Arbeit geschwind gegessen worden, Kaffee oder Wurst, und dann hat man weiter gearbeitet. (Ueber Befragen seitens des Dr. Brezina.) Wenn ich erst um 10 Uhr Abends nach Hause gekommen bin, habe ich auch erst zu Hause gegessen. (Ueber Befragen seitens des Herrn Wittelshöser.) Bei der Ausnahme wird man nicht gefragt, ob man bei den Eltern wohnt, ob man also nach Hause gehen kann. (Ueber Befragen seitens des Vorsitzenden.» Das Arbeitslocal war im ersten und im zweiten Stock. In meinem Zimmer waren sechs Mädchen und fünf oder sechs Herren, im anderen Zimmer waren die Schoßnäherinnen, in der Saison vielleicht acht. Der Lohn der Männer war sl. 3, N75 und 2'50; dieselben haben Jacken, Mäntel und englische Taillen gearbeitet, die ganz glatten Leiber haben die Männer gemacht. Wir haben auch mit Roßhaar und Leinwand gearbeitet wie die Männer. Die Schoßnäherinnen waren in einem größeren Cabinet mit einem Fenster, der andere Raum war ein Zimmer mit zwei Fenstern. Für Ventilation war nicht gesorgt. Unter Mittag, wenn wir fort waren, ist gelüftet worden. Der Fußboden ist gereinigt, die Wände sind auch geweißt worden. Der Abort, gemeinsam für Männer und Frauen, war in Ordnung. In dem Local hat Niemand geschlafen. Gebügelt ist im Zimmer worden, das hat einen merkbaren Dunst verbreitet. Wittelshöser: Also in dem Zimmer, wo zwölf Personen waren, ist auch gebügelt worden? — Exp. Nr. 55: Ja. Im Sommer war es dort sehr heiß. Tr. Schwab: Sind Sie bei einer Krankenkasse? — Exp. Nr. 55: Ja, bei der genossenschaftlichen. Vorsitzender: Wie war das Local in dem Borstadtgeschäfte? — Exp. dir. 55: Sehr schön. Ein großes Zimmer mit zwei Fenstern; wir haben nur bei einem gearbeitet, da ist nicht zu klagen gewesen. Vorsitzender: Benehmen sich im Allgemeinen die Männer, sowohl die Vorgesetzten als die Collegen, anständig? — Exp. Nr. 55: O ja. Vorsitzender: Schimpfereien kommen nicht vor? — Expertin Nr. 55: Nein. Vorsitzender: Ueberwiegen in Ihrer Branche die Ledigen oder die Verheirateten? — Exp. Nr. 55: Die Ledigen. Vorsitzender: Was geschieht denn mit den älteren Arbeiterinnen ? — Exp. Nr. 55: Ich kenne überhaupt keine älteren; die Aelteste, die ich kenne, ist 51 Jahre alt. Tr. Biezina: Woher kommt denn das? — Exp. Nr. 55: Die Meisten heiraten vom Geschäft weg. «Ueber Befragen seitens des Herrn Wittelshöser.j Die Arbeiterinnen sind häufig Töchter von Schneidern, es sind auch mehrere Beamtenstöchter gewesen. In dem Geschäfte, wo ich sechs Jahre war, sind aber nur solche ausgenommen worden, welche zwei Jahre gelernt haben. Ein Unterschied in der Behandlung je nach der Herkunft der Ärbeiterin wird nicht gemacht. (Ueber Befragen seitens des Herrn Doctor Schwab.) Ich bin seit Herbst ohne Arbeit. Im Jahre 1865 war ich vom Frühjahr bis znm Sommer in der Arbeit, dann bin ich weggegangen. Ich wollte zuerst nach Berchtesgaden fahren, die Frau hat mich aber nicht weggelassen und hat mir aufgebessert. Da bin ich bis Juli geblieben, und im Herbst bin ich nicht mehr hingegangen. Im Herbst war ich wieder in einem Geschäft, dann habe ich aber aussetzen müssen vom November bis zur vorigen Woche. Herrdegen: Wir haben jetzt wiederholt gehört, daß an Sonntagen bis Mittags gearbeitet wird. Ist Ihnen nicht bekannt, daß die Sonntagsruhe eingeführt ist und daß Sie an Sonntagen nicht verpflichtet werden können, zu arbeiten? — Exp. Nr. 55: Ich arbeite auch nicht am Sonntag. Herrdegen: Sie haben uns aber früher über Sonntagsarbeit Mittheilungen gemacht. — Exp. Nr. 55: Das war früher, wie noch nicht die Sonntagsruhe war. Herrdegen: Also jetzt nicht mehr? — Exp. Nr. 55: Nein. Herrdegen «zur Exp. Nr. 54): Arbeiten Sie an Sonntagen? — Exp. Nr. 54: Ja, in der strengen Saison. Herrdegen: Mehrere? — Exp. Nr. 54: Alle müssen kommen. Herrdegen: Wird da die behördliche Bewilligung eingeholt? — Exp. Nr. 54: Das weiß ich nicht. Herrdegen: Ist es vorgekommen, daß Manche sich geweigert und aus ihrem Rechte zur Sonntagsruhe bestanden haben? — Exp. Nr. 54: Einige sind nicht gekommen. Die haben sich am anderen Tag entschuldigt, und es ist Ihnen nichts gesagt worden. Herrdegen: Aber aus die Sonntagsruhe hat sich Ihres Wissens Niemand berufen? Vorsitzender: Ist das allgemein üblich, daß an Sonntagen gearbeitet wird? — Exp. Nr. 54: Wenn etwas fertig werden muß, in der strengen Saison. Exp. Nr. 56 (über Befragen des Vorsitzenden): Ich habe, aber nicht in Wien, Kleidermachen ausgelernt. Jetzt bin ich seit vier Jahren in einem ganz kleinen Geschäfte, und wir sind nur zwei weibliche Arbeiterinnen; früher war ich auswärts beschäftigt. Wir erzeugen Krägen und Winter- mäntel. Unsere Saison im Herbst dauert drei Monate, die Frühjahrssaison etwas länger, bis Mai, und dann ist wieder nichts zu thun bis zum Herbst. Lehrmädchen sind dort nicht, Männer auch nicht. Hingekommen bin ich durch Recommandation. Eine Zeit lang habe ich pro Tag genäht und fl. I'IO bekommen, dann hat der Herr auf sl. lBO gebessert. Dann hat er für ein Geschäft gearbeitet, welches sehr wenig für die Arbeit gezahlt hat, und da hat er gesagt, ich soll per Stück arbeiten, seitdem arbeite ich per Stück. Für einen Cape zahlt er sl. I'IO bis sl. 1'50; da muß ich aber sehr fleißig sein, um ein Stück in einem Tage fertigzumachen. Wenn ich mehr verdienen muß, so kommt es oft vor, daß ich jede Woche drei, vier Nächte bis halb 2 Uhr arbeiten muß. Da nehme ich die angefangene Arbeit znm Ausfertigen nach Hause. Wenn ich ganz beschäftigt bin wie jetzt, so verdiene ich pro Tag fl. 1'40 bis 1'5<>. Da arbeite ich von 8 Uhr Früh bis 7 Uhr Abends im Geschäft, um 7 Uhr gehe ich nach Hause, um 8 Uhr setze ich mich wieder zur Arbeit und arbeite bis 12, 1, halb 2 Uhr. Das Licht dazu muß ich mir selbst beistellen, andere Materialien nicht. Vorsitzender: Da haben Sie sich aber, wenn Sie die Arbeitszeit in Betracht ziehen, Ihre Lage bedeutend verschlechtert gegen früher, wo Sie einen festen Lohn hatten. — Exp. Nr. 56: Aber früher, wo ich pro Tag gezahlt war, hat es immer geheißen, ich mache zu wenig fertig. Um dem auszuweichen, arbeite ich lieber per Stück und verdiene lieber ein Sechserl weniger, als daß ich mich tagsüber sekiren lasse, daß ich zu wenig arbeite. Vorsitzender: Wie arbeitet denn Ihre Collegin? — Expertin Nr. 56: Die hat im Taglohn 60 kr. und arbeitet von 8 bis 7 Uhr. Vorsitzender: Wie ist es denn mit den Arbeitspausen? — Exp. Nr. 56: Mittags eine Stunde, von 12 bis 1 Uhr; andere Pausen gibt es nicht. Herrdegen: Wenn Sie nur im Geschäfte im Stücklohn dieselbe Zeit arbeiten würden wie früher im Taglohn, wären Sie da im Stande, sich fl. l'50 zu verdienen? — Exp. Nr. 56: Es kommt fast aus das Gleiche heraus. Herrdegen: Werden Sie vom Unternehmer gezwungen, so viel Arbeit nach Hanse zu nehmen oder bewerben Sie sich selbst darum? — Exp. Nr. 56: Manchmal ist Postarbeit, und da ersucht mich der Herr, ich soll Arbeit nach Hause nehmen, manchmal verlange ich es selbst. Herrdegen: Haben Sie für Jemanden zu sorgen? — Expertin Nr. 56: Nein. Herrdegen: Sie wollen also nur mehr verdienen? — Expertin Nr. 56: Ja. Herrdegen: Wie sind denn die Verhältnisse des Unternehmers? — Exp. Nr. 56: Er ist schon über 70 Jahre alt, und es geht ihm selbst schlecht, so viel er kann, arbeitet er selbst mit. Ich wollte schon oft weggehen in einen größeren Salon, aber er bittet mich immer, ich soll bleiben, er braucht jemanden Verläßlichen, weil er schon zu alt ist; da kann ich das nicht thun und bleibe wieder. Herrdegen: Er arbeitet für einen Eonfectionär? — Expertin Nr. 56 : Ja. ^ Herrdegen: War er früher selbstständigcr Schneider? — Expertin Nr. 56: Ja. Wittelshöfer: Knndenarbeit hat er nicht ? — Exp. Nr. 56 : Nein. Dr. Faber: Wird im Allgemeinen lieber per Stück oder pro Stunde gearbeitet? — Exp. Nr. 56: Die Anderen arbeiten lieber pro Tag, weil sie nicht so selbstständig arbeiten können. Dr. Faber: Sie wollen das Sekiren vermeiden. Werden die Anderen sekirt? — Exp. Nr. 56: Natürlich. Sie möchten auch per Stück arbeiten, aber sie können nicht selbstständig arbeiten und bekommen die Arbeit so nicht. L 174 Vorsitzender: Was bekommt denn der Unternehmer für einen Cape, und wie nimmt er an der Arbeit Theil? — Exp. Nr. 56: Ich glaube, er bekommt fl. 2 40 bis 2'50. Er schneidet das Stück zu und richtet's her und gibt mir's dann in die Hand; dann bekümmert er sich nicht weiter, bis es fertig ist. Er schneidet gewöhnlich zweimal in der Woche zu, einmal am Sonntag Vormittag, wenn Niemand da ist. Tr. Bi-ezina: Was macht er während Ihrer Arbeitszeit? — Exp. Nr. 56: Tann näht er auch. Tr. Brezina: Dieselben Stücke? — Exp. Nr. 56: Ja. Wittelshöfer: Wie lange arbeitet er an einem solchen Cape oder Mantel? — Exp. Nr. 56: Das könnte ich nicht genau sagen; auch drei Tage manchmal. Vorsitzender: Wie steht es denn mit den anderen Artikeln, die dort hergestellt werden? — Exp. Nr. 56: Für ein Stück Kragen zahlt er 20, 60, 80 kr., für einen Sammtkragen, der geputzt ist, 50 kr. Vorsitzender: Herr Experte, es wird wichtig sein, etwas über diese Unterscheidung zu sagen. — Exp. Klusäöek: Die Krägen sind viel leichter zu machen als Capes. Sie werden vom Tuch herausgeschnitten und rund eingesäumt, es kommen Börtel darauf, aufgesteppte Streifen. Der Cape gibt mehr Arbeit. Aber es kommen auch schwerere Krägen vor, und deshalb ist die Lohndifferenz. Wittelshöfer: Können Sie sich, Frau Expertin, mit den Krägen dasselbe verdienen wie mit den Capes? — Exp. Nr. 56: Wenn ich fünf Krägen zu 20 kr. im Tage mache, muß ich schon froh sein. Wittelshöfer: Was haben Sie hauptsächlich zu machen? — Exp. Nr. 56: Capes, weil ich das vorziehe; da muß das andere Mädchen die Krägen machen. Dr. Ofner: Wie viel verdienen Sie im Tage bei den Capes, wenn Sie bis l Uhr Nachts arbeiten? — Exp. Nr. 56: Ueber fl. 2. (Ueber Befragen seitens des Vorsitzenden und des Herrn W i tt el s h ö s ero Ueber den ganzen Sommer habe ich nichts zu thun, das sind drei Monate ; die zweite Saison beginnt im Herbst und dauert bis Jänner, dann bin ich wieder zwei Monate ohne Beschäftigung. Im Jahre bin ich fünf bis sechs Monate ohne Beschäftigung. Eine Zeit, wo ich nur theilweise beschäftigt bin, gibt es nicht; die Arbeit bricht plötzlich ab. Während der ganzen vier Jahre war der Wechsel immer gleich. «Ueber Befragen seitens des Dr. Bl-ezina.) In der Zeit, wo ich im Geschäfte nichts zu thun habe, arbeite ich in Häusern, welche ich durch Bekannte bekomme, und bekomme da fl. 1'50 und die ganze Kost. Diese Arbeit ist aber sehr ungleich. Man hat in der Woche drei bis vier Tage zu thun und dann acht bis vierzehn Tage gar nichts. Annoncirt habe ich noch nie. Vorsitzender: Das dürfte wohl nicht üblich sein, weil man Leute, die man in's Haus nimmt, kennen will. — Exp. Nr. 56: Ja. Vorsitzender: Kommt es vor, daß die Mädchen bei solchen kleineren Stückmeistern Kost und Bett haben? — Exp. Nr. 56: Nein. Vorsitzender: Haben Sie es nicht von Anderen erfahren? — Exp. Nr. 56: Nein; ich könnte das auch nicht erfahren. Vorsitzender: Wie ist das Local beschaffen? — Exp. Nr. 56: Es ist ein Zimmer mit zwei Fenstern, Parterre, und wird rein gehalten. Wittelshöfer: Wird es nur als Arbeitsraum verwendet, nicht auch als Wohnung? — Exp. Nr. 56: Nur als Arbeitsraum. Vorsitzender: Gebügelt wird dort? — Exp. dir. 56: Ja, das muß ich sogar selbst. (Ueber Befragen seitens des Vorsitzenden, des Tr. Bi-ezina und des Dr. Osn er:» Ich und meine Collegin haben die Kost, wo wir wohnen, und gehen Mittags nach Hause. Das Mittagessen, Suppe, Fleisch und Gemüse, manchmal Mehlspeise, kostet 25 kr., das Früh- 175 stück 10 kr., das Nachtmahl, Fleisch oder Butterbrot mit Thee, 15 kr., das Bett sl. 1 pro Woche. Von Früh bis Mittag und von Mittag bis Abend essen wir nichts. Vorsitzender: Für Andere haben Sie oder Ihre Collegin nicht zu sorgen? — Exp. Nr. 50: Nein. Witte lshöser: Wie viel Personen schlafen in dem Zimmer, wo Sie zu Bett sind? — Exp. Nr. 50: Ich und noch ein Fräulein, dann der Herr und die Frau. Vorsitzender: Jeder hat ein Bett allein? — Exp. Nr. 56: Ja. Dr. Ofner: Ist das Zimmer nicht durch einen Vorhang getheilt? — Exp. Nr. 50: Nein. Dr. Ofner: Sind der Herr und die Frau ein Ehepaar? —Expertin Nr. 50: Ja. Vorsitzender: Aeltere Leute schon? — Exp. Nr. 50: Ja. P ern erst o rfer: Gibt es in dieser Branche eine Organisation, einen Fachverein? — Exp. Nr. 53: Es besteht ein Fachverein, die Colleginnen kommen aber sehr wenig hin; ich bin in der Ortsgruppe II (Leopoldstadt) die einzige Genossin. Vorsitzender: Was ist die Ursache? — Exp. Nr. 53: Die Mädchen haben etwas Anderes zu thun. Wenn sie fortgehen, so gehen sie entweder mit einem Verehrer, oder sie haben zu Hause zu thun, sie müssen sich am Abend ihre Kleider nähen u. s. f. oder sie interessiren sich nicht dafür. Pernerstorfer: Das wird das Entscheidende sein. Daß sie einen Verehrer haben, macht nichts; er kann auch in der Organisation stehen. — Exp. Nr. 53: Aber ich kenne Viele, die der Verehrer abredet. Vorsitzender: Fürchten sie vielleicht die Entlassung? — Expertin Nr. 53: Sie werden sich wohl nicht fürchten. Aber die Meisten haben es nicht nöthig, sich zu organisiren, weil sie aus besseren Häusern sind. Die auf sich selbst angewiesen sind, verstehen das nicht oder haben nicht Zeit, darüber nachzudenken. Vorsitzender: Wenn die Arbeiterinnen durch diese sogenannten besseren Fräuleins verdrängt werden, kommt ihnen da nicht der Gedanke, dem durch eine Organisation abzuhelfen? — Exp. Nr. 53: Der Gedanke wird ihnen schon kommen, aber sie wissen das nicht anzufangen. Es sind wenig Schneiderinnen organisirt, und viele wissen nicht, daß eine Organisation besteht. Dr. F aber: Wird zu wenig agitirt? — Exp. Nr. 53: Das ist auch möglich. Expertin Nr. 50 : Ich komme häufig in die Organisation im VI. Bezirke. Es kommen Mädchen hin, aber nur wenn der Schnittzeichnen-Unterricht beginnt, und zwar 50 bis 00. Beim letzten Unterricht im Herbste waren so viele, daß nicht alle aufgenommen werden konnten. Die Mädchen haben sich also für den zweiten Unterricht vormerken lassen. Weil aber doch nicht genug waren und die Zeit dann so vorgerückt war, daß sie in die Saison hineingekommen wären, hat der Unterricht unterbleiben müssen. Die Mädchen würden schon hingehen, aber sie fürchten sich vor Verdrießlichkeiten. In meinem Geschäfte gehen sie auch, aber nur verstohlen, obwohl ich öffentlich über die Organisation sprechen kann. Das Mädchen, welches beim Herrn wohnt, bekommt am Montag, wo Vereinsabend ist, eine Beschäftigung, der Herr ersucht sie, etwas zu machen, und da kann sie nicht fortgehen. Um V 2 0 oder ^9 kann sie nicht mehr fort, weil sie das Nachtmahl besorgen muß, und um V 4 IO ist der Vereinsabend zu Ende. Ich habe es aber doch so weit gebracht, daß wenigstens das eine Lehrmädchen hinkommt. Die Chefin hat gesagt, daß die Mädchen, welche in die Organisation gehen, keine anständigen Mädchen sind, und die Mädchen sind sehr empfindlich und zimperlich. Pernerstorfer: Gibt es noch andere Möglichkeiten des Unterrichts, außer dem Fachvereine? — Exp. Nr. 50: Wenn das Mädchen zahlen kann. 176 ^ . so kann es auch in einem Institut lernen, aber das ist sehr theuer, während im Fachverein, wo ein sehr guter Lehrer ist, der ganze Cours nur st. 1'50 kostet. Dr. Bi ezina: Lernt das Mädchen in dem Fachverein das Schnittzeichnen vollständig, so daß es darin tüchtig ist und sreigesprochen werden .könnte? — Exp. Nr. 50: Der Cnrs hat im Herbst angefangen und war vorige Woche zu Ende, und wenn das Mädchen auffaßt, so kann es gut zuschneiden lernen. Exp. Nr. 56 (über Befragen seitens des Vorsitzenden, der Herren Dr. Ofner und Wittelsh öfer): Die Mädchen in den Salons machen sich ihre Kleider selbst zu Hause und kaufen den Stoff aus den gewöhnlichen Geschäften, sie bekommen ihn im eigenen Geschäfte nicht. Im Geschäft selbst wird für die Arbeiterinnen nicht gearbeitet, das kommt überhaupt nicht vor. Mich haben im Jahre 1895 meine zwei bis drei Kleider ungefähr st. 30 gekostet. Man muß anständig angezogen sein wegen der Repräsentation vor den Kunden. Experte Klusäeek «über Befragen des Vorsitzenden): Ich bin in der Stadt in einem Salon seit Herbst 1895 beschäftigt. Dort sind 18 Arbeiterinnen. Es werden Kleider gemacht, und ich arbeite als Zuschneider. Die Confection macht der Stückmeister außer Hans, welcher nach meinem Schnitt zuschneidet. Welchen Lohn er bekommt, weiß ich nicht. Von den Mädchen hat die Aufputzerin, das ist die Erste, fl. 1.20, unter st. 1 ist keine. Die Frau reflectirt auf bessere Arbeiterinnen und bekommt eine billigere nicht. Die aus den Instituten nimmt sie nicht, weil sie mit ihnen nicht fortkommt. Solche Mädchen machen keinen hohen Anspruch, aber sie machen nicht einmal siir den geringeren Lohn eine entsprechende Arbeit. Lehrmädchen sind nur zwei, die eine ist jetzt ausgelernt, und die Frau nimmt nicht mehr auf. Die Lehrmädchen bekommen nichts gezahlt, lernen zwei Jahre, werden bei der Genossenschaft anfgedungen und sreigesprochen und lernen auch. — Sie müssen auch zu Kunden gehen, Jause und Frühstück holen, manchmal gehen sie einkaufen, aber dazu ist für gewöhnlich eine eigene Commissionärin. Den halben Tag, kann man sagen, verbringt sie mit den anderen Sachen und den halben Tag mit der Arbeit. Der Schnitt wird in dem Salon von Niemandem gelernt, weil das kein Institut ist. Das Lehrmädchen bekommt bei uns Alles zu arbeiten und muß bei der Genossenschaft eine Taille selbstständig ausfertigen. Ich bin der einzige Mann im Salon. Im Winter habe ich einen Arbeiter gehabt, weil ich der Frau gesagt habe, daß mir die Arbeiterinnen zu schwach sind für die Arbeit, welche die Frau beansprucht. Der Arbeiter war bis acht Tage nach Neujahr dort, dann hat die Arbeit abgerissen, und es haben fast sämmtliche Arbeiterinnen ausgesetzt, und es setzen jetzt noch einige aus. Vorsitzender: Wir haben heute vier Expertinnen gehört. Haben Sie in einzelnen Punkten eine abweichende Meinung? —Exp. Klusitöek: Sie ist übereinstimmend. Vorsitzender: Die Männer machen im Allgemeinen feinere Arbeit, glatte Leiber und dergleichen? —Exp. Klusät-ek: Die Ausarbeitung ist von den Männern eine viel bessere. Der Aufputz und die leichtere Arbeit fällt den Frauen zu. Aber in allen Geschäften strebt man darnach, die männliche Arbeit durch die weibliche zu ersetzen, wenn sie auch nicht von derselben Qualität ist und darnach bezahlt wird. Der Lohn der Arbeiterinnen beginnt mit 40 kr., in vielen Geschälten hat die erste Arbeiterin nur fl. 1'20, und wenn eine fl. 2 hat, so ist das eine äußerst seltene Ausnahme. (Ueber Befragen des Herrn Wi tt e l s h ö f e r.) Nähmaschinen werden verwendet, aber da ist meist eine eigene Maschinnäherin da. Maschinnähen ist eine schwere Arbeit, besonders für Jemanden, der nicht eingeübt ist. Wenn man geübt ist, ist sie viel leichter. Es kommen aber auch Fälle vor, wo eine Maschine schlecht ist, wo der Mensch sich dabei seinen Körper ruinirt und 177 der Herr oder die Frau sich nicht kümmert, wenn auch die Näherin darüber klagt. Da heißt es: „Kaufen Sie sich eine neue." Die Arbeiterinnen bei der Maschine sind meist ausgekernte Schneiderinnen. Ob eine zur Maschine kommt, hängt davon ab, ob sie sich selbst dazu anbietet, oder ob sie darum angesprochen wird. Die Maschinnäherin wird gewöhnlich besser, mit fl. 1'50 bis 1'80 bezahlt, manche bekommen auch viel weniger. In meinem Geschäfte dürfte die Maschinnäherin fl. 1'40 oder U50 haben. Sie ist eine ältere Person und hat ein Kind zu versorgen, und die Frau sieht mehr auf sie. Auch in der Zeit, wo nichts zu thun war, hat die Frau sie beschäftigt mit Wäscheflicken, damit sie auskommt. Vorsitzender: Frau Exp. Nr. 54, wie war es in dem größeren Geschäfte mit der Maschinnäherin? — Exp. Nr. 54 : Dort hat die Maschin- nüherin fl. 1'50, die muß aber die Confection aufsteppen. Vorsitzender: Sie haben von einer Aufputzerin gesprochen, Herr- Experte; wie verhält sich die zur Arrangeurin? — Exp. Klusäöek: Das ist dieselbe. (Ueber Befragen seitens des Herrn Herrdegen.) Es gibt sehr viele Arbeiterinnen, die nicht mit der Maschine nähen können. Jetzt werden meist die neuesten Singermaschinen, die Ringschiffmaschinen verwendet. Es kommt vor, daß die Maschine an sich schwer geht, und daß alles Schmieren und Behandeln nichts nützt. Dann muß sie reparirt oder umgetauscht werden. In unserer Branche wird meist mit der Maschine genäht. In den englischen Geschäften wird die Taille ganz in der Hand gearbeitet. Bei uns wird mit der Hand genäht, was mit der Hand genäht werden muß. Es wird an einem Kleid mehr mit der Hand genäht als am selben Kleid mit der Maschine. Von unseren 18 Arbeiterinnen näht eine mit der Maschine. Lehrjungen gibt es jetzt in der Frauenschneiderei sehr wenig, denn die meisten Lehrjungen gehen von der Männerschneiderei zur Confection und von dieser, wenn sie tüchtig sind, zur englischen Schneiderei, sonst müssen sie bei der Confection bleiben. Da haben sie gewöhnlich eine Lehrzeit von vier Jahren. Wenn die Mädchen, welche jetzt nur zwei Jahre lernen, auch vier Jahre bei der Arbeit herangezogen werden, so können sie nach meiner Ansicht dasselbe leisten wie die Lehrjungen, wenn sie angehalten werden, natürlich kommt es auch auf das Mädchen an; viele nehmen es leicht. (Ueber Befragen seitens des Herrn Dr. Ofner.) Auf. die Körperkraft kommt es bei der Frauenschneiderei nicht an. Aber bei der Confection oder Männerschneiderei ist es für die Frau viel schwerer, weil sie sich mehr anstrengen muß. Vorsitzender: Mir ist einmal gesagt worden, daß die Näharbeit, so einfach sie aussieht, wenn sie lange betrieben wird, mehr anstrengend ist als die Arbeit mit dem Schmiedhammer. Die Körperkraft muß also doch einen Einfluß haben? — Exp. KlusLSek: Die Schneiderei an sich ist ja eine der mühsamsten und anstrengendsten Arbeiten; das Gebücktsitzen schadet den: Körper viel mehr als wenn man sitzt oder geht. (Ueber Befragen seitens des Herrn Herrdegen.) Die Anstrengung ist allerdings verschieden, je nach dem Stoffe, der genäht wird. Es ist ein Unterschied zwischen den dicken, ordinären Stoffen, welche in der Confection verwendet werden, und den anderen; da braucht man mehr Kraft. Chiffon ist schwerer zu bearbeiten als ein Wollstoff. Auch bei Seidenstoffen ist ein Unterschied. Manche sind spröde und so schwer zu nähen, daß Einem manchmal die Finger wehe thun und man den Krampf in den Händen bekommt. Vorsitzender: Was machen die Arbeiterinnen in der stillen Zeit, wie bringen sie sich fort? — Exp. Klnsüöek: Wenn sie auf sich selbst angewiesen sind, sind sie gezwungen, in die Fabriken zu gehen, oder sie gehen anderen Berufen nach. In meinem Geschäfte ist eine Arbeiterin, die ein Kind zu ernähren hat, und die setzt jetzt acht Wochen aus. Sie ist jetzt als Magazineurin in einer Fabrik beschäftigt. 12 178 Wittelshöfer: Wenn die Arbeiterin aber fl. 1'50 bis l'80 verdient, macht sie da nicht Ersparnisse sür die schlechte Zeit? — Exp. Klns ü- cek: Solche gibt's aber sehr wenige, und gewöhnlich haben sie noch Andere, z. B. auch die Eltern, zu erhalten. Sie sind aber auch meist der Gefahr ausgesetzt, entlassen zu werden, wenn sie mehr Lohn verlangen. Die Frau sagt, sie bekommt eine billigere. Ich habe die Erfahrung selbst von meiner Schwägerin. Sie hat täglich fl. U40 Lohn, hat eine Mutter, die schou alt ist und nicht arbeiten kann, und sie und ihre Schwester, welche Buchhalterin ist, erhalten die Mutter. Sie haben auch einen Zimmerherrn. Nun kommt es vor, daß sie nicht einmal den Zins zahlen können. Sie können sich also nichts auf die Seite legen. Wittelshöfer: Welchen Lohn hat nach Ihren Wahrnehmungen die große Mehrzahl? — Exp. Klusüöek: fl. 1, höchstens fl. 1'20, übernatürlich nur während der Saison. Wittelshöfer: Haben Sie bemerkt, daß das Uebergehen zu einem anderen Berufe sür die Schneiderinnen schwer ist, die ja in der Regel eine schwächliche Constitution haben? — Exp. Klusüeek: Ja, sie bekommen auch schwer etwas Anderes, weil man in allen Berufen beinahe einen Ueber- fluß hat, besonders an weiblichen Kräften. (Ueber Befragen des Herrn Dr. Schwa b.) Bei mir wird nach Tag gezahlt; die Arbeitszeit beträgt 9's Stunden. Die Mädchen müssen Arbeit nicht nach Hause nehmen. An Sonntagen wird gearbeitet, obzwar ich vom Anfang an der Frau gesagt habe, daß das nicht sein soll. Ich selbst habe nur einmal am Sonntag, über Ersuchen der Frau gearbeitet. Gezahlt wird am Sonntag wie für gewöhnliche Stunden. (Ueber Befragen des Vorsitzenden.) Die Sonntagsarbeit ist im Allgemeinen noch häufig. In einem größeren sehr feinen Stadtgeschäfte arbeiten zweiFrauen- schneider; dort wird für Aristokratinnen seine französische Arbeit nach Modellen aus Paris gemacht. Die Frau reist jährlich zwei- bis dreimal nach Paris wegen der'Modelle. Im Herbst war dort sehr viel zu thun, und dennoch hat man Frauenschneider, welche sich angefragt haben, obzwar auch Platz genug wäre, um Arbeiter unterzubringen, nicht aufgenommen, sondern man hat die anderen zwei täglich von 7 bis 9 oder 10 Uhr und am Sonntag arbeiten lassen. Ich habe das zu spät erfahren, sonst hätte ich früher die Anzeige gemacht. (Ueber Befragen des Vorsitzenden.) Das Local, in dem ich jetzt arbeite, ist ein lichtes Zimmer mit zwei Fenstern im dritten Stock. Die Gasse ist aber schmal, und an finsteren Tagen muß man anzünden. In der Saison ist das Zimmer zu klein. Gleich wie ich eingetreten bin, habe ich darauf hingewiesen, und die Frau hat gesagt, das Ärbeits- local wird im Frühjahr vergrößert werden. Die Frau hat aber nichts gethan, sie hat mir aber jetzt versprochen, daß sie das Schlafzimmer dazu nehmen wird. Ich nehme mich darum immer an, daß die Fenster ausgemacht werden, damit frische Luft hereinkommt. Das ist der Frau auch nicht recht, aber weil sie sieht, daß ich nicht nachgebe, so muß sie sich daran gewöhnen. Ich habe gesagt, die beste Ventilation wäre eine, die im Fenster angebracht ist. Da hat die Frau gesagt: Was Sie nicht Alles haben möchten! Vorsitzender: Haben Sie noch etwas vorzubringen? — Experte Klusäöek: Ich habe in einem Geschäfte über ein Jahr gearbeitet, welches kein Institut für Lehrfränlein ist und trotzdem sechs bis sieben Lehrmädchen beschäftigt. Es heißt immer, die Mädchen werden dort nur ausgelernt, sie müssen aber zwei Jahre warten, bevor sie ein Buch bekommen, und werden dann von der Genossenschaft nicht freigesprochen. Nach zwei Jahren bekommen sie ein Buch als Hilssarbeiterinnen. Ich habe selbst schon darüber die Anzeige gemacht, aber so viel mir bekannt ist, ist von der Behörde nichts bisher geschehen. rUeber Befragen des Herrn Wittelshöfer.) TieseMädchen 179 sind nicht aufgednngen. Sie wissen das auch, aber die Eltern werden das nicht wissen. Ich hätte mich schon bemüht, die Eltern aufzuklären, aber ich konnte die Adressen nicht erfahren. Vorsitzender: Da wäre es Sache der Genossenschaft, einzugreifen. — Exp. Klusäöek: Ich habe ohnedies beim Gehilsenausschuß die Anzeige gemacht, dieser hat sich darum angenommen, die Behörde aber nicht. P e rn ersto rs er: Sie gehören der Organisation an? — Experte Klusäöek: Ja, aber unsere Organisation ist mehr ein Personencultns. Sie kümmert sich um die wirthschaftliche Lage der Arbeiter nicht, sie thut auch nichts für die Ausbildung der Arbeiter, wie es der Fachverein der Schneider thut. Pernerstorfer: Welcher Organisation gehören Sie denn an? — Exp. Klusäöek: Dem Fachverein der Schneider und Schneiderinnen Wiens schon vier Jahre. Pernerstorfer: Haben Sie deswegen nie einen Anstand gehabt; Sie scheinen sich ja um die Dinge zu kümmern? — Exp. KlusLöek: Man hat mich auch schon einen Krakehler genannt und hat mich im vorigen Jahre gemaßregelt, indem man mich hat länger aussetzen lassen als nöthig gewesen wäre. Ich habe damals nur 26 Wochen gearbeitet. Das war in dein früher erwähnten feinen Salon, wo Sonntag gearbeitet wird. Mittels höfer: Glauben Sie, daß es deswegen geschah, weil Sie einer Organisation angehören? — Exp. KlusLöek: Nein, sondern deshalb, weil ich für die Ordnung eingetreten bin, hat mich die Frau so gemaßregelt. Sie hat gesagt, er ist ein guter Arbeiter, aber er glaubt, er im-- ponirt mir, wenn er dies und jenes fordert. Nun sind dort sehr große Uebel- stände in dem Zimmer, wo die Schößenarbeiterinnen sitzen; das sind vielleicht zehn Mädchen. Es brennt den ganzen Tag das Gas, es werden die Eisen gehitzt, da wird der Kaffee gekocht, Milch und Thee, und in der Nacht legt sich das Dienstmädchen, ein bojähriges Weib, in dem Zimmer nieder, sperrt die Fenster zu, und sie werden erst wieder aufgemacht, wenn die Arbeiterinnen Früh kommen. Manchmal arbeitet man bis zehn Uhr Abends. Es wird nicht geöffnet, und Früh kommen die Arbeiterinnen da hinein. Gegen diese Uebelstände bin ich ausgetreten, und da bin ich gemaßregelt worden. Pernerstorfer: Sind nicht auch die Arbeiterinnen selbst schuld, daß nicht geöffnet wird? — Exp. Klusäöek: Es kommt auch vor, daß sie dagegen sind, weil sie fürchten, daß sie sich erkälten, oder es sind die Commandoführer — und solche gibt es in jedem Geschäfte — dagegen. Vorsitzender: Wir haben heute wiederholt vou sogenannten Fräulein gehört und auch von solchen, die in Instituten lernen und dann in Salons arbeiten. Ist die Genossenschaft dagegen nie aufgetreten? Es werden da auf einer Seite Mädchen freigesprochen, auf der anderen Seite aber Leute beschäftigt, die nur dadurch unterbieten können, daß sie in einer günstigeren Situation sind. — Exp. KlusäSek: Unsere Meister in der Genossenschaft kümmern sich darum gar nicht. Der Gehilsenausschuß hat sich darum angenommen, ich selbst bin mehrere Male aufgetreten, daß die Einen zwei Jahre lernen müssen, die Anderen lernen nur drei bis vier Monate und gehen dann in ein Geschäft als Hilfsarbeiterinnen mit dem Büchel, wodurch den Arbeiterinnen, die darauf angewiesen sind, Concurrenz gemacht wird. Vorsitzender: Nimmt diese Concurrenz zu? — Exp. Klusäöek: Ja. Solche Mädchen, die in Instituten lernen, drängen sich immer mehr in die Geschäfte. P ern ersto rf er: Ist denn die Lernzeit von drei bis vier Monaten ausreichend? — Exp. K lusäSek: Für einen Meister, der das Geschäft versteht, nicht. Aber wir haben Geschäfte, welche Frauen leiten, die gar 12 « 180 keinen Dunst von der Schneiderei haben. Sie kümmern sich auch wenig um das Geschäft, schauen nur, daß sie billige Kräfte bekommen, die sich abmartern, und überlassen Alles den Commandanten. Da gibt's oft Schimpfereien und Streit über die Arbeiterinnen, die billig arbeiten und nichts können. Herrdegen: Kommen auch aus der Schule des Frauenerwerb- vereines Mädchen in Ihre Branche? — Exp. K lusäc- ek: Es ist möglich, aber ich weiß es nicht. Dr. Brezina: Wie kommt es dann, daß Geschäfte, welche solche minderwerthige Mädchen verwenden, dennoch einen großen Umsatz haben? — Exp. Ktusäcek: Da müssen die Arbeiterinnen'herhalten, sie werden gejagt und gehetzt und die müssen gutmachen, was die Anderen verderben. Dr. Ärezina: Es scheint also, daß durch eine veränderte Arbeitseintheilung es solchen Geschäften möglich ist, die Arbeiten, welche eine geringere Geschicklichkeit erfordern, durch diese Mädchen machen zu lassen, währenddem man die schwierigeren Arbeiten den vollständig Ausgelernten überträgt. — Exp. Klusäöek: Es wäre das einzig Richtige, wenn solche nicht Ausgelernte überhaupt nicht verwendet werden. Ohnehin beklagen sich die Kunden über die schlechte Arbeit für das viele Geld. Mittels höfer (zur Exp. Nr. 54): Waren in dem großen Salon, wo Sie früher waren, viele Arbeiterinnen, welche nicht die Lehrzeit durchgemacht haben? — Exp. Nr. 54: Tort nicht so viele, wie in dem Geschäft, wo ich jetzt bin. Vorsitzender: Zu was für Arbeiten werden diese Fräulein ver- wendet? — Exp. Nr. 54: Meist zu kleineren Arbeiten, zum Stafsiren, Bandelnannähen u. s. w. Dr. Ofner: Wir haben gestern gehört, daß in einem Salon zwei Drittel der Mädchen aus sogenannten besseren Kreisen sind. Ist es bei Ihnen auch so? — Exp. Nr. 54: In dem Salon, wo ich bin, sind zwei aus dem Mittelstände, die aus Instituten gekommen sind. Dr. Osner: Ich meine, wie viel Salonsrüulein in Ihrem Geschäfte sind, welche zu geringeren Preisen arbeiten, weil sie es nicht nöthig haben? — Exp. Nr. 54: Man kann sagen sechs, welche nicht daraus anstehen, von 20. Herrdegen: Lernen aber diese Mädchen allmülig in dem Geschäfte auch die anderen Arbeiten, so daß sie sich dort ausbilden? — Expertin Nr. 54: Ja. Herrdegen: Werden sie dann so bezahlt wie eine ausgebildete Arbeiterin? — Exp. Nr. 54: Bei diesen Fräulein kommt es auch vor, daß sie selbstständig werden. Herrdegen: Das sind also Mädchen, welche sich eine größere Vorbildung angeeignet haben. Wie lange bleiben denn solche Mädchen im Geschäft ? — Exp. Nr. 54: Das ist nicht gleich. Manche heiraten, manche ist längere Zeit da und wird dann als verheiratet selbstständig. Herrdegen: Wie lange braucht denn ein Mädchen, welches aus einem Institut kommt, um in ihrem Geschäft so viel zu lernen, daß sie sich selbstständig machen kann? — Exp. Nr. 54: Fünf bis sechs Jahre. Herrdegen: Wechseln diese Mädchen häufig? — Exp. Nr. 54: Jene, welche mehr, also 70 kr., bezahlt bekommen. Aie um 40 kr. behält die Frau lieber. Witte lshöfer: Steigen die Löhne auch für die Mädchen aus besseren Kreisen, wie für die anderen? — Exp. Nr. 54: Jedes Jahr 10 kr. Zulage. Vorsitzender: Hat vielleicht Jemand von den Experten noch etwas zu bemerken? — Exp. Nr. 50: Ich möchte constatiren, daß zwei Expertinnen nicht kommen konnten, weil sie fürchteten, daß sie gemaßregelt werden. — Exp. KlusäSek: Ich bin ersucht worden, zwei Mädchen von unserem Salon herzubringen. Ich habe mich auch heute im Geichäfte sehr bemüht. Es ist aber aus Angst keine mitgegangen. Ich habe ihnen zugeredet. Ich > «i »»> I ls ^^TMV riTA»»^ 181 habe ihnen die Anordnung gezeigt und gesagt, man will nur einen Ueber- blick bekommen über die Verhältnisse der Arbeiterinnen, sie sind aber nicht gegangen. In den Fachverein kann man sie auch nicht bringen, obwohl das sehr nützlich wäre. Sie könnten dort Bücher lesen und Schnittzeichnen lernen. — Exp. Nr. 53: Ich möchte bemerken, daß ein Fräulein dort, wo ich diese Woche gearbeitet habe, beschäftigt ist, die in einem bekannten Institut gelernt hat. Eine ältere Schwester von ihr hat 14 Monate dort gelernt. Sie war nicht aufgedungen. Nun hat sie dort eine Probearbeit gemacht und hat den Lehrbrief bekommen. Ich habe mich unzählige Male bemüht, einen Lehrbrief zu bekommen. Ich habe ein Jahr lang gelernt und zwei Jahre in demselben Geschäft gearbeitet und habe kein Zeugniß bekommen, obwohl ich die Kosten bezahlen wollte. Bei diesem Fräulein ist das gegangen, weil der Jnstituts- Jnhaber sich für sie bemüht hat. Schluß der Sitzung 10 Uhr. 11. Sitzung, Dienstag, 10. Mär; 1896. Vorsitzender: Pros. Dr. v. Philipxooich. Beginn 7 Uhr Abends. Vorsitzender: Wir haben heute Experten aus der Branche der Posamentirer lPassementerie). Expertin Nr. 57 (auf Befragen des Vorsitzenden): Ich bin in einem mittleren Betriebe beschäftigt; früher war ich in einem großen. Im großen Betriebe habe ich gelernt und weiter gearbeitet. Dann kam ich in einen anderen und endlich in den jetzigen. In dem großen Betriebe, wo ich lernte, machten wir Möbelarbeit. Es waren dort etwa 30 bis 35 Arbeiterinnen, davon 20 bis 25 Lehrmädchen. Ich war drei Jahre Lehrmädchen. Es werden jährlich zwei bis drei freigesprochen. Vorsitzender (zum Experten U): Welche Arbeit machen die Frauen? — Experte U: Am Stuhl arbeiten nur Männer, und zwar an jedem Stuhle einer. Dann kommt die Arbeit zum Tische, und die Arbeiterinnen müssen sie fertigstellen. Vom Stuhle kommt das lose Gewebe, das muß geknüpft werden, und dann werden die Quasten eingeknüpft. Exp. Nr. 57 (über Befragen): Die Arbeiterinnen recrutiren sich aus Arbeiterkreisen. Wir werden nach der Woche entlohnt und bekommen fl. 3 bis 6. Die Lehrmädchen bekommen fl. 1-50, dann fl. 2 und 2'50. Bis Eine fl. 3 verdient, dauert es zweieinhalb Jahre. Dann steigt sie immer um 50 kr. bis fl. 6, je nachdem sie etwas kann. Ich habe nie fl. 6 verdient, sondern nur fl. 5'50 oder 5. Im Winter, wenn das Geschäft schlecht geht, werden wir schlechter bezahlt. Die Saison ist von August bis Jänner. Vorsitzender: Wie erfolgt die Steigerung des Lohnes? — Exp. Nr. 57 : Man muß den Herrn darum anredeu, daß er den Lohn erhöht. Vorsitzender: Werden Ihnen Abzüge gemacht? — Exp. Nr. 57: Wenn man nur um zwei Minuten zu spät kommt, wird schon abgezogen. Vorsitzender: Haben Sie eine Arbeitsordnung ? — Exp. Nr. 57: Ja. Vorsitzender: Haben Sie dieselbe in die Hand bekommen? — Exp. Nr. 57: Sie hängt an der Wand. Vorsitzender: Wissen Sie, was darin steht? — Exp. Nr. 57: Damals habe ich es gewußt, jetzt weiß ich's nicht mehr. 182 Vorsitzender: Wer hatte die Strafen zu verhängen? — Expertin Nr. 57: Der Werkmeister. «Ueber Befragen.) Wenn ein Lehrmädchen etwas nicht recht machte, hat sie auch gleich zahlen müssen; manchmal 20 kr., auch 50 kr., ganz nach Willkür. Wenn sie z. B. sich mit dem Auskehren getummelt haben und nicht ganz gut ausgekehrt war, wurden 50 bis 50 kr. abgezogen. Vorsitzender: Wenn ein Mädchen aber an der Arbeit etwas schlecht gemacht hat, ist da auch abgezogen worden? — Exp. Nr. 57: Deshalb waren keine Strafen. (Ueber Befragend Wir haben auch Heimarbeiterinnen. Diese machen dieselbe Arbeit; sie werden aber sehr schlecht bezahlt. Ich kann die Betrüge nicht angeben, da ich solche Arbeit nie gemacht habe. Die Arbeit im Geschäfte dauert, wenn nicht viel zu thun ist, von 7 bis 0 Uhr. Wenn sehr viel zu thun ist, wird bis 8 und manchmal bis 0 Uhr gearbeitet. Zu Mittag ist eine Stunde Pause, Vor- und Nachmittags je eine Viertelstunde. Während der Mittagspause sind wir im Betriebe, wo ich lernte, nicht im Vocale geblieben. Dasselbe ist unterdessen gelüstet worden. Das Local dort ist überhaupt sehr dunstig und schwül. Für Überstunden bekommen wir den gleichen Lohn pro Stunde, wie er sonst auf die Stunde nach dem Wochen- lohn entfiel. So viel Stunden, so viel Sechserln. Wenn das Geschäft schlecht ging, sind wir mit fl. 5, 3'50 und 4 nach Hanse gegangen. So wurden z. B. die ganze Woche hindurch dreiviertel Tage gearbeitet, und da ist uns jede Stunde, ja jede Minute abgezogen worden. Vorsitzender: Sie sagen, 10 kr. pro Stunde. Bei einer 10- bis llstündigen Arbeitszeit macht das fl. 1'10 und in der Woche fl. 0 bis 6B0 aus. Das stimmt nicht mit dem Lohne von fl. 4'50? — Exp. U: Die Fabrik rechnet nur nach Stunden. Man hat für die Stunde 10 kr. Werden zehn Stunden gearbeitet, so macht das fl. 1; werden nur sieben Stunden gearbeitet, so sind das 70 kr., und das macht pro Woche fl. 4'20. Vorsitzender: Sie sind also nicht im Wochenlohn, sondern im Stnudenlohn gestanden? — Exp. 1": Der Tnrchschnittslohn betrug 5 bis 10 kr. pro Stunde, also fl. Z pro Woche bei zehnstündiger Arbeitszeit. Exp. Nr. 57: Kündigung war im Betriebe, wo ich lernte, nicht. Auch die Arbeiterinnen konnten jeden Augenblick fortgehen. Das stand in der Arbeitsordnung. Dr. Schwiedland: Welche Arbeit machten Sie? — Exp. Nr. 57: Fransen und Embrassen für Fenstervorhänge. Dr. Schwiedland: Wurde diese Arbeit immer von Frauen gemacht? — Exp. Nr. 57: Ja. Dr. Frey: Wie kamen Sie in den Betrieb, wo Sie lernten? — Exp. Nr. 57: Durch Nachfrage. Arbeitsvermittlung gibt es keine. (Ueber Befragen.) So lange ich dort war, ist an Sonn- und Feiertagen nicht gearbeitet worden. Dr. Rauchberg: Sie sagten, es sei vorgekommen, daß nicht die ganze Zeit gearbeitet wurde. Wie oft kam das vor ? — Exp. Nr. 57: Im Betriebe, wo ich lernte, machen sie sehr oft dreiviertel Tage. Das ist sehr ungleich. Jetzt ist es am schlechtesten. Da wird bis '^4 Uhr gearbeitet. Dann kommt wieder eine Arbeit, und es geht wieder bis 0 Uhr. Dr. Rauchberg: Gilt das für den ganzen Betrieb? — Expertin Nr. 57: Ja. Da müssen Alle fortgehen. Ganz ausgesetzt wird aber nicht. (Ueber Befragen des Vorsitzenden.) Das Arbeitslocal ist ebenerdig, im Hose. Es hat drei Fenster in den Hos und ein Glasdach. Gelüftet wird oben und auch durch die Ventilation. Bei der Arbeit entwickelt sich sehr viel Staub. Die Reinigung besorgen die Lehrmädchen nach Feierabend, wenn die Arbeiter fort find. Der Fußboden wird sehr selten gewaschen. Das Mittagessen haben wir nicht im Arbeitslocale eingenommen, die Meisten sind in's Kaffeehaus gegangen. Das Gabelfrühstück und die Jause haben wir im Arbeitslocale gegessen. Wasser zum Waschen war vorhanden. Wir haben bei der Arbeit 183 dieselben Kleider getragen wie auf der Straße. Als ich in der Fabrik war, war ich beim Fachverein, der Unternehmer hat aber nichts davon gewußt. Vorsitzender: Wie war das Verhältniß zwischen den Arbeiterinnen und dem Werkführer? — Exp. Nr. 57: Der Werkführer war ein sehr ordentlicher Mensch. Dr. Ofner: Waren dort Lehrmädchen, welche im Hause wohnten? — Exp. Nr. 57: Nein. Dr. Rauchberg: Wie wohnen Sie? — Exp. Nr. 57: Wir haben ein Cabinet, nicht direct vom Hausherrn, und bezahlen fl. 5'20 monatlich. Die Wohnung besteht aus Zimmer, Küche und Cabinet. Die Wohnungsinhaberin hat eine Stickerei. Andere Aftermiether sind in der Wohnung nicht. Wir haben unsere eigenen Möbel. Kinder haben wir nicht Experte H- Vo gels iWerkführer in einem großen Betriebe): Die Betriebe in Wien theilen sich in die Möbelbranche, Galanteriewaaren- und Goldbranche. Am meisten wird in Wien Möbelposamentrie erzeugt. Dazu gehören Schnüre, Quasten, Fransen, Embrassen und Alles, was zur Deco- ration der Zimmer und der Möbel dient. Die Arbeiterschaft der Möbelbranche besteht aus Schnurdrehern und Hilfsarbeiterinnen. Die ersteren machen die Weberei und richten die Arbeit zu. Die Arbeit wäre nicht so ungesund, wenn die Arbeiter nicht so getrieben würden, damit sie möglichst viel leisten. Das kommt aber wieder von der großen Concnrrenz. Die Arbeiterinnen machen die Hand- und Näharbeiten. Die Quasten machen sie jedoch nicht vollständig fertig, sie stellen sie zusammen und machen die Köpfe derselben. Die Fransen bekommen sie zugerichtet und schlagen sie dann auf ein Brett ein. In der Schnurdreherei werden in Wien keine Mädchen beschäftigt, während dies in Deutschland der Fall ist. Auch beim Bortenbinden und Fransenmachen, in der Weberei, sind keine Arbeiterinnen, früher waren welche dabei beschäftigt. Ich glaube, es gibt noch einzelne Geschäfte, die ausnahmsweise dabei auch Frauen beschäftigen. Die Arbeit der Frauen erfordert mehr Geschicklichkeit als Kraft. Die Arbeit wird hauptsächlich mit der Nadel vollführt. Wenn z. B. eine Quaste gemacht wird, so werden zehn bis zwölf Rollen feine Seide genommen. Diese kommen auf einen Ständer, der aus mehreren Drähten besteht; auf jeden Draht kommen drei bis vier Rollen und dann schweift die Arbeiterin mit zehn bis zwölf Fäden und zieht die Fäden lang. Diese werden dann auf eine Rolle gewickelt, und von dieser Rolle werden die Köpfe der Quasten überwickelt mittelst Zwirn und Nadeln. Dann wird der Kopf mit Zierschnürchen überlegt und einge- spult, so daß die ursprüngliche Form des Holzkopfes herauskommt. Dann wird die Quaste zusammengenäht, sodann schlägt die Arbeiterin sie auf ein Brett, dreht sie ab, und das Ganze wird zusammengestellt. Die Arbeiterin besorgt auch die eigentliche Fertigstellung der Fransen, doch macht sie auch hier nicht den ganzen Proceß. Diese Arbeit erfordert besondere Geschicklichkeit. In Wien beträgt die Lehrzeit drei Jahre; ich möchte sagen, so lange wie nirgends auf der Welt in diesem Geschäfte. Während dieser Zeit bekommen die Mädchen sl. 1'50 pro Woche, und das steigt bis zu fl. 2'80 und auch fl. 3. Vorsitzender: Welche Lehrzeit würde genügen? — Exp. Vogels: Wie in Deutschland, höchstens drei Monate. Das Mädchen lernt einen Artikel in vier Wochen, dann wird sie bei diesem Artikel beschäftigt, und so zeigt man ihr einen Artikel nach dem anderen, und wenn ihre Lehrzeit zu Ende ist, bekommt sie denselben Lohn wie jede andere Arbeiterin. Der Fabrikant beschäftigt sie dann in seinem Interesse mit der Arbeit, die sie am besten kann, und nach und nach erwirbt sie sich die Fertigkeit auch bei den anderen Artikeln. Ich glaube, daß eine solche Arbeiterin 'mehr versteht als hier eine, die drei Jahre lernt. Bei uns sind etwas über die Hälfte Lehrmädchen, die kleinere Hälfte Arbeiterinnen. Dr. Verkauf: Kommt es nicht auch vor, daß Lehrgeld gezahlt wird? 184 — Exp. Vogels: Das kann ich von Wien nicht sagen, glaube es aber bezweifeln zu dürfen. Meistens zahlt jeder Lehrherr etwas. Die hiesige Arbeiterbevölkerunq ist ja sehr arm, und es würde nur wenige geben, die etwas zahlen könnten. Dr. Verkauf: Kommt es nicht doch vor, daß in einzelnen Fällen Mädchen aus den besseren Kreisen zahlen, damit sie die Sache rascher erlernen? — Exp. Vogels: In Deutschland kommt das vor. In Wien sind mir aber solche Fälle nicht bekannt. — Exp. U: Die Mädchen in unserer Branche recrutiren sich ausschließlich aus Arbeiterkreisen. Mir ist es nie vorgekommen, daß eine aus den besseren Kreisen zu unserer Branche gegangen wäre. Dr. Schwiedland: Wie viele Männer haben Sie in Ihrem Betriebe ? — Exp. Vogels: Gewöhnlich ungefährhalb so viele als Arbeiterinnen (ohne die Lehrmädchen), dazu sieben bis acht Lehrlinge. Dr. Schwiedland: Ich glaube, daß dieses Verhältniß in Ihrer Branche vorwiegt: es sind doppelt so viel Frauen beschäftigt als Männer. Meines Wissens ist aber ein großer Unterschied zwischen der Technik in Deutschland und der hiesigen. — Exp. Vogels: Die großen Betriebe hier sind ganz so wie die in Deutschland. Es sind in Deutschland weniger Maschinen als in Wien. Das kommt daher, daß in Deutschland die Arbeitskraft mehr ausgenützt wird. Die Wiener Arbeiter sind nicht im Entferntesten das zu leisten im Stande, was die deutschen Posamentirer leisten müssen, sowohl die Gehilfen als auch die Arbeiterinnen. Das liegt nicht so sehr an der Fähigkeit, als an der Einteilung. Wir beschäftigen hier sechs Schnurdreher; in Deutschland würden in diesem Raume blos drei beschäftigt sein. Dr. Schwiedland: Sind die Löhne höher? — Exp. Vogels: Etwas höher, und die Lebenshaltung ist billiger. Dr. Schwiedland: Es wurde behauptet, daß in Ihrer Branche die Frauen besser bezahlt werden als die Männer. — Exp. Vogels: Das ist nicht richtig. Der Fall wird nicht vorkommen, daß ein Mann fl. 3 bis 4 verdient. Der Durchschnittslohn der Männer ist vielmehr fl. 10. Dr. Schwiedland: Die Behauptung steht im Protokoll der Gewerkschafts-Enquete von 1892/93. — Exp. Vogels: Sie ist unrichtig. Dr. Schwiedland: Findet Verdrängung der Männerarbeit durch die Frauenarbeit statt? — Exp. Vogels: Jetzt nicht mehr. Dieser Proceß mag seit 20 bis 25 Jahren zu Ende sein. Dr. Schwiedland: Konnten Sie in den letzten Jahren Verschlechterung der Löhne constatiren? — Exp. Vogels: In Deutschland nicht, im Gegentheil. Dr. Ofner: Ich verstehe nicht ganz, wenn Sie sagen, daß in Deutschland mehr geleistet wird, ohne daß dort bessere Maschinen sind, auch die Arbeiter nicht intelligenter sind und die Arbeitszeit nicht länger ist. — Exp. Vogels: Die Arbeiter müssen mehr leisten, sie müssen intensiver arbeiten. In vielen Fabriken gibt es dort Stückarbeit, die hier nicht existirt. Und wenn der Arbeiter im Wochenlohn ist, so wird ihn der Fabrikant entlassen, wenn er sieht, daß er nicht das leistet, was er bei einem Minimallohn von 24 Mark pro Woche von ihm verlangen zu dürfen glaubt. Engel: Sie haben zwischen den deutschen und den hiesigen Lehrmädchen eine Parallele gezogen und behauptet, daß die Mädchen draußen in drei Monaten dieselbe Geschicklichkeit haben wie hier die Mädchen, die drei Jahre lernen. Ist das auf höhere Intelligenz zurückzuführen? — Exp. Vogels: Die Intelligenz trägt dazu weniger bei. Die Mädchen an einem Tisch, etwa 20, übernehmen eine bestimmte Ärbeit. Die erste Arbeiterin weiß: die kann diese und die jene Arbeit besser machen, und darnach vertheilt sie dieselbe. In Folge dessen kann die Arbeitskraft besser ausgenützt werden, und die Arbeiterin, wenn sie auch nicht so lange gelernt hat, ist im Stande, gut und rasch zu arbeiten. Hier müssen aber die Lehrmädchen auch dem 16 ö Schnurdreher das Drehrad drehen. Das ist eine sehr schwere Arbeit, und es gibt viele Mädchen, die ganz schief sind, wenn sie ausgelernt haben. Ich Aebe zu, daß in Berlin die Lehrmädchen auch intelligenter sind, weil sie stch auch aus besseren Kreisen recrutiren. Sie haben bessere Schulen besucht. Dr. Verkauf: Nach welcher Zeit kommt hier ein Lehrmädchen überhaupt zur gewerblichen Ausbildung? Bekommt sie sofort eine gewerbliche Arbeit in die Hand, wenn sie eintritt? — Exp. Vogels: Wo ich bin, schon am selben Tage. Dr. Verkauf: Haben die Mädchen viele Gänge zu verrichten? — Exp. Vogels: In unserer Fabrik ist ein eigenes Laufmädchen. Dieses reicht aber nicht aus, um alle Gänge zu besorgen, die nothwendig sind. Ich muß also auch die Lehrmädchen dazu verwenden. Der Chef sieht es aber ungern. Ich habe hier jedes Mädchen mit Fräulein angesprochen. Das ist mir aber sehr verübelt worden. Dr. Verkauf: Kommt es in Berlin nicht vor, daß man die Mädchen auf die Straße schickt? Welche Zeit verbringt bei Ihnen ein Mädchen im Jahre aus der Straße? — Exp. Vogels: Ich schicke täglich vielleicht sechs Mädchen fort, und die bringen jedesmal etwa eine Stunde draußen zu. Nun haben wir aber 30 Lehrmädchen. Dr. Verkauf: Schicken Sie auch diejenigen, die schon im letzten Jahre sind? — Exp. Vogels: Ausnahmsweise auch. Die im ersten Jahre müssen oft dreimal des Tages gehen. Die Jüngsten müssen auch die häuslichen Arbeiten verrichten. Dr. Verkauf: Wird bei Ihnen auch eine Frühstückspause gehalten? — Exp. Vogels: Wir haben keine Pausen. Dr. Verkauf: Wem sind die Mädchen zur Abrichtung zugewiesen? — Exp. Vogels: An jedem Tische befindet sich eine erste Arbeiterin. Dr. Verkauf: Hat sie die nöthige Zeit? — Exp. Vogels: Ja. Dr. Verkauf: Wenn ein Mädchen zu arbeiten anfängt, wird sie da zuerst zu der leichtesten Arbeit verwendet? — Exp. Vogels: Ja, man geht da ganz systematisch vor. Freilich kommen auch Fälle vor, wo man davon abgehen muß. Es ist zeitweise ganze Wochen hintereinander nur schwierigere Arbeit. Da muß man eben vorgreifen. Dr. Verkauf: Ist die Art der Unterweisung hier von der in Berlin verschieden? — Exp. Vogels: Das ist überall so. Dr. Frey: Sind Sie auch der Meinung, daß eine dreijährige Lehrzeit nicht nothwendig wäre? — Exp. Vogels: Wenn das Mädchen eine fertige Arbeiterin sein soll, ist die Lehrzeit nicht zu lang. Aber die Mädchen lernen beiweitem nicht Alles, was ihnen gelehrt werden müßte. Vorsitzender: Möchten Sie uns über die Beschäftigung der Arbeiterinnen am Trehrad Einiges angeben? — Exp. Vogels: Diese Erfahrung habe ich speciell hier gemacht, nicht in Berlin. Sie müssen manchmal bis zu einer ganzen Stunde drehen. Das ist für die schwach gebauten Mädchen entschieden nachtheilig. Es gab in unserem Betriebe sogar Mädchen, die Anfälle von Schwindsucht hatten. Ich selbst habe die Mädchen nie zu einer solchen Arbeit verwendet. Jeder Schnurdreher muß eine Hilfe haben. Wir haben einen Hilfsarbeiter. Das geht aber den ganzen Tag so fort und wenn wir keine Lehrmädchen zur Verfügung hätten, so brauchten wir sieben solche Hilfsarbeiter. Vorsitzender: Wollen Sie uns etwas darüber mittheilen, wie sich die Arbeit über die Saison vertheilt? — Exp. Vogels: In Wien gibt es nur eine Saison. Sie beginnt Anfangs September und dauert meist bis Mitte December. Man kann behaupten, daß circa sechs Monate im Jahre drei Vierteltage gearbeitet werden. Ausnahmsweise kommt dann eine Arbeit, die rasch fertig gemacht werden muß; dann bleiben fünf, sechs Arbeiterinnen da. 186 Vorsitzender: Werden während der Saison Ueberstunden gemacht? — Exp. Vogels: Wir haben vier Abende anstatt bis 6 bis 7 Uhr gearbeitet. Früher ist das häufiger gewesen. Vorsitzender: Wie sind die Lohne der Arbeiterinnen? — Experte Vogels: Die Arbeiterinnen, die aus der Lehre kommen, haben bei uns fl. 4. Nach einem halben Jahre oder je nach der Fähigkeit nach sieben, acht Monaten erhalten sie um 50 kr. mehr, bis sie fl. 5'50 erreicht haben — fl. 0 bekommt nur eine sehr gute Arbeiterin. Die ersten Arbeiterinnen haben fl. 7, das sind die Vorsteherinnen an den Tischen. Außer diesen hat nur eine Einzige fl. 7. Heimarbeiterinnen beschäftigen wir nicht. Es kommt aber häufig vor, daß die Mädchen Arbeit nach Hause nehmen. So viel ich weiß, sind sie nach hiesigen Begriffen gut dafür entlohnt worden. Sie verdienten, wenn sie die Arbeit verstanden, mehr als am Tage. Die Leute drücken aber selbst die Löhne herab. Durch das starke Angebot zur Hausarbeit ist man gezwungen, die Lohne herabzusetzen. Vorsitzender: Sind Viele verheiratet? — Exp. Vogels: Ich glaube, das sind nur vier. Vorsitzender: In welchem Alter sind die Ansgelernten ? — Experte V ogels: Gewöhnlich sind sie 18, 19 und 20 Jahre alt. Vorsitzender: Haben Sie auch alte Arbeiterinnen? — Experte Vogels: Wir haben eine, die schon 60 Jahre alt ist. Vorsitzender: Wissen Sie, ob die Arbeiterinnen von 19 und 20 Jahren von zu Hause Unterstützung haben? — Exp. Vogels: Einzelne sind bei ihren Eltern. Die Eltern betrachten den Verdienst der Tochter als eine Einnahme für sich. Bei den Lehrmädchen ist das sicher die Regel. Die Mädchen, die aus sich selbst angewiesen sind, können unmöglich mit ihrem Lohne auskommen. Dr. Rauchberg: In welchem Verhältniß steht die Zeit, in welcher dreiviertel Tag gearbeitet wird, zu jener, wo voll gearbeitet wird ? — Experte Vogels: Von Ende August bis Mitte December oder Anfangs Jänner wird voll gearbeitet, dann dreiviertel Tage. Dr. Rauchberg: Im Allgemeinen gelten also die Lohnsätze für die Hälfte des Jahres? — Exp. Vogels: Ja, für die andere Hälfte kommen 25 Percent in Abzug. Vorsitzender: Ist es richtig, daß in Ihrem Betriebe keine Kündigungsfrist besteht? — Exp. Vogels: Ja. Aber die Entlassung darf nach der Fabriksordnnng nur am Samstage stattfinden. Bei der Ausnahme werden die Arbeiterinnen auf die Fabriksordnung aufmerksam gemacht. Wenn sich eine dagegen sträubt (der Fall ist allerdings noch nicht vorgekommen), so hätte der Chef wohl oder übel zahlen müssen, denn er mußte es mit der Arbeiterin bei der Aufnahme ausdrücklich vereinbaren. Dr. Ofner: Kommen Abzüge vor? — Exp. Vogels: Ja. Wenn eine Arbeiterin zu spät kommt, und wenn es auch nur eine halbe Minute ist, werden ihr 10 kr. abgezogen. Das steht in der Fabriksordnung und würd strenge gehandhabt. Diese Gelder kommen in eine Casse, was aber mit ihnen geschieht, weiß ich nicht. Früher war es üblich, das Geld alle zwei Jahre unter die Arbeiterinnen zu vertheilen. In diesem Jahre hat der Chef eine Ausnahme gemacht, weil die Arbeiterinnen vor Weihnachten an ihn Forderungen bezüglich der Luft und der Heizung stellten. Eine Controle über diese Gelder steht den Arbeiterinnen nicht zu. Dr. Ofner: Was geschah damals? — Exp. Vogels: Im Arbeits- locale ist sehr schlechte Luft. Das Local befindet sich un Parterre in den Hof heraus und hat eigentlich keine Fenster. Es ist da nur der untere Theil, so eine Klappe, zu öffnen. Tann war ein doppeltes Glasdach, welches auch nicht zu öffnen ist. Nun hat der Chef über meine Intervention eine Ventilation anbringen lassen. Die Mädchen sind aber sehr verweichlicht. Sie / 187 können keine Luft vertragen. Wenn aufgemacht wird, verhüllen sich alle die Köpfe mit Tüchern. Dadurch werden sie fo verweichlicht, daß sie beim geringsten Zug Zahnschmerzen und Rheumatismus bekommen. Wenn man beim Reinigen des Locales gezwungen ist, die Fenster zu öffnen, fo ziehen sich die Lehrmädchen gleich eine Erkaltung zu. Auch die Heizung war schlecht. Das Local ist etwa 25 Meter lang, 18 Meter breit und 8 Meter hoch. Um halb 8 Uhr wird zu arbeiten angefangen, und um dreiviertel 8 wird erst eingeheizt. Bis sich die Wärme verbreitet, wird es 9 Uhr, und bis dahin müssen die Mädchen frieren. In der Regel geht aber das Feuer schon um halb 11 Uhr aus, und da muß man dem Hausmeister gute Worte bieten, daß er was zulegt. Nun sind die Arbeiterinnen an den Chef wegen Verbesserung herangetreten, und ich muß constatiren, daß es in diesem Winter schon besser gewesen ist. Vorsitzender (zur Expertin Nr. 57): Was können Sie über die Heizung aussagen? — Exp. Nr. 57 : Es sind immer nur sehr wenig Kohlen gekommen, nur ein halbes Kistel, und um 9 oder halb 10 war schon kein Feuer mehr in: Ofen. Vor sitze u der: Waun war das ? — Exp. Nr. 57: Im Jahre 1890 und 1891. Dann mußten wir den ganzen Tag in der Kälte sitzen, und wenn wir das nicht wollten, mußten wir uns selbst Kohlen kaufen. Vorsitzender: Müssen die Lehrmädchen einheizen? — Experte Vogels: Dazu wird die Jüngste bestimmt, die muß früher kommen. Vorsitzender: Wie lange müssen die Lehrmädchen, die das Local zu reinigen haben, bleiben? — Exp. Vogels: Eine halbe bis dreiviertel Stunden. Daran nehmen sämmtliche Lehrmädchen theil. Dr. Osner: Wird Mittags gelüstet, wenn die Arbeiterinnen fort sind? — Exp. Vogels: Gewöhnlich lüfte ich, manchmal vergesse ich es aber. Die Arbeiterinnen lüften nie. Dr. Osner: Wann wird das Local gewaschen? — Exp. Vogels: Das kommt im ganzen Jahre niemals vor. Eine Fnßbodenreinigung gibt es nicht. So lange ich dort bin, ist der Fußboden nicht gescheuert worden. Die Mädchen spritzen aus, und dann fegen sie. Gewöhnlich wird sehr wenig gesprengt, und sie werfen den Schmutz einen halben Meter hoch, daß man den Staub zwischen den Zähnen spürt. Dr. Osner: Werden auch die Wände nicht gereinigt? — Experte Vogels: Nein. Zu Weihnachten werden die Tische und Stockerln gewaschen. Dr. Osner: Können sich die Mädchen waschen, wenn sie fortgehen? — Exp. Vogels: Ja. Es werden ihnen auch Handtücher gegeben, für sämmtliche Arbeiterinnen und Lehrmädchen ein Handtuch. Dr. Osner: Sind die Aborte für Mädchen und Männer gemeinsam? — Exp. Vogels: Die sind getheilt; zwei für die Mädchen und einer für die Männer. Sie sind alle sehr unrein. Daran sind aber die Leute selbst schuld. Es ist auch keine Wasserleitung in den Aborten, wie dies bei uns in Deutschland Vorschrift ist. Wenn es dem Hausmeister nicht beliebt, Wasser in den Behälter hineinzugießen, so entwickeln sich Gerüche, die sich durch den Hof in die Werkstätte fortpflanzen. Auch der Canal steht mit der Werkstätte in Verbindung. Dr. Osner: Haben Sie das auch in anderen Fabriken bemerkt? — Exp. Vogels: Jch'habe in Wien noch keine andere Fabrik gesehen. Dr. Schmied land: Ist es richtig, daß die Hausindustrie in der Posamenterie so an Ausdehnung gewinnt, daß der Fabriksbetrieb unter Umständen ganz aufhört? Ju Berlin und Osnabrück soll das der Fall gewesen sein. — Exp. Vogels: Mir ist davon nichts bekannt. Die Möglichkeit wäre wohl vorhanden. Es wird aber nie dazu kommen, weil.immer ein langer Raum nothwendig ist, wo die Schnnrdreher beschäftigt sind. Die anderen Arbeiten könnten alle außerHanse verrichtetwerden. Soweitist es aber auch in Berlin nicht. - !- t 188 Tr. Schmied land: Wie steht es mit der Strashausarbeit? — Exp. Vogels: Das ist hier ein wunder Punkt. Mein Chef beschäftigt zwei Tritt- oder drei Vierttheile Strafhausarbeirer. Dr. Schwiedland: Wie viele freie Arbeiter gehen aus Ihrem Geschäft in die Fabrik, um die Sträflinge abzurichten? — Exp. Vogels: Das kann ich nicht constatiren. Das Strafhaus und die Fabrik sind in Garsten, und ich weiß nur, daß die Garstner Fabrik größer ist als die hiesige. Dort wird eine große maschinelle Thätigkeit entwickelt, es sind Maschinen mit zwölf Pserdekräften thätig. Dr. Schwiedland: Sehen Sie die Fabrikate von Garsten? — Exp. Vogels: Ja. Dr. Schwiedland: Sind diese Erzeugnisse in der Qualität schlechter? — Exp. Vogels: Die Qualität ist sehr schlecht. Wir bekommen z. B. halbfertige Fransen. Die Qualität ist aber sehr schlecht, weil die Arbeit von ungelernten Arbeitern gemacht wird. Dr. Schwiedland: Ueber die Lohnverhältnisse ist Ihnen nichts bekannt? — Exp. Vogels: Nein. Ich weiß nur, daß mein Chef 30 kr. vro Tag zahlt. Vorsitzender: Nach Ihren Angaben würden also in Garsten 150 Arbeiter beschäftigt? — Exp. Vogels: Er hat auch in St. Georgen in Ungarn eine Fabrik, wo auch 80 Arbeiter beschäftigt sind. — Experte Joses Heim: Bezüglich der Krankencasse kann ich nur sehr ungünstige Mittheilungen machen. Wir haben im Ganzen 754 männliche und 1818 weibliche Mitglieder. Ich kann aber constatiren, daß davon alle Jahre immer etwa die Hälfte im Krankenstände stehen. Das kommt daher, weil die Leute nicht so viel verdienen, daß sie ordentlich leben können. Die Mehrzahl der Arbeiterinnen lebt nur von Kaffee. Sie gehen in der Früh in die Sechs-Kreuzer-Kaffeehäuser und Mittags auch, und Abends nehmen sie zu Hause wieder Kaffee. Vorsitzender: Haben Sie da auch die Lehrmädchen mitgezählt? — Exp. Heim: Nein, die sind bei der Genossenschaft. Vorsitzender: Haben sie eine besondere Casse? — Experte Heim: Ja. Die Mehrzahl ist brustkrank, tuberculös oder hat Blutbrechen. Vorsitzender: Haben Sie darüber nicht eine genaue Statistik? — Exp. Heim: Ich habe sie nicht zur Hand. Ich werde aber den Bericht einsenden. Dr. Verkauf: Wie viele Sterbefälle haben Sie im Jahre 1895 gehabt? — Exp. Heim: 32. Tr. Verkauf: Wie viele Frauen? — Exp. Heim: Das ist nicht separirt. Dr. Rauchberg: Sind während der stillen Zeit mehr Erkrankungen als sonst? — Exp. Heim: Sobald die Arbeit nachläßt, haben wir auch um die Hälfte mehr Kranke. Ich habe von einer Arbeiterin einen Brief bekommen, in dem sie schreibt, ihr Mann, der auch Posamentirer ist, ist krank, sie verdient nichts, und die Mutter ist auch krank. Die Leute müssen ja vor Hunger krank werden. Vorsitzender: Haben Sie selbst in der Branche gearbeitet? — Exp. Heim: Ich habe in sehr vielen Fabriken gearbeitet. Vorsitzender: Können Sie uns über die Beschäftigung der Lehrmädchen etwas sagen? — Exp. Heim: In manchen Fabriken werden sie etwas besser behandelt, aber in den meisten wäre eine Aenderung nöthig. Die Lehrmädchen, die drei Jahre lernen, werden zum Auskehren, Gänge verrichten u. s. w. verwendet. Ich bin gegenwärtig noch in einer Fabrik. Tort ist nur ein Lehrmädchen. Ich war aber in einer Fabrik vier Jahre, wo zehn bis zwölf Lehrmädchen waren. Natürlich habe ich im Herbst immer aussetzen und mich um etwas Anderes umschauen müssen. Die Eltern sind meistens verpflichtet, für die Lehrmädchen vollständig zu sorgen, und sie müssen 18V auch das Aufdingen und Freisprechen bezahlen. Sie sind aber doch froh, wenn sie ein Mädchen unterbringen. Die meisten sind über 14 Jahre alt. Die Entlohnung ist sehr schlecht. Bei der Aufnahme wird ihnen gesagt, daß sie bis auf fl. 8 kommen können. Im ersten Jahre erhalten sie fl. 1 pro Woche. Im zweiten sollte das Mädchen fl. 2 bekommen, bekommt aber nur fl. 1'50, und im dritten, wo sie fl. 3 erhalten sollte, erhält sie erst vordem Freisprechen fl. 2. Vorsitzender: Sind Lehrmädchen dort auch zu Arbeiten verwendet worden, die mit dem Gewerbe nicht zusammenhängen? — Exp. Heim: Sie müssen Gänge verrichten, auskehren, und meistens müssen sie das Rad treiben. Erst wenn sie freigesprochen waren, haben sie eigentlich gelernt. Vorsitzender: Waren keine Lehrjungen da? — Exp. Heim: Sie wurden meistens bei der Börtelmaschine verwendet. Vorsitzender: Haben die Mädchen durch mehrere Stunden das Rad treiben müssen? —Exp. Heim: Auch einen halben und einen ganzen Tag. Wir haben drei, vier Schnurdreher gehabt, und da sind alle Tage drei, vier Mädchen zum Drehen beordert worden. Sie wurden dabei so müde, daß sie nicht mehr drehen wollten; aber die Gehilfen, die per Stück bezahlt sind, haben sie gezwungen. Vorsitzender: Haben die Lehrmädchen von den Gehilfen zu leiden gehabt? — Exp. Heim: Die haben ihr Recht behauptet. Wie die Eltern der Mädchen sich beklagten, ist eine Aenderung eingetreten; sie hat aber nicht lange gedauert. Vorsitzender: Was hat der Werkmeister gesagt? — Exp. Heim: Wir haben keinen gehabt. Vorsitzender: Und hat es der Herr geduldet? — Exp. Heim: Wenn die Gehilfen gesagt haben, die Lehrmädchen wollen nicht folgen, so haben diese noch eine Strafe bekommen. Vorsitzender: Waren nicht Vorsteherinnen da, die die gewerbliche Ausbildung der Mädchen zu überwachen hatten? — Exp. Heim: Die ersten Arbeiterinnen haben sich um die Mädchen nicht gekümmert. Vorsitzender: Kümmerten sich auch die Eltern nicht? — Experte Heim: Da hat es oft Streitigkeiten gegeben. Es ist ihnen immer versprochen worden, daß es anders werden wird. Bezüglich der Hausindustrie möchte ich bemerken, daß in einer anderen Fabrik fast alle Arbeiten außer Hause gegeben werden, und daß die Firma sich nur zehn bis zwölf Mädchen hält, die mit fl. 2 bis 3 entlohnt werden. Das ist, wie ich glaube, schon in mehreren Fabriken so eingeführt. Dr. Verkauf: Sind die meisten Arbeiterinnen bei der Krankencasse gemeldet? — Exp. Heim: Nein. Dr. Verkauf: Haben Sie keine Ahnung, wie groß die Zahl der Heimarbeiterinnen in Wien ist? — Exp. Heim: Nein. Vorsitzender: Es wurde gesagt, daß es Betriebe gibt, wo auch die Männer nur fl. 3 verdienen. — Exp. Heim: Das ist in einer gewissen Fabrik. Dort nimmt der Chef alle vacirenden Arbeiter auf. Man sagt, er hat ein Asyl für Posamentirer, damit sie bei Tag Unterstand haben. Er beschäftigt zwei, drei Arbeiter, und wenn die mit der Arbeit fertig sind, bekommen zwei, drei andere etwas zu thun. So geht es die ganze Woche fort, und es erhält dann Jeder in der Woche fl. 2 bis 3. Mich hat es einmal selbst so getroffen. Manchmal haben wir zwei Wochen auf Arbeit warten müssen, aber er hat uns doch am Samstag fl. 2, 3 L Conto gegeben, die wir dann später abarbeiteten. Er zahlt für mittlere Fransen 2 kr., und da muß man curios arbeiten, wenn man im Tag fl. 1-50 verdienen will. Ich bin im Durchschnitt auf 50 kr. pro Tag gekommen. Das geht bei jenem Chef immer so fort. Dr. Verkauf: Ist das in der guten und in der schlechten Zeit? 190 — Exp. Heim: Ja. Jeden, der kommt, nimmt er aus. Es verdient sich aber Keiner etwas, und er hat das Renommee, daß er viele Arbeiter beschäftigt. Vorsitzender: Da werden wohl mindere Fabrikate erzeugt? — Exp. Heim: Ja. Expertin Nr. 58: Ich arbeite bei einer Firma schon im siebenten Jahre. Es ist ein ziemlich großer Betrieb, der im Herbst wieder vergrößert wurde. Dies ist mein vierter Platz. Ich bin Tischarbeiterin. Im Betriebe sind gewöhnlich ungefähr 20 Arbeiterinnen, acht bis neun Lehrmädchen und neun bis zehn Männer. Es wird dort Möbelposamenterie erzeugt, Quasten, Fransen n. dergl. Die Lehrmädchen kommen meist aus Arbeiterkreisen. Sie fragen sich an, werden vorgemerkt, bis eine Stelle frei ist. Auch die aus- gelernten Arbeiterinnen verschaffen sich Arbeit durch directe Anfrage. Die Arbeitsvermittlung wird wenig benützt. Es findet auch nur ein geringer Wechsel der Arbeiterinnen statt. Nach der Saison werden nur einige entlassen. Die Arbeiterinnen verdienen fl. 4-50 bis 6 wöchentlich, die besseren fl. 6-50. Das ist Wochenlohn. Die Spulerinnen bekommen fl. 4. Das sind meist ältere Frauen. Mindere Arbeiterinnen, die nicht viel können, verdienen fl. 5 bis 5'50, die besseren fl. 6 bis 0'50. Ich habe fl. 7'50. Ich bin am Tisch die Erste, und meine Verantwortlichkeit ist auch größer als die der Anderen. Ich habe nur jene Lehrmädchen abzurichten, die an meinem Tische sitzen. Die Lehrmädchen haben, besonders in der ersten Zeit, häufig Gänge zu machen. Seit Kurzem haben wir eine Ausläufern:; es werden aber auch noch Mädchen fortgeschickt. Theilweise werden die Lehrmädchen auch zum Andrehen verwendet. Es sind auch ein Hausdiener und ein paar Lehrjungen im Geschäft. Auch die Spulerinnen werden dazu verwendet. Wer eben da ist, muß drehen. Manchmal dauert das länger, manchmal kürzer; oft nur eine halbe Stunde, hie und da auch einen ganzen Tag. Manche haben sich über Seitenstechen beklagt. Es sind dann Stärkere dazu genommen worden. Für Zuspätkommen werden Abzüge gemacht. Für fünf Minuten wird noch nichts abgezogen, da werden die Mädchen nur ausgemacht. Was mit dem Gelde geschieht, weiß ich nicht. Das gehört dem Herrn. Sonst gibt es keine Strafen. Ueberstunden haben wir in der Saison hie und da eine oder zwei. Die werden um 25 Percent besser bezahlt. Früher wurde auch Arbeit mit nach Hause gegeben. Seit wir aber sehr viele Hausarbeiterinnen bekommen haben, hat die Hausarbeit für die dort Beschäftigten aufgehört. Es wird sehr viel außer Hans gegeben. Diese Arbeiterinnen sind meist Arbeiterfrauen, die mehrere Kinder haben. Wie lange sie zu Hause arbeiten, weiß ich nicht. Sie müssen aber meistens die Nacht zu Hilfe nehmen, weil sie bei Tag mit den Kindern beschäftigt find. Sie müssen die Arbeit zur bestimmten Zeit abliefern. Diese Arbeiterinnen arbeiten viel billiger. Ob sie selbst daran schuld sind oder der Herr sie drückt, weiß ich nicht. Ich glaube aber, es wird die Schuld auf beiden Seiten liegen. So sind für einen Artikel anfangs 22 kr., dann 15 kr. gezahlt worden. Die Arbeiterinnen haben erzählt, daß andere Fabrikanten nur 12 kr. zahlen. Vorsitzender: Wann hat das aufgehört, daß Arbeiten mit nach Hause gegeben wurden? — Exp. Nr. 58: Seit zwei, drei Jahren. Vorsitzender: Geschah das früher häufig? — Exp. Nr. 58: In der Saison sehr oft. Vorsitzender: Wie lange haben Sie da gearbeitet? — Expertin Nr. 58: Bis 12, 1 Uhr. Vorsitzender: Wie ist das entlohnt worden? — Exp. Nr. 58: Besser. Wenn Eine pro Stunde 10 kr. gehabt hat, so ist sie bei der Nachtarbeit auf 14 bis 15 kr. gekommen. Vorsitzender: Haben Sie selbst auch so gearbeitet? — Expertin Nr. 58: Ja. 191 Vorsitzender: Was hat das für einen Einfluß auf die Tagesarbeit gehabt? — Exp. Nr. 58: In der ersten Zeit keinen. Wenn es aber länger gegangen ist, hat man schon große Mattigkeit verspürt. Vorsitzender: Ist das Tag für Tag gegangen? — Exp. Nr. 58: In der Saison täglich. Tr. Verkauf: Warum hat diese Hausarbeit aufgehört? — Expertin Nr. 58: Weil sich mehr Außerhansarbeiterinnen gefunden haben. Dr. Verkauf: Haben Sie Zeit dazu, die Lehrmädchen entsprechend auszubilden? — Exp. Nr. 58: Die Zeit hätte ich. Es ist aber dem Herrn nie angenehm, wenn man einem Mädchen zu viel zeigt, weil er so rechnet: Wenn sie mehr versteht, geht sie wo anders hin, verlangt mehr Lohn und bekommt ihn auch, sobald sie nämlich frei ist. Der Wechsel ist nicht groß, weil die Mädchen gezwungen sind, zu bleiben, um ihre Kenntnisse zu vervollständigen. Sie lernen meistens erst, wenn sie frei sind. Dr. Verkauf: Ist es bei Ihnen auch so, daß die in den kleinen Betrieben Ausgelernten dann in die großen Fabriken gehen? — Exp. Nr. 58 : Sie gehen gerne in die großen Fabriken, weil sie dort besser bezahlt werden. Dr. Rauchberg: Ist Ihnen bekannt, wie viel Hausarbeiterinnen bei Ihnen beschäftigt werden? — Exp. Nr. 58: In der' Saison zehn und mehr. Dr. Verkauf: Beschäftigen die wieder zu Hause Leute? — Expertin Nr. 58: Nein; höchstens wenn sie größere Kinder haben, die mithelfen. Wo ich gelernt habe, war eine Einzige, die drei, vier Arbeiterinnen zu Hause beschäftigt hat. Vorsitzender: Sind dies Arbeiterfrauen, die früher in derselben Branche gearbeitet haben? — Exp. Nr. 58: Das weiß ich nicht, vermuthe es aber. Vorsitzender: Könnte die Arbeit auch von solchen übernommen werden, die nicht in der Lehre waren? — Exp. Nr. 58: Die müßte Jemanden haben, der ihr behilflich wäre, und dann könnte sie nur in einem Artikel arbeiten. Vorsitzender: Wie werden die Lehrmädchen bezahlt? — Expertin Nr. 58: Die Lehrzeit ist drei Jahre. Anfangs bekommen sie fl. 1'50, dann fl. 3 bis 3'50. Die Arbeitszeit ist von 7 bis 6 Uhr. Zu Mittag ist eine Stunde frei, und seit dem Herbst haben wir auch eine Frühstücks- und Jausenpause. Es ist dafür keine Zeit bestimmt; so lange man eben zum Essen braucht. An Sonntagen wird nicht gearbeitet, an Feiertagen bis Mittag, und dafür wird der ganze Tag bezahlt. Wird nicht gearbeitet, was selten vorkommt, so wird ein halber Tag bezahlt. Die Kündigung ist für beide Theile achttägig. Das Arbeitslocal ist im zweiten Stock. Die Locali- täten sind nicht ungesund. Gereinigt werden sie von den Lehrmädchen, und zwar von allen zusammen und nach der Arbeitszeit. Es wird aufgespritzt und gekehrt. Gewaschen wird das Local nie. Es entwickelt sich bei der Arbeit sehr viel Staub. Eine besondere Ventilation haben wir nicht. In dem Local, wo die Tische stehen, sind fünf Fenster. Abends wird gelüftet, Mittags nicht. Zu Mittag wird das Local gesperrt. Die Arbeiterinnen gehen dann in's Kaffeehaus; jene, die Eltern haben, gehen nach Hause. Es gibt in der Nähe auch Auskochereien. Engel: Feiern Sie den 1. Mai? — Exp. Nr. 58: Ja, aber der Tag wird uns abgezogen. (Ueber Befragen des Vorsitzenden.) Bei einem Fachverein bin ich nicht, ich glaube, auch die anderen Arbeiterinnen nicht. Es war davon schon die Rede, aber es geht mit dem Zahlen schlecht. Dr. Ofner: Gehen Sie Mittags nach Hause? — Exp. Nr. 58: Ja. Dr. Ofner: Was zahlen Sie für die Wohnung? — Exp. Nr. 58: Ich habe ein Cabinet und zahle fl. 6'30. Ich habe einen Ofen darin, auf dem gekocht werden kann. 192 Dr. Verkauf: Wie steht es mit der Verpflegung der Arbeiterinnen? — Exp. Nr. 58: Zum Gabelfrühstück esfen sie ein Stück Brot. Diejenigen, die zum Greißler gehen, esfen zu Mittag ein Stück Wurst oder Butter, das kostet 12, 15, höchstens 20 kr. Dr. Verkauf: Was können sich die Arbeiterinnen zum Nachtmahl zu essen erlauben? — Exp. Nr. 58: Wenn ich nach Hause komme, bekomme ich Kaffee oder Thee oder was vom Mittag übrig ist. Dr. Verkauf: Wie sieht es am Sonntag aus? — Exp. Nr. 58: Da habe ich Fleisch und Gemüse. Dr. Verkauf: Wie ist es mit den Arbeiterinnen, die Niemanden zu Hause haben? — Exp. Nr. 58: Die sind meist zu Bett, und da bekommen sie um 15 bis 20 kr. ein Mittagessen. Dr. Verkauf: Sind es meistens Wienerinnen? — Exp. Nr. 58: Ja. Dr. Ofner: Ich habe immer gehört, daß die Mädchen aus den verschiedenen Fabriken immer zu Mittag in Kaffeehäuser gehen. Warum essen die nicht lieber Eier oder sonst etwas, was nahrhafter ist? — Expertin dir. 58: Was macht Eine mit zwei Eiern? Ein Ei kostet ja 8 kr., und alle Tage kann Man nicht Eier essen. Zum Kaffee ißt man ein Stück Brot, und für den Moment ist man mehr gesättigt als mit zwei Eiern. Vorsitzender: Sind Viele verheiratet? — Exp. Nr. 58: Nicht viele. Vorsitzender: In welchem Alter stehen die Arbeiterinnen? — Exp. Nr. 58: Zwischen 18, 30 und 35 Jahren. Einige sind auch schon 50 Jahre alt. Vorsitzender: Wissen Sie, ob Viele sich selbst erhalten? — Exp. Nr. 58: Die Eine hat ihre Kinder zu erhalten, Eine hat eine kranke Mutter, Eine einen kranken Mann. Fast Jede hat für zwei Personen zu sorgen. Es sind nur Einige bei ihren Eltern. Engel: Was zahlen Sie in die Krankencasse? — Exp. Nr. 58: 10 kr. (Ueber Befragen.) Ich habe ein Cabinet direct vom Hausherrn. Ich bin außer in der Krankencasse noch in einem Krankenverein. Baronin Vogelfang: Können sich die Mädchen in der Saison etwas ersparen? — Exp. Nr. 58: Vielleicht solche, die bei ihren Eltern sind. Expertin Nr. 59 (gibt auf die Fragen des Vorsitzenden an): Ich arbeite in einem mittleren Betriebe. Wir sind über 30 Arbeiterinnen und nur zwei Lehrmädchen. Die Eltern geben die Mädchen nicht gerne zu uns, weil sie in unserem Betriebe nicht alle Arbeiten lernen. Bei uns werden nur Gold- und Silberarbeiten für das Militär gemacht. Da wird ein Lehrmädchen zu einer bestimmten Arbeit gewiesen, und bei dieser bleibt sie dann meist ein Jahr. Auch der Herr nimmt nicht jedes Lehrmädchen an. Ich bin in diesem Geschäfte erst fünf Monate. Das eine Lehrmädchen lernt die Tischarbeit und das andere stickt die Rosen auf die Militärczakos. Die lernen keine andere Arbeit. Ich bin im Ganzen zwölf Jahre beim Geschäft, früher war ich drei Jahre in einem kleinen Betrieb. Ich habe auch in großen Betrieben gearbeitet. Gelernt habe ich am Lande. Ich war in einer großen Fabrik in Niederösterreich und bin 1883 nach Wien gekommen. Ich bin bei der Seidenschweiferei und war früher Winderin. Vorsitzender: Was haben Sie zu thun? — Exp. Nr. 59: Ich muß die Seide von Seidenspulen auf große Haspeln aufdrehen. Es sind circa 180 Meter, und da schweife ich immer mit 20 Fäden ans und ab. Wenn ich eine gewisse Zahl, die für die Borten gebraucht werden, fertig habe, thue ich es wieder auf die große Spule herunter, was sehr schwer ist. Vorsitzender: Wie wird die Arbeit bezahlt? — Exp. Nr. 59: In der ersten Woche habe ich fl. 6 bekommen. Die Werkführerin hat mir gesagt: „Sie bekommen vorläufig fl. 6"; jetzt bin ich aber schon ein halbes Jahr dort und habe noch immer nicht mehr. Wie ich nach Wien gekommen 193 bin, habe ich anch fl. 6 gehabt, und ich kann es nicht weiter bringen, trotzdem Alles theuerer wird. Vorsitzender: Gibt es Arbeiterinnen, die mehr verdienen bei derselben Arbeit? — Exp. Nr. 59: Die meisten haben nur fl. 5'50. Mit fl. 6 sind sehr wenige. Es sind auch Einige, die fl. 6-50 haben, zwei oder vier haben fl. 7, und eine Einzige hat fl. 8. Die ist schon 40 Jahre bei dieser Arbeit. Vorsitzender: Sind mehrere Schweiferinnen da? — Exp. Nr. 59: Ich bin die Einzige. Die Anderen sind Tischarbeiterinnen. Die Spulerinnen haben fl. 7. Diese Arbeit wird nicht nach Hause gegeben. Die Arbeitszeit ist von 7 bis 6 Uhr. Zu Mittag ist eine Stunde frei, sonst ist keine Pause. Da müssen wir während der Arbeit essen. Vorsitzender: Werden Sie bei der Arbeit überwacht, wenn Eine etwas langsamer arbeitet? — Exp. Nr. 59: Ja, da heißt es gleich, man ist faul. Vorsitzender: Werden Abzüge gemacht? — Exp. Nr. 59: Nein, auch für das Zuspätkommen nicht. Wenn man zu spät kommt, muß man durch das Comptoir gehen, damit man gesehen wird. Das dürfte aber nicht häufig vorkommen, sonst wird man ausgemacht. Die Kündigung ist für beide Theile eine achttägige. Arbeiterinnen, die Kost und Wohnung haben, gibt es nicht. Dr. Verkauf: Wenn Sie einen halben Tag nicht arbeiten, wird Ihnen das abgezogen? — Exp. Nr. 59: Ja. Dr. Verkauf: Und wenn Sie eine halbe Stunde zu spät kommen? — Exp. Nr. 59: Das wird auch abgezogen. Das habe ich schon bei der Auszahlung gehört. Dr. Rauchberg: Haben Sie durch das ganze Jahr volle Arbeit? — Exp. Nr. 59: Ja. (Ueber Befragen.) Unser Ärbeitslocal liegt in einem Stockwerke, nicht ebenerdig. Wo ich arbeite, sind über 30 Personen. Das Local hat elf Fenster. In einem Stock ist ein Werkmeister: bei uns führt ein Fräulein aus dem Comptoir die Aussicht. Dann ist eine Magazineurin, die die Arbeit ausgibt. In dem Locale sind nur Frauen. Es wird nie aus- gerieben. Ich erhielt vor Kurzem den Auftrag, die Fenster eines Stockwerkes zu Putzen, die, seitdem ich dort bin, noch nicht geputzt worden sind. Ich hätte sie während der Arbeitszeit putzen sollen. Ausgekehrt wird am Abend. Da müssen die Arbeiterinnen die Tische wegräumen und den Schmutz hervorkehren, und das Andere kehrt der Hausknecht weg. Die Lehrmädchen müssen das Magazin zusammenräumen und aufwaschen. Frl. Boschek: Ist bei jedem Tisch eine erste Arbeiterin? — Expertin Nr. 59: Ja. Frl. Boschek: Hat die eine Verantwortung, daß etwas zu einer bestimmten Zeit fertig sein muß? — Exp. Nr. 59: Ja. Sie beobachtet sogar die Mädchen, die weniger und die mehr machen. Frl. Boschek: Wem sagt sie das dann? — Exp. Nr. 59 : Der Arbeiterin selbst. Wenn aber im Magazin oder im Comptoir getrieben wird, muß sie dann sagen, von Dieser oder Jener bekomme ich die Arbeit nicht. Vorsitzender: Haben Sie für Jemanden zu sorgen? — Expertin Nr. 59: Ich habe seit zehn Jahren meine Mutter zn erhalten. Wir wohnen zusammen in Mariahils und haben Zimmer, Küche und Cabinet. Da wohnen ich, meine Mutter, mein Bruder, ein Bettgeher, und ein Fräulein auf dem Cabinet. Wir zahlen fl. 46-30 vierteljährig. Im Zimmer schlafen vier Personen. Der Bettgeher zahlt fl. 1 wöchentlich, das Fräulein fl. 5 für's Monat. In der Küche schläft Niemand. Wir haben im Zimmer vier Betten. Engel: Woher wissen Sie, daß das Local nicht gereinigt wird? — Exp. Nr. 59: Zu Weihnachten wird gewöhnlich überall gereinigt. Ich habe aber gehört, daß dort nicht gereinigt worden ist. 13 194 Engel: Wissen Sie, ob eine Bestimmung getroffen ist, wie viel Lehrmädchen Jeder halten kann? — Exp. Nr. 59: Das weiß ich nicht. Baronin Vogelfang: Lernt nicht jedes Mädchen alle Arbeiten, die vorkommen? Ist das nicht ausgemacht? — Exp. Nr. 59: Eine Zeit lang bleibt sie bei einem Artikel. Dann kommt sie auf zwei, drei Tage an einen anderen Tisch in Verwendung. Baronin Vogelfang: Ich möchte wissen, ob von diesen beiden Lehrmädchen das eine nur zur Tischarbeit und das andere nur zum Sticken verwendet wird? — Exp. Nr. 59 : Ja. Baronin Vogelfang: Ist das mit den Eltern so ausgemacht? — Exp. Nr. 59 : Das weiß ich nicht. Vorsitzender: Sie waren früher in kleinen Betrieben. Wie viel Arbeiterinnen waren dort? — Exp. Nr. 59 : Circa sechs, sieben. Herr Experte § ist in diesem Geschäft. Exp. IK Die Zahl der Arbeiterinnen hat sich bis auf zwei reducirt. Es müssen von den Söhnen des Meisters zwei mithelfen. Vorsitzender: Was für Arbeit war dort? — Exp. Nr. 59: Ich war Wollspulerin, ich habe auch fl. 6 bekommen. Diese Arbeit ist aber anstrengender als meine jetzige. Damals habe ich von 7 bis 6 gearbeitet. Es ist auch Arbeit mit nach Hause gegeben worden, aber nur in der Saison, und es war auch eine Heimarbeiterin beschäftigt. Diese Hausarbeit haben die Arbeiterinnen, besonders die Lehrmädchen, selbst verlangt, weil der Verdienst sehr gering war. Dr. Verkauf: Was ist in der schlechten Zeit geschehen? — Expertin Nr. 59: Da haben wir keine Arbeit gehabt. Die anderen Arbeiterinnen sind nicht entlassen worden, es waren Kinder des Gewerbe-Inhabers. Dr. Verkauf: Worin hat sich die schlechte Zeit geäußert? Haben Sie da auch fl. 6 bekommen? — Exp. Nr. 59: Ja. Dr. Verkauf: Sie haben aber doch von der Saison gesprochen? — Exp. Nr. 59: In der schlechten Zeit haben wir eben keine Nachtarbeit gehabt. Exp. IK In der guten Zeit werden die Bestellungen ausgeführt, während in der schlechten Zeit auf Lager gearbeitet wird. Die besseren Arbeiter arbeiten da fort, und die minderen werden entlassen. Dr. Verkauf: Wir haben aber einen Betrieb schildern gehört, der ein anderes System hat. — Exp. I': Unsere Branche hat mehrere Zweige, Putzarbeit, Möbelbranche u. s. w. Herr Heim hat nur von der Putzbranche gesprochen. Seit einiger Zeit macht er auch Möbelposamenterie, es wird aber das alte System beibehalren. Exp. Heim: Das ist nur in dem einen Geschäft. Dr. Verkauf: Wird auch die Arbeit, die Sie dort verrichtet haben, nach Hause gegeben? — Exp. Nr. 59: Das geht nicht. Ich war dort Winderin. Da muß ich den ganzen Tag auf einem Fuß stehen und mit dem anderen die Maschine treten. Es gehen acht bis zehn Läufe, und auf jeder Spule hängeu Gewichte von circa ein Viertel Kilo. Mit den Händen muß man die Wolle aufknüpfen und die Spulen wechseln. Abends war ich so müde, daß ich kaum gehen konnte. Vorsitzender: Die Maschine kann doch auch zu Hause aufgestellt werden? — Exp. Nr. 59: Ja. Aber bei der Wolle geht es nicht, bei der Seidenwinderei kommt es vor. Exp. U: Es gibt Seidenwinderinnen, die beständig außer Hause arbeiten. Vorsitzender: Ist Ihnen ein specieller Fall bekannt? — Exp. b': Es haben für uns mehrere außer Hause gewunden. Wie die bezahlt worden sind, weiß ich nicht. Ich kenne eine Frau, die bekommt für ein Deka schlechte Seide 2'5 kr. und für gute 15 kr. 195 Vorsitzender: Können Sie sagen, welche Zeit sie braucht, um ein Deka Seide zu verarbeiten? — Exp. b': Das weiß ich nicht. Dr. Verkauf: Wie viel kann sie in einer Stunde verdienen? — Exp. k: Die Frau hat Kinder zu Hause und hat fl. 3 bis 4 Wochenlohn. Da muß sie aber auch die Nacht zu Hilfe nehmen. Wie lange sie arbeitet, weiß ich nicht. Dr. Verkauf: Glauben Sie, daß die Zahlung von 2 5 kr. und 15 kr. eine angemessene ist? — Exp. Heim: Meiner Ansicht nach ist sie höher als in Deutschland. Bei uns werden die Arbeiterinnen in der Fabrik nicht so gut bezahlt. Eine Winderin, welche die Arbeit gewohnt ist, wird durch die Arbeit nicht so sehr angestrengt. Wir haben ja auch solche, und die beklagen sich sehr selten über Müdigkeit. Allerdings wird man müde. Baronin Vogelfang: In welchem Alter sind diese Arbeiterinnen? — Exp. Heim: Von 22 bis 56 Jahren. Baronin Vogelfang: Sind das kräftige Personen? — Experte Heim: Die Eine ist kräftig, die Andere schwächlich. Baronin Vogelfang: Kann man mit den Füßen wechseln? — Exp. Heim: Wenn sie will, alle fünf Minuten. Baronin Vogels ang: Müssen Sie bei der Maschine immer stehen? — Exp. Nr. 59: Ja. Baronin Vogelfang: Ist diese Arbeit immer von Frauen gemacht worden? — Exp. Nr. 59: Ja, weil sich die männliche Arbeitskraft entschieden theuerer stellen würde. Frl. Boschek: Wissen Sie, daß eine Winderin ausgewachsen ist? — Exp. Heim: Nein. Exp. Ich weiß auch keinen Fall. Exp. Nr. 60 (über Befragen des Vorsitzenden): Ich bin zur Zeit in einem Kleinbetriebe, in welchem circa 20 Arbeiterinnen und 10 Arbeiter beschäftigt sind. Früher war ich acht Jahre lang bei einer Firma, die sehr viel Heimarbeiterinnen beschäftigt. Aus Noth ging ich zur Möbelbranche über. Bei meinem früheren Arbeitgeber trat ich im Jahre 1885 ein; damals waren dort auch schon so viele Hausarbeiterinnen. Ich habe bei einer Frau gelernt, die heute noch sehr viele Mädeln zu Hause sitzen hat und für jene Firma arbeitet. Bei dieser Frau verrichtete ich Tischarbeit. Ich bin um 7 Uhr Früh hingegangen und konnte um 6 oder 7 Uhr Abends nach Hanse gehen. Ich hatte dort Frühstück-, Mittags- und Jausenpause und eine anständige Kost. Ich war damals dort das einzige Lehrmädchen. Zwei Jahre bekam ich nichts bezahlt, nur im zweiten Jahre erhielt ich Schuhe und Kleider. Die Arbeiterinnen wurden dort sehr schlecht bezahlt, nicht nach Meter, sondern nach Stück. Für eine Garnitur wird 40 kr., für eine andere fl. 1, für manche aber nur 4 und 5 kr. bezahlt, das ist eben so geschätzt worden. Die Berechnung war im Allgemeinen sehr ungerecht, weil mühsame Arbeiten schlecht bezahlt, andere, insbesondere neue Sachen, die vielleicht weniger Zeit und Arbeit kosteten, gut bezahlt wurden. Was die Frau selbst für die Arbeit bekam, weiß ich nicht; ich war ja dort nur als Lehrmädchen. Ich wurde nicht von dieser Frau aufgednngen, sondern sie hatte von der Firma, für die sie arbeitete, die Erlaubniß, sich Lehrmädchen aufzunehmen, und der Chef der Firma ließ die Mädchen ausgingen. Dann reiste die Frau in ihre Heimat und ich mußte noch ein Jahr bei jener Firma nachlernen, dann wurde ich freigesprochen. Ich habe dort sechs Jahre für höchstens fl. 5 und die letzten zwei Jahre für fl. 7 gearbeitet. Als ich als Lehrmädchen zu jener Firma kam, waren 54 Personen im Geschäfte. Wegen Verkleinerung des Geschäftes entließ der Chef später Einige, dann wurden auf einmal 40 Arbeiterinnen an einem Abend entlassen. Er hatte nämlich eine Fabrik in Böhmen gekauft, wo auch Peluche- und Sammt- arbeit gemacht wurde. Da nahm er eben dort Leute auf und entließ die in 13 * 196 Wien; er entließ auch Heimarbeiterinnen. Für jene Firma arbeiten auch zwei Zwischenmeisterinnen in Wien; sie bekommen Arbeiten von dem Chef und geben sie wieder außer Haus. Ich kann aber im Allgemeinen nichts Genaueres über diese Zwischenmeisterinnen sagen, weil ich schon drei Jahre von jener Firma weg bin. Baronin Vogelsang: Als Sie zu jener Firma kamen, hatten Sie da bereits die nöthige Lehrzeit absolvirt? Warum mußten Sie dort noch ein Jahr nachlerren, bevor Sie freigesprochen wurden? — Exp. Nr. 60: Ich hätte am 11. März freigesprochen werden sollen. Meine der Firma als Zwischenmeisterin dienende Lehrfrau reiste aber im Juni vorher weg. Da kam ich dann zu der Firma, und wiewohl bis zur Zeit meiner Freisprechung nur acht Monate fehlten, mußte ich doch ein ganzes Jahr nachlernen. (Ueber Befragen des Vorsitzenden.) Als ich von der Frau wegkam, hatte ich schon sehr viel gelernt. Bei der Firma lernte ich noch Einiges nach. Hauptsächlich mußte ich Gänge verrichten und Material zusammenstellen. Das letztere ist eine anstrengende Arbeit, besonders für die Augen, weil man die Farbenschattirungen wählen muß. Als ich bei der Firma frei wurde, bekam ich zuerst sl. 4, und der Chef versprach mir, wenn ich brav und fleißig sei, fl. 5. Er gab mir aber durch zwei Jahre nur 50 kr. Zulage, „damit Du Dir ein Bier kaufen kannst," wie er sagte. Vorsitzender: War es bei jener Firma auch Sitte, Alle mit „Du" anzusprechen? — Exp. Nr. 60: Ja, Alle, auch Verheiratete. Vorsitzender: Wer war Ihr Vorgesetzter? — Exp. Nr. 60: Dort hatten wir drei Herren und drei Frauen. Exp. Nr. 60 (über Befragen des Vorsitzenden): Gegenwärtig bin ich bei einer Firma der Möbelbranche und bekomme fl. 6. Es wird dort fehr häufig Arbeit nach Hause genommen, aber die Arbeiterinnen werden nicht dazu gezwungen, sondern sie nehmen sie mit, weil sie wegen der schlechten Entlohnung im Geschäft selbst nicht genug verdienen. Es wird nach Meter und nach hundert Stück entlohnt. Die Bezahlung für die Arbeit zu Hause ist Heuer durch das Wirken derOrganisationinsofern eine bessere geworden, als, wenn eine Arbeiterin zu Hause eine Stunde arbeitet, ihr für die Stunde 2 bis 3 kr. zugebeffert werden. Früher war das nicht der Fall. Früher wurden auch noch Abzüge gemacht. Der Herr sagte: „Für das Hundert bekommst Du nur 14 kr.," „für das Hundert bekommst Du nur 10 kr." Es wurde eben am Schluß immer etwas abgerissen, wenn Eine viel verdient hatte. Wenn Eine z. B. zu Hause sehr viel gearbeitet und sich dabei sl. 3 bis 4 verdient hatte, hieß es: „Für diesen Meter oder für dieses Hundert wurde zu viel bezahlt", und man zog ihr einen Kreuzer per Meter ab. Wenn sie also fl. 3 bis 4 verdient hatte, sind ihr oft 40, 50 kr. abgezogen worden. Beider Möbelbranche ist die Sommers- zeit sehr schlecht, und im Winter, wenn Arbeit ist, streiten die Arbeiterinnen mit einander; jede will die meiste Arbeit nach Hause nehmen; so drücken sie sich gegenseitig die Preise herunter, und der Herr hat den Vortheil davon. Wenn eine Arbeiterin keine Arbeit nach Hause nimmt, so ist sie nicht gut beim Herrn angeschrieben. (Ueber weiteres Befragen.) Im Betriebe, wo ich jetzt bin, find drei Lehrmädchen auf 20 Arbeiterinnen. Die Lehrmädchen werden zum Karelanfchlagen verwendet. Bei diefer Arbeit werden die Lehrmädchen drei Jahre beschäftigt, und nur wenn sie Hiebei nichts zu thun haben, kommt es vor, daß sie zur anderen Arbeit verwendet werden. So macht man es aber, meine ich, nur in unserer Fabrik. Auch häusliche Geschäfte und das Laufen werden den Lehrmädchen übertragen. Sie müssen reinigen, sie müssen auch ein sehr schweres Rad treiben. Dafür wären allerdings Lehrburschen da, aber die müssen fleißig beim Stuhl fitzen und dürfen sich nicht fortrühren. Die Zeit, während welcher die Lehrmädchen Radtreiben müssen, ist verschieden. In manchen Wochen kam es vor, daß ein Lehrmädchen den ganzen Tag ein schweres Rad drehen mußte. Für das Zuspätkommen 197 UM fünf Minuten wird uns der Lohn für eine Viertelstunde, das ist drei Kreuzer abgezogen. Wohin das Geld gelangt, wissen wir nicht. Die Arbeitszeit ist von 7 bis 6 Uhr, mit einer Stunde Mittagspause und je acht Minuten Frühstücks- und Jausenpause. Das Arbeitslocal ist groß und ordentlich. Es ist in einem neugebauten Haus. Baronin Vogelfang: Sind die drei Lehrmädchen gesund? — Exp. Nr. 60: Sie sind ziemlich mager und schwach, eine davon ist taubstumm, die ist ziemlich stark und gesund. Engel: Es gibt wohl bei Ihnen Arbeiterinnen, die mehr verdienen als Sie sagten? — Exp. Nr. 60: Nur zwei, die haben fl. 7, davon ist eine schon 15 Jahre im Haus. Engel: Wie ist das Rad beschaffen und wie wird es getrieben? — Exp. Nr. 60: Es wird mit der Hand getrieben, mittelst einer Kurbel. Der Tritt ist aber so niedrig, daß das Mädchen sich, besonders wenn es etwas größer ist, den ganzen Tag bücken muß. (Ueber Befragen des Vorsitzenden.) In die Krankencaffe zahlen wir zehn Kreuzer. Ich bin außerdem noch in einer anderen Krankencaffe. Die Lüftung und Heizung ist anständig, auch wird ausgekehrt. Nur gerieben wird niemals. Seitdem ich dort bin, ist das noch nie geschehen. Ich habe zwei Kinder. Mein Mann ist Perlmutterdrechsler und verdient fl. 9 wöchentlich. Davon müssen wir die Mutter erhalten, die Wohnung zahlen und die Kinder ernähren. Mein Mann hat seit zwei Jahren regelmäßig Arbeit, was früher nicht der Fall war. Wir bezahlen für die Wohnung, welche aus Zimmer und Küche besteht, fl. 8 . Ich bin Mitglied des Fachvereines; bei uns sind überhaupt alle Arbeiterinnen Mitglieder. Exp. Nr. 61 (gibt über Befragen seitens des Vorsitzenden an): Ich bin in demselben Betriebe wie die Exp. Nr. 60 und verrichte dieselbe Arbeit. Seit 19 Jahren bin ich in dieser Branche, bei dem jetzigen Chef das zweite Jahr. Früher war ich in einer größeren Fabrik. Ich habe drei Jahre lernen müssen, da bekam ich das erste Jahr fl. 1, das zweite Jahr fl. 2, das dritte Jahr fl. 3, dann arbeitete ich als Gehilfin drei Jahre für fl. 4, dann ging ich von dort weg und erhielt in dem neuen Betriebe zuerst fl. 5 V 2 , dann fl. 6 , dann fl. 6 'js und jetzt habe ich auch fl. 6 V 2 . Ich habe keine Kinder, muß aber zur Erhaltung meiner Eltern beitragen. Engel: Warum haben Sie fl. 6 V 2 , also mehr als Ihre Collegin? — Exp. Nr. 61: Weil sie bei der Putzarbeit ist und von der Möbelbranche noch keine solche Kenntniß hat. Dr. Schwiedland: Wie groß ist Ihre Wohnung? — Exp. Nr. 61 : Sie besteht aus Zimmer und Küche; ich bezahle dafür monatlich fl. 1050. Dr. Ofner: Was verdient Ihr Mann? — Exp. Nr. 61: fl. 12 . Experte Neumann (gibt auf die Frage des Vorsitzenden an): Ich bin selbst Unternehmer. Früher war ich Werkmeister bei einer größeren Firma. Ich bin seit einem Jahre selbstständig und beschäftige gegenwärtig drei Arbeiter, vier Arbeiterinnen und zwei Lehrmädchen, Heimarbeiterinnen nicht. Der Andrang von Arbeiterinnen ist in Wien gering. Besonders gute Arbeiterinnen sind sehr gesucht. Die Stellenvermittlung hat die Krankenkasse. Da schreibe ich hin, und sie schickt mir Arbeiterinnen zu. Es herrscht überhaupt im Allgemeiner: kein Ueberfluß an Arbeiterinnen, nicht nur an geschickten. In der Saison ist immer Nachfrage nach Arbeiterinnen. In der schwachen Zeit wird die Zahl reducirt, und da kann man leichter welche bekommen. Im Allgemeinen aber sind Entlassungen nicht üblich. Dr. Verkauf: In großen und kleinen Geschäften sind sehr viele Lehrmädchen. — Exp. Neumann: Richtig. Dr. Verkauf: Eine sehr große Zahl von Lehrmädchen bedingt auch wohl eine sehr große Zahl von ausgelernten Arbeiterinnen. Wohin verschwinden also die Lehrmädchen, wenn sie ausgelernt sind? — Exp. Neu- 1!>8 mann: Die Ueberprodnction an Lehrmädchen concentrirt sich auf einige sehr große Firmen, während andere große Firmen gar kein Verlangen darnach haben. Auch kleine Unternehmer wollen oft nicht viele Lehrmädchen aufnehmen. Ich z. B. habe nur zwei Lehrmädchen. Tr. Verkauf: Wenn also doch in großen Betrieben so viele Lehrmädchen gezüchtet werden, wie ist dann dieser Mangel an Arbeiterinnen erklärlich? — Exp. Neumann: Sie heiraten und arbeiten dann entweder als Heimarbeiterinnen, oder sie arbeiten überhaupt nicht mehr. Engel: Enthält Ihr Genossenschaftsstatut eine Bestimmung bezüglich der Anzahl der Lehrlinge? — Exp. Neumann: Ich weiß nicht, ob es eine Tradition oder eine wirkliche Bestimmung ist. Ich erinnere mich aber, daß wir bei der Firma, wo ich war, einmal einen Anstand hatten, weil der Genossenschaftsvorstand sagte, die Zahl der Arbeiter stünde nicht im Verhältnisse zur Zahl der Lehrlinge. Es waren damals 13 bis 14 Arbeiter und acht bis neun Lehrlinge. — Exp. U: Jener Unternehmer läßt alle Lehrlinge als Hilfsarbeiter eintreten. Exp. Neumann: Da sind Sie stark im Irrthum, wenn Sie das be* Häupten. Uebrigens erinnere ich mich jetzt, wie die bezügliche Bestimmung heißt. Es heißt: Es soll die Zahl der Lehrlinge im Verhältniß zu der der Gehilfen stehen. Es ist also keine positive Verhältnißzahl festgesetzt. (Ueber Befragen des Vorsitzenden.) Was die Angabe des Exp. Heim von Löhnen in der Höhe von st. 3 bis 4 bei Arbeitern betrifft, so könnte sich das nur auf einen Ausnahmsfall beziehen, denn der Durchschnittslohn ist meines Wissens fl. 10. Vorsitzender: Ich empfing aus dem, was Exp. Heim erzählte, den Eindruck, daß es sich da gleichsam um eine Arbeitsstätte für Arbeitslose handle. — Exp. Neumann: Das weiß ich nicht. Ich glaube nicht, daß durch Heimarbeiterinnen auf die Arbeitslöhne in der Fabrik Einfluß genommen wird, ebensowenig durch die Concurrenz der Unternehmer untereinander. Vorsitzender: Es wurden ja darüber bestimmte Angaben mit Zahlen gemacht. — Exp. Neu mann: Ja, da kann der Grund auch sein, daß der Preis des betreffenden Artikels zurückgeht, und dann reducirt der Unternehmer nicht blos die Löhne der Fabriksarbeiter, sondern auch die der Heimarbeiterinnen. Vorsitzender: Nach dem Genossenschaftsstatut der Posamentirer darf die Zahl der Lehrlinge die Zahl von sechs nicht übersteigen. — Experte Neumann: Da dürfte wohl öfter ein Auge zugedrückt werden. Uebrigens werden die Lehrlinge nicht ausgenützt, im Gegentheil man zahlt gründlich drauf. Es war nur so eine Eigenheit von der betreffenden Firma, daß sie so viele Lehrlinge nahm. Vorsitzender: Kann man denn das abschätzen, was das werth ist, was ein Lehrjunge leistet, und ob es dem entspricht, was man ihm als Gegenleistung gibt? — Exp. Neu mann: Als Leiter muß man das abschätzen können. Vorsitzender: Also nach Ihrer Schätzung beträgt die Leistung eines Lehrjungen weniger als fl. 1/50 oder fl. 2, die ihm gezahlt werden. Exp. Neumann (über Befragen des Vorsitzenden): Zur Zeit, wo ich bei der Firma war, das war von 1893 bis 1895, waren dort 33 bis 40 Arbeiterinnen, 20 bis 25 Lehrmädchen. Lehrzeit war drei Jahre. Für Geschäftsgänge war ein eigenes Laufmädchen da. Dr. Verkauf: Und zum Austragen der Waare? Es wird ja bei Ihnen fehr viel Waare ausgetragen. — Exp. Neumann: Dazu wurden allerdings auch Lehrmädchen verwendet. Die bekommen gewöhnlich einen Tragkorb. Tr. Verkauf: Wie schwer war dieser Tragkorb? — Experte 199 Neu mann: Manchmal nur 2 Kilogramm, manchmal 10, manchmal 20 Kilogramm. Tr. Verkauf: Also 20 Kilogramm stundenweit tragen, war die Aufgabe eines Lehrmädchens. — Exp. Neumann: Wenn es schwer war, haben sie es zu zweit getragen, und überdies hat man die schwereren Sachen den Lehrburschen überlassen. (Ueber Befragen des Vorsitzenden.) Es wurden auch nicht immer dieselben Lehrmädchen geschickt, sondern sie wechselten ab. Man verwendete dazu nicht etwa die Jüngsten, sondern die, welche im Geschäft am wenigsten leisteten. Dr. Verkauf: Wer besorgte das Reinigen ? — Exp. Neumann: Die Lehrmädchen. Dr. Verkauf: Um welche Zeit? — Exp. Neu mann: Nach Feierabend. Es war aber so eingetheilt, daß die Hälfte der Lehrmädchen die eine Woche, die andere Hälfte die andere Woche nach Feierabend reinigte. Dr. Verkauf: Wie lang dauerte dies? — Exp. Neumann: Eine Halbe Stunde. Dr. Verkauf: Mußten die Lehrmädchen auch vor Beginn der Arbeit in's Geschäft kommen? — Exp. Neumann: Nein. Dr. Verkauf: Wer hat bei Ihnen geheizt? — Exp. N eumann: Die Lehrmädchen. Dr. Verkauf: Wann haben sie geheizt? — Exp. Neumann: Sie waren angewiesen, früher zu kommen, sind aber nie gekommen. Dr. Verkauf: Wir haben also jetzt schon eine ganze Reihe von Berrichtungen, welche die Lehrmädchen besorgen müssen. Bitte mir nun zu sagen, ob sie auch etwas Gewerbliches betreiben? — Exp. Neumann: Man leitete die Lehrmädchen systematisch von einer Arbeit zur anderen an, bis sie alle verstanden. Nur konnte man das in unserer Branche nicht so genau durchführen, weil die Arbeit sich tischweise vollzieht. Da ist bei jedem Tisch eine Vorarbeitern!, welche einen Tag Dieses, den anderen Tag Jenes durchzuführen hat, weßhalb die Unterweisung der Lehrmädchen nicht streng systematisch erfolgen kann. In der Regel war die Arbeiterin am Schluß der Lehrzeit persect ausgebildet. Die Meisten gingen dann weg. Dr. Verkauf: Sehen Sie, da haben wir schon einen ziemlich großen jährlichen Zufluß an Arbeitskräften. Dr. Ofner: Ist Ihnen bekannt, daß durch einen Preissturz ein Sinken des Lohnes erfolgte, und wurden Betriebsarbeiterinnen oder Heimarbeiterinnen hiedurch mehr in Mitleidenschaft gezogen? — Exp. Neumann: Das sind Ausnahmen, über die ich nichts Genaues mittheilen kann. Exp. Vogels: Die Löhne werden thatsächlich nicht herabgesetzt und können es nicht werden, weil Arbeiter und Arbeiterinnen feste Löhne haben. Da sucht sich dann der Unternehmer in der Art zu helfen, daß, wenn ein Artikel billiger wird, er ihn „leichter" herstellt, indem er z. B. bei den Fransen statt 32 Bällchen nur 28 Bällchen nimmt und also Material erspart. Dr. Ofner: Glauben Sie auch, daß die Zahl der Arbeiterinnen in Wien keine allzu große ist? — Exp. Vogels: Nein, denn in der besten Zeit boten sich in unserem Geschäft drei bis vier Arbeiterinnen wöchentlich, in der schlechten Zeit oft fünf bis sechs täglich an. Man hat auch behauptet, daß die Arbeiterinnen durch ihre Verheiratung den Arbeitsmarkt entlasten; das ist nicht richtig, denn abgesehen von der geringen Zahl der Vermählungen, sind auch die verheirateten Frauen genöthigt, in der Arbeit zu bleiben. Expertin Nr. 62 (auf Befragen des Vorsitzenden): Ich bin in einem Großbetriebe, wo 62 Arbeiter und sechs Lehrmädchen beschäftigt sind. Es wird dort Hand- und Maschinenarbeit verrichtet. Ich habe mit einer Maschine gearbeitet. Drei Jahre lernte ich bei einem anderen Unternehmer und bin seit vier Jahren frei. In der Lehrzeit bekam ich im ersten Jahre fl. U50 200 im zweiten Jahre fl. 2, im dritten Jahre fl. 2-50. Als ich frei wurde, bekam ich fl. 4. und jetzt hab' ich fl. 6. Das ist überhaupt der Dnrchschnittslohn. Ich habe dieselbe Arbeit wie frühere Expertinnen. Es gibt solche mit mehr oder weniger Lohn als ich habe. Der ersteren sind wenige, das sind solche, die schon länger dort arbeiten. Die Lehrmädchen müssen auch die Laufereien und das Radtreiben besorgen. Sie müssen bei uns nicht allzu viel das Rad umdrehen, weil bei uns hauptsächlich die Maschine verwendet wird. Das Rad geht nicht immer, und wenn es geht, nicht den ganzen Tag. Außer dem Lehrmädchen ist Niemand zum Drehen da. Ein Lehrbub muß eine Stunde, selten nur länger das Rad drehen. In unserem Geschäfte müssen die Lehrmädchen auch austragen, und zwar auch nach der Arbeitszeit. In der Frühe heizt der Hausknecht. Nach Haus wird keine Arbeit gegeben. Nur die Wolle wird theilweise außer Haus aufgespult, aber nicht von den Arbeiterinnen, die im Betrieb arbeiten. Die Arbeiterinnen sind meist älter, so z. B. 30 bis 40 Jahre. Es sind davon sehr wenige verheiratet. In der Firma, bei der ich früher war, erhielt ich nach der Freisprechung nur fl. 4, 4-50. Deshalb ging ich sechs Monate später von dort weg. Vorsitzender: Also erhielten Sie fl. 4 oder 4-50? — Exp. Nr. 02: Im Allgemeinen haben die erst freigesprochenen Arbeiterinnen fl. 4 bekommen, mir aber gab der Chef fl. 4-50. Wegen des Lohnes sind auch von meinen Colleginnen nur wenige mehr dort. (Ueber weiteres Befragen.) In dem jetzigen Geschäft müssen wir für eine Viertelstunde Zuspätkommen 3 kr. zahlen, sonstige Strafen gibt es nicht. Wir haben Frühstückspause. Die Kündigungsfrist beträgt acht Tage; in der Saison müssen wir Ueberstunden machen, früher bis 8 Uhr, jetzt bis 7 Uhr. Das haben wir durch die Organisation erreicht. Früher, wo das Geschäft besser ging, mußten wir schon im August Ueberstunden machen, jetzt erst im September. Für Ueberstunden haben wir pro Stunde 12 kr. bekommen. Was mit dem Strafgeld geschieht, weiß ich nicht. Exp. Neumann: Ich kann darüber Auskunft geben, was speciell bei der Firma, wo ich Werkführer war, mit den Strafgeldern geschieht. Im Jahre 1894 war vor zwei Jahren der Betrag von fl. 58 angesammelt; da gab der Chef fl. 42 aus Eigenem darauf, und die fl. 100 wurden unter die Wochenarbeiter vertheilt. Jedenfalls ist die Summe von fl. 58 für 70 Arbeiter in zwei Jahren nicht sehr viel. Bei uns wurde auch drei-, viermal ein Versäumniß nachgesehen, bevor man eine Strafe auferlegte. Mich geht zwar die Firma nichts mehr an, aber ich halte es für meine Pflicht, das richtigzustellen. Exp. Nr. 62 (über Befragen des Vorsitzenden): Das Arbeitslocal der Arbeiterinnen ist im zweiten Stock, das der Arbeiter im ersten. Das Local hat zwölf Fenster Gassenfront. Die Tische stehen nahe beieinander, die Maschinen sind weiter entfernt. Um 12 Uhr wird das Local gesperrt. Gelüftet wird sehr schlecht, weil viele Arbeiterinnen dagegen sind. Mit der Heizung geht es an, freilich bleibt an vielen Tagen viel zu wünschen übrig. Die Meisten gehen nach Hause essen, Einzelne in eine Anskocherei. Ich bin bei meinen Eltern und gehe nach Hause. Dr. Rauchberg: Wie viel zahlen Sie zu Hause für die Wohnung? — Exp. Nr. 62: fl. 49 vierteljährig. (Ueber Befragen des Vorsitzenden.) Die Wohnung besteht aus einem Zimmer, in welchem sechs Personen schlafen, einem Cabinet, in welchem zwei Personen schlafen, und der Küche. Im Zimmer stehen drei Betten; es schlafen darin die Eltern, meine Großmutter, meine zwei Brüder und ich. Von den beiden Brüdern ist einer 26 Jahre, der andere neun Jahre alt. In unserer Fabrik führt nicht ein Werkmeister, sondern eine Frau die Aufsicht. Ich bin auch im Fachverein; außer mir sind nur fünf oder sechs Arbeiterinnen unseres Betriebes dabei. Warum das so ist, weiß ich nicht. 201 Exp. Nr. 63 (über Befragen des Borsitzenden): Ich bin in einem Möbelposamenterie-Betrieb. Es sind dort 14 Arbeiterinnen und 16 Lehrmädchen. Die Zahl der Männer kann ich nicht genau angeben. Unter den Arbeiterinnen gibt es auch ältere, bis zu 45 Jahren: die Mehrzahl derselben ist ledig. Die Lehrmädchen müssen auch sehr viel laufen und das Rad drehen. Es sind drei Räder da, die abwechselnd gedreht werden müssen. Eine Verbindung dieser Räder mit der Maschine ist nicht vorhanden. Nach Hause wird keine Arbeit gegeben. Die Arbeiterinnen sind meist Töchter von Arbeitern. Ich habe fl. 6'50 Wochenlohn. Außer mir sind noch sechs Arbeiterinnen da, die ebensoviel verdienen, und eine Ansnahmsarbeiterin, die fl. 7 hat. Es ist das nämlich so: Es sind sechs Tische da, und an jedem hat Eine die Aufsicht über die anderen Arbeiterinnen, und die hat fl. 6'50. Ich vertheile die Arbeit unter die Lehrmädchen. Dieselben bekommen zuerst leichtere Arbeit und werden nach und nach ausgebildet. Es kommt häufig vor, daß die Lehrmädchen, wenn sie ausgelernt sind, in unserem Betriebe bleiben. Ich selbst bin seit sechs Jahren in unserem Geschäft. Früher war ich bei einer großen Firma, wo ich zuerst lernte und dann noch vier Jahre über die Lehrzeit geblieben bin. Dort habe ich fl. 6 Lohn gehabt und bin wegen eines Verdrusses weggegangen. In dem Betriebe, wo ich jetzt bin, bekam ich drei Jahre fl. 6 und dann sl. 6'50. Meine Beschäftigung ist zwar nicht anstrengend, aber verantwortlich. (Ueber weitere Fragen.) In der Saison werden Ueberstunden gemacht. Die Arbeitszeit ist von 7 bis 6 Uhr, und da wird manchmal — allerdings nicht häufig — bis 7 Uhr Ueberstunde gemacht. Für das Zuspätkommen werden nach fünf Minuten 3 kr. abgezogen. Die Kündigungsfrist beträgt acht Tage. Die Arbeiterinnen unterstehen dem jungen Herrn und der Magazinenrin. Werkführer gibt's nur bei den Arbeitern. Die Behandlung ist nicht schlecht. Die Lehrmädchen werden auch ganz gut behandelt. Frl. Boschek: Kann vielleicht von den Expertinnen Jemand etwas mittheilen, ob in Bezug auf die Sittlichkeit und das Verhalten der Werkführer und Unternehmer zu klagen ist? (Niemand meldet sich.) Baronin Vogelfang: Wie lange ist das Rad im Gang? — Expertin Nr. 63: Je nachdem die Schnur lang ist, eine Viertel- bis eine halbe oder dreiviertel Stunden. Oft wird ein Mädchen zwei-, dreimal im Tag zum Umdrehen des Rades verwendet. (Ueber Befragen des Vorsitzenden.) Das Arbeitslocal ist ganz entsprechend. Es entwickelt sich zwar sehr viel Staub, aber jetzt wird Abends immer gelüftet, und im Sommer haben die Arbeiterinnen Vormittags und die Arbeiter Nachmittags offen, denn die beiden Locale hängen zusammen und können nicht zu gleicher Zeit gelüftet werden. Ich bin bei einem Fräulein in Aftermiethe und zahle fl. 3'60 monatlich für das Bett. Exp. § : Ich höre hier im Allgemeinen, daß unsere Zustände so glänzend sind, und möchte deshalb einige Worte bezüglich der Behandlung sprechen. Es ist namentlich von einer großen Firma die Rede; in dieser Fabrik sind die Zustände aber nicht so glänzend, wie die heutigen Berichte behaupten. Es kamen schon zwei Fälle in dieser Fabrik vor, welche zeigten, daß es mit der Sittlichkeit nicht so bestellt ist, wie es sein sollte. Zwischen Werkführern und Lehrmädchen kommen Sachen vor, die man hier gar nicht aussprechen kann. Ich glaube, der Herr Experte Neumann könnte uns Auskunft geben, aus welchem Grunde zwei Werkführer entlassen worden sind? Exp. Vogels: Das hört sich so an, als ob es sich auf meine Person bezöge. Deshalb bemerke ich, daß jene Fälle vorkamen, als ich noch nicht im Geschäft war; es sollen damals zwei Werkführer wegen derartiger Dinge entlassen worden sein. Exp. Neumann: Was die Sittlichkeit betrifft, so kann ich nur für meine eigene Person sprechen, und da ist das Verhältniß zu den anderen Arbeiterinnen immer ein derartiges gewesen, wie es sich für einen Vor- gesetzten und überhaupt für einen anständigen Menschen gehört. Die Mädchen sind in der Weise behandelt worden, wie es ihnen zukommt. Daß Intimitäten vorgefallen sind, ist mir nicht bekannt; das dürfte nur den Herren bekannt sein, welche gar nicht in dieser Fabrik waren, wie dies beim Herrn Exp. b' der Fall ist. Vorsitzender: Es dürfte diese ganze Angelegenheit vielleicht auch mit dem Duzen und überhaupt mit den patriarchalischen Verhältnissen in diesem Gewerbe zusammenhängen? — Exp. Neumann: Es ist Usus, daß die Lehrmädchen geduzt werden, die Arbeiterinnen aber nicht. Es dürften noch einige patriarchalische Geschäfte sein, wo dies geschieht, aber ein modernes Geschäft wird das nicht mehr thun. Ich möchte noch bemerken, daß Unsittlich- keiten in der betreffenden Fabrik schon deswegen ausgeschlossen sind, weil Arbeiterinnen und Werksührer alle in demselben Locale sich befinden. Schluß der Sitzung 10 Uhr 50 Minuten. 12. Sitzung, Donnerstag, 12. Wär; 1896. Vorschende: Baronin Vogelfang. Beginn der Sitzung 7 Uhr 5 Minuten Abends. Vorsitzende: Wir haben heute Expertinnen aus der Wäschebranche, Miedererzeugung u. s. w. zu vernehmen. Exp. Nr. 64 (über Befragen): Ich arbeite bei einer Frau, die noch zwei andere Arbeiterinnen zu Hause hat. Die Frau bringt die Arbeit aus einem Geschäfte. Ich bin schon seit zehn Jahren bei dieser Frau und werde das ganze Jahr beschäftigt. Wir müssen höchstens zu Weihnachten, wenn in dem Geschäfte, wohin die Frau arbeitet, die Inventur vorgenommen wird, aussetzen. Das Geschäft, für das wir arbeiten, hat einen sehr großen Absatz. In anderen Geschäften müssen die Arbeiterinnen ein bis zwei Monate aussetzen. Lehrmädchen haben wir nicht. Wir machen feine Corsets und Negligö- jacken. Die Frau schneidet Alles zu und richtet vor. Wir nähen den ganzen Tag, und zwar zwei auf der Nähmaschine und eine mit der Hand. Wir arbeiten elf Stunden täglich, außerdem nehmen die anderen Arbeiterinnen auch oft Arbeit mit nach Hause; ich thue das aber nicht. Ich bin aus einer Arbeiterfamilie, mein Vater war Faßbinder. Wie ich nach Wien gekommen bin, war ich zuerst im Dienst. Dort ist die Näherei betrieben worden, und da bin auch ich dazugegangen. Ich verdiene wöchentlich fl. 7. Die Arbeit wird nach der Woche bezahlt, weil es nur feine Arbeit ist, die nicht nach Stück bezahlt werden kann. Dr. Ofner: Waren Sie Lehrmädchen? — Exp. Nr. 64: Ich habe zwei Monate gelernt und habe dafür pro Monat fl. 5 bezahlt. Aufgedungen wurde ich nicht. Jede Näherin hat ihren Artikel. Wenn mehrere Stücke auf einmal gemacht werden, so arbeiten wir Alle zusammen. Bardorf: Waren Sie nicht früher in kleineren Geschäften? — Exp. Nr. 64: Ich war immer in solchen Betrieben, die wieder für größere Geschäfte arbeiten. Bardorf: Ist Ihnen nicht bekannt, wie das Lehrverhältniß in kleinen Geschäften ist? — Exp. Nr. 64: Ich kenne eine Näherin in Maria- hilf. Dort sind vier bis fünf Lehrmädchen. Es ist eine sehr schlecht bezahlte Arbeit. Die Lehrmädchen werden dort zwei, drei Jahre bei dieser einfachen Arbeit, die man in einem Monat lernt, ausgenützt. Die Arbeiterinnen 203 bekommen dort für ein Dutzend Corsetten fl. 1'20, 1-50 und auch fl. 2 bis fl. 3. Es ist bestimmt, wie viel die Arbeiterinnen im Tage fertigmachen müssen. Wenn die Lehrmädchen dort Arbeiterinnen geworden sind, bekommen sie fl. 6 bis 7. Wir sind bei unserer Arbeit nicht so angestrengt wie diese. Wenn eine Maschinnäherin in einem solchen Betriebe — wo eine Näherin von der anderen abhängig ist und eine die andere jagt — zwei bis drei Jahre arbeitet, so wird sie lungenkrank. Das kommt hauptsächlich von dem vielen Kalkstaub, denn der Stoff ist bei diesen billigen Waaren sehr schlecht und da muß er mit Kalk präparirt werden, und wenn man so einen Shirting näht, geht der Staub in die Höhe. Bardors: Haben die Lehrmädchen die Kost? — Exp. Nr. 64: Ja, sie soll aber sehr schlecht sein, bezahlt bekommen sie nichts. Dr. Schmied land: Wer besorgt das Bügeln? — Exp. Nr. 64: Die Frau allein. Vorsitzende: Wenn Sie eine Maschinnadel zerbrechen, müssen Sie die bezahlen? — Exp. Nr. 64: Die Nadeln muß man sich selbst kaufen, sonst braucht man aber nichts zu kaufen. Man kann dafür monatlich 15 bis Vorsitzende: Wie lange arbeiten Sie? — Exp. Nr. 64: Elf Stunden; in dem jetzigen Geschäft arbeiten wir nie länger. Sonst ist das aber der Brauch. In dem Geschäfte, von welchem ich früher erzählt habe, tragen die Arbeiterinnen die Arbeit binkelweise nach Hause. Vorsitzende: Wird Ihnen etwas abgezogen, wenn Sie nicht schön nähen? — Exp. Nr. 64: Nein. Wenn ich selbst einsehe, daß es meine Schuld ist, so bringe ich die Zeit am Abend ein, die ich dadurch verloren habe, daß ich das noch einmal nähen muß. Vorsitzende: Und wenn Sie es nicht thun würden? — Expertin Nr. 64: Die Frau sagt zwar nicht gleich etwas, wohl aber, wenn es wieder vorkommen würde. Vom Lohn wird dafür nichts abgezogen. Wenn man zu spät kommt, so bleibt man dafür ein paar Minuten länger. Dr. Schwiedland: Kaufen Sie die Nadeln von Ihrer Frau? — Exp. Nr. 64: Nein, vom Kaufmanne. Dr. Brezina: Wissen Sie, wie viel in der Woche die Zeit beträgt, die Sie auf Aenderungen verwenden müssen, wenn Sie etwas schlecht gemacht haben? — Exp. Nr. 64: Es kommt höchstens ein- oder zweimal im Monate vor. Dr. Brezina: Kommt es bei den Anderen öfter vor? — Expertin Nr. 64: Jede hat ihre Arbeit, auf welche sie so eingearbeitet ist, daß sie ihr sehr flott von der Hand geht. Dr. Ofner: Wann ist die Saison in den anderen Nähereien, welche für Geschäfte arbeiten? — Exp. Nr. 64: Im August oder vor Weihnachten müssen sie aussetzen. Dr. Ofner: Wie lange? — Exp. Nr. 64 : Wo ich früher war, mußten wir vier bis fünf Wochen im Jahre aussetzen. (Ueber Befragen der Vorsitzenden.) Wir arbeiten von 7 bis 7, Mittags haben wir eine Stunde Banse. Ich und auch die Anderen gehen nach Hause. An Sonntagen wird nicht gearbeitet, an Feiertagen nur, wenn viel zu thun ist und eine bestimmte Partie fertig sein muß. Zu Ostern, Pfingsten und Weihnachten wird aber nie gearbeitet. Kündigung gibt es bei uns nicht, man kann jeden Tag fortgehen. Vorsitzende: Kommt ein Wechsel sehr oft vor? — Exp. Nr. 64: Ich bin jetzt 10 Jahre in diesem Geschäfte, Andere -20 Jahre. Mittel shöfer: Wird Ihnen an Feiertagen der ganze Tag bezahlt? — Exp. Nr. 64: Ja. L04 Herrdegen: Wie sind die Verhältnisse Ihrer Frau? — Exp. Nr. 64' Die sind schlechter als die meinen. Wenn in einer Woche sehr heikle Arbeiten vorkommen, hat sie oft am Samstag wenigerübrig als ich, obwohl sie immer mitarbeitet, allerdings macht sie ihre häuslichen Arbeiten nebenbei; sie ist aber ledig. «Jeder Befragen der Vorsitzenden.) Ich wohne bei meiner Schwester im sechsten Bezirk. Mein Schwager ist Geschäftsdiener in einer Fabrik. Die Wohnung besteht aus Zimmer, Cabinet und Küche und kostet vierteljährig sl. 45. Es wohnen dort sechs Personen. Außer mir meine Mutter, meine Schwester, mein Schwager, ein Kind und mein Bruder. Wir haben täglich in der Früh Kaffee, Mittag Suppe, Fleisch und Zuspeise. Ich esse sehr wenig, weil ich in Folge des langen Sitzens magenkrank bin. Abends essen wir, was von Mittag übrig ist, oder es wird etwas frisch gemacht. Ich nehme zum Nachtmahl meistens meine Jause, Gabelfrühstück nehme ich nicht, weil ich sonst Mittag keinen Appetit habe. Dr. Ofner: Wie viel zahlen Sie Ihrer Schwester? — Exp. Nr. 64: Etwas über fl. 3 für Alles. Bardorf: Wie leben die zwei anderen Arbeiterinnen ? —Exp. Nr. 64: Eine ißt bei ihren Eltern, die zweite geht in's Gasthaus essen. Dr. Ofner: Wie lebt Ihre Frau? — Exp. Nr. 64: Sie lebt mit ihrem Bruder zusammen. Wenn sie den nicht hätte, würde sie mit ihrem Verdienst nicht auskommen. (Ueber Befragen.) Geschenke haben wir der Frau nicht zu machen. Vorsitzende: Wie ist das Arbeitslocal? — Exp. Nr. 64: Es ist im zweiten Stock, die Fenster gehen in den Hos. Das Local ist hell und luftig. Gelüftet wird in der Früh, bevor wir kommen, oder Mittags; während der Arbeit kann nicht gelüstet werden, weil es sonst zu kalt ist. Es wird genügend geheizt. Wir haben einen englischen Abort. Dr. 'Schwiedland: Wird in dem Zimmer, wo Sie arbeiten, auch geschlafen? — Exp. Nr 64: Die Frau schläft dort. Ihr Bruder schläft im Cabinet. Vorsitzende: Sind die anderen Arbeiterinnen verheiratet? — Exp. Nr. 64: Alle sind ledig. Vorsitzende: Was thun Sie zu Ihrer Erholung? — Exp. Nr. 64: Wenn ich nicht sehr müde bin, gehe ich spazieren. Ich sollte es täglich thun, aber ich bin oft zu ermüdet dazu. An Sonntagen mache ich, wenn es möglich ist, Ausflüge. Einem Fachverein gehöre ich nicht an. Ich war beim Arbeiterbildungsverein, bin aber ausgetreten, weil mir dort Verschiedenes nicht gefallen hat. Ich bin bei keiner Krankencasse. Vorsitzende: Haben Sie Jemand zu unterstützen? — Exp. Nr. 64: Wir haben unsere Mutter bei uns, sonst Niemand. Dr. Schwiedland: Lesen Ihre Colleginnen eine Zeitung? — Exv. Nr. 64: Die Eine liest die „Arbeiter-Zeitung", und auch ich, die Andere kümmert sich nicht darum. Experte (4 (über Befragen): Es gibt in der Miederbranche Vier- Kategorien von Arbeiterinnen: die Einzieherinnen, die Stickerinnen, die Einfasserinnen und Appreteurinnen. Das Stück wird von männlichen Arbeitern zugeschnitten, dann kommt es außer Haus zu den Näherinnen, wird von diesen in die Fabrik abgeliefert und dort ausgefertigt. Das Zuschneiden mit der Maschine hat sich nicht überall bewährt, insbesondere dann nicht, wenn nur kleine Partien zu machen sind. Die Appretur wird im Hause gemacht. In meinem Betriebe ist die Appretur in einem Raum mit zwei Fenstern untergebracht. Darin sind 26 Kupserbüsten. Diese werden mit Gas geheizt, hie und da auch mit Dampf. Die Mieder werden angefeuchtet, gestärkt, gespannt und dann daraufgelassen bis sie trocken sind. Gebügelt wird nur sehr selten, weil das Zugehör, z. B. Fischbein, oft so beschaffen ist, daß es eine plötzliche Hitze nicht verträgt. In kleinen Betrieben wird über- 205 Haupt nicht gebüstet. In unserer Fabrik ist auch eine Näherin, die hat aber nur Reparaturen zumachen. Zum Nähen wird das System WheelerL Wilson gebraucht, da es sich für diese Artikel am besten bewährt hat. Die Miederstoffe sind nämlich sehr schwer zu verarbeiten. Herrdegen: Ich bitte uns zu sagen, wie sich die verschiedenen Arbeiterkategorien in dem Betriebe, dem Sie angehören, zusammensetzen? — Exp. d: Wir haben drei Zuschneider. Wenn die Saison vorüber ist, werden sie für andere Arbeiten verwendet. Einzieherinnen haben wir durchschnittlich 18, Stickerinnen sind im Hause drei, Einfasserinnen ebenfalls drei, Näherinnen dürften in der Hochsaison außer Haus durchschnittlich 180 beschäftigt sein. Appreteurinnen sind drei, nämlich zwei Appreteurinnen und eine Stärkerin. Herrdegen: Die Unternehmung, der Sie angehören, nennt sich eine Fabrik? — Exp. U: Ja. Herrdegen: Gibt es auch Fabriken, in welchen die Näharbeit im Hause gemacht wird? — Exp. d: Es existiren nur zwei, wo eine größere Anzahl von Näherinnen sind, sonst sind im strengsten Falle vier Näherinnen im Hause. Alle übrigen Fabriken beschäftigen ihre Näherinnen außer Hause. Herrdegen: Außer diesen Betrieben gibt es sogenannte „Miedermadamen". Was versteht man darunter? — Exp. d: Diese Personen beschäftigen keine wirklichen Arbeiterinnen, sondern größtentheils Dienstboten. Herrdegen: Wie wickelt sich dort die Erzeugung ab? Gibt es da keine Arbeitstheilung, und haben sie auch Verkaufslocale? — Exp. 6: Diese Madamen kaufen die minderen Gattungen und verschleißen sie. Sie verlegen sich nur auf die Erzeugung von Specialitäten, wo eine Appretur unnöthig und mitunter unmöglich ist. Es braucht also nur eine Näherin dort zu sein, und die kann Alles fertigmachen, denn das Mieder wird nicht so hergestellt wie in der Fabrik. Herrdegen: Wie ist der Vertrieb der Waare in Ihrer Fabrik? — Exp. d: Wir haben vier Reisende, die fortwährend auf der Tour sind, und dann machen wir Geschäfte mit den Exporteuren. Dr. Ofner: Wie viel solcher großer Betriebe gibt es, die mit Maschinen arbeiten, wie viel mittlere und wie viel kleine? — Exp. d: Dampfbetriebe gibt es in Wien drei, aber nicht speciell für die Miederbranche. Das sind auch Krägen- und Wäschefabriken. Für diese Artikel braucht man die Maschinen mehr als für die Mieder. Dr. Osner: In manchen Betrieben wird ja auch mit Maschinen zugeschnitten. Kommt das auch in mittleren und kleinen Betrieben vor? — Exp. d: Zuschneidemaschinen sind in ganz Wien, speciell für Mieder, nur zwei im Betriebe, sonst wird mit der Hand zugeschnitten. Wittelshöser: Wie viel Personen sind außer der Saison beschäftigt? Nennen Sie uns auch den kleinsten Stand. — Exp. d: Jetzt haben wir den größten Stand. Da haben wir 22 Einzieherinnen. Wenn die Saison vorüber ist, werden sie nicht weggegeben, weil man sie ja in ein Paar Monaten wieder braucht. Man kann also die geringste Zahl nicht angeben. Einige gehen selbst weg, nm sich vielleicht etwas Besseres zu verschaffen. Wittelshöser: Was machen also die Leute, wenn weniger zu thun ist? — Exp. d: Bei uns wird Keine entlassen, außer sie geht selbst weg. Wir haben das ganze Jahr Arbeit, ebenso wie die Näherinnen außer Hause. In der Fabrik sind die Arbeiterinnen im Wochenlohn, man weist ihnen also eine Arbeit zu. Wittelshöser: Auch die Arbeiterinnen außer Hause sind beschäftigt? — Exp. d: Ja, aber nicht in dem Maße, wie in der Saison. Die sind übrigens auch nach Stück bezahlt. Wittelshöser: Wie viel verdienen die Näherinnen in der Saison? — Exp. d: Das ist verschieden, und sie bekommen nach der Qualität be- zahlt. Wir haben Mieder, wo die Näherinnen 5 kr. bekommen, und da haben sie zu thun, wenn sie neben ihren häuslichen Verrichtungen im Tage ein Dutzend machen wollen. Witte lshöfer: Wie viel bekommen die Näherinnen, wenn keine Saison ist? — Exp. U: In diesem Artikel ist fortwährend zu thun; und da sind auch Näherinnen, welche sich nur mit diesem Artikel befassen. Anders verhält es sich mit den besseren Sorten. Wittelshöfer: Wie verhält es sich mit dem Zugehör? — Exp. (1: Die wird complet dazugegeben. Bardorf: Können Sie sagen, wie viele Mädchen in dieser Branche beschäftigt sind? — Exp. U: Es dürften ungefähr 1500 sein. Bardorf: Haben Sie eine Krankenversicherung? — Exp. 6: Es sind nur Wenige bei uns versichert. Wir haben nämlich keine Genossenschaft. Ein Theil der Unternehmerinnen unserer Branche gehört zur Genossenschaft der Schneider, ein Theil zur Genossenschaft der Pfaidler, und der dritte Theil gehört gar keiner Genossenschaft an. Es sind darunter angemeldete Fabriksbetriebe, die ihre Leute bei der Fabriks-Krankencasse versichern. Bardorf: Kommen häufig Erkrankungen vor? — Exp. U: Auffallend ist, daß die Leute sehr oft an schwürigen Fingern zu leiden haben. Die Krankenkasse beklagt sich, daß sie dadurch fast zu Grunde gerichtet wird. Es mag sein, daß die Manipulation mit dem Fischbein dies verursacht. Exp. Nr. 05 gibt über Befragen seitens des Vorsitzenden an: Ich bin in einer Fabrik Einzieherin. Wir sind 22 Einzieheriunen. Bei der Branche bin ich seit zwölf Jahren. Früher war ich in einem kleinen Geschäfte; da waren wir nur im Ganzen zehn bis zwölf Mädchen. Die Fabrik, wo ich gegenwärtig bin, macht Exportwaare. (Ueber Befragen.) Es sind dort drei Stickerinnen, drei Einfasferinnen, zwei Appreteurinnen und eine Einstärkerin. Beim Zuschneiden sind nur Männer, und es wird nur mit der Hand zugeschnitten. In unserem Betriebe gibt es überhaupt keine Dampfmaschine. Hansarbeiterinnen sind 180. Lehrmädchen haben wir jetzt keine. Es kommt aber oft vor, daß wir Lehrmädchen haben. Dieselben lernen vier Wochen; nämlich nur das Einziehen. Aufgedungen werden sie nicht. Die Arbeit wird durch Umfragen vermittelt. Es gibt auch Heimarbeiterinnen, die wieder Mädchen beschäftigen. Solche Subunternehmerinnen gibt es, so viel ich weiß, 10 oder 20, und beschäftigt eine solche zwei bis drei Mädchen. Um das Nähen der Mieder zu erlernen, braucht ein Mädchen sechs Wochen bis zwei Monate. Die Arbeit ist sehr anstrengend, wenn man den ganzen Tag an der Maschine nähen muß. Dr. Schwiedland: Welches ist die schwierigste Arbeit ? — Expertin Nr. 05: Das Appretiren. Dr. Schwiedland: Welche Nachtheile hat diese Arbeit? — Exp. Nr. 65: Im Sommer ist die Hitze, die dabei nöthig ist, unerträglich. Dr. Schwiedland: Sind die Fenster offen? — Exp. Nr. 65: Sie müssen offen sein. Dr. Schwiedland: Kommen diese Arbeiterinnen abwechselnd in kalte und heiße Luft? — Exp. Nr. 65: Nein. (Ueber Befragen des Vorsitzenden.) Die Lehrmädchen recrutiren sich zumeist aus Arbeiterkreisen. In den ersten vier Wochen bekommen sie nichts bezahlt, von da an st. 1. — Ich bin nach der Woche bezahlt und habe fl. 5'50; das ist bei uns der höchste Lohn. Ich bin zwölf Jahre im Hause. Der erste Lohn betrug fl. 2. Die Stickerinnen sind besser daran, weil sie nach Stück bezahlt werden. Die Preise per Stück sind verschieden. Eine solche Arbeiterin verdient sich in der Woche fl. 7, manchmal fl. 8. Es kommen aber auch Löhne unter fl. 7 vor. Bis eine solche Stickerin fl. 7 verdient, muß sie auch schon ein paar Jahre arbeiten. — Auch die Einfasferinnen sind per Stück bezahlt, und zwar ist auch hier wieder ein Unterschied nach der Qualität der Mieder. Auch 207 die Appreteurinnen sind nach Stück bezahlt, da ist aber die Arbeit gleich. Sie bekommen für 100 Mieder, wenn ich nicht irre, 25 kr. Da muß Eine der Anderen in die Hand arbeiten, und zwar ist die Sache so: Es sind zwei Spannerinnen, die bekommen für 100 Stück zusammen 25 kr., und eine Einstärkerin, die bekommt 23 kr. oder 22 kr. für das Hundert, so daß alle drei zusammen für das Hundert 47 kr. bekommen. Diese 47 kr. werden unter alle drei getheilt, weil die eine nicht fortwährend beim Einstärken bleiben kann. Sie machen im Tage etwa 700 Mieder. Die Arbeit ist aber keine regelmäßige. Es kann auch vorkommen, daß sie nur 300 bis 400 Mieder machen. Die Preise, welche an die Näherinnen außer Haus gezahlt werden, sind auch verschieden. Es gibt Mieder zu 5, 6, auch 12, 15, 18 und 25 kr. Vorsitzende: Können Sie sagen, wie viel eine Näherin von der billigsten Sorte im Tag zu machen im Stande ist? — Exp. Nr. 65: Wenn eine zwölf Mieder im Tag macht, so muß sie sehr fleißig sein, wenn sie nebenbei noch ihre Wirthschaft versorgen will. Bei der minderen Arbeit ist sie viel schlechter daran als bei der besseren. Sie verdient also 60 kr. Da muß sie Nähwolle und die Maschine dazu haben. Vorsitzende: Sind die Preise das ganze Jahr hindurch gleich, oder erleiden sie in der schwächeren Saison eine Herabsetzung? — Expertin Nr. 65: Die Wochenarbeiterinnen sind gleich. Die Stickerinnen dürften nicht gleich sein. Ich kann aber da keine Ziffern angeben. Vorsitzende: Rohstoffe haben Sie nicht beizugeben? — Expertin Nr. 65: Nein, wir bekommen Alles. Vorsitzende: Kommen auch Ueberstunden vor? — Exp. Nr. 65: Ja, die werden so bezahlt, was eben für die Stunde entfällt. — (Ueber weitere Fragen.) Wir haben eine llstündige Arbeitszeit. Dann nehme ich auch Arbeit mit nach Hause, und zwar besorge ich das Adjustiren der Mieder. Das ist auch eine Arbeit für die Einzieherinnen. Wir werden ersucht, Arbeit mitzunehmen, müssen es aber nicht thun. Dafür bekommen wir 4 kr. per Stück. Ich arbeite an einem solchen Mieder eine Viertelstunde. Meistens nehme ich mir 12 bis 15 Stück mit. Wenn man sich aber eine Arbeit mitnimmt, so muß sie am selben Abend fertiggemacht werden. Den Lohn der Männer in der Fabrik kenne ich nicht. Bon den Arbeiterinnen sind einige verheiratet. Die Mehrzahl ist ledig. Kinderarbeit gibt es in der Fabrik nicht. Abzüge für verdorbenes Material kommen nicht vor. Wenn man einige Minuten zu spät kommt, werden 3 bis 4 kr. abgezogen. Das Geld bekommt der Herr, wie er es verwendet, wissen wir nicht. Wittelshöfer: Warum ist Ihre Kategorie im Wochenlohn, die anderen im Stücklohn? — Exp. Nr. 65: Das ist seit je her. Dr. Ofner: Wie oft bekommen Sie Arbeit nach Hause? — Expertin Nr. 65: In der Saison zwei- bis dreimal in der Woche. (Ueber Befragen.) Ein Lehrmädchen bekommt nach vier bis fünf Wochen fl. 1, dabei bleibt sie 14 Tage oder drei Wochen, dann bekommt sie um 25 bis 30 kr., je nach der Verwendung, mehr. Bardors: Haben Sie eine Fabriksordnung? — Exp. Nr. 65: Nein. (Ueber Befragen des Vorsitzenden.) Ich bin verheiratet und habe eine Wohnung im zweiten Bezirk, welche ich und mein Mann allein bewohnen. Wir haben keme Kinder. Die Wohnung besteht aus einem Zimmer, ist licht und geht auf die Gasse. (Ueber weitere Fragen.) In der Früh nehmen wir Kaffee, zum Gabelfrühstück esse ich Wurstzeug, Mittag nichts, weil wir während der Mittagstunde arbeiten. Zur Jause esse ich wieder Kaffee und Abends Suppe, Fleisch und Gemüse. Das kocht meine Mutter, bei welcher ich esse. — Für das Abendessen rechne ich 20 kr., für den Morgenkaffee 5 kr., Gabelfrühstück 10 bis 12 kr. Das Arbeitslocal ist ziemlich groß, hat sechs Fenster und ist gut beleuchtet. Geschenke haben wir nicht zu wachen. 208 Wittelshöfer: Wann beginnt die Arbeitszeit? — Exp. Nr. 65: Wir arbeiten von V 28 Uhr Früh bis V 28 Uhr Abends. In der Mittagstunde arbeiten wir freiwillig und werden da nach Stück bezahlt. Da machen wir das Aufputzen der Mieder. Wittelshöfer: Ist das allgemein üblich? — Exp. Nr. 65: Nur Diejenigen, welche weit wohnen, arbeiten über Mittag, die Anderen gehen fort. Frl. Fickert: Wie lange halten Sie das aus, so den ganzen Tag durchzuarbeiten? — Exp. Nr. 65: Das thue ich schon sehr lange, über zwölf Jahre. Wenn ich aber auch nichts zu thun habe, so gehe ich nicht nach Hause zum Essen. (Ueber Befragen der Vorsitzenden.) Das Local wird, bevor wir kommen, gelüftet, manchmal auch während des Tages, wenn es nicht zu kalt ist. Die Heizung ist gut. Die Aborte sind sehr schlecht. Wir müssen vom ersten Stock hinuntergehen, dann durch den Hof, über die andere Stiege wieder in den ersten Stock. Im Winter sind wir oft sehr erhitzt, und da kann man sich leicht eine Krankheit zuziehen. Den Abort benützen 40 Arbeiterinnen. Gearbeitet wird in drei Räumen, und sind in einem Raume sammt den männlichen Arbeitern bis zu 40 Personen. Das eine Zimmer hat fünf Fenster in einer und fünf in der anderen Reihe. Das Zimmer, in dem die Appreteurinnen sind, hat drei Fenster. Im Arbeitsraume schläft Niemand. Die Behandlung seitens der Vorgesetzten ist keine gute. Es kommen auch mitunter Schimpfworte vor; besonders wenn man zu spät kommt. In Bezug auf die Sittlichkeit sind keine Anstünde. Im Ganzen sind von den Arbeiterinnen vier verheiratet. Die Kündigung ist 14tägig. Bardorf: Was essen jene Arbeiterinnen, die sich das Essen holen lassen? — Exp. Nr. 65: Wurst oder vom Gasthause Suppe oder Gemüse, Fleisch nicht. Dr. Btezina: Sind die Arbeiterinnen vorwiegend jung oder gibt es auch ältere? — Exp. Nr. 65: Die meisten sind 28 bis 30 Jahre. Es gibt aber auch 18- und 19jährige. Dr. Brezina: Was geschieht mit den älteren Arbeiterinnen? Heiraten die weg? — Exp. Nr. 65: Manche heiraten, und dann kommen sie nicht mehr. Das ist meistens der Fall. Wir sind unser nur vier Verheiratete, und von den klebrigen ist keine über 30 Jahre alt. Dr. Schwiedland: Hat eine Verdrängung der Männerarbeit durch die Frauen stattgefunden? — Exp. d: Nein; dieser Artikel ist seit jeher von Frauen gemacht worden. Manchmal helfen die Männer ihren Frauen bei der Hausarbeit mit, in der Fabrik aber arbeiten nur Frauen. Exp. Nr. 65 (über Befragen der Vorsitzenden): Im Sommer gehe ich spazieren, Ausflüge mache ich nicht. Ich gehöre keinem Vereine an. Ich bin bei der Genossenschafts-Krankencasse und zahle wöchentlich 8 kr. Ich habe Eltern und Geschwister, habe dieselben aber nicht zu unterstützen. Frl. Fickert: Sind alle Arbeiterinnen in der Krankencasse versichert? — Exp. Nr. 65: Das weiß ich nicht. (Monsignore Dr. Scheicher übernimmt den Vorsitz.) Exp. Nr. 66 (über Befragen seitens des Vorsitzenden): Ich bin Ein- fasserin und bin schon vier Jahre im selben Geschäfte. Ich habe 14 Tage gelernt. Es sind 25 Mädchen im Hause beschäftigt und vier bis fünf Lehrmädchen. Diese lernen zwei Jahre. Die Beschäftigung bleibt sich durch das ganze Jahr gleich. Bei uns sind auch Männer als Zuschneider beschäftigt, Alles zusammen sind bei 40 Personen beschäftigt. Wir erzeugen nur Mieder. Arbeit wird auch außer Haus gegeben. Die Arbeiterinnen sind aus Arbeiterkreisen. Die Arbeitsvermittlung geschieht durch Umfragen. Wittelshöfer: Was machen die Lehrmädchen? — Exp. Nr. 66 : Bei uns sind sie meist nur beim Einschlagen; andere Arbeit machen sie nicht. Wittelshöfer: Kann ein Lehrmädchen nach zwei Jahren ein - 20 :) Mieder machen? — Exp. Nr. 66: Sie muß sich selbst zur Arbeit stellen und zuschauen, sonst kann sie es nicht. Mittels höfer: Wird mit Maschine gearbeitet? — Exp. Nr. 66: Mit einer Ringschiffmaschine. Dampf haben wir nicht. Bei uns sind 10 Ein- zieherinnen, 5 Stickerinnen, 4 Einsasserinnen und 4 Appreteurinnen. Dr. Ofner: Sie sagen, daß Sie schon nach vier Wochen gearbeitet haben. — Exp. Nr. 66: Ich habe privat gelernt. (Ueber Befragen des Vorsitzenden.) Ich habe einen Wochenlohn von fl. 6. Es ist dies der höchste Lohn. Ueberstunden gibt es nicht. Wenn eine ausgelernt ist, bekommt sie gleich fl. 2. Dabei bleibt sie zwei Jahre, dann steigt sie aber nur sehr wenig. Ein Unterschied im Lohn nach der Saison ist nicht vorhanden. Irgend eine Leistung für Material haben wir nicht zu machen. Wir nehmen keine Arbeit mit nach Hause. Früher haben das die Stickerinnen gethan, jetzt aber nicht mehr. Von den Zuschneidern hat einer fl. 20 und einer fl. 25. Für das Zuspätkommen werden Abzüge von 10 kr. gemacht, auch wenn man nur ein paar Minuten später kommt. Was mit dem Gelde geschieht, weiß ich nicht. Die Arbeitszeit beträgt 10'/? Stunden; von 1/48 bis ^1 und von 2 bis V48 Uhr. Mittag gehe ich nach Hause. Vor- und Nachmittag haben wir einige Minuten Pause zum Esseu. An Sonntagen wird manchmal Vormittag gearbeitet, das wird aber extra bezahlt, und zwar 10 kr. pro Stunde. An Feiertagen wird nicht gearbeitet. Wir haben eine 14tägige Kündigungsfrist, und zwar beiderseitig. Bardors: Wie ist es mit der Lohnsteigernng? — Exp. Nr. 66: Das Lehrmädchen bekommt fl. 2. Dann steigt sie in einem halben Jahre um 50 kr. und wieder nach einem halben Jahre um weitere 50 kr. Bis eine fl. 6 erreicht, braucht sie eiu paar Jahre. (Ueber Befragen des Vorsitzenden.) Die Beleuchtung ist gut, Geschenke haben wir nicht zu machen. Ich wohne bei meinen Eltern. Jene Arbeiterinnen, welche selbstständig sind, leben sehr kümmerlich. Mittags essen sie meist nur Kaffee oder um ein paar Kreuzer Wurst, am Abend Butterbrot u. dgl. Das Arbeitslocal ist im ersten Stock. Es ist ziemlich groß und wird Morgens und Abends gelüftet. Es wird auch gut geheizt. Es ist nur ein Abort für das ganze Personal. Die Fenster des Ärbeitslocales sind hofseitig, und zwar gehen sie in einen ziemlich kleinen Hof. Bei Tag ist es daher finster und es wird auch oft bei Tag Gas gebrannt, was natürlich für die Augen sehr schädlich ist. Im Arbeitslocale wohnt niemand. Unter Tag dürfen wir uns nichts holen lassen. Zur Jausen- panse kommt der Bäcker. Dr. Riedl: Ist der Hof ein Lichthof? — Exp. Nr. 66: Ja. Das Vocal hat sechs bis sieben Fenster. Dr. Schwiedland: Wie viel Büsten haben Sie? — Exp. Nr. 66: 25; die sind aber nicht in diesem Zimmer, sondern in der Appretur. Dr. Ofner: Wer kehrt das Local aus? — Exp. Nr. 66: Die Lehrmädchen nach der Arbeitszeit. Dr. Ofner: Wann wird es gewaschen? — Exp. Nr. 66: Vielleicht in jedem halben Jahr einmal. Dr. Verkauf: Müssen Sie ein bestimmtes Quantum Arbeit täglich fertig machen? — Exp. Nr. 66: Die Arbeit, die wir machen, wird uns aufgeschrieben. Dr. Verkauf: Und wenn Sie nicht fertig werden? — Exp. Nr. 66: Dann gibt es einen fürchterlichen Verdruß. Der Chef schimpft oder kündigt. Ich muß täglich 160 Mieder einfassen. Es ist eine sehr anstrengende Arbeit. Dr. Verkauf: Kommen Strafen vor, wenn die Arbeit nicht fertig wird? — Exp. Nr. 66: Das nicht. Dr. Verkauf: Können Sie regelmäßig Ihre Aufgabe fertig machen? — Exp. Nr. 66: Es kommt vor, daß man einmal zurückbleibt, wenn einem einmal schlecht ist. Dann hat man am nächsten Tag Verdruß. Aber nachholen muß man es nicht. Denn das ist ja nicht möglich. (Ueber Befragen 14 Frauen-Enquöte. 210 des Vorsitzenden.) Wir haben eine Werkführerin, diese theilt die Arbeit aus und überwacht die Arbeiterinnen. Sie geht mit uns nicht sehr gut um. Die Zuschneider sind auch im Arbeitslocale. Die herrschen auch über uns. Vorsitzender: Und können Sie sich darüber nicht beim Chef beschweren? — Exp. Nr. 66: Der hält zu den Zuschneidern. Dr. Biezina: Haben Sie unter einem rauhen oder allzu freundlichen Benehmen der Arbeiter zu leiden? — Exp. Nr. 66: Zudringlich sind sie nicht. Dr. Verkauf: Inwiefern herrschen sie über die Arbeiterinnen? — Exp. Nr. 66: Es darf nichts gesprochen werden. Hie und da muß man aber doch etwas fragen. Dr. Verkauf: Wie viele solcher Herren haben Sie? — Exp. Nr. 66: Zwei, oft sind auch die Commis da, die ebenfalls über uns herrschen. Dr. Verkauf: Und alle diese Herrscher zeichnen sich durch Schimpfen aus? — Exp. Nr. 66: Fein behandeln sie uns nicht. Dr. Verkauf: Pflegen Sie sich nicht zu beklagen? — Exp. Nr. 66: Der Herr hört einen nicht einmal an. Dr. Verkauf: Hat er vielleicht keine Zeit dazu? — Exp. Nr. 66: Zeit hätte er genug. Mittel sh ö f er: Sie dürfen also den ganzen Tag nichts reden? — Exp. Nr. 66: Den ganzen Tag nicht. Vorsitzender: Sprechen auch die Zuschneider untereinander nicht? — Exp. Nr. 66: Auch die nicht. (Ueber Befragen des Vorsitzenden.) Von den Arbeiterinnen ist eine verheiratet. Die anderen sind ledig. Ich wohne bei meinen Eltern. Wir haben Zimmer, Küche und Cabinet. Es sind in der Wohnung sieben Personen. Ausflüge mache ich sehr wenige. Einem Vereine gehöre ich nicht an. Ich habe Niemanden zu unterstützen. Ich habe vier Geschwister, im Alter von 12 bis 20 Jahren. Wittelshöfer: Und wie schlafen Sie? — Exp. Nr. 66: Wir haben zwei Betten und einen Divan. Dr. Ofner: Verdienen von Ihren Geschwistern welche etwas? — Exp. Nr. 66: Drei zusammen etwa fl. 16 pro Woche. Dr. Riedl: Was sind Ihre Eltern? — Exp. Nr. 66: Der Vater ist alt, der kann nichts mehr verdienen. Auch die Mutter erwirbt nichts. Wittelshöfer (zum Exp. 0): Es sind sehr viele Arbeiterinnen auswärts beschäftigt. Wie wird die Arbeit ausgegeben und abgeliefert? — Exp. 6: In jedem Geschäfte ist eine bestimmte Zeit, die sogenannte Lieferzeit, meist täglich von 5 bis 7 Uhr Abends. Es können aber nicht an jedem Tage sämmtliche Arbeiterinnen liefern, sondern etwa die Hälfte. Bei der Uebernahme der Arbeit sind zwei Personen beschäftigt, und die geben auch die Arbeit wieder aus. Wittelshöfer: Wie lange brauchen die, um etwa 90 Näherinnen abzufertigen? — Exp. U: Das muß unter zwei Stunden geschehen. Wittelshöfer: Müssen die Arbeiterinnen nicht lange warten? — Exp. (4: Das kommt oft vor. Wittelshöfer: Wie geschieht die Zahlung? — Exp. U: Jeden Samstag auch um diese Zeit. Expertin Nr. 67 (gibt über Befragen seitens des Vorsitzenden an): Ich bin in einem anderen Miedergeschäste als die Exp. Nr. 66. Ich habe dort gelernt und bin jetzt das vierte Jahr in diesem Geschäft. Ich bin auf ein Jahr mit fl. 1, wöchentlich aufgenommen worden, und weil ich gut gelernt habe, bin ich schon nach sieben Monaten auf's Stück gesetzt worden. Früher hat man im Detail gearbeitet, jetzt sn §ro8. Es arbeiten dort im Hause zwölf, außer Hause beiläufig ebensoviel Arbeiterinnen. Im Sommer ist wenig Arbeit; im Vorjahr haben wir 14 Tage ganz aussetzen müssen. Bei uns sind zwei Lehrmädchen. Die Arbeiterinnen recrutiren sich lediglich aus Arbeiterkreisen. Wir haben Näh- und Oesenmaschinen. Die Lehrmädchen 211 sind eigentlich nur Anfängerinnen, weil sie nicht aufgedungen werden. Ich mache ganze Mieder. Ich bekomme es zugeschnitten und muß es bei der Maschine fertig machen. Wittelshöfer: Ist bei Ihnen nicht auch die Eintheilung in Ein- fasserinnen u. s. w.? — Exp. Nr. 67: Ja, das ist im Allgemeinen auch. Aber ich bin jetzt die erste Person, ich arbeite im Gegensatze zu den anderen nach der Woche" und muß alles übernehmen, das Cartoniren u. s. w. auch machen. Ich bekomme fl. 6. Dr. Riedel: Ich bitte uns die einzelnen Kategorien von Arbeitern und deren Löhne aufzuzählen. — Exp. Nr. 67: Für einzelne Mieder werden 8 bis 35 kr. gezahlt. Solche von 35 kr. kann eine Arbeiterin höchstens zwei Stück im Tag machen; von den billigeren sechs bis acht Stück. Die Ein- zieherin bekommt 1 kr. per Stück. Diese verdient sich fl. -IV 2 bis 5 in der Woche. Die Einfasserin ebensoviel, eventuell etwas mehr, vielleicht fl. 6, die Stickerin verdient sich ebensoviel und die Appreteurin auch. Herrdegen: Wie viel bekommen die Appreteurinnen gezahlt? — Exp. Nr. 67: Für das Dutzend 8 kr. Da muß sie es allein einstärken und büsten. Wir haben nur eine Appreteurin. Wir haben in unserem Geschäft zwölf Büsten, die alle von der einen Appreteurin bedient werden. Sie büstet täglich 80 Stück. (Ueber Befragen des Vorsitzenden.) Ueberstunden werden keine gemacht. Wenn viel zu arbeiten ist, nehmen die Mädchen Nachtarbeit mit. Äusgaben für Zwirn und Seide haben wir keine; aber die außer Haus arbeiten, müssen sich die Wolle kaufen und eine Maschine haben: deshalb sind die außer Haus schlechter daran, wenn sie auch wegen der Wolle 1 kr. mehr Stücklohn bekommen. Die Hausarbeiterinnen dürfen die Wolle kaufen, wo sie wollen, beim Herrn oder in einem Geschäft. Die Preise sind dieselben. Sie braucht für ein Dutzend Mieder einen Strähn Wolle, das ist 6 kr., möglicherweise auch 2 kr.; ich weiß es nicht genau. Die Nadeln und das Oel muß sie auch beistellen. Dr. Verkauf: Ich möchte wissen, ob die Heimarbeiterinnen besser oder schlechter daran sind wie die in der Fabrik Arbeitenden? — Expertin Nr. 67: Ich glaube, gewöhnlich schlechter, denn sie haben auch noch Ausgaben. Wenn die Maschine ruinirt ist, muß sie fl. 3, 4 zahlen. Oft brechen sehr viele Nadeln nacheinander u. s. w. Herrdegen: Die Angaben bezüglich der Löhne der Appreteurinnen stimmen nicht. Sie sagten, per Dutzend wird 8 kr. bezahlt, und 80 Stück sei die Tagesleistung. 80 Stück sind rund sieben Dutzend. Das wären 56 kr. pro Tag und fl. 3'60 für die Woche; nun haben Sie gesagt, der Lohn betrage mehr, und zwar fl. 5. Wie läßt sich das aufklären? — Exp. Nr. 67: Wenn Sie nur im Geschäft arbeiten würden, so würde sie nicht mehr verdienen. Aber sie nimmt sich täglich für etwa 30 kr. Arbeit nach Hause mit, und so kommt sie auf fl. 5. Sonst verdient sie bestimmt nicht mehr. (Ueber Befragen des Vorsitzenden.) Abzüge und Strafen kommen nicht vor. Allerdings hat uns der Herr vor Kurzem angedroht, daß er eine Strafe von 5 kr. einführen wird, wenn Eine zu spät kommt. Die Arbeitszeit ist von halb 8 bis 7; eine Stunde Mittagspause, und zwar von 12 bis 1. Wenn wir Bor- oder Nachmittags die Arbeit auf ein paar Minuten unterbrechen, um zu essen, so ist das unser eigener Schaden, weil wir nach Stück gezahlt werden. Wittelshöfer: Sind in Ihrem Betriebe Männer? — Expertin Nr. 67: Nur Zuschneider. Wittelshöfer: Hat die Arbeit, welche Sie selbst machen, immer eine Frau verrichtet? — Exp. Nr. 67: Das hat früher der Chef gemacht. (Ueber Befragen des Vorsitzenden.) Sonn- und Feiertage wird nicht gearbeitet. Die Kündigungsfrist beträgt 14 Tage für beide Theile. Beim Unternehmer hat keine der Arbeiterinnen Kost oder Wohnung. Arbeiten werden im All- 14 * 212 gemeinen nur während der Saison nach Hause genommen, und zwar geschieht das etwa drei- bis viermal in der Woche. Da haben wir dann bis 11, 12 Uhr damit zu thun. Wenn Arbeit zum Adjustiren mitgenommen wird, so bekommen wir 2 kr. per Stück, da nehme ich gewöhnlich ein Dutzend mit. Für das Sticken sind die Preise verschieden. 5, 10, 20 kr. Von den Miedern zu 20 kr. nimmt man sich nur eines, von den zu 5 kr. vier Stück mit. Die Unternehmer nöthigen aber die Arbeiterinnen nicht, Arbeit nach Hause zu nehmen. An Sonn- und Feiertagen wird keine Arbeit mitgenommen. Bardorf: Sie sind bei Ihren Eltern. Wie ernähren sich die anderen Mädchen? — Exp. Nr. 67: Die sind auch bei ihren Eltern. Dr. Verkauf: Wie ist die Behandlung durch die Vorgesetzten? — Exp. Nr. 67: Nicht besonders gut. Dr. Verkauf: Wie steht's mit der Sittlichkeit? Ist da zu klagen? — Exp. Nr. 67: Nein. Dr. Verkauf: Ich habe aber gerade in dieser Richtung von Ihrem Geschäfte etwas gehört. Vielleicht ist das jetzt anders. — Exp. Nr. 67^ Seitdem ich im Geschäfte bin, ist nichts derartiges vorgefallen. Dr. Ofner: Wird in der todten Saison den Mädchen weniger Arbeit gegeben, bevor ganz ausgesetzt wird ? — Exp. Nr. 67: Ja, es gibt Tage, wo sie um die Hälfte weniger verdienen. Herrdegen: Können Sie uns sagen, auf welche Weise Ihr Geschäft die Waaren absetzt? — Exp. Nr. «17: Es hat Reisende. Herrdegen: Arbeiten Sie auf Bestellung von einzelnen Kunden? — Exp. Nr. 67: Ja, wir machen sehr viel Maßmieder, denn der Chef hat ein Detailgeschäft mit einem Verkaufslocal. (Ueber Befragen seitens des Vorsitzenden.) Das Arbeitslocal ist ziemlich groß. Wir brauchen nicht das vollkommene Stillschweigen zu halten, wie die frühere Expertin erzählte. Wenn der Chef da ist, so müssen wir freilich ruhig fein, aber wenn er fortgegangen ist, plauscht,man gern ein bischen. Das Arbeitslocal ist im Parterre, geht in den Lichthof,' und wenn es im Winter dunkel ist, so muß den ganzen Tag Gas brennen. Ventilation ist keine. Es wird untertags selten gelüftet. Auch im Sommer nicht, denn es fliegt Ruß herein, der die weißen Mieder schmutzig macht. Wenn gebüstet wird, ist es auch fürchterlich heiß. Jedes Vierteljahr wird gewaschen, und zwar von einer Bedienerin. Der Abort ist im Hof, da müssen wir über den Gang hingehen. Es sind zwei gewöhnliche, gut erhaltene Aborte, jedoch ohne Spülvorrichtung. Dr. Biezina: Ist der Abort nicht im Winter sehr kalt? — Expertin Nr. 67: O ja, es zieht auch dort; es kommt häufig vor, daß man sich verkühlt. Wittelshöfer: Wie viel Arbeitslocale haben Sie ? — Exp. Nr. 67: Zwei Zimmer, in einem sind wir, in dem anderen die Appreteurinnen. Wittelshöfer: Wieviel Fenster hat der Raum, in dem Sie arbeiten? — Exp. Nr. 67: Fünf. Wittelshöfer: Wie lange dauert das Büsten? — Exp. Nr. 67: Verschieden, manchmal den halben, manchmal den ganzen Tag. Herrdegen: Was machen die Appreteurinnen, wenn nicht gebüstet wird? — Exp. Nr. 67: Einziehen. (Ueber Befragen des Vorsitzenden.) Im Arbeitslocal schläft Niemand. Zum Mittagessen gehen alle Arbeiterinnen nach Hause, keine ist bemüssigt, in's Gast- oder Kaffeehaus zu gehen. Ich selbst bin Werkführerin, die Vorgesetzte der anderen Arbeiterinnen, männliche Vorgesetzte sind keine, der Zuschneider hat nichts zu befehlen. Aber die Herrenleute sind sehr launenhaft, da muß man sehr viel ausstehen. Dr. Verkauf: Schimpft der Herr manchmal ? — Exp. Nr. 67: Nein. (Ueber Befragen des Vorsitzenden.» Ich gehöre keinem Vereine an. In die Krankencasse sind wir erst vor Kurzem eingetragen worden, etwa vor vier bis fünf Wochen. Es hat nämlich eine Frau verlangt, eingeschrieben zu 213 werden, und. da hat der Herr gleich Alle in die Bezirkskrankencasse einschreiben lassen. Die Stückarbeiterinnen müssen dafür wöchentlich 8 kr. zahlen; ich zahle gar nichts, für mich entrichtet der Herr den Beitrag. Ich dürfte auch so versichert sein wie die anderen, nämlich mit 12 kr. Früher haben wir nichts bekommen, wenn wir krank waren. Dr. Verkauf: Haben sich die Arbeiterinnen in solchen Fällen nicht an die Krankenkasse gewendet? — Exp. Nr. 67: Es sind wenig Krankheitsfälle vorgekommen, und dann sind bei uns lauter junge Mädchen, die sich ihr Recht gar nicht gesucht haben. Experte Plaß (über Befragen des Vorsitzenden): In der Wäschebranche ist in keiner Fabrik die Leitung so human, wie bei uns. Beide Chefs sind sehr humane Leute, man hört nie ein Schimpfwort, der Bruder des Chefs ist Fabriksleiter und ist auch äußerst anständig. Das Geschäft ist ziemlich ausgebreitet, es sind 120 Personen beschäftigt. Es werden Hemden, Krägen und Manschetten erzeugt. Beim Zuschneiden ist Dampfbetrieb; die Einen schneiden Krägen, die Anderen Manschetten zu u. s. w. Die Näherinnen arbeiten theils im Hanse, theils außer Hause. Die Arbeit außer Hause bekommen Subunternehmer, von denen viele wohlhabend sind, und die mit vier bis zehn Mädchen arbeiten. Sie bekommen die Arbeit zugeschnitten, müssen dieselbe fertigstellen uud auch das Zugehör selbst beschaffen. Bei uns sind fünf Männer und ein Lehrjunge, im übrigen aber Frauen beschäftigt. Die Männer arbeiten jeder selbstftändig auf der Maschine und mit der Hand. Die Mädchen arbeiten gruppenweise, je drei Näherinnen und eine Vorrichterin zusammen an einem Tisch. Wenn eine Vorrichten nicht recht nachkommt, so arbeitet sie auch nur mit zwei Näherinnen. Die sind alle im Stücklohn. Mit den Büglerinnen kommen wir nicht in Berührung, ich kaun also über diese nichts Näheres angeben. Es gibt bei uns vielleicht 40 Glänzerinnen und Büglerinnen und etwa 40 bis 60 Näherinnen und Vorrichterinnen, aber ich weiß das nicht genau zu sagen. In der Wäscherei sind Männer und Frauen beschäftigt, und zwar etwa 25. Die Arbeit geht folgendermaßen vor sich. Der Stoff kommt aus der Zuschneiderei hinaus, wo vertheilt wird. Da bekommt ihn dann die Gruppe von Näherinnen, die eben fertig ist. Vor dem Nähen werden bei den Hemden von der Faltlerin mittelst einer mit Dampf betriebenen Maschine die Falten auf dem Rücken gemacht. Wenn das betreffende Stück genäht ist, kommt es in die Knopflochmacherei, wo ebenfalls Dampfbetrieb ist. Es werden aber nur in der Fabrik, uud zwar bei den Hemden die Knopflöcher mit der Maschine gemacht; bei den Krägen, Manschetten und Halsleisten geschieht das zu Hause mit der Hand. Dann kommt das Stück in die Wäscherei, hinauf in die Stärkerei und dann zu den Streiferinnen, welche das Hemd für die Büglerei vorrichten. In die Büglerei kommen nur Hemden; Krägen und Manschetten kommen in die Glänzerei, wo eine Maschine über den Stoff fährt und den Glanz erzeugt. Die anstrengendste Arbeit ist meiner Ansicht nach, wenn man den ganzen Tag sitzen und nähen muß; auch das Bügeln ist nicht weniger anstrengend, und zwar wegen der Hitze; man darf wegen des hereinfliegenden Rußes kein Fenster aufmachen. Leichtere Beschäftigungen find die der Vorrichterinnen, Glänzerinnen und Streiferinnen. Wittelshöfer: Wird für das Knopflöchermachen gleichviel gezahlt, wenn es mit der Maschine und wenn es mit der Hand geschieht? — Exp. Plaß: Nein, denn mit der Maschine geht es viel schneller. Baronin Vogelfang: Was wird für das Knopflöchern mit der Hand gezahlt? — Exp. Plaß: Per Dutzend Hemden 60 bis 80 kr.; eine Arbeiterin kann im Tag circa ein Dutzend machen. Vorsitzender: Ich habe gehört, daß sich die Zuschneider fl. 20 verdienen? — Exp. Plaß: O nein, nicht alle. (Ueber Befragen des 214 Vorsitzenden.) Wo kein Dampfbetrieb ist, wird besser gezahlt, weil bedeutend mehr Arbeit ist. Wenn die Hemden auswärts gearbeitet werden und der Subunternehmer hat gute Arbeiterinnen, so kommt es vor, daß die Hemden auswärts bedeutend schöner gemacht werden als in der Fabrik. Wir Männer haben alle den gleichen Lohn von fl. 14; nur einer, der erst vor Kurzem freigesprochen wurde, hat fl. 7 oder 7'50. Die Sortirerinnen haben Wochenlohn, und zwar fl. 4 bis 4'50, die Näherinnen und Knopflöchermacherinnen werden nach Stück bezahlt. Diese zwei kommen durchschnittlich, wenn sie schwach arbeiten, auf fl. 4'50 bis 5, es gibt aber auch solche, die fl. 10 verdienen. Die Arbeitszeit ist von 7 bis 6 Uhr. Wittelshöfer: Wie vertheilen die drei Arbeiterinnen und die Vorrichterin die Arbeit und den Lohn untereinander? — Exp. Plaß: Sie haben eine Vorarbeitern, welche die Arbeit vertheilt und was sie dann alle verdient haben, wird unter die Arbeiterinnen ausgetheilt, welche dann ihrerseits die Vorrichterin bezahlen. Die Vorrichterin hat also direct nichts mit dem Unternehmer M thun, zumeist nimmt auch eine solche Gruppe von Näherinnen selbst die Vorrichterin auf. Herrdegen: Was wird für das Nähen für ein Dutzend Hemden gezahlt? — Exp. Plaß: Für die leichtesten Hemden per Dutzend fl. 1'50 bis 2, auch fl. 5'60. Herrdegen: Davon müssen sie auch noch die Vorrichterin zahlen? - Exp. Plaß: Ja. Herrdegen: Wie viel Hemden kann eine solche Gruppe täglich machen, wenn sie beispielsweise aus zwei tüchtigen Näherinnen und einer Vorrichterin besteht? — Exp. Plaß: Per Tag 28 Hemden; jede Näherin macht 14 Hemden. Wittelshöfer: Dann würden alle drei zusammen bei den leichten Hemden über fl. 4 verdienen? — Exp. Plaß: Ich bitte das nicht miß- zuverstehen, diese leichten Hemden zu fl. 1'50 oder fl. 2 werden außer Haus gegeben und nicht in der Fabrik gemacht. Was in der Fabrik per Stück gezahlt wird, weiß ich nicht. Ich kann nur sagen, daß sie, wie gesagt, wöchentlich fl. 3 bis fl. 4 verdienen und besonders tüchtige Arbeiterinnen auch fl. 10 und fl. 11. Wittelshöfer: Können Sie uns nicht sagen, was ein Exporteur für ein Dutzend zahlt? — Exp. Plaß: Ungefähr fl. 2'60 bis 3. Aber das zahlt ja der Exporteur nicht der Näherin, sondern dem Subunternehmer. Vorsitzender: Was wird an Arbeitslohn factisch gezahlt, und zwar etwa für ein Hemd, das im Verkauf fl. 2'50 kostet? — Exp. Plaß: Etwa fl. 3 per Dutzend für das Nähen und Knopflöchermachen. Herrdegen: Ich möchte nur constatiren, daß immer die Löhne der Arbeiter in der Fabrik mit denen der Heimarbeiter und mit der Bezahlung der Subunternehmer verwechselt werden. Die Bezahlung von fl. 3 für das Dutzend, welche der Herr Experte eben anführte, entspricht nicht dem Fabrikslohne, sondern dem Lohne in einem Kleinbetriebe. Bitte uns also zu sagen, was in der Fabrik für ein Dutzend solcher Hemden gezahlt wird. — Exp. Plaß: Ich habe da keinen Einblick, glaube aber, daß die Bezahlung beiläufig die gleiche sein dürste. Herrdegen: O nein, da ist eine große Differenz. — Exp. Plaß (über Befragen des Vorsitzenden): In unserem Betriebe herrscht kein großer Wechsel unter den Arbeiterinnen, weil bei uns wenig zu klagen ist. Die Behandlung ist gut, die Bezahlung nicht schlecht, der Chef ist mit den Arbeitern zufrieden, die Arbeiter sind mit dem Chef zufrieden, es kommt also selten ein Wechsel vor. Diejenigen, welche wenig bezahlt bekommen, z. B. die Sortirerinnen und Faltlerinnen, sind junge Mädchen, die gewöhnlich zu Hause wohnen. Diejenigen, die auf sich allein angewiesen sind, sind gewöhnlich schon bessere Arbeiterinnen und verdienen sich ihr Geld, 215 wenigstens mehr, als anderswo. Die Lokalitäten in unserer Fabrik sind ganz gut, sie sind sehr licht und groß. Der Tract, in welchem wir uns befinden, hat etwa 20 Fenster. Wir haben elfstündige Arbeitszeit. Das Verhältniß der Arbeiter zum Werkmeister ist ein freundliches. In der Näherei ist eine Frau die Vorgesetzte, welche die Arbeit vertheilt, die ist allerdings manchmal etwas launenhaft gegenüber den Arbeiterinnen. Strafen gibt es keine. Die Sonntagsruhe wird vollkommen eingehalten. An Feiertagen sind nur die Zuschneider da und diejenigen Arbeiterinnen, welche nach der Woche gezahlt werden. Wir Zuschneider kommen um 8 Uhr Früh und gehen um ' 2 I 2 Uhr weg und bekommen dafür den ganzen Tag gezahlt. An hohen Feiertagen wird, was vielleicht in keinem anderen Betriebe Wiens der Fall ist, bei uns die Arbeit gezahlt. Wittelshöfer: Wie ist es am ersten Mai? — Exp. Plaß: Wenn viel zu thun ist, so sagt der Chef: „Bleiben Sie da, ich brauche das und das, gehen Sie zu Mittag fort". Vor zwei Jahren war um den ersten Mai herum ein Feiertag, und da hat der Chef gesagt: „Ich habe viel zu thun, arbeiten Sie halt am ersten Mai Vormittags und an dem Feiertag arbeiten Sie wieder Vormittags, da haben Sie drei Nachmittage frei". Er geht also in dieser Beziehung sehr coulant vor. Exp. Nr. 68 (über Befragen seitens des Vorsitzenden): Ich bin schon 14 Jahre in dieser Branche, momentan nirgends beschäftigt. Ich war in vielen Fabriken. Ich war auch bei der Firma, über die der Herr Experte aussagte, bin aber nicht so gut behandelt worden. Man hat mir dort den Stuhl vor die Thür gesetzt, und da bin ich zur Genossenschaft klagen gegangen. Das wird mir überall heute noch vorgeworfen. Wenn ich Arbeit suche, sagt man: „Ja, Sie laufen gleich zur Genossenschaft klagen". Die Behandlung in dem Betriebe des früheren Experten ist keine gute, denn die Frau, welche das ganze Geschäft führt, ist sehr launenhaft, und was sie will, setzt sie durch. In einer anderen großen Fabrik, wo ich war, war die Behandlung besser, aber die Bezahlung ist sehr schlecht. Ich würde dort nicht mehr hingehen, weil ich mich nicht so schinden lasse. Dort bekommen sie für ein Dutzend Hemden, und zwar für bessere Waare, st. l'50 für das Nähen. Dabei muß man sich noch die Unterwolle, die Nadeln, das Oel und Petroleum u. s. w. selbst kaufen. Daß man sich bei unserer Branche fl. 9 oder 10 verdient, ist nicht wahr. Man kann sich st. 9 verdienen, aber da hat man mehr als 12stündige Arbeitszeit. Da muß man bis tief in die Nacht arbeiten. In der Fabrik, von der ich zuletzt gesprochen habe, habe ich mich um die Brutalitäten, welche anderen Arbeiterinnen zutheil geworden sind, angenommen, denn ich kann nicht! zuschauen, wenn einer Unrecht geschieht, und deshalb hat man mich fortgeschickt. Ich gehe jetzt überhaupt in keine Arbeit mehr, weil ich nicht zusehen kann, wie die Anderen chicanirt und die armen Mädeln ausgesogen werden. Mit 14 Jahren kommen sie in die Fabrik und werden von einer älteren Näherin abgerichtet. Diese schaut aber nur, daß sie selbst etwas verdient, und das Mädchen lernt nichts. Die kleinen Herren nehmen die Mädchen vom Lande, die werden auf zwei Jahre aufgedungen, müssen sich bis spät Abends abrackern, auch Fußboden aufreiben und dergl., und die Kost, welche ihnen dieser Herr vorsetzt, wird auch nicht gut sein. Ich bin Witfrau, habe Kinder und beschäftige mich, indem ich zu Hause Knopflöcher nähe und vernähe. Da bekomme ich für das Dutzend Hemden 72 kr. Die schlechteren Qualitäten der Hemden, wo nur vier, fünf Knopflöcher in dem Hemd sind, werden mit 4 kr. per Stück bezahlt. Da sind in einer Fabrik oft Mädchen gesessen, die haben nur fl. 3 in der Woche verdient; ich habe oft von meinem höheren Lohn Einer eine Zuspeise gezahlt. Manche sind sogar nicht höher als wie auf fl. 2 gekommen. Die Hemden, wo ich je vier Knopflöcher machen und vernähen muß, wofür ich 48 kr. für das Dutzend bekomme, werden mit dem 70er Zwirn gelöchert. 216 Ich mache nur die Löcher auf der Brust, und zwar mache ich Alles mit der Hand. Eine Maschinnäherin bekommt in der erwähnten großen Fabrik 78 kr. täglich; da muß sie aber auch zu Hause nähen. Herrdegen: Wie viel Arbeiterinnen waren dort? — Expertin Nr. 68: 60 Näherinnen und Vorrichterinnen. Herrdegen: Was wird dort erzeugt? — Exp. Nr. 68: Hemden, Krägen, Manchetten, Unterhosen und Nachthemden. Herrdegen: Was haben Sie dort genäht? — Exp. Nr. 68: Hemden. Herrdegen: Haben Sie allein genäht oder in einer Gruppe? — Exp. dir. 68: Allein, bis auf das Knopflöchermachen. Herrdegen: Was haben Sie für das Dutzend Hemden bekommen? — Exp. ?kr. 68: fl. 1'05; da habe ich aber selbst vorrichten und den Zwirn, das Oel, Petroleum und die Nadeln selbst kaufen müssen. Auch habe ich solche Hemden genäht, für welche sl. 2'16 gezahlt wurden. Herrdegen: Wie viel Hemden konnten Sie in der Woche machen? — Exp. Nr. 68: 30-2 Dutzend. Herrdegen: Haben Sie immer selbst vorgerichtet? — Exp. Nr. 68 : Ja, denn es sind im Ganzen nur drei Vorrichterinnen gewesen, weil die Vorrichterinnen sehr schwer zu bekommen sind. (Ueber Befragen des Vorsitzenden.» Krägen und Manchetten habe ich nicht genäht. Der Lohn der Büglerinnen ist mir nicht bekannt; die Vorrichterinnen sind nach Stück gezahlt, und zwar haben sie nach der Qualität 60, 66, 72 kr. per Dutzend bekommen. Ich arbeite derzeit für eine Frau, die für ein Ln-xroiz-Geschäst arbeitet. Dr. Ofner: Was müssen Sie für Zwirn n. s. w. ausgeben, wenn Sie 3'/2 Dutzend Hemden in der Woche nähen? — Exp. Nr. 68: Für den Zwirn 20 bis 30 kr., für die Unterwolle 10 kr., für drei Nadeln 10 kr., für Petroleum 3 kr. Dr. Ofner: Zusammen also 40 bis 50 kr. in der Woche? — Exp. dir. 68: Ja. Herrdegen: Was wird für das Knopflöchermachen in der Fabrik bei Maschinenbetrieb bezahlt? — Exp. Nr. 68: Für das Dutzend Krägen 4 kr., da verdient sich die Arbeiterin fl. 7 bis 8. Herrdegen: Werden Knopflöcher auf Hemden auch mit der Maschine gemacht? — Exp. Nr. 68: Ja, ich war auch bis 1800 in einer dritten Fabrik, da habe ich auch Hemden genäht. Damals waren die Löhne noch besser. Wittelshöfer: Wird jetzt weniger bezahlt? — Exp. Nr. 68: In dieser Fabrik ist es besser. Die Maschinennäherinnen bekommen nämlich jedes Stück, das in der Wäscherei zerrissen wird, zurück und wenn sie es ausbessern, so bekommen sie extra gezahlt. Die Werksührerin war dort selbst Näherin und hat daher mehr Einsehen. Dr. Ofner: Wie lang haben Sie gearbeitet, um 3'/2 Dutzend Hemden zu machen? — Exp. Nr. 68: von 7 bis 12 Uhr und von V 22 bis 10 Uhr und, nämlich jedesmal, zwei bis drei Stunden zu Hause. (Ueber Befragen des Vorsitzenden.) Die Arbeitslocalitäten in der Fabrik, wo ich zuletzt war, sind sehr groß und luftig, nur ist zu beklagen, daß die Fenster nicht aufzumachen sind, denn es sind nur kleine Fenstertafeln, die mit Blei eingeschulten sind. Da kann man nur immer so ein kleines Fensterl ausmachen. Es wird jede Woche ausgewischt. Die Heizung ist ziemlich gut. Die Erste, die dort war, hat die jungen Mädchen geschimpft, die älteren nicht; aber den Mädchen von 15 bis 16 Jahren hat sie alle möglichen Schimpfnamen gegeben. Die männlichen Arbeiter sind von den weiblichen separirt. Viele der Arbeiterinnen haben bei ihren Eltern gewohnt, aber gewöhnlich in der Fabrik gegessen und haben sich vom Gasthaus oder von der Volksküche eine Suppe oder Zuspeise kommen lassen. Wittelshöfer: Die Mittagspause ist dort von 12 bis s /22 Uhr? 217 — Exp. Nr. 68 : Nur ich habe 1'Z Stunden Pause gehabt, weil ich zu Hause gegessen und den Herrn gebeten habe, er möchte mir das erlauben. Während der Mittagspause hat niemand gearbeitet, denn wir älteren Arbeiterinnen hätten uns darüber ausgehalten. Auch war ein paarmal der Ge- werbe-Jnspector dort, und da hat es der Herr verboten, zu Mittag zu arbeiten. Es wurde immer in der Früh gelüstet. Es war kein Zwang, daß wir uns Arbeit nach Hause genommen haben, es kommt auch vor, dast die Mädchen, welche in der Fabrik angestellt sind, Privatarbeit übernehmen. Ich habe das selbst auch gethan und diese Arbeiten in der Nacht und am Sonntag ausgefertigt. Da bin ich um ' 27 Uhr nach Hause gekommen und nachdem ich meine häuslichen Arbeiten verrichtet hatte, mußte ich mich wieder setzen und bis 10 , 12 Uhr arbeiten. Um I 26 Uhr mußte ich wieder aufstehen. W i t t el s h ö s er: Wie ist es mit den Heimarbeiterinnen bestellt, die nicht in der Fabrik arbeiten? — Exp. Nr. 68 : Ich selbst habe schon solche Arbeit verrichtet; da sind mir Arbeiten untergekommen, z. B. Arbeiterhemden, wo das Dutzend mit 48 kr. gezahlt wurde. Da mußte ich zwei Dutzend machen; bei diesen habe ich allerdings keine Materialien beisteuern müssen. Wittelshöser: Kommt es vor, daß eine Hausarbeiterin sich andere Arbeiterinnen aufnimmt, von denen sie sich helfen läßt? — Expertin Nr. 68 : O ja, da gibt es keine Krankeücasse und gar nichts. Da nimmt sich Eine einfach eine Maschine und annoncirt, nimmt sich fünf bis sechs Mädchen auf, denen sie in der Woche st. 5 bis 6 oder nach Stück 48 bis 60 kr. per Dutzend bezahlt. Dr. Riedl: Werden die 48 bis 60 kr. nur für das Nähen, oder auch für das Knopflöchermachen gezahlt? — Exp. Nr. 68 : Nur für das Nähen. Ich z. B. nähe für einen Subunternehmer, da bekomme ich 4 bis 6 kr. für das Stück. Wenn ich zu Hause selbst vorrichten muß, so bekomme ich dafür 10 bis 12 kr. per Dutzend. Dr. Osner: Haben Sie eine Saison? -- Exp. Nr. 68 : In der Weißnäherei ist immer gleich viel zu thun. Dr. Osner: Wie viel verdienen Sie sich pro Woche ? — Exp. Nr. 68 : st. 6 , da muß ich von zeitlich Früh bis spät in die Nacht arbeiten und außerdem noch meine häuslichen Arbeiten verrichten. (Ueber Befragen des Vorsitzenden.) Ich bewohne mit meinen zwei Kindern ein Zimmer, für welches ich st. 28 vierteljährig zahle. Ich koche nicht, ich habe das Essen von meiner Mutter, welcher ich fl. 2 wöchentlich zahle. In der Früh habe ich Kaffee, zu Mittag Fleisch und Zuspeise und am Abend Kaffee. Höchstens daß ich den Kindern um 10 kr. irgend eine Kleinigkeit kaufe. Dr. B 1 ezina: Da bekommen Sie also das Essen von der Mutter um einen unverhältnißmäßig billigen Preis, aber haben Sie nicht beobachtet, daß junge Mädchen, welche keine Unterstützung haben und auch nicht so viele Stunden arbeiten, irgend einen Nebenerwerb haben? — Exp. Nr. 68 : Soweit ich die Mädchen kenne, nicht. Dr. B 1 ezina: Vielleicht daß sie sich von einem Mann unterstützen lassen? — Exp. Nr. 68 : Nein. Dr. Riedl: Was war Ihr Mann? — Exp. Nr. 68 : Fleischhauergehilfe. Dr. Riedl: Sind diese beiden Kinder Ihre einzigen Kinder gewesen? — Exp. Nr. 86 : Ja. Exp. Plaß: Die Expertin sagte, daß die Verhältnisse bei Löwinger und Lauser nicht so seien, wie ich sie geschildert habe. Ich kann nur wiederholen, daß wir Zuschneider eine sehr gute Behandlung haben, daß ich selbst betont habe, daß die Werksührerin launenhaft ist. Uns gegenüber kann sie natürlich diese Laune nicht zeigen, weil wir uns das nicht gefallen lassen würden. Der Chef selbst kommt uns ungemein entgegen und er steht auch mit den Arbeiterinnen im besten Einvernehmen. Exp. Nr. 69 (über Befragen des Vorsitzenden): Ich bin auch in der- 218 selben Fabrik wie der Herr Experte Plaß und habe fl. 8 wöchentlich. Die Arbeitszeit ist von 6 bis 7 Uhr, ich arbeite schon drei Jahre dort, ich habe dort auch gelernt. Ich bin jetzt keine Näherin mehr, sondern bei der Manipulation. Es verdient sich aber auch manche von den Näherinnen so viel wie ich. Die Näherinnen verdienen sich dort fl. 5 bis 9. Die Behandlung ist außerordentlich gut. Ich wohne bei meinen Eltern. Die Löhne, welche für Heimarbeit gezahlt werden, sind 80 kr. bis fl. 1'20 für leichte Hemden Per Dutzend, in der Fabrik selbst werden nur feine Arbeiten gemacht, und da ist der geringste Lohn fl. 1'40 für das Nähen allein per Dutzend. Die Vorrichterinnen bekommen 66 kr. per Dutzend. Die Vorrichterinnen werden vom Herrn selbst aufgenommen. Jede derselben arbeitet mit zwei oder drei Näherinnen. Es wird jeder Näherin jedes Dutzend Hemden eingeschrieben, und die Näherin schreibt wieder der Vorrichterin jedes Dutzend ein. Krägen und die Manschetten werden außer Haus gegeben. Wie viel der Stücklohn der Büglerinnen und Streiferinnen beträgt, weiß ich nicht, kann aber sagen, daß sich die Büglerinnen fl. 6 bis 9, manche sogar fl. 10 verdienen. Die Arbeiterinnen an der Knopflochmaschine verdienen sich fl. 7 bis 10. Diese Arbeit ist ziemlich anstrengend, weil die Betreffende den ganzen Tag auf die Arbeit schauen muß. Sie arbeitet mit den Händen und muß mit den Knieen auf den Apparat drücken, damit er in Bewegung kommt. Die Glänzerinnen verdienen sich fl. 6 bis 9. Was die Streiferin verdient, weiß ich nicht genau, ich glaube fl. 5 bis 6. Wittelshö'ser: Der Experte hat gesagt, daß die Vorrichterinnen von den Näherinnen selbst bezahlt werden. Was ist richtig? — Experte Nr. 69: Nein, sie werden vom Herrn selbst bezahlt, ich weiß das, weil ich das früher selbst alles übergehabt habe. — Exp. Nr. 68: Nein, die Vorrichterin geht nicht selbst zum Herrn. — Exp. Plaß: Beide Expertinnen haben recht. Anderswo ist die Vorrichterin nicht in Verbindung mit dem Herrn, bei uns aber ja. — Exp. Nr. 69: Die Vorrichterin hat ein Buch, mit diesem geht sie zum Herrn hin und wenn sie z. B. drei Dutzend Hemden bekommt, so wird jeder von den drei Näherinnen ein Dutzend, und der Vorrichterin drei Dutzend eingeschrieben. Dr. Riedl: Wo wohnen Sie? — Exp. Nr. 69: Ich wohne bei den Eltern, die Mutter hat ein Wäschputzgeschäft, und der Vater ist Lederarbeiter. Wir verdienen alle. — Exp. Pletzl (über Befragen seitens des Vorsitzenden) : Ich bin Vorsteherin der Productiv-Geuossenschaft. Wir zahlen für die allerbilligsten Herrenhemden ohne Knopflöcher fl. 2'50 und für die besten fl. 7 per Dutzend. Für das Knopflöchern zahlen wir für die einsachenHemden fl. 1'44, für die befferen fl. 1'80 bis 2'40 per Dutzend. Für die Damenhemden wird für die billigsten 25 kr., für gewöhnliche, gute, aber einfache Hemden 30 bis 35 kr. und für die besten Hemden 40 bis 60 kr. per Stück gezahlt. Da muß es die Arbeiterin vollständig fertig machen. Ich hatte früher selbst ein Geschäft in der Lindengasse und habe für einen Privatunternehmer gearbeitet. Es war dies im Jahre 1884. Da habe ich für Hemden, für welche wir 25 bis 30 kr. Arbeitslohn zahlen, 12 bis 15 kr. bekommen. Dr. Blezina: Sie zahlen wesentlich höhere Löhne als die Unternehmer ; da muß doch ein großer Andrang von Arbeiterinnen sein in Wien. Wie nehmen Sie also die Arbeiterinnen auf? — Exp. Pletzl: Die Arbeiterin muß erst ein Probestück bringen; wenn dieses brauchbar ist, muß sie eine Probezeit von sechs bis acht Wochen arbeiten und dann kann sie als Mitglied eintreten, wenn wir sie brauchen können und es ihr convenirt. Wittelshöfer: Wenn eine Arbeiterin sich als tüchtig erweist, so weisen Sie sie also nicht zurück. Wie kommt es dann, daß Sie nicht alle tüchtigen Arbeiterinnen dieser Branche an sich ziehen? — Exp. Pletzl: Die besonders tüchtigen Arbeiterinnen fangen auf eigene Faust zu arbeiten an. Bei uns werden aber nur solche aufgenommen, die nicht mit Lohn- 219 Mädchen arbeiten, die sich also höchstens von der Mutter oder den Schwestern helfen lassen. Wir erzeugen ganze Ausstattungen, Herrenhemden, Bettwäsche, kurz Alles auf dem Gebiete der Weißnäherei. Auch manchmal färbige Stickerei und Häcklerei. Im Hause arbeiten sieben Mitglieder, im Ganzen haben wir 59 Mitglieder. Diese sind aber nicht das ganze Jahr beschäftigt, viele von ihnen arbeiten sehr wenig. Bardorf: Wie wird die Arbeit an die einzelnen Mitglieder zugetheilt? — Exp. Pletzl: Die Hausarbeiterinnen kommen und holen sich die Arbeit, die sind im Stücklohn. Dr. Ofner: Wie viel kann sich eine Arbeiterin in neunstündiger Arbeitszeit verdienen? — Exp. Pletzl: Wenn sie nicht geschickt ist, kann sie sich auch nicht mehr verdienen als fl. 5. Die Besseren können sich fl. 10 bis 15 verdienen. Es ist aber nicht ausgeschlossen, daß sich eine bessere Arbeiterin, wenn weniger zu thun ist, nur fl. 6 bis 7 verdient. Wir haben ein Verkaufslocal, liefern aber auch anderwärts Waare, jedoch nur für bessere Geschäfte. So haben wir ein Geschäft in Linz, das uns aber nur bestellte Arbeit gibt. Wir arbeiten meist nur auf Bestellung, nur im Sommer, wenn wenig zu thun ist, auf Vorrath. Wir haben nämlich einen sehr schlechten Absatz, weil wir in einer entlegenen Gasse, in der Lindengasse, das Local haben. Dr. Riedl: Wie theilen Sie das Arbeitsquantum auf die Mitglieder auf? — Exp. Pletzl: Die im Hause sind, haben das ganze Jahr Arbeit, die außer Haus sind, haben Arbeit, je nachdem sie rascher oder langsamer vorwärts kommen. Einige unserer Mitglieder arbeiten auch für andere Geschäfte, die arbeiten natürlich für uns weniger. Wir haben jetzt eine Arbeiterin, die sich bei uns nicht mehr als fl. 7 verdient, während sie sich früher fl. 10 verdiente. Das kommt daher, daß wir die neunstündige Arbeitszeit eingeführt haben; während sie früher täglich 18 Hemden machte und bis 1l, 12 Uhr Nachts arbeiten mußte. Eine Heimarbeiterin kann bei uns täglich sechs Damenhemden machen; dafür bekommt sie fl. 2-10, bei den Wäsche-Confectionären bekommt sie nur 20 kr. per Stück. Bei uns hat eine Heimarbeiterin für die schlechtesten Hemden fl. 2'50 per Dutzend. Sie kann ganz leicht sechs Stück machen, also fl. 1'25 verdienen. Dr. Ofner: Wie prosperirt Ihr Verein seit seiner Begründung? — Exp. Pletzl: Seit dem Jahre der Gründung, 1888, hat sich die Mitgliederzahl nicht vergrößert, wir haben schon bedeutend mehr Mitglieder gehabt als jetzt. Was der Grund hievon ist, weiß ich nicht; theils sind sie weggegangen, weil sie die Arbeit nicht leisten konnten. Unsere Arbeit ist sehr heikel, es wird sehr genaue Arbeit verlangt. Dr. v. Fürth: Haben Sie für alle Arbeiterinnen regelmäßige Arbeit? — Exp. Pletzl: Für die im Hause immer, denn wenn wir nicht genügend Kundenarbeit haben, so arbeiten wir auf Lager. Aber die außer Haus sind nicht permanent beschäftigt, sie sind deshalb nicht sicher, fl. 7 bis 10 zu verdienen. Das ist auch ein Grund, warum der Zuspruch zum Verein nicht so groß ist; wir können nicht mehr Mitglieder haben, weil wir eben nicht einmal für die Vorhandenen vollkommen ausreichende Arbeit haben. Dr. Riedl: Liegt vielleicht die Ursache, warum Sie nicht mehr Arbeit haben, darin, daß Sie theuer verkaufen? — Exp. Pletzl: Ja, wir sind theuer; es ist uns schon der Vorwurf gemacht worden, daß wir ebenso theuer sind wie die in der Stadt, welche doch bedeutend höhere Regiespesen haben. Vorsitzender: Könnten Sie uns sagen, wie groß Ihr jährlicher Umsatz ist? — Exp. Pletzl: 16.000 Gulden. Bardorf: Ich glaube, die Hauptursache, warum die Genossenschaft nicht prosperirt, liegt darin, daß die Verwaltungskosten im Verhältniß zu 220 dem Umsatz zu hoch sind, viel höher als etwa bei einer großen Fabrik? — Exp. Pletzl: Das wohl nicht, denn kleiner als das Personal derzeit ist, kann es nicht mehr werden; allerdings haben wir ein großes Local und bedeutende Steuern. — Exp. Keßler (über Befragen des Vorsitzenden): Ich bin Handlungsgehilfe und kann daher über die eigentlichen Arbeiterverhältnisse nicht Auskunft geben, wohl aber über die Löhne, welche die Herren den Zwischenmeistern zahlen. Wir bezahlen für Herrenhemden an die Zwischenmeister per Dutzend fl. 1'40 bis fl. 4 und 5; da muß die Waare vollständig fertig in das Geschäft abgeliefert werden, nur geputzt brauchen die Hemden von: Zwischenmeister noch nicht zu werden. Für Arbeiterhemden zahlen wir 90 kr. bis fl. 1'15. Für Streichwaare wird für die billigsten Sorten fl. 1 per Dutzend, für die anderen Sorten 10 bis 23 kr. per Stück bezahlt. Für Beinkleider, und zwar für die deutschen Hosen zum Binden, werden fl. 1, für die französischen fl. 2'30, für die Mollino, die Arbeiterhosen 72 kr. per Dutzend gezahlt. In der Damenconfection zahlen wir für Schürzen 35 kr. bis fl. 5 per Dutzend, für Blousen 18 kr. bis fl. 1'20 per Stück, für Damenhemden 70 kr. bis fl. 5 per Dutzend — das ist aber nur die gewöhnliche Lagerwaare, es kommt vor, daß bessere Sorten verlangt werden — und für Corsets fl. 1'50 bis fl. 3 per Dutzend. Aus diesen niedrigen Löhnen der Zwischenmeister können Sie sich ein Bild machen, wie viel die eigentlichen Arbeiter bekommen. Die Zwischenmeister selbst stehen sich nicht schlecht, denn sie haben eine Masse Arbeiter in ihren Betrieben beschäftigt, und wenn sie auch beim einzelnen Stück nur einen minimalen Nutzen haben, so macht das doch im Großen einen bedeutenden Gewinn aus. Wir haben einige Zwischenmeister, die Hausbesitzer sind; die arbeiten nicht nur für uns, sondern auch für andere Geschäfte. Die Zwischenmeister arbeiten nicht nur bei sich, in ihren Betrieben, sondern geben auch Arbeit außer Hause. Da kommt es auch vor, daß von dem Zwischenmeister noch ein zweiter Zwischenmeister die Arbeit übernimmt. Die Zwischenmeister besorgen das Zuschneiden nur bei den Arbeiterhemden, die Herrenhemden werden schon im Geschäft zugeschnitten. Dr. Ofuer: Wir möchten überhaupt die Differenz zwischen den Löhnen der Zwischenmeister und denen der Arbeiter wissen, und was die Zwischenmeister selbst dafür leisten, daß sie diese Differenz einstecken. — Exp. Keßler: Die Zwischenmeister besorgen lediglich das Zuschneiden.— Exp. dir. 68: Das ist keine Kunst, so ein Arbeiterhemd zuzuschneiden. Herrdegen: Sie haben früher erwähnt, daß sich diese Zwischenmeister gut stehen. Sind die Geschäfte nicht insbesondere bei den besseren Sorten gewissermaßen an die Zwischenmeister gebunden? — Exp. Keßler : Ja. Bei den feineren Sorten müssen wir froh sein, wenn die Leute zu uns kommen. Herrdegen: Ist in den Betrieben der Zwischenmeister Arbeitstheilung? — Exp. Keßler: Ja. Herrdegen: Ist Ihnen bekannt, ob die Zwischenmeister viel mit Lehrmädchen arbeiten? — Exp. Keßler: O ja, es sind überall viele Lehrmädchen, aber sie werden nicht aufgedungen. Die Zahl der Arbeiterinnen wird in unserer Branche auf 11.000 geschätzt; irgend eine bestimmte Con- statirung dieser Ziffer ist aber nicht möglich, weil ein sehr großer Theil davon in der Hausindustrie beschäftigt ist. Bei der Genossenschaft sind nur 3000 angemeldet, und der Vorsteher hat gesagt, er kann sich nicht mit den Zwischenmeistern und Hausindustriellen herumstreiten. Herrdegen: In der Genossenschaft sind blos 452 Lehrmädchen angemeldet; es dürfte also in Wirklichkeit deren viel mehr geben? — Exp. Keßler: Mindestens zehnmal so viel. Ich möchte noch aufmerksam machen, daß die Löhne in Wien, speciell für Arbeiterwäsche, viel besser sind 221 wie in der Provinz. Denn dort können fertige Hemden um fl. 3 bis 4 per Dutzend verkauft werden, ein Preis, den wir in Wien nicht machen können. Böhmen und Mähren, insbesondere Proßnitz und Klattau machen uns sehr viel Concurrenz, sie haben uns den Platz diesbezüglich schon mit Erfolg streitig gemacht. Herrdegen: Gibt es eine todte Saison? — Exp. Keßler: Bei uns gibt es keine todte Saison; nur ein einziges Mal im Jahre müssen die Leute aussetzen; wir fangen nämlich zu Weihnachten zu inventiren an, und das dauert etwa 14 Tage, bis Anfang Jänner. Im Sommer geht das Geschäft wohl auch etwas schwächer, aber es wird doch jeder Einzelne immer beschäftigt. Herrdegen: Haben Sie Ueberfluß oder Mangel an Arbeitskräften ? — Exp. Keßler: An guten Arbeitskräften ist Mangel. Mittels höfer: Sie bezahlen dem Zwischenmeister 90 kr. per Dutzend für das fertige Hemd; davon zahlt dieser, wie eine Expertin sagte, 46 kr. für das Nähen. Was hat er noch an Löhnen und an Materiale zu bezahlen? — Exp. Keßler: Für das Knopflöchern per Dutzend 18 kr. und eine Kleinigkeit, welche ich nicht beziffern kann, für das Materiale, Zwirn rc. Mittel shöfer: Er hat also etwas über 66 kr. zu zahlen und bekommt 90 kr. Dr. Riedl: Es ist mir bekannt, daß Gemischtwaarenhändler in Niederösterreich auf dem Lande die Arbeiterwäsche direct von Böhmen beziehen; kommt das auch in Wien vor? — Exp. Keßler: O ja, in den Vorstädten. Exp. Nr. 68: Ich hätte von einem Geschäft Hosen übernehmen sollen, und zwar um 2 kr. per Stück. Als ich mich weigerte, das um diesen Preis zu thun, sagte man, es läßt sich die Sache in Böhmen noch billiger machen. Um zwei Kreuzer kann man doch nicht eine Hose machen, und bessere Waare geben Einem die Herren nicht nach Hause, weil sie sich fürchten, daß die Arbeiterinnen dieselbe versetzen. Bardorf: Warum sind gute Arbeitskräfte schwer zu bekommen? — Exp. Keßler: Weil sich die Leute überhaupt nicht auf bessere Waare einrichten, denn sie verdienen bei der schlechteren Waare, die sehr schleuder- hast gearbeitet werden kann, mehr. Bardorf: Dürfte das nicht an der mangelhaften Ausbildung der Lehrmädchen liegen? — Exp. Keßler: Das wohl auch. Frl. Krasa: Ist Ihnen bekannt, daß die Zwischenmeister und Zwischenmeisterinnen an die Manipulanten Geschenke abliefern müssen, damit sie gute Arbeit bekommen? — Exp. Keßler: Ich bin seit neun Jahren in unserem Betriebe, bei uns kommt das nicht vor. Ich will nicht behaupten, daß vielleicht ein Geschenk, wenn es angeboten wird, zurückgewiesen wird; aber es besteht diesbezüglich durchaus kein Zwang, und es hat auch der betreffende Manipulant keinen Einfluß aus die Vergebung der Arbeit. Frl. Krasa: Ist Ihnen bekannt, daß viele Zwischenmeisterinnen nicht nur in einem Arbeitsverhältniß zu den Herren stehen, sondern in einem viel innigeren Verhältniß, wie dies gerade bei den Schürzen- und Weißnäherinnen sehr oft der Fall ist? — Exp. Keßler: Bei uns nicht, weil bei uns der Herr auf so etwas nicht geht. Schluß der Sitzung 11 Uhr 15 Minuten. 222 13. Sitzung, Freitag, 13. Wär; 1696. Vorsitzender: Pernerstorfer. Beginn der Sitzung 7 Uhr 15 Minuten Abends. Schriftführer Dr. Frey: Wir waren auch bemüht, Expertinnen aus der Bettwaarenbranche zu erhalten. Nun habe ich von dem Obmanne der Krankencasfe der Bettwaaren-Genossenschaft folgenden Brief erhalten (liest): Hochgeehrter Herr Doctor! Es ist mir trotz der größten Mühe nicht möglich, Expertinnen unseres Faches namhaft zu machen, da sich die Leute fürchten, ihre Plätze zu verlieren, andererseits nicht in der Lage find, wie sie sich äußerten, in Folge Mangels besserer Kleidung sich in besser situirter Gesellschaft zu bewegen. Bitte daher den Gehilfenobmann, Genossen Jgnaz Pischan, XV. Sperr- gasse 5, vorzuladen, der zufällig mehrere Jahre im en Kiv8-Betriebe mit Frauen gearbeitet hat und die Verhältnisse sehr genau kennt. Hochachtend L. Weigel, Obmann der genossenschaftlichen Krankencasfe der Bettwaareu- erzeuger Wiens. Vorsitzender: Ich setze nun die Vernehmung von Experten der Wäscheerzeugung fort. — Exp. Frl. Marie Krasa (über Befragen des Vorsitzenden) : Wenn ich es zu meiner Pflicht gemacht habe, über die Lage der Näherinnen zu sprechen, so geschah dies deshalb, weil, trotzdem durch die gestrigen Aussagen manche Mißstände geschildert wurden, es gleichwohl so scheinen könnte, als ob die Lage der Näherinnen eine glänzende wäre. Das Verhältniß der Näherinnen zu den Frauen und der Frauen zu den Unternehmern ist doch ein ganz anderes als es gestern geschildert wurde. Ich selbst war acht Jahre sowohl als Maschinnäherin, als auch als Maschin- schlingerin thätig. Unter den Schürzennäherinnen gibt es verschiedene Kategorien. Diejenigen, die schwächer arbeiten, die sich aber bedeutend mehr anstrengen, obwohl sie schlechter bezahlt werden als die anderen, müssen immer einfache Waaren machen, nämlich Bänder, Seitentheile der Schürzen, das Säumen der Schürzen u. s. w. Das ist eine Arbeit, wo die Mädchen nie aufhören dürfen, auf der Maschine zu treten, und sie bekommen dafür höchstens fl. 3 bis 4. Diejenigen Arbeiterinnen, die schon etwas besser arbeiten, haben bei den Schürzen fl. 5 bis 6. Bei dieser Arbeit sind die Mädchen thatsächlich gezwungen, etwas besser zu essen, weil sie bei der Maschine mehr angestrengt sind als bei einer anderen Arbeit. Eine dritte Kategorie von Arbeiterinnen ist diejenige, welche die Schürzen ganz fertigstellen. Eine Arbeiterin allein macht die Schürzen nicht ganz fertig, sondern es werden vier Maschinen bei einem Fenster zusammengestellt, so zwar, daß immer je zwei einander gegenüber stehen, und da arbeiten vier zusammen, indem drei immer bestimmte Theile machen und die vierte es fertigstellt. Unter Denjenigen, welche fertigstellen, gibt es thatsächlich Arbeiterinnen, welche fl. 7 bis 6 verdienen, jedoch müssen diese ein sehr großes Quantum Arbeit leisten. So müssen vier Näherinnen in einem Tage 15 bis 20 Dutzend Unterröcke, nämlich Flanellröcke von Valeriebarchent, vollständig fertigstellen. Für diese zahlt man der Unternehmerin 90 kr. bis fl. 1 per Dutzend. Wenn alle Vier schon ziemlich gut bezahlt werden, so bekommen sie zusammen fl. 4. Da können Sie sich ausrechnen, welchen ungeheueren Nutzen gerade in dieser Branche die Unternehmer haben. Die Zwischenmeister haben gerade bei uns mehr wie in der Consectionsbranche, und die Näherinnen sehen auch sehr bald ein, daß sie viel mehr verdienen, als sie für ihre Arbeit bezahlt bekommen, und jede etwas besser qualificirte Näherin trachtet so bald als möglich selbstständig zu werden. Sie geht in die Stadt hinein und sucht tz 223 meist am Quai Geschäfte aufzutreiben, für welche sie arbeiten kann. Ich war erstaunt, daß gestern gesagt wurde, es sei Mangel an Arbeitskräften. Das trifft nicht zu. Man muß tagelang Hausiren gehen, bis Einem ein Chef sagt: „Bringen Sie ein Muster." Da muß man den Stoff zum Muster selbst kaufen und 30 bis 50 Muster bringen. Jeder Chef sagt: „Ich habe ohnedies 5000 bis 7000 Muster. Ich brauche etwas Neues, Apartes." Nur selten, wenn der Chef oder Manipulant, dem das meist obliegt, sieht, daß die Muster thatsächlich zufriedenstellend sind, läßt er sich herbei, auch einige Meter Stoff selbst herzugeben. So probirt eine Arbeiterin herum, bis sie mehrere Geschäfte zusammenbekommt, um selbstständig zu werden. Es gibt sehr viele, die selbstständig zu arbeiten anfangen und dann trotzdem wieder um st. 6 bis 7 in die Arbeit gehen müssen und statt Kleingewerbetreibende wieder Arbeiterinnen werden. Die Unternehmerinnen nehmen dann solche Arbeiterinnen sehr ungern auf, weil diese die Preise schon kennen, welche gezahlt werden, und mit dem Lohne, welchen die Frau zahlt, unzufrieden sind. Die Näherinnen stehen eben, weil sie Näherinnen sind, mit der Mode viel mehr im Zusammenhange wie die anderen Arbeiterinnen. Deshalb verwenden sie auch viel mehr auf die Kleidung und dünken sich besser als andere Arbeiterinnen. Deshalb lassen auch viele Eltern ihre Töchter sich durch Nähen etwas verdienen, schicken sie aber nicht in die Fabrik, weil ihnen das erstere nobler und feiner vorkommt. Auch das trägt dazu bei, daß die Näherinnen nur darauf schauen, recht schön gekleidet zu gehen, nicht aber darauf, daß ihnen in den Magen etwas hineinkommt. Die Arbeitszeit ist durchschnittlich von 7 Uhr Früh bis 7 Uhr Abends, mit einer Stunde Mittagspause. Es kommt aber in der Saison auch vor, daß 10, 18 Stunden gearbeitet wird, und die Ueberstunden werden nicht besser bezahlt, sondern genau so wie die Tagesstunden. Auch ist es nur selten, daß eine Frau gestattet, daß die Arbeiterin am Abend eine halbe Stunde Pause für das Nachtmahl hat. Abzüge seitens der Frauen gegenüber Arbeiterinnen kommen weniger vor. Aber den Frauen selbst werden in den Geschäften Abzüge gemacht; so weiß ich von einer hiesigen Firma, daß sie bedeutende Abzüge macht. Der Hausknecht oder das Laufmädel kommt, um die Arbeit zu holen, und wenn man es abliefert, so zeigt sich, daß bei dieser oder jener Partie thatsächlich weniger Stoff gegeben wurde, als zur Fertigstellung des betreffenden Quantums Waare erforderlich ist, und dann ist der Zwischenmeister verpflichtet, den fehlenden Stoff zu bezahlen. Die Zwischenmeisterin sagt: Es ist nicht möglich, mit diesem Stoff auszukommen; es ist aber nicht genug Stoff da. Aber wenn sie dem Manipulanten nicht ein ansehnliches Geschenk macht, so muß sie sich doch Abzüge gefallen lassen, und selbst wenn sie ihm Geschenke macht, und es ist einige Zeit vergangen, so ist das Geschenk vergessen, und die Abzüge kommen wieder. Ferner kommt es bei Borten- stoffen, die zum Aufputz der Schürzen verwendet werden, vor, daß, wenn von diesem Stoff, der 70 bis 80 Centimeter breit ist, ein Zwanzigstel von einem Meter fehlt, ein Abzug von 1 kr. gemacht wird. Die Leute wissen ganz gut, daß für ein Dutzend einfacher Wirthschaftsschürzen, die in Zwickel geschnitten werden, damit sie breiter aussehen und die vorzüglich in der Provinz gekauft werden, 11 Meter Stoff gebraucht werden, sie geben aber nur 10'/2 Meter her, und die Schürzen müssen gerade so breit sein wie mit 11 Meter. Sie werden einsehen, daß es unmöglich ist, aus einem bedeutend kleineren Stoffe dasselbe Quantum Waare herzustellen. Strafen an die Arbeiterinnen, z. B. für Zuspätkommen, kommen nicht vor, denn wenn eine zu spät kommt, so ist es althergebrachter Usus, daß sie Abends nachsitzen muß. Arbeit an Sonn- und Feiertagen, die in der Saison oft vorkommt, wird gerade so gezahlt wie die an Wochentagen. Nur sehr wenige Frauen zahlen, wenn sie nur bis 4 Uhr arbeiten lassen, den ganzen Tag. Die Arbeitslocale lassen sehr viel zu wünschen übrig. So sehen wir vornehmlich bei Denjenigen, welche 224 anfangen selbstständig zu werden, daß sie oft nur Zimmer und Küche haben und dieses Zimmer sowohl als Arbeitslocal wie auch als Speise- und Schlafzimmer dient, so daß, wenn die Arbeiterinnen in der Früh in's Geschäft kommen, die Betten noch offen stehen und noch nicht gelüstet ist. Da müssen sich sechs bis acht Arbeiterinnen in den Dunst hinsetzen und arbeiten, bis die Frau die Güte hat, die Betten zu machen und vielleicht ein wenig zu lüften, wenn nicht kleine Kinder da sind, von denen sie glaubt, daß ihnen die Lust schaden könnte. Dabei wird es 11, 12 Uhr, und da gehen die Arbeiterinnen nach Hans, oder sie bleiben auch zum Essen dort. Nur wenn eine Frau schon längere Zeit arbeitet, so nimmt sie sich noch ein Zimmer dazu. Früher hat das Gewerbe viel mehr geblüht wie heute. Vor etwa sieben Jahren, als die Schlagmaschine erfunden wurde, wurden einer Frau für einen Meter Schlingeret 4 bis 5 kr. gezahlt, wofür heute blos V,„ kr. berechnet werden. Damals haben die Arbeiterinnen, die in Accord gearbeitet haben, fl. 10 bis 12, wenn sie tüchtig waren, auch fl. 14 bis 16 verdient. Wie man aber gesehen hat, daß die Frau bei der Schlingmaschine so viel verdient, haben die Männer diese Arbeit übernommen. Das hat aber nicht lange gedauert; es wurden bald Abzüge gemacht und bedeutend weniger gezahlt. Die Männer waren damit nicht zufrieden und haben diese Arbeit wieder gutwillig den Frauen überlassen. Die Arbeiten bei der Schlingmaschine stnd bedeutend anstrengender als das Nähen; denn eine Schlingerin hat nichts vorzurichten, sie muß in einemfort bei der Maschine sitzen und mit Händen und Füßen arbeiten, indem sie mit den Füßen die Maschine tritt und mit der Hand die Zacken in die Maschine hinhält. Auch ist da vorgeschrieben, daß eine Arbeiterin pro Stunde 40 Meter machen soll. Wenn sie das nicht macht, so ist sie minder qualificirt und wird entlassen. In kleineren Geschäften, wo nur sechs bis acht Näherinnen sind, ist eine Schlingerin verpflichtet, der Arbeit aller dieser Näherinnen nachzukommen, und wenn viel zu schlingen ist, kommen sehr oft Ueberstunden vor. Es gibt nicht sehr viele Schlingerinnen, und es wäre gerade bei diesen eine bessere Bezahlung möglich. Vorgesetzte sind meist die Frauen selbst. Es kommt selten vor, daß es bei den Schürzennäherinnen eine „Aelteste" oder „Erste" gibt. Nur Diejenige, die am längsten dort ist, wird etwas bevorzugt. Im Allgemeinen ist das Verhältniß zwischen den Arbeiterinnen und den Frauen sehr freundlich, weil die Frauen, wenn sie in's Geschäft kommen und liefern, auch nicht anders behandelt werden als die Arbeiterinnen. Die Mahlzeiten, welche eingenommen werden, sind so ziemlich die gleichen, wie bei allen anderen Arbeiterinnen, denn wenn die Näherinnen auch manchmal besser bezahlt werden, so geben sie dafür mehr für die Kleider aus. Wir haben einen Fachverein für Wäsche-, Miederbranche rc. Es sind aber im Ganzen nur zwei Schürzennäherinnen dabei, wiewohl es sehr viele Schürzennäherinnen gibt. Die Organisation hat eine sehr kleine Mitgliederzahl, im Ganzen etwa 140, das sind aber meist nur zahlende Mitglieder, die sich um alles Andere nicht kümmern. Dr. Schwiedland: Sie haben gesagt, daß die Zwischenmeisterin 90 kr. für das Dutzend Flanellröcke bekommt, und vier Arbeiterinnen, welche verpflichtet sind, 15 bis 20 Dutzend täglich herzustellen, fl. 4 erhalten, daraus haben Sie die Conclusion gezogen, daß die Zwischenmeister viel verdienen. — Exp. Krasa: So ist es; die Zwischenmeisterin bekommt für 15 bis 20 Dutzend fl. 14 bis 18. Wenn man davon für Wohnung, Heizung, Beleuchtung, Anschaffung der Maschine, ferner für Zwirn, Oel und Petroleum einen entsprechenden Betrag abzieht, so kann man schließen, daß die Zwischenmeisterin einen Reingewinn von fl. 8 täglich hat. Dr. Schwiedland: Und die Muster, welche Sie beschaffen müssen? — Exp. Krasa: Wenn eine Schürzennäherin eine Arbeit bekommen will, 225 so muß sie neue Muster machen, weil, wie gesagt, der Chef immer etwas Appartes haben will. Diese Muster muß sie nach dem Modejournal machen. Dr. Schmied land: Wenn nun eine Zwffchenmeisterin ein besonders hübsches Muster erfindet, hat sie dann gewissermaßen ein Monopol daraus, oder bekommen das auch andere Zwischenmeisterinnen? — Expertin Krasa: Das ist eben das Traurige. Sie bringt ein schönes, neues Muster, und die anderen Zwischenmeisterinnen haben auch den Profit davon. Dr. Schiff: Wie theuer wird das Dutzend Flanellröcke, für welche 90 kr. gezahlt werden, verkauft? — Exp. Krasa: Das Stück um fl. 1'15, dazu braucht man um 70 kr. Barchent und 7 bis 8 kr. Arbeitslohn. Stroß: Es werden drei Meter für einen Rock gebraucht, und der Meter kostet 26 bis 28 kr. Herrdegen: Ist in allen Betrieben Wochenlohn? — Exp. Krasa: Nicht in allen, aber in den meisten. Es gibt Zwischenmeisterinnen, die besseren Lohn zahlen, weil sie früher selbst Arbeiterinnen waren. Herrdegen: Wie viel Arbeiterinnen waren in dem letzten Betriebe, in welchem Sie arbeiteten? — Exp. Krasa: Zehn, es waren alle im Wochenlohn. Herrdegen: Wird durch die Arbeitstheilung wirklich ein wirth- schaftlicher Vortheil erzielt, oder dient sie nur dazu, um die Arbeiterin von der Unternehmerin abhängiger zumachen? — Exp. Krasa : Das nicht, denn eine halbwegs anständige Arbeiterin kann immer eine ganze Schürze allein fertig machen. Die Arbeitstheilung rührt daher, daß eine Arbeiterin sich immer bei einem oder dem anderen Theile der Arbeit besser auskeimt. Herrdegen: Werden die Lehrmädchen bei Ihnen aufgedungen? — — Exp. Krasa: Wenn sie in der Genossenschaft aufgedungen werden, so müssen sie zwei Jahre lernen. Nun spielt sich die Frau auf die Großmüthige hinaus und läßt die Mädchen blos sechs Monate lernen, nachher können sie natürlich nichts und werden dann als minderqualificirte Arbeiterinnen blos für das Säumen u. dergl. verwendet. Herrdegen: Wie steht es mit dem Material, welches von den Zwischenmeisterinnen beizustellen ist? — Exp. Krasa: Bei der Arbeiterwäsche wird Material niemals beigestellt. Die Zwischenmeisterin bekommt vom Unternehmer im Allgemeinen nur den Stoff. Bei besseren Sachen werden auch der Aufputz, das Futter und die Bänder beigestellt. Aber Zwirn, Unterwolle u. dergl. bekommt sie nicht. Wie viel die Auslagen für Zwirn und Wolle ausmachen, richtet sich nach der Qualität der Arbeit. Eine Expertin sagte, daß ihr 35 kr. für einfache Wirthschaftsschürzen per Dutzend gezahlt werden. Ich bemerke Hiebei, daß bei der betreffenden Firma zufällig besser gezahlt wird. Es gibt aber Firmen, welche für diese Arbeit blos 23 kr. zahlen. Für diese Schürzen bekommen dann die Näherinnen 10 kr. gezahlt, und die Frau liefert die Wolle. Es geht dabei mehr Wolle auf wie bei den besseren Schürzen, weil es ein gröberer Stoff ist. Herrdegen: Können Sie uns auch den Stücklohn von anderen Schürzen sagen, von denen z. B., für welche der Frau 90 kr. bis fl. 1 gezahlt werden? — Exp. Krasa: Für solche Schürzen dürfte die Arbeiterin 45 kr. bekommen. Es gibt aber auch noch billigere Schürzen als die zu 23, bezw. 10 kr. Das sind gedruckte Schürzen, welche nur unten gesäumt und oben besetzt werden, da bekommt die Frau 10 kr., die Arbeiterin 5 kr. per Dutzend. Bei diesen gedruckten Schürzen kann eine Arbeiterin nie mehr als 50 bis 60 kr. täglich verdienen, und da muß sie sich schon sehr rackern. Dr. Riedl: Wie hoch waren die Löhne der Schlingerinnen vor Einführung der Maschinen? — Exp. Krasa: Zur Zeit, als es nur Hand- schlingeret gab, da waren diese Arbeiten mit den vielen Schlingereien nicht üblich, da wurde überhaupt die Schlingeret nur auf besseren Röcken, aber nur äußerst selten auch für Schürzen angewendet. Im Engros- und Export-- 15 Frauen-Eiiquöte. 220 geschäft ist das überhaupt nicht vorgekommen. Erst als die Maschine erfunden wurde, kamen die complicirten Muster für die Schlingerei auf. Dr. Riedl: Wie lange hat es gebraucht, bis der Lohn von 4 kr. per Meter allmälig heruntergegangen ist? — Exp. Krasa: Schon nach einemhalben Jahre, als man gesehen hat, daß die Schlagmaschine durchgreift, wurden bedeutende Abzüge gemacht, nach etwa 1 '/, Jahren wurden nur mehr 2 kr. gezahlt und heute nach 7 Jahren chi» kr. Es kamen immer mehr Schlagmaschinen auf, und es wurden immer mehr Arbeiterinnen dabei beschäftigt, in Folge dessen sind die Löhne heruntergegangen. (Ueber Befragen des Vorsitzenden.) Es gibt bei uns eine Zeit, wo die Arbeit schwach geht. Da gehen aber die Arbeiterinnen nicht zu anderen Branchen über, da die todte Saison bei uns nicht gleichbedeutend ist mit einer vollständigen Aussetzung der Arbeit auf einige Wochen oder Monate, sondern es wird nur durch vier oder fünf Wochen die Arbeit später angefangen und früher damit aufgehört. Da haben die Arbeiterinnen manchmal nur drei, vier Tage in der Woche zu arbeiten. In unserer Branche gibt es eine Menge Unternehmerinnen, die nur deshalb in vielen Geschäften ausreichende Arbeit bekommen, weil sie oft nicht nur die Arbeit liefern, sondern sich selbst auch noch dazu. Es gibt eine Masse Geschäfte, wo es heißt: „Haben Sie hübsche Mädeln?" Und dann kommen diese Mädchen; man führt sie auf Unterhaltungen u. dergl., und wenn die Frau einem Mädchen das verbieten würde, fo würde sie keine Arbeit mehr bekommen, und wenn sich das Mädchen selbst weigert, so würde sie entlassen werden. Vorsitzender: Können Sie darüber bestimmte Fälle angeben, wenn das angezweifelt werden sollte? — Exp. Krasa : Ja wohl, ganz bestimmte Fälle. (Ueber Befragen des Vorsitzenden.) Unsere Organisation prosperirt aus dem Grunde nicht, weil sich die Näherinnen leider immer noch als höhere Wesen dünken, da sie glauben, daß sie vielleicht heute oder morgen besser heiraten können als Dienstmädchen oder andere Arbeiterinnen. Wenn sie dann bestenfalls einen kleinen Beamten heiraten, so nähen sie halt zu Hause, während die Arbeiterfrau in der Fabrik arbeitet. Dr. Schwiedland: Wer besorgt das Bügeln bei den Zwischen- meistern? — Exp. Krasa: Es wird überhaupt sehr wenig gebügelt, sondern nur zusammengelegt. Die Wäsche wird fest aufeinandergepreßt und glatt gestrichen, so daß sie aussieht, wie wenn sie gebügelt wäre. Bei der besseren Waare ist ein Mädchen zum Bügeln da, das st. 4, 5 bekommt und auch liefern gehen muß. Dr. Schwiedland: Also es ist eine eigene Arbeiterin für das Bügeln da? — Exp. Krasa: O, nein, die besorgt das Bügeln nur nebenher, während zwei, drei Stunden; außerdem muß sie spulen, Arbeit auskragen u. s. w. Dr. Ofner: Nach Ihrer Berechnung müßten sich Zwischen- meisterinnen mindestens auf fl. 2000 oder mehr stehen. Andererseits haben Sie gesagt, daß sie oft nur ein einziges Zimmer bewohnen. Da fällt es mir nun auf, warum nicht mehr Arbeiterinnen Zwischenmeisterinnen werden? — Expertin Krasa: Wenn die Frauen anfangen selbstständig zu werden, so haben sie noch nichts. Sie verdienen nicht das ganze Jahr und auch nicht gleichmäßig. Bei billigen Schürzen verdienen sie weniger, weil die Schürzen sehr schwer sind und öfter liefern gegangen werden muß, was sich höher stellt. Diese kleinen Zwischenmeisterinnen, welche fünf bis sechs Arbeiterinnen haben, verdienen wöchentlich nur fl. 20. Dagegen kann ich einen concreten Fall anführen von einer Frau, deren Mann Concnrs ansagen mußte und der weder Beschäftigung fand, noch selbst wieder ein Geschäft eröffnen konnte. Da hat nun der Mann vom Verdienste seiner Frau gelebt, und die Frau hat außerdem noch die Schulden gezahlt, welche der Mann gemacht hat. Ueberdies haben sie ganz prächtig gelebt und jährlich einige hundert Gulden 227 an Schulden zurückgezahlt. Es gibt also unter diesen Frauen sehr große Abstufungen. Dr. Schiff: Bezieht sich der von Ihnen angegebene Lohn von fl. 3 bis fl. 4 auf die gute Saison? — Exp. Krasa: Ja. Dr. Schiff: Wie viel bekommen die außer der Saison? — Expertin Krasa: Wenn sie nicht viel Arbeit haben, nur fl. 2 bis 3. Manchmal kommt es auch vor, daß sie 8 bis l4 Tage nichts zu thun haben. Dr. Schiff: Haben die Mädchen dann vielleicht Ersparnisse? — Exp. Krasa: Nein, das ist absolut unmöglich. Die Meisten wohnen bei ihren Eltern, und wenn nicht, so sind sie an den Hunger schon gewöhnt und hungern halt während der todten Saison etwas mehr. Dr. Schiff: Was haben Sie selbst bezogen? — Exp. Krasa: Ich selbst war zufällig eine besser qualificirte Arbeiterin. Als Schlingerin habe ich fl. 8 verdient und als Näherin ebenfalls. Aber ein Lohn von fl. 8 ist so selten, daß man gar nicht wagen darf, ihn anzuführen. Herrdegen: Sind Ihnen Betriebe bekannt, wo die sogenannte Lehrmädchenwirthschaft geführt wird? — Exp. Krasa: Es ist mir zwar kein Betrieb bekannt, wo mehr Lehrmädchen als Arbeiterinnen wären, aber es kommt vor, daß die Frauen die Lehrmädchen, die sie aus Böhmen beziehen, als Dienstmädchen eintragen. Herrdegen: Werden die alle in der Genossenschaft anfgedungen? — Exp. Krasa: Nicht einmal der vierte Theil. Herrdegen: Warum ist die Maschinenschlingerei anstrengender als das Maschinnähen? — Exp. Krasa: Weil die Schlagmaschine schwer zu treten ist und eine Schlingerin, da sie nichts vorzurichten hat, fortwährend treten muß. Herrdegen: Gibt es Schlagmaschinen, welche durch Motoren getrieben werden? — Exp. Krasa: Nein. Stroß: Sind die Abzüge gegenüber den Zwischenmeisterinnen, von denen Sie gesprochen haben, berechtigt? Sind vielleicht die großen Verleger genöthigt, die Waare selbst billiger abzugeben, und müssen deshalb den Lohn Herabdrücken? — Exp. Krasa: Darüber wird sich eine Zwischenmeisterin selten klar sein. Wenn man, wie ich schon erwähnt habe, bei einer Firma statt 11 Meter nur 10'/, Meter hergibt, so ist man sich bewußt, daß man das nur zu dem Zwecke thut, um den Gewinn der Zwischenmeisterin zu verringern. Stroß: Wann ist die todte Saison? —Exp. Krasa: Das ist ungleich, gewöhnlich in den Sommermonaten, auch um Allerheiligen. Stroß: Bekommen die Zwischenmeisterinnen in der todten Saison denselben Stücklohn? — Exp. Krasa: Ja; aber weniger Arbeit. Stroß: Ist es noch nicht vorgekommen, daß die Zwischenmeisterinnen in der todten Saison einander unterbieten? — Exp. Krasa: O ja; es entsteht da ein Kampf. Diejenigen Frauen, die bei der Genossenschaft angemeldet sind und Steuer zahlen, sagen, daß jene, welche nicht angemeldet sind und keine Steuer zahlen, die Löhne Herabdrücken. Deshalb gehen immer während des ganzen Jahres Frauen herum und zeigen Diejenigen an, welche nicht angemeldet sind. Dr. Schwiedland: Wie viel Arbeiterinnen hat eine große Zwischenmeisterin? — Exp. Krasa: Es gibt sehr wenig große; die haben vielleicht 30 bis 40 Arbeiterinnen. Dr. Schwiedland: Nach Ihren früheren Angaben läßt sich ausrechnen, daß eine Zwischenmeisterin mit vier Arbeiterinnen circa fl. 7, mit 20 Arbeiterinnen über fl. 35 täglich Reingewinn hat. Halten Sie denn das für möglich? — Exp. Krasa: Ja. Dr. Schwiedland: Wer geht bei den Zwischenmeisterinnen liefern? — Exp. Krasa: Entweder eine Arbeiterin oder ein Hausknecht. 15 * 228 Dr. Schwiedland: Wenn nnn aber 15 Dutzend Schürzen pro Tag gemacht werden, kann sie denn die alle erschleppen?— Exp. Krasa: Sie trägt sie halt in mehreren Partien. Dr. Riedl: Ich möchte bei dieser Gelegenheit erwähnen, daß mir selbst ein Betrieb genau bekannt ist, in welchem acht Lehrmädchen ohne Hilfsarbeiterinnen arbeiten und der betreffende Unternehmer die Lehrmädchen aus Ungarn importirt. Baronin Vogelfang: Welche Wirkung hat das Maschinnähen auf die Gesundheit? — Exp. Krasa: Viele Mädchen werden auf einer Seite etwas höher wie auf der anderen. Manche werden lungenkrank; es gibt auch sehr viele Frauen, die nicht in die Krankencasse einzahlen und gleichwohl die Arbeiterinnen so lange als möglich bei der Arbeit behalten. Wenn sie dann krank werden, sind sie unversorgt. Wenn das herauskommt, dann wird allerdings die Frau bestraft. Erst unlängst hat eine Frau fl. 28 zahlen müssen. Sie hat die Strafe gezahlt und hat deswegen riesig gejammert und geweint, aber dennoch hat sie heute acht, neun Arbeiterinnen, die nicht angemeldet sind. Frau Schlesinger: Kommt es häufig vor, daß Frauen, wenn sie sich verheiraten, Zwischenmeisterinnen werden? — Exp. Krasa: Das kommt auch vor, aber meist arbeiten sie als Heimarbeiterinnen für einen Unternehmer, da sich der Gatte schämt, die Frau in eine Fabrik zn schicken. Die arbeiten auch meist billiger wie die alleinstehenden Mädchen, welche ganz auf ihren eigenen Erwerb angewiesen sind, und drücken so den Preis herunter. Frau Schlesinger: Das ist also ganz einfach eine Lohnmindernng durch Unterbieten? — Exp. Krasa: Ja. Expertin Nr. 70 (über Befragen des Vorsitzenden): Ich bin seit zwei Jahren in dem Betriebe einer Zwischenmeisterin, wo ich Schürz, n nähe. Früher war ich Miedernäherin. Bei uns sind acht Personen beschäftigt. Wir haben meistens Arbeit. Es werden bei uns nicht nur Schürzen, sondern auch Schwimmanzüge gemacht. Es sind nur Frauen beschäftigt. Lehrmädchen haben wir keine. Ich bin durch eine Recommandation in's Geschäft gekommen. Von einer Arbeitsvermittlung in unserer Branche weiß ich nichts. Ich bin in der Bezirks-Krankencasse. Wir werden nach Stück bezahlt, und ich verdiene fl. 6 bis 7 wöchentlich. Ich verdiene diesen Betrag fast während des ganzen Jahres; nur in der stillen Saison, welche zwei Monate dauert, blos fl. 5 bis fl. 6. Für Materialien habe ich keine Ausgaben zu machen. Ueberstunden werden bei uns wenig gemacht. Ich speciell mache gar keine Ueberstunden. Meine Colleginnen werden für Ueberstunden gerade so bezahlt wie für die andere Zeit. Diese nehmen auch Arbeit mit nach Haus, ich aber nicht. Vorsitzender: Es ist also kein Zwang, daß Arbeit nach Haus genommen wird? — Exp. Nr. 70: Nein, im Gegentheil. Eine Arbeiterin sucht der anderen die Arbeit wegzunehmen. Die es halt nothwendiger brauchen, reißen sich immer am meisten d'rum. Wir haben aber auch drei Näherinnen, welche es nicht so dringend brauchen, die aber doch Arbeit nach Hause nehmen. (Ueber Befragen des Vorsitzenden.) Diejenigen, welche zu Hause arbeiten, bekommen für die Wolle gezahlt. Sie müssen aber selbst eine Maschine haben und natürlicherweise auch das Petroleum beistellen. Abzüge kommen bei uns sehr häufig vor. Wir bekommen z. B. für ein Muster, wenn es neu ist, 80 kr., und wenn wir das nächste Mal dasselbe Muster bringen, werden uns 10 kr. abgezogen. Das wird uns früher nicht gesagt, sondern erst am Samstag bei der Zahlung. Da heißt es dann: Sie bekommen weniger, denn die Frau selbst bekommt im Geschäft auch weniger. Wenn das Muster längere Zeit in Gebrauch ist, werden weitere 10 kr. abgezogen. Herrdegen: Glauben Sie nicht, daß der Grund darin liegt, daß die Kunden der großen Geschäfte für ein neues Muster mehr zahlen? — Exp. Nr. 70: Nein, das glaube ich nicht. ä29 Herrdegen: Sie gehören jedenfalls der Pfaidler-Genossenschast an, und dort existirt eine Arbeitsvermittlung. Haben Sie davon noch nichts gehört? — Exp. Nr. 70: Nein, ich habe mich auch gewundert, daß wir gar keine Arbeitsvermittlung haben. Herrdegen: Ja, es existirt eine solche bei der Genossenschaft, sie vermittelt sogar zwei bis drei Posten jährlich. — Exp. Krasa: Die Arbeitsvermittlung der Schürzennäherinnen erfolgt hauptsächlich durch Inserate, vornehmlich am Samstag kann man sehr viele Inserate finden, mit welchen Weißnäherinnen gesucht werden. Dr. Ofner: Haben Sie auch Heimarbeiterinnen, die nur zu Hause arbeiten? — Exp. Nr. 70: Ja. Dr. Ofner: Was bekommen die gezahlt? — Exp. Nr. 70: Sie bekommen per Dutzend um 15 kr. mehr für die Wolle. Dr. Ofuer: Verdienen Sie sich fl. 0 bis 7 trotz der Abzüge? — Exp. Nr. 70: Ja, wir müssen eben um das mehr arbeiten. Die Frau, wo ich jetzt bin, zahlt zufällig besser, aber bei der früheren Frau hatte ich nur fl. 4 bis 5. Dr. Schwiedland: Was ist das Maximum, das Sie mit Ueber- stunden oder Hausarbeit verdienen konnten? — Exp. Nr. 70: fl. 8 bis 9; da muß ich aber elf Stunden im Geschäft und dann noch ein paar Stunden zu Hause arbeiten. Dr. Schüller: Wie viel bekommen Sie für ein Dutzend Schürzen, und wie viel die Zwischenmeisterin? — Exp. Nr. 70: Sie bekommt für's Dutzend fl. 1 40 bis 2 und wir fl. 1 bis 1'20. Dr. Riedl: Bringen Sie in der Nacht dasselbe Quantum Arbeit Pro Stuude fertig wie in der ordentlichen Arbeitszeit? — Exp. Nr. 70: Nein; denn man ist zu müde. (Ueber Befragen des Vorsitzenden.) Bei mancher Arbeit verdient man sich in fünf Stunden Nachtarbeit 70 bis 80 kr., bei mancher nur 50 kr. Im Ganzen vielleicht um 10 oder 20 kr. weniger als bei Tag. Unsere Arbeitszeit ist von 7 Uhr Früh bis 7 Uhr Abends mit einer Stunde Mittagspause. Gabelfrühstück und Jause essen wir während der Arbeit. Frühstück und Jause bestehen in einem Stück Brot oder Butterbrot. Wir arbeiten auch an Sonn- und Feiertagen, und zwar mit der gleichen Bezahlung wie an Wochentagen. Die Kündigungsfrist ist acht Tage. Das sagt Einem die Frau gleich beim Aufnehmen.' Unser Arbeitsraum ist ein gewöhnliches Wohnzimmer mit zwei Fenstern. Da arbeiten acht Personen drin. Wir machen der Frau zum Geburts- oder Namenstag Geschenke, und sie revanchirt sich dafür. Meine Ernährung besteht in Folgendem: in der Früh nehme ich Kaffee, um 10 Uhr um 2 kr. Brot und um 2 kr. Butter oder Wurst. Zu Mittag habe ich Suppe, Fleisch und Zuspeise bei meiner Schwester, welche verheiratet ist, in der Nähe des Geschäftes wohnt und der ich dafür 15 kr. zahle. Den Jausenkaffee habe ich auch von der Schwester, und zum Nachtmahl esse ich in der Regel nichts. Unser Local ist im ersten Stock. Ventilation haben wir keine. Die Fenster werden selten aufgemacht, weil es so stark zieht, daß man es nicht aushält. Auch im Sommer wird nur wenig aufgemacht. In dem Arbeitsraume wird nicht gekocht, wohl aber schläft ein Kind der Frau in demselben. Ueber die Sittlichkeitsverhältnisse weiß ich nichts zu sagen. In unserem Betriebe sind mehr Arbeiterinnen ledig als verheiratet; dieselben stammen nur aus Arbeiterkreisen. Ich wohne bei meiner Schwester; da habe ich ein Bett. Meine Schwester und ihr Mann haben ein Bürstengeschäft. Die Wohnung besteht aus Zimmer, Küche und dem Laden. Es schlafen drin vier Personen. Ich gehöre nicht dem Fachverein an. Ich war längere Zeit in einem Arbeitervereine eingeschrieben, aber weil ich länger krank war, so bin ich gestrichen worden; aber ich werde mich schon wieder einschreiben lassen. Ich habe für Niemanden zu sorgen. Ich habe im Gegentheil eine Erleichterung dadurch, daß ich bei 230 meiner Schwester Mittag esse und schlafe. Im Sommer kann ich mir manchmal eine Landpartie vergönnen. Dr. Riedl: Ist bei Ihnen Sonntagsarbeit regelmäßig? — Expertin Nr. 70: In der starken Saison beinahe immer, während vier bis fünf Monaten. Nur an den großen Feiertagen, zu Weihnachten oder Ostern, wird nicht gearbeitet. Dr. Riedl: Wie steht es mit der Beleuchtung in Ihrem Vocale? — Exp. Nr. 70: Die Fenster gehen in einen großen Hof, da haben wir volles Tageslicht; am Abend haben wir eine große Petroleumlampe. Dr. Ofner: Wenn Sie um 7 llhr Früh in's Local kommen, ist da schon Alles in Ordnung; denn es schläft doch ein Kind in diesem Raume? — Exp. Nr. 70: Ja, es ist Alles in Ordnung, denn es ist dort zufällig sehr rein. Expertin Nr. 71 (über Befragen des Vorsitzenden): Ich arbeite zu Hause, und zwar für eine Zwischenmeisterin als Schürzennäherin. Ich fange in der Früh um 7 Uhr an, wenn ich zusammengeräumt und die Kinder in die Schule geschickt habe, und arbeite bis 11 Uhr. Dann koche ich und esse mit den Kindern und arbeite wieder von 1 bis 5 Uhr, oft auch nicht einmal so lange, weil ich liefern gehen muß. Wenn ich genug Arbeit bekomme, so arbeite ich auch manchmal in der Nacht. Wie lange ich durchschnittlich arbeite, kann ich nicht genau angeben, es geht mir viel Zeit mit dem Liefern verloren, weil ich oft eine Stunde auf die Arbeit warten muß, bis sie zu- geschnitten ist. Ich verdiene am Dutzend l2 kr. und kann, wenn es gut geht, fünf Dutzend pro Tag machen, verdiene also 00 kr. täglich oder fl. 3«00 in der Woche. Mehr verdiene ich nie, denn es wird mir nie mehr Arbeit mitgegeben. Ich habe zu Hause eine Nähmaschine, welche ich auf Raten gekauft habe; die Raten sind schon ganz abgezahlt. Ich muß die Wolle aus Eigenem beistellen. Vorsitzender: Wie viel macht das beim Dutzend aus ? — Expertin Nr. 71: 4 kr. Vorsitzender: Ist das richtig? Das würde täglich 20 kr., in der Woche fl. 1'20 ausmachen, so daß Sie nur fl. 2'40 thatsächlich Einnahme hätten? — Exp. Nr. 71: Ich habe auch nicht mehr. Vorsitzender: Und was machen Sie denn, wenn die schlechten Wochen kommen? — Exp. Nr. 71 : Da muß man eben mit der Noth kämpfen. (Ueber Befragen des Vorsitzenden.) Abzüge werden nicht gemacht, wohl aber kommen viel Tadel und Ausstellungen vor, namentlich wenn der Bedarf geringer ist. Dr. Ofner: Sie müssen ja zur Arbeit auch noch Licht beistellen? — Exp. Nr. 71: Ja. (Ueber Befragen des Vorsitzenden.) Ich bin Witwe und habe vier Kinder; davon sind zwei im Waisenhaus, und einen Knaben von zehn Jahren, ein Mädchen von sechs Jahren habe ich zu Hause. Vorsitzender: Ja, wie können Sie denn die Kinder mit fl. 2'40 oder noch weniger wöchentlich erhalten? — Exp. Nr. 71: Ich gehe auch als Bedienerin zum Geschirrabwaschen und dergleichen, aber nicht alle Tage, und da verdiene ich noch in der Woche manchmal 40 kr. bis fl. 1. (Ueber Befragen des Vorsitzenden.) In der Früh esse ich mit den Kindern Kaffee und Brot, um 10 Uhr ein Stück Brot, zu Mittag nur Suppe. Vorsitzender: Wenn Sie nur Suppe essen, was kochen Sie denn in diese Suppe hinein? — Exp. Nr. 71: Erdäpfel oder Reis. Vorsitzender: Bekommen Ihre Kinder auch nichts Anderes ? — Exp. Nr. 71: Nein. Vorsitzender: Und was essen Sie denn zur Jause und zum Nachtmahl? — Exp. Nr. 71: Zur Jause essen wir Kaffee und ein Stück Brot, das ist um halb 5 Uhr, wenn die Kinder aus der Schule kommen. Nachher essen wir nichts mehr. 231 Vorsitzender: Haben Sie sonst keine Unterstützung? — Expertin Nr. 7l: Von: Vincenzverein bekomme ich Brot. Baronin Vogelfang: Wie viel Milch kaufen Sie zum Kaffee täglich ? — Exp. Nr. 71: 11m 10 kr. Bar. Vogelfang: Das sind etwa "(4 Liter. — Exp. Nr. 71: Ja. Vorsitzender: Ihre beiden Kinder, die in die Schule gehen, brauchen doch auch Bücher und sonstige Lehrmittel. Bekommen sie die geschenkt ? — Exp. Nr. 71: Der Bnb bekommt es geschenkt, aber für das Mädchen muß ich es kaufen. Dr. Riedl: Wie oft gehen Sie in der Woche liefern ? — Expertin Nr. 71: Ich gehe alle Tage, manchmal auch zweimal täglich. Da schicke ich den Buben, wenn er aus der Schule kommt. Auch der Lohn wird manchmal täglich ausgezahlt, manchmal auch wöchentlich, je nachdem der Herr das Geld hat. Oft muß ich zwei- bis dreimal um's Geld laufen. Dr. Riedl: Was war Ihr Mann? — Exp. Nr. 71: Zuletzt war er Taglöhner, da habe ich natürlich auch schon nähen müssen. Damals habe ich Cravattentheile genäht. Dr. Riedl: Wie beschaffen Sie sich und den Kindern die Kleidung? — Exp. Nr. 71: Wenn ich Stoff geschenkt bekomme, so nähe ich es selbst, und Heuer ist der Bub vom katholischen Waisen-Hilfsverein zu Weihnachten beschenkt worden. Dr. Riedl: Haben Sie sonst noch Kinder gehabt und wann sind die gestorben? — Exp. Nr. 71: Ich hatte noch zwei Kinder; eines ist mit 3'.r Monaten, das andere mit 1 '/« Jahren gestorben. Herrdegen: Was zahlen Sie für die Wohnung? — Expertin Nr. 71: fl. 7. Herrdegen: Sie zahlen also von den fl. 3'60 wöchentlich fl. 1 ' 6 tt für die Wohnung; es bleiben Ihnen also fl. 2 zum Lebensunterhalte. Haben Sie nicht doch irgend welches Nebeneinkommen? — Exp. Nr. 71: Ich habe um eine Unterstützung angesucht, dieselbe aber nicht erhalten, weil ich nicht nach Wien zuständig bin. Vom Vincenzvereine bekomme ich wöchentlich zwei Brote, ein Kilo Mehl und ein Kilo Erdäpfel. Manchmal, vielleicht einmal im Jahre, gibt mir der Vincenzverein fl. 2 bis 3 für den Zins. Exp. Krasa: Wie viel Näherinnen beschäftigt Ihr Arbeitgeber im Hause? — Exp. Nr. 71: Zwei bis drei. Exp. Krasa: Dann könnte er doch viel Arbeit außer Haus geben? — Exp. Nr. 71: Er hat eben viele Arbeiterinnen außer Haus, und da gibt er jeder einzelnen nur wenig Arbeit. Expertin Nr. 72 (über Befragen des Vorsitzenden): Ich bin jetzt Schürzennäherin. Als Lehrmädchen war ich in der Provinz, als ich noch in die Schule gegangen bin. Ich habe ein halbes Jahr am Land während der Sommermonate im Laufe der Schulferien gelernt. Vorsitzender: Nachdem Sie in der Provinz gelernt haben, können Sie uns vielleicht etwas über die Concurrenz angeben, welche die Provinzarbeit der Wiener Arbeit macht. — Exp. Nr. 72: Ich war während der Schulferien bei meiner Großmutter in Wimpassing an der Leitha auf dem Lande. Dort war eine Näherin, die für die Marktleute genäht hat, wenn zum Beispiel in Langeck Markt war. Sie hat auch für große Geschäfte in der Provinz gearbeitet. Nun wurden aber die Schürzen in Wien noch billiger geliefert, und deshalb ist sie zu Grunde gegangen. (Ueber Befragen des Vorsitzenden.) Ich habe auch das Miedernähen gelernt, und zwar zweimal. Das erste Mal habe ich für sechs Wochen Lernzeit fl. 10 gezahlt. Da habe ich aber nur die sogenannten „6 kr.-Mieder" machen können. Davon konnte ich nicht leben. Die Frau war sehr secant und wollte, daß ich mehr arbeiten soll, und da habe ich eingesehen, daß ich nochmal lernen muß. Da bin ich dann zu einer anderen Frau gegangen und habe die Sache ordentlich gelernt. Ich habe dafür fl. 5 gezahlt, und fl. 5 bin ich noch schuldig. Ich arbeite nur für Privatkundfchaften und verdiene fl. 2 bis 3 in der Woche. Bei uns in der Gaffe ist eine Pfaidlerin, die mich an die Kundschaften recommandirt. Wiewohl ich die Mieder nur nähe, so liefere ich doch ganze Mieder. Ich erhalte die Mieder, dann gebe ich es zum Appretiern und zahle dafür 10 kr.; nachdem ich es genäht habe, gebe ich es zum Ausfertigen und zahle wieder 10 kr.. und das Einziehen besorge ich selbst. Gewöhnlich mache ich es auch so, daß ich in die Fabrik gehe und ein Mieder kaufe und es dann an die Kundschaften theuerer verkaufe. Exp. Nr. 73 (über Befragen des Vorsitzenden): Ich bin in einer Miederfabrik, in welcher 40 bis 44 Arbeiterinnen beschäftigt find. Dort sind zwei Zuschneider, ein Helfer und drei Einfasser. An Arbeiterinnen sind dort 5 Stickerinnen und 20 Ausfertigerinnen, und im Hause selbst ist nur eine Näherin. Außer Haus sind 120 bis 140 Näherinnen. Die „Erste" im Geschäfte hat fl. 7'50 Wochenlohn. Die Einfasferinnen erhalten Stücklohn. Wir haben eine, die fl. 10 bis 11 verdient; die müssen die Wolle und das Petroleum beistellen. Die Wolle kostet 40 bis 50 kr. wöchentlich. Die Stickerinnen verdienen fl. 5 bis 7. Arbeitszeit ist im Winter von ^8 Uhr Früh bis '/«8 Uhr Abends, im Sommer von 7 Uhr Früh bis 7 Uhr Abends. Wir haben zu Mittag, zum Frühstück und zur Jause eine Pause. Manchmal wird auch Mittags gearbeitet und dafür extra gezahlt. Wir arbeiten am Sonntag nie, an Feiertagen höchstens zwei- bis dreimal im Jahre, und zwar Vormittags. Die Werkstätte ist groß, aber trotzdem ist man sehr gedrängt. Die Werkstätte ist auch sehr unrein, sie ist im ersten Stock und hat nur vier Fenster Gassenfront, und es arbeiten drin 28 Personen in dem Raume. Ventilation ist keine, aber die Fenster werden alle Tage aufgemacht, auch im Winter auf eine halbe Stunde. Geschenke haben wir keine zu geben. Zu Mittag kaufe ich mir ein Glas Bier, Brot und Wurst; Suppe oder Gemüse mag ich nicht. In der Früh trinke ich Kaffee, zum Gabelfrühstück esse ich Wurst und trinke ein Glas Wein, zur Jause ein Glas Bier, und Abends kaufe ich mir etwas vom Gasthaus. Im Arbeitslocale werden keine Speisen gewärmt. Es wird dort auch nicht geschlafen. Innerhalb der vier Jahre, während welcher ich dort bin, wurde nur ein einziges Mal der Fußboden gerieben. Das Fensterputzer: kann nur versteckt von den Mädchen selber besorgt werden, der Herr darf nichts davon wissen, er will nicht, daß Arbeitszeit verloren gehe. Es wird jeden Tag ausgekehrt. Die Wände sind, seitdem ich im Hause bin, noch nicht geweißt worden. Meine Arbeit besteht im Abplätten, Streichen und Uebernehmen. Beim Abplätten sitze ich, beim Streichen muß ich stehen. Mein Vorgesetzter ist der Manipulaut, er hat etwas dreinzureden, weil er der Schwiegersohn vom Herrn ist. Er ist aber ein sehr gutmüthiger Mensch, nur wenn er in Zorn gebracht wird, wird er wild. Im Allgemeinen kann ich mich über ihn in keiner Beziehung beklagen. Die Maschinnäherinen verdienen höchstens fl. 5; manche verdienen aber nur fl. 3 bis 3'50. Ich bin also unter meinen Colleginnen verhältnißmäßig sehr gut gestellt. Ich habe den gleichen Verdienst das ganze Jahr mit Abzug der Feiertage. Jn's Theater und auf Unterhaltungen gehe ich manchmal. Auch die Mehrzahl meiner Colleginnen kann sich das leisten, weil sie bei den Eltern wohnen. Vorsitzender: Oder wenn sie einen Liebhaber haben. — Exp. Nr. 73: Auch das. Dr. Adler: Wie viele unter den 40 bis 44 Arbeiterinnen haben fl. 9? — Exp. Nr. 73: Vier bis fünf von den Einfasserinnen. Dr. Adler: Welches ist die nächste Lohnstufe? — Exp. Nr. 73: fl. 6 bis 7; das haben die Stickerinnen, Näherinnen und Appreteurinnen. Dann haben etwa neun oder zehn von den besseren Einzieherinnen etwa 233 fl. 5, und die minderen, die Anfängerinnen, welche blos zwei, drei Jahre im Geschäfte sind, verdienen fl. 4. Dies ist die Mehrzahl der Arbeiterinnen, fl. 3 haben nur drei „Lehrmädchen", wie wir sie nennen, es sind aber in Wirklichkeit nur Anfängerinnen, die schon ausgelernt zu uns gekommen sind. Die müssen auch viel herumlaufen, Geschäftsgänge und sogar Privatgänge machen. Dr. Adler: Was essen denn die Anderen, die weniger als Sie verdienen? — Exp. Nr. 73: Sie essen halt zu Mittag blos ein Stück Brot und eine Kleinigkeit dazu. Bier oder Wein trinken sie nicht. Die bei den Eltern wohnen, haben es in dieser Beziehung besser. Dr. Adler: Die Mehrzahl der Mädchen, die fl. 4 bis 5 haben, müssen also auch auf die Wurst verzichten? — Exp. Nr. 73: Die nehmen sich manchmal am Abend um 60, 80 kr. Arbeit mit nach Hans und verdienen sich dadurch um fl. 1 bis 2 in der Woche mehr. Dr. Adler: Wie lange haben sie zu Hause Arbeit, wenn sie 60 bis 80 kr. verdienen wollen? — Exp. Nr. 73: Vier bis viereinhalb Stunden; denn das ist das Miederaufputzen, eine außergewöhnlich gute Arbeit. (Ueber Befragen des Vorsitzenden.) Wie ich noch Einzieherin war, habe ich auch immer sitzen müssen. Uni 7 Uhr Früh bin ich in's Geschäft gekommen, da bin ich bei meiner Arbeit gesessen bis 12 Uhr und habe auf meinem Platze das Frühstück eingenommen. Auch zu Mittag bleiben Viele sitzen, welche Extra-Arbeit haben. Um dreiviertel Eins geht gewöhnlich eine Arbeiterin hinunter und holt das Essen für die Mädchen. Da stehen sie dann ein bischen auf, setzen sich aber gleich wieder nieder. Auch zum Gabelfrühstück und zur Jause holt ein Mädchen das Essen. Dr. Adler: Haben Sie sich damals gesünder gefühlt als heute? — Exp. Nr. 73: Nein, damals bin ich am Abend recht matt gewesen. Dr. Adler: Waren Sie nicht bleichsüchtig? — Exp. Nr. 73: Nein. Dr. Adler: Haben Sie Arbeitsgenossinnen, die bleichsüchtig sind? — Exp. Nr. 73: Sehr viele. In unseren! Betriebe sind vielleicht acht bis zehn, die bleichsüchtig sind. Sie sind auch sonst sehr leidend und brauchen stets den Doctor. Sie leiden an Mattigkeit, Seitenstechen u. dergl., und der Doctor empfiehlt ihnen, Bewegung zu machen. Dr. Adler: Die Frauen haben bekanntlich ein regelmäßiges Unwohlsein. Spüren Sie während dieser Zeit das Sitzen empfindlicher? — Expertin Nr. 73: Wenn ich stehe, ist mir freilich wohler. Dr. Adler: Zur Zeit, wo Sie so viel gesessen sind, haben Sie das Unwohlsein stärker empfunden? — Exp. Nr. 73: Ja. Dr. Adler: Worin hat sich dieses vermehrte Uebelbefinden gezeigt? Sprechen Sie nur ganz ungenirt. Es ist das wissenschaftlich interessant. Warum sind Sie nicht zu Hause geblieben? — Exp. Nr. 73: Ich war immer eine gesunde Person und habe das weniger gespürt. Es ist mir nie eingefallen, wegen so etwas zu Hause zu bleiben. Außerdem hätte ich ja 80 kr. pro Tag verloren. Dr. Adler: Hätten Sie vielleicht den Posten verloren, wenn Sie deswegen ausgeblieben wären? — Exp. Nr. 73: Nein. Dr. Adler: Kommt es vor, daß andere Mädchen aus diesem Grunde regelmäßig ausbleiben? — Exp. Nr. 73: Es kommt bei Einigen vor. Dr. Adler: Wenn Sie zwölf Stunden hintereinander gesessen sind und dann aufstehen und aus die Gasse gehen, wie lange gehen Sie dann nach Haus? Machen Sie sonst noch Bewegung? — Exp. Nr. 73: Ich habe 20 Minuten nach Hause; ich gehe häufig noch etwas spazieren, meist zu Verwandten. Viele der Arbeiterinnen wohnen weit und brauchen nicht extra spazieren zu gehen. Auch am Sonntag bleibe ich nie zu Haus, sondern gehe meist spazieren. Nicht Alle thun das aber. Dr. Adler: Wird nicht auch für den Sonntag Arbeit mitgenommen? 