WDW- WMc 'ÄSSLL^ M'A Z WEs-SSL- sst-WAWWTZ^A^»^! ZWZME ü>^' Das Recht der Frauen aus Arbeit und die Organisation der Frauenarbeit. Mit einem Anhange: Aber Ausstellungen der Arauenarbeit. Lwei Vartriige gehalten im Frauen-Erwerb-Verein zu Wien. von Dr. Larl Thomas Richter. Ä.- Zweite vermehrte Auflage Dch Me ^ ' 5 ^- ^ ZiINLkir Wien 1869. Druck und Verlag von A. Pichler's Witwe L Sohn. s»0t.«or»c»r ^fteeknise^s l^MiMUSSUMV/isn s tz19303 Worrede zur ersten Aussage, Zahlreichen Wünschen und Anfragen zu genügen, übergebe ich diesen Vortrag, den ich am 10. Dezember d. I. in der allgemeinen und öffentlichen Versammlung des Wiener Frauen- Erwerbs-Vereines gehalten habe, dem Drucke und einer noch größeren Verbreitung. Ich weiß, daß in meiner Darstellung die in unsern Tagen so wichtig werdende Frage nach dem Recht der Frauen auf Arbeit nicht erschöpft ist. Aber ich glaube, daß es mir gelungen ist, die Frage in ihrer ökonomischen Wichtigkeit und historischen Bedeutung sicher zu stellen und dadurch den Bestrebungen edel denkender Frauen eine breite und Vertrauen erweckende Basis gewonnen zu haben. In diesem Gedanken widme ich die Schrift dem Aus- schuß des Wiener Frauen-Erwerbs-Vereines und erfülle zum Theile die Pflicht, welche die muthig für eine edle Sache eintretenden Mitglieder desselben mir auferlegten, indem sie mich als ständigen Beirath ihren Berathungen und Arbeiten zugezogen haben. »ien, im Dezember 1866 . vr. A. Th. Richter. Vorrede zur zweiten Auflage. Äle freundliche Beurtheilung, welche diese Schrift nllent- halben gefunden hat, und welche eine neue Auflage nöthig macht, gibt auch mir Gelegenheit, gegen meine freundlichen Leser dankbar zu sein. Ich vermag dies nur dadurch, indem ich eine zweite kleinere Arbeit über die Frauenarbeit nun meiner ersten Schrift anhänge und so die zuerst ausgesprochenen Gedanken ergänze, wo es Noth thut, und näher beleuchte, wo das volle Licht fehlte. Auch diese kleine Arbeit, die ich jetzt dem Drucke übergebe, habe ich im Kreise des munter vor- wärtsstrebenden Wiener Frauen-Erwerbs-Vereins vorgetragen, was ich erwähne, um Manches in der Form derselben zu entschuldigen. Wien, im Mai 1868 . Der Verfasser. auf Arbeit ,und die Organisation der Frauenarbeit. „Der Bereinszweck soll im Allgemeinen angestrebt werden: u) durch Vortrage und Schriften über die Erwerbsfähigkeit der Frauen, d) durch Bekämpfung und Beseitigung der Vorurtheile, welche der Frauenarbeit entgegenstehen." Ktatutrn des Mmer-Fraumerwerbs-Dereines. II. Z. 2. Meine Damen! Es ist ein bedenkliches Wort, welches als Titel dieses Vortrages den Inhalt und den Geist desselben ausdrücken soll. Es ist bedenklich, nicht weil die Wahrheit des Begriffes, den dieses Wort kennzeichnet, gefahrdrohend und seine Geltendmachung im wirklichen Leben gefahrbringend ist; es ist bedenklich nur, weil der Ursprung dieses Wortes, sein Eintritt in die Geschichte Europa's und seine erste Lebensgeschichte selbst mit dem Schrecken einer gewaltigen Revolution umgeben ist. Das Ende des achtzehnten Jahrhunderts unserer Geschichte geht unter mitten im Donner der Kanonen eines wild begeisterten Volkes und beleuchtet von der Brandfackel, mit der die empörten Gemüther jahrhundert alte Laster und Vorurtheile der Vernichtung weihen. Allgemeine Freiheit und allgemeine Gleichheit ruft die französische Revolution allen Völkern Europa's zu, und bricht mit diesem Feldgeschrei die eigenen Ketten. Die Quelle der Unfreiheit und der allgemeinen Sklaverei erkennt die französische Revolution in der „erschreckenden Ungleichheit der Menschen," die doch gleich von Natur und gleich vor Gott. Und sie reißt mit verwegenem Muthe die Schranken nieder, welche die Menschen trennen, und füllt durch die Menschenrcchte, dem Gesetz der allgemeinen Gleichheit, die bodenlose Kluft aus, welche durch Jahrhunderte hindurch in der ständischen Gesell- 1 2 schaft den Menschen zwang, in seinem Mitmenschen seinen Feind und ewigen Gegner zu erkennen. Diese Gleichheit war dem Anfang der Revolution kein hohles Wort. Sie war ihr nicht, wie einer späteren Zeit, ein Gespenst, mit dem man das Gute opferte, weil es besser als das Schlechte war, mit dem man das Edle zu vernichten drohte, weil es sich über das allgemeine Elend der Zeit zu erheben wagte. Diese Gleichheit sollte eine feste Basis finden in der freien Entfaltung der menschlichen Kraft: zu existiren, sich zu erhalten und zu entwickeln. Und diese Basis fand die Zeit in der wirtschaftlichen Freiheit des Menschen, in der Freiheit des Eigenthums und des Rechtes auf Arbeit. Es war eine merkwürdige Gesellschaft und eine merkwürdige Regierung, welche vor der französischen Revolution Europa beherrschte, und mit ihren Thaten die Geschichte des Welttheiles ausfüllte. Die Gesellschaft ruhte in ihrer innern Ordnung und äußeren Erscheinung auf der Gliederung des Volkes nach Ständen; die Regierung in ihrer ganzen Gestalt, im Denken und Handeln, auf der absoluten Gewalt. In dieser Erscheinung sind Gesellschaft und Regierung eines Staates einander innig verbunden und dauernd zu gegenseitigem Schutz verpflichtet. Die Kraft der Stände liegt im Besitz des Privilegiums und der Vorrechte, die Macht der Regierung in der Willkür, diese Privilegien und Rechte geben und nehmen zu können. Die Thätigkeit der Stände konzentrirt sich durch alle Jahrhunderte hindurch in der Arbeit und dem Kampf, die Privilegien zu erhalten und zu erweitern. Sie arbeitet im Dienste der absoluten Regierung und steht ihrer Willkür treu zur Seite, denn nur durch die Herrschaft dieser Willkür kann das ständische Privilegium bestehen. Die Thätigkeit 3 der Regierung löst sich im Wesentlichen auf in den Wechsel der Launen des Monarchen und der Willkür, die absolute Gewalt zu nützen für die Erhaltung des Freundes und die Vernichtung des Feindes. Freundschaft und Feindschaft aber beweist sich nur nach der Bereitwilligkeit, sich der absoluten Gewalt zu unterwerfen und der Willkür zu fügen. Die Privilegien der Stände ruhen theils auf der Freiheit von allen Lasten, welche der Staat fordert, auf der Freiheit von Steuern und Abgaben oder selbststäudigen Dienstleistungen, theils auf dem Vorrecht von dem arbeitenden Volk, dem Niedern und Armen, Lasten zu fordern und Leistungen, Zinsen und Abgaben, in dem Vorrechte des Taubenschießens, der Weinkelterung, des Jagdrechtes und dergleichen mehr. Sie ruhen, — und das war das sittlich entwürdigendste für die Masse des arbeitenden Volkes — auf dem Vorrecht ausschließlich und allein Aemter und Würden besitzen und ansprechen zu können. Sie ruhen endlich — und das war das wirtschaftlich traurigste für den Menschen, der im Schweiß seines Angesichtes sein Brod erwerben mußte — auf dem Vorrecht nach eigener Willkür Arbeit und Eigenthum geben und nehmen zu können. Die Regierungen nährten und duldeten diese Lasten, weil sie bei der Willkür und Freiheit der Stände am besten ihr letztes Ziel erreichen konnten, die Brandschatzung des arbeitenden Volkes. Und versuchte sie es je mit den Uebeln der Zeit zu brechen, wie Ludwig XVI. in Frankreich unter dem Ministerium Turgot's und Necker's, so mußte sie erkennen, daß sie zu schwach geworden gegenüber dem Elend, das sie selbst großgezogen. Unter der Herrschaft solcher Zustände konnte von einem Glück des Volkes keine Rede sein, denn es fehlte ihm die Basis desselben, die wirtschaftliche Freiheit. Das kaum 1 * 4 erworbene, mühselig ersparte Eigenthum verzehrten wieder die Masse der Steuern und Abgaben, Zehnten, Vierzehnten, Gülten, Frohnen und wie sie alle hießen. Die Entwicklung der Arbeit erstickte ein engherziger Zunftzwang, den auch die beste Kraft und der regste Fleiß nicht durchbrechen konnten, und die Willkür der Regierung, welche sich bis in die Werkstatt und den engsten Kreis der Familie drängte. „Ich habe häufig gesehen", erzählt der Minister der Gironde, Roland, „ich habe gesehen, daß Fabrikanten durch eine Bande von Offizianten heimgesucht wurden, die ihnen die ganze Anstalt in Verwirrung brachten, ihre Familien mit Schrecken erfüllten, das Tuch von den Rahmen schnitten, das Gewebe von dem Stuhl rissen, und sie selbst als Zeugen der Ueber- tretung mit fortschleppten. Die Fabrikanten wurden vor Gericht gestellt, gerichtet und verurtheilt, die Waaren konfiszirt, Abschriften ihrer Verurtheilung öffentlich angeschlagen, Vermögen, Ruf, Kredit, alles war ihnen verloren und zerstört. Und was hatten sie verbrochen? Sie hatten aus — Wolle eine Art Tuch gemacht, Plüsch genannt, wie es die Engländer zu machen und in Frankreich zu verkaufen Pflegen, während die französischen Anordnungen verlangten, daß diese Art Tuch aus Kameelhaar gemacht werde." Und weiter erzählt er, wie fast alle Wochen in der industrieeifrigen Stadt Rouen eine Bande Regierungskommissäre die Arbeit untersuchte, ob sie gerade so verfertigt sei, wie es das Gesetz bestimme. Da stellt man einen Fabrikanten an den Pranger, weil er in den Fäden des Grundes eines Gewebes anderes Material verwendet, als das Gesetz angibt; dort vernichtet man ein Gewebe, weil es breiter gearbeitet ist, als die gesetzliche Vorschrift es bestimmt. Und Tocqueville erzählt, wie diese Bande königlicher Beamten das Land durchstreichen, die Saaten des 5 Bauern vernichten, die sprossenden Pflanzen herausreißen, wenn die Art des Anbaues oder die Art der Pflanze nicht nach der Vorschrift des Gesetzes gewählt und gepflanzt worden. Ewige Arbeit und dennoch ewiges Elend, heißer Schweiß in den Mühen des Tages und niemals eine freudenvolle Ernte, das sind die Folgen und Genossen einer willkürlichen und ungerechten Regierung, einer ewigen gewaltthätigen Bevormundung von Oben. Aber auch Haß und Erbitterung gegen das Bestehende und die keimende Wuth der Rache für den Augenblick, in dem die Fesseln fallen und die Ketten gesprengt werden. Und dieser Augenblick kam, vorbereitet einzig und allein durch das Elend und die Laster der Zeit selbst; zum Bewußtsein aber seiner Nothwendigkeit gebracht durch die Philosophie und neu auflebende Wissenschaft des achtzehnten Jahrhunderts. Wir nennen eben den Prozeß, in dem sich die Zukunft von einer traurigen Vergangenheit emanzipirt, die französische Revolution. Nicht in seiner Geschichte, nicht in seinen politischen Erfolgen und Siegen wollen wir diesem großen und erschütternden Ereigniß folgen. Aber seine wirtschaftlichen Triumphe müssen wir einen Augenblick betrachten, damit wir uns nicht in die Vorstellung verirren, als ob die Gegenwart plötzlich von neuen Gedanken erhellt werde, welche keine Vergangenheit früher geahnt habe. Alles was ist, ist nur ein Ruhepunkt in der Entwicklung des menschlichen Denkens und Arbeitend. Und damit wir Trost in unseren Mühen und Muth in unserer Arbeit finden, müssen wir uns stets bemühen, das Material kennen zu lernen, das uns die Vergangenheit zur Erfüllung unserer Lebensaufgabe geliefert hat. Die Geschichte ist die beste Trösterin für den Glauben an den unaufhaltsamen Fortschritt der Menschheit. 6 S st Die französische Revolution setzte der Unfreiheit und Unsicherheit des Eigenthums die Freiheit und Sicherheit desselben gegenüber. Jedermann kann erwerben und besitzen und seinen Erwerb und Besitz frei und unantastbar behaupten. Kein Privilegium, kein ständisches Recht kann diese Freiheit einschränken oder ihre Früchte schmälern. Nur der Staat hat für seine Erhaltung und seine Bedürfnisse einen Anspruch auf das Eigenthum. Aber nach seinen Kräften allein und, innerhalb dieses Staates, gleich sollen alle Bürger den staatlichen Bedürfnissen genügen. Das war der erste und vielleicht größte Sieg der französischen Revolution. Wenigstens hat es keine Gewalt nach ihr gewagt die Heiligkeit und Gerechtigkeit dieses Satzes anzutasten. Freiheit und Sicherheit des Eigenthumsrechtes lehrten die Menschenrechte, und nach ihnen alle Konstitutionen. Es war nicht möglich mit diesem einen Siege das freiheits- gierige Volk zu befriedigen und den Kampf um neue Siege damit zu beenden. Und der zweite große Sieg der französischen Revolution war die Freiheit der Arbeit oder das freie und unantastbare Recht auf Arbeit. Eigenthum und Arbeit sind zwei gleiche wirthschaftliche Thatsachen. Die Arbeit ist das werdende Eigenthum und das Eigenthum nichts anderes als die gewordene Arbeit, d. h. das Resultat derselben. Dieses hat in der Gesetzgebung längst seine Anerkennung und seinen Ausdruck gefunden. Sie nennt es in lhren Beziehungen zur Person das Eigenthumsrecht. Man könnte mit derselben Kraft von einem Arbeitsrecht sprechen, wenn man das Wort nicht fürchten würde in Anbetracht der traurigen Verwirrungen, die es in den unentwickelten Vorstellungen aufgeregter Gemüther erzeugt hat. Den i 7 klaren und unantastbaren Begriff der ersten Nationalversammlung von 1789, das Recht auf Arbeit, welches nichts anders war als die Freiheit der Arbeit, .entstellte bald die kommende Zeit und unter der Herrschaft der wüsten Vorstellungen des Communismus und Socialismus entartete er zu den verkehrtesten Gestalten, bis er in der Revolution des Jahres 1848 in der sogenannten Organisation der Arbeit die unendliche Verirrung und die gefahrdrohende Zerrüttung des menschlichen Beginnens klar zeigte. Man wollte durch sie die hohe Idee des Staates entwürdigen und die Verbindung eines Volkes zu staatlicher Macht zu einem ganz gemein hantiren- den Geschäftsmanne herabziehen, der Arbeitsbücher ausstellen, Dienstversorgungen übernehmen, Werkstätten errichten, und am Sonnabend Weib und Kind redlich oder unredlich erworbenen Lohn auszahlen soll. Das nannte man Organisation der Arbeit, dahin verdrehte man den hohen Begriff der Freiheit der Arbeit oder des Rechtes auf Arbeit. Das klare Bewußtsein der ersten Tage der französischen Revolution erklärte die Abschaffung der Zünfte und jedes Gewerb- zwanges, vernichtete die Rechte des Adels, Gewerbebewilligungen nach persönlicher Laune und Güte ertheilen zu können, setzte die Gewerbe- und Handelsfreiheit an die Stelle des alten Gewerbezwanges und zeigte deutlich, daß die Freiheit der Arbeit oder das Recht auf Arbeit nur in der Freiheit und Entwicklung der sittlichen Thatkraft ruhe. Die spätere Zeit entstellte diese hohen Ideen und sah in dem Recht auf Arbeit oder ihrer sogenannten Organisation der Arbeit ein absolutes Recht auf Erhaltung und Ernährung des Menschen, oft selbst ohne jede Bethätigung seiner Arbeitskraft. Jene Freiheit der Arbeit ruhte in der Bethätigung der sittlichen Würde des Menschen, diese Organisation der Arbeit war nicht weit ent- fernt von der Huldigung der Bettelei und eines Zwanges zur Wohlthätigkeit selbst für Faullenzer und Tagediebe. Jene Freiheit der Arbeit wollte den Menschen zur Selbstbestimmung erziehen und emporheben aus seinem wirthschaftlichen und sittlichen Elend und ihn so fähig machen zum Genuß und zur Erkenntniß höherer Güter. Diese Organisation der Arbeit wirft das höchste Gut des Bürgers, die politische Freiheit und Selbstregierung in die Gewalt der rohen Fäuste und beruft sie zur Herrschaft ehe sie ihnen die wirtschaftliche Selbstständigkeit gegeben, in der Hoffnung dadurch eben die rohe Masse selbst von oben herab zur Verwalterin ihrer höchst eigenen Wohlfahrt zu machen. Das Recht der Arbeit in seiner reinen Idee will das wirtschaftliche Glück durch die Kraft des Einzelnen und mit ihm den Frieden, die Organisation der Arbeit will auch das wirtschaftliche Glück aber durch die Gewalt und schafft somit die ewige Revolution. Vergeben Sie, meine Damen, daß ich von Ihnen forderte, mir in dieser, dem eigentlichen Gegenstände unserer Betrachtung scheinbar fernliegenden und keineswegs leichten und einfachen Darstellung eines mächtigen Charakterzuges der Geschichte der Vergangenheit zu folgen. Das Folgende wird zeigen, wie innig die ganze Entwicklung der Frage eines Rechtes der Frauen auf Arbeit und die Organisation der Frauenarbeit mit dieser Betrachtung verbunden ist, ja wie sie in ihrer wahren Bedeutung und ganzen Wichtigkeit gar nicht ohne diese verstanden werden kann. Das Folgende wird aber dann auch die Gegenwart ermuthigen mit sittlichem Ernste an die Lösung der lang verpönten Frage zu gehen. Denn wenn es sicher ist, daß diese Frage mit der gesammten Entwicklungsgeschichte der Menschheit innig verbunden ist und in ihr einen, wenn auch bis jetzt bescheidenen Platz inne hat; 9 wenn es sicher ist, daß sie nicht das Hirngespinnst einiger Phantasten oder schöngeistiger Frauen ist, dann wird diese Frage sicher gelöst werden müssen und die Bestrebungen cdeldenkender Frauen, zu dieser Lösung beizutragen, werden, selbst für den Augenblick fruchtlos, die späterer Zeit sicher zu Dank verpflichten. Die französische Revolution, meine Damen, trägt ihren Namen bekanntlich nur nach der Nation Europa's, an deren Heerd sich der moderne Staatsgeist entflammte. Ganz Europa erwachte am Ende des 18. Jahrhunderts zu einem neuen Leben und eine allgemeine Revolution erschütterte, um dem neuen Geiste, der uns belebt, die Thore zu öffnen, alle Staaten der alten Erde und griff tief in das Leben aller Völker ein. Es war ganz unmöglich, daß bei dieser allgemeinen Bewegung der Geister das weibliche Geschlecht interesselos bleiben und unbeweglich sein konnte. Es war ganz unmöglich zumeist bei einer Nation, deren Charakter leicht erregbar, deren Gesinnung wankend und veränderlich, deren Phantasie glühend und lebendig ist. Das französische Volk wurde von der allgemeinen Erschütterung bis in's letzte Glied getroffen und in der Zeit, in der die menschlichen Leidenschaften zumeist die Gesetze bilden, treten bei ihm stets die Frauen in's vorderste Glied der Schlachtreihe. Leider werden sie gerade in solchen Zeiten der schärfste Ausdruck der Schwächen des nationalen Charakters, sind die Träger der höchsten Leidenschaften und werden zumeist der grellste Ausdruck der Ausschreitungen und der Ausschweifung. In tiefer sittlicher Zerrüttung lag das französische Volk vor der Revolution darnieder. Armuth, wirtschaftliches Elend und — Sittenlosigkeit gehen gewöhnlich Hand in Hand. Verkommener und elender aber, als alles, war das weibliche Geschlecht. Ein sittenloser Adel, ein entwürdigter Priesterstand 10 und vor allen die Maitressenwirthschaft, die Ludwig XIV. auf der Höhe des Thrones sanctionirte und Ludwig XV. schamlos an das Tageslicht als Zier des Thrones stellte, diese Kräfte mußten zersetzend wirken auf Leben und Denken des Weibes, auf Fühlen und Empfinden. Da bricht das Strafgericht einer furchtbaren Revolution herein und in der Sehnsucht nach politischer Freiheit glaubt das Volk in der Befriedigung dieser Sehnsucht allein Rettung zu finden. Freiheit und Rechte, und immer Freiheit und immer Rechte ruft die entfesselte Masse und schreitet über die Leiche des Monarchen, und watet durch das Blut der Guillotine und findet doch das Glück nicht und die Zufriedenheit und den Wohlstand. Man hatte vergessen im wilden Rausch des Tages, der die Ketten brach, daß Arbeit und Bildung allein glücklich und wohlhabend macht, und daß einzig und allein auf der Freiheit des Leibes v on d en natürlich en Bedürfnis sen die Freiheit des Geistes und des ganzenMenschen ruhen kann. Die wirthschaftliche Sicherheit ist die einzig feste Basis der politischen Größe und der politischen Freiheit. Diese Sicherheit aber gibt allein die Arbeit und der Schweiß des Angesichtes. In