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Eine Strömung, seit Jahrzehnten geschaffen, ist in den letzten Jahren zu gewaltigem Wachsthum gelangt und in der jüngsten Zeit zur tonangebenden geworden: die Frauenfrage, speciell das medicinische Studium betreffend. Die Regierungen und gesetzgebenden Körperschaften werden mit Petitionen und Resolutionen der widersprechendsten Art überhäuft, und in Broschüren und Zeitschriften tobt der Kampf jetzt mächtiger als je. Im Sommer dieses Jahres in ein Comite der Wiener Aerztekammer zum Studium dieser Frage berufen, habe ich derselben ein eingehendes Studium gewidmet, nachdem ich ihr schon seit lange meine vollste Aufmerksamkeit wddmete. Es möge mir gestattet sein, meine Ansicht und Beurtheilung dieser Frage in den nachstehenden Zeilen zu veröffentlichen. Ich thue es mit dem Bewusstsein, das Pro und Contra in objectivster Weise abgewogen zu haben, fussend auf der vollen Einsicht in die Erfordernisse des eigenen Standes. Mögen- diese Zeilen zur Klärung der Ansichten beitragen, mögen sie aber vor Allem den Zweck erreichen, hinzuweisen auf die Gefahren, welche durch überstürzte und einseitige Lösungsversuehe für Staat und Publicum, besonders aber für das irregeleitete Einzelindividuum her auf beschworen werden. Möge die Broschüre in der Hochfluth der heutigen bezüglichen Tagesliteratur nicht untergehen, sondern mögen ihre objectiven Worte auf empfänglichem Boden abgesetzt werden im wahrsten Interesse einer gedeihlichen Lösung der Frage zum Wohle der vorwärtsstrebenden Menschheit. Wien, October 1895. Dr. Svetlin, Die rastlos vorwärtsschreitende Civilisation mit ihrem rücksichtslosen Tritte, die stets mehr erhöhten Ansprüche an das Leben, die Erschwerung der Beschaffung des Lebensbedarfes, ja selbst nur der Lebensnothdurft fordert vom Menschen die Anspannung aller physischen und psychischen Kräfte. Die Kräfteanspannung hat schon lange den Charakter eines schweren Kampfes angenommen, und der Ausdruck „Kampf ums Dasein“ wird von einer grossen, überwiegenden Mehrheit des Menschengeschlechtes als ein schmerzvoll wahrer empfunden. Was ist natürlicher, als dass dieser Kampf um die Existenz oft „alle Mann an Bord“ ruft und dass in dieses Bingen um das Leben nicht nur der Mann, sondern auch die numerisch grössere Hälfte des Menschengeschlechtes, das Weib, eingreift, eingreifen muss. Wenn in früherer Zeit der Dichter singt: „Der Mann muss hinaus ins feindliche Leben“ und weiter: „Und drinnen waltet die züchtige Hausfrau“ so ist dies, heute besehen, ein Idyll, dem die rauhe Wirklichkeit schon lange das Dasein nahm. Mann und Frau stehen heute nebeneinander in gar manchen Fronten, die gegen Noth und Hunger auf- marschiren. Besonders in den letzten Jahrzehnten traten « 1 2 die Frauen mehr heraus aus ihrem stillen, natürlichen Wirkungskreise; theils Noth, theils der erwachende Wille zu eigener That trieben die Frau an, nicht mehr wie bisher unter dem Schutze des Mannes, sondern selbstständig in den Kampf zu treten, und überall sehen wir die Frauen eintreten in die Reihen der arbeitenden Männer, um dort mit zwar wenig materiellem Erfolge, aber um so grösserer Zähigkeit und Ausdauer und mit eisernem Fleisse ihre Position und damit ihre Existenz zu erhalten. Die moderne Zeit mit ihren immensen Errungenschaften, mit ihrem Dampfe, mit ihrer Elektricität hat nicht nur Handel und Gewerbe total verändert, sondern von der gewaltigsten aller Revolutionen wurde auch das sociale Leben als solches erfasst, aus seinen stillen Bahnen gedrängt, und in Sturm und Drang suchte und sucht es nun neue Formen, neues Leben. Ebenso wie Handel und Gewerbe hat auch die Familie in dem Wirkungskreise der einzelnen Mitglieder eine gewaltige Umwälzung erfahren. Während der Mann früher allein seinem Gewerbe Vorstand, während die Frau für sein und seiner Kinder Leben und Bequemlichkeit sorgte, für ihre Familie kochte, buk und wusch, spann und webte, strickte, ja Lichter und Seife bereitete, hat heute die Industrie der Frau diese Thätigkeit abgenommen und ihr das Schaffen scheinbar erleichtert. Während die Frau früher in ihrer stillen Häuslichkeit durch Beschaffung häuslicher Bedürfnisse sorgen und so zum Wohlstände der Familie beitragen konnte, hat die moderne Zeit dies total verändert und tausende dieser 3 Beschaffungen auf die Schulter des Mannes gewälzt. Dadurch sah sich aber die Frau nicht nur ihrer Thätigkeit, sondern auch der Möglichkeit des Beitrages zum Haushalte beraubt, den das erhöhte Getriebe noch dazu zu einem immer kostspieligeren machte. Es ist wahrlich nicht zu verwundern, wenn die Frau unter solchen Umständen forschend hinausblickte aus ihrer engbegrenzten Sphäre und sich fragte, ob sie denn nicht auch hinaustreten dürfe und arbeiten an der Seite und zum Wohle des überlasteten, des geliebten Mannes! So mögen wohl die ersten Laute der „Frauenfrage“ erklungen sein, jener Frage, die heute laut und mächtig erschallt und die in das dräuende, graue Nebel- gewoge der grossen „socialen Frage“ hinein ihre düsteren Schatten wirft. In der durch die wirthschaftlichen und gesellschaftlichen Verhältnisse vermehrten Scheu der Männer vor Gründung eines eigenen Haushaltes ist vor Allem eine grosse Ursache gelegen, die das Weib seiner ihm von der Natur dictirten Stellung als Hausfrau entzieht und es hinauswirft in das Gewoge des Lebens. Auf die Gründe dieser Scheu vor Heirat und Ehe einzugehen, ist hier nicht der Ort, so sehr es angezeigt wäre, so manche dieser Gründe dem weiblichen Geschlechte, besonders aber einem gewissen Theile desselben, so recht eindringlich zu seinem eigenen Wohle vorzuhalten. Aber auch unter den verheirateten Frauen ist es nur einem geringen Bruchtheile gegönnt, ein Leben des Genusses, der sorglosen Behaglichkeit zu führen, der grösste Theil der Frauen von heutzutage denkt, sorgt 1 * 4 und schafft mit im Gewerbe des Mannes, ohne eine Idee davon zu haben, dass sie für ihren Theil die Frage des Frauenerwerbes auf die segensreichste Weise lösten. Eine zweite Ursache, warum so viele ledig bleiben und dadurch gezwungen sind, sich auf eigene Füsse zu stellen, ist die kolossale numerische Ueberzahl des weiblichen vor dem männlichen Geschlechte. Anfangs dieses Jahrzehntes bestand in Deutschland ein Ueberwiegen des weiblichen Geschlechtes vor dem männlichen um circa eine Million Individuen. Also selbst wenn man alle deutschen Männer zur Heirat zwingen würde, so haben diese auf dem reichbeschickten Heiratsmarkte noch immer eine Million Bräute zur Auswahl der schönsten, besten und reichsten. Eine Million Enterbter des ehelichen Glückes bleiben aber immer übrig, und diese müssen für sich sorgen und allein um ihre Existenz kämpfen, und von dieser Million sind es mindestens 60 Percent, für die das Leben eine Kette von Entbehrung und Noth oft in des Wortes furchtbarster Bedeutung ist. Diese 60 Percent stellen aber jenes Contingent, das immer wieder in den Kampf um seine Existenz treten muss, weil es nicht von Vorwitz oder Begeisterung, sondern von der bittersten, blanksten Noth hiezu getrieben wird. Dieses Contingent occupirt alle Posten im industriellen, im Handelsgetriebe, welche es ausfüllen kann, und formirt s o das Heer der schlechtbesoldeten Arbeiterinnen. Unter dieser Million „Enterbter des häuslichen Glückes“ finden sich auch circa 30 Percent von Mädchen, 5 die dem Mittelstände, dem niederen Beamtenstande entsprossen sind, Kinder von Officieren und die zahllosen Pastorstöchter, die eine bessere Erziehung genossen und eine Beihe von Kenntnissen und Fertigkeiten und damit einen erhöhten Anspruch an das Leben haben. Diese zwingt die Noth des Lebens zum wenig beneidens- werthen Lose der Erzieherin, der kleinen Lehrerin; sie erwerben als Angestellte in Geschäftshäusern, als Posta- linen, als Telegraphisten etc. ihr karges Brot. __ Aber die Zahl gerade dieser Classe von weiblichen Individuen hat den härtesten Kampf, weil das Angebot weitaus die Nachfrage überwiegt, es sind der Posten, der Berufsarten für diese weiblichen Wesen zu wenig; ihr Vorleben hindert sie, unter ein gewisses Niveau der Erwerbsart hinunterzusteigen; im Gegentheile, basirend auf ihre grössere Intelligenz, sind sie expansiver in ihren Wünschen und Strebungen und suchen neue Gebiete für ihre Thätigkeit zu erobern. Bebel berechnet in seinem berühmten Buche „Die Frau und der Socialismus“, dass 16 Percent des weiblichen Geschlechtes ledig bleiben; da es bekannt ist, dass gerade in dem Mittelstände, in den sogenannten intelligenten Ständen, viel weniger geheiratet wird als in den