234 — Exp. Nr. 73: O ja, manchmal. Wenn Postarbeit ist, wird Samstag Abends die Arbeit mitgegeben, und es muß oft schon Sonntag Vormittags abgeliefert werden. Das kommt aber nicht oft vor, vielleicht vier-, fünfmal im Jahre müssen sieben oder acht Mädchen am Sonntag arbeiten. (Ueber Befragen des Vorsitzenden.) Ich wohne mit meiner Schwester. Die ist Ein- fasserin und verdient fl. 9. Wir haben eine eigene Wohnung, ein Cabinet, direct vom Hausherrn gemiethet. Dafür zahlen wir fl. 6, weil es ein großes Cabinet ist. Die Möbel gehören uns. Dr. Schiff: Wie viel verdienen die Mädchen, welche in der Pause Extra-Arbeit machen? — Exp. Nr. 73: 20 kr. Dr. Schiff: Wie viel verdient sich also eine Arbeiterin, die fl. 5 hat, mitsammt der Haus- und Extra-Arbeit? — Exp. Nr. 73: Sie kann sich über fl. 7 verdienen. Dr. Schiff: Haben Sie eine Fabriksordnung? — Exp. Nr. 73: Nein. Dr. Schiff: War der Gewerbe-Jnfpector während der Jahre, wo Sie im Geschäft sind, in der Fabrik? — Exp. Nr. 73: Ich kann es nicht bestimmt angeben. Dr. Schiff: In welcher Krankencasse find Sie? — Exp. Nr. 73: In der Genossenfchafts-Krankencasse. Exp. Krasa: Was hat Ihre Vorgängerin auf demselben Posten gehabt, an deren Stelle Sie jetzt getreten sind ? — Exp. Nr. 73: Die hat nur fl. 6'/r gehabt, und die vor ihr fl. 9. Exp. Krasa: Woher diese Differenz? fl. 9, dann fl. OV -2 und jetzt Sie fl. 7', 2 ? — Exp. Nr. 73: Anfangs habe ich nur fl. 7 gehabt. Da bin ich zum Herrn gegangen und ersuchte um eine Lohnerhöhung, weil meine zweite Vorgängerin fl. 9 gehabt hat; da hat der Herr gesagt: Von Ihnen habe ich nicht das, was ich von der früheren gehabt habe. Exp. Krasa: Hat sie besser arbeiten können? — Exp. Nr. 73: Im Gegentheil, sie hat noch eine Hilfsarbeiterin gebraucht. Exp. Krasa: Ist Ihnen bekannt, daß in Ihrem Betriebe ein Arbeiter sich täglich um 2 kr. eine Zeitung kauft, sie dem Herrn in's Comptoir hineinbringt, und daß der Herr sie ihm am nächsten Tage zurückgibt, weil er sich selbst keine eigene Zeitung vergönnt? — Exp. Nr. 73: Ja. Dr. Adler: Wie viel Mädchen sind Maschinnäherinnen? — Expertin Nr. 73: Fünf. Dr. Adler: Nähen diese die ganze Zeit? — Exp. Nr. 73: Nein, sie kommen in der Früh um eine halbe Stunde später und gehen Abends schon um Sechs, halb Sechs nach Hause. Ihr Wochenverdienst beträgt fl. 9 bis 1l. Dr. Adler: Haben diese Mädchen bezüglich ihrer Gesundheit besondere Beschwerden? — Exp. Nr. 73: Nein. (Ueber Befragen.) Wir müssen über die Stiege hinunter und über den Hof gehen und auf der anderen Seite des Hofes wieder einen Stock hinauf, um in den Abort zu gelangen. Wir könnten zwar durch die Appretur gehen und uns das Stiegen- steigen ersparen, aber die ist abgesperrt, weil sich der Herr wegen Veruntreuungen fürchtet. Es ist das ein sehr altes Haus. Nur während der Sommerszeit, wenn der Herr auf dem Lande ist, dürfen wir in den Abort in seiner Wohnung gehen. Für alle dort Beschäftigten ist nur ein Abort, der auch sehr unrein ist. Expertin Nr. 74 «über Befragen des Vorsitzenden): Ich bin Streiferin in einer Krägen- und Manschettensabrik, wo auch Hemden erzeugt werden. Die Arbeit wird zuerst eingestärkt, dann ausgewunden und sodann auf gleich gestreift und überwischt. In unserem Betriebe sind gegen 100 Personen und über 43 Streiferinnen außer den Büglerinnen. Ich bin drei Jahre dort. Die Arbeit ist nicht gleichmäßig. Jetzt ist es sehr streng, aber im Sommer- haben wir sehr wenig zu thun. Männer sind in dem Betriebe nur wenige. Diese schneiden zu; Büglerinnen für Hemden und Krägen sind über 50 235 Es gibt auch Glänzerinnen, und zwar sieben oder acht. Die Wäscherinnen sind im Keller, und zwar fünf. Lehrmädchen haben wir beim Streifen vier, und beim Bügeln sind auch einige. Es werden Bügelmaschinen und Glanzmaschinen verwendet. Ich bin in's Geschäft durch Recommandation gekommen. Eine geregelte Arbeitsvermittlung gibt es nicht. Die Arbeiterinnen find aus Arbeitskreisen. In der strengen Zeit verdiene ich fl. 6 bis 7, in der schlechten fl. auch nur etwas über fl. 3. Die gute Zeit ist mehr als ein halbes Jahr. Wir werden nach Stück bezahlt, und zwar bekommen wir per Dutzend 4 kr. Auch die Büglerinnen und Glänzerinnen sind per Stück bezahlt. An Materialien haben wir nichts beizustellen als das Bein zum Ausstreifen. Arbeit nehmen wir nicht nach Hause. Von den Streiferinnen bei uns verdienen etwa 20 ebenso viel wie ich. Wir müssen aber, da die Arbeit eine sehr anstrengende ist, das, was wir mehr verdienen als die Anderen, beim Essen wieder zusetzen. Vorsitzender: Worin besteht die Arbeit? — Exp. Nr. 74: Die aus der Stärkerei kommenden Krägen werden aufgelegt und mit einem Bein fest ausgekratzt, und zwar nur die Kante, das Genähte, und dann wird mit einem trockenen Fetzen abgewischt, und das ist sehr anstrengend. Wenn ein Kragen nicht ordentlich gemacht ist, so wirft ihn die „Erste" zurück, oder sie sagt: „Ich haue Euch die Arbeit auf den Schädel." Sie sagt: „Die Frau hat mir geschafft, ich soll Euch die Arbeit, wenn sie nicht ordentlich ist, aus den Schädel hauen." Vorsitzender: Der Lohn ist also ungleich, weil nicht Jede dasselbe leisten kann? — Exp. Nr. 74: Ja, für ein Dutzend kriegen wir 4 kr., und wenn ein Kragen schlecht ist, so werden 10 kr. abgezogen. Manchmal ist eben der Rand schlecht ausgekratzt, daran ist aber die Maschine schuld, weil die Fehler meistens darin bestehen, daß der Rand des Kragens geschwärzt ist. Vorsitzender: Und wissen Sie, was mit den Abzügen geschieht? — Exp. Nr. 74: Die kommen der Frau zu. Es werden uns oft in der Woche 40 bis 80 kr. abgezogen. Diese zurückgewiesenen Krägen werden dann ausgewaschen und einfach ausgebessert. Vorsitzender: Haben Sie nie daran gedacht, sich dagegen zu wehren ? — Exp. Nr. 74: Ein Paar sind dabei, die das thun, aber die Meisten trauen sich nicht. Vorsitzender: Kommen die Abzüge häufig vor? — Exp. Nr. 74: Alle Wochen, ob die Arbeit gut oder schlecht ist. Dr. Adler: Der Kragen ist also nicht verdorben? — Exp. Nr. 74: Nein, er ist nur etwas schwarz, oder die Kante ist nicht ganz gerade. Das kaun die Büglerin leicht auf gleich machen. Die bekommt dann 2 kr. dafür, und wir müssen 10 kr. zahlen. Vorsitzender: Haben Sie noch andere Strafen? — Exp. Nr. 74: Jetzt will man eine Strafe dafür einführen, wenn gesprochen wird. Dr. Adler: Haben Sie eine Fabriksordnung? — Exp. Nr. 74: Ja. Die ist angeschlagen, aber von den Strafen steht nichts darin. Vorsitzender: Ist es nicht möglich, daß Ihre Frau die Abzüge in eine bestimmte Casse gibt ? — Exp. Nr. 74: O nein, das wissen wir schon. Dr. Riedl: Wenn unter allen Krägen, die Sie im Tage abliefern, fünf Krägen fehlerhaft sind, werden Ihnen da 50 kr. abgezogen ? — Expertin Nr. 74: Wir bekommen immer je zwei Dutzend, und die müssen wir wieder abliefern. Wenn zwei Krägen darunter schlecht sind, so werden 20 kr. abgezogen, und wenn vier Krägen schlecht sind, auch 20 kr. Herrdegen: Wie lange lernen die Mädchen? — Exp. Nr. 74: Früher haben sie 14 Tage gelernt. Während der Lehrzeit bekommen sie nicht nur nichts, sondern müssen noch fl. 5 zahlen. Jetzt müssen sie drei bis vier Wochen lernen. 236 Herrdegen: Haben Sie andauernd zu arbeiten, oder müssen Sie nicht auch hie und da auf die Arbeit warten? — Exp. Nr. 74: Wir müssen häufig warten, oft auch eine Stunde. Herrdegen: Was verdienen Diejenigen, welche erst ausgelernt sind? — Exp. Nr. 74: 50 bis 60 kr. Pro Tag. Dr. v. Fürth : Sind die Näherinnen alle außer Haus ? — Exp. Nr. 74: Ja, beiläufig fünfzig. Dr. Adler: Tort werden nur neue Sachen gewaschen? — Expertin Nr. 74: Ja. Dr. Verkauf: Wer bekommt die fl. 5, welche die Lehrmädchen zahlen? — Exp. Nr. 74: Die Frau. Dr. Verkauf: Und wer muß die Lehrmädchen abrichten? — Exp. Nr. 74: Die Erste, die bekommt aber nichts dafür, die hat ohnehin sonst nichts zu thun, als die Leute zu sekiren. Sie hat einen Lohn von fl. 10. Verköstigt werden die Lehrmädchen nicht. (Ueber Befragen.) Wir arbeiten von 7 bis 6 Uhr. Pausen machen wir uns selbst, weil wir nach Stück bezahlt sind. Mittags ist eine Stunde festgesetzt. Sonn- und Feiertage arbeiten wir nicht. Ueberstnnden machen wir sehr selten, dann und wann arbeiten wir bis 7 Uhr oder fangen schon um 6 Uhr an. Eine Kündigung gibt es nicht; man kann gleich weggehen und ebenso gleich entlassen werden. In der Arbeitsordnung steht das aber nicht. Die Reinigung des Locals besorgen die Streiferinnen selbst, und zwar am Samstag Früh, vor der Arbeit. Da müssen wir um ', 27 Uhr Früh kommen. Ausgekehrt wird täglich nach der Arbeit, da hören wir früher aus. Auch das thun wir selbst. Dr. Verkauf: Kommt es auch vor, daß Sie während der Pausen arbeiten? — Exp. Nr. 74: Ja, wenn es sehr streng ist. Dr. Verkauf: Sind Viele, die über Mittag arbeiten? — Expertin Nr. 74: Etwa die Hälfte bleibt dort. Dr. Verkauf: Kommt es nicht vor, daß man über 7 Uhr dort bleibt? — Exp. Nr. 74: Es wird uns gesagt, wenn wir eine Stunde länger arbeiten müssen. Dr. Verkauf: Und wenn Sie nicht bleiben wollen? — Expertin Nr. 74: Wir müssen aber bleiben. Da heißt es gleich: „Wenn Ihr nicht wollt, so bleibt ganz zu Hause." Mehr als eine Ueberstunde wird nie gemacht, und es wird da auch kein höherer Accord bezahlt. Dr. v. Fürth: Wie oft kommt es vor, daß Ueberstunden gemacht werden? — Exp. Nr. 74: Manchmal die ganze Woche hindurch oder auch drei bis vier Wochen. Vorsitzender: Welchen Lohn haben die Büglerinnen? — Expertin Nr. 74: Es gibt Hemdenbüglerinnen und Krägenbüglerinnen. Die Krägenbüglerinnen haben fl. 5 bis 6; für ein Dutzend Ausbessern bekommen sie 24 kr., da müssen sie die Kanten abglänzen, weil die Maschine nicht hinein kann, und den Kragen rundmachen und überbügeln. Die beste Büglerin verdient fl. 6 bis 7, die Musterbüglerinnen fl. 10. Da sind aber nur eine oder zwei. Die Hemdenbüglerinnen bekommen für ein Hemd 6 bis 7 kr. und verdienen in der Woche fl. 7, 8 und auch mehr. Wie viele das sind, weiß ich nicht. Die Arbeit der Büglerinnen ist leichter als die unserige. Herrdegen: Wie viele Krägenbüglerinnen sind bei Ihnen? — Exp. Nr. 74: Gegen dreißig. Herrdegen: Sie sagen, daß Ihre Arbeit eine anstrengendere ist, als die der Büglerinnen. Die Büglerinnen arbeiten doch bei einer sehr hohen Temperatur. — Exp. Nr. 74: Wir haben dieselbe Hitze, denn wir sind in einem Raume. Herrdegen: Bei den Büglerinnen sind Hände und Füße angestrengt. — Exp. Nr. 74: Bei uns auch. Wir müssen ja auch den ganzen Tag stehen. Vorsitzender: In Folge der hohen Temperatur müssen Sie ja 237 sehr viel Durst haben. Haben Sie gutes Trinkwasser in der Nähe? — Exp. Nr. 74: Im Bügelsaale hätten wir Trinkwasser, da dürfen wir aber nicht hingehen, und das Wasser vom Gang können wir nicht trinken, weil das einen sehr starken Rohrgestank hat. Herrdegen: Ihre Ärbeit erfordert es aber nicht, daß Sie in einem warmen Raume sind? — Exp. Nr. 74: Nein. Herrdegen: Sind die Borrichtungen zum Trocknen in demselben Raume? — Exp. Nr. 74: Ja. Es stehen bei einem Tisch zehn Personen, fünf auf jeder Seite. Vorsitzender: Haben Sie da genug Raum? — Exp. Nr. 74: Man muß sich halt einschränken. Früher waren wir nur 29, und jetzt sind schon über 40. Dr. Schwiedland: Darf das Arbeitslocal während der Arbeit gelüftet werden? — Exp. Nr. 74: Nein, weil sonst Staub und Ruß hineinkommen würde. Dr. Verkauf: Sind Sie bei der Arbeit ganz angekleidet? — Exp. Nr. 74: Nein. Dr. Verkauf: Haben Sie einen besonderen Raum zum Umkleiden? — Exp. Nr. 74: Nein. Dr. Verkauf: Wohin geben Sie Ihre Kleider? — Exp. Nr. 74: Wir hängen sie aus die Mauer. Dr. Verkauf: Es sind ja auch Männer dort? — Exp. Nr. 74: Nur einer. Der ist der Vorgesetzte. Dr. Verkauf: Kommt auch der Herr herein? — Exp. Nr. 74: Ja. Dr. Verkauf: Genirt Sie das nicht? — Exp. Nr. 74: Wir verstecken uns ja ohnehin. Wir tragen bei der Arbeit leichte Jackerl mit kurzen Aermeln. Vorsitzender: Was haben die Glänzerinnen zu thun und welchen Verdienst haben sie? — Exp. Nr. 74: Die sind bei der Glanzmaschine. Sie sind einer sehr hohen Temperatur ausgesetzt. Für 100 Dutzend Krägen bekommen sie 80 kr. Sie verdienen, wenn es gut geht, fl. 7 bis 8, wenn es schlecht geht, nur fl. 3 bis 4. Die meisten sind bezüglich des Verdienstes gleich, weil sie alle schon sehr lange dort sind. Herrdegen: Kommen da öfter Unfälle vor? Es ist doch eine mit Gas geheizte Walze dabei? — Exp. Nr. 74: Es kommt oft vor, daß sich Eine die Finger verbrennt; Schutzvorrichtungen sind aber keine. Wir arbeiten nur mit Dampf. Herrdegen: Sind auch bei der anderen Maschine keine Schutzvorrichtungen? — Exp. Nr. 74: Nein. Herrdegen: Die Nähmaschinen und Knopflochmaschinen sind außer Haus? — Exp. Nr. 74: Ja. Vorsitzender: War der Gewerbe-Jnspector bei Ihnen? — Exp. Nr. 74: Wenn es heißt, der Gewerbe-Jnspector kommt, da wird Alles gelüftet und geöffnet, und die Hemden werden heruntergerissen. Ich glaube, vor zwei Jahren war der Gewerbe-Jnspector dort. Es waren drei Herren, aber nicht in Uniform; ob das der Gewerbe-Jnspector war, weiß ich nicht. Engel: Sind Sie bei der Unfallversicherung? — Exp. Nr. 74: Wir nicht. Ob die Glänzerinnen dabei sind, weiß ich nicht. Aber Alle sind bei der Krankencasse. Dr. Verkauf: Ist nicht damals, bevor die Commission gekommen ist, ein Unfall geschehen? — Exp. Nr. 74: Mir scheint, die Frau ist mit fl. 100 bestraft worden; wofür, ist verheimlicht worden. Mir scheint, es ist Eine in die Glanzmaschine hineingekommen, wir haben nur wispeln gehört. Wir haben zwar die Arbeiterinnen gefragt, aber die haben nichts aus- 238 plaudern dürfen, und die Frau hat ihnen gesagt, wenn sie zur Verhandlung kommen, so sollen sie das und das sagen. Dr. Verkauf: Wo war die Verhandlung? — Exp. Nr. 74: Das weiß ich nicht. Angeklagt war die Frau. Dr. Frey: Ist Ihnen nicht bekannt, ob das Mädchen, welches einen Unfall erlitten hat, etwas bekommen hat? — Exp. Nr. 74: Nur von der Krankenkasse. Vorsitzender: Was verdienen die Wäscherinnen? — Expertin Nr. 74: Wöchentlich st. 6. Die sind im Souterrain. Gewaschen wird mit Dampf. Da ist eine sehr hohe Temperatur. Herrdeg en: Haben die Wäscherinnen die gewaschene Wäsche nicht in einen kühlen Raum hinauszutragen? — Exp. Nr. 74: Nein, nur wenn sie Hemden aufhängen oder sonst Waare heraustragen, müssen sie heraufgehen. Die gewaschene Wäsche kommt in Körbe, und die müssen sie heraustragen. Dabei ziehen sie sich aber nicht an. Sie gehen immer bloßfüßig herum. Dr. Schwiedland: Ist der Fußboden der Waschküche naß? — Exp. Nr. 74: O ja; sie fallen auch oft nieder. Dr. Schwiedland: Wie sind die angezogen? — Exp. Nr. 74: Sie haben kurze Aermel. Dr. Adler: Ist der Lohn ein fester Wochenlohn? — Exp. Nr. 74: Ja, den bekommen sie immer gleich. Sie können auch nicht mehr bekommen. Auch sie arbeite» von 7 bis 6 Uhr. Dr. Verkauf: Sind auch die Zuschneider unten? — Exp. Nr. 74: Ja, das ist aber ein abgesonderter Raum. Dr. Verkauf: Darf Jemand zu den Wäscherinnen hinein? — Exp. Nr. 74: Die Zuschneider können hinein, sie gehen nämlich durch. Dr. Verkauf: Die Wäscherinnen tragen gar keine Fußbekleidung? — Exp. Nr. 74: Meistens sind sie bloßfüßig, oder sie tragen Holzschuhe. (Ueber Befragen des Vorsitzenden.) In den Betriebslocalitäten wohnt Niemand. Geschenke haben wir nur ausnahmsweise zu machen, zu Namenstagen, Hochzeiten u. dergl. Vorsitzender: Wie oft kommen denn bei Ihnen Hochzeiten vor? — Exp. Nr. 74: Die Frau hat vor nicht langer Zeit die silberne Hochzeit gehabt, und dann hat eine Tochter geheiratet. Da haben wir durch zwölf Wochen Jede 10 kr. hergegeben. Das hat die Erste angeschafft. Wir haben der Frau ein silbernes Schiff zum Präsent gemacht. Sie hat dafür ein Fest veranstaltet. Vorsitzender: Hat sich Niemand geweigert, die 10 kr. herzugeben? — Exp. Nr. 74: Ja, Mehrere, aber die Vorgesetzte hat gesagt: „Wenn es Eine nicht thun will, so soll sie sich Arbeit suchen, wo sie will." Es ist zwar Keine entlassen worden, denn es haben sich doch Alle dazu herbeigelassen, zu zahlen. Vorsitzender: Wie leben Sie? — Exp. Nr. 74: In der Früh habe ich Kaffee und Brot, zum Gabelfrühstück Brot oder auch Wurst und Brot und ein Seidel Bier, zu Mittag Suppe, Fleisch und Gemüse und Abends meistens, was von Mittag übrig bleibt. Mein Mann ist Hilfsarbeiter in einer Steindruckerei und verdient fl. 7 wöchentlich. Wir haben ein Kind. (Ueber weiteres Befragen.) Unser Arbeitslocal ist im Hochparterre. Es ist ein großer Saal mit zwölf Fenstern, und es arbeiten d'rin gegen hundert Personen. Die Wände des Locals werden alle paar Jahre geweißt. Gelüftet wird bei uns nicht. Bei den Glänzerinnen ist ein Fenster offen. Ventilation haben wir keine. Dr. Verkauf: Wie ist denn die Atmosphäre, wenn Sie in der Früh in's Geschäft kommen? — Exp. Nr. 74: Stinken thut's halt. Es verschlägt Einem förmlich den Athem, und man ist ordentlich glücklich, wenn man wieder hinauskommt. 239 Dr. Verkauf: Kommen häufig Katarrhe vor? — Exp. Nr. 74: Hie und da sind auch Einige krank. Manchmal fällt Eine während der Arbeit um, in Folge des Dunstes. Hie und da werden zwar im Hochsommer eine halbe oder eine Stunde ein oder zwei Fenster aufgemacht, aber sonst ist Alles zu. Dr. Riedl: Wie alt ist Ihr Kind? — Exp. Nr. 74: Acht Monate. Es ist das dritte Kind, zwei sind gestorben. Eins mit 15 Monaten und eins mit drei Monaten. Das erste hat die Flecke gehabt und Lungenentzündung, das zweite ist an Fraisen gestorben. (Ueber weitere Fragen.) Während der Schwangerschaft habe ich die Arbeit nicht ausgesetzt. Erst acht Tage vor der Geburt und nach derselben bin ich vier Wochen zu Hause geblieben. Ich bin 23 Jahre alt. Dr. Adler: Wollen Sie vielleicht selbst nicht die Fenster im Local ausmachen? — Exp. Nr. 74: Wir wollten schon, aber wir dürfen nicht wegen des Staubes. Dr. Adler: Sie müssen ja bei der Arbeit viel Durst leiden? — Exp. Nr. 74: O ja. Wir hätten im Arbeitslocal ganz gutes Wasser, wir dürfen es aber nicht benützen, damit die Wäsche nicht naß wird. So müssen wir hinausgehen trinken, und das Wasser aus dem Bassin dort, welches gleich neben dem Abort ist, hat einen üblen Geruch. (Ueber Befragen.) Zum Gabelfrühstück kriegen wir Bier, aber während der Arbeit dürfen wir nichts essen und nichts trinken. Zur Jause kommt die Kaffeesiederin. Zu Mittag bin ich zu Hause. Die Anderen bleiben im Geschäfte und holen sich vom Wirths- hause Suppe und Zuspeise und ein Seidel Bier. Diejenigen, die sich ein Krügel Bier kaufen, kaufen sich nur Zuspeise oder Suppe. Auch die Büglerinnen machen es so. Wir würden freilich mehr trinken, wenn wir's hätten. Dr. Adler: Ißt auch Ihr Mann zu Mittag zu Hause, und wird gekocht? — Exp. Nr. 74: Die Schwiegermutter kocht. Abends essen wir Suppe und Gemüse, denn Fleisch bleibt von Mittag nicht übrig. Engel: Ist die Stiege, wo die Wäscherinnen heraufgehen, geheizt? — Exp. Nr. 74: Nein. (Ueber Befragen des Vorsitzenden.) Wir haben drei Aborte. Der eine ist zugesperrt, der zweite ist im Hofe. Dorthin gehen die Büglerinnen nicht, damit sie nicht so viel Zeit versäumen. Daher gehen Alle auf den dritten Abort. (Ueber weiteres Befragen.) Zum Vorgesetzten haben wir einen Mann. Dieser entscheidet auch über die Abzüge. Er ist erst kurze Zeit bei uns. Die Arbeiterinnen sind der Mehrzahl nach ledig. Ich habe eine selbstskkindige Wohnung in Sechshans, Zimmer und Küche, und zahle fl. 7 50 monatlich. Das Zimmer hat zwei Fenster, und es schlafen darin drei erwachsene Personen und ein Kind. Wir haben zwei Betten und ein Kinderbett. Dr. Adler: Wenn Sie nach Hause kommen, haben Sie dann nichts zu thun? — Exp. Nr. 74: O ja! Hausarbeit, Wäscheflicken u. dergl., insbesondere am Sonntag. Vorsitzender: Arbeitet auch die Schwiegermutter etwas? — Exp. Nr. 74: Nein, die ist schon 62 Jahre alt. Dr. Adler: Ist Ihr Mann fortwährend beschäftigt? — Expertin Nr. 74: Ja, ich bin übrigens erst zwei Jahre verheiratet. Expertin Nr. 75 (über Befragen seitens des Vorsitzenden): Ich bin Heimarbeiterin und betreibe diese Beschäftigung schon 14 Jahre. Ich bin 13 Jahre verheiratet. Ich arbeite ausschließlich Mieder. Wo ich jetzt bin, habe ich das ganze Jahr Beschäftigung. Es gibt Zeiten, wo weniger zu thun ist, aber Beschäftigung habe ich immer. Ich arbeite für eine größere Fabrik, die 180 Näherinnen außer Haus beschäftigt. Es gibt dreierlei Näherinnen. Die minderen haben 5 kr. für ein Mieder. Die können bei zwölfstündiger Arbeitszeit nicht mehr als ein Dutzend machen, fl. 1 haben sie in der Woche für die Maschine zu zahlen, und die Wolle kommt ihnen in der 240 Woche aus 40 bis 50 kr. Wenn also eine solche Näherin fl. 4 verdient und man fl. 1'40 für Wolle und Maschinerate abrechnet, so bleiben ihr nur fl. 2'60. Die Maschinerate muß sie immer zahlen, denn wenn die Maschine ausbezahlt ist, so kann sie dieselbe zum Miedernähen nicht mehr verwenden, höchstens zu anderen Näharbeiten. Für eine solche alte Maschine bekommt sie nur fl. 5 oder höchstens fl. 10. Das sind die schlechtesten Näherinnen. Dann gibt es solche, die 12 bis 14 kr. für ein Mieder bekommen und auch nicht länger zu arbeiten haben, die verdienen fl. 6, 7, manche fl. 8 in der Woche. Auch da muß man wieder fl. 1 50 abrechnen. Beleuchtung u. s. w. rechne ich dabei nicht. Vorsitzender: Werden Ihnen Abzüge gemacht? — Exp. Nr. 75 : Die Waare wird genau durchgesehen. Es ist überall eine Nummer darauf, und wenn man auch gleich bei der Uebernahme etwas übersieht, so kann man dann durch die Nummer daraufkommen, wer es gemacht hat. Dann bekommt man die Sache zurück und muß den Fehler ausbessern. Abgezogen wird nichts. Früher war in der Fabrik eine Näherin, die das ausgebessert hat. Wenn eine Näherin von dieser Arbeit leben will, so muß sie sehr fleißig arbeiten. Die Arbeit, welche ich mache, hat der Herr für mich bestimmt, und die muß fertig sein. Ich bekomme für ein Mieder 30 kr., aber pro Stunde komme ich aus 12 bis 14 kr. (Ueber Befragen seitens des Vorsitzenden.) Wir haben zwei Kinder. Eines ist zwei Jahre und eines ist sechs Jahre. In der Früh esse ich Kaffee, um 10 Uhr nichts, zu Mittag kommt mein Mann nach Hause, da essen wir gewöhnlich Suppe, Fleisch und Gemüse, zur Jause Kaffee, Abends aus dem Gasthause oder dergleichen. Mein Mann verdient fl. 20 pro Woche, das ist aber noch nicht seit lange. Er hat ein paar Jahre gar nichts verdient. Die Wohnung besteht aus Zimmer und Küche. Wir zahlen sl. 45 vierteljährig. Ich bin bei der Krankencaffe der Schneidergenossenschast. Für Verwandte habe ich nicht zu sorgen. Im Ganzen habe ich fünf Kinder gehabt. Das erste war eine Frühgeburt, das zweite ist an Masern und an Lungenentzündung gestorben und das dritte an Bauchtuberculose. Das zweite war nenn Monate und das dritte nenn Jahre alt. Erst seit einem Jahre geht es uns besser. Wir müssen aber noch immer an den Schulden aus der früheren Zeit abzahlen. Dr. Adler: Wie haben Sie die Kinder ausgezogen? — Exp. Nr. 75 : Das letzte habe ich selbst gestillt, die früheren nicht. Dr. Adler: Was haben Sie denen gegeben? — Exp. Nr. 75: Milch mit russischem Thee gemischt. Man kann die Kinder nicht selbst stillen, denn wenn man an der Maschine arbeitet, hat die Milch keinen Werth. Dr. Adler: Haben Sie auch während der Schwangerschaft gearbeitet? — Exp. Nr. 75: Ja, bis zum letzten Augenblick. Dr. Adler: Wie lange hält man es bei der Maschine aus? — Exp. Nr. 75: Mir macht das nichts. Ich war, bevor ich zum Miedernähen angefangen habe, krank. Ich war nämlich vorher in einer Tabak-Trafik. Ich bin jetzt 32 Jahre alt. Manchmal allerdings, wenn ich schwarze Arbeit oder Atlasarbeit habe, werden die Augen sehr angestrengt, und da bekomme ich Kopfschmerzen. Dr. Schmied land: Wer sind Ihre Gläubiger? — Exp. Nr. 75 : Man muß eben etwas auf Raten nehmen, Wäsche, Kleider, Nähmaschinen, dann bleibt man beim Greisler schuldig. Dr. Ofner: Sind Ihre Kinder gesund? — Exp. Nr. 75: Nein, sie haben beide Rhachitis. Das ist bei den meisten Kindern der Maschin- näherinnen der Fall. Dr. Adler: Sind sie in Behandlung? — Exp. Nr. 75: Sie haben vom Pros. Kassowitz einen Leberthran. Dr. Riedl: Hat es auf die Geburt eingewirkt, daß Sie während 244 der Schwangerschaft gearbeitet haben ? — Exp. Nr. 75: Ja, die Geburt war schlecht. Expertin Nr. 76 (gibt über Befragen des Vorsitzenden an): Ich bin in einem Großbetriebe seit zweieinhalb Jahren. Es ist über diesen Betrieb schon von mehreren Experten ausgesagt worden. Früher war ich ein Jahr in einem anderen Geschäfte, wo 40 bis 45 Arbeiterinnen waren. Auch das ist ein großer Betrieb. Dort waren Näherinnen, Einzieherinnen, Ein- fasserinnen u. s. w. Ich bin Miederstickerin. Die Arbeit geht durch das ganze Jahr, und sind bei meiner Arbeit nur Frauen beschäftigt. Nähmaschinen und Einschlagemaschinen sind im Betriebe, die Stickerinnen aber haben keine Maschinen. Lehrmädchen sind zwei. Die Arbeiterinnen recrutiren sich zumeist aus den Arbeiterkreisen. Ich bin in das erste Geschäft durch Anfrage gekommen, in das zweite bin ich recommandirt worden. Ich werde nach Stück bezahlt und verdiene durchschnittlich fl. 6 in der Woche. Wenn die Arbeit besser geht, verdiene ich fl. 6' 2 bis 7. Es kommt auch vor, daß ich nur fl. 5 verdiene. Jetzt habe ich durch sieben Wochen noch keine fl. 6 verdient, meistens fl. 5'/?. Die stärkere Zeit ist im Sommer, Frühjahr und Herbst. Ueberstunden gibt es in der Regel nicht. Einige Male hat uns der Herr ersucht, wir sollen Arbeit mit nach Hause nehmen, und das ist so bezahlt worden, wie im Geschäfte. Abzüge und Strafen kommen nicht vor. Eine Fabriksordnung bestand nicht. Ich bin 48 Jahre alt. Ich habe eine Mutter, welche Wäscherin ist. Früher war ich ein Jahr im Dienst; ich war aber zu schwach dazu. Wir haben im früheren Geschäfte von '/,.8 bis 42 und von 4 bis 7 Uhr gearbeitet. Vor- und Nachmittags waren Pausen zum Essen. Zu Mittag bin ich im Geschäfte geblieben, oder ich bin spazieren gegangen. Wenn ich zum Gabelfrühstück etwas mehr esse, nehme ich dafür zu Mittag nichts. Früher bin ich nach Hanse gegangen, da habe ich aber 20 kr. zahlen müssen. Das war zu viel, denn ich muß den ganzen Tag mit 30 kr. leben. An Sonn- und Feiertagen wird nicht gearbeitet. Wenn viel zu thun ist, wie zu Ostern, wird die Arbeit nach Hause gegeben, die man jedoch nicht nehmen muß. Die Kündigungsfrist ist eine vierzehntägige. Die Arbeit, besonders die bessere, ist für die Augen sehr. anstrengend. Beim Unternehmer wohnen keine Arbeiterinnen. Geflhenke haben wir nicht zu machen. In der Früh esse ich Milch und Brot. Kaffee hat mir der Doctor verboten, weil ich blutarm bin. Zum Gabelfrühstück esse ich ein Ei und Brot, zur Jause Butterbrot uud Bier, Abends Butterbrot und Bier oder Wurst und Brot, am Sonntag Fleisch und ein Achtel rothen Wein. Vorsitzender: Stehen Sie fortwährend in ärztlicher Behandlung ? — Exp. Nr. 76: Ich gehe oft zum Arzt, weil ich sehr viel an Kopfschmerzen und Schwindel leide. Ich bin in der Genossenschafts-Krankencasse versichert. Dr. Adler: Um wie viel Uhr nehmen Sie das Ei? — Exp. Nr. 76 : Um 40 Uhr, manchmal auch später, erst zu Mittag. Wenn ich Vormittag nichts habe, kaufe ich mir zu Mittag ein Butterbrot, Suppe oder Gemüse. Dr. Adler: Was haben Sie dann Mittag? — Exp. Nr. 76: Gemüse oder Suppe. Das nehme ich vom Gasthause in's Geschäft. Vorsitzender: Wenn Sie Gabelfrühstück nehmen, essen Sie zu Mittag nichts? — Exp. Nr. 76: Gabelfrühstück und Mittagessen ist bei mir eins. Dr. Adler: Dürfen Sie nicht mehr ausgeben? — Exp. Nr. 76: Ich darf schon, aber dann komme ich nicht aus. Dr. Adler: Was kostet das Essen? — Exp. Nr. 76: 5 kr. Milch, 2 kr. Semmel oder 4 kr. Brot, zum Gabelfrühstück 4 Ei 3 kr. und 4 kr. Brot, Nachmittag Milch oder Bier und Butterbrot und Abends Butterbrot oder um 3 oder 4 kr. Wurst. Dr. Adler: Wenn Sie also Vormittag essen, so essen Sie von 16 > Frauen-Enqnöte. 242 10 bis 3 Uhr Nachmittag nichts? — Exp. Nr. 76: Wenn ich Hunger habe, kann ich mir etwas holen lassen, weil wir nach Stück bezahlt werden. Dr. Adler: Ist es die Regel, daß Alle im Geschäfte essen? — Exp. Nr. 76: Ja, die Anderen nehmen sich von zu Hause etwas mit oder kaufen sich Gemüse oder Fleisch oder etwas Kaltes. Dr. Adler: Müssen Sie nicht auch eine Medicin nehmen? — Exp. Nr. 76: Eisenpillen, die bekomme ich von der Krankencasse. Dr. Adler: Wie lange sind Sie in Behandlung? — Exp. Nr. 76: Zwei Jahre. Dr. Adler: Haben Sie die Arbeit während dieser Zeit unterbrochen? — Exp. Nr. 76: Nein. Dr. Adler: Hat Ihnen der Arzt nicht gesagt, daß es für Sie günstig wäre, wenn Sie fortfahren würden? — Exp. Nr. 76: Er hat gesagt, ich soll mehr Bewegung machen. Dr. Adler: Und sind Sie absolut nicht in der Lage, das zu thun? — Exp. Nr. 76: Ich müßte in Dienst gehen oder in ein anderes Geschäft. Dr. Adler: Könnten Sie nicht, wenn Sie sparsam leben, Vier- Wochen Ferien nehmen? — Exp. Nr. 76: Das könnte ich schon, bis jetzt habe ich es aber nicht gethan, weil ich von zu Hanse aus nichts gehabt habe, und da habe ich mir Wäsche und alles Andere erst anschaffen müssen. Frau Schlesinger: Wäre es Ihnen nicht möglich, zu Mittag in die Volksküche zu gehen? — Exp. Nr. 76: Ich bin schon hingegangen, aber man kann das Essen meistens nicht genießen. Engel: Was haben Sie in der Woche verdient, wenn Sie viel zu thun gehabt haben, einschließlich Sonn- und Feiertage? — Exp. Nr. 76: fl. 7'/r, 8 und 8'/«. Engel: Haben Sie sehr lange gearbeitet? — Exp. Nr. 76: An Wochentagen bis zwei, drei Uhr Morgens, an Sonn- und Feiertagen den ganzen Tag. Vorsitzender: Haben Sie für Jemand zu sorgen? — Expertin Nr. 76: Nein, ich bin bei einer Frau zu Bett und zahle fl. 1 pro Woche, für die Wäsche zahle ich 20 bis 30 kr. pro Woche. In dem Zimmer schlafen vier Personen: die Frau, die Tochter, ein Mädel und ich. Es sind Vier- Betten. Dr. Riedl: Gönnen Sie sich ein Vergnügen? — Exp. Nr. 76: Ich gehe alle drei, vier Wochen einmal Sonntag Nachmittag in's Theater. (Ueber Befragen.) Einem Vereine gehöre ich nicht an. Expertin Nr. 77 (über Befragen seitens des Vorsitzenden^: Ich bin Krägen- näherin und bin seit jechs Jahren mit dieser Arbeit beschäftigt. Früher war ich in einem Betriebe, jetzt arbeite ich zu Hause. Die Arbeit ist das ganze Jahr hindurch gleich. Mein Vater ist bei der Westbahn Conducteur. Er lebt noch, und ich wohne bei meinen Eltern, ich bin aber verheiratet. Ich verdiene in der Woche fl. 4 bis fl. 5. Davon zahle ich nichts weg. An Material habe ich nur Zwirn und Oel zu kaufen. Abzüge habe ich keine, außer wenn ich Waare zerreiße, oder wenn zu viel eingezwickt ist, so muß man es ersetzen. Ich habe zwei Kinder. Ich arbeite bis 7, 8 oder 9 Uhr Abends. Ich koche nicht, muß aber zusammenräumen. In der Nacht arbeite ich nicht und auch an Sonn- und Feiertagen nicht. Mein Mann ist auch bei der Bahn. Wir sind im Ganzen sechs Personen. Zum Frühstück essen wir Kaffee und Semmel, zum Gabelfrühstück Wurst oder Eier, Mittag Suppe, Fleisch und Gemüse, zur Jause Kaffee, Abends etwas aus dem Gasthause, oder wir kochen selbst. Mein Mann hat einen Gehalt von fl. 350 und fl. 150 Quartiergeld. Auch der Vater verdient noch. Die Wohnung besteht aus zwei Zimmern und Küche. In einer Krankenversicherung bin ich nicht. So lange ich im Geschäfte war, habe ich versichert sein müssen. 243 Engel: Warum gehören Sie nicht einem Krankenvereine an? Es gibt ja auch Privat-Krankenvereine. — Exp. Nr. 77: Ich bin bei dem Vereine „Eintracht" und zahle im Monate 85 kr. Da bekomme ich fl. 8 pro Woche. Einem Fachvereine gehöre ich nicht an. Auch mein Mann nicht. Schluß der Sitzung 11 Uhr Abends. 14. Sitzung, Sonntag, 15. Mär;, Vormittags. Vorfihender: Pros. Dr. Kaizl. Beginn 9 Uhr 45 Minuten. Vorsitzender: Ich eröffne die Sitzung. Wir werden zunächst zwei Expertinnen aus der Wäscherbranche vernehmen. Expertin Nr. 78 : Ich bin in einer Wäschefabrik und in diesem Betriebe seit neun Jahren. Ich arbeite von 7 bis 7 Uhr. Es sind dort nur zwei Wäscherinnen. Die Arbeit ist das ganze Jahr hindurch gleich. Die Waschmaschinen werden mit Dampf betrieben. Wir bekommen fl. 6 bis 7, die Erste hat fl. 8. Hausarbeit gibt es nicht. Lohnabzüge kommen nicht vor. Wir haben nur Mittags eine Stunde, sonst keine Pause. Wir werden nach der Woche gezahlt. Es wird zwar nicht nachgesehen, wie viel man arbeitet, aber man wird schon darnach angetrieben. Wir haben eine 14tägige Kündigungsfrist. Das Arbeitslocal ist ebenerdig. Es ist nicht sehr gesund, denn es ist sehr finster und voll Dampf. Im Sommer ist es sehr heiß, im Winter kalt. Eine Erkältung ist sehr leicht möglich. Ich war erst jüngst fünf Wochen krank. Ich bin verheiratet und habe drei Kinder. Der Verdienst meines Mannes ist schlecht. Er hat oft nur drei bis vier Tage in der Woche Arbeit. Ein Kind ist fünf, eines zweieinhalb Jahre und eines fünf Monate alt. Die Kinder habe ich aus dem Lande in der Kost, für das eine zahle ich fl. 8, für das zweite fl. 7 und für das dritte fl. 4 monatlich. Für das älteste Kind zahle ich weniger, denn dieses braucht nicht mehr so viel Aufsicht. Vorsitzender: Wie sind Sie auf die Idee gekommen, Ihre Kinder in die Kost zu geben? — Exp. Nr. 78: Der Verdienst meines Mannes ist unsicher. Wie kann ich da mit den Kindern leben und Zins zahlen? So bin ich gezwungen, sie wegzugeben und in die Arbeit zu gehen. Vorsitzender: Kommen Sie mit den Kindern zusammen? — Exp. Nr. 78 : Heute ist mein Mann zu dem Einen hingefahren, das in einer kleinen Stadt in Niederösterreich ist. Die zwei älteren Buben sind in Deutschböhmen. Ich habe sie seit Pfingsten vorigen Jahres nicht gesehen. Dr. Frey: Wie viel Arbeiterinnen sind sonst in der Fabrik beschäftigt? — Exp. Nr. 78: Im Ganzen 30 Personen. Das sind Näherinnen, Streiferinnen und Büglerinnen. Sie arbeiten auch von 7 bis 7. Ueberstunden haben wir nicht. Wir arbeiten oft bis 8, Hs9 und 9 Uhr, wenn wir mit der Arbeit nicht nachkommen. Das wird uns aber nicht gezahlt. Sonntags arbeiten wir nicht, wohl aber an manchen Feiertagen. Dr. Frey: Wie ist die Arbeitsvermittlung? — Exp. Nr. 78: Ich bin hingegangen und habe mich angefragt. Wittelshöfer: Wie ist der Vorgang bei der Arbeit? — Expertin Nr. 78: Wir haben nur Krägen und Manschetten. Die kommen in die Maschine, dann kommt Seife und Soda dazu. Dann wird sie zugemacht, und man läßt den Dampf hinein. Darauf wird das Wasser abgelassen und 16 * 244 es kommt ein anderes darauf. Manchmal muß auch mit der Hand gewaschen werden, bald mehr, bald weniger. Man kann sagen, daß da im Tage etwa 300 Dutzend gewaschen werden. Dann kommt die Wäsche zum Trocknen und Einstärken. So lange der Dampf geht, müssen wir dort sein. Wittelshöser: Geht der Dampf nur für die Wäscherei? — Exp. Nr. 78: Es sind auch andere Arbeiter im Hause, die mittelst Dampfbetrieb arbeiten. Aber in der Wäscherei ist der Dampf nur für uns. Wittelshöser: Sie haben Wochenlohn. Wenn aber ein Feiertag ist, wird da die ganze Woche bezahlt? — Exp. Nr. 78: Bei uns ja, es gibt aber Fabriken, wo der Tag abgezogen wird. Wittelshöser: Kommt es nicht vor, daß Sie weniger arbeiten? — Exp. Nr. 78: Wenn etwas bricht. Da wird aber der volle Lohn bezahlt. Dr. Ofner: Sind bei Ihnen Lehrmädchen? — Exp. Nr. 78: In der Wäscherei gibt es keine. Die Arbeiterinnen kommen mit 17, 18 Jahren und werden gleich bezahlt. Dr. Ofner: Wird Ihnen etwas abgezogen, wenn Sie später kommen? — Exp. Nr. 78: Für fünf Minuten 10 kr., für eine Viertelstunde 20 kr. Dr. Ofner: Woran waren Sie erkrankt? — Exp. Nr. 78: Drinnen schwitzt man stark, und da muß man oft herausgehen und die Wäsche in den ersten Stock hinauftragen. Wir sind ebenerdig, und die Büglerinnen sind im ersten Stock. Dr. Ofner: Wo ist der Abort? — Exp. Nr. 78: Im ersten Stock sind in einem kleinen Gange zwei Aborte. Dr. Ofner: Haben Sie Männer zu Vorgesetzten? — Exp. Nr. 78: Nein, es ist nur der Herr da. Geschenke haben wir nicht zu machen. Die Herrenleute sind oft recht grob mit uns, wenn man mit der Arbeit nicht nachkommt. Dr. Schiff: Wird die Wäsche zu Ihnen hinuntergeschafft? — Exp. Nr. 78: Wir müssen sie vom ersten Stock hinuntertragen. Da müssen wir auch über den Gang gehen, der nicht geheizt ist. Das Local, in dem wir waschen, hat zwei Fenster. Dort sind wir zwei Wäscherinnen allein. Wir müssen beiläufig alle Viertelstunden etwas hinauf- oder heruntertragen. In der Hausflur ist nicht einmal ein Windfang, und da weht es im Winter oft den Schnee hinein. Dr. Schiff: Die Wände müssen ja ganz naß sein? — Expertin Nr. 78: Es fällt oft vom Plafond der Mörtel herab. Dr. Schiff: Wie oft wird ausgekehrt? — Exp. Nr. 78: Bei uns wird täglich ausgewaschen und im ersten Stock alle Wochen. Geweißt wird alle zwei, drei Jahre einmal. Dr. Schiff: Haben Sie eine Fabriksordnung? — Exp. Nr. 78: Ja, die ist angeschlagen. Von den Abzügen steht nichts d'rin. Dr. Schiff: Woher bekommen Sie das Wasser? — Exp. Nr. 78: Die Wasserleitung ist im Local. Znm Ausschütten des Wassers brauchen wir nicht hinauszugehen. Dr. Schiff: Was ist Ihr Mann? — Exp. Nr. 78: Wagner. Er ist aber jetzt nicht bei der Profession, sondern macht Holzabsätze für die Schuster. Er arbeitet in einer Werkstätte. Er ist nach Stück bezahlt und verdient fl. 4, 5, auch fl. 6. Wenn er die ganze Woche arbeitet, verdient er fl. 10. Dr. Schiff: Sie haben also im Monat fl. 24, und Ihr Mann verdient durchschnittlich fl. 6 pro Woche. Davon zahlen Sie fl. 19 für die Kinder. Können Sie denn mit fl. 30 im Monat leben? — Exp. Nr. 78: O ja. Wir haben ein Cabinet direct vom Hausherrn und zahlen dafür fl. 6'40. Küche ist nicht dabei, aber es ist ein Herd darin. Mittags gehe ich nicht nach Hause, sondern kaufe mir beim Greisler etwas, Butterbrot oder ein Stück Wurst. Dafür darf ich keine 10 kr. ausgeben. Vormittags esfe ich Brot, das muß ich während der Arbeit esfen. Dr. Schiff: Können Sie sich reinigen, wenn Sie esfen? — Expertin Nr. 78: Dazu habe ich keine Zeit. Dr. Schiff: Waschen Sie sich, bevor Sie zu Mittag essen? — Exp. Nr. 78: Nein. Zum Frühstück koche ich Kaffee. Zur Jause esse ich wieder Brot, und Abends koche ich^ etwas, Suppe u. dergl. Fleisch kann man sich nicht vergönnen. Sonntags essen wir ein Stück Rindfleisch und Gemüse. Dr. Schiff: Ist die Maschinenwäscherei anstrengend? — Expertin Nr. 78: Die Maschine ist sehr schwer aus- und zuzumachen. Dr. Schiff: Sind auch Männer beschäftigt? — Exp. Nr. 78: Bei uns nicht. Vorsitzender: Kommt es vor, daß die Mittagspause verkürzt wird, wenn viel zu thun ist? — Exp. Nr. 78: Es kommt sehr oft vor, daß fortgearbeitet werden muß, vielleicht alle 14 Tage. Auch Ueberstunden haben wir, alle 14 Tage ungefähr, dafür werden wir aber nicht separat bezahlt. Pros. Grnber: Haben Sie in dem Orte, wo Ihre Kinder sind, Verwandte? — Exp. Nr. 78: Nein. Ich bin in dieser Gegend in Böhmen ausgewachsen. Die Kinder sind seit 1888 und 1893 dort. Auch in der kleinen Stadt in Niederösterreich, wo das kleine Kind ist, habe ich keine Verwandten. Das Kind ist seit 17. November dort. Pros. Grub er: Wie wird es genährt? — Exp. Nr. 78: Mit Milch und auch Eiern. Die älteren Kinder sehe ich alle Jahre einmal. Ich lasse sie herkommen. Pros. Gruber: Kommt es bei Ihren Bekannten öfter vor, daß sie ihre Kinder aufs Land geben? — Exp. Nr. 78: Das thun viele. Dr. Schwiedland : Wie ist der Fußboden in Ihrem Arbeitslocal? — Exp. Nr. 78: Es ist Asphaltpflaster. Man rutscht da oft aus und fällt auch nieder. Dr. Schwiedland: Was tragen Sie bei der Arbeit an den Füßen? — Exp. Nr. 78: Strümpfe und Holzschuhe. Frl. Fickert: Wie viel Wochenlohn haben die Männer bei der Wäscherei ? — Exp. Nr. 78: Es war einer an meiner Stelle, wie ich krank war. Dem haben sie fl. 10 gegeben. Frl. Fickert: Und hat er dasselbe geleistet wie Sie? — Expertin Nr. 78: Viel weniger.. Er ist auch schon Mittags wieder fortgegangen. Wittelshöfer: Wird nur über Veranlassung des Herrn über Mittag gearbeitet? — Exp. Nr. 78: Ja. Wittelshöfer: Sind Sie bei der Krankenkasse? — Exp. Nr. 78: Bei der Allgemeinen Arbeiter-Krankencasie. Wittelshöfer: Wie lange haben Sie nach der Entbindung die Arbeit unterbrochen? — Exp. Nr. 78: Vorher habe ich bis zur Entbindung gearbeitet, und dann habe ich vier Wochen unterbrochen. Expertin Nr. 79 : Ich bin bei einem großen Wäscher beschäftigt. Derselbe übernimmt nur schmutzige Wäsche zum Waschen. In dem Betriebe sind etwa 80 Personen. Ich bin neun Jahre beim Geschäft und in diesem Betriebe ein Jahr. Vorsitzender: Gibt es mehrere solcher Anstalten in Wien? — Exp. dir. 79: Etwa sechs bis sieben. (Ueber Befragen.) Es werden dort nur weibliche Arbeitskräfte beschäftigt. Es sind auch Waschmaschinen im Betriebe, es sind Ringmaschinen; diese werden von Männern gedreht. Die Männer sind in der Waschküche. Ich bin Büglerin. Diese sind in einem separaten Zimmer. Ich werde pro Tag bezahlt, die Dienstmädchen pro Monat. Die Arbeit ist von 5 Uhr Morgens bis 7, 9 und 10 Uhr Abends. Es gibt auch Wäscher, wo die Leute bis 12 Uhr Nachts arbeiten müssen, und um 3 Uhr Früh müssen sie schon wieder aufstehen. Die Arbeit ifl 246 nicht gleichmäßig. Im Winter ist weniger zu thun. Wenn wir auch bis 9, 10 Uhr arbeiten, müssen wir um 5 Uhr iu der Früh wieder dort seiu. Ich wohne in Simmering, eine Viertelstunde vom Geschäfte. Ich bekomme täglich fl. 1, für Ueberstunden 10 kr. Der Lohn der Wäscherinnen ist anders. Sie bekommen für eine Lage — das sind 6, 7 bis 10 Stück — 4 kr. Wir haben eine Frühstücks-, Jausen- und Mittagspause. Manchmal haben wir eine halbe Stunde oder auch nur eine Viertelstunde. Wir haben die ganze Kost. Um 6 oder '/^ Uhr Früh bekommen wir Kaffee. Gut ist der nicht, er besteht aus Cichorie und gewässerter Milch. Mittags ist ein Stück Fleisch, Suppe und Zuspeise. Die Kost ist nicht kräftig genug bei der schweren Arbeit. Zur Jause haben wir wieder Kaffee, aber immer ohne Semmel. Das Nachtmahl müssen wir uns selbst kaufen. Die Bügeleisen sind ungleich. Für glatte Wäsche sind große und für Herrenhemden u. s. w. kleine Eisen. Wir haben auch feine Wäsche, Krägen, Manschetten u. s. w. Vorsitzender: Wie sieht das Arbeitslocal aus? — Exp. Nr. 79: Es ist dort sehr heiß, und es sind 30 Büglerinnen darin. Die Bügeleisen sind meistens mit Stählen versehen. Es gibt aber auch Maschinen, die von den Dienstmädchen bedient werden. Damit werden Tischtücher, Servietten u. s. w. behandelt. Ich habe ein Arbeitsbuch, während die Dienstmädchen Dienstbotenbücher haben. In Bezug auf die Sittlichkeit ist nichts zu bemerken. Vorsitzender: In der Anstalt wohnen nur die Dienstmädchen? — Exp. Nr. 79: Ja, die schlafen dort. Es sind ihrer etwa zwanzig. Vorsitzender: Warum werden Dienstmädchen und Arbeiterinnen ausgenommen? — Exp. Nr. 79: Die Dienstmädchen bekommen weniger Lohn als wir. Vorsitzender: Das sind also solche, die das Geschäft nicht so verstehen? — Exp. Nr. 79: Ja. Die etwas kann, geht lieber als Arbeiterin. Es kommt auch oft vor, daß eine zuerst Dienstmädchen ist und dann Arbeiterin wird. Ich war auch Dienstmädel und bin erst zwei Jahre Arbeiterin. Dr. Frey: Waren Sie in einer Wäscherei als Dienstmädchen? — Exp. Nr. 79: Ja. Frau Schlesinger: Müssen Sie, wenn Sie nach 10 Uhr nach Hause gehen, Sperrgeld zahlen? — Exp. Nr. 79: Meine Hausmeisterin verlangt von mir nichts. Sie läßt mich auch in d«: Früh umsonst hinaus. Frau Schlesinger: Gibt es aber nicht andere Arbeiterinnen, die Sperrgeld zahlen müssen? — Exp. Nr. 79: Wenn die Hausmeisterin capricirt ist, ja. Das kommt schon vor. Dr. Schüller: Wie viel bekommen die Dienstmädchen? — Expertin Nr. 79: st. 6, 7, 8, 9 und 10 monatlich. Sie arbeiten so lange wie wir und bekommen dieselbe Kost. Zum Nachtmahl bekommen sie nichts. Zum Schlafen haben sie ein eigenes Zimmer mit zwei Fenstern. Darin schlafen 12, 13 Personen. Jede hat ihr eigenes Bett. Dr. Schüller: Wie oft müssen Sie länger arbeiten? — Expertin Nr. 79: Im Sommer alle Tage bis 9, 10 Uhr, und das dauert drei bis vier Monate. Wittelshöfer: Machen die Dienstmädchen dieselbe Arbeit wie Sie? — Exp. Nr. 79: Nein. Die müssen die Wäsche zusammenlegen, schwaben (schwemmen), aufhängen und sind bei den Bügelmaschinen. An Sonntagen arbeiten wir nicht, nur die Dienstmädchen dann und wann. Kündigung haben wir nicht. Die Dienstmädchen haben eine. Wittelshöfer: Wie werden die Leute aufgenommen? — Expertin Nr. 79: Wenn sie Arbeit wollen, fragen sie sich an. Wittelshöfer: Melden sich immer genug, wenn die Frau Arbeiterinnen braucht? — Exp. Nr. 79: Es sind immer genug. 247 Dr. Schwiedland: In welchem Monat haben Sie am meisten zu thun? — Exp. Nr. 79: Es sängt im Mai an und dauert bis September, October. Dr. Schwiedland: Wer sind die Kundschaften? — Exp. Nr. 79: Privatleute, Gasthäuser und Hotels. Der Herr sammelt die Wäsche bei den Kunden. Dr. Schwiedland: Wie alt sind Sie? — Exp. Nr. 79: Ich bin 28 Jahre. Ich bin verheiratet und habe keine Kinder gehabt. Dr. Schiff: Arbeiten dieselben Arbeiterinnen immer mit den schweren und die anderen mit den leichten Eisen? — Exp. Nr. 79: Das geht durcheinander. (Ueber Befragen.) Es ist zwar eine Ventilation im Arbeitslocale, aber trotzdem ist es dunstig. Die Fenster sind nicht geöffnet, aber die Thür, die in den Hof geht. Bei der Arbeit müssen wir immer stehen. Wäsche haben wir nicht zu holen, die wird hineingetragen und abgeholt. Dr. Schiff: Wie wohnen Sie? — Exp. Nr. 79: Wir haben eine Kammer allein und zahlen fl. 4'70 monatlich. Dr. Schiff: Sind im Winter weniger Personen? — Exp. Nr. 79 : Höchstens eine oder zwei Personen. Dr. Schiff: Ziehen Sie sich bei der Arbeit um ? — Exp. Nr. 79: Manche. Dr. Schiff: Was ziehen Sie an? — Exp. Nr. 79: Eine leichte Blouse mit kurzen Aermeln. Männer kommen in das Local nicht hinein. Frau Schlesinger: Was ist Ihr Mann? — Exp. Nr. 79: Taglöhner. Er verdient täglich einen Gulden. Ich habe für Niemanden zu sorgen. Dr. Ofner: Müssen Sie sich auch Nahrungsmittel kaufen? — Exp. Nr. 79: Ja. Ich gebe dafür täglich 10 bis 15 kr. aus. Vorsitzender: Wie geht es bei der Arbeit zu? — Exp. Nr. 79: Wenn die Frau da ist, dürfen wir nichts reden, sonst werden wir zusammen- geschimpft. Es kommt auch vor, daß Eine deshalb gleich entlassen wird. Vorsitzender: Sind bei Ihnen Viele brustkrank? — Expertin Nr. 79: Genug. Bei der Kost kann man eine solche Arbeit nicht leisten. Wenn ich Abends nach Hause komme, kann ich mich gar nicht rühren. Dr. Ofner: Haben Sie Abzüge, wenn Sie zu spät kommen? — Exp. dir. 79: 10 kr. pro Stunde; wenn wir um fünf Minuten später kommen, macht es nichts. Wenn man später kommt, geht man erst um 6 Uhr in die Arbeit, dann bekommt man um 10 kr. weniger. Vorsitzender: Haben Sie sich nicht früher als Dienstmädchen in einem Privathause besser befunden? — Exp. Nr. 79: Man hat weniger Arbeit und bessere Kost. Man kann aber nicht heiraten. Die Dienstmädchen in der Wäscherei haben's aber nicht besser. Frau Schlesinger: Kochen Sie am Sonntag selbst? — Expertin Nr. 79: Ja. Ich koche Suppe, Rindfleisch und Zuspeise. Zum Nachtmahl haben wir am Sonntag meist das, was von Mittag übrig bleibt. Dr. Ofner: Gibt es auch Heimarbeiterinnen beim Bügeln? — Exp. Nr. 79: Nein. Expertin Nr. 80: Ich bin in demselben Hause. Ich bin Einstärkerin. Da ist ein Trog und ein paar Weidlinge, wo die Stärke drin ist, weil das eine Stück mehr, das andere dünner gestärkt wird. Die Stärke richte ich selbst her und tunke die Wäsche ein. Dann wird sie mit den Händen gerieben und ausgewunden. Bei den großen Röcken muß mir dabei eine Andere helfen, sonst mache ich Alles allein. Meine Arbeit ist sehr anstrengend. Meine Arbeitszeit währt auch von 5 Uhr Morgens bis 7 Uhr Abends. Ich komme aber erst um halb 6 Uhr. Mein Lohn beträgt fl. 7 wöchentlich. Ich habe die meiste Zahlung im Hause. Die schlachtest Bezahlten haben fl. 6, 7, 8 und 9 monatlich. Alle haben die Kost. Die ist aber nichts werth. 248 Alle haben dieselbe Kost. Bon den Arbeiterinnen hat jede fl. 1 täglich. Ich bin verheiratet. Ich bin seit meinem sechzehnten Jahre bei dieser Arbeit. Ueberstunden mache ich nicht. Die Anstalt leitet die Frau. Die Anstalt befindet sich in einem eigenen Hause. Die Locale sind rein gehalten. Das Reinigen müssen die Dienstmädchen machen. Vorsitzender: Den Gewerbe-Jnspector haben Sie dort noch nicht gesehen? — Exp. Nr. 80: Nein. Wittelshöfer: Wird die Wäsche der Kranken separat behandelt? — Exp. Nr. 80: Nein. Wir wissen ja nicht, ob die Wäsche von einem Kranken ist. Wittelshöfer: Sie sagen, Alle haben dieselbe Kost, hat auch die Frau dieselbe Kost? — Exp. Nr. 80: Ich glaube nicht. Wittelshöfer: Fährt von Ihnen Jemand mit bei der Abgabe der Wäsche? — Exp. Nr. 80: Ein Mädchen fährt mit, die ist dazu bestimmt. Die ist aus der Freundschaft des Herrn und dürfte fl. 12 monatlich haben. Dr. Schiff: Haben Sie allein fl. 7, oder noch Andere? — Expertin Nr. 80: Ich bin die Einzige. Es ist nur eine Einstärkerin. Dr. Schiff: Müssen Sie außer der Kost, die Sie erhalten, sich noch etwas kaufen? — Exp. Nr. 80: Ja. Ich kann mir schon mehr vergönnen, weil mein Mann einen guten Verdienst hat. Dr. Schiff: Auf wie viel rechnen Sie das Mittagessen für eine Person? — Exp. Nr. 80: Auf höchstens 20 kr. Nicht einmal das. Dr. Schiff: Sie bekommen ja Fleisch? — Exp. Nr. 80: Aber was für eines! Und ein kleines Stückerl. Dr. Schiff: Wird auch an Sonntagen gearbeitet? — Exp. Nr. 80: Höchstens von den Dienstmädchen, und nur, wenn sehr viel zu thun ist. Dr. Schiff: Gibt es eine Organisation? — Exp. Nr..80: Ich bin dabei. Ich bin auch beim Krankenverein und zahle k0 kr., die mir abge-' zogen werden. In der Unfallversicherung sind wir nicht. Dr. Schiff: Wo essen Sie? — Exp. Nr. 80: Im Arbeitslocal. Dr. Schiff: Können Sie sich reinigen? — Exp. Nr. 80: Man muß halt in den Hof hinausgehen und sich waschen. Wenn Eine kein Handtuch hat, nimmt sie eine Serviette her und wischt sich ab. Frl. Fickert: Die Wäsche muß nach den einzelnen Parteien gesondert werden. Sind dazu besondere Arbeiterinnen? — Exp. Nr. 80: Das macht die Frau und das Mädel. Frl. Fickert: Haben Sie Kinder? — Exp. Nr. 80: Ja, ein Mädchen. Die geht in die Schule und kommt dann zu mir, und da bekommt sie das Essen. Sie ist zehn Jahre alt. Abends ist sie allein zu Hause. Dr. Ofner: Wie viel verdient Ihr Mann? — Exp. Nr. 80: Manchmal fl. 4 im Tag. Dr. Ofner: Wie viel müssen Sie für Ihr Essen im Tag d'rauf- geben? — Exp. Nr. 80: 20 bis 35 kr. Dr. Schmied land: Wie viel Kinder haben Sie gehabt? — Exp. Nr. 80: Fünf. Sie sind gestorben mit 16 Tagen, sechs Wochen, acht Monaten. Sie waren nicht lebensfähig. Wittelshöfer: Die Wäscherinnen bekommen für die Lage 4 kr., und Sie sind im Wochenlohn? — Exp. Nr. 80: Sie waschen 20, 30 Lagen im Tage. Das ist Accordarbeit. Wir könnten ja auch im Accord fein. Aber das Waschen und Bügeln ist nicht einerlei. Das Bügeln ist eine langsamere Arbeit. Wittelshöfer: Müssen Diejenigen, die im Wochenlohne sind, eine bestimmte Menge arbeiten? — Exp. Nr. 80: Sie müssen so viel arbeiten, daß die Frau genug verdient. Es wird ihnen schon so viel hergerichtet. 249 Wittelshöfer: Machen die Anderen freiwillig Ueberstunden oder herrscht ein Zwang? — Exp. Nr. 80: Wenn Eine nicht will, wird sie weggegeben. Wittelshöfer: Warum ist das bei Ihnen nicht der Fall? — Exp. Nr. 80: Das weiß ich nicht, vielleicht traut sie sich nicht. Wittelshöfer: Waren Sie immer Einstärkerin? — Exp. Nr. 80: Ich war früher auch Büglerin. Wittelshöfer: Haben Sie sich dabei weniger gut befunden? — Exp. dir. 80: Wie ich hingekommen bin, bin ich zum Putzbügeln aufge- nommen worden, die Frau hat aber gesagt, wenn es mir recht ist, kann ich diesen Platz übernehmen. Es war nämlich aus der Stelle ein Dienstmädchen, die hat ihr die Arbeit nicht recht gemacht. Wittelshöfer: Fangen die Dienstmädchen erst nach der Arbeit zu reinigen an? — Exp. Nr. 80: Ja. Am Samstag müssen sie auch die Fenster putzen. Wittelshöfer: Wie lange dauert die Mittagspause? — Expertin Nr. 80: Eine halbe Stunde ist festgesetzt, es werden aber immer 5 bis 10 Minuten abgerissen. Wir gehen in die Küche und holen uns das Essen, dann wird geläutet und weitergearbeitet. Eine Arbeitsordnung haben wir nicht. Vorsitzender: Wollen Sie uns etwas über die anderen Betriebe erzählen? — Exp. Nr. 80: Unser Hans ist eines der besseren. In anderen Häusern herrschen die größten Uebelstände. Bei einer Wäscherei in Simmering geht es miserabel zu. Die Leute müssen pünktlich von 5 Uhr Früh bis 10 Uhr Abends arbeiten. Vorsitzender: Kommen nicht viele Erkrankungen und Blutstürze vor? — Exp. Nr. 80: O ja. (Ueber Befragen des Vorsitzenden.) Die Meisten haben eine Viertel- oder halbe Stunde nach Hause und können bestenfalls sechs Stunden schlafen. Bei der erwähnten Wäsck^rei in Simmering müssen sich die Leute schrecklich plagen und haben sehr schlechte Kost. Der Lohn ist derselbe, oft aber schlechter. Wenn Eine wegkommt, lassen sie oft den Platz unbesetzt. Die Arbeit muß aber doch gemacht werden. Vorsitzender: Wie ist das Verhältniß zwischen Arbeiterinnen und Dienstboten bei Ihnen? — Exp. Nr. 80: Sie vertragen sich ganz gut. Vorsitzender: Wir gelangen nun zur Vernehmung von Expertinnen aus der Branche der Blumemnacher. Herr Experte Eßl, Sie haben schon in einer früheren Sitzung deponirt, haben Sie noch etwas zu erwähnen? — Experte Eßl: Die früher *) in der Enquete einvernommenen Expertinnen dieser Branche waren aus einer Fabrik, die eine der besten in Bezug auf die Behandlung und die sonstigen Verhältnisse in Wien ist. Wir haben solche Betriebe in Wien vielleicht nur vier. Ueber das Technische des Betriebes wurde damals bereits ausgesagt. Expertin Nr. 81: In dem Betriebe, wo ich beschäftigt bin, werden Rosen und Knospen erzeugt. Ich bin zwölf Jahre beim Fach und habe nie etwas Anderes gemacht als Rosen und Knospen. Die Inhaberin des Geschäftes ist eine Frau; es sind nur zwei Arbeiterinnen beschäftigt. Die Saison ist von November bis Mai, halben oder Ende Juni. In der flauen Zeit müssen wir einige Tage aussetzen, manche muß zwei Monate und länger aussetzen. Die Arbeit wird nur mit der Hand gemacht. Maschinen gibt es nicht, außer Pressen. Die haben wir aber nicht. Es gibt auch Heimarbeiterinnen. Wir haben solche. Die Arbeiterinnen recrutiren sich nur selten aus besseren Kreisen. Wir haben drei Lehrmädchen. Die Frau arbeitet auch selbst mit. Die Arbeit wird durch die Krankencasse und durch die Zeitung vermittelt. Die Lehrmädchen lernen nur Rosen- und Knospen- *) Siehe 4. Sitzung vom 3. März 1896. '250 machen. Sie sind ganz im Hanse und werden wie Dienstboten verwendet, zum Kinderumtragen n. s. w. Mir ist es auch so gegangen. Theilweise werden sie auch zur Arbeit verwendet. Dr. Schiff: Wenn ein solches Mädchen ausgelernt hat und in ein anderes Geschäft kommt, muß es wieder vom Frischen lernen? — Expertin Nr. 81: Solche verdienen dann weniger, weil sie sich erst wieder einarbeiten müssen. Frl. Fickert: Was machen die Mädchen, die aussetzen müssen? — Exp. Nr. 81: Wenn sie Eltern haben, gehen sie zu diesen. Frl. Fickert: Können sie so viel ersparen, daß sie in der todten Saison davon leben können? — Exp. Nr. 81: Nein. Sie muß eben bei ihrer Quartierfrau Alles schuldig bleiben und dann in der Saison Tag und Nacht arbeiten, damit sie die Schulden wieder bezahlen kann. Frl. Fickert: Werden die Lehrmädchen aufgedungen? — Expertin Nr. 81: Ja. (Ueber Befragen des Vorsitzenden.) Ich verdiene fl. 6'20 wöchentlich. Wir haben auch welche mit fl. 4'50, Accordlohn gibt es bei uns nicht. Wenn an einzelnen Tagen ausgesetzt werden muß, wird das abgezogen. Material haben wir nicht beizustellen. Die Arbeitszeit ist von halb 8 Uhr bis 7 Uhr. Wir haben außer einer Stunde zu Mittag keine Arbeitspausen. Jetzt habe ich keine Kost. Es gibt aber nur wenige Geschäfte, wo keine Kost ist. Diese wird im Arbeitslocal gegessen. Vorsitzender: Bekommen Sie eine Entlohnung, wenn Sie über die Zeit arbeiten? — Exp. Nr. 81: 10 kr. für die Stunde. Die Hausarbeit wird mitunter schlecht bezahlt. Ich nehme mir keine mit. Männer sind in dieser Branche sehr wenige beschäftigt. Abzüge und Strafen kommen bei uns nicht vor. Die Kündigung ist Icktägig. Das Arbeitslocal besteht aus einem Zimmer. Es sind darin zwölf Personen, nämlich auch fünf Kinder voir der Frau. Das Zimmer hat zwei Fenster und ist ziemlich groß. Die ganze Wohnung besteht aus Zimmer, Küche und Cabinet. Vier Personen schlafen im Cabinet. Vorsitzender: Wie ist das Verhältniß im Verkehr der Herren, oder dort, wo Männer im Betriebe sind, zu den weiblichen Bediensteten? — Exp. Nr. 81: Mancher Herr ist sehr anständig. Mein Lehrherr war dagegen sehr unanständig. Sie stellen sehr oft Forderungen an die Mädchen. Die Verhältnisse sind sehr unerfreuliche. Die Arbeiterinnen sind meist ledig. Uneheliche Kinder findet man oft bei solchen Arbeiterinnen. Die Arbeit ist nicht schwer. Sie strengt aber die Augen an, und viele werden brustkrank. Vorsitzender: Wie ist es mit den Wohnungsverhältnissen Derjenigen, die außer Haus arbeiten? — Exp. Nr. 81: Ich wohne nicht weit im selben Bezirk, wo das Geschäft ist. Vorsitzender: Sind Sie bei einer Organisation? — Expertin Nr. 81: Wir gründen erst eine. Bei der Krankenversicherung sind Einige, nicht Alle. Mein Mann ist Geschäftsdiener. Wir haben keine Kinder, auch keine gehabt. Mein Mann verdient fl. 10. Wir wohnen in einem Cabinet. Ich koche nicht, sondern nehme die Kost aus dem Gasthause. Wir essen auch zu Mittag zusammen, da wir Mittags Beide nach Hause gehen. Wittelshöfer: Hat die Geschäftsinhaberin die Kost mit den Arbeiterinnen gemeinsam? — Exp. Nr. 81: Manche wohl, manche nicht. Wittelshöfer: Wie Viele schlafen in dem Zimmer, wo gearbeitet wird? — Exp. Nr. 81: Auch vier Personen. Es sind dort drei Betten, zwei große und ein Kinderbett. Im Cabinet sind zwei Betten. Im Cabinet schlafen der Herr, die Frau und zwei Kinder. Im Zimmer schlafen drei Kinder, ein Mädel und vom Herrn die Mutter. Wittelshöfer: Wann wird gelüftet? — Exp. Nr. 81: In der Früh von 6 Uhr bis halb 8 Uhr und zu Mittag. 251 Wittelshöfer: Wo sind die Leute, wenn gelüftet wird? — Exp. Nr. 81 : In der Küche. Dr. Osner: Was ist der Mann der Gewerbe-Inhaberin? — Exp. Nr. 81: Tischler. Er ist Arbeiter und geht außer Hause. Dr. Schiff: Wie viel haben die anderen Arbeiterinnen ? — Expertin Nr. 81: Eine fl. 4'80, das Lehrmädchen fl. U70 pro Woche. Die ist b ei ihren Eltern. Eine hat 50 kr. pro Woche, und die dort wohnt, hat keinen Lohn. Sie bekommt nichts außer Nachtmahlgeld. Dr. Schiff: Haben Sie früher auch so viel Lohn gehabt? — Exp. Nr. 81: Früher habe ich fl. 5'40 gehabt. In anderen Geschäften haben sie meistens fl. 15 monatlich und die Kost. Ich war auch in einem Geschäft, wo ich nur fl. 11 gehabt Habe. Die meisten Lehrmädchen haben auch Wohnung. Sie müssen drei Jahre lernen. Darnach bekommen sie fl. 2, L'/z, 3. Das sind jene, die auch die Kost haben. Dr. Schiff: Wie lange dauert es, bis Eine auf fl. 5, 6 kommt? — Exp. Nr. 81: Vier, fünf Jahre. Da muß sie sehr tüchtig sein. Es sind aber Binderinnen, die fl. 8, 10 und 12 haben. Es sind deren aber nur wenige. Dr. Schiff: Wie viele Tage in der Woche müssen Sie in der todten Saison aussetzen? — Exp. Nr. 81: Voriges Jahr war ich in der Woche einen, zwei Tage frei. Dr. Schiff: Wie oft kommen in der Saison Ueberstunden vor? — Exp. Nr. 81: Da wird täglich von 7 Uhr bis 9 Uhr gearbeitet. In meinem Geschäfte aber nicht. Vorsitzender: Ich möchte noch etwas über die Behandlung wissen. — Exp. Nr. 81: Die ist sehr gut. Vorsitzender: Haben Sie den Eindruck, daß die Frau mit dem Geschäft viel verdient? — Exp. Nr. 81: Das weiß ich nicht. Vorsitzender: Wie vertreibt die Frau die Waare? — Expertin Nr. 81: Sie gibt sie an Zwischenhändler ab. Dr. Schiff: Ihr Lehrherr hat Sie schlecht behandelt? —Expertin Nr. 81: Ich habe oft Schläge bekommen, daß ich ganz blau war. Ich habe, obwohl ich erst 16 Jahre alt war, ansschlagen müssen, wenn es gebraucht worden ist. Das habe ich nicht recht machen können, weil das eine schwere Arbeit ist, wozu meistens Männer verwendet werden. Der Herr war groß und stark. Er hat ein spanisches Rohr gehabt. Das habe ich ein paarmal versteckt. Dann hat er mich aber mit dem Pfeifenrohr geschlagen. Expertin Nr. 82: Ich bin in einem Betriebe, in welchem 22 Personen beschäftigt sind. Männer sind keine. Unter den Arbeiterinnen sind zwei Aus- schlagerinnen. In unserem Geschäfte sind einige Pressen, die zum Herstellen von Laub gehören. Wir machen Blätter und auch Knospen und Blätter. Wir haben vier Lehrmädchen. Die Arbeit wird durch Recommandation vermittelt, dann durch den Obmann der Gehilfen-Krankencasse. Die Lehrverhältnisse sind verschieden. Die Arbeiterinnen im Hause haben fl. 4 bis 5 im Monat und die ganze Verpflegung. Außer Haus haben sie fl. 10, 12 und 14 monatlich, aber auch fl. 10, 17 und 18. Ich habe pro Monat fl. 20 und die Kost. Meine Arbeit besteht im Schattiren. Die Arbeitszeit ist von halb 8 Uhr bis 7 Uhr ohne Unterbrechung. Mittags haben wir keine Pause. Das Essen müssen wir nehmen, wie es uns vorgesetzt wird. Viele können es aber nicht essen und müssen also hungern oder sich selbst etwas kaufen. Wir haben bereits wiederholt verlangt, daß die Kost im Hause abgeschafft wird, daß wir zu Mittag eine Stunde Pause und Wochenlohu erhalten. Vorsitzender: Haben die Arbeiterinnen Dienstbücher? — Expertin Nr. 82: Alle haben Arbeitsbücher. Vorsitzender: Wie ist die Kost?— Exp. Nr. 82: Man kann nicht sagen, daß sie gut ist. Mitunter ist sie zu genießen, manchmal aber 252 nicht. Viele sind brüst- oder magenkrank; die dürfen kein Gemüse essen. — Exp. Eßl: Der Gehilfenausschuß hat wiederholt Anzeigen wegen Nichteinhaltung der Mittagspause gemacht, es hat aber nichts gefruchtet. Von Arbeiterinnen ist uns mitgetheilt worden, daß in dem Betriebe, in welchem die Expertin beschäftigt ist, auch an Sonntagen gearbeitet wird. Wir haben die Anzeige erstattet, der Chef ist vorgeladen worden, und da wurde ihm gesagt: „Sie, es war so ein Rotzbub da, der hat gegen Sie die Anzeige gemacht. Sie müssen fl. 2 Strafe zahlen." — Exp. Nr. 82: Seit der Zeit wird am Sonntag nicht mehr gearbeitet. (Ueber Befragen des Vorsitzenden.) Ueberstunden kommen nicht vor. Drei bis vier Arbeiterinnen, die einen minderen Lohn haben, nehmen sich auch Arbeit mit nach Hause. Das Arbeitszimmer ist sehr groß, es hat sechs Fenster; in demselben sind 22 Personen. Staub ist wenig. Zum Speisen haben wir ein besonderes Zimmer. Es sind drei Dienstboten im Haus. Bezüglich der Behandlung und der Sittlichkeitsverhältnisse muß ich bemerken: Ich habe bei demselben Herrn gelernt, wie die vor mir vernommene Expertin. Wenn man nicht flink war, hal er geschlagen oder gezwickt oder die Ohren gerissen, daß das Blut herausgeronnen ist. Der Herr hat einen Hund gehabt, und der ist ihm davongelaufen, weil er ihn zu viel geschlagen hat. Die Hundspeitsche hat er auch für die Lehrmädchen verwendet. Wenn wir uns verschlafen haben, ist der Herr in der Unterhose zu uns gekommen und ist nicht eher weggegangen, bis wir aufgestanden sind. Wenn wir nicht gleich aufgestanden find, hat er geschimpft, wie: „Ihr Ludern, Canaillen, Schlampen", oder er hat das Bett mit Wasser angespritzt. Bei den Arbeiterinnen hat er es ebenso gemacht. Wenn die Arbeit nicht ganz entsprechend war, sind wir bestraft worden, indem wir kein Frühstück oder keine Semmel bekommen haben. Heute hat der Herr das Geschäft schon aufgegeben. Die Arbeiterinnen sind in meinem Betriebe größtentheils ledig. Die zwei Männer, die zum Aus- schlagen da sind, sind den Mädchen gegenüber sehr anständig. Ich bin ledig und habe nur für mich zu sorgen. Ich bin zu Bett und zahle fl. 1 Pro Woche. Ich wohne eine halbe Stunde vom Arbeitsorte. Die Wohnung besteht aus Zimmer und Küche. Zum Waschen und Ankleiden wird die Küche benützt. An Sonntagen esse ich bei meiner Quartierfrau. Unter der Woche habe ich beim Herrn auch das Nachtmahl. Dasselbe besteht aus Wurst, Butterbrot oder oft trockenem Brot. Frau Schlesinger: Sind Sie Wienerin? — Exp. Nr. 82: Ja. Die Mutter ist schon lange gestorben. Sie hat mich, wie ich noch ein Säugling war, aufs Land gegeben. Dr. Schwiedland: Warum wünschen Sie die Kost außer Hans zu haben? — Exp. Nr. 82: Wenn ich auch im Wirthshause nichts Besseres bekomme, so kann ich mir doch kaufen, was ich will. Dr. Schwiedland: Wie ist es mit dem Fleisch ? — Exp. Nr. 82 : Wir bekommen hinteres Rindfleisch. Dr. Schwiedland: Hängt Ihr Wunsch, die Kost außer Hause zu haben, nicht etwa auch damit zusammen, daß Sie dann frei weggehen und frische Luft schöpfen könnten? — Exp. Nr. 82: Auch. Dr. Schwiedland: Kommen die Magenkrankheiten, von denen Sie erwähnt haben, von der sitzenden Lebensweise oder von den Farben? — Exp. Nr. 82: Mit den Farben komme nur ich in Berührung. Dr. Schwiedland: Sind das Anilinfarben? — Exp. Nr. 82: Ja. Man kommt auch mit den Lippen in Berührung. Dr. Schwiedland: Haben Sie Zeit, sich zu waschen? — Expertin Nr. 82: Nein. Wir müssen unser Brot mit den farbigen Händen essen. Wittelshöfer: Wie wird die Arbeit, die nach Hause gegeben wird, bezahlt? — Exp. Nr. 82: Das kann ich nicht sagen. Wittelshöfer: Wird Ihnen von Kindern geholfen? — Expertin 253 Nr. 82: Das kommt schon vor, aber was eben ein Kind machen kann. Die meisten Arbeiterinnen haben keine Kinder. Wittelshöfer: Kann man jeden Tag kündigen? — Expertin Nr. 82: Ja. Wittelshöfer: Müssen Sie auch aussetzen? — Exp. Nr. 82: Auch. Es müssen Zwei, Drei aussetzen, dann kommen sie wieder, und es müssen Andere aussetzen. Wittelshöfer: Wie erfahren Sie denn, wenn Arbeit da ist? — Exp. Nr. 82: Man fragt an. Wenn die Frau sagt, gedulden Sie sich noch ein paar Wochen, so muß man halt wieder gehen. Wittelshöfer: Wenn Eine fort ist, muß die nach Wien kommen, um sich anzufragen, und wenn sie nicht nachfragt, bekommt sie eine Verständigung, daß sie kommen soll? — Exp. Nr. 82: Es heißt, wir müssen 14 Tage oder drei Wochen aussetzen. Dann kommen wir nachfragen. Wittelshöfer: Kommt auch eine Arbeitsvermittlung durch die Zeitung vor? — Exp. Nr. 82: Auch. Wittelshöfer: Ist das beliebt? — Exp. Nr. 82: Es ist doch besser durch die Vermittlung, weil man da erfährt, wie der Platz ist. Wittelshöfer: Kommt es nicht vor, daß sich für einen Platz sehr Viele melden und dadurch die Arbeitsbedingungen verschlechtert werden? — Exp. Nr. 82: Nein. Dr. Ofner: Haben Sie in Ihrem Geschäft auch Heimarbeiterinnen? — Exp. Nr. 82: Die kommen auch vor. Ich weiß aber nicht, wie sie bezahlt werden. Dr. Ofner: Haben Sie Abzüge, wenn Sie zu spät kommen? — Exp. Nr. 82: Nein. (Ueber Befragen.) Es ist ein Abort für Alle. Er ist sehr rein und englisch. Das Arbeitslocal wird alle 14 Tage ausgerieben und täglich zusammengeräumt. Gelüftet wird Früh, Mittags und Abends. Dr. Schiff: Sie sind die Einzige, die st. 20 hat? — Exp. Nr. 82: Ja; die zwei Binderinnen haben st. 18. Bon denen, die st. 10 und 12 haben, ist Eine im Hause und Eine außer Hause. Die anderen Ausgelernten haben fl. 5 und die ganze Verpflegung. Dr. Schiff: Wie lange sind Sie im Geschäft? — Exp. Nr. 82: Im dritten Jahre. Mit meiner Lehrzeit bin ich elf Jahre im Geschäft. Ich bin 25 Jahre alt. Gelernt habe ich vier Jahre. Ich war ganz im Hause und habe die ganze Verpflegung und auch ein Kleid bekommen. Dann habe ich in der ersten Zeit fl. 5 gehabt, und mit fl. 10 bin ich weggegangen. Dr. v. Fürth: Worin besteht die Kost? — Exp. Nr. 82: Wir haben zum Frühstück um 10 Uhr um 2 kr. Brot, zu Mittag Suppe, Fleisch und Gemüse und zur Jause Kaffee. Dr.v.Für th: Wohnen Jene, die die Verpflegung haben, im Arbeitszimmer? — Exp. Nr. 82: Die haben ein eigenes Zimmer. Dr. Schiff: War der Gewerbe - Jnspector schon bei Ihnen? — Exp. Nr. 82: Ja. Expertin Nr. 83 : Ich bin in einem großen Betriebe als Kranzbinderin beschäftigt. Bei den Kränzen find gegen 30 Personen. Im Betriebe sind auch Federschmückerinnen, und zwar im selben Saale, aber durch eine Bretterwand getrennt. Es sind nur Frauen dort. Männer sind nur beim Verpacken. Wir bekommen die fertigen Blumen und machen die Kränze. Ich habe fl. 8 pro Woche; die Vorrichterinnen haben fl. 6, 5 und 4. Ich habe zwei Hilfsarbeiterinnen. Die Vorrichterinnen haben die Arbeit herzurichten. Der höchste Lobn ist fl. 10. Die gewöhnlichen Arbeiterinnen haben fl. 3 wöchentlich. Die Arbeitszeit ist von halb 8 bis 7. Kost haben wir nicht. Ich bin sieben Jahre beim Kranzbinden. Früher habe ich in einem Blumengeschäft fl. 14 monatlich und Kost gehabt. 254 Vorsitzender: Wie hoch können Sie Ihre Kost pro Tag taxiren? — Exp. Nr. 83: Ich esse bei meiner Tante und die rechnet mir die Kost nicht zu theuer. Die Mittagspause ist eine volle Stunde. Vor- und Nachmittagspausen haben wir nicht. Die Arbeiterinnen nehmen sich keine Arbeit nach Hause; es gibt aber Arbeiterinnen außer Hause. Die Lehrmädchen bekommen durch ein Jahr sl. 1 pro Woche, sonst nichts. Abzüge und Strafen kommen nicht vor. Wenn man fünf Minuten zu spät kommt, darf man nicht mehr anfangen, da wird gesperrt, und man verliert den halben Tag. Das wird abgezogen. An Sonntagen wird nicht gearbeitet. Wir haben nie ausgesetzt. Die Kündigung ist 14tägig. Die Arbeitsvermittlung ist dieselbe wie in den anderen Betrieben. Das Arbeitslocal ist groß, aber es sind gegen 100 Personen in demselben. Es sind 32 Fenster auf die Gasse und 32 in den Hos. Es kommen auch Kunden in's Geschäft. Vorsitzender: Wie ist die Beleuchtung? — Exp. Nr. 82: Wir haben sechs Petroleumlampen. — Exp. Nr. 83: Wir haben Auer'sches Licht. Auch bei meiner Arbeit werden die Augen angestrengt und ist die Arbeit überhaupt anstrengend. Für das ganze Personal sind nur zwei Aborte. Im Sommer hält man es manchmal vor Gestank nicht aus. Wir haben es am schlechtesten, weil wir nahe bei den Aborten sitzen. Der Gewerbe-Jnspector war schon bei uns. Die Aborte sind keine englischen und haben auch keine Wasserspülung. Um 12 Uhr wird das Local gesperrt und um 1 Uhr geöffnet. Wenn da Eine zu spät kommt, wird sie ausgesperrt. Ich muß um fl. 25 bis 30 täglich Kränze binden, das ist der Werth, den der Herr für sich rechnet. Wenn ich nicht so viel fertigmache, schimpft der Herr. Abzüge werden aber deshalb nicht gemacht. Diese Ausgabe ist aber immer die gleiche. Manchmal sind aber größere Kränze, wo man früher fertig wird, manchmal kleine. Wir bekommen einen Commissionszettel, wo Nummer und Preis darauf sind, und am anderen Tag um 9 Uhr kommt der Herr und schaut nach, ob wir fertig sind und rechnet nach. Wir haben eine Aufseherin, die wöchentlich fl. 9 hat, die arbeitet nicht. Ueber die Behandlung kann ich mich nicht beklagen, ebenso nicht in Bezug auf die Sittlichkeitsverhältnisse. In der Lehre ist es mir ebenso ergangen wie den anderen Expertinnen. Bei uns sind die Lehrmädchen außer Hause. Dr. Schwiedlaud: In Ihrem Geschäft kommt es sehr viel auf Geschmack an. Wenn nun die Lehrmädchen selbstständig zu binden beginnen, und es gefällt Ihnen nicht? — Exp. Nr. 83: So müssen sie es wieder aufmachen und anders binden. Dr. Schwiedland: Wenn die Lehrmädchen ungeschickt sind, sind Sie dadurch aufgehalten? — Exp. Nr. 83: Man muß sie halt abrichten. Dr. Schwiedland: Werden die Kränze nicht auf Lager gemacht? — Exp. Nr. 83: Nicht immer. Jetzt zum Beispiel werden Muster gemacht, und die kommen auf Lager und gehen dann durch die Reisenden fort. Prämien für diese Muster bekommen wir nicht. Die Saison ist von September bis 1. November. Die meiste Waare wird in die Provinz geschickt. Dr. Ofner: Wissen Sie, was die Blätter und Blumen kosten? — Exp. dir. 83: Nein, weil ich nicht weiß, wie sie der Herr in der Hand hat. Bei einem Kranz, der fl. 5 kostet, kann der Herr fl. 2'50 Profitiren Wittelshöfer: Sind Mehrere, die so viel haben wie Sie? — Exp. Nr. 83: Sechs haben fl. 8, zwei haben fl. 10 und eine fl. 12. Die Anderen haben Alle fl. 4 und 3. Wittelshöfer: Wie ist es, wenn Sie einen Rückstand haben? — Exp. Nr. 83: Das muß man einbringen. Für Ueberstunden bekommen die Binderinnen 20 kr. pro Stunde, die Lehrmädchen 10 kr. Dr. Schiff: Machen Sie in der Saison jeden Tag Ueberstunden? — Exp. Nr. 83: Das fängt im October an und geht dann durch mehrere Wochen, täglich zwei Stunden. Ueber Mittag wird aber nicht gearbeitet. Tr. Schiff: Was geschieht nach dem ersten Jahr mit den Lehrmädchen ? — Exp. Nr. 83: Dann bekommen sie fl. 1 Zulage. Sie lernen nur zwei Jahre, dann bekommen sie in den ersten vier Wochen einen Lohn je nach ihrer Leistungsfähigkeit. Eine Fabriksordnung haben wir. Sie ist ausgehängt. Ich bin bei der Krankenversicherung. Eine Organisation gibt es nicht. Expertin Nr. 84: Ich bin in einem Betriebe, wo nur Banernwaare, kleine Bouquets für das Land, erzeugt wird. Wir machen da Alles. Der Betrieb ist nicht groß; es sind zwei Arbeiterinnen und vier Lehrmädchen. Außer Hause wird nur an eine Person Arbeit gegeben. Männer sind keine. Alles ist Handarbeit. Die Arbeitsvermittlung ist wie besprochen. Ich habe fl. 7 monatlich, die erste Arbeiterin hat fl. 10, die Lehrmädchen haben keinen Lohn. Alle haben Kost und Wohnung. Im Winter ist es im Zimmer oft kalt. Da hat einmal der Herr gesagt, er steckt uns die Köpfe in den Ofen^ damit uns wärmer werde. Vorsitzender: Wollten Sie auch lieber einen höheren Lohn ohne Kost? — Exp. Nr. 84: Das wäre mir lieber. Die Kost ist nicht alle Tage gleich. Sie wird von der Köchin zubereitet. Die Frau ist vor zwei Jahren gestorben. Das Geschäft führt die erste Arbeiterin. Die zwei Herren (Vater und Sohn) verstehen nichts davon. Die Arbeit ist das ganze Jahr gleich. Ueberstunden kommen oft vor. Wir arbeiten von Halb 7 Uhr Morgens bis halb 8 Uhr Abends. Die Mittagspause wird nicht eingehalten. Der Gewerbe- Jnspector war noch nicht bei uns. Von Seite der Herren kommen viele Rohheiten vor. Die Ueberstunde wird mit 10 kr. bezahlt. Abzüge und Strafen gibt es nicht. Wir sind in derselben unangenehmen Weise aufgeweckt worden, wie erzählt worden ist. Wir haben gesagt, daß wir das nicht mehr haben wollen, und die Frau hat es auch abgestellt. Im Fasching müssen wir auch die ganze Nacht arbeiten. Vorsitzender: Wie ist es, wenn Sie sagen, Sie wollen nicht? — Exp. Nr. 84: Das ist noch nicht vorgekommen. Wir haben dafür 80 kr. bekommen. In der Früh haben wir eine Stunde Pause gehabt, und dann haben wir wieder weiter arbeiten müssen. Das kommt in der Woche ein- oder zweimal vor. Vorsitzender: Hat das Geschäft auch Absatz an Kunden? — Exp. Nr. 84: An größere Geschäfte. Das Arbeitslocal besteht aus einem kleinen Zimmer mit einem Fenster. Da sitzen sechs Personen. Der Herr hat eine Tischlerei nebenan mit 18 Arbeitern. Er ist aber immer bei uns zur Aufsicht. Wir haben Auer'sches Licht. Die Arbeit ist sehr anstrengend. Die Blätter werden bei uns nicht gemacht. Der Abort wird von sehr vielen Leuten benützt. Vorsitzender: Sind Sie von der Tischlerei weit entfernt? — Exp. Nr. 84: Die Werkstätte ist von uns nur durch eine Thür getrennt. Oft muß man hineingehen, um Blätter zu trocknen, aber unterhalten darf man sich da nicht, da geht der Herr immer gleich nach. In Bezug auf die Sittlichkeit haben wir uns über beide Herren zu beklagen. Sie haben micch sowie alle übrigen Mädchen belästigt. W i t t e l s h ö f er: Kommt bei Ihnen auch das Ausschläger: vor? — Exp. Nr. 84: Das mache ich, das ist sehr anstrengend. W i tt e ls h ö f e r: Wie viel Zeit verwenden Sie dazu? — Expertin Nr. 84: Oft den ganzen Tag. Wittelshöfer: Bekommen die Lehrmädchen Kleider? — Expertin Nr. 84: Nein, die bekommen sie von den Eltern. Wittelshöfer: Wird im Arbeitsraum geschlafen? — Expertin Nr. 84: Ja, sechs Personen schlafen dort; drei Arbeiterinnen, zwei Lehrmädchen und eine Köchin. 256 Wittelshöfer: In wie viel Betten? — Exp. Nr. 84: Es ist ein Tafelbett mit einer Schublade. Vier Personen schlafen im Tafelbett und zwei in einem Bett. Dr. Frey: Arbeiten bei Nacht auch die Lehrmädchen? — Expertin Nr. 84: Ja, die bekommen dafür aber nichts. Dr. Frey: Wie lange bleiben sie Lehrmädchen? — Exp. Nr. 84: Drei Jahre. Da bekommen sie die ganze Zeit nichts bezahlt. Dr. Fürth: Was bekommen Sie zu essen? — Exp. Nr. 84: In der Früh Kaffee und Semmel, um lO Uhr ein Stück Brot, zu Mittag Suppe, Fleisch, Gemüse, zur Jause Kaffee und Semmel und zum Nachtmahl 5 kr. und ein Stück Brot. Wenn wir die Nacht durcharbeiten, bekommen wir schwarzen Kaffee. Dr. Schwiedland: Was waren Ihre Eltern? — Exp. Nr. 84: Der Vater ist Conducteur auf der Bahn. Dr. Schwiedland: Wie sind Sie in das Geschäft gekommen? — Exp. Nr. 84: Meine Tante war dort Köchin, und durch sie bin ich recommandirt worden. Dr. Schwiedland: Seit wie vielen Jahren sind Sie dabei? — Exp. Nr. 84: Seit 6V2 Jahren. Dr. Schwiedland: Seit wann haben Sie fl. 7? — Expertin Nr. 84: Seit zwei Jahren. Dr. Schwiedland: Haben Sie keinen Ausgang? — Expertin Nr. 84: Nur Sonntags. Dr. Schwiedland: Haben Ihre Colleginnen Verehrer, mit denen sie dann und wann Ausflüge machen? — Exp. Nr. 84: Um 10 Uhr müssen sie zurück sein. Wittelshöfer: Wenn die Verhältnisse so drückende sind, warum gehen Sie nicht lieber als Stubenmädchen in den Dienst? — Expertin Nr. 84: Jede ist nicht dazu geeignet. Wenn man schon seine Lehrzeit durchgemacht hat und zu den Eltern sagen würde, ich will in den Dienst gehen, so würden sie sagen, ja, wozu hast Du denn gelernt? Dr. Schwiedland: Wird noch Schweinsurtergrün verwendet? — Exp. Nr. 84: Nein. Dr. Schwiedland: Wie oft sehen Sie Ihre Eltern? — Expertin Nr. 84: Alle 14 Tage. Ausgang habe ich alle acht Tage. Man hat aber auch verschiedene Arbeiten für sich. Dr. Schwiedland: Essen die Tischlergehilsen mit Ihnen zusammen? — Exp. Nr. 84: Nein. Dr. Schiff: Wohnen die beiden Herren in derselben Wohnung? — Exp. Nr. 84: Ja, in einem anderen Zimmer. Dr. Schiff: Können Sie die Thür sperren? — Exp. Nr. 84: Man kann, aber wir haben nicht gesperrt. Dr. Schiff: Dürfen Sie nicht? — Exp. Nr. 84: Ich glaube nicht. Dr. Schiff: Sie sagen, er kommt beaufsichtigen, früher haben Sie aber gesagt, daß er davon nichts versteht. — Exp. Nr. 84: So viel versteht er schon, daß man nicht in die Höhe schauen darf. Dr. Schiff: Müssen Sie Geschenke machen? — Exp. Nr. 84: Früher an die Frau zum Namenstag. Das bat fl. 7 bis 8 gekostet; auch schon fl. 15. Da haben nur die drei Arbeiterinnen zusammengesteuert. Dr. Schiff: Hat sich die Frau revanchirt? — Exp. Nr. 84: Ich habe nichts bemerkt. Dr. Schiff: Was ist es, wenn man sich verschläft? — Exp. Nr. 84: Dann wird man ausgezankt. Im Winter wird nur einmal eingeheizt, und wenn dann an das Nachlegen vergessen wird, wird nicht mehr geheizt. In der Früh wird gelüftet. Das Local reinigen die Arbeiterinnen und die 257 Lehrmädchen außerhalb der Arbeitszeit. Das dauert von halb 8 bis 8 Uhr Abends. In der Früh müssen die Arbeiterinnen auch die Betten machen. Pros. Grnber: Ist Ihnen bekannt, daß in der letzten Zeit eine Vergiftung durch die Farben vorgekommen ist? — Exp. Nr. 82: Eine directe Vergiftung nicht. Mittels höfer: Warum ziehen Sie es nicht vor, in eine Fabrik zu gehen, wo Sie wenigstens eine regelmäßige Arbeit haben und wahrscheinlich auch mehr verdienen? — Exp. Nr. 84: Ich habe noch keine Gelegenheit gehabt. Einmal habe ich gekündigt, aber er läßt uns nicht fort. Bevor man aber nicht weg ist, kann man sich nicht um Arbeit umsehen. Ich würde es jedenfalls vorziehen, in eine Fabrik zu gehen. Expertin Nr. 85: Ich bin in einem kleinen Betriebe, in dem fünf Arbeiterinnen und zwei Lehrmädchen beschäftigt sind. Es werden dort nur feine Arbeiten gemacht, Bouquets für Damenhüte rc. Wir machen Alles nur die Blätter nicht. Es ist lauter Handarbeit. Es sind nur Frauen beschäftigt. Arbeit wird auch außer Haus gegeben, die wird aber schlecht bezahlt. Die Arbeitsvermittlung ist dieselbe wie bei den Anderen. Bei uns hat eine Arbeiterin st. 10, eine fl. 12, eine st. 13, das Höchste ist fl. 18 monatlich. Die Kost haben wir im Hause. Wir wollen lieber keine Kost, und es hat auch deshalb schon sehr viel Verdruß gegeben. Die Mittagspause wird nicht eingehalten. Die Lehrmädchen bekommen keine Entlohnung. Die Arbeiterinnen wohnen nicht im Betriebe, von den Lehrmädchen nur eines. Die Arbeitszeit ist von halb 8 Uhr Morgens bis 7 Uhr Abends in der Saison. Vier Monate haben wir gar nichts zu thun, da bekommen wir gar nichts. Einige von den Arbeiterinnen fahren nach Hause, andere gehen in den Dienst. Ich bringe mich so fort, indem ich für einige Kundschaften im Haus etwas arbeite. Damit verdiene ich mir das Nothwendigste. Sonntagsarbeit kommt nicht vor, weil wir gar nicht arbeiten würden. Die Kündigung ist 14tägig. Zum Frühstück und zur Jause haben wir keine Pause. Geschenke kommen nicht vor. Das Arbeitslocal ist im zweiten Stock, die Wohnung besteht aus Zimmer und Küche. Das Zimmer ist groß, und die Fenster gehen auf die Gasse. Die Frau arbeitet mit. Die Speisen werden im Arbeitslocal gegessen. Die Frau ißt nicht mit uns. Wir wissen nicht, ob sie dieselbe Kost hat wie wir. Ich bin seit meiner Jugend in dem Betriebe beschäftigt. Seit 15 Jahren bin ich Witwe. Ich habe einen Sohn, der ist gelernter Steindrucker. Jetzt ist er Hausdiener und hat fl. 7 wöchentlich. Wir haben eine gemeinsame Wohnung und essen auch Abends gemeinsam. Wittelshöfer: Wer schläft in dem Arbeitslocal? — Expertin Nr. 85: Nur ein Lehrmädchen. Der Herr hat ein separates Cabinet. Dr. Ofner: Haben Sie Abzüge, wenn Sie zu spät kommen? — Exp. Nr. 85: Wir bringen das ein. Ueberstunden haben wir wenig. Wir bekommen dafür 10 kr. pro Stunde, werden aber nicht dazu gezwungen.— Exp. Nr. 83: Ich habe vier Jahre lernen müssen. Wenn wir in der Früh nicht zeitlich genug aufgestanden sind, ist die Frau mit einem Ochsenziemer gekommen und hat uns geschlagen. Wir haben auch die ganze Nacht manchmal durcharbeiten müssen. Die Frau hat uns gesagt: Schreibt Euch die Arbeit auf, wenn die Saison vorüber ist, bekommt Ihr Euer Geld. Wie wir nun zu ihr gekommen sind, hat sie gesagt: Wenn Ihr nicht gleich schaut, daß Ihr wegkommt, so werfe ich Euch über die Stiege hinunter. In sittlicher Beziehung war es auch sehr schlecht. Wenn sich Eine mit dem Herrn nicht abgeben wollte, hat er getrieben, daß sie fortkommt. — Expertin Nr. 82: Ein Mädel hat bei uns vom Herrn eine Ohrfeige bekommen, weil sie sich nicht hingegeben hat. Vorsitzender: Wie ist das möglich, da doch die anderen Arbeiterinnen da sind? — Exp. Nr. 82: Er schickt sie um etwas, und dann 17 Frauen-Enqnete. 258 geht er ihr nach, damit er mit ihr allein ist. — Exp. Nr. 83: Unser Herr hat mit Lehrmädchen Kinder gehabt. Er hat für jedes Kind, glaube ich, st. 300 anlegen müssen. Dr. Schwiedland: Sind diese Mädchen noch in seinem Betriebe? — Exp. Nr. 83: Nein, sie sind weggegangen. Die Eine hat bei ihm nur ein halbes Jahr gelernt. Dr. Schiff: Wissen Sie, was aus den Mädeln geworden ist? — Exp. Nr. 83: Sie sind beim Geschäft. Dr. Schiff: Erlaubt man Ihnen, bei Fachvereinen zu sein? — Exp. Nr. 83: Man muß darauf gefaßt sein, daß man entlassen wird. — Exp. Eßl: Dadurch, daß die Arbeiterinnen im Hause wohnen, ist es schwer, dieselben von Versammlungen zu verständigen, weil die Arbeitgeber die Karten in die Hände bekommen. Wenn Eine in eine Versammlung geht, wird sie so lange chicanirt, bis sie entweder geht oder sich verpflichtet, an nichts mehr theilzunehmen. Herr Karl Kastn er meldet sich zum Wort und macht Mittheilungen über die Zustände, die in der Branche in alter Zeit geherrscht haben, und bemerkt, daß in vielen Betrieben heute noch Pikrinsäure verwendet wird, die sehr schädlich ist. Schluß der Sitzung 1 Uhr. 15. Sitzung, Sonntag, 15. März» Wachm?) Vorsitzender: Dr. Verkauf. Beginn 3 Uhr. Vorsitzender: Es ist heute noch eine Expertin aus der Cvn- fectionsbranche erschienen. — Exp. Nr. 86: Ich bin jetzt seit vier Jahren in einem großen Confectionshause, ich bin Schneiderin und habe früher zu Hause gearbeitet. Jetzt bin ich beim Verkauf, gehe zu den Damen probiren und Toiletten liefern. Vorsitzender: Theilen Sie uns zunächst Einiges über Ihre frühere Beschäftigung mit. — Exp. Nr. 86: Ich habe mit meiner - Schwester zusammen für Privatkunden gearbeitet. Vorsitzender: Wie groß ist das Personal in dem Confections- ^ Hause? — Exp. Nr. 86: 16 Fräulein und 17 Herren bei der Consection, *) Bei dieser Sitzung wurden Experten aus der Branche der Pinsel- und Bürstenmacher und Dachdecker, sowie eine Expertin aus der Confectionsbranche einvernommen. Das stenographische Protokoll über diese Sitzung ist jedoch zum größten Theile abhanden gekommen und nur ein Bruchstück, nämlich die Aussage der Expertin aus der Confectionsbranche, ist vollständig erhalten. Die Commission beschloß daher, für den 5. Juni 1896 eine neue öffentliche EnquStesitzung auszuschreiben, in welcher sämmtliche Experten des Sitzungstages vom 15. März aus den beiden erwähnten Branchen neuerlich einvernommen wurden. Es folgt somit hier zunächst das erhalten gebliebene Bruchstück der Sitzung vom 15. März, nämlich die Aussage der Expertin aus der Confectionsbranche, und dann das Protokoll der Sitzung vom 5. Juni 1896, welche eine getreue Wiederholung und Bestätigung der früheren Depositionen ergeben hat. Es wird noch bemerkt, daß bei der Sitzung vom 5. Juni nicht nur dieselben Experten, sondern auch dieselbe En- qnöte-Commission fungirte, welche am 15. März die Erhebungen gepflogen hat. 259 in der Kleider-Abtheilung drei Damen, die anderen sieben oder acht Fräulein sind Probir-Fräulein. Vorsitzender: Ist der Stand immer derselbe? — Exp. Nr. 86: Nein. Wenn die Saison vorüber ist, werden Jene, welche minder leistungsfähig sind, beurlaubt ohne Bezahlung. Wir Anderen haben während der Saison nur eine halbe Stunde Mittagspause, bekommen aber 14 Tage im Winter und 14 Tage im Sommer Urlaub, wo wir mit dem vollen Lohn bezahlt werden. Bors itzender: Wie lange dauert die Saison im Sommer und im Winter? — Exp. Nr. 86: Die eine ist im März, April und Mai, die andere im December, Jänner und Februar. Vorsitzender: Wie Viele werden in der schlechten Zeit entlassen ? — Exp. Nr. 86: Zwei bis Drei. Vorsitzender: Wird Arbeit nach Hause gegeben? — Expertin Nr. 86: Nein. Es sind fünf Schneider da, welche die Aenderungen machen, das Andere wird auswärts von Zwischenmeistern gemacht. Solche sind in dem einen Geschäft vier, es gibt aber mehrere Filialen. Von diesen Zwischenmeistern wohnen zwei im VI. Bezirk, einer in Hernals. Vorsitzender: Sind auch Kinder beschäftigt? — Exp. Nr. 86: Nein; drei Prakticanten, Lehrmädchen nicht. Vorsitzender: Wie steht es denn mit der Stellenvermittlung? — Exp. Nr. 86: Die ist im kaufmännischen Verein. Ich bin mit den Damen von der Firma bekannt und bin so hingekommen. Sonst liest man in der Zeitung und kommmt sich anfragen. Vorsitzender: Wie ist es mit der Arbeitszeit und den Pausen? — Exp. Nr. 86: Arbeitszeit ist von 8 Uhr bis 8 Uhr, in der Saison nur eine halbe Stunde Mittagspause. Sonst ist Vormittag und Nachmittag noch eine Viertelstunde Pause. Vorsitzender: Wird während der Mittagspause geschlossen? — Exp. Nr. 86: Nein. Wir wechseln ab, so daß keine Störung eintritt. Vorsitzender: Reicht die Zeit aus, um sich zu sättigen? — Exp. Nr. 86: Man muß sich's eintheilen. Ich wohne im Hause nebenan. Ein Fräulein wohnt in Fünshaus, ein anderes in Schönbrunn, die müssen in's Gasthaus essen gehen. Vorsitzender: Wird auch bei Nacht gearbeitet? — Exp. Nr. 86: Nein. Aber es kommt am Sonntag vor, daß man um 12 Uhr zur Kunde gehen muß und daß es, wenn etwas zu richten ist, 2 bis 3 Uhr wird, bis man nach Hause kommt. Das geschieht auch ähnlich am Abend. Vorsitzender: Wie ist es an Feiertagen? — Exp. Nr. 86: Da ist bis 12 Uhr Mittag Arbeit. Man hat aber oft Packete in die Bezirke zu tragen, und da wird's 2 Uhr, bis man nach Hause kommt. Dr. Riedl: So viel ich entnehme, wird bei Ihnen blos Verkaufsarbeit gemacht und keine gewerbliche Arbeit? — Exp. Nr. 86: Nur wenn eine kleine Aenderung gemacht werden muß, geschieht es im Geschäft. Bardorf: Wie ist die Arbeitszeit der Probirmamsellen ?— Expertin Nr. 86: Da gilt dasselbe. Man muß öfter am Sonntag um 12 Uhr oder an Wochentagen um 8 Uhr Abends noch einen Weg machen, besonders wenn die betreffende Dame abreist. Bardorf: Da ist also die Arbeitszeit sehr unregelmäßig? — Exp. Nr. 86: Ja. Bardorf: Und andererseits müssen diese Probirmamsellen in Bezug auf Kleidung sehr elegant auftreten? — Exp. Nr. 86: Ja. Das wird verlangt. Dr. Biezina: Wenn immer um 8 Uhr Abends geschlossen wird, wird dann nicht noch weitergearbeitet, wenn sehr viel Arbeit ist? — Expertin 17 * 260 Nr. 86: Nein; dann nehmen die Schneider Arbeit nach Hause und bringen sie am nächsten Tage mit. Dr. Hainisch: Wissen Sie vielleicht, wie viele Leute diese Zwischen- meister beschäftigen? — Exp. Nr. 86: Fünf bis sechs Gehilfen. Dr. Hainisch: In der Saison mehr? — Exp. Nr. 86: Kaum; es bekommt Jeder nur einen Theil. Dr. Hainisch: Gibt er vielleicht Arbeit weiter? — Expertin Nr. 86: Nein. . Dr. Brezina: Arbeiten Sie mit männlichen Hilfskräften? —Expertin Nr. 86: Mit männlichen und weiblichen. Vorsitzender: Welches ist der Verdienst der Angestellten? — Exp. Nr. 86: Mit fl. 25 tritt man ein, davon werden 54 kr. für die Krankenkasse abgezogen und 1l kr. für den Abort. Vorsitzender: Dieser Lohn setzt aber voraus, daß man schon irgendwo beschäftigt war?-—Exp.Nr.86: Ja. Mit fl. 25 sind zwei Fräulein angestellt. Die anderen haben fl. 30,35,40; wie viele in jeder Kategorie sind, weiß ich nicht; ein Fräulein, die Directrice, welches schon zwölf Jahre im Hause ist, hat fl. 80. Vorsitzender: Bekommen Sie etwas für die Mehrarbeit, von der Sie gesprochen haben? — Exp. Nr. 86: Nein. Die Herren Chefs sagen, während der Nichtsaison ist weniger zu thun, dafür muß man sich in der Saison mehr anstrengen. Vorsitzender: Der 14tägige Urlaub soll offenbar nicht nur durch eine Kürzung der Pausen eingebracht werden, sondern auch durch Commissionen. Ist das ein Aequivalent, deckt sich das? — Exp. Nr. 86: Es deckt sich gewiß nicht, aber man kann nichts machen. Wenn Einige nicht zufrieden wären, so bekommt der Chef viel mehr Andere, denn es melden sich sehr Viele, besonders im Frühjahr und Herbst, im Herbst jede Woche zwei bis vier. Vorsitzender: In Folge von Inseraten? — Exp. Nr. 86: Ja. Vorsitzender: Und wenn keine Inserate sind? — Expertin Nr. 86: Kommt Niemand. Dr. Schiff: Können Sie etwas über die Löhne der Fräulein sagen, die in der Kleiderbranche sind? — Exp. Nr. 86: Dort sind zwei Fräulein mit fl. 55. Vorsitzender: Dieselbe Arbeitszeit? — Exp. Nr. 86: Ja. Vorsitzender: Haben die auch Commissionen? — Exp. Nr. 86: Wenn es gerade am Wege nach Hause ist. Vorsitzender: Aber sonst hat man dafür eigene Bedienstete. — Exp. Nr. 86: Die sind auch hier. Aber wenn die Lieferantin gerade entgegengesetzt wohnt, so nimmt es ein Fräulein mit, welches gerade in dem Bezirke wohnt. Dr. Schiff: Es soll in Betrieben dieser Art vorkommen, daß Fräulein gar keinen eigentlichen Lohn beziehen? — Exp. Nr. 86: Bei uns ist das nicht. Vorsitzender: Sind außer den bereits erwähnten Abzügen noch andere üblich? — Exp. Nr. 86: Bis vor zwei Jahren ist, wenn man einen halben Tag weggeblieben ist, der halbe Tag abgezogen worden, dann nach den Stunden. Dr. Schiff: Für Unwohlsein wird nichts abgezogen? — Expertin Nr. 86: Vor zwei Jahren. Dr. Riedl: Haben alle Fräulein den zweimaligen 14tägigen Urlaub? — Exp. Nr. 86: Nur jene, welche die halbe Stunde halten, die anderen nicht. Vorsitzender: Wie steht es mit der Kündigung? — Exp. Nr. 86: Die ist gegenseitig 14tägig und ist schriftlich abgemacht. 261 Vorsitzender: Enthält diese Schrift sonst keine Bestimmung? — Exp. Nr. 86: Nein. Es kommt auch vor, daß der Chef, wenn er nicht zufrieden ist, die 14 Tage bezahlt und das Fräulein sofort entläßt. Vorsitzender: In Wohnung und Kost ist Niemand? — Expertin Nr. 86: Nein. Vorsitzender: Kommen Geschenke an Vorgesetzte vor? — Expertin Nr. 86: Nein. Nur die Fräulein untereinander beschenken sich, wenn sie heiraten. Vorsitzender: Wie ist die Ernährung? — Exp. Nr. 86: Wie es die anderen Fräulein machen, weiß ich nicht, zwei gehen zusammen in ein Restaurant und essen zusammen Suppe, Fleisch, Gemüse und Mehlspeise, ein Glas Bier. Das kostet 50 bis 60 kr. Zum Gabelfrühstück bringt der Praktieant etwas, zum Beispiel ein Ei und ein Brot. Zur Jause gehen Einige vis-ä-vw in ein Cafe und nehmen einen Kaffee um 8 kr. und ein Brot. Vorsitzender: Bleiben nicht Einige während der Mittagspause und lassen sich etwas holen? — Exp. Nr. 86: Das wäre schon gestattet, aber man ist froh, wenn man hinauskommt. Vorsitzender: Sind das Alle, die sich ein solches Mittagessen erlauben, oder ist das schon ein Luxus? — Exp. Nr. 86: Ich glaube, Alle. Manchmal bleibt die Mehlspeise oder das Bier fort. Vorsitzender: Wie oft ist die Auszahlung? — Expertin Nr. 86: Am 1. und 15. Vorsitzender: Aus welchen Kreisen recrutiren sich die Fräulein? — Exp. Nr. 86: Aus Beamtenkreisen sind mehrere, der Vater eines Fräulein ist Herrenschneider, Arbeitertöchter sind wenige. Bardorf: Welches ist die Arbeitszeit der Verkäufer? — Expertin Nr. 86: Auch von 8 Uhr Früh bis 8 Uhr Abends. Dr. Schiff: Ist das in den anderen Niederlagen auch so? — Expertin Nr. 86: Ja. Vorsitzender: Wie ist es mit dem Arbeitslocal bestellt? — Expertin Nr. 86: Wir sind im 1. Stock in einem großen, luftigen Local, welches gereinigt wird; es sind zwei Diener da. Vorsitzender: Das muß mit Rücksicht auf die Kundschaft geschehen? — Exp. Nr. 86: Gewiß. Vorsitzender: Ist eine Ventilation? — Exp. Nr. 86: Die Fenster werden sehr oft geöffnet. Vorsitzender: Dürfen Sie sitzen? — Exp. Nr. 86: Wenn manchmal kleine Aenderungen sind, so näht es der Schneider zusammen, und wir machen es ganz fertig; da sitzen wir beim Fenster. Vorsitzender: Warum müssen Sie für den Abort einen so erheblichen Betrag zahlen? Verursacht der so große Auslagen? — Expertin Nr. 86: Gewiß nicht; im Gegentheil, er könnte für das Geld viel reiner gehalten werden. Vorsitzender: Wie viele Aborte sind denn ? — Exp. Nr. 86 : Einer. Vorsitzender: Für wie viele Personen? — Exp. Nr. 86: Für 32. Vorsitzender: Wer besorgt die Reinigung? — Exp. Nr. 86: Der Hausbesorger. Bardorf: Wie sind die Localitäten der Männer? — Exp. Nr. 86: Rückwärts ist ein Verschlag mit Oberlicht, dort sitzen fünf bis sechs Schneider. Wenn es trüb ist, so muß das elektrische Licht angezündet werden. Gelüftet wird durch das Oberlicht. Dieses geht in einen geräumigen Lichthof. Vorsitzender: Wie ist die Behandlung der Fräulein? — Expertin Nr. 86: Wir haben eine Principalin, die sehr streng, auch roh ist. Vorsitzender: Kommen auch Schimpfereien vor? — Exp. Nr. 86: Ja. Vorsitzender: Häufig? — Exp. Nr. 86: Zum Glück ist sie nur selten im Geschäft. Vorsitzender: Wer ist an ihrer Stelle, wenn sie nicht da ist? — Exp. Nr. 86: Der Chef, der ist aber ruhig. Vorsitzender: Haben Sie sonst Vorgesetzte? — Exp. Nr. 86: Nein. Vorsitzender: Wie ist es in sittlicher Beziehung? — Exp. Nr. 86: Sehr anständig. Ich könnte nichts sagen. (Ueber weiteres Befragen.) Von uns sind drei Witwen, zwei sind verheiratet, die anderen ledig. In eine Organisation gehen wir nicht, nur zwei Herren gehen öfter in die Versammlungen des Vereines für Handelsangestellte. Die weiblichen Angestellten sind jede für sich und wollen von den Vereinen nichts wissen. Nur wenn Versammlungen sind^ gehen sie hie und da mit. Dr. Osner: Sind die Ausgaben für Kleidung groß? — Expertin Nr. 86: Ich brauche ein schwarzes Kleid, das kann man das ganze Jahr tragen, die Ausgabe ist nicht so groß. Vorsitzender: Kaufen Sie das im Geschäft selbst? — Expertin Nr. 86: Nein. Bei uns ist mehr Confectionswaare, das ist Tuch, und wir brauchen gewöhnlich Cheviot. Herrdegen: Was für eine Schulbildung, welche kaufmännischen Kenntnisse werden von den eintretenden Fräulein verlangt? — Expertin Nr. 86: Verlangt gar keine. Aber, die Kenntnisse haben, werden bevorzugt. Herrdegen: Werden nicht Sprachkenntnisse verlangt? — Expertin Nr. 86: Nein. Herrdegen: Müssen sie etwas vom Schneidergewerbe wissen? — Exp. Nr. 86 : Nein. Herrdegen: Was ist der erste Gehalt? — Exp. Nr. 86: st. 25. Herrdegen: Wie lange bleibt man dabei? — Exp. Nr. 86: Je nachdem, zwei, drei, vier Saisons, dann wird man um fl. 5 gebessert. Herrdegen: Halten Sie es für möglich, daß ein Mädchen, welches nicht bei den Eltern ist, mit fl. 25 auskommt? — Exp. Nr. 86: Das halte ich für unmöglich. In unserem Geschäfte ist nur eine nicht bei den Eltern, die ist beim Onkel. Herrdegen: Ist Ihnen bekannt, daß in anderen Geschäften viele Mädchen sind, die nicht bei den Eltern leben? — Exp. Nr. 86: Das kann ich nicht sagen. Ich habe mich darum wenig gekümmert. (Die Sitzung wurde am 5. Juni 1896 um 7 Uhr 15 Min. wieder aufgenommen.) Vorsitzender: Ich erkläre die Sitzung für eröffnet und constatire, was den Herren ohnehin bekannt ist, daß wir durch den Verlust des Protokolls genöthigt sind, die Sitzung vom 15. März zu reassumiren. Es sind dieselben Experten erschienen. Ich schreite zur Einvernehmung der Experten aus der Dachdeckerbranche. — Experte Schilder: Ich bm bei der Branche seit circa 18 Jahren. Ich war die ganze Zeit hindurch stets in Wien. Was die Anzahl der bei dieser Branche Beschäftigten anbelangt, so waren am 1. Jänner 675 Männer und 260 Weiber bei dieser Branche. Das ist aber ein Zeitpunkt, wo die wenigsten beschäftigt sind. Im September, wo die Hochsaison ist, zählten wir 1297 Männer und 384 Weiber. Unter den Männern ist ein Theil Hilfsarbeiter, ein Theil Gehilfen, die Frauen sind ausschließlich Hilfsarbeiterinnen. Die meisten Arbeiter und Arbeiterinnen recrutiren sich aus Orten an der Grenze Böhmens und Mährens und aus Schlesien. Diese Leute Pflegen sich entweder hier anzusiedeln, oder sie fahren im Herbst nach Hause und kommen wieder im März oder April, je nachdem die Witterung ist, nach Wien. Im Winter kommen nur sehr wenige hieher, da wird die Arbeit durch die hier Ansässigen besorgt. Diejenigen, die hier bleiben, nehmen Hausmeisterposten oder sonstige Stellen an. Die Arbeitszeit für die Frauen beginnt um 5, Vi6, Vr6 Uhr Morgens. 263 Vorsitzender: Welche Arbeiten haben die Frauen zu verrichten? — Exp. Schilder: Sie sind nicht blos beim Bau thätig. Sie müssen den Mörtel zuerst herstellen, indem sie Kalk in ein Gefäß thun und diesen mit Sand und Wasser vermengen. Das nimmt eine Viertel- oder eine halbe Stunde, je nach der Quantität, in Anspruch. Vorsitzender: Wo liegen diese Plätze zumeist? — Experte Schilder: Die meisten Plätze, wo der Mörtel fabricirt wird, liegen in Hernals, Ottakring, auch in der Leopoldstadt, kurz, sie sind in allen Bezirken zerstreut. Vorsitzender: Was geschieht dann? — Exp. Schilder: Hieraus wird der Mörtel aufgeladen und mittelst kleiner Wagen auf den Arbeitsplatz geführt. Ein solches Wagerl nimmt für gewöhnlich sechs bis acht Schaff auf. Es wird von einer Hilfsarbeitern: und einem oder zwei Gehilfen, welche hinten nachschieben, auf den Arbeitsplatz geführt. Vorsitzender: Wie kommt es, daß gerade die Frau eingeschirrt wird? — Exp. Schilder: Das ist eine alte Sitte. Vorsitzender: Eine alte Unsitte, meinen Sie. — Wie weit hat die Frau gewöhnlich das zu schleppen? — Exp. Schilder: Je nach der Entfernung, eine Stunde oder mehr. Es kommt oft vor, daß man von der Leopoldstadt bis nach Währung und noch weiter das Wagerl schleppen muß. Die Herren hätten zwar Wagen und Pferde, aber die sind ihnen zu theuer, um sie zu einer solchen Arbeit zu verwenden. Die brauchen sie zum Vergnügen. Um bs7 oder V 47 gelangt man auf den Arbeitsplatz. Da beginnt die Arbeit am Baue selbst. Vorsitzender: Ich weiß aber, daß die Gehilfen auch oft viel früher am Platze sein müssen. Wozu das? — Exp. Schilder: Die müssen Sand hintragen. Vorsitzender: Wozu muß der Mörtel am Platze gemacht werden? Kann man ihn nicht, so wie es bei den Maurern geschieht, am Baue selbst anmachen? — Exp. Schilder: Bei Neubauten ja. Wir sind aber zumeist bei Reparaturen beschäftigt. Da geht das nicht. Vorsitzender: Was mächen also die Frauen weiter? — Experte Schilder: Sie müssen aus großen Gefäßen in kleine, mit einem Henkel versehene Schaffe! den Mörtel schaffen und denselben über die Stiege, den am Baue selbst Beschäftigten zureichen. Bei alten Gebäuden benützen sie die Stiegen, bei neuen müssen sie die Leiter gebrauchen. Jede Arbeiterin muß zwei Gefäße, deren jedes 14 bis 16 Kilogramm schwer ist, hinauftragen. Bei Leitern kann sie nur ein Schaffe! tragen. Vorsitzender: Wie oft muß sie da gehen? — Exp. Schilder: Ungefähr 40mal. Ueberdies muß sie auch Schiefer und Dachziegeln hinauftragen. Das ist auch Alles am Wagerl. Ebenso die Leitern, Werkzeug n. s. f. Vorsitzender: Was für ein Gewicht dürfte also ein solches Wagerl haben? — Exp. Schilder: Es ist hübsch schwer. Ich weiß nicht genau, wie schwer, aber es ist ein ziemliches Gewicht. Vorsitzender: Haben Sie schon versucht, ein solches Wagerl zu schleppen? — Erp. Schilder: Ich habe es öfter schleppen müssen. Vorsitzender: War das für Sie sehr anstrengend? — Experte Schilder: Ja. Ich war von Schweiß ganz durchnäßt. Wie oft sieht man so ein Wagerl auf der Straße. Wenn es bergan geht, können die Leute nicht weiter. Vorsitzender: Wie viel Hilfsarbeiterinnen kommen auf eine bestimmte Anzahl von Gehilfen? — Exp. Schilder: Gewöhnlich kommt auf zwei männliche Personen, einen Gehilfen und einen Steiger, eine Hilssarbeiterin. Vorsitzender: Wenn die Hilssarbeiterin mit dem Hinauftragen fertig ist, was geschieht dann? — Exp. Schilder: Dann muß sie das Material bei den Fenstern Hinausgeben, sie muß aber auch das „inwendig Verschmieren" besorgen, was für gewöhnlich nicht ihre Arbeit ist. Sie macht damit den Gehilfen Concurrenz. Das ist allerdings im Interesse der Unternehmer. Vorsitzender: Das ist ja eine Arbeit, wo der Befähigungsnachweis erforderlich ist. — Exp. Schilder: Da ist er nicht nothwendig. Vorsitzender: Die Arbeiterinnen treffen es auch ohne Befähigungsnachweis? — Exp. Schilder: Ja. Vorsitzender: Wie ist es mit der Mittagspause? — Experte Schilder: Die Mittagspause ist von 12 bis 1 Uhr. Vorsitzender: Wird dieselbe streng eingehalten? — Experte Schilder: Wenn man auf einem Neubau ist, muß getrachtet werden, daß möglichst viel gemacht wird. Wenn sich also der Arbeiter beim Herrn einschmeicheln will, so hält er die Zeit nicht ein. Vorsitzender: Hängt das auch davon ab, ob dem Unternehmer im Accord oder nachher Zeit bezahlt wird? — Exp. Schilder: Für den Meister ist es immer Aecord. Vorsitzender: Nicht immer. — Exp. Schilder: O ja. Nur bei Reparaturen ist es anders. Da hat der Herr einen Nutzen, je länger die Arbeit dauert. Vorsitzender: Ist Ihnen das aus eigener Wahrnehmung bekannt? — Exp. Schilder: Ja. Bei Reparaturen wird die Mittagspause streng eingehalten. Sie dauert oft zehn Minuten über eine Stunde. Vorsitzender: Wie ist die Arbeit am Nachmittag? — Experte Schilder: Nachmittag arbeiten wir dann von 1 bis 6 Uhr. Vorsitzender: Ist eine Jausenpanse? — Exp. Schilder: Das hängt wieder von der Willkür des Arbeiters ab. Die Arbeiterinnen können aber während der Arbeitszeit essen. Vorsitzender: Wie ist es mit den Arbeiten an Sonn- und Feiertagen? — Exp. Schilder: An Feiertagen wird manchmal, an Sonntagen nie gearbeitet. Wenn Reparaturen nothwendig sind, so wird Samstag Abends die reparaturbedürftige Stelle zugehängt und am Montag die Arbeit wieder fortgesetzt. Vorsitzender: Worin besteht die Arbeit im Winter? — Experte Schilder: 'Im Winter besteht die Arbeit im Hernnterschanfeln des Schnees oder im Ausbessern von Windschäden, wozu auch Arbeiterinnen, wenn welche da sind, benützt werden. Vorsitzender: Gibt es eine Kündigung? — Exp. Schilder: Ja, aber sie wird sehr wenig eingehalten; für die Gehilfen gibt es eine Kündigung, für die Hilfsarbeiter aber, sagen die Unternehmer, kennen sie keine Kündigung. Dr. Öfner: Sie haben gesagt, daß es in Ihrer Branche Accord- arbeit gibt. Wie ist es damit? — Exp. Schilder: Das ist nur für die Meister. Das Dach hat einen Flächenraum von 20, 30 oder 40 Quadratmeter, und der Meister wird nach Quadratmeter gezahlt, während der Arbeiter Tageslohn erhält. Dr. Ofner: Sie haben gesagt, daß die Frauen bei diesen Wagen eingespannt werden und die Männer nachschieben. Schieben die Männer wirklich nach? — Exp. Schilder: Jawohl, sonst kämen sie nicht weiter. Dr. Ofner: Sie sagen, Sie waren selbst dabei. Thun die Männer Hiebei gerade so ihre Pflicht wie die Frauen? — Exp. Schilder: Manche Gehilfen finden es unter ihrer Würde, am Wagerl anzuschieben. Andere haben ein Einsehen und die helfen mit. Dr. Brezina: Ich möchte erfahren, wie es sich mit der Arbeit der Frauen vor der Arbeit auf dem Baue verhält. Welche Zeit ist gewöhnlich bestimmt für das Erscheinen am Werkplatz? Ist das eine bestimmte Stunde? 265 — Exp. Schilder: Das ist allerdings festgesetzt, aber wenn man ein wenig später oder früher kommt, macht's nichts. Das hängt twm Unternehmer ab. Bei manchen muß man um 5 Uhr, bei manchen erst um 456 Uhr auf dem Werkplatze fein. Dr. Bi- ezina: Wie weit muß denn die Arbeiterin gehen, bis sie aus den Platz kommt? — Exp. Schilder: Je nachdem. Eine Firma z. B. befindet sich in der Wienstraße, und die meisten Arbeiterinnen wohnen im X. Bezirk, so daß sie drei Viertelstunden brauchen. Dr. Brezina: Dann muß sie, wie Sie gesagt haben, die Sachen zusammenpacken und auf den Bauplatz führen. Bekommt die Arbeiterin dann keine Entschädigung dafür, daß sie eigentlich lange vor ihrer gewöhnlichen Arbeit beginnen muß? — Exp. Schilder: Nein. Auch für das Zuhause- fahren nichts. Dr. B 1 ezina: Wie ist das beimNachhausefahren? — Exp. Schilder: Das dauert dieselbe Zeit, weil sie erst nach 6 Uhr vom Arbeitsplatz wegführt. Dr. Biezina: Hat sie dann noch am Werkplatz etwas zu thun? — Exp. Schilder: Ja, sie muß vom Wagen Alles herab und an Ort und Stelle bringen. Tann kann sie nach Hause gehen. Am Werkplatz hat sie noch ungefähr 10 bis 15 Minuten zu thun. Dr. Biezina: Eine solche Arbeiterin muß also um 4 Uhr Morgens aufstehen und kommt durchschnittlich um 8, '.s9 Uhr nach Hause, so daß sie 16 bis 17 Stunden tägliche Arbeitszeit hat? —Exp. Schilder: Ja. Frau Schlesinger: Kommt es vor, daß auch schwangere Frauen diesen Wagen ziehen müssen? — Exp. Schilder: Ja wohl. Frau Schlesinger: Und fällt es da keinem Manne ein, sich statt ihrer einzuspannen? — Exp. Schilder: Das hat's nie gegeben. Vorsitzender: ^ie sind bei der Krankenkasse und werden daher auch wissen, wie spät die Arbeiterinnen nach der Entbindung aus dem Krankenstand treten? — Exp. Schilder: Die meisten Frauen bleiben bis kurz vor ihrer Entbindung, oft bis zum letzten Tag in der Arbeit. Engel: Läßt der Meister das Material jeden Tag zum Bauplatz führen? — Exp. Schilder: Das Material wird jeden Tag, selbst bei Neubauten, hingeführt. Bei Neubauten müssen sie noch schwerer ziehen als sonst, denn da wird man mehr getrieben. Engel: Wenn aber eine größere Arbeit zu machen ist, wird da nicht ein größeres Quantum des Materials hingeführt? Es liegt doch nicht im Interesse des Arbeitgebers, daß es jeden Tag hingeführt wird? — Experte Schilder: Es ist aber doch so. Nur bei einigen großen Firmen kommt es vor, daß sie nicht jeden Tag Material ausführen, namentlich wenn der Betreffende so viel beschäftigt ist, daß nicht genug Wagerln zur Verfügung stehen. Pferde und Wagen haben die Herren, so muß er sich dann herbeilassen, das Material mit den Pferden hinausführen zu lassen. Das kommt auch dann vor, wenn die Entfernung sehr groß ist und der betreffende Hausherr sich beschwert, daß sonst die Leute zu spät hinauskommen. Dr. Ofner: Können Sie nicht sagen, wie schwer so ein Wagen ist? — Exp. Schilder: Wenn das Material allein darauf ist, hat er etwa 460 Kilogramm, wenn eine Frau und zwei Männer beschäftigt sind. Vorsitzender: Bei der früheren Einvernehmungist erklärt worden, daß das Gewicht 600 bis 800 Kilogramm beträgt. — Exp. Schilder: Auch, wenn die Leitern, Werkzeug u. s. w. darauf ist. Vorsitzender: Sie haben gesagt, daß man für den Tag bezahlt bekommt. Kommt es auch vor, daß man Ueberstunden macht? — Experte Schilder: Nein, um 6 Uhr machen wir Feierabend. Vorsitzender: Was bekommt eine Arbeiterin pro Tag? — Experte Schilder: 80, 85, 90 kr. Vorsitzender: Ist das im Sommer und Winter verschieden? — 266 Exp. Schilder: Nein; es gibt nur drei Firmen, die im Winter abziehen, die anderen zahlen gleich. Vorsitzender: Ein höherer Lohn ist Ihnen nicht bekannt? — Exp. Schilder: Nur ein Meister, der die Frauen zu Concurrentinnen der Männerarbeit macht, zahlt fl. 1. Vorsitzender: Wie hoch ist der Lohn der Männer? — Experte Schilder: Die Hilfsarbeiter haben fl. 1'10, 125 bis 1'30, die Gehilfen fl. 1'50 bis 2. Vorsitzender: Wie groß ist die Zahl der Dachdeckermeister in Wien? — Exp. Schilder: 168, darunter sechs bis sieben größere Firmen, die 70 bis 80 Leute beschäftigen, 40 bis 50 mittlere, die mit 15 bis 30 Personen arbeiten; die anderen sind kleine Meister. Es gibt darunter auch solche, die nur mit einem Gehilfen oder allein arbeiten. Vorsitzender: Kommen Abzüge und Strafen vor? — Experte Schilder: Es kommt manchmal vor, daß der Herr zu Einem, der zu spät kommt, sagt: „Gehen Sie nach Hanse, und kommen Sie morgen zeitlicher!" Nicht alle Betriebe sind so, und wenn es irgendwo Strafen gibt, so treffen sie nur das Zuspätkommen. Vorsitzender: Für wie viel Minuten? — Exp. Schilder: Zum Beispiel, wenn es eingeführt ist, daß man um 5 Uhr am Platz sein soll und man kommt erst um ' «6 Uhr. Vorsitzender: Werden in Ihrer Branche auch Kinder und jugendliche Hilssarbeiterinnen verwendet? — Exp. Schilder: Kinder nicht, aber Hilssarbeiterinnen mit 14 Jahren und auch solche Knaben. Vorsitzender: Haben Sie keine Lehrlinge? Wann wird man auf- gedungen und freigesprochen? Die Lehrzeit dauert drei Jahre? — Experte Schilder: Da gibt es keine Altersgrenze. Vorsitzender: Wir wissen, daß bei den meisten Genossenschaften die Ausnahme mit 13, 14 Jahren geschieht. — Exp. Schilder: Bei uns ist das nicht. Da können mit 14 Jahren höchstens die Meistersöhne aufgedungen werden, sonst sehr wenige mit 17, die meisten mit 20, manmal bis 30 Jahren. Vorsitzender: Aus welchen Bevölkerungskreisen recrutiren sich die Arbeiter? — Exp. Schilder: Die meisten sind aus Böhmen und Schlesien. Sie dienen einige Zeit als Handlanger, dann werden sie Steiger, und dann erst werden sie aufgedungen. Vorsitzender: Das ist nichts Anderes, als eine Verlängerung der Lehrzeit. Man benützt sie zuerst als Hilfsarbeiter, und dann läßt man sie zu Lehrlingen avanciren. — Exp. Schilder: Wenn sie frei werden, können sie auch nicht mehr, als wenn sie aufgedungen werden. Vor sitzend er: Können Sie uns aus eigener Wahrnehmung etwas über die Art der Beköstigung und Lebenshaltung der Arbeiterinnen sagen? — Ex. Schild er: Die sind schlecht daran. Da sie nur 80 kr. Lohn haben und überdies oft drei bis vier Tage aussetzen müssen, so kann ihnen nicht viel bleiben. Daß sie sechs Tage in der Woche arbeiten, kommt sehr selten vor. Wenn sie das Bettgeld gezahlt hat, bleibt ihr vom Lohne nicht mehr viel übrig. Wenn eine Frau 20 kr. pro Tag Kostgeld hat, so ist sie schon gut gestellt. Die meisten können sich das nicht gönnen. Zum Frühstück ißt die Arbeiterin meistens am Arbeitsorte ein Stück Brot um 2 kr., und dazu trinkt sie Wasser. Zu Mittag hat sie eine Zuspeise und zur Jause wieder ein Stück Brot. Wie es mit dem Nachtmahl steht, weiß ich nicht. Vorsitzender: Müssen Sie die Werkzeuge mitbringen? — Experte Schilder: Der Gehilfe; die Hilfsarbeitern: nicht. Vorsitzender: Braucht sie einen besonderen Arbeitsanzug? — Exp. Schilder: Ja; die Straßenkleider werden am Boden aufgehängt, weil sie sonst zu stark strapazirt werden. Die Arbeiterinnen gehen auch barfuß. 267 Vorsitzender: Am Boden ist es aber doch sehr heiß? — Exp. Schilder: Es herrscht da Stickluft, weil jeder Luftzug abgehalten wird. Deshalb benutzt auch die Arbeiterin jeden freien Moment, um zur Bodenstiege zu gehen und frische Luft zu schöpfen. Wenn etwas gebraucht wird, wird sie gerufen. Vorsitzender: Die Gehilfen, die auf das Dach steigen, um« wickeln sich die Füße mit Fetzen. Die Arbeiterin braucht das nicht? — Exp. Schilder: Nein. Am Boden ist es nicht nothwendig. Vorsitzender: Kommen Geschenke an Vorgesetzte vor? — Exp. Schilder: Nur bei einer Firma in der Leopoldstadt ist das üblich, wo der Arbeitgeber die Gewohnheit hat, verschiedene Feste zu feiern. Da bekommt der Chef und der Geschäftsführer Geschenke. Dr. Osner: Gibt es bei Ihnen auch eine Cantinenwirthschaft? — Exp. Schilder: Nein. Dr. Bl'ezina: Kommt das alle Jahre vor, daß die Arbeiter Geschenke machen, und in welcher Höhe tragen die einzelnen dazu bei? — Exp. Schilder: Das ist nicht alle Jahre. Sie geben nach ihrem freien Willen. Dr. Bt'ezina: Wissen Sie, wie viel gegeben wird? — Experte Schilder: Nein. Wie ich das erfahren habe, habe ich sie ausgelacht. Dr. Btezina: Wissen Sie, ob da ein moralischer Zwang ausgeübt wird, daß Diejenigen, die nichts geben würden, entlassen oder schlechter behandelt würden? — Exp. Schilder: Das dürfte wohl der Fall sein. Vorsitzender: Ist Ihnen bekannt, daß Jemand deshalb entlassen wurde? — Exp. Schilder: Nein. Vorsitzender: Wie ist es auf den Neubauten mit den Aborten bestellt? — Exp. Schilder: Auf den Neubauten sind die Aborte ebenerdig. Die sind für alle Arbeitsleute gemeinsam, für Männer und Frauen. Vorsitzender: Wohin gehen die Arbeiterinnen, wenn sie essen? — Exp. Schilder: Auf die Bodenstiege. Vorsitzender: Hinaus gehen sie nicht? — Exp. Schilder: Nein. Vorsitzender: Die Vorgesetzten sind immer Männer? — Experte Schilder: Ja. Vorsitzender: Sind unter den Arbeiterinnen mehr ledig oder verheiratet? — Exp. Schilder: Mehr ledig. Vorsitzender: Wie steht es mit den Sittlichkeitsverhältnissen? Benehmen sich die Vorgesetzten anständig gegenüber den Frauen? — Exp. Schilder: Es kommt vor, daß selbst die Arbeitgeber Verhältnisse mit den Arbeiterinnen haben. Auch größere Meister benützen das. Jetzt kommt es nicht mehr so häufig vor, weil sie die Organisation fürchten. Wenn man es erfährt, bringt man es an die Oeffentlichkeit, und dadurch sind sie abgeschreckt. Vorsitzender: Wie ist es mit den Wohnungsverhältnissen Derjenigen, die Hierbleiben, bestellt? Wissen Sie, wie es da aussieht? — Exp. Schilder: Die sind hier Alle zu Bett. Die haben schon ihre bestimmten Zimmerfrauen. Oft wohnen vier, fünf, sechs, sieben Personen beisammen. Ich habe eine Wohnung getroffen, wo zehn Personen beisammen waren. In einer anderen habe ich im Zimmer vier Betten und in der Küche zwei Betten gefunden. Am Sonntag wird meistens gewaschen, und zwar an einem Sonntag die eine Partie, am anderen die andere. In einem Bett schlafen in der Regel zwei Personen. Wenn sie zu zweit schlafen, zahlen sie gewöhnlich fl. 1'20, wenn eine allein schläft, 80 kr. Vorsitzender: Waren Sie einmal am Abend in einer solchen Wohnung? — Exp. Schilder: Nein, nur bei Tag, wo Niemand zu Hause war. Vorsitzender: Wie groß war dort die Küche? — Experte 268 Schilder: Sehr klein. Sie hat gar kein Fenster, nur eine Thür. Es ist ein altes Gebäude, wo die Wohnungen überhaupt sehr klein sind. Es waren dort zwölf Personen beisammen. Vorsitzender: Außer der Vermieterin? — Exp. Schilder: Diese und ihr Mann sind dabei mitgerechnet. Die Arbeiterinnen sind nur im Sommer dort. Vorsitzender: Kennen Sie mehrere solcher Wohnungen? — Exp. Schilder: In Sechshaus gibt es mehrere dieser Art. Das ist bei den Leuten schon so eingeführt. Vorsitzender: Man erzählt diese Dinge von den Italienern. Das scheint also eine ständige Einrichtung zu sein? — Exp. Schilder: Die Leute kennen sich, sie sind alle aus einer Gegend. Sie wohnen miteinander und fahren dann auch mitsammen weg. Vorsitzender: Sind die Frauen alle versichert? — Experte Schilder: Ja. Sie beziehen 40 kr. pro Tag. Vorsitzender: Wie ist es mit der Erkrankungshäufigkeit? — Exp. Schilder: Im Jahre 1895 waren 78 Frauen erkrankt mit 1809 Krankheitstagen. Am 1. Jänner hatten wir einen Krankenstand von 260, am 1. December einen solchen von nur 116 Kranken. Dreimal kamen Unfälle vor. Einmal durch Absturz über die Stiege, dann auch dadurch, daß die Weiber, statt die ganze Last zu theilen, manchmal auf einmal dieselbe auf den Rücken nehmen und damit hinaufgehen. Ueber das Jahr 1894 kann ich keine Auskunft geben. Die Zahl der Verstorbenen betrug neun, wovon einige an Altersschwäche starben. Wir hatten eine Arbeiterin, die im Jahre 1822 geboren war. Die hat in der letzten Zeit das Gnadenbrot gehabt. Wenn eine solche Person schon lange in der Arbeit steht, so Pflegt der Unternehmer eine zweite Arbeiterin ihr zur Seite zu geben. Da ist sie meist auf dem Arbeitsobject. Vorsitzender: Wissen Sie, wie viel solche ältere Personen in Ihrer Branche sind? — Exp. Schilder: Ich habe die Daten nicht hier, kann es aber später feststellen. Engel: Sind sie gegen Unfälle versichert? — Exp. Schilder: Ja. Engel: Auch in solchen Betrieben, die weniger als 20 Personen beschäftigen? — Exp. Schilder: Ja, und zwar in der höchsten Gefahrenclasse. Frau Expertin Nr. 87: Ich bin sieben Jahre bei dieser Branche. Früher war ich bei den Maurern. Unser Herr beschäftigt sieben Personen. Außer mir ist keine Frau dort. Ich muß in der Früh das Material anmachen. Zwei Buben führen es fort. Vorsitzender: Wie sind Sie in diesen Betrieb gekommen? Haben Sie sich an eine Arbeitsvermittlung gewendet? — Exp. Nr. 87: »Nein. Durch meinen Mann. Der ist auch Dachdecker, jetzt ist er krank. Vorsitzender: Um wie viel Uhr müssen Sie am Platze erscheinen? — Exp. Nr. 87: Der Herr sagt zwar, wir müssen um 5 Uhr kommen, aber wir kommen erst um 6 Uhr. Vorsitzender: Macht das nichts? — Exp. Nr. 87: Der Herr brummt zwar alle Tage, er sagt, wer nicht um 5 Uhr da ist, muß nach Hause gehen; wir machen uns aber nicht viel daraus. Vorsitzender: Welche Arbeit haben Sie am Platze zu verrichten? — Exp. Nr. 87: Ich muß den Mörtel anmachen, dann aufräumen, dann muß ich mich einspannen und den Wagen ziehen. Vorsitzender: Wie weit haben Sie gewöhnlich? — Exp. Nr. 87: Das ist unbestimmt. Manchmal fahren wir nach Hernals, manchmal nach Währung, Ottakring, Meidling u. s. w. Das Geschäft ist auf der Mieden. Vorsitzender: Wie lange Pflegen Sie da zu brauchen? — Expertin Nr. 87: Wir kommen gewöhnlich um halb 7 Uhr vom Platze fort und kommen um 8 Uhr zur Arbeit. 269 Vorsitzender: Welche Last haben Sie hinzuführen? — Expertin dir. 87: Das ist auch ungleich. Vorsitzender: Ist es ein kleines oder ein großes Wagerl? — Exp. Nr. 87: Es ist schon ein hübsch großes Wagerl. Es faßt 10 Schaff Mörtel und 100 bis 200 Ziegel. Auch Leitern, Werkzeuge u. dergl. Vorsitzender: Strengen sich die Gehilfen sehr an, wenn sie eintauchen sollen? — Exp. Nr. 87: Je nachdem der Gehilfe der Arbeiterin gut ist oder nicht. Wenn er ihr gut ist, taucht er an; sonst geht er nur neben dem Wagen spazieren. Vorsitzender: Nun beginnt Ihre Arbeit am Object. Worin besteht die? — Exp. Nr. 87: Da muß ich die Sachen hinauftragen. Die Männer helfen dabei nicht. Vorsitzender: Wie oft müssen Sie im Tag hinauf- und Hinuntersteigen ? Wie lange brauchen Sie zu einem Schaff? — Exp. Nr. 87: Wenn ich in beiden Händen trage, muß ich zweimal gehen, wenn ich nur in einer Hand trage, viermal. Wenn ich etwas ersparen will, trage ich ein großes Schaff auf einmal hinaus. Das geht aber nur, wenn ich über eine Stiege gehen kann. Auf Leitern ist's nicht möglich. Vorsitzender: Werden Sie mit dem Hinaufschleppen am Vormittag fertig? — Exp. Nr. 87: Immer nicht, nur wenn weniger da ist. Vorsitzender: Haben Sie Vormittags eine Pause? — Expertin Nr. 87: Nein. Vorsitzender: Dürfen Sie nichts essen? — Exp. Nr. 87: Nein. Vorsitzender: Wann nehmen Sie das Frühstück? — Expertin Nr. 87: Unter der Arbeit. Vorsitzender: Welche weiteren Arbeiten haben Sie? — Expertin Nr. 87: Dann ist der Boden zusammenzukehren und der Schutt hinunter- zuräumen. Vorsitzender: Haben Sie nicht oben auch Klebarbeit zu verrichten ? — Exp. Nr. 87: Bei uns nicht. Vorsitzender: Wann sind Sie gewöhnlich fertig? — Exp. Nr. 87: Bei uns kommt es sehr häufig vor, daß wir um 6, halb 7, 7 Uhr auf dem Bauobject fertig sind. Unser Herr arbeitet mit, und wenn es auf ihn ankäme, so müßten wir bis 10 Uhr arbeiten. Vorsitzender: Tann müssen Sie wieder Alles auf den Platz schleppen? — Exp. Nr. 87: Ja. Da hat man oft den ganzen Wagen voll Schutt und überdies die leeren Schaffe und Werkzeug. Vorsitzender: Ist das auch schwer? — Exp. Nr. 87: Ja, es ist oft eine halbe Fuhre Schutt am Wagen. Das schleppen wir allein, und die Gehilfen helfen anschieben. Vorsitzender: Geschieht das mit der gleichen Gewissenhaftigkeit wie am Morgen? — Exp. Nr. 87: Ja. Vorsitzender: Wann kommen Sie auf den Platz? — Exp. Nr. 87: Um 7, 8, halb 0 Uhr. Der Weg dahin dauert gleichlang, durchschnittlich eine halbe Stunde, wie am Morgen. Vorsitzender: Um wie viel Uhr müssen Sie in der Früh von zu Hanse fortgehen? — Exp. Nr. 87: Um drei Viertel 5 oder 5 Uhr. Und nach Hause komme ich um halb 8, 8 oder halb 9 Uhr. Da muß ich erst die häuslichen Arbeiten verrichten. Vorsitzender: Ja, wann kommen Sie dann zum Schlafengehen? — Exp. Nr. 87: Um 11, 12 Uhr; wenn ich wasche, komme ich gar nicht in's Bett. Vorsitzender: Und können Sie dann am nächsten Tag die Arbeit verrichten? — Exp. Nr. 87: Es muß gehen. Vorsitzender: Wie viel Stunden schlafen Sie gewöhnlich? — Exp. Nr. 87: Vier, fünf Stunden. 270 Vorsitzender: Wann stehen Sie auf? — Exp. Nr. 87: Um 4 Uhr. Bis der Kaffee fertig ist — Vorsitzender: Haben Sie auch Kinder? — Exp. Nr. 87: Nein. Vorsitzender: Wie ist es im Winter, haben Sie auch da Beschäftigung ? — Exp. Nr. 87: Ja, beim Schneeherunterräumen. Das ist aber nur ein-, zweimal wöchentlich der Fall. Dr. Btezina: Sie haben gesagt, wenn Sie sparen wollen, so nehmen Sie ein großes Schaff von 46 Kilogramm und tragen es aus einmal hinauf. Welches Interesse haben Sie daran, daß Sie sich eine so schwere Arbeit auferlegen? — Exp. Nr. 87: Damit ich früher fertig werde. Dr. Blezina: Und wenn Sie es nicht thun würden? Müssen Sie an einem Tage eine bestimmte Arbeit fertigstellen? — Exp. Nr. 87: Wenn es eine Arbeit ist, die an einem Tage fertig sein muß, so muß ich in der Früh hin, und am Abend muß Alles fertig sein. Dr. Bt-ezina: Wenn Sie diese große Plage nicht auf sich laden würden, wie lange müßten Sie da in die Nacht hineinarbeiten? — Expertin Nr. 87: Da würde es halt sehr spät, oder es müßte mir ein Hilfsarbeiter helfen. Ich habe es aber noch nicht darauf ankommen lassen, denn die Brummerei wäre mir zuwider. Vorsitzender: Es scheint hier ein Mißverständniß vorzuliegen. Ihre Thätigkeit besteht darin, daß sie die Sachen auf das Dach hinausreicht. Dr. Ofner: Sie sagten, wenn der Gehilfe ihr gut will, schiebt er an. Wie ist es bei Ihnen? Ist es da auch verschieden? — Exp. Nr. 87: Wir haben einen Arbeiter — der ist ein Böhme — welcher nie anschiebt. Frl. Fickert: Was hat die Frau Abends zu thun? — Exp. Nr. 87: Nachtmahl kochen, dann Betten machen und Zusammenkehren. Dann muß ich auch den Fußboden waschen und das Geschirr waschen. An den Tagen, wo ich den Fußboden und die Wäsche wasche, bleibe ich bis VU Uhr auf. Herrdegen: Ich möchte wissen, warum Sie täglich vom Werkplatze bis zum Arbeitsplätze das Material führen müssen? Geschieht das deshalb, weil bei einer Fahrt nicht genug Mörtel mitgenommen werden kann? — Exp. Nr. 87: Weil nicht mehr auf den Wagen gehen als zehn bis zwölf Schaff. Herrdegen: Werden diese Schaff Mörtel an einem Tage in der Regel verbraucht? — Exp. Nr. 87: Die sind oft schon um 4 Uhr gar. Herrdegen: Sie können am Arbeitsplätze nicht Mörtel anmachen? — Exp. Nr. 87: Nein, bei Reparaturen nicht, außer bei sehr großen, dann muß der Herr den Mörtel hinführen lassen und muß Fuhrlohn bezahlen, und das thut er ungern. Herrdegen: Hat dieser sogenannte „Schütt" einen Werth für den Herrn? — Exp. Nr. 87: Nein, er ist aber verpflichtet, ihn wegzuführen. Dann wird er in eine Grube, die sich auf dem Werkplatze befindet, geschüttet. Engel: Wo arbeiten Sie jetzt? — Exp. Nr. 87: Diese Äroche bin ich zu Hause. Engel: Wo haben Sie in der vergangenen Woche gearbeitet? — Exp. Nr. 87: Ich arbeite bereits 14 Tage nichts. Vordem war ich in Sechshaus beschäftigt. Engel: Waren da auch Reparaturen? — Exp. Nr. 87: Meisten- theils. Engel: Wie lange dauern die? — Exp. Nr. 87: Einen, zwei, drei, vier, auch sechs Tage. Vorsitzender: Ich weiß, daß die Gehilfen eine Stunde, bevor sie zu arbeiten beginnen, am Platze erscheinen müssen. Haben die etwas zu thun? Und braucht man alle Gehilfen dazu? — Exp. Nr. 87: Ja, die haben den Sand zu tragen. Bei uns sind nur drei. Einer saßt ein, der zweite trägt, zu und der dritte richtet die Schaff her. 271 Vorsitzender: Welchen Lohn haben Sie? — Exp. Nr. 87: 80 kr. im Sommer und im Winter. Vorsitzender: Bekommen Sie für die Ueberstunden etwas? — Exp. Nr. 87: Nein, das kommt nur dann vor, wenn der Hausherr darauf dringt, daß eine Arbeit fertig wird. Vorsitzender: Wie ist es, wenn es regnet? — Exp. Nr. 87: Dann müssen wir nach Hause gehen. Vorsitzender: Wenn es aber während der Arbeitszeit zu regnen beginnt? — Exp. Nr. 87: Da bekommen wir nur das bezahlt, was wir gearbeitet haben. Wenn wir um 9 Uhr aufhören, bekommen wir einen Vierteltag, zu Mittag einen halben Tag. Vorsitzender: Müssen Sie da auch das Material auf den Werkplatz zurückschleppen? — Exp. Nr. 87: Ja. Vorsitzender: Abzüge und Strafen kommen nicht vor? — Exp. Nr. 87: Nein. Engel: Wie lange arbeiten Sie an Feiertagen? — Exp. Nr. 87: Bis 4 Uhr, wofür wir den ganzen Tag bezahlt bekommen. Dr. v. Fürth: Wenn es regnet, können Sie nicht arbeiten? — Exp. Nr. 87: Nein, außer wir arbeiten inwendig. Vorsitzender: Ist es vorgekommen, daß an Sonntagen gearbeitet wurde? — Exp. Nr. 87: Nein. Vorsitzender: Sie sagten, daß jugendliche Personen bei Ihnen sind? — Exp. Nr. 87: Das sind zwei Knaben mit 17 Jahren. Vorsitzender: Pflegt der Unternehmer immer stark zur Arbeit zu treiben, oder kommt es auch vor, daß es ihm lieber ist, wenn man langsam arbeitet? — Exp. Nr. 87: Ihm ist es lieber, wenn schnell gearbeitet wird. Vorsitzender: Es kommt doch vor, daß er nach dem Tag bezahlt wird? — Exp. Nr. 87: Ihm bleibt sich das gleich. Bei unserem Herrn wenigstens ist es so. Vorsitzender: Er hat also die meisten Arbeiten im Accord? — Exp. Nr. 87: Das nicht. Exp. Schilder: Das mag so sein. Durch das fortwährende Antreiben wird mehr Material verarbeitet. Das wird vom Hausherrn bezahlt, und dadurch verdient er mehr. Die Concurrenz ist ja sehr groß. Die Hausherren lassen alle Arbeiten meist im Frühjahr machen. Nun soll er alle seine Kundswaften befriedigen, und da trachtet er, daß die Arbeiten rasch fertig werden. Vorsitzender: Mir haben Gehilfen gesagt, daß der Meister es gerne sieht, wenn sie ein bischen ausruhen. — Exp. Schilder: Das kommt schon vor. Frl. Fickert: Wie wird mehr Material verarbeitet, wenn die Leute schnellerarbeiten? — Exp. Schilder: Bei jeder Arbeit kann mehr oder weniger Material verwendet werden. Wenn die Ziegel hoch eingedeckt werden, so liegen sie mehr flach. Da wird auch mehr Material verwendet. Wenn nun das Wasser kommt, so spießt es sich zwischen den Fugen und geht durch. Werden aber die Ziegel schwach eingedeckt, so geht das Wasser darüber hinweg. Der Meister hat nun dadurch einen Vortheil, daß in dem ersten Fall das Dach bald wieder gemacht werden muß. Vorsitzender: Wie viel verdienen Sie in der Woche gewöhnlich? — Exp. Nr. 87: Das ist verschieden; daß wir durch sechs Tage arbeiten, kommt nicht häufig vor. Dr. Ofner: Haben Sie sich schon einmal berechnet, wie viel Ihr Verdienst im Jahre war? — Exp. Nr. 87: Nein. Vorsitzender: Wo wohnen Sie? — Exp. Nr. 87: Im zehnten Bezirk. Ich habe Zimmer und Küche, wofür ich fl. 9 monatlich zahle. 272 Vorsitzender: Vermiethen Sie auch weiter? — Exp. Nr. 87: Nein. Ich lebe mit meiner Mutter, die schon ^4 Jahre krank ist. Vorsitzender: Wie ist Ihre Ernährung? — Exp. Nr. 87: Zum Frühstück nehme ich zu Hause Kaffee und Brot, um 9 Uhr esse ich auf dem Arbeitsplätze ein Stück Brot; um 12 Uhr kaufe ich mir saure Milch oder Zuspeise und Brot. Ich hole auch für die anderen Arbeiter das Essen; dafür bekomme ich nichts, es ist meine Pflicht. Vorsitzender: Wie viel geben Sie also aus? — Exp. Nr. 87: Ich gebe im ganzen Tag 10 kr. aus. Vorsitzender: Lehren Sie uns, wie man sich das eintheilt? — Exp. Nr. 87: Ganz einfach. Zu Mittag 5 oder 7 kr., in der Früh 2 kr. und zur Jause 1 kr. Da kaufe ich mir ein Stück Hausbrot. Zum Nachtmahl koche ich Kaffee oder Suppe oder mache eine Mehlspeise. Vorsitzender: Und wie ist es, wenn Sie mit Ihrem Manne zusammen arbeiten? — Exp. Nr. 87: Da dürfen wir auch nicht mehr anbringen, als zusammen 80 kr. pro Tag. Vorsitzender: Was Pflegen Sie da zu nehmen? — Exp. Nr. 87: Da kauft er sich ein Paar Würstel mit Saft und einen halben Liter Bier, und ich esse mit ihm zusammen. Vorsitzender: Rechnen Sie da das Nachtmahl dazu? — Expertin Nr. 87: Nein. Vorsitzender: Der Durst ist bei dieser Arbeit sehr groß? — Exp. Nr. 87: Da muß man halt Wasser trinken. Vorsitzender: Wo holen Sie das Wasser? — Exp. Nr. 87: Bei Neubauten muß man es von unten hinauftragen. Pros. v. Philipp ovich: Ich möchte wissen, warum ein Mann um so viel mehr ißt als eine Frau? — Exp. Nr. 87: Weil mein Verdienst zu gering ist, und so muß ich sparen. Wenn mein Mann mitarbeitet, so macht es Halt mehr aus. Jetzt arbeite ich allein. Pros. v. Philipp 0 vich: Aber die Würstel kosten doch nicht so viel? — Exp. Nr. 87: Mit Saft kosten sie 8 kr. Vorsitzender: Wie kommen die 80 kr. zusammen? — Exp. Nr. 87: Zum Frühstück 20 kr., zu Mittag 00 kr., auf die Jause auch wieder etwas, das macht 60, 70, 80 kr. Wenn man unter der Zeit etwas Bier trinkt, macht es 80 kr. Vorsitzender: Müssen Sie um das Bier jedesmal hinuntergehen? — Exp. Nr. 87: Ja. Vorsitzender: Wo essen Sie meistentheils? — Exp. Nr. 87: Auf der Bodenstiege. Dort ist es etwas kühler, weil die Zuglust hinaufgeht. Vorsitzender: Sind bei Ihnen Geschenke an Vorgesetzte üblich? — Exp. Nr. 87: Nein. Wir haben keinen Geschäftsführer, sondern blos unseren Herrn und die Gehilfen. Vorsitzender: Wie ist die Behandlung? — Exp. Nr. 87: Er ist nicht grob, er benimmt sich uns gegenüber anständig. Vorsitzender: Gönnen Sie sich hie und da ein kleines Vergnügen? -- Exp. Nr. 87: Das kommt sehr wenig vor, jetzt gar nicht. An Sonntagen habe ich zu flicken, zusammenzuräumen u. s. w. Außerdem habe ich für die Mutter, die zu Bette liegt, zu thun. Vorsitzender: Können Sie sich am Sonntag ein besseres Essen gönnen? — Exp. Nr. 87: Ja, da kaufe ich ein Stück Rindfleisch. Vorsitzender: Was kostet das Kilo? — Exp. Nr. 87: Ein Kilo kaufe ich nicht. Das Kilo kommt auf 64 kr. Vorsitzender: Wie viel kaufen Sie? — Exp. Nr. 87: Ich kaufe da um 28 oder 36 kr. mit Zuwage. Vorsitzender: Gehören Sie einer Organisation an? — Expertin Nr. 87: Nein. Vorsitzender: Sind Hilfsarbeiterinnen in der Organisation? — Exp. Schilder: Im Ganzen drei. Vorsitzender: Was wird sür die Krankenversicherung abgezogen? — Exp. Nr. 87: 12 kr. pro Woche: für die Unfallversicherung 3 kr. Frau Schlesinger: Wie kommt es, daß Ihre Mutter nicht im Spital ist? — Exp. Nr. 87 Sie war einen Monat dort, dann ist sie wieder nach Hans gekommen. Sie ist incnrabel. Frau Schlesinger: Was fehlt ihr? — Exp. Nr. 87: Sie ist durch den Wechsel krank geworden. Sie ist von Brunn. Sie ersucht mich aber, ich soll sie nicht nach Hause schicken. Sie ist hier in Wien schon über 30 Jahre. Frau Schlesinger: Lassen Sie sie allein in der Wohnung? — Exp. Nr. 87: Nein, eine Tochter von der Schwägerin ist bei ihr. Frau Schlesinger: Weshalb ist Ihr Mann nicht im Spital? — Exp. Nr. 87: Er war drei Tage dort. Engel: Was bekommt er von der Krankenkasse? — Exp. Nr. 87: sl. 5. Dr. Ofner: Wir haben gehört, daß es oben auf dem Boden außerordentlich heiß sein soll, und daß die Arbeiterinnen trotzdem barfuß auf den Leitern gehen. Gehen Sie auch barfuß? — Exp. Nr. 87: Ja. Dr. Ofner: Wir haben gehört, daß man sich Fetzen hernmbindet. — Exp. Nr. 87: Das thun nur die Männer, die auf das Dach steigen. Dr. Ofner: Machen Sie sich da nicht die Füße wund? — Expertin Nr. 87: Nein. Vorsitzender: Wie ist es mit den Kleidern? Ruiniren Sie viel? — Exp. Nr. 87: Ja, durch Kalk und durch den Schmutz, der sich auf dem Boden befindet. Man muß sie oft waschen und dadurch zerreißt man viel. Deshalb nehmen wir zur Arbeit die schlechtesten Kleider. (Pros. v. Philip Po dich übernimmt den Vorsitz.) Expertin Nr. 88: Ich bin in einem anderen Betriebe beschäftigt. In diesem sind zwei Weiber und drei Gehilfen. Ich habe dieselbe Arbeit wie die frühere Expertin. In der Früh gehe ich um V4 oder Uhr von zu Hause fort und habe etwa eine halbe Stunde zu gehen. Um "/lli Uhr sind nur am Platze. Da müssen wir den Mörtel anmachen, und zwar meist 10, 12 bis 14 große Schaff voll. Beim Ziehen haben wir keine Hilfe. Dr. Ofner: Sie schleppen dielen Wagen? — Exp. Nr. 88: Ja. Die Männer sind dabei und helfen mit. Die Arbeit auf dem Platze dauert Ilt bis ' 2 Stunde. Der Herr hat wenig Bauten, sondern meistens Reparaturen zu besorgen. Um 0 Uhr ziehen wir wieder den Wagen nach Hause. Vorsitzender: Wann kommen Sie nach Hause? — Exp. Nr. 88: Um 1-2 bis ^7 Uhr. Oft kommen wir erst um '/- oder ^^7 Uhr auf den Platz, wenn wir weit zu thun haben. Vorsitzender: Haben Sie zu Hause noch zu arbeiten? — Expertin Nr. 88: Sehr viel. Vorsitzender: Sind Sie verheiratet? — Exp. Nr. 88: Ja, mein Mann ist in demselben Geschäft wie ich ; wir haben zwei Söhne im Alter von 17 und 20 Jahren. Dr. Ofner: Wie lang sind Sie bei dem Geschäft? — Exp. Nr. 88: 30 Jahre. Dr. Ofner: Wie alt sind Sie? — Exp. Nr. 88: 52 Jahre. Vorsitzender: Welchen Lohn bekommen Sie? — Exp. Nr. 88: 85 kr. das ganze Jahr hindurch. Im Winter gibt es aber sehr wenig Arbeit. Im vorigen Winter haben wir gar nichts zu thun gehabt. Vorsitzender: Haben Sie da eine andere Beschäftigung? — Exp. Nr. 88: Nein. Herrdegen: Sie haben im Winter sehr selten etwas zu thun. Ist das auch bei Ihrem Mann der Fall? — Exp. Nr. 88: Wenn kein Schnee fällt oder wenn es keine Windschäden gibt, so hat auch er wenig Arbeit. 18 Frauen-Enquste. 274 Herrdegen: Eine andere Beschäftigung hat er nicht? — Expertin Nr. 88: Die hat er noch sehr wenig gehabt. Herrdegen: Wovon leben Sie im Winter? Können Sie im Sommer etwas ersparen? — Exp. Nr. 68: Nein, wir müssen im Winter Schulden machen und sie im Sommer abzahlen. Vorsitzender: Aber Ihre Söhne können doch verdienen? — Exp. Nr. 88: Der eine ist noch in der Lehre; er ist Bronzearbeiter und muß vier Jahre lernen. Er hat noch ein Jahr. Er bekommt nichts als die Kost. Der andere Sohn ist Etuimacher und ist in der Arbeit. Vorsitzender: Was zahlen Sie für Ihre Wohnung? — Expertin Nr. 88: sl. 9. Wir haben Cabinet und Küche. Unsere Söhne wohnen bei uns. Dr. Brezina: Ist es bei Ihnen auch so wie bei den anderen Expertinnen, daß Sie nach Stunden bezahlt bekommen, wenn es regnet? — Exp. Nr. 88: Ja, das ist auch bei uns so. Da kann es vorkommen, daß wir manchmal den Wagen beinahe noch voll mit dem Material beladen nach Hause schleppen und den nächsten Tag wieder auf den Bauplatz führen. Dr. Ofner: Müssen Sie auch wie die Anderen auf die Leiter hinaufsteigen? — Exp. Nr. 88: Ja, auch jetzt noch. Dr. Ofner: Thun Sie das auch barfuß? — Exp. Nr. 88: Wenn man alte Schuhe hat, zieht man sie an, wenn nicht, so geht man bloßfüßig. Dr. Ofner: Haben Sie sich noch nie verletzt? — Exp. Nr. 88: Oft zieht man sich Glassplitter ein. Dr. Ofner: Sind Sie niemals verunglückt? — Exp. Nr. 88: Nein. Vorsitzender: Waren die Löhne früher anders? — Exp. Nr. 88: Im Jahre 1873 betrug der Lohn fl. U10, und sonst 90 und 95 kr. Ich habe 25 Jahre bei einem Meister gearbeitet, wo ich 95 kr. gehabt habe. Vorsitzender: Ist es Ihnen erinnerlich, wie viel Ihr Änfangslohn betrug? — Exp. Nr. 88: Da hab' ich 60 kr. bekommen. Das war im Jahre 1866. Zwei, drei Jahre darauf bekam ich 70 bis 75 kr. Herrdegen: Waren Sie schon verheiratet, wie Sie nach Wien gekommen sind? — Exp. Nr. 88: Ich bin 26 Jahre verheiratet. Ich bin aus Schlesien. Wir sind hier aber schon seit 12 bis 13 Jahren. Früher sind wir im Winter nach Hause gefahren, jetzt aber bleiben wir hier. Herrdegen: Ist Ihr Mann auch ein Schlesier? — Exp. Nr. 88: Ja. Herrdegen: Hat er in Wien das Dachdeckergewerbe gelernt? — Exp. Nr. 88: Ja. Herrdegen: Ist er als Taglöhner hergekommen? — Exp. Nr. 88: Ja. Dr. Ofner: Arbeiten Sie an Feiertagen? — Exp. Nr. 88: Sehr wenig. Wenn wir arbeiten, arbeiten wir blos bis 3, 4 Uhr und bekommen dafür den ganzen Taglohn ausbezahlt. An Sonntagen dagegen arbeiten wir überhaupt nicht. Frl. Fickert: Ich möchte fragen, ob Ueberstnnden nicht extra gezahlt werden? — Exp. Nr. 88: Nein. Vorsitzender: Wird Ihnen abgezogen, wenn Sie kürzer arbeiten? — Exp. Nr. 88: Ja. Vorsitzender: Wenn Sie die Arbeit um 6 Uhr schließen sollen, und es kommt um 4 Uhr Regen, was bekommen Sie dann? — Expertin Nr. 88: Dann bekommen wir nur drei Vierteltage gezahlt. Dr. Ofner: Wie ernähren Sie sich? — Exp. Nr. 88: Man kann sich nicht viel kaufen: Butterbrot oder Zuspeise. Vorsitzender: Was kostet Sie das Essen im Tag? — Expertin Nr. 88: Das ist nicht gleich, das eine Mal 2, 3 kr. mehr, das andere Mal weniger. Ungefähr 15 bis 20 kr. für mich allein. Das darf ich aber nicht alle Tage anbringen, das ist schon zu viel. Wenn ich mit meinem Manne zusammen arbeite, so essen wir zusammen, aber es kommt oft vor, daß ich mit Anderen fahren muß. Vorsitzender (zur Exp. Nr. 87): Haben Sie Kinder gehabt? — Exp. Nr. 87: Ja, ich habe drei gehabt, aber ich bringe keines zur Zeit. Vorsitzender: Sind sie gestorben? — Exp. Nr. 87: Gestorben sind sie nicht, weil ich keines zur Zeit gebracht habe. Tr. Ofner: Das sichren Sie aus Ihre Arbeit zurück? — Expertin Nr. 87: Ich glaube, ich bin durch die Arbeit zu schwach. Tr. Osner Mr Exp. Nr. 88): Brauchen Sie auch so viel Kleider und Schnhwerk wie die andere Expertin? — Exp. Nr. 88: Ja, man zerreißt sehr viel Kleider und Schuhe. Tr. Ofner: Haben Sie schon berechnet, wie viel Sie das kostet? In welcher Zeit zerreißen Sie ein Paar Schuhe? — Exp. Nr. 88: Man braucht alle Jahre ein Paar. Man kann aber nicht immer in den Schuhen gehen, weil man sonst zu viel brauchen würde. Herrdegen: Ich möchte fragen, ob Sie nicht mehr Kinder außer den zwei Söhnen, die leben, gehabt haben? — Exp. Nr. 88: Sieben. Herrdegen: In welchem Alter sind die gestorben? — Expertin Nr. 88: Mit drei bis fünf Monaten. Herrdegen: An welchen Krankheiten? — Exp. Nr. 88: Ich habe sie in die Kost geben müssen. Da sind sie wahrscheinlich schlecht gepflegt worden. Der Löhn meines Mannes war nicht zureichend, ich mußte mit in die Arbeit gehen, und da habe ich das Kind, wenn sechs Wochen vorüber waren, in die Kost gegeben. Herrdegen: Sind die fünf Kinder, die gestorben sind, früher auf die Welt gekommen als die zwei, welche leben? — Exp. Nr. 88: Nein, später. Herrdegen: Haben Sie die Kinder an der Brust gehabt? — Exp. Nr. 88: Nein. Vorsitzender: Wir gelangen nun zu den Experten aus der Branche der Bürsten- und Pinselmacher. Experte Fritz Grosch: In der Branche der Bürsten- und Pinselmacher sind in Wien 250 bis 270 männliche Arbeiter und laut des Krankencassen-Ausweises 108 bis 115 Hilfsarbeiterinnen beschäftigt. Die Arbeit der Letzteren besteht im Einziehen der Bürsten, was die feineren Bürsten anbelangt, Kleider-, Kopf- und Zahnbürsten. Die Arbeitszeit beträgt durchschnittlich zehn Stunden. In einem Betriebe werden die Arbeiterinnen auch schon zum Herrichten der Borsten verwendet. Alle Betriebe ausnahmslos haben den Accordlohn eingeführt. Vorsitzender: Können Sie uns schildern, wie das Herrichten der Haare und das Einziehen der Bürsten vor sich geht? — Exp. Grosch: Das Herrichten der Haare geschieht in der Art, daß ähnlich wie beim Flachs die Borsten an einem eisernen Kamm auf- und durchgezogen werden, damit sie glatt zum Verarbeiten werden. Das Einziehen geschieht mittelst eines Drahtes, an dem die Borsten eingezogen werden. Das ist eine monotone Arbeit. Vorsitzender: Warum wird das Herrichten der Borsten nicht auch von Arbeiterinnen gemacht? — Exp. Grosch: Weil die Arbeit complicirt ist und eine längere Lehrzeit erfordert, wogegen das Einziehen leichter und schneller zu erlernen ist. Vorsitzender: Sie meinen, die Arbeiterinnen wären nicht geschickt genug? — Exp. Grosch: Doch; aber sie müßten unbedingt längere Zeit lernen, bis sie es verstehen würden. Vorsitzender: Welches Material kommt dabei zur Verwendung? — Exp. Grosch: Meist Schweinsborsten. Die Kleiderbürsten sind lauter Schweinsborsten. Die weichen Bürsten sind von Bockhaaren. Daneben kommen auch Biber- und Roßhaare, aber weniger, vor. Vorsitzender: Wird dieses Material vorher desinficirt? — Exp. Grosch: Nein. Es sind schon mehrere Milzbrandvergiftungen vor- 276 gekommen, aber es ist noch nichts in dieser Sache geschehen. Wir haben wiederholt Beschwerde geführt ; der Landessanitätsrath hat sich mit dieser Frage im Vorjahre in den Monaten Juni und Juli in seinen Sitzungen beschäftigt. Auch die Genossenschaft ist eingeschritten, aber geschehen ist noch nichts. In den letzten zwei Jahren sind derartige Erkranknngsfälle nicht vorgekommen, aber früher haben wir in einem Jahre vier Milzbrand - kranke Personen gehabt. Vorsitz e n der: Kommen auch andere, insbesondere Hautkrankheiten vor? — Exp. Grosch: Wenig. Eine Frau mußte an der Brust operirt werden, da ist der Milzbrand äußerlich aufgetreten. Vorsitzender: Beim Einziehen ist es nicht so gefährlich wie beim Herrichten? — Exp. Gros ch: Nein. Beim Herrichten kann man sich sehr leicht durch den Kamm verletzen und eine Blutvergiftung zuziehen. Vorsitzender: Sie sagen, die Arbeit ist meist im Accord. Was ist die Grundlage der Berechnung? — Exp. Grosch: Als die Grundlage wird die Zahl von 1000 Bürstenlöchern angenommen. Bein: Borsten- herrichten wird den Männern, die das im Accord machen, per Kilogramm gezahlt. Vorsitzender: Und die Arbeiterinnen? — Experte G r o s ch : Solche gibt es nur in einem Betrieb, und die sind, so viel mir bekannt ist, im Taglohn. Es sind dort nur drei, vier Arbeiterinnen. Die machen aber die Bürsten nicht ganz fertig, sondern machen nur bestimmte Arbeiten daran. Vorsitzender: Kommt der Taglohn auch bei anderen Arbeiten vor? — Exp/Grosch: Bei Arbeiterinnen nicht, so viel mir bekannt ist. Vorsitzender: Bei der Pinselherstellung ist die Arbeit verschieden von der eben angeführten? — Exp. Grosch: Da muß man die Haare auslösen, herausziehen, mit Spagat umbinden und mit Leim umgeben. Bei der eigentlichen Erzeugung aber werden nicht Frauenzimmer, sondern nur Männer beschäftigt. Vorsitzender: Da haben also die Arbeiterinnen nur die gelockerten Haare auszuziehen, zu binden und zu leimen? — Exp. Grosch: Ja. Vorsitzender: Wie viel Bürstenerzeugnngsbetriebe gibt es in Wien? — Exp. Grosch: 157 mit einem Gesammtarbeiterstand von 358 Personen. Vorsitzender: Wie vertheilen sich da die weiblichen und die männlichen Arbeiter innerhalb eines Betriebes? — Exp. Grosch: Wir haben drei größere Betriebe, wo circa 40 bis 50 weibliche Hilfsarbeiterinnen beschäftigt sind. Die übrigen vertheilen sich zu einer, zwei, drei bei Kleinmeistern. In den einzelnen Betrieben sind aber immer mehr Männer als Frauen beschäftigt. Vorsitzender: Es scheint also, daß nicht viele Arbeiterinnen in dieser Branche zur Verwendung kommen können? — Exp. Grosch: Das könnten schon mehr sein, nur ist es hier nicht so entwickelt. In der Provinz, in Mährisch-Trübau oder in Rothwasser, kommt es häufig vor, daß mehr Frauen als Männer in einem Betriebe sind. Vorsitzender: Gibt es auch Heimarbeiterinnen? — Experte Grosch: Ja,' ihre Zahl dürfte sich meiner Berechnung nach auf 60 bis 70 belaufen. Auch diese beschäftigen sich mit dem Einziehen der Borsten und bekommen die Bürsten und den Draht vom Meister. Sie arbeiten ebenfalls im Accord und werden auch per 1000 Löcher bezahlt. Vorsitzender: Kennen Sie die Accordsätze? — Exp. Grosch: Im Betriebe bekommen die Frauen einen höheren Lohn. Das kommt daher, weil die Frau zu Hause arbeiten kann, wie sie will. Sie nimmt ein Dutzend nach Hause und arbeitet, wenn sie ihre häuslichen Arbeiten verrichtet hat. 277 Darum tragen sich die Leute auch um jeden Preis an, wenn sie nur ein paar Kreuzer verdienen können, ohne daß sie außer Hanse gehen müssen. Dr. Btezina: Bestand immer das Verhältniß von zweieinhalbmal so viel Männern als Frauen, oder besteht die Tendenz, daß die weiblichen Hilfsarbeiterinnen zunehmen? — Exp. Grosch: Die Zahl der weiblichen Hilfsarbeiterinnen ist im stetigen Zunehmen begriffen. Noch vor 30 Jahren gab es überhaupt keine weiblichen Hilssarbeiterinnen in der Branche. Dr. BLezina: Ist gleichzeitig ein dadurch veranlaßtes Zurückgehen des Lohnes bei den männlichen Arbeitern veranlaßt? — Exp. Grosch: Das ist speciell in den Vocalen der Fall, wo weibliche Kräfte verwendet werden. Dr. Bi-ezina: Wie viel kann diese Drückung des Lohnes ungefähr ausmachen? — Exp. Grosch: Innerhalb dieser 30 Jahre ungefähr zehn bis zwölf Percent. Dr. Ofner: Sie sagten, daß Lehrmädchen in dieser Branche nicht vorkommen? — Exp. Grosch: In einem Betriebe, wo Lehrmädchen ausgenommen werden, müssen sie drei Wochen lernen. Da bekommen sie aber eine ganz geringe Bezahlung oder nichts. Dr. Ofner: Werden sie nicht aufgedungen? — Exp. Gr osch: Nein. Dr. Ofner: Aber die Lehrjungen werden aufgedungen?— Experte Grosch: Ja. Die Genossenschaft nimmt wahrscheinlich keine Lehrmädchen auf, und es hat sich auch in der That noch Niemand gemeldet. Die Arbeit des Einziehens ist ja an und für sich leicht zu erlernen, und es kommt nur einzig und allein darauf an, daß man durch die Uebung eine gewisse Fingerfertigkeit bekommt. Dr. Ofner: Warum meldet sich Keine zum Herrichten? — Experte Grosch: Diese Arbeit ist sehr schwer und ungesund und erfordert eine Lehrzeit von ein bis anderthalb Jahren. Vorsitzender: Geschieht die Arbeit des Einziehens in einem separirten Vocale? — Exp. Grosch: Bei größeren Betrieben ist dies der Fall. In kleineren, wo nur zwei Arbeiterinnen sind, sitzen sie direct im Staub, wo hergerichtet wird. Herrdegen: Werden die Löcher in den Bürsten von den Gehilfen gemacht oder kommen diese Holz-, Bein- und Metallbürsten von den Zwischen- ^ meistern? — Exp. Grosch: Theils werden sie von den Gehilfen gemacht, theils — und das ist der größte Theil — kommen sie aus Fabriken, die sich meist in der Provinz, hauptsächlich in Böhmen, befinden. Herrdegen: Wenn also heute ein Lehrjunge in den Betrieb kommt, was lernt er außer dem Herrichten der Borsten? — Exp. Grosch: Auch noch das Einziehen, weiter nichts. Das Bohren der Löcher lernt er sehr selten. Herrdegen: Die Arbeit in Bein lernt er auch nicht? — Experte Grosch: Das ist eine besondere Specialität. Darüber könnte ich keine Auskunft geben. Es sind nur zwei, die Beinarbeit machen. Das Meiste wird von Frankreich importirt. Herrdegen: Und lernt er auch nicht in Holz arbeiten? — Experte Grosch: Das macht überhaupt kein Bürstenmacher. Das macht der Tischler. In größeren Betrieben sind Tischler dazu angestellt. Herrdegen: Nach dieser Aufklärung kommt es mir vor, als ob der Gehilfe eigentlich sehr wenig gewerblicher Fertigkeit bedürfte, wenn er nichts Anderes als das Herrichten der Borsten besorgt, das eigentlich zumeist in einem Reinigungsproceß besteht. — Exp. Grosch: Das ist aber ein ziemlich complicirter Proceß. Man muß die verschiedenen Gattungen der Haare sehr gut kennen, weil jede derselben eine besondere Art der Behandlung bei der Herrichtung erfordert. Abstauber, Beseu werden mit Pech gearbeitet. Das ist wieder eine besondere Arbeit. Dann lernt er Drehwaare, Cylinder- und Gläserwischer. Tann gibt es Fabriksarbeit, Walzen w., was sehr schwer ist. Herrdegen: Wann werden die Borsten geschnitten ? Wenn sie ein- gezogen sind? — Exp. Grosch: Ja. Diese Arbeit besorgt die Einzieherin mittelst einer ähnlichen Scheere, wie sie im Buchbindergewerbe benutzt wird, und zwar derart, daß die Haare immer eine Erhöhung bilden. Bei den Kopfbürsten sind dieselben geschwungen. Bei diesen Bürsten speciell ist die Arbeit sehr leicht und kann mit einer Handscheere gemacht werden. Vorsitzender: Wie viel große und wie viel kleine Betriebe gibt es? — Exp. Grosch: Wir haben drei große Betriebe, die bis zu 60 Personen beschäftigen. Zwei davon beschäftigen aber jetzt nur mehr 35, respective 45 Arbeiter. Dann gibt es solche Betriebe, die sechs, acht bis zehn Gehilfen beschäftigen. Die haben meist eine oder zwei Hilfsarbeiterinnen. Manche aber auch keine. Dann gibt es solche, die einen, zwei oder gar keinen Gesellen haben. Deren gibt es eine große Menge. Wo kein Gehilfe ist, da sind auch keine Hilfsarbeiterinnen. Dies ist der Fall bei den ganz kleinen Meistern, die sich mit einem oder zwei Lehrbuben kümmerlich durchschlagen. Dr. Bkezina: Besteht eine Verschiedenheit der Löhne in den großen und den mittleren Betrieben? — Exp. Grosch: In den kleinen Betrieben zahlt man per 1000 gewöhnlich 3, 4 kr. mehr. Dr. Ofner: Warum? — Exp. Grosch: Weil ein Kleinmeister, der eine oder zwei Arbeiterinnen beschäftigt, noch nicht so rasfinirt ist wie derjenige, der mehr Personen beschäftigt. Im größeren Betriebe heimst er eben, weil er in dieser Beziehung praktischer ist, den Profit für sich ein. Vorsitzender: Ist die Arbeitszeit gleich? — Exp. Grosch: Ja, zehn Stunden täglich. Dr. Ofner: Ist das schon seit längerer Zeit, daß in größeren Betrieben den Arbeiterinnen weniger gezahlt wird? — Exp. Grosch: Vor zehn, zwölf Jahren haben die Kleinmeister überhaupt noch keine Hilss- arbeiterinnen beschäftigt. Das ist erst jetzt aufgekommen. Vorsitzender: Ist der Unterschied auch bei Arbeitern? — Exp. Grosch: Nein. Vorsitzender: Gibt's noch Nebenarbeiten, die die Arbeiterinnen in kleinen Betrieben zu leisten haben? — Exp.. Gros ch : Es kommt vor, daß manche zugleich als Verkäuferinnen im Geschäfte fnngiren und daneben, wenn sie keine Kunden zu bedienen haben, einziehen. Da sie natürlich in solchem Falle weniger leisten und sich verdienen würden, als im Großbetrieb, so bekommen sie vom Kleinmeister einen Taglohn. ^ Herrdegen: Kommt es auch vor, daß mit gereinigten und sortirten Borsten Handel getrieben wird, so daß bei einzelnen Betrieben das Herrichten der Haare ganz entfällt? — Exp. Grosch: Das ist nicht möglich. Es wird von jedem einzelnen Betrieb das Material gekauft und hergerichtet. Allerdings, manche ausländische Gewächse werden eingekauft, so daß man sie nur zusammenzuschneiden und einzuziehen braucht. Aber sonst kann das nicht geschehen, weil jeder Meister sich das besonders einrichtet, verschiedene Qualitäten untereinandermischt. Vorsitzender: Arbeiten Sie selbst in der Branche? — Experte Grosch: Ja. In meinem Betriebe sind nur zwei Heimarbeiterinnen; meine Frau und noch eine. Vorsitzender: Haben Sie in Betrieben gearbeitet, wo Arbeiterinnen waren? — Exp. Grosch: In Wien noch nicht. Vorsitzender: Wie ist es mit dein Lohne der Heimarbeiterinnen ? — Exp. Grosch: Sie haben den gewöhnlichen Preis oder einen geringeren. Sie bekommen per 1000 solcher Löcher 25 kr., auch 27 und 28 kr., manchmal aber auch nur 20 und 18 kr. Vorsitzender: Macht es nicht einen großen Unterschied, was für Borsten es sind? — Exp. Grosch: Das macht weniger wie die Art, wie eingezogen wird. Kopfbürsten sind eine viel schlechtere Arbeit wie , Kleiderbürsten. Bei den Kopfbürsten werden die Borsten vorher ganz kurz 279 verschnitten und durcheinandergebeutelt. Dann muß die Arbeiterin die einzelnen Borsten herausziehen und so einziehen, daß sie gespitzt d'rin stehen, damit die Borsten in die Haare eingreifen und den Staub aus denselben entfernen. Vorsitzender: Wie ist es bei den weichen Haaren ? — Exp. Grosch: Da geht es nicht so schlecht; nur bei den kurzen, die verschnitten sind, weil sie da die Arbeiterin nicht in der Hand halten kann. Vorsitzender: Wie viel macht Ihre Frau pro Tag, um 25 kr. zu verdienen? — Exp. Grosch: Wenn sie den ganzen Tag fleißig ist, kann sie es auf 3 bis 3 ',2 Tausend Löcher bringen. Es gibt aber besonders Talentirte, die es auch auf 4000 Löcher bringen. Da muß sie aber eine Gattung Bürsten haben, die sehr gut zum Einziehen gehen, z. B. Glanzbürsten. Bei Kopfbürsten ist es nicht möglich; 2500 bis 2700 bei zehnstündiger Arbeitszeit sind die gewöhnliche Leistung. Meine Frau zieht nie so viel ein, weil wir drei kleine Kinder haben und sie auch häusliche Arbeiten verrichten muß. Da kann sie täglich nur 1500 bis 2000 zu Stande bringen. Meine Kinder werden hiezu nicht herangezogen, weil sie noch klein sind. Vorsitzender: Wie alt sind sie? — Exp. Grosch: Bis zu drei Jahren. Man hört auch nicht, daß Kinder dazu verwendet werden. Dr. Ofner: Wird in großen und kleinen Betrieben dieselbe Art von Bürsten gemacht? — Exp. Gr 0 sch: Ja. Dr. Ofner: Wird vielleicht in den größeren Betrieben den Arbeiterinnen gleichmäßigere Arbeit gegeben? — Exp. Grosch: Gerade das Gegentheil ist der Fall. Vorsitzender: Haben die kleinen Betriebe nicht auch einen Bürsten- handel unmittelbar an die Kunden, während die großen Unternehmer ihre Waaren an die Zwischenhändler absetzen, so daß sie den Frauen deshalb bessere Löhne zahlen? — Exp. Grosch: Das ist theilweise zutreffend. Aber die kleinen Meister können auch nicht Alles im Geschäft verkaufen sie müssen auch an die Zwischenhändler verkaufen. Dr. Biezina: Sie haben gesagt, daß bei den größeren Meistern das Angebot von Arbeitsleistung stärker ist und die niedrigere Bezahlung in Folge der größeren Concnrrenz der Arbeitsuchenden zu Stande kommt. Woraus schließen Sie das? — Exp. Grosch: Gerade in den Gegenden, wo die Arbeitsviertel sich befinden, in Meidling u. s. w., befinden sich auch die größeren Betriebe, wogegen in die anderen Bezirke, wie z. B. in die Leopoldstadt, die Arbeiterinnen nicht gehen würden, weil ihnen der Weg zu weit wäre, und hinüberziehend will auch keine. — Expertin Nr. 89 (über Befragen): Ich bin etwas über 1(2 Jahre in einem Großbetriebe. Es sind dort ungefähr 30 Personen. Weil das Geschäft sehr schlecht geht, so sind Mehrere entlassen worden. Wir sind zehnEinzieherinnen und drei Politirerinnen. Vorsitzender: Waren Sie vorher auch in derselben Branche? — Exp. Nr. 89: ^Nein, das ist der erste Betrieb, in den ich eingetreten bin. Bei den Einzieherinnen gibt es eine Lehrzeit von drei Wochen. Da bekommen die Lehrmädchen in der ersten Woche fl. 1, in der zweiten fl. 1'50, in der dritten fl. 2. In den folgenden Wochen bekommt sie so viel, als sie sich verdient. Vorsitzender: Wie wird der Lohn berechnet? — Exp. Nr. 89: 25kr.per 1000 Bürstenlöcher, was sich aber nur auf die Kleider-, Glanz-und Schmierbürsten bezieht. Für Kopfbürsten wird man per Dutzend entlohnt. Da gibt es verschiedene Größen. Für die siebenreihigen bekommt man 35 kr. per Dutzend; es gibt aber auch Bürsten mit 15 Reihen, für die man fl. 1 per Dutzend bekommt. Je größer die Bürste ist, desto mehr Arbeit hat man natürlich. Für achtreihige Bürsten bekommt man 45 kr., für neunreihige 55 kr., und dann geht es so weiter aufwärts. Vorsitzender: Ist das eine schwere Arbeit? — Exp. Nr. 89 : Ja. Vorsitzender: Da ist die Entlohnung eine schlechte? — Expertin 280 Nr. 89: Ja, ich könnte Fälle angeben, wo ich sehr fleißig gearbeitet habe, nicht nach rechts oder nach links geschaut und nur acht Bürsten, das Stück zu 5 kr., pro Tag gemacht habe. Es gibt auch Arbeiterinnen, die nur drei oder fünf Bürsten zu 5 kr. gemacht haben. Vorsitzender: In welcher Zeit? — Exp. Nr. 89: Den ganzen Tag, von 7 Uhr Früh bis 8 Uhr Abends. Vorsitzender: Und wie ist es, wenn Sie Bürsten machen, wofür Sie 25 kr. per 1000 Löcher bekommen? — Exp. Nr. 89: Das kommt aus die Qualität an. Es gibt Bürsten, die besser, und solche, die recht schlecht einzuziehen sind. Wenn die Kleiderbürsten feiner und schöner sein sollen, so müssen wir erst Fasern fangen. Die Borsten, die zu groß sind, müssen abgeschnitten, zusammengenommen und ausgebeutelt werden. Die kurzen Borsten werden zu Kopfbürsten verwendet. Sind schwarze und weiße Borsten mit einander vermengt, so muß man sie erst aussuchen. Das erfordert viel mehr Zeit als bei den gewöhnlichen Kleiderbürsten, bei welchen 3000 Löcher an einem Tage fertiggestellt werden können. Vorsitzender: Im besten Falle kann man da im Tag fl. 1, schlechteu- falls aber nur 75 kr. verdienen? — Exp. Nr. 89: Gewöhnlich nur 75 kr. Vorsitzender: Und bei Kopsbürsten verdienen Sie 40 kr.? — Exp. Nr. 89: Ja. Vorsitzender: Kommt es oft vor, daß Sie eine solche Arbeit haben? — Exp. Nr. 89: Jetzt war eine ganze Woche Lieferung von Kopsbürsten. Vorsitzender: Haben Sie nie einen höheren Lohn verlangt? — Exp. Nr. 89: Nein, das wäre ganz vergeblich gewesen. Der Herr sagt da einfach: „Ich sperre meine Bude zu; ich zahle sticht mehr." Vorsitzender: Bekommt er andere Arbeiterinnen leicht? — Expertin Nr. 89: Für den Moment zwar nicht — und er macht sich auch nichts daraus, jetzt, wo die Geschäfte so schlecht gehen, den Laden aus vier Wochen zu sperren — aber schließlich bekommt er doch Arbeiterinnen. Vorsitzender: Haben Sie eine Saison? — Exp. Nr. 89: Die Arbeit ist nicht gleichmäßig aus das ganze Jahr vertheilt. Zweimal im Jahre ist gute Zeit, zweimal schlechte. Im Sommer, wenn die meisten Leute aufs Land gehen, ist weniger zu thun. Das dauert bis zum Herbst, wo wieder viel zu thun ist. Von Weihnachten bis nach Neujahr ist wieder weniger Beschäftigung, dann beginnt wieder die Arbeit, so daß im Ganzen ungefähr gleichlang die gute und die schlechte Saison dauert. Wir spüren das insoferne, als in der schlechten Zeit uns der Herr mit Kleiderbürsten nicht hinreichend versorgen kann und wir daher hübsch viel Kopfbürsten zu machen haben. Vorsitzender: Eine Verkürzung der Arbeitszeit kommt nicht vor? — Exp. Nr. 89: Im Gegentheil. Wir Frauen haben elf Stunden gearbeitet. Erst seit Ostern — weil das Geschäft so schlecht geht — hat uns der Herr erlaubt, um 6 Uhr nach Hanse zu gehen, sonst müßten wir bis 7 Uhr arbeiten. Wir haben eigentlich eine elfstündige Arbeitszeit, die Männer gehen aber immer um 0 Uhr nach Hause. Diese längere Arbeitszeit der Frauen bedeutete eine Strafe, die vor zwei Jahren verhängt worden ist. Es war nämlich eine Postarbeit zu liefern, und die Arbeiterinnen hätten länger bleiben sollen als bis 6 Uhr. Die Zeit war aber zu verlockend und zu schön, und da sind sie davon, ohne daß es der Herr wußte. Am nächsten Tage aber hat der Herr gesagt: „Weil Ihr gestern davon seid, müßt Ihr jetzt immer bis 7 Uhr arbeiten," und das würde noch bis jetzt fortgedauert haben, wenn nicht das Geschäft so schlecht ginge. Vorsitzender: Sind das noch dieselben Arbeiterinnen, die damals gestraft worden sind ? — Erp. Nr. 89: Die meisten. Ich bin später eingetreten, habe aber mitleiden müssen. 281 Vorsitzender: Haben Sie immer genügend Material? — Expertin Nr. 89: Ja. ' Vorsitzender: Ist das nicht vielleicht damit begründet, daß er so viel mehr Männer angestellt hat, daß er das Material auch von den Hilfsarbeiterinnen aufgearbeitet sehen möchte? — Exp. Nr. 89: Nein. Vorsitzender: Gibt es auch andere Strafen? — Exp. Nr. 89: Es kommt nur sehr selten vor, daß Eine nach Hause geschickt wird, wenn sie zu spät kommt. So viel ich weiß, ist es nur zweimal vorgekommen, und zwar beide Male bei einer und derselben Arbeiterin. Vorsitzender: Sie sagten, bei den Kopfbürsten habe es einzelne Arbeiterinnen gegeben, die nur drei bis fünf Kopfbürsten gearbeitet haben. Die haben also nur 15 kr. verdient? — Exp. Nr. 89: Ja, aber da pflegte der Herr, wahrscheinlich aus lauter Humanität, eine kleine Zubesserung zu geben. Diejenigen nämlich, die weniger als ein halbes Dutzend, für das er 85 kr. zahlte, zu Stande gebracht haben, bekamen doch 17 kr. Dr. Btezina: Haben Sie nicht auch als Heimarbeiterin gearbeitet? — Exp. Nr. 89: Ja, einige Zeit. Dr. Blezina: Wie sind Sie da mit dem Lohn gestanden? Wie lange haben Sie arbeiten müssen, um zu einem bestimmten Lohn zu kommen ? — Exp. Nr. 89: Der Maximal-Wochenlohn der Heimarbeiterinnen betrug fl. 2'50. Da mußte ich von Früh halb 7 Uhr bis spät in die Nacht arbeiten. Wollte ich fl. 3 20 verdienen, so mußte ich bis II, 12 Uhr in der Nacht ausbleiben, je nachdem die Lieferung hat fertig werden müssen. Dr. Ofner: Wird die Kopfbürstenarbeit auch bei den Männern so schlecht bezahlt? — Exp. Nr. 89: Das glaube ich nicht; im Gegentheil, weil es eine feinere Arbeit ist. Exp. Grosch: Es ist möglich, daß in dieser Sorte Bürsten eine größere Concurrenz ist, daß er thatsächlich schlechter bezahlt bekommt. Der Herr exportirt diese Bürsten nach dem Orient. Nun sind diese Kopfbürsten ein Artikel, der insoferne leichter zu erzeugen ist, als er nicht so stark in's Geld reißt, so daß sich auch mittlere Unternehmer auf diese Lieferungen einlassen können, wodurch große Concurrenz platzgreist. Vorsitzender: Kennen Sie die Provinzverhältnisse? — Experte Groscb: Nur vom Hören. Die Concurrenz kommt, wie ich schon angeführt habe, unbedingt von den Provinzbetrieben, speciell in Böhmen und Mähren, her, wo die Erzeugung großartige Ausdehnung gefunden hat. Daß dies nur für die Kopsbürsten allein gilt, kann man nicht sagen. Dr. Ofner lzur Exp. Nr. 89): Wenn es verschiedene Arten von Arbeiten gibt, werden dieselben gleich oder ungleich zwischen Ihnen getheilt? — Exp. Nr. 89: Die Arbeit wird ganz gleich getheilt, nur bekommen natürlich die Schwächeren bei einer Postarbeit weniger zu thun. Dr. Ofner: Ich meine, bekommen Alle Kopfbürsten? — Expertin Nr. 89: Ja, ohne Ausnahme. Vorsitzender: Wie werden die Arbeiterinnen aufgenommen? — Exp. Nr. 89: Sie kommen anfragen. Ich habe die Stelle auch so bekommen. Vorsitzender: Ist eine Betriebsordnung im Local angeschlagen? — Exp. Nr. 89: Ja. Vorsitzender: Sind da Bestimmungen über die Kündigung enthalten ? — Exp. Nr. 89: Die Arbeiter können jeden Samstag, nicht aber in der Mitte der Woche die Arbeit verlassen. Ebenso kann der Herr den Arbeiter ohne weitere Kündigung am Samstag wegschicken. Bei Arbeiterinnen kommt es vor, daß er sie auch während der Woche weggibt. Jetzt sind einige fortgegangen. Da hat ihnen der Herr gezahlt, was sie sich verdient haben. 282 Vorsitzender: Haben Sie als Vorgesetzten einen Werkführer? — Exp. Nr. 89: Wir haben nur eine Werkführerin, die im Wochenlohn ist und auch die Arbeit unter uns vertheilt. Nur die Postarbeit vertheilt der Herr selbst. Vorsitzender: Was hat die Werksührerin zu thun? — Expertin Nr. 89: Sie hat die Aufsicht zu fuhren, Postarbeit, falls der Herr abwesend ist, zu vertheilen und die Lehrmädchen zu unterrichten. Dafür bekommt sie fl. 6; das ist der höchste Lohn, der bei uns existirt. Vorsitzender: Können Sie sich erinnern, was Sie durchschnittlich als Wochenlohn eingenommen haben? — Exp. Nr. 89: sl. 4. Es kommt auf die Zeit an. Dann gibt es auch Wochen, wo Feiertage sind. Aber der Turchschnittslohn dürfte sich auf fl. 4, 4'20, 4'30 belaufen. Man kann zwar noch mehr verdienen, da müßte man aber unmenschlich arbeiten. Das kann nicht Jede aushalten. Vorsitzender: Haben Sie oft über fl. 4 verdient? — Expertin Nr. 89: Gewöhnlich, wenn eine ganze Woche und bessere Arbeit war. Vorsitzender: Gehören Sie zu den besseren Arbeiterinnen? — Exp. Nr. 89: Ja. Vorsitzender: Wie ist die Behandlung seitens der Vorgesetzten? — Exp. Nr. 89: Gut und sie läßt nichts zu wünschen übrig. Vorsitzender: Mußten Sie Geschenke geben? — Expertin Nr. 89: Nein. Vorsitzender: Wie ist es mit dem Vocal? Sind Sie mit den Borstenvorarbeitern in demselben Local? — Exp. Nr. 89: Nein. Wir haben ein schönes Local, bestehend aus zwei Zimmern, Vorzimmer und Küche. Das ist der ganze erste Stock. Da sind zehn Arbeiterinnen. Die Politire- rinnen sind extra. Vorsitzender: Wird bei Ihrer Arbeit Staub erzeugt? — Expertin Nr. 89: Es werden die Bürsten mit Knochenmehl eingestaubt, damit sie recht schön weiß werden. Daher rührt der Staub. Vorsitzender: Wie ist es mit der Reinigung des Locals? — Exp. Nr. 89: Alle Wochen müssen wir das Local reinigen. Da machen wir Samstag schon um 5 Uhr, und wenn die Fenster geputzt werden, um bsö Uhr Feierabend. Wenn Feiertage kommen, muß die ganze Wohnung gereinigt werden. Vorsitzender: Wozu dient das Vorzimmer und die Küche? — Exp. Nr. 89: Früher war das Local die Wohnung des Herrn. Voriges Jahr waren 20 Arbeiterinnen, da waren beide Zimmer besetzt, jetzt arbeiten wir zehn in einen: Zimmer mit zwei Fenstern, welches für uns gerade genügt. Vorsitzender: Wird im Winter ordentlich geheizt?— Expertin Nr. 89: Ja. Im Sommer ist gute Luft; die Fenster gehen aus den Hof. (Ueber Befragen des Vorsitzenden.) Wir haben nur eine Mittagspause. Seit kürzester Zeit dürfen wir uns da nicht im Arbeitslocal aufhalten. Es wird zu Mittag gesperrt. Ich wohne zwar nicht nahe — eine halbe Stunde weit — aber ich verkürze den Weg auf eine Viertelstunde und gehe nach Haufe. Wohin die klebrigen gehen, die z. B. in Breitensee n. s. w. wohnen, weiß ich nicht. Während der Arbeit nehme ich auch etwas zu mir. Zu Hause nehme ich Wurst oder auch etwas Warmes, wie Suppe, Zuspeise, zu nur. Wenn es recht heiß ist, wird man von: schnellen Gehen ohnedies erhitzt, so daß ich mich nicht nach etwas Warmen: sehne. Nach Hause muß ich aber gehen, weil ich nirgends hinzugehen habe. Vorsitzender: Eine Greißlerei oder Anskocherei ist nicht in der Nähe? — Exp. Nr. 89: In eine Auskocherei gehe ich nicht. Vorsitzender: Müssen auch die Männer das Local verlassen? — Exp. Nr. 89: Ja. 283 Vorsitzender: Im Winter waren Sie noch im Local? — Expertin Nr. 89: Ja. Vorsitzender: Was zahlen Sie für Ihre Wohnung? — Expertin dir. 89: Ich habe ein Cabinet und zahle fl. 5'80. Vorsitzender: Wie ist Ihre Ernährung? — Exp. Nr. 89: In der Früh trinke ich Kaffee, zu Mittag esse ich Wurst und Gemüse und Nachmittags eine Semmel; Vormittags nichts. Abends hole ich mir aus dem Wirthshause etwas oder nehme wieder Wurst und etwas Bier. Vorsitzender: Was ist Ihr Mann? — Exp. Nr. 89: Bürstenmacher. Vorsitzender: In demselben Betriebe? — Exp. Nr. 89: Nein. Vorsitzender: Was verdient er? — Exp. Nr. 89: fl. 9. Vorsitzender: Gehören Sie einer Vereinigung an? — Expertin Nr. 89: Ich bin beim Fachverein. Vorsitzender: Hat der Fachverein noch nie versucht, die Löhne der Arbeiterinnen zu verbessern? — Exp. Nr. 89: Ich glaube, das ist sehr schwer, weil die Arbeiter für sich noch nicht genug herausgearbeitet haben. Dr. Ofner: Wir haben gehört, daß in den mittleren Betrieben besser gezahlt wird. Haben Sie davon Kenntniß? — Exp. Nr. 89: Ich habe gehört, daß sogar 30 kr. für 1000 gezahlt werden. Dr. Ofner: Aber Sie selbst haben keine Bekannten, von denen Sie es wissen? — Exp. Nr. 89: O ja, ich habe bekannte Arbeiterinnen, die früher in einem solchen Betriebe gearbeitet haben. Da ist bei uns jetzt eine, die früher dort als Aushelferin beschäftigt war und die wieder entlassen wurde, als weniger zu thun war. Ich glaube, daß unser Betrieb der einzige ist, in welchem die Kopfbürsten nach Dutzend gezahlt werden. In jedem anderen zahlt man für 1000 Löcher 25 kr., so daß sich die Arbeiterinnen viel besser stehen. Es ist gar nicht so lange her, daß die Kleiderbürsten nach 1000 gezahlt werden. Dr. Ofner: Sie sagen, daß die Kopfbürsten anderswo besser gezahlt werden als bei Ihnen? — Exp. Nr. 89 : Ja, ungefähr. Die Differenz dürfte 7 kr. sein. Ich habe ausgerechnet, daß bei uns Kopsbürsten gemacht werden, wo per 1000 gerechnet 18 kr. bezahlt würden. Vorsitzender: Sonntagsarbeit ist ja jetzt ausgeschlossen? — Exp. Nr. 89: Jetzt arbeiten wir auch an Feiertagen nicht. Vorsitzender: Wird der Lohn erhöht, wenn Sie an Feiertagen arbeiten müssen? — Exp. Nr. 89: Nein. Vorsitzender: Sind Sie bei der Krankenversicherung? — Expertin Nr. 89: Ja. Vorsitzender: Sind die Heimarbeiterinnen versichert? — Experte Grosch: Ein Theil ist versichert. Der Unternehmer zahlt die Hälfte, in den größeren Betrieben vielfach nicht. Der kleine Meister scheert sich nicht um eine Person. Darin dürfte auch der Grund liegen, daß die größeren Betriebe die Hilfsarbeiterinnen schlechter bezahlen. Der Gehilfe bekommt per 1000 35 bis 40 kr. Nun calculirt der kleine Meister, wenn ich der Arbeiterin um 10 kr. weniger zahle. Profitire ich noch immer. Der größere Unternehmer aber ist seit Jahren gewohnt, mit den Arbeiterinnen zu rechnen, und da sucht er eben den Lohn so weit herabzndrücken, als es nur geht. Schluß der Sitzung 9 Uhr 45 Minuten. 284 16 . Sitzung, Montag. 16 . März, Ntzends. forschender: Professor Dr. Warchet. Beginn 7 Uhr 20 Minuten. Vorsitzender: Wir schreiten zur Vernehmung von Unternehmern aus der Buchbinderei- und C a r t o n a g ew a a r e n- Branche. Vorher möchte ich bekanntgeben, daß von Seite des „Vereines der österreichisch-ungarischen Papierfabrikanten" eine Zuschrift eingelangt ist, in welcher darauf hingewiesen wird, daß die in der Enquöte gemachten Angaben in Betreff von Uebelständen bei der Hadernfortirnng, Cigarettenpapier- fabrikation und Papier-Confection sich nicht aus Papierfabriken beziehen. Nachdem in Wien überhaupt keine Papierfabrik besteht, so ist das wohl selbstverständlich; ich constatire dies jedoch über Wunsch ausdrücklich mit dem Bemerken, daß die Aussagen bei der Enquöte sich auf Betriebe von Hadernhändlern und von Fabriken der Cigarettenpapier-Confection bezogen haben. Experte Herr Hermann Scheibe: Mein Betrieb ist eine Buchbinderei, doch werden auch Eartonagen gemacht. Ich verwende eine Dampfmaschine und beschäftige 60 bis 70 weibliche und 70 bis 80 männliche Arbeiter, aber manchmal auch mehr Frauen als Männer; das hängt von der Saison ab. Eartonagen sind bei mir Nebenartikel, nnd habe ich die Leute, die ich früher als Cartonagearbeiter aufgenommen hatte, auch das Falzen und Heften lernen lassen, damit sie in der Buchbinderei verwendet werden können. Die Saison ist in der Buchbinderei hauptsächlich September bis December, und dann ist auch sonst stets gegen Ende des Monats mehr zu thun. Ferner ist noch in der Schulbücherzeit Saison, und zwar oft den ganzen September hindurch ; es kommt auch vor, wie im Jahre 1895, daß es schon vom Juli an immer flott geht: genau läßt sich das nicht sagen. Auch ist etwa vom 25. bis letzten des Monats viel zu thun, weil es viele Arbeiten gibt, die am Ersten erscheinen müssen, z. B. „Der Conductenr" oder periodische Schriften für Buchhändler. Arbeiterinnen sind in erster Linie beim Falzen und beim Heften sowohl mit der Hand als mit der Maschine beschäftigt. Ich habe sieben Heftmaschinen, bei welchen ausschließlich Frauen beschäftigt sind, ebenso beim Einkleben von Bildern in die Texte, z. B. bei Meyer's Lexikon. Die Männer pressen die Bücher ein, sie machen die schwerere Arbeit. Beim Einhängen von Broschüren sind auch Mädchen beschäftigt. Die Broschüren werden in großen Stößen gebracht, dann von den Mädchen auseinandergenommen und eingehängt. Bei der Maschine, die mit Dampf geht, hat das Mädchen mit dem Fuß die Bewegung zu leiten; es ist eine ganz mechanische Arbeit. Die Mädchen stehen im Accordlohn, z. B. für das Falzen von 1000 Bogen wird bei mir im Durchschnitt 28 kr. bezahlt; ich habe gehört, daß in manchen Betrieben 25 kr., in manchen 30 kr. bezahlt werden, bei mir wird für Kleinoctav und Großoctav derselbe Preis von 28 kr. gezahlt. Es gibt vielleicht Betriebe, wo für Kleinoctav und Großoctav verschiedene Preise gezahlt werden. Es ist auch gleich, ob das Buch gebunden oder broschirt ist, denn es wird von vornherein darauf gesehen, daß jede Broschüre wie ein Buch gefalzt werde. Für die verschiedenen Formate gibt es verschiedene Preise, z. B. Quartformat ist auf zwei Striche zu falzen, und für das Tausend werden 25 kr., wenn es größer ist, wie z. B. das Folioformat, 40 kr. gezahlt. Prämien für das Falzen einer bestimmten Bogenzahl bestehen bei mir nicht; ich hatte das früher, doch bin ich davon abgekommen. Eine geschickte Arbeiterin falzt bis 5000 Bogen pro Tag, das wären also fl. 1'40. Beim Heften kann die Arbeiterin unter Umständen auch mehr verdienen; das wird auch nach 285 Bogen gezahlt, und zwar ich glaube 18 oder 19 kr. mit der Heftmaschine per Tausend. Die Preissätze sind hier auch je uach dem Format von 18 bis 25 kr., ich weiß es nicht genau und hatte keine Ahnung, daß ich darüber besragt werde. Bei ausgeschnittenen Bogen kann die Arbeiterin, die ausschließlich bei der Heftmaschine ist, sl. 1'20 bis 1/50, bei un- aufgeschnitteneu Bogen aber kann sie bis sl. 2 verdienen. Bei den aufgeschnittenen Bogen, wie z. B. bei Meyer's Lexikon, wird die Arbeiterin eben aufgehalten, denn sie muß die Mitte suchen — bei den unauf- geschnittenen Bogen, wie z. B. bei Lehmann's Wohnnngsanzeiger, greift sie die Mitte viel rascher. Für jede Arbeit einen anderen Preis zu machen, geht aber nicht an, weil die Controle mehr kosten würde als dabei zu ersparen wäre, und deshalb ist ein gleicher Lohnsatz festgesetzt. Dieser Lohn ist bis 40 Bogen der gleiche; von 40 Bogen an ist er bei aufgeschnittenen Bogen höher, doch wird der Unterschied dadurch ausgeglichen, daß die Arbeit stets gleich vertheilt ist und daß Alle daran arbeiten. In der Regel schicke ich in der schlechten Zeit Niemand weg, außer er geht selbst; in der schlechten Saison wird die Arbeit gleich vertheilt. Vorsitzender: Wird nicht ausgesetzt? — Exp. Scheibe: Es kommt da allerdings vor, daß Mädchen manchmal einen halben oder einen Tag warten müssen, wenn keine Bestellungen da sind. Wenn das Mädchen nichts zu arbeiten hat, wird es da nicht bezahlt; ich entlasse aber auch keinen Wochenarbeiter in der schlechten Saison. «Ueber Befragen.) In der Regel wird zehn Stunden im Tag gearbeitet, von 7 Uhr Früh bis halb 7 Uhr Abends, davon gehen ab eine Stunde Mittagspause, eine Viertelstunde Frühstücks- und eine Viertelstunde Jausenpaufe. Die meisten Mädchen gehen Mittags zum Essen nach Hause, ein großer Theil bleibt aber im Hause: ich habe ein kleines Zimmer, wo sie essen können. Ueberstnnden gibt es nicht, in der starken Saison, zwischen September und December, lasse ich aber elf Stunden arbeiten. Die Accordarbeiterinnen verdienen dann mehr, und die Wochenarbeiter bekommen nach dein Maße ihrer Löhne per Lohn- gulden 2 kr. für diese Stunde mehr, z. B. wer fl. 15 wöchentlich hat, bekommt 30 kr. für die Stunde. Nach Hanse kann keine Arbeit genommen werden; früher war das bei mir der Fall, doch habe ich es eingestellt, weil man die Arbeit nicht überwachen kann, und dann könnten Bogen abhanden- kommen oder es könnten Flecke hineingemacht werden. Für Mängel oder Flecke in der Arbeit werden die Mädchen bestraft, je nachdem, ob es absichtlich oder unabsichtlich geschehen ist, was der Werkführer, der die Sache verstehen muß, zu entscheiden hat. Alan kann durch Unvorsichtigkeit z. B. beim Falzen gleich 20 bis 30 Bogen einreisten, und ein derartiger Schaden läßt sich nicht immer ausbessern. Die Abzüge find von 10 bis 20 kr., im schlimmsten Falle 30 kr. Vorsitzender: Per Tausend? — Exp. Scheibe: Nein, bei Beschädigung von 20 bis 30 Bogen. Auch bei sonstigen Arbeitsordnungswidrigkeiten wird gestraft, z. B. wegen Zuspätkommens. Wenn es geläutet hat, wird die Thür geschlossen. Wer zu spät kommt, muß durch das Comptoir- gehen. Dem Mädchen werden in diesem Falle 3 kr., dem Arbeiter 6 kr. abgezogen. Diese Strafgelder werden am Samstag abgezogen und in's Buch eingetragen, und bei Erkrankungen werden sie je nach den Umständen an Kranke verabfolgt. Meine Leute sind sämmtlich bei der Krankenversicherung eingetragen, aber bei längerer Krankheitsdaner kommt so ein Betrag sehr zu Gute. Ein kranker Arbeiter erhielt einmal fl. 50 bis 00 zu Weihnachten, ein andermal war wieder Niemand krank. Vorsitzender: Wie groß ist beiläufig die Summe, die in einem halben Jahre oder einem Jahre an Strafgeldern eingeht ? — Exp. Scheibe: Ich habe das Buch hier «überreicht dasselbe dem Vorsitzenden). Vorsitzender: Es heißt hier: für Blaumachen 50 kr. — Experte Scheibe: Das ist sehr nothwendig und steht auch in meiner Arbeitsordnung. Vorsitzender (verliest mehrere Fälle von Strafen aus dem Buche): Viele Betriebe haben die Strafen ausgegeben, weshalb haben Sie dieselben beibehalten? — Exp. Scheibe: Weil ich kein anderes Mittel zur Aufrechterhaltung der Ordnung kenne. Früher habe ich erst gestraft, wenn Jemand um fünf Minuten zu spät kam, und da war oft beim Läuten kein Mensch in der Werkstatt; deshalb mußte ich so streng vorgehen und halte daran fest. Vorsitzender: Es scheint aber, daß hier die Arbeiterin am empfindlichsten getroffen wird, und es kann doch auch sein, daß ein Mädchen unverschuldet zu spät kommt und dann ungerechterweise bestraft wird? — Exp. Scheibe: Wenn Jemand zu spät kommt und sich entschuldigt, oder wenn z. B. schlechtes Wetter, Schneegestöber ist, so wird nicht gestraft. Die Nachsicht der Strafe steht in Händen eines Comptoirbeamten und kommt auch thatsächlich sehr oft vor; auch bin ich Früh selbst da, und wo ich sehe, daß eine Strafe unberechtigt ist, wird nicht gestraft. Z. B. Heuer im Jänner wurden fast alle Strafen wegen Zuspätkommens nachgesehen, wegen des schlechten Wetters. Vorsitzender (nach Einsicht in das Buch): Hier ist zuerst das Jahr 1889. Da haben die Strafgelder sl. 194 ausgemacht, die sich aus Posten zu 20 kr. zusammensetzen; das Mittel scheint also nicht sehr wirksam zu sein! Pros. v. Philippovich: Wird das Falzen und Heften auch noch von Männern verrichtet? — Exp. Scheibe: Höchstens vereinzelt, von alten Leuten. Ich selbst habe seinerzeit in Leipzig auch gefalzt; früher war es üblich, doch jetzt ist es ausschließlich Mädchenarbeit; man hat sogar sehr häufig Falzmaschinen. Pros. v. Philippovich: Haben die Männer besseren Lohn beim Falzen als die Frauen? — Exp. Scheibe: Ob der Lohn bei den Männern besser war, könnte ich nicht sagen; ich habe nie Männer zum Falzen gehabt. Pros. v. Philippovich: Sind die Arbeiterinnen, welche 5000 Bogen falzen, zahlreich? — Exp. Scheibe: Das sind die geschicktesten, denn da kommen 500 Bogen auf eine Stunde. Es gibt auch Mädchen, die nur 3000 Bogen im Tage falzen. Pros. v. Philippovich: Wie lange dauert es, bis ein Mädchen diese Uebung gewinnt? — Exp. Scheibe: Das ist individuell. Ich habe Mädchen, die schon nach 14 Tagen 3000 Bogen falzen, und andere, die nach einem Jahre noch nicht so weit kommen; 5000 ist schon eine ganz besondere Leistung, 4000 Bogen ist die normale Leistung, das falzt jede Arbeiterin, die Lust und Liebe zur Arbeit hat. Lehrmädchen habe ich eigentlich gar keine, aber Anfängerinnen; diese melden sich einfach und kommen für 14 Tage zu einer Falzerin, welche auch die Arbeit der Anfängerin bezahlt bekommt, als Entgelt für das Unterweisen. Die Anfängerin selbst tritt erst nach diesen 14 Tagen in den Lohn ein. Vorsitzender: Hat die Falzerin zu ersetzen, wenn die Anfängerin etwas verdirbt?— Exp. Scheibe: Das kommt nicht vor, weil die Falzerin sehr aufmerksam ist, und man gibt nur einer zuteil Falzerin ein Lehrmädchen. Nach 14 Tagen verdienen sich die Mädchen in den ersten Wochen etwa fl. 1'20 bis fl. 1'50, das dauert aber nicht lange, sie kommen bald in Uebung. Vorsitzender: Ist es bei Ihnen üblich, daß der Wochenlohn dann allmälig um 10 kr. etwa erhöht wird? — Exp. Scheibe: Nein, sie werden nur nach Stück gezahlt. Vorsitzender: Wird die Geschicklichkeit mit dem Alter wieder geringer? — Exp. Scheibe: Diese Erfahrung habe ich nicht gemacht. 287 Ich habe eine Arbeiterin, die 61 Jahre alt ist; ich habe sie von meinem Vorgänger, dem ich die Cartonage-Abtheilnng abgetanst habe, übernommen, sie ist bereits seit dem Jahre 1850 in dieser Arbeit. Sonst habe ich keine Arbeiterin, die über 40 Jahre alt wäre, höchstens eine dürfte da sein; eine ältere nimmt man natürlich nicht gern neu auf, doch ich habe etwa zehn Mädchen, die schon 12 bis 15 Jahre bei mir sind. Es ist selten vorgekommen, daß ich ältere Arbeiterinnen, weil sie später weniger geschickt geworden sind, entlassen mußte. Vorsitzender: Gibt es eine Entlassung, wenn in der schlechten Zeit ein Mädchen nicht im Geschäfte wartet, sondern fortgeht? — Experte Scheibe: Nein, die meisten ziehen es vor, dazubleiben, und alle kann man nicht fortlassen, weil oft pressante Arbeiten kommen; es kommt nicht vor, daß alle fortgehen. Die Verheirateten, welche vor allen Anderen das Bedürfniß haben, fortzugehen, werden berücksichtigt, und die sind auch größten- theils im Wochenlohne; das sind in der Mehrzahl die sogenannten Fertig- macherinnen, denen das Einhängen und Einkleben obliegt. Vorsitzender: Wovon hängt es ab, ob Eine im Stücklohn oder im Wochenlohn arbeitet? — Exp. Scheibe: Das ist je nach Bedarf; oft kommt ein Mädchen sofort in Wochenlohn. Vorsitzender: Wie stark ist die Zahl derer im Wochenlohn und derer im Stücklohn? — Exp. Scheibe: Das habe ich schriftlich mitgetheilt. Wittelshöfer: In dem Schreiben steht: 30 männliche und 15 weibliche Arbeiter stehen im Wochenlohn; die übrigen sind im Stücklohn. Vorsitzender: Wie groß ist der Wochenlohn? — Exp. Scheibe: Er schwankt zwischen fl. 4 und fl. 8. Das Verhältniß derer, welche etwa fl. 4 oder fl. 8 haben, ist verschieden. Wenn ich ein Mädchen im Wochenlohn aufnehme, so bekommt sie erst fl. 2, dann fl. 2'50, 3, 3'50, und steigt erst, wenn sie eingearbeitet ist. Pros. v. P h ilip p o v i ch: fl. 8 bekommen also nur die Geschicktesten? — Exp. Scheibe: Die verdienen auch mehr, z. B. die Goldauftragerinnen, die gehen unter fl. 10 bis 12 nie nach Hause, dies sind besonders geschickte Arbeiterinnen und werden, wenn kein Gold aufzutragen ist, auch zum Falzen und Heften verwendet und machen Accordarbeit. Von den 15 im Wochenlohn stehenden Mädchen sind drei, welche fl. 4 und fünf, welche fl. 8 verdienen, also ein Drittel. Wittelshöfer: Sie sagten, in der todten Saison müssen die Mädchen, also auch die Hefterinnen, auch falzen. Hängt das nicht zusammen, so daß, wenn nichts zu heften ist, auch nichts zu falzen ist? — Exp. Scheibe: Nein, das ist nicht immer der Fall, denn es dauert, wie z. B. bei Lehmann's Wohnungsanzeiger, der 81 Bogen hat, lange, bis ein Buch ausgesalzt ist; das Heften geht aber sehr rasch bei der Maschine. (Ueber Befragen.) Die Maschine wird mit dem Fuß in Bewegung gesetzt. Das ist eine monotone Bewegung, die, wie ich glaube, in allen Betrieben in Wien und auch bei mir von Mädchen gemacht wird. Pros. v. Philippovich: Es wurde uns ein Hofbuchbinder genannt, bei dem auch Männer heften. — Exp. Scheibe: Den kann man nicht zu uns rechnen, der macht nur Kundenarbeit; dort wird allerdings auch noch von Männern geheftet, doch kommt es sonst selten vor. Die Männer sind im Wochenlohn. Wittelshöfer: Kommt bei der Buchbinderei auch das Bronziren vor? — Exp. Scheibe: Ja, das machen Mädchen oder Hausknechte. Wittelshöfer: Ist Ihnen bekannt, daß das Bronziren vom Gewerbe-Jnspector für Mädchen als unstatthaft und gesundheitsschädlich bezeichnet wurde? — Exp. Scheibe: Ich halte es nicht für gesundheitsschädlich. (Ueber Befragen.) Bei mir sind keine Mädchen unter 14 Jahren, und ich glaube auch nicht, daß dies anderswo vorkommt. Ich habe eine Einzige, die unter 16 Jahren ist. Ich kenne kein Geschäft, wo jüngere Mädchen sind, höchstens daß die eigene Tochter eines kleinen Meisters zur Arbeit angehalten wird; da werden vielleicht schon achtjährige Mädchen verwendet; denn das Falzen können auch schon Kinder besorgen. Die Wochenlohn- und Stück- lohnarbeiter machen ganz verschiedene Arbeiten; ein Arbeiter, der im Wochenlohn ist, macht keine Stückarbeit. Ich nehme die Wochenarbeiter meistens im Wochenlohn aus, doch kommt es vor, daß auch ein Uebergang vom Accord zum Wochenlohn stattfindet. Wochenarbeiter werden aber nie zum Falzen verwendet. Wittelshöser: Kommt es vor, daß das Heften von Theken von Frauen besorgt wird? — Exp. Scheibe: Das kommt bei mir nicht vor; vielleicht einmal in zehn Jahren. Was die Strafen betrifft, so wird das Essen im Locale nur bestraft, wenn es während der Arbeitszeit geschieht; es kann ja nicht gestattet werden, während der Arbeit zu essen; es wird Ihnen wohl auch nicht angenehm sein, wenn sie ein Stück Brot oder Speckschwarten in einem Buche finden. Wittelshöser: Beträgt die Strafe jemals mehr als der entstandene Schade? — Exp. Scheibe: Gott bewahre! Dr. Berkauf: Sie sagten, die Strafe ist 20 kr., wenn also 20 Bogen beschädigt werden, so kommt aus den Bogen 1 kr. ? — Exp. Scheibe: Das kann man nicht so nehmen, sie kann ja auch 100 Bogen zerreißen. Dr. Verkauf: Haben Sie bestimmte Grundsätze, nach welchen Sie strafen? Also z. B. für eine Beschädigung bis zu einer bestimmten Bogenzahl 10 kr., darüber hinaus 20 kr.; und hat der Werkführer bestimmte Weisungen, und worin bestehen sie? — Exp. Scheibe: Für eine bestimmte Bogenzahl bestehen keine Strafsätze. Dr. Verkauf: Sie fagen. daß die Strafe nicht höher ist als der Schade. Sie werden doch zugeben, daß das Mädchen auch einen Bogen zerreiben kann. — Exp. Scheibe: Dafür wird sie gar nicht bestraft. Der Werkführer muß das beurtheilen, ob ein Schade fo gering ist, daß die Strafe entfällt. Prof. v. Philipp ovich: Ich möchte constatiren, daß hier wiederholt in Ihrem Buche schlechte oder schlampige Arbeit mit 40 oder 50 kr. bestraft erscheint. — Exp. Scheibe: Das kommt nur bei Männern und nicht bei Mädchen vor. Das Zerreißen eines Werkes wird höher bestraft, weil das Buch wieder aus den Decken herausgerissen werden und die ganze Arbeit wiederholt werden muß, und es wird gestraft, damit die Arbeit dann gut gemacht werde. Dr. Verkauf: Ich bitte uns zu fagen, ob die Arbeiter Einfluß auf die Vertheilnng der Strafgelder an die Kranken nehmen? — Exp. Scheibe: Es geschieht theils ohne, theils im Einvernehmen mit den Arbeitern. (Ueber Befragen.) Ein Bericht über Einnahmen und Ausgaben ist nicht vertheilt worden; es wird wohl oft, aber nicht regelmäßig von den Arbeitern Einblick in das Buch verlangt. Das war das letzte Mal vor Weihnachten der Fall, und zwar stellte ein Arbeiter das Verlangen. (Ueber Befragen.) Ich weiß nicht, ob dies ein Vertrauensmann der Arbeiter ist, ich kenne die Vertrauensmänner nicht. Experte Herr Veith: Herr Scheibe sagte, daß er auch seinerzeit gefalzt hat; aber was hat er für das Tausend bekommen? Als ich Anfangs der Siehziger-Jahre nach Wien kam, habe ich auch gefalzt und damals 70 kr. per tausend Bogen bekommen; daraus ist zu ersehen, daß die Tendenz des Lohnes eine sinkende ist. Herr Scheibe sagte auch, daß bei der Cartonage- Erzeugung keine Verletzungen vorkommen. Exp. Scheibe: Ich bin darüber nicht gefragt worden und möchte bitten, daß Herr Veith bei der Sache bleibt; er ist auch Arbeitgeber wie ich, und ich bin nicht verpflichtet, ihm zu antworten. Er war früher Arbeiterführer, und als er nirgends Arbeit bekommen hat, hat er sich etablirt. Exp. Veith: Ich möchte nur die Mittheilungen des Herrn Scheibe, 289 die einen unrichtigen Eindruck macheu müssen, richtigstellen. Ich war nicht Arbeiterführer, sondern Obmann des Gehilfenausschusses und in vielen Corporationen, die seinerzeit die Gewerbeordnung gebracht hat, thätig. Als solcher hatte ich in einer Sitzung ein Schriftstück zu unterzeichnen, in welchem auch Herr Scheibe der Behörde angezeigt wurde. Dem habe ich damals die Schuld beigemessen, daß Herr Scheibe mich nicht in Arbeit genommen hat. Damals sind vom 27. Februar bis zum 8. August 1690 bei einer Maschine neun Verletzungen vorgekommen; ich mußte damals auf Beschluß des Gehilsenausschusses die Eingabe machen, und dem kann sich ein Vertreter der Arbeiter doch nicht entziehen. Ich erwähne dabei, daß auf diese Eingabe weder vom Gewerbe-Jnspectorat noch von der Behörde eine Antwort gekommen ist. Dr. Verkauf: Herr Veith, ich bitte uns zu sagen, wie viel kann ein Mädchen nach Ihrer Erfahrung im Tage falzen? — Exp. Veith: Mir ist eine der tüchtigsten Arbeiterinnen vorgekommen, welche 4000 Bogen im Tage gefalzt hat. Am Morgen falzt sie 1000 Bogen in zwei Stunden, aber Nachmittags von 1 bis 0 Uhr falzt sie keine 2000 Bogen mehr. Ich halte 5000 Bogen nicht für möglich. Ich falze nicht einmal 2000 Bogen, ich bin zu müde, und dazu muß man sehr kräftig sein. Vorsitzender: Wenn Kraft eine besondere Voraussetzung für diese Arbeit ist, warum verwendet man nicht Männer dazu? — Exp. Veith: Weil der Lohn eine sinkende Tendenz hat und die Männer mit einem derartigen Lohne ihr Auskommen nicht finden können. Aber anstrengend ist die Arbeit gewiß; stellen Sie sich vor, wenn man 12.000 Striche mit dem Arme im Tag machen muß. Herr Scheibe zahlt 28 kr., aber es gibt Unternehmer, welche 16 oder 18 kr. zahlen. Ich habe damals, als die Expertinnen aussagten, daß die Arbeiterinnen, wenn nichts zu thun ist, nicht fortgehen dürfen und in der Werkstätte warten müssen, bis Arbeit kommt, bemerkt, daß dies unrichtig ist. Ich bin 20 Jahre in Wien, und es ist mir noch nicht vorgekommen. In allen Werkstätten, wo nichts zu thun ist, dürfen die Arbeiter fortgehen. Jetzt sehe ich aber ein, warum mit Herrn Scheibe überhaupt Niemand concurriren kann; es ist dies meines Erachtens die einzige Werkstätte, wo dies vorkommt. Pros. v. Ph i l ip p o v i ch: Gibt es noch andere Strafen außer Geldstrafen; z. B. strafweises Aussetzen der Arbeit oder länger Dableiben? — Exp. Scheibe: Daß Arbeiterinnen länger im Locale gehalten wurden, ist einmal vorgekommen unter dem früheren Herrn, wo das Zuspätkommen zu sehr eingelassen ist; das war aber bei zehnstündiger und nicht bei elfstündiger Arbeitszeit. Bei mir ist ja Accordarbeit, und dann kann man es nicht Nachsitzen nennen, dafür wird ja entlohnt. Handelskammerrath Franke (meldet sich zum Wort und bemerkt): Herr Veith erwähnte, daß ihm per 1000 Bogen 70 kr. gezahlt wurden, und wollte damit begründen, daß der Arbeitslohn gesunken ist. Ich selbst habe in den Fünfziger-Jahren als Buchbinder in Leipzig gearbeitet und für das Falzen von 1000 Bogen 30 und 25 Pfennige bekommen. Seinerzeit war die Buchbinderei in Wien noch sehr zurück, und als Wien dann später mit Leipzig concurriren mußte, sind die Löhne in Wien den Leipziger Löhnen angepaßt worden. Gewiß ist, daß früher die Löhne unverhältnismäßig höher waren. Exp. Scheibe: Als ich 1864 nach Wien in die Fabrik S. gekommen bin, wurden den Mädchen 25 kr. für das Falzen von 1000 Bogen von großen Bibeln gezahlt; es wurde auch im Accord gearbeitet. Für schlechte Arbeit wurde nur 20 oder 22 kr. gezahlt. Damals wurde überhaupt bei wenig Buchbindern im Accord gearbeitet; nur die Bibelarbeit, die eine Massenarbeit war, wurde im Accordlohn gezahlt. Ich selbst war einer der ersten Accordarbeiter, anfangs war ich im Wochenlohn und bin dann avancirt. Männer haben nie gefalzt. Frcmen-Enquöte. 19 290 Exp. Ziegler: Was die Strafen Herrn Scheibe's betrifft, so ist das Nachsitzen thatsächlich vorgekommen. Das betreffende Mädchen ist zu spät gekommen und mußte eine Halbe Stunde länger dort bleiben. Ich möchte noch hinzufügen, daß in allen Buchbindereien die Bogen nach dem Zusammentragen noch collationirt werden. Denn es kann sehr leicht vorkommen, daß ein Bogen doppelt genommen oder auch ausgelassen wird. Wenn nun solche Fehler vorkommen und sie werden zufällig entdeckt, so kriegen diese Mädchen einen Abzug von 20 bis 50 kr., respective wird auch noch die Hefterin bestraft, wenn sie beim Heften etwas übersehen hat oder wenn sie mehr zusammengeheftet hat als sie soll. Sie kann aber die Bogen doch nicht wieder nachzählen. Es kommt auch vor, daß solche Fehler erst beim Nachsehen oder beim Abpressen entdeckt werden, und die werden dann den Mädchen zur Last gelegt. Exp. Scheibe: Ich muß da unterbrechen. Es ist nicht einmal vorgekommen, daß eine Hefterin deshalb gestraft worden wäre; das ist ein Blödsinn. Denn es ist gar nicht denkbar, daß sie oie Schuld trägt. Exp. Ziegler: Jenes Mädchen, das die Bogen zusammenträgt, kann nichts dafür, wenn es einen Bogen doppelt erwischt oder einen solchen ausläßt. Die Zahl der Bogen wird beim Collationiren constatirt, und das geschieht in jeder Buchbinderei, und kommt ein Fehler vor, so wird das Mädchen gestraft. Vorsitzender: Herr Experte Scheibe, können Sie uns darüber aufklären? — Exp. Scheibe: Das kommt sehr selten vor. Ich kann mich durch lange Zeit nicht erinnern, daß ein Mädchen deshalb bestraft worden wäre. Vorsitzender: Sie sagten, daß der Werkführer die Strafen verhängt, Sie müssen sich also auf den Werkführer verlassen ? — Exp. Scheibe: Wenn ein Mädchen glaubt, daß ihm Unrecht geschieht, so kommt es zu mir, und ich sehe die Strafe eventuell nach; sie lassen sich nicht unverdient strafen. Vorsitzender: Der Werkführer hat also eine große Macht? — Exp. Scheibe: Die muß er haben. Vorsitzender: Glauben Sie nicht, daß die Mädchen aus Furcht vor dem Werksührer es unterlassen, sich zu beschweren? — Exp. Scheibe: Ich glaube das nicht. Vorsitzender: Wer beschließt Entlassungen? — Exp. Scheib e: Die Entlassung wird aus Antrag des Werksührers ausgesprochen. Dr. Rauchberg: Wie viele Tage in der Woche während der flauen Zeit sind die Arbeiterinnen nicht beschäftigt? — Exp. Scheibe: Das ist sehr verschieden. Es kann einen halben oder auch zwei bis drei Tage in der Woche dauern; aber in der letzten Woche des Monats ist stets vollauf zu thun. Dr. Rauchberg: Könnten Sie in Wochen veranschlagen, welche Zeit im Jahre die Arbeiterinnen nichts verdienen? Das wäre für die Beurtheilung des Jahresverdienstes sehr werthvoll. — Exp. Scheibe: Das ist sehr verschieden und jedes Jahr anders. Dr. Osner: Sagen Sie uns gefälligst, wie hoch stellt sich der Wochenverdienst der Accordarbeiterinnen? — Exp. Scheibe: Aus dem Kopfe kann ich das nicht genau sagen, ich war auf diese Frage nicht vorbereitet, sonst hätte ich das Lohnbuch mitgebracht; doch bin ich bereit, dies schriftlich mitzutheilen. Dr. Osner: Bei der Buchbinderei haben die Mädchen auch zu kleben; geschieht das Naßmachen mit dem Munde oder sonstwie ? — Experte Scheibe: Ich habe große Bretter, die mit einem tuchartigen Stoff überzogen sind; das wird angefeuchtet und zum Befeuchten des Klebestoffes verwendet. Das Befeuchten mit dem Munde kommt nur im Cartonagenfach vor. Dr. Schwiedland: Hat die Entwicklung der Technik zur Ver- 291 drängung der Männerarbeit durch die Frauen beigetragen? — Experte Scheibe: Ja, es gab früher weniger gebundene Bücher auf dem Markte. Der Buchhändler hat früher das rohe Buch verkauft. Im großen Ganzen scheint, daß mit dem Zunehmen des Absatzes auch die Frauenarbeit zugenommen hat. Tr. Schwiedland: War die Ursache nicht auch, daß Frauen wohlfeiler zu haben sind? — Exp. Scheibe: Das nicht, aber flinker sind sie, besonders in Arbeiten, die keine so große Anstrengung erfordern, daß unbedingt Männer verwendet werden müssen. Ich kenne übrigens einen Buchbinder, welcher zwei alte Arbeiter hat, die mehr salzen als manches Mädchen. Dr. Ofner: Die Mädchen verdrängen also doch die Männer durch Unterbieten? — Exp. Scheibe: Ich werde mir erlauben, einen speciellen Fall zu erzählen. Ich hatte in meiner Cartonage-Abtheilung vier Stanzenpressen, mit welchen die Pappendeckel für die Cartons ausgestanzt werden. Der Gewcrbe-Jnspector kam zu mir und sagte, ich möge diese Arbeit bei der Presse von Männern machen lassen. Das Mädchen muß nämlich mit dem Fuß aus ein Brett treten, die Maschine gibt einen Ruck, der Fuß wird weggezogen und der geschnittene Pappendeckel herausgenommen. Der Gewerbe- Jnspector sagte, das sei Frauen nicht zuträglich. Daraufhin ließ ich Männer verwenden, aber die haben statt zu arbeiten geplauscht, einer hat sich die Finger weggestanzt, und dann habe ich wieder Mädchen dazu genommen. Die Maschine erfordert große Aufmerksamkeit. Ein Mädchen, das gar nichts bei der Maschine zu thun hatte, wollte in der Frühstückspause die Maschine versuchen — sie konnte nicht abgestellt werden, weil die Accumulatoren geladen waren — es geht hin, legt den Deckel hinein und die Hand darüber, und im Nu waren drei Finger weg. Das Mädchen war 15 Jahre alt und ist an den Folgen gestorben. Vorsitzender: Sie sagen also, daß die Männer mehr schwätzen und unachtsamer sind als die Frauen? — Exp. Scheibe: Ich habe diese Erfahrung gemacht und auch dem Gewerbe-Jnspector mitgetheilt. Er ist ganz einverstanden, daß ich zu dieser Arbeit Männer nicht mehr verwende. Dr. Schwiedland: Nach der Statistik der Krankencasse würde sich ergeben, daß die größte Zahl der Arbeiterinnen in einem Alter zwischen 15 und 30 Jahren steht und daß ihre Zahl nach dem Alter von 30 Jahren rapid abnimmt. Woher kommt das? — Exp. Scheibe: Weil sie gewöhnlich heiraten. Mittels höfer: Wie steht es mit der Aufnahme von Arbeiterinnen? — Exp. Scheibe: Ich habe nie nöthig, an die Genossenschaft zu schreiben. Zu mir kommen täglich viele Leute, die anfragen und sich um Arbeit melden. (Ueber Befragen.) In der Genossenschaft haben wir eine Arbeitsvermittlung, aber mit den Arbeitskräften aus der Genossenschaft ist es nicht weit her. Viele schreiben auch von draußen, bessere Arbeiter bekomme ich gewissermaßen recommandirt. W i t t e l s h ö f e r: Sie sagten, eine Arbeiterin kann 5000 Bogen im Tage falzen, Herr Veith sagte, sie könne höchstens 4000 Bogen falzen. Ich zweifle nicht, daß Sie nach Ihrer Erfahrung das Richtige gesagt haben. Wären Sie geneigt, uns vielleicht die Daten über die Falzerinnen zu liefern, damit wir im Stande find, daraus das Richtige zu eonstatiren? — Exp. Scheibe: Gewiß, ich habe ja übrigens gesagt, daß 5000 Bogen eine seltene Leistung sind; 4000 Bogen sind schon eine gute Leistung. Witte lshöfer: Kommt also das Nachsitzen bei Ihnen vor? — Exp. Scheibe: Das mag höchstens einmal im Jahre vorgekommen sein, denn ohne mein Wissen kann es nicht geschehen, weil zehn Minuten nach dem Läuten das Licht ausgelöscht wird. Und wenn es einmal im Jahre vorkommt, so ist es kein Verbrechen vom Werkführer. 19 * 292 Vorsitzender: Besteht bei Ihnen eine Kündigung?— Experte Scheibe: Ja wohl, und zwar eine vierzehntägige; sie wird gegenseitig eingehalten. Vorsitzender: Sind Geschenke an Werksührer üblich? — Experte Scheibe: Ich glaube nicht, daß Geschenke von den Arbeitern gegeben werden, und wenn es vorkäme, würde ich es gewiß nicht gestatten. Ein Arbeiter hat einmal in der Furcht, entlassen zu werden, an den Werkführer einen Brief geschrieben und fl. 10 hineingelegt. Der Werksührer ist damit zu mir gekommen, hat den Brief mit den fl. 10 wieder versiegelt und zurückgeschickt. Wittelshöfer: Wenn nun eine Arbeiterin bei Ihnen eingestellt ist und auch keine Arbeit hat, muß sie dann doch noch 14 Tage ohne Arbeit warten? — Exp. Scheibe: Wenn sie anderswo Arbeit bekommt, so werde ich sie entlassen. Davon steht nichts in der Arbeitsordnung. Vorsitzender: Was nehmen die Arbeiterinnen in der Pause zu sich? — Exp. Scheibe: Ich sehe, daß sie ein Butterbrot oder eine Semmel, ein Stückchen Wurst, das sie sich vom Hanse mitbringen, essen. Holen lassen dürfen sie nichts, das steht in der Arbeitsordnung. Viele bringen sich eine Flasche Milch oder ein Glas Bier oder Kaffee in der Flasche mit und Wärmen es sich dort. Vorsitzender: Wie sind die Arbeitsräume beschaffen? — Experte Scheibe: Ich habe drei große Säle von circa 5«> Meter Länge und 2', Nieter Breite. Das ganze Fabrikslocal steht im Garten, und von allen Seiten ist Licht und Luft genug; es sind auch Ventilatoren angebracht. In -einem Raume sind 50 bis 70 Personen, und die Ventilatoren sind bei den Fenstern angebracht. Für jeden Saal sind zwei englische Aborte für männliche und davon getrennt zwei für weibliche Personen. Jede Woche kommen die Waschfrauen, um Tische und Bänke zu reinigen. Der Fußboden wird nur gekehrt und einmal im Jahre ausgewaschen. Es wird täglich gekehrt, und für die Papierschnitzel geht von jedem Stockwerke ein Schlauch herunter. Während der Mittagspause wird die Werkstätte geschlossen und die Maschinen werden abgestellt. Vorsitzender: Wie groß ist der Raum, wo gegessen wird, den sie vorhin erwähnten? — Exp. Scheibe: Für die wenigen — vielleicht 20 — Mädchen, die da essen, ist er groß genug. Die Meisten gehen nach Hanse, es ist Zeit genug. Eine Stunde Mittagspause genügt vollkommen; ich hatte früher anderthalb Stunden Pause, wurde aber ersucht, die Pause auf eine Stunde festzusetzen. Der Raum war früher größer, ich mußte aber die Hälfte für eine Accumulatorenkammer verwenden. In allen Localen ist Dampfheizung. In der Mitte eines jeden Saales steht für etwa 40 bis 50 Arbeiterinnen eine Waschvorrichtung mit Hochquellenwasser und zwei Lavoirs zum Kippen. Seife gebe ich nicht, stelle aber Handtücher bei, und zwar, wie ich glaube, vier bis fünf zu jedem Lavoir; zweimal wöchentlich wird gewechselt. Dr. Verkauf: Lassen Sie denn, wenn ein Mädchen nachsitzen muß, für eine Person die ganze Beleuchtung und den ganzen Apparat funcäoniren? — Exp. Scheibe: Nein; es kommt aber vor, daß mehrere dableiben und eine Accordarbeit fertigmachen. Es kommt auch vor, daß die Leute dutzendweise zu spät kommen, und so kommt es vor, daß an einem Tage sehr viele Strafen verhängt werden. Vorsitzender: Sind Ihnen aus Ihrem Betriebe gewisse Krankheiten oder ungünstige Einflüsse auf die Gesundheit der Arbeiterschaft bekannt? Und haben Sie Schutzvorrichtungen? — Exp. Scheibe: Ungünstige Einflüsse sind mir nicht bekannt. Schutzvorrichtungen sind überall angebracht, soweit es eben möglich ist. Gegen Ungeschicklichkeit gibt es keinen Schutz. Vorsitzender: Ist Ihnen nicht bekannt, daß Arbeiter, welche diesem Betriebe angehören, einer bestimmten Art von Krankheiten, z. B. insbesondere Lungenleiden, ausgesetzt sind? — Exp. Scheibe: Davon ist mir nichts bekannt. «Ueber Befragen.) Früher waren meine Arbeiter in der Fachorganisation, aber ich glaube, schon seit September und October sind sie nicht mehr dabei, höchstens einige wenige. Vorsitzender: Wieso kommt es, daß die Arbeiter seit damals nicht mehr beim Fachverein sind? — Exp. Scheibe: Die Sache war so. Einige Tage vor dem 1. Mai 1895 wurde ich ersucht, sämmtlichen Arbeitern und Mädchen den 1. Mai freizugeben. Ich sagte: „Wenn es geht, mit Vergnügen, wenn es nicht geht, dann müssen die nothwendigsten Arbeiten gemacht werden." Die Leute hätten gearbeitet, sie wurden aber nicht hereingelassen, das Haus war früh umzingelt von fremden Leuten, und ich wurde auch von der Polizei gefragt, ob ich Succurs brauche und ob ich arbeiten lassen werde. Ich sagte nein, wenn gearbeitet wird, kommen die Leute. Aber das Haus war umzingelt von fremden Arbeitern, nicht nur von Buchbindern, nein, auch von Eisenarbeitern und anderen, und Niemand wurde hereingelassen. In Folge dessen entließ ich vier bis fünf Rädelsführer, weil sie die Anderen aufgehetzt hatten. Die Leute wurden in Versammlungen einberufen und veranlaßt zu sinken, was aber nicht gelungen ist. Die Arbeiter sagten: „Wir verlassen nicht einen guten Platz, um dann einen schlechten zu bekommen." Einige bessere Arbeiter wurden verhöhnt, und auch ich bin durch die Zeitung sehr angegriffen worden. Ich hatte auch einen Ehrenbeleidigungsproceß. Der größte Theil der Leute ist dann aus dem Fachverein ausgetreten ohne mein Zuthun. Vorsitzender: Glauben Sie, daß die Leute aus Furcht, die Stelle zu verlieren, aus dem Vereine ausgetreten sind? — Exp. Scheibe: Ich glaube wegen der vielen Zahlungen, die sie zu leisten haben. Vorsitzender: Die haben sie bis zum 1. Mai 1895 ja auch geleistet. — Exp. Scheibe: Nicht Alle, nur der größere Theil. Alle waren niemals dabei. - Vorsitzender: Sie glauben also, daß sie ausgetreten sind, weil von Seite der Organisationen Forderungen an sie gestellt worden sind, die ihrer Auffassung nicht entsprochen haben? — Exp. Scheibe: Ja. Wie sie in die Versammlungen gekommen sind, sind sie von den Leuten beschimpft worden. Pros. v. Philipp ovich: Halten Sie derartige Organisationen für nützlich, schädlich, gefährlich/ oder stehen Sie ihnen indifferent gegenüber? — Exp. Scheibe: Wenn sie mit dem richtigen Verständniß geführt werden, sind sie Vortheilhaft. Exp. Grünwald: Wir haben ein Interesse, uns über die Frage des 1. Mai auszusprechen. Herr Scheibe hat gesagt, daß einige Leute zu ihm gekommen sind und das Ersuchen gestellt haben, er möge den 1. Mai freigeben. Er hat nun erklärt, er werde es thun, wenn es möglich ist. Ich möchte den Herrn Vorsitzenden ersuchen, Herrn Scheibe zu fragen, ob die Bestellungen, die am 1. Mai effectuirt werden sollten, erst am 30. April um 6 Uhr Abends kamen. Nachdem er gesagt hat, daß die Leute am 30. April zu ihm gekommen sind und er noch keine bestimmte Auskunft geben konnte, so möchte ich um eine Aufklärung bitten, ob Herr Scheibe das am 30. April noch nicht wissen konnte. Vorsitzender: Wovon haben Herr Scheibe Ihre Entscheidung abhängig gemacht? — Exp. Scheibe: Ich habe früher erwähnt, daß die Leute einige Tage vorher zu mir gekommen sind. Ich habe ihnen gesagt, wenn es möglich sein wird, werde ich ihnen freigeben. Am 30. April hat der Werkführer gesagt, diese und diese Abtheilung muß arbeiten, weil der Eonducteur und das Telephonbuch geliefert werden sollen. Dann hatte ich 294 noch eine größere Arbeit für Budapest, wo ich ein großes Pönale zu zahlen hatte, wenn ich nicht pünktlich liefern würde. Die Arbeit für Budapest ist fertiggemacht worden, dagegen mußten der Conducteur und das Telephonbuch liegen bleiben. Das machte mir weiter keinen Schaden. Vorsitzender: Haben Sie zugestimmt, daß die anderen Arbeiter feiern konnten? — Exp. Scheibe: Ja. Exp. Grün wald: Herr Scheibe hat erzählt, daß er fünf Leute wegen Aufhetzerei entlassen habe. Nun ist mir bekannt, daß unter diesen ein Arbeiter war, der 15 Jahre bei Herrn Scheibe beschäftigt war. Das war einer seiner besten Arbeiter. Wie er bei Herrn Scheibe eingetreten ist, war er vollkommen gesund, nach 15 Jahren war er in Folge einer langjährigen Krankheit vollkommen entkräftet. Dieser Arbeiter hat sich einer sogenannten Verhetzung nie schuldig gemacht. Es wurde nun in unseren Kreisen die Meinung colportirt, daß Herr Scheibe diese Gelegenheit benützt hat, um den Arbeiter unter dem Borwande der Hetzerei zu entlassen. Exp. Scheibe: Der betreffende Arbeiter sitzt ja hier. Ich habe den Mann lange Jahre hindurch immer und immer gewarnt. Ich habe ihm gesagt: „Sie, Herr Ziegler, hetzen Sie die Leute nicht auf." Trotzdem habe ich ihn nicht entlassen. Die Leute sagen, sie sind nun froh, daß er draußen ist, jetzt haben sie wenigstens Ruhe. Anstatt daß er also auf meiner Seite gewesen wäre und gesagt hätte: „Leute arbeitet, es ist nothwendig", hat erste aufgehetzt. In Folge dessen habe ich mich genöthigt gesehen, ihn zu entlassen. Ob er durch die Arbeit krank geworden ist oder nicht, weiß ich nicht, vielleicht wäre er, wenn er wo anders gearbeitet hätte, gar nicht mehr am Leben. Vorsitzender: Worin haben Sie das Aufhetzen erblickt, nachdem Sie erklärt haben, bereit gewesen zu sein, den 1. Mai feiern zu lassen, wenn nicht dringende Bestellungen vorhanden gewesen wären? —Exp. Scheibe: Daß auch die nicht arbeiten dürfen, die hätten arbeiten sollen. Herr Ziegler hätte nicht arbeiten brauchen. Er hat sich hinaufgestellt und gerufen: „Hoch der 1. Mai und die Socialdemokratie! Morgen kommt Ihr nicht!" Exp. Ziegler: Nachdem mein Name hier genannt wurde, erlaube ich mir einige Worte zu bemerken. Ich habe nicht nur das vollste Vertrauen des Herrn Scheibe, sondern auch das Vertrauen meiner Collegen genossen. Ich habe noch in den letzten Tagen mit dem Bruder des Herrn Scheibe eine Unterhandlung gehabt, ob es nicht möglich wäre, den 1. Mai freizugeben. Wir haben berechnet, daß die ganzen Arbeiten hinauskommen können, und wir haben uns bereit erklärt, bis Mittag zu arbeiten, so daß die dringendsten Arbeiten fertiggestellt werden können. Das wäre ganz gut möglich gewesen. Mir ist nun der 1. Mai freigegeben worden und auch einigen Anderen. Ich habe aber gesagt, wenn nicht Alle frei haben, werde ich den 1. Mai nicht feiern, nachdem ich im Namen Aller gesprochen habe. Zur Charakteristik möchte ich erwähnen, daß mein Arbeitsbuch schon am 50. April ausgestellt wurde. Die Herren haben also schon am 30. April gewußt, daß ich am 1. Mai nicht mehr arbeiten werde. Ferner wurde gesagt, daß wir zum Strike aufgehetzt hätten. Wir haben nicht dazu aufgefordert, sondern wir haben den Collegen zugeredet, sie sollen keinen Unsinn machen, sie sollen nicht in einen Strike treten, nachdem die Conjunctur ungünstig sei, und in diesem Sinne ist auch beschlossen worden. Nach Feierabend ist eine große Anzahl von Leuten zu mir gekommen und haben gesagt, ich soll etwas machen, sie wollen am 1. Mai nicht arbeiten, nachdem sie sich die ganzen Wochen geplagt haben. In letzter Stunde ist der Fabriksdirector gekommen und hat gesagt: „Am 1. Mai könnt Ihr nicht feiern." Das hat die Mädchen furchtbar aufgebracht, so daß sie ganz energisch erklärt haben, wir arbeiten nicht. Daß wir aber Jemanden zurückgehalten haben, muß ich ganz entschieden bestreiten. Dr. Verkauf: Ist Ihnen etwas darüber bekannt, warum die Mädchen alle nach dem 1. Mai aus der Organisation ausgetreten sind? — Experte Ziegler: Direct ist mir darüber nichts gesagt worden. — Exp. Grünwald: Ich kann nur erklären, daß von Seite eines Arbeiters die Parole ausgegeben wurde, daß sie alle der Organisation fern bleiben sollen. Dieser Arbeiter steht in dem Rufe, daß er Alles, was in der Werkstätte vorkommt, getreulich Herrn Scheibe rapportirt. Uebrigens muß ich erklären, daß damals vor dem I. Mai aus dem Betriebe des Herrn Scheibe nicht mehr Arbeiterinnen der Organisation angehört haben als heute. — Exp. Scheibe: Ich habe bereits gesagt, daß ich das nicht weiß. Dr. Schwiedland: Haben Sie unter der Provinz-Concurrenz oder unter der Concurrenz der Strashausarbeit zu leiden? — Exp. Scheibe: O ja. Dr. Schwiedland: Ist dieses Moment bei der Verbreitung der Frauenarbeit von Einfluß gewesen? — Exp. Scheibe: Nein. Dr. Schwiedland: Besitzen Sie einen Arbeiterausschuß ? — Experte Scheibe: Nein. Dr. Schwiedland: Hielten Sie es nicht für zweckmäßig, wenn ein solcher gebildet würde, um in einzelnen Fragen das gegenseitige Einvernehmen zwischen Arbeitern und Arbeitgeber herzustellen? — Exp. Scheibe: Ich hätte nichts dagegen. Einmal bin ich schon aufgefordert worden, Vertrauensmänner bei der Vertheilung der Strafgelder zu befragen. Dr. Schwiedland: Ist nur in einem Falle ein solcher Ausschuß gebildet worden? Würden Sie es für zweckmäßig halten, eine derartige Einrichtung zu perpetuiren? — Exp. Scheibe: Ich wäre nicht abgeneigt. Experte Löwit (Chef der Firma Löwit L Co.): Unsere Firma erzeugt Cartonagen. Wir arbeiten für Wien und für den Export und beschäftigen ungefähr 80 Arbeiterinnen und 30 Männer. Die Zahl der Beschäftigten ist ziemlich constant und variirt vielleicht im Laufe des Jahres um 20 Personen. Im Allgemeinen haben wir keine Saison, nur in einem Artikel. In diesem beschäftigen wir aber nur sehr wenige Arbeiter. Die Arbeiterinnen stehen durchschnittlich in dem Alter von 20 Jahren. Ich habe auch eine Arbeiterin, die ich im Jahre 1888 aufgenommen habe und die damals bereits 47 Jahre alt war. Diese ist heute noch bei mir. Jene, die über 20 Jahre alt find, gehören aber zu den Ausnahmen. Vorsitzender: Es ist eine ausfallende Erscheinung, daß die Arbeiterinnen in den meisten Betrieben in einem so niedrigen Alter sind. Woher kommt das? — Exp. Löwit: Den Grund hiefür kann ich nicht angeben; ich habe darüber nicht nachgedacht. (Ueber Befragen.) Wir haben eine Dampfmaschine und Werkzeugmaschinen. An zwei Drehbänken und einer Bohrmaschine sind vier Schlosser beschäftigt. Dann haben wir zwei Heftmaschinen, wo nur Mädchen beschäftigt sind. An den Cartons, welche für das Arsenal bestimmt sind, werden vier Centimeter lange Metallstreifen befestigt. Es befindet sich an der Maschine ein Hammer und Ambos, und mittelst eines Fußtrittes wird die Maschine bewegt. Diese Arbeit ist eine leichte, und es gehört weder große Kraft, noch besonderes Geschick dazu. Es befindet sich nämlich an der Maschine eine Feder, die wird mittelst des Fußtrittes herabgedrückt. Vorsitzender: Ist das eine für Frauen geeignete Arbeit? — Exp. Löwit: Gewiß. Der Gewerbe-Jnspector hat unseren Betrieb wiederholt gesehen, und auch in Deutschland, wo diese Maschinen erfunden wurden, werden nur Mädchen verwendet. Wittelshöfer: Ist Ihnen nicht bekannt, daß der Gewerbe-Jnspector in seinem Berichte vom Jahre 1880 hervorgehoben hat, daß die Arbeit an den Heftmaschinen für Mädchen keine geeignete ist? — Exp. Löwit: Bei einer Hestma)chine geschieht nie ein Unfall. Wittelsh öfer: Ich meine die Anstrengung. Er hat das nicht im Allgemeinen, sondern in einem concreten Fall als eine für junge Mädchen 296 lehr ungünstige Arbeit bezeichnet. — Exp. Löwit: Ich habe Leute, die schon sieben bis acht Jahre bei dieser Arbeit sind, und habe nie wahrgenommen, daß das für ihre Gesundheit nachtheilig wäre. Pros. v. Philippooich: Bezieht sich die Angabe des Gewerbe- Jnspectors vielleicht aus eine andere Maschine? — Exp. Löwit: Das ist die Ritzmaschine, die bei mir nicht in Verwendung ist.*) Vorsitzender: Was erzeugen Sie? — Exp. Löwit: Patronen- cartons für die Armee, dann mit Zugmaschinen gezogene Röhren aus Pappe für Kalodont. Diese Röhren werden zuerst gummirt und dann durch die Maschine gezogen. Das Gummiren geschieht mit der Hand. Tann werden sie mit einem Schwamm befeuchtet, einer anderen Arbeiterin gereicht, und die legt sie in den Dorn, und die Maschine zieht es durch. Das Zusammenkleben besorgt die Maschine, welche mit Gas erwärmt wird. Vorsitzender: Wird noch bei anderen Arbeiten geklebt? — Exp. Löwit: Bei den gewöhnlichen Cartons. Da ist eine große Blech- tafel, die mit Leim beschmiert ist. Da wird das Papier aufgelegt. Das nennt man das Ueberziehen. Ein drittes Mädchen befestigt das an den Rändern. Die Ecken werden aneinander genäht. Früher wurden die Ecken mit Papierstückchen oder Leinwandstreifen zusammengehalten. Das hat seit Jahren aufgehört. Vorsitzender: Es wurde hier von mehreren Expertinnen erklärt, daß man ihnen nicht gestattet, die Befeuchtung des gummirten Theiles mittelst Schwammes oder eines Fetzens vorzunehmen. — Exp. Löwit: In andere Betriebe komme ich nicht. Was aber meinen Betrieb betrifft, so habe ich dem Werksührer aufgetragen, daß er das Befeuchten mit dem Munde nicht gestatten soll. Wo überhaupt Heftmaschinen sind, kommen solche Arbeiten mit Gummi wenig vor. Mittels höfer: Sie haben aber in Ihrem Betriebe schon bemerkt, daß mit dem Munde befeuchtet wird? — Exp. Löwit: Ich habe es nur ein einziges Mal bemerkt. W itt el s h ö f er: Wo Heftmaschinen sind, kommen keine Fleckerln vor? — Exp. Löwit: Nur wenn sehr starke Cartons sind; die werden mit Leinwandstreifen verbunden. Wittelshöfer: Kommt es regelmäßig vor, daß da Fleckerl verwendet werden?— Exp. Löwit: Ich habe die Einrichtung getroffen, daß sie das befeuchten können. Die Leute haben Wasser und Leinwand. Wittelshöfer: Sie sagten aber früher, daß seit Jahren das aufgehört hat. Also kommt es doch vor? — Exp. Löwit: Ja, wo nicht mit der Maschine geheftet wird. Vorsitzender: Womit wird bei Ihnen befeuchtet? — Experte . Löwit: Das kann ich momentan nicht sagen. Wie ich es einmal bemerkt habe, daß mit dem Munde befeuchtet wird, habe ich es untersagt. Vorsitzender: Wie wird es sonst gemacht? — Exp. Löwit: Das weiß ich nicht. Dr. Verkauf: Was geht rascher: das Schlecken oder die Arbeit mit dem Schwamm? — Exp. Löwit: Im Allgemeinen werden, wo Leinwandstreifen zur Verstärkung des Cartons dienen, größere Streifen verwendet, die man unmöglich über den Mund ziehen kann. Dr. Verkauf: Bitte, geht es mit dem Mund rascher oder mit dem Schwamm? — Exp. Löwit: Ich glaube, es geht mit dem Schwamm ebenso rasch. *) Die betreffende Aeußerung des Gewerbe-Jnspectors findet sich im Bericht pro 1889, Seite 51, für den Aussichtsbezirk Wien, und lautet: (Zu den Fällen des Einschreitens» „gehören einige Cartonageiabriken, wo Frauenspersonen die für Fußbetrieb eingerichteten Schlagheftmaschinen bedienen mußten — eine nach meinem Erachten für weibliche Hilfskräfte nicht passende Arbeit". 297 Tr. Verkauf: Die Expertinnen haben umgekehrt behauptet, mit dem Schlecken geht es schneller. Sind die Arbeiterinnen im Accord'? — Exp. Löwit: Bei größeren Aufträgen sind sie im Accord; bei kleineren nicht, denn es würde sich nicht lohnen, 100 oder 200 Stück im Accord arbeiten zu lassen. Dr. Verkauf: Warum würde es sich nicht lohnen? — Experte Löwit: Die Leute thun es selbst nicht gerne. Bei großen Mengen bekommen die Leute entsprechend viel Material zugetheilt, so daß sie ununterbrochen fortarbeiten können, was aber bei kleinen Aufträgen nicht der Fall ist. Es würde sich da also auch für die Leute die Arbeit im Accord nicht lohnen. Dr. Verkauf: Warum nicht? — Exp. Löwit: Weil dazu mehr Vorbereitungen nöthig sind, und dadurch ginge den Leuten zu viel Zeit verloren. Ich thue das also im Interesse der Leute, nicht in meinem Interesse. Die Leute arbeiten sonst im Stücklohn schneller und kommen auch dabei besser weg. Wenn im Wochenlohne gearbeitet wird, bekommen die Arbeiter den betreffenden Quotienten pro Stunde. Wenn z. P. ein halber Tag im Accord gearbeitet wird und ein halber Tag im Wochenlohn, so wird der Lohn für diesen halben Tag berechnet. Pros. v. P h il ip p o v i ch: Ich will nur feststellen, daß es von einem Betriebe in dem Berichte des Gewerbe-Jnspectors vorn Jahre 1880 heißt, daß die Arbeiterinnen angelernt werden, die Schnitzel mit Speichel zu befeuchten. Experte Herr Michael Newikluf (Chef der Firma Ad. Bergl L Co.): Alle die Uebelstände, welche hier die Expertinnen angegeben haben, kommen, wie ich zugeben muß, leider größtentheils vor. Ich will nicht sagen, wie, wann und wo, denn ich muß mir Zurückhaltung auferlegen. Es gibt in Wien angeblich 200 Betriebe; ich glaube aber, daß es in Wirklichkeit 30«> sind, denn Jeder, der sich bei unserem Fach fl. 10 erspart hat, kauft sich um fl. 5 Pappendeckel und um fl. 2 Leim und ist Concurrent. Ich glaube nicht, daß die Expertinnen die Uebelstände, die sie hier angeführt haben, erfunden haben. Auch das Fleckerlschlecken kommt sehr oft vor, größtentheils aber nur dort, wo die Mädchen im Accord arbeiten. Im Accord muß man eben schneller, von der Hand in den Mund arbeiten. Vorsitzender: Sie führen das also auf die Lohnform zurück? — Exp. Newikluf: Gewiß. Bei mir haben die Mädchen warmes Wasser und einen Fetzen. Ich thue das mit großen Opfern, denn gewisse Sorten, sagen wir z. B. Hutcartons, zahlt Einer im Accord per 100 Stück mit fl. 1'40 bis 1 50, während ich dafür fl. 2 bis 2Vr bezahle. Bei mir ist eine zehnstündige Arbeitszeit und Wochenlohn und daher kommen solche Uebelstände nicht vor. Wo sie im Accord sind, sind sie gezwungen, anders zu arbeiten. Vorsitzender: Gibt es nach Ihrer Meinung dagegen keine Abhilfe?