sm: 13. M?311 /< o s o 2 s O I-I > ^ O k k Der weibliche Fachunterricht und dessen Organisierung mit iWschi aus du praktische» Kednesniffc des Lebens. E i rr L sS t u d i V Dr:. Ar7anz Witter: Von Kcrprner:te, Ministerialrath im k. k. Ministerium für Cultus und Unterricht. Men 1900. Itfred Mölder^ k. u. k. Hof- und Universitäts-Büchhändler, Rothenthnrmstraße 15. Nachdruck unter Angabe der Quelle gestattet. Nls der Verfasser — nun schon vor geraumer Zeit — Gelegenheit hatte, in Prag ein sehr interessantes Museum zu besichtigen, führte ihn der damalige Besitzer desselben auch in einen ansehnlichen Raum seiner Bibliothek, an dessen Wänden bis hoch zur Decke hinauf Werke, Broschüren und Fachschriften aufgestapelt waren, die ausschließlich die Frauenfrage, oder besser gesagt, die Frage des Frauenerwerbes und der Frauen-Emancipation zum Gegenstände hatten. Eine so kolossale Ausdehnung der literarischen Erzeugnisse auf dem berührten Gebiete musste an sich Verwunderung und Nachdenken erregen, und es schien zunächst gleichgiltig, welchen Wert diese Producte der Presse als solche repräsentierten. Eines der größten Probleme der Zeit stand, gebieterisch Beachtung und Lösung fordernd, vor der Seele: Das Ruhende, bisher in jahrtausend alte Schranken Gewiesene, zeigte sich von einer mächtigen Bewegung ergriffen, die Erscheinung warf ihre langen, literarischen Schatten voraus. Seit diesem Besuche in Prag sind noch kaum zwei Decennien verstrichen, und wie ist seither diese Bewegung ins Riesenhafte angewachsen ! Congresse, zahllose sonstige Versammlungen und Vereinigungen, Diskussionen in- und außerhalb der öffentlichen Vertretungskörper, Enqueten an allen Ecken und Enden, Zeitungen, Compendien und Broschüren in schier unbegrenzter Menge, beschäftigen sich alle mit dem großen Thema des Frauenerwerbes: mit der Organisierung *) Um Missverständnissen zu begegnen, erkläre ich ausdrücklich, dass ich in. dieser Schrift lediglich meine privaten Anschauungen niedergelegt habe, und dass ich die Abfassung derselben nur in der Absicht unternahm, dem öffentlichen Wohle zu dienen und zur Lösung der bei diesem Unterrichtszweige in Betracht kommenden Aufgaben beizutragen. v. Haymerle, Der weibliche Fachunterricht rc. 1 2 und Wehrhastmachung der Frauenwelt in dem schweren Kampf um ihre physische und wirtschaftliche Existenz. Wenn Friedr. Schiller noch vor hundert Jahren (1795) den herrlichen Hymnus aus die Frauen anstimmen konnte: „Ehret die Frauen", so greift in diese Harmonie die schrille Dissonanz des Tages roh hinein, und gezwungen durch die Noth der Zeit tönt es in den Massen: „Nähret die Frauen!" — Das Bild des treuen, nie ermüdenden Waltens der Hausmutter hat noch Schiller in seinem unsterblichen Werke mit dem charakteristischen Zuge ausgestattet: „Sie lehret die Mädchen." Wie dunkel ist der Hintergrund, von dem sich heute dieses Bild abhebt! Wie kann die Mutter lehren, was sie selbst nicht gelernt hat, was sie bei total geänderten Lebensverhältnissen auch gar nicht lernen konnte, weil keine Gelegenheit da war, es zu lernen? Oder sollten die Dinge zu schwarz geschildert sein? Sollte eS sich wirklich nur um ein in den Köpfen exaltierter Frauen und Männer entstandenes Hirngespinst handeln? — Der Gegenbeweis ist unschwer zu führen; man braucht sich nur einige Zahlen zu vergegenwärtigen. Ende December 1890, zur Zeit des Abschlusses der letzten Volkszählung, gab es in Österreich rund 11,680.000 Personen männlichen und 12,200.000 Personen weiblichen Geschlechtes. Dieses überragte demnach das männliche um mehr als eine halbe Million; aus je 1000 Männer entfielen 1044 Frauen.*) Anderseits standen von 9 Millionen über zehn Jahre alten Angehörigen des weiblichen Geschlechtes in Österreich über 5 Millionen in selbständigem Erwerb. Daher erklärt sich die von Rauchberg hervorgehobene Wahrnehmung, dass „die größere Jnten- sivität des wirtschaftlichen Lebens in der Monarchie in der durch die Volkszählung von 1890 markierten Periode der stärkeren Betheiligung des weiblichen Geschlechtes an der Berufsarbeit zuzuschreiben sei, denn von je 100 Erwerbsthätigen waren 1869 nur 43'9o/<>, 1890 bereits 44'5°/g weiblichen Geschlechtes, von je 100 Frauen waren 1869 noch 50'6o/o, 1890 schon 51'2°/<, berufsthätig". Dabei muss man aber auch im Auge behalten, dass in der Zeit von 1881—1890 auf je 100 heiratsfähige Personen durchschnittlich nur 22 Eheschließungen fielen. Ähnlich verhält es sich auch in anderen großen Culturstaaten, z. B. im Deutschen Reiche, wo es in der gleichen Zeitperiode nahezu eine Million (988.376) sogenannt „überschüssige" Frauen gab. Von den damals gezählten *) Vgl. Rauchberg: „Die Bevölkerung Österreichs." Wien 1895, A. Hölder. Über das Schwanken dieses Überschusses in verschiedenen Zeitabschnitten und über die Art der Vertheilung desselben hat dieser Autor in seinem Werke sehr interessante Studien veröffentlicht. 3 25 Millionen Frauen waren in Deutschland bei 7 Millionen auf den eigenen Erwerb angewiesen. Der Überschuss an ehemündigen Frauen betrug annähernd drei Millionen Frauen, die — wie Pros. Haus- hofer in München nachgewiesen hat — „mit mathematischer Sicherheit von der Verheiratung ausgeschlossen bleiben". Was wird aus diesen? „Wir könnten," sagt ein deutscher Beobachter*) dieser Zustände, „das gesammte Königreich Sachsen, oder drei Städte so groß wie Hamburg, oder das ganze Königreich Württemberg und das Großherzogthum Baden mit dem Überschuss an Frauen bevölkern." Angesichts solcher Erscheinungen wird wohl niemand die Richtigkeit der Ansicht in Zweifel ziehen, dass die „Frauenfrage" ihre Wurzel in der bitteren Nothlage habe, welche die socialen Verhältnisse für einen großen Bruchtheil der weiblichen Bevölkerung geschaffen haben; dass sich darauf zum Zwecke der Selbsthilfe die Forderung auf Bildungsund Arbeitsgelegenheit gründe, und dass diese Frage überhaupt „ohne Versorgung der Unversorgten" nicht der Lösung zugeführt werden könne.**) Bei solchen klar zutage tretenden, tiefgehenden Missständen können nur eine ihres Zieles bewusste Socialpolitik und eine Reihe auf ihr fußender Maßnahmen Wandel schaffen. Eine gewichtige Rolle spielt Hiebei jedenfalls die Art, Gestaltung und Einrichtung des Unterrichtes, und dieser Frage näher zu treten scheint in der That hoch an der Zeit zu sein, wenn man sich nicht eines folgenschweren Versäumnisses schuldig machen will. Es sei daher gestattet, hier auf sie einzugehen. Wenn man mit Rücksicht auf das Bedürfnis der breiten Schichten der Bevölkerung den ganzen Complex der in Betracht kommenden Fragen ins Auge fasst, so zeigt es sich, dass es zunächst auf die oberen Zehntausend nicht wesentlich ankommt, mögen diese in ästhetisierenden und philosophierenden Lehrzirkeln ihr Bildungsheil erblicken und in dem Betreten alter Geleise, wo die Wechselstellung für die Lebensfahrt von der mehr oder minder erfolgreichen Vertiefung in die Geheimnisse der lateinischen und griechischen Grammatik abhängig ist, oder mögen sie mehr praktischen Zwecken huldigen. Hier sei nur konstatiert, dass in den Anschauungen der meisten Culturstaaten und auch in jener der österreichischen Unterrichtsverwaltung gegenüber der Auffassung vor noch *) Gnauck-Kuhne. **) Schaffte sagt in feinem Buche: Bau und Leben des socialen Körpers: „Die Frauenfragen find ein pathologisches Product." 1 * 4 nicht dreißig Jahren über das höhere wissenschaftliche Studium der Frauen ein gewaltiger Umschwung der Meinungen.sich vollzogen hat*), ja man kann sagen, über das Ziel selbst ist man kaum mehr im Unklaren, wenn man auch bei der Feststellung desselben den jeweiligen Verhältnissen in den einzelnen Staaten eine entscheidende Bedeutung beimessen muss; wohl aber kann man sehr verschiedener Ansicht darüber sein, welche Wege zum Ziele führen, und mit Recht hat man ernste Bedenken darüber erhoben, ob die Einführung einer analogen Einrichtung zu unserm Gymnasien für die männliche Jugend die richtige Maßnahme für die weibliche Bevölkerung bilden würde.**) Oder soll, ganz abgesehen von den in der Natur der Sache liegenden Momenten, der „aufsteigenden Classenbewegung" zu Liebe die erschreckende Zahl der männlichen Mittelschüler — in Österreich überstieg dieselbe zu Beginn des Schuljahres 1899/1900 bereits 100.000 — und das damit über die Meisten für die Zukunft unaufhaltsam heraufbeschworene sociale Elend noch eine weitere Steigerung erfahren? — Sicher ist es, dass alle berechtigten Bestrebungen, den Boden wissenschaftlicher Studien Frauen zugänglich zu machen, nur dann von Erfolg begleitet sein werden, wenn es gelingt, eine eigene Bildungsstätte als feste Basis für die Vorbereitung zu solchen Studien zu schassen. Bei solchen Neuschöpfungen kann die Anwendung der Schablone am wenigsten empfohlen werden. Unser Thema gestattet nicht, über diese wichtige und interessante Frage uns hier weiter zu verbreiten; hier kann diese nur insoferne in Betracht kommen, als sie eben mit diesem Thema bestimmte Berührungspunkte hat, und diese zu erörtern wird sich im Verlaufe der Behandlung desselben mehrfach Gelegenheit finden. In vorzüglicher Weise hat den Kern der Sache Frau Kath.Mig erka in einer Besprechung ***) der „Mädchen-Unterrichtsfrage" mit folgenden Worten charakterisiert: „Die gewohnheitsmäßig übernommene Vernachlässigung des weiblichen Unterrichtes musste bei dem großen Umwandlungsprocesse unserer socialen Verhältnisse unvermeidlich zu einer nicht culturgemäßen Entwickelung führen, zu dem grausamen Wider- *) Vgl. Dr. Karl Freiherr v. Lemayer: Die Verwaltung der österr. Hochschulen von 1868—1877, S. 96 u. folg.; die „Frauenfrage an den österr. Universitäten". **) Siehe den trefflichen Artikel von Uuiv.-Prof. Dr. Friedrich Jodl über: „Höhere Mädchenbildung und Gymnasialfrage" in den Documenten d. Frauen, Wien, I, Nr. 6. ***) Wiener Mode, XII, S. 390. 5 spruche zwischen Sollen, Wollen und Können, unter dem das weibliche Geschlecht heute leidet, in seinem Wirken und Leisten sich gehemmt suhlt. Aus wirtschaftlicher Noth der einen und einem unvermuteten Überschüsse an Schaffenskraft der anderen ist die Frauenbewegung, die so mächtig die Gegenwart beherrscht, hervorgegangen. Die verbesserte Erziehung, der erweiterte Unterricht muss daher folgerichtig deren oberste Forderung sein. Der Schwerpunkt dieser Forderung scheint uns aber nicht dort zu liegen, wo die Töchter des Mittelstandes, der gebildeten und besitzenden Classen um ihr gutes Recht nach geistiger Entfaltung und wirtschaftlicher Unabhängigkeit kämpfen, sondern dort, wo die Töchter der Armut in langen Reihen ausrücken in den harten Kamps ums tägliche Brot, ohne jede andere Ausrüstung als den guten Willen, ohne jeden anderen Führer als die Noth, dort, wo die arbeits- müden, sorgenbelasteten Frauen in ihrem ohnehin durch den Erwerbszwang verkümmerten Walten im Hause noch durch Mangel an Kenntnissen geschädigt werden: Nicht an der verschlossenen Pforte des Gymnasiums, sondern dort, wo die sich schließende Thür der Volksschule für die Mehrzahl der Mädchen den Abschluss alles Wissens, aller Bildung für das Leben bedeutet." — Man muss also vor allem den außerhalb dieser Thüre liegenden Boden daraufhin ansehen, ob er wirklich so unergiebig ist, als es scheinen mag, ob sich mit ihm thatsächlich nichts anfangen lässt, oder ob er nicht, wenigstens allmählich, durch rationelle Bewirtschaftung urbar und fruchttragend gestaltet werden könnte. Allerdings, nicht wenig Mühe und Arbeit würde dies kosten; auch müsste man von vorneherein das eingewurzelte, in unserer historisch überkommenen Anschauungsweise gegründete Vorurtheil ablegen, als sei es mit der Würde der Verwaltung nicht recht vereinbar, ihre Fürsorge in erster Linie anscheinend niederen Regionen ungehörigen, aber nichtsdestoweniger wirtschaftlich sehr bedeutsamen Aufgaben zuzuwenden. Vielleicht klingt es in einem Programme weniger gut, von einer Unterweisung und Erziehung von Dienstboten, Arbeiterinnen, Pflegerinnen u. s. w. zu reden, als von Schulen für Kunststickerinnen, für Maltechniken u. dgl., welche ihre Jüngerinnen mit einem wahren Jammerlohn für das Leben entlassen. Bei den erforderlichen „technischen Vorarbeiten" wird man gut thun, die in Betracht kommenden weiten Gebiete nach den Hiebei verfolgten Zielen in gewisse Gruppen zu scheiden. Eine genaue Grenzlinie kann da zwar nicht gezogen werden, da die Gestaltung der Anforderungen durch das Leben selbst eine zu labile und mannigfache ist- 6 Diese wahrzunehmen und ihr zu entsprechen ist eben eine Aufgabe der Durchführung der Organisation selbst. Eine andere Theilung, wie etwa jene nach der erforderlichen Vorbildung oder nach dem Umfang und der Dauer der Unterweisung (Tagesschulen und Tagescurse, Stundenschulen u. s. w.), träfe nicht das Wesen der Sache, und wäre daher die Erörterung dieser Seite derselben zunächst nicht in den Vordergrund zu stellen. Im wesentlichen kämen etwa folgende Hauptgruppen von Schnlorganismen in Frage: I. Gruppe: Anstalten zur Erlangung einer erhöhten Lebensführung und zur Ausbildung der lohn arbeiten den Classen im engeren Sinne: Curse (Koch- und Arbeitsschulen) für Fabriksarbeiterinnen; Waisenhaus- und Dienstbotenschulen; ferner Schulen und Eurse für eine möglichst weite Verbreitung einer rationellen Geschäfts- gebarnng in den unteren und mittleren Schichten der Bevölkerung XII und speciell den daselbst veröffentlichten Artikel: „Schaffet Arbeiterinncnheimc!" 8 Rubrik in den Berichten der Ärzte und speciell jener der Fabriks- und Bezirkskrankencassen. Die leider in weiteren Kreisen fast gar nicht bekannten Ergebnisse der Enquete über die Arbeits- und Lebensverhältnisse der Wiener Lohnarbeiterinnen, welche in der Zeit vom 1. März bis zum 21. April 1895 in Wien abgehalten worden ist "1, liefern, wenn man einen noch so objectiven Maßstab bei ihrer Beurtheilung anlegt, ein wohl auch für anderwärtige Zustände zutreffendes, schrecken- erregendes Bild. „Es wurden Lebensverhältnisfe der weiblichen arbeitenden Clasfe aufgedeckt, die so entsetzlich sind, dass sie oft nicht mehr glaubwürdig erscheinen. In diesem Berichte kehrt die Thatsache immer wieder, dass die Ernährung der Arbeiterinnen im allgemeinen eine ungemein schlechte ist. Theilweise mag dieser Umstand gewiss der langen Arbeitszeit und der schlechten Bezahlung zuzuschreiben sein; aber sie verstehen es nicht, die paar Heller, die sie zur Beschaffung der Lebensmittel verausgaben dürfen, so zu verwerten, dass sie bei möglichst guter Zubereitung der Speise eine ausgiebige und billige Ernährung erzielen. Sie haben eben von der Kochkunst nichts, ja gar nichts gelernt." *) **) Das Gleiche gilt von der Kenntnis der einfachsten Näh- und Flickarbeiten. Das in der Volksschule Erlernte ist häufig nicht das, was im täglichen Leben wirklich gebraucht wird; auch ist hiefür in einem zu jugendlichen Alter kein Verständnis für das vorhanden, dessen Mangel später nur zu bitter empfunden wird. Aus dieser Noth heraus ist die Verbindung der Kochschule mit einer Arbeitsschule elementarer Art entstanden, und sie wird auch festgehalten werden müssen, wenn dem Bedürfnis des Lebens dieser Classe der arbeitenden Bevölkerung Rechnung getragen werden soll. Was für gemeinnützige Einrichtungen bestehen nun in Österreich, um diesem Elende einigermaßen zu steuern und den kolossalen Bedarf zu befriedigen? — Nicht einmal zwei Dutzend, lediglich aus *) Wien 1897. Erste Wiener Volksbuchhandlung tJg- Brand«. - Zehr beachtenswert sind ferner die Protokolle der Enquöte des k. k. arbeitsstatistischen Amtes über die Verhältnisse der Arbeiterinnen in der Kleider- und Wäsche- confection. (Erschienen 1899 in Wien bei A. Hölder.) — Übrigens wie viele weibliche Existenzen sind da in eine Linie mit diesen Arbeiterinnen zu stellen! „Unzählige Frauen," sagt W. Rieht, „sind in einen Zustand versetzt, welcher vollkommen dem des socialen Proletariats entspricht. Der Jammer dieser weiblichen Proletarier wird nicht in der Presse zur Schau getragen, sie machen keine Aufläufe und bauen keine Barrikaden. Sie verhungern und verkommen ganz in der Stille. Gott allein sieht ihr verschwiegenes Dulden." **) „Mädchenerziehung und Mädchenversorgung" von Marie Kittner, 1897, Wien bei Seidel. 9 privater Initiative entstammende, aus zufälligen, unsicheren Unterstützungen mühsam erhaltene Curse! — Das ist aber umso beklagenswerter, als wir gerade bei uns einige sehr gute Schuleu dieser Art besitzen, u. a. die wohlorganisierte Fabrikskoch- und Arbeitsschule von V. Hämmerle in Dornbirn (Vorarlberg), welcher diese Schulkategorie zuerst in Österreich praktisch eingeführt hat, ferner die von dem hochverdienten früheren Central-Gewerbe-Jnspector Ministerialrath Dr. Franz Migerka und dessen Gemalin ins Leben gerufenen Koch- und Arbeitsschulen in Wien*), welche nur den rastlosen Bemühungen ihrer Gründer ihre segensreiche Entwickelung verdanken. Außer diesen drei Schulen existieren derartige Curse in Österreich noch an 17 Orten.**) „Was ist das für so viele?" kann man da mit den Worten des Evangeliums ausrufen. Über hundert Fabriksarbeiterinnen sind z. B. gegenwärtig an der Koch- und Arbeitsschule im VI. Wiener Bezirke vorgemerkt und nur zwölf können in einem Curse ausgebildet werden. Bis jetzt sind an dieser Schule 42 zweimonatliche Curse abgehalten worden, und — so groß an sich die Leistung auch ist — es waren doch nur in langen Jahren bei 500 Arbeiterinnen, welche einer solchen Ausbildung theilhaftig werden konnten. Es ist eine wahre Schande, dass man in den maßgebenden und interessierten Kreisen für solche Dinge keinen Blick und keine offene Hand hat! Was hat man auf diesen: Gebiete schon im Ausland geschaffen und welche Früchte hat dies gezeitigt!***) Die Organisierung der erwähnten Schulen, speciell in Wien, ist eine so gute und bewährte, dass man sie sofort zum Vorbild bei Gründung neuer Schulen nehmen könnte, sobald geeignete Lehrkräfte zur Verfügung stehen werden, was aber auch keinen allzugroßen Hindernissen begegnen dürste. Bon dieser Seite her bietet also die Sache gar keine Schwierigkeit. Der Schulorganismus müsste in dem engsten Rahmen gehalten sein: Cursdauer zwei Monate; Maximalzahl der Theilnehmerinnen bei einen: Curse zwölf, also, da die heißen Sommermonate nicht in Betracht kämen, jährlich fünf Curse an einer Anstalt; Unterrichtszeit in der Regel abends, wenn möglich von 6—^9 Uhr. Die Durchschnittskosten für eine Mahlzeit, die nach den Marktpreisen berechnet und gekocht wird, betragen 26—28 /,; Im VI. Bezirk, Millergasse Nr. 12, und im XVI. Bezirk, Ottakringer Hauptstraße Nr. 158. **) Baden bei Wien, Berndorf (Krupp), Brünn, Fridek, Gföhl, Groß- Siegharts, Harland, Krems, Laibach, Langenlois, Linz, Ober-Altstadt bei Trautenau, Ollersdorf, Stadlau, Ulmerfeld, Waidhosen an der Mbs, Jauchtet bei Neutitschein. ***) Siehe „Die hauswirtschaftliche Unterweisung armer Mädchen" von Fritz Kalle und Dr. Otto Kamp. Wiesbaden bei Bergmann. 10 für diese Mahlzeit wird von der Schülerin ein Zuschuss von 20/, eingehoben, der — wie eine lange Praxis gezeigt hat — pünktlich geleistet wird und ein unentbehrliches pädagogisches Mittel bildet. Nach den bisher gemachten Wahrnehmungen ist das Interesse an den Cursen groß, die Betheiligung eine regelmäßige, die Dankbarkeit sür das Gebotene und Erlernte eine ersichtliche, oft wahrhaft rührende. Als unterste Grenze der Ausnahme wäre das 16. Lebensjahr anzusehen.*) Was kostet nun eine solche Anstalt? Verhältnismäßig nur wenig. Ihre regelmäßige Erhaltung (inclusive der Beschaffung des Locales) erfordert 2000—2400/r"; die einmaligen Investitionen betragen circa 1600/^. An jeder Schule werden zwei Lehrkräfte benöthigt: die Kochlehrerin und die Arbeitslehrerin; die Entlohnung einer solchen Kraft kann mit monatlich 60—80angesetzt werden; die Leiterin erhält eine mäßige Zulage. Auf keinem Fall darf beim Honorar sür eine tüchtige Kraft gespart werden. Würde man nun successive eine Anzahl solcher Schulen ins Leben rufen**), so würde sich Hiebei eine concurrenzmäßige Betheiligung öffentlicher und sonst interessierter privater Factoren (Staat, Land, Gemeinde, Bezirk, Handels- und Gewerbekammer, Fabriksunternehmung u. s. w.) am besten empfehlen, weil diese nach den auf verwandten Gebieten gemachten Erfahrungen am leichtesten zum Ziele führt. Welche Wohlthat könnte hieraus für viele taufende, jetzt haltlose Existenzen erwachsen! Bricht sich aber erst die Lache — die ja auch ein Theil der Gewerbeförderung in ihrer Art ist — Bahn, wird sie populär, und bemächtigen sich derselben die noch in Ansängen befindlichen Wohlfahrtseinrichtungen, wie z.B. die Jubiläumsstiftungen u. a., so wird der volkswirtschaftlich erzielte Effect ein noch nachhaltigerer sein. Der Staat muss aber die Initiative zu einer planmäßig fortschreitenden Action ergreifen, in Form eines Systemes ausreichender Subventionen und sonstiger Förderungen eine Prämie sür die regulär eingerichtete Schule setzen und sür die Ausbildung der erforderlichen Lehrkräfte Sorge tragen. In letzterer Hinsicht wäre ein Doppeltes zu beachten; Erstens, dass diese jeder größeren Action hinsichtlich der Vermehrung der Schulen voranzugehen hätte, zweitens, dass nur verlässliche, dem Schülerinuenmateriale gewachsene Personen mit dem Unterricht und *) Nähere Details über die Einrichtung solcher Schulen siehe Anhang, Beilage **) In dieser Hinsicht wird wohl der Mitwirkung der k. k. Gewerbe-Jnspectoren nicht zu cntrathen sein. Jetzt ist die Gründung solcher Schuten eine reine zufällige. 11 seiner Leitung betraut werden dürfen.*) Disciptinhalten ist in diesem Schulenrse sehr leicht, wenn man Takt und eigenes Können zeigt, sonst ist alle liebe Mühe vergebens. Endlich sei hier noch einer für das Gedeihen dieser Institution wichtigen Forderung gedacht, nämlich der Verpflichtung der Fabriks- oder Gewerbsunternehmung da, wo solche Eurse bestehen, ihrem Arbeitspersonale auch den Besuch derselben sür die ohnedies so kurze Dauer des Unterrichtes zu ermöglichen, und zwar — dies ist ein entscheidendes Moment — ohne Verdienstentgang sür die Arbeiterin. 2. Schulen kür die Heranbildung von Dienstboten. Selten sind in einem Verwaltungsbereiche bestehende, schwere Missstände so oft, allseitig und gründlich klargelegt, besprochen, beklagt und für sie Abhilfe gefordert worden, und selten ist auf einem Gebiete so wenig geschehen, wie auf jenem des Gesinde- und Tienstbotenwesens. Es sieht geradeso aus, als ob diese Sache das öffentliche Leben und seine Verwaltung nichts angienge, und doch ist sie von einer in das Dasein der Menschen, und zwar des Einzelnen wie der Familie, tiefein- greisenden Bedeutung. Dieses Verhalten ist aber auch darum merkwürdig, weit im ganzen gerade bei Dienstboten die Stabilität des Berufes eine ausfallende ist; man sollte meinen, dass diese Erscheinung Beachtung verdiente. Der Dienstbote bleibt in der Mehrzal der Fälle Dienstbote, auch wenn er zwanzigmal den Platz wechselt, und heiratet er, so wird es ihm für den künftigen Haushalt auch nicht schaden, wenn er einmal etwas gelernt hat. Wer nimmt sich aber jetzt der nothwendigen Ausbildung des Dienstpersonales an'? — Gegen theures Geld einige Unternehmungen; mit mehr oder minder Verständnis und Geschick ein paar Vereine, einige geistliche Orden u. dgl. Nun beträgt aber die Zahl der „Dienenden" in Österreich nahezu eine halbe Million; Hiebei sind männliche und weibliche Dienstboten nicht unterschieden, jedenfalls machen aber die letzteren einen sehr erheblichen Percentsatz derselben aus.**) Das sind also wieder recht respektable Summen * i Die Erfahrung hat gezeigt, dass man unter den Tausenden von Industrie- lehrerinnen brauchbare Kräfte findet; darauf wäre das Augenmerk zu richten. **) Vgl. Rauchberg, a. a. O. S. 312, welcher die Gesammtzahl der „Dienstboten" im engeren Sinne, also mit Ausschluss der ländlichen Dienstboten rc., mit circa 280.000 angibt. In Wien gab es Ende 1890 im ganzen bei 92.000 Dienstboten, also nicht weniger als 6 72°/o der Wiener Bevölkerung. Die Zähl der weiblichen Dienstboten betrug über 86.000 Personen, demnach 94 27°/y der Gesammtzahl. Jede achte Frau in Wien ist Dienstbote. (Vgl. hierüber die interessanten Studien von Dr. Fritz Winter in den Doc. d. Frauen, Bd. II, Nr. 21.) 