unteren, so stellen sich hier die Verhältnisse wesentlich ungünstiger. Aus diesen Ständen, die ja gerade das von uns betrachtete Contingent stellen, bleiben gewiss 28—30 Percent Mädchen unverheiratet, und was die traurige Hauptsache ist, unversorgt übrig. Wie angstvoll und besorgt blickt gar manche Mutter aus den sogenannten intelligenten Ständen in die Zukunft 6 ihrer Töchter, und wie sehr müht sie sich, denselben eine Ausbildung zu schaffen, die es ihnen möglich machen kann, auf eigenen Füssen, nicht sorglos, aber sicher zu stehen. Von hier aus und von den besorgt gemachten Männern dringt nun hauptsächlich der Euf von der Noth- wendigkeit der Eröffnung neuer Berufszweige für die Frauen. Es erübrigt aber noch eine Gruppe weiblicher „Enterbter“, das sind Jene, die wohl mit äusseren oder inneren Gütern und Vorzügen ausgestattet, doch auf dem Heiratsmarkte aus eigener Schuld keinen Käufer fanden oder finden wollten und so ihren natürlichen Zweck verfehlten. Diese Zahl weiblicher Wesen entsendet jene „Emanci- pirten“, die in frivoler Bethätigung einer vermeintlichen geistigen Superiorität Stellungen erstreben und Wege bahnen wollen, die der Staat und die Sitte bisher dem Weibe verschlossen. Aus dieser Classe entstammen meist die „privile- girten Vorkämpferinnen für Frauenrecht“, die in diesem Kampfe nur die Befriedigung ihrer Eitelkeit sehen und als Führerinnen in Wort und Schrift gelten wollen. Da ist ferner jenes Häuflein „Begeisterter“, das einfach als Chor aufzufassen ist, der den Refrain des Liedes, das die „Vorkämpferin“ angestimmt, in tausend Modulationen weniger sachlich richtig als laut und tönend nachsingt. Ferner jene kleine Gruppe von weiblichen Wesen, die „es eigentlich nicht nöthig hätten“, die aber „in sich den Beruf zu Höherem fühlen“, hierin auch von ihrer Umgebung bestärkt werden, Frauen, die den Drang 7 des „Sichbethätigenwollens“ in sieh fühlen und die ihr sonst ödes, unfruchtbares Leben ausfüllen wollen und nun nach Gebieten suchen, in denen sie ihr Wissen und Können Anerkennung heischend verwerthen können. Diese Gruppe ist es, die, unterstützt von den beiden vorstehenden, hauptsächlich die Pionniere stellt für die Gleichberechtigung der Frauen auf allen Gebieten menschlichen Schaffens, besonders in den höheren Kang- classen, und diese Gruppe ruft am lautesten um Eröffnung der Universitäten, besonders der medicinischen Studien, und folgert dann weiter daraus auch die politischen ßechte für die Frauen. Und nun schliesst sich den einzelnen Gruppen der LediggebliebeDen noch die zahllose Schaar der Frauen an, die wohl in die Ehe getreten, dort aber nicht jenes stets erträumte Wohlleben fanden, sondern das eiserne „Muss“, hinauszutreten an die Seite des Mannes, um für die Kinder und den Hausstand mitzusorgen; es reihen sich ein jene Schaaren von Frauen, die, frühzeitig ihrer männlichen Beschützer und Gatten beraubt, unversorgt, oft mit einer Orgelreihe von Kindern, zurückblieben und den harten Kampf ums Dasein ringen müssen. Es ordnen sich in diese Gruppen auch jene Damen, die, durch ihre Gatten in eine höhere Lebensstellung gebracht, ein Leben des Genusses, der Behaglichkeit führen können, die aber aus Langeweile oder weil es so die Mode mit sich bringt sich in souveränem Mitleid für ihre bedauerns- werthen „Schwestern“ ergehen und in Conventikeln und Vereinen ihre Reformpläne auskramen. Diese letzteren Gruppen finden nun auch Unter- 8 Stützungen und Förderer in Kreisen ausserhalb. Dieser oder jener Weltverbesserer, die unzufrieden verheiratete Frau, der Blaustrumpf stossen zu denselben und bestärken sie im Kampfe um Ideale. Ob damit den Bestrebungen richtiger und wohlbegründeter Art genützt ist, bleibt eine leicht abgefertigte Frage. Ueberblicken wir diese Gruppen, ihre Strebungen, ihre Erfolge: Die erste Gruppe, die Arbeiterinnen, hat ihre Posten fast vollzählig bezogen. Die Bildung derselben steht fast auf gleichem Niveau mit der des männlichen Arbeiters und ihre Anforderungen an das Leben sind fast die gleichen, wie sie die Männer stellen. Wir sehen daher diese Gruppe, zufrieden mit dem erreichten Thätigkeitsfelde, ihrer schweren Arbeit nachkommen und sehen sie in dem natürlichen Bestreben der Verbesserung ihrer Stellung Hand in Hand gehen mit den socia- listischen Emanationen ihrer männlichen Genossen. Sie verstärken das Arbeiterheer an Zahl, schwächen es aber gleichzeitig im materiellen Erfolge durch die Verbilligung der Arbeitskräfte. Denn zweifellos bewirkt die Frauenarbeit eine Herabsetzung des Werthes der Männerarbeit, und hiegegen gibt es nur ein Correctiv, d. i., dass für gleiche Arbeit auch gleicher Lohn gefordert werde; dadurch, dass man diese einzig recht und billige Forderung zur Erfüllung bringt, würde man einen der traurigsten Punkte unseres industriellen Lebens, der eine wahre Sclnnaeh der modernen Menschheit ist, eliminiren; die „Schaudlöhne“ der Arbeiterinnen müssen auf hören, wodurch die materielle Stellung der Arbeiterin zu einer menschenwürdigen erhoben wäre. Es ist zwar hier nicht der Ort, über die Entlohnung der Frauenarbeit zu sprechen, aber da sich dieselbe wie ein rother Faden durch alle Erwerbsarten des Weibes zieht, so mag sie als eine Illustration des Folgenden hier-erwähnt sein; es wird ja vor Allem aus der Differenz des Lohnbetrages von Mann und Weib auf die Minderwertigkeit der Frauenarbeit selbst geschlossen — ein Schluss, dessen Richtigkeit gewiss zu bezweifeln ist. Dass es den Fabriksherren besser passt, eine Frau, die um jeden Preis für sich und ihr Kind sich zur Arbeit anbietet, zu verwenden, als den Mann mit seinen höheren Ansprüchen, ist ja erklärlich. Wie aber verhält es sich mit dem Sanitäts-, wie vor Allem mit dem Humanitätsstandpunkt dieser Frage? Dieser entrollt uns ein so trostloses, so beschämendes Bild, dass man sich schaudernd ab wendet von demselben, doppelt ergriffen durch die Unmöglichkeit, hier dauernd Hilfe und Besserung zu erzielen. Hand in Hand mit den elenden Lohnverhältnissen der Arbeiterinnen geht deren Sterblichkeit und die ihres Nachwuchses. Die Statistiken aller Länder weisen eine stetige Zunahme, ein dauerndes Anwachsen der Sterblichkeitsziflfer der in Fabriken beschäftigten Frauen nach. Und trotz all dieser trostlosen Verhältnisse füllen sich nicht nur rasch wieder die Lücken, die der hier oft als Erlöser kommende Tod in die Reihen der Arbeiterinnen reisst, sondern stets neue, stets mehr Frauen drängen sich zur Arbeit heran und verdrängen durch ihr Unterbieten die Mannesarbeit. In den „Blättern für sociale Praxis“ findet sich in einer Statistik über die Arbeitslosen in Berlin von Dr. E. Hirschberg die Angabe, dass vom October 1893 bis October 1894, also im Laufe eines Jahres, sich die Zahl der beschäftigten männlichen Arbeiter um mehr als 4000 verminderte, während die Zahl der beschäftigten Arbeiterinnen sich um 6000 vermehrte. Solche Ziffern sprechen eine beredte Sprache und zeigen, w T ie hoch die Noth gestiegen sein muss und wüe kolossal das Angebot von weiblichen Kräften steigt. Die sociale Frage für diese Gruppe besteht nur mehr in der Entlohnung DieFragedes Frauenerwerbes 10 hat aber diese Gruppe schon gelöst: Expansivgelüste haben diese Frauen im Allgemeinen nur in ihrem Kreise, nicht ausserhalb desselben oder gar über denselben hinaus. Anders ist dies aber in der zweiten Gruppe. Dieselbe findet in den staatlichen Einrichtungen ihre Begrenzung nach oben, in ihrem Bildungsgrade nach unten und in den geringen Berufszweigen ihre Begrenzung nach der Seite hin. In dieser Gruppe findet sich so Manche, die Fleiss, Talent und Ausdauer genug in sich fühlt, mehr und Höheres zu lernen, um sich so emporzuschwingen zu besserer, gewiss aber höherer Lebensstellung; der Staat aber gibt nicht die Mittel zur Ausbildung, wie er sie allüberall dem Jünglinge bietet. Und so kommt es, dass aus dieser Gruppe heraus am lautesten der Buf nach Mittelschulen für Mädchen ertönt, und es ist unzweifelhaft, dass manches Talent durch diesen Entwicklungsmangel unfruchtbar verkümmert. Nur wenige Glückliche aus den letzteren der obigen Gruppen vermögen diesen Organisationsmangel im Staate für sich auszugleichen, die Mittelschule privat zu durcheilen und sich pochend an die Pforte der Universitäten zu stellen, die sich in einigen Ländern ihnen schüchtern geöffnet haben. Die Anderen aber begrüssen diese Versuche mit um so demonstrativerem Beifalle, weil sie erhoffen, endlich zu erlangen, was sie als ihnen bisher vorenthaltenes Recht ansehen: die Eröffnung von Mittel- und später der Hochschulen für die Frauen. Und