— Exp. Newikluf: Ich bin überzeugt, wenn der Herr den Mädchen auch sagt, macht keine solche Schweinerei, so würden sie es doch thun, um schneller zu arbeiten. Vorsitzender (zum Experten Löwit): Wie nehmen Sie Ihre Arbeiterinnen aus? — Exp. Löwit: Die Arbeitsvermittlung wird sehr selten benützt. Die alten Arbeiterinnen kommen von selbst. Vorsitzender: Wie ist es mit dem Lohn? — Exp. Löwit: Es ist zum Theil Zeitlohn, zum Theil Accordlohn. Wenn ein Mädchen ausgenommen wird, so wird ihr eine gewisse Arbeit zugewiesen, auf die sie sich einarbeitet. Der Lohn beträgt fl. 4V2 bis 5'.4, auch fl. 6 bis 8. Das hängt von der Geschicklichkeit ab. Vorsitzender: Wie viel bekommt sie beim Eintritt? — Experte Löwit: fl. 4 bis 402 nach ihrer Geschicklichkeit. Eine Abzieherin wird mit fl. 5'/s aufgenommen. Es gibt wohl Anfängerinnen, aber keine Lehr- 298 Mädchen. Die Arbeitszeit ist von 7 Uhr Früh bis 6 Uhr Abends. Eine Frühstücks- und Jausenpause gibt es nicht, aber in der stillen Zeit können sie zu diesen Zeiten etwas zu sich nehmen. Ursprünglich war die Arbeitszeit von 7 bis 7 Uhr. Auf Ersuchen der Leute habe ich sie reducirt. Die Männer lassen sich durch ein junges Mädchen etwas holen, und die Mädchen bringen sich meistens selbst etwas mit. Vorsitzender: Was essen sie da? — Exp. Löwit: Zu Mittag gehen die Leute in naheliegende Gasthäuser oder nach Hause. Einige, die weiter wohnen, essen im Arbeitslocal. Zur Zeit, wo die Arbeit schwächer ist, habe ich ein eigenes Local, wo sich die Leute aufhalten können. Sie bringen sich die Speisen in Töpfen mit; was sie essen, weiß ich nicht. Vorsitzender: Werden der Arbeiterin wegen Zuspätkommens oder schleuderhafter Arbeit Abzüge gemacht? — Exp. Löwit: Für schlechte Arbeit nicht. Wenn sie wiederholt schlecht arbeitet, wird sie entlassen. Für Zuspätkommen werden 5, 10 und 20 kr. abgezogen, das letztere sehr selten. Ich zahle wöchentlich einen Lohn von st. 800 bis 900 aus, und die Strafen betrugen im Jahre 1898 st. 82, im Jahre 1894 st. 27, im Jahre 1895 st. 20. Wenn ein genügender Betrag beisammen ist, etwa st. 20, werden die Strafbeträge an die Krankencasse abgeführt, wogegen den Arbeitern dann für die Krankencasse nichts abgezogen wird. Der 80percentige Kranken- cassenbeitrag, welchen ich zu bezahlen habe, wird separat bezahlt. Vorsitzender: Wer bestimmt die Strafen? — Exp. Löwit: Der Werkführer. Ein einziges Mal, wo eine höhere Strafe verhängt wurde, habe ich selbst intervenirt. Die Leute wollten an einem Feiertag nicht arbeiten. Ich habe gerade eine dringende Arbeit gehabt, und da habe ich gesagt, wer nicht arbeitet, bekommt eine Strafe oder wird entlassen. Vier Ätänner sind dennoch weggeblieben, und die sind mit 50 kr. bestraft worden. Vorsitzender: Haben Sie eine Kündigungsfrist? — Exp. Löwit: Bei mir gibt es keine Kündigung. Es heißt nur, daß die Accordarbeit fertiggemacht werden soll. In einer Abtheilung hat ein Werkführer die Einrichtung getroffen, daß sich die Leute von ihrem Wochenlohn einen kleinen Betrag zurücklegen, der ihnen dann zu Weihnachten ausgehändigt wird. Im vorigen Jahre haben hieran einige 80 Mädchen und drei oder vier Männer theilgenommen, und ihre Ersparnisse betrugen st. 097. Heuer haben sie bis jetzt bereits st. 182 zusammengelegt. Die Beträge werden in die Sparcasse eingelegt und ist das Buch mit einer Clausel versehen. Ich habe im Ganzen drei Abtheilungen und drei Werksührer, doch nur einer hat diese Einrichtung verwirklicht. Vorsitzender: Geben Sie Arbeit nach Hause? — Exp. Löwit: Sehr wenig. Kleine Arbeiten nimmt eine alte Arbeiterin, die seit 1893 bei nur ist, nach Hause. Wahrscheinlich hat sie ein oder zwei Kinder, die ihr helfen. Das ist aber selten. Sie wird dann per Stück bezahlt. Pros. v. Philippovich: In welcher Zeit muß sie dann die Arbeit verrichten? — Exp. Löwit: Sie hat keinen Lieferungstermin. Vorsitzender: Haben Sie Arbeiterinnen, die ganz zu Hause arbeiten? — Exp. Löwit: Eine Arbeiterin, die bei mir lauge beschäftigt war, die sich verheiratet hat und jetzt Hausbesorgerin ist, holt sich hie und da Arbeit. Das zählt aber nicht. Vorsitzender: Arbeiten Sie auch an Sonntagen? — Experte Löwit: Nie. Wenn ich eine dringende Arbeit habe, nehme ich noch Leute auf. Die Arbeitsräume werden jede Woche gewaschen; das besorgen die Mädchen selbst. Früher war es bei mir Gepflogenheit, daß die Mädchen den Werkführern zum Namens- oder Geburtstage Geschenke gemacht haben. Das habe ich strenge verboten. Das ist schon drei oder vier Jahre her. Ausgewaschen wird das Local jede Woche, gekehrt wird es täglich. Es wird 299 am Samstag dafür um V-> oder V 46 Uhr aufgehört, und die Mädchen besorgen die Reinigung anstatt daß sie arbeiten. Jede hat ihren Tisch zu reinigen, und sie bekommt die Zeit vergütet. Vorsitzender: Auch die Stückarbeiterin? — Exp. Löwit: Die bekommt auch die Zeit vergütet. Jedes Mädchen ist zu einem fixen Wochen- lohn aufgenommen, auch die Stückarbeiterin, denn es kommt ja manchmal vor, daß keine Stückarbeit da ist. Dann macht sie Wochenarbeit. Vorsitzender: Wie groß ist der garantirte Minimal-Zeitlohn? — Exp. Löwit: Das ist verschieden. Es gibt Mädchen, die einen garan- tirten Zeitlohn von fl. 4'50, 5 und 6 haben. Eine Stückarbeiterin bekommt also für die Zeit, wo sie nicht im Stück arbeitet, wie z. B. in den Reinigungspausen, den entsprechenden Zeitlohn. Vorsitzender: Wie ist das Arbeitslocal? — Exp. Löwit: Es liegt in einem alten Gebäude. Die Ventilation ist auf Anordnung des Gewerbe-Jnspectors so weit möglich eingerichtet worden. Einen Exhaustor haben wir nicht; es wird auch nicht viel Staub entwickelt. Oben bei den Fenstern sind Röhren. Dr. Schwiedland: Wehren sich die Arbeiterinnen nicht dagegen wegen des Zuges? — Exp. Löwit: Früher. Jetzt haben wir die Rohre höher gezogen. Dr. Schwiedland: Sind die Fenster nicht vernagelt? — Experte Löwit: Die oberen Fenster bewegen sich in Charnieren und sind halb zu öffnen. Es wird Früh, Mittags und Abends gelüftet. Wir haben Oefen, und die Mädchen können nachlegen, wie sie wollen, nur haben sie den Auftrag, gegen Schluß der Arbeit, um 4, Vr5 Uhr, nicht mehr nachzulegen, damit keine Feuersgefahr entsteht. Vorsitzender: Wohin gehen die Fenster? — Exp. Löwit: Beinahe alle in den Hos. Es ist ein ziemlich großer und lichter Hof; auch Jene, die vom Fenster entfernt sind, sehen genug. Die Localitäten sind nicht breit. Die Beleuchtung geschieht mit Auer'schem Gaslicht. Vorsitzender: Wie oft findet ein Wechsel des Arbeitspersonales statt? — Exp. Löwit: Sehr selten. Wenn eine Arbeit aus dem Arsenal kommt, werden Leute ausgenommen, und wenn sie aufhört, werden diese wieder entlassen. Dr. Ofner: Wie sind die Abortverhältnisse? — Exp. Löwit: Die Aborte sind für die Geschlechter getrennt, in jedem Stock zwei. Dr. Ofner: Sind Waschvorrichtnngen vorhanden? — Exp. Löwit: Es sind große Kästen, die mit Blech ausgefüttert sind. Seife und Handtücher gebe ich den Leuten. Es liegt ja im Interesse meiner Arbeit, daß die Leute reine Hände haben. Dr. Ofner: Wie viel Handtücher werden pro Woche verbraucht? — Exp. Löwit: Das weiß ich nicht. Vorsitzender: Daß sich die Leute vor der Mahlzeit waschen, liegt doch nicht in Ihrem Interesse ? — Exp. Löwit: Nein, aber vor der Arbeit. Pros. v. Philippovich: Herr Newiklus hat auf die Concurrenz hingewiesen. Können Sie uns mittheilen, ob Sie durch die Concurrenz genöthigt werden, eine Herabsetzung der Löhne vorzunehmen? — Exp. Löwit: Das ist schon vorgekommen. Die Leute haben das aber wieder eingeholt, indem sie rascher gearbeitet haben. Unter der Concurrenz haben nicht nur ich, sondern auch die Leute zu leiden. Pros. v. Philippovich: Sie haben ja Specialitäten, die nicht von einer größeren Anzahl von Betrieben gemacht werden. Also selbst bei diesen Specialitäten kommt das vor ? — Exp. Löwit: Es kommt vor, daß die Unternehmer im wahren Sinne des Wortes an der Arbeit nichts verdienen wollen. Pros. v. Philippovich: Haben Sie eine Kenntniß, aus welcher 300 Richtung die Concurrenz kommt, sind das die großen oder die kleinen Betriebe? — Exp. Löwit: Das ist verschieden. Pros. v. PhilipPovich: Haben Sie keine Möglichkeit einer Vereinbarung oder Verbindung? — Exp. Löwit: Ich würde mich nicht darauf einlassen. Baronin Vogelfang: Sie sagen, es gibt Unternehmer, die arbeiten, ohne etwas verdienen zu wollen. Warum thun sie das? — Exp. Löwit: Das kann ich nicht sagen. Ich thue es nicht. Baronin Vogelfang: Haben Sie keine Vermuthung? — Experte Newikluf: Ich glaube, die Leute können nicht rechnen, Sie haben keine commercielle Bildung. Sie glauben, wenn sie 10 Percent Verdienst haben, so ist das ihr Verdienst, und vergessen, daß sie 10 Percent Regie haben. Vorsitzender: Gehören Ihre Leute der Organisation an? — Exp. Löwit: Ich habe es nicht bemerkt, würde es aber nicht verbieten. Vor dem 1. Mai kamen die Leute zu mir, ob ich ihnen den 1. Mai freigebe. Ich habe ihn immer freigegeben. Vorsitzender: Würden Sie es nicht für bedenklich halten, wenn sie einem Fachverein angehörten? — Exp. Löwit: Ich würde es nicht verhindern. Exp. Newikluf: Wir erzeugen sogenannte Postcartons und commercielle Cartons. Ich arbeite mit einer Dampfkraft von acht bis neun Pserde- krästen und mit Werkzeugmaschinen. Arbeiterinnen sind bei den Maschinen, die an den Dampf angehängt sind, nicht. Die Arbeiterinnen besorgen nur das Kleben und Ueberkleben der Schachteln. Es sind circa 40 Arheiterinnen. Vorn Zuschneider holen sie sich die zugeschnittenen Cartons. Die eine Partie nennt man Einreiberinnern Sie legen eine Anzahl gleicher Cartons hin, streichen mit einem Pinsel Leim aus und geben sie der zweiten Partie. Diese stellen die angestrichenen Cartons zusammen, und eine dritte Partie faßt sie mit Leinwand ein. Eine vierte Partie überzieht dann die Cartons mit Papier. Alles ist Handarbeit. Die Arbeiterinnen stehen in einem Alter von 10 bis 50 Jahren, die meisten zwischen 20 und 30 Jahren. Vorsitzender: Könnten Sie uns Ihre Ansicht darüber mittheilen, warum die meisten Arbeiterinnen in diesem verhältnismäßig kleinen Zeitraum von 20 bis 30 Jahren am meisten vorkommen? — Exp. Newikluf: Wenn eine Arbeiterin 20, 22 Jahre alt ist, heiratet sie, und zwar meist einen Arbeiter. Sie bekommt Kinder und kann dann nicht mehr in die Arbeit gehen. Wenn die Kinder sterben, ist sie gleich wieder in der Arbeit. Ich glaube, die Leute heiraten zu unüberlegt; das mag die Ursache sein. Vorsitzender: Glauben Sie nicht, daß sie im Betriebe liegt? — Exp. Newikluf: Bei der Cartonarbeit nicht, denn die ist nicht gesundheitsschädlich und auch nicht aufregend. «Ueber Befragen.) In meinem Betriebe stehen die Mädchen größtentheils. Denn bei den großen Cartons können sie nicht sitzend arbeiten. Sonst möchte ich sagen, daß die Leute bei mir geradezu ideale Zustände haben. Zum Beweise dessen habe ich den Herren die Löhne bekannt gegeben. Bei mir hat eine Anfängerin fl. 3'50 bis fl. 3'80 nach 14 Tagen. Von den Arbeiterinnen haben zwölf fl. 4'40, zwölf fl. 4'50, dann haben sie fl. 4'75, 5, 5'20, 5'50, 0'20 und 7 fixen Wochenlohn bei zehnstündiger Arbeitszeit. Stücklohn hat es bei mir nie gegeben. Strafen kommen auch nicht vor. Wenn Eine zu spät kommt, und fie gibt einen plausiblen Grund dafür an, so lasse ich sie eintreten. Kommt sie nach einer halben Stunde erst, so wird ihr ein entsprechender Theil des Lohnes abgezogen, um die Disciplin ausrecht zu halten. Ein Drittel meiner Arbeiterinnen sind schon 12 bis 15 Jahre im Hause, ein weiteres Drittel sechs bis acht Jahre und die übrigen zwei bis drei Jahre. Bei mir hat weiters jeder Arbeiter das Recht, am Dienstag ein Drittel seines Wochen- lohnes als Vorschuß zu nehmen. Leider nehmen sie zumeist die Hälfte ihres 301 Lohnes. Und wenn mir dann ein Arbeiter wegbleibt, der schon die Hälfte seines Lohnes im Boraus hat, so kann ich nicht zum Gericht gehen. Vorsitzender: Tritt die männliche Arbeit auch bei Ihnen allmälig in den Hintergrund? — Exp. Newiklus: In der Cartonagebranche hat es nie männliche Arbeiter gegeben. Ich mache eine specielle Sorte von Cartons. Dazu wird eine Holzvorrichtung verwendet. Diese Holzgestelle machen nur Männer. Das gehört aber nicht zur Cartonagebranche. Die Löhne der Männer gehen von fl. 5'50 bis 12. Die meisten haben fl. 7'50. Dr. Schwiedland: Knüpft sich an Ihren Betrieb eine Hausindustrie? — Exp. Newikluf: Das ist bei uns ausgeschlossen. Die Waare ist zu voluminös, als daß man sie hin- und herschaffen könnte. Dr. Schwiedland: Ist es aber richtig, daß bei den kleinen Schachteln die Hausindustrie blüht? — Exp. Newikluf: Dort ist es möglich. Vorsitzender: Wie ist es mit den Ueberstunden bei Ihnen? — Exp. Newikluf: Ich lasse in der Saison, das ist vier Wochen vor Ostern, eine Stunde länger, also elf statt zehn Stunden arbeiten. Diese Stunde zahle ich den Leuten mit 25 Percent Lohnerhöhung. Dr. Schwiedland: Ueber andere Betriebe hören wir von Arbeiterinnen, daß die ganze Nacht durchgearbeitet wird. — Exp. Newikluf: Ich weiß einen derartigen Fall. Die Schuld liell lediglich 'an der mangelhaften Controle. Unsere Gewerbegesetze sind ja gut, aber in den mittleren Betrieben wird ihre Handhabung viel zu wenig controlirt. In unserer Branche kommt das eben häufig vor: wenn es Einem paßt, gibt er sich für einen Fabrikanten aus und das anderemal für einen Kleingewerbetreibenden. Dr. Schwiedland: Haben Sie unter der Concurrenz der Provinz zu leiden? — Exp. Newikluf: Ich habe früher ein großes Geschäft nach Trieft gemacht. Auch nach Graz u. s. w. Dort wird jetzt überall in den Strafhäusern gearbeitet. Der Director von Stein hat mich sogar zweimal besucht und eingeladen, ich möchte dort arbeiten lassen. Ich habe ihm begreiflich gemacht, daß das nicht möglich ist, denn die Fracht ist zu theuer. Dr. Schwiedland: Es ist angeführt worden, daß ein Fabrikant, welcher ohne Motor arbeitet, in einer Strafanstalt einen zwölfpferde- kräftigen Motor hat. — Exp. Newikluf: Im Militärstrafhaus in der Alser- kaserne in Wien selbst ist ein Motor, und die Leute arbeiten billiger als ich. Dr. Frey: Aus Ihrer Lohnliste geht hervor, daß Sie Lehrmädchen beschäftigen. Wie viele? — Exp. Newikluf: Zwei, manchmal drei. Dr. Frey: Wie lange müssen die lernen? — Exp. Newikluf: Je nach ihrer Geschicklichkeit. Im Durchschnitt werden sie sechs Wochen zum Tisch gestellt. Dann bekommen sie st. 3'80 bis 4. Vorsitzender: Wie sind die Arbeitsräume? — Exp. Newikluf: Ich habe drei Räume, von denen jeder ungefähr 25 bis 30 Meter lang und etwa 12 Meter breit ist. In einem Saal ist Doppellicht, in den anderen Vorderlicht. Ventilationen sind bei uns vorhanden. Vorsitzender: Welche Pausen sind eingeführt? — Exp. Newikluf: Nachdem wir eine zehnstündige Arbeitszeit haben, sind Vor- und Nachmittagspausen nicht nothwendig. Es wird von 7 bis 12 Uhr und von 1 bis 6 oder 7 Uhr gearbeitet. Die Pausen werden den Arbeitern dadurch vergütet, daß sie eine Viertelstunde früher aufhören können und den vollen Tag bezahlt bekommen. Vorsitzender: Haben das die Arbeiterinnen gewünscht? — Exp. Newikluf: Ja, weil sie dadurch früher nach Hause kommen. Vorsitzender: Sind die Arbeiterinnen während der Mittagspause im Werkraume? — Exp. Newikluf: Ja. Mehrere gehen nach Hause. Frühstück und Jause nehmen sie während der Arbeit. Ich habe nichts dagegen, weil ich keine so heikle Arbeit habe. Vorsitzender: Was nehmen die Leute zu sich? — Experte 302 Newikluf: Die verheirateten Frauen bringen Kaffee oder Milch in Flaschen mit. Mittags lassen sie sich von der nahen Restauration Suppe, Gemüse, mitunter auch Fleisch holen. Fleisch dürfte aber nicht oft vorkommen. Die Ledigen gehen in die Volksküche. Dort bekommen sie für 20 kr. ein Mittagessen. (Ueber Befragen.) Ja, die Leute haben es bei mir doch besser als in anderen Betrieben, denn wenn Einer weggeht, kommt er bald wieder und bittet um Aufnahme. Dr. Frey: Sie glauben, daß es in anderen Betrieben schlechter ist? — Exp. Newikluf: Das nicht, aber die Leute sind eben gern bei mir. Deshalb haben mich die Aussagen der Expertinnen so consternirt. Unsere Kunden haben uns gesagt: „Wenn Ihr Euren Arbeitern 50 kr. oder fl. 1 zahlt, dann müßt Ihr ja unglaublich viel verdienen." Vorsitzender: Haben Sie eine Kündigung? — Exp. Newikl u s: Wir haben eine vierzehntägige Kündigung. Jene, die nicht der Genossenschaft angehören, können am Schluß der Woche gehen oder entlassen werden, für die ist also keine Kündigung. Vorsitzender: Wie kommt es, daß ein Theil nicht der Genossenschaft angehört? — Exp. Newikluf: Zu meiner Branche kommen alle möglichen Arbeiter, Uhrmacher, Sattler, Tapezierer u. s. w. Die kann ich nur als Hilfsarbeiter beschäftigen. Dr. Verkauf: Sie gehen von der Ansicht aus, daß nur die ausgekernten Arbeiter der Genossenschaft angehören? — Exp. Newikluf: Ja. Dr. Verkauf: Das ist nicht richtig. Wo versichern Sie die Anderen? — Exp. Newikluf: Alle sind bei der Allgemeinen Arbeiter-Krankencasse. Ich bin Genossenschaftsmitglied. Dr. Verkauf: Nach dem Gesetze haben Sie das Recht, aus der Genossenschaft auszutreteu. Aber so lange Sie der Genossenschaft angehören, müssen Sie die Arbeiter bei der Genossenschafts-Krankencasse versichern. — Exp. Newikluf: Ich bin in der Unfallversicherung wieder gesteigert worden, so muß ich mir eine Krankencasse aussuchen, die etwas billiger ist. Dr. Ofner: Wie ist es mit den Aborten? — Exp. Newikluf: Wir haben vier Aborte für circa 100 Personen, nach den Geschlechtern getrennt. Wenn meine Aussagen meinen Arbeitern zu Ohren kommen sollten, so möchte ich sie hier um etwas mehr Reinlichkeit gebeten haben. Der Fußboden wird vor Ostern, Pfingsten und Weihnachten gründlich gerieben. Waschvorrichtungen sind auch vorhanden. Dr. Ofner: Ist Ihnen etwas über die Sittlichkeitsverhältnisse bekannt? — Exp. Newikluf: In meiner Fabriksordnung ist eine Bestimmung, daß derartige Sachen nicht vorkommen dürfen; ich weiß auch nichts davon. Vorsitzender: Viele Expertinnen haben sich insbesondere über das Verhalten der°Werkführer beschwert. — Exp. Newikluf: Mir ist bekannt, daß mein Werksührer so viel als möglich die Interessen der Mädchen vertritt. Dr. Ofner: Werden an ihn Geschenke gegeben? — Experte Newikluf: Nein. Vorsitzender: Sind die Arbeiterinnen in einem Fachverein? — Exp. Newikluf: Sie waren dabei bis vor zwei Jahren. Da sind sie vielleicht selbst darauf gekommen, daß das zu nichts führt, und ich glaube, daß sich der Verein aufgelöst hat. Vorsitzender: Halten Sie eine Organisation für unzweckmäßig? — Exp. Newikluf: Ich Halte sie für zweckmäßig, nur muß sie etwas Vernünftiges anstreben. Vorsitzender: Darüber sind eben die Meinungen getheilt. Dr. Ofner: Wenn sie z. B. bei fl. 4-50 Lohn eine Erhöhung desselben anstreben? — Exp. Newikluf: Ich bitte, sich nur au meine Stelle 303 zu versetzen und sich zu meiner Kundschaft zu bemühen. Emballage ist ein todter Conto im Geschäfte meiner Kunden. Pros. v. Philippovich: Wir hörten, daß der Wochenlohn von fl. 5 als ein sehr hoher gilt. Speciell eine Expertin hat ausgesagt, daß die Arbeiterinnen, die fl. 5 verdienen, sich weniger zu schinden brauchen als in anderen Betrieben jene, die nur fl. 3 verdienen. Das scheint darauf hinzuweisen, daß die Organisationsbestrebungen gerade von jenen Unternehmern unterstützt werden sollten, welche höhere Löhne zahlen, um ihre Concurrenten zu zwingen, auch höhere Löhne zu zahlen. — Exp. Newikluf: Die Organisationen werden zu anderen Zwecken mißbraucht. Ich habe bei mir einen Maschinenwärter gehabt, ^ er Vorstand eines solchen Vereines war. Der Mann hat in der Mittagspause die Leute zu sich gerufen und hat ihnen Vortrüge gehalten. Eines Tages kommt die Dampfkeffeluntersuchungs-Commission. Die Herren haben die Hände zusammengeschlagen und gesagt: „Ja, wie sieht denn der Kessel aus!" Ich habe zu dem Manne gesagt: „Haben Sie gehört, was die Commission gesagt hat? Jeden Tag halten Sie Predigten und vernachlässigen den Kessel. Es kann ja das größte Unglück geschehen. Sie werden Ihre 14 Tage machen." Der Mann war vier Jahre bei mir, und ich habe ihn ungern weggegeben. Nach drei Tagen bekomme ich eine Zuschrift: „Mein Herr! Sie haben sich erlaubt, unserem Obmann zu kündigen. Wir machen Sie darauf aufmerksam, daß, wenn unser Obmann entlassen wird, wir Alle in drei Tagen in Strike treten. Sie dürfen überhaupt Niemanden mehr entlassen, sondern wir werden ein Comits bilden, und dieses wird entscheiden, ob Sie Jemanden entlassen dürfen oder nicht." Ich habe diese Zuschrift noch zu Hause. Vorsitzender: Wer hat den Brief unterschrieben? — Experte Newikluf: Alle Arbeiter. Es ist selbstverständlich, daß ich den Leuten darauf keine Antwort gegeben habe, und sie sind richtig in Strike getreten. Das hat sechs bis acht Tage gedauert. Ich habe andere Arbeiter bekommen. Dann sind sie zur Einsicht gekommen, daß sie doch keine besseren Plätze bekommen, und haben sich wieder angeboten. Ich habe sie auch alle wieder aufgenommen bis auf den einen Stänkerer. Prof. v. Philippovich: Es ist mir werthvoll, daß Sie principiell die Organisation für nützlich anerkennen. — Exp. Newikluf: Gewiß. Experte Anton ZoPpoth:Jch habe einen kleinen Betrieb. Ich beschäftige ' nur zwei Arbeiterinnen, erzeuge Cartons für Cylinder und für Muffe. Es ist ein reiner Handbetrieb. Handmaschinen gehören allerdings dazu, und zwar eine Ritz- und eine Schneidemaschine. Die runden Arbeiten müssen mit der Hand zugeschnitten werden. In größeren Betrieben gibt es auch Rund- schneidemaschinen. Ich war in einem Betriebe, wo das Zuschneiden der Cylinderschachteln mit einer Bandsäge versucht worden ist, das hat sich aber nickst bewährt. Meine Arbeiterinnen haben fl. 6 Wochenlohn bei tll/sttündiger Arbeitszeit, von 8 bis 12 Uhr und 1 bis ' s? Uhr. Meine Arbeit ist sehr heikel, da Glanzpapier verwendet wird, das sehr empfindlich ist. Wenn die Mädchen ein Butterbrot oder Speck essen, so müssen sie sich gehörig die Hände waschen. Dr. Ofner: Ist bei den Ritzmaschinen ein Mädchen? — Experte ZopPoth: Nein, nur ich. Vorsitzender: Haben Sie Frühstücks- und Jausenpausen ? — Experte Zoppoth: Wenn sie wollen, können sie etwas essen. (Ueber Befragen.) Lehrmädchen habe ich nicht. Auch gebe ich keine Arbeit nach Hause mit. Vorsitzender: Wie bekommen Sie die Arbeiterinnen? — Experte Zoppoth: Durch die Zeitung. Bei der Genossenschaft sind keine Arbeiter zu bekommen. Herrdegen: Müssen Ihre Arbeiterinnen besonders gute sein, und welche Schulung müssen sie haben? — Exp. Zoppoth: Sie müssen gute 304 Arbeiterinnen sein. Wenn eine weggeht, muß ich eine neue erst langsam heranbilden, muß ihr aber gleich den vollen Lohn zahlen. Natürlich wird man trachten, daß man eine bekommt, die leicht begreift, so daß sie in fünf bis sechs Wochen selbstständig arbeiten kann. Vorsitzender: Gibt es mehrere solcher Betriebe? — Experte Zoppoth: Der größte ist im zwölften Bezirke. Dort sind etwa 15 Mädchen und drei Zuschneider. Dann sind noch einige kleinere. Vorsitzender: Haben Sie eine Saison? — Exp. Zoppoth: Zu Allerheiligen hört sie auf, und die stille Zeit dauert bis zur Beendigung der Inventuren. Heuer hat sie bis Ende Februar gedauert. Im Februar beginnt die Arbeit für die Hutmacher und zu Pfingsten die für die Kürschner. Das dauert dann drei bis vier Monate. — Die zwei Arbeiterinnen habe ich ständig. Wenn sehr viel zu thun ist, muß auch meine Frau mitarbeiten. Wenn früher Herr Scheibe gesagt hat, daß das Bronziren nicht schädlich ist, so muß ich das Gegentheil behaupten. Ich war in einem Betriebe, wo Cartons für Zuckerpackete erzeugt wurden; die mußten bronzirt werden. Da ist es sehr oft vorgekommen, daß die Mädchen, denen der Staub in die Nase und in den Mund geflogen ist, ohnmächtig geworden sind. Vorsitzender: Sie haben keine Arbeit außer Hause? — Experte Zoppoth: Nein. Die Kündigung ist bei mir achttägig. Äbzüge, wenn etwas verdorben wird, werden nicht gemacht. Vorsitzender: Arbeiten Sie an Sonntagen? — Exp. Zoppoth: Ich manchmal, die Arbeiterinnen nie. Die beiden Arbeiterinnen sind verheiratet und haben Kinder. Vorsitzender: Wo arbeiten Sie? — Exp. Zoppoth: Ich habe Zimmer, Cabiuet und Küche. Es ist ein altes Haus, wo die Wohnungen noch sehr groß sind. Im Zimmer wird gearbeitet. Es hat etwa 5, 51s Meter im Quadrat und zwei Fenster. Am Samstag wird um 4 Uhr Feierabend gemacht und gereinigt. — Ich habe zwei Kinder mit zehn und sechs Jahren. Wir schlafen Alle im Cabiuet. Vorsitzender: Was essen die Arbeiterinnen? — Exp. Zoppoth: Sie gehen nach Hause. Vorsitzender: Sind sie versichert? — Exp. Zoppoth: Bei der Genossenschasts-Krankencasse. — Meine Arbeiterinnen sind nicht in der Organisation, weil sie keine Zeit dazu haben. Die eine hat ja vier Kinder. Ich hätte natürlich nichts dagegen. Dr. Ofner: Sie waren selbst Arbeiter? — Exp. Zoppoth: Ja. Expertin Frau Marie Kleinmayer, Präsidentin des Centralver- eines zur Vermittlung von Lehrstellen an Mädchen: Wir haben einen Verein zur Vermittlung von Lehrstellen für Mädchen gegründet. Am meisten melden sich Kleidermacherinuen, Modistinnen und Federnschmückerinnen. Die Vermittlung geschieht unentgeltlich. Dr. Verkauf: Wie ist die Organisation des Vereines? Wie kommen Sie mit den Mädchen in Berührung? — Exp. Kleinmayer: Die Mädchen kommen zu uns und bitten um Lehrstellen. Wir stehen nun mit Geschäftsleuten in Verbindung und vermitteln dann die Plätze. Dr. Verkauf: Wie erforschen Sie, ob es ein guter Platz ist? — Exp. Kleinmayer: Das Mädchen muß eine gute Behandlung haben. Dr. Verkauf: Was machen Sie, bevor sie hinkommt? — Expertin Kleinmayer: Da gehen wir hin und schauen uns das Geschäft an. Dann erfahren wir, wie lange sie lernen muß und was sie erhält. Dr. Verkauf: Und wenn sich das Mädchen beklagt, daß es kein guter Platz ist? — Exp. Kleinmayer: Dann wird sie weggenommen. Dr. Verkauf: Das kann nur in bestimmten Fällen sein. — Expertin Kleinmayer: Wenn sie keine gute Behandlung hat oder sonst etwas vorkommt, kann man sie nicht dort lassen. 305 Tr. Verkauf: Haben Sie schon eine aus der Lehre genommen? — Exp. Kkeinmal) er: Ja, da hat sich ein Mädchen zweimal etwas zu Schulden kommen lassen. Dr. Verkauf: Das ist etwas Anderes. — Exp. Kleinmayer: Sonst hat sich noch kein Mädchen beschwert. Dr. Verkauf: Trotzdem Sie keine Nachforschungen anstellen? Da haben Sie also sehr viel Glück gehabt. Vorsitzender: Woher beziehen Sie Ihre Vereinsmittel? — Expertin Kleinmayer: Durch die Mitgliedsbeiträge und Spenden. Es sind ungefähr 150 Mitglieder. Vorsitzender: Nun, die Idee dieses Vereines ist in gewissem Sinne dankenswerth und erfreulich. ^ Schluß der Sitzung 11 Uhr 25 Minuten Nachts. 17. Sitzung. Dienstag. 17. Wär; 1896. Vorsitzender: Abgeordneter Dr. Raizl. Beginn 7 Uhr 30 Minuten Abends. Ueber Befragen des Vorsitzenden gibt der Experte Herr .1 Auskünfte über die Technik des Betriebes der Ziegel-Industrie, die in Folgendem in den wesentlichsten Punkten mitgetheilt werden: Der Lehm wird im Winter für den Sommer vorbereitet und zu den Trockenplätzen, den Sammelplätzen geführt. Der Lehm am Wienerberge liegt manchmal an der Oberfläche, meistens sind aber die Gruben, aus denen er herausgeführt wird, 18 bis 20 Meter tief und 500 bis 1000 Meter vom Platze entfernt. Die Frau hat den Lehm, den der Mann herunterschlägt, in Truhen zu fassen und zuführen zu helfen. Diese Truhen laufen manchmal auf Schienen, manchmal blos auf Pfosten. Die Brücken, die über den Canal führen, sind ohne Geländer, aber 1'5 bis 2 Meter breit; sie schwingen etwas, doch wäre dies ohne Bedenken. Gefährlich ist es blos, wenn der Wind geht, dann kommen auch Unfälle vor. Bei dem Wegführen des Lehmes werden den Frauen die leichteren Wege zugewiesen. In einigen Betrieben wird der Lehm mittelst einer Drahtseilbahn herausgeführt, dabei sind aber Frauen nicht beschäftigt. Im Winter wird zu Partien von 60 bis 100 Leuten gearbeitet, bei sehr schlechtem Wetter wird ausgesetzt. Wenn der Lehm im Winter tüchtig durchgefroren war, wird er im Frühjahre hergerichtet, nämlich eingewässert, tüchtig durchgepeitscht und mit der Hand umgesetzt. Das ist Arbeit des Mannes. Wenn der Lehm entsprechend vorbereitet ist, beginnt die Arbeit der Frau. Sie macht die Ziegel, d. h. sie bricht den Lehm, schlägt ihn in die Modeln, legt ihn sodann zum Trocknen unter die Hütte. Diese Arbeit geschieht im Freien, weshalb bei starkem Regen nicht gearbeitet werden kann. Die getrockneten Ziegel werden von dem Mann und der Frau abgetragen, doch wird dazu hauptsächlich die Frau verwendet, da diese Arbeit wenig lohnend ist. Die getrockneten Ziegel kommen dann zum Ofen, wo nur Männer, die sogenannten „Einschieben beschäftigt sind. Beim Ausladen der fertigen Ziegel werden auch Frauen beschäftigt, und zwar in der Weise, daß eine Frau auf dem Wagen steht und eine unten. Bei der Ziegelerzeugung werden auch Maschinen verwendet, bei denen ebenfalls Frauen beschäftigt sind. Der Vorgang ist dabei der, daß der Lehm, der aus der Maschine in Ziegelform herauskommt, noch in die Presse 20 Frauen-Enquöte. gegeben werden muß. Bei diesen Maschinen kommen auch Unfälle vor, einerseits wegen des Mangels von Schutzvorrichtungen und andererseits wegen der Ueberanstrengnng. Die Arbeit mit der Hand ist anstrengender als die bei der Maschine, da der Ziegel ganz durchweicht ist und sich die Arbeiterin bei jedem Ziegel bücken muß. Die Arbeitszeit dauert im Sommer in der Regel von 5 Uhr Früh bis 7 Uhr Abends, es gibt aber auch auf dem Wienerberge Leute, die nur von 6 bis 6 Uhr arbeiten. Was den Verdienst betrifft, so ist er im Winter höchstens 37 kr. pro Tag, im Sommer fl. l per 1000 Stück Ziegel. Unter den 7000 Mitgliedern der Krankenkasse sind etwa 2500 Frauen. Die Arbeiter zerfallen in solche, die nur im Sommer arbeiten, Italiener und Czechen, von zu Hause Lebensmittel zugeschickt erhalten, im Massen- quartier untergebracht sind und für den Winter in die Heimat gehen, und in die dauernd Beschäftigten. Die Letzteren erhalten von der Unternehmung Wohnungen. Sie werden auch von der Unternehmung aufgenommen, während die vorübergehend Beschäftigten von den Partieführern aufgenommen werden. Trotz des Wegzuges der Sommerarbeiter wird die Arbeiterzahl im Winter nicht viel geringer, da ein paar hundert Teichgräber unter Partieführern arbeiten, die im Sommer als Bauarbeiter beschäftigt sind. Exp. : Es ist unglaublich, wie die Frauen arbeiten müssen. Sobald die Ziegelerzengung beginnt, muß die Arbeiterin, wie nur der Tag dämmert, hinausgehen und muß bis 11 Uhr arbeiten. Da darf es sie nicht geuiren, wenn es regnet oder schneit, oder was für eine Witterung ist. Um 11 Uhr kommt sie nach Hause, und da soll sie zum Mittagmahl kochen, auf die Kinder schauen und Alles zu Hause besorgen! Die Wäsche und die Herrichtung der Hausgeräthschaften muß sie ohnedies auf den Abend lassen. Was die Kinder betrifft, so hat für sie die Frau gar keine Zeit. Wenn die Kinder zur Schule aufstehen, ist die Mutter nicht da, sie müssen sich selber anziehen, kurz, sie sind sich selbst überlassen. Die Mutter hat für sie factisch keine Zeit. Es wird von einem Minimallohn gesprochen, damit ist es aber in Wirklichkeit nichts. Es wird zwar den Frauen auch von der Betriebsleitung vorgeschwefelt, daß sie einen Accordlohn haben. Da werden nun speciell die Frauen angetrieben, die Truhen anständig auszufüllen und aufzuladen, und da schaut jede Frau dazu, daß sie die erste fertig wird. Dr. Ofner: Sind das dieselben Frauen, welche den Lehm in die Modeln geben und die Ziegel dann wegtragen? — Exp. ck: Das sind dieselben Frauen. Weiß: Bestehen da verschiedene Arbeitsstunden? — Exp. ll: Es ist das nicht überall gleich; da kommt es darauf an, je nachdem der Herr human ist. Es kommt vor, daß schon früh der Herr in das Zimmer kommt und mit dem Hinausschmeißen droht, wenn die Leute nicht hinausgehen. Dr. Verkauf: Pflegen nicht Mann und Frau gewöhnlich Hand in Hand zu arbeiten? — Exp. ck: Ja, sie arbeiten einander in die Hand. Dr. Verkauf: Das ist gewöhnlich ein Ehepaar? — Exp. ll: Ja, aber nicht immer. Das, was der Mann hinuuterhackt, nimmt die Frau und gibt es in die Truhe. Dr. Verkauf: Wie schwer ist so eine Truhe, mit der die Frauen fahren? — Exp. ck: Für den Winter kann ich das nicht genau sagen. Aber im Sommer habe ich es gewogen, vielleicht fünf Metercentner schwer, im Winter vielleicht die Hälfte. Herrdegen: Eine Truhe soll fünf Metercenter schwer sein? Ich habe selbst einmal einen Versuch gemacht, eine über eine Treppe hinaufzuführen, aber über einen Metercentner habe ich es nicht gebracht. Vielleicht ist das das Gewicht, wenn die Truhe auf Schienen lauft? — Exp. ck: Es sind theilweise Schienen, aber nicht überall. Aber wir haben uns Heuer überzeugt. Es wird nicht weniger sein als fünf Metercentner. 307 Dr. Schwab: Auf einem vierrädrigen Wagen? — Exp. -I: Auf einer Scheibtruhe. Dr. Schwab: Bei einigen Betrieben werden Maschinen verwendet, bei anderen nicht? Ist es da so, daß die größeren Betriebe Maschinen haben, die kleineren nicht?— Exp. 3: Es ist nur der Unterschied, daß die größeren Betriebe diese Maschinen bauen können. Die kleineren Betriebe können nicht ein solches Quantum liefern. Pros. Grub er: Getreten wird der Lehm bei Ihnen nicht? — Exp. 4: Nein, er wird durchgepeitscht und dann mit der Hand umgesetzt. Dr. Verkauf: Wie steht es mit der Krankenkasse? — Exp. -I: Ich kann nur so viel sagen, es ist nicht zu glauben, wie die Leute behandelt werden. Früher einmal haben sich die Werke eine Krankenkasse angelegt, für welche sie per Gulden 2 kr. abzogen. Vom Jahre 1890 sind diese Easi'en successive verschwunden. In jeder solchen Casse ist ein riesiges Eapital gelegen, und das ist verschwunden. Es weiß bis zum heutigen Tage Niemand zu lagen, wer das Geld bekommen hat. Im Jahre 1891 ist speciell für den Betrieb der Wienerberger Gesellschaft eine Betriebs-Krankencasse gegründet worden. Dr. Verkauf: Ist das Vermögen der alten Krankenkasse auf die neue Casse übergegangen? — Exp. 4: Es ist dann eine Pensionscasse gegründet worden ; aber da weiß kein Einziger, was für ein Vermögen da ist; es darf Niemand fragen. Es wird kein Bericht herausgegeben. Dr. Verkauf: Hat der Betrieb zu diesem Fonde etwas beigetragen? - - Exp. 4: Nichts. Das sind lediglich Arbeitergelder. Dr. Verkauf: Haben Sie sonst etwas bezüglich der Krankencasse zu bemerken? — Exp. 3: Früher haben die Arbeiter 2 kr. gezahlt; später, wo die Krankencasse nach dem Gesetz organisirt werden mußte, ist man auf l kr. heruntergegangen; heute sind es 0'5 kr. Die Betriebs-Krankencasse ist jetzt im Sinne des Gesetzes so gefaßt, daß der Unternehmer eine Majorität von 50 Stimmen hat. Dr. Verkauf: Das widerspricht ja dem Gesetze. — Exp. 3: Es heißt aus dem Titelblatt: „im Sinne des Gesetzes", und er hat 50 Stimmen Majorität. Ich war Heuer in einer Generalversammlung, und da hat uns der Tirector der Fabrik mit 50 Stimmen niedergestimmt. Ich könnte es beweisen. Die Arbeiter sollen allerdings zwei Drittel Stimmen haben, während dem Unternehmer nur ein Drittel zusteht, so lautet es in den Statuten. Aber der Unternehmer versteht es sehr gut, dem Arbeiter zu sagen: „Du wirst den wählen und den nicht!" Da sind die Arbeiter immer übervortheilt. Expertin Nr. 90: Ich bin am Wienerberg geboren. Meine Mutter hatte 12 Kinder, welche alle dort zur Welt gekommen sind. Schon meine Eltern haben dort gearbeitet, und dann erhielten sie eine Pension von 70 kr. wöchentlich. Aber da mußten wir größeren Kinder schon mithelfen. Als ich sieben Jahre alt war, mußte ich schon Ziegel einreihen; wenn sie trocken waren, mußten wir zugreifen und sie zur Mutter tragen, daß der Vater im Lehm sein kann. So haben wir also der Mutter geholfen, die Ziegel früher einzubringen. Ich bin noch aus dem Werke, das jetzt einer Aktiengesellschaft gehört und der größte Betrieb auf dem Wienerberge ist. Im vorigen Jahre sind die Leute Früh um 3 Uhr ausgestanden, die Männer wie die Frauen; sie haben ein bissel Kaffee gekocht, und wie sie fertig waren, sind sie im Sommer um 4 Uhr hinausgegangen. Wir arbeiten die schweren Extraziegel, die man so schlagen muß. Da müssen wir den Schlamm auf einem Wagerl herführen, und dann ist so eine Rein, ein Bassin, da wird er hineingeworfen. Und dann muß ich meinem Mann wieder beim Stechen helfen. Zuerst sticht man es, dann muß man Wasser hineingehen, dann muß man den Lehm machen, nämlich man muß ihn umwerfen, damit keine Bröckchen darin sind, sonst sind die Ziegel nichts werth. Wenn man sich damit Mühe gibt, so ist die Arbeit nicht bezahlt. Wir haben von 1000 Stück nur st. 5'15, und das 20 * 308 haben wir erst im vorigen Jahre bekommen, wie wir nicht gearbeitet haben; früher haben wir von 1000 Extraziegeln nur st. 4'30 bekommen. Im heurigen Winter haben wir da nicht gearbeitet. Wir arbeiten in dem Fabriksbetrieb des einen Herrn, und wenn man dann im Winter zu dem anderen kommt, da heißt es: „Ich muß zuerst meine Leute hineinsehen dann erst kommt Ihr!" Von der Blendsteinfabrik sind da sehr viele, alle Extraziegelarbeiter. Vorsitzender: Sie arbeiten nicht mit der Maschine? — Expertin Nr. 90: Nein, mit der Hand. Vorsitzender: Ist in der Blendsteinfabrik bei der Arbeit eine Besonderheit? — Exp. Nr. 90: In dieser Blendsteinfabrik braucht man kein Material früher herzurichten; das wird im Sommer hergenommen, und im Winter arbeiten sie bei einem Anderen. Vorsitzender: Haben Sie im Winter immer Beschäftigung, alle Jahre? — Exp. Nr. 90: Ja. Vorsitzender: Sind außer Ihnen auch andere Frauen, die dort beschäftigt sind, am Wienerberge geboren? — Exp. Nr. 90: O ja, mehrere. Vorsitzender: Woher kommen die Frauen sonst? — Exp. Nr. 90: Aus Böhmen. Vorsitzender: Wie kommen sie hin? Gibt es da Zubringer? — Exp. : Sie kommen halt mit dem Binkel her und gehen um Arbeit fragen. Da wenden sie sich an den Werk- oder Platzmeister, und der nimmt die Leute auf. Es kommt auch größtentheils vor, daß der Werkmeister in der fremden Gegend bekannt ist, und da wird dorthin geschrieben. In Ungarn ist Heuer speciell stark geworben worden. Da wurde in das Leithagebiet geschrieben, und von dort wurden die Leute angeworben. Vorsitzender: Kann jeder Mensch diese Arbeit gleich am ersten Tage, wie er hinkommt, verrichten, oder muß er das erst lernen? — Exp. Nr. 90: Freilich muß ihm erst gezeigt werden, daß das so und so zu machen ist. Vorsitzender: Bekommen die Leute da weniger Entlohnung? — Exp. Nr. 90: Bei dem alten Herrn haben sie 40 kr. bekommen, aber jetzt bekommen sie nichts. Es sind drei Tage, daß eine Frau lernen muß; da muß sie viel bitten, daß sie etwas bekommt. Vorsitzender: Welchen Lohn bekommt sie da? — Exp. Nr. 90: Täglich 40 kr. Vorsitzender: Und da dauert die Arbeit vom Tagesbeginn an? — Exp. Nr. 90: Ja. Vorsitzender: Haben Sie im Sommer und Winter denselben Lohn ? — Exp. Nr. 90: Nein. Im Winter hat der Mann 80 kr. und die Frau 38 kr. Im Sommer wird nach tausend Stück Ziegel gezahlt. Da haben die, welche das arbeiten, vom Tausend drei Gulden und ein paar Kreuzer; und wir, die wir unter der Hütte arbeiten, haben st. 5'15 von 1000 Extraziegeln. Da muß man sich aber anstrengen, bis man das fertig bringt; da muß man das fest schlagen. Auf dem Platz braucht man nicht so zu schlagen, aber bei den Extraziegeln ist es sehr anstrengend. Vorsitzender: Wie lange brauchen Sie zu 1000 Ziegeln? — Exp. Nr. 90: Zwei Tage. Vorsitzender: Wie viel verdienen Sie in diesen zwei Tagen? — Exp. Nr. 90: Ich habe vom Tausend zwei Gulden. Ich und mein Mann haben noch eine Schlägerin dazu, die mitschlägt. Täglich machen wir auf diese Weise 1000 Ziegel, und da müssen wir die Schlägerin selbst auszahlen; die bekommt für 1000 Stück fl. 1'02. Vorsitzender: Also Sie, Ihr Mann und dann noch die Schlägerin... — Exp. Nr. 90: Und die Kinder müssen mithelfen. Vorsitzender: Also drei Personen mit den Kindern verdienen fl. 5'15 in einem Tage? — Exp. Nr. 90: Ja. 302 Vorsitzender: Ist die Schlägerin nicht vom Herrn aufgenommen? — Exp. Nr. 90: Das schon. Das müsten wir ja wissen, für den Fall, daß ihr etwas passirt. Pros. v. Philippovich: Früher haben Sie gesagt, daß Sie in zwei Tagen 1000 Ziegel machen? — Exp. Nr. 90: Nun ja, eine Frau. Die Frau verdient in zwei Tagen st. 2. Also auf die 1000 Ziegel, für die sie fl. 2 bekommt, muß sie zwei Tage arbeiten. Wenn wir in der Partie arbeiten, bekommen wir nicht so viel, da bekommen wir nur 38, 40, 45 kr. täglich. Pros. v. Philippovich: Sie machen jeden Tag ein solches Tausend fertig? — Exp. Nr. 90: Manchmal auch nicht, z. B. wenn der Lehm schlecht, vielleicht zu weich ist, und wenn es nicht gleich trocken wird. Da muß man sich Plagen. Pros. v. Philippovich: Wie viel machen Sie in der Woche? — Exp. Nr. 90: 4- bis 5000. Pros. v. PhilipPovich: Da bekommen Sie also bei 4000 Stück fl. 2060 und bei 5000 Stück fl. 25'75. Und da zahlen Sie der Mitarbeiterin, die da geholfen hat, auch nach dem Tausend? — Exp. Nr. 90: Ja, die bekommt für 1000 Stück fl. 1'02, also für 4000 Stück fl. 4'08. Die Frau bekommt dasselbe wie die Schlägerin, und das Uebrige bekommt der Mann. Das ist, wie gesagt, im Sommer; im Winter wird pro Tag gezahlt. Da kommt der Herr mit dem Meter, und es wird gemessen, und darnach wird ausgezahlt. Je nachdem die Partie zusammengestellt ist, kommt die Frau auf 38, 40, 45 kr., das ist nicht gleich. Pros. v. Philippovich: Wie Viele sind in einer solchen Partie? — Exp. Nr. 90: In mancher Partie 100 oder über 80. Man kann rechnen, daß es 600 bis 800 Meter weit ist, und 1000 Meter auch, daß sie fahren müssen. Pros. v. Philippovich: Da werden die 80 alle gleich bezahlt? — Exp. Nr. 90: Die Männer bekommen das Doppelte. Pros. v. Philippovich: Aber die Frauen bekommen alle das Gleiche? Wenn die Frau in der Woche so viel Meter macht, bekommt sie 37 kr., wenn sie mehr macht, 38 und 40 kr. ? — Exp. Nr. 90: Ja. Pros. v. Philippovich: Wie aber, wenn schlechtes Wetter ist, wenn es z. B. schneit? — Exp. Nr. 90: Wenn es nicht viel schneit oder regnet, machen sich die Leute nichts daraus, weil sie sich zwingen müssen — wenn sie nicht arbeiten, gibt es kein Brot. Manchmal sind sie schon naß und bleiben noch da und arbeiten, nur um zu verdienen. Pros. v. Philippovich: Wenn es nun zwei Tage in der Woche so geschneit hat, daß Sie nicht arbeiten konnten, bekommen Sie da gar nichts für diese Tage? — Exp. Nr. 90: Gar nichts. Pros. v. Philippovich: Und wenn Sie den halben Tag gearbeitet haben? — Exp. Nr. 90: Da bekommen wir für den halben Tag und nichts mehr. Pros. v. Philippovich: Werden Sie immer am Samstag ausbezahlt? — Exp. Nr. 90: Ja. Pros. v. Philippovich: Haben Sie ein Buch ? — Exp. Nr. 90: Nein. Pros. v. Philippovich: Wie ist da der Vorgang bei der Auszahlung am Samstag? Da wird Ihnen gesagt, daß Sie z. B. drei, vier Tage gearbeitet haben, und das wird verrechnet? — Exp. Nr. 90: Wenn der Jnspector kommt, so ist Einer dabei, der Partieführer, der mißt mit dem Meter. Es weiß Niemand früher als am Samstag, was er in die Hand bekommt. Jeder wird in der Kanzlei extra verlesen, zuerst die Männer und dann die Frauen. Das Geld bekommt nur eine Person, der Mann, in die Hand, und er bezahlt dann die zwei Schlägerinnen. Vorsitzender: Bekommt er in das Büchel eingeschrieben, was er verdient hat? — Exp. Nr. 90: Ja. 310 Vorsitzender: Zeigt er Ihnen im Büchel, was er dort eingeschrieben hat? — Exp. Nr. 90: Ja, da schreibt sich der Mann alle Tage zu Hause auf, was er verdient. Vorsitzender: Sie selbst aber bekommen vom Werkmeister nichts eingeschrieben. Wenn Ihnen nun der Mann, obwohl er fl. 20 bekommen hat, sagt, daß er nur fl. 15 erhalten hat, was thun Sie da? — Exp. Nr. 90: Wenn er verheiratet ist, arbeitet er ja mit seinem Weib. lind die Andere, mit der er gearbeitet hat, muß er auch auszahlen; da geht er in die Wohnung und gibt ihr das Geld. Vorsitzender: Was macht denn eigentlich der Mann bei der Arbeit? — Exp. Nr. 90: Der muß den Lehm machen. Er macht die Masse an. Er hat den ganzen Tag zu thun, und da muß ich ihm noch helfen, sonst könnte er die Masse auf 1000 Ziegel nicht führen. Bei Extraziegeln muß der Lehm fein sein. Er macht das an, und die Frau macht dann die Ziegel und schlägt sie fest. Frl. Fickert: Der Mann arbeitet also etwas länger; auch scheint seine Arbeit schwerer zu sein als die der Frau? — Exp. Nr. 90: Ja, er muß mit dem Lehm fahren, muß ihn in die Truhe werfen. Da hat er ein Band, das gibt er sich um den Hals; dann muß er mit der Scheibtruhe hinaufsteigen, und da muß er sich natürlich anstrengen, bis er mit dem Lehm hinaufkommt. Dann muß er sie umwerfen. Vorsitzender: Könnte die Frau diese Arbeit nicht machen? — Exp. Nr. 90: Ich habe sie oft gemacht, wie ich noch ein Mädel war. Mein Vater war krumm, und da habe ich mitgeholfen. Ich habe oft mitgeführt; natürlich habe ich nicht so viel eingefaßt, etwas weniger, aber es war doch gut für ihn, daß ich mitgeholfen habe; die Arbeit ist ihm leichter geworden. Vorsitzender: Sind Sie in die Schule geschickt worden? — Exp. Nr. 90: Ich bin im Ganzen nur ein halbes Jahr in die Schule gegangen. Da haben wir monatlich 21 kr. gezahlt, und da konnten mich die Eltern nicht schicken. Wir waren ein paar Kinder, und diejenigen darunter, die schon ein bisset größer waren, haben geschaut, den Eltern zu helfen. Vorsitzender: Haben Sie lesen und schreiben gelernt? — Expertin Nr. 90: Ein bisset, aber nicht viel. Das habe ich erst nachträglich mir angeeignet. Wenn ich nach Hause gekommen bin, habe ich Gedrucktes in die Hand genommen und buchstabirt. Und so habe ich ein bissel gelernt. Vorsitzender: Ist in der Nähe des Ziegelwerkes eine Schule? — Exp. Nr. 90: Eine halbe Stunde weit. Dr. Ofner: In welchem Alter haben Sie eigentlich angefangen, gegen Bezahlung zu arbeiten? — Exp. Nr. 90: Mit dem 14. Jahre. Früher werden die Kinder nicht aufgenommen. Bis zum 14. Jahre habe ich nur mitgeholfen. Frau Popp: Sie haben früher gesagt, der Partieführer mißt die Arbeit, die Sie fertiggestellt haben, das wird von ihm aufgeschrieben, und darnach wird berechnet, was Sie verdient haben. Können Sie da bei dem Messen zuschauen, damit Sie sehen, ob er wirklich so viel mißt, als Sie gemacht haben? — Exp. Nr. 90: Zuschauen kann man schon, wie der Mann messen thut. Aber wer sich nicht auskennt . . . Frau Popp: Und kommt es da nicht vor, daß z. B. die Frauen glauben, daß sie so und so viel in der Woche gearbeitet und daher so und so viel verdient haben, und daß sie weniger Lohn bekommen? Kommt es da nicht vor, daß sie der Meinung sind, der Partieführer habe weniger gemessen, als sie gearbeitet haben? Glauben sie da nicht, daß der Partieführer. sagt, sie haben weniger gearbeitet, und daß das zum Nutzen der Gesellschaft ist? — Exp. 4: Das kommt ihnen nicht einmal in den Gedanken. Bei den Leuten ist es halt so: was sie kriegen, das nehmen sie. Dr. Schiff: Wissen Sie denn, wie viel Sie für die Arbeit zu be- 3N kommen haben? — Exp. 4: Da heißt es: „Wir geben so viel für den Meter"; wenn es aber recht weit zu führen ist, dann sagt der Herr: „Ich gebe 35 bis 40 kr." Bei sehr großer Entfernung müssen Mann und Frau, wenn sie mit sechs bis acht Truhen fahren, mehrere Stationen machen, z. B. die Frau fünf und der Mann fünf. Bei sehr großer Entfernung können die Leute nicht so viel verdienen; sie können sich nicht gar so zwingen. Da sagen die Herren den Leuten: „Ihr verdient Euch nichts, weil Ihr nicht arbeitet." Dr. Schiff: Wird Ihnen früher gesagt, wie viel Sie oder die Männer in diesen Gruben für den Meter bekommen, z. B. in dieser Grube 35, in jener 40 kr. ? — Exp. Nr. 90: Es trifft sich manchmal, daß man denselben Preis hat, bis wir unten sind, denselben Preis wie oben. Dr. Schiff: Beschweren sich die Leute darüber? — Exp. Nr. 90: Sie fürchten sich, weggegeben zu werden. — Exp. 4: Ich habe sämmtliche Partieführer am Wienerberge und auch sonst darüber befragt. Da wurde mir gesagt, daß sie einen Accord haben. Ich habe ersucht, sie sollen mir sagen — der Partieführer arbeitet selbst wie jeder Andere — welche Preise sie haben. Und das kann Niemand sagen. Der Herr sagt: „Ihr habt Accord", und damit ist Alles gesagt. Wenn die Zahlung kommt, sehen die Leute, daß sie auf 7l, höchstens 80 kr. kommen, die Männer nämlich. Am Wienerberge geht es heute nie über 80 kr. P ern e rst o rf e r: Ist vorher bestimmt, wie viel der Accord für den Meter ist? — Exp. 4: Nein. Pernerstorfer: Das erfährt man erst bei der Abrechnung selbst? — Exp. 4 : Auch nicht. Da heißt es nur: „Leute, Ihr habt Accord." P ern ersto rf er: Wer bekommt das Geld? — Exp. 4: Das wird an sämmtliche vertheilt. Pernerstorfer: Und kümmert sich Niemand um die Art und Weise, wie das berechnet ist? — Exp. 4: Sie kümmern sich wohl darum, das darf aber der Herr nicht erfahren, sonst heißt es: „Der thut nachrechnen!" und es wird ihm ein gehöriger Rippenstoß gegeben. Dr. Schiff: In welchem Monat beginnt die Partiearbeit im Winter? — Exp. Nr. 90: Wir rechnen 24 Wochen. Diese Arbeit beginnt zu Anfang November und geht bis Mitte April fort. Dann beginnt die Arbeit nach tausend Stück. Dr. Schiff: Sie machen Extraziegel, da sind Sie schon eine geschicktere Arbeiterin? — Exp. Nr. 90: Ja. Dr. Schiff: Sie haben gesagt, daß drei Personen zusammen in einer Woche 4000 bis 5000 Ziegel machen. — Exp. Nr. 90: Nicht immer so viel. Dr. Schiff: Die Extraziegel brauchen längere Zeit zur Arbeit? — Exp. Nr. 90: Ja. Dr. Schiff: Da kann man also von den einfachen Ziegeln, wenn sie geschwinder hergestellt werden können, mehr zu Stande bringen? — Exp. Nr. 90: Wenn Eine auf dem Platz arbeitet, so ist eine Schlägerin oder ein Kind da, die mithelfen. Die Mutter thut den Lehm hin, und das Kind nimmt die Ziegel und trägt sie auf den Platz. Dr. Schiff: Wie alt sind Sie? — Exp. Nr. 90: 44 Jahre. Ich habe drei Kinder gehabt. Eins geht noch in die Schule, eine ist verheiratet, und der Sohn ist auch weg. Dr. Verkauf: Haben Sie 14tägige Kündigung, oder kann der Herr Sie jeden Tag wegschicken? — Exp. Nr. 90: Das kann er nicht thun. Dr. Verkauf: Gibt es auch Arbeiten, die bei Nacht gemacht werden? — Exp. Nr. 90: Das ist in der Fabrik der Fall, wo in der Nacht ein Licht angezündet werden kann. Bei uns, wo der Wind geht und daher kein Licht gemacht werden kann, ist eine Nachtarbeit nicht möglich. Dr. Verkauf: Wie ist es am Sonntag? — Exp. Nr. 90: Da 312 wird Nachmittags drei bis vier Stunden gearbeitet; da gibt man die Ziegel in die Stellagen; da muß ich manchmal dem Manne helfen, damit er früher fertig wird. Dr. Verkauf: An einem Feiertag arbeiten Sie den ganzen Tag? — Exp. Nr. 90: Bei uns arbeiten wir nicht, das thut der Mann; damit er nicht am Sonntag hingehen muß, werden die Ziegel auf den Stellagen zum Trocknen aufgestellt, damit die Einschieber sie wegführen und wir am Montag wieder arbeiten können. Dr. Verkauf: Sie haben auch eine Wohnung? — Exp. Nr. 90: Ja. Dr. Verkauf: Von wem ist sie beigestellt? — Exp. Nr. 90: Vom Herrn. Dr. Verkauf: Haben Sie für dieselbe etwas zu zahlen? — Expertin Nr. 90: Wir wissen nicht, ob nicht der Herr etwas dafür abzieht; darüber können wir nicht fragen. Nur von dem Krankengeld wissen wir, daß es abgezogen wird. Vorsitzender: Bekommen Sie Werkzeuge? — Exp. Nr. 90: Wenn wir anfangen, bekommen wir die Werkzeuge, die wir brauchen. Vorsitzender: Bekommen Sie Holz oder Kohle zur Beheizung? — Exp. Nr. 90: Wir bekommen schon Kohle, aber so weich! Wenn man sie in den Herd gibt, glaubt man manchmal zu ersticken. Im Fenster ist das Loch nicht größer als drei Handflächen; und im Sommer muß man doch wie im Winter heizen. Die Beleuchtung müssen wir selber kaufen. (Ueber Befragen des Vorsitzenden.) Wir wohnen zwei Familien in einem Zimmer, das sechs Meter lang und vier Meter breit ist; dasselbe hat drei Fenster, aber sehr kleine, und eine Thür. Wir wohnen auf dem Boden; gerade so wie ein Vogelhäusel ist es gemacht. Unsere Familie besteht aus mir, meinem Mann und dessen Bruder und noch Einem oder Zweien; die andere Familie sind drei Personen, also zusammen acht Leute. Vorsitzender: Haben Sie da einen Herd? — Exp. Nr. 90: Ja. Wenn wir nach Hause kommen, muß ich schnell in der halben Stunde Feuer machen. Vorsitzender: Wie halten Sie es im Winter aus bei dem schlechten Beheizungsstofse, bei dem Gestank und Rauch? — Exp. Nr. 90: Man muß es halt aushalten, wenn man auch nicht will! Vorsitzender: Können Sie die Fenster aufmachen? Ist Glas darin? — Exp. Nr. 90: Ja. Aber das Loch ist nur drei Hände breit; das Fenster selbst ist größer. Vorsitzender: Haben Sie da Licht genug? — Exp. M. 90: Ja, bei Tag ist Licht genug, weil es hoch ist. Vorsitzender: Wie viel Betten haben die acht Personen? — Exp. Nr. 90: Vier Betten; da schlafen immer zwei Personen miteinander. Vorsitzender: Können Sie sich in dem Zimmer noch ordentlich umdrehen? — Exp. Nr. 90: Ein großer Platz ist natürlich nicht. Vorsitzender: Wo waschen Sie sich? — Exp. Nr. 90: Im Zimmer. Wenn es Winter ist, kann man sich natürlich nicht draußen waschen. Vorsitzender: Alle durcheinander, Männer und Frauen? — Exp. Nr. 90: Ja. Vorsitzender: Können Sie uns sonst noch etwas über diese Dachwohnung sagen? Hat sie einen Plafond, der vom Dach gebildet wird? — Exp. Nr. 90: Ja. Vorsitzender: Wohnen in dem Hause, wo Sie sind, zu ebener Erde auch Arbeiter? — Exp. Nr. 90: Ja. ^ Vorsitzender: Ich habe selbst eine große Reihe von Wohnungen dort gesehen, aber solche Dachwohnungen sah ich nicht. — Exp. Nr. 90: O ja, es sind schon Wohnungen dort oben. 313 Vorsitzender: Ist die Decke, die Sie haben, gerade oder schräg? — Exp. Nr. 90: Schief. Vorsitzender: Sind da Doppelfenster oder einfache? — Expertin Nr. 90: Einfache; Doppelfenster haben wir noch nicht gehabt. Auch bei anderen Wohnungen, die dort find, habe ich keine Doppelfenster gesehen. Vorsitzender: Wie ist der Aufgang zu Ihrer Wohnung? — Exp. Nr. 90: Es ist eine steinerne Stiege mit 17 Stufen. Vorsitzender: Wird die Stiege, wenn es finster wird, beleuchtet? — Exp. Nr. 90: Nein. Pros. Gruber: Wie ist die Wohnung vom Dachraume abgegrenzt? Durch eine Bretter- oder durch eine gemauerte Wand? — Exp. Nr. 90: Durch eine gemauerte Wand. Pros. Grub er: Gehört die Einrichtung in der Wohnung Ihnen? — Exp. Nr. 90: Ja, ein Theil unserer Familie, ein Theil der anderen. Jede hat die Halbscheit der Wohnung. Wenn die Familien hinaufgeführt werden, so wird ihnen gesagt: „Diese Hälfte gehört Euch und die andere Euch." Da muß man sich halt fretten. Pros. Gruber: Irgend ein Vorhang ist nicht da. Sie wissen nur: Diese Hälfte gehört uns, diese den Anderen? — Exp. Nr. 90: So ist es. Pros. Gruber: Haben Sie ein Waschbecken in der Wohnung? — Exp. Nr. 90: Nein, wir waschen uns Alle miteinander in einem und demselben Schaffell Pros. Gruber: Müssen Sie das Wasser von weit herholen? — Exp. Nr. 90: Ja, wenn man gutes Wasser haben will, muß man eine Viertelstunde weit gehen. Von dem anderen Wasser wird das Essen so bitter, die Speisen sind dann nicht gut. Pros. Gruber: Was für ein Wasser benützen Sie gewöhnlich? — Exp. Nr. 90: Zum Kochen und Trinken holen wir das Wasser von weither. Zum Waschen nehmen wir das Wasser aus dem Canal, aus den Löchern, die da ausgegraben sind. Das Wasser, das wir von weit holen, ist gut. Es ist Bründlwasser. Das ist noch von der Zeit her, wo der Miesbach den Ziegelofeu gehabt hat. da hat er solche Bründl machen lassen. Dieses Wasser ist gut, und das lassen wir in das Schaffet fließen. Pros. Gruber: Und wo waschen Sie? — Exp. Nr. 90: Im Sommer gehen wir gleich auf den Boden; im Winter waschen wir in der Wohnung. Pros. Gruber: Wo sind die Aborte? — Exp. Nr. 90: Gleich neben dem Haus. Eine gedeckte Verbindung mit dem Haus haben sie nicht, so muß man also durch's Freie gehen. Bei jedem Haus sind zwei solche Aborte. Pros. Gruber: Wie viel Menschen müssen sie benützen? — Expertin Nr. 90: Ueber dreißig. Exp. 3: Oho, fünfzig oder sechzig! Pros. Gruber: Ist der Abort aus Brettern? — Exp. Nr. 90: Aus Steinen. Da ist ein großer Stein, in den ein Loch hineingemacht ist. Sonst sind es so Hütten, und in der Mitte ist eine Mauer, weil zwei Aborte nebeneinander stehen. Pros. Gruber: Ist da eine Senkgrube oder ein Canal? — Expertin Nr. 90: Nein, es ist nur so eine Grube. Wenn die Grube schon voll ist, kommen immer ein paar Männer und schöpfen das heraus und führen es in den Canal oder sonst irgend wohin. Pros. Gruber: In den Canal? Also in dieselben Gruben, wo gearbeitet wird? — Exp. Nr. 90: Ja. Pros. Gruber: Wer nimmt das heraus? — Exp. Nr. 90: Da ist schon immer Einer dazu, der das herausnimmt. Pros. Gruber: Wie weit führt er es weg? — Exp. Nr. 90 : Der kann es schon über 500 Meter weit führen. 314 Pros. Grub er: Und da gießt er es in den Canal, wo immer gearbeitet wird? — Exp. Nr. 90: Dort, wo die Lehmscheiber arbeiten, graben sie ein Loch aus und führen es hin. Manchmal wird es bei Nacht hingeführt; da wird es dann mit Sand zugedeckt oder fönst überstreut, damit man es nicht so kennt. Dr. Ofner: Sie sagten, daß die Stiege zu Ihrer Wohnung nicht beleuchtet wird. Wie denn aber, wenn Jemand bei Ihnen krank wird? — Exp. Nr. 90: Da ist es schwer. Da müssen wir mit unserer Lampe hinausgehen und leuchten. Dr. Ofner: Oder wenn z. B. Jemand bei Ihnen die Blattern bekommt? — Exp. Nr. 90: Da geben wir ihn in das Spital. Vorsitzender: Arbeitet der Partieführer mit? — Expertin Nr. 90: Ja. Vorsitzender: Hat er einen größeren Lohn als die Anderen? — Exp. Nr. 90: Einen Gulden mehr in der Woche. Vorsitzender: Kommen wir nochmals auf die 1000 Stück Ziegel zurück. An diesem Tausend, sagen Sie, arbeiten zwei Frauen und ein Mann, und da bekommt die Frau fl. Ü02 vom Tausend? — Exp. 3: Vom Tausend sind fl. 2'04. Macht sie die allein, so hat sie auch die fl. 2'04 allein. Arbeiten aber zwei daran, so bekommt sie nur fl. U02. Vorsitzender: Jetzt sagen Sie mir aber: Sie bekommen vom Tausend zusammen fl. 5'15. Also den Rest von fl. 3'11 bekommt der Mann? — Exp. 3: Ja. Vorsitzender: Also ist der Unterschied zwischen dem Verdienste der Frau und dem des Mannes so groß? — Exp. 3: Ja. Eine Frau kann es nicht erzwingen. Man muß sagen, das ist schon die beste, flinkste Arbeiterin, die factisch 500 Ziegel macht. Ich habe dort ein ganzes Jahr zugebracht. Gewöhnlich macht eine 200 bis 300 Stück. Es gibt zwar Frauen, die 500 Stück Extraziegel machen; aber die muß man schon suchen gehen! Vorsitzender: Wie ist es mit den Strafen? Wenn die Leute z. B. zu spät zur Arbeit kommen, werden sie da auch bestraft? — Exp. 3: Strafen kommen sehr häufig vor. Da kommt es freilich darauf an, wie ein Arbeiter dem Herrn zu Gesichte steht. Die Leute wissen gar nicht, wie hoch ihnen die Strafe bemessen wird, und da kann Einem der Herr willkürlich sagen: „Du wirst mit fl. 2 bis 3 gestraft!" Vorsitzender: Wofür? — Exp. .7: Es kommt manchmal vor, daß etwas durch Verschulden gebrochen wird. Vorsitzender: Werden auch die Frauen gestraft? — Exp. 3: Im Allgemeinen kann man sagen, daß wenige Frauenstrafen sind. Da kommen Strafen nur bei Denjenigen vor, die mit Maschinen und Aufzügen zu thun haben. Da sind es 25 bis 30 kr. Dr. Verkauf: Sind drei Personen nothwendig oder würden auch zwei — ein Mann und eine Frau — genügen, um 1000 Ziegel an einem Tage fertig zu machen? — Exp. 3: Drei Personen, und da müssen sie fest arbeiten. Dr. Verkauf: Um wie viel Uhr müssen sie da anfangen, und bis wie viel Uhr müssen sie arbeiten, um 1000 Ziegel in einem Tage zu machen? — Exp. Nr. 90: Der Mann geht um 4 Uhr hinaus, damit er sich ein bissel einführt, damit, wenn die Frauen kommen, sie arbeiten können. Die beiden Frauen kommen um 5 Uhr. Mit den 1000 Ziegeln sind sie gewöhnlich — aber nicht immer — um 7 Uhr Abends fertig. Engel: Wie unterscheiden sich die Extraziegel von den gewöhnlichen Ziegeln? Was ist das eigentlich, ein „Extraziegel"'?— Exp. Nr. 90: Jedes Stückel ist extra von der Form, und da muß man die Stückel zusammen- geben, und wenn man so den Lehm macht, muß man es besser thun als auf dem Platz, damit es sich nicht aufreißt. Wenn man das so machen 315 würde wie auf dem Platz, so wären die Ziegel nichts werth. Dann wird das umgedreht, abgeschnitten u. s. w., und hierauf wirft man es in den Model hinein. Weil jedes Stückel von der Form extra ist, muß man das zusammenhalten, damit der Lehm nicht herausrinnt. Tann schneidet man es ab, und nun haben wir hölzerne Streichblätter, mit denen der Ziegel glatt gemacht wird. Der muß so glatt werden wie hier diese Tischplatte. Engel: Haben Sie außer den 40 kr. im Winter auch noch die Wohnung? — Exp. Nr. 90: Ja. Engel: Also extra zahlen Sie für die Wohnung nichts. Wir haben nämlich gehört, daß in der Thonwaaren-Fabrik für die Wohnung wöchentlich 25 kr. abgezogen werden. Vorsitzender: Wie ist es mit den Kindern? — Exp. Nr. 90: Unter 14 Jahren wird keines beschäftigt, da können sie nur aushelfen, und das thun sie schon, sowie sie nur ein bischen größer sind, 6 bis 7 Jahre alt. Da müssen sie die Ziegel heraufreichen und aufstellen, wenn sie trocken sind. Und wenn der Vater mit dem Lehm und die Mutter mit den Ziegeln fertig ist, müssen die Kinder sie hineintragen. Da wird's ohnehin schon 8 Uhr. Vorsitzender: Wie ist es mit dem Schulgehen? — Exp. Nr. 90: Jetzt müssen die Kinder in die Schule geschickt werden. Bevor sie in die Schule gehen, müssen sie Ziegel aufstellen und später wieder dem Vater etwas Wasser zutragen helfen, oder sie müssen zu Hause arbeiten, Geschirr abwaschen, Wasser zutragen u. dergl. Die Mutter hat ja nicht zu Allem Zeit, und auf den Abend kann nicht Alles gelassen werden. Wenn sie ein paar Kinder hat, muß sie auch zweimal wöchentlich waschen. Vorsitzender: Zu Hause lernen können also die Kinder nicht? Sie müssen hinausgehen und helfen? — Exp. Nr. 90: Ja. Vorsitzender: Helfen Ihre Kinder auch mit? — Exp. Nr. 90: Natürlich, sie haben uns geholfen. Bis 14 Jahre sind sie in die Schule gegangen; von da an haben sie gearbeitet. Exp. 4: Die Frau Expertin lebt eben im Vergleich zu anderen Ziegelarbeiterinnen in außerordentlich günstigen Verhältnissen, da ihre Kinder schon groß sind. Pros. v. Philippovich: Schreiben Sie sich in einem Buche aus, was Sie an Lohn bekommen? — Exp. Nr. 90: Ja, zu Hause habe ich es. Pros. v. Philippovich: Erinnern Sie sich, was Sie in den letzten Wochen aufgeschrieben haben? — Exp. Nr. 90: Auswendig kann ich es nicht sagen. Pros. v. Philippovich: Haben Sie immer Ziegel gemacht? — Exp. Nr. 90: Immer. Im Winter, wenn wir nicht einen trockenen Schlamm gehabt haben, sind wir auf den Platz hinausgegangen, um Mauerziegel zu machen. Da bekommt man sl. 3 vom Tausend. In der Woche macht man — je nachdem — 5, 6 oder Ohch auch 7 Tausend, aber da helfen schon die Kinder mit. Pros. v. Philippovich: Bei 6000 ist das also ein Wochenverdienst von st. 18. Wie viel bekommt davon die Frau? — Exp. Nr. 90: Einen Gulden vom Tausend. Pros. v. Philippovich: Das wären also in der Woche st. 6. Da bekommt sie also bei Mauerziegeln mehr als bei Extraziegeln? — Expertin Nr. 90: Ja, bei Extraziegeln ist die wenigste Zahlung. Dr. Ofner: Wer mißt die Arbeit im Winter ab? — Exp. Nr. 90: Der Jnspector und der Werkleiter; der sagt zu dem Mann, der immer bei der Arbeit ist, er soll den Meter nehmen und messen; und sie gehen nach und schauen, wie er mißt, und zählen. Der Partieführer geht mit und schaut zu. Vorsitzender: Ihre Arbeit dauert von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang, also im Sommer mitunter sehr lange, bis 8 Uhr. Dann schlafen Z16 Sie bis 4 Uhr? — Exp. Nr. 90: Ja, und dann geht die Arbeit den ganzen Tag durch. Vorsitzender: Was für Pausen haben Sie zum Ausruhen oder zum Kochen? — Exp. Nr. 90: Mit dem Kochen kann man nicht viel machen. Wenn man um halb 11 Uhr nach Hause kommt, macht man etwas gerührte Erdapfel, einen Erdäpfelsterz an, oder Kraut, oder etwas Suppe, oder irgend etwas aus geschnittenen Semmeln, was halt geschwinder geht. Vorsitzender: Wie lange dauert zu Mittag die Arbeitspause ? — Exp. Nr. 90: Von 11 bis 12 Uhr. Da wird gegessen und wieder fortgegangen. Vorsitzender: Wie ist's mit der Jause? — Exp. Nr. 90: 'Während der Jause wird Brot gegessen. Abends ein bissel Kaffee und Brot dazu. Vorsitzender: Wer ladet auf? — Exp. Nr. 90: Der Mann. Baronin Vogelfang: Wie viel Zeit brauchen Sie zur Umstellung der Ziegel an einem Feiertag, zu der Arbeit überhaupt, die Sie da machen? — Exp. Nr. 90: Zwei bis drei Stunden, je nachdem. Wenn es sich trifft, daß ein Feiertag unter der Woche ist, kann man es am Feiertag machen. Baronin Vogelfang: Und da helfen die Kinder mit? — Expertin Nr. 90: Ja. Baronin Vogelfang: Wie lange? — Exp. Nr. 90: Auch die zwei oder drei Stunden. Baronin Vogelfang: Um welche Tageszeit wird das gemacht, Früh oder Nachmittag? — Exp. Nr. 90: Meist Früh, daß man bis 8 Uhr fertig ist. Baronin Vogelfang: Dann haben Sie keine andere Arbeit mehr? — Exp. Nr. 90: Nur Hausarbeit. Baronin Vogelfang: Wann sind Sie am Sonntag mit der Hausarbeit fertig? — Exp. Nr. 90: Da hat man den ganzen Tag zu thun. Man weiß gar nicht, was man früher thun soll: Kleider flicken, die Kinder reinigen, Kochen u. s. w. Baronin Vogelfang: Und wann kommen Sie in die Kirche? — Exp. Nr. 90: Im Sommer selten. Baronin Vogelfang: Wie oft im Jahre? — Exp. Nr. 90: Darnach man Zeit hat. Ein paarmal, nicht oft, ich kann mir das nicht merken, vielleicht drei- oder viermal. Pernerstorfer: Sie haben gesagt, wenn Jemand krank ist, kommt er in das Spital. Ich war aber selbst in diesen Wohnungen, und da habe ich schwerkranke Leute im Bett liegen gesehen. — Exp. Nr. 90: Das ist nicht überall gleich. Es kommt darauf an, wie sich die Leute vergleichen. Manche Leute, die sich nicht vergleichen, sagen gleich: Der Mensch soll in's Spital gehen! Vergleichen Sie sich, so sagen sie: Er soll auf ein paar Tage zu Hause bleiben. Pernerstorfer: Wenn aber in jedem Zimmer ein paar Familien wohnen, da ist doch eine große Schaar von Kindern da? — Exp. Nr. 90: Wenn ein Kind krank wird, kommt es in das Spital. Wenn z. B. ein Kind die Masern oder eine Halsentzündung bekommt, da kommt der Rettungswagen und führt es uns weg. Pernerstorfer: In Ihrem Zimmer sind zwei Familien, in anderen gar sechs oder sieben, die äußerlich gar nicht von einander getrennt sind, sondern wo es nur heißt: Der einen gehört diese Ecke, der anderen jene Ecke. Nun muß man sich doch, bevor man zu Bette geht, auskleiden? Genirt Sie das nicht vor fremden Männern? — Exp. Nr. 90: Da muß man es halt so machen: Man dreht das Licht ab und zieht sich dann im Finstern aus oder zieht sich um. Pernerstorfer: Wenn aber der Mond scheint? — Exp. Nr. 90: Da muß man es halt irgendwie anstellen, daß man nicht gesehen wird. Pernerstorfer: Und wie ist es bei einer Entbindung, bei einem 317 Wochenbette? Geschieht das mitten in der großen Gesellschaft, die dort ist? — Exp. Nr. 90: Es trifft sich, daß eine Entbindung vorkommt, wo hübsch viel Familien beisammen sind. Wenn die Männer nur ein biffel Charakter haben, so bleiben sie nicht im Zimmer, sondern gehen hinaus. Die größeren Kinder weiß man schon hinauszubringen. Pcrnerstorfer: Aber von den Anderen kann man Niemanden hinausschaffen? — Exp. Nr. 90 : Wenn Einer nicht selbst geht, hinausschaffen kann man ihn nicht. Bardorf: Wenn so viele Familien beisammen sind, wie steht es mit dem Kochen? Kommt da nicht oft ein Streit vor? — Exp. Nr. 90: O ja. Jede will ja früher gekocht haben. Natürlich, das, was auf die heißeste Platte gestellt wird, wo das bischen Feuer ist, kommt allein zum Sieden; hinten bleiben die Häfen ganz kalt. Und da heißt es oft: Du hast gekocht und ich noch nicht! Die früher kommt, stellt ihre Häfen auf die erste Platte. Bardorf: Also ein Kampf um die heiße Platte! Jetzt, wo Sie nur zwei Familien im Zimmer sind, ist es etwas leichter? — Exp. Nr. 90: Ja. Da gibt jede von uns das, was sieden muß, auf die erste Platte, das Uebrige geben wir etwas weiter. Pros. Gruber: Wie haben Sie denn zu Lebzeiten Ihres Vaters gewohnt? — Exp. Nr. 90: Da waren wir zehn Familien in einem Zimmer, und jede Partei hat drei bis vier Kinder gehabt. Wenn es Winter war, mußte sich jedes Kind in den Winkel setzen, wo unser Platze! war. - Pros. Grub er: War da ein Stubenvater, der die Ordnung aufrecht gehalten hat? — Exp. Nr. 90: Nein, dazu haben wir die Eltern gehabt. Dr. Schiff: Was steht in Ihrem Zimmer noch, außer dem Herd und den vier Betten? — Exp. Nr. 90: Da ist noch ein Kasten und ein Häng- kasten: und die andere Familie hat einen Kasten, eine Truhe, einen Tisch, eine Bank, einen Sessel und zwei Betten, und von jeder Familie ist ein Tisch da. Dr. Schiff: Wohnen alle Arbeiter der Wienerberger Ziegelfabrik in solchen Häusern? — Exp. Nr. 90: Es gibt verschiedene Wohnungen. Dr. Schiff: Aber alle wohnen in Häusern? Man hat nämlich viel davon gelesen, daß die Arbeiter früher zum Theil nicht in Häusern gewohnt haben, sondern in Räumen, die gegen die Kälte nicht geschützt waren. Kommt das nicht mehr vor? — Exp. Nr. 90: Es kommt noch vor. Da sind z. B. alte Oefen, oder es sind Leute unterirdisch, und oben auch. Da sind an einem Orte 27 Personen. Dr. Schiff: Da ist das oben gedeckt? — Exp. Nr. 90: Es regnet in's Zimmer. Wenn ein Wind geht, regnet es auch bei uns herein, es geht durch die Mauer durch, weil sie nur einen halben Ziegel stark ist. Dr. Schiff: Da sind 27 Personen in der Wohnung! Ist dort auch ein Herd? — Exp. Nr. 90: Ja, der ist dort. Zu der Wohnung führen zwei hölzerne Stiegen, die aber so steil sind, daß, wenn man hinaufgeht, man immer glaubt, man fällt wieder zurück. Dr. Schiff: Wie viel Familien bilden diese 27 Personen? — Exp. Nr. 90: Bier Familien und dann sind noch ledige Burschen da, drei oder vier auf ein Bett. Dr. Schiff: Arbeiten Sie auch über 8 Uhr Abends? — Expertin Nr. 90: Früher haben die Männer, die Lehm scheiben, bis 9 oder 10 Uhr Abends gearbeitet, oder auch bis sie den Lehm fertiggebracht haben. Seit dem vergangenen Jahre müssen sie weniger arbeiten. Dr. Ofner: In dem Zimmer, wo 27 Leute sind, wie viele Herde sind da? — Exp. Nr. 90: Einer. Dr. Ofner: Können fünf bis sechs Frauen zugleich ihre Speisen kochen? — Exp. Nr. 90: Der Herd steht in der Mitte, und da kommen zu. 318 ihm die einen von der einen, die anderen von der anderen Seite. Aber kochen muß eine nach der anderen, denn es ist nur ein Loch da. Engel: Sie haben auch von einer Sonn- und Feiertagsarbeit gesprochen? Wird die angeschafft? — Exp. Nr. 90: Nein. Engel: Sie arbeiten da nur, um mehr zu verdienen? — Expertin Nr. 90: Ja. Engel: Wenn Sie im Taglohn sind, also nicht im Stücklohn, werden Sie da manchmal am Sonntag znr Arbeit befohlen? — Exp. Nr. 90: Es kommt schon auch vor, daß man am Sonntag arbeiten muß, wenn der Herr die Arbeit fertig haben will. Da heißt es wohl, man soll auch am Sonntag kommen. Engel: Aber zumeist arbeiten Sie Sonntags nur, um mehr zu verdienen. Und das geschieht meist im Sommer, und es ist nur Hilfsarbeit? Schwere Arbeit machen Sie da nicht, nur das Ordnen unter dem Dache? — Exp. Nr. 90: Schwere Arbeit nicht, es wird nur unter der Stellage geordnet. Vorsitzender: Kommen Sie mit den Vorgesetzten zusammen? — Exp. Nr. 90: Selten. Vorsitzender: Von wem bekommen Sie den Lohn ausbezahlt? — Exp. Nr. 90: Von dem Herrn. Vorsitzender: Da müssen Sie Samstag zu ihm in die Kanzlei? — Exp. Nr. 90: Ja, da zahlen sie die Leute aus. Vorsitzender: Was essen Sie zum Frühstück? — Exp. Nr. 90: Etwas Kaffee aus Cichorie. Vorsitzender: Kaufen Sie auch Kaffeekörner? — Exp. Nr. 90: Malzkaffee und ein bissel anderen Kaffee, Cichorie, und dazu wird Brot gegessen. Zu Mittag haben wir Sterz, Knödel oder Erdäpfelsuppe. Erdstpfel gibt es überhaupt alle Tage; Fleisch essen wir nur am Sonntag, und daist es vom Roßfleischhauer. Abends haben wir Erdäpfelsuppe oder wieder Kaffee und Brot. So geht es das ganze Jahr. Vorsitzender: Und wie ist es in Bezug auf die Getränke? — Exp. Nr. 90: Bier trinken wir im Winter gar nicht, im Sommer trinken wir zur Jause und Abends Alle zusammen zwei Liter. Vorsitzender: Wird auch Branntwein getrunken? — Expertin Nr. 90: Branntwein trinkt wohl auch Mancher, aber der ist nicht viel werth; von den Lehmarbeitern kauft mancher einen. Vorsitzender: Kommt es vor, daß sich Einer betrinkt? — Exp. Nr. 90: Bei der Arbeit betrinkt sich Keiner, wohl aber hie und da, wenn Einer nach Hause kommt. Jetzt hört man aber wenig, daß z. B. ein Lärm wäre. Auch daß in den Wohnungen gerauft wird, kommt selten vor. Vorsitzender: Sind die Verhältnisse in Bezug auf die Wohnungen u. f. w. seit dem Strike besser geworden? — Exp. Nr. 90: Sie sind besser geworden, da wir nur mehr von 6 bis 6 Uhr arbeiten müssen; aber der Lohn ist immer noch der gleiche. Es ist wohl ausgemacht worden, daß der Mann 80 kr. und die Schlägerin 50 bis 55 kr. bekommen soll. Aber in Wirklichkeit ist es nicht so. Vorsitzender: Sind viele von den Arbeiterinnen bei einer Organisation. bei einem Vereine oder dergleichen? — Exp. Nr. 90: Da sind sie bei dem Krankenverein, zu dem wir zahlen. Vorsitzender: Bei der Krankencasse müssen sie nach dem Gesetze sein. Sind sie aber z. B. bei einem Arbeiterverein? — Exp. Nr. 90: Nein. Dr. Ofner: Wie werden Sie von dem Herrn oder von dem Auszahlenden behandelt, wenn Sie sich den Lohn holen? — Exp. Nr. 90: Da gehe ich nicht hinein. Bardorf: Ihr Werk liegt ziemlich abseits. Von wo beziehen Sie die Lebensmittel? — Exp. Nr. 90: Da geht man nach Jnzersdorf, ein 819 paarmal wieder nach Meidling oder Fünfhaus, wo die Sachen billiger zu haben sind, oder man geht in den Arbeiter-Consumverein. Bardorf: Ich weiß, daß die Leute zum Confumverein nur sehr wenig hingehen. Das zeigt, daß man dort die Lebensmittel gar nicht oder theuer bekommt. — Exp. Nr. 90: Ja. Bardorf: Kommt es vor, daß die Familien gemeinsam kochen? — Exp. Nr. 90: Ja. Dr. Schiff: Wann haben Sie Zeit, nach Meidling zu gehen? — Exp. Nr. 90: Sonntag. Dr. Schiff: Wie weit ist das? — Exp. Nr. 90: Zwei Stunden. Dr. Schiff: Wird dort auch Branntwein gekauft? — Exp. Nr. 90: Mancher kauft ihn auf dem Werk vom Wirth, Mancher holt sich aus Meidling zwei, drei Flaschen auf die ganze Woche. Vorsitzender: Wem gehört die Wirthschaft auf dem Werk? Ist das eine Cantine? — Exp. Nr. 90: Die gehört dem Wirth, sie ist von der Unternehmung verpachtet. Dr. Adler: Im Sommer werden Sie doch eine andere Wirthschaft führen als im Winter? — Exp. Nr. 90: Manchmal kommt es im Sommer vor, daß man zwei bis drei Eier dazu gibt und so ein Batschki-Batschki auf dem Schmalz macht und eine Erdäpfelsuppe dazu. Oder man zerschneidet Semmeln, oder man macht Knödel mit Kraut, Erdäpfelknödel oder Erdäpfel- sterz und wieder Erdäpfelsuppe, und wenn die Zwetschken kommen, so macht man halt Zwetschkenknödel. Bei mancher Familie, wo nur zwei Leute ohne Kinder sind, können sie sich eher etwas vergönnen; bei Anderen geht es mit Wuchteln nicht, und wenn sie auch welche machen — was können sie denn da hineingehen? Dr. Adler: Haben Sie im Winter auch immer Fleisch? — Expertin Nr. 90: Roßfleisch, ein Kilo um 82 kr., das ist für fünf Leute. Dr. Adler: Sie wohnen mit Anderen in einem Raum? Warum haben Sie sich nicht eine eigene Wohnung genommen? — Exp. Nr. 90: Wenn der Werkleiter sie uns nicht gibt, kann man nichts machen. Dr. Adler: Haben Sie noch nicht versucht, sich im Orte in einem Hause eine Wohnung zu nehmen? — Exp. Nr. 90: Nein. Exp. Nr. 91: Ich habe früher bei der Union-Baugesellschaft in Roth- neusiedel gearbeitet, da bin ich abgedankt worden und arbeite jetzt auf einem anderen Werke. Ich führe Lehm und bin vier Wochen in der Arbeit. Jetzt haben sie uns auf 14 Tage aus der Arbeit weggegeben, weil das Werk nicht geht. Wir leben halt von dem, was wir verdienen. Jetzt geht es noch, weil wir noch Arbeit haben, aber dann später — das weiß ich nicht. Ich weiß ja nicht, ob wir noch Arbeit bekommen oder nicht. Und selbst wenn wir Arbeit haben, so habe ich sieben Kinder, dazu noch eine alte Mutter, und da wissen wir am Freitag oder Samstag nicht, was wir kochen sollen. Jetzt können die Kinder gar nicht in die Schule gehen, weil sie keine Schuhe und Strümpfe haben. Wenn man sich im Sommer ein paar Gulden erspart hat, so muß man das im Winter zusetzen, und es ist mir da wirklich manchmal nicht einmal möglich, den Kindern ein Gewand zu kaufen. Vorsitzender: Sie führen immer Lehm? — Exp. Nr. 91: Im Sommer mache ich Mauerziegel; da verdiene ich fl. 6 bis 6'50, wo aber die Kinder mithelfen. Vorsitzender: Sie arbeiten auch von 6 bis 6 Uhr? — Expertin Nr. 91: Von 5 Uhr Früh bis 7 Uhr Abends. Im Winter, wenn es licht wird — manchmal ist es sogar noch finster — muß man hinausgehen und arbeiten. — Exp. 4 : Die Frau soll sagen, warum sie entlassen worden sind. — Expertin Nr. 91: Weil mein Mann eine größere Zahlung verlangt hat. Vor Weihnachten hat der Mann 80 kr., das Weib 40, 43, 38 kr. bekommen. — Experte 4: Ist es vorgekommen, daß der Mann 70 oder gar nur 68 kr. bekommen hat? 320 — Exp. Nr. 91: Ja, das ist auch vorgekommen. Natürlich haben wir nicht genug. Am Freitag, Samstag haben wir manchmal nichts zu essen. Vorsitzender: Wie ist es mit der Wohnung? — Exp. Nr. 91: Früher haben wir im Werk gewohnt; seitdem wir weg sind, haben wir eine Mietwohnung außerhalb des Werkes. Wie wir früher im Werk gewohnt haben, waren auch vier Familien beisammen. Jetzt habe ich eine Wohnung für uns allein, und da zahle ich fl. 6 monatlich. Das ist ein Zimmer und eine Küche. Jetzt verdienen wir alle Zwei zusammen wöchentlich fl. 7. Ich habe sieben Kinder und eine alte Mutter, und die muß ich alle mit meinem Lohn ernähren. Vier Kinder gehen in die Schule, und jetzt im Winter können sie gar nicht in die Schule gehen. Pros. v. Philippovich: Ihre Familie besteht also aus zehn Personen. Wie viel Betten haben Sie da in dem einen Zimmer? — Expertin Nr. 91: Wir haben zusammen, zwei Familien, ein Quartier. Pros. v. Philippovich: Wie groß ist die andere Familie? — Exp. Nr. 91: Das sind Vier. Pros. v. Philippovich: Also Zehn und Vier, das sind zusammen Vierzehn in Zimmer und Küche. — Exp. Nr. 91: In der Küche sind wieder Andere, das sind aber nur zwei Leute ohne Kinder. In dem Zimmer stehen sonst gar keine Betten, nur die Kinder haben Betten, wir liegen auf dem Strohsack. Für die Kinder ist ein Tafelbett, da schlafen vier, die anderen müssen auf der Erde liegen. Die andere Partei hat ein Bett. Dr. Ofner: Zahlen Sie selber für die Wohnung fl. 6 ? — Expertin Nr. 91: Ich zahle davon fl. 2. Bardorf: Haben Sie auch Bettzeug? — Exp. Nr. 91: Betten haben wir, die Kinder nicht. Die Kinder müssen sich mit Fetzen und Kitteln zudecken. Im Zimmer ist kein Ofen. In der Küche ist ein Herd. Zusammen haben wir vier Fenster, zwei vom Hos und zwei von draußen. Die Fenster sind groß. Das Haus ist groß, aber nur ebenerdig. Es wohnen darin noch viele Parteien, aber nicht lauter Arbeiter von den Ziegelwerken, sondern auch andere Leute. Dr. Adler: Was essen Sie von fl. 7 wöchentlich? — Exp. Nr. 91: Man muß essen, was man halt kann. Manchmal zu Mittag Erdapfel, die man nicht schmalzen kann. Zum Nachtmahl ein bissel Suppe, die kaun man nicht einmal einbrennen. Etwas Salz und Knoblauch hinein, so muß man das essen, und dazu ein Brot. Zum Frühstück schwarzen Kaffee ohne Milch. Das älteste Kind ist zwölf Jahre alt, das kleinste wird im Frühjahr zwei Jahre. Das Kleinste kriegt Früh auch schwarzen Kaffee wie wir. Ich habe alle Kinder an der Brust gehabt, alle sieben, und zwar durch acht Monate, durch ein Jahr, auch noch länger. Vorsitzender: Waren Sie da schon bei den Ziegelwerken? — Exp. Nr. 91: Wir waren früher bei Bruck an der Leitha auch in Ziegelwerken. Vorsitzender: Haben Sie im Zustande der Schwangerschaft auch arbeiten müssen? — Exp. Nr. 91: Freilich, da muß man bis zuletzt arbeiten. Manchmal habe ich noch gearbeitet, und der Mann ist schon um die Hebamme gegangen. Vorsitzender: Wie lange haben Sie nach der Geburt ausgesetzt? — Exp. Nr. 91: Eine Woche bin ich zu Hause geblieben und dann wieder arbeiten gegangen. Bei so vielen Kindern muß man arbeiten, wenn mau nur ein bissel kann. Man muß darauf schauen, daß man leben kann. Dr. Adler: Sie haben noch eine siebzigjährige Mutter bei sich ? — Exp. Nr. 91: Die kann natürlich nicht mehr arbeiten, sondern nur etwas auf die Kinder schauen. Dr. Adler: Im Sommer verdienen Sie doch mehr? — Expertin 321 Nr. 9t : Bei uns auch nicht mehr. Im Ziegelofeu verdient man halt fl. 9, 6-50. ^ Dr. Adler: Was ist der größte Wochenverdienst, den Sie nach Hause gebracht haben? — Exp. Nr. 91: Manchmal fl. 20 oder 18 mit dem Mann zusammen, wo die Kinder mitgeholfen haben und die Mutter auch. Dr. Adler: Wie haben Sie im Sommer gelebt? War da auch nur schwarzer Kaffee? Oder Milch? — Exp. Nr. 91: Milch. Sonst haben wir nur am Sonntag ein Stückel Fleisch gekauft, in der Woche nichts. Dr. Adler: Haben Sie nicht z. B. Wurst gekauft? — Expertin Nr. 91 : Nein, denn man muß doch schauen, daß man im Winter etwas Gewand kaufen kann. Man muß im Sommer immer sparen, denn die Kinder brauchen ja wieder Hemden u. s. w. Dr. Adler: Haben Sie im Sommer nicht Bier oder Wein getrunken? — Exp. Nr. 91: Zur Jause Alle zusammen einen Liter; euren Liter- Milch Früh. Dr. Adler: Nachmittag auch Milch? — Exp. Nr. 91: Brot und einen Liter Bier. Dr. Adler: Wie sind denn die Kinder gekleidet? Können Sie ihnen im Winter warme Kleider anschaffen? — Exp. Nr. 91: Im früheren Sommer, wo wir etwas mehr verdient haben, haben wir Barchentkleider gekauft. Nun kann man gar nichts kaufen oder nur die billigsten Fetzen für die Kinder. Dr. Adler: Haben die Kinder Schuhe bei den Schulgängen? — Exp. Nr. 91: Im Winter habe ich übertragene Schuhe gekauft, die haben sie zerrissen. Andere kann ich nicht kaufen, und so tragen sie halt wieder so alte Stiefel. Sie bekommen sie auch manchmal von anderen Leuten geschenkt. Dr. Adler: Kleider bekommen Sie nicht geschenkt? — Expertin Nr. 91: Nein. Dr. Adler: Wer schenkt Ihnen das? Sind das wohlhabende Leute, oder ist das vielleicht eine Christbescheerung in der Schule? — Exp. Nr. 91: Von der Schule ist es nicht; es ist von Leuten, die so wie wir Arbeiter sind, nur daß sie weniger Kinder haben. Dr. Adler: Der Hausherr gibt Ihnen nichts? — Exp. Nr. 91: Nein. Expertin Nr. 92: Ich bin aus Böhmen gekommen und arbeite nun schon acht Jahre auf einem Werk, wo ich grobe Ziegel mache. Ich bin verheiratet. Zusammen mit dem Mann mache ich 5000 bis 5500 Ziegel in der Woche, und dafür bekommen wir fl. 14 bis 15. Wir haben noch ein Mädchen, das trägt auch Ziegel, sie schaut auch aus das Kind, sie hilft uns eben zeitweilig. Ich habe nur ein Kind, zwei Jahre alt. Ich zahle dem Mädchen, das elf Jahre alt ist, im Winter 50 kr., im Sommer sl. 1 pro Woche und dazu das Essen. In die Schule geht sie nicht mehr. Ihre Eltern sind im Hof hinter Schwechat und können sie nicht in die Schule schicken. Das Mädchen ist aus Mähren. Ich arbeite von 6 bis 0 Uhr im Winter und im Sommer, auch seit dem Strike; früher war es von 3 bis 5 Uhr, selbst bis 7 und 8 Uhr, und da habe ich ebensoviel verdient. Exp. ,1: Im vorigen Sommer — nach dem Strike — habe ich gesehen, wie noch Leute von 3 Uhr an gearbeitet haben. Exp. Nr. 92: Wer wollte, hat gearbeitet, Alle nicht. Ich beginne immer nach 6 Uhr, manchmal früher. In: Winter wird um 6 Uhr begonnen. In früherer Zeit sind die Leute auch früher, um 4 oder 5 Uhr, arbeiten gegangen. Im Sommer, auch schon nach dem Strike, wenn welche schon um V 26 Uhr gegangen sind, da sind Andere auch mit ihnen gegangen. Vorsitzender: Wo wohnen Sie? — Exp. Nr. 92: In Neusiedl in einem Privatquartier. Das Werk ist jetzt aufgelassen, da ist die 14tägige Kündigung erfolgt; einstweilen arbeiten noch die Männer, wir Frauen gehen ihnen nur ein bischen aushelfen. Was die Arbeitszeit betrifft, so kommt es Frauen-Enquste. 21 322 vor, auch nach dem Strike, daß zwar nicht ich, aber andere Lente auch über 6 Uhr gearbeitet haben. Ich selbst arbeite nicht länger, weil ein Verbot gekommen ist, nicht länger als von 6 bis 6 Uhr zu arbeiten. Das Verbot wurde von Anderen nicht strenge beobachtet. Der Herr hat es nicht gesagt, aber ein Zettel war da; er wird so von Ort zu Ort gegangen sein. Ich verdiene jede Woche mit dem Mann fl. 15; wenn es regnet, weniger. Ich kann mit dem Lohn von fl. 15 allerdings viel besser leben als die frühere Expertin mit ihren sieben Kindern. Vorsitzender: Wie steht es mit der Krankenversicherung? — Exp. Nr. 92: Da werden 2 kr. vom Gulden bezahlt. Wenn ich krank bin, bekomme ich sl. 2'10 pro Woche, und bei einer Entbindung durch vier Wochen fl. 2 10. Bei einer geringeren Erkrankung kommt der Doctor. Vorsitzender: Ist der Doctor gut? — Exp. Nr. 92: Er ist aus die Leute brav, aber die Medicin gibt er freilich nicht so her. Vorsitzender: Hat er eine Hausapotheke? — Exp. Nr. 94: Ja. Exp. 4 : Der Arzt hat ein Pauschale. Ich habe mit dem Herrn Doctor selbst darüber gesprochen. Der Arzt hat monatlich fl. 75 Gehalt und fl. 25 Medicamentenpauschale. Bei der Krankencasse sind gegen 4000 Mitglieder, und da muß er schauen, daß er mit diesen fl. 25 sein Auslangen findet und daß vielleicht noch etwas übrig bleibt. Expertin Nr. 93 gibt an: Jetzt arbeite ich nichts, früher habe ich mit meinem Mann am Wienerberg gearbeitet, seit dem Strike bin ich abgedankt. Er ist auch schon die dritte Woche abgedankt. Jetzt leben wir von dem, was die Leute uns schenken. Wir müssen beim Kaufmann borgen, damit wir essen können. Ich weiß nicht, wo wir Arbeit finden. Die Gesellschaft nimmt uns nicht. Wie mein Mann da bei den Deichgräbern gearbeitet hat, da hat der Jnsvector einen Zettel geschickt, daß mein Mann entlassen werden muß. Warum, weiß ich nicht. Ich habe mit acht Jahren am Wienerberg bei der Mutter zu arbeiten angefangen. Jetzt bin ich 32 Jahre alt, und da habe ich immerfort auf dem Wienerberg gearbeitet. Dr. Adler: Wie lange ist Ihr Mann entlassen? — Exp. Nr. 93: Nach dem Strike, in vier Wochen wurde er entlassen. Da hat ihn dann bei den Deichgräbern, wo nur Männer arbeiten, die täglich sl. 1'10 bekommen, der Partieführer aufgenommen, und da war also mein Mann bis vor 14 Tagen beschäftigt. Da sagte ihm auf einmal der Partiesührer, er dürfe ihn nicht weiter arbeiten lassen; der Jnspecwr habe ihm einen Zettel geschickt, daß mein Mann zu entlassen ist, er wolle ihn auf dem Werk nicht sehen. Warum, weiß ich nicht. Dr. Adler: Was hat Ihr Mann im Winter verdient? — Expertin Nr. 93: Wöchentlich hat er nur fl. 6 nach Hause gebracht. Dr. Adler: Wo haben Sie gewohnt? — Exp. Nr. 93: Auf der Triesterstraße. Dr. Adler: Haben Sie Kinder? — Exp. Nr. 93: Ein Kind im dritten Jahre und eine alte Mutter. Ich habe neun Kinder gehabt, aber es ist nur mehr eines am Leben. Alle sind bald gestorben: mit drei Jahren, mit vier Jahren, mit einem Jahre, mit einem halben Jahre. Dr. Adler: Wie alt waren Sie, wie Sie das erste Kind gehabt haben? — Exp. Nr. 93: Itt Jahre. Dr. Adler: Wie lange hat das erste Kind gelebt? — Exp. Nr. 93: 14 Tage. Dr. Adler: War die Entbindung eine schwere? — Exp. Nr. 93: Ja, eine schwere, weil ich immer beim Ziegelschlagen gearbeitet habe. Dr. Adler: Wie lange hat es gedauert, bis Sie nach der Entbindung wieder gearbeitet haben? — Exp. Nr. 93: Bei dem ersten Kind, da haben wir noch keinen Verein gehabt, da war ich 14 Tage nach der Entbindung zu Hause. 323 Dr. Adler: Und wie lange vor der Entbindung? — Exp. Nr. 93: Bis auf die letzte Stunde. Abends bin ich nach Hause gekommen, habe mich niedergelegt, und Früh habe ich ein kleines Mädel gehabt. Perner st orfer: War Ihr Mann im Strike-Comits? — Expertin Nr. 93: Er war Vertrauensmann. Vorsitzender: Sie waren 24 Jahre im Werk. Haben Sie da finden Pensionsfonds etwas gezahlt? Ist Ihnen etwas abgezogen worden? — Exp. Nr. 93: Zuerst 2 kr., jetzt zahlen wir 8 kr. in der Woche. Vorsitzender: Ist Ihnen oder Ihrem Manne bei der Entlassung etwas zurückgezahlt worden? — Exp. Nr. 93: Mir und ihm nichts. Vorsitzender: Da müssen Sie aber in diesen Jahren eine Masse Geld eingezahlt haben? — Exp. Nr. 93: Na, ob! Dr. Adler: Haben Sie es verlangt? — Exp. Nr. 93: Er gibt doch nichts her. Vorsitzender: Sie haben doch Bücher darüber? — Exp. Nr. 93 : Manchen, die der Werkführer gern gehabt hat, hat er ein Buch gegeben, Anderen nicht. Wir haben die zwei Kreuzer gezahlt, aber ein Buch haben wir nicht bekommen. Vorsitzender: Wie wohnen Sie dort? In einer Privatwohnung? — Exp. Nr. 93: Es ist nur eine kleine Kammer. Vorsitzender: Bleiben Sie den Zins schuldig? — Exp. Nr. 93: Den müssen wir jetzt schuldig bleiben. Vorsitzender: Und duldet man Sie da in der Wohnung? — Exp. Nr. 93: Ja. Vorsitzender: Wie lange sind Sie den Zins schuldig ? — Expertin Nr. 93: Drei Monate. Dr. Adler: Wer ist der Vermiether? — Exp. Nr. 93: Ein Geschäftsführer. Vorsitzender: Und wie viele Leute schlafen in der Kammer? — Exp. Nr. 93: Vier, nämlich die Mutter, das Kind, ich und mein Mann. Dr. Adler: Wie viel Betten haben Sie? — Exp. Nr. 93: Eines. Dr. Adler: Ist ein Ofen in der Kammer? — Exp. Nr. 93: Da haben wir gewöhnlich einen alten, eisernen Ofen, den müssen wir selbst kaufen, der kommt im Winter hinein. Vorsitzender: Was essen Sie, wenn Sie keine Arbeit haben? — Exp. Nr. 93: Da müssen wir warten, bis uns Jemand etwas gibt; manchmal gibt uns die Arbeiterbäckerei einen halben Laib Brot, der Bäcker gibt auch etwas, aber das wird auch bald aufhören. Ein- oder das andere Mal hole ich mir in der Conservenfabrik, die in der Nähe ist, Gulyassaft, den bekommen wir umsonst. Dr. Adler: Wer gibt Ihnen auf Borg? — Exp. Nr. 93: Der Kaufmann. Dr. Adler: Wer gibt sonst etwas? — Exp. Nr. 93: Niemand. Bardorf: Haben Sie eine Organisation unter den Ziegelarbeitern? — Exp. Nr. 93: Wir haben eine, aber wie wir ohne Arbeit waren, hat sie nicht zahlen können. Bardorf: Es ist Pflicht der Organisation, die im Strike Gefallenen zu unterstützen. Haben Sie Aussicht, die Schulden, die Sie gemacht haben, zu zahlen? — Exp. Nr. 93: Wir müssen sie halt zahlen. Schluß der Sitzung 11 Uhr 15 Minuten. 21 * 324 18. Sitzung, Donnerstag, 19. Wär; 1896. Vorsitzende: Frau Popx. Beginn 7 Uhr 20 Minuten Abends. Vorsitzende: Gegenstand unserer heutigen Sitzung ist zuerst das Baugewerbe. — Experte Herr Franz Nader: Die Frauen werden beim Baugewerbe hauptsächlich bei der Mörtelbereitnng und als Mörtelträgerinnen verwendet. Die Mörtelanmacherinnen müssen auch das Kalklöschen besorgen, das aber nur bei Nacht vorgenommen wird. Diese Arbeit beginnt um 6 Uhr nach der Arbeitszeit und dauert oft bis 10, 12 Uhr Nachts. Das Mörteltragen ist eine sehr anstrengende Arbeit. Ein volles Schaffe! wiegt 10 bis 15 Kilo. Da nun nicht bei allen Bauten Mörtelaufzüge eingeführt sind, so müssen die Frauen den Mörtel hinauftragen. Aber auch dort, wo Aufzüge vorhanden sind, müssen sie den Mörtel von Stock zu Stock tragen. In der Regel wird der Mörtel am Kopf getragen. Treppen gibt es bei den Bauten in Wien nicht, wie dies zum Beispiel in Deutschland der Fall ist. In Wien werden ausschließlich Leitern benützt. Wie viel Mörtelschasfel eine Frau im Tage tragen muß, hängt von der Größe des Baues ab. Man kann sagen, daß es durchschnittlich 200 bis 300 Schaffe! täglich sind. Früher wurden nicht so häufig zu dieser Arbeit Frauen verwendet; jetzt bürgert sich das immer mehr ein, wahrscheinlich deshalb, weil die weiblichen Arbeitskräfte billiger sind und nach meiner Ansicht sich auch besser dazu eignen, da sie sich Alles gefallen lassen. Die Arbeitszeit ist im Sommer von 7 bis 6 Uhr. Dafür erhalten die Leute 70, 75 bis 80 kr., die Mörtelanmacherinnen 80 kr. Wenn die Arbeitszeit verkürzt wird, wird auch der Lohn entsprechend verkürzt und sinkt aus 60 und auch auf 50 kr. Ja, es ist auch vorgekommen, daß bei verkürzter Arbeitszeit nur 48 oder 47 kr. gezahlt wurden. Die Frauen werden nicht nur vom Polier dressirt, sondern auch von den anderen Arbeitern. Eine Krankenstatistik haben wir nicht, da wir keine genossenschaftliche Krankenkasse haben. Wie die Männer bei dieser Arbeit bezahlt wurden, weiß ich nicht. Heute kommen männliche Arbeitskräfte bei dieser Arbeit nur noch am Lande vor und bekommen 20 bis 30 kr. pro Tag mehr als die Frauen. Heute werden fast ausschließlich Frauen zu dieser Arbeit verwendet und nur ausnahmsweise auch jugendliche Hilfsarbeiter. Ich habe selbst als Lehrjunge Mörtel getragen. Ich hätte aber diese Arbeit nicht lange leisten können, weil sie sehr schwer ist. Vorsitzende: Besorgen auch die Männer das Kalklöschen in der Nacht? — Exp. 9tader: Nein. Dr. Frey: Sie sagten, daß die Mörtelanmacherinnen oft bis 12 Uhr Nachts arbeiten'müssen. Was machen die bei Tag? — Exp. 9t aber: Bei Tag müssen sie Mörtel bereiten. Das Kalklöschen wird aber nicht alle Tage vorgenommen. Je nach der Größe des Baues kommt es ein-, zwei- oder dreimal in der Woche vor. Da sind immer zwei bis drei Arbeiterinnen beisammen und die hekommen von dem betreffenden Kalklieferanten zusammen sl. 1-50 bis 2. Dr. Frey: Wie viel Arbeiterinnen werden im Baugewerbe verwendet? — Exp. Nader: Das kann ich nicht mit Bestimmtheit angeben. Dr. Frey: Sind Sie bei einem Baue beschäftigt? — Exp. Nader: Momentan nicht. Man kann sagen, daß beim Baugewerbe durchschnittlich auf zwei Männer ein Weib kommt. Engel: Außer der Mörtelbereitung und dem Mörteltragen haben die Frauen keine Beschäftigung? — Exp. Nader: Wenn der Bau fertig ist, haben sie die Reinigungsarbeiten zu besorgen, Feusterputzen, Waschen u. s. w. 325 Engel: Sie haben gesagt, daß der Lohn herabsinkt. Wann ist dies der Fall? — Exp. Na der: Wenn die Arbeitszeit durch den früheren Eintritt der Dunkelheit verkürzt wird. Dr. Frev: Wie lange dauert die Saison beim Baugewerbe? — Exp. Nader: Man kann sagen, von März bis Mitte December. Eigentlich geht es nur bis Mitte October, aber dann bricht die Arbeit nicht so plötzlich ab, und auch im Jänner und Februar wird schon gearbeitet, zum Beispiel Temolirungsarbeiten. Am wenigsten ist im Jänner zu thun. Dr. Brezina : Kommt es auch vor, daß die Leute Material auf den Bau zu führen haben? — Exp. Nader: Das ist bei den Küselarbeiten der Fall, bei Adaptirungen. Dr. B!- ezina: Wer zieht da den Wagen? — Exp. Nader: Das müssen die Leute selbst thun. Dr. Bi- ezina: Fangen die in solchen Fällen vor 7 Uhr zu arbeiten an, oder kommen sie erst um 7 Uhr auf den Werkplatz? — Exp. Nader: Wenn das Material vom Werkplatz weggeführt werden muß, so muß man trachten, daß man um 7 Uhr schön am Arbeitsorte ist. Man muß also früher in die Arbeit gehen. Es kommt vor, daß das nicht so genau genommen wird, und daß man erst um 7 Uhr auf dem Platze eintrifft, das hängt von dem Unternehmer ab. Dr. Brezina: Bekommen die Leute die Ueberzeit bezahlt? — Exp. Nader: Nein. Dr. Brezina: Wir haben bei einem ähnlichen Gewerbe gehört, daß die weiblichen Arbeitskräfte den Wagen ziehen müssen und die männlichen nur mitgehen und allenfalls antanchen. — Exp. Nader: Das ist bei uns auch so. Die männlichen schmalzen sich gewöhnlich ab. Wenn aber Einer ein besseres Gefühl für seine Mitmenschen hat, so hilft er mit. Engel: Wenn es im Laufe des Tages zu regnen anfängt, wird da der ganze Tag gezahlt? — Exp. Nader: Wenn es nicht drei Stunden sind, respective die Hälfte von einem halben Tag, so werden nur die Stunden gezahlt. Trifft es sich aber, daß mitten in einer Stunde die Arbeit abgebrochen werden muß, so muß der Arbeiter die halbe oder drei Viertelstunden verlieren. Nur wenn eine Stunde voll gearbeitet wird, bekommen sie dieselbe gezahlt. Wenn es den ganzen Tag regnet, bekommen sie natürlich nichts. Dr. Ofner: Was haben die Mörtelanmacherinnen zu thun ? — Experte Nader: Der Mörtel wird sin einem aus Pfosten hergestellten Gefäße bereitet und wird gerührt. Das ist eine sehr anstrengende Arbeit. Es wird nicht immer gerührt, sondern auch ausgesetzt. Wenn aber schwarzer Mörtel mit hydraulischem Kalk angemacht werden muß, so können nur kleine Qualitäten angemacht werden. Dr. Ofner: Ist das Ueber-die-Leiter-gehen gefährlich? — Experte Nader: Gewiß. Dr. Ofner: Wissen Sie, daß Unfälle vorgekommen sind? — Experte Nader: Die Menge. Die Frau steigt aus einer gewöhnlichen Leiter ohne jede Handhabe hinauf. Es kommt häufig vor, daß die Sprossen der Leiter sich drehen, und da kann sie leicht herunterstürzen, oder es fällt ihr das Schaffet herunter und verletzt eine andere. Vorsitzende: Ist unter diesen Arbeiterinnen ein großer Theil aus Wien? — Exp. Nader: Von Wien sind sehr wenige, die meisten sind aus Südböhmen und der Oedenburger Gegend. Vorsitzender: Mit welchem Alter werden die Frauen verwendet? — Exp. Nader: Schon mit 14 Jahren. Aber ich möchte nicht schwören, daß jede schon 14 Jahre alt ist. Die müssen dieselbe Arbeit machen wie die anderen. Dr. Frey: Was verdienen sie sich durchschnittlich mit Berücksichtigung der Regentage? — Exp. Nader: Die Mörtelanmacherinnen fl. 4 bis 5, 326 wenn's gut geht, und die Mörtelträgerinnen dürften um st. 1 bis 1V 2 besser daran sein. Vorsitzende: Ist da die Ueberzeit mitgerechnet? — Experte Nader: Ja. Tr. Ofner: Wie sieht es mit dem Cantinenwesen aus? — Experte 9tader: In Folge unseres fortwährenden Auftretens dagegen habest wir dasselbe so ziemlich abgeschafft. Es existiren zwar noch ziemlich viele Can- tinen, hauptsächlich bei den größten Baumeistern. Da wird jeder mögliche Unfug getrieben, und die Leute werden da direct zu Lumpen ausgebildet. Der Schnaps, der da ausgeschänkt wird, wird, so schlecht er schon ist, noch mehr verschlechtert und theuer verkauft. Das Wurstzeug ist in der Regel verdorben, kurz, es herrschen die schrecklichsten Zustände. Ein weiterer Unfug ist das Blechsystem. Das ist nur eine andere Form des Cantinenwesens. Das wird ebenfalls den Leuten am Samstag abgezogen, und wenn sie es sich nicht gefallen lassen, werden sie geschlagen, oder man läßt sie arretiren. Ich muß aber constatiren, daß sich diese Blechwirthschaft in neuerer Zeit etwas gebessert hat. Dr. Frey: Werden die Arbeiterinnen auf die Woche oder pro Tag ausgenommen? — Exp. Nader: Aufgenommen werden sie pro Tag und bezahlt immer am Ende der Woche. Sie können aber jede Minute entlassen werden, was auch sehr häufig vorkommt. Wenn der Polier oder irgend ein anderer Maurer ihr etwas schasst, so muß sie es thun. Wenn da eine alt ist und nicht gleich Alles thut, so wird sie beschimpft: alte Schachtel, alter Trampel, und wenn sie sich das nicht gefallen läßt, so beschwert sich der Maurer beim Polier, und der wirft sie sofort hinaus. Tr. Frey: Ist Ihnen nicht bekannt, was die Arbeiterinnen machen, wenn die Saison aufhört? — Exp. Nader: Die einzige Aushilfe ist für sie die Schneearbeit, sonst sind sie beschäftigungslos, nur ein verschwindend kleiner Theil findet irgend ein Unterkommen. Der größte Theil der Arbeiter reist überhaupt weg. Bardorf: Sie sagen, daß die Blechwirthschaft noch sehr häufig besteht. Ist Ihnen bekannt, daß auch Percente bezogen werden? — Experte Nader: Die Poliere beziehen häufig 7 bis 15 Percent. Vorsitzende: Nehmen auch Frauen aus der Cantine ihre Sachen? — Exp. Nader: Nicht häufig, aber es kommt vor. Exp. U fStuccatnrer, über Befragen): Es ist auch bei unserem Gewerbe so wie bei den Maurern. -Bei uns ist nur der Unterschied, daß die Handlangerinnen den Mörtel nicht selbst machen müssen. Unser Schaffe! wiegt 15 bis 18 Kilogramm. Die Arbeiterinnen sind bei uns besser entlohnt. Sie müssen sich aber auch mehr plagen. Die Handlangerinnen müssen den Mörtel vom Parterre bis in den vierten oder fünften Stock tragen. Der Mörtel wird von einem Stock in den anderen von den Frauen übernommen, und das geht den ganzen Tag so fort. Bei uns müssen sie nicht so viele Schaffet tragen, weil unsere Schaffet größer sind. Es kommen etwa 100 bis 150 Schaffe! auf eine Frau. Wenn fünf Frauen da sind. so müssen sie alle fünf diese 150 Schaffe! in die Hand nehmen, weil jedes Schaffe! von Stock zu Stock übergeben wird. Vorsitzende: Wissen Sie, wie viel Frauen beschäftigt sind? — Exp. U: Das ist schwer zu sagen. Wir sind circa 500 Stuccaturer, davon fallen auf die glatte Arbeit etwa 300 und der Rest auf die Decorirungs- arbeit. Bei dieser Arbeit brauchen zwei Mann eine Handlangerin. Bei uns ist es unumgänglich nothwendig, daß jeder Mann eine Handlangerin und manchmal noch eine Aushilfe dazu braucht. Man kann also sagen, daß 600 bis 700 Handlangerinnen beschäftigt sind. Vorsitzende: Wie ist es mit dem Verdienst? — Exp. U: Durch den Strike vor zwei Jahren ist der Lohn für die Frauen auf 85 kr. erhöht 327 worden, wenn von 7 bis 5 Uhr gearbeitet wird. Wird um eine Stunde länger gearbeitet, so haben sie 95 kr. Vorsitzende: Wie lange haben Sie im Jahre zu thun? — Exp. 8: Unsere Saison beginnt Anfangs März und endet meistens Ende October. Es kommt aber vor, daß wir auch im Winter zu arbeiten haben, besonders bei der Decorirungsarbeit. Da wird aber nicht einmal der zehnte Theil der Arbeiter beschäftigt. Ueberstunden werden bei uns nicht gemacht. Bei uns muß der Mörtel zweimal angemacht werden. Zuerst wird er unten hergerichtet und am Gerüste oben wird er wieder mit Gips angemacht, weil, sobald der Gips drinnen ist, die Masse leicht hart wird. Das Kalklöschen besorgen die Handlangerinnen vom Baue. Eine Kündigungsfrist haben wir nicht. Bei uns herrscht kein Cautinenwesen. Vorsitzende: Sind die Arbeiterinnen auch von den Arbeitern abhängig? — Exp. 8: Es kommt auch vor, daß sie chicanirt werden, je nachdem sie dem Arbeiter zu Gesicht stehen. Wir sind in der Kranken- und Unfallversicherung. Vorsitzende: Wie werden die Arbeiterinnen aufgenommen? — Exp. 8: Wir haben eine Arbeitsvermittlung, aber meistens wendet man sich an dieselbe nicht. Die Handlaugerinnen gehen zum Herrn hin aus den Platz und fragen sich um Arbeit an. Dr. v. Fürth: Wäre es möglich, das Hinausschaffen des Mörtels auf andere Weise zu besorgen, z. B. mit Winden? — Exp. 8: Möglich wäre es schon, aber die Meister thun es nicht, weil sie sich da eine Maschine anschaffen müßten, und vom Baumeister bekommen wir das nicht. Seitdem ich beim Geschäfte bin, ist das Hinauftragen Usus. Im Auslande hat man keine weiblichen Hilfsarbeiter, sondern nur männliche. Das habe ich in Bulgarien auch gesehen. Bei uns sind die weiblichen Hilfsarbeiter besser zu verwenden, weil sie billiger sind. Dr. Frey: Bei Ihnen gibt es also überhaupt keine Maschine zur Beförderung des Mörtels? — Exp. 8: Nein. Bardorf: Wie ist es mit der Zustellung des Materials vom Platze auf den Bau? — Exp. 8: Wenn Material vom Platze wegzuführen ist, so müssen das die Handlangerinnen thun. Bei uns ist es Usus, daß die Männer immer nur am Wagen ein wenig antauchen. Freilich vergessen manche drauf und gehen lieber am Trottoir. In der Früh muß man da eine halbe oder drei Viertelstunden früher auf dem Platze sein, damit man zur rechten Zeit am Arbeitsorte ist. Für die Ueberzeit bekommt man nichts. Es gibt Herren, die verlangen, daß man schon um halb 5 Uhr am Platze ist. Da muß zuerst der Mörtel am Platze angemacht werden. Engel: Nach Ihrer Darstellung ist es eigentlich sehr schwer möglich, mit einer Maschine beizukommen? — Exp. 8: Die Arbeit läßt das nicht leicht zu. Auch würden wir meist vom Baumeister oder Polier keinen Platz bekommen, um die Maschine aufzustellen. Wenn man die Poliere dafür extra bezahlte, dann ginge es schon. Exp. Nader: Die Stuceaturer und Maurer sind getrennt. Wenn nun der Stuccaturermeister dem Polier einen Fünfer oder Zehner gibt und ihm sagt : Betreiben Sie die Geschichte, damit es schneller geht, so wird der Polier sofort einen Auszug vom Baumeister zur Verfügung stellen, sonst sagt er aber: Den brauche ich selber. Unmöglich ist es jedenfalls nicht, eine Maschine zu verwenden. Dr. Ofner: Kommen auch in Ihrem Gewerbe häufig Unfälle vor? — Exp. 8: Sehr häufig. Vorsitzende: Kommt es auch vor, daß schwangere Frauen Mörtel hinauftragen müssen? — Exp. 8: Ja. Bei uns bringen von den Frauen vielleicht kaum 20 Percent lebenskräftige Kinder zur Welt. Es kommt vor, daß die Kinder im Mutterleibe getödtet werden. Es ist noch zu bemerken, 328 daß die Handlangerinnen sehr wenig Haare auf dem Kopfe besitzen und sich oft am Kopf verletzen. Vorsitzende: Sagt den schwangeren Frauen Niemand, daß sie nicht mehr in die Arbeit gehen dürfen? — Exp. U: Nein. Vorsitzende: Und bleiben solche Frauen nicht selbst zu Hause? — Exp. U: Das ist sehr selten. — Exp. Na der: Manchmal sagt der Polier aus Furcht, daß er etwa Unannehmlichkeiten haben könnte, zu Einer: „Bleiben Sie schon einmal zu Hause." Vorsitzende: Und bleibt sie nach der Entbindung ein Paar Wochen zu Hause? — Exp. Nader: Jetzt, seit sie Krankengeld bekommen, ist es diesbezüglich besser. Aber früher sind sie, sobald sie nur wieder kriechen konnten, schon wieder in die Arbeit gegangen. Dr. v. Fürth : Wenn der Polier die Frau früher nach Hause schickt, bekommt sie da eine Entschädigung? — Exp. Nader: Nein. Dr. Ofner: Sie haben gesagt, daß die Kopfhaut verletzt wird. Hat das blos zur Folge, daß die Haare ausfallen, oder kommen auch Krankheiten vor? -— Exp. Nader: Sie klagen auch über Kopfschmerzen. Vorsitzende: Wenn eine Frau einige Zeit vor ihrer Entbindung zu Hause bleibt, kommt es da vor, daß sie dann deshalb nicht wieder ausgenommen wird, weil sie zu lange zu Hause gewesen ist? — Exp. Nader: Wenn der Polier sie braucht, nimmt er sie wieder. Engel: Wenn eine Frau 300 Schaffe! im Tag trageu muß, so muß sie ein Schaffe! in zwei Minuten hinauftragen. Ist denn das möglich? — Exp. Nader: Von einem Stock zum anderen und wo Mörtelauszüge oder Mörtelrinnen sind, muß sie von dort den Mörtel bis zur Gleiche tragen. Engel: Bekommt sie die Schaffe! gefüllt? — Exp. Nader: Das müssen sie selbst thun. Engel: Ist sie also in der Lage, in zwei Minuten das Schaffe! zu füllen, hinaufzutragen und wieder hinabzugehen? — Exp. Nader: Ich habe gesagt, das ist durchschnittlich. Expertin Nr. 04 (gibt über Befragen seitens der Vorsitzenden an): Ich bin seit zwölf Jahren im Baugewerbe und bin aus Böhmen gebürtig. Ich habe Mörtel bereitet und getragen. Bein: Mörteltragen ist die Arbeitszeit von 7 bis 6 Uhr, bei der Mörtelbereitnng länger. Früher hat der Lohn 05 bis 70 kr. betragen, jetzt beträgt er 7-5 bis 80 kr. Was ich jetzt bekomme, weiß ich nicht, weil ich gestern erst in die Arbeit eingetreten bin. "Der Polier sagt nicht, was man bekommt, sondern man muß warten, bis ausgezahlt wird. 80 kr. ist der höchste Lohn. Ueberstunden werden nur beim Kalklöschen gemacht. Dafür bekommt man fl. 1'50 bis 2. Das wird unter drei Weiber getheilt. Diese Arbeit dauert von 0 bis 11, 12 Uhr, manchmal auch bis 2 Uhr Nachts. Nach 0 Uhr wird nur eine kleine Pause gemacht und dann fortgearbeitet und höchstens, wenn -gerade kein Wasser da ist, kann man schnell ein Stück Brot essen. Zu Mittag ist eine Stunde, manchmal nur eine halbe Stunde Pause, oft wird auch über Mittag gearbeitet. Das wird vom Polier angeschafft, und da bekommt mau für die Stunde 0 kr. Die Arbeit dauert höchstens acht Monate. Vorsitzende: Ersparen Sie sich so viel, daß Sie vier Monate leben können? — Exp. Nr. 04: Nein, da muß man Schulden machen, und die muß man im Sommer wieder zahlen. Vorsitzende: Kommt es vor, daß Sie, wenn Sie aussetzen, anderwärts Arbeit bekommen? — Exp. Nr. 04: Das trifft sich selten, daß man etwas bekommt. Wenn Schnee ist, gehe ich mit meinem Manne Schnee schaufeln. Vorsitzende: Wird an Sonn- und Feiertagen gearbeitet? — Exp. Nr. 04: An Sonntagen wird nie gearbeitet, an Feiertagen wird gearbeitet, und zwar bis 4 oder 5 Uhr. Dafür wird der ganze Tag bezahlt. Kündigung gibt es nicht. 329 Dr. Frey: Wann haben Sie Heuer im Winter zu arbeiten aufgehört? — Exp. Nr. 94 : Vor Weihnachten, und gestern habe ich wieder zu arbeiten angefangen. Dr. Frey: Wann haben Sie im vorigen Jahre angefangen? — Exp. Nr. 94: Auch im März. Dr. v. Fürth: Und haben Sie fortwährend gearbeitet? — Expertin Nr. 94: Im Sommer gibt Einen da der Polier weg, und da geht man acht Tage spazieren. Dr. Frey: Wie viel haben Sie beiläufig ausgesetzt? — Exp. Nr. 94: Etwa zwei Monate. Wenn man weggeschickt wird, bekommt man nicht gleich Arbeit. Wir haben also eigentlich nur sechs Mouate gearbeitet. Beim Mörtel- bereiten habe ich mir durchschnittlich fl. 4 bis 5 verdient. Dr. Frey: Und wie viel verdienen Sie, wenn Sie Kalk löschen? — Exp. Nr. 94: Das ist dabei mitgerechnet. Das Löschen kommt nur zwei- bis dreimal in der Woche vor. Dr. Bt-ezina: Sie sagen, die Arbeiterinnen erfahren nicht früher, wie viel Lohn fie bekommen. Ist dies auch bei den Arbeitern der Fall? — Exp. Nr. 94: Ja. Dr. Brezina: Kommt es oft vor, daß eine Arbeiterin den Polier fragt, wie viel Lohn sie bekommt? — Exp. Nr. 94: Das erfahren wir nie früher. Dr. Btezina: Hat noch keine den Polier gefragt? — Expertin Nr. 94: Nein. Abzüge werden für Znfpätkommen gemacht. Da läßt uns der Polier einen Vierteltag feiern, oder wenn er capricirt ist, gar nicht anfangen. Dr. Ofner: Um wie viel müssen Sie zu spät gekommen sein, wenn Sie einen Vierteltag feiern müssen? — Exp. Nr. 94: Wenn es auch nur fünf Minuten sind. Exp. Nader: Es wurde gefragt, ob es nicht vorkommt, daß Arbeiter den Polier fragen, wie viel Lohn sie bekommen. Das kommt bei den Männern vor, aber nur, wenn sich einer eine Hetze machen will. Wenn er nämlich aus die Arbeit momentan nicht ansteht, oder wenn er sieht, daß ihm die Arbeit nicht paßt. Denn er weiß, sobald er fragt, wie viel Lohn er bekommt, so läßt ihn der Polier gar nicht arbeiten. Der ist dem Polier schon zu keck. Die Frauen aber fragen gar nie. Mir wenigstens ist das gar nicht vorgekommen. Dr. Frey (zur Expertin): Haben Sie schon gefragt? — Expertin Nr. 94: O nein, das darf man nicht, da schimpft Einen der Polier gleich zusammen. Engel: Sie wissen aber, daß Sie 75 kr. bekommen müssen? — Exp. Nr. 94: 65 bis 75 kr. Engel: Und wenn Sie nur 65 kr. bekommen? — Exp. Nr. 94: So muß ich es auch nehmen, weil ich sonst keine Arbeit habe. Vorsitzende: Werden sonst noch Strafen dictirt? — Expertin Nr. 94: Nein. Dr. Schwab: Wie oft kommt es vor, daß in der Woche Ueber- stunden gemacht werden? — Exp. Nr. 94: Zwei- bis dreimal. Dr. Schwab: Kann man denn das aushalten? — Exp. Nr. 94: Man muß es aushalten. Das Kalklöschen ist auch gefährlich, denn man muß mit der Schiebtruhe, wenn der Kalk schon heiß ist, auf einem Brette darüber- fahren und den Kalk hineinleeren. Da sind auch schon Unfälle geschehen. Mir ist es selbst passirt, daß ich hineingefallen bin, da war aber der Kalk noch nicht so heiß. Einmal ist Eine hineingefallen, wie der Kalk heiß war, und die hat sich die Füße verbrannt. Die hat nicht mehr als das Krankengeld bekommen. Ich habe eine Wohnung in einem alten Hause in Lichten- thal, die aus einem kleinen Zimmer und einer Küche besteht. Ich bezahle fl. 23 vierteljährig. Das Zimmer hat zwei Fenster in den Hof. Es wohnen dort drei Personen, mein Mann, ein Bettgeher und ich. Zum Frühstück essen wir Kaffee, Vormittag ein Krügel Bier, zu Mittag Brot und ein Krügel Bier, mehr können wir uns nicht leisten, weil wir die Schulden, die wir im Winter gemacht haben, im Sommer zahlen müssen. Dr. Osner: Wie viel verdient Ihr Mann? — Exp. Nr. 94: Er ist Maurer und verdient fl. 1B0 bis fl. 1'ttO Eine Jause haben wir nicht. Abends koche ich Erdäpfelsnppe. An Sonntagen essen wir Rindfleisch. Baronin Vogelfang: Wie viel Rindfleisch kaufen Sie? — Expertin Nr. 94: Unser Drei essen ein halbes Kilo. Das ist auch znm Nachtmahl. Vorsitzende: Werkzeuge müssen Sie nicht kaufen? — Exp. Nr. 94: Nein, nur den Bund am Kopfe, den macht man sich selbst. Vorsitzende: Müssen Sie Geschenke machen? — Exp. Nr. 94: Nein. Dr. Schwab: Kommt es vor, daß vom Lohn Abzüge für den Cantinenwirth gemacht werden? — Exp. Nr. 94: Das kommt vor, das macht der Polier. Es ist aber jetzt eine Seltenheit. Dr. Frey: Was sind Sie etwa über den Winter schuldig? — Exp. Nr. 94: fl. 30 bis 40, manchmal auch den Zins. Dr. Biezina: Wer leiht Ihnen? — Exp. Nr. 94: Man muß seine Sachen versetzen und beim Greißler aufschreiben lassen. Vorsitzende: Wie sind die Aborte? — Exp. Nr. 94: Die sind sehr schlecht. Es ist bei jedem Ban ein Abort, der besteht aber nur aus ein paar zusammengeschlagenen Pfosten. Vorsitzende: Wo essen Sie Mittags? — Exp. Nr. 94: Am Baue. Bardorf: Haben Sie Kinder gehabt? — Exp. Nr. 94 : Zwei, die sind gestorben. Sie haben nicht lange gelebt. Engel: Was haben Sie damals gearbeitet, wie Sie schwanger waren ? — Exp. Nr. 94: Ich habe Mörtel getragen. Engel: Das thun Sie jetzt nicht mehr? — Exp. Nr. 94: Jetzt wieder. Dr. Frey: Wie lange haben Sie noch vor Ihrer Entbindung gearbeitet? — Exp. Nr. 94: Ich war nur acht Tage vorher zu Hause. Das Kind ist nach 14 Tagen gestorben und das zweite nach zwei Monaten. Vorsitzende: Haben Sie die Kinder selbst gestillt? — Expertin Nr. 94: Ja. Vorsitzende: Wie war das möglich? — Exp. Nr. 94: Da war ich zu Hause. Vorsitzende: Und beim zweiten Kind?— Exp. Nr. 94: Da hat mein Mann allein verdient. Das kommt aber selten vor. Die Frauen gehen meist schon nach acht Tagen in die Arbeit. Baronin Vogelfang: Was haben Sie gegessen, wie Sie das Kind gestillt haben? — Exp. Nr. 94: Dasselbe wie sonst. Dr. Frey: Wie oft kommt es vor, daß während der Mittagspause gearbeitet wird? — Exp. Nr. 94: Im Sommer bereits alle Tag. Dr. Frey: Wann essen Sie da? — Exp. Nr. 94: Während der Arbeit. Vorsitzende: Ist das auch bei den Männern so? — Expertin Nr. 94: Nein. Vorsitzende: Können Sie sich zu Mittag oder Abends waschen? — Exp. Nr. 94: Nein, man muß schnell nach Hanse, damit man etwas machen kann. Gelegenheit zum Reinigen ist auch nicht vorhanden. Engel: Wie berechnen Sie sich, wie viel Sie für eine Ueberstunde bekommen, wenn Sie zu Mittag nur eine halbe Stunde arbeiten? — Exp. Nader: Für die gewöhnliche Arbeitszeit wird kein Stundenlohn gezahlt. Für Ueberstunden ist ein separater Lohnsatz. Da erhält die Frau 0 kr., und auf besseren Bauten 7 kr. Die männlichen Arbeiter bekommen 331 8 oder 9 kr., die Maurer 12 oder 15 kr., aber nur für Ueberstunden. Nun kommt es vor, daß auch nur eine halbe oder drei Viertelstunden gearbeitet wird, und da bekommen sie die ganze Stunde bezahlt. Wenn die Arbeit aber fünf Viertelstunden dauert, so wird auch nur für eine Stunde gezahlt. Dr. Frey: Nach Ihrer Darstellung kommt es in der Saison sehr häufig vor, daß ohne Mittagspause und bis in die Nacht gearbeitet wird. — Exp. Nr. 94: Das haben wir die ganze Woche so durchgemacht. Bardors: Das betrifft wabrscheinlich die Mörtelanmacherinnen. Wie groß ist die Anzahl derselben gegenüber den Anderen? — Expertin Nr. 94: Wir sind zwei, drei, und von den Anderen sind 30 bis 35. Vorsitzende: Wenn Sie Ueberstunden machen, wie wissen Sie, wann die Stunde aus ist? — Exp. Nr. 94: Wir hören auf, bis der Polier es uns sagt oder bis die Arbeit fertig ist. Vorsitzende: Wie werden Sie von den Polieren behandelt? — Exp. Nr. 94: Sehr schlecht. Es gibt unter den Arbeiterinnen solche, die 50, 60 Jahre alt sind. Zu diesen sagt der Polier „Du", und beschimpft werden sie genug. Selbst gestoßen und geschlagen werden sie, zwar nicht vom Polier, aber von den Arbeitern. Vorsitzende: Kommt es vor, daß Mädchen bevorzugt werden, und kommen vielleicht auch Liebschaften vor? — Exp. Nr. 94: Das gibt's genug. Der Polier nimmt lauter junge Stubenmädel. Da darf man aber nichts sagen, sonst wirst er Einen hinaus. Die sind in der Kanzlei blos für den Polier. Vorsitzende: Kommt es auch vor, daß die Mädchen nicht einverstanden sind und sie es nur deshalb thun, damit sie nicht die Arbeit verlieren? — Exp. Nr. 94: Es sind auch brave darunter. Manche lassen aber mit sich machen, was der Polier will. Exp. Nader: Es wäre vielleicht auch über die Beschaffenheit der Gerüste etwas zu bemerken. Die Pfosten passen in der Regel nicht zusammen, es sind große Ritzen zwischen denselben. Darauf müssen nun die Frauen herumgehen, und die Arbeiter, die auf dem unteren Gerüste sind — es ist selbstverständlich, daß sie Hinaufblicken — reißen ihre Glossen darüber. Wenn die Frau über die Leiter geht, ist es geradeso, und auch der Polier betheiligt sich daran. Bardorf: Erklären Sie uns das Verhältniß der sogenannten Stubenmädel. — Exp. Nader: Diese Mädel haben die Cantine zu versorgen, einzuschänken, einzucassiren, dem Polier die Kleider und Stiefel zu putzen; sie helfen an- und ausziehen und haben noch andere Verrichtungen. Man kann sich denken, daß der Polier nebstdem seine Herrschaft auch noch auf andere Mädel ausdehnt. Diese Stubenmädel haben auf vielen Bauten die Oberhand. Es gibt auch Stubenmädel, die, wenn sich der Polier einmal zu weit mit ihnen eingelassen hat, das ausnützen, um aus den Polier einen Druck auszuüben, so daß der Polier Alles machen muß, was so ein Stubenmädel will. Vorsitzende: Wie werden die bezahlt? — Exp. Nader: Die verdienen durchschnittlich sl. 6 bis 7 wöchentlich. Sie sind als Mörtelträgerinnen eingetragen und gehen in der Liste mit, natürlich, ohne daß der Baumeister davon etwas weiß. Vorsitzende: Sind das meistens junge Mädchen? — Experte Nader: Es gibt auch ältere unter ihnen, das kommt auf den Geschmack des Poliers an. Vorsitzende: Haben die länger zu arbeiten? — Exp. Nader: Sie bleiben so lange dort, als der Polier dort ist. Engel: Was ist so ein Polier? Was hat der gelernt? Ist der auch Maurer gewesen? — Exp. Nader: Nicht immer. Die neueren Poliere sind technisch ausgebildet und weniger praktisch. Die älteren sind meistens 332 gewesene Maurer, die neueren kommen aus den Schulen im Sommer auf die Bauten, um zu prakticiren. Es gibt unter den Polieren aber auch andere Handwerker, die bei Baumeistern in Verwendung gekommen sind. Engel: Ist nicht zwischen diesen beiden Arten bezüglich des Benehmens ein Unterschied? — Exp. Nader: Die technisch gebildeten sind jedenfalls besser, wie das ja auch bei den Baumeistern der Fall ist. Vorsitzende: Sind die Arbeiterinnen der Mehrzahl nach ledig oder verheiratet? — Exp. Nr. 94: In Wien sind die meisten verheiratet. Diejenigen, die vom Land herkommen, sind fast lauter junge Mädel. Baronin Vogelfang: Kommen die jungen Mädel allein? — Expertin Nr. 94: Manche kommen allein, oder sie kommen mit ihren Verwandten. 'Vorsitzende: Wo halten sich die jungen Mädel, die allein sind, auf? — Exp. Nr. 94: Die gehen zu Bett und zahlen 50 bis 60 kr. Meist schlafen zwei beisammen. Die Schlafgefährtin können sie sich nicht aussuchen. Vorsitzende: Was für Vergnügungen gönnen Sie sich? — Expertin Nr. 94: Wenn ich am Sonntag wohin gehen will, so muß ich meine häuslichen Arbeiten, wie Waschen, Ausreiben n. s. w., in der Nacht machen. Vorsitzende: Lesen Sie Zeitungen? — Exp. Nr. 94: Ich kann nicht lesen. Ich bin nie in die Schule gegangen. Baronin Vogelfang: Hahen Sie Zeit in die Kirche zu gehen? — Exp. Nr. 94: Ein junges Mädel schon. (Ueber Befragen der Vorsitzenden.» Bei den Frauen gibt es keine Organisation. Wir fürchten uns, in irgend welche Vereine zu gehen. Bardorf: Ist Ihr Wohnort vom Bauplatze weit entfernt? — Exp. Nr. 94: Manchmal über eine Stunde, Exp. Nader: Die Arbeiter gehen gewöhnlich, wenn sie einen Polier, mit dem sie sich gut vertragen, gefunden haben, mit diesem, und so kommen sie einmal zu einer Arbeit im zehnten Bezirke, dann wieder in Hernals. Natürlich können sie nicht nachziehen, denn das würde ihnen zu theuer kommen. Man kann sagen, daß jeder eine halbe Stunde zu gehen hat, manchmal aber auch eine Stunde und darüber. Dr. Schwiedland: Wie alt sind Sie? — Exp. Nr. 94: 32 Jahre. Dr. Schwiedland: Was war Ihr Vater? — Exp. Nr. 94: Schuhmacher. Dr. Schwiedland: Welchem Berufe wenden sich die Kinder der Bauarbeiter meistens zu? — Exp. Nr. 94: Manche geben sie auch zum Baue und andere anders wohin. Exp. Nader: Die Leute in unserem Gewerbe kommen größtentheils aus Südböhmen, und zwar häufig ganze Familien. Es ist sprichwörtlich, daß im Sommer in Südböhmen Niemand zu Hause ist als der Pfarrer und der Schullehrer. Diese Leute ziehen sich 6, 8 und 10 zusammen. Sie kochen zusammen und leben zusammen. Sie leben wie die Italiener bei den Berkehrsanlagen. Im Herbste gehen sie wieder nach Hause. Bei diesen Leuten wird gewöhnlich der Sohn des Maurers wieder Maurer. Ob diejenigen, die aus anderen Gegenden kommen, auch so massenhaft aus einzelnen Dörfern weggehen, weiß ich nicht. Es sind darunter auch Kleinhüusler, die Jemand zu Hause lassen, der ihnen die Wirthschaft besorgt. Dr. Frey: Was haben Sie bis zum 20. Jahre gemacht? — Expertin Nr. 94: Da war ich in Wien im Dienste. Dr. Frey: Warum haben Sie das aufgegeben? — Exp. Nr. 94: Weil ich meinen Mann kennen gelernt habe. Ich bin jetzt immer in Wien. Vorsitzende: Bekommen Sie eine Unterstützung, wenn Sie arbeitslos sind? — Exp. Nr. 94: Nein. Vorsitzende: Haben Sie Jemand zu unterstützen? — Expertin Nr. 94: Nein. 333 Dr. Frey: Haben Sie Heuer Schnee geschaufelt? — Exp. Nr. 94: Ich nur einen Tag, mein Mann aber immer. Engel: Zahlen Sie, wenn Sie nicht in der Arbeit sind, auch in die Krankencaffe ein? — Exp. Nr. 94: Nein, weil wir manchmal das Geld nicht dazu haben. Engel: Wie diel zahlen Sie? — Exp. Nr. 94: Mit der Unfallversicherung 10 kr. Für die Unfallversicherung wird 1 kr. abgezogen. Engel: Können Sie das nicht nachträglich zahlen? — Expertin Nr. 94: Das ginge schon, aber manchmal. brauchen wir die 10 kr., und wenn es noch einmal vorkommt, macht es ja schon mehr aus. Krankengeld bekomme ich 48 kr. und Medicamente. Expertin Nr. 95 (über Befragen): Ich bin ungefähr 20 Jahre beim Baugewerbe und bin 45 Jahre alt. Jetzt bin ich seit 13 Jahren bei einem Herrn, auch ich bin aus Böhmen. Gegenwärtig bin ich auf einem Baue ganz allein beschäftigt, weil wir erst anfangen. Zuletzt habe ich acht Tage vor Weihnachten zu arbeiten aufgehört und in der vorigen Woche angefangen. Ich verdiene beim Mörtelbereiten fl. 4 bis 5. Vorsitzende: Können Sie sich davon etwas ersparen? — Expertin Nr. 95: Davon muß ich die Schulden bezahlen. Ich habe auch Ueberstunden gemacht, und zwar in der Früh eine halbe Stunde und Abends eine halbe Stunde. Dafür wurden 6 kr. bezahlt. Ich habe auch beim Kalklöschen gearbeitet, manchmal bis 4 Uhr Früh. Dann habe ich am nächsten Tag auch wieder gearbeitet. Ich bin da nach der Arbeit nur nach Hause gegangen, um zu frühstücken, und habe dann wieder bis auf die Nacht gearbeitet. Für diese Nachtarbeit habe ich 50 kr. bekommen, also für eine Arbeit von 6 Uhr Früh bis den anderen Tag um 4 Uhr Früh habe ich fl. 1'30 bekommen. Das ist in der Woche zwei-, dreimal vorgekommen. Wenn man zu spät kommt so muß man, wenn dies zehn Minuten oder eine Viertelstunde ausmacht, einen Vierteltag aussetzen. Exp. Nader: Das kommt auf die Laune des Poliers an. Wenn ihm Eine zu Gesicht steht, so läßt er es hingehen. Exp. Nr. 95: Sonst kommen keine Strafen vor. Wir arbeiten von 7 Uhr bis 6 Uhr. Jetzt wird zu Mittag eine Stunde pausirt, weil die Saison noch nicht angefangen hat. Während der Saison wird auch zu Mittag gearbeitet. Da haben wir gar keine Pause oder nur eine Viertelstunde. Wir müssen uns da das Brot in die Schürze nehmen und während der Arbeit essen. Vorsitzende: Haben Sie, wenn Sie bis 4 Uhr gearbeitet haben, ehe Sie die Nachtarbeit begonnen haben, eine Pause gemacht? — Expertin Nr. 95: Man geht zum Greißler und kauft sich etwas, dann wird gearbeitet. Auch an Feiertagen wird gearbeitet, aber nicht oft. Da wird der gleiche Lohn wie sonst gezahlt, und man arbeitet wie gewöhnlich bis Abends, wie eben der Polier gelaunt ist. Kündigung haben wir keine. Dr. v. Fürth: Haben Sie Vor- und Nachmittags Pausen? — Exp. Nr. 95: Nachmittags nicht. Vormittags eine halbe Stunde. Vorsitzende: Sind Sie verheiratet? — Exp. Nr. 95: Ich bin Witwe. Ich habe eine Wohnung, aus Zimmer und Küche bestehend. Ich habe zwei Bettgeher bei mir. Für die Wohnung, im U. Bezirk, zahle ich fl. 7. Das Zimmer ist klein und ist im ersten Stocke. Die Bettgeher zahlen jeder 00 kr. Pro Woche. In der Früh koche ich Kaffee, zu Mittag habe ich ein Stück Brot, manchmal kaufe ich mir Bier oder Butter oder auch Zuspeise, Fleisch esse ich in der Woche nicht. Dr. Schwiedland: Wie ist es mit dem Schnapstrinken bei den Frauen? — Exp. Nr. 95: Das kommt nicht häufig vor. Dr. Schwiedland: Die Maurer gehen aber in die Schnapsboutiquen? — Exp. Nr. 95: Ja. .-;34 Exp. Nader: Die Frauen mögen sich vielleicht ursprünglich nicht dem Schnapsgenusse hingegeben haben, jetzt kommt es aber schon häufig vor. Die Frauen werden um den Schnaps geschickt, und da ist es Brauch, daß der Mann zu ihr sagt: „Na, trink' amal, Mariedl!" — und so hat sich die ein 5 oder andere das Trinken angewöhnt. Engel: Wo arbeiten Sie jetzt? — Exp. Nr. 95: Im X. Bezirke. Dorthin habe ich eine Stunde. Dr. Schwiedland: Wie finden die Leute Arbeit? — Expertin Nr. 95: Sie gehen auf den Bau und fragen sich an. Werkzeuge haben wir nicht zu kaufen. Geschenke werden an den Polier nicht gemacht. Abends koche ich mir Erdäpfelsuppe oder Knödel; Sonntag kaufe ich ein paar Deka Fleisch. Ich habe ein Waisenkind bei mir; das ist das Kind meiner Schwester. Der Knabe ist acht Jahre alt. Tagsüber ist er in der Schule, und wenn er nach Hause kommt, geht er zu einer Nebenpartei. Ich selbst habe drei Kinder gehabt. Dieselben sind gestorben. Eines wurde todt geboren. Das zweite ist nach zwei Monaten und das dritte nach sechs Monaten, und zwar dieses an Masern gestorben. Ich habe vor der Entbindung bis zum letzten Augenblick gearbeitet. Sonntag Nachmittags muß ich flicken. Ich lese die „Arbeiter- Zeitung" und die „Volkstribüne", die anderen Arbeiterinnen haben Angst, wenn es der Polier sehen sollte, aber ich gebe oft dem Polier die Zeitung selbst in die Hand. Dr. Osner: Was bekommt der Knabe zu Mittag? — Exp. Nr. 95 : Da lasse ich ihm etwas zu Hause. Dr. Osner: Wie viel geben Sie für ihn aus? — Exp. Nr. 95: In der Früh hat er das Frühstück, da lasse ich ihm ein Stück Brot, zu Mittag zahle ich 5 kr. im Wirthshause für Zuspeise, und Nachmittags hat er wieder Brot. Dr. Schwiedland: Es wird sehr wenig von der Volksküche gesprochen; woher kommt das? — Exp. Nr. 95: Ich war einmal in der Volksküche, aber ich gehe nicht mehr hin, denn das Essen ist zu schlecht. Zuspeise kaufe ich mir selten; entweder Suppe oder Bier. Engel: Wann haben Sie das letzte Kind bekommen? — Expertin Nr. 95: Im Jahre 1887. Engel: Waren Sie lange nach der Entbindung zu Hause? — Exp. Nr. 95: 14 Tage; vorher habe ich bis zu Weihnachten gearbeitet, und an: 5. Jänner habe ich entbunden. Dr. v. Fürth: Bekommen Sie für das Pflegekind etwas von der Gemeinde? — Exp. Nr. 95: Nein. Sein Vater lebt noch, der schaut sich aber darum gar nicht um. Dr. Lode: Weshalb haben Sie bei der ersten Entbindung bis unmittelbar vor der Entbindung gearbeitet? Haben Sie nicht gewußt, daß wir Gebäranstalten besitzen? — Exp. Nr. 95: Ich wollte nach Hause aus das Land fahren und habe noch 14 Tage arbeiten wollen. Ich habe keine Ahnung gehabt, daß es schon an der Zeit ist. Dr. Lode: Ist in Ihrem Kreise nicht die Kenntniß verbreitet, daß die Arbeiterinnen in den Gebäranstalten unentgeltliche Aufnahme finden? — Exp. Nr. 95: Das weiß ich nicht. Vorsitzende: Haben Sie nicht daran gedacht, in's Findelhaus zu gehen? — Exp. Nr. 95: Ich war ja verheiratet. Vorsitzende: Warum haben Sie noch 14 Tage arbeiten wollen? — Exp. Nr. 95: Ich habe noch Schulden gehabt und habe deshalb etwas verdienen wollen. Dr. Schwiedland: Sind Sie nach Wien zuständig? — Expertin , Nr. 95: Nein; auch der Vater des Kindes nicht. 'Vorsitzende: Ist der Abort anständig? — Exp. Nr. 95: Es ist halt so eine Bretterhütte. 335 Exp. Nader: Die Bretter bei diesen Aborten sind so weit entfernt, daß man ganz gut hineinschauen kann. Man kann sogar mit der Hand durch greifen. Vorsitzende: Bleiben Sie zu Mittag auch am Bau? — Exp. Nr. 95: Ja; Abends muß ich, ohne mich gereinigt zu haben, nach Hause gehen. Exp. Nader: Einrichtungen zum Waschen oder zum Kleideraufhängen gibt es auf den Bauten nicht. Dr. Ofner: Haben Sie schon einen Unfall erlitten? — Expertin Nr. 95: Nein. Dr. Schüller: Sind Ihre Bettgeher Männer oder Frauen? — Exp. Nr. 95: Männer. Dr. Schüller: Warum nehmen Sie lieber Männer? — Expertin Nr. 95: Weil die Männer besser zahlen, und dann wollen die Frauen auch selber waschen. Das sind auch Arbeiter und sind aus meiner Freundschaft. Vorsitzende: Ist noch nie verlangt worden, daß irgend welche Einrichtungen zum Kleideraufhängen oder zum Waschen auf den Bauten eingeführt werden? — Exp. Nr. 95: O ja, aber das ist abgewiesen worden. Der Polier hat schon sein Kammerl. Baronin Vogelfang: Was war Ihr Vater? — Exp. Nr. 95: Taglöhner. Vorsitzende: Was können Sie über die Behandlung von Seite des Poliers sagen? — Exp. Nr. 95: Ich kann nicht sagen, daß er sehr grob ist, aber ich habe schon bei Anderen gearbeitet, die haben die Weiber fest geschimpft, z. B. „Hatschen," „Schlampen," „Canaille," aber von Schlagen und Stoßen weiß ich nichts. Dr. Schwiedland: Gibt es auch auf Ihrem Bau ein sogenanntes Stubenmädel? — Exp. Nr. 95: Nein. Dr. Schwiedland: Wie viele gibt es solcher auf einem Bau, wenn sie dort sind? — Exp. Nader: Zwei, drei. Die machen gar keine Arbeit, das sind „Damen". Es gibt Bauten, wo ein Hauptpolier, drei Vice- poliere und zwei, drei Bauschreiber sind, und jeder hat sein Stubenmädel. Vorsitzende: Welche Vergnügungen gönnen sich die Arbeiterinnen? — Exp. Nr. 95: Dazu habe ich keine Zeit. Vorsitzende: Gehen Sie in Versammlungen? — Exp. Nr. 95: Ja, in die Versammlung des Arbeiter-Bildunqsvereines, ich gehe dorthin mit einem Bekannten. P ernersto rf er: Hat Ihr Polier nichts dagegen? — Expertin Nr. 95: Nein. P er n e r st o r f e r: Ist der vielleicht selbst Socialdemokrat? — Exp. Nr. 95: Nein. Vorsitzende: Wir vernehmen nun noch zwei Expertinnen aus der Z u ck e r b ä ck e r ei. Expertin Nr. 96 (über Befragen): Ich bin seit beinahe einem Jahre in der Zuckerlfabrik beschäftigt. Es arbeiten dort circa 70 Personen, zur Hälfte Frauen, zur Hälfte Männer. Vorher war ich im Arsenal als Metallarbeitern:. Die Arbeit in meinem jetzigen Betriebe ist nicht immer gleich. Wenn weniger Arbeit ist, entläßt der Herr einige Arbeiterinnen, und in der Saison nimmt er wieder welche auf. Ein Aussetzen der Arbeit in der Weise, daß wir nur einen Theil des Tages arbeiten, kommt nicht vor, sondern es werden in der schlechten Zeit etwa zehn bis zwölf Arbeiter entlassen. Kinder werden in unserer Fabrik nicht beschäftigt, es sind auch nur wenige jugendliche Hilfsarbeiter, die nur 14 bis 16 Jahre alt sind. Ich arbeite bei der Maschine, auf welcher feinere Bonbons fabricirt werden. Der Meister „zieht" die Arbeit „vor", ein Arbeiter bei der Maschine „schneidet", und wir müssen die Maschine auf- und zumachen und die Zuckerln 336 herausnehmen. Die Frauen sind also bei dieser Beschäftigung Hilfsarbeiterinnen. Es kommt nicht vor, daß uns Arbeit nach Hause gegeben wird. Bardorf: Vielleicht bei den Wicklerinnen? — Exp. Nr. 96: Das schon, aber bei der Maschine nicht. Aber die Wicklerinnen haben eine ganz andere Arbeit. Es ist kein Zwang, daß sie die Arbeit nach Hause nehmen. Der Herr sragt sie, und die meisten nehmen die Arbeit an; er gibt auch nicht allen Arbeit mit, sondern nur denen, die schneller arbeiten und schon länger im Geschäfte sind. Die Mädchen nehmen die Arbeit gerne mit, weil sie mehr verdienen; sie bekommen per Kilo 7 kr. und machen drei bis fünf Kilo. Da müssen sie von 7 bis 12, auch bis 1, 2 Uhr Nachts arbeiten. Die Arbeiterinnen sind meistentheils wieder Töchter von Arbeitern. Wie lange die Mädchen Lehrzeit haben, weiß ich nicht. Ich selbst habe ausnahmsweise nur die ersten sieben Wochen bei einem geringeren Lohn gearbeitet und auch damals schon von der ersten Woche an fl. 3 bekommen. Dr. Schmied land: Wer besorgt das Zerstoßen und Zerreiben der verschiedenen Znckerarten, bevor sie in die Maschine kommen? Und wer knetet den Teig? — Exp. Nr. 96: Das macht alles die Maschine, aber wir müssen dazu helfen. Dr. Schwiedland: Können Sie auch das Kneten gerade so gut machen wie ein Mann? — Exp. Nr. 96: Wenn es ein großer Sud ist, nicht, bei einem kleinen ja. Baronin Vogelfang: Sind nicht anch Töchter von Tischlern, Schlossern oder Schneidermeistern unter den Arbeiterinnen? — Expertin Nr. 96: Nein. Engel: Fabriciren Sie Bonbons, die durch zwei Walzen, die gegen einander gedreht werden, hindurchgehen, so daß sich die Form herausbildet? — Exp. Nr. 96: Der Meister zieht den Zucker nach Staberln so lange wie die Maschine ist. Der Schlosser, das ist Derjenige, der bei der Maschine schneidet, gibt es hinein. Wenn es dann herauskommt, wird es in der Presse gepreßt. Da müssen die Mädchen auf- und zumachen und herausnehmen. Das ist dann in ganzen Stangerln gefornrt, und man muß den Ausschuß herausnehmen. Engel: Bitte uns mitzutheilen, wer Ihre Eltern sind. — Expertin Nr. 96: Mein Vater ist vor zehn Jahren gestorben. Er war durch 14 Jahre beim Militär Schuhmacher, dann ist er angeschossen worden, und dann war er zu Hause. Meine Mutter hat Pension; ich und die Schwester gehen in die Arbeit. Wir verdienen jede fl. 4. Die Mutter ist krank und verdient nichts. Wir haben keine Arbeitsvermittlung, sondern wir gehen uns aufragen. Der Chef selbst nimmt die Arbeiterinnen aus. Wir sind im Wochenlohn. Anfangs bekam ich fl. 3, jetzt fl. 4. Es dürfte hübsch lang dauern, bis ich mehr Lohn bekomme, denn die Meisten haben nur fl. 4. Die bei der Maschine haben überhaupt nur fl. 4, einige von den Kolleginnen haben fl. 5 und zwei ältere fl. 6. Wenn weniger zu thun ist, bekommen wir weniger gezahlt. Wir müssen kein Material beistellen. Wenn starke Arbeit ist, müssen wir bis 7, 8 Uhr Ueberstunden machen; da bekommen wir pro Stunde 15 kr., also mehr als für die gewöhnliche Arbeitszeit. Vorige Woche haben wir im Ganzen drei Ueberstunden gemacht. Daß während einer längeren Zeit täglich zwei Ueberstunden gemacht würden, kommt nicht vor. Nachtarbeit haben wir auch keine. Die Wicklerinnen nehmen Arbeit nach Hause, ich aber nicht. Dr. Schwiedland: Müssen Sie auch das Local reinigen? — Exp. Nr. 96: Am Samstag wird um 5 Uhr Feierabend gemacht, und da müssen wir ausreiben. An den anderen Tagen kehrt halt Jede bei ihrem Tisch aus. Der Lohn der Männer ist besser. Der Schneider hat fl. 12. Unsere Arbeit ist sehr anstrengend. Wir müssen die Dosen, in welche das Material eingefüllt ist, tragen. Jede Dose hat 4 bis 5 Kilogramm, und da 837 tragen wir vier, fünf auf einmal in's Magazin. Strafen und Abzüge kommen nicht vor. Wir werden aber sehr geschimpft, selbst vom Chef. Wir müssen uns das leider gefallen lassen, denn wenn Eine etwas sagen würde, so wäre sie nicht sicher, ob sie nicht auch noch Schläge bekommen würde. Dr. Ofner: Haben Sie gleich nach den fl. 3 fl. 4 bekommen? — Exp. Nr. 96: Nein. Nach sieben Wochen bekam ich 20 kr. Zulage und dann alle paar Wochen eine kleine Zulage, und erst vor sechs Wochen habe ich sl. 4 bekommen. Dr. Ofner: Wie viel Arbeit verrichten Sie Vormittags, wie viel Nachmittags? — Exp. Nr. 96: Wir machen Vormittags zehn Sud und Nachmittags auch. Jeder Sud hat 10 Kilo. Heimarbeiterinnen gibt's bei uns nicht. In unserem Geschäfte sind keine Verkäuferinnen, weil wir keine Filiale haben. Dr. v. Fürth: Ist Ihre Arbeit nicht insofern gefährlich, als Sie bei der Maschine hineingreifen können? — Exp. Nr. 96: Ich selbst bin hineingekommen; da kann man sich zwicken und schneiden. Es kommt nicht oft vor, aber wie ich mich geschnitten habe, war ich drei Wochen zu Hause. Unsere Arbeitszeit ist von 7 bis 12 und von 1 bis 6 Uhr. Vormittags und Nachmittags haben wir keine Pause. Man kann zwar während der Arbeit essen, aber da schaut der Herr gleich nach, ob wir nicht vielleicht Zuckerl epen, und deshalb müssen wir es versteckt thun. Manchmal ist Arbeit auch an Sonn- und Feiertagen von 7 bis 12 Uhr. Mit der Kündigung ist es folgendermaßen bestellt: Wenn eine Arbeiterin fortgehen will, so muß sie acht Tage vorher kündigen, wenn aber der Herr eine Arbeiterin bei einer Unregelmäßigkeit erwischt, so wirft er sie sofort hinaus. Vorsitzende: Was sind das für Unregelmäßigkeiten? — Expertin Nr. 96 : Wenn zum Beispiel Eine bei der Arbeit steht und nichts thut, oder wenn sie sich wohin setzt, um auszuruhen. Der Herr ist den ganzen Tag in der Fabrik, er hat keinen Werkführer. Wir haben eine Fabriksordnung, aber noch nicht seit langer Zeit. Sie ist im Laboratorium, und da steht darin, daß der Herr auch an eine achttägige Kündigungsfrist gebunden ist. Vorsitzende: Ist es noch nicht vorgekommen, daß eine Arbeiterin wegen der achttägigen Kündigungsfrist einen Proceß angefangen hat? — Exp. Nr. 96 : Nein. Zu Ostern und gegen Weihnachten ist sehr viel zu thun, im Jänner, Februar werden dafür Arbeiterinnen entlassen. Im Juni, Juli ist auch weniger Arbeit, da werden aber keine Arbeiterinnen entlassen. Engel: Ist die Sonntagsarbeit eine gewerbliche oder werden nur Postpackete u. dergl. gemacht? — Exp. Nr. 96 : Sonntags arbeiten nur Einige, und zwar meist Arbeiten, welche in die Kanzlei gehören. Dr. Schwiedland: Werden in der stillen Zeit weniger Stunden am Tage gearbeitet? — Exp. Nr. 96: Nein. Schutzvorrichtungen bestehen bei uns keine. Dr. Lode: Es besteht vielleicht eine, aber sie ist außer Function. — Exp. Nr. 96 : Nein, es besteht keine, wo ich jetzt bin. In der Fabrik, wo ich früher war, waren Schutzvorrichtungen. Ich habe, wie ich mich geschnitten habe, Eibischteig und Salmiak geschnitten, da muß man nämlich auf das Leder diese Stangerln legen. Ich wollte das Leder Hineinschieben, und weil es nicht gegangen ist, bin ich hineingekommen, und wie ich umgedreht habe, habe ich zwei Finger durchgeschnitten. Wir haben als Vorgesetzte eine Magazineurin und eine Vorarbeiterin. Geschenke sind im Allgemeinen nicht üblich, aber es kommt vor, daß gesammelt wird, und dann sind Diejenigen, welche etwas hergeben, viel besser angesehen als die Anderen. Dafür werden, allerdings nur sehr selten, Gegengeschenke gemacht, wenn zum Beispiel die Arbeiterin Namenstag hat. In der Früh esse ich Kaffee, Vormittags eine Semmel, die ich mir von zu Hause mitnehme, zu Mittag kaufe ich mir das Nahrhafteste, was ich mir um das Geld verschaffen kann, einen 22 Frauen-Enquöte. 338 halben Liter Milch um 6 kr., manchmal auch vom Gasthaus eine Zuspeise oder vom Greißler eine Wurst, Nachmittags esse ich nichts und Abends, wenn ich zu Hause komme, wieder Kaffee. Sonntag kauft die Mutter Rindfleisch, und zwar 40 Deka, so daß wir Zwei eine Suppe haben. Dr. Schwiedland: Wie viel zahlen Sie für die Wohnung? — Exp. Nr. 96: fl. 9 monatlich. Dr. Schwiedland: Was ißt die Mutter zu Mittag? — Expertin Nr. 96: Sie kaust sich höchstens Suppe oder Gemüse vom Gasthaus. Dr. Schwiedland: Ist keine Volksküche in der Nähe? — Expertin Nr. 96: Was man dort bekommt, ist nicht zu genießen. Dr. Frey: Was geben Sie für Kleidung aus? — Exp. Nr. 96 : Ich kaufe mir höchstens einmal jährlich etwas. In Simmering ist eine Frau, die abgelegte Kleider verkauft. Da kaufe ich mir aus Raten ein Kleid um fl. 6 bis 7. Dr. Schwiedland: Haben Sie Schulden beim Hausherrn oder beim Greißler? — Exp. Nr. 96 : Beim Greißler wohl, beim Hausherrn nicht. Vorsitzende: An Sonntagen wird nicht mit der Maschine gearbeitet ? — Exp. Nr. 96: Nein, aber an Feiertagen kommt es vor. Engel: Wird am 1. Mai gearbeitet? — Exp. Nr. 96: Nein, aber der Tageslohn wird uns abgezogen. Dr. Schwiedland: Das haben wahrscheinlich die Männer durchgesetzt ? — Exp. Nr. 96: Ja, aber manche Arbeiter gehen über die alten Weiber. Bardorf: Werden Ihnen die Feiertage abgezogen? — Expertin Nr. 96: Wenn wir den ganzen Tag nicht arbeiten, 70 kr., wenn wir halbe Tage nicht arbeiten, 35 kr. Dr. Schwiedland: Werden Sie auch geduzt? — Exp. Nr. 96: Vom Herrn hie und da, wenn er schimpft. Das Arbeitslocal ist groß, aber sehr dunstig, weil man die Fenster nicht lange offen lassen darf, sonst wird der Zucker kalt, und die Waare ist verloren. Ventilation ist keine. Wenn es recht dunstig ist, machen wir ein halbes Fenster auf. Das Local liegt im Parterre, aber noch etwas unterhalb; es hat sechs Fenster. In demselben befinden sich — ich weiß es nicht genau — beiläufig im Ganzen 20 Personen. Zum Abkühlen der Waare, zum Windmachen sind vier Ventilationsapparate, aber die nützen uns nichts, die sind nur für die Waare. Der Abort muß jeden Samstag von den Arbeiterinnen geputzt werden. Er ist für Männer und Frauen separirt. Während der Mittagspause müssen wir aus dem Local hinausgehen. Da gehen wir in den Hof und im Winter auf den Gang. Da können wir nicht fitzen, höchstens auf den Fensterbrettern; der Gang ist nicht geheizt, nur von dem Dampf und Dunst ein wenig erwärmt. Die Fenster gehen auf die Gasse. Die Wicklerinnen und Packerinnen sind im Parterre. Die übrigen Werkstätten sind ventilirt. Dr. Frey: Sind dort Waschvorrichtnngen? — Exp. Nr. 96: Es ist dort ein Kübel. Wir haben aber keine Handtücher, die Gehilfen lassen uns ihre nicht benützen. Engel: Ist der Teig, den Sie verarbeiten, warm? — Exp. Nr. 96 : Sehr warm. Engel: Entsteht da nicht ein Geruch? — Exp. Nr. 96: Es entsteht so ein Dampf, wie wenn Wasser siedet. Im Sommer ist eine furchtbare Hitze. Vorsitzende: Wie sind Sie da bekleidet? — Exp. Nr. 96: Wir haben Blousen. Baronin Vogelfang: Stehen Sie bei der Arbeit? — Expertin Nr. 96: Ja, den ganzen Tag. Baronin Vogelfang: Sind im Hof Bänke, auf denen Sie sitzen können? — Exp. Nr. 96: Nein, es sind nur Kisten und Wagerln dorten. Dr. Schwiedland: Haben Sie von den Arbeitern Zudringlichkeiten abzuwehren? — Exp. Nr. 96: O ja, das kommt schon vor. 339 Bardorf: Sind die Verhältnisse bei den Wicklerinnen ebenso wie bei Ihnen? — Exp. Nr. 96: Die sind manchmal aus besseren Kreisen und werben vom Herrn vorgezogen. Es war einmal eine Beamtenstochter dabei. Vorsitzende: Erlauben sich die Chess etwas gegen die Mädchen, was nicht anständig wäre? — Exp. Nr. 96: Nein. Vorsitzende: Aber die Gespräche, Unterhaltungen unter den Leuten, sind die immer anständig? — Exp. Nr. 96: Nicht immer. Keine von den Arbeiterinnen in unserer Werkstätte ist verheiratet. Es gibt in der ganzen Fabrik vielleicht nur drei Verheiratete. Manche von den Mädchen haben Kinder zu erhalten und führen selbstständigen Haushalt, auch wenn sie nicht verheiratet sind. Die Meisten wohnen mit ihrem Verehrer zusammen, und der erhält natürlich die Kinder mit. Wir müssen bei der Arbeit leicht gekleidet sein, deshalb ziehen wir uns in der Werkstätte um; wir haben dazu einen Kasten ohne Thür, ebenso auch die Männer. Wir bewohnen ein Zimmer mit zwei Fenstern und eine Küche. Für Geselligkeit und Unterhaltung können wir nichts verwenden. Wir hätten schon Lust, in's Theater zu gehen, aber es geht nicht. Ich bin im Volksbildnngsverein, da kann ich die Bibliothek benützen, und am Sonntag ist im Verein durch zwei Stunden Tanzschule. Ich gehöre der Bezirks-Krankencasse an. Dafür werden 10 kr. vom Wochenlohn abgezogen. Auch der Unfallversicherung gehöre ich an, es wird aber dafür nichts abgezogen. Wir bekommen im Krankheitsfälle 48 kr. Ich werde von Niemand unterstützt, sondern wir zwei Schwestern müssen die Mutter erhalten. Dr. Frey: Sie wohnen zu Dreien; haben Sie jede ein Bett? — Exp. Nr. 96: Ja. Dr. Ofner: Wo waren Sie, bevor Sie in das Geschäft gegangen sind? — Exp. Nr. 96: Ich habe mit 14 Jahren zu arbeiten angefangen, da bin ich in das Arsenal gekommen; dort war ich bis 17 Jahre, und jetzt bin ich 18 Jahre. Dr. Ofner: Warum sind Sie aus dem Arsenal weggegangen? — Exp. Nr. 96: Es war ein Lieutenant dort . . . Dr. Osner: Da wollten Sie wahrscheinlich den Zudringlichkeiten diesselben entgehen. Expertin Nr. 97 (über Befragen seitens des Vorsitzenden): Die Verhältnisse bei den Wicklerinnen sind folgende: Es ist eine Wicklerin, die fl. 7, zu Weihnachten sogar fl. 9 verdient. Da hat sie sich aber schon Arbeit nach Hause genommen. In der Fabrik selbst verdient man sich in der Regel fl. 5. Man kann sich auch Arbeit nach Hause mitnehmen, weil die Arbeit nicht schwer und nicht anstrengend ist. Die Anzahl der Beschäftigten ist nicht immer gleich. Manchmal setzt der Herr Einige dazu, manchmal nimmt er Einige weg. Ich bin drei Jahre in dem Betrieb, früher war ich in einer großen Fabrik; dort habe ich fl. 4 verdient, und jetzt verdiene ich ebenfalls fl. 4. Ich war auch während der drei Jahre nicht ununterbrochen beschäftigt, sondern, wenn der Herr grob war, bin ich gegangen, und dann bin ich wieder aufgenommen worden. Ich mache dieselbe Arbeit wie die frühere Expertin, aber außerdem noch das Zuckerrollen, das ist nämlich Männerarbeit. Da muß ich das große Sieb hin- und Herrollen, damit man dann die Leisten schneiden kann. Da muß ich mich den ganzen Tag sehr anstrengen. Ich mache täglich bei dieser Arbeit 20 Sud. Die Männer bekommen dafür fl. 12. Wir leisten dasselbe wie die Männer. Die Wicklerinnen sind aus dem Grunde besser bezahlt, weil sie aus besseren Häusern sind. Es sind aber auch welche darunter, die nur fl. 3'90 und 4, dann aber auch solche, die fl. 6 und 6'50 haben. Die Eltern der Mädchen sind einmal etwas gewesen und dann zu Grunde gegangen. Es sind auch schon Beamtenstöchter dabei gewesen. Jetzt ist nur eine Beamtenstochter dabei, und die wird vom Herrn vorgezogen) Dr. Biezina: Warum läßt der Herr die Arbeit, für welche er den 22 * 340 Männern fl. 12 zahlen muß, nicht ganz durch weibliche Arbeiterinnen verrichten, denen er nur fl. 4 zu zahlen braucht? — Exp. Nr. 97: Es ist nur ein Mann da, der das Zuckerrollen verrichtet und dafür fl. 12 bekommt. Aber der Herr gibt den nicht weg, weil er auch zum Auflösen des Abfalles verwendet wird, was Frauen nicht besorgen können. Bardors: Kommen die Wicklerinnen mit den Kunden in Berührung, und müssen sie deswegen vielleicht besser gekleidet sein? — Exp. Nr. 97: Weder das Eine, noch das Andere. Sie müssen nur rein gekleidet sein. Dr. Schüller: Worin besteht das Zuckerrollen? — Exp. Nr. 97: Da ist ein Eimer Sud, der wird z. B. mit fünf Kilo gefüllt, da wird ein „Strudel" gemacht, wie wir es nennen, und dann wie eine Walze gerollt. Das ist sehr heiß, und man verbrennt sich dabei oft die Hände. Eine Sud hat 20 bis 25 Kilogramm Füllung. Das Rollen dauert eine halbe Stunde. Tann habe ich vielleicht fünf Minuten Pause, dann muß ich wieder die Fülluug Herrichten und wieder rollen. Vorsitzende: Könnte diese Arbeit nicht durch eine Maschine verrichtet werden? — Exp. Nr. 97: Nein, denn der Zucker, muß weich bleiben, und die Füllung muß in der Mitte drin sein. Wenn die Füllung herausgeht, so hat der Herr einen riesigen Schaden. Man könnte aber Handschuhe anziehen, um sich nicht so sehr zü verbrennen; vor zwei Jahren hat es ein Arbeiter versucht, da hat es der Herr, weil ihn das ekelt, verboten. Dr. Schüller: Dürfen Sie mit den Brandblasen rollen? — Exp. Nr. 97: Ja, so lange, bis die Brandblasen wieder vertrocknen. Dr. Schüller: Wenn sie aber aufspringen? — Exp. Nr. 97: Dann geht es in den Teig. Dr. Lode: Kommen denn wirkliche Brandblasen häufig vor? — Exp. Nr. 97: O ja; besonders anfangs hat man 10, 12 Blasen an den Händen. Dr. Lode: Wie groß sind die? — Exp. Nr. 97: Die gehen oft über den ganzen Finger. Dr. Lode: Sind sie mit Wasser gefüllt? — Exp. Nr. 97: Ja. Dr. Lode: Kommt es vor, daß diese Blasen eitern? — Expertin Nr. 97: Ja, hie und da, wenn z. B. Schmutz hineinkommt. Dr. Lode: Müssen Sie auch mit diesen eiternden Händen arbeiten? — Exp. Nr. 97: Nein, da bleiben wir zu Hause und bekommen Krankengeld. Vor 14 Tagen ist es Einer passirt, es kommt aber selten vor. Die hatte fl. 3 50 Lohn und bekam 48 kr. Krankengeld. Sie ist also besser daran, wenn sie krank ist. Dr. Lode: Ich möchte nur bemerken, daß ich nicht glaube, daß diese Blasen wirkliche Brandblasen sind. — Exp. Nr. 97 (über Befragen): Zuerst war ich in der großen Fabrik zwei Monate im Magazin Einlegerin; da habe ich die Bäckereien in die Schachtel gelegt, da ist es mir sehr gut gegangen; ich war noch jünger und habe schon fl. 4 bekommen. Ich bin von dort weggegangen, weil mir der Weg zu weit war; jetzt habe ich nur eine Viertelstunde zu gehen. Ich wohne mit meiner Mutter zusammen; wir haben ein Zimmer und zahlen dafür fl. 5. Küche haben wir keine. Die Mutter ist gichtkrank, und ich allein muß sie von den fl. 4 erhalten. Bis voriges Jahr hat der Bruder noch dazu gezahlt, aber Heuer nicht mehr. In der Früh kocht die Mutter Kaffee. Zu Mittag esse ich hie und da eine Zuspeise, und die Mutter trinkt Kaffee oder was sie halt zu Hause hat. Jause habe ich keine, sondern um '/,>7 Uhr trinke ich zu Hause wieder Kaffee, und zwar schon als Nachtmahl. Manchmal kauft die Mutter um 10 kr. Wurst. Am Sonntag kauft die Mutter für Mittags und Abends um 30 kr. Rindfleisch. Dr. Frey: Wie lange ist die Mutter krank? — Exp. Nr. 97: Acht Jahre. 341 Tr. Frey: Wovon haben Sie vor acht Jahren gelebt? Damals konnten Sie noch nichts verdienen? — Exp. Nr. 07: Damals unterstützte uns der Bruder. Pernerstorfer: Haben Sie nie daran gedacht, die Mutter in Hie Cur nach Baden zu geben? Es gibt dort ein Hans, wo die Cur unentgeltlich gebraucht werden kann. — Exp. Nr. 07: Eine Lehrerin hat die Mutter nach Ungarn geben wollen; die Mutter aber wollte nicht. Sie sagte, ihr nütze ohnehin nichts. Bardors: Sie versorgen also auch die häuslichen Arbeiten? — Exp. Nr. 07: Ja; die Mutter hilft nur beim Waschen ein bischen. Da bleiben wir an einem Wochentage etwas länger aus, um zu waschen. Vorsitzende: Sind Sie in einem Vereine? — Exp. Nr. 07 : Nein, ich bin nicht in der Drganisation. Vorsitzende: Lesen Sie hie und da Zeitungen? — Exp. Nr. 07: Ich lese hie und da die „Arbeiter-Zeitung", wenn ich sie gerade bekomme. Bücher habe ich keine. Schluß der Sitzung 10 Uhr 30 Minuten. 19. Sitzung, Freitag, 20. Wär; 1896. Vorsitzender: Pernerstorfer. Beginn 7 Uhr 30 Minuten Abends. Vorsitzender: Wir setzen heute die Vernehmungen aus der M e ta l l - In d u str i e fort. Expertin Nr. 08 (über Befragen des Vorsitzenden): Ich bin Eßbesteck- seilerin. Wir haben zwei Feilen, eine grobe und eine feine, eine Raspel- nnd Schlichtfeile. Wenn der Löffel vom Gnß herauskommt, so hat er einen Anguß, dieser mnß zuerst mit der Scheere abgezwickt und dann mit der Raspel weggefeilt werden. Dann kommt die feine Feile, mit der man den Stiel des Löffels feilt, und dann wird er mit einer Klinge abgeschabt. Hieraus wird der Löffel mit einem Messer ausgeschnitten, damit er die richtige Fa^on bekommt. Es sind nicht alle Löffel gleich leicht zu behandeln. Bei einem Metall geht es besser, bei einem anderen schlechter. Wir fabri- ciren nur gegossene Zinnlöffel, keine gestanzten Metalllöffel. Wir verrichten die Arbeit sitzend, und zwar ununterbrochen dieselbe Arbeit. Ich bin jetzt schon über acht Jahre dabei. Früher war ich in einer Metallkapselsabrik, dort wurden die Kapseln für die Weinflaschen gemacht. Ich war dort 13 Jahre. Mein jetziger Betrieb ist ein Kleinbetrieb. Die Männer besorgen das Gießen. In unserer Werkstätte, und zwar in demselben Vocal, ist eine Lochmaschine. Wir nehmen auch Arbeit mit nach Hause, namentlich wenn die Arbeit stark geht. Wenn die Mädchen in's Geschäft kommen, müssen sie erst drei Wochen abgerichtet werden. Während dieser Zeit sind sie schon im Accord. Eine Mitarbeiterin zeigt ihr das Ganze und unterrichtet sie, natürlich kann diese dann selbst weniger arbeiten. Trotzdem bekommt sie kein Entgelt für den Unterricht. Die Mädchen sind meist Arbeitertöchter. Wir hüben keine Arbeits Vermittlung. Wenn ich heute meinen Posten verlieren würde, so müßte ich zu einer anderen Branche gehen, denn in unserer Branche findet man nicht so leicht einen Platz. Ich arbeite im Accord und verdiene durchschnittlich fl. 5. Manchmal auch nur sl. 4 oder 3. Während der acht Jahre, wo ich in dem Geschäfte bin, war das Meiste, was ich in einer Woche verdient habe, fl. 7, 342 da habe ich aber nicht sechs Tage, sondern eigentlich nenn Tage in dieser Woche gearbeitet, bis spät in die Nacht hinein. Man muß, wenn man zu Hause arbeitet, keine Werkzeuge selbst beistellen, man muß nur einen Nagel aus Holz haben, auf dem man den Löffel mit den mitgebrachten Feilen feilt. Das war früher Männerarbeit. Wir bekommen für das Dutzend 1 kr., ohne Rücksicht daraus, ob die Arbeit besser oder schlechter geht. Ueberstunden haben wir keine. Wenn wir Arbeit nach Haus nehmen, so ist derselbe Accordsatz wie in der Fabrik. Die Männer in der Gießerei bekommen für das Dutzend 5 kr. Die brauchen natürlich zum Dutzend viel länger, sie verdienen sich fl. 7 bis 8 in der Woche; in anderen Fabriken sind auch Frauen in der Gießerei, bei uns dagegen nicht; deshalb ist bei uns der Ausnahmsfall, daß mehr Männer als Frauen beschäftigt sind. Wir müssen den ganzen Tag mit den Händen und dem ganzen Körper die sehr ermüdende Arbeit verrichten. Man ist bei der Arbeit immer in gebückter Stellung. Man spürt am Abend seine Hände kaum und bekommt auch Magenweh, Kopfschmerz u. dergl. Wenn wir an der Arbeit etwas verderben, so wird uns vom Lohn abgezogen. Der Ausschuß wird alle Vierteljahre zusammengerechnet, und da sind mir schon 30, 40 kr., manchmal auch sl. 1 abgezogen worden. Für das Zuspätkommen wird wöchentlich eine Strafe von 10 kr. abgezogen. Was mit diesen Strafgeldern geschieht, weiß ich nicht. Wir haben eine Fabriksordnnng. Ob über die Strafen etwas darin steht, weiß ich nicht. Frau Schlesinger: Nachdem Sie im Accordlohn arbeiten, kann es dem Herrn doch gleichgiltig sein, wenn Sie zu spät kommen? — Exp. Nr. 08: Der Herr sagt, die Arbeiter gehören um 7 Uhr in's Geschäft, aber nicht später. Dr. Riedl: Haben Sie die Fabriksordnung, die offenbar in der Werkstätte hängt, gelesen? Exp. Nr. 98: Nein. Ich habe mich darum nicht gekümmert, denn ich habe keine Zeit dazu. Wenn ich in der Früh hinkomme, muß ich gleich schauen, daß ich zu arbeiten anfange. Dr. Riedl: Wie viel Dutzend machen Sie an einem Tag? — Exp. Nr. 98: Von der feinen Sorte 70, bei einer anderen Sorte 80. Aber wenn ich nur weniger machen kann, so wird mir nicht mehr für das Dutzend gezahlt. Wittelshöser: Wie viel Arbeit nehmen Sie sich nach Hause? — Exp. Nr. 98: 30 Dutzend, daran arbeite ich über vier Stunden. Die Löffel, die ich so nach Hause nehme, sind sehr schwer. Wittelshöser: Kommt das oft vor, daß Sie Arbeit nach Hause nehmen? — Exp. Nr. 98: Nein. Wittelshöser: Wie viel machen Sie, wenn wenig zu thun ist? — Exp. Nr. 98: 30 bis 40 Dutzend, da gehen wir früher nach Hause. Dr. Frey: Wann und wie lange ist bei Ihnen die starke Arbeitszeit? — Exp. Nr. 98: Es ist mehr schwache Zeit im Jahre, als starke. Die starke dauert von März, April bis August, die schwache bis zum Frühjahre. Bardorf: Ist es bei Ihnen noch nicht versucht worden, den Männern das Gießen abzulernen? — Exp. Nr. 98: Ja. Es gießen auch Frauen bei uns. Bardorf: Es ist mir bekannt, daß seinerzeit Verletzungen in ziemlichem Umfange vorgekommen sind. Dr. Schiff: War der Accordlohn immer gleich groß? — Expertin Nr. 98: Vor acht Jahren zahlte man noch 1'5 kr., nach zwei Jahren ist man auf 1 kr. heruntergekommen, warum, weiß ich nicht. Dr. Schiff: Müssen Sie sich die Feilen selbst kaufen? — Expertin Nr. 98: Ja, wir brauchen 20 Feilen ä 50 kr. Die dauern etwa ein halbes Jahr. Außerdem brauchen wir noch die Klinge. Wir können uns die Feilen kaufen, wo wir wollen. 343 Dr. Schiff: Wird in allen Fabriken 1 kr. für das Dntzend gezahlt? — Exp. Nr. 98: So viel ich weiß, überall. Dr. Schiff: Weshalb kann man einen Posten in Ihrer Branche nur schwer finden? — Exp. Nr. 98: Es gibt viele Arbeitslose und wenig vacante Posten. Dr. Riedl: Haben früher auch Männer die Arbeit verrichtet, welche Sie jetzt verrichten? — Exp. Nr. 98: Ja, sogar jetzt noch in einzelnen Betrieben. Dr. Riedl: Was haben die Männer bekommen? — Exp. Nr. 98: 5 kr., aber das ist schon sehr lange her, das war vor acht Jahren. Für Suppenschöpfer haben sie l0 kr. bekommen. Vorsitzender: Gibt es auch bei Ihnen Heimarbeiterinnen, die nicht in der Fabrik arbeiten? — Exp. Nr. 98: Ja, bei starker Arbeit. Sie bekommen denselben Lohn wie wir und müssen täglich liefern gehen. Dr. Verkauf: Ist eine bestimmte Lieferungsstunde? — Expertin Nr. 98: Nein. Dr. Verkauf: Wie lange dauert das Abliefern, bis sie wieder eine Arbeit bekommen? — Exp. Nr. 98: Etwa eine Stunde. Ich kenne eine solche Arbeiterin, die macht 40 bis 50 Dutzend, so viel sie eben nach Hause bekommt. In der schwachen Zeit bekommt sie nichts nach Hause; jetzt fängt wieder die starke Zeit an, da wird sie wieder Arbeit kriegen. Dr. Verkauf: In welchem Verhältnisse befindet sich diese Arbeiterin? — Exp. Nr. 98: Sie ist verheiratet und hat drei Kinder. Früher war sie in der Fabrik, ist aber weggegangen, weil sie eben zu Hanse die Kinder warten muß. Sie betreibt das nur, um etwas dazu zu verdienen. Dr. Schwiedland: Können bei den Heimarbeiten auch Kinder beschäftigt werden? — Exp. Nr. 98: Nein. (Ueber Befragen des Vorsitzenden.) Unsere Arbeitszeit ist von 7 bis 0 Uhr mit einstündiger Mittagspause. Wir haben keine Vormittags- und keine Jausenpause und müssen während der Arbeit essen, und zwar mit schmutzigen Händen. Zu Mittag bleiben wir Alle in der Werkstätte und machen uns meist einen Kaffee. An Sonntagen wird nicht gearbeitet, an manchen Feiertagen bis Mittag. Kündigungsfrist ist keine, weder seitens des Herrn, noch seitens der Arbeiter. Dr. Maresch: Haben Sie immer die gleiche Arbeitszeit gehabt, und ist auch in den anderen Fabriken die gleiche Arbeitszeit? — Exp. Nr. 98: Ja. Dr. Maresch: Ist es Ihnen ausgefallen, daß zur gewissen Tageszeit Ihre Arbeitskräfte nachlassen? — Exp. Nr. 98: Gewiß, am Abend kann man nicht mehr so arbeiten als in der Früh. Dr. Schwiedland: Wie viel Dutzend bringen Sie Vormittags, wie viel Nachmittags zu Stande? — Exp. Nr. 98: Vormittags 35, Nachmittags 25, 28, 30. Mittels höser: Wird ein Zeichen gegeben, wenn die Mittagspause beginnt, und arbeitet man nicht manchmal während der Mittagspause? — Exp. Nr. 98: Zu Mittag wird abgeläutet. Es kommt aber öfters vor, daß auch nach dem Läuten gearbeitet wird, weil wir uns dadurch mehr verdienen. Dr. Riedl: Wird beim Eintritt in die Arbeit gesagt, daß keine Kündigung besteht? — Exp. Nr. 98: Nein. Dr. Riedl: Woher wissen Sie denn, daß die gesetzliche Kündigungsfrist von 14 Tagen nicht eingehalten wird? — Exp. Nr. 98 : Ich sehe es ja bei allen anderen Arbeiterinnen. Dr. Schwiedland: Haben Sie in der stillen Zeit einen Nebenerwerb ? — Exp. Nr. 98: Nein. Dr. Schwiedland: Warum bleiben die Arbeiter zu Mittag in der Wcrkstätte und gehen nicht etwa in die Volksküche? — Exp. Nr. 98: Weil es viel zu theuer ist. Das Gemüse kostet 5 kr., die Mehlspeise'8 kr.; wenn wir uns einen Kaffee machen, so ist das viel billiger. 344 Dr. Sch w iedland: Ist aber die Kost in der Volksküche gut? — Exp. Nr. 98: Manchmal ist sie nicht besonders gut. Dr. Schwiedland: Wie viel Kaffee und Milch brauchen Sie zum Kaffee? — Exp. Nr. 98: Wir sind drei Personen. Da nehmen wir um 5 kr. Kaffee, 1 kr. Feigenkaffee, 5 kr. Milch, 2 kr. Zucker und jedes eine Semmel um 1 kr. Frau Schlesinger: Sind diese Semmeln um 1 kr. nicht altgebackene Semmeln? — Exp. Nr. 98: Nein, sie sind frisch, aber klein. Dr. Rauchberg: Nehmen Sie sich Sonntag Arbeit mit nach Hause? — Exp. Nr. 98: Nein. Wittelshöser: Sie sagten, daß Sie Vormittags 35, Nachmittags 25 Dutzend Löffel machen, das sind zusammen 60 Dutzend. Nun haben Sie gesagt, daß Sie täglich 70 bis 80 Dutzend machen können, das wäre also ein Widerspruch. — Exp. Nr. 98: Ich habe ja gesagt, daß es auf die Sorten ankommt. Dr. Maresch: Wie verhält es sich, wenn Sie aussetzen müssen? — Exp. Nr. 98: Wenn keine Arbeit da ist, so sagt der Herr: Sie können nach Hause gehen, ich habe keine Arbeit, und nach ein paar Tagen kommt die Betreffende wieder und fragt sich an. (Ueber Befragen des Vorsitzenden.) In unserer Fabrik wohnt keine Arbeiterin und es bezieht auch keine die Kost vorn Unternehmer. Vorsitzender: Wenn Sie zu Hause arbeiten, müssen Sie natürlich Licht verbrennen. Haben Sie vom Herrn Ersatz dafür verlangt? — Expertin Nr. 98: Da würden wir einfach nichts mitkriegen, wenn wir so keck wären. Wir haben eine Frau als Vorgesetzte. Früher war es Sitte, daß Geschenke gegeben werden, jetzt aber nicht mehr. Wenn die Frau schlecht aufgelegt ist, so wird man sehr sekirt. und sie macht allerhand Aussetzungen an der Arbeit. Beschimpfungen und dergleichen kommen aber nicht. In der Früh esse ich zu Hause Kaffee, zum Frühstück Brot, zu Mittag Kaffee, am Nachmittag Brot, und Abends wieder Kaffee. Vorsitzender: Also lauter Kaffee? — Exp. Nr. 98: Ich kann eben nicht anders. Wenn man sich eine Zuspeise kauft, so ist es eigentlich keine Zuspeise, sondern nur so ein gerührter Teig. Auch am Sonntag esse ich höchstens eine Suppe. Fleisch kaufe ich mir höchstens einmal um 15 kr. für vier Personen. Ich habe nämlich zwei Kinder und meinen Mann. Dr. Schwiedland: Wie viel geben Sie für die Ernährung am Tage aus? — Exp. Nr. 98: 12, 14 kr. Da rechne ich das nicht mit, was ich zu Hause esse. Es bleiben mir also circa 60 kr. täglich übrig. Da habe ich die zwei Kinder davon zu ernähren. (Ueber Befragen des Vorsitzenden.) Mein Mann verdient 98 kr. täglich. Er ist auf der Bahn im Magazin beschäftigt. Von den Kindern ist eines zwei Jahre, das andere sechs Monate alt. Die habe ich untertags bei einer Familie in der Nähe in Kost und zahle dafür 40 kr. täglich. Dr. Ofner: Das Feilen der Löffel dauert verschieden lang. Macht vielleicht die Vorgesetzte einen Unterschied, daß sie der Einen leichtere, der Anderen schwerere Arbeiten gibt? — Exp. Nr. 98: Nein. Es theilen sich die Arbeiterinnen selbst die Arbeit untereinander auf. Dr. Schwiedland: Haben Sie Ihre Kinder selbst genährt und wie lange? — Exp. Nr. 98: Das eine vier, das andere sechs Wochen. Dr. Schwiedland: Was bekommen die Kinder für die 40 kr. Kost? — Exp. Nr. 98: Das weiß ich nicht, weil ich nicht zu Hause bin. Sie bekommen halt das, was die Leute selbst essen. Es sind auch arme Leute. Die Frau hat drei Kinder. Dr. Schwiedland: Die Kinder sind freilich noch zu klein dazu, um Ihnen sagen zu können, was sie essen, aber haben sie nicht manchmal Hunger, wenn sie nach Hause kommen? — Exp. Nr. 98: Hunger haben sie schon. Vorsitzender: Es sind wahrscheinlich befreundete Leute, bei denen Sie sie in Kost haben? — Exp. Nr. 98: Nein, es sind ganz fremde Leute. Tr. Ofner: Wie lange haben Sie gearbeitet vor der Entbindung? — Exp. Nr. 98: Bis zum letzten Tage. (Ueber Befragen des Vorsitzenden.) Das Arbeitslocal ist un zweiten Stock. Das Zimmer, in welchem die Gießerei ist, hat auf jeder Seite sechs Fenster, und es sind darin 80 Personen beschäftigt. Das Zimmer, wo ich bin, hat zwei Fenster, und es sind darin acht Personen. Bei der Arbeit entwickelt sich viel Metallstaub. Ventilation haben wir keine; das Fenster können wir nur im Sommer aufmachen, denn im Winter zieht es ohnehin stark von den Thüren her. Im Winter wird auch nicht immer geheizt, weil uns ohnehin von der Arbeit warm ist. Das Local ist während der acht Jahre erst einmal geputzt worden. Es war früher eine Waschküche. Die Wände sind natürlich auch staubig und schmutzig. Der Fußboden ist aus Stein. Wenn uns kalt ist, so legen wir uns ein Brett unter die Füße. Den Fußboden müssen wir selbst reinigen. Er wird täglich gekehrt und am Samstab ausgewaschen. Für das Reinigen bekommen wir keine besondere Entschädigung. Wir hören etwas früher von der Arbeit auf. Auch müssen wir zu Ostern, Allerheiligen, Weihnachten und Pfingsten, und zwar unentgeltlich, die Fenster putzen. Tr. Verkauf: Kommt der Dunst aus der Gießerei auch in Ihr Arbeitslocal hinein? — Exp. Nr. 98: Ja, weil die Thür offen ist: da sammelt sich viel Rauch an. Dr. Verkauf: Wie sind die Aborte? — Exp. Nr. 98: Anständig. Sie liegen ebenerdig, und es ist einer für Männer, einer für Frauen. Äaronin Vogelfang: Ich sehe aus dem, was Sie sagen, daß Sie sehr auf Ihre Kinder schauen. Warum sind Sie nicht verheiratet? — Exp. Nr. 98: Weil ich das Geld nicht habe. Baronin Vogelfang: Für die Trauung oder für die Documente? — Exp. Nr. 98: Erst hat er lange Zeit kein Geschäft gehabt, und da habe ich mir keinen Heimatschein verschaffen können, sondern ich mußte Schulden machen und meine Sachen versetzen. Jetzt habe ich den Heimatschein, und jetzt muß ich noch für das Uebrige sparen. Dr. Schwied land: Ist Ihnen nicht bekannt, daß in Wien ein Verein existirt, der in solchen Fällen intervenirt? — Exp. Nr. 98: Nein. Tr. Riedl: Haben Sie in Ihrem Local Waschvorrichtnngen? — Exp. Nr. 98: Nein. Wir müssen bei der Wasserleitung die Hände waschen. Wir waschen uns gewöhnlich am Abend, und da nehmen wir uns Seife und Handtuch mit. (Ueber Befragen des Vorsitzenden.) Die Mehrzahl der Franen ist ledig. Meine Wohnung besteht aus Zimmer und Küche; sie ist im zweiten Stock, und zwar im zehnten Bezirk. Wir zahlen dafür fl. 9-50 monatlich. Außer für meine Kinder habe ich für Niemand zu sorgen. Dr. Verkauf: Haben Sie einen Bettgeher? — Exp. Nr. 98: Nein. Vorsitzender: Was machen Sie am Sonntag? — Exp. Nr. 98: Da muß ich zu Hause aufräumen und waschen. Tr. Schwiedland: Wann wird der Zins gezahlt? — Expertin Nr. 98: Am Ersten. Da muß mein Mann das Geld, wie er es bekommt, gleich für den Zins verwenden. Es wird alle 14 Tage ausgezahlt. Tr. Riedl: Sind Sie gegenwärtig beim Greißler schuldig? — Exp. Nr. 98: Ja, fl. 15. Tr. Riedl: Da zahlen Sie wohl immer ab, aber die große Schuld schleppt sich doch immer weiter? — Exp. Nr. 98: Ja, so ist es. Ich werde diese Schuld nicht früher abzahlen können, als bis wir mehr verdienen. Tr. Schwiedland : Sie und Ihre Kinder find nach Wien zuständig; 346 in Folge dessen können Sie von der Gemeinde für Ihre Kinder einen Beitrag zum Kostgeld verlangen. Ist Ihnen das nicht bekannt? — Exp. Nr. 98: Nein. Dr. Schwiedland: Sie brauchen nur beim Magistrat anzusuchen. Tann wird vom Magistrat das Kostgeld für die Kinder direct an die Kostgeber gezahlt. — Exp. Nr. 98: Ich kenne mich nicht aus, und ich habe auch keine Zeit, um das Alles zu besorgen. Dr. Schwiedland: Ich werde Ihnen das vermitteln. (Dr. Verkauf übernimmt den Vorsitz.) Experte L (über Befragen seitens des Vorsitzenden): Ich bin Metalldrucker ; bei uns werden Metallwaaren erzeugt, und die Frauen sind in der Spenglerei, Galvanisirung, Steiferei, Presserei, Lackirerei und beim Einpacken beschäftigt. Die Eisengießer machen Lüfter. In der stillen Zeit sind bei uns 120 männliche und 60 his 70 weibliche Arbeiter nebst 14 Lehrlingen beschäftigt. In der starken Zeit verdoppelt sich die Zahl der Frauen, und die der Männer steigt um 40 bis 50. Bei uns geht Alles im Accord, die Gießer werden nach dem Gewicht, die Anderen per Stück bezahlt. Die Drucker machen die Bestandtheile, die für die Lüster nöthig sind ; sowohl beim Gießen wie beim Drucken sind keine Frauen beschäftigt. In der Spenglerei, bei den billigen Lampen, sind Frauen vorhanden, welche löthen, zuschneiden und die Lampen fix und fertig machen. Diese Arbeiten sind sehr schwer; es müssen die Frauen den ganzen Tag mit der Schlagscheere schneiden, was selbst einen Mann sehr hernimmt. Sie müssen mit einem schweren Messer, welches vielleicht 15 Kilo wiegt, ununterbrochen von Weißblech oder Zink Streifen Herunterschneiden. Dieses Materiale ist verschieden dick; das schwächste ist nur so dick wie ein Papier, das stärkste etwa wie ein Kreuzer. Von dieser Arbeit bekommen die Frauen oft geschwollene Hände. Soweit ich mich erinnere, ist diese Arbeit stets nur von Frauen verrichtet worden. Auch das Galvanisiren besorgen die Frauen. Da müssen sie mit einer Kratzbürste die Gegenstände kratzen, dieselben dann mit Benzin und Petroleum waschen; hiezu sollten sie Handschuhe haben, aber weil sie im Accord arbeiten, so können sie dieselben nicht brauchen, weil das die Arbeit zu sehr aufhalten würde. Auch bekommen sie die Handschuhe gar nicht, nur wenn der Gewerbe-Jnspector erscheint, was, so weit ich mich erinnere, dreimal der Fall war. Bei dieser Arbeit sind in der stillen Zeit sechs bis sieben Frauen beschäftigt, in der starken Zeit 20 bis 30 Frauen. Auch in der Lackirerei sind Frauen beschäftigt und nur zwei Männer, welche die grobe Arbeit verrichten und besser bezahlt werden wie die Frauen. Die Frauen lackiren die Lüster mit Bronzestaub. Wetters arbeiten die Frauen bei der Presse, beim Excenter, was schon unzählige Finger gekostet hat. Die Arbeiterin sitzt bei der Presse, hält den Streifen hinein, der Excenter fällt herunter, und dann muß sie den Streifen wieder hineinstecken. Dabei verlieren die meisten zwei Finger. Vorsitzender: Das wird doch wohl nicht die Regel sein? — Exp. X: Wir haben gar keine, die nicht bei dieser Arbeit zwei Finger verloren hätte. Sie hält mit beiden Händen das Blech hinein, und wenn sie sich einen Moment vergißt, so ist gleich der Finger weg. Besonders anstrengend ist diese Arbeit nicht, weil ja die Maschine mit Dampf betrieben wird. Ferner besorgen bei uns die Frauen das Einpacken der fertigen Waare, was auch nicht besonders anstrengend ist. Freilich geht dieses Einpacken in die Tausende, und da gibt es viel zu schleppen. Die Sachen werden den Frauen zugetragen, aber wegtragen müssen sie dieselben selbst. Wenn sie nun vier Tage gearbeitet und sich Geld verdient haben, so brauchen sie wieder zwei Tage zum Wegtragen, wofür sie nichts bezahlt bekommen. Die Frauen packen nur die kleineren Gegenstände, die Kisten werden von Männern gepackt. In der Packerei sind in der stillen Zeit vier bis sechs, in der Saison zehn bis zwölf Frauen beschäftigt. 347 Expertin Nr. 99: Ich bin in derselben Fabrik beschäftigt, wie der ExP. X. Früher war ich im Dienst. Ich bin in der Anstreicherei, wo außer der Saison nur fünf Frauen und drei Männer arbeiten, und zwar in demselben Vocale. In der Saison sind dort 25 Frauen beschäftigt. Diese werden, wenn die stille Zeit kommt, nicht direct entlassen, sondern sie müssen nur aussetzen. Sie bekommen aber ihr Buch und können sich wo anders Arbeit suchen. Vorsitzender: Das ist ja dann kein Aussetzen, sondern eine vollständige Entlassung. — Exp. Nr. 99: Einige von diesen Arbeiterinnen kommen in der Saison wieder zurück, andere haben anderwärts Arbeit gefunden, so daß man in jeder Saison neue Gesichter sieht. Da kommen Frauen aus den verschiedensten Betrieben und auch Dienstmädchen u. s. w. Unftre Arbeit ist in wenigen Wochen zu erlernen. Anfangs ist man drei Wochen im Lohn, und dann kommt man in Accord. Während dieser drei Wochen erlernen die Mädchen die Arbeit von den Vorarbeiterinnen, welche auch im Wochenlohn stehen. Nach dieser Zeit ist aber die Arbeiterin noch nicht so geschickt, sondern es dauert oft ein halbes Jahr, bis sie ganz perfect ist. (Ueber Befragen des Vorsitzenden.) Unsere Arbeit besteht darin, daß wir die Lüster anstreichen, wenn sie aus Nickel sind, mit Lack und Terpentin anlegen und dann bronziren. Da muß man in das Bronzirzimmer gehen, wo sehr viel Bronzestaub herumfliegt; deshalb muß man einen Respirator vor den Mund binden, weil man sonst nicht athmen kann. Viele können diese Arbeit nicht vertragen. Auch sind nur zwei Respiratoren da; wenn daher mehr als zwei Arbeiterinnen im Bronzirzimmer zu thun haben, so. müssen sie sich die Na se mit Watte verstopfen oder ein Tuch vorbinden Wenn die Gegenstände bronzirt sind, so werden sie mit Terpentin geputzt, dann in den Ofen gegeben, hierauf wieder geputzt und dann mit Gold- vernir vernirt. Wenn man mit Lackfarbe arbeitet, so muß man sich auch die Hände mit Terpentin waschen, und davon bekommen manche Arbeiterinnen Ansschläge. Wir benützen im Allgemeinen den Neustädter Terpentin, und für die Arbeit, die nur lackirt wird, den russischen Terpentin. Daß der letztere schädlicher wäre, ist mir nicht bekannt. In unserer Fabrik sind keine Kinder beschäftigt, nur junge Mädchen von 15 Jahren an. Solche arbeiten auch nur in der Saison, vielleicht fünf bis sechs. In der letzten Saison waren im Ganzen vier Mädchen von 15 oder 16 Jahren. Die Saison fängt im Mai an und dauert bis zu Allerheiligen, und dann ist die schlechte Zeit wieder bis znm Mai. Die Arbeiterinnen recrntiren sich meist aus Arbeiterfamilien. Arbeitsvermittlung haben wir keine, sondern man muß sich anfragen gehen. Da muß man sich vor das Thürl stellen und vom Portier anschreien lassen, und wenn eine ein hübsches Gesicht hat, so sagt er: Du kommst herein! Der Portier ist überhaupt sehr keck. Wie ich Ärbeit gesucht habe, habe ich auch vor dem Thürl stehen müssen. Da sind überhaupt immer viele Mädchen, in der Saison noch mehr wie jetzt, weil sie wissen, daß mehr Arbeiterinnen aufgenommen werden. Die Arbeiterinnen werden vom Tirector vor Beginn der Arbeit aufgenommen, aber immer nur eine bestimmte Zahl. Da läßt nun der Portier nur die herein, die ihm zu Gesichte stehen, die hübsch sind, die anderen läßt er unten stehen, und sie bekommen keine Arbeit. Dr. Schiff: Glauben Sie, daß der Portier dies vielleicht über Auftrag thut? — Exp. Nr. 99: Nein, aber er ist überhaupt so ein grober Flegel. (Pernerstorfer übernimmt wieder den Vorsitz.) Vorsitzender: Kommt es vor, daß der Portier, da er ja eine Vorliebe für hübsche Mädchen hat, sich auch sonst Unanständigkeiten herausnimmt? — Exp. Nr. 99: Nein. Dr. Schiff: Gibt es bei Ihnen eine Kündigungsfrist? — Expertin Nr. 99: Nein, es ist in der Fnbriksordnung bekanntgegeben, daß Jeder gehen 348 kann, wann er will, und daß auch der Director Jeden, wann er will, wegschicken kann, auch unter der Arbeitszeit. Zum Beispiel, er kommt, und Eine spricht oder steht irgendwo, dann sagt er: So, Sie kann ich nicht brauchen, ziehen Sie sich an, und holen Sie sich Ihr Buch. Dr. Schiff: Sie haben uns eine ganze Menge von Arbeiten genannt, können Sie denn alle diese in drei Wochen erlernen? — Exp. Nr. 99: O ja. Dr. Schiff: Wie lange sind Sie in der Bronzirkammer? — Expertin Nr. 99: Eine Stunde, oft länger, und zwar ein paar Tage hintereinander täglich. Davon bekommt man meist Kopfweh. Dr. Riedl: Wird der Vernirlack nicht mit Aether angemacht? — Exp. Nr. 99: Das weiß ich nicht. (Ueber Befragen des Vorsitzenden.) Unsere Arbeitszeit ist im Winter von v <8 Uhr Früh bis V 4 ? Uhr Abends, im Sommer von ^7 Uhr Früh bis V 46 Uhr Abends. Zu Mittag ist 'eine Stunde Pause, Vormittags- oder Nachmittagspausen gibt es nicht. In der Saison machen wir Ueberstunden, aber meist nur zwei. Nachtarbeit gibt es nicht. An Sonntagen wird nicht gearbeitet und auch an Feiertagen nur selten, und zwar bis Mittag. Wir arbeiten im Accordlohn. Derselbe ist je nach den Lüstern verschieden; er beträgt 12 , 15, 20 , 35 bis 60 kr. Eine flinke Arbeiterin kann von den schlechten Lüstern fünf bis sechs Stück in: Tag machen; sieben schon nicht mehr. Der größte Wochenlohn, den ich bisher gehabt habe, war sl. 7, der geringste fl. 4. Es gibt aber auch Arbeiterinnen, die sich schon weniger wie fl. 4 verdient haben'; mehr wie fl. 7 aber kann man sich nur beim Stundenmachen verdienen; da sind vielleicht zwei oder vier Arbeiterinnen, die schon sehr lange in der Fabrik arbeiten und außerordentlich geübt sind, die das zu Stande bringen. Der Accord ist sowohl in der Saison wie in der stillen Zeit der gleiche. Vor zwei Jahren wurde noch mehr gezahlt. Wir müssen keinerlei Werkzeug oder Material beistellen. Für Ueberstunden bekommen wir denselben Accordlohn wie für die gewöhnlichen Arbeitsstunden. Dr. Verkauf: Wenn Ueberstunden gemacht werden, wird es da angeschlagen, daß die Gewerbebehörde die Bewilligung ertheilt hat? — Exp. Nr. 99: Ja. (Ueber Befragen des Vorsitzenden.) Es kann bei uns keine Arbeit nach Hause genommen werden. Es arbeiten mit uns auch drei Männer, zwei Arbeiter und ein Vorarbeiter. Diese haben auch Accordlohn; sie machen meist die großen Schirme, wofür mehr gezahlt wird, und verdienen sich in der Saison fl. 12 bis 14 wöchentlich. Wegen schlechter Arbeit werden uns keine Abzüge auferlegt, sondern wir müssen die Arbeit nochmals machen. In der Fabriksordnung steht von Strafen nichts darin; wenn man aber zu spät kommt, so muß man bis 8 Uhr vor dem Thürl stehen und von dem Portier alle möglichen Grobheiten anhören und sich dann in's Comptoir entschuldigen gehen. Kommt man aber an einem Montag zu spät, dann heißt es gleich, wir machen blau, und dann muß man bis am Donnerstag aussetzen. In der Fabriksordnung steht aber nichts davon. Kommt man an einem Nachmittag zu spät, so darf man gar nicht mehr hinein, sondern kann erst wieder am nächsten Morgen zu arbeiten anfangen. Mittels höfer: Sind die Stücke, die Sie arbeiten, nicht sehr verschieden von einander? — Exp. Nr. 99: Ja. Wittelshöfer: Wie wird denn dann der Lohn bemessen? — Exp. Nr. 99: Es ist eine Liste da, in der steht: Für diese Lampe oder für diesen Lüster so und so viel; darin kommt jedes Muster vor. Dr. Ofner: Sie sagten, daß früher mehr gezahlt wurde. — Expertin Nr. 99: Ja, früher wurde für einen Lüster, der jetzt mit 7 kr. bezahlt wird, 10 kr. gezahlt. Es war das vor mehr als einem Jahre. (Ueber Befragen des Vorsitzenden.) In unserer Fabrik waren in der Anstreicherei immer Frauen beschäftigt. Wir müssen Ueberstunden machen; denn wenn Eine nach Hause gehen will, so muß sie einen Passirschein erbitten; sie erhält ihn aber gewöhnlich nicht. Man erfährt es gewöhnlich schon einen oder mehrere Tage vorher, wenn Ueberstunden gemacht werden sollen. Es gibt keine Arbeiterinnen, die im Betriebe selbst wohnen. Wir haben Männer als Vorgesetzte, und zwar einen Vorarbeiter, den wir „Meister" nennen. Diesem müssen wir zum Namenstag ein Geschenk machen. Dieses Jahr hat Jede 50 tr. hergegeben, und da wurde ein Cigarrenbonquet gekauft. Aus den Blumen waren nämlich die Cigarren aufgebunden. Der Meister ist nicht höflich. Oft ist er sehr grob und schimpft: „Sie Gurkenvieh, Sie gescheerte Sau, ich werf' Sie hinaus!" Vor zwei Tagen wurde er selbst vom Director hinausgeworfen, weil er sich mit zwei Mädeln gespielt hat. Er hat nur denen gute Arbeit gegeben, die sich mit ihm gespielt haben, die anderen hat er sekirt. Die Arbeiterinnen essen in der Früh zu Hause Kaffee, zum Gabelfrühstück Brot mit Quargel oder Butter, oder sie nehmen sich von zu Hause eine Zuspeise mit und wärmen dieselbe. Zu Mittag kaufen sie sich um 5 kr. Suppe oder Zuspeise, aber meistens Roßwürstel. In der Mittagspause darf Niemand im Arbeitslocal bleiben. Es ist eine Kammer da, wo die Arbeiterinnen über Mittag drinn sitzen, im Winter mehr, im Sommer weniger, weil sie im Sommer mehr im Freien sind und auch leichter nach Hause gehen können. Diese Kammer hat zwei Fenster, und es sitzen und essen oft 20 Mädchen darin. Im Sommer arbeiten die Tischler darin, da ist sie voll Hobelscharten und anderen Abfällen. Als Wasch- vorrichtung haben wir erstens ein blechernes Gefäß, in welchem Terpentin darin ist; der Terpentin ist manchmal so schmutzig, daß er picken bleibt. Dann haben wir noch ein Wafferschaff, in der Saison zwei. Da wird unter Tags auch Benzin und Terpentin hineingeschüttet, und wenn Eine aus der Bronzirkammer herauskommt und so voll Staub ist wie eine Müllerin, so muß sie sich in dem schmutzigen Wasser waschen. Handtücher haben wir keine, sondern wir benützen zum Abtrocknen sogenannte Putzfetzen; die sind manchmal so schmutzig, daß es Einen ekelt, sie anzugreifen, auch ist oft Ungeziefer darin. Dr. Schiff: Warum holen sich die Mädchen kein frisches Wasser, wenn sie sich unter Tags waschen müssen? — Exp. Nr. 99: Erstens haben sie keine Zeit, und zweitens sieht es der Vorarbeiter nicht gerne, deshalb traut sich keine. Dr. Schiff: Revanchirt sich der Vorarbeiter, wenn Sie ihm ein Geschenk machen? — Exp. Nr. 99: Nein, er sagt nur: Ihr seid's Alle meine Kinder, aber ein paar Stunden darauf schimpft er schon wieder, da sind wir nicht mehr seine Kinder. Dr. Schiff: Machen Sie auch dem Herrn selbst Geschenke? — Exp. Nr. 99: Nein. Dr. Schiff: Ist es erst vor Kurzem zum ersten Male vorgekommen, daß sich der Vorarbeiter mit den Mädchen „gespielt" hat? — Exp. Nr. 99: Nein, schon öfter, es ist schon einmal eine Arbeiterin deswegen entlassen worden, weil sie in seiner Wohnung war. Dr. Riedl: Hat der Vorarbeiter auch etwas dagegen, wenn sie sich während der Mittagspause oder am Abend Wasser holen? — Exp. Nr. 99: Da schaut eben Jede, daß sie rasch fortkommt. Wir müssen uns aber oft während der Arbeitszeit waschen, denn wenn man zum Beispiel zum Gold- verniren geht, so kann man das nicht mit den bronzirten Händen angreifen. (Ueber Befragen des Vorsitzenden.) Beim Arbeiten haben wir eine eigene Kleidung an. Da nehmen wir uns von zu Hause alte Kleider und ziehen uns vor der Arbeit um. Zum Umziehen ist ein Kasten vorhanden; derselbe ist aber sehr schlecht verschlossen, und weil er im Bronzirzimmer steht, so dringt der Staub hinein. Deshalb kann man sich auch kein ordentliches Kleid anziehen, weil es sonst ruinirt würde. Wir haben zum Umziehen keinen eigenen Raum, sondern wir müssen das in Gegenwart der Männer thun. Frau Schlesinger: Haben Sie nicht vom Geschäft aus Schürzen 350 oder Mantel? — Exp. Nr. 90: Nein. (Ueber Befragen des Vorsitzenden.) Das Local, in welchem ich arbeite, ist im Parterre und hat fünf oder sechs Fenster..Es arbeiten in der Saison über 20 Personen. Ventilation ist keine, aber die Fenster können ausgemacht werden. Im Winter aber läßt dies der Vorarbeiter nicht zu, weil man immer friert. Wenn er hineinkommt und wir haben ein bischen ausgemacht, so läßt er geschwind zumachen. Der Fußboden wird nicht gereinigt, er ist zwei Finger hoch voll Schmutz. Die Tische werden von den Arbeiterinnen selbst mit Spiritus und Terpentin abgewaschen, ohne daß sie eine Entschädigung dafür bekommen. Die Wände werden nicht geweißt. Die Fenster werden von einer Lohnarbeiterin geputzt, aber auch nur selten. Es wird täglich ausgekehrt, aber der Lack und die Bronze können nicht weggekehrt werden; das bleibt picken. Der Fußboden ist zum Theil von Holz, zum Theil die einfache Erde. Die Fenster gehen in den Hof und in den Garten. Die Aborte sind sehr schlecht. Es sind in der ganzen Fabrik deren sieben für mehr als 200 Arbeiter. Die Aborte sind zwar für Männer und Frauen getrennt, aber das kann nicht eingehalten werden, denn es sind zu wenig, und wenn man warten muß, so richtet man sich eben nicht darnach. Die Aborte werden am Sonntag gereinigt; während der Woche sind sie immer sehr unrein. Zu vier Aborten muß man erst über den Hof gehen; die anderen sind am Gang. W ittel s h ö f er: Wo ist das Bronzirzimmer? — Exp. Nr. 99: Es schließt sich an das Arbeitslocale an. Es ist ein größeres Zimmer, das aber nicht gelüftet werden kann; denn wenn man die Fenster öffnet, so fliegt der Staub direct aus die Arbeiterinnen im Arbeitslocal. Es wird auch außerhalb der Arbeitszeit nicht gelüftet. Es stehen aber die Thüren immer offen, denn der Herr hat sie aushängen lassen, damit man die großen Gegenstände hineintragen kann. Dr. Schiff: War der Gewerbe-Jnspector schon bei Ihnen? — Exp. Nr. 99 : Wenn der kommt, dann wird gelüftet und alles Mögliche gethan; die Bronzeschachteln werden versteckt, es bekommt Jede eine schöne Arbeit und braucht sich nicht zu tummeln. Vorsitzender: Haben Sie schon eine solche Aufführung mitgemacht? — Exp. Nr. 99: Ja, voriges Jahr. Vorsitzender: Woher wissen denn die Leute, daß der Gewerbe- Jnspector kommt? — Exp. Nr. 99: Weil er zuerst in's Comptoir geht, und bis er in die Fabrik kommt, ist schon Alles hergerichtet. Vorsitzender: Warum verstecken Sie denn die Bronzeschachteln? — Exp. Nr. 99: Weil das trockene Anreiben nicht nothwendig ist; es könnte auch naß gemacht werden. — Exp. X: Bei uns weiß man es schon l4 Tage vorher, daß der Gewerbe-Jnspector kommt; denn damals hat es schon 14 Tage früher geheißen, die Kisten hinaus, Alles geputzt u. s. w. Dr. Schiff: Das steht doch im Widerspruch mit den Angaben der Expertin? — Exp. L: Die weiß es halt nicht so. Dr. Schiff: Ist da der Gewerbe-Jnspector allein gekommen? — Exp. L: Nein, es waren vier oder fünf Herren, es war eine Commission. Vorsitzender: Aber daß es früher bekannt würde, daß der Gewerbe-Jnspector kommt, das halte ich für unmöglich. Es wird halt irgend eine andere Commission gewesen sein? — Exp. L: Das weiß ich nicht, es war eine Commission, die hat auch nur einzelne Theile besichtigt, z. B. die Galvanisirung, wo sie die Benzinflaschen sehr beanstandet hat. Dr. Schiff: Sind diese Anstünde beseitigt worden? — Exp. T: Ja, alle. Dr. Schiff: Wie viele Wochenlohnarbeiterinnen sind bei Ihnen ? — Exp. Nr. 99: Eine oder zwei, die haben, glaube ich, fl. 4'20 oder 4'80. (Ueber Befragen des Vorsitzenden.) In der Anstreicherei sind die meisten Arbeiterinnen ledig, nur eine ist verheiratet. Ich wohne im Bezirk Hietzing und habe eine 351 Kammer, die ich allein mit meinem Kinde bewohne. Unter Tags habe ich das Kind, welches jetzt zwei Jahre alt wird, in unserem Hause in der Kost; dafür zahle ich fl. 2 wöchentlich. In der Nacht nehme ich es zu mir. Für die Kammer, die ich selbstständig vom Hausherrn gemiethet habe, zahle ich fl. 3 monatlich. Wenn ich am Sonntag Nachmittag mit dem Kinde spazieren gehe, so muß ich eben am Abend und in der Stacht die Zeit zum Waschen und Nähen verwenden. Ich bin in der Krankenversicherung und zahle dafür 17 kr. Ich bin auch in der Unfallversicherung, dafür wird uns manchmal 1 kr., manchmal 2 kr., manchmal 5 kr. abgezogen; wir wissen überhaupt nicht, was wir zu zahlen haben. Dr. Schiff: Ist das nicht in der Fabrik angeschlagen? —Expertin Nr. 99: Nein. (Lxp. L: Ja, es ist jetzt angeschlagen worden, aber erst vor kurzer Zeit. Exp. Nr. 99 (über Befragen des Vorsitzenden): Außer für mein Kind habe ich für Niemand zu sorgen. Das Kind bekommt für die fl. 2 Frühstück, Mittagmahl, Jause und Nachtmahl. Es ist in einer Familie, wo der Mann Schneider ist und die Frau eine Pension hat, und da essen sie alle Tage Fleisch. Dr. Schiff: Wie viel brauchen Sie für Ihr eigenes Essen im Tag? — Exp. Nr. 99: Für das Frühstück 5 kr., für das Gabelfrühstück 3 bis 4 kr., zu Mittag 3 bis 8 kr., zur Jause 4 bis 5 kr. und zum Nachtmahl Ü bis 10 kr. Dr. Schiff: Das macht also zusammen täglich etwa 30 kr. und in der Woche fl. 2'10. Nun verdienen Sie aber in der schwachen Saison nur fl. 4, für das Kind zahlen Sie fl. 2, da können Sie also nicht auskommen. — Exp. Nr. 99: Für das Kind zahlt sein Vater monatlich sl. 3. Dr. Ofner: Was haben Sie verdient, als Sie noch im Dienst waren? — Exp. Nr. 99: Da hatte ich fl. 6 bis 7 monatlich und ganze Verpflegung. Dr. Ofner: Da ist es Ihnen also besser gegangen; warum sind Sie dann aus dem Dienst weggegangen? — Exp. Nr. 99: Wegen des Kindes. Expertin Nr. 100 (über Befragen des Vorsitzenden): Ich bin Besteck- gießerin. Die Arbeit besteht aus Folgendem: Es ist ein Einguß da, wo wir das flüssige Zinn hineinschütten, dann müssen wir die Form in's Metall hineinhalten und heiß machen, hierauf wird sie in die Presse eingespannt und das flüssige Zinn hineingegossen. Dann werden die Löffel abgekühlt. Dazu werden Fetzeln in's Wasser eingetaucht und damit die Sache abgekühlt, indem die ganze Form auf die Fetzeln gelegt wird. Inzwischen muß man wieder eine Form einspannen, damit die Arbeit ununterbrochen weiter geht. Es sind drei solche Formen da. Ich bin in einem großen Betrieb, wo 230 bis 300 Personen beschäftigt sind. In der Gießerei sind 30 Personen beschäftigt. Ich bin schon 24 bis 25 Jahre Gießerin, in dieser Fabrik bin ich seit 22 Jahren. Vorher war ich in einer anderen Gießerei. Es gibt im Laufe des Jahres eine Zeit, wo es besser, und eine solche, wo es schlechter geht. Bei dieser Arbeit werden auch Männer beschäftigt, welche dasselbe machen wie wir. Sie sind aber von den Frauen abgesondert. Kinder werden keine beschäftigt. Die Arbeiter recrutiren sich meist aus Arbeiterkreisen. Die jungen Mädchen müssen drei Wochen lang lernen und bekommen während dieser Zeit fl. 1'50pro Woche. Sie lernt die Arbeit von der Collegin, welche dafür keine Entschädigung bekommt. Arbeitsvermittlung haben wir keine, sondern wir müssen nachfragen. Die Mädchen kommen in die Kanzlei und fragen, ob Arbeit da ist. Während der schlechten Zeit wird ausgesetzt, das heißt es werden nur drei Vierteltage gemacht. Arbeitszeit ist von 7 bis 3 Uhr mit einer Stunde Mittagspause, einer Pause von ^9 bis 9 Uhr und einer von ^.4 bis 4 Uhr. Nachtarbeit gibt's bei uns nicht. Ueber- stnnden kommen wohl bei uns vor, aber nur zwei bis drei, wenn starke Arbeit ist. An Sonn- und Feiertagen wird nicht gearbeitet. Kündigungsfrist 352 haben wir keine. Wir haben eine Fabriksordnung. Ich bekomme für's Dutzend Löffel 4 kr. und kann, wenn ich fehr fleißig bin, 26 bis 27 Dutzend täglich machen. Manche Tage, wenn ich schlechtes Metall habe, verdiene ich weniger. Im Durchschnitt verdiene ich fl. 6 pro Woche. Der Accordsatz ist immer derselbe, gleichviel ob viel oder wenig Arbeit da ist. Für Ueber- stunden wird auch nach diesem Aceordsatz gezahlt. Es kann keine Arbeit nach Hause genommen werden. Die Männer haben denselben Lohn wie wir, außer wenn sie Gabeln verfertigen, was die Frauen nicht machen. Da bekommen sie 6 kr. für das Dutzend. Abzüge haben wir keine, sondern, wenn etwas verdorben wird, so muß es wieder eingeschmolzen werden. Für das Znspätkommen müssen wir eine Strafe von 10 kr. zahlen. Ob das in der Fabriksordnung steht, weiß ich nicht; wir haben nämlich jetzt eine neue Fabriksordnnng. Wohin diese Strafgelder kommen, weiß ich nicht. Wie Eine einmal krank war, hat es geheißen, daß ihr davon zugebessert worden ist, aber ich weiß es nicht bestimmt. Ich selbst habe noch keine solche Zubesserung bekommen. Es kommt nicht vor, daß Arbeiterinnen Wohnung oder Kost beim Unternehmer haben. Wir brauchen keine Materialien selbst beizustellen. Wir haben einen männlichen Vorgesetzten, der sich ganz anständig benimmt und dem wir keine Geschenke zu machen brauchen. Er ist schon viele Jahre in dem Betrieb. Ich esse in der Früh Kaffee, zum Gabelfrühstück nehme ich mir etwas mit, zu Mittag esse ich um 7 kr. Zuspeise und Brot, zur Jause Kaffee und Abends Butterbrot. Ich bin verheiratet und habe eine Tochter von 21 Jahren. Ich muß sie aber vollständig erhalten, weil sie ein Krüppel ist. Ich habe sie nämlich als Kind in Kost gehabt, da hat man sie fallen lassen, und sie ist ausgewachsen. Außerdem hat sie einen organischen Fehler. Mein Mann ist schon 18 Jahre nicht in Wien, und ich weiß nichts von ihm; ich weiß nicht einmal, wo er ist. Unser Arbeitslocal ist ebenerdig. Es sind keine Fenster darin, sondern das Licht fällt durch eine Art Glaswand herein. Es ist sehr schmal und sehr lang, etwa doppelt so lang als der Saal, in dem wir uns befinden. Es ist eine Art Gang. Wir müssen selbst täglich auskehren. Für das Feuermachen, nämlich das Anheizen der Kessel, müssen wir einem Arbeiter, welcher das besorgt, Jede wöchentlich 12 kr. zahlen. Früher mußten wir ihm sogar 20 kr. zahlen. In demselben Local sind 24 Arbeiterinnen, da zwölf Kessel sind und bei jedem zwei stehen. Er bekommt also wöchentlich 12mal 24 kr. für das Feuermachen. Die Kohlen müssen wir uns selbst hereintragen. Von der Mittagspause geht viel verloren, weil wir in dieser Zeit Arbeit Herrichten müssen u. dergl. Auch das Fensterputzer: müssen wir selbst besorgen. Eine Entschädigung dafür bekommen wir nicht. In diesem Local essen wir zu Mittag. Manche gehen in's Gasthaus, oder, wenn sie nicht weit haben, nach Hause. Im Sommer setzen wir uns in den Hos hinaus. Ueber Unanständigkeiten von Seite der Männer oder Vorgesetzten haben wir uns nicht zu beklagen. Dr. Verkauf: Ist es in Ihrem Local im Winter sehr warm? — Exp. Nr. 100: Das glaube ich. Dr. Verkauf: Wenn es aber regnet oder schneit, spüren Sie das? — Exp. Nr. 100: Natürlich, denn, offen gesagt, das Local war einmal eine Kegelbudel. Ich sage es Halt, wie es ist. Wenn ich beim Kessel stehe, so stoße ich mit dem Kopf an den Plafond an, weil das Dach so schief heruntergeht. Dr. Verkauf: Hat das der Gewerbe-Jnspector gesehen? — Expertin Nr. 10«>: In den zweiten Hos, wo wir sind, kommt der Gewerbe-Jnspector gar nicht hin. Er denkt gar nicht daran, daß dort noch eine Werkstätte ist. Mittels höser: Woraus besteht der Fußboden ? — Exp. Nr. 100: Aus Ziegeln. W i tt e l s h ö f e r: Ist Ihnen da in den Füßen nicht kalt? — Experte Nr. 100: Nein; es ist dort eine sehr große Hitze. Wittelshöfer: Ist Ihre Arbeit sehr anstrengend? — Expertin Nr. 100: Ja, man spürt es in den Händen und auf der Brust, und dabei herrscht ein ungeheuerer Dunst. Das Zinn kocht förmlich, und da athmen wir den Dampf ein. Wir müssen öffnen, weil sonst der Dunst zu stark wäre. Vorsitzender: Haben Sie keine Ventilation? — Exp. Nr. 100: Ja, wir haben große Ventilationen, aber die können wir im Winter nicht aufmachen, weil sich sonst der Dunst zurückschlagen würde. , Dr. Ofner: Wie lange haben Sie vor der Niederkunft gearbeitet? — Exp. Nr. 100: Bis zum letzten Tag. Dr. Ofner: Wie lange nach der Entbindung sind Sie zu Hause geblieben? — Exp. Nr. 100: Sechs Wochen. Dr. Ofner: Haben Sie noch mehrere Kinder gehabt? — Exp. Nr. 100: Ich hatte im Ganzen drei Kinder, davon ist eines mit sieben Monaten, das andere mit drei Jahren gestorben. Dr. Ofner: Woran ist das dreijährige Kind gestorben? — Expertin Nr. 100: An Gehirnerschütterung. Dr. Schiff: Kühlen die Kessel zu Mittag aus? — Exp. Nr. 100: Wir müssen so viel d'rauflegen, daß das Zinn die regelmäßige Hitze behält. Dr. Schiff: Müssen Sie unter der Arbeit hinausgehen, um Material zu holen? — Exp. Nr. 100: Ja, wir müssen alle Tage hinausgehen, um die Kohlen vom Schupfen zu holen. Da gehen wir in den großen Hof hinaus. Draußen ist es natürlich im Winter sehr kalt und d'rinnen fürchterlich heiß. (Ueber Befragen des Vorsitzenden.) Wir tragen bei der Arbeit ein anderes Gewand, weil wir in dem Straßengewand nicht arbeiten können. Wir müssen uns in der Werkstätte umziehen; da steht ein Kasten, in den dringt der Dampf hinein und verdirbt die Kleider. Die Aborte sind im vorderen Hof. Da müssen wir von ganz rückwärts bis nach vorne hinaufgehen. Es sind vier Aborte, von welchen zwei versperrt sind, weil sie für die Werkführer sind. Für die Gürtler, Schleifer u. s. w. sind im ersten Stock eigene Aborte. Diese werden vom Hausbesorger gereinigt, sie sind aber nicht besonders rein. Baronin Vogelfang: Holen Sie die Kohlen vor der Arbeit oder während derselben? — Exp. Nr. 100: Wenn gerade keine Kohlen da sind, so müssen wir sie mitten in der Arbeit holen. (Ueber Befragen des Vorsitzenden.) Jede Arbeiterin hat ihr Waschgeschirr. Dort, wo eingespannt wird, rinnt das Wasser herunter, und da muß Sie ein Geschirr haben, wo das Wasser hineinlauft. Dieses Geschirr benützen wir zum Waschen. Handtücher müssen wir uns selbst mitbringen. Ich habe eine Wohnung im XVI. Bezirke, welche aus Zimmer und Küche besteht und für welche ich st. 10'60 monatlich zahle. Ich habe eine Arbeiterin in der Aftermiethe, die zahlt mir monatlich st. 2. Ich gehöre der Krankencasse an. Es heißt zwar, daß der Herr die Unfallversicherung bezahlt, aber da bei uns noch kein schwerer Unfall vorgekommen ist, so weiß ich nicht, ob es wirklich gezahlt wird. Ich habe für Niemand zu sorgen, als für meine Tochter. Am Sonntag habe ich keine Zeit und kein Geld, Vergnügungen mitzumachen. Da muß ich häusliche Arbeit verrichten. Vorsitzender: Kommt das nicht einmal im Jahre vor, daß Sie eine kleine Landpartie machen? — Exp. Nr. 100: Nein, das kann ich nicht. Frau Schlesinger: Kocht Ihre Tochter selbst? — Exp. Nr. 100: Ja; das kann sie schon, aber so viel trägt's mir nicht, daß die zu Hause extra kochen könnte. Aber es ist im Hause eine Frau, die hat keine Kinder, und die gibt ihr aus Gutmütigkeit zu essen. Vorsitzender: Was ist diese Frau? — Exp. Nr. 100: Ihr Mann ist Briefträger. Vorsitzender: Es muß constatirt werden, daß wir jetzt schon den so und so dielten Fall haben, daß die Unterstützungen, welche diese Leute 23 Frauen-EnquZte. 354 bekommen, immer wieder aus der Classe der Arbeiter herrühren, die selbst wenig oder gar nichts haben. Frau Schlesinger: Woher uehmen Sie die Kleider sür Jbre Tochter? — Exp. Nr. 100: Die muß ich ihr kaufeu. Frau Schlesiuger: Geht Ihre Tochter auch aus ? — Exp. Nr. 100: Manchmal. (Ueber Befragen des Vorsitzenden.) Ich gehöre dem Allgemeinen Krankenversicherungs-Verein an, sonst bin ich in keinem Vereine. Ich habe wenig Lectüre, weil ich schlecht lesen kann; meine Tochter aber kann setzx gut lesen und borgt sich immer Zeitungen aus. Sie war zwölf Jahre krank und im Bett, da habe ich sie tragen müssen wie ein kleines Kind. In der Früh habe ich sie fortgetragen und in der Nacht wieder abgeholt. Sie ist zwar nur drei Jahre lang in die Schule gegangen, hat aber sehr gut gelernt. Sie liest alle Zeitungen, die sie sich ausborgen kann, die „Arbeiter-Zeitung", das „Extrablatt", das „Weltblatt". Frau Schlesinger: Kann sie sich denn gar nicht beschäftigen, mit Nähen oder Stricken? — Exp. Nr. 100: Ja, sie kann das Alles, aber sie kann nicht lange arbeiten, weil sie einen organischen Herzfehler hat. Dr. Schiff: Ist Ihr Verdienst während der 22 Jahre besser oder schlechter geworden? — Exp. Nr. 100: Schlechter. Am Anfang, wie die Zinnstahlgießerei erst aufgekommen ist, habe ich fl. 10 bis 11 verdient. Dr. Schiff: Kommt es daher, daß Sie früher mehr arbeiten konnten? — Exp. Nr. 100: Nein, jetzt arbeite ich gerade so viel als früher. Expertin Nr. 101 (über Befragen des Vorsitzenden): Meine Arbeit besteht darin, daß ich das Messingblech in Streifen schneide. Diese Streifen werden mittelst einer Presse in verschiedene Formen geschnitten, dann wird das geschnittene Metall gestanzt zu Brachen, Knöpfen, Gliedern für Uhrketten, meist für Schmuckgegenstände. Ich bin schon 15 Jahre bei dieser Arbeit; in dem jetzigen Betrieb bin ich seit einem Vierteljahre. Dort sind circa 00 Personen, darunter aber drei Frauen. Die Arbeit ist zwar nicht speciell Männerarbeit, aber der Herr zieht Männer vor. In dem früheren Betriebe war ganz dieselbe Arbeit, und da hat man lieber Frauen beschäftigt. In dem jetzigen Betriebe ist die Arbeit nicht gleich. Im Sommer geht's besser, im Winter schlechter. Wir haben Dampf- und Handpressen. Bei uns gibt's keine Hausarbeit. Die Arbeiterinnen reerutiren sich meist aus Arbeiterkreisen, es sind auch welche aus Familien von Kleingewerbetreibenden. Wenn die Arbeiterin in's Geschäft kommt, so ist sie gewöhnlich gleich im Accord. Sie sind Hilfsarbeiterinnen bis sie sich die nöthige Qualification aneignen. Wir haben keine specielle Arbeitsvermittlung, aber wir benützen die allgemeine Arbeitsvermittlung. Wittelshöfer: Verrichtet eine Arbeiterin alle die Arbeiten, welche Sie anfangs genannt haben, oder haben Sie Arbeitstheilung? — Exp. Nr. 101: Wir haben keine Arbeitstheilung. (Ueber Befragen des Vorsitzenden.) Bei der Handpresse sind Frauen beschäftigt, die Arbeit ist ebenso schwer wie bei der Dampfpresse, denn die Kraft, die ich hier im Arm brauche, brauche ich dort im Fuß. Es ist nicht richtig, was der frühere Herr Experte sagte, daß die Arbeit bei der Handpresse leichter ist. Unsere Arbeitszeit ist von 7 bis 12 und von 1 bis 6 Uhr. Außer der Mittagspause haben wir keine, Nachtarbeit haben wir auch keine. An Sonn- und Feiertagen wird nie gearbeitet, weil die Dampfmaschine steht. Kündigungsfrist ist keine, weder von Seite des Herrn, noch von Seite der Arbeiter. Ich bin im Wochenlohn und verdiene im Tag 85 kr. Der Wochenlohn ist das ganze Jahr gleich, nur Feiertage werden abgezogen. Wir haben keine Ausgaben für Rohstoffe zu machen. Für Ueber- stunden werden 2 kr. vom wöchentlichen Lohngulden gezahlt. Die Männer kommen im Lohn etwas höher. Abzüge kommen nicht vor, da man nicht viel verderben kann; auch Strafen nicht. Daß Arbeiterinnen beim Unter- 355 nehmer Wohnung oder Kost haben, kommt nicht vor. Wir haben zwei männliche Vorgesetzte, einen Werkführer und einen Werkzeugmacher. Es kommt nicht vor, daß denselben Geschenke gemacht werden. Es ist sogar verboten, daß wir uns gegenseitig Geschenke machen, das ist in der Fabriksordnung angeordnet. Unanständigkeiten von Seite der Vorgesetzten haben wir nicht zu'besorgen, denn das sind zwei sehr alte Herren. Einer ist schon 40 Jahre im Haus. Meine Ernährung besteht aus Folgendem: In der Früh trinke ich den obligaten Kaffee, um 10 Uhr esse ich Butterbeot oder ein Stück Wurst mit Brot, zu Mittag gehe ich mit meiner verheirateten Schwester in's Gasthaus, zur Jause esse ich Kaffee, Nachtmahl mache ich mir selbst. Ich habe einen Sohn, der 15 Jahre alt ist. Er ist Ciseleurlehrling und hat die ganze Verpflegung im Haus. Unser Arbeitslocal liegt im Parterre, es sind sechs große Doppelfenster drin. Es arbeiten daselbst 40 Personen. Es ist ein neuartig gebautes, hohes Local. Die Reinlichkeitsverhältnisse sind schlecht. Es wird täglich gekehrt, geweißt wurde seit zwei Jahren nicht. Die Reinigung wird von den vier Lehrjungen besorgt. Die Fenster werden jährlich einmal geputzt. Es ist ein Abort für alle Leute da. Derselbe befindet sich gleich neben der Werkstätte. Im Local wird zu Mittag nicht gegessen, da dasselbe während der Mittagspause gesperrt ist. Diejenigen, welche zu Mittag nicht nach Hause gehen, gehen in die Volksküche oder zum Greißler. Nur ich gehe mit meiner Schwester in's Gasthaus. Die Arbeiter beklagen sich sehr oft über die Volksküche. Die Arbeiterinnen in unserem Betriebe sind nicht verheiratet. Ich wohne mit meiner verheirateten Schwester zusammen. Wir haben Cabinet und Küche. Dafür zahlt die Schwester fl. 10, und ich gebe ihr fl. 4. Die Wohnung ist in Lerchenfeld. Ich bin in der Krankenversicherung, ob wir auch in der Unfallversicherung sind, weiß ich nicht, es wird uns dafür nichts abgezogen. Vielleicht zahlt es der Herr. In der Fabriksordnung steht nichts davon. Für meinen Sohn habe ick) nur Kleider und Wäsche beizustellen. Deswegen geht es mir verhältnißmäßig besser als Anderen, weil mein Sohn schon für seine Erhaltung sorgt und ich mit meiner verheirateten Schwester lebe. Alle 14 Tage wasche ich die Wäsche, und die übrigen Sonntage kann ich für mich benützen. Wenn es im Sommer schön ist, mache ich manchmal eine Landpartie. Vorsitzender: Gehören Sie der Organisation an? — Expertin Nr. 101: Nein, aber ich mache ohnedies alle Feste und Versammlungen der Arbeiter mit. Vorsitzender: Lesen Sie auch manchmal eine Zeitung? — Expertin Nr. 101: Ja. Wittelshöser: In Ihrem Betriebe machen die Männer dieselbe Arbeit, welche anderwärts Frauen machen. Arbeiten denn die Männer mehr als die Frauen? — Exp. Nr. 101: Nein. Wittelshöser: Sind die Frauen anderswo für dieselbe Arbeit schlechter bezahlt? — Exp. Nr. 101: Ja. Wittelshöser: Bekommen Sie für das einzelne Stück weniger gezahlt? — Exp. Nr. 101: Ja. Ich muß auch noch erwähnen, daß in der Fabrik, wo ich früher war, einer großen Firma aus derselben Branche, sehr viel Strafen und Abzüge vorgekommen sind. Man hat Alles ersetzen müssen, was schlecht gemacht war. Für das Zuspätkommen mußte man 10 kr. Strafe zahlen, für das Plauschen 20 kr. Es hat zwar geheißen, daß aus diesem Gelde Diejenigen eine Aufbesserung bekommen, die krank sind oder sich lädirt haben. Ob das aber zur Auszahlung gekommen ist, davon weiß ich nichts. Auch waren dort mehrere Werksührer, und darunter hatten die Arbeiter zu leiden, denn je mehr Vorgesetzte, desto schlechter. Vorsitzender: Was für Arbeitszeit war dort? — Exp. Nr. 101: Zehn Stunden. 23 * 356 Dr. Schwab: Wie viel Ueberstunden haben Sie in dem jetzigen Betriebe täglich? — Exp. Nr. 101: Manchmal zwei bis drei Stunden. Dr. Schwab: Wie wird das kundgemacht? — Exp. Nr. 101: Durch einen Zettel, auf welchem steht, daß die Ueberstunden bewilligt worden sind. Dr. Schwab: Durch wie lange Zeit machen Sie die Ueberstunden? — Exp. Nr. 101: Durch zwei bis drei Wochen. Dr. Schiff: Werden in der todten Saison Arbeiterinnen entlassen? — Exp. Nr. 101: In dem gegenwärtigen Betriebe nicht, in dem früheren hat man Leute aufgenommen und sie schon nach vier bis fünf Wochen entlassen. Dr. Schiff: Haben Sie sich in den früheren Betrieben besser oder schlechter gestanden? — Exp. Nr. 101: Ebenso wie jetzt, denn was ich mir dort in der besseren Zeit mehr verdient habe, habe ich in der schlechten Zeit zugesetzt. Expertin Nr. 102 (über Befragen des Borsitzenden): Ich bin Hilfsarbeitern in demselben Betriebe wie die letzte Expertin. Vor fünf Jahren bin ich als junges Mädchen zu einer anderen Firma gekommen; seit Montag vor 14 Tagen bin ich nicht mehr dort. Wir haben nämlich in der Fabrik eine tz 2-Versammlung einberufen, damit sich die Arbeiter und Arbeiterinnen organisiren. Der Herr war damals in Abbazia, weil er leidend war. Nun habe ich mir erlaubt, in dieser Versammlung einige Worte zu sprechen. Das hat ihm die Werksührerin hinterbracht, und seit der Zeit war er schlecht auf mich zu sprechen. Nun hatte ich vor 14 Tagen mit einer anderen Arbeiterin einen kleinen Zwist; der Vorgesetzte war nicht im Zimmer, und da kam der Herr auf einmal herein, ging auf unseren Tisch zu und hat mich, weil ich eine solche Handlungsweise während der Arbeit begehe, entlassen. Vorsitzender: Haben Sie Ihre Collegin beschimpft? — Expertin Nr. 102: Nein, wir waren übermüthig und haben uns gerauft. Der Herr hat, wie er hereingekommen ist, gesehen, wie ich von meinem Platz ausgestanden und zu ihr gegangen bin. Vorsitzender: Ist sie auch entlassen worden? — Exp. Nr. 102: Nein, sie war die Tochter einer Werksührerin in der Schleiferei, und da hat der Herr Rücksicht genommen. (Ueber Befragen des Vorsitzenden.) Es waren dort bei 80 Personen beschäftigt, und zwar Männer und Frauen. Im Winter war die Arbeit schwächer, im Sommer und Herbst etwas besser. Die Frauen sind dort in der Mehrzahl. Es sind dort auch Kinder unter 14 Jahren beschäftigt; ich selbst bin mit 13 Jahren in die Fabrik gekommen, und vor ein paar Monaten haben wir ein Lehrmädchen gehabt, die war im 13. Jahre. Sie wurde entlassen, aber nicht, weil sie so jung war, sondern weil sie verschiedene Sachen entwendet hat. Ich habe das Mechaniques- Aufklopfen gemacht. Es sind nur Zwei, Drei, die das machen. Das ist eine heikliche Arbeit; sie ist zwar im Großen und Ganzen sehr leicht, aber es gehört Geschicklichkeit dazu. Die Mechanique ist aus fünf Stücken zusammengesetzt, und wenn man nicht das nöthige Gefühl in den Fingern hat, so fallen Einem diese kleinen Dinger aus der Hand. Die Arbeiterinnen recrutiren sich meist wieder aus Arbeiterkreisen. Die Lehrmädchen bekommen bei uns in der ersten Woche st. 2, nach einem halben Jahre 50 kr. Zulage, und nach einem weiteren Halbjahr wieder 50 kr. mehr. Sie müssen im Ganzen zwei bis zweieinhalb Jahre lernen. Wir benützen die allgemeine Arbeitsvermittlung; jene, welche in der Organisation stehen, werden von der Gewerkschaft der Metallarbeiter recommandirt. Aber es sind nicht viele Arbeiter und noch weniger Arbeiterinnen in der Organisation. Unsere Arbeitszeit war von 7 Uhr Früh bis 6 Uhr Abends mit einer einstündigen Mittagspause und einer Frühstücks- und Jausenpause von je einer Viertelstunde. Ueberstunden machten wir höchstens zwei. Im Winter, wenn es sehr stark geht, haben einzelne Arbeiter und Arbeiterinnen auch am Sonntag gearbeitet, aber höchstens zwei oder drei; Sonntag Nachmittags wurde nie gearbeitet. An Feiertagen wurde meist bis Mittag gearbeitet. Kündigungsfrist hatten wir keine. Wir hatten eine Arbeitsordnung, welche ich gelesen habe. Ich habe im Accord gearbeitet und bessere Arbeit gehabt; da bin ich auf st. 7 gekommen ; es ist aber selten, daß eine Arbeit so gut gezahlt wird. Wenn eine Arbeiterin anfängt, so hat sie einen Wochen- lohn von st. 4'80; in der zweiten Woche kommt sie in Accordlohn, verdient aber dabei oft weniger als im Wochenlohn, bis sie sich eben eingearbeitet hat. Der Akkordsatz bleibt sich während der Saison und der stillen Zeit gleich. Auch für Ueberstunden wird der gleiche Accordlohn gezahlt; nur die, welche nicht im Accord arbeiten, bekommen für die Ueberstunde um 2 kr. mehr. Die Mädchen, welche beim Lackiren sind, haben sich Cartons znm Nähen nach Hause genommen, und auch wir haben uns Mechaniques nach Hause genommen; aber nur, wenn es sehr stark gegangen ist. Es war gerade kein Zwang, aber es hätte einen unangenehmen Eindruck gemacht, wenn wir uns geweigert hätten. Wenn wir übrigens bei Tag fleißig waren, mußten wir keine Hausarbeit mitnehmen, sonst wären wir zu hoch gekommen, und der Herr hätte uns Abzüge gemacht. Der Lohn der Männer, der Bronzearbeiter, Kunstschlosser und Graveure, war höher wie der unserige. Wenn eine Arbeiterin dort etwas beschädigt, so wird es ihr nur dann nicht abgezogen, wenn sie sofort weggeht, bleibt sie aber, so muß sie es ersetzen. So hat eine Arbeiterin vor einigen Monaten eine Stanze zerbrochen, die, glaube ich, fl. 2 gekostet hat. Strafen waren keine; wenn Eine zu spät kommt, so muß sie bis 8 Uhr warten und darf dann erst hinein. Wir hatten keine Heimarbeiterinnen, die nicht in der Fabrik sind. Es kommt nicht vor, daß Arbeiterinnen Wohnung oder Kost vom Unternehmer hätten. Wir haben Frauen als Vorgesetzte gehabt. In unserem Zimmer wurden seit ein oder zwei Jahren den Vorgesetzten keine Geschenke mehr gegeben; eine Arbeiterin hat ihr vorgeworfen, daß sie Geschenke annimmt, es ist ein Streit entstanden, und seither wurde das abgeschafft. In dem Zimmer im zweiten Stock werden aber der Vorgesetzten noch immer Geschenke gemacht. Das letzte Geschenk war ein Waschtisch; es sind damals, wenn ich nicht irre, fl. 16 dafür gesammelt worden. Die Behandlung seitens der Vorgesetzten hängt von ihrer Laune ab. Wenn die Vorgesetzte in unserem Zimmer in Zorn war, hat sie Ausstellungen gemacht, die nicht am Platze waren. Vorsitzender: War das nur Launenhaftigkeit oder hat man vielleicht Veranlassung gegeben? — Exp. Nr. 102 : Das hängt davon ab, wie sie eine Arbeiterin leiden kann. Sie hat einmal eine Arbeiterin in einer höchst unanständigen Weise beschimpft. Diese Arbeiterin ist gleich gegangen, denn wenn sie erwidert hätte, wäre sie entlassen worden. Vorsitzender: Vielleicht ist diese Vorgesetzte eine nervöse Person, der das nur so herausrutscht; wenn so etwas einer Arbeiterin herausrutscht, macht es vielleicht auch nichts. — Exp. Nr. 102: O nein, eine Arbeiterin darf nicht nervös sein und sich derartige Keckheiten erlauben. (Ueber Befragen seitens des Vorsitzenden.) Ich wohne bei meinen Eltern; der Vater ist Geschäftsdiener und die Mutter Hausarbeiterin. Ich habe zu Mittag nicht zu Hause gegessen, sondern mir im Gasthaus Suppe, Gemüse, Brot und Bier geben lassen. Zum Frühstück habe ich zu Hause Kaffee gegessen, zum Gabelfrühstück Wurst oder Brot, manchmal auch mit einer Anderen zusammen Würstel oder Gulyas vom Gasthaus. Zur Jause habe ich Kaffee gegessen und Abends zu Hause, was die Mutter gekocht hat. Unser Arbeitslocal war im ersten Stock; es war ein Eckzimmer und hatte zu beiden Seiten acht Fenster. In diesen: Localewaren32 Personen. Die Luft wird durch den Geruch von Lack und Aether verunreinigt. Die Wände wurden von den Lehrmädchen ein paarmal im Jahre gereinigt und der Fußboden täglich gekehrt. Wie der Herr von der Reise 358 zurückgekommen ist, wurde ihm zu Ehren ausgegeben. Wir hatten englische Aborte in genügender Zahl, die ziemlich gut gehalten waren; es waren deren in jedem Stock zwei. Zu Mittag wird das Arbeitslocale gesperrt. Da gehen nur die Wenigsten in's Gasthaus, sondern wenn sie nicht zu Hause essen können, gehen sie in die Volksküche oder zum Greißler. Früher, als ich Lehrmädchen war, bin ich auch in die Volksküche gegangen; es hat mir dort nicht besonders gut geschmeckt, wiewohl ich ein ganz junges Mädchen war, dem jedes Essen gemundet hat. Wir arbeiten mit männlichen Arbeitern, den Schlossern u. s. w., zusammen. Da werden oft Zoten gerissen und Unanständigkeiten begangen; die Mädchen, die charakterfest sind, weisen das zurück, die aber leichtsinnig sind, nehmen es nicht so genau. Wenn Eine energisch auftritt, so wird das von den Männern respectirt. Meine Eltern haben eine eigene Wohnung in Ottakring in: ersten Stock, bestehend aus Eabinet und Küche; wir zahlen — glaube ich — sl. 9 monatlich. Wir haben keine Aftermiether, es sind nur meine Eltern und ich in der Wohnung. Wir haben drei Betten. Ich war in der Krankenversicherung und bin es auch jetzt noch. Vorsitzender: Sie haben keine Sorge für andere Personen? — Exp. Nr. 102: Nein. Vorsitzender: Wie sieht es mit Ihren Lebensfreuden aus? — Exp. Nr. 102: Die sind so ziemlich gut gestellt. Wittelshöfer: Wo haben Sie warten müssen, wenn Sie zu spät gekommen sind? — Exp. Nr. 102: Manche gehen gern in die Kirche oder in die Capelle vis-^-vis; Andere, die eine Abneigung dagegen haben, gehen spazieren. Im Hause selbst können sie nicht warten, auch nicht wenn schlechtes Wetter ist. Wittelshöfer: Sind Sie aufgedungen worden, oder sind Sie Hilfsarbeitern:? — Exp. Nr. 102: Ich bin Hilfsarbeitern:. Vorsitzender: Wie viel Lehrmädchen waren in Ihrem Betriebe? — Exp. Nr. 102: Verschieden. Ich möchte darauf aufmerksam machen, daß vor eineinhalb Jahren die Commission in unserer Fabrik war und gesagt hat, daß der Steinfngboden mit Brettern belegt und verschiedene weibliche Arbeiten durch Männer versehen werden sollen; beides ist bis heute noch nicht geschehen. Auch wurde daraus aufmerksam gemacht, daß eine Fabriksordnung in die Schleiferei kommen soll, was auch noch nicht geschehen ist. Vorsitzender: Gehören Sie der Organisation an? — Expertin Nr. 102: Den: Fachverein der Metallarbeiter. In der letzten 8 ^-Versammlung habe ich meine Stellung aufs Spiel gesetzt, weil ich in die Mädchen gedrungen habe, daß sie beitreten sollen. Vorsitzender: Ich habe schon oft in: Fachverein der Metallarbeiter Vortrüge gehalten, und da waren immer massenhaft Frauen und Mädchen da. — Exp. Nr. 102: Aus unserer Fabrik betheiligen sich die allerwenigsten. Montag vor acht Tagen war eine ß 2-Versammlung aus der Fabrik, wo ich früher war, einberufen, da waren in: Ganzen acht Mädchen und drei Männer dabei, wiewohl in der Fabrik 80 Personen beschäftigt sind. Ich bin als Vertrauensmännin aufgestellt worden, habe aber mein Mandat niedergelegt, weil ich nicht mehr in der Fabrik bin. Wittelshöfer: Sie haben schon eine andere Stellung, also hat Ihnen diese Geschichte insofern nicht geschadet, als Sie ja wieder einen Posten gesunden haben. — Exp. Nr. 102: Ich bin durch einen Schlosser recommandirt worden, der auch aus dem Grunde entlassen worden ist, weil er der Organisation angehört. Schluß der Sitzung 11 Uhr. 359 20. Sitzung, Sonntag, 22. Wär;, Vormittag. Vorsitzender: Dr. Verkauf. Beginn der Sitzung 9 Uhr 30 Minuten Vormittags. Experte 1/: Ich bin in einer Flaschenkapselfabrik. Dort werden Champagner- und Gläserkapseln erzeugt, wie sie auf die Korke daraufkommen. Es sind dort fast durchwegs Frauen beschäftigt, indem unter den 250 Angestellten nur etwa zwölf Männer sind. Die Kapseln sind aus Blei, Britannia- und Hartmetall, meist aus Blei. Das Metall wird in Kesseln geschmolzen. Der Vorgang ist sehr sanitätswidrig, denn der Ranch und der Geruch verlegt Einem den Athem. Es ist dafür ein separater Raum, aber der Rauch verbreitet sich über die ganze Fabrik. Es ist ein Fenster darin, dieses genügt aber nicht, um einen Rauchabzng zu schaffen. Das Schmelzen wird von zwei Männern besorgt, von Frauen aber nicht. Das geschmolzene Metall wird von den Schmelzern in eine Form gegossen und dann gewalzt. Wenn das Blech die gewünschte Stärke hat, so wird es von einer Dampfmaschine, bei welcher vier Frauen beschäftigt sind, zu Plättchen geschnitten. Tann kommt es zu den Druckerinnen oder zu den Streckerinnen. Diejenigen Kapseln, welche gefärbt werden, kommen znm Färben, die anderen werden gleich geprägt. Da wird mit einer Dampfmaschine der Name der Firma und die Weinsorte hineingepreßt. Dabei sind auch nur Frauen beschäftigt. Die Schutzvorrichtungen dabei sind sehr mangelhaft. Männer sind überhaupt nur beim Schmelzen, Walzen und Packen beschäftigt. Beim Packen sind zwei Männer und eine Frau, welche das Papier rollt. Es werden nämlich je 100 bis 200 Kapseln in ein Papier hineingelegt. Die Streckerinnen und Trnckerinnen müssen den ganzen Tag stehen, und zwar aus einem Fuß, mit dem anderen Fuß müssen sie den Tritt in Bewegung setzen. Beim Färben sind giftige Farben in Verwendung. Bei den Pntzerinnen entsteht sehr viel Staub, da mit Kreide geputzt wird. Das geschieht sehr rasch mit einer Maschine, die l500 Touren in der Stunde macht. Die Kreide wird davon ganz schwarz. Da die Frauen immer mit Blei arbeiten, so ist Bleikolik bei ihnen sehr häufig. In der Pntzerei entsteht ein solcher Staub, daß man die Pntzerinnen, wenn sie kurze Zeit arbeiten, gar nicht erkennt, so schmutzig sind sie. Expertin Nr. 103: Ich war auch beim Aufmachen. Was die Druckerinnen aus den Maschinen drucken, das muß ich aufmachen. Exp. ll: Da werden immer 100 Stück genommen und ausgemacht. Wir haben etwa 45 Druckerinnen und 98 Streckerinnen in unserer Fabrik. Die Anzahl der Pntzerinnen und Färberinnen kann ich nicht genau angeben. Das Färben geschieht.mit gelber, rother, blauer und rosa Farbe. Da sind schnelllaufende Zapfen, an die hält man ein Gnmmiwälzchen hin, und damit wird gefärbt. Es geht sehr rasch, und eine Arbeiterin arbeitet immer bei mehreren Zapfen. Die Prägerin bekommt für 1000 Stück 5 kr. Wenn sie den ganzen Tag von der Arbeit nicht aufsteht, so kann sie 25- bis 28.000 Stück machen. Da kann sie natürlich keine Schutzvorrichtungen mehr anwenden. Als Schutzvorrichtung dient nämlich ein Arm, der in dem Moment, wo die Presse heruntergeht, die Hand wegschleudert, damit sie nicht hineinkommt. Diesen Arm muß nun die Presserin wegschieben, bannt sie rascher arbeiten kann. Die Maschine geht sehr rasch, und deshalb muß sie immer nach zwei Touren die Maschine mit dem Fußtritt aufhalten, weil sie sonst nicht nachkommen würde. Es ist eine große Fabrik. Die Räumlichkeiten sind im Parterre gelegen; sie sind hoch, aber es ist eine schlechte Ventilation, und der Geruch und Ranch vom Schmelzen verbreitet sich in der ganzen Werkstätte. Auch im ersten Stock sind Räumlichkeiten. In diese kommt der Geruch weniger hinauf. Unten sind in einem Saale die Druckerinnen, Walzerinnen und Streckerinnen. Bei den Prägerinnen ist erst kürzlich ein Unglück passirt. Es macht nämlich Eine die Löcher und die Andere die Prägung, und da muß sie schauen, daß sie der Anderen nachkommt. Dabei wurde ihr vom Mittelfinger ein ganzes Glied weggezwickt. Es ist nämlich das Stockerl zu hoch, und deswegen konnte sie die Schutzvorrichtung nicht anwenden. Wittelshöfer: Haben alle Arbeiterinnen in den verschiedenen Kategorien mit Händen und Füßen zu arbeiten? — Exp. U: Es ist dies der Fall bei den Streckerinnen, Druckerinnen und Prägerinnen. Es ist da eine Art Hebel, auf den sie sich mit dem ganzen Körpergewicht darauf legen müssen. Wittelshöfer: Wie viel Tritte muß sie täglich machen? — Exp. U: Wenn sie pro Tag 25.000 Stück preßt, so macht sie 25.000 Tritte. Bei jedem Stück muß sie die Maschine ein- und ausschalten. Jede Presserin hat täglich ein bestimmtes Quantum, eine bestimmte Aufgabe fertigzustellen. Wittelshöfer: Sind diese 25.000 Stück die Aufgabe? — Exp. U: Nein, aber wenn sie zum Beispiel nur 16.000 oder 18.000 Stück macht, so ist das zu wenig, und sie bekommt eine Strafe. Denn je mehr sie macht, desto lieber ist es natürlich dem Herrn. Dr. Hainisch: Muß sie da immer mit demselben Fuß treten? — Exp. : Sie tritt gewöhnlich gleichzeitig mit beiden Füßen. Sie sitzt bei der Arbeit und hält die Füße in die Höh', und wenn sie einschaltet, tritt sie mit beiden Füßen d'rauf. — Exp. Nr. 103: Ich war 10/2 Jahre in dieser Fabrik beschäftigt, und zwar bis zum Jahre 1894, jetzt bin ich zu Hause. Es waren damals dort vielleicht 100 Personen beschäftigt. — Exp. 4,: Zu dieser Zeit war die Fabrik noch nicht so groß. Damals war der zweite Stock noch nicht aufgebaut. — Exp. Nr. 103 : Auch damals waren größtenteils Frauen und nur sechs Männer beschäftigt. Auch waren sehr viele junge Arbeiter von 14 Jahren aufwärts. Wie viel solche jugendliche Arbeitskräfte in der Putzern und Färberei beschäftigt waren, kann ich nicht sagen, aber es waren sehr viele. Wie ich in die Fabrik gekommen bin, war ich zuerst beim Drucken. Da waren über 50 Druckerinnen und 20 jugendliche Arbeiter. Wir hatten dort Dampfbetrieb. Nach Hause konnte keine Arbeit gegeben werden. Die Arbeiterinnen sind gewöhnlich Arbeiterkinder. Die jungen Mädchen sind eigentlich keine Lehrmädchen. Sie besorgen meistens das Aufstecken oder das Aufmachen der Kapseln, das braucht man ihnen blos zu zeigen, und sie können es schon machen. Die verschiedenen Arbeiten erlernen sie natürlich erst mit der Zeit. Jetzt sind schon Maschinen zum Ausmachen. Beim Aufmachen kommen 15 bis 20 Kapseln zusammen, die werden abgeschnitten, und da muß man sie aufmachen. DaA ist keine sehr leichte Arbeit. Da werden Einen die Finger bis auf's Bein offen. Ich war selbst bei dieser Arbeit. Wie viel man da machen muß, kann ich nicht zusammenzählen. Wenn eine Druckerin 18.000 bis 19.000 Kapseln macht, so muß eine Aufmacherin die Kapseln, welche sechs Druckerinnen verarbeiten, ausmachen. Auch eine jugendliche Arbeiterin muß die Arbeit von sechs Druckerinnen bestreiten. Wenn sie es nicht kann, so bekommt sie weniger gezahlt. Die sogenannten Lehrmädchen arbeiten theils im Accord, theils im Taglohn. Arbeitsvermittlung haben wir keine, sondern wir gehen nachfragen. Da kommen sehr viel Leute hin. Das ganze Jahr stehen immer 5 bis 10 und auch mehr vor dem Thor, besonders in der Zeit, wo mehr zu thun ist, das ist im Frühjahr und gegen Weihnachten. Wenn diese Zeit vorüber ist, werden sie entlassen. Meist gehen sie auch selbst weg, weil sie sehr wenig verdienen. Es ist überhaupt dort ein sehr starker Wechsel. Es sind sehr wenig Arbeiter, die dort jahrelang arbeiten. In der Druckerei sind vielleicht 361 nur sechs Arbeiterinnen, die schon ein paar Jahre d'rin sind. Eine einzige Arbeiterin ist schon 15 Jahre dort, die meisten gehen deshalb weg, weil ihnen Strafen von 20 bis 50 kr., ja selbst fl. 1 gemacht werden. Als Auf- macherin habe ich wegen der Wunden entweder Handschuhe anziehen oder Fetzerln umwickeln müssen. — Exp. L: Die Kapseln sind nämlich an den Ecken sehr scharf. Ich kann auch das bestätigen, was die Expertin über den Arbeiterwechsel sagte. Es gehen täglich Leute weg, und andere werden aufgenommen. Wenn eine Arbeiterin nicht um 7 Uhr auf ihrem Platz ist, so steht um Uhr schon eine andere dort. Es kommt auch sehr häufig vor, daß sie unter der Woche weggehen. Erst jüngst sind zwei Druckerinnen bei einer Bank gewesen, da sind beide unter der Woche weggegangen. Wittelshöfer: Sie haben gesagt, daß 15 bis 20 Stück auf einmal aufgemacht werden. Warum macht die eiue 15, die audere 20 Stück? — Exp. Nr. 103: Für viele Druckerinnen sind 20 Stück auf einmal eine zu große Anstrengung. Wittelshöfer: Kommen auch Leute vom Lande in die Fabrik? — Exp. Nr. 103 : Das kommt auch vor. Wittelshöfer: Sie sind auch vom Lande hereingekommen. Wann war das, und woher sind Sie gekommen? — Exp. Nr. 103: Ich bin mit 15 Jahren hereingekommen und war früher im Dienst. Frl. Fickert: Waren bei der Arbeit, welche Sie verrichten, früher Männer beschäftigt? — Exp. Nr. 103: Nie. Unsere Arbeitszeit war von 7 bis 6 Uhr mit einstüudiger Mittagspause. Wir haben eine Frühstücksund Jausenpause von einer Viertelstunde. Während dieser Pause mußten aber alle Jene, die im Zeitlohn waren, arbeiten. Darüber hat sich ein Mädchen beschwert. Es wurde entlassen, und es ist jetzt so eingeführt, daß auch die im Zeitlohn die Vormittags- und Nachmittagspause haben, dafür aber bis ' ?7 Uhr Abends arbeiten müssen. Während der Mittagspause mußten wir auf den Gang, der nicht geheizt war, hinausgehen. Wenn wir mit der Arbeit nicht nachgekommen sind, so mußten wir während der Mittagspause auf dem Gang arbeiten. Vorsitzender: Warum durften Sie das nicht im Saale selbst thun? — Exp. Nr. 103: Der Herr hat es nicht erlaubt. Er hat gefürchtet daß die Leute etwas stehlen. — Exp. : Früher war elfstündige Arbeitszeit mit Frühstücks- und Jausenpause, jetzt eine zehnstündige Arbeitszeit, aber ohne diese. — Exp. Nr. 103 (über Befragen des Vorsitzenden): Wir mußten manchmal über Nacht arbeiten, bis Früh, wenn der Herr pressante Arbeit hatte. Ich selbst hatte eine solche Nacht nicht mitgemacht, denn das war die Arbeit der Presserinnen; diese sind nicht freiwillig über Nacht geblieben, sondern sie mußten dableiben, ob sie wollten oder nicht. Es ist manchmal vorgekommen daß sie bis 6 Uhr Früh gearbeitet haben. — Exp. 1^: Das muß früher geschehen sein. Seit ich im Geschäfte bin, ist ein solcher Fall noch nicht vorgekommen. — Exp. Nr. 103: Zwei bis drei Stunden sind sehr häufig vorgekommen; auch zu diesen Ueberstunden werden die Arbeiterinnen gezwungen, sonst werden sie entlassen. Oft wurde auch an Feiertagen gearbeitet, an Sonntagen aber nicht. Kündigungsfrist war dort keine. Wenn man aufgenommen wurde, wurde Einem gesagt, daß man gehen kann, wenn man will, daß man auch entlassen werden kann, wenn der Herr will. Ich bin entlassen worden, weil ich für die Strikenden gesammelt habe. Da habe ich sofort gehen müssen. Wir hatten eine Fabriksordnung, ich habe sie aber nicht gelesen und weiß nicht, ob von der Kündigung etwas d'rin steht. — Exp. U: Es hängt eine Arbeitsordnung in der Hausflur, und außerdem bekommt Jeder beim Abgeben des Arbeitsbuches eine Arbeitsordnung in die Hand, und d'rin steht, daß keine Kündigungsfrist ist. 362 Exp. Nr. 103: Ich war dort Aufmacherin, ich bediente sechs Druckerinnen, dafür bekam ich 70 kr. täglich. Wenn die Drnckerinnen um V?? Uhr fertig waren, so mußte ich den Rest nicht aufarbeiten, sondern was übrig geblieben ist, habe ich am nächsten Tag in der Früh gemacht. Exp. 4: Ich muß constatiren, daß jetzt eine Aufmacherin für 15 Druckerinnen arbeitet, weil wir jetzt eine Maschine zum Aufmachen haben. Die Arbeit mit der Maschine strengt weniger an und geht auch rascher. In Folge dessen werden diese Arbeiterinnen schon vor Feierabend fertig und werden deshalb dann noch zu anderen Arbeiten verwendet. Vorsitzender: Haben Sie selbst Ueberstunden gemacht? — Expertin Nr. 103: Nein. Nur in der Presserei sind welche gemacht worden, in der Druckerei nicht. Vorsitzender: Ist das technisch möglich, daß die Einen Ueberstunden machen, die Anderen nicht? — Exp. 4: Ja, das sind Handpresserinnen, die müssen ihre Arbeit fertigstellen, die Maschine lauft nur zehn Stunden. Die Drnckerinnen arbeiten im Accord, und es ist ihnen vorgeschrieben, ein bestimmtes Quantum zu machen, je nach der Sorte der Kapseln. Ich habe in Bücher hineingeschaut, und da ist d'rin gestanden: Nächstes Mal 2500 Kapseln, sonst Strafe. Exp. Nr. 103: Es sind bei uns sehr viele Strafen und Abzüge vorgekommen. Als ich einen kränken Finger hatte und nicht nachkommen konnte, sind mir oft 10, 20, 30 kr. abgezogen worden. Dann sind mir für das Zuspätkommen um fünf Miuuteu das erste Mal 10 kr. uud dauu bis hinaus zu 50 kr. abgezogen worden. Wenn etwas verdorben wurde, ist Einem gleich der Lohn für ein paar hundert Stück abgezogen worden. Das bezieht sich aber nur auf die Druckerinnen, denn bei mir hat nichts verdorben werden können. Exp. 4: Die Mädchen müssen ein bestimmtes Quantum machen. Wenn das Blei,-das verzinnt ist, Flecken hat oder zu stark oder zu schwach ist, so werden sie gestraft. Da wird ihnen je nach der Arbeit, welche sie haben, ein paar hundert oder tausend Stück abgezogen. Vorsitzender: Wie werden die Strafgelder verwendet? — Expertin Nr. 103: Davon werden die Arbeiterinnen betheiligt.. Exp. 4: Heuer zu Weihnachten sind über fl. 400 an Strafgeldern vertheilt worden. Die Arbeiterinnen, die länger im Geschäft sind und brav waren, haben mehr, eine sogar fl. 1'28 bekommen. Aber die Abzüge für verdorbene Arbeiten gehören dem Herrn; die betrachtet er als Schadenersatz. Ueberdies muß jede Streckerin noch ein gewisses Quantum über die festgesetzte Zahl hinaus herstellen, ohne daß sie dafür gezahlt wird, und zwar deswegen, weil das schon im Vorhinein als Deckung für den Ausschuß dient. Wittelshöfer: Wie war der Fall, in dem bei Strafe eine Mehrleistung vorgeschrieben war? — Exp. 4,: Es ist darin gestanden: Das nächste Mal um so uud so viel Stück mehr machen, sonst Strafe. Und am nächsten Tag ist fchon darin gestanden: 20 kr. Strafe wegen Faulheit. Bei den Drnckerinnen schreibt das der Director, und bei den Slreckerinnen der Herr selbst. Wittelsh öser: Wenn Eine ihre Aufgabe nicht macht, so wird das Geld unter die Arbeiterinnen vertheilt? — Exp. 4: Nein. Dr. Ofner: Wenn für verdorbene Arbeit Abzüge gemacht werden, entspricht der Preis der verdorbenen Waare? — Exp. 4: Das ist ganz willkürlich. Es wird z. B. der Lohn für schlechte Kapseln abgezogen, diese Kapseln werden aber doch verkauft. Wenn die Kapseln zu schwer sind, so müfsell sie für das Blei, um welches sie zu schwer find, Ersatz leisten. Wie soll aber die Druckern: oder Streckerin das genaue Gewicht herausbekommen? Sie kann das nur nach dem Gefühl machen. Wittelsh öfer: Wie schätzt die Arbeiterin also das Gewicht? — 363 Exp. U: Nur nach dem Augenmaß. Sie soll das Gefühl in der Hand haben, daß das Blech die bestimmte Stärke hat. Exp. Nr. 103 : Unser Vorgesetzter war ein Werkführer und eine Werk- sührerin. Letztere hat sehr viel Präsente genommen; damit man Arbeit bekommt, hat ihr die Eine eine Schürze, die Andere sl. 1, die Dritte wieder Bäckerei u. s. w. geschenkt. Vom Werkführer kann ich das nicht sagen. Zum Frühstück haben sich die Arbeiterinnen gewöhnlich Kaffee mitgenommen; der ist meist kalt gewesen, denn wenn man ihn wärmen wollte, so hat der Arbeiter beim Schmelzkessel geschimpft. Zu Mittag hat man wieder Kaffee getrunken, Manche sind auch zu Hause gegangen, und zwar haben sie da auch nichts Anderes als Kaffee. Auch ich bin, wenn ich mit der Arbeit fertig war und nicht über Mittag dort bleiben und arbeiten mußte, nach Hause gegangen. Es ist aber beinahe alle Tage vorgekommen, daß ich mit der Arbeit nicht nachgekommen bin und dort bleiben mußte. Manche Arbeiterinnen haben zu Mittag auch eine Zuspeise gegessen. Oft haben sich auch die Mädchen um 3 kr. Cervelatwurst vom Roßsleischhauer gekauft. Zur Jause trinken sie wieder Kaffee; manchmal nehmen sie auch im Sommer um 2 kr. Aepfel oder Zwetschken; die werden aber heimlich von einer jugendlichen Arbeiterin geholt, denn es ist nicht erlaubt. Wenn die Arbeiterinnen Abends nach Hause kommen, so wissen sie nicht, was sie zuerst thun sollen: zusammenräumen oder waschen oder nähen, und da trinken sie halt auch wieder Kaffee. Am Sonntag essen sie auch nicht besser; höchstens kochen sie sich Fleisch vom Roßfleischhauer. Exp. U: Ich möchte dazu bemerken, daß sich die Mädchen die Gesäße mit dem Kaffee auf dem Reservoir wärmen, welches in: Hos befindlich ist und heißes Wasser enthält. Sie nehmen das Brot mit den Händen, die voll Blei sind, und stecken es in den Mund. Deshalb kommen sehr viele Erkrankungen vor; auch sind alle Wochen Unfälle eingetreten. Vorsitzender: Woher wissen Sie das? — Exp. U: Man sieht ja, wie die Arbeiterinnen mit ihren Krankenbüchern hinkommen. Vorsitzender: Waschen sich die Leute manchmal den Mund aus? — Exp. U: Nein. Vorsitzender: Ist Gelegenheit zum Waschen da? — Exp. U: Ja, aber für so viele Leute ist das zu wenig. Auf dem Gang ist ein Loch, da ist ein Trog darin; da können sich aber höchstens fünf bis sechs hinstellen, und in dem Saal sind hundert Mädchen, die sich alle nur dort waschen können. Seife und Handtücher sind nicht vorhanden, sie wischen sich halt im Kittel oder an der Schürze oder an einem Fetzen ab. Die zwölf Männer können sich commod waschen, die haben mehr Platz; wir haben aber auch keine Handtücher. Es waschen sich übrigens nur die wenigsten Mädchen, auch nicht vordem Nachhausegeheu. Vorsitzender: Sie gehen also herum mit dem Blei im Munde, aus der Zunge und aus den Händen. Waschen sie sich auch nicht vor dem Essen, damit sie die Hände rein bekommen? — Exp. U: Nein. Vorsitzender: Dann ist es freilich kein Wunder, wenn die Zahl der Bleikrankheiten sehr groß ist. — Exp. U: Ich muß noch bekanntgeben, daß jede Arbeiterin, gleichviel ob sie fl. 2 oder sl. 7 verdient, der Haus- meisterin 2 kr. für das Reinigen und Waschen der Aborte geben muß. Da 250 Arbeiterinnen da sind, so bekommt sie wöchentlich fl. 5. Mir ist das noch in keiner anderen Fabrik vorgekommen. Dr. Osner (zur Exp. Nr. 103): Warum sind Sie nicht Dienstmädchen geblieben? — Exp. Nr. 103 : Ich habe es zwar als Dienstmädchen besser gehabt, aber da ich einen bösen Fuß habe, so konnte ich das Stiegen- steigen nicht vertragen. (Ueber Befragen des Vorsitzenden.» Das Arbeits- local war ein großer Saal mit fünf Fenstern in einer Reihe; es befanden sich darin fünfzig Personen. Dort wurde zu Ostern, Pfingsten und Weih- 364 nachten ausgewaschen. Es besorgten dies die Arbeiterinnen selbst, und zwar nach der Arbeit, ohne dafür ein Entgelt zu bekommen; sie mußten sogar Lauge, Seife, Bürste, Fetzen, Waschet, Schaffet rc. für ihr eigenes Geld beistellen. Ich selbst habe mir immer um 2 kr. Lauge und um 4 kr. Seife gekauft; das Schaffet und die Fetzen rc. habe ich von zu Hause mitgenommen. Das war nicht blos bei uns, sondern auch in den anderen Abtheilungen. Die Wände wurden manchmal nach der Arbeitszeit vom Hausmeister abgestaubt, aber nicht abgewaschen. Der Fußboden ist gekehrt worden, wenn die Commission gekommen ist. Vorsitzender: Hat man denn das schon- vorher gewußt? — Exp. Nr. 103: Ja natürlich; da ist vorher schon Alles gekehrt worden, um 5 Uhr wurde schon geschmolzen, damit man den Dunst nicht spürt, und wenn die Commission um 9 Uhr gekommen ist, war das Blei schon gekocht und hat keinen Gestank mehr verursacht. Vorsitzender: Was war das für eine Commission, und wie oft ist sie gekommen? — Exp. Nr. 103: Es waren fünf Herren, die sind während der Zeit, wo ich dort war, dreimal gekommen; was für eine Commission das war, weiß ich nicht. Sonst wurde nur am Samstag ausgekehrt, und zwar von den Arbeiterinnen; jede hat bei ihrer Bank zusammen- geputzt, und dort, wo Niemand arbeitet, haben die Aufmacherinnen gekehrt. Besen und Schaufeln gibt es aber von der Fabrik nicht. Am Samstag bleibt die Dampfmaschine um 6 Uhr stehen, und da muß Jede auskehren. Exp. U: Die Mädchen in der Druckerei haben keinen Besen zum Zusammenkehren; da klauben sie den Schmutz mit einem Fetzen zusammen und geben ihn dann mit den Händen in die Schaufel hinein. Solche Fetzen bekommen sie alle drei Wochen, die sind sehr schmutzig und werden vom Hadernhändler gekauft und nicht desinficirt. Exp. Nr. 103: Ja, das machen alle Arbeiterinnen mit diesen Fetzen, die sehr schmutzig und voll Blei sind. Wittelshöfer: Es wurde gesagt, daß die Schutzvorrichtungen von den Arbeiterinnen nicht angewendet werden; wie machen sie denn das? — Exp. U: Sie schieben einfach den Arm zurück, und die Schutzvorrichtung ist außer Funktion. Ich weiß bestimmt, daß das sehr oft vorkommt. Ich sehe es täglich. Exp. Nr. 103: Die Fenster des Arbeitssaales gehen auf die Gasse. Es sind zwei offene Aborte da, einer für Männer, der andere für 50 Frauen, der hat geradezu schrecklich ausgeschaut. Es wurde nur selten Carbolpulver hineingegeben. — Exp. I,: Ich war noch nicht in dem Mädchenabort, aber über unseren Abort kann ich mich nicht beschweren. Jetzt sind zwei englische Aborte für die Männer neu angebaut worden, und auch die Mädchen haben zwei Aborte, aber die dienen jetzt für 100 Mädchen. Exp. Nr. 103: Unser Vorgesetzter war ein Werkführer. Er war sehr grob; „Kameel", „dumme Gans" und lauter so schöne Worte hat man hören müssen, wenn Eine mit der Arbeit nicht nachgekommen ist. In sonstiger Beziehung war er nicht unanständig. Die Mehrzahl der Arbeiterinnen war ledig. Ich gehöre der Organisation an, und zwar dem Fachverein der Metallarbeiter. Ich bin in der allgemeinen Krankenkasse und zahle 17 kr. wöchentlich; im Krankheitsfälle bekommt man fl. 4. Außerdem wurden uns für den außerordentlichen Unterstützungsfonds 20 kr. jährlich abgezogen; für die Unfallversicherung mußten wir nichts bezahlen. Frl. Fickert: Haben Sie noch für Jemanden zu sorgen, außer für sich selbst? — Exp. Nr. 103: Nein, ich habe keine Kinder. Dr. Ofner: Wie wohnen Sie? — Exp. Nr. 103: Ich habe eine eigene Wohnung und zahle fl. 8, ich wohne mit einem Manne zusammen. Vorsitzender: Wir gelangen nun zur Vernehmung von Experten aus der Lampenbranche. 