K k-- 1t ' < Die Arbeiterin im Kampf ums Dasein Adelheid Popp Preis 24 Heller Wien Verlag der Wiener Volksbuchhandlung Jgnaz Brand S- To.. VI'1. Mumpendorferstrahe 18. scknisckss mussum^sn > l ! : / ' Znliatt. -eile Vorwort zur zweiten Auslage.3 I. Die junge Arbeiterin.7.0 II Arbeiterinnenlühne .b Porzcllanarbeiterinnen. Textilarbeiterinnen .0 Papierarbeitcrinnen. 1V Stcinarbeitcrinnen ^.. . . .'.10 Zuckerwarenindustrie.11 Modistinnen .II Schneiderinnen.12 III. Arbeiterinnen in der Wäschefabrikation.13 IV. Die Arbeiterin als Gattin und Mutter. 10 V. Die Jntelligenz-Proletarierin.18 VI. Die Gewalt der Maschine. 20 VII. Die Arbeiterinnen und die Sozialdemokratie..23 VIII. Die Organisation ..2S IX. Arbeiterin und Politik.31 Mrworl zur zweiten Auflage. Sechzehn Jahre sind es, seit .Die Arbeiterin im Kampfe umS Dasein', al8 die erste Schrift, die sich mit der Lage der Arbeiterinnen in Oesterreich beschäftigte, geschrieben wurde. Die Partei selbst stand damals erst am Anfang ihres Wahlrcchtskampfes, die Gewerkschaften am Beginne ihrer Entwicklung. Wenig mehr als 3000 Arbeiterinnen gehörten den Fachvereinen und Gewerkschaften an, eine politische Organisation der Frauen existierte überhaupt noch nicht. Ein Ar- beiterinnen-Bildungsverein, der 1890 entstanden ipar, und der im Jahre 1893 gegründete Lese- und Diskussionsklub .Liberias', die zusammen cimge hundert Mitglieder hatten, und ein kleiner Frauen- ncrein in Brüiin war alles, was an Organisationen bestand. Die Arbeiterinnen wurden in allen Branchen als Eindringlinge angesehen. Die unausweichliche ökonomische Notwendigkeit der Frauenarbeit wurde erst von wenigen erkannt, sie wurde nur als llebergangsstadiuin betrachtet. Der Organisierung der Arbeiterinnen wendeten daher nur wenige ihre Aufmerksamkeit zu. Aber die Tore der Fabriken öffneten sich weit für die Frauen und mit rasender Schnelligkeit überfluteten die weiblichen Arbeitskräfte die zahlreichen Gewerbe. Die Zahl der weiblichen Konkurrenten war so groß geworden, das; man sie nicht mehr übersehen konnte. Man empfand sie als Lohndrückerinnen, denn die von niemand belehrten, unaufgeklärten Frauen waren eine wehrlose, widerstandsunsühige Beute der profitgierigen Unternehmer. Die so gern gesehenen .schönsten Tugenden' der Frauen, die Genügsamkeit und die Bescheidenheit, waren den männlichen Arbeitern zum Unheil geworden. Langsam begann sich die Erkenntnis Bahn zu brechen, daß Rettung nicht vom Ausschluß oder Verbot der Frauenarbeit zu erwarten sei, sondern von der Aufklärung und Organisierung der weiblichen Arbeiter. Die Frauen erwiesen sich als oraanisalionssähig. Haben doch gegenwärtig, um ein Beispiel anzuführen, die Buchbinder vierzig Prozent weibliche Mitglieder in ihrer Organisation, während zur Zeit, als die erste Auflage dieser Broschüre erschien, erst bescheidene Ansätze vorhanden waren. Politisch ergab sich die gleiche Wandlung. Der Umschwung vollzog sich hier, veranlaßt durch Umstände verschiedener Art, noch später, obwohl unter den Frauen starke politische Interessen lebendig t* I und. Aber man war nicht gewohnt, grauen in der OessentUchkeit zu sehen. Politisches Verständnis bei Granen betrachtete man höchstens als das einzelnen eigentümliche Kennzeichen männlicher (Besinnung, aber durchaus nicht als etwas auch dem Durchschnittsiveibc Anhaftendes. Da begann sich die arbeiterfeindlichste Partei der grauen zu bemächtigen, und triumphierend verwiesen die christlich- socialen Führer aus die Tatsache, das; ihnen die Frauen zu ihren Siesten verholfen haben. Die Erkenntnis brach sich Bahn. das; die politisch indifferenten Arbeiterinnen und Arbeiterfrauen mit leichter Mühe als Werkzeuge der Feinde ihrer Klasse benutzt werden können. Die prinzipielle Anschauung der sozialdcmokratischen Arbeiter, das; die Arbeiterin so wie der Arbeiter zu organisieren und die Frau so wie der Plann aufzuklären sei, wurde aus dem toten Buchstaben zu lebendiger Wirklichkeit. Das Resultat ist. daß heute 40.(X»> Arbeiterinnen gewerkschaftlich. 1 ?>.«>«>» Frauen auch politisch organi- l siert sind. l Die Arbeiterinnen haben durch die Organisation an den ivirt- ! schastlichen Errungenschaften teilgenommen. Planche Berussarten, von j denen wir vor IN Jahren die maßloseste Ausbeutung festgestellt ! haben, sind heute durch die gewerkschaftliche Organisation zu höheren : söhnen und zu kürzerer Arbeitszeit emporgestiegen. Diese Entwick- j lung mußte in der neuen Auslage berücksichtigt werden. Leider genießen die Arbeiterinnen nur wenig von dem. was sie an s höheren Löhnen errungen haben, weil die Teuerung alles reichlich « verschlingt. Wir müssen auch heute von der Arbeiterin im Kampf ums j Dasein sprechen, denn unsagbar schwierig ist noch immer der Kamps, j den die Arbeiterin um ihre Existenz zu führen hat. Zehntausendc sind ' gewerkschaftlich organisiert und politisch erwacht, es gilt aber noch jene H un d ert t a u s e nd e zu erwecken, die, festgehalten von Vor- ' urteilen und JndiffercntiSmus, den Weg noch nicht zu sehen und zu erkennen vermögen, den sie zu gehen haben. Gelingt es, einen Teil von diesen zu erwecken, dann ist der Zweck dieser Schrift erfüllt. Im Februar 1911. Adelheid Popp. I. Die junge Arbeiterin. Alle grauen u»d Mädchen, die die Kinder armer Eltern sind, möchte ich fragen, warum ihr ganzes Dasein, ihr ganzes Leben gewöhnlich nichts ist als eine ununterbrochene Kette von Leiden und Entbehrungen, kein Lichtblick erhellt den dornigen Lebensweg der von armen Müttern Geborenen. Frühzeitig lernen sie den grasten Unterschied kennen, der zwischen dem Leben der Armen und der Reichen besteht. Die Kinder der Reichen wachsen heran, sorgsam behütet und bewacht, gut genährt, schön gekleidet, sie genießen Unterricht aller Art und auch die Pslcge und «Stählung des Körpers ist säst zu einer Wissenschaft geworden. Wie ganz anders bei den Kindern der Armen! Hilflos und verlassen, sind sie sich im frühesten Alter selbst überlassen. Wenig geniesten sie von den vielgepriesenen Freuden der Kinder, denn frühzeitig werden sie aus ihr künftiges Los, Sklaven der Arbeit zu sein. vorbereitet. Ungenügende Ernährung, der Aufenthalt in engen, oft düsteren oder gar feuchten Wohnungen, der Mangel an Erholung in frischer Luft hemmt die Entwicklung dieser Kinder. Wohl wachsen im Proletariat oft unter den traurigsten Verhältnissen begabte, geistig regsame Kinder heran. Die große Mehrzahl aber erliegt den ungünstigen Verhältnissen. Sie können dem Unterricht in den überfüllten Klassen gar oft nicht folgen und bleiben zurück. Daheim finden sie auch keine Hilfe und oft keine Gelegenheit zum Lernen. Wenn die Mutter selbst verdienen muß oder wenn noch kleinere Kinder vorhanden sind, so ist niemand da, der die geistige Entwicklung der Kinder beeinflussen könnte. Statt zu lernen, müssen selbst sechs- und siebenjährige Kinder schon arbeiten in der Hauswirtschaft, aber auch nn Gewerbe. So zwei- und dreifach gequälte Kinder bleiben nur zu leicht in der Schule zurück. Die physische Müdigkeit und der Hunger führen auch die Ermüdung des Geistes herbei. Was ist aber die Folge solch trauriger Kinderjahre? Die Lohnarbeiterinnen, dir Sklavinnen der Fabriken, der Heimarbeit, und die Dienstmädchen müssen büßen, was die Erziehung an ihnen verbrochen. Sie müssen büßen, daß eine Gesellschaftsordnung besteht, nach der einige wenige alle Genüsse des Lebens, die herrlichsten Schätze im reichen Ueber- slusse besitzen und Millionen an Kapital anhäufen können, während die Erzeugerinnen all dieses Reichtums hungern, darben, entbehren und gar oft dahinsiechen. Von allen Ausgebeuteten leidet am meisten die Frau, das Mädchen! Kaum ist das vierzehnte Lebensjahr erreicht, müssen sie die Jagd nach Erwerb beginnen. Viele Hunderte müssen schon früher verdienen, sie vergessen bei harter Arbeit bald das Wenige, das sie mühselig gelernt haben. Nur allzuoft wird das Wissen bei Mädchen gering geschäht. „Was braucht ein Mädchen zu wissen", heißt es Arbeiten und sparen preist man ihnen als die schönsten Tugenden Verdienen, nur verdienen ist ihre Pflicht. Tie Eltern warten auf (Held Der Vater wird alt und kann nicht mehr genug roboten, ja vielleicht steht er gar schon vor der Entlassung, denn alte Arbeiter sehen die Unternehmer nicht gern. Sie werden als Ucbcrzählige, als Last betrachtet. In einem anderen Falle wieder ist die Mutter Witwe, mehrere minderjährige .(linder sind zu ernähren. Wer könnte da die Vier z ehnjührige noch erhalten. Also fort aus die Suche nach Arbeit, hinein in die Fabrik. Die wenigsten Mädchen kommen in eine Lehre, weil die Eltern ihre Erhaltung nicht bestreiten können. Welch weit- sliegeudc Pläne schmiedet oft das junge Köpfchen! Luftschlösser sind es aber, die rascher zerschellen, als der Schnee vor der Sonne schmilzt. Da sitzen nun die vierzehnjährigen Mädchen in der Fabrik, .' bewacht und angepeitscht von einer ganzen Schar Antreiber. Tie i meisten jungen Mädchen, welche die volkswirtschaftlichen Verhältnisse l nicht kennen und auch noch nicht begreifen, hoffen, daß doch noch einmal die Zeit der Erlösung kommen werde. Sie hoffen aus den eigenen Haushalt. Wie die verzauberte Prinzessin im Märchen hoffen sie auf den Prinzen, der sie erlösen wird aus der Pein und Qual , der Lohnarbeit. Sie sehen zwar das traurige Los ihrer verheirateten ! Kolleginnen, aber in einem Winkel ihres Herzens bleibt doch jeder i einzelnen die Hoffnung, daß es gerade ihr besser beschicken sein 1 werde. Von dem kargen Lohn darbt und hungert die junge Arbeiterin, - um sich eine wenn auch noch so kleine Ausstattung zu ersparen. Um ! ein viertel Dutzend Hemden, einige Handtücher und Bettzeug vorrätig I zu haben, überwinden sie oft den Hunger. Wenn sie zehn bis elf > Stunden in der Fabrik gerackert haben, nähen, häkeln und sticken sie > n» der Ausstattung. Diese Armen wissen nicht, daß das Lesen eines ; guten Buches zehnmal mehr Wert hätte als alle die Tausende von ! Stichen und Häkelmaschcn, mit denen sie sich abmühen. Wie oft auch j muß das so mühsam Erworbene bei den ersten „Mutterfreuden" für wenig Geld verschleudert werden, um die Wäsche für das Erst- , geborene anschaffen zu können. Unsagbar traurig ist das Los der Arbeiterinnen, vieles wurde schon darüber geschrieben, aber geholfen wurde noch nie. Die Besitzenden sind zwar manchmal gerührt, einigermaßen erschüttert, wie . bei den Ergebnissen, die im Jahre 18!»1> die Frauenenquete in Wien ; gezeitigt hat oder anläßlich der Berliner Hcimarbeiterausstellung, : aber von ihrem angemaßten Vorrecht auf die Ausbeutung der Arbeite- > rinnen lassen sie so wenig wie auf die der Arbeiter. (kann sich jemand, der nie das Los einer Fabriksarbciterin . am eigenen Leibe erfahren