da zeigt sich das Merkwürdige, dass die „Vorkämpfer für d,as Frauenstudium“ ganz nach Art der ein- 11 sichtslosen Kinder gerade das verlangen und am lautesten und ersten begehren, was das Allerschwierigste ist, den ärztlichen Beruf. Man sollte denken, dass es ja natürlich wäre, dass die Frau in erster Linie einen ihr mehr zusagenden und passenden Beruf erstrebe: Chemie, Pharmacie, die philosophischen Fächer, oder in weiterem Streben die Advocatur, das Amt eines Vertheidigers, wozu die allbekannte, allbewährte Zungengewandtheit des weiblichen Geschlechtes noch ganz besonders förderlich wäre. Aber nicht hienach, nein, sondern in erster Linie nach dem ärztlichen Studium, dem ärztlichen Berufe sieht man die Frauen langen, wobei sie ganz übersehen, dass die Ausübung des ärztlichen Berufes, w r ie er ist und nicht wie ihn sich die „Frauenrechtler“ vorstellen, solche hohe physische und psychische Anforderungen stellt, dass ihn das Weib von heutzutage nicht voll auszufüllen im Stande ist. Wir haben im Vorstehenden das Recrutencontingent für den Frauenerwerb inspicirt, haben uns umgesehen, wo man diese Truppen verwenden könnte, und wenden uns nun vorurtheilsfrei zur Arbitrirung, d. h. zur Tauglichkeitsprüfung der Frau für die höheren Berufsarten, besonders für die Ausübung der medicinischen Praxis, für die sich so viele Freiwillige stellen wollen, zu. Nicht umsonst, gewiss nicht ohne schwere Entwicklungskämpfe fiel dem männlichen Geschlechte die Präponderanz der Leistungsfähigkeit zu. Es hiesse der Entwicklungsgeschichte der Welt und des Menschen Hohn sprechen, wenn man nicht zugeben wmllte, dass die Jahrtausende währende bessere Erziehung des männlichen Geschlechtes ohne Einfluss auf die grössere physische und psychische Leistungsfähigkeit desselben geblieben wäre, und es ist jedenfalls eine Ueberschätzung des emancipirten Weibes, auszurufen: „Was der Mann kann, vermag auch das Weib!“ Das Sprichwort vom „schwachen Geschlechte“ muss, bevor es seine heutige ironische Bedeutung erlangte, eine auf Erfahrung und ernster Einsicht fussende, thatsächliche Begründung gehabt haben. Die anthropologische Forschung weist eine Reihe von Unterscheidungsmerkmalen körperlicher Natur nach zwischen Mann und Weib, und nicht ohne Grund verfechten höchststehende Gelehrte, wie Bischoff und Waldeyer, auf Basis dieser Verschiedenheiten den negirenden Standpunkt in der Frauenfrage. Die Körperlänge, die Körperkraft überwiegen beim männlichen Geschlechte; beim Manne erlangt das Muskel-, beim Weibe 13 das Fettgewebe eine grössere Ausbildung, in Folge dessen Geschwindigkeit, Energie und Zweckmässigkeit der Bewegung beim Manne präponderiren. Das absolute Gewicht des männlichen Gehirnes überwiegt das des weiblichen (1372: 1231). Selbst das Blut des Mannes zeigt seine ausschlaggebende Stellung in der socialen Ordnung: der Mann besitzt in einem Cubikcentimeter seines Blutes um eine halbe Million rother Blutkörperchen mehr als das Weib sie in gleichem Raume hat. Unsere heutige Physiologie verweist aber den ganzen Chemismus des Blutes, seine erzeugende, ernährende und erhaltende Kraft in diese Blutkörperchen und gibt uns so ungezwungen und folgerichtig den Schlüssel zum Verständnis der grösseren Leistungsfähigkeit des Mannes. Es würde zu weit führen, all die Thatsachen anatomischer und physiologischer Forschung anzuführen, welche den Unterschied im organischen Aufbaue und somit in seiner Kraft zwischen Mann und Weib bezeichnen. Havelok, Ellis, Kurella, Lombroso und sein Freund G. Ferrer o führen diese Unterschiede genau aus. Benedikt summirt diese Differentialmerkmale in den Worten: „Man muss bedenken, dass Mann und Weib nicht zwei Glieder einer Reihe, sondern zwei Reihen verwandter, aber vielfach ungleicher Wesen vorstellen.“ ln seiner gewohnt markigen Weise bespricht auch Professor Albert diese Unterschiede. Damit soll aber nicht gesagt sein, dass nicht das eine oder andere Weib in seiner physischen oder psychischen Leistung der Männerarbeit gleichkommen könne; Ausnahmen 14 bestätigen eben die Regel und führen uns dahin, gerne zuzugeben, dass das weibliche Geschlecht ein unendlich entwicklungsfähiges sei. v. Krafft-Ebing wahrt eben diesen und den entwicklungsgeschichtlichen Standpunkt in den Worten: „Mag auch das Weib virtuell befähigt sein, auf vielen Arbeitsgebieten mit dem Manne in Con- currenz zu treten, so war doch seine Bestimmung bisher durch Jahrtausende eine andere. Die zur Vertretung eines sonst dem Manne allein zukommenden wissenschaftlichen oder artistischen Berufes nöthige actuelle Leistungsfähigkeit des Gehirnes kann vom Weibe erst im Laufe von Generationen erworben werden. Nur ganz vereinzelte, ungewöhnlich stark und günstig veranlagte weibliche Individuen bestehen schon heutzutage erfolgreich die ihnen durch moderne sociale Verhältnisse aufgezwungene Concurrenz mit dem Manne auf geistigen Arbeitsgebieten. Die grosse Mehrzahl läuft Gefahr, dabei zu unterliegen; die Zahl der Besiegten und Todten ist ganz enorm.“ Das sind nun wohl Stimmen, die im Aufruhre des Kampfes wohl gehört und beachtet werden müssen. Ueber die aus dem Aufbaue eines Organes resultirende Arbeit hinaus darf keine Forderung gestellt werden, sonst kommt man zur Einsichtslosigkeit des ewig Unzufriedenen, der vom Fische das Fliegen in der Luft, vom Vogel das Schwimmen im Wasser fordert. Die langsam überbrückende Kraft, die Möglichkeit der Ausgleichung liegen in unserer stets fortschreitenden Evolution, in dem Anpassungsvermögen der Organismen an die Verhältnisse und in der durch fortdauernde, syste- 15 matisehe Erziehung und Trainirung möglichen kolossalen Vervollkommnung der menschlichen Arbeitsleistung. Von diesem einzig richtigen Standpunkte aus, der auf der Erkenntniss und Anwendung der grossen, ewigen Naturgesetze basirt, muss auch unsere Frage betrachtet und verfolgt werden, und nur von diesem Standpunkte aus kann sie einer befriedigenden, gedeihlichen Lösung zugeführt werden. Das Weib muss an seiner intellectuellen Ausbildung noch lange arbeiten, es muss durch fleissige, sorgsame Selection und Erziehung nachholen, um was es an Leistungsfähigkeit im Laufe der Jahrtausende hinter dem erstarkten und angepassten Organismus des Mannes zurückblieb. Nur auf diese Weise wird die Leistungsfähigkeit von Mann und Weib auf gleichem geistigen Arbeitsfelde eine gleiche werden; nur auf diese Weise kann man zuversichtlich erwarten, dass das Weib mit dem Manne in gleicher Front, mit gleicher Kraft in dem Kampfe ums Dasein kämpfen wird. Heute steht die Sache freilich noch etwas anders. Das Weib hatte bisher herzlich wenig Gelegenheit, sich zu bethätigen, besonders auf jenen Gebieten, wo der Mann bisher Alleinherrscher gewesen. Aber die Leistungen des Weibes auf jenen Gebieten, wo es mit dem Manne in völlig gleichem Wettbewerb treten kann, fielen bisher, was das Hervorragende, Vorzügliche der Leistung betraf, nicht zu Gunsten der Frau aus. Millionen Frauen treiben eifrigst Musik, hunderttausende nicht aus Dilettantismus, sondern als Professionals, und wo sind die hervorragenden Meisterinnen, die sich durch ihre Compositionen 16 und Werke einen unsterblichen Namen gemacht, wo sind die weiblichen Bach, Gluck, Händl, Mozart, Beethoven, Liszt und Wagner? Wer gibt den Ton an auf dem specifisch weiblichen Felde der Mode, des feinen Geschmackes? Der Mann! Der geniale Pariser Confectionär, dieser Oomponist mit Scheere und Nadel, dessen Werke gar viel Damen mehr bestaunen und bewundern als ein ewig hehres Werk unserer gottbegnadeten Musikheroen. Die Frau bethätigt sich auf diesem Felde nur als Arbeiterin nach den Plänen des Herrn! Und doch führen seit Jahrhunderten die Frauen ebenso Nadel und Scheere wie ein Theil der Männerwelt! Diese Differenz in der Leistungsfähigkeit ist doch unleugbar bestehend! Diese unter-, höchstens mittelwerthigen Leistungen müssen doch irgend einen Grund haben, und wenn wir uns in der Psychologie des Weibes etwas umsehen, so finden wir gar bald die Erklärung! Der psychologische Unterschied zwischen Mann und Frau liegt in dem Unterschied zwischen Verstand und Empfindung, zwischen Vernunft und Leidenschaft. Beim Manne überwiegt das ruhige Denken, beim Weibe die Gefühlswelt. Ueberall dort, wo es auf klare Auffassung, auf logisches Urtheil, auf zielbewusstes Handeln, auf Energie der Bethätigung ankommt, siegte bisher der besser veranlagte Mann über die Frau. Die Frau mit ihrem Sinn für das Kleinliche, für die Details mit ihrem stets persönlichen Standpunkte, mit ihrer Vorliebe für das Nebensächliche erfasst nur in seltenen Fällen ein grosses Ziel und verliert das Erfasste durch obige Fehler meist aus dem Auge. Dies charakterisirt auch die selbstständige Frauenarbeit. Ein kleines, aber bezeichnendes eigenes Erlebniss möge hier Platz finden: Ich war damals stud. med. im II. Jahrgange, als mir der Demonstrator im anatomischen Secirsaale voll Bewunderung folgendes Object zeigte: Auf einem der gewöhnlichen, schwarz angestrichenen „Secirbretter“ lag ein „auf Muskel“ präparirter Mannesarm. Um die Gegend des Schultergürtels war ein weisses Handtuch malerisch auf- gekrämpt, und aus dessen Falten traten die sorgsam präparirten Muskeln: der Deltoides, der Coraco-brachialis, der Biceps, der brachialis internus. Säuberlich war die abpräparirte Haut zurückgeschlagen. Jedoch schon die Insertionen der Muskel in der Ellbogenbeuge zeigten sich sorgloser präparirt, ja der lacertus fibrosus bicipitis war einfach durchschnitten, die Muskeln des Unterarmes waren grob abgestreift, nicht von den Fascien getrennt, dafür aber verhüllte ein zweites weisses Handtuch, in reicher Faltung um das Handgelenk gelegt, discret die weitere Arbeit. „Ist dies nicht hübsch?