365 Expertin Nr. 104 (über Befragen seitens des Vorsitzenden): Ich war sechs Jahre in einer großen Lampenfabrik. Seit einem Jahre bin ich dort weg. Vorher war ich bei meinem Manne zu Hause, aber als er krank wurde, mußte ich in die Arbeit gehen. Ich habe keine Kinder. Derzeit sind dort 700 Personen beschäftigt, darunter 200 Frauen; Kinder werden dort nicht beschäftigt, und auch nur wenige jugendliche Personen von 14 bis 17 Jahren. Es werden dort alle Arten von Lampen erzeugt, und zwar mittelst Dampfbetriebes. Die Arbeiterinnen bekommen keine Arbeit nach Hause; nur die Witwen von gestorbenen Arbeitern werden dadurch unterstützt, daß sie zu Hause das Schneiden der Dochte besorgen; auch die Werkführer nehmen sich diese Arbeit nach Hause. Lehrmädchen haben wir keine. Unsere Arbeit läßt sich sehr schnell erlernen. Die meisten Arbeiterinnen sind selbst Arbeiterkinder. Gewöhnlich gehen die Kinder in die Fabrik, wenn die Eltern darin arbeiten, so daß gleich ganze Familien bei uns arbeiten. Die jugendlichen Arbeiter bekommen gleich anfangs, wo sie noch nicht so viel arbeiten können wie ein Erwachsener, 70 kr. täglich; es gibt aber auch Erwachsene, die nur diesen Lohn bekommen. In 8 bis 14 Tagen kann sich ein Anfänger einüben. Wir haben keine Arbeitsvermittlung, sondern man geht anfragen und wird gleich aufgenommen, denn man braucht dort immer Arbeiterinnen, da in Folge der schlechten Bezahlung ein starker Wechsel herrscht. Unsere Saison dauert von August bis gegen Weihnachten. Nach der Saison werden einige Wenige entlassen, während die Uebrigen meist zwei bis vier Tage in der Woche aussetzen müssen. Wer aussetzen muß, das bestimmt der Werkführer, der dabei sehr ungerecht vorgeht. Die Eine kann weiter arbeiten, und die Anderen müssen oft vier Tage aussetzen. Wittelshöfer: Wann wird Ihnen gesagt, daß Sie aussetzen müssen? — Exp. Nr. 104 : Ich komme heute hinein, und da wird mir gesagt: Von morgen an müssen Sie aussetzen, und zwar zwei oder drei Tage, je nachdem; nach Ablauf dieser Tage gehe ich wieder hin, und wenn dann noch keine Arbeit da ist, muß ich wieder nach Hause gehen. Unsere Arbeitszeit ist von 7 Uhr Früh bis 6 Uhr Abends, mit einer einstündigen Mittagspause. Frühstücks- und Jausenpause haben wir keine. Ueberstnnden werden nur in der Saison gemacht, manchmal eine, gewöhnlich zwei. Ob hiezn die behördliche Bewilligung erlangt wird, weiß ich nicht; denn es wird dies nicht placatirt, sondern man sagt uns nur einfach, wenn Ueberstunden gemacht werden. Die Mittagspause wird streng eingehalten, da darf Niemand im Vocale sein. Zum Gabelfrühstück und zur Jause können wir essen, wenn wir wollen, ohne daß eine eigentliche Pause dafür bestimmt wäre. Am Sonntag wird niemals gearbeitet; nur zum Putzen und Reinigen der Fenster, Thüren und Maschinen sind jeden Sonntag 20 bis 30 Arbeiterinnen bis 2 Uhr in der Fabrik; die werden aber dafür extra bezahlt, sie bekommen fl. 1. An Feiertagen wird bis Mittag gearbeitet; die im Accord arbeiten, bekommen die gleiche Bezahlung wie sonst, und den Wochenarbeitern wird ein halber Tag gezahlt. Wir haben eine achttägige Kündigungsfrist. Vorsitzender: Wird die immer eingehalten, und woher wissen Sie das? — Exp. Nr. 104: Ich habe es von einem Werkführer gehört, und dann ist mir ja selbst nach dem achttägigen Termine gekündigt worden. Vorsitzender: Warum ist Ihnen gekündigt worden? — Expertin Nr. 104: Es hängt das mit dem Strike zusammen. (Ueber Befragen.) Ich war beim Schnitt und beim Pressen beschäftigt. Es ist das eine gefährliche Arbeit, aber es sind nicht allzu häufig Unfälle dabei vorgekommen. Wir besorgen bei den einfachen Brennern das Pressen und das Schneiden der Rohre. Die Brenner werden mit der Handpresse gepreßt: das ist sehr anstrengend. Auch müssen wir das Rad drehen, das vielleicht 20 Kilo wiegt; das muß täglich 7000mal umgedreht werden. Dazu haben wir keinerlei Hilfe, sondern wir müssen das allein machen. Bei dieser Arbeit waren wir 366 40 Personen. Ich war im Accordlohn, wobei man sich weniger verdient als im Taglohn. Da bekommt man für das Pressen von 1000 Brennern 15 kr. Ich konnte täglich 5000 bis 6000 Stück machen; gleich am ersten Tag habe ich 6000 Stück gemacht, wenn man aber müde ist, bringt man nicht so viel zusammen. Ich habe nur drei Tage in der Woche gepreßt; die anderen drei Tage war ich beim Schneiden. Es sind Frauen da, die schon 17 und 26 Jahre beim Pressen sind, die konnten es nur deshalb so lange aushalten, weil sie nur die halbe Woche gepreßt haben. Die Arbeit, welche ich beim Schneiden verrichtete, habe ich von einem Mann übernommen; der hat für das Tausend fl. 2 bekommen, ich aber nur sl. 1'10. Die Arbeit beim Schneiden ist anstrengender wie die beim Pressen. Da muß jedes Stück vier-, fünfmal durch die Hand gehen; die Auslöschrohre müssen mit großer Kraft heruntergerissen und daraufgesteckt werden, und von dem Umdrehen bekommt man geschwollene Hände. Der Schnitt muß sehr streng gehen, damit es ganz glatt ist. Ich habe das sechs Jahre durchgemacht. Jetzt ist an meiner Stelle wieder ein Mann. Mein wöchentlicher Verdienst betrug fl. 6, selten fl. 7, einmal bin ich aber auch mit fl. 2'10 nach Hause gegangen, weil das Materiale schlecht war. Das hatte ich dem Werkführer zu verdanken, der mir nicht gut gesinnt war; ich habe mich deshalb beim Herrn beschwert, und seither wurde die Arbeit eingetheilt, so daß ich mir fl. 6 bis fl. 7 verdient habe. Ausgesetzt habe ich nicht. Die anderen Arbeiterinnen, die im Accord sind, verdienen sich jetzt nur fl. 2 bis 4. Sie bekommen jetzt für das Tausend 10 kr. und 9 kr.; früher war der Lohn immer 15 kr., der wird aber seit dem Strike immer heruntergedrückt; das geht von den Werkführern aus. Im Wochenlohn arbeiten nur, die im Comptoir sind, die Anderen haben alle Accordlohn. Für das Zuspätkommen, gleichgiltig um wie viel man sich verspätete, mußte man eine Strafe von 5 kr. zahlen. Was mit den Strafgeldern geschieht, weiß ich nicht; es hat geheißen, sie kommen in die Krankencasse. Wir hatten eine Betriebs-Krankencasse; es bekamen die Frauen fl. 3'04 und die Männer fl. 6. Wenn etwas verdorben wurde, so wurde nichts abgezogen, das hat man einfach in die Kiste hineingeworfen. Dr. Osner: Sie haben gesagt, daß die Anfängerinnen einen Taglohn von 70 kr. bekommen, und jetzt sagten Sie, daß mit Ausnahme der Arbeiterinnen im Comptoir alle im Accord sind. — Exp. Nr. 104: Die Anfängerinnen sind oft nur eine Woche im Taglohn und die andere Woche schon im Accord. Ich war immer im Accord; nur die jungen Mädchen haben anfangs einen Taglohn von 70 kr. Wenn wieder Arbeit ist, kommen sie bald in Accord. Vorsitzender: Da sind sie ja besser gestellt als die erwachsenen Arbeiterinnen, die fl. 2 bis 4 beziehen? — Exp. Nr. 104: Ja, warum das ist, weiß ich nicht. Uebrigens bekommt eine Accordarbeiterin auch manchmal Taglohn, wenn sie nämlich eine Arbeit macht, die nicht im Accord gemacht werden kann, zum Beispiel Appreturarbeiten. (Ueber Befragen des Vorsitzenden.) Als Vorgesetzten hatten wir einen Werkführer. Der ist sehr auf Geschenke geflogen. Da haben immer Zwei oder Mehrere zusammengesteuert und ihm Schinken, Wein u. dergl. gekauft. Als ich in die Fabrik eintrat, sagte man mir, ich müsse ihm Präsente machen, sonst bekäme ich keine gute Arbeit. Anfangs habe ich das auch gethan, aber später habe ich mir gedacht, das brauche ich nicht zu thun. Als er nun silberne Hochzeit gehabt hat, haben Alle zusammengesteuert, und ich habe mich davon ausgeschlossen; deshalb hat er mich schon damals nicht ausstehen können, bevor noch der Strike ausgebrochen war. Er war manchmal sehr grob, wenn man es sich hat gefallen lassen; wenn man es sich nicht gefallen lassen hat, so mußte er sich damit auch zufriedenstellen, daß man es ihm ordentlich zurückgegeben hat. In sittlicher Beziehung ist über ihn nicht zu klagen, weil er ein alter Mann war. Die Arbeiterinnen essen dort zum Gabelfrühstück gewöhnlich 367 ein Stück Brot, zu Mittag gehen sie nach Hause oder in die Volksküche und essen dort Suppe und Gemüse. Ich bin in die Volksküche gegangen und habe dort 10 kr. ausgegeben; das Essen ist nicht allzu schlecht. Manche Mädchen nehmen sich auch das Mittagessen mit und wärmen es sich irgendwo. Aber in der Fabrik darf Niemand bleiben; die nicht nach Hause gehen können, müssen die Zeit aus der Straße zubringen. Ich selbst konnte nach Hause gehen, weil ich in der Nähe gewohnt habe. Zur Jause essen die Arbeiterinnen nichts, höchstens wenn ihnen etwas Kaffee übrig geblieben ist. Zum Nachtmahl nehmen sie meist Kaffee, auch ich habe mir zu Hause Kaffee gekocht. Ich bin von meiner Schwester dann und wann unterstützt worden und habe auch am Sonntag bei ihr gegessen. Sonst habe ich während der ganzen Woche kein Fleisch, auch keine Wurst gegessen. Die anderen Arbeiterinnen können am Sonntag höchstens Pferdefleisch essen. W i t t e l s h ö fe r: Wie sind dort die Lokalitäten? — Exp. Nr. 104 : Sie waren ziemlich luftig, denn es war ein neugebautes Haus. Vorsitzender: Wo arbeiten Sie jetzt? — Exp. Nr. 104; Bei einer Elektricitäts-Firma. Da kann ich mich nicht beschweren, da habe ich meine Stellung verbessert. Wittelshöfer: Haben Sie denn während der sechs Jahre keine bessere Arbeit gefunden? — Exp. Nr. 104: Mein Mann war so lange krank, und da habe ich mich um gar nichts Anderes kümmern können. Und dann: wenn man am Abend aus der Fabrik nach Hause kommt, so ist das so, wie wenn man ein Pferd oder einen Ochsen aus dem Pflug spannt; man legt sich hin und denkt an gar nichts, auch daran nicht, daß man sich um eine bessere Stellung umschauen könnte. Es waren dort meist ältere Frauen beschäftigt. Wir waren in einem sehr ausgedehnten, einstöckigen Fabriksgebäude. Die Arbeitsräume sind groß, luftig, licht und auch ziemlich rein. Die Wände werden gereinigt, der Fußboden wird täglich vom Hausknecht gekehrt; aber er kann nicht aufgerieben werden, denn das Holz ist von dem Oel rc. so fett, daß das Aufreiben nichts nützt, und so bleibt der für ewige Zeiten. Die Fenster werden jährlich zweimal von den Arbeiterinnen selbst gereinigt; es ist das die Sonntagsarbeit, von der ich gesprochen habe, für die sie st. 1 bekommen. Die Aborte sind neu, aber nicht englisch. Die ganze Fabrik ist erst vor drei Jahren neu gebaut worden. Die Frauen und Männer arbeiten zwar zusammen, jedoch ist die Aufsicht sehr streng, so daß keine Unsittlichkeiteu vorkommen; das gilt sowohl von unserer Abtheilung, wo meist Frauen waren, als auch von den anderen Abtheilungen, wo viele junge Mädchen sind. Ich bewohne allein ein Zimmer und Küche und zahle dafür st. 7 monatlich; ich habe auch keine Aftermiether. Ich bin in der Organisation; ich gehörte derselben auch schon damals an, als ich wegen des Strikes gemaßregelt wurde. Ich bin jetzt in der allgemeinen Krankenkasse, bezahle 17 kr. wöchentlich und erhalte im Krankheitsfälle st. 4'20. In der Fabrik war eine eigene Betriebs-Krankencasse, wo wir 10 kr. zahlten und fl. 3'04 bekamen. Für die Unfallversicherung ist nichts abgezogen worden. Dr. Ofner: Haben Sie Kinder gehabt, und in welchem Alter sind die gestorben? — Exp. Nr. 104: Ich hatte vier Kinder; eines starb mit sieben Jahren, eines mit sechs Monaten, eines mit drei Wochen, eines mit zwei Jahren. Vorsitzender: Wir schreiten nunmehr zur Vernehmung einer Expertin aus dem Arsenal. — Expertin Nr. 107: Wir haben die Uebernahme der Patronenhülsen. Es sind dort jetzt etwa 260 Mädchen beschäftigt. Wenn wenig Arbeit ist, nur 80 bis 100, denn die Saison hat bei uns starken Einfluß. Wir haben bis zum Hochsommer viel Arbeit, im Herbst verliert sich das, und im Februar beginnt die Arbeit mehr zu werden. Es sind bei uns nur 20 Männer, nämlich die Schießer, beschäftigt und auch nur wenig Kinder von 15 Jahren aufwärts. Einen Motorenbetrieb gibt's 368 in der Uebernahme nicht. Nach Hause kann selbstverständlich keine Arbeit genommen werden. Unter den Arbeiterinnen gibt's auch Officierstöchter, Töchter von Geschäftsleuten, besonders in der Uebernahme. Es sind „feinere Leute", die zwar auch nicht mehr haben wie wir, die aber glauben, sie sind mehr. Die Mehrzahl sind natürlich Arbeiterkinder. Vorsitzender: Wie kommt es daß gerade Officierstöchter bei Ihnen beschäftigt sind? — Exp. Nr. 107: Bei uns hilft halt die Protection. Arbeitsvermittlung haben wir keine. Der Hauptmann nimmt oft die Mädchen, die beim Thor stehen, auf, und welche ihm empfohlen werden, nimmt er halt lieber. Unsere Arbeit besteht in Folgendem: Die Hülsen werden von den Fabrikanten eingeliefert, und da werden von 50.000 500 herausgenommen, untersucht, scharf adjustirt und abgeschossen. Ist bei den 500 Hülsen, die im Schußraume abgeschossen werden, Alles in Ordnung, dann kommen die 50.000 Hülsen zur Vertheilung. Da sind immer fünf Mädchen bei einer Partie. Die Eine untersucht die Hülsen, ob kein Materialfehler oder dergl. vorhanden ist, der unbrauchbare Ausschuß kommt extra in Kisteln. Dann kommen sie zur inneren Aussucherin, welche die Hülsen von innen untersucht, und dann zu einer Arbeiterin, welche sie äußerlich untersucht. Dann kommen die Hülsen zur Stemplerin. Jede Hülse muß eine gewisse Dicke haben, sie darf nicht über Strich, nicht unter Strich gehen, sonst wäre der Geschoßraum dafür zu eng oder zu weit. Hierauf kommen sie zu einer Arbeiterin, welche sie auf ihre Länge untersucht. Sie darf nicht zu lang oder zu kurz sein, sondern muß genau in den Laderaum passen. Diese Arbeiten werden alle sitzend verrichtet und sind für die Augen anstrengend. Denn es kommen ganz kleine Fehler vor, die man kaum sehen kann und die zur Ursache haben, daß die Patrone beim Schießen zerreißt, und das Leben des betreffenden Mannes ist verloren. Nachdem alle diese Arbeiten vorgenommen wurden, kommen alle diese Hülsen in den Zielraum, wo sie die Vorarbeiterin nochmals untersucht, und zwar durch Stichproben, ob nicht irgend ein Fehler übersehen wurde. Hierauf werden die Hülsen in die Verschlüge geleert, wo jugendliche Hilfsarbeiter dieselben schlichten müssen. Hierauf werden sie von den Männern verpackt, und zwar mit Werg u. dergl., und dann auf die Bahn weiter transportirt. Dr. Hainisch: Worin hat die Saison ihre Ursache? Hängt das vielleicht mit den Manövern zusammen ? — Exp. Nr. 107: Das weiß ich nicht, ich glaube aber, das hängt mit den Anschaffungen und Lieferungen zusammen. Wittelshöfer: Wie lang dauert die Saison? — Exp. Nr. 107: ^Das ist verschieden. Oft dauert sie sechs bis sieben Monate, jetzt brauchten wir ein ganzes Jahr schon nicht auszusetzen. Wenn weniger Arbeit ist, werden Arbeiterinnen entlassen. Wenn wir aussetzen, bekommen wir unser Arbeitsbuch. Wir stehen unter der Aufsicht von Unterofficieren. Früher hatten wir einen Feuerwerker als Vorgesetzten, der hat sich jede Arbeiterin gemerkt; hat sie gut gearbeitet, so war sie bei ihm gut angeschrieben, und wenn Entlassungen vorgekommen sind, so hat er Abends die Liste derjenigen schlechten Arbeiterinnen vorgelesen, welche aussetzen mußten, das heißt entlassen werden. Jetzt wird es immer schon acht Tage früher gesagt. Wenn eine Arbeiterin aufgenommen wird, so wird sie zu einer Aelteren hingesetzt, welche verpflichtet ist, sie zu unterrichten. Unsere Arbeitszeit ist von 7 bis 6 Uhr, mit einer einstündigen Mittagspause und je einer Viertelstunde Frühstücks- und Jausenpause. Während der Mittagspause dürfen wir nicht im Fabriksranm bleiben. Im Sommer gehen da die Mädchen in einen Park, oder sie gehen in die Cantinen essen. Im Winter sind sie in einer Hvlz- barake, so daß sie vor dem ärgsten Wetter geschützt sind. Diese Holzbarake hat keinen Fußboden und ist erst vor einigen Jahren errichtet worden, früher war auch das nicht vorhanden. Ueberstunden kommen niemals vor. Wir 369 arbeiten überhaupt nie beim Licht. Im Winter fangen wir an, wenn es tagt, und hören auf, wenn es finster wird. Da ist auch die Arbeitszeit kürzer. An Sonn- und Feiertagen wird niemals gearbeitet. Wir müssen auch im Winter schon um 7 Uhr in der Arbeit sein, sonst können wir nicht mehr hinein, wiewohl die Arbeit erst dann beginnt, wenn es licht wird, also erst um halb 9 oder 9 Uhr. Inzwischen können wir sitzen und stricken. Am Abend gehen wir im Winter um halb 5 oder 5 Uhr nach Hause. Das hängt von dem betreffenden Officier ab. Wenn einer gut ist, so läßt er uns schon zeitlich nach Hause gehen, wenn einer strenge ist, so haben wir, wenn wir zum Arbeiten nicht mehr gesehen haben, den jugendlichen Arbeiterinnen beim Schlichten helfen müssen. Alle Arbeiterinnen sind im Wochenlohn. Die jugendlichen haben 60 bis 70 kr., und die Vorarbeitern: 90 kr., die Anderen 80 kr. Der Arbeitslohn ist auch dann der gleiche, wenn im Winter die Arbeitszeit kürzer ist. Wenn ausgesetzt werden muß, bekommt man natürlich nichts. Wenn eine Arbeiterin um fünf Minuten zu spät kommt, so läßt sie der Portier noch hinein, kommt sie aber später, so muß sie einen halben Tag aussetzen. Mittels höfer: Darf man denn nicht fünf Minuten nach 7 Uhr kommen, wenn die Arbeit erst um halb 9 Uhr beginnt? — Exp. Nr. 107: Nein, das ist nicht erlaubt. Frl. Fickert: Wenn ein Mädchen nach der Entlassung wieder aufgenommen wird, bekommt es den früheren Lohn? — Exp. Nr. 107: Ja. (Ueber Befragen des Vorsitzenden.) Es ist bei uns keine Kündigungsfrist. Es wird Einem auch nickits davon gesagt, wenn man aufgenommen wird. Wir haben eine Fabriksordnung, welche im Vorsaale hängt, aber um die kümmert sich Niemand, sondern es bekommt Jede als Bestätigung für das Arbeitsbuch eine Fabriksordnung in die Hand. Früher hat eine Arbeiterin, wenn sie schlecht gearbeitet hat, sofort entlassen werden können, und andererseits brauchten auch die Arbeiterinnen nicht zu kündigen, aber der jetzige Hauptmann sagt es uns acht Tage vorher, wenn Eine entlassen werden soll. Geschenke an Vorgesetzte kommen nicht vor. Unsere Ernährung ist dieselbe, wie bei den anderen Arbeiterinnen; zum Frühstück Kaffee, Diejenigen, welche Eltern haben, essen zu Mittag zu Hause, und die Anderen müssen in der Cantine essen. Im Arsenal sind fünf Cantinen, die alle an verschiedene Wirthe verpachtet sind. Die Arbeiterinnen gehen in alle fünf Cantinen essen. Ich selbst war noch niemals dort, weil ich nach Hause essen gehe. Die Mädchen essen dort Suppe und Zuspeise. Ich glaube nicht, daß sie sich Fleisch vergönnen können. Manche nehmen sich auch Kaffee oder Zuspeise mit, welche sie in der Fabrik auf dem Ofen wärmen und sie dann draußen in dem Bretterraume, von dem ich gesprochen habe, verzehren. Zur Jause haben die Mädchen keinen Kaffee mehr, wenn sie sich ihn nicht zu Mittag von zu Hause mitgenommen haben, und essen meist ein Stück Brot. Die Officierstöchter wollen mit den Arbeiterinnen nicht verkehren. Wir haben eine Majorstochter, welche sagt, sie sei keine Arbeiterin. Sie nimmt sich auch nie Kaffee mit. Sie wohnt, glaube ich, im zehnten Bezirk, in einem Dienstbotenheim. Ich glaube, daß sie in der Cantine ißt. Frl. Fickert: Kommen in die Cantine znr gleichen Zeit mit den Mädchen auch die Soldaten hinein? — Exp. Nr. 107: Ja, aber die Arbeiterinnen gehen nicht in die Gastzimmer, sondern sie essen in der Küche oder im Gange. Das Arbeitslocal ist hoch und luftig und hat sehr viele Fenster. Es wird dort alle Tage gekehrt. Eine Arbeiterin, die schon lange Jahre dort ist, kehrt aus, und die jungen Arbeiterinnen müssen ihr dabei helsen. Sie bekommt für's Auskehren und Reinigen der Aborte von jeder Arbeiterin 2 kr. wöchentlich. Dr. v. Fürth: Hat diese Arbeiterin keinen Taglohn? — Expertin Nr. 107: Sie hat einen Wochenlohn von fl. 4'80, und außerdem bekommt Frauen-Enquvte. 24 370 sie als Vergütung für das Reinigen von den Arbeiterinnen zusammen etwa fi. 3. Davon gibt sie den Hilfsarbeiterinnen, welche ihr beim Reinigen helfen, nichts. Die Säle sind sehr groß. Deshalb werden die Fußböden nur einmal im Jahre gerieben, die Fenster geputzt und die Wände geweißt. Es ist in den Sälen sehr zugig, weil die Fenster einander gegenüber liegen. Wir geben Sägespäne in die Fenster, damit es nicht gar so sehr zieht. Das Heizen hängt ganz von den Männern ab; die sollen nämlich die Kohlen heraustragen, und das wollen sie nicht. Wrttelshöfer: Haben Sie sich darüber noch nie beschwert? — Exp. Nr. 107: Nein. Einmal hat der Ober-lieutenant gefragt: „Ist Euch kalt?" Da haben wir „Ja" gesagt; d'raus mußte der Handlanger Kohlen bringen. Aber am nächsten Tage war es wieder kalt, weil die Männer nur 20 Kilogramm gebracht haben. Die Männer haben weniger zu thun wie die Mädchen und bringen die Kohlen nicht, weil sie zu commod sind. Die Männer werden auch nicht so beaufsichtigt wie wir. Wir haben zwei Unterofsiciere und drei Soldaten zur Aufsicht. Es darf Keine reden oder lachen, sonst wird sie sofort entlassen. Die Aborte sind rein. Sie sind ganz isolirt auf dem Gange gelegen. In Bezug auf die Behandlung seitens des Vorgesetzten kommt es auf die Person des Betreffenden an. Mancher bildet sich was darauf ein, daß er Unterofficier ist, und chicanirt die Leute. Wir haben einen Unterofficier gehabt, der uns alle fünf Minuten mit dem Hinausschmeißen gedroht hat. Wir können uns zwar heschweren gehen, aber da wird man nur mehr chicanirt. Vorsitzender: Haben denn die Unterofsiciere das Recht, Sie zu entlassen? — Exp. Nr. 107: Nein, aber sie können mit der Entlassung drohen. In sittlicher Beziehung ist, so viel ich bis jetzt gesehen habe, nicht zu klagen. Es sind ja lauter junge Soldaten, und da kommt es überhaupt nur auf die Mädchen selbst an. Die Meisten sind ledig. Dr. Ofner: Hat sich schon einmal Eine über den Unterofficier beschwert? — Exp. Nr. l07: Ja, erst vor kurzer Zeit. In ihrer Anwesenheit hat natürlich der Hauptmann dem betreffenden Unterofficier nichts gesagt, aber in der Kanzlei hat er ihm einen Verweis ertheilt. Jetzt thut der Unter- osficier ihr alles Mögliche an. Wenn sie ein Wort spricht oder lacht, so droht er ihr, er werde sie zum Hauptmann führen. Frl. Fickert: Wie lange bleibt immer derselbe Unterofficier Ihr Vorgesetzter? — Exp. Nr. 107: Das ist verschieden, etwa zwei Jahre. Frl. Fickert: Ist in der Behandlung seitens der Unterofsiciere ein Unterschied zwischen denen, welche drei Jahre dienen, und denen, welche Freiwillige sind? — Exp. Nr. l07: Die Freiwilligen kommen nicht zu uns. Vorsitzender: Behandeln die Ofsiciere die gewöhnlichen Arbeiterinnen anders als die Beamtens- oder Officierstöchter? — Exp. Nr. 107: Nein. Vorsitzender: Die Arbeiterinnen gehören wohl nicht der Organisation an? Glauben Sie, daß man es zulassen würde, wenn man wüßte, daß eine Arbeiterin in der Organisation steht? — Exp. Nr. 107: Es ist einmal Eine verklagt worden, daß sie für die Sinkenden gesammelt hat, und da hat sie der Hauptmann rufen lassen und gesagt, wenn das noch einmal vorkommen werde, würde sie entlassen werden. Deshalb glaube ich, daß man die Zugehörigkeit zur Organisation auch nicht gestatten dürfte. Ich gehöre der allgemeinen Krankencasse an und zahle 15 kr., früher nur 12 kr. Ich bekomme im Krankheitsfalls, glaube ich, fl. 3'50. Vorsitzender: Haben Sie Ihr Buch zu Hause oder in der Fabrik? — Exp. Nr. 107: Ich habe es immer zu Hause, aber Manche lassen es dort liegen. Früher wurde uns für die Unfallversicherung auch etwas monatlich abgezogen, aber jetzt schon seit Langem nichts. Ich wohne bei meinen Eltern. Wir haben zwei Zimmer; in dem einen schlafen meine Eltern und ich, in dem anderen meine verheiratete Schwester und ihr Mann. 371 Die Wohnung ist ini elften Bezirk; die Communication ist sehr schlecht, und ich habe in die Fabrik eine Viertelstunde zu gehen. (Dr. Hainisch übernimmt den Vorsitz.» Experte N (über Befragen des Vorsitzenden): Ich bin bei der Lampenbranche. Das Technische des Betriebes geht folgendermaßen vorsieh : Das Messing kommt in langen Streifen oder Platten in die Fabrik. Hieraus wird es geschnitten, und die geschnittenen Streifen kommen in die Presse, wo die runden Platten durchgepreßt werden. Hiebei sind Frauen und Männer beschäftigt. Wenn die Platte geschnitten ist, so kommt sie zur großen Presse, wo sie die entsprechende Form bekommt. Dabei sind nur Männer beschäftigt. Die kleineren Scheiben aber werden von den Frauen gepreßt; nur die großen Behälter, wo das Petroleum hineinkommt, machen die Männer. Wenn die Lampe gepreßt ist, kommt sie zum Poliren, wobei Männer und Frauen beschäftigt sind. Die Letzteren waschen den Körper, den der Polirer polirt hat, ab. Hierauf kommt der Gegenstand zum Trucker, wo er erst die eigentliche Form bekommt. Da wird über ein Holzrohr das Eisensutter darüber gezogen. Hierauf kommt der Gegenstand znm Spengler, dieser lvthet ihn zusammen. Darnach kommt er wieder zum Trucker, sodann wieder zu den Frauen, welche ihn auf einer Scheibe putzen müssen. Das Alles bezieht sich auf Messingbestandtheile. Bei größeren Lüstern u. dergl. kommt das Stück von der Presse zu deu Feilerinnen, welche die feinen Unebenheiten Wegseilen. In unserer Fabrik sind gegen 500 Personen beschäftigt, darunter etwa zwei Drittel Männer und ein Drittel Frauen. Diese Verhältnißzahl ist eine constante, denn es werden jetzt keine Arbeiten von den Frauen erzeugt, welche früher etwa vou deu Männern verrichtet wurden. Die Porzellanlampen werden bei uns nicht erzeugt, sondern von einem eigenen Glasschleifer zugerichtet, und ein Drucker richtet die passende Form dazu her. Hierauf kommen die Porzellanlampen sammt der Form zum Monteur, welcher beides zusammenstellt; dabei sind auch Frauen beschäftigt. Die Hauptarbeit ist aber bei uns die mit den Messingbestandtheilen. Expertin Nr. 105 (gibt über Befragen seitens des Vorsitzenden an): Ich bin seit sieben Jahren in einer Lampenfabrik. Ich bin schon im Alter von 14 Jahren in diese Fabrik gekommen. Meine Arbeit besteht in dem Putzen der Messinglampen. Wenn sie schon ganz fertig sind, putze ich sie mir Stearinöl und Wienerkalk, und zwar auf einer Lederscheibe. Es entwickelt sich dabei ein sehr großer Staub, so daß wir ganz schwarz aussehen, deshalb müssen wir uns auch in der Fabrik umziehen. Die Straßenkleider sind in einem Bretterverschlag, vor welchem ein Vorhang angebracht ist. Wir ziehen uns in einem Winker! um. Gewöhnlich sind wir dort beim Umziehen allein, aber es ist dort auch eine Wanne mit Petroleum, und die Männer waschen sich, wenn sie Putzarbeit haben, und kommen auch dorthiu. Unsere Saison ist im Herbst, von August bis October. Gegen Weihnachten und im Winter haben wir wenig zu thun. Da sind wir in der Woche manchmal nur zwei Tage in der Fabrik. Wenn die Arbeit wieder stark ist, werden neue Leute aufgenommen und zu Weihnachten wieder entlassen. Die Schwanknngszahl dürfte 50 betragen. Jetzt im Jänner und Februar haben wir Wochen gehabt, wo wir uns fl. U50 verdienten, da wir nur zwei Tage gearbeitet haben. Schulpflichtige Kinder werden bei uns nicht beschäftigt. Wir haben Dampfbetrieb. Hausarbeit kommt bei uns nicht vor. Die Arbeiterinnen sind gewöhnlich wieder Arbeiterkinder, da auch bei uus ganze Familien in der Fabrik arbeiten. Wir haben keine Lehrmädchen, sondern Anfängerinnen, die schon in 8 bis 14 Tagen ihre Arbeit erlernen. Wir haben keine Arbeitsvermittlung, sondern die Mädchen stehen vor dem Thor und warten, bis der Werkführer eine braucht. Da kommt er heraus und sucht sich eine heraus, oder er läßt sich auch eine von den Arbeiterinnen recommandiren. 24 * 372 Wittelshöser: Wird Ihnen früher gesagt, wenn Sie mehrere Tage in der Woche aussetzen müssen? — Exp. Nr. 105: Der Werkführer sagt am Dienstag z. B.: Kommen Sie Freitag wieder, und wenn Freitags wieder keine Arbeit ist, so muß die Betreffende abermals nach Hause gehen. «Ueber Befragen des Vorsitzenden.) Unsere Arbeitszeit ist von 7 bis 12 und von 1 bis 6 Uhr. Nachtarbeit kommt nicht vor, und auch an Sonn- und Feiertagen wird nie gearbeitet. Wahrend der Mittagspause müssen Alle das Local verlassen. Ein Theil geht in die Volksküche oder in die Suppen- oder Theeanstalt, ein anderer nach Hause. Frühstück und Jause müssen wir unter der Arbeit essen. Während der Arbeit dürfen wir uns nicht waschen, wiewohl wir sehr schmutzig werden. Wenn man das Brot angreift, so hat man die Eindrücke von den schmutzigen Fingern. Wir haben keine Kündigungsfrist. In der Fabriksordnung ist diesbezüglich nichts bestimmt. Wir arbeiten Alle im Accord. Nur die Frauen, welche zutragen, Fetzen holen u. s. w., und auch Männer, die Zuträger sind, stehen im Wochenlohn. Es kommt auch vor, daß, wenn wir mit der Accordarbeit fertig sind, uns gesagt wird: „Jetzt arbeiten Sie im Taglohn", und da müssen wir zwei, drei Tage mit einem Lohne von 70 bis 75 kr. arbeiten. Der Accordlohn ist verschieden. Früher haben wir auch Ueberstunden gemacht, aber seit dem Strike »rächen wir keine. In den Ueberstunden haben sich Diejenigen, welche im Accord waren, mehr verdient als sonst, und die im Wochenlohn bekamen 7 oder 7'5 kr. pro Stunde. In der guten Zeit verdienen wir uns fl. 5, 6, höchstens fl. 7, in schlechter fl. 4, 3, auch fl. 2. Die gute Zeit dauert drei Monate. Vorsitzender: Was verdienen die Männer? — Exp. R: fl. 15 bis fl. 10, die Hilfsarbeiter fl. 8. Exp. Nr. 105 (über Befragen des Vorsitzenden): Abzüge werden uns nicht gemacht, es kommt häufig vor, daß die Scheibe eine Lampe erwischt und ganz zerhaut. Da wird der verdorbene Gegenstand wieder eingeschmolzen. Die Fabrik wird fünf Minuten vor 7 Uhr und vor 1 Uhr aufgemacht, und fünf Minuten nach 7 Uhr, respective fünf Minuten nach 1 Uhr wird das Thor wieder geschlossen und erst um 8 Uhr, beziehungsweise um 2 Uhr wieder aufgemacht. Wer also später als fünf Minuten nach 7 Uhr kommt, kann erst um 8 Uhr, respective um 2 Uhr herein, und dafür werden den Männern 10 kr., den Frauen 5 kr. abgezogen. Das ist aber erst seit dem Strike. Früher haben wir immer 10 kr. Strafe zahlen müssen, auch wenn wir nur um zehn Minuten später gekommen sind. Wenn ein Krankheitsfall eintritt, der länger als vier Wochen dauert, so bekommt der Betreffende, wenn es ein Mann ist, fl. 4, wenn es eine Frau ist, fl. 2 wöchentlich aus diesen gesammelten Strafgeldern. Wenn die Strafgelder hiezu nicht ausreichen, so wird eine Tafel ausgehängt, auf welcher steht: Bis auf Weiteres wird die Krankenunterstützung eingestellt. Wittelshöser: Hat sich der Accordlohn geändert? — Expertin Nr. 105: Früher wurde für 100 Unterlampen fl. 1 gezahlt, in jüngster Zeit bekommt man dafür nur 00 kr. (Ueber Befragen des Vorsitzenden.) Ich kann davon 120 bis 150 Stück täglich machen. Wenn wir aber eine Partie von 400 Stück in drei Tagen schon fertig haben, so gibt er uns gleich in Wochenlohn, und da verdienen wir wieder weniger. Wir selbst haben kein Material beizustellen. Ueberhaupt können wir uns in dieser Hinsicht nicht beklagen, denn wenn wir noch so viel Fetzen brauchen, wir bekommen Alles. Dr. Maresch: Wie viel Stück machen Sie Vormittags und wie viel Nachmittags? — Exp. Nr. 105: Vormittags 70 bis 75 Stück. Da müssen wir nämlich wegen des Waschens und Unrziehens eine Viertelstunde früher aufhören — wir müssen uns erst in Petroleum und dann in Wasser waschen — Nachmittags gewöhnlich um 10 Stück weniger, sonst würde ich mich überanstrengen. Nachmittags hören wir schon um V 46 Uhr wegen des Waschens und Umziehens zu arbeiten auf. Dr. Maresch : Glauben Sie, daß Sie vielleicht in kürzerer Arbeitszeit auch dasselbe Quantum machen könnten? — Exp. Nr. 105: O ja, denn die zehn Lampen, die man in einer Stunde machen kann, könnte man in der übrigen Zeit schon einbringen, wenn die Arbeitszeit auch um eine Stunde kürzer wäre. Man wäre besser ausgeruht und würde sich vielleicht beim Essen mehr tummeln. (Ueber Befragen des Vorsitzenden.) Wir müssen dem Werkmeister keine Geschenke geben, aber in anderen Werkstätten geben sie dem Werkmeister zu seinem Namenstag als Ueberraschung ein Bouquet. Bei uns aber nicht, weil bei uns nur acht Mädchen und im Uebrigen Männer sind. Wir sind in einer Werkstätte mit den Metalldruckern, denn wir müssen das putzen, was die drucken. Die Art der Ernährung ist bei uns dieselbe wie bei allen Anderen. Sie nehmen sich Kaffee für Frühstück und Jause mit, gehen zu Mittag in die Volksküche oder in die Theeanstalt, die Frauen, welche eine Familie haben, kochen in der Nacht und gehen zu Mittag nach Hause und wärmen es auf. Ich gehe nach Hause. Ich habe nämlich eine kranke Mutter, für die ich das Essen wärmen muß. Meine Schwester und ich müssen die Mutter erhalten. Ich koche meist Gemüse. Fleisch haben wir die ganze Woche nicht. Unsere Fabrik enthält große, luftige Räume. Es wird täglich vom Hausknecht aufgespritzt und ausgekehrt, und auch wir Arbeiterinnen kehren täglich zu Mittag bei den Bänken den Schmutz weg. Der Fußboden wird niemals ausgerieben. Auch die Wände sind, seitdem ich in der Fabrik bin, noch nicht geweißt worden. Ich habe in diesen Tagen vom Werkführer gehört, daß im Sommer geweißt werden soll. Die Fenster gehen theils auf die Gasse, theils in den Hof. Das Local ist sehr licht und groß, weil es über die Ecke geht; es befinden sich darin 40 Personen, nämlich wir und die Drucker. Das Local hat 17 Fenster, die wir alle Tage aufmachen. Jedes Fenster hat 24 Scheiben, acht davon zum Aufmachen, sechs zum Hinansschauen und oben ist Oberlicht. Der Abort wird von einer Arbeiterin gewaschen und geputzt, wofür wir ihr monatlich 1 bis 2 kr. zahlen. Diese Arbeiterin ist eine Accordarbeiterin, sie wird vom Herrn dazu nicht bestellt, sie besorgt diese Reinigungsarbeit freiwillig. Die Aborte sind recht schmutzig, denn von oben aus dem Reservoir kommt der ganze Gießerstanb hinein. Wir acht Putzerinnen haben mit 25 Mädchen aus der Feilerei zwei Aborte zusammen. In der Feilerei werden die Lusterarme von den Mädchen gefeilt und auf der Maschine gebohrt. Diese Mädchen müssen da mit den Füßen treten und mit dem Magen aus einen eisernen Hebel drücken, damit der Bohrer an die richtige Stelle kommt. Vorsitzender: Sie arbeiten also mit den Füßen, dem Magen und den Händen. — Exp. Nr. 105: Es bildet sich sehr viel Metallstaub. Bei gewissen Arbeiten tragen sie Augengläser. Die Arbeiterinnen werden vom Werkführer ausgenommen und entlassen. Vorsitzender: Können denn die Leute, die beim Thor warten, wissen, wann gerade Arbeit ist? —- Exp. Nr. 105: Die Mädchen haben das schon so in der Gewohnheit, daß sie sich in der Früh zum Thor hinstellen und warten. Dr. Maresch: Wie viel Kaffee, Milch u. s. w. nehmen Sie zum Kaffee, den Sie für sich, Ihre Schwester und Mutter bereiten? — Expertin Nr. 105: Um 5 kr. Körndlkaffee, manchmal gebe ich auch etwas Gerstenkaffee dazu, wovon ein Päckchen 5 kr. kostet. Mit dem letzteren komme ich die ganze Woche aus. Dann um 3 kr. Feigenkafsee, um 3 kr. Zucker und um 5 kr. einen halben Liter Milch. Dr. Osner: Kommt in den Verschlag, in den Sie Ihre Kleider geben, nicht Staub hinein? — Exp. Nr. 105: O ja, das Gewand ist immer ganz staubig. Dr. Ofner: Bekommen Sie von der Fabrik auch Seife zum Waschen ? — Exp. Nr. 105: Jede Arbeiterin bekommt alle 14 Tage ein Stückchen Seife und auch ein Handtuch. Alle Arbeiterinnen geben die Seife zusammen, schneiden sie und lassen sie aufkochen. Dann kaufen wir zusammen um 2 kr. Soda dazu, daß es schärfer wird, und damit kann man sich viel besser waschen, als mit den einzelnen Stückchen Seife. Zum Putzen bekommen wir gewaschene Fetzen. Wir gebrauchen sie auch zum Abwischen, da uns ein Handtuch für 14 Tage nicht genügt. Unser Vorgesetzter ist ein Wortführer. Unter uns acht Putzerinnen sind nur zwei ledig und die anderen verheiratet. Eine davon ist schon 15 Jahre im Geschäft. Bei uns sind überhaupt meist solche Arbeiterinnen, die schon lange darin sind. Es kommt auch vor, daß der Mann der betreffenden Arbeiterin auch in der Fabrik beschäftigt ist. Meine Mutter, meine Schwester und ich bewohnen ein Zimmer und eine Küche und zahlen dafür fl. 9 monatlich. Unterhaltungen können wir keine mitmachen. Von uns Beiden muß immer Eiue bei der Mutter bleiben, und wo soll man allein hingehen? Ich bin in der Organisation der Spengler und deren Hilfsarbeiter. Die Arbeiter borgen mir täglich die „Arbeiter-Zeitung" und die „Arbeiterinnen-Zeitung". Auch kaufe ich mir die „Glühlichter". Mittels höfer: Wird nicht das „Extrablatt" in Arbeiterkreisen viel gelesen? — Exp. Nr. 105: O nein, durchaus nicht. Vorsitzender: Sind Sie in der Kranken- und Unfallversicherung, und was zahlen Sie? — Exp. Nr. 105: An Krankengeld zahle ich 17 kr. und bekomme im Krankheitsfälle fl. 4'20; für die Unfallversicherung zahle ich nichts. (Dr. Verkauf überuimmt wieder den Vorsitz.) Expertin Nr. 106 (gibt über Befragen seitens des Vorsitzenden an): Ich bin seit sechs Monaten in einer Schraubenfabrik. Die eigentliche Technik des Betriebes kenne ich nicht, denn ich bin mit noch drei Arbeiterinnen beim Einpacken beschäftigt. Wir packen die Patentschrauben ein, stempeln und binden die Packete und tragen sie in's Magazin. Arbeitszeit ist von 7 bis 6 Uhr mit einer Stunde Pause, während welcher Niemand im Local bleiben darf. Wir dürfen erst zehn Minuten vor 1 Uhr wieder in die Werkstätte. Der Herr schaut darauf, daß wir in der Früh schou vor 7 Uhr anfangen, und der Magazineur, daß wir nicht früher als drei bis Vier- Minuten nach 12 Uhr aufhören. An Sonntagen wird nie, an Feiertagen nur am Vormittag gearbeitet. Wir haben keine Saison. Mein Lohn beträgt fl. 4'20 wöchentlich. Wir haben keine Kündigungsfrist. Es wird uns aber bei der Aufnahme nichts gesagt, daß das so ist. Mittels höfer: Wo waren Sie früher beschäftigt? — Expertin Nr. 106: In einer Papierfabrik. Dort war es mit der Arbeitszeit sehr schlecht bestellt. Es war immer sehr wenig zu thun. Eiue Woche lang mußte ich ganz aussetzen, und da bin ich in die Schraubenfabrik in's Eomptoir gegangen, weil ich zufällig erfahren habe, daß ein Platz frei ist, und bin aufgenommen worden. Wenn an Feiertagen nur Vormittags gearbeitet wird, so wird auch nur der Vormittag bezahlt. Strafen sind Abzüge haben wir keine. Vorsitzender: Können Sie uns etwas über die Lebensweise der anderen Arbeiterinnen sagen ? — Exp. Nr. 106: Eine ist ein Waisenkind und wohnt bei ihrem Vormund. Wenn man sie fragt, was sie zu Mittag gegessen hat, sagt sie: Erdäpfelsalat und Nockerl, oder Nockerl und Krenn, oder Brot und Krenn, aber man hat nie gehört, daß sie eine Suppe ißt. Dann ist eine Witwe da, die sich und ihre Kinder von fl. 4-20 erhalten muß. Ich selbst gehe nach Hanse essen. Zum Frühstück und zur Jause trinke ich Kaffee. Nur ich nehme mir Kaffee mit, den kann ich mir draußen wärmen; die Anderen haben gar nichts zum Gabelfrühstück 375 und zur Jause. Zum Nachtmahl kocht die Mutter, und zu Mittag haben wir täglich Fleisch. Von den fl. 4'20 gebe ich fl. 3 zu Hause her, und das klebrige bleibt mir. Unser Arbeitslocal ist groß. Der Fußboden ist von Holz und wird von uns gekehrt. Jede Woche kehrt eine Arbeiterin von uns, und zwar fünf Minuten vor 6 Uhr Abends. Der Abort wird vom Hausmeister gereinigt, dafür müssen wir ihm nichts zahlen. Wir haben keinen Raum, wo wir essen können. Ein Mädchen bekommt das Essen von zu Hause geschickt, und da muß sie auf dem Marktplatz sitzen, ob es regnet und schneit, und essen. Als Vorgesetzten haben wir eisten Magazineur/ der uns immer zur Arbeit treibt. Schon vor 7 Uhr sagt er, es ist schon Zeit zum Arbeiten. Aber nach 12 Uhr sagt er nicht, daß es schon Zeit zum Aufhören ist. In der Fabrik sind 70 Personen beschäftigt. Ich gehöre der Organisation an. Ich lese die „Arbeiter-Zeitung" ; die haben wir zu Hause und im Verein. Der Vater und wir Kinder gehören der Organisation an, die Mutter nicht. Wir bewohnen Zimmer, Küche und Cabinet. Das letztere ist vermischet. Wir zahlen fl. 14 monatlich und bekommen sl. 6 für das Cabinet. In dem Zimmer und in der Küche wohnt Vater, Mutter und wir vier Kinder. Die Mutter arbeitet nicht. Sie ist zu Hause in der Wirthschaft. Ich bin in der allgemeinen Krankenversicherung und zahle dafür 17 kr. wöchentlich, für die Unfallversicherung zahle ich nichts. Frl. Fickert: Sie sind durch Ihren Vater in die Organisation gekommen. Sind die Anderen, die keinen Vater oder Bruder in der Organisation haben, nicht dabei? — Exp. Nr. 100: Nein. Von den vier Arbeiterinnen ist keine dabei, außer mir. Wenn eine Versammlung ist, und ich frage sie, warum sie nicht hingehen, sagen sie: „Ja, die Mutter erlaubt es nicht." Schluß der Sitzung l Uhr 15 Minuten. 21. Sitzung, Sonntag, 22. März» Nachmittag. Vorsitzender: Vardorf. Beginn 3 Uhr. Vorsitzender: Wir haben heute Experten aus der Brauche der Handschuh- und Bandagenmacher und im Nachtrag Experten aus der Hutmacherbranche zu vernehmen. Leider haben wir soeben erfahren, daß die Expertinnen aus der Handschuhmacherbranche, aus Furcht, ihre Plätze zu verlieren, bisher zum Kommen nicht zu bewegen waren. Wir beginnen trotzdem mit der Vernehmung des Experten Herrn D o b r o v oj ev i cs, und hoffen, daß uns nachträglich Experten zur Verfügung gestellt werden. (Zum Experten D o b r o v o j e v i cs.) Wollen Sie die Güte haben, uns über das Technische der Handschuhmacherbranche Auskunft zu geben, inwieweit und wie die weiblichen Arbeitskräfte dabei beschäftigt sind. Experte Dobrovojevics: Es werden in dieser Brauche die Frauen ausschließlich beim Nähen der Handschuhe beschäftigt, das Zuschneiden besorgen ausschließlich Männer. Es wird fast ausschließlich auf der Maschine genäht; nur das Tambouriren mit der Tambourirnadel wird mit der Hand gemacht. Die Mädchen sitzen bei dieser Arbeit gebückt und strengen sich deshalb sehr an. Es kommt vor, daß besonders flinke Arbeiterinnen sechs Dutzend pro Tag tambouriren. Es geht fast so geschwind wie mit der Maschine. 876 Leider wird die Geschicklichkeit nicht so entlohnt, wie es zu verlangen wäre. Die Mädchen bekommen für das Dutzend tambouriren 18 kr., verdienen also bei einer zwölfstündigen Arbeitszeit fl. 1 bis l'IO. Es gibt auch solche, welche weniger machen, 40 bis 50 Paar, auch solche, welche nur 85 Paar täglich zusammenbringen. Eine zweite Kategorie sind die Näherinnen, deren Zahl sehr groß ist, eine dritte sind die Stepperinnen. Im Ganzen werden circa 800 Arbeiterinnen bei dem Fache beschäftigt sein; die Mehrzahl sind Näherinnen. Der technische Vorgang ist folgender: Das Leder bekommen wir von der Gerberei, gegerbt und gefärbt. Die Handschuhmacher müssen das Fell in einen Stein einspannen und dünn machen und das Fleisch, welches noch auf dein Felle ist, Herunterschaben. Dann werden aus dem Felle die Handschuhe herausgeschnitten und die einzelnen Stücke in die Länge gezogen. Schließlich kommen diese in eine Maschine, welche die Finger hinein- schneidet. Dann ist die Arbeit des Mannes erledigt, und der Handschuh übergeht in die Hand der Näherin, die die verschiedenen Theile zusammennäht und den Handschuh fertig macht. Dann unterscheidet man noch eine leichtere Arbeit, das sogenannte Ausfertigen. Das besteht darin, daß der Schlitz eingefaßt wird, Knopflöcher gemacht und Knöpfe angenäht werden. Das ist Alles Handarbeit. Vorsitzender: Wird in den großen und kleinen Betrieben verschieden gearbeitet? Inwiefern kommt Hausarbeit vor ? — Exp. Dobrovojevics: Hausarbeit ist in großer Menge vorhanden. Von den circa 800 Arbeiterinnen sind nach meiner Berechnung ungefähr 100 Arbeiterinnen in Werkstätten bei Meistern beschäftigt. Außerdem gibt es noch sogenannte Zwischenhändler oder Sitzgesellen, die sich in großem Maßstabe mit der Handschnhnäherei beschäftigen. Sie nehmen Arbeit von den Meistern und haben Mädchen angestellt, welche diese Arbeit fertig machen. In diesen sogenannten Näh- anstalten — sie verdienen eigentlich nicht diesen Namen, weil sie nicht wie Nähanstalten eingerichtet sind — sind nach meiner Berechnung wieder ungefähr 100 angestellt. Die anderen, es dürften circa 500 sein, sind Haus- arbeiterinnen, die in ihrer Wohnung arbeiten, ihre eigenen Maschinen haben, die sich Seide, Zwirn u. s. w. selbst kaufen, die Arbeit direct vom Merster oder Fabrikanten nehmen und ihm selbst liefern. Wir haben einen einzigen großen Betrieb in dieser Branche, sonst besteht sie hauptsächlich aus kleinen Gewerbetreibenden. Wenn ein Fabrikant 20 Leute hat, Zuschneider und Näherinnen zusammengenommen, so ist das bei uns schon ein großer Betrieb. Wir haben, wie gesagt, nur eine große Fabrik, in der circa 160 Leute beschäftigt sind. Von diesen sind ungefähr 60 Näherinnen, und zwar 50 in der Fabrik und 10 Hausarbeiterinnen. Vorsitzender: Wie verhalten sich die Löhne in den Nähanstalten zu denen in den Werkstätten? — Exp. Dobrovojevics: Die Arbeiterinnen, welche bei Meistern arbeiten, sind theils pro Woche, theils nach Stück bezahlt. Im Durchschnitt dürften sie fl. 5 bis 6 verdienen. Bei dem großen Fabrikanten, wo meist Accordarbeiterinnen sind und nur wenige, welche pro Woche bezahlt werden, beträgt der höchste Lohn ungefähr fl. 7 Pro Woche, der niedrigste fl. 8. Die Verhältnisse in den Nähanstalten sind, ich möchte sagen, unleidlich. Die Unternehmer sind zumeist aus Böhmen eingewandert. In Böhmen wird bekanntlich die Handschuhnäherei in großem Maßstabe betrieben, sehr viele Handschuhmacher schicken die Handschuhe nach Böhmen zum Nähen. Das haben sich die Leute zum Vortheile gemacht, lassen sich Mädchen direct von Böhmen kommen, zahlen ihnen die Reise und machen ihnen noch viele Versprechungen, die sie dann nicht so genau einhalten; denn wenn die Mädchen einmal hier sind, müssen sie sich fügen. In diesen Nähanstalten ist, wie mir bekannt ist, eine außerordentlich lange Arbeitszeit. Sie dauert von 5 bis 6 Uhr Früh bis 9, 10, auch 2 Uhr Nachts, besonders in der Saison, das heißt im Frühjahr, im Herbst oder vor den 377 großen Feiertagen, wie Weihnachten, Ostern, Pfingsten. Besonders also um diese Zeit arbeiten die Leute oft bis 12 Uhr Nachts, es kommt sogar vor, daß sie die ganzen Nächte durcharbeiten. In: Sommer gibt es dagegen Zeiten, wo sie sehr wenig oder auch zeitweise gar nichts zu thun haben, ausgenommen für den Export. Nebst der langen Arbeitszeit sind die Arbeiterinnen in diesen Nähereien auch noch schlecht entlohnt. Sie bekommen die ganze Verpflegung und in der Regel einen Monatslohn von fl. 4, 5, 6 bis 9, ein Lohn, der meiner Ansicht nach mit der großen Arbeit, die sie leisten müssen, nicht im Einklänge steht. Vor einem Jahre wurden in Folge einer Anzeige von Seite des löblichen Gewerbe-Jnspectorats Jnspicirnngen in einer Näh- anstalt vorgenommen, wo besonders crasse Zustände herrschten. Es sind dort nach dem Aussprnch der Aerzte in Folge Ueberarbeitung Erkrankungen von Mädchen vorgekommen, sogar einzelne Sterbefälle. Es ist mir aber mitgetheilt worden, daß die Verhältnisse sich trotz der Jnspection nicht gebessert haben. Was die Hausarbeiterinnen anbelangt, so sind die Verhältnisse genau so wie bei den anderen Branchen. Die Leute arbeiten von zeitlich in der Früh bis spät in die Nacht. Sie verdienen allerdings etwas mehr als die anderen Kategorien, aber nur aus dem Grunde, weil sie so lange arbeiten und weil sie etwas unabhängig sind. Sie stehen ferner mit den Arbeitgebern direct in Verbindung, während in den Nähereien die Zwischenmeisterin noch einen gewissen Antheil am Arbeitslohn einsteckt. (Ueber Befragen.) Daß unter den Hausarbeiterinnen auch solche Frauen sind, die es nicht nöthig Hütten, zu arbeiten, könnte ich gerade nicht sagen, ich habe es nicht wahrgenommen. Es sind darunter viele verheiratete Frauen, die das Handschuhnähen gewissermaßen als Nebenverdienst betreiben. Sie nähen nach Beendigung der häuslichen Arbeit, selbst in der Zeit, wo die anderen Familienmitglieder schlafen. Ich glaube aber nicht, daß das irgend einen Druck auf den Lohn macht. Vorsitzender: Sind die Mädchen in den Nähanstalten bei der Genossenschafts-Krankencasse? — Exp. Dobrovojevics : Nein, sie sind nicht bei der Genossenschafts-Krankencasse. Die Leute, die sich mit der Näherei im Großen befassen, waren vor zwei, drei Jahren überhaupt bei keiner Krankencasse. Erst durch verschiedene Anzeigen ist eine Aenderung eingetreten; die Leute haben sich darum kümmern müssen, daß sie die Mädchen einschreiben lassen, und so sind sie jetzt bei der Bezirks-Krankencasse, nicht aber bei der Genossenschafts-Krankencasse. Es dürste auch möglich sein, datz die Eine und die Andere überhaupt bei keiner Krankencasse ist; Alle können wir nicht eruiren, weil das Unwesen mit der Näherei so überhand nimmt. Die Leute sehen, daß es rentabel ist, und ich kenne einen Fall, wo sich Einer sogar ein ziemliches Vermögen erworben hat. Die Leute gehen nun auf demselben Pfad weiter und glauben sich auch ein kleines Vermögen erwerben zu können. Dr. Frey: Wissen Sie, wie viele solche Nähanstalten in Wien sind? — Exp. Dobrovojevics: Ich schätze sie auf ungefähr acht bis zehn mit beiläufig 100 Arbeiterinnen. Dr. Frey: Bedarf es einer gewissen Zeit, um die verschiedenen Arbeiten, das Tambouriren, Steppen und Nähen, zu erlernen? — Experte Dobrovojevics: Ja, aber im Allgemeinen gibt es wenige Lehrmädchen, auch in der Fabrik sind keine Lehrmädchen. Die Arbeiterinnen, sowohl in der Fabrik, als auch bei Kleinbetrieben, kommen sehr zahlreich aus Böhnren, welches überhaupt das größte Contiugent von Arbeiterinnen stellt. Man lernt gewöhnlich so, daß man zu einer Hausarbeiterin geht und ihr fl. 5 bis fl. 15 zahlt und ungefähr 14 Tage lernt; dann hat man halbwegs die nothwendigen Handgriffe erlernt, um einen Handschuh zusammenzustellen. Freilich kann das Mädchen den Handschuh nicht so herstellen, daß er in Ordnung ist, das erfordert eine gewisse Praxis. Es kommt in den Nähereien 378 auch vor, daß das Mädchen kein Lehrgeld zahlt. Dann muß es aber eine längere Lehrzeit durchmachen, ungefähr drei Monate. Während dieser Zeit bekommt es keinen Lohn. Vorsitzender: Auch die Kost nicht? — Exp. Dobrovojevics: Das kann ich nicht sagen, möglicherweise bekommen sie die Kost, weil auch die anderen Arbeiterinnen Verköstignng haben. (Ueber Befragen.) Es wird meist im Accordlohn gearbeitet. Nur in Nähanstalten ist es meistens so, daß die Mädchen Verpflegung und außerdem noch einen Monatslohn von sl. 5 bis 0 bekommen. Ich kenne aber eine Nähanstalt, wo 12 bis l5 Mädchen beschäftigt sind, welche nach Stück bezahlt werden. Sie bekommen Verpflegung im Hause und für das Paar Handschuhe 7 kr.; sie müssen aber von dem Verdienste, den sie erzielen, die Verpflegung zahlen. Die Frau kocht für Alle, und ich glaube, sie bekommt für das Mittagessen 20 kr. und für das Bett 60 kr. Dr. Hainisch: Die Wohnung haben sie auch in der Nähanstalt? — Exp. Dobrovojevics: Ja, meistens. Dr. Hainisch: Nähen die Männer nicht auch Handschuhe? — Exp. Dobrovojevics: Nein. Früher allerdings, aber das ist schon ziemlich lange her; das war nicht bei der Glacöwaare, sondern bei den Waschlederhandschuhen, bei Rehleder-, Schafleder- und Militärhandschnhen. Da sind die Männer zur gewöhnlichen Näherei, besonders zu Stepparbeiten, verwendet worden. Das ist ein starkes Leder, für welches man früher noch keine Maschine hatte. Jetzt sind Maschinen vorhanden, welche die Stärke des Leders überwinden und die männliche Arbeit überflüssig machen. Vorsitzender: Wie viel Näherinnen beschäftigt ein Zuschneider? — Exp. Dobrovojevics: Wenn einer halbwegs flink ist, so schneidet er circa 20 Paar täglich zu; manche schneiden bis 24 Paar, andere nur 15 Paar zu. Wie viel eine Arbeiterin näht, das hängt davon ab, wie der Handschuh ist. Beim kurzen Handschuh geht es schneller, weil nur ein Knopfloch zu machen ist; ist er länger, so geht es langsamer. Von Handschuhen, die einen Knopf lang sind, macht eine stinke Arbeiterin zehn oder zwölf Paar täglich. In den Nähereien dagegen wird ungeheuer viel geleistet. Mir ist gesagt worden, daß dort eine Arbeiterin 26 Paar machen muß. Es bekommt nämlich jede Arbeiterin in der Früh 26 Paar Handschuhe zugetheilt, und sie muß so lange arbeiten, bis sie fertig ist. Ob sich die Dinge thatsächlich so Verhalten, kann ich nicht sagen; es ist mir so von Näherinnen mitgetheilt worden. Es ist also ein großer Unterschied in den Leistungen der Arbeiterinnen. Freilich müssen die in den Nähanstalten bis 12 Uhr arbeiten, um das leisten zu können. (Ueber Befragen.) Zuschneidemaschinen, welche den Handschuh fertig schneiden, gibt es nicht, Wohl aber solche, welche einen Theil der Znschneidearbeit machen, welche die Finger ein- schneiden. Früher hat man das mit der Scheere gemacht. Es sind Modelle von der Form wie die Hand; daraus wird das Leder gelegt, und in die Maschine hineingeschoben, und die Maschine Preßt es aus. Dr. Frey: Sind Sie selbst in einem Betriebe? — Experte Dobrovojevics: Ja, in einem kleinen Betriebe bei einem Handschuhmacher. Dieser Meister hat jetzt nur zwei Arbeiterinnen, zeitweise auch vier. Er läßt wahrscheinlich auch in den Nähanstalten arbeiten; das ist so Usus bei den Fabrikanten. Sie sind meist kleine Gewerbetreibende. Sie brauchen 8 oder 14 Tage vor Ostern sehr viele Handschuhe, weil die Leute kaufen wollen, können sie aber nicht so schnell erzeugen. Denn sie haben nur einen oder zwei Zuschneider und eine Näherin; die können in 14 Tagen nicht so viel zusammenarbeiten, um alle Kunden zu befriedigen. Der Meister geht also in die Näherei und läßt dort zehn bis zwölf Dutzend nähen, oder er schickt Handschuhe nach Böhmen zum Nähen, das kommt auch sehr oft vor. 379 Dr. Ofner: Wissen Sie, wie die Kost in den Nähanstalten ist? — Exp. Dobrovojevics: So viel ich vernommen habe, ist sie nicht am besten. Das Mittagessen besteht allerdings aus Suppe, einem Stückchen Fleisch und Gemüse, aber man kann sich vorstellen, wie das sein kann. Ueber das Frühstück weiß ich nichts. Zur Jause bekommen sie Kaffee, zum Nachtmahl soll es Usus sein, daß sie, wenn nichts von Mittag zurückgeblieben ist, <; bis 8 kr. Nachtmahlgeld bekommen. Dr. Ofner: Wissen Sie, wie das Quartier der Mädchen aussieht? — Exp. Tobrovojevics: Es sind in den einzelnen Nähanstalten 8, 10 und 15 Mädchen beschäftigt. Diese schlafen gewöhnlich in einem Zimmer. Dr. Ofner: In der Werkstätte, wo gearbeitet wird ? — Exp. Dobro- vojevics: Früher war es so, ob das jetzt auch der Fall ist, kann ich nicht sagen, aber vor circa zwei Jahren haben in dem Betriebe, wo der Gewerbe- Jnspector war, thatsächlich alle Mädchen — es waren ihrer 12 oder 15 — in dem Arbeitszimmer geschlafen. Sie haben bis um 10 Uhr gearbeitet, dann haben sie sich schlafen gelegt: um 5 Uhr sind sie wieder aufgestanden und haben weitergearbeitet. Ob sich das jetzt auch so verhält, kann ich nicht sagen, aber ich glaube, es dürfte beim Alten geblieben sein. (Ueber Befragen.) In den Werkstätten wird von 7 bis 7 Uhr gearbeitet. Mit den Pausen nimmt man es nicht so streng. Es sind meistens Accordarbeiterinnen ; sie machen oft gar keine Pause, oft eine Viertelstunde, zehn Minuten, je nachdem. Auch die Mittagspause, welche eine Stunde beträgt, wird nicht so genau eingehalten; meist wird nach einer halben Stunde die Arbeit wieder aufgenommen. Ob Strafen und Abzüge vorkommen, ist mir nicht bekannt. Dr. Schiff: Wie ist es in dem Betrieb, indem Sie beschäftigt sind? — Exp. Dobrovojevics: Da sind zwei Frauen. Sie arbeiten von 7 bis 7 Uhr, und zwar im Accord; das Paar Handschuhe zu 10 kr. Wenn die Handschuhe länger sind, z. B. mit vier Knöpfen, so bekommen sie mehr. Die Mädchen machen die Knopflöcher nicht selbst. Die Fabrikanten haben einige Handarbeiterinnen, gewöhnlich ältere Frauen, die ausschließlich das „Ausfertigen" besorgen, daß die Maschinarbeiterin damit nicht viel Zeit versäumt. Wenn nun eine Arbeiterin die Knopflöcher selbst macht, so bekommt sie 1 kr. per Knopfloch mehr. Die Arbeiterinnen verdienen sich in der Saison circa sl. 7 pro Woche. Dr. Schiff: Wissen Sie, wie viel in Böhmen im Accord gezahlt wird? — Exp. Dobrovojevics: Die Accordsätze kenne ich nicht, aber unter uns Arbeitern ist es bekannt, daß in Böhmen bedeutend billiger gearbeitet wird. Mir ist mitgetheilt worden, datz dort Nähanstalten in größerem Umfange existiren, welche zum großen Theil Kaufleuten gehören, die aus die dort beschäftigten Leute einen Druck ausüben, weil diese gezwungen sind, dort ihre Lebensmittel zu kaufen. Diese Nähanstalten können mit den hiesigen gut concurriren, weil sie die Waare viel schneller liefern und besser machen als die hiesigen. Die hiesigen Näherinnen sind eigentlich nur Stümper gegenüber denen in Böhmen. Dort haben sie auch bessere Maschinen. Sre üben also gewiß einen Druck auf die hiesigen Verhältnisse aus, und zwar dadurch, daß eine Lohnreduction hervorgerufen wird, und auch dadurch, daß die Arbeitskräfte überhaupt an Zahl abnehmen. Früher war in Wien fast in jedem Hause eine Handschnhnäherin, aber die Zahl derselben ist successive gesunken. Jetzt allerdings ist wieder ein Theil hier geblieben, weil von Böhmen Leute gekommen sind, welche solche Nähereien nach böhmischem Genre errichtet haben, so daß also circa 100 weibliche Arbeitskräfte mehr vorhanden sind; diese wären gewiß nicht hier, wenn diese Unternehmungen nicht wären. Die böhmischen Nähanstalten machen also insoferne einen Eindruck auf die Wiener Verhältnisse, daß sie billiger arbeiten und schneller esfectuiren. 380 Dr. Frey: Was geschieht mit den Arbeiterinnen in der todten Zeit? Werden sie entlassen, oder setzen sie nur aus? — Exp. Dobrovojevics: Sie werden theilweise entlassen, theilweise pausiren sie einige Stunden im Tage. Sie kommen später in die Arbeit und gehen früher fort. Die todte Zeit dauert von Juni bis einschließlich August. Die Arbeiterinnen bekommen dann weniger zu arbeiten. Unser Betrieb ist ein so solider, daß wir auch in der schlechten Zeit beschäftigt werden. Der Herr läßt Lagerwaare machen, damit die Leute nicht so viel pausiren sollen. Sie haben auch in der schlechten Zeit ziemlich zu thun, obwohl sie es, weil sie wissen, daß nicht viel zu thun ist, mit dem Fleiße nicht so genau nehmen. Dr. Frey: Was geschieht in den Nühanstalten, wenn keine Saison ist? — Exp. Dobrovojevics: So viel mir bekannt ist, werden die Arbeiterinnen nicht entlassen, sondern sie pausiren nur. Es wird ihnen von der Frau gesagt: „Jetzt müssen wir warten, bis wieder was kommt!" Bei den Akkordsätzen ist es dann so, daß sie weniger verdienen, und Denjenigen, welche einen bestimmten Lohn haben, wird vom Lohne etwas abgezogen. Dr. Lode: Sie haben von Erkrankungen in einem Betriebe gesprochen. Können Sie überhaupt etwas Näheres darüber angeben? — Exp. Dobrovojevics: Wir haben fast gar keine Gelegenheit, mit den Arbeiterinnen in Berührung zu kommen, weil sie meist Hausarbeiterinnen sind oder in Nühanstalten arbeiten. Aber es ist mir gesagt worden, daß die Leute in jenem Betriebe in Folge der vielen Arbeit abgerackert und auch schlecht genährt waren. Es sind Einige an Schwindsucht und Lungentuberkulose erkrankt und gestorben. Dr. Lode: Kommt es vor, daß das Leder im zugeschnittenen Zustande noch einer Färbung unterzogen wird ? — Exp. Dobrovojevics: Nein, das Leder ist schon vollständig gefärbt. Dr. Lode: Ist Ihnen etwas bekannt über schädliche Farbstoffe bei der Handschuhleder-Fabrikation? — Exp. Dobrovojevics: Betreffs der Farben ist mir nur bekannt, daß in manchen Betrieben Kremserweiß bei weißen Fellen verwendet wird, weil diese, wenn sie etwas abgelegen sind, gelb werden. Dieses Kremserweiß ist bekanntlich ein sehr schädlicher Stoff. Er erzeugt, glaube ich, Bleikolik. Dr. Schüller: Sie sagten, daß eine Näherin 10 kr. für das Paar bekommt. Wie viel nähen bei Ihnen die Näherinnen täglich? — Experte Dobrovojevics: In der Regel 10, 11 Paar; wenn sie sich sehr anstrengen, bringen sie es auch aus 13, 14 Paar. Vorsitzender: Ist Ihnen bekannt, ob derselbe Lohn auch den Zwischenmeistern gezahlt wird? — Exp. Dobrovojevics: Während hier das „Ausfertigen" separat bezahlt wird, müssen die Nühanstalten dazu noch das Ausfertigen besorgen. Ueberhaupt sind die Nähanstalten billiger und zahlen auch ihren Arbeiterinnen weniger als die Meister. Ich habe schon erwähnt, daß in der Anstalt, wo das Accordsystem herrscht, 7 kr. per Paar gezahlt wird, während die Leute hier beim Meister 10 kr. bekommen. Es gibt auch Hausarbeiterinnen, die 12 und 13 kr. per Paar bekommen; die Preise sind eben sehr verschieden. Vorsitzender: Sind Sie auch über die Bandage n° Erzeugung insormirt? — Exp. Dobrovojevics: Nein, ich bin kein Bandagenmacher. Das ist ein separates Geschäft, aber wir sind in Verbindung, weil wir in einer Genossenschaft sind. Aus den Versammlungen ist mir bekannt, daß Collegen geklagt haben, daß auch bei der Baudagen- Erzeugung weibliche Arbeitskräfte verwendet werden. Eine bestimmte Zahl kann ich nicht angeben. Vorsitzender: Wir schreiten zur Vernehmung von Expertinnen aus der H utma ch erb ran ch e. Wir haben schon seinerzeit von Herrn 38l Hunnisch das Technische erfahren?) — Expertin Nr. 108: Ich bin seit 22 Jahren in einem Großbetriebe. Ich war früher nicht beim Geschäfte. Unser Haus ist sehr groß. Es sind dort sehr viel Leute, Männer und Frauen, beschäftigt; wie viele, weiß ich nicht. Wir haben 98 Walkerinnen; es sind nämlich 14 Maschinen, bei jeder sind sieben beschäftigt. Dann haben wir fünf Cylindermaschinen, auch bei diesen find je acht öder neun beschäftigt. Es sind meist ledige Frauen, bei leichteren Arbeiten werden auch sehr junge Mädel verwendet, aber bei der Walkerei nicht. Die Mädchen, welche hinkommen, müssen nicht lernen. Es wird ihnen gezeigt; daß sie es anfangs nicht so gut wie die Alten machen, ist richtig, aber sie arbeiten sich mit der Zeit ein. Als Anfangslohn haben sie 65 kr., dann 70, 75, 80, 85, 90 kr. pro Tag. Hausarbeit ist ausgeschlossen. Ob auch das Staffiren in der Fabrik gemacht wird, weiß ich nicht. Arbeitsvermittlung geschieht durch Anfragen. Die Leute kommen meistens täglich Früh in's Comptoir, und wenn man sie braucht, so werden sie ausgenommen. Der Lohn ist bei der Walkerei Zeitlohn. Ich habe 95 kr. pro Tag, weil ich die Aelteste in der Walkerei bin. Wie ich in's Haus gekommen bin, sind Alle mit 90 kr. aufgenommen worden. Dann ist ein Werkmeister gekommen, der den Lohn erniedrigt und die Mädchen mit 75 kr. aufgenommen hat. Die Mehrzahl der Walkerinnen hat 80 bis 85 kr. Lohn. Ueberstunden kommen schon seit einem Jahre nicht vor. Wir haben regelmäßig das ganze Jahr zu thun. Bei uns wird nicht ausgesetzt, aber bei den Leuten, die per Stück bezahlt werden, kommt es vor, daß sie nur drei Vierteltage arbeiten. Vorsitzender: Wie ist die Arbeit der Frauen in der Walkerei? — Exp. Nr. 108: Wir bekommen die Stumpen. Sie werden auf Fetzen gelegt und in kochend heißes Wasser eingetaucht, und dann werden sie^durch die Maschine durchgelaufen. Vorsitzender: Sie arbeiten also wie die Walker beim Kessel? — Exp. Nr. 108: Die Walker walken die Hüte mit der Hand. Wir haben nur die Zwisterei. Der Raum hat den Namen, weil früher dort die Hutmacher gewalkt haben. Wir sind aber jetzt abgesondert. Vorsitzender: Kommen die Stumpen von Ihrer Hand zu den Hutmachern, oder wird das Walken von Ihnen beendigt? — Exp. Nr. 108: Sie kommen dann nur zu den Anformern. Wir machen die Stumpen fertig. Vorsitzender: Sie vertreten also direct eine Männerarbeit, aber bei der Maschine? — Exp. Nr. 108: Ja. (Ueber Befragen.) In unserer Abtheilung kommen Strafen und Abzüge nicht vor. Ich habe in 22 Jahren ein einziges Sechserl Strafe gezahlt, weil ich zu spät gekommen bin. Für Plauschen oder wenn Einem in der Arbeit etwas pässirt, existiren keine Strafen; hie und da wird man ausgezankt. Wir arbeiten von 7 Uhr Früh bis 7 Uhr Abends und haben Mittags eine Stunde und Vor- und Nachmittags je eine Viertelstunde Pause. Diejenigen, welche im Stücklohn sind, können in der Saison auch den ganzen Tag ohne Pausen arbeiten, aber wenn weniger zu thun ist, arbeiten sie nur drei Viertel- oder einen halben Tag; sie kommen auch oft um 9 Uhr und gehen um 4 Uhr wieder fort. Das ist aber nur bei den Wäscherinnen, Glänzerinnen und Büglerinnen der Fall. Kündigung haben wir keine. Fabriksordnung haben wir zwar, aber sie wird von den Wenigsten beachtet, weil sie nicht lesen können. Die Arbeiterinnen sind Croatinnen, Böhminnen und Deutsche. Es werden vorzugsweise nur kräftige Mädchen ausgenommen. Dr. Hainisch : Bleiben die Maschinen während der Pausen stehen ? — Exp. Nr. 108: Ja. Dr. Hainisch: Wohin gehen Sie Mittags? — Exp. Nr. 108: Manche bleiben in der Fabrik, die Mehrzahl geht nach Hanse. Es hängt *) 6. Sitzung am 5. März 1896. 382 davon ab, wie weit die Leute wohnen. Es sind auch welche da, die im zehnten Bezirke, in Hcrnals, Währing, Ottakring wohnen; diese holen sich das Essen in die Fabrik. Dr. Schiff: Hängt die Fabriksordnung so, daß man sie lesen kann? — Exp. Nr. 108: Die Anderen können sie lesen, ich aber nicht, weil ich schlecht sehe. Dr. Schiff: Sind Sie im Betriebe sehr angestrengt? — Expertin Nr. 108: Man ist gezwungen, den ganzen Tag zu arbeiten. Ich stehe als Erste bei der Maschine und muß arbeiten, damit die Anderen Beschäftigung haben. Dr? Schiff: Arbeiten sich die Sieben an einer Maschine in die Hand? — Exp. Nr. 108: Ich arbeite nur für Vier. Wenn viel Leute da sind, wird zu mir Eine hingestellt, die muß die Andere vis-ä-vis von mir ablösen. Wir haben es auch schon so weit gebracht, daß die Meisterinnen selbst abgelöst werden. Die Arbeiterinnen müssen nämlich abwechseln, weil sie durch Hitze und Dunst aufgeregt werden. (Ueber Befragen.) Wir müssen die Stumpen in kochendes Wasser eintauchen und dann wieder herausziehen. Das Gefäß, in welches eingetaucht wird, ist ein hölzerner Bottich. Wir kommen mit den Fingern nicht in's Wasser. Wenn etwas geschieht, so ist es nur der Unvorsichtigkeit der Leute zuzuschreiben. So lange ich beim Geschäfte bin, ist mir noch gar nichts passirt. Vorsitzender: Wenn man den Stumpen herauszieht und die heißen Stellen aufaßt, brennt es wohl in den Fingern? — Exp. Nr. 108 : Die Hand gewöhnt sich mit der Zeit an die Hitze. Vorsitzender: Wie nehmen Sie die Stumpen heraus ? — Expertin Nr. 108: Sie werden in Fetzen eingerollt. Vorsitzender: Läuft Ihnen da nicht doch Wasser zwischen die Finger? — Exp. Nr. 108: Stein, weil ich nicht so dumm bin, es so lange in her Hand zu halten, bis das Wasser herunterläuft. Auch hat es nicht mehr eine so große Hitze, wenn es herunterläuft. Dr. S chiff: Warum braucht man dazu besonders starke Mädchen? — Exp. Nr. 108: Weil die Stumpen schwer sind. Dr. Schiff: Aber bei der Maschine braucht man nicht so starke Mädchen? Das läuft doch einfach durch? — Exp. Nr. 108: Ja. Dr. Schiff: Kann man mit den Fingern in die Maschine hineinkommen? — Exp. Nr. 108: Wenn man unvorsichtig ist, schon. (Ueber Befragen.) Geschenke machen wir nicht; früher war das der Fall, aber jetzt nicht. In der Fabrik wohnt außer dem Portier Niemand. Vorsitzender: Wie ernähren Sie sich? — Exp. Nr. 108: In der Früh esse ich Kaffee und Brot, eine Semmel ist zu theuer ; Mittags esse ich Suppe und Zuspeise, und wenn ich mehr Geld habe, kaufe ich mir vom Gasthause Fleisch; das kommt zwei-, dreimal in der Woche vor. Das Fleisch kostet 20 kr., die Suppe 5 kr., Zuspeise auch 5 kr., und weil die Kinder mit- essen, muß ich mehr nehmen. Das Essen kommt uns also aus 40 bis 50 kr. Abends esse ich ein Stückel Wurst oder Alle miteinander ein Gollasch. Vorsitzender: Verdienen die Kinder schon? — Exp. Nr. 108: Ja, aber jetzt haben sie schon mehrere Monate keine Arbeit. Mein Sohn ist 27 Jahre alt und Hilfsarbeiter, meine Tochter 21 Jahre und Posamentirerin, die muß oft aussetzen. Vorsitzender: Wie leben Ihre Colleginnen? — Exp. Nr. 108: Das weiß ich nicht, denn ich gehe Mittags immer nach Hause. (Ueber Befragen.) Das Arbeitslocal ist ebenerdig, es hat eine Glaswand mit Oberlicht. Es ist ziemlich groß und enthält ziemlich viele Maschinen. Die Maschinerie ist getheilt. Wir haben die 14 Maschinen beisammen, dann sind auch im Aeußeren und rückwärts Maschinen vorhanden. Wir haben znm Bewegen Raum genug; in dieser Richtung kann nichts geschehen. Das Vocal 383 ist luftig. Wir haben genügende Ventilation. Mittags bleiben Viele im Arbeitssaale, und wenn schönere Zeit ist, setzen sie sich in den Hof. Im Winter schlafen sie zusammen bei der Maschine. Bei uns fliegen keine Haare herum. In der Werkstätte ist es naß, weil viel mit Wasser umgegangen wird. Die Maschinen werden jede Woche geputzt, und zwar von uns selbst. Wir werden dafür extra bezahlt, die, welche d!e Walkmaschinen putzen, bekommen eine Stunde gezahlt, wir eine halbe Stunde. Die Reinigung erfolgt nach Feierabend. Wir haben zehn oder elf Aborte, gesondert für Männer und Frauen. Die Aborte werden von einem eigens dazu bestellten Weib gereinigt, welches ihren Tag - lohn hat wie jede Arbeiterin. Vorsitzender: Ist der Werkmeister in Ihrer Abtheilung anständig ? — Exp. Nr. 108: Mir hat er noch nichts gethan. Manchmal schimpft er, wenn Eine sich etwas zu Schulden kommen läßt; meistens ist es aber nicht so arg, wie er schimpft. Wenn er halt einen Zorn hat, schimpft er. Da heißt es gleich: „Ihr alten Mistviecher", „Ihr Ludern" und alle Namen. Wenn man schon alt ist, muß man schauen, daß man die Arbeit behält, da kann man keine Antwort geben. Vorsitzender: Es gibt im Geschäft auch viele männliche Arbeiter. Sind die jüngeren Mädchen von dieser Seite Anfechtungen ausgesetzt? — Exp. Nr. 108: Davon ist mir nichts bekannt. Ich kümmere mich auch nicht, weil ich keine Zeit dazu habe. Vorsitzender: Sind die Mehrzahl ledig oder verheiratet? — Exp. Nr. 108: Es sind sehrViele verheiratet. Heuer haben vielleicht 30 geheiratet, wovon ich früher gar nichts gewußt habe. Ich bin ledig. Meine Wohnung ist an: Neubau und besteht aus Zimmer und Küche. Ich zahle dafür sl. 10-66 monatlich. Ich wohne mit meinen zwei Kindern und habe ein Bettmädel, die zahlt wöchentlich 50 kr. Sie schläft mit meiner Tochter. Ich gehöre der allgemeinen Arbeiter-Krankencasse an und bin bei einem Leichenverein. Ich zahle 15 kr. wöchentlich. Die Unfallversicherung ist darin mitenthalten. Vorsitzender: Wie steht es mit den Vergnügungen? — Expertin Nr. 108: Wenn man Geld hat, kann man leicht fortgehen. Ich gehe auch in's Freie, wenn ich kein Geld habe. Habe ich häusliche Arbeiten zu verrichten, so muß ich zu Hause bleiben. Ich muß die Wohnung reinigen, waschen, flicken. Dr. Schiff: Wird Ihnen für die Unfallversicherung vom Umter- nehmer etwas abgezogen? — Exp. Nr. 108: Alle Jahre ein Zwanziger. Dr. Schiff: Warum kochen Sie nicht, wenn Sie Mittags nach Hause gehen? — Exp. Nr. 108: Weil ich keine Zeit dazu habe. Dr. Schiff: Die Wohnung kommt Sie auf sl. 2'10 in der Woche. Was geben Sie für die Kost aus ? — Exp. Nr. 108: Für das Frühstück 16 kr. ohne Brot. Am Abend ißt Jeder, was er will, oder man gibt das Geld zusammen und kauft sich ein Gollasch oder dergl. Das muß genug sein. Das kommt auf 20 bis 25 kr. Dr. Schiff: Was verdienen Ihre Kinder in der Woche? — Expertin Nr. 108: Mein Sohn hat Plätze gehabt, wo er-st. 0 und 10 gehabt hat, und solche, wo er st. 7 und 8 hat. Er muß mir meine Sachen bezahlen und sich selbst verköstigen. Meine Tochter hat sl. 6'50 gehabt. Früher hat sie Alles hergegeben, jetzt aber nicht mehr. Dr. Schiff: Sie sagten, die Mädel müssen in der Werkstätte von Zeit zu Zeit wegen der Hitze aussetzen. Dürfen sie abwechseln? — Expertin Nr. 108: Hinausgehen darf keine. Wenn es einer zu heiß ist, ersucht sie eine andere, für sie zu arbeiten. Vorsitzender: Also bei der schwereren Arbeit ist man nicht im Stande, ununterbrochen fortzuarbeiten?— Exp. Nr. 108: Manche arbeitet schon fort. Gar so schwer ist es nicht, weil ich schon 10 Jahre beim Bottich stehe, und ich bin nie abgelöst worden. Das ist erst seit zwei Jahren, daß wir 384 wechseln. Warum sollen wir, wenn Andere zu Drill stehen, den ganzen Tag Wickel machen, warum sollen wir nicht auch wechseln? Vorsitzender: Läßt es der Arbeitsproceß zu, daß Sie abwechseln, ohne daß der Herr einen Schaden hat? — Exp. Nr. 108: Er hat keinen Schaden, sür uns ist es aber eine Erleichterung. Dr. Ofner: Wie viel zahlen Sie bei dem Leichenverein? — Expertin Nr. 108: 12 kr. monatlich. Dr. Ofner: Was haben Sie von dem Leichenverein? — Expertin Nr. 108: Bei der Krankencasse werden, wenn ich sterbe, 25 st. gezahlt. Beim Leichenverein aber bekomme ich ein Leichenbegängniß, und außerdem werden sl. 30 gezahlt. Dr. Lode: Haben Sie eine besondere Arbeitskleidung? — Expertin Nr. 108: Ich bin so angezogen, wie ich auf der Straße gehe. Andere geben ihre Kleider in die Garderobe. Dr. Lode: Sie haben gesagt, daß große Nässe vorhanden ist. Da werden ja die Kleider durchnäßt? — Exp. Nr. 108: Das nicht. Man muß sich einen Fetzen umbinden, aber die Luft ist nicht so feucht, daß die Kleider naß werden. Dr. Lode: Haben Sie Ueberschuhe dort? — Exp. Nr. 108: Manche behalten die Schuhe an, Andere ziehen Pantoffel an. Experte Humitsch: Ich war in diesem Betriebe zehn Jahre beschäftigt und kenne ihn sehr genau. Die Betriebsmethode ist von der Expertin geschildert worden. In Bezug auf die hygienischen Verhältnisse des Arbeitsraumes wäre sehr viel zu wünschen. Im Sommer hat es an einzelnen Tagen im Arbeitslocal 36 Grad gehabt. Es gehen sehr viele Dampfrohre durch den Raum zu den einzelnen Bottichen, wo das heiße Wasser benöthigt wird. Weiters ist Oberlicht, so daß die Sonne den ganzen Tag hinbrennt. Da müssen im Sommer ein paar Hilfsarbeiter Wasser auf das Glasdach pumpen, damit die Hitze nicht zu stark wird. Durch die Intervention des Gewerbe- Jnspectors hat sich die Firma zu Ende der Achtziger-Jahre veranlaßt gesehen, Ventilationen einzurichten. Sie sind speciell eingeführt worden, weil seitens der allgemeinen Arbeiter-Krankencaffe darauf gedrungen wurde, irgend welche Vorkehrungen zu treffen, damit nicht so viele Erkrankungen vorkommen, wie sie bis dahin im Sommer in Folge der Hitze, im Winter in Folge der Nässe vorgekommen sind. Bevor diese Ventilationen eingerichtet waren, war es dort im Winter wie in einem Dampfbad. Im Uebrigen sind die Angaben der Expertin vollkommen richtig. Dr. Schiff: Was sind für Erkrankungen zumeist vorgekommen? — Exp. Humitsch: Die meisten sind durch die Erkältungen lungenkrank geworden. Auch nässende Flechten aus den Händen sind vorgekommen. Früher ist in das Wasser, damit sich der Kesselstein nicht so anlegt, eine Substanz gekommen, die sich durch das Tampfrohr verbreitet hat. Dr. Lode: Sind über den Kesseln, wo den ganzen Tag heißes Wasser ist und sich daher fortwährend Dunst entwickelt, eigene Abzugsschläuche, die mit der Ventilation in Verbindung sind? — Exp. Humitsch: Nein. Dr. Lode: Halten Sie es technisch für undurchführbar, daß solche Tampfsänger angebracht werden? — Exp. Humitsch: In einigen auswärtigen Betrieben sind solche eingeführt. Expertin Nr. 109: Ich bin im selben Betriebe beim Haarschariren. Ich habe eine Maschine, da stecke ich den Stumpen hinein. Ein Messer lauft hin und her. Ich bin bei dieser Arbeit allein. Ich bin bereits 14 Jahre im Betriebe und war immer beim Schariren. Wenn ich da gerade nichts zu thun habe, bin ich in einer anderen Abtheilung zur Aushilfe. Beim Schariren bin ich in der Bläserei zugetheilt. Mein Lohn beträgt 90 kr. Ueberstunden gibt es nicht. Strafen und Abzüge kommen nicht vor. 385 Vorsitzender: Kommen Sie nie zu spät? — Exp. Nr. 108 : Wir trachten schon, daß wir zurecht kommen. Vorsitzender: Aber Strafen bestehen dafür? — Exp. Nr. 108: Ja. Sonst würde ja Jedes zu spät kommen. Es wird zweimal geläutet; fünf Minuten vor und zum Beginn der Arbeit. Wenn Eine drei, vier Minuten später kommt, sagt der Werkführer noch nichts. Kommt sie aber fünf oder zehn Minuten später, so schreibt er sie auf. Manchmal brummt er blos mit ihr. Vorsitzender: Wie groß sind die Strafen? — Exp/Nr. 108: 10 kr., mehr nie. Sonst gibt es keine Strafen. Vorsitzender: Was geschieht mit den Strafgeldern? — Expertin Nr. 108: Früher sind sie vertheilt worden. Zu Neujahr haben die Fleißigen Prämien bekommen. Einmal habe ich auch etwas bekommen. Die Erste hat fl. 4, 5, und die Anderen haben fl. 2, 3, meist fl. 3 bekommen. Jetzt werden sie zu Krankenunterstützungen verwendet, weil die Krankencasse zu klein ist. Vorsitzender: Können sie viel ausbessern? — Exp. Nr. 108: Sie bessern zu, wenn sie's haben. Vorsitzender: Wie ist die Arbeitszeit? — Exp. Nr. 100: Elf Stunden. Im Sommer von «1 bis 0 Uhr, im Winter von 7 bis 7 Uhr. Vorsitzender: Wie ernähren Sie sich ? — Exp. Nr. 109: In der Früh Kaffee und ein Stück Brot; das esse ich im Geschäft, weil ich zu Hanse nicht so viel Zeit übrig habe. Zu Mittag gehe ich nach Hause. Da esse ich ein Gollasch oder Suppe, Fleisch und Zuspeise und ein Krügel Bier. Mein Mann ist Schuhmacher und ist zu Hause. Vorsitzender: Können Sie uns nicht sagen, wie Ihre Colleginnen leben, die in der Fabrik bleiben? — Exp. Nr. 109: Ich verkehre mit Niemandem. Man darf nicht verkehren. Wenn man nur ein Wort spricht, geht es wie ein Lauffeuer. Vorsitzender: Sie kochen nicht selbst? — Exp. Nr. 109: Nein, das kommt zu theuer, und man hat auch keine Zeit dazu. Vorsitzender: Kinder haben Sie nicht? — Exp. Nr. 109 : Nein. Ich habe auch sonst für Niemanden zu sorgen. Vorsitzender: Wollen Sie, Herr Hunnisch, uns über die Kategorien von Arbeiterinnen, die noch nicht vernommen sind, das Wissenswerthe sagen. — Exp. Humitsch: Die Theilung der Arbeit ist in dem Betriebe sehr weit vorgeschritten. Es gibt etwa 20 verschiedene Arten von Arbeiten. Die Arbeiter sind theils im Taglohn, theils im Stücklohn. Früher betrug der Taglohn 75 kr.; heute bekommt eine Arbeiterin, wenn sie auch schon eine alte Arbeiterin ist, beim Eintritt 05 kr., nach etwa drei Monaten 70 kr., und wenn sie brav ist, nach weiteren drei Monaten 75 kr. Dabei bleibt sie dann jahrelang stehen. Es findet ein ziemlich großer Wechsel statt. Die meisten Arbeiterinnen sind aus Schlesien, Croatien, Mähren u. s. w. Es sind meist solche Personen, die den Sommer über beim Baugewerbe beschäftigt sind. Im Winter ist der Andrang der Arbeiterinnen sehr groß, und da werden dann die stärksten ausgesucht und im Taglohn beschäftigt. Die jüngeren Arbeiterinnen, die eine Zeit lang im Taglohn beschäftigt sind, avanciren, wenn sie besondere Vorzüge haben oder wenn sie sauber und dem Vorgesetzten gefällig sind. Das erlebt man in allen Fabriken; ich habe es auch selbst erlebt. Dann kommen sie zur Stückarbeit und können bei einzelnen Arbeiten mehr verdienen. Bei den Maschinen sind vornehmlich Arbeiterinnen im Taglohn. Sie haben 05 bis 80 kr., selten 90 bis 95 kr. Ich habe seit 15 Jahren statistisches Material gesammelt und habe an die Arbeiterinnen Fragebogen ausgesendet. Aus diesen ist z. B. zu sehen, daß der Wochcn- verdienst einer Filzerin im Stücklohn mit fl. 3'50 angegeben ist. Vorsitzender: Wann ist das erhoben worden? — Experte Humitsch: Im Jahre 1893. Seitdem sind aber die Verhältnisse nicht 25 Fraueii-Enquüte. 386 besser, sondern nur schlechter geworden. Die Bogen haben die Leute selbst ausgefüllt. Vorsitzender: Es ist schwer, auf Grund dieser Fragebogen ein Urtheil zu fällen, wenn man nicht die Betreffenden vor sich hat. — Experte Humitsch: Ich habe in der Fabrik großen Spielraum gehabt, konnte mich in allen Localitäten bewegen, mit den Arbeiterinnen ungehindert verkehren, und da habe ich Alles erhoben. Vorsitzender: Die Wollfilzerinnen haben hier einen Lohn von fl. 8 im Durchschnitt verzeichnet. — Exp. Nr. 108: Mehr schon. Sie haben fl. 8 bis 9, wenn sie um 4 Uhr fortgehen. Wenn sie aber bis Abends arbeiten, kommen sie auf fl. 10 bis 12. Bei den Büglerinnen und Wäscherinnen ist es auch so. Vorsitzender: Ich möchte bitten, uns die Daten mitzutheilen, die Ihnen sicher bekannt sind. Wie viele Filzerinnen haben fl. 9 und 10 und wie viele fl. 7 und 8? — Exp. Nr. 108 : Die jüngeren haben fl. 7, 8 und 9. Da kommt es übrigens sehr auf die Schnelligkeit an. Vorsitzender: Ist das nicht eine Arbeit, bei der man viel Staub schlucken muß? — Exp. Nr. 108: Nein, weil der Filz bespritzt wird. — Exp. Humitsch: Die Löhne der Arbeiterinnen bei den Walk- und Zwister- maschinen sind bereits angegeben worden. Die Glänzerinnen kommen durchschnittlich auf fl. 10. — Exp. Nr. 108: Auch nicht immer, weil es jetzt schlechter geht. — Exp. Humitsch: Aber in der guten Zeit verdienen sie fl. 14 bis 16. In der stillen Zeit können sie nur halbe Tage arbeiten öderem paar Stunden, dann können sie nach Hause gehen. Da kommen sie manchmal nur auf fl. 3, 4 und 6. In der Saison aber werden gerade bei dieser Kategorie die meisten Ueberstnnden gemacht, und da verdienen sie fl. 12 bis 16. Natürlich auch nicht jede Arbeiterin, sondern nur die geschulten. Vorsitzender: Wie lange werden da Ueberstunden gemacht? — Exp. Humitsch: In den großen Betrieben wird so manipülirt: Zuerst werden in einer Abtheilung durch sechs Wochen Ueberstunden gemacht, dann in einer anderen, so daß das vier, fünf Monate in einer Tour fortgeht. Vorsitzender: Wie viel Stunden pro Tag? — Exp. Humits ch: Zwei. Früher ist auch an Sonntagen manchmal gearbeitet worden. Wenn die Commission gekommen ist, haben sich die Arbeiter verstecken müssen. Vorsitzender: Wann war das? — Exp. Humitsch: Im Jahre 1889. Vorsitzender: Werden häufig Ueberstunden gemacht? — Experte Humitsch: Im vorigen Jahre sind dem Unternehmer keine Ueberstunden bewilligt worden, weil er die Sache zu sehr übertrieben hat. Vorsitzender: Sonn- und Feiertagsarbeit kommt nicht mehr vor? — Exp. Humitsch: An Feiertagen wird regelmäßig gearbeitet, an Sonntagen nicht, höchstens Reparaturen an den Maschinen. Wir kommen nun zu den Reiberinnen. Die waren früher in demselben Verhältnisse wie die Filzerinnen und Glänzerinnen. Jetzt läßt aber die Arbeit ganz nach, weil die Arbeit auf den Glänzmaschinen gemacht wird. Heute ist der Durchschnittsverdienst dieser Arbeiterinnen fl. 5 bis 6. Sie haben eine sehr ungesunde Arbeit, weil sie sehr viel Staub schlucken müssen. An den Steifmaschinen sind in den großen Betrieben wieder Hilfsarbeiterinnen, die im Taglohn sind. Die Ausschneiderinnen sind im Stücklohn. Sie haben einen Durchschnittslohn von fl. 4-50. Dann kommen wir zu den Plattirerinnen. Das ist die schwerste Arbeit. In Wien werden nur wenige beschäftigt. In Prag ist eine große Fabrik, wo sehr viele Plattirerinnen beschäftigt sind. Die haben einen Taglohn von 50 bis 60 kr. Auch in der Hutfabrik in St. Veit sind zehn Plattirerinnen, die einen Taglohn von 80 kr. haben. Dr. Schriller: Was haben die zu machen? — Exp. Humitsch: Der Hut wird zuerst gesteift. Dann kommt er in den Dampf hinein; darin muß er sehr heiß gemacht werden, damit er elastisch wird. Dann müssen die Arbeite- 387 rinnen die Hüte nehmen und auf die Formen aufziehen. Das muß mit großer Kraft geschehen, damit der Hut, wenn er zum Bügeln oder in die Presse kommt, keine Falten macht. Wenn er schlecht aufgezogen ist, verliert er die Form. Beim Aufziehen des Hutes auf die Form ist er sehr heiß, so daß nur Jemand halten kann, der schon daran gewöhnt ist. Es kommen aber auch bei diesen Arbeiterinnen oft Blasen vor, oder sie schinden sich die Knöchel ab, daß das Blut herunterrinnt, wenn sie beim Herunterziehen nicht aufpassen. Dr. Schüller: Gibt es dafür keine Maschinen? — Exp. Humitsch: Plattirt muß der Hut werden, dann kommt er in die Preßmaschine. Für das Aufziehen gibt es keine Maschinen. Dr. Schüller: Machen das die Frauen nicht schlechter als die Männer? — Exp. Humitsch: Von den Arbeiterinnen werden nur die weichen Hüte gemacht. Die steifen Hüte machen die Männer. Der Werkmeister paßt sehr genau auf, und wenn die Arbeiterin etwas nicht in der Ordnung macht, so wird sie bestraft. V o rsitzender: Ich habe ja früher gefragt, ob keine Strafen vorkommen, und da haben Sie gemeint, nur wegen des Zuspätkommens. — Exp. Humitsch: Daß Schadenersatz geleistet werden muß, haben ja die Büglerinnen und Staffirerinnen constatirt. Dann kommt die Färberei, wo die Waschmaschinen sind. Dort sind die Arbeiterinnen im Taglohn. Die Hüte kommen zuerst in eine Stampfe, und dann werden sie aus dem Bottich mit der Hand gewaschen. Dann kommen wir zu der Decartirarbeit, wo die Arbeiterinnen im Taglohn stehen. Hier sind sie bei den Schleudermaschinen. Bei der Presse sind hauptsächlich Arbeiter beschäftigt. Dann sind die Mädchen in der Trocknerei, welche die Stumpen hin- und Hertragen müssen. Dazu nimmt man am liebsten junge Mädchen; sie haben gewöhnlich 50 kr. pro Tag. Vorsitzender: Wie lange sind Sie aus dem Betriebe? — Exp. Humitsch: Ich bin im Jahre 1889 ausgetreten, bei dem großen Strike. Vorsitzender: Dann werden sich die Verhältnisse in Bezug auf die Behandlung wohl geändert haben? — Exp. Humitsch: Da ändert sich nicht viel. Vorsitzender: Was wissen Sie in Bezug auf die Behandlung der Mädchen und Frauen? — Exp. Humitsch: Nach meinen Erfahrungen ist es so, wie die Expertin gesagt hat. Es war ein Werkmeister dort, welcher die Frauen nicht anders titnlirt hat, als es gesagt worden ist. Wenn die Mädchen geplauscht haben, ist der Werkmeister gleich dazwischen gefahren und hat sie angeschrien. In Bezug auf die Organisation sind die Unternehmer sehr schlau vorgegangen. Wie wir im Jahre 1893 darangegangen sind, die Frauen dazu heranzuziehen, sind Diejenigen, die das veranlaßt haben, hinausbugsirt worden, und die Fabrikanten, respective ihre Helfershelfer, die Buchhalter, haben eine Privat-Krankencasse gegründet, wofür alle Wochen 3 kr. zu zahlen waren. Wenn Jemand krank geworden ist, sollte er außer dem Krankengelde noch eine Unterstützung aus dieser Casse erhalten. Die Strafgelder sind natürlich auch dazu gekommen. Für diese Privat-Krankencasse wird alljährlich ein Kränzchen veranstaltet. Wenn ich nicht irre, so war dieses Kränzchen gestern beim Wimberger — Exp. Nr. 108: Ja, gestern war's. — Exp. Humitsch: Es ist schade, daß das die eine Staffirerin nicht constatirt hat. Sie ist eine Hausarbeiterin. Ihre Meisterin hat immer zu ihr gesagt: Nehmen Sie eine Karte. Sie hat geantwortet, ich habe kein Geld. Weil sie nun keine Karte genommen hat, ist sie mit der Arbeit sekirt worden, und die Meisterin hat gesagt, wer keine Karte nimmt, wird entlassen. Diese Krankencasse ist nur zu dem Zwecke gegründet worden, um die Leute von uns abwendig zu machen. Es ist schwer, den Leuten beizukommen, weil von den Buchhaltern u. s. w. möglichst auf die 25 * 388 Leute eingewirkt wird. Die Leute fühlen sich ganz glückselig, wenn sie vielleicht mit ihren Vorgesetzten an einem Tische sitzen dürfen. Vor sitzend er (zur Exp. Nr. 108): Sind Sie in Ihrer Abtheilung vor dem Feste angegangen worden, daß Sie Karten nehmen müssen? — Exp. Nr. 108: Nein. Vorsitzender: Waren Sie beim Kränzchen? — Exp. Nr. 108: Ich habe keine Zeit dazu. Vorsitzender: Es waren vier Expertinnen geladen. Können Sie uns nicht sagen, warum es so schwer ist, aus den verschiedenen Fabriken Expertinnen herzubekommen? — Exp. Humitsch: Ich habe bereits das letzte Mal constatirt, daß, wenn es verrathen wird, daß eine Arbeiterin hier ist, sie fürchtet, ihren Posten zu verlieren. Von der St. Veiter Fabrik können wir absolut keine Expertin bekommen, und von dort wären sehr interessante Sachen zu berichten. Die Staffirerinnen zum Beispiel müssen in der Saison die halbe Nacht in der Fabrik arbeiten, oft auch die ganze Nacht. Es sind dann in den Fabriksräumen Strohsäcke, damit sie sich ein paar Stunden niederlegen können. Vorsitzender: Gerade bezüglich solcher Betriebe wäre es nothwendig, die Verhältnisse zu constatiren. —Exp. Humitsch : Ich habe diese Zustände öffentlich in der Presse gegeißelt. Es ist aber von der Fabriksleitung keine Entgegnung gekommen. Wenn ich nicht unwiderlegliche Thatsachen eonstatirt hätte, so würden mich die Unternehmer gewiß beim Kragen gepackt haben. Schluß der Sitzung 5 Uhr 45 Minuten Nachmittags. 22. Sitzung, Dienstag, 24. März 1896. Vorsitzender: Wiiielshöfer. Beginn 7 Uhr 15 Minuten Abends. Vorsitzender: Wir vernehmen zuerst eine Expertin aus der Fabrikation von künstlichem Fischbein. — Exp. Nr. 110 (über Befragen): Der technische Vorgang ist folgender: Die Hörner kommen in die Fabrik, werden gereinigt, mit der Maschine durchgeschnitten und hierauf zwei bis drei Minuten in heißem, siedendem Wasser ausgeweicht, hierauf gepreßt, damit sie glatt werden. Dann werden sie von Männern gehobelt und von Frauen gestutzt. Beim Stutzen werden Handmaschinen verwendet, welche die Frauen selbst mit dem Fuß in Betrieb setzen. Das ist eine anstrengende Arbeit. Man muß dabei mit dem Centimetermaß messen und hierauf mit den: Messer stutzen. Dann wird das Fischbein nach der Länge sortirt, dann kommt es zum Vorrichten, wo Packete zu einem Viertel- und einem halben Kilogramm gemacht werden, und dann wird es expedirt. In der Fabrik sind über 100 Leute, und zwar mehr Frauen als Männer beschäftigt. Ich bin vor dem 14. Lebensjahre hineingekommen und schon einige Jahre dort. Es wird das ganze Jahr gearbeitet. Nur vor den großen Feiertagen ist etwas weniger Arbeit. Es wird auch Arbeit nach Hause gegeben, und zwar das Großbinden. Es werden dabei immer je zwölf Stück Fischbein zusammengebunden. Diese Arbeit wird von den Frauen der Werkführer gemacht, von welchen zwei in der Fabrik und einer außerhalb wohnt. Es ist nicht schwer, das Stutzen zu lernen; man braucht dazu zwei bis vier Wochen. Es gibt bei uns viele 389 Lehrmädchen, die zum Aussuchen des Abfalles, für Gänge zur Post u. s. w. verwendet werden. Die Lehrmädchen werden nicht aufgedungen, sie sind nur Hilfsarbeiterinnen und sind schon nach einigen Wochen abgerichtet. Ich selbst habe 14 Tage gebraucht, bis ich die Arbeit erlernt habe. Wir haben keine Arbeitsvermittlung. Was mich betrifft, so habe ich, als ich noch in die Schule gegangen bin, davon gehört und'habe mich gemeldet. Jetzt kommen die Mädchen einfach in die Fabrik, und wenn Jemand gebraucht wird, werden sie aufgenommen. Der Wechsel in der Fabrik ist sehr stark. Erst heute sind drei Mädchen davongelaufen, die eine wegen schlechter Arbeit, mit der zweiten war der Werkführer etwas brutal, die dritte ist vom Herrn ausgezankt worden. Ich bin die einzige, die so lange dort im Geschäft ist. Wir haben keine K ü n d i g u n g sf r i st. Unsere Arbeitszeit ist von 7 bis 12 und von 1 bis 6 Uhr. Frühstück und Jause müssen wir während der Arbeit nehmen. Es wird das ganze Jahr gleichmäßig zehn Stunden gearbeitet. Ueberstunden kommen nicht vor. Früher ist auch an einigen Sonntagen gearbeitet worden; in letzter Zeit ist es nicht vorgekommen. Feiertagsarbeit haben wir nicht. Sowohl beim Sortiren, als veim Stutzen sind Arbeiterinnen zum Theil im Taglohn, zum Theil im Accord. Ich arbeite im Taglohn und bekomme st. 4'29 wöchentlich. Für die Krankencasse werden mir nämlich 17 kr. und für die Reinigung 4 kr., oder vielleicht 2 kr. für Reinigung und 2 kr. für Unfallversicherung abgezogen; das weiß ich nicht genau. Im Accord verdienen sich die Arbeiterinnen etwas mehr. Beim Sortiren kommen sie auf st. 5. Beim Stutzen bekommt sie 20 Kilogramm, die muß sie fertig stellen. Dafür erhält sie 3 kr. für's Kilogramm, sie verdient also täglich 60 kr., wenn sie aber bessere Arbeit haben, können sie es auf st. 6 wöchentlich bringen. Es gibt in der Fabrik Mädchen, die beinahe ein halbes Jahr da sind und erst 45 Kreuzer haben. Männer sind nur beim Hobeln und Pressen beschäftigt. Sie nehmen keine Arbeit nach Hause und verdienen im Anfang fl. 5'50 bis 7. Der älteste Arbeiter beim Pressen hat fl. 12. Es kommen bei uns Strafen vor, welche der Herr oder der Werkführer bestimmt. Wenn z. B. eine oft in's Magazin hinauslauft, wird sie mit 10 bis 15 kr. bestraft. Auch die Accordarbeiter unterliegen dieser Strafe. Wenn der Herr selbst in der Fabrik ist, wird auch für's Zuspätkommen gestraft. Der Werkführer aber sagt nichts. Wir haben eine Fabriksordnung, in welcher die Strafen bestimmt sind. Dr. Schwiedland: Wer besorgt das Durchlöchern der Hornstreifen? — Exp. Nr. 110: Vier Mädchen. Von diesen hat eine fl. 6, die anderen haben fl. 2'50 bis 3'60. Diese Arbeit wird nicht per Stück gezahlt und besteht darin, daß die Mädchen die Plättchen unter die Maschine legen und mit dem Fuß auftreten. Dr. Schwiedland: Wird kein gesundheitsschädliches Material verwendet, durch welches die Finger „schwürig" werden? — Exp. Nr. 110: Das kommt beim Poliren vor, aber woher das rührt, weiß ich nicht. Dr. Osner: Was bekommen die Heimarbeiterinnen gezahlt? — Exp. Nr. 110: Das weiß ich nicht genau, ich glaube, 4 kr. für's Groß. Dr. Osner: Wie viel können Sie selbst von Ihrer Arbeit in einer Stunde machen? — Exp. Nr. 110: Das ist verschieden, das weiß ich nicht. (Ueber Befragen.) Das Arbeitslocal besteht aus drei Werkstätten. Ich selbst bin in jener Werkstätte, wo packetirt, vorgerichtet, gestutzt, geschabt und sortirt wird. Dieselbe hat sechs bis sieben Fenster, und es sind 70 bis 80 Personen beschäftigt. Es ist so ziemlich Platz darin, es steht halt ein Tisch neben dem anderen. In dem Local wird sehr viel Lärm durch sechs Maschinen verursacht. Auch ist sehr viel Staub drin, aber nicht so viel wie im zweiten Saal, wo polirt, gebimst und geschnitten wird. Es sind Ventilationen vorhanden und werden auch die Thüren und Fenster geöffnet. 391) Im Winter ist es im Local öfters kalt, weil dort Dampfheizung ist, welche den Anforderungen nicht entspricht. Das Local wird mit Gas in genügender Weise beleuchtet. Wir müssen uns kein Material zur Arbeit selbst anschaffen. Jetzt wird das Local über Mittag gesperrt, weil die Accordarbeiterinnen auch während der Mittagszeit gearbeitet haben und der Herr es dann untersagt hat, daß das Local zu Mittag offen bleibt. Auch die Wochenarbeiterinnen haben zu Mittag gearbeitet, weil sie nicht fertig wurden. Denen hat der Herr gesagt, daß sie über Mittag arbeiten müssen; er hat ihnen aber 6 bis 8 kr. für die Stunde gezahlt. Im Winter wurde in der Werkstätte gegessen. Mit den Aborten ist es schlecht bestellt. Es existirt nur ein Abort für 80 Personen, der einmal in der Woche gereinigt wrrd. Vorsitzender: Sie zahlen 2 kr. für diese Reinigung, also bei 80 Leuten fl. 1'60. Bekommt dieses Geld die Arbeiterin, welche das Reinigen besorgt? — Exp. Nr. 110: Nein, sondern das wird an die Fabrik gezahlt. Die Arbeiterin, welche die Aborte reinigt und nach Feierabend auskehrt, bekommt vielleicht 50 bis 60 kr. (Ueber Befragen des Vorsitzenden.) Bei der Arbeit wird man sehr staubig und schmutzig. Wir dürfen uns aber, wiewohl wir bei der Dampfheizung warmes Wasser und ein Lavoir zur Verfügung hätten, nur nach der Arbeit waschen, weil sonst der Herr schimpft. Seife und Handtuch bekommen wir nicht. Als Vorgesetzte haben wir die Werkführer. Diese sind sehr freundlich. Ueber den Herrn selbst aber ist sehr viel zu klagen. Er ist sehr roh. Ob eine jung oder alt, ledig oder verheiratet ist, mit jeder Arbeiterin spricht er per „Du" und sehr grob. Wenn eine zu ihm kommt und eine Zulage haben will, so sagt er: „Sei froh, daß Du lebst, und schau, daß Du weiter kommst." Eine hat gesagt, daß sie für ein Kind zu sorgen hat, da antwortete er: „Was kümmert mich Dein Kind?" und hat zu ihr so gesprochen, daß ich es gar nicht wiederholen kann. Vorsitzender: Wie alt ist der Herr? — Exp. Nr. 110: Er dürfte 38 Jahre^ alt sein. Er schimpft den ganzen Tag: „Saubagage, Gesindel, ich werfe Euch hinaus!" Er schlägt sogar die jüngeren Mädchen mit den Packerln auf den Kopf und auf die Hand und stößt sie herum. Dr. Ofner: Ist er gegen die jungen Mädchen auch zudringlich? — Exp. Nr. 110: Das nicht. (Ueber Befragen.) Von den Arbeitern benehmen sich manche in unpassender Weise. Geschenke an Vorgesetzte kommen nicht vor. Dr. Ofner: Wird das Local nicht gewaschen? — Exp. Nr. 110: Das letzte Mal zu Ostern. (Ueber Befragen.) Ich wohne mit meinem Kind zusammen bei den Eltern. Mein Vater verdient fl. 7 in der Woche. Meine Mutter ist alt und bleibt mit dem Kinde zu Hause. (Ueber Befragen.) In der Früh trinke ich zu Hause Kaffee. In die Fabrik nehme ich mir für das Gabelfrühstück nichts mit. Zu Mittag esse ich zu Hause wieder Kaffee mit der Mutter und den: Kind. Der Vater ißt außer Hause und braucht dafür 20 kr. Nachmittags nehme ich auch nichts in die Fabrik mit. Am Abend kocht die Mutter jeden zweiten Tag Fleisch und Gemüse und sonst Erdäpfel- suppe oder dergl. Am Sonntag essen wir zu Mittag immer Fleisch. Ich bin nicht in der Organisation und weiß auch nicht, ob derselben Arbeiterinnen der Fabrik angehören. (Ueber Befragen.) Ich kann keine Unterhaltungen oder dergl. mitmachen, auch keinen Ausflug. Höchstens gehe ich mit dem Kind spazieren. Dr. Ofner: Wie wohnen Sie? — Exp. Nr. 110: Wir haben Zimmer und Küche und zahlen dafür fl. 13'50. Darin wohnen Vater, Mutter, meine Schwester, ihr Mann, ich und mein Kind. Vorsitzender: Haben Sie noch etwas zu bemerken? — Expertin Nr. 110: Ich muß mich ganz speciell über meinen Herrn beklagen. Die Bezahlung ist sehr schlecht. 391 Vorsitzender: Der Inhaber eines Etablissements aus der Confectionsbranche, Herr Ernst von Wagner, Chef der Firma Ch. Drecoll, hat sich als Experte angemeldet. Sie haben erst seit Kurzem das Geschäft übernommen, können Sie uns auch über die Verhältnisse in demselben, wie sie in früherer Zeit waren, Auskunft geben? — Exp) v. Wagner: Ja. Ich beschäftige momentan ungefähr 200 Personen, und zwar etwa 15 Percent mehr Männer als Frauen. Bei dem höchsten Stande werden 250, bei dem niedrigsten 150 Personen beschäftigt; letztere bleiben das ganze Jahr im Unternehmen. Es kommt aber auch vor, daß die Arbeiter wechselweise aussetzen. Das wird so eingerichtet, damit nicht ein Theil ganz unbeschäftigt bleibe. Vorsitzender: Es hat eine Expertin ausgesagt, daß* es in den Salons oft Monate gebe, wo gar nichts zu thun sei. — Experte von Wagner: Das mag sein, bei uns ist das nicht der Fall. (Ueber Befragen des Vorsitzenden.) Wir machen sowohl Kleider als Confectionswaare, und zwar Alles im Hause. Die Männer machen die schwere Arbeit, die gründlicher gemacht werden muß. Sie machen Röcke, Taillen, Confectionswaare, und nur die leichten Sachen, die Garnituren rc., werden von den Frauen gemacht. Die einfachen Schöße werden theils von Männern, theils von Frauen gemacht, je nachdem die Arbeit schwerer oder leichter ist. Vorsitzender: Waren Sie schon früher in Wien thätig, bevor Sie das Geschäft übernommen haben? — Exp. v. Wagner: Ich bin erst seit August vorigen Jahres in Wien. Ich war früher in Frankreich, Holland und Deutschland, in Wien aber nicht. Vorsitzender: Man hat uns gesagt, daß die schlechteste Zeit im Juli sei. — Exp. v. Wagner: Das ist richtig; ich habe das aus den Büchern ersehen. (Ueber Befragen des Vorsitzenden.) Unsere Arbeiterinnen sind aus ganz verschiedenen Kreisen. Es sind welche darunter, die aus sehr guten Familien sind, die es aber doch nöthig haben, Geld zu verdienen, dann wieder solche aus niedrigeren Familien. Wir machen da natürlich keinen Unterschied, weder in Hinsicht auf die Leistung, noch auch auf die Bezahlung. Vorsitzender: Es gibt wohl bei Ihnen auch Anfängerinnen? Sind die Lehrmädchen ausgedungen? — Exp. v. Wagner: In unserem ganzen Betriebe sind nur zwei Lehrmädchen. Das geht von der Genossenschaft aus; man soll nicht mehr als zwei Lehrmädchen im Ganzen haben. Diese zwei werden ausgedungen, nachdem sie bei uns zwei Jahre gearbeitet haben. Von diesen beiden ist eine die Tochter eines Briefträgers. Ueber die Familie der anderen kann ich keine Auskunft geben. Die Lehrmädchen werden sogleich zur Arbeit gesetzt und nähen zuerst leichte Arbeiten. Sie haben keine Gänge zu machen; höchstens im Hause selbst müssen sie von einer Arbeitsstube in die andere gehen, um etwas zu holen, aber auch das ist selten. Für diese Gänge im Hause haben wir nämlich die sogenannten „Zubringerinnen", das sind fertige Arbeiterinnen, von welchen in jedem Atelier eine vorhanden ist, welche die Arbeit den Arbeiterinnen zubringt. Vorsitzender: Müssen die Lehrmädchen nicht bügeln? — Experte v. Wagner: Je nachdem es mit ihrer Arbeit zusammenhängt. Im Allgemeinen bügeln die Arbeiter und Arbeiterinnen selbst. (Ueber Befragen des Vorsitzenden.) Die Lehrmädchen haben zunächst die Arbeit des Einfütterns, dann das Nähen von ganz glatten Sachen, bis sie etwas geschickter werden. Hierauf bekommen sie allmälig schwerere Sachen, bis sie ganz ausgebildet sind. Vorsitzender: Bleiben sie denn nicht bei bestimmten Arbeiten? — Exp. v. Wagner: Es kommt vor, daß ein Arbeiter das Departement, die Branche wechselt, aber das ereignet sich dann nur, wenn gerade bei einem Fach mehr zu thun ist. Auch bei den Lehrmädchen ist es so. Die bleiben auch gewöhnlich bei ihrem Fach. 392 Vorsitzender: Dann haben die Lehrmädchen doch nicht die verschiedenen Arbeiten gelernt? — Exp. v. Wagner: Es werden die Lehrmädchen entweder auf Aermel oder auf Schöße oder aus Taillen ausgebildet, da sie als Arbeiterinnen auch bei ihrem Fach bleiben. Vorsitzender: Sie kann also nicht ein ganzes Kleid nähen? — Exp. v. Wagner: O ja, sie wird als Lehrmädchen zu Allem verwendet, bekommt aber nur in Bezug auf ein Fach eine ganz specielle Ausbildung. Vorsitzender: Lernt sie auch das Zuschneiden? — Experte v. Wagner: Nein, da muß sie sich unterrichten lassen oder in eine Schule gehen. Vorsitzender: Thun das die Lehrmädchen bei Ihnen? — Experte v. Wagner: Das weiß ich nicht. Vorsitzender: Woher nehmen Sie neue Arbeiterinnen? — Exp. v. Wagner: Die Ausnahme erfolgt sehr oft durch Recommandation anderer Arbeiterinnen oder in Folge von Zeitungs-Annoncen. Wenn wir inseriren, ist immer ein sehr starker Zuspruch. Da sind immer Mädchen, die schon in anderen Ateliers waren, aber momentan ohne Arbeit sind. Wenn ausgesetzt werden muß, so sagt man das den Mädchen den Abend vorher, oder sie fragen selbst schon an, ob sie am nächsten Tag arbeiten sollen. Dr. Schwiedland: Sie haben ganz verschiedene Kategorien von Arbeiterinnen; die Probirmamsellen sind wohl völlig verschieden von den Nähmädchen? — Exp. v. Wagner: Was ich gesagt habe, bezieht sich lediglich aus die Nähmädchen. Dr. Schwiedland: Welches sind nun also die verschiedenen Typen von Arbeitern, die Sie beschäftigen? — Exp. v. Wagner: Da ist zunächst der erste Arbeiter oder Zuschneider, welcher am besten gestellt ist. Dann kommen Damen, welche anprobiren, und zwar meistens im Local, selten in den Wohnungen der Kunden. Es sind deren drei, sie haben Monatsgehalte. Dann kommen die Garnirerinnen, von welchen in jeder Abtheilung eine ist. Das sind die sogenannten „Ersten" der Abtheilung, die besorgen den Aufputz u. s. w. und haben in jedem Atelier die Aussicht. Dr. Schwiedland: Wer stellt die neuen Modelle zusammen? — Exp. v. Wagner: Das ist eine Sache, welche den Chefs selbst zukommt. Dr. Schwiedland: Welches sind nun die weiteren Leute? — Exp. v. Wagner: Da haben wir die Zubringerinnen, welche die Fourni- turen und Zubehör holen und in die einzelnen Abtheilungen tragen. Diese sind nicht Aufsichtsorgane; für das ganze Etablissement gibt es noch zwei Aufpasserinnen, welche noch über dem Zuschneider stehen. Sie müssen controliren, ob immer gearbeitet wird, ob Jeder seine Arbeit hat, und auch die größeren Arbeiten der betreffenden Arbeiterin in die Hand geben. Wir haben acht Ateliers. Mehrere Arbeitsräume zusammen bilden nämlich ein „Atelier". In dem einen werden Taillen, in dem anderen Aermel gemacht, in dem dritten Schöße n. s. w. Dr. Verkauf: Ist es nicht so, daß die Arbeiter den Arbeiterinnen in die Hand arbeiten? — Exp. v. Wagner: O ja, bei gewissen Kategorien hat ein Arbeiter zwei Mädchen neben sich sitzen, die ihm die leichten Stücke machen. Dr. Verkauf: Haben Sie, seitdem Sie in Wien sind, schon eine schlechte Arbeitszeit gehabt? — Exp. v. Wagner: Ja. Dr. Verkauf: Entlassen Sie da zunächst die Männer oder die Frauen? — Exp. v. Wagner: Wenn ich mehr Taillenrarbeit habe, so lasse ich zunächst die Mädchen fort. Wenn wieder andere Kategorien von Arbeit, welche Mädchen besorgen, noch vorhanden sind, so entlasse ich wieder die Männer. Dr. Verkauf: Geht es nicht an, die Männer auch bei difficiler Arbeit durch Frauen zu ersetzen? — Exp. v. Wagner: In Wien nicht, 393 anderwärts machen die Frauen dieselbe Arbeit wie die Männer, und zwar auch in schwereren Stoffen und mit derselben Geschicklichkeit. Dr. Verkauf: Also die Männer sind nicht technisch tüchtiger? — Exp. v. Wagner: Gewiß sind sie tüchtiger, denn was ich bezüglich der Verwendung von Frauen an Stelle der Männer sagte, bezieht sich nur auf die Costümbranche. Sobald es in die Confeetionsbranche geht, werden auch im Ausland nur Männer verwendet. Dr. Verkauf: Ich habe gehört, daß man in letzterer Zeit versucht hat, zu gewissen Zeiten manche Artikel, welche Männ'erarbeit sind, von Frauen machen zu lassen, und daß deshalb die Männer früher aussetzen müssen. — Exp. v. Wagner: Ob Männer oder Frauen früher aussetzen, hängt nur von der Mode ab. Zum Beispiel jetzt werden viel Blousen getragen und leichte Garnituren. Das kann ein Mann gar nicht machen. Dr. Verkauf: Wird während des Ausfetzens den Arbeiterinnen eine Entschädigung geboten? — Exp. v. Wagner: Nein, aber es steht ihnen frei, sich um andere Arbeiten umzusehen. Vorsitzender: Wirkt in Bezug auf die Verwendung voll Männern und Frauen nicht auch die Jahreszeit mit? — Exp. v. Wagner: Gewiß ; für Wintertoiletten werden mehr die Männer in Anspruch genommen, für Sommertoiletten mehr die Frauen, weil das leichtere Arbeit ist. Null sind im Sommer aber mehr Fremde da, deren Bestellungen mehr von männlichen Arbeitern gearbeitet werden, und im Winter ist wieder die Ballsaison, wo leichte Arbeit gebraucht wird, welche für Frauen geeignet ist. Vorsitzender: Bei Ihnen gleicht sich das also durch die vieler! Fremden aus. Halten Sie es für möglich, daß in anderen Salons überhaupt die vorwiegende Anzahl der Arbeiter nur durch fünf bis sechs Monate beschäftigt wird? — Exp. v. Wagner: Diese Frage kann ich nicht beantworten. Dr. Schüller : Sie haben von August bis jetzt Ihre Firma geleitet. Wie lange war während dieser Zeit schwache Saison? — Experte v. Wagner: Höchstens sechs Wochen, während welcher Zeit wir statt 250 nur 150 Arbeiter hatten. Auch während der übrigen Zeit hat man nicht alle 250 beschäftigen können, aber doch immer 200 oder mehr. Dr. Schüller: Wie lange dürfte eine einzelne Arbeiterin von August bis jetzt gearbeitet haben? — Exp. v. W a gn er: Das kann ich momentan nicht sagen, aber nach den Lohnbüchern kann ich das sehr leicht constatiren. Ich könllte einen Auszug machen lassen und ihn den Herren zur Verfügung stellen. Smitka: Sie haben davon gesprochen, daß zeitweise Blousen stark gehen. Ist das auch in der kühleren Zeit der Fall oder nur im Sommer? — Exp. v. Wagner: Die Blousen sind auch in diesem Winter viel getragen worden. Smitka: Deshalb beschäftigen Sie einen größeren Percentsatz von Frauen, als wenn diese Blousen nicht in der Mode wären? — Experte v. Wagner: Ich glaube nicht, daß das auf die Zahl der beschäftigten Frauen einen so großen Einfluß hat. Bis jetzt sind wenigstens noch immer mehr Männer bei uns als Frauen. Smitka: Wann hat die Saison angefangen? — Exp. v. Wagner: Vor einem Monat. Smitka: Haben während der todten Saison Männer und Frauen aussetzen müssen? — Exp. v. Wagner: Ja, beide. Smitka: Haben Sie während dieser Zeit mehr Arbeiter entlassen als wieder aufgenommen? —Exp. v. W a gn er: Wir haben vielleicht vier Männer mehr entlassen, als wieder aufgenommen. Bon den Mädchen wurden gleich viele entlassen als wieder aufgenommen. 394 Dr. Ofner: Wie viel Entlassungen kommen in einem Monat vor? — Exp. v. Wagner: Es kommen mehrere Monate nacheinander vor, in welchen kein einziger Arbeiter ausgenommen oder entlassen wird. Dann kommen wieder Monate, in welchen fünf bis sechs Arbeiter aufgenommen oder entlassen werden. Das hängt auch mit der Saison zusammen. Ende November ist die schlechteste Zeit. Am letzten November wurden zehn bis zwölf Arbeiter und vielleicht 15 Arbeiterinnen entlassen. Dr. Ofner: Wir haben gehört, daß sogenannte Agentinnen von den Salons in die Badeorte reisen, um Kunden zu acquiriren. Ist das auch bei Ihnen der Fall? — Exp. v. Wagner: Es kommt vor, daß, wenn eine Dame ein Costüm haben will, eine Angestellte mit einer Collection in den betreffenden Ort geschickt wird. Wir haben aber keine eigenen Agentinnen, sondern es wird einmal diese, einmal jene hingeschickt. Vorsitzender: Wie lang ist die Arbeitszeit? — Exp. v. Wagner: Nenn Stunden, von 8 Uhr Früh bis halb 7 Uhr Abends, mit einer Mittagspause von anderthalb Stunden und einer Pause von einer Viertelstunde um 5 Uhr. Ueberstunden werden sehr oft gemacht, speciell bei uns, weil wir sehr viel Fremdenkundschäst haben, bei welcher von einem Tag auf den anderen geliefert werden muß. Das ist auch die Ursache, daß hie und da ausgesetzt werden muß, denn wenn die Nacht durchgearbeitet wurde, ist vielleicht am nächsten Tag weniger zu thun. Es werden aber nur dann Ueberstunden gemacht, wenn es unbedingt nöthig ist, weil uns ja die Ueberstunden viel mehr kosten. Die Zeit, während welcher wir viel mehr arbeiten müssen, dauert drei Monate, nämlich März, April und October. In der Ballsaison kommt das weniger vor, weil wir da Wiener Kundschaft haben, die immer zur Zeit ihre Bestellungen macht. Die Ueberarbeiten rühren wesentlich durch Bestellung von den fremden Privatkundschaften her. Diese reisen z. B. in's Bad und halten sich nur zwei Tage in Wien auf, während dieser Zeit muß die Arbeit fertig sein. (Ueber Befragen.) Die Arbeiterinnen und die Arbeiter stehen nur im Taglohn. Die Zubringerinnen sind Arbeiterinnen, die schon längere Zeit bei uns sind, zu denen wir Vertrauen haben. Die werden daher mindestens ebenso gut gezahlt wie die Näherinnen, oft noch besser. Ich habe mir über die Löhne, welche bei uns gezahlt werden, eine kleine Aufzeichnung gemacht. Der mindeste Lohn der Näherinnen beträgt 60 kr. pro Tag, auch die Lehrmädchen bekommen sofort 60 kr. Wenn sie eine Zeit lang da sind, bekommen sie mehr. Dann sind 2 Arbeiterinnen mit 70 kr., 1 Lehrmädchen und 23 Arbeiterinnen mit 80 kr., 8 mit 90 kr., 8 mit fl. 1, 7 mit fl. 1-10, 5 mit fl. 1'20, 5 mit st. 1'30, 7 mit fl. 1'40, 3 mit fl. 1'50, 6 mit fl. 1'60, 5 mit fl. 1'80, 4 mit fl. 2, 1 mit fl. 2'20 und eine mit fl. 2-15. Das sind Alles nur Näherinnen und Zubringerinnen. Gewöhnlich fangen die Mädchen mit 60 kr. an und bekommen nach sechs Monaten 70 kr. Vorsitzender: Wie weit kaun es eine Durchschnittsarbeiterin im Lohn bringen, wenn sie sich auch nicht besonders qualificirt? — Experte v. Wagner: Auf fl. 1 bis 1'50. (Ueber Befragen des Vorsitzenden.) Wenn Eine fl. 1'50 verdienen soll, da muß sie fleißig und tüchtig sein und auch schon längere Zeit bei uns gearbeitet haben. Oft bekommen sie auch schon am Ansang einen höheren Lohn. Sie kommen, bringen ihr Buch und zeigen mir, daß sie früher so und so viel gehabt haben. Wenn es mir paßt, so nehme ich sie gleich mit dem höheren Lohne, den sie früher gehabt haben, auf. Vorsitzender: Sie sagten, bei Ihnen seien auch Arbeiterinnen aus besseren Ständen; haben die denn auch Arbeitsbücher? — Experte v. Wagner: Ja wohl, die Genossenschaft sorgt dafür, daß nur solche aufgenommen werden, die zwei Jahre gelernt haben. Solche, die nur in einem Institut oder in einer Schule gelernt haben, werden bei uns nicht aufgenommen. 395 Dr. Ofner: Sie haben von Nachtarbeit gesprochen. Wie oft trifft es eine Arbeiterin in der Saison, daß sie über Nacht arbeiten muß? — Exv. v. Wagner: Ich bitte, das nicht mißzuverstehen. Es kommt vor, daß vielleicht fünf bis sechs Männer eine Nacht durcharbeiten, welche dann während des Tages nicht arbeiten. Frauen bleiben höchstens bis 9 oder 10 Uhr Abends. Vorsitzender: Sie haben uns nur von 89 Arbeiterinnen den Lohn angegeben. Nun sind bei Ihnen doch viel mehr Arbeiterinnen? — Exp. v. Wagner: Das ist Salonpersonale; da sind — außer den Directricen — Angestellte, die st. 125 monatlich haben. Vorsitzender: Das sind wohl Angestellte. Es fehlen aber doch noch eine Anzahl Arbeiterinnen. — Exp. v. Wagner: Ich habe nur einen Theil der Arbeiterinnen aufgezählt, wie ich sie mir heute Abends rasch zusammengestellt habe. Aber auch bei den übrigen Arbeiterinnen sind die verschiedenen Lohnstufen in demselben Ausmaß vertreten, wie bei den angeführten 89. Ich kann auch über das Salonpersonale Auskunft geben. Dieses ist monatlich bezahlt. Da sind zunächst die Verkäuferinnen und Anprobirerinuen. Diese bekommen als geringsten Lohn fl. 35 und fl. 5 für das Essen, weil sie nicht nach Hause gehen können. Manche von diesen bekommen fl. 65 bis 70. Die Aufpasserin hat über fl. 100, die Garnirerin fl. 125 monatlich. Die erste Garnirerin ist die Directrice. Vorsitzender: Was wird für Ueberstunden gezahlt? — Experte v. Wagner: Die Männer bekommen 50 kr., die Frauen keine höhere Taxe als für andere Stunden. Es wird bei den letzteren nach dem Taglohn berechnet, wie viel auf eine Stunde entfällt. Vorsitzender: Wenn eine Arbeiterin weniger als die gewöhnliche Arbeitszeit arbeitet, werden da die Stunden abgezogen? — Experte v. Wagner: Ja. Das kommt aber selten vor. Dr. Schüller: Wie viel von allen 200 Arbeiterinnen in Ihrem Betriebe, nicht blos von den 89, haben einen Taglohn von 60 kr. ? Ist das vielleicht das Doppelte oder das Dreifache der Zahl, welche Sie in Bezug auf die 89 angegeben haben? — Exp. v. Wagner: Es wird vielleicht das Doppelte sein, das Dreifache gewiß nicht, denn es sind bei uns nur sehr wenige, die 60 kr. bekommen. Das Minimum ist bei uns etwa 80 kr., welchen Lohn etwa 40 Frauen haben. Das ist der Lohn für neun Stunden. Dr. Schüller: Wird bei Berechnung der Ueberstunden der Lohn durch 9 oder 11 dividirt? — Exp. v. Wagner: Durch 9. Smitka: Gibt es bei Ihnen auch solche Arbeiterinnen, die auf der Maschine nähen? — Exp. v. Wagner: Ja. Smitka: Wie stehen die im Lohn? — Exp. v. Wagner: Das sind die besser bezahlten, denn es gibt deren nur drei, vier im ganzen Betriebe. Diejenige, welche fl. 2'20 hat, ist eine Maschinnäherin, die jedenfalls schon ziemlich lange im Geschäft ist. Dr. Schwiedland: Nach welchen Gesichtspunkten richtet es sich, ob Eine im Tag- oder Monatslohn steht? -- Exp. v. Wagner: Die Atelier-Arbeiter stehen im Taglohn; das Personale, das mit den Kunden in Berührung oder in Verkehr tritt, hat Monatslohn. Vorsitzender: Kommt es vor, daß eine Arbeiterin eine Arbeit z. B. eine Schoß, ganz allein fertig macht? — Exp. v. Wagner: Nein. Es arbeiten immer mehrere, etwa vier bis sechs, in einer Gruppe zusammen. Dr. Ofner: Sie sagten, daß die Arbeiter 50 kr. für die Ueberstunde bekommen. Das ist wohl viel mehr, als sie sonst bekommen? — Experte v. Wagner: Der billigste Arbeiter bekommt bei uns fl. 3 für neun Stunden, also 33 kr. für die Stunde. Dr. Ofner: Warum bekommen nicht auch die Frauen für die Ueber- Z96 Zeit mehr gezahlt? — Exp. v. Wagner: Die Männer haben gestrikt und es durchgesetzt, daß sie mehr bekommen. Vorsitzender: Wie ist es bei Ihnen mit den Strafen und Abzügen bestellt? — Exp. v. Wagner: Das Znspätkommen wird per Viertelstunde berechnet und die entsprechende Zeit abgezogen. Für verdorbene Arbeit gibt es bei uns keine Abzüge. Vorsitzender: Wird bei Ihnen Arbeit nach Hause gegeben? — Exp. v. Wagner: Nein, weder an die im Geschäft Angestellten, noch an Heimarbeiterinnen. Dr. Verkauf: Wir haben gehört, was Sie für die gewöhnliche Arbeitszeit zahlen. Nun stellt sich heraus, daß die Arbeiterinnen ja mehr bekommen, weil sie oft Ueberstunden machen. Es wäre wünschenswerth festzustellen, wie viel sie eigentlich wirklich-verdienen, weil wir dadurch ein Bild über die Lebensweise der Arbeiterinnen erhalten. Würden Sie so freundlich sein, uns das entsprechende Material zur Verfügung zu stellen? — Exp. v. Wagner: Ich bin sehr gerne bereit, den Herren Daten zur Verfügung zu stellen. Ich glaube übrigens, daß sich das Plus durch die Ueberstunden und das Minus durch das Aussetzen ausgleichen dürfte. Dr. Schwiedland: Wenn eine Arbeiterin 80 kr. täglich, also pro Stunde circa 8 kr. hat, so werden ihr wohl, falls sie nur eine Viertelstunde zu spät kommt, 2 kr. abgezogen? — Exp. v. Wagner: Wenn eine um eine Viertelstunde zu spät kommt, so wird ihr nichts abgezogen; aber nach einer Viertelstunde wird die Thür geschlossen, und dann wird ihr die erste halbe Stunde abgezogen, also 4 kr. Während dieser Zeit muß sie vor der geschlossenen Thür im Stiegenhause warten. Dr. Ofner: Ist das Stiegenhaus, wo die Mädchen warten müssen, gewärmt? — Exp. v. Wagner: Nein, aber es kommt selten vor, daß die Leute nicht zur Zeit da sind, weil sie ja ohnehin um eine Viertelstunde später kommen dürfen. Vorsitzender: Kommen die Näherinnen mit den Kunden in Berührung ? — Exp. v. Wagner: Nein. Vorsitzender: Haben Sie vielleicht solche Arbeiterinnen aus besseren Kreisen, die nur in den Salon gehen, um etwas zu lernen oder um sich ein Taschengeld zu verdienen? — Exp. v. Wagner: Wir haben nur ausgelernte Arbeiterinnen, die ein Arbeitsbuch haben. Es genügt nicht, wenn sie einen mehrmonatlichen Curs durchgemacht haben. Dr. Verkauf: Grnppiren sich nicht Mädchen aus besseren Kreisen in den ersten Reihen der Löhne oder ist das verschieden? — Experte v. Wagner: Ganz verschieden. Dr. Verkauf: Wir haben von einem anderen Salon gehört, daß diese Mädchen, offenbar weil sie es nicht nöthig haben, auf den niedrigsten Lohnstufen stehen. — Exp. v. Wagner: Bei uns ist das nicht der Fall. Vorsitzender: Haben Sie nicht neulich in einer Zeitnngs- erklärung von Lehrmädchen gesprochen, die 40 kr. erhalten? — Experte v. Wagner: Das muß ein Irrthum sein, denn ich habe in der „Neuen Freien Presse" gesagt, daß die Lehrmädchen mit 60 kr. Lohn anfangen. Dr. Schwiedland: Der Lohn von 40 kr. wurde von einer Expertin angegeben. Exp. v. Wagner (über Befragen): Keine Näherin hat Kost oder Wohnung im Hause; alles Materiale wird von uns gegeben. Vorsitzender: Wie sind die Arbeitsräume? — Exp. v. Wagner: Wir haben deren ungefähr 20, darunter viele größere Säle. Diese werden während der Mittagspause nicht gesperrt. Manchmal bleiben Arbeiterinnen zu Mittag in den Vocalen, wenn während der Mittagspause gearbeitet werden muß, weil viel zu thun ist. Dadurch wird die Pause gekürzt, weil sie dann nur eine Viertelstunde zum Essen haben, diese Zeit wird ihnen 397 aber entlohnt, oder die Arbeiterinnen gehen später weg und halten dann die Pause. Das Salonpersonal bleibt stets über Mittag da; sür dieses wird das Essen geholt. Sie haben einen eigenen Saal, wo sie essen, bleiben oft eine oder anderthalb Stunden bei Tisch. Die Arbeitszeit für das Salonpersonal ist von halb 9 Uhr Früh bis 8 Uhr Abends. Vorsitzender: Kommt es nicht vor, daß bestimmte Damen immer bestimmte Mädchen znr Bedienung haben wollen? Was geschieht, wenn eine solche Dame gerade dann kommt, wenn das Mädchen beim Essen ist? — Exp. v. Wagner: Dann wird sie abberufen; aber von 12 Uhr ab kommen die Damen selten in's Geschäft. (Ueber Befragen.) Die Näherinnen essen nicht im Hause und lassen sich auch nichts holen. Wenn sie nicht nach Hause gehen, so haben sie in der Nähe Bierhallen, wo sie essen. Vorsitzender: Könnten Sie uns sagen, was die Arbeiterinnen essen? — Exp. v. Wagner: Das weiß ich nicht; das Salonpersonal hat einen guten bürgerlichen Mittagstisch. Dr. Maresch: Muß das Salonpersonal auch eine zweijährige Lehrzeit haben? — Exp. v. Wagner: Nein, die haben ihre Vorbildung in besseren Schulen genossen. Wir haben auch Verkäuferinnen, die kaufmännisch gebildet sind; die müssen aber vorher in anderen Geschäften gewesen sein. Auch im Comptoir werden drei Frauen beschäftigt, die in Buchhaltungsschulen waren. Dr. Ösner: Wie ist es bei Ihnen mit der Reinigung der Locali- täten? — Exp. v. Wagner: Jeden Morgen werden alle Locale ausgewischt, und allwöchentlich werden die Fußböden, Fenster, Tische, kurz Alles gewaschen. Dazu haben wir sechs Frauen. Die Reinigung der Arbeitsräume und Salons kostet uns fl. 250 monatlich. Auch die Aborte sind sehr gut unterhalten; wir haben deren wenigstens acht, sie sind sür Männer und Frauen vollkommen getrennt. Jedes zweite Zimmer hat einen Abort, der in sehr gutem Zustande ist, denn die Räumlichkeiten waren früher eine Privatwohnung. Dr. Maresch: fl. 250 sür sechs Weiber, die das Reinigen besorgen, scheint mir etwas viel zu sein. - Exp. v. Wagner: Die sechs Frauen sind fix angestellt und reinigen den ganzen Tag; am Sonntag kommen aber dazu noch Hilfspeösonen. Dr. Schwied land: Gehören auch die höheren Kategorien der Angestellten der Krankencasse an? — Exp. v. Wagner: Ja, alle. Dr. Schwied land: Sind bei den Anprobirerinnen Sprachen- kenntnisse erforderlich? — Exp. v. Wagner: Erforderlich nicht, aber die meisten sprechen zwei Sprachen. Wir haben zwei Kategorien von Anprobirerinnen. Die Probirmamsells, welche die Kleider anziehen helfen, müssen Sprachen kennen, die sogenanten Manequins, welche die Kleider selbst anziehen und vor den Kunden hernmspazieren, damit sie sehen, ob die Sachen gut sitzen, brauchen das nicht so sehr. Die Verkäuferinnen aber müssen wenigstens drei Sprachen sprechen. Vorsitzender: Sind Ihre Arbeiter und Arbeiterinnen in der Organisation? — Exp. v. Wagner: Die Arbeiter sind, glaube ich, so ziemlich alle in der Organisation; wie viele der Arbeiterinnen dabei sind, weiß ich nicht. Vorsitzender: Ist es Ihnen angenehm oder unangenehm, daß sie dabei sind? — Exp. v. Wagner: Es äst mir gleichgiltig. Vorsitzender: Können Sie über das Verhalten der Arbeiter in Folge dessen, daß sie der Organisation angehören, klagen? — Experte v. Wagner: Nein. Vorsitzender: Wären Sie dafür, daß auch die Arbeiterinnen sich der Organisation anschließen? — Exp. v. Wagner: Ich würde es nicht für nützlich, aber auch nicht sür schädlich halten. 398 Mach kurzer Unterbrechung der Sitzung übernimmt E. P e r n e rst o rf e r den Vorsitz.) Vorsitzender: Es sind in Vertretung von Firmen ein Herr und eine Dame erschienen: Herr Theimel, Buchhalter der Firma Fischer, und eine Dame, Buchhalterin bei der Firma Marison. Wir haben nun den principiellen Beschluß gefaßt, daß wir als Unternehmer-Experten nur die Chefs von Firmen vernehmen, und bitten die erschienenen Experten, die Chefs zu verständigen, daß wir Werth darauf legen, sie selbst zu hören. Wir können nicht gut die Vertreter dieser Firmen in die unangenehme Lage versetzen, etwas auszusagen, was wahr ist und ihnen nachteilig werden könnte. Ferner hat sich Herr Franz Prikosovits, Inhaber eines Goldstickereigeschäftes, als Experte gemeldet. — Exp. Prikosovits: Es ist in einer Zeitung ein Bericht erschienen, in welchem es heißt, eine Expertin habe angegeben, sie arbeitet II Stunden täglich und verdient fl. 4-20 wöchentlich: dabei ist die Arbeit so anstrengend, daß man sie nur einige Monate aushält und dann aussetzen muß; im Sommer wäre ohnedies nichts zu thun. Wenn die Sache so wäre, so staune ich, daß so viele Tausende von Mädchen sich der Stickerei hingeben, wenn man nach einigen Monaten so deroute ist, daß man sie stehen lassen muß. Das ist factisch unrichtig. Man arbeitet auch in vornehmen Ständen zum Vergnügen als Stickerin, in besseren Ständen auch zur Sustentation, und die arme Arbeiterin zum ausschließlichen Lebensunterhalt. Wenn eine Arbeiterin mit Chemikalien zu thun hat oder ein Rad treiben muß, so ist das gewiß schwer; aber daß die Stickerei schwer ist, das ist vollständig undenkbar. Alles, was unmäßig genossen wird, auch Speisen, sind Gift, und so ist es auch mit der Arbeit. Ein Schreiber oder Advocat, der Tag und Nacht fortwährend arbeitet, muß sich auch aufreiben; aber die Stickerei ist — kurz genossen — nicht so aufreibend Vorhin ist ein Experte aus der Confectionsbranche hier gesessen; dort haben sie geregelte Zustände; die Mädchen müssen zwei Jahre lernen, aufgedungen werden und der Genossenschaft und der Krankencasse angehören. Das ist bei uns leider nicht der Fall, und dadurch werden die Berufsstickerinnen geschmälert. Es ist mir ein Fall vorgekommen, wo drei Stickerinnen nacheinander gekommen sind, und keine hat ein Arbeitsbuch gehabt. Vorsitzender: Haben Sie sie aufgenommen? — Exp. Priko- sovits: Nein. Vorsitzender: Sie haben als Beweis dafür, daß die Stickerei nicht so anstrengend ist, angeführt, daß sich so viele Tausende zur Stickerei drängen, es drängen sich aber ebenso viele Tausende zu den Ziegelarbeiten, die gewiß nicht zu den Annehmlichkeiten des Lebens gehören; das kann man also nicht als ein Argument betrachten. Ich werde nunmehr zur Fragestellung übergehen. Wie lange sind Sie Unternehmer? — Experte Prikosovits: Ich bin Genossenschafts-Ausschuß, und als solcher kann ich mich in interne Fragen nicht einlassen. Vorsitzender: Sie können uns also nicht sagen, wie lange Sie Unternehmer sind? — Exp. Prikosovits: Sechs Jahre; ich kann mich aber auf diese Fragen nicht einlassen, ich habe kein Mandat dazu. Vorsitzender: Haben Sie sich zur Enquete gemeldet? — Experte Prikosovits: Ja, mündlich. Vorsitzender: Es ist merkwürdig, daß Sie sich melden und dann gleich anfangs erklären, Sie könnten keine Aufklärungen geben. — Experte Prikosovits: Ich wollte nur über diesen Zeitungsartikel sprechen. Dr. Verkauf: Unser Protokoll enthält detaillirte Angaben einer Arbeiterin Ihrer Branche. Nun erscheinen Sie hier und erklären uns, es, sei keine schwere, sondern eine leichte Arbeit, Sie fügen aber gleich hinzu: über interne Sachen gebe ich keine Auskunft. Nun sage ich: Jeder 399 der morgen die Zeitungen oder das Protokoll lesen wird, wird den vielleicht ganz unberechtigten Eindruck gewinnen, daß es bei Ihnen sehr viele Dinge gibt, welche die Oeffentlichkeit scheuen. Deshalb meine ich, im Interesse Ihres Gewerbes wäre es praktisch, hier Aussagen zu machen. — Exp. Priko- sovits: Ich werde die Sache kurz machen. Ich will hier nicht aussagen, sondern nur gegen jenen Artikel Protestiren. Ich lasse mich auch durchaus nicht einschüchtern, denn ich habe nichts zu verhüllen. Ich habe ganz einfach kein Mandat, hier zu sprechen, und könnte das nicht verantworten. Sie können ja andere Experten darüber hören, ich schweige ganz einfach. Herrdegen: Ich habe den Eindruck, als ob der Herr Experte sich in einem Mißverständniß bewegen würde. Sie sagen, daß Sie kein Mandat haben. Nun brauchen Sie aber nur über Ihren Betrieb auszusagen, nicht im Namen Ihrer Genossenschaft; um aber im Namen Ihres eigenen Betriebes zu sprechen, dazu brauchen Sie kein Mandat. — Exp. Priko- sovits: Es betrifft das Alles interne Angelegenheiten, und nachdem ich die Stellung eines Ausschusses inne habe, müßte ich erst die Genossenschaft befragen. Ich kann mich von meinem Princip nicht abbringen lassen. Vorsitzender: Sie sind also lediglich gekommen, um uns mitzutheilen, daß das Sticken nicht anstrengend ist und daß Sie über etwas Anderes, über „interne Sachen" nicht aussagen. Wir müssen uns damit bescheiden. Schluß der Sitzung 9 Uhr 30 Minuten. 23. Sitzung, Mittwoch» 25. Wär;, Vormittag. Vorsitzender: Pernerstorfer. Beginn der Sitzung 9 Uhr 45 Minuten. Vorsitzender: Wir werden heute Experten aus der Textilbranche vernehmen, und ersuche ich zunächst den Experten X, uns über das Technische seines Gewerbes Auskunft zu geben. — Experte : Ich bin Hilfsarbeiter in der Färberei. Das Gewebe kommt zu uns in rohem Zustande und wird zunächst halb gebleicht oder ausgekocht, wenn es dunkle Farben sind, oder es wird voll gebleicht, wenn es lichte Farben sind. Da wird der Stoff auf Prügeln ausgezogen; oben geht eine Rolle, und da wird er von den Frauen heruntergezogen. In der Bleicherei ist immer ein großer Gestank, der vom Chlorkalk, Soda, Laugenstein und verschiedenen Säuren herrührt. Es kommt auch vor, daß die Frauen einen halben Schuh tief im Wasser stehen müssen; da ziehen sie hohe Holzschuhe an. Wenn die Bleiche fertig ist, wird das Gewebe aufgerollt und kommt in die Färberei. Da sind Maschinen, bei welchen sowohl ausgelernte Färber als Hilfsarbeiter stehen, und nun wird der Stoff mit Seife und Soda behandelt, oft auch chlorirt und mit Säure gedämpft, wobei wieder Gestank entsteht. Hierauf kommt das Gewebe in die Stärkerei und dann in die Calanderhalle. Auf einem Calander sind drei bis fünf schwere Walzen aus Messing oder Eisen, und da wird der Stoff durch mehrere Calander hindurchgelassen. Erst jüngst hat sich ein Arbeiter beim Schmieren der Calander, die warm sein müssen, von drei Fingern die Haut weggerissen und war in Folge dessen drei bis vier Wochen krank. Die Calander dienen dazu, um den Stoff zu pressen und 400 ihm einen Glanz zu verleihen. Hierauf kommt die Waare in die Legezimmer, wo sie gelegt, geschlichtet und aufgerollt wird. Dort sind Frauen beschäftigt. Vor einigen Wochen ist eine Frau in eine der Maschinen, die sich dort befinden, hineingekommen und mußte 14 Tage zu Hause bleiben. Es sind dort auch zwei Männer, von denen der eine bei der Presse ist und der andere gewissermaßen zum Antreiben der Frauen dient. Dr. Ofner: Sagen Die uns also, wo überall Frauen beschäftigt sind. — Exp. X: In der Stärkerei sind bei der Trockentrommel vier Frauen, in der Bleicherei sind deren zwei, welche den Stoff herunterziehen, und im Legezimmer sind, von den zwei Männern abgesehen, lauter Frauen. Vorsitzender: Ich werde nun zur Vernehmung der anwesenden Expertinnen schreiten. — Expertin Nr. 111 lüber Befragen des Vorsitzenden): Ich bin in der Sengerei. Bevor die Waare in die Bleicherei kommt, also ganz am Ansang, wird sie gesengt. Da ist eine Maschine und drei Gasflammen. Rechts und links steht je eine Arbeiterin, die aufpassen, daß die Waare ohne Falten hindurchgeht, und die Stücke zusammennähen, damit die Sache ohne Unterbrechung fortgeht. Ich bin seit einem Jahre bei dieser Arbeit; früher war ich in einem anderen Betriebe bei der Bleicherei, und zwar auch ein Jahr lang. Vorher war ich zu Hause und habe keine Arbeit gehabt. Ich bin in demselben Betriebe wie der Exp. X. Es sind dort im Ganzen 150 Personen. (Exp. X: 110 Arbeiter und 40 Arbeiterinnen.) Wir hatten das ganze Jahr hindurch gleichmäßig Arbeit. Kinder sind in der Fabrik nicht beschäftigt. Bei allen Arten und Theilen des Betriebes sind Dampfmaschinen. Deshalb kann auch keine Arbeit nach Hause genommen werden. Die Arbeiterinnen stammen meist wieder aus Arbeiterkreisen. Lehrmädchen gibt es bei uns nicht, sondern nur jugendliche Hilss- arbeiterinnen. Die Arbeitsvermittlung ist speciell bei mir durch den Fachverein erfolgt; die nicht im Verein sind und davon nichts wissen, gehen von Fabrik zu Fabrik Arbeit suchen. Exp. X: Wir haben nicht viele Leute in der Fabrik, die im Verein sind; bei diesen aber schauen wir immer darauf, daß sie Arbeit bekommen. Es dürste jedoch nach den bestehenden Verhältnissen der weitaus größere Percentsatz durch Nachfragen von Fabrik zu Fabrik Arbeit suchen. Exp. Nr. 111 (über Befragen des Vorsitzenden!: Unsere Arbeitszeit ist von 7 Uhr Früh bis 0 Uhr Abends mit einer einstündigen Mittagspause. Wir haben keine Frühstücks- und Jausenpause. Nachtarbeit kommt nicht vor. nur höchst selten eine bis zwei Ueberstunden. An Sonntagen wird nicht gearbeitet, wohl aber an Feiertagen. Kündigungsfrist haben wir keine. Wir können fortgehen, wann wir wollen, und der Herr kann uns entlassen wann er will. Es kommt aber selten vor, daß Eine fortgeschickt wird. Ich habe fl. 4'80 Wochenlohn; der Lohn bleibt während des ganzen Jahres der gleiche. Wir haben keine Materialien beizustellen. Vorsitzender: Nach Ihrem Wochenlohn haben Sie pro Stunde 8 kr.; was bekommen Sie für Ueberstunden? — Exp. Nr. 111: Ich bekomme 10 kr.; es sind auch Manche dabei, die 15 kr. haben. (Ueber Befragen des Vorsitzenden.) Die Männer verdienen bei uns mehr. Die Mädchen in der Bleicherer haben auch fl. 4'80 bis 5. Früher haben wir fl. 4'50 gehabt, vor 14 Tagen erhielten wir eine Zulage von 30 kr. Der mindeste Lohn einer Arbeiterin ist fl. U50, der höchste fl. 5. Der Lohn der Männer ist fl. 7'50 bis 8. Exp. X: Die Männer haben einen Lohn von fl. 7'50 bis 9. Die Aufbesserung von 30 kr., welche die Frauen erhalten haben, ist wegen der Enquete erfolgt. Exp. Nr. 111 (über Befragen des Vorsitzenden): Abzüge und Strafen haben wir nicht. Wenn wir zu spät kommen, wird nur gebrummt; wenn Jemand etwas abbrennt, einen Meter Streifen oder dergleichen, so geht das 401 so mit drein: es wird nichts dafür abgezogen. In der Fabrik hat Niemand vom Unternehmer Kost oder Wohnung. Unseren unmittelbaren Vorgesetzten nennen wir Meister. Wir können uns über ihn durchaus nicht beklagen. Es werden ihm keine Geschenke gegeben; und er ist überhaupt nicht zuwider, er benimmt sich durchaus nicht unanständig gegen die Frauen. Ich wohne bei meinen Eltern und gebe ihnen jede Woche st. 3 von meinem Verdienst, sl. U80 brauche ich selbst für meine Kleidung u. s. w. Mein Vater ist Kutscher, meine Mutter ist zu Hause. Ich gehe zum Essen nach Hause und habe es daher besser wie die alleinstehenden Arbeiterinnen. In der Früh trinke ich Kaffee, zum Gabelfrühstück esse ich Wurst, zu Mittag Kaffee mit einer Zuspeise, zur Jause Kaffee und am Abend Suppe oder Zuspeise. Die alleinstehenden Arbeiterinnen, die auch nur sl. 4'80 verdienen, essen zu Mittag eine Zuspeise mit einem Stück Brot. Die Sengerei liegt ebenerdig. Das Local ist nicht besonders groß, es hat drei Fenster, und es befinden sich in demselben drei Frauen und ein Mann. Es ist darin sehr heiß, ziemlich viel Staub und ein großer Gestank, indem durch das Verbrennen der Stoffsasern ein brenzlicher Geruch entsteht. Wenn draußen ein Wind geht, so treibt er den Dampf zurück, da brennen uns die Augen. Es ist kein Thermometer im Local. und ich kann daher nicht angeben/wie groß die Hitze ist. Im Winter und im Herbst ist es noch unangenehmer, weil da der Dampf mehr zurückgeschlagen wird, im Sommer ist es besser. Die Fenster können nicht geöffnet werden, weil das mit dem Betriebe nicht vereinbar ist. Wir haben eine Ventilation, welche nicht genügt, um die Lust gehörig zu verbessern. Der Fußboden in dem Local ist aus Steinen. Es wird jeden Samstag von uns Arbeiterinnen aufgerieben, wir haben dann schon um 3 Uhr Feierabend und besorgen das Putzen und Reinigen. Die Fenster werden alle zwei bis drei Wochen geputzt, aber nicht von den Arbeiterinnen. Die Wände im Local werden auch von uns jeden Samstag abgestaubt, auch wird das Local hie und da geweißt. Wir haben eine genügende Anzahl von Aborten, für Männer und Frauen getrennt; sie sind sehr rein. In der Mittagspause können Diejenigen, welche nicht nach Hause gehen, in dem Local bleiben, aber während dieser Zeit wird niemals gearbeitet, weil die Maschinen außer Function sind. Jene, welche nicht nach Hanse gehen, essen im Local. Als Wasch- vorrichtnng haben wir ein Wasserschaff und auch Handtücher und Seife. Unter den drei Arbeiterinnen in meinem Zimmer sind zwei ledig und eine verheiratet. Exp. X: Im Allgemeinen dürfte die Mehrzahl der Arbeiterinnen ledig sein, weil sehr viele erst 10 und 17 Jahre alt sind. Exp. Nr. lll (über Befragen des Vorsitzenden): Die Wohnung meiner Eltern besteht aus Zimmer, Küche und Cabinet, dafür zahlen die Eltern sl. 13 im Monat. Im Zimmer wohnen meine Eltern, meine Schwester und ich; das Eabinet haben wir au zwei Leute vermiethet. Vorsitzender: Wer sind die zwei Leute? — Exp. Nr. 111: Sie und er. «Ueber Befragen des Vorsitzenden.) Ich bin in der Kranken- und Unfallversicherung. Ich habe für keine dritte Person zu sorgen, gehöre auch dem Fachverein an und mache im Sommer vom Verein veranstaltete Ausflüge und auch die Tanzunterhaltungen und dergleichen mit; in's Theater kann ich nicht gehen. Dr. Btezina: In welchem Alter sind die Arbeiterinnen? — Exp. X: Wir haben zwei Arbeiterinnen, die 55 Jahre alt sind. Eine davon muß täglich von Gaudenzdorf in die Fabrik im m. Bezirk gehen. Es ist anzuerkennen, daß sie nicht entlassen wurde, wiewohl sie schon nicht mehr recht beisammen ist. Ueber 35 Jahre sind sehr wenig. Dr. Blezina: Wenn eine Arbeiterin schon so alt ist, daß ihr die Arbeit zu mühsam wird, wird sie da entlassen? — Exp. X: Nein. 26 Fraiien-EnqiN-tc. 402 Tr. Bi-ezina: Woher kommt es dann, daß nicht ältere Arbeiterinnen in größerer Zahl in der Fabrik sind? — Exp. X: Die Fabrik ist von Gumpendorf hieher übersiedelt, und da waren die älteren Arbeiterinnen nicht in der Lage, hieherzuziehen, und den weiten Weg wollten sie auch nicht machen, deshalb sind sie ausgetreten. Dr. Biezina: Gibt es bei Ihnen Berufskrankheiten? — Exp. X: Höchstens daß man starken Husten und Kopfschmerz hat. Tr. Ofner: Haben Sie nicht Augenkrankheiten, Sie haben ja von Augenfchmerzen erzählt? — Exp. Nr. 111: Es werden die Augen freilich vom Dampf roth und rinnen; aber wenn man draußen ist, ist es weg. Tr. Ofner: Wie lang dauert es, bis man die Arbeit erlernt? — Exp. Nr. 111: Das kann man sehr leicht erlernen. Dr. Ofner: Ist Ihre Arbeit anstrengend? — Exp. Nr. 111: Nein, sie ist nur wegen des Staubes unangenehm. Dr. Ofner: Sie waren früher in der Bleicherei, ist das anstrengender ? — Exp. Nr. 111: O ja, da habe ich geschwollene Hände gehabt, weil ich die sogenannten Docken, das sind Wollstränge, gemacht habe. Wie ich beim Dockenmachen war, war ich in einer anderen Fabrik und habe fl. 6 wöchentlich verdient. Dort wird auch die Waare mit den Füßen eingetreten. Da waren lauter ältere Frauenzimmer dabei, wir sind vom Herrn dort viel geschimpft worden; ich selbst war in der Presserei, woselbst zwei Abtheilungen sind, eine für Wolle und eine für Cotton. Ich bin wegen der schlechten Behandlung seitens des Herrn, der sogar die Arbeiterinnen geschlagen hat, weggegangen. Tort sind im Winter etwa 100 und im Sommer vielleicht nur zehn bis zwölf Personen beschäftigt. Vorsitzender: Können Sie uns vielleicht sagen, woher dieser Unterschied rührt? — Exp. X: In jenem Geschäft ist eine ganz andere Arbeit. Tort wird die Wolle in Strähnen gedreht, was bei uns nicht der Fall ist. Dieser Herr ist ein sehr grober Mensch, er wirft mit Schimpfworten nur so um sich. Herrdegen: Wie ist es mit dem Eintreten der Waare? — Expertin Nr. 111: Da ist ein Bottich mit kaltem Wasser, in welchem vier, fünf Arbeiterinnen mit nackten Füßen eine Stunde oder länger die Waare treten müssen. Es sind meist Slovakinnen, weil nur die es aushalten können. Das Wasser ist ganz kalt. Diese Arbeiterinnen bekommen wöchentlich fl. 5 und fl. 0. Wenn sie mit dem Treten fertig sind, müssen sie wieder in die Hitze des Vocals, dann kommen sie wieder in die Kälte u. s. w. - Vorsitzender: Die Frauen sind bekanntlich jeden Monat unwohl. Wird da bei Denjenigen, die zuerst mit dem kalten Wasser zu thun haben und dann wieder in die Hitze kommen, darauf Rücksicht genommen? Setzen die nicht aus? — Exp. Nr. 111: Nein: das ist mir nicht bekannt. Vorsitzender: Denken die Mädchen überhaupt daran, daß das ungesund ist, und daß sie an so einem Tage dem Meister sagen sollen, er möge sie gerade heute nicht dazu verwenden? — Exp. Nr. 111: Wenn sie das sagen würden, so würden sie die größten Grobheiten vom Hcrrn bekommen. Frl. Fickert: Ist es Ihnen bekannt, daß Frauen dadurch krank geworden sind, daß sie in dieser Zeit die Arbeit verrichteten? — Expertin Nr. 111: Nein. Herrdegen: Was machen die Arbeiterinnen von jenem zweiten Betriebe, die im Sommer entlassen werden? — Exp. Nr. 111: Das sind in der Mehrzahl Slovakinnen, die im Sommer entweder Hausiren gehen oder sich bei einen: Bau Beschäftigung suchen. Herrdegen : Die müssen nichts gelernt haben? — Exp. Nr. 111: Nein. Frl. Fickert: Warum bekommen die Männer mehr Lohn als die Frauen? — Exp. Nr. 111: Weil ihre Arbeit anstrengender ist. 403 > (Dr. Osner übernimmt den Vorsitz.) Expertin Nr. 112 (über Befragen des Vorsitzenden): Ich bin in einem Großbetrieb, in welchem 350 Personen, darunter über 300 Frauen, beschäftigt sind. Ich bin bei der Appretur in der Spinnerei beschäftigt. Da müssen wir die nasse Waare aus lange Rahmen spannen, und dann wird der Rahmen ausgezogen. Das ist sehr anstrengend, weil die Rahmen sehr schwer sind. Wir müssen in einer Stunde sechs Rahmen machen. Auch herrscht eine große Hitze in dem Local. Ich bin 13 bis 14 Jahre in dem Betriebe; früher war ich bei der Wäscherei. Wir haben jetzt ein ganzes Jahr lang immer zu thun gehabt. Es kommt oft vor, daß von Ende August bis Weihnachten sehr wenig zu thun ist. Da werden die Arbeiterinnen nicht entlassen, sondern müssen einige Stunden, oft auch zwei Tage lang aussetzen. In unserem Betriebe sind Motoren, aber unsere Arbeit wird mit der Hand verrichtet. Nach Hause wird keine Arbeit gegeben. Es ist bei uns keine Lehrzeit eingeführt, sondern wir Arbeiterinnen müssen die neu eintretenden Mädchen, welche anch nicht gleich den vollen Lohn bekommen, erst abrichten. Die Arbeitsvermittlung erfolgt bei uns meist durch die Gewerkschaft. Unsere Arbeitszeit ist von 7 Uhr Früh bis '.27 Uhr Abends, und jetzt machen wir schon seit über einem Jahre eine Stunde Ueberzeit, nämlich bis '-48 Uhr. Wir haben zu Mittag eine Stunde und Vor- und Nachmittags je eine Viertelstunde Pause. Am Sonntag wird nie gearbeitet; wenn wir an Feiertagen bis 12 Uhr arbeiten, werden uns drei Vierteltage, und wenn wir bis 3 Uhr arbeiten, der ganze Tag bezahlt. Wir haben dreitägige Kündigungsfrist. Es kann jeden Tag gekündigt werden. Nur wenn Eine einen Diebstahl oder dergl. begeht, kann sie nach der Fabriksordnung sofort entlassen werden. Ich arbeite im Stunden- lohn und verdiene fl. 5'70. Die neu eintretenden Arbeiterinnen bekommen im Ansang 68 kr. täglich, später 75 kr. Ich bekomme 05 kr.; für Ueber- stnnden bekomme ich 14 kr., die Anderen nur von 10 kr. aufwärts. Bei uns im Betriebe sind nur etwa 8 bis 13 Männer. Ich mit meinen 05 kr. stehe unter den Frauen am besten. Abzüge und Strafen werden nicht gemacht, auch nicht für das Zuspätkommen. Da wird höchstens ein bischen gebrummt. Auch wenn die Arbeit verdorben wird, erfolgen keine Abzüge. Dr. Rauchberg: Was machen die Männer in Ihrer Fabrik? — Exp. Nr. 112: Die sind in der Wäscherei und Färberei. Dr. Rauchberg: Wie viel haben Sie früher bekommen? — Expertin Nr. 112: Früher sind wir schlechter bezahlt worden. Erst seit dem Strike ist es besser. Früher sind Anfängerinnen oft drei Vierteljahre bei einem Lohn von nur 63 kr. geblieben, und der höchste Lohn war 88 kr. Außer mir sind in der Fabrik 25 Mädchen, die 05 kr. verdienen. Die meisten haben 80 bis 85 kr. (Ueber Befragen des Vorsitzenden.) Wenn wir aussetzen müssen, so wird uns das nach den Stunden abgerechnet. Es wird uns das nicht früher gesagt; wir merken das schon selber, wenn die Arbeit schlechter geht. Herrdegen: Wird bei Ihnen weiße und färbige Waare gemacht? — Exp. Nr. 112: Ja, beides. Herrdegen: Wie breit sind die Stoffe? — Exp. Nr. 112: Wir haben schmale, die ^ breit sind, und auch solche, die und "/), breit sind. Da müssen wir sehr weit ausgreifen. Die Räume werden, weil das Local gleichzeitig eine Trockenstube ist, auch im Sommer geheizt. In den Vocalen sind Thermometer, und da haben wir oft 30 bis 34 Grad. Es gibt aber auch Vocale, iu denen 48 bis 50 Grad sind. Vorsitzender: Ist das Celsius oder Rvaumur? — Exp. Nr. 112 : Das weiß ich nicht. Vorsitzender: Eine Hitze von 48 bis 50 Grad ist, selbst wenn das Celsiusgrade sind, wohl kaum für den menschlichen Organismus erträglich. Das wird vielleicht ein Irrthum sein? — Exp. Nr. 112: Erst heute hat mir das ein Mädchen gesagt, und auch früher habe ich schon oft erfahren, 26 * 404 daß sie es vor Hitze nicht aushalten können. Ich selbst habe es nicht geglaubt und habe mich überzeugt, daß das Thermometer 46 bis 50 Grad gezeig hat. Die Mädchen sind von Früh bis Nachts so schweißdurchtränkt, daß sie ihr Hemd förmlich auswinden müssen. Herrdegen: Wird bei Ihnen auch in Bottichen die Waare eingetreten? — Exp. Nr. l12: Ja, in der Wäscherei. Herrdegen: Was ist in den Bottichen drin? — Exp. Nr. 112 : Lauwarmes Wasser. Nach dem Eintreten kommt, glaube ich, Kalk hinein. Frl. Fickert: Kommt das Zuspätkommen häufig vor? — Expertin Nr. 1t2: Sehr wenig. — Exp. Nr. Ill: Auch bei uns ist das selten. Dr. N auchberg: Was haben Sie bei der Arbeit an? — Expertin Nr. 112: Blos das Hemd und einen Rock. Auch sind wir immer bloßsüßig. Männer sind in dem Raum nicht. Dr. Rauchberg: Kühlen Sie sich langsam ab, bevor Sie in's Freie gehen? — Exp. Nr. 112: Nein; weil wir froh sind, daß wir hinauskommen. Dr. Rauch b er g: Sind die Aborte in der Nähe des Arbeitsraumes? — Exp. Nr. 112: Sie sind auf dem Gange. Dr. Rauchberg: Ziehen sich die Arbeiterinnen etwas an, wenn sie hinausgehen? — Exp. Nr. 112: Nein; auch nicht im Winter. Dr. Rauchberg: Kommen da nicht viele Erkältungen vor? — Exp. Nr. 112: Ja, wenn Eine ein bischen empfindlich ist. Vorsitzender: Mir kommt vor, als ob Sie etwas heiser wären, hängt das mit der Arbeit zusammen? — Exp. Nr. 112: Gewiß; die Lust und der Dunst, sowie die rasche Abkühlung verursachen bei uns oft Katarrhe. Besonders Lungenkatarrhe kommen häufig vor. (Ueber Befragen des Vorsitzenden.) In der Fabrik wohnt Niemand von den Arbeiterinnen. Unsere Vorgesetzte ist eine Werkführerin. Geschenke an dieselbe kommen nicht vor. In der Früh trinke ich Kaffee, znm Gabelfrühstück nehme ich manchmal ein Stück Brot, manchmal auch nichts. Zu Mittag habe ich um 5 kr. Zuspeise oder Suppe, zur Jause Brot und vielleicht um 1 kr. Schmalz. Am Abend essen die Meisten nichts; ich esse nie am Abend. Das Local bleibt zu Mittag offen, und wir essen dort. Da wird der Dampf abgedreht, aber es herrscht doch eine ebenso große Hitze. Wir machen deshalb unter Mittag die Fenster auf. Während der übrigen Zeit dürfen die Fenster nicht aufgemacht werden, weil der Rauch sonst zurückgeschlagen würde. Unser Local befindet sich im ersten Stock. Es hat sieben Fenster, und es sind zehn Personen drin beschäftigt. Wir müssen das Local selbst reinigen, und zwar geschieht das am Montag von 7 bis 9 Uhr Früh. Es wird jeden Montag aufgerieben. Die Wände werden an den Feiertagen ein wenig abgekehrt. Die Fenster werden zu Pfingsten, Ostern und Weihnachten abgewaschen. Wir haben drei Aborte, die für Männer und Frauen getrennt find. Dieselben sind sehr rein. Das Reinigen derselben wird auch von den Arbeiterinnen selbst am Montag besorgt. Ueber die Vorgesetzten kaun ich mich jetzt nicht beklagen. Aber früher, wie ich Uns Geschäft gekommen bin, ist man geschimpft worden. Die Mehrzahl der Arbeiterinnen ist ledig. Es gibt unter den Frauen einige, die über 30, sogar über 40 und 50 Jahre alt sind. Eine Arbeiterin ist sogar 05 oder 06 Jahre alt. Sie ist schon über 20 Jahre in dem Geschäft. Ich wohne mit meinem Mann, der Taglöhner und meist ohne Arbeit ist, in einem vom Hausherrn direct gemietheten Cabinet in Rudolfsheim und zahle dafür fl. 4'60 im Monat. Zu Mittag bleibe ich in der Fabrik; mein Mann geht in die Volksküche. Ich habe eigene Möbel, und zwar ein Bett, ein Sopha, einen Kasten, einen Tisch, zwei Sessel. Auch steht ein Herd im Cabinet, auf welchem ich am Sonntag koche. Im Winter heize ich oft die ganze Woche nicht, weil es da meist schon zu spät ist. Es ist natürlich sehr kalt in der Wohnung, und ich bin gegen Kälte 405 empfindlicher geworden als früher. Ich spüre das schon einige Jahre. Wir haben eine eigene Betriebs-Krankencasse, da werden uns wöchentlich 10 kr. abgezogen, und der Herr zahlt 5 kr. dazu. Das einzige Kind, das ich gehabt habe, ist im Alter von 4'/> Jahren gestorben. Dr. Rauchberg: Was für Ueberkleider ziehen Sie im Winter an? — Exp. Nr. 1l2: Ein Tuch und am Kopf auch ein warmes Tüchel. Aber wenn man hinauskommt, beutelt es Einen doch, auch jetzt, wo es doch schon wärmer ist. Vorsitzender: Wie alt sind Sie? — Exp. Nr. 112: 40 Jahre. (P ernerstorfer übernimmt den Vorsitz.) Exp. Nr. 113 (über Befragen des Vorsitzenden): Ich bin Schweifen». Das Garn kommt zu uns in bloßen Bündeln. Da wird es zunächst von den Winderinnen aufgespult, dann kommt es zu den Schweiseriunen auf den Kettenbaum und dann zu den Wirkerinnen. Ich bin jetzt das dritte Jahr in der Arbeit, früher war ich im Dienst. Ich bin in Folge der Arbeit im Dienst an Gelenksentzündung erkrankt, und da habe ich mir gedacht, wenn ich in's Geschäft gehe und bei meinen Eltern wohne, wird es mir besser gehen. Meine Beschäftigung als Schweifen» besteht darin, daß ich das Garn aus dem Nahmen aufrolle. Wir haben stehende und liegende Rahmen, die ersteren für die Weber, die letzteren für uns. Ich bin schon im Alter von 14 ',2 Jahren als Schweifen» in eine Weberei gekommen. Da hatte ich ein halbes Jahr lang st. 2'50, dann bin ich in die Wirkerei in ein anderes Geschäft gekommen, wo ich anfangs st. 4'50 und später fl. 5 verdiente. Tann bin ich in ein Geschäft im VI. Bezirk gekommen, wo ich fl. 6 bekam, und dann wieder in einem anderen Geschäft erhielt ich fl. 7. Ueber das letztere ist die Sperre verhängt worden. Dies ist deshalb geschehen: Der Herr hat eine Fabriksordnnng herausgegeben, in welcher er eine elfstündige Arbeitszeit verlangte und außerdem anordnete, daß wir am Samstag um 0 Uhr Feierabend machen und dann noch eine Stunde Maschinenputzen und dergleichen besorgen sollten, so daß erst um 7 Uhr ausgezahlt worden wäre. Das haben die Arbeiter nicht annehmen wollen, sondern es haben sich alle die Bücher geholt und sind fort. Der besagte Herr hat bis jetzt noch keine Arbeiter, sondern nur Strikebrecher, zwei Männer und zwei Frauen. Derzeit bin ich schon in dem vierten Betrieb. Vorsitzender: Warum Haber: Sie so häufig die Arbeit gewechselt ? — Exp. Nr. l13: Dort, wo ich fl. 4'50 und 5 verdient habe, hätte ich ir: der stillen Zeit beirr: Kammgarn nur fl. 2 bis 3 gehabt, deshalb bin ich fortgegangen, weil ich davon nicht leben kann. In den: zweiten Betrieb hat der Herr verlangt, daß wir bis 7 Uhr arbeiten. Ich habe ihn ganz einfach gefragt, ob wir dafür bezahlt bekommen, da hat er gesagt: „Nein, wie können Sie so niederträchtig sein, zu fragen?" Darauf hin bin ich fort, und die Anderen sind mit mir gegangen. Am nächsten Tag sind wir wieder gekommen, und da hat der Herr uns zugeredet, wir sollen bleiben, er werde uns die Stunde bis 7 Uhr bezahlen; da sind wir geblieben und haben 12 kr. für die Stunde bekommen. Nun hat er im Winter Arbeiter entlassen wollen, und zwar mit achttägiger Kündigung. Darauf sagte ich: „Ich gehe entweder gleich, oder es muß mir 14tägige Kündigung bewilligt werden." Als der Herr darauf nicht einging, bin ich weggegangen, und er wollte mir das Buch vorenthalten. Hierauf ging ich zur Genossenschaft, und da hat er mir das Buch geben müssen. Hierauf bin ich dann in den nächsten Betrieb eingetreten. Tort war ich vier Monate vor Weihnachten, dann ist die Sperre über ihn verhängt worden. (Ueber Befragen des Vorsitzenden.) In jenem Betriebe, von dem ich zuletzt gesprochen habe, waren 27 Personen beschäftigt, 12 Frauen und 15 Männer. Es war das ganze Jahr gleichmäßig Arbeit, Kinder wurden nicht beschäftigt, aber in einem anderen Betriebe sind Mädchen schon mit 14 und 15 Jahren in der Arbeit. Dort werden die Maschinen 406 mit Dampf, im Betriebe, wo ich war, aber mit der Hand betrieben; das letztere ist sehr schwer, und es müssen manchmal auch Mädchen das machen. Bei uns wird Arbeit nach Hause gegeben, und zwar in der Knüpserei. Beim Knüpfen der Shawls und Tücher werden die Fransen zu Hause gemacht. Es gibt auch Heimarbeiteriuneu, die nur zu Hause arbeiten. Die Arbeiterinnen recrutiren sich zumeist aus Arbeiterkreisen, es kommen aber auch solche aus besseren Häusern, welche jedoch nur zum Tücherlegen und zu leichteren Arbeiten verwendet werden. Wir haben Lehrmädchen, welche jedoch nicht aufgedungen und freigesprochen werden, sondern in Wirklichkeit Hilfsarbeiterinnen sind. Bei der Genossenschaft werden nur männliche Arbeiter aufgedungen und freigesprochen. Die Lehrmädchen werden vom Werkmeister oder von Arbeitern unterrichtet. Diejenigen, welche die Lehrmädchen unterrichten, bekommen dafür vom Herrn keine besondere Bezahlung, sondern die Lehrmädchen selbst müssen ihnen zum Beispiel zum Namenstag etwas kaufen. Die Lehrmädchen verdienen st. 2 bis 2'50, je nach der Ärbeit. Eine Anfängerin bleibt circa ein halbes Jahr Lehrmädchen und bekommt vom Anfang an Bezahlung, und nach dem halben Jahre erhält sie höheren Lohn. Die Männer sind nur Wirker oder Werkführer. Dr. Rauchberg: Die Mädchen lernen nicht Alles, was im Geschäft vorkommt, sondern Jede lernt nur eine von den Berrichtungen? — Expertin Nr. 113: Ja. Dr. Rauchberg: Kann also zum Beispiel die Winderiu knüpfen? — Exp. Nr. 113: Gewöhnlich nicht. Ich kann alle Arbeiten, weil ich sie vom Sehen aus gelernt habe. wiewohl ich darin nicht unterrichtet worden bin. (Ueber Befragen des Vorsitzenden.) An den Wirkstühlen werden auch Frauen verwendet. Die machen dann dieselbe Arbeit wie die Männer. Selbst dort, wo Handbetrieb ist, sind das Mühlstühle, die gedreht werden müssen. Wir haben keine Arbeitsvermittlung, sondern man muß von Fabrik zu Fabrik Arbeit suchen gehen. Vorsitzender: Sind Sie Mitglied des Fachvereines?—Expertin Nr. 113: Ja, aber erst seit kurzer Zeit. Vorsitzender: Es hat nämlich geheißen, daß der Fachverein die Arbeit vermittelt? — Exp. Nr. 113: Allerdings, in der Mehrzahl der Fälle müssen sich aber die Arbeiterinnen die Arbeit selbst suchen. Auf die 54 Erkrankungen entfielen 1517 Krankentage. 10 Erkrankungen 20. . . . . . 91 10 „ 15 ... . . . 70 14 mit 342 Tagen entfielen auf Rheu- )) 14 ... . . . 1 2 matismns, 8 mit 88 Tagen auf Magenkatarrh. Zusammen. . . 308 54 415 sind. Arme Mädchen kommen schwer hinein, weil man gegen sie Mißtrauen hegt. Ich selbst kenne eine Beamtentochter, die als Ladenmädchen angestellt ist. Eine Lehrzeit gibt es nicht. Die Arbeitsvermittlung besorgt die Genossenschaft. Viele bekommen ihre Stellen durch Bureaux oder durch die Zeitung. Mein Lohn beträgt jetzt fl. 35 monatlich, doch habe ich keine Verpflegung. In dem früheren Stadtgeschäste hatte ich fl. 9 monatlich, Kost und Wohnung. Von den anderen Mädchen hatte die erste fl. 14, die zweite fl. 12, die dritte fl. 10 und die vierte fl. 9 und Alle Kost und Wohnung. Kleider und Schürzen bekomme ich nicht. Früher bei W. haben wir fl. 2 Wäschegeld bekommen, weil wir die Wäsche zahlen mußten. Man kommt aber damit nicht aus und soll doch immer nett dastehen. Daß man viel Wäsche braucht, kommt daher, daß man Schmalz und Butter Herrichten muß und sich dadurch Kleider und Schürzen schmutzig macht. Man trägt im Geschäfte sowohl Stoff- als Waschkleider. Sonstige Ausgaben haben wir nicht zu machen. Abzüge und Strafen kommen bei uns nicht vor. Bei W. war ich von 4 Uhr Früh bis 10 Uhr Abends auf den Füßen und habe dadurch geschwollene Füße bekommen. Das war so das ganze Jahr hindurch. Eine Collegin mußte um 2 Uhr ausstehen und hatte Nachmittag eine Stunde frei zum Schlafen. Aber sie ist nie dazugekommen, weil doch immer etwas zu thun war. Jeden zweiten Sonntag haben zwei Mädchen von 5 bis 9 Uhr frei gehabt. Das Essen wurde uns in den Laden gebracht. Wir konnten fast nie ungestört essen, sondern immer nur ein paar Löffel nehmen und mußten wieder fortlaufen. Das Essen wurde noch dazu um die Zeit gebracht, wo den Burschen das Gebäck zum Austragen zugezählt werden muß, da die Leute Nachmittag frisches Gebäck bekommen. Die Herrenleute essen nämlich um 12 Uhr, und da wird auch für uns das Essen hergerichtet. Ich mußte um 4 Uhr aufstehen und täglich um 7 Uhr in die Wohnung hinaufgehen zusammenräumen, Zimmer bürsten, Teppiche klopfen, Möbel abstauben u. s. w., weil ich die Jüngste war. Nach dieser Arbeit ging ich wieder in den Laden und mußte das Gebäck einzählen; Nachmittag bekämen wir Kaffee. In die Kirche zu gehen, haben wir keine Zeit, selbst an hohen Feiertagen nicht. Wir haben gegenseitige 14tägige Kündigung gehabt. In das Geschäft, wo ich jetzt bin, komme ich um 7 Uhr, da habe ich nur zu verkaufen und den Burschen die Semmeln einzuzählen. Um 9 Uhr Abends gehe ich nach Hause. Zu Mittag habe ich eine Stunde Pause, während dieser Zeit vertritt mich der Geschäftsführer. Wenn ich zurückkomme, geht er essen. Nachmittag habe ich auch eine Viertelstunde Pause. Auch hier ist eine 14tägige Kündigung. Jede Woche habe ich einen Tag frei und brauche nicht in's Geschäft zu kommen. Diesen Tag bestimmt der Geschäftsführer. In dem früheren Geschäfte bei W. waren wir drei Mädchen in einem Cabinet. Es waren drei Betten und drei Kästen. Das Fenster des Cabinets geht auf den Gang und das Gangfenster in den Hof; es ist in Folge dessen das Zimmer finster, und man muß bei Tag Licht brennen. Die Kost war nicht schlecht. Wir haben Suppe, Fleisch und Gemüse bekommen, Sonntag Braten und Salat. Zum Frühstück Kaffee, Gebäck war frei, Vormittag nichts, Nachmittag Kaffee, Abends bekamen wir 20 kr. Geschenke hatten wir nicht zu machen. Ich glaube, daß das nicht das schlechteste Haus war. (Ueber Befragen.) Ich war nicht als Dienstmädchen, sondern als Ladenmädchen angestellt, denn ich hatte ein Arbeitsbuch. Ich war auch bei der Krankencasse versichert. W itt el s h ö f er: Ist es möglich, daß ein Mädchen als Ladenmädchen aufgenommen und als Dienstmädchen verwendet und bei der Tienstboten-Krankencasse versichert wird? — Exp. Tobola: So ein Mädchen muß jede Beschäftigung machen, und es ist da wirklich streitig, ob sie Dienst- oder Lehrmädchen ist. Sie ist einfach ein Mädchen für Alles, und oft wird auch ein Dienstmädchen, wenn kein passendes Ladenmädchen da ist, 416 als Ladenmädchen verwendet. Man gibt ihr einfach etwas mehr Lohn. Es ist mir ein Fall bei der Krankencasse bekannt, daß ein Mädchen erst nachdem sie krank wurde als Ladenmädchen für krank angemeldet wurde, und wir mußten das Krankengeld bezahlen. Das Mädchen war aber fchon durch drei Jahre als Ladenmädchen beschäftigt, wie wir privat erfahren haben. Vorher war sie bei der Dienstboten-Krankeneasse angemeldet, weil es da billiger kommt. Wir haben zwar die Anzeige darüber gemacht, aber die Sache ist sehr schwierig, weil man die Mädchen nicht als Zeugen vernehmen kann, denn sie fürchten dadnrch die Stelle zu verlieren. W i t t e l s h ö f e r: Wie ist der Vorgang bei der Arbeitsvermittlung durch die Genossenschaft? — Exp. Nr. ll4: Wir gehen täglich hin anfragen, und wo eine Stelle frei ist, wird -man hingeschickt. Witte lsh vfer: Sie sagten, daß in dem früheren Geschäfte noch vier Mädchen waren und daß eine davon die Erste war. Was bedeutet das? — Exp. Nr. 114: Sie hatte einfach mehr Lohn, und die schlechteren Arbeiten mußten die Jüngeren machen. (Ueber Befragen.) Wir hatten dieselbe Kost wie die Herrenleute. Wittelsh öfer: Sie haben also die Zimmer gereinigt und find dann gleich in's Geschäft gegangen. Haben Sie inzwischen Gelegenheit gehabt, sich zu waschen? — Exp. Nr. l14: Man hat sich sehr beeilen müssen. Ich habe mich gewaschen, frisirt und angezogen und bin dann wieder heruntergegangen. Vorsitzender: Wer war denn Ihr Vorgesetzter in dem Stadt- geschäfte, und wie hat er Sie behandelt? — Exp. Nr. ll l: Es war unrein Geschäftsführer da, und über die Behandlung kann ich nichts Schlechtes sagen. Er ist uns nie grob begegnet. (Ueber Befragen.) Die Verkäuferinnen sind fast alle ledig. In dem Geschäfte in Währung war ich als einzige Verkäuferin. Das Gebäck ist mir um 9»5 Uhr Früh zugetragen und vorgezählt worden. Ich mußte das Gebäck nachzählen, ob es mit der aus dem Lieferschein angegebenen Zahl übereinstimmt. Ich war von '/rö Uhr Früh bis 9 Uhr Abends beschäftigt und hatte keine Pausen. W i t t e l s h ö f er: In welcher Weise haben Sie das Geld abgeliefert? — Exp. Nr. l14: Das Gebäck, das Früh, Mittag und Nachmittag kommt, wird zusammengeschrieben, und am Abend oder am nächsten Tag ist der Geschäftsführer gekommen und hat das Geld abgeholt. (Ueber Befragen.) Das Geld hat nicht immer gestimmt, weil doch sehr oft Bettler kommen, und für die gibt der Meister nichts her. Man kann aber doch die Armen nicht abweisen. Da habe ich ihnen stets eine Semmel gegeben, und das fehlende Gebäck mußte ich dann bei der Verrechnung daranfzahlen. Dr. Schiff: Hatten Sie im Stadtgeschäfte bei W. Aussicht, mit der Zeit einen höheren Lohn zu erhalten? — Exp. Nr. N4: Nein; auch die Anderen waren nur kurze Zeit dort. Wenn ein Mädchen kommt, so wird ihr gesagt, sie hat so und so viel Lohn, und so viel wird ihr auch gezahlt. (Ueber Befragen.) Zum Niedersetzen kommt man in diesem Geschäfte den ganzen Tag nicht, weil in einem großen Geschäfte fortwährend zu thun ist. In dem Geschäfte in Währing war es besser. Da hatte ich um 9 Uhr Abends frei und bin um 10 Uhr in's Zimmer gegangen, bin aber doch sehr oft bis 11 oder 12 Uhr wach geblieben, denn man hat immer etwas zu flicken. Dr. Schiff: Weshalb mußten Sie denn am Sonntag in dem Geschäfte, wo Sie von 5 bis 9 Uhr frei hatten, wieder um 9 Uhr zurück sein? — Exp. Nr. 114: Da mußte ich das Pult waschen, Butter und Schmalz für die Burschen Herrichten und dergleichen. (Ueber Befragen.) In Währing habe ich auch fl. 9 Lohn gehabt. Dr. v. Fürth: Wissen Sie, in welcher Weise die Zuweisung der Arbeit bei der Genossenschaft erfolgt? Geschieht das in der Reihenfolge, in 417 der man sich meldet? — Exp. Nr. 1l4: Nein, die Frau Schmidt, die die? Mädchen versorgt, geht ohne Ordnung vor. Exp. Tobola: Die Arbeitsvermittlung geschieht in der Wohnung des sogenannten Ansagemeisters der Genossenschaft. Die Wohnung zahlt ihm die Genossenschaft mit fl. 500 jährlich. Früher mußten die Lehrmädchen fl. 1 Einschreibegebühr zahlen, und wenn sie einen Posten bekamen, einen bestimmten Betrag zahlen. Der Gehilsenausschuß hat sich aber dafür eingesetzt, daß auch die Arbeitsvermittlung der Bäcker geregelt werde, weil auch von männlichen Angehörigen des Gewerbes früher lO kr. zu zahlen waren. Es gibt bei der Vermittlung durch die Genossenschaft keine Regel. Tie Arbeiterinnen müssen sich täglich anfragen, und wenn ein Platz frei ist, so schickt die Frau ein Mädchen, das sie für passend hält, hin. Es steht also ganz in dem Belieben der betreffenden Frau, wen sie hinschickt. Dr. v. Fürth: Ist es richtig, daß die einzelnen Arbeitsbücher aufeinander gelegt werden, so daß das Buch des zuerst kommenden Mädchens zu unterst, das Buch des letzten Mädchens zu oberst liegt? — Experte Tobola: Ja wohl, die Bücher kommen ganz durcheinander. Es ist zwar jetzt das Abgeben der Bücher abgeschafft, aber es wird auch jetzt nicht so vorgegangen, wie es sein sollte. W i t t e l s h ö f e r: Wie wär es mit Ihrer freien Zeit in dem Geschäfte in Währung bestellt? — Exp. Nr. 114: Ich hatte alle sechs bis acht Wochen am Sonntag frei, mußte aber erst darum ansuchen; an diesem Tage hat mich der Geschäftsführer vertreten. «Ueber Befragen.) Ich wohnte damals in dem Verschlage neben dem Laden. Ein Anslagesenster war nicht da, und mein Bett stand hinter der Brotstelle. Das Essen wurde mir von Währing heimgeschickt, Früh, Mittags und Abends. Das Mittagmahl bestand aus Suppe, Fleisch und Gemüse, war aber immer kalt, so daß ich es erst am Gasofen wärmen mußte. Bardorf: Ist das zurückgebliebene Gebäck im Laden geblieben, wo Sie geschlafen haben? — Exp. Nr. 114: Ja. Bardors: In der Arbeiterbäckerei, wo Sie jetzt sind, haben Sie auch eine Mittagspause und regelmäßig Ihre freie Zeit. Halten Sie es also für möglich, daß auch in den Stadtgeschäften freie Zeit gewährt werden kann? — Exp. Nr. 114: Ja. Dr. Schiff: Ich habe gehört, es sei ein großer Theil der Bäcker in der Bezirks-Krankencasse? — Exp. Tobola: Das sind nur Lehrlinge; Bäcker müssen stets bei unserer Casse angemeldet sein. Auch alle großen Betriebe (Fabriken) haben ihre Leute bei unserer Genossenschaft angemeldet. Mendl ist eigentlich nicht unser Mitglied, und es wäre richtig, wenn er seine Leute bei der Bezirks-Krankencasse anmelden ließe. Sein Vorgänger aber war Genossenschaftsmitglied, und deshalb sind auch jetzt die Leute bei unserer Casse geblieben. Ich glaube auch sicher behaupten zu können, daß kein Bäcker seine Gehilfen bei der Bezirks-Krankencasse angemeldet hat. Dr. Osner (zur Exp. Nr. 114): Sie sagten uns, daß Sie in dem Geschäfte, wo Sie drei Jahre waren, oft aus eigener Tasche den Armen etwas gegeben haben. Haben Sie zusammengezählt, wie viel das beiläufig ausmachte. — Exp. Nr. 114: Es waren täglich 0 bis kr. Dr. Schiff: Also im Monat über fl. 2 bei einem Lohn von fl. 9? — Exp. Nr. 114: Ja gewiß. (Ueber Befragen des Vorsitzenden.) Oft kam es auch vor, daß man sich beim Einzählen des Gebäckes zu meinen Un- gunsten geirrt hat. Wenn ich dies dann sagte, antwortete man mir: Es kann nicht sein, es ist richtig gezählt worden. Wie viel diese Verluste für mich ausgemacht haben, weiß ich nicht. Für meinen Gebrauch habe ich sechs Stück Gebäck bekommen. (Ueber Befragen.) Die Frau, die die Arbeitsvermittlung besorgt, hat das Mädchen, welches ihr zu Gesicht stand, auf den freien Platz geschickt. , 27 413 Dr. Ofner: Hat man nicht eher eine Stelle bekommen, wenn man der Frau etwas gegeben hat? — Exp. Nr. 114: Das kann ich nicht sagen, ich habe darüber keine Erfahrung. Ich selbst bin nicht zurückgesetzt worden. W it t e l s h ö f er: Wie ist es in den großen Stadtgeschästen mit dem Gebäck, das für die Angestellten und für die Armen hergegeben wird? — Exp. Nr. 114: Da besteht keine Verrechnung. Wenn ein Armer kommt, so wird ihm etwas gegeben, und was von uns gegessen wird, wird auch nicht verrechnet. (Ueber Besragen.1 Ich bewohne jetzt in der Neustiftgasse mit noch einem Fräulein ein Zimmer und zahle fl. 1 pro Woche. Mittag esse ich im Gasthause, und zwar Suppe, Fleisch und Gemüse und ein Seidel Bier um 27 kr. Zum Frühstücke bekomme ich im Geschäfte Kaffee, zum Gabelfrühstück kaufe ich mir ein Paar Würstel oder Butterbrot oder wieder Kaffee, am Abend Butterbrot oder ein Stückchen Wurst und ein Seidel Bier. An Feiertagen gehe ich nach Hause zu den Eltern, und wir gehen außerhalb der Stadt spazieren. Ich gehöre außer dem Krankenverein und der Gewerkschaft keinem Vereine an. Ich habe Niemand zu unterstützen. Wittelshöser: Kommt es häufig vor, daß die Mädchen der Gewerkschaft angehören? — Exp. Tobola: Es kommt sonst nicht vor. Die Bäcker sind wohl im Ganzen gut organisirt, aber die Ueberwachnng ist doch zu strenge; das zeigt schon die Betheiligung der Mädchen an dieser Enqutzte. Es ist nicht möglich, die Mädchen für den einen Tag freizumachen. Bardors: Sie haben Gebäck für Ihre Person frei? — Expertin Nr. 114: Ja. Die erste Zeit macht man von dieser Freiheit viel Gebrauch, doch mit der Zeit wird es Einem zuwider. Exp. Tobola: Ich möchte noch eine Mittheilung bezüglich der Krankenkasse machen. Die Mädchen sind in dieser Beziehung sehr unwissend. Die Herren spielen gewöhnlich den Wohlthäter und ziehen den Kranken- cassenbeitrag vom Lohn nicht ab. Wenn nun aber ein Mädchen nicht im Guten fortgeht, so wird ihr zum Schlüsse der ganze Betrag auf einmal abgezogen. Es ist ein Fall vorgekommen, wo ein Meister einem Mädchen den Cassenbeitrag von sechs Monaten abgezogen hat bei einem Lohne von fl. 12 inclusive Nachtmahlgeld. Sie hat die Anzeige gemacht, und der Meister ist mit fl. 5 bestraft worden. Dann ist mir noch ein Fall bekannt, wo ein großer Meister in der Stadt mit einem Ladenmädchen ein Kind gehabt hat. Sie ist entlassen worden als die Unsittliche, und als sie ihn um eine Unterstützung angegangen ist, hat er ihr gesagt, sie soll das Kind in die Donau werfen. Dieser Fall ist im Fachblatte ohne Nennung des Namens veröffentlicht worden, und in der „Volkstribüne" ist ihm angedroht worden, daß man seinen Namen veröffentlichen werde, wenn er seiner Pflicht nicht nachkommen sollte. Daraufhin dürste er es wohl gethan haben. Ich kann nicht sagen, daß solche Fälle häufig vorkommen, aber die Mädchen sind wohl solchen Gefahren ausgesetzt. (Ueber Befragen.) Die Mädchen recrntiren sich aus den verschiedensten Kreisen. Es sind darunter welche, welche als „Mädchen für Alles" eintreten und, wenn sie anständig sind, als Ladenmädchen verwendet werden. Sie sind gewöhnlich aus den ärmeren Classen, doch findet man auch die besseren Stände vertreten, besonders die Mädchen vom Lande. Die Eltern wollen ihre Kinder in irgend etwas ausbilden lassen. So ein Mädchen kommt natürlich nur in feinere Häuser. In den gewöhnlichen Bäckereien sind meist nur Kinder ärmerer Leute. Mir ist speciell bekannt, daß auch Lehrers- und Beamtenstöchter als Ladenmädchen verwendet werden, aber so viel man oberflächlich beobachten kann, sind die verschiedensten Elemente vertreten. Eine Lehrzeit gibt es nicht. Der Lohn bewegt sich nach meinen Erfahrungen in den kleinen Betrieben zwischen fl. 7 und 1.4 monatlich. Der höchste Lohn dürfte fl. 15 sein; aber in dem größten Geschäft bei B. wird fl. 8 monatlich gezahlt. (Ueber Befragen.) Die Kündigungsfrist ist meist 14tägig; es werden oft auch nur drei Tage ausgemacht wie bei Dienstmädchen. Unsere Meister 419 nehmen sich nicht so viel Mühe, dem Arbeiter zn sagen: Ich gebe Ihnen das oder jenes; man tritt gewöhnlich ohne Bedingung ein. Bei den männlichen Arbeitern ist es in der Regel so, daß der Gehilfe gar nicht weiß, welchen Lohn er bekommt, bis die Woche zu Ende ist. Ich glaube nicht, daß Geschenke üblich sind, höchstens bei der Arbeitsvermittlung. Die Mädchen sind durch- gehends ledig; höchstens dürfen jene Verschleißerinnen, welche in Filialen angestellt sind, verheiratet sein. Dr. Hainisch: Gibt es eine Saison im Bäckerladen? — Experte Tobola: Im Sommer ist es wohl etwas schwächer, aber das spielt keine Rolle. Es werden höchstens in den großen Bäckereien ein bis zwei Arbeiter weniger gebraucht. Dr. Schiff: Wovon hängt die Höhe des Lohnes der Mädchen ab ? — Exp. Tobola: Die Arbeit ist nicht die gleiche. Mädchen, die mehr Intelligenz, eine größere Umsicht und mehr Kenntnisse besitzen, werden auch zn besseren Arbeiten verwendet, z. B. zum Schreiben. Es besteht ja auch Buchführung bei den Bäckern, und wenn ein Mädchen sich eifrig und umsichtig zeigt und oft Betrügereien von den Burschen entdeckt oder verhindert, so werden sie dann besser gestellt. Ein Mädchen, das unzufrieden ist, sagt einfach, sie will nicht mehr bleiben, wenn sie keinen höheren Lohn bekommt; wenn sie dem Herrn etwas werth ist, so zahlt er ihr gewiß gerne mehr. Es werden gerne frische Kräfte genommen, und so kommt es, daß die Mädchen im Allgemeinen nur sehr kurze Zeit beim Geschäfte sind. In welche Bernfsclassen dann diese Mädchen eintreten, ist schwer zn sagen. Die meisten heiraten wohl oder übernehmen eine andere Arbeit, die sie zu Hause leicht besorgen können. Verheiratete werden bei unserem Geschäfte nicht beschäftigt. Das Angebot von Arbeitskräften ist bei den Mädchen nicht so bedeutend wie bei den männlichen Arbeitern, denn die Mädchen kommen in anderen Beschäftigungen besser unter als bei uns. Man kann das nicht so gut überblicken, aber jedenfalls ist das Angebot der Arbeitskräfte größer als die Nachfrage nach denselben. Vorsitzende: Wir gehen jetzt znr Spenglerei über. Experte Hans Drechsler (über Befragen seitens der Vorsitzenden»: Wir haben in unserem Gewerbe eine Unzahl von kleinen Werkstätten, wo gewöhnlich zehn bis zwölf Personen beschäftigt sind. Die Arbeit besteht hauptsächlich im Löthen und Putzen. Außerdem kommt es vor, daß sehr viele Arbeiterinnen in unserem Gewerbe zur Maschinenarbeit verwendet werden, weil die männlichen Arbeitskräfte entschieden zu theuer sind. Beim Putzen ist hervorzuheben, daß hauptsächlich Zinkgegenstände mit Salzsäure geputzt und mit Wiener Kalk nachgerichtet werden müssen. Durch die Salzsäure, welche einen starken Dampf abgibt und welchen die Arbeiterinnen, da sie in gebückter Stellung arbeiten, einathmen müssen, werden die Athmungsorgane sehr geschädigt - außerdem müssen die Leute noch den Staub vom Wiener Kalk und schlemmkreide schlucken. Beim Löthen wird mit dem Löthwasser oder Salzsäure gearbeitet, welche ebenfalls schlechte Dünste ausströmen, dazu kommen noch die schlechten Gasdünste. Die Frauen sind beim Schneiden mit den Scheeren beschäftigt, dann auch bei Maschinen, welche einen geraden Gegenstand rund machen müssen, die sogenannten Rundmaschinen. Diese Maschinen werden theilweise mit Dampf, theilweise mit der Hand getrieben und sind in der Beziehung sicherheitsgefährlich, weil die Arbeiterin leicht mit ihrem Kleid in die Räder oder in die Walzen hineinkommen kann. Mir sind allerdings wenige Unfälle bekannt. Sicherheitsvorkehrungen sind zwar in einigen Betrieben, aber sie werden wenig gehandhabt, denn die Leute stehen meist im Accordlohn, und dadurch wird verursacht, daß sie so schnell als möglich mit der Arbeit fertig werden wollen, um neue zu erhalten, weil sie wenig dafür bezahlt bekommen. Auch bei der Hand- 27 * 420 Maschine können Unglücksfälle vorkommen, hauptsächlich bei den Scheeren und den Stanzen. Es ist vorgekommen, daß sich die Leute die Fingerspitzen weggezwickt haben. Mir sind solche Fälle bekannt, ich kann aber nicht sagen, daß es oft vorkommt. Dr. Ofner: Ist diese Arbeit früher von Männern gemacht worden ? — Exp. Drechsler: Es waren auch früher schon Frauen dabei. Die größte Umwälzung ist durch die Gulyasbüchsen herbeigeführt worden. Dr. Ofner: Wie ist das numerische Verhältniß von Männern und Frauen? — Exp. Drechsler: In größeren Betrieben sind oft die Hälfte Frauen, während in den kleineren Betrieben sehr wenig Frauen sind. Der Zuwachs an Frauen ist kein großer, weil durch die neuen Maschinen überhaupt sehr viele Arbeitskräfte erspart worden sind. In gewissen Zweigen sind die Männer von den Frauen total verdrängt worden. So gibt es in einer Werkstätte, wo Tabaksdosen u. dergl. erzeugt werden, 40 Frauen, die unter der Leitung eines Spenglers stehen. Insbesondere dort, wo die Galanteriespenglerei eingreift, sind hauptsächlich Frauen auch in kleinen Betrieben, es kommt aber auch vor, daß ein Spenglermeister mit vier oder fünf Arbeitern und ein paar Lehrlingen arbeitet. Dann ist nur eine oder zwei Hilfsarbeiterinnen, welche zu putzen haben. Dr. Osner: In welcher Stellung machen die Frauen die Arbeit bei den Maschinen? — Exp. Drechsler: Hauptsächlich stehend. Beim Pressen und Stanzen können sie sitzen. Es kommt darauf an, wie die Maschine angebracht ist; meistens müssen sie vorgebeugt sein. Dr. Osner: Müssen sie dann den ganzen Tag stehen? — Experte Drechsler: Ja. Dr. Osner: Ist Ihnen bekannt, ob die Entwicklung der Gase Erkrankungen zur Folge hat? — Exp. Drechsler: Einzelne Fälle sind mir nicht bekannt. Es kommt aber sehr häufig vor, daß die Mädchen unwohl werden und fortgehen müssen. Bardorf: Werden nicht einzelne Mädchen auch in der Lackirerei verwendet? — Exp. Drechsler: Ja, hauptsächlich in den größeren Fabriken. Vorsitzende: Sind in den Betrieben auch schwangere Frauen? — Exp. Drechsler: Das kommt häufig vor. Vorsitzende: Haben Sie eine Erfahrung, ob diese Arbeiten auf die Kinder schädlich eingewirkt haben? — Exp. Drechsler: Darüber könnte ich keine Auskunft geben. Das, was die Frauen da an den Badewannen u. s. w. zu arbeiten haben, kann ihnen nicht förderlich sein. Dr. Ofner: In welchem Alter sind die Arbeiterinnen? — Experte Drechsler: Fast ausschließlich nur bis zu 30 und 40 Jahren. Die älteren Arbeiterinnen bekommen geringere Arbeiten und werden meist schlechter bezahlt als die jüngeren. Sobald die Frauen 40 bis 45 Jahre alt sind, sieht sie der Unternehmer nicht mehr gern in seinem Betriebe. Dr. Ofner: Ist die Arbeit der Frauen sehr anstrengend? — Exp. Drechsler: Ja, besonders das Putzen von Badewannen und auch die Arbeit bei den Maschinen. Dr. Ofner: Wie verhält sich der Lohn, welchen früher die Männer hatten, zum Lohne der Frauen? — Exp. Drechsler: Der Lohn der Männer betrug zwischen st. 10 und 14, während die Frauen nur fl. 3 und in der guten Saison vielleicht fl. 0 bis 7 erhallen. Der Lohn schwankt gewöhnlich zwischen fl. 2 und 6. Dabei müssen die Frauen ebensoviel leisten als die Männer. Dr. Hainisch: Treibt man die Maschinen selbst mit der Hand? — Exp. Drechsler: Ja. Die Arbeit ist je nach der Größe des Betriebes eine mehr oder weniger getheilte. Oft haben sie in einer Fabrik drei bis vier Tage einen Artikel zu machen, dann bekommen sie wieder 421 eine andere Arbeit. Es kommt auch vor, daß die Frauen an mehreren Maschinen beschäftigt sind, bald an dieser, bald an jener. In größeren Betrieben sind aber meistens Motoren vorhanden. Dr. Schiff: Wie groß ist die Zahl der Betriebe in Wien? — Exp. Drechsler: Zwischen 550 und «100. Davon sind 500 kleine Betriebe und die anderen fabriksmäßige. Dr. Schiff: Besteht in den kleinen Betrieben auch Arbeitstheilung? — Exp. Drechsler: Es gibt kleine Werkstätten, die nur einen Artikel erzeugen und die in diesen Artikeln mit den großen Fabriken coneurriren. In den großen Fabriken ist die Arbeitstheilung fortgeschritten, und da werden die Frauen zu ganz speciellen Arbeiten verwendet. Dr. v. Fürth: Ist nicht auch die Manipulation beim Lackiren eine sehr gesundheitsschädliche? — Exp. Drechsler: Allerdings, hauptsächlich das Bronziren, Versilbern und Vergolden, denn da muß man immer den Staub einathmen. Schutzvorrichtungen sind da keine vorhanden. Man kann höchstens ab und zu auf die frische Luft gehen, wenn der Artikel gut bezahlt ist. Dr. v. Fürth: Kommt auch Terpentin in größerer Menge vor? — Exp. Drechsler: Ja, welche Wirkung das aber hat, kann ich nicht sagen. Experte Ferdinand Benesch: Ich war in verschiedenen Betrieben beschäftigt, wo eine Lackirerei bestand. Die Arbeiterinnen, welche in der Lackirerei beschäftigt sind, haben einen separaten Raum. Wenn man da hineinkommt, fällt man beinahe um. Ich habe jedesmal von dem starken Terpentingernch Kopfschmerzen bekommen. In dem Raume, wo die Waaren getrocknet werden, herrscht eine sehr große Hitze. In diesen Raum müssen aber die Arbeiterinnen sehr häufig hineingehen. Meistens halten es die Arbeiterinnen in der Lackirerei nicht lange aus, weil sie zu sehr an Kopfschmerzen und Magenbeschwerden leiden. Bardorf: Wie viele Mädchen waren in einem Betriebe beim Lackiren beschäftigt? — Exp. Benesch: Es dürften neun gewesen sein. Bardors: Waren die lange dabei? — Exp. Benesch: Sie haben oft wechseln müssen, weil die Arbeiterinnen es nicht aushalten tonnten. Diejenigen, die schon beim Lackiren waren, halten es länger aus. Ich habe die Erfahrung gemacht, daß Arbeiterinnen, die anfangs in die Lackirerei kommen, in der ersten Zeit immer krank sind. Bardorf: Es ist mir bekannt, daß man mit Vorliebe solche Arbeiterinnen nimmt, die schon bei der Lackirerei waren. Man nimmt also nicht gerne frische aus? — Exp. Benesch: Das kommt auf die Verhältnisse an. Wenn der Herr eine genügende Anzahl von Arbeiterinnen hat, und wenn ihn: eine mehr macht als zwei andere, dann kann er sich auch solche nehmen, die noch nicht beim Lackiren waren. Natürlich werden immer Diejenigen bevorzugt, die schon dabei waren. Das sind aber immer solche, die wo anders haben austreten müssen, weil sie es nicht ausgehalten haben. Wittelshöfer: Ist die Arbeiterin während der ganzen Arbeitszeit in diesem Locale? — Exp. Benesch: Ja. Wittelshöfer: Und wie lange muß sie sich im Trockenraume aushalten? — Exp. Benesch: Solange, bis sie die Sachen zusammengestellt hat. Sie muß die srischlackirten Waaren hineinstellen und die trockenen herausnehmen. Das erfordert 15 bis 20 Minuten und kommt vielleicht im Tage dreizehnmal vor. Wittelshöfer: Wie hoch ist die Temperatur in diesem Raume? — Exp. Benesch: Etwa 40 Grad Reaumur. — Exp. Drechsler «über Befragen seitens des Vorsitzenden): Gelernte Arbeiterinnen gibt es wenige. Sie werden gleich zur Arbeit gestellt, denn die Maschinen sind so 422 eingerichtet, daß man gleich bei ihnen arbeiten kann. Anfangs werden die Arbeiterinnen eben schlechter bezahlt. Es kommt Wochen- nnd Stücklohn vor, in den größeren Betrieben meist Stücklohn. Wenn die Arbeiterin aufgenommen wird, zeigt sich ja gleich, was sie leisten kann. Darnach bekommt sie dann st. 2, 2'50 oder 3 pro Woche. Wenn sie sich für einen Artikel ausgebildet hat, wird dann zum Stücklohn übergegangen. Das hängt von der Art des Artikels ab und kann schon in einigen Wochen geschehen. Sie kann beim Accord bei einem Verdienste von fl. 2 bleiben, sie kann es aber bis zu fl. 12 oder 14 bringen. Das verdienen aber nur Wenige. Die Männer verdienen zum Mindesten fl. 5 und höchstens fl. 17 bis 18. Vorsitzende: Machen die Frauen dasselbe, was die Männer machen? -- Exp. Drechsler: Ja. Vorsitzende: Kann sie das leisten, was der Mann leistet, der fl. 16 verdient? — Exp. Drechsler: Wenn sie länger im Betriebe ist, ja. Vorsitzende: Wird auch Arbeit nach Hause gegeben? — Experte Drechsler: Mir ist kein Fall bekannt. Meistens sind ja die Gegenstände sehr umfangreich. Expertin Nr. 115: Man kann in drei bis vier Stunden etwa 20 bis 25 Stück Siebe machen. Da muß man aber einen Artikel drei bis viermal in die Hand nehmen, so viel kann man aber doch nicht nach Hause tragen. Bardorf: Gibt es überhaupt bei der Spenglerei eine Arbeit, die Männer und Frauen zugleich machen? — Exp. Drechsler: Nein, die Frauen würden die Arbeit erst dann machen, wenn die Männer von der Arbeit verdrängt sind. Mittels höfer: Kommt es aber vor, daß eine Arbeit in einem Betriebe von Männern gemacht wird, die in einem anderen von Frauen gemacht wird? — Exp. Drechsler: Das kommt schon vor. Exp. 0: Ich glaube, es ist nothwendig, die Frage klarzustellen, ob in einer Werkstätte ein- und dieselbe Arbeit besser und schlechter bezahlt wird. Das ist in der Metallwaarenfabrik E. der Fall. Dort werden meistens Tabaksdosen u. s. w. erzeugt. Dort werden die Frauen zum Löthen verwendet. Das erfordert eine besondere Geschicklichkeit, und ein Spengler kann das erst nach zwei bis drei Jahren. Das ist die einzige Werkstütte, wo die Frauen zum Löthen verwendet werden. In dieser Werkstätte arbeiten gleichzeitig Männer mit einem besseren Lohn und Frauen mit einem geringeren Lohn, obwohl beide dieselbe Arbeit verrichten. Es ist nur ein Mann da, der die Aufsicht über die Arbeiterinnen führt, er macht dieselbe Arbeit, bekommt aber vielleicht dreimal so viel bezahlt als die Arbeiterinnen. Vorsitzende: Warum hat ein Mann die Aussicht? — Exp. 0: Der Mann muß nicht blos das Löthen verstehen, sondern auch alle anderen Arbeiten, er muß beim Stanzen Herrichten und vieles Andere, was die Frau nicht kann. Er ist jedenfalls geschickter, weil er ein qualisicirter Arbeiter ist, während die Frau sich nur auf die eine Arbeit eingeübt hat. Dr. Hainisch: Ist es nicht vielleicht so, daß dieser eine Arbeiter von den Männern, die früher gelöthet haben, übrig geblieben ist? — Exp. 0: Das ist richtig. Vorsitzende: Kommt es auch vor, daß Frauen als Aufseherinnen angestellt werden? — Exp. 0: Das auch, aber nicht in der Weise, daß sie blos die Aufsicht haben, ohne zu arbeiten. Uebrigens kann man die Arbeiter, die fl. 17 verdienen, zählen. Das ist wohl schon ein Werksührer. Exp. Drechsler (über Befragen des Vorsitzenden): Die Arbeitsvermittlung geschieht theils durch die Genossenschaft, theils durch den Fachverein. Die Frauen werden meist durch Umfrage in die Arbeit ausgenommen. Die Arbeitszeit ist in der Regel eine elfstündige. In der hohen Saison, besonders vor Weihnachten, wird auch 12, 13, 14 Stunden gearbeitet. In 423 den kleinen Betrieben ist häufig eine längere Arbeitszeit, als in den größeren. Es gibt auch Fabriken, wo nur eine neunstündige Arbeitszeit ist. Vorsitzende: Haben Sie gewöhnlich in kleineren Betrieben länger gearbeitet oder in größeren? — Exp. Drechsler: Immer in kleineren. Die Mittagspause wird eingehalten. Vor- und Nachmittag gibt es nur in einigen Betrieben eine Pause. Die Arbeitszeit ist von 6 bis 7 Ühr, Mittag eine Stunde, Vor- und Nachmittag je eine halbe Stunde. An Sonntagen wird nicht gearbeitet, an Feiertagen wird nur in einzelnen Betrieben bis 2 Uhr gearbeitet, und dafür bekommen sie den ganzen Tag gezahlt. In kleinen Betrieben kommt, besonders in der Saison, auch Sonntagsarbeit vor. Ueberstunden werden sehr viele gemacht und so bezahlt wie die anderen. Die Saison dauert von Juli oder August bis Weihnachten. lUeber Befragen.) Es gibt einzelne Betriebe, die ganz specielle Artikel machen, z. B. nur Gasmesser, dann Werkstätten, wo nur Messingartikel gemacht werden, oder solche, die nur in Kupfer arbeiten. Dr. Verkauf: Bei der Bauspenglerei sind keine Frauen? — Experte Drechsler: Nein. Dr. Verkauf: Kommt es vor, daß kleinere Betriebe von größeren abhängig sind? — Exp. Drechsler: Ja, aber nicht häufig. Exp. 0 : Bei Messingarbeiten ist das oft der Fall. Da kauft der kleine Spengler viele Artikel, weil sie der große Fabrikant billiger erzeugt als er. Das bürgert sich erst jetzt ein. Wittelsh ö fer: Betreiben die Spengler also neben der Erzeugung auch Handel? — Exp. 0 : Ja, die kleineren Spengler kaufen in den Fabriken. So Galanteriewaaren oder Küchengeschirr. Da sind einige große Werkstätten, die erzeugen die Waaren für die Händler und auch für die kleinen Meister. Die kleinen Betriebe sind schon so weit, daß sie Küchengeschirr gar nicht mehr erzeugen können, weil sie es vom großen Fabrikanten billiger bekommen. W itt els h ö f e r: Kommt es aber nicht vor, daß er sich auf die Production einzelner Artikel beschränkt und diese wieder an die großen Fabrikanten liefert? — Exp. Drechsler: Das kommt hauptsächlich in der Eisenwaarenbranche vor. Die Artikel in den Eisenhandlungen sind meistens von kleinen Betrieben. Die großen Eisenhandlungen haben drei bis vier Spenglermeister, welche für sie separate Artikel erzeugen, und diese beziehen wieder ihr Rohmaterial aus der Eisenhandlung. Dr. Verkauf: Liefert ein solcher Meister dann zu billigeren Preisen als der Fabrikant? — Exp. Drechsler: Bestimmt. Exp. 0: Die Leute thun das gewöhnlich aus Noth, weil sie keine andere Arbeit haben, so z. B. machen sie Kohlenständer für die Händler. Von einer Concurrenz kann da absolut nicht die Rede sein. Exp. Benesch: Mir ist ein Fall bekannt, wo ein Meister, der in der todten Saison nichts zu thun hatte, der aber zwei oder drei Lehrjnngen hatte, solche Kohlenständer von den Lehrjnngen machen ließ; was soll er denn mit den Burschen sonst machen? Er hat aber die Arbeit ohne einen Auftrag von Seite der Eisenhandlung gemacht. Vorsitzende: Können bei der Herstellung von Kohlenständern auch Dampfmaschinen verwendet werden? — Exp. Benesch: Nur Handmaschinen; solche haben aber auch die kleinen Betriebe; eine kommt auf etwa st. 50. Exp. Drechsler (über Befragen seitens der Vorsitzenden): Die Bauspengler beschäftigen sich nur mit Bausachen und Ornamentik, während die Galanteriespengler Haus- und Küchengeräthschaften machen. Special- artikel, wie z. B. Gasmesser u. dergl., gehören theilweise zur Galanteriespenglerei. Mit solchen Artikeln befassen sich aber nur größere Fabriken. Es gibt in allen Geschäften eine Saison. Die Saison in der Bauspenglerei beginnt meistens im Juni und dauert bis October. 424 Vorsitzende: Wie kommt es, daß bei Küchengeschirr eine Saison ist? — Exp. Drechsler: Das macht der Export. Das Meiste geht in's Ausland. Dr. Hainisch: Kommt es nicht häufig vor, daß ein Bauspengler zur Galanteriespenglerei übergeht, und umgekehrt? — Exp. Drechsler: Derjenige, welcher in einer Bauwerkstätte gelernt hat, ist in der Galanteriespenglerei zu sehr wenigen Arbeiten zu verwenden; ein Galanteriespengler kann viel eher zum Baugeschäfte übergehen. Bei der Banarbeit gibt es meistens nur große Artikel, die gelöthet werden, und die einer anderen Behandlung bedürfen als die kleinen Artikel. Wittelshöfer: Wann ist die Saison? — Exp. Drechsler: In den Werkstätten, wo zehn, zwölf Gehilfen beschäftigt sind, bleiben im Winter höchstens zwei, drei Mann sitzen. Die Anderen müssen aussetzen. Diese schlechteste Zeit dauert von März bis Mai. Die Arbeiterinnen werden nicht entlassen, die sind stabil. Den Unternehmern liegt nämlich daran, eine Arbeiterin, die auf einen Artikel abgerichtet ist, die also sehr brauchbar ist, zu erhalten; übrigens kostet das ja nicht so viel, wenn er sie über den Winter erhält. Wenn er sich aber in der Saison eine frische Arbeiterin aufnimmt, so muß er die frische wieder abrichten. Vorsitzende: Arbeiten die die ganze Woche? — Exp. Drechsler: Ja, es kommt aber auch vor, daß die Arbeiterinnen nur drei Tage arbeiten. Dann verdienen sie fl. 2 bis ll. Vorsitzende: Bekommen sie weniger, weil die Arbeit schlechter gezahlt wird oder weil weniger Arbeit ist? — Exp. Drechsler: Weil die Arbeit schlechter gezahlt wird. Der Stücklohn sinkt bis über die Hälfte. «Ueber Befragen seitens der Vorsitzenden.) Die Kündigung ist sehr verschieden. Meistens beruht sie auf gegenseitigen Vereinbarungen. Diese werden aber sehr häufig übertreten, und vor den Schiedsgerichten kommen an jedem Sonntag drei, vier Verhandlungen vor. Meistens sind es die Unternehmer, welche die Vereinbarungen übertreten. Wenn ein Arbeiter z. B. zu einer Versammlung geht, und der Herr erfährt es, so wird er am anderen Tage entlassen. Freilich sagt der Unternehmer das nicht, sondern, es sei Mangel an Arbeit, oder die Leute sind zur Arbeit nicht fähig. Vorsitzende: Woraus schließen Sie das? — Exp. Drechsler: Weil das regelmäßig eintrifft. Wir wissen schon im Vorhinein, daß )o und so viele Maßregelungen vorkommen. Wenn eine Arbeiterin oder ein Arbeiter, der so lange denselben Artikel gearbeitet hat, plötzlich nicht mehr brauchbar ist, so liegt das doch aus der Hand. Vorsitzende: Ist Ihnen bekannt, daß solche Arbeiter anderswo keine Arbeit mehr finden? — Exp. Drechsler: Es sind nur einzelne Fälle bekannt. Vorsitzende: Halten Sie es für möglich, daß die Arbeiterinnen in Wien bei allen Unternehmern „schwarz" gemacht werden? — Experte Drechsler: Möglich ist es; mir ist aber kein Fall bekannt. Bardorf: In der flauen Zeit wird also der Stücklohn herabgesetzt ? — Exp. Drechsler: In dieser Zeit wird eben auf Lager gearbeitet, damit sich die Leute über den Winter halten. Vorsitzende: Müssen die Arbeiterinnen Werkzeuge beistellen? — Exp. Drechsler: Nein. Exp. Benesch: Daß in einer Zeit mehr und in der anderen weniger Leute beschäftigt sind, hängt vom Export ab. Die Waaren gehen nach England, Schweden, Holland; das sind lauter Artikel, die sich nur die reicheren Leute kaufen, Luxusartikel, und nur die großen Fabrikanten erzeugen solche. Wenn also die Leute auf's Land gehen, so werden auch diese Artikel nicht abgesetzt. 425 Expertin Nr. 115 (über Befragen seitens der Vorsitzenden): Ich bin bei der Firma C., und zwar in der Putzerei. Es sind dort vier Arbeiterinnen in der Putzerei und im Ganzen gegen 50 Arbeiterinnen und etwa 80 Arbeiter? Ich bin in diesem Betriebe drei Jahre, fünf Jahre war ich bei S. Die Saison ist so, wie es der Herr Experte angegeben hat. In der stillen Zeit werden wir nicht entlassen, aber wir bekommen wenig gezahlt, weil wir weniger arbeiten und keine neuen Sachen zu arbeiten haben. Die Arbeiterinnen in der Lackirerei werden aber entlassen, und zwar meistens die Hälfte. Jugendliche Arbeiterinnen gibt es bei uns nicht. In der Lackirerei sind meistens Mädchen von 15 bis 10 Jahren. Bei uns werden Badewannen, Knchengeräthe, Tassen u. s. w. gemacht. Es wird Alles mit der Hand gemacht. Hausarbeiter haben die Fabriken nicht, Arbeit wird uns nicht nach Hause gegeben. Die Arbeiterinnen recrutiren sich aus Arbeiterkreisen, Lehrmädchen gibt es. Die Arbeitsvermittlung geschieht durch Umfragen. Wittelshöfer: Haben Sie immer geputzt? — Exp. Nr. 115: Ja. Bei S. waren wir sieben Putzerinnen. Auch dort sind die Putzerinnen in der schlechten Zeit nicht entlassen worden. Dr. Verkauf: Wer unterrichtet die Lehrmädchen? — Expertin Nr. 115: Die älteren Arbeiterinnen. Dr. Verkauf: Erhalten die dafür eine Entschädigung?— Expertin Nr. 115: Das Lehrmädchen bekommt für die Arbeit weniger, und die Arbeiterin, die im Accord ist, wird für das, was sie versäumt, bezahlt. Dr. Verkauf: Wie lange dauert der Unterricht ? — Exp. Nr. 115: Ich habe ein Lehrmädchen abgerichtet, das hat acht Tage gedauert. Dr. Verkauf: Wie ist es bei der anderen Arbeit? — Expertin Nr. 115: Das weiß ich nicht. Dr. Verkauf: Ist die Arbeit, die Sie zu machen haben, sehr schwierig? — Exp. Nr. 115: Ja; die Badewannen, Badestühle, Kinderwannen u. s. w. werden mit Schwefelsäure, dann mit Stearinöl und Wiener Kalk geputzt. Dr. Verkauf: Kommen Verbrennungen vor? — Exp. Nr. 115: Wenn man die Säure zu scharf nimmt, schon, zum Beispiel bei Reparaturen, da muß man sie sehr scharf machen. Dr. Verkauf: Wie stark ist sie verdünnt? — Exp. Nr. 115: Auf einen halben Liter Wasser kommen zwei bis drei Eßlöffel Schwefelsäure. Dr. Verkauf: Haben Sie sich schon beschädigt? — Exp. Nr. 115: Im Anfang bekommt man offene Hände. Wittelshöfer: Wie machen Sie die Arbeit? — Exp. Nr. 115: Ich habe einen Stoffsetzen, diesen rolle ich zusammen. Die Fetzen werden uns vom Chef gegeben? «Ueber Befragen.) Dieser kauft sie bei den Lumpenweibern. Ob diese Lappen desinficirt sind, weiß ich nicht. Nach Carbol riechen sie nicht. Exp. 0: Ich kann bestimmt sagen, daß sie nicht desinficirt sind. Exp. Nr. 115: Den Fetzen muß ich in die Schwefelsäure tauchen und dabei auch mit der Hand hineinfahren. Damit wird der Artikel reingewaschen, dann wird der Fetzen in feinen Sand getunkt, und damit wird geputzt, dann wird mit einem anderen Fetzen ausgewischt und mit Oel und Wiener Kalk eingestaubt und polirt. Auch das geschieht mit der Hand. Diese Arbeit erfordert eine große Anstrengung. Das Putzen von gebrauchten Waaren ist viel schädlicher, weil man da mehr Säure nehmen muß, um den Schmutz wegzubringen, da man bei der Arbeit immer darüber gebeugt ist, muß man auch den Gestank einathmen. Dr. Verkauf: Arbeiten Sie den ganzen Tag in derselben Lage? — Exp. Nr. 115: Ja. Vorsitzende: Kommt es vor, daß einer Arbeiterin schlecht wird? 426 — Exp. Nr. 115: Das kommt oft vor. Auch der Terpentin ist, insbesondere für die Augen, sehr schädlich. Vorsitzende: Was für Terpentin wird verwendet? Wahrscheinlich dürfte es der schlechteste sein? — Exp. dir. 115: Er stinkt sehr stark. Die Arbeiterinnen, die damit umgehen müssen, können nie lange dabei bleiben, weil sie offene Hände bekommen. Witte lshöfer: Kommen Verletzungen durch Schneiden vor? — Exp. Nr. 115: Da muß man halt aufpassen. Dr. Osner: Ist Ihnen schon etwas passirt? — Exp. Nr. 115: Ich war schon zweimal krank; das erste Mal war ich im ersten Jahre acht Wochen krank, da habe ich mir die Sehne gezerrt und war angeschwollen. Das zweite Mal war ich magenkrank. Auch jetzt muß ich im Monat einen oder zwei Tage zn Hause bleiben. Vorsitzende: Früher waren Sie gesund? — Exp. Nr. 115: Ja, ich habe nie Magenbeschwerden gehabt. (Aus Befragen der Vorsitzenden.) Ich bin im Accord. Im ersten Jahre habe ich fl. 3'50 bis 4 verdient, im zweiten Jahre über fl. 5. Dann bin ich auf fl. 6 gekommen. Da habe ich aber schon lehr fleißig arbeiten müssen. Jetzt komme ich auf fl. 0 bis 6tzr. Außer der Saison ist die Arbeit sehr schlecht. Da werden meistens gebrauchte Sachen in die Arbeit gegeben, und da habe ich zu thun, daß ich auf fl. 3'50 bis 4 komme. Vorsitzende: Gibt es auch solche, die mehr verdienen als Sie? — Exp. Nr. 115: Wir sind Alle gleich gezahlt. In anderen Betrieben gibt es auch Wochenlohn. Da bekommen die Arbeiterinnen meist fl. 3, und da gibt es solche, die schon 10, 12 Jahre bei dieser Arbeit sind. Mehr als fl. 5 bekommen sie nicht. Bei S. sind sie auf fl. 6 und 7 gekommen. Da war eine 18« und 21jährige Arbeiterin. Dr. Hainisch : Wie wird der Accord berechnet? — Exp. Nr. 115 : Bei jedem Artikel sind drei Gattungen. Badestühle und Wannen sind gleich, dann Kinderwannen und Sitzbadschaffel und endlich Douchetassen. Ob dies neue oder alte Sachen sind, bleibt sich gleich. Mittel shöfer: Wie lange arbeiten Sie an einer großen Wanne? — Exp. Nr. 115: Eine Stunde. Dafür bekomme ich 10 kr., und zwar auch in der stillen Saison. (Ueber Befragen der Vorsitzenden.) Arbeitsmaterial haben wir nicht anzuschaffen. Für Ueberstunden bekommen wir den Accord- lohn. Abzüge gibt es vom Chef aus nicht, wir haben aber Vorgesetzte, die immer aus Abzüge drängen. Da wird meist eigentlich gleich die Hälfte abgezogen. Ich weiß nicht, was die für ein Interesse daran haben, es ist ihnen die Arbeit wahrscheinlich zu theuer. Wenn etwas schlecht gemacht ist, kommt es zurück und muß noch einmal geputzt werden. Wenn wir aber in der Woche über fl. 6 verdienen, so meint der Werkführer, das ist schon zn viel. Er bedenkt nicht, daß im Magazin Frauen sind, die fl. 0 in der Woche haben und sich nicht anzustrengen brauchen. Wenn aber eine von uns in seine Nähe kommt, fürchtet er sich lungenkrank zu werden, wegen des Staubes, der auf unseren Kleidern ist. Vorsitzende: Was sind das für Frauen in den Magazinen? — Exp. Nr. 115: Die haben die Commissionen zusammenzustellen und zu packen. Wittelshöfer: Wie kommt das, daß sie besser gezahlt sind? — Exp. Nr. 115: Das weiß ich nicht. Sie sind aus besseren Häusern. — Experte Drechsler: Die höhere Bezahlung erklärt sich daraus, daß sie alle Artikel, welche im Geschäfte vorkommen, genau kennen müssen. Um solche Commissionen zusammzustellen, bedarf es einer großen Uebung. Dr. Schiff: Haben Sie Lohnbücher? — Exp. Nr. 115: Ja, wir schreiben uns die Arbeit selbst ein. Abends müssen wir sie dem Magazineur ansagen, und dann wird sie eingetragen, und zwar in unsere Bücher und in sein Buch. 427 Tr. Schiff: Können Sie auch in das Buch, welches der Magazinenr führt, hineinsehen? — Exp. Nr. 115: Ja. Dr. Schiff: Sagt er: „Sie bekommen für diese Wanne nur 8 kr.", oder sagt er : „In dieser Woche haben Sie fl. 6'50 verdient, das ist zu viel" ? — Exp. Nr. l15: Es wird in's Buch hineingeschrieben: Abgezogen so viel", und er schreibt nur 8 kr. ein. (Ueber Befragen der Vorsitzenden.) Für Zuspätkommen waren bei C. keine Strafen, bei S. war für das erste Mal lO kr., für das zweite Mal 20 kr. und das dritte Mal 80 kr. Strafe. Wir mußten zehn Minuten nach Sieben dort seiu. Andere Strafen kommen nicht vor. Tr. Ofner: Wie hoch ist der gewöhnliche Lohn von Männern und Frauen in Ihrem Gewerbe? — Exp. Drechsler: fl. 0 für die Männer und fl. 4 bis 5 für die Frauen. Exp. Nr. 115 (über Befragender Vorsitzenden): Die Arbeitszeit war von 7 bis 6, jetzt von 8 bis 6. Zu Mittag haben wir eine Stunde Pause. Da wird das Vocal gesperrt. Ueberstunden werden nicht gemacht. An Sonn- und Feiertagen wird nicht gearbeitet. Bei S. wurde an Feiertagen bis 12 Uhr gearbeitet. Dr. Verkauf: Wohin gehen Sie zu Mittag? — Exp. Nr. 115: Meistens in eine andere Werkstätte. Dort wird über Mittag auch nicht gearbeitet. Dr. Verkauf: Warum bleiben Sie denn nicht gleich in Ihrer Werkftätte? — Exp. Nr. 115: Bei uns sind eben mehr Waaren, und das Arbeitslocal ist mit dem Magazin verbunden; darum wird es abgesperrt. Vorsitzende: Können Sie sich waschen? — Exp. Nr. 115: Vor dem Mittagessen waschen wir uns mit Oel; das bekommen wir vom Herrn. Handtücher haben wir nicht. Wir wischen uns an den Fetzen ab. Beim Gabelfrühstück aber waschen wir uns nicht, weil das zu lange dauert. Wittelshöser: Was ist das für eine Werkstätte, wohin Sie zu Mittag gehen? — Exp. Nr. 115: Dort wird mit Terpentin gearbeitet. Die Leute sind dort im Wochenlohn. Vorsitzende: Wann ist bei Ihnen die Saison? — Exp. Nr. 115: Von Juni bis Weihnachten. Die Kündigung ist nach Vereinbarung. In der Arbeitsordnung steht nichts darüber. Vorsitzende: Haben Sie die Arbeitsordnung gelesen? — Expertin Nr. 115: Nein. Wenn aber der Herr Jemand weggeben will, so gibt er ihn weg, und wenn eine Arbeiterin gehen will, so geht sie. Geschenke haben wir nicht zu machen. Das Arbeitslocal hat zwei Fenster, und es arbeiten drinnen vier Personen Das Local ist luftig. Wenn wir kommen, können wir die Fenster ausmachen. Wir haben eine Ventilation, die ist aber zu, weil eine Stellage davorsteht. Die Stellage hat der Herr hinmachen lassen. Wittelshöser: Wird geheizt? — Exp. Nr. 115: Nein, einen Ofen können wir wegen des Oeles und des Terpentins nicht haben. Wittelshöser: Frieren Sie nicht bei der Arbeit ? — Exp. Nr. 115: Es geht der Dampf hinaus, der gibt aber nichts aus, und daher ist es sehr kalt. Wir haben zwei Aborte und zwei Pissoirs für die Männer. Die Aborte sind rein. Die Fenster des Arbeitsraumes gehen in den Hof. Die Lackirerei ist größer als unser Arbeitslocal. Es sind dort gegen zwanzig Personen. Das Arbeitslocal wird täglich von uns ausgekehrt. Ausgewaschen wird es niemals. Es ist sehr staubig vom Kalk und fleckig vom Oel. Auch bei S. wurde nie ausgewaschen. Dort war noch mehr Staub, weil auch die Schleiferei d'rin war. Wittelshöser: Kehren Sie während der Arbeitszeit aus? — Exp. Nr. 115: Nein, vor 6 Uhr, und zwar Alle zusammen. Wir bekommen dafür nichts. Die Wände sind, so lange ich im Betriebe bin, nicht geputzt worden. Die Fenster werden von uns, und zwar auch unentgeltlich, 428 gereinigt. Bei S. sind wir dafür bezahlt worden, wir haben 50 kr. bekommen. Eigentliche Vorgesetzte habe ich nicht. Ich bin die Erste. Vorsitzende: Beaufsichtigt Sie der Unternehmer? — Expertin Nr. 115: Ja, er kommt oft hinauf. Vorsitzende: Wie ist er dann? — Exp. Nr. 115: Ich könnte nichts sagen, er ist nicht grob, und es kommt auch nichts Unrechtes vor. Witte lshöfer: Es ist ja auch der Magazineur da. — Expertin Nr. 115: Der übernimmt die Arbeit, die wir einschreiben lassen, und gibt auch die Arbeit aus, und zwar nicht Jeder einzeln, sondern er gibt so viel heraus, und wir theilen dann die Arbeit. In der Lackirerei ist ein Werkführer, der ist auch anständig. Von den Arbeiterinnen ist nur eine verheiratet. Die hat ein zehnjähriges Kind. In der Lackirerei sind etwa acht v erheiratet. Dr. Ofner: Warum macht der Magazineur denn Abzüge? — Exp. Nr. 115: Wahrscheinlich, damit er sich beim Herrn beliebt macht. Bardorf: Das wird wohl so sein: Wenn ein neuer Artikel kommt, dessen Preis noch nicht festgesetzt ist, so versucht er, wie viel sie davon machen können; sieht er, daß sie von dem Artikel mehr machen können, so reducirt er den Preis. — Exp. Nr. 115: O nein. Abzüge kommen auch bei alten Artikeln vor. W i t t e l s h ö f er: Haben Sie sich niemals darüber beim Herrn beschwert? — Exp. Nr. 115: Einmal habe ich mich beschwert, da der Magazineur zufälligerweise verreist war. Der Herr hat aber gesagt: „Das geht mich nichts an." (Ueber Befragen der Vorsitzenden.) Ich wohne im zehnten Bezirk. Ich bin bei meinen Eltern. Die Wohnung besteht aus Zimmer und Küche. In derselben sind meine Eltern, ich und eine Bettsrau. Diese zahlt fl. 2 monatlich. Sie hat ihr eigenes Bett. Für die Wohnung zahlen wir sl. 0 monatlich. Sie ist sehr licht. Zum Gabelfrühstück esse ich ein Stück Brot und um 5 kr. Wurst, zu Mittag ein Stück Wurst und Brot. Ich darf nicht mehr anbringen als 25 kr. Manchmal trinke ich ein Glas Bier dazu. Nachmittags esse ich nichts, Abends esse ich zu Hause. Da wird etwas gekocht; geröstete Erdäpfel oder Erdäpfelpure'e. Fleisch nicht. Sonntag essen wir ein Stück Rindfleisch, etwa 50 Deka für drei Personen. Der Vater ist Taglöhner und die Mutter Taglöhneriu. Mittels höfer: Geben Sie Ihrer Mutter den Verdienst? — Exp. Nr. 115 : Ich zahle den Zins. Dafür bekomme ich Frühstück, Bett, Wäsche und Nachtmahl. Wittelshöfer: Wohnen alle Bier im Zimmer? — Expertin Nr. 1l5: Ja. Bardorf: Wann reinigen Sie die Wohnung? — Exp. Nr. 115: An Sonntagen. Das ist unser Vergnügen. Dr. Ofner: Wie viel verdient der Vater? — Exp. Nr. 115: fl. 1U0 täglich. Die Mutter 70 kr. Dr. Ofner: Könnten Sie da nicht etwas besser leben, als Sie uns geschildert haben? — Exp. Nr. 115: Ja, aber im Winter sind die Eltern nicht beschäftigt, und da müssen wir Schulden machen. Dr. Ofner: Wie hoch belaufen sich die Schulden, wenn der Winter vorüber ist? — Exp. Nr. 115: fl. 20 bis 30. Bardors: Wie beziehen nach Ihrer Erfahrung die Mädchen ihre Kleider? — Exp. Nr. 115: Ich muß meine Kleider sehr theuer aus Abzahlen nehmen. Für ein Kleid, das ich um fl. 8 bekommen würde, wenn ich es gleich bezahlen könnte, muß ich sl: 24 bis 25 zahlen. So muß ich das ganze Jahr Raten zahlen, weil, wenn ich ein neues Kleid brauche, das erste noch nicht ganz bezahlt ist. Das ist bei den meisten Arbeiterinnen so. Sie zahlen wöchentlich 50 kr. oder fl. l. Vorsitzender: Warum sparen Sie das Geld nicht lieber vorher 429 zusammen, kaufen sich Stoff und gehen zu einem billigen Schneider? — Exp. Nr. 115: Wenn ich heute ein Kleid brauche, kann ich nicht acht Wochen warten, bis ich mir das Geld zusammengelegt habe, und wenn ich mir auch wöchentlich 50 kr. aus die Seite lege, und es kommt etwas vor, daß ich einen halben oder ganzen Tag versäume, so muß ich das wiederzusehen, und dann fehlt's mir wieder. Dr. Ofner: Ist das auch mit den Schuhen so? — Exp. Nr. 115: Die nehme ich auf zwei bis drei Raten. Ich gehe immer zu demselben Schuster und zahle ihn wöchentlich. Dr. Ofner: Was zahlen Sie für ein Paar Schuhe? — Expertin Nr. 115: fl. 5 bis 5'50. Wittelshöfer: Wo kaufen Sie die Kleider? — Exp. Nr. 115: Von einer Hausirerin. Wittelshöfer: Kaufen Viele bei dieser? — Exp. Nr. 115: Ja; die kommt an jedem Sonntag eincassiren. Vorsitzender: Gehören Sie einem Vereine an? — Expertin Nr. 115: Nein. Bardorf: Ich habe in einer Zusammenstellung für Wäsche und Kleider 80 kr. ausgeworfen. Glauben Sie,^ daß Sie mit 80 kr. auskommen und dabei halbwegs anständig gekleidet fein können? — Exp. Nr. 115: Man braucht entschieden mehr als 80 kr. pro Woche. Dr. Verkauf: Was zahlen Sie wöchentlich an Raten? — Expertin Nr. 115: fl. 1. Dr. Verkauf: Das ganze Jahr oder nur einen Theil des Jahres? — Exp. Nr. 115: Das ganze Jahr, denn ich muß mir ja bei der Hausirerin auch Wäsche nehmen und Arbeitskleider. Dr. Verkauf: Die Schuhwaaren sind da extra? — Expertin Nr. 115: Ja. Wittelshöfer: Haben Sie sonst Auslagen für Hüte, Tücher? — Exp. Nr. 115: Das nehme ich Alles von der Hausirerin/ Bardorf: Lesen Sie die „Arbeiter-Zeitung"? — Exp. Nr. 115: Dazu habe ich keine Zeit, ich kann auch nicht in die Volksbibliothek gehen. Kardorf: Was zahlen Sie in die Krankencasse ? — Exp. Nr. 115: 17 kr. Ich bekomme dafür 00 kr. täglich. Exp. 0: Mir stehen in Bezug aus die Frauen sehr ungenügende Daten zur Verfügung. Die Zahl der Mitglieder der Krankencaffe schwankt zwischen 050 und 1050; ich habe da den Durchschnitt von den Jahren 1802, 1805 und 1804 genommen. Im Jahre 1804 waren in der Krankencasse 16 weibliche Mitglieder. Die Frauen in unserer Branche sind meistens in größeren Betrieben beschäftigt und diese gehören der Bezirks-Krankencasse an, so daß ich über den Stand der weiblichen Mitglieder keine Aufklärungen geben kann. Dr. Verkauf: Wie viele Erkrankungen waren bei diesen Mitgliedern ? — Exp. 0: Im Jahre 1894 waren drei Erkrankungen mit 200 Krankheitstagen. Dr. Verkauf: Es wäre erwünscht, wenn Sie bei der allgemeinen Krankencasse die Daten erheben und uns mittheilen würden. — Experte Benesch «über Befragen seitens der Vorsitzenden): Ich bin vier Jahre in einem Betriebe. Es sind dort sechs Hilfsarbeiterinnen, welche putzen und poMen, Lehrmädchen sind keine; die Arbeiterinnen find ständig, nur wenn die Arbeit sehr stark ist, werden noch Hilfsarbeiterinnen aufgenommen, die dann, wenn die Arbeit nachläßt, entlassen werden. ^ In unserem Betriebe werden hauptsächlich Luxusartikel erzeugt, wie russische Samoware, Xon plus nItra-Maschinen u. s. w. Küchengeräthe machen wir nicht. Unsere Arbeiterinnen haben sehr viel mit Säuren zu thun, sowohl beim Putzen als auch sonst, hauptsächlich aber mit concentrirter Lauge, in welcher die 430 Sachen gekocht werden, da verlegt es Einem oft den Athem. Die Mischung wird vorn Gürtler hergestellt, und die Arbeiterinnen müssen dabeistehen. Hauptsächlich wird das Aluminium in der Weise bearbeitet, damit es schön weiß wird. Da müssen die Arbeiterinnen auch in diese sehr heiße Flüssigkeit die Hände hineinstecken, denn wenn die Flüssigkeit nur etwas abgekühlt ist, nützt sie schon nichts mehr. Vorsitzende: Hat das für die Haut schlimme Folgen? —Experte Benesch: Ja, sie wird roth. Ich weiß übrigens von dieser Arbeit nicht viel, weil ich bei diesem Artikel nicht gearbeitet habe. Es sind das meist ärarische Arbeiten, die kommen nur zu bestimmten Zeiten und dauern acht bis vierzehn Tage. Vorsitzende: Was für Folgen hat die Ausdünstung? — Experte Benesch: Es kommen Ohnmachtsfälle vor. Wir haben auch eine Ver- nicklerei. Der Unternehmer hat es vorgezogen, dort eine Frau zu beschäftigen, weil die billiger kommt; sie hat es aber nicht verstanden, die Gegenstände zu behandeln, wie sie dieselben in's Bad hineinhängen muß, und wie der Strom circulirt, und so hat sie auf den Händen eine nässende Flechte bekommen. Diese Frau hätte auch heute hier erscheinen sollen, sie fürchtet sich aber. Sie ist schon zweimal im Spital gewesen, jetzt arbeitet sie wieder; wir haben erklärt, daß, wenn der Unternehmer die Frau weggibt, wir Alle aus der Arbeit treten. Vorsitzende: Kommt eine solche Arbeit oft vor? — Experte Benesch: Der Herr hat das abgestellt, jetzt ist ein männlicher Arbeiter beschäftigt, derselbe wird nicht krank, weil er die Arbeit gelernt hat. Man muß sich aber jedesmal, so oft man mit der Hand in das Bad hineinfährt, gut abwaschen. Vorsitzende: Ist solchen Frauen, die in anderen Umständen waren, auch irgend ein Unglück passirt? — Exp. Benesch: Das kann ich nicht sagen, weil wir nur eine verheiratete Frau haben, und diese hat während der vier 'Jahre, als ich dort war, nur einmal ein Kind gehabt. Dieses Kind lebt und ist, so viel ich weiß, gesund. (Ueber weiteres Befragen.) Die Arbeiterinnen verdienen zwischen fl. 4, 4'50 und 5, das ist Wochenlohn; Stücklohn gibt es nur bei den Männern. Sie verdienen in der stillen Zeit ebensoviel, ausgesetzt wird nicht. Ausgaben für Material haben die Arbeiterinnen nicht zu machen. Ueberstunden kommen nur hie und da in der strengen Zeit vor, da werden sie nach der Stunde bezahlt. Abzüge und Strafen kommen nicht vor. Arbeit wird nicht außer Hause gegeben. Vorsitzende: Wie lange dauert es, daß Ueberstunden gemacht werden? — Exp. Benesch: Zu Weihnachten dauert es längere Zeit. Wir arbeiten zehn Stunden, und dann wird eine Ueberstnnde gemacht. Zu Mittag ist eine einstündige Pause. Während der Frühstückspause, sowie auch Zur Jause können sich die Leute vom Kalkstaube reinigen.