hat, eine Vorstellung davon machen? > „Wer nie sein Brot mit Tränen aß, wer nie die kummervollen Nächte > ! an seinem Bette weinend saß, der kennt euch nicht, ihr himmlischen Mächte.' Wo treffe dieses Tichterwort mehr zu als auf das Leben der Arbeiterin? Wolltet ihr doch reden, ihr Hundcrttausende, die ihr Tast um Tag und Jahr um Jahr die Fabriken bevölkert, wie euch gar oftmals zumute ist! Wie ihr nicht nur ausgebeutet werdet, wie ihr auch geknechtet, geschmäht, entwürdigt und an eurer Ehre und allen Empfindungen aufs schmachvollste beleidigt werdet! Wohl gibt es heute schon Arbeiterinnen, die stolz ihr Haupt erheben und die wissen, das; ihnen keine Gnaden erwiesen werden, wenn man ihnen Arbeit gibt. Die organisierten, klassenbewußten Arbeiterinnen wissen, daß sie durch ihre Arbeit unermesjliche Reichtümer schaffen, sie wissen, daß man ihnen eine» großen Teil ihres Lohnes vor- enthält, weil noch nicht alle so denken ivie sie, weil noch nicht alle organisiert sind. Aber ihr, die Unorganisierten, die Gekncchtctste», die Ausgebeutetsten, wie ist euer Los? Sechs Tage in der Woche vlagt ihr euch, mit müden Gliedern tretet ihr oft den Heimweg an und was ist euer Lohn? Könnt ihr leben, könnt ihr auch nur einmal ohne schwere Sorge an die Zukunft oder an Tage der Arbeitslosigkeit denken? Und doch seid ihr so bescheiden und genügsam. eine schale dünnen Kaffees und ein Stück Brot ist eure Stärkung, wenn ihr früh morgens zur Arbeit eilt. Zu Mittag ist es gar oft wieder nur Kaffee, der euch Stärkung geben soll, eine halbwegs genügende Mahlzeit kennen nur jene, die das Glück haben, einer Familie anzugehören, wo mehrere Personen verdienen und wo eine Mutter Vorhänden ist, die die Wirtschaft besorgt. Ueberflutz oder Ueppigkeit gibt es wahrlich auch hier nicht. Luppe, Gemüse, dazu einige Deka Fleisch und ein Stück Brot ist Tag für Tag in den gutsituierten Arbeiterfamilien das Mittagessen. Wie viele Tausende aber können das nicht leisten! Wenn es Kinder in der Familie gibt, die noch nichts verdienen, dann muß auch hier gar oft daS Fleisch ausfallen und billigerer Ersah geschaffen werden. Jene Arbeiterinnen aber, die nicht zu Hause essen können, die in der Fabrik oder in Auskochereicn, Volksküchen und Volkscasös bleiben, wie leben sie ? Eine Portion ZuspciS und ein Stück Brot, ein Häferl Suppe oder um einige Kreuzer Speck, Butterbrot oder ein Stück Wurst muß ihnen gär oft die Kraft geben, arbeitsfähig zu bleiben. Und abends ist eS das alte Lied: Kaffee, Erdapfel, Sterz oder einige Deka Wurst um 6 bis lU H. sind die Nahrung der Arbeiterin. Die Wissenschaft lehrt zwar, une die Nahrung zusammengesetzt sein soll, ivie viel Dekagramm Eiweiß, Fett und Kohlenhydrate der menschliche Organismus täglich zu sich nehmen soll, sie lehrt, daß Licht und Lust unschätzbare Lebensgütcr sind. Man betrachte sich aber, was eine Arbeiterin an Lust genießen kann. Gewöhnlich zehn Stunden, sehr oft aber auch noch elf Stunden dauert die tägliche Arbeitszeit. Das heißt, daß die Arbeiterinnen zehn bis elf Stunde» in ungesunden, schlecht ventilierten und ungenügend gelüfteten, im Winter oft noch in ungenügend geheizten Räumen zubringen müssen. Die mit dem Arbeitsprozeß verbundene Entwicklung von gesundheits- schädlichem Staub, von Dünsten aller Art nnd hohen Temperaturen schädigt die Gesundheit der Arbeiterinnen. Wo hat die Arbeiterin Gelegenheit, gute Lust einzuatmen? Aus der Fabrik eilen die meisten möglichst rasch nach Hause, weil sie Hunger haben. Zu Hause ist aber die Lust sehr häufig um nichts besser. In kleinen Wohnungen viele Menschen, Erwachsene und Kinder, darunter ost schwer und infektiös Erkrankte in einem Raum beisammen. Selbst junge unverheiratete Arbeiterinnen haben ost nicht Zeit. eine Stunde spazieren zu gehen, weil sie der geplagten Mutter abends bei den häuslichen Arbeiten zu helfen haben und weil sie ost stundenlang an der Ausbesserung ihrer Kleider arbeiten müssen, da sie nicht genug verdienen, mit dafür bezahlen zu können. Das Lvs der Fabriksarbeiterin ist kein beneidenswertes. Arbeit lind immer wieder Arbeil. Bon dein Segen der Arbeit kommt ihnen aber nichts zugute. Bemerkenswert ist eine Feststellung einer amtlichen, im Fahre lt»-i7 im Teutschen Aeich vorgenommenen Enquete über die Lage der Arbeiterinnen* l. /Soweit die Näherinnen einen unsittlichen Lebenswandel führen, dürften sie hierzu durch ihren geringen Verdienst veranlasst werden. 'Anderweitige Umstände, iv eiche dazu sühren könnten, sind im allgemeinen nicht bekannt." Kuno Frankenstein schloß eine kritische Zusammenfassung der Ergebnisse dieser Enquete: .Eine sehr große Zahl der Arbeiterinnen unserer Großstädte erhüli Löhne, welche nicht hinreichen, die n o t iv e n d i g st e » Bedürfnisse des Lebens zu befriedigen, und befindet sich aus diesem Grunde i n d e r Z w a ii g s l a g e, entweder einen ergänzenden E r- w e r b s z w e l g in der Prostitution zu suchen o d erde n unabwendbaren Folgen körperlicher und geistiger Zerrüttung zu ve r fall e n." Man könnte sich versucht fühlen, anzunehmen, daß diese im Fahre gewonnene Erkenntnis durch die gegenwärtigen Verhält - nisse längst überholt ist, und daß es heutzutage, im elften Jahre des 20. Jahrhunderts, solche fürchterliche Dinge nicht mehr gebe. Dcr Umstand aber, daß die Arbeiterinnen einzelner Branchen heute m erträglicheren Verhältnissen leben, daß sie nicht mehr schrankenlos ausgebeutet werden dürfen und daß ihre Arbeitszeit oft auch unter zehn Stunden herabgeht, darf nicht täuschen. Besser haben es nur die organisierten Arbeiterinnen, nur jene, die dadurch, das; sie sich zum gemeinsamen Kampf mit den männlichen Arbeitern vereinigt haben, von Unternehmern nicht nur mehr Lohn und kürzere Arbeitszeit fordern, sondern auch durchsetzen können. In Gewerkschaften organisiert sind aber in Oesterreich erst -lst.tXiO Arbeiterinnen: ivas bedeutet das angesichts der Tatsache, daß die Zahl der Arbeiterinnen nach Millionen zählt? Tatsächlich leben heute noch viele Tausende der arbeitenden Frauen und Mädchen in menschenunwürdigen Verhältnissen, wie an einigen Beispielen gezeigt werden soll. i ! « i z * r i i *) Stenographische Berichte über die Verhandlungen des Reichstages, 7. Legislatur 9 II. Arbriterinnenlöhne. P o r z e l l a n ci r b e i t e r i n n e n. In Nordwestbühmen ist die Porzellanindustrie zu Hause. Van den vielartigen ttzcgenständeu, Luxus- und Gebrauchsartikeln, die in den Schaufenstern zur Schau gestellt, oft das Entzücken der Vorübergehenden hervorrufen, könnte ivohl jeder einzelne eine Geschichte erzählen von dein traurigen Tasein der Arbeiterinnen, die an seiner i Entstehung mitgewirkt haben. Tenn wahrlich nicht beneidenswert ist das Los der Porzcllanarbeitcrinncn. Bon den 27.000 in der Porzellanindustrie beschäftigten Personen sind mindestens 10.000 Frauen ; und Mädchen. Im Karlsbader Bezirk arbeiten in dieser Industrie ^ Prozent Frauen, also fast die Hälfte aller Beschäftigten. Tie ' Frauen haben von jedem Arbeitszweig Besitz ergriffen. In der > Trcherei, die lange als ausschließliche Männerarbeit gegolten hat, dominieren sie genau so wie in der Malerei. Mancher Mann wurde durch ein junges Mädchen verdrängt, nicht weil sie tüchtiger, sondern ' iveil sie billiger ist. Arbeitsleistungen, für die dem Maler 20 H. bezahlt , werden muhten, macht die Malerin um 14 H. Der Turchschnitttzlohn der Arbeiterinnen beträgt im Akkord Kr. 9'9->, im Zeitlohn Kr. 7 4«>. j Mädchen von 14 Jahren angefangen arbeiten 10 Stunden täglich. ' Die Staubentwicklung ist ungemcin groß, die Luft ist sehr schlecht, > die Arbcitsräume oft nicht ventilierbar. Ist es da zu verwundern, ! das; die Trehcrinnen, die den meisten Staub zu schlucken haben, ' ebenso ivie die Dreher ein Durchschnittsalter von nur >44 Jahren i erreichen? Kann man sich einen Begriff machen, wie jammervoll das Dasein dieser Arbeiterinnen ist? Wie notwendig wäre ihnen eine , kräftige Ernährung, viel Aufenthalt in frischer Lust und einige Wochen t im Jahre Erholung. Wehe aber. wenn der Arbeiterin Gelegenheit zur Erholung gegeben ist, denn dann ist sie arbeitslos und hat auch e nichts zu essen'. ! Textilarbeiterinnen. Tie österreichische Textilindustrie beschäftigt nach der Betriebs- zählung von 1902 in der Fabriksindustrie 100.401 — 49'19 Prozent Arauen und Mädchen, in der Textilhausindustrie 104.870 --- 99 48 Prozent. Zusammen also 271.241 Frauen und Mädchen. Spulerinnen, ' Weberinnen, Spinnerinnen tauchen vor uns aus. Samt und Seide, . wundervolle Leinengewebe werden ihrem Fleiße, ihrer Geschicklichkeit verdankt. Aber auch Kattun und Barchent, die Kleider der armen Leute sind ihre Produkte. Wie aber wird die nützliche, unentbehrliche, . für Arm und Reich segensreiche Tätigkeit der Textilarbeiterinnen gelohnt? Ihr Elend ist sprichwörtlich. Einigen wenigen mit halbwegs - auskömmlichen Löhnen stehen die vielen Tausende gegenüber, die vielfach nur eine Krone und oft noch weniger im Tag verdienen. Lange Arbeitszeit und schlechte Löhne gehen fast immer Hand in ; Hand, so auch bei den Textilarbeiterinnen. Elfstündige Arbeitszeit und Wochenlöhne von sechs bis sieben Kronen haben viele Tausende. ^ 2 10 In Ost- und Nordböhmen, in Schlesien wie in Mähren und Niederösterreich werden die Textilarbeiterinnen schrankenlos ausgebeutet. Einige Beispiele sollen dies zeigen. In Haindors, einem böhmischen Städtchen, das man von Reichenberg aus erreicht, verdienen fleißige Arbeiterinnen nur füns bis sechs Kronen in der Woche. Die Flachsfabrikanten in Ostböhmen, Menschenschinder der schlimmsten Art, knechten die Arbeiterinnen bei ebenso schlechten Wochenlöhnen. In Bielitz in Schlesien haben im Jänner 1007 Stickerinnen die Arbeit eingestellt, weil ihr Verdienst durch das schlechte Material auf vier bis sieben Kronen wöchentlich gesunken war. Die Arbeiterinnen wurden maßlos schikaniert und mit ungerechtfertigten Lohnabzügen gequält. Der Direktor beschimpfte die Arbeiterinnen in rohester Weise und sprach sie mit D u an. Wollten sie seine Beschimpfungen abwehren, dann brüllte er sie an: »Fresse halten, sonst wirf ich dich hinaus.' Löhne von fünf Kronen in der Woche erhalten Textilarbeiterinnen in B i a l a, die Arbeitszeit beträgt ll bis 12 Stunden im Tage. Die Arbeiterinnen der Aküenspinnerei Tr u m a u - M a r i e n- thal in Niederösterreich verdienen 7 bis 10 Kronen in der Woche, bei täglich elfstündiger Arbeitszeit. Eine geübte Arbeiterin bekommt im Taglohn 1 Krone 60 Heller. Zu bemerken ist, daß die Lebensmittelpreise in allen diesen Orten ähnlich sind ivie in Wien, manche Artikel sind noch teurer. Papierarbeiter innen. In Steyrermühl in Niederösterreich werden Taglöhne von Kr. 114 bis Kr. 1'60 bezahlt. Die