“ fragte begeistert der liebenswürdige Demonstrator. „Ja, hübsch schon,“ antwortete ich, „aber nicht anatomisch!“ „Wissen Sie, werdas präparirt hat?“ „Nein, aber ich denke, es ist die Arbeit einer der Studentinnen drinnen in der „Prosectur“, denn keinem unserer Collegen fällt solcher Firlefanz ein, dafür aber präpariren sie besser und richtiger.“ Das bewunderte Präparat war das Werk vieler Stunden einer amerikanischen Studentin, die aber bald aus unserem Gesichtskreise verschwand. Aus all diesem Vorstehenden möge entnommen werden, dass es unzweifelhaft ist, dass gewiss in Folge des langen Brachliegens die psychischen Occupations- gebiete der Frau nicht so fertil sind wie die des Mannes. Daraus folgt aber gewiss nicht, dass die Frau bei zielbewusster Weiterentwicklung ihrer Fähigkeiten nicht 2 18 ebenso leistungstüchtig werden kann wie der Mann. Es handelt sich nur darum, der Frau auch die Gelegenheit zu geben, sich ebenso gründlich und zielanstrebend auszubilden, wie dies der männlichen Jugend möglich ist, und es werden die individuellen Qualifikationen der einzelnen bald ebenso ihre Wege finden, wie dies bei den Männern der Fall ist. Dieser Weg einer langsamen Vorbereitung bei genau überprüfter Selection ist freilich ein schwieriger und für unsere Himmelstürmer ein viel zu langer, und ganz nach Kinderart verlangen sie nicht das Naheliegende, sondern das Höchste. Kinder, die im Sande Baumeister spielen, begnügen sich nie damit, ein kleines Häuschen zu formen, sondern eine Kirche, ein Schloss, eine Festung muss es sein; dass die Ausführungsmöglichkeit fehlt, bekümmert das sorglose Kinderherz wenig — die Arbeit bleibt einfach in Trümmern liegen. Fast genau so machen es unsere Wortführer in der Frauenfrage. Diese erstreben für die Frau nicht die Eröffnung einer grösseren Zahl von Erwerbsarten, die dem Charakter und der Kraft der Frau anpassender sind, sondern ohne Uebergang fordern sie für die Frau stürmisch den Einlass in eine der schwersten Berufsarten der menschlichen Gesellschaft, in den ärztlichen Beruf, der wohl an Körper und Geist die höchsten Anforderungen stellt. Diese Sprünge in der logischen Entwicklung sind ebenso bezeichnend wie die Thatsache, dass die erste Aerztin im civilisatorisch wohl noch recht dunklen, heiligen Czarenreiche erstand. Mit zwei Schlagworten wird hauptsächlich für die Zulassung der Frau zu den medicinischen Studien ins Feld gezogen: 1. Die Frau eignet sich aufs Beste zur Krankenpflege ! 2. Der weibliche Arzt für das kranke Weib! Betrachten wir uns diese Schlagworte etwas näher. 1. Die Frau eignet sieh aufs Beste zur Krankenpflege. Seit Alters her war die Eintheilung der Arbeit zwischen Mann und Frau die, dass der Mann seinem Berufe, seinem Erwerbe meist ausser dem Hause, ausserhalb seines Familienkreises nachgehen musste, während die Besorgung der häuslichen Arbeit der Frau überlassen blieb. Nebst der eigentlich häuslichen Arbeit fiel der Frau naturgemäss die Erziehung der Kinder und die Obsorge für ihr leibliches Wohl zu, und es war selbstverständlich, dass die Frau diese Obsorge in erhöhtem Masse auf ein erkranktes Kind und im vorkommenden Falle auf ein anderes erkranktes Familienmitglied übertrug, d. h. zur Pflegerin der Kranken wurde. Das mütterliche Gefühl, das Mitleid mit dem erkrankten Verwandten Hessen das Weib rasch erfassen, was dem Kranken Linderung schafft, was ihm seinen Zustand er- 2 * 20 träglicher macht, d. h. sie wurde zur guten Pflegerin der kranken Familienmitglieder. Ihre diesbezüglichen Erfahrungen theilte sie ihren Freundinnen mit, welche dieselben dann vorkommendenfalls verwerteten, d. h. die gute Pflegerin machte Schule unter ihren Genossinnen. Da es aber immer die Frau war, die im häuslichen Kreise schaltete, während der Mann erwerben musste, so wurde und blieb die Krankenpflege eine natürliche Beschäftigung der Frau, wozu ihr die natürliche Passivität, das geduldige Mitleid und das bessere Eingehen ins Detail, ihr grösseres Gemüthsleben die vollste Eignung gaben. Und wie gross diese Eignung ist, das bestätigen mit Dankesthränen feuchten Augen jene zahlreichen Verwundeten und Kranken in grossen Kriegen, in verheerenden Epidemien, die unter der sorgsamen, geschickten Hand der geräuschlos waltenden, nimmermüden „Schwester“ dem Tode entronnen, der nach ihnen schon seine Hippe gehoben. Also die Krankenpflege ist eine wahre Domäne des weiblichen Geschlechtes und wird sie immer bleiben. Aber fragen wir die Oberinnen der so segensreich wirkenden Pflege- rinnen-Orden um die Eignung der einzelnen Individuen zum Pflegedienst, so werden sie wohl seufzend antworten: „Ja, Alle sind berufen — Wenige aber auserwählt!“ Wie überall, darf also auch hier nicht der allgemeine Standpunkt auf das Einzelindividuum Anwendung finden, sondern die Selection, die Auslese muss die Tauglichen auf die geeigneten Posten senden. Immerhin aber fördert diese Auslese beim weiblichen Geschlechte ein viel zahlreicheres und besseres Contingent zur Krankenpflege als 21 beim männlichen Geschleehte, das ja in manchen Krankheitsformen als unumgänglich nöthig erscheint. Die Krankenpflege bleibt sonach ein eigentliches Reservat der Frau, aber — und nun kommt das Wichtigste — zwischen Krankenpflege und ärztlichem Berufe ist ein himmelweiter Unterschied, und dieser Unterschied ist ein so gewaltiger, so einschneidender, dass mit der Erkenntnis dieses Unterschiedes, den der gesunde Menschenverstand schon im Allgemeinen ermöglicht, das erste Sehlagwort der Vorkämpfer für das medicinische Frauenstudium zur leeren Phrase herabsinkt. Ja, es ist ein bedeutender Unterschied zwischen dem passiven, stillen, geduldigen Warten und Pflegen und zwischen dem ärztlichen Wirken, dem anordnenden und dirigirenden Eingreifen des Arztes am Krankenbette. Der eine Beruf verlangt vollste Passivität, der andere vollste Activität, und wie allüberall die grosse Weltordnung mit ihren ewigen Gesetzen auch im Kleinen erscheint, so theilten sich unbewusst bisher die beiden Geschlechter in die ihnen von Natur zukommenden Pflichten: der Mann in die aetiven, die Frau in die passiven. Es verlangt ja auch die active Rolle eine andere physische und psychische Eignung als die passive, und in diesem Momente liegt das Schwergewicht für die Be- urtheilung der Eignung der Frau zum ärztlichen Berufe. Wohl kein Beruf der socialen Ordnung stellt an seine Jünger so hohe Anforderungen als der des Arztes. Betrachten wir nur ganz oberflächlich die Leistung eines praktischen Arztes. Kein Stand fordert ein so stetes „qui vive“ wie der ärztliche. Der Arzt kennt in Aus- 22 Übung semes Berufes keine bestimmten Stunden; für ihn gibt es keinen Tag, keine Nacht, keinen Unterschied zwischen Sommerhitze und Winterkälte, zwischen glühendem Sonnenbrand und eisigem Schneesturm. Immer, zu jeder Zeit muss er dem Bufe folgen, der an ihn ergeht, ob er sich soeben erst, erschöpft von der Tagesarbeit, zur Buhe begab, ob er beim verspäteten Mahle sitzt — immer muss er seiner Pflicht nachkommen. Er muss! Denn das Gesetz bedroht den Arzt, der sich weigert, einem Krankenrufe Folge zu leisten. Welche kolossale körperliche Anstrengungen der Arzt machen muss, ist zwar allgemein bekannt, aber nicht allgemein gewürdigt. Vom Landarzte, vom Arzte im Gebirge, da glaubt man die physische Arbeitsleistung eher, aber beim Arzte in der Stadt wird sie stets unterschätzt. Oder ist es keine erschöpfende physische