- Sie thun das aber nicht, wenn man es ihnen auch sagt. An Sonntagen wird nicht gearbeitet, an Feiertagen vielleicht nur zweimal im Jahre,' da wird einen halben Tag gearbeitet. Die Saison ist von October bis März. Kündigung ist nach Vereinbarung, eine Arbeitsordnung befindet sich in der Fabrik. Austreten kann man jeden Samstag, bei der Stückarbeit kann man gehen, sobald die Arbeit vollendet ist. Dr. Ofner: Bekommen Sie die Arbeitsordnung in die Hand? — Exp. Benesch: Nein, das würde nicht geduldet werden. » Vorsitzende: Würde man es wissen ? — Exp. Benesch: Gewiß. Das Arbeitslocal, wo die Frauen arbeiten, hat acht hohe Fenster, und es sind im Ganzen 14 Arbeiter, 6 Frauen und 2 Hilfsarbeiter drin. Gelüftet wird durch die ganze Nacht. Die Reinigung besorgen die Hilfsarbeiter, sie spritzen auf und kehren aus. Die Wände werden nicht abgekehrt, geweißt wurde erst kürzlich; seit ich im Betriebe bin, war das das erste Mal. Es 431 sind zwei Aborte, die aber für die Geschlechter nicht getrennt sind, dieselben sind sehr unrein. Die Reinhaltung der Aborte hätte die Hausmeisterin zu besorgen. Die Arbeiterinnen essen zu Mittag in der Wcrkstätte. In Bezug auf die Behandlung und die Sittlichkeit ist nichts zu sagen. In der Werkstätte befindet sich auch ein Gasmotor. Die Frauen ziehen sich im Arbeits- local Arbeitskleider an. Vorsitzende: Geniren sie sich da nicht? — Exp. Benesch: Sie ziehen ja nichts aus als die Joppe und binden eine andere Schürze um und ein Tuch über den Kopf. Vorsitzende: Wissen Sie, wie die Arbeiterinnen leben? — Exp. Benesch: Sie nehmen sich Kaffee in Flaschen mit, davon leben sie hauptsächlich. Zu Mittag holen sie sich Suppe oder Gemüse aus dem Gasthause, Fleisch sehr selten. Vorsitzende: Sind die Frauen organisirt? — Exp. Benesch: Sie sind dafür, aber sie stehen nicht in der Organisation, sie fürchten sich zwar nicht, aber sie sagen, sie haben zu wenig Zeit. Wenn sie nach Hause kommen, haben sie ihre Sachen zu machen, und dann kommen sie auch nicht mit dem Gelde aus. Experte U: Ich bin in einem großen Betriebe. Wir haben eine neunstündige Arbeitszeit. Die Arbeiterinnen, welche im Accord sind, verdienen oft nur fl. 3 und auch weniger, auch in der Saison. Die Arbeiterinnen sind theils im Accord; jene bei den Pressen find im Wochenlohn, während die Putzerinnen und Tasfenschleiferinnen im Accord find. Der Wochenlohn beträgt zumindest fl. 4'50. Dieser Lohn sinkt nicht. Die älteren Arbeiterinnen — es sind dies nur zwei — haben fl. 9. Die sind aber schon ein halbes Menschenalter im Geschäft. Vorsitzende: Aus welchem Grunde sind die Frauen nur theil- weise im Stücklohn? — Exp. ?: Das liegt in der Arbeit. lUeber weiteres Befragen.) Nach Hause wird keine Arbeit gegeben. Es sind 28 bis 30 Arbeiterinnen beschäftigt, davon ist die Hälfte verheiratet. Abzüge kommen auch bei uns vor, wenn eine mehr verdient. Es kommt vor, daß eine Arbeiterin sehr flink ist. In den letzten Jahren sind die Preise sehr gedrückt worden, und doch haben sich drei außerordentlich flinke Arbeiterinnen fl. 8, 10 und fl. 12 verdient. Die haben sich aber sehr geschunden. Zwei davon sind verheiratet. Die Eine von ihnen ist durch das viele Arbeiten wirklich zum Krüppel geworden. Sie hat einen Nervenverfall bekommen. Diese Arbeiterin war etwa 36 Jahre alt. Dr. Ofner: Wie sind die Abzüge gemacht worden? — Exp. ?: Man hat gesehen, daß die Arbeiterin zu gut gezahlt ist, und da ist das nächste Mal einfach weniger eingeschrieben worden. Vorsitzende: Wissen Sie, was aus den beiden verheirateten Frauen geworden ist? —Exp. L: Nein. Die Kinder dieser Arbeiterinnen bleiben größtentheils nicht am Leben. (Ueber weiteres Befragen.) Die Pausen werden eingehalten. Zu Mittag bleiben die Arbeiterinnen in der Werkstätte, während die Arbeiter fortgehen. Die Accordarbeiterinnen arbeiten manchmal während der Mittagspause. Die Putzerinnen waschen sich vor dem Essen gewöhnlich nicht. Sie sind das so gewöhnt, daß sie wahrscheinlich glauben, es muß so sein. Das Waschen würde ja eine Viertelstunde in Anspruch nehmen. Vorsitzende: Glauben Sie nicht, daß der Kalk schädlich ist, wenn er auf die Wäsche kommt? — Exp. k: Die Leute sind ja darnach angezogen. (Ueber weiteres Befragen.) An Sonntagen wird nicht gearbeitet, auch an Feiertagen nicht. Es ist keine Kündigung. Das steht in der Arbeitsordnung. Werkzeuge oder Putzmaterial ist von den Arbeiterinnen nicht beizustellen. Wir haben im Betriebe verschiedene Werkstätten. Die Putzerinnen haben ein großes Fabriksfenster mit kleinen Abtheilungen. Die zwei 432 Arbeiterinnen, welche beim Fenster sitzen, sind besser daran als die, welche rückwärts sitzen. Ventilation ist keine vorhanden. Im Betriebe sind etwa zwölf englische Aborte und ein Pissoir. Die Aborte sind nicht getrennt. In Bezug auf die Sittlichkeit ist nichts zu bemerken. Experte Ich war in einem großen Betriebe. Dort war auch eine Bau- und Ornamentenspenglerei. Ich habe mich bemüht, von dort Expertinnen her mitzunehmen, es wollte sich aber keine dazu bewegen lassen. Ich habe mich auch an den Werksührer gewendet, weil der seinerzeit in der Organisation gestanden ist. Er hat es mir zugesagt, daß er eine herschicken wird, es ist aber trotzdem keine hier. Vor 14 Tagen waren zwölf Arbeiterinnen dort, außerdem sieben Schleiserinnen, drei Spengler, ein Schlosser und zwei Presser. Die Saison ist dort sehr verschieden. Die Arbeit geht im Jänner an und dauert bis zum Sommer. Da geht der Chef, der ein sehr reicher Mann ist, in die Sommerfrische und sperrt die Fabrik einfach zu. Da müssen die Arbeiter aussetzen und warten, bis der Chef wieder zurückkommt, weil sie in diesen Artikeln anderswo keine Arbeit bekommen. Dieses Aussetzen dauert drei bis vier Monate. Im Betriebe ist eine 50pferdige Maschine, die ist aber viel zu groß. Bei einer Presse ist auch ein Unfall vorgekommen; da ist einem Arbeiter die Hand eingequetscht worden. Auch Frauen sind bei Maschinen beschäftigt. Die Arbeit ist iuso- ferne schädlich, als sehr viel Staub erzeugt wird. Weun man hineinkommt, glaubt man nicht, daß in einer solchen Atmosphäre Menschen existiren können. Es ist bei jeder Maschine ein Ventilator. Der sollte mit Dampf betrieben werden, nachdem aber das Gebäude schon etwas baufällig ist und man die Erschütterung fürchtet, so läßt man eben die Ventilatoren nicht gehen. Arbeit wird nicht außer Haus gegeben. Lehrmädchen gibt es nicht. Es ist auch nicht viel zu lehren, denn es wird immer dieselbe Arbeit gemacht. Es gibt mehrere Kategorien von Arbeiterinnen: beim Schleifen, Pressen, Beizen, wo mit Salzsäure und Wasser gebeizt wird, zwei Arbeiterinnen sind im Magazin, die haben ein prächtiges Leben. Eine Arbeitsvermittlung für diese Arbeiterinnen gibt es nicht. An jedem Montag steht eine große Menge vor dem Thore. Die Aufnahme derselben ist Sache des Buchhalters oder Direetors. In jeder Woche wird eine größere Anzahl aufgenommen und entlassen. Es ist nur eine Einzige bereits vier Jahre dort, die Aussetzzeit abgerechnet. Auch zu Weihnachten steht der Betrieb 14 Tage, weil die Oefen, wo das Geschirr emaillirt wird, stehen. Es ist also blos sechs Monate im Jahre Arbeit. Diese wird nach Stunden entlohnt. Für eine zehnstündige Arbeitszeit beträgt der Lohn 60 bis 80 kr. Die im Magazine haben fl. 1. Wenn blos neun Stunden gearbeitet wird, so wird für eine Stunde abgezogen. Ausgaben für Material haben die Arbeiterinnen nicht. Ueberstunden kommen nicht vor. Abzüge und Strafen gibt es nicht, weil nichts verdorben werden kann. Bardorf: Wie viele Arbeiterinnen haben 60 kr. und wie viele 80 kr. ? — Exp. Zwölf Mädchen sind im Ganzen, davon haben drei 60 kr., zwei fl. 1 und die anderen sieben 80 kr. Wenn ausgesetzt wird, verdienen sie natürlich nichts. Dr. Ofner: Haben die Frauen die Möglichkeit, während dieser drei oder vier Monate eine andere Beschäftigung zu betreiben? — Exp. Ich glaube nicht. (Ueber weiteres Befragen durch die Vorsitzende.) Es sind meistens sehr schwache Personen, denen man die Krankheit von weitem ansieht. Eine schwere Arbeit würden die nicht verrichten können. Von einer Arbeiterin weiß ich, daß sie zweimal niedergekommen ist und jedesmal ein todtes Kind zur Welt gebracht hat. Die Leute sind meistens lungenkrank. Die Mittagspause wird eingehalten, aber die Arbeiterinnen bleiben selbst während dieser Zeit in der schlechten Atmosphäre. An Sonn- und Feiertagen wird nicht gearbeitet. Kündigung besteht nicht. Geschenke kommen nicht 433 vor. Die Arbeitsräume sind gut, bis auf zwei, wo die Beize gemacht wird und die Schleiferei. Als seinerzeit der Gewerbe-Jnfpector dort war, wurde ihm gesagt, daß eine Ventilation eingerichtet wird, sie ist aber nicht gemacht worden. Das war im vorigen Jahre, seitdem ist aber nichts geschehen. Was die Reinigung betrifft, ist, so lange ich dort war, nur einmal ausgewaschen und die Fenster geputzt worden. Ausgekehrt wird jeden Tag. Das macht der Hausdiener, und zwar nach Feierabend. Gelüftet wird in der Früh während der Arbeit. Im Winter kommt es darauf an, ob den Arbeitern frische Lust angenehm ist oder nicht. Der Vorgesetzte ist ein Werkführer. In Bezug auf die Sittlichkeit ist nichts zu sagen,'auch die Behandlung ist eine ziemlich gute. Männer und Frauen arbeiten in der Werkstätte zusammen. Es kommt da nichts Ungehöriges vor. Es sind mehr ledige als verheiratete Arbeiterinnen. Eine lebt im Concubinate. In der Früh bringen sich die Frauen Kaffee in Flaschen mit und ein Stück Brot. Das essen sie zu Mittag. Einzelne lassen sich Suppe oder Gemüse holen. Es kommt nicht vor, daß sie ini Sommer vielleicht einmal auf's Land hinausgehen. In der Organisation stehen die Frauen nicht, weil sie die Maßregelung fürchten. Vorsitzende: Ist etwas vorgekommen, woraus man schließen könnte, daß der Herr so gegen sie vorgehen würde? — Exp. tz: Ich könnte mich nicht erinnern, daß eine Maßregelung vorgekommen ist. Sie sind aber so furchtsam. Dr. Ofner: Warum sind Sie weggegangen? — Exp. H: Weil die Ban- und Ornamentenspenglerei aufgelöst ist. Ich möchte noch Einiges bemerken über die Erzeugung von Conservenbüchsen. Die Saison in diesem Zweige dauert im Jahre fünf, sechs bis sieben Wochen. Da werden 300.000 bis 000.000 Büchsen erzeugt, welche in sechs bis sieben Wochen geliefert werden müssen. Bis vor etwa drei Jahren war die Herstellung dieser Büchsen eine ziemlich complicirte. Jetzt wird aber der Boden der Büchsen mit einer Maschine gemacht. Diese Maschine bedient ein Hilfsarbeiter, und so machen den größten Theil der Arbeit, den früher Arbeiter gemacht haben, heute Frauen. Nur beim Löthen sind noch Spengler beschäftigt. Sonst sind die Männer fast vollständig verdrängt. Dr. Hainisch: Diese Arbeit wird ja für die Armee gemacht. Warum ist da eine Saison? — Exp. H: Die Fabrik ist die von W. im Südwesten Wiens. Es werden dort alle möglichen Eonservenbüchsen gemacht. Im Frühjahre kommen nun Bestellungen für die Armee, weil die Con- serven bei den Manövern aufgebraucht werden, und im Frühjahre werden sie wieder ergänzt. Dr. Ofner: Werden die Frauen bei dieser Fabrikation nur für die wenigen Wochen aufgenommen und dann wieder entlassen? — Exp. H: Ja. Dr. Ofner: Was machen die während der anderen Zeit? — Exp. H: Viele sind bei ihren Eltern und warten schon aus diese Zeit; Andere wieder haben eine andere Beschäftigung und sind eben während dieser Zeit beschäftigungslos und gehen daher zu dieser Arbeit. Sie verdienen fl. 4 bis 4-50. Exp. Drechsler: Ich möchte da auch etwas bemerken. So lange die Büchsen nicht mit der Maschine gemacht wurden, wurden die blähte gelöthet, was heute wegfällt. Diese Arbeit haben früher 40 bis 50 Spenglergehilfen gemacht, ja es sind sogar kleine Spenglermeister von Böhmen gekommen und haben sich an dieser Arbeit betheiligt. Diese Arbeit fällt jetzt weg, und das Uebrige machen die Maschinen und die Frauen, und diese bekommen dafür höchstens sl. 5. Dr. Verkauf: Wie wird der Lohn berechnet? — Exp. tz: Früher waren Zuschneider, Zurichter, Falzer, Nahtlöther, Siethner,^ die wurden alle separat bezahlt. Die Böden sind von den Frauen eingefaßt und dann wieder vom Spengler gelöthet worden. Diese haben durchschnittlich fl. 18, 28 Fraueii-Enquöte. 25 bis 30 verdient. Nun fallen alle Männer weg bis auf die Nahtlöther. Die Zuschneider haben für das Tausend 00 kr., die Zurichter 70 kr., die Falzer 70 kr., die Siethner 70 kr., die Nahtlöther fl. 1'20 und die Boden- löther fl. .3 bekommen. Man kann rechnen, daß sie 30.000 Büchsen geliefert haben. Jetzt sind 30 bis 35 Arbeiter beschäftigt, welche täglich in zehn Stunden 30.000 Büchsen machen. Die Frauen haben nur einen Lohn von fl. 5, und es sind etwa 25 Frauen und zehn Nahtlvther zu sl. l7 wöchentlich. Dr. Verkauf: Da kommt also das Tausend auf fl. l'00 bis 1'70. — Exp. H: Es kommen da noch einige Hilfsarbeiter dazu. Freilich muß der Fabrikant die Büchsen jeA auch zu billigeren Preisen liefern. Schluß der Sitzung 7 Uhr 30 Minuten. 25. Sitzung, Donnerstag, 26. Wär; 1896. Vorsitzender: Vardorf. Beginn 7 Uhr 15 Minuten Abends. Vorsitzender: Wir gelangen heute zur Vernehmung von Experten aus dem Pfaidlergewerbe und der Cravattennüherei. Es ist uns aber soeben die Mittheilung zugelangt, daß eine Expertin aus der Metallbranche, die uns seinerzeit Äussagen machte, entlassen worden ist, und es ist der Wunsch ausgesprochen worden, daß diese Expertin über die Gründe ihrer Entlassung vernommen werde. Ich bitte uns also mitzutheilen, bei welcher Firma Sie waren und was die Veranlassung Ihrer Entlassung war. — Expertin Nr. 100: Ich war bei W. Bachmann u. Co., Mollardgasse 30. Ich war Freitag hier in der Enquöte, Samstag war ich nicht im Geschäft, weil ich zu Hause etwas zu thun gehabt habe, und Sonntag ist das in der Zeitung gestanden. Natürlich haben die Zeitung Alle gelesen, auch der Herr. Wie ich in's Geschäft gekommen bin, fragten meine Colleginnen: „Wo warst Du Samstag?" Ich sagte: „Ich habe etwas zu thun gehabt." Da sagten sie: „Wir haben geglaubt, Tu kommst überhaupt nicht mehr." Ich fragte: „Warum, es ist doch kein Grund?" „Ja, Du hast den Herrn in die Zeitung gegeben." Ich habe nicht gesagt, daß ich als Expertin vernommen worden bin. Der Herr hat aber gewußt, daß ich das angegeben habe. Am Montag ist er gekommen, hat den Geschäftsführer herausholen lassen, und weil die Fenster offen waren, habe ich selbst gehört, daß er gesagt hat, er werde mich entlassen. Nun habe ich vorn Geschäftsführer Geld ausgeborgt gehabt, für welches ich vom Gulden einen Kreuzer zahlen muß. Da hat er sich gedacht, wenn ich gleich entlassen werde, kann ich das Geld nicht zahlen, und deshalb soll ich lieber bis Samstag fortarbeiten, daß ich ihm das Geld geben kann, und dann wird er mich entlassen. Vorsitzender: Wie lange arbeiten Sie bei Bachmann? — Exp. Nr. 100: Wenn ich Alles zusammenrechne, seit 27 Jahren; es waren aber Unterbrechungen da, die zusammen — ich weiß es nicht genau — einige Jahre ausmachen. Seit der letzten Zeit bin ich ein Jahr dort gewesen. Vorsitz ender: Der Werkmeister hat Sie nicht gleich entlassen wollen, weil Sie ihm Geld schuldig waren? — Exp. Nr. 100: Ich habe von ihm fl. 7 gehabt und muß vom Gulden pro Woche 1 kr. Percente zahlen; er leiht von Samstag bis Samstag. Ich Hütte ihn mit nrein.m Lohn ohnehin nicht Alles bezahlen können, weil in der Woche ein Feiertag war und 435 ich nur fl. 2 verdient hätte. Da hat er zum Herrn, mit dem er in Freundschaft ist, gesagt: „Lassen wir sie bis Samstag, ich stelle sie halt zu irgend einer Arbeit hin." Der Werkführer ist hingegangen und hat es dort, wo sie die Löffel feilen, erzählt. Eine Collegin hat mir gesagt: „Du bekommst das Buch und wirst Samstag entlassen." Bevor ich Samstag entlassen werde, gehe ich lieber gleich von selbst und bin Dienstag weggegangen. Vorsitzender: Das war ungeschickt, Sie hätten es auf die Entlassung ankommen lassen sollen. — Exp. Nr. 100: Der Werkführer hat am Dienstag das Geld von mir gefordert. Ich habe gesagt: „Ich kann es nicht zahlen, ich weiß ohnehin, daß ich Samstag entlassen werde, weil ich es gehört habe." Ich hatte ihm das Geld für Samstag versprochen; aber er hat ja gewußt, daß ich ihm nicht Alles geben kann, weil mein Lohn dafür nicht ausreicht. Vorsitzender: Sie waren schon früher von Bachmann weg; weshalb sind Sie das letzte Mal weggeblieben? — Exp. Nr. 100: Wegen schlechten Verdienstes. Am letzten Freitag, wie ich hier herin war, habe ich mir nur ein paar Kreuzer verdient, weil ich lauter schlechte Waare gehabt habe. Sonntag ist es in der Zeitung gestanden, und da ist der Herr ein paarmal in die Werkstätte gegangen und hat verdrießliche Gesichter gezeigt und der Werkführer auch. Die Colleginnen haben gesagt: „Das hättest Du nicht thun brauchen." Ich habe gesagt: „Ich war's nicht." Dr. Hainisch: Haben Ihre Colleginnen nicht gewußt, daß Sie hieher gehen? — Exp. Nr. 100: Nein, aber das Ganze hat auf mich gestimmt, weil darin gestanden ist, daß mein Kind ein Krüppel ist. Vorsitzender: Auch weil die Werkstätte als eine ehemalige Kegelbahn bezeichnet wurde? — Exp. Nr. 100: Der Herr hat zum Werkführer gesagt: „Das ist keiue Lüge, daß die Werkstatt einmal eine Kegelbuddel war; aber hereinregnen thut es nicht." Es regnet aber wirklich hinein. Für jede Kleinigkeit muß man Strafe zahlen; macht man den Schuber vom Kessel nicht zu, läßt man das Wasser hinaus, 20 kr., kommt man am Montag und sagt, es ist Einem schlecht, 50 kr. Vorsitzender: Warum sind Sie am Samstag nicht in die Arbeit gekommen? — Exp. Nr. 100: Der Hausherr hat sämmtlichen Parteien gekündigt. Vorsitzender: Haben Sie sich freigebeten? — Exp. Nr. 100: Ja; ich habe dem Werkführer gesagt: „Ich werde wahrscheinlich nicht kommen können, ich habe etwas zu thun." Der Herr hat besonders das betont wegen des Feuermachens; da hat mich die Frau Baronin Vogelfang darüber gefragt. Vorsitzender: Ich glaube nur wiederholen zu müssen, daß die Commission sich verpflichtet fühlt, in solchen Fällen, wo es zur Entlassung kommt, einzugreifen. Wir werden auf die eine oder die andere Art dafür Sorge tragen, daß Sie wieder Brot und Arbeit bekommen. Es kann bei dieser Gelegenheit nur auf das zweideutige Spiel hingewiesen werden, welches die Gegner dieser Enquöte treiben. Wenn wir entlassene Arbeiter vernehmen, wird gesagt, daß dieselben naturgemäß zu Ungunsten der Unternehmer aussagen. Vernehmen wir im Betrieb Befindliche, so laufen sie Gefahr, entlassen zu werden. Ich ersuche nunmehr Herrn Experten Ludwig, uns über das Pfaidlergewerbe Mittheilungen zu machen. Experte Jgnaz Ludwig: Ich muß vorausschicken, daß ich schon seit mehreren Jahren nicht in einem Fabriksbetrieb beschäftigt bin, sondern bei Confeetionären, welche nur im Hause zuschneiden lassen, im Stücklohn arbeite. Ich bin speciell nur vom Krägen- und Manschettenfach. Die Waare wird zugeschnitten, hieraus kommt sie zur Näherin, dann zum Knopflochmachen, und sonach wird sie geliefert und kommt in die Putzerei. 28 * 436 Vorsitzender: Ich werde nunmehr zur Vernehmung der Expertinnen aus Ihrer Branche schreiten und ersuche Sie, uns eventuell ergänzende Mittheilungen zu machen. — Expertin Nr. 116 (über Befragen seitens des Vorsitzendem: Ich bin jetzt das erste Jahr in unserer Branche. Ich hatte eine Lehrzeit von sechs Monaten, während welcher ich anfangs 20 kr., später sl. 1 wöchentlich verdiente. Jetzt bin ich Vorrichterin für Herrenhemden. In unserem Betriebe arbeiten 14 Mädchen, von denen immer eine Vorrichterin und eine Maschiuuäherin zusammen arbeiten. Das Zuschneiden besorgt die Frau selbst. Außer Haiye werden nur eine Arbeiterin und zwei Knopflochnäherinnen beschäftigt. Die Arbeiterin war früher auch in: Geschäft, jetzt arbeitet sie zu Hause, weil sie geheiratet hat. Wir haben jetzt ein Lehrmädchen, das zwei Jahre lernen muß und dann anfgedungen wird; dasselbe bekommt Wohnung und Kost, aber keine Bezahlung. Die Arbeiterinnen stammen meist aus Ärbeiterfamilien. Wir haben keine Arbeitsvermittlung. sondern suchen uns durch die Zeitung eine Stelle. Ich habe fl. 6 fixen Wochenlohn. Die Maschinnäheriunen haben sl. 8. Bei unserer Frau ist das ganze Jahr Arbeit, anderwärts aber ist im Winter meist wenig oder gar nichts zu thun. Unsere Frau hat im Winter Lagerarbeit. Alle Arbeiterinnen sind bei uns im Wochenlohn, zwei Vorrichterinnen haben fl. 5 und zwei andere fl. 6. Wir müssen Stecknadeln und Centimetermaß selbst beistellen ; das kommt nicht besonders hoch. Ueberstunden werden bei uns nicht gemacht; die Frau möchte wohl, daß im Sommer eine Extrastunde gemacht wird, aber letzten Sommer war das nicht der Fall. Bor zwei oder drei Jahren sind noch Ueberstunden gemacht worden. Unsere Arbeitszeit ist von 7 Uhr Früh bis 7 Uhr Abends mit einer einstündigen Mittagspause, aber ohne Frühstücks- und Jausenpause. Strafen und Abzüge, etwa für das Zufpät- kommen, werden nicht gemacht. Wir haben eine 14tägige Kündigungsfrist. Stroß: Machen Sie Kundenarbeit, oder arbeiten Sie für Engros- geschäfte? — Exp. Nr. 116: Für Detailgeschäfte in der Stadt. Die Frau bekommt den Stoff und liefert die fertigen Hemden an das Geschäft. Stroß: Ist an Ihren Wochenlohn die Bedingung geknüpft, daß Sie eine bestimmte Anzahl Hemden fertigstellen müssen? — Exp. Nr. 116: Nein, es ist nicht so genau, aber wir müssen halt immer fortarbeiten. Strafen für geringere Arbeitsleistung bestehen nicht. Dr. Ofner: Wie viel haben Sie für Ueberstunden bekommen? — Exp. Nr. 116: 10 kr.; die weniger Lohn hatten, haben weniger bekommen. Dr. Frey: Machen die Uebrigen auch alle Herrenhemden? — Expertin Nr. 116: Ja. Dr. Ofner: Sitzen Sie den ganzen Tag? — Exp. Nr. 116: Ja. (Ueber Befragen des Vorsitzenden.) Wir wohnen Alle außer dem Hause und haben für Beleuchtung u. dergl. nicht Sorge zu tragen. Als Arbeitslocal haben wir ein gewöhnliches Zimmer mit zwei Fenstern, in dem alle Mädchen arbeiten. Es ist im dritten Stock gelegen, und die Fenster gehen in den Hof. Es find mit der Frau und den Lehrmädchen im Ganzen 16 Personen in dem Zimmer. Im Sommer ist es darin sehr warm; gebügelt wird bei uns nicht. Es muß immer viel geredet werden, bis gelüftet wird, denn nicht nur die Mädchen, sondern auch die Frau ist empfindlich; im Winter ist ihr zu warm und im Sommer zu kalt. Zu Mittag haben wir das Essen von einem Gasthause, das im Hause befindlich ist, und verzehren es im Zimmer oben. Vorsitzender: Gehen Sie nicht wenigstens zu Mittag ein bischen in die Luft? — Exp. Nr. 116: Die Zeit ist sehr kurz bemessen; während man unten wartet, das Essen heraufholt und es verzehrt, ist es ohnehin schon 1 Uhr. (Ueber Befragen des Vorsitzenden.) Einige der Mädchen gehen nach Hause essen. Unsere Frau ist die einzige Partei auf dem Gang, und da haben wir einen Abort. Wir haben nur die Frau als Vorgesetzte; es ist zwar ein Mann da, der auch gerne etwas dreinreden möchte; aber er h at 437 nichts dreinzureden. Er erlaubt sich uns gegenüber auch keine Unzukömmlichkeiten. Von den Arbeiterinnen ist nur eine verheiratet, die ist 27 Jahre alt. Die anderen Arbeiterinnen stehen im Alter von 47 bis 36 Jahren; es sind aber meist jüngere Mädchen. Dr. Frey: Wird in der Werkstätte, wo Sie arbeiten, auch geschlafen? — Exp. Nr. 116: Nein. Dr. Schüller: Wie viel Hemden machen Sie durchschnittlich im Tag ? — Exp. Nr. 116: Eine Vorrichterin und eine Maschinnäherin zusammen acht bis neun Stück. Dr. Schmid: Werden Sie zur Arbeit angetrieben? — Expertin Nr. 116: Nicht besonders. Dr. Schüller: Wer macht die Knopflöcher, und wie wird diese Arbeit bezahlt? — Exp. Nr. 116: Dafür sind vier Arbeiterinnen da, welche 10, 12, 17 und 25 kr. per Hemd bekommen. Vorsitzender: Wie viel Löcher hat das Hemd zu 10 kr.? — Exp. Nr. 116: Zwölf bis vierzehn. Vorsitzender: Warum werden für die einen Hemden 10 kr., für die anderen 25 kr. und mehr gezahlt? — Exp. Nr. 116: Das liegt in der Ausführung und in der Qualität. Vorsitzender: Was verdienen die Knopflochnäherinnen? — Exp. Nr. 116 : fl. 4, 5, selten fl. 6. (Ueber Befragen des Vorsitzenden.) Ich trinke in der Früh zu Hause Kaffee, Gabelfrühstück nehme ich nicht. Zu Mittag esse ich jeden Tag etwas Anderes vom Gasthause. Das Zehnte kaun man ja nicht essen. Gewöhnlich gebe ich 10, 12 bis 20 kr. aus. Wenn ich 10 kr. ausgebe, bekomme ich dafür Suppe, Gemüse und Brot. Ich esse mit einer anderen Arbeiterin in Compagnie; da kaufen wir uns gewöhnlich zusammen eine Portion Fleisch oder Mehlspeise, weil wir Beide nicht viel essen. Unter den anderen Mädchen, die dort essen, sind höchstens zwei, die sich Fleisch kaufen; die übrigen essen Gemüse, Suppe, dann und wann eine Mehlspeise. Abends esse ich zu Hause Nachtmahl. Unsere Wohnung, die hübsch weit draußen im X. Bezirk gelegen ist, besteht aus Zimmer, Cabinet und Küche. Es wohnen darin die Eltern und wir fünf Kinder. Von meinen Colleginnen hat nur eine blos ein Bett; die anderen haben Cabinets, sofern sie nicht bei den Eltern wohnen. Meine Eltern zahlen für die Wohnung fl. 12 monatlich. Ich gehöre dem Fachverein und der Bezirks-Krankencasse an. Unfälle kommen bei uns im Gewerbe nicht vor. Ich habe keine Unterstützungen an dritte Personen zu geben. Dr. Schmid: Wie viel Betten sind in Ihrer Wohnung? — Expertin Nr. 116: Vier. Dr. Schmid: Wie viel Lohn haben Sie anfangs gehabt, und wie ist das gestiegen? — Exp. Nr. 116: Als ich frei wurde, bekam ich fl. 1. Dann bin ich zu meiner jetzigen Frau und habe vielleicht ein Jahr lang sl. 3 Lohn gehabt. Dr. Schmid: Wird an Sonn- und Feiertagen gearbeitet? — Exp. Nr. 116 : An Sonntagen nicht, an Feiertagen manchmal, wenn dringende Arbeit ist, einen halben oder drei Vierteltag. Wenn ich an einem solchen Feiertag nicht kommen will, so muß ich mir eine Ausrede machen. Wenn an einem Feiertag nicht gearbeitet wird, so wird er abgezogen. Vorsitzender: Können Sie der Frau nicht ruhig sagen: Morgen ist ein Feiertag, ich will nicht arbeiten? — Exp. Nr. 116: Das ist nicht üblich. Das wäre der Frau nicht angenehm, und es sagt das Niemand. Dr. Ofner: Wann wird das Local ausgekehrt? — Exp. Nr. 116: Jeden Abend, vom Lehrmädchen. Ausgerieben wird jeden Mittwoch. Zu Ostern, Pfingsten und Weihnachten werden die Wände geputzt. Dr. Osner: Besorgt das Alles auch das Lehrmädchen? — Expertin 438 Nr. 118: Das macht die Köchin, und das Lehrmädchen muß ihr dabei helfen. Dr. Ofner: Wo schläft das Lehrmädchen? — Exp. Nr. 116: Ich glaube in der Küche, wo die Köchin schläft, oder im Vorzimmer. Dr. Ofner: Was bekommt sie zu essen? — Exp. Nr. 116: Zu Mittag bekommt sie Suppe, Fleisch und Gemüse, was eben für Alle gekocht wird; um 10 Uhr hat sie ein Brot, und zur Jause Kaffee und eine Semmel. Dr. Ofner: Gibt es in Ihrer Branche durch das ewige Sitzen irgend eine specielle Krankheit? — Exp. Nr. 116: Die Maschinnäherinnen, die den ganzen Tag mit den Füßen arbeiten, werden eben sehr müde und sind auch manchmal unwohl; aber das dauert selten mehrere Tage. Stroß: Was geben Sie, abgesehen von dem, was Sie zu Mittag brauchen, von Ihren fl. 6 zu Hanse ab? — Exp. Nr. 116: Alles Uebrige. Kleidung und Sonstiges bestreiten die Eltern. Expertin Nr. 117 (über Befragen des Vorsitzenden): Ich bin in demselben Betriebe wie die frühere Expertin seit 1'Z Jahren als Maschin- nüherin beschäftigt. Ich bin überhaupt seit 16 Jahren Näherin; ich habe keine Lehrzeit durchgemacht. Unsere Arbeit ist eine ununterbrochene. Es geht im Winter zwar schwächer, wir müssen aber nicht aussetzen. Es gibt jedoch Geschäfte, in denen im Winter drei, vier Tage in der Woche ausgesetzt werden muß. Ich bin durch die Zeitung in's Geschäft gekommen. Alle, die in unserer Branche Arbeit suchen, finden dieselbe vorwiegend durch die Zeitung. Ich verdiene wöchentlich fl. 8 im fixen Wochenlohn. Die anderen Näherinnen haben alle weniger, fl. 6, 6'50 und 7. An Material habe ich nur die Maschinnadeln beizustellen. An manchen Tagen, wenn schlechte Arbeit ist, kann man vier bis fünf Nadeln zerbrechen. Das Stück kostet 4 kr., das macht also 20 kr. aus. Im Durchschnitt kann man in der Woche 40 bis 50 kr. für Nadeln rechnen. Ich nehme keine Arbeit nach Hanse. Strafen und Abzüge kommen bei uns nicht vor. Unsere Arbeitszeit ist von 7 bis 7 Uhr mit einstündiger Mittagspause. Unsere Kündigungsfrist beträgt 14 Tage. Bezüglich der Beschaffenheit der Werkstätte habe ich dem, was die frühere Expertin sagte, nichts hinzuzufügen. Ich kann etwas besser leben als die anderen Arbeiterinnen, weil ich von meiner Schwester derart unterstützt werde, daß ich für meine Kleidung nichts auszugeben brauche. Zum Frühstück trinke ich Kaffee, zu Mittag esse ich Fleisch, Gemüse und Bier, zur Jause nehme ich nichts und am Abend entweder ein kaltes Nachtmahl oder etwas vom Gasthause. Ich gehöre dem Fachvereine und der Bezirks- Krankencasse an. Am Sonntag bleibt mir sehr wenig Zeit, um mich etwa zu unterhalten, weil ich da für mich sehr viel zu thun habe. Für dritte Personen habe ich nicht zu sorgen. Vorsitzender: Finden Sie, nachdem Sie schon ziemlich lange beim Maschinnähen sind, daß dies gesundheitsschädliche Folgen nach sich zieht? — Exp. Nr. 117 : Das spürt Jede; während der Arbeit weniger, aber nachher. Manchmal kann ich Abends nicht einmal nach Hanse gehen und muß fahren. Auch auf der Brust spürt man es; Eine mehr, die Andere weniger. Dr. Schmid: Wo wohnen Sie, und was zahlen Sie für die Wohnung? — Exp. Nr. 117: Ich habe ein Cabinet im III. Bezirke und zahle fl. 5. Vorsitzender: Wie weit haben Sie zu gehen? — Exp. Nr. 117 : Drei Viertelstunden. Dr. Ofner: Was geben Sie für Mittag- und Abendessen aus? — Exp. Nr. 117: Zu Mittag 30 kr., zum Nachtmahl 20 kr. Dr. Ofner: Wie alt ist das Lehrmädchen, das in dem Betriebe ist? — Exp. Nr. 117: 16 Jahre, und ist das zweite Jahr bei uns. Dr. Ofner: Wie beschaffen sich die anderen alleinstehenden Mädchen ihre Kleidung? — Exp. Nr. Il7: Die meisten nehmen sie aus Raten. Dr. Ofner: Was zahlen sie da wöchentlich? — Exp. Nr. 117: Das weiß ich nicht. Expertin Nr. 118 (über Befragen des Vorsitzenden 1: Ich bin auch bei der Wäsche-Confection, und zwar bei einer Frau, bei welcher drei Mädchen beschäftigt sind. Ich bin in diesem Betriebe seit vier Jahren. Bei uns gibt es keine Vorrichterin und keine Arbeitstheiluug. Wir sind Alle im Wochen- lohn. Es werden nur die Knopflöcher außer Hause gemacht; da wird für kleine Knopflöcher per Dutzend 9 kr. lind für große per Stück 1 kr. gezahlt. Auch ich nehme diese Arbeit manchmal nach Hause. Wenn ich gut gelaunt bin, arbeite ich bis 11, 12 Uhr, wenn nicht, so nehme ich mir Arbeit nach Hause und bringe sie am nächsten Tag wieder, ohne etwas gemacht zu haben. Bei uns wird das nicht so genau genommen. Dr. Schüller: Wie viel von den großen Knopflöchern, die mit 1 kr. per Stück bezahlt werden, kann man in einer Stunde machen? — Exp. Nr. 118: Ich mache 20 pro Stunde, die weniger Flinken bringen 10 bis 12 zu Stande. Dr. Ofner: Wo waren Sie früher? — Exp. Nr. 118: Ich war Verkäuferin, und zwar neun Jahre lang; weil ich krank wurde, bin ich zur Frau gegangen. (Ueber Befragen des Vorsitzenden.) Wir haben ein Lehrmädchen, welches die Nichte der Frau ist und keine Entlohnung bekommt. Ich habe st. 7 Wochenlohn, und von den anderen Arbeiterinnen hat die eine fl. 4'50, die andere fl. 5'50. Wir haben keine Saison. Im Sommer geht es etwas stiller, aber es wird nicht ausgesetzt; wenn viel Arbeit ist, machen wir Ueberstunden. Ich bekomme für die Stunde 1.8 kr. und die Anderen je nach ihrem Lohn. Strafen und Abzüge kommen bei uns nicht vor. Die gewöhnliche Arbeitszeit ist von 7 Uhr Früh bis 7 Uhr Abends mit einer Stunde Mittagspause, außerdem setzen wir während der Jause aus, so lange wir eben essen. Bei uns ist keine Kündigungsfrist, weder seitens der Frau, noch von Seite der Arbeiterinnen. Dr. Schüller: Nehmen Sie in der Saison auch Arbeit nach Hanse? — Exp. Nr. 118: Nach 9 Uhr nicht mehr. Dr. Schüller: Werden die Knopflöcher auch von Heimarbeiterinnen genäht? — Exp. Nr. 118: Wir haben zwei Knopflochnäherinnen, das find verheiratete Frauen, die neben ihren häuslichen Arbeiten dies als Nebenverdienst betreiben. (Ueber Befragen des Vorsitzenden.) An Materialien haben wir nur die Nadeln beizustellen. Der Frau geben wir zu ihrem Namenstage ein Geschenk, aber nur wer will, wer nicht will, kann sich ausschließen. Die Frau revanchirt sich auch dafür. Stroß : Wie viel Herrenhemden können Sie an einem Tag machen ? — Exp. Nr. 118: Wir haben eine Arbeiterin, die speciell Herrenhemden macht. Diese bringt sechs Stück im Tag zu Stande und hat einen Wochenlohn von fl. 5'50. Stroß: Wie viel bekommt Ihre Frau für ein fertiges Hemd an Entlohnung? — Exp. Nr. 118: 50 kr., sie muß aber bei jedem Hemd 9 kr. für das Knopflochmachen und 10 kr. für das Futter ausgeben. Stroß: Sie zahlt also für sechs Hemdennähen 90 kr., das macht per Hemd 15 kr., außerdem 9 kr. für das Knopflochmachen und 10 kr. für das Futter, also zusammen 84 kr., und bekommt 50 kr. Vorsitzender: Wie viel haben Sie als Verkäuferin verdient? — Exp. Nr. 118: fl. 70 pro Monat, aber es war diese Arbeit sehr anstrengend. ' Dr. Schüller: Haben Sie Sprachenkenntnisie? — Expertin Nr. 118: Nein. Vorsitzender: Als Sie Verkäuferin waren, hatten Sie wohl auf 440 die Kleidung viel zugeben? — Exp. Nr. 118: Ja; ich war in einem großen Lingeriesalon. V o r s itzender: Haben Sie Ihre Krankheit direct in Folge der Arbeit als Verkäuferin bekommen? — Exp. Nr. 118: Das weiß nicht. «Ueber Befragen des Vorsitzenden.) Die Frau, bei welcher ich jetzt arbeite, hat eine Wohnung, bestehend aus Zimmer, Küche und Cabinet. Wir arbeiten in der Küche, wo nicht gekocht wird, und im Cabinet, das Zimmer dient als Wohnung der Frau. Ich selbst arbeite im Cabinet. Die Frau nimmt sich das Essen vom Gasthaus. Unser Arbeitsraum ist sehr licht und rein. Wir essen auch in der Werkstätte; ich esse mit der Frau zusammen Suppe, Fleisch und Gemüse, die Anderen gehen nach Hause. Wir haben nur die Frau als Vorgesetzte. Ich selbst bewohne ein Cabinet in Rudolfsheim, für welches ich fl. 0 zahle, gehöre keinem Vereine an, nur der Geuossenschafts- Krankencasse. Für dritte Personen habe ich keine Sorge zu tragen und bekomme selbst keine Unterstützung. Dr. Osner: Wie viel geben Sie täglich für das Essen aus? — Exp. Nr. 118: Am Vormittag esse ich Brot mit Wurst oder auch Brot allein, es kostet 2 bis 5 kr., zu Mittag gebe ich 15 bis 17 kr., zur Jause 8 kr. und Abends 10 kr. aus. Dr. Osner: Wie beschaffen Sie sich Kleidung, Wäsche und Schuhe? — Exp. Nr. 118: Die Kleider mache ich mir selbst; wir bekommen jedes Jahr von der Frau einen Srofs zum Geschenk. Vorsitzender: Sind Sie in der Lage, sich Vergnügungen zu verschaffen? — Exp. Nr. 118: Wenn sie nicht zu kostspielig sind. Ich mache hie und da eine Landpartie oder gehe in's Theater. Expertin Nr. 119 (über Befragen des Vorsitzenden): Ich bin seit zwei Monaten Corsettennäherin. Ich bin seit zwei Jahren bei der Branche und war zuerst bei der Frau, beU welcher jetzt die frühere Expertin ist. Bei dieser habe ich zuerst ein Jahr gelernt, und dann war ich ein Jahr bei ihr als Näherin. Während der Lehrzeit habe ich zu Hause gegessen und geschlafen und keinen Lohn bekommen; als Maschinnäherin habe ich fl. 4 bekommen. Bis December war ich bei einer Zwischenmeisterin, bei der außer mir nur noch ein Lehrmädchen arbeitete. Dort habe ich sl. 4'50 und Jausen- kaffee gehabt. Das Lehrmädchen hat keinen Lohn gehabt. Vorsitzender: Wird während der ganzen zwei Jahre Lehrzeit nichts bezahlt? — Exp. Nr. 119: Das Fräulein hat dieses Mädchen nur aus Gefälligkeit unterrichtet. Sie hat auch keine Steuer für sie gezahlt. Vorsitzender: Sie wird also züuftlerisch nicht freigesprochen? — Exp. dir. 119: Nein. (Ueber Befragen des Vorsitzenden.) Die Arbeitszeit war dort von halb 8 bis 12 und von 1 bis 7 Uhr, und zwar gleichmäßig das ganze Jahr. Nur im August ist meist den ganzen Monat ausgesetzt worden. Ueberstunden hatten wir keine, weil das Fräulein nicht mehr Ärbeit angenommen hat, als in der regelmäßigen Zeit fertiggestellt werden konnte. Das Arbeitslocal war dort ziemlich klein; es war nur ein Cabinet. Ich bin jetzt seit zwei Monaten selbstständig und arbeite für ein nicht besonders großes Geschäft. Es ist ein gewöhnliches Wäschegeschäft in Fünshaus mit einem Schaufenster. Es ist dort keine Verkäuferin, sondern das Fräulein besorgt den Verkauf selbst. Ich bekomme die Waare zugeschnitten und nähe sie zu Hause mit der Nähmaschine fertig. Ich mache drei Sorten von Corsetten. Bei der einen Sorte sind 24 Säumchen, ein Umlegkragen und aus den Aermeln Stickerei. Für diese bekomme ich 20 kr. und kann davon pro Tag drei, höchstens vier machen. Bei der zweiten Sorte sind 80 Säumchen, ein Umlegkragen und geputzte Aermel, die complieirter zu machen sind; dafür bekomme ich 38 kr. und mache von diesen kaum drei Stück im Tag. Die dritte Sorte hat 80 Säumchen, gleichfalls geputzte Aermel und Umlegkragen, und für diese bekomme ich 40 kr. Von diesen 441 kann ich keine zwei Stück täglich machen. Mein Durchschnittsverdienst beträgt fl. 4, höchstens sl. 4'20 pro Woche. Ich habe jetzt das ganze Jahr Arbeit. Dr. Frey: Haben Sie bei der Zwischenmeisterin an Sonn- und Feiertagen gearbeitet? — Exp. Nr. 119: Nein. Ich habe auch keine Arbeit nach Hause genommen. Dr. Frey: Wohin hat diese Zwischenmeisterin geliefert? —Expertin Nr. 119: In dasselbe Geschäft, für welches ich jetzt arbeite. Dr. Ofner: Sind Sie aufgedungen? — Exp. Nr. 119: Nein. Vorsitzender: Hat es auf Sie den Eindruck gemacht, daß die Zwifchenmeisterin an Ihrer Arbeit viel verdient? — Exp. Nr. 119: Sie hat freilich mehr daran verdient, als sie mir gezahlt hat. Sie hat die Kragen und Aermel gemacht und ich die Säumchen, denn sie konnte keine Säumchen machen. Vorsitzender: Sie verdienen aber jetzt nicht mehr wie früher. Da muß man doch denken, daß die Zwischenmeisterin mehr bezogen hat als Sie jetzt, weil sie doch jedenfalls von Ihrer Arbeit einen Gewinn gehabt hat. — Exp. Nr. 119: Ja, das denke ich mir auch. Vorsitzender: Aus welchem Gruude sind Sie eigentlich Heimarbeiterin geworden? — Exp. Nr. 119: Weil mir die Zwischenmeisterin den bedungenen Lohn nicht auszahlen konnte. Ich habe immer ein paar Wochen warten müssen, bis sie mir einmal fl. 10 gegeben hat. (Ueber Befragen des Vorsitzenden.) Ich wohne bei meinen Eltern, welche Hausbesorger sind. Mein Vater ist außerdem Zimmermann und verdient fl. 10, und die Mutter hat mit der Hausbesorgerstelle zu thun. Wir haben die Wohnung umsonst. In der Früh trinke ich Kaffee, am Vormittag esse ich ein Butterbrot, zu Mittag Suppe, Fleisch und Gemüse, zur Jause Kaffee, am Abend Wurst oder Fleisch oder Gemüse, wenn es von Mittag ührig bleibt. Ich habe einen Bruder, der 26 Jahre alt ist und auch verdient. Unsere Wohnung besteht aus Zimmer und Küche. Die Eltern und ich schlafen im Zimmer, der Bruder in der Küche. Ich kann manchmal Unterhaltungen mitmachen, wenn mich der Bruder oder Vater mitnehmen. Ich gehöre keinem Vereine an und bin auch nicht in der Krankencaffe. Engel: Haben Sie als Lehrmädchen gar nichts bekommen, weder Kost noch Wohnung? — Exp. Nr. 119: Nein. Erst nach der Lehrzeit habe ich anfangs fl. 1'20, dann fl. 2 und fl. 2'50 bekommen und bin allmälig während des zweiten Jahres auf fl. 4 gekommen. Dann bin ich von dort weg, weil ich krank wurde und da mir das Nähen nicht gut gethan hat. Ich habe immer Seitenstechen und Kopfschmerzen gehabt. Vorsitzender: Haben Sie auch Colleginnen, die an diesen Uebeln leiden? — Exp. Nr. 119: Ja. Dr. Schwiedland: Haben Sie eine eigene Nähmaschine und wie haben Sie die erworben? — Exp. Nr. 119: Ja, die habe ich mir auf Raten zu fl. 5 angeschafft. Sie kostet im Ganzen fl. 55 und ist eine Greifermaschine mit Fußbetrieb. Die Raten hat der Vater gezahlt, denn von meinem Verdienst hätte ich mir die Maschine nicht anschaffen können. Dr. Ofner: Haben Sie für Kleider selbst zu sorgen? — Expertin Nr. 119: Nein. Vorsitzender: Ich bitte nunmehr den Herrn Experten Ludwig, uns ergänzende Auskünfte zu geben. Experte Jgnaz Ludwig (über Befragen des Vorsitzenden): Ich bin Zuschneider in Confectionsgeschäften und habe keinen ständigen Posten, sondern ich arbeite einmal hier, einmal dort. Ich war früher Zuschneider in einem Fabriksbetrieb, aber nachdem ich verheiratet bin und eine Familie zu erhalten habe, so muß ich trachten, meinen Verdienst zu verbessern, deshalb habe ich mich um mehrere Confectionsgeschäfte umgesehen, für welche ich im Stücklohn arbeite und mehr verdiene. In den Confectionsgeschäften ist es 44> Usus, daß die Krägen und Manschetten im Hanse zugeschnitten, dutzendweise gebunden und dann den Näherinnen zugestellt werden. Der Lohn derselben difserirt zwischen 14 bis 20 kr. per Dutzend. In den Fabriken werden zum Zuschneiden Maschinen verwendet. Ich selbst habe keine Maschine, sondern schneide Alles mit der Hand zu. Das Quantum, welches ich zuschneide, ist verschieden; in dem einen Geschäft 40, in dem anderen 50 und in dem dritten 60 Dutzend pro Tag. Beim Zuschneiden ist es für mich gleichgiltig, von welcher Faeon die Krägen sind. Die Snbunternehmer, das sind größten- theils Arbeiter, die 3, 4 bis 20 Maschinen zu Hanse stehen haben, erhalten die zugeschnittene Waare. Die Mädchen, welche bei den Subunternehmern arbeiten, sind größtentheils vom Land und werden als Dienstboten angemeldet, wiewohl sie als wirkliche Näherinnen fungiren; sie bekommen Verpflegung und Wohnung im Hanse und nach zwei Jahren, wenn sie etwas können, fl. 4 monatlich. Ich kenne einen solchen Betrieb in Rudolfsheim ganz genau. Tort sind 30 Mädchen, und unter diesen sind keine 15, von denen man sagen könnte, sie seien Näherinnen. Es ist dort eine sehr starke Arbeitstheilung. So besteht jeder Kragen aus vier Theilen, zwei Einlagen und zwei Chiffontheilen, die zusammengenadelt werden müssen. Da sitzen die Mädchen, wenn sie hinkommen, drei Monate lang und thun nichts als zusammennadeln. Vorsitzender: Worin besteht die Kost der Mädchen? — Experte Ludwig: Sie bekommen den einen Tag Erdäpfel und Kraut und den anderen Tag Kraut und Erdäpfel, Fleisch bekommen die Leute wenig zu essen. Vorsitzender: Wie schlafen diese Mädchen ? — Exp. Ludwig: Ich habe selbst gesehen, daß sie die Betten übereinander haben, sogenannte Stellagebetten, und daß 15 bis 20 in einem Raum schlafen. , V orsitzender: Wer liefert die Waare ab? — Exp. Ludwig: Zum Abliefern haben sie dort eine Idiotin, damit sie nichts austratschen kann. Die hat einmal eine Schramme an der Stirn gehabt, und als ich sie fragte, woher das sei, sagte sie: „Die Frau hat mir einen Stiefel an den Kops geworfen." lind es war sactisch der ganze Absatz an der Stirn zu sehen. Ich fragte Wetters: „Warum hat sie Ihnen den Stiesel an den Kops geworfen?" Da gab sie zur Antwort: „Weil er schlecht geputzt war." Da können Sie sich wohl denken, daß die Behandlung der anderen Mädchen auch nicht viel besser sein wird. Ich glaube sogar, daß die Mädchen dort auch nicht in der Krankenversicherung sind. - Vorsitzender: Werden diese Mädchen ausgedungen? — Experte Ludwig: Ich war selbst im Genossenschaftsausschuß und habe nachgesehen, ich habe nicht gefunden, daß sie ausgedungen sind. Vorsitzender: Woher wissen Sie denn das Alles über den Betrieb? — Exp. Ludwig: Ich bin selbst in den Betrieb hingekommen, und dann habe ich von dem Mädchen, welches liefern geht, so viel als möglich zu erfahren gesucht. Vorsitzender: Wissen Sie bestimmt, daß diese Mädchen nur .sl. 4 haben? — Exp. Ludwig: fl. 4, höchstens 5. Dr. Schriller: Sie haben gesagt, daß die Mädchen nach zwei Jahren erst fl. 4 monatlich erhalten. Ist das nur ein einzelner Fall oder ist es allgemein so ? — Exp. Ludwig: Allgemein; das hat mir die Frau selbst gesagt, daß sie vor zwei Jahren einem Mädchen nichts zahlen kann. Diejenigen, die im Wochenlohn sind, bekommen fl. 3 bis 6 wöchentlich. Dr. Schriller: Solche Arbeiterinnen im Wochenlohn sind also viel kostspieliger? Warum nimmt die Frau sich denn überhaupt Arbeiterinnen, die im Wochenlohn sind? — Exp. Ludwig: Das sind besser qualificirte Arbeiterinnen, die schon lange im Geschäft sind; die machen die bessere Waare. 448 Dr. Schwiedlaiid : Es gibt wohl auch selbstständige Arbeiterinnen, die für Geschäfte arbeiten. Wie werden diese bezahlt? — Exp. Ludwig: Die bekommen per Dutzend Krägen 14 bis 20 kr., selten 24 kr. Diese Leute sind durch die Subunternehmer, die billiger arbeiten können, sehr gedrückt. (Ueber Befragen des Vorsitzenden.) Eine alleinstehende Frau kann vier bis fünf Dutzend täglich machen, kommt also auf 80 kr. bis fl. 1 zu stehen. Sie muß eine eigene Maschine haben, und außerdem kosten die Nadeln, der Zwirn, die Nnterwolle und das Oel wöchentlich etwa fl. 1. Auch nützt sich die Maschine sehr rasch ab, weil die Stosse kalkhaltig sind. Diese Frauen haben größtenteils Greifermaschinen, die sie aus Raten beziehen. Sie müssen die Maschine beinahe jede Woche dem Maschinisten zum Repariren geben; während dieser Zeit können sie natürlich nichts arbeiten. Die üblichen Raten sind fl. 1 Pro Woche, aber wenn die Raten abgezahlt sind, so ist die Maschine schon so verdorben, daß man jede Woche fl. 1 dem Maschinisten für Reparatur zahlen muß. Vorsitzender: Das wären ja sehr große Ausgaben, fl. 1 für Materiale und sl. 1 für die Maschine. Stroß: Wieso kommt es, daß die Zwischenmeister billiger arbeiten als die einzelnen Frauen? — Exp. Ludwig: Die Zwischenmeister unterbieten sich gegenseitig. Sie selbst verlieren dabei nichts, denn wenn sie billiger arbeiten, machen sie den Arbeiterinnen Lohnabzüge. Stroß< Was verdient ein Zwischenmeister an einem Dutzend Krägen, für das er 14 bis 20 kr. bekommt? — Exp. Ludwig: Wenn er 20 kr. bekommt, so dürften ihm 4 kr. Reingewinn bleiben. Stroß: Arbeiten die Zwischenmeister für die großen Firmen? — Exp. Ludwig: Der Zwischenmeister, von dem ich spreche, arbeitet für eine große Firma. Stroß: Haben Sie beim Zuschneiden bezüglich des Stoffes keine Verrechnung? — Exp. Ludwig: Nein, da muß sich schon der Herr aus meine Geschicklichkeit verlassen, und er sieht es ja auch beim Abfall. Vorsitzender: Gibt es Betriebe, in denen keine Arbeit außer Haus gegeben wird, sondern Alles im Betriebe selbst erzeugt wird? — Experte Ludwig: Die eigentliche Arbeit wird regelmäßig außer Haus gegeben, nur Bestellungen nach Maß werden ausnahmsweise im Haus gemacht. Engel: Ist es gleichgiltig für das Nähen, ob es Stehkrägen oder Umlegkrägen sind? — Exp. Ludwig: Ich habe schon gesagt, daß je nach der Fa§on die Bezahlung variirt. Dr. Schüller: Wie viel Dutzend Krägen werden täglich in dem Geschäfte, wo 30 Arbeiterinnen sind, hergestellt? — Exp. Ludwig: Ich glaube, 200 bis 250 Dutzend. Vorsitzender: Können Sie uns auch Daten über die Knopflochnäherei geben? — Exp. Ludwig: Wenn der Kragen genäht ist, so kommt er in den Betrieb zurück. Von dort holt ihn der Knopflochnäher ab. Der Zwischenmeister bekommt für ein Dutzend Krägen, das sind 36 Knopflöcher, wenn es flache Löcher sind, 7 kr., wenn es runde sind, 0 kr. Die Arbeiterinnen bekommen für ein Dutzend Krägen, das heißt 36 Knopflöcher, und zwar flache Löcher, 2'-5 kr. und können 40 Dutzend im Tage machen. Für runde Knopflöcher mit der neuen amerikanischen Maschine, bei welcher sie nur die vorderen zwei zu nähen brauchen, bekommen sie 1'5 kr. per Dutzend und können 90 Dutzend pro Tag nähen. Für Manschetten bekommen sie per Dukend, das sind 96 Knopflöcher, 7 kr. und können 14 Dutzend pro Tag machen. Dr. Osner: Der Herr Experte hat einen Zwischenmeisterbetrieb genannt, in welchem Krägen genäht werden. In diesem verdient der Zwischenmeister 4 kr. per Dutzend und stellt täglich 200 bis 250 Dutzend her. Sein Verdienst stellt sich also auf fl. 9 bis 10 täglich, wovon natürlich noch die 444 Regiespesen in Abzng zu bringen sind. Das erscheint mir noch ganz plausibel. Der Herr Experte hat aber noch bezüglich der Knopflöcher angegeben, daß der Snbunternehmer 7 kr. per Dutzend bekommt und nur 2-5 kr. der Arbeiterin zahlt. Da hätte er an jedem Dutzend 4-5 kr. Gewinn, und nachdem eine Arbeiterin allein 40 Dutzend täglich herstellen kann, so würde er an einer einzigen Arbeiterin sl. 1'80 täglich verdienen. Ist es wirklich so? — Exp. Ludwig: So ist es. Dr. Ofner: Wie viel Arbeiterinnen hat ein Ihnen bekannter Zwischenmeister, der Knopflöcher macht? — Exp. Ludwig: Bei den flachen Löchern 18 bis 20, bei den runden Löchern vier. Dr. Ofner: Er hat also 24 Arbeiterinnen, die täglich zusammen 960 Dutzend machen. Er hätte also täglich von beinahe 1000 Dutzend einen Profit von je 4'5 kr., also zusammen fl. 45. Wenn wir für die tägliche Regie den enormen Betrag von fl. 15 veranschlagen, so hätte er fl. 50 täglich Profit, das ist meiner Ansicht nach ein Ding der Unmöglichkeit. — Exp. Ludwig: Das ist aber doch so, ich weiß es, weil ich im Geschäfte selbst Berechnungen anstellte. Ich kenne eine Arbeiterin, welche dort arbeitet. Bevor ich hieher gekommen bin, habe ich mir diese Arbeiterin kommen lassen und mir genaue Ziffern angeben lassen. Dr. Schwiedland: Wenn das richtig wäre, so würden doch die Confectionäre selbst so gescheit sein und sich die Mädchen auf eigene Regie znm Knopflochnähen aufnehmen und auf diese Weise fl. W.000 jährlich verdienen. — Exp. Ludwig: Tann wäre er kein Confectionär mehr. Ich bleibe bei meinen Angaben, denn sie entsprechen vollkommen der Wahrheit. Expertin Nr. 120 (über Befragen des Vorsitzenden): Ich bin Mieder- ausfertigerin und bin erst seit 14 Tagen in meinem jetzigen Betriebe. Früher war ich l'Z Jahre in einem Geschäfte, in dem 30 Mädchen waren. Es war dies das erste Geschäft, in welches ich gegangen bin. Ich wurde dort als Lehrmädchen aufgenommen und bin nach kurzer Zeit zu allen Arbeiten verwendet worden. Es ist dort eine zweijährige Lehrzeit üblich. Am Anfang hatte ich fl. 2, nach einem Jahre 50 kr. mehr, und als ich wegging, fl. 3. Es sind dort Maschinnäherinnen, dann Arbeiterinnen, welche Mieder einfassen, ferner Appreteurinnen, Einspännerinnen, Einzieherinnen und Anspitzlerinnen (die die Spitzen an's Mieder nähen und dasselbe ausfertigen). Arbeitszeit war von (°8 Uhr Früh bis o§8 Uhr Abends, mit einer Mittagspause von fünf Viertelstunden und einer Vormittags- und Jausenpause von je 10 Minuten. Die Entlohnung war nach den verschiedenen Kategorien verschieden. Die Maschinnäherinnen waren am besten gezahlt. Diese hatten fl. 4 bis 7. Es waren deren fünf. Beim Einfassen und Anspitzeln waren zwei Arbeiterinnen, beim Einziehen sechs, welche fl. 4 bis 6 verdienten. Die beim Adjustiren waren, haben am wenigsten bezahlt bekommen, nämlich fl. 3 bis 4'50. Von diesen waren ungefähr Sechs bis Sieben im Geschäfte. Es ist auch vorgekommen, daß ein und dasselbe Mädchen zu zwei Arbeiten verwendet wurde. So war eine Bleicherin da, die fl. 6 bekommen hat und die Vormittags gebleicht hat und Nachmittags in der Appretur war. Ferner war eine Spitzeneinzieherin mit fl. 6. Die Pausen sind genau eingehalten worden, es wurde immer vorher und nachher abgeläutet. Zu Mittag wurde das Local gesperrt. Ueberstunden haben wir niemals gehabt. An Sonntagen wurde nur höchst selten von drei bis vier Mädchen von 8 bis 12 Uhr gearbeitet. Diese haben 40 kr. dafür bekommen. Es wurde das ganze Jahr gearbeitet; an Feiertagen nur den halben Tag, wenn viel zu thun war. Wenn es im November oder December schlechter gegangen ist, so haben wir eine Stunde weniger gearbeitet, es ist uns aber dafür nichts abgezogen worden. Abzüge und Strafen waren bei uns sehr selten, höchstens wenn eine Arbeiterin häufig zu spät gekommen ist, wurden je 10 kr. abgezogen. Wir mußten keine 445 Materialien beistellen. Von den Mädchen, die im Hause gearbeitet haben, ist keine Arbeit nach Hause genommen worden, wohl aber wurden Stickerei- und Nähereiarbeiten an Heimarbeiterinnen gegeben, welche im Stücklohn waren und per Dutzend Mieder bezahlt wurden. Diese haben sich st. 6 bis st. 7 verdient. Die Kündigungsfrist war 14 Tage. Dr. Schwiedland: Haben Sie die Mieder auf Vorrath gemacht oder nach Maß? — Exp. Nr. 120: Wir haben Sie auf Lager gemacht und durch Reisende verkauft. Es war ein Engrosgeschäft, und wir haben nach Nummern gearbeitet. Dr. Schwiedland: Können Sie sagen, ob Sie am Vormittag mehr gearbeitet haben als am Nachmittag? — Exp. Nr. 120: Das weist ich nicht. Dr. Schüller: Ist das Appreturen in demselben Zimmer vor sich gegangen, wo Sie waren? — Exp. Nr. 120: Das Local ist um den Stock rund herum gegangen. Die Appretur war rückwärts in einer eigenen Abtheilung, aber es ist trotzdem die Hitze in unser Local gedrungen, und es hat nicht genügt, wenn man die Fenster aufmachte, besonders im Winter, wo man die Fenster nicht hat aufmachen können. Ventilation war keine. Das Local war sehr geräumig und im ersten Stock. Dr. Schüler: Wie viel Büsten waren in dem Betrieb? — Expertin Nr. 120: 23; die sind von 2 Uhr Nachmittags an geglüht worden. «Ueber Befragen des Vorsitzenden.) In dem Arbeitslocal wurde nicht Mittags gegessen, nur in den Vormittags- und Nachmittagspausen. Als Vorgesetzte hatten wir zwei Zuschneider und eine „Erste". Die Zuschneider haben sich den Mädchen gegenüber in sehr roher Weise benommen. Es hat sich keine rühren dürfen. Man hat überhaupt nicht sprechen dürfen. Vorsitzender: Und was ist Ihnen geschehen, wenn Sie gesprochen haben? — Exp. Nr. 120: Man hat einen Verweis bekommen, je nachdem es sich Eine gefallen ließ. Dr. Schüller: Schläge oder Püffe kamen nicht vor? — Expertin Nr. 120: Nein. (Ueber Befragen des Vorsitzenden.) Die Arbeiterinnen recrutiren sich meist aus Arbeiterkreisen. Es waren aber auch Mädchen darunter, die sich von Haus aus besser gestanden sind. Es waren vorwiegend junge Mädchen von 17 bis 20 Jahren. Mir ist es besser gegangen als den Anderen, weil ich bei meinen Eltern wohne, die mich unterstützen. Es waren dort überhaupt nicht Viele, die sich allein erhalten mußten, vielleicht nur Vier oder Fünf. Zu Mittag sind die Mädchen gewöhnlich in's Kaffeehaus gegangen und haben nur Kaffee genommen. In die Volksküche sind sie nicht gegangen. In den Pausen hat man nicht viel essen dürfen; Bier. Wein oder Kaffee zu trinken, war verboten, aber es hat der Bäcker Semmeln mit Butter und Liptaner oder auch Würstel gebracht. Mein Vater ist Schloffergehilfe, meine Mutter hat ein Greißlergeschäft. Wir sind vier Geschwister. Mein Bruder geht in die Lehre, meine Schwester ist Kleidernäherin, und ein Bruder ist noch klein. Da ich von den Eltern unterstützt werde, kann ich öfter Vergnügungen mitmachen. Unter den Arbeiterinnen -war Eine, die einen Bruder gehabt hat und auch Vergnügungen mitmachen konnte. Mit den Anderen habe ich nicht viel verkehrt und kenne ihre Verhältnisse nicht genau. Ich gehöre keiner Verbindung an. Ich bin in der Bezirks-Krankencasse. Dr. Ofner: Wie war es dort mit der Reinigung bestellt? — — Erp. Nr. 120: Es war ziemlich rein. Die Lehrmädchen haben ausgekehrt; sie haben zwar vor Schluß der Arbeit angefangen, sind aber um Uhr mit dem Reinigen noch nicht fertig gewesen. Vier- bis fünfmal im Jahre wurde der Boden gerieben und die Fenster geputzt. (Ueber Befragen des Vorsitzenden.) Es waren dort Reflectoren, welche jede Woche geputzt wurden. Es war nur ein Abort, der auch für die Commis diente; 446 derselbe war aber rein. Ueber den jetzigen Betrieb kann ich nicht viel angeben, weil ich erst 14 Tage dort bin. Ich verdiene jetzt sl. 4. Der Chef hat mir aber versprochen, daß er mir mehr geben wird. Unsere Arbeitszeit ist jetzt von 7 bis 7 Uhr mit einer Stunde Mittagspause. Auch Vor- und Nachmittags kann man pausiren, so lange man eben ißt. Engel: Wo sind dort die geheizten Büsten? — Exp. Nr. 120: Sie sind dort, 24 an der Zahl, in einem abgesonderten Raume. Es ist in dem jetzigen Betriebe nicht so rein wie in dem früheren. Dr. Frey: Ich muß bemerken, daß bereits eine Expertin aus diesem Betriebe einvernommen wurde, welche constatirt hat, daß dieselbe insgeheim, über ihre eigene Veranlassung reinigen läßt, ohne daß der Chef etwas weiß. — Exp. Nr. 120: Jetzt ist dort die Reinigung schon durch den Herrn angeordnet worden, und zwar in Folge der Enquöte. Auch die Wirkung hat die Enquete gehabt, daß an Feiertagen bis 2 Uhr gearbeitet und der ganze Tag gezahlt wird. Dr. Schüller: Wissen Sie bestimmt, daß die Büsten in dem früheren Betriebe jeden Tag von 2 Uhr bis Abends gebrannt haben? — Exp. Nr. 120: Ja; ich selbst habe sie angezündet. (Ueber Befragen des Vorsitzenden.) Die Wohnung meiner Eltern besteht aus Zimmer, Vorzimmer, Cabinet und Küche. Dieselbe ist in der Leopoldstadt gelegen. Vorsitzender: Wie viel Flammen haben an einer Büste gebrannt? — Exp. Nr. 120: Das weiß ich nicht. An einem Kautschukringe haben in einer Linie viele kleine Flämmchen gebrannt. Vorsitzender: Wissen Sie, wie hoch die Temperatur in dem Local war? — Exp. Nr. 120: Das weiß ich nicht. Vorsitzender: Wie alt sind Sie? — Exp. Nr. 120: 18 Jahre. Expertin Nr. 121 (über Befragen des Vorsitzenden): Ich bin Cravatten- näherin. Die Cravatten werden lediglich von Subnnternehmern hergestellt. Es gibt zwar sogenannte „Cravattenfabriken", aber auch diese sind es nur dem Namen nach, in Wirklichkeit fabriciren — mit Ausnahme von drei wirklichen Fabriken, wo der Herr die Cravatten bei sich herstellen läßt — nur die Subunternehmer. Diese beziehen von dem „Fabrikanten" den Stoss, welcher zwar nicht ganz zugeschnitten, aber so „ausgezeichnet" ist, daß so und so viele Cravatten daraus gemacht werden können. Im Allgemeinen müssen die Subunternehmer nur das Blech, die Nadeln rc. beistellen; ich weiß nur ein Geschäft, welches gar keine Zugehör hergibt, auch nicht das Futter. Das Zuschneiden besorgt meist ein Fräulein, manchmal auch ein Manipulant; in einzelnen Geschäften wird mit der Maschine zugeschnitten. Das Futter wird nicht zugeschnitten, sondern es wird nur ausgerechnet, daß eine gewisse Anzahl Cravatten damit gefüttert werden kann. Ich arbeite bei einer Subunternehmerin, welche vier Mädchen beschäftigt. Wir machen feinere und mittlere Waare; ganz ordinäre nicht. Die Feinheit der Arbeit wird nach dem Futter bemessen; die feine Waare wird mit Atlas, die mittlere mit Baumwolle und die ordinäre mit Shirting gefüttert. Auch die „Einlage" dient als Maßstab; in die ordinäre Waare kommt als Einlage Papier, in die mittlere Watte und in die feine Barchent. Es kommt vor, daß auf einen und denselben Stoff manchmal Shirting, manchmal Baumwolle und manchmal Atlas als Futter gegeben wird, so daß dieser selbe Stoff zu einer feinen, mittleren und ordinären Cravatte verarbeitet wird. Auch die Bezahlung der Frau richtet sich nach der Qualität des Futters. Ich habe st. 6 Wochenlohn, aber das rührt nur daher, weil meine Frau mich braucht, da ich eine ganze Cravatte herstellen kann; sie kann das nicht, und man findet unter 100 Cravattennäherinnen nur fünf oder sechs, die das können. Deshalb werden die Anderen viel geringer bezahlt; sie haben fl. 3 bis 4; wenn eine fl. 4'80 bekommt, so muß sie schon außerordentlich viel leisten. Die anderen Arbeiterinnen haben sogar nur fl. 2 bis 2'50. Im Allgemeinen können 447 die Arbeiterinnen entweder nur die „Knöpfe" der Cravatten oder nur die Halstheile machen, oder sie können nur zusammenstellen. Dieser Letzteren sind aber nur Wenige; wenn Eine zusammenstellen, kann, so macht sie sich meist schon selbständig. Von meinen Mitarbeiterinnen hat eine fl. 3, die anderen zwei fl. 4'50, und ich habe fl. 6. In dem Betrieb, wo ich früher war, hatte ich fl. 4 50, und weil ich der Frau beim Faltenlegen geholfen habe, fl. 5. Die Anderen hatten dort fl. 3'50 bis 4 20; es gab aber auch Solche, die nur fl. 2 hatten. Wir vier Mädchen machen jetzt zehn Dutzend Cravatten pro Tag. Aber ich muß hervorheben, daß ich in einem Geschäft bin, wo die Frau human ist. Ich weiß jedoch, daß dort, wo ordinäre Shirting- arbeit gemacht wird, sechs Mädchen täglich 30 Dutzend fertigstellen müssen. Dort müssen die Arbeiterinnen in der Stunde ein gewisses Quantum Arbeit liefern; wenn sie es nicht fertigbringen, müssen sie das nach Feierabend nachholen. Bei uns ist dies nicht der Fall, das führen wir uns nicht ein. Auch zahlen die Unternehmer für Shirtingarbeit sehr schlecht, 35 kr. per Dutzend; eine größere Firma zahlt auch für Mittelarbeit nur 40 kr. per Dutzend, und da muß die Frau die Watte, die Nadeln, das Blech und die Muscheln selbst beistellen. Wir arbeiten für eine andere Firma. Da muß das Materielle von der Firma selbst bezogen werden. Die Frau zahlt dafür nicht mehr als wenn sie es anderswo kaufen würde, aber die Firma selbst hat Percente vom Engrossisten. Unsere Frau bekommt für Mittelarbeit 50 kr., für feinere Arbeit 55 bis 00 kr. per Dutzend; davon muß sie aber die Nadeln, die Muscheln, das Blech, die Watte und die Bandeln, auf welchen die Firma gedruckt ist, selbst zahlen. Sie braucht für zwölf Dutzend Cravatten um 8 kr. Nadeln, um 8 kr. Blech, um 14 kr. Muscheln, um 25 kr. Watte und vier Meter Bandeln; das Meter kostet, wenn es Seide ist, 5 kr., wenn es Baumwolle ist, 1> 2 kr. Außerdem muß sie für die Beleuchtung und für Holz und Kohle zum Bügeln Sorge tragen. Dr. Schwiedland: Es bleiben ihr also von 60 kr. circa 50 kr. — Exp. Nr. 121: Wenn es eine schwere Fa?on ist, so bekommt die Frau nicht mehr gezahlt, und es ist das ihr Schaden. Dr. Schüller: Zum Beispiel bei den großen englischen Plastrons? — Exp. Nr. 121: Bei diesen ist es noch besser. Aber wir haben auch breite Cravatten, wo sechs bis sieben Falten in einem Theile gemacht werden müssen; dafür wurde nur anfangs mehr gezahlt, und dann ist gleich abgezogen worden. Ueberhaupt müssen sich die Frauen viel gefallen lassen, und wenn Eine sich erlaubt, etwas zu sagen, so bekommt sie Grobheiten. Dr. Schwiedland: Ich habe mir ausgerechnet, daß Ihre Frau blos fl. 5 bis 6 wöchentlich verdient. Stimmt das? — Exp. Nr. 121: Ja, aber es gibt auch Frauen, die fl. 30 bis 35 in der Woche verdienen. Bei diesen wird nach der Stunde gearbeitet. Die Frau schaut, was man in der ersten Stunde arbeitet, und darnach bemißt sie den Lohn. Man muß z. B. 72 Stück Obertheile in der Stunde verfertigen, und dabei muß man hohl nähen; rückwärts darf kein Stich heraussehen. Dort wird von 7 Uhr Früh bis 7 Uhr Abends gearbeitet, und wenn Eine weniger arbeitet, weil sie z.B. unwohl ist, so muß sie es in der Nacht einbringen. Nach Feierabend wird der Barchent eingestickt, ohne daß man dafür ein Entgelt bekommt. Vorsitzender: Halten das die Mädchen auf die Dauer aus? — Exp. Nr. 121 : Es gibt wenig Cravattennäh erinnen, die ganz gesund wären. Dr. Schwiedland: Was ist denn der Lohn bei dieser elsstündigen fürchterlichen Arbeit? — Exp. Nr. 121: 70 kr., manche 50 kr. (Ueber Befragen des Vorsitzenden.) Die Subunternehmer arbeiten in der Regel in ihrer Wohnung. Ich war selbst früher bei einer Unternehmerin, da ist nicht einmal znsammengeränmt und gelüftet worden. Dort war auch ein Mann; wenn man in der Früh hingekommen ist, hat man die Leute erst aufwecken müssen. Ich war damals in anderen Umständen, und da hat mir 448 die Atmosphäre durchaus nicht wohl gethan. Wenn ich aber etwas gesagt habe, waren die Leute gleich grob. Damals haben sie auch zwei Kinder gehabt, und Alle haben in dem Local geschlafen. Es war dort fürchterlich schmutzig; wenn man ein Stück Brot niedergelegt hat, so sind gleich die Wanzen darübergegangen. Es ist die ganze Woche nicht ausgekehrt worden, und wenn man etwas gesagt hat, so hat die Frau geschrieen: „Kehrt's Euch selbst zusammen!" Auch in meinem jetzigen Arbeitslocal schläft die Frau; es ist aber dort sehr rein. Es kommt in unserer Branche überhaupt nicht vor, daß eine Subunternehmerin ein eigenes Arbeitslocal hat. Bei uns hat die Saison einen sehr großen Einfluß. Es gibt eine Zeit, wo wir über Hals und Kopf zu thun haben, da kann ich meine vollen fl. 6 verdienen; aber in der stillen Zeit bin ich oft schon mit fl. 2 nach Hause gegangen. Vorsitzender: Was machen da die Mädchen, die weniger verdienen wie Sie? — Exp. Nr. l21 : Wir haben eine Arbeiterin, die sagt immer: „Wenn ich nicht meinen Verehrer hätte, so wäre ich schon längst verhungert." Dr. Schwiedland: Ist das immer derselbe, oder variirt das? — Exp. Nr. 121: Derselbe. «Ueber Befragen des Vorsitzenden.) Ich habe während der acht Wochen von Weihnachten bis Februar nur eine Woche ganz ausbezahlt bekommen. Da arbeiten wir manchmal einen ganzen, manchmal einen halben Tag, manchmal bis 4 Uhr; das ist verschieden. In der guten Zeit haben wir volle Beschäftigung, ja man muß sogar Nachtarbeit mitnehmen. Ich habe schon oft bis 12, 1 Uhr Nachts gearbeitet. Wenn viel zu thun ist, so müssen sich alle Arbeiterinnen Arbeit mitnehmen. Die Entlohnung hiefür wird nach Stunden berechnet; man muß selbst die Baumwolle, den Zwirn und das Licht beistellen, und überdies arbeitet rnan doch in der Nacht immer langsamer; kurz, wir zahlen bei der Nachtarbeit immer darauf. Ich habe manchmal durch die Nachtarbeit meinen Wochenlohn auf fl. 8bis 8'50 erhöht; aber jetzt kann ich das nicht mehr leisten, ich kaun mir nur für zwei Stunden Arbeit mitnehmen, denn meine Augen sind schon zu schwach, und ich halte es überhaupt nicht mehr aus. In dem früheren Betriebe war auch ein Mann im Hause; er war Briefträger. Es gibt vielleicht 600 Zwischenmeisterinnen und selbstständige Arbeiterinnen; von diesen zahlen nur bei 100 Steuer. Mit Denen, welche keine Steuer zahlen, kann der Fabrikant machen, was er will, weil sie sich nicht rühren dürfen; oft ist die Arbeit ganz gut, aber er stellt etwas aus und zieht ihnen ab. Sie müssen das einstecken, weil sie nicht aus die Polizei gehen können. Aber auch die Besteuerten können sich nicht rühren, denn wenn sie etwas sagen, werden sie hinausgeschmissen. Im Anfang werden Diejenigen, die keine Steuer zahlen, bevorzugt, und wenn sie dann einmal eine große Partie liefern, werden ihnen Ausstellungen und Abzüge gemacht. Ich weiß einen Fall, wo für unsere Firma ganz ordentliche Cravatten geliefert worden sind; er hat aber zu der Frau gesagt, wenn sie sich abziehen lassen will, so nimmt er es, wenn nicht, so kann sie es sich zurücknehmen. Dr. Schwiedland: Es ist offenbar im Interesse des Unternehmers, daß die Zahl der Subunternehmer möglichst groß ist; deshalb unterstützt er sie im Anfang, dadurch werden sie immer mehr und drücken einander durch die Concurrenz herunter. Außerdem siud die, welche keine Steuer zahlen, eingeschüchtert. — Exp. Nr. 121: Ja, die können nicht zur Polizei gehen. Dr. Schwiedland: Die Polizei könnte ihnen ohnedies nicht helfen; höchstens die Genossenschaft. — Exp. Nr. 121: Die hilft auch nicht; damit ist es bei uns sehr schlecht bestellt. (Ueber Befragen des Vorsitzenden.) In den Betrieben arbeiten meistentheils junge Mädchen; wenn eine älter wird, so arbeitet sie zu Hause. Dr. Schwiedland: Ist Ihnen bekannt, daß die Unternehmer die Frauen deswegen bedrohen und einschüchtern, weil sie nicht besteuert sind? — Exp. Nr. 12t: Der Unternehmer weiß, wenn er über Eine geht, die Steuer zahlt, so kann sie ihn klagen; wenn sie aber keine Steuer zahlt, so kann sie ihn nicht klagen, weil sie dann sofort wegen der Steuer Strafe zahlen muß. Meine Frau hat deswegen fl. 45 Strafe zahlen müssen. Es kommt überhaupt nur durch Anzeigen heraus, daß Eine Steuer zahlen muß; von selbst geht Keine hin und sagt: „Ich will Steuer zahlen." Aber wlbst das Anzeigen nützt nicht immer, meine Frau hat schon Biete angezeigt, und sie zahlen noch immer keine Steuer. «Ueber Befragen des Vorsitzenden.) Es kommt auch vor, daß die Arbeiterinnen Männer zu Vorgesetzten haben, wenn nämlich ein Herr und eine Frau zusammen arbeiten. Ich weiß einen Betrieb, da war der Mann früher Ziegeldecker, und die Frau hat ihn Zuschneiden und Nähen gelehrt, und jetzt ist er der „Cravattenherr" und schindet die Arbeiterinnen, was er kann. Neberhaupt ist es immer schlecht, wenn die Subunternehmer Männer sind; in sittlicher Beziehung dürsten jedoch keine Ungehörrgkeiten vorkommen, weil ja immer eine Frau da ist. Ein Herr will eben immer so viel verdienen, wie es sich für einen Mann gebührt, und da müssen halt die Arbeiterinnen herhalten. Dr. Ofner: Wie ist das Arbeitslocale in Ihrem gegenwärtigen Betriebe? — Exp. Nr. 121: Die Frau hat Zimmer und Küche, und in dem Zimmer wird gearbeitet. Es wohnen dort außer der Frau noch ihr Mann und ihre Schwester. Es ist dort sehr rein, es wird täglich von der Schwester der Frau gekehrt und am Samstag ausgegeben. Dort, wo ich früher war, ist nie ausgegeben worden. Stroß: Wie sind die Verhältnisse der Arbeiterinnen in den Fabriken, in denen wirklich Cravatten erzeugt, nicht blos von SubUnternehmern gekauft werden? — Exp. Nr. 121: Sie werden gerade so bezahlt wie bei den Lubunternehmern. In den Fabriken ist immer eine „Erste", die Zusammensetzet ; diese ist im Wochenlohn. Der Herr übergibt ihr ein bestimmtes Quantum Waare, das sie liefern muß, und da muß sie eben darauf sehen, daß die Arbeiterinnen das fertigmachen. Dr. Schüller: Gibt es Frauen aus besseren Ständen, welche zu Hause Cravatten nähen? — Exp. Nr. 121: Ja, es gibt solche Damen, die das Geld auf Putz brauchen. «Expertin weist ein Inserat aus einer Zeitung vor, in welchen: es heißt, daß in 14 Tagen das Cravattennähen in allen Fa<^ons perfect gelernt werden könne.) In 14 Tagen kann man nicht einmal die „Theile" nähen lernen. Diese Frauen pfuschen sich halt 14 Tage lang durch, und dann gibt man ihnen Arbeit, weil sie es billiger machen; auf diese Weise drücken sie den Lohn der ordentlichen Arbeiterinnen herunter, denn sie bekommen immer weniger bezahlt als diese, wenn auch die Differenz keine große ist. Der Fabrikant oder Manipulant sieht schon, wenn Eine weniger kann, und mit einem solchen Neuling macht er, was er will. Es gibt solche Damen, die nur arbeiten, damit sie Geld für einen Schleier haben. Es sind deren sehr Viele, aber sie arbeiten nicht viel, sie machen das nur so nebenbei. Dr. Schüller: Was sind öas für Frauen? — Exp. Nr. 124 : Die Frauen und Töchter von kleinen Beamten u. dergl. Vorsitzender: Wie benehmen sich die Manipulanten in den größeren Geschäften? — Exp. Nr. 121: Es gibt Manche, die mit den Mädchen, welche liefern kommen, sehr human sind; es sind aber auch rohe Menschen darunter, welche sie sogar mit Ohrfeigen bedrohen und mit Schimpfworten tractiren, wenn an einer Arbeit etwas auszustellen ist. «Ueber Befragen des Vorsitzenden.) Bestechungen der Manipulanten kommen meines Wissens manchmal vor. Bei einer Firma ist eine „Erste", wenn man der keine Geschenke gibt, bekommt man keine Arbeit. Es sind das 29 ^rauen-Enniiöte. 450 nicht kleine Geschenke: einmal hat ihr eine Arbeiterin eine Seidenschürze spendirt, nnd sie hat dieselbe nicht einmal angenommen ; sie bekommt Ringe und Armbänder. Erst vor Kurzem hat ihr Eine ein Armband gebracht, nnd die kriegt auch sehr viel Arbeit. Die Snbunternehmerin, die das gegeben hat, ist eine Beamtensfran; sie arbeitet, damit sie ihren Sohn studiren lassen kann. Sie bekommt auch die bessere Arbeit, weil sie sehr viel schmiert. Ich wohne bei meinen Eltern, die auch nicht in den besten Verhältnissen sind. Der Vater ist Bauarbeiter. Im Winter geht es uns recht schlecht, im Sommer leben wir so wie eben eine Arbeiterfamilie lebt. In der Früh trinken wir Kaffee, zu Mittag essen wir Suppe, Fleisch nnd Gemüse und am Abend irgend eine Kleinigkeit. Ich gehe Mittags nach Hause: da werden 4o Deka Fleisch gekocht, und zwar für sieben Personen: meine Eltern, zwei Brüder, die in der Lehre sind, zwei kleinere Brüder und ich. Das Fleisch ist „Vorderes". Es ist so wenig, daß man überhaupt kaum mehr von „Fleisch" reden kann. Ich selbst bekomme kein Fleisch; das essen nur der Vater und die zwei Brüder, die in der Lehre sind. Im Winter haben wir nur Einbrennsnppe und Gemüse. Da geht es den: Vater mit der Arbeit schlecht, und ich verdiene dafür etwas mehr, nämlich fl. 4 bis 5, wenn ich auch keine ganzen Wochen habe. Im Sommer bekomme ich oft nur fl. 2; von Juni bis August ist für mich die schlechteste Zeit. Wir bewohnen Zimmer und Küche: es schlafen darin stehen Personen in vier Betten. Im Zimmer sind drei Betten: die Eltern und ein Bnb schlafen zusammen in zwei Betten und ich mit meinem Kind im dritten Bett. In der Küche schlafen zwei Brüder in einem Bett. Wir wohnen in Renlerchenfeld: die Fabrik ist in Ottakring, nnd ich habe nicht weit hinzugehen. Wir zahlen fl. II Zins im Monat. Kleider und Wäsche schaffe ich mir in der Art an, daß ich den Stoff auf Raten kaufe. Es kommt ein Agent in's Hans, dem gibt man wöchentlich 50 kr. Er kommt so ziemlich das ganze Jahr ein- casfiren, nur im Winter während ein paar Wochen nicht, weil er weiß, daß kein Geld da ist. Die Kleider lasse ich dann bei einer Kleidermacherin nähen, der ich fl. 4'50 bis 5 Macherlohn und etwa fl. 2 für Zugehvr zahle. Von meinen Colleginnen ist die eine selbstständig nnd hat einen Verehrer, der Schriftsetzer ist; der zahlt ihr das Nachtmahl nnd außerdem hat sie üm 12 kr. den Mittagstisch bei ihrer zukünftigen Schwiegermutter. Sonst lebt sie sehr sparsam, weil sie nur fl. 4'5o verdient. Die anderen Mädchen leben sehr schlecht: zum Gabelfrühstück essen sie um 1 kr. Brot und um 1 kr. Speck, zu Mittag nur Suppe mit Brot oder Würstcln mit Saft: sie können auch auf ihre Kleidung äußerst wenig verwenden nnd sich dieselbe nur auf Raten beschaffen. Man muß den ganzen Tag gebückt fitzen, weil man alle Arbeit aus dem Schoß macht: wenn Eine einmal gerade sitzt, so schaut die Frau schon, was man treibt. Die meisten Mädchen haben auch Schulden, und zwar beim Grcißler nnd bei der Bettfran. Die Mehrzahl der Arbeiterinnen unserer Branche sind in der Krankencasse. Die meisten der nicht besteuerten Zwischenmeisterinnen zahlen keine Beiträge an die Krankencasse und die besteuerten auch nur für jene Mädchen, die dort dauernd arbeiten. Ich selbst bin in der Krankencasse und zahle lo kr. wöchentlich. V orsi tz e nde r: Was machen denn diese Mädchen für Unterhaltungen mit? — Exp. Nr. 121 : Sie gehen spazieren. Vorsitzender: In's Theater können sie nicht gehen? — Expertin Nr. I2l: Manchmal, in's Volkstheater aus den 20 kr.-Platz. Zleber Befragen des Vorsitzenden.) Unsere Arbeiterinnen lesen selten Bücher oder Zeitungen, auch nicht die „Arbeiter-Zeitung", höchstens das „Extrablatt". Wir haben eine Organisation, wir gehören zur Wäschebranche; ich bin auch dabei, aber es sind unter den circa 1000 Cravattennäherinnen nur drei zu verzeichnen, die in der Organisation stehen; sie haben eben kein Interesse dafür. Ich bin in die Organisation gekommen, weil mein Vater Socialdemokrat ist. Dr. Frey: Wie viel verdient Ihr Vater nnd Ihre Bruder? — Exp. Nr. 12t : Im Sommer fl. 9; wenn es dann früher finster wird, werden ihm pro Stunde 10 kr. abgezogen; von meinen Brüdern der eine, der Steindrnckerlehrling ist, sl. 4, der andere sl. 2; sie essen aber um fl. 4. Dr. Schriller: Wenn Sie die Kleider auf Raten kaufen, zahlen Sie dafür als wenn Sie dieselben baar bezahlen würden? — Exp. dir. I2l: Wenn ich Kleider aus Raten kaufe, so sind sie viel theuerer; ich sehe es ja bei den Auslagen der Geschäfte: Was dort 70 bis 80 kr. kostet, dafür muß ich sl. 040 zahlen. Dr. Ofner: Warum sparen Sie sich dann nicht lieber da> Geld zusammen und kaufen sich die Sachen auf Baarzahlnng? — Exp. Nr. 121 : Aus die Art kommt man zu nichts; weiln ich mir heute etwas weglege, so braucht es nächste Woche die Mutter. Schluß der Sitzung lo Uhr.40 Minuten. 20. Schwur, Freitag. 27. Wär; 1090. Vorsitzender: Dr. Harnisch. Beginn der Sitzung 7 Uhr 10 Minuten Abends. Vorsitzender: Ich theile mit, daß wir heute die letzte Sitzung vor Ostern halten und daß der Zeitpunkt der Fortsetzung der Enquete bekanntgegeben werden wird. Ich begrüße die erschienenen Experten aus der Tabak brauche. — Exp. U « über Befragen des Vorsitzenden»: Ich war fünf Jahre in der Roßaner Tabakfabrik und bin jetzt seit einem Jahre nicht mehr dort beschäftigt. Vorsitzender: Es dürfte sich seit der Zeit Wohl wenig geändert haben? — Exp. 10: Eine Expertin, die hier ist, weiß wohl auch, daß es seit der Zeit schlechter geworden ist. Es sind dort circa 800 Frauen und 40 Männer beschäftigt. Die Mehrzahl der Frauen ist verheiratet. Vorsitzender: Sind in Folge dessen auch relativ wenig jugendliche Arbeiterinnen ? — Exp. 10: Nein, sehr viele. Vorsitzender: Es ist mir ausgefallen, daß in der letzten Zeit eine Statistik über den Altersaufbau in den Tabellen nicht mehr gegeben wird, wie dies in früheren Jahren geschah. Lo waren z. B. im Jahre 1891 in der Roßaner Fabrik nur 9 Arbeiterinnen zwischen 14 nnd 10 Jahren 09 „ „ 17 ., 20 „ 229 „ 21 „ 40 „ 240 „ „ 40 „ 00 „ 60 „ über 00 „ Glauben Sie, daß diese Ziffern auch heute noch den Thatsachen entsprechen? — Exp. 1i: In Bezug auf die jungen Mädchen glaube ich das nicht; ich glaube, daß die Zahl derselben größer ist. (Ueber Befragen des Vorsitzenden.» Die Männer werden zur allgemeinen Manipulation verwendet. Sie haben den Tabak der Vorrichtung zuzuführen, die Cigarren in den Kisten hinunterzutragen, die sehr schwer nnd schlecht zu tragen sind; denn das Stiegen- hans ist alt und sehr steil; beim Hinuntergehen kann sich kein Mann auf 452 den anderen verlassen, weil man fürchten muß, daß man fällt. Manche Kisten wiegen nnr 00 bis 80 Kilogramm, es kommen aber auch solche von 10 «) und 108 Kilogramm vor: der Durchschnitt dürste vielleicht 00 Kilogramm sein. Auch der rohe Tabak ist sehr schwer: er wiegt 00, 70 Kilogramm; der „Sumatra" ist in Päcken, die 80 Kilogramm wiegen. Diese Päcke werden vom Wagen in das Magazin hineingeworfen; wenn wenig teilte da sind, so muß immer je ein Mann einen solchen Pack allein auf der Schulter hineintragen: manche sind zu schwach und können das nicht leisten. Es werden auch fünf Männer in der Tischlerei beschäftigt, und zwar ein Kistentischler und vier Tischler. In der Roßauer Fabrik wird kein Rauch-, Schnupf- oder Kautabak erzeugt, sondern nnr Cigarren und Eigarettentabak. Die Fabrikation der Cigarren und Cigaretten wird fast ausschließlich von Frauen besorgt. Nnr die Aufseher sind Männer; aber bei den Cigarren haben auch die „Uebernehmerinnen" ein gewisses Aufsichtsamt. Sie sortiren die Cigarreu, sehen sie an, ob sie gut gemacht sind, und wenn nicht, so werden sie den Arbeiterinnen wieder zurückgeworfen, und diese müssen sie frisch machen, wenn es selbst 25 Stück sind. Die sanitären Verhältnisse sind so ziemlich gut; nnr die Ventilation ist schlecht. Vor drei Jahren hat man eine Ventilation gemacht, weil in den Sälen eine Hitze von 28 Grad herrschte. Die Säle sind zwar groß, aber nicht hoch, weil es eben ein altes Gebäude ist; es ist jedoch eine neue Fabrik bereits im Bau begriffen. Berufskrankheiten der Tabakarbeiter kommen nicht vor, auch die Tuberculose ist nicht verbreitet. Vorsitzender: In Deutschland hat man die Erfahrung gemacht, daß die Tabakarbeiter viel an Tuberculose leiden. — Exp. Nr. 122: So ist es auch bei uns; die im Saal bei den Cigarren arbeiten, sind alle krank. Vorsitzender: Ich constatire nnr, daß nach der Statistik, die ich habe, die Wiener Fabriken einen relativ günstigeren Krankenstand haben als die in der Provinz. Es ist jedoch aus dieser Statistik die Zahl der Tuberculosenfälle nickst zu ersehen; es heißt dort nnr „Jnfectionskrank- heiten". Haben Sie die Bemerkung gemacht, daß die Cigarrenarbeiterinnen eine eigenthümliche gelblich-graue Gesichtsfarbe haben? — Exp. li: Ja, das haben die meisten, besonders bei den Cigaretten. Vorsitzender: Kommen nicht manchmal Magenbeschwerden und Augenschmerzen vor? — Exp. ll: Besonders das erstere. Vorsitzender: Das sind eben Berufskrankheiten, die untrennbar mit dieser Fabrikation verbunden sind. Können Sie uns etwas über das Krankeninstitut in der Fabrik sagen? — Exp. st: Nein, das ist geheim. Keine Arbeiterin erfährt davon etwas. Nur ob sich ein Plus oder ein Minus in der Berechnung ergeben hat, wird im Jänner bekanntgegeben. Es ist zwar ein Arbeiterinnen-Ausschuß da; der hat aber gegenüber dem Jnspector nichts zu reden, sondern was dieser sagt, das wird gethan. Exp. Nr. 122: Es sind zwei Ausschüsse da; der enge Ausschuß, der von den Beamten, und der weite Ausschuß, der von den Arbeiterinnen gewählt wird; der letztere hat nichts zu reden. Es werden für die Kranken- casse 12 kr. Krankengeld abgezogen, und außerdem zahlen wir 4 kr. Almosen für den Nnterstützungsfonds; die Unfallversicherung trägt die Regie. Vorsitzender: Wie steht es mit den Todesfällen? Es sollen jährlich 17 bis 20 Todesfälle sein. — Exp. U: Die treten meistens aus Altersschwäche ein, es sind das alte Frauen von 40 bis 60 Jahren, die vorwiegend sterben. Jetzt aber werden die Frauen nicht mehr so alt, weil sie nicht so lang arbeiten können. Vorsitzender: Wie lange bleibt eine Frau im Vollbesitze ihrer Arbeitskraft? — Exp. Nr. 122: Bis zu 40 Jahren; dann hat sie nicht mehr die Kraft, das zu leisten. Vorsitzender: In der Tabelle ist ein Arzt und ein Krankenvater ausgewiesen. — Exp. 1k: Der Arzt ist von der Fabrik bezahlt, und der Krankenvater ist der Aufseher und Verwalter. Vorsitzender: Auch ist hier eine sehr große „ambulante Behandlung" ausgewiesen. — Exp. Ik: Darüber weiß ich nichts. Exp. dir. 123: Der Arzt kommt öfters in die Fabrik, die Leute melden sich bei ihm, und er behandelt sie; er nimmt bei dieser Gelegenheit auch kleine Operationen vor. Vorsitzender: Was ist denn das, die „Wärmküche"? — Exp. l>': Da wird Fleisch gekocht, und die Leute bekommen dort zu Mittag Suppe, Fleisch und Gemüse: was sie zahlen, weiß ich nicht. Exp. Nr. 122: Sie zahlen für Brot, Gemüse, Fleisch und Suppe l I kr. (Ueber Befragen des Vorsitzenden. > Ich bin „Spinnerin", habe aber auch früher die Arbeit des „Wickelus" gemacht, weil das jede Arbeiterin können muß. Wir bekommen den Tabak in nassem Zustand. Da wird er zuerst getrocknet, dann aufgelöst und aufgebeutelt und hierauf in Wasser getaucht, wo er 17 bis 30 Stunden liegen bleibt, damit sich die Rippen loslösen können. Sodann kommt der Tabak auf einen Ständer, damit,das Wasser abrinnt, und endlich wird er wieder in einer Kiste aufgelöst und aufgebeutelt, so daß er hoch liegt; nach 30 Stunden kommt er zur Arbeit. Es bezieht sich das sowohl aus den Deckstoff wie auf die Einlage. Der Sumatra ist Deckstoff: er wird in feine und ordinäre Sorten unterschieden. Der Deckstoff kommt zunächst zur Ripperin, die die Rippe aus der Mitte des Blattes herauszieht und die zwei Theile des Deckblattes nach rechts und links legt. Hierauf kommt er zur Sortirerin, die den Sumatra nach lo Sorten sortirt, dann zur Streiferin, die ihn ausstreckst, dann in die Auswagc und dann erst in den Saal zum Arbeiten. Die Einlage wird getrocknet, gerippt, die Rippen herausgezogen aber nicht, wie beim Deckblatt, rechts nnd links gelegt und sodann kommt die Einlage in die Dörre zum Trocknen. Vorsitzender: Wird Ihnen der Tabak zngcwogen und in einem Bücke verzeichnet? — Exp. Nr. 122 : Ja; aber es wird Einem mehr zu- gewogen, als es sein sollte; in den Kisten ist mehr darin, als man ausarbeiten kann. Geht man aber znm Adjunkten und bringt etwas zurück, so sagt er: „Das gibt's nicht, es muß aufgearbeitet werden", und weist uns „zum Beseu". Er nimmt nichts zurück, selbst wenn die Betreffende die Binkel 14 Tage liegen hat, so daß der Tabak naß wird nnd zerfällt. Dann kann er nicht mehr verarbeitet werden und kommt in den Abfall: wenn Eine aber viel Abfall hat, so wird sie gestraft. Vorsitzender: Wie viel wird Ihnen zngcwogen? — Exp. Nr. 1:^2 : Im Sommer sollen vom Sumatra 13 Kilogramm pro Tag zugewogen werden; es sind aber statt 13 oft 13 Kilogramm, denn nachwiegen kann man das ja nicht. Im Winter sollen nur o bis 1«> Kilogramm zugewogen werden, weil die Arbeitszeit kürzer ist; da haben wir Heuer einen neuen Adjuncten gehabt, und da haben wir im Winter mehr bekommen als im Sommer. Vorsitzender: Es wird verbucht, wie viel Kilogramm Sie bekommen : wird beim Abliefern auch nur aus das Gewicht gesehen, oder müssen Sie eine bestimmte Zahl Deckblätter abliefern? — Exp. dir. 122: Es wird nur nach dem Gewicht abgeliefert. Die Leute können die Arbeit nicht leisten; es muß eilig gearbeitet werden: es wird nur das Blatt heruntergerissen und in die Ladeln hineingeworfen. Das berücksichtigt aber der Herr nicht; wenn er ein seines Blatt in einem ordinären Ladel sieht, so weist er den Betreffenden die Thür, oder er gibt sie „zum Besen", d. h. znm Auskehren. Von der Answage aus bekommt die Spinnerin die Deckblätter, und zwar nach dem Hundert. Viele können sowohl die Wickel machen als auch die Wickel spinnen: Andere können nur die Wickel machen, und diese geben sie dann an andere Arbeiterinnen zum Spinnen. Dr. Verkauf: Sie sagten, im Sommer sei die Arbeitszeit länger als im Winter. Arbeiten Sie denn nicht auch bei Licht? — Exp. Nr. 122: Nein, nur bei Tag. Exp. Nr. 12:; (über Befragen des Vorsitzenden): Ich bin Wickleri n. Wir holen den Tabak in der Auswage und sollten so viel bekommen, als wir zur Arbeit brauchen. Die Auswägerinnen geben uns aber nicht das genügende Quantum; das Material, aus dem wir 10<> Eigarreu machen sollen, reicht nur für 80 hin. Wir sollen täglich 500 Stück machen, in Folge dessen fehlen uns oft 100 Stück pro Tag und 100 Stück in der Woche. Nachdem aber im Buch steht, daß mau so und so viel Material gefaßt hat, so muß man am Samstag das nachholen, was Einem fehlt; da man aber doch mit dem Material, das man bekommen hat, schon fertig ist, muß mau oft drei bis vier Stunden unnütz sitzen, bis es dem Herrn Beamten beliebt, neues Material herzugeben. Wenn wir sagen, daß wir nicht genug Material haben, so sagt der Herr, wir verreißen es. Das ist aber nicht möglich, nach Hause nehmen können wir uns auch nichts, folglich ist es klar, daß man uns zu wenig gibt. Vorsitzender: Das muß sich aber doch beim Zurückwägen herausstellen? — Exp. dir. 123: Es wird nicht zurückgewogen. Was wir an Material bekommen, müssen wir Alles, bis auf den Abfall, einarbeiten. Vorsitzender: Worin besteht die Arbeit einer Wicklerin? -- Exp. Nr. 123: Zunächst spritzt man sich Abends vorher die Einlage mit Wasser an, weil sie ganz dürr ist, damit man sie dann besser verarbeiten kann. Dann nimmt man die Blätter straußweise in die Hand und rollt sie zusammen, hierauf gibt man die „Puppe" in die Form, dann wird sie gepreßt, und endlich kommt sie zur Spinnerin, die ein seines Deckblatt darüber spinnt, und die Cigarre ist fertig. Früher hat man bei den Brevas, Medias und Regalias Handpuppen gehabt, aber jetzt hat man bei allen Sorten Formen. Vorsitzender: Wie ist der Vorgang beim Spinnen? —Expertin Nr. 124: Die Spinnerin muß das Deckblatt in Streischen schneiden und damit die Puppe umspinnen. Bei den „Tamas" ist das Deckblatt sehr schlecht; es wird uns so zugewogeu, daß wir mit einem Blatt zwei bis drei Cigarren umspinnen sollen, es reicht aber oft nur für eine Cigarre hin, weil es entweder zerrissen oder so mißfärbig ist, daß wir es nicht verwenden können. Die fertige Cigarre liefern wir dann an die „Uebernehmerin" ab, und was diese als Ausschuß befindet, das gibt sie zurück. Die Ueberuehmerinnen werden von den Beamten unterstützt; sie können die Arbeiterinnen sehr sekiren und ihren Lohn derart Herabdrücken, daß sie statt sl. 0 nur fl.'3 bekommen. Es wird verlangt, daß die Cigarren möglichst weich seien, und eine weiche Cigarre kann leicht zerdrückt werden, so daß eine Spinnerin oft 30 Stück Ausschuß hat, die sie zurückbekommt. Da hat die Betreffende sowohl die Arbeit als auch das Material durch neue Arbeit wieder hereinzubringen. Wenn sie sich beschwert, so wird ihr gesagt, sie soll ruhig sein und besser arbeiten. Am ärgsten geht es dort zu, wo Spinnerinnen und Wicklerinnen zusammenarbeiten; da hängt die Wicklerin von der Spinnerin ab, die Spinnerin von der Uebernehmerin, die Uebernehmerin von den Beamten u. s. w. W i t t e ls h ös er: Auf welche Weise ersetzen Sie dann das fehlende Materiale? — Exp. Nr. 124: Wir bekommen zum Beispiel 7 bis 10 Manilablätter, das sind Wickelblätter, und aus diesen sollen wir nun 100 Cigarren machen. Das ist ganz unmöglich, weil wir aus einem Blatt, wenn es schön ist, nicht mehr wie 3 bis 4 Cigarren herausbringen. Da müssen wir also schwindeln und den schlechten Sumatra von den anderen dorten verwenden. 455 W i tte l s h ö s er: Und wie ersetzen Sie das Deckblatt, wenn Sie 30 (harren von der Uebernehmerin zurückbekommen? — Exp. Nr. 124: Da müssen nur es uns von den anderen Arbeiterinnen erbetteln. Wittelshöfer: Geben die das umsonst? — Exp. Nr. 124: Eine Arbeiterin schränkt sich oft selbst ein und sagt: „Da hast Tu ein paar Platt, ich werde mich schon fretten." W i t t e l s h ö s e r: Bekommen denn einzelne Arbeiterinnen mehr als sie brauchen? — Exp. Nr. 124: Es gibt Sorten, die ein besseres Gewicht haben und wo die Arbeiterinnen etwas mehr bekommen, so daß sie uns unterstützen können: der Manila aber ist eben sehr schwer. Wi ttel sh öf er: Kommt dieser Vorgang oft vor? — Exp. Nr. 124: Ja, wir müssen immer fechten. Dr. Ofner: Sie sagten, daß Sie aus 7 bis 10 Blättern, aus denen sie sactisch je .4 bis 4 Eigarren herstellen können, 100 Eigarren machen sollen. Sie können aber doch nur etwa 30 Stück herstellen. Diese Differenz scheint mir doch etwas zu groß. — Exp. Nr. 124: Es ist aber doch so; wir machen täglich 50, 60, ja oft über 100 Stück von Sumatra. Dr. Verkauf: Sie sind im Gedinglohn, müssen aber täglich eine gewisse Minimalleistnng verrichten? — Exp. Nr. 124: Nicht Pro Tag, sondern pro Woche. Wir haben sogar drei Minimalleistungen, weil wir je nach der Jahreszeit drei verschiedene Arbeitszeiten haben, nämlich 6'0, 0 und 0 '2 Stunden. Das gilt sowohl für den Alsergrund als für den Nennweg. Wir hören aber immer, daß es den Rennwegerinnen viel besser geht als uns. Dr. Verkauf: Wie steht es denn mit den Revisionen? — Expertin Nr. 124: Beim Hinausgehen wird jede Arbeiterin von der Uebernehmerin oberflächlich visitirt. Dann steht aber noch ein Beamter dort, der sucht sich jede Zehnte oder Fünfte, wie es ihm beliebt, heraus und schickt sie in ein Kammerl. Dort muß man sich ausziehen und wird von den Uebernehmerinnen untersucht. Es darf Keine darüber beleidigt sein, denn es kommt ja Jede einmal daran. Es sind täglich 10 bis 12 im Kammerl. Dr. Schiff: Haben die Vorgesetzten ein Interesse daran, Ausstellungen zu machen? — Exp. Nr. 124: Nein, das hängt nur von ihrer Laune ab. — Exp. Nr. 125: Es ist vom Jnspector den Uebernehmerinnen aufgetragen, in jeder Beziehung streng vorzugehen; deshalb hilft auch die Uebernehmerin nicht den Arbeiterinnen, sondern dem Herrn; wenn sie den Arbeiterinnen helfen würde, so würde sie zum Spinnen kommen. — Exp. Nr. 123: Der Jnspector weiß aber nicht immer, wie wir sekirt werden. Wenn er nachschauen kommt, so sagt der Adjunct: „Ihr dürft das schlechte Material nicht herlegeu, sondern nur das gute." Auch dürfen wir es nicht sagen, daß 300 bis 40<> Stück fehlen, sondern der Jnspector soll glauben, daß nur 100 Stück fehlen. Vorsitzender: Sind auch bei der Verpackung der Cigarren Frauen beschäftigt? — Exp. Nr. 123: Ja; die Frauen sortiren die Cigarren und suchen die sogenannten Ministereigarren aus, welche in die Kisteln obenauf kommen. Dr. Schwiedland: Die Expertinnen stellen die Sache so dar, als ob die Uebernehmerinnen im Auftrage der Beamten handelten und sich nach oben hin beliebt zu machen suchten, wenn sie recht viele Cigarren als Ausschuß zurückweisen. Wird denn nicht dadurch das Aerar geschädigt? Es müssen ja doch die Ausschnßcigarren ein neues Deck- und Wickelblatt erhalten? -- Exp. Nr. 125 : Das Deck- und Wickelblatt ist allerdings ruinirt; das soll sich nun die Arbeiterin wieder einbringen; sie kann es aber nicht, und deshalb geht sie jede Woche zum Seeretär und läßt sich dort 100 Stück Nachtrag einschreiben. Da bekommt sie bei je 2800 Stück 100 Stück darüber, die nicht berechnet werden. Vorsitzender: Die Sache dürste wohl die sein, daß eben die 456 Aufsichlsvrgane manchmal zu weit gehen und dadurch auch nicht im Interesse des Aerars handeln. — Exp. Nr. 125: Die Uebernehmerinnen thun es oft absichtlich. Exp. Nr. 126: Ich muß bemerken, daß ich vor Kurzem aus der Roßauer Fabrik ausgetreten bin, und zwar wegen des einen Beamten. Ich sitze schon vier Jahre lang auf dem Platz bei den Sumatras, und weil er für eine Andere, die ihm besser zu Gesicht gestanden ist, einen Platz gebraucht hat, so hat er angeordnet, daß ich am. nächsten Tag aus einen anderen Platz kommen soll. Ich habe gefragt: „Warum ? Ich bin doch schon seit vier Jahren dort?" Da sagte er, ich solle nicht widersprechen und den Platz nehmen, den er mir anweist. Als ich am nächsten Tag zu wissen verlangte, warum ich eigentlich meinen Platz verlassen solle, sagte er: „Warten Sie aus den Jnspector," und wollte mich auf den Gang Hinausstellen. Ich sagte: „Ich gehe nicht in die Kälte hinaus auf den steinernen Gang." Als der Jnspector kam, ging ich vor dem Beamten zu ihm; denn wenn der Beamte früher mit dem Jnspector hätte sprechen können, so hätte er mich bei ihm so schwarz gemacht, daß mich der Jnspector gar nicht angeschaut hätte. Der Jnspector sagte: „Gehen Sie zur Arbeit, arbeiten Sie weiter." Ich sagte: „Ja, aber ich arbeite nur aus meinem alten Platz; wenn nicht, so trete ich lieber aus." Und als ich gesehen hatte, daß ich nichts durchsetzen könne, bin ich wirklich ausgetreten, denn setiren lasse ich mich nicht. Dr. Ofner: Hätten Sie denn bei der anderen Arbeit weniger verdient? — Exp. Nr. 126: Nein; aber ich war schon seit vier Jahren die Arbeit bei den Sumatras beim Vorrichten gewohnt, und dann güt die Abtheilung, wo ich hätte hinkommen sollen, als Strafabtheilnng; es war auch gar kein Grund vorhanden, mich von meinem Platze zu versetzen. Vorsitzender: Können Sie uns vielleicht sagen, ob nach Ihrer Schätzung die Zahl der verheirateten oder die der ledigen Frauen größer ist? — Exp. Nr. 126: Die der verheirateten; denn wenn eine Arbeiterin eine Zeit lang in der Fabrik ist, so heiratet sie gewöhnlich, weil man daranf rechnet, daß pe eine sichere Arbeit hat. Vorsitzender: Sind die Arbeiterinnen, die neu ausgenommen werden, in der Regel junge Mädchen, oder werden auch ältere aufgenommen ? — Exp. Nr. 126: Es werden jetzt Anfängerinnen auch mit 20 bis 2.'! Jahren ausgenommen; sie haben sechs Wochen lang 46 kr. täglich, und wenn sie ausgelernt sind, so verdienen sie oft nicht einmal fl. 4 wöchentlich. Diese älteren Mädchen können die Arbeit nicht mehr recht erlernen, weil sie schon eine zu schwere Hand haben: die Mehrzahl der Anfängerinnen steht auch deshalb im Alter von weniger als I<2 bis 20 Jahren. (Ueber Befragen des Vorsitzenden.» Die Arbeiterinnen recrutiren sich meist aus Arbeiterkreisen. Es sind meist zuständige Wienerinnen. Exp. U: Es wird darauf gesehen, daß es Wienerinnen sind. Bei der Aufnahme muß man den Taufschein und ein Sittenzeugniß haben. Früher mußte man den 50 kr.-StemPel für das Sittenzeugniß auf alle Fälle riskiren, und wenn man nicht aufgenommen wurde, war das Geld verloren. Jetzt muß man das Sittenzeugniß erst nach der Aufnahme beibringen. Dr. Verkauf: Wer unterrichtet die Lehrmädchen? — Exp. Nr. 126 : Die Uebernehmerin ; sie unterrichtet immer fünf bis sieben Mädchen zugleich. Dr. Verkauf: Wird sie dadurch nicht bei ihrer Arbeit geschädigt? — Exv. Nr. 126: Nein, denn sie steht im Wochenlohn. Vorsitzender: Bei der Aufnahme findet, wie ich erfahren habe, eine Art Assentirnng statt? - Exp. Nr. 126 : Ja, man wird vollständig untersucht, besonders ob man nicht lungenkrank ist. Das hat aber eigentlich keinen Sinn, denn gewöhnlich wird man erst krank, wenn man einige Zeit in der Fabrik war. 47,7 Vorsitzender: Wir haben aber gehört, daß die Arbeiterinnen dort meist gesunde Menschen sind? — Exp. Nr. 126: O nein, sehr wenige. Dr. Verkauf: Pflegen viele Mädchen dort zu erscheinen, um Arbeit zu suchen? — Exp. Nr. 126: Im Winter mehr als im Sommer; es sind oft 50 bis 60 an einem Feiertag dort; denn die Leute draußen wissen ja nicht, wie es in der Fabrik zugeht. Dr. Schwiedland: Sie haben, wie es scheint, im Falle von Beschwerden eine Art Jnstanzenzug; erst kommt der Adjunct, dann der Jnspector und dann? — Exp. Nr. 126: Die Generaldirection. Aber man bekommt seitens des Jnspectors selten gegenüber dem Adjuncten Recht. Auch bei der Generaldirection erhält eine Arbeiterin schwer ihr Recht. Eine Arbeiterin im dritten Saal, welche der Jnspector entlassen wollte, hat sich bei der Generaldirection beschwert; daraufhin wurde sie zwar nicht entlassen, aber zu der schlechtesten Arbeit versetzt. W ittel sh ö ser: Ist unter den Arbeiterinnen ein starker Wechsel? — Exp. Nr. 12«;: Besonders unter den Lehrmädchen, weit die mit ihrem Verdienst nicht existiren können. W i t te ls h ö s e r: Wie Viele Mädchen werden denn wöchentlich ausgenommen? — Exp. Nr. 126: Fünf bis sechs. Die Aufnahme erfolgt an Sonn- und Feiertagen. Dr. Schiff: Was ist das für eine Abtheilung, in die Sie hätten kommen sollen und die Sie als Strafabtheilung bezeichnen ? — Expertin Nr. 126 : Das ist die „Einlage". Der Verdienst ist dort zwar nicht schlechter, aber die Arbeit mit dem kleine» Tabak ist für den, der mit Sumatra zu arbeiten gewohnt ist, sehr unangenehm. Der Herr weiß nicht, wie er die Leute strafen soll, und deshalb sagt er bei jeder Kleinigkeit: „Ich gebe Sie hinüber zur Einlage." Vorsitzender: Wie kann denn eine Ueberuehmerin die Lehrmädchen abrichten? Versteht sie denn die Arbeit? — Exp. Nr. 126: Jede Ueberuehmerin war früher Spinnerin und versteht auch das Wickeln. (Ueber Befragen des Vorsitzenden.! Die Arbeitszeit richtet sich nach der Dauer des Tageslichtes und beträgt im Sommer 9'/,, im Frühjahr und im Herbst !», im Winter 8' ^ Stunden; dafür ist im Winter nur eine halbe Stunde Mittagspause; da arbeiten wir von " 2 l-> bis 12 Uhr und von ' Uhr bis es finster wird, also gewöhnlich bis 1^5 Uhr. Vorsitzender: In der Statistik ist eine Pause von 60 Minuten angegeben. — Exp. Nr. 12«;: Die Pause beträgt im Sommer eine Stunde, im Winter eine halbe Stunde; Frühstücks- und Jausenpanse gibt es nicht. Es darf auch Niemand während der Arbeitszeit etwas essen, nicht einmal ein Stück Brot: wenn man dabei erwischt wird, so wird man bestraft. An Sonn- und Feiertagen wird nie gearbeitet. Die Arbeit ist das ganze Jahr gleichmäßig ohne Unterbrechung. Es werden nur dann Arbeiterinnen ausgenommen, wenn eine austritt oder stirbt. Kündigungsfrist ist keine bestimmt, denn es darf ja keine entlassen werden, außer sie nimmt etwas. Nur während des erstell Jahres, wo die Arbeiterin noch provisorisch ist, kann sie entlassen werden, nach Ablauf dieses Jahres muß sie nochmals zum Doctor gehen, und wenn sie gesund ist, so wird sie definitiv und kann ohne besondere Gründe nicht entlassen werden. Dr. Osner: Es kann aber Jede versetzt werden, wie der Beamte es will? — Exp. Nr. 126: Ja. P ernersto rs e r: In der Statistik ist eine Durchschnittspause von 6<« Minuten angegeben: nach den Aussagen der Expertin ist das nicht richtig, da im Winter eine halbe Stunde, im Sommer eine Stunde Pause ist. — Exp. Nr. 126: Es ist so, wie ich es gesagt habe. Vom 1. November bis Ende Februar beträgt die Pause blos eine halbe Stunde. 45)8 P erne r st orfer: Warum wird denn nicht bei Licht gearbeitet? — Exp. Nr. 12«;: Man kann dabei die Farben nicht unterscheiden. Vorsitzender: Geschieht das Untersuchen der Arbeiterinnen beim Weggehen während der Pause, werden also dadurch die Pansen kurzer gemacht? — Exp. Nr. 126: Ja. Es stehen sechs bis sieben Reihen, eine hinter der anderen. Borne steht die Uebernehmerin und streift an Jeder herunter. Bei derjenigen, die es trifft in's Kammerl zu gehen, ist oft eine Viertelstunde weg, und sie kann dann nicht nach Hause gehen. Dr. Qfner: Wie ist es denn im ersten Jahre? Gibt es da eine Kündigung, oder kann man da jeden Augenblick entlassen werden? — Exp. Nr. 126 : Man kann immer entlassen werden. Vorsitzender: Wie steht es mit dem Lohn? Haben Sie Taglohn? — Exp. Nr. 126: Das ist kein Taglohn und kein Acccndlohn. Wir in der Vorrichtung haben nie gewußt, was wir verdienen, bis zum Tag der Auszahlung. Am Donnerstag ist verrechnet worden, und da hat der Aufseher ein Papier vor das Buch halten müssen, damit man nicht sieht, was man verdient hat. Oft werden Einer 5 bis 10 kr. abgezogen, obwohl sie dieselbe Arbeit geleistet hat wie sonst. Das geht, wie es den Herren angenehm ist. Das ist aber nur bei der Vorrichtung so, beim Gedinglohn müssen sie den Arbeitern geben, was ihnen gebührt. Wir erfahren vor Samstag nicht, was nur verdienen. Vorsitzender: Es muß aber doch entweder ein Taglohn sein öderem Lohn nach der Quantität. — Exp. Nr. 126: Es ist kein Taglohn. Es kennt sich überhaupt Niemand aus. Exp. Nr. 126: Wenn die Spinnerinnen die nöthige Zahl machen, so bekommen die Vorrichterinnen darnach ausgezahlt. Ist die Arbeitszeit kurz, so kann die Arbeiterin ihre Maximalleistung nicht machen, dann haben die Vorrichterinnen den Schaden, und deshalb kommt es vor, wenn zu wenig gemacht wird, daß die Arbeiterinnen eben nacharbeiten müssen. Vorsitzender: Das hängt also davon ab, ob der Tabak gut ist. — Exp. Nr. 126: Ja. Vorsitzender: Es wird also gezahlt nach dem, was eine bestimmte Partie von Arbeiterinnen macht. Ein Theil des Accordlohnes füllt offenbar den Zurichterinnen zu. W i t t el s h ö fer: Wie viel Vorrichterinnen find da? — Expertin Nr. 123: Hundert. W i t t e l s h ö f e r: Dann muß es Accordlohn sein, denn so viele Stücklöhnerinnen weist die Statistik nicht aus. Vorsitzender: Es ist klar: es wird aufgeschrieben, wie schwer das ist, was abgeht, dann wird es gebucht, berechnet und repartirt. Wie viel haben Sie jetzt verdient? — Exp. Nr. 123: Im Winter über fl. 4. Wenn der Tag länger wird wie jetzt über fl. 5, im Sommer fl. 6. Exp. 1i: Die Arbeiterinnen find in zwei Kategorien, erster und zweiter Elasse getheilt. Exp. Nr. 126: Die erste Kategorie bekommt 30 kr. mehr; die, welche nur sortiren und streifen, haben in der Woche 30 kr. mehr; die, welche rippen, haben 30 kr. weniger. Ich habe nur gerippt und die erste Sor- tirung vorgenommen. Vorsitzender: Haben Sie Ueberstnnden? — Exp. Nr. 126: Nein. Dr. Verkauf: Ich glaube, es wurde früher gesagt, daß man manchmal eine halbe Stunde früher kam. — Exp. Nr. 122: Atzenn man um halb 8 Uhr Morgens anfängt, so wird im Sommer oft um 7 Uhr aufgesperrt, und da bin ich hineingegangen, um meine Arbeit zu leisten. Dafür wird man nicht gezahlt; ich thue es, um dem Verdruß auszuweichen. Dr. Verkauf: Haben Sie Abzüge oder Strafen gehabt? — Expertin Nr. 122: Im Tabak wird man nicht gestraft, aber wenn man bei etwas 430 erwischt wird, sind 20 bis 30 kr. Strafen. Es kommt aber selten vor, daß Eine erwischt wird Tr. Verkauf: Wohin kommen diese Strafgelder? — Mehrere Expertinnen: Das weiß man nichr. — Exp. N: Man sagt, sie fallen dem Krankenfonds zn. Vorsitzender: In der Statistik ist ausgewiesen, daß in der Roßauer Fabrik nur fl. ->'40 an Strafgeldern und sonstigen kleinen Einnahmen der Krankencasfe zu Gule gekommen sind? — Exp. Nr. 122: Weil die Leute meist durch das Spazierengehen gestraft werden. Sie müssen zwei Tage von der Arbeit wegbleiben. Tr. Ofner: Wie lange muß ein Lehrmädchen dort sein, bis sie auf fl. 4 kommt? — Exp. Nr. 122: Vier bis fünf Jahre. — Exp. Nr. 123: In den Achtziger-Jahren habe ich etwas über fl. 2 verdient und war schon drei, vier Jahre Wicklerin. Vorsitzender: Haben Sie auch eine Lehrzeit gehabt? — Expertin Nr. 123: Nein. Dr. Schiff: Am Donnerstag wird gerechnet. Bekommen Sie auch am Donnerstag ausgezahlt? — Exp. Nr. 122: Am Samstag. Am Mittwoch ist Schluß, und am Donnerstag wird gerechnet. Tr. Schiff: Sie haben etwas unklar gesagt, daß man sich 3 oder 10 kr. abziehen lassen muß. — Exp. Nr. 126: Es ist vorgekommen, daß in der Woche 60 kr. abgezogen worden sind. Aus welchem Grunde, wissen wir nicht. Wenn wir etwas darüber sagen würden, so würde der Aufseher zum Herrn gehen, und der sagt, wir haben nichts zn sprechen und ruhig zu sein. Dr. Schiff: Sie bekommen in der schlechten Zeit fl. 4, dann fl. -> und im Sommer fl. 6; bekommen Sie also im Durchschnitt rund fl. 3 ? Exp. Nr. 122: Das ist nicht gleich. Uebrigens wissen wir nicht früher, was wir verdienen, als am Samstag bei der Auszahlung. Dr. Schiff: Wovon werden diese 60 kr. abgezogen? Von den fl. 5? — Vorsitzender: Das ist aber kein Abzug? — Exp. Nr. 122: Es heißt, wir haben so viel weniger verdient, als wir erwarten. Dr. Verkauf: Wen verstehen Sie unter „der Herr"? — Expertin Nr. 122: Den Herrn Adjuncten; ihm untersteht die Abtheilung. Dr. Verkauf: Wird Ihnen bei der Auszahlung eine Berechnung vorgelegt? Bekommt Jede das Geld extra oder die Partie zusammen? — Exp. Nr. 122: Die Namen werden aufgerufen, und Jede bekommt ihr Geld. Eine Berechnung bekommen wir nicht. (Ueber Befragen des Vorsitzenden gibt die Expertin weiter an.) Werkzeuge haben wir nicht beizustellen. Alles wird mit der Hand gemacht. Geschenke an Aufsichtspersonen haben wir nicht zu machen. Das Arbeitslocal ist ebenerdig. Wo ich gesessen bin, wird das ganze Jahr kein Fenster aufgemacht. Die Fenster sind vergittert, damit die Leute nicht stehen bleiben. Oben ist eine Ventilation, wenn die geöffnet ist, zieht es; sie muß aber geöffnet sein. Im ersten Saale werden die Fenster beim Tisch nie geöffnet, weil sonst die im anderen Saale schimpfen, daß es zieht. Wir müssen das ganze Jahr in einem großen Dunst sitzen, und wenn es im Sommer noch so heiß ist und 30 bis 40 Kisten Material dastehen, so muß das Alles eingeathmet werden. Vorsitzender: Können Sie das nicht so machen, daß die Thür geschlossen wird, damit es den Anderen nicht zieht? — Exp. Nr. 122: Dann haben wir gar keine Luft. Das Fenster darf nicht geöffnet werden, und von der Ventilation spürt man nicht viel. Wittelshöfer: Ist das Material, welches dasteht, dasjenige, welches sie am Tage zur Verarbeitung brauchen? — Exp. Nr. 122: Nein. Es stehen vier Ripptische in der Abtheilung draußen, und es sind weniger 4«;o Sortirerinnen als Rippt!scharbeiterinneic. Es wird nicht an jedem Tage das ganze Material aufgearbeitet. Mittels höfer: Wie viel Material steht da? — Exp. Nr. 122: Oft 50 Kisten. W i t t e l s h ö f e r: Wie lange wird an diesen Kisten gearbeitet, nm sie zu sortiren? — Exp. Nr. 122: Es wird jeden Tag davon weggenommen, aber es kommen neue dazu. (Auf die Frage Tr. Osner's.) Die Reinigung der Lokalitäten ist gut. Es wird im Sommer alle 14 Tage gerieben. Da hört man eine Viertelstunde früher zu arbeiten auf, und die Arbeiterinnen reiben den Boden. Dr. Ofner: Der Lohn ist aber ein Gedinglohn? — Exp. Nr. 122: In dieser Zeit verlieren wir den Lohn. Vorsitzender: Wie Viele sitzen an den sechs Tischen? — Expertin Nr. l22: In der kleinen Abtheilung 10 bis 18 Personen. Vorsitzender: Ist der Raum groß? — Exp. Nr. 122: Es sind drei große Fenster, aber öffnen darf man sie nicht, weil sie aus die Gasse gehen. Vorsitzender: Wo ist der Abort? — Exp. Nr. 122: Im Hose. Vorsitzender: Ist der Abort ein allgemeiner, oder ist er nur für Ihre Abtheilung? — Exp. dir. 122: Sie sind für die Abtheilungen bezeichnet. Für die Vorrichtung sind drei Aborte für über 100 Personen. Vorsitzender: Gehen Sie Mittags hinaus? — Exp. Nr. 122: Ja: Manche essen dort, aber nicht Alle. Manche essen in der Küche: diese ist aber außerhalb des Arbeitslocales. Dr. Ofner: Wie viele Leute können sich in der Küche aushalten? — Exp. Nr. 120: In der Fabrik werden 192 ausgespeist. Es sind drei kleine Räume und viel Winkelwerk: man hat nicht Raum genug. Manche gehen mit dem Essen in den Hvf, die Anderen Pferchen sich in diesen Lokalitäten zusammen. — Exp. li: Die Anderen müssen im Vorhause sitzen. Vorsitzender: Wird die Küche von der Generaldirection geleitet? — Exp. Nr. 120: Wie glänzend der Verdienst ist, zeigt sich darin, daß man hier eine Volksküche errichtet hat. Es werden 192 ausgespeist, und es bleiben im Tag acht bis zehn Portionen übrig. Diese werden verkauft, und es heißt, mit dem erlösten Gelde wird am nächsten Tag besser gekocht, aber ich sehe nichts davon. Im Gegentheil. Vorsitzender: Wie viel kostet das Essen? — Exp. Nr. 120: 11 kr., Suppe, Fleisch, Gemüse und Brot. Das Gemüse ist nur ein Eßlöffel voll: das Fleisch soll sieben Deka haben, es ist aber nicht so viel. Frau Schlesinger: Wird das Fleisch roh oder gekocht gewogen? Das ist sehr wichtig, denn gekocht wiegt es nicht einmal die Hälfte von dem, was es roh wiegt. — Exp. Nr. 120: Es wird auch ungleich getheilt. Die Eine bekommt ein schöneres Stückel und die Andere ein weniger gutes. Vorsitzender: Wer leitet die Küche? — Exp. dir. 120: Der Herr Adjunct von der Vorrichtung. Vorsitzender: Der macht das ganz aus eigener Machtvollkommenheit? — Exp. Nr. 120: Ja. Vorsitzender: Es steht aber in der Statistik, daß eine Wärm- küche existirt. — Exp. Nr. 122: Im Winter wird gewärmt, da können die Leute sich das Essen mitnehmen und dort Wärmen. Dr. Verkauf: Wird an Freitagen Fleisch verabfolgt? — Expertin Nr. 120: Milchreis, Zwetschkenröster und Knödel. Dr. Verkauf: Zahlen Sie da weniger? — Exp. Nr. 120: Dasselbe. Dr. Verkauf: Nach den Angaben des Finanzministeriums wurden im Jahre 1894 von H4 Personen dort nur 20«; gespeist. Wie kommt es, daß sich zu dieser billigen Kost nicht mehr Arbeiterinnen drängen? - Exp. Nr. 120: Weil sie nicht gut ist. 461 Dr. Verkauf: Vielleicht zu theuer? — Exp. Nr. 123: Zu theuer nicht, aber nicht genießbar. Im Winter war einmal ein Gollasch, das hat die Mehrzahl stehen gelassen, und die, welche es gegessen haben, hat nur der Hunger dazu getrieben. Einige Arbeiterinnen, welche sich darüber ausgehalten und gesagt haben, daß das ein Schweinefutter ist, hat man angewiesen, sich streichen zu lassen; es hat geheißen, man bringe die Kost ohnedies an. Dr. Verkauf: Ist das richtig, daß man sich einige Tage vorher melden muß? — Exp. Nr. 123: Ja. Dr. Verkauf: Warum lassen sich die Arbeiterinnen nicht selbst streichen, wenn die Kost ihnen nicht schmeckt? — Exp. Nr. 123: Es lassen sich Einige streichen, aber die, welche dagegen sind, sind ohnmächtig, die Anderen sagen: „Es kostet nur 11 kr., und ein Stnckl Fleisch ist doch etwas." Dr. Verkauf: Vielleicht bleiben nur Diejenigen dort, welche weiter wohnen? — Exp. Nr. 123: Ja. Dr. Verkauf: Und die in der Nähe wohnen? — Exp. Nr. 123: Die gehen nach Hause essen. Dr. Verkauf: Es gibt also Manche, denen das Essen doch noch zu theuer ist? — Exp. Nr. 123: Zu theuer nicht, aber zu wenig. Man kann nicht satt werden. Dr. Verkauf: In dem Bericht heißt es, daß das Mittagmahl mit Rücksicht auf den gerigenn Kraftaufwand bei der Arbeit für die weibliche Arbeiterschaft vollständig ausreicht. Das haben die Herren niedergeschrieben, welche es wissen müssen. Ist das richtig? Brauchen Sie sich wirklich so wenig anzustrengen, und sättigt das Mahl wirklich? — Exp. Nr. 122: Ich habe nur einmal dort gegessen, und da habe ich in einer Viertelstunde wieder Hunger gehabt. — Exp. Nr. 123: Ich habe öfter dort gegessen, kann mich aber nicht rechnen, weil mein Magen schwach ist. — Exp. Nr. 124: Ich möchte alle Tage zweimal nacheinander dort essen. Dr. Verkauf: Ist es nur eine Eigenthümlichkeit von Ihnen, oder macht Ihnen die Arbeit so viel Appetit? — Exp. Nr. 124: Wenn man den ganzen Vormittag nichts gegessen hat, bekommt man ja Hunger, und das Essen ist nicht so viel. — Exp. Nr. 123: Namentlich von hem Gemüse könnte mehr sein. Dr. Verkauf: Ist das Essen an Fasttagen ausreichend und genießbar? — Exp. Nr. 123: Eine Einbrennsnppe und Milchreis, kleine Portionen. Es könnte Eine das Doppelte essen. Die Einbrennsnppe ist nur Wasser. Dr. Verkauf: Ein Theil der Arbeiterinnen speist nicht dort, bleibt aber in der Fabrik; was genießen diese? - Exp. Nr. 123: Die nehmen sich Kaffee mit und wärmen ihn, kaufen sich auch Wurst dazu. Manche holen sich aus dein Wirthshause um 3 kr. Gemüse. Das sind Arbeiterinnen, welche nur sl. 3 bis 4 verdienen. Dr. Verkauf: Also in diese Suppenanstalten gehen nur die, welche einen größeren Verdienst haben? — Exp. Nr. 124: Manche sagt, daß sie sich nicht einmal die Speisemarken für 66 kr. am Samstag vergönnen kann. Dr. Verkauf: Wo lösen Sie die Speisemarken? — Exp. Nr. 124 : Bei den Ausschußfrauen; in jedem Saale sind zwei bis drei solche, und diese verkaufen die Speisemarken am Samstag im Vorhinein. Dr. S ch w ie d l and : Warum treten im Sommer Viele aus der Kost aus? — Exp. Nr. 123: Da ist eine Stunde Pause, und man geht lieber hinaus. Dr. Schwiedland: Sie meinen also, daß im Winter Viele durch die kurze Pause und das schlechte Wetter gezwungen sind, zu bleiben? — Exp. Nr. 123: Ja. 462 Dr. Schiff: Werden Sie von den Vorgesetzten aufgefordert, lieber dort zu essen? — Exp. Nr. 123: Nein. Dr. Verkauf: Von Seite des Ministeriums wird behauptet, daß die Arbeiterinnen eine besondere Vorliebe für Näschereien haben. «Heiterkeit.» Wörtlich so zu lesen im Berichte für das Jahr l!31»4. — Exp. Nr. l22 : Davon weiß ich nichts. Dr. Verkauf: Es ist eben der Mühe werth, das zu erörtern. Ist Ihnen davon etwas bekannt? — Exp. Nr. 12.3: Das sind nur die jungen Mädchen. — Exp. Nr. 122: Die kaufen sich im Sommer obst oder einen Strudel. — Exp. Nr. 123: Es kommt ja oft vor, daß sie überhaupt kein Geld haben, sich etwas zu kaufen, daß sie am Montag in die Arbeit kommen und keinen Kreuzer Geld haben. — Exp. Nr. 122: Es gibt einige Personen, welche die Sachen hineinbringen und den Mädchen für die ganze Woche aufschreiben. Dr. Verkauf: Sind das Arbeiterinnen, die das mitbringen, und was bringen sie? — Exp. Nr. 122: Arbeiterinnen, sie handeln damit, Obst, Wurst und solche Sachen. Dr. Verkauf: Wurst und Obst sind doch keine Näschereien. Wird das Hansiren denn gestattet, und darf das Jede thun? — Exp. Nr. 122: Es sind in jeder Abtheilung gewöhnlich Eine oder Zwei, die thun das verstohlen : man darf das nicht sehen, sonst werden sie bestraft. Dr. Verkauf: Aber die Vorliebe für Näschereien ist noch immer nicht aufgeklärt. Vorsitzender: In jedem Saale sind zwei Ausschußfranen. Haben die in der Verwaltung der Küche etwas dreinzureden? — Expertin Nr. 124: Zu ihnen geht man, wenn man eine Klage hat, und sie melden es dem Herrn. Vorsitzender: Werden die gewählt? — Exp. Nr. 124: Ja. Vorsitzender: Ist das dasselbe, wie der weitere Ausschuß beim Krankeninstitute? — Exp. Nr. 124: Ja. Dr. Verkauf: Von wem wird der Ausschuß gewählt? — Expertin Nr. l24: Sechs von den Beamten, das ist der engere Ausschuß, und sechs von uns. Dr. Verkauf: Wie findet die Wahl statt, wie oft? — Exp. Nr. 124: Wenn eine abstirbt, wird eine neue gewählt. Dr. Verkauf: Die sind also für Lebensdauer? — Exp. Nr. 124: Sie kann bleiben, so lange sie will. Dr. Verkauf: Erinnern Sie sich, an einer Wahl schon theil- genommen zu haben ? — Exp. Nr. 124: Schon oft. Dr. Verkauf: Die Wahlen dürften also nicht für Lebensdauer sein. — Exp. Nr. 124: Meist werden aber nur die Aeltesten aus dein Saale genommen. Dr. Verkauf: Wie geht die Wahl vor sich? Berathen Sie darüber? — Exp. Nr. 121: Von den Beamten werden gelbe Zettel ausgetheilt, und darauf schreibt jede Arbeiterin, wen sie wühlt. Dr. Verkauf: Für jedes Zimmer gesondert? — Exp. Nr. 124: Ja. Dr. Verkauf: Wohin geben Sie die Zettel? — Exp. Nr. 124 : Der Werksührer geht absammeln. Dr. Verkauf: Uebergeben Sie sie offen? — Exp. Nr. 124: Ja. Dr. V e rkauf: Er weiß also, wen Sie wählen? Wird Ihnen vorgeschlagen, wen Sie wählen sollen? — Exp. Nr. 122: Nein, nur nach unserem Willen. Dr. Verkauf: Besprechen Sie sich über die Wahl? — Expertin Nr. 124: Ja, bevor wir die Zettel bekommen. Dr. Verkauf: Die Gewühlten sind also dazu da, um Ihre Interessen zu vertreten? Für wie lange sind sie gewählt? — Exp. Nr. 124: 463 Sie hat das Amt zwei bis drei Jahre, auch länger. Es hängt von ihr ab: wenn sie es zurücklegt, Hort es auf. Dr. Verkauf: Sonst nicht? — Exp. Nr. 124: Nein. Vorsitzender: Es wird aber darüber eine doch Verordnung bestehen? — Exp. Nr. ° 123: Der Herr Jnspector hat angeordnet, daß alle sechs Jahre neu gewählt wird. Es ist aber bis jetzt noch nicht neu gewühlt worden. Der alte Ausschuß besteht noch, und wenn die Arbeiterinnen einen neuen wählen wollen, so wird ihnen kein Gehör geschenkt. Die Personen bleiben, die Herren Beamten sind zufrieden, und die Arbeiterinnen haben ruhig zu sein und nichts drein zu sprechen. Vorsitzender: Wie ist es gekommen, daß Sie eine Neuwahl verlangt haben? — Exp. dir. 123: Es war wegen des Almosengeldes. Wir haben immer nur 3 kr. gezahlt, seit zwei Jahren zahlen wir 4 kr. Wir haben dagegen protestirt, und die Frauen vorn engeren Ausschuß haben gesagt, wir sollen ruhig sein, der Jnspector will Ruhe haben; wir müssen zahlen und basta. Wir haben gesagt, mit solchen Ausschüssen sind wir nicht zufrieden, die nur gegen uns sind und immer zu den Herren halten. Uns gehört das Geld, wir müssen uns dafür plagen. Die waren aber ohnmächtig und haben nichts ausgerichtet. V orsitzender: Haben Sie keine Beschwerde erhoben? — Expertin Nr. 123: Der zweite Ausschuß, der von den Arbeiterinnen gewählt war, hat sich beschwert. Es hat Eine vom Ausschuß Klage geführt; man hat ihr aber gesagt, sie soll gehen. Sie hat gesagt, sie sieht, daß es da nicht ehrlich zugeht, und hat ihre Stelle niedergelegt. Der Herr Jnspector läßt sie aber nicht zurücktreten. Witt e l s h ö f e r: Also der engere Ausschuß, der vom Jnspector ernannt wird, hat die Erhöhung beschlossen. Ist da nicht der weitere zusammenberusen worden? — Exp. Nr. 123: Nein, sie haben nicht sprechen dürfen. W i t t e l s h ö f e r: Hat die Eine vom weiteren Ausschuß, die sich darüber aufgehalten hat, darunter zu leiden gehabt? — Exp. Nr. 123: Das nicht. Dr. Frey: Was hat der engere und was der weitere Ausschuß zu thun? — Exp. Nr. 123: Der Herr Jnspector ruft den engeren und den weiteren Ausschuß zusammen, macht ihnen den Vorschlag, z. B. daß wir den vierten Kreuzer zahlen müssen, und fragt, ob die Arbeiterinnen zufrieden sind. Der engere Ausschuß hat gesagt: „Herr Jnspector, was Sie thun, ist gut gethan, die Arbeiterinnen verstehen das nicht." Der weitere Ausschuß war dagegen und hat gesagt, man muß die Arbeiterinnen fragen. Da hat er gesagt, die haben nichts dreinzureden. Dr. Verkauf: Haben Sie vom Inhalt der Krankencassen-Statuten Kenntniß? Ist Ihnen so ein Statut in die Hand gegeben worden? — Exp. Nr. 123: Ich habe mir eines vom Herrn Secretär gekauft. Dr. Verkauf: Können Sie es uns vielleicht zeigen? Es wird, soviel ich weiß, als Amtsgeheimnis; behandelt. — Exp. Nr. 123: Ich habe es nicht hier, aber ich habe mir Manches herausgeschrieben. Dr. Verkauf: Es muß darin auch vorkommen, wie der Ausschuß zu wählen ist, wie viel Mitglieder er hat u. s. w. Welchen Einfluß haben diese Ausschußmitglieder aus die Verwaltung der Küche? Haben sie zu beschließen, was zu kochen ist? — Exp. Nr. 123: Da ist nur eine Fran: die ist sozusagen die rechte Hand des Herrn Jnspectors. Die ist von den Herren gewählt. Das Grünzeug von der Suppe, hat sie gesagt, ist kräftig. Der Küchenchef hat angeordnet, fo und so viel Eier für eine Mehlspeise: sie hat aber gesagt: „Das ist nicht nothwendig, man kann sparen und sich einschränken und lieber etwas Anderes besser machen." 464 Dr. Verkauf: Also ein Einfluß der von Ihnen Gewählten scheint nicht vorhanden zu fein? — Exp. Nr. 126: Die Ansschußfrauen find nur dazu da, um die Marken einzusammeln. Vorsitzender: Wer ist der Küchenchef? — Exp. Nr. 122: Der Adjunct von der Borrichtnngsabtheilung. Vorsitzender: Was machen die, welche nicht dort essen ? — Expertin Nr. 123: Einige sind da, welche l l kr. nicht zahlen, weil das ihr Verdienst nicht erlaubt: die bringen sich einen Kaffee mit und ein Stück Brot. Der Kaffee ist nicht einmal den Namen Kaffee werth. Oder fie kaufen sich in der Küche eine Suppe um 3 kr. und ein Brot. Die Verheirateten, und das sind Viele, gehen nach Hanse. — Exp. Nr. 122: Oder fie bringen das Essen mit und wärmen es in der Küche. Um 6 Uhr wird das Effen dann von Einer hineingestellt. Vorsitzender: Sie sind verheiratet. Was haben Sie Früh genossen, bevor Sie in die Arbeit gegangen sind? — Exp. Nr. 122: Kaffee. Dann habe ich mein Essen in den Korb gegeben und vor 6 Uhr aus's Fenster gestellt, und dann stellt sie es in die Rohre. Wenn das Essen dort verbrennt und man etwas sagt, so wird man angefahren. Vorsitzender: Was haben Sie sich mitgenommen? — Expertin Nr. 122: Größtentheils Zuspeise, auch Fleisch oder Mehlspeise. Suppe schüttet man beim Tragen aus. Vorsitzender: Wie viel Fleisch haben Sie gewöhnlich gekauft ? — Exp. Nr. 122: Meist 50 Deka für mich und für meinen Mann. Vorsitzender: Sonst dürfen Sie in der Fabrik nichts essen? — Exp. Nr. 122: Nein, wenn ich ein Stück Brot essen will, muß ich hinausgehen. Man darf aber nicht lange stehen bleiben, weil Einem sonst der Herr gleich hineinjagt. Bei der vielen Arbeit nehmen sich die Arbeiterinnen ohnedies keine Zeit zum Essen und müssen den ganzen Vormittag hungrig bleiben. Vorsitzender: Was haben Sie Abends gegessen? — Expertin Nr. 122: Frisch Gekochtes, meist Suppe, manchmal Fleisch und Zuspeise. Vorsitzender: Was ist Ihr Mann? — Exp. Nr. 122: Binderin einer Weinhandlung mit st. 12 Wochenlohn. W i tt el sh ö f er: Muß eine Jede im Unterstützungsfonds sein, oder ist es freiwillig? — Exp. Nr. 122: Es muß Jede dabei fein. — Expertin Nr. 123: Es wird einer Jeden abgezogen. W itt els h ö f e r: Werden die Arbeiterinnen gefragt, ob sie beitreten wollen? In den Ausweisen heißt es: Freiwillige Beiträge der Mitglieder. — Exp. Nr. 123: Es wird nicht gefragt. - Exp. Nr. 122: Es sind viele dagegen, aber sie werden dazu gezwungen. Witte! sh öser: Was geschieht mit dem Gelde aus dem Unterstützungsfonds?— Exp. Nr. 122: Dieses Almosengeld wird zusammengelegt, weil die Arbeiterinnen gesagt haben, daß die Pension zu klein ist, damit sie dieselbe aufbessern können. Wittelshöfer: Bekommt Jede eine Aufbesserung? — Expertin Nr. 122: Es sind da Clauseln. Wittelshöfer: Wer stellt das fest, wer die Aufbesserung bekommt? — Exp. Nr. 122: Das beschließen die Herren. Dr. Riedl: Was essen Sie Nachmittags zur Jause? — Expertin Nr. 122: Gar nichts. Im Sommer bekommt man in der Küche um 2 kr. Milch. Dr. Riedl: Betheiligen sich daran Viele? — Exp. Nr. 122: Sie nehmen sich nicht die Zeit hinzugehen. Vorne dürfen sie nicht trinken, sie dürfen das nur rückwärts thun; dazu haben die Arbeiterinnen nicht Zeit und lassen es lieber. Dr. Riedl: Wie viel bekommt man da für die 2 kr. ? — Expertin Nr. 122: Einen Viertelliter. 465 Dr. Riedl: Auf Sie kommen, nach dem, was Sie gesagt haben, 25 Deka Fleisch, und das vertheilen Sie aus zwei Mahlzeiten? — Expertin Nr. 122: Ich habe nicht die Hälfte, denn wenn das Fleisch ein bischen fett ist, esse ich es nicht. Da kaufe ich mir zum Gemüse eine Wurst. .Dr. Riedl: Essen Sie auch am Abend Fleisch? — Exp. Nr. 122: Selten; ich bin keine Freundin davon. Dr. Schwab: Bekommt eine von Ihnen, wenn sie austritt, von dem Gelde, welches sie eingezahlt hat, etwas zurück? — Exp. Nr. 123: Nein. — Exp. Nr. 122: Ich habe gar nichts zurückbekommen. Vorsitzender: Aus diesem Fonds werden die Pensionen aufgebessert? — Exp. Nr. 123: Ja. Vorsitzender: Wie viel kommt dazu? — Exp. Nr. 123: Das Almosengeld für 15- bis 30jährige Dienstzeit macht 10 kr. pro Tag, für 30- bis 40jährige Dienstzeit 15 kr. und über 40 Jahre 20 kr. pro Tag aus. Vorsitzender: Wann sind die 4 kr. eingeführt worden? — Expertin Nr. 123: Vor einem Jahre. Früher waren zuerst 2 und dann 3 kr. Mittels höser: Wie ist der Vorgang, wenn Eine pensionirt werden soll? — Exp. Nr. 123: Da kann ich einen Fall erzählen. Eine Arbeiterin hat 20 Jahre Dienstzeit. Einige Jahre war sie am Rennweg und die übrige Zeit in der Roßau. Hier ist sie nervenleidend geworden; sie hat sich als junges Mädchen nicht viel verdienen können, hat sich nur von Brot genährt und ist herab gekommen. Sie war arbeitsunfähig und hat die Pension beansprucht. Da hat man sie zurückweisen und mit fl. 30 abfertigen wollen. Sie ist aber bis zum Director gegangen und hat gesagt, wenn er ihr die Pension nicht gibt, so wird sie zum Pernerstorfer gehen. Da hat man ihr gesagt, sie soll ruhig sein und nach Hause gehen, man wird die Sache schon machen. Man hat ihr dann die Post geschickt, sie soll zum Jnspector kommen. ^ Der Jnspector hat ihr gesagt: „Da suchen Sie sich etwas", und hat auf das Pflaster gezeigt. Da hat sie gesagt: „Jetzt soll ich was suchen, wo ich meine 20jährige Dienstzeit habe? Ich kann nicht als Prostituirte gehen, wo ich so hergerichtet bin", und da hat er gesagt, das kümmere ihn nichts. Da ist sic zum Pernerstorfer gegangen, und sie hat für 15 Jahre die Pension bekommen, das Andere ist ihr nicht angerechnet worden. Wittelshöser: Ist sie ärztlich untersucht worden? — Expertin Nr. 123: Ja. Wittelshöser: Was hat der Arzt gesagt? — Exp. Nr. 123 : Daß sie arbeitsunfähig ist. Wittelshöser: Und trotzdem wollte man ihr keine Pension geben? Dr. v. Fürth : Können Sie sagen, ob viele Frauen im Jahre pensionirt werden? — Exp. Nr. 123: Nicht viele, denn wenn eine ältere Arbeiterin krank wird, und man glaubt, sie bekommt schon die Pension, so bekommt sie 20 Wochen das Krankengeld, und dann ist ihre Genußzeit schon aus. Man tröstet sie, sie werde schon die Pension bekommen; bis dahin kann sie aber sterben. Der Fall ist schon wiederholt dagewesen. Heute ist die Frau gestorben, und morgen ist die Pension bewilligt worden. Dr. Osner: Es dauert also eine lange Zeit, bis man die Pension bekommt? Die Frau, von der Sie gesprochen haben, war ja arbeitsunfähig ? — Exp. Nr. 123: Der Jnspector hat gesagt, sie muß zuerst ihre Docnmente hergeben, und er selbst wird das Gesuch einreichen. Es hat sechs Wochen gedauert, bis das erledigt war. Die Frau hat gedrängt und ist fast alle Tage zur Direction gegangen. Dr. Osner: Wissen Sie andere Fälle, wo es lange gedauert hat? — Exp. Nr. 123: Eine ist ein Jahr krank zu Hause und hat noch immer nicht die Pension und wartet täglich darauf. Wittelshöser: Hat sie darum angesucht? — Exp. Nr. 123: Ja. Wittelshöser: Darüber wird ja doch bei Ihnen geredet? Es 30 Frauen-Enqutzte. 466 kann doch unmöglich so sein, daß auf ihren Tod gewartet wird? — Expertin Nr. 12:4: Es sind schon viele Fälle vorgekommen, daß die Leute von der Pension phantasirt haben. Sie haben sie nicht bekommen und sind gestorben. Vorsitzender: Wie hoch ist das Krankengeld? — Expertin Nr. 128: fl. 4 07. Dr. Schiff: Die Wöchnerinnen bekommen durch vier Wochen das Krankengeld? — Exp. Nr. 123: Ja. Vorsitzender: Wie lange sehen die Wöchnerinnen aus ? — Expertin Nr. 123: Vier Wochen nach der Entbindung, vor der Entbindung nicht. Sie müssen hinein gehen bis zur letzten Minute. Vorsitzender: Leiden die Kinder darunter? — Exp. Nr. 123: Sehr viele sind krank, meist Lungenkatarrh. Dr. Ofner: Sind die Beamten oder die Werkführer gegen die Mädchen zudringlich? — Exp. Nr. 123: Das kann ich nicht sagen. Dr. Ofner: Sind sie grob? — Exp. Nr. 123: Sehr brutal, z. B. wenn die Arbeiterin über die Arbeit sich beim Herrn Werkführer beschwert, so pflegt der Herr Werkführer uns zu sagen: „Halten S' 's Maul!" Wir haben einen Werksührer; ich kann den Ausdruck gar nicht wieder geben; er hat sich gewöhnlich so ausgedrückt: „Wann's net bald die Goschen halt's, hau' i Enk a paar abi, daß d'Füß' in d'Höh' reckt's", und dann solche Ausdrücke, wie: „Sie Trottel." Dr. Verkauf: Wie ist es mit der ärztlichen Hilfe bei Ihnen? — Exp. Nr. 123: Wir haben unseren Vereinsarzt. Dr. Verkauf: Wie viele haben Sie? — Exp. Nr. 124: Einer ist für den Rennweg und einer für die Roßau. Dr. Verkauf: Reicht das aus? — Exp. Nr. 124: Ich bin einmal erkrankt, es war mir in der Früh sehr schlecht. Mein Mann hat eine pneumatische Karte geschrieben, und erst um 6 Uhr Abends ist der Doctor Dr. Verkaus: Wo wohnen Sie? — Exp. Nr. 123: Im XVI. Bezirk. — Exp. Nr. 122: Ich wohne im IX. Bezirk und bin auch einmal Früh erkrankt und habe den Doctor in der Früh holen lassen. Er ist aber erst um 5 Uhr Nachmittags gekommen. Dr. Verkauf: Werden Ihnen die Medicamente beigestellt? — Exp. Nr. 122: Ja. Dr. Verkauf: Werden Ihnen auch Behelfe für Bäder gewährt? — Exp. Nr. 122 u. 123: Nein. Dr. Verkauf: Es kommt aber vor, daß man solche Behelfe braucht. Es wird z. B. behauptet, daß Hautkrankheiten nicht selten sind. — Expertin Nr. 123: Ich habe ein Gichtleiden. Der Arzt hat mir Bäder verordnet; ich habe sie aber nicht bekommen; ich hätte sie aus meine Kosten nehmen müssen. Dr. Verkauf: Sämmtliche Krankenkassen gewähren sie, und ich glaube, eine k. u. k. Krankencasse könnte sie auch geben, da sie gesetzlich dazu verpflichtet ist. Werden sonstige therapeutische Behelfe gegeben? — Expertin Nr. 123: Ja, z. B. ein Mädchen hat Gummistrümpfe bekommen. Dr. Verkauf: Wissen Sie davon, daß häufig Hautkrankheiten vorkommen? — Exp. Nr. 123: Das kann ich nicht sagen. Dr. Verkauf: Wie ist es mit den Zähnen bestellt? — Expertin Nr. 123: Schlecht. Zahnschmerzen sind sehr häufig. Das kommt vom Tabak. Dr. Verkauf: Was für Krankheiten kommen sonst vor? — Expertin Nr. 123: Rheumatismus z. B. habe ich auch. Wir arbeiten jetzt an Blechbretteln, auf denen wir die Cigarren machen. Die Holzbretteln sind mit Blech überzogen. Früher hat man auf den Holzbretteln gearbeitet. Da aber diese Holzbretteln zerschnitten worden sind, arbeiten wir jetzt auf Blech. Das Blech ist im Winter so kalt wie Eis. Ich habe erst um 10, '/UZ 11 Uhr 407 daraus arbeiten können. Ich habe es dem Doctor gesagt, er hat zugegeben, daß das schlecht ist, aber er hat nichts dagegen thun können. Dr. Verkauf: Wird genügend geheizt? — Exp. Nr. 123: Sehr schlecht. Im Winter können wir erst um 10 oder V 2 II Uhr zu arbeiten anfangen. Man hat sich darüber beschwert, daß man nicht arbeiten kann. Wir haben verlangt, daß früher eingeheizt werde, es ist uns aber gesagt worden, dagegen kann man nichts thun, wir sollen uns an eine obere Stelle wenden, damit gewärmt wird. Dr. Verkauf: Warum wird nicht geheizt? — Exp. Nr. 123: Die Kohlen werden vorgeschrieben, und mehr darf nicht verbraucht werden. Dr. Verkauf: Von wann ab wird geheizt? — Exp. Nr. 123: Vom 1. November ab. Dr. Verkauf: Wenn es aber schon im October kalt ist? — Expertin Nr. 123: Wird doch nicht geheizt. Dr. Verkauf: Kommen häufig Kopfschmerzen vor? — Expertin Nr. 123: Sehr viel. Dr. Verkauf: Das wird vom Ministerium selbst zugegeben, und es führt das auch auf den Tabak zurück. Pflegen Sie mit Kopfschmerzen in den Krankenstand zu treten? — Exp. Nr. 123: Wir legen uns in der Fabrik nieder. Auf den Bretteln, wo wir arbeiten, bringen wir den ganzen Tag zu. Dr. Verkauf: Warum tritt man da nicht in den Krankenstand? — Exp. Nr. 123: Weil man kein Krankengeld bekommt. Der Arzt sagt, das ist keine schwere Krankheit. Dr. Verkauf: Haben Sie eine Ordination in der Fabrik? — Exp. Nr. 123: Ja. Dr. Verkauf: Ist sie stark besucht? — Exp. Nr. 123: Ich war schon dort, aber nur zum Zähneziehenlassen. Dr. Verkauf: Waren damals Viele drin? — Exp. Nr. 123: Vielleicht Fünf. Dr. Verkauf: Wie lange ordinirt der Arzt? — Exp. Nr. 123: Nicht lange. Die Vorschrift war früher von 9 bis 10 oder ',?11 Uhr. Er kommt aber oft erst um °/«12 Uhr. Dr. Verkauf: Ist Ihnen gestattet, hineinzugehen, sobald er kommt? — Exp. Nr. 123: Ja. Dr. Verkauf: Es fällt mir auf, daß Sie doppelt so viel erwerbsfähige Kranke haben als erwerbsunfähige. Es kommt auch so heraus, daß Jede 1 V 2 mal im Jahre krank ist. Sind die Erkrankungen wirklich so häufig? — Exp. Nr. 123: Ja. Eine Arbeiterin ist so leidend wie ich; der Doctor hat gesagt, er kann ihr nicht helfen, sie soll ausbleiben, aber in den Krankenstand kann er sie nicht schreiben. Sie hat gefragt, ob sie nicht die Pension bekommt, und er hat mit den Achseln gezuckt. Dr. Verkauf: Haben Sie Ihr Magenleiden in der Fabrik bekommen? — Exp. Nr. 123: Ja. Dr. Verkauf: Schreiben Sie das der Arbeit zu? — Exp. Nr. 123: Ja. Es kann aber auch sein, daß es von früher ist. Ich habe mir früher nichts gegönnt für meine Nahrung. Ich bin in die Suppen- und Theeanstalt gegangen. Dr. Verkauf: Was waren Sie damals? — Exp. Nr. 123: Wick- lerin in der Roß au. Dr. Verkauf: Verwundungen sind wohl selten? — Expertin Nr. 123: Ja. Dr. Verkauf: Sind die Mädchen häufig bleichsüchtig? — Expertin Nr. 123: Vereinzelt. Dr. Verkauf: Oder magenleidend? — Exp. Nr. 123: Häufig. 30 * 468 Dr. Ofner: Wer heizt denn ein? — Exp. Nr. 123: Die Kehrerinnen, welche den Saal reinigen und kehren. Dr. Verkauf: Kommen die nicht früher? — Exp. Nr. 123: Sie kommen nicht früher als wir. Dr. Riedl: Sie sprachen davon, daß die Kinder häufig an Katarrh leiden. Kommen nicht auch Fehlgeburten oder Todtqebnrten vor? — Expertin Nr. 123: Sehr viel. Dr. Riedl: Haben Sie selbst Kinder gehabt? — Exp. Nr. 123: Ja, zwei Fehlgeburten und eine normale. Dr. Riedl: Lebt dieses Kind? — Exp. Nr. 123: Nein. Dr. Riedl: In welchem Alter ist es gestorben? — Exp. Nr. 123: Im Alter von neun Monaten. Dr. Riedl: Woran? — Exp. Nr. 123: An den Zähnen, hat der Doctor gesagt. Dr. Lode: Kommen Lungenkrankheiten häufig vor? — Expertin Nr. 123: Ja. Dr. Lode: Was für Erkrankungen ? — Exp. Nr. 123 : Ich habe schon Lungenentzündung gehabt und auch ein Lungenexsudat. Dr. Lode: Kommen unter den Arbeiterinnen Ihrer Bekanntschaft auch öfter Lungenentzündungen leichteren Grades vor, die nach kurzer Zeit heilen? — Exp. Nr. 123: Ja, sehr oft. Dr. Lode: Oder Bronchialkatarrh? — Exp. Nr. 123: Ja. Eine Arbeiterin hat 16 Jahre immer gearbeitet, und nur sechs Wochen hat sie unterbrochen. Diese Arbeiterin hat, weil sie kein Krankengeld bekommt und weil sie nicht leben kann, um eine Aushilfe gebeten. Man hat ihr gesagt, man wird machen, was man kann. Sie hat um die Pension ersucht. Heute hat ihr der Herr Jnspector fl. 23 Abfertigung angetragen, mehr kann er nicht leisten. Dr. Verkauf: Wird da immer so gehandelt? — Exp. Nr. 123: Ja. Dr. Lode: Die Bleichsucht, von welcher früher die Rede war, ist im Allgemeinen eine Erkrankung des jüngeren Alters. Haben bei Ihnen die jüngeren Mädchen oder solche, welche schon länger arbeiten, Bleichsucht? — Exp. Nr. 123: Die Jüngeren. Dr. Lode: Unter denen, welche schon 10 oder 15 Jahre in der Fabrik sind, wissen Sie keine Fälle von Bleichsucht? — Exp. Nr. 123: Nein. Vorsitzender (zur Exp. Nr. 122): Haben Sie keine Kinder? — Exp. Nr. 122: Nein, nie gehabt. Vorsitzender: Können Sie öfter etwas mitmachen, da auch Ihr Mann etwas verdient? — Exp. Nr. 122: Selten, höchstens im Sommer am Sonntag. Vorsitzender: Wo wohnen Sie? — Exp. Nr. 122: Im IX. Bezirk. Wir haben Zimmer, Cabinet, Küche und zahlen fl. 11'50. Das Cabinet ist vermiethet, pro Woche bekomme ich fl. 1 Bettgeld. Es ist sehr klein, mehr kann ich nicht verlangen. Vorsitzender: Gehören Sie Vereinen an? — Exp. Nr. 122: Ich gehe nirgends hin. Vorsitzender: Lesen Sie Zeitungen? — Exp. Nr. 122: Den „Organisator" von den Holzarbeitern. Dr. Schwiedland: Wie ist es in der sogenannten Dörre mit dem Arbeitslocale? — Exp. Nr. 122: Das ist gesundheitsschädlich. Dr. Schwiedland: Wissen Sie, wie heiß es dort ist? — Expertin Nr. 123: Nein. Dr. Schwiedland: Haben Sie Bekannte, die dort arbeiten? — Exp. Nr. 122: Ja. Dr. Schwiedland: Worüber beschweren sich die ? — Exp. Nr. 125: Daß sie brustkrank werden. Der ganze Stoff von dem Tabak dünstet aus, 469 weil der Tabak getrocknet wird. Der ganze Gestank geht heraus, und das müssen sie einathmen bei der Hitze. Sie sind häufig aus der Brust krank und husten. — Exp. Nr. 123: Ich halte es nicht aus, wenn ich hineingehe. — Exp. U: Ein gesunder Mensch kann dort nicht bei der Thür stehen. Dr. Schwiedland (zur Exp. Nr. 123): Wie kommen denn Sie dorthin? — Exp. Nr. 123: In der Mittagsstunde gehe ich zu Bekannten, oder wenn die Vorrichtung hingetragen wird. — Exp. Nr. 122: Die Einlage kommt dorthin zum Trocknen. — Exp. Nr. 123: Es muß über 30 Grad Wärme dort haben. — Exp. U: Zwischen 24 und 26 Grad Röaumur. In der Fermentirung ist die Hitze sehr groß, da kann man gar nicht hinein. Dort ist der Havannatabak, der ist noch schärfer, und der Geruch erregt sofort das Gefühl des Erstickens. Exp. Nr. 125 (über Befragen des Vorsitzenden): Ich bin mit dem 14. Jahre in die Fabrik gekommen und bin seitdem mit einer kurzen Unterbrechung im Geschäfte. Ich mache Cubacigarren. Da ist die Einlage Cuba, Havanna und Manila. Ich mache „Minister" und habe Sumatrawickeln. Vorsitzender: Wie viele solche Wickeln machen Sie pro Tag? — Exp. Nr. 125: Ich muß im Tage 450 machen, um das zu erreichen, was die Woche im Maximum ausmacht. Dann kommt der Wickel in die Presse, und dann wird er der Spinnerin gegeben. Vormittag mache ich über 200 und Nachmittags auch, das muß ich eintheilen. Es kommt darauf an, ob der Tabak besser oder schlechter ist. Dr. Schwiedland: Hängt die Arbeit nicht auch davon ab, ob Sie am Vormittag frischer bei Kräften sind? — Exp. Nr. 125: Es hängt von der Qualität ab. Wenn man zur Uebernahme die Arbeit vom Tage vorher gibt, bekommt man Ausschuß. Vorsitzender: Die Arbeitszeit ist dieselbe wie bei den Anderen? — Exp. Nr. 125: Ja. Vorsitzender: Ueberstunden haben Sie nicht? — Exp. Nr. 125: Nein. Wir arbeiten immer fort und haben da eine Viertelstunde länger zu arbeiten als für den Taglohn. Vorsitzender: Wie ist der Accordlohn? — Exp. Nr. 125: Im Ganzen sind Zwei, welche sagen können, daß sie einen Lohn haben, der das Maximum ist. In dieser Zeit ist der Maximallohn st. 5'60 und die Anderen haben nur st. 3 bis 4. Für 100 Stück bekomme ich 22 kr., und ich mache täglich 450. Von meinem Gelde muß ich 16 kr. pro Woche Krankengeld zahlen. Vorsitzender: Da sind auch die 4 kr. für den Unterstützungsfonds dabei? — Exp. Nr. 125: Ja. Vorsitzender: Und wenn der Tag kürzer ist? — Exp. Nr. 125 : Da mache ich nur 425 oder 400. Es kommt auch auf meine Mitarbeiterin, die Spinnerin, an. Wenn die weniger spinnt, habe ich auch weniger. Wir arbeiten auf ein Buch. Was sie abgibt, habe ich auch. Sie macht gerade so viel wie ich. Dr. Osner: Wenn Sie in der schlechten Jahreszeit eine Stunde weniger arbeiten, was haben Sie da? — Exp. Nr. 125: sl. 5. Dr. Osner: Kommen bei Ihnen auch Lehrmädchen vor beider Wickelarbeit? — Exp. Nr. 125: Ja. Dr. Osner: Wie lange müssen sie lernen? — Exp. Nr. 125: Sechs Wochen. Da bekommen sie, je nachdem sie die Arbeit leisten können, st. 1, sl. 1'50, 2, 2'50. Mehr haben sie nicht wöchentlich. Wenn ein Lehrmädchen über st. 2'50 Verdienst sich beklagt, so sagen die Anderen oft: Sie werden froh sein, wenn Sie das im Accord haben. Dr. Osner: Ist das häufig, daß Eine, wenn sie aufhört Lehrmädchen zu sein, weniger verdient? — Exp. Nr. 125: Ja, sehr oft. Dr. Osner: Wie lange dauert das, bis Eine sl. 5 hat? — Expertiu 470 Nr. 125: Oft viele Jahre. Ich bin jahrelang dort gewesen und habe im Winter auch nicht mehr als fl. 3 bis 4 gehabt. Da habe ich eine schwächere Spinnerin gehabt. Wittelshöfer: Wenn Sie eine schwächere Spinnerin haben, so können Sie nur weniger leisten? — Exp. Nr. 125: Ja, ich bin gezwungen, zu machen, was die macht. Wittelshöfer: Wenn Sie aber 450 Stück machen, so wären das 99 kr. und in der Woche fl. 5 94. Sie haben aber nur st. 5'60 angegeben. — Exp. Nr. 125: Im Sommer mache ich 2800, das sind fl. 6'16. 16 kr. werden mir als Krankengeld abgezogen, dann bleiben mir fl. 6 für 9V- Stunden. Wittelshöfer: Sie haben gesagt, daß Sie im Sommer um eine Viertelstunde früher ansangen. — Exp. Nr. 125: Ja, es wird um ^ 57 Uhr Früh aufgesperrt. Wittelshöfer: Und im Winter? — Um '58, weil um ' 28 der Taglohn anfängt. Wittelshöfer: Können Sie da schon arbeiten? Da ist es ja noch dunkel. — Exp. Nr. 125: Man muß warten, bis es hell wird, das geht aber den Werkführer und den Beamten nichts an. Das ist unsere Sache, in der Fabrik müssen wir sein. Wittelshöfer: Ist das Pressen eine anstrengende Arbeit? — Exp. Nr. 125: Die Arbeit an und für sich ist vielleicht nicht so schwer, als die Maschine aufzuheben. Man muß die Formen herausnehmen. Die Maschine geht oft schwer auf. Man muß den ganzen Körper anstrengen, bis man sie aufbringt, und das ist sehr schwer. Im Winter, wenn das Holz Feuchtigkeit anzieht, zieht es sich sehr zusammen. Dr. Schwiedland: Sind von Ihren Colleginnen, welche weniger flink sind, viele auf Geschenke von Verehrern angewiesen? — Exp. Nr. 125: Ja, sehr oft. Dr. Schwiedland: Aus welchen Gesellschaftsclassen sind diese Verehrer? — Exp. Nr. 125: Meistens Arbeiter. — Exp. Nr. 123: Auch die Arbeiterin, von welcher ich früher gesprochen habe, welche krank ist und ihre Pension verdient hätte, hat einen so geringen Verdienst gehabt, daß sie Nachts im Orpheum bei den Marmorbildern mitwirken mußte und Tags in der Fabrik sein. Vorsitzender: Wie viel Wickel macht die Durchschnittsarbeiterin im Tag? — Exp. Nr. 125: 300 bis 400. Mehr nicht. Dr. v. Fürth: Ist der Preis für das Wickeln von 100 je nach der Sorte verschieden? — Exp. Nr. 125: Je besser die Sorte, desto besser die Bezahlung. Dr. v. Fürth: Ist die Arbeit bei den besseren Sorten nicht leichter? — Exp. Nr. 125: Ja, weil sie nur weniger zu machen brauchen, um denselben Lohn zn verdienen wie die Anderen. — Exp. Nr. 126: Für die besseren Sorten bekommen sie mehr bezahlt, und schönen Tabak haben sie auch und damit auch leichtere Arbeit. — Exp. Nr. 123: Nein, der Lohn ist so wie bei uns. (Ueber diese Frage entspinnt sich unter den Expertinnen ein Disput, welcher zu keinem bestimmten Ergebnisse führt.) Dr. Verkauf: Ein Begriff kehrt bei Ihnen immer wieder, das ist der Begriff Maximallohn. Darf denn Keine mehr verdienen als den Maximallohn? Wird ihr abgezogen, wenn sie mehr verdient? — Exp. Nr. 125 : Nein. Dr. Verkauf: Warum sprechen Sie also davon, daß Diejenige, welche weniger zu erzeugen braucht und eine bessere Zahlung hat, auch nicht mehr verdient als die Anderen? Was verstehen Sie unter Maximallohn? Ist er das Höchste, was Sie erreichen können? — Exp. Nr. 124: Für 100 Stück Puppen und Spinnen zusammen haben wir 47 kr. Der Lohn darf sich aber nicht höher als aus fl. 7 wöchentlich .belaufen, denn man 471 nimmt an, daß eine Arbeiterin nicht mehr leisten könne. — Exp. Nr. 125: Ich habe oft im Sommer um 200 mehr gehabt, da hat mich eine Arbeiterin beim Herrn verklagt, daß ich um 40 kr. mehr verdiene, und der Herr hat das verboten und hat gesagt, man darf das nicht machen. Dr. Verkauf: Das scheint mir klar zu sein, daß die Lohnverhältnisse höchst unklare sind, daß keine Arbeiterin weiß, was sie verdient und was der Accord ist. Sonst könnte das nicht vorkommen, daß die Expertinnen nicht wissen, was sie verdienen, und beim Accord von einem Maximallohn sprechen. Vorsitzender: Wenn Sie mehr machen, so bekommen Sie nicht mehr? — Exp. Nr. 125: Gezahlt muß sie es bekommen, aber der Herr darf es nicht wissen, sonst wird man in die Kanzlei geholt und wird ausgemacht, und es heißt dann: Machen Sie die Arbeit lieber besser. Vorsitzender: Man nimmt also an, daß die Arbeit schlecht ist. Dr. Ofner: Es wird wohl bei den feineren Sorten von den Herren verlangt, daß sorgfältiger gearbeitet wird? — Exp. Nr. 125: Ja. (Ueber Befragen des Vorsitzenden.) Mein Arbeitslocal ist im ersten Stocke. Ich arbeite vis-L-vis der Spinnerin. Da sitzen sechs Wicklerinnen und sechs Spinnerinnen an einem Tische. In unserem Saale sind solche neun Tische. Das Zimmer hat sieben Fenster Front. Die Ventilation wäre nicht schlecht. Unsere Abtheilung hat drei Aborte. Zu Mittag gehen wir manchmal nach Hause. Früh nehme ich Kaffee, am Abend kaufe ich mir irgend etwas. Vorsitzender: Leben Sie allein? — Exp. Nr. 125: Ich habe zu Bette gemiethet. Vorsitzender: Was bezahlen Sie dafür? — Exp. Nr. 125: fl. 1. P ern er st o rser: Ist das richtig, daß zu gewissen Zeiten die Mittagspause nur eine halbe Stunde währt? Ich möchte den Herrn Vorsitzenden bitten, daß er jede Expertin über diesen Punkt befragt, ob um 12 Uhr abgeläutet und um ^1 wieder angeläutet wird. Ist unter den Expertinnen oder Experten Jemand, der das Gegentheil weiß? — Exp. Nr. l29: Bei uns am Rennweg ist eine ganze Stunde. — Exp. Nr. 123: In der Roßau ist im Winter nur eine halbe Stunde. Pernerstorf er: Sagen das alle Expertinnen aus der Roßau? — Mehrere Expertinnen: Ja: Vorsitzender (zur Exp. Nr. 12^): Sie haben Niemanden zu versorgen? — Exp. Nr. 125: Nein, mein Vater, der allein ist, ist nicht bei mir. Vorsitzender: Sind Sie in einem Vereine? — Exp. Nr. 125: In einem Arbeiter-Bildungsverein. Vorsitzender: Lesen Sie öfter Zeitungen? — Exp. Nr. 125: Wir haben eine Bibliothek im Vereine. Dr. Schiff: Ist es in der Fabrik bekannt, wenn Arbeiterinnen einem Vereine angehören? — Exp. Nr. 126: Eine von uns hat einmal für Sinkende gesammelt; am Nachmittag hat es der Jnspector schon gewußt. Er hat sie holen lassen und hat ihr gesagt: „Ich kannte Sie noch als Kind, ich habe Sie das zweite Mal wieder ausgenommen als Waise. Was haben Sie von dem Arbeiterverein? Die ganze Nacht schwärmen Sie herum, und da werden Sie aufgehetzt. Heute, wo es zum ersten Male ist, maßregle ich Sie nicht, weil ich Sie berücksichtige, aber das zweite Mal sind Sie entlassen." Dr. Schiff: Ist der Betreffenden sonst nichts geschehen? — Expertin Nr. 126 : Nein. Sie solle das Geld hergeben, welches sie eingenommen hatte, hat er gesagt. Dr. Schiff (zur Expertin Nr. 125j: Haben Sie wegen Ihrer Mitgliedschaft beim Verein einen Anstand gehabt? — Exp. Nr. 125: Einmal hat mir sehr viel gefehlt. Da bin ich fechten gegangen. Da hat die Spinnerin mir den ganzen Snmatraabfall gelassen. Am anderen Tage Früh hat mich 472 eine Arbeiterin verklagt, daß ich den Suinatraabfall in der Lade habe. Ich mache die Lade auf, da kommt der Herr Werkführer her und fagt: „Was haben Sie da?" Ich sage: „Was soll ich darin haben; den Tabak." Jetzt sagt er: „Räumen Sie aus!" Ich habe den Tabak ausräumen und zum Herrn Adjuncten bringen müssen. Um 10 Uhr habe ich erst zu arbeiten bekommen. Ich habe den ganzen Tag nicht gewußt, was sein wird. Eine Strafe habe ich erwartet. Am Abend kommt der Herr Juspector nachschauen. Unglücklicherweise kommt er in die Kanzlei, wo der Pinkel liegt. Es war i «6 Uhr, alle Arbeiterinnen waren im Fortgehen, ich muß in die Kanzlei. Da sagt der Jnspector: „Was haben Sie?" Ich sage: Mir hat so viel gefehlt, ich habe keinen anderen Ausweg gewußt und habe den Tabak von den Anderen genommen. „Also gut," sagt er. Es war aber auch ein anderer Tabak, schlechter Tabak da, den haben wir aber zugewogen bekommen. Ein Beamter hat eine Kiste Tabak gebracht, hat den schlechten hergegeben und den haben sie daruntergemischt. Der Herr Jnspector hat gesagt, vom Sumatra will er nichts sagen, aber ich soll sagen, wo ich den Tabak her habe. Ich sage, ich komme ja nirgends hin, woher soll ich ihn haben? Er sagt: „Lügen Sie mir nicht so frech in's Gesicht. Sie waren jetzt wo und haben das genommen." Ich habe mich dagegen gewehrt und gesagt, meine Mutter war ehrlich, und zum Stehlen bin ich nicht gekommen. Da sagte er: „Ist es mit Ihrem Verein schon so weit, daß Sie zum Stehlen kommen? Es wird Alles zu Protokoll genommen, und Sie werden entlassen." Da haben wir einen Adjuncten gehabt, der war noch ein junger Beamter, und der hat mir gesagt, ich soll bitten, und weil ich das nicht wollte, hat er gesagt: „Sie sind ein Dickkopf, gehen Sie und holen Sie Ihr Zeugniß." — Die Arbeiterinnen, welche ein Gefühl gehabt haben, haben beim Thore gewartet. Ich war ganz verweint, und da sagte er: „Gehen Sie nur hinaus." Ich habe gesagt: „Ich schäme mich nicht, ich bin keine Diebin, ich gehe, aber wo andershin." Er sagte mir darauf: „Kommen Sie morgen wieder." Nächsten Tag bin ich wieder zu unserem Herrn Adjuncten gegangen, und da sagte er: „Ich habe für Sie geredet, lassen Sie das Ganze gehen." „Herr Adjunct," sage ich, „Sie wissen, daß wir den Tabak so fassen. Sie haben es hundertmal schon gesagt, die Kiste wird bald gar sein, und Sie lassen das auf mir, daß ich gestohlen habe. Sie als Beamter können eher reden." Er hat auch für mich gesprochen, und sie haben mich drei Tage spazieren geschickt, daß ich nicht entlassen werde. Jetzt bin ich bereits acht Jahre in der Arbeit, und wenn ich mich beklagt habe, weil mir jüngere Arbeiterinnen vorgezogen werden, so sagt der Herr Adjunct: „So einem Wildling, wie Sie, kann man das Spinnen nicht geben." Exp. Nr. 123: Auch mir ist mit der Maßregelung gedroht worden. Ich habe vor der Arbeitszeit im Hofe mit einer Collegin gesprochen darüber, daß unsere Leute sich nicht in die Organisation bringen lassen; wir haben über den Druck gegen die Arbeiterinnen und über den drückenden Lohn gesprochen. Da hat man mich verklagt. Es sind mehrere Zeugen gerufen worden, da hat mir zum Schlüsse der Herr Adjunct gesagt, ich solle Arbeitersachen nicht hereinziehen, und die „Arbeiter-Zeitung" darf er bei mir nicht sehen, sonst wäre er gezwungen, die Anzeige zu machen. Auch der Herr Werkführer hat mir ein paar Mal damit gedroht. Dr. Ofner: Wem unterstehen Sie? — Exp. Nr. 124: Es ist ein Werkführer, dann kommt der Herr Adjunct, der ist aber beim Werksührer nichts, denn dieser sagt immer: „Ich werde Sie zum Herrn Jnspector führen." Dr. Ofner: Sind die Herren Ihnen gegenüber grob? — Expertin Nr. 125: Manchmal ist es noch zum Mitnehmen, manchmal aber hört man: „Halten Sie die Pappen!" Dr. Ofner: Haben Sie sich sonst noch über das Benehmen zu beklagen? — Exp. Nr. 125: Nein, nur wenn dem Herrn Adjuncten Eine besser zu Gesicht steht, so bekommt sie einen Nachtrag oder bessere Cigarren. Exp. Nr. 124 (über Befragen seitens des Vorsitzenden): Ich bin beim Puppen und Spinnen beschäftigt, arbeite mit kurzer Unterbrechung seit sieben Jahren. Spinnerin bin ich erst seit vier Jahren, die übrige Zeit war ich Wicklerin. Ich war immer bei der ordinären Waare. Wir haben einen Beamten gehabt, der jetzt in Neutitschein ist, und der hat mir Alle vorgezogen, obzwar ich die Arbeit gut gemacht habe. Er hat mich nicht leiden können und hat gesagt, so lange er in der Roßau ist, werde ich nicht avanciren. Erst unter dem jetzigen Adjuncten bin ich vorwärts gekommen. Vorsitzender: Wie viel Stück Wickel haben Sie gemacht? — Exp. Nr. 124: Ich war eine schwache Arbeiterin und habe nur fl. 3, auch nur fl. 2 verdient, manchmal fl. 4; zum Schlüsse, wie ich avancirt bin, fl. 5 und 6. Vorsitzender: Wie lange spinnen Sie zugleich? — Expertin Nr. 124: Vier Jahre. Vorsitzender: Wie viel Stück machen Sie pro Tag? — Expertin dir. 124: Im Sommer ist uns erlaubt 1600 in der Woche, und im Winter eine Woche 1400 und eine Woche 1500 zu machen. Ich bringe aber diese Arbeit nicht zu Stande; äußerst selten habe ich im Sommer in einer Woche 1600, im Winter 1300, auch nur 1100. Vorsitzender: Welches ist der Accordsatz für 100? — Expertin Nr. 124: 47 kr.; da müssen wir puppen und spinnen. Es müssen die Puppen gemacht und dann müssen sie überspannen werden; fl. 7 32 für 1600 wäre der höchste Verdienst. Dr. Ofner: Wie viel verdienen Sie wirklich? — Exp. Nr. 124: Jetzt fl. 6-90. Vorsitzender:. Was verdienen Sie im Winter? — Exp. Nr. 124: Für 1100 fl. 5; wenn ich 1200 oder 1300 machen soll, muß ich mich schon sehr plagen und nach der Uhr arbeiten. Vorsitzender: Wie steht es mit der Arbeitszeit? — Expertin Nr. 124: Wenn ich in der Früh um eine Viertelstunde früher komme, so ist es für mich besser, weil ich mehr zusammenbringe. Vorsitzender: Wie ist das Arbeitslocale? — Exp. Nr. 124: Geräumig. Dr. Schüller: Es war davon die Rede, daß viel ausgemustert wird. Geht das vorn Lohne ab? — Exp. Nr. 124: Das ist der Schaden der Arbeiterin. Dr. Schüller: Wie viel verlieren Sie durch das Ausmustern? — Exp. Nr. 124: Das ist verschieden. Ich habe einmal bei Trabucco, weil mich die Uebernehmerin nicht hat leiden können, bei 200 37 Ausschuß gehabt. Dr. Schüller: Und wie ist es bei der jetzigen Arbeit? — Expertin Nr. 124: Jetzt sind wir nicht so sekirt. Es werden uns höchstens ein bis zwei Stück bei 200 zurückgewiesen. Da muß ich dann frische machen. Dr. Schüller: Der Lohn bleibt aber so, wie Sie ihn angegeben haben? — Exp. Nr. 124: Ja. — Exp. Nr. 125: Gerade diese Woche habe ich bei dem vielen Ausschuß um 66 kr. weniger bekommen und war dadurch sehr ausgehalten. Dr. Schüller: Wie viel ist der Ausschuß gewöhnlich? — Expertin Nr. 125: Drei bis fünf Stück; das bringt man sich wieder ein. Dr. Ofner: Müssen Sie das bezahlen, was Sie da noch an Tabak bekommen, da das Blatt verdorben ist ? — Exp. Nr. 124: Nein, in Geld nicht. Vorsitzender: Wie viel Stück haben Sie Nachtrag?— Expertin Nr. 124: Wir können 2000 bis 2500 rechnen bis wir 10 Nachtrag be- 474 kommen. Das ist nur jetzt, weil der Tabak schlecht ist. Früher bei Damas hat es keinen Nachtrag gegeben. (Ueber Befragen.) Ich bin verheiratet, mein Mann ist Perlmutterdrechsler, verdient wenig, jetzt gar nichts. Wir wohnen allein und zahlen für Cabinet und Küche fl. 6. Morgens nehme ich Kaffee, Mittags die Kost aus der Küche, oder ich kaufe mir etwas Anderes; am Abend kaufe ich höchstens ein Viertel Wein, oder ich trinke Kaffee. Vorsitzender: Gehört Ihr Mann der Drechslergewerkschaft an? — Exp. Nr. 124: Ja. Wittelshöfer: Wie wird die Reinigung des Locals besorgt? — Exp. Nr. 124: Das müssen wir selbst thun. Wir müssen um eine halbe bis drei Viertelstunden früher aufhören, und das ist unser Schaden. Wittelshöfer: Wie wird das Local ausgewaschen? — Expertin Nr. 124: Jede Arbeiterin muß ihren Platz reiben. Wittelshöfer: Und die Fenster? — Exp. Nr. 124: Von den dafür Angestellten. Wittelshöfer: Wird geweißt? — Exp. Nr. 124: Wir haben einen Maurer, der das macht. Wittelshöfer: Warum haben Sie Ihre Arbeit unterbrochen? — Exp. Nr. 123: Da habe ich geheiratet, und ich war auch kränklich. Dr. Schwiedland: Sie haben früher davon gesprochen, daß Sie Bäder benöthigen. Ihr Mann verdient wenig; wenn Sie nun vom Magistrat die Bäder bekommen würden, könnten Sie sie benützen? Sie müßten ja die Arbeit aussetzen? — Exp. Nr. 123: Da müßte ich sparen. Dr. Schwiedland: Haben Sie nicht für andere Personen zu sorgen? — Exp. Nr. 123: Nein. Dr. Lode: Wenn Sie so ein Bad benützen würden, hätten Sie das Recht, um 4 Uhr die Arbeit zu verlassen? Und brauchten Sie den Rest des Tages nicht mehr hinzukommen, oder könnten Sie am Vormittag eine Stunde aussetzen? — Exp. Nr. 123: Dann müßte ich zum Herrn Beamten gehen; wenn er gut gelaunt ist, so läßt er mich fort. Dr. Lode: Kommt das vor, daß Sie, wenn Sie ein dringendes Geschäft haben, einige Stunden während der Arbeitszeit weggehen dürfen? — Exp. Nr. 123: Je nachdem die Herren gelaunt sind. Dr. Verkauf: Würden Sie nicht das Krankengeld bekommen, wenn Sie ein Heilverfahren anträten? — Exp. Nr. 123: Nein. Ich war als krank bei meiner Schwiegermutter aus dein Lande. Ich habe nichts bekommen und habe Urlaubsgeld zahlen müssen für die Krankencasse. Ich habe damals das Exsudat gehabt, und wie ich auf dem Wege der Besserung war, hat der Doctor das Land angeordnet. Dr. Verkauf: Wie lange waren Sie damals im Krankenstand? — Exp. Nr. 123: Fünf Wochen. Dr. Verkauf: Und dahat man Ihnen schon das Krankengeld entzogen? — Exp. Nr. 123: Ja. — Exp. Nr. 122: In unserer Abtheilung war Eine lungenkrank und ist bis zur letzten Minute in der Arbeit gewesen. Wir haben gesagt, sie soll zum Doctor gehen, und sie hat gesagt, der Doctor läßt sie nur ein paar Tage zu Hause. Endlich war sie acht Tage zu Hause, und da ist ihr die Post geschickt worden, wenn sie am Montag nicht m die Arbeit kommt, wird sie gestrichen. Sie war also gezwungen, zu kommen. Dann ist sie zum Doctor gegangen, und er hat gesagt, sie soll sich 14 Tage lang halten und aufs Land gehen. Sie sagt darauf: „Wie soll ich auf's Land gehen, ich habe Niemanden, der mir was gibt!" Er hat darauf gesagt, sür's Land gibt's kein Krankengeld. Alle sind bitten gegangen, und man hat gesagt, sie kann es nicht mehr länger mitmachen als drei bis vier Wochen. Drei Jahre war sie in der Arbeit und war nie im Krankenstand. Da hat der Doctor gesagt: „Ich muß zuerst mit dem Jnspector sprechen." Sie hat dann vier Wochen Krankengeld bekommen, hat es aber nur drei Wochen und einige Tage noch mitgemacht. Dr. Verkauf: Was geschieht mit den eingezahlten Krankenbeiträgen ? — Exp. Nr. 123: Wir haben keinen Einblick. — Exp. Nr. 122: Wenn Eine acht Tage krank ist, so heißt es, sie muß in die Arbeit gehen, ob sie kann oder nicht. Dr. Verkauf: Wie war der Name dieser Arbeiterin, von der Sie gesprochen haben? P er n e r st o rf e r: Das wollte ich auch fragen. — Exp. Nr. 122: Fräulein Kutschers. — Exp. Nr. 124: Ich weiß auch von zwei Arbeiterinnen. Eine war meine Freundin, die war drei Wochen krank, sie war lungenkrank, hat durch drei Wochen das Krankengeld bezogen. Er hat mich immerfort gefragt, wann denn die Maier wieder hinkommt. Ich sagte: „Ich weiß nicht, es ist ihr schlecht; ich war schon acht Tage nicht bei ihr." Am nächsten Samstag sagte mir der Krankenvater, sie muß am Montag kommen, sonst wird sie gestrichen. Am Montag ist sie nicht gekommen, und Donnerstag war sie eine Leiche. P ern ersto rf er : Wie hat sie geheißen? — Exp. Nr. 124: Leopoldine Maier. Pernerstorfer: Können Sie dafür einstehen, daß das richtig ist? — Exp. Nr. 124: Ja. Der Arzt war der Dr. Stenzel. Exp. Nr. 124: Eine Arbeiterin ist jetzt in der Arbeit — ihr Sohn ist bei der Tramway — die war auch einige Zeit zu Hause krank, vielleicht drei Wochen. Da ist um sie geschickt worden und gesagt worden, wenn sie nicht komme, werde sie entlassen. Sie ist eine alte pensionsfähige Arbeiterin. Der Jnspector hat gesagt, sie muß arbeiten; der Doctor hat aber gesagt, sie muß noch zu Hause bleiben. — Exp. Nr. 123: Der Doctor trägt einer Jeden an, sie solle sich einen Krankenurlaub nehmen. Dr. Schwiedland: Wann ist die Leopoldine Maier gestorben? — Exp. Nr. 124: Am 18. Jänner 1889. Dr. Schmied land: Wann war der Fall Kutschera? — Expertin Nr. 122: Im August oder September vorigen Jahres. Am Rennweg war auch so ein Fall. Es war Eine krank, sie hat durch ein Paar Wochen das Krankengeld bekommen, und der Doctor hat gesagt, sie soll in die Arbeit gehen. Sie sagt daraus: „Herr Doctor, wenn ich hineingehe, so wird's schlechter." Darauf sagt der Doctor: „Na, nehmen Sie einen Urlaub, Krankengeld bekommen Sie nicht." Dr. Verkauf: Ist sie noch jetzt krank? — Exp. Nr. 122: Jetzt ist es besser, aber in der Arbeit ist sie nicht. Sie ist ausgeblieben, weil die Arbeit ihr nicht gut thut. Dr. Verkauf: Wie lange war sie damals fort? — Exp. Nr. 122: Drei bis vier Wochen war sie zu Hause, und dann hat er gesagt, er gibt ihr kein Krankengeld. Dr. Verkauf: War sie noch krank, als ihr das Krankengeld entzogen wurde? — Exp. Nr. 122: Ja, einige Wochen, jetzt ist sie noch nicht ganz gesund. Dr. Verkauf: Aber sie war damals arbeitsunfähig? — Expertin Nr. 122: Ja, sie hat nicht arbeiten können. Eine war auf Besuch dort, wie der Doctor dort war, und die hat ihr gesagt, jetzt, wo ihr so viel auferlegt wird, soll sie nicht in die Arbeit gehen. Der Doctor hat die Betreffende ausgefragt, und am anderen Tag hat er dem Herrn Jnspector erzählt, daß Eine dort war und gesagt hat, die Leute müssen lungenkrank werden, weil sie so viel zu arbeiten haben. Der Jnspector hat dem Aufseher gesagt, er soll aufpassen, wer Diejenige war, welche das verrathen hat, und er hat sich Mehrere rufen lassen; Jede hat aber gesagt, sie war es nicht. Exp. 8 : Meine Frau ist im December 1890 erkrankt. Es war ihr schlecht. 476 Wir wollten den Doctor holen, der war nicht da. Was ihr fehlte, hat man nicht gewußt. Sie hat über Schmerzen gejammert und hat Gebärmutter- krämpfe bekommen. Man hat sie aber dann, ohne daß der Doctor da war, nach Hause geschickt. Am Nachmittag ist der Dr. Stenzel gekommen. Er hat gesagt, es wird schon besser werden, und hat ihr etwas verschrieben. Es ist aber nicht vergangen. Die Krämpse haben 42 Stunden gedauert, und in der Zeit sind Entzündungen entstanden. Er hat ihr einen Kramperlthee verschrieben und Stuhlzapfen, um die Schmerzen zu lindern, sie sind aber nicht gelindert worden. Ich habe einen anderen Arzt geholt, den ich natürlich bezahlen mußte, und er hat ihr etwas um 36 kr. verschrieben, und der Frau war geholfen. Aber in diesen 42 Stunden war die Krankheit entstanden, und es hat 13 Wochen gedauert, bis ihr besser geworden ist. In den 13 Wochen sagte der Dr. Stenzel, sie kann aufstehen, sie soll zu ihm in die Ordination kommen. Sie geht zu ihm, kommt nach Hause, wird recidiv und ist wieder gelegen. Dr. Osner: Sie haben also neben diesem Doctor noch einen zweiten Arzt geholt? — Exp. ll: Ja, weil der Erste nicht gekommen ist, wie ich ihn darum ersucht habe. Dr. Osner: Hat die Frau das Krankengeld bekommen? — Exp. L: Bis zur 18. Woche. Dann hat man gesagt, sie muß arbeiten gehen; sie konnte aber nicht. Dr. Osner: Wie lange war sie noch krank, ohne Krankengeld zu erhalten? — Exp. ll: Drei Wochen; da hat sie einen „Urlaub" gehabt. Sie hat den Beitrag zur Krankencasse zahlen müssen. Vorsitzender: Dieser Urlaub besteht also darin, daß die Kranken kein Krankengeld bekommen, nicht zu arbeiten brauchen und nicht entlassen werden. — Exp. U: Ist ein Patient über 20 Wochen krank, so wird er entlassen. Dr. Verkauf: Wenn nach den 20 Wochen der Tod eintritt? — Exp. L: Dann bekommen die Angehörigen nichts. Dr. Verkauf: Das Ministerium des Innern entscheidet aber für andere Krankencassen, daß das Leichengeld zu geben ist. — Exp. R: Das ist hier nicht der Fall. Mittel shöfer: In welchem Falle wird ein Krankenurlaub gegeben? — Exp. U: Wenn der Patient aufsteht und ein bischen im Zimmer herumgehen kann, so sagt der Doctor: „Nehmen Sie sich einen Urlaub", denn er spart nur für das Institut. Wittelshöfer: Wenn der Patient also noch nicht arbeitsfähig ist, so sagt der Arzt: „Gehen Sie nicht in die Fabrik, aber nehmen Sie sich einen Urlaub." — Exp. ll : Er sagt: „Gehen Sie arbeiten." Der Kranke kann aber nicht arbeiten und muß zu Hause bleiben. Wittelshöfer: Das ist innerhalb der 20 Wochen? — Exp. U: Ja; wenn es aber auch nur drei bis vier Wochen dauert, und wenn in der dritten Woche der Krankenvater kommt und controlirt und findet den Patienten außer Bett, so meldet er das, und der Betreffende wird gestrichen und bekommt kein Krankengeld. Er muß in die Arbeit gehen oder einen Reconvalescenten-Urlaub nehmen. Wittelshöfer: Wenn Einer 20 Wochen krank war, kann er da noch einen Urlaub bekommen? — Exp. R : Er bekommt den Urlaub, sein Krankengeld muß er zahlen. Dr. Schwiedland: Was ist der schon mehrmals erwähnte Krankenvater? — Exp. U: Das ist ein Aufseher. Dr. Schwiedland: Wie alt? — Exp. L: 38 Jahre. Dr. Schwiedland: Der schaut in den Wohnungen nach? — Exp. R: Ja. Vorsitzender: Bekommen Diejenigen, welche im Taglohn stehen, 477 diesen Lohn während ihres Krankenurlaubes fort? — Exp. U: Nein. Wenn ein Feiertag ist, wird er auch nicht gezahlt. —Exp. Nr. l23: Vor zwei Jahren hatten wir einen Krankenvater, der hat das Krankengeld der Arbeiterinnen unterschlagen und ist ihnen das Geld schuldig geblieben. Die Arbeiterinnen haben sich gar nicht getraut, das weiter zu sagen. Einmal ist der Doctor dahinter gekommen, und der hat in den Sack gegriffen und hat dem Vater des Mädchens das Geld gegeben. In einem anderen Falle hat der Aufseher st. U40 einer Arbeiterin unterschlagen, welche sich ihre Pension für 15 Jahre schwer errungen hatte. Diese Arbeiterin hat sich auch nicht gemeldet. Nach acht Monaten ist der Krankenvater entlassen worden, hat aber heute wieder einen Posten auf der Franz Josefs-Bahn. Damals ist die Aufsichtsfrau gekommen und hat vom Herrn Jnspector aus gemeldet, Diejenigen, welche noch etwas zu bekommen haben von dem, der die Gelder unterschlagen hat, sollen sich melden. Die Frau, von der ich gesprochen habe und die gar nichts gesagt hat, hat sich gemeldet, weil sie das Geld gebraucht hat. Der Aufsichtsfrau war das aber nicht recht, sie hat sie beim Jnspector verschwärzt; da hat ihr der Jnspector eine Moralpredigt gehalten. Er hat sie in die Kanzlei rufen lassen; sie war schon acht Monate schwanger, hat ihr nicht einmal einen Stuhl angetragen. Sie hat gar nicht mehr stehen können. Er hat sie angeschrien, und sie mußte vor Aerger nnd Aufregung am nächsten Tage entbinden. Das Kind war noch nicht ausgereift. Nachträglich hat sie das Geld bekommen. Wittelshöfer: Wer zahlt das Krankengeld aus? — Exp. Nr. 123: Der Herr Secretär an die Kranken, oder eine Arbeiterin nimmt es für ihre Nachbarinnen, wenn sie krank sind. Wittelshöfer: Wer zahlt die Löhne aus ? — Exp. Nr. 123: Zwei Beamte und ein Werkführer. Wittelshöfer: Haben Sie Bücher, wo das aufg schrieben wird? — Exp. Nr. 123: Ja. Exp. L : Ich möchte noch einen Fall erwähnen. Einmal hat meine Frau abortirt und hat die Frucht verloren. Man hat den Arzt geholt, er ist nicht gekommen. Ich habe nur die Hilfe emer Madame gehabt. Ich war nicht in der Lage, mir einen Arzt zu holen und ihn zu bezahlen. Ich bin zum Herrn Jnspector gegangen und habe ihm das geklagt, er hat aber kein Mittel gehabt, um den Arzt zu zwingen. Am fünften Tage bin ich wieder zum Herrn Jnspector gegangen und habe ihm gesagt, der Doctor war noch nicht da. Ich bin dann zur Polizei gegangen und habe das angezeigt, nnd jetzt ist der Doctor gekommen. Dr. Verkauf: Wird ein Hebammeubeitraq geleistet? — Expertinnen Nr. 122 und 123: Nein. Dr. Verkauf: Nach dem Gesetze ist aber der Hebammenbeitrag auch zu beanspruchen. Dieser Beitrag wird von sämmtlichen Krankencassen Wiens gewährt. Wird den Wöchnerinnen eine Unterstützung gewährt? —Expertin Nr. 123: Jede Woche st. 3 Krankengeld durch vier Wochen. Dr. Schüller: War schon eine von den Expertinnen ohne Krankengeld aus „Urlaub" ? — Exp. Nr. 123: Ich war sechs Wochen ohne Krankengeld fort. — Exp. Nr. 125: Ich 14 Tage. Vorsitzender (zur Exp. Nr. 123): Lesen Sie öfter Zeitungen? — Exp. Nr. 123: Manchmal. Exp. Nr. l27 (gibt über Befragen des Vorsitzenden an): Ich bin in einem anderen Saale. Ich bin Spinnerin, und zwar seit fünf Jahren. Ich bin aus der Provinz gekommen, wo ich gelernt habe. Ich spinne mir und mache die U-Cigarren, wo das Stück 3^2 kr. kostet; im Tage 400, im Winter weniger. Bei den U-Cigarren ist das schlechteste Material. Die Decken sind so klein, daß man nicht einmal schneiden kann. Heute haben wir von der Direction einen Besuch gehabt, und da haben sie die Decken versteckt, welche 478 wir hätten zur Arbeit bekommen sollen, weil sie schlecht waren. Wir haben die Decken erst herausbekommen, als der Besuch vorüber war. Da haben wir eine Stunde warten müssen. Exp. Nr. 123: Heute ist uns wieder etwas passirt. Die Leute haben müssen mit hungrigem Magen bis '?s1 Uhr im Saale eingesperrt bleiben wegen des Besuches. Der Herr Hofrath war da und noch ein Herr. Die Leute haben essen gehen wollen, aber man hat gesagt: „Wir können Euch nicht helfen," und so haben wir bis Vsl Uhr warten müssen. Exp. Nr. 127 (setzt ihre Aussage fort): Ich habe einen Accordlohn von 23 kr. für's Hundert. Wenn ich sehr viel arbeite, verdiene ich fl. 5 bis 6 wöchentlich. Wenn ich den ganzen Tag ausnützen kann, so habe ich fl. 6. Ich bringe es aber beim schlechten Material gewöhnlich nicht zu Stande. Von den fl. 5'50, die ich jetzt verdiene, wird der Krankencassenbeitrag abgezogen. Mittags gehe ich nach Hause. Ich bin verheiratet; mein Mann war Maurer, jetzt ist er Zeitungsausträger und verdient fl. 4. Wir haben eine eigene Wohnung, Zimmer, Küche und Gassenladen. Der Gassen- laden ist vermiethet. Ohne den Laden zahlen wir fl. 5 Zins. Ich habe ein Kind. Unglückliche Entbindungen habe ich nicht durchgemacht. Vorsitzender: Wie ernähren Sie sich? — Exp. Nr. 127: Früh Kaffee, Mittags um 10 kr. Fleisch, davon haben wir alle Drei Suppe, das Fleisch schneiden wir in die Suppe. Am Abend Kaffee. Vorsitzender: Ist das vielleicht Pferdefleisch? — Exp. Nr. 127: Das kann ich nicht essen, es ist zu schwer; ich bin brustleidend. Vorsitzender: Haben Sie Jemand zu unterstützen? — Expertin Nr. U27: Nein. Vorsitzender: Da Ihr Mann Zeitungsausträger ist, so werden Sie vielleicht lesen? — Exp. Nr. 127: Ich habe keine Zeit dazu, ich muß zu Hause das Häusliche besorgen. Dr. Riedl: Ist das das einzige Kind, welches Sie gehabt haben? — Exp. Nr. 127: Hier habe ich noch keines gehabt. Ich bin immerfort krank. Ich habe zwei Exsudate im Bauch. Vier Kinder sind gestorben. Dr. Ried l: Waren Sie schon damals Tabakarbeiterin? — Expertin Nr. 127: Ja, in der Provinz. Dr. Riedl: In welchem Alter sind die vier Kinder gestorben? — Exp. Nr. 127: Eines neun Monate, das zweite sechs Monate alt, das dritte war eine Frühgeburt. Dr. Riedl:' Woran sind die Kinder gestorben? — Exp. Nr. 127: Das eine hatte Fraisen, das andere eine Krankheit im Bauch, und das dritte war am Bauch ganz blau. Dr. Riedl: Wie haben Sie die Kinder ernährt? — Exp. Nr. 127: Aus dem Lande in der Kost, dafür habe ich fl. 8 monatlich gezahlt. Das Eine hat es nicht schlecht gehabt. Die Frau hat es sehr gut behandelt. Aber die Frau hat gesagt, daß es Brand im Bauch bekommen hat. Das zweite hat es schlechter gehabt. Ich habe nicht hinfahren können, weil mir das Geld gefehlt hat. Es war zwei Stunden von meinem Arbeitsort. Vorsitzender: Können Sie sich in der Fabrik waschen, wenn Sie fortgehen? — Exp. Nr. 127: Es ist ein Waschkasten da für das Hände- waschen, für den ganzen Saal einer. Das Wasser wird hineingetragen. Seife haben wir nicht. Zwei Handtücher sind da für den ganzen Saal. Sie werden in der Woche einmal gewechselt und sind sehr schmutzig. Sie dienen für 54 Personen. Dr. Ofner: Wie viele Handtücher sind in dem Saale, wo 100 Personen sind ? — Exp. Nr. 125: Es sind etwas weniger. Es sind neun Tafeln und auf jeder Tafel ein Handtuch. — Exp. Nr. 127: Die zwei Handtücher sind beim Waschkasten, die anderen sind da, weil wir die Gegen- 479 stände, welche wir bei der Arbeit brauchen, abtrocknen müssen, und da haben wir sür jede Tafel auch ein Handtuch. Dr. Schwiedland : Ist das sür das Händeabwischen oder für das Werkzeugputzen? — Exp. Nr. 127: Zum Händeabtrocknen ist eines extra für Alle zusammen. Das andere ist zum Werkzeugabputzen. Dr. Schwiedland: Ist das auch für die ganze Woche? — Expertin Nr. 127: Ja. — Exp. Nr. 126: Wir haben im Saal kein Handtuch zum Abtrocknen, das höre ich jetzt zum ersten Male. Dr. Schwiedland: Müssen Sie nicht die Werkzeuge abputzen? — Exp. Nr. 126: Ja, aber mit den Handtüchern, womit wir die Hände abtrocknen. Exp. Nr. 128 (gibt über weiteres Befragen an): Ich habe dieselbe Arbeit wie die Exp. Nr. 124 und mache in einer Woche 1500, in der anderen 1600 Stück Manilas. Der Verdienst ist der gleiche wie der der Exp. Nr. 124. Es ist ein Gedinglohn. Wenn ich aber nur einen halben Tag zu Hause bleibe, werden mir auch 100 Cigarren abgezogen, und ich darf dann statt 1500 nur 1400 abgeben, auch wenn ich 1600 machen könnte. Dr. Schiff: Können Sie sich nicht die 100 Stück für die nächste Woche aufheben? — Exp. Nr. 128: Das nützt mir nichts. Exp. Nr. 124 (zur Exp. Nr. 128): Das kannst aber nur Du allein leisten. Exp. Nr. 128: Ja, die Anderen machen selten ihre volle Zahl, ich mache sie immer. Dr. Schiff: Also Sie liefern 1600 ab, weil Sie aber einen halben Tag zu Hause waren, so werden Ihnen nur 1500 bezahlt? — Expertin Nr. 128: Ich darf überhaupt nicht so viel abgeben. Vorsitzender: Das geht aus dem Princip hervor, daß nicht geschleudert werden darf. — Exp. Nr. 128: Ich bin verheiratet, mein Mann ist Arbeiter und verdient fl. 9. Ich habe zwei Kinder, ferner habe ich eine Fehlgeburt gehabt. Wir wohnen im 17 Bezirk mit den Eltern und zahlen fl. 13 monatlich für die Wohnung. Vermiethet haben wir von der Wohnung nichts. Die Mutter gibt auf die Kinder Acht, aber die Eltern zahlen nichts, außer der Vater gibt etwas zur Kost her. Der Vater ist Kutscher. Er verdient fl. 9; fl. 5 braucht er selbst, und fl. 4 gibt er her. Wir essen alle Tage Suppe, Fleisch und Zuspeise, Früh Kaffee, am Abend wenn etwas von Mittag zurückbleibt. Zu Mittag gehe ich nach Hause essen. Vorsitzender: Ist das in einer halben Stunde möglich? — Exp. Nr. 128: Ich habe müssen bitten gehen, daß ich um 1 Uhr hinein darf. Vorsitzender: Gehören Sie einem Vereine an? — Exp. Nr. 128: Das ist mir nicht möglich. Vorsitzender: Lesen Sie eine Zeitung? — Exp. Nr. 128: Die „Arbeiter-Zeitung". Vorsitzender: Gehen Sie vielleicht einmal in's Theater? — Exp. Nr. 128: Dazu habe ich kein Geld. W i ttels h ö f er: Wie lange sind Sie in der Fabrik? — Expertin Nr. 128: Acht Jahre. Mittels höfer: Seit wann spinnen Sie? — Exp. Nr. 128: Seit zwei Jahren. Mittels höfer: Haben Sie gleich 1500 bis 1600 Stück machen können? — Exp. Nr. 128: Da habe ich lange warten müssen. Zuerst war ich bei den minderen Cigarren, bei den U-Cigarren. Da habe ich fl. 2 bis 3 beim Spinnen verdient. Vorher als Wicklern: im Durchschnitt fl. 5. Im Ansang fl. U50, 1'80 bis 2. W i tt e l s h ö f er: Warum sind Sie dann zum Spinnen übergegangen, wenn Sie im Anfang nur fl. 2'50 verdient haben? Wie lange hat denn das gedauert? — Exp. Nr. 128: Ein halbes Jahr. 480 Mittel shöfer: Haben Sie den Wechsel freiwillig vorgenommen? — Exp. Nr. 128: Ja. Wittelshöfer: Sie haben damit gerechnet, daß Sie später einen besseren Verdienst bekommen werden? — Exp. Nr. 128: Ja. Dr. Schiff: War der Gedingsatz für Sie als Wicklerin immer derselbe? — Exp. Nr. 128: Ja. Dr. Riedl: Wie haben Sie beide Kinder im ersten Lebensjahre ernährt? — Exp. Nr. 128: Milch haben sie getrunken, Ablesemilch. Dr. Riedl: Selbst gestillt haben Sie nicht? — Exp. Nr. 128: Das Letzte war sechs Monate bei der Brust. Dr. Lode: Wie machten Sie das beim Stillen? Wenn Sie das Kind sechs Monate an der Brust hatten, wie verträgt sich das damit, daß Sie den ganzen Tag in der Fabrik waren? — Exp. Nr. 128: Wenn es geweint hat, hat ihm die Mutter^ein Koch gegeben, und dann hat es warten müssen, bis ich Mittags nach Hause gekommen bin. Exp. Nr. 129 (gibt über Befragen an): Ich bin in der Rennweger Fabrik beschäftigt und spinne mit einer Wicklerin. Ich arbeite schon seit neun Jahren. Gelernt habe ich sechs Wochen. Nachher bin ich in Gedinglohn gekommen und habe fortwährend Wickel gemacht. Wir haben eine Mittagspause von einer Stunde. Beschäftigt sind vorwiegend Frauen, meist verheiratete, manche sind über 40 Jahre alt. Zu Hause wird nicht gearbeitet. Bezüglich des Arbeitsantrittes ist es so wie in der Roßau; man meldet sich an, und zwar meistens am Donnerstag. Aufgenommen werden nur Arbeiterinnen aus Wien. Dr. Ofner: Wie viel haben Sie in den ersten sechs Wochen verdient? — Exp. Nr. 129: fl. 3. 10 kr. sind abgezogen worden für das Krankengeld. Es hat ein Jahr gedauert, bis ich fl. 4 verdient habe. Am meisten habe ich als Wicklerin durch drei Jahre verdient, wo ich die Regalitas gemacht habe. Da hat der Verdienst wöchentlich fl. 6'35 ausgemacht. Jetzt, hie ganzen sechs Monate, wo ich spinne, habe ich nur fl. 3'50, bestenfalls fl. 4 verdient. Wittelshöfer: Wie ist die Arbeitszeit? — Exp. Nr. 129: Von 7 bis 12 Uhr und von 1 bis '/-O Uhr im Sommer, von 8 bis 12 Uhr und von 1 Uhr bis es finster wird im Winter, manchmal nur bis 4 Uhr. Wittelshöfer: Tann können Sie fortgehen? — Exp. Nr. 129: Ja. Wittelshöfer: Wie ist es in der Roßau? — Exp. Nr. 122: Um R8 Uhr längstens muß man kommen. Wittelshöfer: Auch im Winter, wenn es so dunkel ist, daß man vor 8 Uhr nicht arbeiten kann? — Exp. Nr. 122: Dann müssen wir auch um ' 28 Uhr kommen- Wittelsh öfer: Was machen Sie da? — Exp. Nr. 122: Wir können schon arbeiten, wenn wir wollen. — Exp. Nr. 127: Die Spinnerin muß fitzen, bis es licht wird. Wittelshöfer: Aber da sein muß sie? — Exp. Nr. 127: Ja, und sitzen. — Exp. Nr. 125: Wir können auch in der Zeit nichts arbeiten. Dr. Schüller: Wir haben wiederholt gehört, daß nicht genügend Deckblätter da find und daß da ausgeborgt wird. Es wird schlechteres Material genommen. — Exp. Nr. 122: Noth an Deckblättern ist immer. Vorige Woche haben die von der Specialität nach Hause gehen müssen. Dr. Schüller (zur Expertin Nr. 129): Ist das bei Ihnen auch so, daß Sie von Anderen Deckblätter ausborgen? — Exp. Nr. 129: Ja. Dr. Schüller: Dann werden die Cigarren schlechter, als sie sein sollen. — Exp. Nr. 129: Natürlich. Dr. Schüller: Wer hat denn ein Interesse, daß Sie das schlechtere Material bekommen? Man sagt, der Herr Jnspector darf es nicht sehen. 481 — Exp. Nr. 126: Freilich darf er es nicht sehen. Diejenige, die fechten geht, wird bestraft. Dr. Schüller: Wer hat aber das Interesse daran? Vorsitzender: Der Sumatra ist ungeheuer theuer. Dr. Schüller: Wenn aber der Staat ein Interesse daran hätte, dann kann der Jnspector nichts dagegen haben. — Exp. Nr. 123: Heute war auch so ein Fall. Wie der hohe Besuch da war, wurde in der Aus- wage ein schönes Deckblatt vorgelegt. Der Beamte hat mir gesagt, ich darf die Cigarren nicht stecken lassen, wenn der Herr kommt, sie sind zu schwarz- farbig, ich soll schöne Farben aussuchen. Ich habe geantwortet, daß ich keine anderen habe; da habe ich 100 gefaßt, und die waren schöner. Vorsitzender: Das kann aber doch nicht vorkommen, daß man aus einem anderen Tabak das Deckblatt nimmt, das wird ja sofort erkannt. — Exp. Nr. 122: Sumatra wird bei uns auf jede Cigarre gearbeitet. Nur sind die minderen Cigarren nußfarbig und die anderen schöner. Dr. Schüller: Es sind so auffallend viele Arbeiterinnen verheiratet; wissen Sie, warum gerade die Tadakarbeiterinnen mehr heiraten als andere? — Exp. Nr. 123: Es kommt vor, daß der Mann sagt, mein Weib verdient fl. 13 und 14, aber sie verdient das nur mit dem Handel. Dr. Schüller: Vielleicht kommt das davon, daß Sie stabil angestellt sind? — Exp. Nr. 123: Auch. Man sagt übrigens, man braucht nicht auszusetzen, und doch sind die Leute oft am Tage nur zwei Stunden beschäftigt, weil sie keine Blätter bekommen. Und wenn man zum Herrn Beamten geht und fragt, was man anfangen soll, so sagt er, ich kann nicht helfen, ich kann sie nicht heransbeuteln. Exp. Nr. 129: Ich arbeite auch nur bei Tageslicht. Im Sommer, wenn die große Hitze ist, 27 Grade, müssen wir früher nach Hanse gehen, weil wir schlechte Ventilation haben. Frau Schlesinger: Sie verdienen jetzt als Spinnerin viel weniger. Warum sind Sie Spinnerin geworden? — Exp. Nr. 129: Ich habe mich darum beworben, weil man mehr verdient als die Wicklerinnen, sobald man besser in die Arbeit hineinkommt. Frau Schlesinger: Jetzt aber verdienen Sie weniger? — Exp. Nr. 129: In den drei Wochen, wo wir länger arbeiten, komme ich auf fl. 4'50 bis 5. Frau Schlesinger: Wenn Sie aber dieselbe Zeit als Wicklern: arbeiten würden? — Exp. Nr. 129: Dann hätte ich fl. 6 . (Rufe: Jetzt ist sie Anfängerin! Später ist sie mehr eingearbeitet!) Vorsitzender: Wird die Arbeitszeit im Sommer genau eingehalten? — Exp. Nr. 129: Bon ^7 bis 12 Uhr und von 1 bis H46 Uhr. Um 146 Uhr wird zusammengeräumt, und um O 26 Uhr kommt man hinaus. Die im Gedinglohne gehen immer eine Viertelstunde früher hinein, als die im Taglohne. Jetzt arbeiten wir von ^7 bis ^ «5 Uhr. Im Winter von ^8 bis 4 Uhr. Mittags ist immer eine Stunde Pause. Dr. Ofner: Ist am Rennweg auch von: 1. November bis 1. März eine andere Arbeitszeit? — Exp. Nr. 129: So wie in der Roßau, nur daß wir zu Mittag die ganze Stunde haben. Dr. Ofner: Sind Pausen zum Frühstück und zur Jause? — Exp. Nr. 129: Nein. Dr. Ofner: Sie arbeiten also im Sommer Vormittags 0 V 4 Stunden. Die Gewerbeordnung schreibt vor, daß über fünf Stunden Arbeitsdauer eine Pause gemacht werden soll. Kommt das nicht vor? — Exp. Nr. 129: Nein. Wer essen gehen will, kann gehen, man verliert aber die Zeit. (Ueber weiteres Befragen seitens des Vorsitzenden.) Das Arbeitslocal ist ein großer Saal mit zwölf Tafeln. Bei einer Tafel sitzen 16 Personen nahe bei einander, so daß sie einander stoßen. Der Saal ist hoch und hat zwölf Fenster 31 482 Front. Mit dem Aufmachen der Fenster ist es sehr schwer. Wenn ausgemacht wird, lamentiren die, welche beim Fenster sitzen, daß der Tabak austrocknet und daß es zieht. Es sind dort meist die Aelteren. Da muß man wieder zumachen. Es ist eine große Hitze, und da muß man im Sommer früh nach Hause gehen. Zur Ventilation sind nur Schuber bei den Fenstern, und die sind zu wenig. Im Hofe ist ein eigenes Haus mit 22 Aborten, 12 für die Arbeitsleute und die anderen für die Vorrichter. Mittag geht ein Theil nach Hause, für die Anderen ist ein Speisesaal da. Gekocht wird dort nicht, aber Jede kann sich ihr Essen wärmen. Wenn sie kommt, stellt sie sich ihr Essen hin. Es ist eine Wärmeküche außer dem Speisesaale da. Viel Platz ist für das Essen nicht vorhanden. Viele Verheiratete gegen nach Hause, viele bleiben aus der Stiege sitzen. Vorsitzender: Wie ist es in den Krankheitsfällen? — Expertin Nr. 129: Wenn Eine krank ist, so bekommt sie das Krankengeld durch 20 Wochen. Tann geht der Ausschuß hinunter und bittet noch um sechs Wochen, und da bekommt sie eine Verlängerung von sechs Wochen. Wenn sie arbeitsunfähig ist, so daß sie nicht gesund ist, so bekommt sie für ein Jahr Pension. Wird sie nach einem Jahre gesund, so kann sie wieder kommen. Wenn nicht, so bleibt sie in der Pension. Vorsitzender: Es scheint also nur in der Roßau damit so eigenthümlich bestellt zu sein. Exp. R: Das ist erst seit drei Jahren so eingeführt. Wenn eine Frau krank wird und in der Zeit nicht gesund wird, so wird sie auf ein Jahr beurlaubt. Die Arbeit bleibt ihr gesichert. Nach einem Jahre muß sie sich aber wieder untersuchen lassen, ob sie arbeitsfähig ist. Ist sie nicht arbeitsfähig, so wird sie pensionirt. Dr. Verkauf: Sieht man es gerne, wenn Eine in den Krankenstand geht? — Exp. Nr. 129: Das nicht. Man zieht es hinaus, so lange es geht. Dr. Verkauf: Wer zieht es hinaus? — Exp. Nr. 129: Der Toctor. Dr. Verkauf: Der Arzt ist also gerade so bemüht, wie in der Roßau, im Interesse der Casse zu wirken; oder ist es besser? — Expertin Nr. 129: Nein. Die vorige Woche ist auch so ein Fall vorgekommen. Eine ist schon 44 Jahre dort. Die ist acht Tage zu Hause und hat eine leichte Rippenfellentzündung gehabt. Der Doctor hat sie gesund befunden. Sie war aber nicht gesund. Sie ist in die Fabrik gegangen, hat zwei Tage gearbeitet, ist dann in's Rudolsspital gekommen, und da hat der Professor sie untersucht, und sie war sehr krank. In einer anderen Arbeit werden die Leute nach 40 Jahren pensionirt. Man hat aber gesagt, es ist kein Geld da zum Pensioniren. Dr. Verkauf: Sind Ihnen Fälle bekannt, wo schwer kranke Leute weiter arbeiten müssen? — Exp. Nr. 129: Es sind sehr viele krank und arbeiten weiter. Dr. Verkauf: Thun sie es selbst, weil das Krankengeld zu klein ist, oder müssen sie es? — Exp. Nr. 129: Weil das Krankengeld zuwenig ist. Wir bekommen st. 3'58. Dr. Verkauf: Kommt es nicht vor, daß Arbeiterinnen bei einer zweiten Casse versichert sind? — Exp. Nr. 129: O ja! Dr. Verkauf: Wie ist es mit der ärztlichen Hilfe bestellt? — Exp. Nr. 129: Wir haben einen Arzt. Wenn man aber näher dem Roßauer Arzt wohnt, so kann man auch den benützen. Oft kommt der Arzt spät, oft zeitlich. Dr. Verkauf: Haben Sie eine Ordinationsstunde? — Expertin Nr. 129: Ja, am Vormittag. Er kommt aber ungleich. 483 Dr. Verkauf: Sind bei der Ordination viele Arbeiterinnen? — Exp. Nr. l29: Es gehen viele hinunter, beinahe alle Tage sieben bis acht. Dr. Verkauf: Was für Krankheiten kommen bei Ihnen am häufigsten vor? Wissen Sie etwas von Zahnschmerzen? — Exp. 129: Zahnschmerzen, Bauch- und Lungenkrankheiten. Dr. Verkauf: Zahnschmerzen? Das Finanzministerium behauptet, daß man bei Ihnen so gerne nascht. — Exp. Nr. 129: Das ist nicht wahr. Dr. Verkauf: Die Herren, die das schreiben^ müssen es doch besser wissen. Ist Ihnen nicht doch etwas bekannt? — Exp. Nr. 129: Vom Naschen habe ich nichts gesehen. Dr. Verkauf: Sind Kopfschmerzen häufig? — Exp. Nr. 129: Kopsmigräne haben die Meisten. Da gehen die Meisten für einen Tag nach Hause. Dr. Verkauf: Bekommen Sie da das Krankengeld? — Expertin Nr. 129: Nein, weil man vier Tage krank sein muß, und so lange dauert das Kopfweh nicht. Dr. Verkauf: Kommen Hautkrankheiten vor? — Exp. Nr. 129: Nein. Dr. Verkauf: Der Arzt behauptet, daß sie häufig sind, und zwar deshalb, um das wörtlich zu citiren: „fast ausnahmslos als Folge einer vernachlässigten Hautpflege". Nun haben wir allerdings über die Handtücher Eigenthümliches erfahren, so daß man sich das erklären könnte. — Expertin Nr. 129: Bei uns am Rennweg werden die Handtücher sehr oft gewechselt. Wir haben auch Seife zum Waschen. Wittelshöfer: Wie steht es denn mit den Wascheinrichtungen in Ihrem Saale? — Exp. Nr. 129: Es sind zwei. Es ist ein großes Bassin mit vier Pipen zum Ausdrehen. Im ganzen Saale sind acht Handtücher für 320 Personen, die werden jeden zweiten Tag gewechselt. Im kleineren Saale sind vier. Vorsitzender: Wählen Sie auch einen Ausschuß? — Expertin Nr. 129: Ja es sind zwölf. Sechs wählen wir, sechs werden ernannt. Vor zwei Jahren haben wir neu gewählt, seither nicht. Nach zwei Jahren soll der Ausschuß neugewählt werden. Wenn die Leute einverstanden sind, kann der Ausschuß bleiben, sonst wird er gestürzt. Das ist aber recht schwer, da müßte man sich beschweren. Wittelsh öser: Wird Ihnen für denUnterstützungsfonds abgezogen? — Exp. Nr. 129: Wir zahlen 12 kr. Krankengeld und 4 kr. Unterstützungsgeld. 0 kr. zahlt die Direction darauf. Wittelshöfer: Sind am Rennweg so viel Arbeiterinnen wie in der Roßau? Vorsitzender: Nahezu dieselbe Zahl. Wittelshöfer: Dann ist es eigenthümlich, daß die Einnahmen des Unterstützungssonds am Rennweg nur die Hälfte von dem ausmachen wie in der Roßau. Muß Jede dabei sein? — Exp. Nr. 129: Jede. Wenn Eine hineinkommt und sechs Wochen gelernt hat, so werden ihr schon 12 kr. abgezogen, nach einem Jahre 16 kr. Wittelshöfer: Wie ist das in der Roßau? — Exp. Nr. 122 und Nr. 123: 16 kr. vom Anfang an. Dr. Schüller: Ist das auch bei Ihnen so, daß Eine, wenn sie krank ist und nicht arbeitet, kein Krankengeld bekommt und beurlaubt wird? — Exp. Nr. 129: Wenn sie der Doctor gesund befindet und sie ist nicht gesund, so nimmt sie sich einen Urlaub. Das kommt oft vor. Dr. Schüller: Kommt es vor, daß der Doctor sagt: „Sie sind krank, aber ein Krankengeld können Sie nicht bekommen" ? — Exp. Nr. 129 : Sagen thut er das nicht. Er sagt: „Sie könnten schon arbeiten"; aber sie fühlt, daß es nicht geht. Er findet eben, daß es ihr besser geht, wenn sie nicht im Bette liegt. 31 * 484 Dr. Ofner : Ist das auch bei Ihnen so, daß je nach der Dienstzeit die Pension aus dem Unterstützungssonds erhöht wird? — Expertin Nr. 129: Ja: Dr. Schiff: War schon der Gewerbe-Jnspector bei Ihnen? — Exp. Nr. 129: Nein. Dr. Schiff: Wie lange sind Sie dort ? — Exp. Nr. 129: Neun Jahre. Dr. Schiff: Sie wissen vielleicht nichts davon? — Exp. Nr. 124: Vor zwei Jahren war der Gewerbe-Jnspector bei uns. Weil die Arbeiterinnen so sekirt und gedrückt worden sind, haben sie die Zahl nicht erzeugen können. Damit aber der Verdienst nicht so gering wird, ist jede Arbeiterin gezwungen worden, am Donnerstag, was schon auf die neue Rechnung gehört hätte, noch aus die alte Rechnung, 100 und 200 mehr, abzugeben, damit der Gewerbe- Jnspector glaubt, daß sie so viel verdienen. Das war aber nicht richtig. Vorsitzender: Das wird nicht der Gewerbe-Jnspector gewesen sein, sondern ein Jnspector der Direction. Dr. Verkauf: Gibt man bei Ihnen einen Hebammenbeitrag im Falle einer Entbindung? — Exp. Nr. 129: Nein, gar nichts. Dr. Verkauf: Wie lange dauert die Wöchneriunen-Unterstützung? — Exp. Nr. 129: Vier Wochen. Dr. Adler: Sie haben eine Wärmeküche. Bringen Alle das Essen hin? — Exp. Nr. 129: Die weit nach Hause haben, wärmen es dort. Dr. Adler: Sind das Viele? — Exp. Nr. 129: Sehr Viele. Dr. Adler: Haben Sie schon in die Häserln geschaut, was die Frauen mitbringen? — Exp. Nr. 129: Meistentheils Zuspeise und Kaffee. Dr. Adler: Und Fleisch? — Exp. Nr. 129: Sehr wenig. Vorsitzender: Werden Sie gestraft, wenn Sie zu spät kommen? — Exp. Nr. 129: Nein, da verlieren wir den halben Tag. Vorsitzender: Wird Ihnen etwas abgezogen, wenn Sie etwas verderben? — Exp. Nr. 129: Nein. Da werden die Cigarren ausgeschossen. Das ist so wie in der Roßau. Aber so viel Ausschuß wie in der Roßau haben wir nicht. Aus hundert Cigarren höchstens drei oder vier. Dr. Riedl: Was geschieht mit den ausgeschossenen Cigarren? — Exp. Nr. 129 : Die müssen ausgelöst werden. Dr. Riedl: Kommt es bei Ihnen vor, daß einzelne Arbeiterinnen Handel mit Obst u. s. w. betreiben? — Exp. Nr. 129: Es sind schon Einige darin, die handeln; aber mit Zuckerln nur Eine. Dr. Schwiedland: Der Bäcker kommt nicht hinein? — Expertin Nr. 129: Nein. Vorsitzender: Sind Ihre Vorgesetzten Männer? — Expertin Nr. 129: Ja, ein Adjunct ist unser Herr, dann ist der Jnspector und der Secretär. Vorsitzender: Haben Sie über Ihre Vorgesetzten Beschwerden? — Exp. Nr. 129: Man kann nicht sagen, daß sie grob sind. Vorsitzender: Kommt Bevorzugung auch nicht vor? — Expertin Nr. 129: Nein. (Gibt über weiteres Befragen des Vorsitzenden an.) Ich bin ledig, werde aber nächstens heiraten und bin mit meinem Bräutigam zusammengezogen. Früher war ich zu Bett und habe 80 kr. wöchentlich gezahlt. Gegeffen habe ich Früh Kaffee, Mittags mit meiner Nebensitzenden Suppe, Zuspeise und Brot. Am Abend habe ich Kaffee von der Zimmerfrau gehabt. In der Zwischenzeit habe ich nichts gegessen. Dr. Ofner: Sie haben zu Mittag auch mit einer Zweiten zusammen kein Fleisch gegessen? — Exp. Nr. 129: Nein. Vorsitzender: Gehören Sie einem Vereine an? — Expertin Nr. 129: Ich war im Fortbildungsverein. Aber weil so oft gedroht worden ist, daß man entlassen wird, wenn man in Versammlungen geht, habe ich das aufgegeben. 485 Vorsitzender: Lesen Sie Zeitungen? — Exp. Nr. 129: Ja, die „Arbeiter-Zeitung". Dr. Adler: Wer hat gedroht? Ist das Ihnen persönlich geschehen? — Exp. Nr. 129: Im Allgemeinen hat der Herr Jnspector das gesagt: Wenn man in Versammlungen geht oder Vereinen angehört, das sind agitatorische Aufhetzungen. Vor zwei Jahren haben wir den Krankenvater weg haben wollen, und es hat sich Alles dafür eingesetzt. Der Krankenvater war im engeren Ausschuß. Der Ober-Finanzrath H. war damals dort und hat gesagt: „Die Arbeiterinnen haben nichts zu sagen, nur was der Ausschuß sagt, gilt." So ist er geblieben. Wie aber Mehrere deswegen zum Herrn Jnspector gegangen sind, hat er gesagt: „Ja, weil die Leute zu den Versammlungen gehen, ist ihnen nachher nichts mehr recht." Dr. Adler: Warum haben Sie den Krankenvater weg haben wollen? — Exp. Nr. 129: Weil er nicht gerecht ist. Wenn er zu einer Kranken geht, und er sieht sie nicht im Bette, so verklagt er sie gleich. Wenn sie ein schönes Bett hat, so erzählt er gleich, die liegt in lauter weißen Betten, und die Anderen richtet er wieder aus, daß sie schlechte Betten haben. Pernerstorfer: Sie haben von Drohungen gesprochen. Hat man da die Leute zusammenbernfen? — Exp. Nr. 129: Es war in den Arbeitssälen. Wie die Leute gesagt haben, daß sie den Krankenvater nicht haben wollen, hat er das beigefügt. Pernerstorfer: Da hat er von agitatorischen Versammlungen und Vereinen gesprochen? — Exp. Nr. 129: Daß sie die Leute aufhetzen. Pernerstorfer: Und daß man, wenn das bekannt wird, entlassen wird? — Exp. Nr. 129: Ja. Pernerstorfer: Ist da Niemandem eingefallen, den Herrn zu fragen, ob er als österreichischer Beamter die österreichischen Gesetze nicht kennt? Dr. Adler: Sie haben dort einen Fortbildungsverein. Ist Niemand von Ihnen in diesem Vereine? — Exp. Nr. 129: Früher waren Mehrere darin, aber es sind Alle ausgetreten, um nicht entlassen zu werden. Pernerstorfer: Sind Sie noch nicht auf den Gedanken gekommen, daß, wenn alle 600 hingehen, selbst das Finanzministerium ihnen nichts machen kann? — Exp. Nr. 129: Das ist nicht leicht. Zehn oder Zwanzig sind vielleicht dafür, und die Anderen gehen nicht. Pernerstorfer: Sie find noch zu wenig organifirt. — Expertin Nr. 126: Ja, wenn dann etwas herauskommt, so sagen die Anderen gleich: „Wenn's still gewesen wär't's." — Exp. Nr. 129: Es sind so viele Leute, und Jeder hat eine andere Gesinnung. Dr. Adler: Nehmen Sie Zeitungen in die Arbeit mit? — Expertin Nr. 129: Ein Arbeiter verkauft die „Arbeiter-Zeitung" und die „Arbeite- rinnen-Zeitung". Der Herr darf es aber nicht sehen, sonst kann dem Arbeiter passiren, daß er entlassen wird. Er thut es heimlich. Dr. Adler: Aber es ist noch Niemand beanständet worden? — Exp. Nr. 129 : Nein. Dr. Schwiedland: Wenn Sie aber die Zeitung dort lesen? — Exp. Nr. 129: Das dürfen wir nicht. Dr. Schwiedland: Wie viel verdient Ihr Bräutigam? — Exp. Nr. 129: sl. 9. Er ist Metallarbeiter. Dr. Schwiedland: Wird aus dieser Almoscncasse eine Aushilfe gegeben? — Exp. Nr. 129: Bei uns war das schon. Eine ist ausgeraubt worden und hat fl. 10 bekommen. — Exp. Nr. 123: Es sind aber auch Ausnahmen. Wenn sie nichts geben wollen, so sagen sie, es ist nichts da. Dr. Schwiedland: Sie meinen, es ist Protection. Aber es kommt vor. Die Cigarrenarbeiterinnen sollen ja untereinander verschuldet sein? — Exp. Nr. 129: Ja, viele müssen abzahlen, und die Anderen stehen für sie gut. 486 Dr. Schwiedland: Es sollen aber unter den Arbeiterinnen gegenseitig Geldschulden sein? — Exp. Nr. 129: Das war früher, das ist jetzt abgeschafft worden. Dr. Schwiedland: Von: Jnspectorat? — Exp. Nr. 129: Ja, es ist ein Brief an den Herrn Director gekommen, wenn nicht bald Ordnung gemacht wird, so werden sich die Leute draußen um die Sachen annehmen. Dr. Schwiedland: Also eine anonyme Anzeige. Seit wann ist das abgestellt? — Exp. Nr. 129: Seit drei Jahren. Dr. Schwiedland: Und vorher? — Exp. Nr. 129: Vorher haben die Leute Geld geliehen und für den Gulden drei Kreuzer Zinsen genommen. Dr. Riedl: Aus einem Privatgespräche mit dem Experten habe ich entnommen, daß er etwas über diese Sache weiß. — Exp. R: Es sind Werksührer, die sich von den Leuten Geld ausborgen und nicht zurückzahlen wollen. Auf der einen Seite decken sie zu, und auf der anderen machen sie wieder auf. Die Leute dürfen sich nicht rühren. Es sind Einige da, die ein paar Gulden erspart haben, fl. 2, 8 oder 5. Das borgt er sich aus, und sie müssen jedensalls lange warten, bis er zahlt. Dr. Riedl: Der zahlt wahrscheinlich auch keine Zinsen? — Exp. U: Er verspricht 2 kr. pro Woche und Gulden. In der Vorrichtung ist ein Witwer mit 32 Jahren. Der ist allein, hat für Niemanden zu sorgen und kann nicht zahlen. Dr. Riedl: Borgt der von Mehreren? — Exp. U: Ja. Er steckt noch immer in den Schulden. Auch zu mir ist er gekommen und hat Geld haben wollen, ich habe ihm aber keines gegeben. Dr. Schüller: Was nehmen die Arbeiterinnen auf Abzahlung? — Exp. It: Kleidungsstücke, Schuhe, auch einen ganzen Anzug. Dr. Schü ller: Unter was für Bedingungen? — Exp. U: Die Eine zahlt fl. 1, die Andere 50 kr. pro Woche. Dr. Schüller: Und wie theuer sind die Sachen im Verhältnisse zum gewöhnlichen Preise? — Exp. R: Das doppelte Geld. Der Geschäftsmann will einen Verdienst haben, und die, die gutsteht, will auch einen Rebbach haben. Dr. Osner: Was heißt das „Gutstehen"? — Exp. Nr. 129: Sie nimmt es auf ihren Namen und gibt es der Anderen. Wenn aber die Andere nicht zahlt, so muß sie zahlen. Wittelshvser: Sind Sie dem Unterstützungsfonds selbst beigetreten, oder hat man Ihnen das abgezogen, ohne Sie darum zu fragen? — Exp. Nr. 129: Es hat nie Jemand gefragt, man hat es von selbst abgezogen, es muß Jeder zahlen. Mittels höfer: In der Roßau ist auch nicht gefragt worden? — Mehrere Expertinnen: Nein. Vorsitzender: Könnte vielleicht Jemand über das feinere Sor- tiren Auskunft geben und über das Packen, ferner über die Cigaretten? — Exp. Nr. 126: Bei den Cigaretten ist es so wie bei den Cigarren. — Exp. Nr. 122: Besser haben sie es doch. Vorsitzender: Da muß der Tabak geschnitten werden? — Expertin Nr. 126: Den bekommen sie geschnitten. Exp. U: Das machen zwei Männer, der eine packt es. Die Packung ist sehr hart. Der Schmtt kommt vom Messer herunter wie Käse. Den muß er aufklopfen und aufbeuteln, daß er locker ist. Die zwei Leute müssen den meisten Staub verschlucken. Vorsitzender: Wird das durch einen Motor gemacht? — Exp. R: Es ist ein schiefes Brett. Das Messer schneidet ab, und auf dem Brette rutscht es herunter. Der Mann hat eine Drahtbürste, damit klopft er darauf, aber der Tabak bleibt in der Bürste stecken. Dann bleibt der 487 Tabak auf dem Lager, weil er feucht ist. Es dauert vier Wocheu, bis die Feuchtigkeit vergeht uud dann wird den Arbeiterinnen zugewogen. Vorsitzender: Arbeiten die mit der Maschine? - Exp. R: Nein, mit der Hand. Sie haben eine Hülse mit Charniere, und die füllen sie an, und vor sich haben sie die Stopfmaschine. Vorsitzender: Eine Maschine gibt es nicht? — Exp. R : Nein. Nur für das Hülsenmachen gibt es eine Maschine. Vorsitzender: Werden die Arbeiterinnen im Accord gezahlt? — Exp. R: Ja, der Verdienst ist beiläufig sl. 4 bis 6. Vorsitzender: Die Arbeitszeit ist die gleiche? — Exp. U: Ja. Dr. Ofner: Eine Expertin hat aber gesagt, die bei den Cigaretten haben es besser? — Exp. Nr. 126: Weil sie nicht so viel mit dem Material sekirt werden, weil ihnen nicht so viel fehlt. Dr. Schiff: Ist die Fabriksordnung in beiden Fabriken angeschlagen? — Mehrere Expertinnen: Ja. Vorsitzender: Wie ist das Einmachen in die Kisten? — Exp. U: Einige Frauen sortiren und packen ein und wechseln dabei ab. Vorsitzender: Was verdient eine Sortirerin? — Exp. ll: Das weiß ich nicht. Ich glaube, sie bekommt pro 1000 Stück 8 kr. Sie macht aber sehr viel Tausend im Tage und hat auch die Farben zusammenzustellen. Es kommt darauf an, ob sehr heiklig sortirt wird oder nicht. Das geht in der Regel sehr geschwind. Schluß der Sitzung 11 Uhr 30 Minuten. 27. Sitzung, Sonntag, 12.Npril, Vormittags. Vorsitzender: Dr. Vfner. Beginn 10 Uhr. Vorsitzender: Wir werden heute Experten aus der Leder- Industrie, und einige andere, die sich beider Commission selbst gemeldet haben, vernehmen. Ich beginne mit den Experten aus der Leder-Industrie. Expertin Nr. 130 (über Befragen des Vorsitzenden bezüglich der Technik ihres Arbeitszweiges): Ich bin in der Schuhgalanteriewaaren- branche beschäftigt. Wir bekommen die Waare zugerichtet, müssen dieselbe verarbeiten und dann abliefern. Wir haben lediglich Schuhwaaren. Unsere Arbeit wird mit Maschinen genäht, gesteppt, dann kommt sie zu den Tischarbeiterinnen, dann nochmals zu den Maschinen, und dann werden die Knopflöcher gemacht. Wir sabriciren lediglich Damenwaaren. Die Herrenwaare ist viel schwerer. Wir haben Langschiffmaschinen, Knopfloch-, Rundloch- und Einsaßmaschinen. Dieselben werden nicht durch Motoren, sondern mit dem Fuß betrieben. Die Arbeitstheilung richtet sich nach der Leistungsfähigkeit der einzelnen Arbeiterinnen. Es gibt welche, die nur mit der Ring- schisimaschine, solche, die nur mit der Knopflochmaschine, dann wieder solche, die nur mit der Einfaßmaschine arbeiten können. Ich selbst aber arbeite bei allen vier Maschinen, weil ich die Aelteste und schon 22 Jahre in dem Geschäfte bin. Momentan arbeite ich am meisten bei der Knopfloch- und Rundlochmaschine. Es gibt noch außer mir Arbeiterinnen, die bei zwei, drei Maschinen beschäftigt sind. Dr. Schwiedland : Sie bekommen das Oberleder und das Futter zugeschnitten; ist das auch schon gesteppt? — Exp. Nr. 130: Nein; das zugeschnittene Material bekommt der Vorrichten der muß es Herrichten, indem 488 er das Leder umbiegt und passepoilirt, und dann bekommen wir es zum Füttern, Nähen und Steppen. Dr. Schwiedland: Was wird auf den von Ihnen genannten verschiedenen Maschinen genäht? — Exp. Nr. 130: Auf der Ringschiff- maschine werden die einzelnen Theile als solche genäht und auch die verschiedenen Theile zusammengenäht. Die Rnndlochmaschine ist nur eine Maschine für Luxusarbeit, für Stickereien. Aus der Einfaßmaschine werden die Pariser Schuhe mit einer Schnur oder einem Bortet eingefaßt. Dr. Schwiedland: Wie lange dauert es, bis man das Nähen auf den Ringschifsmafchinen erlernt? — Exp. Nr. 130: Das richtet sich nach der Auffasiungsgabe und nach dem Betriebe. In manchen Betrieben muß man fünf oder sechs Monate lernen, in anderen, wo die Lehrmädchen dafür bezahlen, blos einige Wochen. Witte lshöfer: Was ist die Tifcharbeit? — Exp. Nr. 130: Da werden die paar Stiche vorne am Spitz und die Strupfen rückwärts genäht. Vorsitzender: Sind bei Ihnen Gruppentheilungen wie bei den Weißnäherinnen, und sind es da Vorarbeiter, welche die Arbeit eintheilen? — Exp. Nr. 130: Die Aelteste, die im Hause ist, macht die Eintheilung, aber ohne daß sie etwa eine übergeordnete Stellung hätte. Gruppeneintheilungen wie bei den Weißnäherinnen sind bei uns nicht vorhanden. Dr. Schiff: Sie bekommen das Material zugeschnitten und hergerichtet und machen dann den Schuh ganz fertig, ohne daß ihn nach Ihnen ein Arbeiter noch in die Hand bekommt? — Exp. Nr. 130: Nach unserer Arbeit wird noch die Bödenarbeit und das Aufzwicken u. f. w. gemacht. Das wird gewöhnlich außer Haus gegeben. (Auf weiteres Befragen seitens des Vorsitzenden.) Ich bin 27 Jahre in unserer Branche und bereits 22 Jahre in dem Geschäft, wo ich jetzt bin. Ich bin als 14jähriges Mädchen in unsere Branche gekommen und war früher bei keiner anderen Arbeit. In unserem Betriebe sind jetzt 13 Näherinnen, 9 Tischarbeiterinnen und 2 Mädchen, welche nebst Gängen noch verschiedene leichte Arbeiten verrichten, z. B. das Stanzen, das Einschmieren, die Oesen eindrücken u. s. w. Die Zahl der beschäftigten Männer richtet sich nach dem Geschäftsgänge. Wir haben jetzt neun Zuschneider, zwei Vorrichter, einen Sohlenschneider, einen Hausdiener und zwei Werkführer, von denen der eine der eigentliche Werkführer ist und der andere ihm in seinen Verrichtungen hilft. Wir stehen jetzt in der Zeit, wo weniger zu thun ist. Diese Zeit dauert aber immer nur einige Wochen, von Ostern bis Mai. Manchmal ist auch im Herbst weniger zu thun. Im Hochsommer haben wir am meisten zu thun, da haben wir mehr Arbeiter als sonst, die, wenn weniger zu thun ist, entlassen werden. Es wird aber immer darauf gesehen, daß die älteren Arbeiter das ganze Jahr bleiben. Das ist überhaupt in allen Fabriken so. Im Kleinbetrieb jedoch wird auf die älteren Arbeiter nicht gesehen. Im Sommer haben wir durch fünf Monate 24 Vorrichter, also um 12 mehr wie jetzt. Dann haben wir auch um drei, vier Näherinnen mehr, also statt dreizehn sechzehn. Wir verfertigen die verschiedensten Arten von Galanterie- und Luxusschuhen, Lederschuhe, Stoffschuhe und Atlasschuhe. Von den Arbeiterinnen, welche im Geschäft arbeiten, nehmen nur die Tischarbeiterinnen manchmal die Arbeit nach Hause; das ist ein freiwilliger Nebenverdienst. WirNäherinnen nehmen keine Arbeit nach Hause. Wir haben auch Heimarbeiterinnen, die gar nicht im Geschäft sind, das sind Ausschneiderinnen. Arbeiterinnen, welche eine eigene Ringschiffmaschine zu Hanse haben und darauf arbeiten, gibt es nicht. Die Arbeiter recrutiren sich meist aus Arbeiterkreisen. Wir haben Lehrmädchen, aber nur zur Tischarbeit. Zur Maschinenarbeit werden nur gelernte Arbeiter in's Geschäft genommen. In den Fabriken gibt's überhaupt keine Lehrmädchen bei den Maschinen, sondern die Maschinenarbeit muß im Kleingewerbe gelernt werden. Ein Mädchen würde blos zwei bis drei Wochen brauchen, bis sie das Nähen auf der Ringschiff- Maschine erlernt, wenn sie lediglich bei der Maschine beschäftigt wäre; aber sie wird im Kleingewerbe anch zu Gängen u. dergl. verwendet. Ich habe bei meiner Tante gelernt, dann war ich beim Kleinbetrieb, aber nur durch einige Wochen, denn ich hatte von 6 Uhr Früh bis 8 Uhr Abends Arbeitszeit, was ich nicht aushalten konnte. Eigentliche Lehrmädchen, die anfgedungen werden, gibt's überhaupt nicht; das Mädchen im Kleinbetriebe braucht, bis sie ausgelernt ist, drei, ja oft sechs Monate dazu. Exp. Nr. 13k : Es gibt auch Plätze, wo sie zwei Jahre lernen müssen, da haben sie Kost und Wohnung im Hause, werden aber anch nicht auf- gedungen. Exp. Nr. 130 (über Befragen des Vorsitzenden): Die Arbeitsvermittlung erfolgt bei uns in der Regel durch Znbringerinnen; durch Suchen von Fabrik zu Fabrik oder durch Inserate wird bei uns keine Arbeit vermittelt. Dr. Schwiedland: Wer sind diese Znbringerinnen, haben sie ein offenes Geschäft? — Exp. dir. 130: Es ist eigentlich nur eine Zubringerin da, die hat kein offenes Geschäft, aber eine Wohnung, betreibt darin ihr Gewerbe als Zubringerin und zahlt dafür auch Steuer. Alle beschäftigungslosen Mädchen gehen zu ihr, und sie vermittelt ihnen die Arbeit in der Fabrik. Dr. Schwiedland: Warum gehen die Mädchen nicht direct in die Fabrik? — Exp. Nr. 130: Das geht doch nicht an, daß sie sich einen Platz gleichsam erbetteln. Dr. Schwiedland: Das ist aber doch bei den meisten Gewerben der Fall. Von Znbringerinnen hören wir znm ersten Mal. — Exp. Nr. 132 : Diese Zubringerin ist speciell nur für unsere Branche. Sie vermittelt lediglich den Näherinnen, Tischarbeiterinnen, Anfpappern, Zuschneidern die Posten. Die Fabrikanten kennen die Vermittlerin, diese kennt alle Arbeiter und Arbeiterinnen, weiß von Jedem, wie er arbeitet, weiß von dem Fabrikanten, was für Arbeiter er braucht, daher weiß sie, diese Arbeiterin Paßt hier her, jene dorthin. Sie betreibt schon durch 20 Jahre ihr Gewerbe, und vor ihr hat dasselbe ihr Vater gehabt, das ist also eine ganz specielle Einrichtung für unsere Branche. Äußer ihr gibt es noch eine Vermittlerin, die ist aber nicht zu rechnen, weil sie keine Bewilligung hat; zu ihr gehen auch nur sehr wenige Mädchen. Man kann sagen, daß im Großen und Ganzen die Vermittlung nur durch die eine Vermittlerin geschieht. Sie vermittelt auch Arbeit nach auswärts, nach Böhmen, auch in's Ausland, nach Deutschland. Dr. Schwiedland: Woher kommen die Mädchen? — Exp. Nr. 132 : Meist aus dem Dienste. Wir haben übrigens auch eine Vermittlung im Fachverein, die aber nicht stark in's Gewicht fällt. Vorsitzender: Was bekommt die Vermittlerin? — Exp. Nr. 130: Wenn man einen Platz erhalten hat, so muß man ihr st. 1 zahlen. Es wird damit nicht so genau genommen. Wemv man das Geld nicht hat, zahlt man's ihr später. Auch die Chefs müssen für jede Vermittlung fl. 1 zahlen. Wittelshöfer: Sie sagten, daß sich die Zahl der Vorrichter in der Saison von 12 auf 2-1, die der Näherinnen blos von 13 auf 16 vermehrt. Nun bekommen doch die Näherinnnen die Arbeit von den Borrichtern. Nachdem die Zahl der Vorrichter in der stillen Saison nur halb so groß ist, so bekommen die Nähcrinnen in der stillen Zeit auch nur die Hälfte der Ärbeit? — Exp. Nr. 130: In der stillen Zeit setzen auch die Arbeiterinnen für einzelne Tage aus. Wir theilen das so ein, daß wir alle gleichmäßig um etwas weniger arbeiten. Dr. Schiff: Wie lange dauert die Zeit, während welcher Sie einige Tage in der Woche aussetzen? — Exp. Nr. 130: Nur einige Wochen. Wir theilen es uns so ein, daß es Keiner schwer fällt. Manche Arbeilerinnen sind auch froh, wenn sie den einen oder den anderen Tag zu Hause bleiben können. 490 Dr. Schiff: Werden nicht nnch Tischarbeiterinnen nen aufgenommen, wenn das Geschäft sehr stark geht? — Exp. Nr. 130: Nein. Wenn mehr Tischarbeit da ist, so wird sie außer Haus gegeben. Dr. Schwiedland: Werden die älteren Arbeiterinnen, die bei Ihnen berücksichtigt werden, nicht mit der Zeit weniger leistungsfähig ? — Expertin Nr. 130: Nein. Dr. Schwiedland: Wird nicht anf die Geschicklichkeit und exacte Arbeit, sondern blos auf das Dienstesalter gesehen? — Exp. Nr. 130: Je länger Eine d'rin ist, desto besser arbeitet sie ja. Dr. Schwiedland: Sie haben oom Stanzen gesprochen. Worin besteht diese Arbeit? — Exp. Nr. 130: Da werden die Zungen gemacht, und zwar werden sie mit einem einfachen Schlägel gestanzt, wir haben keine eigenen Maschinen dazu. (Ueber Befragen des Vorsitzenden.) Unsere Arbeitszeit ist von 7 Uhr Früh bis 12 Uhr Mittags und von 1 Uhr bis 6 Uhr Abends. Wir haben keine Unterbrechung für Frühstück und Jause, sondern wir essen während der Arbeit. Es gibt aber Fabriken, wo für Frühstück und Jause je eine viertelstündige Pause eingeführt ist; da müssen aber die Arbeiterinnen diese Zeit nachher einbringen, indem sie eine halbe Stunde länger arbeiten. Wir haben keine Sonntagsarbeit und weder Nachtarbeit noch Ueberstunden. Bei den Kleinmeistern kommt es vor, daß zwei, drei Stunden länger gearbeitet werden muß. In den Fabriken ist auch nur sehr selten Feiertagsarbeit, und zwar nur an Vormittagen. Hiefür wird bei uns der ganze Tag, in anderen Fabriken nur ein halber Tag gezahlt. Bei Kleinmeistern wird oft regelmäßig jeden Feiertag Vormittags, manchmal auch bis 4 Uhr Nachmittags gearbeitet. Wir haben keine Kündigungsfrist. Am Samstag kann Jede aus der Arbeit treten, und auch der Herr kann sie am Samstag entlassen. Es kommt nicht vor, daß eine Arbeiterin an einem Wochentage weggeschickt wird, außer wenn sie ein Vergehen begangen hat. Ich bin die Aelteste im Geschäft und verdiene st. 10 wöchentlich. Der mindeste Lohn der Näherinnen bei uns ist fl. 7'50, der höchste st. 8'50. Ich bin die Einzige, die sl. 10 hat. Die Arbeiterinnen bei den Einfaßmaschinen haben sl. 9'50, sechs Näherinnen haben fl. 8'50, eine hat fl. 7'50 und die übrigen fl. 8. Die beiden Laufmädchen haben einen Anfangslohn von sl. 2, wenn sie noch gar nichts können. Nach kurzer Zeit verdienen sie mehr, bis zu fl. 5. Es dauert vielleicht zwei, drei Monate bei einem Mädchen von mittlerer Fähigkeit, bis sie zur Tischarbeit kommt. Die wirklichen Tischarbeiterinnen haben bei uns den Mindestlohn von fl. 6'50. Exp. Nr. 132: Das ist nur bei Ihnen, sonst haben die Tischarbeiterinnen fl. 4 bis 6. Exp. Nr. 130: Die Saison übt auf die Lohnhöhe keinen Einfluß aus. ^lieber Befragen.) Die Borrichter werden nach Stück bezahlt. Die Frauenarbeit wird bei uns nur nach der Woche bezahlt. Es gibt aber auch Fabriken, wo auch die Frauen im Accord arbeiten. Wenn viel zu thun ist, nehmen die Tischarbeiterinnen Arbeit nach Hause und werden für diese per Stück bezahlt. Da wird ausgerechnet, wie viel die Arbeiterin in einer Stunde in der Fabrik macht, und darnach der Stücklohn bestimmt. Die Heimarbeiterinnen, welche das Ausschneiden besorgen, werden per Stück gezahlt; sie bekommen für das Dutzend 12 bis 15 kr. Diese Arbeit ist sehr leicht. Es wird mit einer großen Scheere rund herumgeschnitten. Sie brauchen vielleicht zu einem Dutzend eine Stunde. Ich weiß eine Ausschneiderin in einer Fabrik, welche sl. 7 in der Woche verdient. Strafen und Abzüge kommen bei uns nicht vor. Wenn eine öfter zu spät kommt, so wird ihr ein Verweis ertheilt. Wir haben keine Materialien beizustellen. Die Heimarbeiterinnen müssen nur ihre Scheere und die Nadeln selbst beistellen, was nicht viel ausmacht. 491 Dr. Schwiedland: Verwenden Friemschuster im Kleingewerbe auch Frauen zu ihrer Arbeit? — Exp. Nr. 130: Ja. Dr. Schwiedland: Kommt es nicht vor, daß in den Fabriken die Obertheile fertig gekauft werden? — Exp. Nr. 130: Nein, das kommt nur beim Kleingewerbe vor. Dr. Schriller: So viel ich weiß, find bei Ihnen auch Mädchen, welche die fertige Waare einpacken. Was bekommen die gezahlt? — Expertin Nr. 130: Wir'haben deren drei, eine bekommt fl. 8'50, eine fl. 6'50 und eine fl. 6. Dr. Schüller: Wenn Sie einen Tag aussetzen, so wird Ihnen dieser Tag abgezogen? — Exp. Nr. 130: Ja. Dr. Schiff: Wie viel Lohn haben Sie früher gehabt? —Expertin Nr. 130: Wie ich eingetreten bin, habe ich fl. 8'50 bekommen, diesen Lohn habe ich elf oder zwölf Jahre gehabt, dann fl. 9, 9'50, und feit drei Jahren habe ich fl. 10. Dr. Schiff: Sie sprachen von einer freiwilligen Hausarbeit der Tischarbeiterinnen. Wenn viel zu thun ist, dürfte diese Arbeit denn doch nicht so ganz freiwillig sein? — Exp. Nr. 130: Es ist kein Zwang. Dr. Schiff: Sie haben uns noch immer nicht erklärt, wie es kommt, daß in der Saison die Zahl der Vorrichter sich verdoppelt, während die der Näherinnen sich nur sehr wenig vermehrt. — Exp. Nr. 130: In der Saison haben wir eben eine andere Art von Arbeit, bei welcher mehr vorzurichten und weniger zu nähen ist. Außer der Saison ist verhältnismäßig mehr zu nähen und weniger vorzurichten. Dadurch gleicht sich das aus. Weiß: Sie haben uns genaue Lohnangaben gemacht. Wissen Sie das aus irgendwelchen officiellen Lohnlisten? — Exp. dir. l30: Nein, aber wenn man so lange in der Fabrik ist, so weiß man das schon. Dr. Schwiedland: Wenn Sie an einem Feiertag nichts arbeiten, wird Ihnen derselbe abgezogen? — Exp. Nr. 130: Zu Pfingsten, Ostern und Weihnachten, wenn gar nicht gearbeitet wird, werden die Feiertage abgezogen. Früher war das bei uns nicht der Fall. Aber vor ein Paar- Jahren war ein Strike, durch welchen wir eine Zulage von 50 kr. erhielten. Nun war es damals schon in den verschiedenen Fabriken eingeführt, daß für Feiertage nichts gezahlt wird, und da hat sich der Herr damals diesen Fabriken angeschlossen. In einer Woche, wo ein Feiertag ist, verdiene ich statt fl. 10 nur fl. 8'34. Vorsitzender: Sind in den anderen Fabriken die Lohnverhältnisse ebenso wie bei Ihnen? — Exp. Nr. 131: Ja. Vorsitzender: Und im Kleingewerbe? — Exp. Nr. 131: Dort wird weniger gezahlt. Die Tischarbeiterinnen sind häufig im Geschäfte in Kost und bekommen fl. 3 bis 4. Die Stepperinnen sind auch in Kost und bekommen fl. 7 bis 8. Das ist aber verschieden, in manchen Gewerben wird nur die Jause, in manchen auch die Mittagskost gegeben. Im Allgemeinen dürfte der Lohn im Kleingewerbe um fl. 1 bis 2 niedriger sein, dafür steht man im Kleingewerbe mit dem Meister in näherer Berührung. Er hat oft ein Einsehen, wenn er sieht, daß man sich plagt, und zahlt mehr. Vorsitzender: Es dürfte also so sein, daß jene Arbeiterinnen, welche in den Fabriken nicht unterkommen, gezwungen sind, zum Kleingewerbe zu gehen? — Exp. Nr. 131: Ja, aber es sind auch gute Arbeiterinnen darunter, die eben gerade keinen Platz bekommen. — Exp. Nr. 130 (auf weiteres Befragen des Vorsitzenden): Wir haben einen Werksührer zum Vorgesetzten. Er ist sehr streng und sehr gut. Ohne Anlaß ist er nicht grob. Nur wenn eine Arbeiterin etwas macht, was nicht sein darf, so hat er den Auftrag vom Herrn, ihr einen Verweis zu ertheilen. Man kann überhaupt nicht im Geringsten über ihn klagen. 