Akkordarbeiterinnen — und Akkordarbeit ist Mordarbeit — verdienen durchschnittlich 10 Kr. wöchentlich. Aehnlich, aber auch noch schlechter sind die Arbeitslöhne in den meisten Papierfabriken. Die Arbeit ist, speziell bei den Hadern, eine der Gesundheit sehr schädliche. Schmutz und Unrat aller Ark befinden sich zwischen den Hadern. Gestank, Staub und Moderluft sind die Atmosphären, in welchen sich die Papierarbeiterinnen befinden, bei dem elenden Lohne von 7 bis 10 Kr. in der Woche. Manche Arbeiterinnen sind vor Ekel oft außerstande zu essen, wenn sie an der Ent- staubungsmaschine gearbeitet haben. Daß die Arbeiterinnen Warenballen von 200 und mehr Kilogramm zu ziehen haben, ist keine Seltenheit. Stein arbeiterinnen. In W est s ch l e s i e n arbeitet die Frau als Taglöhnerin beim Schutträumen in Steinbrüchen, aber auch in Werkstätten. Es gibt Betriebe, wo 00 Frauen und nur 8 Männer arbeiten. Als Schleifer«! muß die Arbeiterin mit harten kleinen Steinen oder mit einem künstlich hergestellten Schleifstein die Steine aus Granit oder Marmor polieren. Ein seiner scharfer Staub entwickelt sich und gefährdet Lunge und Hals. Der Verband der Stein- arbeiter in Deutschland hat statistisch erhoben, daß in der Stcinindustrie nur ein Durchschnittsalter von 31 Jahren und 2 Monaten erreicht wird. 8l'6 Prozent sterben an Kehlkops- und Lungenschwindsucht. Die Staubentwicklung ist oft so groß, das; die Arbeiter oft einander nicht sehen können. Die Werkstätten sind so mangelhaft, das; es hineinregnet und die Arbeiterinnen direkt im Wasser stehen. ! Arbeiterinnen, die kleine Kinder haben, lassen sich den Stein in die t Wohnung schaffen und arbeiten in der .Küche oder im Vorhaus. Die kleinen Kinder befinden sich neben der arbeitenden Mutter und atmen den lebensgefährlichen Staub em. Die Segnungen der Heimarbeit! ' Der durchschnittliche Tagesverdienst bei dieser Mordarbeit ist * 80 H. bis Kr. l 20. Schleifsteine, Politur und Licht müssen die Ar- - bciterinnen selbst kaufen. Z u ck erw a r e n i n d u str i e. ' Die Arbeiterinnen dieser Industrie werden ebenso arg - ausgebeutet. Im Jahre 1907 stellte die Gewerkschaft dieser Branche an die Unternehmer Lohnforderungen. Für die Arbeiterinnen wurde verlangt, das; der Arbeitslohn 8 Hr. betragen soll, nach einjähriger , Verwendung 9 Kr. und nach zwei Jahren 10 Kr. Diese Forderungen ' mufften auch ersten Firmen, die einen Weltruf besitzen, wie (5abos, j Viktor Schmidt ec., überreicht und mit Streik oder Streikandrohung ! abgerungen werden. Lassen diese Lohnforderungen nicht erkennen, wie matzlos die j Arbeiterinnen ausgebeutet werden? Die Zuckerwarenbranche ist aber - zum groffen Teil Luxusindustrie, die wohlhabendsten und reichsten Leute sind an ihr interessiert. Die Erzherzoginnen zählen ebenso zu i den Kunden der Fnmen Temel, Gerstner rc., wie die Aristokratinnen ' und Millionürinnen. Die Arbeiterinnen aber, welche auch die feinste,;, ' nur den reichsten Herrschaften erschwinglichen Bonbons erzeugen, nähren sich von Kaffee, Schmalzbrot, billiger Wurst, Käseabsällcnrc. . Sie sind bleichsüchtig und oftmals tuberkulös. Sie geben ihre Gesundheit für einen Bettellohn hin und wickeln in die deliziösen Bonbons oft den Fluch, den ihnen ihr Elend abringt, hinein. ' Modistinnen. Wir haben bisher von den Fabriksarbeiterinnen gesprochen und - könnten unsere Beispiele aus allen Branchen vermehren. Doch wollen , wir uns nun einer Arbeiteriunenbranche zuwenden, die zur .Elite" ge- ^ hört, zu den Modistinnen. Hier sagt man nicht Fabrik, sondern Salon. . Aus gute Kleidung der .Fräuleins" ivird Wert gelegt. Sie müssen « repräsentieren, seines gefälliges Benehmen haben, da sie auch mit , der Kundschaft oft in Berührung kommen. Stimmt aber der Lohn i mit diesen Anforderungen überein? Eine ausgelernte Modistin, also ; eine qualifizierte Arbeiterin, erhält während der ersten zwei Jahre ' als Gehilfin monatlich 20 bis 30 Kr. Dann steigt sie langsam auf »34 und schliefflich auf 40 Kr. iin Monat. 50 Kr. erhalten nur besonders 12 leistungsfähige, also wenige Arbeiterinnen. Einige wenige erste Kräfte, ! erste .Fräuleins* rc. erhalten höheren Gehalt. In der Saison wird es oft 0 Uhr abends, bis sie den .Salon* verlassen dürfen, oft auch wird , die Arbeit über die Sperrstunde ausgedehnt. Auch Sonntagsarbcit ! in den versteckten .Salons*, wo kein Mensch kontrollieren kann, h wird geleistet. > Tic ArbeitSrüume, die Salons, sind meistens sehr unhqgienisch, i die Fenster gehen oft auf finstere Gänge, so das; den ganzen Tag bei künstlichem Licht gearbeitet werden mus;. Die Geivcrbeinspek- torin Fräulein Ritter teilt im Bericht der Geiverbeinspckloren von 1000 mit, daß bei einer Modistin die Arbeiterinnen in einer >'«>!» Meter hohen Unterteilung des Verkaufsladens untergebracht waren. Ein aufrechtes Stehen oder Gehen war fast unmöglich. Schneiderinnen. Auch sie gehören zu den sogenannten .besseren* Arbeiterinnen und dünken sich oft selbst hoch erhaben über die Fabriksarbeiterinnen. Sie gehen schöner angezogen, tragen Hut und Handschuhe , aber wie traurig ist ihre Lage, wie armselig ihre Lebensweise! lind die ^ Zahl der Schneiderinnen wächst von Jahr zu Jahr. Im Jahre I0o0 waren bei der Genossenschaftskrankenkasse der Kleidermachcr Wiens 12.81b Gehilfinnen angemeldet, Gehilfen nur 11.020. Im Jahre I8!»I aber hat es noch 12.282 männliche und nur 485«, weibliche Gehilfen gegeben. Die Zahl der männlichen Gehilfen ist demnach im Laufe von 18. Jahren um 12l>0 gesunken, bieder weiblichen hat um 7000 zugenommen. Frauenarbeit verdrängt Männerarbeit. Aber nicht nur in ganz jungen Jahren üben Frauen den Schneider- beruf aus. Erst in den Altersstufen über dreißig sind die Männer zahlreicher im Beruf als die Frauen. Es waren 1009: über 20 20-3» 31—4» Jahre 44-S» über b» Männlich. . . 1580 5540 2272 !,33 605 Weiblich . . . 4524 624«; 1450 417 17!» Daraus ist zu ersehen, daß auch die Arbeiterinnen des Schneidergewerbes spät zum Heiraten kommen und daß sie auch dann, wenn sie verheiratet sind, einen Erwerb haben müssen. Die Versorgung in der Ehe finde,; auch sie nicht. Was ihnen helfen kann, sind bessere Lohnverhältnisse. Wohl haben die Schneiderinnen 10o7 bei einem großen Streik, den sie in Wien durchgeführt haben, Minimallöhne von 2 Kr. für Anfängerinnen erreicht. Innerhalb des Zeitraumes von vier Jahren sind diese Errungenschaften wieder verlorengegangen, weil die Schneiderinnen nicht organisier! blieben. 300 von fast 13.« «10 sind Mitglieder der Gewerkschaft. Was bedeutet das? Gar nichts. Zu bedenken ist, daß es sich hier um qualifizierte Arbeite,innen handelt, die eine zwei- bis dreijährige Lehrzeit durchgemacht haben. Die Löhne sinken in vielen Fällen weit unter den Minimallohn. Die 13 Unternehmer verstehen es meisterhaft, die Arbeiterinnen um die vereinbarte Lohnerhöhung zu prellen. Beim Streik wurde vereinbart, daß Gehilfinnen, die drei Jahre ausgelernt sind, Kr. 2 6«) per Tag zu erhalten haben, nach sechs Jahren 3 Kr. und durch snkzessive Steigerung Kr. 4 6« > erreichen sollen. Durch Entlassungen schützen sich die Unternehmer vor der Bezahlung des höchsten Lohnsatzes. —In der Provinz gibt es gar Schneiderinnen, die um M H. bis 1 Kr. zehn bis zwölf Stunden im Tag arbeiten. Die reichsten Damen, Aristokratinnen und Fabrikanlinneu, die auf Festen mit ihren Toiletten prunken, die zu Wohltätigkeitsveranstaltungen glänzende, viel bewunderte, in Zeitungen besprochene Roben tragen, verdanken diese Herrlichkeit dem Geschmack und der Geschicklichkeit von Mädchen und Frauen, die kaum so viel Lohn bekommen, das; sie sich Butter zum Brot und ab und zu ein Stück Fleisch, ein nahrhaftes Ei oder Obst kaufen können. Die Schöpferinnen der Toilcttcnpracht frieren in ihrem Heim, wenn sie abends müde nach Hause kommen und wenn sie nicht an Verwandten eine Stütze haben. Auch bürgerliche Sozialpolitiker haben sich schon mit der Erforschung der Arbeiterinnenlnge beschäftigt*), aber auf die Gesetzgebung blieben ihre Veröffentlichungen wirkungslos! 1307 hat Fräulein Hedwig Lemberger Erhebungen über die Wiener W ä s ch e i n d u st r i e veröffentlicht. Das Buch ist herausgegeben von den Univcrsitütsprofessoren Edmund Bernatzik und Eugen v. Philipp ovich, es ist also autorisiert und gut bürgerlich beglaubigt. Sehen wir, was das Buch enthält. lll. Arbeiterinnen in der Wiischefadrikation. 36.837 Personen sind bei der Wäscheerzeugung beschäftigt. Auf Wien allein entfallen davon 13.318 Personen. Dieser Industriezweig ist zum Teil Fabriksarbeit, zum Teil Werkstättenarbeit bei Zwischen- meisterinnen, aber auch direkte Heimarbeit. In Fabriken und bei Zwischcnmeisterinnen arbeiten 13.531 Personen, davon in Wien 8304. I» der Heimarbeit sind 17.240 Personen tätig, davon in Wien 5014. Feinste Damenwäsche aus Batist und Spitzen. Herrenwäsche, Unterröcke, Kragen, Manschetten, alles wird von diesen Arbeiterinnen erzeugt. Geübte Arbeiterinnen verdienen in der Werkstätte einen Durchschnittslohn von 12 Kr. in der Woche. Wochenlöhne von Kr. 7-10 erhalten die weniger geübten Arbeiterinnen. Alan weih, dah in jedem Betrieb die sogenannten „Ungeübten" die größere Anzahl darstellen. Wohl gibt es auch höhere Löhne von 20 bis 24 Kr. in der Woche, aber nur wenige Arbeiterinnen erreichen diese Lohnsätze. Kunstvolle, mühsame Arbeit muh geleistet werden, um 3 bis 4 Kr. im Tage zu verdienen. Die Damen, für welche diese Wasche erzeugt wird, geben oft für ein einziges Stück mehr Geld aus, als die Arbeiterin die ganze Woche verdient. Eine Arbeiterin, die *) Enquete zur Erhebung der Frauenlvhne i"S5. 