12 von „Lohnarbeiterinnen" im engeren Sinne, für deren Fortkommen durch fachliche Unterweisung aus öffentlichen Mitteln fo gut wie gar nichts geleistet wird. Natürlich müsste sich eine bezügliche Ausbildung auf den durchschnittlichen, mittleren Haushalt beschränken, denn Routine kann nur durch die Praxis erworben werden; sie müsste sich aber an einen wirklichen Haushalt anschließen, sonst wäre sie ohne Wert. Das, was gelernt werden soll, ist auch nicht in erster Linie der Inhalt des Dienstes, sondern, neben einem gewissen Maß von Fachkenntnissen, die Ausbildung der Eigenschaften für den Dienst: Pünktlichkeit, Ordnung, Gehorsam, Über- und Umsicht, Vertrautheit mit den wichtigsten Vorgängen des Wirtschaftslebens und mit seinen Hilfsmitteln u. s. w. Auch auf anderen Gebieten vermag ja die Fachschule die gute Meisterlehre niemals zu ersetzen und soll dies auch gar nicht; die Atmosphäre des Lebens lässt sich eben durch schulmäßige Einrichtungen nicht erzeugen. Der gleiche Mangel aber, welcher mit zwingender Nöthigung zu solchen Schul- organismen überhaupt geführt hat, weist auch hier den Weg, und möglichst früh muss er betreten werden. Für gewöhnliche Haushaltungen — und diese sind in der überwiegenden Zahl — braucht man nur eine einfache, aber zielbewusste Erziehung der Dienstboten. Diese könnte auf eine verhältnismäßig leichte Art gefunden werden, nämlich durch die Benützung der öffentlichen und privaten Anstalten und Stiftungen für die Wagenpflege, sowie von Instituten verwandter Richtung. Im ganzen ist auch da bei uns, abgesehen von ein paar vereinzelten ehrenwerten Ausnahmen, tadnla na8a! Wir haben leider überhaupt viel zu wenig Waisenhäuser, speciell für Mädchen. Waren doch 1898 in ganz Österreich nur 160 derartige öffentliche und private Anstalten, in welchen nur 4859 Mädchen untergebracht waren!*) Man stelle dieser Ziffer folgende gegenüber: Wohl der gewiegteste Kenner der einschlägigen Verhältnisse, Herr k. k. Be- zirksschulinspector Schulrath I. M. Hinterwaldner in Wien, hat in seiner anlässlich der Wohlfahrtsausstellung 1898 veröffentlichten eingehenden Arbeit Über Waisenhäuser, Kinderasyle n. s. w. wertvolle Mittheilungen gemacht. Aus einer auf mein Ersuchen verfassten und mir freundlichst zur Verfügung gestellten Übersichtstabelle, welche im Anhange als Beilagen dieser Schrift bci- gcgeben ist, sind nähere Details über den Stand der Wagenpflege für Mädchen ersichtlich. Die Stadt Wien besitzt z. B. nur drei Waisenhäuser für Mädchen, eine „gemischte" Anstalt und das „Asyl für verlassene Kinder" im ganzen mit 246 Pfleglingen. („Die Gemeindeverwaltung der Reichshaupt- und Residenzstadt Wien in den Jahren 1894—1896." Sfsicieller Bericht 1888, bei Braumüller.i 13 Nach den amtlichen Ausweisen der Justizverwaltung waren in demselben Jahre: bei den Bezirksgerichten rund 1,107.000 und bei den Gerichtshöfen rund 1150 Vormundschaften für Waisen anhängig. Man nehme nun bei dieser Million den gewiss kleinen Bruchtheil von etwa 2l)o/o gänzlich unbemittelten, hilflosen Waisen, und man wird das kolossale Missverhältnis klar erkennen, welches gegenüber diesen Hunderttausenden im Schuldbuche der Öffentlichkeit und der Verwaltung verzeichnet steht! Und da klagt man noch, dass man keine Dienstboten erhält, wenn man solche Massen zur Verfügung hat! In der Regel bleiben die Mädchen nur bis zum Abschlüsse des volksschulpflichtigen Alters in den Waisenanstalten und kommen dann „in die Lehre" oder „in einen Dienst", wenn sie nicht, falls sie väterlicherseits Halbwaisen sind, gegen eine kleine Unterstützung der Mutter zurückgegeben werden. Nun ist aber die Controle über solche Waisen gerade auch nicht die stärkste Seite unserer Verwaltung. Sehr richtig ist in dieser Hinsicht bemerkt worden*): „Wenige Ausnahmen zugegeben, krankt unsere ganze Wagenpflege daran, dass sie den Schützlingen den Schutz in einem Alter entzieht, in welchem sie der Führung und des Schutzes am meisten bedürfen. So wird mit der einen Hand niedergerissen, was mit der anderen aufgebaut oder aufzubauen versucht worden ist." Da ist der Punkt, wo eine vernünftige Reform einsetzen müsste: Die Mädchen dürfen nicht ohne eine gewisse fachliche Erziehung aus solchen Anstalten entlassen werden; das Waisenhaus selbst muss die Stätte sein, wo sie diese Erziehung und damit die Hauptrichtung für ihr Leben erhalten. Selbstverständlich sollte sie in erster Linie den Beruf als Dienstbote ins Auge fassen, und nur bei ausgesprochenem Talente sollte ein anderer Weg eingeschlagen werden. Allerdings würde dies eine Verlängerung des Aufenthaltes des Pfleglings in der Anstalt um wenigstens ein Jahr — so lange muss man unbedingt auf die Ausbildung rechnen — bedeuten. Finanziell käme aber Hiebei in Betracht, dass die jetzt gewährten Unterstützungsbeträge wegfielen, dass das von den Zöglingen Geleistete auch in Anschlag gebracht werden muss, endlich dass die Verwirklichung dieser so dringenden Re- *) In dem Artikel von K. Migerka: „Auch eine sociale Aufgabe" (Zeitschrift für österr. Volksschulwesen, Wien 1899, S. 65). Daselbst ist auch die umfassende Thätigkeit des „Freiwilligen Erziehungsbeirathes für schulentlassene Waisen" in Berlin geschildert, welcher 1896 220 Bezirksausschüsse, 889 Vereinsmitglieder, 1473 Pfleger und Pflegerinnen, 165 fachmännische Beiräthe, darunter 80 Ärzte, zählte. 14 form wohl auch in weiteren Kreisen eine materielle Forderung erfahren würde, wenn sie nur erst bekannt wäre. Oder soll das bittere Wort: „Noch immer werden durch testamentarische Verfügungen, freiwillige Lüftungen, Vereinssammlungen und ähnliche Mittel ansehnliche Beträge aufgebracht, die der studierenden männlichen Jugend zugute kommen, an die Mädchen denkt niemand" nicht endlich doch eine Abschwüchung erfahren? — Ein Treckt*) thäte da in mehr als einer Beziehung noth. Natürlich dürfte der Staat nicht mit verschränkten Armen dastehen. In dem einzigen, noch als eine Schöpfung der großen Kaiserin Maria Theresia überkommenen, staatlichen Waisenhause für Mädchen in Judenau bei Tulln werden die Mädchen bis zum 16. Lebensjahre belassen; in den zwei letzten Jahren werden sie zu Dienstboten herangebildet und entsprechend fachlich unterrichtet. Dieses Ausmaß und diese Grenze des Unterrichtes sind auch sicher das Richtigste. Da ist also schon das verwirklicht, dem wir das Wort reden; das ist aber auch alles, was der Staat auf diesem großen Gebiete der Volkserziehung jetzt leistet. In verhältnismäßig sehr geringer Weise betheiligen sich auch die anderen Factoren an dieser Berufsbildung. Derartige Fachabtheilungen der Waisenhäuser müssten ähnlich organisiert werden, wie die „Wirtschaftsschulen", von welchen bei Gruppe III die Rede sein wird, also als Tagesschulen mit einem vollständigen Wirtschaftsbetrieb. Sie haben sich in anderen Ländern**) schon gut bewährt, warum sollte man mit ihnen bei uns nicht das Gleiche erreichen können? — Unwillkürlich drängt sich da aber auch der Gedanke auf, ob es nicht auch möglich wäre, außerhalb der Waisenhäuser oder ähnlicher Anstalten befindlichen, armen, braven Mädchen nach vollendeter Schulpflicht durch einige Zeit als Externe solcher Anstalten Gelegenheit zu geben, sich zu Dienstboten auszubilden. Unsummen fließen alljährlich aus öffentlichen und privaten Mitteln der Armenpflege zu, um eigentlich ohne ersichtliches Resultat verschlungen zu werden. Würde nur ein Theil solcher Mittel für derartige Zwecke *) Ein Wiener Bürger, welcher vor einigen Jahren den Zwecken der Wissenschaft eine Million Gulden gewidmet hat. **) Vgl. Kalte und Kamp: „Die hauswirtschaftliche Unterweisung armer Mädchen", insbesondere über die Elisabethen-Anstalt in Nieder-Ramstadt bei Darmstadt, das „Augustenstift" in Coburg, das katholische Waisenhaus in Zdung in Posen, wo Mädchen bis zum 20. Jahre erzogen und „je nach ihrer Anlage und Fähigkeit in allen Zweigen des kleinbürgerlichen Haushaltes unterwiesen werden", die Waisenhäuser in der Rheinprovinz; endlich die bezüglichen Einrichtungen in Schweden. 15 bestimmt und eine conerete Einrichtung damit gefördert werden, wie viel ließe sich da erreichen! Der Verfasser verkennt übrigens keineswegs die Schwierigkeiten und Vorurtheile, welche da erst bei solchen Anstalten und beim Publicum zu überwinden wären; es sind aber schon weit größere durch die Praxis des sachlichen Unterrichtes besiegt worden, man denke nur z. B. an die Organisierung des Handfertigkeitsunterrichtes an allgemeinen Handwerkerschulen, bei dem man auch geglaubt hat, da ließe sich nichts machen und würde nichts Brauchbares und Vernünftiges herauskommen. Unter allen Umständen sollten aber die Mädchen in Waisen- anstalten einfach kochen und tüchtig arbeiten lernen, auch wenn sie nicht Dienstboten werden sollten. Es ist gar nicht einzusehen, warum das in Österreich unmöglich sein sollte, was jährlich in London bei 32.000 Mädchen bis zum Alter von 15 Jahren möglich und erreichbar ist. Ist das englische Mädchen in diesem Punkt wirklich so himmelweit verschieden von dem österreichischen? — Die Art der Erziehung und die rationelle Einrichtung der Anstalten, sowie die ganze Leitung des praktischen Unterrichtes sind da ausschlaggebend und werden stets auch entscheidend sein. Man hat ja noch bei uns nirgends einen rechten Ansang mit der Sache gemacht, sie wäre wohl mindestens des Versuches wert. Außer diesen, selbstverständlich nur für die einfachere Wirtschaft gedachten Vorbildungsschulen für Dienstboten müsste man den von gemeinnützigen Unternehmungen (Frauen-Erwerbvereinen, Hausfrauen- vereinen u. a.), localen Corporationen, Gemeinden, geistlichen Instituten n. s. w. erhaltenen oder zu gründenden „Dienstbotenschulen" möglichst fördernd unter die Arme greifen. Diese meist in der besten Absicht ins Leben gerufenen Anstalten leiden einerseits häufig an dem Mangel eines geeigneten Lehrpersonales und einer erfahrenen Leitung, sowie einer zu wenig streng auf die Sache gerichteten Einrichtung, anderseits an Subsistenzmitteln, weshalb das Unterrichtsgeld ein unverhältnismäßig hohes ist. Da muss durch materielle Unterstützungen, durch Stipendien und sonstige Prämien, aber auch durch sachkundige Beeinflussung solcher Schulen nachgeholfen werden. Besonders würde es sich empfehlen, auch die Errichtung und praktische Ausgestaltung von kleineren, aber guten „Dienstbotenschulen" in Landstädten zu fördern, da es an derartigen Veranstaltungen auf dem Lande jetzt völlig mangelt, und da anderseits das Gros der Dienstboten bisher fast ohne jede Vorbildung vom Lande in die Stadt „in den Dienst" geht.'Solche Curse könnten auch ganz gut an „Wirtschaftsschulen" (Gruppe III) als 16 eigene Abtheilungen angegliedert werden; vielleicht könnten auch bessere Mädchen an denselben als „Gehilfinnen" bei den praktischen Dienstvorrichtungen in Verwendung genommen werden?) Wenn wir uns auch nicht in der Lage befinden, ein amerikanisches ..OolIsAe t'or DoEstie DnaininA" wie Mrs. Losee in Chicago zu begründen, das einen Aufwand von 200.000 Pf. St. erheischt, so könnten wir doch auch bei uns durch Zusammenfassung der Mittel und plan mäßiges Vorgehen in der Art der Unterweisung der Dienstboten vieles ändern und bessern. Gegen den Strom der heutigen Lebensauffassung in den unteren Bevölkerungsschichten kann man allerdings nicht schwimmen, aber eine zweckmäßige Reform des Dienstbotenwesens ist trotzdem, ja gerade deshalb unerlässlich. Diese hätte natürlich nicht nur den Unterricht zum Gegenstände; ihr Schwergewicht würde, wie dies kürzlich zutreffend ausgeführt worden ist*) **), in einer Änderung der gegenwärtig noch bestehenden Gesindeordnung vom Jahre 1810, in der Einführung einer unentgeltlichen Stellenvermittlung, einer Alters- und Krankenversicherung und in einer Reihe anderer socialer Maßnahmen ruhen. Man kann freilich da auch den weiteren, frommen Wunsch nicht unterdrücken, dass endlich in der beiderseitigen Ausfassung der Rechte und Pflichten, der Aufgabe und Stellung, eine gründliche Änderung Platzgreifen möge. Wenn die Zustände so elend sind, wie sie es sind, so tragen wohl in den meisten Fällen beide Theile die gleiche Schuld. Vielleicht ist die Erkenntnis derselben auch gleichbedeutend mit dem Anfang einer Besserung. 3. Kefchäftscurfe (Gurl'e für Ladenverrechnung). So verschieden geartet und mannigfaltig auch die Formen sein mögen, innerhalb welcher sich das große wirtschaftliche Leben der Bevölkerung abspielt, eine gemeinsame Forderung besteht bei all den Hunderttausenden von größeren, mittleren, kleinen und kleinsten Geschäften: die Beachtung der wichtigsten kaufmännischen Grundlagen dieser Geschäfte und deren täglich prakticierter Einrichtungen. Jedes, auch das einfachste Geschäft, jede Unternehmung, selbst *) Man hat derartige Schulen im Auslande auch in Verbindung mit Hospizen gebracht, z. B. an den „Martha-Häusern" in Leipzig und Frankfurt, im „Friedrichs-Stift" in Karlsruhe (vgl. Karoline Blondein, Österr. Lehrerinnen- Zeitung, Reisebericht, S.19). Hieher gehören auch die Specialcurse für die Ausbildung von „Stubenmädchen", „Jungfern" u. s. w., wie sie der Lette-Verein in Berlin erhält. **) Doc. Dr. Kunn in der Versammlung des österr. Frauenvereines vom 13. Jänner 1900. 17 kleinsten Umfanges, kann auf die Dauer solcher Kenntnisse nicht ent- rathen, schon gar nicht in einer Zeit, wo der unaufhaltsame Antrieb der Cultur auch in den verborgensten Winkeln des Wirtschaftslebens sich fühlbar macht. Die Abfassung von Geschäftsbriefen, von Quittungen , Telegrammen, Postsorten u. dgl., die einfachste Form der Buchhaltung und der Cassagebarung, die Berechnung der Nachlässe und Zinsen, die Kenntnis von der verhängnisvollen Bedeutung des Wechsels im Geschäftsbetriebe, des Wesens einer Calculation, der Waren- numeration, die Vertrautheit mit den wichtigsten Einrichtungen des Verkehres (Post, Telegraph, Telephon, Fracht, Zoll, Eisenbahn), des Versicherungswesens (Unfall-, Kranken- und Altersversicherung), des Postsparcassenverkehres u. s. w. — all dies muss heutzutage gekannt und verstanden sein, wenn an den Mangel solcher Vorkenntnisse sich nicht, wie die tägliche Erfahrung zeigt, sehr nachteilige Folgen knüpfen sollen, welche die Wurzel des gesunden Geschäftsbetriebes erfassen, sie untergraben und schließlich nur zu oft vernichten. Es wäre natürlich nur zu wünschen, wenn auch die männliche Geschäftswelt in dieser Hinsicht entsprechend belehrt würde; zweifellos ist aber hauptsächlich hier die Frau berufen, die vorhandene Lücke auszufüllen. Gerade in kleinen Betrieben nimmt sie ja eine bedeutsame Stelle ein. Die Frau des Geschäftsmannes, die Tochter oder Verwandte des Hauses oder das aufgenommene „Ladenmädchen", die Cassierin u. s. w. sollen — abgesehen von den Fällen, wo die Frau selbst die Leitung führt — dem Inhaber des Geschäftes, der häufig gar nicht in der Lage ist, sich um die formelle Seite desselben zu kümmern, die innere Betriebsmanipulation abnehmen, und hiezu muss erst die Frau, beziehungsweise das Mädchen erzogen werden. Gegenwärtig besteht in Österreich dazu keine ausreichende Gelegenheit "), und wie leicht ließe sie sich im größten Maße beschaffen! Das wird sich sofort erweisen. Nach Ansicht der mit den Verhältnissen kleiner Betriebe vertrauten Sachverständigen, welche der Verfasser zurathe gezogen hat, würde ein zweimonatlicher Curs mit wöchentlich vier Doppelstunden genügen, um den in engen Grenzen gehaltenen und für eine rein populäre Darstellung bestimmten Lehrstoff zu bewältigen, dessen Umfang und Art der wirkl. Lehrer an der Staatsgewerbeschnle im 1. Bezirke Wiens, Franz Kollmann, nach den Angaben des Verfassers festzustellen versucht hat. (Dieses Programm soll später an einer anderen Stelle zur Veröffentlichung Die eigentlichen „Handelsschulen" verfolgen, wie -später berührt werden wird, ganz andere Aufgaben, sind in der Regel sehr kostspielig und in ihrem Pensum zu umfangreich. v. Ha y inerte, Der weibliche Fachunterricht :c. 2 18 gelangen.) An einer Schule könnten also — die Ferienmonate abgerechnet — jährlich fünf Curse abgehalten werden. Nimmt man die Maximalzahl der Frequentantinnen für jeden Curs mit 30 an, so ergäbe sich pro Schule eine Gesammtzahl derselben von 150. Dank der gegenüber dem srüheren Zustande allseitig ausgebauten, jetzt guten Organisation des com- merciellcn Unterrichtswesens*» verfügen wir gegenwärtig in Österreich über eine große Menge von Anstalten, an welche derartige Specialcurse ohne jede Schwierigkeit angeschlossen werden könnten; dazu kämen zahlreiche Genossenschaftsschulen, gewerbliche Tages- und Fortbildungsschulen, die sich ebenfalls für die Angliederung solcher Curse ganz gut eignen. Fast jede Genossenschaft könnte einen solchen Curs regelmäßig erhalten; bildet doch die wirtschaftliche Hebung des kleinen Gewerbestandes eine ihrer vornehmsten Aufgaben. Man könnte also bei der neuen Einrichtung aus mindestens 250 Stützpunkte rechnen. Locale, Lehrmittelsammlungen u. dgl. sind da auch häufig schon vorhanden. Ideal gedacht, würde demnach in einem Jahre eine fachliche Ausbildung in der angegebenen Richtung für 150 x 250 — 37.500 Mädchen, in zehn Jahren von 375.000 Mädchen und Frauen ermöglicht werden. Was würde eine solche Maßnahme für eine riesige Förderung und Hebung des Niveaus der kleinen Geschäftskreise mit sich bringen, und welche Rückwirkung könnte man von ihr für das Haus und die Familie erwarten, wenn nur erst die Überzeugung von der Ersprießlichkeit, ja Unentbehrlichkeit der fachlichen Vorbildung in das Geschäfts- lcben eindringen und die Menschen denken und voraussehen lernen würde! Vielleicht würde dann doch die so oft beklagte Leichtlebigkeit in diesen Kreisen wenigstens einigermaßen eine Schranke kennen und finden! Das Erfreulichste an der Sache ist aber, dass sie sehr wenig, ja fast gar nichts kostet. Würde nämlich jede Cursfrequentantin auch nur 4 pro Monat Unterrichtsgeld zahlen, und brächte man, unter Berücksichtigung eines gewissen Procentsatzes gänzlich Befreiter, etwa 25 Mädchen und Frauen als Zahlende in Anschlag, so wäre der Gesammtertrag eines zweimonatlichen Curses 20 Seit dem Bestände dieser Prüfungsordnung (abgedruckt in der angeführten Denkschrift, S. 544) sind nahezu IV? hundert neue, gut befähigte Lehrer für Handelslehranstalten ausgebildet worden; allerdings käme hier nur die commercielle Gruppe in Betracht, sie ist aber die weitaus stärkere. y* 20 sich um die wichtigsten Voraussetzungen sür die Entwickelung deS Menschen, um die Fundation seiner künftigen Existenz handelt, glaubt man ganz von einer Constatierung der Befähigung zur Übernahme der Pflege absehen zu können. Da kommt „das junge Ding" in die Stadt und geht in den Dienst; was soll das unerfahrene Mädchen auch anderes anfangen als das fortsetzen, was es schon zu Haufe gewohnt war — Kinder tragen? — Weil es selbst natürlich keinen Dunst davon hat, was es eigentlich mit dem jungen Erdenbürger beginnen soll, die junge Mutter aber auch nicht, so wird — wenn's gut geht unter Anleitung der Großmutter — mit dem Dasein des Sprösslings der Familie die reine Empirie getrieben. Die Sache wäre nun sehr heiter anzusehen, wenn sie nur nicht eine so ernste Seite Hütte, und die muss man schildern, um ihre Bedeutung zu erkennen. Nach den Untersuchungen von Dr. Wolfs in Erfurt starben durchschnittlich in Deutschland in der Periode von 1848 — 1869 von je 100 Kindern im ersten Lebensalter: in den höheren Stünden 9, im Mittelstand 17, im Arbeiterstand 31 und von unehelichen Kindern 35. Überall stehen diese Ziffern mit der Ernährung und Pflege des Kindes im ersten Lebensalter, und zwar speciell mit dem Auswand für die geschulte Wartung, in einem auffallenden Zusammenhang, wie die im Taschenbuche sür die Krankenpflege von Geh. Medicinalrath Dr. L. Pfeiffer in Weimar veröffentlichten Tabellen ergeben.*) Von 120 Millionen Kindern im Alter bis zu 15 Jahren sterben circa 40 Millionen, die Mehrzahl im frühesten Alter. Was liegt in diesen Ziffern für eine Mahnung an die öffentliche Fürsorge.**) Wie massenhaft brauchte man da qualificierte Kräfte! Der Satz: „Eine gute Pflege des Säuglings gibt die beste Gewähr auch für die spätere Zeit; eine schlechte erzieht schwächliche Mütter und krüppelhafte Männer" steht aber leider im schreiendsten Widerspruch zu der Beachtung, die er bisher gefunden hat. *) Taschenbuch für die Krankenpflege in der Familie, im Hospital, im Gemeinde- und Armendienst u. s. w., bearbeitet von hervorragenden Fachmännern und herausgegeben im Auftrage der Pflegerinnenanstalt in Weimar von Dr. L. Pfeiffer. Bei H. Böhlau in Weimar. Man begegnet zwar hier derAnfchauung, dass es als ein wahres Glück zu betrachten sei, dass nicht auch noch diese Menschenmassen erhalten bleiben: was sollte da erst aus den Leuten werden? — Dem gegenüber muss man sagen, dass der Staat als solcher an dieser Erhaltung ein natürliches Interesse hat: ferner kann man nicht übersehen, welches Heer elender, körperlich und geistig herabge- kommener Existenzen infolge höchst mangelhafter Einrichtungen sich durchs Leben schleppen müssen. 21 Wie man sieht, hat die Angelegenheit nicht nur für gut situierte .kreise, die sich allenfalls um theures Geld eine trefflich geschulte Pflegerin aus England kommen lassen können, sondern gerade für solche Leute eine sehr große Bedeutung, die vom Verdienst leben müssen, wo die Frau nicht ausschließlich sich dem häuslichen Berufe widmen kann, sondern am „Geschäft" sich betheiligen und daher die Pflege des Kindes einer anderen Person anvertrauen muss. Das sind übrigens gar nicht selten nicht die ärmeren; sie würden eine solche Hilfskraft auch gut zahlen, wenn sie nur eine vertrauenswürdige und unterrichtete Person erhalten könnten. Wie sieht es aber erst bei uns in den tieferen Schichten aus! Wir haben eben von dem, was im Auslande sich schon so segensreich bewährt hat, nämlich von der berufsmäßigen Übernahme solcher Dienstleistungen in unbemittelten Familien durch eigens herangezogene Kräfte siir die öffentliche Armen- und Krankenpflege, womit auch partiell die hier berührte Frage im Zusammenhange steht, keine Ahnung! Zwar besteht in Österreich eine, sage eine Stiftung für die Ausbildung von Pflegerinnen für solche Kinder. Es ist dies das „Dr.Johann Bieh ler'sche Kinderwärterinnen-Bildungsinstitut" in Wien, verbunden mit dem „St. Josefs-Kinderspital" aus der Mieden. Es stammt aus dem Jahre 1835 und verfolgt nach der ihm von Dr. Biehlerch vorgezeichneten Norm die Tendenz: „Kinderpslegerinnen heranzubilden, damit diese so wichtige und größtentheils so unwissende und rohe Dienstbotenclasse zu einer vernünftigen und humanen Behandlung der ihnen anzuvertrauenden Kinder zweckmäßig angeleitet werde". Nach dem letzten Vertrage der Stiftungsbehörde mit der Spitalsverwaltung vom 2. Jänner 1867 hat sich das erwähnte Spital verpflichtet, „jährlich acht Kinderwärterinnen auszubilden", und zwar sind dies gegenwärtig „Laienschwestern". Also für das ganze Reich acht Pflegerinnen — eine wahrhaft imposante Ziffer, die man sich merken muss! — Das ist so ziemlich alles, was man da in Österreich verzeichnen kann; wenigstens ist es mir trotz eindringlicher Nachforschungen nicht gelungen, ein Mehr zu constatieren. Sollte aber auch ein oder die andere kleine Pflege- schule da sein, was würde das angesichts der Größe der Ausgabe und des Bedarfes bedeuten? — Alle Spitäler für Kinder befassen sich nur mit kranken, nicht mit gesunden Kindern. Ähnlich verhält es sich bei rein privaten Unternehmungen einzelner Vereine mit Ausnahme der Krippen und Bcwahranstalten. Diese sind aber auch in ganz unzu- Dr. Biehler war Erzieher der Söhne des Erzherzogs Kgrl. Näheres s. „Jahrbuch der Wiener Kranken-Anstalten" 1894, „Geschichte der Kinderspitäler in Wien", bei Braumüller 1896. reichender Zahl vorhanden; gab es doch in Österreich bis vor kurzem nur 2100 Kinder, welche in Krippen verpflegt wurden.*) Wo bleibt da Professor Virchows Forderung nach Ermoglichung der praktischen Bethätigung in der Pflege für die weibliche Bevölkerung speciell in Krippen und Bewahranstalten, welche er „die Seminare für Hausfrauen" genannt hat?