dieselbe Verirrung und mit dieser in die gleiche Entartung aller Gedanken und Vorstellungen stürzte das weibliche Geschlecht, und machte durch seinen Wahnsinn für Jahrzehnte den Gedanken einer Frauenemanzipation unmöglich. Als Ludwig XVI. in dem Einberufungsdekret der Ltats Zensraux zugleich alle Wahlkörper aufforderte, ihre Beschwerden vorzubereiten und den Abgeordneten zur Berathung mitzugeben, da verfaßten auch die Frauen des Mers-Ltat eine Petitionsschrift (kstitiou äss ksmuaös äu Disrs-Ltat au koi 1789), in der sie begehrten, „um alle Uebel abzustellen," daß nicht mehr die Männer allein und unter keinem Vorwande „jene Gewerbe üben dürfen, welche, wie Nähen, Stricken, Modearbeiten u. s. w. die Apanagen der Frauen sind"; sie begehrten, „daß die Güte des Königs ihnen die Mittel gewähre, durch welche sie die Talente, mit denen die Natur sie ausgerüstet, geltend machen können," sie begehrten Aufklärung und Zulässigkeit zu den Aemtern, „nicht um die Autorität des Mannes zu usurpircu, sondern um mehr geachtet zu sein, und die Mittel zu haben, leben zu können an dem Rande des Unglücks." Das war das erste Auftauchen des Bewußtseins, daß auch die Frauen zur Arbeit berufen seien, und gleich den Männern nur durch Arbeit und Bildung frei und glücklich werden können, das war das erste Mal, daß die Frauen ihr Recht auf Arbeit geltend machen und in der Herstellung dieses Rechtes hoffen, „amRande desUnglücks" leben zu können. Die Constituante ging nicht auf die Beschwerdeschrift der Frauen des dritten Standes ein. Und mit gutem Recht! Die Frauen begehrten ihr Recht auf Arbeit zugleich durch eine Organisation der weiblichen Arbeit geltend machen zu wollen. Und diese Organisation sahen sie in der Herstellung eines Privilegiums ihrer Arbeit. Jene Arbeiten, welche nach hergebrachtem Gebrauch scheinbar nur dem Weibe zukamen, wie Nähen, Stricken, Modearbeiten u. dgl. sollen den Männern verboten und ausschließlich und konkurrenzfrei den Frauen vorbehalten bleiben. Die Nationalversammlung erklärte dagegen die Freiheit der Arbeit mit ihrer Gewerbe- und Handelsfreiheit und vernichtete jede 12 Schranke, welche bisher auch das Weib gehindert hatte in die wirtschaftliche Bewegung der Zeit einzugreifen, um in ihr durch freie Bethätigung der persönlichen Kräfte Wohlstand und Zufriedenheit zu erwerben. Aber so wenig die Männer fähig waren, dem dahin brausenden Strom der Revolution zu widerstehen und seine Leidenschaften zu bekämpfen, so wenig vermochten es die Frauen. Der Sturm der Zeit ließ den Samen wirtschaftlichen Glückes nicht zur Reife gelangen, ja, nicht einmal in die Halme schießen. Wie die Männer Wohlstand und Glück nicht von der Arbeit zu erwarten Geduld und Muth hatten und sich in den ziellosen Kamps um eine imaginäre Freiheit stürzten, so wurden auch die Frauen irre an ihrer nächsten Aufgabe und rasten, betäubt von dem Getöse der Revolution, dem entfesselten Volksstrome nach und traten leider alsbald an die Spitze der Entartung und Verwilderung. Schon bei der Bekanntmachung des ersten Wahlgesetzes für die Volksvertretung, in der der König erklärte, daß Frauen, welche einen Lehenbesitz haben, nur durch Vertretung bei den Wahlen mitwirken können, erklärte eine Beschwerdeschrift der Frauen, (Oaiiisrs äss Oolsanses st Rselamations äss Lsmmss 1789), daß auch sie berechtigt sein müssen selbst zu wählen und in der Gesetzgebung zu erscheinen, um ihre Interessen zu vertreten. Aber, „die Devise der Frauen, heißt es immer, ist arbeiten, gehorchen und schweigen. Man wird sagen, daß Alles, was möglich ist, auch schon geschehen, das ist, sich bei den Etats durch Prokuration vertreten zu lassen. Aber man kann darauf antworten, daß ein Adeliger keinen Rotourier, noch dieser einen Adeligen vertreten kann, weshalb nie ein Mann eine Frau zu repräsentiren im Stande ist, da die Stellvertreter immer dasselbe Interesse haben müssen, 13 wie jene, die sie vertreten, die Frauen daher nur durch Frauen vertreten werden können." Und als die Nationalversammlung die Gleichheit der Menschen in den Menschenrechten mit solcher Begeisterung verkündet hatten, da begehrten die Frauen in einer neuen Beschwerdeschrift die vollkommene Gleichstellung mit den Männern. (ks^uoto äos äaiaos ä l'assom- bloo nationale 1791). „Oeffnet, öffnet doch das große Buch der Zeit", heißt es daselbst, „und sehet, was zu allen Zeiten so viele große Frauen gemacht haben, sie, die Ehre ihres Landes, der Stolz ihres Geschlechtes, und richtet, ob wir nicht dasselbe leisten können, wenn eure blinden Voraussetzungen, eure Männeraristokratie nicht unsern Muth, unsere Weisheit, unsere Talente in Ketten legt." Und daran schließt sich ein Gesetzentwurf, der begehrt: Abschaffung aller Privilegien des männlichen Geschlechtes in ganz Frankreich und für immer, Herstellung derselben Freiheiten, derselben Vorrechte, derselben Ehren für das Weib, wie für den Mann. Aus der Grammatik selbst soll die Unterscheidung des männlichen Geschlechtes gestrichen und jene, „das schöne Geschlecht so beschimpfende Form", daß die Frau durch ihren Mann autorisirt werde, aus den Gerichtsakten weggelassen werden. Die Frauen sollen für die Volksvertretung wählbar und zu allen Civil- und Militärämtern zugelassen werden! Und bald nach der Konstitution d. I. 1791, welche die Menschenrechte an die Spitze der Grundrechte stellte, begehrte eine Schrift der glühendsten Wortführerin der Frauenrechte, Olympe de Gouges, eine besondere „Erklärung der Rechte der Frauen." „Das Weib wird gleich dem Manne an Rechten geboren und bleibt es. Das Ziel der politischen Gesellschaft, heißt es weiter, ist die Erhaltung der natürlichen und unveräußerlichen Rechte des Weibes und des Mannes. Diese Rechte 14 sind Freiheit, Wohlstand, Sicherheit und vor allen der Widerstand gegen Unterdrückung. Die Frau hat das Recht, auf das Schaffst zu steigen, sie hat in gleicher Weise auch das Recht, die Rednerbühue zu betreten. Die Frau trägt bei zu den Steuern, sie kann wie der Mann Rechenschaft über deren Verwendung fordern u. s. w." Am 6. März 1792 reichten die Frauen eine Petition bei der Nationalversammlung ein, in der sie baten, Picken tragen und auf dem Marsselde militärische Uebungen abhalten zu dürfen. Dahin war man mit der Huldigung ungemessener Leidenschaften gekommen. Wie die Männer hofften die Frauen nur von der Anhäufung politischer Rechte eine sittliche und wirth- schaftliche Emanzipation ihres Geschlechtes. Die berechtigten Forderungen des Weibes auf Arbeit und Bildung, um durch diese zu einer höheren wirthschaftlichen Existenz sich aufzuschwingen, frei in ihrem Wohlstände und selbstständig in der Erhaltung ihres Wohles zu sein, diese Forderungen wären längst vergessen und untergegangen in der habsüchtigen Gier nach politischen Rechten. Auf dieser einmal eingeschlagenen Bahn gab es keinen sichern Halt mehr. Nur ein plötzliches und gänzliches Aufgeben der Bestrebungen oder ein unaufhaltsames Fortschreiten der Raserei war möglich. Für das erstere hatte die Revolution keine Zeit der Erkenntniß. Und es war um so weniger möglich, als mehrere öffentliche Journale in vollem Ernste die politischen Bestrebungen der Frauen billigten und aneifer- ten, als selbst der Philosoph Condorcet auch für ihre äußersten Forderungen in die Schranken trat, und die Revolution überhaupt die Leidenschaften der Frauen benutzte, um jene der Männer stets rege zu halten. So traten die Frauen in den Journalismus der Zeit ein und vertheidigten in dem 15 Journal äss vamss die Interessen der Frauen und politisirten in dem Odssrvatsur feminin über die Fragen der Zeit. Sie bildeten Clubbs und gruppirten sich in diesen nach den politischen Meinungen des Tages. Sie vermischten sich in dieser Thätigkeit mit den Männern, und im Februar 1792 führte Theroigne, eine berühmte Heldin der Revolution, das Präsidium bei den Jakobinern. Endlich entkleidete man sich jedes Vorurtheils. An 6000 Mitglieder der Gesellschaft der „revolutionären Frauen" zogen durch die Straßen und forderten von den Frauen jedes Standes, daß sie, muthig genug um ihren Beruf zu zeigen — Hosen anziehen sollen. Viele der Frauen erklärten aber, „ein Kostüm nicht tragen zu wollen, welches sie ehrten, aber welches den Männern vorbehalten sein soll." Der Convent selbst erhob seine Stimme gegen diese Entartung und verbot den Frauen das Versammlungsrecht, schloß ihre Clubbs und erklärte durch Amar in der Sitzung vom 31. Oktober 1793, daß die Frauen nicht fähig sind, die Rechte des Mannes zu üben. Wüthend erhob sich der revolutionäre Frauenclubb gegen diese Beschlüsse und unter Führung seiner Präsidentin Rosa Lacombe stürmte er den Sitzungssaal des Verwaltungsrathes der Stadt Paris und forderte Zutritt zu den Verhandlungen. Da erhob sich der Generalprokurator Chaumette, stellte sich den wahnsinnigen Frauen entgegen und donnerte ihnen ihre Rechte zu, wie sie die Natur in das Gesetzbuch der Menschheit geschrieben. „Seit wann ist es den Frauen erlaubt, ihr Geschlecht zu verleugnen und sich zu Männern zu machen? Seit wann ist es Gebrauch zu sehen, daß die Frauen die fromme Sorge ihres Haushaltes opfern, die Wiege ihrer Kinder, um auf die öffentlichen Plätze zu eilen, die Tribünen zu besteigen, in die Reihen der Armee zu dringen und jene Pflichten er- 16 füllen zu wollen, welche die Natur allein für den Mann festgesetzt hat. Hat denn uns die Natur Brüste gegeben, um unsere Kinder zu säugen? Nein! Sie sagte zum Manne: Sei Mann! Die Rennbahn, die Jagd, die Arbeit, die Politik und Sorgen aller Art, das ist dein Recht. Sie sagte zum Weib: Sei Weib! Die Sorge für die Kinder, für den Haushalt, die süße Unruhe der Mutter, das ist dein Recht! Unkluge Weiber, warum wollt ihr Männer werden? Ist die Welt nicht gut getheilt? Im Namen der Natur! Bleibt was ihr seid!"- Mit diesem Sturm aus das natürliche Gefühl ward eine wilde Bewegung vernichtet, der Entartung des Geschlechtes Einhalt geboten, aber auch der innerste gerechte Kern derselben der Vergessenheit, leider auch der Verachtung preisgegeben. In der Sittenlosigkeit des Direktoriums, welches der Schreckensherrschaft des Conventes folgte, fand sich das Weib in des Leibes Sinnlichkeit wieder und neben der Man- nesgröße des Consulats und dem Kriegssturm des Kaiserreiches hatte es keinen Raum. Ausgegangen von dem Recht auf Arbeit und dem Wunsche nach Bildung des Weibes, war die Bewegung in einen wüsten Kampf um politische Rechte entartet. Man träumte einen stolzen Bau und in der Begierde, ihn zur Wahrheit zu machen, stürzte man sich auf die Arbeit, aber begann mit dem Giebelbau ohne der Grundfesten zu gedenken. Wie der Mann arm, elend und sittlich verkommen, sucht das Weib, wie er, nur im Besitz von politischen Freiheiten und Rechten Rettung, und glaubt darin sie allein zu finden. Man hatte in einem Augenblick, beherrscht von wilden Leidenschaften, den Ausgangspunkt verloren und seiner nie wieder zu gedenken vermocht. Und so oft man ihn ins 17 Gedächtniß zurückzurufen wagt, erscheint augenblicklich die Entartung mit ihrem Frevel und Entsetzen. Darum erscheint es mir aber wichtig, diese Entartung zu prüfen, da sie mit unserem Gegenstände in so inniger historischer Verbindung steht und eine Antwort zu suchen auf das Begehr der Frauen nach politischen Rechten. Hervorragende Geister traten für die politische Berechtigung, Befähigung und Gleichstellung des Weibes mit dem Manne in die Schranken. Ein Bentham, ein klarer Denker wie Laboulay, selbst der ruhig und sicher dahinschreitende I. St. Mill erheben dafür ihre Stimme. „Der Mangel einer politischen Thätigkeit, politischen Sinnes und Gemeingeistes bei den Frauen," so meint der Letztere, „entsteht allein dadurch, daß sie durch die bestehenden Einrichtungen, sowie durch ihre ganze Erziehung gewohnt werden, sich als der Politik fremd zu betrachten. Ueberall, wo sie an der Politik theilnahmen, bewiesen sie eben so viel Interesse und Geschick dafür, als die Männer derselben Zeitepoche, z. B. in der Periode der Geschichte, wo Jsabella von Castilien und Elisabeth von England nicht seltene Ausnahmen, sondern nur glänzende Beispiele eines Geistes und einer Befähigung waren, welche unter den Frauen solcher Stellung und feiner Bildung in Europa sich damals weit verbreitet fanden." Freilich sagt I. St. Mill auch, daß dieser Mangel von politischen Reformatoren oft gefühlt und beklagt worden ist, ohne daß sie im Ganzen die Ursache daran anzuerkennen oder zu beseitigen Willens waren. Aber auch er beklagt blos die bestehenden Einrichtungen und die Art der Erziehung, welche das Weib aus der politischen Thätigkeit ausscheiden, ohne selbst die Fehler und Ungerechtigkeiten dieser Einrichtungen und der allgemeinen Erziehung aufzudecken und die Mittel 2 18 anzugeben, durch welche sie bekämpft und endlich reformirt werden können. Aber folgen wir selbst diesem Fingerzeig, so werden wir gewiß zu der Erkenntniß gelangen, daß die Erziehung allein, sie mag auf welch' hoher Stufe auch stehen, nicht im Stande sein wird, die Stellung des Weibes im öffentlichen Leben zu verändern. Die persönliche Bildung wird immer die Basis bilden des persönlichen Werthes eines Menschen. Sie wird der erste und gewiß auch sicherste Baustein zum persönlichen Glück und Wohlergehen sein. Aber wie sie immer und überall ungleich ist in ihrem letzten Erfolge und abhängig zugleich von der gütigen Ausstattung des Menschen durch die Natur, so wird sie auch nie der alleinige gleiche Maßstab sein können für die Geltendmachung des Individuums im öffentlichen Leben. Dieses, wenn es gerecht sein will, muß aber gleich sein in der Forderung der Bedingungen, unter denen man die Schätze, die es bietet, genießen kann. Nicht anders verhält es sich mit einer Reformation der bestehenden Einrichtungen, wenn man darunter nicht eine Umgestaltung der Bedingungen verstehen will, auf welche allein hin jene zu einer gedeihlichen und dauernden Umgestaltung geführt werden können. Denn alle öffentlichen Einrichtungen des Lebens der Völker sind nicht lose Schöpfungen, welche dem Gedanken entsprungen und einem Organismus aufgepfropft sind, sondern werden immer, wenn sie eben diesem Leben innig verbunden sein und bleiben sollen, aus dem Organismus desselben sich erzeugen und innig mit seinen Kräften verbunden sich frei und selbstständig gestalten müssen. Darum ziehen ja so häufig Revolutionen an dem wahren Glücke der Völker vorüber, und lassen keine Spur zurück in der Arbeit der Entwicklung der Menschheit, weil sie dieses Gesetz alles Lebens vergessen oder willkürlich überspringen 19 wollen. Und ebenso wird die Arbeit auch des größten Geistes vergeblich sein, wenn er die Reformation des Schicksals und der Würde des weiblichen Geschlechts nur durch Herstellung und Erwerbung eines neuen und großen Lebens und Wirkungskreises vollziehen will, ohne die Kräfte genährt und entfaltet zu haben, diese Kreise wieder auszufüllen. Für das Leben und seine hohen Rechte erzieht nur das Leben und seine Pflichten. In diesem Worte liegt die Aufgabe jener, welche besorgt sind, die Stellung des Weibes zu ändern, die Kräfte, welche die Natur in Leib und Geist des Weibes gelegt hat, zu entfalten, und in ihrer Entfaltung zur allgemeinen und würdigen Anerkennung zu bringen. Die Natur weist darauf hin und die ganze Ordnung der menschlichen Gesellschaft begehrt Nichts Anderes. Die Natur setzt den Menschen das einzige Gesetz zu sein. Sie gibt ihm dafür den Leib, und hebt ihn in seiner ausgezeichneten Organisation über alle andern Gebilde ihrer Schöpfungskraft durch das Bewußtsein von diesem Sein. Die menschliche Gesellschaft aber setzt den Einzelnen als Gesetz sich zu entwickeln. Sie gibt ihm dafür die gesellschaftliche Ordnung, die in der Familie, in der Gemeinde und im Staate ihr Recht findet, und kräftigt ihn dadurch in der Erfüllung seines Berufes, indem sie ihn als Selbstzweck setzt. Und die Erfüllung dieses Gesetzes zu sein und sich zu entwickeln ist die Geschichte des Lebens und seiner Pflichten. Und die Mittel dieses Gesetz zu erfüllen sind Arbeit und Wissenschaft. In des Menschen Arbeit liegt die Sicherheit der menschlichen Existenz, in des Menschen Wissen der ewig lebendige Beruf seiner Entwicklung. Die Gegenwart in ihrer tiefen Erkenntniß des menschlichen Wesens hat dafür einen schönen und passenden Ausdruck gefunden. Sie 3 * 20 nennt den Menschen in seiner Arbeit und seinem Wissen, den Menschen in der Erfüllung der Pflichten des Lebens, sie nennt diesen Menschen: den Menschen in seiner wirthschaftlichen Existenz. Das Gesetz der Natur aber ist allen Menschen gemein, und das Gesetz der menschlichen Gesellschaft für Alle gleich. Auch dem Weibe ist es gesetzt, und auch das Weib hat es gleich dem Manne zu erfüllen, und in der Erfüllung desselben findet auch das Weib den Inhalt seines Lebens und der Pflichten desselben. Und so dies wahr ist, und wer könnte es bezweifeln, so müssen auch dem Weibe die Mittel gegönnt sein, dem Gesetz der Natur und der menschlichen Gesellschaft zu gehorchen, dem Leben und seinen Pflichten zu genügen. Mit einem Worte, auch das Weib hat gleich dem Manne denAnspruch auf dieFreiheit derwirth- schaftlichen Existenz. Dies ist das entscheidende Wort für die Aufgabe der Gegenwart. Und wenn es in der Zukunft des Menschengeschlechts liegt, daß das Weib, entgegen dem Gesetze eines tausendjährigen Lebens, berufen sein soll, mit dem Manne auch die Lasten der politischen Gemeinschaft der Menschen, die Lasten des Staates zu tragen, wie es I. St. Mill und Andere hoffen und wünschen, dann ist es gewiß, daß dies nur möglich ist, wenn unsere Zeit ihrer Aufgabe erst genügt, dem weiblichen Geschlecht die Freiheit seiner wirthschaftlichen Existenz gesichert zu haben. Es ist nicht unsere Aufgabe, diese Frage zu erörtern. Es genügt nur darauf hinzuweisen, daß die staatliche Ordnung dieses Gesetz selbst dem männlichen Geschlecht entgegengesetzt, und neben der Reihe der Jahre die politische Berechtigung von der wirthschaftlichen Sicherheit und Selbststän- 21 digkeit abhängig macht. Man nennt diese Forderung der politischen Ordnung den Census. Es ist möglich, daß es im Schooße der Zeit liegt, daß die Menschheit im nächsten Jahrtausend sich anders entwickelt, als es eine ebenso lange Vergangenheit hoffen läßt. Aber es ist gewiß, daß kein Geschlecht dieser Entwicklung vorgreifen darf, ohne die Menschheit selbst zu schädigen. Fassen wir nun das Vorhergehende zusammen, und geben wir dem Begriffe einen festen Inhalt. Die französische Revolution hat den Gedanken geboren, die Lage des weiblichen Geschlechtes zu ändern, es emporzuheben aus seiner Verkommenheit, Armuth und Sittenlosigkeit. Sie erkannte das Mittel dafür in dem Recht auf Arbeit. Aber die wahnsinnigen Leidenschaften übersprangen das gerechte und mögliche Ziel, und im Entsetzen über die Entartung läugnete die Zeit jeden Beruf des Weibes auf Entwicklung. Um die politische Emanzipation, nach der das Geschlecht begierig war, zu zerstören, läugnete man auch die Fähigkeit sich wirtschaftlich zu emanzipiren, und stempelte ein unschuldiges Wort als Zeichen der Lasterhaftigkeit und sittlichen Entartung. Ja selbst die Vernunft und der Edelsinn, wenn sie beginnen am Werk der menschlichen Entwicklung und Aufklärung zu arbeiten, müssen sich verwahren und bekennen, daß sie mit sittlicher Entrüstung das Wort „Emanzipation des Weibes" verabscheuen. Als ob nicht jeder Schritt unseres Lebens, jede Erkenntniß dem unschuldigen Worte huldigte. Jede Wahrheit ist eine Emanzipation von einem Irrthum, jede Erkenntniß eine Emanzipation von einer möglichen Täuschung. Wir emanzipiren uns von der Natur, wenn wir die Dampfkraft beherrschen lernen, und Emanzipation von 22 ihr und ihrer Macht ist es, wenn wir der Elektrizität unsere Gedanken anvertrauen. Nein, meine Damen, man muß den Muth haben, einer menschlichen Schwäche und einem Vorurtheil entgegenzutreten und muß sich nicht beugen vor dem Eigensinn vorgefaßter Meinungen; denn oft hat dieser selbst das Edle im Keime verhindert, selbst das Gute im Gedeihen zerstört, zumeist in der Frage, welche wir behandeln. Eine Schule gründen für Frauen und Mädchen, in der nicht das A B C Anfang und Ende des Wissenswerthen bedeutet, nennt der Einfältige schon Emanzipation, Gewerbesreiheit für die Frauen schilt man Emanzipation und wenn man nicht soweit interessirt ist, daß man sie also bezeichnet, sieht man das Mädchen, das einem Geschäfte dient, wie eine liederliche Dirne an. Und kaum regt sich der Geist, der mit Ernst die Reform der weiblichen Stellung im wirthschaftlichen Leben anstrebt, so tönen von allen Seiten die gedankenlosen Mahnungen: nur keine Emanzipation! Selbst die Poesie kann sich nicht enthalten in einer Stunde der Gedankenlosigkeit über die Emanzipation der Frauen der Gegenwart „eine Fastenpredigt" zu halten. Diese ungerufenen Mahner und ungebetenen Vormünder einer edlen Bestrebung wissen gar nicht was sie thun. Sie rechtfertigen die Bemerkungen ihrer Engherzigkeit und Einbildung, indem sie immer vorgeben gegen eine „sogenannte" Emanzipation zu sprechen. Aber sie sollten bedenken, daß eine Warnung vor dem Schlechten in dem Augenblick, wo schüchtern das Gute sich regt, eine Verleumdung desselben ist. Wer von edeldenkenden Menschen kümmert sich denn heute noch um jene „sogenannte" Emanzipation, welche von Zeit zu Zeit Strömungen einer entfesselten Phantasie oder unbegränzter Sinnlichkeit erzeugen! Und ist es denn eine Emanzipation, 23 wenn das Weib den Lastern und Schwächen des Mannes zu huldigen trachtet und selbst den Pfaden dieser Laster und Schwächen folgt? Nein! Auf solche Entartungen ein Wort anwenden, welches das ganze Culturleben der Menschheit umfassen kann, ist gedankenlos und sittenlos. Die Arbeit, welche die Gegenwart an allen Orten nährt und erzeugt, um das weibliche Geschlecht von den Banden der geistigen Unwissenheit und wirthschaftlichen Ohnmacht zu befreien, diese Arbeit ist in Wahrheit eine Emanzipation des Weibes. Sie soll das Weib emanzipiren von dem Fluche, der Sittenlosigkeit wie einer Lebensbestimmung zu verfallen, von der ewigen Sorge ihre Hände verdingen zu wollen und nicht zu können, von dem Fluche der Armuth und des Elends. Aber sie soll das Weib auch emanzipiren von Vorurtheilen über seine Arbeit und seinen Geist. -Sie soll zeigen, welche Kräfte die Natur in ihren Körper und Geist gelegt hat, wie es fähig ist zu tausend Dingen, welche die Arbeit der Welt bilden, und die es selbst nie, als seiner Kraft und seinem Verstände gerecht, erfassen wollte. ' Daß diese Arbeit in unsere Tage fällt, ist ihr eine sichere Bürgschaft ihres Gelingens. Wir nennen unser Jahrhundert das wirthschaftliche Zeitalter. Wir nennen es darum so, weil es nicht mehr wie die vergangenen Jahrhunderte, von der Krankheit behaftet ist, die die Arbeit zu einer Schande macht, und den Werth des Standes in der Trägheit und Sittenlosigkeit sieht, weil es erkennen gelernt hat, daß die Arbeit die Quelle des nationalen Reichthums und die Basis des menschlichen Glückes ist. Und in dieser Erkenntniß wird die Arbeit wieder das Zeichen der sittlichen Thatkraft desMenschenundseinerEhre. Und in der Aufregung dieser Elemente, dem Rollen — nicht 24 des Kanonendonners — sondern des Goldes und Silbers; dem Dekretiren — nicht der Verfassungen — sondern der Gesetze des Wohlstandes; der Tyrannei — nicht der Guillotine, sondern des Credites; dem Triumph — nicht des Tyrannen und Schlachtengewinners, sondern des Handels und Wandels; in der Aufregung dieser Elemente erhebt wieder das Weib seine Stimme und fordert — nicht die Erklärung seiner Menschenrechte, sondern das Recht auf Arbeit und die Organisation seiner Arbeit. Die Frage also nach dem Rechte der Frauen auf Arbeit, wie sie in unseren Tagen wieder auftritt, ist nicht das Hirngespinst einiger Phantasten, auch nicht geschaffen von der Langweile einiger schöngeistiger Damen. Diese Frage hat die Zeit aufgeworfen und in ihr wurzelt sie auch fest und geeignet zu blühen und Früchte zu tragen. Und dieß Ihnen zu zeigen, meine Damen, war die Aufgabe dieses ersten Theiles meiner Ansprache an Sie. Die Wohlmeinungen und persönlichen Anschauungen auch der besten Menschen über die Bedeutung und Wichtigkeit eines Gedankens oder einer That sind ohnmächtig für die Bestimmung der Culturarbeit der Gesellschaft oder ganzer Geschlechter. Die Geschichte allein hat diese Kraft. Sie ist für den, der lernen will, die weiseste Rathgeberin, und für den, der arbeiten will, die beste Trösterin im Augenblick des Verzagend vielleicht und der Entmuthigung. Und hätten die Menschen stets den Muth ihre Begriffe vor das Forum der Geschichte zu stellen, — zahlreiche Irrthümer wären verbannt, großes Unglück wäre unmöglich. Aber auch in noch anderer Beziehung ist unsere Frage wichtig und in ihrer Erscheinung durch den Geist unserer Zeit gesichert. Es ist neben der Bedeutung des: Wann * 25 die Frage nach dem Recht der Frauen auf Arbeit auftritt, auch die Frage des: Wie sie in unserer Zeit auftritt, für die ganze Berechtigung derselben von entscheidender Wichtigkeit. Und wenn auch in dieser Richtung die moderne Sorge für das weibliche Geschlecht dem Geiste der Zeit genügt, ja ganz unbewußt in seine Bahnen einlenkt, dann können wir nicht mehr zweifeln an der Natürlichkeit dieser Erscheinung und ihrer Gerechtigkeit, wie an der Sicherheit, daß die ersten Bemühungen durch den Erfolg gekrönt werden müssen. Als das erste Mal die Frage nach dem Recht der Frauen auf Arbeit als eine Frage der öffentlichen Ordnung und des allgemeinen Interesses auftaucht, und wir haben gesehen, daß dies während der französischen Revolution der Fall war, da wenden sich die Frauen in ihrer Noth und Sorge an den Staat. Sie richten ihre Schrift an den allmächtigen König, an die absolute Staatsgewalt, und fordern von dieser die Befreiung von Noth und Sorge durch einen Befehl, der den Männern verbietet, jene Arbeiten zu leisten, welche den Frauen vorbehalten sein sollen. Das war auch im Geiste der Zeit, im Geiste der ganzen Vergangenheit, deren Schicksal ja stets in der Willkür des Monarchen, in den Händen der absoluten Staatsgewalt lag, und die nicht lebte und wirkte nach einem allgemeinen und gleichen Recht, sondern, entsprechend dem Geiste ihrer Willkür, durch Siandesrechte, durch Privilegien das Schicksal der Gesellschaft bestimmte. Aber dem Geiste, dem die französische Revolution Bahn brechen wollte, dem Geiste, durch den die Zukunft leben und glücklich sein sollte, diesem Geiste 26 widerstrebte die Art und Weise, in der die Frauen ihr Recht auf Arbeit zur Geltung bringen wollten. Die französische Revolution, indem sie die Gegenwart von der Vergangenheit gewaltsam, und für immer trennt, ist, wenn ich so sagen darf, ein Zeitalter für sich, mit einem eigenen Geist und eigenen Thaten. Sie gehört, wie jede gewaltsame Uebergangsperiode, weder der Vergangenheit an, noch der Gegenwart. In einer solchen Zeit aber ist es natürlich, daß sich noch Thaten regen, welche noch in der Vergangenheit fußen. Sie werden keinen Raum finden, und ihr Gedeihen ist unmöglich. Aber eben so möglich ist es, daß sich schon Erscheinungen zeigen, welche dem Geist der Zukunft gehören. Sie werden sich regen; aber weil der Boden für ihre Blüthe noch nicht bereit ist, werden auch sie wieder verschwinden und untergehen. Zu diesen Erscheinungen rechne ich die Frage nach dem Recht der Frauen auf Arbeit. In ihre Kraftfülle gehört die Idee einer späteren aufgeklärteren Zeit. Und eben darum, weil sie noch unklar jener Zeit vorschwebte, hüllt sie sich, unfähig die Entwicklung der Zeit selbst mächtiger zu fördern, aber doch um bestehen zu können, in ein Gewand, das in seiner ganzen Armuth der Vergangenheit angehört, in das Gewand des Privilegiums und des staatlichen Absolutismusses. Die Revolution fegt die Idee in dieser Form, wie losen Spreu hinweg. Aber sie lehrt, daß die Regierung des Staates nur bestehen könne, wenn sie dem Geiste und den Bedürfnissen des Volkes genügt, und daß ihre Macht einzig und allein auf die Herrschaft eines gleichen und allen gerechten Rechtes ruhe. Sie lehrt endlich, daß die Völker selbst ihr Geschick schaffen müssen, und nur in der Selbstthätigkeit der Gesellschaft Glück und Zufriedenheit gefunden 27 werden kann. Der Staat ist ohnmächtig mit all seiner Macht und Gewalt das Glück des Einzelnen selbst zu begründen. Aber der Staat hat auch nicht die Aufgabe dieses zu thun. Der Staat mit seiner Machtfülle und mit seiner Freiheit ist einzig und allein die schützende Macht und die Bürgschaft der Sicherheit, daß sich in seinem Verbände das Glück des Einzelnen begründen kann. Nur wenn der Staat dies allein ist, kann die Freiheit des Einzelnen bestehen. Und diese Freiheit zu bewahren, lehrte die Gegenwart nichts mehr vom Staate zu fordern, und setzt das Glück und das Wohlsein des Menschen auf seine eigene Kraft, indem sie ihm sagt: Hilf Dir selbst und Gott wird Dir helfen! Auf diesem Grundsatz ruht die soziale Freiheit der Gegenwart. Denn kaum war das Losungswort des persönlichen Glückes gefunden, fand man auch das Mittel, es ? durch die That zur Wirklichkeit zu machen. Man wußte, ^ daß der Einzelne ohnmächtig ist, sich in den Wechselfällen ^ des täglichen Lebens immer und allein aufrecht zu erhalten. Aber man ahnte, daß an der Verbindung der Einzelnen zu i gemeinsamen Schutz und Trutz die Fluth des alltäglichen Lebens brechen wird. Und in dieser Ahnung schuf man die Assoziation, die Genossenschaft, und machte in ihr den Schwachen stark, den Armen wohlhabend, den Kreditlosen fähig Kredit zu gewinnen. Man schützte in ihr den Einzelnen durch die Gemeinsamkeit der Interessen vor Gefahr und Unglück, und machte Alle stark durch das Vertrauen aus die Gemeinsamkeit der Kräfte. Schon dehnt sich über Deutschland ein großes Netz solcher Genossenschaften aus, schon faßt der Saamen dieser Idee in Frankreich Wurzel. England sieht ihn längst in reicher Blüthe. Viel Glück ist schon 28 dadurch geschaffen, viel Unglück beschworen worden. Millionen kreisen in den Grenzen dieser Berbindungen, und reich sind Jene in ihnen, welche ohne sie arm und ohnmächtig wären. Aber so groß auch die Vollendung dieser Arbeit schon erscheinen mag, noch lange nicht ist sie ans Ende ihrer Entwickelung gekommen. Eines aber hat sie schon vollendet, sie hat den Menschen abgelöst von der bevormundenden Gewalt des Staates, sie hat sein Vertrauen auf Hilfe in der Noth dorthin gewendet, wo er allein Vertrauen finden kann — in seiner eigenen Brust. Wie mächtig aber muß dieser große Gedanke schon in das Bewußtsein des Volkes eingedrungen sein, wie tief muß er Wurzel gefaßt haben, wenn in dem Augenblick, als edel denkende Frauen, ferne der Strömung des täglichen Lebens, den Entschluß fassen, die weibliche Arbeitskraft zu entfalten, wenn in dem Augenblick, als sie dies denken, sie keine andere Form begreifen, in der dieser Entschluß zur Wahrheit werden kann, als die Form der Selbsthilfe. Sie treten zusammen und stärken durch die Gemeinsamkeit die schwachen Kräfte. Sie bieten kleine Mittel, aber vereint wachsen die kleinen Mittel zu einem Vermögen. Und mit diesem vereinten Vermögen und diesen Arbeitskräften suchen sie zu wirken und der Masse ihres Geschlechtes zu nützen. Und in der Erkenntniß des Geistes der Zeit, daß Bildung und Arbeit allein den Menschen frei und glücklich machen kann, suchen sie Bildung und Arbeit allein mit ihren Kräften zu fördern. Rühmlich ist dies Beginnen und rühmlicher glaub' ich, ist es für die Frauen als für die Männer, denn sie haben ein Heer von Vorur- theilen erst zu vernichten, sie haben sich selbst- erst von Vor- urtheilen zu befreien, welche eine jahrhundert lange Vernachlässigung ihrer Entwicklung gefestigt und großgezogen hat. In ganz Europa haben die Staaten und Völker nur wenig oder nichts gethan, die Kräfte des Geistes und Leibes des Weibes zu entwickeln. Mittelmäßige Schulen sind ihnen gegönnt und Schulen, welche nur wenig befähigt sind, die Sorgen des Lebens erkennen und tragen zu lernen. Mittelmäßig oder geradezu schlecht ist die Bildung des Weibes, und wo sie mehr als dies ist, da macht es ein glücklicher Zufall allein, daß sie eben mehr ist. Die Arbeitskraft aber halten strenge Vorurtheile in fast unlösbare Fesseln. Und wo so wenig Staaten und Völker ihre Schuld abgetragen haben an den Beruf des Menschen sich zu entwickeln und in der Entwicklung frei und glücklich zu werden, da ist es rühmenswerth, wenn die Kräfte selbst zur Erkenntniß kommen, sich allein und selbstständig zu befreien und, unbekümmert um ihre gerechte Forderung an die Gemeinsamkeit der Nation, mit eigenem Willen und eigener Kraft sich Bahn zu brechen in die Freiheit des Lebens. Und weil diese Form, in welcher das weibliche Geschlecht seine Entwicklung in Bildung und Arbeit fördern will, der großen Zeitströmung huldigt und ihrem Geiste genügt, darum wird das Werk gelingen und wenn auch langsam, so doch sicher an's Ziel gelangen. Wer lebt, muß den Gesetzen des Lebens gehorchen. Und wer ihnen gehorcht, der wird siegen. Und nun, meine Damen, nachdem wir gesehen haben, wie das Recht der Frauen auf Arbeit eine Forderung nicht des Einzelnen, sondern der Zeit ist; nachdem wir gesehen haben, wie das Beginnen dieses Recht zur Wahrheit und praktischen Ausführung zu bringen, dem Geiste der Zeit genügt und nur mit ihm leben uud gedeihen will, nachdem wir endlich zum Bewußtsein uns gebracht haben, daß in diesem Genügen der Zeit in Gedanken und That eine Bürgschaft des Gelingens der Arbeit gegeben ist, nun lassen 30 sie uns noch untersuchen, was denn die Arbeit des Weibes geleistet hat in der Weltgeschichte, was sie leistet und was sie leisten kann. Haben wir auch dieses nicht nach persönlichem Glauben und Denken, sondern nach den Thatsachen der Geschichte dargestellt, dann wird es uns leicht sein, am Schlüsse zu zeigen, wie das Recht der Frauen auf Arbeit in der Gegenwart zur Organisation der weiblichen Arbeit werden kann. Wir haben in dem Vorhergehenden zu zeigen versucht, daß die Frage nach dem Recht der Frauen auf Arbeit nicht aus der Erkenntniß eines Einzelnen entsprungen, noch durch einen Zufall geschaffen worden ist. Wir haben gesehen, daß sie ein Produkt der Zeit ist, und darum eben in einem und demselben Augenblicke fast alle Gemüther erfaßt, und mit überzeugender Gewalt sich Bahn bricht, daß sie darum auch nicht durch Anfeindungen oder Lächerlichkeiten todtgeschwiegen, noch durch Worte allein gelöst werden kann. Sie fordert die Aufmerksamkeit der Gegenwart, sie fordert ihre Arbeit und die Sorge aller Denkenden. Aber wie kam es, daß diese Frage, als sie eben in der Zeit erschien, wie etwas Neues, Wunderbares betrachtet werden konnte? Wie kam es, daß man überhaupt erst den Gedanken fassen konnte, die Arbeitskräfte der Frauen zu entfalten, und für den Reichthum der Nationen zu verwerthen? Arbeiten die Frauen nicht? Haben sie nie in die Arbeit eines Volkes mitschaffend eingegriffen, und wenn dies der Fall war, wie kam es, daß ein Heer von Arbeitskräften brach gelegt werden konnte, und aus der Nationalproduktion ausgeschieden wurde? Das alles sind für das Verständniß unserer Frage höchst wichtige Gedanken und die Antwort 31 — 31 darauf bildet eben die Geschichte der Frauen. Wir wollen nicht in das ferne Alterthum zurückgreifen, und die Geschichte untergegangener Völker prüfen. Es kann unsere Aufgabe nicht fördern, denn so groß die Zeit auch gewesen, in deren Thaten und Gedanken Asien der Mittelpunkt der Welt war, so herrlich die Kultur Griechenlands und Roms auch emporblühte — Alles ist dahingegangen und verschwunden, und die Gesittung Europas fand andere Träger und wurzelt auf einem andern Geiste. Reizend wäre es wohl, hineinzusehen in dieses Treiben einer vergangenen Zeit und merkwürdige Beweise könnten wir daraus ableiten für das Recht unserer Frage. Griechische Frauen ragen nicht nur durch den Zauber ihrer Schönheit, welchen Sage und Dichtung uns erhalten, hervor. Sie müssen tief in das wirthschaftliche Leben des Volkes eingegriffen haben, denn auch ihre Arbeitskunst und die Werke ihrer Hände rühmt die Geschichte und die Poesie. Penelope war eine Kunstweberin, die Königin von Mazedonien eine weit berühmte Köchin und Nausikaa eine Ruhmes und Sanges werthe Wäscherin. Zahlreiche Beispiele ähnlicher Art zeigt uns die römische Geschichte — aber wie immer dem auch sein mag, die Kultur des modernen Europas zählt ihre Geburtsstunde von dem Erscheinen der germanischen Völker. Wir wollen auch unsere Geschichte von diesem Augenblicke an beginnen. Bei keinem Volke der Erde nahmen die Frauen eine so bedeutende und bedeutungsvolle Stellung ein, als bei den germanischen Völkern. Zwei große Eigenschaften in wunderbarer Vollendung zeichnen das Weib in dieser Stellung aus, und bestimmen seinen Werth und seine Bedeutung. Durch seine geistige 32 Entwickelung überragt das Weib den Mann und ist in einzelnen wunderbaren Gestalten, welche uns Wahrheit und Dichtung erhalten haben, oft der einzige und mächtige Mittelpunkt des ganzen Volkes. Die Bildung, wenn wir bei Betrachtung der ersten Jahrhunderte der germanischen Geschichte schon so sprechen dürfen, die Bildung erhebt das Weib oder stellt es in der Achtung und Bedeutung, die es dadurch erhält, dem Manne wenigstens gleich. Die zweite Eigenschaft aber ist die Arbeit, welche das Weib auszeichnet. Das Weib des Germanen ist in der Gemeinschaft des Volkes und in seinem Verkehr die wirtschaftliche Kraft desselben. Während der Mann in die Schlacht zieht, auf die wilde Jagd geht, dem Spiel und Trunk sich hingibt, sorgt und arbeitet das Weib für das häusliche Wohl und jede wirtschaftliche Arbeit. Das Weib füllt vollständig einen großen Lebenskreis des Volkes aus, und eben weil sie es thut, und sie allein, darum ist sie gleich dem Manne, wenn sie auch nicht auf der Volksversammlung erscheint, und über Krieg und Frieden entscheidet. Aber sie zieht mit in den Krieg, feuert den Mann zu Muth und Ausdauer an, ja sie stürzt sich mit in die Schlacht, drängt die Fliehenden zurück und stellt sich dem Feind entgegen, wenn er in das Lager dringt. So spricht Tazitus, so beschreibt Plutarch die furchtbare Schlacht der Deutschen gegen Marius auf den Feldern von Aix im Jahre 102 v. Chr. Aber sie meinen blos: „Das Volk der Deutschen ist selbst in seinen Weibern ein kriegstüchtiges," während das deutsche Weib, wie es die Vertretung des wirtschaftlichen Glückes des Volkes ist, auch das Bewußtsein davon hat und auf dem Schlachtfeld es zu vertheidigen wagt. Und dieser Charakterzug kennzeichnet die Stellung des Weibes bis tief ins Mittelalter. 