14 17 Dutzend Kragen im Tag steppt, verdient Kr. 2'«>4, das heißt sie bekommt 12 H. sür ein ganzes Dutzend Kragen steppen. Eine Hemd- näherin, die täglich 18 Hemden näht, verdient Kr. 2'l«>. Weit übler sind jene Mädchen daran, die bei der Meisterin auch Kost und Quartier haben. Sie bekommen in barein Geld nur 8 bis 4 Kr., selten l! Kr. in der Woche. Die tägliche Arbeitszeit dieser Mädchen beträgt ost 14 Stunden, sie arbeiten von 6 Uhr srüh bis 12 Uhr mittags und von 1 Uhr nachmittags bis 9 Uhr abends. Diese Mädchen schlafen oft zu zweien in einem Bett und müssen noch verschiedene Hausarbeiten verrichten und bei Nacht waschen. Das eben beschlossene Gesetz über die Nachtarbeit der Frauen wird diesen Arbeiterinnen keine Erleichterung bringen, da es sich nur auf Betriebe mit mehr als 10 Personen erstreckt. Sonst beträgt die Arbeitszeit bei den Zwischenmeistermnen, wo die Mädchen abends nach Hause gehen, 11 Stunden. Uebcrstunden bis 8 Uhr und auch bis 9 Uhr abends werden gemacht und wird für eine Stunde 1t> bis 20 H. bezahlt. Wenn man in Betracht zieht, das; diese Löhne nicht das ganze Jahr verdient werden, das; in der toten Saison ost zwei bis drei Tage in der Woche ausgesetzt wird, so kann man sich eine Vorstellung van der Lebenshaltung dieser Arbeiterinnen machen, die oft eine Lehrzeit von zwei bis drei Jahren durchgemacht haben. Die Dauer der Lehrzeit beträgt nach den Genossenschaftsbcstim- mungen der Wäscheivarenerzeuger zwei bis höchstens vier Jahre! Er hält das Mädchen Kost, Quartier und Kleidung von den Eltern, so dauert die Lehrzeit in der Regel zwei Jahre. Gibt die Lehrfrau die Kost oder Kost und Quartier, so wird die Lehrzeit auf zweieinhalb bis auf drei Jahre ausgedehnt. Viele Arbeiterinnen wissen aus eigener Erfahrung, ivie wenig während der ersten Hälfte der Lehrzeit gelernt wird. ES gibt Lehrmädchen, die alle Hausarbeiten machen, Kinder spazieren tragen und noch verschiedene andere, mit dem zu erlernenden Berufe in keinem Zusammenhang stehende Arbeiten verrichten müssen. Wenn dann die Lehrzeit beendet ist, kann die ausgelernte Arbeiterin ost nur eine Teilarbeit. Denn je mehr die Mersterm das Mädchen auf eine einzige ausschließliche Arbeit trainiert, um so rentabler ist ihr das Halten von Lehrmädchen. Daß aber so schlecht vorgebildete Arbeiterinnen Jahre brauchen, bis sie geübte Arbeiterinnen iverden und einen höheren Lohn erlangen, leuchtet ein. Nach diesen wahrheitsgetreuen und jeder Arbeiterin nur zu bekannten Feststellungen über ihre Lohnverhältnisfe kann man wohl ohne Uebertreibung sagen, daß die oben zitierten amtlichen Feststellungen im Deutschen Reiche auch auf die gegenwärtigen Verhältnisse anzuwenden sind. Wer nie gearbeitet hat, wer nie Tag um Tag hetzen mußte, um sich Brot zu verdienen, um sich zu bekleiden, um ein schützendes Dach zu haben, kann nicht die Qualen einer Arbeiterin ermessen, die im Bewußtsein ihres ganzen Elends die Wahl hat, entweder die Liebenswürdigkeiten und Annäherungen des Vorgesetzten zu dulden oder arbeitslos zu werden, durch unerträg- 15 liche Schikanen aus Arbeit und Brot getrieben zu werden! Wahrlich, es ist leicht, in eleganten Salons auf weichen Pfühlen über die Un- sittlichkeit anderer den Stab zu breche». Die Proletariern,, die oft ihr einziges, ihren guten Ruf, ihre Anständigkeit opfert, um ihrer notleidenden kranken Mutter Medikamente zu verschaffen, ist weit bewunderungswürdiger als das Mädchen aus .gutem Haufe', welches heranwächst, bewacht von einer sorgenden Dienerschaft, geleitet von einer Gouvernante, beschützt bis zu dem Momente, ivo sie in die eheliche Versorgungsanstalt gegeben wird. Es ist sehr leicht, anständig und moralisch zu bleiben, wenn die Versuchung mit peinlicher Sorgfalt ferngehalten wird. An die Proletarier,» aber tritt die Versuchung mit jedem Lohntag neuerlich heran; kann es Wunder nehmen, wenn das Arbeitermädchen, das am Samstag, nach sechs Tagen mühseliger gcsundheitsangreisender Arbeit, einen Lohn von oft nur «> Kr. bekommt, sich verzweifelnd die Frage vorlegt, ob es nicht besser sei, der Tugend, welche nur Not und Entbehrung einbringt, den Rücken zu kehren und steucr- zahlende, also staatlich anerkannte Priestern, der käuflichen Liebe zu werden? lind wer ist mehr zu verurteilen, das Mädchen, das, vorn Hunger getrieben, seinen Leib verkauft, oder der Ausbeuter, welcher gewissenlos genug ist, den Erzeugerinnen seines Mehrwertes, denjenigen, welche ihn, Reichtum erarbeiten, den zum Leben absolut notwendigen Lohn vorzuenthalten und sie mit einer Bettelsumine abzufertigen und damit bewußt dem Untergang preiszugeben? Solch niedrige Löhne kommen nicht wie wir dargelegt haben nur vereinzelt vor. Entbehrungsreich ist das Dasein der Arbeiterin, nur erhellt von dem einzigen Hoffnungsstrahl, daß es vielleicht, wenn sie sich mit einem Arbeiter verbindet, besser und erträglicher werde. Wir sehen jedoch, daß nicht nur Mädchen aus den sogenannten .guten Häusern' immer seltener Gelegenheit haben, ihren .natürlichen Beruf' als Gattin und Mutter auszuüben, auch die Proletarierinnen heiraten immer seltener. Das Eintreten der Frau in das industrielle Leben hat den Männern große Konkurrenz gebracht; anfangs wurde die Frauenarbeit nur als Hilfe zum Verdienst des Familienhauptes, des Galten und Vaters, betrachtet. Die Schädigung, die den arbeitenden Frauen und Mädchen zugefügt wird dadurch, daß sie schlechter bezahlt werden, rächt sich an den männlichen Arbeitern. Der Unternehmer ,st immer gierig nach neuem Gewinn; mit dem Blick des Ausbeuters hat er entdeckt, daß die weibliche Arbeitskraft sich vorzüglich als Lohndrückern, gegen die Männer benützen läßt. Die Zahl der weiblichen Arbeitshände wurde und wird noch ,m,ner großer Die Maschine, die Vervollkommnung der Technik ermöglicht es, daß an die Plätze, welche früher Männer eingenommen haben, Arbeiterinnen und jugendliche Hilfsarbeiter — Kinder — treten. Die Lebensmittelpreise und die Wohnungs- z'Nse sind im steten Steigen begriffen. Es ist begreiflich, daß viele Arbeiter das Eheschließen vermeiden, da ja der Mann weiß. daß er mit seinem kargen Lohn die Pflichten, die ihm die heutige Gesellschaft gegen seine Familie auferlegt, nicht erfüllen kann. Der Mann ist längst nicht mehr der Ernährer der Familie. Das Arbeiterpaar, das dennoch heiratet, hat auch gleich Meister Schmalhans als Küchenmeister. Jene Arbeiterinnen, die vom „Ehehimmel" ausgeschlossen bleiben, schleppen gleichfalls ein freudloses und unbefriedigtes Dasein dahin; Gluck, Fröhlichkeit und Lust bleiben ihnen ferne, nichts als ein erbitteter, mühsamer Kampf nins Dasein ist ihr Los, welcher Kampf noch verschärft wird, wenn Krankheit oder Arbeitslosigkeit sich als nur allzu häufige Gäste einfinden. Eme traurige Kindheit, traurige Mädchenjahre und ein sorgenvolles Alter, das ist das Dreigestirn im Leben der alleinstehenden Proletariern,. Und wie gehl es der Arbeiterin als Gattin und Mutter? Das wollen ivir im folgenden Kapitel darlegen. IV. Die Arbeiterin ais Gattin nnd Ittntter. Kaum graut der Tag. huschen aus den Häusern der Vorstädte die industriellen Lohnarbeiterinnen. Zur Winterszeit eingehüllt in oft nur schlecht schützende Umhüllen, nicht ausgeruht und nicht gestärkt, treten diese Frauen den oft weiten Weg m die Fabriken an. Die abgearbeitete Hand fahrt über die Augen, um den Schlaf zu verscheuchen; der Gang ist bei vielen müde und schleppend, denn schon jetzt, obwohl noch früh am Morgen, haben viele schwere Arbeit verrichtet. Denn die Arbeitszeit der Proletarierinnen ist nicht zehn-, nicht elfstündig; ihre Arbeitszeit beginnt nicht um sechs oder sieben Uhr, nein! Ist die Proletariern, Gattin und Mutter, so erhebt sie sich, noch müde und schlaftrunken, oft vor dem Hahnenschrei, um die notdürftigsten häuslichen Verrichtungen zu besorgen; nicht für sie allein, nein, auch der Mann must bedient werden und nur allzu häufig ist er noch gewohnt, selbst in d e m Weibe, das gleich ihm in der Fabrik robotet, die häusliche Dienerin zu sehen. Und die Frauen in ihrer großen Mehrheit ertragen widerspruchslos, ja oft gedankenlos das ihnen aufgebürdete doppelte Jach. Sind nun die verschiedenen Verrichtungen für das Hauswesen besorgt, dann ist noch die Sorge für die Kinder. O, welche Ironie ist es, dem Proletariat von, „Kindersegen" zu sprechen! Ja, an Kindern fehlt es nicht, aber die Proletariern, muß bei ihren eigenen Kindern gewöhnlich eine noch trostlosere Kindheit sehen als sie selbst hatte. Die Generation, welche jetzt Kinder gebärt, hatte doch zum Teil noch das Glück, ab und zu. je nachdem es die Pflichten der Wirtschaft oder der Haus- industriellen Tätigkeit gestatteten, von der fürsorglichen Mutter gekost und gehegt zu werden; aber die Kinder der in die modernen Zwingburgen. in die Fabriken eilenden Mütter entbehren selbst dies. Die Angst, den Ruf der Fabrikspfeife zu versäumen, erlaubt der armen Mutter kein Besinnen, kein Zögern; ,st nicht eine alte, meist schon schwächliche Großmutter da, dann aus dem Bette mit den Kindern! Aus dem Bette mit ihnen, mag auch der Wintersturm toben, mögen die Elemente wüten, der .Brotherr" wartet nicht, und der glückliche Kinderschlas wird jäh unterbrochen, denn die Mutter mutz fort nach Brot. Häufig werden die Kinder tagsüber in die Kinderbewahranstalten gegeben, welche unter der Leitung von Nonnen stehen, und ivo in das leicht empfängliche Gemüt der Kinder Ideen gepflanzt werden, die oft im grellsten Gegensatz zur Anschauungsweise der Eltern stehen. Tiesc Anstalten werden trotzdem unter den herrschenden nützlichen Verhältnissen als Wohltat empfunden. Unterdessen eilt die Mutter in die Fabrik, nicht wissend, wie sie abends ihre Lieblinge wieder sehen wird. Alan mutz sie gesehen haben, die armen Mütter, wie sie in fieberhafter Ungeduld das Feierabeiidpfeife» herbeisehnen; zur Mittagszeit ist ja die Pause zu kurz, viele Proletarierinnen brauchen eine Stunde und noch länger, ehe sie ihr armseliges, wegen der billigeren Miete iveit entlegenes Heim erreichen. Nicht leicht fällt es der Mutter, einen unendlich langen Tag den Kindern ferne zu seiii. Ost lausen die von der Vormittagsarbeit schon ermüdeten Arbeiterinnen in der cinstündigen Mittagspause mit der Hast von Verfolgten nach Hause. Das Mittagmahl kommt ja nicht in Betracht; die Wurst oder die am Abend vorher gekochte Zuspeise lässt sich ja schnell essen. Aber die Aufopferung, deren die Arbeiterinnen als Mütter fähig sind. ist noch größer; wer weis; heute nicht, das; die wirtschaftlichen Verhältnisse so trüb sind, das; das Weib sich in keinem Zustand Schonung gönnen kann? Nicht die Herzlosigkeit des Mannes trägt die Schuld, nein, das System, durch welches auch der Mann so elend entlohnt wird, datz der Hunger bei beiden Einkehr hält, wenn der Verdienst der Ehegattin ausfällt. Die Frau mutz auch dann, wenn sie weif;, das; nicht nur sie allein, sondern auch ein zweites, noch eingeborenes Wesen Schaden an der Gesundheit leidet, trotz alledem fortroboten, so lange bis es ihr körperlich vollständig unmöglich wird. Oft ivird die Proletarierin von Kolleginnen heim- geleitet, um in der nächsten Stunde schon einem Kinde das Leben zu geben. Die Proletarierin weis; auch, datz Mitleid uud Menschlichkeit bei ihren Unternehmern vergebens gesuchte Eigenschasten sind; so manche weis;, datz eine vorzeitige Schonung ihrer Gesundheit die Entlassung bedeuten würde. Die unschuldigen Kinder müssen leiden unter dem Elend der Mütter, der Väter; die glücklichsten der Kinder sind noch jene, bei denen die Mütter noch nicht lang genug Fabrikslust atmen und Fabriksstaub „verdauen", deren Organismus noch nicht vollständig vergiftet ist, und die noch über eine, wenn auch geringe Menge Muttermilch verfügen. Diese Mütter lasseii sich zu den Mittagspausen die Kinder bringen, um diese in einem meist wenig entsprechenden