**) Will man nun einigermaßen diesen schreienden Missverhältnissen steuern, so gibt es, außer sonstigen socialen Reformen, nur ein Mittel: die Errichtung ausgezeichnet geleiteter und praktisch organisierter Specialcnrse für die Vorbildung solcher Pflegerinnen. Da muss man natürlich die Stätten aussuchen, wo das Versuchsobject in zahlreichen Exemplaren bereits vorhanden ist, also die Findel- anstalten und verwandten Institute, inclusive der Krippen, und an ihnen derartige Abtheilungen ins Leben rufen. Jeder Curs wäre für etwa 10 Frequentantinnen einzurichten, beziehungsweise mit 10 Stiftplätzen zu dotieren. Als Unterrichtsdnuer würden im ganzen nach Ansicht der von mir befragten Fachmänner***) längstens zwei Monate genügen. An einer Anstalt könnte man also jährlich 5—6 derartige Curse abhalten. Nachdem in Österreich — wieder eine erschreckende Zahl — nur drei Findelanstaltenß) (Wien, Prag, Graz) existieren, könnte man wohl nur eine beschränkte Zahl von Pflegerinnen ausbilden; man würde aber wenigstens vorläufig einen Grundstock von gut unterrichteten Kräften erhalten. Jedenfalls nutzsten die Cnrstheilnehmerinnen in der Anstalt selbst beköstigt und untergebracht sein, damit sie den * > In Wien bestehen 0 Kinderspitäler und 42 Vereine, welche sich mit der Obhut von Kindern befassen. In den sieben Krippen des „Wiener Central-Krippen- vercines" gibt es drei Abtheilungen: eine für Säuglinge, eine Kinderbcwahranstalr und einen Kindergarten. Die im Text angegebenen Daten über die Zahl der Kinder in Krippen hat Pros. Hickmann in seiner Tabelle zum Katalog zur Jubiläums- Ansstellung der „Jugendhalle" (Wien 1898, S. 59) übersichtlich dargestellt. In den Wiener Krippen waren 1898 nur 650 Kinder im Alter unter, beziehungsweise bis zu zwei Jahren untergebracht. Ein Kind kostet dem Verein pro Tag circa 30/t. «Siehe Wr. Krippen-Kalender 1898.) **) Rudolf Virchow: „Über die Erziehung des Weibes für seinen Beruf." Berlin 1865. ***) Unter anderen auch der Director der n.-ö. Findelanstalt in Wien, Herr Sanitäts- und Regierungsrath Dr. E. Braun, welcher — wie ich mit Vergnügen konstatieren kann — sich mit meinen Auseinandersetzungen und Vorschlügen vollständig einverstanden erklärt hat. i> Nicht zu verwechseln mit Gcbäranstalten, die sich auch in anderen Städten vorfinden. Die fünf Findelanstaltcn Dalmatiens kommen hier kaum in Betracht. 23 Dienst bei Nacht auch kennen lernen und verrichten?) Nach Absolvierung des ersten Theiles der Unterweisung im Findelhause (eine Wvche Theorie, drei Wochen Praxis) wäre der Aufenthalt der Stipendistin durch etwa einen weiteren Monat in einer Krippe oder Bewahranstalt bei im Alter schon vorgerückteren Kindern zu ermöglichen, damit sie auch hier eingeführt würde. Derartigen, sich bewährenden und anstelligen Personen wäre ein staatsgiltiges Zeugnis von der Hauptanstalt auszustellen, das sie gewiss überall empfehlen und ihnen für ihr weiteres Fortkommen von großem Vortheil sein würde. Wahrscheinlich würden sich bald selbst Curstheilnehmerinnen finden, die den besseren Ständen angehören, und sich natürlich dann durch eine solche Ausbildung weit bessere Stellungen und Zahlungen in Familien sichern könnten, besonders wenn sie auch Curse über die Pflege kranker Kinder frequentiert hätten. Ähnliche Pflegeschulen sollten womöglich an jeder besseren Krippe, also auch an Orten, wo keine Findelanstalt besteht, eingeführt werden; sie müssten aber einer strengen, ärztlichen Controle unterstellt sein. Leider übersieht man bei uns gänzlich die Bedeutung dieser, jetzt von: Bettel und kärglichen Subventionen sich fortfristenden, doch so wichtigen Wohlsahrtseinrichtungen?*) Außer mit solchen Cursen könnte man, namentlich in Landstädten, den Versuch machen, Mädchen, die sich der Kinderpflege zuwenden wollen, wenigstens eine gute theoretische Unterweisung zu geben, die sich freilich, wo nur möglich, an praktische Einrichtungen anzuschließen hätte. Ihr fiele u. a. die Aufgabe zu, über neuere Apparate und Verfahren z. B. über Sterilisierungsvorrichtungen u. s. w. aus weitere Kreise belehrend einzuwirken. Übrigens ist auf dem Lande auf diesem Gebiete erfahrungsgemäß eine entsprechende ärztliche Lehrkraft nicht so selten zu finden. Ein weiteres Mittel, die Pflege der Kinder im ersten Lebensalter rationeller zu gestalten, wäre die Organisierung ähnlich ein- *) Es würde übrigens nicht schaden, wenn den Mädchen auch das Elend vieler ihrer Standesgenossinnen ein bisschcn vor Augen geführt würde, und glaube ich nicht, dass der Aufenthalt im Findelhause an sich ihrer Moralität Abbruch thun würde. Frankfurt a. M. besitzt seit 1887 eine vom „Vaterländischen Frauenverein" geleitete Krippe, welche in einem eigenen Hause eine Lehrstätte zur Ausbildung von Kindermädchen besitzt. Kinderpflegerinnen als Arbeitskräfte für derartige Einrichtungen bildet in bewährter Weife das Mutterhaus in Groß- heppach bei.Waiblingen aus (Källe und Kamp, a. a. O. S. 12).'Die Wiener Krippen beschäftigten sich bisher nur mit dem Unterrichte von „Kindergärtnerinnen". 24 gerichteter Unterrichtscurse für Frauen?) Hie und da hat mau schon auch bei uns, namentlich aber im Auslande, mit solchen Cursen erfolgreich operiert. Solche Veranstaltungen stehen im engen Zusammenhange mit der sanitär-hygienischen Seite des Haushaltes; wir verweisen daher in dieser Beziehung aus die bei Gruppe III gemachten Vorschläge. Hoffentlich scheitert die Einführung aller dieser Einrichtungen nicht an der Frage der Competenz der betreffenden Stellen zur Behandlung derselben und am Kostenpunkt, der übrigens gerade bei den am meisten in Betracht kommenden Findelanstalten nicht groß ist, da bei dem umfangreichen Haushalte dieser Anstalten die Verpflegung von ein paar Personen mehr wohl keine Rolle spielt. Es blieben also vornehmlich die Entlohnungen der Lehrkräfte übrig, und da darf man, wie bei allen derartigen, ins praktische Leben eingreifenden Einrichtungen nicht sparen, sonst fange man lieber mit ihnen gar nicht an. b) Curse zur Heranbildung von Pflegerinnen zur Unterstützung des ärztlichen Dienstes und für die Privatpflege?*) In dem über den Menschen verhängten, wechselvollen Lose ist nach einem alten Wahrwort nur Eines sicher: der Tod, und man kann ergänzend hinzufügen: in der Regel die Krankheit. Von jeher hat auch barmherzige Liebe sich dieser düstersten Seite des Menschendaseins zugewendet, und ein ernster, entsagungsreicher Beruf hat sich ihr angeschlossen. Stets wird auch die nur aus den innersten Motiven gewählte Krankenpflege, wie sie in den Orden und Vereinigungen der christlichen Konfessionen so Großes und Segensreiches geleistet hat und täglich leistet, durch keine andere zu ersetzen sein?** ***) ) Mit Recht hat man ihr daher die erste Stelle im öffentlichen Dienst der Krankenpflege eingeräumt, beziehungsweise kommt immer wieder auf sie zurück: *) Jean Paul hat schon von Hufelands: „Guter Rath an Mutter über die physische Behandlung kleiner Kinder" gesagt: „Jede Mutter sollte es vor der Geburt ihres ersten Kindes auswendig lernen." **) Der Verfasser hat über diesen Theil seiner Arbeit eure Reihe hervorragender Fachmänner, darunter die Herren Universitäts - Professoren Hosrath Dr. Albert und Dr. Heinrich Obersteiner, ferner Leiter von Spitälern einvernommen und wurde von denselben zu der Erklärung ermächtigt, dass sie mit den hier gemachten Vorschlägen durchaus einverstanden seien. ***) Bei einer ähnlichen Beobachtung sagt einmal „der große Heide" Göthe: „Es bedarf die Welt mit ihrer unfrommen Einseitigkeit auch solcher Licht- und Wärmequellen, um nicht durchaus im egoistischen Jrrsale zu erfrieren und zu verdunsten." (Annalen.) 25 ) denn die nöthige Zucht, der durch fortgesetzte religiöse Übung gewonnene Halt, die materielle Anspruchslosigkeit des Einzelnen u. s. w. und aus einem anderen Wege auch nicht annähernd zu erreichen. Auch die fachliche Ausbildung der geistlichen Pflegerinnen für den Dienst ist, namentlich im letzten Jahrzehnt, allenthalben verbessert worden. Trotzdem gibt eS weite Gebiete und specielle Formen von Krankheitsfällen, wo die weltliche Pflegerin vorzugsweise gebraucht und gesucht wird, wie bei langandauernden, unheilbaren Leiden, bei welchen oft jahrelang eine fortgesetzte, sachkundige Wartung erforderlich ist, z. B. bei Lähmungen, Gehirnerkrankungen, gewissen Geistes- und Nervenkrankheiten*), insbesondere bei epileptischen Leiden, Blindheit, Taubheit u. s. w., abgesehen von zahlreichen, vorübergehenden Fällen der Erkrankung. — Woher nimmt man da bei uns eine vertrauenswürdige, taktvolle und fachlich geschulte Kraft, selbst wenn die Höhe der Entlohnung, welche in solchen Fällen gar nicht die entscheidende Rolle spielt, ganz außer Betracht bleibt? — Musterhaft sind in dieser Beziehung die Einrichtungen in den großen Spitälern zur Heranbildung solcher Pflegerinnen in England, welche sich aus den besten Ständen recrutieren — zumeist sind es Töchter von Ärzten —, also nicht eine Art Dienstboten bilden wie bei uns. Sie nehmen ja eine ganz andere Stellung ein und haben eine ganz andere Aufgabe als die letzteren.**^ Mit dem größten Erfolge hat man die Sache auch in Dänemark, in Schweden und theilweise auch schon im Deutschen Reiche ***) * > Universitüts-Prosessor Dr. H. Dbersteiner hat die speciellen, weitgehenden Anforderungen an die Pflege solcher Kranken in Billroths: „Krankenpflege im Hause und im Hospitale" (1896, Gerold, 5. Aufl., S. 200 u. folg.» anschaulich geschildert. **) Die große Reformatorin der Krankenpflege während des Krimkrieges, Florence Nightingale, hat den hauptsächlichsten Antheil an der Umwandlung der Krankenpflege in England. Aus dem reichen, nach ihr benannten Fonds wurde »1857 , eine hervorragende Schule für Krankenpflege am St. Thomas-Hospital in London errichtet, das unter der Leitung erfahrener Ärzte und Schwestern steht. Ihr reihen sich an die „Uo^al Uritisli Uurses ^88ooiatiov", die Stiftung des „In8titntv kor Xur868', das die Königin Victoria unter Verwendung der ihr zum fünfzigjährigen Regierungsjnbiläum »1887) übergebenen Nationalspende von 120.000 Pf. St. ins Leben gerufen hat. l Schaible: „Die Frauenbildung in Großbritannien", ferner das umfassende Werk Burdetts: ^Uo8pital8 und Obrni- tie8", 1896, London, sowie von demselben Autor: „Hie uni-käuF prot'688ion". > In London allein sind 68 derartige Anstalten. ***» Speciell zu nennen wäre da für Dünemark das große Hospital in Kopenhagen, das eine vorzügliche Einrichtung für die Ausbildung von Pflegerinnen besitzt: ferner u. a. für Deutschland das Victoria-Haus in Berlin und die daselbst eingerichtete Krankenpflegerinuenschule, die Unterrichts-Curse am neuen allgemeinen Krankenhause in Hamburg-Eppendorf u. s. w. 26 eingeführt. Wäre es wirklich unmöglich, Ähnliches auch bei uns zu erreichen, oder liegt es an dem leidigen „Beharrungsvermögen", an den mangelnden Mitteln oder in der Eigenart unserer Bevölkerung, dass nichts geschehen kann? Diese letztere stünde in einem beklagenswerten Gegensatze zu der Lebensauffassung, die sich anderwärts zeigt und in dem Urtheile zusammengefasst wurde: „Die Erkenntnis hat sich schon Bahn gebrochen, welche ungeheure Bedeutung die gebildete Pflegerin für den Arzt hat, und wie wenig seine Kunst vermag, wenn sie nicht in der intelligenten Pflege ihre Hauptstütze findet. Die jungen Mädchen im Norden werden von Kindheit aus daran gewöhnt, dem Ernst des Lebens ins Auge zu sehen. Mädchen aus den allerbesten Kreisen wählen mit Vorliebe den Berns der Krankenpflegerin." Und von anderer Seite wird berichtet, dass sich die Krankenpflegerinnen in England mit „wahrer Begeisterung und Hingebung" ihrem freigewählten Berufe widmen. Sind nicht die „Schwestern vom rothen Kreuz" ein sprechender Beweis dafür, dass der Gedanke allerorten Wurzel gefasst hat? Auch bei uns hat man versucht, ihn zu verwirklichen, warum bisher nur mit so bescheidenem Erfolg? Jahrelang besteht nämlich schon das von Th. Billroth begründete „Rudolsiner-Haus" in Wien, welches nach seiner ganzen Organisation und Anlage wohl geeignet wäre*), dem Zwecke zu entsprechen und gewiß auch schon viel Nutzen gestiftet hat. Wenn trotzdem die Abtheilung für die Ausbildung von Pflegerinnen das Ziel nicht zu erreichen vermag, so dürfte dies wohl zunächst daraus zurückzuführen sein, dass die Sache in weiten Bevölkerungskreisen viel zu wenig bekannt und gekannt ist, ferner dass die Entlohnungen und Sicherstellungen (Pensionen), wie dies bei einer rein privaten Unternehmung nicht anders sein kann, nicht hoch **) genug bemessen sind, um eine Anziehungskraft auf die Angehörigen der sogenannt „gebildeten Stände" auszuüben, endlich dass das hauptsächlichste Arbeitsfeld des Rudolfiner-Hauses — das chirurgische — relativ weniger Nachfrage für die Privatpflege mit sich bringt. Daher erklärt sich das im Jahresberichte der Anstalt über das 18. Vereinsjahr offen ausgesprochene Bekenntnis: „Das eigentliche Ziel des Vereines, die Heranbildung von Krankenpflegerinnen, hat bisher in unserer Bevölkerung noch nicht den wünschenswerten Anklang gesunden. Es melden sich allerdings so viele Schülerinnen, als für den Dienst des Hauses nöthig *) Vgl. die „Statuten für die Pflegerinnen des Rudolfiner- Hanfes in Wien (XIX., Billrothftr. Nr.78). 1898, Verlag des Rudolfiner-Vereines. **) Vgl. Z 10 der Statuten. 27 find*), aber durchaus nicht so viele, als wir aufnehmen, unterrichten und beschäftigen könnten und möchten." Das ist gewiss bedauernswert, aber es drängt sich da doch auch die Frage auf, wie sich die Sache gestalten wurde, wenn die hauptsächlich den oben erwähnten Special- gebieten zugewendete, systematische Ausbildung solcher Pflegerinnen von großen, öffentlichen Anstalten in die Hand genommen würde? — Als vor ein paar Jahrzehnten noch der gewerbliche Unterricht für Baugewerbetreibende von einer Privatanstalt in Wien besorgt wurde, hatte man Noth an Mann, und jetzt, wo der Staat diese Ausbildung auf sich genommen hat, muss er jährlich Hunderte von Aufnahmswerbern zurückweisen, weil seine Schulen überfüllt find. Ist da das Terrain ein anderes geworden oder haben sich in dieser verhältnismäßig kurzen Zeit die Dinge so gewaltig zu gunsten geändert? Mit Nichten! Sondern die Autorität des Staates und das Zutrauen zu seiner Schöpfung haben da Wandel geschaffen, eine Thatsache, die deshalb noch keineswegs an sich ein Misstrauensvotum gegen die seinerzeitige, private Unternehmung involviert. Ähnlich würde es sich wahrscheinlich auch in obiger Hinsicht verhalten, wenn man nur erst in wirklich zweckdienlicher Weise den Versuch machen, für eine ausgebreitete Publicität Sorge tragen, die Stiftplätze entsprechend dotieren und sich vorerst mit der Ausbildung weniger, aber intelligenter Kräfte begnügen wollte. Hier kann ja nur schrittweise vorgegangen werden; bei praktischer, zielbewusster Leitung und Einrichtung dürfte aber der Erfolg nicht ausbleiben. Geschieht dies dennoch, so wasche man dann seine Hände in Unschuld, denn dann ist einer solchen Bevölkerung nicht zu helfen, dann ist der Fehlgriff ihrer Indolenz und Unwissenheit zuzuschreiben. Übrigens: Noth lehrt beten! Ist denn das Los einer Kindergärtnerin, einer Clavierlehrerin, einer Telephonistin, Telegraphistin, einer Cassierin bei einem Verkehrsunternehmen u. s. w. etwa besser als das einer derartigen Krankenpflegerin, die schwere Dienstbotenverrichtungen gar nicht auf sich zu nehmen hat? — Und wie groß wäre der Bedarf an solchen Kräften! Kann man doch annehmen, dass von den 25 Millionen Menschen, welche Österreich bewohnen, mindestens 150.000—200.000 erheblich Kranke sind und davon doch wenigstens 15—20.000, welche eine solche Privatpflege bedürfen und die auch in der Lage wären, fie gut zu entlohnen. Welch' großes Bei einem Stande von 879 Kranken betrug diese Zahl im Jahre 1898 im ganzen 20. 28 Arbeitsfeld thut sich da auf! Alles liegt aber dabei daran, dass auch die Existenz der Pflegerin gesichert sei, und das zu garantieren vermögen selbstverständlich private Kreise nur unvollkommen. Da übrigens im Kriegsfalle die jetzt sehr geringe Verfügung über gut geschulte Pflegerinnen von enormer Bedeutung ist, und man für deren Gewinnung und Ausbildung schon im Frieden Vorsorge treffen muss, wäre es für die Sache nur förderlich, wenn es gelänge, die reichen Mittel der Gesellschaft vom Rothen Kreuze heranzuziehen, beziehungsweise diese Bereinigung für eine weitergehende Action zu interessieren. Die Dauer der Curse und die Art der Ausbildung kann selbstverständlich nur das fachmännische Urtheil bestimmen, und wird man wohl auch da differenzieren müssen; an Erfahrungen fehlt es wahrlich nicht, wie die dickleibigen, ausländischen Publicationen beweisen. Aber das wird Geld kosten'? Gewiss, doch keineswegs übermäßig viel, denn in großen Anstalten kommt es auf die Mehrverpslegung von 20—30 Personen nicht mehr an, also kämen nur die Stiftplätze und die Entlohnungen der Lehrkräfte in Anschlag. Übrigens gibt man ja auch öffentliche Gelder für Wildbachverbauungen und Flussregulierungen, damit nicht Hab und Gut, Wald und Feld von den Fluten vernichtet werden. Ist das Menschendasein und seine Erhaltung nichts'?—-Alljährlich bildet die Verwaltung des Unterrichtes zahlreiche Arzte, die Officierc aus, um den großen Feind des Menschen zu bekämpfen, der doch zum Schluss sicher Sieger bleibt; was thut man für die Ausbildung der Unterofficiere und der Mannschaft, auf die es im Felde so sehr ankommt? Mit Ausnahme der Jnstruierung der Geburtshelferinnen ist alles andere nicht der Rede wert! Eine gut organisierte und wohl- bewaffnete Armee wäre aber nicht zu brauchen, wenn man ihr nicht auch die Mittel zu ihrer Erhaltung geben würde, welche sie benöthigt: nur das Söldnerheer, nicht die moderne Armee lebt vom Zufall. Kleines mit Großem verglichen: Darf man sich wundern, wenn allseitig in den weitesten Kreisen, von Ärzten und Laien über den Alangel intelligenter Kräfte*) für die Pflege, besonders für die Privatpslege geklagt wird, wenn von öfsentlichkeitswegen *> Der Gefahr, dass „Curpfuscherinnen" aus solchen Pflegerinnen erwachsen könnten, kann am meisten dadurch begegnet werden, dass man sich eben intelligenter Personen versichert. Diese kennen und respectieren die Grenze ganz genau, wo der Wirkungskreis des Arztes anfängt und der ihre aufhört, während dies bei ungebildeten Personen nicht zu erwarten ist. Auch wird der Candidatin diese Grenze durch eine systematische Ausbildung täglich vor Augen geführt, so dass deren Einhaltung ein Gebot wird, das ihr in Fleisch und Blut übergeht. 29 nicht das mindeste geschieht, um dem Übel zu steuern? Und was soll man bei solchen Verhältnissen erst von den schönen Einrichtungen des Auslandes für die unentgeltliche Armen- und Krankenpflege erzählen? Hätte man nur erst das Eine, das Andere würde sich vielleicht mit der Zeit finden. Schließlich sei noch bemerkt, dass wohl von Seite der in den meisten öffentlichen Spitälern verwendeten geistlichen Pflegerinnen in einer rationellen Specialausbildung weltlicher Kräfte keine Concurrenz erblickt werden dürfte, da sie ja selbst in Bezug auf ihre Zahl*) den an sie vielfach gestellten Anforderungen nicht gewachfen sind, und die Einführung in den Dienst jedenfalls ihnen anvertraut werden müfste. 2. Eommercielle schulen und Curie kür Mädchen. Der wesentliche Unterschied zwischen diesen Schulen und den bei Gruppe I erörterten „Geschäftscursen" (Eursen für Laden-Verrechnung) besteht darin, dafs bei letzteren nur eine generelle Hebung des Betriebes im mittleren und kleinen Gefchäft bezweckt wird, während bei den erstgenannten die Vorbereitung für den kaufmännischen Dienst als solchen, also für einen ganz bestimmten Beruf, als Buchhalterin, Correfpondentin, Cafsienn u. a. in specifisch commer- ciellen Unternehmungen in Frage steht. Im allgemeinen ist auf diesem Gebiete in Österreich ausreichend vorgesorgt. Wir besitzen eine vorläufig genügende Zahl gut organisierter und von brauchbaren Lehrkräften geleiteter Mädchenhandelsschulen, öffentlicher und privater.**) In der Regel genügt als Vorbildung für diesen immer mehr gesuchten Zweck des Erwerbslebens der Frau die Absolvierung einer Bürgerschule und eines einjährigen Fachcurses; falls aber der Unterricht sich auch auf fremde Sprachen und auf die Correfpon- denz in denselben, sowie auf Stenographie erstrecken soll, ist eine zweijährige Fachbildung unerlässlich.***) Der Verfasser ist für feinen In Wien gab es beispielsweise ün Jahre 1897 überhaupt nur 1921 katholische Ordensschwestern, also nicht nur geistliche Pflegerinnen; dazu kommen verhältnismäßig nur wenig evang. Diakonissinnen. ^Statist. Daten der Ztadt Wien. Verlag des Wiener Magistrates, 1899.! Vgl. hierüber die „Jubiläums-Tenkschrift des Vereines österr. Handels- schullehrer", welche eine übersichtliche und zuverlässige Quelle bietet, sowie die Broschüre von Reg.-Rath Dr. K. Zehden: „Zur Geschichte des commerciellen Bildungswesens in Österreich." ***) Als tppisches Beispiel eines einjährigen Curses kann der mit der höheren Töchterschule in Troppau verbundene „Handelscnrs für Mädchen", als solcher für 30 Theil zwar der grundsätzlichen Ansicht, dass überhaupt fremde Sprachen in intensiver und für die Praxis brauchbarer Weise nur in eigenen Eursen erlernt werden können, welche wenig Schüler gleichzeitig unterrichten und über eine große Stundenzahl — mindestens sechs Stunden in der Woche — verfügen. Ähnliches gilt auch für die Aneignung einer Fertigkeit wie der Stenographie, im Gebrauche der Schreibmaschine u. dgl., deren Kenntnis gegenwärtig für den kaufmännischen Dienst unerlässlich ist. Für gewisse commercielle Unternehmungen und Stellungen würde vielleicht auch eine höhere Allgemeinbildung erforderlich sein; diese Fälle sind aber zu singulär, als dass sie einen eigenen Schul- organismus erheischen und rechtfertigen würden. Unter allen Umständen muss im Auge behalten werden, dass solche Schulen stets dem praktischen Bedürfnisse Rechnung tragen und in Bezug aus das Unterrichtshonorar keine zu hohen Anforderungen stellen, wie dies gegenwärtig an Privat- unternehmungen dieser Art der Fall ist. Gut vorgebildete weibliche Kräfte werden in kaufmännischen Kreisen gerne verwendet und gesucht.*) Nichtsdestoweniger muss man vor der Ausbildung zu zahlreicher Bewerberinnen für derartige Stellungen dringend warnen, gerade weil dieser Beruf auch bei den Töchtern der mittleren Stände in die Mode gekommen ist, und da ein empfindlicher Rückschlag unvermeidlich wäre.**) 3. Eurl'e kür die Heranbildung von weiblichen Hilfskräften für den Dienst in Kanzleien, Bureaus u. a. Man hat auch bei uns schon seit einiger Zeit die Wahrnehmung gemacht, dass Mädchen und Frauen mit einer entsprechenden sachlichen Vorbildung im Kanzlei- und Bureaudienst, bei Advocaten, Notaren, bei Manipulations-, Expeditions- und Registratursarbeiten in verschiedenen, administrativen Zweigen (bei Meldungsämtern der Polizei, Evidenzhaltungskatastern, Genossenschaftsämtern, im Dienste der Justiz- und Communalverwaltungen u. s. w.) sich als ganz brauchbar erwiesen haben. Die Nachfrage nach solchen weiblichen Hilfskräften ist denn auch eine allmählich, aber stetig steigende. Gegen andere Berussarten zweiclassige Schulen die Organisation der Handelsschule des Schulvereines für Beamtentöchter in Wien und des Wiener Frauen-Erwerbvereines gelten. Freilich spielt da auch der Factor eine gewichtige Rolle, welchen Professor v. Philippovich als „wirtschaftliche Schwäche der Frau" bezeichnet hat, nämlich die geringere Entlohnung bei gleicher Leistung wie die männliche Kraft, eine an sich durch nichts zu rechtfertigende Ausbeutung der weiblichen Arbeitskraft. **) Vgl. den beachtenswerten Artikel: „Weibliche Handelsangestellte" von Caroline Gronemann in den Toc. d. Fr., Bd. II, S. 624 u. folg. 31 sind die bezüglichen Stellungen weit weniger anstrengend und auch nicht schlecht gezahlt. In einer Reihe von Fällen der Praxis hat man auch konstatiert, dass die Mädchen sich leicht in die ihnen aufgetragenen Geschäfte hineinfinden, mit Umsicht und Fleiß arbeiten, gut Ordnung halten, und auch im Parteienverkehr — dies schien der fraglichste Punkt — Takt und Selbständigkeit entwickeln. Da nun bei derartigen Kanzleien, besonders bei Advocaten und Notaren, sich schon lange der Übelstand gezeigt hat, dass es für sie überhaupt schwer ist, geeignete männliche Hilfskräfte zu gewinnen, ja dass diese ein fortwährend fluktuierendes Arbeitsmateriale dieser Bureaus bilden, kann also auch nicht behauptet werden, dass hier etwa die Verwendung der Frau eine ungerechtfertigte Schädigung der Erwerbsquellen des Mannes bedeuten würde; tüchtige, qualificierte männliche Kräfte werden da nach wie vor gesucht sein und ihr Fortkommen finden, für bestimmte Posten sind sie sogar unentbehrlich; sonst wird man aber successive untaugliche männliche Kräfte durch brauchbare weibliche ersetzen, und man wird gut dabei fahren. Ein Übelstand macht sich nun schon jetzt bei dem ganzen Beruf geltend: die Schwierigkeit, sich die unentbehrlichen, fachlichen Vorkenntnisse zu erwerben. Diese Erkenntnis hat auch schon zu einem wohlgemeinten Versuch einer Selbsthilfe durch Errichtung privater Fachcurse geführt, die sich aber eben wegen dieses Charaktes nicht zu behaupten vermochten.