33 Die Religion und ihre Kunde ist fast bei allen Völkern in den ersten Jahrhunderten ihres Lebens das ausgezeichnete Kennzeichen einer hohen Bildung. Es findet sich in ihr und ihren Glaubenssätzen die Summe aller Wissenschaft, welche ein Volk besitzt. Und die Frauen sind bei den Germanen die Träger dieser Bildung und die Gewahrer dieser Wissenschaft. Nicht nur zur Zeit, als das Volk in den Hainen und Wäldern den Göttern opfert, sondern auch zu jener Zeit, als es dem Welterlöser Tempel baut. Horace Walpole sagt: „Kein Weib hat jemals eine neue Religion erfunden, und doch ist keine Religion anders als durch Weiber ausgebreitet worden." Die heidnischen Germanen beten vor dem Altar, an dem eine Priesterin den Göttern opfert, sie hören von Weibern die Enthüllung der Zukunft und wenden sich in ihren Nöthen an den begeisterten Rath ihrer geheimnißvollen Heldinen. Und als der Funke des Christenthums in die Mitte des Volkes fällt, da fachen ihn die Weiber zuerst zur Flamme an, tragen das Licht in die Herzen des ganzen Volkes und aus klösterlicher Einsamkeit treten sie hervor als Weise und Gelehrte, als Sänger und Dichterinen ihres Volkes. Sie sind noch zu einer Zeit, als das deutsche Volk Europa beherrscht, und die Geschicke des alten Welttheiles bestimmt, weit überwiegend die Zahl der Männer, ausgerüstet mit einer Bildung, der selbst hervorragende Geister unter den Männern noch ferne stehen. Wolfram von Eschen- bach verstand weder zu schreiben, noch zu lesen, und bekannt ist, daß Ulrich von Liechtenstein wohl 14 Tage ein Briefchen seiner Geliebten bei sich tragen muß, ehe er Jemand findet, der ihm die Zeilen entziffert. In noch viel überwiegenderem Maße ruht die wirtschaftliche Macht in dem weiblichen Geschlecht. Die gesammte 3 wirthschaftliche Arbeit fast, durchwegs die gewerbliche Thätigkeit wird von den Frauen besorgt und das Weib der Leibeigenen bis hinauf in der gesellschaftlichen Ordnung zur Königin, und diese selbst mit ihren fürstlichen Frauen tragen einen Theil dieser Last. Die ältere Edda erzählt bei der Schilderung der Entstehung der Stände, daß Gott Heundall unter dem Namen Rigr die Erde durchwandle. Er kömmt von Ai und Edda, von welchem Ehepaar die Knechte und Mägde abstammen, zu Ast und Amma, und nun schildert das Gedicht die beiden Gestalten. Ast trägt ein knappanliegendes Kleid, hat eine freie Stirne, einen gesträlten Bart und richtet die Weberstange. Sie aber, Amma, mit Haube und Halsschmuck, rüstet den Rocken und dreht die Spindel. Von ihnen stammt Karl, Kerl, der Bauernkerl, oder wenn wir es in unsere Sprache übersetzen, der Bauern- und Bürgerstand. Der Stand also, dessen weiblicher Theil heute zumeist zu dem arbeitslosen Theil der Bevölkerung gehört, der Stand hatte ehemals im wirtschaftlichen Leben denselben Antheil wie der Mann, und darum die gleiche Sicherheit und Freiheit der Existenz wie er. Die Poesie faßt es nur enger zusammen und gibt ihm die ausschließliche Pflicht der Arbeit, und bildet das dritte Ehepaar, das Rigr besucht, als das Paar, von dem die Adeligen abstammen, als das durch das Glück des Nichtsthun ausgezeichnete Geschlecht. In Wirklichkeit aber tragen auch in dieser Reihe der Gesellschaft die Frauen den größten Theil der wirtschaftlichen Arbeit. Kaiser Karl, so erzählt sein Geschichtsschreiber Einhard, ließ seine Söhne im Reiten, Jagen und Waffentragen unterrichten, seine Töchter aber in Woll- arbeiten, Spinnen und Weben. Die Töchter Kaiser Otto's waren ob ihrer Kunst im Weben und Kleidermachen berühmt, und das Nibelungenlied zeigt, daß überhaupt dem weiblichen 35 Geschlecht dieses Gewerbe als ausschließlich eigen ist. Als Siegfried von Zanten nach Worms ziehen will, bittet er seine Mutter um Reisekleider, und diese geht sogleich mit ihren Frauen an die Arbeit. Krimhild schneidet mit 30 geschickten Frauen ihres Hofstaates reiche Stoffe zu, um daraus die Hochzeitsgewänder Günthers für die Brautfahrt nach Jsenland zu bereiten. Der alte Kirchenhistoriker Beda erzählt, daß lüsterne Nonnen sich damit beschäftigen, für ihre Geliebten reiche Gewebe zu fertigen, ein Zeichen, wie allgemein diese gewerbliche Arbeit von den Frauen geübt wurde. Das Alemanenrecht enthält eine förmliche Gesellenordnung für die Spinnerinnen und Weberinnen in den Frauenhäusern, und spricht von Obermägden, Mägden und anderen Arbeiterinnen, wie wir heute von Altgesellen, Gesellen und Lehrlingen sprechen. Ja ganz allgemein bezeichnet Recht und Gesetz das Weib in ihrer Verwandtschaft nach ihrem wirthschaftlichen Beruf und spricht im Gegensatz zu den Schwertmagen, der männlichen Verwandtschaft, von den Kunkelmagen der weiblichen Verwandtschaft. Wie ausgedehnt muß der Antheil des Weibes an dem wirthschaftlichen Wohl des Volkes gewesen sein, wie entwickelt die gewerbliche Arbeitskraft desselben, wenn sie dem gesammten Leben ein Theilchen ihres Charakters aufprägen konnte. Und trotz dem bestand Familienliebe und Familienzucht und die Sittlichkeit hatte im Herzen des Weibes keinen schlechteren Hort denn heute, wenn auch vielleicht gerade keinen bessern. Und das widerlegt jene Anfechtungen der wirthschaftlichen Emanzipation des Weibes, welche behaupten, daß durch sie das Weib ihrem Beruf entfremdet werde, Mutter und Gattin zu sein; welche in bunten Bildern schon die Sittenlosigkeit und Verwilderung darstellt, die immer solchem Beginnen folgen müssen. Wahrlich! die 3 * 36 Arbeit und die Kunst arbeiten zu können, hat noch nie den Werth und die Würde des Menschen untergraben und das Weib, das selbst zu arbeiten versteht und das selbst gearbeitet hat, wird die beste Mutter und die würdigste Gattin sein. Als Mutter wird sie ihre Kinder am Besten erziehen, denn sie wird sie zur Arbeit führen, als Gattin aber wird sie verstehen, den Werth der Arbeit zu schätzen und wird sorgsam zu erhalten wissen, was die Sorge des Mannes erwirbt. Hohle Worte sind es, welche in jener Weise als ein bestimmtes Urtheil gelten wollen, Verkehrtheiten sind es, welche aus der selbstgeschasfenen Entartung eines gerechten Wunsches ihr Recht und die Beweise ihrer Berechtigung holen. Die Geschichte widerlegt diese Behauptungen und sie widerlegt sie mit ihren Thatsachen zu einer Zeit, wo noch nicht in jeder Seele ein so volles Bewußtsein von der menschlichen Würde herrschte, wie heute, wo noch nicht eine allgemeine Bildung die Unterschiede der Menschen ausgeglichen und in der Anerkennung einer allgemeinen Gleichheit der Menschen jeden Einzelnen in seiner Existenz die Forderung auf Achtung auszeichnete. Und die Geschichte lehrt uns auch ganz deutlich, welche Ereignisse das weibliche Geschlecht aus der wirtschaftlichen Arbeit der Völker ausgeschieden und allmählich ein Heer von Vorurtheilen groß gezogen haben, welche selbst heute noch auf der Höhe einer unendlich reichen Entwicklung es als einen Wahnsinn oder als ein Verbrechen wider die Sittlichkeit erscheinen lassen, wenn man beginnt das Weib einzuführen in die Arbeit eines Volkes und ihr Recht anerkennt neben ihrer Pflicht am Gedeihen und Wachsen des Reichthums und Wohlstandes eines Volkes theil zu nehmen. Diese Ereignisse waren einerseits die Bildung der — 37 — Zünfte und der dauernde Wechsel des Geschmackes und Begehr des Volkes, andererseits aber die gesummte Entwicklung der politischen Verhältnisse der Staaten Europa's in ihrer Entwicklung der Regierung und der Stellung der Stände. Jene bilden den wirtschaftlichen fast vollständigen Ausscheidungsprozeß der weiblichen Arbeit aus der nationalen Thätigkeit der Nationen, diese aber wirken mit ungeheurer Schnelligkeit und tief einschneidender Kraft auf die gesammte sittliche Stellung des Weibes im Staate und der Gemeinschaft des Volkes. Das wirtschaftliche Leben der germanischen Völker im ersten Jahrhunderte bis weit über das eilfte Jahrhundert, ruht nach allen seinen Aeußerungen und in seiner ganzen Kraft in der Familienthätigkeit. Der Bildungsprozeß der europäischen Staaten und die Gliederung der verschiedenen Nationalitäten ist in dieser Zeit in wilder Gährung. Der Krieg ist seine dauernde Aeußerung, denn nur in der Uebung der rohen Gewalt finden die rohen Kräfte das Bewußtsein ihrer Kraft und ihrer Macht. Der Staat existirt nur in der Kriegsmacht und in der Einheit des Heeres allein findet sich eine Einheit des Staates. Und wo der Krieg, der rohe Eroberungskrieg das einzige Zeichen der staatlichen Existenz und nationalen Macht ist, da ist der Mangel an gegenseitigem Vertrauen der wesentliche Charakterzug in dem Leben der Staaten und Völker. Seinen äußern Ausdruck findet dieses Verhältniß in der Vereinsamung der nationalen Arbeit und dem Leben der wirtschaftlichen Existenz. Es fehlt der Verkehr und die Sorge des Verkehrs. Die Familie lebt innerhalb einer staatlichen Ordnung für sich, besorgt einzig und allein ihren eigenen Bedürfnissen zu genügen. Kaum der nächste Nachbar wird von der Wirth- 38 schaftlichen Arbeit des einen berührt und nur im geringen Maaße bildet ein Produkten-Tausch die Art und das Band der gegenseitigen Beziehungen und des Verkehrs. In denselben Händen ruht die Sorge für das Feld, die Bestellung des häuslichen Herdes und die Befriedigung der natürlichen Bedürfnisse aller Art. Es gibt keine Arbeitstheilung, weil es kein Bedürfniß nach der fremden Arbeit gibt. Dort wo heute noch dieselbe Vereinsamung der Gesellschaft herrscht, dort findet sich auch dieselbe Organisation der Arbeit vor, wie z. B. in der Militärgrenze, wie in Hochschottland. Heute noch gibt es da Bauern, die Weber, Färber, Schuster und Schneider ihres eigenen und gesammten Haushaltes sind. Und in dieser wirthschaftlichen Ordnung der Völker findet dann die weibliche Arbeit, gleichberechtigt jener des Mannes, ihren Platz, wie wir es schon im Früheren gezeigt haben. Die wirthschaftliche Ordnung eines Volkes oder einer langen Zeit wird immer durch die politische Ordnung bestimmt und abhängig von beiden ist die Lage des einzelnen Individuums, die Lage des Bauers, ob er nun frei oder unfrei ist, ob er auf eigenem Gute wirthschaftet oder als Miether und Pächter, die Lage des Bürgers, kurz die Lage jedes einzelnen Gliedes eines Volkes, also auch die Lage des gesammten weiblichen Geschlechtes. Und es ist gewiß falsch, zumeist für die wirthschaftliche Geschichte desselben, andere Grundsätze der Entwicklung aufstellen zu wollen als für die übrige Menschheit. Wohl sprechen die Kapitularien Karl's des Großen schon von Bäckern, Brauern, Schustern und Seifensiedern u. s. w. „die man an den Hof rufen soll," aber die Kapitularien nennen diese Gewerbe noch Künste und die Gewerbsleute Künstler, gewiß ein Zeichen, wie selten sie als selbstständig und ausschließlich betriebene Arbeitskreise existirten. 39 Da bildet sich nach Auflösung der karolingischen Monarchie schon in großen Grundlinien das europäische Staatensystem. Städte und große Gemeinwesen heben sich innerhalb der verschiedenen Landesgrenzen empor, bilden in ihren Mauern ein bewegtes Leben und werden in diesem Leben zum geschärften Ausdruck des nationalen Geistes. Da, innerhalb der größeren und großen eng geschlossenen Gemeinwesen, wird in wirtschaftlicher Richtung die Arbeitstheilung das erste bewegende Gesetz der Arbeit. Es bildet sich nämlich alsbald in dieser fest und enggeschlossenen städtischen Gemeinschaft zuerst freilich ein rein städtischer Verkehr und die Bedürfnisse und ihre Befriedigung regeln sich nach dem Grundsatz aller genossenschaftlichen Wirthschaft, nach dem Gesetze von Angebot und Nachfrage. Und dieses Gesetz führt zur Trennung der menschlichen Arbeitsverrichtungen und zum ausschließlichen Betrieb eines Arbeitszweiges. Es gliedern sich und nach der Ordnung der Bedürfnisse bilden sich die Gewerbe. Mit der Entwicklung der städtischen Blüte entwickelt sich der Verkehr und greift bald über das Weichbild der Stadt hinaus in das Land, in die benachbarte Stadt und endlich über die Grenzen des Landes selbst. Die Familienwirthschaft wird überflügelt, die häusliche Arbeit für alle Bedürfnisse als überflüssig neben der nationalen Arbeitsentfaltung, welche die erste Arbeitstheilung nach Gewerben erzeugte. Die männliche Arbeitskraft tritt als leitend und bestimmend in das gewerbliche Geschäft und hebt entweder ganz die weibliche Arbeit auf oder beschränkt sie auf ein geringes Maaß. Neben dieser, ich möchte sagen gesellschaftlichen Wirthschaft und ihrer Entwicklung, hat sich auch mit der verschiedenen staatlichen Bildung ein nationaler Geist entfaltet, der in seiner immer schärferen Ausprägung auch aus die nationale Arbeit einwirkt durch die 40 Bildung eines nationalen Geschmackes. Der nationale Geschmack aber in seiner Erscheinung als Arbeitsprodukt ist die Mode. Dieser innere Prozeß, verbunden mit der historischen Erscheinung eines schnellen und dauernden Wechsels der Mode, durch das ganze Mittelalter bis weit in die Neuzeit, überflügelt denn gleichfalls durch eine reiche Nachfrage die Familienwirthschaft, welche mit ihrem Angebot jener Nachfrage gegenüber ohnmächtig ist. Das organisirte Gewerbe allein vermag ihr zu genügen. Es ist möglich, ja es ist gewiß, daß neben diesem die weibliche Arbeit noch zahlreiche Dienste leistet, aber sie erscheint besonders als volks- wirthschastliche Arbeit schon nebensächlich, ja fast entbehrlich. Nur auf dem Lande, in der Ackerbauwirthschaft gilt sie gleich wie ehemals neben der männlichen Arbeit, und erhält sich in dieser Stellung bis in die Gegenwart. Erst in unseren Tagen beginnt die Maschine auch hier neben der Konkurrenz, welche sie selbst der männlichen Arbeit macht, zumeist die weibliche Arbeitskraft zu bekämpfen. Dieser höchst wichtige Prozeß in der wirtschaftlichen Entwickelung ist erst im Beginn, und noch ist es unmöglich sein Ende und seine vollen Wirkungen zu bestimmen. Nur eins ist schon sichtbar, und dieses eine hängt innig mit der Erscheinung der Sorge um die Organisation der weiblichen Arbeitskräfte in unseren Tagen zusammen, und dem Erscheinen jener edlen Vereine, welche dafür sich bemühen. Es ist dies die Bildung eines anwachsenden Stromes der ländlichen Bevölkerung nach den großen Städten, um Arbeit und Verdienst zu finden. Wir kehren daraus am entscheidenden Orte wieder zurück. Neben dem Aufblühen des nationalen Lebens und der Entwickelung der gewerblichen Wirthschaft, welche zumeist die Frauenarbeit in ihrer häuslichen Ordnung bei Seite schiebt, 41 neben dieser Erscheinung macht sich bald eine zweite geltend, welche endlich die weibliche Arbeit gänzlich aufhebt, ja ganz unmöglich macht. Es ist dies die Organisirung der Gewerbe nach einer genossenschaftlichen Ordnung. Wir nennen sie die Zünfte, und nach ihrer finanziellen Seite die Innungen. Die Entwickelung der Zünfte hängt innig mit der Entwickelung des städtischen Lebens zusammen. Sie hat Theil an der Blüte desselben, und wird bald durch ihre genossenschaftliche Macht und den Reichthum, den sie aufhäuft, der Träger dieser Blüte. Die Zünfte sind endlich die tüchtige Kraft, welche in den großen Städtekriegen des vierzehnten Jahrhunderts gegen den feudalen Raubadel das Heer der Kämpfer stellten. Und wenn auch im Süden Deutschlands nicht siegreich im Kampf, so sind sie doch kräftig genug, um dem Bürgerstaude in seiner Arbeit und Bildung Ehre, Achtung und Anerkennung zu erzwingen. Im Norden aber, wo sie keinen Feind ihrer Entwickelung zu bekämpfen haben, schwingt sich Zunft- und Städtewesen in inniger Verbindung hoch empor, und gipfeln in ihrer Entwickelung in dem größten Ereigniß der mittelalterlichen Volkswirthschaft, in der Hansa. Groß nach Außen in ihrer festgeschlossenen Gemeinschaft, werden sie streng und eifersüchtig nach Innen auf die Quelle ihres Reichthums und ihrer Macht — aus dieAus- schließlichkeit ihres Arbeitsrechtes, das Privilegium des Gewerbes. Wer nicht in der Zunft ist, hat kein Recht auf gewerbliche Arbeit, wer die Kraft seiner Arbeit entwickeln will, muß in die Zunft eintreten. Schwierig ist dieser Eintritt und langwierig der Prozeß ihn zu erreichen, wenn er aber errungen ist, dann ist er eine Sicherheit der Erhaltung und des wirtschaftlichen Wohlstandes, ja im Laufe der 42 Zeit wird er eine Garantie selbst der Erhaltung wirtschaftlichen Schlendrians und sogar der persönlichen Trägheit und Faulheit. Das sind die Zünfte in der Zeit ihrer Entartung, in der Zeit, in der sie selbst keine besondere Aufgabe mehr zu erfüllen haben, wie im Mittelalter, wo sie nur durch ihre genossenschaftliche Verbindung Kraft besaßen, der Arbeit Achtung zu erwerben, in der Zeit, in der der Fortschritt und der geistige Aufschwung der Zeit schon eine vollständige Freiheit der Entwickelung will. Die französische Revolution fegt sie im Augenblicke hinweg, und wie verdorrte Früchte fallen sie bei dem Sturme der Zeit ab, und werden der Vergessenheit überliefert. An ihre Stelle tritt die Freiheit der Arbeit und die Anerkennung eines allgemeinen Rechtes auf Arbeit. Ehe wir aber mit diesem großen Grundsatz der wirthschaftlichen Ordnung der Gegenwart entgegenschreiten, wollen wir noch die Einwirkung der Zünfte auf die weibliche Arbeit betrachten, und dann einen Blick werfen auf die politische Gestaltung der Staaten Europa's und ihre Einwirkung auf die Stellung des Weibes prüfen. Wir haben diese den zweitwichtigsten Faktor genannt, der auf die Lage des weiblichen Geschlechtes mit mächtiger Gewalt eingewirkt hat. Es ist leicht zu erkennen, welche Einwirkung die Zünfte auf die weibliche Arbeit hatten, und nur wenig bedarf es, um dieselbe zu charakterisiren. In der Ausschließlichkeit der gewerblichen Berechtigung, welche das Wesen der Zunft ist, liegt eben die Vernichtung der gewerblichen Arbeit des weiblichen Geschlechtes. Die Zunft löst, wie sie selbst als wirthschaftlicher Prozeß durch die Entwicklung der Nachfrage geschaffen worden, die Familienwirthschaft auf, indem sie dieselbe durch das stets bereite und häufige Angebot über- 43 flügelt. Es wäre thöricht die Mühseligkeiten der häuslichen Arbeit sich zu erhalten, wo die gewerbliche Entwickelung dieselben übernommen hat, und allen Bedürfnissen schneller, leichter und billiger genügt. Aber in der zünftigen Ausschließliche der gewerblichen Arbeit liegt auch das Verbot derselben für andere Arbeitskräfte als die, welche die Zunft umschließt. Und da die Zunft nur die männliche Arbeitskraft einschloß und zur Arbeit berechtigt, so war die weibliche Arbeitskraft aus der gesammten und eigentlichen Volkswirthschaft ausgeschieden. Sie machte sich jetzt nur noch, wie wir schon gezeigt haben, in der Ackerbauwirthschaft und in der engen Sorge für den häuslichen Heerd geltend. Die wirthschastliche Arbeitskraft der weiblichen Mittelklasse, wenn wir so sagen dürfen, ward durch die Zunft vernichtet. Und gerade jene Kraft wurde stets größer, jemehr sich diese Klasse der Zahl nach entwickelte. Diese Entwickelung aber ist gleich im Verhältniß, in dem sich der staatliche Organismus der europäischen Staaten entwickelte. Wir müssen denselben betrachten, denn es hängt mit seiner Herrschaft die gänzliche Umgestaltung der Lage des weiblichen Geschlechtes innig zusammen. Zwei Elemente der staatlichen Gesellschaft sind in dieser Richtung für unsere Frage wichtig, und ihre Betrachtung führt uns zur Darstellung jenes zweiten Faktors, welcher auf die Stellung des Weibes so mächtig einwirkte. Die staatliche Ordnung Europa's entwickelt sich durch die