Leistung, wenn der Stadtarzt 60 und 80 Stockwerke täglich auf- und niedersteigt, wenn er aus der Wärme der Krankenstuben in die eiskalten Corridore und Gassen in stetem Wechsel treten muss? Wahrlich, hiezu gehört nebst eisernem Willen auch eine eiserne Constitution, und ein furchtbarer Beleg für die erschöpfenden Beschwerden des ärztlichen Berufes ist der statistische Nachweis, dass das Durchschnittsalter des Arztes 35‘7 Jahre ist. Mit circa seinem 26. Jahre tritt er seine Laufbahn als praktischer Arzt an, und nach nicht zehn Jahren erliegt er im Durchschnitte dem mörderischen Berufe! Und welche psychische Anstrengung, welche seelische Arbeit muss mit der körperlichen Leistung des Arztes Hand in Hand gehen! Abgesehen von seiner 23 wissenschaftlichen Denkarbeit, deren Object jetzt eine dubiose, innere Erkrankung und unmittelbar darauf eine schwere, äussere Verletzung ist, muss er in chirurgischen und besonders aber in geburtshilflichen Fällen seine ganze geistige Kraft und Geistesgegenwart aufbieten können; immer umschwebt ihn drohend das Gefühl der schweren Verantwortlichkeit. Welche Geinüthserschütterungen muss der Arzt zu ertragen im Stande sein; mitten im Wirrwarr einer plötzlichen Katastrophe, eines plötzlichen gefährlichen Krankheitsfalles, mitten im Weinen und Jammern der besorgten Familienmitglieder muss er ruhig und unbeirrt denkend seines Berufes walten und muss als wahrer Apostel der Humanität Trost und Hilfe spenden, muss Muth und Hoffnung predigen, wo seine, wo menschliche Hilfe erlahmt. Ja, wahrlich, der ärztliche Beruf verlangt Vieles von seinem Jünger. Wird die Frau als Arzt diesen Anforderungen Genüge leisten können? Diese Frage ist eine heissumstrittene, und Manche sehen in ihrer Verneinung die Verurtheilung der ganzen Frage. Zweifelsohne übernimmt der weibliche Arzt eine der schwersten Lebensaufgaben, eine der schwersten Berufsarten, und als Arzt muss man die berechtigte Frage aufwerfen, welche Art ärztlicher Praxis kann die Frau ausüben? Der Landarzt sagt entschieden: „Nein, zur Landpraxis eignet sich die Frau nicht, solchen körperlichen Strapazen ist die Frau nicht gewachsen, und es ist Frivolität, eine Frau in eine so schwierige Lebensstellung zu jagen!“ 24 Der Stadtarzt sagt: „Unsere Clienten verlangen von uns ununterbrochene,*) stete Hilfsbereitschaft, diese kann die Frau nicht leisten; die Frau findet daher gewiss nur eine geringe Praxis, einen kärglichen Lohn, der der geleisteten Mühe und langen Dauer des Studiums nicht entspricht. Ausserdem ist ja bekannt, dass in den Städten eine Ueberzahl von Aerzten existirt, die einen weiteren Nachschub nur für beide Theile erschwerend erscheinen lässt.“ Es bleibt nur das Specialistenthum. Doch ist dies in all seinen Zweigen schon so vielfach von dem Arzte be- und übersetzt, dass eine Frau auch hier nur schwer ihr Brot sich erringen wird. Die öffentliche Anstellung eines weiblichen Arztes als Sanitätsperson wird sich die Regierung jedes Staates wohl noch lange überlegen. Dass Baron Kallay in den von ihm so ruhmvoll administrirten Occupationsländern Bosniens und der Herzegowina zwei weibliche Aerzte anstellte, hat in Folge der dortigen confessionellen Verhältnisse keine präjudi- eirende Beweiskraft, und wird wohl bisher mehr deren Ausdauer und Eifer als ihr factischer Erfolg hervorgehoben. Die jüngste Ernennung einer Genfer Aerztin als — Untervorsteherin im k. k. Officierstöchter-Institute in Wien ist wohl mehr eine Protectionssache als eine gar so erstrebenswerthe Position für den weiblichen Arzt. *) Die aus der physiologischen Beschaffenheit der Frau wohl erklärliche Discontinuität der Arbeitsleistung illustrirt sehr deutlich der Bericht des Wiener Schulrathes pro 1894/95 an den Magistrat, wonach in dieser Zeit die Zahl der Absencen der Lehrerinnen genau doppelt so gross war wie die der Lehrer. 25 Ich halte die Frage nach der physischen und psychischen Eignung der Frau zur medicinischen Praxis überhaupt für eine müssige. Es ist unzweifelhaft, dass sich unter den weiblichen Aerzten so robuste, widerstandskräftige Individuen finden werden, die auch den Anforderungen einer schweren ärztlichen Stellung so gewachsen sein werden wie der männliche Arzt. Aber ebenso unzweifelhaft ist es, dass das Gros der weiblichen Aerzte grösseren Berufs an stren- gungen nur schwer wird genügen können. Wer wird hievon den Schaden tragen? Der Staat nicht, der wird in der Wahl seiner Leute vorsichtig sein; das Publicum nicht, denn dieses wird sich in seinem wohlberechtigten Egoismus bei der erkannten oder nur geglaubten In- sufficienz des weiblichen Arztes sofort um einen anderen, d. h. um den körperlich besser qualificirten männlichen Arzt umsehen. Wer wird also den Schaden haben? Der weibliche Arzt ganz allein! Zu spät wird für eine solche arme Frau das Bewusstsein kommen, dass sie einen Stand ergriff, dem sie nicht gewachsen ist, dass sie nach so grosser Mühe und langen Anstrengungen des Studiums nur ein an Entbehrungen und schweren Enttäuschungen und Kränkungen reiches Leben vor sich habe. Wird eine solche arme Frau nicht mit Recht denen fluchen, die ihr so ruhmredig von ihrer Prädestination zum ärztlichen Berufe predigten und sie so in ein verfehltes Leben jagten? Sehen wir uns zum Schlüsse nun noch um That- sachen um, um den Erfolg der Thätigkeit und die Aus- 26 dehnung der Praxis der Aerztirmen in Ländern, wo sie schon seit Jahren wirken. In den Vereinigten Staaten prakticiren circa 3000 Aerztinnen, und unter dieser grossen Zahl ist keine einzige, die sieh eines Eufes als Capacität, keine einzige, die sich einer wissenschaftlichen Berühmtheit erfreut; nur ganz vereinzelte geniessen in ihrem Wirkungsorte den Euf einer „angesehenen“ Aerztin, während es mit den männlichen Aerzten dort genau so bestellt ist wie z. B. bei uns, wo sich mindestens 30 Percent der prakticirenden Aerzte eines bekannteren Namens in ihrem Praxisorte, 15 Percent eines besonderen Vertrauens einer hervorragenden Olientel und 3 Percent einer über die Grenzen ihres Wohnsitzes reichenden Berühmtheit erfreuen. Dies sind sprechende, schwerwiegende Zahlen! Das zweite Schlagwort, womit die Apostel der Zulassung der Frau zu dem medicinischen Studium ins Feld ziehen, ist: „Der weibliche Arzt für das kranke Weib!“ Mit wahren Schaudergeschichten wird da allseits aufgewartet von den Tausenden von Frauen, die aus Scham und Scheu vor der Untersuchung durch den männlichen Arzt elend zu Grunde gehen. Wie jede Schaudergeschichte, verliert auch diese, ans Tageslicht objectiver Betrachtung gezogen, ihre Gruseligkeit. Ja! Es geht eine grosse, grosse Zahl von Frauen an einer der bösartigsten Erkrankungen jämmerlich zu Grunde. Diese Thatsache ist richtig. Gewiss wäre eine grosse Zahl dieser Kranken geheilt, sicher gebessert worden, wenn man rechtzeitig ärztliche Hilfe in Anspruch genommen 27 hätte. Aber leider steht dem einerseits das unmerkliche Wachsthum, das leichte Uebersehen der ersten Erscheinungen im Wege, andererseits die Indolenz der Erkrankten selbst, die sich zu keinem, weder männlichen, noch weiblichen Arzte begeben, auch dann nicht, wenn schon die Krankheit einen hohen, ja gefährlichen Grad erreichte; ja, wie vielen Frauen sitzt der Tod im Nacken, und sie haben noch keine Ahnung vom Wesen ihrer Erkrankung. Bei solcher Sachlage nützt die Wahl zwischen männlichem und weiblichem Arzte gar nichts. Wir haben aber auch Thatsaehen. In Amerika, wo es doch genug weibliche Aerzte gibt, in jenen Städten, wo weibliche ärztliche Hilfe leicht, ja sogar umsonst erreicht werden kann, zeigt sich keine Abnahme der weiblichen Krebskranken, keine Einflussnahme des weiblichen Arztes auf Verhinderung der Ausbreitung der Krankheit. Also diese Schaudergeschichte wirkt nicht. Jene Frau, die sich aus blosser Prüderie vom männlichen Arzte nicht untersuchen lassen will, ist schon recht selten geworden, und wenn es sein muss, übergibt sie sich auch den decenten Händen des ernsten, ruhigen Arztes, und meist bedauert die Kranke nach der ersten Untersuchung, „sich gar so gefürchtet zu haben“. Ausserdem findet dies Schlagwort gerade in den Ländern mit weiblichen Aerzten nicht nur keine Bestätigung, sondern die dortige Erfahrung zeigt die überraschende Thatsache, dass in allen schwereren Fällen von Patientinnen und deren Familien der männliche Arzt als oberster Eatligeber, als Operateur gerufen wird neben der Aerztin, die bisher behandelte. 