Raum zu säugen. Kehrt die Proletarierin dann abends ermüdet heim, dann wartet ihrer neue Arbeit, die Häuslichkeit und das Kind. Will sie endlich durch einige Stunden Schlaf ihren müden Körper ausruhen, so wird dieses Vorhaben, ach, wie oft, durch das dürstende, Nahrung verlangende Kind verwehrt; müde und abgespannt beginnt am anderen Morgen wieder das Tagewerk. Und so lebt die Proletarierin dahin. Der 18 Sonntag schlicht sich würdig ihrer Nachtruhe an. Wer will noch bestreiten, daß das Proletarierweib herrlich nnd in Freuden lebt?! Aber .ehrlich währt am längsten", ist ein allgemein bekanntes, ganz nett klingendes Sprichwort, bewährt hat es sich noch selten. Die ehrlichen Arbeiterinnen empfinden dies nur zu sehr auf ihrem, trotz ehrlicher Arbeit recht dornigen Lebensweg: denn .Frau Ehrlichkeit" bewährt sich nicht als heilbringende Bundcsgenossin: sie gewährt nicht die Macht, den Widerwärtigkeiten des Lebens erfolgreich Widerstand leisten zu können. V. Dir InleUigenz-Droietarierin. Wer ist eine Jntelligenz-Proletarierin? so fragen geivih viele meiner proletarischen Leserinnen. Mit diesem Namen bezeichnet man jene Frauen und Mädchen, die auf Grund ausreichender Schulbildung in den sogenannten besseren Berufen, als Comptoiristinncn, Verkäuferinnen, Telegraphistinnen, Telephonistinnen rc. Verwendung finden und die ivegcn der ihnen gleich den Fabriksarbciterinnen zuteil werdenden elenden Bezahlung Proletariennnen genannt werden müssen. Diese Prolctarieriniien sind in mancher Beziehung noch viel bedauernswerter als ihre Leidensgenossinnen der Industrie und Heimarbeit, weil sie außer der Last des ökonomischen Elends noch den Druck verschrobener Vorurteile des Mittelstandes zu ertragen haben, wenn sie auch ihr Elend unter einer schönen, glänzenden Außenseite verbergen. Aber ivie viel Jammer, wie viel Tränen verhüllt diese Außenseite! Das .Fräulein", das seinem Berufe höchstens um eine Morgenstunde später nachgeht wie die Fabriksarbeiterin, hat in jeder dieser Berufsarten einen anstrengenden, die Kräste meist übersteigenden Dienst. Trotzdem stehen nur wenige Verkäuferinnen in der gewerkschaftlichen Bewegung, sie verkebren nicht mit ihren Leidensschwcstern aus den Fabriken, iveil man eine künstliche, unnatürliche Schranke zwischen ihnen gezogen hat. Die Fabriksproletarierin und die Handarbeiterin gehen allerdings mit der Schürze und dem Kopftuch, die Verkäuferin trägt Hut und Handschuhe, welche Kleidung sie sich aber genau so schwer kauft und genau so vom Mund absparen mutz, wie ihre Schwestern den Kittel. Die beim Telephon und beim Telegraphen beschäftigten Frauen und Mädchen teilen das Schicksal der Verkäuferinnen. Furchtbar anstrengend ist der Beruf dieser .Intelligenz- arbeiterinnen"! Und die Telegraphistinnen und Telephonistinnen haben auch Nachtdienst, was noch mehr physische Aufopferung wie die Tagesarbcit erfordert und auch den Verfall der körperlichen Kräste früher herbeiführt. Kops- und Ohrenleiden sind besonders bei den Telephonsklavinnen gern zu Gast. 19 Die Comptoiristinnen und Maschinschreiberinnen, die Steno» ttzpistinnen sind um nichts beneidenswerter, da die praktischen Unternehmer sie ja nur deshalb verwenden, weil sie billiger und wider- standsunsähiger wie die Männer sind. Dieses ohnehin schon trübe Bild hat eine noch häßlichere Schattenseite; an die schick gekleideten Jntelligenzarbeiterinnen, vornehmlich wenn sie ein hübsches Aeußere haben, drängen sich so manche Herren der bevorzugten Klasse, faulenzende Söhne reicher Leute heran, und meinen, der Schreibmamsell oder dem Telephonfräulein iver weiß ivas für Ehre zu erweisen, wenn sie sich ihnen nähern. Und leider, die Not, der schlechte Lohn und die Anforderung, trotz alledem besser gekleidet Hu sein, ist es oft, die viele scheinbar Beneidenswerte den „feinen" Herrn in die Arme treibt, um diesen ein angenehmer Zeitvertreib, ein Gegenstand des Vergnügens zu sein. Doch Geduld, auch diese Armen sind zum Teil schon zur Erkenntnis gekommen, auch sie lernen einsehen, daß sie von den gesellschaftlich über ihnen Stehenden nur Engherzigkeit, Egoismus und Brutalität zu erwarten haben. Die Erziehungsmethode und langjährige Gewohnheiten tragen die Schuld, daß es noch einen Teil Arbeiterinnen gibt, die sich schämen, sich zu ihren Schwestern in den Fabriken und Werkstätten zu bekennen; auch bei ihnen wird es Licht werden. Die Klassengegensätze werden immer schärfer, der Kampf, der zwischen dem Proletariat und dem Unternehmertum entbrannt ist. erfaßt immer weitere Kreise; auch diejenigen, denen man vorgeheuchelt hat, daß sie Besseres sind als die Arbeiter in der Bluse und die Arbeiterin im Kittel, werden durch die rücksichtslose Ausbeulung, die auch an ihnen in hervorragendem Maße geübt wird. verstehen lernen, auf welcher Seite ihre Spinpathien sein müssen. Die heute noch in Unkenntnis und Unklarheit befindlichen weiblichen Angestellten werden auch dadurch, daß ihre Brüder, Väter und Gatten immer mehr in die Neihen des Proletariats gedrängt werden, ihre Klassenlage begreifen lernen. Die ausgebeuteten Frauen und Mädchen können Mit ihrem Denken und Fühlen nicht allewig bei ihren Feinden, bei der sie ausbeutenden Klasse bleiben. Und wenn diese Frauen die eigene Ausbeutung noch nicht einsehen wollen und ein Teil sich durch hohle Phrasen über ihre bevorzugte gesellschaftliche Stellung täuschen läßt, so weiden diejenigen, bei welchen die Jugend entschwunden ist, die allei n, ohne Stütze, ihren Lebensunterhalt suchen müssen, zu denken beginnen. Sehen sie doch, daß sie, wenn eine Gesellschaft oder irgend ein Unternehmer sie nicht mehr braucht, weil sie zu alt und schwach geworden sind, rücksichtslos, trotz der langjährigen Dienst- zeit, dem Elend preisgegeben werden. Nur junge, kräftige Mädchen und Frauen lieben die Unternehmer; entschwindet die Jugend, dann wird nach Gründen gesucht, um die Entlassung scheinbar zu rechtfertigen; häufig benützeii auch die Unternehmer die Gelegenheit, der Arbeiterin die Bedingung zu stellen, daß sie bleiben kann, aber — auf einem minder bezahlten Posten. Das ist der Unternehmer- 20 lohn für ein Leben voll Mühe und Plage, das Fremden geopfert wurde. Die Jugendjahre sind dahin — »herbei mit frischer Ware", ruft der Unternehmer. Manche Leserinnen und Leser dieser Schrift werden die Frage auswerfen: Ja, was sollen wir aber tun, um diese traurigen Verhältnisse zu ändern? Vl. Die Gemalt der Maschine. Ja, was soll geschehen, um die traurigen Zustände, unter welchen nicht nur die Arbeiterin, sondern die ganze Menschheit leidet, anders zu gestalten? Um diese Frage eingehend zu beantworten, ist es notwendig, das Wesen der gegenwärtigen Produktionsweise in kurzen Zügen auseinanderzusetzen. Die mit dem kapitalistischen Entwicklungsprozeß nicht Vertrauten gehen noch häufig von der Anschauung aus, das; die Maschine, diese stumme, aber gewaltige Konkurrentin der arbeitenden Menschheit, schuld an allem Elend sei. Dem Augenschein nach ja; wenn daher infolge einer neuen Maschine Arbeitsentlassungen vorgenommen werden, ist die Entrüstung, die Verzweiflung der Brotlosen gegen die schwarzen Ungetüme begreiflich, so unrichtig diese Anschauung auch ist. Die Maschine ist nicht erfunden, um Verzweiflung, Hunger und Obdachlosigkeit über die Menschheit zu bringen. Die Maschine, dieser Triumph des menschlichen Geistes, würde in einer gerechten Gesellschaftsordnung von der Menschheit als Erlösern; und Befreierin aus schwerer Pein gepriesen und bejubelt werden. Dies wäre dann der Fall, wenn die Erzeugnisse des menschlichen Geistes und der menschlichen Hände Eigentum der Gesamtheit wären. Alles, ivas die Menschheit erzeugt und schafft, sollte gerechterweise der Menschheit gehören, auch die Maschine und ihre Produkte. Ju der bestehenden Gesellschaftsordnung aber können wohl einzelne reich werden. Die sich die Maschinen kaufen können, sind in der Lage, viel Kapital anzuhäufen. Je größer ihr Kapital wird, um so größer wird auch ihr gesellschaftlicher Einfluß und die »Achtung und Ehrerbietung"', die man ihnen zollt. Die Arbeiter, diejenigen, welche den Reichtum erzeugt haben, bleiben arm und nur zu oft auch gering geschätzt. Ist es aber auch gerecht, daß es so ist ? TaS Gesetz straft diejenigen, welche daran in Wort oder Schrift rütteln zu wagen! Da die Arbeiter in Oesterreich nicht nur ökonomisch abhängig, sondern bis vor wenigen Jahren auch politisch rechtlos waren, hatten es die Reichen sehr leicht, infolge ihrer ökonomischen und politischen Macht vollen Einfluß zu nehmen auf die Gesetzgebung; sie haben eine Reihe von Einrichtungen durch die Gesetzgebung geschaffen, durch welche die bestehenden gesellschaftlichen Verhältnisse 21 — welche auch die moderne .Ordnung' genannt werden — gesetzlich geschützt sind. Ein Bestandteil dieser gesetzlich geschützten Ordnung ist auch das P r i v a t e i g e n t n m. Auch die Maschine ist Privateigentum. Tank der beschriebenen Einrichtungen hatten es die Reichen leicht, die Maschine sofort bei ihrem ersten Auftreten in Beschlag zu nehmen. Bot sie doch willkommene Gelegenheit, die Reichtümer noch schneller zu vermehren, den Mehrwert noch rascher zu steigern. Wäre die Menschheit nicht in zwei .Massen geteilt, in die reichen Bevorrechteten und in die armen Rechtlosen, so wäre die Maschine zur Befreierin von einer unsagbar drückenden Last geworden. Dies erkannte schon Aristoteles, ein großer Denker des Altertums, als er sagte: .Weint einmal die Weberschiffchen von selbst weben, wird die Menschheit von der Sklaverei der Arbeit befreit.' Die Zeit ist da,' die Webstühle arbeiten mechanisch. Ein einziger Arbeiter kann sogar-st» Stühle, deit Rortropstuhl bedienen, junge, zarte Mädchen bedienen drei, vier bis fünf Stühle. Die Maschine ist aber in den Händen der Kapitalisten ein Werkzeug geworden, mit dem die Menschheit in noch größere Sklaverei und Abhängigkeit gebracht wurde. Eine einzige Maschine erzeugt häufig viel mehr als früher ein Dutzend und noch mehr menschlicher Arbeitskräfte. Es wäre natürlich, daß die Menschen dadurch entlastet würden; wenn die Maschine arbeitet, müßte ja der Mensch nicht so lange ivie vordem arbeiten. In Wahrheit ist es anders; der Unternehmer, der sich die Maschine kaufen kann, denkt: .Nun habe ich ein Mittel, um schneller reich zu werden.' Er läßt die Arbeitshände nicht weniger arbeiten und die durch die Maschine überzählig Gemachten werden arbeitslos aufs Pflaster gesetzt. Die durch die Maschine Bcrdrängten suchen anderwärts Arbeit, doch vergebens ; die Maschine wurde auch von den anderen Unternehmern als gewinnbringend erkannt und angeschafft. Die überzähligen Hände vermehren sich, es entsteht die industrielle Reservearmee, aus