*) Männliche und weibliche Hilfskräfte sind aber bei der Sache gleichmäßig interessiert und deren Chefs auch. Eine halbwegs schöne Schrift genügt eben heute für solche Posten nicht mehr. Aspiranten aus dieselben müssen daher jetzt in der Regel den Nachweis des Besuches einer „Handelsschule" erbringen. Diese Forderung geht, wie wir schon an anderer Stelle dargelegt haben, viel zu weit, denn eine solche Vorbildung erheischt weit mehr Zeit als nöthig ist und kann auch von unbemittelten Personen nicht bestricken werden. Es müsste daher eine eigene, auf den concretenZweck bezügliche und ihm an gepasste, von öffentlichen Factoren (Advocaten- und Notariatskammern, Direktionen der betreffenden Berwaltungszweige) ins Leben zu rufende Einrichtung getroffen werden, um das erwähnte Bedürfnis zu befriedigen. Die Auslagen für solche Curse, deren Leitung am besten Standespersonen anvertraut würde, wären minimal, die durch sie gewonnene Erhöhung der Berufsfähigkeit und die Erleich- *) Siehe die Mittheilungen in der Zeitschrift des Vereines der Notariatsbeamten Niederösterreichs „Der Notariats-Beamte" vom Jänner 1900,. IV. Jahrg., Seite 3. — 32 — teruug der Ausbildung über eine höchst wertvolle. Ein nicht geringer Vortheil wäre auch der, dass die Arbeitsvermittlung nach der jeweiligen Nachfrage sich organisch vollziehen könnte, und dass es in der Hand der bezüglichen Corporationen läge, die Regulierung derselben durch Beschränkung oder Zulassung von Bewerbern zum Fachbildungseurse nach Maßgabe des Bedarfes an geschulten Kräften zu gestalten und zu beeinflussen. In unserer destructiven Zeit und bei der, so leicht ephemeren Zielen zustrebenden Art des Wirtschaftslebens, ist es gewiss nicht zu unterschätzen, wenn auch in den niederen Schichten eines Berufskreises das Gefühl der Arbeits- und Standeszugehörigkcit geweckt und rege erhalten wird. Nach den amtlichen Ausweisen der Justizverwaltung*) gab es im Jahre 1898 in Österreich 4009 in die Advocatenliste eingetragene Advocaten (gegen 1897 mehr um 109). Davon entfielen auf Nieder- österreich (Wien) 1032 und aus Böhmen 10ö1 Advocaten. Ferner waren zu Beginn 1898 im ganzen in Österreich 1040 Notare (in Nieder- österreich 129), beziehungsweise 1111 systemisierte Notariatsstellen, ausgewiesen. Rechnet man durchschnittlich zwei Kräfte — eine männliche und eine weibliche — für eine Kanzlei und nimmt dazu die nicht unbedeutende Zahl der in anderen, ähnlichen Diensten benöthigten Personen, so ergäbe sich auch hier die Möglichkeit, für taufende weibliche Arbeitskräfte ein relativ gutes Unterkommen zu finden. Je nach der Natur des Berufskreises wären solche Fachcurse, deren Besuch als obligatorisch für die Ausnahme in den Dienst zu normieren wäre, auch verschieden einzurichten, etwa in einem ähnlichen Rahmen wie der vom Lette-Verein in Berlin erhaltene sechsmonatliche „Specialcurs für Beamtinnen".**) Ob solche Curse etwa für gewisse Berufszweige sich auch als „Stundenschulen" einrichten ließen, müsste sich erst zeigen: in der Regel wird Hiebei wohl eine längere Zeit benöthigt werden. Die Curse müssten am Sitze der betreffenden Kammern und Direktionen errichtet und auch als Anstalten derselben geführt werden. — *) Verordnungsblatt des k. k. Justizministeriums vom 8. Juli 1898, Stück Nr. XIII, S. 126 u. folg. **) Dieser 1865 von dem Socialpolitiker Wilh. Ad. Lette in Berlin gegründete Verein zur Förderung der Erwerbsthätigkeit der Frauen unterhält seit einiger Zeit einen solchen Specialcurs, der sich sehr bewähren soll. Derselbe umfasst eine populär gehaltene, auf die praktischen Ziele dringende Unterweisung in „Rechts- nnd Bureaukunde" <4*., WochenstnnderO, in Stenographie (6 Wochen- stunden), in der Ausbildung auf der Schreibmaschine (4 Wochenstunden). In neuester Zeit wurde an diesem Curse auch ein Rechenunterricht eingeführt. 33 4. Curie für die Heranbildung von Hilfskräften für das Verkehrswegen (Voll-, Telegraphen-, Telephon- und Eilenbahnwelen n. a.j. Ganz ähnlich liegen auch die Verhältnisse aus diesem Gebiete der Verwaltung, und man muss daher mutatis mntnnclw die Anwendung der gleichen Maßnahmen, wie wir sie oben bei den Cursen für den Kanzleidienst erörtert haben, empfehlen, demnach die Errichtung von Specialcursen für die sachliche Vorbildung des Personales, auch noch vor dem eigentlichen Antritt der Praxis*), durch die Leitungen der Verwaltungszweige selbst, und zwar mit möglichst kurzer Dauer und kostenlos; dadurch würde denselben der unverkennbare Vortheil erwachsen, dass sie die Aspirantinnen für einen solchen Dienst wenigstens einigermaßen schon kennen würden, bevor diese — wenn auch erst nur provisorisch — aufgenommen werden, dass also auch da nicht mehr so massenhafte Bewerbungen um Stellen aufs Ungewisse hin erfolgen, sondern mit dem durchschnittlichen Bedarf an Kräften in Einklang gebracht würden, endlich dass hiedurch auch in Bezug aus die Stellung, ihre Entlohnung und aus das Avancement solcher weiblicher Arbeitskräfte dann billigen Anforderungen weit leichter entsprochen werden könnte, wie bisher. Namentlich hinsichtlich der Telegraphistinnen und Telephonistinnen sind kürzlich in dieser Richtung, wie es scheint, nicht unbegründete Beschwerden erhoben worden. Eine bezügliche Äußerung lautet**): „Jede Prüfungs- candidatin muss die Bürgerschule mit gutem Erfolge absolviert haben ; ferner hat sich dieselbe einem Specialcurse für Telegraphie zu unterziehen. Dieser umfasst folgende Gegenstände: Lehre der Telegraphie, Reglement, Geographie, Physik, Schaltungslehre und Apparatlehre. Diese Kenntnisse muss sich die Candidatin auf privatem Wege verschaffen, was den Nachtheil nach sich zieht, dass die Privatlehrer den Curs, welcher *) Bei Definitivstellungen wird bei der Post die erfolgreiche Absol- vierung eines 4—6monatlichen Curses aus Postwesen, Geographie und Reglement schon jetzt gefordert. Für die Einführung in den Dienst selbst besteht keine analoge Einrichtung. In manchen der Verwaltung nahestehenden Kreisen hält man auch eine solche Vorbildung der Aspirantinnen für das Postwesen mit Rücksicht auf die anfänglich einfache Art ihrer Verwendung nicht für erforderlich. Die Zache scheint aber doch der Erwägung wert zu sein, weil eben von Seite dieser Jnteressentinnen vielfach Beschwerden erhoben wurden und auch in die Öffentlich keit gedrungen sind. Diese werden wohl am besten wissen, wo der Schuh sie drückt! **> Siehe die eingehende Schilderung der Lage des bezüglichen Personales im Artikel: „Die k. k. Telegraphen-Manipulantinnen" in den Doc. d. Frauen, Bd. II, Nr. 17, S. 443 u. folg. v. H a y I» e r l e, T er weibliche Fachunterricht :c. H 34 in sechs Monaten absolviert sein kann, in vielen Fällen bis auf ein Jahr hinausziehen, um größere Honorare herauszuschlagen. So gibt es Mädchen, die an 200 ^ Lehrgeld zahlen mussten. Nach gut absolvierter Staatsprüfung kann die Candidatin um eine Stelle ansuchen, die sie oft erst in 2—4 Jahren erhält." Im Post-, Telegraphen- und Telephondienst waren in Österreich im Jahre 1899 seitens des Staates 2422 Frauen angestellt. Mit der stetigen Zunahme des Verkehres wird sich jedenfalls auch eine Steigerung des Bedarfes an derartigen Arbeitskräften herausstellen. Im Eisenbahndienst waren 684 Beamtinnen angestellt, eine relativ noch geringe Zahl. Auch sie müssen in der Regel die Absolvierung der Bürgerschule und einer Handelsschule nachweisen. 3. Tandwirlkchaktliche schulen und Eurle kür Mädchen und Trauen. Das k. k. Ackerbauministerium hat bereits durch Errichtung und Unterstützung einiger landwirtschaftlicher Haushaltungsschnlen und durch anderweitige Veranstaltungen auf die Hebung der fachlichen Bildung des weiblichen Hausgesindes und der ländlichen Bevölkerung einzuwirken versucht.*) Aber schon die relativ geringe Zahl solcher Unternehmungen, deren Erfolge, wie man dem Verfasser von wohlunterrichteter Seite versichert hat, durchaus entsprechende sein sollen, macht eine weitergehende Vorsorge nothwendig. Man hat daher auch wiederholt schon an eine Vermehrung der landwirtschaftlichen Fortbildungsschulen, und zwar eventuell in Verbindung mit Volksschulen gedacht, dabei aber — abgesehen von der Competenz — sich doch erst die Frage vorhalten müssen, ob ein solcher, gemeiniglich nicht von Sachverständigen im engeren Sinne geleiteter Unterricht auch sactisch zum Ziele führen könne und Nutzen stiften würde?**) Die Antwort musste wohl im ganzen negativ ausfallen. Da wird man nun unwillkürlich daraus gelenkt, Einrichtungen in den Kreis der Beachtung zu ziehen, welche in dem Boden der bäuerlichen Bevölkerung schon Über manche bezügliche Details haben mich die Herren Sectionsrüthe des Ackerbauministeriums Dr. R. v. Zimmerauer und Dr. Ertl freundlichst informiert. Die „Haushaltungsschulen" sind meistens einjährig, z.B.die „Meierei- und Haushaltungsschule" in Söhle bei Neutitscheiu. An landwirtschaftlichen „Winterschulen" währt der Unterricht 3—5 Monate, wie an der landwirtschaftlichen Schule in Opoöno. (Vgl. auch Felix Gabriel: „Die Berufsbildung der weiblichen Jugend", 1895; ferner Walter Herstall und O. Kamp : „Hauswirtschaftliche Unterweisung der Landmädchen und Frauen", 1894. Luise Hagen und M. Kittner a. a.O.). **> Es gilt hier auch das bei der Gruppe IV „Fortbildungsschulen" Gesagte. 35 Wurzel geschlagen haben und volksthümliche Institutionen geworden sind. Wir meinen die so segensreich wirkende, auch bei uns schon vielverbreitete Institution der sogenannten „Raiff- eisencassen" * **) ), nämlich der auf der Bürgschaft der Nachbarn beruhenden Credit-, Vorschuss- und Sparkassen der Bauern und Landwirte. Auch in Österreich existieren gegenwärtig 1800 derartige Cassen. Diese Anstalten umfassen verhältnismäßig kleine, aber credit- und damit capitalskräftige Kreise, wo der genossenschaftliche Gedanke ohne Zwang und äußere Beeinflussung eine sichtbare, von jedermann gekannte Gestalt schon angenommen hat. „Die ganze Landwirtschaft" — sagt eine unlängst erschienene Denkschrift der bäurischen Regierung — „wird von der genossenschaftlichen Idee beherrscht." Das muss man sich auch hier vorhalten. Mit Hilfe der Verbände dieser Cassen und unter fördernder Mitwirkung öffentlicher Factoren ließen sich vielleicht solche, allmählich über weite Landstriche sich ausdehnende, kleine Unterrichtsorganismen für den landwirtschaftlichen Kleinbetrieb (Milchwirtschaft, Obst-, Gemüsebau, Geflügelzucht, Gärtnerei u. a.) ins Leben rufen, bei welchen der im Bezirke selbst wohnhafte, intelligentere Landwirt die Lehrkraft abzugeben hätte. Diesem müsste man eine erhöhte Kenntnis beizubringen verstehen, indem man ihm Gelegenheit zum Besuche von Specialcurfen bietet, so dass der conservative, zum Misstrauen gegen städtische Elemente geneigte Landbauer in ihm Fleisch von seinem Fleische und Blut von seinem Blute sehen und auf das Gebotene weit eher reagieren würde, als wenn ihm die „wissenschaftliche Capacität" aus der Stadt auf den Leib rückt. Es war uns daher sehr interessant, die Richtigkeit unseres Gedankens von der Heimat der Raiffeisencassen, von Deutschland her, bestätigt zu sehen. In einer kürzlich erschienenen Publicationwird *) Raiffeisen, Bürgermeister in Flammersdorf, später in Heddesdorf bei Reuwied, begründete 1862 diese für den kleinen Landwirt von unberechenbaren Wert, für die Consolidierung der wirtschaftlichen Lage der ländlichen Bevölkerung unentbehrlich gewordenen Darlehens- und Sparkassen. Sie sind zuerst in der Rheinprovinz entstanden und gegenwärtig überall verbreitet. **) A. Mepenshein: „Die ländlichen Genossenschaften im Reg.-Bezirk Casfel" 1899. — Gute Einrichtungen hat auch das Großherzogthum Baden, speciell mit Rücksicht auf die Gärtnerei. Dobner („Frauenerwerb") hebt nicht mit Unrecht hervor, dass der materielle Wohlstand des elterlichen Besitzes auf Gütern, Gehöften, auf den Besitzungen in kleineren Städten, durch die Mitwirkung der Frauen und Mädchen gehoben werden könnte, wenn man es verstünde, ihnen einschlägige Kenntnisse beizubringen. Eine gute Schule für Gärtnerei rc. besteht u. a, in Char- lottenburg auf der Besitzung der Frau Commercialrath Hehl, Salz-Ufer 8. 3 * 36 nämlich aus das Eintreten der kurhessischen Genossenschaften dieser Cassen für den Unterricht der Kleinbauern in Hessen durch „obligatorische" ländliche Fortbildungsschulen hingewiesen und dabei bemerkt, dass die Kreisvereine dieser Cassen zunächst selbst die Einrichtung solcher Schulen und Curse in die Hand genommen haben. „Früher kam die Aufklärungsarbeit der Fachschulen w. gar nicht bis zu dieser Volksschichte herab." Vielleicht ließe sich da auch bei uns ein ähnlicher Weg finden; natürlich muss das Urtheil über eine solche Eventualität den berufenen Sachverständigen überlassen bleiben. Eine andere Förderung, welche die ländliche Bevölkerung auch bei uns vielfach sehr nöthig hätte, wird in der Schweiz, in Baden und in Norwegen in erfolgreicher Art vermittelt, nämlich die Anleitung im Kochen durch Wanderlehrerinncn, die hiefür eigens bestellt und entlohnt sind. Solche Lehrerinnen nehmen einen tragbaren Herd mit und eine Gehilfin, und halten sich, je nach Bedarf, einige Wochen, mitunter auch länger, an einem Orte auf. Die Einwirkung dieses praktischen Unterrichtes soll eine merkliche und das Interesse der ländlichen Bevölkerung an dieser Einrichtung ein steigendes sein. 6. Kunltgewerbliche schulen und Sachen rle kür Mädchen und brauen. Im zweiten Theile des „Faust" kann man den vieldeutigen Ausspruch lesen: „Denn das Naturell der Frauen ist so eng mit Kunst verwandt." Wer möchte seine Richtigkeit bezweifeln? Ist doch die Frau die Seele der Kunst! Wie diese das Ideal des Schönen in ihr erblickt und findet, so ist auch die Frau die berufene Hüterin des Ideales des Schönen.*) Wie könnte Kunst gedeihen und sich harmonisch entwickeln, wenn nicht sie mit ihrem feinen Verständnis, mit der ihr angeborenen erstaunlichen Begabung für die Gestaltung des Unscheinbaren, des Undefinierbaren im Kunstwerk, sich ihr zugewendet hätte! Sie gibt durch Urtheil und Geschmack die Richtung an, sie bestimmt im tiefsten Grunde den Weg, der zu betreten ist. Besonders gilt dies von der Kunst, die im Gewerbe sich verkörpert; da ist ihr eigentliches Gebiet. Aber Kunst und Handwerk der Kunst gehen nach Brot! Sie um ihrer selbst willen treiben, ist etwas anderes als davon leben müssen. Dieses Muss bildet die Regel. Es ist daher nöthig, dass der Blick da, wo es sich um die sachliche Ausbildung der Frau im Bereiche des Kunst- *) „Wo sollte man den Gipfel der Kunst finden als auf der Blntcnhöhe des Geschöpfs nach Gottes Ebenbilde" (Goethe, Annalen . 37 Gewerbes handelt, auf das wirtschaftlich Mögliche, ja Rentable gerichtet sei. I^rimum 68t vivers! Wie sieht es denn da bei uns aus'? — Wir haben eine lucrativ ausgestattete staatliche Fachschule für Kunststickerei — sie kostet jährlich über 40.000 X —, deren Organisation übrigens gegenwärtig noch nicht abgeschlossen ist. und einige Fachabtheilungen an Staatsgewerbeschulen der gleichen Richtung; einen Centralspitzencurs in Wien — derselbe erheischt einen Aufwand von jährlich 24.600 X —; nicht wenig kleinere Fachschulen für Spitzenarbeiten und Kunststickerei (theils staatliche, theils staatlich subventionierte Anstalten), sowie Fachschulen für weibliche Handarbeiten, „Arbeitsschulen" u. s. w. (Näheres ist aus der Beilage 1) des Anhanges ersichtlich.) Zum großen Theil sind diese Anstalten noch aus einer früheren Zeit übernommen worden, wo R. v. Eitelberger für ihre Errichtung und Unterstützung eingetreten war, und wo dies auch nicht unberechtigt schien. Wie man auf den ersten Blick sieht, ist da eine traditionell herausgebildet«.', ganz einseitige Betonung und Förderung von Gebieten des Knnstgewerbes in Geltung, die gewiss gepflegt sein wollen und sollen, welche aber im Rahmen der weiblichen kunstgewerblichen Fachausbildung durchaus nicht mehr die große Rolle spielen sollten, wie dies wenigstens aus der bisherigen staatlichen Patronanz gefolgert werden könnte. Wirtschaftlich sind die meisten dieser Positionen nicht mehr haltbar; die aufgewendete, große Mühe trägt keine Früchte, so glänzend auch die Resultate sein mögen, welche man an den Schulen und in einzelnen Beispielen auch im Geschästs- leben zur Schau stellt. Man lese nur die Berichte über die Lage der Angehörigen dieser Kunstgewerbe und man wird sich wundern, wie man eine so massenhafte Production an Kräften fortgesetzt favorisieren kann. Natürlich soll damit nicht gesagt sein, dass sich der Staat nun der directen Einflussnahme in dieser Beziehung begeben sollte, das wäre nicht möglich und hieße das Kind mit dem Bade ausschütten. Aber ganz andere, neue Wege müssen betreten werden: die geänderten Verhältnisse fordern eine Änderung in der Organisation. Allerdings war die Vertiefung in das Problem, das die Bethätigung der Frauen auf kunstgewerblichem Boden zum Gegenstände hat, wie die Arbeiten sonst hervorragender Fachmänner beweisen, nicht gerade übermäßig groß.*) Welche wären nun solche Wege? — Solche, bei welchen die Begabung und die geistige Kraft in der Erfindung stets die maßgebenden *,» Vgl. die Artikel von Dr. Jul. Lessing und Ferd. Luthmer 'auf S. 231 u. folg. der bekannten Sammlung von Arthur Kirchhofs: „Die akademische Frau". i 38 Grundlagen bilden werden; mag auch sonst die Maschine dem Handwerk Schritt und Tritt streitig machen. Also auch dort, ja gerade dort, wo Massenerzeugnisse in Frage kommen, die ohne Mitwirkung der schöpferischen und kombinierenden Thätigkeit nicht gedacht werden können. Hierbei bleibt aber die Hauptsache, dass die specielle Technik der Herstellung genau gekannt und beachtet wird, denn sie gibt erst dem Product das eigenartige Gepräge. Solche Bereiche sind gar nicht so wenige, als man meinen könnte; wir mussten ein förmliches Programm ausstellen, wenn man sie alle in den Kreis der Betrachtung einbeziehen wollte. Nur an einigen wenigen, aber hervorragenden Beispielen sei der Grundgedanke erläutert. Das „Musterzeichnen" nährt z. B. seinen Mann und — seine Frau. Die unendliche Variation in zahllosen Anwendungen der Technik lässt eine steigende, ausreichende und lohnende Verwendung künstlerisch befähigter und fachlich geschulter Kräfte sicher erwarten. Umfasst doch das Musterzeichnen ein Gebiet, das fast ohne Grenzen ist. Aber diese Kräfte müssen eben erst systematisch ausgebildet werden. Geistreich ist dieses Thema in einer Schrift von Louise Hagen*) behandelt; einige bezügliche Stellen lauten: „Die Mehrzahl unserer Musterzeichner wird handwerksmäßig gebildet; sie werden nach dem Lehrlingssystem dressiert und erhalten nur selten diejenige allgemeine Geistesbildung, die znm Entwerfen von Mustern so unentbehrlich ist wie zur Composition eines Gemäldes. Dennoch dünkt sich die hungernde Malerin etwas Besseres als die Musterzeichners, die unter Umständen Jahreseinnahmen von 5000—20.000 Mark**) verzeichnen und außerdem noch in ihrer Familie leben könnte. Der Schwerpunkt ruht aus der Intelligenz des Zeichners. Diejenige Nation wird im internationalen Wettkamps bestehen, die einen großen Reichthum an nationalen Mustern besitzt. Die deutsche Familie kann daher nichts besseres thun, als ihre Töchter für einen Berns vorbilden, der ihnen vermöge ihrer Allgemeinbildung einen Vorsprung vor den Männern aus diesem Gebiete sichert. Die Vorbildung kann in der Familie in der Weise gewonnen werden, dass man auf dilettantische Schmierereien *) „Die Erziehung der weiblichen Jugend in den höheren Bernfsclasfen unseres Volkes vom 15.—20. Lebensjahre", Erfurt, 1897. Von der kgl. Akademie der gemeinnützigen Wissenschaften in Erfurt preisgekrönte Schrift. **) Dieses Einkommen dürfte wohl nur in einzelnen Fällen erzielt werden können. Jetzt belauft sich dasselbe im Teutschen Reiche durchschnittlich auf einen Tagesverdienst von 8—9 Mark und auf circa 250—300 Mark im Monat („Die Woche"; Berlin, 1899, Heft 29, S. 1159>. 39 in Ol und Aquarell verzichtet und eine große Accuratesse im Zeichnen nach der Natur pflegt. Darauf kann später eine tüchtige Fachbildung mit gewissenhaftem Studium der handwerksmäßigen Seite sich aufbauen." Mit einer gewisfen Einschränkung wird man wohl allgemein dieser Ansicht beipflichten können; es ist bekannt, wie großartig die „Musterzeichnerin" in England, in Frankreich und auch theilweise schon in Deutschland sich bewährt hat. Ein zweites riesiges Arbeitsfeld ist das des Costüms und der mit demselben zusammenhängenden großen Gebiete. 1890 gehörten in Österreich der Bekleidungsindustrie — natürlich in ihrer ganzen Ausdehnung — circa 1,155.000 Personen an. Da sollte das Kunstgewerbe, beziehungsweise eine gewisse, beschränkte Zahl speciell herangebildeter Kräfte keinen lohnenden Erwerb finden? Es sei nur u. a. daran erinnert, dass bei den großen Unternehmungen, wo Fachzeichner besonders gebraucht und verwendet werden, nur verschwindend wenige Frauen Stellungen innehaben, also auf dem ihnen ureigenen Boden! Freilich erheischt die Jntroduction der Sache und die richtige Beeinflussung der Industrie und des Gewerbes hier eine sehr große Terrainkenntnis; es würde viel Detailstudium und Mühe kosten, um das zweifellos erreichbare, aber weitgesteckte Ziel zu ergreifen. Oder sollte der „Decor", speciell das Capitel „Schmuck", die decorative Kunst im weitesten Umfange bis zum eigentlichen Arrangement, den Frauen nicht mehr wie bisher dankbare Arbeitsstellen erschließen? Das ist nicht anzunehmen, wenn man auch zugeben mag, dass Vieles eben nicht schulmüßig erlernt werden kann. — Die angeführten Beispiele dürften genügen, um den Weg und die Richtung erkennen zu lassen, wie wir die Sache geführt sehen möchten. Die unerlässliche Voraussetzung jeder Reform bildet aber die Gründung vorzüglicher Zeichenschulen für Frauen. Wien hat — seit die Pforten der Kunstgewerbeschule den Frauen fast verschlossen wurden*) — eine, sage eine staatliche Zeichenschule dieser Nach dem letzten officiellen Bericht über das Schuljahr 1899/1900 befanden sich an der Wiener Kunstgewerbeschule noch 38 weibliche Zöglinge früherer Jahrgänge, darunter 31 in den Abtheilungen für Malerei. Eine Neuaufnahme weiblicher Zöglinge hat nicht stattgefunden. An der Kunstgewerbeschule in Prag waren 58 weibliche Zöglinge (38 in der Zeichen- und Malschule, 20 in der Abtheilung für Kunststickerei) eingeschrieben. Die Fachschule für Kunststickerei inWien wurde von62, der Centralspitzeneurs von22Schülerinnen besucht. In den bestehenden vier (!> staatlich erhaltenen allgemeinen 40 Art. Wo soll jetzt die Frau die ihr unentbehrliche zeichnerische Fertig keit, und zwar wie es nöthig wäre, in einer methodisch vorzüglich geleiteten Weise sich aneignen? — Da kann nur eine gründliche und ziel- bewusste Resorm Wandel schassen. Sie und alles mit ihr Zusammenhängende leitet aus den Kernpunkt der ganzen Frage hin: Das heute noch Zersplitterte muss zusammengefügt, Neues muss geweckt und geschaffen werden. Dies ist aber undenkbar ohne die Errichtung einer Centralanstalt für die weibliche Kunst- pflege, und insbesondere einer solchen für das Kunstgewerbe. Bon der Art der Gestaltung dieser Centralstätte weiblich sachlicher Berufsbildung wird bei Gruppe VI die Rede sein. Alle Einwirkungen müssen von dieser Anstalt ausgehen, alle Strömungen zu ihr zurück- leiten. Die Verwirklichung dieses Gedankens würde allerdings Opfer fordern, aber sie würden reichlich ausgewogen werden durch den Erfolg. Ohne geeignetes Instrument kann auch ein Meister nicht spielen!