28 Aber dieses Schlagwort hat noch eine andere Seite, die ins eigene Fleisch drückt. In dem Momente, wo man von vorneherein der Frau nur einen Theil der ärztlichen Praxis übergeben will, sie nur als Frauen- oder Kinderärztin sehen will, drückt man das ärztliche Niveau der Frau sofort in den Augen des Publicums herab, und deren Wissen wird als einseitiges, deren Können als halbes angesehen, und der Fluch der Frauenarbeit, dass sie minderwerthig sei, gelangt auch hier zur vollen, für die Aerztin selbst traurigsten Geltung. Ausserdem kann nur ein Laie dafür stimmen, dass die Frau nur als Frauenärztin prakticire. Gerade die Gynäkologie ist heute ein eminent chirurgisches Fach, das vom Arzte ganz gewaltige physische Kraft und Gewandtheit, psychische Euhe und Energie verlangt, Anforderungen, denen die Frau gerade am wenigsten gewachsen ist. Als Kinderärztin mag wohl die Frau die beste Eignung haben, dies sei gerne zugegeben. Fassen wir nun alles obig Gesagte zusammen, so sind wir zu dem Schlüsse gedrängt, dass die Frau unter allen geistigen Berufsarbeiten am wenigsten zur Ausübung der ärztlichen Praxis geeignet erscheint, dass dem ärztlichen Berufe in seiner Totalität nur ein ganz geringer Bruchtheil besonders glücklich und gut veranlagter Frauen wird mit gewissem Erfolge vorstehen können, dass aber die grösste Mehrzahl der den ärztlichen Beruf aspirirenden Frauen nur eine ganz kärgliche moralische und materielle Befriedigung in demselben finden wird. 29 Abgesehen von der individuellen Eignung der Frau zum ärztlichen Berufe, hat aber unsere Frage noch eine eminent sociale Bedeutung. Fragen wir zuerst nach dem Bedürfnisse nach weiblichen Aerzten. Da müssen wir uns wohl sagen, dass in Folge der in der letzten Zeit erhöhten Fürsorge der einzelnen Staaten für eine bessere Gesundheitspflege und ein besseres Sanitätsstatut die Yertheilung der Aerzte über Stadt und Land eine gleichmässigere geworden ist, dass also das früher schreiende Bedürfniss nach Aerzten für die beschwerliche und weniger erträgliche Landpraxis ein fast befriedigtes geworden ist. In den Städten hat es einen Aerztemangel ohnehin niemals gegeben. Dies Verhältniss trifft in allen civilisirten Ländern zu. Aerzte existiren dermalen in hinreichender Anzahl, an manchen Orten in Ueberzahl, so dass eine grössere Vermehrung des ärztlichen Personales nichts weniger als noth wendig erscheint. Ich lasse hier der statistischen Zusammenstellung des Berner Professors für Gynäkologie Dr. P. Müller*) das Wort: „Der Ueberfluss zeigt sich am deutlichsten in Deutschland. Hier gibt es höchstens 16.000 den ärztlichen Beruf wirklich ausübende Personen. Wenn man jedoch die Personalverzeichnisse der Studirenden auf den 20 deutschen Universitäten vergleicht, so weisen dieselben in den letzten Jahren jährlich eine Zahl bis gegen 9000 Mediciner auf. Von diesen 9000 sind nur circa 500 Ausländer. Wenn man nun ferner annimmt, dass weitere 500 inländische Studenten auf der *) Ueber die Zulassung der Frauen zum Studium der Medicin. Hamburg 1894. 30 Hochschule entgleisen und nicht zum Examen gelangen, so bleiben immerhin noch 8000 ihr Ziel erreichende Studirende übrig. Da gewöhnlich das Studium in fünf Jahren beendigt wird, so werden, wenn diese bedenkliche Hochfluth andauert, demgemäss in 10 Jahren nicht weniger als 16.000 Aerzte producirt, also genau die Zahl der bis jetzt prakticirenden Aerzte. Wenn auch viele Aerzte frühzeitig ihrem Berufe zum Opfer fallen, viel früher als in anderen Berufsarten, so übersteigt doch der Zugang den Abgang bei weitem.“ Aehnlich sind die Verhältnisse in Oesterreich, und die gesteigerte Nachfrage nach Aerzten hat durch die Ueberproduction schon lange aufgehört. Die Aerztin. findet sonach ein vollbesetztes Feld vor, und schwer, sehr schwer wird ihr Existenzkampf werden. Also gar so verlockend ist der ärztliche Beruf nicht; das Sprichwort von der praxis aurea ist längst Mythe geworden; der einst so hochangesehene ärztliche Stand ist durch verschiedene Ursachen, deren Erörterung nicht hieher gehört, in seinem Ansehen gesunken. Eine Menge von Scheinärzten mit den verschiedenen Heilmethoden, Pfarrer und Laien mit den unglaublichsten, der rohesten Empirie entspringenden Behandlungsarten nützen die Sucht des Publicums nach dem Ungewöhnlichen, dem Widersinnigen aus und schädigen so den ärztlichen Stand; die Gesetzgebung mit ihrem Krankencassenzwang hat dem materiellen Wohl des ärztlichen Standes einen sehr empfindlichen Stoss versetzt, und durch eine falsche Popularisirung der Wissenschaft hat auch das wissenschaftliche Ansehen der Aerzte schwer gelitten. Die Ueberproduction macht sich in der Concurrenz schon recht bedenklich fühlbar, und es ist 31 natürlich, dass der praktische Arzt besorgt in die Zukunft blickt, in eine Zukunft, wo neben ihm auch noch die prakticirende Aerztin ihrem Berufe nachgeht. Der ruhig- denkende Arzt ist sich ganz klar darüber, dass besonders im Hinblicke auf die bisherige Erfahrung die Zahl der Aerztinnen, die wirklich ihr Ziel erreichen, deren Con- currenz er also zu fürchten hätte, eine recht kleine sein wird. Wie richtig diese Ansicht ist, beweist ein vom englischen Parlamente jüngst vorgelegter Bericht aus den Yolkszählungs- daten Englands aus den Jahren 1871, 1881 und 1891. 1871 bestanden noch keine weiblichen Aerzte in England, 1881 zählte man 25 Aerztinnen und in zehn Jahren vermehrten sie sich auf 101; sonach eine Jahreszunahme von 7'5, sage siebeneinhalb Percent!! Es ist also nicht so sehr die Sorge für den materiellen Wohlstand, sondern die Mehrzahl der Aerzte fürchtet für die moralischen Interessen und weitere Schädigung des Ansehens des ärztlichen Standes durch das Eindringen der Frauen in die ärztliche Praxis. Gibt es heute schon in jeder grösseren Stadt Aerzte. die kaum den nöthigsten Lebensunterhalt verdienen, Aerzte, die nebst ihrer kärglichen Praxis irgend eine andere Beschäftigung treiben müssen, um nicht zu hungern, Aerzte, die am Abende eines mühevoll und kümmerlich verbrachten Lebens die Unterstützung ihrer Collegen in Anspruch nehmen müssen, wie wird dies bei der steigernden Ueberproduction werden? Es wird ein ärztliches Proletariat enstehen, dass den Stand, den Staat, das Publicum schädigt. 32 Ist die Zulassung der Frauen zum Studium der Medicin einmal gesetzlich gestattet, so wird naturgemäss auch eine Zahl von weiblichen Individuen auf der ärztlichen Arena erscheinen, die, um sich auf derselben zu erhalten, zu allen möglichen, das Ansehen und die Würde des Standes schädigenden Mitteln wird greifen müssen, wie dies ja leider jetzt schon manchmal unter den männlichen ärztlichen Collegen geschieht. Die Sorge für die Verhinderung der Bildung eines Proletariates in irgend einem Stande aber ist auch Aufgabe des Staates, und darin liegt deren Lösung, dass eine unnütze, schädliche, gefährliche Anhäufung von Brotsuchenden in Einer Berufsart vermieden wird. Mit dieser Erkenntniss und Forderung sind wir aber in logischer Folge zu einem neuen Punkte in der Entwicklung unserer Frage gelangt. In überhasteter, überstürzterWeise haben die Wortführer in der Frauenfrage fast stets nur das Studium der Medicin für die Frau reclamirt. Aus den obigren Betrachtungen aber geht hervor, dass gerade der ärztliche Stand für die Frau der am schwierigsten zu erfüllende, dass er der in moralischer und materieller Hinsicht am wenigsten lockende ist. Und doch ist es geradezu erstaunlich, mit welcher Ausdauer und Zähigkeit an dieser einseitigen Forderung festgehalten wird. In richtiger Erkenntniss des hohen Werthes der geistigen Ausbildung des weiblichen Geschlechtes hat man Mädchengymnasien gegründet. Was aber hat man den Zöglingen als Ziel vorgezeigt? Nicht etwa, wie dem 33 Jünglinge, eine Zahl, eine Auswahl höherer Berufsarten, nein, sondern einzig und allein die eventuelle Möglichkeit der Zulassung zum ärztlichen Berufe. Man hat sich gar nicht die Fragen vorgelegt: Sind denn diese Mädchen tauglich, den schweren Beruf des Arztes zu erfüllen? Was geschieht mit denen, die im Laufe des Studiums erlahmen? Was mit denen, die beim Eintritt in die Facultät, den Secir-, den Operationssaal einsehen lernen, dass eine unüberwindliche Scheu sie hindert, Aerztin zu werden? Mit einer ganz unglaublichen Rücksichtslosigkeit, mit einer frivolen Nichtachtung des Einzelindividuums verführt man eine Schaar junger Mädchen, sich den anstrengenden, langen Gymnasialstudien zu unterziehen, indem man ihnen eine glänzende Zukunft verspricht, die erst mit Mühe und Arbeit wieder geschaffen werden muss. Mit brutaler Nichtachtung stürmen diese Wortführer weiter an den Leichen Jener, die auf der Bahn zum verheissenen Ziele physisch und psychisch zusammengebrochen sind. Yon diesen Wortführern wird stets mit Stolz hingewiesen auf jene Frauen, die das Doctordiplom bereits errungen haben und die Praxis ausüben, nicht aber auf die grosse Zahl jener Frauen, die auf dem Wege erlagen. Es ist hier am Platze, ernst und ruhig die kritische Sonde an die Verhältnisse zu legen, und das Ergebniss wird uns mit ernstem Nachdenken erfüllen und wird die überschäumende Begeisterung bedeutend abkühlen. In den „Philadelphia Times“ ex 93 findet sich eine statistische Zusammenstellung der Schicksale von 100 weiblichen Studentinnen der Medicin. 