welche gestützt der Unternehmer rücksichtsloseste Lohndrückern ausübt. Hie Maschine! hie Reservearmee! ist das zweifache Schreckgespenst der um Brot arbeitenden Menschheit. Verzweifelnd und ratlos blicken die Proletarier in die Zukunft, was wohl diese noch Schlimmes bringen werde. Die um schlechte Löhne Arbeitenden degenerieren, ihre Nachkommen haben eine noch schrecklichere, sieche Kindheit und wachsen heran, um auch einst als Sklaven der unter den heutigen Verhältnissen mörderischen Industrie zugrunde zu gehen. Ganz anders könnte es sein, wenn es verhindert würde, daß einzelne sich auf Kosten der großen Mehrheit bereichern. Es ist unwürdig, daß so viele Mensche» die Sklaven, die Knechte eines kleinen Hausteins Profitgieriger sein müssen. Wären alle Produktionsmittel, das heißt alle Fabriken mit den Maschinen, die Werkstätten mit den Werkzeugen, die Bergwerke, dann Grund und Boden Eigentum der gesamten Menschheit, dann würde die Maschine ein Segen für alle sein. Fern würde es jedem liegen, dieser wirklich revolutionierenden Er- 22 findung auf dem Gebiete der Produktion zu fluchen. Die Gesamtheit, das sind alle Menschen, würde die Maschine zum Heil aller anwenden. Die Arbeitszeit würde eine bedeutende Verkürzung erfahren, denn alle müßten arbeiten und es dürfte nur so lange gearbeitet werden, als erforderlich ist, um jedem Menschen die Befriedigung seiner Bedürfnisse zu ermöglichen. Dies trifft auf das geistige Proletariat — das sind die sogenannten Kopfarbeiter — genau so zu wie aus das industrielle. Eine solche Gesellschaftsform wäre durchführbar, wenn Egoismus und Klasscnvorteile nicht eine so große Rolle spielten; sind diese beseitigt, dann wird von lleberpröduktion keine Rede mehr sein, bei der die Menschen bis zur Erschöpfung Mehrwert schaffen müsse», aber nicht von den von ihnen erzeugten Produkten das Notwendigste konsumieren können. Von „lleberpröduktion" wird nur so lange die Rede sein, als das Proletariat nicht kauffähig, nicht konsumtionsfähig ist. In der Fabrik rackern sich Männer. Frauen und Mädchen zu Tode und draußen gehen Tausende hungrig, in Lumpen und obdachlos herum. Und sagt selbst, Arbeiterinnen, gehört von dem, was ihr mit eurem Fleiß und eurer Geschicktichkeit erzeugt, auch euch etwas? Kann sich die Schneiderin den Stoff kaufen, um auch für sich selbst ein schönes Kleid fertigzustellen, wie sie es für andere macht, wobei sie sich die Augen blind und die Finger wund näht? Kann die Textilarbeiterin, welche gleich den Männern im Webstuhl sitzt, für sich selbst mit leichter Mühe nur ein Baumwollkleid anschaffen? Keine von beiden kann dies; die Schneiderin muß für sich selbst das Billigste und Einfachste herstellen, weil sie für ihre mühsamste Arbeit einen Hungerlohn bekommt. Die Textilarbeiterin muß monatelang darben, bis sie sich den Baumwollstoff kaufen kann, weil sie obendrein auch die Schneiderin nur schwer bezahlen kann. Genau so ist es mit allen anderen proletarischen Berufen. Die Bauarbeiter und ihre Hilfsarbciterinnen bauen schöne, hohe Häuser, sie selbst wohnen aber in dumpfen Kellerlöchern; während des großen Wiener Schuhmacherstreiks ist die Tatsache konstatiert worden, daß viele Gehilfen nicht zur Slreikversammlung gehen konnten, weil sie keine Schuhe hatten. Gibt es einen größeren Hohn auf die „Menschlichkeit" der Menschheit als diese grausigen Auswüchse der .Klassenherrschaft?! Nur ein Beispiel, welch gewaltige Konkurrentin der menschlichen Arbeit die Maschine fft. Als das Fabrizieren von Trikottaillen größeren Umfang erreichte, fanden viele Frauen Beschäftigung bei dem Ausnähen der Knopflöcher; im Jahre 1892 erfuhr das mit einem Schlag eine Aenderung, als auch in diesem Industriezweig eine Maschine erfunden wurde, welche in einem Tage so viel erzeugte als mit der Handnähcrei 17 A r b e i t e r i n n e n fertigstellen konnten! Sonach hatte eine einzige Maschine die Gewalt, 16 A r b c i t eri n n en brotlos zumachen, da eine Maschine nur eine Arbeiterin zur Bedienung benötigt. Gegenwärtig werden bei der Wäscheerzeugung elektrisch betriebene Maschinen verwendet, wovon eine einzige 35iR> 23 bis 4000 Knopflöcher per Tag macht. Eine Arbeiterin könnte mit der Hand höchstens 120 bis 140 Knopflöcher nähen. Tie Zigarettenerzcugung war früher ausschließlich Handarbeit. Jetzt hat man Maschinen. All diese Verhältnisse drängen mit Notwendigkeit dahin, eine Aenderung der herrschenden Produktionsweise herbeizuführen, den Privatbesitz von Maschinen und aller anderen Produktionsmittel aufzuheben und sie in das Gesamteigen t u in aller Menschen umzuwandeln. Nun ist es aber ganz klar, daß die Unternchmerklasse, welche durch die privatkapitalistische Produktionsweise ihr Vermögen rapid steigen sieht, selbst keine Versuche macht, eine Umgestaltung herbeizuführen. Im Gegenteil; die Uuternehmerklasse fühlt sich wohl und behaglich in ihrer alles beherrschenden Situation und wehrt sich mit aller ihr zu Gebote stehenden Macht gegen jeden Fortschritt zugunsten der Arbeiterklasse. Tie Beseitigung der wahnsinnigen, unmenschlichen Produktionsweise kann daher nur durch die Arbeiterklasse selbst herbeigeführt werden. Wohl ist es ein schwerer, mühsamer Kampf, den die Armen und Besitzlosen gegen die Herrschaft des Kapitals zu führen haben; aber es ist ei» unausweichlicher Kampf, denn freiwillig wird die bevorrechtete Klasse von ihren Privilegien nicht lassen. Tie Gefühle der Nächstenliebe sprechen hier nicht mit. Lediglich das Klasseninteresse kommt für die Besitzenden in Betracht und einzelne menschlich Denkende sind machtlos, so lange die kapitalistische Gesellschaftsordnung mit ihren wahnsinnigen Einrichtungen besteht. Doch die Arbeiterklasse hat bereits den Weg zur Befreiung betreten. Dieser Weg ist allerdings durch zahlreiche Hindernisse erschwert und eines der grüßten Hindernisse ist der Unverstand, der Jndifferentismus der Armen und Notleidenden selbst. Lang hat es gewährt, bis die Arbeiterklasse begriffen hat, daß sie die Macht besitzt, sobald sie einig und geschlossen ist; als aber endlich die Arbeiterklasse die Macht der Einigkeit erkannt hatte und den Kampf gegen Ausbeutung und Unterdrückung aufnahm, da fehlte in ihren Reihen leider lange die weibliche Arbeiterschaft. VII. Die Arbeiterinnen und die Honaldenrnkratie. Hadernd mit dem Schicksal, das mit ihr so grausam verfährt, zweifelt die Proletarierin, daß es für sie noch einmal besser werden könne; mit stiller Resignation fügt sich das Weib der Arbeit in das harte Los. Von Kindheit an hat man sie ja gelehrt, daß nicht alle Menschen gleich sein können; wenn sie oft mit kindlicher Neugierde wissen wollte, warum andere Kinder viel besser und schöner gekleidet seien, dann kam die Antwort der Eltern, welche lautete, daß das reiche Kinder seien, und daß es Arme und Reiche geben müsse. / 24 Es ist begreiflich, das; unter solchen Umständen es vieler Wunsch ist, doch auch reich zu sein, um es so gut zu haben wie die beneideten anderen. Nur zu bald sind derartige Wünsche zerstört; die Reichen, bei welchen die Armen arbeiten, wachen mit Argusaugen, um von ihrem Besitzstand keinen Kreuzer abzulassen, sie bemühen sich vielmehr, diesen ausgiebig zu vermehren. Tatsächlich gelingt dies vielen; die Armen bleiben arm, führen schwere Kämpfe ums tägliche Brot, wahrend sich das Bermögen der Reichen stetig vermehrt. Auf einer Seite furchtbarste Armut, bei vielen Hungersnot, aus der anderen Seite wahnsinniger Reichtum. Die große Masse des Volkes, die vielen Millionen Arbeitsinenschcn standen lange wehrlos den im Ueberfluß Schwelgenden gegenüber. Aber endlich wurde eS licht in den Kopsen der Armen, es begann zu dämmern, aber nur Männer waren es, die von der Idee durchdrungen wurden, daß es möglich sei, das Elend zu beseitigen. Nur wenige Frauen erwachten gleich den Männern aus ihrem dumpfen Schlafe. Bei dieser Gleichgültigkeit der Frauen mußte es kommen, daß die Männer in ihren eigenen Klassengenossinnen nicht nur Konkurrentinnen in der Fabrik, sondern sehr oft erbitterte Gegnerinnen in ihrem -Ltreben nach Befreiung hatten. Die Arbeiter erkannten die Tatsache, daß die arbeitenden Menschen nur solange schwach und ohnmächtig bleiben, als sie, zersplittert und uneinig, eine unorganisierte Masse sind, daß dies aber mit einem Schlag sich ändert, wenn alle Armen und Unterdrückten gemeinsam fühlen und auch gemeinsam handeln; das männliche Proletariat raffte sich auf, um sich zur gemeinsamen und planmäßig küinpfenden Macht zu organisieren. Unter dein Banner der S o z i a l d e in o k r a t i e sammelten sich die nach Freiheit Strebende». Die Frauen blieben abseits und sahen verständnislos und unempfindlich, oft aber feindselig, die Kämpfe ihrer Brüder und Klasseugenossen! Und die Gegner der endlich erwachten Arbeiterschaft gewahrten mit Behagen die weibliche Berständnislosigkeit und begannen mit dieser zu spekulieren. Was wurde nicht alles hervorgesucht, um die Frauen und Mädchen von der Sozialdemokratie abzuhalten! Als die Personifizierung von allem Bösen, als die Zerstörer von allem Schönen, Edlen und Heiligen wurden die Verkünder der Macht des Proletariats dargestellt. Nur allzu leichtes Spiel war mit den Frauen; in deren Köpfen hatte man eine Menge Vorurteile großgezogen, die jetzt als treffliche Bundesgenossen benützt wurden. In allen Kirchen, von allen Kanzeln begann man gegen d>e Sozialdemokraten zu hetzen, stellte diese als gottlose, verruchte Menschen hin, welche selbst vor dem Heiligsten, der Ebe und dem Familienleben, in ihrer Zerstörungswut nicht Halt machen werden. Sehr viele Arbeiterinnen, erzogen in dem Wahne, daß die Kirche und ihre Priester auch die Freunde der Armen seien, schenkten deren „Warnungsrufen" williges Gehör. So manchem Manne wurde der ohnehin karg bemessene Aufenthalt in seinem Heun verbittert durch die Feindschaft, welche seine Lebens- und Leidensgefährtin gegen seine Bestrebungen bekundete. Doch endlich beginnen auch die grauen einzusehen, dast trotz aller schönen, scheinbar der christlichen Lehre entsprungenen Worten, die man ihnen predigt, die schlechten Löhne und die schlechte Behandlung nicht besser werden. Aber noch sind es viel zu wenige, verschwindend wenige des weiblichen Proletariats, welche den Ideen der Aufklärung zugänglich sind. Und doch haben gerade die von jeher unterdrückten und stiefmütterlich behandelten Frauen das größte Interesse daran, daß die Iielc der Sozialdemokratie verwirklicht werden. Die sozialdemokratie, die Partei aller Unterdrückten ist es, welche auch das weibliche Geschlecht aus der -Stellung der Demut und Knechtung befreien will. Nicht nur als Lohnsklavinnen, sondern auch als Frauen will ihnen die Sozialdemokratie die