492 Vorsitzender: Bitte uns zu sagen, wie Sie sich nähren. — Expertin Nr. 130: Ich trinke zum Frühstück Kaffee, zum Gabelfrühstück nehme ich ein Achtel Wein und eine Semmel. Weil die Maschinenarbeit anstrengend ist, nehmen sich die Meisten zum Gabelfrühstück ein Achtel Wein. Zu Mittag gehen die Arbeiterinnen entweder nach Hause oder in eine Privatkost, welche in derselben Gasse befindlich ist, wo man eine gute Hausmannskost für 20 bis 20 kr. bekommt. Für 22 kr. bekommen wir Suppe, Fleisch und Gemüse oder Suppe und Mehlspeise. Bier oder Wein trinken wir zu Mittag niemals. Zur Jause nimmt man sich etwas mit, entweder Kaffee oder zwei zusammen eine Flasche Bier. Abends esse ich Fleisch oder Wurst. Das Essen kostet mich täglich 40 bis 50 kr. Auch die Arbeiterinnen, welche nicht so viel verdienen, müssen den gleichen Betrag ausgeben, damit sie bei der anstrengenden Arbeit bei Kräften bleiben. Diejenigen, welche nach Hanse gehen, haben auch keine schlechtere Kost, sie brauchen aber natürlich nicht so viel auszugeben. Vorsitzender: Wie ist Ihr Arbeitslocal beschaffen? — Expertin Nr. l30: Unser Arbeitslocal, welches sehr geräumig ist, hat zehn Fenster aus die Gasse, und es arbeiten darin jetzt 30 bis 37 Personen. Die ganze Fabrik ist im zweiten Stock gelegen und hat 38 Fenster Gassenfront. Durch das Arbeiten mit dem Leder, dem Futter und der Appretur wird viel Staub entwickelt. Es ist aber eine Ventilation vorhanden, und es wird sehr viel gelüftet. Täglich zu Mittag werden alle Fenster aufgemacht, und bei jedem zweiten Fenster ist eine Ventilation. Viele glauben, daß ihnen der Zug schädlich ist, und machen sich deshalb die Ventilation zu. Es wird jeden Abend gekehrt; bei den Maschinen müssen wir selbst wegkehren, und das Uebrige besorgt der Hausdiener. Wir kehren ein paar Minuten vor Feierabend, denn um 0 Uhr wird pünktlich geschlossen. Im Frühjahr und im Herbst wird das Vocal ausgegeben und die Fenster geputzt. Dies geschieht von den Fensterputzern. Die Wände werden nicht geweißt. Wir Frauen haben unseren Abort imzweiten Stock und die Männer den ihrigen ebenerdig. Der Abort wird jeden Samstag vom Hausbesorger gereinigt. Wir haben im Arbeitszimmer eine Wasserleitung und eine große Wanne, wo man sich die Hände waschen kann. Seife und Handtücher muß man sich mitbringen; nur der Geschäftsführer hat ein Handtuch. Unsere Arbeit ist aber nicht derart, daß man davon besonders schmutzig würde. Die Mehrzahl der Arbeiterinnen in unserem Betriebe ist verheiratet. Ich wohne in Rudolfsheim mit meinen Eltern zusammen. Ich zahle fl. 26'50 vierteljährig, weil die Mutter fl. 53 zahlt und ich die Hälfte des Haushaltes bestreite. Wir haben zwei Zimmer, Küche und ein kleines Vorzimmer. In der Wohnung wohnen: der Vater, die Mutter, mein Mann, ich und mein zehnjähriger Sohn. Zu Mittag gehe ich nicht nach Hause essen, weil mir das zu beschwerlich wäre. Mein Mann ist bei der Cravattenbranche und verdient fl. 10 wöchentlich. Wir sind alle in der allgemeinen Krankencasse. Ein Drittel zahlt der Chef, und zwei Drittel zahlen wir. Der Chef zahlt meist 20 kr. und die Arbeiterinnen 40 kr. monatlich. Ich zahle nur 27 kr. und der Chef l3 kr., weil ich außerdem noch im Georgs-Verein bin, wo ich 90 kr. monatlich zahle. Aus der Arbeiter-Kranken- casse erhalte ich im Krankheitsfälle fl. 1 wöchentlich, vom Georgs-Verein fl. 8. Ich bin nicht in der Unfallversicherung. Ich bin auch nicht im Fachverein, weil ich eben schon so lange im Hause bin. Ich muß meine Eltern nicht unterstützen, weil meine Mutter auch ein Geschäft hat. Ich gebe eben nur das her, was zur Wirthschaft nothwendig ist. Unterhaltungen mache ich wenig mit, höchstens im Sommer einmal einen Ausflug. Ich lese manchmal Zeitungen, zum Beispiel das „Extrablatt". Dr. Schüller: Gehören Ihre Colleginnen theilweise der Organisation an? — ExP. Nr. 130: Nein. Dr. Schwiedland: Wird bei Ihnen die „Arbeiter-Zeitung" 493 viel gelesen? — Exp. Nr. 130: Von den Frauen nicht, aber von den Männern. Tr. Schwiedland: Sind die Männer im Fachverein, und wird dagegen ein Anstand seitens des Chess erhoben? — Exp. Nr. 130: Es sind einige im Fachverein, und zwar ohne Anstand. Expertin Nr. 131 (über Befragen des Vorsitzendem: Ich bin in derselben Fabrik wie die Exp. Nr. 130, und zwar seit acht Jahren. Ich bin seit zehn Jahren bei der Branche und war vorher zwei Jahre bei Kleinmeistern in verschiedenen Geschäften. Dort ist auch ein viel größerer Wechsel als in der Fabrik. Es gibt allerdings einige Kleinmeister, 'wo eine „Erste" jahrelang ununterbrochen beschäftigt ist und wo nur in der Saison auf wenige Wochen eine „Zweite" oder „Dritte" dazu genommen wird, die man nach der Saison entläßt. Die Saison ist bei den Kleinmeistern zu Pfingsten, 'Ostern und Weihnachten. Ich habe drei Monate gelernt, während welcher ich weder Lohn noch Kost oder Wohnung hatte. Nach drei Monaten habe ich gleich in der ersten Woche fl. 6 verdient. Damals war ich bei der Howemaschine, da zu dieser Zeit noch keine Ringschiffmaschine in Verwendung stand. Andere Arbeiterinnen müssen oft fünf, sechs Monate lernen und bekommen dann sl. 3 bis 4. Ich aber war vorher schon bei der Weißnäherei und habe deshalb schon einen Begriff von Weißnäherei gehabt. Bei manchen Kleinmeistern sind die Mädchen auch in der Kost. Ich war bei einem solchen, wo ich fl. 7 wöchentlich und die Mittagskost hatte. Dieselbe war gut, wir bekamen Suppe, Fleisch und Gemüse, manchmal auch Mehlspeise. Es kommt selten vor, daß Mädchen auch Wohnung beim Kleingewerbetreibenden haben. Mein jetziger Arbeitslohn beträgt fl. 8'50, und ich kann im Uebrigen nur das bestätigen, was die Exp. Nr. 130 sagte. Ich gehe zu Mittag auch in dieselbe Privatkost, wie sie. Ich bin verheiratet und habe eine Tochter. Mein Mann, ich und unser Kind haben eine Wohnung, welche aus Zimmer und Küche besteht, für die wir fl. 10 monatlich zahlen. Mein Mann ist in derselben Branche, aber in einer anderen Fabrik, als Vorrichter beschäftigt. Er wird nach Stück bezahlt und verdient fl. 10 bis 12. Ich zahle 40 kr. monatlich und der Herr 20 kr. in die Krankencasse und bekomme dafür im Krankheitsfälle fl. 0. Ich bin in keinem anderen Verein. Ich habe keine fremde Person zu unterstützen. Unterhaltungen mache ich nur selten mit. Wir gehen manchmal Sonntag auf's Land, wenn es schön ist. Ich lese auch oft Zeitungen, aber nicht das „Extrablatt", sondern die „Arbeiter-Zeitung". Dr. Schwiedland: Sie stehen ja verhältnißmäßig gut, indem Sie nur eine sehr kleine Familie haben und mit Ihrem Mann zusammen über fl. 20 wöchentlich verdienen. Sind Sie da in der Lage, in der vollen Saison Ersparnisse zu machen? — Exp. Nr. 131 : Wenn zwei Leute heiraten, die nichts haben, so muß man halt immer trachten, Stück für Stück im Haus nachzuschaffeu und kann deshalb keine Ersparnisse machen. Auch verdient mein Mann nicht immer fl. 10 bis 12. Nach Pfingsten hat er nur fl. 5 bis 6. Expertin Nr. 133 lüber Befragen des Vorsitzenden): Auch ich bin in demselben Betrieb wie die beiden Exp. Nr. 130 und 131, und zwar seit einem Jahr. Ich bin schon seit acht Jahren in der Branche und war früher auch bei Kleingewerbetreidenden. Ich habe vier Monate gelernt, während welcher ich nichts bekommen habe. Nachher hatte ich sechs Uonate lang fl. 3 Lohn. Weil mir das zu wenig war, bin ich zu einem anderen Kleinmeister gegangen, wo ich die ganze Kost, Frühstück, Gabelfrühstück, Mittagmahl und Jaule, außerdem fl. 3'50 hatte. Die Kost war sehr reichlich und gut. Ich war auf diesem Platze nur sechs Wochen, weil ich dann in eine Fabrik gekommen hin, wo ich fl. 7 verdiente, also meine Stellung verbesserte. Derzeit verdiene ich fl. 8. Auch ich kann nur die Angaben der 494 beiden früheren Expertinnen bestätigen; speciell bezüglich des Werkführers kann ich bemerken, daß über ihn nicht zu klagen ist. Ich wohne bei meinen Eltern, welche Zimmer, Küche und Cabinet haben und fl. 51 vierteljährlich zahlen. Mein Vater ist Schuhmachermeister. Ich habe zwei Schwestern, die Eine ist verheiratet und war auch bei unserer Branche, die Andere ist erst elf Jahre alt und geht iwch in die Schule. Es wohnen also bei uns nur Vater, Mutter, eine jüngere Schwester und ich. Ich gebe den Eltern fl. 3'50 wöchentlich für Verpflegung, weil ich zu Hause efle. Was ich sonst brauche, kaufe ich mir selbst. Ich lege mir halt so lange zusammen, bis ich genug habe, um mir etwas zu kaufen. Aus Raten kaufe ich nichts. Ich gehe manchmal mit den Eltern auf Unterhaltungen. Jn's Theater gehe ich nur selten, und zwar in's Deutsche Volkstheater. Ich bin in keinem Arbeiterverein. Ich gehöre der Krankenkasse an und zahle 27 kr. monatlich. Ich habe keine dritte Person zu unterstützen und bekomme auch von den Eltern nichts, da das Geschäft nicht besonders geht. Der Vater hat nur einen Gesellen und keinen Lehrjungen. Der Vater verwendet keine Frauen zur Arbeit. Wenn er etwas braucht, so mache ich es, weil ich ja vom Geschäft bin. Wir wohnen im achten Bezirk. Expertin Nr. 132 (über Befragen des Vorsitzenden): Ich bin gegenwärtig in einem Friemgeschäst in oer Stadt. Das ist ein Schuhwaarengeschäft, welches nicht auf Versandt, sondern nur im Detail für Kunden arbeitet. Ich bin in diesem Geschäft seit drei Jahren. Ich bin schon seit 21 Jahren bei der Branche und habe mit 17 Jahren die Arbeit erlernt. Ich bin in unserem Geschäft die einzige Arbeiterin und muß steppen, Knopflöcher machen, einfassen u. s. w., sowohl Tisch- als Maschinenarbeiten verrichten. Ich arbeite mit einem Vorrichter zusammen. Außerdem haben wir jetzt 15 Bödenarbeiter. Wir haben auch eiue Saison, und zwar von Fasching bis nach dem Umgang. In dieser Zeit haben wir 15 bis 17 Arbeiter und in der stillen Zeit nur 8 bis 10. Die stille Zeit ist während der Ferien. Dann geht das Geschäft von Allerheiligen bis Weihnachten wieder sehr stark und hieraus bis zum Fasching wieder schwächer. In der stillen Zeit werden die jüngeren Arbeiter weggeschickt. Wir erzeugen gewöhnlich Herren- und Damenschuhe. Wir haben keinen Motorenbetrieb, auch keine Rundloch-, Knopfloch- oder Einfaßmaschinen, sondern das muß ich Alles mit der Hand.selbst machen. Diese Maschinen würden sich dem Herrn nicht auszahlen. Vorsitzender: Wie kommt es, daß Sie alle diese Arbeiten verrichten können? Haben Sie denn als Lehrmädchen sowohl Tisch- als Maschinenarbeit gelernt? — Exp. Nr. 132: Die Stepperinnen eignen sich die Tischarbeit von selbst an, und deshalb können sie in einem Friemgeschäst alle Arten von Arbeit verrichten. Die Arbeitsvermittlung erfolgt auch bei uns durch die von den anderen Expertinnen erwähnte Zubriugerin. Die Arbeitszeit ist bei uns von 7 Uhr Früh bis 7 Uhr Abends, mit einer Stunde Mittagspause. Unser Arbeitslocal ist in einem der entfernteren Vororte gelegen, und die Filiale ist in der Stadt. Sowohl ich wie die anderen Arbeiter sind draußen in der Werkstatt. Jene Arbeiter, die nicht in's Gasthaus gehen wollen, essen im Arbeitslocal und bekommen die Kost von der Frau. Wenn es schön ist, essen wir im Garten. Es wird bei uns keine Arbeit außer Haus gegeben. Während der Saison arbeiten wir von 0 Uhr Früh bis 8 Uhr Abends und bekommen für eine Ueberstunde 14 kr. Für das Gabelfrühstück und die Jause haben wir keine bestimmten Pausen, aber es wird nichts gesagt, wenn wir uns Zeit zum Essen nehmen. An Feiertagen arbeiten wir bis 5 Uhr und erhalten den ganzen Tag gezahlt. An Sonntagen wird nie gearbeitet. Wenn an einem Feiertage nicht gearbeitet wird, so wird dieser Tag abgezogen; wird nur ein halber Tag gearbeitet, so bekomme ich nur halben Tageslohn. Bei uns ist keine Kündigungsfrist, 49s und es wird das bei der Aufnahme mit dem Herrn vereinbart. Das wird überhaupt in allen Geschäften mit dem Herrn von vornherein ausgemacht, denn manche Herren wollen 8- oder 14tägige Kündigungsfrist haben. Ich stehe im Wochenlohn und verdiene sl. 8'50, früher hatte ich fl. 8. Dr. Schwiedland: Sie haben, da Sie in einem Kundengeschäft find, eine andere Saison als die früheren Expertinnen. Ist Ihnen bekannt, daß Fabriksarbeiterinnen, wenn sie nichts zu thun haben, iu diese Kundenbetriebe eintreten? — Exp. Nr. 132: Gewiß; die Stepperinnen z. B. find nur fünf, sechs Monate höchstens bei einem Betriebe. Wenn in den Fabriken nichts zu thun ist, gehen sie zu den Obertheilherrichtern und in die Friemgeschäfte, und wenn dort ausgesetzt wird, kehren sie wieder in die Fabrik zurück. Vorsitzender: Was sind das, die Obertheilherrichter? — Exp. dir. 132: Diese machen nur Obertheile, und die kleinen Schuster, welche sich keine Stepper halten können, kaufen die Obertheile dort. Strafen und Abzüge kommen bei uns nicht vor, auch nicht für das Zuspätkommen. In dem Friemgeschäft ist es überhaupt nicht so genau. Ich habe nur den Herrn als Vorgesetzten. Ich bin alleinstehend und habe die Kost von der Frau, welche auch draußen bei unserer Werkstätte wohnt, da das Haus Eigenthum des Herrn ist. Ich bekomme dort in der Früh Kaffee, zum Gabelfrühstück kaufe ich mir manchmal etwas; zu Mittag esse ich Fleisch, Gemüse; einmal in der Woche, nämlich am Freitag, haben wir statt des Fleisches Mehlspeise und zur Jause Kaffee. Abends lasse ich mir vom Gasthaus etwas zum Essen und ein Viertel Wein holen, weil ich kränklich bin. Ich zahle der Frau für das Mittagessen 25 kr., für die Jause 9 kr. und für das Frühstück auch 9 kr., zusammen also 43 kr.; im Ganzen gebe ich täglich über 60 kr. für das Essen aus. Unser Local befindet sich in einem alten Hause. Die Fenster des Locals, in welchem ich arbeite, gehen in den Hof, und dasselbe liegt im Parterre. Die Bödenarbeiter sind in einem Kellerlocal. Mein Local hat nur ein Fenster, und es arbeiten drinnen mein Vorrichten und ich. Luft und Licht ist in genügendem Maße vorhanden. Das Local wird zwei- bis dreimal im Jahre ausgegeben, die Fenster werden öfter geputzt, dies Alles besorgt die Köchin. Das Kehren wird von den drei Lehrjungen besorgt. Diese müssen, glaube ich, drei Jahre lang lernen. Das erste Jahr werden sie zu Gängen verwendet, das zweite Jahr verrichten sie Flickarbeit, und im dritten Jahre bekommen sie schon neue Arbeit. Die Lehrjungen haben Kost und Quartier, bekommen jedoch nichts gezahlt. Wir essen in dem Local, in dem wir arbeiten. Die Bödenarbeiter schlafen auch dort. In der oberen Werkstätte sind drei Betten, in der unteren vier, und in jedem Bett schlafen zwei Arbeiter. In dem Local, wo ich arbeite, schläft der Geschäftsführer. Wenn ich da um 6 Uhr Früh schon hinkomme, so ist es ost sehr unangenehm, und ich muß die Fenster aufreißen, da ich sonst nicht arbeiten könnte. Es ist nur ein Abort vorhanden, der aber sehr rein ist. Die Arbeiter sind mit Ausnahme des Vorrichters und eines Bödenarbeiters alle ledig. Ich bewohne mit einem anderen Fräulein zusammen ein Zimmer, für welches wir zusammen fl. 14 monatlich zahlen. Ich gehöre keinem Verein an. Ich bin bei der Genossenschafts-Krankencasse und zahle wöchentlich 12 kr., der Herr 6 kr.; im Krankheitsfälle bekomme ich fl. 4'48 Krankengeld. Für dritte Personen habe ich nicht zu sorgen. Ich könnte mir bei meinem Erwerb wohl hie und da Unterhaltungen gönnen, aber da ich krank bin, kann ich nichts mitmachen. Ausflüge an Sonntagen mache ich nicht, da ich ohnehin in einen: halbländlichen Vororte wohne. Ich lese täglich das „Deutsche Volksblatt". Ich möchte noch hinzufügen, daß wir auch eine Vermittlung im Fachverein der Schuhmacher haben, sie wird aber von uns nicht benützt, denn es ist damit eine eigene Sache. Wenn mau nämlich die Vermittlung benutzen will, muß man Mitglied des Vereines sein und monatlich 20 kr. zahlen. Aus diese Weise kommt ein Platz theuerer, als wenn ich zur Zubringern: gehe. Von Rechtswegen sollte die Genossenschaft unentgeltlich die Vermittlung besorgen, weil wir ja gelernte Arbeiterinnen sind. Wir Arbeiterinnen sind schon einmal in dieser Sache zusammengetreten; da wollte uns die Genossenschaft ein Parterrelocal am Salzgries geben, aber man kann doch nicht von uns verlangen, daß wir uns so weit von den Arbeitsstätten am Salzgries herumkugeln, und wir waren damit nicht einverstanden. Vorsitzender: Auf welche Weise sind denn alle Arbeiterinnen zusammengekommen? — Exp. Nr. IM: Bei der Zubringern: kommen wir ja immer in großer Zahl zusammen. Dr. Schmied land: Es soll auch eine Vermittlung durch den Magistrat vorhanden sein, diese ist aber wirkungslos. Expertin Nr. 134 «über Befragen des Vorsitzenden): Ich bin seit Anfang dieses Jahres im Thierarznei-Jnstitute und verrichte dort nur eine Aushilfsarbeit. Es wurde nämlich von einen: Professor ein Impfstoff zur Vertilgung der Feldmäuse erfunden, bei dessen Versendung Arbeiterinnen beschäftigt sind. Wir müssen zuerst die Eprouvetten ausputzen, da sie von Deutschland in Holzwolle und Haaren verpackt hereinkommen. Darm werden sie mit Wattastöpseln versehen, sterilisirt, von: Assistenten angefüllt, wieder sterilisirt, schief gelegt, mit Impfstoff versehen, verpackt und nach Böhmen, Mähren und Ungarn verschickt. Es wurden anfangs vier, dann noch fünf Mädchen aufgenommen, so daß wir nenn waren. Nun wurden gestern diese fünf entlassen, und wir vier arbeiten weiter. Wir werden nunmehr die Arbeit zu Ende führen, dieselbe wird aber nicht länger wie etwa vier Wochen dauern. Früher war ich bei der Metall- Industrie. Da hat sich nun das Thierarznei-Jnstitut an den Verein für Arbeitsvermittlung gewendet, daß er intelligente Mädchen hinschickt. Ich hatte damals keine Arbeit, und nachdem es ja einer Arbeiterin selten möglich ist, bei einer Industrie auszuhalten, so bin ich hingegangen. Die dort beschäftigten Arbeiterinnen recrutiren sich aus Arbeiterkreisen. Es ist auch eine Frau darunter, deren Mann Geschäftsdiener ist. Wir arbeiten von halb 8 bis 12 Uhr Mittag und von halb 2 bis 0 Uhr Abends. Wir machen aber jetzt Ueberstunden und auch Sonntagsarbeit. Nachdem die Arbeit in: Frühjahr vollendet sein muß, da das Gift ausgestreut werden muß, bevor die Saat in die Erde kommt, so hatten wir sehr viel zu thun. Außerdem sind wir vor den Osterfeiertagen gestanden, wo sich doch jede Arbeiterin etwas kaufen muß, und da mußten wir trachten, daß Ueberstunden gemacht werden. Ich war freilich nicht dafür, weil ich mir gedacht habe, es sollen neue Arbeiterinnen aufgenommen werden. Es ist mir aber nicht gelungen, mit dieser Ansicht bei den Arbeiterinnen durchzudrängen, und so haben wir den Herrn Professor gefragt, ob wir mehr arbeiten dürfen. Er sagte: „So lange Sie wollen und wann Sie wollen." Es wurde auch der Preis für Ueberstunden von uns fixirt. Ich habe am Sonntag nur bis 1 Uhr arbeiten wollen, aber eine andere Arbeiterin wollte durchaus bis 3 Uhr arbeiten. Wir arbeiten täglich bis 8 Uhr und an: Samstag bis 7 Uhr, machen also Samstag eine und fönst zwei Ueberstunden. Sonntag bekommen wir den ganzen Tag gezahlt, wiewohl wir nur bis 1 Uhr arbeiten. Wir haben während der Arbeitszeit zwar keine Pausen, aber wenn wir uns Zeit zum Essen nehmen, so sagt uns Niemand etwas, denn es ist das überhaupt die beste Arbeit, die ich je gehabt habe. Ich wohne ziemlich weit entfernt von der Arbeit, ebenso andere Mädchen. Wir gehen deshalb zu Mittag nicht nach Hause, sondern wir holen uns das Essen und verzehren es in: Arbeitslocal. Es wurde keine Kündigungsfrist vereinbart, und die Arbeiterinnen, welche Samstag entlassen wurden, sind gleichfalls ohne Kündigung gegangen. 497 Diese fünf Mädchen haben nur das Putzen der Eprouvetten besorgt. Sie haben ohnedies schon eine Ahnung gehabt, daß sie am Samstag weggehen müssen; sie konnten sich allerdings vorher nicht um andere Arbeit umschauen, weil die Bureaustunden der Arbeitsvermittlung in die Arbeitszeit hineinfallen, und wenn man durch die Zeitung einen Posten haben will, so muß man doch auch Zeit haben, sich dem Herrn vorzustellen. Man nimmt auch in der Arbeitsvermittlung nicht gerne eine solche Arbeiterin, welche noch in der Arbeit ist, weil diejenigen Arbeiterinnen, welche schon längere Zeit arbeitslos sind, den Vorzug haben. Dr. Bi'ezina: Wer füllt die Eprouvetten mit dem Giftstoff an? Haben Sie selbst mit dem Giftstoff zu thun? — Exp. Nr. 184: Der Assistent füllt an, ein Mädchen arbeitet ihm in die Hand. Sie macht die Eprouvette auf, er gibt den Impfstoff hinein, und fie stöpselt wieder zu, so daß dies für sie keine gesundheitsschädlichen Folgen hat. (Ueber Befragen des Vorsitzenden.) Wir hatten anfangs 80 kr. Taglohn. Da habe ich nun gleich mit dem Laboranten gesprochen, und da haben wir vom Professor 5 kr. täglich Zulage bekommen, so daß wir nun wöchentlich st. 5'10 verdienen, überdies haben wir für Ueberstunden 15 kr. Wir stehen uns daher täglich auf fl. 1 15 und am Sonntag auf 85 kr. Strafen und Abzüge haben wir nicht, auch nicht für das Znspätkommen. Der Professor'und der Laborant sind uns gegenüber sehr zuvorkommend, das Gleiche gilt von den Assistenten. Sie kommen herein, grüßen, wir danken, sie srggen, wie die Arbeiten stehen, es ist also in keiner Hinsicht über sie zu klagen. In der Früh trinke ich zu Hause Kaffee, um 10 Uhr kaufen wir uns Butterbrot oder ein Stück Wurst mit Brot, zu Mittag essen Einige Geselchtes, Andere kaufen sich zu Zweien etwas vom Gasthaus und geben dafür 10 bis 20 kr. aus. Manche gehen auch in's Kaffeehaus, und weil das kein nahrhaftes Essen ist, so essen sie dafür mehr Semmeln. Ich und noch eine Arbeiterin trinken täglich zusammen einen Liter Milch. Am Abend essen die Arbeiterinnen, welche bei den Eltern wohnen, das, was vom Mittag übrig bleibt, ich mache es auch so. Ich wohne bei der Mutter, welche zu Mittag Suppe, Gemüse und gewöhnlich auch Fleisch kocht, manchmal haben wir auch eine Mehlspeise. Auch jene Mädchen, welche nicht bei den Eltern wohnen, können sich am Abend eine kräftige Nahrung vergönnen, weil wir ja jetzt mit den Ueberstunden fl. 7'60 verdienen. Wir hatten früher ein sehr geräumiges Arbeitslocal, das aber jetzt als Hörsaal verwendet wird, und wir sind deshalb in die Münzgasse, in ein äußerst primitives Local gekommen. Das erste Local war sehr zugig, und ich habe mir deshalb einen Katarrh zugezogen, jetzt sind wir wieder in einem anderen Local, welches etwas besser ist, aber noch zu wünschen übrig läßt. Die Arbeiterinnen kehren abwechselnd aus; wenn wir in's Geschäft kommen, ziehen sich die Einen aus, und die Anderen kehren, machen die Fenster auf, und dann wird geheizt. Der Saal ist geweißt. Zu den Ostern haben wir während der Arbeitszeit das Local gewaschen und die Fenster geputzt. Auch der Abort ist sehr Primitiv. Im Thierarznei-Jnstitnte konnten wir nicht auf den uns nahe gelegenen Abort gehen, weil derselbe von den Hufbeschlagsschmieden und Studenten benützt wurde, da mußten wir auf einen entfernter gelegenen Abort gehen. Vorsitzender: Ist kein Hausdiener da, welcher das einheizen Früh besorgen könnte, bevor Sie kommen? Es muß ja doch im Winter sehr kalt gewesen sein. — Exp. Nr. 134: Es sind im Laboratorium drei Diener, die haben etwas Anderes zu thun und können sich darum nicht kümmern. Holz und Kohle werden direct vom Kohlenhändler gebracht, hängen also mit dem Dienst im Laboratorium in gar keinem Zusammenhange. (Ueber Befragen des Vorsitzenden.) Ich lebe mit meiner Mutter; wir haben Zimmer und Küche und zahlen fl. 11. In der Wohnung schlafen: meine Mutter, Frauen-Enquste. 498 ein Bruder, der ausgelernter Commis ist, eine ältere Schwester, ein elfjähriger Bruder und ich. Mein Vater ist gestorben, er war angestellt; meine Mutter geht Hausiren und ist die eigentliche Erwerbskraft der Familie. Es ist verschieden, was ich meiner Mutter beisteure. Im Sommer reflectirt sie nicht so auf unseren Verdienst, wir geben ihr nur, was wir gerade haben. Ich bin im Fachverein der Metallarbeiter, dann in der allgemeinen Krankenkasse und zahle 17 kr. wöchentlich; vom Institute aus wird die Krankenversicherung nicht vermittelt. Im Krankheitsfälle bekomme ich fl. 4'20. Unterhaltung mache ich selten mit. Mit meiner Mutter kann ich ja nicht gehen, denn alte Leute sind nicht vergnügungssüchtig. Ich gehe nur in den Fachverein oder höchstens manchmal in's Theater oder in Concerte. Ich lese die „Arbeiter-Zeitung". Baronin Vogelfang: Wann geht Ihre Mutter Hausiren? — Exp. Nr. 184: Sie geht im Sommer hauptsächlich aufs Land zu den Köchinnen mit Wäsche Hausiren. Dr. Schwiedland: Was für Concerte besuchen Sie? — Expertin Nr. 184: Civil- oder Militär-Concerte, Concerte des Volksbildungsvereines besuche ich äußerst selten. Expertin Nr. 185 (über Befragen des Vorsitzenden): Ich bin Inhaberin einer Handschuhnäherei und beschäftige je nach dem Geschäftsgänge sechs bis neun Arbeiterinnen. Wenn das Geschäft gut geht, habe ich sechs Näherinnen und drei Ausfertigerinnen, welch letztere die Knopflöcher machen, die Schnitzeln niedernähen und die Knöpfe annähen. Es arbeitet immer eine Ausfertigerin mit zwei Näherinnen. ^ Ich habe diesen Betrieb seit dem Jahre 1888. Früher war ich selbstständige Heimarbeiterin und habe mit meiner eigenen Maschine für Fabrikanten gearbeitet. Ich selbst habe jetzt mehrere Maschinen. Einige Mädchen habe ich in ganzer Verpflegung, einige gehen nach Hause. Die Maschinnäherinnen sind per Stück bezahlt und bekommen für ein Paar Handschuhe, das auf der Maschine genäht wird, 6 kr. Von den acht Arbeiterinnen, die ich jetzt beschäftige, wohnen sechs bei mir und die anderen zwei außer Hans. Das Geschäft geht so ziemlich das ganze Jahr gleich, nur im Sommer und im Fasching etwas schlechter. Ich entlasse da gar keine Arbeiterin, wenn sie nicht in Folge des schlechten Geschäftsganges selbst gehen. Ich bekomme die Handschuhe vom Fabrikanten zugeschnitten und habe blos das Nähen und Passepoiliren zu besorgen. Die Arbeiterinnen kommen meist aus Böhmen, und zwar aus der Gegend von Przibram. Ich bin auch aus Böhmen, dort sind große Nähanstalten, woher die Mädchen bereits als ausgelernte Arbeiterinnen kommen. Wir haben keine Arbeitsvermittlung. Wenn ich Jemanden geschwind brauche, so gebe ich eine Annonce in die Zeitung. Bekomme ich eine Arbeiterin, so ist es gut, bekomme ich keine, so kann ich eben mit der Arbeit nicht nachkommen. Ich arbeite für einen Exporteur in Wien und für ein Geschäft in der Provinz. Dr. Frey: Wissen Sie, wie viel solche Nähanstalten es in Wien gibt? — Exp. Nr. 135: Ich kenne vier bis fünf und glaube nicht, daß es mehr gibt. Dr. Frey: Man hat uns gesagt, daß es in Wien nur eine große Fabrik gibt, wo in der Fabrik selbst gearbeitet wird, sonst seien lauter Sub- unternehmer, welche die Arbeiterinnen meist aus Böhmen beziehen. — Exp. Nr. 135: Die große Fabrik hat über 100 Arbeiterinnen. Unter diesen sind nur wenige Näherinnen. Weil die Noth unter den Arbeiterinnen in Wien zu groß ist, so schickt der Fabrikant beinahe die ganze Näharbeit aufs Land in große Nähanstalten. Ueberhaupt wird das Gros der Waare in den Nähanstalten aus dem Lande, in Wien aber eigentlich nur die Postarbeit sabricirt. Solche Nähanstalten gibt es in Böhmen, dann auch in Nieder- österreich. 499 Dr. Frey: Gibt es auch Heimarbeiterinnen, die eine Maschine haben und für Detailgeschäfte arbeiten? — Exp. Nr. 135: Nicht viele. Dr. Schwiedland: Müssen denn die Arbeiterinnen nicht besonders auf Reinlichkeit achtgeben, und ist es da möglich, daß sie zum Beispiel die Wirthschaft führen, vom Kochtops wegspringen und einen Glacehandschuh nähen und dann wieder am Herd arbeiten? — Exp. Nr. 135: Nein, sie müssen sich das halt eintheilen. Dr. Schwiedland: Auf welche Weise haben Sie die Arbeit für die Provinzfirma bekommen? — Exp. Nr. 135: Ich bin recommandirt worden. Dr. Schwiedland: Ist das der einzige auswärtige Unternehmer, für den Sie arbeiten? — Exp. Nr. 135: Ich arbeite außerdem noch für ein anderes auswärtiges Geschäft. Ich habe dem Inhaber dieser Firma geschrieben, daß ich schon elf Jahre für die Provinz arbeite, und da schickt er mir hie und da Arbeit. Dr. Schwiedland: Was ist Ihre eigentliche Thätigkeit in Ihrem Betriebe? — Exp. Nr. 135: Wenn ich mit meinem Dienstmädchen die häuslichen Arbeiten fertiggestellt habe, so nähe ich selbst mit; außerdem sehe ich natürlich die Arbeit vor dem Abliefern durch. Frl. Fickert: Sie sagten, daß Sie 6 kr. für ein Paar bezahlen. Nun haben wir von Expertinnen gehört, daß sie per Dutzend nur 10 bis 12 kr. verdienen. — Exp. Nr. 135: In manchen Geschäften wird per Tag gezahlt, und die Arbeiterinnen müssen täglich eine bestimmte Aufgabe machen. Das ist also nicht gleich. Weiß: Wie viel beträgt die Bezahlung seitens der Fabrikanten? — Exp. Nr. 135: 10 bis 13 kr. 13 kr. werden für vierknöpfige Handschuhe gezahlt, manchmal auch nur 10 kr. und sogar 9 kr. Solche Arbeiten kann ich nicht übernehmen, denn ich zahle für das Nähen 6 kr., und das Ausfertigen kommt mir auf mindestens 4 kr. Dr. Schwiedland: Müssen Sie die Knöpfe selbst beistellen? — Exp. Nr. 135: Nein, nur den Zwirn und die Nadeln. (Ueber Befragen des Vorsitzenden.) In anderen Betrieben werden die Mädchen viel schlechter bezahlt. Es gibt eine Anstalt, wo die Mädchen 18 Paar pro Tag nähen müssen, und dort müssen sie auch die Knopflöcher mit der Maschine nähen, während sie bei uns mit der Hand genäht werden. Diese Mädchen bekommen die ganze Verpflegung, sl. 8 Monatslohn und st. 3 Nachtmahlgeld. Kost und Quartier schätze ich auf sl. 3'50 wöchentlich ohne Nachtmahl. Dr. Schwiedland: Das wären im Ganzen etwa st. 24 monatlich, ' also st. 6 wöchentlich, pro Tag fl. 1. Sie müssen also für sl. 1 18 Paar ganz fertig machen? — Exp. Nr. 135: So ist es; wenn bei mir eine Arbeiterin die Knopflöcher auf der Maschine ausnützt, so bekommt sie dafür noch extra 1 kr. per Paar. (Ueber Befragen des Vorsitzenden.) Die Arbeitszeit ist bei mir von 7 bis 12 Uhr Mittags und von 1 bis 8 Uhr Abends. Wenn wenig Arbeit da ist, wird nur bis 7 Uhr gearbeitet. Zu Mittag wird niemals gearbeitet. Es haben alle Mädchen die Kost bei mir. Ueber- stunden kommen selten vor, es wird dann bis halb 9 Uhr gearbeitet. Es wird keine Arbeit nach Hause gegeben, und ich beschäftige auch keine Heimarbeiterinnen. Ich habe dreitägige Kündigung. Dr. Frey: Wie lang braucht ein Mädchen, um 18 Paar Handschuhe herzustellen? — Exp. Nr. 135: Wenn sie flink ist, 12 Stunden. Dr. Frey: Wie viel Paar werden bei Ihnen von einem Mädchen an einem Tag gemacht? — Exp. Nr. 153: Das ist verschieden, 15, 16 bis 18, aber ohne Knopflöcher, denn diese müssen, weil es der Fabrikant verlangt, mit der Hand genäht werden. Ich kenne auch noch eine Anstalt, wo sechs Arbeiterinnen zusammen 158 Paar pro Tag nähen müssen. Dort ist auch Arbeitstheilung eingeführt. 32 * 500 Tr. Schwiedland: Sind im Laufe der Zeit, seit welcher Sie arbeiten, die Preise seitens der Fabrikanten herabgesetzt worden? — Expertin Nr. 135: Vor zehn Jahren habe ich für ein Paar gewöhnlicher Herrenhandschuhe, für welches ich heute 9 bis 10 kr. bekomme, 13 kr. bekommen. Dieser Preisdruck rührt von der Coneurrenz der ländlichen Nähanstalten her. Dr. Schwiedland: Ist der Lohn der Arbeiterinnen, seitdem Sie arbeiten, gleichgeblieben? — Exp. Nr. 135: Ja, ich habe immer 6 kr. gezahlt, und es ist nur mein Schaden, wenn die Fabrikanten heute weniger zahlen. Bei manchen Handschuhen verdiene ich nur 1 kr. Ich stehe mich heute schlechter als vor zehn Jahren, wiewohl ich mehr Arbeit habe. Die Vermehrung der Quantität der Handschuhe gleicht die Verminderung der Bezahlung nicht aus. (Ueber Befragen des Vorsitzenden.) Ich habe früher das AusfeAigen nach Stück gezahlt, jetzt zahle ich die Aussertigerinnen pro Monat. Für das Einsassen der Herrenhandschuhe haben die Mädchen blos 1 kr. bekommen, und da waren sie schlechter daran, als jetzt im Monatslohn. Ich gebe ihnen jetzt sl. 7 monatlich, fl. 3 Nachtmahlgeld und ganze Verpflegung. Die Maschinnäherinnen, welche im Accordlohn stehen, zahlen mir für die Verpflegung fl. 3'10 wöchentlich; dafür haben sie ein Bett, Frühstück, Mittag und Jause. Die auswärts wohnenden Arbeiterinnen, deren ich nur zwei habe, zahlen für Mittag und Jause wöchentlich fl. 1-68. Sie bekommen in der Früh Kaffee und Semmel, zu Mittag Suppe. Fleisch, Gemüse und Brot, und zur Jause wieder Kaffee. Ein Mädchen schläft im Arbeitszimmer und sechs in einem Alkoven; je zwei haben zusammen ein Bett. Wenn eine Arbeiterin etwas verdirbt, zum Beispiel einen Handschuh fleckig macht, so muß entweder ich oder die Arbeiterin ihn dann dem Fabrikanten um sl. 1 oder 90 kr. abnehmen. Tr. Schüller: Wie viel verdienen Sie durchschnittlich an einem Paar Handschuhe? — Exp. Nr. 135: An manchem 2, an manchem 1 kr. Dr. Schüller: Wenn man 2 kr. der Berechnung zu Grunde legt, so würden Sie fl. 80 monatlich über den Arbeitslohn verdienen, wovon Sie die Maschinen und alles Uebrige zu bezahlen hätten. — Exp. Nr. 135: Ich verdiene an den Arbeiterinnen täglich fl. 1 bis l'30. Ich selbst mache noch außerdem täglich 6 Paar Handschuhe und verdiene also auf diese Weise durch meine eigene Arbeit außerdem. Vorsitzender: Wo ist Ihr Betrieb? — Exp. Nr. 135: Im VII. Bezirk. Dr. Schwiedland: Kommt auch der Gewerbe-Jnspector zu Ihnen? — Exp. Nr. 135: Er war voriges Jahr zweimal bei mir, da ich angezeigt worden bin, er hat aber meinen Betrieb ganz zufriedenstellend gefunden; er hat sich nur erkundigt, ob alle Arbeiterinnen in der Kranken- caffe sind und Arbeitsbüchel haben. Nach einiger Zeit ist er wieder gekommen, aber zu dem Geschäftsmann, der mich angezeigt hat, kommt er öfters. Vorsitzender: Weshalb hat er Sie denn angezeigt? — Expertin Nr. 135: Weil es ihm nicht recht ist, daß ich die Arbeiterinnen per Stück bezahle. Er hat nämlich bei sich Arbeitstheilung eingeführt, und da arbeiten die Mädchen viel mehr und verdienen auch mehr, trotzdem er die Waare billiger herstellt. Er verdirbt den Preis, er arbeitet um 9 kr. Dr. Schwiedland: Wenn er mehr verdient, warum ist er Ihnen aufsässig? — Exp. Nr. 135: Weil von ihm Arbeiterinnen weggelaufen sind und zu mir kamen. (Ueber Befragen des Vorsitzenden.) Ich muß keine Geschenke an Manipulanten und Angestellte geben. Das Arbeitslocal, welches im zweiten Stock liegt, besteht aus einem Zimmer mit zwei Fenstern, worin acht Mädchen arbeiten. Die Reinigung wird von einem Dienstmädchen besorgt; es wird täglich zweimal ausgekehrt und wöchentlich gerieben. Im Arbeitszimmer wird auch gegessen und geschlafen. Wenn die Arbeiterinnen Feierabend machen, so ziehen sie sich an und gehen spazieren; inzwischen wird 501 gelüftet und gereinigt. In der Früh stehen die Mädchen um halb 7 Uhr von selbst auf. Die Arbeit beginnt um 7 Uhr, und während dieser halben Stunde wird gelüftet und ausgeräumt. Während der Arbeit muß man die Fenster schließen, weil sonst Ruß hereinfliegen würde. (Ueber Befragen des Vorsitzenden.) Ich bin verheiratet, und mein Mann ist Mithelfer bei unserer Arbeit. Er war gelernter Schuhmacher, und weil er kränklich ist, so arbeitet er halt mit mir, besorgt Gänge, sieht die Waare durch, außerdem steppt er Daumen auf der Steppmaschine. Meine Arbeiterinnen sind alle ledig und stehen im Alter von 17 bis 24 Jahren. Ich habe deshalb keine älteren Arbeiterinnen, weil sich die meisten verheiraten und dann selbstständig zu Hause arbeiten. Aber diese Arbeit heißt nicht viel, denn wenn sie Kinder haben, machen sie blos 6 bis 8 Paar täglich. Ich zahle für meine Wohnung fl. 100 vierteljährig; ein Cabinet habe ich davon um fl. 8 monatlich ver- miethet, so dap mich die Wohnung vierteljährig sl. 76 kostet. Ich bewohne davon ein Zimmer; außerdem habe ich das Arbeitszimmer mit dem Alkoven, eine große Küche und ein Vorzimmer. Ich habe drei Kinder, von denen das älteste erst elf Jahre zählt. Die Arbeiterinnen sind bei der allgemeinen Krankencasse. Ich bin in keinem Verein, die Arbeiterinnen sind in einem Antisemiten-Verein, aber ich kümmere mich nicht darum. Dr. Schwiedland: Wie sind Sie eigentlich zu Ihrem Geschäfte gekommen? — Exp. Nr. 185: Durch Zufall. Als ich nach Wien kam, bin ich in Dienst getreten. Die Frau, welche die Handschuhnäherei betrieb, sagte mir, wenn ich zu dieser Arbeit Eifer habe, so kann ich dabei bleiben und brauche keine häuslichen Arbeiten zu verrichten. Der Herr, für den diese Frau gearbeitet hat, hat mir dann ein Zeugniß ausgestellt, weil meine Frau. gestorben ist. Dr. Schwiedland: Bekommen die Arbeiterinnen bei Ihnen Unterstützungen von Verehrern? — Exp. Nr. 185: Es hat jede einen Liebhaber, aber sie bekommen nichts von ihnen. Baronin Vogelfang: Hatten Sie gleich von Anfang die Mädchen bei sich in Kost und Quartier? — Exp. Nr. 135: Ja, damals hatte ich aber blos zwei bis drei Arbeiterinnen. Baronin Vogelfang: Wer sind die Mädchen, die nicht bei Ihnen schlafen? — Exp. Nr. 135: Die haben Geliebte und wohnen mit. ihnen zusammen. Baronin Vogelfang: Ist das überhaupt der Brauch, daß die Unternehmer die Mädchen in Kost haben? — Exp. Nr. 135: Ja, es ist praktischer, wenn man die Mädchen in die Wohnung nimmt, weil man ihnen nicht so viel Geld geben kann, daß sie sich derartige Verpflegung verschaffen könnten, wie sie es im Hause haben. Frl. Fickert: Werden die Mädchen anfgedungen? — Exp. Nr. 135: Nein; ich speciell darf überhaupt keine Lehrmädchen haben. Dr. Schwiedland: Warum ? Was steht denn auf Ihrem Gewerbeschein? — Exp. Nr. 135: Handschuhnäherin. Dr. Schwiedland: Wozu haben Sie denn das Zeugniß gebraucht, welches Sie von dem früher erwähnten Herrn bekommen haben? — Expertin Nr. 135: Damit ich das Gewerbe eröffnen kann; aber das Recht, Lehrmädchen zu halten, habe ich nicht. Dr. Schwiedland: Das dürfte jedenfalls ein Irrthum sein. Vorsitzender: Wird bei Ihnen an Sonn- und Feiertagen gearbeitet? — Exp. Nr. 135: An Sonntagen niemals, an Feiertagen bis Mittag. Expertin Nr. 136 (über Befragen seitens des Vorsitzenden): Ich bin Schleiserin in der Knopfbranche und seit vier Jahren in der jetzigen Fabrik beschäftigt. Früher war ich in einer anderen Branche. Wir sind unser 30 Schleiferinnen. Wir haben eine Saison im Herbst, die bis zum Februar dauert; wenn die Arbeit dann schwächer wird, gehen Viele von selbst weg. 602 weil sie aussetzen müssen und nicht leben können. In der guten Zeit sind 80, in der schlechten 18 bis 20 Schleiserinnen beschäftigt. Diejenigen, die in der schlechten Zeit aus der Arbeit gehen, gehen entweder in eine andere Fabrik oder in Dienst. Wir schleifen Manschettenknöpfe, und zwar bei der Maschine. Da ist eine Scheibe, an welche wir die Knöpfe anhalten, wodurch der Glanz erzeugt wird. Wenn die Scheibe eine Arbeiterin erwischt, so reibt sie sich den Finger auf, es kommt aber auch vor, daß zum Beispiel die Hand ein wenig abgeschürft wird, da man den Knopf ganz nahe an die Scheibe hält. Das meldet aber keine, denn man wird noch dafür ausgemacht. Größere Verletzungen kommen nicht vor. Wenn man sich die Hand abschürft, so muß man sie verbinden, da ja auf der Scheibe Grünspan ist; dann muß man eben weiterarbeiten. Wenn eine Arbeiterin neu aufgenommen wird, so braucht sie etwa ein Jahr, bis sie die Arbeit perfect erlernt. Ich war im Ansang 14 Tage im Wochenlohn und habe 60 kr. gehabt. Wenn man dann in Äccord kommt, so verdient man anfangs nur 80 bis 40 kr. und nach fünf bis sechs Wochen 60 kr. Ich bin durch einen bekannten Herrn, der in der Fabrik beschäftigt ist, zu dieser Arbeit gekommen. Im Allgemeinen stehen die Mädchen beim Thor und warten, bis der Portier sie ruft. Durch Annoncen erfolgt bei uns keine Stellenvermittlung, auch haben wir keine Vermittlung durch die Genossenschaft oder den Fachverein. Wir haben zehnstündige Arbeitszeit, von 7 Uhr Früh bis 6 Uhr Abends, mit einer Stunde Mittagspause. Ueberstnnden werden bei uns niemals gemacht. Wir Schleiferinnen haben keine Hausarbeit, wohl aber andere Kategorien von Arbeitern. Ich finde das ungerecht, denn es müssen die Arbeiterinnen, die in der Fabrik beschäftigt sind, aussetzen, und gleichzeitig wird Arbeit an Hausarbeiterinnen gegeben. Wir haben zur Jause und Frühstückszeit je eine Viertelstunde Pause; an Sonn-und Feiertagen wird nie gearbeitet. Wir haben keine Kündigungsfrist. Der Lohn ist sehr schlecht, und es ist auch schon ein paar Mal abgezogen worden. Der Accordlohn wird nach zwölf Dutzend bemessen. Man bekommt für zwölf Dutzend Manschettenknöpfe 12 bis 20 kr., wenn Eine geschickt ist, kann sie 10 bis 12 Groß Manschettenknöpfe zu 12 kr. machen. Es kommt aber selten vor, daß sich eine Arbeiterin durchschnittlich mehr als fl. 1 verdient. Wenn man schlechtes Material hat, und die Knöpfe sind nicht ganz rein, so bekommt man sie zurück und hat den ganzen Tag umsonst gearbeitet. Am Vormittag bringt man mehr Arbeit zu Stande als Nachmittags, um 4 oder 5 Uhr lassen schon die Kräfte nach. Vormittag kann man in einer Stunde 10 bis 12 kr. verdienen, nach 4 Uhr aber nur 8 bis 9 kr. Ich schaue immer nämlich aus die Uhr, damit ich weiß, wie viel ich verdient habe. Die Arbeiterinnen haben mir gesagt, daß man früher 40 und 60 kr. für das Groß Manschettenknöpfe bekommen hat, und jetzt sind sie aus 12 kr. heruntergedrückt worden. Es gibt sogar Manschettenknöpfe, für welche man nur 4 bis 6 kr. bekommt. Es kommt bei den jüngeren Arbeiterinnen häufiger vor, daß Arbeit zurückgegeben wird, außerdem muß die Betreffende noch die Scheibe ersetzen. Eine Scheibe kostet 60 bis 70 kr., und man braucht durchschnittlich zwei Scheiben, also fl. U80. Wenn nun Eine einen Tag lang schlechte Arbeit geliefert hat, bekommt sie nicht nur nicht die ganze Bezahlung, sondern sie muß auch den Betrag zahlen, den die tägliche Abnützung der zwei Scheiben kostet. (Ueber weitere Fragen seitens des Vorsitzenden.) Ich verdiene im Winter fl. 6 bis 7, im Sommer fl. 4 bis 5. Es kommen bei uns Strafen vor; wenn man zwei bis fünf Minuten nach 7 Uhr kommt, so muß man 10 kr. zahlen und wird außerdem geschimpft; wenn man noch später kommt, so muß man den halben Tag versäumen. Das wäre doch gar nicht nothwendig, weil man doch im Accord arbeitet. Die Heimarbeiterinnen verdienen sich mehr als die in der Fabrik. — Exp. Nr. 187: Die verdienen sich bis zu fl. 8. Vorsitzender: Wenn das der Fall wäre, warum machen Sie 503 denn da nicht selbst lieber Heimarbeit? — Exp. Nr. 137: Jeder hat nicht so ein Glück. Vorsitzender: Verlangt das vielleicht größere Kunstfertigkeit? — Exp. Nr. 136: Nein. Dr. Frey: Wer bekommt denn eigentlich diese Hausarbeit? — Exp. Nr. 136: Der erste Stanzengraveur ist verheiratet, aber von seiner Frau weg und wohnt mit einem Mädchen zusammen. Da hat er nun dem Herrn gesagt, er soll ihr diese Arbeit geben. Dr. Schuller: Was geschieht mit den Strafgeldern? — Expertin Nr. 136: Das weiß ich nicht. Vorsitzender: Haben Sie Waschvorrichtnngen? — Expertin Nr. 136: Wir müssen uns mit Stearinöl waschen, weil der Schmutz mit Wasser nicht weggeht. Wenn man aber dabei erwischt wird, so muß" man das erste Mal 10 kr., das zweite Mal 50 kr. zahlen, und das dritte Mal wird man entlassen. — Exp. Nr. l37: Die Strafgelder kommen in die Bezirks-Krankencasse. — Exp. Nr. 136: Was Ihnen nicht einfällt! Gar keine Spur! (Ueber Befragen des Vorsitzenden.) Mein Vorgesetzter ist ein Werkmeister. Er ist riesig grob. Wenn man ihm etwas sagt, so sagt er: „Schauen Sie, daß Sie abfahren." In sittlicher Beziehung kann man über ihn nicht klagen. Der Herr hat ihm schon ein paar Mal verboten, so grob zu sein. Wir haben eigentlich eine Versammlung einberufen und uns über die schlechte Behandlung und den schlechten Lohn beschwert. Da hat der Herr etwas verbessert, aber nur bei einer Gattung, bei den Nickelknöpfen um 10 kr. Ueberhaupt ist Nickelarbeit für eine Frau zu schwer, weil dasselbe heiß ist; da entwickelt sich Grünspanstaub. Eine Schleifern: sollte sich durchgehend fl. lO verdienen, weil sie schon so viel auf Wäsche braucht, da wir doch eine sehr schmutzige Arbeit haben. Dr. Schwiedland: Ist die Nickelarbeit Männerarbeit? — Exp. Nr. 136: Bei der Schleiferei ist Alles Frauenarbeit. Dr. Schwiedland: Wer hat die Versammlung angestiftet? — Exp. Nr. 136: Ein Schlossermeister; der hat gesagt: Ihr verdient zu wenig für Euere Arbeit, das geht nicht!" Dr. Schwiedland: Woher wissen Sie, daß früher höhere Löhne waren? — Exp. Nr. 136: Von Arbeiterinnen. Dr. Hainisch: Haben Sie keinen Apparat, der den Staub aufsaugt? — Exp. Nr. 136: Ja; wir haben einen, aber wo ist der Apparat und wo sind wir! (Ueber Befragen des Vorsitzenden.) In der Früh trinke ich Kaffee mit Brot; znm Gabelfrühstück Brot; zu Mittag kaufe ich mir entweder im Gasthaus Bier, Wurst, Zuspeise und Brot, oder ich gehe zur Auskocherin; manchmal bleibe ich zu Mittag in der Fabrik — dort kann man nur im Winter über Mittag bleiben — und esse dort um 5 kr. Wurst und Brot oder Kaffee. Gewöhnlich gebe ich zu Mittag 12 bis 15 kr. aus; wenn ich mir wenig verdiene, nur 5 bis 10 kr. Ich nehme keine Jause; Abends bekomme ich von der Zimmerfrau einen Kaffee, und dann kaufe ich mir noch ein Krügel Bier und eine Wurst. Ich spüre die ungenügende Ernährung sehr, da ich oft Brustschmerz habe. Ueberhaupt schaut jede Schleiserin schlecht aus, weil man den Grünspan einathmet. Es kommen auch häufig Erkrankungen vor, zumeist Brustkatarrh. (Ueber weiteres Befragen.) Unser Arbeitsloeal ist sehr groß und rein. Es hat acht Fenster. Es ist von drei Seiten beleuchtet; es sind Glaswände angebracht. In dem Local befinden sich derzeit 20, im Winter 30 Frauen, aber nur ein Mann, nämlich der Schleifmeister. Das Local liegt in: Parterre, und die Fenster gehen auf die Gasse. Wir selbst besorgen das Auskehren und bekommen dafür 12 kr. wöchentlich. Die übrige Reinigung besorgen andere Arbeiterinnen. An Feiertagen werden die Fenster geputzt und der Fußboden höchstens einmal im Jahre ein bischen ausgewaschen. Die Aborte sind auch sehr rein und nach 504 Geschlechtern getrennt. Unser Vorgesetzter nimmt keine Geschenke, denn er ist viel zu stolz und vielleicht traut er den Leuten nicht, weil er weiß, daß der Herr es nicht dulden würde. Es sind mehr ledige als verheiratete Arbeiterinnen. Ich bin bei einer Frau zu Bett und zahle fl. 1 pro Woche. Es schlafen in dem Zimmer der Zimmerherr, die Zimmerfrau, vier Kinder und ich. Ich habe ein Bett, und in den zwei anderen Ehebetten schlafen der Mann und die Frau und haben die vier Kinder in der Mitte. Ich bin in der Arbeiter-Krankencasse und zahle 17 kr. wöchentlich. Ich bin im Fachverein der Metallarbeiter. Ich habe eine Tochter von nenn Jahren, welche mein Bruder aus dem Lande bei sich hat. Ich habe dafür keine bestimmte Zahlung zu leisten, sondern muß nur ein bischen nachhelfen. Ich kaufe Kleider und Wäsche nicht auf Raten, sondern wenn ich gerade etwas habe, zahle ich baar. Ich habe zehn Kinder gehabt, von welchen sieben gestorben sind ; außer meiner Tochter habe ich noch zwei ältere Sohne, die mich aber nicht unterstützen können. Ich habe früher bei einer M ühle Säcke genäht und ausgebessert. Bei dieser Arbeit waren wir sieben oder acht beschäftigt. Es war dabei sehr viel Staub, und zwar besonders bei den alten Säcken, die ausgebessert wurden. Für neue Säcke war der Stoss rein. Wir haben im Accord gearbeitet. Für das Ausbessern eines Sackes haben wir 2 kr. und für einen neuen Sack 5 kr. bekommen. Wenn Eine fleißig war, so konnte sie im Tag 50 bis 60 Säcke ausbessern, so daß man sich fl. 1 verdiente. Es war jedoch gewöhnlich nur drei bis vier Tage in der Woche zu thun. Baronin Vogelfang: Wie viel neue Säcke haben Sie im Tag genäht ? — Exp. Nr. 136: Den ganzen Tag haben wir nie neue Säcke genäht, sondern nur während eines halben Tages, wo wir vier bis fünf Säcke machen konnten. Expertin Nr. 137 : Ich bin in demselben Betriebe wie die Exp. Nr. 136 durch drei Jahre beschäftigt. Ich bin seit sechs Jahren Schleifern! und war früher im Dienst; ich verdiene in der vollen Saison bis fl. 6, im Sommer fl. 4 bis 5. Mich nimmt die Beschäftigung nicht so stark her, weil ich aus der Brust gesund bin. Jm Uebrigen kann ich nur die Angaben der Expertin Nr. 136 bestätigen. Ich trinke in der Früh Kaffee und Brot, zum Gabelfrühstück nehme ich nichts, während der Mittagspause gehe ich in's Gasthaus und esse Rindfleisch, Bier und Brot, zur Jause nehme ich nichts, und Abends esse ich Thee, Wurst und Brot. Auch ich muß mich über die Behandlung seitens des Vorgesetzten beklagen. Wenn man sich beklagt, so sagt er: „Sie können zu jeder Stunde weggehen." Ueber Zudringlichkeiten in sittlicher Beziehung kann ich mich nicht beklagen. Wir haben keine Kündigungsfrist. Ich wohne in der Vorstadt, bin auch Bettgeheriu und zahle fl. 1 wöchentlich. Die Wohnung des Quartiergebers besteht aus Zimmer und Küche. Der Zimmerherr, die Zimmerfrau, ein Kind schlafen im Zimmer, ich schlafe in der Küche. Ich bin im Fachverein der Metallarbeiter, gehöre der allgemeinen Krankencasse an, zahle 17 kr. und bekomme im Krankheitsfälle fl. 4 20. Ich habe keine dritte Person zu unterstützen, habe Geschwister in Wien, die in einem Vorort wohnen und ein Geschäft haben, mit diesen kann ich hie und da Unterhaltungen mitmachen; in's Theater gehe ich nicht. Ich lese die „Volks-Zeitnug" oder was ich sonst bekomme. Ich bezahle die Kleidung gleichfalls baar und schaffe sie wir nicht auf Raten an. Dr. Schwiedland: Worin besteht Ihre Unterhaltung? — Expertin Nr. 137: Wir gehen zum Beispiel hinaus in's Liebhartsthal oder zum Heurigen. Exp. Nr. 132 «Schuhw aarenerzeugung»: Ich möchte zu meiner Aussage noch hinzufügen, daß es sich mit der Hausarbeit folgendermaßen verhält: Wir sind durch die Hausindustrie, die im Dienste der Zwischenmeister steht, sehr gedrückt. Sie haben einen sehr großen Nutzen und wir Schaden. 50i> Es ist so weit gekommen, daß wir von unseren eigenen Arbeitsgenossen ausgebeutet werden. Früher haben Zwei Papper mit einer Stepperin zusammengearbeitet, jetzt muß eine Stepperin schon für drei bis vier Papper arbeiten. Ein solcher Zwischenmeister, der Steuer zahlt, fünf bis sechs Stepperinnen, die entsprechende Anzahl Papper und einige Lehrmädchen und Lehrjungen beschäftigt, der kommt zu den Stepperinnen hinein und sagt: „Hoj, Stepperinnen, schaut dazu, laßt die Radel rennen!" Man kann sich denken, wie die arbeiten müssen, wenn der Herr den ganzen Tag hinter ihnen steht. Sie verdienen allerdings fl. 8 bis 9, aber das ist keine Arbeit mehr zu nennen, die müssen sich das Geld schon erschinden. Die Zwischenmeister vertreiben'die Stepperinnen und auch die Papper aus den Fabriken. So hat zum Beispiel ein Fabrikant, den ich kenne, früher sehr viel Papper und Stepperinnen gehabt, jetzt gibt er Alles außer Hanse, weil es ihm billiger kommt/ Baronin Vogelfang: Ist in der Fabrik Stücklohn? — Expertin Nr. 132: Vor sechs bis sieben Jahren war Stücklohn, da hat man noch fl. 12 bis 13 verdienen können, dann hat man immer Abzüge gemacht, aber wir haben uns trotz der schlechten Bezahlung in der Fabrik immer noch sl. 9 bis 10 verdient. Das war dem Herrn noch immer zu viel, und deshalb hat man den Wochenlohn eingeführt, und zwar fl. 7 bis 8, und wir müssen im Wochenlohn mehr fertig bringen, als früher im Stücklohn, besonders jetzt, wo die Ningschissmaschinen eingeführt sind, mit denen die Arbeit viel schneller geht. Schluß der Sitzung 1 Uhr 30 Minuten. 28. Sitzung, Montag, 13. Ngril 1896. Vorsitzender: Willelshöfer. Beginn der Sitzung 7 Uhr 30 Minuten Abends. Vorsitzender: Ich begrüße die erschienenen Experten, Herrn Schnabl Mi, "Procuristen der Firma Jac. Schnabl u. Co., und Herrn Pollak, Fabriksleiter dieser Firma. Dagegen sind wir heute nicht in der Lage, die Experten aus der Wäschebranche, welche sich zur Abgabe von Aussagen bereit erklärt haben, zu vernehmen. Herr Sternberg hat uns aus Pest telegraphirt, daß er heute nicht kommen kann, Herr Suppancic hat sich wegen Krankheit entschuldigt, und von der Firma Löwinger n. Lauser haben wir die Mittheilung erhalten, daß Herr Lauser geschäftlich verreist ist und erst Anfangs Mai zurückkommt. Ich bemerke, daß diese Firma noch einen zweiten Chef hat. — Exp. Schnabl: Ich schicke voraus, daß die Angaben, die wir machen, sich nur auf den Betrieb in unserer Fabrik beziehen. Vorsitzender: Diese Mittheilung gibt mir Gelegenheit, zu bemerken, daß auch wir nur solche Angaben wünschen, welche der betreffende Experte aus Grund eigener Wahrnehmung machen kann. Wenn die Herren Fragen geschäftlicher Natur, die wir vielleicht stellen werden, nicht zu beantworten wünschen, so bitte dies einfach abzulehnen. — Exp. Schnabl (über Befragen des Vorsitzenden): Die Zahl unserer sämmtlichen Arbeiter beträgt 500; darunter 80 bis 90 Männer. Die Männer sind alle in der Fabrik beschäftigt und nur ein sehr geringer Theil der Frauen außerhalb derselben. Letztere sabriciren einen Theil der Cigarettenhülsen. Alles klebrige wird in der Fabrik gemacht. — Exp. Pollak (über Befragen des Vorsitzenden) : Wenn das Papier zu uns kommt, wird es von Männern abgeladen und in das Magazin gebracht, dann wird es gouffrirt, mit Wasserzeichen gepreßt, und zwar mit Maschinen, bei welchen theils männliche, theils weibliche Hilfskräfte beschäftigt sind. Die letzteren haben nur die leichtere Arbeit, indem sie das Papier auf der einen Seite hinlegen und, wenn es auf der anderen Seite herauskommt, abzählen. Das Zählen geschieht bogenweise, je nach Bedarf zu 60 bis 100 Blättern. Hierauf wird das Papier in Form von Bücheln, so wie das gewöhnliche Cigarettenpapier ist, von männlichen Hilfsarbeitern ausgeschlagen; zum Theile wird es auch mit der Maschine zugeschnitten. Hieraus wird es von Hilfsarbeiterinnen in die Etiquetten eingeschoben und eingepackt. — Exp. S ch nabl (über Befragen des Vorsitzenden^: Wenn die Hülsen geschnitten und gezählt sind, bekommt jedes Mädchen einen Stoß davon in einer „Maschine" ; das ist der technische Ausdruck für dieses Behältniß, und dazu bekommen die Mädchen einen Stoß von Etiquettenschleiferln. Nun nimmt sie mit der einen Hand die 60 oder 100 Blatt, die schon abgezählt und von einander durch je eine Einlage getrennt sind, mit der anderen Hand legt sie die Schleife herum, und das nennt man das Einschleifen. Vorher hat sie noch die Schleife an einem Rande zu gummiren; das nennt man das Aufreiben. Sie hat neben sich einen Schwamm, mit dem sie die gummirten Schleifen befeuchtet, und hierauf Pickt sie dieselben zu. — Exp. Pollak: Sobald sie die Arbeit fertig hat, gibt sie dieselbe einem Vorgesetzten. Dieser bestätigt ihr den Empfang, und hierauf werden die Schachteln verpackt, numerirt und versendet. Wenn das Papier abgezählt und geschnitten ist, so manipulirt mit demselben nur eine Person, welche die Arbeit ganz fertig macht. Es gibt auch Hülsen, bei denen das Papier nicht eingeschleist, sondern eingeklebt wird. Das geschieht bei der Waare, die nach dein Orient geht. Beim Einkleben ist die Manipulation dieselbe; nur wird eben der Rücken der Büchel mit Kleister angeschmiert und das Papier in die Etiquette hineingeklebt. Dr. Rauchberg: Es wurde gesagt, daß die Arbeiterinnen sich nicht Zeit nehmen, die gummirten Schleifen mit dem Schwamm zu be- ftreichen, sondern sie einfach mit der Zunge abschlecken. — Exp. Schnabl: Jedes Mädchen hat neben sich einen Schwamm und Wasser, und es ist dem Werkmeister streng aufgetragen, dafür zu sorgen, daß sie denselben be- nützen, worauf auch der Gewerbe-Jnspector, der sehr häufig kommt, sein Augenmerk richtet. Es ist aber unmöglich, das zu controliren, weil in einem Saale sehr viel Mädchen sitzen. Mit dc,m Abschlecken geht es zwar schneller, andererseits kann sie aber auch, wenn sie mit dem Schwamm befeuchtet, 20 oder 40 Schleifen gleichzeitig naß machen. Vorsitzender: Es ist gesagt worden, daß sie nicht so viel befeuchten kann, weil der Klebstoff schnell trocknet. — Exp. Schnabl: Zehn Stück kann sie auf einmal ganz gut anfeuchten, ohne daß das letzte trocken wird, bis sie zu ihm kommt. Uebrigens geschieht das Schnecken nicht häufig, da wir streng darauf sehen. (Ueber weiteres Befragen des Vorsitzenden.) Wir haben das ganze Jahr gleichmäßig zu thun und keine Saison. Es kommt durch politische Verhältnisse vor, daß das Geschäft stockt. So sind z. B. jetzt während der armenischen Unruhen die Aufträge aus dem Oriente sehr spärlich eingelaufen und theilweise auch nicht ausgeführt worden. Da haben wir auf Lager gearbeitet. Uebrigens ist unsere Production so gleichmäßig, daß wir das ganze Jahr hindurch Leute beschäftigen können. Es kommt auch nicht vor, daß wir für Stunden oder Tage aussetzen lassen. Exp. Pollak: Da wir unser Absatzgebiet in der ganzen Welt haben, können wir große Lager anhäufen. Bei uns kommt es niemals vor, daß die Bestellungen etwa ganz und gar stocken. Vorsitzender: Ist Ihnen vielleicht bekannt, daß anderwärts die 507 Arbeit viel ausgesetzt wird? — Exp. Pollak: Ja, das ist uns schon zu Ohren gekommen. (Ueber Befragen des Vorsitzenden.'! Wir beschäftigen keine Kinder unter 14 Jahren. In der letzten Zeit hatten wir nur 60 jugendliche Hilfskräfte von 14 bis 16 Jahren. Die Frauen benn Gonffriren, welche ähnlich wie bei der Bnchdruckerei das Papier in die Maschine hineinlegen und es herausnehmen, haben Schutzvorrichtungen gegen Handverletzungen. Es kommen zu uns jeden Tag Arbeiter, die um 7 Uhr vor dem Thor- stehen und anfragen, ob keine Arbeit da ist. Wenn wir Leute brauchen, so fragen wir sie, wo sie früher waren, weil wir am liebsten Leute aus einer verwandten Branche aufnehmen, und dann werden sie von den Abtheilungsleitern in den einzelnen Stockwerken aufgenommen. Diese haben das Recht, die Leute aufzunehmen und zu entlassen, wie es auch in der Fabriksordnung bestimmt ist. Wir haben keine Lehrmädchen. Die neu Eintretenden werden zu 10 oder 12 zusammengesetzt und von einer älteren Arbeitskraft unterwiesen. Die letztere steht im Wochenlohn und muß eben jede Stunde oder halbe Stunde nachsehen, wie die Neulinge arbeiten. Exp. Schnabl (über Befragen des Vorsitzenden): Die Technik bei der Erzeugung der Ei g a r ett e n h üls e n ist folgende: Das Papier wird auch zuerst geschnitten, aber in viel kleinere Formate, und ebenso wird das sogenannte Mundstückpapier eonisch geschnitten. Exp. Pollak: Hieraus nimmt das Mädchen das Hülsenpapier, welches mit Kleister angestrichen ist, und macht zuerst die leeren Hülsen aus einem Metallstab fertig, und zwar zu je 500 bis 1000 Stück. Hierauf wird das Mundstück einfach zusammengerollt und in die Hülsen hineingesteckt. Dann theilen sie die fertigen Cigarettenhülsen sammt dem Mundstück zu je 100 Stück ein und geben sie in die Cartons. Dr. O fn er: Diese Arbeit wird auch von Hausarbeiterinnen gemacht. Wie oft kommt eine solche Frau, um die Arbeit zu holen? — Exp. Pollak: Einmal in der Woche. Sie kommt, liefert die Waare, und die noch nicht fertigen Hülsen werden ihr schon in Packeten vorbereitet. Dann bekommt sie ihr Geld und geht. Das Ganze dauert kaum eine Viertelstunde. Die Controle der abgelieferten Waare erfolgt erst, nachdem sie schon fortgegangen ist. Es bat nämlich jede Arbeiterin ihre Nummer auf den Schachteln, und wenn die Waare schlecht ist, so wird ihr das nächste Mal ein Verweis gegeben, und wenn sie es noch öfter schlecht macht, so entlassen wir sie. Abzüge' werden nicht gemacht. Dr. Schüller: Ist Ihnen nicht bekannt, daß in einigen Betrieben die Arbeiterinnen bei der Controle dabei sein müssen? — Exp. Schnabl und Pollak: Nein, das ist uns nicht bekannt. Vorsitzender: Eine Arbeiterin hat gesagt, daß zweimal in der Woche geliefert wird. — Exp. Pollak: Nein; jeden Tag haben beiläufig 25 Arbeiterinnen ihren Liefertag. Wenn die Betreffende an ihrem Liefertage nicht kommt, so ist sie gewöhnlich so anständig und schreibt eine Karte, worin sie sich entschuldigt. Wenn sie aber keine Karte schreibt, so macht das auch nichts, sie kommt halt an einem anderen Tage liefern. Vorsitzender: Es wurde uns von einem Betriebe geschildert, daß, wenn sie einen Liefertag versäumt, sie erst am nächsten Liefertage frische Arbeit bekommt. — Exp. Pollak: Bei uns kann sie täglich liefern und die Waare abholen. (Ueber Befragen des Vorsitzenden.) Wir haben eine zehnstündige Arbeitszeit, und zwar von 7 Uhr Früh bis 6 Uhr Abends, mit einer Stunde Mittagspause und einer Viertelstunde Jausenpause. Auch zum Frühstück haben die Arbeiter das Recht, sich Zeit zum Essen zu nehmen, ohne daß eine officielle Pause eingeführt wäre. Ueberstunden kommen bei uns äußerst selten vor. Voriges Jahr war es einmal der Fall; da haben wir nach er- folgter Meldung beim Magistrat eine Woche lang täglich zwei Stunden länger gearbeitet. Die Arbeitszeit ist im Sommer und Winter gleich. Wir 508 haben keine Kündigungsfrist. Die Fabriksordnung bestimmt, daß es sowohl dem Arbeitgeber als auch dem Arbeitnehmer frei steht, jederzeit das Arbeitsverhältniß zu lösen. Diese Fabriksordnung ist überall aufgehängt, und der Arbeiter bekommt sie als Bestätigung der Deponirnng des Arbeitsbuches in die Hand. Unsere Arbeiter stehen zumeist in Äccordlohn, nur wenige in Wochenlohn. Die letzteren sind die Magazinarbeiter, die Ausschläger, welche die Bücheln ausschlagen, dann die Hilfsarbeiter öei den Maschinen, und zwar sowohl Männer wie Frauen. Bei der eigentlichen Manipulation ist ein sehr geringer Theil im Wochenlohn, und zwar nur jene Arbeiter, welche bei gewissen Specialitäten arbeiten, wenn zum Beispiel die Bücheln mit Draht geheftet oder in Form eines Täschchens znsammengeklebt werden. Das sind Artikel, die nicht in großen Massen gehen, und wobei es sich weder uns noch den Arbeitern rentiren würde, wenn man sie im Accord machte. Exp. Schnabl (über Befragen des Vorsitzenden): Die Mädchen zwischen 14 und 16 Jahren haben durchschnittlich fl) 4; die Arbeiterinnen über 16 Jahre fl. 5'50 und die Männer mit Ausschluß der Werkmeister durchschnittlich fl. 11. Exp. Pollak (über Befragen des Vorsitzenden): Der Maximallohn einer Accordarbeiterin bei den Cigarettenhülsen ist fl. 8 bis 9, bei einer Cigarettenpapierarbeiterin fl. 7. Der niedrigste Lohn ist sowohl bei den Hülsen wie beim Papier sl. 4. (Ueber Befragen des Vorsitzenden.) Für das Ueberschleifen von 100 Bücheln zahlen wir 6 kr. Die Bezahlung für das Kleben, das Aufreiben hängt von der Blattzahl ab. Für 100 Cartons, in welchen 60 Büchel sind, zahlen wir fl. 1 ' 10 , wenn die Blattzahl größer ist, fl. 1'25, 1'50 und mehr; wir haben auch Sorten, für welche fl. 2 und fl. 2'50 per 100 Cartons gezahlt werden. Eine Arbeiterin kann täglich .60 bis stO-Cartons einschleisen, und einkleben kann sie 100 Cartons. Vorsitzender: Nach den Angaben, die hier gemacht wurden, kann eine Arbeiterin nur 30 bis 40 Cartons kleben. — Exp. Pollak: Das ist nicht wahr; ich bin doch den ganzen Tag in der Fabrik, zahle die Leute aus und weiß das ganz genau. Jede Arbeiterin hat ja ihr Arbeitsbüchel, wo ihr die Arbeit eingeschrieben wird, welche sie bekommt. Die Zahl von 40 könnte sich höchstens aus die theuersten Sorten, die mit fl. 2'50 bezahlt werden, beziehen. Dr. Schüller: Es beruht das, glaube ich, aus einem Mißverständniß. Es wurde von Expertinnen ausgesagt, daß sie 100 Schachteln, welche nur 30 Büchel haben, an einem Tag fertigbringen. — Experte Pollak: Das dürste richtig sein, das ist wieder eine ganz andere Sorte, für welche sie per 100 Cartons 80 kr. bekommen. Von diesen kann sie wohl 100 bis 120 im Tag machen. Dr. Ofner: 'Was ist der höchste, was der geringste Lohn bei den jugendlichen Arbeiterinnen zwischen 14 und 16 Jahren? — Experte Schnabl: Wenn sie noch nichts kann, bekommt sie während der ersten zwei bis drei Wochen einen Lohn von 60 bis 70 kr. und kommt dann in Accord. — Exp. Pollak: Sie bleibt höchstens vier Wochen in diesem Wochenlohne. Während dieser vier Wochen zahlen wir selbstverständlich bei Jeder darauf, weil sie nicht so viel arbeitet, als sie Lohn bekommt. Wenn sie in Accord ist, so ist ihr Minimallohn fl. 3, und wir sind so coulant, daß, wenn eine Arbeiterin weniger als fl. 3 verdient, wir das Fehlende aus Eigenem dazu zahlen. Dr. Schwiedland: Sie haben früher erwähnt, daß für das Ueberschleifen von 100 Bücheln 3 kr. gezahlt werden. Nun wurde von einer Fabrik behauptet, daß dafür, je nach der Qualität, nur 2 kr. gezahlt werden? — Exp. Pollak: Nein; das hängt mit der Qualität nicht zusammen; es werden immer 3 kr. gezahlt. Dr. Schwiedland: Es wurde behauptet, daß für das Kleben 50 kr. bis fl. 2'— gezahlt werden. — Exp. Pollak: Bei uns ist der minimalste Lohn sür Cartons zu 100 Bücheln sl. 1'84; da haben die Buchet 100 Blatt. Dr. Schwiedland: Es wurde von einer anderen Fabrik gesagt, daß die Preise geringer werden, wenn weniger zu thun ist. — Experte Pollak: Das ist bei uns nicht der Fall. Dr. Schwiedland: Wurde diese Frauenarbeit früher nie von Männern geleistet? — Exp. Pollak: Unsere Fabrik besteht seit dem Jahre 185t», und das Verhältniß zwischen der Zahl der Männer und der Frauen war immer dasselbe. Vorsitzender: Wissen Sie vielleicht, ob die Arbeitsleistung am Vormittag oder Nachmittag größer ist? — Exp. Pollak: Das weiß ich nicht. Dr. Schulter: Sind Ihnen noch nie Löhne unter fl. 3 vorgekommen? — Exp. Pollak: Nur wenn in einer Woche blos vier Tage gearbeitet wurde, weil in derselben Feiertage waren, zum Beispiel in der Weihnachtswoche, aber bei sechstägiger Arbeitszeit ist der Miuimallohn fl. 3. (Ueber Befragen des Vorsitzenden.) An Feiertagen arbeiten wir- manchmal bis 3 Uhr, also sieben Stunden, und es wird dafür der ganze Tag bezahlt. Wenn wir Ueberstunden haben, so arbeiten meist nur die Accordarbeiter. Da machen wir die Berechnung folgendermaßen: Wir machen täglich von Montag bis Freitag je 1' -^ Ueberstunden, indem wir Morgens bereits um halb 7 Uhr anfangen und Abends eine Stunde länger arbeiten. Für diese fünfmal 1B Stunden, das sind 71s Stunden, zahlen wir den Leuten einen ganzen Tag mehr. Dr. Schwiedland: Von wo müssen sich die Leute die Arbeitsmaterialien Hertragen? — Exp. Pollak: In jedem Arbeitssaal ist eine Ablieferungsstelle; da ist zum Beispiel ein Kübel mit Kleister, und jede Arbeiterin füllt sich da ihr Gefäß an, wenn sie es braucht. Dr. Schüller: Kommt es nicht vor, daß auch während der Mittagspause gearbeitet wird? — Exp. Pollak: Daist bei uns der strengste Auftrag gegeben, die Arbeitsräume während der Mittagszeit zu verlassen und ein bischen in die Luft hinauszugehen. Viele thun das aber nicht während der ganzen Stunde, sondern sie holen sich ihr Essen, nehmen es in das Arbeitslocal und verspeisen es ; Manche legen sich schlafen, Andere unterhalten sich. Hie und da kommt es freilich vor, daß Eine, die sich mehr verdienen will, mehr arbeitet; das kann man nicht controliren; wenn ich in den Saal komme, hört sie halt zu arbeiten aus, und wenn ich wieder hinausgehe, fängt sie wieder an. Vorsitzender: Warum sperren -sie nicht das Local während der Mittagsstunde? — Exp. Schnabl: Da müßten ja die Mädchen auf der Straße bleiben. Vorsitzender: Könnten Sie kein Local für die Mittagspause errichten? — Exp. Schnabl: Für 500 Personen müßten wir da ein ganzes Haus bauen. Vorsitzender: Es wohnen doch Viele sicherlich in der Nähe der Fabrik; gehen die nach Hause? — Exp. Pollak: Sehr Wenige, da die Meisten nicht verheiratet sind und also kein Essen zu Hause haben. Dr. Schwiedland: Wird bei Ihnen am 1. Mai gearbeitet? — Exp. Pollak: Vom Chef ist die Parole ausgegeben: Wer arbeiten will, kann arbeiten, wer nicht will, soll nicht dazu gezwungen sein. Da setzen denn beinahe alle Männer und etwa ein Viertel der Frauen aus. (Ueber Befragen des Vorsitzenden.^ Es kommen bei uns keine Strafen vor; wenn Eine zu spät kommt, sind wir so nachsichtig, daß wir sie ruhig hinaufgehen lassen. Es gibt auch keine Abzüge bei uns. Wenn Eine etwas verdirbt, so drückt man ein Auge zu und gibt's einer anderen Arbeiterin, damit sie es 510 nach Möglichkeit reparire. Die Arbeiterin bekommt ihren vollen Accord- lohn, wenn die Arbeit auch verdorben ist, und die Arbeiterin, welche das reparirt, ist eine Wochenlöhnerin. Dr. Schwiedland: Wenn die Schleifen aufspringen, wird da nicht die betreffende Arbeiterin gepackt, welche das schlecht geklebt hat? — Exp. Pollak: Das kommt bei uns selten vor, und es werden deswegen keine Abzüge gemacht. (Ueber Befragen des Vorsitzenden.) Bei der Fabrikation der Cigarettenhülsen sind lauter Accordarbeiterinnen. Es werden für 1000 Hülsen in der Fabrik, nachdem diese doch die Regiekosten hat, 40 kr., außerhalb derselben 88 kr. gezahlt. Dr. Ofner: Wenn man die Regiespesen veranschlagt, so sollte doch in der Fabrik weniger gezahlt werden! Das ist also eine irrthümliche Begründung. — Exp. Pollak: Es ist doch so, es ist in der Branche so üblich. Die Heimarbeiterinnen, welche Hülsen machen, nehmen sich oft 15.000 bis 18.000 Stück mit, so daß sie 8000 Stück im Tag machen. Vorsitzender: Wir haben gehört, daß eine Arbeiterin dieses Quantum nicht herstellen kann. Wie erklären Sie das? — Exp. Pollak: Um diese Quantität herzustellen, müßte man sehr fleißig sein und täglich zehn Stunden arbeiten; es ist daher anzunehmen, daß sie zu Hause sich von irgend Jemandem helfen lassen. Dr. Schwiedland: Sind die Heimarbeiterinnen ehemalige Fabriksarbeiterinnen, die etwa dann geheiratet haben? — Exp. Pollak: Zum Theil. ^ Dr. Schwiedland: Wie können Sie bei jenen, sie früher nicht in der Fabrik gearbeitet haben, die Leistungsfähigkeit controliren? — Experte Pollak: Bevor wir eine Arbeiterin ein größeres Quantum liefern lassen, geben wir ihr 2000 Stück als Musterarbeit mit. Diese Arbeit liefert sie auf unser Risico. Natürlich können wir dann eine unfähige Arbeiterin nicht weiter verwenden. Dr. Schwiedland: Was für Materialien haben die Heimarbeiterinnen beizustellen? — Exp. Pollak: Nur den Kleister; den Metallstab und alles Uebrige geben wir ihr mit. Dr. Ofner: Haben Sie eine Anzahl von Hansarbeiterinnen, die so viel Arbeit mitnehmen, daß sie jedenfalls zu Hanse zwei oder drei Personen als Mithelferinnen beschäftigen? — Exp. Pollak: Ich glaube nicht, daß eine Zwischenmeisterei besteht. Es nimmt sich eine höchstens 20.000 bis 25.000 Stück mit; das Maximum, was eine Arbeiterin leisten kann, sind 18.000 Stück. Diese Arbeiterinnen haben also vielleicht eine Schwester oder eine Mutter, die ihnen hilft. Dr. Schriller: Wie rasch kann man eine ganze Hülse fertigstellen? Glauben Sie, daß man in einer Minute fünf ganze Hülsen herstellen kann? — Exp. Pollak: Gewiß. Es geht mit ungeheuerer Schnelligkeit. Vorsitzender: Es wurde von Expertinnen gesagt, daß, wenn das Material schlechter ist, die Mundstücke die Hülsen beim Hineinstecken zerreißen. — Exp. Pollak: Bei uns bekommt jede nur zehn Percent mehr Hülsen für den Ausschuß darauf. Vorsitzender: Was für Fehler können bei der Arbeit vorkommen? — Exp. Pollak: Daß zum Beispiel die Spirale schlecht gedreht ist und die Spitzen oben vorstehen, oder daß die Hülsen aufgehen, weil sie schlecht geklebt sind; die Arbeiterin, welche das controlirt, leert eine beliebige Schachtel aus, und da gewinnt man einen Ueberblick, ob die Waare gut oder schlecht gemacht ist. Nachdem wir jährlich viele 100.000 Mille expor- tiren, so würden uns unsere Kunden schon schreiben, wenn die Waare schlecht wäre; aber das kommt nicht vor. In einem solchen Falle würden wir uns 511 die Nummer mittheilen lassen, welche aus der Schachtel steht, und gleich wissen, welche Arbeiterin das gemacht hat. Vorsitzender: In manchen Hülsen stecken kleine Woll- oder Wattastücke. Wird das auch bei Ihnen gemacht? — Exp. Pollak: Wir machen keine solchen Hülsen. Vorsitzender: Wohnung und Kost hat bei Ihnen Niemand? — Exp. Pollak: Nein, es haben nur einzelne Arbeiter, die schon lange bei uns sind, Quartierzulagen. (Ueber Befragen.) Wir haben in unserer Fabrik Auer'sches Licht. Vorsitzender: Sie haben gesagt, daß der Werkmeister die Leute aufnimmt und auch entlassen kann. Kommen da nicht Unzukömmlichkeiten hie und da vor, und beklagen sich nicht die Arbeiterinnen? — Experte Pollak: Das kommt, allerdings selten, vor. Es lassen sich aber nicht leicht alle Vorfälle in einer Fabrik schildern. Zumeist nehmen wir den Abtheilungsleiter in Schutz, weil wir uns doch auf ihn, der unser ganzes Vertrauen besitzt, verlassen müssen. Vorsitzender: Kommen Beschwerden an die Fabriksleitnng vor? — Exp. Pollak: Selten. In einem solchen Falle fragt man die Arbeiterin, warum sie weggeht, worauf sie erwidert, die Arbeit Passe ihr nicht. Nun, man kann ihr ja nicht die Arbeit nach ihrem Willen drechseln. Vorsitzender: Was sind Ihre Werkmeister? — Exp. Pollak' Das sind theils gelernte Buchbinder, theils gelernte Drucker. Vorsitzender: Daß sich die Arbeiterinnen direct beim Chef beschweren, kommt wohl selten oder gar nicht vor? — Exp. Pollak: Selten. Vorsitzender: Ist das nicht die Consequenz dessen, daß sich die Leute fürchten? — Exp. Schnabl: Es sind einzelne Fälle zu Ohren des Chefs gekommen und wurden in möglichst friedlicher Weise gelöst. Vorsitzender: Glauben Sie nicht, daß ein solcher Werkführer seine Stellung benützt, um sich irgend welche Vortheile zu erwerben, sei es materielle oder andere? — Exp. Schnabl: Das ist nicht controlirbar. Dr. Ofner: Haben Sie noch keinen Werkführer entlassen? — Exp. Pollak: Während meiner 10jährigen Thätigkeit im Hause nicht. Dr. Osner: Wie nehmen Sie diese Werksührer auf? — Experte Pol ak: Seit ich im Geschäfte bin, hat noch kein Wechsel der Werkführer stattgefunden. Diese Abtheilungsleiter sind alle vorn Chef ausgenommen worden. Dr. Rauchberg: Würden Sie es nicht für ersprießlich halten, den Arbeiterinnen bekannt zu machen, daß sie, wenn sie Grund haben, sich auch wirklich beschweren? — Exp. Schnabl: Es hat jede Arbeiterin das Recht, sich beim Chef zu beschweren — das steht auch in der Arbeitsordnung. Es ist erst neulich ein solcher Fall vorgekommen. Da hat sich eine Arbeiterin gegen eine Mitarbeiterin beschwert, weil ihr vorgeworfen wurde, daß sie von dem Werkmeister vor den anderen Arbeiterinnen Protegirt wird. Sie hat sich in Folge dessen in ihrer Ehre verletzt gefühlt. Vorsitzender: Wie sind die Arbeitslocalitäten? — Experte Pollak: Wir haben vier Säle in vier Stockwerken, rcspective drei Stockwerken und einem Vorboden. Es sind 24 Fenster zur Front. In jedem Saale dürsten circa 100 Personen unter der Leitung eines Werkführers sein. Im ersten Stock haben wir die Druckerei, im zweiten Stock ist die Confectioni- rung der fertigen Waare, das Einschleisen und Einpicken, im dritten Stock ist die Färberei und Streicherei, im vierten Stockwerke ist die Cartonagen- und Hülsenarbeit. Bei der Confection sind circa 100 Arbeiterinnen beschäftigt und bei der Druckerei 50 Personen. Es würden noch mehr da sein, aber die Maschinen nehmen sehr viel Raum ein. (Ueber Befragen.) Die Leute 512 sitzen bei Tischen. Wir haben zwei Exhanstoren, die sind das ganze Jahr im Gang. Die Leitung derselben erfolgt im dritten Stock. Vorsitzender: Ist eine besondere sanitäre Veranlassung dazu, daß Sie Exhanstoren haben? — Exp. Pollak: Wir sind seinerzeit von der Behörde aufgefordert worden, für Ventilation zu sorgen, und da haben wir Exhanstoren angeschafft, wegen Zuführung der frischen Luft und Abführung der verdorbenen. Vor sitzend er: Entwickelt sich Staub ? — Exp. Pollak: Nein. Vorsitzender: Es wird aber behauptet, daß Federweiß herumfliegt. — Exp. Pollak: Das ist sehr unbedeutend. Beim Satiniren wird über den ganzen Bogen ein bischen Federweiß gestreut, das sich sofort vertheilt, und auch während der Manipulation staubt es sehr wenig. «Ueber Befragen.) Wir haben zwei Streichmaschinen, an deren jeder zwei Personen beschäftigt sind. Es sind aber noch andere Leute da beschäftigt, beim Satiniren, dann Streicherinnen, welche das Waschblaupapier mit der Hand streichen; dann sind noch Lackirmaschinen und andere HUfsmaschinen. Vorsitzender: Wird da nicht auch das Bronziren vorgenommen? — Exp. Pollak: Das ist ganz isolirt; übrigens wird sehr wenig bronzirt, und es ist eine Mischmaschine vorhanden, die den bereits bronzirten Bogen nochmals reinigt. Bronzirt wird im ersten Stock mittelst Bronzirmaschinen, bei diesen entwickelt sich gar kein Staub. Dr. Rauchberg: Sind solche Bronzirmaschinen auch in anderen Etablissements in Verwendung? — Exp. Pollak: Meines Wissens sind wir die Einzigen in unserer Branche, welche solche Bronzirmaschinen verwenden, vielleicht kommen sie auch in anderen Branchen vor. Vorsitzender: Wie viele Aborte haben Sie? — Exp. Pollak: Wir haben in°der Fabrik englische Aborte, in dem Hauptgebäude neun, im Nebenhause vier, für circa 400 Personen. Die Aborte sind getrennt für Männer und Frauen. Dr. Osner: Wie oft wird gereinigt? — Exp. Pollak: Es wird jeden Abend von einer dazu bestimmten und von der Fabrik bezahlten Person ausgekehrt. Jede Woche am Samstag werden die Stiegenhänser gewaschen und die Tische gerieben, und zwar waschen alle an einem Tische beschäftigten Arbeiterinnen ihren Tisch Samstag von 5 bis 6 Uhr. Auch wird der Boden unter jedem Tische und die Nebengänge zwei- bis dreimal im Jahre gerieben. Es wird auch geweißt. Das letzte Mal geschah das vor zwei Jahren. Dr. Ofner: Sind Waschvorrichtungen für die Arbeiterinnen vorhanden ? — Exp. Pollak: Ja, es sind einige Becken, wo Auslaufhähne angebracht sind. Seife und Handtücher bekommen sie nicht; wir haben nur sehr reine Putzlappen. (Ueber Befragen.) Wir sind bei der allgemeinen Arbeiter-Krankencasse und bei der staatlichen Unfallversicherung versichert für die in der Fabrik und außer Hanse beschäftigten Arbeiterinnen. Dr. Schwiedland: Ist eine Unfallsgefahr in Bezug auf die Frauen vorhanden ? — Exp. Pollak: Nein, die Maschinen haben Schutzvorrichtungen. Es sind in den letzten Jahren vielleicht ein oder zwei Unfälle vorgekommen, aber sehr minimale, das ist aber auch zumeist das Verschulden der Arbeiterinnen selbst. Dr. Schwiedland: Haben Sie keinen Arbeiterausschuß und sonstige Wohlsahrtseinrichtungen? — Exp. Pollak: Nein, auch sonst keine Wohlsahrtseinrichtnngen, außer der Krankenkasse und der Unfallversicherung. (Ueber Befragen.) Ein Theil des Arbeitspersonals gehört der Organisation an. Wir nehmen aber gar keinen Einfluß darauf, es ist uns gleichgiltig. Es gibt einen graphischen Verein der Papierbranche, dem hat sich auch unsere Branche angeschlossen, das ist uns aber gleichgiltig. 518 Tr. Rauchberg: Wissen Sie etwas über die allgemeinen Lebensverhältnisse der Arbeiterinnen? Aus welchen Kreisen recrntirt sich die Arbeiterschaft? — Exp. Pollak: Die Arbeiterinnen, welche Arbeit wünschen, stehen regelmäßig vor dem Thore; das Angebot ist ziemlich stark, aber bei uns ist der Wechsel schwach. Wenn eine Arbeiterin ein Arbeitsbuch hat und sie bei einer verwandten Branche war, so nehmen wir sie auf, falls wir sie brauchen. Die Arbeiterinnen sind meist aus Arbeiterkreisen und leben meist zu Hause bei ihren Eltern. (Ueber Befragen.) Viele kaufen sich zu Mittag Mehlspeise, Gulyas, Würstel, Einige essen auch Fleisch, Manche gehen zum Greißler, Einige gehen auch in das Gasthaus „zur Weintraube" in der Wiedener Hauptstraße. In der Nähe, in der Waaggasse, ist eine Volksküche, ob dieselbe benützt wird, kann ich nicht sagen, ebenso weiß ich nicht, ob die Leute Wäsche und Kleidung sich aus Raten besorgen. Zeitungen, wie die „Arbeiter-Zeitung" u. dergl., bringen sie mit. Vorsitzender: Besteht zwischen Ihrer Fabrik und anderen Unternehmungen in dieser Branche in irgend einem Punkte ein großer Unterschied ? — Exp. Schnabl: Im Wesentlichen nicht, aber ich glaube, daß das Arbeitspersonal es bei uns etwas besser hat, sowohl in Bezug auf die Stabilität als auch hauptsächlich aus die gute Behandlung. Vorsitzender: Es ist von einer Expertin aus das Bestimmteste gesagt worden, daß es vorkommt, daß die Leute bei Ihnen keine Arbeit bekommen und nach Hause geschickt werden, mit der Bemerkung: „Es ist keine Arbeit da, kommen Sie morgen." — Exp. Pollak: Das ist in unserem Betriebe nicht der Fall. Vorsitzender: Würden Sie uns vielleicht Aufschlüsse über den Verdienst nach Personen und Kategorien geben wollen, und zwar an der Hand von Listen? — Exp. Pollak: Ich habe mir einen Auszug von einer vollständigen Woche, vom 16. bis 21. März gemacht. Wie bereits erwähnt, waren 60 jugendliche Arbeiterinnen beschäftigt, die einen Lohn von sl. 241'54 erhielten, das wäre durchschnittlich fl. 4. Weibliche, über 16 Jahre alte Arbeitskräfte waren 420 beschäftigt; diese erhielten einen Lohn von fl. 2318, das wäre durchschnittlich fl. 5'40 per Person. V orsitzender: Wir hätten gerne detaillirte Angaben darüber und würden Sie bitten, uns eventuell diese Liste detaillirt einzuschicken. Exp. Sigmnnd Singer, Chef der Firma Schönmann u. Singer (über Befragen des Vorsitzenden): Unsere Firma ist schon zehn Jahre von einem anderen Chef geführt worden, ich selbst war früher nicht thätig. Wir beschäftigen 70 bis 80 Personen und machen nur Hülsen. 30 von den Arbeitern sind im Locale, 50 außer Hause beschäftigt. Das Arbeitspersonal ist, mit Ausnahme von zwei Arbeitern, d. i. einem bei der Schneidemaschine beschäftigten und einem Hausknecht, weiblich. Wir erzeugen auch Papier, aber nur in sehr geringem Maße. Die Arbeiterinnen kommen zumeist selber um Arbeit fragen; wir bekommen sie aber auch dnrch Annoncen, und oft hängen wir auch an das Thor eine Tafel, worin wir bekannt geben, daß Arbeiterinnen gesucht werden. Lehrmädchen gibt es nicht, auch keine Saison; es wird bei uns das ganze Jahr gleichmäßig gearbeitet, wenn weniger Aufträge eingelaufen sind, wird auf Lager gearbeitet. Die Arbeitszeit dauert von 7 bis 6 Uhr und ist Sommer und Winter gleich; Schwankung der Arbeitszeit und Wechsel in den Löhnen kommt nicht vor. Mittags haben wir eine Stunde Pause, und Vormittag und Nachmittag ist den Arbeitern gestattet, sich etwas holen zu lassen. In der Mittagspause arbeiten die Leute nur selten weiter. Am Sonntagen wird gar nicht, an Feiertagen, aber nicht an den hohen, bis Mittag gearbeitet. Kündigung haben wir keine. Eine geschriebene Arbeitsordnung haben wir ebenfalls nicht, aber es wird jeder Arbeiterin beim Eintritte mitgetheilt, welche Gebräuche bei uns herrschen. Die Arbeiterinnen 33 Frauen-Enqiiste. 514 sind bis aus fünf Personen, darunter der Werkführer und Hausknecht, alle in Accordlohn. Wir zahlen für 1000 Hülsen 40, 42, 45 und 50 kr. in der Fabrik; die Hansarbeiterinnen bekommen um 5 kr. weniger, weil diese jede Bequemlichkeit haben. Vorsitzender: Sind die Einheitssätze immer gleich, oder werden sie im Laufe der Zeit geändert? — Exp. S inge r : Sie sind immer gleich. — Exp. Pollak: Bei uns wurde überhaupt nicht weniger als 40 kr. bezahlt. Seit zehn Jahren hat keine Preiserhöhung stattgefunden. Vorsitzender: Wird den Arbeiterinnen Alles beigestellt? — Exp. Singer: Ja; den Hansarbeiterinnen wird bei uns auch der Kleister gegeben, weil sie ihn selbst nicht so gut herstellen können. Vorsitzender: Kommt es vor, daß eine Arbeiterin, die in der Fabrik arbeitet, sich auch Arbeit nach Hause nimmt? — Exp. Singer: Das ist jeder freigestellt und kommt meist in den zwei letzten Tagen der Woche vor, wenn die Arbeiterin sieht, daß sie wenig verdient hat, oder vor großen Feiertagen, wie Weihnachten u. s. w., wenn die Arbeiterinnen mehr Geld benöthigen. Unsere Fabriksarbeiterinnen erhalten dieselben Preise für Hausarbeit bezahlt, wie in der Fabrik. Vorsitz end er: Wird diese Arbeit nie von Männern gemacht? — Exp. Singer: Im Locale nicht, aber zu Hause ist es möglich, daß einer Arbeiterin ihr Bruder hilft. «Ueber Befragen.) Geliefert wird bei uns fast ausschließlich nur einmal in der Woche, nur Diejenigen, welche nahe wohnen, liefern zweimal. Es sind da vier Tage festgesetzt, an denen abwechselnd von den verschiedenen Arbeiterinnen geliefert wird. Jede hat ihren bestimmten Tag, und wenn sie an diesem nicht liefert, kann sie am nächsten Tage liefern. Vorsitzender: Wie viel nehmen die Arbeiterinnen nach Hause? — Exp. Singer: Das ist sehr verschieden, 8-, 10-, 12- bis 15.000. Das Wenigste ist 8000; so viel nehmen sich Diejenigen nach Hause, die diese Arbeit als Nebenverdienst betreiben. (Ueber Befragen.) Die Uebernahme der Waare ist Sache der Werkführerin. Geprüft wird vielfach in Gegenwart der Arbeiterinnen; das ist auch angenehmer, weil die Fehler gleich gezeigt werden können. Das Prüfen, welches nur in Stichproben besteht, ist in einigen Minuten geschehen. Wenn die Arbeit schlecht ist, so erhält die Arbeiterin einen Verweis; Strafen und Abzüge kommen nicht vor. Dr. Schüller: Können Sie vielleicht schätzen, wie lange eine geschickte Arbeiterin zum Herstellen von zehn Hülsen beiläufig braucht? — Exp. Singer: Das Fertigmachen der Hülsen vollzieht sich so rasch, daß man den Bewegungen kaum folgen kann. Das läßt sich absolut nicht schätzen. Dr. Nauchberg: Haben Sie Grund zu vermuthen, daß in dieser Branche Zwischenmeister vorkommen? — Exp. Singer: Ich glaube nicht, weil keine Arbeiterin so billig arbeiten würde, daß die Zwischenmeister noch einen entsprechenden Verdienst erzielen könnten. Dr. Nauchberg: Ich meine Familienarbeit? — Exp. Singer: Das ist in unserer Branche, glaube ich, ausgeschlossen; es kommt höchstens vor, daß sich eine Arbeiterin, die zu Hause arbeitet, von ihrer jüngeren Schwester helfen läßt. «Ueber Befragend Kost und Wohnung hat keine Arbeiterin bei uns. Das Arbeitslocal ist ein großer L>aal; es hat drei Fenster auf die Gasse und vier Fenster in den Hof, und es arbeiten 34 Personen darin. Es wird jeden Tag ausgekehrt und gelüftet; auch unter Mittag. Während der Arbeit kann nicht gelüftet werden, weil durch den Wind die Sachen leicht wegfliegen. Im Sommer sind die Fenster offen, da ist aber eine Vorrichtung, daß der Wind nicht hineinblasen kann. Wir haben im L-aal auch Maschinen, aber ohne Dampfbetrieb; es sind Schneidemaschinen. Bronzirt wird bei uns nicht. 515 Dr. Schmied land: In Bezug auf das Cigarettenpapier sind Sie Zwischenhändler? — Exp. Singer: Wir beziehen das Papier fertig aus Paris. Es wird dann bei uns zugeschnitten und confectionirt wie in anderen Fabriken. Bon den „Houblon"-Hülsen haben wir die alleinige Vertretung. Die Schleifen werden bei uns nicht gemacht. Vorsitzender: Haben Sie sanitäre Vorrichtungen? — Experte Singer: Besondere nicht; es wird bei uns sehr auf Reinlichkeit gesehen. Jeden Samstag wird gründlich, und zwar von den Arbeiterinnen selbst gereinigt und alle 14 Tage aufgerieben; da gibt jede Arbeiterin 3 bis 4 kr. als Beitrag für die Reinigungskosten, welche fl. 1'50 betragen. Ausgekehrt wird täglich nach Schluß der Arbeit. Dr. Ofner: Haben die Arbeiterinnen Waschvorrichtungen? — Exp. Singer: Im Locale sind einige Gefäße, worin sie sich die Hände waschen können; Seife und Handtücher werden ihnen nicht gegeben. Dr. Ofner: Wissen Sie, wie die Werkmeister mit den Arbeiterinnen umgehen? Sind sie grob mit ihnen? — Exp. Singer: Das darf nicht sein. Es ist ein Fall vorgekommen, wo sich eine Arbeiterin indirect, durch die Werksührerin über einen Werkmeister beklagte; derselbe erhielt einen strengen Verweis. Vorsitzender: Haben Sie besondere Ventilationsvorrichtungen? — Exp. Singer: Nein. Dr. Schwiedland: Wer besorgt im Winter die Heizung? — Exp. Sing er: Der Hausknecht. Vorsitzender: Vom Federweiß, wodurch Staub erzeugt werden soll, ist Ihnen nichts bekannt? — Exp. Singer: Damit haben wir in unserem Betriebe nicht zu thun. (Ueber Befragen.) Die Arbeiterinnen, sowohl die in der Fabrik als die Hausarbeiterinnen, sind bei der Arbeiter- Krankencasse versichert. Dr. Schwiedland: Wird die Arbeit stehend oder sitzend verrichtet? — Exp. Singer: Sitzend. Dr. Ofner: Wie viel verdienen die Arbeiterinnen bei Ihnen? — Exp. Singer: Dör geringste Lohn beträgt sl. 4 wöchentlich, wenn Eine weniger verdient hat, so ist sie wahrscheinlich einige Tage ausgeblieben. Die meisten in der Fabrik Beschäftigten haben fl. 5 bis G50 durchschnittlich, Einige haben auch fl. 8 bis 9, ja auch fl. 10. Im letzten Falle muß die Arbeiterin natürlich auch Hausarbeit machen. Arbeiterinnen, die diese Arbeit nicht verstehen, nehmen wir nicht auf. Ueberstunden haben wir nicht. Dr. Schwiedland: Die Arbeiterinnen beklagen sich über Arbeits- schwankuugen, wissen Sie etwas davon? — Exp. Singer: Das kommt höchstens in kleinen Betrieben vor. Exp. Pollak: Es kommt vor, daß momentan eine kleine Abschwächung eintritt. Dann bekommen Diejenigen, welche nebst der Fabriksarbeit auch nach Hause Arbeit bekommen, diese nicht; aber so viel Eine in der festgesetzten zehnstündigen Arbeitszeit machen kann, bekommt sie immer, das ganze Jahr zu machen. Dr. Ofner: Es handelt sich hier nicht blos um die zwei Betriebe, sondern um die Branche im Allgemeinen. — Exp. Singer: Mir ist von einem Werkmeister mitgetheilt worden, daß eine Arbeiterin weniger Arbeit bekommen hat, das ist aber, wie gesagt, nur in ganz kleinen Betrieben der Fall. Dr. Schwiedland: Ist der Consum an Cigarettenpapier im Sommer und im Winter gleich stark? — Exp. Singer: Ja. Vorsitzender: Wir schreiten nun zur Vernehmung des Herrn Fritz Mendl, Chefs der Wiener Brot- und Gebäcksabrik. Experte Herr Fritz Mendl: Ich bin der Chef der Firma. Frauen beschäftige ich nur in den Filialen als Verkäuferinnen, bei der Production 33 * 516 des Gebäcks nicht. Ich habe 35 Filialen; in jeder Filiale ist eine Verkäuferin, die hat das Gebäck und Mehl zu übernehmen und zu verkaufen. Ich habe eine Sorte Brot und drei Sorten Mehl. Da jeder Laib Brot denselben Preis hat, ist die Rechnung eine ziemlich einfache. Die Expedition erfolgt dreimal täglich. Die Verkäuferin bekommt einen Lieferschein und einen Gegenschein, und sie hat zu bemerken, wann der Kutscher bei ihr angekommen ist. Das Abtragen des Brotes u. s. w. besorgt der Kutscher. Die schwerste Arbeit, die die Verkäuferin hat, ist das Einwiegen des Mehles in die Papiersäcke. Jeden Morgen hat sie einen Rapport zu schicken, darauf ist auch eine Rubrik: „Wunsche und Beschwerden." Das Mehl bekommt sie in plombirten Säcken, die direct von der Bahn ihr zugeführt werden. Ein solcher Sack enthält 85 Kilogramm, es werden ihr aber nur 83 Kilogramm angerechnet, damit sie ein Interesse hat, möglichst viel zu verkaufen. Vorsitzender: Aus welchen Kreisen bekommen Sie Ihre Verkäuferinnen? — Exp. Mendl: Das sind Beamtenswitwen, Beamtens- frauen und auch Arbeiterfrauen. Vielleicht interessirt es die Herren zu erfahren, daß ich im vorigen Jahre 1300 schriftliche Gesuche um solche Stellen bekommen habe. Gewöhnlich sind mehrere Frauen in einem Geschäft beisammen, zum Beispiel zwei Schwestern. Die können dann im Geschäft abwechseln. Vorsitzender: Sie benützen keine Arbeitsvermittlung? — Experte Mendl: Veränderungen kommen bei mir ja fast garnicht vor. Ich brauche also eine neue Verkäuferin höchstens, wenn ich eine neue Filiale errichte. Bis jetzt ist es nur zweimal vorgekommen, daß ein Posten geändert wurde. Die Filialen habe ich überhaupt seit vier Jahren. Die Arbeitszeit ist eine verschiedene. Die Wagen werden von der Fabrik im X. Bezirk aus expedirt. Es gehen acht bis neun Wagen weg, und jeder hat einen bestimmten Rayon. Die Filialen im X. Bezirk müssen also schon um 4 Uhr aufmachen, dann sperren sie aber wieder zu. Um halb 7 Uhr oder — das richtet sich nach dem Stadttheil — um 6 Uhr wird der Laden geöffnet, in der Stadt erst um ^7 Uhr. Abends werden sie um 9 Uhr gesperrt. Während des ganzen Tages haben die Verkäuferinnen im Geschäfte nicht viel zu thun. Die Einkaufszeit dauert meist bis 10 Uhr. Beiden meisten Filialen ist die Wohnung unmittelbar an das Geschäft anstoßend. Vorsitzender: Nehmen Sie die Wohnung auf? — Experte Mendl: Ja. Manche hat Zimmer und Küche. Auf der Landstraße hat Eine Zimmer, Cabinet, Vorzimmer und Küche, wie man es gerade findet. Vorsitzender: In welchem Quantum verkauft sie das Mehl? — Exp. Mendl: Fünf Kilogramm und ein Kilogramm. Dr. Rauchberg: Wer bezahlt den Zins für die Wohnung? — Exp. Mendl: Ich zahle Alles. Die Verkäuferinnen sind bei mir fix angestellt. Dr. Otner: Bekommen die Frauen für sich eine gewisse Menge Gebäck frei? — Exp. Mendl: Nein. Jeder Laib Brot kostet 23 kr., ein halber 12 kr. Wir haben nun Betriebe, wo 50 bis 60 Laib Brot aufgeschnitten werden, je nachdem die Bevölkerung ist. Bei einen: halben Laib verdient die Verkäuferin einen halben Kreuzer. Ein Viertel-Laib kostet 6 kr. Beim Mehl ist es auch so. Ein Kilogramm kostet 13 kr., ein halbes Kilogramm 7 kr. Dr. Schwiedland: Kommt es vor, daß die Eingangsthür des Locals zu gewissen Stunden versperrt ist? — Exp. Mendl: 'Nein, nur an Sonntagen Nachmittags. Ich hätte das Recht, die Geschäfte auch am Sonntag Nachmittags offen zu halten. Ich habe aber, bevor noch die Frage angeregt wurde, schon im Jahre 1893 die Anordnung getroffen, daß gesperrt wird. Ich habe das placatiren lassen, und das Publicnm hat sich dazu verstanden, die Einkäufe am Vormittag zu besorgen. 517 Dr. Schwiedland: Wenn Sie eine Wohnung miethen, welche größer ist, als eine Person sie braucht, hat die dann Aftermiether? — Exp. Mendl: Nein. Dr. Schwiedland: Wird eine Wahl so getroffen, daß die Leute, die eine größere Familie haben, auch eine größere Wohnung bekommen? — Exp. Mendl: Ja. Im XVII. Bezirk habe ich eine Filiale, wo eine Witwe mit vier Töchtern ist. Eine Tochter hat im selben Bezirke eine andere Filiale, die braucht natürlich keine Wohnung, sie bekommt dafür aber einen Wohnungsbeitrag. Das sind zwei Frauen, von welchen jede fl. 40 Gehalt hat. Vorsitzender: Wie wird der Lohn berechnet? — Exp. Mendl: Es ist ein fester Lohn, der sich zwischen fl. 30 und 40 monatlich bewegt. Das richtet sich darnach, wie die Filiale geht. Der Nebenverdienst beträgt auch monatlich etwa fl. 30. Preßhefe verkaufen sie auf ihre eigene Rechnung. Sie verdienen dabei 114 kr. per Deka. Sie müssen sie zum einem bestimmten Preise verkaufen und verdienen ja genug daran. Es ist dies ein Artikel, an dem sehr viel verdient wird. Die Preßhefe beziehen sie nicht von mir. Vorsitzender: Haben die Verkäuferinnen für Beleuchtung zu sorgen ? — Exp. Mendl: Für nichts, auch für die Reinigung nicht. Bon der Reinignngs-Gesellschaft kommen die Leute und die haben ihre Zettel. Auch die Beleuchtung bezahle ich. Es ist Auer'sches Gasglühlicht, und da bezahle ich auch die Instandhaltung; für die Beheizung bekommen sie ein Pauschale, monatlich fl. 5. Vorsitzender: Wie ist es dort, wo eine Tochter eine Filiale hat? — Exp. Mendl: Der Wagen kommt um 6 Uhr in die Filiale, wo die Mutter ist, dann fährt er in die Filiale, wo die Tochter ist. Die Tochter bekommt das Essen hingeschickt, und da vier Töchter sind, wechseln sie ab. Vorsitzender: Wann bekommen sie Geld für Beheizung? — Exp. Mendl: Das Beheizungspauschale bekommen sie von November bis April immer dasselbe. Vorsitzender: Was bezahlen Sie für die Wohnungen? — Exp. Mendl: Ich nehme das Local mit der Wohnung auf und zahle den Zins für beide. Die Verkäuferinnen haben den Auftrag, den Zins für mich zu bezahlen, ebenso alle Spesen. Der Cassier bringt die Copie der Rechnung nach Hanse, und das wird der Verkäuferin als Eingang gutgeschrieben. Die Frauen haben eine vierzehntägige Kündigung und haben die Verpflichtung, die Wohnung binnen drei Tagen zu räumen. Wenn ich eine Filiale eröffne, so bekommt die Verkäuferin, wenn sie einen bestimmten Umsatz erreicht, eine Wohnung dazu, oder so lange sie keine Wohnung hat, einen Wohnungsbeitrag von fl. 30 vierteljährig, aber erst, wenn sie ein bestimmtes Quantum absetzt.* Dr. Ofner: Was haben die Personen also, die keine Wohnung haben und auch keinen Wohnungsbeitrag? — Exp. Mendl: Das Fixum ist fl. 30 bis 40. Es sind im Ganzen nur Vier oder Fünf, die keine Wohnung haben. Die Nebeneinkünfte betragen überall mindestens fl. 15, steigen aber auch bis zu fl. 30. Vorsitzender: Wie viel Leute kommen in ein solches Geschäft? — Exp. Mendl: Ich habe mir ausgerechnet, daß 80.000 Menschen von uns das Brot essen. Wie viele Leute in ein Geschäft kommen, läßt sich schwer sagen. Dr. Rauchberg: Wenn ein Theil der Verkäuferinnen Wohnung hat, die anderen nicht, so sind sie ja ungeheuer ungleich gestellt. — Experte Mendl: Wo es möglich ist, ist, schon im Interesse des Geschäftes, die Wohnung dabei. Es gibt Locale, zu welchen man eine Wohnung absolut nicht bekommen kann. Wenn mir aber das Local convenirt, so behalte ich es. Es finden sich Bewerberinnen genug. Wir haben ja auch Locale, die ohne Wohnung viel theuerer sind als ändere sammt der Wohnung. Wir 518 haben jetzt nur zwei Verkäuferinnen, die keine Wohnung und keinen Wohnungsbeitrag haben. Es sind die Betreffenden beauftragt, ein anderes Local zu suchen, das geschieht im Lause von zwei, drei Monaten. Vorsitzender: Wann wird im Sommer gesperrt? — Exp. Mendl: Am Sonntag um 1 Uhr Nachmittag, und an Feiertagen ist den ganzen Tag offen. Dr. Osner: Wie lange bestehen diese zwei, drei Filialen, wo die Leute nichts zur Wohnung haben? — Exp. Mendl: Die eine ein halbes Jahr und die andere zwei Jahre. Bei der letzteren ist eine Veränderung vorgekommen, da ich der Verkäuferin auf Uncorrectheiten kam. Diese hat einen Wohnungsbeitrag gehabt. Unter ihr ist aber das Geschäft sehr stark zurückgegangen. Wie ich die neue aufnahm, sagte ich ihr, wenn sie das Geschäft wieder aus das frühere Niveau bringt, bekommt sie einen Wohnungsbeitrag. Vorsitzender: Ist Ihnen etwas über die Lebenshaltung der Verkäuferinnen bekannt? — Exp. Mendl: Sie leben im Allgemeinen nicht schlecht. Die Frauen ersparen sich ja gewöhnlich ihren ganzen Gehalt. Jene, die verheiratet sind, leben von dem Einkommen ihres Mannes. Alle Verkäuferinnen sind bei der Krankencaffe versichert. Das bezahlen sie selbst. Dr. Osner: Haben Sie nicht auch Verkäuferinnen, die sich selbst erhalten müssen? — Exp. Mendl: Auch. Ich habe Mädchen, welche ihre Eltern zu sich genommen haben. Die Wohnung ist dann für die ganze Familie. Vorsitzender: Sehen Sie nicht bei der Aufnahme der Leute aus ihre Lebensverhältniffe? — Exp. Mendl: Das ist sehr schwer. Dann haben die Verkäuferinnen Neujahrsremunerationen von fl. l0 bis 30. Vorsitzender: Ist Ihnen bekannt, wie beim Bäckergewerbe sonst die Verhältnisse sind? — Exp. Mendl: O ja. Sie sind schauderhaft. Das kann ich aus meinen eigenen Beobachtungen sagen. Die Mädchen müssen um '44 Uhr aufstehen und bis 10 Uhr Abends im Geschäft sein. Bei Tag schlafen sie wiederholt ein. Das Mädchen legt sich auf einen Sack oder sitzt aus einem Sessel und nickt ein. Dr. Osner: Warum macheu es die anderen Bäcker nicht so wie Sie und nehmen sich auch Frauen oder Witwen? — Exp. Mendl: Das weiß ich nicht. So ein Mädchen hat die ganze Caffe über. Eine Controle gibt es gar nicht. Sie nimmt das Geld einfach ein, Abends zählt sie es zusammen und schreibt es in ein Buch ein. Das ist ihre eigene Controle. So ist es in Hauptgeschäften. Wie es in den Filialen gemacht wird, weiß ich nicht. Vorsitzender: Beschäftigen Sie nicht in Ihrer Fabrik Mädchen? — Exp. Mendl: Jawohl, die muß um 0-4 Uhr aufstehen. Die Haupt- verkaufszeit ist von bis 0^8. Dann frühstückt sie, und dann hat sie eine Stunde Gebäck einzuzählen. Abends hat sie wieder eine Stunde im Geschäft zu thun, sonst ist sie frei. Die hat fl. 10 monatlich, die ganze Verpflegung und Wohnung bei meinem Geschäftsführer. Wir verkaufen da unser Äusschußgebäck zu ermäßigtem Preise. Da die Fabrik sich in einer armen Gegend befindet, so herrscht oft ein Gedränge wie beim Burgtheater-Einlaß. Es wird genau eingeschrieben, was die Verkäuferin Aus- schuß bekommt, und das muß stimmen. Schluß der Sitzung 10 Uhr Abends. 519 - 29. Sitzung, Dienstag, 14. Ngril 1896. forschender: Dr. Verkauf. Beginn 7 Uhr 20 Minuten Abends. Vorsitzender: Wir werden heute Experten aus dem Kürschnergewerbe, ferner Wirker und Bleicher vernehmen. Ich bitte den Herrn Experten Karl Karps, uns über das Kürschuergewerbe Auskunft zu geben. — Exp. Karpf: Die Zahl der im Kürschnergewerbe beschäftigten Frauen und Mädchen beträgt in der Saison 120 bis 150, nebst 500 Arbeitern. Die Zahl der Betriebe beträgt ungefähr 200, zum größten Theil sind es Kleinbetriebe. Wir verstehen in unserem Gewerbe unter einem Großbetriebe eine Fabrik, wo 12—15 Arbeiter beschäftigt sind, ein kleiner Betrieb hat nur zwei bis drei Personen. Da arbeitet der Gewerbe-Inhaber mit und hat auch zwei bis drei Lehrlinge. Die Frauen sind in großen und kleinen Betrieben beschäftigt, und zwar am meisten in den größten Betrieben. Es sind in diesem Gewerbe sehr viele Zwischenmeister und auch solche Arbeiter, welche keinen Gewerbeschein haben, die aber zu Hause eine Werkstätte besitzen und mehrere Arbeiter beschäftigen. «Auf Befragen.) Wir bekommen die Felle zumeist von auswärts; es sind aber auch in Wien Fabriken, wo das Rohmaterial zubereitet wird. Zu dieser Arbeit werden keine Frauen verwendet, nur in einer Fabrik ist eine einzige Frau beschäftigt. Das zubereitete Fell wird von den männlichen Arbeitern zugeschnitten und dann von den Arbeiterinnen genäht. Das geschieht in kleinen Betrieben mit der Hand, in größeren dagegen mittelst Pelzmaschinen, welche den Zwischeumeistern von dem Fabrikanten gegeben werden. Der Zwischenmeister zahlt die Maschine in Raten aus und muß dem Fabrikanten fl. 10 bis 15 mehr zahlen. Eine Maschine kostet nämlich fl. 85, der Fabrikant rechnet sie dem Arbeiter aber mit fl. 100 an. Diese Maschinarbeit ist ziemlich anstrengend; auch wird viel Staub erzeugt. Die Arbeiterin muß den ganzen Tag an den Maschinen nähen. Wir haben durchschnittlich 10 bis 12 Stunden Arbeitszeit, in der Saison aber, welche von Mitte September bis December währt, beträgt die Arbeitszeit sammt lleberstunden 15 bis 18 Stunden. Die Arbeit ist in den größeren Betrieben getheilt. Einige Frauen sind Maschinnäherinnen, einige sind Stepperinnen, andere wieder Ausfertigerinnen von Pelzstücken, welche die Arbeiter ansangen, und haben zu steppen, Futter einzunähen u. s. w. Das Alles sind etwas leichtere Arbeiten, die werden mit der Hand gemacht. Andere Arbeiten haben die Frauen nicht zu thnn. Nach Schluß der Saison reducirt sich die Zahl der Arbeiterinnen auf 50. Da werden die Arbeiterinnen entlassen. Von August an steigt wieder die Zahl der beschäftigten Arbeiterinnen. Vorsitzender: Was geschieht mit den Arbeiterinnen, welche nach der Saison entlassen werden? — Exp. Karpf: Das läßt sich schwer beantworten. Wir haben nämlich keine gelernten Kürschnerei-Arbeiterinnen, sondern meist solche, welche aus der Kleidermacher-, Modisten- und Handschuhbranche zur Kürschnerei übergegangen sind. Vielleicht gehen dann in der schlechten Zeit die einzelnen zu ihren früheren Branchen zurück. Wenn die Saison wieder anfängt, kommen aber nicht alle zur Kürschnerei zurück, sondern vielleicht nur 20 Percent derselben, während auch sehr viele ueue Arbeiterinnen zuwachsen. (Ueber Befragen.) Motorenbetrieb haben wir nicht. Ich kenne auch das Gewerbe von auswärts. Da ist die Entwicklung der Frauenarbeit bedeutend stärker als bei uns. In England sind zum Beispiel 900 Arbeiter und 18.000 Arbeiterinnen, in Brüssel 31 Arbeiter und 400 Arbeiterinnen. Unser Productionsproceß unterscheidet sich von dem auswärts dadurch, daß in Wien, in den zumeist vorherrschenden Mittel- 520 betrieben, ein Arbeiter ein Stück vollständig selbst fertig möcht, wodurch die Frauenarbeit theilweise nicht durchführbar wird. In den größeren Betrieben ist allerdings die Arbeitstheilung bereits in weiterem Umfange durchgeführt und daher auch die Anzahl der Frauen eine größere. Tiefe Arbeitstheilung bedingt auch ein Zurücktreten der Kundenarbeit gegenüber der Arbeit für den Händler. Bei uns halten sich Knndenarbeit und Engros- arbeit so ziemlich noch das Gleichgewicht. Mit dem Zurückgehen der Kundenarbeit steigt die Frauenarbeit. Auch bei uns nimmt die Zahl der Frauen in diesem Gewerbe immer mehr zu. Vor 15 Jahren hat es in Wien überhaupt noch keine Kürschnerin gegeben, vor zehn Jahren gab es deren 20, vor fünf Jahren 00, heute sind, wie gesagt, 120 bis 150. Expertin Nr. 138 (auf Befragen): Ich bin in der Kürschnerei erst drei Jahre beschäftigt. Ich war zuerst in einer kleinen Werkstätte, wo nur ordinäre Waare verfertigt wurde, dann in einem Großbetrieb. Gegenwärtig bin ich zu Hause. — Exp. Karpf: Die Collegiu ist erst vor Kurzem gemaßregelt worden. Sie war in einem der größten Betriebe dieser Branche beschäftigt und wurde mit zwei anderen Arbeiterinnen wegen des Beitrittes zum Gewerkschaftsvereine entlassen. Es ist deswegen in der Fabrik ein Strike ausgebrochen, der aber schon nach drei Tagen beendigt war. — Expertin Nr. 138 (über Befragen): Die Zahl der im großen Betriebe beschäftigten Personen beträgt 50 und noch mehr; davon waren in der Saison 13 Frauen, nach derselben sind Heuer zwei entlassen worden, im vorigen Jahre vier oder fünf. Ausgesetzt wird nicht; Kinder werden nicht beschäftigt. Lehrmädchen waren in dem Betriebe, wo ich war, nicht, in anderen kommen hie und da Lehrmädchen vor, welche nebst der Kürschnerei noch Gänge verrichten müssen. Aufgedungen werden sie aber nicht. Ich weiß das allerdings nicht aus eigener Wahrnehmung. Es sind 14-, 15-, auch 10jährigeMädchen; wie lange sie unter der Bezeichnung Lehrmädchen verwendet werden, weiß ich nicht. Ich habe zu Hause nicht gearbeitet. In der Fabrik werden meist große Artikel gemacht, die kleinen bei Stückmeistern. In der schlechten Zeit arbeiten die Stückmeister den Fabrikanten billiger. In der Fabrik werden die in der Saison zurückgeworfenen Stücke sortirt und hergerichtet; dann beginnt wieder die Musterarbeit, da die Reisenden schon Anfangs Februar abreisen. Die Mnsterarbeit ist aber keine günstige. Nach Neujahr wird jeder Arbeiterin sl. 1 vom Lohne abgezogen, den Männern auch fl. 2 und 3. Die Arbeiterinnen recrutiren sich aus Arbeiterkreisen. Arbeitsvermittlung haben wir nicht. Man muß von Geschäft zu Geschäft anfragen gehen, auch durch Zeitungen bekommt man Arbeit. Dr. Schiff: Haben Sie nach Ihrer Maßregelung Arbeit gesucht? — Exp. Nr. 138: Nein, ich bin jetzt nicht in der Lage, Arbeit anzunehmen. Vorsitzender: Wann beginnt die Arbeitszeit? — Exp. Nr. 138: Das ist verschieden. In dem Betriebe, wo ich zuletzt war, war die Arbeitszeit von halb 8 bis halb 1 und von 2 bis 7 Uhr. In der Saison haben wir um 8 Uhr angefangen, und um halb 8 Uhr aufgehört. Wir machten auch Ueberstuuden, und zwar arbeiteten wir in der Saison zwei-, dreimal in derWoche bis 11, 12 Uhr Nachts. Wir haben oft 15 Stunden ununterbrochen gearbeitet. Auch an Sonntagen wird öfters gearbeitet. Im Sommer ist die zehnstündige Arbeitszeit eingehalten worden. Außer der Mittagspause hatten wir keine Pausen, wir haben aber verstohlen, während der Arbeit, Bor- und Nachmittag, was wir eben hatten, Brot, Butterbrot u. dergl., gegessen. Jetzt aber, glaube ich, ist Vor- und Nachmittag schon eine Viertelstunde Pause eingeführt. Vorsitzender: Haben Sie auch an der Maschine gearbeitet? — Exp. Nr. 138: Ja, die Maschine ist etwas schwerer gehend als eine gewöhnliche. Es hängt das übrigens von der Stärke des Felles ab. Für 521 schwache Personen dürfte das aber keine Arbeit sein, nichtsdestoweniger sind anch solche beschäftigt. Es wird den ganzen Tag ununterbrochen an der Maschine gearbeitet, weil die Arbeiterinnen eingetheilt sind in Maschin- näherinnen und Handnäherinnen. In kleinen Betrieben hat eine Arbeiterin sowohl mit der Maschine als mit der Hand zu nähen. Der Lohn ist Stundenlohn und wechselt nach der Saison. Ausgaben haben wir keine zu machen. Ich habe als Maschinnäherin anfangs einen Lohn von fl. 3'50 bekommen, dann bin ich auf fl. 4 gestiegen, und zuletzt hatte ich als besonders geschickte Arbeiterin sl. 7. Die anderen Arbeiterinnen hatten, als ich hinkam, sl. 6, als ich aber sl. 7 verlangte und auch bekam, habe ich die anderen Arbeiterinnen anch aufgefordert, Besserung zu verlangen, und so haben die auch fl. 7 bekommen. Von Jänner ab hat uns der Chef nur fl. 6 gegeben, nach einigen Wochen fl. «750. Heuer wurde der Lohn nicht reducirll Die Handnäherinnen bekommen sl. 0, weil ihre Arbeit weniger anstrengend ist. Für Ueberstunden wurde besser bezahlt als für gewöhnliche Arbeitsstunden. Wir haben anch während der Mittagspause in der Saison gearbeitet, da die Arbeit fertig werden mußte. Da haben wir 20 Minuten zum Essen Zeit gehabt. Für die Mittagszeit haben wir 25 kr. und dann 50 kr. bezahlt bekommen. Für Abendüberstunden ist 18 kr. und dann 20 kr. bezahlt worden. Für Sonntagsarbeit wurde ein gewöhnlicher halber Taglohn gezahlt. Vorsitzender: Haben Sie Arbeit nach Hause bekommen? — Exp. dir. 138: Ich und andere Arbeiterinnen, denen ich Hausarbeit abge- rathen habe, haben keine Arbeit nach Hanse genommen, aber die Handarbeiterinnen haben das fast täglich gethan. Es waren meist Krägen. An solcher Hausarbeit wurde je nach der Größe des Kragens vier bis fünf Stunden gearbeitet. Dafür wurde nicht besser gezahlt als in der Fabrik. Die Männer haben einen Lohn von fl. 10 bis höchstens 14. Strafen und Abzüge kommen nicht vor. Die Verhältnisse in dem kleinen Betriebe, wo ich zuerst beschäftigt war, sind außerordentlich schlechte gewesen. W itt e l s h ö f er: Werden auch im Frühjahr zehn Stunden Arbeitszeit eingehalten? — Exp. Nr. 138: Ja. Es ist auf Lager gearbeitet worden, was in einem großen Betrieb gewöhnlich geschieht. W i t t e l s h ö s er: Ist beim Nähen der Felle Rücksicht darauf genommen worden, daß die schwächeren Leute die leichtere Arbeit und die stärkeren die schwere Arbeit bekommen haben? — Exp. Nr. 138: Das hat man nicht beachtet. W i t t el s h ö f er: Haben Sie Kündigung? — Exp. Nr. 138: Ja, 1-ltägige. Eine Fabriksordnnng haben wir bis jetzt noch nicht. Bardors: Sie sagten, Sie haben viel Ueberstunden machen müssen. War das regelmäßig oder nur zu bestimmten Zeiten? — Exp. Nr. 138: Wenn es der Werkführer angeschafft hat, mußten wir arbeiten, wenn es uns auch oft nicht recht war, es war drei- bis viermal in der Woche der Fall. Das Essen konnten wir uns in das Vocal holen lassen und hatten i5 bis 20 Minuten Zeit zum Essen. Dr. Schütter: Wie viel haben Sie im kleinen Betriebe Lohn gehabt? — Exp. Nr. 138: Anfangs hatte ich fl. 3'50, dann fl. 4 50 und auf meine Bitten später fl. 5. Nach der Saison mußte ich wieder vier bis fünf Wochen aussetzen, und wie die Arbeit begonnen hat, wurde mir fl. 1 abgerissen, so daß ich nur fl. 4 hatte. Die Arbeitszeit war dort elf Stunden. Dort hat man auch Ueberstunden gemacht, ich zwar nicht, aber die Anderen. Die Ueberstunden sind so wie die gewöhnlichen Arbeitsstunden gezahlt worden. Die Zahl der Ueberstunden betrug da zwei bis drei. Dr. Ofner: Was geschah, wenn Sie zu spät in die Arbeit kamen? — Exp. Nr. 138: Da wurde man ausgescholten. Experte Karpf: Ich bin in einem Betriebe, einem der feinsten 522 Kundengeschäfte von Wien, wo blos drei Arbeiterinnen neben 20 Männern beschäftigt werden. Die Arbeiterinnen müssen genau so lange arbeiten wie wir, und zwar täglich bis 10 Uhr. Die Saison dauert von Mitte October bis Weihnachten. Vier Wochen vor Weihnachten wird täglich bis 11 Uhr gearbeitet. Da wir Sonntag Nachmittag absolut nicht arbeiten wollten, wurde uns vom Chef Hausarbeit angetragen. Einzelne haben diese auch angenommen und haben vier bis fünf Wochen hindurch tagtäglich Arbeit nach Hause genommen, an der sie bis 2 Uhr Morgens zu arbeiten hatten. Wenn eine Arbeiterin sich am nächsten Tag um zehn Minuten verspätet hat, wurde sie zusammengeschimpst. Man hat nicht viel gefragt, ob wir, wenn wir bis l2 Uhr gearbeitet, nächsten Morgen werden pünktlich kommen können. Wir mußten das thun, ob wir konnten oder nicht. Vorsitzender: Bekommt man in kleineren Betrieben Kost und Wohnung? — Exp. Nr. IM: So viel ich weiß, nicht. Vorsitzender: Wie ist es mit Geschenken an Vorgesetzte? — Exp. Nr. 138: Geschenke haben wir nicht zu machen. — Exp. Karpf: Bei uns ist es usuell, Geschenke zu machen. Als die Tochter des Chefs heiratete, wollte man uns zwingen, einen silbernen Tafelaufsatz um fl. 1^0 zu kaufen. Wir aber haben das nicht gethan, sondern nur ein Glückwunschtelegramm abgesendet. Auch jetzt wollten uns die älteren Arbeiter zwingen, zur Feier des 25jährigen Bestandes des Geschäftes eine Glückwunschadresse zu machen. Wir aber haben nur ein Glückwunschschreiben an den Herrn gerichtet, und die älteren Arbeiter haben, mit Ausnahme eines einzigen, selber eine Adresse um fl. 20 machen lassen. Der Eine, der mit uns gehalten hat, wurde den: Herrn angezeigt und von demselben zusammengeschimpst. W i t telshöser (zur Expertin Nr. 138): Die Hausarbeit ist mit der Hand gemacht worden? — Exp. Nr. 138: Ja, es war Handarbeit. Sie wurde, da man ungefähr wußte, wie lange man dazu braucht, nach Stunden bezahlt. Zngehör hatten wir uns von der Fabrik mitgenommen. Vorsitzender : Wie sind die Ernährnngsverhältnisse? — Expertin Nr. 138: Ueber das Frühstück weiß ich nichts, zum Gabelfrühstück essen die Arbeiterinnen Kaffee oder Butterbrot, zn Mittag sind Diejenigen, welche konnten, und die noch Eltern haben, nach Hause gegangen, Andere gingen in's Volkscafe, Andere wieder in die Volksküche, wieder Andere zum Greißler. Ein Theil ist zum Privat-Auskocher gegangen, was auch ich gethan habe. Fleisch wurde nach meiner Erfahrung sehr selten gegessen. Wenn es vorgekommen ist, so haben sich gewöhnlich zwei Arbeiterinnen eine Portion Fleisch geben lassen. Zu Mittag ist das Vocal gesperrt worden, und da haben wir in der Saison im gesperrten Vocale gearbeitet, natürlich unter Aufsicht. Um 2 Uhr ist das Vocal wieder geöffnet worden. Zur Jause war Butterbrot oder Brot allein. Dr. Ofner: Wie viel hat man in der Volksküche oder beimPrivat- Anskocher ausgegeben? — Exp. Nr. 138: Das war nicht gleich, einmal mehr, einmal weniger. Das Essen in der Volksküche war sehr schlecht und auch nicht genug. (Ueber Befragen.) Die Arbeitsränme sind im Parterre, ersten und zweiten Stock. Wir haben abgetheilt von den Männern gearbeitet. Diese sind aber meistens nach 4 Uhr zu uns hineingekommen, weil sie da ihre Arbeit, das Aufspannen der Felle, zu verrichten haben. In dem Raume, wo wir arbeiteten — es waren 13 Personen — befanden sich nur zwei Fenster. Es war da ein ziemlich starker Dunst. In der Früh hat der Hausdiener ausgekehrt. Wenn wir in die Arbeit gekommen sind, war das Zimmer voll Staub. Ausgegeben wurde voriges Jahr zweimal, Heuer aber noch nicht einmal. Die Fenster sind von einer eigenen Person gereinigt worden, die Wände wurden nicht abgestaubt, geweißt wurde auch nicht. Geheizt hat man im Arbeitsraume nicht. Im kleinen Betriebe war das Local sehr schlecht; es war ein Raum von zwei Zimmern. In einem Zimmer hat der 523 Meister mit seiner Familie geschlafen, der andere Raum war die Werkstätte, aber in der Saison hat man auch in dem Wohnzimmer gearbeitet, da war ein sehr starker Dunst, und es herrscht große Unreinlichkeit. Gereinigt wurde beinahe gar nicht. W i t t e l s h ö f e r: Sie haben gesagt, die Männer spannen bei Ihnen die Felle auf. Haben diese irgend welchen Geruch? — Exp. Nr. 138: Ja, sie riechen sehr stark, weil sie meist mit chemischen Farben gefärbt sind. (Ueber Befragen.) Auch im kleinen Betriebe wurde das Fell ausgespannt, das hat noch den Dunst vermehrt. Dr. Schiff: Weswegen ist das Local über Mittag gesperrt worden? — Exp. Nr. 138: Das weiß ich nicht; den Schlüssel hatte der Geschästsleiter. Bardorf: Wissen Sie, wer in dem kleinen Betriebe im Zimmer geschlafen hat? — Exp. Nr. 138: Der Herr, die Frau und die sechs Minder. Bardorf: Wenn Sie bis l l oder 12 Uhr Nachts gearbeitet haben, haben da die Kinder während der Arbeitszeit geschlafen? — Exp. Nr. 138: Ich habe dort keine Ueberstunden gemacht. Die, welche das gethan haben, haben sich draußen in das andere Zimmer zusammengesetzt und haben auch oft die Nächte durchgearbeitet. Dr. Schiff: War während der zwei Jahre einmal der Gewerbe- Jnspector dort? — Exp. Nr. 138: Nein. Dr. Schiff: Konnte man aus dem versperrten Zimmer in dem großen Betrieb nicht herauskommen? — Exp. Nr. 138: Nein, auch wenn Eine unwohl geworden ist, mußte sie drinn bleiben. (Ueber Befragen.) In der Früh, wenn gekehrt wurde, ist gelüstet worden, wir selbst haben auch die Fenster aufgemacht. (Ueber Befragend Wir haben mehrere Vorgesetzte, Werkführer, Reisende, Eommis. Die Behandlung ist theils eine gute, theils eure schlechte. Jene Arbeiterinnen, welche sich von den Eommis nichts gefallen ließen, sind etwas rauher angefahren worden, wenn etwas vorgekommen ist; Diejenigen, welche sich die Zudringlichkeit gefallen ließen, hatten es besser. Unsittlichkeiten sind aber nicht vorgekommen. Die Behandlung von Seite der Arbeiter, welche die Arbeit zu übernehmen hatten, war eine gute. Die Arbeiterinnen sind meist ledig, es war nur eine einzige Verheiratete. Experte Karpf: In dem Geschäfte, wo ich bin, kommt es oft zu Conflicten zwischen Arbeitern und Arbeiterinnen. Letztere haben die Aufgabe, während der Saison den Arbeitern — es sind ihrer über 20 — auf der Maschine Alles zu nähen. Es gibt nun manche Arbeiter, die, um dem Herrn geiällig zu sein, sehr viel machen wollen und deshalb die Arbeiterinnen drängen, was eben Anlaß zu Conflicten gibt. Vorsitzender: Gehören viele Arbeiterinnen der Organisation an ? — Exp. Karpf: Etwa elf. Das Statut ist erst vor etwa sechs Wochen dahin geregelt worden, daß auch den Frauen der Beitritt ermöglicht wurde. Vorsitzender: Wollen Sie uns Einiges über die Zwischenmeister mittheilen. — Exp. Karpf: Bei diesen gibt es keine bestimmte Arbeitszeit; da wird von Früh, wenn es licht wird, bis spät Abends gearbeitet, ein paar Mal die ganze Nacht durch. Die Zwischenmeister sind nicht in der Lage, dieselben Löhne wie die Fabrikanten zu zahlen. (Ueber Befragen.) Es schlafen und essen nur sehr wenig Arbeiterinnen bei den Zwischenmeistern. Diese verschaffen sich auch Arbeiter aus der Provinz. Die Löhne sind meist Wochenlöhne. Die Arbeiter bekommen höchstens fl. 9, die Frauen fl. 3 bis sl. 5. Die Zwischenmeister erhalten nur gewöhnliche Arbeiten, und zwar meistens einen Artikel. Ihre Zahl nimmt immer zu; ein Viertel von ihnen sind selbstständige Arbeiter, und vielleicht drei Viertel sind blos Arbeiter, die ohne Gewerbeschein mit drei bis vier Gehilfen arbeiten; sie nennen sich aber Zwischenmeister. Diese sind bei der Krankenkasse vom Fabrikanten angemeldet. Dr. Frey (znr Expertin»: Wo wohnen Sie? — Exp. Nr. 138: Ich wohne bei meinen Eltern. Die Wohnung besteht aus Zimmer, Cabinet und Küche und kostet sl. 42 vierteljährig. Wir sind vier Personen: Vater, Mutter, Bruder und ich. Wir Alle schlafen im Zimmer, und im Cabinet haben wir, um den Zins zu erleichtern, zwei Arbeiter als Bettgeher. Vorsitzender: Wir gelangen nun zu den Experten aus der Textil-Jndnstrie. Experte Herr Leopold Kalsner: Ich bin Wirker. Die Zahl der Personen in unserer Brauche steigt, wenn die Saison angeht, bis anf 800, darunter sind circa 180 männliche Arbeiter. Wenn die Saison vorüber ist, sinkt die Zahl auf 700, 080 Personen, tiefer geht sie nicht herab. Hiebei nimmt nicht so sehr die Zahl der Männer als die der Frauen ab. Die Frauen sind größtentheils bei den Strickmaschinen beschäftigt. Die Maschinen werden mit der Hand betrieben, nur in den größeren Strickereien gibt es auch Dampfbetrieb. Die Arbeit an der Strickmaschine ist sehr anstrengend, insbesondere für die Lunge. Die Maschine sieht ungefähr wie eine Nähmaschine aus. Mit der einen Hand muß man die Nadel hin- und herführen und abnehmen u. s. w., wie es die Breite des Strumpfes erfordert, mit der anderen Hand muß man drehen. Die meisten Strickerinnen werden brustkrank. Die Männer sind im Wirksach an den Raspelmaschinen und auch an Handstühlen beschäftigt. Am Handstuhl ist die Arbeit sehr anstrengend, denn da muß der Arbeiter mit Hand, Fuß und Kopf arbeiten. Auch Frauen sind an den Raspeln beschäftigt, in Wien aber nur in drei Werkstätten. Die Zahl der Werkstätten in Wien dürste 25 bis 28 betragen, darunter zehn größere und 15 bis 18 klein re. Das sind die Wirkereien. Strickereien gibt es mehr. Expertin Nr. 139: Ich war in einem Betriebe im VI. Bezirk seit 10? Jahren beschäftigt, bin selbst weggegangen und bin jetzt in einer anderen Wirkerei. Der Betrieb, wo ich früher war, ist sehr groß. Ich war im rückwärtigen Theile der Fabrik beschäftigt, jetzt bin ich nicht mehr dort. Rückwärts waren 13 Mädeln und 0 Männer, vorne sind sehr viele Mädchen beschäftigt. Die Arbeit war durch das ganze Jahr hindurch gleich. Ich habe, so wie Andere, auf der Raspel gearbeitet. Kinder waren nicht beschäftigt, auch keine Lehrmädchen. Wir haben Tücher erzeugt. Auch haben wir einen Motor gehabt. Arbeit ist nicht nach Hanse genommen worden. Ueber das Ausfertigen der Arbeit weiß ich nichts. Die Arbeitsvermittlung geschah durch die Zeitung, sonst war keine. W i t t e l s h ö s e r: Wie war Ihre Arbeit? — Exp. Nr. 139: Ich habe anf der Raspel gearbeitet. In einem anderen Betriebe war ich fünf Wochen, dort habe ich gespult. Das ist nicht schwer zu erlernen. Die Arbeitszeit war in der Saison von 7 bis 7 Uhr, im Winter von halb 8 Uhr bis halb 8 Uhr. Während der Saison haben wir von 7 bis 9 Uhr Ueberstunden gemacht und auch an Sonntagen gearbeitet. Vorsitzender: Ist an Sonntagen auch vorne gearbeitet worden? — Exp. Nr. 139: Nein, nur rückwärts. Vorsitzender: Wie lange wurde gearbeitet? — Exp. Nr. 139: Von 7 bis 12 Uhr, Nachmittags nicht. An Feiertagen ist rückwärts auch den ganzen Tag gearbeitet worden, vorne nicht. Vorsitzender: Was für Arbeitspausen hatten Sie? — Expertin Nr. 139: Vormittags eine Viertelstunde und Nachmittags eine Viertelstunde, zu Mittag eine Stunde. Vorsitzender: Wann war die Saison? — Exp. Nr. 139 : Nur drei bis vier Monate, vom April bis Juli. Vorsitzender: Wie ist der Verdienst berechnet worden? — 52 » Exp. Nr. 139: Der Lohn betrug fl. 3, -1, 5 und 6, das war Wochenlohu. Ich habe anfangs fl. 3 gehabt, zuletzt fl. 4'50, die Anderen fl. 5, 5'50 und fl. 6; ich und ein anderes Mädchen haben am wenigsten gehabt, warum, weiß ich nicht, wir haben auch nicht schlechter gearbeitet. Exp. Kalsner: Weil sie mit dem Werksührer nicht sehr gut waren. Vorsitzender: Haben Sie nach der Saison weniger verdient? — Exp. Nr. 139: Nein. Für die Ueberstunden haben wir 7, 10 und 12 kr. bekommen, für die Sonntagsarbeit den entsprechenden Theil des Lohnes. Strafen sind nicht vorgekommen; wenn man um eine Stunde später gekommen ist, wurde uns das abgezogen, auch eine Viertelstunde. W i tt e l s h ö s er: Ist die Maschine in der Mittagspause abgestellt worden? — Exp. Nr. 139: Ja. Wittelsh vser: Das bezieht sich Alles aus Ihr früheres Geschäft. Ist das Geschäft, in dem Sie gegenwärtig sind, auch ein großer Betrieb? — Exp. Nr. 139: Ein kleiner. Jetzt habe ich dort fl. 4'50 Lohn. Dr. Schütter: Wer hat in dem Betriebe, wo Sie früher waren, die Arbeiterinnen ausgenommen? — Exp. Nr. 139: Der Werksührer. Dr. Schüller: Hat der auch den Lohn bestimmt? — Expertin Nr. 139: Das hat er nicht gesagt, man hat es erst am Samstag erfahren. Dr. Schüller: Sind Sie nicht um Lohnerhöhung gekommen? — Exp. Nr. 139: Wenn man gekommen ist, hat er gesagt, wir geben nichts daraus, wem es nicht recht ist, kann gehen. Vorsitzender: Ist der Wechsel groß gewesen ? — Exp. Nr. 139: Seit ich weg bin, sind zwei neue dort. Während ich dort war, ist kein Wechsel vorgekommen. Vorsitzender: In welchem Alter waren die Mädchen? — Exp. Nr. 139: 16, 17, 20, 23 Jahre, älter nicht. Die jüngste war^ 16 Jahre. Engel: Wie alt sind Sie? — Exp. Nr. 139: 18 Jahre. Engel: Wie konnten Sie sagen, in früheren Betrieben habe es Arbeiterinnen gegeben, die ebenso viel geleistet haben wie Sie, die aber fl. 6 bekommen haben? — Exp. Nr. 139: Die waren schon lange dort. Engel: Jetzt haben Sie aber auch nicht mehr? -- Exp. Nr. 139: Tort habe ich etwas Anderes gemacht. Vorsitzender: Wie kommt es, daß Sie sich Ihre Lage nicht verbessert haben? Sind Sie nicht kräftig genug? — Exp. Nr. 139: Ich bin erst die vierte Woche dort und habe gleich fl. 4 50 bekommen, die Anderen haben fl. 5. Vorsitzender: Hat es in dem früheren Betriebe eine Kündigung gegeben? — Exp. Nr. 139: Eine 14tägige. Ich habe selbst gekündigt und habe acht Tage gemacht. Vorsitzender: War man damit zufrieden ? — Exp. Nr. 139: Ja. Vorsitzender: Sind Geschenke an Vorgesetzte vorgekommen? — Exp. Nr. 139: Nein. Vorsitzender: Wie war Ihre Ernährung? — Exp. Nr. 139: Vormittags habe ich Butterbrot oder Kaffee gegessen, den ich von zu Hanse mitgenommen habe; zu Mittag Zuspeise und Brot vom Gasthaus. Das kostet 5 kr. Die Anderen haben dasselbe gegessen. Fleisch ist nie gegessen worden. In die Volksküche ist Niemand gegangen. Abends habe ich Butterbrot oder Wurst gegessen. Vorsitzender: Wie viel haben Sie also im Tag für das Essen ausgegeben? — Exp. Nr. 139: Gabelfrühstück 5 kr., Mittag 7 kr. und Jause 5 bis 7 kr. B ardorf: Wie beschaffen Sie sich Ihre Kleider? — Exp. Nr. 139: Wir legen uns das Geld durch ein paar Wochen zusammen, und dann kaufen wir uns die Kleider. v26 Bardorf: Wird auch aus Raten gekauft? — Exp. Nr. 139: Nein. Bardorf: Sind nicht Hausireriunen in die Fabrik gekommen? — Exp. Nr. 139: Nein. B ardor f: Was brauchen Sie im Jahre auf Kleider? — Expertin Nr. 139: Das weiß ich nicht. Das besorgt die Mutter. Vorsitzender: Wie ist das Arbeitslocal? — Exp. Nr. 139: Es ist rückwärts im Hofe und nicht sehr licht. Das Zimmer hatte fünf Fenster, In demselben waren 13 Mädchen und 6 Männer. Die Maschinen sind dicht nebeneinander gestanden. Vorsitzender: Wie ist es mit der Reinigung? — Exp. Nr. 139: In den eineinhalb Jahren ist einmal ausgerieben worden, zu den Feiertagen. Die Fenster sind auch nur einmal geputzt worden. Ob die Wände geweißigt worden sind, weiß ich nicht. Dr. Ofner: Ist bei W. gekehrt worden? — Exp. Nr. 139: Nur Samstag Abends. Das haben wir gemacht. Dr. Ofner: Innerhalb der Arbeitszeit? — Exp. Nr. 139: Nach der Arbeitszeit. Das hat eine Viertelstunde gedauert. Wir sind dafür nicht gezahlt worden. (Alls Befragen.) Die Aborte waren anständig und rein. Die Fenster sind in den Hof gegangen. Während der Mittagspause war die Werkstätte gesperrt. Da waren wir auf dem offenen Gange. Vorsitzender: Wie konnten Sie im Winter dort essen? — Expertin Nr. 139: Wir haben uns Tücher hinausgenommen und daraufgesetzt. Der Gang ist gedeckt, aber es war sehr kalt. Vorsitzender: Wie ist das Betragen der Werkführer? — Expernn Nr. 139: Nicht sehr gut. Wenn man sich nicht Alles gefallen läßt, wird er sehr grob. Wenn sich ihm Eine hingegeben hat, ist er mit ihr freundlich gewesen. Vorsitzender: Ist das oft vorgekommen? — Exp. Nr. 139: O ja. " Vorsitzender: Sind auch Verheiratete unter Ihnen gewesen? — Exp. Nr. 139: Nein. Vorsitzender: Wohnen Die bei Ihren Eltern? — Exp. Nr. 139: Ja. Wir wohnen im XV. Bezirk. Zu Mittag gehe ich jetzt nach Hause. Die Wohnung ist im ersten Stock und besteht aus Zimmer und Küche. Sie kostet fl. 7 monatlich. Im Zimmer wohnen meine Schwester und mein Schwager; meine Eltern, mein Bruder und ich wohnen in der Küche. Dr. Schiff: Wie viel Betten haben Sie zu Hause? — Expertin Nr. 139: Drei und ein Sopha. Vorsitzender: Gehören die Mädchen Vereinen an? — Expertin Nr. 139: Ja. Vorsitzender: Wird es gestattet? — Exp. Nr. 139: Als ich in dem früher erwähnten Betriebe arbeitete, war ich noch nicht dabei, erst jetzt. (Ueber Befragen.) Ich bin in der Genossenschafts-Krankencasse. Es werden uns 8 kr. abgezogen. Für die Unfallversicherung ist uns nichts abgezogen worden. Dr. Schütter: Wie war es mit dem I.Mai bei W. ? —Expertin Nr. 139: Wir haben arbeiten müssen. Vorsitzender: Wissen Sie etwas über die Aussertigerinnen? — Exp. Nr. 139: Es waren ungefähr zwölf Aussertigerinnen. Die haben vorne gearbeitet. Im Ganzen dürften über 40 Mädchen im Betriebe sein. Die Aussertigerinnen müssen Tücher einsäumen, Bordüren annähen, ausbessern, bügeln, Flecke putzen und zusammenlegen. Vorsitzender: Wenn Eine eintritt, wird sie da zuerst als Aus- fertigerin verwendet oder kommt sie zur Maschine? — Exp. Nr. 139: Nein. Wenn Eine Aussertigerin ist, kommt sie nicht zur Maschine. Vorsitzender: Sind das ausschließlich junge Mädchen ? — Expertin 527 Nr. 139: Ja, so wie sie aus der Schule kommeu. Die bekommen fl. 2'50, fl. 3 gleich zu Ansang und steigen bis auf sl. 5 höchstens. Ich kenne nur Eine, die ist schon zehn Jahre dort und hat es auf fl. 6 gebracht. Die Arbeitszeit ist für sie dieselbe wie für die Anderen. In der Saison bekommen sie auch theilweise Arbeit mit nach Hause, nämlich Tücher säumen oder Bordüren aufnähen. Wenn Eine keine Maschine zu Hanse hat, näht sie mit der Hand auf. Eine solche Arbeit dürste zwei Stunden in Anspruch nehmen. An Sonntagen wird dort auch regelmäßig gearbeitet, obwohl sie vorne sind. Vorsitzender: Sind dort Blenden an den Fenstern? — Expertin Nr. 139: Es sind meist grüne Siebe vor den Fenstern, und dann sind es meist Anslagesenster. So sieht man nicht leicht durch. Man könnte es höchstens durch die Entreethür sehen, daß gearbeitet wird, aber die Ausfertigerinnen arbeiten in Nebenlocalitäten. Vorsitzender: Gehen sie durch den Hof hinein? — Expertin dir. 139: Durch das Hausthor. Vorsitzender: Ist das nicht angezeigt worden? — Experte Kalsner: Gewiß. Wir haben selbst eine Resolution aufgesetzt und an das Gewerbe-Jnspectorat eingesendet. Vorsitzender: Was ist dann geschehen? — Exp. Kalsner: Bis heute ist nichts geschehen. Es war zwar Jemand dort, aber bis heute wird noch gearbeitet. — Exp. Nr. 139: Sie haben auch am letzten Sonntag gearbeitet. — Exp. Kalsner: Das Schlechte daran ist, daß den Arbeiterinnen, die sl. 6 Wochenlohn haben, der Sonntag miteingerechnet wird. Wenn sie am Sonntag nicht kommen, so wird ihnen ein halber Tag von diesen fl. 6 abgezogen. Vorsitzender: Wann ist diese Resolution gefaßt worden? — Experte Kalsner: Das dürfte im September vorigen Jahres gewesen sein. Vorsitzender: Sie haben gesagt, daß der Jnspector dort war.— Exp. Kalsner: Ja, nachträglich war er dort. Vorsitzender: Hat sich etwas geändert? — Exp. Kalsner: Meines Wissens nicht, weil sie noch immer arbeiten. Vorsitzender: War er am Sonntag dort? — Exp. Kalsner: Das weiß ich nicht. Ich habe gleichzeitig auch eine Firma in der Bürgerspitalgasse angezeigt, wo die Leute den ganzen Tag über eingesperrt waren. Auf den Abort konnte da Niemand gehen. Vorsitzender: Das ist doch nicht möglich. — Exp. Kalsner: Zu Mittag wurden sie herausgelassen und um 1 Uhr wieder eingesperrt. Vorsitzender: Waren Sie selbst dort? — Exp. Kalsner: Ich weiß das von der Organisation aus. Der Abort ist im Local, wo gearbeitet wird. Es war eine Sanitäts-Commission dort, aber der Abort befindet sich jetzt noch an derselben Stelle. Der Unternehmer hat damals der Commission gesagt, jetzt ist ohnehin die Saison zu Ende, es gehen nur wenige Leute aus den Abort, da verliert sich schon der Geruch. Vorsitzender: Haben Sie Daten über die Krankenbewegung? — Exp. Kalsner: Der Krankenstand ist bei uns kein großer. Das Meiste machen die Entbindungen aus. Vorsitzender: Sind die Frauen bei der Organisation? — Experte Kalsner: In der letzten Zeit hatten wir 23. Expertin Nr. 140: Ich bin zu Hanse. Früher war ich in einer Bleicherei inl VI. Bezirke. Vorher war ich auch in einer Wachsfabrik, dann in einer Reißnägelfabrik und in einer Stärkefabrik. In der Bleicherei war ich zwei Jahre. Seit 30. Jänner bin ich weg. Vorsitzender: Warum sind Sie weggegangen? — Exp. Nr. 140: Eine Vorarbeitern hat mich zur Männerarbeit gegeben. Da hätte ich ein großes Schaff mit Säure tragen sollen. Vorsitzender: Was hatten Sie zu thun? — Exp. Nr. 140: Ich war in der Presserei. Dorthin kommen die ungebleichten Sachen, Wolle und Leinen. Da werden die Packete, wie sie in den Geschäften verkauft werden, gepreßt. Die Presse ist eine Handpresse. Vorsitzender: Sie sagten, Sie hätten zur Männerarbeit gehen sollen. — Exp. Nr. 140: Das war in der Bleicherei. In der Preßerei waren zwölf Frauen und ein Mann. Der hat dieselbe Arbeit gemacht. Wenn nämlich Doppelpackeln gekommen sind, hat er dieselben machen müssen. Das war aber selten. Meist hat er dieselbe Arbeit gemacht wie die Anderen. Vorsitzender: Die Arbeit war nicht durch das ganze Jahr gleich? — Exp. Nr. 140: Im October hat es angefangen. Dann hat es wieder aufgehört, und im April war's wieder etwas stärker. Im Sommer werden die Leute entlassen, und im Herbst sind sie wieder zurückgekommen. Vorsitzender: Was machen die Leute während des Sommers? — Exp. Nr. 140: Was sie halt finden. Vorsitzender: Was haben Sie gemacht? — Exp. Nr. 140: Im vorigen Jahre habe ich nur drei Wochen ausgesetzt. Da war ich in einer Hadernfabrik. Dann bin ich wieder zurückgegangen. Vorsitzender: Werden im Sommer Alle entlassen? — Expertin Nr. 140: Die ihm zu einer Arbeit Passen, gibt er nicht weg. Es bleiben immer acht oder nenn. Vorsitzender: Wie viel Arbeiterinnen sind im Ganzen gewesen? — Exp. Nr. 140: Wenn es stark geht, 60, sammt den Arbeitern. Mädchen waren über ,40. Vorsitzender: Bleiben auch nur wenige Männer im Sommer? — Exp. Nr. 140: Ungefähr sechs oder acht. Vorsitzender: Ist die Arbeit bei der Presse sehr anstrengend? — Exp. Nr. 140: Nein, es wird nur mit der Hand gedreht. Vorsitzender: Außer Hause wird nichts gemacht? — Expertin Nr. 140: Nein. Dr. Ofner: Wie lange waren Sie bei der Presse? — Exp. Nr. 140: Ich war beim Tockenmachen zwei Jahre. Das gehört auch zur Presserei. Jeder Strähn — der heißt Docke — wird zusammengedreht, ausgeschlagen, dann ein Knopf gedreht und gepreßt. Vorsitzender: Welche Arbeitszeit war in der Bleicherei? — Exp. Nr. 140: Von 6 bis 7 Uhr. Mittags eine Stunde, Vor- und Nachmittags eine Viertelstunde Pause. Vorsitzender: Sind diese Pausen anch eingehalten worden? — Exp. Nr. 140: Immer. Vorsitzender: Haben Sie in der Presserei auch am Sonntag gearbeitet? — Exp. Nr. 140: Ja, von 7 bis 10 Uhr jeden Sonntag. Wenn auch unter der Woche nichts zu thun war, wenn wir aussetzen oder drei Vierteltage arbeiten mußten, hat er am Freitag und Samstag den ganzen Tag arbeiten lassen, und auch am Sonntag haben wir kommen müssen. Bis 9 Uhr haben wir gepreßt und von 9 bis 10 Uhr zusammen- geräumt. Bardorf: Ist Ihnen gesagt worden, Sie müssen kommen, weil es der Arbeitsproceß bedingt? — Exp. Nr. 140: Ja. Dr. Ofner: Wer war dort eigentlich vorgesetzt? -— Exp. Nr. 140: Eine Vorarbeitern: über die Mädchen, in der Bleicherei war ein Vorarbeiter. Wittelshöfer: Wie war es mit dem Aussetzen? — Exp. Nr. 140: Bevor ich weggegangen bin, haben wir um 9 Uhr kommen müssen und haben bis 12 Uhr gearbeitet, dann von 1 bis 4 Uhr. Dafür haben wir einen halben Tag gezahlt bekommen, aber Jausen- und Frühstückspausen haben wir da nicht gehabt. Am Montag ist es uns vorausgesagt worden: „Damit Ihr nicht ganz zu Hause bleiben müßt, kommt um 9 Uhr und bleibt bis 3 Uhr." Das hat 8 oder 14 Tage gedauert. 529 Wittelshöfer: Wie ist der Lohn? — Exp. Nr. 140: Wochen- lohn; zuerst bekommt eine Arbeiterin st. 4, dann st. 4'50, wenn sie länger dort ist, st. 5 und auch fl. 6. Die Presserinnen haben auch st. 7, das ist aber das Höchste. Wittelshöfer: Fängt eine gleich als Presserin an? — Expertin Nr. 140: Diejenigen, die in die Presserei kommen, kommen zuerst zum Dockenmachen. Wenn dann eine bei der Presse fehlt, wird eine dazu abgerichtet. (Ueber Befragend Ueberstnnden haben wir dort keine gehabt. Der Mann, der in der Presserei war, hatte st. 0. Wenn man zu spät gekommen ist, ist man zusammengeschimpft, aber nicht bestraft worden. Bardors: War eine Fabriksordnung dort? — Exp. Nr. 140: Mir ist nichts bekannt. Man hat weder eine bekommen, noch war eine solche irgendwo aufgehängt. Wittelshöfer: War Ihre Vorgesetzte früher eine Arbeiterin? — Exp. Nr. 140: Ja, aber in einer anderen Fabrik. Wittelshöfer: Ist es vorgekommen, daß sie Einzelne begünstigt und Andere weniger gut behandelt hat? — Exp. Nr. 140: Wenn sie über eine Arbeiterin zornig war, hat sie dieselbe oft znsammengeputzt. Hat sie aber eine gut leiden können, so hat sie sie gut behandelt. Ein Unterschied in der Arbeit war nicht. Vorsitzender: Sind Geschenke gemacht worden? — Exp. Nr. 140: Im vorigen Jahre ist der Werksührerin zum Namenstag ein Theeservice gekauft worden. Da hat Jede 15 kr. gegeben. Heuer haben sie ihr auch etwas gekauft, ich habe aber nichts dazu gegeben. Vorsitzender: Hat sie sich auch revanchirt? — Exp. Nr. 140: Nein. Vorsitzender: Wie war das Arbeitslocal? — Exp. Nr. 140: Es war eine ziemlich große Waschküche, wo ich war. Es befanden sich dort drei Fenster und eine Glasthür, und in dem Vocal waren zwölf Personen und vier Pressen. Platz war genug. Es ist genügend gelüftet worden. Alle Sonntag waren die Fenster offen und ist gerieben worden. Vorsitzender: Gibt es da keinen Stanv? — Exp. Nr. 140: Mancknnal staubt's, aber nicht viel. B ard o rf: Sie müssen doch wissen, ob mit Chlorkalk gearbeitet worden ist? — Exp. dir. 140: Wenn die Wolle schlecht gewaschen war, hat's schon gestaubt. Dieser feine Staub hat in der Kehle stark gekratzt. Dr. O fner : Ist öfters gekehrt worden ? — Exp. Nr. 140: Alle Tage. Von den Presserinnen hat jeden Tag eine andere gekehrt. Dr. Ofner: In der Arbeitszeit? — Exp. Nr. 140: Ja, nach °/,7. Dr. Osner: Wie war es mit dem Fensterputzen? — Exp. Nr. 140 : Zu Pfingsten, Ostern und anderen Feiertagen hat jede Arbeiterin bei ihrer Presse das Fenster geputzt. Das ist am Sonntag gemacht worden, während von 7 bis 10 Uhr gearbeitet worden ist. Vorsitzender: Sind Sie verheiratet? — Exp. Nr. 140: Ja Außer mir hat es dort keine verheiratete Arbeiterin gegeben. Die Vorarbeiten« war 2«) Jahre alt, die Anderen jünger. Die Jüngste war 18 Jahre alt. Vorsitzender: Wie kommt es, daß Alle so jung sind? Gehen sie von der Arbeit fort? — Exp. Nr. 140: Die Fabrik besteht dort noch nicht lange, ich glaube seit drei Jahren. Vorsitzender: Haben Sie Kinder? — Exp. Nr. 140: Nein. Vorsitzender: Was ist Ihr Mann ? — Exp. Nr. 140 : Eisengießer. Vorsitzender: Wie ist Ihre Wohnung? — Exp. Nr. 140: Jetzt haben wir Kammer und Küche. Vom 1. Mai ab nehmen wir eine größere Wohnung. Wir haben in der Kammer Betten. Dort schläft auch ein Bettgeher. Wir zahlen 0 fl. 47 kr. Die Wohnung ist in der Brigittenan. Der 34 ffrc»ie»-E»quöte. 530 Bettgeher zahlt fl. 1. Mittags bin ich nach Hause essen gegangen, und auch mein Mann. Das Essen habe ich vorn Gasthaus geholt. Wir haben Suppe und Gulyas gegessen, oder ich habe der Mutter, die separat wohnt, Geld gegeben und sie hat Fleisch gekauft und hat uns das Essen geschickt. Zum Frühstück haben wir Kaffee, zum Gabelfrühstück ein Paar Würstel und Brot, zur Jause Wurst. Abends habe ich etwas gekocht oder ein Stück Fleisch gedünstet. Mein Mann ist im Accord, er verdient st. 14 bis 15, auch 20. Ich bin sowohl bei der Kranken- wie bei der Unfallversicherung gewesen. In einer Organisation bin ich nicht. Sonntags mache ich weder Ausflüge noch sonstige Vergnügungen mit. Bardorf: Sie haben gesagt, wenn die Wolle schlecht gewaschen ist, staubt sie. Wer wascht denn? — Exp. Nr. 140: Gewaschen wird in der Bleicherei von Frauenzimmern. Es sind im Winter 12 bis 14. Die schwaben die Wolle in Wannen, welche drei Fächer haben. Das Wasser wird oft gewechselt. Diese Mädchen haben einen Lohn von 90 kr. täglich. Sie werden bei dieser Arbeit sehr naß. Sie haben Holzschuhe, Manche hat auch Strümpfe an. Dr. Ofner: Haben Sie für Ihre Mutter zu sorgen? — Expertin Nr. 140: Nein. Die Schwester und der Bruder, die bei ihr sind, verdienen auch. Vorsitzender: Sie waren in einem Haderngeschäft? — Expertin Nr. 140: Nur drei Wochen. Dort habe ich die Fetzen sortirt. Vorsitzender (zum Exp. Kalsner): Sie sollen in der Lage sein, uns über die Verhältnisse einer hiesigen großen Spitzenfabrik Auskunft zu geben? — Exp. Kalsner: Ich habe dort sieben Jahre gearbeitet. Die Fabrik gilt im Allgemeinen als eine musterhafte. Die Löhne bei den älteren Arbeitern sind aber sehr schlecht. Die Jungen, Rüstigen verdienen im Accord fl. 9, 10, 11 und 12, im Wochenlohn fl. 9. Es sind sehr viele Frauen dort. Die haben fl. 2'50 bis 7. Die Anfängerin bekommt fl. 2'50, die fertige Arbeiterin fl. 4 bis 5. In Bezug auf die Reinlichkeit ist die Fabrik geradezu musterhaft, in Bezug auf Entlohnung ist sie aber eine der schlechtesten. Ein Arbeiter, der 40 Jahre dort ist, verdient heute fl. 4, 6 und 8. Das ist schon sehr viel. Dann kommt es aber vor, daß so ein Mann, der ja schon schwache Augen hat, Ausschuß macht, besonders bei der Spitzenarbeit. Er verdirbt zum Beispiel einen Streifen, der 2 oder 3 Meter lang ist, oder es ist ein kleiner Fehler, der sich von Meter zu Meter wiederholt. Diesen Streifen muß der Arbeiter zu dem Preise, wie er verkauft wird, zurücknehmen. Das kommt dann auf den Preis der Spitzen an, wie viel er zu zahlen hat. Es gibt Spitzen von 30 kr. bis fl. 2 und 3, und so kommt es vor, daß Einer in einer Woche fl. 4 Strafe zahlt. Dr. Ofner: Sie wissen das aus eigener Erfahrung? — Experte Kalsner: Ja, ich habe bis 1881 dort gearbeitet, und damals war schon dieser Usus, und er besteht heute noch, wie ich von den Leuten, mit denen ich oft verkehre, gehört habe. Vorsitzender: Wir gelangen zur Vernehmung der Expertinnen aus der IutebraNche. — Expertin Nr. 141: Ich bin seit sieben Jahren in der Spinnerei beschäftigt. Ich bin direct in die Fabrik eingetreten. Vorher war ich nicht in Arbeit. Es sind in der Fabrik über 600 Leute beschäftigt, davon sind ein Viertel Männer. Eine eigentliche Saison gibt es nicht, es wird das ganze Jahr gleichmäßig gearbeitet. Es werden auch Kinder über 14 Jahre dort beschäftigt. Es sind deren sehr viele. Vorsitzender: Welche Arbeiten haben die Frauen und welche die Männer zu machen? — Exp. Nr. 141: Die meiste Arbeit machen die Frauen. Wenn die Ballen ankommen, werden sie von den Männern abgeladen und werden den Arbeiterinnen zugeführt. Von diesen werden die Ballen zerschlagen, wobei es sehr stark staubt. 531 Vorsitzender: Wie sieht es im Saale aus? — Exp. Nr. 141: Was die Reinlichkeit anbelangt, so wird da alles Mögliche gethan. Es sind überall eigene Auskehrerinnen, die fortwährend auskehren. Es wird trocken gekehrt. Dabei wirbelt der Staub herum. Vorsitzender: Ist ein Exhaustor da ? — Exp. Nr. 142: Seit kurzer Zeit. — Exp. Nr. 141: Dort, wo die Ballen zerhackt werden, ist keiner. Das ist ein sehr geräumiges Magazin. Dann kommt das Material in die Beize. Dort sind auch Frauen. Dann in die Krätze. Da sind Frauen und Knaben beschäftigt. Da wird die Jute zerrissen. Es sind da bei den Maschinen meistens Knaben. Früher war bei jeder Maschine ein Knabe. Jetzt sind die Maschinen umgestellt worden und hat ein Knabe zwei Maschinen zu versehen. Das ist erst seit einigen Wochen. Er hat zwei Maschinen vis-a-vis und geht von einer zur anderen. Früher haben sie 00 bis 65 kr. gehabt, jetzt haben sie 80 kr. pro Tag. Sie müssen sich aber viel Plagen und sehr aufpassen. Dann kommt es zur Strecke. Da geht das Garn durch eine Maschine und wird flach gedrückt, damit es feiner wird. Da sind meist Frauen beschäftigt, und zwar im Taglohn. Dann kommt es zu den Haarspinnmaschinen. Da läuft es bereits auf Spulen, aber noch sehr dick. Da sind lauter Accordarbeiterinnen. Dann kommt es in die Spinnerei. Da wird das feine Garn erzeugt. Dann kommt es in die Spulerei. In der Kettenspulerei werden die Ketten für die Spulen gemacht, in der Schützenspulerei werden die Köpfe gemacht, welche die Weber brauchen. Dann kommen die Schlichter; die machen die Bäume, woraus die Stücke gemacht werden. Dann kommt es in die Weberei. Da sind Frauen lind Männer bei derselben Arbeit beschäftigt. Die Frauen verdienen meist mehr als die Männer, weil sie schneller sind. Dann kommt es in die Appretur. Da werden die Stücke in verschiedenen Maschinen gereinigt. Dann kommt es in die Magazine. Ich bin in der Schützenspulerei. Angefangen habe ich in der Kettenspulerei bei der Wolle, was aber jetzt nicht mehr existirt. Jetzt kommt die Wolle in Spulen an. Vorsitzender: Worin besteht jetzt Ihre Arbeit? — Exp. Nr. 141: Dort sind nur Frauen beschäftigt. Wir machen die Köpfe, welche die Weber zum Schuß brauchen. Mit einen: Fuß müssen wir die Spindeln treten, damit sie in Bewegung sind, mit der rechten Hand drehen wir an und knüpfen an. Das ist eine anstrengende Arbeit. Es wird dann in Bündel zusammengebunden. Da haben wir Blechkistel, in diese wird es hineingelegt und zur Waage getragen. Vorsitzender: Haben Sie große Lasten zu tragen ? — Exp. Nr. 141: 20 bis 25 Kilo. Die Maschinen sind sehr lang. Auf jeder Seite arbeiten Vier, im ganzen Acht. Wittelshöser: Gehen die Maschinen nicht mechanisch durch die Transmission? — Exp. Nr. 141: Die Schützenspulereimaschinen gehen mit der Transmission. Wenn die Spule aber voll ist, bleibt sie stehen, damit wir wissen, daß es lang genug ist. Dann wird eine frische Spule angefangen. Wenn die Spindel stehen bleibt, stellt sich der Tritt unten nach aufwärts. Darum muß man wieder draustreten. Vorsitzender: Was ist das Schwere an der Arbeit? — Expertin Nr. 141: Das fortwährende Anknüpfen und das Aufpassen, dann das Hinaustragen der Bündel. Wittelshöser: Wie oft müssen Sie da treten? — Exp. Nr. 141: Eigentlich ununterbrochen. Wenn ich zum Ende komme, ist es am Anfang schon voll. Vorsitzender: Wie oft müssen Sie mit dem Bündel hinausgehen? — Exp. Nr. 141: Je nachdem das Garn ist. Bei grobem Garn muß man öfter gehen, manchmal 20mal im Tag, bei feinem Garn 10mal. 34 * 562 Vorsitzender: Aus welchen Kreisen sind die Arbeiterinnen? — Exp. Nr. 141: Lauter Arbeiterkinder. Lehrmädchen gibt es bei uns nicht. Wenn Eine lernt, braucht sie nur zwei, drei Tage. Vorsitzender: Wer zeigt es ihr? — Exp. Nr. 141: Eine von den Arbeiterinnen, die dafür gezahlt werden. Diejenige, die lernt, ist im Taglohn, und diejenige, die unterrichtet, ist im Accord. Die kann nebenbei ebensoviel arbeiten als sonst. Vorsitzender: Haben Sie eine Arbeitsvermittlung? — Expertin Nr. 141: Die Leute werden vom Portier aufgenommen. Früher hat jeder Meister aufgenommen. Seit neuester Zeit macht das der Portier. Vorsitzender: Ist der Wechsel stark? — Exp. Nr. l41: O ja, besonders seit der neue Centraldirector da ist. Der möchte die alten Arbeiterinnen alle draußen haben; ich weiß nicht warum. Er hat eine Antipathie gegen die Arbeiter und Arbeiterinnen, die unter dem früheren Director gearbeitet haben. Wenn Einer sagt, früher war das so oder so, so wird er gleich wild und sucht den Betreffenden hinauszudrängen. Der Wechsel ist so groß, daß die eintretenden Leute bald die Lust verlieren und fortgehen. Das kommt besonders im Sommer vor. Im Winter bleiben die Leute. Der Wechsel ist am größten unter den jugendlichen Arbeiterinnen. Vorsitzender: Ist der Wechsel auch durch Erkrankungen hervorgerufen? — Exp. dir. 141: Krankheiten kommen oft vor, und die Meisten fürchten sich, lange dort zu bleiben. Vorsitzender: Kommen die Erkrankten nicht wieder zurück? — Exp. Nr. 141: O ja. Vorsitzender: Sind vor dem Fabriksthor viele Arbeiterinnen angesammelt, die auf Arbeit warten? — Exp. Nr. 141: Ja. Um 6 Uhr Früh ist oft Niemand da, die Meisten kommen um V-7 oder 7 Uhr, weil da der Doctor kommt, der Jeden untersucht. Vorsitzender: Am ganzen Körper? — Exp. Nr. 141: Er schaut sie blos an. Wenn Eine gesund aussieht, nimmt er sie. W.itt elsh öfer: Wie bestimmt der Portier, wer aufgenommen wird? — Exp. Nr. 141: Bei den Jüngeren wird nicht gefragt. Vom Lohn wird ihnen nichts gesagt. Wo Jemand fehlt, wird die Neue hingeführt. Wittelshöfer: Wonach entscheidet er sich? — Exp. Nr. 141: Ob eine gut und stark gebaut ist. Nur im Nothfall nimmt er auch schwächere. Wittelshöfer: Gibt es da keine Protection? — Exp. Nr. 141: Das könnte ich nicht sagen. Der jetzige Portier ist ganz neu. Wenn Jemand in eine andere Abtheilung will, so ersucht er den Meister selbst. Engel: Woher sind die Mädchen, die sich da melden? — Expertin Nr. 141: Meistens aus Böhmen, auch aus Schlesien, Mähren und aus der Umgebung von Wien. Es sind meist Fabriksarbeiterinnen. Vorsitzender: Wann beginnt die Arbeit? — Exp. Nr. 141: Sie ist von 6 bis 6 Uhr, Sommer und Winter gleich. Vorsitzender: Wie ist die Beleuchtung? — Exp. Nr. 141: Wir haben elektrisches Licht. Seit einiger Zeit wird es aber nicht verwendet. Die Maschine ist weggeräumt worden, weil sie schlecht functionirt hat. Jetzt arbeiten wir bei Gas, und zwar bei offenen Flammen. Vorsitzender: Gibt es Pausen? — Exp. Nr. 141 : Seit dem Strike der Spinnerinnen haben wir eine Viertelstunde Frühstücks- und Jausenpause, Mittags eine Stunde. Es kommt aber sehr oft vor, daß es heißt: „Heute müßt Ihr zur Frühstücks- oder zur Jausenzeit arbeiten. Ihr dürft dafür eine Viertelstunde früher nach Hause gehen." So kam es auch vor einigen Wochen vor. Wir glaubten, daß wir um ^76 Uhr nach Hause gehen können, durften aber nicht vor 6 Uhr gehen. Die Woche nachher 533 wollten sie dasselbe Manöver machen. Da haben wir aber nin ^/<6 Uhr abgestellt und sind fortgegangen. Vorsitzender: Was ist darauf geschehen? — Exp. Nr. 141: Es ist fürchterlich geschimpft worden, aber wir waren schon draußen. Ein Aufseher hat sich geäußert: „Ihr Canaillen, schaut, daß Ihr hinauskommt!" Damit haben wir erreicht, daß wir jetzt gefragt werden, ob wir arbeiten wollen. In der vorigen Woche fing der Betrieb um acht Minuten später an. Da hat es geheißen: „Ihr müßt bis ',.7 Uhr arbeiten." Uns wurde aber nichts gesagt und den Aufsehern auch nicht. Vorsitzender: Sie waren aber nur 6 Uhr Früh am Platz? — Exp. Nr. 141: Ja. Wir erfuhren es durch Zufall. Um 6 Uhr haben wir nun abgestellt. Das Werk ist bis '/«7 Uhr gegangen, wir sind aber um 6 Uhr fortgegangen. Engel: Können Sie weggehen, wann Sie wollen? — Exp. Nr. 141: Wir stellen ab und gehen. Wir haben uns eine Uhr ausgeliehen, und so haben wir um «1 Uhr abgestellt. Vorsitzender: Gibt es eine Kündigungsfrist? — Exp. Nr. 141 : Keine. Das ist in der Fabriksordnung. Die ist aber ganz oberflächlich. Vorsitzender: Haben Sie dieselbe in die Hand bekommen? - Exp. Nr. 141: Sie hängt an der Mauer; ich habe aber noch nicht Zeit gesunden, sie zu lesen. Vorsitzender: In so vielen Jahren? — Exp. Nr. 141: Sie ist erst zwei Jahre dort. Vorsitzender: Woher wissen Sie, daß keine Kündigung ist? — Exp. Nr. 141: Weil sehr Viele sogleich gehen müssen. Vorsitzender: Wie wird Ihr Verdienst berechnet? — Expertin Nr. 141: Nach dem Gewicht. Vorsitzender: Gibt es Ueberstunden? — Exp. Nr. 141: Nein. Wenn der Betrieb unterbrochen wird dadurch, daß etwas nicht functionirt, heißt es oft: „Ihr müßt heute bis 7 Uhr arbeiten!" Seit einiger Zeit stehen wir aber aus dem Standpunkt, daß wir nichts einbringen wollen. Vorsitzender: Entschädigt wird Ihnen die Unterbrechung ohnehin nicht? — Exp. Nr. 141: Nein. Vorsitzender: Kommt es oft vor, daß das Werk stehen bleibt? — Exp. Nr. 141: Seit die neue Maschine da ist, ist es oft vorgekommen; in 14 Tagen eine Stunde, dann wieder in einer Woche. Vorsitzender: Ist Sonntagsarbeit? — Exp. Nr. 141: Die Knaben müssen immer am Sonntag in die Fabrik gehen. Da müssen sie die Lager ausputzen. Es kommen nicht alle. Arbeit nach Hause gibt es nicht. Vorsitzender: Gibt es Strafen? — Exp. Nr. 141: Wenn wir uns z. B. auf ein Blechkistel setzen und es wird eingedrückt, so müssen wir es machen lassen. Da haben wir 10 kr. zu zahlen. In der Abtheilung, wo ich bin, wird nicht viel gestraft, weil der Aufseher sehr human ist. Er muß nur strafen, wenn der Druck von oben kommt. In anderen Abtheilungen wird aber sehr oft gestraft. Wenn Jemand nach 6 Uhr kommt, muß er bis zur Frühstückspause um ft78 Uhr warten. Kommt das öfter vor, so wird man in anderen Abtheilungen bestraft, in meiner bekommt man nur einen Engel: Was ist Ihr Verdienst? — Exp. Nr. 141: Je nachdem wir Arbeit haben. Wir müssen oft auf Arbeit warten, und dann verdient man weniger; fl. 4, meistens fl. 5. Ich habe auch schon fl. 6 und 7 verdient, und ein einziges Mal bin ich auf sl. 8 gekommen. Engel: Wie wird das gezahlt? — Exp. Nr. 141: Nach 100 Kilo. Wenn das Material schlecht ist, verdient man auch weniger. Engel: Sie sagen, Sie wollen nicht länger arbeiten, wenn eine Unterbrechung ist. Wollen Sie das nicht nachtragen, um einen höheren 584 Verdienst zu haben? — Exp. Nr. 141: Nein, weil wir davon nicht viel Nutzen haben. Wir thun es deswegen nicht, weil wir in der Organisation stehen, und weil es sehr viele Arbeiterinnen gibt, die im Taglohn stehen. Die bekommen dann nicht mehr als sonst. Es sind auch viele Kinder beschäftigt, für die ist die normale Arbeitszeit lange genug. Dr. Schulter: Wissen Sie, was mit den Strafen geschieht? — Exp. Nr. 141: Nein. Ich habe noch nie Jemanden darnach gefragt. Früher, wie die Fabriks-Krankencasse war, wurden die Strafen an diese abgeführt. Seit wir in der Bezirks-Krankencasse sind, weiß ich nicht, wohin sie kommen. Es heißt, es liegt ein Bogen aus, aber es wagt Niemand den Bogen zu verlangen. — Exp. Nr. 142: Es hat einmal geheißen, sie kommen in die Bezirks-Krankencasse. Es kommen sehr viele Strafen vor. Wittelshöfer: Haben Sie verschiedenes Material oder immer dasselbe? — Exp. Nr. 141: Sehr verschiedenes. Wittelshöfer: Wissen Sie, was Sie für einen Accord haben? — Exp. dir. 141: Ja, von jeder Waare, weil wir den Tarif haben. Wittelshöfer: Wird das Garn nach einem bestimmten Princip vertheilt? — Exp. Nr. 141: Der Aufseher vertheilt es, und wenn sehr schlechtes Garn ist, schaut er, daß es jede Woche eine andere Arbeiterin bekommt. Engel: Wissen Sie, wie viel die Strafgelder ausgemacht haben, die an die Betriebs-Krankencasse abgeführt worden sind? — Exp. Nr. 141: Nein- Vorsitzender: Haben Sie den Bericht der Betriebs-Krankencasse bekommen? — Exp. Nr. 141: Nein. — Exp. Nr. 142: O ja. Ich war selbst bei den Delegirten. Es sind einige Male Versammlungen abgehalten worden, und da wurde er uns vorgelesen. In die Hand haben wir nichts bekommen. Engel: Können Sie sich erinnern, wie viel das war? — Expertin Nr. 142: Das war nicht gleich. Manchmal hat es geheißen, es sind fl. 10, dann fl. 15. Ich weiß aber nicht, ob das für das ganze Jahr war oder nicht. Die Versammlungen waren nicht gleichmäßig. Vorsitzender: Sind Geschenke üblich? — Exp. Nr. 141: Nein. Vorsitzender: Sagen Sie uns etwas über die Ernährung. — Exp. Nr. 141: Die Hauptsache ist Kaffee. Zum Frühstück habe ich Kaffee. Manche bringen ihn mit, man kann sich ihn aber auch holen lassen, wie auch der Wirth in die Fabrik hereinkommt. Mittags können wir in einen Speisesaal gehen, wo Diejenigen, die weiter entfernt wohnen, essen. Die Meisten nehmen sich das Essen von Hause mit und wärmen sich's in der Fabrik. Vorsitzender: Ist dort auch so ein arger Staub? — Expertin Nr. 141: Wenn die Maschinen stehen, staubt's nicht. Die Macht der Gewohnheit bewirkt, daß man übrigens gar nicht darauf achtet. Vorsitzender: Wird den sanitären Anforderungen entsprochen? — Exp. Nr. 141: Es ist überall eine Auskehrerin, die fortwährend kehrt. Der feine Staub wirbelt dabei auf. der grobe wird weggetragen und verbrannt. In neuester Zeit haben wir Exhaustoren, die sind auch in Thätigkeit. In der Abtheilung, wo ich bin, ist aber keiner, sondern dort sind nur Windflügel. Im Sommer ist es sehr heiß. Wir haben Oberlicht, und da die Fenster oben geöffnet sind, haben wir auch die Hitze herinnen. Vorsitzender: Was für eine Temperatur haben Sie im Sommer? — Exp. Nr. 141: Ich kann nur sagen, daß es furchtbar heiß ist. Vorsitzender: Wie arbeiten Sie? — Exp. Nr. 141: Im Sommer sind wir barfuß und haben nur einen Rock und ein leichtes Jackerl an. 535 Vorsitzender: Sie wechseln also die Kleider? — Exp. Nr. 141: Ja. Es sind Fächer vorhanden, wo wir die Kleider hineinleben können. Die Fächer sind offen. Die Kleider werden darinnen auch voll von Staub. Vorsitzender: Wo kleiden Sie sich um? — Exp. Nr. l41: Wir haben keinen eigenen Raum. Es sind auch Männer in dem Raum, aber ganz zieht man sich ja nicht aus. Der Boden ist asvhaltirt. Die Meisten tragen Schlüpfen. Vorsitzender: Wie ist es mit den Aborten? — Exp. Nr. 141: Gegen früher sind sie besser. Sie sind aber ohne Wasserspülung. Früher waren die Scheidewände nicht hoch genug, so daß man von einem Abort in den anderen sehen konnte. Es ist nur zu bemerken, daß ein Aufseher seine Arbeiterinnen, wenn sie länger am Abort bleiben, herausholt. Dr. Frey: Pflegen Sie an die Aufseher Geschenke zu machen? — Exp. Nr. 141: Nie. Wenn das der Director erfahren würde, würde der Betreffende bestraft oder entlassen werden. Dr. Ofner: Können Sie sich waschen, wenn Sie Mittags oder Abends nach Hause gehen? — Exp. Nr. 141: Nein, nur wenn wir am Samstag putzen, kommen einige Schaff Wasser hin, meist für zwei Abtheilungen ein Schaff. Darin waschen sich etwa 200 Personen. Die Hände sind ganz beschmutzt vom Putzen. Man kann sich denken, wie das Wasser dann ausschaut. Gezahlt wird für die Reinigung nicht. Sonst ist die Fabrik iiber Mittag geschlossen, nur am Samstag bleibt sie offen, da dürfen nur putzen. Dr. Osner: Wer gibt das nothwendige Material zur Reinigung? — Exp. Nr. 141: Das bekommen wir. Wir brauchen nur einen Besen. In einer Abtheilung bekommen sie auch Fetzen. Wenn wir Fetzen nehmen, so heißt es gleich, das ist eine riesige Verschwendung. Dr.' Ofner: Bekommen Sie am Samstag Handtücher und Seife? — Exp. Nr. 141: O nein. Dr. Ofner: Wie trocknen Sie sich dann ab? — Exp. Nr. 141: Au der Schürze, am Rock oder an Abfällen. Dr. Ofner: Sie müssen doch die Hände voll Staub haben? — Exp. Nr. 141: Es bleibt nicht so viel sitzen, weil die Hände immer in Bewegung sind. Aber am Kopfe und an den Kleidern ist sehr viel Staub. Dr. Ofner: Husten Sie oft? — Exp. Nr. 141: Ich huste schon sehr lange, das macht aber nichts. Mittels höfer: Bleiben Sie am Samstag über Mittag dort? — Exp. Nr. 141: Ich gehe nach Hause, beeile mich aber mit dem Essen, die Meisten bleiben jedoch in der Fabrik. Abends putzen wir wieder. Die Arbeiterinnen sind gezwungen, auch während der Arbeit zu putzen. Wenn eine Arbeiterin zum Beispiel weit nach Hause hat und sie will doch nach Hause essen gehen, so kann sie nicht früher als um ein Uhr kommen. Daher muß sie während der Arbeit putzen. Es sind zwar überall Tafeln mit der Aufschrist angebracht: „Während der Arbeit ist das Putzen bei sofortiger Entlassung verboten". Es kommen dadurch auch viele Unglücksfälle vor. Gesehen darf man nicht werden. Es kommt aber vor, daß die Maschine lauft, in der Arbeit aber eine Pause eintritt, und da putzt man geschwind. Dr. Schüller: Kommt es nicht vor, daß einzelne Arbeiterinnen, wenn am Samstag Abends abgeläutet wird, schon mit dem Putzen fertig sind? — Exp. Nr. 141: Nein. Es gibt sehr viele Zahnräder. Die kann man nur putzen, wenn die Maschine abgestellt ist. Dr. Schüller: Ich kenne Fälle, daß Mittags die Zahnräder geputzt werden und Nachmittags die laufenden. — Exp. Nr. 141: Bis Abends sind die Räder wieder voll Staub, und wenn nicht ordentlich geputzt ist, wird man gestraft. Vorsitzender: Davon haben Sie früher nicht gesprochen. — Exp. Nr. 141: Ich habe nicht daran gedacht. Man wird da mit 10 bis 20 kr. bestraft. Vorsitzender: Wird untersucht, ob gereinigt ist? — Expertin Nr. 141: Nicht jedesmal. Dr. Schult er: Wird nicht der Ausseher bestraft, wenn er nicht nachsieht? — Exp. Nr. 141: Das kann ich nicht sagen, aber es wird ihnen mit Strafen gedroht, das weiß ich bestimmt. Engel: Wird am Samstag nicht früher aufgehört, wie das in anderen Betrieben üblich ist? — Exp. Nr. 141: Nein. Nur in der Spulerei dürfen sie, wenn wenig Spulen vorhanden sind, früher abstellen, sonst nur um fünf Minuten früher. Engel: Wie lange dauert das Putzen der Maschine? — Expertin Nr. 141: Je nachdem die Maschine ist. Bei meiner Maschine eine halbe Stunde, wenn man nur das Innere putzt. Das Andere wird eben während des Betriebes geputzt. Engel: Sie sagen, es kommen viele Unglücksfälle vor. Können Sie denn die Maschinen nicht vollständig abstellen? — Exp. Nr. 141: Das darf aber nicht sein, sonst wird man auch gestraft. An einer Maschine stehen ja acht Arbeiterinnen, und da darf eine nicht die Maschine abstellen. Wittelshöfer: Haben Sie einen Anhaltspunkt dafür, daß die Strenge bei den Strafen vom Director und nicht vom Aufseher ausgeht? — Exp. Nr. 141: Ich habe es öfters gehört. Wenn der Director durch den Saal geht und er sieht zum Beispiel etwas aus der Erde liegen, so sagt er zu uns nichts, aber er holt den Aufseher und schimpft ihn zusammen. Vorsitzender: Sind die Arbeiterinnen überwiegend ledig oder verheiratet? — Exp. Nr. 141: Das dürfte ziemlich gleich sein. Vorsitzender: Wie ist es mit den -sittlichkeitsverhältnissen? — Exp. Nr. 141: Das kommt auf das Mädel an. Dem Werkführer könnte man nichts nachsagen und auch den Aufsehern nicht. Die Mädel sind aber auch sehr verschieden. Wenn sich ein Arbeiter eine Frechheit erlaubt, so kann man sich ja beschweren. Vorsitzender: Wo wohnen Sie? — Exp. Nr. 141: Bei meinen Eltern. Wir sind zusammen sechs Personen und haben Zimmer, Küche und Cabinet. Das kostet st. 2'50 pro Woche. Das wird mir von der Fabrik abgezogen. Mein Vater war in der Fabrik beschäftigt, er ist aber entlassen worden, weil er zu theuer gekommen ist. Er war Aufseher. Es wurde aber ein anderer Werkmeister an seine Stelle gesetzt, der erklärt hat, daß er mehrere Abtheilungen beaufsichtigen will. So hat man ihn nicht mehr gebraucht, nnd er wurde aus alle mögliche Art chicanirt, damit er seine Stelle niederlegt. Eines Tages wurde er, als er eben nach Hause gehen wollte, zum Director geholt, und es wurde ihm die Entlassung mitgetheilt. Er war 16 Jahre in der Fabrik und ist jetzt 50 Jahre alt. Das war im December. Er hat jetzt noch keine Arbeit. Die Wohnung ist uns nicht gekündigt worden. Die Häuser sind einige Schritte von der Fabrik entfernt, sie haben aber kein Wasser. Vorsitzender: Können sich die Arbeiterinnen eine Erholung gönnen? — Exp. Nr. 141: Das kommt selten vor, weil sie nicht viel Gelegenheit haben. Wenn man in der ganzen Woche beschäftigt ist, muß man am Sonntag an seinen Sachen arbeiten. Wenn man bei den Eltern ist und die Mutter macht etwas, so kann man schon leichter fort. Vorsitzender: Sind nur Ihre Angehörigen in der Wohnung? — Exp. Nr. 141: Ja. Vorsitzender: Gehören Viele der Organisation an? — Expertin Nr. 141 : Sehr Wenige. Sie fürchten sich. 537 Vorsitzender: Haben sie Grnnd dazu? — Exp. Nr. 141: Einestheils ja. Denn wenn etwas ist, äußert sich der Director: „Das sind gewiß wieder die Rothen." Er schaut schon, daß er so Eine nach und nach hinausbriugt. Vorsitzender: Man darf aber doch hervortreten? — Expertin Nr. 141: Seit dem Strike wurde Niemand entlassen. Vorsitzender: Haben Sie für Angehörige zu sorgen? — Expertin Nr. 141: Ich habe die ganze Verpflegung zu Hause und gebe meinen ganzen Lohn her. Box sitzen der: Machen Sie Ausflüge mit? — Exp. Nr. 141: Wenn mich Jemand ausführt. Vorsitze u der: Waren Sie schon im Theater? — Exp. Nr. 141: Nein. Dr. Schütter: Wissen Sie nicht, ob in Ihrem Betriebe Knochen- nnd Hautkrankheiten vorkommen? — Exp. Nr. 141: Die Meisten haben geschwollene Füße oder sind tuberculos. Vorsitzender: Wie ist es mit dem l. Mai? — Exp. Nr. 141: Seit dem Strike der Spinnerinnen haben wir frei. Baronin Vogelfang: Sie haben gesagt, daß beim Putzen oft Verletzungen vorkommen. Haben Sie da Erfahrungen? — Exp. Nr. 141: Es wurde bei uns einer Person ein Fingerglied beim Putzen zerquetscht. Expertin Nr. 142: Ich arbeite in der Feinspinnerei. Ich bin dort seit 24 Jahren. Eigene Lehrmädchen haben wir nicht. Die kleinen Mädchen, die zum Spulenherunternehmen dort sind, lernen nebstbei auch unsere Arbeit. Wenn sie dann etwas können, werden sie zum Aushelfen verwendet. Wem: sie dann größer sind und eine Maschine frei wird, werden sie Arbeiterinnen. Vorsitzender: Sind viele solche Spulerinnen dort? — Expertin Nr. 142: Es sind vier Abtheilungen. Ueberall ist eine Aufseherin, und die hat die Kinder unter sich. Es sind deren zehn bis zwölf. Im Sommer sind weniger, denn da laufen sie lieber davon. Vorsitzender: Warum? — Exp. Nr. 142: Es gefällt ihnen halt nicht. Wenn sie anderswo etwas finden, gehen sie dorthin, wenn sie nichts finden, bleiben sie zu Hause. — Exp. Nr. 141: Die Kinder werden sehr schlecht behandelt, sie werden mit allen möglichen Namen belegt. Vor einigen Wochen hat ein Arbeiter einem Kind eine Ohrfeige gegeben, daß es mit dem Kopf an die Maschine gefallen ist. Die Quartiergeberin dieses Mädchens hat sich dann in der Fabrik darüber beschwert. Mit 55 kr. fangen diese Kinder an und bekommen dann 60 kr. Vorsitzender: Wohin gehen die Knaben? Vielleicht zum Bau? — Exp. Nr. 142: Die Knaben meistens. — Exp. Nr. 141: Sie schauen, in den Papier- und Kapselfabriken unterzukommen. Finden sie nichts, so kommen sie wieder. — Exp. Nr. 142: Meine Arbeitszeit ist dieselbe wie die der früher vernommenen Expertin. Vorsitzender: Müssen Sie auch Ihre Zeit zum Putzen verwenden? — Exp. Nr. 142: Ja. Was wir während der Arbeit putzen können, das putzen wir. Die Räder können da aber nicht geputzt werden, weil das sehr gefährlich ist. So muß man entweder zu Mittag putzen, oder die Verheirateten müssen die Arbeitspausen dazu benützen und Abends eine Viertel- oder halbe Stunde länger bleiben. Sonntags brauchen wir nicht zu .kommen. Ueber- stunden müssen wir nur machen, wenn im Betriebe etwas war und Zeit nachzuholen ist. Der Director hat einmal gesagt:' „Das wird aufhören," und es hat wirklich aufgehört. Der neue Director hat es aber wieder einführen wollen. Vorsitzender: Welchen Lohn haben Sie? — Exp. Nr. 142: Wir haben Accord. Meine Abtheilung ist eine der schlechtesten. Wir haben kurz 538 vor dem Strike vom Director den alten Preistarif verlangt, und er hat ihn uns auch gegeben. Wir haben ihn aber nur kurze Zeit gehabt. Dann hat er ihn wieder in die Kanzlei hinaufgenommen, und es sind wieder viele Nummern abgeändert worden. Manche Sorten haben andere Namen bekommen, und wir haben nicht mehr gewußt, was wir verdienen. Vorsitzender: Wechselt das so stark? — Exp. Nr. 142: Wenn wir den Tarif nicht in der Werkstätte haben, können wir uns nicht ausrechnen, was wir zu bekommen haben. Vorsitzender: Was verdienen Sie in der Woche? — Expertin Nr. 142: Das ist nicht gleich. Wenn das Material gut ist und die ganze Woche fleißig gearbeitet wird, verdiene ich fl. 0 bis 7. Das sind die besseren Arbeiterinnen. Die schlechteren müssen sich mehr plagen und verdienen höchstens fl. 3, auch nur fl. 5. Vorsitzender: Kommen auch Strafen und Abzüge vor? — Expertin Nr. 142: Manchmal. Wenn Eine zu lang am Abort bleibt, wird sie gestraft. Wenn man zu spät kommt, darf man erst um V«8 Uhr hinein. Wenn das öfter vorkommt, wird man noch separat bestraft. Vorsitzender: Wie ist Ihre Ernährung? — Exp. Nr. 142: Ich esse jetzt im Wartesaal, weil ich weit von der Fabrik wohne. Wenn vom Tag vorher etwas übrig bleibt, nehme ich's in die Fabrik mit. Meist esse ich Zuspeise; Rindfleisch selten. Vorsitzender: Wie theuer zahlen Sie das Fleisch? — Expertin Nr. 142: 30 bis 32 kr. für 40 Deka. Vorsitzender: Haben Sie Gelegenheit, das Essen zu wärmen? — Exp. Nr. 142: Im Winter können wir es im Speisesaal wärmen. Es sind Oefen dort. Vorsitzender: Was essen Sie, wenn Sie nichts mitnehmen? — Exp. Nr. 142: Dann kaufe ich mir ein Butterbrot oder Zuspeise. Dr. Frey: Sie haben gesagt, daß die älteren Arbeiterinnen fl. 5 bis fl. 6 verdienen. Was verdienen die jüngeren? — Exp. Nr. 142: Ebensoviel, wenn sie gut arbeiten. Baronin Vogelfang: Wird es Ihnen vorhergingt, wenn der Preistarif geändert wird ? — Exp. Nr. 142: Nein. Einmal heißt ein Garn so und dann wieder so. Bald ist es ein Achtergarn, bald ein Sechser oder Siebener. Dadurch wissen wir nicht, was wir gezahlt bekommen. Vorsitzender: Welche Wohnung haben Sie? — Exp. Nr. 142: Zimmer, Küche und Cabinet. Ich habe zwei Kinder. Die sind schon groß. Der Sohn ist zu Hause, und die Tochter ist im Dienst. Wir wohnen zu Tritt und zahlen sl. 10. Die Wohnung ist in Simmering. Es ist keine Fabrikswohnung. Vorsitzender: Gönnen Sie sich Vergnügungen? — Exp. Nr. 142: Sehr selten. Hie und da gehen wir ein paar Stunden in's Freie, meistens arbeite ich zu Hause. Vorsitzender: Wird Ihnen für die Unfallversicherung abgezogen? — Exp. Nr. 142: Ja, aber es wird nicht separat abgezogen. Vorsitzender: Wie viel? — Exp. Nr. 142: Wir zahlen zusammen 10 kr., das ist nicht in jeder Abtheilung gleich. Vorsitzender: Das kann nicht für die Unfallversicherung sein. — Exp. Nr. 142: Wir wissen das nicht bestimmt. Es hat geheißen, daß ein oder zwei Kreuzer pro Woche auf die Arbeiterin kommen. Dr. Ofner: Wie benimmt sich der Vorgesetzte? — Exp. Nr. 142: Wir können nicht klagen. Grob ist er nicht. Er hat nur den einen Fehler, daß er die Mädeln aus dem Abort holt. Das ist etwas, was uns nicht gefällt. Wenn Eine schon länger draußen bleibt, so könnte er ja eine andere Arbeiterin schicken. In Bezug auf die Sittlichkeit können wir uns nicht beschweren. 539 Dr. Schüller: Wo wärmen Sie im Sommer Ihr Mittagessen? — Exp. Nr. 142: Es laufen in der Erde Dampfrohre, da stellen wir das Geschirr d'rauf. Es ist zwar nicht sehr appetitlich, aber es wird doch gewärmt. Dr. Frey: Wie viel Personen sind in dem Arbeitsraume, wo Sie arbeiten? — Exp. Nr. 142: Die Fabrik bildet einen Saal, der nur in die einzelnen Abtheilungen zerfällt. (W ittelshöfer übernimmt den Vorsitz.) Vorsitzender: Lesen Sie Zeitungen? — Exp. Nr. 142: Wenn ich Zeit habe. Manchmal kaufe ich mir eine oder leihe sie mir aus. Vorsitzender: Welche Zeitung? — Exp. Nr. 142: Die „Arbeiter- Zeitung" oder die „Arbeiterinnen-Zeitung". Porsitzender: Nicht das „Extrablatt" ? — Exp. Nr. 142: Das lesen die Anderen sehr gern. Bardorf: H>Mn Sie Kinder gehabt? — Exp. Nr. 142: Nein. Diese zwei habe ich erheiratet. Expertin Nr. 143: Ich bin auch verheiratet und bin in der Weberei beschäftigt. Dort bin ich seit drei Jahren, in der Fabrik seit 15 Jahren. Früher war ich zwölf Jahre in der Spulerei. Der Verdienst ist in der Weberei etwas besser als in den anderen Abtheilungen. Bevor ich in diese Fabrik gekommen bin, war ich nicht in Arbeit. Ich bin in Wien geboren. Ich bin bei einem Webstnhl. Wenn etwas abreißt, habe ich es anzuknüpfen, ich muß die Schützen einlegen u. s. w. Es kommt auch vor, daß Eine auf zwei Webstühlen arbeiten muß; das ist aber sehr selten. Vorsitzender: Kann das Eine bewältigen? —Exp. Nr. 143: Ja, wenn sie eine gute Arbeiterin ist. Vorsitzender: Sind dort lauter Frauen beschäftigt ? — Exp. Nr. 143: Auch Männer. Sie haben dieselbe Arbeit, nur sind sie bei den größeren Maschinen, und die Waare ist breiter. Die Männer verdienen mehr als die Frauen. Ihre Arbeit ist auch schwerer. Die Arbeitszeit ist dieselbe. Auch die Pansen, sowie die Reinigungsverhältnisse bleiben sich gleich. Vorsitzender: Was verdienen Sie? — Exp. Nr. 143: Wenn es gut geht, fl. 6 bis 7. Ich komme aber auch öfters nur auf fl. 5, aber selten. Ich könnte mehr verdienen, wenn ich den Meister ersuchen würde, mich zu einer breiteren Maschine zu geben. Ich habe aber ohnehin immer Bruststechen und Husten, und so thue ich es nicht. Vorsitzender: Kommt es oft vor, daß nicht immer zu thun ist? — Exp. Nr. 143: Nicht oft. Vorsitzender: Ueberstunden haben Sie auch nicht? — Exp. Nr. 143: Nein. Die Abzüge und Strafen sind bei uns wie in den anderen Abtheilungen. Bei uns sind sie aber sehr heikel. Wenn nur ein kleiner Fehler in der Arbeit ist, muß man sich herstellen und beschimpfen lassen und bekommt obendrein 20, 30 kr. Strafe. Vorsitzender: Wie wird der Lohn berechnet? — Exp. Nr. 143: Nach dem Meter. Wir wissen, was wir für 100 Meter bekommen. Vorsitzender: Wissen Sie, was Sie am Ende der Woche gemacht haben? — Exp. Nr. 143: Ja, es wird Alles bei der Maßmaschine abgemessen und in ein Buch eingetragen. Es wird in unserer Gegenwart gemessen. Vorsitzender: Versäumen Sie dadurch nicht Zeit? — Expertin Nr. 143: Das geht sehr schnell, dauert höchstens zwei Minuten. Die Maschine darf nicht stehen bleiben. Unterdessen arbeitet die Nachbarin an meinem Stuhl weiter. Dr. Frey: Wie viel Meter weben Sie an einem Tag? — Expertin Nr. 143: Je nachdem der Schlag ist. Etwa 200 Meter im Tag. Da werden 56 kr. für 100 Meter gezahlt, für die bessere Waare 70, 80, 90 kr. und auch fl. 1. 540 Vorsitzender: Wie ist Ihr Aufseher? — Exp. Nr. 143: Manchmal ist er barsch. Er kommt a»er bald wieder, um es gutzumachen. Man kann sich über ihn nicht beschweren. Vorsitzender: Wie leben Sie? — Exp. Nr. 143: Ich esse im Wartesaal, weil ich zu weit nach Hause habe. Die Mutter kocht zu Hause, und da nehme ich mir das Essen mit. In der Früh nehme ich Kaffee, zur Jause nehme ich meist einen halben Liter Bier, zum Gabelfrühstück eine Flasche Kaffee und ein Stück Brot. Abends koche ich oft. Dr. Ofner: Haben Sie auch viel Staub? — Exp. Nr. 143: Wir haben weniger. Dr. Ofner: Waren Sie schon kränklich, wie Sie in die Fabrik gekommen sind? — Exp. Nr. l43: Ich war immer sehr gesund. Dr. Ofner: Wie lange waren Sie in der Fabrik, wie Sie zum ersten Male krank wurden? — Exp. dir. 143: Das war im borigen Jahr. Da war ich im Spital und habe mich untersuchen lassen. Dr. Schriller: Wie sucht man es zu verhindern, daß Material abhanden kommt? — Exp. Nr. 143: Jede Arbeiterin muß beim Hinausgehen, wenn sie ein Körbchen trägt, dasselbe öffnen. Sonst wird nichts untersucht. Bardorf: Sie sagten, unter dem früheren Director war es anders. — Exp. Nr. 142: In mancher Beziehung. Freilich hat in der Fabrik Manches gefehlt, während jetzt Verschiedenes gemacht wird, was zur Gesundheit der Arbeiter dient. Das macht die Arbeiterbewegung. Bardorf: Ich kann mich erinnern, daß der frühere Director mit den Arbeitern ziemlich in Fühlung stand. — Exp. Nr. 142: Ich habe einmal bei Nacht gearbeitet, und da sind mir die Schuhe gestohlen worden. Meine Mutter hätte mir nicht gleich andere gekauft. Da hat mir der Director etwas daraufgegeben. Das würde jetzt gewiß nicht geschehen. Früher mußten wir den ganzen Tag und bis 12 Uhr Nachts arbeiten. Da haben wir in der Fabrik geschlafen. Das kommt aber schon seit Jahren nicht mehr vor. Vorsitzender: War der Gewerbe-Jnspector bei Ihnen? — Exp. Nr. 141: Es hat geheißen, er kommt. Da ist schnell zusammengeräumt worden. Gesehen haben wir ihn nicht, weil wir ihn nicht kennen. Die Leute sagen, es wäre besser, wenn der Gewerbe-Jnspector sich nicht früher anmelden würde. Wenn er angemeldet wird, werden alle Vorbereitungen getroffen, daß Alles in Ordnung ist. Vorsitzender: Was ist denn nicht in Ordnung? — Exp. Nr. 141: Es wird zusammengekehrt, die Maschinen werden abgestaubt und die Gänge freigemacht. Dr. Schüller (zur Exp. Nr. 142): Sind Sie vom Gewerbe- Jnspector schon einmal befragt worden? — Exp. Nr. 142: Nein. Schluß der Sitzung 11 Uhr Nachts. 30. Sitzung, Donnerstag, 16. Npril 1896. Vorfchender: Dr. Ofner. Beginn der Sitzung 7 Uhr 30 Minuten Abends. Vorsitzender: Wir schreiten zur Vernehmung der Unternehmer- Experten aus der Goldstickereibranche, der Metallbranche und der Appretur. Experte Herr Alexander Geißler (über Befragen des Vorsitzenden): Ich bin Inhaber eines Kunststickereibetriebes. Mein Geschäft existirt seit 541 15 Jahren, es hat früher auf den Namen meiner Frau gelautet, und nach ihrem Tode habe ich es auf meinen Namen übernommen. Ich beschäftige durchschnittlich 20 Personen, mitunter mehr oder weniger, weil das Geschäft eine Saison hat. Unter diesen 20 Personen befinden sich nur ein Mann und ein Lehrjunge. Ich selbst entwerfe die Zeichnungen und besorge das Vorrichten, denn die Stickerinnen müssen die Arbeit fertig hergerichtet bekommen, besonders bei der Goldstickerei. Der Mann, den ich beschäftige, ist ein Bor- richter und macht dieselbe Arbeit wie ich. Meine Hauptspecialität sind Fahnenbänder, und deshalb ist für mich jetzt die stärkste Saison, und zwar von Frühjahr bis Frohnleichnam, wo gewöhnlich die Fahnenweihen vorüber sind. Eine ganz stille Zeit gibt's bei mir nicht, da ich immer für Kirchen arbeite und, wenn ich keine Bestellungen habe, gewisse Kirchenarbeiten im Vorrath herstelle. In der Saison beschäftige ich 20 bis 25, außerhalb derselben mindestens 15 Arbeiterinnen. In dieser Ziffer sind die Heimarbeiterinnen inbegriffen. Von den Arbeiterinnen im Hause, deren ich jetzt beispielsweise 17 bis 18 habe, wird selten eine entlassen, da ich die größten Opfer bringe, um die Leute zusammenzuhalten, damit sie mir zur Verfügung stehen, wenn ich sie brauche: denn bei unserer Arbeit sind schwer tüchtige Arbeiterinnen zu bekommen. Die Arbeitszeit ist bei mir von 8 bis 12 und von 1 bis 7 Uhr Abends. Die Arbeiterinnen haben nur zu sticken und sitzen während der ganzen Zeit. Nur wenn etwa ein großer Rahmen da ist, haben die Mädchen während der Zeit, wo eingerollt wird, also beiläufig während einer halben Stunde Bewegung und brauchen nicht zu sitzen. Die Arbeit hat meines Wissens keinen schlechten Einfluß auf die Gesundheit. Augenkrankheiten werden dadurch nicht verursacht. Am tauglichsten sind die kurzsichtigen Frauen, weil die fernsichtige Augengläser tragen müssen. Ich habe aber sehr alte Stickerinnen gehabt, einmal sogar eine mit 80 Jahren, die ohne Glas gearbeitet hat. Die Mehrzahl der Arbeiterinnen ist jnng. Es sind wenigstens drei Viertel unter 30 Jahren. Ich erzeuge Kirchenparamente, Fahnenbänder und auch Modesachen, und zwar nur auf Bestellung. Wir haben nur eine Handmaschine, nämlich die Tambourmaschine. Von meinen 20 Arbeiterinnen sind die Väter theils Arbeiter, theils Conducteure, Briefträger, also Leute, die darauf angewiesen sind, daß ihre Kinder so bald als möglich etwas verdienen. Die Stickerinnen aus besseren Kreisen sind leider in den vom Staat subventionirten Schulen und machen den wirklichen Arbeiterinnen die größte Concurrenz. Es wird jährlich eine Menge von sogenannten ausgekernten Stickerinnen aus den Schulen abgestoßen; das sind aber keine Arbeiterinnen für uns, denn wenn ein solches Fräulein in der Lage ist, sechs Jahre zu lernen und dafür noch zu zahlen, so wird sie nie eine Arbeiterin, die arbeitet, um davon zu leben. Ich habe einmal in die Zeitung gegeben, daß ich eine Seidenstickerin brauche; da kam nun eine elegante Dame mit ihrer Tochter, welche in der Kunstgewerbeschule sticken gelernt hatte, und sagte mir: „Meine Tochter würde eventuell zu Hause arbeiten, und zwar von 10 bis 4 Uhr; da müßte sie aber wenigstens st. 2 täglich bekommen/' Es ist wohl klar, daß das für uns keine Arbeiterinnen sind. Diese Fräuleins benützen ihre Bekanntschaften in besseren Kreisen und nehmen uns, respective unseren Arbeiterinnen das Brot weg. Unsere Lehrmädchen haben dreijährige Lehrzeit und werden von der Genossenschaft aufgedungen. Sie werden von einer alten Stickerin, welche im Wochenlohn steht, unterwiesen. Die Lehrmädchen bekommen schon während der Lehrzeit fl. 1 bis 2, und wenn sie fertig sind, werden sie bei mir nicht entlassen, sondern bleiben mit einem Anfangslohn von fl. 5 bis 6. Die Lehrmädchen sind bei mir nicht in Kost und Wohnung und haben im Haus nichts zu thun als Abends nach der Arbeit das Local zusammenzukehren. Die Lehrmädchen werden sofort zum Sticken gesetzt; sie haben allerdings hie und da Gänge zu machen, aber es wird darauf gesehen, daß sie so viel als möglich bei der Stickerei bleiben. Wir haben keine Arbeits- 542 Vermittlung, weil durch die Genossenschaft in dieser Richtung nichts geschieht. Es melden sich daher die Mädchen meist selbst, um Arbeit zu bekommen. Wir sind nämlich zwangsweise in einer Genossenschaft, die ganz andere Interessen hat als wir. Wir sind 30 Kunststickereien, welche in der Posa- mentirer-Genossenschaft sind. Da sind Posamentirer, Goldschläger, Lampen- dochtfabrikanten d'rin, welche ganz andere Geschäftsinteressen haben als wir. Die Posamentirer zum Beispiel bevorzugen die Winkelarbeit, weil man ihnen billige Arbeit in's Haus bringt. Wenn ich zum Beispiel Posamentirer- arbeit brauche, so kaufe ich mir dieselbe beim Posamentirer, da sie mir dort billiger kommt als wenn ich sie selbst machte, weil ich keine so billigen Arbeitskräfte habe. Durch die Zeitungen kann die Arbeitsvermittlung auch nicht erfolgen, weil die so erhaltenen Leute selten zu brauchen sind. Die Heimarbeiterinnen haben dieselbe Arbeit wie die Arbeiterinnen im Geschäft, jedoch mit dem Unterschiede, daß Fahnenbänder u. dergl. unter meiner Aufsicht verfertigt werden, während zum Beispiel Uniformen von den Heimarbeiterinnen allein gestickt werden können. Wir schenken unseren Arbeiterinnen sehr großes Vertrauen, da sie meist bei uns gelernt haben und schon viele Jahre im Hause sind. Deshalb brauchen wir uns auch nicht zu fürchten, wenn wir ihnen unser ziemlich kostbares Material anvertrauen. Wittelshöfer: Ich ersehe aus Ihren Ausführungen, daß speciell Ihr Geschäft ein Kunstgewerbe ist? — Exp. Geißler: Ja. Wittelshöfer: Ist Ihnen bekannt, ob in anderen Geschäften Ihrer Branche die Verhältnisse dieselben sind wie bei Ihnen? — Experte Geißler: In den guten Geschäften, ja. Wittelshöfer: Auch in Bezug auf die Saison? — Experte Geißler: Ja. (Ueber Befragen des Herrn Wittelshöfer.) Im Winter kommt es vor, daß die Mädchen vielleicht nur bis 5 Uhr arbeiten. Das ist ihnen ganz recht; dafür kommen im Sommer oft Ueberstunden vor, was ihnen auch recht ist, weil sie dafür mehr bezahlt bekommen. Wittelshöfer: Ist die Fertigkeit der Arbeiter aus niederen Kreisen dieselbe wie der aus höheren Kreisen? — Exp. Geißler: Die sogenannte Sprengarbeit wird in den Schulen gar nicht gelehrt. Das ist jene Arbeit, wo das Gold blos oben aufliegt und darunter Seide ist. Es ist also eine erhabene, eine Reliefstickerei. Wenn z. B. im Frauen-Erwerbverein solche Arbeit gebraucht wird, so schickt man die Leute zu uns; in den Schulen wird nur die Flachstickerei gelehrt. Ich habe noch keine einzige Goldstickerin, wie wir sie brauchen, gefunden, die aus einer Schule gekommen wäre, und selbst unter den Seidenstickerinnen ist unter 20 eine zu brauchen. Die Mädchen aus den Schulen arbeiten eben nicht schön und genau genug. Wittelshöfer: Wie viele Lehrmädchen haben Sie? — Experte Geißler: Zwei. Dr. Schwiedland: Es gibt kleine Betriebe, wo viele kleinere Arbeiten gemacht werden. Dort sind die Preise sehr niedrig, so daß sich daraus schließen läßt, daß die Arbeiterinnen schlecht bezahlt werden. — Exp. Geißler: So ist es. Dr. Schiff: Wie lange dauert es, bis sich ein Lehrmädchen die erforderliche Fertigkeit erworben? — Exp. Geißler: Ich möchte da eine Parallele ziehen. Jeder Mensch kann, wenn er zwei Stunden Billard spielt, das Spiel erlernen. Unter 50 werden 49 ihr Leben lang auf der Stufe stehen bleiben, auf welcher sie nach drei Monaten angelangt sind. Und der Fünfzigste wird ein sehr guter Billardspieler werden. Bei uns ist es genau so. Um sämmtliche Arbeiten zu erlernen, sind drei Jahre unbedingt nothwendig. Nun hat nicht jede Arbeiterin das Talent, daß sie sich zu jeder Arbeit eignet. Unter 50 Goldstickerinnen ist nur eine, die zur Wappenstickerei verwendet werden kann. Die gewöhnliche Sprengarbeit erlernt jedes Mädchen in einem halben oder drei Vierteljahren. Aber es gibt sehr Viele, die nicht darüber 543 hinauskommen, Manche ans Mangel an Begabung, Andere, weil die feineren Arbeiten verhältnißmäßig nicht viel besser als die Sprengarbeit bezahlt werden. Dr. Schiff: Bildet die Sprengarbeit das Gros der Arbeit? — Exp. Geißler: Ja. Dr. Schiff: Dann gibt es also Arbeiterinnen, die bereits nach einem halben oder drei Vierteljahren ihre Ausbildung vollendet haben, da sie ja ohnehin außer der Sprengarbeit nichts erlernen. — Exp. Geißler: Wollte man die Mädchen nur ein halbes oder drei Vierteljahre unterweisen, so müßte man ihnen die Möglichkeit abschneiden, sich auch in den anderen Fächern auszubilden. (Ueber Befragen des Vorsitzenden.) Wenn es nothwendig ist, wird bei uns auch bei Nacht gearbeitet, namentlich im Sommer. Bei pressanten Arbeiten kann das zu jeder Jahreszeit vorkommen. Unlängst hatten wir die Taufdecke für den rumänischen Prinzen zu machen. Diese Arbeit mußte in drei Tagen fertig sein. Da haben vier Mädchen bis 3 Uhr Früh gearbeitet, dann wurde ihnen in der Werkstätte ein Bett aufgeschlagen, und in der Früh haben sie wieder angefangen. Aufrichtig weiß ich nicht, wann sie wieder begonnen haben, weil sie früher aufgestanden sind als ich. Sie sagten, daß sie um 4 oder 5 Uhr bereits angefangen hätten. Während der Nachtarbeit haben sie natürlich Pausen zum Essen, denn sie können ja beim Essen nicht im Arbeitslocal bleiben, weil sie sonst Flecken machen würden. Unsere Arbeitszeit ist im Winter manchmal kürzer, weil gewisse Arbeiten nur bei Tageslicht gemacht werden können. Dafür kommen die Mädchen im Sommer in der Früh schon um 7 oder 'Z8 Uhr, das gleicht sich also aus. Wir haben vierzehntägige Kündigung. Zu Mittag wird einer der beiden Ausgänge, welche das Local hat, gesperrt, der andere Ausgang, welcher in meine Wohnung führt, bleibt offen, da einige der Mädchen bei mir die Mittagskost haben. Die Uebrigen gehen nach Hause. Es kommt nicht vor, daß die Mädchen zu Mittag im Local bleiben; es wäre ihnen unbenommen, es zu thun. Die Arbeiterinnen stehen alle im Wochenlohn. Vier Mädchen haben außerdem noch die Mittagskost und alle die Jause. Das Minimum des Lohnes ist fl. 6. Im Durchschnitt bekommen sie fl. 1 bis 1 40 pro Tag. Von meinen 20 Arbeiterinnen haben etwa vier bis fünf fl. 6, sechs fl. 7'20, die übrigen fl. 8 bis 12, welch letzteren Lohn drei Mädchen haben, nämlich eine Wappenstickerin, die erste Tambourirerin und eine Heimarbeiterin, welche Seidenstickerin ist. Je besser eine Arbeiterin ist, desto mehr Zweige unserer Arbeit hat sie erlernt. Das Schwierigste ist die Wappenarbeit, die am besten gezahlt wird, und auch die feine Seidenstickerei, die Nadelmalerei u. s. w. Die Mädchen haben keine Ausgaben für das Material zu machen. Die Heimarbeiterinnen müssen blos einen Minimalbetrag für Nadeln selbst beisteuern. Die Ueberstunden werden bei mir mit 15 kr. pro Stunde bezahlt. Wenn Eine mehr als fl. U50 Taglohn hat, so bekommt sie für die Ueberstunden mehr als 15 kr. Ueberdies bekommen die Mädchen, wenn sie bis 9 oder V 2 IO Uhr arbeiten, ein einfaches Nachtmahl, bestehend aus Butterbrot, Wurst und einem Krügel Bier, das ich ihnen natürlich umsonst beistelle. Arbeiten sie noch länger, so gebe ich ihnen auch schwarzen Kaffee oder Thee. Es wird von den Mädchen sehr viel Arbeit verdorben, aber ich weiß mich nicht zu entsinnen, daß ich auch nur einmal dafür etwas abgezogen hätte. Man droht ihnen freilich mit dem Abzüge, aber sie bekommen doch bei der Auszahlung den vollen Lohn. Abzüge für das Zuspätkommen erfolgen nur dann, wenn eine Arbeiterin sich um eine halbe oder eine Stunde verspätet, wofür ihr diese Zeit abgezogen wird. Die Heimarbeiterinnen werden gleichfalls pro Tag bezahlt. Man weiß eben, wie viel Arbeit an einem Tage geleistet werden kann. Wenn Eine zum Beispiel ein Buchstabenband bekommt, so weiß man, so und so viel Buchstaben kaun man in einem Tage machen, und so und so viel Material wird dazu gebraucht, und 544 darnach wird das berechnet. Wenn das Material nicht recht oder nicht passend ist, so kommt sie und holt sich neues Material. In anderen Geschäften, wo man Uniformen arbeitet, wird nach dem Gewicht gearbeitet. Dort stehen sich die Mädchen so ziemlich ebenso wie bei mir. Ich glaube aber, daß es sonst nirgends vorkommt, daß die Mädchen auch in Kost sind. Baronin Vogelfang: Welchen Lohn bekommen die Bilderstickerinnen? — Exp. Geißler: Das sind Seidenstickerinnen, die bekommen nie weniger wie fl. 2 pro Tag. Wittelshöfer: Wonach richtet sich das, ob eine Arbeiterin in Kost ist oder nicht? Und welche Kategorien von Arbeiterinnen haben die Kost? — Exp. Geißler: Das ist je nach den speciellen Verhältnissen. Ein Mädchen hat dadurch eine Aufbesserung, daß man es in Kost genommen hat. Die Tambourirerin wurde gleich unter der Bedingung aufgenommen, daß sie den Mittagstisch erhält; die hat fl. 2 und außerdem die Kost. Eine Andere leidet an Knochenerweichung und kann nicht gehen, ißt deshalb bei mir. Der Arbeiter hat sl. 18 und tägliche Kost. Wittelshöfer: Bleibt eine Tambourirerin immer bei der Tambourirarbeit, oder wird sie auch zu anderen Stickereien verwendet? — Exp. Geißler: Die Tambourirarbeit ist von der Stickerei getrennt, und die Tambourirerin bleibt immer bei der Tambourirarbeit. Wittelshöfer: Bei der Goldstickerei kommen wohl auch Abfälle an Material vor? — Exp. Geißler: Die Abfälle, das Gekrätze, darf die Heimarbeiterin behalten. Der Werth desselben dürfte pro Woche etwa 50 kr. ausmachen. Wittelshöfer: Kommt es da nicht vor, daß Sie Gefahr laufen, daß von diesem kostbaren Material etwas veruntreut wird? Haben Sie keine Beaufsichtigung? — Exp. Geißler: Bei den Heimarbeiterinnen weiß man jchon, wie viel Material zu einer bestimmten Arbeit gebraucht wird. Bei der Arbeit im Hans ist ja meine Frau den ganzen Tag im Arbeitszimmer, und eine Arbeiterin, welche das größte Vertrauen genießt, gibt das Material her und nimmt das Ueberschüssige zurück. Die Arbeiterinnen selbst gehen nicht über den Materialienkasten. Ueberdies kann ja eine Arbeiterin eine ganze Spule Gold nicht stehlen, und wenn sie weniger einsteckt, so nützt auch die Controle nichts. Würde man übrigens auf eine Arbeiterin in dieser Beziehung gerechten Verdacht haben, so würde man sie expediren. Dr. Schiff: Wie vertheilen sich Ihre Arbeiterinnen der Zahl nach auf die verschiedenen Arbeitszweige? — Exp. Geißler: Ich habe zwei Tambourirerinnen, drei seine Seidenstickerinnen, von welchen eine außer Hause arbeitet, und die klebrigen machen Sprengarbeit; von den Letzteren sind vielleicht nur sechs bis acht, die nur Sprengarbeit machen. Die meisten Arbeiterinnen sind bei mir in die Lehre gegangen. Dr. Schiff: Wird bei Ihnen auch zu Mittag gearbeitet, wenn viel zu thun ist? — Exp. Geißler: Wem: eine Arbeit sehr dringend ist, so arbeiten während der Mittagsstunde Jene, welche bei mir essen, und wenn dann die Anderen zurückkommen, so essen sie nachträglich. Dr. Schiff: Holen Sie für die Ueberstunden die behördliche Bewilligung ein? — Exp. Geißler: Nein. Nur für die Sonntagsarbeit. Da kann ich einen merkwürdigen Fall erzählen. Die neuen Minister wurden Freitag ernannt und mußten sich am Montag vorstellen. Inzwischen sollten die Uniformen fertig sein. Da mußten wir auch Sonntag arbeiten. Zufälligerweise kommt Jemand von der Polizei und findet, daß am Sonntag gearbeitet wird. Ich war damals leider nicht in Wien, sondern in Karlsbad, und meine Frau wird Hinaufgerufen und befragt, warum sie am Sonntag gearbeitet habe. Sie sagte, die Minister brauchten es. Darauf sagten die Leute auf der Polizei: „Das geht uns nichts an. Wenn Sie Sonntags arbeiten wollen, müssen Sie mindestens vier Tage früher kommen, damit 545 wir uns überzeugen können, ob es nothwendig ist, daß Sie am Sonntag arbeiten." Dr. Schiff: Wenn Sie bis in die Nacht Ueberstnnden machen, müssen Sie keine Bewilligung haben? — Exp. Geißler: Nein. Wer soll denn das bewilligen? Dr. Schiff: Die Gewerbebehörde. — Exp. Geißler: Die Gero erbeb eh örde ?! Dr. Schüller: Wie viel Stunden arbeiten Ihre Heimarbeiterinnen täglich? — Exp. Geißler: Es kommt vor, daß sie eine Arbeit von zehn Tagen in sechs Tagen machen und umgekehrt. Wenn sie sich mehr verdienen wollen, so arbeiten sie halt länger. Es wird die Arbeit beiläufig w bezahlt, daß auf etwa zehnstündige Arbeitszeit ein Taglohn entfällt. (Ueber Befragen des Vorsitzenden.) Ich und meine Frau sind die Vorgesetzten im Geschäft. Der Vorrichter hat keine Disciplinargewalt, sondern er wird nur von den Mädchen gefragt, wie dies oder jenes gemacht werden soll. Die meisten Mädchen wohnen bei den Eltern. Ueber die Lebensweise der selbst- ständigen Arbeiterinnen bin ich nicht informirt. Die Arbeitsräume bestehen aus einem Salon mit drei Fenstern und drei großen Zimmern. Dieselben sind außerordentlich licht, wie es unsere Arbeit verlangt; gesundheitsschädliche Stoffe entwickeln sich bei der Arbeit nicht, speciell der Staub ist ja unser größter Feind. Im Winter wird Früh, Mittags und Abends gelüftet; es wird täglich ausgekehrt, jede Woche gewaschen und Fenster geputzt, damit nur ja kein Staub entsteht. Mit Ausnahme des Kehrens, welches die Lehrmädchen verrichten, wird die Reinigungsarbeit vom Stubenmädchen besorgt. Die Mädchen haben eine Garderobe, in welche sie die Kleider hängen. Einige sind sehr eitel, kommen hübsch gekleidet in's Geschäft und ziehen sich dort andere Kleider an. Sie haben auch einen Waschkasten mit Seife und einigen Handtüchern. Die Arbeiterinnen haben für sich einen eigenen englischen Abort, nur müssen sie über die Stiege hinuntergehen, weil er zu ebener Erde gelegen ist. Es schläft Niemand in den Arbeitsräumen, wenn nicht Nachtarbeit ist. Die Mehrzahl der Arbeiterinnen ist ledig. Alle sind bei der Genossenschafts-Krankencasse versichert. Dieselben sind in keinem Fachverein. Vorsitzender: Würden Sie etwas dagegen haben, wenn sie in einem solchen wären? — Exp. Geißler: Nein, aber sie haben gar nicht das Bestreben, sie sind viel zu indolent dazu. Baronin Vogelfang: Wird Ihnen von der Provinz aus Concurrenz gemacht ^ — Exp. Geißler: Mit Ausnahme der Frauen- klöster nicht. Baronin Vogelfang: Wollen Sie so gut sein, uns zu sagen, in welchen Artikeln die Klöster Concurrenz machen und ob sie auch die Preise drücken? — Exp. Geißler: Letzteres glücklicherweise nicht, denn obwohl sie jedenfalls billiger arbeiten können, weil sie keinen Arbeitslohn und keinen Zins, keine Steuer zahlen, lassen sie sich doch gut bezahlen. Im Uebrigen sind sie eine schwere Concurrenz für uns. Da kommt es vor, daß zum Beispiel zwei ehrwürdige Schwestern von Döbling mit einem Musterkoffer von Pfarrhof zu Pfarrhof und selbstverständlich auch viel billiger reisen, weil sie umsonst Unterkommen haben. Wenn etwas besonders Großes gemacht wird, so geht man auch nicht zu den Gewerbetreibenden, sondern in die Klöster oder in die Bach'sche Schule, die uns auch Concurrenz macht. Baronin Vogelfang: Machen Ihnen die Klöster nur in Kirchen- sachen Concurrenz? — Exp. Geißler: Meist. Baronin Vogelfang: Stehen die Arbeiten der Klöster auf demselben Niveau wie die der Gewerbetreibenden? — Exp. Geißler: In gewisser Beziehung sind sie gegen uns zurück, und zwar in der Spreng- arbeit, die in Klöstern nicht betrieben wird. Frauen-Enquste. 35 546 Baronin Vogelfang: Wird Ihnen von Zuchthäusern in Bezug auf untergeordnete Ärbeiten keine Concnrrenz gemacht? — Exp. Geißler: Die Brieftaschen u. dergl. kommen aus Deutschland, und zwar meist aus Zuchthäusern. Das hat aber für uns keinen besonderen Einfluß. Wittelshöfer: Sie haben früher erwähnt, daß in den Stickereischulen nicht die nöthige Ausbildung für Ihr Fach geboten wird. Wie kommt es dann, daß die Bach'sche Schule Ihnen Concnrrenz macht? — Exp. Geißler: Da kann ich Ihnen ein Beispiel anführen. Das Banner sür's Künstlerhaus sollte von der Bach'schen Schule gemacht werden. Da wurde nun die Goldarbeit von einem Goldsticker gemacht, die Seidenstickerei wurde von einer Seidenstickerin in Hernals ausgeführt, die für st. l täglich arbeitet und die für mich arbeiten wollte, die ich aber nicht brauchen konnte. Die Schule läßt also die Arbeiten durch andere Leute ausführen. Wittelshöfer: Sind denn die Klöster, wenn sie mit Musterkoffern ihre Waare zum Verkauf anbieten, nicht steuerpflichtig? — Exp. Geißler: So oft ich das frage, bekomme ich keine Antwort. Ich habe einmal einen Artikel darüber geschrieben und bin damit zu einer allerersten Zeitung gegangen. Dort sagte man mir: „Was in Ihrem Artikel steht, ist ganz richtig, wir können denselben aber nicht aufnehmen, weil wir principiell für die Gewerbesreiheit sind." Daß mir ein antisemitisches Blatt einen derartigen Artikel auch nicht nehmen würde, liegt auf der Hand. Auch die Genossenschaft will in dieser Beziehung nichts thun, weil die Klöster immer Materialien brauchen und ihre Kunden sind. Auch die Kaufleute thun nichts dagegen, weil die Klöster dort Stoffe kaufen. Uebrigens erinnere ich mich, in einer alten Chronik gelesen zu haben, daß schon vor 400 Jahren die zünftigen Sticker den Kaiser gebeten haben, er möge etwas gegen die Concnrrenz der Klöster thun. (lieber Befragen des Vorsitzenden.) Die Mädchen, welche ich beschäftige, sind alle aus Wien, nur eine aus Linz. In besseren Geschäften sind die Verhältnisse wie bei mir, vielleicht mit der Ausnahme, daß, wo mehr fabriksmäßiger Betrieb ist, ein viel zahlreicheres Personale beschäftigt und strenge Disciplin eingeführt ist. Es gibt aber auch schlechtere Geschäfte, wo die Arbeiterinnen weniger verdienen, zum Beispiel die Schuh- und Fächerstickerinnen. Das ist allerdings nur sogenannte Gfchnasarbeit, die ist aber so billig, daß man sich gar nicht denken kann, wie eine Stickerin sich ihr Brot dabei verdienen kann. Ich glaube, daß sich Eine in zehnstündiger Arbeitszeit 60 bis 70 kr. verdient. Dr. Schüller: Es ist mir bekannt, daß gewisse Gewerbetreibende angefangene Stickereien liefern, welche dann von den Käufern zum Vergnügen fertiggestellt werden. — Exp. Geißler: Diese Geschäfte gehören merkwürdigerweise nicht zur Genossenschaft der Posamcntirer, wiewohl sie. eigentlich dieselbe Arbeit liefern wie wir. Es ist überhaupt eigenthümlich, daß die Stickereien in zwei Genossenschaften eingetheilt sind, theils zu den Posamentirern, theils zu den Pfaidlern. Das Eintheilungsprincip soll das sein, daß die Goldsticker zu den Posamentirern, die Seidensticker zu den Pfaidlern gehören. Es herrscht das Bestreben, eine eigene, freie Genossenschaft der Sticker zu gründen, aber es ist noch nicht dazu gekommen. Herrdegen: Machen nicht auch die Posamentirer Stickereiarbeiten? — Exp. Geißler: Ja, aber nicht selbst, sondern lassen, wenn sie Stickereiarbeit brauchen, sie bei uns verfertigen. Ich mache zum Beispiel für eine der ersten Firmen die Anker, welche aus den Epauletten der Marine-Uniformen sind. Vorsitzender: Sind Ihnen die Arbeitsverhältnisse bei jenen Stickereien bekannt, welche in der Psaidlergenossenschaft sind? — Experte Geißler: Nein. (Abg. Marchet übernimmt den Vorsitz.) 547 Experte Herr H. Vetter: Mein Betrieb besteht in der Erzeugung von Stanniolkapseln. Der technische Vorgang dabei ist solgender: Eine einzelne Kapsel geht durch 16 Hände, bis sie fertig wird, und zwar meist durch Frauenhände, da ich höchstens 10 Percent Männer beschäftige. Die Vorarbeit, nämlich das Schmelzen, das Walzen und das Plattiren mit Zinn, geschieht durch Männer. Die eigentliche Kapselfabrikation können Männer gar nicht gut machen, weil sie zu grobe Hände dazu haben. Sie haben nicht die Fingerfertigkeit und das Gefühl ^in den Fingern, daß sie spüren würden, ob das Blech zu dünn oder zu dick ist. Es wird also zunächst das Metall geschmolzen und in Formen gegossen, die etwa 15 Kilo schwer sind, kommt hieraus in das grobe Walzwerk, wo es gestreckt wird, hieraus wird es mit Zinn plattirt, dann geht es durch die Streckwalzen, wo es aus einer Rotte ausgerollt wird, sonach läuft es durch das feine Walzwerk, wo es zur entsprechenden Dicke ausgewalzt wird. Hierauf kommt die Frauenarbeit. Die Männer bringen das Blech zur Excenter-Schneidemaschine, wo eine Frau das Band steuert und vorschiebt und achtzugeben hat, daß es nicht stecken bleibt. Hiebei werden die Hände der Arbeiterinnen nicht gefährdet. Wenn das Metall geschnitten ist, so kommen menschliche Kräfte in Anwendung. Da gibt's nun verschiedene Arten der Fabrikation. Früher in Nürnberg — ich bin nämlich erst im Jahre 1876 hiehergekommen — hatten wir Maschinen, wo die Plättchen vorne hineingeworfen wurden, und nachdem sie durch viele selbstthätige Züge gegangen waren, kam aus der anderen Seite die fertige Kapsel heraus. Später kam die Fabrikation mittelst Druckwerken auf, und seit zwei, drei Jahren habe ich wieder eine andere Fabrikation. Der Vorgang bei den Druckwerken ist folgender: Es werden bis zu zwölf Plättchen zusammengenommen und aus kleinen Druckbänken mittelst einer rotirenden Rolle und eines Stabes in Cylinderform gebracht. Hierauf kommt eine Hilfs- arbeiterin, welche diese Kapseln, deren zehn bis zwölf ineinanderstecken, aus einer kleinen Hilfsmaschine auseinanderlöst. Die Arbeit auf der Trnckbank nennt man das Vordrucken. Dies geschieht gewöhnlich von einer Arbeiterin am Vormittag, und Nachmittags verrichtet sie die Arbeit des sogenannten Nachdrückens, welches darin besteht, daß sie jede einzelne Kapsel mit einem Falzbein glatt Polirt und ihr die entsprechende Form gibt. Dies geschieht mit der Hand. Hieraus werden die Kapseln in der Exzenterpresse geprägt. Es ist da ein Stöcke! mit einer Matrize. Die Kapsel wird darausgesetzt, und die Arbeiterin tritt mit dem Fuß auf die Maschine, wodurch der Excenter ausgelöst wird. Diese Excenterpressen werden nämlich mit Dampf betrieben und durch das Darauftreten mit dem Fuß außer Function gesetzt. Bei dieser Gelegenheit ist es möglich, daß die Arbeiterin mit dem Finger zwischen Stempel und Matrize kommt, wobei gewöhnlich das erste Glied gequetscht wird. Da ziemlich viele Unfälle vorgekommen sind, welche allerdings nie schwerer Natur sind, so habe ich zunächst eine Schutzvorrichtung angewendet, welche mir Ministerialrath Migerka angerathen hat. Diese konnte ich nicht brauchen. Hierauf habe ich selbst einen Apparat erfunden, den ich auch dem hygienischen Museum einschickte. Durch denselben wird in dem Moment, wo die Matrize und der Hebel sich einander nähern, ein Hebel in Bewegung gesetzt, so daß man in der Theorie meinen sollte, daß der Finger in dem kritischen Moment weggeschleudert werden soll. In der Praxis kommt sie leider doch noch immer mit dem Finger hinein, und es treten, wenn auch seltener, so doch, dafür etwas gefährlichere Unfälle ein. Ich wäre sehr dankbar, wenn ich eine geeignete Schutzvorrichtung hätte, aber sie ist leider nicht zu finden. Hierauf kommt die Arbeit des Färbens. Da sind inmitten der Tische kleine, mit Dampf geheizte Kessel angebracht. Vor jedem Mädchen ist ein kleiner Spindelstock, auf welchem sich ein rasch rotirender Dorn befindet, aus den eine Hilfsarbeiterin die Kapsel daraufsteckt. Zwei Färberinnen oder Lackirerinnen haben immer eine solche Hilfsarbeiterin. Hieraus trägt 35 * 548 die Lackirerin mit dem Pinsel auf die rotirende Kapsel die Farbe aus, und eine geübte Arbeiterin kann aus diese Weise 3000 Kapseln täglich machen. Durch den Lack entsteht im Local ein gewisser Geruch; da aber der Lack gewöhnlich etwas Lavendel enthält, welcher sogar als Kriterium für die Güte des Lackes gilt, so ist dieser Geruch nicht unangenehm. Die Farben sind Anilinfarben, die mit Spiritus angemacht werden, und die hiedurch entstehenden Dämpfe können, da das Local sebr groß ist und viele Fenster hat, leicht entweichen und den Arbeiterinnen nicht schaden. Ueberdies ist das Local mit Ventilationen und Oeffnungen zur Zuführung frischer Luft versehen. Ich halte den Aufenthalt in der Lackirerei für durchaus nicht gesundheitsschädlich, und es kommen bei mir von den sogenannten Berufskrankheiten nur selten Fälle von Bleikolik vor; das ist jedoch nur meist in der Schmelzerei der Fall. Daß die Arbeit nicht gesundheitsschädlich ist, beweist, daß mein Vater in Nürnberg in seiner Fabrik Leute hatte, die 40 bis 50 Jahre dort beschäftigt waren. Es kommen jährlich höchstens zwei Bleikolikfälle vor, und zwar bei den männlichen Arbeitern in der Schmelzerei, die direct den Bleidunst einathmen. Pros. Gruber: In welchem Verhältniß nehmen Sie das Blei? — Exp. Vetter: Früher wurden die Kapseln aus reinem Zinn gemacht, jetzt nimmt man 9 Percent Zinn und 91 Percent Blei. Pros. Grub er: Haben Sie da Waschvorrichtungen?— Experte Vetter: Wir haben solche für beide Geschlechter. Pros. Grub er: Die müssen ja doch von dem Blei ganz schwarz sein. — Exp. Vetter: Es kommen ja eigentlich nur die Druckerinnen mit der Kapsel direct in Berührung, da sonst die Kapseln nur mit dem Werkzeug angegriffen werden, z. B. von den Lackirerinnen mit dem Pinsel. Auch die Zu- reicherinnen haben die Kapseln direct in der Hand, aber ich muß bemerken, daß die Kapseln ihrer eigentlichen Masse nach zwar aus Blei bestehen, aber mit Zinn plattirt sind. (Ueber Befragen des Vorsitzenden.) Manche Kapseln werden nachher noch bronzirt oder die Prägung mit einer anderen Farbe gefärbt wie die übrigen Kapseln. Dies geschieht von Handarbeiterinnen. Da wird auf einem Stein eine lithographische Farbe angemacht und mit Gummiwalzen aufgetragen. Eine Expertin, und zwar eine Aufmacherin, hat sich, wie ich gelesen habe, dahin geäußert, daß sie sich mit dem Blei in die Finger schneide. Das war früher möglich, wo die zwölf vorgedruckten Kapseln mit der Hand auseinander gelöst, das heißt „aufgemacht" wurden. Heute geschieht dies mittelst Maschinen. Wittelshöfer: Wir haben von Arbeiterinnen gehört, welche den Namen „Streckerinnen" führen. Was sind das für Arbeiterinnen? — Exp. Vetter: Das ist die neue Art der Fabrikation, welche ich seit zwei Jahren theilweise eingeführt habe. Es werden nämlich jene Arbeiten, welche sonst auf den Druckbänken verrichtet werden, mittelst sogenannter Streck- bänke vollzogen. Wir haben an Stelle der Fayonirung mittelst des Falzbeines, also an Stelle von Handarbeit, kleine Bänkchen construirt, welche diese Arbeit automatisch verrichten. Statt des Vordruckens wird hier mittelst einer Zugmaschine das sogenannte Vorziehen vollführt, und statt des zweiten Processes des Nachdrückens haben wir das Strecken. Peruerstorfer: Wir haben gehört, daß die Druckerinnen und Streckerinnen den ganzen Tag auf einem Fuß stehen müssen. Ist das richtig? — Exp. Vetter: Die Druckerinnen müssen einen Moment lang auf den Fußtritt treten, hierauf stehen sie wieder auf beiden Füßen. Sie brauchen, um zehn Kapseln vorzudrucken, mehrere Minuten, um sie nachzudrucken, mehrere Secunden. Ich habe versucht, den Arbeiterinnen rückwärts eine Lehne zu geben, damit sie bequemer stehen, aber sie wollen es nicht, weil ihnen das hinderlich erscheint. 549 W i t t e l s h ö f e r: Erfordert das Drucken manuelle Fertigkeit? — Exp. Vetter: Ja. Dr. Ofner: Eine Expertin sagte, daß, wenn sie nicht nachkommt, sie zu Mittag aus dem Gang die Arbeit nachholt. — Exp. Better: Zu Mittag stehen die Maschinen. Es ist also eine solche Nacharbeit undenkbar; , es war das vielleicht früher, wo die Kapseln mit der Hand aufgemacht wurden. (Ueber Befragen des Vorsitzenden.) Ich habe keine eigentliche Saison, manchmal geht das Geschäft in der lackirten Waare schlechter, auch setze ich im Winter weniger ab, weil ja doch da die Mineralwasserbrunnen nicht functioniren, aber während dieser Zeit arbeite ich ruhig weiter für das Frühjahr. In der Lackirerei hatte ich vorigen Herbst weniger zu thun. Da setzte ich mich mit den Leuten in's Einvernehmen, ob sie lieber abwechselnd je einen Tag in der Woche aussetzen oder alle zusammen nur bis 5 Uhr arbeiten wollen. Sie haben sich für das letztere entschieden. Ich habe keine Hausarbeiterinnen. Ich kann nur Zureicherinneu ohne vorherige Schulung aufnehmen. Die übrigen Arbeiter bedürfen einer gewissen Lehrzeit. Diese dauert drei Wochen, während welcher die Arbeiterinnen einen Wochenlohn von sl. 3 bekommen. Die Zahl der Lehrmädchen dürste ungefähr zehn Per- cent von der Gesammtzahl der Arbeiter betragen. Die Arbeiter sind meist wieder Arbeiterkinder. Sie stammen zum Theil aus Wien, zum Theil auch aus Böhmen. Im X- Bezirk wohnen nämlich sehr viele Böhmen. Baronin Vogelfang: Sind diese Mädchen hier in Wien allein oder haben sie hier Verwandte? —^ Exp. Vetter: Man sieht namentlich bei den jüngeren immer darauf, daß sie hier ihre Eltern haben, da sie doch sonst mit dem Verdienst von fl. 2, 3 nicht leben könnten. Baronin Vogelfang: Kommt es nicht vor, daß sie von Böhmen durch irgend welche Leute hiehergebracht werden? — Exp. Vetter: Davon habe ich noch nichts gehört. Dr. Schiff: Wie viele Arbeiter beschäftigen Sie? — Exp. Vetter: Circa 170. Dr. Schiff: Wie vertheilen sich die Arbeiterinnen auf die verschiedenen Arbeitszweige? — Exp. Vetter: Ich habe etwa 40 Druckerinnen, 3'» Färberinnen, 18 Streckerinnen, 0 Einlegerinnen, welche die Plättchen in die Vorziehmaschinen einlegen, 10 Presserinnen, 18 bis 20 Hilfsarbeiterinnen, welche entweder in der Lackirerei beschäftigt sind oder die Kapseln mit Kreide putzen, endlich 15 bis 20 Arbeiterinnen, welche die färbige Prägung machen. Die Uebrigen sind Lehrmädchen. Dr. Schiff: Können Sie uns über das Alter der Arbeiterinnen Angaben machen? — Exp. Vetter: Die jüngsten Arbeiterinnen sind 14 Jahre alt, die ältesten gegen 40. Ich habe Frauen, die schon 17 Jahre bei mir beschäftigt sind. Aeltere Frauen kann ich nicht neu aufnehmen, da sie sich dann die manuelle Fertigkeit nicht mehr aneignen können. Am liebsten sind mir Arbeiterinnen von 18 bis 24 Jahren. Wenn eine Arbeiterin in der Fabrik selbst lang beschäftigt ist und also ein höheres Alter erreicht, so nimmt ihre manuelle Fertigkeit nicht ab, weil gerade die ältesten Arbeiterinnen am meisten verdienen. Vorsitzender: Entwickelt sich nicht viel Staub bei der Arbeit mit der Kreide? — Exp. Vetter: Die Kreide wird mit Wasser und Spiritus angemacht, und erst wenn sie an der Waare trocknet, entwickelt sich der Staub, so daß ich die Fenster öffnen lassen muß. Ich habe schon oft an die Krankenversicherung um geeignete Exhaustoren, speciell für die Schmelzereien, geschrieben, es sind aber keine geeigneten Apparate vorhanden. Ich muß mich deshalb mit der Lüftung begnügen. Es werden während der Mittagspause die Locale gelüftet, und zwar auch im Winter, weil durch die Dampfheizung eine genügende Wärme vorhanden ist. Ferner wird Abends von 6 bis 7 Uhr gelüftet. (Ueber Befragen des Vorsitzenden.) Die Arbeitsvermittlung erfolgt 550 dadurch, daß sich die Mädchen selbst anbieten. Wenn in der Lampenfabrik in meiner Nähe oder im Arsenal weniger zu thun ist, so ist der Zufluß von Arbeitern bedeutend, wenn dort Saison ist, geringer. Wenn ich Arbeiter dringend brauche, so sage ich selbst meinen Arbeiterinnen, ob sie nicht Freundinnen oder Bekannte haben, die sie mir empfehlen können, oder ich wende mich an den Verein für Arbeitsvermittlung. Mangel an Arbeiterinnen besteht nicht. W i tt el sh ö fer: Wer nimmt die Arbeiterinnen aus? — Exp. Better: Früher habe ich selbst neben dem Werkführer die Mädchen ausgenommen; ich habe jetzt einen jungen Beamten zur Beaufsichtigung, welcher die Ausnahme besorgt. Dieselbe findet am Montag und Dienstag statt. Die Mädchen kommen in der Früh um 7 Uhr in die Einfahrt der Fabrik, und wenn man Arbeiterinnen braucht, so sieht man in ihren Büchern nach und sucht sich die Besseren heraus. Um halb 8 Uhr wissen wir bereits, ob der Arbeiterstand complet ist oder nicht. Dann gehen die Mädchen in's Bureau und werden ausgenommen. Da außer meiner Fabrik keine andere in dieser Branche in Wien besteht, so müssen die Mädchen bei uns frisch unterrichtet werden. Es werden die vacanten Maschinen mit neuen Arbeiterinnen besetzt und diese von den älteren Arbeiterinnen unterwiesen. Baronin Vogelfang: Wie viel Arbeiterinnen warten in der Rege! unten beim Thore? — Exp. Vetter: Das ist verschieden. Wenn in der Lampenfabrik und im Arsenal viel zu thun ist, blos 4 bis 5; zu anderen Zeiten wieder 40 bis 50. Pros. Grub er: Sie sagten, daß Sie keine geeigneten Ventilatoren finden. Ich glaube, wenn Sie die nöthige Dampfkraft zur Verfügung haben, würde dies doch keine Schwierigkeit bieten? — Exp. Vetter: Im Allgemeinen ist ja die Ventilation durch Lüftung genügend, nur beim Schmelz- kessel nützt es nichts, weil sich die Leute über den Kessel neigen, in welchem sich das flüssige Blei befindet, und aus diese Weise den Dampf einathmen. Pros. Grub er: Wenn ein Motor vorhanden ist, der die nöthige Luft zubläst, so könnte ich Ihnen einen sehr guten Respirator empfehlen, welcher beim Bandagisten Malberg im Trattnerhos zu bekommen ist. Dort werden Masken fabricirt, die man vor's Gesicht nimmt. — Exp. Vetter: Ich bin sehr dankbar für diese Empfehlung, befürchte aber, daß, wenn die Sache umständlich ist, die Arbeiter den Apparat nicht werden benützen wollen. Das ist ja eben die Schwierigkeit. Ich erwische die Prägerinnen hundertmal dabei, daß sie die Schutzvorrichtungen auslösen, obwohl ich hiefür die scharfe Strafe von 30 kr. für die Krankencasse bestimmte. P ern erstorfer: Es ist behauptet worden, daß besonders vor Weihnachten Entlassungen in größerem Maßstabe vorkommen. — Exp. Vetter: Das ist ganz und gar nicht richtig. Gerade vor Weihnachten ist das Geschäft der Weinhändler im Flor. Pernerstorfer: Bekommen die gelernten Arbeiterinnen, welche doch im Accordlohn stehen, ein Entgelt für die Unterweisung der neuauf- genommenen Mädchen? — Exp. Vetter: Gewiß, umsonst thun sie es nicht. Dr. Ofner: Sie haben gesagt, daß bei Ihnen auch bronzirt wird; ist das nicht gesundheitsschädlich? — Exp. Vetter: Da haben wir wieder dieselbe Geschichte. Ich habe schon einmal einen Respirator gekauft und ihn einer Arbeiterin probeweise zum Gebrauch übergeben. Da sagte sie: „Das will ich nicht; ich binde mir lieber ein Tüchel um." Ueberdies ist ja das Bronziren nicht eine fortwährende Arbeit, sondern geschieht nur stundenweise. Dr. Ofner: Sie sagten, daß Sie viel weniger Personen im Alter von 30 bis 40 Jahren haben; wohin kommen diese Frauen nach 30 Jahren? — Exp. Vetter: Ich entlasse keine wegen vorgerückten Alters. Aber sie heiraten sehr oft, und wenn sie auch als^ verheiratete Frauen in der Fabrik bleiben, so sind sie doch zeitweilig verhindert, in der Fabrik zu arbeiten. 551 Denn es kommt ein Kind, und in Folge dessen bleibt sie eine Zeit lang aus; dann kommt wieder ein Kind nach einem Jahre u. s. w. Das ist ein förmlicher Turnus. Dr. Bi-ezina: Halten Sie es nicht für denkbar, daß die Abneigung der Arbeiter gegen die Schutzvorrichtungen darin begründet ist, daß bei ihrer Verwendung die Verwundungen zwar seltener, dafür aber schwerer sind? — Exp. Vetter: Ich glaube nicht. Die Ursache liegt lediglich darin, weil sie ihnen etwas unbequem sind, so daß sie mehr aufpassen müssen. Ein Mädchen prägt mit dem Dampfexcenter täglich 15.000 Kapseln; wie sie aber das erste Mal mit der Schutzvorrichtung arbeitet, so macht sie vielleicht lOOO oder 2000 weniger. Jetzt ist übrigens dieser Kampf schon beinahe überwunden. Es ist merkwürdig, welchen Heroismus die Frauen bei dieser Gelegenheit zeigen. Wenn sich eine ein Fingerspitzel weggezwickt hat und sie, nachdem es geheilt wurde, wieder kommt und ich sie frage, ob ich sie nicht zu den Lackirerinnen geben soll, so sagt sie: „Nein, ich bleibe bei der Maschine. Ich gehe nicht zu den Lackirerinnen", wiewohl die Letzteren weder anstrengender arbeiten, noch auch geringer bezahlt werden. Dr. Btezina: Sie sagten, daß, seit die Schutzvorrichtungen eingeführt sind, die Verwundungen etwas gefährlicher sind. Worin zeigt sich ßies? — Exp. Better: Früher wurden die Finger gewöhnlich nur gequetscht, aber jetzt wird auch das erste Knochenglied etwas lädirt. Pernerstorfer: Ich habe gehört, daß vor nicht langer Zeit es vorgekommen ist, daß einer Arbeiterin das ganze Glied des Fingers weg- gequetscht wurde. — Exp. Vetter: Das dürfte vielleicht jener Fall sein, anläßlich welches sogar eine Bezirksgerichtsverhandlung stattfand. Da wurde aber das Glied nicht weggequetscht, sondern die Verwundung wurde für die Arbeiterin deshalb bedenklich, weil sie die Sache vernachlässigt hat. Uebrigens geschah dies nicht bei der Excenterpresse, sondern bei der Handpresse. Mittels höfer: Wie viel Personen sind beim Bleigießen beschäftigt? — Exp. Vetter: Zwei Männer. W itt e l sh ö f er: Könnten zu dieser gesundheitsschädlichen Arbeit nicht vier Männer genommen werden, welche alterniren? In Ihrem großen Betrieb kann doch das nicht ausschlaggebend sein! — Exp. Vetter: Das geschieht ohnedies, denn die Leute kommen nach ein paar Monaten zum Walzen. Uebrigens wechseln die Arbeiter nicht gern in ihrer Arbeit. Auch spielt da der Kostenpunkt mit, denn wenn ich Schichten einführen würde, wäre das eine recht kostbare Sache. Ich stehe überhaupt seit einiger Zeit vor der Frage, ob ich nicht das Geschäft aufgeben und von Wien wegziehen soll, denn ich habe starre Concurrenz von Böhmen, da die Fabriken dort unglaublich billig arbeiten. Wittelshöfer: Wäre es nicht möglich, das Herausschöpfen des Bleies so zu machen, daß sich die Leute nicht über den Kessel beugen? — Exp. Vetter: Das ist nicht möglich. Wittelshöfer: Es wurde gesagt, daß sich der Rauch aus der Schmelzerei über die ganze Fabrik verbreite. — Exp. Vetter: Das ist einfach die Schlamperei der Herren Gießer. Es geht einer hinaus, läßt die Thür offen, und so kommt der Dürrst in den nächsten Saal hinein. Ich habe erst vor einigen Tagen deswegen einen Mordsspectakel gemacht. Dr. Schiff: Ist bei Ihnen der Wechsel ein sehr großer? — Experte Vetter: Ich habe 22 Frauen, welche 10 bis 15 Jahre, 42, welche über 5 Jahre, 31, welche über 3 Jahre, und eine Anzahl, welche schon mindestens ein Kalenderjahr lang bei mir arbeiten. (Ueber Befragen des Vorsitzenden.) Die Arbeitszeit dauert bei mir zehn Stunden, und zwar von 7 Uhr Früh bis 12 Uhr Mittags und von 1 bis 6 Uhr. Vor- und Nachmittag kommt ein Wirth in die Fabrik, bei dem sich die Leute Bier und Brot kaufen; 552 da machen sie eben zehn Minuten Pause, wiewohl eigentlich dieselbe nach der Fabriksordnung nicht gestattet ist. Ueberzeit kommt bei mir sehr selten vor. Ich vermeide es selbst, da dabei nichts herausschaut. Neulich mußten die Mädchen, welche die sarbige Prägung machen, von 6 bis 9 Uhr durch fünf Tage arbeiten. Das kommt vielleicht zweimal im Jahre vor, und ich hole dazu stets die behördliche Bewilligung ein. Sonntagsarbeit habe ich niemals. An kleinen katholischen Feiertagen lasse ich, wenn dieselben in die Saison fallen, von 7 bis l Uhr oder von 7 bis 12 Uhr und dann von 1 bis 4 Uhr arbeiten; ein vollständiges Pausiren erfolgt an den Pfingstfeiertagen, zu Ostern, Frohnleichnam und zu Weihnachten. Es besteht bei mir keine Kündigungsfrist, früher hatte ich eine solche, es sind aber einer Kündigung stets Controversen zwischen Arbeitgeber und Arbeitnehmer vorausgegangen. Während dieser Kündigungsfrist hat natürlich der Arbeiter nicht mehr den rechten Willen zur Arbeit, und auch ich lasse mich in meinem Aerger zu einer Ungerechtigkeit hinreißen. Deshalb ist es für beide Theile besser, wenn keine Kündigungsfrist festgesetzt ist. Es hat sich auch, als ich die Kündigungsfrist aufhob, kein Arbeiter dagegen gesträubt. Vorsitzender: Bekommen denn die Arbeiter so rasch wieder neue Arbeit? — Exp. Better: Ich mache ja nicht oft von dein Entlassungs- rechte Gebrauch, denn wenn ich Mittwoch oder Donnerstag Jemanden entlasse, so habe ich ja auch keinen Ersatz, es muß das daher ein sehr crasser Fall sein. Vorsitzender: Ist die Zahl der Entlassenen größer als die Derjenigen, welche freiwillig die Arbeit verlassen? — Exp. Vetter: Das dürfte sich so ziemlich gleich bleiben. Vorsitzender: Was ist denn die Ursache einer Entlassung? — Exp. Vetter: Gewöhnlich schlechte Arbeit. Da muß ich dann einen Tadel aussprechen, dann erfolgt eine Gegenrede von der Arbeiterin, ich komme in die Hitze, sie wird grob, und die Geschichte ist fertig. P e r n e r st o r f e r: Es ist hier behauptet worden, daß öfter Nachtarbeit bis 6 Uhr Früh vorkomme. — Exp. Vetter: Aber ich bitte, was soll denn das arme Frauenzimmer, wenn es bis in der Früh arbeitet, am nächsten Tag machen? Es ist schon die zehnstündige Arbeit für eine Arbeiterin übergenug. Wenn ich große Lieferungen habe, so nehme ich mir lieber neue Arbeiterinnen aus, und nur im äußersten Nothfalle mache ich Ueberstunden. Pernerstorfer: Es wurde uns gejagt, daß zwei, drei Ueberstunden sehr häufig vorkommen. — Exp. Vetter: Höchstens zwei-, dreimal im Jahre, und dann auch frage ich, bevor ich die behördliche Bewilligung einhole, die Arbeiter, ob sie nicht geneigt wären, an dem betreffenden Tage Ueberstunden zu machen. Wenn sie es nicht wollen, so nehme ich lieber neue Leute auf. Da dauern die Ueberstunden höchstens bis halb U) Uhr, damit die Leute vor der Thorsperre nach Hanse kommen, sonst müßte ich ihnen das Sperrsechserl draufzahlen. Baronin Vogelfang: Haben Sie die Erfahrung, daß in den Vormittagsstunden mehr geleistet wird als in den Nachmittagsstunden? — Exp. Vetter: Das kann ich nicht controliren, aber an den verschiedenen Tagen ist eine verschiedene Arbeitsleistung zu verzeichnen. Es wird nämlich der Lohn für die Woche von Freitag bis inclusive Donnerstag berechnet. Am Freitag und Samstag arbeiten die Leute sehr wenig, am Montag etwas mehr, am Dienstag und Mittwoch sind sie schon fleißig, und am Donnerstag arbeiten sie auf Tod und Leben. W i tt el s h ö f er: Es wird doch gewöhnlich behauptet, daß gerade am Montag viel weniger gearbeitet wird? — Exp. Vetter: Nur im Fasching, wo die Leute Samstag und Sonntag sehr viel tanzen. Pros. Grub er: Es kommen doch in Ihrer Fabrik sehr viele blei- hältige Abfälle vor. Wenn nun die Leute im Local essen, so erscheint mir 553 das sehr bedenklich; wäre es nicht möglich, sie in einem anderen Locale, in dem nicht gearbeitet wird, essen zu lassen? — Exp. Vetter: Für so viele Leute habe ich keinen eigenen Raum zum Mittagessen, und während der Frühstücks- und Jausenpause das Local zu verlassen, wäre unthunlich. Ich habe mir selbst schon die Frage gestellt, ob ich nicht die Frühstücks- und Jausenpause abschaffen und dafür die Leute eine halbe Stunde später zur Arbeit lassen soll. Das geht aber nicht, weil es häufig vorkommt, daß die Frauen nüchtern in die Fabrik kommen und erst um 9 Uhr das erste Essen zu sich nehmen. Pros. Grub er: Könnten Sie nicht die Leute beaufsichtigen, daß sie sich waschen müssen? — Exp. Vetter: Das geht nicht gut an; übrigens waschen sich die meisten selbst, auch untertags. Dr. Schiff: Wie viel Verletzungen kommen bei Ihnen jährlich vor? — Exp. Vetter: Etwa zehn. Baronin Vogelfang: Haben Sie an den verschiedenen Tagen bezüglich der Verletzungen einen Unterschied bemerkt? — Exp. Vetter: Nur der Montag im Fasching ist manchmal gefährlich. «Ueber Befragen des Vorsitzenden.) Von den Mädchen sind fast alle im Accord und werden pro 1000 Stück gezahlt. Es wird jeder auf einen Zettel aufgeschrieben, wie viel sie fertigzustellen hat. Die Druckerinnen und Streckerinnen haben ihre Liefer- kasten und liefern jeden Tag. Bei den übrigen wird das Quantum pro Woche fixirt. Das Arbeitsquantum einer Lackirerin richtet sich nach der Länge der Kapsel; von den langen Kapseln hat sie 1500, von den kurzen 3500 täglich fertigzustellen. Die Druckerinnen werden gleichfalls je nach der Länge der Kapsel bezahlt; von den kürzesten erhallen sie für das 1000 34 bis 35 kr. Die Arbeit der Lackirerin richtet sich auch darnach, ob sie blos die Seite der Kapsel oder auch den Deckel lackirt. Eine Drucken» verdient sich anfangs, wenn sie in Accord kommt, in der ersten Woche fl. 4'50, später fl. 5, die besseren Arbeiterinnen verdienen sich fl. 7 bis 0. Die Lackirerinnen haben je nach ihrer Fertigkeit fl. 5 bis tt. Vorsitzender: Eine Truckerin hat behauptet, daß sie eine gewisse Anzahl von Kapseln fertig machen muß. — Exp. Vetter: Gewiß, manche sind sehr faul, und es ist unglaublich, wie sie gegen ihr eigenstes Interesse handeln. Vorsitzender: Der Mensch ist ja nicht jeden Tag gleich disponirt. Ich bin ja auch nicht immer zur Arbeit gleich disponirt. — Exp. Vetter: Das ist richtig ; manche Arbeiterin ist manchen Tag zum Tratschen disponirt. Ich selbst suche immer möglichst gerecht vorzugehen und übernehme meist selbst die Vertheilung der Arbeit. Wenn eine Arbeiterin das erste Mal weniger gemacht hat, so schreibe ich ihr in's Buch: Faul, fleißiger! Wenn sie aber das zweite Mal wieder faul war, so werden ihr 100 Stück strafweise abgezogen oder eine Strafe von 5 kr. notificirt. Vorsitzender: Was geschieht mit diesen Strafgeldern? — Experte Vetter: Die kommen in die Strafcasfe. Vorsitzender: Sie haben also das Accordsystem, verlangen aber ein gewisses Minimum an Leistung. — Exp. Better: Ja, wenn Eine zu wenig arbeitet, so sage ich: „Gehen Sie lieber fort." Vorsitzender: Aber Sie geben doch weniger Lohn; da sollte man meinen, daß das Sache der Arbeiterin wäre? — Exp. Vetter: Diese Antwort geben mir die Arbeiterinnen auch; aber in einem Fabriksbetriebe muß doch die Zeit bis zu einem gewissen Grade ausgenützt werden. Der Lohn der Arbeiterin steht freilich im Verhältniß zu ihrer Arbeit: aber wenn sie weniger arbeitet, so bleibt das Capital, das in den Maschinen, im Local u. s. w. steckt, unausgenützt, und überdies gehen die lausenden Regiespesen für den Maschinenbetrieb, das Walzen, das Schmelzen, die Beleuchtung, Beheizung u. s. w. verloren. 554 Perner storser: Ist das richtig, daß eine Arbeiterin, wenn sie das Quantum, das sie über Tags machen soll, nicht gemacht hat, Abends nachmachen muß? — Exp. Vetter: Wenn die Dampfmaschine nicht mehr geht, kann sie ja nicht arbeiten. Nachsitzen kann man sie nicht lassen. P e r n e r st o r f e r: Wie viel bekommt eine Prägerin für 1000 Stück? — Exp. Vetter: Für unlackirte 5 kr. und für lackirte 0 kr. P e r n e r st o r f e r: Da soll sie 20- bis 25.000 Stück im Tag machen? — Exp. Vetter: Ich habe einmal Eine gehabt, die fo viel gemacht hat. P e r n e r st o r f e r: Es ist behauptet worden, wenn sie weniger machen, werden sie bestraft. — Exp. Vetter: Nein. Wenn sie 18.000 macht, wird sie nicht bestraft. Wenn sie aber nur 8000 macht, was auch vorkommt, so wird sie bestraft, und zwar zuerst mit 5 kr., und das geht bis zn einer Krone. In der letzten Zeit bin ich aber nie auf eine Krone gestiegen, sondern sage lieber: „Adieu." Ich habe ja nichts von den Strafen, und die Leute machen einen Mordkrakehl. Da gebe ich sie lieber weg. P e r n e r st o r s e r: Das Geld kommt in eine Strafcasse. Zn welchem Zwecke? — Exp. Vetter: Das wird zu Weihnachten unter die Arbeiter vertheilt. Es wird genau eingeschrieben, wer Strafe bezahlt. Wenn nun im Laufe des Jahres eine Arbeiterin krank wird, wo ja das Krankengeld nicht sehr hoch ist, oder wenn sie über eine gewisse Zeit krank ist und es kommt eine Collegin um eine Unterstützung für sie, )o sage ich: „Bitte, nehmt es aus der Strafcasse." P ern erst o rs er: Wer hat die Verwaltung? — Exp. Vetter: Ich. Einsicht hat Jeder. Auch können daraus rückzahlbare Vorschüsse ertheilt werden. P er n e r st o r f e r: Sehr interessant Ware es, zn wissen, ob von dieser Freiheit, Einsicht zu nehmen, auch Gebrauch gemacht wird? — Exp. Vetter: Ich habe ihnen zu Weihnachten eine Art Rechenschaftsbericht gegeben; so viel habt Ihr in dem Jahre bezahlt, so viel bekommt Jeder. Ich mache da keinen Unterschied, ob Jemand fleißig gewesen ist oder nicht. Das geht nach der Anciennetät. Die Aeltesten bekommen am meisten. P e r n e rst o rf e r: Wie hoch sind beiläufig diese Beträge? — Exp. Vetter: Im Jahre macht es circa sl. 150 bis 160. Auf eine Person kommt durchschnittlich sl. 1. Vorsitzender: Wie zahlen Sie die Ueberstunden? — Experte Vetter: Die Männer haben den Accordlohn. Ich gebe den Leuten, wenn sie Abends da bleiben, ein Krügel Bier nnd 15 kr. extra, außer dem Accord. Vorsitzender: Und den Mädchen auch ein Krügel Bier? — Exp. Vetter: Den Lohn und 15 kr., sonst nichts. Dr. Ofner: Sie haben uns eigentlich nur von zwei Classen von Arbeiterinnen gesagt, wie viel sie verdienen. Könnten Sie uns nicht zum Beispiel sagen, wie viel sich in den einzelnen Kategorien die Arbeiterinnen in der letzten Woche verdient haben? — Exp. Vetter: Unter den 40 Drnckerinnen werden 8 bis 10 gewesen sein, die aus sl. 8 bis 9 gekommen sind; von den übrigen 30 dürften 20 auf sl. 6 bis 7 gekommen sein und der Rest auf st. 5'50 nnd st. 5. Dr. Ofner: Unter sl. 5 keine? — Exp. Vetter: Eine gelernte Arbeiterin nicht. Ich verlange ja, daß sie sich so viel verdienen. Das ist das Minimum, daß sie sich im Accord sl. 5 verdienen, selbst wenn eine nur ein paar Wochen im Accord ist. Von den Färberinnen haben etwa sechs sich st. 8 verdient, die meisten verdienen st. 6 bis 7, die jüngste sl. 5. Die Streckerinnen sind die jüngsten Mädel. Dazu gehört keine besondere Fertigkeit. Die verdienen im Durchschnitt sl. 4'50 bis 8. Da habe ich zwei, die den ganzen Tag nicht Wegschauen. Acht werden sich sl. 6 verdienen, die anderen st. 5; vier Anfängerinnen haben st. 4'50. 