* *) Dritte Gruppe. Anstalten für die Führung der Wirtschaft und des Haushaltes überhaupt. Wer die Art der Haushaltung von jetzt gegen jene der unmittelbar vorhergehenden Zeitepoche mit unbefangenem Auge betrachtet, kaun zwei große, tiefeinschneidende Veränderungen in der ganzen Auffassung der Aufgabe und der Führung der Wirtschaft nicht übersehen: Das stets zunehmende Schwinden dessen, was man die Tradition der Familienwirtschaft nennen könnte, des ilberlieferns der Erfahrungen von Geschlecht zu Geschlecht, von der Mutter auf die Tochter, wie sie vor noch nicht fünfzig Jahren die Regel bildete, anderseits das Hereingreifen einer bis dahin fast fremden Welt mit ihren unzähligen Erfindungen, täglichen Veränderungen und Anforderungen: Die culturtechnische Seite des Betriebes, von der heute weder die große, noch die kleinste Haushaltung unberührt bleibt; ist Zeichen schulen in Österreich wurden im ganzen nur 262 männliche und weibliche Schüler unterrichtet. (Wiener Zeitung vom 26. Jänner 1900, Nr. 20.) *) Durch die in dieser zweiten Hauptgruppe angeführten Schulen und Curse ist das Thema derselben selbstverständlich nicht erschöpft; es werden sich zweifellos noch viele Gebiete auffinden lassen, die unter den hier eingenommeneil Gesichtspunkt fallen. 41 doch eine moderne Küche eine mechanische Werkstätte geworden, und trägt doch jeder „Reisende" der Dorswirtschast „die Cultur" ins Haus.*) Mitten in diesen großen Umwandlungsproeess des noch aus dem patriarchalischen aufgebauten Wirtschaftslebens in ein modernes, sieht sich nun die Frau hineingestellt, bloß der Empirie überlassen, fort, getrieben von der Welle des Tages, in der Regel ohne Fähigkeit, aber auch ohne Möglichkeit, die alte Form bei total veränderten Lebensbedingungen zu erhalten, und ebensowenig fähig und ausgerüstet, sich in das Neue hineinfinden zu können; denn so einfach das Alte war, so compliciert ist das Neue, setzt es doch eine ganz andere Schulung und einen viel weiteren Blick, als ehedem, voraus. Kann es nun bei so gestalteten Verhältnissen, zu welchen noch andere, die Einfachheit der Sitten und das innere Leben der Familie bedrohende Momente sich gesellen, Wunder nehmen, wenn die Klage eine allgemeine geworden ist: Das Mädchen und die Frau verstünden alles in der Welt, sie kämen aus den Töchterschulen, wie eine satyrische Feder**) geschrieben hat, „mit eingebildeter Ausbildung und ausgebildeter Einbildung", aber die rationelle Führung des Haushaltes sei eine Eigenschaft, die sie nicht zum Traualtar und in die Ehe mitbrächten. Wenn aber die Frau im Hause nicht recht Bescheid weiß, woher soll denn erst die Weisheit dem Dienstboten kommen, dessen Misere wir an anderer Stelle geschildert haben? — Wie dies in solchen Fällen das Gewöhnliche ist, ruft nun alles nach der Schule. Das liegt aber wohl auf der Hand, dass sich für diese die Sache nicht so einfach gestaltet, als sie aussehen mag, und wofür naive Gemüther sie nehmen, denn sie erschöpft sich nicht, wie in früherer Zeit, durch die Beibringung einiger weitläufiger Fertigkeiten, und es ist ihr ebensowenig mit der reinen Theorie gedient, sondern sie fordert eine eigenartige Verbindung beider in einer sich gegenseitig durchdringenden Weise. Dadurch ist aber auch die Gestaltung der einschlägigen Schulorganismen gegeben, welche das Bedürfnis ^ Um sich einen Begriff zu machen, wie weit in etwas inehr als einem Jahrhundert der Umschwung in der Beurtheilung der Aufgabe der Frauenerziehung, speciell auf dem Gebiete des Haushaltes, sich vollzogen hat, ist es sehr belehrend und ergötzlich, alte Darstellungen in Vergleich zu ziehen, z. B. das Büchlein von Ph. I. Karer: „Etwas über die Frauenzimmerbildung", Augsburg 1793, in welchem u. a. auf S. 61 folgender Satz zu lesen ist: „Das Spinnen ist eine der nützlichsten Beschäftigungen; man kommt dadurch zu Leinwand, die man am meisten und am nöthigsten bedarf, ohne dass man weiß, wie?" — Volker, „Handbuch der deutschen Volksbildungsbestrebungen". 42 und den Umfang der gewöhnlichen kleineren Wirtschaft und die höhere Anforderung auf der oberen Stufe derselben berücksichtigen und zum Ausdruck bringen sollen. Bevor wir nun der Sache näher treten, fei vorerst der Versuche gedacht, die namentlich in fremden Staaten in Bezug auf den Haushaltungsunterricht schon gemacht worden sind. In England und Schweden hat man u. a. die Volksschulen theilweise zu Stätten einer praktischen Unterweisung im Koch- und Arbeitsunterricht gemacht, und auch bei uns sind Stimmen laut geworden, welche die gleiche Einrichtung empfehlen.^ Dagegen wurde namentlich in Deutschland sehr entschieden Stellung genommen*) **), und zwar in der Erwägung, dass die Volksschule für dieses Experiment nicht der geeignete Boden sei, dass das Schülerinnenmateriale noch zu unreif wäre, dass eine solche Einrichtung, wenn sie obligat sein soll, einen ganz enormen Aufwand erheischen würde, dass man nicht über praktisch geschulte Lehrkräfte in so großer Zahl verfügen könnte u. s. w. Wir theilen diese Ansicht und fügen nnr bei, dass es sehr fraglich ist, ob eine derartige Einrichtung bei uns ohne Änderung des Reichsvolksschulgesetzes überhaupt eingeführt werden könnte, und was eine solche Änderung bedeutet, braucht man wohl keinem Sachverständigen zu sagen. Frankreich hat dagegen, abgesehen von seinen noch theilweise aus der Zeit Napoleons I. stammenden Specialschulen***), einen theoretischen Haushaltungsunterricht, sowie „Gesundheitslehre" als obligaten Gegenstand in seine, seit 1884 begründeten-s) staatlichen höheren Töchterschulen (I^eöes) aufgenommen, eine Einrichtung, die auch bei uns und in Deutschland Eingang gefunden hat. Ein gründlicher Kenner und scharfsichtiger Beurtheilet' des französischen Schulwesens 77 ) macht hinsichtlich des erwähnten Unterrichtes in den Lyceen folgende *) Vgl. M. Kittner, a. a. O. S. 10 u. folg., und Bergmann, „Schwedisches Unterrichtswesen". **) U. a. Dr. Lehmann, „Deutsche Fortbildungsschule", S. 117. Anderseits hat eS auch in Deutschland nicht an praktischen Versuchen gefehlt, z. B. an den Berliner Gemeindeschulen (Teutsche Frauenzeitung in Berlin 1900, Nr. 6), wo im letzten Jahre die höchsten Classen von neun Mädchenschulen, im ganzen 225 Mädchen, in 37—39 Lectionen Kochnnterricht erhielten, infolge einer Veranstaltung des Vereines für das Wohl der aus der Schule entlassenen Jugend. ***) Die Anstalten der le^-ion äNonnsni-, insbesondere für das Hauswesen in Lvges. i) Gesetz vom 21. December 1880. 17) „Das weibliche Nnterrichtsweseu in Frankreich" von Dr. I. Wychgram, Leipzig bei Reichardt. Bemerkung: „Aus dem langen Programm ist zu ersehen, was in Frankreich die Lehrerinnen, meist Jungfrauen, die nie ein eigenes Heim geführt haben, den Mädchen alles vortragen. Frau Campan*) hat in ihren Anstalten diesen Haushnltungsunterricht abgeschafft. Es wird stets davon abhängen, ob eine geeignete Lehrkraft zu finden ist oder nicht. (Also sollte man solche Curse als rein fachliche behandeln und außerhalb des Programmes der höheren Töchterschulen stellen.) Unbedenklicher kann man sich mit dem Unterrichte in der „Gesundheitslehre" befreunden." — Wir stehen ganz aus der Seite dieses Kritikers. Ein solcher theoretischer Unterricht ohne praktisch greifbares Ziel, in nicht anziehender, unpopulärer Weise betrieben, schwächt das Interesse ab, statt es zu beleben. Würde man einem angehenden Handwerker, etwa einem Tischlerlehrling, theoretische Vorlesungen, noch dazu von einem Laien, über Tischlerei halten, ohne ihn irgend früher oder gleichzeitig in die Werk- stätte einzuführen und ihm reichlich Gelegenheit zur Aus- und Einübung der Fertigkeit zu geben, so würde ein schönes Machwerk herauskommen! Nun, die Haushaltung und was mit ihr zusammenhängt, ist auch eine Werkstätte, sogar eine recht vielseitige; ihr Apparat will gekannt und gehandhabt sein. Daher ist auch mit „ein paar Stunden in der Woche", mit dem „Bisschen von dem" und dem „Bisschen vom andern" nichts geleistet. Dieses „Bisschen" ist sogar der Grundschaden unserer Zeit und unseres ganzen modernen Unterrichts- und Erziehungswesens von der Volksschule an bis zur Hochschule hinauf. In nicht gerade höflicher Art hat das schon Jarno im „Wilhelm Meister" gesagt, wenn er ausruft: „Narrenspossen sind eure allgemeine Bildung und alle Anstalten dazu! Dass ein Mensch etwas ganz entschieden verstehe, vorzüglich leiste, wie nicht leicht ein anderer in der nächsten Umgebung, daraus kommt es an." Selbstverständlich fällt es uns mit unserer Bemerkung nicht ein, und ist dies wohl auch nicht Jarnos Ansicht gewesen, den Wert einer gediegenen und wohlfundierten Bildung herabzusetzen; nur gegen die landläufige Methode muss energisch Front gemacht werden, die gerade das Gegentheil von dem erzielt, was sie will, und deren Resultat schon in dein alten, vielgebrauchten Spruchsatz zusammengefasst Madame Campan, die ehemalige .Nammerfrau der unglücklichen Gemahlin Louis XVI., später Lehrerin der Hortcnse und Emilie Beauharnais, von Napoleon I. ,1807) zur Leiterin der Erziehungsanstalt zu Econen berufen, ist die Mutter aller der zahlreichen Institute, insbesondere der Müdchenpensionate, welche bis heute für die höhere Bildung der Mädchen sorgen. Sie war es auch, welche die Idee der Vvlksbibliotheken, speciell für niedere Stände, fü.r Dienstmädchen, Arbeiterinnen u. s. w. zuerst erfasste und verwirklichte. 44 ist: Lx omnibus uli«>uich ex toto nikil! — Naiv ist es daher auch, das Heil bei einem Fachgebiet, wie es die Haushaltungslehre begreift, vvn „theoretischen" Erörterungen in einer „obligatorischen" Fortbildungsschule mit ihren paar Wochenstunden zu erblicken. Das muss in Spielerei ausarten. Man darf nicht das von den Kräften eines Pferdes erwarten und verlangen, wozu man eine Maschine braucht. — Aus dem Gesagten ergibt sich eine Theilung des ganzen Gebietes in zwei Schulkategorien: in die „Wirtichastsschule" und in „Höhere Haushaltungs- und Sanitätscurse". Beide haben grundverschiedene Aufgaben und organische Einrichtungen, weshalb wir für sie auch verschiedene Bezeichnungen gewählt haben. Die eine soll erst in das praktische Leben einführen und für dessen Bedürfnisse vorbilden, die andere setzt eine ziemlich genaue Vertrautheit mit demselben voraus und hat einen ganz eigengearteten Zweck. Eine Charakteristik beider wird dies unschwer erweisen. l. Die Virilchnlkslchule. Diese Schule soll für die Vorbildung zur Führung des ge wöhnlichen durchschnittlichen Haushaltes der mittleren und der besseren unteren Stände bestimmt sein. Sie wäre eine Tagesschule und am besten als Halbpensionat einzurichten.'*) Die „Wirtschaftsschule" soll Mädchen mit guter Volksschulbildung, aber nicht im Alter unter 16 Jahren, aufnehmen und sie durch zehn Monate auf den wichtigsten Gebieten der Haushaltung praktisch unterweisen. Ihr Lehrplan hätte etwa folgende Disciplinen zu umfassen: Allgemein bildende Gegenstände: Religion, Unterrichtssprache, einfaches, geläufiges Rechnen für den Hausgebrauch (Kopfrechnen); vielleicht Heimatskunde. Fachliche Gegenstände und praktische Übungen: Führung des Hausbuches, Koch- und Haushaltungsunterricht, Behandlung der Wäsche, Hand- und Maschinnähen und die wichtigsten, sonstigen Handarbeiten für den häuslichen Bedarf. Außerhalb der „Wirtschaftsschule" im engeren Sinne, also für Absolventinnen derselben oder für sonstige Frequentantinnen, können mit *) Die einschlägige Anstalt des Lette-Vereines in Berlin hat zwar anch ein Internat; das versteuert aber die Sache und ist für die Erreichung des Zweckes derselben nicht unbedingt erforderlich. — Wir bringen einen Auszug aus dein Regulativ dieser Schule im Anhang, Beilage 0, um die Sache anschaulich zu machen. 45 einer solchen Anstalt Specialcurse verbunden werden, wie z. B. Ge- schäftscurse (Ladenverrechnung) in der bei Gruppe I angegebenen Art, Samaritercurse (Pflegeeurse), Curse für Schneiderei, Modistenarbeit für den Hausgebrauch u. s. w. Mitunter kann der Anstalt je nach dem örtlichen Bedürfnis eine Fortbildungsschule für Mädchen eingefügt werden. Die Frequentantinnen der eigentlichen „Wirtschaftsschule" hätten, einschließlich der Beköstigung, den an sich gewiss mäßigen Betrag von 40 pro Kopf und Monat, also jährlich 400 /v zu entrichten. Das Maximum an Schülerinnen der Wirtschaftsschule müsste mit 60 angesetzt werden; natürlich stünde bei vorhandenen Mitteln der Errichtung von Parallelabtheilnngen nichts im Wege. An die Spitze solcher Anstalten dürften nur pädagogisch geeignete, in der Haushaltung erfahrene Leiterinnen gestellt werden, welche Disciplin zu halten verstehen. Die Zahl der internen Lehrerinnen dürfte keinesfalls unter sechs sein, so dass nur je zehn Schülerinnen unter einer Lehrkraft beim praktischen Unterricht, beziehungsweise bei einem Kochapparat gleichzeitig beschäftigt würden. Nach einer approximativ aufgestellten Berechnung, der sehr gute Zahlungen für die Leitung und Entlohnung der Lehrkräfte*) zugrunde gelegt worden find, würden die Kosten einer „Wirtschaftsschnle", außer der Beistellung der Schulräume und den übrigens nicht übermäßigen Jnvestitionsauslagen, sich jährlich, ein schließlich der Verköstigung, auf circa 45.000 belaufen. Der Eingang an Unterrichtsgeldern kann, bei Berücksichtigung von zehn Freiplätzen für gänzlich Unbemittelte, auf jährlich 20.000 beziffert werden. Es ergäbe sich demnach ein jährlicher Abgang von 25.000 für welchen — ähnlich wie bei commerciellen Tagesschulen, gewerblichen Lehranstalten u. s. w. — im Wege einer Concurrenz der Subventionen, der Staat und andere öffentliche und private Factoren aufzukommen hätten. Derartige Anstalten könnten in jeder größeren, kleineren, ja kleinen Stadt unschwer errichtet werden; in großen Städten wäre ein förmliches Netz solcher Schulen erforderlich, die in einer ähnlichen Art wie bei den Anstalten des Lctte-Bereines einer Centrale zu unterstellen wären. Besonders muss *) Man könnte das bei den Centralk och schulen in London (eentrech befolgte System der permantcn Koch- und Arbeitslehrerinen I. und II. Classe und von denselben zugewiesenen provisorischen Lehrkräften und Gehilfinnen einführen. Die Lehrerin I. Classe bezieht 100 Pf. St. sein Trittheil der Lehrkräfte steht im Genusse dieses Bezuges), die Lehrerin II. Classe 75 Pf. St. Unserer Berechnung sind mindestens die gleichen Gehalte zugrunde gelegt, jener für die Dotierung der Leiterinnen aber weitaus höhere. 46 Gewicht darauf gelegt werden, dass nicht Privatunternehmungen, sondern öffentliche Faetoren, insbesondere Gemeinden, Länder, Handels- und Gewerbekammern, Genossenschaften, specielle Corpora- tionen für derartige Zwecke (Frauenerwerbvereine, Haussrauenvereine, geistliche Institute und Congregationen), Stiftungen u. s. w. solche Anstalten ins Leben rufen würden, was ihnen bei dem bezeichneten Vorgang wesentlich erleichtert würde.*) Unter allen Umständen wären die gebrachten Opfer in keinem Verhältnis zu der Wohlthat, welche namentlich auch der ortsansäßigen Bevölkerung aus ihnen erwachsen würde. Hoffentlich wäre endlich ein Ansang damit gemacht, dass nicht wie bisher in der Mehrzahl der Fälle verbildeten oder sonst unfähigen und gänzlich unbrauchbaren Mädchen die Aufgabe zufiele, den väterlichen Haushalt zu stützen und, wie es ja so oft vorkommt, sogar zu führen, oder als eine merkwürdige „Stütze der Hausfrau" in der Fremde ihr Brot zu suchen. Dass aber in diesen Anstalten nicht etwa die Bäume in den Himmel wachsen, und Unnützes und Veraltetes gelehrt und geübt würde, dafür hätte eben eine weitblickende Organisation und Verwaltung zu sorgen. Für die diesbezüglichen Verhandlungen wäre es zweckdienlich, ein Normalstatut**) und einen Normallehrplan auszuarbeiten und dieselben den ersteren zugrunde zu legen. 2. Höhere Hnushallungs- und Aanilälscurle. Hundert-, ja tausendfältig sind die Beziehungen und Wechselwirkungen der modernen Industrie und des Gewerbes zum Hause, enorm die in seinem Dienste stehende Production, unübersehbar die Erfindungen, Veränderungen und Neuerungen in diesem Bereiche. Mit der in alle Schichten des Lebens eindringenden Culturarbeit, welche die Welt und die Verkehrswege der Erde zu ihrem Operations- selde und als ihre Träger hat, ist der Process der Umgestaltung des alten Hausbetriebes in ganz neue Formen und in ganz veränderten *) Es dürfte sich dann wohl der Fall nicht mehr ereignen wie in Graz — einer Stadt mit 112.000 Einwohnern —, wo in den Jahresberichten der dortigen Hausfrauenschule stereotyp der Passus wiederkehrt, „dass eine Kochschule darum nicht eröffnet werden konnte, weil hiefür keine Mittel zur Verfügung stünden". **) Es war dem Verfasser sehr interessant, zu einer Zeit, wo er das Manuscript der Arbeit bereits fertiggestellt hatte, das ihm bis dahin unbekannte Programm einer Haushaltungsschule in Friedland (Böhmen) zu erhalten, welches im Wesen sich mit den obigen Vorschlägen deckt und nur in mancher Hinsicht zu weitgehend sein dürfte. Bahnen im engsten Zusammenhang. Täglich und stündlich ist diese Arbeit in stetigem, unaufhaltsamem Fortschritt begriffen; jede große Fachoder Gewerbeausstellung, jeder Blick in ein wohlassortiertes „Küchen- geschäft", jeder Besuch einer großen Droguenhandlung, einer einschlägigen Fabrik, eines Lagermagazins u. s. w. belehrt uns über die Größe dieser Arbeitsleistung. Wie stehen nun diesen, in jedem größeren Haushalt spür- nnd greisbaren Wandlungen und Anforderungen das eonfurnierende Haus und die Frau dieses Hauses, der „erste Beamte" desselben, wie man sie genannt hat, gegenüber? — Der reine Zufall entscheidet jetzt in der Mehrzahl der Fälle über das höhere oder geringere Maß des Verständnisses der Frau für die Erfassung der eigentlichsten Aufgaben, welche ihr und dem Hause gestellt sind. Zufällig wird von einer epochemachenden Erfindung Notiz genommen, zufällig wird eine wertvolle Vorrichtung, eine Verfahrensweise in den Gesichtskreis der Frau getragen. Die Erfahrung des engsten Kreises, die Empfehlung einer Firma, die Anpreisung der Reclame, die flüchtige Mittheilung einer Zeitung u. a., das sind die Wege, durch welche das Haus in Contact mit dem riesigen Wirtschaftsbereiche steht, der außer ihm liegt. Woher sollte man auch sonst, als durch reine Empirie, Kenntnis von den Dingen erlangen? Fehlt doch jedes Organ, sie zu vermitteln, fehlt es doch an der nöthigen Schulung des Geistes und des Blickes, um das Gute vom Schlechten, das Gediegene vorn Schwindelhaften, das Echte vom Falschen unterscheiden zu können! Was das aber im Hausbetriebe von Millionen bedeutet, wäre wert, von praktischen Socialpolitikern untersucht und geschätzt zu werden; hängt doch nach weitgreifenden Studien derselben der Nationalwohlstand in erster Reihe von einer gesunden Wechselwirkung zwischen der Produktion und der Consumtion, sowie von der richtigen Art der Organisierung beider Theile ab, welche sich natürlich umso dauerhafter und geregelter gestalten wird, je besser das Product dem Consumenten zu dienen geeignet ist, und je weniger die Schundware von diesem bezogen wird. Eine förmliche Lehre, die man füglich die Technologie des Haushaltes*) nennen könnte, ist es demnach, welche diese Mittheilung von einschlägigen Kenntnissen und Erfahrungen zu vermitteln hätte. Sie in entsprechender Form und mit sicherem Blick auf die praktischen Bedürfnisse des Hauses zu bieten und in weite Kreise zu tragen, *) „Die Hauswirtschaft ist ein der männlichen Production vollkommen ebenbürtiges Gebiet der menschlichen Arbeit, welche zwar keine Erzeugnisse, wohl aber die Arbeitskraft zu erzeugen hat." (Lorenz v. Stein, „Die Frau" rc., S. 336.) 46 wäre die Bestimmung der „Höheren Haushaltungscurse", wie wir sie im Auge haben. Sie müssten daher zunächst sür schon mit dem Hausbetrieb und seinen Ansorderungen vertraute Frauen bestimmt sein, beziehungsweise sür Mädchen, welche dieser Voraussetzung zu genügen vermögen und reis genug sind, um solchen Unterweisungen mit Interesse zu folgen, also keinesfalls im Alter unter 17 Jahren. Aber noch ein anderes umsangreiches Lebensgebiet wäre zu beachten, wo heute der Frau und dem Mädchen die Direetive sehlt und das doch von einer großen Bedeutung für sie und sür das Haus ist: Eine rationelle Belehrung über die hygienisch-sanitäre Seite der Einrichtungen des Hauses, beziehungsweise der Pflege seiner Angehörigen in gesunden Tagen und bei eintretenden Krankheitsfällen, namentlich auch mit Bezug auf die Kost. In einer anonym erschienenen Schrift*) ist dieser Gedanke in schöner Weise zum Ausdruck gelangt: „Beim Anblick der Leiden zur Hilfeleistung gedrängt, ist die Frau als Schützern: der Familie auch ihr nächststehender Arzt. Ist unmittelbares Eingreifen nöthig, so muss die Frau selbst unfreiwillig den Arzt vertreten. Sie soll aber auch der die Gesundheit schützende Arzt sein. Hierin und als Pflegerin des Kranken ist die Macht der Frau so groß, dass der Familienarzt ohne ihre Mithilfe nichts zu erreichen vermag." — Die meisten bisher gemachten Versuche, hier Abhilfe zu schassen, sind zu singuläre und zufällige, als dass sie einen nachhaltigen Einfluss zu üben vermöchten.**) Das kann eben die private Thätigkeit nicht leisten: Die Ausgabe ist für sie zu groß und zu schwierig, sie verlangt eine allgemeine Lösung.***» Diese Einrichtung muss eine stabile sein und von einem Centrum aus beeinflusst werden. Dieses sollte nach unserem Plane das „Weiblich-technische Arbeitsmuseum" bilden, von dem unten *) „Tie Madchenerziehung", Mainz, 1885, bei Diemer. Man hat übrigens in der längsten Zeit begonnen, der Sache eine erhöhte Aufmerksamkeit zu schenken. So wurden in Wien durch die „Ethische Gesellschaft" Vorlesungen über „Kinderpflege im ersten Alter für Frauen" veranstaltet, welche auch Anklang fanden; ferner hat die „Osterr. Gesellschaft für Gesundheitspflege" unter Mitwirkung von Universitütsdocenten über die „Hygiene des Frauenlebens" kürzlich volksthümliche Curse in Wien eröffnet, bei welchen ein so kolossaler Andrang herrschte, dass der größte Saal der medicinischeu Faeultät nicht ausreichte, und die Belehrungssuchenden auf der Treppe und auf der Straße standen, ohne Einlass finden zu können. Der Vortrug musste wiederholt werden. Solche Zeichen geben zu denken, denn sie deuten aus ein großes Bedürfnis in der Bevölkerung. *** > Dobert, a. a. S. 49 die Rede sein wird. Von ihm mussten alle Impulse ausgehen, von ihm der enge Anschluss an das Bedürfnis des Lebens, die Vermittlung der Theorie und der Praxis, die Durchdringung des ganzen Bereiches mit bereits festgestellten Resultaten der Wissenschaft, Technik und praktischen Erfahrung. Erst im Zusammenhalte mit dem über die Organisierung dieser Centralanstalt Gesagten wird auch der hier entwickelte Grundgedanke volle Klarheit gewinnen. Eine weitere Anforderung an diese Specialcurse wäre die, dass ihre Organisation eine möglichst freie, nicht streng schulmäßige, sondern bewegliche sei; dass also auch die Absolvent innen derselben durch eigene Veranstaltungen Gelegenheit erhalten, sich über die Fortschritte und Neuerungen auf dem Gebiete des Haushaltes fortgesetzt orientieren zu können, damit nicht Einseitigkeit und Erstarrung bei Behandlung des Stoffes Platzgreife. Bei einem bestimmt begrenzten Programm, das aufzustellen natürlich die concrete Ausgabe der Durchführung der Idee bliebe, bei richtiger Anpassung des Stoffes, und unter der Voraussetzung der Gewinnung vorzüglich gualificierter Fachkräfte tder besten, die man austreiben kann), wäre der Erfolg und die Popularität solcher Curse gesichert. Der ganze Vortrags- und Demonstrationsstoff müsste in zwei Hauptgruppen sich gliedern: Die Haushaltung im engeren Sinne, die bei ihr hauptsächlich gebrauchten Vorrichtungen, Erfindungen, sonstigen Einrichtungen und auftretenden Bedürfnisse, überhaupt alle wichtigeren, mit ihr im Zusammenhang stehenden Bereiche; ferner die hygienischsanitäre Aufgabe in der Haushaltung und des Hauses überhaupt. Die Lehrkräfte müssten je nach dem Fachgebiet, ja selbst nach einzelnen Hauptdisciplinen desselben, den Kreisen der technischen Fachlehrer, der Berusstechniker, der Praktiker, der Sachverständigen der Versuchsanstalten für Lebensmittelprüfung, des ärztlichen Standes und zuletzt, aber keineswegs in letzter Linie, aus der Frauenwelt selbst entnommen werden. Der in derartig freien Cursen ermöglichte Meinungsaustausch würde sicher auch eine Fülle von Anregungen und Verbesserungen für die Produktion mit sich bringen. Diese „Höheren Haushaltungs- und Sanitätscurse", wie nur sie hier in Vorschlag bringen, würden so einzurichten sein, dass deren Frequentantinnen nur je durch drei Stunden täglich (Vorüber Nachmittag), und zwar durch ein Jahr zu 8 Monaten Unterricht erhielten. Es könnten daher an einer Anstalt gleichzeitig Doppelcurse abgehalten werden. Die Zahl der Theilnehmerinnen, die sich eventuell wieder in Gruppen theilen würden, wäre aus 40 pro Cnrs zu beschränken. 