allmälige Gliederung des Beamtennetzes, welches die staatliche Arbeit übernimmt. Alle kontinentalen Staaten zeigen nach dem Untergänge des mittelalterlichen Staatenbaues ein immer mehr anwachsendes Beamtenheer. Und dieses stehende bürgerliche Heer neben der gleichfalls in dieser Zeit sich immer 44 mehr entwickelnden stehenden Waffenmacht ist abhängig in ihrer ganzen wirtschaftlichen Existenz von den Leistungen des Staates. In dem Familienkreise dieses großen Theiles der staatlichen Bevölkerung gedeiht ein zahlreiches weibliches Geschlecht, welches nicht in Dienst und Thätigkeit einer bürgerlichen Wirthschaft eintritt, sondern deren gesammte Arbeitskraft theils durch falsche Begriffe über Standes- und Berufs- Ehre, durch falsche Erziehung u. dgl., theils aber auch durch die sozialen und politischen Einrichtungen selbst brach liegen bleibt, und deren ganze Lebensaufgabe in dem Trachten durch die Ehe eine Versorgung und wirtschaftliche Erhaltung zu finden, ausgefüllt ist. Sie denken nie daran und haben es nie denken gelernt, aus eigenen Kräften ihre wirtschaftliche Existenz zu sichern und für das Glück der Ehe selbst einen Baustein zu liefern durch ein selbsterworbenes Gut. Dieses Heer einer arbeits- und berufslosen weiblichen Bevölkerung wächst mit der Entwicklung des Beamtenstaates und der Ausdehnung der bewaffneten Macht. Und mit diesem Anwachsen steigt natürlich auch die Gefahr der Noth und Vereinsamung, denn die Wahrscheinlichkeit vermindert sich mit ihr durch das einzige Mittel der Versorgung, diese zu gewinnen, — die Ehe. Und so lebt seit den letzten drei Jahrhunderten in stettigem Wachsen begriffen eine Bevölkerungsmasse ausschließlich von der Arbeit und dem Verdienst anderer, ist selbst nichts, vermag nichts zu leisten, denn nirgends bietet sich eine Möglichkeit dafür und schwankt dauernd zwischen Haben und Sollen, zwischen Sicherheit und Unsicherheit, zwischen Besitz und Elend und steht dauernd vor dem Abgrunde der Armuth, in den jedes dieser Individuen stürzen kann, sobald derjenige stirbt, von dessen Arbeit es ausschließlich erhalten wird. Das Bedenklichste aber ist, daß die 45 Masse dieser Bevölkerung zumeist in die Städte sich drängt, wo die Art und Weise des Lebens und die wirtschaftlichen Verhältnisse es nicht einmal erlauben, durch die einfachste Art ein Vermögen zu gewinnen, durch Sparen! Von seinem Gehalte hat noch kein Familienvater ein Erbe gebildet. Sie sehen, meine Damen, welche Dinge der Betrachtung wichtig werden, wenn man unsere Frage nicht so obenhin mit Redensarten oder bloß mit gutem Herzen betrachten und wenn man sie mit Nutzen beantworten will. Ja Sie werden sich sogar aufschwingen und für die Erkenntniß der Geschichte unserer Frage oder ihr Wesen, bis in die Verfassung der europäischen Staaten Ihre Blicke-wenden müssen, um eigentlich erst recht die Quellen des weiblichen Elends zu erkennen. Und sehen Sie, meine Damen, da zeigt sich Folgendes: Die politische Verfassung der Staaten bestimmt nicht nur die Würde des Mannes, sondern auch die Sitte des Weibes. Der Regentenabsolutismus und die Herrschaft der Willkür beherrscht ganz Europa mit voller Gewalt, von dem Ende des Mittelalters bis zur Zeit der französischen Revolution. Der Same dieser Herrschsucht wird schon in der zweiten Hälfte des Mittelalters gelegt, und fällt mit der genossenschaftlichen Bildung des gesellschaftlichen und staatlichen Lebens fast zusammen, also mit der Städtegründung, den Zünften u. s. w. Er findet, als er seine Lebenskraft erkennt, das weibliche Geschlecht schon vollkommen von der wirthschaftlichen Arbeit des Volkes getrennt, ja was noch mehr ist, das weibliche Geschlecht hat gar keine Erkenntniß mehr von seiner Arbeitskraft und seinem Beruf: gleich dem Manne wirtschaftlich thätig zu sein. Die Minnesänger und der Minnedienst der Ritterzeit stehen in dieser Entwickelung thätig, und preisen 46 in Lied und Schrift, in Gesang und Rede den einzigen Beruf des Weibes der Liebe zu gehören, ihr zu dienen und in diesem Dienste dem Manne in seiner Sorge und nach des Tages Mühe Trost und Erholung zu sein. Nach solchen Lehren und losgetrennt durch die Zünfte von der Volkswirthschaft, bildet sich jener Grundsatz, der selbst von der Gegenwart noch wie ein alleinseligmachender Glaube festgehalten und bei jedem Begehr des Weibes nach Entwicklung wie eine allmächtige Waffe gebraucht wird: das Weib hat keinen andern Beruf, als Mutter und Gattin zu sein und die Sittlichkeit zu erhalten. Wir werden auf diesen Satz, der mehr als eine Phrase, der ein Unglück ist, denn er hat das Weib in seiner Entwicklung zumeist gehemmt, alsbald zurückkehren. Wir wollen vorher nur in Kurzem noch betrachten, wie der Absolutismus der Staaten diesen Satz für seine Regierungsweisheit und allgemeine Bevormundung erhalten und geübt hat. Die Gewalt und Willkür kann nur über ein Volk von Sklaven herrschen. Das Ziel dieser Herrschaft und ihre Aufgabe ist: dieses Volk von Sklaven zu erhalten. Und Lehre und Mittel dieser Arbeit ist die Sittenlosigkeit und das Laster. Das wirthschaftlich ohnmächtige Weib steht mitten in diesem Staate neben einem Adel, der den Bauer schindet, um die Schwelgerei seines Lebens zu zahlen, neben einem Clerus, der sich abkehrt von den Lehren Christus und den Aposteln, neben einem Heer von Beamten, das nicht viel und einem Heer in Waffen, das nichts thut, wenn es nicht das rohe Kriegshandwerk übt, und endlich neben einem Bürgerstande, der zünftig in seiner Arbeit geschlossen, in dem Zunft- verbande nicht mehr die Stütze seiner Arbeit, sondern seiner Trägheit und geistigen Faulheit sieht. Neben diesem Volke 47 steht das Weib hab- und arbeitslos, immer eine unsichere Zukunft vor Augen, ja des Elendes gewiß, wenn nicht ein Zufall es rettet, ohne Willen und ohne Kraft und ohne die Möglichkeit sich selbst etwas zu sein. Wirtschaftlich ohnmächtig ist das Weib sittlich unfrei. Das Ziel des Lasters, das Streben der Begierde und geschaffen von Natur aus, sie zu befriedigen, ist am Ende die einzige Aufgabe des Weibes der Lust zu genügen. In diesem Berufe und ohnmächtig sich selbst von dem Reiz des Lasters zu befreien, durchfrißt es endlich die Kraft des Volkes, schwingt sich selbst auf den Thron und beherrscht Europa. Die Throne von Frankreich, Spanien und Italien, die kleinen Despotennester Deutschlands, ganz Europa wird fast ein Jahrhundert lang von Maitressen regiert, die frei im Lichte der Sonnen auf den Thronen sitzen, und das Geschlecht in seinem einzigen Berufe, in seiner alleinigen Macht, in der Macht der Sinnlichkeit adeln. Das Volk von Sklaven trägt leichter die Fesseln, wenn es sie im Rausche auf die Schultern legt, es vergißt die Schmach der Sklaverei, wenn es sich selbst in seinem Laster ertränkt. Und das ist das Weib durch mehr als ein halbes Jahrtausend, in dem man auch Zeit genug hatte, zu vergessen, daß es ebenso lange etwas anderes war. Sie müssen Demokratinen werden, meine Damen, denn imr im freien Staat wird das Weib seine Würde wieder finden, denn es wird in ihm allein die Freiheit seiner wirth- schaftlichen Kräfte wieder erwerben. Blicken Sie nach Amerika hinüber. In keinem Staate der Welt, bei keinem Volke nimmt das Weib jene hohe achtbare und achtunggebietende Stellung ein, wie in dem freien Nordamerika. Und es ist dies keineswegs darum, weil vielleicht dort das Weib mehr, denn anderswo, seinem Beruf, 48 die Sittlichkeit zu erhalten, huldigt. Es ist dies darum allein, weil das Weib frei ist in der Entwickelung seiner wirtschaftlichen Kräfte und darum unabhängig. Jeder Beruf steht dem Weibe offen, und jene Wirkungskreise, welche zumeist den weiblichen Kräften entsprechen, werden gar nicht von Männern ausgebeutet. Die Arbeit ist dem freien Volke ein Glück und eine Ehre, und darum nährt die Erziehung schon die Begierde zu arbeiten, und die staatliche Gemeinschaft scheidet nicht das weibliche Geschlecht aus von dem Recht auf alle öffentlichen Schulen und Bildungsanstalten. Und das ist die Macht und Würde des amerikanischen Weibes. Weder Ehre noch Reichthum trennt darin das Geschlecht. Nach Pensylvanien in die großen Baumwollspinnereien wandern Mädchen aus achtbaren und wohlhabenden Häusern, arbeiten dort einige Jahre und kehren mit einem runden Sümmchen heim, es dem Haushalt oder dem Ehestände bietend. Der gesammte Lehrerstand Amerikas wird zu vier Fünftel aus dem weiblichen Geschlecht ergänzt. Mühevoll ist diese Laufbahn, aber so einsam oft das Weib in ihr stehen mag, ferne dem Eltern- hause und auf sich angewiesen — die Sitte hat darunter nicht gelitten, ja im Gegentheil, diese Arbeit ist die Quelle der gerühmten Sittlichkeit Amerika's, die keine Prüderie, keine Heuchelei ist, wie die weibliche Sitte Europa's, sondern Wahrheit und Würde. Und das allein ist das Entscheidende. Das Weib hat sowenig den ausschließlichen Beruf, die Sittlichkeit zu erhalten, als einst die Gesetze der Staaten oder die Keuschheitskommissionen Maria Theresia's. Wäre dies der Fall, wäre es ein Gesetz der Natur, wie dies die Redensarten der Kurzsichtigkeit so gerne meinen, dann wahrlich würde die Natur 49 das Weib nicht geschaffen haben, um selbst in seiner Würde und Ehrbarkeit doch die einzige Sehnsucht der menschlichen Lust und Begierde zu sein. Nein, meine Damen! Der Volksmund urtheilt besser. Müssiggang, sagt er, ist aller Laster Anfang, Arbeit und Würde der Arbeit ist die Quelle von Sitte und Ehrbarkeit. Eröffnet doch, ihr Sittlichkeitsrichter, dem Weibe die Wege, wo es frei und unabhängig leben kann, wo es in seiner Arbeit Ehre und Achtung findet und mehr Sitte wird herrschen als jetzt und durch Jahrhunderte, in denen man mit dem Sittlichkeitsgesetz das Weib zurückdrängte von dem Boden, auf dem seine Kräfte Frieden ernten können, Sicherheit und Wohlstand. Die Tugend ist Gewohnheit und die Arbeit wird diese Gewohnheit mit Liebe zum Gesetz des Lebens und der Würde erheben. Die Frauen der französischen Revolution hatten sehr recht, wenn sie vom König Arbeit forderten, um nicht elend zu sein. Und in dem Augenblicke, als diese Erkenntniß das Bewußtsein des weiblichen Geschlechtes durchgingt, in diesem Augenblicke beginnt auch der Kampf und die Sorge, nicht um die Belebung, sondern um die Wiederbelebung der weiblichen Arbeitskräfte. Wir haben gesehen, wie die französische Revolution diese Frage zu beantworten strebte. Wir haben gesehen, daß in dem Sturm der Leidenschaften die richtige Erkenntniß, das weibliche Geschlecht durch Arbeit zu emanzipiren, wankte und endlich ganz zu Grunde ging. Eines aber hatte die Revolution gelehrt und dieses Eine ging der Welt nicht mehr verloren. Das war die Erkenntniß, daß der Mensch nur durch Freiheit zur sittlichen Würde und wahren Entfaltung seiner Kräfte gelangen kann. Neben dem freien Manne aber muß bald das Weib eine andere Stellung einnehmen als in der 4 Vergangenheit, und nicht mehr kann es seinem Berufe genügen, wenn es allein die Befriedigung der Sinnlichkeit und die wohlfeile Beute des Lasters ist. In diese Vorstellung greift allein Napoleon zurück. Nur ein Despot konnte den Ausspruch thun: Das größte Weib ist jenes, welches die meisten Kinder zeugt! Nein, meine Damen, das ist das größte Weib, welches ihre Kinder am besten erzieht. Die Schule aber, welche diesen Ruhm und diese Größe lehrt, ist Bildung und Arbeit, die eigene Achtung vor Wissen und Arbeiten, die eigene Begierde nach Wissen und Lust zur Arbeit. Die Basis, diese Kräfte zu entfalten, um die Güter zu erwerben, legte die französische Revolution, indem sie als ein heiliges Menschenrecht das Recht auf Arbeit und die Freiheit der Bildung erklärte. Die Uebung dieses Rechtes legte sie in die Erkenntniß des Individuums durch die Freiheit der Arbeit. Die Freiheit der Bildung aber machte sie zur Pflicht der Gesellschaft, indem sie von der Gemeinsamkeit die Mittel forderte, welche der schwachen Kraft des Einzelnen die Fähigkeit und Möglichkeit bieten, seine Freiheit zu üben. Die Zeit hat in den Genuß dieser Menschenrechte das Weib noch nicht eingesetzt. Dazu bedurfte es noch einer anderen Macht und das war die Erkenntniß des wirtschaftlichen Nutzens. Schon vor der französischen Revolution erhob in England ein groß- und edeldenkender Mann seine Stimme und erklärte der Welt, daß die Arbeit die Quelle des National- reichthums sei und „daß der bei Weitem größte Theil der Menschen eine klarere Einsicht von dem hat, was seinem Jn- tresse zugänglich ist, als jeder andere Mensch oder eine auserlesene Zahl von Menschen." Diese tiefe Erkenntniß des 51 großen englischen Nationalökonomen Adam Smith konnte nicht durch die allgemeine Revolution am Ende des 18. Jahrhunderts vernichtet werden. Sie brach sich durch die Macht ihrer Wahrheit Bahn in das 19. Jahrhundert, und die Gegenwart mit ihrem Wohlstand und der Entfaltung ihrer Kräfte ruht auf dem festen Grunde dieser Wahrheit. Und, meine Damen, auch der gegenwärtige Kampf des Weibes um das Recht auf Arbeit hat, so unbewußt als es vielleicht den Meisten sein mag, keine andere Quelle als die Macht der Wahrheit dieses Satzes. In der Erkenntniß, daß die Arbeit die Quelle des Nationalreichthums sei, liegt das erwachende Bewußtsein, daß auch das Weib zu diesem Reichthum beitragen kann; und in der Erkenntniß, daß auch das Weib, wenn es mit Bildung ausgerüstet, sein Interesse am Besten selbst wahren wird, will es der Arbeit eines Volkes ein Theil sein. Die allgemeine Noth eines großen Theiles der weiblichen Bevölkerung zwingt die Nationen zu der Erkenntniß, daß auch für das Weib die Rettung nur dort liegt, wo sie selbst ihren Wohlstand und ihren Reichthum gefunden haben, in der Anerkennung des Rechtes der Frauen auf Arbeit. Wenn es mir nun gelungen ist, meine Damen, dieses Recht zu beweisen und durch die Zeugenschaft der Geschichte sowohl den Begriff dieses Rechtes als die weibliche Arbeit selbst von den Fesseln der Vorurtheile zu befreien, und wenn es mir gelungen ist, den Gedanken zu zerstören, daß beide nur Schwärmereien und Ausgeburten kranker Geister seien, dann bleibt mir noch eines zu zeigen übrig. Ich muß dieses Recht der Frauen auf Arbeit noch durch die Kraft wirklich zu existiren . beweisen. Die Kraft zu sein und in der Wirklichkeit sich zu bewahrheiten, ist die Frage nach der Organisation der weiblichen Arbeit. 4 * 52 Nach der Art unserer Auffassung des Gegenstandes bleibt uns in Betreff dieses Theiles nur noch wenig zu sagen übrig. Nur das Eine müssen wir vor Allem betonen: die Frage der Organisation der weiblichen Arbeit kann nicht durch die Geschichte beantwortet werden. Wir können nicht die Mittel und Lehren dafür aus der fernen Vergangenheit nehmen in der die weibliche Arbeit ein noch wesentlicher Faktor in der Bolkswirthschaft gewesen, denn die sozialen Zustände jener Zeit wie ihre Culturverhältnisse sind losgelöst von der Gegenwart und nichts verbindet diese mit jener. Wir können nicht versuchen nach dem Muster der französischen Revolution die weibliche Arbeit durch ein Privilegium wieder zu beleben. Die Gegenwart erblüht in ihrem Reichthums aus dem Boden der sozialen Freiheit und die Freiheit duldet kein Sonderrecht, sondern will das gleiche, allgemein giltige Gesetz. Und dieses eben und dieses allein, diese Freiheit und dieses gleiche Recht wird auch die einzige Grundfeste sein, auf der sich die weibliche Arbeit organisiren kann. Die Fragen, die wir darnach zu beantworten haben sind, bloß die: Was kann der Inhalt der weiblichen Arbeit sein, um gleich den übrigen Menschen die errungene Freiheit innerhalb des gleichen Rechtes zu genießen, und was sind die Mittel und Kräfte, durch welche das weibliche Geschlecht zu diesem Genuße befähigt wird? Die weibliche Arbeit, meine Damen, hat im großen Ganzen keinen geringen Antheil an der gesummten Volkswirthschaft der europäischen Staaten. Ich habe schon daraus hingewiesen, wie in der gesammten Ackerbauwirthschaft die weiblichen Arbeitskräfte nur durch die Maschinen, keineswegs durch Vorurtheile, mangelnde Kenntniß der Arbeit oder gar durch die männlichen Arbeitskräfte verdrängt oder eingeschränkt werden. Die ländliche Bevölkerung, wie wir gleich- 53 falls angedeutet haben, berührt unsere Frage nur insoweit als durch die Dienste der Maschinen zahlreiche Landleute nach den Städten gedrängt werden. Auch in zahlreichen andern Arbeitskreisen hat sich das weibliche Geschlecht durch seine natürlichen Eigenschaften schon einen großen Wirkungskreis errungen, wie bei dem Hausierhandel, der Gärtnerei, zahlreichen Gewerbszweigen, welche feiner organisirte Hände, zarteres Gefühl u. s. w. erfordern, als dies beim Manne vorhanden ist. In Cornvall werden die feinsten Theile des Zinnsteines nur durch Frauen ausgewaschen, und bei der ganzen englischen Porzellanfabrikation werden für das Waschen der Erde und Reinigen von Granit fast ausschließlich weibliche Arbeitskräfte verwendet. In Oberschlesien z. B. finden junge Mädchen beim Waschen und Sortiren der Galmeisorten Verwendung und gewinnen dabei so viel, daß sie oft nach wenig Jahren schon einen Freier finden. Weiter ist es bekannt, daß in Frankreich optische Instrumente fast nur von Frauen gemacht, ebenso wie die Buchführung bei kleineren Geschäften daselbst fast ganz in weibliche Hände übergegangen ist. Andere Arbeitskreise behauptet das Weib fast ausschließlich schon durch das Geschlecht. Ohne des zahlreichen dadurch schon bedingten Dienstpersonales zu gedenken, sehen wir die Krankenpflege, die Geburtshilfe u. dgl. fast ausschließlich in weiblichen Händen. Aber abgesehen von den weiblichen Arbeitskräften, welche diese und noch andere reiche Arbeitskreise ausfüllen und damit in höchst bedeutender Summe zum Naturalreichthnm beitragen, lebt eine große Zahl Frauen und Mädchen, deren Arbeitskraft und gar oft auch Arbeitslust brach liegt und die dadurch dauernd am Rande des Elends leben und oft, ich sage oft, leider nicht immer, als letzte Rettung der Schande in 54 die weiten Arme getrieben werden. Was soll sie thun, sagt die kalte Philosophie des alltäglichen Lebens! Diese reichen Arbeitskräfte schlummern innerhalb der Städte, sie gehören fast ausschließlich der städtischen Bevölkerung an. Es ist das Heer der Beamtenkinder, der weiblichen Nachkommenschaft des Militär- und Lehrerstandes, endlich die Frauen und Töchter des armen städtischen Bürgerstandes. Und diese Kräfte zu beleben, diese dem Nationalreichthum zu gewinnen und für sein Wachsen zu verwerthen, das ist die Aufgabe der klaren Erkenntniß der Gegenwart, der Bemühungen edeldenkender Frauen und klarblickender Männer. Für sie bildeten sich im letzten Jahrzehnt zuerst in England Vereine, das Institut der Königin zu Dublin zum Beispiel, welche lehren und bilden und die Kräfte entfalten und in der Entfaltung in der großen Nationalarbeit verwerthen. Für sie regt sich der Geist auch in Deutschland und drang von dem gemeinsamen Vaterlande auch zu uns. Auch hier schaffen edle Frauen einen Verein und sorgen unbekümmert um Anfeindungen und Vorurtheile, gestärkt nur durch die edle Absicht und den Willen, die Noth ihres Geschlechtes zu mildern und so es möglich ist sie ganz oder theilweise zu heilen. Und jetzt meine Damen können wir unsere erste Frage, was kann der Inhalt der weiblichen Arbeit sein, leicht und sicher beantworten. Alles kann der Inhalt dieser Arbeit sein, alles, wofür die weiblichen Kräfte ausreichen. Ich glaube nicht, daß es nöthig ist, dies im Einzelnen darzustellen und vielleicht zu zeigen, welche Arbeitskreise am Besten für das weibliche Geschlecht sich eignen, welche zum Vortheil einer Nation sogar besser und selbst schicklicher von Frauen ausgefüllt würden. Diese Fragen beantworten sich für Jedermann von selbst nur durch einen Blick auf das tägliche Leben. 