34 Von diesen 100 ins medicinische Studium eingetretenen Frauen geriethen im Laufe der Studienzeit: 23 auf Abwege, 24 heirateten und gaben das Studium auf, 26 wendeten sich aus verschiedenen Ursachen einem anderen Berufe zu, 3 starben, 6 vermochten die Prüfungen nicht zu bestehen, 18 traten in die Praxis ein. Yon diesen nehmen 5 Subalternstellungen in den Spitälern ein, 13 üben die gewöhnliche Praxis aus, und von diesen erwarben sich nur 4 eine Specialistenclientel, die sie vor Noth und Mangel schützt; die anderen üben eine recht kümmerliche Praxis. Seither veröffentlichte Professor Laskowski in der „Revue scientifique“ vom 27. Jänner 1894 eine ähnliche Zusammenstellung von 175 Genfer Studentinnen, die noch kläglicher, erschütternder klingt. 115 von 175 scheiterten und nur 3 (!!) erlangten eine ziemlich gute Praxis. Dies sind Zahlen, welche „einem weiblichen Elitecorps“ entnommen sind. Die Aerztinnen von heutzutage sind als Pionniere anzusehen, als Bahnbrecherinnen einer neuen Richtung; die heutigen Studentinnen der Medicin müssen als glücklicher veranlagte Individuen angesehen werden; sie müssen eine höhere psychische Qualification als ihre Geschlechtsgenossinnen haben, sie müssen ein mehr als gewöhnliches Mass von Energie und Ausdauer haben, um ihre noch recht exponirte Stellung zu behaupten. Die heutigen Studentinnen der Medicin müssen 35 eine besondere Selbstverleugnung, Ueberzeugungstreue und Thatkraft besitzen, den Muth des „Sichhinaussetzens“ über althergebrachte Form und Sitte, den Muth der Ueberwindung weiblicher Schamhaftigkeit und des zähen Festhaltens trotz aller Hindernisse. Und selbst solch ein Elitecorps liefert so traurige Resultate ?! Wie soll dies später werden, wenn auch die weniger zähen und gestählten Charaktere das medi- cinische Studium ergreifen können? Da wird ja die Zahl der Entgleisten ganz kolossal steigen, das geistige Proletariat der „Verbummelten“ enorm anwachsen!! Schliessen wir zur besseren Beurtheilung der folgenden Deductionen hier gleich eine weitere statistische Zusammenstellung an, die der Wiener Quästur aus dem Anfänge der Siebzigerjahre entstammt. Von 100 in den ersten Jahrgang der Medicin eingeschriebenen Jünglingen traten 22 im ersten Jahre aus, um sich anderen Facultäten zuzuwenden, 36 fielen im weiteren Verlaufe den Studien selbst (Scheu vor Chirurgie!), dem Berufe, den finanziellen Anforderungen oder anderen Verhältnissen zum Opfer, 9 bestanden die Bigorosen in Folge selbstverschuldeter odei zu spät erkannter Disqualification nicht, erlangten kein Diplom und nur 33 gelangten durch die enge Pforte in die weiten beschwerlichen Gefilde des ärztlichen Berufes. 3 * T - 36 - Vergleichen wir die beiden Tabellen, so zeigt sich, dass von den männlichen Studirenden 33, von den weiblichen nur 18 ihr vorgestecktes Ziel erreichten! Was geschah mit den anderen? Von den im ersten Jahrgange inscribirten Medi- cinern traten 22 im ersten Jahre aus, um sich anderen Fächern zuzuwenden, weil sie sofort, meist nach dem ersten Besuche im Secirsaale, ihre Disqualification für den ärztlichen Beruf erkannten; von den später abgefallenen sind gewiss 10, die aus gleicher Ursache die medicinische Laufbahn verliessen; diese 32 Personen konnten noch rechtzeitig einen ebenbürtigen Beruf ergreifen und in demselben ihr Ziel erreichen und so der Gesellschaft als nützliche Mitglieder erhalten bleiben. Wie steht es aber mit den Frauen, wenn ihnen nur das ärztliche Studium offen steht? Die Studentinnen können nicht, wie ihre männlichen Studiencollegen, „überspringen“. einen Rücktritt in eine bescheidenere Lebensstellung als Lehrerin, Gouvernantin etc. verhindert der natürliche Stolz, und so sehen wir eine Zahl verfehlter Existenzen, verbummelter Studentinnen entstehen, die das geistige Proletariat vermehren und eine Schande und Gefahr für die Gesellschaft und den Staat bilden. Sind sich diese Parteiführer ihrer moralischen Verantwortlichkeit bewusst?! Wenn man die Mädchen zu den langen Mühen des Gymnasialstudiums verlockt, was ja zu einer richtigen Vorbildung für die Hochschule unerlässlich ist, dann muss man ihnen aber auch als Lohn für die geleistete Arbeit die Möglichkeit bieten, eine Existenz anzustrebeD, i 37 die ihrer individuellen Eignung anpassend ist. Und dazu gehört die Möglichkeit der Wahl der Berufsart für die Abiturientin. Mit der Eröffnung der medicinischen Facultät allein ist den Frauen wenig geholfen. Will man die Frauen zu den höheren Berufsarten zulassen, dann muss man ihnen genau dieselbe AVahl lassen, wie sie den Jünglingen freisteht. Dadurch kann die Frau jenes Fach ergreifen, zu dem sie die meiste Lust, die grösste Eignung in sich fühlt, und nur so kann die Frau im Wettbewerbe bestehen. Eröffnung aller Hochschulen und Facul- täten für die Frau muss die Devise sein, mit der in der Frauenfrage gekämpft wird. Weg mit der Einseitigkeit, die sich bald aufs Bitterste am Staate, am Publicum, besonders aber an den armen, in gebundener Marschroute vorwärts gejagten Mädchen rächen würde. Gibt es denn wirklich nur im medicinischen Berufe AYirkungskreise für die Frau? Ist nicht eine Anzahl anderer Fächer, in denen die Frau Erspriessliehes leisten kann, Fächer, die dem körperlichen und geistigen Charakter der Frau viel mehr Zusagen als die Medicin? Könnte die Frau nicht als Candidatin oder Doctorin der Philosophie als höhere Lehrerin, als Professorin wirken? Es wäre nur eine Steigerung im Berufe, eine höhere Leistung, als sie die Lehrerinnen an den Volksschulen seit Jahren zur allgemeinen Zufriedenheit in einfacherer AVeise schufen. All das erspriessliche Wirken und Arbeiten in den diversen Fächern und Laboratorien der Naturwissenschaften, vor Allem in der Chemie, der Pharmacie, 38 würde der Frau zu eröffnen sein, und diese oft so subtile Detailarbeit mit ihren relativ geringen Ansprüchen an körperliche Leistungen wäre ein Feld, geradezu geschaffen für die weibliche Leistungsfähigkeit. Wie viele hunderte Mädchen und Frauen fänden durch Zulassung zu den naturwissenschaftlichen Fächern Arbeit und, ehrenvolle Stellung! Auch das juridische Studium müsste der Frau zugänglich gemacht werden. Warum sollte sich unter den studirenden Mädchen nicht eine Zahl von Candidatinnen finden, die auf dem Gebiete der Privatrechtsvertretungen, der Yertheidigung sehr Erspriessliches leisten können?! Welche Summe von geistiger Arbeitskraft könnte ferner die Frau auf dem Felde der technischen Fächer verwerthen! Auch hier gibt es eine Menge von Gebieten, deren Bearbeitung genau den Kräften und der Leistungsfähigkeit der Frau entspricht. Auf der Hochschule für Bodencultur fände die Frau genügend Vorbereitung, um auf landwirtschaftlichem Gebiete einen schönen Wirkungskreis zu erringen und die Verbesserungen und tadellosen Administrationen, die eine alleinstehende Gutsfrau so manchmal auf ihrem Gute einführt, sind Beweise für die bezügliche Qualification der Frau. Wenn die Handelsakademie der Frau ihre Lehrsäle öffnet, so wird eine Reihe von Bureauplätzen von einer Anzahl von Frauen mustergiltig ausgefüllt werden. Ich spreche hier absichtlich nicht davon, dass eine grosse Reihe von öffentlichen Beamtenstellen 39 ohne jeden Eintrag für den Dienst von Frauen versehen werden könnten, die die Staatsrechnungsprüfung mit Erfolg abgelegt haben. Die Besetzung solcher Stellen ist freilich ein Recht der Regierung, die in dieser Frage wohl noch lange einen conservativen Vorgang einhalten dürfte. Kurz, wohin wir blicken, können wir mit Beruhigung erkennen, dass die humanistisch-gebildete Frau den ihr gebotenen, freigewählten Beruf ganz vorzüglich auszufüllen in der Lage sein wird. Wenn wir dieser Entwicklung unserer Frage folgen, so sehen wir nirgends eine Ueberfüllung, eine gefährliche Concurrenz der Frau, einige wenige werden einrücken in sich ergebende, ihnen zusagende Positionen, und der mächtige Fortschritt wäre geschehen. Hat die Frau das Recht und die Möglichkeit, aus einer Anzahl von Berufen einen für