50 Eine gewisse allgemeine Bildung und der Nachweis der praktischen Vorkenntnisse im Haushalt müssen bei der Aufnahme vorausgesetzt werden. Würden die Curse dementsprechend organisiert, und würde von den Besucherinnen derselben das in diesen Kreisen gewiss leicht erschwingbare Unterrichtsgeld von 20—30 7r pro Monat geleistet, so würde ein sehr großer Theil des Aufwandes für diese Curse durch die Einnahmen derselben bestritten werden können*), so dass der Staat, dem die Lösung dieser Aufgabe hauptsächlich zufiele, hiefür keine sehr bedeutenden Lasten zu tragen hätte. Natürlich könnte ein derartiger finanzieller Effect erst dann erwartet werden, wenn solche Curse schon einigermaßen bekannt geworden sind, und wegen ihrer Leistungen auf weitere Kreise schon eine gewisse Anziehungskraft auszuüben vermögen. Der „Haushaltungslehre" wären bei jedem Curse zwei, dem „Sanitätsunterricht" eine Stunde pro Tag zu widmen, so dass für den ersteren im ganzen circa 420, für den letzteren 210, für beide 630 Stunden zur Verfügung wären. Es bestünde auch an sich gar kein Hindernis, solche Curse mit einer „Wirtschaftsschule" in einer Anstalt zu vereinigen; es würde diese Verbindung sogar in mancher Richtung einen großen Vortheil bieten, da man dann das praktische „Laboratorium" unmittelbar benützen könnte. Dadurch, dass die Curse in der Folge keine sehr erhebliche Auslage verursachen, könnten sie überall da, wo gut qualificierte Kräfte gewonnen werden können, leicht errichtet werden, selbstverständlich vorzugsweise in großen Städten. Sie müssten aber unter der beständigen Controle des „Arbeitsmuseums" stehen. Eine Bürgschaft für den inneren Wert der Curse kann ja nur dadurch gegeben werden, dass die angehende oder wirkliche Hausfrau dabei ihre Rechnung findet; demnach müsste der Unterricht vorzugsweise demonstrativ, auf praktische Vergleiche gestützt sein und allen gelehrten Ballast fernehalten. Nirgends als auf solchen Fachgebieten tritt die alte Erfahrung ja so augenscheinlich hervor, dass der Lehrer die Schule macht; er könnte hier höchst anregend, spannend und fruchtbringend wirken, aber auch bodenlose Lange- *> Einnahme eines Curses: 40 Curstheilnehmerinnen L 30 /c pro Monat — 1200X, pro 8 Monate 9.600 /c Bei einem Toppelcurs daher. 19.200 „ Ausgabe für den Toppelcurs: Lehrerhonorar Onclusive Leitung». 14.000 ü Regie und Locale. . . . . 10.000 „ Zusammen . . 24.000 A' Mehrausgabe. 4.800 51 weile um sich verbreiten. Mögen diese Curse, falls es ihnen beschieden sein sollte, ins Leben zu treten, von Anfang an vor den Dolmetschen der letzteren bewahrt bleiben! Vierte Gruppe. Fortbildungsschulen für Mädchen, insbesondere für Lehrmädchen. Vielleicht nirgends sind die Schwierigkeiten, den sachlichen Unterricht in wirksamer Art zu organisieren, so bedeutend wie beim Fort- bildnngsunterricht für Mädchen. Aus der einen Seite steht man der an sich nur zu begreiflichen Forderung gegenüber, den: Bedürfnis der breiten Schichten der weiblichen Bevölkerung nach einer entsprechenden Weiterbildung der Mädchen nach dem volksschulpslichtigen Alter Rechnung zu tragen, und möglichst weite Kreise in dieselbe einzubeziehen, also mit großen Massen zu operieren, was die weitere Forderung in sich schließt, einen äußeren Zwang bei der Errichtung und für den Besuch solcher Schulen zu normieren; aus der anderen Seite steht die längst durch Erfahrung und Praxis erhärtete Thatsache, dass ein sachlicher Unterricht, wenn er kein Scheingebilde und keine Spielerei sein soll, die Individualisierung zur ersten Voraussetzung hat, also keine Massenunter Weisung duldet, daher Zwangsmaßregeln — an sich schon unpopulär — sich bei ihm auch nicht als zweckdienlich erweisen. Das muss man sich zuerst vorhalten, wenn man in dem Wirrsal der Debatten über Zweck und Einrichtung solcher Schulen zu einiger Klarheit gelangen will. Man hat überhaupt über das in einer Fortbildungsschule Erreichbare in weiten Kreisen ganz irrige Vorstellungen. Alles Mögliche glaubt man von diesen Schulen erwarten und ihnen auslasten zu können. Run ist aber eine Fortbildungsschule, wie sie hier nur in Frage kommen kann, nach dem technischen und administrativen Begriff derselben eine Stundenschule, die sich den verschiedenartigsten Bedingungen (Verfügbarkeit des Locales, der Lehrkräfte, deren Qualität, Schulzeit u. s. w.) anpassen muss und nur über eine sehr beschränkte wöchentliche Unterrichtszeit verfügen kann. Wenn man also das, was für eine Reihe großer Fachgebiete als eine eigene Aufgabe von Speciallehr- anstalten angesehen werden muss, von der Leistung einer Fortbildungsschule erwartet, so kann selbstverständlich die Täuschung nicht ausbleiben. Das vermag die Fortbildungsschule einfach nicht zu bestreiten, und der Sache ist mit einem schön gedruckten Lchrplan allein nicht gedient. 4 * 52 Ein Kenner des Fortbildungsschulwesens für Mädchen, Dr. K a inp in Frankfurt a. M., fagt bei diesem Thema in seinem Buche: „Die Praxis der Mädchen-Fortbildungsschulen": „Bon allen Freunden der Weiterbildung der Mädchen über die Volksschulzeit hinaus wird erkannt und beklagt, dass diese Weiterbildung in einer Weise erfolge, welche klare Erkenntnis des Hauptzweckes und der besten Mittel dazu vermissen lasse. Die Zersplitterung im Mädchen-Fortbildungswesen trotz dessen jugendlichen Alters hat bereits Zustände gezeitigt, die von der zu erstrebenden systematischen Organisation weit abliegen." — Nun fehlt es aber solchen Schulen auch noch häufig an qualisicierten Lehrkräften, obwohl man sich nachgerade schon daran gewöhnt hat, dem Lehrer oder der Lehrerin einer Volks- oder Bürgerschule Kunststücke zuzumuthen, die selbst der gewandteste geistige Trapezkünstler in dieser Vielseitigkeit nicht zu leisten vermag; die Proben dieser Kunst fallen auch mitunter darnach aus. Also man bleibe uns mit der Fortbildungsschule als Allerweltsmittel vom Leibe! Eine weitere, gewichtige Erwägung knüpft sich an die anscheinend so berechtigte Forderung, solche Schulen für Mädchen als „obligatorische" zu erklären. Da muss man auch erst genau zusehen und striete unterscheiden: zwischen der obligatorischen Errichtung derartiger Schulen und zwischen der Verpflichtung hinsichtlich des Besuches von bestehenden, aus freiem Willen der betheiligtcn Kreise geschaffenen und von ihnen erhaltenen Anstalten, und zwar nach Maßgabe der Möglichkeit einer Unterweisung innerhalb der Grenze der getroffenen Einrichtung?» In ersterer Beziehung muss daran erinnert werden, dass Pflicht- schulen in diesem Sinne überhaupt nur in einigen Staaten als Fortführung des allgemeinen Volksschulunterrichtes, also als eine Wieder- holungs- und Weiterbildungsschule im Bereiche dieses allgemeinen Unterrichtes — allenfalls versehen mit ein paar Randverzieruugen — bestehen, demnach gar nicht in den Rahmen des Fachunterrichtes fallen.*) **) Für diesen hat man eine ähnliche *) Bgl. die öfterr. Gewerbeordnung und das sie theilweise nwdificiercnde Gesetz vom 23. Februar 1897, R. G. Bl. Nr. 63. **) Solche Curse „zum Zwecke der allgemeinen Fortbildung der Mädchen" haben auch der Z10 des bsterr. Reichsvolksschulgesetzes und die Miuist.-Ver- ordnung vom 10. April 1885, Z. 1985, M. B. Bl. Nr. 15, im Auge. In Österreich wurden übrigens bei der letzten amtlichen Erhebung bei 64.000 Mädchen gezählt, welche einen „Wiederholungsunterricht" in den Gegenständen der allgemeinen Volksschule genossen haben. Ö3 zwangsweise Einrichtung aus leicht begreiflichen Gründen bisher nicht einzuführen gewagt, wiewohl man darüber schon mehr als genug geschrieben hat.H Der Verfasser möchte den kennen, der für 1,740.000 Mädchen — soviel gibt es beiläufig schulpflichtige Mädchen in Österreich —, beziehungsweise für 2—3 Achtel, nämlich den in Fortbildungsschulen dann vorrückenden Theil derselben, einen wirklich guten fachlichen Fortbildungsnnterricht zu organisieren vermöchte, und wäre begierig, wo er die Mittel zur Errichtung und Erhaltung so massenhafter Schulen, qualificierte Lehrkräfte, gute Loealitäten «namentlich auch, wie man es gewünscht hat, für den praktischen Unterrichts u. s. w. hernehmen würde? Mit Recht hat man bisher in Österreich beim gewerblichen und commer- ciellen Unterrichte sich wohl gehütet, eine so einschneidende Maßregel, wie sie die obligatorische Errichtung einschlägiger Fortbildungsschulen wäre, zu versuchen: Ein Fiasko ersten Ranges wäre unausbleiblich! Eine ganz andere Frage ist dagegen die, ob in ähnlicher Weife, wie dies jetzt schon bei den männlichen Lehrlingen der Fall ist, auch für Lehrmädchen Schulen ins Leben gerufen werden könnten, deren Besuch in dem oben erwähnten Umfange unter gewissen Umstünden als ein obligatorischer anzusehen wäre?*) **» Man hat seinerzeit bei der Organisierung des Fortbildungsnntcrrichtes auch nicht alle Knaben und Jünglinge bis zum 18. Lebensjahr verpflichtet, Fortbildungsschulen zu besuchen, sondern hat diese Verpflichtung — und da auch nur bedingungsweise — auf die Lehrlinge des Gewerbes und des Handels beschränkt, also von vorneherein die Grenzen weit enger gezogen. Daraus ergibt sich der Schluss: man muss eine Form finden, um zunächst solchen Lehrmädchen die Möglichkeit der fachlichen Ausbildung zu bieten und für diese den obligatorischen Schulbesuch in der angegebenen Beschränkung fordern. Das dürfte schon auf Grund der bestehenden Bestimmungen unserer Gewerbeordnung <§970 erreichbar sein. Dagegen müsste die Organisierung von fachlichen Fortbildungsschulen für Mädchen überhaupt einen *) Siehe das Werk von P. Pache über Fortbildungsschulen «I.—III. Bd.) und die sich daran anschließende Discnssion in der Münchner Allg. Zeitung vom 12. und 13. Februar 1900. In der diesbezüglich maßgebenden Verordnung des Ministeriums für Cultus und Unterricht vom 24. Februar 1883, Z. 3674, ist auch schon der Anwendbarkeit derselben auf die „Errichtung von Schulen zur Fortbildung gewerblicherArbeiterinnen" gedacht. (Centralblatt für das gew. Nnt.-Wesen, Bd.II, S.57.) 54 ganz anderen Charakter an sich tragen, was schon durch die große Verschiedenartigkeit der Lebensverhältnisse der Mädchen bedingt ist. Cs wird sich hier wohl wie bei Fachschulen im allgemeinen verhalten, welche gegründet und aufgesucht werden, weil sie eben etwas für das Leben Brauchbares und für das Fortkommen Wertvolles zu bieten vermögen, ohne dass man dabei eine zwangsmäßige Einrichtung nöthig hätte. Wenn man sich so über die Grenzen der Organisation selbst orientiert hat, kann man erst versuchen, dem Wesen dieser Schulen für Mädchen näher zu treten. Da wird man nun auch wieder Schulen mit einer minimalen Stundenzahl, wie z. B. bei jenen für Lehrmädchen (bis zu 6 wöchentlichen Stunden durch etwa drei Jahre und bei achtmonatlichem Betriebe), von solchen mit einer viel ausgedehnteren Unterrichtszeit (etwa 10—12 Stunden pro Woche) anseinanderhalten müssen. Bei den ersteren wird der fachliche Unterricht überhaupt fast die ganze Zeit occupieren, bei den letzteren wird für die allgemein bildenden Fächer und für die gerade in der Zeit vom 14.—17. Lebensjahre so nöthigen körperlichen Übungen der Mädchen noch Raum vorhanden sein. In beiden Füllen müsste die Haus wirtschaftliche Unterweisung (Koch- und Arbeitsunterricht) in den Vordergrund gestellt werden, wo irgend möglich im Anschluss an praktische Einrichtungen?') Es mag auch Fälle geben, wo bei der Organisierung der weiblichen Fortbildungsschulen eine gewisse Unterstützung specieller Erwerbszweige durch Vermittlung von Fertigkeiten, wie durch einen guten Zeichenunterricht u. a., am Platze wäre; in solchen Fällen müsste man durch Errichtung eigener Abtheilungen dem Bedürfnis abzuhelfen trachten. Für landwirtschaftliche Verhältnisse empfiehlt sich jedenfalls weit besser die Einrichtung besonderer Curse, wie wir sie an anderer Stelle besprochen haben.*'? Der Einwand, dass durch diesen Fortbildungsunterricht für Lehrmädchen die bei Gruppe I, 1, behandelten Koch- und Arbeitsschulen für Fabriksarbeiterinnen eigentlich überflüssig würden, ist nur ein scheinbar berechtigter, weil einerseits diese Schulen im ganzen über eine noch geringere Stundenzahl verfügen, also auch weniger zu leisten vermögen, und weil anderseits das Schülerinnenmateriale und in den meisten Fällen auch das Alter der Mädchen, beziehungsweise hier auch der Frauen, ganz anders geartet sind, endlich weil schon die Bestimmungen der Gewerbeordnung die Subsumiernng dieser Arbeiterinnen unter die Kategorie „Fortbildungsschulen" nicht gestatten. **) Das Werk von Dr. O. Kamp: „Die Praxis der Fortbildungsschulen für Mädchen" kommt zu einer ähnlichen Gruppierung: 1. die volksschulmüßige, 2. die gewerbliche und 3. die hauswirtschaftliche Fortbildungsschule für Mädchen. Ebenso O. Pache, a. a. O., I. Theil, S. 40. 55 Eine schwierige Frage wird bei der Durchführung der Organisation stets die Wahl der Unterrichtszeit bilden; da müssen die localen und concreten Verhältnisse als maßgebend für die jeweilige Einrichtung betrachtet werden. Je freier man überhaupt die ganze Institution behandelt, desto leichter wird sie Wurzel fassen. Der Zwang hat sich auf diesem Boden nirgends bewährt; von innen heraus muss sich die Pflanze entwickeln. Freilich müssen auch Anzeichen dafür sprechen, dass man weiß, dass man da eine hoffnungsreiche Pflanze im Garten des Mädchenunterrichtes hat, und ihr die nöthige Pflege zuwenden. Jedenfalls ist es sehr bezeichnend und belehrend, dass z. B. die für die männliche Jugend auf Grund der Novelle zum Reichsvolksschulgesetze vorgesehenen „Specialcurse" keine rechte Bedeutung zu erringen vermochten, während die gleichzeitig auf Grund der Verordnung des Ministeriums für Cultus und Unterricht vom 24. Februar 1883 organisierten gewerblichen und kaufmännischen Fortbildungsschulen wie die Pilze aus der Erde schössen und gegenwärtig schon eine große Verbreitung gefunden haben. Die Erklärung dieser Erscheinung liegt theilweise darin, dass an der Erhaltung dieser Schulen der Staat und alle öffentlichen Faktoren sich mit reichen Mitteln betheiligten; macht doch der gegenwärtige staatliche Aufwand für sie allein jährlich über 660.000/v aus! Der gleiche Vorgang wie hier muss auch beim fachlichen Fortbildungsunterricht für Mädchen beobachtet werden, dann wird man auch bei ihm schöne Resultate zu erzielen vermögen. Wo keine andere Form der Unterweisung mehr gefunden werden kann, wird die Fortbildungsschule noch ihre Bedeutung haben und ihren Platz behaupten können, in der Regel nicht als eine selbständige Unternehmung, wohl aber angegliedert an andere Anstalten (Volks- und Bürgerschulen, Wirtschastsschulen u. a.). Da wäre es nun von besonderem Werte, wenn bei der Neueinrichtung solcher Anstalten wenigstens auf die räumlichen Bedürfnisfe der Fortbildungsschulen Bedacht genommen werden könnte, eine Voraussicht, welche erst kürzlich durch die Unterrichts- vcrwaltung den localen Kreisen empfohlen worden ist?) Im Auslande hat mau für solche Zwecke auch eigene „Kochhallen" beigestellt. Fünfte Gruppe. Höhen Töchterschulen. Als Napoleon I auf die Frage: „Was fehlt uns, damit die Jugend Frankreichs eine gute Erziehung erhalte?" — von Madame Eampan die Antwort erhielt: „Mütter!", soll er entgegnet haben: „Ein ganzes Erziehungssystem in einem einzigen Wort!" — Und einer, dem man durchdringenden Verstand und seine Beobachtungsgabe nicht absprechen wird, Moltke, hat in einem seiner Briese geschrieben*»: „Wie oft ist es mir vor die Seele getreten, dass von allen Wohlthaten der erste mütterliche Unterricht die größte und bleibendste ist. Auf dieser Grundlage baut sich der ganze Charakter und alles Gute in demselben." Damit der dritte im Bunde nicht fehle, setzen wir noch den Satz von S. Smiles her: „Wenn der moralische Zustand eines Volkes von dessen Erziehung im „Daheim" wesentlich abhängt, wie dies unsere feste Überzeugung ist, so muss die Erziehung der Frau als ein Gegenstand von großer nationaler Bedeutung aufgesasst werden." Also: der große Franzose, der große Deutsche und der große Brite stimmen in diesem Punkte völlig überein. Mütter! nicht nur solche, die Kinder haben, sondern sie auch zu erziehen und zu leiten verstehen, das ist in der That die Cardinalsrage! Wo will man sie hernehmen? Wo soll das Geschlecht herkommen, das sich des Wertes dieser seiner vornehmsten Ausgabe bewusst wäre? — Unterricht und schnlmäßige Erziehung vermögen hier allein nicht das Entscheidende zu leisten, das hängt noch von ganz anderen Factoren ab. Das aber sollte man voraussetzen können und muss man fordern, dass nicht schon durch die Art des Unterrichtes und der Erziehung geradezu der Halbbildung und Verbildung, der Oberflächlichkeit im Wissen und Können und dein daraus erwachsenden Eigendünkel Thür und Thor geöffnet sei, statt dass die Ausbildung der Mädchen bis zur Zeit der abgeschlossenen Reise in körperlicher und geistiger Beziehung in gesunde Bahnen gelenkt werde und darin erhalten bliebe. Die Übelstände bei der Töchter- erziehung haben sich allenthalben bei uns und im großen Nachbar- staate geltend gemacht; in England stehen die Dinge ganz anders: Frankreich und Schweden haben wenigstens bestimmt ausgeprägte Organisationen auszuweisen. In Österreich ist der Ruf nach Abhilfe ein allgemeiner geworden; die Unterrichtsverwaltung hat sich ihm auch *) Briefe des General-Feldmarschalls Grafen Moltke an seine Mutter und an seine Brüder Adolf und Ludwig. Berlin 1891, E. S. Mittler L Sohn. nicht verschlossen, sondern erst kürzlich in einer öffentlichen Ennneiotion den bestimmten Willen zu erkennen gegeben, eine Reform des allgemeinen Mädchenunterrichtes herbeizuführen*); schon früher*'*) hat sie den bestehenden Zustand „eine thatsächliche, unverkennbare Nothlage" genannt, „an welcher weite Kreise der Bevölkerung, namentlich unsere Mittelstände, leiden". Da muss etwas geschehen, darüber ist man einig; aber das „Was" und das „Wie" scheint noch nicht ganz klar zu sein. Unseres bescheidenen Trachtens liegt der Kernpunkt der ganzen Z-rage nicht nur in einer Einschränkung des Quantums des Lehrstoffes der bezüglichen Anstalten und in einer Änderung der methodischen Behandlung desselben, sondern in der Eindämmung und Hintanhaltung des Vielerlei in diesem Lehr- pensum. Wenn man — Ausnahmen in allen Ehren — die Programme der meisten „Höheren Töchterschulen" und mit denselben verwandten Anstalten durchgeht, so schaudert Einem, was da alles den Mädchen in einem so entscheidenden Alter zugemuthet wird, und man wird versucht, den Verfassern so weitausgreisender Pläne das Wort von Dickens zuzurufen: „Etwas zuviel studiert! Wenn er lieber etwas weniger gelernt hätte, wie viel besser würde er lehren können!" — Man vergisst da auch nur zu häufig den Fundamentalunterschied in der Veranlagung beider Geschlechter, welchen der Dichter — vielleicht etwas zu einseitig — in den Spruch zusammengesasst hat: „Wir Weiber sind schon von Natur gescheidt, Ihr müsst die Weisheit erst aus Büchern lernen!"***) So anziehend es nun auch wäre, dieses Thema weiter auszu- spinnen und dabei auch die Frauenerziehung von jetzt mit jener von einst in Vergleich zu ziehen f), so können wir ihm hier doch nicht folgen, sondern müssen unsere eigentliche Aufgabe im Auge behalten, welche in den Beziehungen des sachlichen Unterrichtes zu der Einrichtung der allgemeinen M ädchenbildnngsanstalten zu *> Communiquö der Wiener Abendpost vom 23. November 1890, Nr. 263. **) Erlass des k. k. Ministeriums für Cultus und Unterricht vom 24. März 1897, Z. 895/C. U., M. B. Bl. Nr. 20, welcher schon wegen seiner grundsätzlichen Darlegungen und Erklärungen von besonderer Bedeutung ist. ***) Auch Lorenz v. Stein hat diesem Gedanken in seinem Buche: „Die Frau, ihre Bildung und Lebensaufgabe" Ausdruck verliehen, speciell im Capitel über „weibliches Bildungswesen". tz) Man vergegenwärtige sich nur beispielsweise den Zustand vor 100 Jahren, etwa an der Hand der Schrift: „System der weiblichen Erziehung, besonders für den mittleren und höheren Stand" von Joh. Dan. Heusel, Halle 1787 bei Joh. Christ. Hendel, und man wird den riesigen Abstand der Anforderungen wahrnehmen. 58 suchen ist. Die Natur dieser Beschränkung bringt es da mit sich, dass wir den Grundgedanken, der uns leitet, nur negativ zum Ausdrucke bringen können, die eigentliche Organisationsfrage aber hier beiseite lassen müssen. Soviel ist außer Zweifel, dass man die innere Structur solcher Schulen vereinfachen und alles bei ihnen grundsätzlich ausscheiden muss, was für sie nur einen unnützen Ballast bedeutet und nur bei einer specifischen Behandlung und bei eigener Erfassung des Gegenstandes unter einer besonderen fachmännischen Leitung überhaupt gedeihen kann. Da gibt es natürlich nur einen zum Ziel führenden Weg, der betreten werden müsste, wenn man der eigentlichen Ausgabe solcher Anstalten gerecht werden wollte: Diese wäre daraus zu beschränken, eine in bestimmten Grenzen gehaltene allgemeine Bildung zu vermitteln, beziehungsweise für die Weiterbildung der Mädchen eine solide Basis abzugeben; dagegen wäre die Behandlung des Unterrichtes in Fachgebieten besonderen Cursen vorzubehalten.*) Dafür ist in der Regel erst Raum nach Absolvieruug der allgemeinen Anstalt, deren Unterricht sich etwa bis zur Vollendung des 17. Lebensjahres zu erstrecken hätte. Aus dieser Altersstufe würde man eine wirklich gute sachliche Unterweisung erst mit Interesse aufsuchen, daraus Nutzen gewinnen und dabei den großen Vortheil haben, statt — wie bei der gymnasialen Mädchenschule — Massen durch ein caudinisches Joch zu führen, dem individuellen Antrieb, dem Talente und dem eigenen Denken freie Bahn zu schassen. Natürlich kann Hiebei nicht die Meinung sein, als müsse man nun die Abhaltung derartiger Curse von jeder höheren Töchterschule erwarten; das wäre weder möglich noch zweckdienlich. Es ist sogar hier eine gewisse Concentration der Kräfte ein Gebot der Nothwendigkeit. Ein Analogem zu derartigen Veranstaltungen bilden die „Volkstümlichen Universitätscurse". Freilich gut, sogar sehr gut müssen derartige Einrichtungen beschaffen sein, sonst fruchten sie nichts, sondern schaden nur. *! Ähnliche Maßnahmen hatte man auch in Preußen bei der Einrichtung der dortigen neunjährigen Töchterschulen im Auge; wenigstens findet sich in den bezüglichen „Amtlichen Bestimmungen" vom 31. Mai 1894 der Satz: „Die Gelegenheit lzur Erweiterung der Bildung) wird sich leicht bieten, wenn sich der höheren Mädchenschule wahlfreie Lehrcurse angliedern, in welchen die aus der Schule entlassenen Mädchen in freierer, vielleicht auch in mehr wissenschaftlicher Form weiteren Unterricht erhalten." Unsere Ansicht ist aber insoserne abweichend, als wir eine ganz andere, mit der „Töchterschule" nicht unmittelbar im organischen Zusammenhange stehende Einrichtung solcher Curse im Auge haben. iBgl. auch Dr. Otto Nenstätter: „Das Frauenstudium im Auslande", München 1899, und A. Kirchhofs: „Die Akademische Frau".' 5)9 sechste Gruppe. Die Centralanstalt für die weibliche Kunstpflege und das weiblich-technische Arbeitsmnseum. „Indem im Wege der Schule die von der Wissenschaft (angewandte Naturwissenschaft, Technik) errungenen Resultate für die Arbeit der Volksmasse systematisch verwertet werden, muss das roh empirische fortschreiten des Gewerbewesens von ehedem allmählich zu einer sicheren und consequenten Entwickelung sich abklären." Dieser Satz aus einer der frühesten Schriften des ersten Organisators des industriellen Bildungswesens in Österreich*) hat seither in hundertfältiger Hinsicht seine sieghafte Wahrheit bewiesen. Er gibt das Grundthema für alle weiteren Variationen an; in ihm liegt das ganze Programm des fachlichen Unterrichtes beschlossen, und zwar nicht nur für die Anwendung der technischen Wissenschaften, sondern auch für die Beeinflussung des Gewerbes und der Industrie durch die Kunst. Das Ergebnis der Wissenschaft, die Ideen der Kunst weiten Schichten der Bevölkerung zu vermitteln, war das Ziel, der Weg dazu ein vielgestaltiges System von Institutionen des Unterrichtes. Auch der weibliche Fachunterricht kann keinen anderen Zweck verfolgen, kann keine andere Bahn einschlagen. In der Fülle der Aufgaben und Erscheinungen nun die nöthige Einheitlichkeit zu finden, aus Aggregaten ein wohlgesügtes, geisibeseeltes Ganze zu schaffen, die einzelnen Organismen vor Isolierung, Auswüchsen und Erstarrung zu bewahren, für die Ausfindig- machung und Heranbildung von Lehrkräften Sorge zu tragen, dazu bedarf die Organisation wieder Stützpunkte und Centren, von denen aus ihr inneres Leben beeinflusst wird. Kunst und Wissenschaft in ihren Beziehungen zum praktischen Leben sind Hiebei gleichmäßig betheiligt-, sie sind ja die beiden Centralsonnen des Daseins, deren Strahlen nicht mehr, wie in früheren Epochen, allein die Gipfel der Höhen berühren, sondern deren Flutwelle voll Licht und Wärme auch die tiefer gelegenen Gelände in immer breiterem Ausmaße durchwallt bis zu den Niederungen der Thalsohle herab. Auch in dem Bereiche, das wir hier behandeln, sucht ihre Einwirkung eine doppelte Richtung, der wir zu folgen haben. *) Armand Freiherr v.Dumreicher: „Die Pflege des gewerblichen Fort- biidungs- und Mittelschnlwesens", 1872. 