55 Eines aber müssen wir besonders hervorheben und dies Eine ist die Frage, warum denn die zahlreichen Arbeiten, welche von Natur aus und durch die Sitte allein dem weiblichen Geschlecht zugewiesen erscheinen, warum sie selbst in unserer aufgeklärten und arbeitsreichen Zeit noch immer der männlichen Arbeitskraft zugewiesen werden und warum es dem weiblichen Geschlechte so schwer wird in dieselben einzudringen. Ich glaube nicht, daß Vorurtheile und Sittenlosigkeit des männlichen und weiblichen Geschlechtes allein auch nur annähernd die Gründe sind. Ich meine, daß ein höchst bedeutender und wichtiger national - ökonomischer Grundsatz die Quelle dieser Erscheinung ist. Blicken Sie nach Amerika. Mit großer Leichtigkeit findet das Weib Zutritt zu jeder Arbeit, welche es zu leisten im Stande ist. Beachten Sie die Erscheinungen in England. Kaum wurde das Königin-Institut zu Dublin gegründet im Jahre 1861 und die Anregung zur Verwendung der Frauen in vielen Geschäften wie Lithographiren, Holzschneiden, Malen, Telegraphie, Buchhaltung u. dgl. gegeben, so fand das Angebot alsbald eine zahlreiche Nachfrage. In Würtemberg wurde 1862 eine Schule gegründet, welche Frauen und Mädchen im Buchführen und anderen kaufmännischen Geschäften unterrichtete. War diese Schule selbst schon ein Zeichen des Bedürfnisses nach weiblichen Arbeitskräften, so zeigte der Erfolg noch deutlicher die Wichtigkeit derselben. Und nun, sehen Sie nach Preußen und bemerken Sie, wie spät dort erst die Frage nach der weiblichen Arbeit auftritt und wieder, um wie vieles später erst in Oesterreich daran gedacht wird. Ist das die Folge der uns oft vorgeworfenen Gedankenfaulheit und Begriffsstützigkeit? Gewiß nicht! Das Privilegium der Erkenntniß hat kein Volk, selbst dann nicht, 56 wenn es sich einbildet an der Spitze der Civilisation zu stehen oder aus die Intelligenz ein höchst eigenes Anspruchsrecht zu haben. Der tief inner sie Grund dieser Erscheinung liegt in dem wirtschaftlichen Verhältnisse der Industrie zum Ackerbaue. Dort, wo jene diesen überwiegt, und die Arbeitskräfte des Ackerbaues geringer sind als jene der Industrie, dort tritt, wie in Amerika, ein starkes Begehr nach weiblicher Arbeitskraft auf. Dort, wo jene gleich sind, wie in England, dort wird das Weib einen großen Arbeitskreis erwerben. Dort, wo die Arbeitskräfte des Ackerbaues jene der Industrie überwiegen, dort findet die weibliche Arbeitskraft einen um so geringeren Spielraum, als das Verhältniß größer wird. So in Frankreich, so in Württemberg, wo das Verhältniß sich schon zur annähernden Gleichheit neigt. So in Preußen und endlich in Oesterreich, wo die Arbeitskraft des Ackerbaues zu jener der Industrie sich verhält, wie Fünf zu Eins. Im Ackerbau aber verdrängten nebst andern Verhältnissen, wie z. B. die Creditverhältnisse, welche immer mehr zum Großbetrieb auch der Ackerwirthschaft hindrängen, in ihm verdrängen die Maschinen immer mehr die männliche Arbeitskraft. Und bei dem Reichthum derselben lagern sich die so überflüssig werdenden Kräfte in den Städten ab, wo es ihnen durch die zahlreichen Bildungsmittel, welche dem männlichen Geschlecht zu Gebote stehen, möglich wenn auch keineswegs leicht wird, zu einer andern, und zwar der industriellen und gewerblichen Arbeit überzugehen. Und vermöge dieses Verhältnisses der Arbeitskräfte und der Möglichkeit sich Bildung und Kenntniß zu erwerben, nach deren Angebot sich die Nachfrage allein befriedigen läßt, greift das Bedürfniß nach männlicher Arbeitskraft selbst dort, wo in der Uebung — 57 — eines Geschäftes oft der größte Theil derselben gar nicht verwerthet wird, z. B. beim Dienst in Kaufläden und Magazinen, beim Telegraphenwesen und in zahlreichen Zweigen des Staats- und Gesellschaftsdienstes. Darum mag man alle überspannten Hoffnungen aufgeben, Illusionen über die Entwicklungsfähigkeit der weiblichen Arbeit zerstören, um sich den kleinen aber vorläufig allein möglichen Erfolg genügen lassen zu können. Aber aus der Erkenntniß dieses großen Grundsatzes, von dessen Gestaltung allein der Erfolg aller Mühe, die weibliche Arbeitskraft zu organisiren, abhängt, kann man dennoch erkennen lernen, was die Gegenwart in ihren edlen Bestrebungen erzielen soll. Und dies führt uns zum Schlüsse unserer Darstellung, zur Beantwortung der zweiten Frage, welche wir an die Spitze gestellt haben, zur Frage nach den Mitteln und Kräften, durch welche das weibliche Geschlecht befähigt wird, in die Nationalwirthschaft einzutreten, um hier die Freiheit ihrer Existenz innerhalb des gleichen Rechtes zu erringen. Zwei Aufgaben stellen sich hier der großherzigen Thätigkeit edler Frauen entgegen. Die erste ist die Ordnung der jetzt schon schaffenden weiblichen Arbeitskraft, die zweite ist die Sorge für Bildung und Kenntnisse, um die Befähigung zu erlangen, eintreten zu können in die Volkswirthschaft, wenn sich die Gelegenheit bietet. In Betreff der ersten Frage bitte ich Sie, meine Damen, Ihre Blicke in die Werkstätte unseres gewerblichen und industriellen Lebens zu kehren. Sie sehen die weibliche Arbeitskraft hier sorgen und mühen, und sorgen und mühen oft mit dem Opfer der Gesundheit und zumeist um einen blutigen Lohn. Hier muß Hilfe geschaffen werden und hier kann es geschehen. Die einzelne Kraft ist dafür zu schwach, der 5 58 einzelne Besitz dafür zu arm. Vereinigung der Kräfte, Sammlung des kleinen Gutes zu einem gemeinschaftlichen Vermögen, kurz die Assoziation ist hier die einzige Rettung. Wunderbares hat sie schon geleistet, Wunderbares kann sie leisten und in dem Grundsätze, Einer für Alle und Alle für Einen wird auch das weibliche Geschlecht die Möglichkeit finden, in der Stunde der Noth Hilfe, in den Tagen des Elends Linderung der Schmerzen zu finden. Da wird das Weib auch Kraft finden, sich selbst Herr und Verwalter zu sein, den Gewinn ihrer Arbeit ganz zu erlangen, und nicht Leib und Seele hinzugeben brauchen, um die Last des Lebens allein nur zu tragen und zu erhalten. Es ist hier nicht der Ort, diesen Gedanken in seiner inneren Ordnung darzustellen. Zahlreiche Bücher und Schriften können dafür der Belehrung dienen. Den Weg allein kann ich zeigen und den Wanderstab bieten, um ihn würdig und aufrecht zurückzulegen. Was aber die zweite Frage anbelangt, die Sorge für Bildung und Kenntniß, so bietet sie ein reiches und segens- werthes Gebiet jedem, der seine Hand daran legen will. Es kann mir nicht einfallen, damit den Gedanken anregen zu wollen hohe Schulen zu gründen, um die zumeist vom weiblichen Geschlecht so oft gerühmten „ungeheuren verborgenen Fähigkeiten" zu entfalten. Meine Damen! die Stael's und Sand's lausen so wenig auf den Straßen herum, wie die Göthe und Schiller, und nicht an jedem Heerd erwärmt sich der Geist einer Katharina und Maria Theresia. Nein! Solche von der Natur ausgezeichnete Geister finden das Licht der Sonne, und weder Neid, noch Vorurtheil werden es ihnen entziehen. Ich spreche allein von jener Bildung, welche zur Arbeit des täglichen Lebens erzieht. 59 Die weibliche Erziehung ist schlecht oder mittelmäßig. Blind und stumm, obwohl mit Augen und Sprache gesegnet, treten die Mädchen ins Leben. Für die große Masse ist nichts geschehen. Und die Roheit des Geistes, die Unwissenheit ist die Quelle jenes Lasters, dem wir heute am hellen Tageslicht auf jeder Straße begegnen. Selbst die Gesellschaft und der Staat haben hier ihrer Aufgabe und ihrer Pflicht noch nicht genügt. Und wenn sie es nicht können oder nicht wollen, dann ist es Aufgabe der Bessern, der Glücklicheren und Gesegneten die Arbeit zu schaffen und der Masse ihres Geschlechts das Licht der Erkenntniß zu bieten, welches die einzige Basis des Glückes ist. Bildung allein macht frei, Bildung allein macht gleich und glücklich, und gesegnet werden jene sein, welche ihrem Geschlecht die Erkenntniß bieten. u e d e r ^usl'tcü'unge» der 5raueuari'eir. Im Jahre 1797, in einer Sitzung des Rathes der Fünfhundert zu Paris, lenkte der französische Depntirte Dau- nou die Aufmerksamkeit der Gesetzgeber auf die Zustände der französischen Industrie. Die französische Industrie sei arg geschädigt durch die Revolution, erklärte Daunou, und es sei schwer eine schnelle Hülfe zu erkennen, da fast alle Zeichner entweder ausgewandert oder in der Revolution untergegangen seien. Diese Anregung ergriff der gelehrte Fran- tzvis de Neufchateau und bildete daraus den Gedanken einer nationalen Industrieausstellung. Man müsse sehen, was Frankreich noch zu leisten im Stande sei, man müsse die Wunden kennen lernen, welche die Revolution dem Volke geschlagen und zuletzt die Mittel zu erforschen verstehen, diese Wunden wieder zu heilen. Das ist jene Grundweisheit, aus der die erste Industrieausstellung hervorging, sie wurde am 19. Sept. 1798 auf dem Marsfelde eröffnet. Alle ähnlichen Ereignisse, die ihr nachfolgten, von den bescheidensten Ausstellungen der Lokalinteressen und Erzeugnisse, bis zu den großen Thaten unserer Zeit, den Weltausstellungen, alle bauen sich in ihrem ersten Grunde und ihrem letzten Zwecke auf dieser Weisheit auf. Die Schöpfung eines Bildes der Zeit, einer Kritik desBildes und einerErziehung imBilde selbst, das sind die Zwecke der Ausstellungen, ob sie groß oder klein, allgemeine Ausstellungen oder Spe- 64 zialansstellnngen sind. Auch die Ausstellungen der Frauenarbeit, wenn solche zu Stande kommen können, haben keinen anderen Zweck in ihrer Erscheinung und keinen andern Grund für ihre Veranlassung. Sie sollen zeigen, was die w e i bl i ch e n Arb e i t s kräft e in d e rG e s e ll- schaft leisten, was und wie sie znm Natioual- reichthurn beitragen und welche Bedeutung sie in der Mitte der Volks arbeit einnehmen, dann sollen sie aber auch zeigen, wie die Frauenarbeit sich in der Gesellschaft entwickelt hat und was in der Summe der weiblichen Arbeit Lehre und B i l d n n g sm i t t e l sein kann. Wollen wir den Inhalt einer solchen Ausstellung nach den Zeitmomenten kennzeichnen, so können wir sagen, eine solche Ausstellung soll zu wahrem Nutzen immer Gegenwart, Vergangenheit und Zukunft enthalten, sie soll die vorhandenen Zustände, die Entwicklung derselbeu oder dieGeschichte aufrollen und die Entwicklungsfähigkeit beleuchten. Dies ist ihr charakteristisches Moment. Es wird erzeugt durch die sozialen Verhältnisse der Zeit, welche wieder erst über den innern Beruf solcher Ausstellungen entscheiden. Wir wollen ihn daher erst prüfen und seine Entstehungsgeschichte erklären, ehe wir seine Vewahrheitnng im wirklichen Leben durch die Form der Ausstellungen betrachten. Das neunzehnte Jahrhundert hat durch die Entwicklung der wirthschaftlichen Kräfte der Völker und der Erkenntniß ihres Werthes für die gesammten Culturbestrebungen der Menschheit eine wirthschaftliche Wahrheit zum Gemeingute gemacht. Die Kraft der Arbeit ist die einzig berechtigte Kraft der persönlichen Selbständigkeit. In dieser Anerkennung wirkt sie für die Entwicklung 65 des Menschen, für die Ordnung der Gesellschaft und für die Macht des Staates. In dem Individuum schafft sie die Freiheit der Person durch die Selbständigkeit, die sie ihin gibt. In der gesellschaftlichen Ordnung schafft sie die Gleichheit der Menschen durch die gleiche Berechtigung und Nothwendigkeit jeder Arbeit. Im Staate und seiner Macht gestaltet sie erst die gesummte Summe der Menschen zu einer einheitlichen Summe von Bürgern. Es war für die Dauer nicht möglich innerhalb dieser Erkenntniß die Menschheit nach dem Geschlechte zu theilen, so daß nur der Mann zähle und das Weib ein Ding, ein Gegenstand, ein Nebensächliches sei. Von der wirthschaftlichen Seite der Bewegung wurde auch sie ergriffen und in der Sorge um die Frauenarbeit fand man gleicherweise die Erkenntniß der Möglichkeit der wirthschaftlichen Selbständigkeit des weiblichen Geschlechtes. Diese Sorge zu stillen soll die Arbeit der Gesellschaft reformirt werden, indem sie in ihre Summe eine neue Zahl von Arbeitskräften mit gleichem Anspruch auf wirtschaftliche Selbständigkeit aufnimmt. Die nächste Folge dieser Entwicklung wird zeigen, daß auch in der gesellschaftlichen Ordnung das weibliche Geschlecht bald eine andere Stellung nach Freiheit und Gleichheit einnehmen wird. Fragen wir nun zuerst, wie sich die Frauenarbeit in der Gegenwart gestaltet und was ihre Erscheinung in der Volkswirthschaft bedeutet? Denn nur, wenn wir wissen, was sie ist, werden wir begreifen, was sie sein kann. Ein großes Gebiet scheiden wir von vornherein aus unserer Betrachtung aus. Es ist die Arbeit, welche die Häuslichkeit dem Weibe schafft, die Arbeit in der Familienwirthschaft. Man sollte dieses Gebiet bei der modernen Frage nach der Ordnung und Pflege der Frauenarbeit stets ganz ausdrücklich aus dem 66 Kreise der Betrachtung ausscheiden. Weil man es nicht thut und bisher nie gethan hat, darum gab man so häufig Anlaß zu Mißverständnissen und Irrthümern. Die Familienwirth- schaft ist das Ziel des Weibes, es ist die höchste Erfüllung seines Berufes, es ist, wenn ich so sagen darf, die Bestimmung des Weibes nach seinem Streben und Hoffen. Das Weib in der Familie, das Weib als Mutter und als Gattin ist eine Frage immer mehr der Sittlichkeit als der Wirthschaft, hier zu bilden geziemt dem Priester und dem Lehrer, keineswegs dem Volkswirth. Ich weiß recht gut, daß auch seine Kenntnisse dem Weib in der Häuslichkeit gar oft dienen können, ebenso wie eine Kenntniß medizinischer Grundsätze, diätetischer Regeln einer Mutter nützen können, aber der Inhalt dieser Bestrebungen und das Ziel derselben ist nicht Inhalt und Ziel der modernen Bewegung für die Reform oder Belebung der Frauenarbeit. Mit dieser Begrenzung des Begriffes weisen wir daher auch jene Redensarten zurück, die die Bestrebungen der Gegenwart paralisiren wollen, jene Redensarten, die mit einem „das Weib gehört in die Küche, an die Wiege der Kinder, zum Strickstrumpf" glauben, eine große Weisheit dabei von sich gegeben zu haben. Wirrnissen recht gut, daß sie auf der Höhe ihrer Bestimmung dorthin gehört und sorgen dabei nicht für Rath und That, aber für jene Zeit, wo sie noch nicht die Emsigkeit des häuslichen Herdes genießt, noch nicht das Glück der Mutter- sorge gefunden hat und für jene Augenblicke der Noth, wo das Weib selbst in diesem Glück durch ihre andere Arbeit die Mittel herbeischaffen muß es zu erhalten, für diese Zeit und diese Zustände wollen wir eine klare Erkenntniß der weiblichen Arbeit und soweit wir es vermögen eine Besserung der gegenwärtigen Verhältnisse. Und diese Verhältnisse, wie erscheinen sie unserem Auge? Was ist die weibliche Arbeit in dem engen Kreis, den wir zur Klarheit unseres Bewußtseins uns selbst bestimmt haben? Abgesehen von der Häuslichkeit sehen wir die Frauenarbeit in zwei Gestalten allenthalben gleich und überall wirklich erscheinen. Es ist die abhängige Fabriksarbeit und die freie selbständige Frauenarbeit, es ist, wenn ich sie nach ihrem Preise bezeichnen möchte, die Taglohnarbeit und die Stücklohnarbeit, gleichgiltig in diesem Augenblick, ob diese rein industrielle, gewerbliche oder schon künstlerische Zwecke verfolgt. Es ist, wenn ich sie endlich bezeichnen will nach der gesellschaftlichen Stellung und der wirtschaftlichen Lage der Arbeiterinen selbst, die Arbeit der Frauen und Mädchen des Arbeiterstandes und die Arbeit des weiblichen Geschlechtes aus den Kreisendes wirtschaftlich schon besser gestellten, mittleren Bürgerstandes. Diese Bestimmung der Grenzen und des Inhaltes eines Begriffes machen nicht den Anspruch auf mathematische Genauigkeit, sie sollen nur mit Wenigem orientiren, ohne zu zählen und zu rechnen. Ich weiß recht gut, daß heute schon der Bürgerstand, so nach dem Sprachgebrauch gesprochen, zahlreiche weibliche Arbeitskräfte an die Fabriksarbeit und den Tagelohn abgibt, in Amerika ist das längst der Fall ohne auch nur im geringsten die gesellschaftliche Stellung des weiblichen Wesens zu verändern oder gar zu schädigen, ich weiß endlich auch, daß Kunstfertigkeit sich unter den Frauen und Mädchen der ärmsten Volkskreise findet, welche es oft ermöglicht ihr Verdienst in freier Thätigkeit statt an der Maschine der Fabrik zu suchen. Aber die großen und sicheren Bestimmungslinien werden durch diese einzelnen Fälle nicht verrückt. Diese beiden Kreise der Frauenarbeit, die wir so scharf als möglich zu bestimmen suchten, sind das Ziel der Thätig- 68 keit jener Bewegung, welche ein Theil der sogenannten sozialen Frage, die Pflege, Entwicklung und Verbesserung der wirtschaftlichen Lage des weiblichen Geschlechtes anstrebt. Wohl weiß ich, was am besten geeignet wäre die wirthschaft liche Stellung des weiblichen Geschlechtes zu größerer Sicherheit und Wohlhabenheit emporzuheben, so weit eben als diese immer durch die persönliche Arbeit erzielt werden kann. Eine allenthalben rege und große Industrie. Hätten wir eine große, zu regem und stets frischen Leben erstarkte Industrie nicht nur in der Hauptstadt des Reiches, sondern vor allem auch im Reiche selbst, so würden wir mit der Kraft der Arbeitgeber auch den Werth der Arbeitssucher steige» und somit die wirthschaftliche Lage der Arbeiterbevölkerung am besten gestaltet sehen, die männliche Arbeiterbevölkerung würde in der großen Industrie eine geeignetere Verwendung finden, und dort, wo sie nicht hingehört oder dort, wo sie ihre Arbeitskraft nur vergeudet, würde Raum für die weiblichen Arbeitskräfte werden und zahlreiche Arbeitsstätten würden dem Weibe regelmäßig vorbehalten bleiben, die weibliche Arbeitskraft selbst würde in einer großen Industrie reichlich Beschäftigung finden und die Sorge, die Lage des weiblichen Geschlechtes zu verbessern, würde ganz andere Ziele haben als heute, wo man, zu meist bei uns in Oesterreich, erst Arbeit mühselig suchen und schassen möchte, um Hülfe zu bieten; endlich aber würde eine große Industrie im Lande die Bevölkerung an die Scholle etwas fester schließen, und nicht mehr gestatten, daß sich zahlreiche Arbeitskräfte in den Straßen der großen Städte ablagern, um hier im Elend und Sittenlosigkeit endlich zu Grunde zu gehen. Aber wir müssen vorläufig mit den gegebenen Verhältnissen rechnen und diese weisen uns noch nicht jene blühende 69 Industrie, die aus eigener Kraft die wirthschaftliche Lage des Volkes verbessert. Ich habe nun an anderer Stelle schon mit ausschließlicher Rücksicht auf die Frauenarbeit die Mittel und Wege geschildert, welche die großen Bestrebungen unserer Zeit fördern können, die wirthschaftliche Lage des weiblichen Geschlechtes durch die Erweiterung ihrer Arbeitskräfte zu verbessern. An diesem Orte hab' ich ein ganz anderes Ziel im Auge. Ich will die Lage der bereits vorhandenen und thätigen Frauenarbeit einmal allein ins Auge fassen und, ausgehend von der allgemein bekannten Thatsache, daß die weiblichen, selbst sehr fleißigen, Arbeiterinen wirtschaftlich doch sehr ohnmächtig sind, will ich Grund und Ursache dieser Verhältnisse prüfen