gebührenden Rechte erringen. Alles, was man den Frauen bisher über die Sozialdemokratie gesägt, um sie von derselben fernzuhalten, ist Lug und Trug. Nicht die Sozialdemokratie ivill das Familienleben zerstören und die Ehe abschaffen, beides wurde von jene n, die so reden, längst besorgt. In früheren Kapiteln ist ausgeführt, wie die Gattin und Mutter ihr Hauswesen verlassen muß, um in die Fabrik nach Brot zu gehen; wie die Mutter ihre mit Gefahr des eigenen Lebens geborenen Kinder allein und aufsichtslos zurückläßt, um Brot für diese .Kinder zu verdienen. Wieviele Kinder sind diesem fluchwürdigen System schon zum Opfer gefallen, dem System, das die Mutter zur Arbeiterin macht und ihr nicht soviel bezahlt, daß sie für die notwendigste Pflege der Kinder »Sorge tragen kann. Weitn dann das aufsichtslose Kind verunglückt, vielleicht gar dem Tod als Beute anheimfällt, wird die arme Mutter vor die Schranken des Gerichts zitiert. Sagt selbst, Frauen, verschulden das die Sozialdemokraten oder jene, die euch vor den Sozialdemo- kraten warnen? Bereichern sich die Sozialdemokraten an euch oder sind es nicht jene, die sagen: „Hütet euch vor den Aufhetzern, sie wollen nur euer Familienleben zerstören"? Die L-ozialdemokraten ivollen, daß ihr, wenn ihr Freude daran habt, euer Familienleben genießen könnt; daß euch das Heim wirklich zum Paradiese werde, nicht zur Hölle, wie es heute nur allzuoft ist. Dazu ist aber eine kürzere Arbeitszeit und höherer Lohn notwendig, und beides werdet ihr nur als Sozialdemokratinnen erkämpfen. „Und die Ehe wollen die sozialdemokraten abschaffen!" Ist nicht auch diese schon längst, obwohl die Sozialdemokraten nicht herrschen, für viele unerreichbar geworden? Der arme Mann, der Arbeiter, fürchtet zu heiraten, weil er weiß, daß er nicht sich allein, sondern eine ganze Familie zum Hungern verurteilt. Er kann seinen Kindern nicht die entsprechende Nahrung geben und ihnen nicht die erforderliche Erziehung angedeihen lassen. Die reichen Männer aber heiraten oft nicht, weil sie von ihrem üppigen Leben nicht lassen wollen und weil sie Geld genug haben, um sich außerhalb der Ehe Liebesfreuden zu schaffen. Was aus 26 dcn Kindern der Liede wird, darum kümmern sie sich gewöhnlich nicht. Bei Gericht müssen sie gezwungen werden, ihren Pflichten einigermaßen nachzukommen. Und, wenn man von der Ehe in den besitzenden Klassen sprechen wollte? Wie oft wird sie profaniert und zum gewöhnliche» Geschäfte herabgewürdigt! Irgend ein reiches Mädchen wird an einen Mann mit vornehmem Namen und einer langen Ahnenreihe verhandelt, der. durch Pferderennen, Spielbanken und teuere Maitressen verschuldet, unbezahlte Wechsel als Brautgeschenk bringt! Und wieder beschuldigt man die Sozialdemokratie, daß sie die Ehe zerstören ivill! Wahr ist, daß die Sozialdemokratie keine Schwärmern! für die moderne Ehe ist; die Sozialdemokratie steht auf dem Standpunkte, daß nur Menschen, die überzeugt sind, miteinander als Gatten glücklich zu sein, in eheliche Verbindung treten sollen; sie erklärt es für unsittlich, wenn Älen scheu aneinander für Lebenszeit gekettet werden, welche für einander keine Zuneigung, sondern Abneigung und Widerwillen gegeneinander haben. Und diese Gefühle sind bei den üblichen Geld- und Standcs- heiraten vorherrschend. Aber noch mit einem weiteren Trug will man den Frauen Angst und Abscheu vor den Sozialdemokraten einflößen, mit dem Schlagworte der „freien Liebe"! Ja, die Sozi a l d e in o k r a t i e ivill die freie Liebe; sie will, daß jZder Mann und jedes Mädchen frei wählen kann, ohne aus materielle Verhältnisse oder Standes- rück.sichten sehen z u m üssen. Das Mädchen soll nicht denken müssen: Wenn ich einen Drechsler heirate, so muß ich hungern, ich suche mir lieber einen Schriftsetzer! Der Mann wieder überlegt: Soll ich das Dienstmädchen heiraten, das mir zwar gefällt, aber im Ehestand nur das Kochen verstehen wird und das Verdienen nicht? Oder suche ich mir eine Kleidermacherin, die zu Hause neben der Häuslichkeit auch mit Nähen etwas verdienen wird? Das sind vielfach die Erwägungen, die heute bei „Liebe" und „Ehe" entscheidend sind, welche zeigen, daß nicht die freie Wahl, sondern Existenzrücksichten maßgebend sind. Wenn später im gemeinsamen Leben die gehegtem Hoffnungen nicht in Erfüllung gehen, entweicht nur allzuoft auch das Glück und der Friede aus dem Hause. Also, Arbeiterinnen, auch die Einführung der „freien Liebe" braucht ihr von den Sozialdemokraten nicht zu fürchten; die anderen, die Gegner der Sozialdemokratie, sagen auch. daß die Sozialdemokraten eure Frauenwürde, eure Mädchcnehre nicht achten, jeder wolle das Recht haben, jede „lieben" zu dürfen und von jeder wieder „geliebt" zu werden. Das ist eine Lüge, von den mit den niederträchtigsten Mitteln gegen die Sozialdemokratie kämpsen- den Gegnern erfunden, um zu verhindern, daß ihr, ausgebeutete Frauen, die Mitstreiterinnen der Sozialdemokratie werdet. Die Anhänger der sogenannten „freien Liebe" findet Ihr nicht bei den Sozialdemokraten. Die Sozialdemokraten sind in ihrer großen 27 Mehrheit arme. ausgebeutete Lohnsklaven wie ihr selbst. Ist aber eure Frauen ehre heute geschützt, wo noch nicht die Sozialdemokraten die Gesellschaft beherrschen? Wird nicht heule oft mit eurer Ehre frevles Spiel getrieben, weil ihr arm und hi'lflos seid? Ihr müstt euer Zornesgesühl uuter- drücken, dürft euren Ekel, eure Empörung nicht zeigen, weil ihr nur rechtlose Arbeiterinnen seid. Wenn Ihr bei der Arbeit alt und hästlich geworden, dann habt ihr wohl für eure Ehre nichts zu fürchten, dann gibt man euch aber auch keine Arbeit mehr. Aber das Proletariat hat auch junge und hübsche Töchter, welche manch vornehmen Herrn begehrendes Wohlgefallen einflöhen. Gibt es doch Leute, welche die Prostitution für ein „notwendiges Uebel" erklären, um die Tugend und Unschuld ihrerf Frauen und Töchter zu schützen! Ihr sollt die Lpfer sein, damit andere brav und sittsam bleiben können! Die Sozialdemokratie erkennt das Schmachvolle, das für die Frauen und Mädchen in diesem Zustande liegt, die Sozialdemokraten wollen die Frauen aufklären, wollen sie lehren, die Schmach einer entwürdigenden Stellung abzuschütteln. O, es ist begreiflich, das; man euch hindern will, in die Reihen der Sozialdemokraten einzutreten. Jene Menschen, die ein Interesse daran haben, euch in Unklarheit und Abscheu vor der Sozialdemokratie zu erhalten, wissen nur zu wohl, das; manches anders werden wird, wenn ihr klassen- bewuhte Proletanerinnen, nach Freiheit strebende Sozialdemokratinnen geworden seid. Aber, sie sagen euch ja auch, das; die Religion, den Glauben die Sozialdemokraten nehmen wollen. Und doch will euch die Sozialdemokratie nur die Augen öffnen über alles Unrecht, das man unter dem Deckmantel der Religion an euch begeht. Sagt selbst: Handeln jene, die berufsmähig die Religion lehren, immer so, wie unter ch r i st l i ch zu verstehen ist? Wird nicht die Religion zum Geschäft gemacht und wie irgendein Gewerbe ausgeübt? Wer nicht zahlen kann, wird nicht eingesegnet. Wer nicht zahlen kann, must ohne Priesterassistenz auf den Friedhof hinaus. Wer nicht zahlen kann, wird nicht getraut und nicht begraben, und wenn auch der Pfarrer ein steinreicher Mann ist. Die obersten Verkünder der Religion, die Bischöfe und Kardinäle, weilen nicht, wie Christus es getan, bei den Armen, sie sind in den Palästen daheim und sind die guten Freunde der Reichen und Mächtigen auf dieser Welt. Ihr aber sollt in Demut und Geduld das Los der Armut und der Ausbeutung tragen. Man sagt euch, daß es «»christlich sei, sich gegen die „Herren", gegen eure „Brotgeber" aufzulehnen. Man wagt euch zu sagen, dah ihr euch an der Religion versündigt, wenn ihr nicht in Ergebung trägt, was Gott euch auferlegt. Das bekämpfen die Sozialdemokraten. Sie sagen, dah man euch in Unwissenheit und Verblendung erhalten null, damit die Unternehmer euch, eure Männer und eure Kinder ausbeuten können, damit sich die Kapitalisten an euch ungestört bereichern können. Wie viele grauen von euch, die gläubigen Herzens zu Maria, die man die schmerzhafte Mutter Gottes nennt, beten, sind selbst auch schmerzensreiche Mutter, die ihre Kinder zivar nicht am Kreuze sterben, aber an Unterernährung und Ueberarbeit zu gründe gehen sehen? Tie Sozialdemokratie fordert euch auf, euer und eurer Kinder trauriges Los nicht als ein unabwendbares, von einer göttlichen Kraft auferlegtes Geschick hinzunehmen, sondern als den Auswuchs einer ungerechten Gesellschaftsordnung. Tie Sozialdemo kratie fordert euch auf, diese nicht christliche, sondern unmenschliche .Trdnung" zn bekämpfen. Die Schützer des Ehristeittums aber sollen nur sorge», daß euch m e n s ch l i ch e L ö h n e bezahlt werden und das; ihr anständig behandelt werdet, das andere mögen sie euch überlassen. Geben euch die reichen (5hristen von ihrem Ueberfluh? Geben sie euch Nahrung und Kleidung, wenn ihr hungrig und cntblüht seid? Einzelne, ja, sind wohltätig und geben ein Winziges von ihrem Ueberfluh oft mit viel Reklame aber der christlichen Religion lun sie damit nicht Genüge, denn diese lehrt: »Liebe deinen Nächsten wie dich selbst!" Wohl werdet ihr geliebt, aber mir so lange, als ihr kräftig und gesund seid. Ist es damit vorüber, dann hinaus mit euch! So handeln diejenigen, welche sagen, der Lozialdemo- kratie sei nichts heilig! Wieviel schöner, wieviel edler sind die Grundsätze der Sozialdemokraten! Diese wollen, daß Armut, Elend und >vah verschwinde. Alle Menschen sollen einander lieben wie Brüderund Schwestern; die einen sollen nicht darbe» müssen, während die anderen prassen. Alles für alle! ist die Losung der Sozialdemokratie und nach einer solchen Gesellschaftsordnung zu streben, muh auch eure Pflicht sein. Tie Religion der Sozialdemokratie i st Gleichheit! Menschlichkeit! Jedem Menschen werde der Lohn für feine Arbeit und denjenigen, die als Krüppel, Greise, kranke u. nicht arbeiten können, werde die sorgenfreie Eristenz aus der Arbeit der Gesamtheit. Tie Sozialdemokratie stellt aber noch eine ganze Reihe von Forderungen, welche den Unternehmern sehr unangenehm sind und deshalb wenden sie alles an, euch davor zu bewahren, daß ihr Sozialdemokratinnen werdet. Endlich sagt man euch: Ja, wenn das alles geschähe, was die Sozialdemokraten verlangen, mühten alle Fabrikanten zugrnnde- gehen. Nun, vor allem haben die Arbeiterinnen keine Ursache, sich wegen der Unternehmerklasse den Kops zu zerbrechen, diese kümmert sich um das Wohlergehen der Arbeiterinnen auch nicht. Zweitens müssen die Arbeiterinnen immer das wollen, ivas für sie notwendig ist: das ist die Verkürzung der Arbeitszeit und bessere Löhne. Wohl ist es eine Geduld und Ausdauer