60 u) Lentral'anliali für weibliche s'uMpllege. Die fachliche Ausbildung von weiblichen Arbeitskräften für den Dienst in der Kunstindustrie und für die mit ihr zufammenhängenden technifchen Verfahrungsarten fordert eine Concentration des Unterrichtes an einer Anstalt in einer ähnlichen Form, wie sie vorwiegend für die männliche Bevölkerung in den Kunstgewerbeschulen schon längst besteht. Beiden Anforderungen, die eben eine fpeeielle Behandlung erheischen, wirklich gerecht zu werden, wären diese auf die Dauer sicher nicht in der Lage. Der Markt der Weltindustrie, die in ihm auftretenden Veränderungen der Mode, des Geschmackes, der Kaufkraft, sowie die daraus entspringende Nöthigung zu wechselnden Vorkehrungen für die Erhaltung der Concurrenzsähigkeit, zwingen dazu, die Dinge fortgesetzt von einer höheren Warte aus zu überschauen und ihre Gestaltung darnach einzurichten. Das ,stni886L tnire, 1ni8862 aller" ist nirgends so wenig am Platze wie hier. Dementsprechend muss auch die Organisation des kunstgewerblichen Unterrichtes eine freiere, aber stets in sachlicher Hinsicht möglichst übersichtlich geleitete sein, beziehungsweise diesen variablen Bedürfnissen Rechnung zu tragen verstehen. Die erste Voraussetzung hiefür ist auf unserem Gebiete eine Reorganisation der im Argen liegenden, ganz unzureichenden Zeichenschulen für Mädchen und Frauen; diese sollten die Basis für das Materials abgeben, welches dem eigentlich sachlichen Unterricht an der Hauptanstalt für die weibliche Kunstindustrie zugeführt würde. Natürlich dürfte sich eine solche Reform nicht aus Wien oder allenfalls auf Prag allein erstrecken, sondern müsste einen viel weiteren Umfang erhalten. *) Ferner müsste, außer der Errichtung vorzüglich geleiteter Zeichen- und Malschulen, insbesondere für das Ornament und für den Blumen- decor, und außer der Aetivierung einer eigenen Modellierabtheilung, in der Hauptsache alles das an dieser künftigen Anstalt vereinigt werden, was gegenwärtig vereinzelt entweder einer nicht gerechtfertigten Ausdehnung zustrebt (Fachschule für Kunststickerei, Centralspitzencurs u. a.) oder wegen Mangel an genügender Leitung und Dotierung nicht lebens- und leistungsfähig erhalten werden kann. Dazu kämen einige, von uns bereits behandelte große, bis jetzt aber zu wenig berücksichtigte Gebiete.**) Nebenbei bemerkt sind die offenen Zeichensäle für Frauen, wie sie an einigen gewerblichen Lehranstalten bestehen, von zu ungleichem Werte und von sehr verschiedenartiger Leistung. **l Vgl. Zweiter Abschnitt, Gruppe II, 6: „Kunstgewerbliche Schulen und Curse". 61 Die Anstalt würde demnach beiläufig folgende Organisation zu erhalten haben: Eine allgemeine Abtheilung für den Zeichen- und Malunterricht und eine Abtheilung für Modellieren. Ferner Fachabtheilungen, und zwar: für Kunststickerei und verwandte Gebiete > Spitzenindnstrie); für Musterzeichnen unter besonderer Rücksicht aus die Herstellung von Fabrikaten aus maschinellem Wege und für die Massenproduktion, speciell in der Textilindustrie, bei Buntdruck, Tapeten u. s. w.; für Fachzeichnen und für den zugehörigen Decor auf dein Gebiete des Costüms; für den Decor im engen Sinne (Keramik, Schmuck, Geräthe, darunter für solche des Hausrathes); für Dekoration und Arrangement; für dekoratives Zeichnen und Malen ; für Jllustrationsverfahren u. dgl.: endlich für die Heranbildung von Kräften für die Ertheilung des Zeichenunterrichtes, speciell an allgemeinen weiblichen Zeichenfchulen und an den kunstgewerblichen Abtheilungen von Mädchen-Fortbildungsschulen. Die Hauptsache wäre aber dabei eine völlige Änderung in der Art der Aufnahme von Schülerinnen in den Fachabtheilungen gegenüber dem geübten Vorgänge und eine andere Form der Stipcn- dierung derselben, wie bisher, eintreten zu lassen. Es scheint dem Verfasser hier nicht am Orte zu sein, sich darüber näher zu äußern, obwohl er in dieser Hinsicht seine ganz bestimmte Meinung hat. Nur soviel fei gesagt, dass ein weit engerer Anschluss an die gewerbliche Praxis gesucht und gefunden werden muss, als dies gegenwärtig der Fall ist, und dass auch die Ausnahme selbst unter sorgfältigster Beachtung der betreffenden Industriezweige und der innerhalb derselben auftretenden Bedürfnisse, eine genau controlicrte und unter Umständen von vornherein begrenzte sein müsste. Diese enge Fühlungnahme mit der Praxis setzt auch voraus, dass in den Dienst einer solchen Anstalt nicht nur Künstler, sondern mit der Fabricationsweise Wohlvertraute Praktiker einbezogen werden, deren Rath und Urtheil mit dem künstlerischen Theil der Ausbildung stets Hand in Hand zu gehen hätten. Der Standort dieser Centralanstalt für die weibliche Kunstindnstrie ist glücklicherweise schon beim österreichischen Museum für Kunst und Industrie gegeben, da das kürzlich gewonnene Terrain hiefür genügend Raum bietet. Ob die neue Anstalt einer eigenen Leitung unterstellt werden müsste, oder ob sie mit der bestehenden Kunstgewerbeschule in Verbindung bleiben könnte, sei vorläufig dahingestellt. Uns will scheinen, als wäre die Anforderung an eine leitende Kraft für beide Anstalten eine zu große und vielseitige, und wäre es demnach besser, 62 von Haus aus die Trennung derselben auch in dieser Beziehung durchzuführen.*) k) Veiblich-technilches Ärveilsmul'euiri. Die Millionenwelt der Frauen steht mit der Technik und ihrer Welt: der Industrie und dem Gewerbe in keinem unmittelbaren Con- tact; sie haben kein Organ, kein Sprachrohr, mittels welches sie sich gegenseitig in directe Verbindung setzen könnten. Während alle großen Lebensgebiete Centralanstalten besitzen, durch welche sie ihr Bedürfnis äußern und befriedigen können: die Kunst und das Kunstgewerbe, das Heer, der Verkehr, der Arbeiterschutz, Ethnographie, Geologie u. s. f., fehlt für den Riesenverkehr des täglichen Lebens, dessen Consum- und Probeftationen das Haus und die Familie sind, jede derartige Institution. Dieser Mangel wirkt so beirrend, dass man sich ernstlich die Frage vorhalten muss, ob ein Bedarf nach einer solchen Einrichtung auch wirklich vorhanden ist? Und doch sprechen alle Zeichen dafür. Man nehme die Journale, Zeit- und Fachschriften zur Hand, und man wird ganze Spalten mit Fragen und Antworten ausgefüllt finden, welche alle das Haus, seine Einrichtung, seine Leiden und Freuden, die Erhaltung, Ernährung, Bekleidung, Bewahrung und Belehrung der Familie zum Gegenstände haben. Zwei Drittheile dieser Fragen und Antworten werden sich um Bagatellen drehen, ein Drittheil wird aber sehr wert sein, eine sachgemäße und prüfende Behandlung zu erfahren. Ein neues „Converfationslexikon der Frau" ist gegenwärtig im Erscheinen begriffen; reichen die vielbändigen, von stupender Gelehrsamkeit strotzenden Encyklopädien denn nicht mehr aus, oder ist es eben das eigenartige, nicht genügend gewürdigte Bedürfnis, das da seine Befriedigung sucht? — Zahlreich sind die Schriften und sonstigen Äußerungen, welche die Familie, die Führung des Haushaltes, die Pflege, die socialen Umgestaltungen und Beeinflussungen des Marktes, Reformen, Erfindungen, Verbesserungen im Haushalt betreffen; wer bringt sie in fachlicher und dabei allgemein verständlicher Art zur Kenntnis der Frau, *) Nachdem man über das Stadium der ersten Organisation und des Versuches an der weiblichen Hauptanstalt in Wien hinausgekommen wäre, dürfte es sich als nothwendig erweisen, auch in Prag und eventuell auch inLemberg für die slavische Bevölkerung analoge Anstalten ins Leben zu rufen. Die beiden großen Landesausstellungen daselbst haben seinerzeit deutlich gezeigt, dass hier eigenartige Bedürfnisse der Industrie und des Gewerbes zu beachten und zu befriedigen sind, welchen auch entsprechend Rechnung getragen werden müsste. 63 wer sichtet und erläutert sie ihr? — Wo liegt heute der Antrieb zur zielbewußten Veranstaltung und Vorführung ganzer Complexe von Einrichtungen und Neuerungen für das Haus, für die Familie und für die mit ihnen zufammhängende öffentliche Wohlfahrt? — Allerorten zeigt sich das Streben, durch Unterricht und Unterweisung die großen Lücken auszufüllen, welche bei der weiblichen Ausbildung nur zu deutlich und empfindlich sich geltend machen; wer gibt hier Weg und Richtung an, wer sammelt und vereint das Auseinanderliegende in einem Punkte zur vollen Entfaltung der Kraft? Wer bemüht sich um die Gewinnung und Schulung der sonst rein auf sich selbst gestellten, lehrenden und führenden Persönlichkeiten im Dienste dieser Bildung? — Wo sind die Mittel, um den nöthigen, großen Apparat der Belehrung der Massen zu schaffen und ihn entsprechend zu handhaben? — Vergeblich wird man eine Antwort auf diese Fragen erwarten, denn es gibt keine! Mag auch mitunter der Blick zu sehr in die Weite schweifen und es auch hier dem nach Gestaltung ringenden Geist so ergehen wie dem des bildenden Künstlers, welcher das gewaltige Leben vor sich hat und seine Idee mit den noch in der Tiefe schlummernden Kräften zur Wirklichkeit erheben möchte; da tritt auch die Phantasie aus ihren Schranken und will ins Angemessene streben: möge sie walten! Setzen doch der spröde Stoff und das Leben selbst frühzeitig genug dem Gedanken unüberschreitbare Grenzen. Jedenfalls sind das Tasten und Suchen, das in weiten Kreisen vorherrschende Empfinden des Mangels, ohne sich recht über ihn klar zu sein, Beweise dafür, dass hier eine entsprechende Organisation fehlt, dass das Ringen nach Gestaltung sein Ziel nicht gesunden hat. Und doch liegt das Heilmittel offen vor Augen. Es ist ein Neues und doch nichts Neues; es ist das Bewährte und müßte sich erst bewähren; es hat seine Vorbilder und doch kein Vorbild. Uferlos scheint der riesige Strom zu sein, den es zu bezwingen gilt, auch andere Flüsse waren so geartet, und doch ist man ihrer Herr geworden. I n einer Zeit der Maschine, der Chemie, der Elektricität, des Weltverkehrs ist es unmöglich, die alte Weise aufrecht zu erhalten, sie muss neuen Formen weichen. Die klare Erkenntnis der Unhalt- barkeit des Zustandes ist auch der erste Schritt zu seiner Verbesserung. — Aber nicht nur Bücher, sondern auch Ideen haben ihre Geschicke. Als der Verfasser sich mit dem eben entwickelten Gedankenkreis beschäftigte und die Nothwendigkeit erkannte, in der Form eines „Arbeitsmuseums der Frau" Abhilfe zu schaffen, wurde seine Aufmerksamkeit aus ein schon vergilbtes Blatt Geschichte gelenkt, das zu seiner nicht 64 geringen Verwunderung in mancher Hinsicht die Skizze des Bildes eines Museums ausweist, wie er es sich beiläufig gedacht hatte. Im Jahre 1852 hatte nämlich schon das Mitglied der „8o6ietv ok ^.rts^ in London Th. Twining die Errichtung eines „ökononnschen Museums" empfohlen (hauptsächlich mit Rücksicht auf die arbeitenden Classen, also als Vorläufer der gewerbehygienischen Museen) und in seinem Programm als „Vorschläge zur Sammlung von Gegenständen der häuslichen und sanitären Ökonomie": Hansgeräthe, Kleidung, Nahrungsmittel, Erfindungen (Vervollkommnungen), medicinische Hausmittel, ökonomische Ersatzmittel für kostspielige Sachen, Mittheilung von Berichten jeder Art über Gegenstände der häuslichen und sanitären Ökonomie u. s. w. namhaft gemacht. 1856 soll auch nach diesem Plane ein kleines, derartiges Museum zustande gekommen sein.*) Im 8outü Xeumuo-toli iVluseum in London bestehen auch einige daran erinnernde Einrichtungen (die Abtheilungen: ..Houselrolä, soeinl nnä irolitieul eeouomv^ und nuä means ot' pü^sieal traiuiuK^). Ähnliche Bestimmungen, aber nur in anderer Richtung, haben das Oonservn- toire ckes nrts et ruötiers in Paris, das gewerbehygienische Museum und das Technologische Gewerbemuseum in Wien. Hieran werden sich reihen das geplante, große staatliche Reichsarbeitsmuseum für Arbeiter- und Wohlfahrtseinrichtungen in Charlottenburg mit seinen Abtheilungen für Wohnungshygiene und Nahrungsmittelhygiene, das Museum für Krankenpflege in Berlin n. s. w. Alan sieht, derlei Dinge liegen in der Lust unserer Zeit! Was Twining unter noch einfachen Verhältnissen und bei noch sehr bescheidenen Anforderungen zu gründen versuchte, und zwar hauptsächlich in der Art von Schaustellungen, die nur zu bald der Gefahr der Unbrauchbarkeit und Ver- altung ausgesetzt waren, soll bei dem „Weiblich-technischen Arbeitsmuseum" (Frauentechnicum), wie wir es uns vorstellen, eine bestimmte Richtung und Aufgabe und eine aus dem Leben stammende, dem Leben folgende, großangelegte Organisation erhalten. „Ein Museum gleicht einer Saug- und Druckpumpe", dieses Wort eines geistreichen Franzosen charakterisiert am besten die Sache. Die Organisation des neuen Institutes, das seine Mission nur dann vollständig erfüllen konnte, wenn es unter der unmittelbaren Leitung des Staates stünde, müsste sich in zwei Hauptgruppen scheiden: *) Vgl. Peter Schmidt: „Sociale Museen" im Arbeiterfreund t899. Schon 1855 war auf der Parifer Ausstellung eine Specialausstellung unter dein Titel „dalörw tlo 1'seonoiE äomsstigue" zu sehen, 1856 eine solche anlässlich des internationalen. Wohlthätigkeitscongresses in Brüssel. 65 In eine auf die Haushaltung im weitesten Sinne bezügliche und in eine die hygienisch-sanitäre Seite des Lebens betreffende. Innerhalb dieser zwei Sectionen hätten Abtheilungen zu bestehen, und zwar: 1. Für die Veranstaltung und Vorführung von für den Haushalt und die Familie bestimmten Einrichtungen, also permanente oder sporadische Ausstellungen einschlägiger Objecte in Verbindung mit Demonstrationen, Vortrügen u. s. f.; 2. eine Abtheilung, die sich nur mit Patentangelegenheiten für solche Zwecke zu beschäftigen hätte und zugleich als Versuchsstation zu organisieren wäre; 3. eine Abtheilung für Nahrungsmittelprüsung und Krankenkost in Verbindung und im Verkehr mit den bestehenden amtlichen Stationen; 4. eine Abtheilung für den Unterricht iMustertypus einer Wirtschastsschule, der höheren Hanshaltungscurse, Curse über Kinder- und Krankenpflege rc.); 5. eine Abtheilung für Curse zur sachlichen Ausbildung, beziehungsweise Fortbildung von Lehrkräften, und zwar für Koch- und Arbeitsschulen, für Wirtschaftsschulen, Haushaltungs-, Geschäfts- cnrse u. s. w.; 6. eine Abtheilung für einschlägige Statistik und Fachliteratur (Bibliothek), Auskunftsbureau; 7. eine Abtheilung zur Herausgabe einer für weite Kreise bestimmten Fachpublication. Das Programm der Anstalt wäre damit selbstverständlich nicht erschöpft; es würde vielmehr sicher noch eine Fülle von praktischen Anregungen zu gewärtigen sein, wenn sich nur erst die Lebensfähigkeit des Institutes erwiesen haben würde. Der wichtigste Factor Hiebei wird der sein, ein der großen Aufgabe gewachsenes, aus der Höhe der Anforderungen stehendes Personale zu finden, wobei der Mitwirkung intelligenter, tüchtiger Frauen selbstverständlich nicht entrathen werden könnte. Die richtige Lösung aller organisatorischen und Personalfragen hängt aber wieder davon ab, ob es gelingen wird, an die Spitze der Anstalt den rechten Mann zu stellen; denn auf seine individuelle Begabung und vielseitige Veranlagung käme alles an. Solche Männer haben sich bei Gründung des österreichischen Museums sür Kunst und Industrie, des Technologischen Gewerbemuseums in Wien, bei der Organisation der graphischen Lehr- und Versuchsanstalt in Wien auch gesunden; ihrem Talente, ihrer Sachkenntnis, ihrer rastlosen Energie verdanken v. Ha >i in e rl e, Tcr weibliche Fachunterricht :c. 5 66 diese Institute heute ihren Weltruf. Auch für diese umfassende, dankbare und ruhmvolle Aufgabe würde der richtige Führer zu gewinnen sein, wenn man ihm nur materielle Sorgen ferne halten und ihm von Ansang an die möglichste Freiheit zur Erprobung und Entfaltung seiner Kraft lassen wollte. — Und die Mittel? — Sollten nicht alle großen Factoren ein Interesse daran haben, das Unternehmen zu fördern? Der Staat, die Öffentlichkeit überhaupt, die Industrie, das Gewerbe, der Producent, der Consument und vor allem die Frauenwelt? Da wäre Raum, um ihrerseits ein Verständnis für eine wirksame Unterstützung ihrer eigensten Interessen an den Tag zu legen!*) Mit dieser Anstalt**) müsste, wie man begreifen wird, vor jeder weiteren Maßnahme hinsichtlich des hier behandelten sachlichen Unterrichtes, der Anfang gemacht werden: an ihr müssten alle Versuche unternommen werden, von ihr die entscheidenden, ersten Schritte ans dem noch ungewohnten Boden ausgehen. Ob das Experiment gelingen wird? — Höchstwahrscheinlich, aber wer vermag von vornherein eine Bürgschaft dafür zu übernehmen? Weiß doch auch der Constructeur und Erbauer eines großen Fahrzeuges vor dem Stapellaus nicht, ob es auch brauchbar sein und anstandslos sunctionieren wird! Auch dem Erfahrensten und Tüchtigsten kann die erste Fahrt misslingen. Stolz darf erst dann seine Brust erfüllen, wenn er sein Werk frei und unbehindert von den mächtigen Fluten getragen sieht. *) Nicht bloß in England und Amerika, auch im Teutschen Reiche finden solche Bestrebungen oft reiche materielle Förderung. So hat kürzlich der geheime Commercienrath Dr. Mevissen in Köln seiner .Heimatstadt sechs Häuser im Werte von 400.000 Mark und ein Baucapital von 700.000 Mark für eine Fachlehranstalt gewidmet; warum sollten sich nicht auch bei uns Persönlichkeiten finden, welche die Größe der Sache erkennen und ihr materielle Förderungen zukommen lassen? Wie groß sind die Mittel, welche fortgesetzt für wohlthätige Veranstaltungen u. s. w. gespendet werden, und was ist ihr Effect? — Concrete Zwecke zu verfolgen, wäre weitaus besser, da könnte etwas geleistet werden. **) Sie müsste in Wien errichtet und central gelegen sein, daher man sich noch bei Zeiten wenigstens einer geeigneten Realität, welche eine weitere Entwickelung der Anstalt zuließe, versichern müsste. Hinsichtlich analoger Einrichtungen in Prag und eventuell in Lemberg gilt das bei der Eentralanstalt für weibliche Kunstpflcge Bemerkte. 67 siebente Gruppe. Die Centralverwaltung und ihre Organe; Curse für die Heranbildung von Lehrkräften u. dgl. Es dürfte wohl von keiner Seite in Frage gestellt werden, dass die vorzunehmenden cvncreten Studien, die Bewältigung und voraussehende Vertheilung eines so vielverzweigten und vielgestaltigen Arbeitspensums, wie wir es in der Hauptsache zu skizzieren versucht haben, auch große und eigenartige Anforderungen an die Leitung und Leistungsfähigkeit der Verwaltung stellen würden, und es muss als ausgeschlossen angesehen werden, dieses Pensum etwa nur so „nebenbei" zu behandeln. Es müssten daher ähnliche Einrichtungen und Maßnahmen getroffen werden, wie seinerzeit bei der Einleitung der Organisierung des industriellen Bildungswesensum der Sache den nöthigen Nachdruck zu geben und ihr die ihr gebärende Sorgfalt zuwenden zu können. Die Organisation selbst setzt die volle Übersicht über das ganze weite Gebiet und zahlreiche Detailstudien und Detailarbeiten voraus, die erst bis zu einem gewissen Punkte gediehen sein müssten, ehe man daran schreiten könnte, ihr selbst bestimmte Grenzen zu setzen. Bei einem einigermaßen vorgerückten Stadium dieser Vorarbeiten könnte die Verwaltung auch die werkthätige Mitwirkung der interessierten Kreise und der Praxis, insbesondere die Heranziehung hervorragender, sachkundiger Frauen*) **), nicht entbehren. Es müsste daher durch Creiierung eines Bei- rathes, durch Einführung einer Fachinspection, die sich beiläufig aus den oben erörterten Hauptgruppen und ihren Untertheilungen ergeben würde, eine organische Verbindung der Verwaltung und ihrer Ressorts mit dem Leben und seinem Bedürfnis hergestellt werden. Nirgends wirkt ja ein einseitiger, unfruchtbarer Doctrinarismus, eine nivellierende, die Individualität ungebürlich in den Hintergrund drängende, bureau- kratische Beeinflussung schädlicher als bei Dingen, wo jeder Schritt der Controle der Öffentlichkeit aus die thatsächliche Verwendbarkeit des Gebotenen für das tägliche Leben unterliegt. Eine daraus abgeleitete *) Vgl. Centralblatt für das gewerblichen Unterrichtswesen, Bd. I. Nach der „llbe LuKlmll Voiaans Ueviov" sind durch Frauen in London im letzten Jahre über 34.000 Jnspectionen von Häusern vorgenommen und bei 1900 Berichte über sanitäre Übelständc erstattet worden. Der englische Bericht erklärt: „Wir sind zur Erkenntnis gelangt, dass sociale Arbeit nur dann mit Erfolg geleistet werden kann, wenn Frauen an derselben ihren Antheil erhalten." Und da wollte man diesen Antheil den Frauen bei der Einrichtung eines Unterrichtsgebietes versagen, wo ihre Mitwirkung am nöthigsten, ja unentbehrlich ist? — 5 * 68 Forderung ist daher auch eine angemessene Fühlungnahme mit der Publicistik, sowie nach einer formalen Änderung in der Art der Behandlung des Budgets dieses Bildungszweiges. Von Anfang an musste die Verwaltung auch ihr besonderes Augenmerk auf eine rationelle Aus- und Fortbildung der Lehrkräfte richten. Sie ist — wie wir schon wiederholt hervorheben mussten — das erste Erfordernis der Durchführung der Reform, ohne dessen Befriedigung alles andere in Frage gestellt wäre. Es muss daher für eigene Curse zur Ausbildung von Lehrkräften gesorgt werden, an denen es übrigens in fremden Staaten für manche Bereiche an geeigneten Vorbildern nicht fehlt. * **) ) Unter anderem wären solche Curse abzuhalten für Lehrkräfte an Fabriksschulen (Koch- und Arbeitsschulen), Dienstbotenschulen, Wirtschaftsschulen, höheren Haushaltungscursen (für gewisse Disciplinen), Geschäftscursen, landwirtschaftlichen Cursen, Fortbildungsschulen, und zwar bei den letzteren in ihren Hauptrichtungen. Die Zahl der Cursfrequentantinnen, welche in ausreichender Weise zu stipendieren wären, müsste eine beschränkte sein. In dem Maße, als durch solche Vorkehrungen Kräfte ausgebildet würden, könnte das Tempo bei der Errichtung von Schulen beschleunigt werden. Voraussichtlich würde auch die Praxis selbst den neuen Schulen vielfach brauchbare Elemente für den Lehrstand zuführen, und beide Zuflüsse vereint würden voraussichtlich die gewünschte Wirkung bald äußern. Endlich sei bemerkt, dass die Herstellung von Lehr- und Lernmitteln und die systematische und praktische Ausstattung der neu zu begründenden oder zu organisierenden Anstalten natürlich eine fortgesetzte, sorgsame Behandlung erheischt. Beim Abschlüsse der Erörterung über die Hauptgruppen^H des weiblichen Fachbildungswesens angelangt, kommen wir aus *) Z. B. die bezüglichen Unterrichtscurse im Großherzogthum Baden, jene des Lette-Vereines und des „Pestalozzi-Fröbelhauses" in Berlin für die Heranbildung von Leiterinnen für Haushaltungsschulen, beziehungsweise von Kochlehrerinnen u. s. w. (Vgl. den in der Österreichischen Lehrerinnen-Zeitung 1894 veröffentlichten „Reisebericht" von Karoline Blondein.) **) Mit diesen Darlegungen ist die Sache natürlich keineswegs erschöpft. Gs gibt Gebiete, die wir nicht behandelt haben, bei denen die Frau heute schon sowohl im Auslande, als auch in einigen Branchen schon bei uns, praktisch thätig ist. Man könnte da die Photographie (Retouche und eoloristische Arbeiten), wie sie für Frauen an der k. k. graphischen Lehr- und Versuchsanstalt in Wien bereits gelehrt wird, anführen; ferner die Ausbildung für den Buchdruck «(Setzerinnen- curse des Lette-Vereines in Berlin), für den Buchhandel n. s. w. Wir können aber die am Eingänge derselben gestellte Frage zurück, nämlich ob thatsächlich der Boden sür diese Fachbildung so steril sei, dass sich mit ihm nichts beginnen lasse? Wir glauben dies nun wohl unbedingt verneinen zu können. Dieses große Terrain liegt auch wirklich gleich außerhalb der Thüre der Volksschule, denn die von ihr vermittelte allgemeine Bildung hat sich sür den größten Theil der neuen Schulorganismen als ausreichend erwiesen; nur in einigen bestimmten Richtungen müsste man weitergehende Anforderungen stellen. Es hätte nun wenig Wert, wenn man bei dem gegenwärtigen Zustande dieses ausgedehnten Landstriches, welcher einer rationellen Bearbeitung erst bedarf, sich dabei aushalten wollte, noch erst näher zu untersuchen, wie gegenwärtig die Gewächse beschaffen seien, die ihn bedecken. Einige, aber in der entschiedenen Minderzahl befindliche Produkte dieses Bodens verdienen wohl alle Beachtung; es haben sich eben um ihr Gedeihen schon regsame Hände bemüht, und man wird dieser Thätigkeit auch nicht die ihr gebürende Anerkennung versagen. Dies gilt besonders von einzelnen Schöpfungen der Frauenerwerb- und Haussrauenvereine, einiger Gemeinden, geistlicher Institute und Humanitätsanstalten, sowie von Unternehmungen hochgesinnter Privater. Der weitaus größte Theil des Bodens ist aber theils von zufällig ihm entsprossenen, haltlosen Gebilden occupiert, die mitunter dem Schlinggewächs gleichen, welches dem unkundigen Auge auch schön zu sein scheint und doch unnütz, ja schädlich ist, und daher möglichst bald verschwinden muss, theils weist er überhaupt gar keine Vegetation, nicht einmal Haidekraut, aus. Es herrschen da eben ähnliche Zustände wie früher beim commerciellen Unterricht in Österreich; nur ist die Lage hier insoferne günstiger, als nicht erst tiefgewurzelte Missstände zu besiegen wären. Auch ein Vergleich mit den Schöpfungen des Auslandes hätte bei solchen Verhältnissen wenig Sinn, obwohl es ein Leichtes wäre, natürlich hier nicht der ganzen Fülle des Stoffes gerecht werden; anderseits waren wir bestrebt, hauptsächlich solche Berufe aufzusuchen, wo die Con- cnrrcnz der Frau mit dem Berufe des Mannes entweder gar nicht eintritt oder durch die Natur der Sache selbst gerechtfertigt ist. Wir sind nämlich der grundsätzlichen Ansicht, dass jede Beeinträchtigung der Existcnzfähigkeit des Mannes nur wieder nachtheilig auf jene der Frau zurückwirken muss. „Was dem Weibe für den Mann Wert gibt, ist nicht, dass sie ihm gleich, sondern dass sie anders ist als er. Nicht, dass sie leistet, was auch er leistet, sondern dass sie kann, was er nicht kann. Das macht ihre Bedeutung aus für den Einzelnen wie für die Gesammtheit" «Aus eirrer Schrift über „Mädchenbildung" von Anna Beyer.) 