und die Mittel zeigen, die womöglich einen Anstoß zur Besserung dieser Verhältnisse geben können. Ich bezeichne gleich mit einem Worte die Gründe, welche den größten Theil unserer weiblichen Arbeitskräfte auf einer so niedern Stufe des wirthschaftlicheu Wohlseins erhalten. Es ist der Mangel an jeder Bildung. Es fehlt nicht nur in den meisten Staaten Europas eine genügende Schulbildung, es fehlt überall gerade die Arbeitsbildung, die Kunst arbeiten zu können. Ganz allgemein können wir diesen Satz ins Auge fassen, denn es ist gleichgiltig, in welchem Kreis der beiden Arbeitskreise, die ich oben angedeutet, die weibliche Arbeitskraft sich bethätigen will. Auch in der Fabriksarbeit entscheidet über den Werth der Arbeitskraft, die geistige Fähigkeit und Beweglichkeit, zumeist bei Frauen, wenn diese in der Fabriksarbeit weite und ausgedehnte Beschäftigung finden wollen. Die Bildung des Arbeiters ist die festeste Basis seiner wirthschaft- 70 liehen Sicherheit, sie ist aber auch die gleiche Basis für jedes Arbeitsgebiet in seinem ökonomischen Werthe. Unter Bildung und zwar unter jener Bildung, die ich zur genaueren'Bezeichnung Arbeitsbildung nannte, verstehe ich, um es mit einem Wort zuerst zu bezeichnen, das volle Bewußtsein des Arbeiters von der Aufgabe seiner Arbeit und die Kraft diese stets bestens zu erfüllen; da aber tritt uns in der Arbeiterbildung entgegen: die Kenntniß der Bedürfnisse der Zeit, der Nachfrage und des Begehrs, die Kenntniß diesen Bedürfnissen gerecht zu werden im Inhalt und in der Form der Arbeit, Geschmackkenntniß der Modeströmung und Kunstrichtung, endlich die Kenntniß diese Bedingungen des Verkehrs bestens in dem Angebot zu befriedigen. Das ist Arbeiterbildung und wenn wir einen Arbeiter untergehen sehen, so werden wir bei ernster Prüfung sicher finden, daß sie ihm ganz oder in ihren besten Theilen fehlte. Nirgends und bei Niemandem ist diese Bildung von größerer Wichtigkeit als bei den weiblichen Arbeitskräften, wie immer sie verwendet werden mögen, nirgends aber ist sie seltener vorhanden, als hier. Das liegt nicht in der Unfähigkeit des weiblichen Geschlechts etwas zu begreifen und zu lernen, das liegt zumeist in der Art der weiblichen Erziehung zur Arbeit und dann in dem Mangel an Bildungsmitteln für die Entwicklung der weiblichen Arbeitskräfte. Es ist eine eigenthümliche Erscheinung. Nichts ist traditioneller als die weibliche Arbeit, sie erbt sich von Großmutter, Mutter und Kind fort in ihrer Art und ihrer Form. Nirgends sind nutzlose Dinge so lang erhalten als in der Arbeit und Beschäftigung der Frauen, nirgends pflanzen sich Geschmacklosigkeiten mit solcher Sicherheit und Unwandelbar- keit durch Geschlechter hindurch fort, als eben hier. Es liegt dies, Wer wollte so ungerecht sein es zu verkennen, es liegt dies 71 zumeist in der Stellung des Geschlechtes und der Aufgabe des heranwachsenden Mädchens für die häuslichen Bedürfnisse. Das Mädchen wird zur Arbeit erzogen sobald es die Finger rühren kann, mit dem Strumpfband fängt es an, dann kommt der Strumpf selbst, dann endlich die Ferse, mitunter mischt sich für die Weihnachtszeit ein gestickter Hosenträger mit Kreuzstich oder gar eine Zigarrentasche mit ewig unerklärlichem Tupf. Das heißt zur Arbeit erziehen. Es heißt so, aber es fehlt das wichtigste bei dieser Erziehung, — die Erziehung, es ist ein schrittweises Nachahmen dessen, was die Mutter oder Gouvernante weiß, und wenn das ABC des Lehrers zu Ende ist, so ist auch der Bildzmgsfähigkeit des Kindes genug gethan, die Mechanik ist langsam eingequetscht in das weiche Gehirn, für die Vielseitigkeit der weiblichen Arbeiten sorgt die Einseitigkeit der Arbeit selbst und die Berliner Fabrikanten von „Vorlagen für Stick- und Häckel- arbeit." Wenn die Erziehung der Mädchen nicht so vor sich ginge, so würde eine gute Mutter glauben sich an ihrem Kinde zu versündigen und so trägt die Tochter denselben Strumpf wie die Großmutter, der Bruder läßt sich mit denselben Hosenträgern die Schultern wund drücken wie einst der Vater und später der Gatte, dieselben geschmacklosen Wand- und Papierkörbe schmücken das Zimmer, hier ein mehr oder weniger geschmackloser Ofenschirm oder Kanape« Polster u. s. w. Und hat das Mädchen endlich Klugheit genug sich gegen die Geschmacklosigkeit aufzulehnen und nach anderem zu suchen, da fehlt es dann an allem und jedem, die Häuslichkeit hat weder Verständniß, noch Mittel etwas Neues zu lehren, die Öffentlichkeit hat noch keine Erkenntniß dafür und wo dieselbe sich findet, fehlt der Muth oder die Mittel zur That, man bleibt in der Geschmacklosigkeit oder um sich 72 zu trösten, erfindet man selbst neue Geschmacklosigkeiten und glaubt, weil es neu ist, muß es schön sein. Sehen wir aber ganz ab von der häuslichen Bildung zur Arbeit und betrachten wir die wirklich auf das Verdienen schon abzielende Thätigkeit des weiblichen Geschlechtes. Wie begegnen ganz derselben Rathlosigkeit, derselben Unklarheit über die Bedürfnisse und denselben Vorurtheilen über die Befriedigung derselben fast bei allen selbständigen weiblichen Arbeiten. Ich will diese nicht charakterisiren und beschreiben, ich will nur die beidey Hanptgebrechen andeuten, an denen alle diese Leistungen in ihrem letzten Zweck, ein Verdienst der Arbeiterin zu werden, scheitern; sie sind entweder zwecklos oder für den Zweck, den sie verfolgen, ungeschickt und mit einem Aufwand von Kraft gearbeitet, daß kein Preis je die verwendete Mühe entgelten kann, und sie sind zweitens entweder in einem Geschmack gearbeitet, der an der Lehre haftet, aber von den Bedürfnissen längst überwunden ist oder von ganz unglaublicher Geschmacklosigkeit. In erster Richtung begegnen wir weiblichen Arbeiten, die für die Consumtion gar keinen Werth haben, da sie von der Maschine besser, schöner und wohlfeiler geliefert werden. Der Mangel der Erkenntniß, daß die Maschine zahlreiche Handarbeiten zwecklos gemacht hat, ist überhaupt ein kranker Punkt in der ganzen Frauenarbeit. Zeit und Gesundheit opfern die armen Geschöpfe für Arbeiten, die zuletzt höchstens die Barmherzigkeit kauft, um nicht ein Almosen geben zu müssen. Die Erziehung der Kunst arbeiten zu können, findet hier gleich ein reiches Gebiet, sie soll zeigen und lehren, was weibliche Hände nicht mehr machen sollen. Die andere Richtung, die ich andeutete, die Richtung der Geschmacklosigkeiten der weiblichen Arbeiten findet man zumeist in den Kinderarbeiten vorherrschend. Mit der Aufgabe frühzeitig zu verdienen, 73 die leider vom weiblichen Geschlechte immer früher zu üben gefordert wird, denn vom männlichen, zwingt man Arbeiten unter die kleinen Hände, welche frühzeitig das beste Werkzeug, das Auge, zerstören oder irre leiten und die wirtschaftlich auch schon darum schlecht sind, weil sie unter dem Vor- wande verdienen zu lernen, nichts anderes lehren als die Möglichkeit auch mit s chlechter Arbeit manchmal Etwas zu erwerben. Hier wieder kann man gleich lernen, daß unter dem Zwang frühzeitig verdienen zu müssen, die Lehrzeit des weiblichen Geschlechtes vernachlässigt wird. Es gibt in ganz Deutschland, wir vermuten übrigens, auch in ganz Europa, keine Bildnngsanstalt für weibliche Arbeitskraft und selbst in der Privatwirthschaft ist die Lehrzeit der Arbeiterinen zumeist in Deutschland so kurz bemessen, daß das Resultat derselben wenig mehr ist als eine flüchtige Routine oder der Besitz einiger Handgriffe. Wo also liegt bei Betrachtung der gegenwärtigen Verhältnisse die wahre Hülfe für die Hebung des wirthschnft- lichen Wohles, wo die wahre Pflege der Frauenarbeit? Das beste Mittel für alle Hülfsbedürftigkeit ist dasjenige, das der Zeit und den Bedürfnissen entspricht. Zeit und Bedürfnisse aber in unserer Frage erheischen Bildung. Die Frauenarbeit und mit ihr das wirtschaftliche Wohl der Frauen zu fördern, liegt also in der Schaffung von Bildnngsmitteln. In dieser Summe von Befriedigungsmitteln findet sich jede weibliche Arbeit bedürf- nißreich, die freie Arbeit und die Fabriksarbeit. Die Bildungsmittel nun sind verschieden, ebenso verschieden wie die Mittel zu lehren und zu lernen. Das beste Bil- dungsmittel aber für den, dessen Beruf die Arbeit ist, ist jenes, welches den Sinn nährt, den er bei seiner Arbeit am meisten und am wichtigsten braucht, Es ist das Auge und das Bil- 74 dungsmittel, die Anschauung. Die zahlreichen öffentlichen Gallerten in Frankreich, die auf den Straßen zu Paris zur Schau gestellten Kunstwerke, die stete Berührung des Arbeiters mit den verschiedensten Werken aller Industrie, das sind die reichlichsten Quellen der Geschicklichkeit und Kunstfertigkeit des französischen Arbeiters. Wir besitzen in gleich reichem Maße solche Schätze, aber es fehlt unserem Arbeiterstand das Bewußtsein der Beziehung dieser Schätze zu seiner Arbeit. Von unseren Arbeitcrineu ist hier gar nicht zu sprechen. Haben doch die Frauen der besseren und besten Stände keinen Begriff von diesen Instituten und sehen sie darin doch selten mehr als einen Ort, in dem man ein Stündchen Zeit vertreibt oder einen Platzregen abwartet u. dgl. m. Und das mag man doch ja glauben, bei aller Pflege der Arbeit kommt es nicht bloß auf kunst geübte Arbeiter an, sondernauch auf einPublikum, das. vou der Arbeit etwas versteht. Unter diesen Umständen muß mau also erst die Kunst zu sehen in unserem Arbeiterstand und zumeist unter unseren Arbeiterinen erziehen, man muß jene Bildungsmittel schaffen, die den Arbeiter zugleich zur Arbeit heranziehen und ihm ein Interesse für diese Arbeit, Lehre und Erziehung bringen Diese Bildungsmittel, die Mittel, welche diese unmittelbare Beziehung von Arbeit und Bildung zur Arbeit darstellen, sind die Ausstellungen, welchen Namen sie immer haben mögen, zumeist aber und vor Allen die Spezialausstellungen, wie Arbeiterausstellungen mit gewerblichem und industriellen Inhalt, landwirthschaftliche Ausstellungen als Bieuenausstel- lung, Seidenansstellung, Blumen- und Obstausstellungen u. s. w. endlich auch die Ausstellungen der Frauenarbeit. Man hat den letzteren Namen noch nicht gehört und wenn 75 derselbe Sinn, den er vertritt, irgendwo auftauchte, wie in den Formen der in Deutschland üblichen Weihnachts- und Neujahrsbazars, so war er doch nur so schlecht vertreten, daß er selten seinen Zweck erfüllte und erfüllen konnte. Wir wollen sie einmal unter ihrem großen und offen ausgesprochenen Namen betrachten, denn jetzt nachdem wir ihren Zweck klar erkennen, werden wir leicht ihre Organisation finden. Die Frage darnach läßt sich in Wenigem zusammenfassen. Was soll eine Ausstellung der Frauenarbeit bieten und was soll man auf einer solchen Ausstellung erfahren? Wer soll ausstellen und wer soll eine solche Ausstellung besuchen? Jedermann werden diese Fragen sehr einfach und auf den ersten Blick sehr klar erscheinen. Jedermann wird wissen, was man darauf antworten kann, denn Frage und Antwort kehren bei allen Ausstellungen, welchen Umfang sie auch haben und welchen Zweck sie auch verfolgen mögen, wieder. Und man sollte glauben, daß bei dieser Einsicht auch alle Ausstellungen ihres Erfolges gewiß sein müssen, das aber ist trotz der scheinbaren Erkenntniß nicht der Fall, wenigstens nicht bei Ausstellungen, die eben die Welt alarmiren. Woran liegt das? Gewiß nicht an der Sache, sondern an den Menschen, von denen man die That fordert. Das größte Uebel der Menschen ist der Mangel des Muthes sich Rechenschaft von seinem Bewußtsein und seiner Erkenntniß zu geben. Wäre der Mangel nicht so häufig vorhanden, die Welt würde nicht so oft über mangelnde Pflichterfüllung der Menschen klagen, der Muth Rechenschaft von seinem Bewußtsein zu fordern ist die halbe That. Versuchen wir es also in unserer Frage das Bewußtsein des Einzelnen aufzufrischen, vielleicht gelingt es uns dadurch ihn anzuregen sich wirklich und ernst zur Rechenschaft zu stellen, vielleicht gelingt es uns dann einer 76 möglicherweise beabsichtigten wirklichen Ausstellung der Frauenarbeit in einer deutschen Großstadt die besten Kräfte vorher schon zu gewinnen. Was soll also eine Ausstellung der Frauenarbeit bieten und was soll man aus einer solchen Ausstellung erfahren? Alles Inas die Frauenarbeit leistet und leisten kann, soll eine Ausstellung derselben bieten, sie soll zeigen, was die Frauenarbeit einst geleistet hat. Wir möchten diesen Theil der Ausstellung den historischen nennen, wir sollen ihn auf der Ausstellung finden, wie wir einen solchen Theil auf jeder Ausstellnng finden sollen. Die Arbeit, welcher Art sie sei, ist niemals etwas bloß gegenwärtiges, in ihrem Entstehen trägt sie stets ein Stück der Vergangenheit, zumeist jene Arbeit, welche die ganze Lage und Stellung des Menschen bestimmt, die Frauenarbeit. Wenn es möglich wäre eine Geschichte der Frauenarbeit vollständig darzustellen, so würde man damit eigentlich eine Geschichte des weiblichen Geschlechtes zur Darstellung bringen. Ein solcher Versuch wäre ungemeiu lehrreich, wenn er auch so schwer wäre, daß man ihn fast unmöglich nennen könnte. Was aber möglich ist, das ist die Aufführung hervorragender Arbeiten der weiblichen Hände, wie sie lins die Geschichte aufbewahrt hat. Wenn man die schönen Stickereien und Malereien des Mittelalters, die zumeist von weiblicher Hand geschaffen worden, betrachtet, so wird man hier etwas lernen können, was gerade für die Gegenwart von großer Wichtigkeit sein könnte. In ihrer Arbeit und zumeist in ihrer Kunst arbeit standen die Frauen in Mitte der großen Stylrichtung der Zeit. Sie führten kein abgesondertes und in ihrer Absonderung geschmackloses Treiben auf, die Mode der Zeit hing nicht von öffentlichen Dirnen ab und es galt nicht für reizend als 77 achtbare Frau sich so zu kleiden wie jene, die ihre Reize durch gemeine Tracht besser zum Kauf anbieten können. Die Frauenarbeit folgte der großen öffentlichen Bildungsströmnng und wie die Gothik sich in kolossalen Manerwerken emporhebt, so prägt sie dem Faden und der Nadel der Stickerin ganz dieselbe Biegung, die gleiche Form, denselben Geist ein. Aehn- lich ist es in der Zeit der Renaissance, und darum sind die Frauenarbeiten dieser Zeit wie alle Perioden der Vergangenheit so werthvolle Schatze, reizen heute noch unsere Aufmerksamkeit und selbst in den verblaßten Farben, in den zerstörten Fäden dieser Gewebe, welche Franenhand fertigte, finden wir die Schönheit wieder, welche nur das Werk auszeichnet, das dem Geiste seiner Zeit entsprungen. Und dies zu zeigen wäre jede Ausstellung der Frauenarbeit im Stande. Versuchte sie es, so wäre sie damit auch schon im Stande zu zeigen, welche Stellung die Frauenarbeit einst eingenommen im Verhältniß zur Gegenwart und hätte damit schon den besten Uebergang zum zweiten Theile ihres Inhaltes gefunden, zur Darstellung der Frauenarbeit, wie sie in der Gegenwart ist und sich gestaltet. Man würde nämlich in einer Geschichte der Frauenarbeit sehen, wie einst die weiblichen Arbeitskräfte fast ausschließlich das Gebiet der ganzen Häuslichkeit mit allen ihren Bedürfnissen versah. Das ist nichts Wunderbares, weil es eben möglich war. Die Bedürfnisse einer Familie waren kaum größer als die Kraft einer guten Hausfrau, sie zu befriedigen, das Haus war klein, die Kost einfach und die Kleidung noch einfacher, Sandalen und ein Kittel war die Kleidung unserer Väter und Mütter. Hemden und Strümpfe kamen erst mit den Kreuzzügen auf und Königs Karl VII. Gemahlin noch war die einzige Französin, die zwei Hemden hatte, man schlief nackt und schlief so bis in 2 78 die Zeit des dreißigjährigen Krieges. Und nun könnte man weiter in der Geschichte der Frauenarbeit sehen, wie allmälig dieselbe durch die sich ansammelnde Arbeitskraft der Männer in dem Fabriksbetriebe verdrängt wurde. Diese erscheint und produzirt in Masse und billiger und schneller, sie verstreut durch den lebendig werdenden Handel ihre Waaren aller Orten und wie sie die Bedürfnisse leicht und schnell befriedigt, so erzeugt sie dieselben auch in immer weiteren Kreisen. Der Baum- wollverbrauch, der bis 1770 in England kaum 1 Mill. Pfd. betrug, stieg auf 100 Mill. und beträgt heute mehr als 1000 Mill. Pfd., um nur ein Beispiel zu geben. Die häusliche Arbeit ist nicht mehr im Stande zu leisten, was das Hans bedarf, dadurch verliert die weibliche Arbeitskraft ihren wirtschaftlichen Werth in der Produktion der Nationen und dieser Prozeß wird immer "Mächtiger, je bedeutender die Fabriksarbeit auftritt und je mehr diese selbst sich vervollkommnet. Was bleibt den zahlreichen Arbeitskräften zu thun übrig, die so aus dem Kreis ihrer Arbeit verdrängt werden, weil ihre Arbeit selbst konkurrenzunfähig wird? Sie suchen — und das ist der Prozeß in unserem Jahrhundert — in neue Wirkungskreise einzutreten, in Wirkungskreise, die freilich den weiblichen Beruf seines idealen Reizes entkleiden, des Reizes der stillen Häuslichkeit, ja die oft sogar das Weib selbst wie bestimmungsgemäß zum Verfall und sittlichen Ruin verur- theilen. Ueberall sehen wir in der Nahrnngsnoth und in der Sorge um dieNothdurft des Lebens die weibliche Arbeitskraft ueu auftreten, in die schwersten Arbeiten tritt sie ein, in Arbeiten, welche dem Geschlecht selbst zuwider sind, in Arbeiten, die von vornherein weibliche Sitte und Zucht auflösen. Vor allen aber ist es die Fabriksarbeit, welche immer mehr die Frauenarbeit heranzieht, 79 je mehr die eigentlich schaffende und produzirende Kraft den Nnturmächteu, dem Dampf und der Elektrizität überwiesen wird. Hier liegt das gr'ße Gebiet einer Ausstellung der Frauenarbeit, welche als zweiter Theil zeigen soll, was diese in der Gegenwart leistet und wie sie in der Wirthschaft des Volkes wirkt. Verschwindend klein wird neben dieser Ausstellung die jener Arbeiten sein, welche, wenn wir so sagen dürfen, der Häuslichkeit oder besser der Hausindustrie überlassen sind, aber man möge ihn keineswegs unterschätzen, denn gerade auf seiner Entwicklung ruht, zu einem großen Theil, die Aufgabe das wirthschaftlliche Wohl der Frauen zu fördern. In die Fabriksarbeit einzugreifen und das Wohl der Frauen in dieser Beschäftigung zu fördern, ist vorerst und heute noch nicht oder nur zum geringen Theil die Aufgabe wirtschaftlicher Vereine oder solcher Unternehmungen wie eben eine Ausstellung ist, hier können Vereine für die Pflege von Art und Sitte vorläufig noch mehr leisten, Schulvereine, Krankenkassen u. s. w. Aber die Hausindustrie xann, von der wirtschaftlichen Bewegung der Zeit mit erfaßt und in ihrer Pflege und Entwicklung unterstützt, für das Wohl des weiblichen Geschlechtes sehr ersprießlich werden, wenn wir sie nur einmal umfassend vor unsern Augen sehen, wenn wir nur einmal sehen können, wie viele emsige Hände oft Tag und Nacht nähen, sticken und stricken und Arbeiten der verschiedensten Arten und von vielseitiger Kunstfertigkeit leisten. Eine Ausstellung dieser Art zu Stande zu bringen, wird jedenfalls am leichtesten und einfachsten sein. Für ihre Erkenntniß reichen alle Begriffe aus, ihre Möglichkeit und naheliegende Zweckmäßigkeit erscheint gewiß jedem Verstände begreiflich. Aber man glaube nicht, daß man mit der willkürlichen Zusamm- schleppung der verschiedensten Gegenstände, etwas ersprießliches 2 * 80 leiste, wenn man einer solchen Ausstellung nicht den Nächstliegenden bildenden Zweck vereint. Die Darstellung dieses großen Zweckes