555 Dr. Ofner: Dann haben wir sechs Einlegerinnen, oder arbeiten diese mit den Streckerinnen? — Exp. Vetter: Eine Einlegerin arbeitet für drei Streckerinnen. Dr. Ofner: Wird die von den Anderen bezahlt? — Exp. Better: Nein. Eine gute Einlegerin gibt man den besten Streckerinnen. Die macht im Tag leicht 25.000. Sie wirft das blos so hin. Da bekommt sie für 1000 4 kr. Das ist auch fl. 4-50 bis 0. (Ueber Befragen.) Die Presserinnen verdienen zwischen sl. 5 und 8. Man kann sagen, die Hälfte davon hat fl. 7 bis 8, ein Viertel fl. 6 und der Rest fl. 5. Die 20 Putzerinnen haben dasselbe Verhältniß, ebenso bei der Farbenprägung. Die verdienen sich gewiß fl. 8 bis 9. Das Minimum ist fl. 4'50. Dr. Ofner: Wie viele Strafgelder haben Sie im Jahre 1895 gehabt? — Exp. Vetter: Ich habe den Durchschnitt von den letzten vier Jahren genommen, fl. 100. Im Jahre 1895 war zufällig mehr, da waren fl. :^20, im Jahre 1894 weniger. Dr. Ofner: Sie sagten, Abzüge werden gemacht, wenn zu wenig gearbeitet wird. Wie ist es mit dem Zuspätkommen? — Exp. Vetter: Da ist Alles zusammengefaßt: Zuspätkommen, zu früh von der Arbeit aufhören, die Fabrik ohne Erlaubniß verlassen, nachlässige Arbeit. Das ist Altes in der Arbeitsordnung. Das erste Mal wird eine Verwarnung ertheilt, dann kommt eine Strafe von 10 Hellern. Wenn Eine sich entschuldigt, entweder beim Werksührer oder bei dem Beamten, der die Aussicht hat, oder bei mir, wenn ich da bin, so wird sie überhaupt nicht bestraft. Wenn aber Eine consequent zu spät kommt oder Eine beim ersten Pfeifensignal schon vor dem Thor ist, aber sich herumdreht uud plaudert uud dann erst fünf Minuten nach dem zweiten Signal hereinkommt, so wird sie bestraft. Dr. Ofner: Wenn Sie aber nicht beobachten, daß es absichtlich ist ? — Exp. Vetter: Ich verlange vor Allem eine Entschuldigung. Wenn Eine zum Beispiel ihren Austritt nicht erklärt und anderen Tags einfach wegbleibt, wird sie auch gestraft. Wenn ich auch keine Kündigung habe, so muß sie doch am Abend vorher sagen: Ich trete aus der Fabrik. Sie kann ja eventuell wieder kommen, und wenn dann die Maschine besetzt ist, kann sie mich hernehmen und am Gewerbegericht verklagen, und ich bekomme gewiß Unrecht. Wenn Eine vorher sich entschuldigt, wenn sie sagt: Ich ziehe morgen aus oder dergl., so ist es ja gut, aber sagen muß sie etwas. Baronin Vogelfang: Es wäre interessant, die Ursachen der Faulheit der Arbeiterinnen zu erkunden. Sind die Arbeiterinnen, die lange bei Ihnen sind, auch faul? — Exp. Vetter: Selten. Unter den jüngeren Leuten kommt es mehr vor. Es mögen da gewisse Ursachen obwalten. Baronin Vogelfang: Sind das Frauen oder Mädchen? — Exp. Vetter: Mädchen. Vor Allem ist das Plaudern schuld. Barvniu Vogelfang: Kommt es nicht vor, daß Eine ruhig ist und doch wenig arbeitet? — Exp. Vetter: Das ist selten. Meist spielt die lebhafte Unterhaltung mit. Baronin Vogelfang: Arbeiten bei Ihnen auch Frauen, die in der Hoffnung sind, und arbeiten die weniger? — Exp. Vetter: In der letzten Zeit wohl. Baronin Vogelfang: Wie lange? — Exp. Vetter: Das ist individuell. Eine kräftige Person hat bis zum letzten Augenblick mit voller Kraft gearbeitet. Eine Andere greift die Arbeit mehr an, die bleibt 8 oder 14 Tag früher zu Hause. Baronin Vogelfang: Wenn sie nachher wieder kommt, ist sie dann fähig, gleich wieder zu arbeiten? — Exp. Vetter: Sie bleiben meistens länger al? vier Wochen zu Hause. Dann arbeiten sie wie vorher. Baronin Vogelfang: Sind die Kinder ausgekommen? — Experte Vetter: Ja. 55.6 P e r n erst o r f e r: Was bekommen die Arbeiterinnen für eine Entschädigung für das Abrichten? — Exp. Vetter: Das läßt sich nicht so leicht sagen. Wenn man Mehrere miteinander aufnimmt, so kann die Arbeiterin natürlich gar nichts arbeiten. Da bekommt sie das, was sie in den letzten Wochen verdient hat, sonst richtet sie nicht ab. Bekommt sie nur Eine zum Abrichten, so arbeitet sie im Accord weiter und wird dafür, daß sie weniger verdient, entschädigt. Die bekommt gewöhnlich pro Woche fl. 1 mehr. P ern er storfer: Kommt es vor, daß, wenn schlechte Arbeit geliefert wird, vom Lohne abgezogen wird? — Exp. Vetter: Gewiß, wenn viel Ausschuß geliefert wird. P ern er storfer: Muß auch für verschleudertes Material Ersatz geleistet werden? — Exp. Vetter: Sie müssen höchstens die Arbeit nochmals machen. P ern e r st o rf er: Wenn eine Kapsel zu schwer ist, wird die neu eingeschmolzen? — Exp. Vetter: Wenn man sie schmilzt, ist die ganze Arbeit beim Teufel. Da zieht man ihr unter Umständen 100 Kapseln ab, das sind 3 bis 4 kr. Vorsitzender: Kommt das in die Strafcasse? — Exp. Vetter: Nein, denn das ist keine eigentliche Strafe. Es ergibt sich in jeder Partie ein gewisses Quantum Ausschuß, und so macht Jede per 1000 um 50 Stück mehr. Eigentlich ist immer mehr Ausschuß darin. Sie macht mehr und arbeitet gewöhnlich leichter, wenn sie starkes Material verwendet. Daher melden die Leute häufig falsche Kapsel an, damit sie ein größeres Blatt bekommen. Wenn nun die Kapseln zu schwer sind, wird hingeschrieben: Zu schwer, sonst Abzug. Das zweite Mal werden ihr 100 Stück abgezogen. Vorsitzender: Ist die Fabriksordnung angeschlagen? — Experte Vetter: Ueberall. (Ueberreicht ein Exemplar.) Vorsitzender: Wird der Lohn in's Buch eingeschrieben? — Exp. Vetter: Das nicht. Sie wissen genau, was sie verdient haben. Vorsitzender: Sie haben gesagt, daß sich Einige fl. 5 und Einige fl. 9 bei derselben Arbeit verdienen. Wie können Sie bei den vielen Arbeiterinnen beurtheilen, wie viel Sie der Einen und wie viel der Anderen zu- muthen können? — Exp. Better: Durch den fortwährenden Verkehr. Vorsitzender: Und bei den Neueren? — Exp. Vetter: Da sucht man nach und nach zu steigern. Sie liefert im Anfang sagen wir 3000. Bei der Uebernahme der Arbeit schreibe ich ihr in's Buch ein: Morgen um 500 mehr; und so sucht man von Tag zu Tag sie hinaufzutreiben. Ich gehe auch zu ihr an die Maschine und frage sie, warum sie nicht mehr macht, und sie wird mir dann den Bescheid darauf geben. Durch den fortwährenden Verkehr mit den Leuten kann man ganz gut beurtheilen, was eine Jede leisten kann. Dr. Ofner: Sie sagen, daß die Leute für 1000 immer 50 Ausschuß machen. Bekommen sie also immer für 1050 nur 1000 gezahlt? — Experte Vetter: Ja wohl. Vorsitzender: Wie ist die Ernährung der Arbeiterinnen? — Exp. Vetter: Die meisten wohnen bei ihren Eltern. Zwischen 12 und 1 Uhr ist fast keine bei mir. Die Arbeitsräume sind gesperrt. Ich habe nachgesehen, wo die Leute wohnen, und da habe ich ein paar gefunden, die in Simmering wohnen. Da habe ich nun ein eigenes Local eingerichtet, wo sie sich hinsetzen können. V orsitzesi: der: Was essen sie da? — Exp. Vetter: Um 9 Uhr essen Viele Würstel. Der Wirth kommt in die Fabrik. Viele trinken blos Kaffee, den sie sich dort wärmen. Sie stellen sich das Häferl in den Condensator hinein. Zu Mittag essen sie Suppe und gewöhnlich Gemüse. Ich glaube nicht, daß sie viel Fleisch essen. Was Diejenigen, die nach Hanse 557 gehen, essen, weiß ich nicht. Nachmittags essen sie im Winter Kaffee, im Sommer Bier, Butterbrot rc. Vorsitzender: Wie ist das Verhältniß gegenüber dem Werksührer? Sie haben gesagt, daß der Werksührer die Leute auch aufnimmt. Jedenfalls hat er eine gewisse Controle über die Arbeiterinnen'? — Exp. Vetter: Der Werksührer ist viel zu gut. Manchmal kann er schon grob werden. Aber er ist nicht immer so energisch, wie er sein sollte. Er ist mir nur in anderer Richtung sehr geeignet. Vorsitzender: Kommt es vor, daß Geschenke gegeben werden? — Exp. Vetter: Wenn ich das erfahren würde, würde ich den Betreffenden sofort spritzen. Bisher ist das nicht vorgekommen. Vorsitzender: In Betreff des Werksührers wurde es ausdrücklich verneint, dagegen ist es von einer Frau, die sich in vorgesetzter Stellung befindet, behauptet worden, daß sie Geschenke annimmt. — Exp. Vetter: Sollte das die X sein? Ich habe die Frau, die ich seit zehn, elf Jahren kenne, immer für eine anständige Person gehalten. Vorsitzender: Wäre eine Veranlassung hiezu? — Exp. Vetter: Ich wüßte nicht. Wittelshöfer: Das soll wegen der Eintheilung der Arbeit sein. — Exp. Vetter: Das könnte sein. Aber einen solchen Einfluß hat die Person ja auch nicht. Vorsitzender: Wie ist das Arbeitslocal? — Exp. Vetter: Neu gebaut, hoch. Vorsitzender: Wie steht es mit der Reinhaltung der Aborte? — Exp. Vetter: Es sind englische Aborte. Die reinigt der Hausmeister. Das ist auch so eine eigene Geschichte mit den Aborten. Ich bin dagegen, daß sie der Hausmeister reinigt. Nachdem ich 170 Mädchen habe und da es englische Aborte sind, habe ich zu ihnen gesagt, führt einen Turnus ein, am Samstag könnt Ihr um oder Uhr aufhören, bis ausgezahlt ist, habt Ihr Zeit genug zum Reinigen. Das hat aber den Mädchen nicht convenirt, und da zahlen sie lieber für die Reinigung von zehn, zwölf Aborten jede einen Kreuzer. Vorsitzender: Es heißt zwei Kreuzer. — Exp. Vetter: Ich weiß nur von einem Kreuzer. Das ist der ärgste Kampf, den ich mit den Leuten habe. Selbst wenn ich ihnen die Stunde zahle, wollen sie nicht selbst reinigen, sondern zahlen lieber den jüngeren Mädeln 10, 20 kr., damit sie es für sie thun. Gekehrt und aufgespritzt wird täglich und viermal im Jahre tüchtig gescheuert. Vorsitzender: Wer besorgt das? — Exp. Vetter: Das Kehren besorgen die jüngeren Mädel. Da soll auch ein Turnus sein. Es brauchte übrigens nicht täglich gekehrt zu werden, da die Fabrikation keinen Schmutz verursacht. Vorsitzender: Zu welcher Zeit erfolgt die Reinigung? — Experte Vetter: Von 6 bis 'Z7 Uhr. Das besorgen jetzt die Lehrmädchen. Das Scheuern wird bezahlt. Da frage ich, wer das übernehmen will, und es melden sich immer Einige, die es brauchen oder sparsamer sind als die Anderen. Vorsitzender: Schläft Jemand in der Fabrik? — Experte Vetter: Nein. Vorsitzender: Wie ist es mit der Reinhaltung? Nachdem ausdrücklich erwähnt worden ist, daß keine Seife zum Waschen gereicht wird, möchte ich fragen, ob dem so ist? — Exp. Better: Seife habe ich nicht eingeführt. Das wäre ein Artikel, der zu viel Anklang fände. Vorsitzender: In anderen Fabriken wird aber Seife gereicht. Nachdem mit Metall gearbeitet wird, werden die Hände gewiß sehr unrein. Ich würde Jemandem, der mir nahe steht, nicht erlauben, daß er mit so l_ u 558 unreinen Händen Speisen berührt. — Exp. Better: Sie nehmen das Condensationswasser, das mit Soda versetzt ist. P e rn er st o rf e r: Woher kommt die Soda in dem Condensations- wasser? — Exp. Vetter: Das Wasser, das in den Kessel kommt, wird mit Soda gereinigt. Pros. Gruber: Dann kann doch die Soda nicht in das Condensationswasser gelangen. — Exp. Vetter: Die Leute, die im Hause sind, reißen sich um das Condensationswasser zum Waschen, weil Soda darin ist. Pros. Grub er: Weil es weiches Wasser ist. — Exp. Vetter: Warum zerfrißt das Condensationswasser die Hähne? Es muß doch Soda darin sein. Vorsitzender: Sind die Arbeiterinnen versichert? — Experte Vetter: Ja Vorsitzender: Auch gegen Unfälle? — Exp. Vetter: Gesetzlich. Vorsitzender: Sind sie in Organisationen oder Vereinen? — Exp. Vetter: Das weiß ich nicht. Ich frage nicht darnach. Vorsitzender: Haben Sie keine Anhaltspunkte dafür? — Experte Vetter: Manchmal höre ich so etwas. Ich sage meinen Leuten: „Außerhalb der Fabrik könnt Ihr thun, was Ihr wollt. Ich frage nicht, ob Ihr katholisch seid und welcher politischen Richtung Ihr angehört. Jedenfalls bitte ich aber, nicht innerhalb der Fabrik zu agitiren." Eine hat einmal für die Strikenden gesammelt, und ich habe es gesehen. Ich habe ihr gesagt: „Sammelt in Euren Vereinen so viel Ihr wollt, innerhalb der Fabrik erlaube ich es nicht." Vorsitzender: Haben Sie mit den Arbeitern eine Vereinbarung über den 1. Mai getroffen? — Exp. Vetter: Bis jetzt haben meine Leute immer gearbeitet. Ich habe sie aber meist um 12 Uhr nach Haufe gehen lassen. Im vorigen Jahre ist am 1. Mai ein nicht mehr ganz nüchterner Herr zu mir in's Comptoir gekommen, hat einen Mordsspectakel gemacht und gesagt, wenn wir nicht sofort zu arbeiten aufhören, wird er die Frauenzimmer durchhauen, wenn sie hinauskommen. Da habe ich meine Leute schon um 10 Uhr nach Hause geschickt. Baronin Vogelfang: Wie denken Sie über die Errichtung eines Arbeiterausschnsses in der Fabrik? — Exp. Vetter: Ich denke mir, daß das unter Umständen ganz wohlthätig wäre. Bei mir kommt aber nichts vor. Baronin Vogelfang: Glauben Sie, daß es zweckmäßig wäre, einen solchen Ausschuß zu haben? — Exp. Vetter: Ich glaube, daß ein solcher Ausschuß nicht den nöthigen Einfluß haben würde. Unter den Männern könnte das eher wirksam sein als bei den Frauen. Bei diesen spielt der Mann und noch mehr der Geliebte eine große Rolle. Durch diese lassen sie sich sehr beeinflussen, sonst aber lassen sie sich viel mehr durch ihre momentanen Launen bestimmen, als durch vernünftige Worte. Baronin Vogelfang: Sie würden aber kein Hinderniß bereiten? — Exp. Vetter: Gewiß nicht. Wittelshöfer: Es ist hier gesagt worden, daß die Materialien zur Reinigung des Locales von den Arbeiterinnen selbst beigestellt werden müssen, Seife, Lauge, Fetzen, Besen rc. — Exp. Vetter: Das mag vielleicht so sein. Zu den hohen Feiertagen reinigen die Mädchen ihre Lieserkistel selbst. Daß da keine 130 Schaffet da sein können, ist selbstverständlich, und so bringt sich Jede ein Schaffet mit und putzt ihre Kistel selbst. Zum eigentlichen Reinigen sind ein paar Schaffe!, Besen und Fetzen vorhanden. Mittels höfer: Sie sagten, daß Sie die Sammlungen in der Fabrik nicht dulden. — Exp. Vetter: Ja, da wird den ganzen Tag getratscht. Mittels höfer: Glauben Sie nicht, daß, wenn die Sammlung 55A draußen gemacht wird, in der Fabrik nicht ebensoviel gesprochen wird? — Exp. Vetter: Doch weniger. Dr. Ofner: Sie haben gesagt, daß Frauen auch bis zur Niederkunft in der Fabrik bleiben. — Exp. Vetter: Ich habe einmal Eine im Comsortable in die Gebäranstalt schaffen lassen. Die Meisten gehen zwei, drei Wochen früher fort. Dr. Schüller: In welcher Weise wird die in der Fabriksordnung vorgesehene Visitirung vorgenommen? — Exp. Vetter: Durch den Hausmeister die männlichen und durch dessen Frau die weiblichen Personen. Dr. Schüller: Werden nur die Körbe visitirt? — Exp. Vetter: Ja, hie und da greifen sie einmal in die Tasche. Dr. Schiff: Es ist in der Fabriksordnung eine elsstündige Arbeitszeit vorgesehen. — Exp. Vetter: Zur Vorsorge, damit, wenn ich sie verlange, ich das thun kann, ohne mit den Arbeitern verhandeln zu müssen. Ich bin schon lange auf zehn Stunden heruntergegangen. (Dr. Osne r übernimmt den Vorsitz.) Experte Herr Siegfried Fischer, Chef der Firma S. Fischer und I. Müller: Ich habe eine Färberei, Bleicherei und Appretur. Vorsitzender: Sind überall Frauen beschäftigt? — Experte Fischer: Nein. Die Frauen werden hauptsächlich zu Adjustirungszwecken und zum Legen verwendet. Beim mengen werden zwei Arbeiterinnen verwendet. In der Bleicherei sind nur zwei Frauen beschäftigt, beim Färben gar keine. In der Appretur sind bei den Trockenmaschinen vier Frauen. In der Hänge, wo die Waare aufgehängt wird, sind auch zwei Frauen. Beim Legen und Adjustiren der Waare werden ausschließlich Frauen verwendet. Da sind allein ungefähr 35 und im Ganzen 45 Frauen beschäftigt. Vorsitzender: Was haben die Frauen zu thun? — Experte Fischer: Beim Sengen haben sie aufzupassen, daß kein Funken in den Stoff mitgeht, sonst haben sie nichts zu thun. Beim Bleichen sind zwei Frauen. Die sind schon lauge Jahre bei uns. Die haben mehr so eine Gnadenbeschäftigung. Sie ziehen die nasse Waare, die schon gebleicht ist, aus, und wenn ein Flecken darin ist, bürsten sie ihn aus. Bei den Trocken- Maschinen, deren wir zwei haben, geht die Waare über die Trommeln, und da stehen die Frauen rückwärts und haben eigentlich nichts zu thun. Sie müssen da sein, um das Stück, wenn es getrocknet ist, wegzunehmen. Sie haben nur aufzupassen, daß der Stoff nicht in die Maschine hineinkommt. Das ist eine Arbeit, bei der ihr absolut nichts geschehen kann und die auch nicht schwierig ist. In der Hänge, wo die Waare getrocknet wird, sind zwei Frauen. Früher haben wir die Waare aufgehängt, das fällt jetzt weg. Jetzt wird die Feuchtigkeit aus dem Stoff ausgepreßt und dann wird sie, so wie die Wäsche, aufgehängt. Beim Legen und Adjustiren haben die Frauen die Aufgabe, die Waare, so wie die Stücke sind, in Papier einzupacken und mit Seidenbändchen zu versehen. Vorsitzender: Sind die Frauen direct bei der Bleicherei beschäftigt ? — Exp. Fischer: Nein. Da sind nur Männer. Die Hauptarbeit ist in der Sengerei. Der Aufenthalt ist dort kein angenehmer. Es ist aber nicht zu heiß, weil eine gute, im moderner: Style ausgeführte Ventilation dort ist. Vorsitzender: Wie alt sind die Mädchen? — Exp. Fischer: Zwischen 20 und 30. Vorsitzender: Haben Sie bemerkt, daß dieser Aufenthalt einen Schaden für die Gesundheit mit sich bringt? — Exp. Fischer: Nein. Dr. Schüller: Wird bei Ihnen auch decadirt? — Exp. Fischer: Auch da ist ein Mädchen. Die hat mit der Presse nichts zu thun, sondern nur bei der Maschine zu stehen. Wir haben ein ganz neues System. 560 Vorsitzender: Haben Sie eine Saison? — Exp. Fischer: Nein. Entlassen wird Keine. Vorsitzender: Welchen Artikel erzeugen Sie vorzugsweise? — — Exp. Fischer: Alle Baumwollsutterstoffe besseren Genres. Vorsitzender: Es werden also auch die Verhältnisse besser sein als dort, wo schlechte Waare erzeugt wird? — Exp. Fischer: Das weiß ich nicht. Ich kenne die Lohnverhältnisse nicht. Vorsitzender: Ueberhaupt, sowohl die Lohn- als auch die sanitären Verhältnisse? — Exp. Fischer: Die sanitären Verhältnisse sind bei uns gut, da die Fabrik sehr modern eingerichtet ist. Vorsitzender: In welchem Jahre haben Sie die Fabrik eingerichtet? — Exp. Fischer: Die neue ist im Jahre 1892 erbaut. Vorsitzender: Motorenbetrieb haben Sie? — Exp. Fischer: Eine Dampfmaschine. Vorsitzender: Aus welchen Kreisen recrutiren sich die Arbeiterinnen? — Exp. Fischer: Nur aus Arbeiterkreisen. Zumeist sind es die Töchter der älteren Arbeiter. Vorsitzender: Müssen die Mädchen unterwiesen werden? — Exp. Fischer: Beim Legen und Adjustiren müssen sie ein paar Tage zuschauen. Die Hauptsache ist, daß sie exact sind. Vorsitzender: Wie werden sie gezahlt? — Exp. Fischer: Ganz gleich. Sie bekommen fl. 4-80. Vorsitzender: Haben Sie eine Arbeitsvermittlung? — Experte Fischer: Nein. Gewöhnlich sind ein paar Mädchen, Verwandte von Arbeitern oder Arbeiterinnen, vorgemerkt. Die werden dann aufgenommen. Wir haben eine Tafel aufgesteckt: Heute werden keine Arbeiter ausgenommen. Bei uns findet kein Wechsel statt. Es kann höchstens vorkommen, daß eine Person, die einmal wegbleibt, ersetzt werden muß. Vorsitzender: Die Arbeiterinnen sind also zumeist schon längere Zeit bei Ihnen? — Exp. Fischer: 10, 15 und 20 Jahre. Wir haben fünf, sechs oder acht mit 20 Jahren, ebensoviel, die 15 Jahre da sind und 10 Jahre. Ich weiß mich nicht zu erinnern, daß eine weggegangen ist. Vorsitzer: der: Wie ist die Arbeitszeit? — Exp. Fischer: Wir haben seit ungefähr drei Jahren zehn Stunden, von 7 bis 12 Uhr und von 1 bis 6 Uhr. Vorsitzender: Haben Sie Ueberstunden? — Exp. Fischer: Nur wenn viel zu thun ist, wird von 6 bis 7 Uhr noch gearbeitet. Nachtarbeit haben wir nicht. Auch Hausarbeiten gibt es nicht. Vorsitzender: Und Pausen? — Exp. Fischer: Haben wir nicht. Früher bei der elsstündigen Arbeitszeit haben wir sie gehabt. Da sind die Leute gekommen und haben gesagt, sie verzichten auf die Jausen- zeit. Früher war in unserem Gewerbe eine ll'Zstündige Arbeitszeit eingeführt, nämlich elf Stunden factische Arbeitszeit und je eine Viertelstunde Frühstücks- und Jausenpause. Die Leute wollten nun eine zehnstündige Arbeitszeit, und ich habe gesagt, wir wollen's versuchen, wenn's geht, werden wir es durchführen. In den ersten Wochen und Monaten ist es recht gut gegangen. Sie haben in zehn Stunden factisch so viel fertiggebracht wie in elf Stunden. Später hat es nun wieder eingerissen, daß sich die Leute etwas holen ließen, und wenn man gesagt hat, sie wissen doch, daß das nicht erlaubt ist, so haben sie geantwortet, mein Gott, bei der Hitze muß man auch etwas trinken. Die Sache hat sich nun so eingerichtet, daß sich die Leute ihr Essen kommen lassen, ohne daß sie eigentliche Pausen machen, und ich gestatte es ihnen. Vorsitzender: Haben Sie Kündigung? — Exp. Fischer: Nein. Aber ich kann versichern, daß Niemand weggegangen ist und wir haben auch Niemanden weggegeben. 561 Vorsitzender: Haben Sie eine Fabriksordnung? — Experte Fischer (überreicht dieselbe»: Sie ist in der Fabrik asfichirt. Dr. Schüller: Ihr Betrieb ist einer von jenen, wo es sehr viel auf die Intelligenz der Arbeiter ankommt. Haben Sie nicht bemerkt, daß die Leute früher in elf Stunden nicht mehr zusammengebracht haben wie jetzt in zehn Stunden? — Exp. Fischer: Ja, namentlich im Anfang. Dr. Schüller: Sind Sie nicht überzeugt, daß sie, einen erhöhten Fleiß vorausgesetzt, in einer geringeren Arbeitszeit ebensoviel zu Staude brächten? — Exp. Fischer: Ganz bestimmt. Vorsitzender: Wird an Sonntagen gearbeitet? — Experte Fischer: An Sonntagen nicht, an Feiertagen von 7 bis 12 Uhr, aber nur wenn mehr zu thun ist. Vorsitzender: Wie wird der Lohn berechnet? —Exp. Fischer: Es ist Wochenlohn. Die Lohnverhältnisse sind nach meinem Begriffe keine günstigen; aber daran sind nicht wir Einzelne schuld, sondern die große Eoncurrenz, insbesondere in Böhmen. Die Mädchen bekommen im Anfang fl. 4-80, früher hatten sie fl. 4-50. Es waren immer nur fünf oder sechs, die diesen kleinen Lohn hatten. 18 Personen sind mit fl. 4'80, nämlich die beim Legen und Adjustiren, fünf mit fl. 5, vier mit fl. 5'20, fünf mit fl. 5'50 und eine mit fl. 5'80, eine mit fl. 6 und eine mit fl. 7'50. Die Qualität der Arbeiterinnen ist ziemlich gleich, die höheren Löhne sind nur nach der höheren Anzahl der Jahre. Oft leistet ein Mädchen mit fl. 4'80 ebensoviel wie irgend eine Andere. Beim Sengen hat eine fl. 4'80, die andere fl. 5-50. In der Bleicherei hat eine fl. 5'50, eine alte fl. 6'30. Bei den Trockenmaschinen sind vier zu fl. 4-80, eine zu fl. 5, eine zu fl. 5-50. Die zwei beim Hängen sind dabei. Vorsitzender: Ausgaben für Material haben sie nicht? — — Exp. Fischer: Nein. Für Ueberstunden bekommen die Mädchen 15 kr. Abzüge und Strafen gibt es nicht. Dr. Schüller: Müssen die Arbeiterinnen nicht ein bestimmtes Quantum fertigbringen? — Exp. Fischer: Nein. Dr. Schüller: Muß nicht ausgearbeitet werden? Geht das mit einer Stunde aus? — Exp. Fischer: Dann muß es halt auf den anderen Tag bleiben. Die Kunde schimpft dann, daß wir schlecht liefern, oder ich muß mir ein paar Leute nehmen; die sind in einigen Stunden abgerichtet. Vorsitzender: Gibt es Vorgesetzte? — Exp. Fischer: Bei den Männern. Bei den Frauen ist eine, mit der ich immer verkehre, das ist die, älteste, aber Einfluß auf die Anderen hat sie nicht. Vorsitzender: Wissen Sie, wie die Frauen sich ernähren? — Exp. Fischer: Die meisten sind in ihren Familien; es sind Frauen, deren Männer auch hier sind. Wir haben einen Arbeiter, der hat vier Töchter bei uns. Viel können sie nicht essen. Vorsitzender: Wird Mittags gesperrt? — Exp. Fischer: Ja. Vorsitzender: Wissen Sie, wohin die Mädchen da gehen? — Exp. Fischer: Fast alle haben ihre Verwandten. Nur zwei beim Haspeln haben keine Verwandten. Wie die sich ernähren, weiß ich nicht. Vorsitzender: Wie ist das Arbeitslocal? — Exp. Fischer: Die Räume sind bei uns als schön und luftig bekannt. Vorsitzender: Sind diese 35 Frauen in einem Raum? — Experte Fischer: Sie sind auf viele Räume vertheilt. Vorsitzender: Wie groß ist so ein Raum? — Exp. Fischer: Wir haben einen Saal, der ist größer als dieser hier. (Sitzungssaal der Handelskammer.) Da dürften 25 sein. Frauen-EnquZte. 36 562 Vorsitzender: Wie ist es mit den sanitären Anforderungen? — Exp. Fischer: Der Gewerbe-Jnspector hat schon darauf gesehen, daß wir Alles machen muffen. Ueberall ist gute, frische Luft. Vorsitzender: Wie sind die Aborte? — Exp. Fischer: Englisch. Vorsitzender: Wie wird gereinigt? — Exp. Fischer: Das macht der Hausbesorger und seine Frau. Es ist übrigens Wasserspülung. Vorsitzender: Wird gewaschen und geweißt? — Exp. Fischer: Gewaschen wird von einer Frau, die sonst nichts Anderes zu thun hat, als den ganzen Tag Fensterputzer:, Abstauben und Reinigen. Vorsitzender: Wenn die Frauen Mittags nach Hause gehen, können sie sich da waschen? — Exp. Fischer: Es sind Waschräume da, und außerdem ist in jedem Local ein Lavoir mit Seife und Handtüchern. Vorsitzender: Sind die Frauen meist ledig? — Exp. Fischer: Ich glaube. Vorsitzender: Sind sie versichert? — Exp. Fischer: Sie sind bei der allgemeinen Arbeiter-Krankencasse und bei der Unfallversicherung. Vorsitzender: Wissen Sie, ob die Arbeiter bei Fachorganisationen sind? — Exp. Fischer: Gewiß alle. Ich kümmere mich nicht darum. Vorsitzender: Wre ist es mit dem 1. Mai? — Exp. Fischer: Ich gebe ihnen den l. Mai frei. Vorsitzender: Zahlen ihn aber nicht? — Exp. Fischer: Ich habe im vorigen Jahre gesagt, sie möchten diese zehn Stunden in fünf oder zehn Wochen,' nach ihrer Bequemlichkeit, einbringen. Vorsitzender: Und haben Sie ihn gezahlt? — Experte Fischer: Ich Dr. Frey: Wie viel wird den Arbeiterinnen für die Kranken- und Unfallversicherung abgezogen? — Exp. Fischer: Ich glaube, das steht in der Fabriksordnung. Dr. Biezina: 7 kr. pro Woche. Baronin Vogelfang: Haben Sie auch die Erfahrung gemacht, daß die Arbeiterinnen schwerer zu regieren sind als die Männer? — Exp. Fischer: Bei uns gibt es überhaupt nicht viel Verdrießlichkeiten. Wenn Jemand nicht fleißig und folgsam ist, bekommt er eine Verwarnung. Ich glaube, es ist nur einmal vorgekommen, daß ein Arbeiter, der grob war, entlassen wurde. Von den Arbeiterinnen ist im vorigen Jahre eine entlassen worden. Die war ohne jede Veranlassung sehr frech. Baronin Vogelfang: Glauben Sie, daß sich ein Arbeiterausschuß als nützlich erweisen würde? — Exp. Fischer: Ich würde ihn ganz gerne sehen. Vorsitzender: Könnten Sie uns über andere Betriebe etwas mittheilen? — Exp. Fischer: Ich bin da sehr wenig informirt. Ich glaube, die Verhälrnisse werden so ziemlich die gleichen sein. In der Weiß- waarenbranche, wo der Strike der Spinnerinnen vorgekommen ist, werden die Verhältnisse wohl nicht so günstig sein, sowohl die Lohn- als auch die sanitären Verhältnisse. Ich habe aber darüber keine Erfahrung. Vorsitzender: Gibt es bei Ihrer Branche nicht kleine Geschäfte? — Exp. Fischer: Es gibt auch kleine Bleichereien. Die sind aber sehr unbedeutend. Ich glaube, da sind ganz geordnete Verhältnisse. Vorsitzender: Auch in Bezug auf die Arbeitszeit? — Experte Fischer: Es°ist jetzt überall die zehnstündige Arbeitszeit. Schluß der Sitzung 11 Uhr. 563 31. Sitzung, Freitag, 17. Npril 1896. Vorsitzender: Pernersiorfer. Beginn 7 Uhr 20 Minuten Abends. Expertin Nr. 144: Ich bin im Arsenal beschäftigt und habe die Patronen zu sortiren, das heißt die guten Patronen und den Ausschuß zu sondern. Ich bin seit dem Jahre 1885 im Arsenal, früher war ich in einer Patronensabrik, dort habe ich ebenfalls dieselbe Arbeit gemacht. Vorsitzender: In welchem Zustande kommen die Patronen zu Ihnen? — Exp. dir. 144: Die Patronen werden zuerst bei der Kopfpresse gearbeitet, da werden sie gepreßt; das Blech wird nämlich in die Schienen gepreßt, und es bilden sich Schalen. Diese werden ausgeglüht und kommen zu einer Maschine, wo sie gezogen werden und so immer größer werden. Das ist der sogenannte Zweierzug. Dann werden sie wieder ausgeglüht und kommen zum Dreierzug und von hier zur Maschine, wo die Kapseln gemacht werden. Dann werden sie wieder geglüht und kommen zum Viererzug. Endlich kommen sie zur Kopfmaschine, da werden die Köpfe gemacht. Nachdem sie auch bei der Conusmaschine waren, wo die Kugel hineinkommt, gelangen sie zu uns, um ausgesucht zu werden. Die guten kommen zur Preßmaschine, werden da gepreßt, kommen hinauf und werden nochmals untersucht und dann in Wr.-Neustadt gefüllt. Unsere Arbeit besteht nun darin, daß wir die Patronen anschauen und, wie gesagt, die guten von den schlechten sondern. Im ganzen Arsenal sind mit dieser Arbeit nur vier Frauen beschäftigt. Wir haben das ganze Jahr dieselbe Arbeit und müssen nur hie und da 14 Tage bis drei Wochen aussetzen. Aussetzzeiten von halben oder ganzen Tagen kommen nicht vor. Männer und Kinder sind dabei nicht beschäftigt. Arbeit nehmen wir nicht nach Hause. Die Arbeiterinnen stammen aus Arbeiterkreisen. Von den vier bei uns Beschäftigten sind drei verheiratet, die eine Ledige ist 23 Jahre alt. Man lernt das Sortiren sehr leicht, nur muß man ein gutes Auge haben. Wenn eine neue Arbeiterin kommt, so zeigt man ihr die Arbeit, aber Lehrmädchen haben wir nicht. Ich bin durch Recommandation zu der Arbeit gekommen. Ich arbeite von 7 Uhr Früh bis V 46 Uhr Abends, mit je einer halbstündigen Frühstücksund Jausenpause und einstündiger Mittagspause. Ueberstunden gibt es nur einmal im Jahre durch einige Wochen. Sonntag unv Feiertag wird nie gearbeitet. Wir haben 14tägige Kündigung. Das ist in der Fabriksordnung, die im Local angeschlagen ist, enthalten. Unser Lohn ist st. 5 63, dabei sind schon 15 kr. abgezogen, welche wir in die Krankenkasse zahlen. Die Unfallversicherung zahlt die Anstalt. Dieser Lohn bleibt das ganze Jahr der gleiche. Für Ueberstunden bekommen wir 10 kr. pro Stunde. Strafen und Abzüge kommen nicht vor und sind auch in der Fabriksordnung nicht vorgesehen. Im Arsenal schläft keine von den Arbeiterinnen. Zum Vorgesetzten haben wir einen Mann, einen Ofsicial, er ist Werksührer. Die Behandlung ist eine gute. Geschenke an denselben kommen nicht vor. Vorsitzender: Wie leben Sie Tags über ? — Exp. Nr. 144 : Wir essen in der Cantine, wo das Essen sehr schlecht ist. In der Früh nehme ich, wenn ich vom Hause weggehe, Kaffee mit, da ich so früh nichts essen kann, und trinke denselben erst um 8 Uhr, nachdem ich ihn gewärmt habe. Ein Gabelfrühstück nehme ich nicht, Mittags esse ich in der Cantine. Da kostet eine Mehlspeise 12 kr., Suppe 5 kr., Zuspeise 5 kr., Brot 2 kr. und ein Seidl Bier 4 kr. Wir müssen das gleich zahlen, Credit haben wir nicht. 36 * 564 Vorsitzender: Sie sagen, das Essen ist schlecht. Warum essen Sie denn dort? — Exp. Nr. 144: Es ist zu weit, anders wohin zu gehen. Einige Männer gehen in die Restauration zur Südbahn, aber für uns ist es dort zu theuer. Manchmal nehme ich mir auch vom Hause etwas mit. Vorsitzender: Beschreiben Sie uns Ihr Arbeitslocal. — Expertin Nr. 144: Das Arbeitslocal ist nicht schlecht. Es ist ein großes Zimmer zur ebenen Erde, mit fünf großen Fenstern. Wir arbeiten alle Vier an einem Tische, es sind aber im Zimmer noch andere Arbeiterinnen, welche Kapseln ausschlagen; im Ganzen zwölf. Das Zimmer wird jeden Tag gekehrt. Gerieben wird das ganze Jahr nicht. Die Reinigung besorgt eine vom Aerar bezahlte Person. Die Fenster putzen wir allein, und zwar immer am Samstag vor Ostern. Da hören wir um 10 Uhr Vormittags zu arbeiten auf und putzen bis 1 Uhr die Fenster. Die Wände werden abgestaubt und einmal im Jahre geweißt. Wir haben vier Aborte; die werden zweimal wöchentlich von einer vom Aerar honorirten Frau gereinigt. In dem Arbeitslocal essen wir nur Frühstück und Jause, zu Mittag müssen wir das Vocal verlassen. (Ueber Befragen.) Zur Jause esse ich Butterbrot und ein Seidl Bier. Ich komme um 7 Uhr nach Hause, koche da etwas und trage meinem in einer Spiritusfabrik beschäftigten Manne das Essen hin. Um 10 Uhr komme ich nach Hause und um 4 Uhr stehe ich schon wieder auf, koche Frühstück und für meinen Mann etwas zu essen. Vorsitzender: Wo wohnen Sie? — Exp. Nr. 144: In Simme- ring; wir haben eine eigene Wohnung im ersten Stock, bestehend aus Zimmer und Küche, und zahlen monatlich sl. 10 und 30 kr. Reinigungsgeld. Ich habe nur eine Tochter, die ist verheiratet und in guten Verhältnissen. Ich habe sonst für Niemand zu sorgen. Ich lese die „Arbeiter- Zeitung", aber daß es Niemand sieht. Ich gehöre dem Simmeringer Bildungsverein an. Dr. Schüller: Wenn in der Woche mehrere Feiertage sind, bekommen Sie da die ganze Woche bezahlt? — Exp. Nr. 144: Dreiviertel Tage werden bezahlt, ein Viertel wird abgezogen. Dr. Schüller: Nach Ihrer Angabe über das Essen in der Cantine würden Sie 28 kr. ausgeben. Kommt Ihnen das nicht zu theuer? — Exp. Nr. 144: Ich esse gewöhnlich entweder nur eine Suppe und Zuspeise oder nur Mehlspeise. Das Ganze kostet nur 12 bis 14 kr. Vorsitzender: Wie groß ist der Verdienst Ihres Mannes? — Exp. Nr. 144: fl. 36 monatlich. Dr. Frey: Was bekommen die anderen Arbeiterinnen im Arsenal als Lohn? — Exp. Nr. 144: Die bei den Maschinen — beim Zug 1 , 2, 3 und 4 — Beschäftigten, im Ganzen sind es 130 Frauen, bekommen sl. 6'64, höhere Löhne kommen nicht vor. Vorsitzender: Wie viel Patronen sortiren Sie täglich? — Exp. Nr. 144: Zusammen 66.000 bis 98.000 täglich. Das hängt davon ab, wie viel die Maschine macht; einmal mehr, ein anderes Mal weniger. Es kommen auf jede von uns Vier ungefähr 20.000 täglich. Dr. Schiff: Wie oft kommt es vor, daß drei Wochen oder 14 Tage ausgesetzt wird? — Exp. Nr. 144: Ein- bis zweimal im Jahre. Heuer waren wir drei Wochen zu Hause. Das ist gewöhnlich vor Ostern der Fall. Dr. Schiff: Haben Sie, als Sie in die Fabrik eingetreten sind, denselben Lohn gehabt wie jetzt? — Exp. Nr. 144: Nein, da habe ich fl. 4'68 gehabt. Wir hatten einen anderen Werkführer, und wenn Einer gut ist, so sagt er: „Die Leute kommen mit so wenig Lohn nicht aus", und so bekommen wir mehr. Dr. Schiff: Wann sind Sie gesteigert worden? — Exp. Nr. 144: Vor fünf Jahren, da haben wir einen anderen Werkführer bekommen. 565 Dr. Schiff: Kommen Ueberstunden häufig vor? — Exp. Nr. 144: Einmal im Jahr. Heuer und voriges Jahr sind Ueberstunden nicht vorgekommen. Dr. Schiff: Was geschieht, wenn Sie zu spät kommen? — Expertin dir. 144: Da müssen wir nach Hause gehen, außer wenn der Portier gut gelaunt ist, so läßt er uns nach drei, vier Minuten auch noch hinein, sonst verliert man einen halben Tag. Da wird der übliche Lohn abgezogen. Dr. Schiff: Machen Sie sich die Hände bei der Arbeit schmutzig? — Exp. Nr. 144: Ja, mit Grünspan. Dr. Schiff: Wie waschen Sie sich dieselben? — Exp. Nr. 144: Wir haben alle Vier ein Schaff und bekommen auch Seife und Fetzen, die wir uns selbst waschen. Dr. Schiff: Kommen Vergiftungserscheinungen vor? — Expertin Nr. 144: Nein, im vorigen Jahr war nur Eine an Bleikolik erkrankt. Dr. Schiff: Was bekommen Sie an Krankengeld? — Expertin Nr. 144: Wir sind in der allgemeinen Arbeiter-Krankencasse und bekommen fl. 4'20 wöchentlich. Dr. Schiff: Sie sagten, Sie lesen die Zeitung verstohlenerweise. Trauen nur Sie sich etwa nicht, oder sind schon Anstünde vorgekommen? — Exp. Nr. 144: Das nicht, aber ich traue mich nicht, auch die Anderen trauen sich nicht, obzwar der Werkführer, wenn er es sieht, nichts sagt. Beim Arbeiter-Bildnngsverein sind auch nur Acht, und die trauen sich auch nichts davon zu sagen. Dr. Schwab: Ihre Arbeit verlangt es, daß man sehr gut dazu sieht. Wann sangen denn Sie im Winter zu arbeiten an? — 'Expertin Nr. 144: Auch um 7 Uhr. Wir haben Gasbeleuchtung. Dr. Schüller: Was geschieht, wenn Sie die Anzahl der Patronen nicht fertigbringen? — Exp. Nr. 144: Da müssen wir uns Halt am nächsten Tag mehr tummeln und das einbringen. Dr. Frey: Haben Sie außer der verheirateten Tochter noch Kinder gehabt? — Exp. Nr. 144: Nein. Vorsitzender: Wir gelangen nun zur Vernehmung einer Expertin aus der G u m miwaaren - Branche. — Expertin Nr. 145: Ich bin in einer Gummisabrik beschäftigt, und zwar bei den Schweißblättern. Meine Arbeit besteht im Tricotstreichen und Spannen. Es sind 17 Männer und neun Mädchen beschäftigt, und zwar vier Mädchen beim Streichen, zwei beim Spannen; die anderen machen die übrige Arbeit. Für das Streichen haben wir eine Handmaschine. Der Stoff wird mit der Hand gedreht. Es läuft A eine nasse Schichte hinaus, wo der Benzin hinausdampft, und rückwärts wird das trockene Tricot ausgerollt. Die Streichmasse ist eine Mischung von Benzin und Gummi. Ein Mädchen dreht, zwei müssen das Tricot aufrollen, weil es sich einrollt, zwei sind vorn bei der Maschine und passen aus, daß die Masse gleichmäßig läuft. Wenn das nicht der Fall ist, so wird dieselbe mit einem Messer zurückgeschoben. Ich bin in dem jetzigen Betrieb über zwei Jahre. Früher war ich ebenfalls in einer Schweißblätterfabrik. Im Sommer ist Saison, im Winter stille Zeit. Wochenlang wird nicht ausgesetzt, außer wenn, wie es vorgekommen ist, der Kessel in Reparatur ist, sonst wird nur einen halben bis einen Tag ausgesetzt. Die Arbeiterinnen recrutiren sich aus Arbeiterkreisen. Lehrmädchen Haber wir nicht. Wenn eine neue Arbeiterin kommt, so wird ihr die Arbeit vorgezeigt. Sie erlernt es sehr rasch. Vorsitzender: Wie ist die Arbeitsvermittlung in Ihrer Branche? — Exp. Nr. 145: Mein jetziger Chef hat das Geschäft erst angefangen und hat mich aus meinem früheren Posten weggenommen. Vorsitzender: Wie lange ist Ihre Arbeitszeit? — Exp. Nr. 145 : Von 7 bis 12 und von 1 bis 6. Frühstücks- und Jausenpause haben wir keine, aber wir können ungestört essen. Ueberstunden, Sonn- und Feiertags- 566 arbeit kommen nicht vor. Die Kündigungsfrist ist achttägig. Das ist auch in der Fabriksordnung enthalten, die wir erst seit 14 Tagen haben. Dieselbe ist in Manneshöhe angebracht, so daß man sie ganz gut lesen kann. In die Hand bekommen wir keine und werden auch nicht aufgefordert, dieselbe zu lesen, aber wir interessiren uns selber darum. Vorsitzender: Haben Sie Zeit- oder Accordlohn? — Expertin Nr. 145: Wir haben Zeitlohn, nur die Mädchen beim Spannen haben Accordlohn. Ich habe fl. 8 wöchentlich. Das ist auch der höchste Lohn. Eine Mitarbeiterin, die mit mir zugleich hingekommen ist, hat ebenfalls fl. 8. Wenn eine Arbeiterin eintritt, bekommt sie fl. 4-20, dann fl. 4'80 und dann fl. 6. Zu unserer Arbeit haben wir kein Material beizustellen. Hausarbeit gibt es nicht. Auch kommen Strafen und Abzüge nicht vor, obzwar solche in der Arbeitsordnung vorgesehen sind, z. B. wenn etwas rninirt wird, gehen die in der Arbeitsordnung angeführten Strafen bis sl. 2. Eine solche Strafe ist aber noch nicht vorgekommen. Von den Arbeiterinnen wohnt Niemand in der Fabrik. Wir haben ein Fräulein zur Vorgesetzten. Die Behandlung von ihrer Seite ist ganz human. Geschenke weroen an dieselbe nie verabfolgt. Wir haben uns in dieser Richtung überhaupt nicht zu beklagen. Vorsitzender: Wo ist Ihr Arbeitslocal? — Exp. Nr. 145: Im ersten Stock. Das Arbeitszimmer hat acht Fenster mit gegenseitigem Lichte. Es sind darin sechs Mädchen, kein Mann. Es wird von einer Hilfsarbeiterin, die überhaupt überall mithilft, jeden Tag ausgekehrt. Die Fenster werden zu den großen Feiertagen geputzt. Die Wände sind seit zwei Jahren einmal geweißt worden; unter dem Jahre werden sie geputzt. Im Allgemeinen wird mehr gereinigt, wenn die Commission kommt. Vorsitzender: Was für eine Commission ist das? — Expertin Nr. 145: Es waren fünf, sechs, sieben Herren. Ich glaube, sie sind wegen der Schutzvorrichtungen gekommen. Vorsitzender: Das glaube ich nicht, denn da würde der Gewerbe- Jnspector allem kommen. Ich mache darauf aufmerksam, daß es uns wiederholt begegnet ist, daß diese Commissionen, die wahrscheinlich Bewillignngs- Commissionen sind, verwechselt werden > mit dem Gewerbe-Jnspector. — Exp. Nr. 145: Der Gewerbe-Jnspector ist doch in Uniform, der war mit. Vorsitzender: War er einmal allein dort? — Exp. Nr. 145: Nein. Diese Commission war meines Wissens immer dort, wenn etwas zugebaut worden ist, wenn ein neuer Kessel ausgestellt worden ist. Vorsitzender: Wie viele Aborte haben Sie? — Exp. Nr. 145: Für neun Frauen und 17 Männer haben wir einen Abort, und zwar keinen englischen, und ein Pissoir. Man kann oft nicht hinausgehen, sondern muß sich anstellen. Gerieben wird der Abort alle Samstag. Vorsitzender: Wird in dem Arbeitszimmer zu Mittag gegessen? — Exp. Nr. 145: Nein, es wird zugesperrt. Vorsitzend er: Ist die Mehrzahl der Arbeiterinnen ledig oder verheiratet? — Exp. Nr. 145: Ledig. Vorsitzender: Wie leben Sie tagsüber? — Exp. Nr. 145: Ich wohne zu Hause. In der Früh trinke ich Milch, die Semmel nehme ich mit und esse sie erst, wenn ich in's Geschäft komme. Zum Gabelfrühstück kaufe ich mir Butterbrot oder Bier oder Würstel. Das wird uns in's Local gebracht. Zu Mittag gehe ich mit einer Collegin zu ihr nach Hause, die wohnt nämlich in der Nähe. Da essen wir Suppe, Fleisch und Gemüse, an Freitagen haben wir Mehlspeise. Dafür zahle ich 25 kr. Zur Jause nehme ich entweder einen Wecken oder ein Krügel Bier. Abends esse ich zu Hause, was die Mutter gekocht hat, oder was vom Mittag übriggeblieben ist, entweder Mehlspeise oder Suppe oder Gemüse. Ich wohne bei meiner Mutter, der Vater lebt nicht mehr. Meine Mutter ist auch in Arbeit, sie geht in's 567 Waschen. Ihr Verdienst ist nicht gleich; durchschnittlich beläuft er sich auf fl. 6 bis 7 wöchentlich. Außerdem bezieht die Mutter eine Pension von st. 10 monatlich. Unsere Wohnung besteht aus Zimmer und Küche zu ebener Erde und kostet fl. 8. Ich habe noch eine ältere Schwester zu Hause, die besorgt die Wirthschaft. Ich bin in der allgemeinen Arbeiter-Krankencasse; für dieselbe wird uns 17 kr. wöchentlich abgezogen. Ich glaube, wir sind auch in der Unfallversicherung. Vorsitzender: Sie und Ihre Mutter leben zusammen? Geben Sie der Mutter eine bestimmte Summe von Ihrem Verdienst? — Expertin Nr. l45: Ich gebe der Mutter fl. 3, die anderen fl. 5 habe ich für meine sonstigen Bedürfnisse. Vorsitzender: Welcher Art sind diese? Machen Sie Vergnügungen mit, gehen Sie in's Theater? — Exp. Nr. l45: Selten. Ich bekomme manchmal Freikarten. Ausflüge mache ich sehr wenig. Einer Organisation gehöre ich bis jetzt nicht an. Ich lese die „Arbeiter-Zeitung", welche ich von einem Arbeiter bekomme. Dr. Schütter: Wie viel Lohn bekommen die Accordarbeiterinnen? — Exp. Nr. 145: Eine geschickte Arbeiterin kann sich fl. 8 verdienen. Dr. Schüller: Sie arbeiten mit Benzin. Kommen da nicht Unglücks- sälle vor? — Exp. Nr. 145: Das nicht, aber ein großer Gestank herrscht im Loeal, besonders wenn der Benzin schlecht ist. Vorsitzender: Haben Sie Ventilationsvorrichtungen? — Expertin Nr. 145: Wir haben zwar eine, aber die genügt nicht, und da müssen wir auf beiden Seiten die Fenster aufmachen, auch im Winter. Wenn uns da zu kalt ist, dürfen wir in ein anderes Zimmer gehen, um uns zu wärmen. Die Fenster bleiben zwei bis zweieinhalb Stunden offen. Dr. Schiff: Wie viel haben Sie auf dem früheren Posten verdient? — Exp. Nr. 145: Da waren wir im Accord. Ich war da bei den Patentgummiplatten. Das Loeal, wo gestrichen wurde, war sehr schlecht; es befand sich im Keller. Ich war nicht beim Streichen; wenn wir aber oben wenig zu thun hatten, oder wenn man Eine unten gebraucht hat, so sind wir hinunter zum Streichen. Ich war drei Jahre in diesem Geschäft. Dr. Frey: Was macht eine Plattenarbeiterin? — Exp. Nr. 145: Sie muß den Patentgummi zuschneiden nach einer Form und dann ver- kratzen, weil ein großer Theil und ein kleiner Theil zusammenkommen. Diese Arbeit wird nach dem Groß gezahlt. Für das Groß bekommt man fix und fertig 70 kr. Eine geschickte Arbeiterin kann täglich zwei Groß und noch mehr machen. Ich habe in der Saison fl. 10 bis 12 in der Woche verdient, sonst fl. 6. In diesem Geschäfte gah es auch Ueberstunden, eine Woche vor Ostern bis 10 oder 12 Uhr. Ob Bewilligung für die längere Arbeit eingeholt wurde, weiß ich nicht. An Benzingestank hatten wir da nicht zu leiden, weil wir für die Plattenarbeit ein Extrazimmer hatten. Dr. Schiff: Wie viele von Ihren jetzigen Colleginnen haben st. 4'20? — Erp. Nr. 145: Zwei, die sind jetzt neu hinzugekommen. Drei haben fl. 4-80, Eine hat fl. 6. Herrdegen: Wie Sie in dem früheren Geschäft waren, ist da nicht einmal eine Explosion erfolgt? — Exp. Nr. 145: Dort gab es einmal einen großen Brand. Ich war nicht mehr dort. Die zwei Fenster des Locales, welches im Keller liegt, waren sehr tief; es hat der Dampf des Benzins nicht hinaus können und es entwickelte sich durch das starke Drehen Elektricität, und so ist der Benzindampf explodirt. Eine Arbeiterin ist ganz verbrannt, eine ist jetzt noch ein Krüppel, andere wurden nur leicht verletzt. Auch wie ich dort war, ist ein kleiner Unfall vorgekommen; da sind in einem kleinen Zimmer bei offenem Feuer Platten getrocknet worden, daneben im Gange sind die Benzinflaschen gestanden. Eine ist ausgeschüttet worden und die Dämpfe haben zum Feuer hingezogen, und da ist auch eine Explosion 568 entstanden. Es sind aber nur die Thüren verbrannt, den Arbeitern ist nichts geschehen. In dem Betriebe, wo ich jetzt bin, ist Wasser und Sand in Vorbereitung da. Beim Trocknen, Aufrollen u. s. w. sind auch entsprechende Vorsichtsmaßregeln getroffen. Die Arbeitslocalitüten an meinem früheren Arbeitsort waren, wie gesagt, sehr schlecht. Sie waren finster und niedrig. Das Zimmer, wo neun Personen arbeiteten, hatte nur zwei Fenster und eine Thür. Im Ganzen waren dort zehn bis zwölf Personen beschäftigt. Gereinigt wurde mehr als in dem jetzigen Betriebe, und zwar von uns selbst, die wir in Accord waren. Die versäumte Zeit ist uns theils gezahlt worden, theils nicht. Wir haben da einen englischen Abort gehabt. Dr. Schiff: Was für Folgen hat der Benzingestank für die Arbeiter? — Exp. Nr. 145: Wenn Eine von Benzin recht berauscht ist, fängt sie zu weinen an. Das ist mir auch schon passirt. Wenn man hinunterging zum Streichen, so konnte man das eine Stunde aushalten. Dann konnten wir 10 bis 15 Minuten in den Hof gehen- In dem jetzigen Betriebe haben wir das nicht nothwendig, weil wir Ventilation haben. Erbrechen kommt nicht vor. Vorsitzender: Hat das auch auf die Augen irgend welchen Einfluß? — Exp. Nr. 145: Nein, aber der Geruchssinn schwächt sich. Dr. Ofner: Wie sind Sie in das frühere Geschäft gekommen? — Exp. Nr. 145: Die Directrice hat im selben Hause gewohnt wie ich, und die hat mich hingebracht. Wie die Anderen hingekommen sind, weiß ich nicht. Er hat früher Rüschen gearbeitet und hat die Mädchen von dieser Arbeit zu den Schweißblättern genommen. Dr. Ofner: Sie haben früher gesagt, das Essen wird Ihnen Vormittag in's Local zugebracht. Wer bringt das? — Exp. Nr. 145: Ein Mädchen, die fragt Jeden, was man will, und geht dann, das Eisen holen. Dr. Ofner: Wie verschaffen Sie sich Kleider und Wäsche? Kaufen Sie die auf Raten? — Exp. Nr. 145: Nein. Ich gebe der Mutter Geld, die legt es zusammen, und wenn ich was brauche, so kaufe ich mir es dann um baares Geld. Arbeitskleider mache ich mir selbst. Vorsitzender: Haben Sie in Ihrer Wohnung noch Afterparteien? — Exp. Nr. 1^15: Nein. Dr. Schiff: Sie machen sich ja mit dem Benzin die Hände unrein, wie waschen Sie sich da? — Exp. Nr. 145: Wir haben in jedem Local ein Schafs mit Wasser. Dr. Schiff: Aber im Gestank essen Sie doch? — Exp. Nr. 145: Das sind wir schon gewohnt. Dr. Schiff: Behalten Sie die Kleider, in denen Sie in die Fabrik kommen, bei der Arbeit an? — Exp. Nr. 145: Nein, wir bekommen vom Geschäfte Kittel. Für die Kleider haben wir einen eigenen Raum, und zwar nicht im Arbeitsraum, sondern ebenerdig. Das Umziehen nehmen wir im Arbeitsraume vor. Das Verhältniß zu den Arbeitern ist ein gutes. Wir sind nicht mit ihnen zusammen, denn wir sind oben und sie unten. Frau L-chlesinger: Wie lange dauert es, bis die Anfängerinnen zu einem höheren Lohn kommen? — Exp. Nr. 145: Drei bis vier Wochen, dann bekommen sie fl. 4'80. Vorsitzender: Wir schreiten nun zur Vernehmung einer Expertin aus dem Kreise der Handelsaugestellten. — Expertin Nr. 146: Ich war sechs Monate Handlungsangestellte bei einer Uniformirungsanstalt, bin aber seit August ohne Posten, bei meinen Eltern. Wir waren in jenem Geschäft drei Mädchen im Comptoir. Ich hatte die Correspondenz zu führen, Rechnungen zn schreiben u. s. w. Für Correspondenz in anderen Sprachen war ein anderes Fräulein da. Die Arbeitszeit dauerte im Winter von 8 Uhr Früh bis halb 8 Uhr Abends, mit einer eineinhalbstündigen Mittagspause, 560 im Sommer von halb 8 Uhr Früh bis 7 Uhr Abends, Frühstückspausen hatten wir nicht, haben aber ungestört essen können. Ueberstunden hatten wir nicht; wir sind aber nie präcise fortgekommen. Sonn- und Feiertag haben wir Vormittag bis 12 Uhr gearbeitet. In der letzten Zeit haben wir abwechselnd jeden zweiten Sonntag frei gehabt. Kündigungsfrist ist l-ltägig. Mein Gehalt betrug fl. 15 monatlich. Nach Hause habe ich keine Arbeit genommen. Im Comptoir war ein Buchhalter und ein Correspondent. Ersterer hatte fl. 90. Der Correspondent hatte, wie ich hingekommen bin, fl. 40, dann fl. 50. Abzüge und Strafen sind nicht vorgekommen. Gewohnt hat von den weiblichen Angestellten Niemand im Geschäfte. Meine Vorgesetzten waren die Chefs selber. Das Arbeitslocal war sehr schlecht. Es war ein mit einem Glasdach gedeckter Lichthos, sehr klein, ohne Fenster, wie ein kleines Cabinet. Es waren vier Schreibtische darin, auch der Chef hat da gearbeitet. Zusammen waren wir sechs Personen in diesem kleinen Locale. Zur Mittagspause sind wir fortgegangen. Das Local war auch nicht reinlich; es ifl nie regelmäßig gereinigt worden. Die Diener hatten immer andere Sachen zu thun. Unser unmittelbarer Vorgesetzter war der Chef selbst. Die Behandlung war keine gute. Er war zwar nicht grob, aber man durfte sich nicht dabei erwischen lassen, daß man gerade nichts macht. Man mußte sehr fleißig arbeiten. Die Angestellten waren alle ledig. (Ueber Befragen.! Meine Eltern sind Hausbesorger. Wir haben Zimmer und Küche zu ebener Erde, für dieselben zahlen wir nichts. Wie ich im Geschäfte war, habe ich nicht zu Hause gegessen, sondern unweit vom Geschäfte privat, und habe 30 bis 35 kr. für das Mittagessen gezählt, bestehend aus Suppe, Fleisch und Gemüse, hie und da auch Mehlspeise. In der Früh habe ich zu Hause Kaffee getrunken, zum Gabelfrühstück und znr Jause habe ich mir Wurstzeug holen lassen, oder zur Jause haben wir uns bei der Milchfrau, die im selben Hause war, Kaffee machen lassen. Abends habe ich zu Hause etwas Warmes oder Wurst gegessen. Die Anstellung habe ich durch einen Collegen von meinem Bruder — das war der Buchhalter — bekommen. Jetzt suche ich keine Beschäftigung. Vorsitzender: Gehören Sie einem Vereine an? — Exp. Nr. 146 : Ja, dem Vereine für kaufmännische Angestellte. Vorsitzender: Waren Sie in einer Krankencasse, als Sie im Geschäfte waren? — Exp. Nr. 146: Ja, in der allgemeinen Arbeiter- Krankencasse. Dr. Schriller: Schildern Sie uns Ihren Bildungsgang. — Exp. Nr. 146: Ich habe Volks- und Bürgerschule absolvirt, dann war ich drei Jahre zu Hause und habe ferner drei Jahre die Fortbildungsschule in der Weintraubengasse besucht. Ich kann auch stenographiren. Schulgeld hatten wir keines zu zahlen. Dr. Schriller: Welchen Gehalt haben Ihre Colleginnen gehabt? — Exp. Nr. 146: Wir hatten damals eine Cassierin, die hatte fl. 35, und ein Fräulein neben mir fl. 30. Als ich weg bin, hat jede von beiden um fl. 5 mehr bekommen. Der männliche Correspondent hat fl. 40 und später fl. 50 bekommen. Er hat zwar etwas mehr Arbeit gehabt, aber er hat nie länger gearbeitet als ich; ich war immer beim Fortgehen die Letzte. Dr. Schiff: Hatten Sie Aussicht auf Verbesserung Ihrer Stellung? — Exp. Nr. 146: Das weiß ich nicht, denn ich bin gerade vor Neujahr weggegangen, in Folge eines Streites mit meinem Herrn. Dr. Schiff: Was hat das Local für einen Boden gehabt? — Exp. Nr. 146: Einen gewöhnlichen Bretterboden. Die Oberlichten konnte man nicht öffnen, weil in den Lichthos Küchen mündeten, so daß ein großer Kochdunst in demselben herrschte. (Ueber Befragen.) Heizen hat man wohl können, aber die Wärme hat sich nicht halten können, weil zwei Thüren 570 waren und oben das Glasdach, wo immer Schnee lag. Es war immer kalt. Dr. Ofner: Haben Sie Waschvorrichtung gehabt? — Exp.Nr. 146: Ja, wir hatten ein Lavoir, Seife, und zum Abwischen hatten wir schmutzige Fetzen. Vorsitzender: Wir werden nunmehr Herrn Karl Weizmann, Obmann des Damen-Stenographen-Centralvereines, der über die Verhältnisse der weiblichen Angestellten genau iuformirt ist, als Experten vernehmen. — Experte Herr Karl Weizmann: Es wird vor Allem von Interesse sein, zu wissen, wie der Bildungsgang derjenigen weiblichen Personen beschaffen ist, welche in Bureaux, Comptoirs und in solchen anderen Branchen beschäftigt sind, die nicht als kaufmännische angesehen werden können. Jene Fräuleins, mit welchen ich als ihr gewesener Lehrer und als Obmann des hiesigen Damen-Stenographen-Centralvereines in Verkehr stehe, sind zum größten Theile an einer der größten hiesigen Handelsschulen, an welcher ich selbst als Lehrer der Stenographie unterrichte, ausgebildet worden. Ich verfolge aber auch den weiteren Lebenslauf der Mädchen, da ich öfter in der Lage bin, ihnen Empfehlungen an Comptoirs, Banken, Versicherungsanstalten rc. zu geben. Die Mädchen treten, nachdem sie die Volks- und Bürgerschule absolvirt haben, in die zweiclassige Handelsschule ein, nach deren Absolvirunq sie in der Regel vom Director der Anstalt in ein Comptoir, eine Bank, ein Bureau rc. empfohlen werden. Die Nachfrage nach weiblichen Kräften in solchen Stellungen ist in den letzten Jahren sehr gestiegen; ebenso nimmt aber auck die Zahl der Mädchen zu, welche sich derartigen Beruss- zweigen zuwenden. Die Zahl der Schülerinnen an der Handelsschule, an welcher ich thätig bin, beträgt über 300 in einem Schuljahre. Sie werden in allen kaufmännischen Fächern und in der Stenographie als obligaten Gegenständen unterrichtet. Nicht obligate Lehrgegenstände sind französische und englische Sprache. Die Mädchen sind nun in der Regel sowohl in den kaufmännischen Fächern wie auch in der Stenographie und in den Sprachen ausgezeichnet vorgebildet. Die Anstellungsverhältnisse sind aber im Verhältniß zu dieser Vorbildung sehr ungünstige. Ich habe einen weiteren Einblick in die Vorbildung der Fräuleins, welche die kaufmännischen Fortbildungsschulen absolvirt haben, nicht—ein solches Fräulein wurde eben vorher vernommen — ich glaube aber, daß die Ausbildung der Fräuleins, welche eine Handelsschule absolvirt haben, eine bessere und vertiestere sein wird. Im Verhältniß also zu ihrer Beschäftigung und dem, was sie zu leisten im Stande sind, ist die Bezahlung eine außerordentlich schlechte. Der Grund hiefür scheint mir vornehmlich darin zu liegen, daß die Concurrenz eine überaus große ist. Die Qualifikation der Mädchen ist insbesondere im Vergleiche zu der Qualifikation der männlichen Jugend in der gleichen Branche eine ganz ausgezeichnete. Der Grund dafür liegt auf der Hand. Der junge Mann, welcher begabt und fleißig ist, macht die Mittelschule durch, geht an die Hochschule und strebt eine höhere Stellung an. Das Mädchen aber, und wenn es noch so ausgezeichnet befähigt ist, weiß, daß, wenn es in einem Berufe thätig sein will, ihm nichts offen steht als eine untergeordnete Stellung in einem Comptoir, in einer Advocaturskanzlei oder m einem Bureau, und so haben wir hervorragend begabte Mädchen, welche mit sehr niedrigen Gehalten ausgezeichnet arbeiten, neben jungen Leuten männlichen Geschlechtes, die bedeutend schlechter qualificirt sind sowohl in Bezug auf ihre Befähigung als in Bezug auf ihre Kenntnisse. Dieser Vergleich drängt sich überall dort auf, wo man Gelegenheit hat. die Fräuleins nach ihrem Austritt aus der Handelsschule weiter zu beobachten. Ein krasser Fall, der die Sache sehr gut illustrirt, ist der folgende: Von Seite einer sehr großen hiesigen Versicherungs-Gesellschaft, mit deren leitenden Personen ich in diesen Dingen in Beziehungen stehe, ist vor einem halben Jahre an 571 mich das Ersuchen gerichtet worden, wie schon früher einige Male, junge Männer aus der Handelsschule zu empfehlen. Mehrere junge Männer waren auch über meine Empfehlung früher zu dieser Gesellschaft gekommen. Ich hatte aber immer Serupel, ob die Leute, die ich empfahl, auch entsprechend befähigt seien. Vor einem halben Jahre kam mir nun die Idee, den Herren zu sagen: Versuchen Sie es einmal mit weiblichen Angestellten. Eine Zeit lang bestand dagegen eine gewisse Abneigung, bis sich die Herren doch entschlossen, einen Versuch zu machen. Heuer ist nun das Eis gebrochen worden. Es wurde ein Fräulein aufgenommen, die durch ihre Leistungen so sehr befriedigte, daß in einer Abtheilung, in welcher früher fünf junge Männer waren, binnen wenigen Monaten vier junge Leute durch Fräuleins ersetzt wurden. Die Gesellschaft hat dabei die Gehalte nicht verringert. Die Leistungen dieser Fräuleins sind ganz unvergleichlich befiere als jene der jungen Männer, und es ist daher nicht zu verwundern, wenn der Status des männlichen Personals dort noch weiter reducirt werden wird. Dabei besteht aber immer die Gefahr, daß bei der bestehenden großen Concurrenz sich die Mädchen gegenseitig im Preise unterbieten, so daß sie unnöthiger- weise schlechter bezahlt werden, als es ihren Leistungen entsprechen würde. In dieser Beziehung ist wiederholt die Frage einer organisatorischen Zusammenfassung ventilirt worden. Allerdings stehen einer solchen Zusammenfassung verschiedene Momente hinderlich entgegen. Eine Zusammenfassung der Kräfte in den industriellen Betrieben scheint mir viel leichter möglich zu sein, als in dieser Branche. Die verschiedenen Kräfte zersplittern sich hierauf eine ungeheuere Anzahl von Comptoirs, Bureaux u. f. w. und scheinen mir insbesondere jetzt, wo die Sache sich noch im Anfangsstadium befindet, für eine Organisation noch nicht recht geeignet zu sein. Ich habe wiederholt versucht, einzelne Fräuleins zu veranlassen, sich der Enquete zur Verfügung zu stellen. Vier Fräuleins haben mir, nachdem ich ihnen den Zweck der Enquete auseinandergesetzt hatte, aus Eigenem die Zusage gegeben, hier zu erscheinen, haben aber diese Zusage wieder zurückgezogen, weil es ihnen ihre Eltern ausgeredet und ihnen gesagt hatten, sie hätten es nicht nöthig, vor die Oessentlichkeit zu treten. Uebrigens darf man sich nicht dem Irrthum hingeben, daß viele Mädchen, die sich in solchen Stellungen befinden, es nicht nöthig haben, einem Verdienst nachzugehen. Ich glaube, fast alle haben es nöthig, und man darf sich durch den äußeren Schein nicht blenden lassen. In sehr vielen Familien des sogenannten Mittelstandes herrscht, trotzdem sie sich mit dem Scheine einer gewissen Wohlhabenheit umgeben, thatsächlich Mangel, und es müssen Alle zur Bedeckung der Bedürfnisse der Familie mitwirken. Aus diesen Gründen scheint mir eine organisatorische Zusammenfassung außerordentlich schwer durchführbar zu sein, und es ist Thatsache, daß nur ein sehr kleiner Theil der Mädchen, welche im kaufmännischen Leben thätig sind, dem Vereine angehören, welchem die heute vernommene Expertin angehört. Die Verwendung der Fräuleins erfolgte bis vor Kurzem nahezu ausschließlich in Comptoirs, als Correspondentinuen, in der Buchhaltung u. s. w. Das Honorar in den kaufmännischen Betrieben ist , ein schlechtes. Erst vorgestern ist mir ein solcher Fall zur Kenntniß gekommen. Ein Fräulein, das die zweiclassige Handelsschule mit ausgezeichnetem Erfolge absolvirt hat, die Correspoudenz und Buchführung vollkommen beherrscht, eine vorzügliche Stenographin ist und auch tüchtige Sprachkenntnisse besitzt, ist in einen: Comptoir am Bauernmarkt mit fl. 15 monatlich angestellt. Sie erklärte, froh zu sein, daß sie das hat. Sie hat auch keine Aussicht, einen höheren Gehalt zu bekommen. Die Arbeitszeit währt gewöhnlich von 8 Uhr Früh bis 8 Uhr Abends mit einer Mittagspause von 1 bis l'.s Stunden. Von einem großen Confectionshause sind mir in Bezug auf die Arbeitszeit und die Honorirung außerordentlich ungünstige Taten bekannt. Es wird dort regelmäßig von V 28 Uhr Früh bis 8 oder 572 Vr9 Uhr Abends mit einer eineinhalbstündigen Unterbrechung zu Mittag gearbeitet. Die Arbeitszeit wird aber häufig bis 9 und OUO Uhr Abends verlängert, und in der sogenannten Saison, insbesondere um die Weihnachtszeit, wird durch eine Reihe von Tagen — ich glaube, es sind mehrere Wochen — auch bis 2, 3 und ' ,4 Uhr Früh gearbeitet. Die Mädchen müssen aber wieder um ^8 Uhr Früh auf ihrem Posten sein. Wenn diese Nachtarbeit eintritt, so wird um 8 Uhr eine halb- oder dreiviertelstündige Pause gemacht. Daß dies für die Mädchen aus den sogenannten guten Häusern — das Decorum muß ja gewahrt werden — außerordentlich peinlich ist, ist selbstverständlich. Andere Fränleius werden — und das nimmt in der letzten Zeit sehr zu — in Advocaturskanzleien als Stenographinnen beschäftigt. In einer hiesigen Advocaturskanzlei sind rasch nacheinander drei meiner gewesenen Schülerinnen als Stenographinnen engagirt worden. Ich muß aber mit Bedauern constatiren, daß auch da — ich spreche natürlich nur von einer Kanzlei, nicht mit sehr großer Coulance vorgegangen wurde. Bezüglich der ersten Candidatin, die in diese Kanzlei aufgenommen wurde und die ich durch die Vermittlung eines mir bekannten Abgeordneten empfehlen konnte, erhielt ich die Zusage, daß sie nicht mit einem geringeren Honorare als mit fl. 40 angestellt werden würde. Am Tage ihrer Aufnahme hatte ich Gelegenheit, sie zu sprechen, und sie sagte mir ganz erfreut: „Denken Sie sich, ich habe sl. 30 monatlich!" Nach dem Hergänge der Sache befragt, erzählte sie mir, der Doctor habe ihr gesagt: „Ich werde Ihnen fl. 30 geben, ist Ihnen das recht?" Sie ging darauf ein, denn ein monatliches Honorar von sl. 30 ist bei einem Mädchen schon sehr viel. In diese selbe Kanzlei sind nach ihr noch zwei andere Fräuleins gekommen. Ich glaube, es ist jetzt dort überhaupt kein anderer männlicher Kanzleibeamter als der Sollicitator beschäftigt. Ein nicht unbedeutender Theil der Mädchen ist in Banken, bei Transpörtanstalten und verwandten Instituten thätig. So hat z. B. die Länderbank eine ziemlich große Anzahl von Fräuleins angestellt, und es muß dieser Bank das Zeugniß ausgestellt werden, daß sie in Bezug auf die Honorirnng ganz anständig vorgeht. Die Gehalte bewegen sich zwischen fl. 40 und 50. Auch die staatliche Unfallversicherung beschäftigt eine ziemlich große Zahl von weiblichen Angestellten. Der Gehalt beträgt sl. 30. (Dr. Verkauf: Ist jetzt erhöht worden.) Ich habe aber gehört, daß der Stand reducirt werden soll. Der Andrang der Mädchen ist ein sehr großer. Es ist nur in der Anstalt mitgetheilt worden, daß die Zahl der Vorgemerkten eine sehr große ist, und es schätzt sich jede glücklich, wenn sie eine derartige Anstellung bekommt. Die Arbeitszeit ist eine ziemlich günstige, so nämlich von 04) bis 3 oder 4 Uhr Nachmittags. Bei der Versichernngs-Gesellschaft dauert die Arbeitszeit von ' <9 bis 0,4 Uhr. Das sind Anstellungen, nach welchen sich die bestqualificirten Mädchen sehnen, und wenn eine fl. 30 hat, so wird sie von ihren Colleginnen beneidet. Dr. Osner: Wie viel Gehalt haben die Mädchen in den Comptoirs ? — Exp. Weizmann: Es kommt nicht selten vor, daß der Chef den Mädchen sagt: „Vorläufig kann ich Ihnen nichts zahlen, ich muß erst sehen, was Sie leisten können." Dann bekommen sie oft nur fl. lO oder 15 monatlich. Ich bin darüber, daß die früher vernommene Expertin nur fl. 15 Gehalt hatte, gar nicht erstaunt. Das ist ja gar nicht selten. Dann kommt es auch vor, daß die Mädchen zu rein manipnlativen Arbeiten verwendet werden, zu denen jedenfalls eine solche Qualisieation, wie sie sie besitzen, nicht erforderlich ist. Was die probeweise Verwendung betrifft, so liegt darin eben eine große Ausnütznng der bestehenden Concurrenz. Die Leute könnten nach den vorgelegten Zeugnissen und nach einer zweistündigen Verwendung schon wissen, was ein Mädchen zu leisten im Stande ist. Ein Fräulein, welches seit mehreren Jahren in einem großen Comptoir in der Kohlmessergasse thätig ist, hat heute einen Gehalt von sl. 25. Das Fräulein 573 hat eine ausgezeichnete Qualifikation. Wenn man einen Comptoiristen daneben stellt, der, nachdem er vielleicht in der zweiten Gymnasialclasse durchgefallen ist und dann die Handelsschule absolvirt hat, mit einem Gehalte von fl. 20 und fl. 30 eintritt und nach zwei, drei Jahren fl. 40 und 50 hat, so ergibt das ein arges Mißverhältniß. Auch geben sich die Mädchen leider vielfach zu Arbeiten her, die einem besser vorgebildeten Mädchen nicht entsprechen, wie Auslagen Herrichten, Pulte abstauben u. s. w., und das geschieht nicht nur ausnahmsweise, sondern auch regelmäßig. Dr. Ofner: Können Sie uns etwas über die Sittlichkeitsverhältnisse mittheilen?— Exp. Weizmann: In dieser Richtung habe ich nichts gehört. Wenn da etwas vorkommt, so würden das wohl vereinzelte Fälle sein, denn die Mädchen sind so wohlerzogen und selbstbewußt, daß sie sich zu wehren wissen würden. Schluß der Sitzung 9 Uhr 35 Minuten. 32. Sitzung, Sonntag, 19. April, Vormittag. Vorsitzender: Vardorf. Beginn 9 Uhr 45 Minuten. Vorsitzender: Vorläufig sind wir nur in der Lage, eine Expertin aus der Strohhutbranche zu vernehmen, nachdem die als Expertinnen erschienenen zwei Telephonistinnen erklären, erst dann aussagen zu wollen, wenn mehrere von ihren Colleginnen hier erscheinen werden. — Expertin Nr. 147: Die Arbeit der Strohhutnäherinnen besteht darin, daß sie die Strohstreifen, welche aus geflochtenem Stroh bestehen, mit Hilfe einer Form aufnähen. Dann kommen die Hüte in die Appretur, dort sind Männer, dann in die Presserei, wo auch Männer sind. Dann sind die Hüte fertig und werden an die Modistinnen abgegeben. In der Strohhutfabrik, wo ich beschäftigt bin, sind in der Näherei zehn Frauen. In diesem Geschäfte bin ich seit zwei Jahren und seit zehn Jahren überhaupt schon beim Betriebe. Die Saison ist von December bis Pfingsten. Im December geht es noch sehr schwach. Die eigentliche Hochsaison ist vom Jänner bis jetzt. Nach Pfingsten haben wir gar nichts zu thun. Da müssen wir uns um einen anderen Erwerb umsehen. Wenn man nicht ein anderes Geschäft kann, so ist das allerdings sehr schwierig. Bei uns wird im Geschäft gearbeitet und auch außer Hause. Die Werkstätre besteht aus einem kleinen Zimmer mit zwei Fenstern. An Material müssen wir nur den Zwirn, den wir brauchen, selbst kaufen und auch die Nadeln. Den Zwirn müssen wir vom Herrn beziehen und verkauft er uns denselben viel theuerer als er ihn selbst in der Hand hat. Er bekommt eine Spule um 26 und 28 kr., und wir müssen sie mit 36 und 40 kr. bezahlen. Wir bekommen diesen Zwirn in keinem Geschäft, außer wir haben eine Anweisung vom Herrn. Die Spulen sind sehr groß. Es ist ein besonderer Zwirn, der nur für diese Zwecke gebraucht wird. Man braucht täglich mindestens eine Spule. In der Woche braucht man, je nachdem man ein gröberes oder feineres Geflecht zu verarbeiten hat, fünf bis acht Spulen. Die Arbeiterinnen sind meist aus besseren Kreisen und hängen eigentlich nicht von der Arbeit ab. Lehrmädchen haben wir in unserem Betriebe nicht, aber in anderen Geschäften kommen sie vor. Ein solches Lehrmädchen 574 muß zwei Jahre lernen. Manche Herren zahlen diesen Mädchen zwei, drei Monate nichts, dann fl. 2 bis 8 wöchentlich. Manche Herren zahlen aber nach drei Monaten den vollen Lohn. Außer der technischen Arbeit haben die Lehrmädchen nichts zu machen und nur selten Gänge. Sie werden anständig gehalten. «Ueber Befragen.» Die Arbeitszeit ist gewöhnlich von 8 bis 7 Uhr, in der strengeren Zeit bis 8 und auch bis 9 Uhr, namentlich von Jänner bis März werden Ueberstunden gemacht. Mittags haben wir eine Stunde Pause, Frühstück und Jause müssen wir während der Arbeit essen. An Sonntagen wird nie, an Feiertagen, nur wenn sehr dringend die Arbeit gebraucht wird, bis 12 Uhr gearbeitet. Die Feiertagsarbeit wird auch im Accord gezahlt. Wir haben 14tägige gegenseitige Kündigung. Die Arbeitsvermittlung geschieht durch Nachfrage. Wir haben zwar eine Genossenschaft, doch wird dieselbe fast gar nicht benützt. «Ueber Befragen.) Wir arbeiten im Accord und werden nach dem Stück Stroh bezahlt. Für grobes Stroh bekommen wir pro Stück 20 kr., für Bast auch 20 kr., für Börtelgeflecht L ioo Meter 25 kr. Bei einer zehnstündigen Arbeitszeit kann man vier bis fünf Stück zu 48 kr. fertigmachen, dazu brauchen wir eine Spule Zwirn L 38 bis 40 kr. und außerdem im Durchschnitt eine Nadel ä 7 kr. Andere Auslagen haben wir nicht. Dr. Schwiedland: Sie glauben, daß der Herr an einer Spule 10 kr. verdient? — Exp. Nr. 147: Wir wissen das bestimmt, denn wir haben die Rechnung gesehen. Dr. Schwiedland: Haben Sie Kenntniß darüber, wo das Stroh geflochten wird? — Exp. Nr. 147: Es kommt aus der Schweiz, aus Italien, Deutschland, China. Dr. Schwiedland: Wie viel Appreteure haben Sie? — Expertin Nr. 147: Drei. Dr. Schwiedland: Ist dies Nähen früher nicht von Männern besorgt worden? — Exp. Nr. 147: In Wien nicht, im Ausland Wohl. Wittelsh öfer: Ist das Maschinnähen sehr anstrengend? — Exp. Nr. 147: Bei Fnßbetrieb, wie z. B. bei uns, ja, es gibt aber in manchen Fabriken Dampfbetrieb. Diese Arbeit ist auch sehr ungesund, weil beim Nähen des Strohes sich ein großer Staub entwickelt. Dr. Ofner: Gibt es bei Ihnen während der Zeit, in welcher noch nicht ganz stille Zeit ist, in welcher aber nicht so viel gearbeitet wird, wie z. B. jetzt, ein Aussetzen? — Exp. Nr. 147: Das nicht, aber man muß oft zwei- bis dreimal im Tage eine halbe bis eine Stunde warten. (Ueber Befragen.) Entlassen werden die Arbeiterinnen erst zu Pfingsten und werden im Herbst erst wieder aufgenommen. In dieser Zeit werden die Filzhüte gemacht, wobei höchstens zwei bis drei Arbeiterinnen beschäftigt werden. Dr. Ofner: Gehören Sie auch einer besseren Familie an, so daß Sie sich während dieser Zeit nicht um irgend einen Verdienst umsehen müssen? — Exp. Nr. 147: Ich nicht, denn ich habe sechs Kinder und einen Mann, der wenig Arbeit hat. Ich mache in der stillen Zeit Cigarren- spitzen. Frl. Fickert: Wie viel Stücke vom billigen Stroh können Sie verarbeiten? — Exp. Nr. 147: Wenn Eine 12 bis 14 Stück verarbeiten soll, muß sich Eine schon plagen. Da braucht die Arbewerin mehr Zwirn, zu 14 bis 16 Stück zwei Spulen. Wir können uns aber die Arbeit nicht aussuchen, sondern der Manipulant theilt die Arbeit zu. Wenn nun dieser Einem gut ist, bekommt man die bessere Arbeit. Das hängt nicht von der Geschick- lichkeit ab. Dr. Ofner: Kommen in dieser Richtung Willkürlichkeiten vor? — Exp. Nr. 147: Bei uns bekommen die Einen lauter gute Arbeit, Andere haben gemischte Arbeit, wieder Andere lauter schlechte Arbeit. Witte lshöfer: Sie haben gesagt, daß die Arbeiterinnen, welche 5<5 schlechte Arbeit haben, weniger verdienen. Nun kann eine Arbeiterin entweder vier bis fünf Stück a 48 kr. oder zehn bis zwölf Stück L 20 kr. verarbeiten. Da wäre doch der Unterschied nicht so groß? — Exp. Nr. 147: Bei uns ist es so, daß die groben Näherinnen ausschließlich grobe Arbeit machen und sich fl. 8 bis 9 wöchentlich verdienen, während die besseren Arbeiterinnen sich nach Abzug sämmtlicher Materialien sl. 15 bis 16 verdienen. Vorsitzender: Wie ist es mit den Heimarbeiterinnen? — Expertin Nr. 147: Die Heimarbeiterinnen nehmen dieselbe Arbeit nach Hause, wie wir sie in der Fabrik machen. Zwirn bekommen sie vom Herrn, aber für die Abnützung der Maschine bekommen sie keine Entschädigung. Vorsitzender: Warum nehmen die Frauen Arbeit nach Hause? — Exp. Nr. 147: Es sind meist Frauen, die Familie haben und zu Hause kochen wollen, und dann, weil sie Abends arbeiten wollen. Vorsitzender: Wie viel solcher Heimarbeiterinnen haben Sie? — Exp. Nr. 147: Sieben. In der Saison verdienen diese mehr als die Fabriksarbeiterinnen. Wir verdienen fl. 10 bis 12, die Heimarbeiterinnen fl. 25 bis fl. 30. Der Unterschied ergibt sich dadurch, daß wir oft zwei bis drei Stunden auf Arbeit warten müssen, während die Heimarbeiterinnen immer eine größere Post auf einmal bekommen. Dr. Ofner: Wie oft kommt die Heimarbeiterin, um Arbeit zu liefern und zu nehmen? — Exp. Nr. 147: Zwei- bis dreimal täglich, auch alle zwei Tage, das hängt von der Größe der Partie ab, das Abliefern dauert eine Viertel- bis halbe Stunde. Wenn viele Mädchen da sind, dauert es oft zwei Stunden. Dr. Ofner: Nehmen Sie auch Arbeit mit nach Hause? — Expertin Nr. 147: Ich nicht, aber andere Frauen in der Werkstätte. Diese arbeiten dann bis 10, 11 Uhr und stehen um 5 Uhr Früh auf und arbeiten wieder bis 7 Uhr, worauf sie in's Geschäft gehen. In Folge dessen sind die Arbeiterinnen auch vielfach schwach, es kommen auch alle Augenblicke Uebligkeiten vor. Oft muß Eine auch ein bis zwei Tage in der Woche zu Hause bleiben. Dr. Ofner: Haben Sie Abzüge? — Exp. Nr. 147: Nein, auch nicht, wenn man zu spät kommt. Vorsitzender: Die Appreteure sind nicht mit Ihnen im selben Zimmer beschäftigt? — Exp. Nr. 147: Nein; das Zimmer, wo wir arbeiten, ist klein, es hat zwei Fenster, und es sind zehn Frauen darin beschäftigt. Es ist sehr wenig Platz darin. Wenn eine Arbeiterin an einer anderen vorüberkommt, so muß sie zu arbeiten aufhören. Es ist in allen kleinen Fabriken so, aber in den größeren ist es besser. (Ueber Befragen.) Gereinigt wird sehr schlecht. Gekehrt wird jeden Tag in der Früh nur wenig, gewaschen wird nicht. Die Ventilation besteht nur in zwei kleinen Blechtafeln, die sind aber durchaus nicht genügend. Ueber die Vorgesetzten können wir nicht klagen; Geschenke kommen nicht vor. (Ueber Befragen.) In unserem Geschäfte gehen die Arbeiterinnen in's Gasthaus. In anderen Betriehen leben die Arbeiterinnen oft nur von Kaffee allein. Ich und eine Frau essen zusammen; jede eine Suppe und Gemüse und zusammen ein Fleisch und ein Krügel Bier. So machen es auch die Anderen in unserem Betriebe, mit Ausnahme Derjenigen, die nach Hause gehen können. In dem früheren Betriebe haben die Mädchen meist von Aaffee gelebt und erst Abends zu Hause gegessen. Zum Gabelfrühstück esse ich um 3 oder 4 kr. Käse oder ein Paar Würstel; zur Jause haben wir meist Kaffee, den wir uns vom Hause mitnehmen und auswärmen. (Ueber Befragen.) Gekehrt wird das Local in der Früh vom Hausknecht; wenn wir in's Geschäft kommen, so müssen wir oft noch vor der Thür stehen und warten, bis der Hausknecht mit dem Kehren fertig ist. Gewaschen wird nicht, ebenso werden die Fenster nicht geputzt. Im Arbeitslocale schläft Niemand. Das Local ist eben- 576 erdig. Die Fenster gehen auf einen großen Hof. Der Abort ist schlecht. Er ist für Frauen und Männer nicht gesondert und wird fetten gereinigt. Vorsitzender: Bleibt über Mittag Jemand im Locale? — Expertin Nr. 147: In unseren! Betriebe nicht, nur die Zwischenmahlzeiten werden während der Arbeit gegessen. Dr. Osner: Sie haben gesagt, Sie hätten sich über den Vorgesetzten nicht zu beklagen, und doch wird die Arbeit verschieden den einzelnen Arbeiterinnen zugetheilt. Was bestimmt denn den Werkführer, einer bessere und einer anderen schlechtere Arbeit zu geben? — Exp. Nr. 147: Bei uns ist es so, daß mehrere Arbeiterinnen mit ihm sehr intim sind. Die bekommen eben bessere Arbeit. Ob sie ihm etwas zahlen oder Geschenke geben, weiß ich nicht. Eine von den Arbeiterinnen wohnt mit ihm im selben Hause. Die Arbeiterinnen sind meist Frauen. Wittelshöfer: Sind die Verdienstverhältnisse in dem früheren Betriebe ebenso wie die in Ihrem? — Exp. Nr. 147: In Dampfbetrieben verdient man mehr. Es kommen auch Löhne von st. 5 bis 6 vor, aber das erhalten nur die Anfängerinnen. Frl. Fickert: Wird während der Mittagspause gelüftet? — Exp. Nr. 147: Wenn die Arbeiterinnen das Fenster aufmachen wollen, so wird gelüftet, aber wenn sie es nicht machen, so wird nicht gelüftet. Vorsitzender: Kommen in Bezug auf Sittlichkeit Beschwerden vor? — Exp. Nr. 147: Nein; Männer und Frauen arbeiten räumlich getrennt. In der Werkstätte selbst, wo wir arbeiten, ist kein Mann beschäftigt. (Ueber Befragen.) Es sind mehrere Frauen und Mädchen bei uns. Im Allgemeinen sind sehr häufig Frauen beschäftigt. Wir haben zwar eine Organisation, aber es gehören nur sehr wenige Frauen derselben an. Es ist theils Mangel an Verständniß — sie sagen nämlich, das führt zu nichts — theils trauen sie sich nicht. Ein directes Verbot vom Chef haben wir nicht, aber er sieht es nicht gern. Wir sind in der Bezirks-Krankencasse und zahlen 43 kr. monatlich. Der Herr zahlt auch einen Theil. Unfälle kommen bei uns nicht vor, aber bei Dampfbetrieben. Ob die Arbeiterinnen in solchen Betrieben bei der Unfallversicherung sind, weiß ich nicht. (Ueber Befragen.) Wir bewohnen in Ottakring Zimmer und Küche und zahlen st. 8'50 monatlich. Wir sind fünf Personen. Mein Mann ist Metallschleifer. Er ist aber schon 63 Jahre alt, und mehr ohne Geschäft als im Geschäft, da ihm die jungen Kräfte vorgezogen werden. Ein Bub ist Eisendreherlehrling und bekommt st. 2'50 wöchentlich. Eine Tochter ist in einer Knopsfabrik und bekommt st. 4. Die anderen drei Kinder sind unmündig. Ein Bub geht in die Schule, ist l.3 Jahre alt, einer 6 Jahre, und eine Tochter im Alter von 26 Jahren ist ein Krüppel. Als sie 18 Monate war, hat sie Gehirn- höhlenwassersucht gehabt. Wittelshöfer: Was hat die in der Knopsfabrik beschäftigte Tochter für eine Arbeit? — Exp. Nr. 147: Sie ist bei der Presse und arbeitet Manschetten- und Hemdknöpse. Dr. Schwiedland: Sie haben gesagt, es wird nicht gerne gesehen, daß die Arbeiterinnen bei Organisationen sind. Woher wissen Sie das, und wie erfährt das der Chef? — Exp. Nr. 147: Die Colleginnen sagen es dem Werksührer und dieser dem Chef. Der Herr kümmert sich darum weniger, aber von den Colleginnen wird man gesrozzelt. Dr. Schwiedland: Wie viel verdienen Sie im Geschäfte in der schlechten Zeit? — Exp. Nr. 147: In der letzten Pfingstwoche verdiene ich st. 5 bis 7. Bei uns ist der Unterschied nicht so groß, aber in manchen Geschäften bei Dampfbetrieb verdient man in der Hochsaison st. 25 bis 30 und in der schlechten Zeit auch nur fl. 6 bis 7. Um den Verdienst von st. 25 bis 30, was aber nicht häufig vorkommt, zu erreichen, muß eine Arbeiterin zwölf Stunden arbeiten. Diejenigen, welche fl. 5 und 7 ver- 577 dienen, arbeiten auch so lange. Bei Dampfbetrieben ist es aber oft so, daß erst um 10 Uhr die Maschinen zu laufen anfangen und um 12 Uhr schon wieder aufgehört wird, Nachmittags von 2 bis 5 Uhr. Bei uns ist die Arbeitszeit aber gleich. Dr. Schwiedland: Woher kommt es nun, daß bei gleicher Arbeitszeit doch weniger verdient wird? — Exp. Nr. 147: Weil wir des Tages über längere Zeit auf Arbeit warten müssen. Dr. Schwiedland: Wie viel geben Sie für's Mittagessen aus? — Exp. Nr. 147: Gewöhnlich 50 kr. zusammen. (Ueber Befragen.) Die Volksküche wird nicht gerne besucht, weil das Essen nicht gut genug ist. Uebrigens ist die Volksküche auch etwas weit von uns gelegen, aber ich glaube, auch wenn sie näher wäre, würde man sie nicht benützen. Dr. Schwiedland: Wie viel Kinder haben Sie gehabt? — Exp. Nr. 147: Sieben, eines ist im Alter von 4'/s Jahren gestorben. Vorsitzender: Können Sie sich Unterhaltungen gönnen? — Exp. Nr. 147: Wenn einmal im Jahr ein Gründungsfest ist, gehe ich, sonst nicht, die Anderen können sich mehr erlauben, aber viel auch nicht, denn sie müssen sich etwas ersparen für die schlechte Zeit. Wie sie aber leben, ob und wie viel sie sich ersparen, weiß ich nicht. Dr. Ofner: Haben Sie sich nach der Saison einen gewissen Betrag erspart? — Exp. Nr. 147: Nein, wenn ich am Pfingstsamstag zu arbeiten aufhöre, muß ich am Dienstag wieder neue Arbeit suchen, damit wir etwas zu leben haben. Wir müssen in der schlechten Zeit Schulden machen oder gewöhnlich unsere Sachen versetzen. Der Betrag, den wir dafür geliehen bekommen, beträgt ungefähr st. 30 bis 40. Hauptsächlich fällt uns der Zins sehr schwer. Dr. Schwiedland: Wissen Sie, wie viel Zinsen Sie zahlen? — Exp. Nr. 147: Ungefähr zehn Percent monatlich. Dr. Schwiedland: Wer liefert Ihnen dieZugehöre zu den Cigarren- fpitzen? — Exp. Nr. 147: Die kaufe ich selber, mache die Spitzen fertig und verkaufe sie an Trafiken L lOO Stück im Preise von 26 bis 35 kr., je nach der Qualität des Papiers. Die braunen und weißen kosten a 100 Stück 26 kr., die färbigen 35 kr. Wir können, wenn wir fleißig sind — es helfen mir nämlich die Kinder bei dieser Arbeit mit — im Tage 1000 Stück machen. Die Auslagen für 100 Spitzen L 26 kr. betragen 16 bis 18 kr. Zum Verkaufen von 1100 bis 1600 brauche ich oft einen halben Tag. (Ueber Befragen.) Im Winter arbeiten die Kinder die Cigarrenspitzen nicht, da sie es allein nicht machen können und ich dazu keine Zeit habe. Dr. Schwiedland: Wie lange arbeiten Sie, um 1000 Stück fertig zu bringen? — Exp. Nr. 147: Das kann man nicht genau bestimmen. Wir fangen um '^7 Uhr Früh an und arbeiten bis 6 Uhr Abends. Pausen machen wir keine. Nach 6 Uhr gehe ich die Spitzen verkaufen. (Ueber Befragen.) An Sonntagen muß ich zusammenräumen, flicken u. s. w. Ausflüge machen wir sehr wenig, höchstens gehen wir in's Liebhartsthal. Vorsitzender: Ich danke der Expertin für ihre Aussagen. Da die beiden Fräuleins, welche von dem Telephonamte hier sind, auf ihrem eingangs der Sitzung ausgesprochenen Standpunkte verharren und weitere Expertinnen nicht erschienen sind, schließe ich die Sitzung. Schluß der Sitzung 11 Uhr 20 Minuten. Frauen-EnquSte. 37 578 33. Sitzung, Sonntag. 19. Upril, Nachm. Vorsitzende: Baronin Vogelfang. Beginn 3 Uhr 15 Minuten. Expertin Nr. 148: Ich war Handlungsangestellte in einem Wäschegeschäft, bin aber seit zwei Jahren nicht mehr dort. Wir waren in der gewöhnlichen Zeit ungefähr 12 bis 15 Damen und ebensoviel Herren. In der Saison erhöhte sich die Zahl der Damen aus circa 20, und wurden außerdem zehn bis zwölf männliche Hilfsarbeiter hinzugenommen. Von diesem gesammten Personale waren etwa zehn im Comptoir beschäftigt. Die weiblichen Angestellten gehörten durchwegs dem Mittelstände an und waren Töchter von Beamten, Kaufleuten und Lehrern. Lehrmädchen gab es dort nicht. Es gab keine Arbeitsvermittlung, sondern man ist durch Protektion oder auch durch die Zeitungen hingekommen. Ich war bei der „Manipulation" beschäftigt. Mir wurden Aufträge von der Correspondenz übermittelt, und ich habe diese Bestellungen effectuirt, indem ich die Waare an die Zwifchen- meister hinausgab, sie dann wieder übernahm, mit den Zwischenmeistern die Verrechnung und Auszahlung besorgte und die Waare dann zur Expedition ablieferte. Es waren Mädchen da, welche unter meiner Aussicht die von den Zwischenmeistern gelieferte Waare Partieweise zur Expedition zusammenstellten. Ich war sechs Jahre in diesem Geschäfte und hatte anfangs fl. 35 monatlich. Dieser Gehalt hat sich im Lause des ersten Jahres aus sl. 40 erhöht, später auf sl. 50 bis 60, und im letzten Jahre hatte ich fl. 70. Diesen Gehalt bezog ich das ganze Jahr hindurch und hatte außerdem kein Nebeneinkommen. Es wurden aber junge Mädchen aufgenommen, die nur fl. 5, 10 oder 15 Anfangsgehalt bekamen. Dies waren keine Lehrmädchen, sondern sie mußten eine entsprechende Vorbildung haben und aus besseren Kreisen sein. Die einfache Volksschulbildung genügte nicht. Diese Mädchen waren beiläufig im Alter von 16 Jahren. Ich war die höchste im Lohn; dann kam ein Mädchen, welches um fl. 10 weniger hatte und das speciell bei der Wäschemanipulation beschäftigt war, die übrigen Mädchen hatten etwa fl. 30 Gehalt und waren beim Zusammenstellen der Commissionen und beim Verkauf beschäftigt. Sie avancirten allmälig im Gehalt, jedoch nie höher als aus fl. 40. Drei bis vier Mädchen hatten nur fl. 5 bis 10, zwei bis drei nur fl. 15 Gehalt. Sie mußten dafür eine Handels- und Fortbildungsschule durchgemacht haben und Buchhaltung kennen. Abzüge und Strafen für das Zuspätkommen wurden nicht auferlegt. Bei den Verrechnungen und Auszahlungen unterliefen selten Irrthümer; da trug die Firma den Schaden. Dr. Biezina: Wurde der Lohn vom Chef freiwillig oder auf Ansuchen der Angestellten erhöht? — Exp. Nr. 148: Bei den Anfängerinnen wurde vorausbestimmt, daß sie nach einem halben Jahr um fl. 5 mehr bekommen ; später mußte man den Chef um eine Aufbesserung ersuchen. Der Lohn von fl. 70, den ich hatte, war eine Ausnahme, die Nächste hatte damals fl. 60, und diesen Gehalt bezieht sie heute noch. Die kaufmännische Vorbildung wurde bei den Meisten zur Bedingung der Aufnahme gemacht. Bei Jenen aber, welche durch Protection in's Geschäft kamen, hat man darüber hinweggesehen. Die eigentliche Geschäftszeit war von * 08 Uhr Früh bis 8 Uhr Abends, jedoch mußten wir regelmäßig bis 9 Uhr dort bleiben und in der Weihnachtszeit oft durch zwei Wochen ganze Nächte durcharbeiten, und zwar auch am Sonntag. In diesem Falle wurde alteruirt, indem die eine Hälfte der Angestellten um 10 Uhr nach Hause gehen konnte, die andere Hälfte bis zum Morgen im Geschäft bleiben und dann Nachmittags wieder kommen mußte. 579 Wir hatten eine Mittagspause von I 0/2 Stunden, welche derart eingehalten wurde, daß eine Hälfte von ^12 bis 1 Uhr, die andere von 1 bis 0-3 Uhr Mittagspause hatte. Nachmittags war keine Pause; wir mußten eben während der Arbeit etwas zu uns nehmen. Sonntagsarbeit kam nur zu Weihnachten vor, Feiertagsarbeit während der Weihnachten und dann vor Ostern, wo mehr für die Provinz zu thun ist. Ich war in diesem Geschäfte den ganzen Tag thätig und immer auf den Füßen. Wir hatten lltäqige Kündigung, immer am 1 . oder 15. des Monats. Dr. Ofner: Was bekamen Sie, wenn Sie mehr Arbeit geleistet hatten, zum Beispiel um die Weihnachtszeit? — Exp. Nr. 148: Gar nichts. Dr. Blezina: Bestand die 14tägige Kündigung beiderseits? — Exp. Nr. 148: Ja. Dr. Schwiedland: Hatte das Geschäft Detailkunden oder arbeitete es nur 6 n ssros? — Exp. Nr. 148: Es hat meist Kunden, die Wieder- verkäufer waren. Dr. Schwiedland: Sind im Hochsommer Entlassungen vorgekommen? — Exp. Nr. 148: Ja, es wurden vier oder fünf minder Qnali- ficirte entlassen. (Ueber Befragen.) Wenn wir Nachtarbeit hatten, bezahlte der Chef das Nachtmahl. Dr. Ofner: Wenn Mädchen entlassen wurden, wurden solche mit fl. 5 bis 15 oder auch solche mit höherem Lohn entlassen? — Exp. Nr. 148: Es wurden nur immer die Anfängerinnen, die man als minder tauglich befunden, entlassen. Dr. Ofner: Sind die in der guten Zeit wieder gekommen? — Exp. Nr. 148: Nein. Dr. Schwiedland: Wie war das mit der Nachtarbeit, von der Sie sprachen? — Exp. Nr. 148: In der letzten Saison, vor zwei Jahren, als ich dort war, hat eine Schicht von 4 Uhr Nachmittags bis den nächsten Tag um 10 Uhr Vormittags gearbeitet, also 18 Stunden, die andere Schicht von V 28 Uhr Früh bis 10 Uhr Abends, also 14 Stunden. Es wurde da in der Weise abgewechselt, daß man einmal mit der Tagesschicht, das andere Mal mit der Nachtschicht arbeitete. Ich muß hinzufügen, daß für diese Nachtarbeit einige Mädchen, und zwar nur sechs bis acht, eine Remuneration, bestehend in einem Schmuckgegenstand, erhielten. Vorsitzende: Wurden Sie von dieser Arbeit, bei der Sie fortwährend aus dm Füßen waren, nicht sehr müde? — Exp. Nr. 148: Ja. (Auf Befragen der Vorsitzenden.) Es hatte keine der Angestellten Wohnung oder Kost beim Unternehmer. Es wurden keine Geschenke an Vorgesetzte gemacht. Dem Chef wurde gelegentlich seiner Verheiratung ein Geschenk im Werthe von fl. 40 gegeben, wozu Jede freiwillig etwas beisteuerte. Die Minderbemittelten haben nur 20 kr. gegeben. Es wurde das übrigens vom Chef nicht angeregt; auch hätte die Ausschließung von dieser Sammlung keine nachtheiligen Folgen für die Betreffende gehabt, da man nicht den Anschein erwecken wollte, daß man die Leute zum Geschenkemachen zwingen wollte. Der Chef hat sich seinerseits dafür in der Weise revanchirt, daß er ein sogenanntes Festmahl dem Personal gegeben hat. Das Arbeitslocal war früher im ersten Stockwerk, später im Parterre gelegen. Es war ein geschlossener Glashof, in den das Licht von oben hineindrang. Es war sehr hell. Es war auch eine Anzahl von Mädchen im Souterrain beschäftigt. Dort war es im Winter recht kalt, im Sommer war es wieder oben sehr heiß. Im Arbeitslocal befand sich eine Ventilationsvorrichtung. Im Souterrain waren zwei, im Parterre ein Abort, welche entsprechend gereinigt wurden. Das Local wurde täglich gekehrt und einmal im Monat der Fußboden gewaschen. Dies wurde von eigenen Waschweibern besorgt. Außer mir war noch ein männlicher Vorgesetzter. Der Herr, welcher anfangs diese Stelle hatte, war sehr grob und brutal. Später kam Einer, der sich den Mädchen 37 * 580 gegenüber besser benahm. Geschenke wurden ihm nicht gegeben; auch in Bezug auf die Moral waren in unserem Hause musterhafte Zustände, weil der Chef sehr streng darauf gesehen hat. Er hat Damen, bei denen er nur halbwegs gesehen hat, daß sie sich nicht entsprechend benommen haben, sofort weggeschickt. Es waren nur ledige Damen angestellt. Ich habe zu Hause bei meinen Schwestern gewohnt, da die Eltern nicht hier sind. Unsere Wohnung besteht aus Zimmer, Cabinet, Vorzimmer und Küche. Ich gehörte damals dem Verein kaufmännischer Angestellter an. Wir waren anfangs Alle bei der Krankenkasse, und da wollte der Chef. daß wir einen Bogen unterschreiben, daß man im Krankheitsfälle auf den Gehalt verzichte. Da habe ich es nun durchgesetzt, daß wir beim Gremium der Wiener Kaufmannschaft versichert wurden. Dr. Ofner: Sie selbst waren ja wohl in guten Verhältnissen; was wissen Sie aber über die Verhältnisse Derjenigen, die nur st. 5 bis 15 Gehalt hatten? — Exp. Nr. 148: Es waren auch Mädchen aus besseren Familien, welche nicht lediglich auf den Gehalt angewiesen waren. Genaue Kenntnisse über ihre Verhältnisse habe ich nicht. Exp. Weizmann: Ich möchte noch Folgendes zu meinen Depositionen vom Freitag nachtragen. Ich habe damals auch über Anstellungen bei Versich erungs-Gesellschaften gesprochen und möchte nunmehr in Folge einer Mittheilung, die ich gestern von kompetenter Stelle erhielt, ein etwas günstigeres Bild von einer hiesigen Lebensversiche^ungs-Anstalt vorführen. Dort sind neun Damen beschäftigt, welche mit einem monatlichen Gehalt von st. 30 engagirt werden, deren Gehalt dann von Jahr zu Jahr um st. 5 steigt und die, wenn sie einen Monatsgehalt von st. 50 erreicht haben, als Beamtinnen mit einem Quartiergeld angestellt sind, also ein Definitivum mit einer Altersversorgung genießen. Die Anstalt ermöglicht außerdem diesen besser bezahlten Fräuleins, welche st. 50 Gehalt haben, durch häusliche Arbeiten einen Nebenverdienst, so daß sie, wie mir mitgetheilt wurde, st. 800 bis 900 jährlich verdienen. In Brünn hat die Anstalt eine Filiale, deren Leiter derzeit durch ein Fräulein vertreten wird, welches st. 600 Gehalt, fl. 100 Zulage und fl. 120 Quartiergeld bekommt. Der Director der Anstalt wünscht allerdings, daß der Name der Anstalt nicht publicirt werde, weil er sonst einen allzu großen Andrang von Bewerbern fürchtet. Dr. Adler: Was für häusliche Arbeiten haben diese Angestellten zu leisten, und wie lange sind sie damit zu Hause beschäftigt? — Experte Weizmann: Sie bekommen Bureauarbeiten nach Hause; wie lange sie damit zu thun haben, weiß ich nicht. Dr. Adler: Wäre es Ihnen nicht möglich, eine von diesen Damen herzubringen? — Exp. Weizmann: In dieser Richtung habe ich sehr unangenehme Erfahrungen gemacht. Ich habe eine Liste von neun Expertinnen vorgelegt, von welchen blos vier hier erschienen sind. Die Mädchen sind eben dazu kaum zu bewegen, hier auszusagen. Dr. Adler: Sie begreifen, daß diese Angaben sehr an Werth verlieren, wenn die betreffenden Beamtinnen nicht hier sind. Dr. Schwiedland: Welches ist die Qualifikation dieser Beamtinnen? — Exp. Weizmann: Absolvirte Bürgerschule und zwei Jahre Handelsschule. Die eintretenden Mädchen sind 16 Jahre alt. In der Handelsschule lernen die Mädchen in der Regel auch Sprachen, wiewohl der Unterricht in denselben nicht obligat ist; aber in den Versicherungsanstalten werden Sprachkenntnisse gewöhnlich nicht als Bedingung der Ausnahme verlangt. Vorsitzende: Es folgt die Vernehmung einer weiteren Expertin. — Expertin Nr. 149: Ich bin Stenographin in einer Advocaturskanzlei. Ich bin geprüfte Lehrerin der Stenographie, übe aber diesen Beruf nicht aus. In der Kanzlei ist außer mir gewöhnlich noch eine Dame, jetzt aber 581 bin ich seit zwei Monaten allein nnd muß den Dienst der anderen Dame und noch den eines Herrn verrichten. Die Kanzleistunden sind von 9 bis 1 Uhr und von 3 bis 6 Uhr. Oft muß ich aber auch über Mittag arbeiten, wenn eine große Satzschrift fertiggestellt werden muß. Es sind außer mir in der Kanzlei noch fünf Herren angestellt. Ich bin durch Protection von der Schule aus, in welcher ich gelernt habe, in die Kanzlei gekommen, da ich beim Wettschreiben den ersten Preis erhielt. Es wurde mir von Seiten des Herrn, der mich in die Kanzlei gebracht hat, gesagt, daß ich st .40 bis 45 erhalten würde. In dieser Voraussetzung bin ich hingegangen, der Advocat hat mir aber erklärt: „Sie wissen ja, Damen werden nicht hoch bezahlt; man kann sie billig haben, ich kann Ihnen nur st. 25 geben." Darauf habe ich gesagt: „Das kann ich nicht thun," und so hat er mir dann st. 30 gegeben. Die andere Dame, welche dort arbeitete, bekam nur st. 25. Abschreibearbeiten werden meist an die Herren nach Hause gegeben; sie bekommen 30 kr. per Bogen. Wir Damen bekommen keine Schreibarbeit nach Hause, sondern der Chef sagt, wir sollen dieselbe lieber in der Kanzlei fertigmachen — und zwar nach den Kanzleistunden ; das ist für ihn praktischer. Man braucht, um einen Bogen in Extenso zu schreiben, '/? bis Stunden. Abzüge und Strafen kommen nicht vor. Auch nicht für verdorbenes Schreibmaterial. Dr. Ofner: Haben Sie, wenn Sie über Mittag schreiben, eine besondere Bezahlung? — Exp. Nr. 149: Nein, der Chef Pflegt das so aufzufassen, als ob das eine Gefälligkeit unserseits wäre; er bedankt sich dafür sehr liebenswürdig, aber entlohnt wird man nicht. Dr. Ofner: Wie viel Bogen müssen Sie ungefähr täglich schreiben? — Exp. Nr. 149: Es ist schon vorgekommen, daß ich täglich 16 bis 17 Bogen geschrieben habe. Da mußte ich zeitlicher in die Kanzlei kommen, über Mittag bleiben und Abends länger arbeiten, und ich habe dafür kein Extrahonorar bekommen. Gewöhnlich aber wird nur täglich das dictirt,. was ich in Currentschrift zu übertragen habe. Wenn es eine schwere Arbeit ist, muß ich erst ein Concept schreiben und es dann erst mundiren. Dr. Lode: Wie groß ist Ihre Leistungsfähigkeit in der Stenographie? — Exp. Nr. 149: 120 Worte in der Minute. Dr. Lode: Wird das auch gefordert? — Exp. Nr. 149: Es wurde bei der Ausnahme eine Fertigkeit von 90 Worten verlangt. Dr. L ode: Werden Ihnen auch nicht mehr dictirt? — Exp. Nr. 149 : O nein, viel mehr. Dr. Lode: Haben Sie nicht auch die Aufgabe, wie die Reichsrathsstenographen, freie Reden aufzunehmen? — Exp. Nr. 149: Nein, höchstens eine Information eines Clienten; aber der Chef dictirt sehr rasch; besonders wenn er ein Citat aus einem Gesetzbuch oder dergleichen liest, geht es rasend schnell. Dr. Biezina: Erfolgt da nicht, wie bei den Reichsrathsstenographen, von Zeit zu Zeit eine Ablösung? — Exp. Nr. 149: Nein; es ist einmal vorgekommen, daß ich vier Tage hindurch täglich die ganzen sieben Stunden stenographirt habe. Wenn ich dann aufgestanden bin, war ich fast krumm vom Sitzen und habe nichts gesehen. Die Hände haben mich geschmerzt. Es war das eine Satzschrift von 200 Bogen, und es war nur dann eine Pause, wenn der Advocat in einem Buch etwas nachgeschlagen oder sich eine Cigarette angezündet hat. Dr. Ofner: Es kommt wohl vor, daß Sie nichts zu stenographiren haben; müssen Sie dann abschreiben? — Exp. Nr. 149: Es wird schon immer eine Arbeit für uns gesucht. Es ist sogar vorgekommen, daß ich expensariren mußte. Dr. Schwiedland: Wann übertrugen Sie Ihre Stenogramme, als Sie sieben Stunden stenographirt hatten? — Exp. Nr. 149: Theils 582 nach den Kanzleistunden, theils dann, wenn der Chef mit dem Dictiren fertig war. Dr. Schwiedland: Wie lange sind Sie schon in der Kanzlei? — Exp. Nr. 149: Sechs Monate. Dr. Schwiedland: Und wie alt sind Sie, Fräulein ? — Expertin Nr. 149: 17 Jahre. Vorsitzende: Welches sind Ihre Arbeitsstunden? — Exp. Nr. 149: Es sind sieben regelmäßige Kanzleistunden, jedoch kommt es vor, daß ich neun Stunden und mehr arbeiten muß. An Sonn- und Feiertagen sind die Kanzleistunden von 10 bis 12 Uhr. Da ich die einzige Christin in der Kanzlei bin, wurde mir erlaubt, zu Weihnachten und Ostern auszubleiben. Es wurde keine Kündigungsfrist ausgemacht; sie soll, glaube ich, vierzehn- tägig sein. Dr. Ofner: Sind während der Zeit, wo Sie in der Kanzlei sind, keine Entlassungen vorgekommen? — Exp. Nr. 149: Ja, es wurde ein Mädchen entlassen, bei welchen der Chef Grund hatte, es momentan zu entlassen, und auch ein junger Mann, welchem aus l4 Tage gekündigt wurde. Dr. Ofner: Ist in der Kanzlei auch ein Concipient? — Expertin Nr. 149: Es war einer, jetzt ist er nicht mehr dort. Dr. Ofner: Wie betragen sich der Chef und die Herren in der Kanzlei Ihnen gegenüber? — Exp. Nr. 149: Der Chef ist äußerst höflich und hat auch dasselbe den jungen Leuten aufgetragen. Vorsitzende: Wie ist Ihr Arbeitsraum? — Exp. Nr. 149: Die Kanzlei ist sehr hübsch eingerichtet. Sie befindet sich im ersten Stock. Das Zimmer, in welchem ich arbeite, hat zwei Fenster und es sind zwei Personen darin beschäftigt. Lüftung und Heizung sind genügend und auch der Abort ist in Ordnung. Vorsitzende: Wie ist die Verköstigung? — Exp. Nr. 149: Wenn ich Vor- oder Nachmittags etwas zu mir nehmen will, kann ich es mir holen lassen. Ich wohne bei meinen Eltern. Mein Vater ist Staatsbeamter. Wir sind nur zwei Geschwister. Ich bin nicht in der Krankencasse. Der Solltet- tator hat mich gefragt, ob ich nicht eintreten will, ich weiß aber nicht, ob er mich schon eingeschrieben hat. Herrdegen: Haben Sie, bevor Sie in die Kanzlei eingetreten sind, auch schon einen Zwicker getragen? — Exp. Nr. 149: Ja. Herrdegen: Sind Ihre Augen seither schwächer geworden? — Exp. Nr. 149: Gewiß; beim Stenographiren ist es immer so. Herrdegen: Haben Sie genügende Beleuchtung, wenn Sie Abends arbeiten? — Exp. Nr. 149: Die beiden Schreibtische, welche wir Mädchen haben, stehen einander gegenüber, und in der Btitte ist ein Arm mir einem Auer'scheu Brenner. Bors itzender: Welche Beschäftigung hatten Sie früher? — Expertin Nr. 149: Ich war früher kurze Zeit Comptoiristiu in einem Weißwaaren- Un gro 8-Geschäft. Der Chef hat mich aus 14 Tage Probezeit aufgenommen. Die Arbeitszeit war dort von 918 bis 911 Uhr und von 2 bis 7 Uhr. In Wirklichkeit aber bis 9,9 Uhr. Ich habe anfangs die Strazza geführt, als aber der Chef sah, daß ich verwendbar bin, hat er mich zu allen möglichen Arbeiten verwendet. Als er sah, daß ich französisch kann, hat er mich zur französischen Correspondenz genommen. Als er dann weiter sah, daß ich auch englisch und böhmisch kaun, war ihm das auch sehr angenehm und er hat mich auch darin ausgenützt. Ferner hat er mich eincassiren geschickt; ich mußte den ganzen Tag herumlaufen, und wenn dann meine Arbeit unvollendet blieb, sagte er mir: „Gehen Sie nur fort, meine Tochter wird es schon machen." Diese aber machte nichts und ich mußte diese Arbeit des Abends verrichten. Ich bin z. B. im Sommer immer bis 9 Uhr im Geschäft 583 gewesen. Wenn Packete verschickt wurden, wußte ich mit der Factura hinuntergehen, die Stücke verlesen. Alle recommandirten Briefe auf die Post zu tragen, war auch meine Ausgabe. Für Ueberstunden habe ich keine Entlohnung bekommen. Nach den 14 Tagen Probezeit wurde ich aus Ueber- anstrengung krank und bekam für die 14 Tage nur fl. 7. Außer mir war keine Dame im Comptoir. Herrdegen: Welchen Bildungsgang haben Sie durchgemacht? — Exp. Nr. 149: Ich habe die Bürgerschule absolvirt und nebenbei Sprachstudien in Französisch und Englisch betrieben. Ueberdies spreche ich auch italienisch, böhmisch und deutsch. Auch habe ich Clavier gelernt. Nach der Bürgerschule war ich ein Jahr lang zu Hause und bin Vormittags in die Nähschule gegangen; Nachmittags hatte ich Sprachstunden genommen, hierauf war ich zwei Jahre lang in der Handelsschule Porges. Herrdegen: Was für ein Gehalt wurde Ihnen in dem Un ^ro8 Geschäft in Aussicht gestellt? — Exp. Nr. 149: Der Chef versprach mir nach der Probezeit fl. 25 bis 30. Exp. W e i z m a n n: Ich habe das Engagement dieses Fräuleins beim Advocaten, von welchem die Rede ist, vermittelt. Er hat sich durch eine Mittelsperson an mich gewendet. Mit Rücksicht daraus, daß das Fräulein zu den besten Stenographinnen gehört, die wir überhaupt haben, Sprach- kenntnisse besitzt, stylistisch außerordentlich gewandt und verwendbar ist, erklärte ich, daß das Fräulein kein geringeres Honorar als fl. 40 bekommen darf. Daraufhin wurden sowohl von der Mittelsperson als auch von dem Advocaten fl. 40 bis 45 Gehalt zugesagt. Nachträglich theilte sie mir aber mit, daß sie nur fl. 30 bekommt. Ich möchte noch beifügen, daß dieses Fräulein gleich zwei Anderen, die später vernommen werden, auf Grund ihrer Qualifikation vom Ministerium die ausnahmsweise Erlaubniß erhalten hat, die Staatsprüfung für das Lehramt der Stenographie an Mittelschulen abzulegen, eine Prüfung, der sich sonst Mittelschul- prosessoreu und Lehrer von Beruf unterziehen. Das Fräulein hat dieses Examen kürzlich mit ausgezeichnetem Erfolge abgelegt. Endlich ist von einem sehr geehrten Commissionsmitgliede die Frage gestellt worden, ob das Fräulein eine ähnliche Leistung zu verrichten habe wie sie von Kammerstenographen verlangt wird. Die Aufnahme von raschen Reden stellt allerdings größere Anforderungen an den Stenographen. Ich möchte aber bemerken, daß ein Kammerstenograph im Verlaufe einer Stunde nur fünf Minuten zu stenographiren hat. Dieses Stenogramm überträgt er in 25 Minuten und kann sich dann 1? Stunde ausruhen. Er braucht sich also lange nicht so anzustrengen wie Jemand, der längere Zeit, etwa eine Stunde lang, nach Dictat zu stenographiren hat und wären es auch nur 80 bis 90 Worte pro Minute. Eine solche Leistung würde auch einen Kammerstenographen sehr ermüden. Vorsitzende: Wir gelangen zur nächsten Dame. — Expertin Nr. 150: Ich bin auch in einer Advocaturskanzlei beschäftigt, und zwar von 9 bis 12 llhr und von 2 bis 7 Uhr. Ich bin jetzt zehn Monate dort und bin direct von der Handelsschule hingekommen, als einzige Dame in der Kanzlei. Meine Arbeit besteht im Aufnehmen von Stenogrammen, im Uebertragen und im Muudireu. Ich bin durch die Zeitung hingekommen, hatte von Juni bis Neujahr fl. 25 und jetzt fl. 30. Eine weitere Gehaltserhöhung ist mir nicht in Aussicht gestellt, eine Erhöhung der Einnahmen habe ich aber ziemlich oft durch Hausarbeit, welche per Bogen gezahlt wird, gewöhnlich sind es 30 kr. per Bogen. Der Chef macht aber mit mir eine Ausnahme und gibt mir 40 kr. Wenn ich sehr rasch schreibe, brauche ich für einen Bogen 30 bis 40 Minuten. Abzüge und Strafen kommen in der Kanzlei nicht vor. 584 Dr. Ofner: Welche Vorkenntnisse haben Sie? — Exp. Nr. 150: Bürger- und Handelsschule. Auch kann ich französisch, aber das wurde von mir nicht verlangt. Vorsitzende: Haben Sie Vor- und Nachmittags Zeit, einen Imbiß zu nehmen? — Exp. Nr. 150: Es ist zwar keine bestimmte Pause fixirt, aber ich höre für einige Minuten zu arbeiten auf. Vorsitzende: Haben Sie eine Kündigungsfrist?— Exp. Nr. 150: Ja wohl, 14 Tage. Dr. Schwiedland: Ist auch bei Ihnen eine solche Ausdehnung der Kanzleistunden üblich, wie wir das früher gehört haben? — Expertin Nr. 150: Ich habe noch keine Ueberstunden gemacht. Aber die Herren Stenographen und auch der Schreiber machen manchmal Ueberstunden und werden dafür separat bezahlt. Im Winter haben wir an Sonn- und Feiertagen nur bis 12 Uhr Kanzleistunden. Vorsitzende: Wie ist das Arbeitslocal bestellt? — Exp. Nr. 150: Ich arbeite in einem sehr schönen Zimmer im ersten Stock mit zwei Fenstern auf die Gasse, das Vocal ist hell, leidlich geheizt und im Sommer sehr kühl und angenehm. Der Abort ist im Vorzimmer. Dr. Schwiedland: Wie sind Ihre Wohnverhältnisse zu Hause? — Exp. Nr. 150: Ich wohne bei meiner Mutter. Mein Vater, der Schneidermeister war, ist gestorben. Ich habe sieben erwachsene Geschwister, ein Bruder ist verheiratet, alle Uebrigen wohnen bei der Mutter. Die Wohnung besteht aus zwei Zimmern, Vorzimmer. Küche und Cabinet und liegt im dritten Stock. Zum Essen gehe ich nach Hause. Wir haben gewöhnlich zu Mittag Suppe, Fleisch und Gemüse und ab und zu Mehlspeise. Meine Mutter hat kein Einkommen, aber wir acht Geschwister — drei Brüder und fünf Schwestern — verdienen Alle mit Ausnahme der Jüngsten. Die Schwestern haben zu Hause eine Schneiderei, die Brüder sind in Condition. Zu meiner Erholung gehe ich spazieren, mache Ausflüge, besuche das Theater. Ich bin nicht bei der Krankenversicherung, gehöre nur dem Stenographenverein an. Ich gebe meinen ganzen Gehalt der Mutter und bekomme ein Taschengeld. Dr. Ofner: Wie viele Bogen können Sie im Tag schreiben? — Exp. Nr. 150: In den gewöhnlichen Kanzleistunden zehn Bogen. Dr. Ofner: Wird Ihnen auch zugemuthet, daß Sie das Expensar führen? — Exp. Nr. 150: Wenn der Chef nichts zn dictiren hat, muß ich ebenso wie die frühere Expertin manchmal expensariren. Dr. Ofner: Ist außer Ihnen noch ein Stenograph in der Kanzlei, und was bekommt dieser? — Exp. Nr. 150: fl. 40. Dr. Ofner: Wie lange ist er schon dort? — Exp. Nr. 150: Zwei oder drei Monate. Dr. Ofner: Also kürzer wie Sie. War er vielleicht früher schon in einer Advocaturskanzlei? — Exp. Weizmann: Ich habe erfahren, daß der Chef des Fräuleins einen Stenographen aufnehmen wollte und ihm sofort fl. 40 angeboten hat. Die Qualification des Betreffenden steht weit unter der des Fräuleins. Trotzdem verlangt der Mann fl. 40 bis 45. Es kommt also nicht auf die Leistungsfähigkeit an, sondern es ist in dieser Branche einfach üblich, den Damen bedeutend weniger zu zahlen als den Herren. Dr. Schwiedland: Ich glaube doch nicht, daß der Advocat aus reiner Philanthropie dem Stenographen mehr zahlt. Warum nimmt er denn nicht ein zweites Fräulein auf? Dr. Ofner: Der Grund dürfte darin liegen, daß ein männlicher Stenograph, wenn es gerade noththnt, zu Gericht geschickt, zur Verrichtung von Tagsatzungen und zu manchen Leistungen verwendet werden kann, wozu ein Fräulein nach unseren gegenwärtigen Gesellschaftsverhältnissen nicht 585 verwendbar ist. — Exp. Nr. 146: Wir Mädchen können eben zu dergleichen nicht verwendet werden; wir können ja keine Substitionsvollmacht bekommen. Expertin Nr. 151: Ich bin in einemModewaaren-Ln ^ros-Geschäft als Adjustirfräulein beschäst'gt. Mein Anfangsgehalt betrug fl. 10; als aber der Chef sah, daß ich mich zum Verkauf eigne, hat er mich zum Lager genommen, und heute, nach dreijähriger Thätigkeit, verrichte ich die Arbeit eines Commis, bediene die Kunden und stelle die Commissionen zusammen. Jetzt vertrete ich die Stelle eines Commis, der eingerückt ist. Vor drei Jahren war ich die einzige Dame in dem Geschäft, jetzt ist ein zweites Mädchen mit fl. 10 Anfangsgehalt, gleichfalls als Adjustirerin, hinzugekommen. Mit der Zeit wird wahrscheinlich der Chef mich durch dieselbe ersetzen, da ihm mein Gehalt zu hoch sein dürste. Es sind in dem Geschäft zehn Männer. Mein Vater war Geschäftsführer, ist aber jetzt in Folge von Krankheit zu Hause. Ich habe die Handelsschule und einen Fortbildungs- cursus absolvirt. Von meinen Schwestern ist die eine Schneiderin und die andere Weißnäherin. Der Vater besonderen Fräuleins gehört ebenfalls dem Kausmannsstande an, er ist Agent. Es werden überhaupt in den Geschäften nur Mädchen aus besseren Kreisen genommen. Es werden keine Mädchen engagirt, die nicht gut gekleidet sind, und in den Annoncen heißt es immer: „Mädchen, bei den Eltern wohnend", erstens wegen des Gehaltes und zweitens wegen der Anständigkeit. Auch ich bin durch die Zeitung in's Geschäft gekommen. Als ich aus der Handelsschule austrat, war ich ein ganzes Jahr Postenlos. Ich wollte nämlich als Comptoiristin gehen und habe keinen Posten gefunden. Dr. Schwiedland: Es besteht ja eine Arbeitsvermittlung im Gremium der Kaufmannschaft, im kaufmännischen Verein und im Verein für Handelsangestellte? — Exp. Nr. 151: Das habe ich damals nicht gewußt. Heute bin ich schon Angehörige des Gremiums. Dr. Schwiedland: Wie viel Bewerberinnen haben sich damals auf Grund der Annonce Ihres Chefs eingestellt? — Exp. Nr. 151: Sehr viele, es war in der Früh ein so großer Andrang, daß man eigens die hölzerne Treppe, die zum Geschäfte führt, reinigen lassen mußte, weil damals regnerisches Wetter war. Da nun zu Viele gekommen sind, hat man einfach dieselben weggeschickt. Ich bin zufälligerweise später gekommen, erst um 11 Uhr, und so hat man mich aufgenommen. Dr. Ofner: Was haben Sie in der Fortbildungsschule gelernt? — Exp. Nr. 151: Wir hatteu Deutsch, kaufmännisches Rechnen, Buchhaltung rc. Nachher habe ich noch die Handelsschule absolvirt. Dr. Ofner: Sie sagten, daß Sie befürchten, daß das andere Fräulein Sie von Ihrer Stelle verdrängen wird? — Exp. Nr. 151: Ich fürchte eben, daß jener Gehalt dem Chef zu hoch werden und daß er mich in Folge dessen durch die andere Dame ersetzen wird. Ob das eintreten wiro, dafür habe ich keinen bestimmten Anhaltspunkt. Vorsitzende: Wurden Sie auch zu Gängen verwendet? — Expertin Nr. 151: Wenn der Geschäftsdiener zu viel zu thun hat, müssen wir auch die leichteren Packete besorgen. Dr. Schwiedland: Haben Sie Winter und Sommer das gleiche Honorar? — Exp. Nr. 151: Ja. Die Arbeitsleistung ist aber im Sommer etwas gerinqer als im Winter, ausgesetzt wird aber nie. Vorsitzende: Müssen Sie Ueberzeit machen? — Exp. Nr. 151: Die gewöhnliche Arbeitszeit ist von 8 Uhr Früh bis 8 Uhr Abends in anderen Un §ro8-Geschäften kommt es oft vor, daß bis 9 Uhr gearbeitet wird, ohne daß die Mädchen dafür Extrahonorare bekommen. Mein Anfangsgehalt betrug fl. 10, nach einem halben Jahr bekam ich fl. 15 und so stieg ich allmälig bis auf mein jetziges Honorar: fl. 35. Theils habe ich eine Erhöhung verlangt, theils hat sie mir der Chef selbst be- 586 willigt. Die Collegirp an deren Stelle ich getreten bin, hatte fl. 40. (Auf Befragen.) Neujahrsgeschenke haben sich jetzt schon ganz aufgehört. Unsere Mittagspause dauert eineinhalb Stunden, und zwar derart, daß ein Theil früher, ein Theil später essen geht. Ich kann nicht nach Hanse gehen, weil ich zu weit wohne, und esse deshalb in der Stadt. An Sonn- und Feiertagen bin ich Vormittags regelmäßig beschäftigt, und zwar von ^9 bis 12 Uhr. Zu Ostern, Pfingsten und Weihnachten bleibt das Geschäft einen Tag geschlossen. Bezüglich der Kündigungsfrist ist bei uns nichts ausgemacht. Während der Zeit, da ich im Geschäft bin, wurde noch Niemand entlassen. Dr. Brezina: Bekommen Sie nicht, wenn Sie nach Hause gehen, noch Commissionen mit? — Exp. Nr. 151: Nein, aber während der Arbeitszeit muß man manchmal Gänge verrichten, z. B. zum Fabrikanten gehen und dergleichen. Keine der Angestellten hat beim Unternehmer Kost oder Wohnung. Das Arbeitslocal ist groß und hat sechs Fenster, welche über Nacht geöffnet bleiben, so daß eine genügende Lüftung vorhanden ist. Ventilationen sind keine da. Es wird täglich gekehrt, und zwar unmittelbar nach dem Aufsperren, bevor wir in's Geschäft'kommen. Zweimal jährlich wird ausgewaschen, Fenster geputzt u. s. w. Vorsitzende: Wie viel Personen find überhaupt in dem Geschäft ? — Exp. Nr. 151: 50. Dr. Schwiedland: Sie sagten, daß Sie den Verkauf an Kunden zu besorgen haben; was sind das für Kunden — Sie haben ja wohl nur ein En gros-Geschäft?—Exp. Nr. 151: Meist Zwischenhändler, welche die Waare weiterverkaufen. (Auf Befragen.) Eine Arbeitsordnung haben wir nicht. Vorsitzende: Wo wohnen Sie? — Exp. Nr. 151: Ich wohne im XVIII. Bezirk bei meinen Eltern. Ich gehöre der Krankencasse und dem Verein kaufmännischer Angestellter an. Dr. Schwiedland: Da Sie sehr weit wohnen, müssen Sie oft spät nach Hanse kommen. — Exp. Nr. 151: O ja. Dr. Schwiedland: Ist Ihnen das nicht unangenehm? — — Exp. Nr. 151: Gewiß, es läßt sich aber nicht anders machen. Ich komme manchmal um ^O, 9 Uhr nach Hause. Ich habe aber Colleginnen in anderen Geschäften, die noch später nach Hause kommen; von denen werde ich noch beneidet. Dr. Schwiedland: Welche Vortheile haben Sie aus der Mitgliedschaft in Ihrem Verein? — Exp. Nr. 151: Verschiedene; so werden Unterhaltungen veranstaltet, Unterrichtscurse u. dergl. Dr. Schwiedland: Ist das ein socialistischer Verein ? — Expertin Nr. 151: Ja. Dr. Schwiedland: Lesen Sie auch Fachblätter oder socialistische Zeituugen? — Exp. Nr. 151: Nein. Dr. Schwiedland: Sie gehen doch wohl in's Kaffeehaus oder Gasthaus essen? — Exp. Nr. 151: Ich gehe in's Kaffeehaus essen, weil das Gasthaus zu theuer ist. Dr. Schwiedland: Das scheint mir doch unzweckmäßig zu sein. Was bekommen Sie im Kaffeehaus? — Exp. Nr. 151: Nun, Kaffee. Dr. Schwiedland: Das ist wohl keine ausreichende Ernährung; was speisen Sie denn sonst? — Exp. Nr. 151: In der Früh trinke ich zu Hause Kaffee, Vormittags nehme ich ein Butterbrot, zu Mittag im Kaffeehaus Kaffee, Nachmittags wieder Butterbrot, und Abends esse ich, was mir meine Leute von Mittag zurückgelassen haben, nämlich Suppe, Fleisch und Gemüse. Dr. Schwiedland: Was machen Sie am Sonntag? — Expertin Nr. 151 : Da habe ich zu Hause zu thun. Wenn man die ganze Woche im Geschäft ist, hat man am Sonntag zu nähen. 587 Vorsitzende: Was geben Sie im Jahr für Kleidung aus? — Exp. Nr. 151: Das kann ich nicht genau sagen. Ich kaufe mir gewöhnlich den Stoff, und meine Schwester macht das Kleid. Im Geschäft muß man anständig gekleidet sein und jede zwei oder drei Monate ein frisches Kleid haben. (Dr. Hainisch übernimmt den Vorsitz.) Vorsitzender: Ich höre, daß die Expertin Nr. 150 früher in einem großen Modewaarengeschäft war. Möchten Sie die Freundlichkeit haben, uns darüber zu erzählen. — Exp. Nr. 150: Ich selbst war nicht in dem betreffenden Geschäfte und kann nur von einer Collegin mittheilen, was diese mir erzählte. Sie ist mit einem Anfangsgehalt von fl. 20 dort eingetreten. Es gab sehr viel zu thun, und wurden sogar die Nachtstunden dazu genommen. Sie war bei der Strazza. Speciell vor Weihnachten müssen die Mädchen von Früh an den ganzen Tag und die ganze Nacht arbeiten; dann haben sie ein paar Stunden Pause, und Vormittags müssen sie wieder anfangen. Meine Colleginn hat jetzt fl. 40 Gehalt, weil sie zum Beispiel in der Zeit vor Weihnachten bis 4 Uhr Früh arbeitet und dann um 11 Uhr Vormittags wieder im Geschäft sein muß. Auch zu Mittag kann sie nicht nach Hause gehen, weil nur eine Stunde Mittagspause ist. ^ Baronin Vogelfang: Hat Sie sich ein Augenleiden zugezogen, oder trägt sie Brillen? — Exp. Nr. 150: Sie trägt keine Augengläser, aber Sie sieht einfach schlecht und hat immer entzündete Augen. Baronin Vogelfang: Kommt das öfter vor, daß die Augen bei Ihren jungen Colleginnen verdorben werden? — Exp. Nr. 150: Ja wohl; auch meine Augen sind, seitdem ich im Geschäft bin, schlecht geworden. Baronin V o g e l s a n g: Wie alt sind Sie? — Exp. Nr. 150: 18 Jahre. Baronin Vogelfang: Seit wann spüren Sie, daß Sie schlechter sehen? — Exp. Nr. 150: Das habe ich schon gleich anfangs, wie ich erst 14 Tage im Geschäft war, wahrgenommen. Baronin Vogelfang: In der Fortbildungsschule hatten Sie doch auch viel zu lesen und zu schreiben; haben Sie da nicht die Augen geschmerzt? — Exp. Nr. 150: Nein. Herrdegen: Ist Ihnen nicht bekannt, daß Ihre Collegin für diese besondere Ueberanstrengung zu Weihnachten eine Entschädigung erhielt? — Exp. Nr. 150: Nein; nicht einmal ein Nachtmahl, gar nichts. Sie bekam blos ein Geschenk, nämlich den Stoff zu einem Kleid. Expertin Nr. 152: Ich bin seit ganz kurzer Zeit bei einer Versicherungs- Gesellschaft angestellt. Früher war ich durch acht Monate lang als Comptoiristin und Stenographin bei einem anderen Institute beschäftigt. Es waren in dem Bureau Männer und auch Mädchen. Der Oberchef ist zugleich Chef eines anderen Bureaus, so daß meist nur sein Stellvertreter bei uns war. Sonst war in dem Bureau noch ein Buchhalter, ein Fräulein bei der Schreibmaschine und ich. Ich bin durch Empfehlung zu dieser Stelle gekommen. Die Arbeitszeit war von 8 bis 12 und von 2 bis 7 Uhr. Wenn mehr zu thun war, mußten wir auch bis Z8 Uhr dort bleiben. Anfangs war das nur ausnahmsweise; später hat sich das so eingebürgert, daß wir nie vor ^ oder 5^8 Uhr fortkamen. Mein Gehalt war dort fl. 25, und zwar gleich anfangs. Es war jedoch keine Aussicht auf Besserung vorhanden. Das andere Fräulein war schon das vierte Jahr dort und hatte fl. 40. Ich hatte jeden zweiten Sonntag frei, indem ich mit dem anderen Fräulein abwechselte. Dr. Ofner: Wie kommt es, daß das andere Fräulein fl. 40 hat, während Sie doch sagen, Sie hatten keine Aussicht auf ein Avancement? — Exp. Nr. 152: Das andere Fräulein ist schon mit fl. 35 Anfangsgehalt aufgenommen worden. Jetzt will der Chef nicht mehr so viel zahlen. 588 Herrdegen: Was war die Ursache Ihres Austrittes? — Expertin Nr. 152: Die unvorteilhafte Vertheilung der Arbeit durch den Stellvertreter des Herrn. Dr. Schwiedland: Was hatten Sie für eine Arbeit? — Expertin Nr. 152: Ich mußte vorgedruckte Formulare ausfüllen. Dr. Schwiedland: Haben Sie Sprachkenntniffe? — Expertin Nr. 152: Ich kann französisch und englisch, habe aber dies nicht verwerthet. Nach den sechs Monaten wollte ich unbedingt fort; ich reichte Offerte ein und bekam eine Antwort mit der Aufforderung, sofort hinzugehen. Ich hatte aber keine Zeit dazu. Ein zweites Offert, welches ich auf Grund einer Annonce einreichte, kam zufälligerweise wieder an dieselbe Firma. Da bin ich hingegangen, und man zeigte mir 80 bis 100 Offerte, von welchen nur fünf geöffnet waren. Da aber die Bedingungen unannehmbar waren, bin ich dort nicht eingetreten. Dr. Schwiedland: Sie sprachen von einer ungünstigen Vertheilung der Arbeit, in Folge deren Sie fortgegangen sind. — Exp. Nr. 152: Der Stellvertreter des Chefs hatte sehr viel Arbeit. Wenn Jemand gekommen ist, zeigte er immer, was er Alles zu thun hat. In Wirklichkeit hat er aber die Arbeit nicht allein gemacht, sondern ich habe einen sehr großen Theil davon besorgt. Wenn der Chef heraufgekommen ist und fragte, was ich thue, so hat der Stellvertreter immer nur gesagt, ich „helfe" bei der Arbeit mit. Der Stellvertreter des Chefs selbst hatte mit dem Parteienverkehr sehr viel zu thun. Auch meine Augen haben gelitten, weil ich zu müde war, um aufrecht zu sitzen und deshalb in gebückter Stellung arbeitete. Baronin Vogelfang: Seit wann bemerken Sie, daß Ihre Augen schlecht sind ? — Exp. Nr. 152: In der Schule hatte ich noch gute Augen. Im Bureau habe ich gewöhnlich von 2 bis 7 Uhr ununterbrochen geschrieben; da kann man natürlich nicht die ganze Zeit aufrecht fitzen; in Folge dessen habe ich nach drei oder vier Monaten bemerkt, daß meine Augen schlechter werden. Baronin Vogelfang: Wie alt find Sie? — Exp. Nr. 152: 17 Jahre. Dr. Schwiedland: Was ist Ihr Vater? — Exp. Nr. 152: Selbstständiger Kaufmann. Ich wohne bei meiner Familie. Dr. Schwiedland: Gehören Sie einem kaufmännischen Vereine an? — Exp. Nr. 152: Ich gehöre nur der Krankencasse an. Expertin Nr. 153 : Ich bin seit zehn Monaten Comptoiristin und bin bei den Büchern mit der Correspondenz und Stenographie beschäftigt. Außer mir sind im Comptoir nur noch ein Buchhalter und ein Correspondent. Ich wurde durch den Director der Handelsschule in's Geschäft empfohlen. Meine Vorbildung besteht in der Bürgerschule und Handelsschule. Ich bin am 10. Juli aus der Handelsschule ausgetreten und wurde am 15. Juli bereits in's Geschäft aufgenommen. Ich -bin 10 Jahre alt. Dr. Ofner: Welche Bücher führen Sie? — Exp. Nr. 153: Ich habe die Strazza geführt und auch, wenn sonst etwas einzutragen ist, Rimessen- Conti u. s. w. Nur das Hauptbuch und Saldoconto führt der Buchhalter. Dr. v. Fürth: Was für ein Geschäft ist es, in dessen Comptoir Sie arbeiten? — Exp. Nr. 153: Eine Roßhaarfabrik. Vorsitzender: Wie ist die Arbeitszeit? — Exp. Nr. 153: Meine Arbeitszeit ist von '/s8 Uhr Früh bis 12 Uhr und von 2 Uhr bis V,8 Uhr Abends. Wenn aber mehr zu thun ist, wird es mit dem Schluß der Bureaustunden nicht so genau genommen, und es wird dann bis 8 Uhr gearbeitet. Frühstücks- und Jausenpause haben wir nicht. Im Winter ist jeden Sonn- und Feiertag von 8 bis 12 Uhr Bureau. Im Sommer habe ich jeden zweiten Sonntag frei, da wir abwechseln. Ich habe eine vierwöchentliche Kündigungsfrist. Mein Anfangsgehalt betrug fl. 20, dann bekam ich fl. 25, und seit Neujahr bekomme ich fl. 35. Ich habe Aus- 589 ficht, daß mein Gehalt weiter erhöht wird, weiß aber nicht, bis zu welcher Höhe. Das Comptoir liegt im Souterrain. Es ist ein kleines Zimmer mit einem Fenster, in welchem sehr ungenügende Beleuchtung ist. Es wird schon zeitlich das Gas angezündet, und besonders ich habe unter dem Mangel an Beleuchtung zu leiden, weil ich am allerweitesten vorn Fenster sitze. Ich bin schon von früher her kurzsichtig, trage aber kein Augenglas. Mein Verhältniß zum Chef ist ein gutes. Sowohl er, wie die anderen Angestellten sind sehr höflich mit mir. Ich wohne bei meinen Eltern, denen ich meinen Lohn abliefere. Mein Vater ist Reisender, und ich habe fünf Geschwister, die alle jünger sind als ich. Ich bin in der Krankencasse, und der Chef zahlt die Beiträge. Dr. Schwiedland: Verköstigen Sie sich zu Hause? — Expertin Nr. 153: Ja. Dr. Schwiedland: Wohnen Sie weit? — Exp. Nr. 153: Etwa drei Viertelstunden vom Geschäft. Ich komme um 8 , ^9 Uhr, manchmal später nach Haus. Dr. Schwiedland: Gehen Sie da allein den weiten Weg? — Exp. Nr. 153: Gewöhnlich werde ich abgeholt. Zu Mittag kann ich mich in Folge des weiten Weges nur eine halbe Stunde zu Hause aufhalten. Dr. Ofner: Wie steht's mit der Reinigung des Comptoirs? — Exp. Nr. 153: Das Geschäft wird schon um 7 Uhr aufgesperrt und gereinigt, so daß um V 28 Uhr, wenn wir kommen, Alles bereits in Ordnung ist. Dr. Ofner: Sind Waschvorrichtungen im Comptoir? — Expertin Nr. 153: Nein. Dr. Ofner: Bekommen Sie von Ihren Eltern ein Taschengeld? — Exp. Nr. 153: Nein; aber ich habe ja von ihnen Alles, was ich brauche. Expertin Nr. 154: Ich bin jetzt in einer Versicherungs-Gesellschaft bei der Statistik angestellt, und zwar seit zwei Jahren. Früher war ich bei der Telephon-Gesellschaft. Ich bin vor vier Jahren dort eingetreten, mußte ein Monat lang umsonst arbeiten, dann hatte ich fl. 20 Gehalt, d. h. da mir ein Abzug für die Bezirks-Krankencasse gemacht wurde, eigentlich nur fl. 19. Die Arbeitszeit war dort im Winter von 8 Uhr Früh bis 2 Uhr Nachmittags und im Sommer von 7 Uhr Früh bis 2 Uhr Nachmittags und dann den nächsten Tag von 2 Uhr Nachmittags bis 9 Uhr Abends. Nach einem Jahre erhielt ich fl. 25. Später hätte ich fl. 30 bekommen, ich bin aber ausgetreten. Wie die Verhältnisse derzeit beim Telephon sind, weiß ich nicht. Sie sollen in Bezug auf den Gehalt und die Arbeitsstunden jetzt anders sein. Dr. Schwiedland: Haben Sie damals etwa nervöse Krankheitserscheinungen gehabt? — Exp. Nr. 154: Ich bin sehr nervös geworden, denn man wird sehr oft elektrisirt, was den Nerven schadet. Auch sonst ist es nicht gesundheitsförderlich. Wenn man sich z. B. mit einer Nadel geritzt hat und dann diese verschiedenen Stifte in die Hand nimmt, so entstehen Geschwüre. Wir waren beim Telephon während der Arbeitsstunden ununterbrochen beschäftigt und mußten Striche machen, um zu fixiren, wie viel Verbindungen wir im Laufe eines Vormittags herstellen. Da habe ich immer in der Zeit von 8 Uhr Früh bis 2 Uhr Nachmittags 400 bis 500 Verbindungen hergestellt. Jedes Fräulein hatte 50 Abonnenten zu bevienen, und zwar als aufrufende Nummern. Ich mußte auch Nachtdienst verrichten und bekam für die Nacht 50 kr. Die Arbeitsstunden bei Nacht waren entweder von 9 Uhr Abends bis 2 Uhr Nachts oder von 2 Uhr Nachts bis 7 Uhr Früh. Man konnte dort auch schlafen. Wenn ich Nachtdienst hatte, so war die Eintheilung derart, daß ich Vormittags und dann denselben Abend Nachtdienst hatte, und der nächste Tag wurde dann freigegeben. Anfangs war der Nachtdienst freiwillig, im letzten Jahre, wie ich dort war, mußten 590 wir zweimal im Monat Nachtdienst machen. In der Versicherungsanstalt, in welcher ich jetzt beschäftigt bin, sind die Bnreamtunden von 8 bis '/r4. Von 11 bis (U2 ist eine Pause zum Essen. Es sind dort 19 Fräuleins beschäftigt und eine weitaus größere Anzahl von Herren, da ja ein vier Stock hohes Hans ganz allein von den Bureaux eingenommen ist. Die Beschäftigten in meiner Abtheilung sind lauter Damen aus dem Mittelstände, und es wird von ihnen verlangt, daß sie eine Handelsschule absolvirt haben und die Buchhaltung verstehen. Vor dem Eintritt wird man einer Prüfung im Rechnen unterzogen. Man kommt nur durch sehr hohe Protection hinein. Dr. Frey: Worin besteht Ihre Arbeit? — Exp. Nr. 154: Ich schreibe Quittungen, fülle die Formulare aus und arbeite auch für die Statistik. Dr. Schwiedland: Was thun Sie in der Statistik? — Expertin Nr. 154: Man muß addiren, die verschiedenen Formulare ausfüllen rc. Es wird immer nur bis '/24 Uhr gearbeitet. Nur einige Fräuleins, welche die Correspondenz besorgen, bleiben eventuell eine Viertel- oder halbe Stunde länger dort. An Sonntagen wird von 0-9 bis V 2 I 2 Uhr gearbeitet. Jeder zweite Sonntag ist frei. Mein Gehalt beträgt jetzt fl. 30 und habe ich keine Aussicht auf Besserung. Dr. Schwiedland: Sind in Ihrem Bureau Herren durch Fräuleins ersetzt worden? — Exp. Nr. 154: Ja wohl. Wir verrichten jetzt dieselbe Arbeit, welche die Herren neben uns machen. Letztere sind besser bezahlt. Der geringste Gehalt beträgt fl. 40. Vorsitzender: Kommen bei Ihnen Strafen oder Abzüge für irgend welche Dienstesvernachlässigung vor? — Exp. Nr. 154: Nein. Dr. Br-ezina: Wir haben gehört, daß z. B. bei Advocaten die Herren besser bezahlt werden, weil sie einzelne Dienste verrichten, welche die Frauen nicht besorgen können. Ist bei Ihnen etwas Aehnliches? — Exp. Nr. 154: Das weiß ich nicht. Dr. Schwiedland: Sind bei Ihnen die Aufsichtsorgane Herren? — Exp. Nr. 154: Wir haben einen Bureauchef, der einmal des Tages zu uns kommt, und eine Vorsteherin, die ebensoviel Gehalt hat wie wir und außerdem zweimal jährlich eine Remuneration bezieht. Sie ist jedoch nicht meine specielle Vorgesetzte, weil ich nicht stets für die Statistik arbeite. In der Abtheilung, in der ich arbeite, sind 15 Fräuleins in zwei Zimmern beschäftigt, von welchen das eine drei, das andere zwei Gasfenfenster har. Die Zimmer sind sehr licht; es wird täglich gekehrt. Mit den Herren kommen wir nicht in Berührung. Das Verhältniß zum Bureauches ist ein gutes. (Ueber Befragen.) Geschenke an Vorgesetzte kommen nicht vor. Ich lebe bei meiner Mutter, welche Pensionistin ist, und habe nur einen jüngeren Bruder. Ich bin bei der Krankencasse; die Beiträge werden von der Gesellschaft geleistet. Ich gehöre keinem Vereine an. Dr. Ofner: Was geben Sie Ihrer Mutter? — Exp. Nr. 154: Den ganzen Gehalt und bekomme von ihr ein Taschengeld. (Ueber Befragen des Vorsitzenden.) Wir haben vierzehntägige Kündigung. Zu Neujahr bekommen wir den doppelten Gehalt. Veith: Sie sagten, daß Ihnen beim Telephon fl. 1 monatlich für die Bezirks-Krankencasse abgezogen wurde. Das scheint mir etwas viel zu sein. — Exp. Nr. 154: Es waren nur 88 kr. Jetzt zahlt die Telephon- Gesellschaft selbst die Versicherungsbeiträge. Expertin Nr. 155: Ich war zwei Jahre lang Näherin in der Schirmbranche. Jetzt bin ich seit einem Jahre beschäftigungslos. Es waren zehn Personen dort beschäftigt, unter welchen sich nur ein Gehilfe befand, die übrigen waren Frauen. Ich war dort meist bei der Maschine beschäftigt. Das Gestell fabricirte der Gehilfe; es war dort eine zweijährige Lehrzeit eingeführt, nach welcher man aufgedungen und freigesprochen wurde. Die Arbeiterinnen recrutirten sich meist aus Arbeiterkreisen. Die Arbeitsvermittlung erfolgte in der Regel durch die Zeitungen. Dr. Schwiedland: Wie ist der Vorgang bei der Arbeit? — Exp. Nr. 155: Der Stoff wird erst gesäumt, dann genäht, dann auf das Gestell gegeben und hierauf der Schirm fertiggestellt. Dr. Schwiedland: Wer hat das Zuschneiden der Stoffe besorgt? — Exp. Nr. 155: Die Frauen selbst. Dr. Schwiedland: War das eine Zwischenmeisterei oder ein Detailgefchäft? — Exp. Nr. 155: Es war ein Verkaufsladen in Verbindung mit der Werkstätte; was aber nicht im Detail abgesetzt wurde, hat man den Engrossisten verkauft. Ich war übrigens auch im Laden beim Verkauf beschäftigt. Unsere Arbeitszeit war von 7 Uhr Früh bis spät Abends, und zwar ohne Mittagspause. Man konnte nur während der Arbeit etwas zu sich nehmen, auch war keine Frühstücks- oder Jausenpanse eingeführt. In der Saison wurde auch an Sonn- und Feiertagen gearbeitet. Ueberstunden waren sonst nicht üblich. Es war dort vierzehntägige Kündigungsfrist eingeführt, da aber das Geschäft plötzlich aufgelassen wurde, sind wir ohne Kündigung gegangen. Wir arbeiteten im Stücklohn, und ich verdiente in: Maximnm fl. 5 bis 7. In manchen Wochen nur sl. 5, selbst nur fl. 2, wenn schwache Saison war. Da sind wir zu solchen Zeiten früher nach Hause gegangen. Ich habe Arbeit auch nach Hanse genommen und bis 10, 12 Uhr Nachts gearbeitet. Auch der Gehilfe war im Accordlohn. (Ueber Befragen seitens des Dr. Schwiedland.) Specielle Heimarbeiterinnen gab es dort nicht. Dr. Ofner: Wie ist der Accordlohn berechnet worden? — Expertin Nr. 155: Für jede der verschiedenen Arbeiten an jedem Schirm wurde ein specieller Tarif gezahlt. Dr. Ofner: Wie haben Sie zu Mittag gegessen, wenn Sie keine Pansen hatten? — Exp. Nr. 155: Ich habe mir das Essen mitgenommen und dort verzehrt. Dr. Ofner: Können Sie uns etwas über den Lohntarif mittheilen? — Exp. Nr. 155: Für Seidenschirme bekam man für das Nähen des ganzen Schirmes inclusive Befestigung des Stoffes an das Gestell fl. 1'20 per Dutzend, für mindere Sorten 80 kr. bis fl. 1. Man kann ein Dutzend Schirme^zu fl. 1 20 pro Tag machen, aber solche Schirme bekommt man nicht immer. Es gibt auch die sogenannten „Banernschirme", die ganz rothen Schirme; für diese beträgt der Tarif nur 00 bis 70 kr. Man kann da nicht einmal ein Dutzend pro Tag fertigstellen. Schirme von derselben Qualität werden ohne Rücksicht auf die Größe bezahlt. Wenn man kleine Schirme macht, verdient man sich aber mehr. Dr. Schwiedland: Worin bestand Ihre specielle Arbeit? — Exp. Nr. 155: Im Säumen, Nähen und Befestigen des Stoffes an's Gestell. (Ueber Befragen des Vorsitzenden.) Es hatte keine der Arbeiterinnen Kost oder Wohnung beim Unternehmer. Geschenke an irgend welche Personen kamen niemals vor. Das Arbeitslocal war vom Verkaufslocal abgetheilt. Es war im Parterre gelegen, die Fenster gingen auf die Gaffe. Die Beleuchtung und Reinigung waren genügend. Wir waren neun Personen in diesem Local. Dr. Schwiedland: Haben Sie bei der Arbeit, welche Sie nach Hause nahmen, den Zwirn u. dergl. selbst beschaffen müssen, und was mußten Sie da per Dutzend auslegen? — Exp. Nr. 155: Etwa 5 kr. Wir konnten uns den Zwirn kaufen, wo wir wollten. (Ueber Befragen des Vorsitzenden.) Das Verhältniß zum Unternehmer war bis zum Schluß ein ziemlich gutes. Der Herr war gewöhnlich sehr freundlich. Aber es war nicht schön von ihm, daß er zwar, als er am Schlüsse das Geschäft aufgegeben hat, jeder Einzelnen versprochen hat, er werde sie in ein anderes Geschäft recomman- 592 diren, aber dieses Versprechen nicht gehalten hat. Als ich zu ihm hingekommen bin, hat er sich versteckt. Ich war in der Krankencasfe und gehöre dem Fachverein der Schuhmacher an. Ich bin jetzt verheiratet. Mein Mann ist Beamter; wir haben einen Sohn. Dr. Schwiedland: Werden nicht auch vacirende Dienstmädchen zum Nähen verwendet? — Exp. Nr. 155: Nein, man muß ja zweijährige Lehrzeit absolvirt haben. Dr. Ofner: Was haben Sie sich zum Mittagessen mitgenommen? — Exp. Nr. 155: Ich habe mir Abends ein Stück Fleisch abgebraten und es mir am nächsten Tag mitgenommen. Auch habe ich mir Wein gekauft. Expertin Nr. 156: Ich bin seit mehreren Monaten bei einer Versicherungs- Gesellschaft angestellt, habe die Correspondenz und sonstige Schreibgeschäfte zu besorgen und die Manipulation mit den Versicherungsanträgen. Dabei verwende ich auch die Stenographie. Ich habe auch die staatliche Lehramtsprüfung für die Stenographie abgelegt. Vorsitzender: Sind dort viele Damen angestellt? — Exp. Nr. 156: Ich kam als Erste in diese Hauptabtheilung, in einem anderen Bureau wurden aber schon früher Damen, jedoch nur zu minderen Arbeiten, zum Abschreiben u. s. w., verwendet. Seit Kurzem sind noch mehrere Fräuleins in diese Abtheilung gekommen. Früher waren in dem Bureau lauter Herren angestellt, jetzt sind nur noch einige'dort. Vorsitzender: Wie sind Sie in diese Stellung gekommen? — Exp. Nr. 156: Durch Empfehlung. Vorsitzender: Das ist der gewöhnliche Weg? — Expertin Nr. 156: Ja. Vorsitzender: Welche Vorbildung haben die Damen, welche dort angestellt sind? — Exp. Nr. 156: Bürgerschule, zweiclassige Handelsschule, Kenntniß der Stenographie und Sprachenkenntnisse. Dr. Schwiedland: Werden Sie zum Maschinschreiben verwendet? — Exp. Nr. 156: Man will mich dort nicht verwenden, weil meine Current- schrift eine sehr gute ist. Dr. Schwiedland: Sie füllen also die Stelle von Herren aus, welche ausgetreten sind, und leisten dieselbe Arbeit? — Exp. Nr. 156: Ja, es sind die Herren, die dort waren, weggekommen, und wir leisten dieselbe Arbeit. Dr. Schwiedland: Wie sind denn die Honorarverhältnisse? — Exp. Nr. 156: Die sind sehr günstig, da wir mit fl. 30 Gehalt eintreten, während die Herren nur mit fl. 20 angefangen haben. Dr. Schwiedland: Wie ist der volle Gehalt der Herren? — Exp. Nr. 156: Der steigt mit jedem Jahre um fl. 5 oder 10 pro Monat. Dr. Schwiedland: Woher kommt es, daß Ihr Eintrittsgehalt ein höherer ist? — Exp. Nr. 156: Man stellt größere Anforderungen. Dr. Schwiedland: Welches ist die Qualification der Herren, wenn sie eintreten? — Exp. Nr. 156: Die erhalten nur minderwerthige Arbeiten und werden erst eingeübt. Man traut ihnen nicht viel zu. Dr. Schwiedland: Sie meinen, daß Sie exacter arbeiten. — Exp. Nr. 156: Gewissenhafter. — Vor sitzender: Wie steht es mit der Arbeitszeit? — Exp. Nr. 156: Von Vr9 bis V-4 Uhr, eventuell etwas darüber. Es werden auch Nachstunden gefordert, jedoch nur in Zeiten, wo sehr viel zu thun ist. Vorsitzender: Sind Pausen dazwischen? — Exp. Nr. 156: Nein. Vorsitzender: Aber Sie pflegen während der Zeit etwas zu essen? — Exp. Nr. 156: Was man sich mitnimmt. Vorsitzender: Werden die Ueberstunden bezahlt? — Exp. Nr. 156: Bis jetzt nicht, aber das wird eingeführt werden. > !^-' 593 Vorsitzender: Werden irgendwelche Abzüge gemacht? — Expertin Nr. 156: Durchaus nicht. Vorsitzender: Glauben Sie, daß Ihr Gehalt von fl. 30 sich erhöhen wird? — Exp. Nr. 150: Ja. Vorsitzender: Hatten Sie schon früher eine andere Stellung? — Exp. Nr. 150: Nein, das ist die erste. Ich habe mich früher um eine Stelle beworben, indem ich meine Offerte in einem Waarengeschäfte eingereicht habe, aber die Art und Weise, wie der Chef bei der Vorstellung sich benommen hat, hat mir nicht zugesagt. Er äußerte sich sehr wegwerfend und sagte, ich müsse erst provisorisch arbeiten, dann würde er sich erst entscheiden können, welchen Gehalt er mir gibt, und das hat mir nicht zugesagt. Dr. Biezina: Haben Sie zu Neujahr eine Zulage? — Expertin Nr. 156: Nein. Dr. Schwiedland: Eine Remuneration zu Weihnachten? — Exp. Nr. 150: Nein. Dr. Schwiedland: Wie ist das Bureau beschaffen? — Expertin Nr. 156: Es ist sehr nett und wird regelmäßig gelüftet. Dr. O fn er: Arbeiten Sie an Sonn- und Feiertagen? — Expertin Nr. 156: An jedem zweiten Sonntage soll gearbeitet werden, aber es kommt sehr oft vor, daß die Herren sich liebenswürdig zeigen und verzichten. Dr. Ofn er: Haben Sie eine Kündigungsfrist? — Exp. Nr. 150: Davon weiß ich nichts. Ich glaube, sie ist sechswöchentlich. Dr. Ofner: Vereinbart ist sie nicht? — Exp. Nr. 156: Nein. Vorsitzender: Sind Sie mit den Damen allein in einem Zimmer? — Exp. Nr. 156: Es sind noch zwei Herren da. Vorsitzende: Aber es ist für Alle Platz? — Exp. Nr. 156: O ja. Vorsitzender: Wie ist das Verhältniß zu Ihren Vorgesetzten? — Exp. Nr. 156: Ein sehr gutes. Man ist sehr höflich. Vorsitzender: Sie haben in keiner Weise zu klagen? — Expertin Nr. 156: Durchaus nicht. Vorsitzender: Auch dieiMitangestellten nicht? — Exp. Nr. 156: Durchaus nicht, man ist sehr höflich. Vorsitzender: Die Damen sind ledig? — Exp. Nr. 156: Ja. Baronin Vogelfang: Haben Sie eine Schwäche in den Augen? — Exp. Nr. 156: Ich bin sehr kurzsichtig und trage ein Augenglas schon seit der Schulzeit. (Aus Befragen seitens des Vorsitzenden.) Ich lebe bei meinen Eltern. Mein Vater ist in einen: hiesigen Bureau Mitvertreter einer großen Fabrik auf dem Wiener Platz. Vorsitzender: Liefern Sie Ihren Gehalt an die Eltern ab? — Exp. Nr. 156: Was ich bekomme, gehört mir, und ich kann damit schalten und walten, wie ich will. Vorsitzender: Dann sind Sie in einer sehr günstigen Position. Sind Sie in einer Krankencasse? — Exp. Nr. 156: Die Gesellschaft entrichtet den Beitrag. Vorsitzender: Gehören Sie einem Vereine an? — Exp. Nr. 156 Dem Damen-Stenographen-Centralverein. Dr. Schwiedland: Ihr Alter ist wohl auch 17 Jahre? — Exp. Nr. 156 : Bei 18. Vorsitzender (zur Exp. Nr. 157): Sind Sie auch Stenographin? — Expertin Nr. 157: Ja und ebenfalls staatlich geprüfte Lehrerin der Stenographie. Ich bin seit ganz kurzer Zeit bei einer Bank. Vorsitzender: Was haben Sie dort zu thun? — Exp. Nr. 157: Ich bin im Secretariat als einziges Mädchen in dem betreffenden Bureau. Ich habe die Correspondenz zu führen, Arbeiten für das Rechtsbureau in Frauen-EnquZte. 38 594 deutscher Spruche, auch in französischer und englischer Spruche zu machen, schreibe auf der Schreibmaschine und verwende lehr viel die Stenographie. Mit der Zeit wird die Beschäftigung eine selbststündigere werden. Vorsitzender: Waren auch früher Mädchen dort? — Exp. Nr. 157: Es sind noch viele Mädchen bei dieser Bank, die haben aber ganz andere Arbeiten manueller Art zu machen. Vorsitzender: An Ihrer Stelle war früher kein Mädchen? — — Exp. Nr. 157: Nein. Vorsitzender: Wie sind Sie hingekommen? — Exp. Nr. 157: Durch Empfehlung. Man muß auch vorher eine Prüfung ablegen. Vorsitzender: Worin besteht diese Prüfung? — Exp. Nr. 157: Es kommt darauf an, in welche Abtheilung man kommt. Ich habe ein ziemlich rasches Dictat stenographirt und in Currentschrist übertragen. Dr. Schwiedland: Welches ist Ihre Vorbildung? — Expertin Nr. 157: Ich habe die Volksschule, die Bürgerschule, die zweiclassige Handelsschule absolvirt, habe Stenographie, französisch, englisch und italienisch gelernt und die Lehramtsprüfung für die Stenographie abgelegt. Dr. Schmied land: Sie waren also zehn Jahre in der Schule? — Exp. Nr. 157: Elf Jahre; denn ich habe vor der Handelsschule auch durch ein Jahr die Fortbildungsschule besucht. Voriges Jahr habe ich die Schule verlassen. Dr. Schwiedland: Welche Beschäftigung haben Sie seit dieser Zeit gehabt? — Exp. dir. 157: In einem Geschäfte war ich nur kurze Zeit, dann habe ich einige Offerte geschrieben und viele Antworten bekommen, habe aber nur auf eine einzige reagirt und war zwei Monate in einer Advocaturskanzlei. Dr. S ch w i e d l a n d : Wo haben Sie oas Maschinschreiben gelernt? — Exp. Nr. 157: In der Bank. ^ Dr. Schwiedland: Finden Sie das beschwerlicher als das Stenographiren und Uebertragen? — Exp. Nr. 157: Gegenüber der Current- schrift gar nicht. Ich ermüde nicht, es geht bedeutend rascher als Cnrrent- schreiben. Dr. Schwiedland: Hat es aber nicht gewisse Nachtheile, wenn man die Stenogramme auf der Schreibmaschine überträgt? — Expertin Nr. 157: Nein, man darf nur nicht gestört werden. Vorsitzender: Welches ist Ihre Arbeitszeit? — Exp. Nr. 157: Von 9 bis 1 Uhr und von 3 bis o Uhr im Sommer, bis 7 Uhr im Winter. Vorsitzender: Wird das genau eingehalten? — Exp. Nr. 157: Ueberstunden gibt es nicht, ganz genau wird die Zeit nicht eingehalten, ich komme manchmal auch um 1510 oder Nachmittags um ^4 Uhr. Vorsitzender: Wie ist es denn am Sonntag? — Exp. Nr. 157: Wenn viel zu thun ist, komme ich am Sonntag auch, sonst ist es aber nicht nöthig. Vorsitzender: Wie ist es an den Feiertagen? — Exp. Nr. 157: Die sind unbedingt frei. Vorsitzender: Wie ist es mit der Kündigung? — Exp. Nr. 157: Darüber weiß ich nichts. Vorsitzender: Wie ist Ihr Gehalt? — Exp. Nr. 157: Ich bin mit fl. 40 eingetreten und habe eine Aufbesserung zu erwarten. Vorsitzender: Abzüge oder Strafen gibt es nicht? — Expertin Nr. 157: Nein. Vorsitzender: Wie ist das Bureaulocale? — Exp. Nr. 157: Sehr gut. Das Bureau ist licht, wird gelüstet und gereinigt. (Ueber Befragen seitens des Vorsitzenden.) Ich lebe bei meiner Familie. Mein Vater ist 595 Geschäftsleiter in einer Belenchtnngsapparatenfirma. Von dem Gehalt steht ein Theil zu meiner Verfügung. Vorsitzender: Wie sind die Beziehungen zu Ihren Vorgesetzten? — Exp. Nr. 157: Sehr gute. Vorsitzender: Gehören Sie der Krankencasse an? — Expertin Nr. 157: Ich glaube, der Bezirks-Krankencasse, bestimmt weiß ich das nicht, das besorgt die Anstalt. Vorsitzender: Gehören Sie einem Vereine an? — Exp. Nr. 157: Ebenfalls dem Damen-Stenographen-Centralverein. Vorsitzender: Sie waren früher bei einem Advocaten, wie lange und was hatten Sie dort zu thun? — Exp. Nr. 157: 2's Monate. Ich hatte zu stenographiren und das Stenogramm zu übertragen. Dr. Schwiedland: Warum hat es Ihnen dort nicht gefallen? — Exp. Nr. 157: Man wird sehr ausgenützt. Es wird sehr hastig gearbeitet. Man hat nicht einen Augenblick Athem zu schöpfen, und die Arbeit ist eine sehr mechanische. Dr. Schwiedland: Wie war die Bezahlung? — Exp. Nr. 157: Ich bin mit fl. 20 eingetreten und habe nach 14 Tagen fl. 25 bekommen. Dr. Schwiedland: Welche Arbeitszeit hatten Sie dort? — — Exp. Nr. 157: Von 9 bis 12 Uhr und von 2 bis 6 Uhr. Es dauerte aber meist bis 7 Uhr Abends. Vorsitzender: Sie sollen auch in der Lage sein, uns über die Verhältnisse einer Dame Auskunft zu geben, die nicht erschienen ist und in einem Handelsgeschäft arbeitet? — Exp. Nr. 157: Ich weiß, daß sie sehr viel zu thun hat, und zwar bei den Handelsbüchern, und daß sie Facturen schreibt. Sie hat auch die Facturenbücher zu führen und ist im Allgemeinen sehr verwendbar. Sie hat Arbeitsstunden von 8 bis 12 Uhr und 2 bis 6 oder 7 Uhr und hat nach 277 Jahren noch immer fl. 25 Gehalt. Vorsitzender: Hat sie dieselbe Vorbildung wie Sie? —Expertin Nr. 157: Ja. Vorsitzender: Sind die Damen, die in den Handelsgeschäften sind, auch Nachts über beschäftigt? — Exp. Nr. 157: Dieses Fräulein nicht, andere wohl. V or sitz end e r: Ich habe gehört, daß diese Damen auch dazu verwendet werden, kleine Mnsterchen herzurichten, Preisconrants zu machen und dergleichen? — Exp. Nr. 157: Davon ist mir nichts bekannt. Expertin Nr. 158: Ich war bis vor 14 Tagen in einem Cravatten- geschäste en §ro8 et sn äetnil im Comptoir beschäftigt, und zwar seit zwei Jahren. Dort hatte ich sämmtliche Bücher, die Correspondenz und die Casse zu führen. Vorsitzender: Welches ist Ihre Vorbildung? — Exp. Nr. 158: Bürgerschule, zweiclassige Handelsschule, Stenographie und Sprachkenntnisse. Vorsitzender: Wie sind Sie in diese Stellung gekommen? — Exp. Nr. 158: Durch Empfehlung. Vorsitzender: Mit der Manipulation haben Sie nichts zu thun gehabt? — Exp. Nr. 158: Nein. Dr. Ofner: Sprachkenntnisse haben Sie auch? — Exp. Nr. 158: Englisch und französisch. Dr. Ofner: Wurde das verlangt? — Exp. Nr. 158: Ja, englisch. Vorsitzender: Wie war die Arbeitszeit, und hatten Sie Pansen? — Exp. Nr. 158: Die Arbeitszeit war von 8 Uhr Früh bis 8 Uhr Abends, zwei Stunden Mittagspause. Das war aber sehr verschieden. Manchmal von 1 bis 3 Uhr, manchmal von 2 bis 4 Uhr, oft von ^3 bis ^75 Uhr, je nachdem zu thun war. Dr. Ofner: Hatten Sie Ueberstunden zu machen? — Expertin Nr. 158: Zu Weihnachten und zu Neujahr oft bis um V29 Uhr. 38 * 596 Dr. Ofner: Also selten? — Exp. Nr. 158: Ja. Dr. Ofner: Wie war es an Sonn- und Feiertagen? — Expertin Nr. 158: Da war Vormittag immer von 9 bis 12 Uhr geöffnet. Dr. Ofner: Hatten Sie Strafen zu zahlen für Züspätkommen? — Exp. Nr. 158: Nein. Dr. Ofner: Welches war Ihr Gehalt? — Exp. Nr. 158: Im Anfang fl. 15 und das ist mit vieler Mühe bis fl. 35 gestiegen. Dr. Ofner: Haben Sie zu Neujahr etwas bekommen ? — Expertin Nr. 158: Nein, gar nichts. Dr. v. Fürth : Waren in diesem Geschäfte auch Verkäuferinnen ? — Exp. Nr. 158: Nur Verkäufer. Baronin Vogelfang: Wie lange hatten Sie fl. 15, und wie stieg der Gehalt? — Exp. Nr. 158: Ein HalbesJahr hatte ich fl. 15, und dann bekam ich fl. 25 und diese hatte ich durch ein Jahr. Dr. Ofner: Sie sind durch Empfehlung hingekommen. Wird keine andere Art der Arbeitsvermittlung gewählt? — Exp. Nr. 158: Jetzt auch durch die Zeituug. «Auf Befragen.) Ich war ganz allein im Comptoir und führte die ganze Buchhaltung und Correspondenz und das Cassabuch. Dr. Schwab: Hatten Sie auch den Jahresschluß zu machen? — Exp. Nr. 158: Ja. Dr. Schwab: Da müssen Sie gegen Ende des Jahres sehr viel zu arbeiten gehabt haben? — Exp. Nr. 158: Da habe ich die Inventur nach Hause geuommeu. Dr. Schwab: Wie lange hatten Sie da zu thun?— Exp. Nr. 158: Bis 12 Uhr. Dr. Schwab: Haben Sie da für diese Extraarbeit oder zu Neujahr nichts bekommen? — Exp. Nr. 158: Nein. Vorsitzender: Wie war denn das Arbeitslocal? — Exp. Nr. 158: Das war sehr klein und den ganzen Tag beleuchtet. Die Luft war sehr schlecht, es wurde täglich gekehrt, wöchentlich einmal ausgegeben, die Wände wurden nicht gereinigt. Vorsitzender: Wohin gehen die Fenster? — Exp. Nr. 158: In einen Lichthof. Vorsitzender: Wie war die Stellung zu Ihren Vorgesetzten? — Exp. Nr. 158: Ganz gut. Vorsitzender: Und wie leben Sie? — Exp. Nr. 158: Ich bin ebenfalls bei den Eltern. Einen Theil des Gehaltes behalte ich als Taschengeld. Vorsitzender: Sind Sie versichert? — Exp. Nr. 158: Bei der Bezirks-Krankencasse. Vorsitzender: Einem Verein gehören Sie nicht an? — Expertin Nr. 158: Dem Damen-Stenographen-Centralverein. Baronin Vogelfang: Was ist Ihr Vater? — Exp. Nr. 158: Der ist krank. Er war Buchdrucker. Baronin Vogelfang: Wie viele Geschwister haben Sie? — Expertin Nr. 158: Drei, alle unverheiratet. - Baronin Vogelfang: Ist die Familie nur auf Ihren Verdienst angewiesen? — Exp. Nr. 158: Wir werden auch von Verwandten unterstützt. Dr. Ofner: Gingen Sie während der Mittagspause nach Hause? — Exp. Nr. 158: Ja. (Auf Befragen.) Bezüglich der Kündigung war gar nichts vereinbart. Ich bin nach vierzehntägiger Kündigung ausgetreten. Ich bin weggegangen, weil ich eine Stelle bei einer Versicherungs-Gesellschaft bekommen habe. Dr. Schwiedland: Sie sind gleich nach Absolvirung der Handelsschule in das Geschäft gekommen? — Exp. Nr. 158: Ja. 597 Baronin Vogelfang: Wie steht es mit Ihren Augen? — Expertin Nr. 158: Die sind gesund. (Baronin Vogelfang übernimmt wieder den Vorsitz.) Expertin Nr. 159: Ich arbeite als Stickerin für verschiedene Wäschegeschäfte, in denen große Ausstattungen gemacht werden, und übernehme selbst ganze Ausstattungen. Wenn sehr viel zu thun ist, gebe ich auch Anderen Arbeit, damit ich die Kunden ordentlich befriedigen kann. Vorsitzende: Sie übernehmen wohl Schlingereien, Monogramme, auch Hemden? — Exp. Nr. 159: Das weniger, derlei wird selten hier gemacht. Dafür gibt es in Böhmen Stickereien, wo die Mädchen sehr stark ausgenützt werden. Das ist eine sehr anstrengende Arbeit. Man bekommt ein ganzes Dutzend von fl. 4 aufwärts. Vorsitzende: Wie lange braucht ein Mädchen, um eine „Hemdenpasse" zu sticken? — Exp. Nr. 159: Man kann sagen, drei Tage, und für das Dutzend werden fl. 3-50 gezahlt. In Böhmen gehen die 12- und 14jährigen Mädchen, welche noch die Schule besuchen, nach derselben in die Fabrik. Die bekommen dann für einen ganzen Tag 30 kr. und keine Verköstignng. Dabei werden die Augen sehr angegriffen. Ich bin schon sehr lange Stiäerin, zehn Jahre lang habe ich ohne Glas gearbeitet, denn ich habe ein sehr gutes Auge gehabt. Jetzt muß ich aber mit Glas arbeiten. Wenn eine Stickerin zehn Jahre stickt, muß sie ein Glas tragen. Vorsitzende: Wie lange pflegen die Mädchen dort zu sein? — Exv. Nr. 159: Um 5 Uhr Früh fangen sie an, arbeiten so lange es Tag ist und im Winter in die Nacht hinein. Dr. Schwiedland: Diese Verwendung von jungen Mädchen findet in Böhmen statt? Sind Sie dort gewesen? — Exp. Nr. 159: Nein, aber ich weiß es bestimmt. Dr. Schwiedland: Kommt das auch hier vor, daß schulpflichtige Kinder verwendet werden? — Exp. Nr. 159: Nein, aber es ist hier eine Stickerin, bei der ich auch vor 30 Jahren gelernt habe — aber es ist noch immer so — die nimmt solche Mädchen aus Böhmen, welche mit 14 Jahren herkommen, die natürlich schon schön sticken können, aber als Lehrmädchen anfangen müssen. Vorsitzende: Wie lange müssen die gelernt haben, damit sie mit 14 Jahren schön sticken können? — Exp. Nr. 159: Ein Jahr. Wenn sie herkommen, sticken sie sehr schön, aber mehr flach, nicht so wie man es in Wien macht. Monogramme sind dort auch selten; sie machen nur die Streifen, die Satteln. Das Monogrammsticken lernen sie hier, da lernen sie drei bis vier Jahre für die Kost und Wohnung. Diese Stickerin hat sechs bis sieben Böhminuen, welche so jung hinkommen. Dr. Ofner: Wie werden denn diese Mädchen verpflegt?—Expertin Nr. 159: In der Früh Kaffee und Brot, dann kauft die Frau ein halbes Kilo Fleisch für sechs bis sieben Personen, dazu ein Gemüse, das wird sehr schlecht gekocht. Vorsitzende: Essen die Frau und der Herr dieselben Speisen mit? — Exp. Nr. 159: O nein! Die Frau geht im Sommer anf's Land. Unsere Arbeit ist eine gute, mau kann daran etwas verdienen, aber man nützt die Leute aus, und die Böhminuen, welche nach Wien kommen, haben keine Energie. Sie bleiben sitzen und lassen sich ausnützen. Dr. Schwiedland: Was veranlaßt sie denn, nach Wien zu kommen? Haben sie nicht zu Hanse ihr Auskommen, da sie schon sticken können? — Exp. Nr. 159: In Wien ist es doch besser. Zu Hause verdienen sie 30 kr. pro Tag, sie glauben aber, daß sie es in Wien weiter bringen können Dr. Schwiedland: Wie werden diese Mädchen nach Wien bezogen? — Exp. Nr. 159: Die Stickerinnen sind gewöhnlich Böhminuen und lassen sich die Mädchen von dort kommen, woher sie sind. 598 Dr. Schwiedland: Zahlen sie auch die Reise? — Expertin Nr. 159: Ja, das zahlt die Frau, welche sie bringen läßt, und holt sie von der Bahn ab. Dr. Schwiedland: Diese Mädchen haben also durch drei bis vier Jahre keinen Gehalt? — Exp. Nr. 159: Kost, Quartier und Gewand. Dr. Schwiedland: Und was verdienen sie dann? — Expertin Nr. 159: Was die Frau jetzt zahlt, weiß ich nicht, aber viel ist es nicht. Zu meiner Zeit waren es fl. 3 bis 4 pro Monat außer der Verpflegung. Dr. Brezina: Sind diese drei bis vier Jahre nothwendig für das Auslernen oder behält man die Mädchen nur lange, um nicht zahlen zu müssen? — Exp. Nr. 159: Gar keine Idee, daß das nothwendig ist, in einem Jahre können sie es lernen. Herrdegen: Sie sticken nur Monogramme? Sie selbst bekommen nur Kundenarbeit zur Ausführung? — Exp. Nr. 159: Ja. Herrdegen: Wird also durch die böhmischen Stickerinen Alles ersetzt? — Exp. Nr. 15!»: Ja, auch in Ungarn sind solche Fabriken. Dr. Osner: Können Sie uns dasjenige, was Sie uns erzählen, als heute bestehend bezeichnen oder war das nur vor 30 Jahren so, wie Sie gelernt haben? — Exp. Nr. 159: Auch jetzt ist es so. Diese Stickerin existirt noch und arbeitet für Geschäfte, für welche ich auch arbeite. Es sind zwei Mädchen von ihr fortgegangen — es wird jetzt ein Jahr her sein — und die haben das erzählt, daß es noch so ist wie damals. Vorsitzende: Wie sind denn die Mädchen dort untergebracht? — Exp. Nr. 159: Die Betten sind in der Küche übereinander, an beiden Seiten als Stockbetten, wie es einmal bei den Schuhmachern war. In derselben Küche wird gekocht und sie hat kein Fenster. Die Betten sind nicht rein, die Frau ist überhaupt sehr unrein und es herrscht viel Ungeziefer. Wenn man in die Schienen an den Rahmen, wo die Lückerl sind, mit einem Nagel hineinsticht, so kommt lauter Ungeziefer heraus. Um 5 Uhr Früh stehen die Mädchen aus und setzen sich zur Arbeit. Daraus, daß die Mädchen sich waschen, wird nicht geschaut. Dr. v. Fürth: Werden die Lehrmädchen aufgednngen? —Expertin Nr. 159: Ich glaube, bei der Stickerei nicht. Es sollte sein, aber es geschieht nicht. Vorsitzende: Wenn sie nicht aufgednngen sind, sind sie keine Lehrmädchen, sondern Arbeiterinnen ohne Gehalt. Arbeiten diese Mädchen nach einem Jahre Alles? — Exp. Nr. 159: Ja, man kann das in einem Jahre ganz gut lernen. Ich habe bei meinen Eltern gewohnt, bin Früh um halb 9 Uhr hingegangen, habe im Monat sl. 3 gezahlt und habe dann in einem Jahre genügend gelernt. Vorsitzende: Sind außer den Lehrmädchen auch bezahlte Arbeiterinnen dort? — Exp. Nr. 15!»: Ja, diejenigen, welche ausgelernt haben, behält sie, so lange sie bleiben. Sie sind aber sehr schlecht bezahlt und gehen endlich doch fort. Dr. Ofner: Wie viel bekommen diese? — Exp. Nr. 159: Ich glaube, jetzt monatlich sl. 0 bis 7; natürlich gibt sie ihnen hin und wieder ein Kleid, und die Mädchen sind glücklich, weil sie wissen, daß sie in Böhmen nur die paar Kreuzer bekommen. Vorsitzende: Wie lange arbeiten die Lehrmädchen? — Expertin Nr. 159: Wie die gezahlten: im Sommer von 5 Uhr Früh, so lange es Licht ist, im Winter zu Weihnachten, wenn die Saison ist, oft ganze Nächte durch. Jedenfalls bis 12 oder 1 Uhr, die letzten Tage vor Weihnachten ganz durch. Qb die Mädchen dafür etwas extra bekommen, weiß ich nicht. Vorsitzende: Wie können die Mädchen das aushalten? — Exp. Nr. 159: Sie halten es doch aus, und es ist so, wie ich es sage. Die Arbeit muß fertig werden, und es wird darauf losgearbeitet. 599 Vorsitzende: Nun, Sie selbst arbeiten für Geschäfte und Privat- kunden? — Exp. Nr. 159: Ja. Vorsitzende: Und wenn Sie zu viel Arbeit haben, so geben Sie sie dann weiter? — Exp. Nr. 159: Ja. Vorsitze nde: An wen denn? — Exp. Nr. 159: Ich habe ein junges Mädchen, welches st. 1'20 bekommt; fl. 1 aber kann man sich bei der Monogrammstickerei leicht verdienen, das geht nach Stück. Vorsitzende: Arbeitet Jemand bei Ihnen in der Wohnung? — Exp. Nr. 159: In der Wohnung nur ich. Vorsitzende: An wie viel Arbeiterinnen geben Sie Arbeit außer Haus? — Exp. Nr. 159: Jetzt an zwei. Wenn Saison ist, muß ich drei oder vier haben. Vorsitzende: Die sind auch aus Böhmen? — Exp. Nr. 159: Eine ist aus Böhmen, die verdient sich aber ein gutes Geld. Vorsitzende: Stickt die das ganze Jahr? — Exp. Nr. 159: Ja. Die Andere hat etwas Geld. Ihr Vater war Officier. Sie hat auch eine Pension von ihrer Mutter aus, und nebstbei verdient sie etwas. Sie arbeitet aber nicht viel und verdient vielleicht 60 bis 70 kr. im Tag. Vorsitzende: Geben Sie auch der das ganze Jahr Arbeit? — Exp. Nr. 159: Nur in der Saison. Vorsitzende: Bekommt diese Osficierstochtcr dasselbe wie die Böhmin ? — Exp. Nr. 159: Ja. Vorsitzende: Was ist die dritte Arbeiterin? — Exp. Nr. 159: Ihr Mann ist Tischler. Ihr geht es nicht gut, sie hat drei Kinder und kann nicht viel arbeiten. Sie verdient nur 40 bis 50 kr. im Tag und macht die mindere Arbeit. Vorsitzende: Was für Arbeiterinnen sind die, welche Sie in der Saison haben? — Exp. Nr. 159: Die sind nicht fest. Die bekomme ich durch Annoncen. Vorsitzende: Sie haben einen Haushalt und keine Kinder? — Exp. Nr. 159: Ja. Vorsitzende: Kochen Sie zu Hause? — Exp. Nr. 159: Dann und wann, wenn viel zu thun ist, kann ich nicht kochen. Vorsitzende: Was verdienen Sie im Tag, wenn Sie kochen? — Exp. Nr. 159: fl. 1'20 bis 1'30. Da fange ich Früh um 7 Uhr an und arbeite am Abend, bis mein Mann nach 6 Uhr kommt. Vorsitzende: Ist das Kundenarbeit oder Arbeit für Geschäfte? — Exp. Nr. 159: Meistens für Geschäfte; die Kundenarbeit ist das Geringere. Ich habe große Geschäftshäuser, wo man immer Ausstattungen braucht. Ich sticke nur Monogramme, das Schlingen mache ich nicht selbst, weil man dabei zu wenig verdient. Vorsitzende: Was bekommen Sie für einen Meter Schlingeret, welche gewöhnlich für Frauenhemden gemacht wird? — Exp. Nr. 159: Für feinere Schlingeret 18 kr., das ist schon viel. Vorsitzende: Wie lange braucht man, um einen Meter gut.zu sticken? — Exp. Nr. 159: Bei sehr großer Uebung drei Stunden. Vorsitzende: Ist das schon vorgezogen? — Exp. Nr. 159: Vorgedruckt, aber nicht vorgezogen. Vorsitzende: Kann auch das Vorziehen in dieser Zeit mitgemacht werden? — Exp. Nr. 159: Ja. Vorsitzende: Kann man bei Licht sticken? — Exp. Nr. 159: Ja. Im Winter ist oft das Nachtlicht besser, man hat da eine Lichtkugel, wie sie die Graveure haben, und die gibt ein sehr schönes Licht. Vorsitzende: Wie lange kann eine Stickerin das ganze Jahr hindurch täglich sticken, ohne daß sie krank wird? — Exp. Nr. 159: Ich arbeite das ganze Jahr, nur im Sommer durch einen Monat nicht, sonst alle 009 Tage. Ich arbeite aber mit einer Trommel, während gewöhnlich Stickerinnen Rahmen haben. Ich sitze ganz gerade dabei, die Böhminnen aber eignen sich nicht dazu, die sitzen gebückt und werden leberleidend. Vorsitzende: Wie lange kann Eine im Tag schlingen? — Expertin Nr. 159: Das ist sehr anstrengend, denn man sitzt ganz frei und muß die Hände bewegen. Man kann sich dabei im Tag, wenn es viel ist, 50 bis 00 kr. verdienen. Bei der Barchentarbeit, das ist die bessere Arbeit, kann es eine geschickte Arbeiterin auf fl. l bringen. Da muß sie aber schon um 6 Uhr Früh anfangen und bis 9 Uhr Abends arbeiten. Vorsitzende: Und bei der feinen Leinenschlingerei mit l8 kr. per Meter? — Exp. Nr. 159: Da muß sie auch früh anfangen und bis 8, 9 Uhr Abends arbeiten, um 50 bis 00 kr. zu verdienen. Dr. Adler: Sie haben früher einen Preis von 18 kr. per Meter genannt. Ist das der Preis, den Sie erhalten oder den Sie bezahlen? — Exp. Nr. 159: Ich nehme 18 kr. für kleine Zacken, 22 kr. für große. In den Gewölben bekommt die Schlingerin 12 kr. per Meter, ich nehme Schlingereien von Gefchästen nicht an, sondern nur von Privaten und da zahle ich das, was ich bekomme. Dr. Adler: Und wie ist es bei den anderen Arbeiten, die Sie weitergeben? — Exp. Nr. 159: Ich bekomme 12 kr. und zahle 10 kr. Dr. Adler: Wie viel Monogramme kommen auf die Stunde oder auf den Tag? — Exp. Nr. 159: Kleine macht man in einer halben Stunde. Dr. Adler: Verdienen Sie mehr an dem, was Sie selbst arbeiten, oder an dem, was Sie weggeben? — Exp. Nr. 159: An dem, was ich weggebe, verdiene ich das Wenigste, das ist nur, um die Kunden zu befriedigen. Ich zahle die Arbeiterinnen besser, als wenn sie es direct für ein kleines Geschäft machen. Sie sind recht froh, wenn ich es ihnen gebe. Dr. Adler: Ihr Verdienst ist also größer von Ihren eigenen Arbeiten? —Exp. Nr. 159: Ja. Vorsitzende: Ihr Mann verdient auch? — Exp. Nr. 159: Ja. Herrdegen: Ist Ihnen etwas darüber bekannt, zu welchem Preise ein solcher Streifen, bei dem der Meter mit 18 kr. bezahlt wird, von den Zuchthäusern geliefert wird? — Exp. Nr. 159: Ein Meter sammt Leinwand wird um 10 kr. verkauft; so gehen sie damit Hausiren. Wie soll da eine arme Schlingerin bestehen können? Herrdegen: Sind diese Arbeiten aus dem Zuchthause auch gut? — Exp. dir. 159: Es sind auch schöne Arbeiten dabei; auch schlechte. Die Stickereien sind von den Strafhäusern noch billiger als von den böhmischen Fabriken. Herrdegen: Diese Streifen, für die Sie per Meter 18 kr. bekommen, sind nur einseitig geschlungen? — Exp. Nr. 159: Ja. Dr. Ofner: Sie haben uns gesagt, daß von den kleinen Geschäften viel weniger gezahlt wird als Sie bezahlen? — Exp. Nr. 159: Ja. Vor 15 Jahren, wie ich geheiratet habe, habe ich auch für ein solches Geschäft gearbeitet; ich war sehr geübt, Habe den ganzen Tag gearbeitet, und wenn ich mich noch so geplagt habe, habe ich nur fl. 1 verdient, ich hätte aber nach meiner Rechnung gut fl. 1-50 verdienen können. Zwei Jahre habe ich dorthin gearbeitet, habe es aber dann aufgegeben. Solche Geschäfte bekommen nicht so viel Arbeiterinnen und verlangen, daß man auch an Sonn- und Feiertagen für sie arbeite. Dr. Ofner: Wie viel verdienen Sie im Tag, wenn Sie sonst nichts machen? — Exp. Nr. 159: fl. 2. Vorsitzende: Sie sagten, daß das Geschäft, für welches Sie früher gearbeitet haben, nicht genug Arbeiterinnen bekommt. Warum? — Exp. Nr. 159: Weil diese Geschäfte so schlecht zahlen. An diese Geschäfte 601 wenden sich im Anfang die Mädchen, welche aus Böhmen kommen, und lassen sich dort ausnützen. Sie sind aber froh, daß sie sich im Tag doch fl. 1 verdienen. Vorsitzende: Womit verdienen sie fl. 1 ? — Exp. Nr. 159: Mit Dessin nicht, sondern mit Monogrammen. Vorsitzende: Was kann Eine im Tag mit Dessin verdienen? — Exp. Nr. 159: 60 bis 70 kr. Das ist sehr viel, aber die Dessinarbeit hat in Wien aufgehört, es wird Alles fortgeschickt. Vorsitzende: Wird auch noch wo anders als in Böhmen gearbeitet? — Exp. Nr. 159: Auch in Ungarn und in der Schweiz, aber weniger; die böhmische Arbeit ist sehr beliebt, weil sie sehr schön ist. Vorsitzende: Haben Sie die Wahrnehmung gemacht, daß durch die Zunahme der Maschinstickerinnen den Handstickerinnen geschadet wird? — Exp. Nr. 159: Ja, sehr viel. Vorsitzende: Wie lange ist das? — Exp. Nr. 159 : Seit ungefähr vier bis fünf Jahren. Vorsitzende: Es lassen aber doch viele Damen mit der Hand arbeiten? — Exp. Nr. 159: Die besseren Damen lassen sich nichts tam- bouriren, aber die gewöhnlichen Leute lassen sich ein großes Monogramm um 4 bis 5 kr. tambouriren. Vorsitzende: Und die Schlingerei? — Exp. Nr. 159: Das hält sich weniger. Das wird immer wieder mit der Hand gemacht. Vorsitzende: Werden in den Ausstattungsgeschäften anch Arbeiten an Damen gegeben, die nicht wollen, daß man von ihnen weiß, daß sie arbeiten, z. B. an Äeamtenfrauen? — Exp. Nr. 159: Das kommt in den Geschäften vor, für welche ich arbeite. Es arbeiten aber nur Officiersfrauen; die nehmen sich ein Dienstmädchen mit, welches den Pinkel trägt, und gehen rückwärts hinein in das Geschäft. Die arbeiten sehr billig und verderben sehr den Preis. Vorsitzende: Warum arbeiten sie billiger als die Anderen? — Exp. Nr. 159: Weil es für sie nur ein Nebenverdienst ist. Sie arbeiten oft ganz hübsch, aber wenn man solchen Damen nicht gleich Arbeit gibt, arbeiten sie dann billiger. Man kann sich auch aus sie nicht verlassen, wenn ihnen die Arbeit nicht gelegen kommt, lassen sie es auch stehen. Dr. Ofner: Ist denn die Waare so schwer, daß ein Dienstmädchen das tragen muß? — Exp. Nr. 159: Eine solche noble Dame wird doch nicht einen Pinkel tragen; es ist oft ein großer Pack. Dr. Adler: Ist es nicht möglich, daß Sie irren? Vielleicht tragen diese Damen Arbeiten hin, um sie dort machen zu lassen? — Expertin Nr. 159: Da würden sie aber beim Laden hineingehen, warum gehen sie dann in die Manipulation? Expertin Nr. 160: Ich mache kleine Monogramme und Schlingerten ; ich habe immer nur für Private gearbeitet, beschäftige aber auch zwei Näherinnen. Ich selbst nähe seit meiner Jugend, habe es regelrecht gelernt und bin eine sehr geübte Weißnäherin. Vorsitzende: Machen Sie Weißnähereien auch für Geschäfte? — Exp. Nr. 160: Nur für Private, weil man da besser daran ist. Vorsitzende: Was Pflegen Sie für einen Meter Schlingerei zu bekommen? — Exp. Nr. 160: 80 kr. per Meter für die Schlingerei mit Muster. Dazu braucht man einen Tag. Da muß man aber fleißig sein und von 8 Uhr Früh bis 7 Uhr Abends arbeiten. Zu Mittag esse ich dort; ich lasse mir etwas holen, um keine Zeit zu versäumen. Vorsitzende: Uebernehmen Sie Monogramme? — Expertin Nr. 160: Nein, Knopflöcher auch nicht. Vorsitzende: Wissen Sie von Ihnen bekannten Stickerinnen, was sie in Geschäften bekommen? — Exp. Nr. 160: Für solche Stickereien, 602 für welche ich 80 kr. bekomme, bekommen sie höchstens 30 kr. Das sind Stickereigeschäfte, in denen man auch Vordrucken kann. Ich habe mich selbst darnach erkundigt. Dr. Adler: Und haben Sie da auch Material beizustellen, den Zwirn? — Exp. Nr. 160: Ja. Dr. Adler: Wie viel macht das täglich aus? — Exp. Nr. 160: Zwei Strähne, von denen eines 4 kr. kostet. Da ist man mit den Knopflöchern besser daran. Wenn man schnell arbeitet, kann man 100 machen und bekommt für eines 1 kr. in Herrenhemden. Dabei macht das Material weniger aus. Bei Bettwäsche, wo größere Knopflöcher sind, bekommt man auch 10/2 kr., aber nur von Privaten, denn wenn man für ein Geschäft Knopflöcher näht, bekommt man für ein Stück mit 14 Knopflöchern nur 9 bis II kr. Dr. Frey: Wie viel macht man da in einem Tag? — Expertin Nr. 160: Ein halbes Dutzend, je nachdem der Stoff ist. Manchmal ist der Floridas sehr schlecht. Dr. Adler: Gehen Sie in Häuser, wo Sie die Mittagskost bekommen? — Exp. Nr. 160: Ja, da ist man besser daran, da werde ich pro Tag mit 60 bis 70 kr. bezahlt und bekomme Frühstück, Gabelfrühstück, Mittagmahl, Jause und manchmal auch Nachtmahl, bei einsichtsvollen Damen. Jetzt ist es übrigens schlechter. Früher hat man fl. 1 und 1'20 bekommen. Vorsitzende: Wissen Sie vielleicht über die Stickerei etwas mehr? Ich habe gehört, daß in manchen Geschäften für einen Meter Leinenschlingerei 10 kr. gezahlt werden? — Exp. Nr. 160: Ich habe es einmal bezahlt. Ich habe einmal keine Zeit gehabt und schlingen lassen. Das waren Nullerzackerl, und dafür habe ich 10 kr. gezahlt. Vorsitzende: Was haben Sie bekommen? — Exp. Nr. 160 : Auch nicht mehr. Das waren keine so schlechten Kundschaften, sondern Privatleute. Vorsitzende: Warum haben Sie sich damit zufrieden gegeben? — — Exp. Nr. 160: Ich habe mehr Arbeit gehabt und es ging in Einem. Ich habe damals mehrere Dutzend Hemden zn machen gehabt. Vorsitzende: Sie haben, mir neulich von einer Bekannten erzählt, welche Hemdenarbeit übernommen und 40 kr. für die Knopflöcher bekommen hat. — Exp. Nr. 160: Ich gehe jetzt z. B. zu einer Näherin; wir arbeiten zusammen sechs Herrenhemden pro Tag, sie bekommt für sechs Herrenhemden sl. 3 und ich bekomme 60 kr. Pro Tag. Da muß ich den ganzen Tag sitzen und ihr Alles vorrichten. Dr. Adler: Wie viel Hemden macht sie im Tag?— Exp. Nr. 160: Sechs. Dr. Adler: Sie behält also fl. 2'40 und Sie bekommen 60 kr. ? — Exp. Nr. 160: Ja. Dr. Adler: Sind Sie allein dort? — Exp. Nr. 160: Ja. Dr. Adler: Gibt sie das Material her? — Exp. Nr. 160: Den Floridas und das Unterfutter zur Brust. Da kostet der Nieter 30 kr. Herrdegen: Per Stück 12 kr. Dr. Adler: Da gehen also wieder 80 kr. von ihrem Verdienste ab. Vorsitzende: Sie haben mir erzählt, wie Sie für Hemden u. dergl. gezahlt werden. Sie haben bei einer Unternehmerin Arbeiten für Geschäfte gemacht? — Exp. Nr. 160: Das ist schon ein paar Jahre. Dort ist 10 kr. per Herrenhemd gezahlt worden. Es waren weiße Leinenhemden mit Säumchen auf der Brust, natürlich nicht sehr fein. Ich habe das ganze Hemd genäht, nicht zugeschnitten; aber vorgerichtet habe ich es selbst. Die Knopflöcher habe ich nicht gemacht. 603 TU Ad ler: Wie lange brauchen Sie da zu einem halben Dutzend? — Exp. Nr. 160: Von Früh bis in die halbe Nacht. Herrdegen: Irren Sie da nicht? Es gibt Herrenhemden, wofür man fl. 1'20 bezahlt. Sie sprachen von einem Leinenhemd mit Sänmchen- brust. Ist die Brust von einem anderen Stoff eingesetzt worden?—Expertin Nr. 160: Das waren keine schönen Säumchcn. Herrdegen: Aber Sie haben auch die Säumchen gemacht? — Expertin Nr. 160: Ja. Herrdegen: Sie werden aus Ihrer Praxis wissen, was das Hemd werth gewesen sein kann, wenn man es gekauft hätte. — Exp. Nr. 160: Vielleicht 90 kr. Herrdegen: Das müssen wir also aufklären. Es kann erstens kein Herrenhemd gewesen sein und es kann kein Leinenhemd gewesen sein. War es weiß? — Exp. Nr. 160: Ein WeißesHemd; wie man sagt: ein Sonntagshemd war es nicht, aber ein weißes Leinenhemd. Herrdegen: Vielleicht Chiffon? — Exp. Nr. 160: Nein, die billige Wollleinwand. Vorsitzende: Sogenannte Kaiserleinwand. Dr. Osner: Wie ist es möglich, ein solches Hemd in einer Stunde zu arbeiten?— Exp. Nr. 160: Es wird nichts untersüttert. Die Manschetten sind nicht unterfüttert, die Krägen auch nicht und sein genäht wird es nicht. Herrdegen: Es war vielleicht ein Nachthemd? — Exp. Nr. 160: Nein; man kann auch mehr als eines in einer Stunde machen. Vorsitzende: Sie haben mir erzählt, daß Sie Knopflöcher übernommen haben von einem Herrn, der sie von einem Geschäft gehabt hat. Sie hätten die Wäsche hingebracht und hätten dann gesagt, um den Preis könnten Sie nicht arbeiten. — Exp. Nr. 160: Er hat für zwei Knopflöcher 1 kr. geben wollen, das ist derselbe, für den ich die Hemden genäht habe. Da waren 100 Knopflöcher, gearbeitet habe ich von 8 Uhr Früh bis 7 Uhr Abends und habe mir 50 kr. verdient. Vorsitzende: Wissen Sie noch etwas anzugeben? — Expertin Nr. 160 : Ein Mädchen hat per Dutzend Kinderkleider 70 kr.; ich habe einen Tag für das Dutzend gebraucht und von 8 Uhr Früh bis 7 Uhr Abends gearbeitet. Expertin Nr. 161 (durch Mittheilungen der Vorsitzenden und Angaben seitens der Expertin wird zunächst Folgendes festgestellt): Die Expertin arbeitet für Privatkunden, und zwar eigentlich nur für eine Dame. Sie ist die Tochter eines höheren Staatsbeamten, lebt hier mit ihrer Schwester fast ausschließlich von ihrer Arbeit. Sie kann alle Arten Stickerei, Goldstickerei, Seidenstickerei, Weißstickerei, auch Nähen. Da die Damen hier fremd sind, wissen sie sich nicht recht zu helfen und sind aus das angewiesen, was ihnen die Privatkunden, die ihrerseits nicht wissen, was zu zahlen ist, zahlen. Das Fräulein arbeitet vorzugsweise Paramente, die ihr von einer Dame gegeben werden, welche viel an Kirchen spendet. Ihre Klage ist hauptsächlich, daß sie nicht das ganze Jahr Arbeit hat. Ihre Schwester arbeitet für das Haus und kann nur wenig mithelfen. Vorsitzende: Wie lange brauchen Sie zu einem Meßkleid in Seidenstickerei? — Exp. Nr. 161: Zehn Tage. Wenn es mit Gold und mehr fein ist, brauche ich jetzt, wo ich mehr Uebung habe, zwölf bis fünfzehn Tage. Dr. Adler: Was bekommen Sie dafür? — Exp. Nr. 161: fl. 6 bis 10. Wenn ich aber fl. 10 oder 12 bekomme, muß ich oft 20 Tage oder auch mehr arbeiten. Vorsitzende: Wer bestimmt den Preis? -- Exp. Nr. 161: Die Dame selbst. 601 Vorsitzende: Werden Sie gefragt, wie lange Sie dazu gebraucht haben? — Exp. Nr. 161: Die Dame fragt nicht. Dr. Adler: Wie lange arbeiten Sie schon solche Sacken? — Exp. Nr. 161: Zehn Jahre. Dr. Adler: Da müssen Sie aber doch ungefähr wissen, wie viel Sie zu erwarten haben? — Exp. Nr. 161: Wir verlassen uns auf das Gewissen der Dame, wie sie zahlt. Dr. Adler: Wie ist es mit dem Material? — Exp. Nr. 161: Das gibt die Dame. Manchmal fehlt etwas Seide oder Wolle, dann muß man es kaufen, das bekommen wir nicht extra gezahlt. Wenn aber dafür Material übrig bleibt, so dürfen wir es behalten. Vorsitzende: Wäre es Ihnen lieber, wenn Ihnen das bezahlt würde, was Sie kaufen müssen? — Exp. Nr. 161: O ja. Vorsitzende: Sie machen auch Monogramme? — Exp. Nr. 161: Ja, aber ich finde es sehr wenig rentabel. Für ein Tischtuchmonogramm habe ich auch schon 80 kr. bekommen; da habe ich — es war sehr fein — den ganzen Tag gearbeitet. Ich habe aber auch schon Monogramme zu 20 kr. gemacht. Dr. Adler: Für dieselbe Kunde? — Exp. Nr. 161: Nein. Vorsitzende: Wie lange haben Sie an dem Monogramm um 20 kr. gearbeitet? — Exp. Nr. 161: In einem Tag habe ich vier gemacht, auch fünf, aber ich kann nur höchstens sechs bis sieben Stunden täglich arbeiten. Es macht mir Schmerzen auf der Brnst, und jetzt darf ich nicht so lange sitzen. Ich habe auch seit zwei Jahren einen schlechten Fuß und liege in Einem fort. Dr. Osner: Ist diese Krankheit eine zufällige? Vorsitzende: Ich glaube sie kommt von schlechter Ernährung. Sie hat ein Geschwür und Beinfraß bekommen, und der Fuß mußte abgenommen werden. Was bekommen Sie, wenn Sie Schlingereien machen? — Exp. Nr. 161: Die habe ich sehr wenig gemacht. Dr. Ofner: Wie viel erwerben Sie und Ihre Schwester im Monat ? — Exp. Nr. 161: Das ist nicht immer gleich; fl. 20, 15, manchmal auch fl. 10. Dr. Osuer: Und das muß für Beide genügen? — Exp. Nr. 161: Ja. Jede von uns bekommt vom Kaiser als Gnadengabe jährlich fl. 50. Vorsitzende: Sie machen auch Paramente in Seidenstickerei? — Exp. Nr. 161: Ja. Vorsitzende: Das ist aber anstrengend für die Augen? — Exp. Nr. 161: Ich habe sehr gute Augen und mache auch die feinsten Arbeiten. Mein Zimmer ist aber nicht licht genug für die Arbeit. Dr. Adler: Was machen Sie lieber, ein Monogramm oder ein Parament? — Exp. Nr. 161: Kunststickerei, die Arbeit ist angenehmer. Ich habe es auch gern, wenn es feine Arbeiten sind. Dr. Adler: Weil Sie mehr Freude daran haben — aber was ist einträglicher ? — Exp. Nr. 161: Man verdient mehr, wenn die Arbeit nicht so fein ist. Dr. Adler: Sie verdienen also bei der gewöhnlichen Monogrammarbeit eigentlich mehr als bei der Kirchenparamentarbeit? — Expertin Nr. 161: Ja. Dr. Adler: Die Monogrammarbeit aber gehört auch für Privat- kunden? — Exp. Nr. 161: Ja. Vorsitzende: Arbeiten Sie nur für die eine Dame Paramente? — Exp. Nr. 161: Noch für eine. Vorsitzende: Wie bezahlt die? — Exp. Nr. 161: Etwas besser. (Auf Befragend Ich und meine Schwester bewohnen Zimmer und Küche und zahlen monatlich dafür sl. 11'50. Beide zusammen verzehren wir manch- 605 mal nur 20 kr. für Mittagessen und Nachtmahl. Wenn es etwas besser geht, wird ein Viertelkilo Rindfleisch für zwei Tage gekauft, welches an beiden Tagen zu Mittag gegessen wird. Für das Abendessen wird Reis für zwei Abende um 8 kr. gekauft. Wenn es nicht gut geht, essen wir kein Fleisch, sondern es werden Erdapfel, Reis und Gemüse zubereitet. Manchmal zum Nachtmahl essen wir Käse. Wenn die Zwetschken im Herbst billiger sind, nehmen wir Zwetschken, ein bischen Wasser dazu, ein Stückchen Brot; das ist das Nachtmahl. Vorsitzende: Wie oft im Monat kommt das vor, daß Sie ein Viertelkilo Rindfleisch kaufen? — Exp. Nr. 161: Manchmal einen ganzen Monat nicht. Der Doctor hat gesagt, ich soll zweimal täglich Fleisch essen und Wein trinken. Ich war früher immer gesund, aber zart. Nach der Operation war ich sehr hergenommen, und da hat der Doctor gesagt, ich kann keine Kraft bekommen, die Nerven sind schwach, ich muß Fleisch essen. Ich spüre das auch, aber es wird nicht anders. Wir haben manchmal zwei bis drei Monate kein Rindfleisch. (Es wird festgestellt, daß die Krankheit ohne äußeren Unfall eingetreten ist.) Dr. Adler: Haben Sie sich nicht Mühe genommen, eine andere Arbeit zu bekommen, die einträglicher ist? — Exp. Nr. 161. Ich kenne sehr wenig Leute hier. Dr. Adler: Sind Sie nicht in Geschäfte gegangen? — Expertin Nr. 161: Sie geben Einem keine Arbeit, wenn man nicht recommandirt ist. Sie wissen nicht, ob man arbeiten kann. Dr. Ofner: Sie könnten aber etwas zeigen, was Sie gearbeitet haben. — Exp. Nr. 161: Man muß aber eine Caution erlegen, und die habe ich nicht. Vorsitzende: Sie hat schlechte Möbel und bekommt deshalb die Arbeit nicht. Schluß der Sitzung 7 Uhr 20 Minuten. 34. Sitzung» Wuntag, 20. Npril 1896. Vorsitzender: Dr. Kai;!. Beginn der Sitzung 7 Uhr 10 Minuten Abends. Vorsitzender: Ich eröffne die Sitzung und beginne mit der Vernehmung des Herrn Jacob Fischl, Chefs der Firma D. Fischl's Söhne. — Experte Fischl: Wir fabriciren Damenconsection jeder Art; Damen-, Mädchen- und Kinderconsection en Aros und haben außerdem jetzt eine Detailabtheilung — Rothenthurmstraße 12 — errichtet. Wir können im Hause nicht so viele Arbeiter unterbringen, weil die Miethverhältnisse es nicht gestatten. Wir haben aber zwei Werkstätten etablirt, wo auch bis zu 60 Arbeiter arbeiten. Da jetzt in Folge der schlechten Witterung weniger Arbeiter nöthig sind, wurden am letzten Samstag in der Damenconfections- Abtheilung blos 46 Arbeiter und 24 Meister ausbezahlt. Die letzteren sind Zwischemneister; von ihnen habe ich mir Notizen gesammelt, die ich hier deponiren will. Ich kann natürlich nicht verbürgen, daß die Angaben ganz genau stimmen, aber die Leute sind als verläßlich bekannt. Vorsitzender: Sind die Arbeiter in der Werkstätte männlichen und weiblichen Geschlechtes? — Exp. Fischl: Theils männlichen, theils weiblichen; in der sogenannten englischen Werkstätte sind nur Männer beschäftigt, in der anderen Confection meistens Mädchen und Frauen. 606 Vorsitzender: Haben Sie einen Stock von Arbeitern dauernd in der Werkstätte'? — Exp. Fischl: Das kommt auf die Saison an. Wir haben eine Sommer- und eine Wintersaison. Jetzt ist die Saison schon vorüber, und wir müssen gewisse Artikel zu arbeiten aufhören. Vorsitzender: Wissen Sie, wie viele Arbeiter jeder der Stückmeister beiläufig zu beschäftigen pflegt'? — Exp. Fischl: Das kommt wieder auf die Saison an. Am 31. März wurde z. B. ausgezahlt an Meister fl. 3852 für eine Woche; in einer Werkstätte, wo die Mädchen arbeiten, fl. 310, und wo die Gesellen arbeiten, sl. 387. Ich kann verbürgen, daß keine dieser Arbeiterinnen unter fl. 8 in sechs Tagen verdient. Es gibt auch einige darunter, die besonders geschickt und fleißig sind und fl. 15 bis 16 verdienen. Ich muß dem widersprechen, was hier in der Enguöte über die Löhne der Arbeiterinnen mitgetheilt wurde. Ich muß mich gegen die Aus- fassung verwahren, als ob die großen Confectionüre da wären, um die Arbeiter zu drücken. Die Angaben von Confectionsarbeiterinnen, daß sie nur 60 kr. täglich verdienen, sind nicht richtig. Wir beschäftigen unter allen Confectionären in Wien so ziemlich die meisten Leute, und ich habe mich davon überzeugt, daß kein Mädchen und keine Frau, wenn sie durch die gesetzlichen Tagesstunden arbeitet, weniger als fl. 7 in sechs Tagen verdient. Vorsitzender: Sind die Meister verpflichtet, Ihnen die Wahrheit anzugeben? — Exp. Fisch l: Das nicht, aber genau dieselben Arbeiterinnen, welche wir haben, haben auch die Meister, und das Mädchen, welches fleißig arbeitet, verdient in den gesetzlichen Arbeitsstunden fl. 7, 8 bis 16. Vorsitzender: Die Leute arbeiten nicht bei den Meistern in einer Werkstätte? — Exp. Fischt: O ja, gewiß; die meisten Meister haben Werkstätten, wohin die Arbeiter kommen. Diese erhalten ein zugeschnittenes Stück vorgelegt, welches ihrer Individualität entspricht. Die Arbeiterinnen haben leichtere Arbeit, die Arbeiter schwerere; diese werden dafür besser entlohnt. Weibliche Arbeiter, die für Damenconfection arbeiten, kommen, nach meiner Erfahrung, in der gesetzlichen Arbeitszeit nicht unter fl. 7 pro Woche zu stehen. Vorsitzender: Steht der Meister unter Aufsicht der Gewerbebehörde ? — Exp. Fischl: Ja, er ist als selbstständiger Gewerbetreibender angemeldet und zahlt Steuern. Vorsitzender: Es gibt aber auch Arbeiter und Arbeiterinnen, welche zu Hau^e, in der eigenen Wohnung arbeiten. — Exp. Fischt: Das entzieht sich jeder Controle. Vorsitzender: Wie lange dauert die Saison? — Exp. Fischl: Das ist schwer zu sagen. Bei uns pflegt länger zu thun zu sein als anderswo, weil wir auf Lager arbeiten. Die Sommersaison ist jetzt zu Ende. Wir werden jetzt eine kleine Pause von zwei bis drei Wochen haben — das hängt von der Witterung ab — dann fangen wir wieder für die Wintersaison zu arbeiten an, so daß wir den Arbeitern für zehn Monate Arbeit verbürgen können, wenn sie arbeiten wollen. Vorsitzender: Sie sagten aber, es sei jetzt wegen schlechter Witterung anders? — Exp. Fischl: Da haben wir weniger Arbeitsleute. Aber wenn sie gute Arbeiter sind, so können sie in Salons gehen, wo mehr Beschäftigung voll Damenconfection ist; wenn dort 8 ai 80 n morts ist, können sie wieder bei uns arbeiten. Dr. Verkauf: Sie haben von einer gesetzlichen Arbeitszeit der weiblichen Arbeiter gesprochen. Was verstehen Sie darunter? — Experte Fischl: In unseren Werkstätten ist für die weiblichen Arbeiter eine Arbeits- zeit von zehn bis elf Stunden eingeführt. Dr. Verkauf: Sie haben aber von sämmtlichen Werkstätten gesprochen? — Exp. Fischl: Da war nur von meinen Werkstätten die Rede. 607 Dr. Verkauf: Sie wissen aber, daß in den kleingewerblichen Werkstätten eine gesetzliche Arbeitszeit nicht besteht? — Exp. Fischl: Das weiß ich nicht. Dr. Verkauf: Dann befanden Sie sich in Irrthum. Wittelshöfer: Sie sagen: „es ist von der Witterung abhängig"; wollen Sie das näher auseinandersetzen. — Exp. Fischt: Wie sich die Saison gestaltet. Heuer hat z. B. die ganze Confectionsbranche eine sehr schlechte Saison in Sommerwaare. Dadurch werden wahrscheinlich auch bei den Arbeitern Ausfälle eintreten, während wir sonst gewöhnlich Sommerwaare fort arbeiten bis zur Wintersaison, das ist bis Mitte Mai. Wittelshöfer: Geben Sie dem Meister das zugeschnittene Stück? — Exp. Fischl: Theils das zugeschnittene Stück, theils etwa 30 bis 60 Meter und sagen ihm, daraus habe er eine bestimmte Anzahl von einer Fa^on und eine bestimmte Anzahl von einer anderen zu machen. Wir haben schon vorher ausprobirt, wie viel Meter er ungefähr benöthigt. Wittelshöfer: Was macht der Stückmeister mehr als die Arbeiter in Ihrer Werkstätte? — Exp. Fischl: Die Arbeit ist die gleiche, nur daß unsere Arbeiter das Stück von uns im Hause immer zugeschnitten bekommen — wir haben nämlich für jede Werkstätte einen eigenen Zuschneider, der ein selbstständiger Mann ist und auch die Arbeitslöhne für die einzelnen Arbeiter bestimmt — während der Stückmeister, der ein Meister für sich ist, die übernommenen Stosse selbst zuschneidet und die Arbeit an seine Leute vertheilt. Er macht also eventuell für uns die Mehrleistung des Zuschneidens. Zuthaten hat er nicht zu geben, außer wenn wir z. B. bei Wintersachen zu wenig Watta hergegeben haben. Nur Zwirn und die Maschinen muß er selber beistellen. Die anderen Ausgaben dürften verschwindend klein sein. Wittelshöfer: Wie verhält sich der Betrag, den Sie dem Stückmeister zahlen, zu dem Lohne, den Sie dem Arbeiter in Ihrer Werkstätte geben? — Exp. Fischt: Er bekommt ungefähr um 10 Percent mehr als uns seine Arbeit in der Werkstätte kosten würde, denn wir haben ja eine große Regie. Das ist übrigens nicht gleich; es ist ein freies Ueberein- kommen. Der Meister bekommt das vorgelegte Stück, von welchem wir genau wissen, was man dafür an Arbeitslohn bezahlen kann. Er verlangt z. B. fl. 3. Nun wissen wir aber genau, daß man es uns um fl. 2 V, macht, da gehen wir nun die goldene Mittelstraße und geben ihm fl. 21«. Das gilt dann für die ganze Saison. Wittelshöfer: Sie zahlen also dem Meister ungefähr das, was es Ihnen in Ihrer Werkstätte kostet plus einem Zuschlag von 10 Percent? — Exp. Fischl: Das ist nicht ganz genau, es kann mehr und auch weniger sein. Wittelshöfer: Wenn Sie also auf die Arbeit in Ihrer Werkstätte selbst noch große Regie haben und den Lohn des Zuschneiders zahlen müssen, dagegen der Zwischenmeister für die von Ihnen übernommenen Arbeiten die Kosten für gewisse Zuthaten, für Beleuchtung, Wohnung zu tragen hat, glauben Sie, daß der Meister im Stande ist, dieselben Löhne zu zahlen wie Sie, wenn er 10 Percent Aufschlag erhält? — Experte Fischl: Er bezahlt so wie ich. Ich weiß, es kommt jede Arbeiterin, wenn sie fleißig ist, aus mindestens fl. 7. Wir bezahlen Arbeiterinnen auch fl. 17 pro Woche. Ich gebe nur die Minimalziffer an, und diese ist, so viel mir bekannt ist, bei sechstägiger Arbeit fl. 7. Wittelshöfer: Es handelt sich nur um das Princip, ob der Meister die Möglichkeit hat, wesentlich niedrigere Löhne zu zahlen, als Sie selbst, und ob nach der ganzen Darstellung auch anzunehmen ist, daß er wirklich niedrigere Löhne zahle. — Experte Fischl: Ja, ich muß aber beifügen, daß, wie wir Löhne bis fl. 16 zahlen, auch beim Stückmeister 608 Löhne bis fl. 12, 13 vorkommen dürften. Ich nehme nur die Minimalziffern an, die mir von den Meistern mitgetheilt wurden, und ich darf ihnen Glauben schenken, daß sich die Arbeiterinnen spielend fl. 7 pro Woche verdienen können. Borsitzen der: Sie werden einverstanden sein, daß wir constatiren, daß Sie diese Ihre Angaben über die Möglichkeit des Erwerbes der Arbeiterinnen auf Grund der Angaben, die Ihnen von den Meister n gemacht worden sind, abgegeben haben. — Exp. Fisch l : Und soweit ich Wahrnehmungen in der Werkstätte gemacht habe. Wittelshöfer: Beschäftigen Sie auch Hausarbeiterinnen ohne Vermittlung von Meistern? — Exp. Fifchl: Nein. Tr. Ofner: Haben Sie Lehrmädchen? — Exp. Fischl: Wir nehmen keine auf, und auch unsere Meister in der Regel nicht, wegen der Raumverhältnisse. Tr. Ofner: Wie viel sind von den von Ihnen früher erwähnten 46 Arbeitern Mädchen? — Exp. Fischl: 23 bis 24. Dr. Ofner: Sie sagten, daß Sie manchmal 60, jetzt 46 Arbeiter- haben. Was machen nun die Mädchen und Arbeiter während der Zeit, wo sie bei Ihnen nicht beschäftigt sind ? — Exp. Fisch l: Dann gehen die Fleißigen in die Salons, die haben gewöhnlich länger zu thun, so daß bei ihnen noch Saison ist, während wir schon samon märte haben. Namentlich in der Kleiderconfection ist bei ihnen mehr zu thun. Wir fabrieiren keine Toiletten, sondern Jaquets, Mäntel, und Heuer haben wir noch Costüme dazugenommen, die sogenannten Reisetoiletten, Smokings. Dr. Schiff: Haben Sie selbst mit den Zwischenmeistern über die Lohnangaben gesprochen? — Exp. Fischl: Ja. Tr. Schiff: Sie beschäftigen 24. Mit wie vielen haben Sie gesprochen? — Exp. Fischl: Ich habe mit zwei gesprochen, aber außerdem noch mit Zuschneidern, die dies sehr genau wissen. Dr. Schiff: Womit haben Sie die Fragen motivirt? — Experte Fischl: Der Meister steht uns so zur Verfügung, daß er gar nicht daran denkt, warum ich ihn frage. Dr. Schiff: Kommen die Meister selbst liefern, oder kommen auch Arbeiter? — Exp. Fiichl: Meist kommen die Meister selbst, und zwar am Samstag, wenn die Auszahlung stattfindet. Arbeiter kommen nur in den seltensten Fällen, wenn die Meister nicht fortkommen können. Dr. Verkauf: Ist nicht bei Ihnen ein successives Verdräugen der männlichen durch weibliche Arbeiter zu bemerken? — Exp. Fischl: Das ist nicht bestimmt. Es gibt Meister, die nur weibliche Arbeitskräfte brauchen können, wie dies bei einem früher selbstständigen Meister in unserem Hause der Fall ist. Dr. Verkauf: Es ist hier behauptet worden, daß sich ein successives Verdrängen der männlichen Hilfskräfte durch weibliche constatiren läßt. Ich wollte nun wissen, ob auch Sie finden: die weiblichen Kräfte leisten mir dasselbe wie die männlichen, also kann ich diese durch jene ersetzen. — Experte Fischl: Bei uns ist das nicht der Fall. Hier ist ein Vorsteher einer Werkstätte, der hat die sogenannte englische Arbeit. Es gibt nur sehr weuig Frauen und Mädchen, welche dabei die Arbeiter ersetzen können. Nach meiner Ueberzeugung findet ein Verdrängen der männlichen Arbeiter durch weibliche nicht statt. Es kommt übrigens immer auf den Artikel an. Den billigen Artikel von Männern arbeiten zu lassen, lohnt sich nicht; der wird schon seit jeher von Mädchen und Frauen gemacht. Ein Artikel, der propre gearbeitet werden muß, kann von Frauen oder Mädchen nicht hergestellt werden. In der letzten Zeit ist auch keine Veränderung eingetreten. Vorsitzender: Bitte um Auskunft über die Arbeitszeit, aber nur darüber, was Sie aus eigener Wahrnehmung wissen. — Exp. Fischl: 60 9 Bei uns wird um ^8 Uhr das Geschäft geöffnet. Zu Mittag ist eine Stunde Pause, vor 8 Uhr werden die Arbeiterinnen wieder entlassen. Zu arbeiten wird aber, wie ich glaube, erst um 8 Uhr angefangen. Vorsitzender: Die Arbeiter in der Werkstätte haben eine vierzehn- tägige Kündigung? — Exp. Fischt: Darüber weiß ich nichts, denn während ich verreist war, ist eine neue Arbeitsordnung eingeführt worden, welche von unserem Zuschneider abgefaßt wurde. Sonntagsruhe wird in vollstem Maße eingehalten. Wittelshöfer: Sind die Zuschneider Ihre Angestellten? — Exp. Fischl: Ja; sie haben das Recht der Aufnahme und Entlassung. Wittelshöfer: Sie können also darauf keine Jngerenz nehmen? — Exp. Fischl: Es geschieht vielleicht einmal, daß ein Arbeiter oder eine Arbeiterin zum Chef oder auch zum Cassier kommt und ihn bittet, er möchte ein gutes Wort für sie einlegen. Im Allgemeinen sehen wir darauf, daß die Leute gut gehalten werden. Wenn der Arbeiter sich etwas zu Schulden kommen läßt, muß er natürlich weichen, aber wenn er zu spät kommt, wird er nicht mit Entlassung bestraft; er verdient ja ohnehin weniger; aber wenn man die Sachen, die er fertigmachen soll, dringend braucht, und sie durch seine Verspätung nicht rechtzeitig fertig werden, wird er ausgezankt. Wittelshöfer: Was für Pausen haben Sie? — Exp. Fischl: Mittags eine Stunde und auch noch mehr. Frühstücks- und Jausenpause haben wir nicht, man bringt da den Arbeiterinnen das Essen in die Werk- stätte. Dr. Verkauf: Wie viel Zuschneider haben Sie? — Exp. Fischl: Zwei im Hause, und jeder Meister ist für sich ein Zuschneider. Dr. Verkauf: Wer arbeitet die Arbeitsordnung aus, bevor sie der Behörde vorgelegt wird, Sie oder der Zuschneider? — Exp. Fischl: Der Zuschneider wird nur zu Rathe gezogen über das, was nöthig ist. Vor acht Tagen war der Gewerbe-Jnspector Knlka bei uns; der hat uns gesagt, wir können von der Usance der vierzehntägigen Kündigung abgehen, und da ist während meiner Abwesenheit die Arbeitsordnung gemacht worden. Ob sie schon durchgeführt ist, weiß ich nicht. Dr. Verkauf: Aber Sie haben die Absicht bekundet, die vierzehn- tägige Kündigung zu beseitigen? — Exp. Fischl: Darüber weiß ich nichts Bestimmtes. Dr. Verkauf: Kennen Sie den Inhalt der Arbeitsordnung, bevor sie der Behörde vorgelegt wird? — Exp. Fischl: Ich persönlich nicht. Dr. Verkauf: Ueber die Pausen wissen Sie auch nichts, ebenso können Sie über die Arbeitszeit keine Auskunft geben. Sie sagen, um hi-8 Uhr muß Jeder zugegen sein und man fängt, wie Sie glauben, erst um 8 Uhr zu arbeiten an. Nun weiß ich nicht, was Sie aus eigener Wahrnehmung wissen. Vielleicht haben Sie die Güte, uns nur Mittheilungen aus eigener Wahrnehmung zu machen. — Exp. Fischl: Was ich Ihnen gesagt habe, habe ich erfahren. Dr. Verkauf: Verzeihen Sie, Sie haben von den Löhnen erklärt, daß Sie das von den Meistern wissen. — Exp. Fischl: Ich habe hier mein Buch; da wird eingeschrieben, was jeder Arbeiter und jede Arbeiterin verdient. Für mich hat es sich hauptsächlich darum gehandelt, mitzutheilen, daß die Angaben, die in den Zeitungen standen, daß die Arbeiterinnen aus 60 kr. stehen, nach unseren Wahrnehmungen nicht richtig sind. Vorsitzender: Ich möchte aber constatiren, daß sich Ihre Angabe allerdings auf Ihre eigene Werkstätte beziehen mag; Sie können uns über die Lohnverhältnisse und Zustände der Arbeiterinnen, welche bei Zwischenmeistern arbeiten, nichts mittheilen? — Exp. Fischl: Ich kann nur mittheilen, was mir von glaubwürdiger Seite gesagt wurde. Frauen-EnquZte. 39 610 Witte lshöf er: Aus den von Ihnen gemachten Mittheilungen habe ich zu entnehmen geglaubt, daß die Zwischeumeister ungefähr 400 bis 500 Arbeiterinnen halten. Wenn Sie nun in Ihrer eigenen Werkstätte 20 bis 30 Arbeiterinnen haben, bei den Zwischenmeistern aber 400 sind, so werden Sie ja selbst zugeben, daß man die über Ihre Werkstätte gemachten Angaben nicht als maßgebend für die ganze Branche, insbesondere auch nicht für die Form der Zwischenmeisterei betrachten kann, und daß, wenn auch Sie mindestens st. 7 zahlen, in der Mehrzahl der Fälle geringere Löhne gezahlt werden können. — Exp. Fischl: Das ist vollständig ausgeschlossen. Meine Erfahrung geht dahin, daß ein Mädchen oder eine Frau, wenn sie fleißig ist, nicht unter fl. 7 verdient; das ist mir auch von meinen Meistern mitgetheilt worden. Vorsitzender: Können Sie uns auch nicht aus eigener Wahrnehmung angeben, wie lange die Arbeitszeit bei den Zwischenmeistern dauert? — Exp. Fischl: Nein, das weiß ich nicht. Vorsitzender: Wissen Sie vielleicht — das ist oft Gegenstand der Klage kleiner Gewerbetreibender — ob Ihre Zwischenmeister auch auf eigene Rechnung Arbeit übernehmen? — Exp. Fischl: Wenn sie ehrlich sind, nehmen sie keine, außer von uns. Ich habe aber auch schon gehört, daß sie mit unseren Modellen zu unseren Coneurrenten oder zu unseren kleineren Kunden gegangen sind und Arbeit angenommen haben. Sowie wir das erfahren, wird der Betreffende entlassen. Der Meister hat die Pflicht, nur für uns zu arbeiten, so lange er bei uns angestellt ist. (Ueber Befragen.) Jeder Zwischenmeister ist als selbststündiger Gewerbetreibender angemeldet und zahlt seine Steuer; wenigstens diejenigen, welche für uns arbeiten. Vorsitzender: Wenn zum Zwischenmeister nicht ein Verkäufer, sondern eine Kunde kommt, ist der Meister berechtigt, von Kunden die Bestellungen anzunehmen? — Exp. Fischl: Eigentlich nicht. Dr. O fn er: Entlassen Sie nach der baute 8aison Zwischenmeister? — Exp. Fischl: Ja. Dr. Ofner: Können dieselben dann bis zur Wiederaufnahme in Ihre Beschäftigung für Andere Arbeit übernehmen? —Exp. Fischl: Sobald sie für uns nichts zu thun haben und nicht unsere Modelle haben, dürfen sie für Kunden arbeiten. Dr. Ofner: Bitte uns etwas über die Minimallöhne, welche bei Ihnen vorkommen, mitzutheilen. — Exp. Fischl (legt das Buch vor): Das Mindeste, was sich eine Arbeiterin in sechs Tagen verdient, ist fl. 7. Das ist aus dem Buche zu ersehen. Hier ist eine Arbeiterin, die hat fl. 4'20, aber sie hat nur drei Tage gearbeitet. Dr. Ofner: Ich'constatire aus dem Buche, daß hier auch eine Arbeiterin mit fl. 4 in der Woche verzeichnet ist. — Exp. Fischl: Wahrscheinlich hat sie nicht die ganze Woche gearbeitet. Dr. Verkauf: Ist das im Buche zu ersehen? — Exp. Fischl: Ich verbürge das. Dr. Ofner: Ich constatire ferner: ein Mädchen mit fl. 3'50, eines mit fl. 4'20, dann ein Mädchen mit fl. 5-00, die anderen mit fl. 7 und mehr, bei 24 Mädchen. — Exp. Fischl: Ich kann den Beweis erbringen, daß kein Mädchen weniger als fl. 7 verdient. H er r d e g e n: Ist das Wochenlohn oder Stücklohn? — Exp. Fischl: Stücklohn; Wochenlohn gibt es nicht. Herrdegen: Welche gewerbliche Ausbildung oder welche Lehrzeit haben die Mädchen, die in der Lage sind, sich bei Ihnen fl. 7 zu verdienen ? — Exp. Fischl: Es ist möglich, daß sie es schon in 14 Tagen erlernen. Sie machen nur Theilarbeiten, haben z. B. leichte Arbeit, wo die Maschine mithilft und sie das Stück nur ausfertigt. 611 Herrdegen: Es ist also nickt nothwendig, daß das Mädcken das Schneidergewerbe erlernt hat? — Exp. Fischt: Etwas muß sie wohl gelernt haben, nähen muß sie können. Der Zuschneider ist mir dafür verantwortlich, und wenn er sieht, daß sie nichts leisten kann, schickt er sie fort. Herrdegen: Wie lange muß also ein solches Mädchen gearbeitet haben, um sl. 7 zu verdienen? — Exp. Fischl: Das bin ich leider nicht in der Lage, zu beantworten, da wir die Werkstätte erst seit kurzer Zeit eingerichtet haben. Herrdegen: Dann haben Sie gesagt: dort, wo propre Arbeit nothwendig ist, können Mädchen nicht verwendet werden, muß man zumeist Gesellen verwenden. Erfordert diese Arbeit eine besondere Geschicklichkeit oder werden deshalb Gesellen beschäftigt, weil sie eine bessere gewerbliche Ausbildung erlangt haben? Denn die Männer haben doch alle die vorgeschriebene Lehrzeit hinter sich?—Exp. Fischl: Das kann ich nicht wissen, weil das nicht meine Sache ist. Baronin Vogelfang: Worin besteht das Vorrichten? — Experte Fischl: Der Stoff wird zugeschnitten. Baronin Vogelfang: Wenn das Stück zugeschnitten ist, heftet der Vorrichter den Stoff? — Exp. Fischl: Nein. Er schneidet zu, und die Arbeiterin muß das Ganze fertig machen. Vorsitzender: Ich danke; wir vernehmen nun Expertinnen aus der Cravattenbranche. Expertin Nr. 162: Ich bin jetzt selbstständig, habe aber keinen Laden, sondern nähe für ein Geschäft. In diesem sind zwei Näherinnen und ein Lehrmädchen, manchmal auch vier bis fünf Näherinnen beschäftigt. Es wird auch Arbeit außer Haus gegeben, aber nur Theile. Ich selbst nähe Alles. In dieser Branche werden nur Frauen beschäftigt. Lehrmädchen werden bei uns im Geschäfte nicht verwendet. Herrdegen: Hat die Fabrik keine Arbeiterinnen im Hause? — Exp. Nr. 162: Nein, Mes wird an Zwischenmeisterinnen ausgegeben; eine solche bin ich auch. Ich selber beschäftige Niemand. Ich gebe nichts außer Hause, denn ich kann eine Cravatte vollständig machen. Herrdegen: Wie haben Sie das gelernt? — Exp. Nr. 162: Ich war drei Monate Lehrmädchen, habe kein Lehrgeld gezahlt. Ich habe aber nicht in dieser Zeit gelernt, eine Cravatte vollkommen fertig machen, das wird nie gelehrt. Wenn man es nicht selbst lernt, so kann man es nicht. (Ueber Befragen.) Bei der Zwischenmeisterin waren zwei Arbeiterinnen, und außerdem arbeitete die Frau selbst mit. Als ich die Cravatte selbst vollkommen machen konnte, war ich noch in einigen Nähanstalten und habe dann von den Geschäften selbst Arbeit übernommen, ebenso wie jetzt. «Ueber Befragen.) Ich habe kein Lehrmädchen. Ich mache nur Maschen, und zwar nur für Ein Geschäft.— Expertin Nr. 163: Ich arbeite ebenfalls für Ein Geschäft, und zwar auch allein. Herrdegen: Wie haben Sie das Cravattennähen gelernt? — Exp. Nr. 163: Mit 14 Jahren bin ich in die Lehre gekommen und habe sechs Monate gelernt. Lehrgeld habe ich nicht gezahlt. Nach sechs Monaten hohe ich fl. 1'50 pro Woche bekommen, nach einem Jahre um 80 kr. mehr. Alle zwei, drei Tage mußte ich liefern gehen, da bin ich erst nach 8 Uhr nach Hause gekommen. Für den Gang habe ich 6 kr. bekommen. Eine Näherin war dort; die war schon zehn Jahre bei dieser Frau und hat sl. 5 wöchentlich gehabt. Herrdegen: Haben Sie während der sechs Monate, wo Sie lernten, je eine einzige Cravatte ganz fertig gemacht? — Exp. Nr. 163: Das habe ich nie zu arbeiten bekommen, sondern immer nur Kleinigkeiten, und zwar .Militärcravatten; Civilcravatten sind nur höchst selten gemacht worden. Auch heute mache ich nur Militärcravatten. — Expertin Nr. 164: Ich bin jetzt 39 * 612 seit einem halben Jahr nicht mehr Cravattennäherin. Früher habe ich bei einem Zwischenmeister gearbeitet. Ich habe alle Fa^ons gemacht. Ich war Handnäherin; da habe ich Futter eingenäht. Es ist Alles im Hanse gemacht worden; verschiedene Fa?ons, Faltencravatten, Selbstbinder, Knoten nicht. Ich war im Wochenlohn. Seitdem ich nicht mehr bei dem Zwischenmeister bin, arbeite ich überhaupt nicht mehr, weil es sich mir nicht rentirt. Herrdegen: Warum sind Sie nicht selbst zu dieser Fabrik gegangen und haben dort Arbeit verlangt? — Exp. Nr. 163: Weil mich die Zwischen- meisterin nicht das Zusammensetzen hat lehren wollen. Herrdegen: Wie lange waren Sie im Betriebe? — Exp. Nr. 163: Fünf Jahre. Herrdegen: Können Sie jetzt eine Cravatte ganz allein machen? — Exp. Nr. 163: Nein. Dr. Ofner (znr Exp. Nr. 162): Haben Sie während der drei Monate Ihrer Lehrzeit etwas bekommen? — Exp. Nr. 162: Nein. Nach den drei Monaten habe ich wöchentlich fl. 1 bekommen, nach einem Jahre habe ich fl. 2 bekommen, das ist schon ein Mittellohn. Baronin Vogelfang (zur Exp. Nr. 164): Sie sagten, Sie gingen nicht in die Fabrik, weil Ihnen die Zwischenmeisterin nicht gezeigt hat, wie man eine ganze Cravatte macht. Hätten Sie das nicht auch ohne die Zwischenmeisterin lernen können? — Exp. Nr. 163: Nein. Die Zwischenmeisterin ist in einem anderen Zimmer gesessen, und ohne Anweisung konnte ich das nicht lernen, weil ich die Vortheile nicht kenne. Vorsitzender (zu allen Experten): Können Sie uns bestätigen, daß man absichtlich die Vortheile, eine ganze Cravatte fertig zu machen, den Mädchen verbirgt? — Exp. Nr. 165: Gewiß, denn wenn die Arbeiterin eine Cravatte selbst fertig machen kann, macht sie sich selbstständig. Vorsitzender: Halten Sie die Arbeit für so schwierig, daß man dazu erst Anweisungen bekommen muß, z. B. Selbstbinder zu machen? — Exp. Nr. 165: Das nicht, aber wenn man keipe genügende Praxis hat, kann man das nicht gut machen und bekommt dann in den Geschäften keine Arbeit. Man sieht das sogleich, ob Eine etwas kann oder nicht. Es ist absichtlich so eingerichtet, daß die Arbeit in kleine Theile zersplittert wird und jede Arbeiterin nur einen Theil zu arbeiten bekommt. Vorsitzender (zur Exp. Nr. 165): Wird bei Ihnen nach der Zeit gezahlt oder nach Stück? — Exp. Nr. 165: Das ist nicht gleich; Manche zahlen per Stück, meistens aber pro Tag, weil die Meisterin sich dabei besser steht. (Ueber Befragen.) Zngehör hat die Arbeiterin nicht beizustellen, das gibt die Meisterin. Gearbeitet wird von 7 Uhr bis 12 Uhr imd von 1 Uhr bis 7 Uhr. Für Ueberstnnden bekommt man 5 bis «1 kr. pro Stunde. Wir haben auch Saisons. Im Hochsommer ist sehr wenig zu thun. Da arbeitet die Zwischenmeisterin selbst; die Näherin muß schauen, daß sie sich anderswo fortbringt. Wenn sie dann wieder in die Arbeit kommen will, so kann sie es, wenn nicht, nicht. (Ueber Befragen.) Es wird auch Arbeit nach Hause genommen. Diese Arbeit wird nicht besonders gut bezahlt; ein paar Kreuzer per Dutzend. Männer arbeiten in dieser Branche nicht. Abzüge kommen nicht vor, außer man kommt einen Tag z. B. krankheitshalber wcht, dann wird das abgezogen. Vorsitzender: Wie hoch pflegen die Löhne in dieser Branche zu sein? — Exp. Nr. 165: Der Lohn fängt mit 50 kr. an, das bekommt ein Lehrmädchen, dann fl. 1. Vorsitzender: Was ist denn ein Lehrmädchen? Wie lange ist man denn ein Lehrmädchen? — Exp. Nr. 165: Das ist nicht bestimmt, drei, sechs Monate, je nachdem sich das Mädchen von der Frau ausnützen läßt. Also mit 50 kr. fängt der Lohn an, eine ausgekernte Arbeiterin bekommt fl. 2 bis 3, wenn sie tüchtig ist, fl. 4. Wenn Eine vier bis 613 fünf Jahre dabei ist, bekommt sie fl. 5, und kann Eine die Arbeit selbstständig zusammensetzen, wie die Frau, so kommt sie aus fl. 6. Das muß aber eine sehr tüchtige Arbeiterin sein. Exp. Nr. 163: Nach sechs Monaten Lehrzeit bekam ich fl. 1-50 und nach einem Jahre 50 kr. mehr. Dann erhielt ich nach sechs, sieben, acht Monaten immer um 50 kr. mehr. Nach fünf Jahren habe ich fl. 4'50 bekommen. Eine Näherin war zehn Jahre dort; die hatte fl. 5 pro Woche. Jetzt bin ich selbstständig und arbeite für ein größeres Geschäft. Ich bekomme per Dutzend gezahlt und habe nichts an Material beizustellen. Exp. Nr. 164: Ich lernte zwei Monate. Nach dieser Zeit erhielr ich fl. 1 die Woche. Nach fünf Jahren hatte ich fl. 6. Trotz dieser langen Zeit habe ich doch nicht zuwege gebracht, eiue Cravatte ganz fertig zu machen. Exp. Nr. 162: Ich habe drei Monate gelernt, habe dann fl. 1 pro Woche bekommen, nach zwei Monaten 50 kr. Zulage, nach weiteren zwei Monaten 30 kr. Zulage und bin schließlich auf fl. 2'50 pro Woche gestiegen. Es war noch eine Näherin dort, die hat fl. 3'50 gehabt. Herrdegen (zur Exp. Nr. 165): Welcher Unterschied ist denn zwischen einem Lehrmädchen und Lehrfräulein? — Exp. Nr. 165: Wenn ein Fräulein das Cravattennähen erlernen will, so muß sie fl. 10 bis 15 zahlen. Sie geht zur betreffenden Frau, wo sie lernt, 14 Tage hin; sie kann kommen und gehen, wann sie will. Die Meisterin zeigt ihr beiläufig, wie man das näht, wie man zusammensetzt u. s. w., aber den Chic muß sie selbst erkennen. Nach 14 Tagen kaun sie gehen und von Fabriken Arbeit annehmen. Ob das Mädchen auch wirklich etwas gelernt hat, darum kümmert sich die Frau nicht. Herrdegen: Ist das in der Regel so, daß die Fräuleins nur l4 Tage lernen ? — Exp. Nr. 165: Zwei, höchstens drei Wochen, länger bleiben sie nicht. Herrdegen: Gehören diese Fräuleins den besseren Ständen an? — Exp. Nr. 165: Ja, Beamtenstöchter und ähnliche. Sie wollen sich ein Nadelgeld verdienen. Herrdegen: Wie kommen diese Lehrfräuleins zu den Zwischen- meisterinnen? — Exp. Nr. 165: Sie annonciren in den Zeitungen: „Lehrmädchen und Lehrfräuleins werden aufgenommen." Die Zwischenmeister suchen durch Heranziehung von Lehrfräuleins einen Gewinn. ((Ueber Befragen.) Wie lange die Lehrmädchen lernen, ist nicht bestimmt; aufgedungen werden sie nicht, ich bin auch nicht aufgedungen worden. Vorsitzender: Und die anderen Expertinnen? — Exp. Nr. 162, 163 und 164: Auch nicht. Mittels höfer (zur Exp. Nr. 163): Beschäftigen Sie irgend welche Arbeiterinnen? — Exp. Nr. 163: Nein, ich arbeite allein. W itt el sh ö f er: Wie viel verdienen Sie sich selbstständig nach Abzug der beigestellten Zubehör? — Exp. Nr. 163: Je nach der Menge der Arbeit. Ich habe die bessere Arbeit, und da ist nicht immerwährend zu thun. Ich muß neben der Cravattenarbeit auch häusliche Arbeiten verrichten. Wenn Saison ist, muß ich den ganzen Tag nähen, Vormittag drei, vier Stunden und den ganzen Nachmittag. Da mache ich immer dieselbe Kategorie von Cravatten, und zwar Militärcravatten. Wenn ich voll beschäftigt bin, mache ich drei Dutzend täglich. Für ein Dutzend bekomme ich 50 kr.; die Auslagen, welche ich für Wolle und Pappendeckel habe, sind sehr gering, sie betragen nur ein paar Kreuzer. Die Saison ist nicht beständig. Jetzt haben wir Saison, nach ein paar Wochen hört sie wieder auf. Witte lshöfer (zur Exp. Nr. 165): Sie sagten, daß Juli und 614 August wenig zu thun ist. Wird da ausgesetzt? — Exp. Nr. 165: Ja; da müssen wir warten, bis wieder Arbeit kommt. Wittelshöfer: Sie sagen, es ist meist Taglohn. Haben Sie im Tag ein bestimmtes Quantum fertig zu bringen? — Exp. Nr. 165: Bei manchen Frauen schon. Da wird sogar nach der Uhr gearbeitet, und man muß eine bestimmte Menge in der Stunde machen. Thut man das nicht, so muß man es am Abend einbringen, und zwar entweder in der Fabrik oder zu Hause. Wittelshöfer: Arbeitet die Arbeiterin, die st. 2'50 bis 5 verdient, weniger als die, welche mehr bekommt? — Exp. Nr. 165: Ja, die arbeitet weniger. Aber der Lohn steht nicht immer im Verhältniß zur Leistung. Manche arbeiten ebensoviel wie die, welche weniger bekommen, und haben doch mehr Lohn; es hängt das auch davon ab, wie die Arbeiterin bei der Frau in Gunst steht. Dr. Ofner: Ist das Lehrfräulein nicht so intelligent, daß sie, wenn sie nach zwei bis drei Wochen noch keine Cravatte machen kann, sagt: „Ich kaun es noch nicht, ich gehe nicht früher, als bis ich die Sache kann" ? — Exp. Nr. 165: In einem solchen Fall sagt die Frau, sie habe ihr Alles gezeigt; den Chic muß sie sich selbst aneignen. Aber mir selbst ist noch nicht vorgekommen, daß ein Lehrfräulein das gethan hätte, ich weiß das nur vom Hören. Dr. Ofner (zur Exp. Nr. 162): Wie lange hat es gedauert, bis Sie st. 2'/2 Lohn erhielten? — Exp. Nr. 162: Zwei Jahre. Jetzt arbeite ich allein. Ich bringe, wenn ich den Tag über arbeite, 2>/2 bis 5 Dutzend zusammen. Ich mache die Cravatten ganz fertig und bekomme für die bessere Arbeit 70 kr. per Dutzend, für die schlechtere 56 kr. Von dieser kann ich aber nicht mehr machen, denn das muß auch schön genäht sein. 11m drei Dutzend fertig zu bringen, muß ich von 7 Uhr bis Mittag und von 1 bis 8 Uhr arbeiten. Von Zubehör habe ich nur Wolle beizustellen. Herrdegen (zur Exp. Nr. 163): Erhielten Sie, als Sie in der Fabrik arbeiteten, auch nur Theile der Militärcravatten herzustellen? — Exp. Nr. 163: Nein, ich habe ganze Cravatten gemacht. Herrdegen (zur Exp. Nr. 162): Machen Sie auch Cravatten mit Mondeln? — Exp. Nr. 162: Solche und auch mit Halstheilen. (Ueber Befragen.) Die Mondeln muß ich nicht beistellen; ich bekomme Alles von der Fabrik. Herrdegen: Müssen nicht andere Zubehöre in dem Geschäfte gekauft werden, von dem man die Arbeit erhält? — Exp. Nr. 165: In manchen Geschäften ist es eingeführt, daß die Arbeiterinnen das Zugehör, auch Futter, überhaupt Alles bis auf den Stoff, bei der Firma kaufen müssen. Herrdegen: Waren in den Geschäften, wo Sie arbeiteten, Mädchen beschäftigt oder nicht, und haben diese Geschäfte den Namen „Fabrik"? — Exp. Nr. 165: Ja, sie heißen „Cravattenfabriken", aber beschäftigen keine Mädchen im Hause. (Wird auch von den anderen anwesenden Expertinnen bestätigt.) Vorsitzender: Gibt es überhaupt keine Geschäfte, wo z. B. 12, 20, 30 Mädchen zugleich beschäftigt werden? — Exp. Nr. 165: O ja, das sind aber keine Cravattenfabriken, sondern Zwischenmeistereien. Daß es Fabriken gibt, die einen Stock von Arbeitern im Hause haben, habe ich nicht gehört. Wittelshöfer (zur Exp. Nr. 163): Sie verrichteten früher bei einem Zwischenmeister dieselbe Arbeit wie jetzt. Was erhielten Sie beim Meister für das Dutzend? — Exp. Nr. 163: Da habe ich Wochenlohn gehabt, und zwar fl. 4'/-2. Ich war fünf Jahre dort. Ich habe nur Theil arbeit bekommen, nicht die ganze Cravatte zu machen. 615 Vorsitzender: Gibt es auch bei Militärcravatten Theilarbeit?— Exp. Nr. 163: Ja. Baronin Vogelfang (zn den Exp. Nr. 163 und 162): Sie sagten, Sie bekamen nie bei der Zwischenmeisterin eine ganze Cravatte zu machen. Wie haben Sie es nun gelernt? — Exp. Nr. 163: Nach meinen eigenen Vortheilen. Ich habe eine Cravatte aufgetrennt und habe mich dann nach dieser zu Hause eingeübt. Baronin Vogelfang: Nach wie viel Jahren thaten Sie das? — Exp. Nr. 163: Nach fünf Jahren. Baronin Vogelfang: Warum thaten Sie es nicht früher? — Exp. Nr. 165: Da fehlt der Muth dazu. Exp. Nr. 162: Auch ich habe die Cravatten selbst machen gelernt, und zwar als ich fünf Jahre bei dieser Arbeit gewesen war. Herrdegen (zur Exp. Nr. 164): Welche Gattungen von Cravatten sind dort, wo Sie waren, gemacht worden? — Exp. Nr. 164: Phantasie- Cravatten, Selbstbinder und Doppellord. Herrdegen: Wissen Sie, wie viele Arbeiterinnen an einer Cravatte zu arbeiten hatten? — Exp. Nr. 164: Drei Arbeiterinnen, und das Zuschneiden besorgt die Frau. Herrdegen: Wissen Sie, was die Unternehmerin für ein Dutzend Cravatten bekommt? — Exp. Nr. 164: Das war nicht immer gleich. Für die feineren fl. 1'20, 1 30, für die Selbstbinder 70 kr. per Dutzend. Diese wurden auch zumeist gemacht. (Auf Befragen.) Wir brachten, wenn die Frau und ihre zwei Töchter mitarbeiteten, täglich zehn Dutzend fertig. Zubehör mußte sie nicht beschaffen, sondern nur Wolle und Zwirn. Das kostet per Dutzend sehr wenig. Vorsitzender (zur Exp. Nr. 165): Ist es bei der Cravatten - erzengung üblich, daß die Mädchen in der Wohnung der Meisterinnen auch wohnen? — Exp. Nr. 165: Das kommt auch vor. Ich habe von einer Arbeiterin gehört, daß eine Meisterin ein Mädchen ausgenommen hat, welches zwei Jahre lernen mußte und dann Kost,und Wohnung und fl. 1 bis 2 bekam. Vorsitzender: Sie sprachen früher von einem Lohne von fl. 2 bis 3. Ist bei diesem Lohne auch Kost und Wohnung nebstbei gegeben worden? — Exp. Nr. 165: Nein, fl. 2 bis 5 ist der vollständige Lohn. (Aus Befragen des Vorsitzenden.) Das Local, wo ich arbeitete, war immer sehr nett. Es waren bessere Leute. Der Herr war Beamter. — Expertin Nr. 164: Wir haben auch ein hübsch großes Zimmer gehabt. Dr. Ofner: Schlief Jemand in dem Zimmer? — Exp. Nr. 164: Nein. Dr. Ofner: Und bei den anderen Expertinnen? — Exp. Nr. 162: O ja, dort, wo ich gearbeitet habe, schon. Der Mann war Schuhmacher und hat im selben Zimmer geschlafen, wo wir arbeiteten. Da waren auch mehrere Kinder. Gelüftet wurde nicht. Wenn wir um 7 Uhr gekommen sind, wurde erst zusammengeräumt. Inzwischen mußten wir aber schon arbeiten. Die Frau hat das Zimmer ausgekehrt. Beim Fräulein, wo ich und meine Schwester gelernt haben, mußten wir am Abend, wenn wir mit der Arbeit fertig waren, auskehren. Fenster und Boden haben wir nicht gereinigt. Es kommt überhaupt selten vor, daß eine Arbeiterin das zu machen hat, außer wenn sie sich für häusliche Arbeiten mehr schickt als für die Näharbeit. Exp. Nr. 163: Auch dort, wo ich war, wurde im Arbeitszimmer geschlafen. Es waren sieben Kinder da. Wenn man Früh in die Arbeit gekommen ist, wurde erst zusammengeräumt. Es war da noch nicht gelüftet. Im Winter ist überhaupt wenig gelüstet worden. Da war in der Früh der ganze Dunst vom Schlafen noch im Zimmer. 616 Vorsitzender: Sind Männer in dieser Branche beschäftigt? — Exp. Nr. 165: Es kommt schon vor, daß der Mann zu Hause zuschneidet oder an der Maschine näht. (Auf Befragen.) Zu Beschwerden hinsichtlich der Sittlichkeit haben wir keinen Anlaß. Vorsitzender: Ist es möglich, mit einem Lohne von fl. 2, 8.4 zu leben? — Exp. Nr. 165: Das wäre nicht möglich, wenn man nicht bei den Eltern wohnte. Das reicht ja kaum für die Kleider aus. (Diese Angabe wird auch von den anderen Expertinnen bestätigt.) Vorsitzender: Wie steht es denn in dieser Branche mit dem Beitritte der Frauen und Mädchen zu Fachvereinen und anderen Organisationen? — Exp. Nr. 165: Das gibt's in dieser Branche nicht. , Herrdegen: Gibt es in Ihrer Branche Arbeitsvermittlung? — Exp. Nr. 165: Nein. Die Pfaidler-Genossenschaft, der wir angehören, befaßt sich nicht mit der Arbeitsvermittlung. Herrdegen: In welcher Krankenkasse sind Sie? — Exp. Nr. 164: Wir waren in der Bezirks-Krankencasse. Dr. Osner: Haben Sie Kündigung? — Alle Expertinnen: Nein, das gibt es nicht. Dr. Osner: Wie ist die Ernährung? — Exp. Nr. 163: Um 10 Uhr habe ich eine Semmel gegessen, Mittag bin ich nach Hause gegangen, ebenso habe ich auch Nachtmahl zu Hause gegessen. Dr. Osner: Mußten auch die anderen Expertinnen nicht selbst für sich sorgen? — Die anderen Expertinnen: Nein. Exp. Nr. 164: Ich habe ein Fräulein gekannt, welches mit einem Wochenlohn von fl. 4 sich selbst erhalten mußte, da sie keine Eltern hatte. Sie lebte sehr kümmerlich. Dr. Osner: Besorgen sich die Fräuleins die Kleider und Wäsche auf Raten? — Exp. Nr. 164: Nein. Vorsitz ender: Wir haben nun eine Expertin aus der Cigaretten- papier-Erzengung zu vernehmen, die bereits Mittheilungen gemacht hat und die in Folge dessen gemaßregelt wurde. Expertin Nr. 41: Der Grund meiner Maßregelung ist meiner Ansicht nach, daß ich hier in der Enquöte Aussagen gemacht habe. Der Abtheilungsleiter hat einen ganz nichtigen Vorwand benützt, um mich zu entlassen, nämlich den, daß ich einer Arbeiterin eine Wuchtet gezeigt habe, was er als Zeitvergeudung bezeichnet hat. Ich war fünf Jahre in der Fabrik und habe niemals Unannehmlichkeiten oder Auftritte mit dem Leiter gehabt. Von Entlassung hat er mir nie etwas gesagt. Nachdem ich hier gewesen war, haben sich gleich Unannehmlichkeiten gezeigt. Ich habe vom Leiter schlechtere Arbeit bekommen, mußte in der Mittagsstunde arbeiten und mußte auf Arbeit warten. Der Verdienst betrug auch immer ein paar Sechserln weniger. (Auf Befragen.) Er hat mir nie zu hören gegeben, daß ich hier war und hat sich auch nicht gegen Andere darüber geäußert. Der Leiter hat mich überhaupt nicht leiden können und wollte uns einmal von unserer Arbeit abreißen. Wir hätten per Carton 3 kr. bekommen sollen und er wollte uns nur 2 kr. geben. Da sind wir mehrere Arbeiter hingegangen und ich habe gesprochen. Da hat er mir gesagt, ich soll anderswohin gehen, dort bekomme ich soviel. Das war aber vor einem Jahre. Dann habe ich Ruhe gehabt. Mittels höfer: Seit wann sind Sie entlassen? — Exp. Nr. 41 : Seit fünf Wochen; 8 oder 14 Tage vor der Entlassung bin ich hier vernommen worden. Wittelshöfer: Wie kann er Ihrer Meinung nach erfahren haben, daß Sie hier aussagten? — Exp. Nr. 41: Der Mann, welcher als Experte bestimmt war, ist krank gewesen, und da bin ich gegangen. Nun hat 617 er es einem Anderen anvertraut und mit diesem hat der Werkführer gesprochen. Wittelshöfer: Haben Sie jetzt Arbeit? — Exp. Nr. 41: Nein, ich werde wohl auch in der Branche keine finden können. Experte 8: Soweit mir der Sachverhalt bekannt ist, kann ich nur mittheilen, daß die Namhaftmachung der Expertinnen und Experten im Geheimen vor sich gehen muß, so daß der betreffende Abtheilungsleiter nichts davon erfährt. Nun hat er aber doch erfahren, daß welche namhaft gemacht sind, und hat sich Mühe gegeben, die Leute zu eruiren. Wie nun das Denunciantenwesen schon ausgebildet ist, hat der Abtheilungsleiter wahrscheinlich von Einem erfahren, daß die Expertin hier Angaben gemacht hat und hat, wie er gewohnt ist, sich in unanständiger Weise über die Organisation zu äußern, auch über die Enquete in solcher Weise gesprochen. Nun hat er sich eine Ursache gesucht, ein Exempel zu statuiren, und hat jenen geringfügigen Anlaß dazu benützt, weil, wie die Expertin sagt, sie eine Wuchtet einer anderen Arbeiterin gezeigt hat; das hat er als Zeitvergeudung bezeichnet und diesen nichtigen Vorwand dazu benützt, der Expertin zu sagen, sie möge ihren Lohnzettel bringen, sie sei entlassen. Kündigung gibt es keine, und so mußte sie gehen. Bemerkenswerth ist, daß sie fünf Jahre ohne Anstand gearbeitet hat, daß man mit ihrer Arbeit sehr zufrieden war, und daß nie etwas gegen sie vorgelegen ist. Die Entlassung hat unmittelbar, nachdem sie Angaben in der Enquete gemacht hat, stattgefunden, kaum 14 Tage darnach. Dr. Ofner: Sie sagten, die Namhaftmachung müßte im Geheimen geschehen, damit der Werkleiter nichts erfahre. Warum sollte der Werkleiter nichts erfahren? — Exp. 8: Weil er schon wiederholt Maßregelungen vorgenommen hat an Personen, von denen er wußte, daß sie sich in der gewerkschaftlichen Bewegung hervorthun. Wir hatten schon von vornherein gedacht, daß die Leute, welche Angaben machen, gemaßregelt werden, denn wir wußten, daß die Werkleiter unumschränkte Macht haben, die Arbeiterinnen aufzunehmen und zu entlassen. Dr. Schiff: Ist das die einzige Expertin aus dieser Fabrik, die vernommen wurde? — Exp. 8: Es waren noch andere da, denen ist noch nichts geschehen, aber sie haben auch die Entlassung zu gewärtigen. Vorsitzender: Es will nun der Herr Experte 0 einige Bemerkungen zur Richtigstellung der Aussage des Unternehmers Experten Schnabl und Pollak (von der Firma Jacob Schnabl L Co.) machen. — Exp. 0: Es heißt in der Zeitung, im Berichte über die Aussage des Unternehmers der Firma Schnabl: „In der Fabrik werden 500 Personen beschäftigt. Von diesen sind 10 Percent Mädchen von 14 bis 10 Jahren." Da ist nun die Anzahl der Mädchen von 14 bis 16 Jahren richtigzustellen. Ich kann mit Bestimmtheit behaupten, daß es über 20 Percent sind. Dann ist die Angabe richtigzustellen, daß immer gleichmäßig gearbeitet wird, daß also feine Saison ist. Es gibt Zeiten, wo weniger zu thun ist; da wird die Arbeiterin allerdings nicht direct wegen Mangel an Arbeit entlassen, aber es gibt so wenig zu thun, daß die Arbeiterinnen zu wenig verdienen und in Folge dessen sich selbst um anderwürtige Arbeit umsehen. Wittelshöfer: Wie zeigt sich, daß in der Werkstätte wenig zu thun ist? — Exp. 6: Da kommt es oft vor, daß die Arbeiterin zweieinhalb Stunden auf Arbeit warten muß. Wittelshöfer: Eine Arbeiterin sagte, es komme auch vor, daß die Arbeiterinnen in der Fabrik erscheinen, aber keine Arbeit erhalten und wieder nach Hause gehen müssen. Ist Ihnen davon etwas bekannt? — Exp. 6: Das kommt vor, aber höchst selten. Exp. Nr. 164: Das ist bei dieser Firma nicht der Fall, da warten wir nur zwei bis drei Stunden auf Arbeit. 