70 darüber ein dickes Buch zu schreiben, statt eine kurze Broschüre. Nur soviel sei hier konstatiert, dass — abgesehen von England und Amerika mit ihrem hochentwickelten sachlichen Schulwesen sür Frauen — die skandinavischen Reiche, besonders Schweden, ganz Hervorragendes leisten, dass Frankreich, speciell aus dem Gebiete des mittleren Unterrichtes sür Frauen, eine mächtige Organisation besitzt, dass die Schweiz sehr rührig ist, ihr sachliches Schulwesen auszugestalten, endlich dass es im Deutschen Reiche an allen Ecken und Enden sich regt, um den stets sichtbarer hervortretenden, zahllosen Bedürfnissen gerecht zu werden. Sieht man aber das weibliche Unterrichtswesen der kontinentalen Staaten etwas näher an, so kann man sich der Wahrnehmung nicht verschließen, dass trotz vielfacher Bersuche nirgends ein großer, organisatorischer Plan zugrunde gelegt worden ist, geschweige verwirklicht worden wäre. Daran krankt auch vielfach dieses Schulwesen; man muss das Ziel klar vor Augen haben, wenn man wissen will, welchen Weg man gehen soll. Bei dem Versuche der Feststellung der organisatorischen Grund- züge für den weiblichen Fachunterricht haben wir einen weiten Raum durchmessen, ohne damit das Programm erschöpft zu haben; denn welche Fülle von Anregungen würden sich erst ergeben, wenn man seiner Verwirklichung nähertreten wollte. Gerade diese ist es aber, um die es sich handeln kann, und da wird man wohl sogleich der Frage begegnen, ob, wie und aus welchem Wege dies speeiell bei Berücksichtigung unserer heimischen Verhältnisse zu erreichen möglich wäre'? Das Menü ließe sich hören, aber woher Mittel und Kräfte nehmen, es zu bereiten'? — In letzterer Hinsicht muss man freilich antworten: Wie bei allen solchen Dingen hängt von der Begabung, von der zielbewußten, trotz aller Hemmungen ausdauernden Beharrlichkeit und von der Menschen- und Sachkenntnis des Organisators alles ab. Die schönsten Berichte und Acten nützen da nichts; sie sind Mittel zum Zweck, fast könnte man sagen — nothwendige Übel. Die tägliche, die größten und kleinsten Dinge in den Kreis der Beachtung ziehende, verbindende und doch am rechten Orte scheidende, persönliche Arbeit dieser organisatorischen Kraft ist ein ebenso unerläßliches als undankbares Geschäft, weil sie nur zu oft gerade in ihren schwierigsten Lagen von der Außenwelt nicht gewürdigt wird und nicht selten nicht einmal die Frucht ihres Strebens gezeitigt sehen kann. Da lässt sich also kein Recept schreiben. Auf die richtige Auswahl der leitenden Persönlichkeiten kommt es in erster Linie an, diese drücken der Sache das Gepräge ihres Geistes auf, welches maßgebend für ihren Wert oder Unwert ist. Das hat das industrielle Bildungswesen in Österreich von kleinen Anfängen zu solcher Höhe em.porgeführt und ihm eine so achtunggebietende Stellung in der Welt errungen, dass die Ausführung eines schon in seinen Grundgedanken meisterhaften Planes von Anfang an Männern der 72 Praxis und der Schule anvertraut worden ist, deren jeder in seinem Kreise als Autorität gelten konnte, und wo der Freiheit des individuellen Schaffens kein Hemmschuh bureaukratischer Schablone angelegt wurde. Derselbe Weg muss auch bei dem verwandten Gebiete des weiblichen Fachunterrichtes beschritten werden. Und die Herbeischaffung der Mittel? Diese Frage beantwortet sich durch eine andere: Wie sind denn die Mittel für die industrielle und commereielle Erziehung der männlichen Berufsclassen errungen und beschafft worden? — Der Verfasser erinnert sich noch ganz gut an die Zeit*), wo das jährliche Budget für diesen gesammten Bildungszweig in Österreich so groß war, wie jetzt für einen untergeordneten, kleinen Theil desselben, und gegenwärtig übersteigt dieser Aufwand den Betrag von 8,220.000 H Das geschah in einem Zeitraume von weniger als zwanzig Jahren. Die unwiderstehliche Macht des Erfolges hat sich da Bahn gebrochen und die schwierigsten Verhältnisse besiegt. Ebenso wird es bei richtiger Jntroduction auch bei dem anderen großen Felde der Volkserziehung, beim weiblich-sachlichen Unterricht, gehen. Das muss sogar geschehen, weil die Nöthigung dazu eine zwingende ist, und weil es nicht länger mehr möglich ist, das Missverhältnis fortbestehen zu lassen, dass an den erwähnten acht Millionen Kronen der gefnmmte gewerbliche und commereielle, weibliche Fachunterricht in Österreich — abgesehen von einigen zisfermäßig nicht constatierbaren, nicht bedeutenden Betrügen — nur mit einer Tangente von jährlich 156.000L" betheiligt ist, über deren ganz einseitige Verwendung wir schon an anderer Stelle gesprochen haben.**) *) Dem Verfasser war es vergönnt, gerade zu einer Zeit in dem Dienste der Verwaltung des industriellen Unterrichtswesens Verwendung zu finden, wo die Reform dieses Bildungszweiges unter der Leitung und nach den Plänen des .Herrn Armand Freiherrn von Dumreicher ihren Anfang nahm. Der Verfasser war an der weiteren Durchführung derselben in maßgebender Art betheiligt; auch wurde die Reorganisation des commereiellen und des nautischen Unterrichtes in Österreich im Anschluss an seine Vorschläge und Arbeiten durchgeführt. Es sei dies hier erwähnt, weil man in der Öffentlichkeit und auch in der Presse diese Arbeiten in der letzten Zeit vielfach erörtert hat, ohne dass man die Quelle zu kennen scheint, aus der sie stammen. Im Anhange, BeilageL, haben wir eine Übersicht über den approximativen Aufwand in der ersten Periode der Durchführung der in Vorschlag gebrachten Organisation beigeschlossen. Aus den natürlich nur annähernd möglichen Überschlägen ist ersichtlich, dass dieser Gesnmmtaufwand keineswegs ein zu hoher wäre. Glücklicherweise steht aber auch die Sache so, dass nichts damit geholfen wäre, wenn der unwahrscheinliche Fall einträte, dass der Staat oder ein Mäcen für diesen Zweck jetzt große Summen zur Verfügung stellte. Dieser Nibelungenhort könnte unberührt, behütet von seinen sichtbaren und unsichtbaren Wächtern, in der Tiefe ruhen. Thatsächlich ließe sich nämlich im günstigsten Falle das Organisationsprogramm nur mit aller Vorsicht, Schritt für Schritt, ja anfänglich nur mit großer Zurückhaltung in Scene setzen und nur ganz allmählich verwirklichen. „Alles Menschliche muss erst werden und wachsen und reifen", oder wie dieses Thema ein leider fast vergessener Meister der historischen Monographie*) variiert hat: „Nichts springt aus einmal und vollendet hervor, alles entsteht und reift allmählich, die geistige frucht so gut wie die materielle. Selbst die ersten Gedanken, die begründenden, müssen sich wie die Keime der Früchte erst klären, entwickeln, vervollständigen, abrunden." Die gilt auch hier. Unter allen Umständen würde das Stadium des Versuches einen längeren Zeitraum umfassen, und nur gewisse, unentbehrliche Stützpunkte der Organisation müssten möglichst bald hergestellt werden. Diese Seite der Sache deckt sich mit den Aufgaben des Staates aus diesem Gebiete, deren Grenzlinien wir wiederholt anzudeuten in der Lage waren, ohne dass deswegen seine Einflussnahme jenseits derselben unterbleiben dürfte. Dass der berühmte „Tropfen demokratischen Öles" in den öffentlichen Einrichtungen, welcher der Kanne des Arbeiters entstammt, nirgends mehr fehlt und fehlen kann, dass er vielmehr durch immer stärkere Zuflüsse genährt wird, ist die selbstverständliche Folge des großen Umschwunges in der ganzen Gestaltung des wirtschaftlichen Lebens und seiner Bedingungen gegenüber dem Zustande von ehedem. Kein Verwnltungsgebiet kann mehr mit dem alten, aus dem patriarchalischen Wirtschaftssystem herrührenden Apparate und den durch ihn überkommenen Anschauungen arbeiten, am wenigsten die Verwaltung des Unterrichtes, wo die treibenden Kräfte des großen socialen Processes am meisten sich Geltung zu verschaffen suchen. Es kann daher auch begreiflicherweise die ehemalige stritte Scheidung zwischen den Aufgaben des „öffentlichen" Unterrichtes und seiner Postulate und der „privaten" Sphäre der Bethätigung in der alten Form auch nicht mehr als haltbar angesehen werden. Dinge, welche z. B. das noch in Kraft stehende „Privatschulgesetz" von 1850 als ganz nebensächliche *) F-riedr. v. Smitt, „Zur näheren Aufklärung über den Krieg von, 1812." Nach archivalischcn -Quellen bearbeitet. Leipzig und Heidelberg bei (5. T. Winter, 1861. 74 ansieht und behandelt, also gerade das ganze Specialschulwesen, sind heute weitverzweigte und umsangreiche Verwaltungsgebiete des Staates geworden, wo er leitend, führend, ordnend und schassend vorangeht. Indem der Staat mit Verständnis sich der Erfüllung dieser großen Ausgaben zuwendet, weckt er allenthalben pro- ducierende Kräfte zur Erstarkung seiner eigenen Kraft und kommt so der Lösung des ernsten Zeitproblemes näher, das in der socialen Frage beschlossen ist. Ein Stück derselben ist auch das hier Behandelte. Es umfasst ein vielversprechendes, weites Arbeitsgebiet, an dessen Gedeihen alle gleichmäßig interessiert sind: die Gesammtheit, die Familie und der Einzelne; das arme, um seine Existenz ringende Mädchen des Volkes, die Angehörige des kleinen Gewerbestandes, die Tochter und Frau der mittleren Gesellschaftsclassen, die mit Glücksgütern gesegnete Dame von Ansehen und Stellung. An diesem Gebiete sind die hauptsächlichsten Beziehungen und Richtungen des Lebens: Kunst und angewandte Wissenschaft, Technik, Industrie, Gewerbe, Handel, Verkehrswesen, Landwirtschaft betheiligt, und zwar in einer Weise, welche nicht die Beeinträchtigung der Existenzbasis des Mannes zur Voraussetzung und znr Folge hat. Auf diesem Boden ist auch kein Widerstreit der Meinungen, kein Hader der Parteien und der Nationalitäten zu gewärtigen; alle sind, soweit sie Culturausgaben zu befriedigen haben, berufen und genöthigt, mitzuwirken an einem Werke der socialen Förderung und Ausgleichung, welches nur dann bleibend Gutes zu schaffen imstande ist, wenn es alle Kräfte vereint, um die Schäden der Cultur mit ihren eigenen Waffen zu bekämpfen. Diese Kräfte aufzurufen, Worte in Thaten umzusetzen, liegt außer der Macht und Fähigkeit des Einzelnen, das kann bei so großen Aufgaben nur der höchste Factor; der Einzelne vermag nur Anregungen zu bieten. Gleicht doch jede derartige Action der Quelle, welche den Tiefen entsteigend, von der Natur begünstigt, in ihrem Lause in immer höherem Maße bald kleinere, bald größere Zuflüsse in sich aufnimmt. Zum Flusse und zum Strome angewachsen, trägt dieser nach des Dichters Gleichnis: „Seine Schütze, seine Kinder dein unendlichen Erzeuger sreudebrausend an das Herz!" — Möge dem bescheidenen Quell, dessen Ansänge wir hier zu verfolgen versucht haben, nicht das Schicksal beschieden sein, im Sande zu versickern, ohne eine bleibende Spur hinterlassen zu haben. Anhang. IDvilrrgVN r Auszug aus dein Regulativ des Specialcurses für Fabriksarbeiterinnen (Koch- und Arbeitsschule) in Wien «AVI-, Ottakriuger Hauptstraße 158). L. Übersichtstabelle über die Mädchen-Waisenaustalten in Österreich. Verfasst vom k. k. Bezirksschulinspector Schulrath I. Hinterwaldner. 6. Auszug aus dem Regulativ der „Haushaltungsschule" des Lette-Vereines in Berlin. v. Gegenwärtiger Aufwand des österreichischen Staates für die gewerbliche und cvmmercielle Bildung des weiblichen Geschlechtes. (Staatsvoranschlag 1900.> L. Approximative Berechnung des staatlichen Aufwandes bei Durchführung der Organisation. Weikage Auszug aus dem Regulativ des Speeialenrses für Fabriksarbeiternmen (Koch- und Arbeitsschule) in Wien (XVI., Ottakrmger Hauptstraße 158). 1. Zweck dieser Abendschule ist, den Arbeiterinnen oder Angehörigen von Arbeitern, welche tagsüber in Fabriken oder Werkstätten beschäftigt sind, Gelegenheit zu geben, sich die zur Führung des Haushaltes nothwendigen Kenntnisse zu erwerben. 2. Die aufzunehmenden Schülerinnen müssen das 16. Lebensjahr bereits erreicht haben. Der Curs währt zwei Monate. Der Unterricht findet an allen Werktagen zwischen 6 und 9 Uhr abends statt ; dreimal wöchentlich wird zu je 1^ Stunden Nähunterricht ertheilt, an dem abwechselnd je 6 Schülerinnen des Curses theilzunehmen haben. 3. Die Aufnahme der Schülerinnen erfolgt seitens des leitenden Comites. An einem Curse sollen regelmäßig nicht mehr als 12 Schülerinnen theilnehmen. 4. Der Unterricht wird unentgeltlich geboten. Zu den Kosten der von den Schülerinnen unter Aufsicht der Lehrerin bereiteten Mahlzeiten haben dieselben für den Abend 20 /r, und zwar immer für eine Woche im vorhinein, zu entrichten. 5. Das Fernbleiben vom Handarbeitsunterrichte ist nur dann zulässig, wenn die Schülerin die wünschenswerte Kenntnis aller für das Haus erforderlichen Flick- und Näharbeiten nachweisen kann; das zum Näh- unterrichte nothwendige Material haben die Schülerinnen selbst beizustellen. 6. Es ist den Schülerinnen nicht gestattet, sich zu den gemeinschaftlichen Mahlzeiten Bier oder Wein zu holen oder holen zu lassen. 7. Die Kochrecepte oder Kostenberechnungen der bereiteten Speisen sind nach Anordnung der Lehrerin sorgfältig in die hiezu bestimmten und den Schülerinnen unentgeltlich zur Verfügung gestellten Hefte einzutragen, und sollen diese Hefte jederzeit den Mitgliedern des Vorstandes zur Einsicht vorgelegt werden können. 8. Der Unterricht darf nicht ohne triftigen Grund versäumt werden. Nachlässigkeit im Besuche oder wiederholtes, nicht zureichend entschuldigtes Zuspätkommen, sowie ein Verhalten, welches den Zweck der Schule zu schädigen geeignet ist, kann die Entlassung der betreffenden Schülerin zur Folge haben. Die Entlassung erfolgt durch Beschluss des leitenden Comitüs. 9. Fremden ist der Besuch des Schullocales untersagt. *) In den Mädchen-Waisenhäusern waren 18!)» Mädchen in, 14. Lebensjahre: In Jndcnau 25, in den Waisenhäusern der Connnune Wien 31, in den svnstigen Waisenhäusern in Wien 4!>. In Wien kostete ein Mädchen jährlich 436 W. **) Durchschnittlich betrugen die -losten für ein in einem Waiscnhanse untergebrachtes Äiädchen 2>)t /r'. S) ^Z 5. Z 20 2> >-^ -^r ^ ^ 20 s 20 Ltr o 20 20 o ^ 4- 20 O 2» ^ 8 D 2:-^. 2:42. SZ A ^ ^ ^ 2 I s d- S»2 -- Z D s § Z. ^ 2° 2'' » sS UK- « Meil'nge 6. Ilderslchtstadelle über die Mädchen-Waiseuanstnlten in Österreich. Hleitcrge L. Jus;ug aus dem Uegnlativ der „ÜaushaUnngsschule" des Lette-Urrrinrs in Berlin.*) Die Haushaltungsschule und das damit verbundene Heim midie aus der Schule entlassene weibliche Jugend der arbeitenden Classe und des kleinen Bürgerstandes Berlins und von außerhalb, ist ein Zweiginstitut des Lette-Vereines und untersteht der Verwaltung desselben, sowie einer besonderen Commission. 2. Die Anstalt hat die Unterweisung und thätige Übung in den hauswirtschaftlichen Arbeiten und Kenntnissen, sowie die Ausbildung in allen weiblichen Handarbeiten zur Ausgabe und wird sich auch die Fortbildung der Zöglinge in Elementarkenntnissen, Turnen, Jugendspielen und Fröbel'schen Kinderspielen, sowie im Gesang und im Anstand angelegen sein lassen. Die Zöglinge müssen bei ihrem Eintritte eingesegnet sein. 3. Sie ist verbunden mit einer Mittagsspeiseanstalt für alleinstehende Frauen und Mädchen, Tischzeit von 12—V->2. 4. Die Schülerinnen können, soweit Platz vorhanden, während ihrer Ausbildung, welche aus ein Jahr berechnet ist, in der Anstalt wohnen. Der Eintritt kann nur zum Beginn eines Vierteljahres erfolgen. Es ist eine frühzeitige Anmeldung nöthig, da die Plätze in der Anstalt meist schon lange voraus vergeben sind. b. Der Vorsteherin der Haushaltungsschule stehen 20 Lehrerinnen zur Seite. 0. Der Lehrplan umfasst: a) Waschen, Plätten, Kochen, Zimmerreinigcn, einfaches und seines Tischdecken, Hauswirtschastslehre. d) Handnähen, Ausbessern, Stopfen, Flicken, Maschinnähen, Wäsche- zuschneiden, Schnittmusterzeichnen, Schneidern und Stricken. . Mädchenarbeitsschule des Frauenoereines Z5'N2n Xodiet^ in Kolomea. 400 „ 27. Mädchenarbeitsschule des Frauenoereines in Przemyäl. 500 1.900 Zusammen . . 42.120 70 Gruppe n) „ d) e) ä) 6) Reeapitulation. . 65.800 /O . 37.780 „ .6.910 „ . 42.120 „ 152.610 /O Diese Hauptsumme, welche mit Hinzurechnung einiger Subventionen nir commercielle Unterrichtszwecke sich auf 156.610 70 erhöht, versteht sich epclusive der Kosten für die allgemeine Verwaltung, Jnspcction w. Die vorstehende Ziffer repräsentiert auch nicht zur Gänze den Gesammt- anfwand des Staates für gewerbliche Bildung des weiblichen Geschlechtes. 6 * 84 Mehrere oben nicht genannte Schulen besitzen Abtheilungen für weibliche Zöglinge, deren Detailauswand aus dem Staatsvoranschlag nicht zu ermitteln ist. Darunter: Kunstgewerbeschule Wien (Malerei, Architektur, Spitzenzeichnen), Kunstgewerbeschule Prag (Zeichnen, Malen, Kunststickerei), Staatsgewerbeschule Salzburg (Curs für weibliche Handarbeiten), Innsbruck (Zeichencurs für Mädchen), Graz (Fachschule für Kunststickerei), Trieft (Abtheilung für Kunststickerei und Spitzenarbeiter:), Lemberg (Abtheilung für Spitzenarbeiten). Mehrere Fachschulen besitzen neben der eigentlichen Fachschule auch Abtheilungen für die Bildung des weiblichen Geschlechtes, u. zw. Dornbirn (Abtheilung für Kunststickerei), Graslitz (Abtheilung für Handstickerei), Billach und Bozen (offene Zeichensüle für Damen). Die Korb- slechtschulen (4 staatl. und 23 subventionierte) beschäftigen viele weibliche Zöglinge (ungefähr die Hälfte). Weit'crcze L. Approximative Berechnung -es staatlichen Aufwandes bei Durchführung der Organisation. t. Gruppe: Erste Periode.» 1. dürfe für Fabriksarbeiterinnen (Koch- und Arbeitsschulen). 2. Dienstbotenschulen. 3. Curse für Ladenverrechnung. t. Pflegerinnen)'chulen: a) für Kinderpslegerinnen. d) „ Pflegerinnen siir den ärztlichen Dienst . 2. Kaufmännische Curse. 3. Curse für Kanzlei- und Bureaudicnst . . . 4. Curse für das Verkehrswesen (Post, Telegraph, Telephon, Eisenbahn). 5. Landwirtschaftliche Curse. 6. Kunstgewerbliche Curse (allgemeine Zeichenschulen für Mädchen). 80.000 00.000 „ 10.000 „ 150.000 />' 10.000 30.000 „ 5.000 „ 3.000 „ 5.000 „ 20.000 „ 30.000 „ 103.000 /C 85 III. Gruppe: Haushaltungsschulen: u) Wirtschastsschulen. 40.000 V d) Höhere Haushaltungscurse. 15.000 „ Pauschalbetrag sttr die Einrichtung solcher Schulen 20.000 „ 75.000 V IV. Gruppe: Fachliche Fortbildungsschulen für Mädchen . . 50.000 V V. Gruppe: Specialcurse an Töchterschulen (soweit der praktischsachliche Unterricht Hiebei tangiert wird) . . 15.000 „ VI. Gruppe: u) Centralanstalt sür die weibliche Kunstpslege (Plus gegenüber dem jetzigen Auswand sür verwandte Zwecke). 60.000 „ d) Weiblich-technisches Arbeitsmuseum . . . 90.000 „ 150.000 V VII. Gruppe: Centralleitung. 10.000 V Jnspection. 15.000 „ Lehrcurse: u) Für Koch- und Arbeitsschulen . . . 10.000 V d) „ Wirtschaftsschulen. 15.000 e) „ Höhere Haushaltungscurse . . 10.000 ä) ,, Geschäftseurse. 1.500 6) „ Fortbildungsschulen.10.000 t) „ Zeichenschulen. 6.000 Lehrmittelherstellung. 25.000 V Unterstützungen bei der Einrichtung von Kochhallen u. s. w.. . . . 40.000 „ Publicationen. 5.000 „ 14-7.500 V 52.500 V 86 Rrrnpitulntion für nllr lieben Gruppen: Gruppe I II III IV V VI VII . 150.000 . 103.000 „ .15.000 „ . 50.000 „ . 15.000 „ . 150.000 „ . .... 147.500 „ Dumme . . 690.500 ^ Davon entfielen auf: den Unterrichtsetat. 662.500-/^ andere Reports. 28.000 „ Der Aufwand wäre vertheilt auf eine Reihe von Jahren. Zu demselben ist noch zu rechnen jener für die Beistellung der Räume der Centralanstalten und für deren Installierung. Leite Erster klö schnitt. Einleitung imd allgemeine Übersicht. 1 Zweiter Abschnitt. Erste Gruppe: Anstalten für die Unterweisung der lohnarbeitenden Classen im engeren Sinne: 1. Curse für Fabriksarbeiterinnen (Koch- und Arbeitsschulen) . . 7 2. Dienstbotenschulen. 1l 3. Geschäftscurse (Curse für Ladenverrechnnng). Ist Zweite Gruppe: Schulen und Curse für die fachliche Ausbildung in bestimmten Berufszweigen: l. Pflegerinnenschulen: Für Pflegerinnen zu Kindern im erstell Lebensalter ... 10 d) Für die Heranbildung von Pflegerinnen zur Unterstützung des ärztlichen Dienstes. 24 2. Schulen und Curse für berufsmäßig commercielle Stellungen der Mädchen (Handelsschulen). 20 3. Curse für die fachliche Vorbildung von Mädchen für den Kanzlei- und Bureandienst. 30 4. Curse zur Borbildung von Mädchen für das öffentliche und private Verkehrswesen (Post, Telegraph, Telephon, Eisenbahn) 33 5. Landwirtschaftliche Schulen und Curse für Mädchen und Frauen 34 6. Kunstgewerbliche Schulen und Curse (Zeichenschulen) für Mädchen 30 Dritte Gruppe: Anstalten, welche den Haushalt, dessen Führung und cultur- tcchnische Seite betreffen: 1. Wirtschaftsschulcn . 44 2. Höhere Haushaltungseurse. 46 Vierte Gruppe: Fachliche Fortbildungsschulen für Mädchen, insbesondere für Lehrmädchen. 51 Fünfte Gruppe: Höhere Töchterschulen und verwandte Anstalten mit Bezug auf den Praktischen Fachunterricht. 56 88 sechste Gruppe: Centralanstalten: 1. Für die weibliche Kunstpslege (lüunstgewerbe). 60 2. Weiblich-technisches Arbcitsmuseum. 62 Siebente Gruppe: Die Verwaltung und ihre Organe: Ausbildung der Lehrkräfte; Lehrmittel; Publicistischc Einrichtungen. 67 Dritter Äöschnitt. (Schlusswort). 7l Alchlttlg (Beilagen): Auszug aus dem Regulativ eines Specialcurses für Fabriksarbeiterinnen (Kvch- und ^lrbeitsschule) in Wien. 77 tt. Übersichtstabelle über die Mädchcn-Waisenanstalten in Österreich . . 78 0. Auszug aus dem Regulativ der „Haushaltungsschulc" des Lettc- Vereincs in Berlin. 7l> I). Zusammenstellung des gegenwärtige!: staatlichen Aufwandes für die gewerbliche und commercielle Bildung des weiblichen Geschlechtes in Österreich. 8l >7 Berechnung des staatlichen Aufwandes bei Durchführung der Organisation . 8t --Ei- IkllVV-öibljolketl ^MM * D-AW '' ' ' ' ^->"' ^MBW-UMMO -i- -.^-'ch ^-N WWM^ )?'»rSr8. A 1^»-^»AchM^-Mrr;^-8rrrsjri ^ Ks-L?M-K)»?^rrr;«8t?sqr:'«,u .^MKKWUWWZM-'ö ^^-^dd'^-^-r^Mrr-srk-rrrttl -Ä ^L'L4 <-.x MM