wäre der dritte Theil einer Ausstellung der Frauenarbeit und er wäre, wenn eine solche Ausstellung mehr sein soll, als ein Uuterhaltungsort, unbedingt der wichtigste Theil für die Interessen der weiblichen Arbeit und ihrer Pflege. Wie die Geschichte der Arbeit die Stellung der Frauenarbeit in der Gegenwart zeigen soll, so soll jener dritte Theil der Ausstellung die Zukunft der Frauenarbeit darstellen, so weit eben, als wir eine solche voraus ahnen und begreifen können. Ein solcher Theil wird naturgemäß zwei Richtungen verfolgen können und müssen, er wird einestheils zeigen, wie die gegenwärtig geleistete Arbeit sich besser und schöner wird leisten lassen und anderntheils, wie die Frauenarbeit überhaupt in andere Kreise der Arbeit wird eintreten können. Für dieses Gebiet wird sie die Fortschritte in andern Ländern aufführen oder die eigenen Versuche darstellen, also z. B. die Frauen in ihrer Beschäftigung als Buchdrucker, als Stenographen, als Kaufleute u. dgl. für jenes Gebiet aber, für das Gebiet der Vervollkommnung, der jetzt schon von den Frauen beherrschten Arbeit wird sie Muster und Modell eines edlen Geschmackes zeigen, neue Arbeiten, Arbeiten in besserer und zweckmäßigerer Art, vor allem aber jenen Faktor vorführen, der heute schon die weibliche Arbeit so bedeutend revolutiouirt, dieMaschine für denHaus- ge brauch. Man kann gerade hier nicht energisch genug und nicht rücksichtslos genug vorgehen, denn es ist ganz unglaublich, welchen beschränkten Anschauungen man hier noch begegnet. Wenn die Frauen es doch begreifen lernten, daß auch für sie nur dann die wirtschaftliche Aufklärung und der wirtschaftliche Fortschritt Werth hat, wenn sie selbst mit ihrer 81 eigenen Kraft in demselben mit eingreifen und sich schnell und klug die Errungenschaften der Zeit dienstbar machen. Das ist das große Gebiet dessen, was eine Ausstellung der Frauenarbeit bieten und was man von ihr erfahren soll. Es ist leicht jetzt auf unsere zweite Frage zu antworten, auf die Frage, wer ausstellen und wer eine solche Ausstellung besuchen soll. Die Antwort lautet einfach dahin: Alle Frauen, welche mit ihrer Arbeit oder dem Besitz ihrer oder fremder Arbeitsprodukte dem Wohl der Allgemeinheit nützen können, sollen ausstellen. Ich nenne gerade diese Frauen zuerst, denn ich weiß nicht woher eine Ausstellung ihre Bildungsmittel nehmen soll, wenn sie nicht jene Personen liefern, die im Glück einer freien Erziehung ihren Geschmack geläutert und gebildet haben und so in ihrer Arbeit bestimmend und lehrend für ihre Geschlechtsgenossinnen auftreten können, wenn sie nicht jene Personen liefern, die, von Glücksgütern gesegnet, im Stande sind außerordentliche Werke der Frauen- hände, wie sie oft nur selten oder gar nur einmal geschaffen werden, sich anzuschaffen. Sie, und ich möchte sagen, sie vor allen sollen ausstellen, denn nur durch solche Werke wird eine Ausstellung ein bildendes Moment enthalten. Dann sollen eben jene Frauen ausstellen, die durch Beruf oder was immer für Verhältnisse bestimmt die Arbeit als ausschließliche Existenzfrage leisten und schaffen, sie sollen mit ihrer Arbeit erscheinen und die Macht der weiblichen Hand in ihrer Pro- duktivkraft darstellen, dieser Beruf ist klar. Hier wird nur die Frage wichtig, wie man ausstellen soll. Sie sollen nicht ausstellen mit dem Gedanken als höchsten Zweck zu verkaufen, was sie ausstellen, um durch eine verschämte Annonce das Mitleid wachzurufen und ein Almosen zu erhalten. Man kann es nicht genug hervorheben, daß man große Gedanken auch 82 in ihrer Durchführung groß anlegen muß! Die schlechte Ausführung kann die schönsten Gedanken in ihrer Form verwandeln und den zum Narren machen, der sie gelehrt. Und diese Ausstellungen, wie wir sie im Sinne haben, können zumeist durch diese engherzige Auffassung der Aussteller und häufig auch durch jene der Veranstalter zerstört werden in ihrem Zweck und ihrer Absicht. Jene stellen, von falschen Gedanken darüber geleitet, Unbedeutendheiten und Dinge aus, die man in jedem Zwirnladen finden kann, diese lassen solche Gegenstände zn, denn entweder können sie nicht genug bekommen, um die Räume zu füllen oder sie sind von falschem Mitleid geleitet und nehmen, was man bietet. Man sieht dies deutlich bei den sogenannten Wohlthütigkeitsbazars, die Frauenarbeit zu Markte bringen Eine Ausstellung aber vor allen, welche, wie zumeist Spezialausstellungen, erst die bestehenden Verhältnisse klar legen soll, kann nur einen Hauptzweck haben, den Zweck, diese Verhältnisse eben in ihrer vorherrschenden Gestalt zu klären und zur allgemeinen Kenntniß zu bringen. Hat doch selbst die erste Weltausstellung zu London im Jahre 1851 keinen andern Zweck gehabt. Und wie wir auf diesem großen Gebiete die Entwicklung des Gedankens klar vorgezeichnet sehen und den Gedanken der Lehre auf der ersten Weltausstellung bald übergehen sehen in den Gedanken der Bildung eines großen wirthschaftlichen Verkehrsinstitutes, wie es die zweite und dritte Weltausstellung darstellte, so werden wir ihn auch in den Spezialausstellungen mit der Zeit dieselbe Entwicklung durchmachen sehen. Wenn nun eine erste Ausstellung der Frauenarbeit den großen Zweck der Lehre und Bildung verfolgen kann und dies aus der Geschichte der Frauenarbeit sich erklärt und aus dem Beruf der Aussteller, so ergibt sich sehr leicht die Ant- 83 Wort auf die Frage, wer denn eine Ausstellung dieser Art besuchen soll. Hier ist die Antwort eine reine wirtschaftliche. Alle produzirenden und konsumirenden Kräfte. Die Arbeitskräfte sollen lernen, was die Zeit an Bedürfnissen erheischt, und wie sie dieselben fordert. Sie sollen in der Betrachtung den erziehenden Stoff für ihre Arbeit finden und die Kenntniß des begehrenden Publikums, welche eine der wichtigsten Quellen der Produktion ist, die auf Gewinn rechnet. Das ist ja ein Hauptübel der weiblichen Arbeit, daß sie, wie wir schon gesagt, nur traditionell ist und unbekümmert um die Zeit und ihre Entwicklung nach Geschmack und Mode, unbekümmert um den Konsumenten und sein Begehr. Neben den Besuchern aber sollen auch die Konsumenten die Ausstellung besuchen, das genießende Publikum, die Käufer, sie sollen desgleichen an der Entwicklung der Arbeit ihren Verstand bilden und in der Wahl ihrer Bedürfnisse sich entwickeln. Betrachte man hier nur die Erfolge der Maschinenarbeit Was können die verhärteten Gegner derselben auf einer Ausstellung nicht lernen? Können sie nicht begreifen lernen wie thöricht ihre Vorurtheile sind, wie rücksichtslos sie selbst gegen ihre Zeit, ihre Gesundheit und ihren Geldbeutel sind, wenn sie schwören, daß die Handarbeit „doch besser ist/' Zuletzt aber ist dem konsumirenden Publikum ein Gedanke stets einzuprägen. Auch dieses muß die Macht und Kraft der Produktion kennen. Auch dieses muß den Fortschritten derselben gleich eifrig folgen, denn was nützt die Weisheit des Produzenten, wenn-er stets ein unwissendes Publikum, ein geschmackloses und von Vor- urtheilen verhärtetes vor sich hat. Nirgends aber ist diese Forderung der Entwicklung des Publikums von größerer Wichtigkeit als auf dem Gebiet des Geschmackes und seiner Leistungen und dem Gebiet des Forschens, der Wissenschaft und 84 ihren Erfolgen für die Wirthschaft. Nichts ist eigensinniger als die Geschmacksrichtung des weiblichen Geschlechtes, nichts ist mächtiger als die Eitelkeit, die da glaubt alles besser zu verstehen, weil sie darin erwachsen ist. Diese Geschmacksrichtung zu bilden und von den Fesseln einer vorurtheilsvollcn Erziehung zu befreien, diese Eitelkeit zu brechen und in der Darstellung, daß über das kleine Gehirn eines Weibes die Macht der Gedanken steht, zu beschämen — das wird für diesen Theil der Besucher eine Ausstellung lehren. Dies ist denn die große Aufgabe einer Ausstellung der Frauenarbeit. Es ist die Ausstellung der Arbeit, für die Arbeit und in der Arbeit. Es ist eine Ausstellung der Lehre und Erziehung und für jeden, der lebt und denkt. Es ist kein Zweifel, daß, einmal die Frauenarbeit in solcher Weise zur Darstellung gebracht, diese in allen ihren Wünschen mehr gefördert werden wird, als durch alle wohlthätigen Menschen und zartfühlende Herzen, ain kräftigsten aber würde sie wirken, indem sie naturgemäß erzeugen müßte, was alle Ausstellungen immer erzeugt habeu — neue, andere, ausreichende Bildungsmittel. Wir wiederholen am Schluße, daß wir glauben nur durch eine umfassende Organisation dieser, kann die wirthschaftliche Selbständigkeit des Weibes durch die Arbeit wirklich begründet werden. Druck und Verlag von A. Pichler's Witwe L Sohn. öerlag von Ä. pichler's Witwe L Sohn in Wien. Durck alle Buchhandlungen des In- und Auslandes sind zu beziehen: von mIeulscHlmll gegen ckeAevoi'njimiv.kW, leleiicl'iiei i» lozinler, naiionnl'cr u. ^alllnc^er^ezielumg Jernhard Wecker. Das Werk wirb in 6 Lieferungen g. 5—6 Lagen erscheinen. Preis pro Lieferung 10 Ngr. ----- 50 kr. ö. W. Ein geachteter Kritiker sagt: Wer die letzten zwanzig Jahre durchgelebt und in dieser Periode auch nur zeitweise politisch thätig war, hat sicher mehrmals erwogen, wie es kam, daß die Reaktion nach dem Jahre 1848 ant der ganzen Linie mächtig wurde. Ja, sie war allmächtig. Sie unterwarf sich daS Volk, welches revolutionirte, sie schlug die Volksheere und führte deren Fübrer aus das Schafsot oder in die Kerker der Festungen; sie trieb die Freiheitskämpfer hinaus aus dem Vaterlande und zwang sie das bittere Brod des Eriles zu essen. . Worin lag es aber, daß damals die Reaktion so überraschend schnell eine unumschränkte Gewalt über die Volkskräste gewann? Warum konnte sie das Schwert, mit dem sie das Blut edler Volksmänner vergoß, als das Sinnbild der gesellschaftlichen Ordnung emporhallen, und Gehorsam im Namen Gottes und der von Gott eingesetzten Obrigkeit fordern? Diese Fragen beantwortet gründlich, ohne Leidenschaftlichkeit, mit einem durch bittere Erfahrungen gereiften Geiste Herr Bernhard Becker in seinem eben erschienenen Werke. Wir haben zwar die Jahre der Revolution und die ibr nachgefolgte Reaktion erlebt. Doch nahmen wir nur an Dem Antheil, waS eben geschah, und was uns entfernter lag, das ignorirten wir. Wenn uns jetzt die geschichtlichen Ereignisse in ihrem Zusammenhange und in ihrer Fortentwicklung durch eine gewandte, von demokratischen Grundsätzen geführte Feder geschildert werden, so erstaunen wir selbst über das Gewebe, das doch unter unsern Augen und unter unserer Theilnahme gesponnen wurde; wir erkennen die Macht des geschichtlichen Geistes und ahnen die Gesetze, denen er bei seiner Thätigkeit unterworfen ist. Herr Bernhard Becker führte die Masse für die Freiheit; er wurde aus Deutschland vertrieben. Als er aus England zurückkam, warf man ihn ins Gefängniß und verwies ihn später aus Preuße», wo seine Werke mit Beschlag belegt wurden. Diese L>chicksals- schläge waren kein Hinderniß für einen echten Demokraten, um objekriv und mit dem Aufwande großer Kenntnisse wahrzunehmen, wo der Grund der lo rasch eingetretenen und so wirksam gewordenen Reaktion lag. (Cünst. Borst. Z.) ' DaS Heckt ller grauen Mjs Arbeit lind die Grgliiii^kiim der KlMv-Mkit. Ueber Ausstellungen der /raum-Arbeit. Zwei Vortrage von vr Karl Thomas Richter. 1868. 2. vermehrte Aussage, gr. 8. 12 Ngr. — 60 kr. ö. W. Die von der Kritik äußerst beifällig aufgenommene Schrift schließt mit den Worten: „Die weibliche Erziehung ist schlecht oder mittelmäßig. Blind und stumm, obwohl mit Augen und Sprache gesegnet, treten die Mädchen inS Leben. Für die große Masse ist nichts gescheiten. Und die Rohheit des Geistes, die Unwissenheit ist die Quelle jenes Lasters, dem wir heute am bellen Tageslicht aus jeder Straße begegnen. Selbst die Gesellschaft und der Staat baben bier ibrer Ausgabe und ihrer Pssichk noch nicht genügt. Und wenn sie es nicht können oder nicht wollen, dann ist es Aufgabe der Bessern, der Glücklicheren und Gesegneten die Arbeit zu schaffen und der Masse ihres Geschlechtes das Licht der Erkenntniß zu bieten, welches die einzige Basis des Glückes ist. Bildung allein macht gleich und glücklich und gesegnet werden jene sein, welche ihrem Geschlecht die Erkenntniß bieten." Ueber die Entwicklung des Frbeiterstandes. Bortrag von llk'. Karl Th. Richter. 1866. 2. Aufl. 12 Ngr. --- 60 kr. ö. W. „Wir nebmen Akt von der richtigen Grundanschauung des Herrn Verfassers, daß der ethische Kern der Weltgeschichte das Recht der Persönlichkeit ist, welches jeder Einzelne für sich und in Gemeinschaft mit den unter gleichen Lebensbedingungen stehenden Mitmenschen fortwährend zur Geltung zu bringen bemüht ist. In dieser Weise bekämpft Dr. Richter daher mit vollem Rechte und gutem Glücke die Laffalle'sche Theorie von der Staatshilfe als die letzte entnervte Aeußerung jener Idee, welche in den verschiedenen Kulturepochen nach- (theilweise auch neben-) einander die Person, das Gut, die Arbeit und nun auch deren Aeußerung und Mittel: das Kapital. der Staatsallgewalt überliefern will. Ganz konsequent stellt er diesem Bemühen die Selbsthilfe gegenüber, welche aber nur in der freien Gemeinde, bei freiem Vereinsrechte, unter Sicherheit aller Genossenschaftsrechte, Auflösung der Privilegien, Freigebung des Handels möglich ist." (A.Lit.Z.) Der Mißbrauch der Rationalitätenlehre von Bernhard Wecker. 1868. 2. Auflage, gr. 8. 20 Rgr. — 1 fl. ö. W. . Nationalität und der bonapartische Cäsarismus treten immer schroffer der reinen Demokratie entgegen, welche den gangbaren Begriff der Rationalität als ein Vorurtheil betrachtet und im Cäsarismus den Ausdruck einer argen Despotie sieht. Sehr scharfsinnig zeichnet diesen Gegensatz Herr Bernhard Becker in seiner an Ideen und frischen Gedanken reichen Broschüre. Wir folgen seiner schlagenden Beweisführung um so lieber, als er mit großer Einsicht und Sachkenntniß, dann mit ungewöhnlicher Kühnheit Grundsätze und Anschauungen, denen auch wir ergeben sind, in ihrer Wahrheit offenbart. (Const. Borst. Z.) Es ist gewiß ein verdienstliches Unternehmen, die Nationalitätenfrage einer gründlichen Besprechung zu unterwerfen. Der Herr Verfasser thut dieses in der vorliegenden Schrift in einer durchaus unparteiischen Weise, ohne Rücksicht aus die Wandelbarkeit der Tagesordnungen. Die an diese Frage sich knüpfende Zukunft des sogenannten europäischen Gleichgewichts findet in der richtigen Bebandlung dieser geistvollen Schrift eine ebenso belehrende wie befriedigende Lösung, weshalb dieselbe allgemein empfohlen und gewürdigt zu werden verdient. (Neue badische LlttldeszeitUNg.) S. u. Verlag von K. Pichler's Witwe L Sohn in Wie». Ferner sind durch alle Buchhandlungen zu beziehen: »c7lI»I.I7c§ P0U7IM8. 1868. gr. 8. Dreis 1 Vklr. — 1.50 ö. VV. >. l.'equilibk-6 eunopeen. — II. !.a qu68tion oi-ienlale. — >!>. >,a papaute ei !e pnog^o. — IV. 1.68 allianee8 natui'ell68. Dieses in eleganter Lpraelm ^esedriedene Duck — das Deistespiodukt eines ^evvie^ten Realpolitikers — de- kavdelt mit einem seltenen ^ulvvande von politisokem Lekarlbliek und kistoriselier Kenntniss alle brennenden Kragen, deren Dösun^ an die Ltaaten Kuiopa^s berantritt. Ini 1. Kapitel tveist der Derr Verlasset- an der Hand der Oeseliielite vaeb, dass das.„europäiselie Dleioli^eiviebtss^stem" stets nur eine Utopie gewesen sei, und dass die einai§ ^vabre Drundla^e des Oleieli^ewiebts die Dui-eblUbrunK des eonstitutionellen g^steins sei, vvelobes dem Volke das 8teuer- und Kekruten-De^villiKunKS- (resp. Ver^vei^erun^s ) keebt angestellt. — Lei kespreeliung der orientaliseben Krage vertritt der Derr Verfasser das Lastern der l^iobt-lntervention. — Line vernielitendere Kritik über die iveitiiebe Idaebt des Dapsttliums und den gegenwärtigen Zustand des Katbolieisinus, als sie irn 3. Kapitel geliefert wird, dürfte kaum sebon gesebrieben worden sein. Die „Lüddeutsebe Dresse" ündet diesen ^.bsebnitt so radieal, dass sie in ibrer Reeen- sion erklärt, „es lasse sieb damit gar niebts anfangen." — Im letalen Kapitel endlieb weist der Derr Verfasser ^ene Ktaaten-Kombination naeb, welebe allein einen dauernden Krieden gewäbrieisten kaun. AM" ver Üm8lsnd, da88 die grö88ten lournale, wie die „Pre88e," lüe „bleue freie ?re88e," lier „Wanäerer," die „Neterm," dsp „Telegraf," die „8üddeut8viie ?re88e," u. m. a. dem kuoke ikeiiweiee beeondere beitartikel widmeten, >8l wol eine genügende kürgevkaft kür dk88en kedeutung. Kunst und Wissenschaft in Gewerbe und Industrie von Dr. Karl Th. Richter. 1867. gr. 8. 1 Thlr. ^ fl. 1. 50 ö. W. Aus der Vorrede führen wir folgende Worte an, welche die Aufgabe die sich der Herr Verfasser gestellt hat, andeuten: „Die Bildung wirth- schaftlicher Systeme ist mit der Entfaltung des Systems des Freihandels wohl für lange Zeit abgeschlossen. Der Raum der Erkenntniß aber, welchen diese Bildung eröffnet hat, ist noch keineswegs ausgefüllt; der Stoff dieser Erkenntniß noch keineswegs geordnet. Wir anerkennen und bewundern, zum Theil mit wildem Eifer, die Resultate der modernen Wissenschaft, der VolkswirthschastSlehre. Aber wir sind noch weit entfernt, sie mehr als höchst einseitig im gesammten Leben zur Geltung zu bringen. Dieß anzustreben und durchzuführen scheint mir die zunüchstliegende Aufgabe der Volkswirthschaft zu sein. Geschichte und Recht dürften dadurch neues Licht und sie wie die Lehren der Volkswirthschaft selbst in Wahrheit neue praktische Ziele finden. Die vorliegende Schrift ist ein Versuch der Darstellung dieser Aufgabe in einem eng begrenzten Gebiete und der Bewahrheitung einer sicher bald allgemein werdenden Ueberzeugung." Oesterreich und Rom. Lin Kamps um die geistige Ireiheit. Dargestellt von Dr. I. E. Mand. 1869. gr. 8. l2 Ngr. --- 60 kr. Zweite bedeutend vermehrte Auflage der Brochüre: „Das Concordat ist kein Staatsvertrag und die Civilehe ein Postulat der Sittlichkeit." Der geistige Kampf zwischen Oesterreich und Rom ist geeignet daS Interesse aller Gebildeten, so weit der Sinn für Reckt und Freiheit rege ist, zu fesseln. Die vorstehende Schrift verfolgt diese Frage von ihrer Ge. nesis bis zu dem Stadium, in welchem sie sich gegenwärtig befindet. Schutze -Mitzsch oder La stalle? Wem sollen mir folgen? Eins Vergleich ilng der beiden Systeme: Selbsthilfe und Staatshilfe. Von einem Arbeiter. 8. 1868. 2 Ngr. — 10 kr. österr. Währ. Aetrachtungen über die Weltausstellung im Jahre 1867 von Dr. Karl Th. Uichter. 1868. 2. Auflage, gr. 8. Preis 15 Ngr. — 80 kr. ö. W. Herr vr. F-eodor Wetft schreibt darüber in der Eonstitutionellen Zeitung: „Abgesendet von der östreichischen Regierung, um über die Pariser Ausstellung zu berichten, hat der Verfasser diesen Bericht in so geistvoller und allgemein interessanter Weise abgefaßt, daß derselbe entschieden zu dem Besten zu zählen ist, das wir in unserer Broschürenliteratur darüber auszuweisen haben." „Natürlich läßt sich unser Autor nicht auf eine Aufzählung und Besprechung der ausgestellten Gegenstände ein. .sondern das, was er sich zur Aufgabe gemacht, ist die Ergründung des Gedankens, welcher der ganzen Unternehmung zu Grunde liegt und welche geistigen Folgerungen sich daraus ziehen lassen." „Es ist jedenfalls ein tief, scharf und eigenthümlich forschender und denkender Geist, der sich hier, wie in allen Werken von Karl Thomas Richter kundgibt." V7. S. A. IlVIW-Sibliottisk 00610043 Iscknirckes IVIuseum Wien Sibliolkelr 41.717