618 Exp. 6 : Es heißt weiter im Berichte: Der Experte gibt an, daß es von Seite des Abtheilnngsleiters verboten sei, die Büchel mit der Zunge zu befeuchten. Das ist nicht richtig. Er sagt: es können Schwämme benützt werden. Es sind aber niemals Schwämme dagewesen, welche man hätte benützen können. Wenn die Arbeiterin sich einen Schwamm kauft, so hat sie einen, sonst nicht. Nachdem bekanntgeworden war, daß hier Expertinnen ausgesagt hatten, hat der Abtheilungsleiter gesagt: „Das Schlecken habe ich nicht gern. Befeuchten Sie mit dem Schwämme." Trotzdem sind bis heute keine Schwämme in der Werkstätte. Ferner sagte er, es bestehe ein alter Stock von Arbeitern. Mit dem „alten Stock" von Arbeitern und Arbeiterinnen sieht es so aus: Von den Arbeiterinnen sind ungefähr 35 seit 14 bis 20 Jahren in der Fabrik. Diese 35 sind in allen neun Abtheilungen vertheilt; von den 90 Männern sind acht seit 15 bis 20 Jahren, einige seit 25 Jahren und zwei über 35 Jahre in der Fabrik. Diese Alle sind aber auch in den verschiedenen Werkstätten vertheilt. Dr. Ofner: Wie viele Arbeiter sind länger als fünf Jahre in der Fabrik? — Exp. 0: Der Vierttheil der Arbeiter. (Aus Befragen.) Ferner gibt er an, daß die Hülsenpickerinnen st. 8 bis 9 verdienen. Damit verhält es sich so: Selbst wenn des Unternehmers Angabe, daß eine Arbeiterin 3000 Hülsen täglich picken kann, im Allgemeinen richtig wäre (thatsächlich trifft sie nur bei fünf Arbeiterinnen zu), so würde die Frau nur fl. 7'20 wöchentlich verdienen, da das Tausend mit 40 kr. bezahlt wird. Nun bekommt aber die Arbeiterin Arbeit mit nach Hause, die sie also außer der Fabrikszeit macht, und so erzielt sie einen Verdienst von fl. 8 bis 9. Das dürfte der Chef nicht wissen; er hat seine Angaben dem Lohnbuche entnommen. Wittelshöfer: Müssen die Arbeiterinnen die Arbeit nach Hause nehmen? — Exp. Nr. 164: Der Werkführer gibt ihnen die Arbeit und sagt: „Das muß bis zu dieser Zeit fertig werden." Wittelshöfer: Und wird man entlassen, wenn man die Arbeit nicht annimmt? — Exp. Nr. 164: Das weiß ich nicht. Exp. 6: Dann heißt es: „Das Aufnehmen und Entlassen von Arbeiterinnen ist den Werkmeistern überlassen." Aus die Frage der Commission, ob dabei willkürlich vorgegangen wird, gibt der Experte an, ihm sei nichts davon bekannt. Das ist aber nicht richtig, denn es mußte ihm bekannt sein, daß Willkür vorkommt. Es liegt ein Fall vor, wo ein Arbeiter eine Stunde nach seiner Aufnahme entlassen wurde. Der Werkmeister erfuhr, daß er der Organisation der Papierarbeiter angehöre. Der Werkmeister hat ihm das nicht direct vorgehalten, sondern er hat gesagt, er könne ihn nicht brauchen. Aber er hat sich geäußert, daß er erfahren hat, daß der Arbeiter ein socialdemokratischer Agitator ist. Das war aber nicht richtig. Der Unternehmer-Experte sagte ferner: „Die Unternehmer haben nichts gegen die Organisation." Die Unternehmer persönlich vielleicht nicht, aber die Werkmeister sehen sie sehr ungern, wie man daraus entnehmen muß, daß Leute, die bei einer Organisation sind, schlechtere Arbeit bekommen und die Werkmeister sie überhaupt ungünstiger behandeln. Baronin V o g elfa ng : Welchen Verkehr haben die Mädchen mit dem Chef? —Exp. 0: Gar keinen. Die Mädchen werden vorn Abtheilungsleiter aufgenommen. Der Chef kommt selten, im Durchschnitt einmal im Monat in die Fabriksränme. Baronin Vogelfang: Wenn sich die Arbeiterin benachteiligt glaubt, wendet sie sich da an den Chef? — Exp. 6: Im äußersten Noth- falle. Es wird ihr beim Eintritte auch nicht gesagt, daß sie sich an den Chef wenden soll. Das ist Alles dem Abtheilungsleiter anheimgestellt. In anderen Betrieben, wo der Chef oft, fast täglich in's Geschäft kommt, 619 ist es leichter, daß sich die Arbeiterinnen an den Chef selbst wenden, aber hier nicht. (Dr. Verkauf übernimmt den Vorsitz.) Expertin Nr. 166: Ich bin Heimarbeiterin der Schuhstickerei. Ich nehme aus der Fabrik Arbeit mit für mich, meine Schwester, einige Frauen und Fräuleins, die ich beschäftige. Die Zahl der bei mir Beschäftigten richtet sich nach der Saison, die sehr unregelmäßig ist. Im Sommer ist während vier bis fünf Monaten viel zu thun, und da beschäftige ich außer meiner Schwester noch drei bis vier Personen. Wenn wenig zu thun ist, arbeiten ich und die Schwester allein. Ich habe keine Lehrmädchen. Die Arbeiterinnen recrutiren sich meist aus besseren Häusern. Sie arbeiten nicht etwa in meiner Wohnung, sondern bei sich zu Hause. In der Fabrik, für die ich arbeite, wird derlei Arbeit an Zwischenmeisterinnen vergeben. Ich gehe zweimal wöchentlich in die Fabrik liefern und verliere dabei jedesmal drei, vier stunden, da ich in der Fabrik eine Stunde mich aufhalten und auf dem Wege das Materials einkaufen muß, das ich selbst beistelle. Ich werde per Dutzend bezahlt. Ich zeige in der Fabrik, wie viel Baarauslagen ich an dieser Arbeit hatte, und darnach wird der Lohn berechnet. Die Arbeitszeit ist bei mir verschieden. Ich selbst arbeite von 8 bis 12 Uhr Mittags; wenn viel zu thun ist, pausire ich zu Mittag nicht, sondern arbeite fort, so lange es licht ist. Wenn besonders viel zu thun ist, arbeite ich auch bei Lampenlicht. An Sonn- und Feiertagen arbeite ich nicht; wenn ich Samstag mit der Arbeit nicht fertig bin, so lasse ich mir bis Montag Zeit. Ich mache keine Frühstücks- oder Jausenpause. Dr. Schwiedland: Auf welche Weise finden Sie denn die Frauen, die für Sie arbeiten? — Exp. Nr. 166: Theils durch Annoncen, theils melden sich auch die Frauen, die Taschengeld verdienen wollen. Dr. Schwiedland: Diese Frauen arbeiten wohl ziemlich unregelmäßig; wie behelfen Sie sich nun, wenn Sie eine dringende Arbeit haben, die in kurzer Zeit fertig werden muß? — Exp. Nr. 166: Ich bekomme keine dringende Arbeit. Dafür sind übrigens in der Fabrik selbst drei Personen beschäftigt. Dr. Schwiedland: Arbeiten Sie auch mit einer Maschine? — Exp. Nr. 166: Nein. Nur mit der Hand. Dr. Schwiedland: Entwerfen Sie auch selbst Muster? — Expertin Nr. 166: Ja. (Ueber Befragen des Vorsitzenden.) Ich arbeite bereits seit 12 Jahren, und die Verhältnisse haben sich seit der Zeit immer verschlechtert, weil die Fabrikanten immer weniger zahlen. Wenn ich zu viel verlange, bekomme ich keine neue Bestellung. Der Fabrikant selbst bekommt jetzt für die Waare weniger bezahlt. Da die Arbeit nach der Mode von Jahr zu Jahr eine verschiedene wird, so kann ich keine fixen Zahlen angeben, aus welchen hervorgehen würde, in welchem Maße sich die Löhne vermindert haben. Es gibt aber keine Frauen, die sich ausschließlich von der Schuhstickerei erhalten. Von den st. 5 bis 6 Wochenlohn kann man sich doch nur knapp erhalten, und dazu kommt manchmal eine schlechtere Saison vor, wo nichts zu thun ist. Seit vier bis fünf Jahren ist überhaupt die Arbeit schlechter gegangen; denn der Fabrikant exportirt nach Südamerika, und dieser Export wurde durch die dortigen Unruhen gehemmt. Da haben wir jährlich etwa fünf Monate gearbeitet und dann die ganze Zeit hauptsächlich Musterarbeit. Die kann man aber nicht rechnen, da sie ebenso bezahlt wird wie die übrige Arbeit und viel mehr zu thun gibt. Es liefern für diese Fabrik, welche so ziemlich eine der größten ist, im Ganzen drei Zwischenmeisterinnen. Dr. Ofner: Wenn Sie nur fünf Monate Arbeit hatten, was thaten Sie die übrige Zeit? — Exp. Nr. 166: Es ist ja auch für mich nur ein Nebenverdienst. 620 Frau Schlesinger: Auf welche Weise haben Sie die Stickerei erlernt? — Exp. Nr. 166: Ich habe keine specielle Schule durchgemacht. Frau Schlesinger: Sind die Fräuleins, die für Sie arbeiten, in die Fachschule gegangen? — Exp. Nr. 166: Nein. Frau Schlesinger: Ist also Ihre Arbeit eine leichte? — Expertin Nr. 166: Das nicht, aber die Vorbildung in einer Fachschule ist nicht nothwendig. Dr. Schwiedland: Wenn Sie ein Muster erfanden, das dem Fabrikanten gefiel, hatten Sie dann darauf gewissermaßen ein Monopol? — Exp. Nr. 166: In der ersten Zeit bekomme ich dieses Muster allein, und dann kommt es auch den anderen zwei Zwischenmeisterinnen zu Gute. Dr. Schwiedland: Alle von Ihnen Beschäftigten sind wohl nicht g egen Krankheit versichert? — Exp. Nr. 166: Nein. Vorsitzender: Wir gelangen nun zu den Experten, die über die Lage der Theaterangestellten Auskunft geben. — Experte Herr Ernst Niedt, Oberregisseur und Vorstand des Vereines österreichischer Bühnen- angehöriger: Ueber die in Wien vorhandenen Th eaters chulen kann ich folgende Auskünfte geben: Es gibt in Wien vielleicht an 40 Schauspielschulen, jedenfalls mehr als der Bedarf erfordert. Es wird dadurch ein großes Geschäft gemacht und die dort Unterrichteten werden nicht nur für Oesterreich, sondern auch für Deutschland engagirt, so daß wir also in dieser Beziehung ein Exportland sind. Es gibt in Wien vier bis fünf größere Schulen, die auch die Berechtigung haben, Vorstellungen zu veranstalten. Die kleineren Unterrichtsanstalten sind keine eigentlichen Schulen; die Lehrer sind nur einzelne Leute, die sich eben mit dem Unterricht beschäftigen. Ihre Zahl kann man kaum angeben, denn alle möglichen Leute, welche meinen, Komödie spielen zu können, halten sich auch für befähigt, zu unterrichten. Diese Schulen bedürfen keiner Concession, nur jene, welche Aufführungen veranstalten. Der Zufluß von weiblichen Schülern ist größer, als der von männlichen. Im Allgemeinen ist der Verdienst der Besitzer der Schauspielschulen recht auskömmlich. Meist waren diese Leute früher Schauspieler oder haben sich Schauspieler genannt, und dann geben sie einfach Unterricht, studiren den betreffenden Leutchen für ein mehr oder minder großes Honorar einzelne Rollen ein und verschaffen ihnen ein Engagement. Häufig sind jedoch die Voraussetzungen für einen wirklich guten Unterricht nicht gegeben. Vorsitzender: Ist bei diesen Lehrern die moralische Qualifikation, die ja auch eine Rolle spielt, vorhanden? — Exp. Niedt: Ich kann da nur von dem sprechen, was ich gehört habe. denn man würde sich wohl hüten, wenn ich eine Theaterschule besuchte, sich irgend eine Blöße zu geben. Aber ich habe Dinge gehört, welche ich gar nicht wiederholen mag. Ich kann also nicht aus eigener Anschauung erklären, es werden Unmoralitäten gelernt, aber die Mädchen, die zum Theater gehen wollen, werden auch im Coquettiren u. s. w. unterrichtet. Die Lehrer — allerdings nicht alle — lehren nicht blos die reine Schauspielkunst, die sich eigentlich gar nicht lehren läßt, sondern auch das, was man die Praxis beim Theater nennt. Die Praxis, das ist das Technische, die richtige Betonung, vor Allem deutsch sprechen, Mimik, Gesticulationen, der Ton u. s. w. Das Alles sind die technischen Fertigkeiten, die unter Umständen auch recht weit ausgedehnt werden können, indem man den Damen sagt: „Tu mußt die Augen fleißiger gebrauchen, mußt in's Pnblicum hineincoquettiren, dann findest Du unter Umständen Beifall bei gewissen Fächern." Das Alles zusammen macht die Praxis. Die Bezahlung in den Schauspielschulen ist sehr verschieden. Die jungen Leute recrutiren sich aus den verschiedensten Berufskreisen, und je nach den Mitteln richtet sich die Bezahlung des Lehrers. Unter Umständen begnügt er sich 621 , aus gutem Herzen mit einem kleinen Honorar; wenn ein Wohlhabender Unterricht haben will, verlangt er natürlich mehr. Vorsitzender: Gibt es auch Lehrerinnen? — Exp. Niedt: Ich glaube, es gibt deren zwei bis drei. Das Honorar richtet sich selbstverständlich auch nach der Stundenzahl. Ich spreche da von Theaterschulen, denn einzelne Schauspieler, welche unterrichten, nehmen nur Leute auf, die Talent haben und ihnen Ehre machen können. Die Schulen aber nehmen jeden auf und lassen ihn zahlen, was er eben kann. Pauschalbeträge für die ganze Ausbildung kommen wohl niemals vor, sondern es wird immer für einzelne Stunden öder pro Monat gezahlt. In den Schulen werden die jungen Leute nicht von mehreren Lehrern unterrichtet, sondern immer nur von einem einzelnen Lehrer. Es kommt vor, daß mehrere Schüler in einer Stunde vereinigt werden; das ist natürlich billiger als der Einzelunterricht. Was das nominale Honorar ist, kann ich nicht sagen, denn die Leute machen daraus ein Geheimniß; das ist eben Geschästssache. Dr. Schwiedland: Gibt es nicht auch eine Ausbildung auf Credit, auf Bezahlung aus der künftigen Gage? — Exp. Niedt: Es kommt vor, daß ein junger Mann Talent hat und daß dann der Lehrer, wenn er human ist, sagt: „Du bezahlst nur irgend eine Kleinigkeit, ich bilde Dich aus, bringe Dich in ein Engagement, und dann bist Du mir für eine gewisse Summe gut." Dr. Schwiedland: In welcher Form wird diese Verpflichtung festgelegt? — Exp. Niedt: Ich glaube nicht, daß besondere Verträge darüber geschlossen werden, sondern es ist ein freies Uebereinkommen, vielleicht durch einen Brief bestätigt. Meistens arbeiten diese Lehrer im Hintergründe mit der Agentur zusammen, denn gewöhnlich gehen die jungen Leute nur deshalb zum Lehrer, weil er ihnen ein Engagement in Aussicht stellt, was er eben mit Hilfe eines Agenten thun kann, nicht aber deshalb — wenn ich von wirklich guten Lehrern absehe — um factisch etwas zu lernen. Denn die jungen Theatercandidaten sind gewöhnlich so stolz, daß sie glauben, sie seien auch ohne Ausbildung schon bedeutende Schauspieler. Wittelshöfer: Glauben Sie, daß ein Lehrer zu Beginn des Unterrichtes sich über das Talent des Betreffenden klar ist? — Experte Niedt: Im ersten Moment nicht, aber nach mehreren Lectionen kann ein Lehrer, wenn er überhaupt im Stande ist, das zu beurtheilen, schon sagen, ob Talent vorhanden ist oder nicht; ob das Talent bedeutend ist, das kaun er freilich nicht wissen. Wittelshöfer: Werden auch solche ausgebildet, denen man kein Talent zusprechen kann? — Exp. Niedt: Wenn das nicht wäre, gäbe es nicht so schlechte Schauspieler als thatsächlich vorhanden sind. Pernerstorfer: Ist Ihnen nicht bekannt, daß dieser Unterricht auf Credit oft bei Sängern und Sängerinnen vorkommt? — Exp. Niedt: Das kann ich nicht Positiv sagen, weil mir dieses Fach ferner steht. Dr. Ofner: Daß als Lehrer gewöhnlich nur Männer thätig sind, bezieht sich wohl nur auf Schauspielschulen? — Exp. Niedt: Ja; denn Gesangslehrerinnen gibt es mehr als Gesangslehrer. Dr. Ofner: Wenn ein solcher Massenunterricht stattfindet, dann dürfte das Honorar sehr verschieden sein, so daß Manche mehr, Manche weniger bezahlen. — Exp. Niedt: Das weiß ich nicht, das ist Geschäfts- geheimniß. Herrdegen: Ist es möglich, daß ein einziger Lehrer speciell die Damen für mehrere Fächer ausbildet, also als Tragödin, Naive u. s. w.— Exp. Niedt: Ja, es ist möglich, wenn er eben die Qualification dazu hat. Welches Fach ein Schüler ergreift, richtet sich nach seinem Aeußeren und seinen Anlagen. Ein junger, hübscher Mann wird meistens Liebhaber; ein junges Mädchen, das ein bischen raspelt, meist Naive. 622 Herrdegen: Wie ist das Verhältniß zwischen der Ausbildung in diesen Schulen und jener im Cvnservatorium? — Exp. Niedt: Ueber das letztere bin ich nicht genau informirt; dort wird der Unterricht mehr durch Vortrag ertheilt. Man gibt den Schülern Gelegenheit, die Theater zu besuchen, die großen Künstler zu sehen, und hält ihnen dann darüber Vortrüge. Es ist dort nicht wie in den Schulen, wo hauptsächlich nur Rollen einstudirt werden. Die jungen Leute, die zum Theater gehen, wollen aber in erster Linie ein Repertoire haben. Da werden also Rollen einstudirt und der technische Unterricht dabei miteingeflochten. Im Cvnservatorium lernt der Schüler aber durch Vortrüge Mimik, Plastik, Betonung u. s. w. Herrdegen: Sind die Kräfte, welche aus dem Cvnservatorium hervorgehen, hinsichtlich ihrer Leistungen und des Maßes von Talent, welches sie haben, jenen Kräften überlegen, die aus Privatschulen hervorgehen? — Exp. Niedt: Gewiß, denn im Cvnservatorium nimmt man nur Leute, die ein gewisses Talent und eine gewisse Vorbildung haben. Herrdegen: Wenden sich so Viele diesen Theaterschulen zu, weil diese billiger sind als das Konservatorium, oder liegt die Ursache in den höheren Anforderungen, welche das Cvnservatorium an die Schüler stellt? — Exp. Niedt: Den Leuten, welche sich an Privatlehrer wenden, ist es hauptsächlich darum zu thun, möglichst schnell in's Engagement zukommen, während der Unterricht im Konservatorium eine gewisse Lernzeit voraussetzt. Auch den Privatlehrern ist es natürlich lieber, wenn die Schüler länger bei ihnen lernen, aber sie können sie dazu nicht zwingen. Meist sagen die Lehrer, der Schüler müsse zwei Jahre studiren. Aber wenn der Betreffende wirkliches Talent hat und nicht gerade mit Sprachfehlern behaftet ist, kann er in einem Jahre mit allen technischen Behelfen ausgestattet sein. Wenn er kein Talent hat, so wird er auch in fünf Jahren nicht ausgebildet sein. Nach zwei Jahren wird ihm die Geschichte zu langwierig; er nimmt ein Engagement an, vermehrt das schauspielerische Proletariat und nimmt den besseren Schauspielern Brot und Lohn. Herrdegen: Pflegt das Cvnservatorium sich um die Anstellung der aus ihm hervorgehenden Kräfte zu kümmern? — Exp. Niedt: Das ist mir nicht bekannt. Dr. Schiff: In welchem Alter treten die Mädchen in die Schulen ein? — Exp. Niedt: Das ist verschieden, meist im Alter von 18 bis 24 Jahren. Dr. Schiff: Wird in den Privatschulen Vorbildung verlangt, außer Lesen, Schreiben und Rechnen? — Exp. Niedt: Nein. Dr. Schiff: Beschränkt sich dort der Unterricht absolut auf das Schauspielerische, oder bekommt die Lernende dort auch Unterricht in Fächern der allgemeinen Bildung, im Verständniß der Klassiker? — Experte Niedt: Ich denke nicht. Die jungen Leute sind ja sehr stolz. Wenn Einer zu mir kommt, um sich auf sein Talent prüfen zu lassen, so weigert er sich, wenn ich ihm sage: „Lesen Sie mir das und das vor." Das will er nicht; er will mir lieber was vordeclamiren. Nur die guten Lehrer Pflegen die Schüler auch in das Verständniß der Klassiker einzuführen; aber im Allgemeinen geschieht das nicht. Dr. Rauchberg: Wird in Fällen, wo das Honorar gestundet wird, vom Schüler eine bestimmte Summe oder ein Theil des Honorars verlangt? — Exp. Niedt: In den Theaterschulen nur eine bestimmte Summe, dem Agenten werden allerdings bestimmte Percente vom Honorar gegeben. Vorsitzender: Sind die Verhältnisse in größeren Orten außerhalb Wiens ähnliche wie hier? — Exp. Niedt: In Wien ist das Schulwesen besonders stark ausgebildet. Es ist hier zu großer Zudrang zu den Theatern. 623 Das mag wohl im Blute liegen; in dieser Hinsicht ist Wien wirklich eine Theaterstadt. Frl. Fickert: Glauben Sie, daß, abgesehen von der allgemeinen Bildung, welche das Conservatorium vermittelt, die Schauspielschulen nicht fördernd, sondern eher verflachend auf wirklich große Talente wirken? — Exp. Niedt: Zu jener Zeit, als ich zum Theater ging, da waren die Verhältnisse etwas anders. Ich weiß nicht, ob ich behaupten darf, daß sie besser waren; man sagt, die dramatische Kunst gehe rückwärts. Ich, der ich in der Sache selbst stehe, kann das nicht ohneweiters unterschreiben, kann es aber auch nicht bestreiten. Das, was ich in früheren Zeiten an guten, mittleren und auch an kleinen Bühnen gesehen habe, ist mir bedeutend besser erschienen als das, was ich jetzt sehe. Ich will das nicht als maßgebend hinstellen, weil mich dazumal die Begeisterung, die mich zum Theater führte, die Sache in einem schöneren Lichte sehen ließ und den Augen der Jugend alle Dinge mit einem ganz anderen Nimbus erscheinen als den kritischen Augen des späteren Alters. Aber auch von vielen anderen Seiten wird behauptet, die Kunst gehe rückwärts, und Viele sagen, daß daran thatsächlich der Schulunterricht Schuld trage. Früher, zu der Zeit, von der ich sprach, da legte man darauf Gewicht, daß ein Schauspieler auf der Bühne selbst seine Schule durchmache. Damals ging man in die Provinz zu kleinen reisenden Gesellschaften, die heute auf die denkbar niedrigste Stufe gesunken sind, damals aber thatsächlich die Theaterschulen waren. Wir mußten für kleine Gagen große und kleine Rollen spielen, und so entwickelten sich denn wirklich große und tüchtige Kräfte. Dann kam man an eine größere ständige Provinzbühne, dann zu einer noch größeren und so fort von Stufe zu Stufe. Es gab Zeiten, wo man an einem Hoftheater nicht engagirt werden konnte, wenn man nicht so und so viel Theater durchgemacht hatte. Ich entsinne mich, daß mein Vater, der Schauspieler war, am Wallner-Theater in Berlin engagirt war. Man machte ihm nun die Proposition, an's Berliner Hoftheater zu gehen unter der Bedingung, daß er vorher nach Lübeck ginge, dann in mehrere andere Theater, und dann erst konnte er, trotzdem man wußte, daß er als Schauspieler brauchbar war, an's Berliner Hoftheater gehen. Das war zwar für viele Talente hemmend, es war aber in manchen Beziehungen gut. Heute schlägt man in's Gegentheil um. Man nimmt das Theater, wo man es findet, und dazu sind die Agenten da, die es aufsuchen. Es wäre außerordentlich schön, wenn die Agenten von der Größe ihres Berufes erfüllt wären; aber unter Umständen nehmen sie nicht das Talent, sondern das, was sie für Talent halten; unter Umständen kommt noch die Protektion hinzu, und so kann es sich manchmal ereignen, daß große Talente in der Provinz zu Grunde gehen und Talentlose auf großen Bühnen paradiren. Vorsitzender: Ich bitte Sie, uns nunmehr etwas von dem Ueber- gange von der Schule in's Leben mitzutheilen. — Exp. Niedt: Ich glaube sagen zu können, daß ein Lehrer mit der Zeit wohl jeder Schülerin ein Engagement in der Provinz verschaffen kann. Die Verhältnisse in der Provinz sind schlecht. Selbstredend sind die Provinzialdirectoren nicht auf Lorbeeren gebettet. Ihre Auslagen für Steuer, Regie u. f. w. sind sehr groß, so daß der eigentliche Gagenetat ganz unglaublich niedrig ist. Des- halh sehen diese Theater darauf, möglichst billige Leute zu bekommen, wenn dieselben auch gar kein Talent besitzen. Vorsitzender: Dauert es lange, bis ein Mädchen irgend ein Anfangsengagement erhält? — Exp. Niedt: Die Zeit des Abschlusses von Engagements ist jetzt, im Frühjahr. Da kommen die Directoren nach Wien in die Schulen, fthen und hören die Leutchen an, und was ihnen convenirt, was ihnen nicht zu theuer ist, engagiren sie für den Herbst, wo 624 die Saison beginnt. Es werden eben die älteren Schauspieler ausgestoßen, weil die jüngeren Kräfte billiger sind und die älteren zurückdrängen. Heutzutage ist ein Schauspieler, der 40 Jahre alt ist, schon ein alter Mann, ein Mädchen von Z0 Jahren eine alte Dame, wenn sie sich nicht sehr conservirt. Vorsitzender: Können denn die älteren Schauspieler, die wohl ausgebildete Kräfte sind, durch jüngere ersetzt werden? — Exp. Niedt: Es kommt auf möglichst billige Leute an. Es entscheidet der niedere Gehalt und das äußere Aussehen. Heutzutage müssen die Directoren alle möglichen Mittel anwenden, um die Leute in's Theater zu ziehen. Mit der reinen Kunst ist dies in vielen Städten nicht mehr möglich. Man sieht hauptsächlich darauf, daß schöne Gesichter, junge Leute auf der Bühne erscheinen. Vorsitzender: Also das Unterkommen für junge Schauspieler ist leicht, und zwar durch Unterbieten? — Exp. Niedt: Ja wohl. Vorsitzender: Ist es nicht auch im Interesse der Agenturen, daß dieser Austausch zwischen Jüngeren und Aelteren stattfindet? — Experte Niedt: Gewiß; ich möchte übrigens bemerken, daß in Frankreich die Verhältnisse ganz anders liegen. Da kann die älteste Dame Komödie spielen, wenn sie nur etwas leistet. Hier ist das nur in den ersten Kunstinstituten der Fall. (Auf Befragen des Vorsitzenden.) Was speciell die Agenturen in Bezug auf die Vermittlung von Engagements von Schauspielern und Sängerinnen betrifft, so ist die Zahl derselben sehr groß. Die Agenturen verkehren mit den Directoren, und wer den Letzteren das beste und billigste Material bietet, mit dem schließen sie ab. Man könnte sagen, daß es im Interesse der Agenten wäre, möglichst hohe Engagements abzuschließen, weil sie höhere Percente erhalten. Das thun aber die Agenten nur dann, wenn der betreffende Künstler schon einen Namen hat und die betreffende Direction sich sehr bemüht, ihn zu bekommen. Sonst aber trachten die Agenten möglichst viele Abschlüsse zu vermitteln, um die Kundschaft der Directoren zu erhalten. Die Schauspielerinnen müssen den Agenten gewöhnlich 5 Percent der Gage bezahlen, und zwar so lange der Contract dauert, der in der Regel für eine kleine Provinzbühne auf eine Saison abgeschlossen wird. Die Wintersaison dauert vom September oder October bis Palmsonntag, das sind 7'/2 bis 8 Monate. Officiell werden 5 Percent bezahlt, es ist aber uncontrolirbar, wie viel einzelne Agenten oder aurh deren Schreiber und dritte Personen noch vom Schauspieler erhalten. -Unter den Schauspielern wird geklagt, daß, wenn man dem Agenten nicht schon im Vorhinein so und so viel Geld gibt, man überhaupt kein Engagement von ihm erhält. Die 5 Percent werden vom Director dem Schauspieler abgezogen und dem Agenten geschickt. Frau Schlesinger: Sie sagten, daß zweijähriger Unterricht für ein wirkliches Talent zu viel Zeit sei. Nun ist mir bekannt, daß viele Lehrer im Conservatorium eine Verlängerung der Unterrichtszeit auf drei Jahre anstreben? — Exp. Niedt: Bei außerordentlich talentirten Schauspielern ist ein Jahr genug, und ich halte drei Jahre für überflüssig. Frau Schlesinger: Es werden doch auch im Conservatorium Rollen einstudirt? — Exp. Niedt: Jawohl, aber erst im zweiten Jahrgange, nach einer gewissen Vorbildung. Frau Schlesinger: Im Conservatorium ist die Altersgrenze für Mädchen 16 Jahre, in Privatschulen dürfte es auch wohl vorkommen, daß Mädchen zwischen 14 und 15 Jahren aufgenommen werden? — Experte Niedt: Das ist möglich, wird aber selten geschehen. Frau Schlesinger: Wenn die Altersgrenze, wie Sie sagten, in den meisten Fällen 18 Jahre ist, was macht denn so ein Mädchen während der Zeit von ihrem 14. bis 18. Lebensjahre? — Exp. Niedt: Was sie 625 da machen, weiß ich nicht, aber zum Einstudiren der Rollen gehört doch ein höheres Verständniß. Frau Schlesinger: Sind Ihnen keine Fälle bekannt, in denen Mädchen von 14 Jahren in Schauspielschulen unterrichtet wurden? —Experte Niedt: Nein. Wie soll ich denn mit einem Mädchen von 14 Jahren die Rolle des Gretchen im letzten Act von „Faust" einstudiren? Das ginge doch über alles Menschliche. Witte lshöfer: Wird Agenten Provision nur vom Schauspieler bezahlt oder auch vom Director?— Exp. Niedt: Ich habe, um dem Unwesen gewisser Agenturen einen Damm vorzuschieben, in unserem „Verein österreichischer Bühnenangehöriger" eine Generalagentur eingerichtet. Ein Director sagte mir nun: „Wenn Sie für mich sorgen, so bezahle ich Ihnen ein Percent der Gage extra von mir aus, das ist so Usus bei mir, damit ich besser bedient werde wie die Anderen!" Das sagt selbstverständlich der Agent dem Schauspieler nicht, auch nicht ein Agent dem anderen. Mittels höfer: Gibt es auch Schauspieler, die ohne Agenten ab- schließen? — Exp. Niedt: Ich habe im Leben keine Agenten gebraucht. Früher waren auch die Verhältnisse der Agenturen ganz anders. Da existirte ein bekannter Agent, der die Talente in der That gemacht hat. Man mußte ihm einen sogenannten Revers ausfertigen, durch den man sich ihm mit Leib und Seele verschrieb, daß man ihm und nur ihm, so lange man beim Theater bleibe, Percente zahlen werde. Solche Generalreverse kommen in Deutschland heute noch vor. Der Mann nahm nun die Carriere Desjenigen, den er als ein Talent erkannte, in die Hand, brachte ihn von einer Bühne zur anderen und machte aus diese Weise gute Künstler. Heute verpflichtet man sich durch Reverse nur zur Zahlung für ein Jahr. Oft aber geschieht es, daß der Schauspieler sich für weitere drei oder fünf Jahre verpflichtet, einem Agenten Percente zu bezahlen, auch wenn derselbe kein Engagement vermittelt. Erst neulich kam mir folgender Fall vor: Ein Schauspieler hatte durch einen Agenten ein Engagement erlangt und sich verpflichtet, wenn er auch ohne Hilfe des Agenten dies Engagement verlängere, dennoch die Percente weiter zu zahlen. Es entzweite sich aber der Director mit diesem seinem Leib- und Magenagenten und nahm einen anderen. Nun mußte der Schauspieler, wenn er an dem Theater wieder engagirt sein wollte, dem neuen Agenten fünf Percent und dem früheren Agenten gleichfalls fünf Percent zahlen. Mittels höfer: Bestehen solche Verhältnisse auch bei den Hoftheatern ? — Exp. Niedt: Wenn das Engagement durch Agenten abge- schlössen wurde, ebenso. In den wenigsten Fällen und nur bei hervorragenden Künstlern wird sich der Director selbst durch ein Gastspiel oder dergleichen überzeugen, ob der Betreffende brauchbar ist. Die Formalien vermittelt aber unter allen Umständen der Agent. Wittelshöfer: Bezieht sich das auch aus das Chorpersonale, das Orchester und die Statisten? — Exp. Niedt: Auch das Chorpersonale unterliegt der Vermittlung durch Agenten. Die Statisten weniger und die Orchestermitglieder, die ja einen stabileren Beruf haben, wohl niemals. Dr. Schwiedland: Jedes Jahr wird nun eine Anzahl älterer Schauspieler von 30 bis 40 Jahren abgestoßen. Was geschieht mit ihnen? — Exp. Niedt: Sie sinken immer tiefer und tiefer, bis sie schließlich auf der kleinsten Schmiere unterkommen und elend untergehen. Dann beschäftigen sie sich mit Blnmenmachen, Körbe flechten. Manchmal stehen solche Schauspieler und Schauspielerinnen hungernd vor mir und bitten um eine Kleinigkeit, damit sie ihr bischen Dasein für den Augenblick fristen können. Das ist das sogenannte Komödiantenelend, das leider Gottes belächelt wird, das aber so traurig ist, daß Sie sich keinen Begriff davon machen! Ich könnte stundenlang davon erzählen! Daran sind nur die wirthschaftlichen Zustände 40 « 2 «; schuld, in denen sich die Theater befinden. Es gibt in unserer Kunst Menschen, die in kleinen Städten und Dörfern herumziehen und von denen die Behörden sagen, sie seien eine Landplage; und darunter sind manchmal Schauspieler, die, wenn auch nicht an Hoftheatern, so doch an guten Stadttheatern angestellt waren. Da geht manches Talent verloren! Dr. Osner: Ich habe gehört, daß in den Agenturen ziemlich unideale Verhältnisse bezüglich der Sittlichkeit herrschen. — Exp. Niedt: Aus eigener Erfahrung kann ich da nichts sagen, weil ich niemals mit Agenturen verkehrt habe. Da kommen die jungen Leute und müssen in großen Massen aus die Vermittlung warten. Es ist entsetzlich, welch ein frivoler Ton ihnen gegenüber von den Agenten und besonders von den Angestellten angeschlagen wird. Es ist gang und gäbe, daß man die Leute duzt, und es werden dort auch Späße gemacht, die nicht gerade für höhere Töchterschulen passen. Dr. Riedl: Binden sich die Directoren an die Bermittlung bestimmter Agenten, so daß sie sich verpflichten, nur mit einem Agenten abzuschließen? — Exp. Niedt: Ja, besonders dann, wenn der Director mit dem Agenten in anderweitiger Geschäftsverbindung steht. Zur Uebernahme eines Theaters gehört ein ziemlich großes Ansangseapital. Da wenden sich die Directoren, wenn sie niemano Anderen haben, an den Agenten, der ihnen das Geld aus seiner Tasche vorschießt und dafür die Bedingung stellt, nur mit ihm abzuschließen, damit er auf diese Weise sein Geld hereinbekomme. Dr. R iedl: Sind die sogenannten Kindervorstellnngen nicht auch eine Vorbereitnngsschule? — Exp. Niedt: Es ist wohl möglich, daß junge Gemüther dadurch begeistert werden, aber meist bilden diese Vorstellungen keine Stufe zum Theater. Dr. Schwiedland: Sie haben gesagt, daß viele Schauspielerinnen untergehen. Wie verhält es sich damit? — Exp. Niedt: Sie müssen ein kleines Capital von Anfang an von ihren Eltern oder sonst Jemand haben, damit sie ihre Lehrzeit durchmachen und auch zu ihrer Anfangsgage eine Zubuße haben. Ist einmal dieses Capital verbraucht und werden sie nicht mehr unterstützt, so gehen sie eben, wenn sie keine höhere Gage haben, zu Grunde. Dr. Schwiedland: Wissen Sie, ob die Abgaben, welche solche Anfängerinnen an Zeitungen zu leisten haben, groß sind? — Exp. Niedt: Das sind Dinge, welche die Leute gewöhnlich nicht erzählen, aber es kommt schon vor, daß, wenn diese Anfängerinnen in eine große Stadt, nach Wien oder Hamburg kommen, die sogenannten Revolverjournalisten sich ihnen vorstellen und sagen: „Es ist nothwendig, daß Sie populär werden; ich werde Ihr Bild bringen u. s. w." Natürlich thut er das nicht umsonst. In vielen Fällen aber kommen auch die Schauspielerinnen zu den Journalisten. (Auf Befragen.) Der Anfangsgehalt der jungen Damen an den Provinzbühnen ist sehr verschieden. Es wird bereits als ein recht anständiges Engagement betrachtet, wenn sie fl. 50 Gage und 50 kr. oder st. 1 Spiel- honorar pro Abend bekommen, sl. 00 bis 70 sind Wohl die höchste Ansangsgage. An Provinzbühnen für kleinere Fächer werden nur fl. 30 bezahlt. Die Schauspielerinnen müssen aber sich selbst die Toiletten bezahlen und bei den Provinzbühnen sogar auch die Costüme. In Wien finden Anfängerinnen überhaupt nur beim Chor Anstellung. Ausnahmsweise könnte es sich um wirklich große Talente handeln, die dann schon mit sl. 300 bis 500 monatlich ihr erstes Engagement finden. Der Gehalt beim Chor ist im Maximum fl. 50 und etwa sl. 1 Spielhonorar — dies aber ungarantirt, das heißt wenn die Choristin nicht spielt, bekommt sie kein Spielhonorar. Im "klebrigen beträgt die Gage beim Chor fl. 45, 35, 30, 20 und noch weniger. Es kommt da aus das Angebot an. Manche bietet sich dem Tireetor als Choristin an, um nur überhaupt aus der Bühne sein zu können. 627 Witte lshöser: Gelten diese Ziffern auch von den Wiener Hoftheatern ? — Exp. Niedt: Die Choristinnen an den Hoftheatern bekommen fl. 25 bis 60 monatlich. Da wird allerdings die Garderobe vom Theater selbst geliefert, fl. 25 ist gewöhnlich die Anfangsgage, und fl. 60 werden in der Regel bei 15jähriger Dienstzeit bezahlt. Auch gilt bei der Hofoper nicht als Princip, nur junge Damen zu engagiren, sondern da muß die Betreffende in der That singen können. Diese Choristinnen erhalten Pension: nach 10 Jahren ein Drittel, nach 20 Jahren die Hälfte des Gehaltes; nach 25, refpective 30 Jahren erhalten sie die ganze Pension. Ich weiß aber nicht, ob diese Zahlen ganz genau sind. Herrdegen: Wie viel braucht etwa eine Tragödin an einer Provinzbühne für Toilette und Costüme? — Exp. Niedt: Das kommt auf die Ansprüche des Directors an. Glaubt der Direetor, durch Luxus einen gewissen Theil des Publicnms zu interessiren, so werden seine größeren Än- sprüche von den Schauspielerinnen erfüllt werden müssen. Wenn der Direetor aber human ist, wird sich eine fleißige Schauspielerin in der Art behelfen können, daß sie eben aus dem Fonds von Costümen, den ja Jede mitbringen muß, sich alle möglichen Toiletten herstellt. Freilich ist sie da ein recht armseliges Geschöpf. Sie muß die ganze Zeit, die sie von Proben und Vorstellungen erübrigt, darauf verwenden, aus einem Costüme mehrere zu machen. Herrdegen: Kann man nicht annehmen, daß der Ansangsgehalt einer Schauspielerin eigentlich nur einen Theil der Kosten bildet, welche sie für Toiletten verwenden muß? — Exp. Niedt: Da braucht man kein Adam Riese zu sein, um das ausrechnen zu können. Herrdegen: Es geht die Sage, daß bei sehr vielen Provinzbühnen man in außerordentlich unanständiger Art aus die Schauspielerinnen wirkt, so daß sie gewissermaßen gezwungen sind, unmoralisch zu werden. — Exp. Niedt: Da kommt es sehr auf die Form an, in welcher das geschieht. Sagen wir z. B., ich bin Direetor in einer Stadt, in welcher Garnison ist, und habe die Absicht, das Publicum durch den Glanz meiner Leute heranzuziehen, namentlich das maßgebende Publicum, die Cavaliere und Lebemänner. Jeder sieht natürlich auf der Bühne wunderbare moderne Kleider lieber als altmodische. Bin ich nun ein gemeiner Kerl, so werde ich der betreffenden Schauspielerin einfach sagen: „Such' Dir eine Würzen!" Wenn ich aber ein seiner Mann bin, so sage ich: „Ich habe eine Rolle für Dich, die aber theure Toiletten erfordert. Nun habe ich eine Dame, welche dieselben besitzt; Tn wärst mir lieber, aber ich weiß nicht, ob Du auch die Toiletten haben kannst." Oft sind aber auch die Directoren gezwungen, so vorzugehen, und zwar in Folge der schlechten wirthschaftlichen Verhältnisse. Herrdegen: Können Sie sagen, daß diese Manipulation bei den Provinzbühnen typisch ist? — Exp. Niedt: Ich weiß nicht, ob das bei der Mehrzahl der Bühnen der Fall ist, weil ich niemals an einer dieser Provinzbühnen gewesen bin und zu meiner Zeit die Verhältnisse ganz anders waren. Frau Schlesinger: Ost machen sich doch die Recensenten darüber lustig, daß die Toiletten nicht entsprechend sind. Das dürfte auch einen gewissen Einfluß aus die Directoren üben. — Exp. Niedt: Ich kann wohl nicht Recension recensiren; darüber kann man im Allgemeinen nicht urtheilen. Expertin Nr. 167 (über Befragen des Vorsitzenden): Ich habe im Alter von 12 Jahren das erste Mal bei einer Kinderkomödie in Wien gespielt und war dann drei Jahre im Conservatorium. Ich hatte dort einen Freiplatz. Nach den drei Jahren fand ich gleich ein Engagement in Salzburg beim Chor mit fl. 30 Ansangsgage. Das Engagement wurde durch eine hiesige Agentur vermittelt. Ich mußte dem Agenten fünf Percent für das erste Jahr und drei Percent in den weiteren Jahren bezahlen. Von den fl. 30 mußte ich auch Toiletten und Costüme bestreiten. Ich konnte das 40 * 623 thun, weil meine Schwester, die eine Schauspielerin in besserer Stellung ist, mich in jeder Weise unterstützte. Spielhonorare bekam ich keine: die anderen Choristinnen, welche dort waren, hatten Honorare bis zu fl. 50. Jene, die etwa 30 Jahre alt sind, werden in jeder Beziehung zurückgesetzt. Sie werden besonders von den Regisseuren grob behandelt, sö daß sie genöthigt sind, entweder wegzugehen oder sich alles Mögliche bieten zu lassen. Ich kenne die meisten Agenturen in Wien. Ueber die Behandlung der Damen dortselbst will ich lieber nicht sprechen! Wenn die jungen Damen dorthin kommen, so werden sie zu allem Möglichen verleitet und es wird von allem Möglichen mit ihnen gesprochen. Vorsitzender: Sie werden wohl aufmerksam darauf gemacht, daß es mit dem Honorar allein nicht geht? — Exp. Nr. 167: Direet, durch Worte allein nicht, aber doch in einer Form, daß man es daraus ersehen kann. Ich persönlich kann mich nicht beklagen, aber von den Anderen kann ich das nicht sagen. Einige sind anständig, die Anderen das Gegentheil: entweder weil sie durch Verhältnisse dazu gezwungen oder weil sie leichtsinnig sind oder auch einfach aus Nachahmung, weil fie es ja bei den Anderen sehen. Ist Eine aber anständig, so begnügt man sich mit den Percenten allein. Vorsitzender: Also ist das nicht die Regel. Wie ist es mit Ihrer Beschäftigung? — Exp. Nr. 167: Manchmal habe ich wochenlang nichts zu thun, dann wieder verlangt man von uns, daß wir von o bis 3 Uhr Probe halten und Abends bei der Vorstellung mitwirken, und dann nach der Vorstellung noch eine Nachtprobe mitmachen, so daß ich mir manchmal von meiner Gage um ' ,4 Uhr Früh einen Einspänner znm Nachhansefahren nehmen muß. Es kommt etwa viermal in der Saison vor, daß Nachtproben sind, dafür sind oft 3 bis 14 Tage gar keine Proben. In der Provinz ist es anders. Dort sind täglich kurze Proben von o, '>.10 bis 12 oder 1 Uhr Mittags. Abends ist Vorstellung von 7 bis ' 2 10 oder 10 Uhr. Da muß man in der Nacht nach der Vorstellung stndiren. Wenn an einer Provinzbühne das Schauspiel stark enltivirt wird, so hat man drei-, viermal in der Woche nichts zu thun. Die Kreise, aus welchen meine Colleginnen stammen, find sehr verschieden. Manche sind aus sehr guten Kreisen, andere wieder äußerst ungebildete Mädchen; der Letzteren sind aber sehr wenig. Meine Colleginnen haben meist in Privatschulen oder bei Professoren oder im Con- servatorinm gelernt. W i t te l s h ö f e r: In welchem Alter sind Sie in's Conservatorium gekommen? — Exp. dir. 167: Mit 14 Jahren, da habe ich bis zu meinem siebzehnten Jahre gelernt. W i t t el s h ö f er : Wie lange dauert die Saison? — Exp. Nr. 167: Im Winter meist vom 1.5. September bis zum Pfingstsonntag und im Sommer vom 15. Juni bis Ende August. W i t t e l s h öf er: Ist es die Regel, daß die Schauspieler, die ein Winter-Engagement haben, auch im Sommer engagirt werden? — Expertin Nr. 167: Das ist nur bei der Minderzahl der Fall. W i t t e l s h ö f e r: Wird das Engagement also für eine Saison abgeschlossen? — Exp. Nr. 167: Ja, und zwar bei meinem jetzigen Director auch, trotzdem er im Sommer und im Winter spielt. Er gibt zwei Verträge, einen für den Winter, den anderen für den Sommer. Es ist nämlich im Vertrage bestimmt, daß er die Reise zahlen muß, wenn die Truppe während des Contracts in eine andere Stadt geht. Wenn nun das Engagement blos bis Pfingstsonntag dauert und das neue Engagement erst am 16. Juni beginnt, so braucht er seiner Truppe die Reise in das Bad, wo er im Sommer spielt, nicht zu bezahlen. Der Director hat auch das Recht, uns zwei Monate vor Schluß der Wintersaisvu ohne Gehalt zu entlassen; auch während des ersten Monats des Engagements hat er das Recht, ohne Angabe von Gründen nach vierzehntägiger Kündigung zu entlassen. Aber 629 auch in der übrigen Zeit kaun er immer einen Grund für die Entlassung finden, denn der Director hat alle, das Mitglied keine Rechte. Die Contracte sind alle nach einem bestimmten Schimmel abgefaßt und für alle Mitglieder gleich. Ich habe jetzt fl. 45 Gage. Die Gagen der anderen Damen sind verschieden: st. 40, 35, 30, 25, 20, 15, 10 und 5. Vorsitzender: Ich habe hier einen Vertrag in der Hand, nach welchem eine Dame 20 Kronen bekommt. Man zieht es also jetzt vor, nach Kronen zu rechnen, weil das mehr ausschaut. Ist die Zahl der Damen, die sl. 15 und weniger bekommen, die größere oder die kleinere? — Expertin Nr. 107: Das weiß ich nicht genau. Vorsitzender: Wonach richtet sich die Steigerung des Gehalts? — Exp. Nr. 167: Das hängt von dem Belieben des Directors ab. Daß innerhalb der Vertragsdaner die Gage erhöht worden wäre, ist mir nicht bekannt. Wir bekommen den Vertrag, bevor wir ihn unterschreiben, zur Prüfung, aber es unterschreibt ihn ohnehin Jede. Zwischen dem Winter- und Sommer-Engagement ist eine sechswöchentliche Pause, während welcher wir nichts bezahlt bekommen. Vorsitzender (verliest den Vertrag): *) Es ist in diesem Vertrage der Passus gestrichen, in welchem es heißt: „Contractlich verpflichtet, für den Abschluß des Engagements diesem und diesem Agenten ..."/» zu zahlen." — Exp. Nr. 107: Die Vermittlung besorgt ein Agent und der halbirt dann mit dem Director die fünf Percent. Exp. Niedt: Dies ist noch nicht der schlechteste Vertrag. Ich kann Ihnen ganz andere vorlegen. Es gab einen noch schauderhafteren Vertrag bei derselben Bühne, den ich seinerzeit in der Generalversammlung unseres Vereines vorgelesen habe. In Folge dessen wurde der Vertrag moderirt. Der Contract hat aber in Wirklichkeit gar keinen Werth, denn wenn ich damit vor einen Rechtsanwalt trete, so sagt er mir: „Wie können Sie so etwas unterschreiben, Sie haben ja dadurch gar keine Rechte und nur Pflichten!" P ern erst o rf er: Ist es dann nicht schon vorgekommen, daß der Richter einen solchen Vertrag für nngiltig erklärte? —' Exp. Niedt: Ich weiß keinen bestimmten Fall, aber diese Verträge sind ja geradezu gegen jedes Gesetz, gegen Sittlichkeit und Moral! P e r n e r st o r f e r: Wir sind doch eine so außerordentlich theater- liebende Stadt. Warum schreiben denn die Blätter nicht darüber? Sie stehen doch in Verbindung mit der Journalistik? — Exp. Niedt: Ich habe in der damaligen Generalversammlung einen noch crasseren Vertrag zur Verlesung gebracht. Das „Neue Wiener Journal" hat diesen Vertrag veröffentlicht, das war aber auch Alles. Diese Verhältnisse können nur gesetzlich durch das Parlament geregelt werden. Deshalb drängen wir auch darauf, daß solche Contracte für ungesetzlich erklärt werden. Witte lshöser: Kommt es häufig vor, daß die Directoren von diesen drakonischen Bestimmungen des Vertrages bezüglich der Entlassung Gebrauch machen? — Exp. Nr. 107: Sehr häufig, und zwar nicht nur bei Chordamen, sondern auch bei den Fächern. Eine Dame hat sich neulich geweigert, in einem Stück eine Dutzendnebenrolle zu spielen, weil sie als erste Operettensängerin engagirt worden war. Da wurde ihr einfach die Kündigung zugeschickt, weil im Contract steht, daß sie alle möglichen Rollen spielen muß. So ist sie jetzt seit einem Monate ohne Engagement. Eine andere Dame wurde aus Präg telegraphisch berufen: „Kommen Sie sofort, Antrittsrolle n. s. w." Sie kommt nach Wien, und da kommt ein Stück, in dem sie 14 Tage hat statiren dürfen. Sie hätte verzichten müssen oder sie mußte sich zufrieden geben und, um die Wohnung und Kost *) Der Text des Vertrages ist im Anhang wiedergegeben. 630 bezahlen zu können, als Statistin dienen. Statt als erste naive Liebhaberin, ist sie als Statistin auf der Bühne gestanden, hat sich die Reife tour und retour bezahlt und hat für 14 Tage st. 30 Gage bekommen und das Engagement in Prag verloren. Herrdegen: Müssen auch die Männer die Costüme beistellen? — Exp. Nr. 167 : Nein. Herrdegen: Wissen Sie, ob es möglich ist, daß einzelne Chordamen neben ihrer künstlerischen Beschäftigung noch anderen Geschäften obliegen, daß sie z. B. unterrichten oder sonst einen Nebenerwerb betreiben? — Exp. Nr. 167: Außer mit Stickerei oder dergleichen können sie sich nichts verdienen. Herrdegen: Kann sie eine Beschäftigung übernehmen, zu welcher bestimmte Stunden verfügbar sein müssen? — Exp. Nr. 167: Nein. Frau Schlesinger: Möchten Sie uns vielleicht sagen, was Sie in einem Jahr an Toiletten brauchen? — Exp. Nr. 167: Das richtet sich nach den Stücken. In der Provinz kann man beiläufig sagen, daß jede Dame durchschnittlich im Monat st. 10 braucht, größere Schauspielerinnen sl. 40 bis 50. Frau S ch l es i n g er : Das kann aber doch nicht von der Gage bestritten werden? — Exp. Nr. 167: Sie müssen sich behelfen. Sie müssen sich Vieles selbst machen, oder sie bekommen Zuschuß von zu Hause. Dr. Ranchberg: Die Costüme, die der Chor trägt, sind meist gleichartig. — Exp. Nr. 167: O nein, man braucht immer Costüme, weil die Schauspielerinnen mit der Mode gehen müssen. Dr. Rauchberg: Aber bei demselben Stück trügt oft der ganze Chor gleichartige Toiletten. Veranlaßt die einzelne Chordame selbst die Anfertigung? — Exp. Nr. 167: Ja. Es wird eine Figurine gegeben, und man kann es sich selbst machen oder bei einer bestimmten Schneiderin machen lassen. Vorsitzender: Kann eine Schauspielerin, wenn sie contract- brüchig wird, leicht ein Engagement finden? — Exp. Nr. 167: In Deutschland nicht; denn wenn dort eine contractbrüchig wird, darf sie zehn Jahre lang von dem am Cartell Betheiligten nicht engagirt werden, außer sie geht unter einem anderen Namen. In Oesterreich ist das nicht. Exp. Niedt: O doch, es kommt darauf an, ob die Bühne dem Cartellverband angehört, und es gibt österreichische Bühnen, welche selbst dem deutschen Bühnenvereine angehören. Die Direetoren sind da verpflichtet, einen contractbrüchigen Schauspieler, so lange bis er durch den betreffenden Director, dem der Vertrag gebrochen wurde, rehabilitirt ist, nicht wieder zu engagiren. Vorsitzender: Wie ist die Behandlung durch Direetoren und deren Vertreter? — Exp. Nr. 167: Unser Director ist einmal liebenswürdig und einmal wieder sehr unliebenswürdig. Ich will mit meinem jetzigen Director nicht wieder abschließen, trotzdem er uns für das nächste Jahr einen Antrag gemacht hat, denn er behandelt die Damen vom Chor unter der Kanone; deshalb sind sehr viele von seinem Theater weggegangen. Vorsitzender: Wie ist die Lebenshaltung der Damen, sind sie in der Lage, sich ordentlich zu ernähren? — Exp. Nr. 167: Der Berns ist so ziemlich aufreibend, von der Gage kann man nicht so leben wie es nöthig wäre. Wer von der Gage lebt und nichts Anderes thut, als dem Berns nachzukommen, lebt schlecht. Es gibt Damen bei uns, die mit geringer Gage engagirt sind, aber sehr gut leben. Ich weiß nicht, sind sie vorn Haus aus besser gestellt oder wie sie das sonst machen. Ich kümmere mich darum nicht. Ich arbeite zu Hause nebstbei mit meiner Mutter; von der Gage allein könnte ich nicht leben, die Auslagen sind zu groß. 631 Frau Schlesinger: Was arbeiten Sie denn zu Hause? — Expertin Nr. 167: Stickereien und andere Handarbeiten, in der Zeit, wo ich nichts zu thun habe. Frau Schlesinger : Sie sind aber auch im Theater viel beschäftigt ? — Exp. Nr. 167: Ja, es gibt Wochen, wo man so viel zu thun hat, daß man zu Hause nicht arbeiten kann. (Wittelshöfer übernimmt den Vorsitz.) Expertin Nr. 168 (gibt über Befragen des Vorsitzenden an): Ich bin am selben Theater beschäftigt, wie Expertin Nr. 167. Anfangs wollte ich Clavierlehrerin werden; dazu hatte ich keine Geduld, und so entschloß ich mich, Sängerin zu werden. Seit meinem neunten Jahre spiele ich Clavier. Ein halbes Jahr bevor ich den Contract mit dem Theater schloß, habe ich bei einem bekannten Professor singen gelernt, ein Jahr vorher bei einer Gesanglehrerin. Ich war schon in verschiedenen Theatern beschäftigt, in sämmtlichen Theatern Wiens, außer Burg und Oper. Man hat sich aber daran gestoßen, daß ich Anfängerin bin, und hat nicht gefragt, ob ich etwas leisten kann. Wie ich nun zu den: Director des Theaters gekommen bin, in dem ich jetzt bin, hat er gesagt: „Ich nehm' Dich, mit fl. 10 Gag'," und ich war froh, überhaupt unterzukommen. Ich bin bei meinen Eltern, sonst wäre das unmöglich. Vorsitzender: Haben Sie Schanspielunterricht genossen? — Expertin Nr. 168: Nein. Vorsitzender: Kommt es häufig vor, daß die Damen keinen Schauspielunterricht genossen haben? — Exp. Nr. 168: Ich wollte während der Saison weiterstudiren, aber das ist unmöglich, wegen der vielen Proben. Vorsitzender: Wie lange sind Sie beim Theater? — Expertin Nr. 168: Die erste Saison. Vorsitzender: Sie sind auch verpflichtet, Ihre ganze Garderobe mit dem Betrage von fl. 10 zu bestreiten? — Exp. Nr. 168: Ja. Dr. Schiff: Ihr Vertrag lautet anders als der, welcher früher vorgelegt wurde. Wissen Sie, ob solche Contracte, wie er jener ersten Expertin vorgelegt wurde, auch jetzt abgeschlossen werden? — Exp. Nr. 168: Mein Contract gehört zu jenen, welche für das Jahr 1806>97 ausgegeben worden find; die sind besser. Dr. Schiff: Es sind einige horrende Sachen nicht darin, aber immerhin noch genug. So sind Conventionalstrase von Kr. 600 für alle möglichen Fälle, und diese Conventionalstrase tritt zum Beispiel ein, wenn das Mitglied zum festgesetzten Termin oder nach Ablanf eines Urlaubes sich nicht pünktlich einstellt. Da heißt es nun: „Für eine etwaige unabwendbare Verhinderung ist der klare Beweis stets innerhalb dreier Tage beizubringen." Ferner: „Die Zahlung der Conventionalstrase hebt die Verpflichtung des Mitgliedes gegen die Bühnenleitung nicht auf. Der Contrahent begibt sich jeder wie immer gearteten Einwendung gegen die Höhe der Conventional- strafe, verzichtet insbesondere auf die im bürgerlichen Gesetzbuche vorgesehene Ermäßigung der Strafe durch den Richter." Vorsitzender: Besteht ein Verein, dem die Damen angehören? — Exp. Niedt: Darf ich darauf antworten? Wir haben — an der Spitze Adolf v. Sonnenthal — für die österreichischen Bühnenmitglieder einen Verein gegründet, den „Verein österreichischer Bühnenangehöriger", um alle diese Mißstände so viel als möglich auszurotten, nicht allein zum Vortheile der Bühnenmitglieder, sondern auch zum Nutzen der Directoren. Es ist kein Verein, der gegen die Directoren Front macht, er will all dem Unangenehmen und Widrigen in unseren wirthschaftlichen Verhältnissen begegnen. Der Verein besteht erst seit fünf Vierteljahren, hat aber Bedeutendes geleistet und sich in erster Linie zur Aufgabe gestellt, diese unglaublichen Contracte, und 632 zwar durch Hilfe des Parlaments, aus der Welt zu schaffen. Es hat sich ein Comite gebildet, das sich der Sache annehmen wird, und wir hoffen damit zum Ziele zu gelangen. Diesem Vereine gehören alle Branchen des Theaters au, auch das Chorpersonal. Vorsitzender: Besteht zwischen Schauspieler und Chorpersonal eine soeiale Scheidung? — Exp. Niedt: Gewiß, die Leute vom Chorpersonal möchten so schnell wie möglich aus dem Chor heraus, und die heraußeu sind, glauben etwas Besseres zu sein als das Chorpersonal. Und das bildet im gesellschaftlichem Verkehr eine gewisse Schranke. Vorsitzender (zur Exp. Nr. 167): Was wissen Sie hierüber? Besteht zwischen Schauspielerinnen und dem Chorpersonal ein Unterschied? — Exp. Nr. 167: Ein bedeutender. Vorsitzender: Ein Gegensatz? — Exp. Nr. 167: Die Damen bilden sich ein, viel mehr zu sein, und vergessen, daß die größten Künstlerinnen einmal auch im Chor waren. Die Schläger, die heute eine sehr große Dame ist, war im Chor und so auch verschiedene Andere. Vorsitzender: Kommt es häufig vor, daß sich Schauspielerinnen aus dem Chor recrutiren? — Exp. Nr. 167: Gewiß, sehr oft. Jm Wiedener Theater ist ein Fräulein, welches eine sehr große Stellung hat und vor fünf Jahren im Chor war. Vorsitzender: Haben Sie im Chor Gelegenheit, zu zeigen, daß Sie zur Solistin geeignet sind? — Exp. Nr. 167 - Ja, das ist aber verschieden,, die Eine hat das Material und hat die Mittel nicht, die Andere hätte die Mittel und hat das Material nicht, und die Dritten haben das Unglück, daß sie von der Tirectiou oder Regie unterdrückt werden. Dr. Riedl: Was verstehen Sie unter Material und Mittel? — Exp. Nr. 167: Stimme oder Talent. Dr. v. Fürth: Wir haben aus dem Contract gehört, daß im Falle langer Erkrankung die Gage eingestellt wird. Ist in Schauspieler- und Chöristenkreisen bereits in weiterem Maße eine Krankenversicherung üblich? — Exp. Niedt: Die Leute müssen alle gesetzlich gegen Krankheit versichert sein. Dr. v. Fürth: Wird der Versicherungsbeitrag von der Gage in Abzug gebracht? — Exp. Nr. 167: Theilweise, wie es das Gesetz sagt. Dr. Riedl: Wie ist der Verkehr der Schauspielerinnen mit ihren männlichen Collegen? — Exp. Nr. 167: Das ist sehr verschieden; die Einen streiten, die Anderen sind sehr gut. Dann ist es wieder umgekehrt, dann streiten die, die früher gut waren. Dr. Riedl: Haben Sie unter bestimmten Mißständen zn leiden? — Exp. Nr. 157: Das nicht. Dr. Riedl: Wie sind die Garderoberäume? — Exp. Nr. 167: Die sind sehr primitiv. Die Herren Pflegen durch die Garderobe der Damen zu gehen, und wenn man etwas sagt, so kann man entlassen werden. Dr. Riedl: Gibt es also keine getrennten Garderoberäume für beide Geschlechter? — Exp. Nr. 167: Eigentlich sind Herren und Damen- garderoben getrennt. Aber wenn viele Statisten sind oder die Bühneneinrich- tnng es erfordert, gehen die Herren durch die Damengarderobe. Dr. Schwiedland: Werden die Damen vom Chor von Direction und Regie geduzt? Sie haben ja früher ein Gespräch citirt, in welchem Sie geduzt worden sind? — Exp. Nr. 167: S ja, das kommt vor. Dr. Schwiedland: Kommt es nicht vor, daß Schauspielerinnen Beträge zahlen, um gewisse Rollen zu bekommen, und was für Beträge sind das ? — Exp. Nr. 167: Ich habe vor einigen Jahren in einer kleineren Stadt Niederösterreichs gehört und gesehen, daß eine Dame fl. 50 bezahlte, damit sie an einem Abende die Anna-Rolle im „Pfarrer von Kirchfeld" spiele. Dr. Schwiedland: Werden Sie aus der Bühne durch Besuche 633 der Habitues belästigt? — Exp. Nr. 167: Bei uns kommt das nicht vor, wir haben keine Habituös. Vorsitzender «zur Exp. Nr. 168): Sind Sie auch bei Ihrem Tirector für den Sommer an dem Curort engagirt? — Exp. Nr. 168: Nein. Mit der Gage, welche ich beziehe, gehe ich nicht mit. Wir Anfängerinnen gehen oft irgendwohin, nur um zu sagen, daß wir schon irgendwo waren, überall ist die erste Frage: „Waren Sie schon wo?" und wenn ich sage: „Nein," dann nimmt man mich nicht an einem Wiener Theater. (Dr. Verkauf übernimmt wieder den Vorsitz. > Vorsitzender: Herr Niedt wird die Liebenswürdigkeit haben, über die Sittlichkeitsverhältnisse das, was er früher nicht vorbringen konnte, jetzt nachzutragen. Es ist das ein sehr heikles, aber auch sehr wichtiges Thema. — Exp. Niedt: Ich schicke einige Worte voraus, in Bezug auf die Beurtheilung des Schanspielerstandes als solchen. Ich möchte da an die Worte des Dichters anknüpfen: „Ernst ist das Leben, heiter ist die Kunst". Heiter ist die Kunst nicht nur, wenn man wo bei aufgezogenem Vorhang zuschaut, sondern sie ist in der That trotz der großen Misere, die beim Theater herrscht, auch hinter dem Vorhang heiter, das heißt man legt beim Theater nicht den Maßstab an, den man sonst im bürgerlichen Leben anzulegen Pflegt. Es ist ganz natürlich : die Aufregung, in welcher sich der Schauspieler zu befinden pflegt, das enge Zusammensein der Geschlechter, die Berührung auf der Bühne selbst u. s. w. — und das ganze leichtlebige Völklein kommt zu einer ganz anderen Lebensansicht und nimmt Manches lange nicht so tragisch, was Andere unter Umständen durchaus tragisch nehmen. Der Schauspieler ist sehr leicht zu Thränen gerührt, aber sie versiegen auch sehr schnell, und über das, was man im Leben direct als unsittlich ansieht, deckt man im Theater gern den Schleier der christlichen Nächstenliebe. Es versteht sich also ganz von selbst, daß im Theater unter den Collegen Liebschaften vorkommen, die eine Zeit lang dauern und dann auseinandergehen oder zu Ehen führen, unter Umständen auch zu unglücklichen Ehen. Ich weiß nicht, ob man da gleich einen Stein werfen darf, ob man das wirklich mit dem Wort Unsittlichkeit bezeichnen darf. Leichtlebig ist das Volk, darüber ist kein Zweifel, da gibt es gar keine Entschuldigung; aber man muß dem Beruf in dieser Richtung sehr viel nachsehen. Außerdem ist, wie Sie gehört haben, beim Theater bezüglich des weiblichen Geschlechtes die Protektion von unendlicher Wichtigkeit. Man kommt unter allen Umständen in eine bessere Stellung, wenn man Protektion hat. Diese Protektion kann in erster Linie durch den Director, durch den Regisseur geübt werden. Nun kommt noch eine Eigenthümlichkeit des Bernfes dazu. Viele, die zum Theater gehen, gehen mit der Absicht hin, etwas Großes zu werden; nicht allein, daß sie große Gagen im Auge haben; beim Theater spielt die Ruhmsucht, das Hervortreten der Persönlichkeit, die Eitelkeit eine große Rolle. Diese Faktoren veranlassen die Leute häufig, Protektion zu suchen, direct oder indirect, und da ist es in der That möglich, daß Avancen gemacht werden, die nicht lediglich aus Leichtsinn entsprangen, sondern aus dem Streben, sich aus der Niedrigkeit emporzuheben ; denn erst die Situation macht den Künstler. Ich kann ein außerordentlich großes Talent besitzen, wenn man mich aber nicht zum Wort kommen läßt, mir nicht gestattet, vor das Publicum zu treten, so weiß Niemand von meinem Talente; es kommt deshalb beim Theater vor, daß den maßgebenden Personen viel entgegengebracht wird aus dein Streben, vorwärts zu kommen. Vorsitzender: Ich glaube aus den Ausführungen entnommen zu haben, daß gegen die Sittlichkeit von vier Seiten angestürmt wird. Die Agenten, die Directoren, die Recensenten und die Regisseure. — Experte 9! iedt: Ganz recht; ich möchte nicht gern sagen, daß von ihnen angestürmt würd und möchte nur sagen, daß das auf Gegenseitigkeit beruht. Der Ehr- <;34 geiz, die Eitelkeit, die Ruhmsucht siud der Anlaß, daß die Schauspielerinnen leichter Opfer bringen, sagen wir, Opfer anbieten, als irgend eine andere Person in bürgerlichen Verhältnissen; das ist mit dem Beruf eng verknüpft. Außer den erwähnten Factoren sind aber noch andere da. Wenn ich als Dame mich durch eine prächtige Toilette auszeichnen kann, so ist das dem Director nicht unangenehm; ich falle auf. Von den fl. 45 Gage kann ich keine Brillanten, kann ich keine Brocatkleider tragen. Ich sage nicht: ich biete mich an, aber ich bin doch nicht so zurückhaltend, wie jemand anderer, der es zu seinem Fortkommen nicht nothwendig hat. Das liegt eben im Berufe, in der Ruhmsucht, unter Umständen auch im Neide, in dem Vordrängen vor Andern. Es ist richtig, daß gerade die Mittelmäßigkeit sich vordrängt. Es ist ganz natürlich, daß Diejenigen, die durch Talent hervorzutreten im Stande sind, jenes nicht zu thun brauchen und auch nicht thun. Das niedrige Element also drängt sich unter Umständen vor und bietet sich an, und ich möchte sagen: in dieser Richtung ist das Angebot größer als die Nachfrage. Dr. Rauchberg: Wir haben unter diesen Ursachen eine nicht gehört, die sehr weit verbreitet zu sein scheint, das ist die Noth. Diese unglaublich niedrigen -Gagen reichen ja für die elementarsten Lebensbedürfnisse nicht aus. — Exp. Niedt: Da haben Sie sehr recht. Dr. Rauchberg: Sie sagen, daß das Streben nach Carriere maßgebend ist, aber ist nicht ein großer Theil der Theaterangestellten geradezu auf die Prostitution angewiesen? — Exp. Niedt: Ich möchte sagen, wenn direct Anforderungen an die Toilette der Damen gestellt werden, wie es auf vielen Bühnen geschieht, so kann es gar nicht anders sein. Dr. Rauchberg: Bei einer Gage von 20 Kronen monatlich braucht man ja nicht einmal große Toilette-Anforderungen zu stellen; das reicht ja nicht einmal für die Nahrung aus. — Exp. Niedt: Es kommt aber vor, wie Sie gehört haben, daß unter Umständen Mädchen während ihrer Lehrzeit Unterstützungen erhalten. Ich gebe Ihnen aber auch hier die feste Versicherung, daß das Angebot größer ist als die Nachfrage, und wenn eine Anfängerin zum Theater kommt, so ist es ihr ja sehr schwer, dem Director, wenn er ihr zumuthet, das Alles für die Gage zu thun, nein zu sagen. Jedenfalls ist es den Directoren in den meisten Fällen recht angenehm, wenig zu zahlen und sich damit zu begnügen, daß sie sagen: „Ich habe es ja nicht verlangt, man hat es mir so angeboten." Dr. Ofner: Herr Experte haben von einem Entgegenkommen seitens der Damen gesprochen, welches gern angenommen wrrd'; wird aber nicht manchmal oder sogar öfter von Regisseuren oder Directoren geradezu eine directe Forderung gestellt, widrigens die Schauspielerin nicht zur Geltung gebracht, ihr keine Rolle gegeben wird u. s. w. ? — Exp. Niedt: In dieser brutalen Form glaube ich das kaum; das wäre ja die brutalste Form, die man sich denken könnte; das wäre eine europäische Sklaverei nach jeder Richtung. Als durchgehends geltend, muß ich das bestreiten. Ich bin auch Oberregisseur seit so und so viel Jahren, und wollen Sie gefälligst nachfragen — mein Lebenslauf liegt klar vor — ob das jemals von mir geschehen ist. Ich kann mir nicht einbilden, daß ich der einzige anständige Mensch beim Theater bin; es gibt außer mir auch noch anständige Directoren und Regisseure, die sich derartige Sachen in dieser brutalen Form nicht erlauben werden; daß es auch Andere gibt, gebe ich gern zu, aber in welchem Stande kommt keine Brutalität vor, in welchem Stande wird die Stellung nicht mißbraucht, die der Zufall gegeben hat? Deswegen darf man nicht gerade aus das Theater einen solchen Stein werfen. Wittelshöser: Sie haben hauptsächlich das ideale Moment des künstlerischen Ehrgeizes als Beweggrund hervorgehoben, das wird aber nur für einen Theil gelten. Kommt es nicht auch vor, daß anderseits Mädchen, 635 die gar nicht diesen Ehrgeiz besitzen, blos wegen der äußeren Erscheinung engagirt werden, und daß sie sich dazu drängen, um vor die Oefsentlichkeit treten zu können? — Exp. Niedt: Das ist der dunkle Punkt beim Theater, der schlimmste Punkt, für den ich keine parlamentarischen Ausdrücke finden kann. Es kommt an einzelnen Bühnen vor, daß sich Personen eindrängen, welche nicht für die Kunst alles opfern können, welche auch nicht blos wegen der Existenz der Bühne nähertreten, sondern die lieber Ehampagner trinken als Brotrinde kauen und die ihr Ziel unter Umständen beim Theater leichter erreichen können, weil sie da ihre Persönlichkeit besser zur Geltung bringen, in dem schönen Costüme, in einer brillanten Beleuchtung und so weiter. So etwas befriedigt die Eitelkeit, oder es sind andere Absichten im Spiel; das kommt gewiß vor. Vorsitzender: Vorwiegend in der Großstadt? — Exp. Niedt: Selbstverständlich; die ganze Richtung, welche die Theater gewöhnlich haben, die Richtung nach dem Aeußeren, befördert das. Vorsitzender: Auch die Mißbränche überhaupt? — Exp. Niedt: Ganz richtig, das Zurschaustellen ist heutzutage eine Hauptsache der dramatischen Produktion; das zieht das Publicum an, dazn braucht der Director solche Leute, und es ist klar, daß er da gerne ein hübsches, junges Weib nimmt mit einem schönen Fuß oder, wenn es im griechischen Costüm auftritt, mit einem schöngebauten Bein. Nun kommt noch die Eitelkeit dazu, sich sehen zu lassen und unter Umständen das Streben, von dem Sichsehen- lassen einen Vortheil zu ziehen, ein opulentes Leben zu führen, sich mit Brillanten zu schmücken. Das werden nur aber beim Theater nie ausmerzen, das können wir nicht, das ist der schreckliche Punkt, wo weder eine Behörde, noch ein Verein, noch sonst Jemand Einfluß haben könnte. Man kann die Directoren nicht zwingen, Gagen zu zahlen, die über ihren Etat hinausgehen, sonst müssen die Theater eingehen. Und man kann auch den Geschmack des Pnblicums nicht terrorisiren, man kann ihm nicht sagen: Du mußt die „Räuber" von Schiller ansehen und nicht dieses oder jenes Schaustück. Das Publicum will es so haben, in Folge dessen greift man zu diesem Mittel. Herrdegen: Ist es dem Herrn Experten nicht bekannt, daß auch eigenthümliche Beziehungen zwischen den Recensenten und den Theater- directoren bestehen, welche darauf hinausgehen, daß die Directoren, um sich die Gunst der Recensenten zu sichern, gewissermaßen mit ihren weiblichen Kräften Gefälligkeiten vermitteln? — Exp. Niedt: Das ist mir nie bekannt geworden; das kann ich nicht sagen. Natürlich, daß der Director mit den Leuten, die seine Leistungen beurtheilen sollen, in freundschaftlichen Verhältnissen steht oder zu stehen sucht; denn es ist für ihn eine Existenzfrage; das Publicum glaubt, was in den Blättern steht, der Kritiker kann wohlwollend und boshaft sein, ohne daß er deswegen stark von der Wahrheit abzuweichen braucht. Es ist etwas anderes, wenn ich sage: „Die Vorstellung hat einen mittelmäßigen Erfolg gehabt," als wenn ich sage: „es war ein Reinsall erster Güte." Man sucht also mit den Recensenten aus gutem Fuß zu stehen. Viele Schauspieler allerdings suchen die Kritiker unter allen Umständen aus. Vorsitzender: Gilt das von beiden Geschlechtern? — Experte Niedt: Ja. Vorsitzender: Die Herren werden wohl pecuniäre Opfer dafür bringen. Kommt das vor? — Exp. Niedt: Ich weiß nicht, ob das vorkommt; es wäre doch thöricht, wenn ein Schauspieler sagen würde, er habe das und das gezahlt und auch ein Kritiker wird nicht sagen, ich habe das und das bekommen. Dr. Riedl: Sie waren so freundlich, Mittheilungen über die Gagen des Chorpersonals in der Oper zu geben; haben Sie nicht auch welche Auszeichnungen über die anderen Theater? — Exp. Niedt: Ich möchte 636 darauf naher eingehen und auch eine Frage, die früher berührt wurde, eingehend beantworten. Die Gagen des Theaters an der Wien beim weiblichen Personal differiren zwischen fl. 30 und 43, es gibt aber einige Damen, von denen wir eben sprachen, die, damit das Kind einen Namen hat, fl. 10 Gage bekommen, manche vielleicht auch gar nichts. Diese Damen nennt man im Theaterjargon „Luxusdamen"; ich weiß nicht, ob, weil sie Luxus treiben oder weil sie ein Luxus sind. Im Theater in der Josefstadt sind fünf Damen mit fl. 45, die meisten haben fl. 20, 15 und 10. Im Carltheater ist das Verhältnis besser. Die Gagen variiren zwischen fl. 15, 20 und 45, geringere sind mir nicht bekannt. Dr. Rauchberg: Sind das auch Solistinnen? — Exp. Niedt: Diese nennt man, um ihnen einen besonderen Vorzug zu geben, Solodamen. Sie bekommen manchmal zwei Worte zu sprechen und dünken sich vornehmer, als die Damen des Chors. Dies sind gewöhnlich Damen, die viel äußere Vorzüge haben und sich durch Toiletten hervorthun. Die haben gewöhnlich kleine Gagen. Es ist ein Unterschied zu machen zwischen den Damen der sogenannten Operettentheater und den Chordamen der anderen Theater. Während die Damen der anderen Theater außerordentlich mit Proben belastet werden, sind die Damen z. B. im Raimund^ und Volkstheater nicht so sehr belastet, weil man da keine großen Anforderungen an ihre gesangliche Kunst zu stellen hat, so daß nicht so viel Proben nothwendig sind. Die können sich irgend ein anständiges Nebeneinkommen verschaffen. Im Deutschen Volkstheater gibt man ganzjährige Gagen von fl. 350 bis 600. Die Leute sind für das ganze Jahr engagirt, auch wenn das Theater geschlossen ist, und gehören eigentlich zu den Bevorzugten, weil sie im Stande sind, sich einen geregelten Nebenverdienst zu verschaffen. Beim Raimundtheater ist es analog, nur besteht hier eine eigenthümliche Einrichtung, welche wohl nicht zum Segen ausgeschlagen hat. Das ist die sogenannte Elevinnenschule. Der Director wollte junge Talente heranbilden, indem er ihnen in seinem Theater Lehrer hielt, sie an die Lampen gewöhnte, sie als Statisten auf die Bühne brachte und ihnen je nach dem Talent Rollen anvertraute. Diese Elevinnen hatten fl. 10 Gage. Nun wäre dies sehr richtig, wenn der Director dabei vorsichtiger gewesen wäre und sich von den Eltern der Elevinnen die Garantie hätte geben lassen, daß sie ihre Töchter unterstützen, damit die nicht gezwungen seien, sich auf irgend einem anderen Wege mehr als die fl. 10 Gage zu verschaffen. Das hat der Director aber verabsäumt, und das ist ein großer Uebelstand für das Theater und auch für Jene, die als Mädchen sich herumtreiben mußten und heute einen verhältnismäßig großen Theil des Proletariates bilden. Experte 4: Ich war in einem hiesigen kleinen Theater beschäftigt. Dort sind 3«i Chor- und Balletdamen engagirt. Es besteht ein Unterschied zwischen Chordamen und Chordamen. Eine Chordame im richtigen Sinn ist eine solche, welche Stimme und ein Repertoire hat, u. s. w. Solche sind am Theater vier. Die müssen den Chor halten; die anderen werden zur Ausstattung genommen, oder, wie sich der Secretär auszudrücken beliebt, damit die Logen gefüllt werden. Zehn Damen sind ganz ohne Gage, aber Strafe müssen sie zahlen, widrigens werden sie hinausgeschmissen; die müssen sich eine Würzen suchen, und Sie können sich von der Verkommenheit der Leute einen Begriff machen, wenn ich Ihnen sage, daß die Theaterarbeiter ganz ruhig nach der Vorstellung Hinausrufen: „Fräulein, schauen S', daß Sie sich abschminken, die Würzen wartet schon unten." Ein solcher Ton wird vom Director und vom Secretär ruhig geduldet. Wenn man sich darüber aufhält, so kann man nur „geliefert" werden, da der Director Verträge mit dnrcbgehends 14 Tagen Kündigung hat. Außerdem sind dort furchtbare Strafgelder; für zwei Minuten Zuspätkommen fl. 1, für 3 Minuten fl. 1'50. Das steht in der Hausordnung. Bei jedem Theater gibt es söge- nannte Theatergesetze, die die Strafen enthalten. Dann gibt es noch echte Lnxusdamen, die werden für die kleinen Soli mit fl. 20 höchstens engagirt, müssen sich aber Brillanten- und andere Schmuckgegenstände besorgen. Wir haben eine Dame gehabt, die auch in einem großen Wiener Theater war und nur deswegen vorgezogen wurde, weil sie mit Bontons und Brillanten besteckt war. Sie war im Chor und der Direetor hat angeordnet, daß sie vorn stehen solle; sie war mit einer Gage von fl. 20 per Monat angestellt. Die Directoren wissen auch sehr gut, daß da Wagen mit den Verehrern angefahren kommen, daß das Publicum durch Briefe, durch den Portier auf der Bühne verkehrt u. s. w. Die Directoren Nüssen auch, daß die Cava- liere den Damen die Brillanten geben und ihre Liebhaber sind. Das wechselt natürlich. In unserem Theater ist das nicht so heikel, wie an anderen Theatern, da fängt der Cavalier schon beim Fleischhauer an. Wir haben es auch erlebt, ich muß es leider sagen, daß die Damen, wie der Wiener Ausdruck lautet, „auf den Strich" gegangen sind. Wenn es angezeigt wurde, mußten die Damen nothgedrungen fortgegeben werden. Daß aber die Damen oft nicht zur Vorstellung kommen, weil sie ihre Cavaliere bei sich haben, das muß der Secretär selbst bestätigen. Vorsitzender: Was ist der höchste Gehalt? — Experte 4: Bei den Chordamen fl. 30. Diese vier ersten Chordamen, von denen ich gesprochen, haben fl. 30. Im Sommer sind sie sogar sehr froh, das zu bekommen ; das sind aber anständige Chordamen. Die anderen sind die Luxusdamen, sie machen nur den Mund aus, ohne zu singen, die bekommen nichts oder fl. 10 bis 15, und da drängen sich 150 bis 160 dazu. Herrdegen: Besteht hinsichtlich des Gehaltes der Anfänger ein wesentlicher Unterschied zwischen dem weiblichem und dem männlichen Personal? — Exp. Niedt: Nein, es ist kein wesentlicher Unterschied. Herrdegen: Und das Vorwärtskommen? — Exp. Niedt: Das kommt auf die Specialität an; es gibt gewisse Fächer, welche besser bezahlt werden, weil sie weniger vertreten sind, und andere, die geringer bezahlt werden, weil darin größeres Angebot stattfindet. Es ist selbstverständlich, daß ein jugendlicher Liebhaber mit außerordentlichem Talente, großem Feuer und schöner Figur besser bezahlt wird als ein Baterspieler, der schon Jahre aus dem Rücken hat und nur ein nothwendiges Uebel ist. Es ist selbstverständlich, daß ein Schauspieler erster Qualität besser bezahlt wird als ein Chargenspieler, eine Primadonna besser als eine kleine Soubrette. Herrdegen: Wie ist aber das Verhältniß in der Bezahlung der beiden Geschlechter beim Chor, wo doch die Leistungen ziemlich gleich sind? — Exp. Niedt: Es handelt sich da vielleicht nur um fl. 5 Unterschied. Wenn männliche Mitglieder fl. 50 haben, so müssen das in der That Chorsänger sein; da ist der Capellmeister, der das beurtheilt, und wenn einer nicht singen kann, so wird er nicht engagirt. W i t t e l s h ö f e r: Welches sind die niedrigsten Gehalte der Männer beim Chor? — Exp. Niedt: Sie bekommen fl. 45 bis 50. Wittelshöfer: Sie sind also doch höher als bei den Damen? — Exp. Niedt: Ja, diese Leute müssen aber etwas können. Es kommt in erster Linie auf die Stimme an. Schluß der Sitzung 12 Uhr 30 Minuten Nachts. 638 35. Sitzung, Dienstag, 20. Ngril 1896. Vorsitzender: Dr. Hämisch. Beginn 7 Uhr 30 Minuten Abends. Vorsitzender: Wir beginnen mit der Vernehmung der Herren Otto Snppancic und Richter, Procuristen der Firma V. Snppaneic, Wäschefabrikanten. Experte Richter (über Befragen des Vorsitzenden): Ich erlaube mir den Herren zunächst eine ganz willkürlich ausgewählte Wochenliste der Löhne vorzulegen. Es ist dies die 51. Wochenliste vom 16. bis 21. December. In dieser Woche hatten wir im Ganzen im Hause 332 Arbeiter und Arbeiterinnen, darunter 42 männliche, 273 weibliche Arbeiter und 17 Lehrmädchen. Diese zusammen haben sl. 290.T75 Lohn bekommen. Aus der Liste ergibt sich als Mindestlohn bei zehnstündiger Schicht und sechs- tägiger Arbeitszeit st. 5. In den einzelnen Branchen sind die Löhne nach der Leistungsfähigkeit verschieden. In der Knopflochnäherei haben wir als Minimum st. 6, als Maximum fl. 12 Kragennäherei und Vorrichterei „ „ 5, „ „ „ 9 Hemdennäherei „ „ „ „ 5, „ „ „ 8 Hemden-Knopflochnäherei . . „ „ 6, „ „ „ 8 Ich bemerke, daß der Lohn bei uns größtentheils Aceordlohn ist. Nur bei den Sortirerinnen ist fixer Wochenlohn. Da haben die Leute, weil sie manchmal Ueberstunden machen, fl. 5 bis 13. Wenn sie über zehn Stunden arbeiten, so bekommen sie 12 bis 20 kr. pro Stunde. Zwischen dem 16. und 20. December haben die Sortirerinnen bei uns 66, Tage gearbeitet und bei dieser Zeit im Minimum fl. 5, im Maximum fl. 13 bekommen. Bei den Pntzerinnen stellt sich der Lohn aus fl. 5 bis 13'/-, in der Kragenbüglerei bei 6'/, Tagen auf fl. 9'/, bis 16, bei der Hemdenbüglerei auf fl. 5'/, bis 13. In der Stempelei beschäftigen wir 18 weibliche Arbeiter und 7 Lehrmädchen. Die letzteren bekommen bei sechstägiger Arbeitszeit fl. Oh, und die voll Entlohnten fl. 11. Die Arbeitszeit ist bei uns von 7 bis 12 und von 1 bis 6 Uhr. In der Wäscherei, wo im Wochenlohn gearbeitet wird, haben wir zwei männliche und elf weibliche Arbeiter. Die Männer haben fl. 18 bis 22, die Frauen fl. 8'/, bis 12'/,. Hilfsarbeiter werden bei uns nur in den Magazinen beschäftigt und erhalten die männlichen fl. 8, die weiblichen fl. 6 für sechstägige Arbeitszeit. In der Miedernäherei haben wir 20 weibliche Arbeiter und zwei Lehrmädchen. Die Arbeiterinnen haben einen Lohn von fl. 5 bis 9. Vorsitzender: Beziehen sich die Ueberstunden, welche Sie genannt haben, ausschließlich auf Wochenlöhne? — Exp. Richter: Ja. (Ueber Befragen des Vorsitzenden.) Wir haben in der 51. Woche 204 Leute außer Haus beschäftigt. Unter diesen waren 89 Maschinnäherinnen mit einem Lohne von fl. 5 bis 7, ferner Miedernäherinnen mit fl. 5 bis 6, Riegerl- näherinnen — das ist ein verhältnißmüßig sehr geringer Verdienst — mit einem ganz minimalen Lohn: einige hatten nur fl. 1'50 wöchentlich, manche fl. 5'/, u. s. w. Es sind das lauter Leute, die das nur als Nebenverdienst neben ihren häuslichen Beschäftigungen verrichten. Das Riegerlnähen besteht in dem Vernähen der Knopflöcher. Es ist das eine sehr leichte Arbeit, die mit der Hand gemacht wird. Dr. Schwiedland: Ist in dieser Woche ungewöhnlich lang^ gearbeitet worden? — Exp. Richter: Nein. Nur in der Ausstreiferei wurden sechs Tage und zwei Stunden gearbeitet, sonst überall zehn Stunden. Tr. Ofner: War im December vielleicht Haute 8ai8ou? — Experte Richter: Nein. Es ist das eine ganz beliebige Woche. Hätte ich eine andere gewühlt, so wären die Zahlen beiläufig auch die gleichen. Tr. Osner: Sie haben uns bei einer Branche gesagt, daß die Männer einen viel höheren Lohn haben als die Frauen. Haben diese eine andere Arbeit? — Exp. Richter: Nein, aber ihre Geschicklichkeit ist eine viel größere. Wir haben zwei Männer, die sich in der Woche fl. 30 bis 32 bei derselben Arbeit und mit demselben Accordsatz verdienen, wo sich einzelne Frauen nur fl. 5'o verdienen. Tr. Ofner: Werden die Lehrmädchen bei Ihnen aufgedungen? — Exp. Richter: Nein. Die Lehrmädchen bekommen in den ersten drei Wochen fl. 1'50. Hierauf werden sie zu einer schwereren Arbeit versetzt, bekommen 50 kr. Aufbesserung und nach einem halben Jahre bekommen sie den Accordlohn. Wie lange sie Lehrmädchen bleiben, richtet sich nach ihrer Geschicklichkeit. Sie steigen als Lehrmädchen im Wochenlohn bis zu fl. 5. Ein Lehrmädchen wird nicht für alle Zweige, sondern für eine Abtheilung besonders ausgebildet. In der Kragenbüglerei werden Lehrmädchen aufgenommen, drei Wochen unterrichtet und müssen für diese drei Wochen jener Büglerin fl. 5 bezahlen, welche sie unterweist. Nachher kommen sie gleich in Accordlohn und müßten sehr ungeschickt sein, wenn sie sich nicht sofort fl. 4'/r verdienten, fl. 5 ist im Allgemeinen das Minimum. Das Lehrgeld an die Büglerin trägt das Lehrmädchen allmälig vom Lohn ab. In der Kragennäherei und Vorrichterei sind vier Lehrmädchen, welche wöchentlich fl. 1'50 bekommen. Dieselben werden von je einer älteren Arbeiterin unterrichtet. Die Letztere ist im Accord und hat von dem Lehrmädchen insoferne einen Vortheil, als sie ihr bei ihrer Arbeit mithilft. Ferner haben wir in der Trockenkammer ein Lehrmädchen, das zu verschiedenen unbedeutenden Arbeiten verwendet und dann in eine Fachabtheilung versetzt wird. Ueber- dies haben wir in der Ansstreiserei auch zwei Lehrmädchen. Es werden bei uns keine Lehrmädchen aufgenommen, die nicht zum Mindesten fl. 1'50 bekommen. Ferner haben wir zwei Lehrmädchen in der Sortirerei. Herrdegen: Müssen die Mädchen, wenn sie ausgenommen werden, schon Maschinnähen können? — Exp. Richter: Nein. Sie werden zunächst im Vorrichten ausgebildet und können sich dabei schon fl. 5 bis 0 verdienen. Wenn sie wollen, schassen sie sich dann eine Maschine an auf Raten, lernen das Nähen entweder zu Hause oder bei uns in der Fabrik. Herrdegen: Gehören Sie zur Psaidler-Genossenschast? — Experte Richter: Nein. Herrdegen: Also sind die Lehrmädchen eigentlich nur jugendliche Hilfsarbeiterinnen? — Exp. Richter: Ja. Herrdegen: Warum beschäftigen Sie so viele Arbeiterinnen außer Hause? — Exp. Richter: Mangels an Räumlichkeiten. Herrdegen: Nachdem bei Ihnen die Mehrzahl der Nähmaschinen mittelst Dampf betrieben wird, würden Sie es da nicht wirthschaftlicher finden, Ihre Locale zu erweitern und die Heimarbeit ganz einzustellen? — Exp. Richter: Wir geben meist jene Arbeit außer Hanse, welche mit Dampfmaschinen nicht geleistet werden kann. Herrdegen: Wie viel Knopflöcher kann eine Arbeiterin in einem Tage machen? — Exp. Suppancic: Aus.der amerikanischen Maschine braucht eine Arbeiterin zu einem Knopsloche ungefähr eine halbe Minute. Herrdegen: Wie viel Arbeiterinnen haben Sie zu fl. 5 und 6, wie viel zu sl. 13 ? — Exp. Richter: Diese Statistik kann ich den Herren nachträglich vorlegen. Herrdegen: Wenn Sie so freundlich sein wollen, bitte ich Sie dann auch hinzuzufügen, wie viele Arbeiterinnen im Stücklohn, wie viele im Wochenlohn sind. — Welche Arbeiten werden in Ihrer Fabrik sowohl von «uo männlichen wie von weiblichen Arbeitern gemacht?— Exp. Richter: Die Maschinbügelei oder Glänzerei. Da haben wir wegen der Häufigkeit der Unfälle nur wenige weibliche Kräfte, und zwar nur bei der neuen amerikanischen Bügelmaschine, wo ein Unfall schwer möglich ist. Die Bügelmaschine wird mit Dampf betrieben, und zwar durch einen mit Gas gehitzten Cylinder. Es werden dort Kragen, Manschetten und Kürasse gebügelt. Es wird sowohl Männern wie Frauen der gleiche Stücklohn gezahlt; die Männer verdienen aber mehr, weil sie mehr leisten. Vorsitzender: Wir haben bisher wiederholt gehört, daß bei weiblichen Arbeitern der Accordsatz niedriger als bei den männlichen ist. — Exp. Richter: Bei uns ist das nicht der Fall. Wir haben in der Bügelei vierzehn männliche und nenn weibliche Arbeiter mit dem gleichen Aceordlohn. Herrdegen: Wird bei Ihnen nicht ausgesetzt? — Exp. Richter: Der Betrieb ist bei uns das ganze Jahr constant, so daß außer in Folge einer Pflichtverletzung eine Entlassung noch nicht vorgekommen ist. Ich weiß mich während der 18 Jahre an kaum zwei bis drei Fälle zu erinnern, daß mangels Arbeit ausgesetzt werden mußte. Herrdegen: Haben Sie bei der Hemdenbügelei auch Arbeiter? — Exp. Richter: Ja wohl; da verdienen sich die Leute fl. .OV 2 bis 13. Herrdegen: Warum verdienen die Leute nicht mehr wie bei den anderen Kategorien? Das ist doch die schwierigste und anstrengendste Arbeit. — Exp. Richter: Wir verdienen au der Hemdenabtheilung ohnehin nichts. Wir würden sie am liebsten streichen und müssen sie nur aus Gefälligkeit gegen einzelne Kunden beibehalten. Herrdegen: Was bezahlen Sie für das Bügeln der Hemden? — Exp. Richter: Für die billigste Qualität 7 kr., für die theuerste 16 kr. Dr. Ofuer: Sie geben doch viel Arbeit den Leuten außer Hause. Wissen Sie, ob unter diesen viele Zwischenmeister sind?— Exp. Richter: Um die Zwischenmeisterei kümmern wir uns nicht. So viel ich gehört habe, haben einzelne Leute 12, 18, 20 Mädchen im Hause beschäftigt. Da stellt sich die Lohnsumme aus fl. 180 bis 100 wöchentlich. Wir verlangen lediglich, daß die Arbeit eorreet ist. Von wem sie gemacht ist und wie viele Leute die Subunternehmer haben, geht uns nichts an. Dr. Schwiedland: Haben auch die Leute außer Hause das ganze Jahr Beschäftigung? — Exp. Richter: Es kommt vor, daß weniger Arbeit da ist, und dann haben die bei uns länger beschäftigten Heimarbeiter den Vorzug. Diese haben immer Arbeit. Dr. Schwiedland: Es hat also diese Hausarbeit für Sie den Vorzug einer gewissen Elasticität. Denn Sie können die Leute annehmen und abstoßen wie Sie wollen. Findet in einer Ihrer Branchen Verdrängung der Männer durch Frauen statt? — Exp. Richter: Nein. Dr. Schwiedland: Ich glaube, daß die Maschinbügelei eine Wiener Specialität ist. In Deutschland, in Berlin soll blos mit der Hand gebügelt werden. — Exp. Richter: Nein. Gerade in Deutschland ist die Maschinbügelei viel verbreiteter. Dr. Schwiedland: Wie verschaffen Sie sich neue Arbeiterinnen, wenn Sie solche brauchen? — Exp. Richter: Blos durch die Journale. Dr. Ofuer: Sie beschäftigen außer Hause die Leute nicht das ganze Jahr gleichmäßig. Haben Sie also eine Saison außer Hause? — Experte Richter: Das hängt z. B. mit Witterungseinflüssen zusammen, daß uns durch zwei, drei Monate die Aufträge spärlicher zufließen. Andererseits ist zu Ostern, Pfingsten und Weihnachten die Nachfrage größer. Herrdegen: Haben Sie nicht einen Vortheil dadurch, daß für Sie Zwischenmeister und nicht einzelne Hausarbeiter arbeiten? — Exp. Richter: Ja wohl, dadurch, daß wenn uns mehr Aufträge zufließen, diese Zwischenmeister größere Quantitäten herstellen können. 641 Herrdegen: Möchten Sie nns die Stücklöhne nennen, die Sie an die Zwischenmeister zahlen? — Exp. Richter: Für das Äragennähen haben wir den Einheitssatz von 26 kr. Herrdegen: Was zahlen Sie für dieselbe Gattung im Hause an Akkordlohn? — Exp. Richter: Im Hause werden bei uns sehr wenig Kragen und Manschetten genäht, das sind gewöhnlich nurMnstersachen. Im Hanse sind in der Knopslochnäherei 27, in der Hemdennäherei und Vor- richterei 20, in der Kragennäherei 32, in der Hemdenknopflochnäherei 4, in der Manschettenbügelei 9, in der Trockenkammer 1, in der Ausstreiferei 41, in der Sortirerei 20, in der Putzerei 36, in der Kragenbüglerei 14 weibliche Kräfte beschäftigt. (Ueber Befragen des Vorsitzenden.) Die Mehrzahl der bei uns beschäftigten Frauen ist ledig. Die Arbeiterinnen stehen im Alter von 20 bis 36. höchstens 40 Jahren. Mit Ausnahme der Wäscherei haben wir überall Dampfbetrieb. Alle Hilfsstoffe werden von der Fabrik beigestellt. Die Leute, die bei uns im Hause beschäftigt sind, nehmen auch Arbeit mit nach Hause, insbesondere in der Miederstickerei nnd Adjnstirerei, es ist dies aber ein unbedeutendes Quantum. Wir haben nur für das Zuspätkommen Strafen eingeführt, nm in der Fabrik eine gewisse Ordnung walten zu lassen. Von fünf Minuten Zuspätkommen sehen wir ab, wer aber um zehn Minuten zu spät kommt, muß 10 kr. zahlen. Diese Beträge werden an die allgemeine Krankenkasse abgeführt. Wir hatten ursprünglich mit den Strafgeldern Nothleidende in unserer Fabrik unterstützt, es wurde uns jedoch von Seite des Gewerbe-Jnspectorats aufgetragen, dieses Geld, das sich auf fl. 50 belüuft, an die Krankenkasse abzuführen, so daß daran auch fremde Arbeiter Participiren. Wir zahlen 30 Percent der Krankengeldbeiträge für die Arbeiter. An Feiertagen wird, wenn viele Aufträge einlaufen, gearbeitet, und zwar von 7 bis 12 und von 1 bis 5 Uhr, also nur neun Stunden. Dafür bekommen die Accordleute ebensoviel als sie sich nach ihrem Arbeits- quantum verdienen, die Wochenleute bekommen den vollen Taglohn. Wenn aber Einer an einem Feiertage ausbleibt und sich vorher entschuldigt, so haben wir nichts dagegen. Sonntag wird absolut nicht gearbeitet. Wir haben folgende Pansen: Um ö Uhr eine Viertelstunde, dann eine Mittagspause von 12 bis 1 Uhr und Nachmittags wieder eine Pause von einer Viertelstunde. Ueberstunden werden separat bezahlt. Sie kommen nicht häufig vor, gewöhnlich zu Ostern, Pfingsten und Weihnachten, und wir holen die behördliche Bewilligung ein. Bei uns besteht keine Kündigungsfrist. Wir haben ein eigenes, vier Stock hohes Fabriksgebäude. Vorsitzender: Sie haben von Unglücksfällen gesprochen. Kommen die häufig vor? — Exp. Richter: Wir haben bisher im Ganzen drei Unglückssälle gehabt in den 26 Jahren, seit wir bestehen. Diese sind aber größtenteils auf eigene Unachtfamkeit zurückzuführen. Sie sind dadurch entstanden, daß die Leute zu Maschinen gegangen sind, bei denen sie nichts zu thun hatten. Dr. Verkauf: Waren das leichte Unglücksfälle? — Exp. Richter: Ein Fall war mit tödtlichem Ausgang. Da war die betreffende Arbeiterin selbst schuld. Sie hat bei der Maschine nie etwas zu thun gehabt. Sie war in der Sortirerei und ist um 6 Uhr eigenmächtig hinübergegangen, um sich ein Tuch auszuwinden und dabei ist sie in die Wringmaschine gekommen. Die Maschine ist fortwährend im Betrieb. Es sind jedoch die nöthigen Schutzvorrichtungen angebracht. Dr. Verkauf: Wenn sie mit dem Arm hineingerathen kann, dann ist die Schutzvorrichtung nicht gut. — Exp. Richter: Bei der Wringmaschine gibt es keinen derart absoluten Schutz, so daß unberufene Personen nicht beschädigt werden können. Man müßte höchstens die Thür absperren. 41 642 Dr. Verkauf: War das der erste Unfall? — Exp. Richter: Ja. Dr. Verkauf: Mir ist bekannt, daß vorher ein gleicher Unfall stattgefunden hat. — Exp. Richter: Der war später und war ein leichter. Dr. Schwiedland: In welchem Zeitraume waren diese zwei Unfälle? — Exp. Richter: Das dürfte in einem Intervall von etwa zwei Jahren gewesen sein. Dr. Verkauf: Ich glaube, sie waren in demselben Jahre? — Exp. Richter: Nein. Die betreffende Arbeiterin, respective die Verlassen- schaft hat sogar einen Proceß angestrengt. Herrdegen: Wie ist dieser Proceß entschieden worden? — Experte Richter: Zu unseren Gunsten, weil wir doch nichts dafür konnten. Sie hat bei der Maschine gar nichts zu thun gehabt, und sie hat auch von der Maschine keine Idee gehabt. Herrdegen: Sind Kinder zurückgeblieven? — Exp. Richter: Die Arbeiterin war ledig und hat ein Kind gehabt. Wir haben nnn für das Kind sorgen wollen. Ich habe mir aber erzählen lassen, daß die Sache sich ganz eigenthümlich entwickelt hat. Der Arbeiterin wurde der linke Arm scalpirt. Sie kam in das Spital, und es wurde ihr nahe gelegt, daß ihr der Arm amputirt werden müsse. Sie hat aber nicht recht ihre Einwilligung gegeben, bis es zu spät war. Am achten oder neunten Tage ist sie gestorben. Nachdem es eine bei uns wohlgelittene Arbeiterin war, haben wir ihre Schwester zu uns berufen und haben das Leichenbegängniß besorgt. Ferner wollten wir für das Kind eine Rente, beziehungsweise einen Erziehungsbeitrag aussetzen. Damit war sie augenscheinlich sehr zufrieden. Nun hat man ihr wahrscheinlich gerathen, sie solle die Sache einem Advocaten übertragen und im Proceßwege Schadenersatz verlangen. Wir waren davon sehr überrascht, haben die Schwester neuerlich zu uns gerufen. Sie hat sich aber nicht blicken lassen. Dann haben wir den Vormund zu uns gerufen. Der hat erklärt, daß ihm eine Schadenersatzsumme lieber wäre als ein Erziehungsbeitrag. In Folge dessen haben wir uns von der Sache zurückgezogen. Dr. Schwiedland: In anderen Fabriken beschweren sich die Wäscherinnen, daß der Fußboden glitschig ist. Wie ist es bei Ihnen? — Exp. Richter: Das ist unvermeidlich. Wir haben ein eigenes Pflaster und es ist die Anordnung getroffen, daß dreimal im Tage aufgespritzt und die Seife weggeschwemmt wird. Ein Unfall ist bis heute nicht vorgekommen. Dr. Schwiedland: Die Wäscherinnen haben sich auch darüber beschwert, daß sie oft über ungeheizte Treppen laufen müssen.^ — Experte Richter: Das gibt es bei uns nicht. Wir haben überall Lastenaufzüge. Herrdegen: Sie sagen, wenn Sie Arbeitskräfte brauchen, greifen Sie zur Annoncirung. Was ist die Ursache, warum Sie sich nicht des Vereines für Arbeitsvermittlung oder der Genossenschaft bedienen? — Experte Richter: Bis heute haben wir daraus keine Resultate erzielt. Wir wenden alles Mögliche auf, um Leute zu bekommen, und sind froh, wenn wir Leute bekommen. Ich bitte, uns nur zu sagen, an wen wir uns wenden sollen. Vom Verein für Arbeitsvermittlung haben wir höchstens drei bis vier Leute bekommen. Wir haben uns schon ein- oder zweimal an ihn gewendet. Dr. Schwiedland: Wird in der Miederabtheilung bei der Appretur täglich gebüstet? — Exp. Richter: Ja. Dr. Schwiedland: Einen ganzen oder einen halben Tag? — Exp. Richter: Den ganzen. Dr. Schwiedland: Wie viel solcher Büsten haben Sie? — Experte Richter: Ich glaube 18. Dr. Schwiedland: Stehen die in einem Local? — Experte Richter: Ja. Tr. Schwiedland: Haben die verschiedene Weiten? — Experte Richter: Ja. Tr. Schwiedland: Werden die verschieden weiten gleichzeitig geheizt? — Exp. Richter: Bei uns ist eine eigene Vorrichtung. Die Büsten, die eben gebraucht werden, werden geheizt. Tr. Schwiedland: Die abnormalen werden wohl nicht fortlaufend benutzt? — Exp. Richter: Nein. Tr. Schwiedland: Wie viel werden gleichzeitig geheizt? — Experte Richter: Drei bis vier. Es ist ja der Bedarf nicht größer. Tr. Schwiedland: Wie hoch kann die Temperatur sein? — Experte Richter: Im Hochsommer dürfte sie sich vielleicht auf 21 Grad stellen. Im Winter ist Dampfheizung. Wo gebüstet wird, muß auch geheizt werden. Drei Büsten sind unmöglich ausreichend, um das Local zu erwärmen. Herrdegen: Wie lange muß ein Mieder auf der Büste bleiben? — Exp. Richter: Das kann ich nicht sagen. Ich glaube eine Viertel-oder halbe Stunde. Herrdegen: Ist Ihnen bekannt, wie viel eine Appreteurin pro Tag machen muß? — Exp. Richter: Darüber habe ich wohl keine Auszeichnungen. ' Fräulein Fickert: Im Sommer ist in der Appretur blos eine Temperatur von 21 Grad? — Exp. Richter: Wir haben in jedem Local sogenannte Propeller, wodurch frische Luft zu- und die schlechte Luft abgeführt wird. Wenn die Außentemperatur 30 Grad beträgt, wird sie auch im Local entsprechend höher sein. Vorsitzender: Wir gelangen zur Vernehmung der Experten aus der Terracotta- Branche. Experte II: Ich bin bei der Terracottafabrikation. Ich war früher Maler und der Herr hat mich als Maler aufgenommen. Ich bin in einem großen Betriebe, wo ungefähr 180 Personen beschäftigt sind. Die Mehrzahl sind Männer. Es ist dort eine Gießerei, Schleiferei, Malerei und Brennerei. Wir machen Thonfiguren. Frauen sind nur bei der Malerei, beim Farben- anlegen und in der Schleiferei. Meist sind es jüngere Mädchen vor: 14 bis 20 Jahren. Sie haben keine Lehrzeit, sondern sind einfache Hilfsarbeite- rinnen. Alle haben Pro Stunde 4 kr. Sie arbeiten elf Stunden. Früher haben sie elf Stunden ohne Jausen- und Frühstückspause gearbeitet, Jetzt sind je zehn Minuten Pausen eingeführt. Die Maler verdienen etwa fl. 10 bis 11 wöchentlich. Die Männer in der Schleiferei haben 5 bis 6 kr. pro Stunde. Da werden die Gegenstände mit Glaspapier geschliffen. Es entwickelt sich dabei sehr viel Staub. Expertin Nr. 166: Ich war in demselben Betriebe, und zwar nicht ganz drei Jahre in der Vergolderei. Dort habe ich Figuren und Tassen vergoldet. In dieser Abtheilung waren außer mir noch einige Arbeiter. Es sind fast nur junge Mädchen beschäftigt. Meine Arbeit war ziemlich gut. Vorsitzender: Warum sind Sie entlassen worden? — Expertin Nr. 169: Es hat geheißen, es geht schlecht. Das war aber nicht der Fall. Ich war damals vier Tage krank. Die übrigen Arbeiter haben aber Stunden gemacht und haben Sonn- und Feiertag gearbeitet. Vorsitzender: Da wollte man Sie offenbar los werden? — Exp. Nr. 169: Ja. Ich habe den Fall in die „Arbeiterinnen-Zeitung" gegeben. Der Herr hat gesagt, es war zu wenig zu thun. Vorsitzender: Was haben Sie zu thun gehabt? — Exp. Nr. 169: Die Bilder mit Gold, Silber, Aluminium rc. zu bestreichen. Weil ich mich später beschwert habe, hat er mich wieder aufgenommen und in die Malerabtheilung gegeben. Da habe ich aber nur mit Müh' und Noth 6 kr. pro Stunde bekommen. 41 * Vorsitzender: Wie sind Sie in das Geschäft gekommen? — Expertin Nr. 16:>: Durch die Zeitung. Vorsitzender: Wo waren Sie früher? — Exp. Nr. 169: Auch bei einem Vergolder. Baronin Vogelfang: Waren Sie bei der Vergolderei im Accord? — Exp. Nr. 169: Nur in dem Betrieb, wo ich zuletzt war. In dem früheren war ich im Wochenlohn. Baronin Vogelfang: War nicht nach Ihrer Krankheit Ihre Arbeitskraft gesunken? — Exp. Nr. 169: Nein. Vorsitzender: Wie war die Arbeitszeit? — Exp. Nr. 169: Von 7 bis 6 Uhr. Pausen waren außer der Mittagsstunde keine. An Sonn- und Feiertagen habe ich nicht gearbeitet. Das war erst später, wie ich weg war. Ich brauchte nicht auszusetzen und habe bei der Vergolderei zuerst 90 kr. pro Tag gehabt, dann fl. 1. Ich hätte es mir dann wieder verbessern können, da ich in die alte Fabrik hätte zurückgehen können. Da hat der Herr gesagt, er gibt mir sl. 1'M. Das hat aber nicht lange gedauert. Ueberstnuden waren nur dann und wann. Die sind wie die anderen Stunden gezahlt worden. Arbeit wurde nicht nach Hause geben. Für Znspätkommen sind wir gestraft worden. Es war Usus, daß die Uhr im Arbeitslocal vorausgegangen ist, und da ist sehr viel gestraft worden, und zwar mit 10 kr. Vorsitzender: Wozu ist das Geld verwendet worden?— Expertin dir. 169: Wenn z. B. Jemand von der Fabrik stirbt, wird es aus einen Kranz gegeben. Geschenke hatten wir nicht zu machen. Die Fabrik befindet sich in Währung. Es sind mehrere Arbeitsräume, und zwar im Souterrain, im I. und II. Stock. Ich habe im II- Stock gearbeitet. Das Local war ein großer Saal. Es war auch die Malerei dabei. Die Schleiferei befand sich im III. Stock. Dort war ich auch einige Tage, habe aber 4 kr. pro Stunde gehabt. Das Arbeitslocal ist lustig und licht und geht auf die Gasse hinaus. Es ist öfters gekehrt worden. Vorsitzender: Haben Sie sich mit dem Werksührer vertragen? — Exp. Nr. 169: Der war mir längere Zeit aufsässig, darum hat er die Gelegenheit benützt, um mich hinauszudrängen. Ich bin ledig und habe eine Wohnung — Zimmer und Küche — für mich. Ich habe Niemanden zu erhalten. Vorsitzender: Wie ernähren Sie sich? — Exp. Nr. 169: Zu Mittag habe ich Suppe gegessen und was ich Tags vorher gekocht habe, Nudel, Knödel, Erdüpfel. Fleisch nur dann und wann, höchst selten. Frau Schlesinger: Wo sind Sie jetzt beschäftigt? — Exp. Nr. 169 : Jetzt habe ich gar keine Arbeit. Frau Schlesi nger: Wohin wenden Sie sich? — Exp. Nr. 169 : Ich habe mich an die Arbeitsvermittlung und auch an den Fachverein gewendet. Frau Schlesinger: Warum glauben Sie, keine Arbeit finden zu können? — Exp. Nr. 169: Aus der früheren Fabrik bin ich wegen einer Zeugenschaft beim Gewerbegericht entlassen worden. Baronin Vogelfang: Wer wurde bei der Verhandlung beim Gewerbegericht schuldig befunden? — Exp. Nr. 169: Der Fabriksbesitzer. Baronin Vogelfang: Hat Ihre Aussage dazu beigetragen, daß seine Schuld festgestellt werden konnte? — Exp. Nr. 169: Ich war die Hauptzeugin. Alle, die als Zeuginnen dort waren, sind entlassen worden. Dr.' Schwiedland: Seit wann sind Sie arbeitslos? — Expertin Nr. 169: Seit December. Dr. Schwiedland: Wovon leben Sie? — Exp. Nr. 169: Ich habe schon Alles versetzt und verkauft. Dr. Schwiedland: Hatten Sie Ersparnisse? — Exp. Nr. 169: Nichts. 645 Dr. Schwiedland: Borgt Ihnen der Greißler, der Bäcker? — Exp. Nr. 169: Nein. Dann und wann vergolde ich etwas für Bekannte. Eine Zeit lang war ich als Polirerin in einer Glas- und Porzellanmalerei, aber nur als Aushilfe. Dr. Schwiedland: Wie viel haben Sie in der vorigen Woche verdient? — Exp. Nr. 169: Gar nichts. Bardorf: Sind Viele, die fo hoch im Lohn waren wie Sie? — Exp. Nr. l69 : Es find noch zwei Mädchen dort. Bardorf: Was hat die Mehrzahl? — Exp. Nr. 169: Inder Schleiferei haben die Mädchen 6 kr. Dort sind drei oder vier. In der Malerei find welche, die lernen und nichts bekommen. Die ausgekernten bekommen 7, 8 bis 10 kr. Da sind aber nur zwei bis drei, die diesen Lohn haben. Ich war auch bei dieser Arbeit und habe nur 6 kr. pro Stunde gehabt. Bardorf: Wie kommt es, daß die Männer auch so niedere Löhne haben? Sind das jugendliche Arbeiter? — Exp. Nr. 169: Ja. Die kommen auf 6 bis 8 kr. Frau Popp: Wie ist die Behandlung der Arbeiterinnen überhaupt in dem zweiten Betriebe? — Exp. Nr. 169: Die Arbeiterinnen werden sehr grob behandelt. Ich bin deswegen fort. Auch werden über die Arbeiterinnen mehr Strafen verhängt als über die Männer. Ich habe selbst während der drei Jahre nur einmal 20 kr. und einmal 10 kr. zahlen müssen. Es trifft sich ja dann und wann, daß man unwohl ist. Bei den anderen waren die Strafen viel häufiger. Vorsitzender: Wir gelangen nun zu den Zeitungsausträgerinnen. — Expertin Nr. 170: Ich bin Zeitungsausträgerin. Das Blatt erscheint zweimal täglich. Ich muß um >/ 5 Uhr Früh drin fein, und um 1/48 Uhr bin ich fertig. Für einen solchen Gang habe ich 25 kr. Nachmittag habe ich von 3 bis ',46 zu thun. Ich habe im Ganzen 88 Abonnenten zu bedienen. Vorsitzender: Wie viel Stöcke müssen Sie steigen? — Expertin Nr. 170: Das kann ich nicht sagen. In drei Häusern sind über 300 Stufen. Ich bin vier Monate in meiner gegenwärtigen Stellung. Früher war ich bei einem anderen Blatte als Äusträgerin beschäftigt; da habe ich fl. 8 pro Monat gehabt. Vorsitzender: Sind ausschließlich Frauen Austräger ? — Expertin Nr. 170: Auch Männer, aber mehr Frauen. Vorsitzender: Aus welchen Kreisen sind diese Frauen? — Expertin Nr. 170: Sie sind aus allen Schichten. Ich bin dazu gegangen, weil mein Geschäft so schlecht ist. Ich war früher Clavierspielerin bei den Volkssängern. Ich bin durch die Zeitung dazugekommen. Vorsitzender: Ist ein Unterschied in der Arbeit im Sommer und Winter? — Exp. Nr. 110: Es ist im Sommer weniger zu thun, aber der Herr zahlt dasselbe, nämlich st. 8'75 Pro Woche. Vorsitzender: Haben Sie nicht ein Nebeneinkommen, Neujahrsgelder u. s. w. ? — Exp. Nr. 170: Ja. Vorsitzender: Was haben Sie bei dem anderen Blatte verdient? — Exp. Nr. 170: fl. 8 monatlich. Da habe ich aber ein Wagerl ziehen müssen. Ich habe 58 Abonnenten und 8 Trafiken gehabt. Dr. Schwiedland: Konnten Sie das nicht erschleppen? — Exp. Nr. 170: Wenn die Sonntagsnummern besonders stark sind, ist das fürchterlich schwer. Ich habe oft für eine Trafik 50 bis 60 Blätter gehabt. ^ Dr. Schwiedland: Wie ist es im Winter? — Exp. Nr. 170: Sehr schlecht. Die Leute haben mir oft helfen müssen. Vorsitzender: Von wem bekommen Sie den Lohn? — Expertin Nr. 170: Von einem Herrn, der die Zeitung über hat. 646 Vorsitzender: Sie wissen nicht, was er bekommt? — Exp. Nr. 170: Ich glaube, er bekommt fl. 1 für einen Austräger, und er bezahlt 50 kr. Frau Popp: Sie haben früher fl. 8 monatlich gehabt. Sonst nichts? — Exp. Nr. 170: Nein. Frau Popp: Haben Ansträgerinnen, die im Monatslohn sind, auch Kost und Wohnung? — Exp. Nr. 170: Das weiß ich nicht. Ich nicht. Dr. Schwiedland: In welchem Bezirk haben Sie die Zeitung geholt? — Exp. Nr. 170: In der Stadt, und ausgetragen habe ich sie im XVI. Bezirk. Dr. Schwiedland: Kommt es nicht vor, daß eine Zeitung für entlegenere Bezirke eigene Wagen hält? — Exp. Nr. 170: Bei uns nicht. Vorsitzender: In welchem Bezirk tragen Sie jetzt aus? — Exp. Nr. 170: Auf der Mieden. Ich habe in vier Gassen auszukragen. In der Stadt muß ich die Blätter holen. Vorsitzender: Können Sie nebenbei etwas machen? — Expertin Nr. 170: Jetzt nicht. Ich bin verheiratet und muß den Haushalt besorgen. Ich lebe von meinem Manne getrennt und muß zwei Kinder erhalten. Für die bekomme ich nichts. Vorsitzender: Was essen Sie denn? — Exp. Nr. 170: Einbrenn- suppe und Kaffee. Vorsitzender: Wo wohnen Sie? — Exp. Nr. 170: Ich bin zu Bett und zahle fl. 1'30 pro Woche. 30 kr. muß ich Sperrgeld zahlen. Vorsitzender: Wie alt sind die Kinder? — Exp. Nr. 170: Das Mädel ist 11 Jahre und der Bub 9 Jahre. Dr. Schwiedland: Haben Sie nicht früher auch falzen müssen? — Exp. Nr. 170: Nur die Beilage am Sonntag. Dafür haben wir keine Entschädigung bekommen. Dr. Schwiedland: Wie viel Kinder haben Sie gehabt ? — Expertin Nr. 170. Acht. Sie sind in frühem Alter gestorben. Als Clavierspielerin habe ich an Sonntagen fl. 10 bis 12 gehabt und bin im Monat auf fl. 70 bis 80 gekommen. Außerdem hat auch mein Mann verdient. Baronin Vogelfang: Wo haben Sie damals die Kleinen gehabt? — Exp. Nr. 170: Drei waren in der Kost in Wien. Frau Popp: Bekommen Sie keinen Erziehuugsbeitrag? —Expertin Nr. 170: Ich bin schon darum eingekommen. Ich bin aber nicht zuständig. Das Mädel gehört zwar nach Wien, denn es ist unehelich. Frau Schlesinger: Für das eheliche Kind muß Ihnen doch Ihr Mann einen Beitrag geben? — Exp. Nr. 170: Er sagt, er verdient nichts. W i t t e l s h ö f e r: In welcher Zeitung war die Annonce, auf Grund deren Sie eugagirt worden sind? — Exp. Nr. 170: Im „Tagblatt". W it t e l sh ö f er: Ist der Herr ein Angestellter des Blattes? — Exp. Nr. 170: Ja. Wittelshöfer: Wo zahlt der Unternehmer aus? — Exp. Nr. 170 : Am Sonntag im Bureau. Experte V: Ich bin auch Austräger bei demselben Blatte. Es gibt zwei Kategorien von Austrägern, die Trafiken- und Abonnentenausträger. Ich bin Trafikenausträger. Die Abonnentenausträger haben z. B. 80 oder 88 Abonnenten. Für 40 Abonnenten bekommen sie wöchentlich fl. 4, für die anderen 40 bekommen sie per Abonnement monatlich 30 kr. Das macht 16 und 12 sind fl. 28 pro Monat. Man muß diese 80 Zeitungen in einem kurzen Zeitraum zustellen. Wenn Reklamationen einlaufen, so heißt es, man kann die Austräger nicht brauchen. Nun gibt es bei sämmtlichen Wiener Zeitungen Großausträger und diese haben wieder Snbansträger. Die letzteren werden von den Großausträgern bezahlt. Sie bezahlen einer Frau wöchent 647 lich fl. 1'50, bekommen aber fl. 4 und extra monatlich den Ueberverdienst. Bei unserem Blatte sind acht bis zehn solche Großausträger. Vorsitzender: Sind die nach Bezirken eingetheilt? — ExP.V: Ja. Dr. Ofner: Die Expertin hat gesagt, daß sie ungefähr 50 kr. pro Tag hat, also fl. 15 monatlich, und sie hat auch 88 Abonnenten. Bekommt der Großausträger fl. 28? — Exp. V: Das ist bei uns nicht gleich eingetheilt, und das dringt auch nicht so in die Öffentlichkeit. Dr. Ofner: Sie haben gesagt, er bekommt für 40 Stück fl. 4? — Exp. V: Bei uns und derjenige, der einen ganzen Bezirk hat. Das sind die eigentlichen. Die haben per Blatt Vr kr. für Morgen-, sowie für Abendblatt. Dr. Ofner: Wie viel hat er also bei 80 Abonnenten? — Exp. V: 80 kr. pro Tag. Dr. Schüller: Kennen Sie auch die Verhältnisse bei der „Arbeiter- Zeitung"? — Exp. V: Nein. Dr. B1 ezina: Ich möchte die Sache aufklären. Ein mir bekannter Mann hat eine Art Zeitnngsbnreau. Er war ursprünglich selbst Austräger. Der hat mir nun gesagt, wenn ich das Blatt nicht selbst abonnire, sondern durch ihn, so verpflichtet er sich, mir das Blatt zu einer mir passenden Stunde zuzustellen, während ich es früher oft verspätet erhalten habe. So hat er es mit einer Reihe von Abnehmern gemacht. Der bekommt nun jene 30 kr., welche für die Zustellung in's Hans gezahlt werden. Bei 80 Blättern macht das fl. 24 im Monat. Er zahlt fl. 15, und es bleiben ihm also fl. 0. — Exp. V: Ich bin Trafikenausträger und habe wöchentlich fl. 5. Wir haben aber keine andere Bezahlung. Früher haben wir fl. 4 gehabt; erst seit Neujahr haben wir fl. 5. Ich habe 15 Trafiken zu versorgen, die alle im I. Bezirk sind. Ich brauche dazu drei Viertel- bis eine Stunde. Um 6 Uhr gehe ich weg, und um 7 Uhr bin ich fertig. An Parteien trage ich nicht aus. Mittels höfer: Wie viel Exemplare haben Sie da? — Exp. V: Täglich 222. Wittelsh öfer: Wie schwer ist das? — Exp. V: Unter der Woche thut sich's, aber am Sonntag, wo die Trafiken fast die doppelte Anzahl beziehen und auch die Blätter noch Beilagen haben, geht in's Gewicht, daß uns wirklich der Buckel kracht. Es dürften per 100 Stück drei Kilo sein. Wittelsh öfer: Sonst haben Sie keine Beschäftigung?—Exp. V: Nein, weil ich ein chronisches Leiden habe. Wenn ich gesund wäre, würde ich überhaupt nicht Zeitungsausträger sein. Es sind dies größtentheils solche Personen, die nichts Anderes thun können. Expertin Nr. 171: Ich bin auch Ansträgerin bei derselben Zeitung und zwar seit einigen Monaten. Ich habe über 100 Stück in einem Vorort anszutragen. Die werden mir bis zur ehemaligen Linie hinausgebracht. Ich trage zwischen 6 und 8 Uhr aus; Nachmittags etwas länger, weil ich 10 Blätter mehr habe. Ich binde sie in ein Tuch und nehme sie auf den Rücken. Den Unterschied zwischen Sonntagen und Wochentagen empfinde ich gehörig, da ist es noch einmal so schwer. Dafür bekomme ich monatlich fl. 9. Ich habe nebenbei eine Bedienung bei einem Abonnenten. Dort verdiene ich fl. 6 pro Monat. Ich bin ledig und habe für zwei Kinder zu sorgen. Früher war ich im Dienst. Ich bin bei meinen Eltern zu Hause. Ich habe die Blätter von einer Großausträgerin. Frl. Fickert: Kommt es auch vor, daß sie für andere Austrägerinnen Aushilfe leisten? — Exp. Nr. 171: Ja, wenn Eine krank ist. Ich habe es schon einmal gethan. Das wird nicht bezahlt. Frl. Fickert: Wie ist die Behandlung von Seite der Unternehmerin ? — Exp. Nr. 171: Sehr unanständig. Die Bezahlung ist sehr unregelmäßig 648 und da wird Einem das Geld so hingeworfen. Letzthin ist ein Gulden Hinuntergefallen, den ich nicht mehr gefunden habe. Dr. Ofner: Wo sind Sie denn ausgezahlt worden? — Expertin Nr. 171: Auf der Straße. Ich habe sie darum gebeten, weil ich es gebraucht habe. Da hat sie sich geärgert und hat's mir so hingeworfen. Ich weiß nicht, ob sie den Gulden gefunden hat, aber in einigen Tagen hat sie mir ihn doch gegeben. Frl. Fickert: Haben Sie keinen Erziehungsbeitrag bekommen? — Exp. Nr. 171: Für das kleinere Kind ist mir einer beim Magistrat zugesagt worden. Vorsitzender: Was für eine Wohnung haben Sie? — Expertin Nr. 171: Zimmer und Küche. Da sind Mutter, Vater und ich. Vorsitzender: Was essen Sie? — Exp. Nr. 171 : Früh habe ich meist nichts. Zu Mittag kocht die Mutter. Um 11 Uhr komme ich nach Hause und bleibe bis 1 Uhr, und Abends komme ich um Vü7 Uhr zurück. Zu Mittag esse ich den Frühstückskaffee, weil die Mutter erst Abends für den Vater kocht. Frl. Fickert: Bekommt die Frau, für welche Sie ausgeholfen haben, ihren Lohn fort? — Exp. Nr. 171: Die hat nicht mehr kommen wollen. Da hat aber die Unternehmerin gesagt, sie soll wieder kommen, sie wird ihr nichts abziehen. Sonst hätte sie ihr schon abgezogen. Expertin Nr. 172: Ich bin Austrägerin bei einer Großausträgerin und trage alle möglichen Zeitungen aus. Ich habe l3 Trafiken, darunter 125 Nummern von einem Blatt allein für die Trafiken auszukragen. Au Sonntagen das Doppelte. Dann habe ich 79 Abonnenten. Ich muß täglich zweimal den Weg von der Stadt angefangen bis in einen entlegenen Vorort machen. Dafür bekomme fl. 3'75 wöchentlich. Davon habe ich auch den Hausmeister zu zahlen, weil ich schon um ^4 Uhr fortgehen muß und an Sonntagen um V 22 Uhr. Da komme ich um 10 Uhr nach Hause, unter der Woche um V 2 IO Uhr. Au Sonntagen muß ich zuerst in eine Zeitungs- Expeditiou um die Beilagen gehen. Die muß ich in eine andere Expedition tragen und sie dort einlegen. Eine Andere trägt das Hauptblatt herein, weil Eine das nicht tragen kann. Das Einlegen erfordert Arbeit, denn es gibt oft am Sonntag drei oder vier Beilagen. Dann beginne ich das Auskragen in der Stadt. Vorsitzender: Das können Sie doch unmöglich Alles tragen? — Exp. Nr. 172: Darum muß ich zweimal gehen. Zuerst stelle ich den näheren Trafiken zu, dann hole ich mir die anderen Blätter für die weiteren. Jeder Binkel hat etwa 25 Kilogramm. An Sonntagen trage ich drei solche hintereinander. Vorsitzender: Wie lange sind Sie bei diesem Geschäft? — Exp. Nr. 172: Jetzt sind es zwei Jahre. Früher war ich Miedernäherin. Vorsitzender: Warum haben Sie das aufgegeben? — Expertin Nr. 172 : Weil ich es aus der Brust nicht mehr ausgehalten hätte. Ich habe schon mit 15 Jahren genäht. Ich bin dann sehr krank geworden. Vorsitzender: Wie lange haben Sie Nachmittags zu thun? -— Exp. Nr. 172: Bon 3 bis 6 Uhr. (Auf Befragen.) Ich bin ledig und stehe ganz allein. Ich bin zu Bett und zahle dafür fl. 1. Vorsitzender: Was bekommen Sie zu Neujahr? — Exp. Nr. 172 : Heuer war ich krank, da habe ich gar nichts bekommen. Die Frau hat eine Andere aufgenommen und hat gesagt, sie kann mich nicht mehr brauchen. Nach Neujahr ist die Andere weggegangen, und da hat sie mich wieder genommen. Vorsitzender: Was bekommt man gewöhnlich? — Exp. Nr. 172: Vor zwei Jahren habe ich fl. 24 bekommen. Vorsitzender: Was essen Sie? — Exp. Nr. l72: In der Volks- 61S küche kaufe ich mir um 4 kr. Suppe oder Gemüse. An Sperrgeld habe ich monatlich fl. l zu zahlen, und fl. 1 muß ich im Monat auf Schuhe rechnen. Vorsitzender: Wie verschaffen Sie sich Ihre Kleider? — Expertin Nr. 172: Ich erhalte sie geschenkt. Kaufen kann ich mir nichts. Wittelshöfer: Wie viele Personen wohnen bei Ihnen? — Exp. Nr. 172 : Außer mir drei. Jeder hat sein Bett. Das ist in Währung. Vorsitzender (zum Exp. V): Inwiefern ist ein Unterschied zwischen Sommer und Winter? — Exp. V: Im Sommer sind weniger Abonnenten. Wittelshöfer: Kommt das auch bei Ihnen vor? — Expertin Nr. 172: Nein. Expertin Nr. 173: Ich bin auch Zeitungsausträgern!, und zwar Helferin. Ich trage in der Stadt aus, und zwar im Winter 80 Blätter, im Sommer nur 70. Ich verdiene dabei im Winter fl. 9 monatlich, im Sommer nicht einmal das. Exp. V: Ich möchte nur bemerken, daß im Sommer zwar weniger Abonnenten sind, aber der Rayon bleibt sich gleich. Die im ersten Stock gehen auf's Land, die im vierten Stock nicht. Vorsitzender: Wie lange sind Sie bei Ihrem Blatte? — Expertin Nr. 173: Drei Jahre. Vorsitzender: Was verdienen Sie zu Neujahr? — Exp. Nr. 173 : Da geht die Frau eincassiren, und mir gibt sie fl. 10. Wittelshöfer: Wie alt sind Sie? — Exp. Nr. 173: 60 Jahre. Wittelshöfer (zum Exp. V): Kommt es nicht vor, daß Ans- trägerinnen sich auch von Kindern helfen lassen? — Exp. V: Das kommt oft vor, noch dazu von schulpflichtigen Kindern. Wittelshöfer: Wird das beim Lohn berücksichtigt? — Exp. V: Nein. Ich habe drei Kinder, und ich habe einen so starken Posten, daß ich ihn nicht allein versehen kann. Ich muß mir also eine Aushilfe besorgen, und um die Bezahlung zu ersparen, nehme ich meine Kinder dazu. Wittelshöfer: Wird von der Expedition Einem so viel gegeben, daß er es nicht allein zustellen kann? — Exp. V: Um das wird nicht gefragt. Wittelshöfer: Die Expedition hat doch ein Interesse daran, daß die Zeitung pünktlich zugestellt wird. — Exp. V: Um das kümmert sie sich nicht, wie man es macht. Wittelshöfer: Sie werden für jede Mehrexpedition per Stück bezahlt? — Exp. V: Ja. Dr. Schwiedland: Halten Sie es nicht für unzweckmäßig, wenn am Nenjahrstage eine Fremde austrägt? Die muß ja weniger bekommen als die gewöhnliche Austrägerin. — Exp. V: Das ist richtig. Dr. Schwiedland: Erfordert das Austragen zur Winterszeit nicht mehr Zeit als im Sommer, weil die Stiegen noch finster sind? — Exp. V: Ja, auch die Straßen sind finster. Dr. Schwiedland: Sind schon alle Hausthore offen? — Exp. V r Nein. Man schiebt die Blätter hinein, und der Hansmeister besorgt die Ver- theilung. Dr. Ofner: Haben Sie von den Hausbesorgern viel zu leiden? — Exp. 1': Mitunter. Dr. Schwiedland: Wenn nun eine Nummer verloren geht? — Exp. V: So muß sich die betreffende Partei das Blatt besorgen. Aber die Administration sagt: „Der N. N. hat sich beschwert, daß er kein Morgenblatt bekommen hat. Haben Sie es zugestellt oder nicht? Schauen Sie also, daß er das Blatt bekommt." Das müssen wir bezahlen. Dr. Schwiedland: Wie ist es mit der Eincassirnng? Wie ist die Verrechnung? — Exp. V: Dafür bekommt man nichts. Man hat höchstens das Risico, daß man etwas verliert. P ernerstorser: Sie stellen so zu, daß Sie gewöhnlich nicht warten, bis die Thür aufgemacht wird? — Exp. V: Wir können nicht warten. Pernerstorfer: Dabei kommt es doch vor, daß Blätter verloren gehen. Ich weiß das von mir selbst. — Exp. V: Das kommt sehr häufig vor. Dr. Ofner: Wie theuer müssen Sie es kaufen? — Exp. V: Das Morgenblatt um 5 kr. und das Abendblatt um 20s kr. Frau Schlesinger: Gibt es nicht ein Verhältniß zwischen Austräger und dem Blatte, damit der Austräger sich interessirt, daß die Abonnenten dem Blatte treu bleiben? — Exp. V: Es muß ja Jedem daran gelegen sein, denn je mehr Abonnenten er hat, desto mehr verdient er. Vorsitzender (zur Exp. Nr. 173): Sind Sie verheiratet? — Exp. Nr. 173: Nein. Ich habe auch keine Familie. Ich bin zu Bett und zahle dafür 60 kr. Zum Frühstück esse ich Milch und ein Stück Brot, zu Mittag Suppe und auf die Nacht Suppe und Brot. Kleider kann ich mir nicht kaufen, da muß ich schauen, daß ich sie geschenkt bekomme. Dr. Ofner: Was waren Sie früher? — Exp. Nr. 173: Ich habe gestickt und genäht. Das habe ich im Kloster der Ursulinerinnen gelernt. Ich habe Kopftyphus bekommen, und darnach habe ich nichts mehr machen können. Jetzt bin ich 25 Jahre bei einer Zeitung. Mein Verdienst hat anfangs fl. 22 betragen sammt Kost, dann fl. 18, dann st. 16, und jetzt habe ich nur mehr sl. 9. Dr. Ofner: Wieso ist er immer geringer geworden? — Expertin Nr. 173: Es wird halt schlechter gezahlt. Dr. Schwiedland: Bekommen Sie die Kleider von den Kunden? — Exp. Nr. 173: Ja. Die geben sie selbst her. Frau Popp: Kennen Sie die Verhältnisse von allen Blättern? — Exp. Nr. 173: Nein. Vorsitzender: Ich höre, es gibt Subunternehmer, bei denen die Mädchen wohnen und schlafen. — Exp. V: Die sind im Dienstverhältnisse, Sie werden als Dienstboten ausgenommen, müssen die Zeitungen auskragen, und wenn sie damit fertig sind, verrichten sie die häuslichen Arbeiten. Dr. Ofner: Wie viel bekommen die? — Exp. V: fl. 8 bis 9, auch nur sl. 6 bis 7. Vorsitzender: Die können aber doch nicht viel solche Mädchen anstellen, weil sie sie außer dem Austragen doch nicht beschäftigen können. Höchsten eins, zwei. Expertin Nr. 174: Ich bin zehn Jahre bei meinen: Blatte. Die Verhältnisse der anderen Zeitungen kenne ich nicht. Ich habe nur Trafiken. Ich habe täglich 180 Blätter mit zweimaliger Zustellung. Um 6 Uhr fange ich an, und um V 48 Uhr bin ich fertig. In der Früh hole ich die Blätter in der Wollzeile, Nachmittag in der Druckerei. Am Sonntag nehme ich Alles auf einmal, obzwar es sehr schwer ist, um Zeit zu ersparen. Vorsitzender: Sind Sie direct bei der Zeitung angestellt? — Exp. Nr. 174: Ja. Ich verdiene in der Woche fl. 5. Wenn ein Austräger krank wird, ist der Posten verloren, wenn er Niemanden stellen kann. Wenn es acht Tage dauert, und ich komme nicht, so ist der Posten jedenfalls verloren. Vorsitzender: An Parteien tragen Sie nicht aus? — Expertin Nr. 174: Nein. Dr. Ofner: Wie viel Trafiken haben Sie? — Exp. Nr. 174: Zehn. Vorsitzender: Da bekommen Sie weniger, weil es für die Trafiken billiger ist? — Exp. V: Es ist billiger, aber weniger lang zu thun. Exp. Nr. 174: Wir haben das ganze Jahr zu thun. Die Parteien- 651 austräger haben aber im Sommer einen Schaden, weil weniger Abonnenten sind. Da haben sie nur sl. 4. Vorsitzender: Haben Sie im Sommer auch das Gleiche aus- zutragen? — Exp. Nr. 174: Weniger, aber es hat auf den Lohn keinen Einfluß. Wittelshöfer: Sie sagen, die Abounentenausträger haben im Sommer nur fl. 4. Wie viel tragen sie da aus? — Exp. Nr. 174: 40, nicht mehr. Wittelshöfer: Es sinkt also von 80 im Winter aus 40 im Sommer? — Exp. Nr. 174: Das ist nicht gleich. Dr. Schüller: Bekommen Sie ein Neujahrsgeld ? — Exp. Nr. 174 : Im Ganzen vielleicht fl. 8, 9, hievon fl. 5 vom Blatt. Dr. Ofner: Sie sind unmittelbar beim Blatt. Können Sie uns sagen, wie Viele unmittelbar bei dem Blatt sind, und wie Viele bei den Subunternehmern? — Exp. V: Unmittelbar sind 87, Austräger an Abonnenten 03. Bei den Subunternehmern werden auch so viel sein. Dr. Ofner: Wo sind die Erwerbsverhaltnisse besser? — Experte V: Bei denen, die unmittelbar sind. Exp. Nr. 174: Wir sind insoferne besser daran, als wir das ganze Jahr die gleiche Zahlung haben. Vorsitzender: Sie haben auch mehr. Die Anderen haben nur fl. 15. Dr. Schwiedland: Wenn Ihr Neujahrsgeld nur fl. 2'50 ausmacht, so bekommen Sie von den Einzelnen nur 20 bis 30 kr. ? — Expertin Nr. 174: Ja, manchmal nur 10 kr. Dr. Schwiedland: Welche Zeit brauchen Sie, um die zehn Trafiken zu versorgen? —.Exp. Nr. 174: Eine bis fünf Viertelstunden. Um OrO Uhr kommen wir hinein und um 6 Uhr bekommen wir die Blätter. Dr. Schwiedland: Haben Sie einen Begriff, wie schwer die Packete von 180 Blättern sind? — Exp. Nr. 174: Genau kann ich es nicht sagen. Es ist ein hübsches Gewicht. Dr. Schwiedland: Wie lange müssen Sie warten, bis Sie das Blatt bekommen? — Exp. V: Das ist nicht gleich. Das Blatt kommt nicht immer zur selben Zeit. Manchmal dauert es eine halbe Stunde, es hat aber auch schon zwei bis drei Stunden gedauert. Dr. Schwiedland: Sind die Ansträgerinnen bei der Krankenversicherung? — Exp. V: Wir gehören keinem Vereine und keiner Versicherung an. Exp. Nr. 174: Wenn wir krank sind, bekommen wir auch nichts. Exp. V: Im October vorigen Jahres ist eine Austrägerin während des Austragens überfahren worden. Sie ist von der Rettungs-Gesellschaft in's Spital transportirt worden. Nun hat ihre Tochter ausgetragen, die hat es aber-nicht leisten können. Man hat nun das Austragen einem Anderen übergeben und die Verletzte hat nichts gehabt. Wenn nicht unter den Beamten vom Blatt gesammelt worden wäre, so hätte sie gar nichts gehabt. Ein Austräger ist sieben Wochen mit einem kranken Fuß im Bett gelegen, ohne Krankengeld zu bekommen. Dr. Schwiedland: Hat er einen Arzt gehabt? — Exp. V: Den Armenarzt. Wittelshöfer: Sie sagen, es sind 63 Abonnentenausträger. Sind das solche, welche allein austragen oder welche wieder Andere beschäftigen? — Exp. V: Meistens tragen dre selbst aus. Nur Einige haben eine oder zwei Austrägerinnen. Das sind aber keine Großansträger. Wittelshöfer: Wie viel Großansträger sind dort? — Exp. V: Acht oder Zehn. 652 Vorsitzender: Ein Theil des Blattes wird aber durch Austräger besorgt, die verschiedene Blätter haben? — Exp. V: Ja. P erne r storser (zur Exp. Nr. 174): Frau Expertin, verdienen Sie außerdem etwas? — Exp. Nr. 174: Nein. Vorsitzender: Wie ist es, wenn das Blatt eonfiscirt wird? — Exp. V: Tann müssen wir warten. Einmal ist es mir Passirt, daß ich um 12 Uhr noch auf der Tour war. Vorsitzender: Sind Sie ledig? — Exp. Nr. l74: Ja. Vorsitzender: Wie wohnen Sie? — Exp. Nr. 174: Ich wohne in einem Vorort und bin zu Bett. Ich zahle fl. 1. Vorsitzender: Wie ernähren Sie sich? — Exp. Nr. l74: Ich kaufe mir etwas vom Pserdefleischhaner oder esse mit, was die Frau zu Hause macht. Ich stehe ganz allein und habe Niemanden zu erhalten. Ich werde auch nicht unterstützt. Dr. Schwiedland: Was waren Sie früher? — Exp. Nr. 174: Dienstmädchen. Ich habe aber schlechte Augen bekommen von der Hitze. Deswegen habe ich die Plätze stark gewechselt und nur sehr schwer etwas bekommen. Handarbeiten habe ich nicht gelernt, weil ich vom Land gekommen bin. Da hat mich eine bekannte Frau zur Zeitung gebracht. Dr. Schwiedland: War der Verdienst früher besser oder schlechter? — Exp. V: Für die Großansträger war es besser. Die haben sich sehr viel erwirthschastet. Manche Privatisiren jetzt, Einer hat eine Villa. Auch für die Austräger war es besser. Dr. Schwiedland: Wieso? — Exp. V: Früher war es nicht so genau, man hat auf die Blätter nicht so Acht gegeben. Es sind oft ein, zwei, drei Blätter mehr gewesen. Die hat der Austräger für sich verwenden können, er hat sie verkaufen können und wenn er im Tag 5 bis 15 kr. gehabt hat, so hat er sich ein Frühstück kaufen können. Dr. Schwiedland: Jetzt kommt es aber auch vor, daß man von einem Austräger aus der Gasse ein Blatt kauft? — Exp. V: Das muß er der Trafik ersetzen. Die Blätter sind genau gezählt. Vorsitzender: Kommt es öfter vor, daß Sie auf der Gasse Zeitungen verkaufen? — Exp. V: Nein. Es ist ja verboten. Dr. Schwiedland: War der Lohnsatz auch so? — Exp. V: Der war schlechter. Dr. Schwiedland: Wodurch hat sich das gebessert? — Exp. V: Wir haben eingereicht, weil ja die Lebensmittel auch theurer sind. Dr. B!- ezina: Ist Ihnen nicht bekannt, Herr Experte, ob diese Groß- austräger, wenn sie Abonnenten auf eigene Rechnung besitzen, was in ziemlich großem Maßstabe der Fall ist, Credit haben? — Exp° V: Ja. Bis zum 15., 16. Dann müssen Sie zahlen. Dr. B1 ezina: Das ist mir deshalb wichtig, weil der Mann, der bei mir das Abonnement einhebt, oft Monate vergehen läßt, bis er die Rechnung bringt. — Exp. V: Bei Abonnenten, wo das Geld sicher ist, hat er keine Angst. Aber drin zahlt er. Dr. Btezina: Das ist aber ein Beweis, daß er sehr gut gestellt sein muß, wenn er ohne alle Veranlassung nicht alle Monate eincassiren läßt. — Exp. V: Ganz richtig, er ist gut gestellt. Dr. Ofner: Man abonnirt auch in der Trafik. Hat die Trafikantin etwas davon? — Exp. V: 2<> kr. per Abonnement. Sie zahlt fl. 1'70. Bardorf: Bei einzelnen Blättern bemühen sich ja die Zeitungsausträger besonders, Abonnenten zu bekommen. Sind da nicht andere Modalitäten? — Exp. V: Ich glaube kaum. Ich habe schon bemerkt, daß dem Großansträger daran gelegen sein muß, möglichst viel Abonnenten zu bekommen. Je mehr er hat, desto mehr verdient er. Deshalb bemühen sie sich, Abonnenten zu bekommen und für sich zu erhalten. Dr. Schwiedla-nd: Meines Wissens gibt es Blätter, welche an die Trafiken nur fix abonnirte Nummern abgeben. Es gibt aber andere Blätter, die auch auf Verrechnung geben. — Exp. V: Diese aus Verrechnung gegebenen Nummern müssen am Montag zurückgetragen werden. Dr. S ch w i e d l a n d : Da haben Sie also noch eine besondere Leistung. — Exp. V: Wir nehmen die Blätter, wann es uns beliebt. Montag wird abgerechnet. Da ist ein eigener Vicecassier, der geht abrechnen. Er schreibt uns dann auf, wie viel Blätter zurückkommen. Dr. Schwiedland: Wann ist der fertig? — Exp. V: In drei Tagen. Dr. Schwiedland: Was macht er während der anderen drei Tage der Woche? — Exp. V: Er ist in der Centrale. Dr. Schwiedland: Und wann holen Sie die Blätter ab? — Exp. V: Nach dem Anstragen alle Wochen einmal. Dr. Schwiedland: Immer Montag? — Exp. Nr. 174: Mittwoch und Donnerstag. Dr. Schwiedland: Bekommen Sie für diese besondere Leistung etwas? — Exp. Nr. 174: Nein. Dr. Schwiedland: Also die Austrägerin, die an die Trafiken liefert, hat einen geringeren Lohn und überdies diese Mehrarbeit? — Exp. Nr. 174: Ja und auch noch das Sortiren. Man muß die Blätter nach dem Datum geordnet zurücktragen. Dr. Schwiedland: Wie viel Zeit versäumen Sie da am Mittwoch und Donnerstag? — Exp. V: 1 bis 1' » Stunden. Baronin Vogelfang: Wer ist Ihr Vater? — Exp. Nr. 174: Uhrmachermeister. Baronin Vogelfang: Warum sind Sie nicht auf dem Lande geblieben? — Exp. Nr. 174: Die Mutter ist gestorben, da war ich sieben Jahre alt. Die Schwestern waren in Wien im Dienst. Mit zwölf Jahren bin ich dann auch in den Dienst nach Wien gegangen. Frau Popp: Sind Ihnen nicht die Subunternehmeriunen bekannt, wo Mädchen in Kost und Bett sind? Ich kenne solche und will auch eine nennen. Die ist in Fünfhaus. Die hat alle Zeitungen und gewöhnlich fünf oder sechs junge Mädchen im Alter von 14 bis 16 Jahren. Sie zahlt fl. 2, 3, höchstens fl. 4 monatlich. Die Mädchen müssen um 3 Uhr Früh ausstehen, und erst wenn sie nach Hause kommen, können sie frühstücken. Dann müssen sie die häuslichen Arbeiten verrichten. Nachmittags müssen sie wieder anstragen und dann wieder arbeiten. Oft dürfen sie erst um 1l Uhr Abends zu Bette gehen. Die Behandlung ist die denkbar schlechteste. Ich hätte es daher sehr gerne gesehen, wenn ein solches Mädchen als Expertin erschienen wäre. Die Experten haben gemeint, daß die Verhältnisse bei allen Zeitungen ziemlich gleich sind. Ich kenne nun die Verhältnisse bei der „Arbeiter-Zeitung" sehr genau und weiß, daß bei dieser für einmal Austragen wöchentlich fl. 4 gezahlt werden. Die Maximalzahl der Blätter ist 60 Stück. Wenn weniger ausgetragen werden, werden auch fl. 4 gezahlt und auch in: Sommer. Wenn Austräger ihre Familienangehörigen mitverwenden, so wird für jeden derselben auch fl. 4 gezahlt. Ein Theil der Austrägerinnen der „Arbeiter-Zeitung" steht auch in der Organisation. Die Verhältnisse sind hier also bedeutend günstiger als bei anderen Zeitungen. Dr. Ofner: Gibt es bei der „Arbeiter-Zeitung" Großausträger? — Frau Popp: Nein. Nur in ein Stadtgeschäft werden auch von der „Arbeiter-Zeitung" die Blätter direct zugestellt. Sonst sind alle Austräger direct von der Expedition aufgenommen. (Abg. P ern erstorfer übernimmt den Vorsitz.) 654 Expertin Nr. 175: Ich bin Fransenknüpferin. Ob das zur Posamenterie gehört oder nicht, weiß ich nicht. Wir sind der Genossenschaft der Posa- mentirer zugetheilt. Die Streifen bekomme ich am Quai und auch die nöthige Seide dazu, und das wird dann nach dem Muster verarbeitet. Ich arbeite zu Hause und zahle auch Steuer nach dem Satz von fl. lO'/r. Ich arbeite für drei Herren. Das sind größere und kleinere Geschäfte. Ich selbst beschäftige drei bis vier Personen. Ich war seit dem Jahre 1877Franserin, dann bin ich Magazineurin geworden. Ich habe dann geheiratet. Mein Mann ist aber krank geworden, und nun muß ich wieder arbeiten. Bor sitzender: Wie groß ist die Zahl der Arbeiterinnen in Ihrer Branche? —Exp. Nr. 175: In manchen Geschäften sehr groß. Diejenigen, die keine Steuer zahlen, können billiger arbeiten und bekommen daher auch mehr Arbeit. Es zahlen circa 30 Steuer und 200 keine. Vorsitzender: Wie können die das verheimlichen ? — Exp. Nr. 175 : Ich habe selbst schon die Anzeige gemacht, aber es nützt nichts. Vorsitzender: Sind Sie in der Genossenschasts-Krankencasse? — Exp. Nr. 175: Ja. Vorsitzender: Haben Sie das ganze Jahr gleichmäßig Arbeit? — Exp. Nr. 175: Ost zwei, drei Tage nichts, dann wieder sehr viel, daß ich die Nacht zu Hilfe nehmen muß. Vorsitzender: Sie sind also abhängig von den Geschäften, von denen Sie das Material bekommen? — Exp. Nr. 175: Ja. Dorthin muß ich auch liefern. Damit verliert man viel Zeit. Vorsitzender: Wie oft liefern Sie in der Woche? — Expertin Nr. 175: In der Saison alle Tage. In der ruhigeren Zeit zwei bis dreimal. Vorsitzender: Haben Sie weit zu gehen? — Exp. Nr. 175: Von Mariahilf bis auf den Quai. Vorsitzender: Müssen Sie auch warten? — Exp. Nr. 175: Wenn Jemand vor mir ist. Vorsitzender: Wenn Sie täglich liefern, wird ja viel Zeit vergehen? — Exp. Nr. 175: Oft sind sechs, sieben Frauen vor mir. Vorsitzender: Ist die Waare schwer? — Exp. Nr. 175: Ja. Vorsitzender: Wird Ihre Arbeit nur von Frauen gemacht? — Exp. Nr. 175: Ja. Vorsitzender: Ist Ihnen bekannt, ob auch Kinder beschäftigt werden? — Exp. Nr. 175: Das kommt bei solchen vor, die keine Steuer zahlen. Die trauen sich nicht zu annonciren und kriegen auch nicht die richtigen Leute. Es sind auch schulpflichtige Kinder darunter. Vorsitzender: Was geschieht, wenn Sie mit der Steuer im Rückstand bleiben? — Exp. Nr. 175: Ich habe schon zwei Executionsbolletten zu Hause. Die mindere Steuer möchte ich gern zahlen, ich komme aber aus fl. 36. Ich habe früher einen Weinschank gehabt, den habe ich um sl. 1600 verkauft, und nun muß ich mein ganzes Geld zusetzen. Vorsitzender: Kommt es auch vor, daß Angehörige der sogenannten besseren Stände diese Arbeit machen? — Exp. Nr. 175: Nein. Die Arbeit erfordert eine besondere Geschicklichkeit. Lehrmädchen gibt es aber nicht. Vorsitzender: Wie macht es also ein Mädchen, wenn sie das erlernen will? — Exp. Nr. 175 : Sie geht zuerst zur leichteren Fransen- arbeit, und dann avancirt sie. Vorsitzender: Wie werden die Mädchen entlohnt? — Expertin Nr. 175: Das erste Tuch, das sie fertig macht, bekommt sie gleich bezahlt. Vorsitzender: Wie bekommen die Leute Arbeit? — Expertin Nr. 175: Durch Nachfrage. Vorsitzender: Wie lange arbeiten Sie? — Exp. Nr. 175: Von 7 Uhr Früh bis '.24. Dann muß ich die Tücher zusammenlegen und gehe 65-r in die Stadt. Bis ' 26 bin ich dort. Dazwischen besorge ich auch die Hauswirthschaft. Ich habe zwei Zimmer. Es ist nur meine Schwester bei mir und ein Kind mit 13 Jahren. Die Schwester hilft mir. Sie bekommt die ganze Kost und fl. 2. Vorsitzender: Müssen Sie oft in der Nacht arbeiten ? — Expertin Nr. 175: Sehr selten. Da müssen wir aber Alle arbeiten. Vorsitzender: Strengt das die Augen an? — Exp. Nr. 175: Ja. An Sonn- und Feiertagen arbeiten Nur nicht. Vorsitzen der: Was verdienen Sie in der Woche ? — Exp. Nr. 175 : In schlechteren fl. 3'/?, in den besseren fl. 5'/? bis 6. Ich komme auf circa sl. 12. Davon muß ich aber Licht, Beheizung und den Zins für ein Zimmer rechnen. Wir brauchen nämlich zur Arbeit eine lange Tafel. Die Arbeiterinnen wohnen nicht bei mir. Zwei von ihnen sind verheiratet, eine ist ledig. Vorsitzender: Liefern Sie selbst? — Exp. Nr. 175: Ja. Vorsitzender: Wie lange arbeiten Ihre Arbeiterinnen? — Exp. Nr. 175: Länger als bis '/r7, 7 Uhr bleibt Niemand. Vorsitzender: Und wenn viel zn arbeiten ist? — Exp. Nr. 175 : Dann nehmen sie sich die Arbeit lieber nach Hause mit. Vorsitzender: Haben die Leute zu Hanse auch die nöthigen Instrumente? — Exp. Nr. 175: Sie müssen sich halt fretten. Vorsitzender: Kommen bei den Arbeiterinnen Abzüge und Strafen vor? — Exp. Nr. 175: Nein. Vorsitzender: Bekommen Sie von Ihren Arbeiterinnen Geschenke? — Exp. Nr. 175: Nein, ich würde sie auch nicht annehmen, weil es lauter arme Teufel sind. Vorsitzender: Wie ist Ihre Wohnung? — Exp. Nr. 175: Sie ist im III. Stock. In einem Zimmer wird gearbeitet. Da schläft die Schwester mit meiner Tochter und im zweiten Zimmer ich und mein Mann. Jedes Zimmer hat zwei Fenster. Vorsitzender: Sorgen Sie dafür, daß auch gelüftet wird? — Exp. Nr. 175: O ja. Auch im Winter mache ich die Fenster auf. Vorsitzender: Reinigen Sie auch? — Exp. Nr. 175: Alle Samstag wird die Tafel gerieben und auch der Fußboden. Das macht meine Schwester. Die Fenster werden auch regelmäßig geputzt. Wenn die Seide gerade von: Färber kommt, färbt sie sehr stark ab.' Der Staub wird eingeathmet und mit der Zeit bekommt man Bleikolik, weil mit Bleizucker gefärbt wird. Ich habe eine Arbeiterin, die ist erst vor 14 Tagen aus dein Spital gekommen. Vorsitzender: Können Sie sich die Hände waschen? — Expertin Nr. 175: O ja. Vorsitzender: Wo essen die Arbeiterinnen? — Exp. Nr. 175: In der Volksküche. Vormittags ißt mit mir jede Speck. Das müssen sie, sonst halten sie es nicht aus. Vorsitzender: Wird im Arbeitszimmer auch gegessen? Expertin Nr. 175: Ja; auch ich esse dort. Vorsitzender: Können Sie es nicht einrichten, daß im anderen Zimmer gegessen wird? — Exp. Nr. 175: Es wird gewöhnlich auf dem Tisch gegessen, wo zusammengelegt wird. Der ist immer für mich frei. Vorsitzender: Was zahlen Sie für die Wohnung? — Expertin Nr. 175: Vierteljährig fl. 43. Sie ist im VI. Bezirk. Vorsitzender: Was essen Sie? — Exp. Nr. 175: Mein Mann geht in die Markthalle um's Fleisch. In der Früh haben wir Kaffee, zum Gabelfrühstück Speck, zu Mittag Fleisch — ich kaufe dreiviertel Kilo, den Kilo zu 50 kr., davon essen vier Personen — zur Jause Kaffee und Abends Butterbrot, Würstel oder Zuspeise. 656 Vorsitzender: Sind Sie in einem Krankenverein? — Expertin Nr. 175: Nein, nur meine Leute. Vorsitzender: Auch bei der Unfallversicherung nicht? — Expertin Nr. 175: Nein. Vorsitzender: Nach dem, was Sie erzählt haben, sind Sie in keiner günstigen Lage. Sie können sich also nicht viel Erholung gönnen? — ExP. Nr. 175: Nein. Vorsitzender: Was ist Ihr Mann? — Exp. Nr. 175: Er war Appreteur. Er hat von der Krankencasse durch 20 Wochen Unterstützung bekommen. Frau Schlesinger: Hilft Ihnen Ihre Tochter bei der Arbeit? — Exp. Nr. 175: Sehr selten. Vorsitzender: Sind in manchen Geschäften die Preise besser? — Exp. Nr. 175: Ja. Vorsitzender: Wir gehen jetzt zu den Mod istinnen über. Expertin Nr. 176: Ich bin seit sechs Jähren — inclnsive zwei Jahre Lehrzeit — Modistin. Jetzt bin ich in einem kleinen Geschäft, früher war ich in einem sehr großen. Dort waren wir zwölf Personen, jetzt sind wir vier. Es sind da nur Frauen beschäftigt. Arbeit wird auch mit nach Hause genommen. Die Arbeiterinnen kommen auch aus sehr guten Häusern, aber auch aus Arbeiterkreisen. Die Arbeit gehört zu den feineren, es ist dazu Intelligenz und Geschmack erforderlich. Die Lehrmädchen müssen zwei Jahre lernen. Sie werden aufgedungen. Vorsitzender: Bekommen sie etwas oder müssen sie zahlen? — Exp. Nr. 176: Das hängt von dem Uebereinkommen ab. Im ersten Jahre habe ich nicht gezahlt, im zweiten Jahre fl. 5. Vorsitzender: Haben Sie im ersten Jahre erst angefangen zu lernen? — Exp. Nr. 176: Im ersten Jahre lernt man die Commissionen. Man muß einkaufen gehen. Man muß die Qualität der Waare kennen lernen rc. Zur Expedition haben wir einen Diener gehabt. Vorsitzender: Wie ist die Arbeitszeit? — Exp. Nr. 176: Von 8 bis 12 und von 2 bis 7 Uhr. In der Saison fängt man auch schon um 7 Uhr an und hört erst um 8 oder 9 Uhr auf. Manchmal wird auch die ganze Nacht durchgearbeitet. An Sonntagen wird in der Saison immer gearbeitet, auch an Feiertagen. Die Arbeit ist nicht immer gleich. Kündigung ist vierzehntägig. Vorsitzender: Was verdienen Sie? — Exp. Nr. 176: Ich habe fl. 35 pro Monat. Es wird immer Monatslohn gerechnet. Ueberstunden und die Nachtarbeit werden doppelt gezahlt. Ausgaben für Rohstoffe haben wir nicht zu machen. Ein Zwang, Arbeit mit nach Hause zu nehmen, wird nicht ausgeübt. Abzüge und Strafen kommen nicht vor. Eine Arbeitsordnung gibt es bei uns nicht. Vorsitzender: Kommt es vor, daß im Gewerbe Beschäftigte in der Wohnung des Unternehmers schlafen? — Exp. Nr. 176: Sehr selten, in ganz kleinen Geschäften. . Vor fitzender: Was haben Sie für Vorgesetzte? — Exp. Nr. 176: Jetzt keine. Ich bin im Geschäft die Erste. Vorsitzender: Ist es bei Ihnen gebräuchlich, daß an Vorgesetzte Geschenke gegeben werden? — Exp. Nr. 176: Das hängt von dem'freien Willen der Mädchen ab. Es ist nicht üblich, kommt aber hie und da vor. Ich selbst habe es gethan. Vorsitzender: Was sind das für Geschenke? — Exp. Nr. 176: Kleine Handarbeiten, Geldgeschenke nicht. Vorsitzender: Wie ist die Behandlung von Seite der Vorgesetzten ? — Exp. Nr. 176: Ich kann aus eigener Erfahrung nur das Beste sagen. Ich habe es immer sehr gut gehabt. Vorsitzender: Wo ist Ihr Arbeitslocal ? — Exp. Nr. 176 : Im Ge- schäftslocal selbst. Es ist ein Zimmer mit einer Thür und einer großen Auslage. Vorsitzender: Den sanitären Anforderungen wird da ja nachgekommen, weil es ein Gassenladen ist. Wird gereinigt und gelüftet? — Exp. Nr. 176: Ja. Vorsitzender: Gehen Sie während der Mittagspause fort? — Exp. Nr. 176: Wir haben IT 2 Stunden Mittagszeit; wobei ein Turnus eingehalten wird. Vorsitzender: Vorgesetzte Männer gibt es wohl nicht ? — Expertin Nr. 176: Nur wenn der Chef ein Mann ist. Vorsitzender: Ist Ihnen bekannt, daß da die Verhältnisse ungünstiger sind ? — Exp. Nr. 176: Das bleibt sich in der Regel gleich. Vorsitzender: Ist die Zahl der Ledigen größer oder die der Verheirateten? — Exp. Nr. 176: Die der Ledigen. Vorsitzender: Es würde uns interessiren, auch etwas über Ihre eigene Lebenshaltung zu wissen. — Exp. Nr. 176: Ich bin bei meinen Eltern. Die Mama ist Schneiderin. Ich gehe zu Mittag nach Hause. Wir haben eine anständige bürgerliche Kost. Die Wohnung besteht aus vier Zimmern. Vorsitzender: Gehören Sie einer Krankenversicherung an? — Exp. Nr. 176: Der Genossenschafts-Krankencasse. Vorsitzender: Haben Sie auch Gelegenheit zur Erholung und Geselligkeit? — Exp. Nr. 176: Ja. Vorsitzender: Gehen Sie manchmal in's Theater? — Expertin Nr. 176: Ja. Vorsitzender: Was lesen Sie? — Exp. Nr. 176: Sogenannte Schauderromane. Dr. Verkauf: Wie war es in dem früheren Geschäfte? — Expertin Nr. 176: Ich war in einem der feinsten Häuser in Wien, dort waren zwölf Mädchen. Dr. Verkauf: Waren immer so viele? — Exp. Nr. 176: Ja. Wenn nicht so viel zu thun war, so bekommt man doch den vollen Gehalt. Dr. Verkauf: Wie viel Lehrmädchen waren darunter? — Expertin Nr. 176: Zwei. Dr. Verkauf: Wie viel haben Sie bekommen, wie Sie ausgelernt waren? — Exp. Nr. 176: fl. 10 monatlich. Dr. Verkauf: Wie lange waren Sie noch in dem Geschäfte, nachdem Sie ausgelernt waren? — Exp. Nr. 176: Zwei Jahre. Da habe ich immer nur fl. 10 gehabt. Dr. Verkauf: Waren Sie dafür verpflichtet, Ueberstunden zu machen? — Exp. Nr. 176: Verpflichtet nicht, ich war aber dumm genug, es zu thun. Dr. Verkauf: Haben Sie die Ueberstunden bezahlt bekommen? — Exp. Nr. 176: Nein. Dr. Verkauf: Wie waren die Anderen bezahlt? — Exp. Nr. 176: Die Erste hat sl. 75 und die Kost gehabt. Ich war die Jüngste und habe allein fl. 10 gehabt, von den Anderen hat eine fl. 35, zwei sl. 25, zwei fl. 20 u. s. w. gehabt. Dr. Verkauf: Wie ist es mit der Krankenversicherung? Wer verwaltet die Krankencasse? — Exp. Nr. 176: Die Genossenschaft. Dr. Verkauf: Haben die Arbeiterinnen Einfluß aus die Krankencasse? — Exp. Nr. 176: Nein. Dr. Verkauf: Bekommen Sie einen Bericht? Nehmen Sie an den Telegirtenversammlungen theil? — Exp. Nr. 17«;: Ich nicht, aber die meisten Mädchen. Frauen-EnquLte. 42 658 Dr. Verkauf: Einen Einblick haben Sie aber nicht? — Expertin Nr. 176: Wenig. Herrdegen: Waren Sie, wie Sie ausgelernt hatten, in der Lage, selbstständig einen Hut aufzuputzen? — Exp. Nr. 176: Schwerlich. Herrdegen: Sie werben aber doch bei der Genossenschaft freigesprochen. Machen Sie da kein Probestück? — Exp. Nr. 176: Ja. Herrdegen: Haben Sie auch in andere Betriebe Einsicht gewonnen? — Exp. Nr. 176: Wenig. Herrdegen: Ist Ihnen nicht bekannt, ob nicht in einzelnen Be- trieben eine sogenannte Lehrmädchenwirthschast getrieben wird? — Expertin Nr. 176: Das kommt auch vor. Einzelne sind gar nicht einmal angemeldet. Herrdegen: Wissen Sie aus den Genossenschaftsstatnten, wie viel Lehrmädchen aufgenommen werden dürfen? — Exp. Nr. 176: Zwei, höchstens drei. Herrdegen: Sie glauben, daß in einzelnen Betrieben mehr sind? — Exp. Nr. l76 : Ich weip das. Das ist eine Protectionswirthschaft. Einige aus der Genossenschaft können die Sache mit der Lehrfrau schon so ordnen, daß sie die Mädchen so ausdingen, als ob sie zwei Jahre gelernt hätten. Herrdegen: Gibt es bei Ihnen auch sogenannte Lehrfräulein? — Exp. Nr. l76: Ja. Die lernen gewöhnlich ein Jahr und müssen der Lehrfrau fl. 60 Lehrgeld zahlen. Herrdegen: Ist Ihnen bekannt, daß Lehrmädchen längere Zeit nur mit den Schachteln zu den Kunden gehen müssen? — Exp. Nr. 176 : Ja. Herrdegen: Kann in dem Geschäfte, wo Sie früher waren, mit Ausnahme der Ersten, jede Einzelne einen Hut selbstständig machen? — Exp. Nr. 176: Ja, das haben sie auch machen müssen. Ärbeitstheilung war keine. Herrdegen: Ist Ihnen bekannt, daß in manchen Geschäften Ueber- stnnden in sehr ausgiebigem Maße ohne Entschädigung dictirt werden? — Exp. Nr. 176: Das weiß ich nicht. Dr. v. Fürth: Wie werden die Uebcrstunden bezahlt? — Expertin Nr. 176: Es wird der Lohn, der aus die Stunde entfällt, berechnet. Dr. v. Fürth: Und wenn Sie Arbeit nach Hause nehmen? — Exp. Nr. 176: Die Frau kann ja berechnen, wie lange man ungefähr gebraucht hat. Dr. v. Fürth: Müssen Sie, wenn Sie eine Nacht durchgearbeitet haben, weiter arbeiten? — Exp. Nr. 176: Ja, man geht auf zwei Stunden nach Hause. Dr. Schwab: Was haben Sie für Löhne in dem Geschäfte, wo Sie jetzt sind? — Exp. dir. 176: fl. 8 monatlich; das ist eine untergeordnete Hilfsarbeiterin. Die beiden Anderen haben fl. 12. Dr. Ofner: Was heißt das, daß Sie im ersten Jahre Commissionen lernen mußten? — Exp. Nr. 176: Die ersten zwei, drei Monate wird man mit einem Mädchen mitgeschickt, um bei den Geschäftsleuten einzukaufen. Die ist schon tüchtig. Nach drei Monaten hat man sich ein bischen Fertigkeit angeeignet, da kann man schon allein gehen. Dr. Ofner: Das bezieht sich wohl nur aus Nebensachen? — Exp. Nr. 176: Ja. Dr. Schiff: Sie bekommen für die Ueberstunden das Doppelte. Wie viel entfällt gewöhnlich auf eine Ueberstunde? — Exp. Nr. 176: Pro Tag ungefähr fl. 1 30, also für eine Ueberstunde 30 kr. Baronin Vogelfang: Wie alt ist das Mädchen, das fl. 8 bekommt? — Exp. 176: 16 Jahre. Sie ist eben ausgelernt. Dr. Schwab: Wissen Sie, wie alt die ältesten Arbeiterinnen in Ihrer Branche sind? — Exp. Nr. 176: Es gibt auch sehr alte. Vorsitzender: Wie ist es bei Ihnen mit der Arbeitsvermittlung? 659 — Exp. Nr. 176: Es gibt auch ein Bureau für Modistinnen. Ich habe es noch nicht in Anspruch genommen. Auch bei der Genossenschaft ist eine Vermittlung. An diese wendet man sich aber nicht gern. Baronin Vogelfang: Warum? — Exp. Nr. 176 : Weil die Genossenschaft nicht so unparteiisch vorgeht. Sie ziehen dort Jene, die ihnen bekannt sind, vor. Vorsitzender: Wir vernehmen jetzt noch eine Expertin aus der Terracotta-Fabrikation und setzen dann die Vernehmung aus der Modistenbranche fort. Expertin Nr. 177: Ich bin beider Terracotta-Fabrikation. Ich bin seit drei Jahren dabei; früher war ich in einer Siegellacksabrik. Dort habe ich das Siegellack polirt. Vorsitzender: Was machen Sie jetzt? — Exp. Nr. 177: Ich bin beim Figuremnalen. Das ist eine schablonenmäßige Arbeit. Das wird mit der freien Hand gemacht. Vorsitzender: Wie viel sind dort beschäftigt? — Exp. Nr. 177: In der Abtheilung neben mir sind fünf, im Ganzen sind gegen 30 Personen. Vorsitzender: Haben Sie das ganze Jahr Arbeit? — Exp. Nr. 177: Ja, Aussetzen gibt es nicht. Vorsitzender: Sind auch Männer dort? — Exp. Nr. 177: Ja, Maler und Thon- und Gypsgießer; im Ganzen etwa über 100. Vorsitzender: Was machen die alle? — Exp. Nr. 177: Vasen, Figuren rc. Maschinen haben wir keine. Vorsitzender: Aus welchen Kreisen sind die Arbeiterinnen? — Exp. Nr. 177: Aus Arbeiterkreisen. Vorsitzender: Wie ist die Arbeitszeit? — Exp. Nr. 177: Von 7 bis 6 Uhr. Mittagspause ist eine Stunde. Frühstücks- und Jausenpause gibt es keine bestimmte Zeit. Der Wirth kommt in's Haus. Nachtarbeit kommt nicht vor, höchstens im Winter, da haben wir bis 9 Uhr gearbeitet. An Sonntagen wird in der Saison, aber nur bis Mittag, gearbeitet. Dafür wird der ganze Tag bezahlt. An Feiertagen wird bis 4 Uhr gearbeitet, aber nur in der Saison, zu Weihnachten, zur Leipziger Messe und auch im Herbst. Die Kündigung ist vierzehntägig. Arbeit nehmen wir nicht nach Hause. Die Arbeitsvermittlung geschieht durch Nachfrage. Eine Fabriksordnung haben wir. Dieselbe ist angeschlagen. Die Kündigungsfrist ist darin festgesetzt. Der Lohn ist Zeitlohn. Vorsitzender: Was verdienen Sie in der Woche? — Expertin Nr. 177: fl. 6 bis 7. Der Obermaler hat die Arbeit im Stück. Er bekommt für eine Figur fl. 2 bis 3. Das wird dann am Samstag zusammengerechnet, und wir bekommen Jede unseren bestimmten Lohn. Ich habe sl. 6, die Anfängerinnen, die bei den minderen Arbeiten sind, haben fl. 3 bis 4. Ist dann z. B. fl. 10 Ueberschuß, so wird das percentnell ausgetheilt. Der Obermaler bekommt 50 Percent. Vorsitzender: Wechselt der Lohn nach der Saison? — Expertin Nr. 177: Nein. Vorsitzender: Werden die Ueberstunden nach einem bestimmten Satze bezahlt? — Exp. Nr. 177: Gerade so wie jede andere Stunde nach dem fixen Lohn. Vorsitzender: Ist der Lohn der Männer in Ihrem Geschäft höher als der der Frauen? — Exp. Nr. 177: Nicht bei allen. Das Malen wird besser bezahlt. Vorsitzender: Das ist, weil die Arbeit besser qnalisicirt ist? — Exp. dir. 177: Ja. Vorsitzender: Kommt es vor, daß Sie etwas verderben? — Exp. Nr. 177: Abgezogen wird nur, wenn etwas zerschlagen wird. Wenn es eine größere Figur ist, muß man Strafe zahlen, aber nicht viel. Darüber 42^ 060 sind keine Bestimmungen in der Fabriksordnnng, das bestimmt der Chef. Das Geld kommt in eine Casse, aus der die kranken Arbeiter Zuschüsse bekommen. Vorsitzender: Haben Sie in die Casse einen Einblick? — Exp. Nr. 177: Ich nicht. Es interessirt mich zwar, aber ich kann mir keinen Einblick verschaffen. Vorsitzender: Das kommt wohl nicht vor, daß Arbeiterinnen im Geschäft wohnen? — Exp. Nr. 177: Nein. Vorsitzender: Haben Sie männliche Vorgesetzte? — Expertin Nr. 177: Ja. Vorsitzender: Wie ist das Verhältniß? — Exp. Nr. 177: Je nachdem der Vorgesetzte ist. Manche Arbeiterinnen beschweren sich. Ich kann mich nicht beklagen. Vorsitzender: Sind sie oft grob? — Exp. Nr. 177: Das kommt häufig vor. Ich bin unter Einem, der milder ist. Auch die Herren von der Fabriksleitung sind oft sehr grob, besonders mit den Leuten in der Schleiferei. Vorsitzender: Kommt es vor, daß männliche Vorgesetzte gegenüber den Arbeiterinnen sich unanständig benehmen? — Exp. Nr. 177: Das nicht. Vorsitzender: Werden Geschenke an Vorgesetzte gemacht? — Exp. Nr. 177: Nein. Vorsitzender: Wie ist das Arbeitslocäl? — Exp. Nr. 177: Es ist im dritten Stock. Es sind drei Zimmer, so groß wie gewöhnliche Wohnzimmer. In einem Zimmer sind drei, in einem zwei und in einem fünf Personen. Vorsitzender: Wie geschieht die Reinigung? — Exp. Nr. 177: Es sind zwei Reibsrauen da. Am Samstag wird Alles gerieben und geputzt. Gekehrt wird täglich. Vorsitzender: Wie sind die Aborte? — Exp. Nr. 177: Sind auch alle rein. Vorsitzender: Entwickelt sich bei der Arbeit Staub ? — Expertin Nr. 177: Ja, weil mit trockenen Farben, Kremserweiß und Bleiweiß rc. gearbeitet wird. Vorsitzender: Kommen viele Erkrankungen vor? — Expertin Nr. 177: Ich bin noch nicht erkrankt. Vorsitzender: Wie leben Sie? — Exp. Nr. 177: Ich wohne mit meiner Mutter beisammen, die Bedienerin ist. Der Vater lebt nicht mehr. Wir haben Zimmer und Küche und zahlen fl. 11. Die Wohnung ist in Währung. Bettgeher haben wir nicht. Ich habe noch vier Geschwister. Ich bin die Aelteste. Das Jüngste ist sieben Jahre. Vorsitzer: der: Wie ist Ihre Ernährung ? — Exp. Nr. 177: In der Früh Kaffee; zum Gabelfrühstück kommt der Greißler uud bringt Würstel, Butterbrot. Zu Mittag gehe ich nach Hause essen. Da bekomme ich Suppe, Fleisch und Gemüse. Abends Wurst oder dergl. Die Mutter verdient monatlich fl. 10. Von meinem Verdienst gebe ich der Mutter, was mir übrig bleibt. Ich bin in der Krankenversicherung. Ob wir bei der Unfallversicherung sind, weiß ich nicht. Vorsitzender: Wird Ihnen vorn Lohn etwas abgezogen? — Exp. Nr. 177: Wöchentlich 10 kr. Für die Unfallversicherung nichts. Dr. Schiff: Ist bei Ihnen schon ein Unfall vorgekommen? — Exp. Nr. 177: Ich kann mich nicht erinnern. Vorsitzender: Gehören Sie einer Arbeiterorganisation an? — Exp. Nr. 177: Einem Arbeiler-Bildungsverein. Vorsitzender: Lesen Sie bisweilen? — Exp. Nr. 177: Freilich, Bücher. 661 Dr. Schiff: Wie oft kommt es vor, daß Sie bis 9 Uhr arbeiten? — Exp. Nr. 177: In der Saison vielleicht durch vier Wochen. Bor Weihnachten. Dr. Schiff: Das find ja drei Ueberstunden. Ist das von der Behörde bewilligt? — Exp. Nr. 177: Bis 9 Uhr arbeiten wir sehr selten, meist bis 7 oder 8 Uhr. Dr. Schiff: Müssen Sie täglich ein bestimmtes Minimum machen? — Exp. Nr. 177: Nein. Dr. Schiff: Was geschieht, wenn Sie zu spät kommen? — Expertin Nr. 177: Montag ist bis 8 Uhr frei, aber an den anderen Wochentagen wird man gestraft. Das erste Mal wird man verwarnt, wenn es öfter vorkommt, wird man mit 10 kr. bestraft. Das kommt auch in die Casfe. Dr. Schiff: Steht das von der Strafe in der Fabriksordnung ? — Exp. Nr. 177: Ja. Dr. Ofner: Wie viel haben Sie in der Schleiferei verdient? — Exp. Nr. 177: Ich war nur acht Tage dort. Da habe ich fl. 9 bekommen. Dr. Ofner: Wie viel bekommen Sie für die Ueberstunde? — Exp. Nr. 177: 10 kr. Je nach dem Lohn. Dr. Ofner: Geben Sie Ihrer Mutter einen fixen Betrag oder Alles, was Sie verdienen? — Exp. Nr. 177: Ich gebe ihr die Hälfte von meinem Verdienst. Dr. Ofner: Wie verschaffen Sie sich Ihre Kleider und Wäsche? Kaufen Sie sie auf Raten? — Exp. Nr. 177: Auf Raten nicht. Dr. v. Fürth: Wie viel Krankengeld bekommen Sie? — Expertin Nr. 177: fl. 3-35. Baronin Vogelfang: Wie alt sind Ihre Geschwister? — Expertin Nr. 177: Ein Bruder 18, ich 20 Jahre. Baronin Vogelfang: Verdient der Bruder? — Exp. Nr. 177: Ja; der andere ist Lehrbub, die zwei kleineren sind in der Schule. Baronin Vogelfang: Was verdient er? — Exp. Nr. 177: fl. 5 In der Woche. Baronin Vogelfang: Essen Sie täglich Fleisch? — Exp. Nr. 177: Zwei-, dreimal in der Woche. Die Mutter kauft 25 bis 30 Deka. Davon essen sechs Personen. Dr. Schwab: Wie viel von den Arbeiterinnen haben fl. 6 ? — Exp. Nr. 177: Genau weiß ich das nicht. Die Mehrzahl haben fl. 3, weil die meisten in der Schleiferei sind. Dort haben die Mädchen nur fl. 3 bis fl. 4'80 und höchstens fl. 5; fl. 0 ist für gewöhnlich der höchste Lohn, aber zwei Arbeiterinnen verdienen sogar fl. 10. Das ist mit dem Ueberfchuß. Vorsitzender: Wie viel bekommen Sie Ueberfchuß in der starken Zeit? — Exp. Nr. 177: fl. 1. Das ist erst in der letzten Zeit eingeführt worden. Ich möchte noch bemerken, daß jede Arbeiterin von der Fabriksleiterin beim Herausgehen visitirt wird. Dr. Ofner: Können Sie etwas mitnehmen? — Exp. Nr. 177: Nichts. Man wird aber Abends visitirt. Expertin Nr. 178: Ich bin fünf Jahre Modistin, zwei Jahre habe ich gelernt, drei Jahre war ich Arbeiterin. Gegenwärtig bin ich zu Haufe. Wo ich war, waren 30 Personen. Wir waren im ganzen Jahre gleichmäßig beschäftigt. In der Saison war mehr Arbeit, es wurde dann aber auch das Personal vermehrt. Männer waren keine dort beschäftigt, auch keine schulpflichtigen Kinder. Wenn viel zu thun war, mußten wir Arbeit nach Hause nehmen. Es wurde jedoch kein Zwang geübt. Die Arbeiterinnen recrutiren sich aus den besseren oder mittleren Kreisen. Lehrmädchen hat es gegeben. Vorsitzender: Haben Sie während der Lehrzeit etwas bekommen? — Exp. Nr. 178: Gar nichts. 662 Vorsitzender: Wie war die Arbeitszeit? — Exp. Nr. 176: Von ' 8 bis l2 und von 1 bis 7 Uhr. Vorsitzender: Haben Sie Ueberstnnden gemacht? — Exp. Nr. 178: Als Handarbeiterin ja, als Lehrmädchen nicht. Vorsitzender: Wieviele? — Exp. Nr. 178: Das war nicht gleich. Ein >'is eineinhalb Stunden. Mehr nicht, außer die ganze Nacht. Vorsitzender: Wie oft war das? — Exp. Nr. 178: Während der Saison zwei- oder dreimal. An Sonntagen hat das Arbeitspersonal nicht gearbeitet, aber das Verkaufspersonal mußte kommen. Es war nämlich ein Ün ZroL-Geschäft. Die Kündigung war vierzehntägig. Vorsitzender: Was haben Sie verdient? — Exp. Nr. 178: fl. 18 monatlich. Das war das ganze Jahr hindurch. Die Ueberstnnden sind doppelt gezahlt worden. Die Arbeit zu Hause ist auch besonders bezahlt worden, je nachdem, was es für eine Arbeit war. Vorsitzender: Haben Sie Abzüge und Strafen gehabt? — Exp. Nr. 178: Abzüge für Zuspätkommen bestanden, und zwar 10 kr. Sonstige Strafen gab es nicht. Material konnte verdorben werden. Wenn die Frau nachsichtig war, hat sie sich's nicht bezahlen lassen, wie sie eben gelaunt war. Vorsitzender: Hat in dem Geschäft Jemand gewohnt oder die Kost gehabt? — Exp. Nr. 178: Nein. Vorsitzender: Werkzeuge sind beigestellt worden? — Expertin Nr. 178: In manchen Geschäften stellt sie der Chef bei, in anderen nicht. Vorsitzender: Haben Sie eine Vorgesetzte gehabt? — Expertin Nr. 178: Ja. Das Verhältniß war ein gutes. Geschenke waren nicht üblich. Das Arbeitslocal befand sich im II- Stock. Es war ein geräumiges Zimmer mit zwei Fenstern. Darin haben 25 bis 30 Personen gearbeitet. Vorsitzender: Wie war die Ventilation? — Exp. Nr. 118: Mittags, während wir nicht da waren, und Nachts über war geöffnet. Vorsitzender: Da mußte ja schon nach einer Stunde eine unerträgliche Temperatur sein, wenn 25 bis 30 Personen in dem Zimmer waren? — Exp. Nr. 178: Wenn es schön war, war den ganzen Tag das Fenster offen. Im Winter ist Mittags geöffnet worden. Eine andere Ventilation bestand nicht. Vorsitzender: Wie war es mit der Reinigung bestellt? — Expertin Nr. 178: Jeden Tag wurde gereinigt. Auch die Aborte wurden in Ordnung gehalten. Vorsitzender: Ist in dem Zimmer auch gespeist worden? — — Exp. Nr. 178: Nein. Vorsitzender: Mußten Sie zu Mittag immer Alle das Local verlassen? — Exp. Nr. 178: Nein. Das Zimmer ist nicht gesperrt worden. Es war aber ein Nebenraum, wo man essen konnte. Vorsitzender: Die größere Zahl der Beschäftigten wird ledig gewesen sein? — Exp. Nr. 178 : Ja. Vorsitzender: Wie war Ihre Lebenshaltung? — Exp. Nr. 178: Ich bin nach Hause gegangen. Meine Mutter hat ein Wäschegeschäft. Wir haben eine eigene Wohnung in Mariahils, zwei große Cabinete und Küche. Dort wohnen nur die Mutter und ich. In der Früh habe ich Kaffee getrunken, zum Gabelfrühstück im Geschäft, je nachdem ich hungrig war, Butterbrot oder Würstel, zu Mittag Suppe, Fleisch und Gemüse. Vorsitzender: Waren Sie versichert? — Exp. Nr. 178: In der genossenschaftlichen Krankenversicherung. Vorsitzender: Hatten Sie für Jemanden zu sorgen? — Expertin Nr. 178: Nein. Vorsitzender: Konnten Sie sich besondere Vergnügungen gönnen ? — Exp. Nr. 178: Manchmal war ich im Theater. Auch habe ich gelesen. 6Ü3 Vorsitzender: Sie dürften wohl keiner Organisation angehören? — Exp. Nr. 178: Nein. Vorsitzender: In Ihrer Branche fühlt man sich besser als die Arbeiter. Sie lesen auch keine politischen Zeitungen? — Exp. Nr. 178: Nein. Wittelshöfer: Was haben Sie zuerst für einen Lohn gehabt und wie hat sich das gesteigert?—Exp. Nr. 176: Zuerst habe ich fl. 12 gehabt. Wittelsh öfer: Haben Andere einen ähnlichen Lohn gehabt? — Exp. Nr. 178: fl. 15 und 18 war der höchste Lohn für eine Handarbeiterin in unserem Geschäft. Wittelshöfer: Welche Werkzeuge hatten die Arbeiterinnen beizustellen ? — Exp. Nr. 178: Lcheere, die Zange, die man zum Zwicken der Formen braucht. Wittelshöfer: Haben Sie mit Kundschaften zu thun gehabt? — Exp. Nr. 178: Auch, wer sich dazu verwenden ließ. Wittelshöfer: Mußten Sie da nicht etwas eleganter gekleidet sein? — Exp. Nr. 178: Nein. Dr. Ofner: War das Vorzimmer, wo Sie saßen, geheizt? — Exp. Nr. 178: Nein. Dr. Ofner: Warum sind Sie dann nicht nach Hause gegangen? — Exp. 178: Wenn man weit hat, kann man nicht nach Hause gehen. Vorsitzender: Es sind zwei Schreiben folgenden Inhaltes au die Commission eingelangt. Dieselben lauten: Euer Hochwohlgeboren! Wollen gütig entschuldigen, daß wir mit einer innigen Bitte belästigen und Ihre gütige Vermittlung in einer uns sehr nahe gehenden Angelegenheit in Anspruch nehmen. Gestern Sonntag den 19. April erhielten wir die „Reichspost" zugesendet, wo in der Enquete über die „Frauenarbeit" unter der Spalte „Concurreuzsrageu" angeführt wurde, daß zwei Schwestern aus Döbling mit einem Musterkoffer von Pfarrhos zu Pfarrhof fahren. Es ist dieses total unrichtig und unwahr, es ist noch nie vorgekommen und wird in alle Zukunft nicht geschehen, da sich dieses mit unseren Ordensstatuten gar nicht verträgt und nicht erlaubt ist. Wir sticken sehr wenig und nur, was uns freiwillig übertragen wird, da wir ja als Hauptzweck die Erziehung armer Kinder haben. Der geringe Erlös von den wenigen Stickarbeiten wird als kleine Beihilfe zur Erhaltung unserer ärmsten Jnstitutszöglinge, welche theils unentgeltlich, theils unter sehr geringen Kostendedingmftgen aufgenommen wurden, verwendet. Ich möchte daher Euer Hochwohlgeboren recht sehr bitten, diese Richtigstellung gelegentlich in der Sitzung gütigst übernehmen zu wollen, wofür wir zum Voraus unseren größten Dank aussprechen. In größter Hochachtung ergeben Schwester Assumptz v. a. Kind Jesu, Oberin. Döbling, 20. April 1896. Wien, den 19. April 1896. Löbliche Commission! So gerne ich durch meine Anwesenheit bei der heutigen Sitzung mein bescheidenes Scherflein zu dem löblichen Zweck der Enquöte beigetragen hätte, ist es mir leider nicht möglich, abzukommen, da ich vorigen » 664 Sonntag meinen Ausgang hatte. Hoffentlich werden sich andere Colleginnen einsinden, denn es wäre sehr zu bedauern, wenn die traurige Lage der T ab ak-Trafi kautinnen bei der Enauete nicht zur Sprache käme. Unsere Lage ist im höchsten Grade bemitleidenswert!) zu nennen. Wenn auch die sonstigen Arbeiterinnen nur Trauriges zu sagen hatten, ist die Schilderung unserer Verhältnisse, meiner Ansicht nach, geeignet, Alles zu überbieten. So ist es wenigstens bei mir. Meine Lebenszeit ist für mich beinahe zur Arbeitszeit geworden, denn ich schlafe auch im Geschäft. Früh Morgens um 5 Uhr werde ich geweckt und muß den ganzen Tag über, ohne die Zeit auch zum Essen zu finden, auf den Beinen sein, und zwar bis 11 Uhr Nachts. Als Erholung sind mir trotz der gesetzlich vorgeschriebenen 24stündigen Ruhezeit in der Woche an jedem zweiten Sonntag sechs Stunden, und zwar von 2 bis 10 Uhr Abends, eingeräumt. Als Entlohnung bekomme ich fl. 25 monatlich mit Wohnung, das heißt Schlafstelle und Jausenkaffee. Von diesen fl. 25 muß ich eventuelle Mancos ersetzen, deren Ursache in der mich am Abend stets überkommenden Schlafsucht zu suchen ist. Auch über die Behandlung seitens unserer Herrschaft und der Kunden wäre Vieles zu sagen, doch das Alles sind gemeinsame Leiden, und Sie werden Aehnliches von anderen Trafikantinen zu hören bekommen. Sollten Sie übrigens auf meine Einvernahme reflectiren, bin ich am nächsten Sonntag hiezu gerne bereit. Zu unserem Bedauern ist keine Tabak-Trafikantin erschienen, um hier über ihre Lage auszusagen. Wir müssen uns daher begnügen, den vorgelesenen Bries in's Protokoll aufzunehmen. Und nun, meine verehrten Anwesenden und Mitglieder der Commission, wären wir am Ende unserer Berathungen. Sie Alle sind über den Gang und die Entwicklung der Enquete genau unterrichtet. Es ist, wenn wir von der von den österreichischen Gewerkschaften veranstalteten Enquöte absehen, zum ersten Male in Wien der Gedanke zum Durchbruch gekommen, daß eine solche Privat-Enquöte von weiteren Kreisen veranstaltet werden könnte. In der letzten Zeit hat nicht nur in Wien, sondern auch an anderen Orten das Los der Arbeiterinnen vielfach die öffentliche Aufmerksamkeit auf sich gezogen, in ähnlicher Weise, wie dies in der ersten Hälfte unseres Jahrhunderts in anderen Ländern, besonders in England der Fall gewesen ist. Der Zweck unserer Enquete ist vielfach, wenigstens im Ansang und von mancher Seite her mißverstanden worden. Es konnte niemals der Zweck dieser Enquete sein. ein vollständiges Bild der Frauenarbeit in dem Sinne herzustellen, daß die Ergebnisse der Enquete widerspruchslose Bilder und Behauptungen zu Tage fördern könnten. Es ist ja die Enquete keine statistische Aufnahme. Der Zweck der Enquete konnte nur der sein, gleichsam Momentbilder herzustellen, und unsere Absicht ist vollständig erreicht, wenn es gelungen ist, auch nur in mehreren einzelnen Fällen wahre Bilder zu geben von Zuständen, wie sie existiren. Wenn von der einen oder anderen Seite gesagt worden ist, es sei in einer Branche ein Bild entstanden, das in Wirklichkeit der Mehrzahl der Fälle in dieser Branche nicht entspricht, so ist das eine Einwendung, die mit Unrecht gegen die Enquete, ihre Abhaltung und Form erhoben wird. Es ist ganz genug, wenn festgestellt worden ist, daß auch nur vereinzelte solche Fälle möglich sind, wie wir sie in der Enquete doch zu vielen Dutzenden gehört haben. Es war uns natürlich in gar keiner Weise möglich, eine absolute Vollständigkeit nach irgend einer Seite hin erreichen zu könueu. Aber wir können füglich mit Ruhe auf die Angriffe herabsehen, die gegen uns zum großen Theil persönlich und gegen die Enquöte selbst erhoben worden sind. Sie waren nicht immer vollständig reinlicher Natur. Aber auch dort, wo sie vielleicht von einem gewissen berechtigten Standpunkt gemacht Worden sind, glaube ich durch das, was ich bisher' gesagt habe, den Haupt- einwänden wenigstens begegnet zu sein. Wir baden uns den Angriffen gegenüber, die in einem Theil der Presse und von einem Theil des Unternehmer- thums gegen uns vorgekommen sind, größteutheils stillschweigend verhalten, wie das der Natur der Sache ja auch vollständig entspricht. Nicht wir wollen für unsere Arbeit, sondern unsere Arbeit soll sür uns sprechen und wir fragen uns nun heute, wo wir am Ende dieser Arbeit sind, was wir erreicht haben. Wir haben immerhin das Eine erreicht, daß wir ein wichtiges, werth- volles und belehrendes Material hergestellt haben, ein Material, das zugleich geeignet ist, die öffentliche Aufmerksamkeit in Wien auf ein Capitel der Zustände in unserem Wirthschaftsleben zu lenken, das gewiß im höchsten Grade Beachtung verdient. Endlich ist es ja wahrscheinlich oder doch möglich, daß unsere Berathungen auch noch Resultate in der legislativen Körperschaft zu Tage fördern werden, wodurch wir dann allerdings für Diejenigen, deren Schicksale wir vernommen haben, auch etwas Positives erreicht hätten. Es wird die Aufgabe der Commission sein, die Ergebnisse zu fixiren, wahrscheinlich — ich will das unvorgreiflich sagen — durch die Veröffentlichung der Protokolle in irgend einer passenden Form. Zu diesem Zwecke werden wir zu den Kosten, die uns die Enquete bisher verursacht hat, noch weitere anwachsen sehen, wir hoffen aber, daß wir sie ebenso decken werden, wie wir bis jetzt schon einen großen Theil derselben aufgebracht haben, und sind in dieser Beziehung ohne jede Sorge. Wir müssen heute, am Tage des Schlusses dieser Enquete, es besonders hervorheben, daß der Charakter der Commission dadurch bemerkenswerth ist, daß in ihr alle verschiedenen Parteien vertreten waren. Wir haben versucht, so viel als möglich diese verschiedenen politischen Parteien unseres Landes hier vertreten zu haben, und wenn nicht alle vielleicht in der Weise vertreten sind, wie sie es selbst gewünscht hätten, so ist es nicht unsere Schuld. Denn wir haben uns die größte Mühe gegeben, jeder die Vertretung nach ihrem Willen zu ermöglichen. Es muß an dieser Stelle auch der HViener Tagespresse dafür gedankt werden, daß sie unsere Verhandlungen mit Aufmerksamkeit verfolgt hat, und daß die Blätter die ausgegebenen Berichte auch zum größten Theile sehr reichlich benützt haben. Natürlich gibt es ja auch Blätter, die schon nach ihrem Umfangedie ausgegebenenBerichtenichtganz benützen konnten. Im Allgemeinen müssen wir sagen, daß die Presse sich um diese Veröffentlichungen angenommen hat. In ganz besonders hervorragender Weise müssen wir der niederösterreichischen Handels- und Gewerbekammer Dank sagen, die es uns ermöglicht hat, die Enquete in so angenehmen Räumlichkeiten vorzunehmen, in denen wir ja in diesen Wochen beinahe heimisch geworden sind. Und so können wir, bei allem Bewußtsein dessen, wie Vieles an der Enquöte mangelhaft war, doch mit einer gewissen Befriedigung von der Arbeit nicht Ab- schied nehmen, sondern nur ihren öffentlichen Theil heute beendigen. Diese Enquöte wird vielleicht die wohlthätige Folge haben, daß in späterer Zeit in anderer oder ähnlicher Form, vielleicht eindringlichere, detaillirtere und auch abgegrenztere Untersuchungen werden vorgenommen werden können. Wir bescheiden uns, den Anstoß gegeben zu haben, und schließen unsere öffentlichen Sitzungen mit dem Bewußtsein, daß wir ein tüchtiges Stück Arbeit geleistet haben, das, wenn es von allen maßgebenden Factoren gehörig beachtet wird, auch werthvolle Resultate für Diejenigen insbesondere hervorbringen kann, deren Existenz in den vielen Wochen in oft sehr lebhafter und oft auch sehr erschütternder Weise vor unseren Augen vorübergezogen ist. Wenn es uns möglich wäre, durch diese unsere Arbeit insbesondere nach dieser Richtung hin einen Erfolg zu erzielen, wenn etwa die Enquete den ersten Anstoß dazu gegeben haben sollte, daß die österreichische Gesetzgebung sich mit der Frauenarbeit eindringlicher beschäftigt, und wenn diese Enquete etwa der erste Anstoß dazu gewesen sein sollte, daß in kürzerer absehbarer Zeit von Gesetzeswegen die Lage der Arbeiterinnen materiell 666 < gebessert werden würde, so würden wir freilich jenen Erfolg sehen, den wir am lebhaftesten ersehnen, nicht etwa blos der Arbeiterinnen wegen, denen wir bessere Lebensbedingungen wünschen, sondern auch um unseretwegen, weil es für uns Alle ein beschämendes Bewußtsein ist, in einem Lande gemeinsam mit Anderen leben und arbeiten zu müssen, die kein menschenwürdiges Dasein haben. Ich erkläre die Enquete für geschlossen. Schluß der Sitzung 12 Uhr 15 Minuten Nachts. Anhang. Kleine U ebrrsicht über die Zahl der Beschäftigten inr Hutmachergewerbe «nach statistischen Erhebungen von Franz Humitsch, Redacteur der freien Hutmacherzeitung). Bom Jahre In ganz Oesterreich Speciell in Wien Hutmacher. gehilfcn Hilfsarbeiter und Arbeiterinnen*) Hutmachergehilfen Hilfsarbeiter und Arbeiterinnen 1860-70 2800 400 800 60 1870-75 2500 1600 860 240 1876- 80 2300 2400 980 900 1881-85 , 2200 3500 1100 1200 1-86-90 2180 4600 1200 1400 1891—92 2100 4800 1100 1480 1893—94 2000 5060 960 1680»*) Obwohl der handwerksmäßige Betrieb noch einen bedeutenden Umfang hat, sinkt die Zahl der gelernten Arbeiter, trotzdem jährlich in Wien allein 100 durchschnittlich freiwerden. Um nun ein Resultat über die Steigerung der weiblichen Arbeitskräfte zu gewinnen, sind in den nachstehenden Zahlen nur die in den Fabriksbetrieben in Oesterreich beschäftigten Personen grnppirt. Als Maßstab sind die Jahre 1881 bis incl. 1892 genommen. Bom Jahre Anzahl der Fabriken Hutmacher- gehilsen Hilfsarbeiter Hilss- nrbrite- rinnrrr Stasfire- rinnen Lehrlinge Insgesammt 1881-85 42 1200 1760 1740 800 86 5586 1886-90 45 1100 1650 2350 870 90 6060 1891-92 49 889 1510 3290 943 94 6726 Hier sind außer 12 Großbetrieben alle jene Betriebe eingereiht, die mehr als 20 Personen beschäftigen. Die Hilfsarbeiterinnen werden hauptsächlich nur zur gewerblichen Arbeit verwendet. ») Die Staffirerinnen sind hier nicht miteinbezogen. In Wien speciell sind durchschnittlich 900 beschäftigt- Hievon 1160 Arbeiterinnen. 667 Auf Grundlage der Statistik des Vereines der Hutmachergehilfen Nieder- österreichs gestaltet sich die Arbeitslosigkeit im Hutmachergewerbe in Wien folgendermaßen: m Jahre A n z a h l der Dauer der Arbeitslosigkeit in Wochen Durchschnittliche Dauer der Arbeitslosigkeit per Kopf in Wochen Mitglieder des Vereines am Schlüsse des Jahres Arbeitslosen Arbeitslosen- sälle 1892 1156 548 1148 7194 13'1 1893 943 552 1179 7519 13-62 1894 932 558 1209 8011 14-4 1895 927 487 1110 6015 12-35 Da der Verein Arbeitslosen Unterstützung gewährt, so wurde für unter st ütznngsberechtigte Mitglieder (nämlich für solche, die schon die bestimmte Carenzzeit eingezahlt haben) verausgabt: Im Jahre 1892 an 252 Mitglieder durch 6622 Wochen 17.134 Gulden. „ „ 1893 „ 344 „ „ 3525 „ 17.866 „ „ 1894 „ 377 „ „ 4096 „ 20.158 „ „ 1895 „ 329 „ 3371 „ 13.314 Zusammen an 1302 Mitglieder durch 14614 Wochen 68.472 Gulden. Engagements-Vertrag (abgedruckt nach dem vorliegenden Original eines Wiener Theaters), welcher zwischen Herrn.Director des.einerseits und Fräulein.andererseits abgeschlossen worden ist: ß 1. Fräulein.ist für die Kunstgattung als Schauspielerin und Sängerin, vorzugsweise II. Chorsopran an dem.in Wien engagirt, und zwar auf Grund der als Theil dieses Vertrages geltenden allgemeinen (8, und folgender besonderer (^) Bestimmungen. § 2. Das Engagement des Fräulein.beginnt mit dem Tage der ersten Vorstellung 1895 und endigt am 1., eventuell 15., eventuell .31. Mai 1896. Das vorgenannte Mitglied verpflichtet sich, zehn Tage vor Beginn des Vertrages im Engagement einzutreffen und die Proben unentgeltlich mitzumachen. Beansprucht die Bühnenleitung mehr als zehn Tage für die Vorproben, so hat sie für jeden solchen Tag die halbe Tagesgage zu zahlen. Spielgeld wird erst vom Tage der ersten Vorstellung an berechnet. 8 3. Für die pünktliche Erfüllung aller ihr obliegenden Pflichten erhält Contrahentin a) einen Monatsgehalt von Kr. 20, sage zwanzig Kronen, b) ein monatliches Quartiergeld von Kr. —, o) einen monatlichen Garderobebeitrag von Kr. —, zusammen Kr. 20, zahlbar am 1. eines jeden Monats POLtNNMtzl'NNcko. Contrahentin ist verpflichtet, in allen Doppelvorstellungen, welche die Direction namentlich an Sonn- und Feiertagen, aber auch an sonstigen Tagen zu geben für gut findet, ohne besondere Entschädigung oder Honorirung hiesür unweigerlich mitzuwirken. Der monatlich repartirte Betrag des garantirten Spielgeldes ist am 1. jedes Monats po8tnnm6i-anäo zahlbar, Abrechnung über die jährlich oder für die Dauer der Spielzeit garantirten Spielgelder dagegen erfolgt am Schlüsse jedes Contractsjahres oder jeder Spielzeit. Für Comparserie oder in Bereich derselben fallende stumme Rollen wird ein Spielgeld nicht berechnet. Fällt der Zahlungstag «68 auf einen Sonn- oder Feiertag, so finden die an diesem Tage fälligen Zahlungen am darauffolgenden Tage statt. Hat das Mitglied für längere Zeit mit der Bühne nach einem anderen Orte zu übersiedeln, so ist ihm auf Verlangen die bis zum Tage vor der Abreise verdiente Gage an diesem Tage auszuzahlen. Die Transportkosten bei jeder solchen Uebersiedlung, sowohl die Fahrt auf der Eisenbahn (für Solomitglieder II. Classe, für Chormitglieder III. Classe), dem Dampfschiff (für Solomitglieder I. Classe, für Chormitglieder II. Claffe) oder mit der Post rc., als auch die Frachtkosten der Effecten bis zu 25 Kilo Gewicht per Person, bezahlt die Bühnenleitung. Z 4. Sollte auf Ersuchen des Mitgliedes demselben ein nicht vertragsmäßiger Urlaub bewilligt werden, so verzichtet dasselbe für die Dauer des Urlaubs auf Gage und Spielhonorar. tz 5. Dem männlichen Mitgliede wird das zu den Vorstellungen erforderliche historische Costüm nach Anordnung der Bühnenleitung geliefert. Dagegen hat es die moderne Tracht, alle Kopf-, Hand- und Fußbekleidung, Tricots und Leibwäsche zu jedwedem Costüm. desgleichen Perrücken, Schminke und Toilette-Requisiten sich auf eigene Kosten anzuschaffen und ist verpflichtet, alle Weisungen der Bühnenleitung in Betreff der Frisur, des Bartes, der Schminke u. dergl. genau zu beobachten. Weibliche Mitglieder haben sich außer den Männercostümen Alles auf eigene Kosten zu stellen und sind verpflichtet, alle Weisungen der Bühnenleitung in Betreff der Haartracht, der Schminke u. dergl. genau zu beobachten. tz 6. Das Mitglied verpflichtet sich zur Mitwirkung in allen von der Bühnenleitung angeordneten Proben, Vorstellungen, Festspielen, Prologen, Concerten, lebenden Bildern und zur Comparserie. § 7. Ferner behält sich die Bühnenleitung das Recht vor, diesen Vertrag während der ganzen Dauer der Vertragszeit durch eine vorhergehende 14tägige Kündigung in allen seinen Theilen wieder auszulösen. K 8. Das Mitglied erklärt hiermit, daß dem Abschlüsse und Vollzüge dieses Vertrages in keinem Theile eine von ihm früher eingegangene oder noch nicht gesühnte Verpflichtung irgend welcher Art im Wege stehe, deren Erfüllung mit dem gegenwärtigen Vertrag unvereinbar wäre. ß 9. In folgenden Fällen wird das Mitglied jedes Rechtsanspruches aus diesem Vertrag verlustig, macht sich des Contractbrnches gegen die Bühnenleitung schuldig und verfällt in eine an dieselbe zu zahlende Conventionalstrafe von Kr. 600, geschrieben sechshundert Kronen, während die Bühnenleitung berechtigt ist, diesen Vertrag sofort zu lösen und ihrerseits aus demselben keinerlei Verpflichtung mehr hat: I. wenn sich die Unwahrheit der von dem Mitgliede in H 9 abgegebenen Erklärung herausstellen sollte; II. wenn das Mitglied zu den in § 2^ festgesetzten Terminen oder nach Ablauf eines Urlaubs sich nicht pünktlich einstellen sollte. Für eine etwaige unabwendbare Verhinderung ist der klare Beweis spätestens innerhalb drei Tagen beizubringen; III. wenn das Mitglied eigenmächtig und ohne Rechtsgrund das Engagement verläßt oder sich seinen vertragsmäßigen Leistungen auf andere Weise wiederholt oder gänzlich entzieht; IV. wenn das Solomitglied nach Abschluß dieses Vertrages ohne Erlaubniß der Bühnenleitung auf einer anderen Bühne des Vertragsortes künstlerisch wirkt. Die Zahlung der Conventionalstrafe hebt die Verpflichtung des Mitgliedes gegen die Bühnenleitung nicht aus. Contrahent begibt sich jeder wie immer gearteten Einwendung gegen die Höhe dieser Conventionalstrafe und verzichtet insbesondere aus die im > 66 !» 8 1336 bürgl. Gesetzbuch vorgebuchte Mäßigung dieser Conveutioualstrase durch den Richter. Herr Director . . . behält jedoch das Recht, außer der Geltendmachung der Conventionalstrafe, die Vertragserfüllung und den Ersatz des die Höhe der Conveutioualstrase übersteigenden Schadens zu verlangen. 8 10. Die Bühnenleitung — das Mitglied verpflichtet sich auf diesen von ih . . . unterzeichneten Vertrag nur in dem Falle, wenn derselbe von dem Mitgliede — der Bühnenleitung bis zum.mit eigenhändiger Unterschrist zurückgesendet wird. Im Falle der Minderjährigkeit des Mitgliedes ist genehmigende Unterschrift des Vaters, Vormundes rc., jedoch nur für den ersten Vertrag, bei Abschluß mit einer verheirateten Dame genehmigende Unterschrift des Ehemannes, gleichfalls nur für den ersten Contract nach Schließung der Ehe, beizubringen. 8 11. Das Mitglied erklärt ausdrücklich, daß der unterzeichnete Name der wirkliche Vor- und Gebnrtsname eventuell unter Beifügung des Theaternamens ist. Im Falle sich die Unterschrift als falsch erweist, hat die Bühnenleitung das Recht, das Mitglied ohne Weiteres zu entlassen. § 12. Insofern die Theaterleitung sich an der Prämienzahlung für Krankenversicherung betheiligt hat, kann sie für den Zeitraum, in welchem der Versicherte nach den Contractsbestimmungen wegen Krankheit Gage ohne Gegenleistung bezieht, denjenigen Betrag, welchen die Versicherungsanstalt oder Krankencasse dem erkrankten Mitgliede gewährt, von der Gage in Abrechnung bringen. Den gesetzmäßigen Stempel zu diesem Original-Contraet-Exemplar, welches in den Händen des Tirectors verbleibt,' hat das Mitglied aus Eigenem zu bestreiken, resp. durch die Direction von der ersten Monatsgage in Abzug bringen zu lassen. Beide Contrahenten bekennen, daß durch Vermittlung der Theater- Agentur .dieser Vertrag geschlossen wurde, und ist das unterzeichnete Mitglied damit einverstanden, laut Revers sich jeden Monat durch die Direction, resp. deren Beamte, an Provision 5 Percent von der Gage und dem contractlichen Spielhonorar in Abzug bringen zu lassen. L. Allgemeine für jeden Vertrag gleichlautende und giltige Bestimmungen. Z 1. Der Bühnenleitung steht zu, ganz nach ihrem Ermessen über die künstlerische Thätigkeit jedes Mitgliedes bei dem (den) von ihr zu. geleiteten Theatern zu verfügen, jedoch nur innerhalb der Kunstgattung, für welche das Mitglied sich engagirt hat. 8 2. Jedem Mitglied ist es verboten, sich bei irgend einer nicht von der Bühnenleitung veranstalteten öffentlichen Aufführung,^ sowie bei irgend einer von Vereinen öffentlich oder privatim veranstalteten Vorstellung in Ausübung seiner Kunstthütigkeit zu betheiligen, ohne hierzu von der Bühnenleitung vorher die schriftliche Genehmigung erhalten zu haben. 8 3. Das eingereichte Rollenverzeichniß (Repertoire) muß alle von dem Mitgliede bereits dargestellten oder vollkommen einstudirten Rollen, resp. Partien enthalten. Jede derselben, wenn sie zwei Bogen gewöhnlicher Rollen-, bezüglich Notenschrift nicht übersteigt, muß spätestens innerhalb viernndzwanzig Stunden, bei größerem Umfange spätestens nach zwei Tagen dargestellt werden könnem Bei neu zu lernenden Rollen muß je ein Bogen gewöhnlicher Schrift in einem Tage, bei Gesangspartien in drei Tagen gelernt werden. Die Frist läuft vom Tage der Bekanntmachung des Repertoires, auf welchem das Stück (die Oper) zum ersten Male zur Vorbereitung angesetzt ist 8 4. I. Bei Dienstunfähigkeit des Mitgliedes durch Erkrankung, welche nicht länger als vierzehn Tage ununterbrochen andauert, hat dasselbe für diese Zeit Anspruch auf unverkürzte Auszahlung seiner Gage, aber nicht auf den verhältniß- mäßigen Theil des garantirten Spielgeldes. «70 II. Bei Dienstnmähigkeit des Mitgliedes, welche durch Krankheit von längerer ununterbrochener Dauer als vierzehn Tage hervorgerufen wird, steht der Bühnenleitung vom Beginn der dritten Woche ab'das Recht zu, für die weitere Dauer der Krankheit die Gage am die Hälfte herabzusetzen. Nach Ablauf der dritten Woche der Krankheit hat die Bühnenleitung das Recht, den Bertrag zu kündigen und acht Tage darauf zu lösen. Kürzung der Gage bis auf die Halste und Wegfall des Anspruches am Spielgeld tritt jedoch in diesen Erkranknngssüllen für die Dauer der Dienst- unfähigkeit ein, wenn das Mitglied sich die Krankheit nachweislich durch eigene Verschuldung zugezogen hat III. Für wiederkehrende Krankheitsfälle treten folgende Bestimmungen ein: a) Ist das Mitglied im Laufe eines Bertragsjahres länger als vierzehn Tage inl Ganzen durch Krankheit am Dienste verhindert, so ist die,Bühnenleitung nur verpflichtet, dem Mitgliede für jeden weiteren Tag von Dienstnnfähigkeit die Hälfte der festgesetzten Gage unter Fortfall des entsprechenden Spielgeldes zu zahlen. b) Dauern die wiederkehrenden Krankheitsfälle im Laufe eines Vertragsjahres zusammen länger als 28 Tage, so ist die Bühnenleitung berechtigt, vom 29. Krankheitstage ab bis zum Wiederantritt des Dienstes dem Mitgliede weder Gage noch Spielgeld zu zahlen. ^ e) Dauern die wiederkehrenden Krankheitsfälle zusammen länger als 42 Tage, so hat die Bühnenleitung das Recht, den Vertrag ohne Weiteres zu lösen. Jede Absage muß, um nicht als Vertragsverletzung zu gelten, gehörig begründet, eine auf Unwohlsein beruhende Absage durch einen von der Direction bestimmten Theaterarzt bestätigt sein. Bei Dienstunfähigkeit, die bei verheirateten Damen während ihre Ehe oder in der gesetzlichen Zeit darüber hinaus in Folge von Schwangerschaft eintritt, füllt für sie der Anspruch auf Gage und garantirtes Spielgeld von dem Tage ab fort, an welchem die Bühnenleitung ein weiteres Auftreten für unzulässig erklärt- Bei verheirateten Chorsängerinnen und verheirateten Figurantinnen kann in diesen: Falle Minderung der Gage auf die Hälfte und Verlust des Anspruches am Spielgeld eintreten, wenn die Störung durch Schwangerschaft und Wochenbett und deren Folgen nicht über B /2 Monate dauert. Für die weitere Zeit fällt jeder Anspruch auf Gage und Spielgeld fort. 8 5. Ein Mitglied, welches eine Militär-Einbermungs-Ordre erhält, ist verpflichtet, dieselbe spätestens innerhalb 24 Stunden nach Empfang seiner Bühnenleitung urschriftlich vorzulegen; wer sich der Unterlassung dieser Vorschrift schuldig macht, kann als Vertragsbrüche erklärt werden. 8 6. In folgenden Fällen ist das Mitglied berechtigt, den Vertrag sofort zu lösen und seine ferneren Dienste und Leistungen der Bühnenleitung zu versagen, vorbehaltlich aller seiner bereits erworbenen Ansprüche am Gage, Spielgeld und etwaige Pension: wenn die Bühnenleitung, trotz geschehener Aufforderung, ihrer im Vertrag festgesetzten Zahlungsverbindlichkeit binnen dreimal 24 Stunden, nach dem Fälligkeitstermin, nicht nachgekommen ist; b) wenn das Mitglied nachweist, daß es ohne Gefährdung seines Lebens oder seiner Gesundheit überhaupt nicht mehr im Stande ist, seine Dienste oder Leistungen fortzusetzen. Das Mitglied darf der Bühnenleitung einzelne ihm angesonnene Leistungen, die entweder außerhalb der Kunstgattung liegen, wofür es sich engagirt hat, oder die nachweislich seine Gesundheit oder sein Leben gefährden, versagen. Daneben darf es sich jedoch seinen übrigen vertragsmäßigen Leistungen nicht entziehen. 8 7. Bei Unglückssällen, welche das Mitglied in Ausübung seines Dienstes durch eine Verschuldung der Bühnenleitung oder der von ihr Angestellten treffen, gleichviel wie lange die dadurch verursachte Dienstunfähigkeit andauert, behält dasselbe seine Ansprüche auf das ganze aus den: Vertrage ihn: zustehende Einkommen für die Dauer der Dienstunfähigkeit bis zum Ablauf der Vertragszeit und unbeschadet seiner sonstigen Pensions-, sowie seiner Entschädigungsansprüche, soweit letztere nicht durch eine von der Bühnenleitung bewirkte Unfallversicherung gedeckt sind. 8 8. Ueberall, wo von einem der Contrahenten zur Begründung seiner oder zur Widerlegung der gegnerischen Ansprüche auf ärztliches Zeugniß und Begutachtung Bezug zu nehmen ist, soll zuerst der Theaterarzt darum angegangen 671 werden. Für den Fall der Bestreitung dieses Zeugnisses steht der Gegenpartei, bezüglich dem Schiedsgerichte frei, das Gutachten einer medicinischen Oberbehörde oder eines als Autorität anerkannten Specialarztes unter Vorlage des theater- ärztlichen Attestes einzuholen. 8 9. Ein jeder Vertrag hat aus eine bestimmte Zeitdauer zu lauten. Jeder Vorbehalt eines einseitigen Prolongationsrechtes seitens der Bühnenleitung ist ausgeschlossen- Die Kündigungsfristen innerhalb der Bertragsdauer unterliegen dem Uebereinkommen der Vertragsschließenden. Aus die sogenannten lautenden Verträge mit beiderseitigem Kündigungsrecht findet diese Bestimmung keine Anwendung. In allen Fällen, wo ein Probemonat vereinbart ist, steht der Bühnenleitung das Recht zu, den Vertrag an jedem Tage innerhalb des ersten Engage- ments-Monats derart zu kündigen, daß der Contract nach 14 Tagen, vom Tage der erfolgten Kündigung an gerechnet, gelöst ist, und zwar unter folgenden näheren Bestimmungen: Die Kündigung von Seiten der Bühnenleitung kann nicht erfolgen, bevor nicht das Mitglied einmal aufgetreten ist, und zwar bei Solomitgliedern innerhalb des Rahmens, der durch das eingereichte Rollenverzeichmß gegeben ist, sofern das letztere den Bedingungen des § 3 ö entspricht. Ist ein Auftreten innerhalb der ersten 14 ^age des ersten Engagements- Monats durch Krankheit des Mitgliedes unmöglich gewesen, so kann die Lösung seitens der Bühnenleitung ohne jedes Auftreten erfolgen, und hat in diesem Falle die Bühnenleitung dem Mitgliede nur die Gage für 14 Tage (selbstverständlich ohne Spielgeld) als Entschädigung zu zahlen. b> Gänzliches künstlerisches Unvermögen, worüber der Bühnenleitung ausschließlich die Entscheidung zusteht, berechtigt dieselbe, schon nach dem ersten Auftreten, im äußersten Falle schon nach der Probe, den Vertrag in allen seinen Theilen ohne weitere Entschädigung, als die Zahlung von ',4 Monatsgage, zu lösen. 8 10 . Wenn ein weibliches Mitglied während der Dauer des Vertrages sich verheiraten will, so hat es seinen Vorsatz der Bühnenleitung spätestens 14 Tage vor Abschließung der Ehe schriftlich anzuzeigen. Die Bühnenleitung hat in solchem Falle das Recht, den Vertrag zu kündigen und vom Tage der Hochzeit an zu lösen, und bleibt nur bis zu diesem Tage zur Zahlung von Gage und Spielgeld verpflichtet. Wenn die Bühnenleitung binnen einer Woche, vom Tage der Anzeige an gerechnet, den Vertrag nicht schriftlich kündigt, bleibt derselbe in Kraft. Sollte sich das Mitglied verheiraten ohne vorherige Anzeige bei der Bühnenleitung, so steht letzterer, sobald sie es erfährt, das Recht augenblicklicher Kündigung oder Entlassung des Mitgliedes zu, auch erlöschen damit alle Ansprüche desselben aus dem Vertrage, vorbehaltlich der bereits verdienten Gage, sowie des bereits verdienten Spielgeldes. Auch in diesem Falle muß die Bühnenleitung ihr Recht spätestens binnen einer Woche nach erlangter Kunde von der Verheiratung ausüben und dies dein Mitgliede schriftlich anzeigen, widrigenfalls die Bühnenleitung dessen verlustig geht. Durch Eingehung der Ehe wird das Mitglied nicht berechtigt, das Engagement vertragswidrig und eigenmächtig zu lösen, sonst verfällt es in die im Theil 4. festgesetzte Conventionalstrafe. Doch hebt die Zahlung der Conventional- strafe die Verpflichtungen der Contrahentin gegen die Bühnenleitung nicht auf. 8 1T In folgenden Fällen ist die Bühnenleitung berechtigt, den Vertrag sofort zu lösen und das Mitglied zu entlassen, ohne daß dasselbe weitere Ansprüche daraus erheben dürfte, als auf Zahlung der Gage und des wirklich verdienten Spielgeldes bis zum Tage der Entlassung: a) Wenn das Mitglied in wiederholten Fällen die ihm übertragenen Rollen (Partien) nicht m den nach 8 3 der allgemeinen Engagements-Bedingnisse angeordneten Fristen genügend memorirt und dadurch erhebliche Störungen des Spielplans oder der Vorstellungen verursacht; b) wenn das Mitglied trotz ergangener Warnung der Bühnenleitung in Widersetzlichkeit gegen Anordnungen der Bühnenleitung oder der von ihr zum Erlaß der Anordnung Beauftragten beharrt, insbesondere die Uebernahme, resp. Ausführung einer ihm vertragsmäßig obliegenden Verpflichtung, beziehentlich einer ihm zugetheilten Rolle oder Partie, trotz wiederholter Aufforderung, beharrlich verweigert; e) wenn das Mitglied Vorschriften der Disciplinar- und Hausordnung absichtlich übertritt und trotz der dasselbe dastir treffenden Strafen in Widersetzlichkeit fortfährt; Zustand verheimlicht hat. Letzteres bezieht sich auch am weibliche Mitglieder, die beim Abschlüsse oder während der Vertragsdaner den Zustand der Lchwaugerschast wissentlich verschwiegen haben. In diesen beiden Fällen (t' und 8) darf die Entlassung nicht in eine Geldstrafe umgewandelt werden. 8 12. Wird das Mitglied durch Abnahme seines Gedächtnisses, Gehörs oder Gesichts, durch Verlust der Stimme, Lähmung oder Entstellung dienstunfähig, so hat die Bühnenleitung das Recht, den Vertrag zu kündigen und nach zwei Monaten zu lösen. Ist diese Dienstunfähigkeit erweislich durch eine Verschuldung der Bühnenleitung, bezüglich der von letzterer Angestellten verursacht, so finden die Bestimmungen in 8 7 der allgemeine n Eugagemeuts-Bediugnisse Anwendung. 8 13. Im Falle der motivirten Contractbrnchs-Anmeldung ist die Bühnenleitung berechtigt, vom Tage der Anmeldung an nieder Gage noch garantirtes Spielgeld an das Mitglied zu zahlen, jedoch verpflichtet, bis zum Austrage des Procefses die jedesmal fällig werdenden Beträge bei der gesetzlichen Hinterlegungsstelle zu deponiren. 8 11. Wird das Theater durch Brand oder sonstige Elementar-Ereignisse zerstört oder wird bei Krieg, politischen Unruhen, Epidemien oder anderen die öffentliche Wohlfahrt in ähnlicher Weise schädigenden Ereignisse das Theater von der Staatsbehörde am unbestimmte Zeit geschlossen, so ist die Bühnenleitung zur , sofortigen Lösung des Vertrages berechtigt. Wird das Theater von der Staatsbehörde wegen Landestrauer oder wegen j nothwendiger und amtlich angeordneter Baureparaturen aus nicht länger als drei Tage geschlossen, so bleibt der Vertrag bestehen, und die Bühnenleitung ist zur Zahlung der Gage verpflichtet. Wird jedoch das Theater am mehr als drei bis acht Tage geschloffen, so ! bleibt der Vertrag bestehen, die Bühnen-Verwaltung ist aber nur verpflichtet, von: ersten Tage der Schließung an ein Drittel der Gage zu zahlen. Bei behördlich erfolgter Anordnung einer längeren Schließung des Theaters steht der Bühuenleitung an jeden: Tage eine achttägige Kündigung des Vertrages frei, doch müssen Gage und Spielgeld bis zum -tage der Schließung voll bezahlt werden. ... ., ^ , Bei Krieg, politischen Unruhen, Epidemien und anderen ine ösfeutllche Wohl- , fahrt in ähnlicher Weise schädigenden Ereignissen hat die Bühnenleitung, ohne daß behördlicherseits eine Schließung des Theaters verfügt wird, das Recht, den > Vertrag nach vorausgegangener achttägiger Kündigung aufzulösen, während welcher ^ acht Tage gleichfalls nur Ziehe M 3) ein Drittel der Gage zu zahlen ist. j In allen Fällen der Kündigung wegen Schließung des Theaters kann die .Kündigung, soweit das Künstlerpersonale in F.age kommt, nur gegen die Gesammtheit einer Kunstgattung, desselben erfolgen. 8 15. Besteht das Solomitglied in der Zeit, in welcher das Theater alljährlich geschlossen ist, von der Buhnenleitung vertragsmäßig kein Einkommen, so kann es während dieser Zeit an der freien Verwerthung seiner Berufsthätigkeit an auswärtigen Bühnen nicht gehindert werden. 8 16. Die Buhnenleitung sowohl, wie das Mitglied unterwerfen sich in allen in Bezug aus den zwischen ihnen abgeschlossenen Vertrag, namentlich in allen streitigen Fällen die Conventionalstrase betreffend, unbedingt der Entscheidung des an dem jeweiligen Wohnsitze des Herrn.iTheaterdirectors) competenten k. k. Bezirksgerichtes und dem Summarversahreu- 8 17- Jedes Mitglied ist verpflichtet, sich die von der Buhnenleitung verhängten Ordnungsstrafen von seiner Gage abziehen zu lassen. 8 18. Die von der Directiou erlassene allgemein giltige Disciplinar- und Hausordnung bleibt in Kraft, insoweit sie nichts enthält, was diesem Vertrage zuwiderläuft. Vorstehender Vertrag, einschließlich der allgemeinen Bestimmungen, ist von beiden Theilen gelesen, genehmigt und eigenhändig unterschrieben worden und besitzt jeder der Contrahenten ein vollkommen gleichlautendes Exemplar. Fragebogen. Benutzt bei der Einvernahme der Experten. I. Wie lange im Betriebe? — Vorher wo? II. Zahl der Beschäftigten? Während der Saison und nach derselben? — Männer, Frauen, Kinder? — Welche Artikel erzeugt? — Motorenbetrieb? — Neben Werkstätten- auch Hausarbeiterinnen? — Arbeiterinnen aus welchen Kreisen? — Lehrmädchen? — Arbeitsvermittlung? III. ?ohn: Wie wird Verdienst berechnet? — Verschieden nach Saison? — Ausgaben für Rohstoffe rc. ? — Ueberstnndeu wie gezahlt? — Höhe des Hohnes? — Arbeit nach Hause Abends? — Entlohnung derselben? — ?ohu von Männern, Frauen, Kindern? — Abzüge? — Strafen? — ?ohn der Heimarbeiterinnen? II. Arbeitszeit? Lag und Nacht? — Pausen? — Sonn- und Feiertage? — Sommer und Winter? — Saison? — Kündigung? Frauen-Eiiqin'te. 43 674 V. Truck: Wohnung? — Kost? — Stoffe? — Werkzeuge? — Beleuchtung? — Preis? — Geschenke an Vorgesetzte? — Art der Ernährung? VI. Arbeitslocal: Wo? — Parterre, Stock? — Sanitäre Anforderungen? — Abort? — Fenster wohin? — Wie viele Zimmer? — Wo wird gespeist und geschlafen? VII. Sittlichkeit: Vorgesetzte Männer oder Frauen? — Werkstätte iür Männer und Frauen gemeinschaftlich? — Ueberwiegend Ledige oder Verheiratete? VIII. Lebenshaltung: Wohnung? — Mahlzeiten? — Erholung und Geselligkeit? — Vereine? — Unfall- und Krankenversicherung? — Unterstützung durch Dritte (Eltern, Verwandte :c.)? — Sorge für Tritte (Kinder, Eltern rc.) ? Löbne von Arbeiterinnen» welcbe bei der niederösterreicbiscben ^llnkallversicberungs-Anstalt rentenberecbtigt wurden. I. Effertive Iahresverdienste in den Jahren 1699 bis 1695. Altersclasse n ^ S ! ' 7' 7 7 7 0 7 Bis zum 15. Altersjahre . - H 1ö 1 ! Voiii 16. bis 20. Altersjahre . Ü 77 . „ 21. „ 25. . ! 31 „ 26. „ 30. 34 „ 31. „ 35. 12 36. „ 4i). . ' 32 „ 41. 45. 24 „ 46. „ 50. . ^ 18 „ 51. „ 55. „ ^ 17 „ 56. .. 60. ^ 4 . „ 6l. „ 75. ! 9 76 und mehr Altersjahre - . ! - Unbekanntes Alter. l! 10 . > Zusammen n 2d3 > 1 > . ! . ! . >> > l i l . > 1 ! 2 > ! 3 ! 4 ! ! Von diesen Arbeiterinnen hatten einen Jahresverdienst in der Höhe von Gulden österr- Währung l; 8 ! 3 ! 12 >22 2^ 2^ >22 2 <2 >rr 2^ 70 77 -l- .er 70 70 70 70 70 70 70 > 70 70 70 7 70 7 Z, I ! ! P 7 ! 22> 07 ur 70 70 70 70 70 70 7? 70 70 70 71 1 1 1 1 2 4 6 4 4 3 5 7 I 4 1 3 1 8 1 1 2 2 1 1 1 3 1 1 2 2 2 2 1 1 2 1 2 2 1 1 1 I 1 1 1 3 1 2 1 3 1 1 2 1 1 2 3 2 1 1 1 2 -- 2 1 1 2 2 1 1 3 1 1 1 1 1 1 1 1 1 1 1 1 2 3 2 - '1 - - 2 20 22 12 14 11 10 12 0 3 8 8 4 ^r 22 >22 >22 0 22 »er >22 > 22 > ! «er ! .er 0 rer 0 I s 77 >22 rO > 7Xl 70 70 or 's 's 2-2 c<2 ^2 7 ! r<7> > rir l ^ l ! P P, P rO ! r2 > l ^ ! ! rs ! ! ! ,! ! 7X1 7^4 -0 .er .er E ! ! 70 -22 r<2 <77 77 or > -O I n > ! 2 2 1 1 1 1 1 1 1 1 1 1 1 2 1 1 1 1 2 1 1 i 1 1 1 1 2 . . 1 - 1 1 1 1 1 1 1 1 1 1 1 1 1 1 1 . , 3 5 3 3 3 1 2 1 2 1 5 1 1 2 3 1 1 1 1 2 1 1 2 Ev hatten einen ^sverdleust von Gulden. unter 150 151-175 Daher einen durclKttlichen Wochenverdienst von Gulden . . . unter 2 88 2'89-3'36 Ärbeiteriniien . . '. 5 g Percent aller Arbsnnen. 1-7 24 41 176—200 3'37—3-84 33 11'5 201—225 385-432 82 289 Zul^rnrnenf«a ssun g. 226-250 251-275 433-480 4-81-528 50 35 17-6 123 276—300 529—5 76 18 6-3 301—325 577—6-24 17 62 326 — 350 6'25 -6 72 10 35 351—375 673-720 10 3-5 376-400 7-21-?68 2-4 401-425 7-69-816 4 1-4 426—450 8-17-8 64 4 1-4 über 450 über 8 64 2 0-7 Zusammen Altersclasse n Bis zum 15. Altersjahre - . . 31 ^ Vom 16. bis 20. Altersjahre . 15» „ 21- „ 25. 90 „ 26. „ 30. 59 " 31. „ 35. 39 " 36. 40. 49 „ 41. „ 4^. 43 " 46. „ 50. 25 ^ » öl. „ r;5. „ 35 i " »6. 60. 24 ! " 61. „ 75. ^ 12 ! /6 und mehr Altersjahre . . . ! Unbekanntes Alter. 2 70-3 11. Berechnete Iahresverdienite in den Jahren 1669 bis 1695. 25-4 559 1 ! . 1 1 3 i 1 8 I 1 3 > 6 ! 2 > 2 i > .er crr 7 ! rs Ä 22 7 irr irr § 7 ro 161-165 0 7 rO .rr i-- 0 7 00 7 O or 7 rO 77- 7 7 Zr 7 70 70 7 70 77) 70 70 > 70 74 70 70 70 77> 70 rL 70 70 >rr 70 ! -77 70 7 K 70 -ti 70 '81 ! rs 70 > .er 70 1 1 5 9 2 . 2 5 1 2 1 2 3 1 - 1 3 6 6 3 2 9 17 5 10 9 5 7 7 2 2 1 1 1 1 1 1 4 2 2 1 2 8 3 4 4 2 2 4 1 4 3 ! 1 1 1 2 1 1 1 2 4 3 4 4 3 2 2 1 1 1 1 1 3 4 4 2 1 3 1 2 c 1 1 1 2 1 2 1 5 1 a i 2 2 4 3 1 4 2 7 8 _2- 2 6 1 2 2 2 z 2 1 2 3 3 1 3 1 1 1 l 1 1 1 1 1 4 4 3 7 1 3 2 1 2 - 2 3 6 4 2 2 1 , 2 1 1 1 1 1 2 ' 1 - 'l ' - 'l - - Bon diesen Arbeiterinnen hatten einen Iahresverdienst in der Höhe von Gulden öftere Währung 11 ! 14 l 10 i 17 I 15 ! 36 ! ! ! ! > 69 I 25 ! 85 ! 38 > 15 4 15 5 3 1 , 2 ! > ^2 ! 1 Es hatten einen Zieslohn von Gulden. unter 150 151—175 Daher einen durchjittlichen Wochenlohn von Gulden.unter 2 88 2-89—3 36 Arbeiterinnen . . !. 24 45 Percent aller Arbeiniien . 4-2 26 176-200 337-3-84 67 11-9 201-225 3 85—4-32 203 363 20 ! 22 i 7 14 ! 12 30 i 12 ! ^ ! ! Iuhrrnmenfclssung. 226—250 251—275 4-33-480 481-528 78 71 13-5 127 r2> j n 4 ^ 11 2 ! 15 ! 2 ! ! ! > I > l ! ^ l-2 -er 70 77 .er >22 77> 7 ... > 77 ! i 77 i 22> l I ' > 1 22 l 70 70 77 ! 77 >O 77 > 77 _ 22 2 ! 1 1 2 11 ! 6 ^r >22 22 s >22 >22 0 0, ^2 >22 ro j l l I I irr 1 .rr j .rr 1 ! 17) ! ! ! > rv ! 7—^ sr 0 «2 0 !7!2 »22 >22 >22 _ 276-300 5'29—5 76 36 64 301—325 5'77—6 24 25 44 326 -350 6 25—6'72 14 2 5 351—375 6-73-7 20 10 17 376-400 721—7-68 6 1-0 401—425 7-69-8-16 4 0-7 426—450 8-17-8-64 3 0-5 über 450 über 8 64 3 0-5 6-8 74-4 17-7 Arsenal Bäckere Banger Blume: Buchbi: Bürste: Carton Bin Cigaret 617 Confect Cravat Dachde Fächer- Färber> Federns Fischbci Flasche Franse: Galva: Gasgli Goldsti Gmnm Hadern Handln Handsö Hntina lruteral Kamnn Kürsch: Vanipei Abliefe Aborte 364 - gen Ü6, - M: Branchen-Verzeichniß. Arsenalarbeiterinncn. 367, 563. Bäckerei. 412, 515. Baugewerbe. 324. Blumenmacher. 56, 249. Buchbinderei und Cartonnage- 14, 284. Bürsten- und Pinselmacher. 275. Cartonnagewaaren-Erzeugnng. (Siehe Buchbinderei.» Cigarettenpapier-Erzeugung. 120, 505, 617. Confection- 161, 258, 605. Cravattennäherei- 446, 611. Dachdeckergewerbe. 262. Fächer- und Kammmacher. 110. Färberei. 559. Federnschmücker. »Siehe Blnmenmacher ) Fischbcin-Jndnstrie. 388. Flaschenkapsel-Erzeugung. 359, 547. Fransenknüpierei. 654. Galvanisiranstalten- 88. Gasglühlicht-Erzeugung. 97. Goldstickerei. 101, 398, 540. Gummiwaaren-Erzeugung. 565. Hadernsortirerei. 115. Handlungsangestellte. 578. Handschuh-Erzeugung. 375, 498. Hnlmacherei. 101, 380, 666. Iutesabrikation. 530. Kammmacher. (Siehe Fächerniacher.) Kürschiier. 519. ^ampen-Erzeugnng. 364, 371. Veder-Jndustric. 487, 504. Metall-Industrie. 94, 100, 341, 501. Metallschlägerei. 51. Metallschleiferei. 78. Mieder-Erzeugung. 204, 232, 239, 444. Modistinnen. 656, 661. Papier-Consection- 126. Psaidlerei. 435. Posamentirerei. 181. Privatbeamtinnen. 668, 592. Schirm-Erzeugung. 590. Schneiderei. 129, 391. Schraubemabrik- 374. Spenglerei- 419. Steindruckerei. 2. Stickerei. 597, 619. Strohhut-Erzengung. 573. Tabakfabrik. 451. Tabak-Trankantinnen- 663. Telephonistiimen- 589. Terracotta-Arbeiterinnen. 643, 659. Textil-Industrie- 399, 524. Theaterwesen. 620, 667. Thierarznei-Jnstitut. 496. Wäsche-Erzeugung. 202, 213, 234, 242, 638. Wäscherei-Arbeiterinnen. 243. Zeitungsausträgerinnen- 645. Iiegelarbeiterinnen. 305. Znckerbäckerei- 40, 335. Sachregister. A Abliefern, Zeitverlust beim. 343. Aborte. 2, 34, 254, 299, 302, 313, 350, 364. — gemeinsame kür beide Geschleckter. 96, 168. — Mangel an. 65. Abzüge. 9, 10, 14, 24, 35, 81, 115, 118' 181, 186, 209, 235, 329, 342, 362' 426, 431, 458, 459, 530, 556. — willkürliche. 408. Accordsystem. Einfluß am die Pause. 26, 36, 481. Accordarbeit, ihre Intensität gegenüber Zeitarbeit. 26. 43 * 676 Accordlöhne. *> Accordlohn und Minimalleistuug. 554. Advoeaturskanzleien, Frauenarbeit in. 572, 580, 595. — Lohll. 583, 595. Almosencasse. 485. Almofengeld. 463, 465. Alter. 4, 15, 17, 19, 20, 29, 34,42, 50, 60, 143, 167, 172, 186, 192, 195, 200, 208, 287, 288, 291, 295, 300, 401, 404, 414, 420, 425, 437, 445, 451, 452, 456, 480, 501, 507, 520, 525, 529, 541, 549, 559, 625. — Behandlung der älteren Arbeiterinnen. 177. — und Entbindungen. 148. — und Todesfälle. 148. Amangslohn.^) 46 kr. pro Tag. 456. — 50 !4. pro Tag. 35, 39, 164. — 60 tr. pro Tag. 394. — 68 kr. Pro Tag. 403. — fl. 1. 31, 32, 39, 127. — fl. 1 20. 441. — fl. 1'50. 52, 181, 479, 611. — fl. 1-70. 52. — fl. 1-80. 30. — fl. 2. 22, 28, 251, 356, 444. — fl. 2-50. 527, 530. — fl. 3. 26, 27, 94, 336. — fl. 3-50. 300, 426, 521. — fl. 4. 26, 186, 196, 297. — fl. 4-50. 89. — fl. 5. 541. — fl. 6. 493. — fl. 5 monatlich. 578. — fl. 10 monatlich. .585, 657. — fl- 12 monatlich. 663. — fl. 20 monatlich. 588. — fl. 30 monatlich. 592. Antifemiten-Verein- 501. Appretur. 403. — Löhne. 403. Arbeit, sinkende Intensität der. 343. Arbeiter, Benehmen der. 327. — Bäckerei. 414. Arbeiterinnenansschns;. 452, 483, 558, 562, 568. Arbeiterkäche. 460. „Arbeiter-Zeitung". Lohnverhältnisse. 653. Arbeitsbuch, Fehlen des. 398. Arbeits-Jntensität und Lohnauszahlung. 552. Arbeitskraft, Abnahme der. 47. Arbeitslocale. 84, 85, 93, 136, 292, 301, 352, 397, 447, 569, 615. Arbeitslosigkeit. 667. Arbeitsordnung, Mangel der. 10, 53, 75, 513. Ta beinahe alle Lohnangaben sich auf Accoidlöhne beziehe», unterblieb der separate Ausweis der Aceordlöhne. **) Mo bei Lohnangaben eine nähere.Bezeichnung fehlt, ist Wochenloln gemeint. Arbeitsordnung, Nichtbeachtung der. 36. Arbeitsschulen, Concurrenz deZ 541. Arbeitstheiluug. 41. — Einfluß der A. am die Frauenarbeit. 15. — und Großbetrieb. 421. Arbeitsunfähige, Behandlung der. 97, 100 . — Entlassung der. 85. — Versorgung der- 268, 465. Arbeitsvermittlung. 8, 20, 24, 29, 45, 168, 417, 432.' — und Genossenschaft. 496. — Mangel an. 642. Arbeitswechsel. 164, 177, 361. Arbeitszeit. — 7stnndig. 581, 589, 594. — 8stnndig. 592, 598. — 8' »ständig. 130. — 8^ «ständig. 563. — 9ständig. 92, 109, 325, 394, 427, 431, 496, 587, 656. — 9V?ständig. 4, 9,83,159,303,457,480. — lOständig. 4, 16, 25, 29, 30, 31, 33, 39, 42, 53. 87, 98, 128, 155, 171, 275, 27.8, 29K, 300, 328, 337, 343, 348, 351, 354, 356, 361, W8, :472, 37Z, 389, 400, 406, 430, 440, 490, 502, 507, 513, 520, 522, 541, 551, 560, 565, 568, 574, 588. — 10' -ständig. 101, 241, 250, 403. — Ilständig. 53, 54, 61, 68, 104, 112 120, 123, 126, 140, 144, 151, 152, 155, 182, 191, 193, 197, 201, 203. 207, 208, 209, 211, 214, 229, 232, 236, 243, 261, 385, 423, 436, 438, 446, 447, 524, 532, 585, 606. — Unständig. 251, 253, 257, 259. — Mündig. 306, 499, 528. — Mündig. 247, 319, 494. — 13'/-ständig. 255. — Mündig- '163, 314, 422, 489, 579. — Mündig. 151, 216, 269, 520. — 16ständig. 57, 114. — lOV-ständig. 48. — Inständig. '265. — Mündig. 57, 98, 223, 415, 508, 578. — 19ständig. 518. — 20ftändig. 59. 62, 145, 245. — 23ständig. 255, 543. — ihre Beeinflussung durch die Taifun. 18, 163, 201, 212. — und Abnahme der Arbeits-Jntensität- 560, 561. — und Jahreszeit- 480. — in Kleinbetrieben- 423, 489, 490. — in den Großbetrieben im Verhältniß zu der in Kleinbetrieben. 16. — unregelmäßige. 28, 35, 245, 259, 591, 595. — willkürliche Verlängerung der. 115, 118. — unbegrenzte. 376. Arbeitszeit und Organisation. 534. — und Strike. 318, 321. — bei Zwischenmeistern. 523. — und Arbeltsgnantum. 562. Arsenalarbeiterinnen. 367 , 563. — Löhne- 369, 563, 564. Assentirung- 456. Ausgang. 48. Ausland, größere Arbeitsleistung des. 184. — größere Intelligenz. 185. — seine Ueberlegenheit in der Ausbildung der Arbeiter. 183. Ansschußfranen. 462. Aussetzen. 22, 24, 35, 36, 38, 44. 154, 290, 344, 365, 424, 549. — durch Monate. 104, 121, 130, 149, 257, 432. — 6 Monate im Jahre. 101. — Wechsel beim. 44. — nach Willkür. 101. S. Bach'sche Schule. 546. Bäcker- 412. Bäckerei. Lohn. 414, 415, 418. Bankbeamtin. 593. — Lohn- 594. Baugewerbe- 324. — Löhne. 324, 325, 326, 327, 328, 329, 330, 333. Behandlung der Arbeiterinnen. 50. Benehmen der Chefs. 11, 54, 72. Berichtigung durch ein Kloster. 663. Berufskrankheiten. 5, 6, 34, 40, 41, 44 49, 53, 60, 64, 76, 89, 91, 94, 99 117, 123, 144, 146, 185, 188, 203, 206, 228, 233, 276, 328, 342, 359. 380, 384, 404, 419, 421, 426, 430 438, 141, 452, 466, 467, 468, 483, 503, 524, 537, 587, 589, 600, 604, 655. — ihre Bernlinderung durch Maschinen. 6. Beschwerden. 511. Bessere Stände, ihr allmäliges Eindringen in die Arbeiterschaft. 74. Belleckgießerei- Accordlöhne. 352. Betriebs-Krankencasse. 307. Bettwaren-Arbeiterinnen, Nichterscheinen der. 222. Blaumachen. 552. Btechsystem. 326. Bleicherei. 527. — Löhue. 529, 530. Blumenmacher. 249. — Arbeitszeit. 62. — Berufskrankheit. 60. — Löhne- 250, 251, 253, 254, 255, 257. — Productionsproceß. 56, 57, 58. Bronziren- 304, 550. Bronzirmaschinen. 512. Buchbinder. Unternehmer. 284. Buchbinderei. Accordlohn. 284, 285. — Arbeitszeit. 10, 16, 25, 30, 31. — Arbeitsvermittlung. 24. — Ernähruugsverhältnisse. 22, 25. — Löhne. 15, 21, 24, 26, 28, 31. — Kinderarbeit. 23. — pausen. 22. — L>onntagsarbeit. 22, 25. — Technik der- 14. Buchhalterin. 595. Büglerin. Löhue. 640. Bühnencontract. 631, 667. Bürstenmacher- 275. — Löhue. 280, 282. — Stücklöhne- 278, 279, 283. C Cantiuenweseu. 326, 330. Cartonnage-Arbeiterinnen. Alter- 17. Cartonnage-Industrie. Accordlohn. 297. — Arbeitszeit. 33, 39. — Berufskrankheiten. 85. — Löhne. 17, 35. 38. 39, 297, 299, 300, 303. — Saison- 18. — Technik der. 16. — Unternehmer- 295, 297. Cartellverband der deutschen Bühnen. 630. Chorpersonale. 625. — Gagen. 626, 627. Cigarettenhülsen. Accordlohn. 509, 514. — Löhne. 125, 510, 515. — Productionsproceß. 506. — Unternehmer. 513. Cigarettenpapier. Prodnction. 120. — Arbeitszeit. 120, 123. — Berufskrankheiten. 123. — Löhne. 120, 122, 123, 508, 513. — Unternehmer. 505. Cigarettenspitzen- Löhne. 577. Clavierspielerm. 646. Commission der Euguöte. XV. Concurrenz, ihr Einfluß auf die Löhne- 4, 299. — durch Jrauen aus dem Mittelstand. 131, 179. — der Provinz. 7. Consection. 161. 258. — Branche. 258. — Accordlohn. 155. — Arbeitszeit. 144, 163. — Löhne. 136, 137, 142,144, 149, 156 163, 260, 262, 606, 607, 610. — Productionsproceß. 132. — Unternehmer. 605. Conservatorium. 622. Conservenbüchsen-Jiidnstrie. 433. — Accordlöhne. 434. — Löhne. 433. ContractbruchderSchauspielerinnen.630. 678 EonventionalstrarederSchauspielerinnen. 631. Eouvertsabrik. 126. — Löhne- 27, 126. Cravatten. Zwischenmeister. 611. Cravattennäherinnen- 446. — Lohn. 446, 447, 448, 450, 611, 612, 613, 614, 615. D. Tachdeckerbranche. 262. — Löhne- 265, 266. 271, 273. Damenschneider. 391. Damenschneiderei. Löhne. 145. Damen - Stenographen - Centralverein- 593, 595, 596. Dessineurin. Lohn. 601. Dosenfabrik. Arbeitslocale- 93. Durchführung der Engudte. 1. Durchschuittslohu. st. 2—3. 31, 612. — st. 2—4. 38. — st. 3-6. 41. - — st. 4—5. 98. — st. 5—6. 21. — st. 6—7. 24. — st. 1. 178. — st. 2. 151. — st. 3. 47, 253. — st. 3 50. 17, 385. — st. 4. 2, 50, 441, 508, 513, 612. — st. 4-20. 17. — st. 4-50. 17, 39, 104, 329, 333, 350, 427, 430. — st. 5. 17, 339, 341. — st. 5'40. 513. — st. 5-50. 193, 376, 386, 478, 508. — st. 6. 241, 352, 566. — st. 6 50. 515, 559. — st. 7. 487. — st. 1 Pro Tag- 163. G Einschirren der Frauen. 263. Elevinnenschnlen. 636. Euquöte und Lohn. 446. — und Reinigung. 446. Entlassung wegen vorgeschrittenen Alters- 46. — wegen Klagen über den Werksührer. 95. — wegen Zugehörigkeit zu einer Organisation. 98. Entbindungen und Alter- 148. Erholung. 204. Ernährung. 22, 25, 30, 33, 36, 37, 39, 53, 55, 96, 105, 125, 147, 166, 171, 192, 204, 207, 209, 217, 229, 238, 239, 240, 244, 268, 274, 282, 302, 318, 319, 321, 330, 333, 340, 344, 351, 352, 355, 357, 363, 369, 373, 379, 382, 383, 409,418,429, 431,442. Erhaustoreu. 512, 531, 534, 549- Erpertinnen, Schwierigkeit in der Beschaffung von. 101, 110, 180, 375, 432, 577, 580. Erport und Löhne. 424. L Fabriksärzte. 467. Fabriksküchen 453, 461. Fabriksordnunq, Mangel an. 55, 207, 234, 521. ' Fächermacher. 110. — Arbeitszeit. 112. — Löhne. 110, 112, 113. Fachverein 149, 401. — Unterricht im. 175. Falzerinnen-Löhne- 286, 289. Familienangehörige, ihre Betheiligung an der Hausarbeit. 45. Färberei. 399. — Löhne. 400, 402, 560, 561. — -Prodnctionsproceß. 399. Fasching und Unfälle. 553. — Unternehmer. 559. Federnschmückerei, Arbeitszeit. 68. — Berufskrankheiten. 64, 76. — Lehrlingszüchterei. 65, 71. — Löhne. 66, 67, 78, 75, 76. — Nachtarbeit- 68, 72, 76. — Nahrung. 69, 72, 76. — ^rodnetionsproceß. 63. — ^ittlichkeitsverhältnisse. 73. — Sonntagsarbeit. 65, 74. — Ueberstunden. 68. — Wohnung. 76. F-edernschmückerinnen. Heimarbeit. 65. Fehlgeburten. 468. Feiertagsarbeit. 108, 328. — Lohn. 203. Fischbeimabrikation. 388. — Löhne. 389. Flaschenkapsel-Erzengnng. 359. — Accordlöhne. 359. — Löhne. 362, 553, 554, 555. — Prodnctionsproceß. 547. — Unternehmer. 547. Fleischnahrung. 40. — Mangel an. 9, 11, 99, 162. Fleischpreise. 272. Flnctnation der Arbeiterinnen. 17, 19. Fragebogen- 673. Fransenknüpserinnen. 654. — Löhne. 655. Frauenarbeit im Verhältniß zur Männer- arbeit- 15. — größere Verwendung bei Massenartikeln- 80- — schwerer als Männerarbeit. 79. Franenerwerbverein. 542. — Lohn. 495. F-riemgeschäst. 494. Frühgeburten. 106, 275. 679 G. Galvaniseurinnen- 92. — Arbeitszeit. 92. — Berufskrankheiten. 89, 91. — Mine. 89, 92. — Sonntagsarbeit, 90. Gasalühlicht. Arbeitszeit. 98. — Berufskrankheiten. 99. — Mine- 98. — Prodnctionsproceß. 97. Gebäckiabrik. 515. — Löhne. 517. — Unternehmer. 515. Generalreverse der Schauspieler. 625. Genoumschatt 574. — und Arbeitsvermittlung. 496. — Einfluss aus das Lehrlingswesen. 74. Genossenschaftsstatut, Nichtbeachtung des- 198. Geschenke an Vorgesetzte. 28, 90, 112, 156, 256, 267, 349, 357, 363, 366, 449, 522, 529, 579. Geschlechter- Nichttrennen der G- beim Schütten- 175. Geselligkeit, ihre Beeinflussung durch Arbeitervereine. 88. G es un dh ei ts v erh ältnisse. 105. Gewerbebehörde. 252. Gewerbegericht. 555. Gewerbegesetzes, Nichtbeachtung des. 172. Gewerbegesetze, Unkenntniß der. 545. Gewerbe-Jippector. 253, 433, 500, 506, 527, 562, 566. — Anmeldung seiner Ankunft. 2, 99, 119, 237, 350, 540. — Maßregelungen wegen Anzeige an den. 2. Goldstickerei. 10k, 398. — Arbeitszeit. 101. — Unternehmer. 540. Großausträger. 647, 651. Großbetrieb. Einfluß am die Verdrängung der Männerarbeit. 103. — Löhne gegen Kleinbetrieb- 10, 130. — sein Verhältniß zu den Kleinbetrieben. 5. Gummiwaaren. 565. — Löhne. 566, 567. H. Hadern aus Spitälern. 6. Hadernsortirerinnen. 115. — Lohn. 115, 117, 118. Handarbcitsschulen. 542. Handelsangestellte. 568, 578. — Anstellungsverhältnisse. 570. — Bildungsgang. 570. — Lohn. 569, 571, 578, 585, 587, 588. 592, 596. Handschuhe. 375. — Accordlöhne. 378, 379, 380, 498. Handschuhe. Löhne- 499, 500. — Unternehmer. 498. Hausarbeit, siehe Heimarbeit- — unter Zuziehung von Familienangehörigen. 45. — Zwang zur- 107, 114. Häusliche Arbeiten, 47, 48. — Verwendung der Arbeiterinnen zu. 49, 57. Hausnäherinnen. 140, 162, 602. Hausschneiderinnen. 135. Hausweberei. 408. Hautkrankheiten im Zuckerbäckergewerbe. ' 42. Hebammenbeitrag. 477, 484. Heimarbeit. 4, 20, 28, 30, 45. — und Berufskrankheit. 146. — bei den Federnschmückerinnen. 50. — Lohn. 45, 89, 101, 140, 195, 276, 510, 514, 575, 638. — und Lohndruck. 186, 190. — Steigen der H. in der Saison. 66. — am Sonntag- 68. — Wachsen der. 189. — Zwang zur. 68. ^ Hemdennäherei. Arbeitslohn. 603. — Löhne 638. Hemdennäherin. Stücklohn. 214, 215, 216, 218. — Lohn- 439. 602. Hemdkrägen. Stücklohn. 235. Hungern. 320. Hutmacher. 380. — Arbeitszeit. 104. — Accordlöhne. 385. — Lohn- 104, 105, 107, 109, 381, 384, 386, 387. — Prodnctionsproceß. 10k. — Uebersicht über die Arbeiter. 666. I. Jahreszeit und Arbeitszeit. 480. — und Lohn- 502. Jnvalidenversorgung und Staatsbetrieb. 465. Jnterabrik. 530. — Accordlöhne. 539. — Löhne. 531, 533, 538, 539. K. Kaufmännische Bildung, Mangel an- 300. Kinder, Ernährung der. 93. — Kostgeld. 94. Kinderarbeit. 4, 12, 17, 20, 23, 58,114, 288,308, 315, 319, 356,408, 649, 654. — in der Provinz. 597. Kindersterblichkeit. 106, 123, 125, 239, 248, 275, 322, 327, 330, 334, 367, 412, 468, 478, 504, 646. Kindervorstellungen. 626. 680 Kinderwartung. 119, 157, 240, 248, 245, 248, 275, 320, 321, 330, 314, 478, 480, 646. Kirchenbesuch. 74, 316, 415. — Unmöglichkeit des. 121. Kleidung. 37, 86. — Verpflichtung znrn Trugen besserer. Kleinbetrieb- — Arbeitszeit. 423, 489, 490. — und Vohn. 491, 493, 521, 542. — ^öhne im Verhältniß zu den Großbetrieben. 10, 278. — ihr Verhältniß zu den Großbetrieben. 5, 48. — im Verhältniß znm Großbetrieb bezüglich Ausbildung. 76. Kleinbetriebe im Verhältniß zu Großbetrieben rücksichtlich der Einwirkung der Saison. 70, 82. Klöster, Concurrenz der. 545, 546. Ktwpfbranche. 501. — Vöhne. 502, 504. Knopflochnäherin. Vohn- 213, 439, 443, 603. 638. — Stücklohn. 215, 216. Kostverhältnisse. 61. Krugennäherei. Vöhne. 242, 638. Krankheit durch Ueberarbeit- 277. Krankencasse. 146. — Nichteintragnng in die. 228. — Alleinbezahlen durch die Arbeiterinnen. 117. Krankencnssenärzte. 466, 477, 482. — Mangel an- 70, 77. Krankencassenbeiträge. 418. Krankencaffenznstände. 474, 475, 476. Krankheitssreguenz. 111, 188, 414. Krankenversicherung, Mangel an. 651. Krankenstand. 19. ^ Krankheitsstand der Papierarbeiterinnen. 19. Krankenvater. 477, 485. Krankenverein. 243. Knndenarbeit. Preis der K. im Verhältniß zur Stückarbeit. 134. Kündigung. 8. — 14tägige. 53, 61. — sofortige. 8, 25. — ungesetzliche. 29, 30, 33. — Mangel an. 182, 186. 203, 236, 298, 333, 347, 381. Kürschnerei. 519. — Vöhne. 52l, 523. K- Lampenbranche. 371. Lampemabrik. 365. — Accordlöhne. 366. — Rhne. 365, 371, 372. Nctürc. Mangel an. 73, 660. Vcder-Tndnstric. 487. 1'edergalanterie. Accordlöhne. 490. — Mne. 490, 491, 493. Nhrsräulein. 166. Vchrgeld- 8, 44, 613, 658. !r'ehrlmge, geringe Zahl der weiblichen. Vehrlingszüchterei. 10,16, 58, 131, 178. — bei den Federnschmückerinnen. 65, 71. Lehrmädchen, Ausbildung der. 391. — Ausbentnng der. 59, 598. — Behandlung der. 251. — Entlohnung der- 69, 71, 82, 111. 113, 189, 469. — Mißhandlung. 44, 257. — Nahrung der. 256, 438. — Verwendung der V. zu häuslichen Arbeiten. 7l, 139. — Verheimlichung der. 221, 227. Vehrstellenvermittlung. 304. Vehrzeit, Verlängerung der. 266. Veichenverein. 383. Vielem- 507, 514^ 575, 611. — Zeitverlust denn. 124, 210, 230, 407. — Abzüge beim- 9 — seine Abhängigkeit von der Vaune des VNrkführcrs- 95. — und neunstündige Arbeitszeit. 219. — in der Buchbinderei. 15, 31. Vohn und Engiwte. 446. — für Feiertagsarbeit- 203. — für Heimarbeit- 45, 89, 101, 140, 195, 276, 510, 514. — und Jahreszeit- 502. — und Kleinbetrieb- 491, 493, 521, 542. — der Lehrmädchen. 69, 71, 82, 113. — der Mänuerarbeit. 3, 24, 27, 30, 32, 45, 53, 82, 94, 118, 140, 142, 152, 155, 160, 165, 171, 198, 245, 266, 336, 339, 342, 348, 366, 372, 395, 400, 408, 420, 422, 508. 521, 639, 645. — und Maschine. 107, 226. — für Nachtarbeit. 12, 190, 255, 589. — und Saison. 4, 18, 21, 22, 41, 426, 576. — und Strike. 308, 318, 326, 39«;, 403, 491. — für Sonntagsarbcit- 90, 98, 209. — Steigerung. 209. — Unregelmäßigkeit der Auszahlung. 441. — für Ueberstunden- 9, 13, 21, 24, 26, 33. 41, 45. 50. 61, 82, 95. 98, 165, 171, 200. 246, 250, 254, 255, 257, 301, 328, 330, 333, 336, 357, 365, 426, 436, 439, 494, 497, 521, 525, 543, 554. 561, 563, 612, 638, 658. — Vorenthaltnng- 257. — und Zwischenmeister. 140, 217, 523. Lohnauszahlnng und Arbeits-Intensitnt. 552. 681 Lohndruck. 10, 11, 15, 105, 121, 104, 136. 144, 156, 190, 224, 274, 288, 289, 342, 348, 354, 372, 385, 421, 500, 502, 587, 602, 619, 650. — durch Provinzzuzng. 597. Löhne, ihr Verhältniß iu Groß- und Kleinbetrieben. 10, 130. — in der Provinz. 12, 44, 56, 597. — Unbestimmtheit der. 93, 309, 329, 458, 459, 525, 538, 604. — nnd Witterung. 607. Lurusdamcn. 636, 637. Lnruspapier. 126, 127. — Arbeitszeit. 126, 128. — Löhne. 128, 127, 128. W. Marimallohn fl. 1 pro Tag. 176. - fl. 1 50 pro Tag- 394. - fl. 2 pro Tag. 162, 176. - fl. 2-50. 281. - fl- 2-80. 125. - fl. 3. 17. — fl- 4. 113, 120, 163. 222. — fl. 4-20. 126. — fl. 4 50. 123. — fl- 5. 17, 33, 38, 39, 98, 232, 426, 433. 530. — fl. 5 50. 35. — fl. 5 60. 469. — fl. 6. 39 , 54, 100, 128, 181, 209, 336, 420, 446, 527, 661. — fl. 6-60. 31. — fl. 7. 21. 26, 41, 87. 98, b, 186, 195, 201, 235, 300, 341, 348, 372, 444, 470, 529, 591, 610. — fl- 7-50. 24, 27, 190. — fl. 8. 193, 206, 287, 297. 438, 533, 566. — fl. 9. 229, 339, 431, 553. - fl. 10. 73. 94, 144, 166, 214, 253, 515. - fl. 10 40. 151. — fl- 12. 75, 386, 543, 567. - fl. 14. 422. - fl. 16. 706. Mahlzeiten. Einnehmen der M. in den Werkstätten. 11. Maifeier. 191, 215, 293, 294, 300, 338, 509, 537, 558, 562. Mangel an. 48. Männerarbeit, ihre Entlohnung gegenüber der Frauenarbeit. 25, 27, 30. 32, 33, 45, 82, 87. 94, 118, 140, 142, 152, 155, 160, 165, 171, 198, 245, 266, 301, 308, 311, 319, 336, 339, 342, 348, 366, 372, 395 400 408. 420, 422, 427. 508, 521 573 584, 639, 645. — im Verhältniß zur Frauenarbeit. 20. — Intensität der. 166, 176, 640. Männerarbeit, Verdrängung der. 3,4,15, 18, 21. 4l, 92, 96,104,152,159,165, 264, 277, 291, 342, 381, 420, 433, 520, 570, 590, 592, 608, 660. Männliche Arbeiter, ihr Benehmen gegen die Arbeiterinnen. 51. Mantelnäherinnen. 135. — Löhne. 140. Maschinen, ihr Einfluß auf die Berufskrankheiten. 6. — und Frauenarbeit. 433. — und Lohnhöhe. 226. — Verdrängen der qualificirten Arbeiter durch die. 2. Massenartikel begünstigen Frauenarbeit. 80. Maßregelungen. 322, 358, 361, 365, 370, 387, 424, 472, 520, 624. — wegen Aussage in der Enquete. 434, 616. — wegen Anzeigen an den Gewerbe- Jnspector. 2. — wegen Organisation- 179. Materialienbezug vom Unternehmer. 80. Meßgewänder. Löhne. 603. Melalldruckerei. 346. Metall-Jnd nstrie. 341. Metallarbeit. Löhne. 348, 350, 357. Metallpresserin. Arbeitszeit. 87. — Lohn- 87 Metallschläger. Berufskrankheit. 53. — Ernährung. 53, 55. — Löhne. 53, 54. — Productionsproceß. 51. Metallschleiferei. Arbeitszeit. 83. — Arbeitsräume. 84, 85. — Löhne. 81, 82. — Nahrung. 84. — Productionsproceß- 78, 79. Miedererzeugung. 202, 232, 239, 241. — Löhne. 202, 206, 209, 211, 239, 240, 241, 242, 638. — Stücklöhne- 203, 206, 207, 211, 232. Miedermadamen. 205. Miederproductionsproceß- 204. Minimalleistung. 455. Minimallohn. sl- 0 80 pro Tag. 395. — fl. 1 pro Tag. 176. — fl. 1 80 pro Woche. 122. — fl. 1 95. 120. — fl- 2. 24, 215, 372, 420, 422, 473, 591. — fl- 3. 95, 100, 181, 341, 469, 508. — fl- 3 50. 126. — fl- 4. 54, 75, 348, 444, 529. — fl. 4 20. 41. — fl. 4-50. 297. — fl. 6. 543. — fl. 7. 94 — sl. 7-50. 499. Ministerialbericht- 462. Mißhandlungen. 251, 252, 257, 390, 402, 442, 537. 682 Mittelstand, Concurrenz des. 149, 150, 153, 159, 164, 449, 541, 601, 613. Modistinnen. 656, 661. — Löhne. 656, 657, 658, 663. Monatslohn. sl- 7. 255. — sl. 10. 257, 572. — fl. 12. 47, 61, 257. — fl. 13. 257. — fl. 15. 569, 571. — fl. 18. 257. — fl. 20. 49, 251, 589, 657. — fl. 20—30. 42. — fl. 25. 260, 262, 581, 595, 657. — fl- 28. 146. — fl. 30. 49, 260, 581, 590. — fl. 35. 144, 260, 585, 588, 596, 656, 657. — fl. 40. 49, 260, 587, 594. — fl. 60. 169. — fl. 70. 578. — fl. 80. 260. — fl. 125. 395. Monogrammstickerei. Löhne. 604. Morbidität. 147. Mortalität. 19, 42, 111, 188. U. Nacksitzen. 223, 290, 291. Nachtarbeit. 12, 28, 38, 45. 62, 68, 72, 76, 109, 113, 144, 152, 155, 160, 173, 174, 217, 242, 255, 301, 324, 328, 333, 336, 361, 376, 388, 394, 406, 448, 520, 522, 543, 567, 572, 578, 587, 591, 598, 655, 656. — Lohn. 190, 255, 589. — verminderte Intensität der. 229. Nachtproben. 628. Nahrungsverhältnifse- 47, 69, 72, 76, 84, 87, 99, 113, 116, 118, 121, 127, 141, 150, 156, 160, 174, 230, 241, 242, 245, 246, 247, 248, 252, 253, 261, 266, 272, 320, 385, 390, 401, 404, 415, 428, 433, 437, 438. 440, 441, 445, 450, 461, 464, 478, 479, 484, 492, 495, 497, 503, 504, 513, 522, 525, 530, 534, 538, 540, 556, 563, 564, 566, 569, 575, 584, 586, 592, 597, 605, 616, 646, 648, 649, 650, 652, 655 660, 661, 662. Nebenverdienst. 470. Neujahrsgeld. 648, 649, 651. G. Obstconserven. Löhne- 44. Officiersfrauen- 601. Organisation. 5, 26, 30, 38, 39, 40, 47, 154, 248, 255, 262, 303, 512, 523, 526, 527, 536, 576, 586, 617. 663. — und Arbeitszeit- 200, 534. — Einfluß auf die Löhne. 196. Organisation. Furcht vor Eintritt in die. 128, 258, 332, 418, 433. — Mangel an. 69, 85. 161, 175, 616. — und Sittlichkeit. 267. — und Staatsbetrieb. 471, 484, 485, 565. — Unfähigkeit der 179. — und Unternehmer. 545, 558, 562. — Unternehmer über denWerth der. 397. — Verbesserung der Lage durch. 94. V. Papier-Industrie.^) Fluctuation. 19. — Mortalität. 19. — Krankencasfe- 18. — Krankenstand. 19. Papierarbeiterinnen, Alter. 20. Papierfabriknnten. Zuschritt der. 284. Paramentenstickerei. 603. — Löhne. 603. Pausen. 9, 22, 36, 48. — Arbeit während der- 72, 83, 90, 123, 208, 233, 245, 255, 264, 328, 330, 379, 390, 431, 521. — und Accord. 26, 481. — Mangel an. 167, 251. — und Staatsbetrieb. 471. Pensionen. 465, 482, 627. Pfaidlergewerbe- 435. — Accordlöhne- 440, 442, 443. — Löhne. 434, 438, 439, 440, 444, 445, 446. Pfuscher. 147. Posamentierer. 181. — Arbeitszeit. 191. — Lohn. 181, 182, 186, 190, 192, 193 194, 196, 197, 200, 201. — Productionsproceß. 183. — Stücklöhne- 195. Preßgesetz. Einfluß des P. ant die Buchbinderei. 14. — sein Einfluß ant das Steindruckergewerbe. 8. Productiv - Genossenschaft. Arbeitszeit. 109. — Löhne- 109. — für Wäsche. Löhne. 218, 219. Prostitution. 144. — der Schauspielerinnen. 634,635, 636, 637. Provinz, ihre Concurrenz. 7, 56, 221, 379, 498, 551, 601. — .Kinderarbeit- 579. — Löhne in der. 12, 30, 44, 597. Provinzbühnengagen. 626. Provinzzuzug, Lohndruck durch. 597. *) Ziehe unter: Cartonage-Jndustrie, Buchbinderei, Cigarettenhülien, Cigarcttenpapier, Luxuspapier-Erzeugung. 683 Die Drbeiterinnen- und Fruuenlruge der GeMtvurt. Von Klara Zelkin 40 Seiten. - Preis SO Pf. ^ 1S kr. ie Gleichheit. Zeitschrift für die Interessen der Arbeiterinnen. Nrdartion: Klara Zetkin in Stuttgart. Erscheint alle 14 Tage. — Preis Per Nummer 10 Pfennig. — Im Abonnement mit greuzbandznsendung vierteljährig 85 Pfennig. Irr Ursprung der Familie, des Privateigeuthums und des Staates. Am Anschluß an Lervis Revue des geistigen und öffentlichen Lebens. Unter Mitarbeiterschaft von Tr. Victor Adler, Eduard Bernstein, Franz Mehring, August Beb el, Paul Lafargue, Wilhelm Liebknecht, Georg Plechanow, Tr. Leo Verkauf n. A. redigirt von KcrrrL Kcrutskp. Erscheint wöchentlich. Preis des 32 Seiten starken Heftes 25 Pfennige.— Vierteljährig Mk-3.25. Die „Neue Zeit" ist das hervorragendste publicistische Organ des wissenschaftlichen Socialismus. Jedem, der das Leben und Weben der heutigen, wie das Werden der kommenden Gesellschaft mit mehr als flüchtigem Tagesinteresse verfolgen will, ist das Abonnement dieser Zeitschrift angelegentlich empfohlen. / Verlag der Ersten Wiener Volksbuchhandlung (Igna; Brand) Wien. Vl 1, Gumpendorferltrahe 8. Stknogrnphisches Protokoll der durch die Gewerkschaften Wiens einberufenen Gewerblichen Gnquete Abgehalten vorn 18. December 1892 bis 12. Jänner 1893 geleitet von Dr. Teo Verkant', Iaeok Reumann und Dr. Victor Ndler. 231 Seilen Grotz-Nrtav. preis brosck. lt. 1.20 - Mk. 2.-, grbd. fl. 1.60 ^ Mk. 2.70. „In wohlthuendem Gegensatze zn dem Geklapper der meist völlitz leer gehenden befugten Gedanteumühlen unseres öffentlichen Lebens steht der volle und sympathische «lang der durch strenge Sachlichkeit sich hervorthuende» Aussagen, die in diesem soeben veröffentlichten Protokoll enthalten sind. Nebst einer Unzahl von Details über die Zustände in einzelnen Gewerben erhalten wir auch von recht vielen Experten Gesammtdarstellnngen der Verhältnisse in ihrer Branche, die ihrem Ueberblick und ihrer Urtheilskraft alle Ehre machen." Pros. I. Singer in der »Zeit", 1895, Nr. 19. --. Die Arbeiterin im Kämpf nm's Dasein. Von Adelheid Popp. .12 Leiten. Grosr-Octav. In Umschlag broschirt 10 kr. — 20 Pfennig. - - Aus eigener Ikratt. Die Geschichte eines östcrreichischenMrbeitervereines seit 50Jahren. Herausgegeben vorn Niederösterr. Buchdrucker- und Schriftgießerverein. Im Auftrage des Vorstandes versaht vou Karl Höger. Ein stattlicher Band Gr.-Octav ,600 Seiten Text und 28 Tabellen). Jllustrirt. Prkis in Leinwand gebunden 1l. 2.^ — Mk. 4.^. Na8 sociale Elenil uml llie bejißeallen Elasten in Oesterreich. Von T. W. Teiseu. IV,,»d >80 Seiten Grosr-Octav. — Preis broschirtfl. 1.20 —Mk.2.—» elegant gebnnden mit Rothschnitt fl. 1 60 — Mk. 2.70. Inhalt: Einleitung, l. Adel und Bauer. II. Unternehmer und Arbeiter. III. Der kleine Mann. IV. Ter Arme. V. Die Frau. „Seit Jahren ist in Oesterreich kein Buch erschienen, das, wie dieses, geeignet wäre, in die weitesten Kreise Aufklärung über die wirthschaftlichen und politischen Verhältnisse Oesterreichs zu bringen, und die Verlagsbuchhandlung darf es mit Recht als ein Buch anzeigen, welches den Kämpfern und Borkämvsern des gesellschaftlichen Befreiungskrieges in Oesterreich das reichhaltigste Waffeninaterial bietet." „Die Neue Zeit", Nr. >9, 1894. - 4 -.»- Socialrelörm in Oesterreich. Von Leo Verkauf. 32 Seiten. Geheftet. Preis 10 kr. — 20 Pfennig. --— Nrbeiterinnen-Zeitnng. Sociatdernc'krntisches Hegern für Jeanen nnd Mädchen. Redaction: Adelheid Popp. VM- Krsckeint jeden 1. und 3. Kreitag im Monat. -WE Kreis per Kummer 4 kr. Im Abonnement sür Wien und Oesterreich-Ungarn: Ganzjährig fl. l.vi, halbjährig.5.2 kr., vierteljährig 2«; kr. Redaction: Wien, VI. Roperniknsgalsr >2. Administration: Wien. IX. Ferstelgaste ! - i ! > / 7 1 ! < > 4 UVIW-öibliolkek O06S23?' z' MM ^ .O >> ^ ^ V <-