erheischende Aufgabe, all diese Forderungen durchzusetzen, aber die Möglichkeit ist vorhanden, wenn die Arbeiterinnen mit den Arbeitern gemeinsam kämpfen wollen. sümpft das weibliche Proletariat nicht in den Reihen der Sozialdemokratic. so werden die Unternehmer immer die Gelegenheit suchen, die Arbeiterinnen gegen die Arbeiter auszuspielen. Soll die Arbeiterschaft jemals ihr Los verbessern, wollen die Arbeiterinnen jemals ihre Müder zur Freude und nicht zum Schmerz haben, dann müssen sie Sozialdemokratinnen werden und mithelfen, die gegenwärtige Gesellschaftsform zu beseitigen und die Vergesellschaftung der Produktionsmittel anzustreben. Tie Frauen vermögen viel, wenn sie wollen; sie können ihren Männern und Arbeitsbrüdcrn den Kamps erleichtern, wenn sie selbst mitkämpfen. Die Frauen haben auch ihren Kindern gegenüber die Pflicht, am Befreiungswcrk mitzuhelfen, unter den herrschenden Verhältnissen blüht auch diesen dasselbe freudlose Dasein, welches die Frauen zu tragen haben. Die Mütter würden ein Verbrechen an ihren .Kindern begehen, wenn sie tatenlos die Hände in den Schoß legen würden, zu einer Zeit, wo allerorten ein heftiger Kampf gegen die Macht des Geldsacks tobt. Die Arbeiterinnen müssen sich an diesem Kamps an der Seite der Männer beteiligen, erleiden sie doch als Arbeiterinnen, Gattinnen und Mütter Unsägliches; die Befreiung muß auch ihr Werk sein. VIII Die Organisation. Die Arbeiterinnen können gleich den Arbeitern nur dadurch stark und widerstandSkräftig werden, wenn sie sich in den Gewerkschaftsund Fachvereinen organisieren. Leider wissen viele Arbeiterinnen noch nicht, ivas unter einen: Fach-, was unter einem Gewerkschafts- vcrein zu verstehen ist. Wenn eine Arbeiterin von dem Unternehmer in ihrem Lohn verkürzt wird oder sonstwie Schaden erleidet, so macht diese Arbeiterin wohl im stillen oder außerhalb der Werk- stätte ihrem Unmut Luft. doch in der Werkstätte verhält sie sich ruhig und sucht ihre gerechtfertigte Entrüstung zu verbergen. Sie fürchtet, daß. wenn auch nur em unwilliges Wort über ihre Lippen kommt, ihre Entlassung erfolgen werde. Richt besser ist es oft, wenn sämtlichen Arbeiterinnen einer Fabrik eine Lohnreduzierung oder sonst eine drückende Maßregel angekündigt wird. Wohl gürt es in jeder einzelnen, aber keine besitzt den Mut, ein offenes Wort zu sagen, weil jede denkt, es könnte ihr üble Folgen bringen. Wie furchtbar ist es, allen Ingrimm und die gerechte Empörung zu verwinden, ohne sich mit jenen besprechen zu können, die mitbctroffen sind! Solche Verhältnisse können aber nur so lange herrschen, als die Arbeiterinnen uneinig sind. Ganz anders ist es, wenn alle Arbeiterinnen in der Gewerkschaft organisiert sind. Durch die Organisationen haben die Arbeiterinnen ihre Vertrauenspersonen, welche ihnen ratend und, wenn möglich, auch helfend zu Seite stehen. Nur in der Organisation liegt die Macht der Arbeiterschaft, die Macht der Arbeiterinnen. In den Organisationen werden die Arbeiterinnen gestählt für alle wirtschaftlichen und politischen Kämpfe. Es gibt heute schon viele Arbeiterinnen, welche nur neun Stunden, manche, die nur mehr acht Stunden im Tage arbeiten. Es gibt auch in Oesterreich schon Arbeiterinnen in den Tabakfabriken und in den Elektrizitätswerken und noch in manchen anderen Betrieben, die am Samstag nur bis Mittag arbeiten, damit die Verheirateten am Nachmittag Zeit haben, ihr Hauswesen in Ordnung zu bringen, damit sie nicht am Sonntag waschen, reiben und putzen müssen. Die Gewerkschaften kämpfen dafür, das; überall am Samstag Mittag Arbeitsschluß gemacht wird. Wenn diese Forderung auch nicht auf einmal durchzusetzen ist, so ist es doch schrittweise möglich, so leitete die Organisation der Textilarbeiter und -Arbeiterinnen im ^ahre 1!N1 eine Bewegung ein, damit in den Textilsabriken am Samstag der Vier Uhr - Schlus; eingeführt werde. Wenn alle Arbeiterinnen organisiert sein werden, dann werden sie mit den Arbeitern zusammen so mächtig sein, das; sie von den Unternehmern verlangen und auch durchsetzen können, daß die Arbeitszeit und die Löhne so geregelt werden, wie es für die Gesundheit und zur Erreichung einer längeren Lebensdauer notwendig ist. Bei kürzerer täglicher Arbeitszeit, beim freien Samstagnachmittag werden die Arbeiterinnen, die Mütter sind, auch ihren .Ändern mehr Sorgfalt widmen können. Die sozialdemokratischen Gewerkschaften kämpfen auch für den Wöchnerinnen-, den Mutter- und Kinderschutz. Die Mutter werdende Arbeiterin soll nicht bis zur letzten Minute in der Fabrik sein müssen, die Frau, die kaum das Wochenbett verlassen hat, soll nicht schon wieder in die Arbeit hetzen müssen; Gewerbeinspektorinnen sollen auch aus den .Kreisen der Arbeiterinnen vorhanden sein, um die Einhaltung der Schutzbestimmungen zu überwachen. Die organisierten Arbeiterinnen werden von den Vorgesetzten auch ganz anders behandelt werden als die Unorganisierten. Wenn alle Arbeiterinnen eines Betriebes organisiert sind, dann wagen es die Vorgesetzten nicht, die Arbeiterinnen wie ihre Sklavinnen und Leibeigenen zu behandeln. Dann wird die junge und hübsche Arbeiterin auch nicht mehr fürchten müssen, schikaniert oder entlassen zu werden, wenn sie die zweideutigen Liebenswürdigkeiten der Herren Vorgesetzten nicht dulden will. Denn „alle für eine und eine für alle' wird es dann heißen. Wenn alle oder doch ein großer Teil der Arbeiterinnen eines Betriebes bei der Organisation sein werden, dann werden sie sich nicht mehr fürchten, ein freies Wort zu sprechen, dann werden Kriecherinnen und Zuträgerinnen nicht mehr gefährlich sein. Die gewerkschaftliche Organisation wird den Arbeiterinnen Kraft und Selbstbewußtsein geben; sie werden aufhören, sich als Menschen minderer Qualität behandeln zu lassen, und sie werden aufhören, ihre Arbeitskraft für einen Schundlohn zu verkaufen. Gleicher Lohn für gleiche Arbeit, ohne Unterschied, ob Mann oder Weib sie leistet, ist gewerkschaftliches Prinzip, das aber erst dann siegen wird, wenn die Arbeiterinnen selbst Mitglieder der Gewerkschaften sein werden. 31 — IX. Arbeiterin und Politik. Die Frauen und Mädchen müssen auch au den politische» Kämpfen der Arbeiterklasse Anteil nehmen. Die Zeiten sind vorbei, wo alle Welt über die politischen Weiber gespottet hat. wo die Frauen selbst sich gescheut haben, für die Politik Interesse zu bekunden. Immer mehr dringt in das Bewusstsein der Frauen und Mädchen die Erkenntnis, wie unwürdig auch die Gesetzgebung sie behandelt. Die Frauen haben die gleichen Lasten zu tragen, die den Männern aufgebürdet sind. Die Frauen arbeiten um ihren Lebensunterhalt oft bis ins späteste Alter. Ihr Lohn wird zum Verdienst des Vaters oder des Mannes zugezählt, damit der Staat von diesem Familieneinkommen die Personaleinkommcnsteuer einhebeu kann. Die Frau und das Mädchen werden demnach genau wie die Männer auch als Arbeiterinnen direkt besteuert, ^ie zahlen aber auch alle indirerkteu Steuern, so bei Zucker, Salz, Petroleum rc. Sie zahlen Lebensmittelzölle bei Kaffee. Fleisch, Kakao und noch vielen anderen Dingen. Keine Pflicht ist den Frauen erspart, die den Männern aufgebürdet ist. Lasten und immer nur Lasten und keine Rechte! Die Frauen werden gerichtlich bestraft, wenn sie ein Vergehen begehen, aber sie dürfen kein Gesetz mitbeschlietzeu. Jede neue Steuer trifft auch sie. die Unsummen, die für das Rüsten zum Völkermord, für den Militarismus ausgegeben werden, müssen auch die Frauen aufbringen, ihre Söhne müssen sie dem .Vaterlande" geben, wenn sie grotz und stark genug geworden sind, aber sie haben keine Rechte. Tast der Mann der Ernährer ist und deshalb Vorrechte haben mutz, stimmt nicht. Die Frau der arbeitenden Klassen ist von frühester Jugend an ihre eigene Ernährerin, ivie wir bewiesen haben. Sie arbeitet als Mädchen und arbeitet als Gattin. Wenn sie Witwe wird. hat sie nicht nur für sich selbst, sondern auch für die des Vaters beraubten Kinder zu sorgen. Wer unterstützt die Witwen und die Waisen? Niemand ! Der Staat, der den Frauen den Bissen versteuert, mit dem sie ihren Hunger stillen, gibt ihnen nichts, wenn sie mit ihren Kindern hilflos und verlassen allein auf die Arbeit der Mutter angewiesen sind. Weil aber die Frau und das Mädchen ihre eigenen Ernährerinnen sind, weil sie auch Steucrzahlerinnen sind, weil sie in jeder Industrie, im Comptoir, in der Heimarbeit und im Haushalt die Bürde des Lebens zu tragen haben, fordern sie die Rechte, die ihnen die Möglichkeit geben sollen, für die Verbesserung ihrer Lage tätig zu sein. Die Frauen fordern p o l i t i s ch e R e ch l e. 15.000 Frauen waren im Jahre 1911 in Oesterreich politisch organisiert, obwohl ihnen das Gesetz diese Organisation verbietet. Ihr Frauen und Mädchen! Alles dürft ihr in diesem Staate. Kinder gebären, die dann der Staat in den Waffenrock und in die Kaserne steckt. Steuern zahlen, Mörtel tragen, Steine klopfen, die Nähmaschine treten, am Waschtrog stehen. — :i-.> überall, wv es etivas zu arbeiten gibt und sei es selbst die schädlichste und schwerste Arbeit, alles dürst ihr, nichts ist euch verboten, aber das Wahlrecht dürft ihr nicht ausüben. Geistig Schwachsinnige, gemeine Verbrecher und — Frauen sind von der Ausübung des Wahlrechtes ausgeschlossen. Wollt ihr das noch länger dulden? Fühlt ihr nicht die Schamröte brennen, daß man euch, die Gebärerinnen der Kinder, die Mütter und Erzieherinnen, so niedrig einschätzt? Wohlan, ihr Frauen und Mädchen! Empört euch und lehnt euch aus! Denkt nach, ob das. was euch hier gesagt wird, die Wahrheit ist und wenn ihr das erkennt, so hört auf uns. Schafft euch Aufklärung dadurch, daß ihr die s o z i a l d e in o k r a t i s ch e Presse leset, organisiert euch auch politisch in den Reihen der Sozialdemokratic! Die Arbeiterinnen müssen selbst als die Trägerinnen ihrer Zukunft auftreten und in den gewerkschaftlichen Organisationen für die Verbesserung ihrer materiellen Verhältnisse, in den politischen Organisationen für die Eroberung ihrer politischen Rechte kämpfen. Erhebt euch endlich aus dem langen unheilvollen Schlafe, ichliestt euch curen Arbcitsschwestern an, dies ch o n unter dem Banner der Sozialdcmokratie iür Freiheit und gleiche Rechte kämpfen. Verstärkt dic Scharen d e r K ü in p f e n d e n! Keine P r o l e t a r i e r i n sei zaghast und mutlos. Vorwärts gegen Ausbeutung und Rechtlosigkeit! VorwärtS für Freiheil und Glück! Das seien die Losungen der Frauen u n d M ü d- ck) e n des Proletariats! ..Bvrnnirt»", Wien V. ll. 7IVIVV-öib>iottis>< 00810070 >, « V ^ >, «n 5 ^ .^- 2 . -r' '^ >MkL^ .« 1 ^ .H ^7^ /^L -.»/..,-;e. ^ ^ « >/^^> »- ül) >^>» ^ ^ V c '^s?. W«^ ^ ^»» l^eciinirckss IVIureum Wien Sibiiotksk 41.780 * /- >LSL!