sich zu erwählen, so steht sie auf gleicher Stufe mit dem Manne, und die Selection der geistigen Kräfte ist auf beiden Seiten gleich. In einem jüngst erschienenen Feuilleton*) propagirt Professor v. Schrötter wärmstens die Gymnasialbildung der Mädchen, und mit vollstem Rechte. Die positive Basis eines gründlichen umfassenderen Wissens würde den Gedanken und dem Charakter der Mädchen eine ernstere Richtung geben. Die hohle Bildung, der nur auf Flitter und Tand gerichtete Sinn würden einer höheren Gedankenrichtung, einem besseren Verständnisse des Lebens Platz machen, und gar mancher Mann, dem heute die schale *) „Neue Freie Presse“, October 1895 40 Putzsucht der jungen Damen und deren egoistische Verständnislosigkeit* für das ernste Streben und Arbeiten des Mannes Scheu vor der Ehe einjagen, wird gerne das Mädchen zum Altar führen, in der er die verständige Beratherin und eventuelle Mithelferin in seinem Berufe erblicken kann. Der „Blaustrumpf“ wird verschwinden, und eine Schaar gebildeter, feinsinniger Damen würde Leben und Gesellschaft verschönern. Also recht viel Gymnasialbildung! Die Gymnasiastinnen, die Beruf in sich fühlen und deren Verhältnisse es zulassen, streben dann die Hochschule an, und ihr Einrücken in die höheren Berufsarten der Männer wird keine derselben überfluthen oder in Würde und Ansehen herabsetzen; das Mädchen, die Frau werden in dem ihren physischen und psychischen Charakter passenden Berufe gewiss einen entsprechenden Wirkungskreis finden. Bevor wir jedoch zu den Schlusssätzen übergehen, wäre noch Folgendes zu erwähnen: In den bisherigen Bestrebungen, die Frauenfrage zu lösen, zeigen sich eine Menge von Sprüngen. Besonders ist hier hervorzuheben die erst neulich wieder in einer Wiener Frauenversammlung zur Resolution gelangte Strebung, die Doctorinnen ausländischer Universitäten ohneweiters zur Praxis zuzulassen. Dies Mitleid, diese Fürsorge ist zwar recht schwesterlich, schlägt aber der Gleichberechtigung ins Gesicht. Die bisherigen Doctorinnen haben nicht jenen systematischen Studiengang hinter sich, der unseren Gesetzen entspricht, und dürfte es daher fraglich sein, ob ihr Wissen auch auf 41 gleicher Höhe mit dem der auf inländischen Hochschulen Diplomirten steht. Eine strenge Nostrificationsprüfung, die nach dem Gesetze unerlässlich ist, würde wohl eine diesbezügliche Sichtung des Wissens vornehmen, aber unter dem gerne zugestandenen Motto: „Gleiches Recht und gleiche Pflichten“ dürften dann die Einschmuggelungen ausländischer Doctorinnen mit Umgehung der Nostrification, wie dies erst jüngst hier der Fall war, ihr Ende erreicht haben. Nicht genug kann vor solchen „Sprüngen“ gewarnt werden im Interesse einer befriedigenden Lösung unserer schweren Frage für beide Theile. „Gleiches Recht und gleiche Pflichten'“ Da taucht auch noch eine andere Frage im Hintergründe auf, die unter den obwaltenden Umständen fast ein Lächeln hervorruft: die Wehrpflicht! Schwer empfindet der Studirende den Verlust des Jahres, in dem er „seinen Freiwilligen“ macht; ein schweres Opfer bringt er mit den temporären Einrückungen und Waffen Übungen. Wenn wir uns nun auch die Studentinnen der übrigen Facultäten nicht als „Freiwillige“ denken wollen, für die Studentin der Medicin läge die Sache anders. Hat sie die Kraft, mit dem Manne im schwierigen Fache zu concurriren, so darf man ihr nicht zum Schaden der männlichen Collegen die grosse Concession machen, sie vom Sanitätsdienste im Heere zu befreien, nachdem sie selbst auf jede Bevorzugung moralisch verzichtete. Unsere Heeresleitung, die ja stets mit dem grossen Mangel an Sanitätspersonale zu kämpfen hat, würde gegen eine solche Heranziehung der Frau zum Dienste nichts einzuwenden haben. Allerorts wird ja auch betont, wie überaus gross und segensreich das Wirken weiblicher Aerztinnen z.B. im russisch-türkischen Kriege gewesen sei; eine Probe der Verwendbarkeit wäre ja erbracht, und als sicher ist anzunehmen, dass die Aerztin zum Hospitalsdienste noch am zweckmässigsten und für sie selbst am passendsten und leichtesten zu verwenden wäre. Der, ich möchte fast sagen, instinctive Zug nach Spitalsdienstleistung macht sich auch wirklich bei den Aerztinnen in den betreffenden Ländern deutlich bemerkbar. Aus all dem Vorstehenden nun wären in objectivster Weise folgende Schlüsse zu ziehen: Es ist eine nothwendige Folge der socialen und culturellen Weiterentwicklung der Menschheit, dass die Frau Zutritt erhalte zu den höheren Berufsarten der Männer. Damit ihr aber die Gelegenheit geboten sei, sich geistig und physisch zu vervollkommnen und sich mit der Zeit vollends auf die Höhe der Leistungsfähigkeit der Männer zu erheben, ist es nothwendig, derselben alle jene Wege zu eröffnen, die der Staat und das Gemeinwesen dem Jünglinge zu seiner Ausbildung und Berufsvorbereitung in so wohldurchdachter und erprobter Weise zur Verfügung stellen. Es ist unzweifelhaft, dass die Frau von heute im Allgemeinen noch nicht auf der Höhe der Leistungsfähigkeit steht; es ist aber der Beweis bereits erbracht, dass diese Leistungshöhe von der Frau erreicht werden kann. Vorderhand ist dieser Beweis erbracht von einer geistigen Elite besonders gut veranlagter Frauen. Doch ist auf das Dringendste davor zu warnen, die Beweise, die diese Frauen erbrachten, auf die Allgemeinheit anzuwenden, wie dies leider allgemein geschieht. Die vorstehenden Zeilen haben den Hauptzweck, darauf hinzuweisen, dass durch eine unkluge, einseitige Zulassung der Frauen zu den höheren Berufsarten unzweifelhaft eine bedeutende Steigerung des geistigen Proletariates, diese grösste Gefahr für ein Gemeinwesen, geschaffen würde; diese Deduetionen haben den Zweck, den Blick von den wenigen Siegerinnen abzulenken auf die grosse Zahl jener Unglücklichen, die auf der langen, beschwerlichen Bahn Zurückbleiben, entgleisen und physisch und moralisch verkommen. Für diese muss gesorgt werden, und da gibt es nur einen Ausweg: dass die Frau die Möglichkeit finde, von einer Berufsart in eine andere rechtzeitig überzutreten, wenn sie erkannt hat, dass sie für die erstergriffene Berufsart keine Eignung habe. Gymnasium und Realschule seien dem Mädchen geöffnet und ihr so schon früh- und rechtzeitig ermöglicht, ihre Eignung entsprechend zu prüfen und auszubilden. Alle Hochschulen und alle Facultäten wären der Frau zu erschliessen, damit sie sich in jenem Berufe heranbilden kann, zu dem sie die grösste Lust und die besten physischen und psychischen Bedingungen in sich fühlt. Nur so, nur gleich herangebildet und gleich gerüstet, wird die Frau im Stande sein, nicht zu siegen, gewiss aber ehrenvoll und lohnbefriedigt den Kampf zu bestehen. Auf das Eindringlichste und Entschiedenste ist aber zu betonen, dass die heutige einseitige Strömung, für die Frauen nur die Zulassung zum medicinisehen Studium zu erstreben, keine glückliche ist. Der ärztliche Beruf ist der allerschwersten einer in der menschlichen Arbeitsordnung; er verlangt die speciellste und 45 grösste Eignung unter allen; die ungeheuere Zahl jener Jünglinge, die den Beruf heiss erstrebten, ihn aber nicht erlangen konnten (22 Percent, s. pag. 35), die vielen Männer, die als Aerzte nur nothdürftig und kümmerlich sich weiterschleppen, weil sie wohl das Diplom, nicht aber die physische oder Charaktereignung zur ärztlichen Praxis besitzen, sind ein Beweis, wie es aussehen würde, wenn die bisher noch nicht so widerstandskräftige Frau nur diesem Ziele zustreben dürfte. Und doch stand ja diesen Jünglingen die Wahl eines anderen Berufes offen. Wie verderblich, wie grausam ist es, hunderte von Mädchen nur nach einem Ziele laufen zu lassen, nachdem die bisherigen Ausweise ergaben, dass von den befähigtsten, begeisterungsdurchglühten nur 18 Percent dies Ziel erlangten und dass nur bei 3 Percent der Lohn der Mühe entsprach. Es entspricht nicht einer logischen und ruhigen Evolution, gleich das Schwerste zu erstreben; diese Evolution kann nur dann eintreten, wenn für die Frau dasselbe wie für den Mann gelten kann: die Selection. Es ist der Frau im Allgemeinen nicht die Eignung zum medicinischen Studium abzusprechen, die Zukunft wird dies aber unnachsicktlich im Specieilen tliun; dass die Frau nicht dadurch zu hart getroffen werde, möge Sorge des Staates sein, indem er der Aus- geschiedenen auch anderes Brot reicht. Xur so kann unsere Frage zum Segen für die Menschheit und zum Wohl des Individuums gelöst werden! f I TMW-Bibliothek 00810042 JMT^T4-yH Technisches Museum Wien Bibliothek 41.713 jU ** i: •A>: • * «r'\ • ■*. * '-v» ♦ *7: ' ¥f ■. y- *v . i ' ■